Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen

Wie regelmäßige Leser bemerkt haben werden, habe ich diesen Monat bisher ganz ungewöhnlich wenig gepostet – ein Grund war, dass ich vergangene Woche krank war. Deshalb war ich am Sonntag auch nicht in der Messe, die Fernsehmesse habe ich auch nicht gesehen, und die Lesungstexte, die gelesen worden wären, habe ich erst heute nachgeschaut. (Ich bin momentan gerade sehr faul beim Bibellesen, aber wenn ich nicht in die Sonntagsmesse kann, schaue ich zumindest noch die Lesungen der verpassten Messe beim Bibelwerk (https://www.bibelwerk.de/home/sonntagslesungen?show=all) nach.) Ich bin also auch erst heute darauf gestoßen, dass ich einen meiner absoluten Lieblingstexte aus dem Johannesevangelium verpasst habe, nämlich den Anfang von Kapitel 14.

Ich weiß nicht, worauf sich die meisten Predigten des letzten Sonntags konzentriert haben; ich nehme mal an, auf den berühmten Vers 6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Ist ja auch ein sehr schöner Vers, über den sich das Predigen lohnt; aber mich berühren jedes Mal noch sehr viel mehr die Verse 1 und 2, mit denen dieses Evangelium des 5. Sonntags der Osterzeit beginnt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“

Diese Verse stammen aus den Abschiedsreden beim letzten Abendmahl. In Kapitel 13 erzählt das Johannesevangelium von der Fußwaschung, und dann spricht Jesus bis Kapitel 17 im Abendmahlssaal zu seinen Jüngern (d. h. in Kapitel 17 betet Er auch zum Vater). Ich liebe diese Kapitel alle, aber besonders im Gedächtnis geblieben sind mir eben immer diese Worte:

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“

Mein Herz ist leicht verwirrt, und ängstlich, und mutlos. Aber der Vater hält sehr viele Wohnungen bereit, vermutlich auch sehr verschiedene, für jeden eine, und für jeden eine passende. Tja, jetzt wollte ich noch mehr irgendwie Tiefsinniges über diesen Bibeltext schreiben, aber es fällt mir im Moment gar nichts anderes ein als nur immer wieder dieser Satz, der in meinem Kopf herumgeht: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Vielleicht ist damit auch irgendwie schon alles gesagt. Ich nehme nicht an, dass man mich missverstehen wird (jedenfalls dann nicht, wenn man meinen Blog kennt) : Ich predige hier nicht die Apokatastasis. (Hey, wenn man’s schon kann, darf man auch mal seine klugen griechischen Begriffe anbringen.) Aber trotzdem gibt es keinen Grund, sich zu ängstigen. Im Haus des Vaters sind viele Wohnungen bereit.

 

PS: Ich weiß nicht genau, wie oft ich in nächster Zeit zum Bloggen kommen werde; aber ich hoffe, es wird wieder etwas öfter werden. Ein paar weitere Beiträge zur Reihe über die schwierigen Bibelstellen sind in Arbeit; ich habe die Reihe in letzter Zeit vernachlässigt. Die zentralen Themen Tora und Landnahme stehen bald endlich an, und nach einigen weiteren AT-Artikeln werde ich dann auch irgendwann mal noch zum frauenfeindlichen Paulus und zum Lästern des Heiligen Geistes und ähnlichen NT-Stellen kommen. Wie schon mal gesagt: Das Thema reicht für so einige Beiträge.

Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

Ein Problem, das ich mit unserem derzeitigen Papst, wie er manchmal erscheint, oder zumindest mit manchen seiner Anhänger, habe, ist ihre gewissermaßen selektive Barmherzigkeit. (Ich weiß nicht, ob alles oder auch nur ein größerer Teil dessen, was ich in diesem Artikel beschreibe, auf Papst Franziskus persönlich zutrifft, aber es geht mir auch nicht vorrangig um ihn oder irgendeine andere Person, sondern um ein allgemeines Phänomen. Hier also der offizielle Disclaimer: Dieser Artikel hier ist eigentlich nicht als Papstkritik im strengen Sinne gemeint, er kritisiert eher ein Phänomen, das besonders unter dem derzeitigen Papst wieder stärker aufgelebt ist, das aber nicht gerade neu ist.)

Wie gesagt: Selektive Barmherzigkeit. Was ich damit meine, ist Folgendes:

Man redet von Armut, Demut und Barmherzigkeit. Man tritt ganz betont schlicht auf, damit andere sehen, dass man den alten Prunk der Kirchenfürsten verabscheut. Man zeigt sich bestimmten Sünden gegenüber, die in der Welt beliebt sind, barmherzig, nicht verurteilend, manchmal verständnisvoll, manchmal auch verharmlosend. Andere Sünden dagegen verurteilt man mit den schärfsten Worten, die man finden kann. Ersteres sind meistens die Sünden des Fleisches, letzteres bestimmte Sünden des Geistes. Man betont, wie viel Gutes auch in vor- / außerehelichen Beziehungen zu finden sei, während es ja auch Ehen gäbe, in denen keine gute Beziehung zwischen den Partnern bestehe, und man predigt darüber, wie grauenvoll es sei, sich z. B. wegen seines Glaubens für besser als andere Menschen zu halten, oder wie schlimm Heuchelei sei. Die Lieblingsstelle in der Bibel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Besser ein barmherziger Samariter sein als ein gleichgültiger Priester oder Levit; besser ein moralischer Atheist sein als ein heuchlerischer Katholik. Man setzt sich selbst mit dem Heiland gleich, der gegen den Legalismus und die Rigidität der Schriftgelehrten und Pharisäer auftritt und für die Armen, Gebeugten, Ausgestoßenen einsteht.

Und damit tut man – wenn auch vielleicht unbewusst – ganz genau dasselbe wie das, wofür der Heiland die Pharisäer kritisiert hat: Man sichert sich den Beifall der Welt. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Matthäus 6,5)

Ich meine, Leute, bitte: Die ausgestoßenen Sünder unserer Zeit sind nicht wiederverheiratete Geschiedene. Es sind dicke, alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, oder AfD-Wähler, oder auch religiöse Fundamentalisten, sagen wir mal, in der Nachbarschaft umherwandernde Zeugen Jehovas oder Leiter römischer Kurienbehörden – Leute dieser Art. Ausgestoßene Sünder sind diejenigen, die tatsächlich in der Öffentlichkeit und in den Medien schlecht wegkommen, ob nun zu Recht (wie in den Evangelien die Ehebrecherin) oder zu Unrecht (wie in den Evangelien die verschiedenen Leprakranken). (Natürlich kann es je nach speziellem Milieu noch zusätzlich ganz unterschiedliche Ausgestoßene oder Verachtete geben: Fleischesser, Flüchtlinge, Katholiken, Juden, Schulmediziner, Feministinnen, Machos, Trump-Wähler, Clinton-Wähler, Klimaskeptiker, Esoteriker, Hausfrauen, und so ziemlich alles, was es gibt, können dazu gehören.)

Und wenn man barmherzig sein will (was man sollte) : auch Unbarmherzigkeit gegenüber Pharisäern ist Unbarmherzigkeit, ob man sie nun bloß für Pharisäer hält oder ob sie es wirklich sind.

Ich möchte mal ein Gedankenexperiment machen, das in deutschen Landen zwar wenig realitätsnah ist (ich habe noch keine alten Damen getroffen, die sich so verhalten) – aber stellen wir uns einfach mal vor, dass folgendes Geschehnis passiert:

Eine junge Frau, die bisher mit Kirche und Religion nie viel am Hut hatte, fühlt sich irgendwie zum Glauben hingezogen und hat manches über den Katholizismus erfahren, was sie interessiert, also schaut sie einfach mal in eine Kirche in ihrer Nachbarschaft hinein. Sie stellt fest, dass dort gerade die Sonntagsmesse stattfindet und setzt sich also neugierig zu den Gottesdienstbesuchern und ist ganz fasziniert vom Geschehen am Altar. Vorher hat sie nicht besonders auf ihre Kleidung geachtet und so trägt sie also einen etwas kurzen Rock und ein Top, bei dem ihr BH durchschaut. Nach dem Ende der Messe wird sie von einer älteren Dame, die in der Bank hinter ihr gesessen hat, angegiftet, ob ihr eigentlich jeder Respekt vor dem Herrgott abgehe, dass sie eine halbe Stunde zu spät und dann noch in einem solchen unschamhaften Aufzug in der Messe erscheine.

Die Reaktion des durchschnittlichen Lesers dieser Geschichte wäre wahrscheinlich, die alte Dame als arrogant und unverschämt abzuurteilen, oder? Aber das muss nicht zwangsläufig der Realität entsprechen.

Weshalb kann sie so gehandelt haben? Kann der Grund wirklich nur gewesen sein, dass sie eine böse, hochmütige alte Frau ist, die auf alle Mitmenschen herabsieht, die nicht aufs i-Tüpfelchen genau ihren Vorstellungen entsprechen?

Nicht unbedingt. Es kann ebenso gut möglich sein, dass sie eine Neurotikerin ist – im religiösen Bereich nennt man so etwas Skrupulantin – , die fürchtet – obwohl sie vielleicht ahnt oder weiß, dass dieses Gefühl irrational ist -, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht jeden ihrer Mitmenschen auf seine von ihr vermuteten Sünden hinweist, damit er sich bekehren kann. Denn wenn sie das nicht tut, ist sie schließlich an deren Sünden und möglicher ewiger Verdammnis mit schuld, und das ist eine große Sünde, mit der wiederum sie sich die ewige Verdammnis verdient, so ihre zwangsgestörte Logik. Dabei hegt sie persönlich keinerlei Abneigung gegen die junge Frau oder sonst jemanden; sie fühlt tatsächlich vor allem Furcht und Mitleid – um sich selbst und um die von ihr gescholtenen Menschen. Sie hat Angst vor dem richtenden Gott, der diese und sie selbst verdammen könnte. Ihr Tonfall war unbeabsichtigt, und zu Hause angekommen verbringt sie zweieinhalb Stunden damit, den Vorfall noch mal in ihrem Kopf durchzuspielen, um sagen zu können, ob sie die junge Frau mit besagtem Tonfall vielleicht so sehr verletzt haben könnte, dass diese nie wieder etwas mit der Kirche zu tun haben will, womit sie dann ebenfalls wieder an deren ewiger Verdammnis mit schuld wäre. Dann verbringt sie noch eine halbe Stunde damit, Gott um Verzeihung anzuflehen und zu versuchen, vollkommene Reue zu erwecken, nur für den Fall, und am nächsten Tag geht sie zur Beichte. Ihrem Pfarrer ist sie schon bekannt, und er versucht, sie so gut es geht zu beruhigen, so wie er es jede Woche wieder wegen irgendeinem Vorfall tut. Allmählich ist er ratlos, wie er ihr helfen soll.

Oder vielleicht war die alte Frau geistig gesund, aber einfach gestresst und wütend wegen etwas, das gar nichts mit der jungen Frau zu tun hatte, die ihr nicht sittsam genug gekleidet war. Vielleicht hat sie direkt vor der Messe noch mit ihrer Tochter telefoniert, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und diese und deren Familie freundlich zu Weihnachten eingeladen, was die Tochter abgelehnt hat, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Für sie und ihre Familie passe das nicht so gut, nein, zu Ostern wohl auch nicht, nein, auch die Faschingsferien seien schlecht. Im Lauf des Gesprächs hat die Tochter außerdem noch mehr als deutlich ihre Verachtung darüber zu erkennen gegeben, dass die Mutter immer noch die Vorbeterin beim Rosenkranzgebet in der Pfarrei macht und tagtäglich in die Messe geht; dann hat sie das Gespräch abgebrochen. Außerdem hat die alte Frau als Kind gelernt, die Ehrfurcht vor dem lieben Herrgott für sehr wichtig zu halten, und so ist ihr in ihrem aufgebrachten Gefühlszustand nach der Messe gegenüber der jungen Frau, die erstens viel zu spät und zweitens ihrer Ansicht nach nicht im Geringsten angemessen gekleidet gekommen ist, einfach ihr Temperament durchgegangen. Hinterher tut es ihr leid und sie hofft, dass die junge Frau am nächsten Sonntag wieder in die Messe kommt, sodass sie sich entschuldigen kann.

Das Problem ist eben: Kein Mensch, der heute hier auf Erden lebt, ist der Heiland. Daher kann auch kein Mensch anderen Menschen ins Herz schauen und endgültig sagen, ob sie nun arrogante Pharisäer sind oder nicht, und erst recht nicht, ob sie sich nicht vielleicht, wenn sie es sind, und wissen, dass sie es manchmal sind, eigentlich gerne bessern wollen.

Diese Art von selektiver Barmherzigkeit ist sicher oft gut gemeint und entwickelt sich dann nur falsch. Aber falsch entwickeln, das muss man sagen, das tut sie sich leider häufig.

Wir alle brauchen eben Barmherzigkeit.

 

„Siehe, dein König kommt zu dir“: Lassen wir uns doch von Ihm lieben

(Ein etwas verspäteter Palmsonntagsbeitrag. Sorry, ich hatte in den letzten Tagen viel um die Ohren und habe diesen Beitrag daher länger halb fertig liegen lassen.)

„Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.“ (Matthäus 21,1-11)

„Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde. Auch deine Gefangenen werde ich um des Blutes deines Bundes willen freilassen aus ihrem Kerker, der wasserlosen Zisterne.“ (Sacharja 9,9-11)

Vergangenes Wochenende war ich seit längerem einmal wieder beichten (Fastenzeit und so); und es war ein außergewöhnlich schönes Erlebnis. Ich gehe jedes Mal in der Kirche in meiner Nachbarschaft bei dem Priester, der an dem Tag, an dem ich mir das Beichten vorgenommen habe, gerade im Beichtstuhl sitzt; meistens ist das der Stadtpfarrer. An diesem Wochenende erwischte ich erstmals den neuen Kaplan. Ich bin vom Pfarrer her eher die Art Beichte gewohnt, bei der man seine Sünden aufzählt, dann einen kurzen, eher allgemeinen Zuspruch erhält, und dann gleich die Absolution; alles in fünf Minuten vorbei. Diesmal merkte ich schon während des Schlangestehens vor dem Beichtstuhl (in der Karwoche muss man manchmal tatsächlich mal länger Schlange stehen, in meiner Pfarrei jedenfalls), dass die Leute vor mir schon etwas länger dort drin waren als für gewöhnlich, so eine Viertelstunde konnte es schon dauern. Als ich dann an die Reihe kam und schließlich mit meiner Sündenaufzählung fertig war, unterhielt sich der neue Kaplan auch mit mir noch länger als für gewöhnlich, offensichtlich, um das Ganze persönlicher zu machen anstatt mehr oder weniger als Blockabfertigung. Er begann einfach damit, nachzufragen, welche der Sünden, die ich genannt hatte, ich denn als am schwerwiegendsten bewerten würde. Ich stotterte erst einmal herum und entschuldigte mich dafür dann wiederum mehrmals; jedenfalls fragte er noch manches andere nach und ich konnte noch manches erzählen und manche Fragen stellen, und es ergab sich am Ende ein gutes Gespräch über mein neurotisches Gewissen. (Über das ich schon mehrfach geschrieben habe; siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/ und hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/category/skrupulositat/)

Wie gesagt, ich bin so etwas in der Beichte bisher eigentlich nicht gewohnt gewesen. Mit meinen religiösen Zwängen und Ängsten versuche ich meistens eher selber fertigzuwerden, anhand von Internet, Büchern, und eigenen Überlegungen. Zum Beichten bin ich immer gegangen, um Sachen bei Gott abzuladen, nicht, um persönlichen Trost und Tipps zu erhalten – ersteres geschieht natürlich immer und ist auch tatsächlich der eigentliche Zweck dieses Sakraments, aber er sollte letzteres nicht ausschließen; es muss schließlich Gründe geben, wieso Gott die Sündenvergebung in ein Zweiergespräch mit einem Seelsorger eingebunden hat. Einmal erst habe ich bisher außerhalb der Beichte mit einem Priester über meine religiöse Zwangsgestörtheit gesprochen (außerdem habe ich vor kurzem eine Psychotherapie begonnen; was natürlich nicht ganz dasselbe ist, aber trotzdem sehr notwendig); in der Beichte nie. Dabei ist sie eigentlich ein sehr geschützter Raum – schon allein durch die Architektur des Beichtstuhls mit seiner Abgeschlossenheit von der Außenwelt, seiner Dunkelheit, dem Gitter zwischen Priester und Pönitent, aber noch mehr natürlich durch das Wissen um das absolut ausnahmslos in jedem Fall geltende Beichtgeheimnis -, aber trotzdem ist es auch in so einem geschützten Raum nicht immer ganz einfach, dem Beichtvater, ob er nun ein Fremder oder ein guter Bekannter ist, mehr zu erzählen als unbedingt für eine gültige Beichte notwendig, und ihn noch um Rat für konkrete Situationen zu bitten, gerade, wenn vielleicht draußen noch andere Pönitenten warten, die sich eventuell noch fragen könnten, was man so lange da drin macht. Da kann es manchmal hilfreich sein, wenn der Priester von sich aus die Sache etwas persönlicher gestaltet. (Natürlich: Wenn es einem Pönitenten unangenehm ist, manche Dinge genauer zu besprechen und er gerade nicht sein ganzes Seelenleben diskutieren möchte, sollte er das auch sagen können. Es haben ja nicht alle Leute so viel Gesprächsbedarf wie ich.) Aber in meinem Fall jedenfalls war es sehr tröstlich: Einfach einmal wieder mit einem aufmerksam zuhörenden Menschen reden zu können; laut aussprechen zu können, was mich manchmal fertigmacht. Die Beichte bei einem guten Seelsorger bietet einen Raum unglaublicher Freiheit. In diesem Raum kann man Sätze aussprechen wie: „Ich habe Angst vor der Hölle.“ Es mag vielleicht lächerlich klingen, das zu sagen, aber lächerliche Dinge aussprechen zu können, befreit eben. Ich stelle mir den Himmel als einen Ort vor, an dem niemand mehr die lächerlichen und dummen Dinge, die er gedacht und gesagt und getan hat, verstecken muss; überhaupt als einen Ort, an dem man keine Angst mehr haben muss. Wie schön wäre so ein Ort.

Der Herr Kaplan brauchte bei mir wohl ein wenig, bis er aus meinem Gestotter ganz klug wurde, jedenfalls verstand er dann irgendwann, dass ich mir oft nicht sicher bin, wie schwer meine Sünden sind; dass ich lange über derartige Fragen nachgrüble; dass ich z. B. Angst habe, dass es eine Sünde ist, wenn ich etwas nicht gleich und sofort beichten gehe und mich dann vor dem Beichten wiederum verkrampfe und Bauchschmerzen bekomme; dass ich Angst habe, Dinge falsch zu machen, nicht genug zu tun, vor Gott nicht zu genügen; dass ich manchmal Angst habe, in die Hölle zu kommen.

Zuerst sagte er mir dann eine sehr wichtige Sache, die ich eigentlich schon oft genug gehört und über die ich selber schon öfter geschrieben habe (das täglich Darandenken ist so eine Sache) : Wir werden nie genügen können; wir können nie genug leisten; wir können uns nicht den Himmel erarbeiten. Alles ist Gnade. Auch die Beichte, d. h. die Absolution in der Beichte (die theoretisch vom Priester übrigens sogar verweigert werden könnte, unter gewissen, seltenen Umständen). Gott schuldet uns keine Vergebung, wenn wir diese und jene Regeln genau erfüllen (Vergebung, auch menschliche Vergebung, ist immer etwas Ungeschuldetes); Er will sie uns schenken und hat uns dafür einen Weg gezeigt. Es ist schon vom Ansatz her völlig falsch, mit diesem Leistungsdenken an die Sache heranzugehen. Wir müssen nicht denken „Wenn ich das und das tue, muss Gott mich doch mögen“; nein – Gott liebt uns, ohne dass wir irgendetwas getan hätten, und trotz allem, was wir tun.* Ja, wir sollen auch auf Seine Liebe antworten, aber wir müssen weg von diesem Leistungsdenken. Wir werden niemals vollkommen sein, und man kann Liebe nicht verdienen. Gott stellt uns auch keine unerfüllbaren Aufgaben; einfach mal platt gesagt, es genügt, ein gewisses Mindestmaß an Reue für seine Sünden zu haben (was für uns Katholiken bei Gelegenheit dann auch einschließt, sie zu beichten), und sich nicht mehr durch eine schwere Sünde von Gott abzuschneiden, um zu Ihm zu kommen (bzw. wenn doch, diese dann wieder zu bereuen, etc. etc.).

Nebenbei machte er mir dann noch klar, dass vorgeschrieben nur die einmal jährliche Beichte sei, es also keine Sünde wäre, nur so oft beichten zu gehen (meine letzte Beichte ist übrigens noch lange kein Jahr her; ach ja, noch eine Anmerkung für alle eventuell hier mitlesenden Skrupulaten: Der Vorsatz, beichten zu gehen, ist vor Gott übrigens auch was wert; Er wird uns nicht böse sein, wenn wir z. B. zufällig sterben sollten, ehe wir die Gelegenheit hatten, eine schwere Sünde (falls wir denn schwere Sünden auf dem Gewissen haben) zu beichten – gilt ja analog z. B. auch für die sog. „Begierdetaufe“). Etwas anderes, was ich noch sehr gut fand, war, dass er auch kurz das Thema Psychotherapie ansprach, in Bezug auf das es ja in Deutschland immer noch viele Vorurteile gebe.

Dann fragte er mich noch etwas: Wie es denn bei mir mit dem Beten so gehe? Na ja, ich würde eben so das Vaterunser beten, und für meine Familie etc. beten, und so. Daraufhin riet er mir, im Gebet auch mal etwas anderes zu versuchen: Mich einfach von Gott lieben zu lassen. Einfach vor Gott da zu sein, jeden Tag eine Viertelstunde lang, mir vorzustellen, bei Ihm zu sein; und mich von Ihm lieben zu lassen.

Gefühlsmäßig… kommt mir so etwas manchmal beinahe anmaßend vor. Einfach davon auszugehen, dass Gott mich liebt? Dass ich bei Ihm sein kann, ruhig eine Viertelstunde vor Ihm sitzen kann, ohne etwas beteuern oder bereuen oder erbitten oder bedanken zu müssen, ohne Angst zu haben, sondern einfach nur bei Ihm sein und von Ihm geliebt werden könnte? Einfach nur ruhig da sein könnte, ohne viel zu besprechen, oder auch, Ihm auf ehrliche Weise meine Ängste und meine Bitterkeit anzuvertrauen könnte? Was, wenn… ich weiß nicht, wenn da irgendeine unerkannte Schuld noch da ist, wenn ich eigentlich noch so vieles andere falsch gemacht habe und es mir vielleicht unbewusst nicht eingestehen will, ein verkleideter innerlicher Hochmut oder etwas in der Art, und ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass Gott einfach so mit mir zufrieden ist…

Stop jetzt.

Gott liebt uns; wir sind doch Seine Kinder. Paulus schreibt: „Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden.“ (Römer 8,15-17)

Am Palmsonntag haben wir unseren König in Seiner Stadt begrüßt. Aber wir sind nicht eigentlich die Untertanen oder Dienstboten dieses Königs; nein, wir sind Seine Kinder, Königskinder. Gott liebt mich; ich bin Seine Tochter, Seine Prinzessin.

Jesu Einzug in Jerusalem und Sein Leiden einige Tage später lesen sich in gewissem Sinne wie eine durchgängige Parodie auf die Zeremonien von Königen und Kaisern (man denke gerade an die römischen Kaiser dieser Zeit) : Der Einzug auf einem Esel, einem dreckigen Lasttier der Armen, statt auf einem Streitross, mit einem Gefolge von Gruppen seiner Jünger, unter dem Jubel der Stadtbevölkerung, aber ohne Kriegsmacht, ohne Soldaten, Sklaven und Gefangene, und unter den missbilligenden Blicken der Obrigkeit und der intellektuellen Eliten (vgl. Lukas 19,39). Als König verworfen, verspottet, und zum Tod verurteilt. „Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf.“ (Matthäus 27,27-30)

Ein König mit Dornenkrone und Kreuzesthron, über dessen Kopf bei Seinem Tod eine Tafel proklamiert: Jesus von Nazareth, der König der Juden. „Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ (Johannes 19,21f.)

Dieser König ist ein wahrer König, aber ein König des Leidens, ein König der Liebe; Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist ein König des Friedens, der auf einem Esel und mit Palmzweigen zu Seiner Begrüßung in Jerusalem, der Stadt des Friedens, einzieht; kein Fürst, vor dem wir uns fürchten müssten.

 

* (Ja, liebe Lutheraner, wir brauchen keinen Luther, um „Werkgerechtigkeit“ anzuprangern. Das können konservativ-katholische Kleriker ganz genauso; das ist der Standard dessen, was in den Dogmatiklehrbüchern steht und was man einer Skrupulantin predigt.)

 

Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts aus Sicht eines Menschen mit Todeswunsch

Sie ist schlecht, schlecht, schlecht. Das denke ich.

Sehen Sie, ich bin depressiv, seit einiger Zeit. Man könnte außerdem sagen, ich leide an einer unheilbaren Krankheit – damit meine ich nicht meine Depression, sondern eine körperliche Krankheit, die die Depression mit bedingt hat. (Wenn es einem schlecht geht, ist man nie gut drauf.) Oh, ich meine keine tödliche Krankheit. Ich meine eine unheilbare – d. h. eine chronische, die ich bis zu meinem Lebensende, bis zu dem es statistisch gesehen durchaus noch 60 Jahre dauern könnte, nicht loswerden werde, jedenfalls nicht nach dem heutigen Stand der Medizin. Im Alltag sehr störend, aber sicher nicht tödlich.

Und, wie gesagt, ich bin depressiv. Zu meiner Depression gehört auch ein gewisser Todeswunsch. Ich habe keine Selbstmordpläne, sehen Sie, ich plane, mich nicht umzubringen – es besteht noch kein Grund, mich stationär behandeln zu lassen. (Ich habe mir übrigens inzwischen psychologische Hilfe gesucht, keine Angst.) Aber der Gedanke an den Tod hat für mich überhaupt nichts Beängstigendes an sich, im Gegenteil. Wenn ich einen Unfall haben und sofort sterben könnte – oh, das wäre schön. Na ja, es gibt da natürlich auch noch so Ängste, was das Jenseits angeht, die ich auch noch habe, aber sagen wir mal, wenn ich frisch von der Beichte einen Unfall haben könnte, das Fegefeuer dann nicht zu lang ausfiele, und so – oh, das wäre schön. Ich sehne mich nach Ruhe, ich sehne mich nach Schlaf, ich sehne mich nach Frieden und nach Sicherheit.

Klar, es gibt manche Dinge, die dann schade wären. Ich könnte manche Dinge nicht mehr vollenden, die ich angefangen habe – hatte ich schon mal erwähnt, dass ich Hobbyschriftstellerin bin und im Moment an einer Roman-Trilogie arbeite, die ich erst halb fertig habe, und die ich gerne irgendwann ganz fertig hätte und auch versuchsweise mal an einen Verlag schicken wollen würde? Es gibt noch andere Dinge. Und meine Familie wäre da natürlich. Das ist auch einer der wichtigsten Gründe, wieso ich mich nicht töten werde – ich will das meiner Familie nicht antun.

Aber wenn das Schreiben und diese Dinge nicht wären, wenn ich keine Familie hätte, und vor allem, wenn es nicht vor Gott falsch wäre (was es aber leider ist), ein tödliches Medikament zu nehmen – dann würde ich das gerne tun. Das wäre schön. Ich hoffe immer wieder, dass ich nicht mehr so arg lange leben muss. Ja, mit Anfang zwanzig. (Viel Glück dabei.)

Na ja, da ich so denke, könnte man nun ja meinen, ich würde die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts pro Sterbehilfe begrüßen. Das tue ich nicht. Sehen Sie, ich habe meine fünf Sinne noch so weit zusammen, dass ich weiß, dass ich psychisch krank bin. Wenn ich noch kränker wäre, wäre das vielleicht nicht mehr der Fall, aber ich würde noch mehr leiden, und vielleicht nach Sterbehilfe verlangen. Und ich will nicht, dass man mir in einem solchen Fall eine Giftspritze verabreichen würde. Das heißt, ich will es in gewissem Sinne schon – ich fände es schön; ich finde den Gedanken sogar schrecklich, Leid ausgeliefert zu sein, dem andere Menschen nicht abhelfen werden, auch wenn ich sie darum verzweifelt bitten würde. Aber ich lehne es rational als falsch ab. Man müsste mir in so einem Fall auf andere Weise helfen. (Zum Beispiel damit, meine körperliche Krankheit ernst zu nehmen, wobei Ärzte nicht immer vorne mit dabei sind.)

Zuallererst liegt der Grund für meine Einstellung natürlich in meinem Glauben. Ich glaube, dass es einen Sinn haben muss, wieso Gott mir dieses Leben, das ich nicht wirklich mag, sondern eher ertrage, noch zumutet. Ich habe Angst vor meinem weiteren Leben, und ich mag es nicht besonders, aber ich sehe rein rational, dass es einen Sinn haben muss. Ich glaube, dass auch Leiden einen Sinn haben muss, dass Gott, der selber so gelitten hat, einen Sinn daraus entstehen lassen kann, auch wenn es schrecklich ist, und dass ich nicht das Recht habe, „Gott zu spielen“, und mich selbst zu schädigen oder zu töten. Dass ich mir auch selbst die Liebe schuldig bin, die ich allen Menschen schulde – liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich will außerdem nicht, dass geistig gesunde Menschen leidende Menschen töten oder ihnen zum Selbstmord verhelfen, um ihretwillen – ich will nicht, dass sie diese Schuld auf sich laden. Ich würde nicht wollen, dass jemand mir zum Sterben „verhilft“; er würde damit eine schwere Schuld auf sich laden, und das will ich nicht.

Dann ist da natürlich noch die theoretische Möglichkeit – an die ich zwar im Moment nicht wirklich glaube, aber sei’s drum – dass es im Lauf der Zeit wieder besser werden könnte. Dass man eine Medizin gegen meine Krankheit findet, dass meine Depression irgendwann weggeht (ja, Depressionen kann man behandeln). Jedenfalls bin ich durchaus ganz froh, dass ich von meinem Umfeld nicht einfach zu hören kriege „Dann kannst du dich ja umbringen“, sondern dass man mir hilft, mit meiner Krankheit umzugehen und meine Depression loszuwerden. Vielleicht werde ich irgendwann einmal auch wirklich froh sein, noch am Leben zu sein.

Dann sind da noch andere, mehr allgemeine Gründe. Was würde geschehen, wenn Sterbehilfe normal würde? Ganz einfach, das, was in den Niederlanden geschieht. Es würde erwartet werden, sie in Anspruch zu nehmen, vor allem von alten, dementen oder von behinderten Menschen, die bloß noch Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Sie denken, ich übertreibe? Dann überlegen Sie mal, wieso Rentner die Niederlande verlassen. Der Druck würde steigen. Man würde sich weniger darum kümmern, Behandlungsmethoden zu finden, ordentliche Mittel zur Schmerzbekämpfung und so weiter, man würde die Palliativmedizin zurückschrauben, die Suizidprävention natürlich erst recht.

Und Sterbehilfe würde auch für Menschen wie mich nach und nach normal werden. Ich bin „unheilbar krank“, ich leide (auch psychisch, was ebenso real ist wie physisch; und ja, es haben in anderen Ländern schon Menschen wegen psychischer Krankheiten Sterbehilfe erhalten). Wer kann sagen, dass mein Leiden nicht genug ist, um zu zählen? Überhaupt – wieso muss man leiden, um einen selbstbestimmten Tod sterben zu dürfen, wenn die Selbstbestimmung so wichtig ist – ja, angeblich sogar im Grundgesetz garantiert? (Nebenbei, diese Auslegung des Grundgesetzes ist aus meiner Sicht lachhaft. (Und ja, ich habe keine Ahnung von Jura.) Die dort garantierte Selbstbestimmung ist bekanntlich nicht absolut, und wenn sie es nicht ist, dann können Richter, solange das gesetzlich nicht geregelt ist, auch nicht einfach erklären, dass sie zwangsläufig das Recht auf Selbsttötung umfasst, vor allem nicht in dem Sinne, dass der Staat dabei behilflich sein muss. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Verfasser des Grundgesetzes auch nur daran gedacht hätten, dass Hilfe durch das Gesundheitssystem zum Selbstmord unter das Selbstbestimmungsrecht fallen könnte? A propos Verfassungsrecht: Wer hat diesen Richtern, anstelle z. B. des gewählten Parlaments, die Vollmacht gegeben, solche Entscheidungen zu treffen?) Wenn diese Selbstbestimmung so wichtig wäre – wie könnte man es dann noch rechtfertigen, Menschen, die sich ritzen, oder magersüchtige Mädchen, die sich halb zu Tode hungern, oder Menschen, die drohen, sich umzubringen, in eine Psychiatrie einweisen zu lassen? Eine solche Behandlung hilft und tut gut, ich weiß das von Bekannten, die selbst schon eine Zeitlang stationär behandelt wurden (ich selber musste noch nicht in die Psychiatrie, und mir persönlich wäre es auch lieber, das zu vermeiden, aber nicht, weil ich Vorurteile gegen ein „Irrenhaus“ habe, sondern weil ich lieber daheim bei meiner Familie sein will und aus anderen persönlichen Gründen; aber die Psychiatrie ist an sich etwas sehr Gutes, wo sich um einen gekümmert wird, und ich kann mir gut vorstellen, dass es für andere psychisch kranke Menschen sogar eine Erleichterung ist, wenn man ihnen vorschlägt, ob nicht ein stationärer Aufenthalt für einige Wochen ihnen vielleicht helfen würde). Aber wie könnte man es rechtfertigen, Menschen ins BKH einweisen zu lassen, wenn Selbstbestimmung alles ist? Die Antwort muss lauten, sie darf nicht alles sein.

Die Rede von der Selbstbestimmung ist ein Mythos, sehen Sie. Die allermeisten Selbstmörder sind depressiv. Sie sind nicht selbstbestimmt. Ein Verwandter von mir ist vor ein paar Jahren durch Selbstmord ums Leben gekommen. Ich weiß noch, dass auf seiner Beerdigung (der aus Indien stammende Dorfpfarrer sagte in der Messe kein Wort über seine Todesursache, und auch niemand von der Verwandtschaft erwähnte etwas davon) seine Chefin am Grab, als alle noch anstanden, um Weihwasser aus dem kleinen danebenstehenden Becken auf den Sarg zu spritzen und sich dabei zu bekreuzigen, wenn sie an der Reihe waren, wie man das eben bei Beerdigungen so macht, als sie an der Reihe war, kurz so etwas sagte, wie, dass er bis zuletzt selbstbestimmt gewesen sei. Sie hielt das wohl für irgendwie tröstlich oder so. Wie bitte?, dachte ich mir schon damals. Mein Verwandter war nicht selbstbestimmt gewesen, er war nicht selbstbestimmt gestorben. Er hatte offensichtlich an einer schweren Depression gelitten, die er vor der Welt verborgen hatte, er hatte es nicht mehr geschafft, sein Haus auch nur ein bisschen in Ordnung zu halten, und schließlich hatte er sich erhängt, weil er seinen psychischen Schmerz nicht mehr ausgehalten haben muss. Das hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun, gar nichts.

Kann ich meine Leser an dieser Stelle bitten, ein kurzes Gebet für meinen Verwandten zu sprechen? Ich bete auch immer wieder für ihn, und ich hoffe, dass er jetzt dort ist, wo alle Schmerzen und alle Leiden ein Ende haben, wo alle Tränen abgewischt werden, wo der Tod nicht mehr sein wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.

Ich hoffe, dass ich auch irgendwann dort sein werde, aber jetzt ist meine Zeit wohl noch nicht gekommen, und es ist nicht an mir, zu entscheiden, wann sie gekommen ist. Ich will irgendwann bei Jesus sein, aber dann, wenn Er es für richtig hält, nicht dann, wenn ich es für richtig halte.

 

Falls das hier jemand liest, der selber Selbstmordgedanken hat: Hier ist die Telefonnummer der Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de/); dort muss 24 Stunden am Tag jemand zu erreichen sein, selbstverständlich anonym, und selbstverständlich auch für Leute ohne jede Kirchenzugehörigkeit: 0800 111 0 111 Es gibt auf deren Internetseite auch Mailberatung und Chatberatung. Und hier ist eine Seite, die bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz hilft, und einige Informationen zur Psychotherapie bietet: http://www.psychotherapiesuche.de/ Nicht die Hoffnung verlieren! Man kann was machen, und schon Reden hilft oft, wirklich; und Psychotherapie ist übrigens auch nicht zwangsläufig nur Psychoanalyse („Hat es vielleicht ein Kindheitstrauma ausgelöst, dass Sie als Baby einmal nicht ordentlich gewickelt wurden?“ Sorry, ich habe gewisse Vorurteile gegen Psychoanalyse; ich weiß, dass sie nicht zwangsläufig so ist. Aber jedenfalls, es gibt auch Psychotherapieformen, die meiner persönlichen Ansicht nach wesentlich besser helfen als Psychoanalyse. Verhaltenstherapie zum Beispiel.) Mich darf man übrigens auch gerne über die „Contact“-Seite kontaktieren, auch wenn ich als Laiin wohl nicht wirklich helfen kann. Normalerweise schaffe ich es, wenigstens regelmäßig daran zu denken, meine E-Mails nachzuschauen…

 

PS: Es wäre nett, wenn ihr diesen Beitrag teilen könntet.

Kasuistik ist etwas Gutes

Die Kasuistik hat ja im Moment keinen allzu guten Ruf. Zu ihren Kritikern gehört nicht zuletzt der gegenwärtige Papst (http://www.kath.net/news/58626), der sie vor kurzem sogar als „krank“ klassifiziert hat: „Die Kasuistik ist heuchlerisch. Sie ist ein heuchlerisches Denken. ‚Man darf – man darf nicht’… was dann subtiler, diabolischer wird: ‚bis zu welchem Punkt darf ich? Aber von hier nach da darf ich nicht’. Das ist der Trug der Kasuistik.“

Ich will nicht leugnen, dass der Papst da einen gewissen Fallstrick angesprochen hat, auf den man bei der Kasuistik achten muss – dass man nicht nur fragt: Wie weit darf ich noch gehen, ohne in die Hölle zu kommen? Ich täte ja gerne dieses und jenes, aber ich will jetzt auch nicht die Strafe dafür kriegen, also, ist das noch im Rahmen? Darum geht es bei der Moral ja wirklich nicht; es geht grundsätzlich darum, das Gute zu suchen, zu lieben.

Aber diese Art von Kasuistik ist nicht die eigentliche Kasuistik. Was Franziskus – und andere Kritiker der Kasuistik; der Papst ist ja nur deren prominentester, sie hat allgemein seit einigen Jahrzehnten keinen guten Ruf – überhaupt nicht sieht, ist der eigentliche Grund, wieso es Kasuistik gibt bzw. früher gegeben hat.

Der Zweck von Kasuistik ist, in konkreten Dilemmata und Gewissenskonflikten konkrete Wege zu finden, die innerhalb der katholischen Moral gangbar sind. Kasuistik ist etwas Gutes – sie ist dazu da, in Gewissenskonflikten ganz konkret zu helfen.

„Kasuistik“ kommt von „casus“, „Fall“, d. h., die Kunst der Kasuistik besteht einfach darin, allgemeine Prinzipien der Moral, die sich alle vom obersten Gebot (Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst) herleiten, auf konkrete Fälle anzuwenden. Sie besteht darin, Gläubigen, die sich in diesen Prinzipien und ihrer Anwendung nicht so genau auskennen (und schließlich auch nicht sämtliche Werke der Moraltheologie genauestens studiert und durchdacht haben können), und die nicht wissen, was sie nun tun sollen, zu helfen. Wenn im 19. oder frühen 20. Jahrhundert ein Gläubiger zu seinem Pfarrer in den Beichtstuhl kam und ihm seine Gewissenskonflikte unterbreitete, konnte der Beichtvater in seinem Nachschlagewerk – einem Werk des als etwas lax verschrienen hl. Alfons von Liguori zum Beispiel, oder im 20. Jahrhundert vor dem Konzil häufig „dem Jone“ („Katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone, 1885-1967) – nachsehen, oder auch selber anhand seiner Kenntnisse die Situation moraltheologisch durchdenken, und seinem Beichtkind dann raten, wie es sich am besten verhalten sollte.

Was konnten das für Gewissenskonflikte sein? Na, z. B. folgende:

  • Ich arbeite als Kutscher / Droschkenkutscher / Chauffeur und mein Arbeitgeber / meine Kunden verlangen manchmal von mir, sie ins Rotlichtviertel zu fahren. Kann ich dem Folge leisten? Ich will Gottes Gebote nicht verletzen, aber ich kann es mir auch nicht leisten, meine Arbeit zu verlieren.
  • Ich arbeite sechs Tage die Woche von morgens bis abends in der Fabrik, möchte aber etwas Gemüse in meinem Garten anbauen, um mehr zu essen für meine Familie zu haben. Darf ich sonntags im Garten arbeiten, oder würde das gegen das dritte Gebot verstoßen?
  • Ich arbeite als Dienstmädchen, und mein Dienstherr gibt mir sonntags nicht frei. Verstoße ich gegen das Sonntagsgebot, weil ich die Sonntagsmesse nicht besuchen kann?

Kasuistik gab/gibt es nicht deshalb (jedenfalls nicht vorrangig), weil die Leute nach moralischen Schlupflöchern suchten oder suchen. Es gab/gibt sie, weil Leute sich manchmal in schwierigen Situation befinden, und weil moralisch wache, gläubige Menschen dann vielleicht einen sinnvoll scheinenden Ausweg sehen, ihn aber nicht nehmen wollen würden, falls er gegen Gottes Gebote verstoßen sollte, worin sie sich aber nicht sicher sind. Also brauchen sie Rat vom Kasuisten. Und nicht allzu selten war dieser Rat: Go ahead, der leichte Weg ist in Ordnung! In bestimmten Fällen gibt es Entschuldigungsgründe, einem sonst geltenden Gebot nicht zu folgen (Tötung im Fall von Notwehr; Diebstahl im Fall von Mundraub; Verpassen der Sonntagsmesse im Fall von Krankheit, wichtigen familiären oder beruflichen Verpflichtungen oder anderweitiger Verhinderung); in bestimmten Fällen ist „materielle Mitwirkung“ an einer Sünde erlaubt (anders als die sog. „formelle Mitwirkung“). (Ein Beispiel: der Kutscher im oben genannten Beispiel leistet materielle Mitwirkung zur Prostitution, die aus einem entsprechend gewichtigen Grund (seinen Job nicht zu verlieren) erlaubt ist; ein Zuhälter würde formelle Mitwirkung, also Mitwirkung im eigentlichen Sinne, ohne die die genannte Sünde nicht zustande käme, leisten.) Aber natürlich musste andererseits eben manchmal auch klargemacht werden, in welchen Fällen ein Christ keine Kompromisse eingehen konnte.

Auch die heilige Pönitentiarie in Rom antwortete früher übrigens häufig auf solche kasuistischen Anfragen, die Beichtväter, Bischöfe und Theologen aus aller Welt ihr unterbreiten konnten, wenn sie sich nicht sicher waren, wie man bestimmte Fälle generell behandeln sollte. (Fragen an den Heiligen Stuhl zu stellen war nichts Besonderes.) Einige Beispiele davon finden sich z. B. im „Denzinger“ („Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, hrsg. von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann). Damit es sich alle merken, hier etwa mal gleich ein Beispiel aus dem Bereich des sechsten Gebotes:

 

Frage: Kann eine fromme Ehefrau zulassen, dass ihr Ehemann sich ihr nähert, nachdem sie aus Erfahrung weiß, daß er sich in der ruchlosen Weise des Onan verhält…, zumal wenn die Ehefrau, falls sie [sich] weigert, sich der Gefahr von Mißhandlungen aussetzt oder fürchtet, daß der Ehemann zu Dirnen geht?

Antwort: Da im vorliegenden Fall die Frau zwar von ihrer Seite aus nichts Widernatürliches tut und eine erlaubte Sache betreibt, die ganze Fehlausrichtung des Aktes aber aus der Bosheit des Mannes hervorgeht, der, anstatt [den Akt] zu vollenden, sich zurückzieht und [den Samen] außerhalb des Gefäßes vergießt, so wird die Frau, wenn sie nach den gebührenden Ermahnungen nichts ausrichtet, der Mann aber darauf besteht, indem er Schläge, den Tod oder andere schwere Mißhandlungen androht, sich (wie bewährte Theologen lehren) ohne Sünde passiv preisgeben können, weil sie unter diesen Umständen die Sünde ihres Mannes einfach zuläßt, und zwar aus einem gewichtigen Grund, der sie entschuldigt; denn die Liebe, durch die sie gehalten wäre, dies zu verhindern, verpflichtet nicht [, wenn sie] mit so großem Nachteil [verbunden ist].

(Antwort der hl. Pönitentiarie, 1822; die eckigen Klammern kommen daher, dass das eine Übersetzung aus dem Lateinischen ist; mit dem letzten Satz ist gemeint, dass die christliche Nächstenliebe für gewöhnlich verpflichtet, andere Menschen vom Sündigen abzuhalten, falls das möglich und sinnvoll ist)

 

Das ist eigentlich ein wunderbares Beispiel, denn hieran sieht man schon: Es geht bei der Kasuistik nicht darum, wie eine ideale Welt ausschauen würde, in der jeder Mensch nach Heiligkeit streben würde, sondern es geht darum, wie sich ein Christ – oder eine Christin – in einer schwierigen Situation, umgeben von Leuten (z. B. Ehemännern), die sich gerade nicht an die christliche Moral halten, verhalten kann, ohne selbst schuldig zu werden. Natürlich ist es am besten, wenn man aus solchen Situationen herauskommt, oder von Anfang an gar nicht in solche Situationen hineinkommt. Aber manchmal ist man in solchen Situationen, und weiß nicht, was man tun soll.

Eine Standardfrage, bei der es ebenso ist, ist z. B. die Frage: Darf man seinen Glauben in Zeiten der Verfolgung verheimlichen? Oder gar verleugnen? (Die katholische Antwort darauf ist: Verheimlichen ja, verleugnen nie. Man darf verheimlichen, dass man Christ ist, aber wenn man gefragt werden sollte „Bist du Christ?“, dann darf man nicht mit „Nein“ antworten, auch wenn darauf Folter oder Hinrichtung folgen sollte; man darf Christus nicht verleugnen.) Natürlich ist es z. B. noch besser, wenn man aus einem Land, in dem Christenverfolgung herrscht, fliehen kann, oder so. Aber manchmal findet man sich eben in der Situation, wo sich jetzt konkret ganz einfach die Frage stellt: Verheimlichen oder nicht? Verleugnen oder nicht?

Oder hier noch ein allgemeineres Beispiel aus dem Denzinger zur Autorität von Moraltheologen und zum Amt eines Beichtvaters, damit man mal einen Eindruck davon bekommt, in welchem Rahmen die Kasuistik früher auch unterschiedliche Herangehensweisen zuließ:

 

Frage: Louis François Auguste Kard. de Rohan- Chabot, Erzbischof von Besançon, bemüht sich, bei allen, die in seiner Diözese Sorge um die Seelen tragen, die Weisheit und Einheit in der Lehre zu fördern; da von ihnen einige die Moraltheologie des sel. Alfons M. von Liguori als allzu lax, für das Heil gefährlich und einer gesunden Moral entgegengesetzt bekämpfen und verbieten, erbittet er demütig den Spruch der Hl. Pönitentiarie und legt ihr folgende Fragen eines Theologieprofessors [nämlich Th. Goussets] zum Lösen vor:

1. Kann ein Professor der heiligen Theologie die Auffassungen, die der sel. Alfons von Liguori in seiner Moraltheologie lehrt, sicher vertreten und lehren?

2. Oder ist ein Beichtvater zu behelligen, der bei der Ausübung des hl. Bußgerichts allein aus dem Grund alle Auffassungen des sel. Alfons von Liguori vertritt, weil vom Apostolischen Stuhl in seinen Werken nichts gefunden wurde, was einer Zensur würdig wäre? Der Beichtvater, um den [es] in der Frage [geht], liest die Werke des sel. Lehrers nur, um seine Lehre genau kennenzulernen, ohne die Ursachen oder Gründe zu erwägen, auf die sich die verschiedenen Auffassungen stützen; vielmehr meint er, er handle schon deshalb sicher, weil er einsichtig beurteilen könne, dass eine Lehre, die nichts enthält, was einer Zensur würdig wäre, gesund, sicher und keinesfalls der Heiligkeit des Evangeliums entgegengesetzt ist.

Antwort (vom Papst am 22. Juli 1831 bestätigt):

Zu 1. Ja, ohne daß deswegen jedoch für tadelnswert erachtet würden, die von anderen gebilligten Autoren überlieferte Auffassungen vertreten.

Zu 2. Nein, unter Berücksichtigung der Absicht des Hl. Stuhles in bezug auf die Billigung der Schriften der Diener Gottes zur Erzielung der Kanonisation.

(Antwort der hl. Pönitentiarie, 1831)

 

Es gibt auch heute noch Gewissenskonflikte – und wenn der Klerus sich dem nicht mehr annimmt, quälen die Leute sich damit weiter selbst herum und kommen evtl. zu den falschen Ergebnissen; evtl. kommen sie auch mal zu dem Ergebnis, etwas sei sündhaft, obwohl es das nicht ist, tun es dann aber trotzdem, weil sie keinen anderen Ausweg sehen, und fühlen sich dann miserabel, obwohl sie es eigentlich hätten tun dürfen. Im Glücksfall noch, aber das ist auch nicht ideal, nehmen andere sich solcher Fragen an – Internetforen wie Catholic Answers (https://www.catholic.com/qa) zum Beispiel (wobei in diesem Forum ja auch Priester Antworten geben). Die kriegen tatsächlich unzählige Fragen, weil die Leute sich an irgendjemanden wenden wollen, wenn sie Gewissensfragen haben.

Wie genau muss ich in der Beichte sein? Ein Cousin hat mich zu einer Schwulenhochzeit eingeladen, kann ich als Katholik da hingehen (ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen oder unhöflich sein, aber auch nicht den Eindruck geben, dass ich für die Homoehe bin)? Darf ich aus medizinischen Gründen die Anti-Baby-Pille nehmen, z. B. um Endometriose oder hormonelle Störungen zu behandeln? (Die Antwort hierauf ist übrigens: Ja, darf man. Ein Medikament, das zufälligerweise die Nebenwirkung Unfruchtbarkeit hat, ist etwas anderes als gewollte Empfängnisverhütung. Sagt der sel. Paul VI. in Humanae Vitae auch ausdrücklich.) Ist es in Ordnung, mit jemandem auszugehen oder jemanden zu heiraten, der einer anderen Konfession oder Religion angehört? Ist es eine Sünde, brutale Filme anzusehen oder Videospiele zu spielen? Ist es eine Sünde der Eitelkeit, sich zu schminken? Darf ein Katholik Yoga machen (https://www.catholic.com/qa/what-does-the-church-say-about-yoga)? Darf ein Katholik in einem Krankenhaus arbeiten, das auch Abtreibungen durchführt (https://www.catholic.com/qa/can-a-catholic-work-in-a-hospital-that-does-abortions)?

Sicher kann Kasuistik manchmal fehlgehen. Sie kann mal zu streng sein und vorsichtshalber alles verbieten, was nicht ganz sicher der tiefsten Frömmigkeit entspringt, und mal zu lax sein und nach moralischen Schlupflöchern suchen, wo es nur geht. Aber das ist doch kein Grund, sie gleich ganz sein zu lassen. (Catholic Answers ist übrigens meinem Eindruck nach so ziemlich immer im Rahmen der rechtgläubigen katholischen Moral, eher auf der strengen Seite vielleicht, aber mir ist dort bis jetzt noch nie etwas eindeutig Blödsinniges aufgefallen. Oft genug beruhigen sie dort Leute, die sich mit unnötigen Skrupeln quälen (siehe z. B. hier https://www.catholic.com/qa/is-it-vanity-to-get-dental-braces oder hier https://www.catholic.com/qa/is-reading-comics-a-sin für extreme Beispiele); in anderen Fällen reden sie dagegen auch Klartext und sagen: So und so ist es nach der katholischen Lehre, etwas anderes als das und das darf man nicht tun.)

Natürlich gibt es bei der Kasuistik auch die Gefahr, dass sie alles bis ins Kleinste regeln und dem Einzelnen die ganze Verantwortung abnehmen will und zu zu großer Bevormundung führt; diese Gefahr gibt es. Aber wenn man sich einer Gefahr bewusst ist, kann man sie umgehen. Gute Kasuistik sagt auch, wann der Beichtvater keine allgemeine Regel aufstellen kann, sondern jeder einzelne Gläubige selber seine Situation anschauen und selber nach seinen Umständen entscheiden muss, wobei es nicht zwangsläufig die eine richtige Lösung geben muss – anbei, ich kann mir vorstellen, dass es für Beichtväter hier vielleicht (gerade bei skrupulösen Beichtkindern) auch nicht immer einfach sein wird, sagen zu müssen, „Das müssen Sie selbst entscheiden, da kann ich ihnen leider nicht weiterhelfen“; aber gute Beichtväter wissen wohl auch, wann sie ihre Pönitenten zur Eigenständigkeit mahnen müssen. (Ein klassisches Beispiel wäre die Entscheidung, wie viele Kinder ein katholisches Ehepaar bekommt. Diese Entscheidung kann, je nach finanzieller, emotionaler, gesundheitlicher etc. Situation, völlig unterschiedlich ausfallen, und es gibt kein Patentrezept dafür, und kein Kleriker hat in diesem Fall seine Pfarrkinder zu bevormunden, wann sie das Kinderkriegen lassen oder noch ein Kind kriegen sollten. Ein Ehepaar hat vielleicht nur ein oder zwei Kinder, ein anderes vier oder fünf oder sechs, oder auch fünfzehn. Muss jeder selber schauen, wie es für seine Familie am besten ist.)

Grundsätzlich jedenfalls ist Kasuistik etwas Gutes.

 

Eins noch: Papst Franziskus hat sich in der oben zitierten Predigt ja übrigens auf die Unterhaltung Jesu mit den Pharisäern über die Ehescheidung im Markusevangelium bezogen: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? (In der Parallelstelle bei Matthäus übrigens nicht einmal ganz allgemein „Darf man seine Frau aus der Ehe entlassen?“, sondern „Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen?“ Hier scheint es für die Pharisäer sogar klar zu sein, dass man es grundsätzlich darf, und die Frage ist für sie nur, unter welchen Umständen.) „Jesus antwortet nicht, ob es erlaubt ist oder nicht. Er lässt sich nicht auf deren kasuistische Logik ein“, sagt Franziskus dazu. „Und der Weg Jesu – das ist deutlich zu sehen – ist der Weg von der Kasuistik hin zur Wahrheit und zur Barmherzigkeit. Jesus lässt die Kasuistik außen vor. Jene, die ihn auf die Probe stellen wollten, jene, die mit dieser Logik des ‚man darf’ dachten, qualifiziert er – nicht hier, sondern an einer anderen Stelle des Evangeliums – als Heuchler.“

Dieser Bibelauslegung des Papstes möchte ich widersprechen, bei allem Respekt. Jesus beantwortet die Frage der Pharisäer sehr wohl – Er beantwortet sie nur wesentlich strenger und grundlegender, als sie erwartet hätten. „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“ (Markus 10,2-12)

Das ist doch eine sehr klare Antwort. „Das darf der Mensch nicht trennen“ – das ist sehr wohl eine Antwort darauf, ob es erlaubt ist oder nicht. Natürlich geht Jesus nicht nur auf die Frage „Erlaubt oder nicht?“ ein, sondern begründet auch ganz grundsätzlich, wieso es nicht erlaubt ist. Er geht über die Kasuistik hinaus; aber ganz umgehen oder gar grundsätzlich ablehnen tut Er sie doch offensichtlich nicht.

Und das, obwohl die Pharisäer hier nur fragen, um Ihm eine Falle zu stellen.

Ein paar Fundstücke zu Politik, Heiligkeit und den kleinen oder doch nicht so kleinen Problemen des Lebens

Heute mal wieder ein paar Fundstücke aus der großen weiten Welt des Internets:

Bei Cicero kommt Hannah Arendts Analyse von Elementen und Ursprüngen des Totalitarismus ausführlich zu Wort (http://cicero.de/salon/Lektionen-von-Hannah-Arendtzu-Trump-die-massen-fluechten-in-die-fiktion):

„Vom Mob hat die totalitäre Propaganda gelernt, dass sie in das Zentrum der Agitation immer das stellen muss, was die öffentliche Meinung und die Propaganda der Parteien jeweils mit Schweigen übergehen. Denn im Unterschied zu der erst später entwickelten totalen Massenherrschaft, die an Existenz von Wahrheit überhaupt nicht glaubt, glaubt der Mob in aufrichtiger Beschränktheit, dass wahr sei, was immer die Heuchelei der guten Gesellschaft oder der offiziellen Kundgebungen der Regierungen verleugnen oder mit Korruption zudecken. […] An diesen wunden Punkten ziehen die Lügen der totalitären Propaganda jenes Minimum an Wahrheit und realer Erfahrung, dessen sie bedürfen, um die Brücke zu schlagen zu können von der Realität in die totale Fiktion. Wo immer sie reale Bedingungen treffen, deren Existenz verborgen gehalten wird, gewinnen sie den Anschein einer überlegenen Realitätsnähe. Skandale in der besseren Gesellschaft, politische Korruption, überhaupt das gesamte Gebiet des Revolverjournalismus liefert totalitärer Propaganda eine Waffe, deren Bedeutung weit über den Sensationswert solcher Dinge hinausgeht. Bekanntlich wurde die Fabel von einer jüdischen Weltverschwörung zur wirksamsten Fiktion der Nazipropaganda vor der Machtergreifung. Es war nur natürlich, dass die antisemitische Stimmung desto mehr anstieg, je beharrlicher alle der Republik ergebenen Parteien eine Diskussion der Judenfrage vermieden. Dass diese als ’nicht salonfähig‘ galt, war für den Mob der schlüssigste Beweis dafür, dass die Juden die wahren Repräsentanten der herrschenden Gewalten sind und machte die Behandlung der Judenfrage als solche zum Symbol für den Kampf gegen die ‚Heuchelei‘ und die ‚Verlogenheit‘ des Systems. […]“

Und bei First Things schreibt George Weigel, nachdem er zuerst auf Probleme der EU, der wirtschaftlichen und politischen Weltordnung und der politischen Eliten im Allgemeinen eingegangen ist (https://www.firstthings.com/web-exclusives/2017/02/a-modest-defense-of-the-liberal-world-order):

„Könnte es also nicht der Fall sein, dass die ‚liberale Weltordnung‘ repariert anstatt demontiert zu werden bräuchte, wie manche ‚Populisten‘ heute vorschlagen? Sicherlich wollen diese Demonteure keine Rückkehr zu der ruiniere-deinen-Nächsten wirtschaftlichen Autarkie und dem kurzsichtigen Nationalismus vorschlagen, die die Große Wirtschaftskrise verstärkten und dabei halfen, den Zweiten Weltkrieg hervorzubringen. Was die Seite der Sicherheit in der Gleichung angeht, zeigt nicht der katastrophale Zustand des Mittleren Osten, nach acht Jahren eines von Amerika angeführten Rückzugs der westlichen Macht aus der Region, was passiert, wenn die, die einer ‚liberalen Weltordnung‘ verpflichtet sind, sich in den brisantesten Regionen der Geschichte aus der Geschichte zurückziehen? Angesichts von Wladimir Putins offensichtlicher Entschlossenheit, das Verdikt der Geschichte im Kalten Krieg umzukehren, könnte in Europa die Ordnung über die nächsten zehn Jahre ohne eine robuste NATO aufrechterhalten bleiben? Was die Fehler der liberalen Demokratie selbst angeht, die Lektion, die gelernt werden muss, ist sicherlich nicht, dass ein effizientes autoritäres Regierungssystem eine Nation besser regiert; die Lektion ist, dass das demokratische Projekt keine Maschine ist, die von selbst laufen kann. […] Eher hängt die Demokratie von einer moralisch-kulturellen Grundlage ab […]. Wenn also das demokratische Projekt nicht entweder in Chaos oder einer Diktatur des Relativismus zerfallen soll, muss ein großes Werk der moralischen und kulturellen Erneuerung im ganzen Westen unternommen werden. […] Bis jetzt ist der neue Populismus, ob in Europa oder Amerika, sehr viel besser darin, zu identifizieren, was kaputt ist, als zu definieren, wie es zu reparieren ist.“

(Meine politische Einstellung lässt sich übrigens im Großen und Ganzen zusammenfassen mit dem berühmten Churchill-Zitat „democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time“ (die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, abgesehen von all diesen anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind) und Heinrich Hoffmann von Fallerslebens „Gott erhalte den Tyrannen, / Den Tyrannen Dionys!“.)

 

Soweit mal zur Politik; dann noch zwei sehr schöne Fundstücke zu ganz anderen Themen bei Aleteia:

Ein Artikel über Leonie Martin, die Schwester der hl. Thérèse Martin von Lisieux, deren Seligsprechung im Gange ist. Leonie hatte es nicht immer einfach; sie litt vielleicht an Autismus, galt als schwieriges Kind und hatte es auch als Erwachsene nicht leicht dabei, einen Orden zu finden, der sie aufnahm. http://aleteia.org/2017/01/26/leonie-martin-st-thereses-difficult-sister-continues-on-the-road-to-canonization/ Irgendwie ein schönes Vorbild; vor allem für alle, die selber an irgendeiner Art von psychischer Krankheit o. Ä. leiden.

Dann hier ein Artikel, der ausspricht, was manchmal dringend ausgesprochen werden muss: „Nur weil andere es schlimmer haben, heißt das nicht, dass dein Leiden nicht zählt.“ http://aleteia.org/2017/02/15/dont-minimize-your-tiny-crosses-and-small-annoyances-god-doesnt/ „Kellers Zitat ist großartig dafür, uns zu erinnern, dass wir es manchmal tatsächlich genießen, aus den Mücken unserer kleinen Probleme Elefanten zu machen. […] Aber zu erwarten, dass es genug sein sollte, sich das Leid anderer Leute in Erinnerung zu rufen, um das eigene irgendwie verschwinden zu lassen? So funktioniert das nicht. Was dieses Denkmuster tatsächlich tut, ist, dir zu sagen, dass deine eigenen Leiden nicht zählen. Dass das Leid nicht real ist. […] Es impft einem die heimtückische Gewohnheit ein, sich selbst mit anderen Leuten zu vergleichen, so dass man, anstatt den Schmerz anzuerkennen, und ihn zu Jesus zu tragen, am Ende sagt ‚Das zählt nicht, weil so-und-so es schlimmer hat‘, und sich dann schlecht fühlt, weil man deswegen so unglücklich ist. […] Gott begegnet jedem von uns so persönlich. Er rationiert seine Liebe zu uns nicht danach, wie weit oben wir auf der Leidensskala stehen.“

 

Macht man was falsch, wenn es einem gut geht?

Hier ein wunderbarer Artikel von the one and only Simcha Fisher zum Thema „Sieht Gott uns gerne leiden?“ http://www.simchafisher.com/2017/02/15/does-god-get-off-on-seeing-us-suffer/ Bitte lesen!

Ich habe bei mir selber gemerkt – und andere Skrupulanten kennen das Gefühl wahrscheinlich auch – dass es leicht passieren kann, dass ich, wenn ich es gerade bequem habe und alles gut läuft, automatisch, ohne weitere Gründe dafür, das Gefühl bekomme, dass ich irgendetwas falsch machen muss. Als Christin ist man ja schließlich zur Heiligkeit gerufen – wie uns immer wieder gesagt wird –; und kann das denn irgendwie nach Heiligkeit aussehen, wenn man nichts Besonderes macht, vielleicht sogar lange geschlafen und sich sein Lieblingsessen gekocht hat und einfach nur ein neues Buch liest oder einen Film anschaut oder über irgendwelche Youtube-Videos lacht – anstatt sich mit, was weiß ich, Fasten, Beten, Werken heldenhafter Nächstenliebe zu beschäftigen? Müsste ein richtiger Christ nicht zwangsläufig alle möglichen Werke tun und Schwierigkeiten und Leiden und Anfeindungen auf sich nehmen? (Auch wenn man im Moment keine ganz genaue Vorstellung davon hat, was man konkret genau jetzt zu tun hätte oder tun könnte.)

Wie so oft steckt in diesem falschen Gefühl ein Korn Wahrheit: Es ist etwas Gutes, besonderen Einsatz für eine gute Sache zu zeigen, und das Richtige zu tun kann manchmal schwierig sein. Aber das muss es nicht zwangsläufig sein. Manchmal macht es einen sogar glücklich. Und in manchen Dingen ist ein vernünftiges Mittelmaß, das einem nicht radikal genug für ein richtiges christliches Leben vorkommt, manchmal auf lange Sicht sogar das Beste (wenn man sich z. B. nie Ferien gönnt, hat man irgendwann keine Energie mehr für das, was man außerhalb der Ferien tut); es kann moralisch falsch sein, sich unbedachterweise zu viel auf einmal aufhalsen zu wollen.

Mrs. Fisher nimmt hier zwei Beispiele: Die Entscheidung, (vorerst oder endgültig) keine weiteren Kinder mehr zu bekommen (ja, wir reden von NFP, nicht der Pille oder Ähnlichem – alles gut katholisch), und die Entscheidung, nicht zur Sonntagsmesse zu gehen, wenn man krank ist. Sie geht darauf ein, dass es von vornherein nicht immer die beste und selbstloseste Entscheidung sein muss, ja noch ein Kind zu bekommen oder sich ja in die Kirche zu schleppen, solange es noch irgendwie geht – im ersten Fall, wenn man sich dann z. B. nicht mehr so um die schon vorhandenen Kinder kümmern könnte, wie die es bräuchten, im zweiten Fall, wenn man etwas Ansteckendes hat, das für Menschen mit schwachem Immunsystem, die man in der Kirche träfe, gefährlich sein könnte (was bei einer Grippe etwa der Fall ist). Dann spricht sie ein weiteres grundsätzliches Problem bei dieser Denkweise an (Übersetzung von mir):

 

Der „Leid=Heiligkeit“-Zugang geht davon aus, dass Gott nur wirklich zufrieden ist, wenn wir die ganze Zeit schreckliche Schmerzen leiden, und dass der einzige Weg, um zu wissen, ob wir wirklich Gott folgen, ist, ob wir zusammenbrechen. Wenn das Leben erträglich ist, müssen wir etwas falsch machen. […]

 So.

 Ist.

 Gott.

 Nicht.

 Er hasst uns nicht. Er ist nicht darauf aus, uns dranzukriegen. Er brennt nicht darauf, uns zwischen den Schraubstöcken des Folterinstruments zappeln zu sehen, das Er „Moral“ nennt. Ich weiß, dass das 21. Jahrhundert nicht voll von Katholiken ist, die zu streng mit sich sind, aber es ist auch nicht voll von Katholiken, die wirklich auf Christus als Quelle der Liebe und des Trostes in unseren Sorgen schauen.

 Gott ist kein Sadist. Gott genießt es nicht, zu sehen, dass wir uns quälen. Er lässt es manchmal zu, dass wir in Leid geraten […] Aber wenn wir in dunkle Zeiten geraten, dann springt Er zu uns nach unten in diese Grube, um uns zu helfen, unseren Weg hinaus zu graben, um uns zu helfen, stärker zu werden, und um uns Gesellschaft zu leisten, während wir dort sind. Er steht nicht am Rand und schaut spottend und johlend hinunter, während wir uns unten vor Schmerzen winden. Er ist das Lamm, das geschlachtet wurde, nicht der Ausbildungsfeldwebel, der das Leiden genießt.

 Wir müssen bereit sein, zu leiden, aber wir sind nicht verpflichtet, Leid zu suchen. Wir sind nicht verpflichtet, unser eigenes Leid ständig anzukurbeln.

 Wir sind verpflichtet, die Liebe zu suchen. Wir sind verpflichtet, unser Sehnen, Gott in allem und jedem zu sehen, ständig anzukurbeln.

 Und rate mal? Manchmal sieht Gott nach Freude aus. Manchmal sieht Gott nach Frieden aus. Manchmal sieht Gott nach Besonnenheit aus. Manchmal sieht Gott sogar nach Behaglichkeit aus.

 Also sei gehorsam, bete oft, und such Gott und Seine Liebe in Gehorsam, anstatt dich auf die Regeln an sich zu fokussieren. […]

 Überdenke deine Entscheidungen noch einmal, falls nötig. Aber nimm nicht automatisch an, dass die Sache, die dir zusagt, Gott enttäuschen muss. Gehorsam bringt nicht immer Schmerz. Manchmal bringt er Erleichterung. Sei zufrieden damit, geliebt zu werden.

 

Wenn man immer alles perfekt machen will, ist das Ergebnis oft nicht, dass alles perfekt wird. Sondern dass man an der Aufgabe verzweifelt und am Ende mutlos aufgibt. Angst und selbsterzeugter Druck stammen nicht von Gott.

Ein Rat für Perfektionisten

Wieder einmal möchte ich Franz von Sales (aus der „Philothea“) zu Wort kommen lassen:

 

„So sehr das Licht unseren Augen schön erscheint und so sehr sie sich danach sehnen, es blendet sie doch, wenn wir lang im Dunkeln waren. Wenn man in ein fremdes Land kommt, brauchen wir einige Zeit, bis wir uns an sein Volk gewöhnt haben, so höflich und freundlich es auch sein mag. So ist es auch im geistlichen Leben. […]

 Glaube mir: Wenn du fest bleibst, wirst du bald so viele Freuden des Herzens, ein so tiefes Glück empfinden, dass du bekennen musst: die Welt ist Bitterkeit im Vergleich mit diesen süßen Freuden und ein Tag des frommen Lebens ist mehr wert als tausend Jahre verweltlichten Lebens (Ps 84,11).

 Der Berg der christlichen Vollkommenheit kommt dir aber so hoch vor. ‚Mein Gott’, sagst du, ‚wie kann ich denn da hinaufsteigen?’ Mut! Wenn die Bienlein Gestalt anzunehmen beginnen, können sie noch nicht zu den Blumen fliegen, um Honig zu sammeln; während sie sich aber vom Honig ernähren, den die großen Bienen gesammelt haben, bekommen sie allmählich Flügel, werden kräftig und können über Land fliegen. So sind auch wir noch klein in der Frömmigkeit, wir vermögen noch nicht unserem Wunsch zu folgen und zum Gipfel der christlichen Vollkommenheit zu fliegen, aber wir beginnen, uns allmählich umzuformen durch unsere Wünsche und Entschlüsse, die Flügel beginnen zu wachsen und es ist zu hoffen, dass auch wir eines Tages fliegen können wie die Bienen. Bis dahin leben wir vom Honig der Lehren, die fromme Menschen uns überliefert haben. Beten wir zu Gott, dass er uns Schwingen gebe gleich denen der Tauben, damit wir nicht nur fliegen können in diesem zeitlichen Leben, sondern auch Ruhe finden im künftigen Leben der Ewigkeit.“

Franz von Sales über geduldige Bekehrung

Hier mal wieder ein Tipp vom hl. Franz von Sales aus dem Kapitel über die Läuterung der Seele in der „Philothea“ (Hervorhebungen von mir):

 

Der hl. Paulus wurde in einem Augenblick und vollständig geläutert; ebenso die hl. Katharina von Genua, Magdalena, Pelagia und einige andere. Eine derart plötzliche Läuterung ist ein Wunder und in der Gnadenordnung so außergewöhnlich, wie etwa die Erweckung eines Toten in der Ordnung der Natur; wir dürfen sie also nicht anstreben. Gewöhnlich geschieht die Genesung des Leibes wie der Seele nur allmählich, Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe, mit großem Aufwand an Mühe und Zeit.

 Die Engel auf der Jakobsleiter haben Flügel, sie fliegen aber nicht, sondern steigen die Stufen auf und ab, eine nach der anderen. Eine Seele, die von der Sünde zur Frömmigkeit emporsteigt, wird mit der Morgenröte verglichen (Spr 4,18), die nicht plötzlich, sondern nur allmählich die Finsternis vertreibt. Eine Heilung, die nur langsam vor sich geht, bezeichnet der Volksmund als die sicherste. Die Krankheiten der Seele wie des Leibes kommen wie zu Pferd im Galopp, ziehen aber zu Fuß und im Schritt ab.

 Bei diesem Beginnen musst du also Mut und Geduld haben. Wie bedauernswert sind doch Menschen, die nach anfänglichem Bemühen um die Frömmigkeit merken, dass sie noch mit verschiedenen Unvollkommenheiten behaftet sind, darüber unruhig, verwirrt und mutlos werden und nahe daran sind, alles aufzugeben und sich wieder der Sünde zu überlassen!

 Andererseits ist für manche Menschen eine entgegengesetzte Versuchung gefährlich; sie reden sich selbst ein, dass sie schon vom ersten Tag an von allen Unvollkommenheiten frei seien; sie glauben fertig zu sein, ehe sie richtig angefangen haben; sie setzen zum Flug an, bevor ihnen Flügel gewachsen sind. In welcher Gefahr eines Rückfalls schweben doch solche Menschen, weil sie sich zu früh den Händen des Arztes entzogen haben! „Steh nicht auf, bevor es Tag geworden“, sagt der Prophet; „steh erst auf, nachdem du ausgeruht“ (Ps 127,2). Er hielt sich selbst daran; da er schon gewaschen und gereinigt war, betete er darum, es noch mehr zu werden (Ps 51,4).

 Das Bemühen um die Reinigung unserer Seele kann und soll nur mit unserem Leben ein Ende finden. Regen wir uns also nicht auf über unsere Unvollkommenheiten: unsere Vollkommenheit besteht eben darin, dass wir die Unvollkommenheiten bekämpfen. Wir können sie aber nicht bekämpfen, wenn wir sie nicht sehen; wir können sie nicht überwinden, wenn wir ihnen nicht begegnen. Unser Sieg besteht nicht darin, dass wir sie nicht wahrnehmen, sondern darin, dass wir uns ihnen nicht beugen. Der aber beugt sich ihnen nicht, der sie unangenehm empfindet. Zur Übung der Demut müssen wir wohl manchmal in diesem geistlichen Kampf verwundet werden; besiegt wären wir aber erst dann, wenn wir das Leben oder den Mut verloren hätten. Unvollkommenheiten und lässliche Sünden zerstören nicht das geistliche Leben; es geht nur durch die Todsünde verloren. Eines ist also notwendig: den Mut nicht verlieren! „Befreie mich, Herr, von Feigheit und Mutlosigkeit“ (Ps 55,17f), betete David. Es ist ein Glück für uns, dass wir in diesem Krieg immer Sieger sind, solange wir nur kämpfen wollen.

Einfach mal was Nettes sagen

Ja, ja, ich weiß, „nett“ ist nicht schon gleich dasselbe wie „gut“, und unehrliche Nettigkeit ist auch nicht sinnvoll. Aber ehrlich, „gut“ ohne „nett“ geht eben nicht, und im täglichen Leben ist es manchmal (oder auch öfters) tatsächlich ganz sinnvoll, einfach mal was Nettes zu sagen. Von sich aus. Zu anderen Leuten. Auch zu Leuten, die einem persönlich nicht sooo übermäßig liegen. Auch zu Familienmitgliedern. Wer den Ausdruck „nett“ nicht mag, ersetze ihn gerne durch „freundlich“, „anerkennend“, „liebevoll“ oder „gütig“. Es hilft wirklich, wenn Leute einen einfach mal ohne direkten Anlass anlächeln, oder einem sagen, dass sie einen mögen, oder dass sie etwas gut finden, das man gemacht hat, oder dass sie einfach den neuen Pullover, den man trägt, schön finden. Es kann einem manchmal einen schlimmen Tag zu einem guten machen, mir hat es manchmal schon richtig geholfen. Und es ist eine konkrete, simple Anwendungsmöglichkeit der Nächstenliebe, die niemandem unmöglich ist.

Es ist vielleicht nicht gerade eine originelle Idee, aber das hat wohl auch seinen Grund – den, dass es eine gute Idee ist. Da wäre es seltsam, wenn noch nie jemand draufgekommen wäre. Und ja, es ist trotzdem nötig, sie immer wieder wiederzukäuen, damit man sie im Gedächtnis behält. Ich bekenne mich hiermit noch einmal offiziell zu den Göttern der Schönschreibhefte. (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/14/die-goetter-der-schoenschreibhefte/)

 

PS: Aber vorsichtshalber mal an alle Skrupulanten: Nein, wenn man vergessen hat, jemanden anzulächeln, der einem auf der Straße entgegengekommen ist, muss man nicht in Befürchtungen versinken, dass derjenige möglicherweise, nur vielleicht, ein depressiver Mensch sein könnte, der vielleicht durch eine freundliche Geste gerade noch vom Selbstmord hätte abgehalten werden können, was jetzt nicht geschehen ist, weshalb man dann persönlich schuld ist, wenn… usw. Okay? Seinen eigenen Einfluss muss man nicht immer gar so hoch einschätzen, man ist auch nicht persönlich ganz allein für die ganze Welt verantwortlich, und solche verworrenen, katastrophisierenden Ängste sind immer blödsinnig und nie hilfreich. (Für alle Nicht-Skrupulanten: Ja, es gibt Leute, in deren Gehirn solche Gedankengänge auftauchen können. Ich hatte so was auch schon in meinem Kopf.)

 

PPS: Also, um meinen eigenen Rat zu befolgen, an jeden Leser: Ich kenne Dich ja nicht und kann deshalb nichts ganz persönlich Nettes zu Dir sagen. Aber was ich sagen kann: Du bist von Gott nach Seinem eigenen Abbild gemacht worden, ein Kunstwerk und ein Kind, das Er inniglich liebt, das Er glücklich sehen will und an dem Er Freude hat. Schön bist du, ja, du bist schön, sagt Er zu Dir. Alles an dir ist schön, kein Makel haftet dir an. (Hohelied 4,1.7, wenn Du es nachlesen willst.)