Kommen die Heiden in die Hölle, wenn wir sie nicht missionieren? Pius IX. vs. Leo Bigger vs. Rolf Krüger

„Uns und Euch ist bekannt, daß diejenigen, die an unüberwindlicher Unkenntnis in bezug auf unsere heiligste Religion leiden und die, indem sie das natürliche Gesetz und seine Gebote, die von Gott in die Herzen aller eingemeißelt wurden, gewissenhaft beachten und bereit sind, Gott zu gehorchen, ein sittlich gutes und rechtes Leben führen, durch das Wirken der Kraft des göttlichen Lichtes und der göttlichen Gnade das ewige Leben erlangen können, da Gott, der die Gesinnungen, Herzen, Gedanken und Eigenschaften aller völlig durchschaut, erforscht und erkennt, in seiner höchsten Güte und Milde keineswegs duldet, daß irgendjemand mit ewigen Qualen bestraft werde, der nicht die Strafwürdigkeit einer willentlichen Schuld besitzt.“

(Pius IX., „Quanto conficiamur moerore“, 1863)

 

Gestern bin ich mal wieder auf einen der vielen verschnupften Kommentare vonseiten der liberalen Christen zur MEHR und zum dort vorgestellten Mission Manifest gestoßen; dieser hier stammt von Rolf Krüger (https://www.aufnkaffee.net/2018/01/der-elefant-im-christlichen-raum/). Und er wirft tatsächlich interessante Grundsatzfragen zum Thema Mission auf.

Gleich mal vorweg meine Einstellung zur MEHR und zum Mission Manifest: Ich konnte aus privaten Gründen nicht nach Augsburg fahren, hätte mir die Veranstaltung aber gerne mal angesehen, hab’s geschmacklich nicht soo arg mit Charismatik und Lobpreis, fand Johannes Hartl bei einem Vortrag, bei dem ich ihn schon live erlebt habe, inhaltlich ziemlich gut, und finde es toll, wie das Gebetshaus und die MEHR das ins Zentrum stellen, was zählt. Jesus. Nähe zu Jesus durchs Gebet. Weitergabe des Glaubens an Jesus. Ja, genau, und das heißt Mission – am Mission Manifest kann man sicher an ein paar Details herumkritteln (wollen die wirklich behaupten, dass die Chancen der Mission nie und nirgends größer waren?), aber die Grundrichtung ist doch selbstverständlich für jeden Christen. Natürlich geben wir die frohe Botschaft weiter, die wir empfangen haben. Wenn unsere Vorgängergenerationen das nicht getan hätten, würden wir heute noch Thor oder Jupiter anbeten – und da ist mir Jesus doch lieber.

Rolf Krüger sieht das anders. Ihm geht es um die Verbreitung der Ideen von Liebe, Versöhnung und Überwindung von Gewalt an sich: „Ziel von Mission ist dann nicht ein Religionswechsel, sondern ein Gesinnungswechsel.“ Natürlich ist das Blödsinn – der zudem verkennt, dass Religion und Gesinnung nicht einfach voneinander getrennt werden können (welche Gesinnung schreibt z. B. der Hinduismus gegenüber den unteren Kasten vor?) – , aber Krügers Gründe hören sich in diesem Artikel nicht ganz so blödsinnig an. Er reagiert konkret auf die Erlösungslehre des freikirchlichen Pastors Leo Bigger, der auch auf der MEHR aufgetreten ist (und der übrigens wegen seiner prosperity-gospel-Predigten auch unter Freikirchlern kritisiert wird). Diese Erlösungslehre ist im evangelikalen Bereich ziemlich häufig anzutreffen; Krüger beschreibt Biggers Rede nach der Vorstellung des Mission Manifest folgendermaßen:

„Ziel und Sinn von Mission sei es, die Menschen vor der Hölle zu warnen, der ewigen Strafe Gottes für alle Unbekehrten. Biggers erster ‚eigener Bekehrter‘, so erzählt er stolz, kniete schluchzend auf dem Boden des für ihn unerwartet menschenleeren Band-Proberaums, in der verzweifelten Überzeugung, alle anderen seien entrückt worden und er selbst würde jetzt im ewigen Feuer landen.

Das hatte ihm Bigger nämlich kurz zuvor erzählt und hinzugefügt: ‚Hoffentlich hast du dann noch die Gelegenheit, dich zu Jesus zu bekehren!‘ Also fiel der sich zurückgelassen Geglaubte auf die Knie und bekehrte sich. So fanden ihn Bigger und die anderen Bandmitglieder dann auch, als sie vom Kaffeetrinken zurück kamen.

Eine lustige Geschichte, wenn sie nicht so traurig wäre. Denn sie zeigt: Für einen Teil der Christen ist sogar Angst ein probates Mittel für die Mission. Oder Winkelzüge wie zum Beispiel, mit jemandem nur deshalb freundschaftlichen Kontakt aufzubauen, um irgendwann Gespräche über den Glauben zu führen. […]

Es gibt die geretteten Jesus-Nachfolger, die nach dem Tod in den Himmel zu Gott kommen, und die Verlorenen anderen Menschen, deren Seelen ewig gequält oder ausgelöscht werden. Und deshalb ist es überlebenswichtig für jeden Menschen, von Jesus zu hören und bewusst Christ zu werden.

Mission ist also die Verbreitung der Informationen über Jesus mit dem Ziel, möglichst viele Menschen vor der ewigen Verdammnis zu retten.

Für viele evangelikale Christen funktioniert die Erlösung folgendermaßen: Christus bietet sie an und der Einzelne muss mit dem Glauben auf dieses Angebot antworten (sola fide – Werke zählen nicht!). Dazu muss er an einem bestimmten Punkt seines Lebens die persönliche Entscheidung treffen, sein Leben von nun an Jesus zu übergeben. Das geht am besten mit einem Gebet, das bestimmte Dinge enthalten muss: Ich erkenne an, dass ich ein Sünder bin, dass ich mich nicht selbst retten kann, und dass Jesus gestorben ist, um mich zu retten, und ich lade Ihn ein, „in mein Herz zu kommen“. Oder so ähnlich. Vor allem im amerikanischen Raum finden sich zahlreiche vorformulierte Versionen des „Sinner’s Prayer“. Von da an ist man erlöst und diese Erlösung kann nicht mehr verloren gehen. (Wenn man später doch vom Glauben abfallen sollte, war man nie wirklich erlöst und hat das Gebet damals eben nicht ernst gemeint.) Um die Zugehörigkeit zu Jesus öffentlich zu bezeugen, kann man sich dann noch taufen lassen, aber die Taufe ist nur noch ein zusätzliches Zeichen, das nichts bewirkt. (Eine Säuglingstaufe ist sinnlos.) Alle, die in ihrem Leben keine solche Bekehrung erfahren haben, gehen verloren, denn nur durch Jesus kommt man zu Gott.

Was die „Entrückung“ (englisch „rapture“) angeht, von der der Artikel spricht: Das ist eine relativ neue theologische Idee im evangelikalen Raum, die sich ab dem 19. Jahrhundert ausgebreitet hat; sie gehört zum sog. Dispensationalismus. Knapp gesagt besagt diese Lehre, dass, bevor Christus am Jüngsten Tag wiederkehren wird, eine siebenjährige Zeit der Plagen kommen wird (Dispensationalisten haben detaillierte Zeittafeln erstellt, auf denen steht, wann der Antichrist auftreten wird, wer wann gegen wen Krieg führen wird, welche Verfolgungen und Naturkatastrophen wann kommen werden, und manchmal beobachten sie auch, ob der Antichrist schon dabei sein könnte, sich die Weltherrschaft zu erarbeiten – Obama stand für diesen Posten einmal hoch im Kurs), dass aber vor oder während (da ist man sich nicht ganz einig) der Zeit der Plagen die Christen noch in den Himmel entrückt werden werden, damit ihnen das Schlimmste erspart bleibt. Der Rest der Welt kann sich dann immerhin während der Plagenzeit noch bekehren. Die meisten Dispensationalisten erwarten die Entrückung in naher Zukunft, und aus dieser Idee heraus sind auch Romane wie die „Left Behind“-Reihe entstanden, nach der dann auch Filme gedreht wurden, an denen u. a. Kirk Cameron mitgewirkt hat:

Besonders gut sind die alle nicht.

Jedenfalls, die Einstellung „Schau, dass du dich schnell bekehrst, bevor noch die Entrückung geschieht oder du von einem Bus überrollt wirst“ scheint im evangelikalen Raum relativ präsent zu sein.

Im Katholizismus ist es etwas komplizierter; auch da ist man der Meinung, dass man es nicht aus Desinteresse und moralischer Faulheit aufschieben sollte, über sein Leben und die Wahrheit nachzudenken; auch wenn das „Bekehre dich, ehe es zu spät ist“-Motiv in katholischen Predigten heute eher selten auftaucht, ist es doch ein traditionell katholisches Motiv. Aber: Für uns Katholiken ist das mit der Erlösung komplizierter.

Gott will allen Menschen die Vergebung ihrer Sünden schenken, und die Erlösung geschieht durch die Taufe, die Er als Mittel dafür eingesetzt hat, uns Seine Gnade zu vermitteln. Auch kleine Kinder können schon in den Gottesbund aufgenommen werden; ab dem Alter von sieben Jahren ist eine eigene Entscheidung für die Taufe notwendig; und dazu gehört Reue über die vergangenen Sünden. Man kann das Heil durch schwere Sünden wieder verlieren, was dann Reue und Bekenntnis (Beichte) nötig macht. In diesem Sinne nehmen Taufe und Beichte in der katholischen Kirche einen ähnlichen Stellenwert ein wie bei den Evangelikalen das Sündergebet. Aber: Jemand, der bei seinem Tod nicht getauft oder nach einer Todsünde nicht mehr zur Beichte gekommen ist, kommt eben nicht automatisch in die Hölle. Schon in der Antike gab es das Konzept der „Begierdetaufe“: Von Katechumenen, die sich auf ihre Taufe vorbereitet hatten, aber vorher gestorben waren, nahm man  an, dass Gott ihren Wunsch zur Taufe genauso werten würde wie eine durchgeführte Taufe. „Der Wille zählt fürs Werk.“ Das Gleiche gilt für jemanden, der sagen wir mal, auf dem Weg zur Beichte überfahren wird. Dieses Konzept lässt sich erweitern auf diejenigen Menschen, denen einfach nicht bewusst ist, dass die katholische Taufe zum Heil notwendig ist. Mit anderen Worten: Gott will das Heil aller Menschen und lässt niemanden ohne persönliche schwere Schuld verlorengehen; es kann schwere Schuld sein, wenn einem Wahrheit und Moral egal sind, aber wenn jemand nach der Wahrheit sucht und dabei auf die falsche Fährte gerät, wird der gerechte Gott es ihm selbstverständlich nicht anrechnen. Pius IX. sprach hier von „unüberwindlicher Unwissenheit“, Karl Rahner später von „anonymen Christen“. Manche Leute befinden sich im Zustand dieser Unwissenheit, weil sie gar keine Ahnung vom Christentum haben, andere, weil man ihnen Vorurteile über die Kirche glaubhaft nahegebracht hat, andere vielleicht aus wieder anderen Gründen; im Endeffekt kennt nur Gott das Herz eines jeden Menschen.

Das bedeutet, dass Katholiken nicht ganz so sehr auf Bekehrungen drängen müssen wie Evangelikale, da wir auf Gottes Güte vertrauen dürfen – mit anderen Worten, dass man Menschen z. B. Zeit lassen kann, sich vom katholischen Glauben zu überzeugen. Wieso sollte man Leute drängen, eine Religion anzunehmen, bevor sie sie geprüft haben? Daher auch die von der Kirche vorgeschriebene Vorbereitungszeit vor Erwachsenentaufen. Es bedeutet auch, dass man als Katholik keine solche Dringlichkeit fühlen muss, den Nachbarn auf Gedeih und Verderb zu bekehren, weil der ja ohne eine persönliche Entscheidung für Jesus sicher in der Hölle landen würde; den Katholiken wird kein falsches schlechtes Gewissen wegen ihres mangelnden Einflusses auf andere eingeredet. Es bedeutet, dass Menschen, die sich für das Christentum interessieren, keine Angst vor Gott gemacht wird, damit sie ja jetzt sofort Christ werden – die Geschichte von oben ist wirklich nicht sehr schön, und ich weiß nicht, ob so eine Bekehrung zu einer gesunden Gottesbeziehung führt. Es bedeutet auch, dass interessierte Nichtchristen nicht abgestoßen werden von einem solchen auf Panikmache bauenden Glauben. Das mag ich so am Katholizismus: Es wird nicht geduldet, dass Gottes Gerechtigkeit, Güte und Gnade geschmälert werden.

Hier zeigt sich eben ein Problem bei der Ökumene mit den glaubenseifrigen Freikirchlern: Okay, sie ist nicht immer so anstrengend wie die nervigen offiziellen Termine mit den EKD-lern, aber es gibt doch, na ja, gewisse Differenzen, die einen größeren Unterschied ausmachen, als man auf den ersten Blick meinen würde. Und zwar nicht erst, wo es um Freikirchler geht, die der Meinung sind, dass Katholiken keine Christen sind und der Vatikan die Hure Babylon ist. Ketzer sind se halt alle noch, und wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu nachlässig gegenüber ihren Ketzereien werden.

Aber das alles kann man kaum als Argument gegen Mission hindrehen. Mission bedeutet eben ein Mitteilen der guten Nachricht, der befreienden Wahrheit über den einzigen Gott. Was kann dagegen sprechen, diese Botschaft an möglichst viele Menschen weiterzugeben? „Gott wird jemanden nicht dafür bestrafen, dass die Mission ihn nicht erreicht hat“ ist keine Begründung dafür, die Mission sein zu lassen, genausowenig wie „Du wirst nicht bestraft werden, wenn du wegen einer Krankheit nicht in die Schule kommen konntest“ ein Argument dafür ist, das Schwänzen zu ermutigen und die Anwesenheit nicht mehr zu kontrollieren. (Über den Sinn und Unsinn verschiedener Missionsmethoden kann man sich dann unterhalten…)

Rolf Krüger macht hier eine blödsinnige Dichotomie auf zwischen den Christen, die Mission wollen, weil die Leute sonst alle in die Hölle kommen, und denen, die lieber den respektvollen interreligiösen Dialog pflegen, ohne dabei den Versuch zu unternehmen, jemanden von der Wahrheit ihrer Religion zu überzeugen. Er stellt es so dar, als ob es ersteren um die Rettung des Menschen vor göttlicher Strafe ginge und letzteren um die Rettung des Menschen vor sich selbst (durch die Verbreitung der Idee von Liebe und Vergebung, der „Idee, für die Jesus steht“) – als ob die Hölle nicht gerade das wäre, was der Mensch sich selbst einbrockt und woraus Gott ihn retten will. Dass der Mensch vor sich selbst gerettet werden muss, da sind sich alle einig – Uneinigkeit besteht nur da, wo es drum geht, ob ein Religionswechsel [wenn man um die Wahrheit jener Religion weiß] dafür notwendig ist. Rolf Krüger betrachtet den christlichen Glauben nur als nette, nicht wirklich notwendige Zugabe zu dem eigentlich Wichtigen, und das ist einfach nicht so – erstens mal kann die Wahrheit nie unwichtig sein, zweitens fällt ohne sie die Idee von Liebe und Versöhnung irgendwann auseinander (z. B. wenn Menschen nicht bewusst ist, dass ihre Verbrechen ihnen von Gott vergeben werden können).

 

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Wie man das Gehirn überlistet: Nur ein paar unsortierte Gedanken zu Psychopharmaka und Verhaltenstherapie

Ich habe ja hier schon ein paar Mal erwähnt, dass ich mit verschiedenen Ängsten und Zwängen kämpfe, deswegen im Sommer ein paar Wochen in einer Psychosomatischen Klinik war (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/12/bericht-aus-der-irrenanstalt/), und jetzt noch in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung bin. Was mich in den letzten Wochen überrascht hat, ist, wie gut die Therapie mittlerweile vorangeht; das heißt, speziell die „Hausaufgaben“, die ich jede Woche bekomme.

Wahrscheinlich würden sie ohne das Medikament, das ich in der Klinik bekommen habe und seitdem jeden Tag einnehme, nicht so gut funktionieren; ich merke, dass es mein Gehirn ruhiger und klarer werden lässt, und das ist wunderbar. Es macht das Durchdenken der Lage und das Reagieren auf sie in Angstsituationen leichter. Es gibt sicher Leute, die mit überdosierten, süchtig machenden, bei ihnen nicht wirkenden oder mit Nebenwirkungen für sie einhergehenden Psychopharmaka Probleme haben, aber ich persönlich bin inzwischen einfach nur noch dankbar für die Existenz dieser Medikamente. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die Leute heute tendenziell eher zu vorsichtig dabei sind, sie mal auszuprobieren, als dass sie sie sich zu schnell verschreiben lassen. Hat vielleicht mit dieser gewissen modischen Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun, die Leute auch homöopathische Medikamente kaufen und Impfungen ablehnen lässt. Schließlich kann die Schulmedizin ja nicht alles wissen, oder?! Oh, sie weiß immerhin einiges, habe ich gemerkt, und sie auch nicht automatisch gefährlich, weil das ja irgendwas mit „Chemie“ zu tun haben wird. (Wenn ein Spiegelei gebraten wird, hat das übrigens auch was mit Chemie zu tun. Und wenn ein homöopathisches Medikament hergestellt wird, sind da auch chemische Stoffe beteiligt, bei Arnica-Kügelchen etwa Saccharose, auch Haushaltszucker genannt (und sonst nichts). (Aber die Unsinnigkeit der Homöopathie ist ein Thema für ein anderes Mal…)) Also, alles in allem: Klare Empfehlung für Psychopharmaka, wenn man sie braucht! Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie – bitte wirklich – Ihren Arzt oder Apotheker.

Jetzt zur Therapie. Ich tue mir mittlerweile leichter dabei, nicht mehr (so oft) wütend auf mich zu werden, weil ich einfach nur blöd bin und mich bescheuert verhalte und nichts hinkriege, was normale Leute hinkriegen. Vielleicht ist es auch hier einfach das Medikament, das mich ein bisschen ruhiger, müder und gleichgültiger macht, vielleicht ist mein Unterbewusstsein aber auch tatsächlich dabei, was zu kapieren. Jedenfalls funktioniert die Verhaltenstherapie vor allem mit Geduld, und da muss ich eben akzeptieren, dass ich Geduld haben muss. Kleine Schritte. Eine naheliegende, erträgliche Angstsituation angehen, und das jeden oder fast jeden Tag. Nach einer Woche eine kleine Steigerung. Weiter jeden Tag üben. Nach einer Woche die nächste kleine Steigerung. Und ja, ich rede hier von kleinen Sachen, die normale Leute wirklich selbstverständlich jeden Tag hinkriegen. Aber hey – ich darf trotzdem zufrieden sein, wenn ich’s schaffe, wo ich’s vorher nicht geschafft hätte. Wenn man sich dann sagt „Das war ja gar nichts, jetzt schau mal, dass es ordentliche weitere Fortschritte gibt, dann darfst du dir vielleicht irgendwann selber ein ‚Ausreichend‘ geben“, hilft das auch nichts dabei, weiter Fortschritte zu machen. Wenn man die Übungen in kleinen Schritten angeht, tritt jedenfalls irgendwann ein ganz wunderbarer Gewöhnungseffekt ein, den ich zurzeit gerade an mir merke. Wir wissen ja, der Mensch gewöhnt an sich an alles. Was man die letzten sechs Tage lang gemacht hat, verliert schließlich seinen Schrecken.

Wobei das hier auch wieder nicht ganz so einfach ist: Man sollte sich vor der Übung auch selber klarmachen, dass xyz vernünftig betrachtet eigentlich völlig ungefährlich ist, man sich also ruhig dafür entscheiden kann, es zu machen; wenn man sich vorher in Panik hineinsteigert, sich dann doch – eigentlich gegen seinen Willen – von anderen dazu überreden lässt, es zu probieren, und hinterher dann höchstens das Gefühl hat, dass man vielleicht diesmal zufällig gerade noch der Gefahr entronnen ist, wird der Gewöhnungseffekt doch erheblich behindert. Vielleicht kann man hier den Begriff „Autosuggestion“ verwenden, auch wenn ich nicht weiß, ob die Psychologen den dafür hernehmen. Um solche Autosuggestion hinzukriegen, ist es natürlich sinnvoll, sich über die reale Gefährlichkeit der gefürchteten Dinge vorher genau zu informieren. Dann kann man sich nämlich praktisch mit Gewissheit selber einreden, nein, keine Angst, die Wahrscheinlichkeit ist 99,996%, dass nichts passieren wird. Und ja, die 0,004% Restwahrscheinlichkeit muss man einfach aushalten lernen. Absolute Sicherheit wird es nicht geben, da hilft nichts. (Das ist auch eine Wahrheit, die mir die katholische Theologie schon seit Jahren einzuhämmern scheint. Absolute Sicherheit – vor Leid, vor Enttäuschungen durch andere, etc. – kann man sich als Mensch in dieser Welt durch alle Vorsichtsmaßnahmen nicht selbst erarbeiten. Aber Sicherheit ist auch nicht das höchste Gut in dieser Welt oder das Ziel des menschlichen Lebens. (Mann, wie einen die Wahrheit in gewissen Augenblicken ankotzen kann.))

Geduld, kleine Schritte, die man wirklich hinkriegen kann. Regelmäßigkeit, Planung. Autosuggestion, eine eigene Entscheidung treffen, sich der anerkanntermaßen unvernünftigen Angst zu stellen. Restwahrscheinlichkeit aushalten. Alles eigentlich im Prinzip recht simpel. (In der Theorie.)

Ich glaube, ich habe inzwischen auch mehr oder weniger akzeptiert, dass die Ängste auch durch diese Therapie nicht einfach verschwinden werden, sondern dass ich eher Mechanismen lerne, mit ihnen umzugehen, wie die Therapeutin mir klar gemacht hat, und dass manche Dinge immer anstrengend sein werden. Ich erwarte eigentlich auch nicht mehr, irgendwann „ganz normal“, ganz gesund, zu sein, aber ich will das Zeug zumindest einigermaßen unter Kontrolle haben. Und da bin ich mittlerweile optimistischer als etwa noch im Sommer, dass das funktionieren kann. Ich bin jetzt sicher noch nicht so weit, dass ich zufrieden mit dem Ergebnis wäre, aber ich habe gemerkt, dass ich anscheinend tatsächliche, anhaltende Fortschritte machen kann, und nicht immer wieder zurückfalle, wie ich vorher oft das Gefühl hatte. Das ist doch schon mal etwas. Ich hoffe nur, dass es so bleibt. Sicherheit gibt es nicht…

Christen müssen fröhlich sein!

Nein.

Eine der schlimmsten Lügen, die zu Skrupeln neigende Christen belasten können, ist die leider recht weit verbreitete Vorstellung, dass wir Christen grundsätzlich Freude und Glück auszustrahlen hätten – schließlich sind wir erlöst! Gott liebt uns! Unsere Gottesbeziehung sollte sich doch wohl zeigen! (Und willst du nicht auch, dass andere Menschen das Christentum attraktiv finden? Welchen Eindruck hinterlassen wir den Nichtchristen?) Also fühlt man sich schuldig dafür, dass man nicht glücklich ist, und wird dadurch natürlich nicht glücklicher.

Wenn ich ehrlich sein soll, mit ständigem Grinsen und „Mein Leben mit Gott ist so toll!!! #blessed“ hinterlässt man bei manchen Nichtchristen vermutlich sowieso eher den Eindruck, dass das Christentum nichts für diejenigen ist, denen es nicht gut geht und die nicht einfach auf Knopfdruck fröhlich sein können; aber darum geht es hier nicht. Wir sind keine Werbemodels für das Christentum; wir sind Menschen, die eben von dieser Religion überzeugt sind und zu diesem Gott beten und die trotzdem ihr konkretes menschliches Leben mit seinen Höhen und Tiefen haben.

Ja, Gott hilft uns bei unseren Problemen. Ja, Er will uns Trost bringen, wenn es uns schlecht geht. Aber deswegen kann man trotzdem mal legitimerweise unglücklich sein – weil man sich gerade in einer schwierigen Lebenssituation befindet, weil man an einer Depression leidet, whatever. Ein Vergleich: Wenn man eine Krebsdiagnose bekommt, wird eine liebende Familie sicher trösten und helfen und die Situation erträglicher machen und Wege aufzeigen, mit ihr umzugehen, aber sie wird nicht dafür sorgen können, dass man gar nicht mehr entsetzt ist oder Angst hat oder Schmerzen hat. Es wäre blödsinnig, das zu erwarten. Man leidet; und das muss man nicht leugnen. Genauso können wir von Gott logischerweise nicht erwarten, uns in dieser gefallenen Welt vor aller (körperlichen und seelischen) Not zu bewahren.

Es ist schön, wenn wir fröhlich sind; aber Gefühle kann man nicht erzwingen. Gefühle und Gedanken kommen einfach. Sie sind weder Sünden noch Tugenden.

Es gibt einen Unterschied dazwischen, in Selbstmitleid zu schwelgen und anzuerkennen, dass es einem schlecht geht. Wenn es einem schlecht geht, wird die Situation nicht dadurch besser, dass man sich selbst, andere oder Gott anlügt. Wir dürfen auch in unseren Gebeten zu Gott ehrlich sein.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?

Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.

Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.

Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

Wälze die Last auf den HERRN! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat!

Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, der mich anvertraut der Brust meiner Mutter.

Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott.

Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und kein Helfer ist da!

Viele Stiere haben mich umgeben, Büffel von Baschan mich umringt.

Aufgesperrt haben sie gegen mich ihren Rachen, wie ein reißender, brüllender Löwe.

Hingeschüttet bin ich wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder, mein Herz ist geworden wie Wachs, in meinen Eingeweiden zerflossen.

Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.

Denn Hunde haben mich umlagert, eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.

Ich kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und starren mich an.

Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.

Du aber, HERR, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!

Entreiß mein Leben dem Schwert, aus der Gewalt der Hunde mein einziges Gut!

Rette mich vor dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der Büffel! – Du hast mir Antwort gegeben.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.

Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.

Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.

Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.

Alle Enden der Erde sollen daran denken/ und sich zum HERRN bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen.

Denn dem HERRN gehört das Königtum; er herrscht über die Nationen.

Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat,

Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird.

Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.“

(Psalm 22)

Die Psalmisten waren ehrlich. Ebenso Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ betete er am Kreuz.

Luther und die Furchtreue

Zum Reformationstag mal ein Beitrag über eine von Luthers frühen Lehren, die er von anderen spätmittelalterlichen Theologen übernahm und die seinen Weg fort von der katholischen Orthodoxie förderte: Seine Ablehnung der attritio, der sog. Furchtreue.

Dazu der Kontext: Die katholische Theologie unterscheidet zwischen Furchtreue (attritio) und Liebesreue / vollkommener Reue (contritio). Letztere meint eine Reue, die aus wirklicher Liebe zu Gott kommt, mit ersterer ist eine Reue gemeint, die eher aus Furcht vor Gottes Strafe kommt. (Allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun, aber ich will auch nicht in die Hölle kommen, also beichte ich xyz eben“, sondern eher „Ja, ich weiß schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Hauptmotivation, zur Beichte zu gehen, ist im Moment gerade eher Angst vor der Hölle“.) Tatsächlich lehrt die Kirche, dass die Furchtreue in der Beichte für die Vergebung der Sünden genügt. Sie ist nicht ideal; aber sie ist keine Sünde, und sie ist schon mal ein Anfang. Im Katechismus heißt es dazu:

„1451 Unter den Akten des Pönitenten steht die Reue an erster Stelle. Sie ist „der Seelenschmerz und der Abscheu über die begangene Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, fortan nicht zu sündigen“ (K. v. Trient: DS 1676).

1452 Wenn die Reue aus der Liebe zu Gott, der über alles geliebt wird, hervorgeht, wird sie „vollkommene“ oder „Liebesreue“ [contritio] genannt. Eine solche Reue läßt die läßlichen Sünden nach; sie erlangt auch die Vergebung der Todsünden, wenn sie mit dem festen Entschluß verbunden ist, sobald als möglich das sakramentale Bekenntnis nachzuholen [Vgl. K. v. Trient: DS 1677]

1453 Die sogenannte „unvollkommene Reue“ [attritio] ist ebenfalls ein Geschenk Gottes, ein Anstoß des Heiligen Geistes. Sie erwächst aus der Betrachtung der Abscheulichkeit der Sünde oder aus der Furcht vor der ewigen Verdammnis und weiteren Strafen, die dem Sünder drohen [Furchtreue]. Eine solche Erschütterung des Gewissens kann eine innere Entwicklung einleiten, die unter dem Wirken der Gnade durch die sakramentale Lossprechung vollendet wird. Die unvollkommene Reue allein erlangt noch nicht die Vergebung der schweren Sünden; sie disponiert jedoch dazu, sie im Bußsakrament zu erlangen [Vgl. K. v. Trient: DS 1678; 1705].“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P4J.HTM)

Luther war jetzt, zusammen mit anderen Theologen seiner Zeit, der Meinung, dass die Furchtreue eben nie genüge, dass sie schlecht sei. Luther war ja ein eher strenger Mensch, gegen sich selbst und in seiner Theologie; er war schließlich auch gegen den Ablass, weil ihm diese Praxis zu lax war: Damit kommen die Gläubigen ganz einfach um richtige Buße herum. (Zum Ablass und Ablassmissbräuchen an sich ein anderes Mal; ich verweise alle, bei denen da noch Unklarheiten bestehen, erst mal anderswohin zu einer sehr guten Erklärung: https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/07/11/ablass-teil-1-kaputte-fenster-und-martin-luther/) Daher hieß ja auch die erste seiner 95 Thesen: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ usw. [Matth. 4,17], hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ (http://www.luther.de/leben/anschlag/95thesen.html) Eine Geldspende oder ein Gebet genügen nicht; das ganze Leben muss eine Buße sein. Ihr macht es den Gläubigen zu leicht. Und zu den 95 Thesen gehören eben auch diese:

„30. Keiner ist der Echtheit seiner Reue gewiß, viel weniger, ob er völligen Erlaß (der Sündenstrafe) erlangt hat.“

„31. So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablaß, nämlich außerordentlich selten.“

„35. Nicht christlich predigen die, die lehren, daß für die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.“ (Die Übersetzung auf dieser Seite ist schlecht; im lateinischen Original steht für „Reue“ „contritio“, also „Liebesreue“, vgl. http://www.luther.de/95th-lat.html Das kommt davon, wenn man sich nicht mehr mit mittelalterlichen theologischen Fachbegriffen auskennt.)

Das mit der Ablehnung der Furchtreue klingt erstmal nicht so schlecht, oder? Man sollte lieber Gott lieben als Angst haben. Ganz richtig, nur: Wenn man noch Angst hat, ist das keine Sünde. Wenn Gott oder die Engel in der Bibel sprechen „Fürchtet euch nicht“, dann ist das kein Gebot à la „Wenn ihr jetzt noch Angst habt, sündigt ihr“, sondern es ist eine Beruhigung: Ihr braucht keine Angst zu haben. Luther machte sich selbst, der er sehr wohl Angst hatte, Probleme, weil er sich dann nie sicher sein konnte, ob seine Reue in der Beichte genug war, ob sie wirklich Liebesreue war. Und das ist doch ein Teufelskreis: Ich muss Gott lieben, sonst vergibt Er mir nicht, aber diese Liebe darf nicht durch die Angst davor, dass Er mir nicht vergeben wird, motiviert sein. Was ist das Resultat? Ich habe Angst vor Gott. Man sollte wirkliche Reue haben, ja, man sollte sich auch um wirkliche Reue bemühen, wenn man gleichzeitig noch Angst hat, aber Gott nimmt auch unvollkommene Bemühungen an, Er sieht jede Kleinigkeit. „Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Matthäus 10,42)

Ja, die kirchliche Lehre macht es den Menschen gewissermaßen leicht: Gott nimmt unsere Unvollkommenheiten an, wenn wir seine Sakramente empfangen, und kann uns dann auch mit der Zeit zu wirklicher Liebesreue führen. Das ist gut biblisch: Auch der verlorene Sohn im Gleichnis kam zu seinem Vater hauptsächlich deshalb zurück, weil er Hunger hatte, und fand so zur wirklichen Einsicht und Reue.

Was ist zum heutigen Tag sonst noch zu sagen: Na ja, Gebete und Ablässe für Luthers Seelenheil werden ihm vielleicht jetzt eher recht sein als noch zu seinen Lebzeiten. Und viel Spaß für Halloween heute Abend!

In meinen Tabletten ist Rattengift, und außerdem komme ich in die Hölle

Oder jedenfalls will mein Gehirn mir das manchmal einreden.

Na ja, so ganz richtig ist das nicht. Mein Gehirn arbeitet eher mit „könnte“s und „hätte“s und „vielleicht“s. Zum Beispiel heute Morgen. Ich stehe auf, hole wie immer mein Medikament, das ich für eine chronische Krankheit brauche (mein Psycho-Medikament nehme ich abends), und bevor ich die Kapsel schlucken will, kommt plötzlich der Gedanke „Was, wenn da Gift drin ist? Was, wenn ein böser Mitarbeiter in der Pharmafabrik Gift in Tabletten füllt? Oder durch ein Versehen bei der Produktion was falsch gelaufen ist und ich jetzt Rattengift schlucke?“ Es fühlt sich an wie eine böse Vorahnung, eine, der man besser folgen sollte, wie die Leute, die Vorahnungen hatten, nicht auf die Titanic zu gehen. Ich schlucke die Kapsel trotzdem schnell runter, und dann beginne ich, Panik zu bekommen. Jetzt ist das Ding im Magen. Jetzt kann ich nichts mehr tun. Jetzt bin ich hilflos. Ich versuche, mich mit Musik abzulenken; beginne dann, Vergiftungserscheinungen und Erste-Hilfe-Maßnahmen im Internet zu recherchieren. Versuche, mich mit Facebook abzulenken. Suche noch einmal eine Seite über Vergiftungen her. Ich fühle mich einerseits panisch und aufgedreht, andererseits irgendwie gelähmt. Als ich mich nach einer halben Stunde, und dann nach einer Stunde, körperlich immer noch normal fühle, kann ich mich etwas mehr beruhigen, ziehe mir rasch etwas über, und komme zu spät zur Kirche.

Klinge ich verrückt? Ich fühle mich manchmal so. Als würde ich langsam vollständig den Verstand verlieren. Nein, ich rechne, vernünftig betrachtet, nicht wirklich damit, mit meinen Tabletten Gift zu schlucken; aber solche fixen Ideen setzen sich fest, und das Blöde ist, ich kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, dass kein Verrückter in der Medikamentenfabrik Gift in die Kapseln gefüllt hat. (Solche Vorstellungen kommen seit dem Fall des Erpressers mit dem Ethylenglykol öfter in meinen Kopf; vorher waren es eher andere Zwangsgedanken. Sobald das Brot vom Bäcker etwas anders schmeckt als sonst, bekomme ich Angst.) Hier gibt es nur Wahrscheinlichkeiten, auch wenn die noch so hoch sind.

Ebenso wie vor Giften und Ähnlichem habe ich immer wieder Angst vor der Hölle (und in weniger schlimmem Maße auch vor dem Fegefeuer). Ab und zu kommt dieses entsetzliche Gefühl: Ich kann nicht aus diesem Leben raus. Ich kann mich nicht einfach nicht-existent machen. Ich kann nicht einfach in eine Traumwelt verschwinden. Ich stecke in genau diesem Leben fest, und irgendwann werde ich sterben, und ich weiß nicht wann, und ich weiß nicht, was danach kommt – bzw. für mich kommt. Ich kann mich auch hier bis zu einem gewissen Grad mit Vernunftargumenten beruhigen: Gott ist gnädig. Gott ist gnädig. Aber ich kenne Gott nicht wirklich – nicht in dem Sinne, wie ihn die kennen, die schon tot sind, oder die Engel – und ich habe Angst. Angst, alles falsch zu machen, Angst, nicht zu genügen. Es ist dieses schreckliche, lähmende Gefühl, einer unsicheren Welt ausgeliefert zu sein, von der man so vieles nicht weiß, mit der man nicht klarkommt, und für die man zu schwach ist. Ich bin halt nicht unbedingt immer eine vorbildliche Christin.

Oh, wie gut ich Martin Luther verstehen kann.

Jetzt, zum Reformationsjahr und zum kurz bevorstehenden Reformationstag, bekommt Luther sowohl Lobeshymnen für die Auslösung einer Bewegung gegen die Kirche, mit deren Anliegen sich heute kaum noch einer auskennt, als auch Kritik und Verurteilungen wegen seines Judenhasses, seiner Hetze gegen die aufständischen Bauern, und allen seinen anderen unangenehmen Eigenschaften. Ich habe Mitleid mit ihm. Er tut mir so leid. Ich kann seine Verzweiflung, seine Entscheidung, auf die eine Karte des Fiduzialglaubens zu setzen, die er endlich für einen verlässlichen und sicheren Ausweg hielt, irgendwie nachvollziehen. Dieses Gefühl: Und am Ende werde ich doch alles falsch gemacht haben. Ich hätte es besser machen können. Ich habe mir selbst was vorgemacht. Ich war kein guter Christ. Ich habe Gott nicht wirklich geliebt. Wie kann ich nur entkommen? Wie kann ich sicher wissen, erlöst zu sein?

Luthers Ängste verschwanden nicht nachhaltig durch sein Turmerlebnis. Trotzdem blieb „sola fide“ und „sola gratia“ sein Rettungsanker, auf den er setzte, und als es nötig wurde, überwarf er sich deswegen eben mit der Kirche. Luther ist für mich eine tragische Gestalt. Das Schlimme ist, dass seine Ideen vom Ansatz her ja sehr richtig waren; er hat sie zu weit getrieben und verdreht, aber er hat nicht mit falschen Ideen begonnen. Wir können nicht aus uns selbst heraus genügen, Gott liebt uns trotzdem, Gott ist gnädig.

Ich habe einen Vorschlag für den Reformationstag. Ein Rosenkranzgesätz für Martin Luthers Seelenheil. Ich hoffe sehr, dass er jetzt im Himmel ist. Dass er jetzt Frieden gefunden hat.

Gott liebt uns. Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte. Er will uns bei sich haben. Und mit alltäglichen Unsicherheiten muss man leben lernen. Und vielleicht sollte ich mal die Dosis bei meinem Psycho-Medikament steigern, wie der Arzt mir vorgeschlagen hat.

Bericht aus der Irrenanstalt

Ich befinde mich inzwischen seit vier Wochen in einer Psychosomatischen Klinik, und werde noch weitere zwei Wochen hier sein. Da dachte ich mir, ich gebe meinen Lesern mal einen kurzen exklusiven Lagebericht.

Die Klinik, in der ich bin, gehört zu den hiesigen Bezirkskliniken und unterscheidet sich in der Praxis wahrscheinlich nicht allzu sehr von der standardmäßigen Psychiatrie, abgesehen davon, dass es hier keine Abteilung für die schwereren Fälle wie Psychosen und Schizophrenien gibt, keine geschlossene Abteilung für die akut Selbstmordgefährdeten, und keine forensische (ebenfalls geschlossene) für die Straftäter. Das hier ist eine kleinere Klinik für die leichteren Fälle: Angststörungen, Zwangsstörungen, Burnout, Depressionen, usw.

Das Gebäude ist schön gelegen, hell und modern eingerichtet, es gibt einen großen Garten mit Bäumen und Blumenbeeten, Liegestühlen und Sonnenschirmen, und einer großen Terrasse. Das Essen ist wirklich gut, abgesehen vielleicht von den kleinen Portionen in Plastikpäckchen abgepacktem Honig, die es beim Frühstücksbuffet gibt. Untergebracht ist man in hübsch ausgestatteten Einzel- oder Zweierzimmern (ja, ja, auch in solchen Kliniken macht sich unser Krankenkassensystem bemerkbar). Es gibt einen Fitnessraum und einen Sportraum, weil, wie ich hier erfahren habe, Sport als gutes Antidepressivum wirken soll, eine Bibliothek, aus der ich dieses großartige Werk der hohen Literatur her habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/07/26/ein-bisschen-scheiterhaufen-muss-sein/), einen Fernsehraum, eine Lounge mit Kaffeeautomat, Heißwasserautomat, Obstkorb und Süßigkeiten, und sogar einen Saunabereich (Sauna ist nicht meins, aber das hat schon irgendwie was, oder?). Oh, und es gibt eine Kapelle im obersten Stock, in der leider nie Gottesdienste stattzufinden scheinen, sondern höchstens die Gesangsgruppe, wenn der Gruppenraum zu klein für die Anzahl der Teilnehmer ist, die aber sehr schön eingerichtet ist und wunderschöne Kreuzwegstationen enthält. Ich werde hier mal noch Fotos nachliefern.

Die meisten der Patienten, ich auch, bekommen von den Ärzten Psychopharmaka verschrieben – in so geringer Dosis wie möglich. Es handelt sich um keine Wunderpillen und keine persönlichkeitsverändernden Mittel, mein Medikament wirkt etwas beruhigend und stimmungsaufhellend, und hat die einzige Nebenwirkung, dass ich etwas müder bin als zuvor.

Was die Therapien angeht, da gibt es pro Woche 50 Minuten Einzelgespräch mit einem Psychotherapeuten; der Fokus liegt auf den Gruppenveranstaltungen. Zusätzlich zur normalen Gruppentherapie gibt es Gruppen, die sich auf bestimmte Probleme konzentrieren (z. B. Ängste), oder die mit bestimmten Methoden arbeiten (Musiktherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie, Ergotherapie). Für diese Gruppen wird man je nach Bedarf von seinem Therapeuten eingeteilt. Es kann in den Gruppensitzungen um ganz verschiedene Themen gehen: Selbstwert und Selbstannahme, sozial angemessenes Verhalten, richtige Kommunikation, Autonomie, den Angstkreislauf, die Reaktion des Körpers auf psychische Probleme, Techniken für die Vorbereitung auf Panikattacken oder andere Krisen…

Ich habe mal einen Bericht über eine Jugendpsychiatrie gesehen, in der nachts alle zwei Stunden kurz jemand ins Zimmer gesehen hat und in der man sein Handy nur für eine Stunde am Tag bekommen hat. Hier ist das nicht so; vielleicht, weil das hier eine Einrichtung für Erwachsene ist, vielleicht, weil Kliniken das unterschiedlich handhaben, vielleicht, weil in dieser Psychiatrie Patienten mit weniger gravierenden Krankheiten sind als in jener. Ein paar Dinge sind hier anders als in der tpyischen Reha-Klinik, in die man nach einem Bandscheibenvorfall eingewiesen wird, das schon. Zum Beispiel sollen Besucher nicht mit auf die Zimmer kommen, weil die ein geschützter, privater Raum für den anderen Zimmergenossen sein sollen, wo nicht plötzlich die ganze Verwandtschaft des einen Zimmergenossen drin stehen soll. Setzt man sich mit seinen Besuchern eben in die Lounge oder auf die Terrasse.

Und ja, wir laufen hier alle frei herum. Wenn man die Klinik für länger als eine Stunde verlässt, soll man sich in eine Liste eintragen, und am Wochenende, wenn keine Therapien stattfinden, hat man sich morgens nach dem Frühstück kurz beim Pflegepersonal zu melden, um Bescheid zu geben, wie es einem geht und was man für den Tag geplant hat. That’s it. Letztens hat ein Therapeut in einer meiner Gruppen mal von einem Tag der offenen Tür erzählt, der kurz vor der Eröffnung der Klinik stattgefunden hat (die noch nicht lange her ist). Offenbar haben Leute aus dem Dorf damals tatsächlich gefragt, ob die Patienten denn hier alle frei herumlaufen dürfen. Ja, doch, das dürfen wir. Zwischen den Therapien gehen die Leute hier gerne mal ins Dorf runter, einkaufen oder in ein Café. Viele nutzen den Samstag- oder Sonntagnachmittag, um ein paar Stunden nach Hause zu ihrer Familie zu fahren oder einen Ausflug in der Umgebung zu machen; andere bleiben in der Klinik und setzen sich mit einem Buch auf einen Liegestuhl draußen. Besuch kann man hier übrigens auch jederzeit bekommen, und wenn man den Aufenthalt aus welchem Grund auch immer beenden möchte, kann man vorzeitig entlassen werden. (Zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen werden kann man nur im Fall akuter Selbst- oder Fremdgefährdung – also nicht, wenn man sich z. B. mal denkt, man würde eigentlich gerne sterben, sondern eher, wenn die Polizei einen gerade so noch davon abhalten konnte, von einer Brücke zu springen -, und dann würde man nicht in diese Einrichtung hier eingewiesen werden.)

Die Patienten hier sind sehr unterschiedlich. Eine alleinerziehende Lehrerin, eine Rentnerin, ein Schreiner, eine Verkäuferin Mitte zwanzig, eine junge Schwangere… alles dabei. Die allermeisten haben Familie, viele der älteren Patienten haben einen Ehepartner und eigene Kinder. Der Altersdurchschnitt liegt vermutlich bei vierzig oder fünfzig, aber es sind auch mehrere jüngere Leute in meinem Alter hier, und ein paar ältere über sechzig.

Den meisten hier würde man es, wenn man sie auf der Straße sähe, nie ansehen, dass sie psychische Probleme haben. Ja, auch Leute, die an Depressionen oder Panikattacken leiden, können äußerlich gepflegt sein, lächeln und fröhliche Gespräche führen. Es geht ihnen auch nicht pausenlos schlecht.

Bei ein paar wenigen Patienten merkt man es eher, dass es ihnen nicht gut geht: Sie bewegen sich sehr langsam, sprechen kaum, sehen meistens so aus, als ob sie gerade geweint oder schlecht geschlafen hätten, oder sitzen beim Essen im Speisesaal meistens lieber allein. Natürlich hat jeder hier so seine Krankheit. Und hier kann man sich mit Menschen unterhalten, die das verstehen, also gibt es öfter mal Gespräche darüber, dass man in dieser Nacht bloß mit einem abhängig machenden Beruhigungsmittel schlafen konnte (zu meinem großen Glück etwas, womit ich noch nie Probleme hatte!), oder dass man Konzentrationsprobleme hat, oder dass man vorhin in der und der Gruppe eine Panikattacke hatte, oder dass einem diese oder jene ganz normale Alltagsaufgabe schwerfällt. In gewisser Weise hilft es, zu merken, dass man nicht allein ist mit Problemen solcher Art – auch wenn es natürlich an sich nicht gerade toll ist, dass noch mehr Leute dieselben Probleme erleben müssen. Aber hier gibt es jedenfalls viel Verständnis. (Natürlich redet man auch nicht nur über seine Krankheiten. Ich habe hier auch schon Gespräche über Altgriechisch, die Kreuzzüge, Häkeltechniken und Berufspläne geführt.)

Das Ganze hier dauert für gewöhnlich sechs Wochen und wird ab und zu um zwei oder drei Wochen verlängert. Das Konzept ist, die Patienten für eine begrenzte Zeit aus dem Alltag herauszunehmen und sie in dieser Zeit intensiv mit Therapien zu begleiten, damit sie dann wieder ins normale Leben zurückgehen können. Einige sind nach ihrer Entlassung noch eine Zeitlang krankgeschrieben und für gewöhnlich macht man mit ambulanter Therapie weiter.

Der Weg in die Klinik war übrigens ziemlich einfach. Die Psychotherapeutin schlägt eine stationäre Therapie vor, man ringt sich schließlich dazu durch, fragt bei der Klinik an, in die man möchte, bekommt einen Brief, wann der nächste Platz frei ist (ein paar Wochen später), telefoniert noch ein paar Mal mit der Rezeption, holt sich eine Einweisung vom Hausarzt, und fährt dann an dem entsprechenden Termin hin. (Bei akuten psychiatrischen Erkrankungen wird der Weg wohl anders und schneller verlaufen.) In den ersten Tagen hat man dann die Aufnahmegespräche mit den Ärzten und den Psychotherapeuten, d. h., man muss zwei oder drei Mal seine Krankengeschichte erzählen und wird solche Dinge gefragt, wie, hat man schon einmal ein Psychopharmakum genommen, hat man schon einmal an Selbstmord gedacht, leidet man an Schlafstörungen, oder hört man manchmal Stimmen. (Ja, auch so etwas kann einem „normalen Menschen“ passieren. Mir zum Glück noch nicht, aber das ist gar nicht mal so selten, wie man glauben könnte.) Man wird von einem anderen Patienten, der sich als „Pate“ dazu bereiterklärt hat, durchs Haus geführt, und die Kunst-, Musik-, Ergo- und Sporttherapeuten geben allen Neulingen eine kurze Einführung in das, was sie so machen. Wenn alles das dann durch ist, erstellt der zuständige Therapeut einen Wochenplan für einen und es geht mit den normalen Therapien – wie oben beschrieben – weiter.

Ich habe den Eindruck, dass diese Therapien, und nicht zuletzt auch mein neues Medikament, mir inzwischen schon geholfen haben, und bin mal gespannt, wie es dann in zwei Wochen mit mir weitergehen wird, wenn ich wieder draußen sein werde.

Und das war’s auch schon! Interessanteres oder Spektakuläreres habe ich nicht zu berichten.

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Eine Blume in einem der Blumenbeete im Garten der Klinik. Keine Ahnung, was für eine. Sie hat mir einfach gefallen.

 

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen

Wie regelmäßige Leser bemerkt haben werden, habe ich diesen Monat bisher ganz ungewöhnlich wenig gepostet – ein Grund war, dass ich vergangene Woche krank war. Deshalb war ich am Sonntag auch nicht in der Messe, die Fernsehmesse habe ich auch nicht gesehen, und die Lesungstexte, die gelesen worden wären, habe ich erst heute nachgeschaut. (Ich bin momentan gerade sehr faul beim Bibellesen, aber wenn ich nicht in die Sonntagsmesse kann, schaue ich zumindest noch die Lesungen der verpassten Messe beim Bibelwerk (https://www.bibelwerk.de/home/sonntagslesungen?show=all) nach.) Ich bin also auch erst heute darauf gestoßen, dass ich einen meiner absoluten Lieblingstexte aus dem Johannesevangelium verpasst habe, nämlich den Anfang von Kapitel 14.

Ich weiß nicht, worauf sich die meisten Predigten des letzten Sonntags konzentriert haben; ich nehme mal an, auf den berühmten Vers 6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Ist ja auch ein sehr schöner Vers, über den sich das Predigen lohnt; aber mich berühren jedes Mal noch sehr viel mehr die Verse 1 und 2, mit denen dieses Evangelium des 5. Sonntags der Osterzeit beginnt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“

Diese Verse stammen aus den Abschiedsreden beim letzten Abendmahl. In Kapitel 13 erzählt das Johannesevangelium von der Fußwaschung, und dann spricht Jesus bis Kapitel 17 im Abendmahlssaal zu seinen Jüngern (d. h. in Kapitel 17 betet Er auch zum Vater). Ich liebe diese Kapitel alle, aber besonders im Gedächtnis geblieben sind mir eben immer diese Worte:

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“

Mein Herz ist leicht verwirrt, und ängstlich, und mutlos. Aber der Vater hält sehr viele Wohnungen bereit, vermutlich auch sehr verschiedene, für jeden eine, und für jeden eine passende. Tja, jetzt wollte ich noch mehr irgendwie Tiefsinniges über diesen Bibeltext schreiben, aber es fällt mir im Moment gar nichts anderes ein als nur immer wieder dieser Satz, der in meinem Kopf herumgeht: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Vielleicht ist damit auch irgendwie schon alles gesagt. Ich nehme nicht an, dass man mich missverstehen wird (jedenfalls dann nicht, wenn man meinen Blog kennt) : Ich predige hier nicht die Apokatastasis. (Hey, wenn man’s schon kann, darf man auch mal seine klugen griechischen Begriffe anbringen.) Aber trotzdem gibt es keinen Grund, sich zu ängstigen. Im Haus des Vaters sind viele Wohnungen bereit.

 

PS: Ich weiß nicht genau, wie oft ich in nächster Zeit zum Bloggen kommen werde; aber ich hoffe, es wird wieder etwas öfter werden. Ein paar weitere Beiträge zur Reihe über die schwierigen Bibelstellen sind in Arbeit; ich habe die Reihe in letzter Zeit vernachlässigt. Die zentralen Themen Tora und Landnahme stehen bald endlich an, und nach einigen weiteren AT-Artikeln werde ich dann auch irgendwann mal noch zum frauenfeindlichen Paulus und zum Lästern des Heiligen Geistes und ähnlichen NT-Stellen kommen. Wie schon mal gesagt: Das Thema reicht für so einige Beiträge.

Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

Ein Problem, das ich mit unserem derzeitigen Papst, wie er manchmal erscheint, oder zumindest mit manchen seiner Anhänger, habe, ist ihre gewissermaßen selektive Barmherzigkeit. (Ich weiß nicht, ob alles oder auch nur ein größerer Teil dessen, was ich in diesem Artikel beschreibe, auf Papst Franziskus persönlich zutrifft, aber es geht mir auch nicht vorrangig um ihn oder irgendeine andere Person, sondern um ein allgemeines Phänomen. Hier also der offizielle Disclaimer: Dieser Artikel hier ist eigentlich nicht als Papstkritik im strengen Sinne gemeint, er kritisiert eher ein Phänomen, das besonders unter dem derzeitigen Papst wieder stärker aufgelebt ist, das aber nicht gerade neu ist.)

Wie gesagt: Selektive Barmherzigkeit. Was ich damit meine, ist Folgendes:

Man redet von Armut, Demut und Barmherzigkeit. Man tritt ganz betont schlicht auf, damit andere sehen, dass man den alten Prunk der Kirchenfürsten verabscheut. Man zeigt sich bestimmten Sünden gegenüber, die in der Welt beliebt sind, barmherzig, nicht verurteilend, manchmal verständnisvoll, manchmal auch verharmlosend. Andere Sünden dagegen verurteilt man mit den schärfsten Worten, die man finden kann. Ersteres sind meistens die Sünden des Fleisches, letzteres bestimmte Sünden des Geistes. Man betont, wie viel Gutes auch in vor- / außerehelichen Beziehungen zu finden sei, während es ja auch Ehen gäbe, in denen keine gute Beziehung zwischen den Partnern bestehe, und man predigt darüber, wie grauenvoll es sei, sich z. B. wegen seines Glaubens für besser als andere Menschen zu halten, oder wie schlimm Heuchelei sei. Die Lieblingsstelle in der Bibel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Besser ein barmherziger Samariter sein als ein gleichgültiger Priester oder Levit; besser ein moralischer Atheist sein als ein heuchlerischer Katholik. Man setzt sich selbst mit dem Heiland gleich, der gegen den Legalismus und die Rigidität der Schriftgelehrten und Pharisäer auftritt und für die Armen, Gebeugten, Ausgestoßenen einsteht.

Und damit tut man – wenn auch vielleicht unbewusst – ganz genau dasselbe wie das, wofür der Heiland die Pharisäer kritisiert hat: Man sichert sich den Beifall der Welt. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Matthäus 6,5)

Ich meine, Leute, bitte: Die ausgestoßenen Sünder unserer Zeit sind nicht wiederverheiratete Geschiedene. Es sind dicke, alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, oder AfD-Wähler, oder auch religiöse Fundamentalisten, sagen wir mal, in der Nachbarschaft umherwandernde Zeugen Jehovas oder Leiter römischer Kurienbehörden – Leute dieser Art. Ausgestoßene Sünder sind diejenigen, die tatsächlich in der Öffentlichkeit und in den Medien schlecht wegkommen, ob nun zu Recht (wie in den Evangelien die Ehebrecherin) oder zu Unrecht (wie in den Evangelien die verschiedenen Leprakranken). (Natürlich kann es je nach speziellem Milieu noch zusätzlich ganz unterschiedliche Ausgestoßene oder Verachtete geben: Fleischesser, Flüchtlinge, Katholiken, Juden, Schulmediziner, Feministinnen, Machos, Trump-Wähler, Clinton-Wähler, Klimaskeptiker, Esoteriker, Hausfrauen, und so ziemlich alles, was es gibt, können dazu gehören.)

Und wenn man barmherzig sein will (was man sollte) : auch Unbarmherzigkeit gegenüber Pharisäern ist Unbarmherzigkeit, ob man sie nun bloß für Pharisäer hält oder ob sie es wirklich sind.

Ich möchte mal ein Gedankenexperiment machen, das in deutschen Landen zwar wenig realitätsnah ist (ich habe noch keine alten Damen getroffen, die sich so verhalten) – aber stellen wir uns einfach mal vor, dass folgendes Geschehnis passiert:

Eine junge Frau, die bisher mit Kirche und Religion nie viel am Hut hatte, fühlt sich irgendwie zum Glauben hingezogen und hat manches über den Katholizismus erfahren, was sie interessiert, also schaut sie einfach mal in eine Kirche in ihrer Nachbarschaft hinein. Sie stellt fest, dass dort gerade die Sonntagsmesse stattfindet und setzt sich also neugierig zu den Gottesdienstbesuchern und ist ganz fasziniert vom Geschehen am Altar. Vorher hat sie nicht besonders auf ihre Kleidung geachtet und so trägt sie also einen etwas kurzen Rock und ein Top, bei dem ihr BH durchschaut. Nach dem Ende der Messe wird sie von einer älteren Dame, die in der Bank hinter ihr gesessen hat, angegiftet, ob ihr eigentlich jeder Respekt vor dem Herrgott abgehe, dass sie eine halbe Stunde zu spät und dann noch in einem solchen unschamhaften Aufzug in der Messe erscheine.

Die Reaktion des durchschnittlichen Lesers dieser Geschichte wäre wahrscheinlich, die alte Dame als arrogant und unverschämt abzuurteilen, oder? Aber das muss nicht zwangsläufig der Realität entsprechen.

Weshalb kann sie so gehandelt haben? Kann der Grund wirklich nur gewesen sein, dass sie eine böse, hochmütige alte Frau ist, die auf alle Mitmenschen herabsieht, die nicht aufs i-Tüpfelchen genau ihren Vorstellungen entsprechen?

Nicht unbedingt. Es kann ebenso gut möglich sein, dass sie eine Neurotikerin ist – im religiösen Bereich nennt man so etwas Skrupulantin – , die fürchtet – obwohl sie vielleicht ahnt oder weiß, dass dieses Gefühl irrational ist -, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht jeden ihrer Mitmenschen auf seine von ihr vermuteten Sünden hinweist, damit er sich bekehren kann. Denn wenn sie das nicht tut, ist sie schließlich an deren Sünden und möglicher ewiger Verdammnis mit schuld, und das ist eine große Sünde, mit der wiederum sie sich die ewige Verdammnis verdient, so ihre zwangsgestörte Logik. Dabei hegt sie persönlich keinerlei Abneigung gegen die junge Frau oder sonst jemanden; sie fühlt tatsächlich vor allem Furcht und Mitleid – um sich selbst und um die von ihr gescholtenen Menschen. Sie hat Angst vor dem richtenden Gott, der diese und sie selbst verdammen könnte. Ihr Tonfall war unbeabsichtigt, und zu Hause angekommen verbringt sie zweieinhalb Stunden damit, den Vorfall noch mal in ihrem Kopf durchzuspielen, um sagen zu können, ob sie die junge Frau mit besagtem Tonfall vielleicht so sehr verletzt haben könnte, dass diese nie wieder etwas mit der Kirche zu tun haben will, womit sie dann ebenfalls wieder an deren ewiger Verdammnis mit schuld wäre. Dann verbringt sie noch eine halbe Stunde damit, Gott um Verzeihung anzuflehen und zu versuchen, vollkommene Reue zu erwecken, nur für den Fall, und am nächsten Tag geht sie zur Beichte. Ihrem Pfarrer ist sie schon bekannt, und er versucht, sie so gut es geht zu beruhigen, so wie er es jede Woche wieder wegen irgendeinem Vorfall tut. Allmählich ist er ratlos, wie er ihr helfen soll.

Oder vielleicht war die alte Frau geistig gesund, aber einfach gestresst und wütend wegen etwas, das gar nichts mit der jungen Frau zu tun hatte, die ihr nicht sittsam genug gekleidet war. Vielleicht hat sie direkt vor der Messe noch mit ihrer Tochter telefoniert, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und diese und deren Familie freundlich zu Weihnachten eingeladen, was die Tochter abgelehnt hat, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Für sie und ihre Familie passe das nicht so gut, nein, zu Ostern wohl auch nicht, nein, auch die Faschingsferien seien schlecht. Im Lauf des Gesprächs hat die Tochter außerdem noch mehr als deutlich ihre Verachtung darüber zu erkennen gegeben, dass die Mutter immer noch die Vorbeterin beim Rosenkranzgebet in der Pfarrei macht und tagtäglich in die Messe geht; dann hat sie das Gespräch abgebrochen. Außerdem hat die alte Frau als Kind gelernt, die Ehrfurcht vor dem lieben Herrgott für sehr wichtig zu halten, und so ist ihr in ihrem aufgebrachten Gefühlszustand nach der Messe gegenüber der jungen Frau, die erstens viel zu spät und zweitens ihrer Ansicht nach nicht im Geringsten angemessen gekleidet gekommen ist, einfach ihr Temperament durchgegangen. Hinterher tut es ihr leid und sie hofft, dass die junge Frau am nächsten Sonntag wieder in die Messe kommt, sodass sie sich entschuldigen kann.

Das Problem ist eben: Kein Mensch, der heute hier auf Erden lebt, ist der Heiland. Daher kann auch kein Mensch anderen Menschen ins Herz schauen und endgültig sagen, ob sie nun arrogante Pharisäer sind oder nicht, und erst recht nicht, ob sie sich nicht vielleicht, wenn sie es sind, und wissen, dass sie es manchmal sind, eigentlich gerne bessern wollen.

Diese Art von selektiver Barmherzigkeit ist sicher oft gut gemeint und entwickelt sich dann nur falsch. Aber falsch entwickeln, das muss man sagen, das tut sie sich leider häufig.

Wir alle brauchen eben Barmherzigkeit.

 

„Siehe, dein König kommt zu dir“: Lassen wir uns doch von Ihm lieben

(Ein etwas verspäteter Palmsonntagsbeitrag. Sorry, ich hatte in den letzten Tagen viel um die Ohren und habe diesen Beitrag daher länger halb fertig liegen lassen.)

„Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.“ (Matthäus 21,1-11)

„Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde. Auch deine Gefangenen werde ich um des Blutes deines Bundes willen freilassen aus ihrem Kerker, der wasserlosen Zisterne.“ (Sacharja 9,9-11)

Vergangenes Wochenende war ich seit längerem einmal wieder beichten (Fastenzeit und so); und es war ein außergewöhnlich schönes Erlebnis. Ich gehe jedes Mal in der Kirche in meiner Nachbarschaft bei dem Priester, der an dem Tag, an dem ich mir das Beichten vorgenommen habe, gerade im Beichtstuhl sitzt; meistens ist das der Stadtpfarrer. An diesem Wochenende erwischte ich erstmals den neuen Kaplan. Ich bin vom Pfarrer her eher die Art Beichte gewohnt, bei der man seine Sünden aufzählt, dann einen kurzen, eher allgemeinen Zuspruch erhält, und dann gleich die Absolution; alles in fünf Minuten vorbei. Diesmal merkte ich schon während des Schlangestehens vor dem Beichtstuhl (in der Karwoche muss man manchmal tatsächlich mal länger Schlange stehen, in meiner Pfarrei jedenfalls), dass die Leute vor mir schon etwas länger dort drin waren als für gewöhnlich, so eine Viertelstunde konnte es schon dauern. Als ich dann an die Reihe kam und schließlich mit meiner Sündenaufzählung fertig war, unterhielt sich der neue Kaplan auch mit mir noch länger als für gewöhnlich, offensichtlich, um das Ganze persönlicher zu machen anstatt mehr oder weniger als Blockabfertigung. Er begann einfach damit, nachzufragen, welche der Sünden, die ich genannt hatte, ich denn als am schwerwiegendsten bewerten würde. Ich stotterte erst einmal herum und entschuldigte mich dafür dann wiederum mehrmals; jedenfalls fragte er noch manches andere nach und ich konnte noch manches erzählen und manche Fragen stellen, und es ergab sich am Ende ein gutes Gespräch über mein neurotisches Gewissen. (Über das ich schon mehrfach geschrieben habe; siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/ und hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/category/skrupulositat/)

Wie gesagt, ich bin so etwas in der Beichte bisher eigentlich nicht gewohnt gewesen. Mit meinen religiösen Zwängen und Ängsten versuche ich meistens eher selber fertigzuwerden, anhand von Internet, Büchern, und eigenen Überlegungen. Zum Beichten bin ich immer gegangen, um Sachen bei Gott abzuladen, nicht, um persönlichen Trost und Tipps zu erhalten – ersteres geschieht natürlich immer und ist auch tatsächlich der eigentliche Zweck dieses Sakraments, aber er sollte letzteres nicht ausschließen; es muss schließlich Gründe geben, wieso Gott die Sündenvergebung in ein Zweiergespräch mit einem Seelsorger eingebunden hat. Einmal erst habe ich bisher außerhalb der Beichte mit einem Priester über meine religiöse Zwangsgestörtheit gesprochen (außerdem habe ich vor kurzem eine Psychotherapie begonnen; was natürlich nicht ganz dasselbe ist, aber trotzdem sehr notwendig); in der Beichte nie. Dabei ist sie eigentlich ein sehr geschützter Raum – schon allein durch die Architektur des Beichtstuhls mit seiner Abgeschlossenheit von der Außenwelt, seiner Dunkelheit, dem Gitter zwischen Priester und Pönitent, aber noch mehr natürlich durch das Wissen um das absolut ausnahmslos in jedem Fall geltende Beichtgeheimnis -, aber trotzdem ist es auch in so einem geschützten Raum nicht immer ganz einfach, dem Beichtvater, ob er nun ein Fremder oder ein guter Bekannter ist, mehr zu erzählen als unbedingt für eine gültige Beichte notwendig, und ihn noch um Rat für konkrete Situationen zu bitten, gerade, wenn vielleicht draußen noch andere Pönitenten warten, die sich eventuell noch fragen könnten, was man so lange da drin macht. Da kann es manchmal hilfreich sein, wenn der Priester von sich aus die Sache etwas persönlicher gestaltet. (Natürlich: Wenn es einem Pönitenten unangenehm ist, manche Dinge genauer zu besprechen und er gerade nicht sein ganzes Seelenleben diskutieren möchte, sollte er das auch sagen können. Es haben ja nicht alle Leute so viel Gesprächsbedarf wie ich.) Aber in meinem Fall jedenfalls war es sehr tröstlich: Einfach einmal wieder mit einem aufmerksam zuhörenden Menschen reden zu können; laut aussprechen zu können, was mich manchmal fertigmacht. Die Beichte bei einem guten Seelsorger bietet einen Raum unglaublicher Freiheit. In diesem Raum kann man Sätze aussprechen wie: „Ich habe Angst vor der Hölle.“ Es mag vielleicht lächerlich klingen, das zu sagen, aber lächerliche Dinge aussprechen zu können, befreit eben. Ich stelle mir den Himmel als einen Ort vor, an dem niemand mehr die lächerlichen und dummen Dinge, die er gedacht und gesagt und getan hat, verstecken muss; überhaupt als einen Ort, an dem man keine Angst mehr haben muss. Wie schön wäre so ein Ort.

Der Herr Kaplan brauchte bei mir wohl ein wenig, bis er aus meinem Gestotter ganz klug wurde, jedenfalls verstand er dann irgendwann, dass ich mir oft nicht sicher bin, wie schwer meine Sünden sind; dass ich lange über derartige Fragen nachgrüble; dass ich z. B. Angst habe, dass es eine Sünde ist, wenn ich etwas nicht gleich und sofort beichten gehe und mich dann vor dem Beichten wiederum verkrampfe und Bauchschmerzen bekomme; dass ich Angst habe, Dinge falsch zu machen, nicht genug zu tun, vor Gott nicht zu genügen; dass ich manchmal Angst habe, in die Hölle zu kommen.

Zuerst sagte er mir dann eine sehr wichtige Sache, die ich eigentlich schon oft genug gehört und über die ich selber schon öfter geschrieben habe (das täglich Darandenken ist so eine Sache) : Wir werden nie genügen können; wir können nie genug leisten; wir können uns nicht den Himmel erarbeiten. Alles ist Gnade. Auch die Beichte, d. h. die Absolution in der Beichte (die theoretisch vom Priester übrigens sogar verweigert werden könnte, unter gewissen, seltenen Umständen). Gott schuldet uns keine Vergebung, wenn wir diese und jene Regeln genau erfüllen (Vergebung, auch menschliche Vergebung, ist immer etwas Ungeschuldetes); Er will sie uns schenken und hat uns dafür einen Weg gezeigt. Es ist schon vom Ansatz her völlig falsch, mit diesem Leistungsdenken an die Sache heranzugehen. Wir müssen nicht denken „Wenn ich das und das tue, muss Gott mich doch mögen“; nein – Gott liebt uns, ohne dass wir irgendetwas getan hätten, und trotz allem, was wir tun.* Ja, wir sollen auch auf Seine Liebe antworten, aber wir müssen weg von diesem Leistungsdenken. Wir werden niemals vollkommen sein, und man kann Liebe nicht verdienen. Gott stellt uns auch keine unerfüllbaren Aufgaben; einfach mal platt gesagt, es genügt, ein gewisses Mindestmaß an Reue für seine Sünden zu haben (was für uns Katholiken bei Gelegenheit dann auch einschließt, sie zu beichten), und sich nicht mehr durch eine schwere Sünde von Gott abzuschneiden, um zu Ihm zu kommen (bzw. wenn doch, diese dann wieder zu bereuen, etc. etc.).

Nebenbei machte er mir dann noch klar, dass vorgeschrieben nur die einmal jährliche Beichte sei, es also keine Sünde wäre, nur so oft beichten zu gehen (meine letzte Beichte ist übrigens noch lange kein Jahr her; ach ja, noch eine Anmerkung für alle eventuell hier mitlesenden Skrupulaten: Der Vorsatz, beichten zu gehen, ist vor Gott übrigens auch was wert; Er wird uns nicht böse sein, wenn wir z. B. zufällig sterben sollten, ehe wir die Gelegenheit hatten, eine schwere Sünde (falls wir denn schwere Sünden auf dem Gewissen haben) zu beichten – gilt ja analog z. B. auch für die sog. „Begierdetaufe“). Etwas anderes, was ich noch sehr gut fand, war, dass er auch kurz das Thema Psychotherapie ansprach, in Bezug auf das es ja in Deutschland immer noch viele Vorurteile gebe.

Dann fragte er mich noch etwas: Wie es denn bei mir mit dem Beten so gehe? Na ja, ich würde eben so das Vaterunser beten, und für meine Familie etc. beten, und so. Daraufhin riet er mir, im Gebet auch mal etwas anderes zu versuchen: Mich einfach von Gott lieben zu lassen. Einfach vor Gott da zu sein, jeden Tag eine Viertelstunde lang, mir vorzustellen, bei Ihm zu sein; und mich von Ihm lieben zu lassen.

Gefühlsmäßig… kommt mir so etwas manchmal beinahe anmaßend vor. Einfach davon auszugehen, dass Gott mich liebt? Dass ich bei Ihm sein kann, ruhig eine Viertelstunde vor Ihm sitzen kann, ohne etwas beteuern oder bereuen oder erbitten oder bedanken zu müssen, ohne Angst zu haben, sondern einfach nur bei Ihm sein und von Ihm geliebt werden könnte? Einfach nur ruhig da sein könnte, ohne viel zu besprechen, oder auch, Ihm auf ehrliche Weise meine Ängste und meine Bitterkeit anzuvertrauen könnte? Was, wenn… ich weiß nicht, wenn da irgendeine unerkannte Schuld noch da ist, wenn ich eigentlich noch so vieles andere falsch gemacht habe und es mir vielleicht unbewusst nicht eingestehen will, ein verkleideter innerlicher Hochmut oder etwas in der Art, und ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass Gott einfach so mit mir zufrieden ist…

Stop jetzt.

Gott liebt uns; wir sind doch Seine Kinder. Paulus schreibt: „Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden.“ (Römer 8,15-17)

Am Palmsonntag haben wir unseren König in Seiner Stadt begrüßt. Aber wir sind nicht eigentlich die Untertanen oder Dienstboten dieses Königs; nein, wir sind Seine Kinder, Königskinder. Gott liebt mich; ich bin Seine Tochter, Seine Prinzessin.

Jesu Einzug in Jerusalem und Sein Leiden einige Tage später lesen sich in gewissem Sinne wie eine durchgängige Parodie auf die Zeremonien von Königen und Kaisern (man denke gerade an die römischen Kaiser dieser Zeit) : Der Einzug auf einem Esel, einem dreckigen Lasttier der Armen, statt auf einem Streitross, mit einem Gefolge von Gruppen seiner Jünger, unter dem Jubel der Stadtbevölkerung, aber ohne Kriegsmacht, ohne Soldaten, Sklaven und Gefangene, und unter den missbilligenden Blicken der Obrigkeit und der intellektuellen Eliten (vgl. Lukas 19,39). Als König verworfen, verspottet, und zum Tod verurteilt. „Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf.“ (Matthäus 27,27-30)

Ein König mit Dornenkrone und Kreuzesthron, über dessen Kopf bei Seinem Tod eine Tafel proklamiert: Jesus von Nazareth, der König der Juden. „Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ (Johannes 19,21f.)

Dieser König ist ein wahrer König, aber ein König des Leidens, ein König der Liebe; Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist ein König des Friedens, der auf einem Esel und mit Palmzweigen zu Seiner Begrüßung in Jerusalem, der Stadt des Friedens, einzieht; kein Fürst, vor dem wir uns fürchten müssten.

 

* (Ja, liebe Lutheraner, wir brauchen keinen Luther, um „Werkgerechtigkeit“ anzuprangern. Das können konservativ-katholische Kleriker ganz genauso; das ist der Standard dessen, was in den Dogmatiklehrbüchern steht und was man einer Skrupulantin predigt.)

 

Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts aus Sicht eines Menschen mit Todeswunsch

Sie ist schlecht, schlecht, schlecht. Das denke ich.

Sehen Sie, ich bin depressiv, seit einiger Zeit. Man könnte außerdem sagen, ich leide an einer unheilbaren Krankheit – damit meine ich nicht meine Depression, sondern eine körperliche Krankheit, die die Depression mit bedingt hat. (Wenn es einem schlecht geht, ist man nie gut drauf.) Oh, ich meine keine tödliche Krankheit. Ich meine eine unheilbare – d. h. eine chronische, die ich bis zu meinem Lebensende, bis zu dem es statistisch gesehen durchaus noch 60 Jahre dauern könnte, nicht loswerden werde, jedenfalls nicht nach dem heutigen Stand der Medizin. Im Alltag sehr störend, aber sicher nicht tödlich.

Und, wie gesagt, ich bin depressiv. Zu meiner Depression gehört auch ein gewisser Todeswunsch. Ich habe keine Selbstmordpläne, sehen Sie, ich plane, mich nicht umzubringen – es besteht noch kein Grund, mich stationär behandeln zu lassen. (Ich habe mir übrigens inzwischen psychologische Hilfe gesucht, keine Angst.) Aber der Gedanke an den Tod hat für mich überhaupt nichts Beängstigendes an sich, im Gegenteil. Wenn ich einen Unfall haben und sofort sterben könnte – oh, das wäre schön. Na ja, es gibt da natürlich auch noch so Ängste, was das Jenseits angeht, die ich auch noch habe, aber sagen wir mal, wenn ich frisch von der Beichte einen Unfall haben könnte, das Fegefeuer dann nicht zu lang ausfiele, und so – oh, das wäre schön. Ich sehne mich nach Ruhe, ich sehne mich nach Schlaf, ich sehne mich nach Frieden und nach Sicherheit.

Klar, es gibt manche Dinge, die dann schade wären. Ich könnte manche Dinge nicht mehr vollenden, die ich angefangen habe – hatte ich schon mal erwähnt, dass ich Hobbyschriftstellerin bin und im Moment an einer Roman-Trilogie arbeite, die ich erst halb fertig habe, und die ich gerne irgendwann ganz fertig hätte und auch versuchsweise mal an einen Verlag schicken wollen würde? Es gibt noch andere Dinge. Und meine Familie wäre da natürlich. Das ist auch einer der wichtigsten Gründe, wieso ich mich nicht töten werde – ich will das meiner Familie nicht antun.

Aber wenn das Schreiben und diese Dinge nicht wären, wenn ich keine Familie hätte, und vor allem, wenn es nicht vor Gott falsch wäre (was es aber leider ist), ein tödliches Medikament zu nehmen – dann würde ich das gerne tun. Das wäre schön. Ich hoffe immer wieder, dass ich nicht mehr so arg lange leben muss. Ja, mit Anfang zwanzig. (Viel Glück dabei.)

Na ja, da ich so denke, könnte man nun ja meinen, ich würde die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts pro Sterbehilfe begrüßen. Das tue ich nicht. Sehen Sie, ich habe meine fünf Sinne noch so weit zusammen, dass ich weiß, dass ich psychisch krank bin. Wenn ich noch kränker wäre, wäre das vielleicht nicht mehr der Fall, aber ich würde noch mehr leiden, und vielleicht nach Sterbehilfe verlangen. Und ich will nicht, dass man mir in einem solchen Fall eine Giftspritze verabreichen würde. Das heißt, ich will es in gewissem Sinne schon – ich fände es schön; ich finde den Gedanken sogar schrecklich, Leid ausgeliefert zu sein, dem andere Menschen nicht abhelfen werden, auch wenn ich sie darum verzweifelt bitten würde. Aber ich lehne es rational als falsch ab. Man müsste mir in so einem Fall auf andere Weise helfen. (Zum Beispiel damit, meine körperliche Krankheit ernst zu nehmen, wobei Ärzte nicht immer vorne mit dabei sind.)

Zuallererst liegt der Grund für meine Einstellung natürlich in meinem Glauben. Ich glaube, dass es einen Sinn haben muss, wieso Gott mir dieses Leben, das ich nicht wirklich mag, sondern eher ertrage, noch zumutet. Ich habe Angst vor meinem weiteren Leben, und ich mag es nicht besonders, aber ich sehe rein rational, dass es einen Sinn haben muss. Ich glaube, dass auch Leiden einen Sinn haben muss, dass Gott, der selber so gelitten hat, einen Sinn daraus entstehen lassen kann, auch wenn es schrecklich ist, und dass ich nicht das Recht habe, „Gott zu spielen“, und mich selbst zu schädigen oder zu töten. Dass ich mir auch selbst die Liebe schuldig bin, die ich allen Menschen schulde – liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich will außerdem nicht, dass geistig gesunde Menschen leidende Menschen töten oder ihnen zum Selbstmord verhelfen, um ihretwillen – ich will nicht, dass sie diese Schuld auf sich laden. Ich würde nicht wollen, dass jemand mir zum Sterben „verhilft“; er würde damit eine schwere Schuld auf sich laden, und das will ich nicht.

Dann ist da natürlich noch die theoretische Möglichkeit – an die ich zwar im Moment nicht wirklich glaube, aber sei’s drum – dass es im Lauf der Zeit wieder besser werden könnte. Dass man eine Medizin gegen meine Krankheit findet, dass meine Depression irgendwann weggeht (ja, Depressionen kann man behandeln). Jedenfalls bin ich durchaus ganz froh, dass ich von meinem Umfeld nicht einfach zu hören kriege „Dann kannst du dich ja umbringen“, sondern dass man mir hilft, mit meiner Krankheit umzugehen und meine Depression loszuwerden. Vielleicht werde ich irgendwann einmal auch wirklich froh sein, noch am Leben zu sein.

Dann sind da noch andere, mehr allgemeine Gründe. Was würde geschehen, wenn Sterbehilfe normal würde? Ganz einfach, das, was in den Niederlanden geschieht. Es würde erwartet werden, sie in Anspruch zu nehmen, vor allem von alten, dementen oder von behinderten Menschen, die bloß noch Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Sie denken, ich übertreibe? Dann überlegen Sie mal, wieso Rentner die Niederlande verlassen. Der Druck würde steigen. Man würde sich weniger darum kümmern, Behandlungsmethoden zu finden, ordentliche Mittel zur Schmerzbekämpfung und so weiter, man würde die Palliativmedizin zurückschrauben, die Suizidprävention natürlich erst recht.

Und Sterbehilfe würde auch für Menschen wie mich nach und nach normal werden. Ich bin „unheilbar krank“, ich leide (auch psychisch, was ebenso real ist wie physisch; und ja, es haben in anderen Ländern schon Menschen wegen psychischer Krankheiten Sterbehilfe erhalten). Wer kann sagen, dass mein Leiden nicht genug ist, um zu zählen? Überhaupt – wieso muss man leiden, um einen selbstbestimmten Tod sterben zu dürfen, wenn die Selbstbestimmung so wichtig ist – ja, angeblich sogar im Grundgesetz garantiert? (Nebenbei, diese Auslegung des Grundgesetzes ist aus meiner Sicht lachhaft. (Und ja, ich habe keine Ahnung von Jura.) Die dort garantierte Selbstbestimmung ist bekanntlich nicht absolut, und wenn sie es nicht ist, dann können Richter, solange das gesetzlich nicht geregelt ist, auch nicht einfach erklären, dass sie zwangsläufig das Recht auf Selbsttötung umfasst, vor allem nicht in dem Sinne, dass der Staat dabei behilflich sein muss. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Verfasser des Grundgesetzes auch nur daran gedacht hätten, dass Hilfe durch das Gesundheitssystem zum Selbstmord unter das Selbstbestimmungsrecht fallen könnte? A propos Verfassungsrecht: Wer hat diesen Richtern, anstelle z. B. des gewählten Parlaments, die Vollmacht gegeben, solche Entscheidungen zu treffen?) Wenn diese Selbstbestimmung so wichtig wäre – wie könnte man es dann noch rechtfertigen, Menschen, die sich ritzen, oder magersüchtige Mädchen, die sich halb zu Tode hungern, oder Menschen, die drohen, sich umzubringen, in eine Psychiatrie einweisen zu lassen? Eine solche Behandlung hilft und tut gut, ich weiß das von Bekannten, die selbst schon eine Zeitlang stationär behandelt wurden (ich selber musste noch nicht in die Psychiatrie, und mir persönlich wäre es auch lieber, das zu vermeiden, aber nicht, weil ich Vorurteile gegen ein „Irrenhaus“ habe, sondern weil ich lieber daheim bei meiner Familie sein will und aus anderen persönlichen Gründen; aber die Psychiatrie ist an sich etwas sehr Gutes, wo sich um einen gekümmert wird, und ich kann mir gut vorstellen, dass es für andere psychisch kranke Menschen sogar eine Erleichterung ist, wenn man ihnen vorschlägt, ob nicht ein stationärer Aufenthalt für einige Wochen ihnen vielleicht helfen würde). Aber wie könnte man es rechtfertigen, Menschen ins BKH einweisen zu lassen, wenn Selbstbestimmung alles ist? Die Antwort muss lauten, sie darf nicht alles sein.

Die Rede von der Selbstbestimmung ist ein Mythos, sehen Sie. Die allermeisten Selbstmörder sind depressiv. Sie sind nicht selbstbestimmt. Ein Verwandter von mir ist vor ein paar Jahren durch Selbstmord ums Leben gekommen. Ich weiß noch, dass auf seiner Beerdigung (der aus Indien stammende Dorfpfarrer sagte in der Messe kein Wort über seine Todesursache, und auch niemand von der Verwandtschaft erwähnte etwas davon) seine Chefin am Grab, als alle noch anstanden, um Weihwasser aus dem kleinen danebenstehenden Becken auf den Sarg zu spritzen und sich dabei zu bekreuzigen, wenn sie an der Reihe waren, wie man das eben bei Beerdigungen so macht, als sie an der Reihe war, kurz so etwas sagte, wie, dass er bis zuletzt selbstbestimmt gewesen sei. Sie hielt das wohl für irgendwie tröstlich oder so. Wie bitte?, dachte ich mir schon damals. Mein Verwandter war nicht selbstbestimmt gewesen, er war nicht selbstbestimmt gestorben. Er hatte offensichtlich an einer schweren Depression gelitten, die er vor der Welt verborgen hatte, er hatte es nicht mehr geschafft, sein Haus auch nur ein bisschen in Ordnung zu halten, und schließlich hatte er sich erhängt, weil er seinen psychischen Schmerz nicht mehr ausgehalten haben muss. Das hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun, gar nichts.

Kann ich meine Leser an dieser Stelle bitten, ein kurzes Gebet für meinen Verwandten zu sprechen? Ich bete auch immer wieder für ihn, und ich hoffe, dass er jetzt dort ist, wo alle Schmerzen und alle Leiden ein Ende haben, wo alle Tränen abgewischt werden, wo der Tod nicht mehr sein wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.

Ich hoffe, dass ich auch irgendwann dort sein werde, aber jetzt ist meine Zeit wohl noch nicht gekommen, und es ist nicht an mir, zu entscheiden, wann sie gekommen ist. Ich will irgendwann bei Jesus sein, aber dann, wenn Er es für richtig hält, nicht dann, wenn ich es für richtig halte.

 

Falls das hier jemand liest, der selber Selbstmordgedanken hat: Hier ist die Telefonnummer der Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de/); dort muss 24 Stunden am Tag jemand zu erreichen sein, selbstverständlich anonym, und selbstverständlich auch für Leute ohne jede Kirchenzugehörigkeit: 0800 111 0 111 Es gibt auf deren Internetseite auch Mailberatung und Chatberatung. Und hier ist eine Seite, die bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz hilft, und einige Informationen zur Psychotherapie bietet: http://www.psychotherapiesuche.de/ Nicht die Hoffnung verlieren! Man kann was machen, und schon Reden hilft oft, wirklich; und Psychotherapie ist übrigens auch nicht zwangsläufig nur Psychoanalyse („Hat es vielleicht ein Kindheitstrauma ausgelöst, dass Sie als Baby einmal nicht ordentlich gewickelt wurden?“ Sorry, ich habe gewisse Vorurteile gegen Psychoanalyse; ich weiß, dass sie nicht zwangsläufig so ist. Aber jedenfalls, es gibt auch Psychotherapieformen, die meiner persönlichen Ansicht nach wesentlich besser helfen als Psychoanalyse. Verhaltenstherapie zum Beispiel.) Mich darf man übrigens auch gerne über die „Contact“-Seite kontaktieren, auch wenn ich als Laiin wohl nicht wirklich helfen kann. Normalerweise schaffe ich es, wenigstens regelmäßig daran zu denken, meine E-Mails nachzuschauen…

 

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