Aber ich könnte ja noch mehr tun

Ich habe hier schon öfter über das Thema Skrupulosität geschrieben, also eine Zwangsstörung im religiösen Bereich, die sich bei Katholiken z. B. darin äußert, dass man bei jeder Gelegenheit fürchtet, eine (schwere) Sünde begangen zu haben, dann ständig zur Beichte geht, um diese Furcht loszuwerden, dann fürchtet, dass die Beichte nicht gültig war, weil man die Sünde vielleicht nicht detailliert genug beschrieben hat, weshalb man nicht wagt, zur Kommunion zu gehen, sondern lieber bei der nächsten Beichtgelegenheit wieder am Beichtstuhl auftaucht, um das Bekenntnis zu wiederholen… Usw. usf.

Eine Schwierigkeit für Skrupulanten ist es immer, zu bewerten, ob eine Tat oder eine Unterlassung, eine Äußerung oder ein Gedanke, wirklich eine Sünde war, und wenn ja, ob schwer oder lässlich. Da tauchen hunderttausend Gedanken und Zweifel auf und das Gedankenkarussell dreht sich und dreht sich. Was, wenn ich daran hätte denken müssen, was, wenn ich mir hier nur etwas vormache… Manchmal wird die Sache leichter, wenn man sich etwas Wissen darüber angelesen hat, was die Kirche als schwere Sünden bewertet und was nicht, und wenn man das Prinzip beachtet, dass man, vor allem als Skrupulant, Zweifel ignorieren sollte (d. h. zweifelhafte Verpflichtungen oder Verbote sind nicht bindend; zweifelhaft schwere Sünden sollte man nicht als schwere Sünden zählen, sie müssen nicht gebeichtet werden).

Die wirklich hinterlistigen Gedanken, die einem kommen können, sind aber die der Art: Okay, ich habe keine offensichtliche Sünde begangen – aber ich könnte in meinem Leben mehr tun.

Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich mehr für Ihn tun – mehr beten, mehr in der Bibel lesen, mehr spenden… Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich Ihm alles andere unterordnen, aber anscheinend tue ich das nicht. Also liebe ich Gott nicht wirklich, also habe ich gegen das Gebot der Gottesliebe verstoßen, auf dem alles aufbaut. („Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22,37-40)) Also mache ich vom Ansatz her alles falsch und komme wahrscheinlich sowieso in die Hölle.

Ein paar Beispiele für solche Gedanken:

  • Mir ist der Gedanke in den Kopf geploppt, dass ich in der Fastenzeit nicht nur auf Schokolade und Alkohol, sondern auch auf Kaffee, Zucker, Kuchen, Fleisch und am besten überhaupt alle tierischen Produkte verzichten könnte. Immerhin haben diese und jene Heiligen da auch streng gefastet und überhaupt, früher waren die Fastenregeln ja auch strenger. Und wenn ich diese Eingebung, die ja bestimmt von Gott kommt, jetzt zurückweisen würde, würde ich wohl sündigen.
  • Ich habe von dem und dem Heiligen gelesen, der einen Bußgürtel getragen oder Selbstgeißelung betrieben hat. Vielleicht sollte ich das auch tun. Das muss ein Zeichen sein, dass ich auf diese Geschichte gestoßen bin. Ich weiß, heute betreiben die Leute diese Bußübungen nicht mehr so, aber das haben Heilige getan, und wir sollten in unserer glaubensfernen Zeit ja wohl wieder mehr nach Heiligkeit streben, also gucke ich lieber mal, wo ich ein zu enges Armband herkriege, das mir in die Haut schneidet. Oder so.
  • Ich wollte heute Abend eigentlich entspannen und eine Serie auf Netflix anschauen, aber mir ist der Gedanke gekommen, dass ich stattdessen auch den Rosenkranz beten könnte. Der Rosenkranz ist eine wertvollere Verwendung meiner Zeit als Netflix, also wäre Netflix jetzt sündhaft.
  • Ich habe in den kommenden Wochen eigentlich nicht viel Zeit, weil ich für ein wichtiges Examen lernen muss, aber die Pastoralreferentin hat mich gefragt, ob ich bei einem größeren Projekt in der Pfarrei helfen könnte, und wenn ich das Gebot der Nächstenliebe wirklich ernst nehmen würde, in der Kirche helfen und einen positiven Einfluss in der Pfarrei ausüben wollen würde, würde ich zusagen. Ich müsste mir dann halt irgendwie die Zeit freischaufeln.
  • Ich habe vier Kinder und habe das Gefühl, dass das für mich und meinen Mann langsam genug ist – aber muss man nicht einen guten Grund haben, um NFP zu verwenden und weitere Kinder zu vermeiden? Wenn ich wirklich offen für das Leben wäre, würde ich auch noch ein fünftes Kind in unserer Familie willkommen heißen. Schließlich sind Kinder ein Segen, und wenn ich Kinder wirklich lieben würde, würde ich einer weiteren Schwangerschaft und der Arbeit mit einem weiteren Kind auch nicht aus dem Weg gehen wollen.
  • Ich könnte ja mehr für den Glauben eintreten. Sollen wir nicht alle für unseren Glauben eintreten und andere Menschen zu Gott führen? Sollte ich vielleicht meinen Arbeitskollegen von Gott erzählen? Oder meine Verwandten dazu zu bewegen versuchen, wieder in die Kirche zu gehen? Vielleicht sollte ich meinen Glauben irgendwie deutlicher zeigen…

Kurz gesagt: Ich könnte mehr tun. Wenn ich Gott und den Nächsten wirklich lieben würde, würde ich auch täglich zur Messe gehen oder den Rosenkranz beten, oder jeden Freitag bei Wasser und Brot fasten, oder beim Kindermusical, beim Altenheim-Besuchsdienst und beim Kochen mit Flüchtlingen mithelfen. Ich wäre nicht so bequem, würde nicht an Kaffee und Donuts und Ausschlafen am Samstag hängen. Ich würde wirklich was tun. Ich wäre so wie die Heiligen. Aber ich liebe nicht wirklich.

Hier stecken mehrere Denkfehler drin:

1) Das Bessere wird als der Feind des Guten hingestellt.

Dabei ist es das nicht. Es gibt viele legitime Wege im Leben – manche sind gut, und manche sind besser, aber alle sind legitim. Es mag besser sein, auch in Werktagsmessen zu gehen statt nur in die Sonntagsmesse, aber es ist schon gut, in die Sonntagsmesse zu gehen, nicht schlecht. Es mag besser sein, in der Fastenzeit auf Alkohol und Süßigkeiten zu verzichten statt nur auf Alkohol, aber auch der bloße Verzicht auf Alkohol ist gut. Etwas Gutes wird nicht dadurch schlecht, dass es etwas noch Besseres gäbe. Das ist ein uraltes katholisches Prinzip. Das gottgeweihte Leben, z. B. in einem Orden, wurde in der Kirche immer als eine höhere, bessere Berufung als die Ehe angesehen, aber deswegen ist die Ehe trotzdem gut, und notwendig, und die Berufung sehr vieler Christen.

2) Man verausgabt sich, wenn man immer nach dem noch Besseren sucht.

Wenn man den bestmöglichen Weg finden will, begibt man sich auf eine aussichtslose und frustrierende Suche, die einen manchmal auch daran hindern kann, sich auf das Gute zu konzentrieren, das man schon hat. Sagen wir mal, man verzichtet in der Fastenzeit statt wie bisher auf Süßigkeiten und Gebäck auf Kaffee und Frühstück am Morgen, und als Resultat ist man jeden Morgen gestresst und müde und zickig zur Familie. So wird das Gute beeinträchtigt, weil man unbedingt das Bessere suchen musste.

3) Es ist ein logischer Fehlschluss, anzunehmen, dass das Unangenehme immer das moralisch Bessere wäre. Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen; das eigentliche Ziel aller Seiner Gebote ist das wahre Glück des Menschen. Sicher kann das auch mal heißen, gewisse Nachteile oder Mühen auf sich zu nehmen, die sich langfristig auszahlen, und manchmal wird das Tun des Guten einen in diesem Leben aufgrund der Umstände oder des Verhaltens anderer Menschen nicht gerade glücklich machen – da müsste man bloß mal die im Priesterblock in Dachau inhaftierten Priester fragen – aber Gott legt es nicht darauf an, uns mit seinen Regeln zu quälen. Wenn wir ein bequemes Leben haben sollten, muss das nicht heißen, dass wir etwas falsch machen. Um auf eins der Beispiele von oben zurückzukommen: Es ist eben nicht falsch, kein fünftes Kind mehr zu bekommen, wenn es der Familie so mit vier Kindern soweit gut geht. Wieso sollte es einem nicht gut gehen dürfen?

Fasten etc. ist eine hin und wieder sehr wertvolle Übung, um sich daran zu gewöhnen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, aber die Welt und alles in ihr, was man genießen kann, ist nicht schlecht. Wir sind keine Gnostiker oder Manichäer.

4) Nur weil ein Gedanke da ist, heißt das noch nicht, dass er der Realität entspricht. Nur weil mir der Gedanke an strenges Fasten in den Kopf kommt, und dann der Gedanke, dass das eine Eingebung von Gott gewesen sein könnte, muss es noch lange keine solche Eingebung gewesen sein. Gedanken kommen und gehen. Man hat diese Assoziation, dann jene, dann schwirrt einem dieser Gedanke in den Kopf… Zwangskranke leiden oft an einer Art „magischem Denken“ – weil mir der Gedanke gekommen ist, dass meine Eltern auf der Heimfahrt von den Verwandten einen Unfall haben könnten, entspricht dieser Gedanke auch der Realität, und ich muss sofort einen Rosenkranz beten, um die Gefahr abzuwenden, und wenn sie heil ankommen, dann zeigt das, dass es funktioniert hat. Man lädt alles und jedes mit einer Bedeutung auf, die es wahrscheinlich gar nicht hat.

5) WAS NICHT GEBOTEN IST, IST NICHT GEBOTEN. PUNKT.

Die einzelnen Gebote bauen auf dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe auf; aber dieses Doppelgebot sollte nicht dazu dienen, sie zu umgehen und noch weitere Gebote aufzustellen, wo es keine gibt. Die „Wenn ich wirklich lieben würde…“-Argumentation ist Unsinn.

Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae (II/II 184,2 ; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS184.html#SSQ184OUTP1 ) von den unterschiedlichen Formen der Vollkommenheit, die dem Menschen in diesem Leben und dem zukünftigen möglich sind. Die unterste Form, die jedem Menschen in diesem Leben schon möglich ist, besteht laut Thomas darin, alles aus dem Weg zu räumen, was der Liebe direkt entgegensteht, d. h. Todsünden. Das klingt ein bisschen nach „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt“ – was aber nicht ganz stimmt, wenn man bedenkt, dass Todsünden auch Unterlassungssünden sein können; dazu, Todsünden zu vermeiden, wird also auch gehören, bestimmte Dinge zu tun (z. B. die zentralen Pflichten gegenüber der Familie zu erfüllen). Die Liebe wird also zunächst mal dadurch verwirklicht, dass man Gottes Gebote hält – „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ (Johannes 14,21) – und Gott sagt uns ganz klar, was seine Gebote sind; Er bürdet uns nicht die unmögliche Aufgabe auf, herauszufinden, was wir tun sollten, wenn wir wirklich-ganz-ehrlich-so-richtig lieben würden und so richtig gute Christen wären. Es gibt genug wahre Gebote; was den Rest des Lebens angeht, lässt Er uns auch Freiheit.

Think about it: Wir würden es als Zeichen nehmen, dass Eltern ihr Kind nicht lieben, wenn sie es vernachlässigen oder misshandeln würden, aber man könnte nicht sagen, dass sie es nicht lieben würden, nur weil sie nicht ihr Allermöglichstes täten, um es auf die beste Privatschule zu schicken und für seine maßgeschneiderte Förderung zu sorgen. Es ist natürlich nicht schlecht, wenn einige Eltern ganz besonders viel für ihr Kind tun, aber deswegen könnte man andere Eltern nicht allesamt in die Reihe der schlechten Eltern einreihen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Etwas, das keine Todsünde ist, ist keine Todsünde, und kann einen nicht in die Hölle bringen, ebensowenig, wie das Jugendamt Eltern ihr Kind wegnehmen würde, weil sie sich nicht im Elternbeirat engagieren.

In der Moraltheologie unterschied man früher gerne zwischen den gebotenen Werken und den sog. „Werken der Übergebühr“ oder „supererogatorischen Werken“, die nicht geboten, sondern höchstens empfohlen sind. Es ist löblich, mehr zu tun, als verlangt ist – aber man ist kein schlechter Mensch, wenn man es nicht tut.

6) Zudem sollten wir uns nicht durch Angstgedanken dazu treiben lassen, solche Werke der Übergebühr zu tun, um nur ja nichts falsch zu machen. Sie sollten im Idealfall einer anderen Motivation entspringen. Man sollte sich in Freiheit dafür entscheiden.

7) Wenn man also ein „Werk der Übergebühr“ tun möchte (in Freiheit), muss man im Hinterkopf behalten, dass man sie nie alle tun kann, und sie auch nicht alle tun muss. Zum Beispiel könnte man sich entscheiden, in der Fastenzeit auf Süßigkeiten, Alkohol und Fleisch zu verzichten, dafür aber am Dienstagabend weiterhin Netflix schauen, statt in die Werktagsmesse zu gehen. Oder man könnte jeden Sonntag den Rosenkranz beten, die Novene, auf die man letztens gestoßen ist, aber links liegen lassen. Es gibt viele legitime Möglichkeiten.

8) Das ganze Grübeln lähmt einen letztlich nur, was auch nicht zu größerer Tugendhaftigkeit beiträgt.

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Father William Doyle: Skrupel und ihre Behandlung

Aus: Father William Doyle SJ (1873-1917), „Scruples and their treatment“. Übersetzung von mir. Der zitierte Text ist nur ein kleiner Auszug aus Father Doyles Werk, das man hier (https://fatherdoyle.com/writings/) herunterladen kann. Sehr zu empfehlen!

 

„Generelle Überlegungen

Definition.

Skrupulosität ist generell eine unbegründete Angst davor, Sünden zu begehen.

Es gibt zwei Arten von Skrupeln: solche, die nur den Intellekt betreffen; solche, die auch die Empfindungen betreffen.

Rein intellektuelle Skrupel sind wirklich nur Zweifel. Man trifft sie vor allem bei aufrichtigen Seelen, die Selbstkontrolle ausüben und nicht gewohnheitsmäßig skrupulös sind. Sobald diese Seelen sich also moralisch sicher sind, dass der fragliche Akt nicht sündhaft ist, verschwindet der Skrupel. Diese Art von Skrupel ist harmlos,und muss nicht behandelt werden.

Das Gegenteil ist der Fall bei Skrupeln, die den niedrigeren Teil der Seele befallen (die Empfindungen). Durch den starken Eindruck auf die Sinne üben diese eine Macht aus, die der reinen Feststellung von Tatsachen widersteht. Solche Skrupel betreffen vor allem leicht beeindruckbare Seelen; tatsächlich ist es ihre emotionale Natur, die Skrupulosität erzeugt. Eine praktische Definition dieser Art von Skrupel wäre: eine unruhige, unbegründete Furcht, Sünde zu begehen, gesteigert durch die Eindrücke auf den niedrigeren Teil der Seele.

Ein Beispiel mag helfen, diese unterschiedlichen Arten von Skrupeln klar zu machen. Zwei Personen verlassen am Sonntagmorgen die Kirche, wobei sie fürchten, dass sie wegen ihrer vielen Ablenkungen nicht ihrer Verpflichtung nachgekommen sind, die Messe zu hören. Nachdem er ihre Zweifel angehört hat, beruhigt ihr Beichtvater sie beide. Allerdings ist nur eine gänzlich zufrieden. Die andere wird bald wieder unruhig, wird nervös, und fühlt einen fast unwiderstehlichen Drang, sich ganz sicher zu sein, entweder durch eine vollständigere Erklärung, oder dadurch, eine weitere Messe zu hören. Die erste dieser Personen hatte nur einen intellektuellen Skrupel, die harmlose Furcht einer treuen Seele; die zweite leidet an nervöser Furcht, die den empfindenden Teil der Seele aufwühlt, und einen wirklichen Skrupel verursacht.

[…]

 

Tödliche Effekte der Skrupulosität.

Skrupulosität deformiert das moralische Urteil vollkommen. Sie nimmt einem den gesunden Menschenverstand.

Sie hält ein Vergrößerungsglas vor das Auge des Gewissens, das den kleinsten Anlass zur Sorge groß macht, und lässt eine furchtsame Seele tausend Phantomsünden sehen, während sie sie durch falsche Schlussfolgerungen davon zu überzeugen versucht, dass diese unzweifelhafte Fehler sind.

Skrupulosität blockiert allen Fortschritt hin zur Vollkommenheit

Es ist eine fundamentale Wahrheit, dass wir Gott nicht lieben können, wenn wir nicht an Seine Liebe zu uns glauben. Skrupulosität unterdrückt einen solchen Glauben vollständig, und lähmt daher jede großzügige Anstrengung. Zu jedem Moment schafft sie Probleme zwischen der Seele und ihrem Schöpfer durch pessimistische Gefühle in Bezug auf die Vergangenheit und die gegenwärtigen Dispositionen und Handlungen [der Seele]. […]

Bald wird die Seele, die sich ernsthaft in einem schlechten Zustand glaubt, entmutigt, und beginnt oft, wirkliche Sünde zu begehen.

Auch wenn aus Skrupeln keine Sünde folgt, hemmt die Skrupulosität dennoch den Fortschritt der Seele auf verschiedenen anderen Wegen. Sie lässt das Gebet als voll von Schwierigkeiten erscheinen. Sie macht die Ohren der armen niedergedrückten Seele taub für die tröstende Stimme des Heiligen Geistes. Sie zerstört die Zuversicht. Sie verhindert den häufigen Empfang der Sakramente, und blockiert so ihre stärkenden Effekte. Sie nimmt fast die Kraft weg, Versuchungen zu widerstehen. Sie verursacht Entmutigung, und mag sogar zur Verzweiflung führen.

[…]

 

Spezielle Heilmittel

[…]

1. Zweifel dürfen nicht beachtet werden.

Die skrupulöse Seele darf keine Notiz von ihren Zweifeln nehmen, das heißt, sie muss alle zweifelhaften Gebote, Verbote oder Verpflichtungen, oder Ängste, gesündigt zu haben, bei denen der Grund der Angst zweifelhaft ist, als absolut null und nichtig ansehen.

Mehr als das. Sie muss alle Gebote, Verpflichtungen oder Ängste, gesündigt zu haben, die nicht absolut sicher sind, d. h. so offensichtlich, wie dass zwei und zwei vier ergeben, als zweifelhaft und somit als nicht bindend ansehen.

Wiederum muss sich eine solche Seele in der Beichte als frei ansehen, sich wegen in irgendeiner Weise zweifelhaften schweren Sünde anzuklagen oder nicht anzuklagen.

Auf dieselbe Weise darf sie sich die Anklage wegen schweren Sünden, die vielleicht schon einmal gebeichtet wurden, nicht als eine Verpflichtung aufbürden. Im Gegenteil, sie sollte sich mutig gegen eine solche Beichte stellen.

Des weiteren muss sie davon absehen, eine Beichte zu wiederholen, die vielleicht gut war, oder vielleicht schlecht, welchen Grund auch immer sie haben mag, daran zu zweifeln, dass sie in Ordnung war. Sie soll kein Unbehagen dabei haben, so zu handeln, da die Verpflichtung, diese zweifelhaften Beichten zu wiederholen, in sich selbst zweifelhaft und damit nicht bindend ist.

2. Glaube an die Leichtigkeit der Vergebung

Die skrupulöse Seele muss glauben, dass alle ihre Sünden jedes Mal sofort vergeben werden, wenn sie vollkommene Reue erweckt, oder die Absolution empfängt, selbst mit unvollkommener Reue. ‚Aber‘, mag gefragt werden, ‚wie soll ich sicher sein, dass ich diese Reue habe?‘

Skrupulanten sollen glauben, dass sie die notwendige Reue haben, wenn die Reue aufrichtig erweckt wird. Diese Aufrichtigkeit ist sicher, wenn der feste Vorsatz, nie mehr Todsünden zu begehen, selbst aufrichtig oder frei von Täuschung ist.

Gott wünscht so sehr um die Bekehrung der Sünder, dass Er die Bedingungen, die notwendig zur Vergebung sind, auf ein Minimum reduziert.

Er fragt nur nach dem gewöhnlichsten guten Willen, das heißt, dem einfachsten festen Vorsatz, keine Todsünden zu begehen.“

 

Original:

 

„General Considerations

Definition.

Scrupulosity, in general, is an ill-founded fear of committing sin.

There are two kinds of scruples: those which affect only the intelligence; those which affect also the sensitive will.

– Purely intellectual scruples are really only doubts. They are most frequently met with in straightforward souls, who exercise self-control and are not habitually scrupulous. As soon, therefore, as these souls become morally certain that the act in question is not sinful, the scruple vanishes. This kind of scruple is harmless, and needs no treatment.

– The contrary is the case with scruples which affect the inferior part of the soul (sensitive will). From the strong impression produced on the senses these draw a force which resists the mere statement of facts. Such scruples chiefly afflict impressionable souls; in fact, it is their emotional nature which engenders scrupulosity. A practical definition of this kind of scruple would be: an uneasy, ill-founded fear of committing sin, increased by the impressions made on the inferior part of the soul.

An example may help to make clearer these different kinds of scruples. Two persons leave the church on a Sunday morning, fearing that, owing to their many distractions, they have not complied with their obligation of hearing Mass. Having listened to their doubts, their confessor reassures both. However, one only is entirely satisfied. The other soon becomes troubled again, gets nervous, and feels an almost irresistible longing to be quite sure, either by fuller explanation or by hearing another Mass. The first of these persons had only an intellectual scruple, the harmless fear of a loyal soul; the second suffers from nervous fear, which stirs the sensitive part of the soul, and causes a real scruple.

[…]

 

 

Deadly Effects of Scrupulosity.

Scrupulosity completely deforms the judgment in moral matters. It takes away one’s common sense.

It places before the eye of conscience a magnifying glass, which enlarges the slightest cause of alarm, and makes a timid soul see a thousand phantom sins, whilst by false reasoning it seeks to persuade it that these are undoubted faults.

Scrupulosity stops all progress in perfection.

It is a fundamental truth that we cannot love God unless we believe in His love for us. Scrupulosity completely represses such a belief, and thus paralyses all generous effort.
At every moment it creates trouble between the soul and its Creator by pessimistic feelings about the past, and about its present dispositions and actions. […]

Soon the soul, seriously believing itself to be in a bad way, becomes discouraged, and often begins to commit real sin.

Even though sin does not follow from scruples, scrupulosity, nevertheless, retards the soul’s progress in several other ways. It represents prayer as full of difficulties. It stops the ears of the poor downcast soul to the consoling voice of the Holy Ghost. It destroys confidence. It prevents the frequentation of the Sacraments, and thus stops their strengthening effects. It almost takes away the power of resisting temptation. It causes discouragement, and may even lead to despair.

[…]

 

Particular Remedies.

[…]

1. Doubts must be Ignored.

The scrupulous soul must take no notice of his doubts, that is to say, he must regard as absolutely null and void all doubtful laws, prohibitions or obligations, or any fear of sin, if the motive of the fear be doubtful.

More than this. He must consider as doubtful, and consequently as not binding, all laws, obligations, or fears of having sinned, which are not absolute certainties, i.e., as self-evident as that two and two make four.

Again, in confession, such a soul must consider himself free to accuse or not accuse himself of mortal sin in any way doubtful.

In the same manner he must not impose on himself, as an obligation, the. accusation of mortal sins perhaps already confessed. On the contrary, he should boldly set his face against such a confession.

Furthermore, he must abstain from making a confession over again, which, perhaps, was good, or perhaps bad, whatever reason he may have to doubt of its being all right. Let him have no uneasiness in acting thus, since the obligation of making these doubtful confessions over again is in itself doubtful, and consequently not binding.

2. Belief in the Easiness of Forgiveness.

The scrupulous soul must believe that all his sins are forgiven immediately each time he makes an act of perfect contrition, or receives absolution, even with imperfect contrition.
‚But,‘ it may be asked, ‚how am I to be sure that I have this contrition?‘

The scrupulous may believe they have the necessary contrition when the act of contrition is made with sinerity. This sincerity is assured when the firm purpose of never sinning again mortally is itself sincere or free from deceit.

God so desires the conversion of sinners that He reduces to a minimum the conditions necessary for pardon.

He asks only the most ordinary good will, that is to say, the simplest firm purpose of not sinning mortally.“

 

 

Kommen die Heiden in die Hölle, wenn wir sie nicht missionieren? Pius IX. vs. Leo Bigger vs. Rolf Krüger

„Uns und Euch ist bekannt, daß diejenigen, die an unüberwindlicher Unkenntnis in bezug auf unsere heiligste Religion leiden und die, indem sie das natürliche Gesetz und seine Gebote, die von Gott in die Herzen aller eingemeißelt wurden, gewissenhaft beachten und bereit sind, Gott zu gehorchen, ein sittlich gutes und rechtes Leben führen, durch das Wirken der Kraft des göttlichen Lichtes und der göttlichen Gnade das ewige Leben erlangen können, da Gott, der die Gesinnungen, Herzen, Gedanken und Eigenschaften aller völlig durchschaut, erforscht und erkennt, in seiner höchsten Güte und Milde keineswegs duldet, daß irgendjemand mit ewigen Qualen bestraft werde, der nicht die Strafwürdigkeit einer willentlichen Schuld besitzt.“

(Pius IX., „Quanto conficiamur moerore“, 1863)

 

Gestern bin ich mal wieder auf einen der vielen verschnupften Kommentare vonseiten der liberalen Christen zur MEHR und zum dort vorgestellten Mission Manifest gestoßen; dieser hier stammt von Rolf Krüger (https://www.aufnkaffee.net/2018/01/der-elefant-im-christlichen-raum/). Und er wirft tatsächlich interessante Grundsatzfragen zum Thema Mission auf.

Gleich mal vorweg meine Einstellung zur MEHR und zum Mission Manifest: Ich konnte aus privaten Gründen nicht nach Augsburg fahren, hätte mir die Veranstaltung aber gerne mal angesehen, hab’s geschmacklich nicht soo arg mit Charismatik und Lobpreis, fand Johannes Hartl bei einem Vortrag, bei dem ich ihn schon live erlebt habe, inhaltlich ziemlich gut, und finde es toll, wie das Gebetshaus und die MEHR das ins Zentrum stellen, was zählt. Jesus. Nähe zu Jesus durchs Gebet. Weitergabe des Glaubens an Jesus. Ja, genau, und das heißt Mission – am Mission Manifest kann man sicher an ein paar Details herumkritteln (wollen die wirklich behaupten, dass die Chancen der Mission nie und nirgends größer waren?), aber die Grundrichtung ist doch selbstverständlich für jeden Christen. Natürlich geben wir die frohe Botschaft weiter, die wir empfangen haben. Wenn unsere Vorgängergenerationen das nicht getan hätten, würden wir heute noch Thor oder Jupiter anbeten – und da ist mir Jesus doch lieber.

Rolf Krüger sieht das anders. Ihm geht es um die Verbreitung der Ideen von Liebe, Versöhnung und Überwindung von Gewalt an sich: „Ziel von Mission ist dann nicht ein Religionswechsel, sondern ein Gesinnungswechsel.“ Natürlich ist das Blödsinn – der zudem verkennt, dass Religion und Gesinnung nicht einfach voneinander getrennt werden können (welche Gesinnung schreibt z. B. der Hinduismus gegenüber den unteren Kasten vor?) – , aber Krügers Gründe hören sich in diesem Artikel nicht ganz so blödsinnig an. Er reagiert konkret auf die Erlösungslehre des freikirchlichen Pastors Leo Bigger, der auch auf der MEHR aufgetreten ist (und der übrigens wegen seiner prosperity-gospel-Predigten auch unter Freikirchlern kritisiert wird). Diese Erlösungslehre ist im evangelikalen Bereich ziemlich häufig anzutreffen; Krüger beschreibt Biggers Rede nach der Vorstellung des Mission Manifest folgendermaßen:

„Ziel und Sinn von Mission sei es, die Menschen vor der Hölle zu warnen, der ewigen Strafe Gottes für alle Unbekehrten. Biggers erster ‚eigener Bekehrter‘, so erzählt er stolz, kniete schluchzend auf dem Boden des für ihn unerwartet menschenleeren Band-Proberaums, in der verzweifelten Überzeugung, alle anderen seien entrückt worden und er selbst würde jetzt im ewigen Feuer landen.

Das hatte ihm Bigger nämlich kurz zuvor erzählt und hinzugefügt: ‚Hoffentlich hast du dann noch die Gelegenheit, dich zu Jesus zu bekehren!‘ Also fiel der sich zurückgelassen Geglaubte auf die Knie und bekehrte sich. So fanden ihn Bigger und die anderen Bandmitglieder dann auch, als sie vom Kaffeetrinken zurück kamen.

Eine lustige Geschichte, wenn sie nicht so traurig wäre. Denn sie zeigt: Für einen Teil der Christen ist sogar Angst ein probates Mittel für die Mission. Oder Winkelzüge wie zum Beispiel, mit jemandem nur deshalb freundschaftlichen Kontakt aufzubauen, um irgendwann Gespräche über den Glauben zu führen. […]

Es gibt die geretteten Jesus-Nachfolger, die nach dem Tod in den Himmel zu Gott kommen, und die Verlorenen anderen Menschen, deren Seelen ewig gequält oder ausgelöscht werden. Und deshalb ist es überlebenswichtig für jeden Menschen, von Jesus zu hören und bewusst Christ zu werden.

Mission ist also die Verbreitung der Informationen über Jesus mit dem Ziel, möglichst viele Menschen vor der ewigen Verdammnis zu retten.

Für viele evangelikale Christen funktioniert die Erlösung folgendermaßen: Christus bietet sie an und der Einzelne muss mit dem Glauben auf dieses Angebot antworten (sola fide – Werke zählen nicht!). Dazu muss er an einem bestimmten Punkt seines Lebens die persönliche Entscheidung treffen, sein Leben von nun an Jesus zu übergeben. Das geht am besten mit einem Gebet, das bestimmte Dinge enthalten muss: Ich erkenne an, dass ich ein Sünder bin, dass ich mich nicht selbst retten kann, und dass Jesus gestorben ist, um mich zu retten, und ich lade Ihn ein, „in mein Herz zu kommen“. Oder so ähnlich. Vor allem im amerikanischen Raum finden sich zahlreiche vorformulierte Versionen des „Sinner’s Prayer“. Von da an ist man erlöst und diese Erlösung kann nicht mehr verloren gehen. (Wenn man später doch vom Glauben abfallen sollte, war man nie wirklich erlöst und hat das Gebet damals eben nicht ernst gemeint.) Um die Zugehörigkeit zu Jesus öffentlich zu bezeugen, kann man sich dann noch taufen lassen, aber die Taufe ist nur noch ein zusätzliches Zeichen, das nichts bewirkt. (Eine Säuglingstaufe ist sinnlos.) Alle, die in ihrem Leben keine solche Bekehrung erfahren haben, gehen verloren, denn nur durch Jesus kommt man zu Gott.

Was die „Entrückung“ (englisch „rapture“) angeht, von der der Artikel spricht: Das ist eine relativ neue theologische Idee im evangelikalen Raum, die sich ab dem 19. Jahrhundert ausgebreitet hat; sie gehört zum sog. Dispensationalismus. Knapp gesagt besagt diese Lehre, dass, bevor Christus am Jüngsten Tag wiederkehren wird, eine siebenjährige Zeit der Plagen kommen wird (Dispensationalisten haben detaillierte Zeittafeln erstellt, auf denen steht, wann der Antichrist auftreten wird, wer wann gegen wen Krieg führen wird, welche Verfolgungen und Naturkatastrophen wann kommen werden, und manchmal beobachten sie auch, ob der Antichrist schon dabei sein könnte, sich die Weltherrschaft zu erarbeiten – Obama stand für diesen Posten einmal hoch im Kurs), dass aber vor oder während (da ist man sich nicht ganz einig) der Zeit der Plagen die Christen noch in den Himmel entrückt werden werden, damit ihnen das Schlimmste erspart bleibt. Der Rest der Welt kann sich dann immerhin während der Plagenzeit noch bekehren. Die meisten Dispensationalisten erwarten die Entrückung in naher Zukunft, und aus dieser Idee heraus sind auch Romane wie die „Left Behind“-Reihe entstanden, nach der dann auch Filme gedreht wurden, an denen u. a. Kirk Cameron mitgewirkt hat:

Besonders gut sind die alle nicht.

Jedenfalls, die Einstellung „Schau, dass du dich schnell bekehrst, bevor noch die Entrückung geschieht oder du von einem Bus überrollt wirst“ scheint im evangelikalen Raum relativ präsent zu sein.

Im Katholizismus ist es etwas komplizierter; auch da ist man der Meinung, dass man es nicht aus Desinteresse und moralischer Faulheit aufschieben sollte, über sein Leben und die Wahrheit nachzudenken; auch wenn das „Bekehre dich, ehe es zu spät ist“-Motiv in katholischen Predigten heute eher selten auftaucht, ist es doch ein traditionell katholisches Motiv. Aber: Für uns Katholiken ist das mit der Erlösung komplizierter.

Gott will allen Menschen die Vergebung ihrer Sünden schenken, und die Erlösung geschieht durch die Taufe, die Er als Mittel dafür eingesetzt hat, uns Seine Gnade zu vermitteln. Auch kleine Kinder können schon in den Gottesbund aufgenommen werden; ab dem Alter von sieben Jahren ist eine eigene Entscheidung für die Taufe notwendig; und dazu gehört Reue über die vergangenen Sünden. Man kann das Heil durch schwere Sünden wieder verlieren, was dann Reue und Bekenntnis (Beichte) nötig macht. In diesem Sinne nehmen Taufe und Beichte in der katholischen Kirche einen ähnlichen Stellenwert ein wie bei den Evangelikalen das Sündergebet. Aber: Jemand, der bei seinem Tod nicht getauft oder nach einer Todsünde nicht mehr zur Beichte gekommen ist, kommt eben nicht automatisch in die Hölle. Schon in der Antike gab es das Konzept der „Begierdetaufe“: Von Katechumenen, die sich auf ihre Taufe vorbereitet hatten, aber vorher gestorben waren, nahm man  an, dass Gott ihren Wunsch zur Taufe genauso werten würde wie eine durchgeführte Taufe. „Der Wille zählt fürs Werk.“ Das Gleiche gilt für jemanden, der sagen wir mal, auf dem Weg zur Beichte überfahren wird. Dieses Konzept lässt sich erweitern auf diejenigen Menschen, denen einfach nicht bewusst ist, dass die katholische Taufe zum Heil notwendig ist. Mit anderen Worten: Gott will das Heil aller Menschen und lässt niemanden ohne persönliche schwere Schuld verlorengehen; es kann schwere Schuld sein, wenn einem Wahrheit und Moral egal sind, aber wenn jemand nach der Wahrheit sucht und dabei auf die falsche Fährte gerät, wird der gerechte Gott es ihm selbstverständlich nicht anrechnen. Pius IX. sprach hier von „unüberwindlicher Unwissenheit“, Karl Rahner später von „anonymen Christen“. Manche Leute befinden sich im Zustand dieser Unwissenheit, weil sie gar keine Ahnung vom Christentum haben, andere, weil man ihnen Vorurteile über die Kirche glaubhaft nahegebracht hat, andere vielleicht aus wieder anderen Gründen; im Endeffekt kennt nur Gott das Herz eines jeden Menschen.

Das bedeutet, dass Katholiken nicht ganz so sehr auf Bekehrungen drängen müssen wie Evangelikale, da wir auf Gottes Güte vertrauen dürfen – mit anderen Worten, dass man Menschen z. B. Zeit lassen kann, sich vom katholischen Glauben zu überzeugen. Wieso sollte man Leute drängen, eine Religion anzunehmen, bevor sie sie geprüft haben? Daher auch die von der Kirche vorgeschriebene Vorbereitungszeit vor Erwachsenentaufen. Es bedeutet auch, dass man als Katholik keine solche Dringlichkeit fühlen muss, den Nachbarn auf Gedeih und Verderb zu bekehren, weil der ja ohne eine persönliche Entscheidung für Jesus sicher in der Hölle landen würde; den Katholiken wird kein falsches schlechtes Gewissen wegen ihres mangelnden Einflusses auf andere eingeredet. Es bedeutet, dass Menschen, die sich für das Christentum interessieren, keine Angst vor Gott gemacht wird, damit sie ja jetzt sofort Christ werden – die Geschichte von oben ist wirklich nicht sehr schön, und ich weiß nicht, ob so eine Bekehrung zu einer gesunden Gottesbeziehung führt. Es bedeutet auch, dass interessierte Nichtchristen nicht abgestoßen werden von einem solchen auf Panikmache bauenden Glauben. Das mag ich so am Katholizismus: Es wird nicht geduldet, dass Gottes Gerechtigkeit, Güte und Gnade geschmälert werden.

Hier zeigt sich eben ein Problem bei der Ökumene mit den glaubenseifrigen Freikirchlern: Okay, sie ist nicht immer so anstrengend wie die nervigen offiziellen Termine mit den EKD-lern, aber es gibt doch, na ja, gewisse Differenzen, die einen größeren Unterschied ausmachen, als man auf den ersten Blick meinen würde. Und zwar nicht erst, wo es um Freikirchler geht, die der Meinung sind, dass Katholiken keine Christen sind und der Vatikan die Hure Babylon ist. Ketzer sind se halt alle noch, und wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu nachlässig gegenüber ihren Ketzereien werden.

Aber das alles kann man kaum als Argument gegen Mission hindrehen. Mission bedeutet eben ein Mitteilen der guten Nachricht, der befreienden Wahrheit über den einzigen Gott. Was kann dagegen sprechen, diese Botschaft an möglichst viele Menschen weiterzugeben? „Gott wird jemanden nicht dafür bestrafen, dass die Mission ihn nicht erreicht hat“ ist keine Begründung dafür, die Mission sein zu lassen, genausowenig wie „Du wirst nicht bestraft werden, wenn du wegen einer Krankheit nicht in die Schule kommen konntest“ ein Argument dafür ist, das Schwänzen zu ermutigen und die Anwesenheit nicht mehr zu kontrollieren. (Über den Sinn und Unsinn verschiedener Missionsmethoden kann man sich dann unterhalten…)

Rolf Krüger macht hier eine blödsinnige Dichotomie auf zwischen den Christen, die Mission wollen, weil die Leute sonst alle in die Hölle kommen, und denen, die lieber den respektvollen interreligiösen Dialog pflegen, ohne dabei den Versuch zu unternehmen, jemanden von der Wahrheit ihrer Religion zu überzeugen. Er stellt es so dar, als ob es ersteren um die Rettung des Menschen vor göttlicher Strafe ginge und letzteren um die Rettung des Menschen vor sich selbst (durch die Verbreitung der Idee von Liebe und Vergebung, der „Idee, für die Jesus steht“) – als ob die Hölle nicht gerade das wäre, was der Mensch sich selbst einbrockt und woraus Gott ihn retten will. Dass der Mensch vor sich selbst gerettet werden muss, da sind sich alle einig – Uneinigkeit besteht nur da, wo es drum geht, ob ein Religionswechsel [wenn man um die Wahrheit jener Religion weiß] dafür notwendig ist. Rolf Krüger betrachtet den christlichen Glauben nur als nette, nicht wirklich notwendige Zugabe zu dem eigentlich Wichtigen, und das ist einfach nicht so – erstens mal kann die Wahrheit nie unwichtig sein, zweitens fällt ohne sie die Idee von Liebe und Versöhnung irgendwann auseinander (z. B. wenn Menschen nicht bewusst ist, dass ihre Verbrechen ihnen von Gott vergeben werden können).

 

Wie man das Gehirn überlistet: Nur ein paar unsortierte Gedanken zu Psychopharmaka und Verhaltenstherapie

Ich habe ja hier schon ein paar Mal erwähnt, dass ich mit verschiedenen Ängsten und Zwängen kämpfe, deswegen im Sommer ein paar Wochen in einer Psychosomatischen Klinik war (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/12/bericht-aus-der-irrenanstalt/), und jetzt noch in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung bin. Was mich in den letzten Wochen überrascht hat, ist, wie gut die Therapie mittlerweile vorangeht; das heißt, speziell die „Hausaufgaben“, die ich jede Woche bekomme.

Wahrscheinlich würden sie ohne das Medikament, das ich in der Klinik bekommen habe und seitdem jeden Tag einnehme, nicht so gut funktionieren; ich merke, dass es mein Gehirn ruhiger und klarer werden lässt, und das ist wunderbar. Es macht das Durchdenken der Lage und das Reagieren auf sie in Angstsituationen leichter. Es gibt sicher Leute, die mit überdosierten, süchtig machenden, bei ihnen nicht wirkenden oder mit Nebenwirkungen für sie einhergehenden Psychopharmaka Probleme haben, aber ich persönlich bin inzwischen einfach nur noch dankbar für die Existenz dieser Medikamente. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die Leute heute tendenziell eher zu vorsichtig dabei sind, sie mal auszuprobieren, als dass sie sie sich zu schnell verschreiben lassen. Hat vielleicht mit dieser gewissen modischen Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun, die Leute auch homöopathische Medikamente kaufen und Impfungen ablehnen lässt. Schließlich kann die Schulmedizin ja nicht alles wissen, oder?! Oh, sie weiß immerhin einiges, habe ich gemerkt, und sie auch nicht automatisch gefährlich, weil das ja irgendwas mit „Chemie“ zu tun haben wird. (Wenn ein Spiegelei gebraten wird, hat das übrigens auch was mit Chemie zu tun. Und wenn ein homöopathisches Medikament hergestellt wird, sind da auch chemische Stoffe beteiligt, bei Arnica-Kügelchen etwa Saccharose, auch Haushaltszucker genannt (und sonst nichts). (Aber die Unsinnigkeit der Homöopathie ist ein Thema für ein anderes Mal…)) Also, alles in allem: Klare Empfehlung für Psychopharmaka, wenn man sie braucht! Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie – bitte wirklich – Ihren Arzt oder Apotheker.

Jetzt zur Therapie. Ich tue mir mittlerweile leichter dabei, nicht mehr (so oft) wütend auf mich zu werden, weil ich einfach nur blöd bin und mich bescheuert verhalte und nichts hinkriege, was normale Leute hinkriegen. Vielleicht ist es auch hier einfach das Medikament, das mich ein bisschen ruhiger, müder und gleichgültiger macht, vielleicht ist mein Unterbewusstsein aber auch tatsächlich dabei, was zu kapieren. Jedenfalls funktioniert die Verhaltenstherapie vor allem mit Geduld, und da muss ich eben akzeptieren, dass ich Geduld haben muss. Kleine Schritte. Eine naheliegende, erträgliche Angstsituation angehen, und das jeden oder fast jeden Tag. Nach einer Woche eine kleine Steigerung. Weiter jeden Tag üben. Nach einer Woche die nächste kleine Steigerung. Und ja, ich rede hier von kleinen Sachen, die normale Leute wirklich selbstverständlich jeden Tag hinkriegen. Aber hey – ich darf trotzdem zufrieden sein, wenn ich’s schaffe, wo ich’s vorher nicht geschafft hätte. Wenn man sich dann sagt „Das war ja gar nichts, jetzt schau mal, dass es ordentliche weitere Fortschritte gibt, dann darfst du dir vielleicht irgendwann selber ein ‚Ausreichend‘ geben“, hilft das auch nichts dabei, weiter Fortschritte zu machen. Wenn man die Übungen in kleinen Schritten angeht, tritt jedenfalls irgendwann ein ganz wunderbarer Gewöhnungseffekt ein, den ich zurzeit gerade an mir merke. Wir wissen ja, der Mensch gewöhnt an sich an alles. Was man die letzten sechs Tage lang gemacht hat, verliert schließlich seinen Schrecken.

Wobei das hier auch wieder nicht ganz so einfach ist: Man sollte sich vor der Übung auch selber klarmachen, dass xyz vernünftig betrachtet eigentlich völlig ungefährlich ist, man sich also ruhig dafür entscheiden kann, es zu machen; wenn man sich vorher in Panik hineinsteigert, sich dann doch – eigentlich gegen seinen Willen – von anderen dazu überreden lässt, es zu probieren, und hinterher dann höchstens das Gefühl hat, dass man vielleicht diesmal zufällig gerade noch der Gefahr entronnen ist, wird der Gewöhnungseffekt doch erheblich behindert. Vielleicht kann man hier den Begriff „Autosuggestion“ verwenden, auch wenn ich nicht weiß, ob die Psychologen den dafür hernehmen. Um solche Autosuggestion hinzukriegen, ist es natürlich sinnvoll, sich über die reale Gefährlichkeit der gefürchteten Dinge vorher genau zu informieren. Dann kann man sich nämlich praktisch mit Gewissheit selber einreden, nein, keine Angst, die Wahrscheinlichkeit ist 99,996%, dass nichts passieren wird. Und ja, die 0,004% Restwahrscheinlichkeit muss man einfach aushalten lernen. Absolute Sicherheit wird es nicht geben, da hilft nichts. (Das ist auch eine Wahrheit, die mir die katholische Theologie schon seit Jahren einzuhämmern scheint. Absolute Sicherheit – vor Leid, vor Enttäuschungen durch andere, etc. – kann man sich als Mensch in dieser Welt durch alle Vorsichtsmaßnahmen nicht selbst erarbeiten. Aber Sicherheit ist auch nicht das höchste Gut in dieser Welt oder das Ziel des menschlichen Lebens. (Mann, wie einen die Wahrheit in gewissen Augenblicken ankotzen kann.))

Geduld, kleine Schritte, die man wirklich hinkriegen kann. Regelmäßigkeit, Planung. Autosuggestion, eine eigene Entscheidung treffen, sich der anerkanntermaßen unvernünftigen Angst zu stellen. Restwahrscheinlichkeit aushalten. Alles eigentlich im Prinzip recht simpel. (In der Theorie.)

Ich glaube, ich habe inzwischen auch mehr oder weniger akzeptiert, dass die Ängste auch durch diese Therapie nicht einfach verschwinden werden, sondern dass ich eher Mechanismen lerne, mit ihnen umzugehen, wie die Therapeutin mir klar gemacht hat, und dass manche Dinge immer anstrengend sein werden. Ich erwarte eigentlich auch nicht mehr, irgendwann „ganz normal“, ganz gesund, zu sein, aber ich will das Zeug zumindest einigermaßen unter Kontrolle haben. Und da bin ich mittlerweile optimistischer als etwa noch im Sommer, dass das funktionieren kann. Ich bin jetzt sicher noch nicht so weit, dass ich zufrieden mit dem Ergebnis wäre, aber ich habe gemerkt, dass ich anscheinend tatsächliche, anhaltende Fortschritte machen kann, und nicht immer wieder zurückfalle, wie ich vorher oft das Gefühl hatte. Das ist doch schon mal etwas. Ich hoffe nur, dass es so bleibt. Sicherheit gibt es nicht…

Christen müssen fröhlich sein!

Nein.

Eine der schlimmsten Lügen, die zu Skrupeln neigende Christen belasten können, ist die leider recht weit verbreitete Vorstellung, dass wir Christen grundsätzlich Freude und Glück auszustrahlen hätten – schließlich sind wir erlöst! Gott liebt uns! Unsere Gottesbeziehung sollte sich doch wohl zeigen! (Und willst du nicht auch, dass andere Menschen das Christentum attraktiv finden? Welchen Eindruck hinterlassen wir den Nichtchristen?) Also fühlt man sich schuldig dafür, dass man nicht glücklich ist, und wird dadurch natürlich nicht glücklicher.

Wenn ich ehrlich sein soll, mit ständigem Grinsen und „Mein Leben mit Gott ist so toll!!! #blessed“ hinterlässt man bei manchen Nichtchristen vermutlich sowieso eher den Eindruck, dass das Christentum nichts für diejenigen ist, denen es nicht gut geht und die nicht einfach auf Knopfdruck fröhlich sein können; aber darum geht es hier nicht. Wir sind keine Werbemodels für das Christentum; wir sind Menschen, die eben von dieser Religion überzeugt sind und zu diesem Gott beten und die trotzdem ihr konkretes menschliches Leben mit seinen Höhen und Tiefen haben.

Ja, Gott hilft uns bei unseren Problemen. Ja, Er will uns Trost bringen, wenn es uns schlecht geht. Aber deswegen kann man trotzdem mal legitimerweise unglücklich sein – weil man sich gerade in einer schwierigen Lebenssituation befindet, weil man an einer Depression leidet, whatever. Ein Vergleich: Wenn man eine Krebsdiagnose bekommt, wird eine liebende Familie sicher trösten und helfen und die Situation erträglicher machen und Wege aufzeigen, mit ihr umzugehen, aber sie wird nicht dafür sorgen können, dass man gar nicht mehr entsetzt ist oder Angst hat oder Schmerzen hat. Es wäre blödsinnig, das zu erwarten. Man leidet; und das muss man nicht leugnen. Genauso können wir von Gott logischerweise nicht erwarten, uns in dieser gefallenen Welt vor aller (körperlichen und seelischen) Not zu bewahren.

Es ist schön, wenn wir fröhlich sind; aber Gefühle kann man nicht erzwingen. Gefühle und Gedanken kommen einfach. Sie sind weder Sünden noch Tugenden.

Es gibt einen Unterschied dazwischen, in Selbstmitleid zu schwelgen und anzuerkennen, dass es einem schlecht geht. Wenn es einem schlecht geht, wird die Situation nicht dadurch besser, dass man sich selbst, andere oder Gott anlügt. Wir dürfen auch in unseren Gebeten zu Gott ehrlich sein.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?

Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.

Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.

Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

Wälze die Last auf den HERRN! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat!

Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, der mich anvertraut der Brust meiner Mutter.

Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott.

Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und kein Helfer ist da!

Viele Stiere haben mich umgeben, Büffel von Baschan mich umringt.

Aufgesperrt haben sie gegen mich ihren Rachen, wie ein reißender, brüllender Löwe.

Hingeschüttet bin ich wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder, mein Herz ist geworden wie Wachs, in meinen Eingeweiden zerflossen.

Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.

Denn Hunde haben mich umlagert, eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.

Ich kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und starren mich an.

Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.

Du aber, HERR, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!

Entreiß mein Leben dem Schwert, aus der Gewalt der Hunde mein einziges Gut!

Rette mich vor dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der Büffel! – Du hast mir Antwort gegeben.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.

Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.

Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.

Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.

Alle Enden der Erde sollen daran denken/ und sich zum HERRN bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen.

Denn dem HERRN gehört das Königtum; er herrscht über die Nationen.

Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat,

Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird.

Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.“

(Psalm 22)

Die Psalmisten waren ehrlich. Ebenso Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ betete er am Kreuz.

Luther und die Furchtreue

Zum Reformationstag mal ein Beitrag über eine von Luthers frühen Lehren, die er von anderen spätmittelalterlichen Theologen übernahm und die seinen Weg fort von der katholischen Orthodoxie förderte: Seine Ablehnung der attritio, der sog. Furchtreue.

Dazu der Kontext: Die katholische Theologie unterscheidet zwischen Furchtreue (attritio) und Liebesreue / vollkommener Reue (contritio). Letztere meint eine Reue, die aus wirklicher Liebe zu Gott kommt, mit ersterer ist eine Reue gemeint, die eher aus Furcht vor Gottes Strafe kommt. (Allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun, aber ich will auch nicht in die Hölle kommen, also beichte ich xyz eben“, sondern eher „Ja, ich weiß schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Hauptmotivation, zur Beichte zu gehen, ist im Moment gerade eher Angst vor der Hölle“.) Tatsächlich lehrt die Kirche, dass die Furchtreue in der Beichte für die Vergebung der Sünden genügt. Sie ist nicht ideal; aber sie ist keine Sünde, und sie ist schon mal ein Anfang. Im Katechismus heißt es dazu:

„1451 Unter den Akten des Pönitenten steht die Reue an erster Stelle. Sie ist „der Seelenschmerz und der Abscheu über die begangene Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, fortan nicht zu sündigen“ (K. v. Trient: DS 1676).

1452 Wenn die Reue aus der Liebe zu Gott, der über alles geliebt wird, hervorgeht, wird sie „vollkommene“ oder „Liebesreue“ [contritio] genannt. Eine solche Reue läßt die läßlichen Sünden nach; sie erlangt auch die Vergebung der Todsünden, wenn sie mit dem festen Entschluß verbunden ist, sobald als möglich das sakramentale Bekenntnis nachzuholen [Vgl. K. v. Trient: DS 1677]

1453 Die sogenannte „unvollkommene Reue“ [attritio] ist ebenfalls ein Geschenk Gottes, ein Anstoß des Heiligen Geistes. Sie erwächst aus der Betrachtung der Abscheulichkeit der Sünde oder aus der Furcht vor der ewigen Verdammnis und weiteren Strafen, die dem Sünder drohen [Furchtreue]. Eine solche Erschütterung des Gewissens kann eine innere Entwicklung einleiten, die unter dem Wirken der Gnade durch die sakramentale Lossprechung vollendet wird. Die unvollkommene Reue allein erlangt noch nicht die Vergebung der schweren Sünden; sie disponiert jedoch dazu, sie im Bußsakrament zu erlangen [Vgl. K. v. Trient: DS 1678; 1705].“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P4J.HTM)

Luther war jetzt, zusammen mit anderen Theologen seiner Zeit, der Meinung, dass die Furchtreue eben nie genüge, dass sie schlecht sei. Luther war ja ein eher strenger Mensch, gegen sich selbst und in seiner Theologie; er war schließlich auch gegen den Ablass, weil ihm diese Praxis zu lax war: Damit kommen die Gläubigen ganz einfach um richtige Buße herum. (Zum Ablass und Ablassmissbräuchen an sich ein anderes Mal; ich verweise alle, bei denen da noch Unklarheiten bestehen, erst mal anderswohin zu einer sehr guten Erklärung: https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/07/11/ablass-teil-1-kaputte-fenster-und-martin-luther/) Daher hieß ja auch die erste seiner 95 Thesen: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ usw. [Matth. 4,17], hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ (http://www.luther.de/leben/anschlag/95thesen.html) Eine Geldspende oder ein Gebet genügen nicht; das ganze Leben muss eine Buße sein. Ihr macht es den Gläubigen zu leicht. Und zu den 95 Thesen gehören eben auch diese:

„30. Keiner ist der Echtheit seiner Reue gewiß, viel weniger, ob er völligen Erlaß (der Sündenstrafe) erlangt hat.“

„31. So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablaß, nämlich außerordentlich selten.“

„35. Nicht christlich predigen die, die lehren, daß für die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.“ (Die Übersetzung auf dieser Seite ist schlecht; im lateinischen Original steht für „Reue“ „contritio“, also „Liebesreue“, vgl. http://www.luther.de/95th-lat.html Das kommt davon, wenn man sich nicht mehr mit mittelalterlichen theologischen Fachbegriffen auskennt.)

Das mit der Ablehnung der Furchtreue klingt erstmal nicht so schlecht, oder? Man sollte lieber Gott lieben als Angst haben. Ganz richtig, nur: Wenn man noch Angst hat, ist das keine Sünde. Wenn Gott oder die Engel in der Bibel sprechen „Fürchtet euch nicht“, dann ist das kein Gebot à la „Wenn ihr jetzt noch Angst habt, sündigt ihr“, sondern es ist eine Beruhigung: Ihr braucht keine Angst zu haben. Luther machte sich selbst, der er sehr wohl Angst hatte, Probleme, weil er sich dann nie sicher sein konnte, ob seine Reue in der Beichte genug war, ob sie wirklich Liebesreue war. Und das ist doch ein Teufelskreis: Ich muss Gott lieben, sonst vergibt Er mir nicht, aber diese Liebe darf nicht durch die Angst davor, dass Er mir nicht vergeben wird, motiviert sein. Was ist das Resultat? Ich habe Angst vor Gott. Man sollte wirkliche Reue haben, ja, man sollte sich auch um wirkliche Reue bemühen, wenn man gleichzeitig noch Angst hat, aber Gott nimmt auch unvollkommene Bemühungen an, Er sieht jede Kleinigkeit. „Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Matthäus 10,42)

Ja, die kirchliche Lehre macht es den Menschen gewissermaßen leicht: Gott nimmt unsere Unvollkommenheiten an, wenn wir seine Sakramente empfangen, und kann uns dann auch mit der Zeit zu wirklicher Liebesreue führen. Das ist gut biblisch: Auch der verlorene Sohn im Gleichnis kam zu seinem Vater hauptsächlich deshalb zurück, weil er Hunger hatte, und fand so zur wirklichen Einsicht und Reue.

Was ist zum heutigen Tag sonst noch zu sagen: Na ja, Gebete und Ablässe für Luthers Seelenheil werden ihm vielleicht jetzt eher recht sein als noch zu seinen Lebzeiten. Und viel Spaß für Halloween heute Abend!

In meinen Tabletten ist Rattengift, und außerdem komme ich in die Hölle

Oder jedenfalls will mein Gehirn mir das manchmal einreden.

Na ja, so ganz richtig ist das nicht. Mein Gehirn arbeitet eher mit „könnte“s und „hätte“s und „vielleicht“s. Zum Beispiel heute Morgen. Ich stehe auf, hole wie immer mein Medikament, das ich für eine chronische Krankheit brauche (mein Psycho-Medikament nehme ich abends), und bevor ich die Kapsel schlucken will, kommt plötzlich der Gedanke „Was, wenn da Gift drin ist? Was, wenn ein böser Mitarbeiter in der Pharmafabrik Gift in Tabletten füllt? Oder durch ein Versehen bei der Produktion was falsch gelaufen ist und ich jetzt Rattengift schlucke?“ Es fühlt sich an wie eine böse Vorahnung, eine, der man besser folgen sollte, wie die Leute, die Vorahnungen hatten, nicht auf die Titanic zu gehen. Ich schlucke die Kapsel trotzdem schnell runter, und dann beginne ich, Panik zu bekommen. Jetzt ist das Ding im Magen. Jetzt kann ich nichts mehr tun. Jetzt bin ich hilflos. Ich versuche, mich mit Musik abzulenken; beginne dann, Vergiftungserscheinungen und Erste-Hilfe-Maßnahmen im Internet zu recherchieren. Versuche, mich mit Facebook abzulenken. Suche noch einmal eine Seite über Vergiftungen her. Ich fühle mich einerseits panisch und aufgedreht, andererseits irgendwie gelähmt. Als ich mich nach einer halben Stunde, und dann nach einer Stunde, körperlich immer noch normal fühle, kann ich mich etwas mehr beruhigen, ziehe mir rasch etwas über, und komme zu spät zur Kirche.

Klinge ich verrückt? Ich fühle mich manchmal so. Als würde ich langsam vollständig den Verstand verlieren. Nein, ich rechne, vernünftig betrachtet, nicht wirklich damit, mit meinen Tabletten Gift zu schlucken; aber solche fixen Ideen setzen sich fest, und das Blöde ist, ich kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, dass kein Verrückter in der Medikamentenfabrik Gift in die Kapseln gefüllt hat. (Solche Vorstellungen kommen seit dem Fall des Erpressers mit dem Ethylenglykol öfter in meinen Kopf; vorher waren es eher andere Zwangsgedanken. Sobald das Brot vom Bäcker etwas anders schmeckt als sonst, bekomme ich Angst.) Hier gibt es nur Wahrscheinlichkeiten, auch wenn die noch so hoch sind.

Ebenso wie vor Giften und Ähnlichem habe ich immer wieder Angst vor der Hölle (und in weniger schlimmem Maße auch vor dem Fegefeuer). Ab und zu kommt dieses entsetzliche Gefühl: Ich kann nicht aus diesem Leben raus. Ich kann mich nicht einfach nicht-existent machen. Ich kann nicht einfach in eine Traumwelt verschwinden. Ich stecke in genau diesem Leben fest, und irgendwann werde ich sterben, und ich weiß nicht wann, und ich weiß nicht, was danach kommt – bzw. für mich kommt. Ich kann mich auch hier bis zu einem gewissen Grad mit Vernunftargumenten beruhigen: Gott ist gnädig. Gott ist gnädig. Aber ich kenne Gott nicht wirklich – nicht in dem Sinne, wie ihn die kennen, die schon tot sind, oder die Engel – und ich habe Angst. Angst, alles falsch zu machen, Angst, nicht zu genügen. Es ist dieses schreckliche, lähmende Gefühl, einer unsicheren Welt ausgeliefert zu sein, von der man so vieles nicht weiß, mit der man nicht klarkommt, und für die man zu schwach ist. Ich bin halt nicht unbedingt immer eine vorbildliche Christin.

Oh, wie gut ich Martin Luther verstehen kann.

Jetzt, zum Reformationsjahr und zum kurz bevorstehenden Reformationstag, bekommt Luther sowohl Lobeshymnen für die Auslösung einer Bewegung gegen die Kirche, mit deren Anliegen sich heute kaum noch einer auskennt, als auch Kritik und Verurteilungen wegen seines Judenhasses, seiner Hetze gegen die aufständischen Bauern, und allen seinen anderen unangenehmen Eigenschaften. Ich habe Mitleid mit ihm. Er tut mir so leid. Ich kann seine Verzweiflung, seine Entscheidung, auf die eine Karte des Fiduzialglaubens zu setzen, die er endlich für einen verlässlichen und sicheren Ausweg hielt, irgendwie nachvollziehen. Dieses Gefühl: Und am Ende werde ich doch alles falsch gemacht haben. Ich hätte es besser machen können. Ich habe mir selbst was vorgemacht. Ich war kein guter Christ. Ich habe Gott nicht wirklich geliebt. Wie kann ich nur entkommen? Wie kann ich sicher wissen, erlöst zu sein?

Luthers Ängste verschwanden nicht nachhaltig durch sein Turmerlebnis. Trotzdem blieb „sola fide“ und „sola gratia“ sein Rettungsanker, auf den er setzte, und als es nötig wurde, überwarf er sich deswegen eben mit der Kirche. Luther ist für mich eine tragische Gestalt. Das Schlimme ist, dass seine Ideen vom Ansatz her ja sehr richtig waren; er hat sie zu weit getrieben und verdreht, aber er hat nicht mit falschen Ideen begonnen. Wir können nicht aus uns selbst heraus genügen, Gott liebt uns trotzdem, Gott ist gnädig.

Ich habe einen Vorschlag für den Reformationstag. Ein Rosenkranzgesätz für Martin Luthers Seelenheil. Ich hoffe sehr, dass er jetzt im Himmel ist. Dass er jetzt Frieden gefunden hat.

Gott liebt uns. Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte. Er will uns bei sich haben. Und mit alltäglichen Unsicherheiten muss man leben lernen. Und vielleicht sollte ich mal die Dosis bei meinem Psycho-Medikament steigern, wie der Arzt mir vorgeschlagen hat.

Bericht aus der Irrenanstalt

Ich befinde mich inzwischen seit vier Wochen in einer Psychosomatischen Klinik, und werde noch weitere zwei Wochen hier sein. Da dachte ich mir, ich gebe meinen Lesern mal einen kurzen exklusiven Lagebericht.

Die Klinik, in der ich bin, gehört zu den hiesigen Bezirkskliniken und unterscheidet sich in der Praxis wahrscheinlich nicht allzu sehr von der standardmäßigen Psychiatrie, abgesehen davon, dass es hier keine Abteilung für die schwereren Fälle wie Psychosen und Schizophrenien gibt, keine geschlossene Abteilung für die akut Selbstmordgefährdeten, und keine forensische (ebenfalls geschlossene) für die Straftäter. Das hier ist eine kleinere Klinik für die leichteren Fälle: Angststörungen, Zwangsstörungen, Burnout, Depressionen, usw.

Das Gebäude ist schön gelegen, hell und modern eingerichtet, es gibt einen großen Garten mit Bäumen und Blumenbeeten, Liegestühlen und Sonnenschirmen, und einer großen Terrasse. Das Essen ist wirklich gut, abgesehen vielleicht von den kleinen Portionen in Plastikpäckchen abgepacktem Honig, die es beim Frühstücksbuffet gibt. Untergebracht ist man in hübsch ausgestatteten Einzel- oder Zweierzimmern (ja, ja, auch in solchen Kliniken macht sich unser Krankenkassensystem bemerkbar). Es gibt einen Fitnessraum und einen Sportraum, weil, wie ich hier erfahren habe, Sport als gutes Antidepressivum wirken soll, eine Bibliothek, aus der ich dieses großartige Werk der hohen Literatur her habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/07/26/ein-bisschen-scheiterhaufen-muss-sein/), einen Fernsehraum, eine Lounge mit Kaffeeautomat, Heißwasserautomat, Obstkorb und Süßigkeiten, und sogar einen Saunabereich (Sauna ist nicht meins, aber das hat schon irgendwie was, oder?). Oh, und es gibt eine Kapelle im obersten Stock, in der leider nie Gottesdienste stattzufinden scheinen, sondern höchstens die Gesangsgruppe, wenn der Gruppenraum zu klein für die Anzahl der Teilnehmer ist, die aber sehr schön eingerichtet ist und wunderschöne Kreuzwegstationen enthält. Ich werde hier mal noch Fotos nachliefern.

Die meisten der Patienten, ich auch, bekommen von den Ärzten Psychopharmaka verschrieben – in so geringer Dosis wie möglich. Es handelt sich um keine Wunderpillen und keine persönlichkeitsverändernden Mittel, mein Medikament wirkt etwas beruhigend und stimmungsaufhellend, und hat die einzige Nebenwirkung, dass ich etwas müder bin als zuvor.

Was die Therapien angeht, da gibt es pro Woche 50 Minuten Einzelgespräch mit einem Psychotherapeuten; der Fokus liegt auf den Gruppenveranstaltungen. Zusätzlich zur normalen Gruppentherapie gibt es Gruppen, die sich auf bestimmte Probleme konzentrieren (z. B. Ängste), oder die mit bestimmten Methoden arbeiten (Musiktherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie, Ergotherapie). Für diese Gruppen wird man je nach Bedarf von seinem Therapeuten eingeteilt. Es kann in den Gruppensitzungen um ganz verschiedene Themen gehen: Selbstwert und Selbstannahme, sozial angemessenes Verhalten, richtige Kommunikation, Autonomie, den Angstkreislauf, die Reaktion des Körpers auf psychische Probleme, Techniken für die Vorbereitung auf Panikattacken oder andere Krisen…

Ich habe mal einen Bericht über eine Jugendpsychiatrie gesehen, in der nachts alle zwei Stunden kurz jemand ins Zimmer gesehen hat und in der man sein Handy nur für eine Stunde am Tag bekommen hat. Hier ist das nicht so; vielleicht, weil das hier eine Einrichtung für Erwachsene ist, vielleicht, weil Kliniken das unterschiedlich handhaben, vielleicht, weil in dieser Psychiatrie Patienten mit weniger gravierenden Krankheiten sind als in jener. Ein paar Dinge sind hier anders als in der tpyischen Reha-Klinik, in die man nach einem Bandscheibenvorfall eingewiesen wird, das schon. Zum Beispiel sollen Besucher nicht mit auf die Zimmer kommen, weil die ein geschützter, privater Raum für den anderen Zimmergenossen sein sollen, wo nicht plötzlich die ganze Verwandtschaft des einen Zimmergenossen drin stehen soll. Setzt man sich mit seinen Besuchern eben in die Lounge oder auf die Terrasse.

Und ja, wir laufen hier alle frei herum. Wenn man die Klinik für länger als eine Stunde verlässt, soll man sich in eine Liste eintragen, und am Wochenende, wenn keine Therapien stattfinden, hat man sich morgens nach dem Frühstück kurz beim Pflegepersonal zu melden, um Bescheid zu geben, wie es einem geht und was man für den Tag geplant hat. That’s it. Letztens hat ein Therapeut in einer meiner Gruppen mal von einem Tag der offenen Tür erzählt, der kurz vor der Eröffnung der Klinik stattgefunden hat (die noch nicht lange her ist). Offenbar haben Leute aus dem Dorf damals tatsächlich gefragt, ob die Patienten denn hier alle frei herumlaufen dürfen. Ja, doch, das dürfen wir. Zwischen den Therapien gehen die Leute hier gerne mal ins Dorf runter, einkaufen oder in ein Café. Viele nutzen den Samstag- oder Sonntagnachmittag, um ein paar Stunden nach Hause zu ihrer Familie zu fahren oder einen Ausflug in der Umgebung zu machen; andere bleiben in der Klinik und setzen sich mit einem Buch auf einen Liegestuhl draußen. Besuch kann man hier übrigens auch jederzeit bekommen, und wenn man den Aufenthalt aus welchem Grund auch immer beenden möchte, kann man vorzeitig entlassen werden. (Zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen werden kann man nur im Fall akuter Selbst- oder Fremdgefährdung – also nicht, wenn man sich z. B. mal denkt, man würde eigentlich gerne sterben, sondern eher, wenn die Polizei einen gerade so noch davon abhalten konnte, von einer Brücke zu springen -, und dann würde man nicht in diese Einrichtung hier eingewiesen werden.)

Die Patienten hier sind sehr unterschiedlich. Eine alleinerziehende Lehrerin, eine Rentnerin, ein Schreiner, eine Verkäuferin Mitte zwanzig, eine junge Schwangere… alles dabei. Die allermeisten haben Familie, viele der älteren Patienten haben einen Ehepartner und eigene Kinder. Der Altersdurchschnitt liegt vermutlich bei vierzig oder fünfzig, aber es sind auch mehrere jüngere Leute in meinem Alter hier, und ein paar ältere über sechzig.

Den meisten hier würde man es, wenn man sie auf der Straße sähe, nie ansehen, dass sie psychische Probleme haben. Ja, auch Leute, die an Depressionen oder Panikattacken leiden, können äußerlich gepflegt sein, lächeln und fröhliche Gespräche führen. Es geht ihnen auch nicht pausenlos schlecht.

Bei ein paar wenigen Patienten merkt man es eher, dass es ihnen nicht gut geht: Sie bewegen sich sehr langsam, sprechen kaum, sehen meistens so aus, als ob sie gerade geweint oder schlecht geschlafen hätten, oder sitzen beim Essen im Speisesaal meistens lieber allein. Natürlich hat jeder hier so seine Krankheit. Und hier kann man sich mit Menschen unterhalten, die das verstehen, also gibt es öfter mal Gespräche darüber, dass man in dieser Nacht bloß mit einem abhängig machenden Beruhigungsmittel schlafen konnte (zu meinem großen Glück etwas, womit ich noch nie Probleme hatte!), oder dass man Konzentrationsprobleme hat, oder dass man vorhin in der und der Gruppe eine Panikattacke hatte, oder dass einem diese oder jene ganz normale Alltagsaufgabe schwerfällt. In gewisser Weise hilft es, zu merken, dass man nicht allein ist mit Problemen solcher Art – auch wenn es natürlich an sich nicht gerade toll ist, dass noch mehr Leute dieselben Probleme erleben müssen. Aber hier gibt es jedenfalls viel Verständnis. (Natürlich redet man auch nicht nur über seine Krankheiten. Ich habe hier auch schon Gespräche über Altgriechisch, die Kreuzzüge, Häkeltechniken und Berufspläne geführt.)

Das Ganze hier dauert für gewöhnlich sechs Wochen und wird ab und zu um zwei oder drei Wochen verlängert. Das Konzept ist, die Patienten für eine begrenzte Zeit aus dem Alltag herauszunehmen und sie in dieser Zeit intensiv mit Therapien zu begleiten, damit sie dann wieder ins normale Leben zurückgehen können. Einige sind nach ihrer Entlassung noch eine Zeitlang krankgeschrieben und für gewöhnlich macht man mit ambulanter Therapie weiter.

Der Weg in die Klinik war übrigens ziemlich einfach. Die Psychotherapeutin schlägt eine stationäre Therapie vor, man ringt sich schließlich dazu durch, fragt bei der Klinik an, in die man möchte, bekommt einen Brief, wann der nächste Platz frei ist (ein paar Wochen später), telefoniert noch ein paar Mal mit der Rezeption, holt sich eine Einweisung vom Hausarzt, und fährt dann an dem entsprechenden Termin hin. (Bei akuten psychiatrischen Erkrankungen wird der Weg wohl anders und schneller verlaufen.) In den ersten Tagen hat man dann die Aufnahmegespräche mit den Ärzten und den Psychotherapeuten, d. h., man muss zwei oder drei Mal seine Krankengeschichte erzählen und wird solche Dinge gefragt, wie, hat man schon einmal ein Psychopharmakum genommen, hat man schon einmal an Selbstmord gedacht, leidet man an Schlafstörungen, oder hört man manchmal Stimmen. (Ja, auch so etwas kann einem „normalen Menschen“ passieren. Mir zum Glück noch nicht, aber das ist gar nicht mal so selten, wie man glauben könnte.) Man wird von einem anderen Patienten, der sich als „Pate“ dazu bereiterklärt hat, durchs Haus geführt, und die Kunst-, Musik-, Ergo- und Sporttherapeuten geben allen Neulingen eine kurze Einführung in das, was sie so machen. Wenn alles das dann durch ist, erstellt der zuständige Therapeut einen Wochenplan für einen und es geht mit den normalen Therapien – wie oben beschrieben – weiter.

Ich habe den Eindruck, dass diese Therapien, und nicht zuletzt auch mein neues Medikament, mir inzwischen schon geholfen haben, und bin mal gespannt, wie es dann in zwei Wochen mit mir weitergehen wird, wenn ich wieder draußen sein werde.

Und das war’s auch schon! Interessanteres oder Spektakuläreres habe ich nicht zu berichten.

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Eine Blume in einem der Blumenbeete im Garten der Klinik. Keine Ahnung, was für eine. Sie hat mir einfach gefallen.

 

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen

Wie regelmäßige Leser bemerkt haben werden, habe ich diesen Monat bisher ganz ungewöhnlich wenig gepostet – ein Grund war, dass ich vergangene Woche krank war. Deshalb war ich am Sonntag auch nicht in der Messe, die Fernsehmesse habe ich auch nicht gesehen, und die Lesungstexte, die gelesen worden wären, habe ich erst heute nachgeschaut. (Ich bin momentan gerade sehr faul beim Bibellesen, aber wenn ich nicht in die Sonntagsmesse kann, schaue ich zumindest noch die Lesungen der verpassten Messe beim Bibelwerk (https://www.bibelwerk.de/home/sonntagslesungen?show=all) nach.) Ich bin also auch erst heute darauf gestoßen, dass ich einen meiner absoluten Lieblingstexte aus dem Johannesevangelium verpasst habe, nämlich den Anfang von Kapitel 14.

Ich weiß nicht, worauf sich die meisten Predigten des letzten Sonntags konzentriert haben; ich nehme mal an, auf den berühmten Vers 6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Ist ja auch ein sehr schöner Vers, über den sich das Predigen lohnt; aber mich berühren jedes Mal noch sehr viel mehr die Verse 1 und 2, mit denen dieses Evangelium des 5. Sonntags der Osterzeit beginnt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“

Diese Verse stammen aus den Abschiedsreden beim letzten Abendmahl. In Kapitel 13 erzählt das Johannesevangelium von der Fußwaschung, und dann spricht Jesus bis Kapitel 17 im Abendmahlssaal zu seinen Jüngern (d. h. in Kapitel 17 betet Er auch zum Vater). Ich liebe diese Kapitel alle, aber besonders im Gedächtnis geblieben sind mir eben immer diese Worte:

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“

Mein Herz ist leicht verwirrt, und ängstlich, und mutlos. Aber der Vater hält sehr viele Wohnungen bereit, vermutlich auch sehr verschiedene, für jeden eine, und für jeden eine passende. Tja, jetzt wollte ich noch mehr irgendwie Tiefsinniges über diesen Bibeltext schreiben, aber es fällt mir im Moment gar nichts anderes ein als nur immer wieder dieser Satz, der in meinem Kopf herumgeht: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Vielleicht ist damit auch irgendwie schon alles gesagt. Ich nehme nicht an, dass man mich missverstehen wird (jedenfalls dann nicht, wenn man meinen Blog kennt) : Ich predige hier nicht die Apokatastasis. (Hey, wenn man’s schon kann, darf man auch mal seine klugen griechischen Begriffe anbringen.) Aber trotzdem gibt es keinen Grund, sich zu ängstigen. Im Haus des Vaters sind viele Wohnungen bereit.

 

PS: Ich weiß nicht genau, wie oft ich in nächster Zeit zum Bloggen kommen werde; aber ich hoffe, es wird wieder etwas öfter werden. Ein paar weitere Beiträge zur Reihe über die schwierigen Bibelstellen sind in Arbeit; ich habe die Reihe in letzter Zeit vernachlässigt. Die zentralen Themen Tora und Landnahme stehen bald endlich an, und nach einigen weiteren AT-Artikeln werde ich dann auch irgendwann mal noch zum frauenfeindlichen Paulus und zum Lästern des Heiligen Geistes und ähnlichen NT-Stellen kommen. Wie schon mal gesagt: Das Thema reicht für so einige Beiträge.

Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

Ein Problem, das ich mit unserem derzeitigen Papst, wie er manchmal erscheint, oder zumindest mit manchen seiner Anhänger, habe, ist ihre gewissermaßen selektive Barmherzigkeit. (Ich weiß nicht, ob alles oder auch nur ein größerer Teil dessen, was ich in diesem Artikel beschreibe, auf Papst Franziskus persönlich zutrifft, aber es geht mir auch nicht vorrangig um ihn oder irgendeine andere Person, sondern um ein allgemeines Phänomen. Hier also der offizielle Disclaimer: Dieser Artikel hier ist eigentlich nicht als Papstkritik im strengen Sinne gemeint, er kritisiert eher ein Phänomen, das besonders unter dem derzeitigen Papst wieder stärker aufgelebt ist, das aber nicht gerade neu ist.)

Wie gesagt: Selektive Barmherzigkeit. Was ich damit meine, ist Folgendes:

Man redet von Armut, Demut und Barmherzigkeit. Man tritt ganz betont schlicht auf, damit andere sehen, dass man den alten Prunk der Kirchenfürsten verabscheut. Man zeigt sich bestimmten Sünden gegenüber, die in der Welt beliebt sind, barmherzig, nicht verurteilend, manchmal verständnisvoll, manchmal auch verharmlosend. Andere Sünden dagegen verurteilt man mit den schärfsten Worten, die man finden kann. Ersteres sind meistens die Sünden des Fleisches, letzteres bestimmte Sünden des Geistes. Man betont, wie viel Gutes auch in vor- / außerehelichen Beziehungen zu finden sei, während es ja auch Ehen gäbe, in denen keine gute Beziehung zwischen den Partnern bestehe, und man predigt darüber, wie grauenvoll es sei, sich z. B. wegen seines Glaubens für besser als andere Menschen zu halten, oder wie schlimm Heuchelei sei. Die Lieblingsstelle in der Bibel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Besser ein barmherziger Samariter sein als ein gleichgültiger Priester oder Levit; besser ein moralischer Atheist sein als ein heuchlerischer Katholik. Man setzt sich selbst mit dem Heiland gleich, der gegen den Legalismus und die Rigidität der Schriftgelehrten und Pharisäer auftritt und für die Armen, Gebeugten, Ausgestoßenen einsteht.

Und damit tut man – wenn auch vielleicht unbewusst – ganz genau dasselbe wie das, wofür der Heiland die Pharisäer kritisiert hat: Man sichert sich den Beifall der Welt. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Matthäus 6,5)

Ich meine, Leute, bitte: Die ausgestoßenen Sünder unserer Zeit sind nicht wiederverheiratete Geschiedene. Es sind dicke, alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, oder AfD-Wähler, oder auch religiöse Fundamentalisten, sagen wir mal, in der Nachbarschaft umherwandernde Zeugen Jehovas oder Leiter römischer Kurienbehörden – Leute dieser Art. Ausgestoßene Sünder sind diejenigen, die tatsächlich in der Öffentlichkeit und in den Medien schlecht wegkommen, ob nun zu Recht (wie in den Evangelien die Ehebrecherin) oder zu Unrecht (wie in den Evangelien die verschiedenen Leprakranken). (Natürlich kann es je nach speziellem Milieu noch zusätzlich ganz unterschiedliche Ausgestoßene oder Verachtete geben: Fleischesser, Flüchtlinge, Katholiken, Juden, Schulmediziner, Feministinnen, Machos, Trump-Wähler, Clinton-Wähler, Klimaskeptiker, Esoteriker, Hausfrauen, und so ziemlich alles, was es gibt, können dazu gehören.)

Und wenn man barmherzig sein will (was man sollte) : auch Unbarmherzigkeit gegenüber Pharisäern ist Unbarmherzigkeit, ob man sie nun bloß für Pharisäer hält oder ob sie es wirklich sind.

Ich möchte mal ein Gedankenexperiment machen, das in deutschen Landen zwar wenig realitätsnah ist (ich habe noch keine alten Damen getroffen, die sich so verhalten) – aber stellen wir uns einfach mal vor, dass folgendes Geschehnis passiert:

Eine junge Frau, die bisher mit Kirche und Religion nie viel am Hut hatte, fühlt sich irgendwie zum Glauben hingezogen und hat manches über den Katholizismus erfahren, was sie interessiert, also schaut sie einfach mal in eine Kirche in ihrer Nachbarschaft hinein. Sie stellt fest, dass dort gerade die Sonntagsmesse stattfindet und setzt sich also neugierig zu den Gottesdienstbesuchern und ist ganz fasziniert vom Geschehen am Altar. Vorher hat sie nicht besonders auf ihre Kleidung geachtet und so trägt sie also einen etwas kurzen Rock und ein Top, bei dem ihr BH durchschaut. Nach dem Ende der Messe wird sie von einer älteren Dame, die in der Bank hinter ihr gesessen hat, angegiftet, ob ihr eigentlich jeder Respekt vor dem Herrgott abgehe, dass sie eine halbe Stunde zu spät und dann noch in einem solchen unschamhaften Aufzug in der Messe erscheine.

Die Reaktion des durchschnittlichen Lesers dieser Geschichte wäre wahrscheinlich, die alte Dame als arrogant und unverschämt abzuurteilen, oder? Aber das muss nicht zwangsläufig der Realität entsprechen.

Weshalb kann sie so gehandelt haben? Kann der Grund wirklich nur gewesen sein, dass sie eine böse, hochmütige alte Frau ist, die auf alle Mitmenschen herabsieht, die nicht aufs i-Tüpfelchen genau ihren Vorstellungen entsprechen?

Nicht unbedingt. Es kann ebenso gut möglich sein, dass sie eine Neurotikerin ist – im religiösen Bereich nennt man so etwas Skrupulantin – , die fürchtet – obwohl sie vielleicht ahnt oder weiß, dass dieses Gefühl irrational ist -, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht jeden ihrer Mitmenschen auf seine von ihr vermuteten Sünden hinweist, damit er sich bekehren kann. Denn wenn sie das nicht tut, ist sie schließlich an deren Sünden und möglicher ewiger Verdammnis mit schuld, und das ist eine große Sünde, mit der wiederum sie sich die ewige Verdammnis verdient, so ihre zwangsgestörte Logik. Dabei hegt sie persönlich keinerlei Abneigung gegen die junge Frau oder sonst jemanden; sie fühlt tatsächlich vor allem Furcht und Mitleid – um sich selbst und um die von ihr gescholtenen Menschen. Sie hat Angst vor dem richtenden Gott, der diese und sie selbst verdammen könnte. Ihr Tonfall war unbeabsichtigt, und zu Hause angekommen verbringt sie zweieinhalb Stunden damit, den Vorfall noch mal in ihrem Kopf durchzuspielen, um sagen zu können, ob sie die junge Frau mit besagtem Tonfall vielleicht so sehr verletzt haben könnte, dass diese nie wieder etwas mit der Kirche zu tun haben will, womit sie dann ebenfalls wieder an deren ewiger Verdammnis mit schuld wäre. Dann verbringt sie noch eine halbe Stunde damit, Gott um Verzeihung anzuflehen und zu versuchen, vollkommene Reue zu erwecken, nur für den Fall, und am nächsten Tag geht sie zur Beichte. Ihrem Pfarrer ist sie schon bekannt, und er versucht, sie so gut es geht zu beruhigen, so wie er es jede Woche wieder wegen irgendeinem Vorfall tut. Allmählich ist er ratlos, wie er ihr helfen soll.

Oder vielleicht war die alte Frau geistig gesund, aber einfach gestresst und wütend wegen etwas, das gar nichts mit der jungen Frau zu tun hatte, die ihr nicht sittsam genug gekleidet war. Vielleicht hat sie direkt vor der Messe noch mit ihrer Tochter telefoniert, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und diese und deren Familie freundlich zu Weihnachten eingeladen, was die Tochter abgelehnt hat, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Für sie und ihre Familie passe das nicht so gut, nein, zu Ostern wohl auch nicht, nein, auch die Faschingsferien seien schlecht. Im Lauf des Gesprächs hat die Tochter außerdem noch mehr als deutlich ihre Verachtung darüber zu erkennen gegeben, dass die Mutter immer noch die Vorbeterin beim Rosenkranzgebet in der Pfarrei macht und tagtäglich in die Messe geht; dann hat sie das Gespräch abgebrochen. Außerdem hat die alte Frau als Kind gelernt, die Ehrfurcht vor dem lieben Herrgott für sehr wichtig zu halten, und so ist ihr in ihrem aufgebrachten Gefühlszustand nach der Messe gegenüber der jungen Frau, die erstens viel zu spät und zweitens ihrer Ansicht nach nicht im Geringsten angemessen gekleidet gekommen ist, einfach ihr Temperament durchgegangen. Hinterher tut es ihr leid und sie hofft, dass die junge Frau am nächsten Sonntag wieder in die Messe kommt, sodass sie sich entschuldigen kann.

Das Problem ist eben: Kein Mensch, der heute hier auf Erden lebt, ist der Heiland. Daher kann auch kein Mensch anderen Menschen ins Herz schauen und endgültig sagen, ob sie nun arrogante Pharisäer sind oder nicht, und erst recht nicht, ob sie sich nicht vielleicht, wenn sie es sind, und wissen, dass sie es manchmal sind, eigentlich gerne bessern wollen.

Diese Art von selektiver Barmherzigkeit ist sicher oft gut gemeint und entwickelt sich dann nur falsch. Aber falsch entwickeln, das muss man sagen, das tut sie sich leider häufig.

Wir alle brauchen eben Barmherzigkeit.