Vom Himmel träumen

Lasst uns doch mal vom Himmel träumen.

Da sind keine Angst, keine Sorgen, keine Schmerzen, keine Traurigkeit, keine Schuld mehr.

Da ist Frieden, Ruhe, Sicherheit.

Man hat seinen Platz, an den man gehört, und den einem mehr keiner nehmen wird.

Da sind Millionen über Millionen andere, und sie alle wollen einander wohl und können einander wirklich kennen und verstehen. Man gehört dazu.

Alles ist licht und hell. Da ist Freude und Jubel.

Da ist die Musik der Engel, da ist der Lobgesang der Heiligen.

Da ist Gott, auch wenn ich Ihn mir nicht wirklich vorstellen kann, aber wir werden Ihm  ins Angesicht schauen können, ohne Angst zu haben, und Er wird uns liebevoll anschauen.

Das ist jetzt ein eher untypischer Blogpost von mir. Aber manchmal braucht es das – vom Himmel träumen (statt sich vor der Hölle zu fürchten oder lieber gar nicht an das Thema „Was kommt nach meinem Tod“ zu denken). Wieso sollten wir nicht davon träumen, worauf wir hoffen? Gott ist barmherzig, und wir können einmal dort sein. Vielleicht ja nach einer Zeit im Fegefeuer. Aber hoffentlich sehen wir uns alle irgendwann einmal im Himmel.

Ja, ja, ich weiß, Marx und so weiter wollten uns das Träumen und Hoffen nicht gönnen. Aber die haben ihre Himmelsersatzversprechen auch nicht eingelöst, also träumen und hoffen wir doch, so viel wir wollen!

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Die historisch-kritische Methode bei der Datierung von Texten: An einem einfachen Beispiel erklärt

Es kann manchmal verwirrend sein, wenn man zum Beispiel als Theologiestudent im 1. Semester in der Vorlesung übers Alte Testament sitzt und der Professor sämtliche Theorien darüber, wann die einzelnen Texte aus den fünf Büchern Mose oder dem Buch Amos laut prominenten Exegeten entstanden sein könnten, erläutert. Wieso nochmal soll das jetzt aus dem 9. Jahrhundert stammen und das erst nachexilisch sein und wieso behauptet der, das wäre noch viel jünger, und der, das wäre ein bisschen älter, aber ganz sicher auf jeden Fall nicht so alt, wie traditionell angenommen?

Aber keine Angst. Ich habe inzwischen schon ein paar Semester Theologiestudiumserfahrung und kann ganz einfach erklären, wie die Datierung biblischer Texte funktioniert. Am besten funktioniert es immer mit Beispielen. Nehmen wir also einmal folgendes Szenario an:

Durch eine treue Gruppe von Wise Guys-Fans wurde der Text des folgenden Liedes über Jahrtausende immer wieder abgeschrieben und ist im Jahr 4583 noch erhalten:

„In unsrem Land passieren schreckliche Geschichten:
Die jungen Leute kriegen mit den Fremden Streit.
Die Fremden stören sie beim Denken und beim Dichten,
so kann’s nicht weitergehn bei uns, das geht zu weit.
Unsre Computer programmieren jetzt die Inder,
die sich bei uns die schnelle Mark verdienen solln.
Und keiner denkt an unsre armen kleinen Kinder,
die selber auch ein bisschen programmieren wolln!
Ein klares Wort zur Lage der Nation:
Hier kommt der Plan – naja, Sie wissen schon:

Wir baun die Mauer wieder auf, denn langsam wird uns das zu dumm,
aber nicht mehr mitten durch, diesmal baun wir außen rum.
Dann feiern wir zwölf Monate im Jahr Oktoberfest
und hoffen, dass die Welt da draußen uns in Ruhe lässt.
Mit Eisbein, Bier und Sauerkraut und viel Kartoffelbrei
und Volksmusik. Wir klatschen auf die Eins und auf die Drei.

Die ganzen Fußballspiele mit den andren Ländern
ham wir verlorn, weil so viel Gegentore fieln.
Das war frustrierend, doch das wird sich sicher ändern,
sobald wir nicht mehr gegen andre Länder spieln.
Bleibt nur noch ein Problem: Die Sache mit Mallorca.
Es geht nicht ohne den Exzess am Ballermann.
Doch weil die Insel ja schon lang ein deutscher Ort war,
holn wir sie heim, die kommt bei Sylt gleich nebendran!
Ein klares Wort zur Lage der Nation:
Hier kommt der Plan – naja, Sie wissen schon:

Wir baun die Mauer wieder auf,

Dann gibt’s kein Sushi mehr, nur noch Blumenkohl.
Dann bleibt der Anton in Tirol.
Dann meckert keiner, ‚was erlauben Struuunz?!‘
Und wir sind endlich unter uns!

Wir baun die Mauer wieder auf,
…“

So! Und weil sich die treuen Fans nur um die Erhaltung der Texte, nicht aber besonders um die Erforschung ihrer Entstehung gekümmert haben, möchte jetzt endlich eine Professorin für Musikgeschichte herausfinden, wann und in welchem Kontext das denn geschrieben wurde. Ihre Schlussfolgerungen könnten folgendermaßen aussehen:

„Das früheste, nur teilweise erhaltene Manuskript mit dem Text von ‚Zur Lage der Nation‘, das wir noch haben, stammt leider erst aus dem 34. Jahrhundert. Wir müssen also intratextuelle Indizien betrachten, um uns dem Jahr der Abfassung annähern zu können.

Mit ‚der Mauer‘ ist in deutschen Texten aus dem späten 20. und dem 21. Jahrhndert für gewöhnlich jene Mauer oder jener Grenzzaun gemeint, die während der Teilung Deutschlands im 20. Jahrhundert von der ostdeutschen Regierung errichtet wurde und die Ostdeutschen an der Ausreise nach Westdeutschland hinderte. Während das Datum des Mauerbaus unsicher ist (einige Historiker haben das Jahr der Gründung der beiden deutschen Staaten, 1949, vorgeschlagen, andere ein etwas späteres, etwa in der Mitte der 1950er liegendes), wissen wir aus einer nur teilweise erhaltenen Zeitung, die bei einer Ausgrabung in der antiken Niederlassung Darmstadt gefunden wurde, dass die Mauer 1989 ‚fiel‘, d. h. wohl, von der ostdeutschen Regierung abgebaut wurde. Die friedliche Vereinigung der beiden Staaten muss bald gefolgt sein. Folglich ist der Text auf jeden Fall nach 1989 zu datieren.

Klassischerweise wird er von den Wise Guys-Fans in die Zeit ihrer ersten großen Erfolgsphase datiert, die etwa in den späten 1990ern oder frühen 2000ern stattgefunden haben soll. Diese Datierung taucht aber erstmals in einer Liedsammlung aus dem Jahr 3551 auf. Ich möchte eine etwas spätere Abfassungszeit vorschlagen.

Wir wissen von den Historikern des 23. Jahrhunderts, dass Deutschland in den Jahren von 2014-2019 eine starke Einwanderungsbewegung aus afrikanischen und asiatischen Ländern erlebte, deren Höhepunkt ins Jahr 2015 fällt. Auch andere Länder Europas waren von der damals so bezeichneten ‚Flüchtlingskrise‘ betroffen, die von Historikern des Fachs als die ‚Asiatisch-afrikanische Flucht- und Migrationsbewegung der 2010er Jahre‘ bezeichnet wird, Deutschland, das als stabiles und reiches Zielland galt, jedoch in besonderem Maß. Berichte, laut denen im Jahr 2015 an manchen Tagen zehntausend Menschen am Münchner Bahnhof angekommen sein sollen, können wir als übertrieben zurückweisen, jedoch wanderte bei der Flucht- und Migrationsbewegung offenbar tatsächlich eine für jene Zeit ungewöhnlich große Zahl an Menschen zu. Ab 2016 wurden von immer mehr europäischen Ländern Maßnahmen getroffen, um diese als zu groß empfundene Zahl zu verringern. Gleichzeitig wurden Stimmen laut, die diese ‚Abschottung‘ kritisierten. In welchem Maß in dieser Zeit auch ‚Inder‘, d. h. Menschen aus dem heutigen Trachanien und Gabien zuwanderten, wissen wir leider nicht.

Für uns interessant sind hier besonders zwei Funde der jüngeren Zeit: Ein Leserbrief aus einer Ausgabe der ‚Süddeutschen Zeitung‘  aus dem Herbst 2016, die erst 4572 bei einer Ausgrabung in Bielefeld gefunden wurde, und ein Leitartikel in einer teilweise erhaltenen Ausgabe des ‚Unterammerdinger Landboten‘ (4550 in Süddeutschland ausgegraben, aber erst 4569 in einer Quellensammlung veröffentlicht). Das Datum der Ausgabe ist beim ‚Landboten‘ nicht mehr vollständig lesbar; die Jahreszahl lautet jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit ‚2018‘. Der Leserbrief befasst sich mit der Präsidentschaftswahl der Vereinigten Staaten von Amerika von 2016 und stellt fest, dass, während ein Präsidentschaftskandidat eine ‚Mauer‘ an der Südgrenze seines Landes bauen wolle, um Einwanderer fernzuhalten, ‚wissen wir Deutschen, dass Mauern nichts Positives sind – wir hatten auch jahrzehntelang eine Mauer in unserem Land‘. Des weiteren werden ‚Abschottungspolitik‘ und ‚Fremdenangst sogenannter besorgter Bürger, die manchmal von Fremdenhass kaum zu unterscheiden ist‘ beklagt. In dem Leitartikel heißt es an einer Stelle: ‚Fast dreißig Jahre, nachdem in Berlin die Mauer gefallen ist, werden wieder Mauern hochgezogen. Das hohe Gut der Reisefreiheit – es scheint plötzlich unwichtig.‘ In beiden Fällen stellen wir also fest: Die Abschottungsbemühungen der 2010er gegenüber Einwanderern werden mit der ostdeutschen ‚Mauer‘ verglichen, auch wenn diese freilich den Zweck hatte, Aus- statt Einwanderung zu verhindern. Solche Vergleiche scheinen gang und gäbe gewesen zu sein und auch ‚Zur Lage der Nation‘ würde sich in dieses Bild einfügen.

Entscheidend sind auch folgende Zeilen: ‚Die ganzen Fußballspiele mit den andren Ländern / ham wir verlorn, weil so viel Gegentore fieln.‘  Dieser Satz würde klar ins Jahr 2018 passen. Während die deutsche Nationalmannschaft in der alle vier Jahre ausgetragenen Weltmeisterschaft im Fußball, einer gesellschaftlich bedeutenden Ballsportart, 2014 noch den ersten Platz errungen hatte, schied sie 2018 als eine der ersten Mannschaften aus und enttäuschte sämtliche Erwartungen, die in sie gesetzt worden waren. Diese Niederlage scheint in einer Tonaufnahme aus dem Jahr 2018 als bedeutende, bisher nie vorgekommene nationale Schande gewertet zu werden.

Ein Text, der sich in ironischer Weise gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen geschlossene Grenzen wendet, das historische Beispiel von ‚der Mauer‘ in gewissermaßen verfremdeter Weise aufgreift, und die schlechte Leistung der deutschen Fußballmannschaft erwähnt, würde insofern eindeutig ins Jahr 2018 oder 2019 passen, auch wenn es nicht ganz auszuschließen ist, dass er noch etwas später entstanden ist. Später wurde er dann offensichtlich, da er vor allem im 4. Jahrtausend große Beliebtheit in der Fan-Gemeinschaft erlangte, in die Zeit der ersten Erfolge der Band rückdatiert, statt in ihre erfolglose Spätphase (die Band muss irgendwann vor 2028 aufgelöst worden sein).“

Okay – vielleicht ist mein Beispiel nicht besonders gut. Die Forscherin berücksichtigt viel zu viele archäologische Funde, hat überhaupt viel zu viele archäologische Funde, und versucht gar nicht, das Lied irgendwelchen Wise Guys-Fans im 26. Jahrhundert zuzuschreiben, die es dann der Band zugeschrieben hätten. Okay.

Was ich sagen will: Die ganzen unterschiedlichen und widersprüchlichen Datierungsversuche für die Sintflut- oder die Exodusgeschichte sind oft nichts als Spekulation. Die kann man für die Prüfung auswendig lernen und hinterher wieder vergessen. Ich will hier gar nicht behaupten, dass sie irgendwie häretisch wären; nur, dass sie meistens rein auf Spekulationen aufbauen und auch nicht besonders nützlich sind. „XYZ kann erst in der Situation unter dem und dem israelitischen König gesagt worden sein“ – nö, nicht unbedingt. Das ist Spekulation, wenn auch manchmal überzeugend klingende Spekulation. Aber mein Beispiel klingt ja auch überzeugend für Leute aus dem Jahr 4583, die sich nicht mit der Mark oder den Indern oder den Wise Guys auskennen, oder?

 

(Das Lied stammt von 2001.)

Schwere Sünde, lässliche Sünde?

 (Nur ein paar Überlegungen, die vielleicht ein wenig ziellos und unstrukturiert sind. Ich denke in diesem Artikel eher laut nach und würde mich über Ergänzungen und Korrekturen freuen.)

Die katholische Lehre von den schweren und den lässlichen Sünden ist einerseits recht klar. Klar ist das Prinzip: Schwere Sünden, auch Todsünden genannt, zerstören die Beziehung zu Gott, lässliche belasten sie nur – wie man es auch aus menschlichen Beziehungen kennt. Die schwere Sünde ist wie eine tödliche Krankheit, die lässliche wie eine nicht tödliche, die der Körper (oder in diesem Fall die Seele) selbst bekämpfen kann. Für eine schwere Sünde müssen drei Kriterien erfüllt sein: schwerwiegende Materie (die Tat oder Unterlassung ist an sich schlecht genug, um die Gottesbeziehung zu zerstören), klares Wissen um die Schwere der Sünde (schuldhaftes Nicht-Wissen-Wollen mindert die Schuldfähigkeit allerdings nicht; nicht schuldhafter oder nur gering schuldhafter Irrtum schon) und freier Wille (der Wille kann z. B. durch eine Sucht, eine psychische Krankheit, Druck, Nötigung oder Zwang von außen beeinträchtigt sein). Wenn eins dieser Kriterien nicht erfüllt ist, ist die Sünde nur lässlich. Gebeichtet werden müssen von Katholiken nur schwere Sünden; wenn man sich nicht sicher ist, ob eine Sünde schwer war, muss man sie nicht als schwere zählen. Die Beichte der lässlichen Sünden ist freiwillig, wird aber empfohlen; das bedeutet auch, man muss vor der Beichte nicht versuchen, sich krampfhaft an ausnahmslos alle seit der letzten Beichte begangenen lässlichen Sünden zu erinnern.

Andererseits aber ist es nicht immer so klar, was „schwerwiegende Materie“ genau ausmacht; wie man schwerwiegende und lässliche Materie abgrenzt. Das ist es, was auch Skrupulanten wie mich oft mal belastet: Wenn man nicht unterscheiden kann, ob eine Sünde schwer oder lässlich war. (Muss ich beichten? Darf ich zur Kommunion gehen?)

Meistens bekommt man, wenn das Thema erklärt wird, statt allgemeinen Definitionen konkrete Beispiele für schwerwiegende Materie vorgelegt: Tötung eines unschuldigen Menschen (inklusive Abtreibung, Euthanasie, Selbstmord), Ehebruch, Vergewaltigung, Folter, Glaubensverleugnung, Meineid, Raub, Verleumdung, Vorenthalten des gerechten Lohns, Betrug, was so alles unter den Oberbegriff „Unzucht“ fällt, Blasphemie, grundloses Verpassen der Messe an Sonntagen und gebotenen Feiertagen, grundloses Nicht-Einhalten der kirchlichen Fastengebote, künstliche Empfängnisverhütung. (Freilich wiegen auch schwere Sünden nicht alle gleich schwer, wie unschwer einzusehen ist; Mord zum Beispiel ist schlimmer als Raub.) Beispiele für lässliche Sünden: Verlegenheitslügen oder alltägliche Unfreundlichkeiten und Streitereien, Unvorsicht, Ungeduld, Unhöflichkeit, eine gewisse Vernachlässigung des Gebets, eine Verspätung von einigen Minuten bei der Sonntagsmesse… Diese Unterscheidung entspricht auch dem gesunden Menschenverstand (Unfreundlichkeit und Mord sind offensichtlich nicht dasselbe), und sie zeigt sich bereits in der Bibel (1 Johannes 5,16f.).

[Die schweren Sünden oder Todsünden sind übrigens zu unterscheiden von den sieben Wurzelsünden (Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit), die auch manchmal fälschlich als die „sieben Todsünden“ bezeichnet werden, aber grundlegende Haltungen bezeichnen, die zu Sünden führen, keine konkreten Sünden selbst. Eine Sünde ist immer eine konkrete Handlung oder Unterlassung (in Gedanken, Worten oder Werken).]

Eine manchmal gehörte allgemeine Begründung für den Unterschied zwischen den beiden Arten von Sünde wäre: Schwere Sünden verstoßen gegen vorrangige Werte (das Leben, die Ehe, die Gottesverehrung), und lässliche gegen untergeordnete (etwa Wahrheit, Ehre, Eigentum). Diese Begründung funktioniert jedoch offensichtlich nicht: Eine schwere Verleumdung (z. B. die Bezichtigung eines Unschuldigen wegen eines Verbrechens) ist offensichtlich eine schwere Sünde; genauso ein bedeutenderer Diebstahl, ein gewaltsamer Raub oder die Ausbeutung von Arbeitern durch Hungerlöhne. Zudem gibt es minderschwere Verstöße etwa gegen den Wert des Lebens, z. B. eine geringfügige Gefährdung des eigenen Lebens und des Lebens anderer durch noch nicht allzu große Unvorsicht im Straßenverkehr. Diese Begründung funktioniert also nicht.

Eine weitere, beliebtere Begründung wäre: Was gegen die Zehn Gebote (und für Katholiken: die ihnen von der von Christus eingesetzten Kirche auferlegten fünf Kirchengebote) verstößt, ist schwerwiegende Materie. Das funktioniert schon eher; andererseits sind manche der Zehn Gebote aber auch recht allgemein formuliert und geben nicht gleich zu erkennen, welche Verstöße gegen sie wirklich schwerwiegend sind. Ist es eine schwere Sünde gegen das dritte Gebot, wenn man am Sonntag im Garten arbeitet oder Staub saugt? Oder ab wann wird der Neid auf das neue Auto des Nachbarn zu einer schweren Sünde gegen das zehnte? War der Streit mit meinen Eltern ein schwerer Verstoß gegen das vierte? Irgendwo kann man ja auch alle Sünden unter den zehn Geboten subsumieren, wie es in Beichtspiegeln gerne getan wird – Körperverletzung, Unvorsicht im Straßenverkehr oder die Schädigung der eigenen Gesundheit durch Drogen fallen dann unter „Du sollst nicht töten“, Masturbation oder die Vernachlässigung der Beziehung zum Ehepartner unter „Du sollst nicht ehebrechen“, Notlügen und Übertreibungen unter „Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten“, und das Missachten der Pflichten gegenüber dem Staat oder der Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern unter „Ehre Vater und Mutter“. Einerseits fällt, wie man daran sieht, nicht alles von dem, was irgendwie mit den Zehn Geboten in Zusammenhang gebracht werden kann (z. B. kleine Übertreibungen), unter die Kategorie „schwere Sünde“; andererseits gibt es auch offensichtlich schwere Sünden, die nicht ganz direkt in den Zehn Geboten angesprochen werden (z. B. schwere Körperverletzung, schweres Mobbing, nicht-ehebrecherische Unzucht).

Vielleicht kann man auch sagen: Schwere Sünden verstoßen entweder direkt gegen einen zentralen Wert (z. B. verstößt die Verleugnung des Glaubens klar gegen die Treue zu Gott und gegen die Pflicht zum Bekenntnis der Wahrheit) oder sie schaden anderen Menschen oder einem selber direkt und gewollt (oder zumindest wissentlich in kauf genommen) in schwerwiegendem Maß (z. B. Mord, Selbstmord, Ehebruch, Raub, Verleumdung); oft auch beides. [Der Unterschied zwischen einer christlichen und einer utilitaristischen Moral wäre, dass die christliche nicht nur das, was direkten, quantifizierbaren Schaden anrichtet, als falsch ansieht – Glaubensverleugnung, Gotteslästerung, wohlmeinende Lügen oder konsensuale Unzucht beispielsweise richten nicht immer direkt beobachtbaren Schaden an. Freilich schaden sie oft indirekt und auf lange Sicht (ein Beispiel: Wenn man jemanden anlügt, um ihn nicht mit der Wahrheit zu beunruhigen, könnte man sich sein Vertrauen verscherzen, wenn er es merkt) und machen einen selbst zu einem von der Sünde beherrschten Menschen, aber der Verstoß gegen die Gottesliebe, die Wahrhaftigkeit oder die Keuschheit ist an sich schon schlimm. Wieso Gottesliebe, Wahrhaftigkeit und Keuschheit so wichtig sind, wäre dann mal noch eigens ausführlicher zu erläutern.] Wenn sie die Gottesbeziehung zerstören, müssen sie ein, wenn auch implizites, Nein zur Liebe, eine bewusste Gleichgültigkeit und Abwendung vom Guten, beinhalten.

Eine allgemeine Definition von Sünde an sich wäre auch: Sünde verstößt gegen den natürlichen Zweck, den Gott in die Dinge hineingelegt hat. Z. B. ist der Zweck der Sprache der Ausdruck und die Weitergabe von Wahrheit; der Zweck des Eigentums ist die Sicherung des Lebensunterhalts für einen selber und die, für die man verantwortlich ist; der Zweck der Sexualität ist die Fortpflanzung und der Ausdruck ehelicher Liebe zwischen Mann und Frau. Sünde verstößt gegen diese Ordnung der Dinge und bringt sie aus dem Gleichgewicht. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag von einer „Ökologie des Menschen“ gesprochen, die beachtet werden muss. Bei einer Sünde wird ein Gut einem anderen in ungeordneter Weise vorgezogen. (Niemand tut Böses, nur um Böses zu tun; wenn man z. B. Böses tut, um Geld, Lust oder Macht zu erreichen, zieht man wirkliche Güter anderen, höheren Gütern vor.) Letztlich wird bei einer Sünde immer etwas Geschaffenes Gott (dem letzten Ziel des Menschen) vorgezogen. Sünde kann man also als auch Ungeordnetheit betrachten. Der hl. Thomas von Aquin schreibt dann in diesem Sinne (von mir aus dem lateinischen Text übersetzt – hier findet sich auch eine englische Übersetzung, die besser ist als meine) :

„Der Unterschied aber zwischen einer lässlichen Sünde und einer Todsünde folgt aus dem Unterschied in der Unordnung, die die Art der Sünde ausmacht. Denn diese Unordnung gibt es in zweifacher Weise: eine besteht im Abweichen vom ordnenden Prinzip; die andere, bei der das ordnende Prinzip erhalten bleibt, bewirkt eine Unordnung in den Dingen, die den Prinzipien folgen. So tritt im Körper eines Tieres manchmal eine umfassende Unordnung auf, die bis zur Zerstörung des lebenswichtigen Prinzips führt, und diese führt zum Tod; manchmal aber, wobei das Lebensprinzip gewahrt bleibt, tritt eine gewisse Unordnung in den Körpersäften auf, und dann kommt eine Krankheit. Das Prinzip aber der ganzen Ordnung der moralischen Dinge ist das letzte Ziel, das zu den Handlungen im selben Verhältnis steht wie das unmittelbar gewisse (?) Ziel in spekulativen Dingen, wie in VII Ethic. gesagt wird. Somit ist, wenn die Seele durch die Sünde in Unordnung fällt bis hin zur Abwendung von ihrem letzten Ziel, nämlich Gott, mit dem sie durch die Liebe geeint ist, da Todsünde; wenn sie jedoch in Unordnung fällt ohne Abwendung von Gott, dann ist da lässliche Sünde. So wie nämlich im Körper die tödliche Unordnung, die durch die Beseitigung des Lebensprinzips entsteht, naturgemäß irreparabel ist, die Unordnung einer Krankheit aber repariert werden kann, weil das Lebensprinzip gewahrt bleibt, so steht es mit den Dingen, die die Seele angehen. Denn auch in spekulativen Dingen kann derjenige, der bei den Prinzipien irrt, nicht überzeugt werden, wer aber irrt und dabei die Prinzipien bewahrt, kann durch diese Prinzipien [zur Wahrheit] zurückgebracht werden.“ (Summa Theologiae II/I 72,5)

An einer anderen Stelle schreibt er: „Die Objekte von Akten aber sind deren Ziele, wie aus dem oben Gesagten klar ist. Und deshalb richtet sich der Unterschied der Schwere von Sünden nach dem Unterschied ihrer Objekte. So ist es klar, dass äußerliche Gegenstände auf den Menschen als ihr Ziel ausgerichtet sind; der Mensch aber ist darüber hinaus auf Gott als sein Ziel ausgerichtet. Somit ist eine Sünde, bei der es um die Substanz des Menschen selbst geht, wie Mord, eine schwerere Sünde als eine, bei der es um äußerliche Dinge geht, wie Diebstahl; und fernerhin ist eine noch schwerere Sünde die, die direkt gegen Gott begangen wird, wie Unglaube, Blasphemie und dergleichen.“ (Summa Theologiae II/I 73,3)

An einer wieder anderen Stelle schreibt er über den Unterschied zwischen Todsünde und lässlicher Sünde, die Todsünde verstoße direkt gegen ein Gebot, die lässliche Sünde „non est contra praeceptum, sed praeter praeceptum“, d. h. sie stehe nicht gegen das Gebot, sondern gehe eher an ihm vorbei – man handelt nicht nach dem Prinzip der Gottes- und Nächstenliebe, verstößt aber auch nicht ganz direkt gegen es. (Summa Theologiae II/II 105,1)

Das ist natürlich immer noch etwas schwammig in den Einzelheiten; und fraglich bleibt bei solchen Definitionen auch oft, wo man die „mittelschweren“ Sünden einordnen soll. Sagen wir mal:

  • Leichte Körperverletzung bei einer Prügelei unter Bekannten, die sich dann wieder versöhnen
  • Einnahme der harmloseren Drogen (z. B. Marihuana), in einem Staat, wo das legal ist
  • Längerfristig aufrecht erhaltene Feindseligkeiten und Streitereien innerhalb der Familie
  • Gelegentliche Flirts mit der Sekretärin, weil die Ehe gerade in einer Krise ist, ohne die Absicht, weiterzugehen
  • Gewohnheitsmäßiges Lügen, z. B. weil man unangenehme Tatsachen über sich selbst nicht zugeben will, aber ohne dass damit Schaden für andere angerichtet wird
  • Ladendiebstahl (Waren von geringem Wert)

Wo genau liegt die Grenze, z. B. im Bereich des Diebstahls, zwischen lässlicher und schwerwiegender Materie? Sicher kommt es auf den angerichteten Schaden beim Bestohlenen an (objektiv: Wie teuer war das Gestohlene? subjektiv: Wie sehr leidet der Bestohlene unter dem Verlust?), auf das Motiv des Diebs (Druck von anderen, Mutprobe, keine Lust, sein Geld auszugeben?), ob er so etwas gewohnheitsmäßig, vielleicht sogar gewerbsmäßig, tut oder nicht, etc. Und sicher kann man da nicht immer eine eindeutige Linie ziehen. Dazu spielen zu viele Faktoren hinein; es gibt Fälle, in denen eine Sünde nicht eindeutig schwer oder lässlich, sondern zweifelhaft schwer ist. Hier könnte man vielleicht wieder den Vergleich mit Krankheiten heranziehen: Manche Krankheiten sind gefährlich, aber nicht in jedem Fall tödlich. Ab wann im einzelnen Fall das wirkliche Nein zum Guten da ist, ist nicht immer ganz eindeutig – aber irgendwann ist es da, so wie bei Krankheiten irgendwann der Tod eintritt, auch wenn man nicht immer voraussehen kann, ob eine bestimmte schwere, nicht immer tödliche Krankheit unter diesen Umständen bei diesem Menschen tödlich enden wird.

Dann wären da auch noch zwei bestimmte Kategorien da, bei denen die Bestimmung oft schwierig ist: Die Unterlassungssünden und die Gedankensünden.

In der Rede vom Weltgericht fokussiert Jesus sich auf die Unterlassungssünden: „Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,41-46) Ab wann wird eine Unterlassung, eine Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit, also zur schweren Sünde?

Anders ausgedrückt könnte diese Frage lauten: Welche Pflichten hat der Einzelne – je nach seinen Möglichkeiten –, die unter schwerer Sünde verpflichten? Hier kann man wieder auf die Zehn Gebote und andere Texte schauen, die Pflichten gegenüber Gott einerseits und dem Nächsten andererseits festschreiben. Der „Nächste“ kann im Grunde genommen jeder werden, mit dem man zufällig zu tun hat, auch ein Fremder (s. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter), aber je enger die Beziehung, desto größer in der Regel die Verpflichtungen; deshalb wird auch im vierten Gebot die familiäre Beziehung besonders hervorgehoben. Seine Kinder oder alten Eltern muss man persönlich versorgen; wenn es um Obdachlose in der Innenstadt oder um hungernde Menschen in der Dritten Welt geht, denen man mit Geldspenden helfen könnte, kann man sich im Grunde aussuchen, wem von vielen Bedürftigen man hilft, und ab einem gewissen Grad auch, in welchem Maße (schließlich könnte man sich immer irgendwann sagen „wenn ich mir jetzt nicht noch eine Tasse Kaffee kaufen würde, könnte ich noch ein paar Euro mehr für verfolgte Christen spenden“). Hier gibt es wieder Graubereiche. Es kommt also einerseits darauf an, wie nahe einem jemand steht; und auf der anderen Seite natürlich auch darauf, wie dringend dessen Bedürfnis nach Hilfe ist (z. B. braucht jemand, der in der Straßenbahn zusammenbricht, sofort dringend Hilfe).

[Bei Unterlassungssünden muss man übrigens auch beachten, dass das physisch oder moralisch Unmögliche grundsätzlich nicht verpflichtet. Physisch unmöglich: Ich liege schwer krank im Bett und kann deshalb nicht in die Kirche gehen. Moralisch unmöglich: Ich bin zwar nicht so krank, dass ich es nicht schaffen würde, mich in die Kirche zu schleppen, aber mit meinem Fieber etc. wäre es besser für mich, mich auszuruhen, und außerdem will ich niemanden anstecken, gerade, wenn die vielleicht ein geschwächtes Immunsystem haben. Ein positives Gebot (du sollst etwas tun, z. B. sonntags in die Kirche gehen) unterscheidet sich in dieser Hinsicht von einem negativen (du sollst etwas nicht tun, z. B. unschuldige Menschen nicht direkt töten); letzteres kann immer eingehalten werden, ersteres nur, wenn man dazu die Fähigkeit, die Gelegenheit, die Mittel hat.]

Und dann wären da eben noch die Gedankensünden. In der Bergpredigt sagt Jesus: „Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Matthäus 5,28)  Ab wann werden Gedankensünden schwerwiegend? Karl Hörmann schreibt im „Lexikon der christlichen Moral“ (1976) zu Gedankensünden im Allgemeinen:

„3. Weil die S. wesentl. durch die innere Entscheidung begründet wird, gibt es rein innere S.n, denen kein äußerer Vollzug folgt. ‚Der böse Wille schon für sich allein ist sündhaft, auch wenn es nicht zur Tat kommt, das ist, wenn jemand nicht die Macht hat’ (Augustinus, De spir. et litt. 31,54; PL 44,235; vgl. D 1680 1707 2113). a) Die Begierde nach einem dem sittl. Gesetz widersprechenden Verhalten (sinnl. Regung) macht den Menschen nicht schon zum Sünder, wenn sie vor seiner Entscheidung von selbst auftritt, sondern erst, wenn er sie frei weckt od. bejaht. Diese Begierde, die ‚aus verkehrtem Willen entsteht’ (Augustinus, Conf. VIII 5,10; PL 32,753), ist durch die beiden letzten Gebote des Dekalogs als S. kenntl. gemacht (Ex 20,17; Dtn 5,12). b) Eine Bejahung der S. liegt auch in der Freude, dem überlegten Wohlgefallen an eigener od. fremder geschehener S., u. im freien wohlgefälligen Verweilen dabei. Wer noch dazu mit einer begangenen S. vor anderen prahlt, verfehlt sich auch gegen diese (vgl. Ärgernis).“ Daraus wird freilich noch nicht klar, wann genau das bewusste Phantasieren über eine Sünde oder das Planen dieser Sünde schwer sündhaft ist – beides kann es sein, und dabei kommt wohl hauptsächlich darauf an, ob diese Sünde selber schwer wäre, und dann darauf, ob der Gedanke flüchtig oder ernsthaft ist, oder ob man ihn schnell wieder verwirft oder ihn länger im Kopf behält. Wenn man sich ausführlich ausmalt, sich z. B. an jemandem zu rächen, kann das sehr wohl eine schwere Sünde sein; wenn man sich bei dem freudigen, aber noch eher halbherzigen Gedanken an so etwas ertappt und sich nach ein paar Sekunden zusammenreißt und seine Gedanken woanders hin lenkt, ist es eher eine lässliche. (Wenn einem der Gedanke in den Kopf kommen würde, ohne dass man ihn hervorgerufen hätte, und man nichts tun würde, um ihn dazubehalten, wäre es gar keine Sünde.)

Ich habe schon mal geschrieben, dass ich wegen solcher praktischer Fragen mit der heute allgegenwärtigen Abneigung gegen die sog. „Kasuistik“ (moralische Fallanalyse) nichts anfangen kann; an älteren, vor dem 2. Vatikanum herausgegebenen Moraltheologiebüchern (von denen ich nur eins besitze, eines aus den 50ern) ist das Praktische, dass die Autoren bei jedem Punkt ihre Meinung dazu sagen, welche schwerwiegenden Verpflichtungen oder möglichen Sünden es hier gebe. Die muss vielleicht nicht immer in jeder Einzelheit richtig sein; aber jedenfalls gehen sie die Frage an.

Das „Lexikon der christlichen Moral“ schreibt übrigens beim Stichwort Sünde zur schweren Sünde (Hervorhebungen von mir): „Im allg. aber ist eine ganzpersonale Entscheidung gegen Gott nur in Dingen mögl., die ihrer Beschaffenheit nach für die Verwirklichung der sittl. Ordnung (der Liebe) wichtig sind (materia gravis ); wer ihre Bedeutung erfaßt hat u. sich frei für sie entscheidet, kommt um schwere S. nicht herum. Was dazu zählt, kann der Mensch durch eigene Überlegung, mit Hilfe der Hl. Schrift (S.n, die als todeswürdig bezeichnet werden, wie Götzendienst, Zauberei u. Gotteslästerung – Lev 20,2; 22,17; 24,11-16; Auflehnung gegen die Eltern – Lev 20,9; Menschenraub – Ex 21,16; verschiedene Unzucht-S.n – Lev 18,29; die ‚himmelschreienden’ S.n Mord – Gen 4,10; 2 Makk 8,3, Sodomie – Gen 18,20 f; 19,13, Bedrückung von Hilflosen – Ex 3,7; 22,21 f, Vorenthaltung des verdienten Arbeitslohnes – Dtn 24,14 f; Jak 5,4; die verhängnisvolle Grund-S. wider den Hl. Geist – Mk 3,28 f; Lk 12,10, näml. der verstockte Unglaube, das Nichthören- u. Nichtannehmenwollen des Rufes Gottes in Christus – Jes 6,9 f; Mk 4,12; 8,18; Lk 10,13-15; 11,32; Joh 8,21; 9,39-41; 12,37-40; 16,9; Apg 28,23-28; Röm 11,8; 2 Thess 2,10-12; S.n, die vom Reich Gottes ausschließen – 1 Kor 6,9 f; Gal 5,19-21; Offb 21,27; 22,15; D 1544 1577), mit Hilfe der Lehre der Kirchenväter u. der Theologen u. durch Beachtung der Lehre u. der Praxis der Kirche (was die Kirche z.B. mit Strafe bedroht, sieht sie als schwere S. an; vgl. CICc. 2218 § 2; c. 2242 § 1) feststellen.

 Letztlich ist das wohl für die Praxis entscheidend: Wenn etwas schwere Sünde ist, muss die Kirche, und i. d. R. auch schon die Bibel, irgendwann schon mal etwas dazu gesagt haben. Wenn die Zehn Gebote da noch nicht ganz klar sind, dann wohl die Propheten, Jesus, Paulus oder der Katechismus. Was nirgendwo als schwer genug erachtet wurde, um ausdrücklich so genannt zu werden, kann nicht so schwer sein. Ja, es wird dann auch nicht immer ganz eindeutig – gerade bei so allgemeinen Geboten wie „Ehre Vater und Mutter“. Aber es gibt immerhin gewisse Richtlinien.

Divine Renovation: Eine praktische Anleitung für katholische Pfarreien

Nachdem ich mir „Die Benedikt-Option“ (okay) und „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ (nein, danke) angeschaut habe, heute mal noch eine Rezension zu einem dritten Buch mit einem Konzept dafür, wie die Kirche in Zukunft agieren könnte, um weiter zu bestehen (oder zu wachsen): „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert. Von einer bewahrenden zu einer missionarischen Kirchengemeinde“ von James Mallon, einem kanadischen Priester aus Halifax.

Father Mallons Buch wurde 2014 auf Englisch veröffentlicht und 2017 ins Deutsche übersetzt. Er berichtet darin, kurz gesagt, über sein Konzept für die Erneuerung von Pfarreien, das er anhand seiner (sehr erfolgreichen) Erfahrungen in der Pfarrei St. Benedict in Halifax entwickelt hat. Father Mallon ist inzwischen Bischofsvikar für Pfarreierneuerung in der Diözese Halifax-Yarmouth und auch ein international gefragter Redner; er hat u. a. auf der MEHR 2018 gesprochen und auch schon Vorträge bei Veranstaltungen in den Bistümern Augsburg und Passau gehalten.

Das Buch macht schon einen sympathischen Eindruck, sobald man es aufschlägt: Zuerst kommt da ein Vorwort von Bischof Stefan Oster von Passau und einem seiner Diözesanpriester für die deutsche Ausgabe (ich bin sehr angetan von Bischof Oster), und dann ein Hinweis, dass die Übersetzer darauf verzichtet haben, „um die Lesbarkeit zu verbessern“, „neben der männlichen jeweils auch die weibliche Form anzuführen, wenn sie gedanklich mitgemeint ist“.* Jetzt aber zum eigentlichen Inhalt!

In den ersten vier Kapiteln beschreibt Father Mallon sowohl die Aufgabe der Kirche, die aus ihrer grundsätzlich missionarischen Identität resultiere, als auch die gegenwärtige Krise. Die Schwierigkeit heutzutage sei, dass die uns umgebende Kultur Kirchenbesuch und Glaube nicht mehr stütze, also genüge nicht mehr, was man in vergangenen Zeiten getan hatte, um den Glauben weiterzugeben (z. B. sein Kind auf eine katholische Schule zu schicken und es am Sonntag in die Kirche mitzunehmen); man müsse zielbewusster vorgehen. (Was mir übrigens sehr positiv aufgefallen ist: Father Mallon stellt im dritten Kapitel ausführlich klar, dass man sehr wohl darum klagen und trauern dürfe, was aus den alten Zeiten verloren gegangen ist – er zitiert ausführlich aus dem Buch der Klagelieder –, auch wenn man dann vorangehen und auf Gott hoffen müsse.)

Der Auftrag der Kirche ist es Father Mallons  Ansicht nach vor allem, „Jünger zu machen“. Hier bezieht er sich auf den Missionsauftrag Jesu im Matthäusevangelium, der wörtlich übersetzt lautet: „Hingehend also macht alle Völker zu meinen Jüngern, sie taufend auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, sie lehrend, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Matthäus 28,19f.) In diesem Satz ist also das Verb „macht zu Jüngern“ (matheteusate) den anderen Verben (gehen, lehren, taufen) grammatikalisch übergeordnet, und für Father Mallon sollte das Jünger-machen demnach im Zentrum der kirchlichen Aktivität stehen. Was sind Jünger? „Jünger zu sein bedeutet also, Lernender zu sein. Ein Jünger Jesu Christi zu sein bedeutet demnach, sich in einem lebenslangen Prozess des Lernens von und über Jesus, den Meister und Lehrer, zu befinden.“ (S. 34) Er schreibt weiter: „Die einzig derzeit mögliche Lösung liegt darin, zu dem zurückzukehren, was Jesus vor 2.000 Jahren von uns verlangt hat – nicht nur Gläubige zu machen oder ‚praktizierende Katholiken’, sondern Jünger.“ (S. 35f.) Die Leute müssten wirklich die Frohbotschaft von Gottes Liebe kennenlernen und eine persönliche Beziehung zu Jesus finden, und so könnten sie dann auch von Jüngern zu Aposteln werden (d. h. ihrerseits die Frohbotschaft weitergeben).

Das Ganze ist in einem Tonfall gehalten, der einen manchmal an Evangelikale erinnert. Auf diesen absehbaren Vorwurf geht der Autor im zweiten Kapitel ein, das einen Überblick über lehramtliche Aussagen der letzten fünfzig Jahre zur Neuevangelisierung gibt. „Vielleicht kommt unser Widerwille, uns einer solchen Ausdrucksweise [d. h. Ausdrücken wie ‚persönliche Beziehung zu Jesus’ oder ‚persönliche Begegnung mit Jesus’, von deren Auftauchen in kirchlichen Dokumenten etwa ab Papst Benedikt XVI. zuvor die Rede war] zu bedienen, daher, dass uns in der heutigen Kultur jeder Individualismus verdächtig scheint. Möglicherweise ist unserer geistlichen Tradition dieser Begriff fremd, die Tatsache jedoch, dass ein Mensch eine Begegnung mit dem lebendigen Gott hat, ist uns keineswegs fremd. Sie ist im Herzen unserer mystischen katholischen Tradition.“ (S. 49f.)

Father Mallon spricht in diesem Kapitel auch ein eher unbekanntes Dokument an, das 2007 von den lateinamerikanischen Bischöfen in dem mexikanischen Heiligtum Aparecida veröffentlicht wurde, und hier sieht man vielleicht auch einen weiteren Grund für die sprachliche Nähe zum Evangelikalismus, den sich Father Mallon an vielen Stellen zum Vorbild nimmt. In Lateinamerika machen bekanntlich die Freikirchen der Kirche immer größere Konkurrenz, und als Gründe führt das Aparecida-Dokument u. a. an, dass laut Umfragen viele zu den Freikirchen abgefallene Katholiken den Glauben in der katholischen Kirche als etwas Unpersönliches, rein Theoretisches erlebt hätten, und erstmals bei den Evangelikalen eine persönliche Bekehrung und eine persönliche Begegnung mit Jesus erlebt hätten – dass also, kurz gesagt, die pastorale/spirituelle Praxis in ihren Pfarreien nicht so aussah, wie sie sollte, was ihnen größere Probleme machte als irgendwelche lehrmäßigen Angelegenheiten.

Ausgehend vom Aparecida-Dokument stellt Father Mallon ein Schema auf, wie Neuevangelisierung in vier Schritten funktionieren soll:

  • Vor-Evangelisierung (Öffnen: Beziehung, Dazugehören, Einladen, Gebet, Lebenszeugnis)
  • Evangelisierung (Bekehrung: Verkündigung, Begegnung, Persönliche Beziehung)

Dann kommt eine persönliche Entscheidung für ein Leben mit Gott, und es geht weiter mit der nächsten Stufe:

  • Jüngerschaft (Reifen: Katechese, Sakramente, Zurüsten, Erneuern)
  • Apostolat (Dienen: Hinausgehen: Evangelisierung und soziale Gerechtigkeit)

D. h. jemand öffnet sich erst für eine Kirche, die er als einladend erlebt, ihm wird dann die Grundbotschaft des Evangeliums verkündet („Erstverkündigung“), er widmet sein Leben Gott, reift danach noch weiter als Christ, und dient dann auch seinerseits anderen und verkündet ihnen die Botschaft.

Hier kommt mir – auch wenn ich gegen andere typisch evangelikale Ausdrücke überhaupt nichts habe – die Ausdrucksweise übrigens doch etwas zu evangelikal vor. Die evangelikale Vorstellung ist ja die: Erlöst wird man an genau dem Punkt einer solchen Entscheidung für Gott – dann reift man auch noch weiter als Christ, ja, aber das Entscheidende ist gemacht und das zukünftige Heil, das Gott einem versprochen hat, kann auch nicht wieder verloren gehen. Für uns Katholiken ist die Heiligung aber eher ein andauernder Weg, ist Bekehrung nach Sünden immer und immer wieder notwendig, muss man die Entscheidung für Gott immer neu treffen. Ich weiß auch nicht, ob man bei jedem Christen einen solchen klaren Punkt auf seinem Glaubensweg festmachen, an dem er sagt: So, ab jetzt lebe ich für Gott! Manchmal ist es ein allmählicher Prozess – und manchmal gibt es wieder Rückschläge. Freilich ist es gut, wenn man jemanden dazu führen kann, dass er bewusst die Entscheidung trifft, von nun an als Christ leben zu wollen.

Da Father Mallon ja nicht die evangelikale Erlösungslehre (die die Erlösung mit einer solchen Entscheidung identifiziert) teilt, könnte das Buch einem gelegentlich auch fast „weltlich“ vorkommen – in dem Sinne, dass Father Mallon sich darauf konzentriert, wie die Leute auf Erden zu guten Jüngern werden, aber wenig über den Umgang mit den geistlichen Gefahren auf ihrem Weg sagt, und das Wort „Seelenheil“ so gut wie nicht vorkommt. Auch die Beichte, mit der man wieder von Sünden gereinigt wird, wird kaum erwähnt. Klassischerweise beginnen katholische Katechismen mit der Aussage, dass das Ziel unseres Lebens ist, Gott zu erkennen, zu lieben und einmal bei Ihm im Himmel zu sein; der dritte Punkt scheint in „Divine Renovation“ ein bisschen herauszufallen. Sicher; der Autor geht auf viele Punkte ein und man kann nicht immer alles erwähnen; vielleicht hat er das Thema „Seelenheil“ auch einfach für zu selbstverständlich und zu innerlich verwoben mit dem irdischen Leben als Christ gehalten, um es ausdrücklich anzusprechen. Aber ich hätte es gut gefunden, wenn er noch ein paar Ideen dazu eingefügt hätte, wie man die Leute z. B. an die regelmäßige Beichte heranführt. Das ist ja nicht gerade einfach, da es deutlich mehr Überwindung kostet, in einem Beichtstuhl einem anderen Menschen seine Sünden zu bekennen, als sich sonntags um zehn in eine Kirchenbank zu setzen.

Als ein Problem, das der Erneuerung der Kirche im Weg steht, sieht Father Mallon übrigens eine Art Klerikalismus, den er folgendermaßen beschreibt: „Klerikalismus ist nichts anderes als die Vereinnahmung dessen, was eigentlich jedem Getauften zukommt, durch die Kaste der Kleriker. […] Priester und Ordensschwestern werden zu Super-Christen, die außergewöhnliche Kräfte haben, das zu tun, was gewöhnliche Christen nicht tun können. Diese Überhöhung hat zwei Folgen: Isolierung der Priester und Ordensleute und mangelnde Reife der Getauften. […] In einem solchen System können wir die Priester und Schwestern und ihre großartige Arbeit hochhalten und sie aus einer gewissen Entfernung beklatschen Das gibt Sicherheit und muss auch so sein, solange der durchschnittliche Laie seine eigene Unreife für normal und akzeptabel hält. In dieser Isolation darf der Priester niemals irgendeine menschliche Schwäche zeigen, sonst ist das Spiel aus.“ (S. 97f.) Kurz gesagt, Klerikalismus schadet (unterforderten) Laien ebenso wie (überfordertem & überschätztem) Klerus und verdunkelt den allgemeinen Ruf zur Heiligkeit.

Kommen wir jetzt zum Herzstück des Buches, dem 140 Seiten langen fünften Kapitel: „Das Fundament legen: Wie die Kultur der Pfarrgemeinden verwandelt werden kann.“ Hier beschreibt Father Mallon planvoll und detailliert, welche Maßnahmen eine Pfarrei treffen kann, um „Jünger zu machen“. Er stellt anfangs klar, dass sich das, worauf eine Pfarrei wirklich Wert legt, nicht darin zeige, wovon am meisten geredet werde, sondern darin, wofür das Geld ausgegeben und die Zeit aufgewendet werde; auf das Jahresbudget und auf den Kalender des Pfarrers muss man schauen, wenn man etwas verändern will. Außerdem zieht sich ein grundsätzliches Prinzip für den Umgang mit dem Priestermangel, der in immer größeren Pfarreien resultiert, durch sämtliche Pläne: Der Pfarrer soll sich auf seine zentralen priesterlichen Aufgaben konzentrieren, die da laut dem Codex des Kanonischen Rechts sind: lehren, leiten, heiligen (d. h. die Sakramente spenden); er soll also predigen, eine gute Gesamtleitung über die Pfarrei ausüben, die Messe feiern, Beichten hören, taufen, die Krankensalbung spenden etc.; alle anderen Aufgaben aber sollen an fähige haupt- oder ehrenamtliche Laien delegiert werden, die Verantwortung tragen können. Ein Pfarrer mit mehreren Tausend Gemeindemitgliedern kann nicht jedes einzelne kennen und ihm beratend zur Seite stehen – aber es gibt Laien, die das auch können.

Er führt in diesem Kapitel insgesamt zehn Punkte an. Die ersten vier davon befassen sich mit dem Sonntagsgottesdienst:

1. Der Vorrang des Wochenendes

Da die Sonntagsmesse die Veranstaltung ist, bei der die meisten aktiven Gemeindemitglieder zusammenkommen, solle man auch ausreichend Zeit in sie investieren, was ihre Vorbereitung und „Inszenierung“ anbelangt. Father Mallon zeigt sich ziemlich genervt von 50-Minuten-Messen und von Gläubigen, die sich über zu lange Predigten beschweren oder gleich nach der Kommunion die Kirche verlassen, weil sie es nicht erwarten können, nach Hause zu kommen. Nun finde ich, dass es schon gute Gründe geben kann, aus denen manche Leute kurze Messen vorziehen (z. B. Eltern mit kleinen Kindern, die noch eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne haben), aber insgesamt ist ja nichts dagegen zu sagen, auch mal eine längere Messe zu feiern.

2. Gastfreundschaft

Auch hier bezieht sich Father Mallon vor allem auf die Gottesdienste, speziell auf den Eindruck, den Neuankömmlinge und Zufallsgäste haben, wenn sie in einer Pfarrei an der Sonntagsmesse teilnehmen. „Wie willkommen fühlt sich jemand, der nicht aussieht wie wir, nicht so klingt wie wir, sich nicht so kleidet wie wir und nicht so riecht wie wir? Wie fühlt sich jemand, der mit einer Geisteskrankheit kämpft, wenn er unsere Kirche betritt?“ (S. 135) Er appelliert hier sowohl an die einzelnen Gemeindemitglieder, auch mal jemandem in der Kirchenbank Platz zu machen und ihm ein Lächeln zu schenken, als auch an die Pfarreien, ordentlich geputzte Toiletten zu haben und z. B. einen Willkommensstand mit ausreichend Infomaterial im Eingangsbereich, an dem auch Freiwillige nach der Messe bereitstehen, um Auskünfte zu geben. Außerdem spricht er davon, wie ein Priester bei Anlässen, zu denen viele nicht-praktizierende Katholiken auftauchen, z. B. bei Begräbnissen, denen, die mit der Liturgie nicht vertraut sind, weiterhelfen kann, indem er an passenden Stellen der Messe kurze Erklärungen dazu einfügt, was als nächstes passiert.

3. Aufbauende Musik

Father Mallon plädiert dafür, in der Messe verschiedene Musikstile zuzulassen – solange nur die Texte nicht häretisch sind und die Qualität hoch ist. Besonders warme Worte findet er für Praise&Worship (Lobpreismusik): „So richtig und passend die verschiedenen Liedarten auch sind, so bin ich doch der Meinung, dass Loblieder den Ehrenplatz haben sollten. Sie haben die stärkste Verwandlungskraft, denn sie schlagen uns nicht nur vor zu beten, sie rufen uns nicht nur zum Gebet auf oder sagen uns, wie wunderbar es ist zu beten, sondern sie sind selbst Gebet.“ (S. 148)

4. Predigten

Father Mallon ist für etwas längere, sprich 15-20minütige, Predigten, die die Lesungen des Tages auslegen, das Gewissen und den Willen (nicht nur das Hirn) ansprechen, und immer auch die sog. „Erstverkündigung“ enthalten sollen: „Jede Predigt, gleich vor welcher Hörerschaft – ob am Sonntag oder Wochentag, bei Hochzeit oder Begräbnis – sollte Jesus Christus verkündigen, sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung und das neue Leben, das man in ihm durch ein Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe finden kann.“ (S. 160) Außerdem gibt er weitere praktische Tipps für die Predigtvorbereitung.

Die nächsten sechs Punkte befassen sich mit dem Rest des Gemeindelebens.

5. Echte Gemeinschaft

Der Autor hebt hervor, dass es in den Gemeinden echte Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft geben müsse, statt dass nur Individuen einmal die Woche zur selben Veranstaltung auftauchen. „Die meisten Menschen heute fühlen sich nicht genötigt, nach der Wahrheit zu suchen. Sie sind an einer Lehre oder einem Angebot, das zu einer systematischen, umfassenden Weltsicht führt, weitgehend uninteressiert. […] Das mag für manche unter uns traurig sein, aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das unsere neue Realität ist. […] Glaubensüberzeugungen werden nicht mit Predigten und durch Lehre verändert, sondern indem man Vertrauen aufbaut durch Beziehungen, durch Anteilnahme, durch Zugehörigkeit.“ (S. 179) Er macht verschiedene Vorschläge für Aktionen, die die Gemeinschaft stärken, darunter die bereits oft von ihm erwähnten Alphakurse, bei denen an zehn Abenden (einmal wöchentlich) ein gemeinsames Essen, danach ein Vortrag über ein zentrales Glaubensthema (z. B. „Ist Jesus auferstanden?“) und dann Austausch in Kleingruppen stattfindet. Außerdem schlägt er z. B. einen Gebetsdienst für Gottesdienstbesucher nach der Messe vor: „Jede Woche gibt es Teams, die in der Sakramentskapelle mit denjenigen beten, die das Gebet wünschen.“ (S. 191)

Anschließend geht er auch auf Analysen des Marktforschungsinstituts Gallup zur Struktur von gesunden Organisationen ein. Diese Analysen teilen Mitglieder von Organisationen in drei Gruppen ein: Engagierte, Nicht-Engagierte, und aktiv Nicht-Engagierte. „Engagierte Pfarreimitglieder werden als solche beschrieben, die total begeistert von ihrer Pfarrgemeinde sind. Sie haben das Gefühl, dass diese sie wirklich etwas angeht und sie identifizieren sich auch mit ihren Plänen. Engagierte Angehörige dienen mehr, geben mehr und sind viel bereiter, andere in ihre Kirche einzuladen. Nicht-engagierte Mitglieder sind im Allgemeinen zufrieden mit ihrer Pfarrgemeinde, aber sie tendieren dazu, passiv zu sein und sich nicht einzubringen. Die letzte Kategorie sind die aktiv Nicht-Engagierten. Das sind jene, die zutiefst unzufrieden damit sind, wie die Dinge laufen, sie wollen keinerlei Wandel und sind in der Regel negative und destruktive Teilnehmer.“ (S. 193f.) Die Ergebnisse einer ersten Umfrage in St. Benedict hätten ergeben, dass man 24% zu den Engagierten, 47% zu den Nicht-Engagierten, und 29% zu den aktiv Nicht-Engagierten zählen könnte. Idealerweise läge das Verhältnis von Engagierten zu aktiv Nicht-Engagierten jedoch bei 4:1. Zweieinhalb Jahre später sei das Ergebnis immerhin schon 41 : 44 : 15 gewesen. „Drei Jahre nach Umsetzung der auf Engagement und Zugehörigkeit basierenden Strategie in St. Benedict hat sich die Zahl der Erwachsenen, die an Evangelisierungs-Programmen und an der Glaubensunterweisung teilnehmen, verdreifacht. Die Anzahl jener Pfarrangehörigen, die Dienste übernommen haben, hat sich verdoppelt und unsere wöchentliche Kollekte ist von durchschnittlich 10.000$ pro Wochenende auf 20.000$ bis 21.000$ angewachsen. Und dabei ist die durchschnittliche Zahl der Messbesucher ungefähr gleich geblieben. Viele Neue sind dazugekommen, aber genauso viele sind auch weggegangen. Gesund wird man durch Wachstum und durch Schrumpfung.“ (S. 196) In den nächsten Punkten wird die Strategie noch genauer erläutert:

6. Klare Erwartungen

Eine Pfarrei brauche nicht nur eine gute Willkommenskultur, sondern auch Erwartungen gegenüber ihren Mitgliedern: „Eine hohe Willkommenskultur und eine hohe Erwartungshaltung sind tatsächlich eine respektvollere Reaktion auf Menschen, denn wir sagen ihnen: ‚Wir glauben, dass Gott in dir und durch dich wirken wird. Wir erwarten das und du solltest dasselbe tun.’“ (S. 198f.) Die Erwartungen, die die Pfarrei St. Benedict an ihre neuen Mitglieder stelle, seien folgende fünf: Jedes Mitglied soll am Sonntag zu einer Messe kommen, einmal im Jahr an einem Glaubensseminar teilnehmen, um seinen eigenen Glauben zu stärken, einmal im Jahr eine Aufgabe in der Pfarrei übernehmen, um anderen zu dienen, die Gemeinschaft mit den anderen Mitgliedern pflegen, und die Pfarrei finanziell unterstützen (in Kanada gibt es keine Kirchensteuer). Father Mallon fordert hier auch, dass man auch darauf sehen müsse, dass die besonders engagierten Mitglieder, die sich oft alles Mögliche aufbürden lassen, nicht nur Dinge für andere tun, sondern auch Gelegenheiten haben, ihren eigenen Glauben in Glaubenskursen etc. zu stärken.

Man muss die Leute natürlich auch dazu bewegen, sich bei einem konkreten Kurs anzumelden, sich bei einem Dienst einzubringen oder zu spenden, also veranstaltet die Pfarrei St. Benedict drei Initiativen im Jahr: Im September werden an mehreren Sonntagen nacheinander Glaubenskurse, Buchklubs o. Ä. in der Predigt vorgestellt und Broschüren dazu verteilt und die Gläubigen können sich eintragen; im Januar passiert dasselbe bzgl. der Dienste in der Pfarrei, und im Mai wird das Budget vorgestellt und erklärt, damit die Leute wissen, wofür sie spenden und wofür noch Geld benötigt wird. Der Autor betont, dass es für jedes Pfarreimitglied einen möglichen Dienst gäbe: „Wir haben sogar einen Dienst für ans Haus gefesselte und kranke Menschen entwickelt, der ‚Gesellschaft der Seligen Therese Neumann’ heißt. Dort können sich Menschen, die ihr Haus nicht verlassen können, eintragen und ihre Gebete und unvermeidlichen Leiden Gott aufopfern als eine Art Fürbitte für die Erneuerung der Pfarrgemeinde. Im Gegenzug informiert sie ein monatlicher Newsletter darüber, was in der Pfarrgemeinde geschieht, und stellt dort auch besondere Intentionen vor, für die sie von daheim aus für die Pfarrgemeinde beten können.“ (S. 210)

Insgesamt kann ich dazu sagen: Es kommt mir wie eine gute Herangehensweise hervor; das Minimum sollte die Leute nicht überfordern, und kann ihnen sehr auf ihrem Glaubensweg weiterhelfen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass bei den fünf Mindestanforderungen einerseits noch etwas mehr dabei wäre, und andererseits ein paar Dinge unterschieden werden würden. Es gibt schließlich die fünf Kirchengebote: An Sonntagen und gebotenen Feiertagen die Messe besuchen, die Kirche finanziell unterstützen, einmal jährlich beichten, mindestens zu Ostern und in Todesgefahr die Kommunion empfangen, die Fast- und Abstinenztage einhalten. Die letzten drei Gebote werden von Father Mallon nicht erwähnt. Es wäre meiner Ansicht nach besser, wenn die Pfarrei St. Benedict den Leuten vermitteln würde, dass die fünf Kirchengebote für alle Katholiken verpflichtend sind, und die Pfarrei es außerdem gern sähe (es aber nicht zu einer strengen Verpflichtung machen kann), wenn ihre Mitglieder einen Dienst im Jahr übernehmen, an einem Glaubenskurs im Jahr teilnehmen und sich als Teil der Gemeinschaft verstehen würden. Besonders auf die regelmäßige Beichte könnte mehr Wert gelegt werden.

7. Dienen mithilfe unserer Stärken

Für die Dienste sei es wichtig, dass die Leute ihre individuellen Fähigkeiten kennen, wobei auch Tests wie der „Stärkenfinder“ von Gallup helfen könnten.

8. Die Bildung kleiner Gemeinschaften

In einer großen Pfarrei kann der Priester nicht alle kennen und an ihren persönlichen Problemen Anteil nehmen; und Glaubenskurse sind meistens auf einige Wochen begrenzt und lösen sich dann wieder auf. Die Lösung sind für Father Mallon Kontaktgruppen mit 25-35 Mitgliedern. Den Teilnehmern an Glaubenskursen wie dem Alphakurs wird angeboten, Kontaktgruppen beizutreten, die sich jede Woche in Privathäusern treffen. „Einige der derzeitigen zehn Gruppen sind altersspezifisch, einige sind generationsübergreifend und einige sind familienfreundlich, wo Eltern mit ihren Kindern zusammenkommen.“ (S. 225) In solchen Kontaktgruppen wird über verschiedene Glaubensthemen gesprochen, die Leiter werden entsprechend geschult, und jeder Teilnehmer hält auch einmal ein eigenes Referat.

9. Die Erfahrung des Heiligen Geistes

Die Leute sollten die Möglichkeit haben, das Wirken des Heiligen Geistes in ihrem eigenen Leben zu erfahren. Father Mallon betont, dass wir nicht nur an Jesus und Gottvater glauben, sondern auch an den Heiligen Geist, und auch zu Ihm beten sollten. Dieser Punkt bleibt allgemein etwas unspezifisch, finde ich.

10. Eine einladende Kirche werden

Die Leute sollten sich trauen, ihre Familienmitglieder, Freunde, Kollegen und Nachbarn zum Sonntagsgottesdienst, zu einem Alphakurs, einem Gebetsfrühstück oder einem Konzert einzuladen.

Während es in Kapitel 5 um diejenigen geht, die immerhin bereits in den Gottesdienst kommen oder die man mit einer Einladung zum Alphakurs erreichen kann, befasst sich Kapitel 6 mit den Unengagierten, die zur Pfarrei kommen, weil sie ein Sakrament verlangen, also eine Taufe, Erstkommunion, Firmung oder Hochzeitsfeier. Hier stellt sich das altbekannte Problem, etwa bei der Firmung, die für viele Jugendliche das letzte Mal ist, dass sie eine Kirche betreten: „Wie lange können Priester und Gemeinde froh und innig die Firmung als Vervollständigung der christlichen Initiation feiern und dabei nur zu gut wissen, dass die meisten der neu Initiierten in ihren Köpfen gerade den Entlassungsschein aus der Kirche erhalten haben? Noch schlimmer ist, dass die Jugendlichen wissen, dass wir es wissen, und schlimmer noch, wissen, dass wir wissen, dass sie es wissen. Unsere Integrität als Kirche steht auf dem Spiel.“ (S. 264) Father Mallon betont, dass man sich nicht nur Gedanken darüber machen solle, ob jemand ein Sakrament gültig, sondern auch, ob er es fruchtbar empfinge. Er schreibt: „Ich bin der festen Meinung, dass wir grundsätzlich die Bitte um ein Sakrament nie mit ‚Nein’ beantworten dürfen. Sonst schneiden wir die Chance für Bekehrung und Veränderung schon in ihren Anfängen ab. Dennoch wirft das die Frage auf, was es bedeutet, hier ‚Ja’ zu sagen. Ja darf nicht heißen, nur einen Termin auszumachen, den Papierkram zu erledigen und kurzen Ehevorbereitungsunterricht zu geben.“ (S. 254)

Man kann zwei hauptsächliche Prinzipien in der Herangehensweise von St. Benedict finden: Erstens werden die Eltern stärker in die Erstkommunion- und Firmvorbereitung ihrer Kinder eingebunden. Father Mallon hat erkannt: „Und sobald die Kinder merken, dass, was sie empfangen, ihren Eltern wenig bedeutet, bringt auch ihr eigener Glaube wenig Frucht.“ (S 270f.) So sollen Eltern, die ihre Kinder zur Erstkommunion anmelden, regelmäßig mit ihrer Familie zur Messe kommen und dann ebenso wie ihre Kinder einen Glaubenskurs, einen Erstbeichtkurs und einen Erstkommunionkurs absolvieren, bevor sie für das Sakrament zugelassen werden. Zweitens soll, wie hieran schon deutlich wird, in der Vorbereitung nicht nur die Bedeutung des Sakraments erklärt werden, sondern auch die „Erstverkündigung“ stattfinden; auch Brautpaare etwa sollen nicht nur einen Ehevorbereitungskurs machen, sondern auch einen Glaubenskurs.

Das Kapitel enthält noch weitere Konzepte (z. B. dass Erstkommunion und Firmung nicht strikt an ein bestimmtes Alter gebunden sein müssen, dass Taufen auch im Kreis der ganzen Gemeinde in einer Sonntagsmesse stattfinden können, dass man von engagierten Pfarreimitgliedern, die schon ihr drittes Kind zur Taufe bringen, nicht das gleiche Vorbereitungsprogramm verlangen muss wie von einem Paar, das man noch nie gesehen hat, usw.); aber diese beiden Punkte sind wohl die wichtigsten: Auch Erstverkündigung statt „nur“ Katechese über das Sakrament, und Einbeziehung der ganzen Familie, wenn es um Sakramente für die Kinder geht. Die Folgen: „Die jährlichen Zahlen der Firmungen sind etwa auf 40% zurückgegangen, aber die Zahl der Jugendlichen, die dann ihren Glauben in der Kirche weiterleben, liegt bei etwa 80%. Das ist ein radikaler Umbruch verglichen mit der Situation wenige Jahre zuvor, als 75% der Gefirmten verschwanden und nie wieder gesehen wurden.“ (S. 280f.) Bei den Taufen seien die Zahlen etwa um die Hälfte gesunken, aber zwei Drittel der Familien blieben danach der Kirche treu.

Im siebten Kapitel geht es dann um die Leitung der Pfarrei. Der Autor beklagt, dass Seminaristen kaum etwas über Führungsqualitäten lernen, und auch, dass sie später oft nicht die Gelegenheit haben, eine Pfarrei länger zu führen, sprich, dass Pfarrer oft schon nach wenigen Jahren versetzt werden, bevor sie wirkliche Veränderungen anstoßen können: „Wenn wir die Gaben der Hirten verteilen und sie ständig versetzen, dann erhalten wir bestenfalls mittelmäßige Gemeinden. Wenn wir es möglich machen, dass Pfarrer in Pfarreien, die großen Einfluss ausüben können, Reformen durchführen dürfen, dann schaffen wir wenigstens für einige Gemeinden die Möglichkeit, gesund und stark zu werden.“ (S. 304) Er betont, dass Leiter ihre eigenen Schwächen kennen müssen, auch, um zu wissen, was sie delegieren müssen, und dass sie (unter Beteiligung der einflussreichen Laien der Pfarrei) eine übergreifende Vision für ihre Pfarrei entwickeln sollen; außerdem geht er ausführlich auf die Rolle von Gremien, von ehrenamtlichen Helfern und hauptamtlichen Mitarbeitern und die konstruktive Zusammenarbeit eines Teams ein.

Besonders positiv fällt an diesem Buch die starke Praxisorientierung und Detailgenauigkeit auf. Immer wieder gibt es sehr konkrete Beispiele z. B. für die Möglichkeiten der Gottesdienstgestaltung. Außerdem finde ich es sehr gut, wie Father Mallon betont, dass die Leute erst einmal die Grundsätze des Glaubens kennenlernen müssen („Erstverkündigung“), bevor man darauf aufbauen kann; Wissen über einzelne Details, ohne das Gesamtbild, ohne Begegnung mit dem liebenden Gott, reicht nicht. Viele seiner Vorschläge bauen außerdem auf biblischen Vorbildern oder lehramtlichen Dokumenten auf, sind also gut fundiert. Außerdem findet Father Mallon, was man hierzulande selten findet, einen Weg, praktische Vorschläge für den Umgang mit dem Priestermangel zu machen, ohne endlos über notwendige Pfarreienzusammenlegungen zu lamentieren, oder eine Laienkirche vorzuschlagen, die keine Priester mehr braucht.

Es hat einzelne Dinge gegeben, die mir an dem Buch weniger gefallen haben. Die 2014-typische Franziskus-Begeisterung, die gelegentlich durchscheint, ist einfach nicht meins. Dann sind da einzelne Stellen, die man kritisieren könnte – etwa, wenn Father Mallon auf S. 130 die Kasuisten der alten Zeiten dafür kritisiert, dass sie die Frage „Wieviel von einer Messe darf ich versäumen,wenn sie dennoch gültig sein soll?“ diskutiert haben. (Das taten diese Kasuisten nämlich nicht unbedingt, weil sie einem legalistischen Minimalismus verfallen gewesen wären, sondern weil Menschen gelegentlich durch diverse Umstände in die Lage kommen konnten, dass sie bereits einen Teil der Messe versäumt hatten, und sich dann fragten, ob sie jetzt noch eine andere Messe besuchen müssten, oder später, ob, wenn sie das nicht getan hatten, es eine Sünde gewesen war; die Kasuistik stand in solchen Fällen mit konkreten Ratschlägen zur Seite.) Ein gravierenderer Fehler zeigt sich auf S. 262, wo er die Kindertaufe als, historisch betrachtet, eine „Ausnahme“ bezeichnet: „Es ist eine Tatsache, dass Säuglinge in der frühen Kirche getauft wurden. […] Die Norm war pastoral und theologisch immer noch die Taufe Erwachsener. Kinder wurden getauft als eine Erweiterung des Glaubens, den die Eltern bekannten und lebten, die ihre Kinder mitbrachten. […] Biblisch gesehen war die Taufe eine Antwort des erwachsenen Glaubens. Über Jahrhunderte jedoch änderte sich die Praxis und es entstand eine Tauftheologie, die nicht mehr in Verbindung stand zu Umkehr und persönlichem Glauben […].“ Das ist ein falscher Blickwinkel, finde ich. Die antike Situation, dass die Erwachsenen alle erst noch bekehrt werden mussten, war die Ausnahme. Die Normalität – so, wie es eigentlich sein sollte – ist die mittelalterliche Situation, in der die Erwachsenen alle schon gläubig waren und jedes neugeborene Kind gleich in den Gottesbund aufgenommen wurde, d. h. in der Familie Gottes aufwachsen konnte.

Aber insgesamt muss ich dieses Buch sehr loben. Es ist besonders für Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiter und in Pfarreien engagierte Laien zu empfehlen. Es muss nicht jede Pfarrei alle darin enthaltenen Ideen übernehmen, aber sicher kann jede irgendetwas mitnehmen. Wenn ich Rod Drehers „Die Benedikt-Option“ eine 2- und Erik Flügges „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ eine 5 geben würde, würde ich sagen, dass „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert“ eine 1- verdient.

 

* KEIN BINNEN-I, KEIN UNTERSTRICH, KEIN GENDERSTERN!

Aus dem Denzinger: Der Anti-Modernisten-Eid

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

 Alle Teile hier.

 

Der folgende vom hl. Pius X. eingeführte Eid musste zwischen 1910 und 1967 von allen Pfarrern, Theologiestudenten vor Erhalt der akademischen Grade, Ordensoberen usw. abgelegt werden:

 

„Ich, N.N., umfasse fest und nehme samt und sonders an, was vom irrtumslosen Lehramt der Kirche definiert, behauptet und erklärt wurde, vor allem diejenigen Lehrkapitel, die den Irrtümern dieser Zeit unmittelbar widerstreiten.

Und zwar erstens: Ich bekenne, daß Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der Vernunft ‚durch das, was gemacht ist’ [Röm 1,20], das heißt, durch die sichtbaren Werke der Schöpfung, als Ursache vermittels der Wirkungen sicher erkannt und sogar auch bewiesen werden kann.

Zweitens: Die äußeren Beweise der Offenbarung, das heißt, die göttlichen Taten, und zwar in erster Linie die Wunder und Weissagungen lasse ich gelten und anerkenne ich als ganz sichere Zeichen für den göttlichen Ursprung der christlichen Religion, und ich halte fest, daß ebendiese dem Verständnis aller Generationen und Menschen, auch dieser Zeit, bestens angemessen sind.

Drittens: Ebenso glaube ich mit festem Glauben, daß die Kirche, die Hüterin und Lehrerin des geoffenbarten Wortes, durch den wahren und geschichtlichen Christus selbst, als er bei uns lebte, unmittelbar und direkt eingesetzt und daß sie auf Petrus, den Fürsten der apostolischen Hierarchie, und seine Nachfolger in Ewigkeit erbaut [wurde].

Viertens: Ich nehme aufrichtig an, daß die Glaubenslehre von den Aposteln durch die rechtgläubigen Väter in demselben Sinn und in immer derselben Bedeutung bis auf uns überliefert [wurde]; und deshalb verwerfe ich völlig die häretische Erdichtung von einer Entwicklung der Glaubenslehren, die von einem Sinn in einen anderen übergehen, der von dem verschieden ist, den die Kirche früher festhielt; und ebenso verurteile ich jeglichen Irrtum, durch den an die Stelle der göttlichen Hinterlassenschaft, die der Braut Christi überantwortet ist und von ihr treu gehütet werden soll, eine philosophische Erfindung oder eine Schöpfung des menschlichen Bewusstseins setzt, das durch das Bemühen der Menschen allmählich ausgeformt wurde und künftighin in unbegrenztem Fortschritt zu vervollkommnen ist.

Fünftens: Ich halte ganz sicher fest und bekenne aufrichtig, daß der Glaube kein blindes Gefühl der Religion ist, das unter dem Drang des Herzens und der Neigung eines sittlich geformten Willens aus den Winkeln des Unterbewußtseins hervorbricht, sondern die wahre Zustimmung des Verstandes zu der von außen aufgrund des Hörens empfangenen Wahrheit, durch die wir nämlich wegen der Autorität des höchst wahrhaftigen Gottes glauben, daß wahr ist, was vom persönlichen Gott, unserem Schöpfer und Herrn, gesagt, bezeugt und geoffenbart wurde.

Ich unterwerfe mich auch mit der gehörigen Ehrfurcht und schließe mich aus ganzem Herzen allen Verurteilungen, Erklärungen und Vorschriften an, die in der Enzyklika ‚Pascendi’ und im Dekret ‚Lamentabili’ enthalten sind, vor allem in bezug auf die sogenannte Dogmengeschichte.

Ebenso verwerfe ich den Irrtum derer, die behaupten, der von der Kirche vorgelegte Glaube könne der Geschichte widerstreiten, und die katholischen Glaubenslehren könnten in dem Sinne, in dem sie jetzt verstanden werden, nicht mit den wahren Ursprüngen der christlichen Religion vereinbart werden.

Ich verurteile und verwerfe auch die Auffassung derer, die sagen, der gebildetere christliche Mensch spiele eine doppelte Rolle , zum einen die des Gläubigen , zum anderen die des Historikers, so als ob es dem Historiker erlaubt wäre, das festzuhalten, was dem Glauben des Gläubigen widerspricht, oder Prämissen aufzustellen, aus denen folgt, daß die Glaubenslehren entweder falsch oder zweifelhaft sind, sofern diese nur  nicht direkt geleugnet werden.

Ich verwerfe ebenso diejenige Methode , die heilige Schrift zu beurteilen und auszulegen, die sich unter Hintanstellung der Überlieferung der Kirche, der Analogie des Glaubens und der Normen des Apostolischen Stuhles den Erdichtungen der Rationalisten anschließt und – nicht weniger frech als leichtfertig – die Textkritik als einzige und höchste Regel anerkennt.

Außerdem verwerfe ich die Auffassung jener, die behaupten, ein Lehrer, der eine theologische historische Disziplin lehrt oder über diese Dinge schreibt, müsse zunächst die vorgefaßte Meinung vom übernatürlichen Ursprung der katholischen Überlieferung oder von der von Gott verheißenen Hilfe zur fortdauernden Bewahrung einer jeden geoffenbarten Wahrheit ablegen; danach müsse er die Schriften der einzelnen Väter unter Ausschluß jedweder heiligen Autorität allein nach Prinzipien der Wissenschaft und mit derselben Freiheit des Urteils auslegen, mit der alle weltlichen Urkunden erforscht zu werden pflegen.

Ganz allgemein schließlich erkläre ich mich als dem Irrtum völlig fernstehend, in dem die Modernisten behaupten, der heiligen Überlieferung wohne nichts Göttliches inne, oder, was weit schlimmer [ist], dies in pantheistischem Sinne gelten lassen, so dass nichts mehr übrig bleibt als die bloße und einfache Tatsache, die mit den allgemeinen Tatsachen der Geschichte gleichzustellen ist, dass nämlich Menschen durch ihren Fleiß, ihre Geschicklichkeit und ihren Geist die von Christus und seinen Aposteln angefangene Lehre durch die nachfolgenden Generationen hindurch fortgesetzt haben.

Daher halte ich unerschütterlich fest und werde bis zum letzten Lebenshauch den Glauben der Väter von der sicheren Gnadengabe der Wahrheit festhalten, die in ‚der Nachfolge des Bischofsamtes seit den Aposteln’* ist, war und immer sein wird; nicht damit das festgehalten werde, was gemäß der jeweiligen Kultur einer jeden Zeit besser und geeigneter scheinen könnte, sondern damit die von Anfang an durch die Apostel verkündete unbedingte und unveränderliche Wahrheit ‚niemals anders geglaubt, niemals anders’ verstanden werde**.

Ich gelobe, daß ich dies alles treu, unversehrt und aufrichtig beachten und unverletzlich bewahren werde, indem ich bei keiner Gelegenheit, weder in der Lehre noch in irgendeiner mündlichen oder schriftlichen Form, davon abweiche. So gelobe ich, so schwöre ich, so [wahr] mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien Gottes.“

(Pius X., Motu Proprio „Sacrorum antistitum“, 1910; in: DH 3537–3550)

 

* Vgl. Irenäus von Lyon, Adversus haereses IV 40, n. 2 (hrsg. vonW. W. Harvey [Cambridge 1857] 2,236 / = IV 26, n. 2: SouChr 100/II, 718 / PG 7,1053C).

** Vgl. Tertullian, De praescriptione haereticorum 28 (R. F. Refoulé: CpChL 1 [1954] 209 / CSEL 70,34 / PL 2,47).

Der Monogenismus und die Genforschung – Oder: Stammen wir von einem Adam und einer Eva ab?

Ich habe vor längerer Zeit ausführlich darüber geschrieben, wie sich die biblische Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte mit der Evolutionstheorie vereinbaren lässt. Das ist im Allgemeinen ein alter Hut; auf ein spezielles Problem bin ich dabei aber nicht eingegangen, deswegen hole ich das heute nach: Ist es aus wissenschaftlicher Sicht – insbesondere aus Sicht der Genforschung – möglich, dass wir von nur einem ursprünglichen Menschenpaar abstammen? Oder muss die Population von Frühmenschen, die erstmals genuin „menschlich“ im philosophischen Sinn gewesen ist, größer gewesen sein? Was würde dann aus Adam, Eva und einem historischen Sündenfall? Dazu möchte ich einfach einen Auszug aus dem Aufsatz „Science, Theology and Monogenesis“ von Kenneth W. Kemp, der 2011 im American Catholic Philosophical Quarterly, Band 85, Nr. 2, erschienen ist und hier im Original heruntergeladen werden kann (es lohnt sich, ihn ganz zu lesen!), hier übersetzen:

Theologen, die die Frage des Ursprungs der Menschheit diskutierten, unterschieden traditionell drei logischerweise mögliche Alternativen. Diese Alternativen können verdeutlicht werden, indem man zwei Fragen unterscheidet.

Die erste lautet, ob der Mensch an einem Ort oder unabhängig voneinander an mehreren verschiedenen Orten entstand. Diese zwei möglichen Darstellungen der Anthropogenese nennen sich Monophyletismus und Polyphyletismus.

Die monophyletische Antwort auf die erste Frage bringt eine zweite Frage auf: Gab es ein einziges ursprüngliches Menschenpaar, von dem alle späteren Menschen abstammen, oder kann der Ursprung der menschlichen Rasse nur zu einer ursprünglichen Gruppe von mehr als zwei Personen zurückverfolgt werden? Diese Alternativen nennen sich „Monogenismus“ und „Polygenismus“.

 Die traditionelle christliche Präferenz des Monogenismus (und die folgende völlige Ablehnung des Polyphyletismus) hatte zwei Gründe. Für einige Christen beruht die Verteidigung der These direkt auf einigen Passagen der Schrift. In der katholischen Tradition wurde allerdings die Betonung viel mehr darauf gelegt, dass der Monogenismus die einzige Sicht sei, die mit der Lehre von der Erbsünde vereinbar sei.

[…]

Eine Darlegung der Erbsündenlehre kann mit dem beginnen, was G. K. Chesterton einmal „den einzigen Teil der christlichen Theologie, der wirklich bewiesen werden kann“ genannt hat, nämlich:

(P1) Alle Menschen leben jetzt in einem Zustand der Erbsünde – sie leiden an einer Schwierigkeit, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden, einer Neigung zu Ungerechtigkeit, Schwäche angesichts des schwierigen Guten, und Konkupiszenz.

Aber die Lehre sagt etwas mehr als das. „Die menschliche Rasse“, wie Kardinal Newman es ausgedrückt hat, „ist verwickelt in eine fürchterliche ursprüngliche Katastrophe. Sie ist nicht mehr im Einklang mit den Absichten ihres Schöpfers.“ Das Herzstück der Lehre kommt also in der Erklärung von P1:

(P2) Gott beabsichtigte, dass der Mensch in einem Zustand der ursprünglichen Gerechtigkeit leben sollte.

(P3) Die ersten menschlichen Wesen zerstörten Gottes Absicht durch einen frei gewählten Akt, die Ursünde.

Sowohl P1 als auch P3 werden „original sin“ [im Deutschen unterscheidet man Erbsünde und Ursünde] genannt, wobei sie im Lateinischen mit mit den Ausdrücken peccatum originale originans für P3 und peccatum originale originatum für P1 unterschieden werden. Was genau ist der Zusammenhang zwischen der Ursünde unserer Vorfahren und dem Zustand der Erbsünde, in dem wir uns alle (sogar Kinder, die zu jung sind, um jemals eine eigene persönliche Sünde begangen zu haben) wiederfinden?

Der locus classicus zu dieser Frage ist der Römerbrief des heiligen Paulus (bei 5,12) […].

Diese Stelle betont klar den Schaden, den Adams Sünde uns allen angetan hat. Das heißt, sie postuliert eine historisch reale Ursünde (peccatum originale originans), um den Zustand der Erbsünde (peccatum originale originatum) zu erklären, der jeden Menschen vom ersten Augenblick seiner Existenz an befällt. Was auch immer man von dieser Stelle hält, die Lehre der Kirche wurde klar beim Konzil von Trient (1545-1563) ausgedrückt – die Schuld dieser Sünde wird von uns allen geerbt. [In der dt. Übersetzung des Dekrets heißt es genau genommen: „‚Wer behauptet, die Übertretung Adams habe nur ihm und nicht seiner Nachkommenschaft geschadet‘, die von Gott empfangene Heiligkeit und Gerechtigkeit, die er verloren hat, habe er nur für sich und nicht auch für uns verloren; oder er habe, befleckt durch die Sünde des Ungehorsams, ’nur den Tod‘ und die Strafen ‚des Leibes auf das ganze menschliche Geschlecht übertragen, nicht aber auch die Sünde, die der Tod der Seele ist‘: der sei mit dem Anathema belegt, ‚da er dem Apostel widerspricht, der sagt: ‚Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen, und durch die Sünde der Tod, und so ging der Tod auf alle Menschen über; in ihm haben alle gesündigt‘ [Röm 5,12]‘.“] Das Konzil sagt weiterhin:

„diese Sünde Adams, die ihrem Ursprung nach eine ist und, durch Fortpflanzung, nicht durch Nachahmung übertragen [wird], [wohnt] allen – einem jeden eigen – inne[…]“

Das gibt uns, was wir brauchen, um die Kraft des Arguments von [Papst] Pius [XII. in Humani Generis 37, dass der Polygenismus nicht mit dem katholischen Glauben vereinbar sei] zu sehen. Wenn:

(P4) „ihrem Ursprung nach eine“ bedeutet „als eine Tat begangen“; und

(P5) „durch Fortpflanzung“ bedeutet „durch biologische Abstammung“; und

(P6) der Ursprung des Menschen polygenetisch (oder polyphyletisch) wäre;

würde daraus folgen, dass

(P7) Adams Zeitgenossen (und vielleicht einige ihrer Nachkommen) Menschen frei von Erbsünde gewesen wären.

Da die Ablehnung von P7 klar vom Konzil von Trient beabsichtigt ist, und P4 und P5 immer vernünftige Interpretationen dessen zu sein schienen, was die tridentinischen Väter meinten, lehnte Papst Pius P6 als unvereinbar mit der Erbsündenlehre ab.

Theologische Schlussfolgerung. Diese katholische Darstellung der Erbsünde also, wenn nicht der Text von Genesis 2-4, schien für viele eine monogenetische Darstellung der Ursprünge der menschlichen Rasse zu erfordern.

[Es werden naturwissenschaftliche Argumente für den Monophyletismus und gegen den Monogenismus angeführt; so ganz geklärt scheint die Frage nicht zu sein, aber die Indizien deuten offenbar auf Monophyletismus und Polygenismus hin.]

[Es werden Ideen liberaler Theologen zur Neuinterpretation der Erbsündenlehre vorgestellt, um sie mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu vereinbaren.]

Natürlich, wenn eine dieser revisionistischen Deutungen der Erbsünde haltbar wäre, würde das Problem verschwinden. Ich beabsichtige nicht, hier im Detail zu zeigen, dass sie falsch sind. Ich werde meine Besorgnis über diese Herangehensweisen darauf beschränken, zu erwähnen, dass sie das rechtgläubige Verständnis (wenn nicht die Praxis als solche) der Kindertaufe in Frage stellen. […]

Es genügt für meine Zwecke, zu zeigen, dass diese neuen Deutungen nicht nötig sind, um die Fakten der Paläoanthropologie anzunehmen. Sie müssen, wenn sie das können, durch andere Gründe überzeugen.

Eine Unterscheidung und ein Fazit. Zum Glück ist eine andere Lösung möglich. Der Grund dieser Lösung wurde von Andrew Alexander CJ gelegt, der vor einigen Jahren die Idee verteidigte, dass „während es wahr ist, dass alle Menschen von Adam abstammen, die Rasse dennoch einen breiten Ursprung hat“. Was Alexanders Analyse zu Grunde liegt, ist eine Unterscheidung, die er nie in genau diesen Begriffen trifft, zwischen dem Menschen als theologischer Spezies und dem Menschen als biologischer Spezies. Man sollte von diesen beiden unterscheiden, was Alexander nicht tut, was man die philosophische Spezies nennen könnte.

Die biologische Spezies ist die Population von Individuen, die sich miteinander fortpflanzen können.

Die philosophische Spezies ist das vernunftbegabte Wesen, d. h. eine natürliche Art, die durch die Fähigkeit zum konzeptionellen Denken, Urteilen, Vernunftüberlegungen und freien Entscheidungen charakterisiert ist. Der hl. Thomas von Aquin legt dar, dass eine bestimmte Art von Körper für Vernunftaktivität notwendig, aber nicht ausreichend sei. Vernunftaktivität erfordert darüber hinaus die Präsenz einer rationalen Seele, etwas, das mehr als die Kraft irgendeines körperlichen Organs ist, und das daher nur, in jedem einzelnen Fall, durch ein schöpferisches Wirken Gottes entstehen kann.

Die theologische Spezies ist, in Erweiterung dessen, die Ansammlung der Individuen, die für die Ewigkeit bestimmt sind. Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt: „Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen.“ Die menschliche Vernunftbegabung ist vermutlich eine notwendige Bedingung für eine solche Freundschaft. Es ist allerdings nicht klar, ob das Angebot einer solchen Freundschaft eine logische Konsequenz der Vernunftbegabung ist. Vermutlich ist das Angebot (ein Angebot, das in sich die Spezies theologisch distinkt macht) ein separater, freier Akt Gottes, vielleicht von seiner Gutheit gefordert, aber nicht in irgendeinem strikteren Sinne notwendig. In jedem Fall sind die beiden menschlichen Attribute zumindest dem Konzept nach voneinander unterscheidbar.

Die Unterscheidung zwischen dem biologischen Spezieskonzept und dem theologischen ist wichtig, da sie nicht notwendigerweise deckungsgleich sind. Zwei Individuen, eins im theologischen Sinne menschlich und das andere nicht, würden solange Mitglieder derselben biologischen Spezies bleiben, wie sie miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen könnten. Während es mit Sicherheit ein theologischer Irrtum wäre, irgendwelche jetzt lebenden Mitglieder der biologischen Spezies von der philosophischen oder theologischen Spezies ausschließen zu wollen (d. h. zu behaupten, dass ihnen vernunftbegabte Seelen fehlen würden, oder dass sie nicht unter denen wären, denen Gott seine Freundschaft angeboten hat), kann es keinen theologischen Einwand gegen die Behauptung geben, dass ein (oder zwei) Mitglieder einer prähistorischen, biologisch (d. h. genetisch) menschlichen Spezies ausreichend verschieden von den anderen gemacht wurden, dass sie eine neue theologische Spezies darstellen, z. B. indem ihnen vernunftbegabte Seelen und ein ewiges Schicksal gegeben wurden.

[…]

Diese Darstellung kann mit einer Population von ungefähr 5000 Hominiden beginnen [eine Zahl, die von manchen Genforschern genannt wird], Wesen, die in vielerlei Hinsicht wie Menschen sind, aber denen die Fähigkeit zum intellektuellen Denken fehlt.

Aus dieser Population erwählt Gott zwei und stattet sie mit einem Intellekt aus, indem er ihnen rationale Seelen schafft, und gibt ihnen zum selben Zeitpunkt jene übernatürlichen Gaben, die die ursprüngliche Gerechtigkeit ausmachen. Nur Wesen mit rationalen Seelen (mit oder ohne die übernatürlichen Gaben) sind wahrhaft Menschen. Die beiden ersten theologisch menschlichen Wesen missbrauchen allerdings ihren freien Willen, um eine Sünde (die Ursünde) zu begehen, verlieren dabei die übernatürlichen Gaben, allerdings nicht das Angebot der göttlichen Freundschaft, wodurch sie theologisch (nicht nur philosophisch) von ihren lediglich biologisch menschlichen Vorfahren und Vettern unterschieden bleiben. Diese ersten wahren Menschen haben auch Nachkommen, die sich zu einem gewissen Grad weiterhin gemeinsam mit den nicht-vernunftbegabten Hominiden fortpflanzen, unter denen sie leben. Wenn Gott jedes Individuum, das auch nur einen einzigen menschlichen Vorfahren hat, mit einem eigenen Intellekt ausstattet, würden eine leidliche Rate des reproduktiven Erfolgs und ein leidlicher selektiver Vorteil leicht innerhalb von drei Jahrhunderten eine nicht-vernunftbegabte Hominidenpopulation von 5000 Individuen mit einer philosophisch (und, wenn die zwei Konzepte deckungsgleich sind, theologisch) menschlichen Population ersetzen. Während diesem Prozess würden alle theologisch menschlichen Wesen von einem einzigen menschlichen Paar abstammen (in dem Sinne, dass sie dieses Paar unter ihren Vorfahren hätten), ohne dass es je eine Flaschenhals-Situation [biologischer Fachbegriff aus dem ausgelassenen Textteil; steht für eine vorübergehende starke Reduzierung einer Population (z. B. durch Naturkatastrophen), die danach wieder wächst] in der menschlichen Spezies gegeben hätte.

[…]

Diese Theorie ist monogetisch, was die theologisch menschlichen Wesen angeht, aber polygenetisch in Bezug auf die biologische Spezies. Somit löst die Unterscheidung den Widerspruch auf.

Einwände und Antworten darauf. Lassen Sie mich kurz vier Fragen ansehen, alles Quellen möglicher Einwände.

Erstens, beleidigt diese Idee fromme Ohren? Natürlich mag es eine Folgerung aus meiner Sicht sein, dass unsere frühesten Vorfahren Sünder waren, weil sie sich weiterhin gemeinsam mit jenen vormenschlichen Wesen fortpflanzten, die, wenn sie auch nicht einer anderen biologischen Spezies angehörten, auch nicht im vollen Sinne Menschen waren. Diese Sünde wäre eher wie Promiskuität – unpersönliche sexuelle Handlungen – als wie Bestialität gewesen. Aber die Idee, dass unsere ersten Vorfahren Sünder waren, kann kaum ein Einwand gegen diese Theorie sein. Es ist eine Idee, die von allen vier großen Episoden der menschlichen Frühgeschichte aus Genesis gestützt wird – dem Sündenfall, Kains Mord an Abel, der Flut und dem Turmbau zu Babel.

[…]

Der vorrangige Zweck dieses Aufsatzes war es, zu zeigen, dass es keinen wirklichen Widerspruch zwischen einer theologisch konservativen (monogenetischen) Darstellung der Anthropogenese und den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Evolutionsbiologie und modernen Genetik gibt. […] Manchmal müssen Widersprüche nicht durch die Ablehnung einer der scheinbar widersprüchlichen Theorien gelöst werden, sondern durch die Anerkennung einer solchen vorher übersehenen Unterscheidung.“

File:Lucas Cranach d.Ä. - Adam und Eva im Paradies (1531, Gemäldegalerie, Berlin).jpg

(Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva im Paradies, 1531; Quelle: Wikimedia Commons)

Aus dem Denzinger: Der Heilige Stuhl über Bibel und Naturwissenschaft, Schöpfungsgeschichte und Evolution (vor dem 2. Vatikanum)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

 Alle Teile hier.

 

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im frühen 20. die Paläontologie und die Biologie Fortschritte machten und die Evolutionslehre von immer mehr Wissenschaftlern vertreten wurde, mussten sich auch die Kirchen der Frage stellen, wie sie es mit der Auslegung der ersten Kapitel des Buches Genesis halten wollten. Im Protestantismus gab es ganz unterschiedliche Wege; liberalere Theologen glaubten nicht an eine wörtliche Genesisauslegung, während die wegen ihrem Bekenntnis zu den „fünf Fundamenten“ des Glaubens als „Fundamentalisten“ bezeichneten amerikanischen Protestanten eine wörtliche Auslegung der sieben Schöpfungstage und anderer biblischer Aussagen im frühen 20. Jahrhundert für nicht verhandelbar erklärten. Die katholische Kirche ging einen etwas komplizierteren Weg.

Papst Leo XIII. stellt in seiner Enzyklika „Providentissimus Deus“, in der es um die Hl. Schrift geht, allgemeine Grundsätze über das Verhältnis zwischen der Schrift und den Naturwissenschaften auf, die auf dem Prinzip beruhen, dass sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen können:

 

„Dem Lehrer der heiligen Schrift wird die Kenntnis der Naturwissenschaften eine gute Hilfe sein, mit der er auch derartige gegen die göttlichen Bücher gerichteten Trugschlüsse leichter aufdecken und widerlegen kann.

Zwischen dem Theologen und dem Naturwissenschaftler wird es freilich keinen wahren Widerstreit geben, solange sich beide auf ihr Gebiet beschränken und sich gemäß der Mahnung des hl. Augustinus davor hüten, ‚irgendetwas unbesonnen oder Unbekanntes für Bekanntes zu behaupten’*. Sollten sie aber dennoch in Widerstreit geraten, so ist kurz zusammengefasst die von demselben dargebotene Regel, wie sich der Theologe verhalten soll: ‚Von allem,’ sagt er, ‚was sie von der Natur der Dinge mit stichhaltigen Beweisen darlegen können, wollen wir zeigen, daß es unserer Schrift nicht entgegengesetzt ist: von allem aber, was sie aus welchen ihrer Bücher auch immer dieser unserer Schrift, das heißt dem katholischen Glauben, Entgegengesetztes vorbringen, wollen wir entweder, soweit nur irgend möglich, zeigen oder ohne jeden Zweifel glauben, daß es völlig falsch ist’**.

In bezug auf die Billigkeit dieser Regel soll zuerst erwogen werden, daß die heiligen Schriftsteller oder besser ‚der Geist Gottes, der durch sie redete, dies (nämlich die innerste Beschaffenheit der sichtbaren Dinge) die Menschen nicht lehren wollte, da es niemandem zum Heile nützen sollte’***; daß sie daher, statt geradewegs Naturforschung zu betreiben, die Dinge selbst bisweilen lieber entweder in einer gewissen Art von Übertragung beschreiben und abhandeln, oder wie es die alltägliche Sprache in jenen Zeiten mit sich brachte und heute bei vielen Dingen im täglichen Leben selbst unter den gebildetsten Menschen mit sich bringt. Da mit der Volkssprache aber dies zunächst und im eigentlichen Sinne ausgedrückt wird, was unter die Sinne fällt, hat sich in gleicher Weise der heilige Schriftsteller (und auch der Engelgleiche Lehrer machte darauf aufmerksam)‚ an das gehalten, was sinnenfällig erscheint’****, bzw. was Gott selbst, zu den Menschen redend, entsprechend ihrem Fassungsvermögen auf menschliche Weise äußerte.

Deshalb, weil die Verteidigung der heiligen Schrift eifrig betrieben werden soll, sind aber nicht alle Auffassungen in gleicher Weise in Schutz zu nehmen, die die einzelnen Väter oder die nachfolgenden Exegeten bei ihrer Erklärung geäußert haben: sie haben, je nachdem die Meinungen der Zeit waren, bei der Erörterung von Stellen, wo Naturkundliches behandelt wird, vielleicht nicht immer wahrheitsgemäß geurteilt, so daß sie manches behaupteten, was jetzt weniger gebilligt werden könnte.

Deshalb ist bei ihren Auslegungen geflissentlich zu unterscheiden, was sie denn tatsächlich als den Glauben betreffend oder mit ihm aufs engste verbunden lehren, was sie in einmütiger Übereinstimmung lehren; denn ‚in dem, was nicht notwendig zum Glauben gehört, war es den Heiligen erlaubt, verschiedener Meinung zu sein, wie auch uns’*****, wie der Satz des Hl. Thomas lautet. Er bemerkt auch an anderer Stelle überaus klug: ‚Mir scheint es sicherer zu sein, daß das, was die Philosophen gemeinsam gutgeheißen haben und unserem Glauben nicht widerspricht, weder so zu behaupten ist wie Lehrsätze des Glaubens, auch wenn sie manchmal unter dem Namen der Philosophen eingeführt werden, noch so abzulehnen ist als dem Glauben entgegengesetzt, damit den Weisen dieser Welt keine Gelegenheit geboten werde, die Lehre des Glaubens zu verachten’******.

Obwohl der Ausleger zeigen muß, daß das, von dem die Naturwissenschaftler schon mit sicheren Beweisen bestätigt haben, daß es sicher ist, den richtig ausgelegten Schriften keineswegs entgegensteht, soll ihm freilich dennoch nicht entgehen, daß es bisweilen geschehen ist, daß manches, was von jenen als sicher gelehrt wurde, später in Zweifel gezogen und verworfen wurde. …

Sodann wird es nützlich sein, ebendies auf verwandte Wissenschaften, vor allem auf die Geschichte, zu übertragen.“

(Leo XIII., Enzyklika „Providentissimus Deus“, 1893; in: DH 3287-3290)

 

* Vgl. Augustinus, De Genesi ad litteram imperfectus liber c. 9, n. 30 (CSEL 28,48113 / PL 34,233).

** Augustinus, De Genesi ad litteram I 21, n. 41 (CSEL 28,314–9 / PL 34,262).

*** Augustinus, De Genesi ad litteram II 9, n. 20 (CSEL 28,468–10 / PL 34,270f).

**** Thomas von Aquin, Summa theologiae I, q. 70, a. 1 ad 3 (Editio Leonina 5,178b).

***** Thomas von Aquin, Super IV libros Sententiarum II, dist. 2, q. 1, a. 3, solutio (Parmaer Ausg. 6,405b / R. Busa, Opera omnia 1 [1980] 130).

****** Thomas von Aquin, Responsio ad lectorem Vercellensem de articulis 42, Vorwort (Opusculum 10 in der römischen Ausg.; = opusculum 22 in der Ausg. von Mandonnet 3 [Paris 1927] 197; = opusculum 9 in der Parmaer Ausg. 16,163b).

 

Die Päpstliche Bibelkommission schrieb dann im Jahr 1909:

 

„Frage 1: Stützen sich die verschiedenen exegetischen Lehrgebäude, die zum Ausschluß des wörtlichen, historischen Sinnes der drei ersten Kapitel des Buches Genesis ausgedacht und unter dem Schein der Wissenschaftlichkeit verfochten wurden, auf eine feste Grundlage?

Antwort: Nein.

Frage 2: Kann, trotz der historischen Eigenart und Form des Buches Genesis, der besonderen Verbindung der drei ersten Kapitel untereinander und mit den folgenden Kapiteln, des vielfältigen Zeugnisses der Schriften sowohl des Alten als auch des Neuen Testamentes, der fast einmütigen Auffassung der heiligen Väter und der traditionellen Meinung, die, auch vom israelitischen Volk übermittelt, die Kirche immer festgehalten hat, gelehrt werden, daß die eben genannten drei Kapitel der Genesis keine Erzählungen wirklich geschehener Dinge enthalten, die nämlich der objektiven Realität und historischen Wahrheit entsprechen; sondern entweder Sagenhaftes, das den Mythologien und Kosmogonien der alten Völker entnommen und vom heiligen Verfasser nach Reinigung von jeglichem Irrtum des Polytheismus der monotheistischen Lehre angepaßt wurde; oder Gleichnisse und Symbole, die der Grundlage der objektiven Realität entbehren und unter dem Schein der Geschichte vorgelegt wurden, um religiöse und philosophische Wahrheiten einzuschärfen; oder schließlich teils historische und teils erdachte Legenden, die zur Unterweisung und Erbauung der Herzen frei zusammengestellt wurden?

Antwort: Nein zu beiden Teilen.

Frage 3: Kann insbesondere der wörtliche, historische Sinn in Zweifel gezogen werden, wo es sich um in ebendiesen Kapiteln erzählte Tatsachen handelt, die die Grundlagen der christlichen Religion berühren: als da sind, unter anderem, die von Gott am Anfang der Zeit getätigte Erschaffung aller Dinge; die besondere Erschaffung des Menschen; die Bildung der ersten Frau aus dem ersten Menschen; die Einheit des Menschengeschlechtes; die ursprüngliche Glückseligkeit der Stammeltern im Stande der Gerechtigkeit, Unversehrtheit und Unsterblichkeit; das dem Menschen von Gott gegebene Gebot, um seinen Gehorsam auf die Probe zu stellen; die Übertretung des göttlichen Gebotes aufgrund der Einflüsterung des Teufels unter der Gestalt der Schlange; die Vertreibung der Stammeltern aus jenem ursprünglichen Stand der Unschuld; sowie die Verheißung des künftigen Wiederherstellers?

Antwort: Nein.

Frage 4: Ist es erlaubt, bei der Auslegung jener Stellen dieser Kapitel, die die Väter und Lehrer auf unterschiedliche Weise verstanden haben, ohne daß sie irgend etwas Sicheres und Bestimmtes überliefert hätten, unbeschadet des Urteils der Kirche und unter Wahrung der Analogie des Glaubens jener Auffassung zu folgen und sie zu verteidigen, die ein jeder umsichtig für richtig befunden hat?

Antwort: Ja.

Frage 5: Ist alles und jedes, nämlich die Worte und Redewendungen, die in den eben genannten Kapiteln vorkommen, immer und notwendig im eigentlichen Sinne aufzufassen , so daß man niemals von ihm abweichen darf, auch wenn sich deutlich zeigt, daß Redeweisen uneigentlich, metaphorisch oder anthropomorph verwendet wurden und den eigentlichen Sinn entweder die Vernunft beizubehalten verbietet oder die Notwendigkeit aufzugeben zwingt?

Antwort: Nein.

 Frage 6: Kann, den wörtlichen und historischen Sinn vorausgesetzt, eine allegorische und prophetische Auslegung mancher Stellen ebendieser Kapitel gemäß dem voranleuchtenden Beispiel der heiligen Väter und der Kirche selbst klugerweise und nutzbringend angewandt werden?

 Antwort: Ja.

Frage 7: Ist, obwohl es bei der Abfassung des ersten Kapitels der Genesis nicht die Absicht des heiligen Autors war, die innerste Beschaffenheit der sichtbaren Dinge und die vollständige Reihenfolge der Schöpfung auf wissenschaftliche Weise zu lehren, sondern vielmehr seinem Volk eine volkstümliche Kunde – wie es die allgemeine Sprache zu jenen Zeiten zuließ – zu überliefern, die den Sinnen und dem Fassungsvermögen der Menschen angepaßt war, bei der Auslegung dieser Dinge genau und stets nach der Eigentümlichkeit wissenschaftlicher Rede zu forschen?

Antwort: Nein

Frage 8: Kann bei jener Bezeichnung und Unterscheidung der sechs Tage, um die [es] im ersten Kapitel der Genesis [geht], das Wort Yôm (Tag) sowohl im eigentlichen Sinne als natürlicher Tag als auch im uneigentlichen Sinne als bestimmter Zeitraum aufgefasst werden, und ist es erlaubt, über diese Frage unter den Exegeten zu diskutieren?

Antwort: Ja.“

(Päpstliche Bibelkommission, 1909; in: DH 3512-3519)

 

Ein paar Jahrzehnte später äußerte sich auch Papst Pius XII. zu dieser Frage:

 

„Deshalb verbietet das Lehramt der Kirche nicht, daß die ‚Evolutionslehre’ (insofern sie nämlich den Ursprung des menschlichen Leibes aus schon existierender und lebender Materie erforscht – daß nämlich die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen werden, heißt uns der katholische Glaube festzuhalten –) gemäß dem heutigen Stand der menschlichen Wissenschaften und der heiligen Theologie in Forschungen und Erörterungen von Gelehrten in beiden Feldern behandelt werde, und zwar so, daß die Gründe beider Auffassungen, nämlich der Befürworter und der Gegner, mit der nötigen Ernsthaftigkeit, Mäßigung und Besonnenheit erwogen und beurteilt werden; dabei sollen alle bereit sein, dem Urteil der Kirche zu gehorchen, der von Christus die Aufgabe übertragen wurde, sowohl die Heiligen Schriften authentisch auszulegen als auch die Lehren des Glaubens zu schützen.

Diese Freiheit der Erörterung überschreiten jedoch manche in leichtfertiger Vermessenheit, wenn sie sich so benehmen, als ob dieser Ursprung des menschlichen Leibes aus schon existierender und lebender Materie durch bis jetzt gefundene Hinweise und durch aus ebendiesen Hinweisen abgeleitete Vernunftschlüsse schon ganz und gar sicher und bewiesen sei und es aufgrund der Quellen der göttlichen Offenbarung nichts gebe, was in dieser Sache größte Mäßigung und Vorsicht erfordert.

Wenn es sich aber um eine andere auf Vermutung gründende Ansicht handelt, nämlich um den sogenannten Polygenismus, dann genießen die Kinder der Kirche keineswegs eine solche Freiheit. Die Christgläubigen können diese Auffassung nämlich nicht gutheißen, deren Anhänger behaupten, entweder habe es nach Adam hier auf Erden wahre Menschen gegeben, die nicht von demselben als dem Stammvater aller durch natürliche Zeugung abstammten, oder ‚Adam’ bezeichne eine Menge von Stammvätern; es ist nämlich keineswegs ersichtlich, wie eine solche Auffassung mit dem in Übereinstimmung gebracht werden könnte, was die Quellen der geoffenbarten Wahrheit und die Akten des Lehramtes der Kirche über die Ursünde vorlegen, die aus der wahrhaft von dem einen Adam begangenen Sünde hervorgeht und die, durch Zeugung auf alle übertragen, einem jeden als ihm eigen innewohnt [vgl. Röm 5,12-19; Dekret des Konzils von Trient über die Ursünde].

Wie aber in den biologischen und anthropologischen Disziplinen, so gibt es auch in den historischen Leute, die die von der Kirche festgesetzten Grenzen und Vorsichtsmaßnahmen verwegen übertreten. Und in besonderer Weise beklagenswert ist eine gewisse allzu freie Interpretationsweise der geschichtlichen Bücher des Alten Testamentes, deren Befürworter zu Unrecht den vor nicht so langer Zeit von der Päpstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von Paris gerichteten Brief zur Verteidigung ihrer Sache anführen. Dieser Brief macht nämlich ausdrücklich darauf aufmerksam, daß die ersten elf Kapitel der Genesis, wenn sie auch eigentlich nicht mit den Verfahren der Geschichtsschreibung zusammenstimmen, deren sich die herausragenden griechischen und lateinischen Geschichtsschreiber oder die Gelehrten unserer Zeit bedienten, nichtsdestoweniger doch in einem gewissen Sinne, der von den Exegeten noch näher erforscht und bestimmt werden muß, zur Gattung der Geschichte  gehören, und daß dieselben Kapitel in einfacher und bildhafter Sprache, die dem Verständnis eines wenig gebildeten Volkes angemessen ist, sowohl die hauptsächlichen Wahrheiten berichten, auf die sich die Sorge um unser ewiges Heil stützt, als auch eine volkstümliche Beschreibung des Ursprungs des Menschengeschlechtes und des erwählten Volkes bieten.

Wenn die alten Verfasser der heiligen Bücher aber etwas aus volkstümlichen Erzählungen geschöpft haben (was man durchaus einräumen  kann), so darf man niemals vergessen, daß sie unterstützt vom Hauch der göttlichen Eingebung so gehandelt haben, durch den sie bei der Auswahl und Beurteilung jener Dokumente von jeglichem Irrtum rein bewahrt wurden.

Was aber aus volkstümlichen Erzählungen in die Heilige Schrift übernommen wurde, das darf keineswegs mit Mythologien oder anderem Derartigem gleichgestellt werden, das mehr aus einer weitschweifenden Einbildungskraft herrührt als aus jenem Streben nach Wahrheit und Einfachheit, das in den Heiligen Büchern auch des Alten Testamentes so sehr aufstrahlt, daß man von unseren Verfassern der heiligen Bücher sagen muß, daß sie die alten Profanschriftsteller klar überragen.“

(Pius XII., Enzyklika „Humani Generis“, 1950; in: DH 3896-3899)

 

In der Enzyklika bezieht sich der Papst auf einen zwei Jahre zuvor verfassten Brief des Sekretärs der Bibelkommission an den Erzbischof von Paris, der folgende Abschnitte enthält:

 

„Die Frage der literarischen Formen der elf ersten Kapitel der Genesis ist viel undurchsichtiger und umfassender. Diese literarischen Formen entsprechen keiner unserer klassischen Kategorien und können nicht im Lichte der griechisch-lateinischen oder modernen literarischen Gattungen beurteilt werden. Man kann folglich ihre Historizität als ganze weder verneinen noch bejahen, ohne auf sie die Gesetze einer literarischen Gattung ungerechtfertigterweise anzuwenden, unter die sie nicht eingeordnet werden können. Wenn man sich darauf einigt, in diesen Kapiteln nicht Geschichte im klassischen oder modernen Sinne zu sehen, so muß man auch zugeben, daß die gegenwärtigen wissenschaftlichen Gegebenheiten es nicht erlauben, allen Problemen, die sie stellen, eine positive Lösung zu geben.

Die erste Pflicht, die hier der wissenschaftlichen Exegese obliegt, besteht zuallererst in der aufmerksamen Untersuchung aller literarischen, wissenschaftlichen, geschichtlichen, kulturellen und religiösen Probleme, die mit die-sen Kapiteln verbunden sind; man müßte sodann die literarischen Vorgehensweisen der alten orientalischen Völker, ihre Psychologie, ihre Ausdrucksweise und ihren Begriff von geschichtlicher Wahrheit genau überprüfen; man müßte, in einem Wort, ohne Vorurteile das ganze Material der paläontologischen und historischen, epigraphischen und literarischen Wissenschaften sammeln. Nur auf diese Weise kann man darauf hoffen, klarer zu sehen, was die wirkliche Natur bestimmter Erzählungen der ersten Kapitel der Genesis angeht.

A priori zu erklären, ihre Erzählungen enthielten nicht Geschichte im modernen Sinne des Wortes, ließe leicht heraushören, daß sie in keinem Sinne des Wortes Geschichte enthielten, wohingegen sie in einer einfachen und bilderreichen Sprache, die dem Fassungsvermögen einer weniger entwickelten Menschheit angepaßt ist, die grundlegenden Wahrheiten berichten, die der Heilsordnung zugrundeliegen, gleichzeitig mit der volkstümlichen Beschreibung der Anfänge des Menschengeschlechts und des auserwählten Volkes.“

(Brief des Sekretärs der Bibelkommission an den Erzbischof von Paris, Kardinal Suhard, 1948; in: DH 3864)

 

Mit anderen Worten: Die Schöpfungsgeschichte muss keineswegs vollkommen wörtlich zu verstehen sein und die christliche Theologie ist mit der Annahme einer Milliarden von Jahren alten Erde, einer Evolution und einer körperlichen Abstammung des Menschen von Tieren vereinbar; aber Genesis erzählt doch von wirklichen geschichtlichen Ereignissen; der Sündenfall zum Beispiel muss irgendwann einmal tatsächlich geschehen sein, in welcher Form auch immer. Und es gab keinen völlig fließenden Übergang zwischen Tier und Mensch, sondern an irgendeinem Punkt muss Gott menschliche Seelen für von Tieren abstammende Wesen erschaffen haben – wenn wir auch nicht wissen können, wann genau das war.

Aus dem Denzinger: Die mittelalterliche Kirche über den Ehekonsens und heimliche Ehen (und Luthers Ansichten dazu)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

 

Nach katholischer Lehre kommt die Ehe (die zwischen Getauften ein Sakrament ist) durch den Konsens, d. h. die freie Willensbekundung von Braut und Bräutigam, und durch nichts anderes, zustande. Auf dieser Lehre bestand die Kirche im Mittelalter sehr klar: Nicht die Einwilligung der Familien sorgte für eine gültige Ehe, auch nicht der Vollzug der Ehe, sondern allein der Konsens; Zwangsehen waren ungültig und konnten annulliert werden, und Ehen ohne die Zustimmung der Eltern oder heimlich geschlossene Ehen waren gültig.

Im Jahr 866 schrieb Papst Nikolaus I. (den ich in dieser Reihe schon öfter zitiert habe) an die Bulgaren, die mit verschiedenen Fragen an ihn herangetreten waren:

 

„Kap. 3. … Nach den Gesetzen soll allein die Einwilligung derer genügen, um deren Verbindung es sich handelt; wenn bei Hochzeiten allein diese Einwilligung fehlen sollte, so ist alles übrige, auch wenn es mit dem Beischlaf selbst begangen wurde, vergebens, wie der große Lehrer Johannes Chrysostomus bezeugt, der sagt: ‚Die Ehe macht nicht der Beischlaf, sondern der Wille’.“

(Nikolaus I., Brief „Ad consulta vestra“ an die Bulgaren, 13.11.866; in: DH 643)

 

Zu dieser Zeit war es noch möglich, dass ein Mann und eine Frau ohne irgendwelche weiteren Anwesende eine Ehe schlossen, indem sie einfach voreinander das Ehegelübde ablegten. Solche heimlichen Ehen kamen gelegentlich vor, sorgten dann aber auch für Probleme; z. B. konnte ein Mann eine Frau heimlich heiraten, und, wenn er ihrer überdrüssig war, sie verlassen, eine andere heiraten und behaupten, nie mit der ersten verheiratet gewesen zu sein. Die erste Frau hatte in diesem Fall kaum eine Chance vor einem Kirchengericht, da dieses ohne äußere Belege natürlich nicht feststellen konnte, ob sie die Wahrheit sagte oder vielleicht nur behauptete, mit ihm verheiratet zu sein, weil sie in ihn verliebt war und er sie verschmäht hatte.

Zudem konnten bei heimlichen Ehen die sog. Ehehindernisse nicht immer vorher entdeckt werden. Zu den Ehehindernissen, die eine Ehe ungültig machten, gehörte z. B. zu nahe Verwandtschaft der Brautleute, weshalb man, wenn man seine Cousine – oder auch seine Cousine zweiten Grades, die Tochter seines Taufpaten, oder seine verwitwete Schwägerin (damals war die Kirche in dieser Hinsicht noch strenger als heute) – heiraten wollte, erst einmal eine Sondergenehmigung (Dispens) vom Bischof beantragen musste. Wenn jemandem ein trennendes Ehehindernis nicht bewusst war und er dann heiratete, ohne einen Priester hinzuziehen, der ihn darauf hätte hinweisen können, war seine Ehe natürlich ungültig. Auch so ernste Dinge wie Frauenraub oder Gattenmord waren Ehehindernisse, d. h. ein Mann konnte nicht gültig eine Frau heiraten, die er zu diesem Zweck entführt hatte oder deren ersten Mann er zu diesem Zweck ermordet hatte. Oder auch ein früheres Keuschheitsgelübde verhinderte eine gültige Ehe; wer z. B. in einem Orden die ewigen Gelübde abgelegt hatte und dann das Kloster verlassen und sich an einem anderen Ort niedergelassen hatte, konnte nicht gültig heiraten. Ehen sollten also öffentlich geschlossen werden, damit vorher bekannt werden konnte, falls, sagen wir mal, der Bräutigam ein paar Jahre vorher ein Kloster verlassen hatte, und damit alles mit rechten Dingen zuging (kein Zwang o. Ä.), und für die Nachwelt dokumentiert wurde.

Es gab schließlich kirchliche Beschlüsse dazu, dass ein Kleriker und/oder weitere Zeugen bei einer Eheschließung anwesend sein mussten, und dass die Hochzeit vorher angekündigt werden musste (= das Aufgebot bestellt werden musste), damit jemand, der von einem möglichen Ehehindernis wusste, den Priester vorher darauf hinweisen konnte.

Zu diesen Beschlüssen gehört diese Vorschrift des 4. Laterankonzils von 1215:

 

„In die Fußstapfen Unserer Vorgänger tretend, verbieten Wir heimliche Eheschließungen völlig; Wir verbieten auch, daß sich ein Priester unterstehe, an solchen [Eheschließungen] teilzunehmen. Deshalb weiten wir die besondere Gewohnheit bestimmter Gegenden allgemein auf die anderen aus und bestimmen, daß, wenn Ehen geschlossen werden sollen, sie in den Kirchen durch die Priester öffentlich angekündigt werden sollen; dabei soll ein angemessener Termin festgesetzt werden, bis zu dem, wer will und kann, ein rechtmäßiges Hindernis entgegenstellen soll. Nichtsdestoweniger sollen auch die Priester selbst nachforschen, ob sich ein Hindernis entgegenstellt. […]“

(4. Konzil im Lateran, Kap. 51, 1215; in: DH 817)

 

Damit hatte das 4. Laterankonzil die heimlichen Ehen jedoch nicht ungültig, sondern nur unerlaubt gemacht – d. h., wer heimlich heiratete, hatte zwar gegen eine Vorschrift verstoßen und sich evtl. Kirchenstrafen zugezogen, war aber trotzdem gültig verheiratet (wenn kein Ehehindernis gegeben war). Das Konzil von Trient, das im 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation einberufen wurde, ging einen Schritt weiter:

 

„Kap. 1. [Beweggrund und Inhalt des Gesetzes] Auch wenn nicht daran zu zweifeln ist, daß heimliche Ehen, die in freiem Einverständnis der Partner geschlossen wurden, gültige und wahre Ehen sind, solange die Kirche sie nicht ungültig gemacht hat, und daher zurecht jene zu verurteilen sind, wie sie das heilige Konzil mit dem Anathema verurteilt, die leugnen, daß sie wahr und gültig sind, und die fälschlicherweise behaupten, Ehen, die von den Kindern ohne die Zustimmung der Familien geschlossen wurden, seien ungültig, und die Eltern könnten sie gültig oder ungültig machen: so hat die heilige Kirche Gottes sie nichtsdestoweniger aus äußerst triftigen Gründen immer verabscheut und verboten.

Da aber das heilige Konzil feststellt, daß jene Verbote wegen des Ungehorsams der Menschen nichts mehr nützen, und die schweren Sünden erwägt, die in ebendiesen heimlichen Ehen ihren Ursprung haben, vor allem aber [die Sünden] derer, die im Zustand der Verurteilung bleiben, wenn sie, nachdem sie ihre frühere Frau, mit der sie heimlich [die Ehe] geschlossen hatten, verlassen haben, mit einer anderen öffentlich [die Ehe] schließen und mit dieser in fortwährendem Ehebruch leben; da diesem Übel von der Kirche, die über Verborgenes nicht urteilt, ohne Anwendung eines wirksameren Heilmittels nicht Abhilfe geschaffen werden kann, tritt es in die Fußstapfen des unter Innozenz III. gefeierten [4.] heiligen Konzils im Lateran und gebietet, daß künftig, bevor die Ehe geschlossen wird, dreimal vom eigenen Pfarrer der [Ehe]schließenden an drei aufeinanderfolgenden Festtagen in der Kirche während der Meßfeier öffentlich verkündet werde, von wem die Ehe geschlossen werden soll; sind diese Verkündigungen erfolgt, schreite man, wenn sich kein rechtmäßiges Hindernis entgegenstellt, im Angesicht der Kirche zur Feier der Ehe, wo der Pfarrer, nachdem er Mann und Frau gefragt und sich ihres gegenseitigen Einverständnisses vergewissert hat, entweder sage: ‚Ich verbinde euch zur Ehe, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes’, oder andere Worte gebrauche, entsprechend dem üblichen Ritus einer jeden Provinz.

[Einschränkung des Gesetzes] Sollte aber einmal begründeter Verdacht bestehen, eine Ehe könne in böser Absicht verhindert werden, wenn so viele Verkündigungen vorausgegangen sind: dann soll entweder nur eine Verkündigung erfolgen oder die Ehe wenigstens in Gegenwart des Priesters und zweier oder dreier Zeugen gefeiert werden; danach sollen vor ihrem Vollzug die Verkündigungen in der Kirche erfolgen, damit, wenn irgendwelche Hindernisse vorliegen, sie leichter aufgedeckt werden, es sei denn, der Ordinarius selbst erachtet es für zweckmäßig, daß die eben genannten Verkündigungen erlassen werden, was das heilige Konzil seiner Klugheit und seinem Urteil überläßt.

[Sanktion] Diejenigen, die versuchen werden, eine Ehe anders zu schließen als in Gegenwart des Pfarrers oder – mit Erlaubnis des Pfarrers bzw. des Ordinarius – eines anderen Priesters und zweier oder dreier Zeugen: die erklärt das heilige Konzil für völlig [rechts]unfähig, auf diese Weise [eine Ehe] zu schließen, und es erklärt, daß solche [Ehe]schlüsse ungültig und nichtig sind, wie es sie im vorliegenden Dekret ungültig macht und für nichtig erklärt.“

(Konzil von Trient, Dekret „Tametsi“, 11.11.1563; in: DH 1813-1816)

 

Das Konzil von Trient verurteilte in seinen Beschlüssen verschiedene Ansichten der Reformatoren, insbesondere Luther, zur Ehe, u. a. auch die, dass die Polygamie oder die Scheidung möglich wären, oder dass die Ehe kein Sakrament, sondern nur „ein weltlich Ding“ wäre, und in diesem Dekret bezog es sich, was die Ehen ohne elterliches Einverständnis angeht, auf folgenden Abschnitt in Luthers Schrift „De abroganda missa privata“, Teil III, in der Luther sich gegen die „Erfindungen“ des Papstes wendet:

 

„Hierher gehört, dass er, was als Fallstrick für die Seelen gestellt ist, heimliche Ehen untersagt & trotzdem geschlossene dennoch stützt, gegen den Willen der Eltern, so die Söhne & Töchter gegen ihre Eltern rebellieren und die Ehe gegen ihren Willen bewahren lehrt, so dass, selbst wenn er das Recht der Eltern unberührt gelassen hätte, & die Kinder gelehrt hätte, ihren Eltern zu gehorchen, das Werk nichtig gewesen wäre durch sein törichtes und unwirksames Gesetz über die heimlichen Ehen. […] So sollen die Eltern wissen, dass es ihr Recht ist, die Ehen ihrer Kinder ungültig zu machen, & die Kinder sollen wissen, dass sie in diesen Dingen und in allem, was nicht gegen Gott geht, ihren Eltern gehorchen müssen, & dass ihre geheimen Ehen nichtig sind, wenn sie nicht schließlich durch demütige Bitten von ihren Eltern erreichen, dass sie als gültig anerkannt werden & verwünscht sei dieser Papst, der gegen Gott steht mit seinen Gesetzen.“

(„Huc pertinet, quod laqueo animabus posito, prohibet clandestina matrimonia & tamen contracta confirmat, inuitis parentibus, ita filios & filias parentibus rebellare, & contra eorum uoluntatem matrimonium seruare docens, qui si dimitteret ius parentum intactum, & obedire doceret filios parentibus, nihil opus foret sua stulta & stolida lege de clandestinis matrimoniis. […]Sciant itaque parentes sibi ius esse, matrimonia filiorum irrata faciendi, & filii sciant sese obedire debere in his & in omnibus, quae contra deum non sunt, parentibus suis, & matrimonia sua occulta nihil esse, nisi ea demum impetrent humili prece a parentibus rata haberi & execretur Papam istum aduersarium dei cum suis legibus.“ Quelle hier, Übersetzung von mir.)

 

Vermutlich liegt es an dieser theologischen Tradition der Reformation, dass es bei protestantischen Hochzeiten üblich ist, dass der Vater die Braut zum Altar führt, was in katholischen Traugottesdiensten nicht Tradition ist, oder dass sogar gefragt wird „Wer gibt diese Frau in die Ehe?“. (Gerade im englischen Sprachraum scheint es noch weiter verbreitet zu sein, dass der Pfarrer fragt: „Who gives this woman to be married to this man?“, worauf der Vater der Braut antwortet: „I do“.)

Und wieder ein Grund mehr, den Protestantismus nicht zu mögen!

 

PS: Auch der hl. Thomas äußert sich übrigens in der Summa zum Ehekonsens und zu Zwangsehen.

 

Aus dem Denzinger: Die antike Kirche über den Klerikerzölibat

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

 

Manchmal wird behauptet, der Klerikerzölibat wäre erst im Mittelalter eingeführt worden. Das lässt sich leicht widerlegen, indem man sich antike Zeugnisse zu diesem Thema ansieht. Eins der frühesten ist ein Beschluss der Synode von Elvira (300-303):

 

„Kan. 33. Es wurde beschlossen, den Bischöfen, Priestern und Diakonen sowie allen Klerikern, die den Dienst versehen, folgendes Verbot aufzuerlegen: Sie sollen sich von ihren Ehefrauen enthalten und keine Kinder zeugen: jeder aber, der [es] tut, soll aus der Ehrenstellung des Klerikers verjagt werden.“

(Synode von Elvira; in: DH 119)

 

Auch von Papst Siricius (384-399) ist ein Brief zu diesem Thema überliefert:

 

„(Kap. 7, §8) … Wir haben nämlich erfahren, daß sehr viele Priester Christi und Leviten lange Zeit nach ihrer Weihe sowohl aus eigenen Ehen als auch aus schändlichem Beischlaf Nachkommenschaft gezeugt haben und ihr Vergehen mit dem Vorwand verteidigen, dass man im Alten Testament lese, den Priestern und Dienern [sei] die Erlaubnis zum Zeugen zugestanden.

[Gegen dieses Argument wendet der Papst ein:]

(§ 9) Warum wurden die Priester geheißen, im Jahre ihres Amtes sogar fern von ihren Häusern im Tempel zu wohnen? Aus diesem Grund nämlich, damit sie nicht einmal mit ihren Frauen fleischlichen Verkehr ausüben konnten, um in der Reinheit des Gewissens leuchtend ein Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen.

(§ 10) Daher bezeugt auch der Herr Jesus, nachdem er uns mit seiner Ankunft erleuchtet hatte, im Evangelium, daß er gekommen sei, das Gesetz zu erfüllen, nicht aufzulösen [Mt 5,17]. Und deshalb wollte er, daß die Gestalt der Kirche, deren Bräutigam er ist, im Glanze der Keuschheit erstrahle, damit er sie am Tage des Gerichtes, wenn er wieder kommt, ‚ohne Makel und Runzel’ [Eph 5,27] … finden kann. Durch das unauflösliche Gesetz dieser Bestimmungen werden wir alle, Priester und Leviten, gebunden, auf daß wir vom Tage unserer Weihe an sowohl unsere Herzen als auch Leiber der Enthaltsamkeit und Keuschheit überantworten, damit wir dem Herrn, unserem Gott, in den Opfern gefallen, die wir täglich darbringen.“

(Siricius, Brief „Directa ad decessorem“ an Bischof Himerius von Tarragona, 10. 2. 385; in: DH 185)

 

Damals war die Regelung etwas anders als heute: Verheiratete Männer konnten geweiht werden, allerdings mussten sie von ihrer Weihe an enthaltsam leben. Ich persönlich halte ja die spätere Regelung, nur Unverheiratete zu weihen, für besser. Aber man könnte ja mal den Befürwortern von „viri probati“ vorschlagen, es wieder so zu machen wie die frühe Kirche…

Ich habe ja nichts gegen Evangelikale… also, nichts Wirksames.

Kleiner Scherz. Natürlich ist die Wahrheit des katholischen Glaubens wirksam gegen evangelikale Häresien, wenn sie sich vermitteln lässt.

Wie auch immer, ich fand, es wäre mal an der Zeit für ein bisschen Evangelikalen-Bashing. Die evangelikalen Freikirchen sind in den letzten Jahren ja so ein bisschen zu den „Lieblingshäretikern“ von vielen Katholiken geworden. Sie sind wertkonservativ, glaubensstark, beten viel und lesen viel in der Bibel, wagen es, Wörter wie „Mission“ in den Mund zu nehmen und haben mit ihrer Mission oft auch Erfolg, wie man an ihren i. d. R. jungen, wachsenden Gemeinden sehen kann – sie machen vieles richtig, kurz gesagt. Und während sich die „amtskirchliche“ Ökumene in Deutschland noch vor allem auf die traditionell starken Lutheraner konzentriert, bauen erfolgreiche ökumenische „Grass-Roots“-Initiativen wie das Gebetshaus Augsburg und die MEHR-Konferenz eher auf eine Zusammenarbeit zwischen allen Jesus-begeisterten, „konservativen“, „bibeltreuen“ Christen, also hauptsächlich diversen Freikirchen und der Katholischen Kirche.

Ich will hier nicht die Glaubensstärke vieler Evangelikaler kleinreden. Und sie bekommen die Grundsätze des christlichen Glaubens tatsächlich oft gar nicht schlecht hin. Ihr Glaube ist oft mehr defizitär als irrig – aber defizitär ist er definitiv. Ihnen fehlen sieben Bücher in der Bibel, die meisten Sakramente, das Bewusstsein der Gemeinschaft mit den Heiligen im Himmel, eine geeinte Weltkirche, die von Christus die Autorität bekommen hat, in umstrittenen Glaubensfragen zu entscheiden, und noch ein paar andere Dinge. Und das, was ihnen fehlt, ist leider nicht unbedeutend, und es gibt immer noch Dinge, zu denen sie verdrehte Vorstellungen haben, und da sollten wir in der Ökumene drauf aufpassen. Ein Beispiel: Die Alphakurs-Videos vermitteln viel Richtiges und man kann sie schon in katholischen Pfarreien verwenden. Das Video darüber, ob die Auferstehung Jesu historische Wirklichkeit ist, ist zum Beispiel wirklich gut gemacht (auch wenn die deutsche Synchronisation schlecht ist). Das Video über die Bedeutung der Kirche dagegen sagt bloß ein paar nette Sachen darüber, dass wir Christen alle eine Gemeinschaft sind, und bringt dann auch an einer Stelle die Aussage, dass Protestanten, Katholiken usw. alle zusammen die Kirche bilden würden. Das ist aber falsch; Jesus Christus hat eine Kirche gegründet, die auch institutionell eins sein sollte, und die Protestanten und andere haben sich dann später von ihr abgespalten; sie gehören zwar durch die Taufe zur Christenheit, aber eben nicht wirklich zu der einen Kirche. Diese Trennung ist schade, sollte aber nicht geleugnet werden. Ein katholisches Video hätte außerdem noch zusätzliche Informationen über die Bedeutung des Lehramts, der Konzilien, der Päpste, der Bischöfe usw. enthalten und wäre vielleicht auch darauf eingegangen, dass auch die Christen im Himmel und im Fegefeuer ebenso zur Kirche gehören wie die auf der Erde.

Folgende Hauptkritikpunkte am Evangelikalismus fallen mir ansonsten noch ein (ich verallgemeinere natürlich ein bisschen; jede Freikirche ist irgendwo anders als die andere, und es gibt vermutlich wenige, auf die jeder meiner Punkte zutrifft) :

  • Eine unklare und falsche Rechtfertigungslehre. Viele Evangelikale fühlen sich heute zwar unwohl mit der klassischen Lehre der Reformatoren über die Erwählung und den freien Willen, und neigen zu der katholischen Auffassung, dass Gott allen Menschen seine Gnade anbietet und der einzelne Mensch sie dann in einer freien Entscheidung annimmt oder ablehnt, aber manche glauben auch noch ganz klassisch an eine Prädestination im Sinne Calvins. Außerdem ist die Annahme von Gottes Gnade für die meisten Evangelikalen eine einmalige Entscheidung und besteht allein im Glauben, gute Werke gehören nicht dazu (sola fide).
  • Man wird also direkt durch die eigene Entscheidung Christ, also, indem man an irgendeinem Punkt seines Lebens betet: „Jesus, ich glaube, dass du für meine Sünden gestorben bist und übergebe dir von jetzt an mein Leben“ oder so ähnlich. Die Taufe ist dann höchstens noch eine symbolische Handlung, die man vornimmt, um Gott zu zeigen, dass man sich für ihn entschieden hat, weil das anscheinend in der Schrift so vorgesehen ist. Das ist falsch: Tatsächlich sagt die Schrift sehr klar, dass die Taufe uns rettet (1 Petr 3,21; Mk 16,16; Joh 3,5; Tit 3,5…), dass in ihr Gottes Gnade an uns wirkt.* In der evangelikalen Sichtweise ist somit auch nicht vorgesehen, dass Gott auch die noch nicht des Vernunftgebrauchs mächtigen Kinder schon in seinen Bund aufnimmt. Dementsprechend lehnen viele Freikirchen die Kindertaufe ab und meinen, dass jemand, der einfach als Christ aufgewachsen ist und immer selbstverständlich geglaubt hat, nicht unbedingt ein wirklicher Christ ist, weil er ja keine bewusste Entscheidung zu einem klar bestimmbaren Zeitpunkt getroffen hat.
  • Manche Evangelikale leugnen auch, dass jemand, der keine bewusste Entscheidung für Jesus getroffen hat, auf irgendeine Weise erlöst werden kann, auch dann, wenn er nie von Jesus gehört hat. Das lässt offensichtlich Gott ungerecht erscheinen und ist einfach unsinnig (dazu habe ich mich hier auch schon mal geäußert).
  • Wenn man einmal erlöst ist, kann man nach dieser Theologie durch keine Sünde wieder verloren gehen („once saved, always saved“). Die Folge daraus: Wenn jemand, der mal ein entschiedener, gläubiger Christ war, dann ein schlimmer Sünder wird oder wieder vom Glauben abfällt, dann kann derjenige nie wirklich erlöst gewesen sein. Auch, wenn er vorher selber geglaubt hat, wirklich erlöst zu sein. Das führt natürlicht leicht dazu, dass man sich fragt: Bin ich denn wirklich erlöst? War meine Bekehrung denn echt? Wie kann ich mir da sicher sein? Das kann man in diesem theologischen System nicht, obwohl gerade diese Sicherheit, dass man, wenn man sich bekehrt hat, auf jeden Fall in den Himmel kommen würde, der ursprüngliche Hintergedanke bei der Lehre von der „Beharrlichkeit der Heiligen“ war.
  • Die meisten Evangelikalen glauben, dass das Kreuzesopfer Christi folgendermaßen funktioniert hat: Wir Menschen haben Verbrechen (Sünden) begangen, jemand muss dafür bestraft werden, Christus wird an unserer Stelle bestraft und nimmt Gottes gerechten Zorn auf sich, dafür lässt Gott uns straffrei ausgehen; aber hier wird uns nur äußerlich Christi Schuldlosigkeit zugerechnet, während Christus äußerlich unsere Schuld zugerechnet wird, wir werden nicht wirklich innerlich geheiligt. Das ist die reformierte Sicht. Die katholische Sicht ist eher: Wir haben Sünden begangen und dafür ist eine Sühne nötig; wir haben uns dem Teufel verkauft, und dafür zahlt Gott ein Lösegeld. Ein Vergleich: Die reformierte Sicht wäre, dass A aus Freundschaft zu B eine Gefängnisstrafe für B übernimmt; die katholische, dass A aus Freundschaft zu B eine Schadensersatzzahlung übernimmt, die B an C leisten müsste, weil B die nicht selbst leisten kann. (Es ist kompliziert und ich bin nicht sehr gut darin, es zu erklären.) Zudem hängen Rechtfertigung und Heiligung in der katholischen Sicht enger zusammen; wir werden durch Gottes Gnade nicht nur für gerecht erklärt, wobei wir ebenso Sünder bleiben wie vorher, sondern werden auch nach und nach wirklich geheiligt; Heiligung und Erlösung sind eins, daher muss sich ja auch die Annahme von Gottes Gnade in Werken zeigen.
  • Weil die Sakramente nicht viel zählen und das sog. Abendmahl nur selten gefeiert wird und dann nur symbolische Bedeutung hat, verkommt der Sonntagsgottesdienst in vielen Freikirchen zu einer Mischung aus Vortrag und Lobpreiskonzert. Da wird nicht Gottes Handeln an uns erfahrbar, sondern Christen treffen sich, um über ihren Glauben informiert oder ermutigt zu werden und zu Gott zu beten. Das ist gut, aber eben defizitär, wie oben gesagt.
  • Weil sie keine geeinte Kirche haben, haben die Freikirchen auch keine geeinte Lehre. Sie können zwangsläufig keine geeinte Position zu kontroversen Fragen haben. Und ihre einzelnen Positionen sind oft inkonsequent und schlecht begründet. Ein Beispiel: Frauen im Klerus. Liberalere Gemeinden haben kein Problem mit Pastorinnen, was aber viele Christen, die sich als „bibeltreu“ verstehen und Wert auf historische Kontinuität legen, stört. Konservativere Gemeinden dagegen sehen, dass es gegen die Zulassung von Frauen zu Autoritätspositionen in der Kirche gewisse neutestamentliche Einwände gibt, also lassen sie keine Pastorinnen zu; aber sie können das schlecht begründen, weil ihre Pastoren nur Gemeindeleiter und Prediger sind, keine Priester, die Christus repräsentieren – und wieso sollten Frauen nicht Gottesdienste organisieren, Gemeindemitglieder beraten, Vorträge über den Glauben halten dürfen etc.? Die konservativsten Gemeinden erklären dann, um konsequent zu sein, dass Frauen grundsätzlich keine Männer etwas in Glaubensdingen lehren dürften, also z. B. auch keine Bibelgruppe, zu der Männer gehören, leiten dürften; was zwar tatsächlich konsequent ist, dafür aber unsinnig und auch biblisch wieder kaum begründbar (vgl. z. B. Apg 18,26).
  • Viele Freikirchen sind stolz darauf, das  zu lehren, was der historische Glaube der Christenheit sei, auch wenn sie auch Dinge lehren, die tatsächlich eher durch die moderne Kultur geprägt sind. Beispiel: Scheidung und Wiederheirat hinterher. Erlaubt, nicht erlaubt, unter bestimmten Umständen erlaubt? Fast alle Freikirchen erlauben nicht nur die Scheidung, sondern auch die Wiederheirat danach zumindest unter gewissen Umständen, auch wenn sie sie nicht für ideal halten; entgegen den Worten von Jesus und Paulus (Mk 10,2-12; Mt 19,3-12; 1 Kor 7,10f.„Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“). Anderes Beispiel: Künstliche Methoden der Empfängnisverhütung wurden bis 1930 von allen Kirchen abgelehnt und sind heutzutage für die meisten Protestanten völlig unproblematisch.
  • Manchmal stößt man unter Evangelikalen auch auf bizarre theologische Ideen, die erst in den letzten zweihundert oder hundert oder fünfzig Jahren entstanden sind. Paradebeispiel: Die Entrückung (englisch „rapture“). Der Antichrist kommt bald, aber vorher werden alle Christen plötzlich von Jesus in den Himmel entrückt, damit sie nicht wie der Rest der Menschheit die Plagen der siebenjährigen Endzeit durchmachen müssen. Ein anderes Beispiel wäre der sog. „prosperity gospel“.
  • Solche Freikirchen neigen manchmal auch zu dem, was man allgemein als „Biblizismus“ oder „Fundamentalismus“ bezeichnet, nämlich zu der Position, dass die wörtlichste Bibelauslegung immer die stimmigste Bibelauslegung wäre und die, die den größten Respekt vor Gottes Wort zeigt (na ja, außer Christus redet davon, dass Brot und Wein sein Leib und Blut sind, das ist natürlich symbolisch gemeint). Deshalb vertreten sie teilweise kreationistische Positionen, also die Ansicht, dass Gott die Welt vor ca. 6000 Jahren in genau sieben Tagen erschaffen habe. Das ist nicht nur eine nicht zum Text passende Auslegung von Genesis 1, sondern treibt auch Leute vom Christentum weg, die diese komplette Verwerfung von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht annehmen wollen.
  • Viele Evangelikale vertreten die Ansicht, dass die Schrift nicht nur keine Irrtümer enthalte, sondern für alles genüge, was der Christ so wissen muss, und dabei auch ganz klar und eindeutig sei. Das ist einfach objektiv nicht der Fall; es ist nicht immer leicht, rein aus der Bibel ganz klare Imperative zu, sagen wir mal, künstlicher Befruchtung, Abschreckung durch Atomwaffen oder die Verpflichtung zu Kopfbedeckungen für Frauen im Gottesdienst abzuleiten. Deshalb haben ja auch so viele Evangelikale so viele unterschiedliche Ansichten zu allen möglichen Themen.
  • Noch eine jetzt wirklich mehr geschmackliche Sache: Ich habe den Eindruck, dass viele Freikirchler ihre Botschaft zu gefühlsbetont herüberbringen (auch wenn andere Freikirchler sich dann wieder gegen solche Gefühlsbetontheit wenden). Als Beispiel ein Auszug aus der Internetseite der International Christian Fellowship (ICF) München (aus der Rubrik „Unsere Vision“) : „Wir träumen von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht. Er entfacht in ihr eine unvergleichliche Leidenschaft, die sich in lebensverändernden Predigten, kraftvollem Worship und überfließender Kreativität entfaltet. In dieser Kirche feiern und genießen wir die Beziehung zu unserem himmlischen Vater voller Enthusiasmus und lernen ihn in all seinen Facetten immer tiefer kennen.“ Enthusiasmus und Leidenschaftlichkeit sind sicher nicht schlecht; aber Gefühle sind eben nicht das Entscheidende im christlichen Leben (entscheidender sind Vernunftüberlegungen, Entscheidungen, Taten), und manche Leute sind von ihrem Temperament her nicht besonders leidenschaftlich. Manche Leute mögen es nicht mal, bei Worship-Konzerten die Hände in die Luft zu strecken…

Ich sag’s am besten nochmal: Viele Evangelikale machen vieles richtig, und natürlich ist ökumenische Zusammenarbeit da, wo wir übereinstimmen (z. B. beim Lebensschutz oder der Hilfe für verfolgte Christen), sehr gut und wichtig. Aber wir sollten einfach nicht meinen, dass wir bis ein paar unwichtige Details denselben „historischen“, „biblischen“ Glauben teilen würden, während es mit der modernistischen EKD gar keine Gemeinsamkeiten mehr gäbe. Beim Gebetshaus Augsburg zum Beispiel, das ich an sich sehr sympathisch finde, wird oft die Botschaft vermittelt: „Wenn wir Europa wieder zum Christentum zurückführen wollen, geht das nur gemeinsam, da brauchen wir die katholische Kirche und die Freikirchen.“ Nein, nicht zwangsläufig. Um wieder christlich zu werden, müsste Europa nicht zwangsläufig zur Hälfte häretisch werden. Ich bin zwar eigentlich der Ansicht, dass fehlerhaftes Christentum immer noch besser ist als totaler Unglaube (es sei denn, die Fehler sind so gravierend, dass etwas so Pervertiertes wie der Calvinismus herauskommt), aber idealer wäre es doch, die Anhänger eines fehlerhaften Christentums würden die Fülle der Wahrheit in der katholischen Kirche finden.

 

* Natürlich kann Gott auch Leute erlösen, denen die Taufe fehlt, s. das Konzept der Begierdetaufe. Aber Er hat die Taufe als den normalen Standardweg der Erlösung für uns eingerichtet. Wenn ein Verletzter sich an einem unzugänglichen Ort befindet, kann auch ein Hubschrauber kommen, um ihn zu bergen, aber das normalerweise vorgesehene Fahrzeug dafür ist und bleibt trotzdem der Krankenwagen.