Vom Himmel träumen

Lasst uns doch mal vom Himmel träumen.

Da sind keine Angst, keine Sorgen, keine Schmerzen, keine Traurigkeit, keine Schuld mehr.

Da ist Frieden, Ruhe, Sicherheit.

Man hat seinen Platz, an den man gehört, und den einem mehr keiner nehmen wird.

Da sind Millionen über Millionen andere, und sie alle wollen einander wohl und können einander wirklich kennen und verstehen. Man gehört dazu.

Alles ist licht und hell. Da ist Freude und Jubel.

Da ist die Musik der Engel, da ist der Lobgesang der Heiligen.

Da ist Gott, auch wenn ich Ihn mir nicht wirklich vorstellen kann, aber wir werden Ihm  ins Angesicht schauen können, ohne Angst zu haben, und Er wird uns liebevoll anschauen.

Das ist jetzt ein eher untypischer Blogpost von mir. Aber manchmal braucht es das – vom Himmel träumen (statt sich vor der Hölle zu fürchten oder lieber gar nicht an das Thema „Was kommt nach meinem Tod“ zu denken). Wieso sollten wir nicht davon träumen, worauf wir hoffen? Gott ist barmherzig, und wir können einmal dort sein. Vielleicht ja nach einer Zeit im Fegefeuer. Aber hoffentlich sehen wir uns alle irgendwann einmal im Himmel.

Ja, ja, ich weiß, Marx und so weiter wollten uns das Träumen und Hoffen nicht gönnen. Aber die haben ihre Himmelsersatzversprechen auch nicht eingelöst, also träumen und hoffen wir doch, so viel wir wollen!

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Die halten sich wohl für besonders fromm!

(Eine vielleicht notwendige Ergänzung zu Posts wie diesem, diesem und diesem.)

Ein heutzutage beliebter Vorwurf gegenüber gläubigen Menschen ist der der Überheblichkeit: Sie würden sich für besonders großartige Menschen und Gottes Lieblinge halten, ihre Frömmigkeit zur Schau stellen und so weiter und so fort. Oft trifft dieser Vorwurf Gläubige, die eigentlich nur das Minimum dessen tun, was von ihrer Religion gefordert wird (also bei Christen z. B.: sonntags in die Kirche gehen, keinen Sex vor der Ehe haben; oder bei Muslimen: im Ramadan fasten, Kopftuch tragen), und das nicht mal an die große Glocke hängen. Aber das wird eben trotzdem gelegentlich als Überheblichkeit und als Vorwurf an andere empfunden: Weil der Christ tatsächlich glaubt, dass alle sonntags in die Kirche gehen sollten, macht er uns Kirchenfernen einen Vorwurf, beleidigt uns, stellt uns als Sünder hin. Weil die Muslima tatsächlich glaubt, dass alle Frauen Kopftuch tragen sollten, erklärt sie uns westliche Frauen alle zu Schlampen. Nun könnte  man sich denken, wer sich seiner Sache sicher ist, dass der Kirchgang nicht notwendig oder das Kopftuch kein verpflichtendes Kleidungsstück für eine anständige Frau sei, könnte da drüber stehen und es aushalten. Aber anscheinend wird schon die bloße Religionsausübung (nicht erst wirkliche Überheblichkeit, die es natürlich auch gibt) von vielen trotzdem als  Vorwurf an Religionslose/Andersreligiöse empfunden.

(Dass „Frömmigkeit“ auch nicht mehr unbedingt als etwas an sich Positives gesehen wird, kommt natürlich noch hinzu: Wieso bildet die sich überhaupt was drauf ein, in der Kirche zu sitzen? Das ist doch sinnlos, sie sollte lieber was Vernünftiges tun. (Dass sie, wenn sie nicht in der Kirche sitzen würde, vermutlich stattdessen in dieser Zeit eher ausschlafen würde, als, sagen wir, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, wird gerne übersehen.))

Manchmal wird der Vorwurf, besonders fromm sein zu wollen, aber auch nur an die tatsächlich besonders eifrigen Gläubigen gerichtet: Was muss die jeden Tag in die Werktagsmesse springen und jeden Samstag zum Rosenkranz? Bildet die sich ein, sie wäre eine bessere Christin als wir, die wir bloß am Sonntag auftauchen?

Das ist sozusagen das Gegenstück zur „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle, die ich hier beklagt habe: Der, der mehr tun will als die anderen, wird als der Feind gesehen, der sich über die anderen Christen erheben will, auch wenn er selbst nie angedeutet hat, dass er sich als den tollsten Christen ever sieht oder dass alle das tun müssen, was er tut.

Mein Bekannter und Stammleser Nepomuk hat vor längerer Zeit einmal einen Artikel über die Heiligen geschrieben, aus dem ich, weil genau dieses Problem darin so schön ausgedrückt wird, einen längeren Abschnitt zitieren möchte:

Ist daraus nun zu folgern, wie z. B. Joseph Roth es übrigens tutiv, daß die Kirche dadurch, daß sie die paar Perfekten kanonisiere, implizit die Sündhaftigkeit der Restmenschen gestatte? Oder sollen wir sagen, ja die anderen seien halt im verborgenen heilig gewesen, hätten aber deshalb nicht weniger gelitten, sich nicht weniger aufgeopfert etc.? Zumal es diese Art Heilige ja auch tatsächlich geben wird: aber auch das sind doch, mal ehrlich, nur ein paar. Das Leben hat seine schönen Seiten, und wir, die wir keine Ordensgelübde abgelegt haben, die wir ‚wenn wir ehrlich sein wollen, gern einen Fuß in beiden Welten haben wollen; deren Ehrgeiz ist, zu bestehen, nicht zu glänzen‘v, wollten uns ehrlich gesagt nicht vom Glanz, der Gelassenheit, der Ruhe und der Anstrengung eines Ordenslebens gerade die Anstrengung herauszusuchen.

Die erfreuliche Nachricht: das fordert die Kirche tatsächlich nicht.

Die Moral, wie sie uns die Kirche lehrt, fordert ’nichts weiter‘ als nicht zu sündigen. ‚Du kennst doch die Gebote.‘ (Mk 10,19) Die Kirche hilft dabeivi – der Patron ihrer Moraltheologen war bezeichnenderweise nicht Staatsanwalt, sondern Strafverteidiger gewesen, eben der erwähnte hl. Alfons – immer bemüht, genau darzulegen, was zu tun ist und was nicht.vii (Auf einige typische Einwände hierzu soll im nächsten Artikel eingegangen werden.)

Und das Vorbild der Heiligen? Der modernen Welt, die nicht gelassen, aber dafür perfektionistisch ist (deshalb schimpft sie auch alleweil auf den Perfektionismus) mag der Gedanke fremd sein; aber in den Katholiken hat sich der gesunde menschliche Instinkt bewahrt. Wer gut ist, der verehre als Helden einen, der besser ist. Bezeichnenderweise können wir das auch heute noch überall da nachvollziehen, wo wir nicht auf den Gedanken kommen, uns Vorwürfe zu machen. So bei den dilettierenden Freizeitmusikern: Gerade die hören doch mit besonderer Freude und Gewinn die Titel der herausragenden Interpreten. So bei den Fußballspielern der Dorfvereine in der A-Klasse. Gerade die schauen doch mit noch mehr Begeisterung als der Rest der Bevölkerung das Finale der Champions-Leauge im Fernsehen an.viii

So ist es auch bei den Heiligen (also den Christen). Gerade die können von den Heiligen (im landläufigen Sinn) gar nicht genug bekommen. Die Büßer von einem, der ganz übermenschliche Bußwerke geleistet hat wie der hl. Pedro von Alcantara. Die Gastwirte, die mit ihrer Gastfreundschaft Geld verdienen, von einem hl. Julianus, der beim Bewirten auf den Verdienst verzichtet hat. Die Mönche, die den Psalter jede Woche beten, von einem hl. Patrick, der ihn jeden Tag betete. Und so weiter – nur drei Beispiele von vielen, die man aufzählen könnte.“

(Es lohnt sich, den Artikel im Ganzen zu lesen; und hier wird er noch fortgesetzt.)

Der Punkt ist: Wenn uns bewusst ist, dass das Gute gut ist, und das Bessere besser, und das Bessere kein Feind des Guten, dann löst sich das ganze Problem auf. Wenn einer mehr tun will als andere und besonders eifrig ist, ist das gut; es ist lobenswert; solche Leute braucht es. Auch im weltlichen Leben braucht es die anstrengenden Berufe wie Chirurgen und Soldaten. Aber dass manche Leute Chirurgen und Soldaten werden, ist eben kein Vorwurf an diejenigen, die sich den leichten Job des Steuerbeamten oder der Bürokauffrau suchen. Wenn einer, der gesund ist und arbeiten könnte, gar nicht arbeiten wollte, dann könnte man ihm daraus einen Vorwurf machen. Das Gleiche gilt auch für die Gemeinschaften innerhalb der Kirche, wie etwa die neuen geistlichen Bewegungen: Wenn einer sich darin engagieren will und viel Zeit und Einsatz dafür aufwendet, ist das gut – solange er nicht glaubt, allein so könne man ein richtiger Christ sein und die anderen Christen, die nicht so engagiert sind, seien gar keine richtigen Christen wie er. Und man sollte jemandem eben auch nicht vorwerfen, allein deshalb, weil er mehr tut als andere, verachte oder verurteile er sie und halte sie für keine richtigen Christen. Vielleicht ist er wirklich ein besserer Christ als sie; vielleicht auch nicht; jedenfalls können sie trotzdem gute Christen sein.

Auch im Himmel wird es übrigens noch die besonders großartigen Heiligen geben, die besondere Ehre erhalten (wie die allerseligste Gottesmutter, oder etwas darunter vielleicht solche wie den heiligen Franziskus), und die, die, na, eben ein bisschen drunter stehen. Dante beschreibt in der Göttlichen Komödie den Himmel als einen Ort aus mehreren konzentrischen Sphären, in denen die verschiedenen Heiligen leben (so wie auch seine Hölle aus verschiedenen Kreisen für verschieden schwere Sünden aufgebaut ist). Aber es braucht weder Neid auf die einen noch Verachtung der anderen, weil sie alle in übergroßer Seligkeit leben und Gottes Herrlichkeit schauen.

Wie ein religiöses Umfeld Skrupulosität fördern kann: Eine Anleitung, wie man es nicht machen sollte

Eins vorweg: Skrupulosität kann viele Ursachen haben. Sie ist wohl eher eine Sache der Persönlichkeit des Einzelnen und nicht nur von außen verursacht. Bei mir zum Beispiel ist es so, dass ich mit Zwängen und Ängsten in ganz verschiedenen Bereichen, nicht nur im religiösen, zu kämpfen habe; und keine dieser Ängste ist mir im eigentlichen Sinne von außen eingetrichtert worden. Aber das Umfeld kann solche Ängste bei denen, die dazu neigen, natürlich entweder fördern oder abmildern.

Skrupulosität ist, ganz allgemein gesprochen, eine unbegründete und übertriebene Angst davor, etwas falsch zu machen, auf Katholisch, Sünden zu begehen (oder begangen zu haben). Da kommen einem dann ununterbrochen Gedanken wie:

  • Habe ich genau genug gebeichtet? Habe ich meine Sünden genug bereut? Was, wenn nicht, und wenn die Beichte dann ungültig war?
  • Hätte ich heute Morgen nicht zur Kommunion gehen dürfen, weil das und das, was ich gestern gemacht habe, vielleicht eine schwere Sünde gewesen sein könnte, was mir zwar erst eingefallen ist, nachdem ich bei der Kommunion war, woran ich aber vielleicht vorher hätte denken müssen?
  • War ich vielleicht unhöflich in dieser Diskussion, so dass der und der jetzt einen schlechten Eindruck von Christen haben muss und für immer von Gott weggetrieben ist? Oder war ich vielleicht im Gegenteil zu nett und schwammig und habe nicht klar genug gesagt, was katholische Lehre ist, und habe mich also nicht ausreichend zur Wahrheit und zu Gott bekannt – vielleicht, weil ich mich meines Glaubens geschämt habe?
  • Bin ich krank genug, um von der Sonntagsmesse daheim zu bleiben, oder sollte ich mich einfach nicht so anstellen?

Es wird dann meistens ziemlich kompliziert, weil einem immer neue Umstände einfallen, die die Sache verkomplizieren. Hatte ich das falsche Motiv dafür? Oder hätte ich an das und das vorher denken müssen? Und man grübelt stundenlang herum, findet trotzdem zu keinem sicheren Ergebnis, und sieht überall mögliche schwere Sünde und fürchtet sich vor der Hölle. Und dann geht man zur Beichte und ist eine halbe Stunde lang beruhigt und dann kommen wieder die neuen Gedanken – hätte ich dem Beichtvater das und das genauer erklären müssen, oder habe ich jetzt gerade schon wieder was Falsches getan, oder oder oder… So sieht Skrupulosität aus.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/87/Frau_im_Gebet.jpg

(Frau im Gebet, Zeichnung von Franz Thöne; Quelle: Wikimedia Commons)

Jetzt also dazu, was im religiösen Umfeld speziell unter uns Katholiken diese Art von Ängsten fördern könnte.

1) Hohe und gleichzeitig unklare Erwartungen:

Wir haben es doch alle schon oft gehört:

  • „Wir sind alle dazu berufen, Heilige zu werden.“
  • „Wenn wir Jesus wirklich lieben, und wirklich glauben, dass Er in der Hostie zu uns kommt, sollten wir uns lieber fragen, wieso wir nicht so oft zur Messe gehen, wie wir überhaupt können, als wieso wir jeden Sonntag gehen sollten.“
  • „Wieso fragt man ‚Wie weit darf ich erlaubtermaßen gehen?‘ anstatt zu fragen ‚Was ist das Beste, was ich tun kann?‘ Wir sollten nicht die Grenzen des Erlaubten austesten, sondern unser Bestes geben!“
  • „Gott will keine Halbherzigkeiten von uns, sondern unseren ganzen Einsatz.“
  • „Laue Christen sind das Schlimmste.“
  • „Das Christentum ist halt keine Wohlfühlreligion.“

Okay, und was heißt das dann konkret? „Wir sollen alle Heilige werden“ stimmt selbstverständlich, aber was heißt es genau? Was genau muss ich nun alles an den kanonisierten Heiligen nachahmen? Will man sagen, wenn ich die Gelegenheit hätte, in die Werktagsmesse zu gehen, aber nicht gehe, bin ich eigentlich gar kein richtiger Christ? (An diesem Punkt verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel.)

Ich sage nicht, dass es total niedrige Erwartungen geben sollte. Aber die Erwartungen sollten in jedem Fall klar sein. Es sollte klar sein, was wirklich falsch ist – und was man ohne Bedenken tun kann. Die Leute sollten sich nicht mit einem schlechten Gewissen plagen müssen, weil sie sich unsicher sind, ob diese oder jene harmlose Handlung eine Sünde war. (Und genau deshalb brauchen wir übrigens die alte und zu Unrecht verleumdete Kunst der Kasuistik.)

2) Bequemlichkeit wird automatisch mit Sünde gleichgesetzt

Dabei ist es keine Sünde, es sich im Leben nicht schwerer als nötig machen zu wollen. Sünde ist es dann, wenn man, um es sich bequem zu machen, bereit ist, Sünden zu begehen, also z. B. die berechtigten Ansprüche anderer zu übergehen. Simpel.

3) Auf Wörter wie „Achtsamkeitsübungen“ oder „Selbstakzeptanz“ reagiert man automatisch mit einem genervten Schnauben und nennt sie „esoterischen Wohlfühl-Kram“ (oder so ähnlich).

Das macht es nicht unbedingt einfach für jemanden, der sich selbst hasst (das kann oft die Folge sein, wenn man ständig nur an all das Schlechte denkt, dessen man sich seiner Meinung nach schuldig gemacht hat), sich vielleicht sogar selbst Verletzungen zufügt, um sich zu bestrafen, und dergleichen, davon loszukommen. Ja, doch, es ist etwas Gutes, sich selbst anzunehmen. Nicht unbedingt in dem Sinne, dass man alles gut finden muss, was man jemals getan hat, sondern dass man sich selbst genauso wie jedem anderen mit Wohlwollen begegnet und sich als gutes, gewolltes Geschöpf Gottes annimmt, das auch seine guten Eigenschaften und seine Talente hat, und das vor allem geliebt ist. Eine gesunde Selbstliebe gehört sehr wohl zum Christentum.

4) Endloses Nörgeln über „moralisch-therapeutischen Deismus“

Ich werde noch mal eigens was drüber schreiben, wieso das Hauptproblem im heutigen Christentum ganz sicher nicht der sog. „moralisch-therapeutische Deismus“ ist. Jedenfalls wird MTD von seinen Kritikern als ein Glaube definiert, der auf den folgenden fünf Prämissen beruhe:

  • Ein Gott existiert, der die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über das Leben der Menschen auf der Erde wacht.
  • Gott will, dass die Menschen gut, freundlich und fair miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.
  • Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein.
  • Es ist nicht nötig, Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen.
  • Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.

(Kurz gesagt handelt es sich also um das alte Problem der mangelhaften Glaubenspraxis, nicht eine klar bestimmte Irrlehre.)

Nun kann man es natürlich kritisieren, wenn Leute sich nur dann an Gott wenden, wenn sie Probleme haben und Hilfe von Ihm wollen, und Ihm nicht auch mal danken, wenn es ihnen gerade gut geht, oder Ihm gehorchen, wenn das vielleicht nicht so leicht ist. Es geht mir hier aber um das Problem, das entsteht, wenn MTD zu sehr als die absolut größte furchtbarste Häresie angegriffen wird, der man verfallen kann. Dann kann es nämlich aus dem Blickfeld geraten, dass Gott tatsächlich für uns da sein will, dass Er uns helfen will, unsere Probleme zu lösen, dass Er will, dass wir glücklich und mit uns selbst im Reinen sind, usw.

5) Man spricht zu wenig von Gottes großer, zärtlicher Liebe zu uns

Wenn man nicht so oft daran erinnert wird, dass Gott uns ja liebt, dass Er uns wirklich inniglich liebt und uns unbedingt bei sich haben will, dann kann man leichter in Panik darüber verfallen, ob man es eigentlich jemals in den Himmel schaffen wird.

6) Man spekuliert darüber, wie wenig Menschen doch in den Himmel kommen würden

Wir wissen es nicht. Punkt, aus, Ende. Wir kennen weder die Zahl der Erlösten noch die der Verdammten.

Ja, es heißt im Evangelium: „Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden.“ (Matthäus 7,13f.) Aber Spekulationen über genaue Zahlenverhältnisse lassen sich daraus nicht ableiten. Gott ist ein liebender Vater. Sagen wir nun, da ist eine Familie, die hat acht Kinder, und drei davon sterben bei einem Unfall. Nun würde man sicher sagen: „Diese armen Eltern haben viele ihrer Kinder verloren.“ „Viele“ heißt hier aber nicht „die meisten“, noch nicht einmal „die Mehrheit“. Wenn man sagt „Viele Menschen in Deutschland leiden an Krebs“ meint man damit auch nicht, dass die Mehrheit der Deutschen krebskrank ist.

Alle Spekulationen darüber, wie groß oder wie gering die Zahl der Erlösten ist, führen entweder dazu, dass man sich sagt: „Ach, es werden ja eh die meisten in den Himmel kommen, muss ich mich ja nicht anstrengen.“ (was sowieso Unsinn wäre: es schaffen auch die meisten Schüler ihren Schulabschluss, und trotzdem muss man sich anstrengen, um ihn zu schaffen), oder dazu, dass man sich sagt: „Es werden so wenige in den Himmel kommen, wie soll ich das nur schaffen?“ Sowohl die anmaßende als auch die mutlose Haltung helfen uns nicht weiter. Also lassen wir die Spekulationen bleiben.

7) Konkrete falsche Vorstellungen in Einzelfragen, die für unnötige Gewissensnöte sorgen

Als Beispiele ein paar in „Tradistan“ unter Umständen anzutreffende Ideen:

„Frauen sind dafür verantwortlich, mit sittsamer Kleidung Männer von sündigen Gedanken abzuhalten. Wenn ihr also eure Knie und Ellbogen nicht immer bedeckt haltet, verführt ihr andere zur schweren Sünde und begeht damit selbst automatisch eine schwere Sünde. Ach ja, und tragt bitte Röcke, keine Hosen – Hosen sind Männerkleidung, und Kleidung zu tragen, die zum anderen Geschlecht gehört, ist Sünde.“

„Ehefrauen müssen ihren Männern immer gehorchen – Ausnahmen kann man höchstens mal machen, wenn die eine wirkliche Sünde befehlen würden.“

„NFP darf man höchstens aus einem wirklich ganz gravierenden Grund anwenden, um eine Schwangerschaft zu vermeiden.“

„Harry Potter ist okkult/satanisch.“

„Rockmusik ist satanisch.“

Oder dann wären da so einfache Denkfehler wie:

„Eine aufrichtige Reue zeigt sich in starken Gefühlen.“ (Tatsächlich ist sie eine Sache des Willens; niemand hat totale Kontrolle über seine Gefühle.)

„Ungewollte Gedanken können Sünden sein.“

Ich kann hier jetzt natürlich nicht alle Einzelfragen von Glaube & Moral durchgehen. Daher nur ein allgemeiner Aufruf: Bevor man – z. B. in einem Blogartikel oder einem Facebookpost oder einer Predigt oder einem normalen Gespräch in der Gemeinde – etwas als moralische Pflicht darstellt, sollte man sich einigermaßen darüber informiert haben, ob die Kirche es wirklich als moralische Pflicht ansieht. Und immer dran denken: einzelne Katholiken können sich da irren – auch wenn sie der Pfarrer oder die Mesnerin sind.

Es gibt sicher noch andere Weisen, auf die Skrupulosität unabsichtlich gefördert werden kann; aber das sind die, die mir spontan eingefallen sind. Wenn man diese Fehler meiden könnte, wäre schon einiges gewonnen.

Schwere Sünde, lässliche Sünde?

 (Nur ein paar Überlegungen, die vielleicht ein wenig ziellos und unstrukturiert sind. Ich denke in diesem Artikel eher laut nach und würde mich über Ergänzungen und Korrekturen freuen.)

Die katholische Lehre von den schweren und den lässlichen Sünden ist einerseits recht klar. Klar ist das Prinzip: Schwere Sünden, auch Todsünden genannt, zerstören die Beziehung zu Gott, lässliche belasten sie nur – wie man es auch aus menschlichen Beziehungen kennt. Die schwere Sünde ist wie eine tödliche Krankheit, die lässliche wie eine nicht tödliche, die der Körper (oder in diesem Fall die Seele) selbst bekämpfen kann. Für eine schwere Sünde müssen drei Kriterien erfüllt sein: schwerwiegende Materie (die Tat oder Unterlassung ist an sich schlecht genug, um die Gottesbeziehung zu zerstören), klares Wissen um die Schwere der Sünde (schuldhaftes Nicht-Wissen-Wollen mindert die Schuldfähigkeit allerdings nicht; nicht schuldhafter oder nur gering schuldhafter Irrtum schon) und freier Wille (der Wille kann z. B. durch eine Sucht, eine psychische Krankheit, Druck, Nötigung oder Zwang von außen beeinträchtigt sein). Wenn eins dieser Kriterien nicht erfüllt ist, ist die Sünde nur lässlich. Gebeichtet werden müssen von Katholiken nur schwere Sünden; wenn man sich nicht sicher ist, ob eine Sünde schwer war, muss man sie nicht als schwere zählen. Die Beichte der lässlichen Sünden ist freiwillig, wird aber empfohlen; das bedeutet auch, man muss vor der Beichte nicht versuchen, sich krampfhaft an ausnahmslos alle seit der letzten Beichte begangenen lässlichen Sünden zu erinnern.

Andererseits aber ist es nicht immer so klar, was „schwerwiegende Materie“ genau ausmacht; wie man schwerwiegende und lässliche Materie abgrenzt. Das ist es, was auch Skrupulanten wie mich oft mal belastet: Wenn man nicht unterscheiden kann, ob eine Sünde schwer oder lässlich war. (Muss ich beichten? Darf ich zur Kommunion gehen?)

Meistens bekommt man, wenn das Thema erklärt wird, statt allgemeinen Definitionen konkrete Beispiele für schwerwiegende Materie vorgelegt: Tötung eines unschuldigen Menschen (inklusive Abtreibung, Euthanasie, Selbstmord), Ehebruch, Vergewaltigung, Folter, Glaubensverleugnung, Meineid, Raub, Verleumdung, Vorenthalten des gerechten Lohns, Betrug, was so alles unter den Oberbegriff „Unzucht“ fällt, Blasphemie, grundloses Verpassen der Messe an Sonntagen und gebotenen Feiertagen, grundloses Nicht-Einhalten der kirchlichen Fastengebote, künstliche Empfängnisverhütung. (Freilich wiegen auch schwere Sünden nicht alle gleich schwer, wie unschwer einzusehen ist; Mord zum Beispiel ist schlimmer als Raub.) Beispiele für lässliche Sünden: Verlegenheitslügen oder alltägliche Unfreundlichkeiten und Streitereien, Unvorsicht, Ungeduld, Unhöflichkeit, eine gewisse Vernachlässigung des Gebets, eine Verspätung von einigen Minuten bei der Sonntagsmesse… Diese Unterscheidung entspricht auch dem gesunden Menschenverstand (Unfreundlichkeit und Mord sind offensichtlich nicht dasselbe), und sie zeigt sich bereits in der Bibel (1 Johannes 5,16f.).

[Die schweren Sünden oder Todsünden sind übrigens zu unterscheiden von den sieben Wurzelsünden (Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit), die auch manchmal fälschlich als die „sieben Todsünden“ bezeichnet werden, aber grundlegende Haltungen bezeichnen, die zu Sünden führen, keine konkreten Sünden selbst. Eine Sünde ist immer eine konkrete Handlung oder Unterlassung (in Gedanken, Worten oder Werken).]

Eine manchmal gehörte allgemeine Begründung für den Unterschied zwischen den beiden Arten von Sünde wäre: Schwere Sünden verstoßen gegen vorrangige Werte (das Leben, die Ehe, die Gottesverehrung), und lässliche gegen untergeordnete (etwa Wahrheit, Ehre, Eigentum). Diese Begründung funktioniert jedoch offensichtlich nicht: Eine schwere Verleumdung (z. B. die Bezichtigung eines Unschuldigen wegen eines Verbrechens) ist offensichtlich eine schwere Sünde; genauso ein bedeutenderer Diebstahl, ein gewaltsamer Raub oder die Ausbeutung von Arbeitern durch Hungerlöhne. Zudem gibt es minderschwere Verstöße etwa gegen den Wert des Lebens, z. B. eine geringfügige Gefährdung des eigenen Lebens und des Lebens anderer durch noch nicht allzu große Unvorsicht im Straßenverkehr. Diese Begründung funktioniert also nicht.

Eine weitere, beliebtere Begründung wäre: Was gegen die Zehn Gebote (und für Katholiken: die ihnen von der von Christus eingesetzten Kirche auferlegten fünf Kirchengebote) verstößt, ist schwerwiegende Materie. Das funktioniert schon eher; andererseits sind manche der Zehn Gebote aber auch recht allgemein formuliert und geben nicht gleich zu erkennen, welche Verstöße gegen sie wirklich schwerwiegend sind. Ist es eine schwere Sünde gegen das dritte Gebot, wenn man am Sonntag im Garten arbeitet oder Staub saugt? Oder ab wann wird der Neid auf das neue Auto des Nachbarn zu einer schweren Sünde gegen das zehnte? War der Streit mit meinen Eltern ein schwerer Verstoß gegen das vierte? Irgendwo kann man ja auch alle Sünden unter den zehn Geboten subsumieren, wie es in Beichtspiegeln gerne getan wird – Körperverletzung, Unvorsicht im Straßenverkehr oder die Schädigung der eigenen Gesundheit durch Drogen fallen dann unter „Du sollst nicht töten“, Masturbation oder die Vernachlässigung der Beziehung zum Ehepartner unter „Du sollst nicht ehebrechen“, Notlügen und Übertreibungen unter „Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten“, und das Missachten der Pflichten gegenüber dem Staat oder der Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern unter „Ehre Vater und Mutter“. Einerseits fällt, wie man daran sieht, nicht alles von dem, was irgendwie mit den Zehn Geboten in Zusammenhang gebracht werden kann (z. B. kleine Übertreibungen), unter die Kategorie „schwere Sünde“; andererseits gibt es auch offensichtlich schwere Sünden, die nicht ganz direkt in den Zehn Geboten angesprochen werden (z. B. schwere Körperverletzung, schweres Mobbing, nicht-ehebrecherische Unzucht).

Vielleicht kann man auch sagen: Schwere Sünden verstoßen entweder direkt gegen einen zentralen Wert (z. B. verstößt die Verleugnung des Glaubens klar gegen die Treue zu Gott und gegen die Pflicht zum Bekenntnis der Wahrheit) oder sie schaden anderen Menschen oder einem selber direkt und gewollt (oder zumindest wissentlich in kauf genommen) in schwerwiegendem Maß (z. B. Mord, Selbstmord, Ehebruch, Raub, Verleumdung); oft auch beides. [Der Unterschied zwischen einer christlichen und einer utilitaristischen Moral wäre, dass die christliche nicht nur das, was direkten, quantifizierbaren Schaden anrichtet, als falsch ansieht – Glaubensverleugnung, Gotteslästerung, wohlmeinende Lügen oder konsensuale Unzucht beispielsweise richten nicht immer direkt beobachtbaren Schaden an. Freilich schaden sie oft indirekt und auf lange Sicht (ein Beispiel: Wenn man jemanden anlügt, um ihn nicht mit der Wahrheit zu beunruhigen, könnte man sich sein Vertrauen verscherzen, wenn er es merkt) und machen einen selbst zu einem von der Sünde beherrschten Menschen, aber der Verstoß gegen die Gottesliebe, die Wahrhaftigkeit oder die Keuschheit ist an sich schon schlimm. Wieso Gottesliebe, Wahrhaftigkeit und Keuschheit so wichtig sind, wäre dann mal noch eigens ausführlicher zu erläutern.] Wenn sie die Gottesbeziehung zerstören, müssen sie ein, wenn auch implizites, Nein zur Liebe, eine bewusste Gleichgültigkeit und Abwendung vom Guten, beinhalten.

Eine allgemeine Definition von Sünde an sich wäre auch: Sünde verstößt gegen den natürlichen Zweck, den Gott in die Dinge hineingelegt hat. Z. B. ist der Zweck der Sprache der Ausdruck und die Weitergabe von Wahrheit; der Zweck des Eigentums ist die Sicherung des Lebensunterhalts für einen selber und die, für die man verantwortlich ist; der Zweck der Sexualität ist die Fortpflanzung und der Ausdruck ehelicher Liebe zwischen Mann und Frau. Sünde verstößt gegen diese Ordnung der Dinge und bringt sie aus dem Gleichgewicht. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag von einer „Ökologie des Menschen“ gesprochen, die beachtet werden muss. Bei einer Sünde wird ein Gut einem anderen in ungeordneter Weise vorgezogen. (Niemand tut Böses, nur um Böses zu tun; wenn man z. B. Böses tut, um Geld, Lust oder Macht zu erreichen, zieht man wirkliche Güter anderen, höheren Gütern vor.) Letztlich wird bei einer Sünde immer etwas Geschaffenes Gott (dem letzten Ziel des Menschen) vorgezogen. Sünde kann man also als auch Ungeordnetheit betrachten. Der hl. Thomas von Aquin schreibt dann in diesem Sinne (von mir aus dem lateinischen Text übersetzt – hier findet sich auch eine englische Übersetzung, die besser ist als meine) :

„Der Unterschied aber zwischen einer lässlichen Sünde und einer Todsünde folgt aus dem Unterschied in der Unordnung, die die Art der Sünde ausmacht. Denn diese Unordnung gibt es in zweifacher Weise: eine besteht im Abweichen vom ordnenden Prinzip; die andere, bei der das ordnende Prinzip erhalten bleibt, bewirkt eine Unordnung in den Dingen, die den Prinzipien folgen. So tritt im Körper eines Tieres manchmal eine umfassende Unordnung auf, die bis zur Zerstörung des lebenswichtigen Prinzips führt, und diese führt zum Tod; manchmal aber, wobei das Lebensprinzip gewahrt bleibt, tritt eine gewisse Unordnung in den Körpersäften auf, und dann kommt eine Krankheit. Das Prinzip aber der ganzen Ordnung der moralischen Dinge ist das letzte Ziel, das zu den Handlungen im selben Verhältnis steht wie das unmittelbar gewisse (?) Ziel in spekulativen Dingen, wie in VII Ethic. gesagt wird. Somit ist, wenn die Seele durch die Sünde in Unordnung fällt bis hin zur Abwendung von ihrem letzten Ziel, nämlich Gott, mit dem sie durch die Liebe geeint ist, da Todsünde; wenn sie jedoch in Unordnung fällt ohne Abwendung von Gott, dann ist da lässliche Sünde. So wie nämlich im Körper die tödliche Unordnung, die durch die Beseitigung des Lebensprinzips entsteht, naturgemäß irreparabel ist, die Unordnung einer Krankheit aber repariert werden kann, weil das Lebensprinzip gewahrt bleibt, so steht es mit den Dingen, die die Seele angehen. Denn auch in spekulativen Dingen kann derjenige, der bei den Prinzipien irrt, nicht überzeugt werden, wer aber irrt und dabei die Prinzipien bewahrt, kann durch diese Prinzipien [zur Wahrheit] zurückgebracht werden.“ (Summa Theologiae II/I 72,5)

An einer anderen Stelle schreibt er: „Die Objekte von Akten aber sind deren Ziele, wie aus dem oben Gesagten klar ist. Und deshalb richtet sich der Unterschied der Schwere von Sünden nach dem Unterschied ihrer Objekte. So ist es klar, dass äußerliche Gegenstände auf den Menschen als ihr Ziel ausgerichtet sind; der Mensch aber ist darüber hinaus auf Gott als sein Ziel ausgerichtet. Somit ist eine Sünde, bei der es um die Substanz des Menschen selbst geht, wie Mord, eine schwerere Sünde als eine, bei der es um äußerliche Dinge geht, wie Diebstahl; und fernerhin ist eine noch schwerere Sünde die, die direkt gegen Gott begangen wird, wie Unglaube, Blasphemie und dergleichen.“ (Summa Theologiae II/I 73,3)

An einer wieder anderen Stelle schreibt er über den Unterschied zwischen Todsünde und lässlicher Sünde, die Todsünde verstoße direkt gegen ein Gebot, die lässliche Sünde „non est contra praeceptum, sed praeter praeceptum“, d. h. sie stehe nicht gegen das Gebot, sondern gehe eher an ihm vorbei – man handelt nicht nach dem Prinzip der Gottes- und Nächstenliebe, verstößt aber auch nicht ganz direkt gegen es. (Summa Theologiae II/II 105,1)

Das ist natürlich immer noch etwas schwammig in den Einzelheiten; und fraglich bleibt bei solchen Definitionen auch oft, wo man die „mittelschweren“ Sünden einordnen soll. Sagen wir mal:

  • Leichte Körperverletzung bei einer Prügelei unter Bekannten, die sich dann wieder versöhnen
  • Einnahme der harmloseren Drogen (z. B. Marihuana), in einem Staat, wo das legal ist
  • Längerfristig aufrecht erhaltene Feindseligkeiten und Streitereien innerhalb der Familie
  • Gelegentliche Flirts mit der Sekretärin, weil die Ehe gerade in einer Krise ist, ohne die Absicht, weiterzugehen
  • Gewohnheitsmäßiges Lügen, z. B. weil man unangenehme Tatsachen über sich selbst nicht zugeben will, aber ohne dass damit Schaden für andere angerichtet wird
  • Ladendiebstahl (Waren von geringem Wert)

Wo genau liegt die Grenze, z. B. im Bereich des Diebstahls, zwischen lässlicher und schwerwiegender Materie? Sicher kommt es auf den angerichteten Schaden beim Bestohlenen an (objektiv: Wie teuer war das Gestohlene? subjektiv: Wie sehr leidet der Bestohlene unter dem Verlust?), auf das Motiv des Diebs (Druck von anderen, Mutprobe, keine Lust, sein Geld auszugeben?), ob er so etwas gewohnheitsmäßig, vielleicht sogar gewerbsmäßig, tut oder nicht, etc. Und sicher kann man da nicht immer eine eindeutige Linie ziehen. Dazu spielen zu viele Faktoren hinein; es gibt Fälle, in denen eine Sünde nicht eindeutig schwer oder lässlich, sondern zweifelhaft schwer ist. Hier könnte man vielleicht wieder den Vergleich mit Krankheiten heranziehen: Manche Krankheiten sind gefährlich, aber nicht in jedem Fall tödlich. Ab wann im einzelnen Fall das wirkliche Nein zum Guten da ist, ist nicht immer ganz eindeutig – aber irgendwann ist es da, so wie bei Krankheiten irgendwann der Tod eintritt, auch wenn man nicht immer voraussehen kann, ob eine bestimmte schwere, nicht immer tödliche Krankheit unter diesen Umständen bei diesem Menschen tödlich enden wird.

Dann wären da auch noch zwei bestimmte Kategorien da, bei denen die Bestimmung oft schwierig ist: Die Unterlassungssünden und die Gedankensünden.

In der Rede vom Weltgericht fokussiert Jesus sich auf die Unterlassungssünden: „Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,41-46) Ab wann wird eine Unterlassung, eine Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit, also zur schweren Sünde?

Anders ausgedrückt könnte diese Frage lauten: Welche Pflichten hat der Einzelne – je nach seinen Möglichkeiten –, die unter schwerer Sünde verpflichten? Hier kann man wieder auf die Zehn Gebote und andere Texte schauen, die Pflichten gegenüber Gott einerseits und dem Nächsten andererseits festschreiben. Der „Nächste“ kann im Grunde genommen jeder werden, mit dem man zufällig zu tun hat, auch ein Fremder (s. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter), aber je enger die Beziehung, desto größer in der Regel die Verpflichtungen; deshalb wird auch im vierten Gebot die familiäre Beziehung besonders hervorgehoben. Seine Kinder oder alten Eltern muss man persönlich versorgen; wenn es um Obdachlose in der Innenstadt oder um hungernde Menschen in der Dritten Welt geht, denen man mit Geldspenden helfen könnte, kann man sich im Grunde aussuchen, wem von vielen Bedürftigen man hilft, und ab einem gewissen Grad auch, in welchem Maße (schließlich könnte man sich immer irgendwann sagen „wenn ich mir jetzt nicht noch eine Tasse Kaffee kaufen würde, könnte ich noch ein paar Euro mehr für verfolgte Christen spenden“). Hier gibt es wieder Graubereiche. Es kommt also einerseits darauf an, wie nahe einem jemand steht; und auf der anderen Seite natürlich auch darauf, wie dringend dessen Bedürfnis nach Hilfe ist (z. B. braucht jemand, der in der Straßenbahn zusammenbricht, sofort dringend Hilfe).

[Bei Unterlassungssünden muss man übrigens auch beachten, dass das physisch oder moralisch Unmögliche grundsätzlich nicht verpflichtet. Physisch unmöglich: Ich liege schwer krank im Bett und kann deshalb nicht in die Kirche gehen. Moralisch unmöglich: Ich bin zwar nicht so krank, dass ich es nicht schaffen würde, mich in die Kirche zu schleppen, aber mit meinem Fieber etc. wäre es besser für mich, mich auszuruhen, und außerdem will ich niemanden anstecken, gerade, wenn die vielleicht ein geschwächtes Immunsystem haben. Ein positives Gebot (du sollst etwas tun, z. B. sonntags in die Kirche gehen) unterscheidet sich in dieser Hinsicht von einem negativen (du sollst etwas nicht tun, z. B. unschuldige Menschen nicht direkt töten); letzteres kann immer eingehalten werden, ersteres nur, wenn man dazu die Fähigkeit, die Gelegenheit, die Mittel hat.]

Und dann wären da eben noch die Gedankensünden. In der Bergpredigt sagt Jesus: „Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Matthäus 5,28)  Ab wann werden Gedankensünden schwerwiegend? Karl Hörmann schreibt im „Lexikon der christlichen Moral“ (1976) zu Gedankensünden im Allgemeinen:

„3. Weil die S. wesentl. durch die innere Entscheidung begründet wird, gibt es rein innere S.n, denen kein äußerer Vollzug folgt. ‚Der böse Wille schon für sich allein ist sündhaft, auch wenn es nicht zur Tat kommt, das ist, wenn jemand nicht die Macht hat’ (Augustinus, De spir. et litt. 31,54; PL 44,235; vgl. D 1680 1707 2113). a) Die Begierde nach einem dem sittl. Gesetz widersprechenden Verhalten (sinnl. Regung) macht den Menschen nicht schon zum Sünder, wenn sie vor seiner Entscheidung von selbst auftritt, sondern erst, wenn er sie frei weckt od. bejaht. Diese Begierde, die ‚aus verkehrtem Willen entsteht’ (Augustinus, Conf. VIII 5,10; PL 32,753), ist durch die beiden letzten Gebote des Dekalogs als S. kenntl. gemacht (Ex 20,17; Dtn 5,12). b) Eine Bejahung der S. liegt auch in der Freude, dem überlegten Wohlgefallen an eigener od. fremder geschehener S., u. im freien wohlgefälligen Verweilen dabei. Wer noch dazu mit einer begangenen S. vor anderen prahlt, verfehlt sich auch gegen diese (vgl. Ärgernis).“ Daraus wird freilich noch nicht klar, wann genau das bewusste Phantasieren über eine Sünde oder das Planen dieser Sünde schwer sündhaft ist – beides kann es sein, und dabei kommt wohl hauptsächlich darauf an, ob diese Sünde selber schwer wäre, und dann darauf, ob der Gedanke flüchtig oder ernsthaft ist, oder ob man ihn schnell wieder verwirft oder ihn länger im Kopf behält. Wenn man sich ausführlich ausmalt, sich z. B. an jemandem zu rächen, kann das sehr wohl eine schwere Sünde sein; wenn man sich bei dem freudigen, aber noch eher halbherzigen Gedanken an so etwas ertappt und sich nach ein paar Sekunden zusammenreißt und seine Gedanken woanders hin lenkt, ist es eher eine lässliche. (Wenn einem der Gedanke in den Kopf kommen würde, ohne dass man ihn hervorgerufen hätte, und man nichts tun würde, um ihn dazubehalten, wäre es gar keine Sünde.)

Ich habe schon mal geschrieben, dass ich wegen solcher praktischer Fragen mit der heute allgegenwärtigen Abneigung gegen die sog. „Kasuistik“ (moralische Fallanalyse) nichts anfangen kann; an älteren, vor dem 2. Vatikanum herausgegebenen Moraltheologiebüchern (von denen ich nur eins besitze, eines aus den 50ern) ist das Praktische, dass die Autoren bei jedem Punkt ihre Meinung dazu sagen, welche schwerwiegenden Verpflichtungen oder möglichen Sünden es hier gebe. Die muss vielleicht nicht immer in jeder Einzelheit richtig sein; aber jedenfalls gehen sie die Frage an.

Das „Lexikon der christlichen Moral“ schreibt übrigens beim Stichwort Sünde zur schweren Sünde (Hervorhebungen von mir): „Im allg. aber ist eine ganzpersonale Entscheidung gegen Gott nur in Dingen mögl., die ihrer Beschaffenheit nach für die Verwirklichung der sittl. Ordnung (der Liebe) wichtig sind (materia gravis ); wer ihre Bedeutung erfaßt hat u. sich frei für sie entscheidet, kommt um schwere S. nicht herum. Was dazu zählt, kann der Mensch durch eigene Überlegung, mit Hilfe der Hl. Schrift (S.n, die als todeswürdig bezeichnet werden, wie Götzendienst, Zauberei u. Gotteslästerung – Lev 20,2; 22,17; 24,11-16; Auflehnung gegen die Eltern – Lev 20,9; Menschenraub – Ex 21,16; verschiedene Unzucht-S.n – Lev 18,29; die ‚himmelschreienden’ S.n Mord – Gen 4,10; 2 Makk 8,3, Sodomie – Gen 18,20 f; 19,13, Bedrückung von Hilflosen – Ex 3,7; 22,21 f, Vorenthaltung des verdienten Arbeitslohnes – Dtn 24,14 f; Jak 5,4; die verhängnisvolle Grund-S. wider den Hl. Geist – Mk 3,28 f; Lk 12,10, näml. der verstockte Unglaube, das Nichthören- u. Nichtannehmenwollen des Rufes Gottes in Christus – Jes 6,9 f; Mk 4,12; 8,18; Lk 10,13-15; 11,32; Joh 8,21; 9,39-41; 12,37-40; 16,9; Apg 28,23-28; Röm 11,8; 2 Thess 2,10-12; S.n, die vom Reich Gottes ausschließen – 1 Kor 6,9 f; Gal 5,19-21; Offb 21,27; 22,15; D 1544 1577), mit Hilfe der Lehre der Kirchenväter u. der Theologen u. durch Beachtung der Lehre u. der Praxis der Kirche (was die Kirche z.B. mit Strafe bedroht, sieht sie als schwere S. an; vgl. CICc. 2218 § 2; c. 2242 § 1) feststellen.

 Letztlich ist das wohl für die Praxis entscheidend: Wenn etwas schwere Sünde ist, muss die Kirche, und i. d. R. auch schon die Bibel, irgendwann schon mal etwas dazu gesagt haben. Wenn die Zehn Gebote da noch nicht ganz klar sind, dann wohl die Propheten, Jesus, Paulus oder der Katechismus. Was nirgendwo als schwer genug erachtet wurde, um ausdrücklich so genannt zu werden, kann nicht so schwer sein. Ja, es wird dann auch nicht immer ganz eindeutig – gerade bei so allgemeinen Geboten wie „Ehre Vater und Mutter“. Aber es gibt immerhin gewisse Richtlinien.

Aber ich könnte ja noch mehr tun

Ich habe hier schon öfter über das Thema Skrupulosität geschrieben, also eine Zwangsstörung im religiösen Bereich, die sich bei Katholiken z. B. darin äußert, dass man bei jeder Gelegenheit fürchtet, eine (schwere) Sünde begangen zu haben, dann ständig zur Beichte geht, um diese Furcht loszuwerden, dann fürchtet, dass die Beichte nicht gültig war, weil man die Sünde vielleicht nicht detailliert genug beschrieben hat, weshalb man nicht wagt, zur Kommunion zu gehen, sondern lieber bei der nächsten Beichtgelegenheit wieder am Beichtstuhl auftaucht, um das Bekenntnis zu wiederholen… Usw. usf.

Eine Schwierigkeit für Skrupulanten ist es immer, zu bewerten, ob eine Tat oder eine Unterlassung, eine Äußerung oder ein Gedanke, wirklich eine Sünde war, und wenn ja, ob schwer oder lässlich. Da tauchen hunderttausend Gedanken und Zweifel auf und das Gedankenkarussell dreht sich und dreht sich. Was, wenn ich daran hätte denken müssen, was, wenn ich mir hier nur etwas vormache… Manchmal wird die Sache leichter, wenn man sich etwas Wissen darüber angelesen hat, was die Kirche als schwere Sünden bewertet und was nicht, und wenn man das Prinzip beachtet, dass man, vor allem als Skrupulant, Zweifel ignorieren sollte (d. h. zweifelhafte Verpflichtungen oder Verbote sind nicht bindend; zweifelhaft schwere Sünden sollte man nicht als schwere Sünden zählen, sie müssen nicht gebeichtet werden).

Die wirklich hinterlistigen Gedanken, die einem kommen können, sind aber die der Art: Okay, ich habe keine offensichtliche Sünde begangen – aber ich könnte in meinem Leben mehr tun.

Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich mehr für Ihn tun – mehr beten, mehr in der Bibel lesen, mehr spenden… Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich Ihm alles andere unterordnen, aber anscheinend tue ich das nicht. Also liebe ich Gott nicht wirklich, also habe ich gegen das Gebot der Gottesliebe verstoßen, auf dem alles aufbaut. („Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22,37-40)) Also mache ich vom Ansatz her alles falsch und komme wahrscheinlich sowieso in die Hölle.

Ein paar Beispiele für solche Gedanken:

  • Mir ist der Gedanke in den Kopf geploppt, dass ich in der Fastenzeit nicht nur auf Schokolade und Alkohol, sondern auch auf Kaffee, Zucker, Kuchen, Fleisch und am besten überhaupt alle tierischen Produkte verzichten könnte. Immerhin haben diese und jene Heiligen da auch streng gefastet und überhaupt, früher waren die Fastenregeln ja auch strenger. Und wenn ich diese Eingebung, die ja bestimmt von Gott kommt, jetzt zurückweisen würde, würde ich wohl sündigen.
  • Ich habe von dem und dem Heiligen gelesen, der einen Bußgürtel getragen oder Selbstgeißelung betrieben hat. Vielleicht sollte ich das auch tun. Das muss ein Zeichen sein, dass ich auf diese Geschichte gestoßen bin. Ich weiß, heute betreiben die Leute diese Bußübungen nicht mehr so, aber das haben Heilige getan, und wir sollten in unserer glaubensfernen Zeit ja wohl wieder mehr nach Heiligkeit streben, also gucke ich lieber mal, wo ich ein zu enges Armband herkriege, das mir in die Haut schneidet. Oder so.
  • Ich wollte heute Abend eigentlich entspannen und eine Serie auf Netflix anschauen, aber mir ist der Gedanke gekommen, dass ich stattdessen auch den Rosenkranz beten könnte. Der Rosenkranz ist eine wertvollere Verwendung meiner Zeit als Netflix, also wäre Netflix jetzt sündhaft.
  • Ich habe in den kommenden Wochen eigentlich nicht viel Zeit, weil ich für ein wichtiges Examen lernen muss, aber die Pastoralreferentin hat mich gefragt, ob ich bei einem größeren Projekt in der Pfarrei helfen könnte, und wenn ich das Gebot der Nächstenliebe wirklich ernst nehmen würde, in der Kirche helfen und einen positiven Einfluss in der Pfarrei ausüben wollen würde, würde ich zusagen. Ich müsste mir dann halt irgendwie die Zeit freischaufeln.
  • Ich habe vier Kinder und habe das Gefühl, dass das für mich und meinen Mann langsam genug ist – aber muss man nicht einen guten Grund haben, um NFP zu verwenden und weitere Kinder zu vermeiden? Wenn ich wirklich offen für das Leben wäre, würde ich auch noch ein fünftes Kind in unserer Familie willkommen heißen. Schließlich sind Kinder ein Segen, und wenn ich Kinder wirklich lieben würde, würde ich einer weiteren Schwangerschaft und der Arbeit mit einem weiteren Kind auch nicht aus dem Weg gehen wollen.
  • Ich könnte ja mehr für den Glauben eintreten. Sollen wir nicht alle für unseren Glauben eintreten und andere Menschen zu Gott führen? Sollte ich vielleicht meinen Arbeitskollegen von Gott erzählen? Oder meine Verwandten dazu zu bewegen versuchen, wieder in die Kirche zu gehen? Vielleicht sollte ich meinen Glauben irgendwie deutlicher zeigen…

Kurz gesagt: Ich könnte mehr tun. Wenn ich Gott und den Nächsten wirklich lieben würde, würde ich auch täglich zur Messe gehen oder den Rosenkranz beten, oder jeden Freitag bei Wasser und Brot fasten, oder beim Kindermusical, beim Altenheim-Besuchsdienst und beim Kochen mit Flüchtlingen mithelfen. Ich wäre nicht so bequem, würde nicht an Kaffee und Donuts und Ausschlafen am Samstag hängen. Ich würde wirklich was tun. Ich wäre so wie die Heiligen. Aber ich liebe nicht wirklich.

Hier stecken mehrere Denkfehler drin:

1) Das Bessere wird als der Feind des Guten hingestellt.

Dabei ist es das nicht. Es gibt viele legitime Wege im Leben – manche sind gut, und manche sind besser, aber alle sind legitim. Es mag besser sein, auch in Werktagsmessen zu gehen statt nur in die Sonntagsmesse, aber es ist schon gut, in die Sonntagsmesse zu gehen, nicht schlecht. Es mag besser sein, in der Fastenzeit auf Alkohol und Süßigkeiten zu verzichten statt nur auf Alkohol, aber auch der bloße Verzicht auf Alkohol ist gut. Etwas Gutes wird nicht dadurch schlecht, dass es etwas noch Besseres gäbe. Das ist ein uraltes katholisches Prinzip. Das gottgeweihte Leben, z. B. in einem Orden, wurde in der Kirche immer als eine höhere, bessere Berufung als die Ehe angesehen, aber deswegen ist die Ehe trotzdem gut, und notwendig, und die Berufung sehr vieler Christen.

2) Man verausgabt sich, wenn man immer nach dem noch Besseren sucht.

Wenn man den bestmöglichen Weg finden will, begibt man sich auf eine aussichtslose und frustrierende Suche, die einen manchmal auch daran hindern kann, sich auf das Gute zu konzentrieren, das man schon hat. Sagen wir mal, man verzichtet in der Fastenzeit statt wie bisher auf Süßigkeiten und Gebäck auf Kaffee und Frühstück am Morgen, und als Resultat ist man jeden Morgen gestresst und müde und zickig zur Familie. So wird das Gute beeinträchtigt, weil man unbedingt das Bessere suchen musste.

3) Es ist ein logischer Fehlschluss, anzunehmen, dass das Unangenehme immer das moralisch Bessere wäre. Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen; das eigentliche Ziel aller Seiner Gebote ist das wahre Glück des Menschen. Sicher kann das auch mal heißen, gewisse Nachteile oder Mühen auf sich zu nehmen, die sich langfristig auszahlen, und manchmal wird das Tun des Guten einen in diesem Leben aufgrund der Umstände oder des Verhaltens anderer Menschen nicht gerade glücklich machen – da müsste man bloß mal die im Priesterblock in Dachau inhaftierten Priester fragen – aber Gott legt es nicht darauf an, uns mit seinen Regeln zu quälen. Wenn wir ein bequemes Leben haben sollten, muss das nicht heißen, dass wir etwas falsch machen. Um auf eins der Beispiele von oben zurückzukommen: Es ist eben nicht falsch, kein fünftes Kind mehr zu bekommen, wenn es der Familie so mit vier Kindern soweit gut geht. Wieso sollte es einem nicht gut gehen dürfen?

Fasten etc. ist eine hin und wieder sehr wertvolle Übung, um sich daran zu gewöhnen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, aber die Welt und alles in ihr, was man genießen kann, ist nicht schlecht. Wir sind keine Gnostiker oder Manichäer.

4) Nur weil ein Gedanke da ist, heißt das noch nicht, dass er der Realität entspricht. Nur weil mir der Gedanke an strenges Fasten in den Kopf kommt, und dann der Gedanke, dass das eine Eingebung von Gott gewesen sein könnte, muss es noch lange keine solche Eingebung gewesen sein. Gedanken kommen und gehen. Man hat diese Assoziation, dann jene, dann schwirrt einem dieser Gedanke in den Kopf… Zwangskranke leiden oft an einer Art „magischem Denken“ – weil mir der Gedanke gekommen ist, dass meine Eltern auf der Heimfahrt von den Verwandten einen Unfall haben könnten, entspricht dieser Gedanke auch der Realität, und ich muss sofort einen Rosenkranz beten, um die Gefahr abzuwenden, und wenn sie heil ankommen, dann zeigt das, dass es funktioniert hat. Man lädt alles und jedes mit einer Bedeutung auf, die es wahrscheinlich gar nicht hat.

5) WAS NICHT GEBOTEN IST, IST NICHT GEBOTEN. PUNKT.

Die einzelnen Gebote bauen auf dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe auf; aber dieses Doppelgebot sollte nicht dazu dienen, sie zu umgehen und noch weitere Gebote aufzustellen, wo es keine gibt. Die „Wenn ich wirklich lieben würde…“-Argumentation ist Unsinn.

Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae (II/II 184,2 ; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS184.html#SSQ184OUTP1 ) von den unterschiedlichen Formen der Vollkommenheit, die dem Menschen in diesem Leben und dem zukünftigen möglich sind. Die unterste Form, die jedem Menschen in diesem Leben schon möglich ist, besteht laut Thomas darin, alles aus dem Weg zu räumen, was der Liebe direkt entgegensteht, d. h. Todsünden. Das klingt ein bisschen nach „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt“ – was aber nicht ganz stimmt, wenn man bedenkt, dass Todsünden auch Unterlassungssünden sein können; dazu, Todsünden zu vermeiden, wird also auch gehören, bestimmte Dinge zu tun (z. B. die zentralen Pflichten gegenüber der Familie zu erfüllen). Die Liebe wird also zunächst mal dadurch verwirklicht, dass man Gottes Gebote hält – „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ (Johannes 14,21) – und Gott sagt uns ganz klar, was seine Gebote sind; Er bürdet uns nicht die unmögliche Aufgabe auf, herauszufinden, was wir tun sollten, wenn wir wirklich-ganz-ehrlich-so-richtig lieben würden und so richtig gute Christen wären. Es gibt genug wahre Gebote; was den Rest des Lebens angeht, lässt Er uns auch Freiheit.

Think about it: Wir würden es als Zeichen nehmen, dass Eltern ihr Kind nicht lieben, wenn sie es vernachlässigen oder misshandeln würden, aber man könnte nicht sagen, dass sie es nicht lieben würden, nur weil sie nicht ihr Allermöglichstes täten, um es auf die beste Privatschule zu schicken und für seine maßgeschneiderte Förderung zu sorgen. Es ist natürlich nicht schlecht, wenn einige Eltern ganz besonders viel für ihr Kind tun, aber deswegen könnte man andere Eltern nicht allesamt in die Reihe der schlechten Eltern einreihen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Etwas, das keine Todsünde ist, ist keine Todsünde, und kann einen nicht in die Hölle bringen, ebensowenig, wie das Jugendamt Eltern ihr Kind wegnehmen würde, weil sie sich nicht im Elternbeirat engagieren.

In der Moraltheologie unterschied man früher gerne zwischen den gebotenen Werken und den sog. „Werken der Übergebühr“ oder „supererogatorischen Werken“, die nicht geboten, sondern höchstens empfohlen sind. Es ist löblich, mehr zu tun, als verlangt ist – aber man ist kein schlechter Mensch, wenn man es nicht tut.

6) Zudem sollten wir uns nicht durch Angstgedanken dazu treiben lassen, solche Werke der Übergebühr zu tun, um nur ja nichts falsch zu machen. Sie sollten im Idealfall einer anderen Motivation entspringen. Man sollte sich in Freiheit dafür entscheiden.

7) Wenn man also ein „Werk der Übergebühr“ tun möchte (in Freiheit), muss man im Hinterkopf behalten, dass man sie nie alle tun kann, und sie auch nicht alle tun muss. Zum Beispiel könnte man sich entscheiden, in der Fastenzeit auf Süßigkeiten, Alkohol und Fleisch zu verzichten, dafür aber am Dienstagabend weiterhin Netflix schauen, statt in die Werktagsmesse zu gehen. Oder man könnte jeden Sonntag den Rosenkranz beten, die Novene, auf die man letztens gestoßen ist, aber links liegen lassen. Es gibt viele legitime Möglichkeiten.

8) Das ganze Grübeln lähmt einen letztlich nur, was auch nicht zu größerer Tugendhaftigkeit beiträgt.

Father William Doyle: Skrupel und ihre Behandlung

Aus: Father William Doyle SJ (1873-1917), „Scruples and their treatment“. Übersetzung von mir. Der zitierte Text ist nur ein kleiner Auszug aus Father Doyles Werk, das man hier (https://fatherdoyle.com/writings/) herunterladen kann. Sehr zu empfehlen!

 

„Generelle Überlegungen

Definition.

Skrupulosität ist generell eine unbegründete Angst davor, Sünden zu begehen.

Es gibt zwei Arten von Skrupeln: solche, die nur den Intellekt betreffen; solche, die auch die Empfindungen betreffen.

Rein intellektuelle Skrupel sind wirklich nur Zweifel. Man trifft sie vor allem bei aufrichtigen Seelen, die Selbstkontrolle ausüben und nicht gewohnheitsmäßig skrupulös sind. Sobald diese Seelen sich also moralisch sicher sind, dass der fragliche Akt nicht sündhaft ist, verschwindet der Skrupel. Diese Art von Skrupel ist harmlos,und muss nicht behandelt werden.

Das Gegenteil ist der Fall bei Skrupeln, die den niedrigeren Teil der Seele befallen (die Empfindungen). Durch den starken Eindruck auf die Sinne üben diese eine Macht aus, die der reinen Feststellung von Tatsachen widersteht. Solche Skrupel betreffen vor allem leicht beeindruckbare Seelen; tatsächlich ist es ihre emotionale Natur, die Skrupulosität erzeugt. Eine praktische Definition dieser Art von Skrupel wäre: eine unruhige, unbegründete Furcht, Sünde zu begehen, gesteigert durch die Eindrücke auf den niedrigeren Teil der Seele.

Ein Beispiel mag helfen, diese unterschiedlichen Arten von Skrupeln klar zu machen. Zwei Personen verlassen am Sonntagmorgen die Kirche, wobei sie fürchten, dass sie wegen ihrer vielen Ablenkungen nicht ihrer Verpflichtung nachgekommen sind, die Messe zu hören. Nachdem er ihre Zweifel angehört hat, beruhigt ihr Beichtvater sie beide. Allerdings ist nur eine gänzlich zufrieden. Die andere wird bald wieder unruhig, wird nervös, und fühlt einen fast unwiderstehlichen Drang, sich ganz sicher zu sein, entweder durch eine vollständigere Erklärung, oder dadurch, eine weitere Messe zu hören. Die erste dieser Personen hatte nur einen intellektuellen Skrupel, die harmlose Furcht einer treuen Seele; die zweite leidet an nervöser Furcht, die den empfindenden Teil der Seele aufwühlt, und einen wirklichen Skrupel verursacht.

[…]

 

Tödliche Effekte der Skrupulosität.

Skrupulosität deformiert das moralische Urteil vollkommen. Sie nimmt einem den gesunden Menschenverstand.

Sie hält ein Vergrößerungsglas vor das Auge des Gewissens, das den kleinsten Anlass zur Sorge groß macht, und lässt eine furchtsame Seele tausend Phantomsünden sehen, während sie sie durch falsche Schlussfolgerungen davon zu überzeugen versucht, dass diese unzweifelhafte Fehler sind.

Skrupulosität blockiert allen Fortschritt hin zur Vollkommenheit

Es ist eine fundamentale Wahrheit, dass wir Gott nicht lieben können, wenn wir nicht an Seine Liebe zu uns glauben. Skrupulosität unterdrückt einen solchen Glauben vollständig, und lähmt daher jede großzügige Anstrengung. Zu jedem Moment schafft sie Probleme zwischen der Seele und ihrem Schöpfer durch pessimistische Gefühle in Bezug auf die Vergangenheit und die gegenwärtigen Dispositionen und Handlungen [der Seele]. […]

Bald wird die Seele, die sich ernsthaft in einem schlechten Zustand glaubt, entmutigt, und beginnt oft, wirkliche Sünde zu begehen.

Auch wenn aus Skrupeln keine Sünde folgt, hemmt die Skrupulosität dennoch den Fortschritt der Seele auf verschiedenen anderen Wegen. Sie lässt das Gebet als voll von Schwierigkeiten erscheinen. Sie macht die Ohren der armen niedergedrückten Seele taub für die tröstende Stimme des Heiligen Geistes. Sie zerstört die Zuversicht. Sie verhindert den häufigen Empfang der Sakramente, und blockiert so ihre stärkenden Effekte. Sie nimmt fast die Kraft weg, Versuchungen zu widerstehen. Sie verursacht Entmutigung, und mag sogar zur Verzweiflung führen.

[…]

 

Spezielle Heilmittel

[…]

1. Zweifel dürfen nicht beachtet werden.

Die skrupulöse Seele darf keine Notiz von ihren Zweifeln nehmen, das heißt, sie muss alle zweifelhaften Gebote, Verbote oder Verpflichtungen, oder Ängste, gesündigt zu haben, bei denen der Grund der Angst zweifelhaft ist, als absolut null und nichtig ansehen.

Mehr als das. Sie muss alle Gebote, Verpflichtungen oder Ängste, gesündigt zu haben, die nicht absolut sicher sind, d. h. so offensichtlich, wie dass zwei und zwei vier ergeben, als zweifelhaft und somit als nicht bindend ansehen.

Wiederum muss sich eine solche Seele in der Beichte als frei ansehen, sich wegen in irgendeiner Weise zweifelhaften schweren Sünde anzuklagen oder nicht anzuklagen.

Auf dieselbe Weise darf sie sich die Anklage wegen schweren Sünden, die vielleicht schon einmal gebeichtet wurden, nicht als eine Verpflichtung aufbürden. Im Gegenteil, sie sollte sich mutig gegen eine solche Beichte stellen.

Des weiteren muss sie davon absehen, eine Beichte zu wiederholen, die vielleicht gut war, oder vielleicht schlecht, welchen Grund auch immer sie haben mag, daran zu zweifeln, dass sie in Ordnung war. Sie soll kein Unbehagen dabei haben, so zu handeln, da die Verpflichtung, diese zweifelhaften Beichten zu wiederholen, in sich selbst zweifelhaft und damit nicht bindend ist.

2. Glaube an die Leichtigkeit der Vergebung

Die skrupulöse Seele muss glauben, dass alle ihre Sünden jedes Mal sofort vergeben werden, wenn sie vollkommene Reue erweckt, oder die Absolution empfängt, selbst mit unvollkommener Reue. ‚Aber‘, mag gefragt werden, ‚wie soll ich sicher sein, dass ich diese Reue habe?‘

Skrupulanten sollen glauben, dass sie die notwendige Reue haben, wenn die Reue aufrichtig erweckt wird. Diese Aufrichtigkeit ist sicher, wenn der feste Vorsatz, nie mehr Todsünden zu begehen, selbst aufrichtig oder frei von Täuschung ist.

Gott wünscht so sehr um die Bekehrung der Sünder, dass Er die Bedingungen, die notwendig zur Vergebung sind, auf ein Minimum reduziert.

Er fragt nur nach dem gewöhnlichsten guten Willen, das heißt, dem einfachsten festen Vorsatz, keine Todsünden zu begehen.“

 

Original:

 

„General Considerations

Definition.

Scrupulosity, in general, is an ill-founded fear of committing sin.

There are two kinds of scruples: those which affect only the intelligence; those which affect also the sensitive will.

– Purely intellectual scruples are really only doubts. They are most frequently met with in straightforward souls, who exercise self-control and are not habitually scrupulous. As soon, therefore, as these souls become morally certain that the act in question is not sinful, the scruple vanishes. This kind of scruple is harmless, and needs no treatment.

– The contrary is the case with scruples which affect the inferior part of the soul (sensitive will). From the strong impression produced on the senses these draw a force which resists the mere statement of facts. Such scruples chiefly afflict impressionable souls; in fact, it is their emotional nature which engenders scrupulosity. A practical definition of this kind of scruple would be: an uneasy, ill-founded fear of committing sin, increased by the impressions made on the inferior part of the soul.

An example may help to make clearer these different kinds of scruples. Two persons leave the church on a Sunday morning, fearing that, owing to their many distractions, they have not complied with their obligation of hearing Mass. Having listened to their doubts, their confessor reassures both. However, one only is entirely satisfied. The other soon becomes troubled again, gets nervous, and feels an almost irresistible longing to be quite sure, either by fuller explanation or by hearing another Mass. The first of these persons had only an intellectual scruple, the harmless fear of a loyal soul; the second suffers from nervous fear, which stirs the sensitive part of the soul, and causes a real scruple.

[…]

 

 

Deadly Effects of Scrupulosity.

Scrupulosity completely deforms the judgment in moral matters. It takes away one’s common sense.

It places before the eye of conscience a magnifying glass, which enlarges the slightest cause of alarm, and makes a timid soul see a thousand phantom sins, whilst by false reasoning it seeks to persuade it that these are undoubted faults.

Scrupulosity stops all progress in perfection.

It is a fundamental truth that we cannot love God unless we believe in His love for us. Scrupulosity completely represses such a belief, and thus paralyses all generous effort.
At every moment it creates trouble between the soul and its Creator by pessimistic feelings about the past, and about its present dispositions and actions. […]

Soon the soul, seriously believing itself to be in a bad way, becomes discouraged, and often begins to commit real sin.

Even though sin does not follow from scruples, scrupulosity, nevertheless, retards the soul’s progress in several other ways. It represents prayer as full of difficulties. It stops the ears of the poor downcast soul to the consoling voice of the Holy Ghost. It destroys confidence. It prevents the frequentation of the Sacraments, and thus stops their strengthening effects. It almost takes away the power of resisting temptation. It causes discouragement, and may even lead to despair.

[…]

 

Particular Remedies.

[…]

1. Doubts must be Ignored.

The scrupulous soul must take no notice of his doubts, that is to say, he must regard as absolutely null and void all doubtful laws, prohibitions or obligations, or any fear of sin, if the motive of the fear be doubtful.

More than this. He must consider as doubtful, and consequently as not binding, all laws, obligations, or fears of having sinned, which are not absolute certainties, i.e., as self-evident as that two and two make four.

Again, in confession, such a soul must consider himself free to accuse or not accuse himself of mortal sin in any way doubtful.

In the same manner he must not impose on himself, as an obligation, the. accusation of mortal sins perhaps already confessed. On the contrary, he should boldly set his face against such a confession.

Furthermore, he must abstain from making a confession over again, which, perhaps, was good, or perhaps bad, whatever reason he may have to doubt of its being all right. Let him have no uneasiness in acting thus, since the obligation of making these doubtful confessions over again is in itself doubtful, and consequently not binding.

2. Belief in the Easiness of Forgiveness.

The scrupulous soul must believe that all his sins are forgiven immediately each time he makes an act of perfect contrition, or receives absolution, even with imperfect contrition.
‚But,‘ it may be asked, ‚how am I to be sure that I have this contrition?‘

The scrupulous may believe they have the necessary contrition when the act of contrition is made with sinerity. This sincerity is assured when the firm purpose of never sinning again mortally is itself sincere or free from deceit.

God so desires the conversion of sinners that He reduces to a minimum the conditions necessary for pardon.

He asks only the most ordinary good will, that is to say, the simplest firm purpose of not sinning mortally.“

 

 

Kommen die Heiden in die Hölle, wenn wir sie nicht missionieren? Pius IX. vs. Leo Bigger vs. Rolf Krüger

„Uns und Euch ist bekannt, daß diejenigen, die an unüberwindlicher Unkenntnis in bezug auf unsere heiligste Religion leiden und die, indem sie das natürliche Gesetz und seine Gebote, die von Gott in die Herzen aller eingemeißelt wurden, gewissenhaft beachten und bereit sind, Gott zu gehorchen, ein sittlich gutes und rechtes Leben führen, durch das Wirken der Kraft des göttlichen Lichtes und der göttlichen Gnade das ewige Leben erlangen können, da Gott, der die Gesinnungen, Herzen, Gedanken und Eigenschaften aller völlig durchschaut, erforscht und erkennt, in seiner höchsten Güte und Milde keineswegs duldet, daß irgendjemand mit ewigen Qualen bestraft werde, der nicht die Strafwürdigkeit einer willentlichen Schuld besitzt.“

(Pius IX., „Quanto conficiamur moerore“, 1863)

 

Gestern bin ich mal wieder auf einen der vielen verschnupften Kommentare vonseiten der liberalen Christen zur MEHR und zum dort vorgestellten Mission Manifest gestoßen; dieser hier stammt von Rolf Krüger (https://www.aufnkaffee.net/2018/01/der-elefant-im-christlichen-raum/). Und er wirft tatsächlich interessante Grundsatzfragen zum Thema Mission auf.

Gleich mal vorweg meine Einstellung zur MEHR und zum Mission Manifest: Ich konnte aus privaten Gründen nicht nach Augsburg fahren, hätte mir die Veranstaltung aber gerne mal angesehen, hab’s geschmacklich nicht soo arg mit Charismatik und Lobpreis, fand Johannes Hartl bei einem Vortrag, bei dem ich ihn schon live erlebt habe, inhaltlich ziemlich gut, und finde es toll, wie das Gebetshaus und die MEHR das ins Zentrum stellen, was zählt. Jesus. Nähe zu Jesus durchs Gebet. Weitergabe des Glaubens an Jesus. Ja, genau, und das heißt Mission – am Mission Manifest kann man sicher an ein paar Details herumkritteln (wollen die wirklich behaupten, dass die Chancen der Mission nie und nirgends größer waren?), aber die Grundrichtung ist doch selbstverständlich für jeden Christen. Natürlich geben wir die frohe Botschaft weiter, die wir empfangen haben. Wenn unsere Vorgängergenerationen das nicht getan hätten, würden wir heute noch Thor oder Jupiter anbeten – und da ist mir Jesus doch lieber.

Rolf Krüger sieht das anders. Ihm geht es um die Verbreitung der Ideen von Liebe, Versöhnung und Überwindung von Gewalt an sich: „Ziel von Mission ist dann nicht ein Religionswechsel, sondern ein Gesinnungswechsel.“ Natürlich ist das Blödsinn – der zudem verkennt, dass Religion und Gesinnung nicht einfach voneinander getrennt werden können (welche Gesinnung schreibt z. B. der Hinduismus gegenüber den unteren Kasten vor?) – , aber Krügers Gründe hören sich in diesem Artikel nicht ganz so blödsinnig an. Er reagiert konkret auf die Erlösungslehre des freikirchlichen Pastors Leo Bigger, der auch auf der MEHR aufgetreten ist (und der übrigens wegen seiner prosperity-gospel-Predigten auch unter Freikirchlern kritisiert wird). Diese Erlösungslehre ist im evangelikalen Bereich ziemlich häufig anzutreffen; Krüger beschreibt Biggers Rede nach der Vorstellung des Mission Manifest folgendermaßen:

„Ziel und Sinn von Mission sei es, die Menschen vor der Hölle zu warnen, der ewigen Strafe Gottes für alle Unbekehrten. Biggers erster ‚eigener Bekehrter‘, so erzählt er stolz, kniete schluchzend auf dem Boden des für ihn unerwartet menschenleeren Band-Proberaums, in der verzweifelten Überzeugung, alle anderen seien entrückt worden und er selbst würde jetzt im ewigen Feuer landen.

Das hatte ihm Bigger nämlich kurz zuvor erzählt und hinzugefügt: ‚Hoffentlich hast du dann noch die Gelegenheit, dich zu Jesus zu bekehren!‘ Also fiel der sich zurückgelassen Geglaubte auf die Knie und bekehrte sich. So fanden ihn Bigger und die anderen Bandmitglieder dann auch, als sie vom Kaffeetrinken zurück kamen.

Eine lustige Geschichte, wenn sie nicht so traurig wäre. Denn sie zeigt: Für einen Teil der Christen ist sogar Angst ein probates Mittel für die Mission. Oder Winkelzüge wie zum Beispiel, mit jemandem nur deshalb freundschaftlichen Kontakt aufzubauen, um irgendwann Gespräche über den Glauben zu führen. […]

Es gibt die geretteten Jesus-Nachfolger, die nach dem Tod in den Himmel zu Gott kommen, und die Verlorenen anderen Menschen, deren Seelen ewig gequält oder ausgelöscht werden. Und deshalb ist es überlebenswichtig für jeden Menschen, von Jesus zu hören und bewusst Christ zu werden.

Mission ist also die Verbreitung der Informationen über Jesus mit dem Ziel, möglichst viele Menschen vor der ewigen Verdammnis zu retten.

Für viele evangelikale Christen funktioniert die Erlösung folgendermaßen: Christus bietet sie an und der Einzelne muss mit dem Glauben auf dieses Angebot antworten (sola fide – Werke zählen nicht!). Dazu muss er an einem bestimmten Punkt seines Lebens die persönliche Entscheidung treffen, sein Leben von nun an Jesus zu übergeben. Das geht am besten mit einem Gebet, das bestimmte Dinge enthalten muss: Ich erkenne an, dass ich ein Sünder bin, dass ich mich nicht selbst retten kann, und dass Jesus gestorben ist, um mich zu retten, und ich lade Ihn ein, „in mein Herz zu kommen“. Oder so ähnlich. Vor allem im amerikanischen Raum finden sich zahlreiche vorformulierte Versionen des „Sinner’s Prayer“. Von da an ist man erlöst und diese Erlösung kann nicht mehr verloren gehen. (Wenn man später doch vom Glauben abfallen sollte, war man nie wirklich erlöst und hat das Gebet damals eben nicht ernst gemeint.) Um die Zugehörigkeit zu Jesus öffentlich zu bezeugen, kann man sich dann noch taufen lassen, aber die Taufe ist nur noch ein zusätzliches Zeichen, das nichts bewirkt. (Eine Säuglingstaufe ist sinnlos.) Alle, die in ihrem Leben keine solche Bekehrung erfahren haben, gehen verloren, denn nur durch Jesus kommt man zu Gott.

Was die „Entrückung“ (englisch „rapture“) angeht, von der der Artikel spricht: Das ist eine relativ neue theologische Idee im evangelikalen Raum, die sich ab dem 19. Jahrhundert ausgebreitet hat; sie gehört zum sog. Dispensationalismus. Knapp gesagt besagt diese Lehre, dass, bevor Christus am Jüngsten Tag wiederkehren wird, eine siebenjährige Zeit der Plagen kommen wird (Dispensationalisten haben detaillierte Zeittafeln erstellt, auf denen steht, wann der Antichrist auftreten wird, wer wann gegen wen Krieg führen wird, welche Verfolgungen und Naturkatastrophen wann kommen werden, und manchmal beobachten sie auch, ob der Antichrist schon dabei sein könnte, sich die Weltherrschaft zu erarbeiten – Obama stand für diesen Posten einmal hoch im Kurs), dass aber vor oder während (da ist man sich nicht ganz einig) der Zeit der Plagen die Christen noch in den Himmel entrückt werden werden, damit ihnen das Schlimmste erspart bleibt. Der Rest der Welt kann sich dann immerhin während der Plagenzeit noch bekehren. Die meisten Dispensationalisten erwarten die Entrückung in naher Zukunft, und aus dieser Idee heraus sind auch Romane wie die „Left Behind“-Reihe entstanden, nach der dann auch Filme gedreht wurden, an denen u. a. Kirk Cameron mitgewirkt hat:

Besonders gut sind die alle nicht.

Jedenfalls, die Einstellung „Schau, dass du dich schnell bekehrst, bevor noch die Entrückung geschieht oder du von einem Bus überrollt wirst“ scheint im evangelikalen Raum relativ präsent zu sein.

Im Katholizismus ist es etwas komplizierter; auch da ist man der Meinung, dass man es nicht aus Desinteresse und moralischer Faulheit aufschieben sollte, über sein Leben und die Wahrheit nachzudenken; auch wenn das „Bekehre dich, ehe es zu spät ist“-Motiv in katholischen Predigten heute eher selten auftaucht, ist es doch ein traditionell katholisches Motiv. Aber: Für uns Katholiken ist das mit der Erlösung komplizierter.

Gott will allen Menschen die Vergebung ihrer Sünden schenken, und die Erlösung geschieht durch die Taufe, die Er als Mittel dafür eingesetzt hat, uns Seine Gnade zu vermitteln. Auch kleine Kinder können schon in den Gottesbund aufgenommen werden; ab dem Alter von sieben Jahren ist eine eigene Entscheidung für die Taufe notwendig; und dazu gehört Reue über die vergangenen Sünden. Man kann das Heil durch schwere Sünden wieder verlieren, was dann Reue und Bekenntnis (Beichte) nötig macht. In diesem Sinne nehmen Taufe und Beichte in der katholischen Kirche einen ähnlichen Stellenwert ein wie bei den Evangelikalen das Sündergebet. Aber: Jemand, der bei seinem Tod nicht getauft oder nach einer Todsünde nicht mehr zur Beichte gekommen ist, kommt eben nicht automatisch in die Hölle. Schon in der Antike gab es das Konzept der „Begierdetaufe“: Von Katechumenen, die sich auf ihre Taufe vorbereitet hatten, aber vorher gestorben waren, nahm man  an, dass Gott ihren Wunsch zur Taufe genauso werten würde wie eine durchgeführte Taufe. „Der Wille zählt fürs Werk.“ Das Gleiche gilt für jemanden, der sagen wir mal, auf dem Weg zur Beichte überfahren wird. Dieses Konzept lässt sich erweitern auf diejenigen Menschen, denen einfach nicht bewusst ist, dass die katholische Taufe zum Heil notwendig ist. Mit anderen Worten: Gott will das Heil aller Menschen und lässt niemanden ohne persönliche schwere Schuld verlorengehen; es kann schwere Schuld sein, wenn einem Wahrheit und Moral egal sind, aber wenn jemand nach der Wahrheit sucht und dabei auf die falsche Fährte gerät, wird der gerechte Gott es ihm selbstverständlich nicht anrechnen. Pius IX. sprach hier von „unüberwindlicher Unwissenheit“, Karl Rahner später von „anonymen Christen“. Manche Leute befinden sich im Zustand dieser Unwissenheit, weil sie gar keine Ahnung vom Christentum haben, andere, weil man ihnen Vorurteile über die Kirche glaubhaft nahegebracht hat, andere vielleicht aus wieder anderen Gründen; im Endeffekt kennt nur Gott das Herz eines jeden Menschen.

Das bedeutet, dass Katholiken nicht ganz so sehr auf Bekehrungen drängen müssen wie Evangelikale, da wir auf Gottes Güte vertrauen dürfen – mit anderen Worten, dass man Menschen z. B. Zeit lassen kann, sich vom katholischen Glauben zu überzeugen. Wieso sollte man Leute drängen, eine Religion anzunehmen, bevor sie sie geprüft haben? Daher auch die von der Kirche vorgeschriebene Vorbereitungszeit vor Erwachsenentaufen. Es bedeutet auch, dass man als Katholik keine solche Dringlichkeit fühlen muss, den Nachbarn auf Gedeih und Verderb zu bekehren, weil der ja ohne eine persönliche Entscheidung für Jesus sicher in der Hölle landen würde; den Katholiken wird kein falsches schlechtes Gewissen wegen ihres mangelnden Einflusses auf andere eingeredet. Es bedeutet, dass Menschen, die sich für das Christentum interessieren, keine Angst vor Gott gemacht wird, damit sie ja jetzt sofort Christ werden – die Geschichte von oben ist wirklich nicht sehr schön, und ich weiß nicht, ob so eine Bekehrung zu einer gesunden Gottesbeziehung führt. Es bedeutet auch, dass interessierte Nichtchristen nicht abgestoßen werden von einem solchen auf Panikmache bauenden Glauben. Das mag ich so am Katholizismus: Es wird nicht geduldet, dass Gottes Gerechtigkeit, Güte und Gnade geschmälert werden.

Hier zeigt sich eben ein Problem bei der Ökumene mit den glaubenseifrigen Freikirchlern: Okay, sie ist nicht immer so anstrengend wie die nervigen offiziellen Termine mit den EKD-lern, aber es gibt doch, na ja, gewisse Differenzen, die einen größeren Unterschied ausmachen, als man auf den ersten Blick meinen würde. Und zwar nicht erst, wo es um Freikirchler geht, die der Meinung sind, dass Katholiken keine Christen sind und der Vatikan die Hure Babylon ist. Ketzer sind se halt alle noch, und wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu nachlässig gegenüber ihren Ketzereien werden.

Aber das alles kann man kaum als Argument gegen Mission hindrehen. Mission bedeutet eben ein Mitteilen der guten Nachricht, der befreienden Wahrheit über den einzigen Gott. Was kann dagegen sprechen, diese Botschaft an möglichst viele Menschen weiterzugeben? „Gott wird jemanden nicht dafür bestrafen, dass die Mission ihn nicht erreicht hat“ ist keine Begründung dafür, die Mission sein zu lassen, genausowenig wie „Du wirst nicht bestraft werden, wenn du wegen einer Krankheit nicht in die Schule kommen konntest“ ein Argument dafür ist, das Schwänzen zu ermutigen und die Anwesenheit nicht mehr zu kontrollieren. (Über den Sinn und Unsinn verschiedener Missionsmethoden kann man sich dann unterhalten…)

Rolf Krüger macht hier eine blödsinnige Dichotomie auf zwischen den Christen, die Mission wollen, weil die Leute sonst alle in die Hölle kommen, und denen, die lieber den respektvollen interreligiösen Dialog pflegen, ohne dabei den Versuch zu unternehmen, jemanden von der Wahrheit ihrer Religion zu überzeugen. Er stellt es so dar, als ob es ersteren um die Rettung des Menschen vor göttlicher Strafe ginge und letzteren um die Rettung des Menschen vor sich selbst (durch die Verbreitung der Idee von Liebe und Vergebung, der „Idee, für die Jesus steht“) – als ob die Hölle nicht gerade das wäre, was der Mensch sich selbst einbrockt und woraus Gott ihn retten will. Dass der Mensch vor sich selbst gerettet werden muss, da sind sich alle einig – Uneinigkeit besteht nur da, wo es drum geht, ob ein Religionswechsel [wenn man um die Wahrheit jener Religion weiß] dafür notwendig ist. Rolf Krüger betrachtet den christlichen Glauben nur als nette, nicht wirklich notwendige Zugabe zu dem eigentlich Wichtigen, und das ist einfach nicht so – erstens mal kann die Wahrheit nie unwichtig sein, zweitens fällt ohne sie die Idee von Liebe und Versöhnung irgendwann auseinander (z. B. wenn Menschen nicht bewusst ist, dass ihre Verbrechen ihnen von Gott vergeben werden können).

 

Wie man das Gehirn überlistet: Nur ein paar unsortierte Gedanken zu Psychopharmaka und Verhaltenstherapie

Ich habe ja hier schon ein paar Mal erwähnt, dass ich mit verschiedenen Ängsten und Zwängen kämpfe, deswegen im Sommer ein paar Wochen in einer Psychosomatischen Klinik war (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/12/bericht-aus-der-irrenanstalt/), und jetzt noch in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung bin. Was mich in den letzten Wochen überrascht hat, ist, wie gut die Therapie mittlerweile vorangeht; das heißt, speziell die „Hausaufgaben“, die ich jede Woche bekomme.

Wahrscheinlich würden sie ohne das Medikament, das ich in der Klinik bekommen habe und seitdem jeden Tag einnehme, nicht so gut funktionieren; ich merke, dass es mein Gehirn ruhiger und klarer werden lässt, und das ist wunderbar. Es macht das Durchdenken der Lage und das Reagieren auf sie in Angstsituationen leichter. Es gibt sicher Leute, die mit überdosierten, süchtig machenden, bei ihnen nicht wirkenden oder mit Nebenwirkungen für sie einhergehenden Psychopharmaka Probleme haben, aber ich persönlich bin inzwischen einfach nur noch dankbar für die Existenz dieser Medikamente. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die Leute heute tendenziell eher zu vorsichtig dabei sind, sie mal auszuprobieren, als dass sie sie sich zu schnell verschreiben lassen. Hat vielleicht mit dieser gewissen modischen Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun, die Leute auch homöopathische Medikamente kaufen und Impfungen ablehnen lässt. Schließlich kann die Schulmedizin ja nicht alles wissen, oder?! Oh, sie weiß immerhin einiges, habe ich gemerkt, und sie auch nicht automatisch gefährlich, weil das ja irgendwas mit „Chemie“ zu tun haben wird. (Wenn ein Spiegelei gebraten wird, hat das übrigens auch was mit Chemie zu tun. Und wenn ein homöopathisches Medikament hergestellt wird, sind da auch chemische Stoffe beteiligt, bei Arnica-Kügelchen etwa Saccharose, auch Haushaltszucker genannt (und sonst nichts). (Aber die Unsinnigkeit der Homöopathie ist ein Thema für ein anderes Mal…)) Also, alles in allem: Klare Empfehlung für Psychopharmaka, wenn man sie braucht! Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie – bitte wirklich – Ihren Arzt oder Apotheker.

Jetzt zur Therapie. Ich tue mir mittlerweile leichter dabei, nicht mehr (so oft) wütend auf mich zu werden, weil ich einfach nur blöd bin und mich bescheuert verhalte und nichts hinkriege, was normale Leute hinkriegen. Vielleicht ist es auch hier einfach das Medikament, das mich ein bisschen ruhiger, müder und gleichgültiger macht, vielleicht ist mein Unterbewusstsein aber auch tatsächlich dabei, was zu kapieren. Jedenfalls funktioniert die Verhaltenstherapie vor allem mit Geduld, und da muss ich eben akzeptieren, dass ich Geduld haben muss. Kleine Schritte. Eine naheliegende, erträgliche Angstsituation angehen, und das jeden oder fast jeden Tag. Nach einer Woche eine kleine Steigerung. Weiter jeden Tag üben. Nach einer Woche die nächste kleine Steigerung. Und ja, ich rede hier von kleinen Sachen, die normale Leute wirklich selbstverständlich jeden Tag hinkriegen. Aber hey – ich darf trotzdem zufrieden sein, wenn ich’s schaffe, wo ich’s vorher nicht geschafft hätte. Wenn man sich dann sagt „Das war ja gar nichts, jetzt schau mal, dass es ordentliche weitere Fortschritte gibt, dann darfst du dir vielleicht irgendwann selber ein ‚Ausreichend‘ geben“, hilft das auch nichts dabei, weiter Fortschritte zu machen. Wenn man die Übungen in kleinen Schritten angeht, tritt jedenfalls irgendwann ein ganz wunderbarer Gewöhnungseffekt ein, den ich zurzeit gerade an mir merke. Wir wissen ja, der Mensch gewöhnt an sich an alles. Was man die letzten sechs Tage lang gemacht hat, verliert schließlich seinen Schrecken.

Wobei das hier auch wieder nicht ganz so einfach ist: Man sollte sich vor der Übung auch selber klarmachen, dass xyz vernünftig betrachtet eigentlich völlig ungefährlich ist, man sich also ruhig dafür entscheiden kann, es zu machen; wenn man sich vorher in Panik hineinsteigert, sich dann doch – eigentlich gegen seinen Willen – von anderen dazu überreden lässt, es zu probieren, und hinterher dann höchstens das Gefühl hat, dass man vielleicht diesmal zufällig gerade noch der Gefahr entronnen ist, wird der Gewöhnungseffekt doch erheblich behindert. Vielleicht kann man hier den Begriff „Autosuggestion“ verwenden, auch wenn ich nicht weiß, ob die Psychologen den dafür hernehmen. Um solche Autosuggestion hinzukriegen, ist es natürlich sinnvoll, sich über die reale Gefährlichkeit der gefürchteten Dinge vorher genau zu informieren. Dann kann man sich nämlich praktisch mit Gewissheit selber einreden, nein, keine Angst, die Wahrscheinlichkeit ist 99,996%, dass nichts passieren wird. Und ja, die 0,004% Restwahrscheinlichkeit muss man einfach aushalten lernen. Absolute Sicherheit wird es nicht geben, da hilft nichts. (Das ist auch eine Wahrheit, die mir die katholische Theologie schon seit Jahren einzuhämmern scheint. Absolute Sicherheit – vor Leid, vor Enttäuschungen durch andere, etc. – kann man sich als Mensch in dieser Welt durch alle Vorsichtsmaßnahmen nicht selbst erarbeiten. Aber Sicherheit ist auch nicht das höchste Gut in dieser Welt oder das Ziel des menschlichen Lebens. (Mann, wie einen die Wahrheit in gewissen Augenblicken ankotzen kann.))

Geduld, kleine Schritte, die man wirklich hinkriegen kann. Regelmäßigkeit, Planung. Autosuggestion, eine eigene Entscheidung treffen, sich der anerkanntermaßen unvernünftigen Angst zu stellen. Restwahrscheinlichkeit aushalten. Alles eigentlich im Prinzip recht simpel. (In der Theorie.)

Ich glaube, ich habe inzwischen auch mehr oder weniger akzeptiert, dass die Ängste auch durch diese Therapie nicht einfach verschwinden werden, sondern dass ich eher Mechanismen lerne, mit ihnen umzugehen, wie die Therapeutin mir klar gemacht hat, und dass manche Dinge immer anstrengend sein werden. Ich erwarte eigentlich auch nicht mehr, irgendwann „ganz normal“, ganz gesund, zu sein, aber ich will das Zeug zumindest einigermaßen unter Kontrolle haben. Und da bin ich mittlerweile optimistischer als etwa noch im Sommer, dass das funktionieren kann. Ich bin jetzt sicher noch nicht so weit, dass ich zufrieden mit dem Ergebnis wäre, aber ich habe gemerkt, dass ich anscheinend tatsächliche, anhaltende Fortschritte machen kann, und nicht immer wieder zurückfalle, wie ich vorher oft das Gefühl hatte. Das ist doch schon mal etwas. Ich hoffe nur, dass es so bleibt. Sicherheit gibt es nicht…

Christen müssen fröhlich sein!

Nein.

Eine der schlimmsten Lügen, die zu Skrupeln neigende Christen belasten können, ist die leider recht weit verbreitete Vorstellung, dass wir Christen grundsätzlich Freude und Glück auszustrahlen hätten – schließlich sind wir erlöst! Gott liebt uns! Unsere Gottesbeziehung sollte sich doch wohl zeigen! (Und willst du nicht auch, dass andere Menschen das Christentum attraktiv finden? Welchen Eindruck hinterlassen wir den Nichtchristen?) Also fühlt man sich schuldig dafür, dass man nicht glücklich ist, und wird dadurch natürlich nicht glücklicher.

Wenn ich ehrlich sein soll, mit ständigem Grinsen und „Mein Leben mit Gott ist so toll!!! #blessed“ hinterlässt man bei manchen Nichtchristen vermutlich sowieso eher den Eindruck, dass das Christentum nichts für diejenigen ist, denen es nicht gut geht und die nicht einfach auf Knopfdruck fröhlich sein können; aber darum geht es hier nicht. Wir sind keine Werbemodels für das Christentum; wir sind Menschen, die eben von dieser Religion überzeugt sind und zu diesem Gott beten und die trotzdem ihr konkretes menschliches Leben mit seinen Höhen und Tiefen haben.

Ja, Gott hilft uns bei unseren Problemen. Ja, Er will uns Trost bringen, wenn es uns schlecht geht. Aber deswegen kann man trotzdem mal legitimerweise unglücklich sein – weil man sich gerade in einer schwierigen Lebenssituation befindet, weil man an einer Depression leidet, whatever. Ein Vergleich: Wenn man eine Krebsdiagnose bekommt, wird eine liebende Familie sicher trösten und helfen und die Situation erträglicher machen und Wege aufzeigen, mit ihr umzugehen, aber sie wird nicht dafür sorgen können, dass man gar nicht mehr entsetzt ist oder Angst hat oder Schmerzen hat. Es wäre blödsinnig, das zu erwarten. Man leidet; und das muss man nicht leugnen. Genauso können wir von Gott logischerweise nicht erwarten, uns in dieser gefallenen Welt vor aller (körperlichen und seelischen) Not zu bewahren.

Es ist schön, wenn wir fröhlich sind; aber Gefühle kann man nicht erzwingen. Gefühle und Gedanken kommen einfach. Sie sind weder Sünden noch Tugenden.

Es gibt einen Unterschied dazwischen, in Selbstmitleid zu schwelgen und anzuerkennen, dass es einem schlecht geht. Wenn es einem schlecht geht, wird die Situation nicht dadurch besser, dass man sich selbst, andere oder Gott anlügt. Wir dürfen auch in unseren Gebeten zu Gott ehrlich sein.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?

Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.

Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.

Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

Wälze die Last auf den HERRN! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat!

Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, der mich anvertraut der Brust meiner Mutter.

Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott.

Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und kein Helfer ist da!

Viele Stiere haben mich umgeben, Büffel von Baschan mich umringt.

Aufgesperrt haben sie gegen mich ihren Rachen, wie ein reißender, brüllender Löwe.

Hingeschüttet bin ich wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder, mein Herz ist geworden wie Wachs, in meinen Eingeweiden zerflossen.

Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.

Denn Hunde haben mich umlagert, eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.

Ich kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und starren mich an.

Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.

Du aber, HERR, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!

Entreiß mein Leben dem Schwert, aus der Gewalt der Hunde mein einziges Gut!

Rette mich vor dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der Büffel! – Du hast mir Antwort gegeben.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.

Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.

Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.

Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.

Alle Enden der Erde sollen daran denken/ und sich zum HERRN bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen.

Denn dem HERRN gehört das Königtum; er herrscht über die Nationen.

Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat,

Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird.

Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.“

(Psalm 22)

Die Psalmisten waren ehrlich. Ebenso Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ betete er am Kreuz.

Luther und die Furchtreue

Zum Reformationstag mal ein Beitrag über eine von Luthers frühen Lehren, die er von anderen spätmittelalterlichen Theologen übernahm und die seinen Weg fort von der katholischen Orthodoxie förderte: Seine Ablehnung der attritio, der sog. Furchtreue.

Dazu der Kontext: Die katholische Theologie unterscheidet zwischen Furchtreue (attritio) und Liebesreue / vollkommener Reue (contritio). Letztere meint eine Reue, die aus wirklicher Liebe zu Gott kommt, mit ersterer ist eine Reue gemeint, die eher aus Furcht vor Gottes Strafe kommt. (Allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun, aber ich will auch nicht in die Hölle kommen, also beichte ich xyz eben“, sondern eher „Ja, ich weiß schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Hauptmotivation, zur Beichte zu gehen, ist im Moment gerade eher Angst vor der Hölle“.) Tatsächlich lehrt die Kirche, dass die Furchtreue in der Beichte für die Vergebung der Sünden genügt. Sie ist nicht ideal; aber sie ist keine Sünde, und sie ist schon mal ein Anfang. Im Katechismus heißt es dazu:

„1451 Unter den Akten des Pönitenten steht die Reue an erster Stelle. Sie ist „der Seelenschmerz und der Abscheu über die begangene Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, fortan nicht zu sündigen“ (K. v. Trient: DS 1676).

1452 Wenn die Reue aus der Liebe zu Gott, der über alles geliebt wird, hervorgeht, wird sie „vollkommene“ oder „Liebesreue“ [contritio] genannt. Eine solche Reue läßt die läßlichen Sünden nach; sie erlangt auch die Vergebung der Todsünden, wenn sie mit dem festen Entschluß verbunden ist, sobald als möglich das sakramentale Bekenntnis nachzuholen [Vgl. K. v. Trient: DS 1677]

1453 Die sogenannte „unvollkommene Reue“ [attritio] ist ebenfalls ein Geschenk Gottes, ein Anstoß des Heiligen Geistes. Sie erwächst aus der Betrachtung der Abscheulichkeit der Sünde oder aus der Furcht vor der ewigen Verdammnis und weiteren Strafen, die dem Sünder drohen [Furchtreue]. Eine solche Erschütterung des Gewissens kann eine innere Entwicklung einleiten, die unter dem Wirken der Gnade durch die sakramentale Lossprechung vollendet wird. Die unvollkommene Reue allein erlangt noch nicht die Vergebung der schweren Sünden; sie disponiert jedoch dazu, sie im Bußsakrament zu erlangen [Vgl. K. v. Trient: DS 1678; 1705].“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P4J.HTM)

Luther war jetzt, zusammen mit anderen Theologen seiner Zeit, der Meinung, dass die Furchtreue eben nie genüge, dass sie schlecht sei. Luther war ja ein eher strenger Mensch, gegen sich selbst und in seiner Theologie; er war schließlich auch gegen den Ablass, weil ihm diese Praxis zu lax war: Damit kommen die Gläubigen ganz einfach um richtige Buße herum. (Zum Ablass und Ablassmissbräuchen an sich ein anderes Mal; ich verweise alle, bei denen da noch Unklarheiten bestehen, erst mal anderswohin zu einer sehr guten Erklärung: https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/07/11/ablass-teil-1-kaputte-fenster-und-martin-luther/) Daher hieß ja auch die erste seiner 95 Thesen: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ usw. [Matth. 4,17], hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ (http://www.luther.de/leben/anschlag/95thesen.html) Eine Geldspende oder ein Gebet genügen nicht; das ganze Leben muss eine Buße sein. Ihr macht es den Gläubigen zu leicht. Und zu den 95 Thesen gehören eben auch diese:

„30. Keiner ist der Echtheit seiner Reue gewiß, viel weniger, ob er völligen Erlaß (der Sündenstrafe) erlangt hat.“

„31. So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablaß, nämlich außerordentlich selten.“

„35. Nicht christlich predigen die, die lehren, daß für die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.“ (Die Übersetzung auf dieser Seite ist schlecht; im lateinischen Original steht für „Reue“ „contritio“, also „Liebesreue“, vgl. http://www.luther.de/95th-lat.html Das kommt davon, wenn man sich nicht mehr mit mittelalterlichen theologischen Fachbegriffen auskennt.)

Das mit der Ablehnung der Furchtreue klingt erstmal nicht so schlecht, oder? Man sollte lieber Gott lieben als Angst haben. Ganz richtig, nur: Wenn man noch Angst hat, ist das keine Sünde. Wenn Gott oder die Engel in der Bibel sprechen „Fürchtet euch nicht“, dann ist das kein Gebot à la „Wenn ihr jetzt noch Angst habt, sündigt ihr“, sondern es ist eine Beruhigung: Ihr braucht keine Angst zu haben. Luther machte sich selbst, der er sehr wohl Angst hatte, Probleme, weil er sich dann nie sicher sein konnte, ob seine Reue in der Beichte genug war, ob sie wirklich Liebesreue war. Und das ist doch ein Teufelskreis: Ich muss Gott lieben, sonst vergibt Er mir nicht, aber diese Liebe darf nicht durch die Angst davor, dass Er mir nicht vergeben wird, motiviert sein. Was ist das Resultat? Ich habe Angst vor Gott. Man sollte wirkliche Reue haben, ja, man sollte sich auch um wirkliche Reue bemühen, wenn man gleichzeitig noch Angst hat, aber Gott nimmt auch unvollkommene Bemühungen an, Er sieht jede Kleinigkeit. „Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Matthäus 10,42)

Ja, die kirchliche Lehre macht es den Menschen gewissermaßen leicht: Gott nimmt unsere Unvollkommenheiten an, wenn wir seine Sakramente empfangen, und kann uns dann auch mit der Zeit zu wirklicher Liebesreue führen. Das ist gut biblisch: Auch der verlorene Sohn im Gleichnis kam zu seinem Vater hauptsächlich deshalb zurück, weil er Hunger hatte, und fand so zur wirklichen Einsicht und Reue.

Was ist zum heutigen Tag sonst noch zu sagen: Na ja, Gebete und Ablässe für Luthers Seelenheil werden ihm vielleicht jetzt eher recht sein als noch zu seinen Lebzeiten. Und viel Spaß für Halloween heute Abend!