Skrupulosität: Besser Vorsicht als Nachsicht?

Ich habe hier schon öfter über Skrupulosität, also eine zwanghafte, übertriebene Angst, zu sündigen, die ich gut kenne und mittlerweile zumindest, na ja, so einigermaßen halbwegs überwunden habe, geschrieben. Eine Falle, in die man als Skrupulant tappen kann, wenn man eigentlich schon eingesehen hat, dass man es übertreibt und dass das nicht mehr gesund ist, ist folgender Gedanke:

„Ja, gut, höchstwahrscheinlich war das und das keine schwere Sünde, höchstwahrscheinlich war meine letzte Beichte schon gültig, höchstwahrscheinlich muss ich mir wegen dieser und jener Situation keine Gedanken machen. Ja, gut, ich bin ständig in Panik und das beeinträchtigt mein Leben. Aber wenn ich dafür nicht in die Hölle komme, nehme ich die Panik und die zusätzlichen Absicherungen und Vorsichtsmaßnahmen lieber in Kauf. Lieber auf Nummer sicher gehen. Wenn ich mich jetzt beruhige, schön, dann habe ich es vielleicht kurzfristig leichter, aber wenn dann der unwahrscheinliche Fall, den ich gefürchtet habe, doch eintritt und ich dann mal in der Hölle bin, hilft mir das auch nicht mehr.“

Der Gedanke scheint was für sich zu haben, oder? Aber hier übersieht man die negativen geistlichen Folgen, die die Skrupulosität selbst haben kann. Der Theologe Adolphe Tanquerey (1854-1932) schreibt in seinem Werk „Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie“ über Skrupel, die er zwar nicht bei den Sünden, aber bei den Versuchungen, die zu Sünden führen können, einreiht, Folgendes:

„Lässt man sich unglücklicherweise von den Skrupeln beherrschen, so bringen sie an Leib und Seele die schlimmsten Wirkungen hervor:

a. Allmählich führen sie Schwächung und gewissermaßen Zerrüttung des Nervensystems herbei. Beständige Furcht und Angst wirken niederdrückend auf die Gesundheit des Leibes. Sie können zu einer wahren Besessenheit werden und in eine fixe Idee ausarten, die an Irrsinn grenzt.

b. Sie verblenden den Geist und fälschen das Urteil . Nach und nach verliert man die Fähigkeit zu unterscheiden, was Sünde ist und was nicht, was schwer und was lässlich ist. Die Seele wird ein Schiff ohne Steuer.

c. Oft ist Mangel an Andacht des Herzens deren Folge. Da man nämlich immer in Aufregung lebt und in Verwirrung, wird man schrecklich egoistisch, misstraut aller Welt, selbst Gott, den man zu streng findet. Man klagt darüber, dass er uns in diesem unglücklichen Zustande lässt und ist ungerecht in der Klage gegen ihn. Dabei kann von wahrer Andacht natürlich keine Rede sein.

d. Endlich kommen Schwächen und Niederlagen. Der Skrupulant verbraucht in nutzlosen Anstrengungen bei Kleinlichkeiten seine Kräfte und hat dann deren nicht mehr genug zum Kampfe an den wichtigsten Punkten. Die Aufmerksamkeit nämlich kann sich nicht über die ganze Linie erstrecken. Daher Überrumpelung, Niederlagen und manchmal schwere Vergehen. Übrigens sucht man instinktiv Erleichterung der Qualen und da man sie in der Frömmigkeit nicht findet, sucht man sie anderswo, in Büchern, gefährlichen Bekanntschaften. Diese sind zuweilen Ursache bedauernswerter Fehltritte, und man verfällt der Entmutigung.“

(Den Abschnitt über Skrupel gibt es hier auf Deutsch als PDF, das ganze Buch gibt es auf Englisch als Digitalisat bzw. auch als PDF.)

Ich kenne das selbst, diese Verwirrung und Erschöpfung. Trost im Gebet? Weniger. Öfter hat man das Gefühl, unter den anklagenden Augen Gottes zu stehen und sich irgendwie rechtfertigen zu müssen. Wenn man sich ruhig und getröstet und geliebt fühlen könnte, hinterfragt man es oft gleich – vielleicht will man es sich bloß selbst einreden, dass Gott nicht wütend auf einen ist, während Er es tatsächlich noch ist. Also betet man am Ende weniger, weil es mehr anstrengend als schön ist. Nicht das gewünschte Resultat.

Die Art von Erleichterung, die man dann sucht, kann schlimmstenfalls nicht nur in den gängigen Sünden enden, sondern auch in der Häresie. Martin Luther war Skrupulant. Dieser Augustinermönch fragte sich ständig, ob er gesündigt hatte, wollte seinem Beichtvater nicht glauben, dass seine Sünden nicht schwer seien, und das machte ihn verrückt. Und irgendwann sagte er sich: Ich kann gar nicht genügen, ich kann auch mit Gottes Gnade die Todsünden nicht meiden, ich habe keinen freien Willen, an mir hängt es nicht, Gott wird mich retten, egal, was ich noch tue, ich kann durch irgendwelche Sünden mein Heil nicht verlieren. Simul iustus et peccator. Gott soll mit mir tun, was Er will, ich ertrage keine Verantwortung, keinen freien Willen. Ich gebe auf, und kann endlich aufatmen.* Diese Mischung aus Verzweiflung und Vermessenheit war tatsächlich eine Sünde, und führte ihn noch zu weiteren Sünden. Nun weiß ich natürlich nicht, wo Luther jetzt ist, aber seine skrupelinspirierten Ideen brachten ihn jeden Fall dazu, sich seine eigene Theologie nach Wunsch zurechtzulegen, sich von der Kirche abzuspalten, und seine Ordensgelübde zu brechen; und auch, wenn er nicht voll schuldfähig gewesen sein sollte, ein guter Start in die Ewigkeit ist das nicht.

Kurz gesagt: Skrupulosität kann einen auf einen Weg bringen, der auch in der Hölle enden kann. Hundertprozentige Sicherheit gibt es auf keinem Weg, egal, wie gern man sie hätte, man kann immer höchstens eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit haben.

Skrupulosität ist ja nicht Heiligkeit. Die meisten Skrupulanten haben wohl keine überdurchschnittlich schlimmen Sünden im Vergleich zu nichtskrupulösen Christen, sind aber auch nicht die allerbesten und vorbildlichsten Menschen. Heiligkeit bedeutet auch Vertrauen in Gott, Zuversicht – besser ausgedrückt, Glaube und Hoffnung. Es wird einem leichter fallen, in den Himmel zu kommen, wenn man die Skrupel bekämpft.

ABER WAS, WENN DOCH…

Ja. Dieses ABER WAS, WENN DOCH ist furchtbar. Egal, was einem die Vernunft oder ein Priester bei der Beichte oder ein Handbuch der Moraltheologie sagen: Gleich drängt sich wieder der Gedanke dazwischen: MEINETWEGEN, DAS MAG ALLGEMEIN SO SEIN, ABER WAS, WENN ES DOCH IN DIESEM EINEN SPEZIELLEN FALL BEI MIR ANDERS IST???

Das ist die typische ängstliche Skrupulanten-Sturheit. Die muss man überwinden. Sie ist nicht gut. Und ja, da kann man sich jetzt denken „Das schreibt sich so leicht“. Hey, ich krieg’s ja auch nicht immer besonders gut hin. Aber Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

Aber was, wenn doch? Was, wenn man sich doch einmal geirrt hat?

Ganz einfach: Dann ist Gott gerecht. Gott ist gerecht. Und Gott will, dass wir uns auf unsere Vernunft und auf die Autorität der Kirche verlassen, nicht auf irrationale Ängste, und wenn wir dann doch mal fehlgehen, während wir versucht haben, diesem Prinzip zu folgen, wird Er wissen, dass das keine Absicht war. Gott ist gerecht. Und nicht nur gerecht, sondern auch gnädig und geduldig.

Jesus nennt den Heiligen Geist im Johannesevangelium den „Paraklet“. Das wird oft mit „Beistand“ übersetzt und heißt wörtlich auch so etwas wie „Anwalt, Gerichtsbeistand“. Der Heilige Geist selber ist unser Beistand im Gericht (während der „Ankläger“ der Satan ist – vgl. Offb 12,10). Der Anwalt sieht sämtliche mildernden Umstände und Intentionen, und der gerechte Richter, der Herr Jesus, zieht sie in Betracht.

„Was sollen wir nun dazu sagen? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht.Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat.Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten,weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,31-39)

Abschließende Gedanken: Zwei Dinge, die mir helfen, und die ich viel öfter tun sollte, sind das Lesen in der Bibel und das Beten des Stundengebets. Das nimmt einen aus den eigenen kreisenden Gedanken heraus und man hört Gottes Wort; oft ein sehr tröstendes Wort.

 

* An mitlesende Protestanten:

1) Das soll keine Beleidigung sein. Ich kann diese Versuchung sehr gut nachvollziehen.

2) Wieso Luthers Theologie trotzdem nicht zutreffend ist: Es gibt hier nur vier Möglichkeiten, wie die Erlösung funktioniert (den Pelagianismus, die Erlösung durch die eigenen Werke ohne Notwendigkeit der Gnade, den wir alle ablehnen, einmal ausgeklammert):

a) Die Menschen können nichts zu ihrer Erlösung beitragen bzw. sie durch ihre Sünden nicht verhindern und Gott rettet sie alle.

b) Die Menschen können nichts zu ihrer Erlösung beitragen bzw. sie durch ihre Sünden nicht verhindern, und Gott rettet nur einige von ihnen.

c) Die Menschen können und müssen etwas zu ihrer Erlösung beitragen, wenn sie Gottes allen angebotene Gnade annehmen, aber ihr Beitrag besteht nur im Fudizialglauben, die Werke sind egal.

d) Die Menschen können und müssen etwas zu ihrer Erlösung beitragen, wenn sie Gottes allen angebotene Gnade annehmen, und dazu gehören Reue über die vergangenen Sünden und das Halten der Gebote (Meiden schwerer Sünden) in der Zukunft.

Möglichkeit a), die Allerlösung, ist angesichts von Jesu drastischen Warnungen vor der Hölle nicht unbedingt naheliegend; Möglichkeit b), der Calvinismus, würde bedeuten, dass Gott einige Menschen nicht liebt und fällt daher raus; Möglichkeit c), die viele Evangelikale wählen, liefe auf eine „Erlösung durch Autosuggestion“ (Paul Hacker) hinaus; man könnte es auch einen Tinkerbellglauben nennen. Wenn einer glaubt, er kommt in den Himmel, kommt er auch in den Himmel. Und wer leider nicht so gut bei der Autosuggestion ist – ups, Pech gehabt. Außerdem wäre diese Möglichkeit einfach so offensichtlich ungerecht – jemand könnte ein Mörder und Kinderschänder sein; wenn er nur fest von seiner eigenen Erlösung überzeugt wäre (und Psychopathen können sehr von ihren Grundüberzeugungen überzeugt sein, besonders, wenn es darum geht, sich selbst als irgendwie auserwählt zu sehen), würde er in den Himmel kommen. „Sündige tapfer, doch tapferer glaube!“, wie Luther es formuliert hat. Zudem steht diese Lehre in krassem Gegensatz zur Schrift.

„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21)

„Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung sind und ohne das tägliche Brotund einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das?So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.Aber es könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben.Du glaubst: Es gibt nur einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern.Willst du also einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus den Werken als gerecht anerkannt, als er seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar legte?Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und dass der Glaube aus den Werken zur Vollendung kam.So hat sich das Wort der Schrift erfüllt: Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet und er wurde Freund Gottes genannt.Ihr seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.Wurde nicht ebenso auch die Dirne Rahab durch ihre Werke als gerecht anerkannt, weil sie die Boten bei sich aufnahm und dann auf einem anderen Weg entkommen ließ?Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“ (Jak 2,14-26)

Bleibt also noch d).

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Moraltheologie und Kasuistik, Teil 1: Entscheidungsfindung bei Unsicherheiten – über Tutiorismus, Probabilismus und Laxismus

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Bevor ich zu den Einzelfragen komme, erst einmal zu den Prinzipien. Heute zu einer sehr grundsätzlichen Frage: Das Ergebnis, wenn man mit allgemeinen moralischen Prinzipien an einen konkreten Fall herangeht, kann sein: „Es ist klar: Du musst das und das tun / darfst das und das nicht tun.“ Oder: „Es ist klar: Du kannst frei zwischen den und den Möglichkeiten wählen.“ Aber es kann auch mal  sein: „Das ist ein Grenzfall; es ist nicht ganz klar, was deine Pflicht ist, am wahrscheinlichsten ist es so, aber andere würden vielleicht sagen, es wäre so, wahrscheinlich wäre auch noch diese dritte Möglichkeit erlaubt, diese vierte hier wohl eher nicht.“ Diese Fälle sind immer die schwierigsten. Und hier kommen die sog. Klugheitsregeln und die sog. Moralsysteme ins Spiel.

Grundsätzlich gilt in der Moraltheologie die Regel „ein zweifelhaftes Gesetz bindet nicht“ (lex dubia non obligat). Aber was heißt das jetzt für die Praxis? Wann ist ein Gesetz zweifelhaft? Sagen wir, mir geht es nicht so gut und ich bin mir nicht sicher, ob die Sonntagspflicht (das Gebot, sonntags eine Messe zu besuchen) für mich noch gilt oder ich auch zuhause bleiben kann. Wonach entscheide ich?

Im 17. und 18. Jahrhundert war das ein ziemlicher Streitpunkt unter den Theologen. Sie entwickelten dabei die folgenden sog. Moralsysteme:

Der Tutiorismus (von „tutior“, lateinisch für „sicherer“) wäre die Ansicht, man müsste immer die strengste, die sicherste, die beste aller Möglichkeiten wählen. Die Tutioristen erkannten das Prinzip lex dubia non obligat eigentlich gar nicht erst an. Du bist dir nicht völlig sicher, ob du krank genug bist, um von der Messe daheim zu bleiben? Dann geh zur Messe. Du weißt nicht hundertprozentig, ob du bei deinem Job vielleicht in Gewissenskonflikte gerätst? Dann kündige. Man muss das Gebot immer befolgen, auch wenn sehr starke Gründe gegen seine Geltung in einem bestimmten Fall sprechen. Diese Ansicht billigt die Kirche nicht. Das macht ja auch Sinn: Sie ist letztlich nicht lebbar. Bei jeder noch so kleinen Unsicherheit gäbe es keinen Spielraum mehr. Und so würden auch viele falsche Entscheidungen getroffen werden – weil manche Leute sich z. B. auch bei Krankheiten, bei denen sie wirklich im Bett bleiben sollten, nicht völlig sicher wären, ob sie es nicht doch in die Kirche schaffen könnten. Einer vernünftigen Abwägung kann man nicht entgehen, indem man immer nach der einen Seite steuert. So landet man nur im Graben. Als die Jansenisten verurteilt wurden, wurde in einem Dekret von 1690 u. a. der Satz „Es ist nicht erlaubt, einer [wahrscheinlichen] Meinung oder unter wahrscheinlichen der wahrscheinlichsten zu folgen“ verurteilt.

Dann gäbe es den Probabilismus, von „probabilis“, „wahrscheinlich“. Wenn wahrscheinliche Gründe gegen die Geltung eines Gebots in meinem Fall sprechen, ist es nicht bindend. Neben dem reinen Probabilismus gibt es noch ein paar Unterformen. Da ist der Probabiliorismus (probabilior = wahrscheinlicher), nach dem die Gründe, die gegen die Geltung sprechen, zumindest wahrscheinlicher sein müssen als die Gründe dafür. Dann der Äquiprobabilismus, nach dem die Gründe dagegen zumindest genauso groß sein müssen wie die Gründe dafür. Nach dem Kompensationssystem kann es auch einmal sein, dass gute Gründe gegen die Verpflichtung sprechen, die aber weniger gewichtig sind als die, die dafür sprechen, und dass man trotzdem nicht verpflichtet ist, weil gewichtige praktische Gründe dagegen sprechen, d. h. es sehr schwer durchführbar ist. (Extremes Beispiel: Ich bin mir nicht sicher, ob ich xyz nach dem göttlichen Gesetz tun muss, es gibt ganz gute Gründe dagegen, aber noch bessere Gründe dafür – aber wenn ich es tue, steckt mich der ungerechte Staat, in dem ich lebe, für zwanzig Jahre ins Arbeitslager. Ergo: nach dem Kompensationssystem nicht verpflichtend.) Die probabilistischen Moralsysteme werden von der Kirche gebilligt.

Der Laxismus wäre die Ansicht, man dürfte frei zwischen allen Möglichkeiten wählen, die nicht ganz und gar absolut sicher verboten sind. Für als laxistisch bezeichnete Theologen war ein Gesetz schon dann zweifelhaft, wenn nur sehr schwache Gründe gegen seine Geltung sprachen – mit anderen Worten, für sie hätte man auch mit einem leichten Schnupfen von der Kirche daheim bleiben können. Wie die etwas abfällige Bezeichnung schon nahelegt, ist das eine Ansicht, die die Kirche nicht so ganz billigt; verschiedene laxistische Sätze wurden von Rom als „zumindest ärgerniserregend und in der Praxis verderblich“ verurteilt.

Bei Skrupulanten (also Leuten mit einer religiösen Zwangsstörung) im Speziellen ist es allerdings etwas komplizierter: Weil die dazu neigen, alles stundenlang hin und her zu wälzen und immer auf Nummer sicher gehen wollen und Angst haben, sich bei einem zweifelhaften Gebot nicht als gebunden zu betrachten, auch wenn die Gründe dafür eigentlich wahrscheinlich wären, weil man sich bei der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit ja irren könnte, was ja vielleicht davon kommen könnte, dass man unterbewusst Gott nicht gehorchen will, usw. usf., dürfen die sich in der Praxis nach einem eher laxistischen Prinzip verhalten. Wenn man dazu neigt, immer in die eine Richtung zu steuern, muss man jetzt erst einmal mehr in die andere Richtung steuern, um das zu korrigieren. Weil Skrupulanten die Geltung eines Gebots in ihrem Einzelfall oft erst dann anzweifeln, wenn es wirklich wahrscheinliche Gründe dagegen gibt, und weil es für sie sowieso erst einmal wichtig ist, ihre ungesunde Angst abzulegen, sollen sie sich erst dann gebunden sehen, wenn sie sich wirklich sicher sind.

Soweit zu den Prinzipien. Und nicht vergessen: Wenn man sich in der Beurteilung eines konkreten Falls mal geirrt hat, dann ist das nicht so schlimm. Gott rechnet einem nichts an, was man im guten Glauben, es wäre erlaubt, getan hat. In diesem Sinne stimmt es, dass Gott kein Erbsenzähler ist – Er sieht mehr auf die Absicht als auf die Tat.

 

Was ist meine Berufung?

Berufungen. Ach ja. Es wird bei uns in der Kirche gerne um welche gebetet, und viel über sie geredet, aber was das eigentlich ist – eine Berufung -, das wird auch gerne missverstanden. Und das kann dann für einigen unnötigen Stress sorgen. Bin ich zum Ordensleben oder Priestertum berufen? Oder will Gott mich vielleicht doch lieber in der Ehe sehen? Soll ich das Studium machen, oder die Ausbildung hier? Was, wenn ich den falschen Weg einschlage? Woran erkennt man eine Berufung? Es gibt vielleicht junge Männer, die sich fragen, ob sie Priester werden können, auch wenn sie nicht diese anscheinend manchmal erwartete innerliche Gewissheit verspüren, dass Gott sie beruft; oder junge Frauen, die sowohl den Gedanken daran, verheiratet und Mutter von drei, vier, fünf Kindern zu sein, als auch die Vorstellung, als Franziskanerin in einem Kloster zu leben, attraktiv finden und nicht wissen, wo Gott sie jetzt eigentlich haben will. Hinter manchen unnötigen Sorgen steckt auch der Gedankengang: Gott hat genau einen bestimmten Weg für mein Leben vorgesehen und wenn ich diesen Weg nicht finde, sündige ich und verpasse außerdem den ganzen Sinn und Zweck meines Daseins.

(Ewige Profess in einem Benediktinerinnenkloster, 2006, Quelle: Bischöfliche Pressestelle Hildesheim.)

Hauptsächlich und klassischerweise geht es bei der Frage nach einer „Berufung“ um die Wahl zwischen der Ehe und einem gottgeweihtem Leben gemäß den evangelischen Räten (Ratschlägen aus dem Evangelium, mit einer gewissen häretischen Konfession hat das nichts zu tun), also Armut, eheloser Keuschheit und Gehorsam. Dazu hat der hl. Paulus eigentlich alles Entscheidende schon im 1. Korintherbrief gesagt:

„Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser.“ (1 Kor 7,7-9.25-38)

Zu dieser Stelle habe ich hier schon mal etwas geschrieben; ich zitiere der Einfachheit halber mal mich selber:

„Dann ist es wichtig, zu sehen, dass Paulus hier keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will, à la ‚Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…‘. Nein, wenn er sagt, ‚Heiratest du aber, so sündigst du nicht‘ oder ‚Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut‘ oder ‚Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat‘, dann meint er das auch. Was nicht Sünde ist, darf man machen; hier lässt Gott uns jede Freiheit, und er nimmt es uns nicht übel, wenn wir uns für das an sich ‚Minderwertigere‘ entscheiden. Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht ’schlecht‘, wie wir das Wort oft verwenden, sondern ‚wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem‘. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.“

Diese Lehre hat übrigens sogar den Rang eines Dogmas; beim Konzil von Trient heißt es: „Wer sagt, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden: der sei mit dem Anathema belegt.“ Ja, das heißt, wenn jemand dir sagt, dass Ehe und Jungfräulichkeit genau gleich viel wert sind, ist er streng genommen zumindest ein materieller Häretiker.*

Also, zwei Sachen werden hier ganz deutlich: 1) Eine der beiden Berufungen ist objektiv höherwertig. Das nur auf Gott ausgerichtete Leben ist etwas ganz Besonderes, das es in der Kirche auf jeden Fall braucht – übrigens auch, um der Welt klarzumachen, dass unsere Hoffnung nicht in dieser Welt liegt, sondern bei Gott. 2) Es ist keine Sünde, nicht das Höherwertige zu wählen. Ich glaube, es ist nötig, es immer und immer wieder zu sagen: Das Bessere ist nicht der Feind des Guten. Und Gott liebt einen nicht weniger, wenn man das weniger Gute wählt.

Interessant ist auch: Paulus sagt zwar: „Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ Aber dann sagt er doch allgemein: Wer nicht heiratet, handelt besser; nur, wenn das zu schwierig für ihn ist, dann soll er halt heiraten und muss sich deswegen kein schlechtes Gewissen machen. Mit den Gnadengaben scheint er eher die Fähigkeit als die gefühlsmäßig empfundene persönliche Beauftragung zu einem Leben allein zu meinen. (Nur mal so: bei einem Verzicht auf die Ehe geht es ja nicht nur um einen Verzicht auf Sex, das zwar auch, aber auch um einen Verzicht auf Partnerschaft, auf Kinder, usw. Das muss man auch aushalten können.)

Auch zwei Stellen in den Evangelien sind hier wichtig. Als Jesus klargestellt hat, dass Ehescheidung nicht geht, geht es so weiter: „Da sagten seine Jünger zu ihm: Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19,10-12) Manchen ist es also gegeben, auf die Ehe zu verzichten – und wenn einer sich dafür geeignet sieht, ist es auch gut, wenn er es tut.

Dann kommt die Geschichte von dem reichen Jüngling: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.“ (Mt 19,16-22) Als der reiche junge Mann fragt, was er tun muss, nennt Jesus ihm einfach die allgemeinen Gebote; als er noch mehr tun will, lädt Jesus ihn ein, auch auf seinen Besitz zu verzichten.

Der hl. Thomas nennt das Leben nach den evangelischen Räten den „Stand der Vollkommenheit“. Wir verwenden das Wort „vollkommen“ ja eigentlich mit zwei Bedeutungen: 1) „makellos“, d. h. ohne Fehler oder Verunreinigungen, 2) am höchsten, das Bestmögliche. Nach Vollkommenheit im ersten Sinne soll jeder Christ streben (d. h. jeder soll keine Sünden begehen – klar wird man sie nicht alle vermeiden können, aber man muss es sich als Ziel setzen und versuchen), Vollkommenheit im zweiten Sinne ist etwas Freiwilliges für die, die sie auf sich nehmen wollen, dafür geeignet und nicht durch irgendwelche äußeren Umstände daran gehindert sind. Und zu dieser zweiten Vollkommenheit gehören die evangelischen Räte. (Hier noch mehr zum Thema Gutsein & Vollkommenheit.) „Da jedoch die Vorschrift des Gesetzes in verschiedener Weise erfüllt werden kann, so ist deshalb noch nicht jemand ein Gesetzesübertreter, wenn er nicht auf die beste Weise es erfüllt; vielmehr genügt es, wenn er irgendwie dies thut.“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3, Antwort auf den zweiten Einwand.)

Laut Thomas ist das Leben nach den Räten ein besonders gut geeignetes Mittel, um zur Heiligkeit zu gelangen – aber eben kein Endzweck in sich selbst. Der Endzweck ist die Gottes- und Nächstenliebe. „In untergeordneter Weise und wie in einem Werkzeuge aber besteht die Vollkommenheit in den Räten, welche alle, aber anders wie die Gebote, zur heiligen Liebe in Beziehung stehen. Denn die Gebote entfernen Alles, was zur Liebe selbst im Gegensatze steht, womit die Liebe also nicht bestehen kann; die Räte aber entfernen Hindernisse für die thatsächliche Äußerung oder Bethätigung der Liebe, welche jedoch zur Liebe selber nicht im Gegensatze stehen, wie z. B. die Ehe, die Beschäftigung mit Weltlichem. Deshalb sagt Augustin (Enchir. 121.): ‚Was auch immer geboten ist, wie z. B.: du sollst nicht ehebrechen; oder was auch immer geraten ist, wie z. B.: Gut ist es für den Menschen, ein Weib nicht zu berühren; — dies Alles geschieht dann recht, wenn es bezogen wird auf Gott und um Gottes willen auf den Nächsten.‘ Und in den collat. Patr. (1, 7.) heißt es: ‚Fasten, Nachtwachen, Betrachten der Schrift, Entblößung und Verzicht auf allen Besitz bilden nicht die Vollkommenheit, sondern sind deren Werkzeuge; denn nicht dies Alles ist der Zweck, sondern vermittelst dessen gelangt man zum Zwecke, … auf diesen Stufen steigen wir zur heiligen Liebe empor.'“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3)

Thomas schreibt interessanterweise auch, dass es nicht nötig sei, sich um einen Ordenseintritt ewig Gedanken zu machen: „Ich antworte, in großen Zweifeln bedürfe man langer Beratung mit vielen Zweifeln. In zuverlässig gewissen Dingen bedarf es keiner Beratung. (3 Ethic. 3.) Nun kann rücksichtlich des Eintritts in den Ordensstand dreierlei berücksichtigt werden: 1. Der Eintritt selber; da liegt an und für sich ein besseres Gut vor, und wer daran zweifelt, der fehlt gegen Christum selber, welcher diesen Rat gegeben. Deshalb sagt Augustin (de verb. Dom. serm. 7. c. 2.): ‚Die aufgehende Sonne, d. i. Christus, ruft dich und du willst auf den Untergang achten d. i. auf einen sterblichen, des Irrtums fähigen Menschen!‘ 2. Der Eintritt mit Rücksicht auf die Kräfte des eintretenden; da aber vertrauen die eintretenden nicht auf ihre Kräfte, sondern auf den Beistand Gottes, nach Is. 40.: ‚Die auf den Herrn hoffen, wechseln ihre Stärke, sie werden Flügel annehmen wie die Adler; fliegen werden sie und nicht schwach werden.‘ Besteht jedoch nach dieser Seite hin ein besonderes Hindernis, wie körperliche Schwäche, Schuldenlast etc.; darüber muß man Rats pflegen mit verständigen Personen, die nicht gegen den Eintritt sind und selben hindern wollen, nach Ekkli. 37, 12. Ein langes Beraten ist jedoch auch da nicht nötig; wie Hieronymus sagt (ad Paulinum): ‚Eile, ich bitte dich, haue vielmehr das Seil durch, welches das Schifflein am Ufer festhält, anstatt es zu lösen.‘ 3. Der bestimmte Orden, in den man eintreten will und die Art und Weise des Eintretens; darüber kann man ebenfalls Rats pflegen mit denen, die nicht hindern wollen.“ (Summa Theologiae II/II 189,10)

Die Ehe, ein normales Leben in der Welt mit einer Familie, ist eher der Standard – das, was man eben normalerweise so macht, sobald man einen netten Partner findet. Dazu braucht es eigentlich keine besondere „Berufung“. Aber dann gibt es eben den allgemeinen Ratschlag an alle Christen: Es ist auch gut, auf Ehe, Besitz und Unabhängigkeit zu verzichten, das macht es einfacher, heilig zu werden. Das ist kein total seltener Ruf an nur ganz vereinzelte herausgehobene Christen, sondern ein allgemeiner, mit Gottes Gnade auch erfüllbarer Rat. (Wer durch äußere Umstände statt durch die eigene Wahl arm oder ehelos ist, muss das ja auch aushalten können.)

Das Gefühl, sowohl gerne heiraten als auch gerne im Kloster leben zu wollen, ist übrigens normal. Der Wunsch zur Ehe ist ganz natürlich, und der Verzicht auf die Aussicht darauf tut fast jedem weh. Okay, es gibt sicher den ein oder anderen asexuellen introvertierten Einzelgänger oder so. Aber für gewöhnlich ist ein Verzicht eben ein Verzicht. Die Frage stellt sich dann: Kann und will ich diesen Verzicht auf mich nehmen?

Für eine Berufung entscheidet man sich übrigens auch nicht allein: Bei der Ehe muss natürlich der andere Partner ja sagen, und beim Priestertum eben der Bischof, beim Ordensleben der Abt oder die Äbtissin. Das macht auch Sinn: Andere sehen vielleicht Umstände, die eine Berufung behindern. Das können Dinge sein, für die man nichts kann, aber auch bestimmte eigene Sünden. Vielleicht ist jemand nicht intelligent genug oder gesundheitlich zu angeschlagen, um Priester zu werden, und deshalb muss der Bischof ihm leider nein sagen; oder jemand ist zu rechthaberisch und eingebildet, um sich in eine Ordensgemeinschaft einzufügen, und deshalb muss der Abt ihn wegschicken.

Und was, wenn man keinen der beiden klassischen Wege gehen kann – also z. B. weder von einem Orden genommen wird noch einen Partner findet? Na ja, das ist eben einfach eins dieser Kreuze, die einem manchmal im Leben begegnen. Die hl. Anna Schäffer wollte Missionsschwester werden, hatte aber mit 18 Jahren, als sie als Dienstmädchen arbeitete, um sich ihre Mitgift für ein Kloster zu verdienen, einen so schweren Unfall, dass sie für die restlichen 24 Jahre ihres Lebens bettlägerig wurde. Ja, sie wurde trotzdem eine Heilige.

(Die hl. Anna Schäffer, um 1920, Quelle: Wikimedia Commons.)

Aber beim Thema Berufung geht es ja oft nicht nur um Ehe vs. Jungfräulichkeit. Dann gibt es auch noch Fragen wie: Will Gott, dass ich genau diese Person heirate? In diesen Orden hier eintrete? Diesen Beruf lerne? In diese Stadt ziehe? Bei dieser kirchlichen Bewegung mitmache? Und auch da findet sich oft diese Denkweise: Ich muss irgendwie ganz genau herausfinden, was Gott in jedem einzelnen Punkt von mir will.

Ich kenne das übrigens. Ich habe mich z. B. vor ein paar Jahren mit der Vorstellung herumgequält, Gott könnte von mir verlangen, Religionslehrerin (oder irgendetwas Ähnliches) zu werden. Ist ja ein wichtiger Job, wo lehramtstreue Leute benötigt würden. Nun wollte (und will) ich auf keinen Fall Lehrerin werden – ich käme mit dem Stress nicht klar und könnte keine Klasse unter Kontrolle halten, auch wenn ich noch so viel Ahnung von der Materie hätte und gute Vorträge über die Auferstehung Jesu halten könnte. Ein Priester hat mir damals mit dem Hinweis geholfen, dass Gott von uns nicht etwas verlangt, für das wir nicht wirklich geeignet sind und das uns überfordern würde.

Wir haben auch hier oft die Vorstellung: Gott hat nur genau einen bestimmten Weg für uns vorgesehen, und den dürfen wir nicht verpassen. Woher kommt diese Vorstellung? Wieso sollte es nicht so sein, dass Gott uns verschiedene gute Möglichkeiten vorlegt, und uns dann auch die Freiheit lässt, zwischen diesen zu wählen? In der Welt gibt es so unendlich viele Wege. Wir Tradi-Katholiken schauen ja gerne – zu Recht – etwas auf diese Vorstellung hinunter, es gäbe den einen Seelenverwandten, den man finden müsste, um glücklich zu werden; nö, auf der großen weiten Welt gäbe es sicher einige Menschen, die gut genug zu einem bestimmten Menschen passen würden, um eine glückliche Partnerschaft hinzukriegen. Dann seien wir doch mal konsequent und dehnen wir das Prinzip auf das Feld der Berufung allgemein aus.

Natürlich gibt es Wege, für die man eher geeignet oder weniger geeignet wäre. Es wird wohl Möglichkeiten geben, von denen es Gott lieber wäre, dass wir sie wählen würden. Vielleicht gibt es ein Feld, wo dringend Leute gebraucht werden und wo Er uns am liebsten haben möchte. Und da können wir erstmal unseren von Ihm gegebenen Verstand anwenden und schauen: Was sind meine Neigungen? (Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen, und einen Job, den man absolut hasst, macht man oft auch nicht gut.) Was sind meine Talente? (Logisch.) Bei welchem Weg gäbe es vielleicht praktische Hindernisse? (Was nicht praktikabel ist, kann in der Theorie noch so toll ausschauen.) Was denken andere, wofür ich geeignet wäre? (Andere sehen einen manchmal klarer als man sich selbst.) Vielleicht gibt Gott einem wirklich auch mal einen Wink, ein Zeichen, eine Eingebung. Ein anderes Hilfsmittel, um zu einer Entscheidung zu finden, wäre auch, sich vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf eine lange Ehe und Kinder und Enkelkinder zurück; sich dann vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf ein langes Leben im Kloster zurück; und dann zu schauen, welche Vorstellung einem eigentlich besser gefallen hat. Eine absolute Sicherheit, das gefunden zu haben, was Gottes idealer Wille für uns ist, wird es dann aber nicht geben – man kann sich dem nur annähern. Aber die braucht es auch nicht. Gott verlangt gar nicht, dass wir uns endlos unentschlossen herumquälen und auf ein Zeichen warten, sondern dass wir uns, nach einem vernünftigen Maß an Nachdenken und Prüfen, für irgendeinen sinnvollen Weg entscheiden.

Und selbst, wenn wir mal etwas gewählt haben, das wir lieber nicht hätten wählen sollen – weil wir persönlich dafür gar nicht geeignet waren, oder weil es vielleicht tatsächlich etwas objektiv Sündhaftes war -, kann Gott die Situation immer wieder noch zum Guten wenden – nur eben auf andere Weise, als es sonst passiert wäre. Case in point: Der Sündenfall. Wenn die ersten Menschen nicht von Gott abgefallen wären, wäre uns vieles erspart geblieben, aber auch so hat Gott uns nicht verlassen. Schon gewusst, dass Adam und Eva als Heilige verehrt werden, also jetzt im Himmel sind?

File:Harrowing of hell Christ leads Adam by the hand. On scroll in border, the motto 'Entre tenir Dieu le viuelle' (f. 125).jpg

(Christus steigt in die Hölle hinab und befreit Adam, Eva und die anderen Gerechten des Alten Bundes, Buchmalerei, um 1500. Quelle: Wikimedia Commons.)

Wir werden nie wissen, was gewesen wäre. Und das ist auch nicht so wichtig. Man muss sich auch nicht endlos mit Entscheidungen herumquälen. Wieso nicht einfach etwas ausprobieren? Mit jemandem ausgehen, den man sympathisch findet, eine Beziehung eingehen. Oder sich über die unterschiedlichen Orden informieren, bei einem Infotag vorbeischauen, Postulantin werden. Das ist besser, als ewig in sich hineinzuhorchen, auf eine göttliche Stimme zu warten und nie eine Entscheidung zu fällen. Bis man eine endgültige Entscheidung treffen muss, hat man noch Zeit, und wenn sich einem bis dahin ernsthafte Hindernisse in den Weg stellen sollten, kann man sehen, dass es vielleicht doch keine gute Idee war. Und wenn das nicht der Fall ist, und man diesen Weg immer noch einschlagen will: Na dann, wieso nicht?

Wenn man sich dann allerdings einmal endgültig festgelegt hat (also ab der Eheschießung, der Diakonatsweihe, den Ewigen Gelübden), muss man auch dabei bleiben. Gelübde sind einzuhalten, das ist einfach eine Frage der allgemeinen Moral – da hilft auch kein „vielleicht war das doch nicht Gottes Wille für mich“ mehr. Gott wird dann die nötige Gnade geben, dem eingeschlagenen Weg zu folgen.**

 

* Vermutlich kein formeller, d. h. kein „richtiger“ Häretiker, weil auch viele Leute, die lehramtstreu sein wollen, diese Ansicht aus Unwissenheit vertreten und sie ändern würden, wenn sie von dem Dogma wüssten.

** Freilich ist bei der Ehe eine Trennung möglich, wenn der andere Partner einen z. B. verlässt, betrügt, misshandelt o. Ä. – allerdings (wenn es um eine sakramentale & vollzogene Ehe geht) keine Auflösung der Ehe, die eine erneute Heirat möglich machen würde. Und auch das ist eben ein der Sünde geschuldeter Ausnahmefall. Bei den Ewigen Gelübden oder dem einfachen Zölibatsversprechen, das ein Weltpriester ablegt, kann die Kirche einen unter bestimmten Umständen ausnahmsweise davon entbinden (sie sind kein Sakrament wie die Ehe), aber das ist auch kein sehr empfehlenswerter Weg, und, wieder, eine Ausnahme. Ein ganz anderer Fall wären von vornherein ungültige Ehe- oder Ordensgelübde, die für nichtig erklärt werden können (also z. B. solche, die unter Zwang abgelegt worden waren).

Das Gute: Gesetz oder Ideal?

Man kann grob sagen, dass sich in der Moraltheologie zwei Fronten gegenüberstehen: Für die eine Seite geht es bei der Moral eher um Gebote und Regeln, für die andere ist das Gute eher ein Ideal, dem wir uns annähern (wobei es keine in Stein gemeißelten Regeln gibt, die für alle gleichermaßen gelten würden). Die eine Seite ist heute schief angesehen; man findet sie in ihrer ausgeprägtesten Form in alten Kasuistikhandbüchern von Jesuitenpatres (aus der Zeit, als der Jesuitenorden noch gut katholisch war und für Kirchengegner so ungefähr das darstellte, was heute das Opus Dei ist); die andere Seite ist allgemein beliebt und nennt so unterschiedliche Vertreter wie die rigoristischen Jansenisten des 17. Jahrhunderts und die liberalen Papst-Franziskus-Verehrer von heute ihr eigen.

Ich werde mal meinem Ruf als pharisäische quasipelagianische Moralistin gerecht (Scherz) und erkläre meine Unterstützung für die „Gesetzes-Seite“. Begründung folgt. Bitte etwas Geduld mitbringen, ich hole ein bisschen aus.

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(Lucas Cranach, Die Zehn Gebote, 1516. Quelle: Wikimedia Commons.)

Vor ein paar Jahren, kurz bevor ich mit der Schule fertig war, habe ich von einem Priester, der wusste, dass ich Theologie studieren wollte, ein paar Bücher geschenkt bekommen, darunter ein altes, gebrauchtes, etwa 1000 Seiten dickes Handbuch der Moraltheologie aus den 1950ern, das den wunderschönen Titel „Das Gesetz Christi“ trägt. Ich fand es ziemlich spannend und erfrischend in seiner altmodischen, gründlichen, lehramtstreuen Art und Weise und habe öfter mal drin gestöbert, mich über das, was der Autor über die Rolle des Gewissens, die Klugheitsregeln, oder das 3. Gebot schrieb, informiert. Mir kam es, wie gesagt, anfangs ziemlich altmodisch vor dabei, wie es z. B. klar zu bestimmen versuchte, in welchen Fällen man schwer gegen eins der Zehn Gebote verstieß – obwohl es im Vergleich zu anderen Bücher der Vorkonzilszeit gerade nicht ausgesprochen kasuistisch-kleinkariert war. Jedenfalls endlich mal ein Theologe, der sowohl grundsätzliche als auch praktische Fragen auf kirchentreue Weise anging. Erst vor kurzem ist mir aufgefallen, wie sehr dieser Theologe, obwohl er mir damals irgendwie „gesetzlich“ vorkam, sich doch oft für das ausspricht, was ich inzwischen die „Ideal-Seite“ nenne – oder besser gesagt, wie sehr er zwischen beiden Seiten hin- und herspringt, wie er dazu neigt, die Kuh gleichzeitig melken und schlachten zu wollen. Hier mal eine aufschlussreiche Stelle aus dem Kapitel über die evangelischen Räte (Armut, ehelose Keuschheit, Gehorsam), an der es um den Unterschied zwischen Rat und Gebot geht:

„Aus der Individualität des Menschen und der Situation ergibt sich die Besonderheit der Pflicht für den einzelnen und für die einzelne Situation. Bei der Besonderung handelt es sich vielfach nicht um bloß Geratenes, sondern um eine wahre Verpflichtung, die so dringend sein kann wie ein die Allgemeinheit angehendes Gebot. (…)  Die ‚evangelischen Räte‘ und alles in der Offenbarung Anempfohlene, was nicht allgemein befohlen wird (weder als Erfüllungsgebot, noch als Zielgebot für alle) wird allen Christen als etwas in sich Angeratenes vor Augen gestellt. Damit ist aber für den einzelnen noch nichts darüber ausgesagt, ob es auch für ihn in seiner Lage das wirklich Angeratene ist. Ja, es kann ihm entsprechend seinen Kräften und seinen besonderen Aufgaben hinderlich und gefährlich und damit zu widerraten sein. Wenn zum Beispiel jemand gar keine Eignung zum Leben der Jungfräulichkeit hat, so wäre es für ihn unter Umständen nicht nur nicht ratsam, sondern sogar sündhaft, sich eigenmächtig zum jungfräulichen Leben zu verpflichten. (…)

So sehr die Kirche die Freiheit in der Wahl des Ordens- und Priesterberufs wahrt und schützt, so wenig ist es ihre Auffassung, daß der klar erkannte Ruf der Gnade als völlig unverbindlich übergangen werden kann mit der Ausrede, daß ja ‚kein Gesetz‘ bestehe; als ob nicht die Führung der Gnade das eigentlichste Gesetz des echten Jüngers Christi wäre. Gerade an dieser Frage scheidet sich eine rein ‚gesetzliche‘ Moral von der Gnadenmoral. (…)

Was die Tradition seit der Väterzeit mit besonderem Eifer über die Verbindlichkeit des klar erkannten ‚Berufes‘ zu einem Leben nach den evangelischen Räten sagt, gilt mit den gleichen Gründen vom ganzen Gebiet des Geratenen, der individuellen Gnadengaben und Aufgaben. Ein jeder muß all seine Gaben nach Kräften ausnützen (vgl. Mt 25,14ff.), mit jeder Gnade mitwirken, den durch die Lage vorgewiesenen Weg suchen. (…)

Die dargelegte Auffassung widerspricht nicht dem Geist der Freiheit, sondern ist gerade die Forderung der wahren Freiheit der Kinder Gottes, denen das Liebestun, die Gnadenführung der besonderen Vorsehung Gottes das eigentliche Gesetz ist. Um so schärfer ist freilich zu betonen, daß das ganze Gebiet der Räte und des Individuellen sich in keiner Weise eignet zu gesetzlicher Auferlegung, sondern jeden Zwang und jede Beurteilung von außen verbietet. (…)

In der Streitfrage, ob ein ‚evangelischer Rat‘ oder ein besonderer Beruf, der durch kein allgemeines Gebot von allen verlangt wird, jemals für den einzelnen im Gewissen verpflichtend werden könne, schleicht sich immer wieder die gesetzliche (legalistische) Art der Fragestellung ein. (…)

Wie man von der Freiheit der Kinder Gottes bei denen nicht eigentlich reden kann, die nur dem Drängen und Drohen des Gesetzes folgen, so ist auch die Frage nach der Verpflichtung des Rätlichen erst von einer gewissen Stufe des wahrhaft geistlichen Lebens ab aktuell. (…)

Der Rat tritt auch an den einzelnen zunächst als Rat heran. Wenn er jedoch das, was allgemein nur Rat ist, klar als den von der liebenden göttlichen Vorsehung ihm vorgeschriebenen Weg erkennt, so ist die letzte Entscheidung die, ob er sich ganz Gottes Führung überlassen oder der besonderen Gnade gegenüber auf das allgemeine Gesetz berufen will. (…)

Das Verhältnis von Gebot und Rat erfährt seine letzte Klärung nur im Lichte der Frage: Ist der Christ verpflichtet, immer das Vollkommenere zu tun?

Jeder Christ, ganz gleich welchen Standes, ist verpflichtet, nach Vollkommenheit zu streben. (…)

Es besteht jedoch keine allgemeine Verpflichtung, jeweils das an sich Vollkommenste zu tun.

‚Das Gesetz des Geistes, der das Leben gibt in Christus‘ (Röm 8,2), ist ein Gesetz des Wachstums. Es wäre sogar vermessen, wenn ein Anfänger im christlichen Leben ohne besondere deutliche Eingebung Gottes und ohne besondere aufrufende Umstände sich das an sich Vollkommenste zutraute. Das an sich Vollkommenste konnte nur einer immer erfüllen: Christus.

Jeder Christ ist verpflichtet, das zu erfüllen, was er mit Gottes Gnade als das für seine Lage und für seine Kräfte Angemessenste erkennt. (…)

Das bewußte und freiwillige Zurückbleiben hinter dem christlichen Ideal, die bewußte und freiwillige Unterlassung von Handlungen, die man klar als für sich in seiner Lage am angemessensten erkannt hat, ist zutreffender nicht nur eine ‚Unvollkommenheit‘, sondern ‚Sünde‘ zu nennen. Der grundsätzliche Entschluß, nicht nach Vollkommenheit in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu streben, ist absolut heilsgefährlich.“ (S. 321-328)

Der Autor des Buches heißt Bernhard Häring CSsR. Er gehörte dem Redemptoristenorden an, war einer der bekanntesten deutschen Theologen seiner Zeit, und war theologischer Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Nach dem Konzil driftete er in eine immer liberalere Richtung ab; er wurde zu einem der prominentesten Gegner der Enzyklika Humanae Vitae, und gegen Ende seines Lebens (er starb 1998) lief ein Lehrbeanstandungsverfahren der Glaubenskongregation gegen ihn. Sein bekanntestes Werk aus der Nachkonzilszeit heißt „Frei in Christus“.

Isn’t it ironic. Ja, ist es nicht seltsam, dass ein Theologe, der zuerst so dafür eintrat, dass der Christ, auch der Laie, sich nicht damit zufriedengeben dürfte, nur die Gebote zu erfüllen, sondern in jeder Situation nach Vollkommenheit (gemäß seiner Lage) streben müsste, am Ende nicht einmal mehr die allgemein geltenden Gebote für verpflichtend hielt?

Ne. Ist es eigentlich nicht.

Den Idealismus à la „Das Gesetz Christi“ kann man fast schon die Einstiegsdroge für den Relativismus à la „Frei in Christus“ nennen. Durch diesen Idealismus verschwimmt der Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Nichtsünde und Sünde; die Menschen befinden sich letztlich alle nur in unterschiedlicher Entfernung zum Ideal. Und, nun ja, wir haben uns ja schon eingestanden, dass keiner es so ganz erreicht, und dass die Anfänger sich vielleicht mit einer etwas größeren Entfernung zum Ideal zufriedengeben müssen, in ihren speziellen Situationen. Und schwupps, gleich darauf sind wir bei (gewissen Interpretationen von) Amoris Laetitia und der Idee, dass man eben doch nicht von allen Katholiken erwarten könnte, Ehebruch bleiben zu lassen, sondern dass das ein Ideal sei, das nur manche erreichen. Gut und schön; sicherlich; aber eben nur ein Ideal, nichts für jeden.

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(Gott übergibt Mose die Tafeln mit den Zehn Geboten am Berg Sinai, Gemälde von Hieronymus Hau im Kreuzgang des Klosters Ottobeuren. Quelle: Wikimedia Commons.)

Okay. Aber wieso soll diese Sicht jetzt falsch sein? Dann ist es eben so, dass man von manchen nicht alles erwarten kann, was früher als allgemein verbindlich galt, und von anderen deutlich mehr als das. Jedem das Seine gemäß seinen Fähigkeiten und Umständen.

Falsch.

Zunächst mal ist es blasphemischer Unsinn, zu behaupten, Gott würde uns in irgendeiner Situation nicht die Kraft, die Gnade, geben, eine Sünde bleiben zu lassen.

Dann ist das Bessere nicht der Feind des Guten. Es gibt in dem großen Bereich des Guten das weniger Gute und das Bessere und das Beste, und alles davon unterscheidet sich kategorisch vom Bösen. Ich stelle mir das Leben vor wie eine riesige, hohe Insel, die über ein dunkles Meer voller gefährlicher Kreaturen ragt: ein Ort unterschiedlicher wunderschöner Plätze; Wälder und Täler und Flussauen und Gärten und Paläste, von denen manche gleich schön sind, wenn auch auf unterschiedliche Weise, andere weniger schön als andere, aber alle schön. Solange man auf der Insel ist, ist man sicher und kann hingehen, wohin man will. Das Böse ist ja letztlich nur eine Abwesenheit von Gutem, ein Abweichen vom Guten, ein Mangel, nichts, was in sich selbst existiert.

Die Insel-Idee ist von Chesterton geklaut; ich weiß nicht mehr, wo er es geschrieben hat, aber irgendwo hat er geschrieben, dass das moralische Gesetz etwa so ist wie ein Zaun, der um das Ufer eines großen Felsens im Meer herum führt. Wenn man eine Gruppe Kinder auf den Felsen bringt, und kein Zaun da ist, werden sie sich alle in der Mitte des Felsens zusammendrängen und ängstlich da sitzen, um nicht in Gefahr zu geraten, hinunterzufallen, aber wenn der Zaun da ist, können sie auf dem ganzen Felsen spielen, und fallen nicht hinunter. (Und je sichtbarer und höher und fester der Zaun ist, desto weniger Gefahr ist da, dass einer sich doch mal hinüberlehnt, würde ich hinzufügen.)

(St. Marien auf der Insel Mainau, Bildquelle hier.)

Klare moralische Grenzen ermöglichen Freiheit innerhalb dieser Grenzen. Sie nehmen Gewissenszweifel und Druck weg – den Druck, immer das finden zu müssen, was vielleicht gerade das Beste, das Idealste ist. Die Kirche hat traditionell immer zwischen den Geboten unterschieden, die für alle verpflichtend sind, und den „Werken der Übergebühr“, die freiwillig sind – damit sind solche Dinge gemeint wie: ehelos und/oder ohne eigenen Besitz leben, an mehr als den vorgeschriebenen Tagen fasten, jeden Tag eine Stunde beten, o. Ä.

Ich wünschte, ich könnte ordentlich ausdrücken, was die Worte „Ordnung“, „Gesetz“, „Recht“, „Gerechtigkeit“ für mich bedeuten. Mich lassen sie an Licht und Frieden und Herrlichkeit und Musik und Tanz und Mathematik und Vernunft und Sonnen und Engelschöre und Dantes Himmelssphären denken.

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(Rosa Celeste, Darstellung von Dante und Beatrice in den Himmelssphären, 19. Jahrhundert. Quelle: Wikimedia Commons.)

Alles Gute hat Regeln und Gesetze, und innerhalb dieser Regeln gibt es eine Menge Freiraum und Variationen – so wie bei einem Tanz eben. Die Regeln machen aber überhaupt erst den Tanz. Man kann einen einfachen Tanz tanzen und dabei keine falschen Schritte tun, oder man kann einen komplizierten Tanz tanzen und dabei keine falschen Schritte tun; beides ist gut, wenn auch das eine besser ist, und unterscheidet sich der Kategorie  nach vom falschen Tanzen.

(DIESES LIED IST SEHR SCHÖN UND NICHT HÄRETISCH.)

Ebenso definieren die Naturgesetze die Natur, und die paar Gesetze, die die Natur beherrschen, haben im Lauf der letzten Jahrmilliarden eine unglaubliche Pracht hervorgebracht.

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(Deus Geometres, Buchmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Gott wird hier mit einem Zirkel als Architekt des Universums dargestellt. Quelle: Wikimedia Commons.)

Ebenso ist das moralische Gesetz umfassend; es kann auf alle möglichen Situationen angewandt werden, und lässt in diesen Situationen auch oft mehrere Möglichkeiten.

Ich musste beim Nachdenken darüber, was ich in diesem Artikel sagen will, nicht nur an Bernhard Häring CSsR, sondern auch an einen anderen Priester, Ordensmann und Theologen denken: Dr. Martin Luther OESA.

Durch einen Freund (danke nochmal!) bin ich auf ein (auch schon älteres) Buch eines Kirchenhistorikers namens Heinrich Denifle OP über Luther aufmerksam gemacht worden, das es online gibt und in dem es um die frühe Entwicklung von Luthers Ideen geht. (Ich bin damit noch nicht durch; aber sehr spannend ist es, so viel kann ich schon sagen.) Zunächst behandelt Denifle Luthers frühe Schriften zum Ordensleben, das dieser noch bis ca. 1520 nicht ablehnte:

„Also wiederum hören wir Luther das Ordensleben loben und den Zweck angeben, weshalb man den Ordensstand mit allem, was er bietet, ergreifen soll: aus Liebe zu Gott. Aber eines fällt uns auf, daß Luther fortwährend darauf zurückkommt, man solle das Ordensleben nicht in der Absicht wählen, als könnte man sonst nicht das Heil finden; das hieße aus Verzweiflung Mönch werden. Fast möchte man schließen, Luther selbst sei in den Orden aus Verzweiflung sonst kein Heil zu finden, getreten, und er habe seine Handlungsweise, wie dies später seine Gewohnheit war, auf alle übertragen.“ (S. 36)

„Heilige Anna, ich will ein Mönch werden!“, soll Luther angeblich als junger Mann in seiner Angst geschworen haben, als er während eines schweren Gewitters einem Blitzeinschlag entkam. Helft mir, bitte, bitte, ihr Heiligen, ich habe mir bis jetzt nicht viel Mühe gegeben, ich bin nicht bereit, vor Gott zu treten, nicht jetzt, lasst mir noch Zeit, ich will mich bessern, irgendwann werde ich bereit sein, irgendwann, danke, ich werde es jetzt anders machen, ich werde alles Mögliche tun, bestimmt… Solche Gefühle kann ich sehr gut verstehen. (Wobei ich nicht weiß, wie sehr sich diese Anekdote in Luthers Erinnerung vielleicht verändert hat, und ob sie genau so passiert ist. Für das, worum es mir hier geht, ist das aber auch nicht so wichtig.) Die Kirche zu Luthers Zeit lehrte freilich – genauso wie zu Härings Zeit oder heute -, dass es nicht heilsnotwendig sei, in einen Orden einzutreten oder ein anderes „Werk der Übergebühr“ zu erfüllen; und das war Luther klar, und das predigte er eben auch überdeutlich in seinen eigenen Schriften – vielleicht gerade deshalb, weil er sich selbst davon überzeugen wollte, weil er Angst hatte, dass es doch heilsnotwendig sein könnte, zumindest für ihn? So wie ich anderen Skrupulanten gerne Furchtlosigkeit predige, wenn ich mich klein und ängstlich fühle. Jemand, der zu einer gewissen Ängstlichkeit neigt, wie Luther, und wie ich, neigt eben auch leicht dazu, zu zweifeln: Wenn ich aber etwas nicht tue, was der idealere Weg wäre, verstoße ich dann nicht gegen das Gebot der Gottesliebe? Bin ich damit nicht schon völlig auf Abwegen? Finde ich so noch – wie Luther es formulierte – „einen gnädigen Gott“?

(Martin Luther als Augustinermönch um 1520, Lukas Cranach der Ältere, Quelle: Wikimedia Commons.)

Wir wissen, welchen Ausweg Luther schließlich fand: Er sagte sich, dass der Mensch sowieso in allem, was er tat, sündigte; dass alle Taten somit egal waren; und dass man gerettet war, wenn man nur fest daran glaubte. Die Tinkerbell-Strategie: Wenn man nur fest an Feen glaubt, gibt es sie auch.* Oder „Erlösung durch Autosuggestion“, um meinen Leser Nepomuk zu zitieren. Erlösung von seinen Ängsten fand er auch dadurch langfristig nicht; ob er seinen gnädigen Gott gefunden hat, können wir nicht wissen, sondern nur hoffen; aber wenn, dann trotz, nicht wegen, seines falschen Auswegs.

Um mitlesende Protestanten nicht zu verunsichern: Nein, der Katholizismus lehrt nicht die Erlösung durch Werke. Wir brauchen Gottes zuvorkommende und vergebende Gnade immer. Aber mit dieser Gnade müssen wir dann auch kooperieren und gewisse Werke tun bzw. lassen, wenn wir das Heil nicht verlieren wollen, denn:Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt (Joh 14,21).

Es gibt keinen Grund, an der Frage, ob man genug tut, zu verzweifeln. Wenn man die Gebote hält, tut man genug; die Räte spielen dafür keine Rolle. Ideen wie die von Häring – die Räte sind einerseits nicht heilsnotwendig, aber dann irgendwie doch manchmal, wenn sie für einen persönlich das Vollkommenste wären, aber wenn sie für einen persönlich das nicht wären, könnte man sogar sündigen, wenn man sich für sie entscheidet, also lieber mal Vorsicht, aber bitte nicht gesetzlich sein und in Skrupulosität verfallen! – sind hier irgendwie nicht hilfreich.

„Die dargelegte Auffassung widerspricht nicht dem Geist der Freiheit, sondern ist gerade die Forderung der wahren Freiheit der Kinder Gottes, denen das Liebestun, die Gnadenführung der besonderen Vorsehung Gottes das eigentliche Gesetz ist. Um so schärfer ist freilich zu betonen, daß das ganze Gebiet der Räte und des Individuellen sich in keiner Weise eignet zu gesetzlicher Auferlegung, sondern jeden Zwang und jede Beurteilung von außen verbietet.“

Ja, toll. Jetzt heißt es hier nicht nur, dass ich möglicherweise das und das heilsnotwendigerweise tun muss, aber jemand anderer kann mir auch nicht helfen, herauszufinden, ob ich es tun muss. Danke auch.

Häring fügt in dem oben zitierten Abschnitt auch noch folgende Warnung hinzu:

„Wenn die Angst, doch ja immer das jeweils Vollkommenere zu treffen, für einen einzelnen eine Gefahr für den Geist der inneren Freiheit bedeuten würde, so müßte er bisweilen auch ganz bewußt das an sich weniger Vollkommene (aber nie etwas in sich Schlechtes) wählen, um sich vor Ängstlichkeit und Skrupulosität zu bewahren. In diesem Fall ist das an sich weniger Vollkommene für ihn das Vollkommenste, wenn nur sein Wille lebendig bleibt, unentwegt nach vollkommener Liebe zu Gott zu streben.“

Das Problem dabei ist natürlich, dass die skrupulösen Ängste auf einmal eine viel stärkere Basis haben, wenn es tatsächlich heilsgefährlich sein soll, nicht das Vollkommenste zu tun.

Bei Häring sieht man auch diese seltsame Abneigung dagegen, einfach zuzugeben, dass (z. B.) das Ordensleben objektiv vollkommener ist als die Ehe, und die Ehe trotzdem gut ist. Nein, nein, es kommt nur auf die Eignung und die Situation des einzelnen an. Natürlich kommt es auch auf die Eignung und die Situation des einzelnen an; aber jemand kann auch für beide Wege geeignet sein, und sich dann frei für den einen oder den anderen entscheiden, ohne zu sündigen, wenn er den weniger vollkommenen wählt.

Es wird oft gesagt, wir müssten das Großartige, was die Heiligen getan haben, nicht immer in unserem Leben nachahmen, weil es vielleicht in unserer konkreten Situation falsch oder kontraproduktiv sein könnte; und daran ist sicher etwas dran; aber auch wenn es in unserer Situation nicht falsch wäre, müssen wir nicht immer all ihren Heroismus nachahmen. Wir können es (wenn es nicht falsch oder kontraproduktiv ist). Sie waren vollkommener, als die meisten von uns je sein werden; aber das heißt nicht, dass wir automatisch falsch handeln, wenn wir weniger tun als sie. Kann man den Heiligen nicht ihre Größe lassen und ihnen die Ehre zukommen lassen, die ihnen gebührt? Manche Menschen befinden sich auf einer höheren Stufe der Vollkommenheit als andere, klar; und ihr Beispiel soll uns motivieren, nicht uns niederdrücken; wir sollen sie bewundern, auch wenn wir vielleicht nur weniges aus ihrem Leben in unserem übernehmen. Sie sind großartig. Sie haben Großes geleistet; ehren wir sie dafür.

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(Die Jakobsleiter, James Tissot. Quelle: Wikimedia Commons.)

Ich weiß, ich bin wieder die gesetzliche moralistische Pharisäerin. Hatte ich moralistisch schon erwähnt? Und gesetzlich?

Aber ist diese Betrachtungsweise nicht doch irgendwie zu gesetzlich? Geht es nicht gegen die Liebe, alles in Begriffen von müssen und dürfen und sollen zu bewerten?

Nun, man muss ja nicht ständig über das Gesetz reden. Aber wenn Fragen über Richtig und Falsch aufkommen, kommen sie eben auf. Und woher kommt denn überhaupt die Idee, dass Liebe und Gesetz ein Widerspruch wären? Die Liebe ist die Grundlage und der Kern des Gesetzes. Das Gesetz soll man aus Liebe tun. Lieben heißt: einem anderen Gutes wollen. Das Gesetz sagt uns dann, was genau dieses Gute ist, was zu ihm im Widerspruch steht, und was nicht, d. h. worauf man achten muss, wenn man die Liebe verwirklichen will. Die Liebe hat ihre Gesetze, das sieht man in menschlichen Beziehungen ebenso wie bei der Gottesliebe; z. B. zerstört es die Beziehung zur Ehefrau, fremdzugehen, aber einmal in der Woche im Wirtshaus zu sitzen, weil man auch mal seinen Freiraum haben will, zerstört sie nicht (und die Ehefrau sollte auch meistens nichts dagegen haben, ihrem Mann die Freiheit zu lassen, ob er einmal in der Woche ins Wirtshaus gehen will oder nicht). Manchmal kommen eben einfach die Fragen auf, was man nun darf und was nicht – ob es den Leuten von der Ideal-Seite nun passt oder nicht.

Macht es euch nicht so einfach, sagt die Ideal-Seite. Glaubt ja nicht, ihr könntet es euch so einfach machen, alles abzirkeln, alles in Schwarz und Weiß unterteilen. Die Leute sind ja meistens nicht gegen die Gesetzes-Seite in der Debatte, weil sie das Leben zu schwer mache, sondern weil sie es zu leicht mache. Laut der Gesetzes-Seite darf man fragen „Wie weit darf ich gehen?“ und erhält eine klare Antwort, anstatt dass es heißt „Frag dich lieber, was das Ideal wäre, statt was gerade noch so geht!“ (strenge Seite) oder „Ach mei, folg doch einfach deinem Gefühl, es gibt da eh kein klares Richtig und Falsch“ (liberale Seite). Die Gesetzes-Seite sieht, dass hinter der Frage nicht ein „Ich will alles tun, mit dem ich noch davon komme, ohne in die Hölle zu kommen“ stehen muss, sondern auch ein „Ich bin bereit, in Zukunft das und das zu tun / zu lassen, wenn mein Vater im Himmel es von mir verlangt; verlangt Er es?“ stehen kann.

Ich glaube, dass die Ideal-Seite wirklich nicht unproblematisch ist – in ihren beiden Varianten.

 

* Wenn ich es mir so recht überlege, es klingt gar nicht unwahrscheinlich, dass dieser Trend in der Kindererziehung, Kindern einzureden, es wäre tugendhaft, an erfundene Gestalten wie den Weihnachtsmann, das Christkind, die Zahnfee und den Osterhasen zu glauben, über deren Existenz ihre Eltern sie angelogen haben, und wer brav sei, der würde sich nicht fragen, ob Papa vielleicht die Geschenke unter den Baum gelegt haben könnte, auf protestantische Ideen über den Glauben zurückgeht. Du musst an den Weihnachtsmann glauben, dann bringt er dir auch Geschenke. „Der Polarexpress“ ist Fiduzialglaube! Endlich habe ich ordentliche theologische Argumente gegen diesen Schrott.

Vom Himmel träumen

Lasst uns doch mal vom Himmel träumen.

Da sind keine Angst, keine Sorgen, keine Schmerzen, keine Traurigkeit, keine Schuld mehr.

Da ist Frieden, Ruhe, Sicherheit.

Man hat seinen Platz, an den man gehört, und den einem mehr keiner nehmen wird.

Da sind Millionen über Millionen andere, und sie alle wollen einander wohl und können einander wirklich kennen und verstehen. Man gehört dazu.

Alles ist licht und hell. Da ist Freude und Jubel.

Da ist die Musik der Engel, da ist der Lobgesang der Heiligen.

Da ist Gott, auch wenn ich Ihn mir nicht wirklich vorstellen kann, aber wir werden Ihm  ins Angesicht schauen können, ohne Angst zu haben, und Er wird uns liebevoll anschauen.

Das ist jetzt ein eher untypischer Blogpost von mir. Aber manchmal braucht es das – vom Himmel träumen (statt sich vor der Hölle zu fürchten oder lieber gar nicht an das Thema „Was kommt nach meinem Tod“ zu denken). Wieso sollten wir nicht davon träumen, worauf wir hoffen? Gott ist barmherzig, und wir können einmal dort sein. Vielleicht ja nach einer Zeit im Fegefeuer. Aber hoffentlich sehen wir uns alle irgendwann einmal im Himmel.

Ja, ja, ich weiß, Marx und so weiter wollten uns das Träumen und Hoffen nicht gönnen. Aber die haben ihre Himmelsersatzversprechen auch nicht eingelöst, also träumen und hoffen wir doch, so viel wir wollen!

Die halten sich wohl für besonders fromm!

(Eine vielleicht notwendige Ergänzung zu Posts wie diesem, diesem und diesem.)

Ein heutzutage beliebter Vorwurf gegenüber gläubigen Menschen ist der der Überheblichkeit: Sie würden sich für besonders großartige Menschen und Gottes Lieblinge halten, ihre Frömmigkeit zur Schau stellen und so weiter und so fort. Oft trifft dieser Vorwurf Gläubige, die eigentlich nur das Minimum dessen tun, was von ihrer Religion gefordert wird (also bei Christen z. B.: sonntags in die Kirche gehen, keinen Sex vor der Ehe haben; oder bei Muslimen: im Ramadan fasten, Kopftuch tragen), und das nicht mal an die große Glocke hängen. Aber das wird eben trotzdem gelegentlich als Überheblichkeit und als Vorwurf an andere empfunden: Weil der Christ tatsächlich glaubt, dass alle sonntags in die Kirche gehen sollten, macht er uns Kirchenfernen einen Vorwurf, beleidigt uns, stellt uns als Sünder hin. Weil die Muslima tatsächlich glaubt, dass alle Frauen Kopftuch tragen sollten, erklärt sie uns westliche Frauen alle zu Schlampen. Nun könnte  man sich denken, wer sich seiner Sache sicher ist, dass der Kirchgang nicht notwendig oder das Kopftuch kein verpflichtendes Kleidungsstück für eine anständige Frau sei, könnte da drüber stehen und es aushalten. Aber anscheinend wird schon die bloße Religionsausübung (nicht erst wirkliche Überheblichkeit, die es natürlich auch gibt) von vielen trotzdem als  Vorwurf an Religionslose/Andersreligiöse empfunden.

(Dass „Frömmigkeit“ auch nicht mehr unbedingt als etwas an sich Positives gesehen wird, kommt natürlich noch hinzu: Wieso bildet die sich überhaupt was drauf ein, in der Kirche zu sitzen? Das ist doch sinnlos, sie sollte lieber was Vernünftiges tun. (Dass sie, wenn sie nicht in der Kirche sitzen würde, vermutlich stattdessen in dieser Zeit eher ausschlafen würde, als, sagen wir, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, wird gerne übersehen.))

Manchmal wird der Vorwurf, besonders fromm sein zu wollen, aber auch nur an die tatsächlich besonders eifrigen Gläubigen gerichtet: Was muss die jeden Tag in die Werktagsmesse springen und jeden Samstag zum Rosenkranz? Bildet die sich ein, sie wäre eine bessere Christin als wir, die wir bloß am Sonntag auftauchen?

Das ist sozusagen das Gegenstück zur „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle, die ich hier beklagt habe: Der, der mehr tun will als die anderen, wird als der Feind gesehen, der sich über die anderen Christen erheben will, auch wenn er selbst nie angedeutet hat, dass er sich als den tollsten Christen ever sieht oder dass alle das tun müssen, was er tut.

Mein Bekannter und Stammleser Nepomuk hat vor längerer Zeit einmal einen Artikel über die Heiligen geschrieben, aus dem ich, weil genau dieses Problem darin so schön ausgedrückt wird, einen längeren Abschnitt zitieren möchte:

Ist daraus nun zu folgern, wie z. B. Joseph Roth es übrigens tutiv, daß die Kirche dadurch, daß sie die paar Perfekten kanonisiere, implizit die Sündhaftigkeit der Restmenschen gestatte? Oder sollen wir sagen, ja die anderen seien halt im verborgenen heilig gewesen, hätten aber deshalb nicht weniger gelitten, sich nicht weniger aufgeopfert etc.? Zumal es diese Art Heilige ja auch tatsächlich geben wird: aber auch das sind doch, mal ehrlich, nur ein paar. Das Leben hat seine schönen Seiten, und wir, die wir keine Ordensgelübde abgelegt haben, die wir ‚wenn wir ehrlich sein wollen, gern einen Fuß in beiden Welten haben wollen; deren Ehrgeiz ist, zu bestehen, nicht zu glänzen‘v, wollten uns ehrlich gesagt nicht vom Glanz, der Gelassenheit, der Ruhe und der Anstrengung eines Ordenslebens gerade die Anstrengung herauszusuchen.

Die erfreuliche Nachricht: das fordert die Kirche tatsächlich nicht.

Die Moral, wie sie uns die Kirche lehrt, fordert ’nichts weiter‘ als nicht zu sündigen. ‚Du kennst doch die Gebote.‘ (Mk 10,19) Die Kirche hilft dabeivi – der Patron ihrer Moraltheologen war bezeichnenderweise nicht Staatsanwalt, sondern Strafverteidiger gewesen, eben der erwähnte hl. Alfons – immer bemüht, genau darzulegen, was zu tun ist und was nicht.vii (Auf einige typische Einwände hierzu soll im nächsten Artikel eingegangen werden.)

Und das Vorbild der Heiligen? Der modernen Welt, die nicht gelassen, aber dafür perfektionistisch ist (deshalb schimpft sie auch alleweil auf den Perfektionismus) mag der Gedanke fremd sein; aber in den Katholiken hat sich der gesunde menschliche Instinkt bewahrt. Wer gut ist, der verehre als Helden einen, der besser ist. Bezeichnenderweise können wir das auch heute noch überall da nachvollziehen, wo wir nicht auf den Gedanken kommen, uns Vorwürfe zu machen. So bei den dilettierenden Freizeitmusikern: Gerade die hören doch mit besonderer Freude und Gewinn die Titel der herausragenden Interpreten. So bei den Fußballspielern der Dorfvereine in der A-Klasse. Gerade die schauen doch mit noch mehr Begeisterung als der Rest der Bevölkerung das Finale der Champions-Leauge im Fernsehen an.viii

So ist es auch bei den Heiligen (also den Christen). Gerade die können von den Heiligen (im landläufigen Sinn) gar nicht genug bekommen. Die Büßer von einem, der ganz übermenschliche Bußwerke geleistet hat wie der hl. Pedro von Alcantara. Die Gastwirte, die mit ihrer Gastfreundschaft Geld verdienen, von einem hl. Julianus, der beim Bewirten auf den Verdienst verzichtet hat. Die Mönche, die den Psalter jede Woche beten, von einem hl. Patrick, der ihn jeden Tag betete. Und so weiter – nur drei Beispiele von vielen, die man aufzählen könnte.“

(Es lohnt sich, den Artikel im Ganzen zu lesen; und hier wird er noch fortgesetzt.)

Der Punkt ist: Wenn uns bewusst ist, dass das Gute gut ist, und das Bessere besser, und das Bessere kein Feind des Guten, dann löst sich das ganze Problem auf. Wenn einer mehr tun will als andere und besonders eifrig ist, ist das gut; es ist lobenswert; solche Leute braucht es. Auch im weltlichen Leben braucht es die anstrengenden Berufe wie Chirurgen und Soldaten. Aber dass manche Leute Chirurgen und Soldaten werden, ist eben kein Vorwurf an diejenigen, die sich den leichten Job des Steuerbeamten oder der Bürokauffrau suchen. Wenn einer, der gesund ist und arbeiten könnte, gar nicht arbeiten wollte, dann könnte man ihm daraus einen Vorwurf machen. Das Gleiche gilt auch für die Gemeinschaften innerhalb der Kirche, wie etwa die neuen geistlichen Bewegungen: Wenn einer sich darin engagieren will und viel Zeit und Einsatz dafür aufwendet, ist das gut – solange er nicht glaubt, allein so könne man ein richtiger Christ sein und die anderen Christen, die nicht so engagiert sind, seien gar keine richtigen Christen wie er. Und man sollte jemandem eben auch nicht vorwerfen, allein deshalb, weil er mehr tut als andere, verachte oder verurteile er sie und halte sie für keine richtigen Christen. Vielleicht ist er wirklich ein besserer Christ als sie; vielleicht auch nicht; jedenfalls können sie trotzdem gute Christen sein.

Auch im Himmel wird es übrigens noch die besonders großartigen Heiligen geben, die besondere Ehre erhalten (wie die allerseligste Gottesmutter, oder etwas darunter vielleicht solche wie den heiligen Franziskus), und die, die, na, eben ein bisschen drunter stehen. Dante beschreibt in der Göttlichen Komödie den Himmel als einen Ort aus mehreren konzentrischen Sphären, in denen die verschiedenen Heiligen leben (so wie auch seine Hölle aus verschiedenen Kreisen für verschieden schwere Sünden aufgebaut ist). Aber es braucht weder Neid auf die einen noch Verachtung der anderen, weil sie alle in übergroßer Seligkeit leben und Gottes Herrlichkeit schauen.

Wie ein religiöses Umfeld Skrupulosität fördern kann: Eine Anleitung, wie man es nicht machen sollte

Eins vorweg: Skrupulosität kann viele Ursachen haben. Sie ist wohl eher eine Sache der Persönlichkeit des Einzelnen und nicht nur von außen verursacht. Bei mir zum Beispiel ist es so, dass ich mit Zwängen und Ängsten in ganz verschiedenen Bereichen, nicht nur im religiösen, zu kämpfen habe; und keine dieser Ängste ist mir im eigentlichen Sinne von außen eingetrichtert worden. Aber das Umfeld kann solche Ängste bei denen, die dazu neigen, natürlich entweder fördern oder abmildern.

Skrupulosität ist, ganz allgemein gesprochen, eine unbegründete und übertriebene Angst davor, etwas falsch zu machen, auf Katholisch, Sünden zu begehen (oder begangen zu haben). Da kommen einem dann ununterbrochen Gedanken wie:

  • Habe ich genau genug gebeichtet? Habe ich meine Sünden genug bereut? Was, wenn nicht, und wenn die Beichte dann ungültig war?
  • Hätte ich heute Morgen nicht zur Kommunion gehen dürfen, weil das und das, was ich gestern gemacht habe, vielleicht eine schwere Sünde gewesen sein könnte, was mir zwar erst eingefallen ist, nachdem ich bei der Kommunion war, woran ich aber vielleicht vorher hätte denken müssen?
  • War ich vielleicht unhöflich in dieser Diskussion, so dass der und der jetzt einen schlechten Eindruck von Christen haben muss und für immer von Gott weggetrieben ist? Oder war ich vielleicht im Gegenteil zu nett und schwammig und habe nicht klar genug gesagt, was katholische Lehre ist, und habe mich also nicht ausreichend zur Wahrheit und zu Gott bekannt – vielleicht, weil ich mich meines Glaubens geschämt habe?
  • Bin ich krank genug, um von der Sonntagsmesse daheim zu bleiben, oder sollte ich mich einfach nicht so anstellen?

Es wird dann meistens ziemlich kompliziert, weil einem immer neue Umstände einfallen, die die Sache verkomplizieren. Hatte ich das falsche Motiv dafür? Oder hätte ich an das und das vorher denken müssen? Und man grübelt stundenlang herum, findet trotzdem zu keinem sicheren Ergebnis, und sieht überall mögliche schwere Sünde und fürchtet sich vor der Hölle. Und dann geht man zur Beichte und ist eine halbe Stunde lang beruhigt und dann kommen wieder die neuen Gedanken – hätte ich dem Beichtvater das und das genauer erklären müssen, oder habe ich jetzt gerade schon wieder was Falsches getan, oder oder oder… So sieht Skrupulosität aus.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/87/Frau_im_Gebet.jpg

(Frau im Gebet, Zeichnung von Franz Thöne; Quelle: Wikimedia Commons)

Jetzt also dazu, was im religiösen Umfeld speziell unter uns Katholiken diese Art von Ängsten fördern könnte.

1) Hohe und gleichzeitig unklare Erwartungen:

Wir haben es doch alle schon oft gehört:

  • „Wir sind alle dazu berufen, Heilige zu werden.“
  • „Wenn wir Jesus wirklich lieben, und wirklich glauben, dass Er in der Hostie zu uns kommt, sollten wir uns lieber fragen, wieso wir nicht so oft zur Messe gehen, wie wir überhaupt können, als wieso wir jeden Sonntag gehen sollten.“
  • „Wieso fragt man ‚Wie weit darf ich erlaubtermaßen gehen?‘ anstatt zu fragen ‚Was ist das Beste, was ich tun kann?‘ Wir sollten nicht die Grenzen des Erlaubten austesten, sondern unser Bestes geben!“
  • „Gott will keine Halbherzigkeiten von uns, sondern unseren ganzen Einsatz.“
  • „Laue Christen sind das Schlimmste.“
  • „Das Christentum ist halt keine Wohlfühlreligion.“

Okay, und was heißt das dann konkret? „Wir sollen alle Heilige werden“ stimmt selbstverständlich, aber was heißt es genau? Was genau muss ich nun alles an den kanonisierten Heiligen nachahmen? Will man sagen, wenn ich die Gelegenheit hätte, in die Werktagsmesse zu gehen, aber nicht gehe, bin ich eigentlich gar kein richtiger Christ? (An diesem Punkt verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel.)

Ich sage nicht, dass es total niedrige Erwartungen geben sollte. Aber die Erwartungen sollten in jedem Fall klar sein. Es sollte klar sein, was wirklich falsch ist – und was man ohne Bedenken tun kann. Die Leute sollten sich nicht mit einem schlechten Gewissen plagen müssen, weil sie sich unsicher sind, ob diese oder jene harmlose Handlung eine Sünde war. (Und genau deshalb brauchen wir übrigens die alte und zu Unrecht verleumdete Kunst der Kasuistik.)

2) Bequemlichkeit wird automatisch mit Sünde gleichgesetzt

Dabei ist es keine Sünde, es sich im Leben nicht schwerer als nötig machen zu wollen. Sünde ist es dann, wenn man, um es sich bequem zu machen, bereit ist, Sünden zu begehen, also z. B. die berechtigten Ansprüche anderer zu übergehen. Simpel.

3) Auf Wörter wie „Achtsamkeitsübungen“ oder „Selbstakzeptanz“ reagiert man automatisch mit einem genervten Schnauben und nennt sie „esoterischen Wohlfühl-Kram“ (oder so ähnlich).

Das macht es nicht unbedingt einfach für jemanden, der sich selbst hasst (das kann oft die Folge sein, wenn man ständig nur an all das Schlechte denkt, dessen man sich seiner Meinung nach schuldig gemacht hat), sich vielleicht sogar selbst Verletzungen zufügt, um sich zu bestrafen, und dergleichen, davon loszukommen. Ja, doch, es ist etwas Gutes, sich selbst anzunehmen. Nicht unbedingt in dem Sinne, dass man alles gut finden muss, was man jemals getan hat, sondern dass man sich selbst genauso wie jedem anderen mit Wohlwollen begegnet und sich als gutes, gewolltes Geschöpf Gottes annimmt, das auch seine guten Eigenschaften und seine Talente hat, und das vor allem geliebt ist. Eine gesunde Selbstliebe gehört sehr wohl zum Christentum.

4) Endloses Nörgeln über „moralisch-therapeutischen Deismus“

Ich werde noch mal eigens was drüber schreiben, wieso das Hauptproblem im heutigen Christentum ganz sicher nicht der sog. „moralisch-therapeutische Deismus“ ist. Jedenfalls wird MTD von seinen Kritikern als ein Glaube definiert, der auf den folgenden fünf Prämissen beruhe:

  • Ein Gott existiert, der die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über das Leben der Menschen auf der Erde wacht.
  • Gott will, dass die Menschen gut, freundlich und fair miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.
  • Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein.
  • Es ist nicht nötig, Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen.
  • Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.

(Kurz gesagt handelt es sich also um das alte Problem der mangelhaften Glaubenspraxis, nicht eine klar bestimmte Irrlehre.)

Nun kann man es natürlich kritisieren, wenn Leute sich nur dann an Gott wenden, wenn sie Probleme haben und Hilfe von Ihm wollen, und Ihm nicht auch mal danken, wenn es ihnen gerade gut geht, oder Ihm gehorchen, wenn das vielleicht nicht so leicht ist. Es geht mir hier aber um das Problem, das entsteht, wenn MTD zu sehr als die absolut größte furchtbarste Häresie angegriffen wird, der man verfallen kann. Dann kann es nämlich aus dem Blickfeld geraten, dass Gott tatsächlich für uns da sein will, dass Er uns helfen will, unsere Probleme zu lösen, dass Er will, dass wir glücklich und mit uns selbst im Reinen sind, usw.

5) Man spricht zu wenig von Gottes großer, zärtlicher Liebe zu uns

Wenn man nicht so oft daran erinnert wird, dass Gott uns ja liebt, dass Er uns wirklich inniglich liebt und uns unbedingt bei sich haben will, dann kann man leichter in Panik darüber verfallen, ob man es eigentlich jemals in den Himmel schaffen wird.

6) Man spekuliert darüber, wie wenig Menschen doch in den Himmel kommen würden

Wir wissen es nicht. Punkt, aus, Ende. Wir kennen weder die Zahl der Erlösten noch die der Verdammten.

Ja, es heißt im Evangelium: „Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden.“ (Matthäus 7,13f.) Aber Spekulationen über genaue Zahlenverhältnisse lassen sich daraus nicht ableiten. Gott ist ein liebender Vater. Sagen wir nun, da ist eine Familie, die hat acht Kinder, und drei davon sterben bei einem Unfall. Nun würde man sicher sagen: „Diese armen Eltern haben viele ihrer Kinder verloren.“ „Viele“ heißt hier aber nicht „die meisten“, noch nicht einmal „die Mehrheit“. Wenn man sagt „Viele Menschen in Deutschland leiden an Krebs“ meint man damit auch nicht, dass die Mehrheit der Deutschen krebskrank ist.

Alle Spekulationen darüber, wie groß oder wie gering die Zahl der Erlösten ist, führen entweder dazu, dass man sich sagt: „Ach, es werden ja eh die meisten in den Himmel kommen, muss ich mich ja nicht anstrengen.“ (was sowieso Unsinn wäre: es schaffen auch die meisten Schüler ihren Schulabschluss, und trotzdem muss man sich anstrengen, um ihn zu schaffen), oder dazu, dass man sich sagt: „Es werden so wenige in den Himmel kommen, wie soll ich das nur schaffen?“ Sowohl die anmaßende als auch die mutlose Haltung helfen uns nicht weiter. Also lassen wir die Spekulationen bleiben.

7) Konkrete falsche Vorstellungen in Einzelfragen, die für unnötige Gewissensnöte sorgen

Als Beispiele ein paar in „Tradistan“ unter Umständen anzutreffende Ideen:

„Frauen sind dafür verantwortlich, mit sittsamer Kleidung Männer von sündigen Gedanken abzuhalten. Wenn ihr also eure Knie und Ellbogen nicht immer bedeckt haltet, verführt ihr andere zur schweren Sünde und begeht damit selbst automatisch eine schwere Sünde. Ach ja, und tragt bitte Röcke, keine Hosen – Hosen sind Männerkleidung, und Kleidung zu tragen, die zum anderen Geschlecht gehört, ist Sünde.“

„Ehefrauen müssen ihren Männern immer gehorchen – Ausnahmen kann man höchstens mal machen, wenn die eine wirkliche Sünde befehlen würden.“

„NFP darf man höchstens aus einem wirklich ganz gravierenden Grund anwenden, um eine Schwangerschaft zu vermeiden.“

„Harry Potter ist okkult/satanisch.“

„Rockmusik ist satanisch.“

Oder dann wären da so einfache Denkfehler wie:

„Eine aufrichtige Reue zeigt sich in starken Gefühlen.“ (Tatsächlich ist sie eine Sache des Willens; niemand hat totale Kontrolle über seine Gefühle.)

„Ungewollte Gedanken können Sünden sein.“

Ich kann hier jetzt natürlich nicht alle Einzelfragen von Glaube & Moral durchgehen. Daher nur ein allgemeiner Aufruf: Bevor man – z. B. in einem Blogartikel oder einem Facebookpost oder einer Predigt oder einem normalen Gespräch in der Gemeinde – etwas als moralische Pflicht darstellt, sollte man sich einigermaßen darüber informiert haben, ob die Kirche es wirklich als moralische Pflicht ansieht. Und immer dran denken: einzelne Katholiken können sich da irren – auch wenn sie der Pfarrer oder die Mesnerin sind.

Es gibt sicher noch andere Weisen, auf die Skrupulosität unabsichtlich gefördert werden kann; aber das sind die, die mir spontan eingefallen sind. Wenn man diese Fehler meiden könnte, wäre schon einiges gewonnen.

Schwere Sünde, lässliche Sünde?

 (Nur ein paar Überlegungen, die vielleicht ein wenig ziellos und unstrukturiert sind. Ich denke in diesem Artikel eher laut nach und würde mich über Ergänzungen und Korrekturen freuen.)

Die katholische Lehre von den schweren und den lässlichen Sünden ist einerseits recht klar. Klar ist das Prinzip: Schwere Sünden, auch Todsünden genannt, zerstören die Beziehung zu Gott, lässliche belasten sie nur – wie man es auch aus menschlichen Beziehungen kennt. Die schwere Sünde ist wie eine tödliche Krankheit, die lässliche wie eine nicht tödliche, die der Körper (oder in diesem Fall die Seele) selbst bekämpfen kann. Für eine schwere Sünde müssen drei Kriterien erfüllt sein: schwerwiegende Materie (die Tat oder Unterlassung ist an sich schlecht genug, um die Gottesbeziehung zu zerstören), klares Wissen um die Schwere der Sünde (schuldhaftes Nicht-Wissen-Wollen mindert die Schuldfähigkeit allerdings nicht; nicht schuldhafter oder nur gering schuldhafter Irrtum schon) und freier Wille (der Wille kann z. B. durch eine Sucht, eine psychische Krankheit, Druck, Nötigung oder Zwang von außen beeinträchtigt sein). Wenn eins dieser Kriterien nicht erfüllt ist, ist die Sünde nur lässlich. Gebeichtet werden müssen von Katholiken nur schwere Sünden; wenn man sich nicht sicher ist, ob eine Sünde schwer war, muss man sie nicht als schwere zählen. Die Beichte der lässlichen Sünden ist freiwillig, wird aber empfohlen; das bedeutet auch, man muss vor der Beichte nicht versuchen, sich krampfhaft an ausnahmslos alle seit der letzten Beichte begangenen lässlichen Sünden zu erinnern.

Andererseits aber ist es nicht immer so klar, was „schwerwiegende Materie“ genau ausmacht; wie man schwerwiegende und lässliche Materie abgrenzt. Das ist es, was auch Skrupulanten wie mich oft mal belastet: Wenn man nicht unterscheiden kann, ob eine Sünde schwer oder lässlich war. (Muss ich beichten? Darf ich zur Kommunion gehen?)

Meistens bekommt man, wenn das Thema erklärt wird, statt allgemeinen Definitionen konkrete Beispiele für schwerwiegende Materie vorgelegt: Tötung eines unschuldigen Menschen (inklusive Abtreibung, Euthanasie, Selbstmord), Ehebruch, Vergewaltigung, Folter, Glaubensverleugnung, Meineid, Raub, Verleumdung, Vorenthalten des gerechten Lohns, Betrug, was so alles unter den Oberbegriff „Unzucht“ fällt, Blasphemie, grundloses Verpassen der Messe an Sonntagen und gebotenen Feiertagen, grundloses Nicht-Einhalten der kirchlichen Fastengebote, künstliche Empfängnisverhütung. (Freilich wiegen auch schwere Sünden nicht alle gleich schwer, wie unschwer einzusehen ist; Mord zum Beispiel ist schlimmer als Raub.) Beispiele für lässliche Sünden: Verlegenheitslügen oder alltägliche Unfreundlichkeiten und Streitereien, Unvorsicht, Ungeduld, Unhöflichkeit, eine gewisse Vernachlässigung des Gebets, eine Verspätung von einigen Minuten bei der Sonntagsmesse… Diese Unterscheidung entspricht auch dem gesunden Menschenverstand (Unfreundlichkeit und Mord sind offensichtlich nicht dasselbe), und sie zeigt sich bereits in der Bibel (1 Johannes 5,16f.).

[Die schweren Sünden oder Todsünden sind übrigens zu unterscheiden von den sieben Wurzelsünden (Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit), die auch manchmal fälschlich als die „sieben Todsünden“ bezeichnet werden, aber grundlegende Haltungen bezeichnen, die zu Sünden führen, keine konkreten Sünden selbst. Eine Sünde ist immer eine konkrete Handlung oder Unterlassung (in Gedanken, Worten oder Werken).]

Eine manchmal gehörte allgemeine Begründung für den Unterschied zwischen den beiden Arten von Sünde wäre: Schwere Sünden verstoßen gegen vorrangige Werte (das Leben, die Ehe, die Gottesverehrung), und lässliche gegen untergeordnete (etwa Wahrheit, Ehre, Eigentum). Diese Begründung funktioniert jedoch offensichtlich nicht: Eine schwere Verleumdung (z. B. die Bezichtigung eines Unschuldigen wegen eines Verbrechens) ist offensichtlich eine schwere Sünde; genauso ein bedeutenderer Diebstahl, ein gewaltsamer Raub oder die Ausbeutung von Arbeitern durch Hungerlöhne. Zudem gibt es minderschwere Verstöße etwa gegen den Wert des Lebens, z. B. eine geringfügige Gefährdung des eigenen Lebens und des Lebens anderer durch noch nicht allzu große Unvorsicht im Straßenverkehr. Diese Begründung funktioniert also nicht.

Eine weitere, beliebtere Begründung wäre: Was gegen die Zehn Gebote (und für Katholiken: die ihnen von der von Christus eingesetzten Kirche auferlegten fünf Kirchengebote) verstößt, ist schwerwiegende Materie. Das funktioniert schon eher; andererseits sind manche der Zehn Gebote aber auch recht allgemein formuliert und geben nicht gleich zu erkennen, welche Verstöße gegen sie wirklich schwerwiegend sind. Ist es eine schwere Sünde gegen das dritte Gebot, wenn man am Sonntag im Garten arbeitet oder Staub saugt? Oder ab wann wird der Neid auf das neue Auto des Nachbarn zu einer schweren Sünde gegen das zehnte? War der Streit mit meinen Eltern ein schwerer Verstoß gegen das vierte? Irgendwo kann man ja auch alle Sünden unter den zehn Geboten subsumieren, wie es in Beichtspiegeln gerne getan wird – Körperverletzung, Unvorsicht im Straßenverkehr oder die Schädigung der eigenen Gesundheit durch Drogen fallen dann unter „Du sollst nicht töten“, Masturbation oder die Vernachlässigung der Beziehung zum Ehepartner unter „Du sollst nicht ehebrechen“, Notlügen und Übertreibungen unter „Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten“, und das Missachten der Pflichten gegenüber dem Staat oder der Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern unter „Ehre Vater und Mutter“. Einerseits fällt, wie man daran sieht, nicht alles von dem, was irgendwie mit den Zehn Geboten in Zusammenhang gebracht werden kann (z. B. kleine Übertreibungen), unter die Kategorie „schwere Sünde“; andererseits gibt es auch offensichtlich schwere Sünden, die nicht ganz direkt in den Zehn Geboten angesprochen werden (z. B. schwere Körperverletzung, schweres Mobbing, nicht-ehebrecherische Unzucht).

Vielleicht kann man auch sagen: Schwere Sünden verstoßen entweder direkt gegen einen zentralen Wert (z. B. verstößt die Verleugnung des Glaubens klar gegen die Treue zu Gott und gegen die Pflicht zum Bekenntnis der Wahrheit) oder sie schaden anderen Menschen oder einem selber direkt und gewollt (oder zumindest wissentlich in kauf genommen) in schwerwiegendem Maß (z. B. Mord, Selbstmord, Ehebruch, Raub, Verleumdung); oft auch beides. [Der Unterschied zwischen einer christlichen und einer utilitaristischen Moral wäre, dass die christliche nicht nur das, was direkten, quantifizierbaren Schaden anrichtet, als falsch ansieht – Glaubensverleugnung, Gotteslästerung, wohlmeinende Lügen oder konsensuale Unzucht beispielsweise richten nicht immer direkt beobachtbaren Schaden an. Freilich schaden sie oft indirekt und auf lange Sicht (ein Beispiel: Wenn man jemanden anlügt, um ihn nicht mit der Wahrheit zu beunruhigen, könnte man sich sein Vertrauen verscherzen, wenn er es merkt) und machen einen selbst zu einem von der Sünde beherrschten Menschen, aber der Verstoß gegen die Gottesliebe, die Wahrhaftigkeit oder die Keuschheit ist an sich schon schlimm. Wieso Gottesliebe, Wahrhaftigkeit und Keuschheit so wichtig sind, wäre dann mal noch eigens ausführlicher zu erläutern.] Wenn sie die Gottesbeziehung zerstören, müssen sie ein, wenn auch implizites, Nein zur Liebe, eine bewusste Gleichgültigkeit und Abwendung vom Guten, beinhalten.

Eine allgemeine Definition von Sünde an sich wäre auch: Sünde verstößt gegen den natürlichen Zweck, den Gott in die Dinge hineingelegt hat. Z. B. ist der Zweck der Sprache der Ausdruck und die Weitergabe von Wahrheit; der Zweck des Eigentums ist die Sicherung des Lebensunterhalts für einen selber und die, für die man verantwortlich ist; der Zweck der Sexualität ist die Fortpflanzung und der Ausdruck ehelicher Liebe zwischen Mann und Frau. Sünde verstößt gegen diese Ordnung der Dinge und bringt sie aus dem Gleichgewicht. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag von einer „Ökologie des Menschen“ gesprochen, die beachtet werden muss. Bei einer Sünde wird ein Gut einem anderen in ungeordneter Weise vorgezogen. (Niemand tut Böses, nur um Böses zu tun; wenn man z. B. Böses tut, um Geld, Lust oder Macht zu erreichen, zieht man wirkliche Güter anderen, höheren Gütern vor.) Letztlich wird bei einer Sünde immer etwas Geschaffenes Gott (dem letzten Ziel des Menschen) vorgezogen. Sünde kann man also als auch Ungeordnetheit betrachten. Der hl. Thomas von Aquin schreibt dann in diesem Sinne (von mir aus dem lateinischen Text übersetzt – hier findet sich auch eine englische Übersetzung, die besser ist als meine) :

„Der Unterschied aber zwischen einer lässlichen Sünde und einer Todsünde folgt aus dem Unterschied in der Unordnung, die die Art der Sünde ausmacht. Denn diese Unordnung gibt es in zweifacher Weise: eine besteht im Abweichen vom ordnenden Prinzip; die andere, bei der das ordnende Prinzip erhalten bleibt, bewirkt eine Unordnung in den Dingen, die den Prinzipien folgen. So tritt im Körper eines Tieres manchmal eine umfassende Unordnung auf, die bis zur Zerstörung des lebenswichtigen Prinzips führt, und diese führt zum Tod; manchmal aber, wobei das Lebensprinzip gewahrt bleibt, tritt eine gewisse Unordnung in den Körpersäften auf, und dann kommt eine Krankheit. Das Prinzip aber der ganzen Ordnung der moralischen Dinge ist das letzte Ziel, das zu den Handlungen im selben Verhältnis steht wie das unmittelbar gewisse (?) Ziel in spekulativen Dingen, wie in VII Ethic. gesagt wird. Somit ist, wenn die Seele durch die Sünde in Unordnung fällt bis hin zur Abwendung von ihrem letzten Ziel, nämlich Gott, mit dem sie durch die Liebe geeint ist, da Todsünde; wenn sie jedoch in Unordnung fällt ohne Abwendung von Gott, dann ist da lässliche Sünde. So wie nämlich im Körper die tödliche Unordnung, die durch die Beseitigung des Lebensprinzips entsteht, naturgemäß irreparabel ist, die Unordnung einer Krankheit aber repariert werden kann, weil das Lebensprinzip gewahrt bleibt, so steht es mit den Dingen, die die Seele angehen. Denn auch in spekulativen Dingen kann derjenige, der bei den Prinzipien irrt, nicht überzeugt werden, wer aber irrt und dabei die Prinzipien bewahrt, kann durch diese Prinzipien [zur Wahrheit] zurückgebracht werden.“ (Summa Theologiae II/I 72,5)

An einer anderen Stelle schreibt er: „Die Objekte von Akten aber sind deren Ziele, wie aus dem oben Gesagten klar ist. Und deshalb richtet sich der Unterschied der Schwere von Sünden nach dem Unterschied ihrer Objekte. So ist es klar, dass äußerliche Gegenstände auf den Menschen als ihr Ziel ausgerichtet sind; der Mensch aber ist darüber hinaus auf Gott als sein Ziel ausgerichtet. Somit ist eine Sünde, bei der es um die Substanz des Menschen selbst geht, wie Mord, eine schwerere Sünde als eine, bei der es um äußerliche Dinge geht, wie Diebstahl; und fernerhin ist eine noch schwerere Sünde die, die direkt gegen Gott begangen wird, wie Unglaube, Blasphemie und dergleichen.“ (Summa Theologiae II/I 73,3)

An einer wieder anderen Stelle schreibt er über den Unterschied zwischen Todsünde und lässlicher Sünde, die Todsünde verstoße direkt gegen ein Gebot, die lässliche Sünde „non est contra praeceptum, sed praeter praeceptum“, d. h. sie stehe nicht gegen das Gebot, sondern gehe eher an ihm vorbei – man handelt nicht nach dem Prinzip der Gottes- und Nächstenliebe, verstößt aber auch nicht ganz direkt gegen es. (Summa Theologiae II/II 105,1)

Das ist natürlich immer noch etwas schwammig in den Einzelheiten; und fraglich bleibt bei solchen Definitionen auch oft, wo man die „mittelschweren“ Sünden einordnen soll. Sagen wir mal:

  • Leichte Körperverletzung bei einer Prügelei unter Bekannten, die sich dann wieder versöhnen
  • Einnahme der harmloseren Drogen (z. B. Marihuana), in einem Staat, wo das legal ist
  • Längerfristig aufrecht erhaltene Feindseligkeiten und Streitereien innerhalb der Familie
  • Gelegentliche Flirts mit der Sekretärin, weil die Ehe gerade in einer Krise ist, ohne die Absicht, weiterzugehen
  • Gewohnheitsmäßiges Lügen, z. B. weil man unangenehme Tatsachen über sich selbst nicht zugeben will, aber ohne dass damit Schaden für andere angerichtet wird
  • Ladendiebstahl (Waren von geringem Wert)

Wo genau liegt die Grenze, z. B. im Bereich des Diebstahls, zwischen lässlicher und schwerwiegender Materie? Sicher kommt es auf den angerichteten Schaden beim Bestohlenen an (objektiv: Wie teuer war das Gestohlene? subjektiv: Wie sehr leidet der Bestohlene unter dem Verlust?), auf das Motiv des Diebs (Druck von anderen, Mutprobe, keine Lust, sein Geld auszugeben?), ob er so etwas gewohnheitsmäßig, vielleicht sogar gewerbsmäßig, tut oder nicht, etc. Und sicher kann man da nicht immer eine eindeutige Linie ziehen. Dazu spielen zu viele Faktoren hinein; es gibt Fälle, in denen eine Sünde nicht eindeutig schwer oder lässlich, sondern zweifelhaft schwer ist. Hier könnte man vielleicht wieder den Vergleich mit Krankheiten heranziehen: Manche Krankheiten sind gefährlich, aber nicht in jedem Fall tödlich. Ab wann im einzelnen Fall das wirkliche Nein zum Guten da ist, ist nicht immer ganz eindeutig – aber irgendwann ist es da, so wie bei Krankheiten irgendwann der Tod eintritt, auch wenn man nicht immer voraussehen kann, ob eine bestimmte schwere, nicht immer tödliche Krankheit unter diesen Umständen bei diesem Menschen tödlich enden wird.

Dann wären da auch noch zwei bestimmte Kategorien da, bei denen die Bestimmung oft schwierig ist: Die Unterlassungssünden und die Gedankensünden.

In der Rede vom Weltgericht fokussiert Jesus sich auf die Unterlassungssünden: „Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,41-46) Ab wann wird eine Unterlassung, eine Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit, also zur schweren Sünde?

Anders ausgedrückt könnte diese Frage lauten: Welche Pflichten hat der Einzelne – je nach seinen Möglichkeiten –, die unter schwerer Sünde verpflichten? Hier kann man wieder auf die Zehn Gebote und andere Texte schauen, die Pflichten gegenüber Gott einerseits und dem Nächsten andererseits festschreiben. Der „Nächste“ kann im Grunde genommen jeder werden, mit dem man zufällig zu tun hat, auch ein Fremder (s. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter), aber je enger die Beziehung, desto größer in der Regel die Verpflichtungen; deshalb wird auch im vierten Gebot die familiäre Beziehung besonders hervorgehoben. Seine Kinder oder alten Eltern muss man persönlich versorgen; wenn es um Obdachlose in der Innenstadt oder um hungernde Menschen in der Dritten Welt geht, denen man mit Geldspenden helfen könnte, kann man sich im Grunde aussuchen, wem von vielen Bedürftigen man hilft, und ab einem gewissen Grad auch, in welchem Maße (schließlich könnte man sich immer irgendwann sagen „wenn ich mir jetzt nicht noch eine Tasse Kaffee kaufen würde, könnte ich noch ein paar Euro mehr für verfolgte Christen spenden“). Hier gibt es wieder Graubereiche. Es kommt also einerseits darauf an, wie nahe einem jemand steht; und auf der anderen Seite natürlich auch darauf, wie dringend dessen Bedürfnis nach Hilfe ist (z. B. braucht jemand, der in der Straßenbahn zusammenbricht, sofort dringend Hilfe).

[Bei Unterlassungssünden muss man übrigens auch beachten, dass das physisch oder moralisch Unmögliche grundsätzlich nicht verpflichtet. Physisch unmöglich: Ich liege schwer krank im Bett und kann deshalb nicht in die Kirche gehen. Moralisch unmöglich: Ich bin zwar nicht so krank, dass ich es nicht schaffen würde, mich in die Kirche zu schleppen, aber mit meinem Fieber etc. wäre es besser für mich, mich auszuruhen, und außerdem will ich niemanden anstecken, gerade, wenn die vielleicht ein geschwächtes Immunsystem haben. Ein positives Gebot (du sollst etwas tun, z. B. sonntags in die Kirche gehen) unterscheidet sich in dieser Hinsicht von einem negativen (du sollst etwas nicht tun, z. B. unschuldige Menschen nicht direkt töten); letzteres kann immer eingehalten werden, ersteres nur, wenn man dazu die Fähigkeit, die Gelegenheit, die Mittel hat.]

Und dann wären da eben noch die Gedankensünden. In der Bergpredigt sagt Jesus: „Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Matthäus 5,28)  Ab wann werden Gedankensünden schwerwiegend? Karl Hörmann schreibt im „Lexikon der christlichen Moral“ (1976) zu Gedankensünden im Allgemeinen:

„3. Weil die S. wesentl. durch die innere Entscheidung begründet wird, gibt es rein innere S.n, denen kein äußerer Vollzug folgt. ‚Der böse Wille schon für sich allein ist sündhaft, auch wenn es nicht zur Tat kommt, das ist, wenn jemand nicht die Macht hat’ (Augustinus, De spir. et litt. 31,54; PL 44,235; vgl. D 1680 1707 2113). a) Die Begierde nach einem dem sittl. Gesetz widersprechenden Verhalten (sinnl. Regung) macht den Menschen nicht schon zum Sünder, wenn sie vor seiner Entscheidung von selbst auftritt, sondern erst, wenn er sie frei weckt od. bejaht. Diese Begierde, die ‚aus verkehrtem Willen entsteht’ (Augustinus, Conf. VIII 5,10; PL 32,753), ist durch die beiden letzten Gebote des Dekalogs als S. kenntl. gemacht (Ex 20,17; Dtn 5,12). b) Eine Bejahung der S. liegt auch in der Freude, dem überlegten Wohlgefallen an eigener od. fremder geschehener S., u. im freien wohlgefälligen Verweilen dabei. Wer noch dazu mit einer begangenen S. vor anderen prahlt, verfehlt sich auch gegen diese (vgl. Ärgernis).“ Daraus wird freilich noch nicht klar, wann genau das bewusste Phantasieren über eine Sünde oder das Planen dieser Sünde schwer sündhaft ist – beides kann es sein, und dabei kommt wohl hauptsächlich darauf an, ob diese Sünde selber schwer wäre, und dann darauf, ob der Gedanke flüchtig oder ernsthaft ist, oder ob man ihn schnell wieder verwirft oder ihn länger im Kopf behält. Wenn man sich ausführlich ausmalt, sich z. B. an jemandem zu rächen, kann das sehr wohl eine schwere Sünde sein; wenn man sich bei dem freudigen, aber noch eher halbherzigen Gedanken an so etwas ertappt und sich nach ein paar Sekunden zusammenreißt und seine Gedanken woanders hin lenkt, ist es eher eine lässliche. (Wenn einem der Gedanke in den Kopf kommen würde, ohne dass man ihn hervorgerufen hätte, und man nichts tun würde, um ihn dazubehalten, wäre es gar keine Sünde.)

Ich habe schon mal geschrieben, dass ich wegen solcher praktischer Fragen mit der heute allgegenwärtigen Abneigung gegen die sog. „Kasuistik“ (moralische Fallanalyse) nichts anfangen kann; an älteren, vor dem 2. Vatikanum herausgegebenen Moraltheologiebüchern (von denen ich nur eins besitze, eines aus den 50ern) ist das Praktische, dass die Autoren bei jedem Punkt ihre Meinung dazu sagen, welche schwerwiegenden Verpflichtungen oder möglichen Sünden es hier gebe. Die muss vielleicht nicht immer in jeder Einzelheit richtig sein; aber jedenfalls gehen sie die Frage an.

Das „Lexikon der christlichen Moral“ schreibt übrigens beim Stichwort Sünde zur schweren Sünde (Hervorhebungen von mir): „Im allg. aber ist eine ganzpersonale Entscheidung gegen Gott nur in Dingen mögl., die ihrer Beschaffenheit nach für die Verwirklichung der sittl. Ordnung (der Liebe) wichtig sind (materia gravis ); wer ihre Bedeutung erfaßt hat u. sich frei für sie entscheidet, kommt um schwere S. nicht herum. Was dazu zählt, kann der Mensch durch eigene Überlegung, mit Hilfe der Hl. Schrift (S.n, die als todeswürdig bezeichnet werden, wie Götzendienst, Zauberei u. Gotteslästerung – Lev 20,2; 22,17; 24,11-16; Auflehnung gegen die Eltern – Lev 20,9; Menschenraub – Ex 21,16; verschiedene Unzucht-S.n – Lev 18,29; die ‚himmelschreienden’ S.n Mord – Gen 4,10; 2 Makk 8,3, Sodomie – Gen 18,20 f; 19,13, Bedrückung von Hilflosen – Ex 3,7; 22,21 f, Vorenthaltung des verdienten Arbeitslohnes – Dtn 24,14 f; Jak 5,4; die verhängnisvolle Grund-S. wider den Hl. Geist – Mk 3,28 f; Lk 12,10, näml. der verstockte Unglaube, das Nichthören- u. Nichtannehmenwollen des Rufes Gottes in Christus – Jes 6,9 f; Mk 4,12; 8,18; Lk 10,13-15; 11,32; Joh 8,21; 9,39-41; 12,37-40; 16,9; Apg 28,23-28; Röm 11,8; 2 Thess 2,10-12; S.n, die vom Reich Gottes ausschließen – 1 Kor 6,9 f; Gal 5,19-21; Offb 21,27; 22,15; D 1544 1577), mit Hilfe der Lehre der Kirchenväter u. der Theologen u. durch Beachtung der Lehre u. der Praxis der Kirche (was die Kirche z.B. mit Strafe bedroht, sieht sie als schwere S. an; vgl. CICc. 2218 § 2; c. 2242 § 1) feststellen.

 Letztlich ist das wohl für die Praxis entscheidend: Wenn etwas schwere Sünde ist, muss die Kirche, und i. d. R. auch schon die Bibel, irgendwann schon mal etwas dazu gesagt haben. Wenn die Zehn Gebote da noch nicht ganz klar sind, dann wohl die Propheten, Jesus, Paulus oder der Katechismus. Was nirgendwo als schwer genug erachtet wurde, um ausdrücklich so genannt zu werden, kann nicht so schwer sein. Ja, es wird dann auch nicht immer ganz eindeutig – gerade bei so allgemeinen Geboten wie „Ehre Vater und Mutter“. Aber es gibt immerhin gewisse Richtlinien.

Aber ich könnte ja noch mehr tun

Ich habe hier schon öfter über das Thema Skrupulosität geschrieben, also eine Zwangsstörung im religiösen Bereich, die sich bei Katholiken z. B. darin äußert, dass man bei jeder Gelegenheit fürchtet, eine (schwere) Sünde begangen zu haben, dann ständig zur Beichte geht, um diese Furcht loszuwerden, dann fürchtet, dass die Beichte nicht gültig war, weil man die Sünde vielleicht nicht detailliert genug beschrieben hat, weshalb man nicht wagt, zur Kommunion zu gehen, sondern lieber bei der nächsten Beichtgelegenheit wieder am Beichtstuhl auftaucht, um das Bekenntnis zu wiederholen… Usw. usf.

Eine Schwierigkeit für Skrupulanten ist es immer, zu bewerten, ob eine Tat oder eine Unterlassung, eine Äußerung oder ein Gedanke, wirklich eine Sünde war, und wenn ja, ob schwer oder lässlich. Da tauchen hunderttausend Gedanken und Zweifel auf und das Gedankenkarussell dreht sich und dreht sich. Was, wenn ich daran hätte denken müssen, was, wenn ich mir hier nur etwas vormache… Manchmal wird die Sache leichter, wenn man sich etwas Wissen darüber angelesen hat, was die Kirche als schwere Sünden bewertet und was nicht, und wenn man das Prinzip beachtet, dass man, vor allem als Skrupulant, Zweifel ignorieren sollte (d. h. zweifelhafte Verpflichtungen oder Verbote sind nicht bindend; zweifelhaft schwere Sünden sollte man nicht als schwere Sünden zählen, sie müssen nicht gebeichtet werden).

Die wirklich hinterlistigen Gedanken, die einem kommen können, sind aber die der Art: Okay, ich habe keine offensichtliche Sünde begangen – aber ich könnte in meinem Leben mehr tun.

Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich mehr für Ihn tun – mehr beten, mehr in der Bibel lesen, mehr spenden… Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich Ihm alles andere unterordnen, aber anscheinend tue ich das nicht. Also liebe ich Gott nicht wirklich, also habe ich gegen das Gebot der Gottesliebe verstoßen, auf dem alles aufbaut. („Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22,37-40)) Also mache ich vom Ansatz her alles falsch und komme wahrscheinlich sowieso in die Hölle.

Ein paar Beispiele für solche Gedanken:

  • Mir ist der Gedanke in den Kopf geploppt, dass ich in der Fastenzeit nicht nur auf Schokolade und Alkohol, sondern auch auf Kaffee, Zucker, Kuchen, Fleisch und am besten überhaupt alle tierischen Produkte verzichten könnte. Immerhin haben diese und jene Heiligen da auch streng gefastet und überhaupt, früher waren die Fastenregeln ja auch strenger. Und wenn ich diese Eingebung, die ja bestimmt von Gott kommt, jetzt zurückweisen würde, würde ich wohl sündigen.
  • Ich habe von dem und dem Heiligen gelesen, der einen Bußgürtel getragen oder Selbstgeißelung betrieben hat. Vielleicht sollte ich das auch tun. Das muss ein Zeichen sein, dass ich auf diese Geschichte gestoßen bin. Ich weiß, heute betreiben die Leute diese Bußübungen nicht mehr so, aber das haben Heilige getan, und wir sollten in unserer glaubensfernen Zeit ja wohl wieder mehr nach Heiligkeit streben, also gucke ich lieber mal, wo ich ein zu enges Armband herkriege, das mir in die Haut schneidet. Oder so.
  • Ich wollte heute Abend eigentlich entspannen und eine Serie auf Netflix anschauen, aber mir ist der Gedanke gekommen, dass ich stattdessen auch den Rosenkranz beten könnte. Der Rosenkranz ist eine wertvollere Verwendung meiner Zeit als Netflix, also wäre Netflix jetzt sündhaft.
  • Ich habe in den kommenden Wochen eigentlich nicht viel Zeit, weil ich für ein wichtiges Examen lernen muss, aber die Pastoralreferentin hat mich gefragt, ob ich bei einem größeren Projekt in der Pfarrei helfen könnte, und wenn ich das Gebot der Nächstenliebe wirklich ernst nehmen würde, in der Kirche helfen und einen positiven Einfluss in der Pfarrei ausüben wollen würde, würde ich zusagen. Ich müsste mir dann halt irgendwie die Zeit freischaufeln.
  • Ich habe vier Kinder und habe das Gefühl, dass das für mich und meinen Mann langsam genug ist – aber muss man nicht einen guten Grund haben, um NFP zu verwenden und weitere Kinder zu vermeiden? Wenn ich wirklich offen für das Leben wäre, würde ich auch noch ein fünftes Kind in unserer Familie willkommen heißen. Schließlich sind Kinder ein Segen, und wenn ich Kinder wirklich lieben würde, würde ich einer weiteren Schwangerschaft und der Arbeit mit einem weiteren Kind auch nicht aus dem Weg gehen wollen.
  • Ich könnte ja mehr für den Glauben eintreten. Sollen wir nicht alle für unseren Glauben eintreten und andere Menschen zu Gott führen? Sollte ich vielleicht meinen Arbeitskollegen von Gott erzählen? Oder meine Verwandten dazu zu bewegen versuchen, wieder in die Kirche zu gehen? Vielleicht sollte ich meinen Glauben irgendwie deutlicher zeigen…

Kurz gesagt: Ich könnte mehr tun. Wenn ich Gott und den Nächsten wirklich lieben würde, würde ich auch täglich zur Messe gehen oder den Rosenkranz beten, oder jeden Freitag bei Wasser und Brot fasten, oder beim Kindermusical, beim Altenheim-Besuchsdienst und beim Kochen mit Flüchtlingen mithelfen. Ich wäre nicht so bequem, würde nicht an Kaffee und Donuts und Ausschlafen am Samstag hängen. Ich würde wirklich was tun. Ich wäre so wie die Heiligen. Aber ich liebe nicht wirklich.

Hier stecken mehrere Denkfehler drin:

1) Das Bessere wird als der Feind des Guten hingestellt.

Dabei ist es das nicht. Es gibt viele legitime Wege im Leben – manche sind gut, und manche sind besser, aber alle sind legitim. Es mag besser sein, auch in Werktagsmessen zu gehen statt nur in die Sonntagsmesse, aber es ist schon gut, in die Sonntagsmesse zu gehen, nicht schlecht. Es mag besser sein, in der Fastenzeit auf Alkohol und Süßigkeiten zu verzichten statt nur auf Alkohol, aber auch der bloße Verzicht auf Alkohol ist gut. Etwas Gutes wird nicht dadurch schlecht, dass es etwas noch Besseres gäbe. Das ist ein uraltes katholisches Prinzip. Das gottgeweihte Leben, z. B. in einem Orden, wurde in der Kirche immer als eine höhere, bessere Berufung als die Ehe angesehen, aber deswegen ist die Ehe trotzdem gut, und notwendig, und die Berufung sehr vieler Christen.

2) Man verausgabt sich, wenn man immer nach dem noch Besseren sucht.

Wenn man den bestmöglichen Weg finden will, begibt man sich auf eine aussichtslose und frustrierende Suche, die einen manchmal auch daran hindern kann, sich auf das Gute zu konzentrieren, das man schon hat. Sagen wir mal, man verzichtet in der Fastenzeit statt wie bisher auf Süßigkeiten und Gebäck auf Kaffee und Frühstück am Morgen, und als Resultat ist man jeden Morgen gestresst und müde und zickig zur Familie. So wird das Gute beeinträchtigt, weil man unbedingt das Bessere suchen musste.

3) Es ist ein logischer Fehlschluss, anzunehmen, dass das Unangenehme immer das moralisch Bessere wäre. Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen; das eigentliche Ziel aller Seiner Gebote ist das wahre Glück des Menschen. Sicher kann das auch mal heißen, gewisse Nachteile oder Mühen auf sich zu nehmen, die sich langfristig auszahlen, und manchmal wird das Tun des Guten einen in diesem Leben aufgrund der Umstände oder des Verhaltens anderer Menschen nicht gerade glücklich machen – da müsste man bloß mal die im Priesterblock in Dachau inhaftierten Priester fragen – aber Gott legt es nicht darauf an, uns mit seinen Regeln zu quälen. Wenn wir ein bequemes Leben haben sollten, muss das nicht heißen, dass wir etwas falsch machen. Um auf eins der Beispiele von oben zurückzukommen: Es ist eben nicht falsch, kein fünftes Kind mehr zu bekommen, wenn es der Familie so mit vier Kindern soweit gut geht. Wieso sollte es einem nicht gut gehen dürfen?

Fasten etc. ist eine hin und wieder sehr wertvolle Übung, um sich daran zu gewöhnen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, aber die Welt und alles in ihr, was man genießen kann, ist nicht schlecht. Wir sind keine Gnostiker oder Manichäer.

4) Nur weil ein Gedanke da ist, heißt das noch nicht, dass er der Realität entspricht. Nur weil mir der Gedanke an strenges Fasten in den Kopf kommt, und dann der Gedanke, dass das eine Eingebung von Gott gewesen sein könnte, muss es noch lange keine solche Eingebung gewesen sein. Gedanken kommen und gehen. Man hat diese Assoziation, dann jene, dann schwirrt einem dieser Gedanke in den Kopf… Zwangskranke leiden oft an einer Art „magischem Denken“ – weil mir der Gedanke gekommen ist, dass meine Eltern auf der Heimfahrt von den Verwandten einen Unfall haben könnten, entspricht dieser Gedanke auch der Realität, und ich muss sofort einen Rosenkranz beten, um die Gefahr abzuwenden, und wenn sie heil ankommen, dann zeigt das, dass es funktioniert hat. Man lädt alles und jedes mit einer Bedeutung auf, die es wahrscheinlich gar nicht hat.

5) WAS NICHT GEBOTEN IST, IST NICHT GEBOTEN. PUNKT.

Die einzelnen Gebote bauen auf dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe auf; aber dieses Doppelgebot sollte nicht dazu dienen, sie zu umgehen und noch weitere Gebote aufzustellen, wo es keine gibt. Die „Wenn ich wirklich lieben würde…“-Argumentation ist Unsinn.

Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae (II/II 184,2 ; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS184.html#SSQ184OUTP1 ) von den unterschiedlichen Formen der Vollkommenheit, die dem Menschen in diesem Leben und dem zukünftigen möglich sind. Die unterste Form, die jedem Menschen in diesem Leben schon möglich ist, besteht laut Thomas darin, alles aus dem Weg zu räumen, was der Liebe direkt entgegensteht, d. h. Todsünden. Das klingt ein bisschen nach „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt“ – was aber nicht ganz stimmt, wenn man bedenkt, dass Todsünden auch Unterlassungssünden sein können; dazu, Todsünden zu vermeiden, wird also auch gehören, bestimmte Dinge zu tun (z. B. die zentralen Pflichten gegenüber der Familie zu erfüllen). Die Liebe wird also zunächst mal dadurch verwirklicht, dass man Gottes Gebote hält – „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ (Johannes 14,21) – und Gott sagt uns ganz klar, was seine Gebote sind; Er bürdet uns nicht die unmögliche Aufgabe auf, herauszufinden, was wir tun sollten, wenn wir wirklich-ganz-ehrlich-so-richtig lieben würden und so richtig gute Christen wären. Es gibt genug wahre Gebote; was den Rest des Lebens angeht, lässt Er uns auch Freiheit.

Think about it: Wir würden es als Zeichen nehmen, dass Eltern ihr Kind nicht lieben, wenn sie es vernachlässigen oder misshandeln würden, aber man könnte nicht sagen, dass sie es nicht lieben würden, nur weil sie nicht ihr Allermöglichstes täten, um es auf die beste Privatschule zu schicken und für seine maßgeschneiderte Förderung zu sorgen. Es ist natürlich nicht schlecht, wenn einige Eltern ganz besonders viel für ihr Kind tun, aber deswegen könnte man andere Eltern nicht allesamt in die Reihe der schlechten Eltern einreihen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Etwas, das keine Todsünde ist, ist keine Todsünde, und kann einen nicht in die Hölle bringen, ebensowenig, wie das Jugendamt Eltern ihr Kind wegnehmen würde, weil sie sich nicht im Elternbeirat engagieren.

In der Moraltheologie unterschied man früher gerne zwischen den gebotenen Werken und den sog. „Werken der Übergebühr“ oder „supererogatorischen Werken“, die nicht geboten, sondern höchstens empfohlen sind. Es ist löblich, mehr zu tun, als verlangt ist – aber man ist kein schlechter Mensch, wenn man es nicht tut.

6) Zudem sollten wir uns nicht durch Angstgedanken dazu treiben lassen, solche Werke der Übergebühr zu tun, um nur ja nichts falsch zu machen. Sie sollten im Idealfall einer anderen Motivation entspringen. Man sollte sich in Freiheit dafür entscheiden.

7) Wenn man also ein „Werk der Übergebühr“ tun möchte (in Freiheit), muss man im Hinterkopf behalten, dass man sie nie alle tun kann, und sie auch nicht alle tun muss. Zum Beispiel könnte man sich entscheiden, in der Fastenzeit auf Süßigkeiten, Alkohol und Fleisch zu verzichten, dafür aber am Dienstagabend weiterhin Netflix schauen, statt in die Werktagsmesse zu gehen. Oder man könnte jeden Sonntag den Rosenkranz beten, die Novene, auf die man letztens gestoßen ist, aber links liegen lassen. Es gibt viele legitime Möglichkeiten.

8) Das ganze Grübeln lähmt einen letztlich nur, was auch nicht zu größerer Tugendhaftigkeit beiträgt.

Father William Doyle: Skrupel und ihre Behandlung

Aus: Father William Doyle SJ (1873-1917), „Scruples and their treatment“. Übersetzung von mir. Der zitierte Text ist nur ein kleiner Auszug aus Father Doyles Werk, das man hier (https://fatherdoyle.com/writings/) herunterladen kann. Sehr zu empfehlen!

 

„Generelle Überlegungen

Definition.

Skrupulosität ist generell eine unbegründete Angst davor, Sünden zu begehen.

Es gibt zwei Arten von Skrupeln: solche, die nur den Intellekt betreffen; solche, die auch die Empfindungen betreffen.

Rein intellektuelle Skrupel sind wirklich nur Zweifel. Man trifft sie vor allem bei aufrichtigen Seelen, die Selbstkontrolle ausüben und nicht gewohnheitsmäßig skrupulös sind. Sobald diese Seelen sich also moralisch sicher sind, dass der fragliche Akt nicht sündhaft ist, verschwindet der Skrupel. Diese Art von Skrupel ist harmlos,und muss nicht behandelt werden.

Das Gegenteil ist der Fall bei Skrupeln, die den niedrigeren Teil der Seele befallen (die Empfindungen). Durch den starken Eindruck auf die Sinne üben diese eine Macht aus, die der reinen Feststellung von Tatsachen widersteht. Solche Skrupel betreffen vor allem leicht beeindruckbare Seelen; tatsächlich ist es ihre emotionale Natur, die Skrupulosität erzeugt. Eine praktische Definition dieser Art von Skrupel wäre: eine unruhige, unbegründete Furcht, Sünde zu begehen, gesteigert durch die Eindrücke auf den niedrigeren Teil der Seele.

Ein Beispiel mag helfen, diese unterschiedlichen Arten von Skrupeln klar zu machen. Zwei Personen verlassen am Sonntagmorgen die Kirche, wobei sie fürchten, dass sie wegen ihrer vielen Ablenkungen nicht ihrer Verpflichtung nachgekommen sind, die Messe zu hören. Nachdem er ihre Zweifel angehört hat, beruhigt ihr Beichtvater sie beide. Allerdings ist nur eine gänzlich zufrieden. Die andere wird bald wieder unruhig, wird nervös, und fühlt einen fast unwiderstehlichen Drang, sich ganz sicher zu sein, entweder durch eine vollständigere Erklärung, oder dadurch, eine weitere Messe zu hören. Die erste dieser Personen hatte nur einen intellektuellen Skrupel, die harmlose Furcht einer treuen Seele; die zweite leidet an nervöser Furcht, die den empfindenden Teil der Seele aufwühlt, und einen wirklichen Skrupel verursacht.

[…]

 

Tödliche Effekte der Skrupulosität.

Skrupulosität deformiert das moralische Urteil vollkommen. Sie nimmt einem den gesunden Menschenverstand.

Sie hält ein Vergrößerungsglas vor das Auge des Gewissens, das den kleinsten Anlass zur Sorge groß macht, und lässt eine furchtsame Seele tausend Phantomsünden sehen, während sie sie durch falsche Schlussfolgerungen davon zu überzeugen versucht, dass diese unzweifelhafte Fehler sind.

Skrupulosität blockiert allen Fortschritt hin zur Vollkommenheit

Es ist eine fundamentale Wahrheit, dass wir Gott nicht lieben können, wenn wir nicht an Seine Liebe zu uns glauben. Skrupulosität unterdrückt einen solchen Glauben vollständig, und lähmt daher jede großzügige Anstrengung. Zu jedem Moment schafft sie Probleme zwischen der Seele und ihrem Schöpfer durch pessimistische Gefühle in Bezug auf die Vergangenheit und die gegenwärtigen Dispositionen und Handlungen [der Seele]. […]

Bald wird die Seele, die sich ernsthaft in einem schlechten Zustand glaubt, entmutigt, und beginnt oft, wirkliche Sünde zu begehen.

Auch wenn aus Skrupeln keine Sünde folgt, hemmt die Skrupulosität dennoch den Fortschritt der Seele auf verschiedenen anderen Wegen. Sie lässt das Gebet als voll von Schwierigkeiten erscheinen. Sie macht die Ohren der armen niedergedrückten Seele taub für die tröstende Stimme des Heiligen Geistes. Sie zerstört die Zuversicht. Sie verhindert den häufigen Empfang der Sakramente, und blockiert so ihre stärkenden Effekte. Sie nimmt fast die Kraft weg, Versuchungen zu widerstehen. Sie verursacht Entmutigung, und mag sogar zur Verzweiflung führen.

[…]

 

Spezielle Heilmittel

[…]

1. Zweifel dürfen nicht beachtet werden.

Die skrupulöse Seele darf keine Notiz von ihren Zweifeln nehmen, das heißt, sie muss alle zweifelhaften Gebote, Verbote oder Verpflichtungen, oder Ängste, gesündigt zu haben, bei denen der Grund der Angst zweifelhaft ist, als absolut null und nichtig ansehen.

Mehr als das. Sie muss alle Gebote, Verpflichtungen oder Ängste, gesündigt zu haben, die nicht absolut sicher sind, d. h. so offensichtlich, wie dass zwei und zwei vier ergeben, als zweifelhaft und somit als nicht bindend ansehen.

Wiederum muss sich eine solche Seele in der Beichte als frei ansehen, sich wegen in irgendeiner Weise zweifelhaften schweren Sünde anzuklagen oder nicht anzuklagen.

Auf dieselbe Weise darf sie sich die Anklage wegen schweren Sünden, die vielleicht schon einmal gebeichtet wurden, nicht als eine Verpflichtung aufbürden. Im Gegenteil, sie sollte sich mutig gegen eine solche Beichte stellen.

Des weiteren muss sie davon absehen, eine Beichte zu wiederholen, die vielleicht gut war, oder vielleicht schlecht, welchen Grund auch immer sie haben mag, daran zu zweifeln, dass sie in Ordnung war. Sie soll kein Unbehagen dabei haben, so zu handeln, da die Verpflichtung, diese zweifelhaften Beichten zu wiederholen, in sich selbst zweifelhaft und damit nicht bindend ist.

2. Glaube an die Leichtigkeit der Vergebung

Die skrupulöse Seele muss glauben, dass alle ihre Sünden jedes Mal sofort vergeben werden, wenn sie vollkommene Reue erweckt, oder die Absolution empfängt, selbst mit unvollkommener Reue. ‚Aber‘, mag gefragt werden, ‚wie soll ich sicher sein, dass ich diese Reue habe?‘

Skrupulanten sollen glauben, dass sie die notwendige Reue haben, wenn die Reue aufrichtig erweckt wird. Diese Aufrichtigkeit ist sicher, wenn der feste Vorsatz, nie mehr Todsünden zu begehen, selbst aufrichtig oder frei von Täuschung ist.

Gott wünscht so sehr um die Bekehrung der Sünder, dass Er die Bedingungen, die notwendig zur Vergebung sind, auf ein Minimum reduziert.

Er fragt nur nach dem gewöhnlichsten guten Willen, das heißt, dem einfachsten festen Vorsatz, keine Todsünden zu begehen.“

 

Original:

 

„General Considerations

Definition.

Scrupulosity, in general, is an ill-founded fear of committing sin.

There are two kinds of scruples: those which affect only the intelligence; those which affect also the sensitive will.

– Purely intellectual scruples are really only doubts. They are most frequently met with in straightforward souls, who exercise self-control and are not habitually scrupulous. As soon, therefore, as these souls become morally certain that the act in question is not sinful, the scruple vanishes. This kind of scruple is harmless, and needs no treatment.

– The contrary is the case with scruples which affect the inferior part of the soul (sensitive will). From the strong impression produced on the senses these draw a force which resists the mere statement of facts. Such scruples chiefly afflict impressionable souls; in fact, it is their emotional nature which engenders scrupulosity. A practical definition of this kind of scruple would be: an uneasy, ill-founded fear of committing sin, increased by the impressions made on the inferior part of the soul.

An example may help to make clearer these different kinds of scruples. Two persons leave the church on a Sunday morning, fearing that, owing to their many distractions, they have not complied with their obligation of hearing Mass. Having listened to their doubts, their confessor reassures both. However, one only is entirely satisfied. The other soon becomes troubled again, gets nervous, and feels an almost irresistible longing to be quite sure, either by fuller explanation or by hearing another Mass. The first of these persons had only an intellectual scruple, the harmless fear of a loyal soul; the second suffers from nervous fear, which stirs the sensitive part of the soul, and causes a real scruple.

[…]

 

 

Deadly Effects of Scrupulosity.

Scrupulosity completely deforms the judgment in moral matters. It takes away one’s common sense.

It places before the eye of conscience a magnifying glass, which enlarges the slightest cause of alarm, and makes a timid soul see a thousand phantom sins, whilst by false reasoning it seeks to persuade it that these are undoubted faults.

Scrupulosity stops all progress in perfection.

It is a fundamental truth that we cannot love God unless we believe in His love for us. Scrupulosity completely represses such a belief, and thus paralyses all generous effort.
At every moment it creates trouble between the soul and its Creator by pessimistic feelings about the past, and about its present dispositions and actions. […]

Soon the soul, seriously believing itself to be in a bad way, becomes discouraged, and often begins to commit real sin.

Even though sin does not follow from scruples, scrupulosity, nevertheless, retards the soul’s progress in several other ways. It represents prayer as full of difficulties. It stops the ears of the poor downcast soul to the consoling voice of the Holy Ghost. It destroys confidence. It prevents the frequentation of the Sacraments, and thus stops their strengthening effects. It almost takes away the power of resisting temptation. It causes discouragement, and may even lead to despair.

[…]

 

Particular Remedies.

[…]

1. Doubts must be Ignored.

The scrupulous soul must take no notice of his doubts, that is to say, he must regard as absolutely null and void all doubtful laws, prohibitions or obligations, or any fear of sin, if the motive of the fear be doubtful.

More than this. He must consider as doubtful, and consequently as not binding, all laws, obligations, or fears of having sinned, which are not absolute certainties, i.e., as self-evident as that two and two make four.

Again, in confession, such a soul must consider himself free to accuse or not accuse himself of mortal sin in any way doubtful.

In the same manner he must not impose on himself, as an obligation, the. accusation of mortal sins perhaps already confessed. On the contrary, he should boldly set his face against such a confession.

Furthermore, he must abstain from making a confession over again, which, perhaps, was good, or perhaps bad, whatever reason he may have to doubt of its being all right. Let him have no uneasiness in acting thus, since the obligation of making these doubtful confessions over again is in itself doubtful, and consequently not binding.

2. Belief in the Easiness of Forgiveness.

The scrupulous soul must believe that all his sins are forgiven immediately each time he makes an act of perfect contrition, or receives absolution, even with imperfect contrition.
‚But,‘ it may be asked, ‚how am I to be sure that I have this contrition?‘

The scrupulous may believe they have the necessary contrition when the act of contrition is made with sinerity. This sincerity is assured when the firm purpose of never sinning again mortally is itself sincere or free from deceit.

God so desires the conversion of sinners that He reduces to a minimum the conditions necessary for pardon.

He asks only the most ordinary good will, that is to say, the simplest firm purpose of not sinning mortally.“