Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier Teil 2.

Распятый Иисус Христос.jpg

(Viktor Vasnetsov, Gekreuzigter Christus. Gemeinfrei.)

 

So beschreiben also verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Im apokryphen, dem Apostel Barnabas zugeschriebenen (aber ziemlich sicher nicht authentischen, wenn auch wohl immerhin schon vor 130 n. Chr. entstandenen) Barnabasbrief heißt es:

Denn dazu hat es der Herr auf sich genommen, hinzugeben sein Fleisch zum Verderben, damit wir durch die Nachlassung der Sünden geheiligt werden in der Aussprengung seines Blutes. […]

Auch das noch (muss ich sagen), meine Brüder: wenn der Herr es auf sich nahm, für unsere Seele zu leiden, obwohl er der Herr der ganzen Welt ist, zu dem Gott bei der Grundlegung der Welt sprach: ‚Lasset uns den Menschen schaffen nach unserem Bild und Gleichnis‘3, wie nun hat er es auf sich genommen, von Menschenhand zu leiden? Verstehet! Die Propheten, welche von ihm die Gnade hatten, weissagten auf ihn hin; weil er aber im Fleische sich offenbaren musste, damit er den Tod entkräfte und die Auferstehung von den Toten zeige, nahm er (das Leiden) auf sich, damit er den Vätern die Verheißung einlöse und sich selbst das neue Volk bereite und auf Erden wandelnd nachweise, dass er die Auferstehung bewirken und dann richten werde. Überdies lehrte er Israel, und indem er solche Zeichen und Wunder tat, trat er als (Gottes) Herold auf, und gar sehr liebte er es (das Volk Israel). Als er aber seine eigenen Apostel, die sein Evangelium verkünden sollten, Leute, die über alles Sündenmaß ungerecht waren, auserwählt hatte, um zu zeigen, dass er nicht gekommen ist, die Gerechten, sondern die Sünder zu berufen4, da offenbarte es sich, dass er der Sohn Gottes ist. Wenn er nämlich nicht im Fleische erschienen wäre, wie wären die Menschen am Leben geblieben bei seinem Anblick, die es nicht aushalten können, in die Sonne zu sehen, seiner Hände Werk, das jetzt noch besteht, einmal aber nicht mehr sein wird, und in ihre Strahlen ihr Auge zu richten? (Barnabasbrief 5,1.5-10)

 

Im 2. Clemensbrief (der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern eine einige Jahrzehnte später, in der Mitte des 2. Jahrhunderts, entstandene Fälschung ist), heißt es:

Brüder, wir müssen von Jesus Christus so denken wie von Gott, wie von einem Richter über Lebende und Tote1; und wir dürfen nicht gering denken über unser Heil. Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.“ (2. Clemensbrief 1)

 

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift aus dem 2. Jahrhundert, die sich als Brief der zwölf Apostel ausgibt und einen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung berichtet, heißt es:

„Das wissen wir: unser Herr und Heiland Jesus Christus (ist) Gott, Sohn Gottes, der gesandt worden ist von Gott, dem Herrscher der ganzen Welt, dem Schaffer und Schöpfer dessen, was mit jedem Namen benannt wird, der über allen Herrschaften ist, (als) Herr der Herren und König der Könige, der Gewaltige der Gewaltigen, der Himmlische, der über Cherubim und Seraphim ist und zur Rechten des Thrones des Vaters sitzt, der durch sein Wort den Himmeln gebot und die Erde und, was auf ihr ist, erbaute und das Meer begrenzte, daß es nicht seine Grenze überschreite, und (machte, daß) Tiefen und Quellen sprudeln und auf der Erde fließen Tag und Nacht; der die Sonne, den Mond und die Sterne am Himmel gründete und der Licht und Finsternis schied, der der Hölle gebot und im Augenblick entbietet den Regen zur Winterszeit und Nebel, Reif und Hagel und die Tage (?) zu ihrer Zeit; der erschüttert und festigt; der den Menschen nach seiner Gestalt und seinem Bilde geschaffen hat; der durch die Patriarchen und Propheten in Bildern geredet hat und in Wahrheit durch den, den die Apostel verkündigt und die Jünger betastet haben. Und Gott, der Herr, der Sohn Gottes – wir glauben: das Wort, welches aus der heiligen Jungfrau Maria Fleisch wurde, wurde in ihrem Schoße getragen (verursacht) vom heiligen Geiste, und nicht durch Lust des Fleisches, sondern durch den Willen Gottes wurde es geboren und wurde in Bethlehem (in Windeln) gewickelt und offenbart und daß es großgezogen wurde und heranwuchs, indem wir es sahen. […]

Und dies offenbarte und zeigte uns unser Herr und Heiland und wir euch gleicherweise, damit ihr Genossen an der Gnade des Herrn und unseres Dienstes und an unserer Herrlichkeit seid, indem ihr auf das ewige Leben sinnt. Seid, ohne zu wanken, fest in der Erkenntnis und Erforschung unseres Herrn Jesu Christi, und er wird sich gnädig erweisen und retten immerdar und in alle niemals endende Ewigkeit.“ (Epistula Apostolorum 3(14) u. 6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 128f.)

Jesus sagt in dieser Schrift:

Und deshalb habe ich alle Barmherzigkeit vollendet: ohne gezeugt zu werden, bin ich von Menschen geboren (oder: gezeugt) und, ohne Fleisch zu haben, habe ich Fleisch angezogen und bin aufgewachsen, damit (ich) euch, die ihr im Fleisch gezeugt werdet, (wiedergebäre) und ihr in der Wiedergeburt die Auferstehung in eurem Fleisch erhaltet, einem Gewande, das nicht vergehen wird, mit allen, die hoffen und glauben an den, der mich gesandt hat; denn so hat mein Vater an euch Wohlgefallen gefunden, und denen, welchen ich will, gebe ich die Hoffnung des Reiches.‘ Darauf sprachen wir zu ihm: ‚Groß ist, wie du hoffen läßt und redest.‘ Er antwortete und sprach zu uns: ‚Glaubet (richtig müßte es heißen: Glaubt ihr), daß alles, was ich euch sage, geschehen wird!‘ Und wir antworteten ihm und sprachen zu ihm: ‚Ja, o Herr.'“ Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, daß ich alle Gewalt von meinem Vater empfangen habe, damit ich die in Finsternis Befindlichen ins Licht zurückführe und die in Vergänglichkeit Befindlichen in die Unvergänglichkeit und die im Irrtum Befindlichen in die Gerechtigkeit und die im Tode Befindlichen ins Leben und damit die in Gefangenschaft Befindlichen entfesselt werde, wie das, was von seiten der Menschen unmöglich ist, von seiten des Vaters möglich ist. Ich bin die Hoffnung der Hoffnungslosen, der Helfer derer, die keinen Helfer haben, der Schatz der Bedürftigen, der Arzt der Kranken, die Auferstehung der Toten.‘ (Epistula Apostolorum 21(32), in: ebd., S. 138 (äthiopische Fassung).)

 

In einem Bericht über das Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike (irgendwann zwischen 161 und 180) sagt Karpus vor Gericht folgendes:

„Karpus entgegnete: Ich bin ein Christ und verehre Christus, den Sohn Gottes, der in den letzten Zeiten zu unserm Heile gekommen ist und uns von dem Truge des Teufels befreit hat; diesen Götzenbildern da aber opfere ich nicht. Tu, was du willst; denn mir ist es unmöglich, Truggestalten der Dämonen zu opfern; sind doch die, welche diesen opfern, ihnen gleich. Wie nämlich die wahren Verehrer – nach der göttlichen Erzählung des Herrn die, welche Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten1 – der Herrlichkeit Gottes ähnlich werden und mit ihm unsterblich sind, teilhaftig des ewigen Lebens durch den Logos, so werden auch die, welche diesen2 dienen, ähnlich der Eitelkeit der Dämonen und gehen mit ihnen in der Hölle unter; sie teilen die gerechte Strafe mit demjenigen, der den Menschen, das auserwählte Geschöpf Gottes, hintergangen hat, ich meine mit dem Teufel, der in seiner Schlechtigkeit den Menschen beneidet hat. Darum wisse, Prokonsul, daß ich diesen nicht opfere. (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 1)

 

Dann gäbe es die Petrusakten (spätes 2. Jahrhundert), die Legenden über Petrus, v. a. sein Wirken in Rom und sein Martyrium, berichten. In den Petrusakten kommt zu Anfang noch eine Predigt des Paulus vor; dabei sagt er ganz deutlich: Jesus = Gott.

„Da gebot Paulus Schweigen und sagte: ‚Ihr Brüder, die ihr jetzt an Christus zu glauben begonnen habt, wenn ihr nicht in eurem früheren Wandel und in euren väterlichen Überlieferungen bleibt und euch enthaltet von allem Betrug und Jähzorn, von aller Grausamkeit und Ehebruch und Befleckung und von Hochmut und Eifersucht, Hoffart und Feindseligkeit, so wird euch Jesus, der lebendige Gott, nachlassen, was ihr in Unwissenheit getan habt. Deswegen, ihr Knechte Gottes, wappnet euch, ein jeder an seinem inwendigen Menschen, mit Frieden, Gleichmut, Milde, Glaube, Liebe, Erkenntnis, Weisheit, Bruderliebe, Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit, Güte, Gerechtigkeit! Dann werdet ihr in Ewigkeit den Erstgeborenen der gesamten Schöpfung zu eurem Führer haben und Tugend in Frieden mit unserem Herrn.‘ Als sie dieses aber von Paulus gehört hatten, baten sie ihn, er möge für sie beten. Paulus aber erhob seine Stimme und sprach: ‚Ewiger Gott, Gott der Himmel, Gott von unaussprechlicher Majestät, der du alles durch dein Wort befestigt hast, der du [die dem Menschen] angebundene Fessel [zerbrochen hast, der du das Licht] deiner Gnade aller Welt hast zuteil werden lassen, Vater deines heiligen Sohnes Jesu Christi, wir bitten dich miteinander durch deinen Sohn Jesus Christus, die Seelen zu stärken, die einst ungläubig waren, jetzt aber gläubig sind.“ (Petrusakten 1/2, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 192)

Als dann Petrus nach Rom kommt, hält er seine erste Predigt dort:

„Am ersten Tage der Woche aber kam die Menge zusammen, um den Petrus zu sehen. Daher begann Petrus mit sehr lauter Stimme zu reden: ‚Ihr hier versammelten Männer, die ihr auf Christus hofft, ihr, die ihr eine kleine Weile Versuchung erlitten habt, merket auf! Warum hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt oder warum hat er (ihn) durch die Jungfrau Maria hervorgebracht, wenn er nicht irgendeine Gnade und einen Heilsweg schaffen wollte? Denn er wollte beseitigen alles Ärgernis und alle Unwissenheit und alle Macht des Teufels, (seine) Anschläge und Kräfte unwirksam machen, durch welche er einst die Oberhand hatte, bevor unser Gott in der Welt als Licht erstrahlte. Weil sie (die Menschen) mit ihren vielen und mannigfaltigen Schwachheiten durch Unwissenheit in den Tod stürzten, hat der allmächtige Gott, von Mitleid bewegt, seinen Sohn in die Welt gesandt, wobei ich zugegen gewesen bin.“ (Petrusakten 3/7; in: ebd., S. 197)

Jesus unter uns:

„Daher wollen wir unsere Knie vor Christus beugen, der uns erhört, auch wenn wir nicht gerufen haben. Er ist es, der uns sieht, auch wenn er nicht mit diesen Augen gesehen wird; aber er ist unter uns. Wenn wir wollen, wird er nicht von uns weichen. Darum laßt uns unsere Seelen reinigen von jeder schändlichen Versuchung, dann wird Gott nicht von uns weichen; und wenn wir nur mit den Augen zuwinken, so ist er bei uns.“ (Petrusakten 6/18, in: ebd., S. 206)

Petrus sagt an späterer Stelle über die Schriften und über Jesus folgendes:

„Petrus aber ging in das Speisezimmer und sah, daß das Evangelium gelesen wurde. Er rollte es zusammen und sagte:

‚Ihr Männer, die ihr an Christus glaubt und hofft, ihr sollt erfahren, wie die heilige Schrift unseres Herrn verkündet werden muß. Was wir nach seiner Gnade, soweit wir es verstanden haben, niedergeschrieben haben, erscheint euch zwar bisher noch schwach; dennoch (haben wir es geschrieben) gemäß unseren Kräften, soweit es erträglich ist, es in menschliches Fleisch zu bringen. Wir müssen also zuerst Gottes Willen oder (seine) Güte kennenlernen, da ja einst der Betrug weit verbreitet war und viele Tausende von Menschen in das Verderben stürzten, und (darum) der Herr in seiner Barmherzigkeit veranlaßt war, sich in anderer Gestalt zu zeigen und im Bilde des Menschen zu erscheinen, bezüglich dessen weder die Juden noch wir in der Lage sind, würdig erleuchtet zu werden. Denn jeder von uns sah (ihn), wie er es zu fassen vermochte, je nachdem er es konnte.

Jetzt aber will ich euch erklären, was euch gerade vorgelesen worden ist. Unser Herr wollte mich seine Herrlichkeit auf heiligem Berge sehen lassen; als ich aber mit den Söhnen des Zebedäus den Glanz seines Lichtes sah, fiel ich wie tot nieder und schloß meine Augen und hörte seine Stimme so, wie ich es nicht beschreiben kann; ich glaubte, daß ich von seinem Glanz erblindet sei. Und als ich ein wenig aufatmete, sprach ich zu mir: ‚Vielleicht hat mein Herr mich hierher führen wollen, um mich des Augenlichts zu berauben‘. Und ich sagte: ‚Und wenn das dein Wille ist, Herr, dann widerspreche ich nicht‘. Und er gab mir die Hand und richtete mich auf. Und als ich aufstand, sah ich ihn wiederum so, wie ich ihn fassen konnte.

So also geliebteste Brüder, hat der barmherzige Gott unsere Schwachheiten getragen und unsere Sünden auf sich genommen, wie der Prophet sagt: ‚Er trägt unsere Sünden und für uns leidet er Schmerzen; wir aber glaubten, daß er in Schmerzen sei und von Wunden geplagt würde‘. Denn ‚er ist ja im Vater und der Vater in ihm‘; er selbst ist auch die Fülle aller Herrlichkeit, der uns alle seine Güte gezeigt hat. Er hat gegessen und getrunken unsertwegen, obwohl er weder hungrig noch durstig war, er hat ertragen und Beschimpfungen erduldet unsertwegen, er ist gestorben und auferstanden um unsertwillen. Er, der auch mich, als ich sündigte, verteidigt und gestärkt hat in seiner Größe, wird auch euch trösten, auf daß ihr ihn liebt, diesen Großen und ganz Kleinen, den Schönen und Häßlichen, Jüngling und Greis, in der Zeit erscheinend und (doch) in Ewigkeit gänzlich unsichtbar, den eine menschliche Hand nicht gehalten hat und der von seinen Dienern gehalten wird, den das Fleisch nicht gesehen hat und der jetzt gesehen wird, der kein Gehör gefunden hat, der aber jetzt bekannt und das gehörte Wort geworden ist; dem die Leiden fremd waren und der jetzt gleichsam wie wir gezüchtigt ist, er, der niemals gezüchtigt war, ist jetzt gezüchtigt; der vor der Welt ist und in der Zeit wahrgenommen wurde, aller Herrschaft großer Anfang und (doch) den Fürsten ausgeliefert; schön, aber unter uns niedrig und hässlich erschienen, aber voller Fürsorge: Diesen Jesus habt ihr, Brüder, die Tür, das Licht, den Weg, das Brot, das Wasser, das Lebendige, die Auferstehung, der Trost, die Perle, den Schatz, den Samen, die Sättigung, das Senfkorn, den Weinstock, den Pflug, die Gnade, den Glauben, das Wort. Dieser ist alles, und es ist kein anderer größer als er. Ihm sei Lob in alle Ewigkeit, Amen. (Petrusakten 7/20, in: ebd., S. 207f.)

Petrus sagt in den Petrusakten bei seiner eigenen Kreuzigung folgendes (teilweise ist diese Rede etwas rätselhaft, und evtl. von gnostischen Gedanken beeinflusst; an einer Stelle zitiert er einen Spruch, der so ähnlich im gnostischen Thomasevangelium vorkommt):

„Als er aber hinzukam und bei dem Kreuze stand, begann er zu sprechen: ‚O Name des Kreuzes, verborgenes Geheimnis; o unaussprechliche Gnade, die mit dem Namen des Kreuzes ausgesprochen ist; o Natur des Menschen, die von Gott nicht getrennt werden kann, o unsagbare und unzertrennbare Liebe, die von unreinen Lippen nicht bekannt werden kann; ich erfasse dich jetzt am Ende, da ich mich von hier löse. Ich will dich bekannt machen, wie du bist. Ich will das meiner Seele einst verschlossene und verborgene Geheimnis des Kreuzes nicht verschweigen. Das Kreuz sei euch, die ihr auf Christus hofft, nicht das, was sichtbar erscheint; denn etwas anderes als das Sichtbare ist dieses (Leiden) gemäß dem Leiden Christi. Und jetzt vor allem, da ihr, die ihr zu hören vermögt, (es hören) könnt von mir, der ich in der letzten Stunde und am Ende meines Lebens stehe, höret: von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern, von allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist. Verschließet diese eure Augen, verschließet diese eure Ohren, (haltet euch fern) von den Dingen, die sichtbar erscheinen! Und ihr werdet das, was Christus betrifft und das ganze Geheimnis eures Heils erkennen. Und dies sei euch, die ihr es hört, gesagt, als wäre es nicht gesagt. Die Stunde aber (ist da) für dich, Petrus, deinen Leib denen, die ihn nehmen wollen, hinzugeben. Nehmt ihr also hin, deren Beruf es ist. Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders! Und warum, das werde ich den Hörenden sagen.‘

Als sie ihn nun in der Art, wie er es gefordert hatte, aufgehängt hatten, begann er wieder zu reden: ‚Ihr Männer, die ihr zum Hören berufen seid, vernehmt, was ich gerade jetzt, während ich (am Kreuz) hänge, euch verkündigen werde! Erkennet das Geheimnis der ganzen Schöpfung und den Anfang aller Dinge, wie er war. Denn der erste Mensch, dessen Art ich in (meiner) Gestalt trage, mit dem Kopf nach unten gestürzt, zeigte eine Entstehungsart, die ehemals nicht so war; denn sie war tot, da sie keine Bewegung hatte. Als er nun herabgezogen wurde, er, der auch seinen Ursprung auf die Erde warf, hat er das Ganze der Anordnung festgestellt, aufgehängt nach Art der Berufung, bei der er das Rechte als Linkes und das Linke als Rechtes gezeigt hat, und hat alle Zeichen der Natur geändert, (nämlich) das Nichtschöne als schön zu betrachten und das wirklich Schlechte als Gutes. Darüber sagt der Herr im Geheimnis: ‚Wenn ihr nicht das Rechte macht wie das Linke und das Linke wie das Rechte und das Obere wie das Untere und das Hintere wie das Vordere, so werdet ihr das Reich (Gottes) nicht erkennen.‘ Dieses Verständnis nun habe ich zu euch gebracht, und die Art, in der ihr mich hängen seht, ist die Abbildung jenes Menschen, der zuerst zur Entstehung kam. Ihr nun, meine Geliebten, die ihr es jetzt hört und die ihr hören werdet, müßt ablassen von dem ersten Irrtum und wieder zurückkehren. Denn es sollte sich geziemen, an das Kreuz Christi zu kommen, der da ist einzig und allein das ausgebreitete Wort, von dem der Geist sagt: ‚Denn was ist Christus anders als das Wort, der Schall Gottes?‘ damit Wort sei dieses aufrechtstehende Holz, an dem ich gekreuzigt bin; der Schall aber ist der Querbalken, (nämlich) die Natur des Menschen; der Nagel aber, der an dem geraden Holz den Querbalken in der Mitte festhält, ist die Bekehrung und Buße des Menschen.

Da du mir nun dieses kundgetan und offenbart hast, o Wort des Lebens, wie von mir jetzt das Holz genannt worden ist, so danke ich dir, nicht mit diesen Lippen, die angenagelt sind, auch nicht mit der Zunge, durch die Wahrheit und Lüge hervorgeht, auch nicht mit diesem Worte, das von der Kunst irdischer Natur hervorgebracht wird, sondern mit jener Stimme danke ich dir, o König, die durch Schweigen vernommen wird, die nicht im Offenbaren gehört wird, die nicht durch die Organe des Körpers hervorgeht, die nicht in fleischliche Ohren eingeht, die nicht vom vergänglichen Wesen gehört wird, die nicht in der Welt ist und auf der Erde ertönt, auch nicht in Büchern geschrieben wird, auch nicht dem einen gehört, dem anderen nicht, sondern mit dieser (Stimme), Jesus Christus, danke ich dir: Mit dem Schweigen der Stimme, der der Geist in mir, der dich liebt und mit dir spricht und dich sieht, begegnet. Du bist nur dem Geist erkennbar. Du bist mir Vater, du mir Mutter, du mir Bruder, du Freund, du Diener, du Haushalter. Du (bist) das All, und das All (ist) in dir; und du (bist) das Sein, und es gibt nichts anderes, was ist, außer dir allein. Zu ihm fliehet nun auch ihr, Brüder, und lernt, dass ihr euer Wesen in ihm habt, und ihr werdet dann das erlangen, von dem er zu euch sagt: ‚Was weder ein Auge gesehen hat, noch ein Ohr gehört hat, noch in ein Menschenherz gekommen ist.‘ Wir bitten nun um das, was du uns zu geben versprochen hast, unbefleckter Jesus; wir loben dich, wir danken dir und bekennen dich, indem wir – noch schwache Menschen – dich preisen. Denn du allein bist Gott und kein anderer, dem der Ruhm sei jetzt und in alle Ewigkeiten Amen.'“ (Petrusakten 9/37(8)-39(10), in: ebd., S. 219f.)

 

In den christlichen Sibyllinen, prophetischen Schriften, in denen es vor allem um das Ende der Welt geht, heißt es über Christus:

„[Wenn das Mädchen den Logos des höchsten Gottes gebären,
Aber als eh’liches Weib dem Logos den Namen wird geben,
Dann wird im Osten ein Stern am hellerlichten Tage
Glanzvoll strahlend erscheinen erdwärts von himmlischer Höhe,
Kündend ein großes Zeichen den armen sterblichen Menschen.]
Ja, dann kommt zu den Menschen der Sohn des gewaltigen Gottes,
Irdischen Leibs, vom Fleische umhüllt und den Sterblichen ähnlich.
Vier Vokale er hat und zweimal den Konsonanten,
Und nun will ich dir auch die gesamte Zahl noch verkünden:
Einer sind acht vorhanden und Zehner noch ebensoviele;
Hunderter acht noch dazu verrät ungläubigen Menschen
Seines Namens Gestalt; doch du im gläubigen Herzen
Denke sofort an Christus, den Sohn des erhabenen Gottes.
Gottes Gebot erfüllet er selbst, nicht löst er die Satzung,
Bietet als Muster sich dar den Seinen und lehret sie alles.
Diesem nahen die Priester und bringen ihm reiche Geschenke:
Gold und Weihrauch und Myrrhen; denn so wird alles er fügen.
Wenn man dereinst seine Stimme vernimmt im Schweigen der Wüste,
Botschaft bringend den Menschen und alle eindringlich ermahnend,
Eben zu machen die Pfade und auszutilgen im Herzen
Bosheit jeglicher Art, im Bade des Heiles zu läutern
Ganz den sündigen Leib, auf daß sie, aufs neue geboren
Meiden die Sünde und nie des Rechtes Pfade verlassen, –
Dann ein Barbar, von der Tänzerin Kunst berückt und bezaubert,
Lohnet den Tanz mit des Rufenden Haupt, und ein plötzliches Wunder
Bietet den Menschen sich dar, wenn sicher und frei aus Ägypten
Kommt der köstliche Stein, an dem sich das Volk der Hebräer
Stößt mit strauchelndem Fuß, die heidnischen Völker dagegen
Sammeln sich freudig um ihn: des waltenden Gottes Gebote
Lernen sie kennen durch ihn und den Pfad im gemeinsamen Lichte.
[…]
Und dann heilt er die Kranken und bringt den Gequälten Erlösung,
Die an ihn glauben und froh den Namen des Höchsten bekennen.
Sehend macht er die Blinden, und hurtig laufen die Lahmen;
Taube verstehen genau, es reden der Sprache Beraubte;
Böse Dämonen vertreibt er, und Tote erweckt er zum Leben,
Wandelt zu Fuß übers Meer und in öder, verlassener Gegend
Macht er tausende satt mit fünf armseligen Broten
Und einem winzigen Fisch; die Reste des leckeren Mahles
Füllen zum Rande zwölf Körbe noch voll für die heilige Jungfrau.

[…]
Wenn seine Arme am Kreuz, weit offen, umspannen das Weltall,
Dornengekrönt sein Haupt, wenn nach dem Gesetze die Seite
Grausam geöffnet der Speer, dann wird durch volle drei Stunden
Mitten am Tage die Welt in schauriges Dunkel gehüllt sein.
Dann wird der Tempel, den Salomon schuf, ein mächtiges Wunder,
Zeigen dem Menschengeschlecht, wenn jener hinab in den Hades
Wandert, dem Volke der Toten die Auferstehung zu bringen.
Wenn er dereinst dreitägigem Schlafe des Grabes entronnen,
Wenn er ein Vorbild den Seinen gezeigt und alles gelehrt hat,
Fährt er auf Wolken empor in die Wohnung des himmlischen Vater;
Aber der Welt hinterläßt er des Evangeliums Satzung.
Und es erblüht aus heidnischem Stamm die neue Gemeinde;
Christi Geboten getreu ererbt sie den Namen des Meisters.
Aber auch dann leiten als kundige Führer des Lebens
Weise Berater das Volk anstatt der Propheten und Seher.“

(Christliche Sibyllinen I,323-386, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 502-504.)

An einer anderen Stelle heißt es:

„Singen will ich aus Herzensgrund von dem großen, berühmten
Sohn des Unsterblichen, dem seinen Thron gab der höchste Erzeuger
Vor der Geburt; denn im Fleisch, das ihm ward, trat er auf und
Ließ sich taufen im strömenden Wasser des Jordanflusses,
Der mit bläulichem Fuß seine Wogen wälzend dahinrollt:
Feurigem Glanze entsteigend er schaut Gottes lieblichen Geist, der
Kommt vom Himmel herab in der Taube weißem Gefieder.
Aufblühen wird eine reine Blüte, es springen die Quellen.
Zeigen wird er den Menschen die Wege und zeigen die Pfade
Himmelwärts und auch alle mit weisen Worten belehren,
Führt sie zum Recht und bekehrt die verstockten Herzes des Volkes,
Laut bekennend den ruhmreichen Stamm seines himmlischen Vaters,
Wandelt zu Fuß übers Meer und von Krankheit befreit er die Menschen.
Wecken wird er die Toten zum Leben, verscheuchen viel Schmerzen.
Aber aus einem Ranzen mit Brot er sättigt die Menschen,
Wenn Davids Haus seinen Schößling treibt. Aber in seiner Hand ruht
Alle Welt: die Erde sowohl wie das Meer und der Himmel.
Hinblitzen über die Erde wird er, wie ihn einstmals erscheinen
Sahen die zwei, aus den Seiten erzeugt voneinander.
Da wird die Erde sich freuen der Hoffnung aus dieses Knäblein.
[…]
O du gepriesenes Holz, auf dem ausgestreckt war der Herrgott,
Nicht mehr birgt dich die Erde, am Firmamente erscheinst du,
Wenn dein feuriges Auge, o Gott, wird erblitzen am Himmel.

(Christliche Sibyllinen VI,1-28; in: ebd., S. 509f.)

An einer weiteren Stelle:

Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.
Unsern Erlöser und Herrn, den Ewigen habe ich also

Zum Gedächtnis der Welt in Akrostichen besungen.
Er war bezeichnet, da Moses streckte die heiligen Arme
Siegend ob Amalek im Glauben, dem Volke zur Kenntnis,
Daß erwählt bei Gott dem Vater und immer geehrt sei
Davids Rute, sowie auch der Stein, den er einstens versprochen,
Dem man gläubig vertrauen soll, um ewiges Leben zu haben.
Denn nicht in Herrlichkeit, sondern als Mensch wird er kommen auf Erden,
Elend, entehrt, unansehnlich, den Elenden Hoffnung zu geben.
Er wird vergänglichem Fleische Gestalt und himmlischen Glauben
Den Ungläubigen geben und ausgestalten den Menschen,
Welchen im Anfang Gottes heilige Hände geschaffen,
Und den die Schlange betörte, daß nun er zum Schicksal des Todes
Kam und nach Wunsch die Erkenntnis gewann vom Guten und Bösen,
So daß er Gott verließ und huldigte sterblichem Wesen.
Ihn auch nahm als Berater im Anfang Gott der Allmächt’ge,
Sprechend die Worte: ‚So wollen wir beide zusammen, mein Kind, un
Sterblicher Menschen Geschlecht abbilden nach unserem Gleichnis!
Jetzt will ich mit den Händen, doch du alsdann mit dem Logos
Sorgen für unsere Gestalt und gemeinsam schaffen Erstehung!‘
Dieses Beschlusses gedenkend wird er jetzt kommen auf Erden,
Und mit Wasser taufend zugleich durch ältere Hände,
Alles bewirkend durchs Wort und heilend jegliche Krankheit.
Durch sein Wort wird er stillen die Winde und glätten die Meerflut,
Während sie tobt, sie mit Füßen des Friedens im Glauben betretend.
Mit fünf Broten zumal und einem einzigen Seefisch
Wird in der Wüste er sätt’gen fünftausend hungrige Menschen.
Und mit den übriggebliebenen Brocken allein wird er füllen
Zwölf gewaltige Körbe zur Hoffnung der schmachtenden Völker.
Und er wird rufen die Seelen der Sel’gen, die Elenden lieben,
Die zwar boshaft verspottet, doch Böses mit Gutem vergelten
Und trotz Schlägen und Peitschenhieben nach Armut sich sehnen.
Alles merken und alles erschauend und alles erhörend,
Wird er ins Herz tief blickend das Inn’re zur Prüfung enthüllen;
Denn er selber ist aller Gehör und Verstand und Gesichte.
Und das Wort, das die Welten erschuf und dem alles gehorsam,
Das sogar Tote erweckt und Heilung bringet den Siechen,
Kommt in der Bösen Gewalt, gottloser, ungläubiger Menschen.
Schläge versetzen dem Gott ruchlose, unheilige Hände,
Und aus ekelem Mund besudelt ihn giftiger Speichel.
Er aber bietet geduldig den blutigen Rücken der Geißel.
Trotz aller Schläge wird stille er schweigen, daß keiner erkenne,
Wer und wessen er sei und woher, um die Toten zu rufen.
Und von Dornen den Kranz wird er tragen; denn immerdar kommen
Wird aus den Dornen der Kranz der Heiligen, welche erwählt sind.
Auch schlägt man mit dem Rohr seine Seite nach ihrem Gesetze…
Doch wenn all dies dann sich erfüllt hat, was ich geredet,
Dann wird in ihm sich lösen jedes Gesetz, das von Anfang
Wegen des trotzigen Volkes durch menschliche Satzungen aufkam.
Doch er wird ausbreiten die Hände und messen das Weltall.
‚Und sie reichten ihm Galle zur Speise und Essig zum Trinken‘:
Solchen ungastlichen Tisch ihm werden die Gottlosen zeigen.
Und der Vorhang zerreißt im Tempel, und mitten am Tage
Wird drei Stunden hindurch ganz dunkle gewaltige Nacht sein.
Denn nicht mehr nach geheimem Gesetz noch im Tempel verborgen
Vor den Erscheinungen in dieser Welt den Gottesdienst zu halten
Wurde gezeigt, als der ewige Herrscher auf Erden herabstieg.
Und dann steigt er zur Hölle hinab, den Seelen der Frommen
Hoffnung zu künden, das Ende der Zeit und den jüngsten der Tage.
Wo ist dein Stachel, o Tod, wenn jeder drei Tage entschlafen?
Denn dann kehrt er zurück ans Licht aus dem Reiche des Hades
Auferstehung und Leben den Auserwählten zu bringen,
Tilgend im Wasser unsterblichen Quells ihrer früheren Bosheit
Schlacken und häßlichen Schmutz, auf daß sie aufs neue geboren
Nicht mehr frönen hinfort der Welt abscheulichen Bräuchen.
Seinen Erwählten zuerst erscheint der Erstandene wieder
Menschlichen Leibs, wie er ehemals war; doch Hände und Füße
Zeigen vier Male, von Nägeln gebohrt in die göttlichen Glieder:
Osten verstehe und Westen, an Mitternacht denke und Mittag;
das sind die Reiche der Erde, die Gottes erhabenen Sohn einst
Morden verblendeten Sinns, das Vorbild unseres Lebens.
Freu dich, Tochter Sion, du heil’ge, nach so vielen Leiden!
Selber dein König kommt auf zahmen Füllen geritten.
Siehe, gar sanftmütig kommt er, damit er das Sklavenjoch trage,
Das schwer tragbar auf unserm Nacken jetzt lieget und lastet,
Und uns löse die gottlose Satzung und drückende Fesseln.
Ihn erkenne als deinen Gott, der zugleich Gottes Sohn ist;
Diesen preise und trag‘ ihn in deinem Herzen und lieb‘ ihn
Aus deiner ganzen Seele und halt‘ seinen Namen in Ehren.
Alte Gesetze lasse beiseite und wasch‘ dich von Blutschuld!
Nicht durch deine Gesänge und deine Gebete wird er versöhnt, nicht
Achtet vergängliche Opfer der unvergängliche Herrscher,
Sondern stimm‘ aus verständigem Mund ein heiliges Lied an
Und erkenne sein Wesen, so wirst du dann schaun den Erzeuger.“ (Christliche Sibyllinen VIII,249-336; in: ebd. S. 519-521.)

Und:

„Selbsterzeugt und rein, beständig während und ewig
Er vermag auch den feurigen Hauch abzumerzen des Himmels (?),
Hemmet des Donners Szepter zugleich  mit dem schrecklichen Blitze
Und besänftigt das Rollen des furchtbar krachenden Donners,
Und die Erde erschütternd er hemmt das Tosen [des Meeres],
Mildert auch die feuerflammenden Geißeln der Blitze,
Und des Regens gewaltige Güsse, den Hagelschlag, den
Kalten, der Wolken Entladung, die tobenden Sturmesgewitter.
……………………………………………………………………………………………………….
Der schon vor jeglicher Schöpfung bei dir war als Sohn und Berater,
Er ist der Schöpfer der Menschen und er der Spender des Lebens.
Damals nahmst du als erster das Wort und redetest also:
‚Laß den Menschen uns machen, o Sohn, nach unserem Bilde,
Hauchen wir ihm in die Brust den lebenerhaltenden Odem;
Ist er auch sterblichen Leibs, so soll doch alles ihm dienen,
Und der aus Erde geformt, soll König und Herrscher der Welt sein.‘
Also sprachst du zum Logos, und alles geschah, wie du wolltest,
Deinem Geheiß gehorchten sofort die Weltelemente:
…………………………………………………………………………………………………………..
[…]
Alles erschuf er im Bunde mit dir nach deinem Ermessen.
Und in der Fülle der Zeit entsprang dem Schoße Marias
Gott in Kindergestalt als Licht, die Welt zu erleuchten.
Und der dem Himmel entstammt, verschmähte der Menschen Gestalt nicht.
Gabriel ward auf die Erde gesandt, vom Glanze umflossen;
Denn zu der Jungfrau sprach die Stimme des himmlischen Boten:
‚Nimm, Holdselige, Gott in deinen jungfräulichen Schoß auf.‘
Sprach’s und hauchte der Lieblichen ein die göttliche Gnade.
Sie aber faßte beim Hören Erstaunen zugleich und Verwirrung;
Zitternd stand sie vor ihm wie erstarrt, der Sprache nicht mächtig,
Klopfenden Herzens, erschreckt von der unvermuteten Botschaft.
Dann aber freute sie sich und Wärme durchströmte die Glieder;
Bräutlich lachte sie drauf, von Rot übergossen die Wange,
Höchlich entzückt, von lieblicher Scham die Sinne befangen.
Also faßte sie Mut; und das Wort, in Demut empfangen,
Wurde zu Fleisch mit der Zeit, und im Schoße der Mutter
Reift es heran zur Menschengestalt und wurde ein Knäblein
Durch einer Jungfrau Geburt: ein großes Wunder den Menschen,
Aber kein Wunder vor Gott und Gottes unsterblichem Sohne.
Kaum war geboren das Kind, so ward es mit Jubel empfangen,
Himmel und Erde frohlockten, es lachte vor Freude das Weltall,
Und ein prophetischer Stern erregte das Staunen der Weisen.
Bethlehem ward die Heimat des Logos durch göttliche Wahl.
Zahlreich wallte zur Krippe im Stall die Menge der Frommen,
Hirten der Rinder und Schafe und Hirten der meckernden Ziegen.“ (Christliche Sibyllinen VIII,429-479; in: ebd. S. 524f.)

 

In den Paulusakten, einer Schrift, die Ende des 2. Jahrhunderts, etwa um 190 entstanden sein müsste, und diverse Legenden über den heiligen Paulus und die heilige Thekla enthält (Thekla soll von Paulus bekehrt worden sein, ihre Familie gegen sich aufgebracht haben, weil sie sich als Jungfrau Gott weihte, zweimal durch ein göttliches Wunder vor dem Martyrium errettet worden sein und später noch viele Jahrzehnte als Einsiedlerin gelebt haben), heißt es:

„Und Paulus erhob seine Stimme und sprach: ‚Wenn ich heute verhört werde, was ich lehre, so höre, Prokonsul: Der lebendige Gott, der Gott der Rache, der eifrige Gott, der Gott, der kein Bedürfnis kennt, der hat, weil er das Heil der Menschen will, mich gesandt, daß ich sie der Vergänglichkeit und der Unreinigkeit entreiße und aller Lust und dem Tode, damit sie nicht mehr sündigen. Darum hat Gott seinen Sohn gesandt, den ich als die frohe Botschaft verkünde und lehre, daß in ihm die Menschen Hoffnung haben, er, der allein Mitleid hatte mit der verirrten Welt, damit die Menschen nicht mehr unter dem Gericht seien, sondern Glauben hätten und Gottesfurcht und Erkenntnis der Ehrbarkeit und Liebe zur Wahrheit. Wenn ich nun lehre, was mir von Gott offenbart ist, was tue ich dann für ein Unrecht, Prokonsul?‘ Als der Statthalter das gehört hatte, gab er Befehl, Paulus zu binden und in das Gefängnis abzuführen, bis er Muße finden werde, ihn gründlicher zu verhören.“ (Paulusakten in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 246)

Als Thekla (zum zweiten Mal) verurteilt worden ist und im Amphitheater den wilden Tieren vorgeworfen werden soll, wird sie bis zur geplanten Vollstreckung des Urteils von einer angesehenen Frau namens Tryphäna aufgenommen, die sie bittet, für ihre verstorbene Tochter zu beten. In ihrem Gebet bezeichnet Thekla Jesus als „Gott der Himmel, Sohn des Höchsten“:

„Und nach dem Umzug nahm Tryphäna sie wieder zu sich. Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!'“ (Ebd., S. 248)

Als sie dann den Tieren vorgeworfen wird, die ihr aber nichts tun, kommt diese Stelle:

„Und der Statthalter ließ Thekla mitten aus den Tieren heraus rufen und sprach zu ihr: ‚Wer bist du und was hat es mit dir auf sich, daß auch nicht eines von den Tieren dich anrührte?‘ Sie antwortete: ‚Ich bin eine Dienerin des lebendigen Gottes; was es aber mit mir auf sich hat: Ich habe an den geglaubt, an dem Gott Wohlgefallen hatte, an seinen Sohn. Um seinetwillen hat mich keines von den Tieren angerührt. Denn er allein ist das Ziel der Rettung und die Grundlage unsterblichen Lebens. Ist er doch für die, die vom Sturm geplagt sind, eine Zuflucht, für Bedrängte Erquickung, für Verzweifelte Schutz, mit einem Wort: wer nicht an ihn glaubt, wird nicht leben, sondern tot sein in Ewigkeit.“ (Ebd., S. 250)

Die Paulusakten enthalten auch einen apokryphen Briefwechsel der Korinther mit Paulus (einen Brief der Korinther an Paulus und einen, den er zurückschreibt; letzterer wird auch als 3. Korintherbrief bezeichnet). Die Korinther schreiben Paulus, weil doketistische/gnostische Irrlehrer in ihre Gemeinde gekommen sind, und Paulus schreibt in seiner Antwort gegen den Doketismus (der Verfasser der Paulusakten lehnt sich hier an den originalen 1. Korintherbrief an, insbesondere Kapitel 15):

„Ich habe euch ja im Anfang überliefert, was ich von den Aposteln vor mir empfangen habe, die allezeit mit dem Herrn Jesus Christus zusammengewesen waren, nämlich daß unser Herr Jesus Christus von Maria aus dem Samen Davids geboren ist, indem der heilige Geist aus dem Himmel vom Vater in sie herabgesandt war, damit er in die Welt käme und alles Fleisch durch sein eigenes Fleisch erlöse und damit er uns Fleischliche von den Toten auferwecke, wie er selbst sich als Urbild erwiesen hat. Und weil der Mensch von seinem Vater geschaffen ist, deswegen wurde er auch, als er verloren gegangen war, gesucht, auf daß er lebendig gemacht würde durch die Annahme zur Kindschaft. Denn der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, sandte zuerst die Propheten den Juden, daß sie ihren Sünden entrissen würden; er hatte nämlich beschlossen, das Haus Israel zu retten, deshalb sandte er einen Teil vom Geiste Christi in die Propheten, welche die irrtumslose Gottesverehrung verkündeten zu vielen Zeiten. Aber da der Fürst, der ungerecht war [d. h. der Teufel, Anmerkung von mir], selbst Gott sein wollte, legte er Hand an sie und tötete sie, und so fesselte er alles Fleisch der Menschen an die Begierden [an seinen Willen und die Vollendung der Welt trieb dem Gericht entgegen]. Aber Gott, der Allmächtige, der gerecht ist und sein eigenes Geschöpf nicht verstoßen wollte, sandte den [heiligen] Geist [durch Feuer] in Maria, die Galiläerin, die von ganzem Herzen glaubte, und sie empfing im Leibe den heiligen Geist, damit in die Welt Jesus einträte, damit der Böse, durch dasselbe Fleisch, durch das er sein Wesen trieb, besiegt, überführt wurde, daß er nicht Gott sei. Denn durch seinen eigenen Leib hat Jesus Christus alles Fleisch gerettet [und zum ewigen Leben geführt durch den Glauben], indem er den Tempel der Gerechtigkeit darstellte in seinem Leibe, durch den wir erlöst sind.(Ebd., S. 259)

An späterer Stelle sagt Paulus in den Paulusakten:

„Und jetzt, Brüder, steht eine große Versuchung bevor; wenn wir diese ertragen haben, werden wir den Zugang zum Herrn haben und werden als Zuflucht und Schild des Wohlgefallens empfangen Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, wenn ihr nun das Wort so empfanget, wie es ist. Einen Geist der Kraft hat Gott am Ende der Zeiten um unsertwillen ins Fleisch herabgesandt, das heißt in Maria die Galiläerin, gemäß dem prophetischen Worte, der als Leibesfrucht getragen und geboren wurde von ihr, bis sie entband und gebar [Jesus,] den Christus, unseren König, aus Bethlehem in Judäa, aufgezogen in Nazareth, hingehend aber nach Jerusalem und lehrend ganz Judäa: ‚Das Reich der Himmel (sc. Gottes) ist nahe herbeigekommen! Laßt ab von der Finsternis, ergreifet das Licht, die ihr im Dunkel des Todes dahinlebt. Ein Licht ist euch aufgegangen!‘ Und er tat große und wunderbare Dinge, sodaß er sich aus den Stämmen zwölf Männer erwählte, die er in Verständnis und Glauben mit sich hatte, Tote erweckend und Krankheiten heilend, Aussätzige reinigend und Blinde heilend, Krüppel gesund machend und Gelähmte gehend machend, Besessene reinigend …“ (Danach ist eine Lücke im Text.) (Ebd., S. 264)

Paulus erzählt von der Zeit seiner Bekehrung:

„In der Tat, es gibt kein Leben außer dem, das in Christus ist. Ich trat in eine große Kirche ein, bei dem seligen Judas, dem Bruder des Herrn, der mir von Anfang an die hohe Liebe des Glaubens gegeben hat. Ich führte meinen Wandel in der Gnade, bei dem seligen Propheten, und [beschäftigte mich] damit, Christus zu enthüllen, ihn, der vor [allen] Zeiten erzeugt ward.“ (Ebd., S. 269)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier der erste.

 

So beschreiben verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt um 95 n. Chr. in einem Brief an die Korinther:

„Wir wollen hinblicken auf das Blut Christi und erkennen, wie kostbar es auch Gott seinem Vater ist, weil es, wegen unseres Heiles vergossen, der ganzen Welt die Gnade der Reue gebracht hat. Lasset uns alle Geschlechter durchwandeln und erkennen, dass der Herr einem jeden Geschlechte Gelegenheit zur Buße gab, allen, die sich zu ihm bekehren wollten. Noe1 predigte Buße, und die auf ihn hörten, wurden gerettet. Jona2 kündigte den Niniviten ihren Untergang an; sie taten Buße für ihre Sünden, versöhnten durch Gebet ihren Gott und erlangten Rettung, obwohl sie nicht zum Volke Gottes gehörten.“ (1. Clemensbrief 7,4-7)

„Wer Liebe in Christus hat, der halte die Gebote Christi. Wer kann das Band der Liebe Gottes beschreiben? Wer ist imstande, seine erhabene Schönheit zu schildern? Die Höhe, zu der die Liebe emporführt, ist unbeschreiblich. Liebe verbindet uns mit Gott, ‚Liebe deckt eine Menge Sünden zu‘1, Liebe erträgt alles, Liebe ist in allem langmütig; nichts Gemeines gibt es in der Liebe, nichts Hoffärtiges; Liebe kennt keine Spaltung, Liebe lehnt sich nicht auf, Liebe tut alles in Eintracht; in der Liebe haben alle Auserwählten Gottes ihre Vollkommenheit erlangt, ohne Liebe ist Gott nichts wohlgefällig. In Liebe hat der Herr uns angenommen; wegen der Liebe, die er zu uns trug, hat unser Herr Jesus Christus sein Blut hingegeben für uns nach Gottes Willen, sein Fleisch für unser Fleisch, seine Seele für unsere Seelen.“ (1. Clemensbrief 49)

 

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. (oder wenig später) auf dem Weg zu seinem Prozess und Martyrium in Rom:

„Einer ist der Arzt, fleischlich sowohl als geistig, geboren und ungeboren, im Fleische wandelnd ein Gott, im Tode wahrhaftiges Leben, sowohl aus Maria als aus Gott, zuerst leidensfähig, dann leidensunfähig, Jesus Christus unser Herr.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 7,2)

„Ich habe aufgenommen in Gott deinen vielgeliebten Namen (= die Gemeinde Ephesus), den ihr erworben habt durch euer gerechtes Wesen gemäß eurem Glauben und eurer Liebe in Christus Jesus, unserem Erlöser; da ihr Nachahmer Gottes seid, habt ihr, im Blute Gottes zu neuem Leben gelangt, das Werk der Bruderliebe vollkommen ausgeübt.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 1,1)

„vielmehr wünsche ich euch gefestigt im Glauben an die Geburt, das Leiden und die Auferstehung, die geschah, als Pontius Pilatus Landpfleger war; wahrhaft und sicher vollbracht von Jesus Christus, unserer Hoffnung, um die keiner von euch gebracht werden möge.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 11)

„Ich preise den Gott Jesus Christus, der euch so weise gemacht hat; ich habe nämlich erkannt, dass ihr vollendet seid in unerschütterlichem Glauben, wie angenagelt mit Leib und Seele an das Kreuz des Herrn Jesus Christus, gefestigt in der Liebe im Blute Christi, vollkommen (im Glauben) an unseren Herrn, den wahrhaftigen Spross aus dem Geschlechte Davids dem Fleische nach1, den Sohn Gottes nach dem Willen und der Macht Gottes, wahrhaft geboren aus der Jungfrau und von Johannes getauft, auf dass jegliche Gerechtigkeit von ihm erfüllt würde2; wahrhaft unter Pontius Pilatus und dem Vierfürsten Herodes für uns im Fleische (ans Kreuz) genagelt, von dessen Frucht wir (stammen) von seinem gottgepriesenen Leiden, auf dass er für ewige Zeiten durch seine Auferstehung sein Banner erhebe3 für seine Heiligen und Getreuen, sei es unter den Juden oder unter den Heiden in dem einen Leibe seiner Kirche.

Dies alles hat er nämlich gelitten unseretwegen, damit wir gerettet werden; und zwar hat er wahrhaft gelitten, wie er sich auch wahrhaft auferweckt hat, nicht wie einige Ungläubige behaupten, er habe nur scheinbar gelitten, da sie selbst nur scheinbar leben; und gemäß ihren Anschauungen wird es ihnen ergehen, wenn sie körperlos und gespensterhaft sind (bei der Auferstehung).

Ich nämlich weiß und vertraue darauf, dass er auch nach der Auferstehung derselbe war im Fleische. Und als er zu Petrus und seinen Genossen kam, sprach er zu ihnen: ‚Fasset (mich) an, betastet mich und sehet, dass ich nicht ein körperloser Geist bin‘1. Und sogleich betasteten sie ihn und glaubten, da sie in Fühlung gekommen waren mit seinem Körper und seinem Geiste. Deshalb verachteten sie auch den Tod und zeigten sich stärker als der Tod. Nach der Auferstehung aß und trank er mit ihnen wie ein leibhaftiger Mensch, obwohl er dem Geiste nach vereinigt war mit dem Vater.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 1-3)

Ignatius wendet sich hier, wie gesagt, gegen die Doketisten, die meinten, dass Jesus nicht wirklich Fleisch angenommen und gelitten haben könne, sondern dass sein Leiden nur scheinbar gewesen sei, die also die Inkarnation quasi für unter der Würde Jesu hielten.

 

Bischof Polykarp von Smyrna, ein Schüler des Apostels Johannes, an den Ignatius auch einen seiner Briefe gerichtet hatte, schreibt kurz darauf in einem Brief an die Ortskirche in Philippi:

„Unablässig wollen wir festhalten an unserer Hoffnung und an dem Unterpfand unserer Gerechtigkeit, nämlich an Jesus Christus, der unsere Sünden an seinem eigenen Leibe ans Kreuz getragen, der keine Sünde getan1und in dessen Mund kein Betrug gefunden worden2; sondern unseretwegen hat er alles auf sich genommen, damit wir in ihm das Leben haben. So wollen wir also Nachahmer werden [seiner] Geduld, und wenn wir seines Namens wegen leiden, wollen wir ihn verherrlichen. Hierin hat er nämlich durch sich selbst ein Beispiel gegeben, und wir haben daran geglaubt.“ (Brief Polykarps an die Philipper 8)

 

Als ein nichtchristliches Zeugnis hätten wir das Spottkreuz vom Palatin (Rom), irgendwann aus dem 2. Jahrhundert. Hier hat jemand einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf in eine Wand geritzt (es ging das Gerücht um, dass die Christen einen Eselsgott anbeten würden), vor dem ein Mann in Gebetshaltung steht. Dabei steht: „Alexamenos betet [den/seinen] Gott an.“

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c2/Jesus_graffito.jpg

Bei den Heiden war also nicht nur das Gerücht mit dem Eselsgott ein Grund für Spott über die Christen, sondern auch ihr Glaube an einen gekreuzigten Gott.

 

Bei Bischof Irenäus von Lyon, der noch Polykarp gekannt hatte und dessen Werk ca. 180 entstanden ist, finden sich sehr viele schöne und aufschlussreiche Stellen. Er betont sehr, dass Jesus durch die Menschwerdung den Menschen in sich rekapituliert, den Menschen zu Gott herangezogen hat:

„Christus aber, unser Herr, ertrug mutvoll, ein eigentliches Leiden, durch welches er nicht nur nicht in Gefahr geriet, verloren zu gehen, sondern den verlorenen Menschen in seiner Kraft stärkte und zur Unvergänglichkeit wiederherstellte. […] Uns brachte Christus durch sein Leiden die Erlösung, indem er uns die Erkenntnis des Vaters schenkte. […] Unser Herr hat durch sein Leiden den Tod vernichtet, den Irrtum aufgehoben, die Vernichtung unschädlich gemacht und die Unwissenheit vertrieben, er hat das Leben geoffenbart und die Wahrheit gezeigt und Unvergänglichkeit geschenkt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,20,3)

„Aber darin irren sie von der Wahrheit ab, weil ihre Lehre den allein wahren Gott nicht kennt, weil sie nicht wissen, daß sein eingeborenes Wort, das immer dem menschlichen Geschlechte beisteht, vereint und eingesät in sein Geschöpf, nach dem Willen des Vaters Fleisch geworden ist, Jesus Christus, unser Herr ist, der für uns gelitten hat und unseretwegen auferstanden ist und wieder kommen wird in der Herrlichkeit des Vaters, um alles Fleisch aufzuerwecken und Rettung zu bringen and das Gesetz des gerechten Gerichtes allen zu zeigen, die ihm unterworfen sind. Es ist also ein Gott Vater, wie wir gezeigt haben, und ein Christus Jesus, unser Herr, der durch die ganze Heilsordnung hindurch ging und alles in sich selbst zusammenfaßte. Zu diesem ‚allen‘ gehört aber auch der Mensch, das Geschöpf Gottes; also faßte er auch den Menschen in sich zusammen, indem er, der Unsichtbare, sichtbar wurde, der Unbegreifbare begreifbar, der Leidensunfähige leidensfähig, das Wort Mensch. So faßte er in sich das All zusammen, damit er, wie das Wort in den überhimmlischen und geistigen Dingen Herrscher ist, ebenso in den sichtbaren und körperlichen Dingen herrsche, indem er auf sich die Herrschaft nahm und sich zum Haupte der Kirche einsetzte, und damit er alles an sich ziehe zu der passenden Zeit.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,16,6)

„Wir haben somit klar bewiesen, daß das Wort, welches im Anfang bei Gott war, und durch welches alles gemacht worden ist, und das immer bei dem menschlichen Geschlechte weilte, jetzt in den letzten Zeiten gemäß der vom Vater bestimmten Zeit mit seinem Geschöpfe sich vereinte und zum leidensfähigen. Menschen geworden ist. […] Vielmehr faßte er die lange Entwicklung der Menschen in sich zusammen, indem er durch die Inkarnation Mensch wurde, und gab uns in dieser Zusammenfassung das Heil, damit wir unser Sein nach, dem Bild und Gleichnis Gottes, das wir in Adam verloren hatten, in Christo Jesu wiedererlangen möchten.

Es war nämlich unmöglich, den einmal besiegten und durch seinen Ungehorsam gefallenen Menschen neu zu schaffen und den Siegespreis ihm zu verleihen, aber ebenso unmöglich konnte der in die Sünde gefallene Mensch das Heil erlangen. Deshalb bewirkte beides der Sohn, der das Wort Gottes war, indem er vom Vater herunterstieg, Fleisch annahm und bis zum Tode ging. So erwirkte er uns unsere Erlösung.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,1-2)

„So näherte und vereinte er, wie wir gesagt haben, den Menschen mit Gott. Wenn nämlich der Mensch nicht den Feind des Menschen besiegt hätte, so wäre nicht gerechterweise der Feind besiegt worden. Und wiederum hätte nicht Gott dem Menschen das Heil verliehen, so würden wir dessen nicht gewiß sein. Und wäre der Mensch nicht mit Gott verbunden worden, so hätte er keinen Anteil an der Unvergänglichkeit erlangen können. Es mußte nämlich der Mittler zwischen Gott und den Menschen kraft seines Verhältnisses zu beiden in Freundschaft und Eintracht beide zusammenführen und die Menschen Gott nahe bringen und die Menschen mit Gott bekannt machen.

Aus welchem Grunde könnten wir denn teilhaftig sein der Annahme an Kindesstatt, wenn wir nicht durch den Sohn diese verwandtschaftliche Beziehung zu ihm empfangen hätten; wenn nicht sein Wort, Fleisch geworden, sie uns mitgeteilt hätte? Deshalb machte er auch jede Altersstufe durch, um für alle die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen. […]

Wer also die Sünde vernichten und den Menschen von seiner Todesschuld erlösen wollte, der mußte das werden, was jener war, nämlich Mensch. Denn der Mensch war von der Sünde in die Knechtschaft geschleppt und wurde von dem Tode festgehalten. Daher mußte die Sünde von einem Menschen überwunden werden, damit der Mensch des Todes ledig würde. Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen, der zuerst von der jungen Erde gebildet war, die vielen Sünder wurden und das Leben verloren, so mußten auch durch den Gehorsam eines Menschen, der zuerst von einer Jungfrau geboren wurde, viele gerechtfertigt werden und ihr Heil erlangen.

So wurde also das Wort Gottes Mensch, wie auch Moses sagt: ‚Gott, wahrhaft sind seine Werke‘3 . Wäre er aber nicht Fleisch geworden, sondern nur als solches erschienen, so wäre sein Werk nicht wahr gewesen. Was er schien, das war er also auch: Gott faßte in sich das alte Menschengebilde zusammen, um die Sünde zu vernichten, den Tod niederzuwerfen und den Menschen lebendig zu machen. Deswegen sind auch ‚wahrhaft seine Werke‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,7)

„Von dem Abfall erlöste er uns rechtlich durch sein Blut; uns aber, den Erlösten, ward seine Güte zuteil, Denn wir gaben ihm nichts zuvor, noch begehrte er etwas von uns, als ob er es gebrauchte. Wir aber bedürfen der Gemeinschaft mit ihm und deswegen gab er sich gütig hin, um uns in den Schoß seines Vaters zu sammeln.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,2,1)

Er betont sehr die Realität der Fleischwerdung:

„Wenn aber nach einer andern Ordnung der Herr Fleisch geworden ist und er aus einer anderen Wesenheit Fleisch annahm, dann hat er den eigentlichen Menschen in sich nicht rekapituliert; ja, er kann nicht einmal Fleisch genannt werden. Denn Fleisch ist in Wahrheit nur das, was von der ersten Schöpfung aus Erde abstammt. Hätte er aus einer anderen Substanz den Stoff haben sollen, dann hätte der Vater von Anfang an dies Gebilde aus einer anderen Substanz müssen entstehen lassen. Nun aber ist das, was der gefallene Mensch war, das heilbringende Wort geworden, indem es durch sich selbst die Verbindung und Aufsuchung des Heiles herstellte. Der gefallene Mensch aber hatte Fleisch und Blut, denn aus dem Schlamm der Erde bildete Gott den Menschen, um dessentwillen der Herr auf die Erde überhaupt kommen mußte. Also hatte auch er Fleisch und Blut; indem er kein anderes als das ursprüngliche Geschöpf des Vaters rekapitulierte, suchte er das, was verloren war. Deswegen sagt auch der Apostel im Briefe an die Kolosser: ‚Da ihr einstmals entfremdet waret und feind seinem Ratschlusse in bösen Werken, seid ihr jetzt wiederversöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch seinen Tod, um euch heilig und keusch und ohne Tadel in seinem Angesichte darzustellen‘1 . In dem Fleische seines Leibes wiederversöhnt, heißt es, weil das gerechte Fleisch jenes Fleisch versöhnte, das in der Sünde niedergehalten wurde, und es in die Freundschaft mit Gott brachte.

Wenn nun jemand sagen wollte, daß das Fleisch des Herrn insofern von unserm Fleische verschieden war, als jenes nicht sündigte, noch irgend ein Arg in seiner Seele gefunden wurde, wir aber Sünder sind, so hat er recht gesprochen. Wollte er dem Herrn aber eine andere Substanz des Fleisches andichten, so würde das Wort von der Versöhnung nicht mehr bestehen. Denn wiederversöhnt war das, was einmal in Feindschaft war. Nahm aber der Herr sein Fleisch aus einer andern Substanz, dann ist das nicht mehr mit Gott versöhnt worden, was ihm durch den Ungehorsam feind geworden war. Weil nun aber zwischen ihm und uns eine Gemeinschaft besteht, versöhnte der Herr den Menschen mit Gott, indem er uns durch den Leib seines Fleisches versöhnte und durch sein Blut uns erlöste. So sagt der Apostel den Ephesern: ‚In ihm haben wir gehabt Erlösung durch sein Blut, Vergebung der Sünden‘1 . Und wiederum ebendenselben: ‚Die ihr einstmals ferne waret, seid nahe geworden in dem Blute Christi‘2 . Und wiederum: ‚Die Feindschaft hob er auf in seinem Fleische, das Gesetz der Gebote durch seine Lehren‘3 . Und so bezeugt der Apostel in seinem ganzen Briefe deutlich, daß wir durch das Fleisch unseres Herrn und durch sein Blut erlöst worden sind.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,14,2-3)

„Und deswegen brachte der Herr uns in den letzten Zeiten durch seine Menschwerdung in die Freundschaft mit ihm zurück, indem er ‚der Mittler zwischen Gott und den Menschen wurde‘1 . Für uns versöhnte er seinen Vater, gegen den wir gesündigt hatten, und machte unsern Ungehorsam durch seinen Gehorsam wieder gut; uns aber verlieh er, mit unserm Schöpfer zu verkehren und ihm zu gehorchen. Deshalb lehrte er uns in seinem Gebete zu sprechen: ‚Und erlaß uns unsere Schulden!‘2 Ist es doch unser Vater, dessen Schuldner wir geworden waren, indem wir sein Gebot übertraten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,1)

„Indem er ihm also die Sünden erließ, heilte er den Menschen und zeigte offenkundig, wer er war. Wenn nämlich nur Gott die Sünden vergeben kann und demnach der Herr sie vergab, wie er die Menschen heilte, dann ist es offenbar, daß er selbst das Wort Gottes war, das zum Menschensohne geworden war und von dem Vater die Macht der Sündenvergebung empfangen hatte, daß er Gott und Mensch war, damit er als Mensch mit uns Mitleid hätte und als Gott sich unser erbarme und uns die Schulden vergebe, welche wir Gott, unserm Schöpfer, schulden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,3)

Er schreibt über das Lebensalter Jesu:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. Denn nicht schien er ein anderer zu sein, als er war, wie es die möchten, die ihn als eine bloße Erscheinung auffassen, sondern was er war, das schien er auch. Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte.

Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4)

Über die Weisen aus dem Morgenland sagt er:

„Matthäus aber läßt die Magier, die aus dem Osten kamen, sprechen: ‚Wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten‘7 . Und von dem Stern in das Haus Jakobs zum Emmanuel geführt, haben sie durch die Darbringung ihrer Geschenke angezeigt, wer der war, den sie anbeteten: durch die Myrrhe, daß er es war, der für das sterbliche Geschlecht der Menschen sterben und begraben werden wollte; durch das Gold, daß er der König war, ‚dessen Reich kein Ende hat‘8 ; durch den Weihrauch, daß er ‚der in Judäa bekannt gewordene Gott‘9 ist, der sich denen offenbarte, die ihn suchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,9,2)

Sein Hauptwerk „Gegen die Häresien“ beendet Irenäus hiermit:

„Denn es ist ein Sohn, der den Willen des Vaters vollendete, und ein Menschengeschlecht, in welchem die Geheimnisse Gottes sich vollziehen, ‚den die Engel zu schauen begehren‘4 , und nicht vermögen sie die Weisheit Gottes ergründen, durch welche sein Geschöpf zur vollkommensten Einverleibung in seinen Sohn gelangt, so daß sein Sohn, das eingeborene Wort, hinabsteigt in das Geschöpf, d. h. in sein Gebilde, und von ihm aufgenommen wird. Und das Geschöpf hinwiederum nimmt auf das Wort und steigt zu Ihm empor, indem es über die Engel sich erhebt, und so wird es nach dem Bild und Gleichnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,36,3)

 

In seinem kleineren Werk „Erweis der apostolischen Verkündigung“ schreibt er:

„Und er erschien als Mensch in der Fülle der Zeit und faßte als Wort Gottes alles, Himmel und Erde, in sich zusammen. Er vereinigte den Menschen mit Gott und stellte zwischen Gott und dem Menschen die Gemeinschaft und Eintracht wieder her, während wir nicht imstande gewesen wären, in anderer Weise an der Unvergänglichkeit1 gesetzmäßigen Anteil zu gewinnen, wenn er nicht zu uns gekommen wäre. Denn würde die Unvergänglichkeit unsichtbar und unerkannt geblieben sein, so hätte sie uns kein Heil gebracht. So wurde sie sichtbar, damit wir in jeder Hinsicht Anteil an dem Geschenk der Unvergänglichkeit gewinnen. Der Ungehorsam des Stammvaters Adam hatte uns alle in die Bande des Todes verstrickt. Deshalb war es notwendig und recht, daß die Fesseln des Todes gebrochen wurden durch den Gehorsam dessen, der für uns Mensch ward. Weil der Tod über den Leib herrschte, so war es notwendig und recht, daß er durch den Leib unterworfen werde und so den Menschen aus seiner Sklaverei freigeben mußte. Das Wort wurde Fleisch, damit der Leib, wodurch die Sünde zur Herrschaft gelangt war, Besitz genommen und gewaltet hatte, durch ebendasselbe bezwungen, auch in uns ein anderer sei2 . Und deshalb nahm unser Herr denselben Leib, wie er in Adam war, an, damit er für die Väter kämpfe und durch Adam den besiege, der durch Adam uns getroffen hatte3 .“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 31)

„Die Übertretung, welche vermittelst des Baumes geschehen war, wurde auch getilgt durch den Baum des Gehorsams, an welchem in Unterwürfigkeit gegen Gott der Sohn des Menschen gekreuzigt wurde; da überwand er die Erkenntnis des Bösen und schaffte der Erkenntnis des Guten wieder Einlaß und befestigte sie. Böse ist es, Gott ungehorsam zu sein, wie es gut ist, Gott zu gehorchen. […] Durch den Gehorsam bis in den Tod am Kreuze tilgte er den alten, am Holz begangenen Ungehorsam. Er ist selbst das Wort des allmächtigen Gottes, welches in unsichtbarer Gegenwart uns alle zumal durchdringt, und deshalb umfaßt er alle Welt, ihre Breite und Länge, ihre Höhe und Tiefe; denn durch das Wort Gottes werden alle Dinge der Ordnung gemäß geleitet; und Gottes Sohn ist in ihnen gekreuzigt, indem er in der Form des Kreuzes allem aufgeprägt ist; war es doch recht und angemessen, daß er mit seinem eigenen Sichtbarwerden an allem Sichtbaren seine Kreuzesgemeinschaft mit allem auspräge; denn seine Wirkung sollte es an den sichtbaren Dingen und in sichtbarer Gestalt zeigen, daß er derjenige ist, welcher die Höhen, d. h. den Himmel, erhellt und hinabreicht in die Tiefen, an die Grundfesten der Erde, der die Flächen ausbreitet von Morgen bis Abend und von Norden und Süden die Weiten leitet und alles Zerstreute von überallher zusammenruft zur Erkenntnis des Vaters.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 34)

„Auf diese Weise hat er also unsere Erlösung als herrlicher Sieger vollendet, hat die Verheißungen an die Vorväter erfüllt und die alte Auflehnung getilgt und ausgeschaltet. Der Sohn Gottes wurde zum Sohne Davids, zum Sohne Abrahams; diese vollendend und in sich erneuernd und zusammenfassend, um uns in den Besitz des Lebens zu setzen, ist das Wort Gottes geheimnisvoll in der Jungfrau Fleisch geworden, den Tod zu vernichten und den Menschen mit dem Leben zu begaben. Wir lagen ja in den Banden der Sünde, die wir in Sünden geboren sind und unter der Herrschaft des Todes leben.

Gott der Vater war also voll Erbarmen. Er sandte das wunderwirkende Wort. Es kam uns zu erretten und hielt sich dazu an denselben Orten und Gegenden unter uns auf, wo wir das Leben bei unserm Verweilen verloren haben, und zerbrach die Bande der Gefangenschaft. Sein Licht leuchtete auf und zerstreute die Finsternis des Kerkers, heiligte unsere Geburt und besiegte den Tod, indem er die Fesseln löste, mit denen wir in Knechtschaft gehalten waren. Selbst zum Erstgeborenen der Toten geworden, zeigte er die Auferstehung und weckte in sich selbst den gefallenen Menschen zur Auferstehung, indem er ihn nach oben, zuhöchst in den Himmel zur Rechten des Vaters emporführte. So hatte es Gott durch den Propheten verheißen, als er sprach: ‚Ich werde wieder aufrichten das zerfallene Zelt Davids‘1 , d. h. den Leib, der von David stammt. Das hat in Wahrheit unser Herr Jesus Christus vollbracht, da er unsere Erlösung siegreich erkämpfte, um uns wahrhaft aufzuerwecken vom Tode zum Leben für den Vater. […]

Denn der erstgeborene Urausgang aus dem Gedanken des Vaters, das Wort, vollendete alles, die Welt regierend und sie ordnend. Er war der Erstgeborene der Jungfrau, gerecht, heilig als Mensch, gottergeben, gut, gottgefällig, in allem vollkommen, die Rettung aller vor der Hölle, welche ihm nachfolgten. Er war der Erstgeborene von den Toten and der Uraufgang des Lebens in Gott.

So also ist bei der abermaligen Berufung des Menschen durch Gott das Wort Gottes Führer für alle zur einträchtigen Gemeinschaft, weil es wahrhaft Mensch, wunderbarer Ratgeber und mächtiger Gott1 ist. So sollen wir durch diese Gemeinschaft teilnehmen an der Unvergänglichkeit. Er nun, der im Gesetz des Moses verkündigt worden und von den Propheten des höchsten und allmächtigen Gottes und des Sohnes des Vaters aller, er, von dem alles ist, der mit Moses geredet hat, er trat auf in Judäa, von Gott entsproßt durch den Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, welche aus dem Geschlechte Davids und Abrahams war, Jesus, der Gesalbte Gottes, mit dem Beweis, daß er der zuvor von den Propheten Verkündigte ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 37-40)

 

Justin der Märtyrer, ein Philosoph, der vom Platonismus zum Christentum konvertiert war, und in Rom im Jahr 165 hingerichtet wurde, schreibt in seiner Verteidigung („Apologia“) des Christentums (um 150):

„Wohl aber ist der in unserer Zeit gekreuzigte und gestorbene Jesus Christus wieder auferstanden, zum Himmel aufgefahren und König geworden, und über das, was in seinem Namen von den Aposteln unter allen Völkern gepredigt wurde, herrscht Freude bei denen, die der von ihm angekündigten Unvergänglichkeit entgegensehen.“ (Justin, 1. Apologie 42)

Er bezeichnet Jesus wie im Johannesprolog als den „Logos“ (das Wort, die Vernunft, der Ausspruch Gottes). Den Heiligen Geist bezeichnet er als den „prophetischen Geist“, und er sagt hier, dass die Christen Jesus sozusagen an zweiter Stelle und den heiligen Geist an dritter Stelle ehren. (Zur Dreifaltigkeitslehre, die damals ja noch nicht ganz ausformuliert war, in einem der nächsten Teile genauer.)

„Daß ihr aber mit euren Opfern kein Glück haben werdet, bezeugt der Logos, der königlichste und gerechteste Herrscher, den wir nächst Gott, seinem Erzeuger, kennen. […] Daß das alles so geschehen werde, hat, sage ich, unser Lehrer Jesus Christus, der Sohn und Gesandte Gottes, des Vaters und Herrn des Weltalls, vorhergesagt, nach dem wir den Namen Christen erhalten haben. Dadurch werden wir auch voll Zuversicht in Bezug auf alles, was er uns gelehrt hat, weil es sich herausstellt, daß tatsächlich alles eintrifft, was er als zukünftig vorausgesagt hat; denn das ist Gottes Werk, vor dem Geschehen vorherzusagen und dann es so geschehen zu lassen, wie es vorhergesagt worden ist3. […]

Daß wir nun nicht gottlos sind, da wir doch den Schöpfer dieses Alls verehren und, wie wir gelehrt worden sind, behaupten, daß er keiner Schlacht-, Trank- und Räucheropfer bedarf, und die wir ihn bei allem, was wir zu uns nehmen, durch Gebet und Danksagungswort, soviel wir können, lobpreisen, indem wir als die seiner allein würdige Ehrung nicht die kennen lernten, das von ihm zur Nahrung Geschaffene durch Feuer zu verzehren, sondern die, es uns und den Bedürftigen zugute kommen zu lassen, ihm aber zum Danke in Worten Huldigungen und Gesänge emporzusenden1 für unsere Erschaffung und für alle Mittel zu unserem Wohlsein, für die Mannigfaltigkeit der Arten und für den Wechsel der Jahreszeiten, und die wir Bitten empor senden, daß wir wieder in Unvergänglichkeit erstehen durch den Glauben an ihn – welcher Vernünftige wird das nicht einräumen? Und daß wir außerdem den, der unser Lehrer hierin gewesen und dazu geboren worden ist, Jesus Christus, der gekreuzigt wurde unter Pontius Pilatus, dem Landpfleger von Judäa zur Zeit des Kaisers Tiberius, den wir als den Sohn des wahrhaftigen Gottes erkannt haben, an die zweite Stelle setzen und daß wir den prophetischen Geist an dritter Stelle mit Fug und Recht ehren, das werden wir zeigen. Denn darin beschuldigt man uns der Torheit, indem man sagt, daß wir die zweite Stelle2 nach dem unwandelbaren und ewigen Gott, dem Weltschöpfer, einem gekreuzigten Menschen zuweisen. Das sagt man, weil man das darin eingeschlossene Geheimnis nicht kennt. Indem wir dieses erklären, bitten wir euch, recht dabei aufzumerken.“ (Justin, 1. Apologie 12-13)

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius1 geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft2 [griechisch „Logos“] lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit3 und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher4 ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

„Daß er aber auch, für uns Mensch geworden, Schmerzen und Schande ertragen wollte und wieder in Herrlichkeit erscheinen wird, darüber hört folgende Weissagungen: […] Nach seiner Kreuzigung fielen nämlich auch alle seine Vertrauten von ihm ab und verleugneten ihn3; später aber nach seiner Auferstehung, als er ihnen erschienen war und er sie in das Verständnis der Prophezeiungen, in denen das alles als zukünftig vorhergesagt war, eingeführt hatte, und als sie ihn in den Himmel hatten auffahren sehen, Glauben gewonnen, die ihnen dorther von ihm gesandte Kraft empfangen hatten und zu allen Nationen der Menschheit ausgezogen waren, da haben sie das gelehrt und sind Apostel genannt worden.“ (Justin, 1. Apologie 50)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„so sind auch wir durch die gar schweren Sünden, welche wir begangen haben, untergesunken, wurden aber von unserem Christus durch seinen Kreuzestod und durch die Reinigung mit Wasser erlöst und zu einem Hause des Gebetes und der Andacht gemacht23.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 86,6)

„Er ist ewig, wenn er auch kam, um durch die Jungfrau Maria geboren zu werden und Mensch zu sein; bei der Erneuerung von Himmel und Erde nämlich fängt der Vater bei ihm an7, und durch ihn will er die Neuschaffung bewerkstelligen. Er ist es, der in Jerusalem als ewiges Licht leuchten wird8. Er ist der König von Salem und der ewige Priester des Höchsten nach der Ordnung des Melchisedech9.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 113,4f.)

 

Bei sehr vielen Kirchenvätern findet sich die Ansicht, dass es Gott der Sohn ist, nicht Gott der Vater, der sich den Patriarchen offenbart hat; hier nur ein Beispiel bei Irenäus:

„Und wie der Sohn Gottes mit Abraham in eine Unterredung eintrat, sagt Moses wiederum: ‚Und es erschien ihm Gott bei der Terebinthe Mamres am Mittag; als er die Augen erhob und sah, siehe, da traten drei Männer vor ihn, und er neigte sich zur Erde und sprach: Herr, habe ich wirklich Gnade gefunden vor Dir‘1 . Und alles Weitere sprach er mit dem Herrn und der Herr mit ihm. Zwei von den dreien nun waren Engel, der eine aber war der Sohn Gottes, mit dem eben Abraham sprach und bei dem er Fürsprache einlegte für die Bewohner von Sodoma, daß sie nicht zugrunde gingen, wenn nur zehn Gerechte wenigstens sich fänden. Während diese miteinander redeten, gingen die Engel nach Sodoma, und Loth nahm sie auf. Hierauf sagt die Schrift: ‚Der Herr ließ über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen vom Herrn vom Himmel‘2 . Gemeint ist der Sohn, der mit Abraham redete. Als Herr empfing er die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter vom Herrn vom Himmel, von dem Vater, der über alles herrscht. Hiermit ward Abraham ein Prophet und sah das Zukünftige, welches geschehen sollte, in menschlicher Gestalt den Sohn Gottes, denn dieser sollte mit den Menschen reden, mit ihnen Nahrung genießen und hernach von dem Vater aus, der über alle herrscht, das Gericht über sie abhalten, wie er von ihm die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter erhalten hatte. […]

Und alle diese Gesichte deuten an, wie der Sohn Gottes mit den Menschen spricht und unter ihnen weilt. Denn nicht hat ehedem der Vater von allem, der von dieser Welt nicht gesehen wird, und der Schöpfer von allem, der da spricht: ‚Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße, wie wollt ihr mir ein Haus bauen, oder wo wäre der Ort meiner Ruhe‘2 , er, ‚der die Erde faßt mit seiner Faust und den Himmel ausspannt mit seiner Hand‘3 — nicht er hat, in kleinem Raum vorübergehend weilend, mit Abraham gesprochen, sondern das Wort Gottes, das immer mit der Menschheit war und das Zukünftige, welches kommen sollte, zum voraus enthüllte und die Menschen über Gott belehrte.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 44-45)

 

Von den frühen Christen wurde sehr viel Wert auf die Prophezeiungen über Jesus im Alten Testament gelegt. Justin der Märtyrer verteidigt Jesus gegen den heidnischen Vorwurf, er könne auch nur ein Zauberkünstler gewesen sein, folgendermaßen:

„Damit aber niemand uns entgegenhalte: ‚Was steht im Wege, daß nicht auch der, den wir Christus nennen, als Mensch von Menschen geboren, durch Zauberkunst die Wundertaten vollbracht hat, die wir ihm zuschreiben, und daß man deswegen geglaubt hat, er sei Gottes Sohn?‘ so wollen wir nunmehr den Beweis führen, wobei wir uns nicht auf die stützen, die es behaupten1, sondern auf die, welche von ihm vorhergesagt haben, ehe er geboren wurde, denen wir notwendigerweise glauben müssen, weil wir mit Augen die Prophezeiungen erfüllt oder sich erfüllen sehen2, eine Beweisführung, die, wie wir glauben, auch euch als die sicherste und richtigste erscheinen wird.“ (Justin, 1. Apologie 30)

Über die Jungfrauengeburt schreibt er:

„Und nun hört, wie Wort für Wort seine Geburt aus einer Jungfrau durch Isaias geweissagt worden ist. Es heißt nämlich: ‚Siehe, die Jungfrau wird im Schoße tragen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen nennen: Gott mit uns‘1. Was nämlich unglaublich war und bei den Menschen für unmöglich gehalten wurde, das hat Gott durch den prophetischen Geist als zukünftig eintretend vorhergesagt, damit es, wenn es geschähe, nicht angezweifelt, sondern geglaubt werde, eben weil es vorhergesagt war2.

Damit aber niemand aus Mißverständnis der genannten Weissagung uns vorwerfe, was wir den Dichtern vorwerfen, wenn sie erzählen, Zeus sei aus Liebeslust zu Weibern gekommen, so wollen wir die Worte zu erklären versuchen. Das ‚Siehe die Jungfrau wird im Schosse tragen‘ bedeutet, daß die Jungfrau ohne Beiwohnung empfangen werde; denn hatte irgendeiner ihr beigewohnt, dann war sie keine Jungfrau mehr; vielmehr kam die Kraft Gottes über die Jungfrau, beschattete sie und bewirkte, daß sie, obgleich sie Jungfrau war, schwanger wurde. Und der damals zu eben dieser Jungfrau gesandte Engel Gottes brachte ihr diese frohe Botschaft, indem er sprach: ‚Siehe, du wirst im Schoße vom Heiligen Geiste empfangen und einen Sohn gebären und er wird Sohn des Allerhöchsten genannt werden3, und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘4, wie die berichtet haben, welche alles auf unsern Erlöser Jesus Christus Bezügliche aufgezeichnet haben. Diesen haben wir Glauben geschenkt, weil auch der prophetische Geist durch den obengenannten Isaias verkündet hatte, daß er so werde geboren werden, wie wir oben angegeben haben. Daß man nun unter dem Geiste und der Kraft Gottes nichts anderes verstehen darf als den Logos, der Gottes Eingeborener ist, hat der vorhin genannte Prophet Moses angedeutet5. Und als dieser Geist auf die Jungfrau kam und sie überschattete, hat er nicht durch Beiwohnung, sondern durch seine Kraft bewirkt, daß sie schwanger wurde. Jesus aber, ein hebräischer Name, bedeutet im Griechischen Erlöser; darum sprach auch der Engel zur Jungfrau: ‚Du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘6.“ (Justin, 1. Apologie 33)

Über das Leiden Jesu sagt er in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon:

„Die Worte: ‚Wie Wasser ist hingegossen und zerdehnt ist all mein Gebein. Geworden ist mein Herz wie Wachs, zerfließend im Innern meines Leibes‘ waren eine Prophezeiung auf das, was Jesus in jener Nacht erfahren mußte, als man gegen ihn auf den Ölberg ausrückte, um ihn gefangenzunehmen. Denn in den Denkwürdigkeiten, deren Verfasser nach meiner Behauptung die Apostel Jesu und deren Nachfolger waren, steht geschrieben, daß Schweiß wie Blutstropfen zur Erde rann19, da er betete und sprach20 : ‚Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch vorüber‘ und da sein Herz und ebenso seine Gebeine offenbar bebten und sein Herz wie Wachs in seinem Innern zerfloß, auf daß wir erkennen, daß nach dem Willen des Vaters sein Sohn unsertwegen in der Tat21 solches erduldet hat, und wir nicht behaupten, er habe als Sohn Gottes kein Empfinden gehabt für das, was ihm geschah und begegnete.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 103,7f.)

Über die Werke Jesu sagt er:

„In der Wüste, in welcher es keine Gotteserkenntnis gab, im Lande der Heiden, quoll als Quelle lebendigen Wassers12 von Gott her unser Christus hervor, welcher auch in eurem Volke erschienen ist und die, welche von Geburt aus und dem Fleische nach blind, taub und lahm waren, heilte, indem er dem einen durch sein Wort die Möglichkeit zu springen gab, dem anderen durch dasselbe das Gehör, wieder einem anderen das Augenlicht verlieh. Aber auch Tote erweckte er zum Leben. Durch seine Werke führte er die Menschen seiner Zeit zu seiner Erkenntnis. Sie aber nahmen, obwohl sie diese Wunder sahen, in ihnen Trugbilder und Zauberei an; wagten sie es ja auch, Christus einen Zauberer13 und Volksverführer14 zu nennen. Er aber wirkte eben diese Wunder, um die, welche später an ihn glauben sollten, zu überzeugen, daß er dem, der von körperlichen Leiden heimgesucht ist, wenn er nur seine überlieferten Lehren beobachtet, bei seiner zweiten Ankunft Unsterblichkeit, Unvergänglichkeit und Leidensunfähigkeit verleihen, ihn zu einem Leben frei vom Gebrechen erwecken werde.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 69,6f.)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Gen 1-2, Ps 8, Weish 2,23f., Weish 9,1-3, Sir 17, 2 Makk 7,28, Mt 10,29-31, Mt 12,12.

 

Im letzten Teil ging es um die Lehre von Gott und der Schöpfung als Ganzes; heute einige Stellen dazu, wozu Gott den Menschen im speziellen erschaffen hat.

 

Gott hat den Menschen um seiner selbst willen geschaffen, schreibt Athenagoras von Athen, und er soll in der Erkenntnis Gottes sein ewiges Glück finden:

„Den von der Entstehungsursache abgeleiteten Beweis bekommen wir, wenn wir uns fragen, ist der Mensch von ungefähr und zwecklos erschaffen worden oder zu einem bestimmten Zwecke; und wenn das letztere der Fall ist, ist er dann da, um nach seiner Erschaffung für sich selbst zu leben und in der ihm angeschaffenen Natur fortzubestehen oder, weil ein anderes Wesen seiner bedarf; wenn er aber in Hinsicht auf ein Bedürfnis erschaffen wurde, ist es dann der Schöpfer selbst, der seiner bedarf, oder irgendein anderes Wesen, das diesem nahe steht und sich hoher Fürsorge erfreut. Was wir schon bei einer allgemeineren Betrachtung finden können, ist die Tatsache, daß jeder Verständige, jeder, der sich durch vernünftiges Urteil zu einer Tätigkeit bewegen läßt, nichts von dem, was er vorsätzlich ins Werk setzt, zwecklos tut, sondern entweder um ein eigenes Bedürfnis zu befriedigen oder einem anderen Wesen, für das er besorgt ist, zu nützen oder wegen des Werkes selbst, wenn ihn nämlich ein natürlicher Zug, eine natürliche Liebe zu dessen Hervorbringung bewegt.

So baut der Mensch (ein Beispiel möge die Sache erläutern) ein Haus, weil er selbst dessen bedarf; er baut aber auch für Rinder, Kamele oder für die anderen Tiere, die er benötigt, das einem jeden derselben passende Obdach; wenn man nach dem Augenschein urteilt, tut er dies nicht zu eigenem Gebrauche, wohl aber, wenn man den Endzweck berücksichtigt; zunächst tut er es aus Fürsorge für seine Pfleglinge. Er erzeugt auch Kinder, nicht etwa weil er selbst deren bedarf oder um eines anderen Wesens willen, das ihm nahe steht, sondern in der Absicht, daß seine Sprößlinge einfach da sind und da bleiben solang als möglich, wobei er sich mit der Nachfolge seiner Kinder und Enkel über sein eigenes Ende tröstet und das Sterbliche auf diese Weise unsterblich zu machen wähnt. So machen es die Menschen.

Indes hat auch Gott den Menschen wohl nicht zwecklos erschaffen; denn er ist weise; kein Werk der Weisheit aber entbehrt des Zweckes. Auch hat er ihn nicht erschaffen, weil er selbst seiner bedürfte; denn er bedarf überhaupt nichts; einem Wesen aber, das vollständig bedürfnislos ist, kann keines seiner Werke zu eigenem Bedarfe dienen. Er hat aber auch den Menschen nicht um eines andern Geschöpfes willen gemacht; denn kein vernünftiges und urteilsfähiges Wesen wurde oder wird ins Dasein gesetzt, um einem anderen Wesen, sei es nun ein höheres oder ein geringeres, zum Gebrauche zu dienen, sondern um selbsteigenes Leben zu haben, wenn es einmal geworden ist, und selbsteigenen Fortbestand. Auch kann die Vernunft die Entstehung des Menschen nicht auf irgendein Bedürfnis zurückführen; denn die unsterblichen Wesen sind bedürfnislos und brauchen zu ihrer Existenz in keiner Weise eine menschliche Hilfe; die unvernünftigen Wesen dagegen müssen sich nach dem natürlichen Lauf der Dinge beherrschen lassen und dem Menschen die ihrer Natur entsprechenden Dienste leisten, während sie selbst nicht fähig sind, sich der Menschen zu bedienen; denn recht war es nicht und ist es nicht, das Herrschende und Führende in den Dienst eines Geringeren zu stellen oder das Vernünftige dem Unvernünftigen unterzuordnen, das doch zum Herrschen ungeeignet ist.

Wenn also der Mensch nicht grund- und zwecklos geschaffen ist (denn kein göttliches Werk ist zwecklos), wenn ferner seine Entstehung weder auf ein Bedürfnis des Schöpfers selbst noch auf ein Bedürfnis eines anderen von Gott geschaffenen Wesens zurückzuführen ist, so ist es klar, daß in erster und allgemeinerer Hinsicht Gott den Menschen geschaffen hat, weil er eben Gott ist und weil überhaupt aus dem Schöpfungswerke seine Güte und Weisheit hervorleuchtet; betrachtet man jedoch die Sache mehr vom Standpunkt der geschaffenen Menschen aus, dann deswegen, weil er das Leben derselben will und zwar nicht ein Leben, das nur für kurze Zeit entfacht wird, dann aber gänzlich erlöschen soll. Den Reptilien freilich, den Luft- und Wassertieren, überhaupt allem Vernunftlosen hat Gott ein kurzes Leben beschieden, dagegen hat er den Menschen, die das Bild des Schöpfers selbst in sich tragen und mit Vernunft und unterscheidendem Verstande begabt sind, ewige Fortdauer verliehen.

Denn ihre Bestimmung ist es, in der Erkenntnis ihres Schöpfers und seiner Macht und Weisheit und in der Erfüllung des Gesetzes und Rechtes die ganze Ewigkeit hindurch ohne alles Leid in jenen Gütern zu leben, durch die sie auch schon ihrem vorausgehenden Leben Festigkeit und Halt gegeben haben, obwohl sie in sterblichen und irdischen Leibern wohnten. Alles, was um eines anderen willen entstanden ist, muß, sobald das, wofür es entstanden ist, aufhört, ebenfalls zu sein aufhören; es kann nicht zwecklos fortbestehen, da die Zwecklosigkeit in den Werken Gottes keine Stätte findet; was aber gerade zu dem Zwecke entstanden ist, daß es sei und seiner Natur entsprechend lebe, das kann, weil hier die Ursache mit der Hervorbringung dieser Natur am Ziele angelangt ist und offenbar nichts anderes als die Existenz bezweckte, nie einer anderen Ursache zugänglich sein, welche die Existenz völlig aufheben würde.“ (Athenagoras, Von der Auferstehung der Toten 12)

 

Gleichermaßen heißt es im schwer datierbaren, irgendwann aus dem 2. Jahrhundert stammenden Diognetbrief:

„Trägst auch du nach diesem Glauben Verlangen, so lerne zuerst den Vater kennen. Denn Gott hat die Menschen geliebt; ihretwegen schuf er die Welt, ihnen unterwarf er alles auf Erden, ihnen gab er Rede, ihnen Vernunft; ihnen allein gestattete er, aufwärts zu ihm zu blicken; sie gestaltete er nach seinem Ebenbilde, ihnen sandte er seinen eingeborenen Sohn, ihnen verhiess er das Himmelreich und wird es geben denen, die ihn lieben. Von welcher Freude aber glaubst du wohl erfüllt zu werden, wenn du ihn erkannt hast? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Liebst du ihn aber, so wirst du auch ein Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er kann es, weil er Gott es will.“ (Diognetbrief 10)

 

Auch Theophilus von Antiochia schreibt, dass der Mensch darauf ausgerichtet ist, Gott zu erkennen:

„Denn nichts existierte neben Gott, sondern er selbst war sein Raum, war sich selbst vollkommen genug und war da vor allen Zeiten. Er wollte aber den Menschen schaffen, um von ihm erkannt zu werden; für diesen also bereitete er die Welt zu. Denn der Gewordene ist vieler Dinge bedürftig, der Ewige aber ist bedürfnislos.“ (Theophilus, An Autolykus II,10)

 

Irenäus von Lyon schreibt ebenfalls, dass Gott den Menschen nicht braucht, sondern der Mensch Gott; Gott hat ihn geschaffen, um ihn zu lieben:

„Also hat Gott im Anfang den Adam erschaffen, nicht als ob er selbst des Menschen bedurft hätte, sondern damit er auf jemand sein Wohlgefallen ausschütten konnte. Denn nicht nur vor Adam, sondern schon vor aller Schöpfung verherrlichte das Wort [= Gott Sohn, Jesus] seinen Vater, indem es in ihm blieb, und es selbst wurde von dem Vater verherrlicht, wie er selber sagt: ‚Vater, verkläre mich mit der Klarheit, die ich bei dir gehabt habe, bevor die Welt ward‘1 . Auch befahl er uns, ihm zu folgen, nicht als ob er unseres Dienstes bedurfte, sondern weil er uns sein Heil zuwenden wollte. Denn dem Erlöser nachfolgen, heißt teilnehmen am Heil, und dem Lichte folgen, heißt das Licht erlangen. Die aber im Lichte sind, erleuchten nicht selber das Licht, sondern werden von ihm erleuchtet und erhellt; sie selbst geben ihm nichts, sondern empfangen die Wohltat, vom Lichte erleuchtet zu werden. So bringt auch unsere Tätigkeit im Dienste Gottes Gott nichts ein, noch bedarf er des menschlichen Dienstes, wohl aber verleiht er denen, die ihm folgen und dienen, Leben, Unvergänglichkeit und ewigen Ruhm; aber von ihnen empfängt er keine Wohltat, denn er ist reich, vollkommen und ohne Bedürfnis. Nur deswegen verlangt Gott den Dienst der Menschen, weil er gut und barmherzig ist und denen wohltun will, die in seinem Dienste verharren. Denn ebenso sehr, wie Gott keines Menschen bedarf, bedarf der Mensch der Gemeinschaft Gottes, Das nämlich ist der Ruhm des Menschen, auszuharren und zu verbleiben im Dienste Gottes. Deswegen sagte der Herr zu seinen Schülern:
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt‘2 . Das bedeutet: Nicht sie verherrlichten ihn, indem sie ihm folgten, sondern dadurch, daß sie dem Sohne Gottes folgten, wurden sie von ihm verherrlicht. Und abermals sagt er: ‚Ich will, daß dort, wo ich bin, auch diese sind, damit sie meine Herrlichkeit sehen‘3 . Dessen rühmt er sich nicht in Eitelkeit, sondern er will, daß an seiner Herrlichkeit auch seinen Jüngern Anteil werde, wie Isaias sagt: ‚Vom Sonnenaufgang werde ich deinen Samen herbeiziehen und vom Sonnenuntergang dich sammeln; und ich werde zum Nordwind sprechen: Bring herbei! und zum Südwind: Halt nicht zurück! Ziehe herbei meine Söhne von ferne und meine Töchter von den Enden der Erde, sie alle, die berufen sind in meinem Namen. In meiner Herrlichkeit habe ich ihn bereitet, gebildet und gemacht‘4 . Weil, ‚wo immer ein Leichnam ist, sich dort auch die Adler versammeln‘5 , nehmen sie teil an der Herrlichkeit Gottes, der uns dazu geformt und bereitet hat, daß wir teilnehmen an seiner Herrlichkeit, solange wir bei ihm sind.“
(Irenäus, Gegen die Häresien IV,14,1)

Einer der bekanntesten Sätze aus Irenäus‘ Werk lautet knapp und prägnant:

„Denn Gottes Ruhm ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,7)

Der Mensch als Abbild Gottes:

„Denn nach Gottes Bild ist der Mensch gemacht, und das Bild Gottes ist der Sohn, nach dessen Bild der Mensch geworden ist. Deshalb erschien jener auch in der Fülle der Zeiten, um zu zeigen, wie das Abbild ihm ähnlich ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 22)

Die Welt ist für den Menschen gemacht:

„Es ist also ein und derselbe Gott, der ‚den Himmel aufwickelt wie eine Schriftrolle‘1 und ‚das Angesicht der Erde erneuert‘2 . Er machte das Zeitliche wegen des Menschen, damit er, darin heranreifend, unsterbliche Frucht bringe, und umkleidet ihn mit Ewigem wegen seiner Güte, damit er den nachkommenden Zeiten die unaussprechlichen Reichtümer seiner Güte zeige3 . Er wurde vom Gesetz und den Propheten verkündet und von Christus als Vater bekannt. Er ist auch der Schöpf er und Gott über alles, wie Isaias sagt: ‚Ich bin Zeuge, spricht Gott, der Herr, und mein Knecht, den ich erwählte, damit ihr erkennet, glaubt und versteht, daß ich es bin. Vor mir war kein anderer Gott, und nach mir wird keiner kommen. Ich bin Gott und außer mir ist keiner, der da rettet. Ich habe verheißen, und ich habe gerettet‘4 . Und wiederum: ‚Ich bin der erste und der letzte‘5 . So spricht er nicht in eitlem, aufgeblasenem Stolze, sondern weil es unmöglich war, ohne Gott Gott kennen zu lernen, lehrte er durch sein Wort die Menschen die Kenntnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,5,1)

 

In einer Privatoffenbarung aus dem frühen 2. Jahrhundert, dem sog. „Hirten des Hermas“, sagt ein Engel zu Hermas, dem römischen Christen, der diese Offenbarung empfängt:

„Törichter, Unverständiger, Zweifler, weißt du nicht, wie groß, wie mächtig und wunderbar die Herrlichkeit Gottes ist1, weil er die Welt um des Menschen willen geschaffen hat2 und seine ganze Schöpfung dem Menschen unterstellt und ihm die Macht gegeben hat, über alles, was sich unter dem Himmel befindet, zu herrschen?“ (Hirte des Hermas II,12,4,2)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Gen 1-2, Neh 9,6,Ps 33,6-9, Ps 89,6,-15, Ps 148, Ijob 38-42, Weish 1,1-15 u. 2,23f., Weish 9,1-3, Weish 11,21-26, Sir 18,1-14, Jes 40,12-31, Jes 45, 2 Makk 7,28, Est 4,17, Apg 17,22-31, Röm 1,19-23, 1 Tim 4,4

 

Heute geht es um das grundlegendste Faktum des Christentums, das gleich am Anfang der Glaubensbekenntnisse ausgedrückt wird („Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“): Den Monotheismus (beinhaltend die Ablehnung aller polytheistischen Götter) und den Glauben an Gott als den, der die Welt aus dem Nichts erschaffen hat und im Dasein erhält. Hier kommt auch die Frage hinein, inwiefern Gott aus Seinen Werken erkannt werden kann, und was Seine Eigenschaften sind. Im nächsten Post (Teil 2b) soll es dann speziell um die Erschaffung des Menschen durch Gott gehen.

Einiges an diesen Texten wird nicht überraschen; es ist altbekannt, dass die Christen nur an einen Gott glauben. Aber hier sticht heraus, wie „philosophisch“ die frühen Kirchenväter reden, dass sie ständig davon sprechen, dass man aus der Ordnung der Welt auf einen Schöpfer schließen kann, dass sie sagen, dass er der Beweger der Welt ist, die sich nicht von selbst bewegt, dass Er vollkommen einfach im Sinn von nicht aus Teilen zusammengesetzt ist, dass Er notwendiges Sein statt nur mögliches Sein (wie die Geschöpfe, die auch nicht existieren könnten und nicht notwendigerweise existieren) ist, und dergleichen: Solche Darlegungen kamen nicht erst in der mittelalterlichen Scholastik bei Theologen/Philosophen wie dem hl. Thomas von Aquin auf. Natürlich reden sie auch von der Offenbarung Gottes, zitieren aus der Bibel usw.; aber sie reden auch viel davon, was allein durch die Vernunft, noch ohne Propheten etc., von Gott erkannt werden kann.

 

Aristides von Athen, einer der ersten christlichen Apologeten (er muss zwischen 138 und 161 geschrieben haben), also jemand, der das Christentum gegen seine Gegner verteidigte, schreibt in seiner dem Kaiser gewidmeten Schrift:

„Ich bin, o Kaiser, durch Gottes Vorsehung1 auf die Welt gekommen. Und als ich den Himmel betrachtete2 und Erde und Meer, und Sonne und Mond [erblickte] und die übrigen Schöpfungswerke, da erstaunte ich über dieses Weltgebäude3. Ich begriff aber, daß sich die Welt und alles darin (nur) aus Zwang [seitens eines andern] bewegt, und ich sah ein, daß derjenige, der sie bewegt und erhält, Gott ist, [der darin verhüllt und dadurch verborgen ist4]; auch ist klar, daß das Bewegende stärker5 ist als das Bewegte, und das Erhaltende stärker als das Erhaltene. Aber nachzugrübeln über den Beweger des Alls, wie beschaffen er (nämlich) ist – denn soviel ist mir ersichtlich: er ist ja seiner Natur nach unbegreiflich – und zu handeln über die Festigkeit seiner Weltordnung, um sie ganz zu begreifen, bringt mir keinen Gewinn, kann sie ja doch niemand vollkommen begreifen. Ich behaupte aber von dem Weltbeweger, daß er der Gott des Alls ist, der alles um des Menschen6 willen gemacht hat; und mir scheint das (allein) von Wert zu sein, daß man Gott verehre und den (Mit-) Menschen nicht kränke. Ich behaupte aber, daß Gott ungezeugt7 ist und ungemacht8, von niemand umfaßt wird, selbst aber alles umfaßt9, (daß er ist) eine durch sich seiende10 Form11, anfangslos12 und endlos, unvergänglich13, unsterblich, vollkommen und unbegreiflich14. Wenn ich sagte: vollkommen, so heißt das, daß er keinen Mangel hat und nichts bedarf15, während alles seiner bedarf; und wenn ich sagte, daß er anfangslos ist, so heißt das, daß alles, was einen Anfang hat, auch ein Ende hat, und alles, was ein Ende hat, auflösbar ist.

Er hat keinen Namen16; denn alles, was einen Namen hat, gehört mit zum Geschaffenen. Er hat keine Gestalt und keine Zusammensetzung von Gliedern; denn wer solches hat, gehört mit zu den Gebilden. Er ist nicht männlich und nicht weiblich17. Der Himmel umfaßt ihn nicht, vielmehr wird der Himmel und alles Sichtbare und Unsichtbare von ihm umfaßt. 6. Er hat keinen Gegner; denn es gibt niemand, der stärker wäre als er18. Er hat nicht Grimm und Zorn19; denn es gibt nichts, das ihm widerstehen könnte. Irrtum und Vergeßlichkeit liegt nicht in seiner Natur; denn er ist ganz und gar Weisheit und Einsicht und durch ihn besteht alles20, [was besteht]. Er heischt nicht Schlacht- und Trankopfer21, noch eines von den sichtbaren Dingen; [von niemand heischt er etwas,] aber alle Lebewesen heischen von ihm. (Aristides von Athen, Apologie 1)

Kürzer schreibt er an späterer Stelle:

„Die1 Christen aber, o Kaiser, haben umhersuchend die Wahrheit gefunden und stehen, wie wir ihren Schriften entnommen haben, der Wahrheit und genauen Erkenntnis näher als die übrigen Völker. Denn sie kennen2 Gott und glauben an ihn als den Schöpfer und Werkmeister des Alls3, durch den alles und von dem alles ist4, der keinen andern Gott neben sich hat, von dem sie die Gebote empfingen5, die sie in ihren Sinn eingezeichnet haben6 und beobachten in der Hoffnung und Erwartung7 der künftigen Welt.“ (Aristides von Athen, Apologie 15,1-3)

 

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt ca. 95 n. Chr. in einem Brief an die Gemeinde von Korinth:

„Die Himmel, die nach seiner Anordnung sich bewegen, gehorchen ihm in Frieden. Tag und Nacht vollenden sie den von ihm bestimmten Lauf, ohne einander im geringsten zu hindern. Sonne und Mond und der Sterne Reigen durchkreisen nach seinem Gesetze einträchtig ohne jede Abschweifung die ihnen vorgeschriebenen Bezirke. Die Erde bringt Frucht nach seinem Willen zur rechten Zeit und erzeugt für Menschen und Tiere und jegliches Wesen, das auf ihr lebt, reichliche Nahrung; dabei zögert sie nicht noch ändert sie etwas an seinen Befehlen. Der Abgründe unzugängliche und der Unterwelt unerforschliche Gerichte bestehen durch die gleichen Gesetze. Das Becken des unendlichen Meeres – nach seiner Schöpfung zur Sammlung (der Wasser) festgebaut – überschreitet nicht die ihm rings gesetzten Schranken, sondern wie er ihm befohlen, so tut es. Er sagte nämlich: ‚Bis hierher sollst du kommen, und deine Wogen sollen in dir selbst zerfallen‘1. Der Ozean, den Menschen nicht durchfahren können, und die Welten hinter ihm, werden durch die nämlichen Gesetze des Herrn regiert. Des Frühlings, Sommers, Herbstes und Winters Zeiten lösen einander in friedlichem Wechsel ab. Der Winde Posten tun zur bestimmten Zeit ohne Anstoß ihren Dienst. Nichtversiegende Quellen, zum Gebrauch, für die Gesundheit geschaffen, reichen unaufhörlich ihre den Menschen Leben spendenden Brüste; auch die kleinsten Tiere halten ihre Versammlungen in Eintracht und Friede. Dies alles besteht nach des großen Schöpfers und Herrn der Welt Befehl in Friede und Eintracht, da er allen Wohltaten spendet, in reichstem Übermaße aber uns, die wir unsere Zuflucht genommen zu Seinen Erbarmungen durch unseren Herrn Jesus Christus. Ihm sei Ruhm und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ (1. Clemensbrief 20)

In einem Gebet spricht Clemens Gott folgendermaßen an:

„auf dass wir hoffen auf Deinen Namen, der aller Schöpfung den Anfang gab, da Du uns geöffnet hast die Augen unseres Herzens, damit wir Dich erkennen, den einzigen ‚Höchsten in der Höhe, den Heiligen, der im Heiligtume ruht‘1, ‚Dich, der Du den Stolz der Prahler demütigst‘2, ‚die Pläne der Heiden vereitelst‘3, ‚die Demütigen erhöhst und die Hohen erniedrigst‘4, ‚der Du reich machst und arm‘5, ‚tötest und rettest und Leben weckst‘6, ‚Dich, den einzigen Wohltäter der Geister und den Gott alles Fleisches‘7, ‚der Du hineinsiehst in die Unterwelt‘8, schaust auf die Werke der Menschen, den Helfer in Gefahr, ‚den Retter in der Verzweiflung‘9, den Schöpfer und Aufseher jeglichen Geistes; der Du die Völker zahlreich machst auf der Erde und von allen die erwählt hast, die Dich lieben durch Jesus Christus, Deinen geliebten Sohn, durch den Du uns erzogen, geheiligt und geehrt hast.“ (1. Clemensbrief 59,3)

 

Im „Hirten des Hirmas“, einer Schrift eines römischen Christen, die mehrere Privatoffenbarungen (v. a. zum Thema Kirchenbuße) enthält, und spätestens zwischen 140 und 155 n. Chr., evtl. auch früher, entstanden ist, heißt es:

„Fürs allererste: glaube, dass es einen Gott gibt, der alles erschaffen und vollendet1 und aus Nichts gemacht hat2, dass es sei, indem er auch alles umfasst, während er allein unfassbar ist.“ (Hirte des Hermas 2,1,1)

„Siehe, der Herr der Heerscharen1, der mit seiner unsichtbaren Macht und Stärke und großen Weisheit die Welt erschuf2 und in seinem lobwürdigen Ratschlusse seine Schöpfung mit Schönheit umgab und mit seinem mächtigen Wort den Himmel befestigte und die Erde gründete über den Wassern 3 und in der ihm eigenen Weisheit und Vorsicht seine heilige Kirche schuf, die er auch segnete, siehe, er versetzt die Himmel, die Berge4, die Hügel und die Meere, und alles wird ebenes Land für seine Auserwählten, damit er ihnen das Versprechen einlöse, das er mit großem Ruhm und großer Freude gegeben, wenn sie nämlich die Satzungen Gottes halten, die sie in großem Vertrauen empfangen haben.“ (Hirte des Hermas 1,1,3,4)

 

In einem um 200 n. Chr. entstandenen Werk von Minucius Felix, das in der Form eines Dialogs zwischen einem Christen und einem Heiden gehalten ist, heißt es:

„Doch vielleicht meinst du, weil über die Existenz einer Vorsehung kein Zweifel obwalten kann, erforschen zu müssen, ob das himmlische Reich durch die Macht eines Einzigen oder durch den Willen einer Mehrheit regiert wird. Aber das klarzustellen ist nicht schwer; man darf nur die irdischen Reiche überdenken, welche jedenfalls ihr Muster im Himmel haben. Wann hat je die Teilung einer Herrschaft mit Vertrauen begonnen und ohne Blut geendet? […] Sieh weiterhin: Eine Königin haben die Bienen, einen Führer die Herden, einen Leitstier die Zugtiere. Du glaubst, daß im Himmel die höchste Macht geteilt ist und die Gewalt jener wahren, göttlichen Majestät gespalten ist.

Aber es ist sonnenklar, daß Gott der Vater aller weder einen Anfang noch ein Ende hat. Er verleiht allen Dingen Dasein, sich selbst Unendlichkeit; er war vor der Welt sich selbst eine Welt. Er regiert durch sein Wort alles, was ist, ordnet es durch seine Vernunft und vollendet es durch seine Macht. Man kann ihn nicht sehen; er ist zu licht für das Auge. Ebensowenig kann er betastet werden, denn er ist für die Berührung zu fein; auch nicht gemessen werden, denn er ist über unsere Sinne erhaben, unendlich, unermeßlich und nur sich selbst in seiner ganzen Größe bekannt. Unser Herz aber ist zu beschränkt, um ihn zu begreifen und deshalb schätzen wir ihn so am besten, wenn wir ihn unschätzbar nennen. Ich möchte sprechen, wie ich denke: Wer Gottes Größe zu kennen glaubt, schmälert sie; wer sie nicht schmälern will, kennt sie nicht. Man suche auch keinen Namen für Gott: ‚Gott‘ ist sein Name. Nur da braucht man mehrere Worte, wo man die Einzelwesen in der Mehrheit durch besondere kennzeichnende Benennungen unterscheiden muß: dem Gott, welcher nur Einer ist, gehört das Wort ‚Gott‘ ganz allein an. Wenn man ihn z. B. Vater nennt, so könnte man an einen fleischlichen Vater denken; wenn König, so könnte man einen irdischen vermuten; wenn Herrn, so wird man sicherlich ein sterbliches Wesen darunter verstehen. Laß die Namenszutaten weg und du wirst ihn in seiner vollen Klarheit schauen.

Übrigens herrscht in diesem Punkt nicht allgemeine Übereinstimmung? Ich horche auf das gewöhnliche Volk. Wenn es zum Himmel seine Hände emporhebt, sagt es nichts anderes als ‚Gott‘ und ‚Gott ist groß‘ und ‚Gott ist wahrhaftig‘ und ’so Gott will‘. Ist das die natürliche Ausdrucksweise des Volkes oder das Gebetet eines gläubigen Christen? Auch wer Jupiter als Oberherrn anerkennt, täuscht sich im Namen, nimmt aber mit uns eine einheitliche Macht an. (Minucius Felix, Octavius 18,5-11)

 

Die Christen wandten sich immer wieder gegen die Götzenverehrung, z. B. die Verehrung der Gestirne als göttliche Wesen. Nur der Gott, der hinter all dem steht, ist wirklich Gott; das alles ist nur geschaffen. Die Schöpfung ist schön, schreibt Athenagoras von Athen, aber verdient keine Anbetung:

Gewiß ist die Welt schön, imposant durch ihre Ausdehnung, durch die Stellung der Himmelskörper im Tierkreis und um den Bären, und durch ihre Kugelgestalt; aber deswegen verdient sie noch keine Anbetung; wohl aber verdient eine solche ihr erhabener Künstler. So wenden sich auch Eure Untertanen, wenn sie zu Euch kommen, nicht an Eure prunkvolle Residenz, anstatt Euch, den Herrn und Gebietern, bei denen sie die Erfüllung ihrer Bitten finden könnten, ihre Aufwartung zu machen, sondern Ihr selbst seid in ihrer Wertschätzung alles in allem; den schönen Fürstenpalast bewundern sie nur nebenbei. Außerdem baut Ihr Fürsten Eure Paläste für Euch; die Welt aber ist keinem Bedürfnis entsprungen; denn Gott ist alles selber: unnahbares Licht, vollendete Schönheit, Geist, Kraft, Wort. Und wenn die Welt ein wohlgestimmtes, rhythmisch bewegtes Musikinstrument ist, so bete ich nicht das Instrument an, sondern den, der es gestimmt hat, der ihm die Töne entlockt und das der Melodie des Spieles entsprechende Lied dazu singt. Auch bei den Bewerbern im musischen Wettkampf übergehen die Preisrichter nicht die Zitherspieler und bekränzen statt dieser die Zithern. Ist also die Welt, wie Plato sagt, Gottes Kunstwerk, so bewundere ich zwar ihre Schönheit, wende mich aber im übrigen an ihren Künstler. Ist sie, wie die Peripatetiker wollen, Substanz und Leib, so unterlassen wir es nicht, dem Gotte, der die Bewegung dieses Leibes bewirkt, unsere Huldigung darzubringen; nicht vor den armseligen, ohnmächtigen Elementen fallen wir nieder; nicht beten wir wie jene nebst der unbildsamen Luft die bildsame Materie an. Denkt sich ferner jemand die Teile der Welt als Kräfte Gottes, so wenden wir uns wieder nicht an die Kräfte, um sie zu verehren, sondern an deren Schöpfer und Beherrscher. Ich bitte nicht die Materie um Dinge, die sie nicht hat; auch verehre ich nicht mit Übergehung Gottes die Gestirne, die nichts weiter vermögen als den Befehlen, die an sie ergehen, zu gehorchen; denn wenn sie auch infolge der Kunst ihres Bildners schön anzusehen sind, so sind sie doch wegen der Natur der Materie vergänglich. Dies bezeugt auch Plato; er sagt: ‚Was man Himmel und Welt genannt hat, hat vom Vater viel Erfreuliches mitbekommen; aber nun hat es auch einen Körper erhalten; folglich kann es nicht ohne Veränderung bleiben‘ 1. Wenn ich also nicht einmal den Himmel und die Gestirne, die ich doch wegen ihrer Kunst bewundere, als Götter verehre, wie kann ich dann solche Werke, deren Verfertiger unzweifelhaft Menschen sind, Götter nennen?“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 16)

 

Der monotheistische Glaube der Christen hatte auch Konsequenzen für sie; in einem christlichen Bericht über einige Märtyrer, die zwischen 161 und 180 n. Chr. hingerichtet wurden, weil sie den heidnischen Göttern nicht opfern wollten, heißt es:

„Der Prokonsul aber sprach. zornig: Opfert den Göttern und seid vernünftig! Karpus entgegnete lächelnd: Götter, die den Himmel und die Erde nicht geschaffen haben, mögen zugrunde gehen! Der Prokonsul sprach: Du mußt opfern; denn der Kaiser hat es befohlen. Karpus antwortete: Die Lebenden opfern nicht den Toten. Der Prokonsul sprach: Die Götter hältst du für tot? Karpus entgegnete: Willst du hören? Sie haben nicht einmal als Menschen gelebt, um zu sterben. Willst du sehen, daß das wahr ist? Entzieh ihnen deine Ehre, die du ihnen zu erweisen scheinst, und du wirst erkennen, daß sie nichts sind; Erdstoff sind sie und gehen mit der Zeit unter. Unser Gott nämlich, der zeitlos ist und die Zeit geschaffen hat, bleibt selbst immer unvergänglich und ewig; er ist immer derselbe und erleidet keinen Zugang noch Abgang; jene aber werden von Menschen gemacht und, wie ich sagte, von der Zeit vernichtet.“ (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 2)

 

Der hl. Justin der Märtyrer / der Philosoph, der im Jahr 165 in Rom ebenfalls den Märtyrertod starb, schreibt in seiner 1. Apologie (also auch einer Verteidigungsschrift gegenüber den Heiden, entstanden um 150) über die Erkennbarkeit Gottes:

„Und er hat von Anbeginn das Menschengeschlecht mit Vernunft begabt und mit der Fähigkeit geschaffen, das Wahre zu erwählen und das Gute zu tun, so daß die Menschen samt und sonders vor Gott keine Entschuldigung haben, weil sie als vernünftige und erkenntnisfähige Wesen auf die Welt gekommen sind. Wer aber glaubt, Gott kümmere sich um die Menschen nicht, der leugnet entweder indirekt3 sein Dasein oder er sagt, wenn er existiere, habe er Freude am Bösen oder verharre in Ruhe wie ein Stein, Tugend und Laster seien leere Begriffe und es sei nur ein Wahn, wenn die Menschen das eine für gut, das andere für bös halten; das ist freilich die größte Ruchlosigkeit, die gedacht werden kann.“ (Justin, 1. Apologie 28)

 

Бог Саваоф.jpg

(Gott der Vater, Bild von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

 

Tatian, ein Schüler Justins, schreibt in einer Streitschrift gegen die polytheistischen Griechen:

Unser Gott hat seinen Anfang nicht in der Zeit; er allein ist anfangslos, zugleich aber aller Dinge Anfang. Ein Geist ist Gott, aber kein Geist, der in der Materie waltet, sondern der Schöpfer der Geister und Formen, die an der Materie haften. Selbst unsichtbar und untastbar, ist er der Vater alles Fühlbaren und Sichtbaren. Ihn erkennen wir aus seiner Schöpfung und nehmen das Unsichtbare seiner Kraft an den geschaffenen Werken wahr3. Das Gebilde, das er unsretwegen geschaffen, will ich nicht anbeten. Sonne und Mond sind um unsretwillen geworden: wie sollte ich sie also anbeten, da sie mir dienstbar sind? Wie sollte ich Hölzer und Steine für Götter erklären? Denn der Geist, der in der Materie waltet, ist geringer als der göttliche Geist, und da er der Materie angeglichen ist, so darf er auch nicht in gleicher Weise wie der vollkommene Gott verehrt werden. Aber auch mit Geschenken darf man den unnennbaren Gott nicht behelligen; denn der keines Dinges bedarf, soll nicht von uns zu einem Bedürftigen entwürdigt werden. Doch ich will unsere Lehren deutlicher auseinandersetzen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 4,3-5)

 

Eine Fundgrube ist das lange Werk „Gegen die Häresien“ des hl. Bischofs Irenäus von Lyon, das er um 180 n. Chr. gegen die gnostischen Sekten verfasste. (Zum Verständnis: Die Gnostiker glaubten an eine seltsame Vielzahl von höheren Mächten über der Welt, und dass die materielle Welt von einem bösen Untergott erschaffen worden war, und dass die überlegenen Menschen durch eine geheime Erkenntnis erleuchtet werden und aus ihr entkommen konnten.)

„Wir halten an der Richtschnur der Wahrheit fest: Es gibt nur einen Gott, der alles durch sein Wort erschaffen und geordnet hat, der ihm aus dem Nichtsein das Dasein verliehen hat gemäß dem Worte der Schrift: ‚Durch das Wort des Herrn sind die Himmel gefestigt worden, und von dem Hauche seines Mundes ist all ihre Kraft‘1 ; und abermals: ‚Alles ist durch ihn gemacht worden, und ohne ihn ist nichts gemacht worden‘2 . Alles ohne Ausnahme — denn alles machte der Vater durch ihn, das Sichtbare und Unsichtbare, die Sinnendinge und die Gedankendinge, was gewisse Zeit dauern soll gemäß seiner Anordnung und was ewig bestehen soll. Dies alles aber nicht durch Engel oder von seiner Erkenntnis abgesonderte Kräfte, denn Gott bedarf keiner Hilfe, vielmehr durch sein Wort und seinen Geist macht er alles und lenkt und leitet alles und gibt allem das Dasein: Er, der die Welt gemacht hat, die ja aus allem besteht, er, der den Menschen erschaffen hat, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, über den es keinen andern Gott gibt, noch einen Anfang, noch eine Kraft, noch ein Pleroma, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, wie wir zeigen werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien I,22,1)

Billig ist es, das erste und wichtigste Kapitel mit Gott dem Schöpfer zu beginnen, der Himmel und Erde gemacht hat und alles, was in ihnen ist; mit ihm, den jene gotteslästerlich als eine Frucht des Hysterema bezeichnen. Wir wollen zeigen, daß weder über ihm etwas ist, noch nach ihm, daß er nicht von jemand angetrieben, sondern nach seinem Ratschluß und freien Willen alles gemacht hat, da er allein Gott ist, allein Herr, allein Schöpfer, allein Vater, allein in sich alles enthaltend und für alles die Ursache des Daseins.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,1,1)

„Die Alten bewahrten zunächst diesen Glauben aus der Überlieferung des Urvaters und priesen den einen Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde; alsdann empfingen die folgenden Geschlechter die Erinnerung an diese Wahrheit von den Propheten Gottes; die Heiden aber lernten es aus der Schöpfung selber. Denn die Schöpfung weist hin auf den einen Schöpfer, das Werk verlangt einen Meister, und die Weltordnung offenbart den Ordner. Diese Überlieferung empfing die gesamte Kirche auf dem ganzen Erdkreise von den Aposteln.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,9,1)

„Wir schreiben die Schöpfung der Weltenmaterie der Kraft und dem Willen des allerhöchsten Gottes zu. Das ist glaublich, annehmbar, verständig. Mit Recht heißt es in Bezug hierauf: ‚Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott‘1 . Menschen vermögen nicht, aus nichts etwas zu machen, sondern sie bedürfen der Materie als Unterlage. Gott aber ist darin den Menschen zuerst überlegen, daß er die Materie seiner Schöpfung, die vorher nicht war, selbst erfand. Wenn aber jemand sagt, die Enthymesis eines verirrten Äonen habe die Materie hervorgebracht, und weit sei der Äon von seiner Enthymesis getrennt worden, und deren nach außen getretene Leidenschaft und Gemütsstimmung sei nun die Materie — so ist das unglaublich, töricht, unmöglich und unvernünftig.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, II,10,4)

„Weit entfernt ist Gott von den menschlichen Leidenschaften und Affekten. Einfach ist er und nicht zusammengesetzt, in allen Teilen und im Ganzen sich selbst ähnlich und gleich, da er ganz Verstand, ganz Geist, ganz Empfinden, ganz Vorstellung, ganz Vernunft, ganz Gehör, ganz Auge, ganz Licht und ganz die Quelle aller Güter ist. So geziemt es sich für die religiösen und frommen Seelen von Gott zu sprechen.

Er ist aber mehr als dies und deswegen unaussprechlich. Sein Verstand wird nämlich gut und recht als allumfassend bezeichnet, aber dem menschlichen Verstande ist er nicht ähnlich. Auch Licht wird er ganz mit Recht genannt, aber unserm Lichte ist er nicht ähnlich. So wird der Vater aller auch in den übrigen Beziehungen keiner der menschlichen Kleinigkeiten ähnlich sein. Demgemäß nennen wir ihn Vater wegen seiner Liebe, aber gemäß seiner Größe geht er über unsere Vorstellung hinaus.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,13,3-4)

„Aber diese und ähnliche Begriffe sind nicht nacheinander von Gott ausgegangen, sondern sind nur Namen für jene Vollkommenheiten, die zu Gott immer gehören. Denn unvollkommen und inadäquat ist alles, was wir von Gott hören oder sagen. In dem Worte Gott sind einbegriffen Verstand und Wort und Leben und Unvergänglichkeit und Wahrheit und Weisheit und Güte und seine andern Eigenschaften. Den Verstand kann man nicht älter nennen als das Leben, denn sein Verstand ist das Leben, noch kann man das Leben jünger nennen als den Verstand, sonst käme noch heraus ein Weltverstand, d. h. ein Gott, ohne Leben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, II,13,9)

„Die mannigfache Verschiedenheit aber der erschaffenen Dinge läßt sich so erklären: In Bezug auf die ganze Schöpfung sind alle passend und wohlgeordnet, zueinander jedoch sind sie entgegengesetzt und nicht passend, so wie der Klang der Zither durch den Unterschied der verschiedenen Töne eine schöne Melodie hervorbringt, die aus vielen und entgegengesetzten Tönen besteht. Wer also die Wahrheit liebt, darf sich durch den Unterschied der verschiedenen Töne nicht verleiten lassen, für diese verschiedene Künstler und Urheber anzunehmen, so daß der eine die hohen, der andere die tiefen, der dritte die mittleren Töne gemacht habe, sondern ein und derselbe hat das ganze weise Werk schön und richtig, gut und prächtig hergestellt. Wer nun ihren Klang hört, der muß den Künstler loben und preisen, bei dem einen die Kraft bewundern, bei dem andern auf die Weichheit des Tones achten, bei dem dritten die Mischung von Kraft und Weichheit heraushören, ein andermal wieder die besondere Art und Bedeutung erwägen und ihre Ursachen aufsuchen. So1 wird man nie von der gegebenen Lehre abweichen, noch an dem Künstler irre werden, noch den Glauben an den einen Gott verwerfen, der alles gemacht hat, noch unsern Schöpfer lästern.

Sollte einer aber auch nicht von allem, was er sucht, die Ursache finden, so möge er bedenken, daß er ein Mensch ist, der unendlich kleiner ist als Gott, nur stückweise die Gnade empfangen hat und seinem Schöpfer noch nicht gleich oder ähnlich ist und demgemäß nicht die Erfahrung oder Einsicht haben kann wie Gott. Um wieviel der Mensch von heute, der eben geworden ist, kleiner ist als der Unerschaffene und Unveränderliche, um soviel muß er auch an Wissenschaft und Kenntnis der innern Gründe aller Dinge kleiner sein als der Schöpfer. Nicht unerschaffen bist du, o Mensch, und lebtest nicht von Ewigkeit mit Gott, wie es dem Worte zukommt, sondern wegen seiner überströmenden Güte hast du jetzt einen Anfang genommen und lernst von seinem Worte den Heilswillen Gottes, der dich erschaffen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,25,2-3)

„Da wir nun als Richtschnur die Wahrheit selbst und das offen vorliegende Zeugnis in betreff Gottes haben, so dürfen wir uns nicht noch auf die Suche begeben und immer neue Erklärungen ausfindig machen, indem wir die zuverlässige und wahre Kenntnis in betreff Gottes verwerfen, sondern müssen uns geziemenderweise in die Erforschung der Geheimnisse und der Heilsordnung Gottes versenken, indem wir hierauf die Erklärung der Fragen richten und in der Liebe dessen wachsen, der für uns so große Dinge getan hat und noch tut, und dürfen niemals von der Überzeugung abtrünnig werden, die auf das klarste gepredigt wird, daß es in Wahrheit keinen andern Gott und Vater gibt als den, der diese Welt erschaffen, den Menschen gebildet hat; daß er es ist, der seiner Kreatur Wachstum verlieh, sie von kleinen Anfängen zu dem höheren Glücke, das in ihm selber ist, berief, gleichwie er das im Mutterleibe empfangene Kind an das Licht der Sonne hinausführt und den Weizen, nachdem er am Halme erstarkt ist, in die Scheune einbringt. Ein und derselbe Weltenschöpfer ist es, der den Mutterleib gebildet und die Sonne erschaffen hat, ein und derselbe Herr, der den Halm hervorbringt, der den Weizen wachsen läßt und mehrt und auch die ‚Scheune‘ zubereitet hat.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,28,1)

„In seiner Größe also können wir Gott nicht erkennen, denn unmöglich ist es, den Vater zu messen. In seiner Liebe aber, die uns durch das Wort zu Gott hinführt, werden wir, wenn wir ihm gehorchen, immer besser verstehen, daß Gott so groß ist und durch sich selbst alles beschlossen, erwählt und ausgeschmückt hat und alles umfängt. Somit auch diese Welt hienieden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,1)

Zur Erkennbarkeit Gottes sagt Irenäus folgendes:

„Der Herr aber lehrte keineswegs, daß die Kenntnis des Vaters und des Sohnes ganz unmöglich sei; dann wäre ja seine Ankunft überflüssig gewesen. Oder ist er etwa zu dem Zwecke auf die Erde gekommen, um uns zu sagen: ‚Ihr sollt Gott nicht suchen, denn unbekannt ist er, und ihr werdet ihn nicht finden?‘ Es ist töricht und erlogen, wenn die Valentinianer Christus so zu ihren Äonen sprechen lassen. Vielmehr lehrte uns der Herr, daß keiner Gott kennen kann, wenn Gott ihn nicht belehrt, d. h. ohne Gott ist es unmöglich, Gott zu erkennen; daß wir aber ihn erkennen, ist gerade der Wille des Vaters. Es erkennen ihn aber die, denen der Sohn es geoffenbart hat. […]

Denn durch die Schöpfung selber offenbart das Wort Gott als den Schöpfer und durch die Welt den Herrn als den Schöpfer der Welt und durch das Geschöpf, das er geschaffen hat, den Künstler, und durch den Sohn als Vater den, der den Sohn erzeugt hat. So ähnlich sind auch die Worte aller, aber verschieden ist ihr Glaube. Doch auch durch Gesetz und Propheten hat das Wort in ähnlicher Weise sich und den Vater verkündet — und obwohl das gesamte Volk es in gleicher Weise hörte, glaubten nicht alle in gleicher Weise. Auch wurde durch das sichtbar und greifbar gewordene Wort der Vater allen gezeigt. Es glaubten nicht alle ihm gleichmäßig, und doch sahen alle in dem Sohne den Vater, denn das Unsichtbare an dem Sohne ist der Vater, und das Sichtbare des Vaters ist der Sohn.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,4.6)

In einem kleineren Irenäus zugeschriebenen Werk heißt es:

“ Und daß das ewig und beständig Seiende für Gott gehalten werde und hoch über allem Gewordenen4 steht, und daß alles andere5 ihm unterworfen ist, und daß das Gott Unterworfene alles ihm zu eigen machen soll, denn nicht über Fremdes gebietet er und herrscht er, sondern über das Seinige. Gottes sind alle Dinge. Deshalb ist Gott der Allmächtige und alles, was ist, ist von Gott.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 3)

„Das Gewordene muß von einer großen Ursache den Anfang zum Werden genommen haben. Der Anfang von allem ist Gott. Er wurde nicht von irgend etwas, aber alles wurde von ihm. Deshalb muß man zuvörderst würdig bekennen, daß ein Gott und Vater ist, der alles schuf und ordnete, der das Nichtseiende ins Dasein rief, der, alles umfassend, selbst unermeßlich ist. Unter dem All ist aber auch diese unsere Welt enthalten und auf der Welt der Mensch. So ist auch unsere Welt von Gott erschaffen.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 4)

„Und der Vater wird im Geiste Erhabener1 und Allmächtiger2 genannt und Herr der Heerscharen3 , damit wir lernen, daß Gott dies eben ist, d. h. Schöpfer des Himmels und der Erde und aller Welten und Erschaffer der Engel und Menschen und Herr von allem, derjenige, von dem alles ist und alles erhalten wird, barmherzig, mitleidig und mildreich, gütig, gerecht, Gott aller, der Juden auch und der Heiden, wie der Gläubigen, und zwar der Gläubigen als Vater.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 8)

 

Bischof Theophilus von Antiochia (gest. ca. 183) schrieb in einer apologetischen Schrift:

„Du wirst nun zu mir sagen: ‚Beschreibe mir du, der du siehst, die Gestalt Gottes!‘ Höre, o Mensch: die Gestalt Gottes ist unaussprechbar, unerklärbar und für leibliche Augen unsichtbar. Seine Herrlichkeit ist unfaßbar, seine Größe unbegreifbar, seine Hoheit dem Denken unerreichbar; seine Stärke unermeßlich, seine Weisheit unvergleichlich, seine Güte unnachahmlich, sein herrliches Wirken unbeschreiblich. Denn nenne ich ihn Licht, so nenne ich ein Geschöpf von ihm; nenne ich ihn Wort, so nenne ich das Prinzip von ihm1; nenne ich ihn Vernunft, so nenne ich sein Denken; nenne ich ihn Geist, so nenne ich seinen Odem2; nenne ich ihn Weisheit, so nenne ich ein Erzeugnis von ihm3; nenne ich ihn Kraft, so nenne ich seine Stärke; nenne ich ihn Macht, so nenne ich seine Wirksamkeit; nenne ich ihn Vorsehung, so nenne ich seine Güte; nenne ich ihn Herrschaft, so nenne ich seine Herrlichkeit; nenne ich ihn Herrn, so nenne ich ihn Schöpfer; nenne ich ihn Richter, so nenne ich ihn gerecht; nenne ich ihn Vater, so nenne ich ihn den Liebevollen; nenne ich ihn Feuer, so nenne ich seinen Zorn. Wird also Gott zornig? wirst du nun zu mir sagen. Allerdings! Er zürnet denen, die Übles tun, gütig aber, gnädig und erbarmungsvoll ist er gegen die, so ihn lieben und fürchten; denn er ist der Lehrmeister der Frommen und der Vater der Gerechten, aber der Richter und Rächer der Gottlosen.

Er ist ohne Anfang, weil er nicht geworden ist, unveränderlich, weil er unsterblich ist. Gott [theos](θεός) heißt er, weil er alles auf seine Unbeweglichkeit festgegründet hat [dia to tetheikenai](διὰ τὸ τεθεικέναι), oder vom Worte [theein] θέειν. Dies bedeutet aber soviel wie laufen, bewegen, tätig sein; auch nähren, sorgen, lenken, beleben — alle Dinge nämlich. Herr aber ist er, weil er alles beherrscht; Vater, weil er vor allen Dingen ist; Weltbildner und Schöpfer, weil er es ist, der alles erschaffen und gemacht hat; der Allerhöchste, weil er über alles ist; Allherrscher, weil er alles regiert und umfaßt. Denn die Höhen des Himmels und die Tiefen des Abgrundes und die Grenzen des Erdkreises sind in seiner Hand, und es ist kein Ort seiner Ruhe. Denn die Himmel sind sein Werk und die Erde seine Schöpfung, das Meer ist seine Gründung und der Mensch ein Gebilde und Ebenbild von ihm. Sonne, Mond und Sterne sind von ihm geschaffene Weltkörper, zu Zeichen, Zeiten, Tagen und Jahren zur Leitung und zum Dienste der Menschen bestimmt; und alles hat Gott aus dem Nichts ins Dasein gerufen, auf daß man aus seinen Werken erkennen und ermessen könne seine Größe.“ (Theophilus, An Autolykus I,3-4)

Er schreibt zur Erkennbarkeit Gottes:

„Wenn du aber sagst: ‚Zeige mir deinen Gott!‘ so möchte ich dir antworten: ‚Zeige mir den Menschen in dir, und ich will dir meinen Gott zeigen!‘ Zeige mir also, daß die Augen deiner Seele sehen und die Ohren deines Herzens hören! Denn gleichwie die mit ihren leiblichen Augen Sehenden die Vorgänge im Erdenleben wahrnehmen und zugleich die verschiedenen Erscheinungen unterscheiden, ob Licht oder Finsternis, ob etwas weiß oder schwarz, mißgestaltet oder wohlgestaltet, harmonisch und ebenmäßig, oder unharmonisch und ohne Ebenmaß, oder über das Maß hinaus oder einseitig ist; (wie man auch in gleicher Weise unterscheiden kann) die Dinge, die unter das Gehör fallen, ob nämlich ein Ton hoch oder tief oder angenehm sei: so verhält es sich auch mit den Ohren des Herzens und den Augen des Geistes, wenn es sich um die Möglichkeit handelt, Gott zu schauen. Gott wird nämlich von denen gesehen, die imstande sind, ihn zu sehen, wenn sie nämlich die Augen ihres Geistes offen halten. Denn es haben zwar alle ihre Augen, aber bei einigen sind sie getrübt, und sie sehen das Licht der Sonne nicht. Und wenn die Blinden nicht sehen, so folgt daraus gewiß nicht, daß auch die Sonne nicht scheint, sondern die Blinden müssen sich und ihren Augen die Schuld zuschreiben. So hast auch du, o Mensch, infolge deiner Sünden und schlechten Handlungen getrübte Augen. Wie ein blanker Metallspiegel, so rein sei die Seele des Menschen. Wenn nun Rost auf dem Metallspiegel liegt, so kann man das Antlitz des Menschen im Spiegel nicht sehen; so kann auch, wenn die Sünde im Menschen ist, ein solcher Mensch Gott nicht sehen. Zeige also dich selbst, ob du kein Ehebrecher, kein Dirnenjäger, kein Dieb, kein Räuber, kein Wegelagerer, kein Knabenschänder, kein Mann der Gewalttat, ob du nicht schmähsüchtig, zornmütig, neidisch, prahlerisch, argwöhnisch, ein Raufbold, ein Geizhals, ungehorsam gegen die Eltern, ein Verkäufer deiner Kinder bist. Solchen, die derlei Dinge tun, erscheint Gott nicht, wenn sie sich nicht zuvor von allem Schmutze reinigen. Alles (dieses) also verdunkelt dich auch, wie das Eindringen eines Splitters ins Auge, so daß dieses das Licht der Sonne nicht schauen kann. So umgibt auch dich, o Mensch, mit Finsternis die Abkehr von Gott, so daß du Gott nicht sehen kannst.“ (Theophilus, An Autolykus I,2)

(Zum Verständnis bzgl. „Knabenschänder“ und „Verkäufer deiner Kinder“: Damals waren sowohl die Päderastie als auch das Verkaufen oder Aussetzen der eigenen Kinder legal.)

„Denn gleichwie die Seele im Menschen nicht gesehen, da sie für den Menschen unsichtbar ist, aber doch aus der Bewegung des Leibes wahrgenommen wird, so verhält es sich auch mit der Unmöglichkeit, Gott mit menschlichen Augen zu schauen; er wird aber aus seiner Vorsehung und seinen Werken erkannt. Denn gleichwie man, wenn man ein Schiff auf dem Meere sieht, das wohlausgerüstet dahin eilt und in den Hafen einläuft, offenbar auf den Gedanken kommen wird, daß auf ihm sich ein Steuermann befindet, der es lenkt: so muß man auch Gott als Lenker des Alls erkennen, wenn er auch von leiblichen Augen, weil für sie unfaßbar, nicht gesehen wird. Denn wenn der Mensch nicht einmal in die Sonne, einen so kleinen Himmelskörper, schauen kann wegen der außerordentlichen Hitze und Kraft derselben, um wieviel weniger kann das Auge eines sterblichen Menschen die Herrlichkeit Gottes, die unaussprechlich ist, ertragen! Wie ferner ein Granatapfel mit seiner ihn umschließenden Schale in seinem Innern viele Fächer und Kapseln, durch Häutchen geschieden, hat und viele Kerne eingeschlossen enthält, so wird die ganze Schöpfung vom Odem1 Gottes umgeben, und dieser umgebende Odem Gottes mitsamt der Schöpfung wird von der Hand Gottes umschlossen. Wie nun der Kern im Innern des Granatapfels, eben weil er innen ist, die Dinge außerhalb der Schale nicht sehen kann, so kann auch der Mensch, weil er mitsamt der Schöpfung von der Hand Gottes um- und eingeschlossen ist, Gott nicht sehen. Und ferner, man glaubt doch an das Dasein eines irdischen Königs, der, obwohl nicht von allen gesehen, doch durch seine Gesetze und Verordnungen, durch seine Behörden, seine Heeresmacht und seine Bildnisse erkannt wird: daß aber Gott aus seinen Werken und Wirken erkannt werde, willst du nicht gelten lassen?

Betrachte, o Mensch, seine Werke: den rechtzeitigen Wechsel der Jahreszeiten, die Veränderungen der Witterung, den geordneten Lauf der Himmelskörper, den regelmäßigen Gang der Tage und Nächte, der Monate und Jahre, die bunte Schönheit der Samen, Pflanzen und Früchte, die verschiedenen Arten der Vierfüßler, der Vögel, Schwimm- und Kriechtiere, der Fluß und Wassertiere; oder den in die Tiere selbst gelegten Trieb für die Fortpflanzung und Ernährung ihrer Jungen, nicht zum eigenen Nutzen, sondern zum Gebrauche des Menschen; dann die Fürsorge, die Gott trägt, indem er Nahrung bereitet allem Fleische, oder die Unterordnung, in der nach seiner Anordnung alle Wesen unter dem Menschen stehen; betrachte, wie süße Quellen sprudeln und stets strömende Flüsse dahin eilen, Tau, Regen und Güsse sich rechtzeitig einstellen, der Himmelskörper verschiedenen Bahnen folgt, den aufgehenden Morgenstern, der die Ankunft des vollkommenen Lichtgestirnes verkündet, die Verbindung der Plejaden und des Orion1, den Arcturus und die übrigen Gestirne, wie sie ringsum am Himmel ihren Weg nehmen, und denen allen die vielfältige Weisheit Gottes ihre Namen gegeben2. […]

Das ist mein Gott, der Herr des Alls, der allein den Himmel ausgespannt und die Breite der Erde festgestellt, der den Grund des Meeres aufwühlt und seine Wogen brausen macht1, der über die Gewalt des Meeres gebietet und seine brausenden Wogen besänftigt2, der die Grundfesten der Erde über den Wassern gelegt hat3 und ihr den nährenden Odem gegeben, dessen Odem allem das Leben gibt, der diesen Odem nur zurückzuhalten braucht, und alles wird vergeben4. Dessen5 Odem redest du, dessen Odem atmest du, und diesen Gott kennst du nicht, o Mensch! Das ist die Folge der Blindheit deiner Seele und der Verhärtung deines Herzens. Doch du kannst geheilt werden, wenn du willst. Überlasse dich dem Arzte, und er wird dir an den Augen des Geistes und des Herzens den Star stechen.“ (Theophilus, An Autolykus I,5-7)

 

Noch einmal Athenagoras von Athen: Er schreibt gegen die gegnerische Behauptung, die Christen seien „Atheisten“ (weil sie die allgemein verehrten Götter nicht verehrten):

„Da wir nun tatsächlich keine Atheisten sind (ich will jetzt jeder Beschuldigung einzeln entgegentreten), so wäre es ein Armutszeugnis, die Anklagen wegen Atheismus nicht widerlegen zu können. Einem Diagoras 1 warfen die Athener mit Recht Atheismus vor, da dieser nicht nur die orphische Lehre 2 mitteilte, und die Mysterien zu Eleusis und die der Kabiren 3 im Volke bekannt machte und das Holzbild des Herkules zusammenschlug, um seine Rüben zu kochen, sondern ganz unverhohlen erklärte, es existiere überhaupt kein Gott. Kann man aber uns, die wir Gott von der Materie wohl unterscheiden und den Beweis liefern, daß die Materie etwas anderes ist als Gott und daß der Abstand ein gewaltiger ist (wir weisen nämlich nach, daß das göttliche Wesen ungeworden und ewig ist, nur dem denkenden Geiste erfaßbar, die Materie dagegen geworden und vergänglich), kann man uns, frage ich, mit Recht Atheisten nennen? Hätten wir die Weltanschauung eines Diagoras, obwohl wir so sichere Unterpfänder für unsere Gottesverehrung haben, nämlich die Ordnung, die alles beherrschende Harmonie, die Größe, die Schönheit, die Gestalt, die Planmäßigkeit der Welt, dann würden wir freilich mit Recht als gottlos verschrieen und wären selbst daran schuld, wenn man uns mißhandelt. Nachdem wir aber das Bekenntnis ablegen, daß einer Gott ist, nämlich der Schöpfer dieses Universums, der selbst nicht geworden ist, weil das Notwendigseiende nicht wird, sondern nur das Möglichseiende, der aber alles durch sein Wort gemacht hat, so erleiden wir beides, sowohl die übel Nachrede als die Verfolgung, ohne jeden vernünftigen Grund.(Athenagoras, Bittschrift für die Christen 4)

Er erklärt auch, wieso es nur einen Gott (=Ungewordenen) und nicht zwei geben könnte:

„Daß also Gott, der Schöpfer dieses Alls, von Ewigkeit her nur einer ist, dafür nehmet, damit Ihr auch eine rationelle Rechtfertigung unseres Glaubens habt, folgenden Beweis entgegen. Gäbe es von Ewigkeit her zwei Götter oder mehr, so befänden sie sich entweder in einem und demselben (übergeordneten) Wesen oder jeder von ihnen wäre für sich . Nun aber könnten sie nicht in einem und demselben Wesen sein; denn wenn sie Götter sind, sind sie nicht zusammenstimmend, sondern, weil ungeworden, widersprechend, denn nur das Gewordene stimmt mit seinen Vorbildern überein; ungewordene Wesen würden einander widersprechen, da sie weder von einem andern Wesen noch im Hinblick auf andere Wesen gemacht sind. Sollten jene jedoch in der Weise integrierende Bestandteile einer Einheit sein, wie etwa die Hand, Auge, Fuß integrierende Bestandteile eines Organismus sind, dann wäre allerdings Gott auch wieder einer; indes so etwas (= eine Zusammensetzung aus Teilen) ist etwa bei Sokrates der Fall; dieser ist, weil er geworden und vergänglich ist, zusammengesetzt und teilbar; Gott aber als der Ungewordene und über jede Veränderung Erhabene ist unteilbar; er besteht also überhaupt nicht aus Teilen. Und nun zur zweiten Annahme! Ist jeder der Götter für sich und ist der, welcher die Welt erschaffen hat, über den gewordenen Dingen, über dem, was er geschaffen und geordnet hat, wo soll dann der andere Gott sein oder die sonst noch übrigen? Ist nämlich die Welt als ein kugelförmiges Gebilde durch die Himmelskreise abgeschlossen und befindet sich der Schöpfer der Welt über den gewordenen Dingen, sich lediglich durch seine Fürsorge manifestierend, welches ist dann der Ort des anderen Gottes, beziehungsweise der anderen? Denn der andere befände sich weder in der Welt, da diese einem anderen Gott gehört, noch um die Welt, da über der Welt sich der Gott befindet, der die Welt geschaffen hat. Wenn er aber weder in der Welt ist noch um die Welt (denn ringsum wird alles von diesem eingenommen), wo ist er dann? Etwa über der Welt und ihrem Gott in einer anderen Welt und um eine andere? Aber wenn er in einer anderen Welt ist und um eine andere, so ist er nicht um uns (er hat dann gar keine Herrschaft über die Welt) und hat auch keine große Macht (denn er ist an einem durch Grenzen eingeschränkten Orte). Wenn er nun weder in einer anderen Welt ist (denn alles wird von jenem Gotte ausgefüllt) noch um eine andere (denn alles wird von jenem Gotte eingenommen), so ist er überhaupt nicht, da es keinen Ort gibt, wo er sein könnte. Oder was hätte er zu tun, wenn es einen andern Gott gibt, dem die Welt gehört, und er selbst zwar über dem Schöpfer der Welt ist, jedoch nicht in der Welt und um die Welt? [Oder gibt es vielleicht unter dem Seienden etwas, wo der Gewordene seinen Ort haben kann? Dann sind aber Gott und die Werke Gottes über ihm. Und welches sollte sein Ort sein, da, was über der Welt ist, dieser ausfüllt?] 1 Kann er etwa Fürsorge tragen? Auch das kann er nicht, wenn er nicht zuvor schöpferisch tätig war. Wenn er aber nicht schafft und nicht sorgt, wenn überhaupt kein Ort übrig bleibt, an dem er sein könnte, so gibt es eben nur einen Gott, der da von Ewigkeit her existiert und allein der Schöpfer der Welt ist.

Begnügten wir uns jetzt mit derartigen Erwägungen, so müßte man meinen, unsere Rechtfertigung sei Menschenwort. Nachdem aber auch die Aussprüche der Propheten unsere Beweisführungen beglaubigen (bei Eurer seltenen Wißbegierde und Eurem hohen Bildungsgrad werdet Ihr selbst schon von den Aussprüchen eines Moses, Isaias, Jeremias und der übrigen Propheten vernommen haben, die, ihrem eigenen Denken entrückt, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes, was ihnen eingegeben wurde, verkündeten, wobei sich der Geist ihrer bediente, wie wenn ein Flötenspieler die Flöte bläst), so laßt uns hören, was diese sagen. ‚Herr ist unser Gott; neben ihm kann kein anderer in Betracht kommen‘; und wiederum: ‚Ich bin Gott vorher und nachher und außer mir gibt es keinen Gott‘. In ähnlicher Weise: ‚Vor mir war kein anderer Gott und keiner wird nach mir sein; ich bin Gott und außer mir ist keiner‘. Und von seiner Größe heißt es: ‚Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Welches Haus wollt ihr mir erbauen oder welches soll der Ort meiner Wohnung sein?‘ Ich überlasse es Euch, diese Schriften selbst einzusehen und die Aussprüche jener Männer genauer zu prüfen, damit Ihr mit der gehörigen Einsicht den brutalen Mißhandlungen, mit denen man uns quält, ein Ende macht 1.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 8-9)

 

In den christlichen Sibyllinen (es gab nicht nur heidnische, sondern auch ein paar christliche Sibyllinen), also Weissagungen (v. a. handeln sie vom Weltende), heißt es:

„Gott hat mir selber das alles gelegt in den Sinn und wird alles,
Was er durch meinen Mund hat vormals verkündet, erfüllen:
‚Ja, ich weiß der Sandkörner Zahl und die Maße des Meeres,
Weiß die Verstecke der Erde und kenne des Tartaros Luftraum,
Weiß die Zahlen der Sterne, die Bäume, und wieviel Geschlechter
Der Vierfüßler, der schwimmenden Tiere, der hurtigen Vögel,
Auch der Menschheit, die jetzt und in Zukunft lebt, und der Toten.
Denn ich selbst hab‘ Gestalten und Sinn der Menschen gebildet,
Gab ihnen rechten Verstand und vermittelte ihnen Erkenntnis.
Ich bin’s der Augen und Ohren gebildet, sehend und hörend,
Jeden Gedanken ersinnend und allen Mitwisser seiend.
Drinnen im Herzen, ich schweige und werd‘ sie dann selbst überführen.

Auch den Tauben versteh‘ ich und höre auf den, der nicht spricht, und
Wie groß im ganzen die Höh von der Erde zum Himmelsgewölbe,
Anfang und Ende ich weiß, weil ich Himmel und Erde geschaffen.
Denn ich allein bin Gott, und es gibt keinen anderen daneben.“

(Christliche Sibyllinen VIII,360-377, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 522.)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Mehr Anthropozentrismus wagen!

Auf kaum etwas reagieren grünlinke Säkularisten so allergisch wie auf die Idee, der Mensch könnte die – wie man mal so sagte – „Krone der Schöpfung“ sein. Eigentlich ist es zwar etwas seltsam, dass Leute, die jedem Abweichler von ihren Ideen gern „Menschenfeindlichkeit“ vorwerfen, selber oft Abscheu vor ihrer eigenen Spezies haben und meinen, „die Erde“ wäre ohne uns besser dran; aber gut, wer will schon Logik erwarten.

Apologetik betreibende Christen reagieren auf solche christentumsfeindlichen Grüngesonnenen dann meistens mit dem Hinweis, dass der Auftrag an Adam und Eva „Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!“ (Gen 1,28) keine Tyrannenherrschaft meine, sondern dass das Herrschaftsideal der Bibel Fürsorge einschließe, entsprechend auch Gen 2,15: „Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.“ (und verwenden Begriffe wie „Krone der Schöpfung“ selber grundsätzlich nicht). Das mit der Herrschaft als Auftrag zum Behüten ist ja auch nicht falsch. Aber es ist vielleicht doch ein Schritt zu weit auf den Gegner zu, wenn man nur das betont.

Es stimmt eben wirklich, dass der Mensch der krönende Abschluss von Gottes Schöpfung ist, und mehr wert als Tiere und Pflanzen, weil er keine bloß tierische Seele, sondern eine vernunftbegabte Seele hat, einen freien Willen statt Instinkten, das Wahre, Gute und Schöne erfassen kann und nicht nur vor sich hin lebt; weil Gott ihm kein bloß natürliches Ziel – leben, trinken, fressen, schlafen, Junge zeugen – gegeben, sondern ihn zu einem übernatürlichen Ziel erwählt hat (Ihn, Gott, zu erkennen, zu lieben und Ihn ewig im Himmel zu schauen).

Für Modernisten heißt „minderwertig“ immer gleich „wertlos“. Tiere sind minderwertig, aber natürlich nicht wertlos, sie haben ihren eigenen Wert in sich. Aber sie haben eben auch einen Nutzwert für den Menschen; Gott sagt im Buch Genesis zu Noah und dessen Söhnen nach der Sintflut ziemlich deutlich: „Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf dem Erdboden regt, und auf alle Fische des Meeres; in eure Hand sind sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen. Das alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.“ (Gen 9,2f.) Sicher sagt er bei derselben Gelegenheit auch: „Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Wildtieren der Erde bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind, mit allen Wildtieren der Erde überhaupt.“ (Gen 9,9f.) Die Tiere sind also nicht nur zum Essen da, sondern haben auch ihre eigene Rolle in der Schöpfung und Gott bedenkt sie – aber sie sind auch zum Essen da. Tiere leben nur im Augenblick und der Verlust ihres Lebens ist für sie nicht dasselbe wie für Menschen. Metzger, Jäger und Landwirte tun mit ihrem Beruf also nichts Falsches und müssen sich nicht vor irgendwelchen „Tierschützern“ rechtfertigen. Die Herrschaft des Menschen über die Tierwelt schließt das Nutzen derselben ein; darin unterscheidet sie sich tatsächlich von anderer Herrschaft über gleichwertige Geschöpfe (z. B. staatlicher Herrschaft, oder der „Herrschaft“ von Eltern über ihre minderjährigen Kinder), die zuallererst für die Beherrschten da ist.

Klingt das kalt? Vielleicht, wenn einem nicht bewusst ist, wozu das scheinbar so nette grünliche Denken führt.

Zunächst etwas Banales: Radikale Tierschützer fordern gerne „Tierrechte“ und setzen Schlachtung mit Mord gleich. Mit so einem Denken kommen sie natürlich im Tierreich selber nicht weit. Da gibt es Raubtiere, die von anderen Tieren leben, Vergewaltigungen, Mütter, die ihre Jungen totbeißen, blutige Revierkämpfe – ohne dass sich ein Tier deswegen ein schlechtes Gewissen macht oder auch nur machen könnte. Tieren kann man keine Rechte wie Menschen geben, weil man ihnen auch keine Pflichten geben kann, weil man sie unmöglich dazu bringen könnte, Rechte anderer Tiere zu beachten. Tierschutz geht, Tierrechte nicht. Es ist gut, keine Tierquälerei zu betreiben und keine ganzen Tierarten auszurotten (um die Vielfalt von Gottes schöner Schöpfung zu bewahren); aber dieselben Rechte wie Menschen können Tiere nun mal nicht haben; auch kein individuelles, heiliges Recht auf Leben.

Jetzt aber der eigentliche Punkt: Wer Tierrechte fordert, erhöht meistens nicht die Tiere, sondern zieht die Menschen zu ihnen herab. Das Paradebeispiel, das man immer wieder hervorziehen kann, ist der australische Philosoph Peter Singer, der die (ja, nachgeburtliche, nicht nur vorgeburtliche, wie bei inkonsequenteren Leuten dieses Schlages) Tötung behinderter Kinder für gut hält, und Schimpansen mehr Rechte zuschreibt als Neugeborenen. Klar; wer keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen unsterblichen, gottebenbildlichen Menschenseelen (auch, wenn sie in diesem irdischen Leben durch einen Gehirndefekt daran gehindert sind, die Vernunftfähigkeiten ihrer Seele auszuüben, wie das auch komatöse, schlafende und betrunkene Menschen zeitweise sind) und Tierseelen sieht, der hält Behinderte für ebenso wenig wert wie Tiere und meint, sie einschläfern zu dürfen. Es ist offensichtlich, dass es keinen Sinn macht, Tieren ein absolut heiliges Recht auf Leben, das man nur durch eigene schwere Schuld (z. B. im Fall von Notwehr gegen einen Mörder) verwirken kann, zu geben; also dürfen Menschenleben auch nicht mehr heilig sein.

Dann ist da die Tatsache, dass solche Leute oft bereit sind, Menschenleben zu opfern oder sie für nicht so wichtig zu halten, wenn es um Tierleben geht. Da wäre der Fall des Gorillas Harambe, der 2014 im Zoo von Cincinnati (USA) erschossen wurde, um einen dreijährigen Jungen zu retten, der in den Wassergraben des Geheges gelangt war, und den der Gorilla brutal am Bein mit sich durch das Wasser gezogen hatte. Man kann sich kaum vorstellen, was es weltweit für einen Aufschrei gab und wie der Zoo sich verteidigen musste, weil die Zoowärter es tatsächlich für dringend genug hielten, ein kleines Kind zu retten, um einen Gorilla zu erschießen (wobei viele nicht mal kapieren wollten, dass Betäubungspfeile zu lange gebraucht hätten, um ein 200 Kilo schweres Tier zu betäuben).

Es gibt sogar Leute, die um der „Erde“ (was auch immer sie damit genau meinen) willen bereit wären, ihre Kinder abzutreiben, weil mehr Menschen ja für mehr Klimawandel sorgen würden. (Dass das eine Milchmädchenrechnung ist, ist ein anderes Thema; ohne neue Kinder könnte es ja auch keine klugen Köpfe geben, die klimafreundliche Technologien entwickeln können; und beim Klimawandel werden sowieso eher schädliche Auswirkungen auf den Menschen als auf „die Erde“ befürchtet. Aber das am Rande, weil es nicht der Punkt ist.)

Dann ist da der unglaubliche Hass, den Leute von PETA & Co. auf diejenigen hegen können, die bei ihrer Ideologie nicht mitgehen oder gar z. B. als Metzger oder Jäger arbeiten. Der WWF hat in Afrika und Asien sogar Anti-Wilderer-Truppen finanziert, die, wie sich Anfang diesen Jahres herausgestellt hat, Wilderer systematisch gefoltert haben.

Wie Chesterton mal in etwa gesagt hat: Wo Tiere angebetet werden, gibt es Menschenopfer.

Wir müssen die grüne Misanthropie jedenfalls nicht mitmachen; es gibt keinen Grund, sich schlecht dafür zu fühlen, ein Mensch zu sein. Sicher sind Menschen zu Schlechterem fähig als Tiere – aber genau deshalb, weil sie auch zu Besserem fähig sind. Sie haben einen freien Willen, treffen Entscheidungen, für Treue oder Verrat, für Wahrheit oder Lüge. Und wie es so schön heißt: Corrutio optimi pessima; die Verderbnis des Besten ist das Schlechteste. Deswegen wäre es trotzdem an sich das Beste gewesen.

Und manche Menschenfeinde, die sich z. B. lieber Hunde anschaffen als eine Familie, ziehen Tiere doch nur vor, weil die weniger kompliziert sind als Menschen und man in die leichter hineinprojizieren kann, was einem passt. Ein Hund widerspricht einem nicht und stellt einen nicht zur Rede.

Wer Tiere liebt, muss zu Menschen keine Liebe haben; sogar Hitler liebte seinen Hund Blondi. (Godwin’s Law muss man auch mal vorzeitig erfüllen.)

(Bundesarchiv B 145 Bild-F051673-0059.)

Tiere lieben ist an sich natürlich gut – solange man sie ihrer Natur entsprechend liebt und sein lässt, wie sie sind, und keine „besseren Menschen“ aus ihnen zu machen versucht. Deswegen hier noch ein schönes Bild:

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Von Gott und Götzen

Alle Götter der Heiden sind Dämonen, so sagt es der Psalm (96(95),5); unsere Kirchenväter sahen dementsprechend in den Kulten ihrer römischen, griechischen, ägyptischen Umgebung vor allem die Dämonen, also die von Gott abgefallenen Engel, am Werk, die sich den Menschen gezeigt und sich als Götter ausgegeben hätten, um sie auf falsche Bahnen zu lenken (manchmal bemerkten sie außerdem, dass hier einfach historische Gestalten göttergleiche Ehren erhielten – wenn zum Beispiel noch das Grab eines Zeus bekannt war -, was sie aber letztlich auch als Werk der Dämonen erklärten). Der Götzendienst jedenfalls, bei dem irgendetwas Geschaffenes, das nicht Gott ist, angebetet wird, so sagen es die Bibel und die Kirche, ist Sünde, was auch immer genau dahintersteckt. (Die Einheitsübersetzung übersetzt statt „Dämonen“ in diesem Psalm, anders als Septuaginta und Vulgata, übrigens „Nichtse“; ich kann das mangels Hebräischkenntnissen nicht beurteilen.) Schon die Sache mit dem Goldenen Kalb nahm der Herr ja nicht so locker.

Soweit, sogut; heißt das nun, dass jede vor- oder nichtchristliche Religion einfach nur Idolatrie ist?

Kurz gesagt, nein, heißt es nicht. Die Kirche lehrt auch, dass der Mensch prinzipiell allein mit seiner Vernunft, noch vor der göttlichen Offenbarung, die Existenz eines einzigen, absoluten, hinter der Welt stehenden Schöpfers erkennen kann, und in manchen Religionen oder Philosophien wurde dieser Schöpfer wirklich erkannt; oft wandte man sich zwar zusätzlich noch an eine bunte Welt von Göttern, Halbgöttern, Geistern, personifizierten Naturkräften und Ahnen, die man sich als übermenschliche Wesen innerhalb der Welt dachte, und solchen Wesen göttliche Ehren zukommen zu lassen, war bzw. ist freilich Götzendienst, wenn auch unter Umständen gutgläubiger Götzendienst; aber das macht die wahre Gottesverehrung, die manchmal gleichzeitig da war/ist, nicht inexistent.

Die antiken Platoniker beispielsweise waren philosophische Monotheisten, und übrigens auch gute Kandidaten für eine Bekehrung zum Christentum; ein Beispiel ist der hl. Justin der Märtyrer / der Philosoph (hingerichtet ca. 165 n. Chr.), der erzählt, dass er noch als Platoniker Gott folgendermaßen definierte, als er in einen Dialog mit einem Christen geriet:

„‚Das Wesen, welches immer in gleicher Weise dasselbe ist, und welches die Ursache des Seins für alles übrige bildet, das ist Gott.‘ So lautete meine Antwort. Er aber hatte seine Freude an meinen Worten und stellte von neuem an mich eine Frage.“

Griechische Philosophen waren aber nicht die einzigen, die Gott erkannten; die nordamerikanischen Indianer kannten den „Großen Geist“ – und auch katholisch gewordene Indianer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die andere Praktiken ihrer Religion aufgegeben hatten und nicht mehr an andere untergeordnete Geister glaubten, bezeichneten Gott manchmal noch immer mit dem Titel „der große Geist“, wie man in damaligen Missionszeitschriften schön nachlesen kann; so sagte ein Kongress der katholischen Sioux zur Ehe:

„Wir glauben an die Lehre Jesu Christi bezüglich der heiligen Ehe: Was der große Geist vereint hat, soll der Mensch nicht trennen. Deshalb verabscheuen wir von ganzem Herzen den Missbrauch, das Band der Ehe zu lösen, und betrachten ihn als einen großen Schandfleck unserer Zeit.“

Die Missionare bauten auf ihrer Gotteserkenntnis auf, und brachten ihnen die Botschaft, dass der große Geist, von dem sie schon wussten, sich auch offenbart hatte und sogar Mensch geworden war.

Ein anderes Beispiel: Kardinal Robert Sarah aus Guinea (Westafrika) erzählt in dem Interview-Buch „Gott oder nichts“, das der Journalist Nicolas Diat mit ihm gemacht hat, im ersten Kapitel auch von seiner Kindheit im ländlichen Guinea; und über die Religion seiner Vorfahren (er selbst wurde schon 1947 als Zweijähriger getauft, hat aber als Kind und Jugendlicher in seiner Umgebung offensichtlich noch einiges von der traditionellen Religion mitbekommen) berichtet er folgendes:

„Das Volk der Coniagui ist sehr religiös, es hängt an Gott, der Ounou genannt wird. Doch es kann mit ihm nur durch die Ahnen in Kontakt treten.

Der Gott meiner Vorfahren ist der Schöpfer des Universums und von allem, was existiert. Er ist ein höchstes Wesen, unaussprechlich, unbegreiflich, unsichtbar und unergründlich. Dennoch ist er im Zentrum unserer Leben und durchdringt unsere ganze Existenz.“ (Eigene Übersetzung aus der französischen Originalausgabe „Dieu ou rien“.)

Seine Eminenz hat über die Religion seiner Vorfahren durchaus nicht nur Positives zu sagen; die Initiationsriten für Jugendliche greift er kurz darauf mit den schärfsten Worten an. Aber dieser grundsätzliche Gottesglaube ist ganz offensichtlich etwas Positives.

(Kardinal Sarah, 2015. Gemeinfrei.)

Dann gibt es da ja noch Religionen, die den Monotheismus vermittelt über Leute, die von der Offenbarung Gottes an das Volk Israel und in Jesus von Nazareth bereits wussten, kennenlernten, aber ihr eigenes Spin-off kreierten, wobei sie eine neue Offenbarung beanspruchten und  die alte für verfälscht oder eine minderwertige Vorstufe erklärten; Beispiele wären die Moslems im 7. oder die Bahai im 19. Jahrhundert.

Natürlich sind das falsche Religionen; und solche Verfälschungen haben irgendwo noch etwas Schlimmeres als vor der Offenbarung vorhandene, sich selbst (natürlich auch mit Gottes versteckt wirkender Gnade) nach der Wahrheit vortastende Philosophien und Religionen. Götzendienst sind sie allerdings auch nicht.

Um einen Freund (dankeschön, Nepomuk!) zu zitieren:

„Begründung, kurzgefaßt: Wer ‚Gott‘ sagt und dabei auch tatsächlich ‚Gott‘ meint – d. h. ein einziges höchstes Wesen, das nicht, wie die vorgestellten Götzen, der Welt angehört, sondern die Welt erschaffen hat – der meint eben per tautologiam auch Gott damit, und Schluß.

Ob man Seinen Sohn ignoriert (wie die heutigen Juden), ihm rabiate Leugnung der Wahrheit Seiner Dreifaltigkeit (wie die Moslems) unterstellt oder geradezu teuflische Züge (um mit Chesterton zu sprechen) bei [der] schuldlosen ewigen Verdammnis von Menschen wie die Kalvinisten, ist natürlich auf je eigene Art und Weise schlecht (vor allem Begriffe wie ‚Apostasie‘ und ‚Häresie‘ fallen da ein), ändert aber an der Tautologie nichts, daß wer Gott verehrt, Gott verehrt.

(Folglich muß ein Katholik, der zum Islam abgefallen ist, beichten ‚ich habe Apostasie begangen‘; er muß aber in der Tat nicht beichten ‚ich habe Götzendienst begangen‘.)“

Die Hindugötter beispielsweise sind tatsächlich Götzen; „Allah“ (das arabische Wort für „Gott“, das, nebenbei bemerkt, auch arabische Christen gebrauchen) ist tatsächlich kein Götze. Es wäre daher nett, wenn christliche Angriffe auf den Islam mit korrekten Begriffen operieren könnten, statt „Allah ist ein Götze“ o. Ä. zu proklamieren, was nun mal leider falsch ist. Anderweitige Angriffsfläche bietet ein gewisser falscher Prophet bekanntlich genug.

(Diese Tatsache, dass Gott nun mal Gott ist, schließt übrigens nicht aus, dass falsche Propheten und Sektenführer, die immerhin noch an Gott glaub(t)en, letztlich auf direkte oder indirekte Weise  von den Dämonen inspiriert waren; selbst immerhin noch christliche Irrlehrer, die sich von der Kirche abspalteten und der vollständigen Wahrheit Adieu sagten, wie beispielsweise Calvin, waren ja vermutlich irgendwie von den Dämonen inspiriert (wie auch sonst viele beim Tun von irgendwelchem Bösem).)

Holman The Golden Calf.jpg Pilgrims worship beside the Ka'bah01.jpg

(Links: Götzendienst; rechts: nicht Götzendienst. (Gemeinfrei.))

 

PS: Anlass für diesen Artikel war, dass man ja schon mal für eine modernistische Götzendienstverharmloserin gehalten wird, wenn man in sozialen Medien die unbestreitbare Tatsache erwähnt, dass Muslime wenigstens Gott ehren.

PPS: Eine interessante Beobachtung, die mir noch in den Sinn gekommen ist: Nicht nur Tradikatholiken, die den Islam angreifen wollen, sondern auch Fundiprotestanten, die den Katholizismus angreifen wollen, haben ja öfter Schwierigkeiten mit der korrekten Definition von „Götzendienst“: Einerseits, was altbekannt ist, werfen sie uns wegen der Heiligenverehrung Götzendienst vor; da können wir noch so oft erklären, dass wir die Heiligen verehren und nicht anbeten; aber komischerweise haben sie mit der tatsächlichen Anbetung der eucharistischen Gestalten (d. h. der gewandelten Hostie und des Weins, die in der Messe zu Leib und Blut Christi werden) durch Katholiken wesentlich weniger Probleme, obwohl das ihrer Lehre nach wirklicher Götzendienst sein müsste, da sie die Hostie für bloßes Brot halten und man Brot ja doch nicht anbeten sollte.

 

 

Die Freundschaft Christi

Der folgende Text ist ein kleiner Auszug aus Msgr. Robert Hugh Bensons „The Friendship of Christ“ (die Übersetzung ist von mir; hier findet sich der vollständige Text auf Englisch). Um der Lesbarkeit willen habe ich längere Absätze in kürzere aufgebrochen.

Für Leser, die Probleme mit Skrupulosität haben könnten, sei vorsichtshalber gesagt, dass es hier nicht um Fragen von schwerer Sünde geht; nicht darum, dass man zwangsläufig den Himmel verpassen würde, wenn man auf Erden die Freundschaft Christi noch nicht vollkommen kennt; sondern um ein größeres Geschenk, das Jesus einem schon  jetzt geben will, und eine größere Vollkommenheit.

Monsignor R. H. Benson in Oct. 1912, Aged 40.jpg

(Msgr. Robert Hugh Benson (1871-1914). Gemeinfrei.)

„Katholiken also neigen, mehr als jeder andere, dazu – gerade durch ihr Wissen um die Mysterien des Glauben, gerade durch ihr Erfassen von Jesus Christus als ihrem Gott, ihrem Hohepriester, ihrem Opfer, ihrem Propheten und König – , zu vergessen, dass es mehr Seine Freude ist, bei den Menschensöhnen zu sein als über die Seraphim zu herrschen, dass, während Seine Majestät Ihn auf dem Thron Seines Vaters hielt, Seine Liebe Ihn hinunter auf eine Pilgerreise brachte, auf dass Er Seine Diener in Seine Freunde verwandeln könnte.

Zum Beispiel klagen fromme Seelen oft über ihre Einsamkeit auf Erden. Sie beten, sie empfangen häufig die Sakramente, sie tun ihr Bestes, um die christlichen Gebote zu erfüllen; und, wenn alles getan ist, finden sie sich einsam wieder. Es könnte kaum einen offensichtlicheren Beweis ihres Scheiterns geben, zumindest eines der großen Motive der Inkarnation zu verstehen. Sie beten Christus als Gott an, sie zehren von Ihm in der Kommunion, machen sich rein in Seinem kostbaren Blut, erwarten den Zeitpunkt, wenn sie Ihn als ihren Richter sehen werden; aber von dieser intimen Kenntnis von und Gefährtenschaft mit Ihm, in der die göttliche Freundschaft besteht, haben sie wenig oder nichts erfahren.

Sie sehnen sich, sagen sie, nach einem, der nicht nur das Leid fortnehmen kann, sondern selbst mit ihnen leiden kann, einem, dem gegenüber sie in Stille die Gedanken ausdrücken können, die kein Wort hervorbringen kann; und sie scheinen nicht zu verstehen, dass das genau die Position ist, die Jesus Christus selbst zu erlangen sehnt, dass es das höchste Sehnen Seines Heiligen Herzens ist, dass Er eingelassen werde, nicht nur zum Thron des Herzens oder dem Gerichtshof des Gewissens, sondern in diese innere Kammer der Seele, wo ein Mensch am meisten er selbst ist, und daher ganz und gar allein.

Sieh, wie voll die Evangelien von diesem Sehnen Jesu Christi sind! Es gab tatsächlich glanzvolle Augenblicke, in denen der Gott in der Menschheit in Herrlichkeit aufflammte – Augenblicke, in denen selbst die Kleider, die Er trug, in Seiner Gottheit strahlend leuchteten: es gab Augenblicke der göttlichen Kraft, in denen blinde Augen sich durch das erschaffende dem geschaffenen Licht öffneten, in denen Ohren, die taub gegenüber irdischen Geräuschen waren, die göttliche Stimme hörten, in denen die Toten aus ihren Gräbern ausbrachen, um Ihn anzusehen, der am Anfang ihr Leben gegeben und es dann wiederhergestellt hatte. Und es gab erhabene und schreckliche Augenblicke, in denen Gott mit Gott beiseite ging in die Wildnis oder den Garten, in denen Gott durch die Lippen der verwüsteten Menschheit schrie: ‚Warum hast du mich verlassen?‘

Aber zum größten Teil ist es Seine Menschheit, von der die Evangelien uns erzählen; eine Menschheit, die nach Ihrer Art rief; eine Menschheit, die nicht nur versucht wurde, sondern auch, gleichsam, besonders war in allen Punkten, in denen wir es sind.

‚Nun liebte Jesus Martha, und ihre Schwester Maria, und Lazarus‘ (Johannes 11,5). ‚Jesus, der ihn ansah, liebte ihn‘ (Markus 10,21) – liebte ihn, scheint es, mit einer Empfindung, die unterschieden ist von der göttlichen Liebe, die alle Dinge liebt, die sie geschaffen hat; liebte ihn wegen des Ideals, das er im besonderen vielleicht noch erreichen mochte, mehr als nur für die Tatsache, dass er einfach existierte wie andere seiner Art – liebte ihn, wie ich meinen eigenen Freund liebe, und wie er mich liebt.

Es sind wahrscheinlich diese Augenblicke, mehr als alle anderen, die Jesus Christus die Zuneigung der Menschheit gewonnen haben – Augenblicke, in denen Er sich selbst als wahrhaft einer von uns zeigte. Es ist, als er ‚erhöht‘ ist – nicht in der Herrlichkeit der triumphierenden Gottheit, sondern in der Schande der geschlagenen Menschheit, da er uns an sich zieht.

Wir lesen von Seinen Machttaten und fühlen Ehrfurcht und Verehrung: aber wenn wir lesen, wie Er erschöpft am Brunnen saß, während Seine Freunde essen holen gingen; wie Er sich im Garten in gequältem Vorwurf an die wendet, von denen Er sich Trost erhofft hatte – ‚Was? Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?‘ (Matthäus 26,40) – wenn Er sich noch einmal umwendet und zum letzten Mal diesen heiligen Namen dem gegenüber benutzt, der ihn für immer verwirkt hatte – ‚Freund, wofür bist du gekommen?‘ (Matthäus 26,50) – sind wir uns dessen bewusst, was Ihm noch mehr bedeutet als all die Anbetung aller Engel in Herrlichkeit – Zärtlichkeit und Liebe und Mitleid – Gefühle, zu denen nur die Freundschaft ein Anrecht hat.

Oder wiederum: Jesus Christus spricht mehr als einmal in der Schrift zu uns, nicht nur in Hinweisen und Andeutungen, sondern in bewussten Aussagen, von Seinem Wunsch, unser Freund zu sein. Er zeichnet für uns ein kleines Bild des einsamen Hauses bei Einbruch der Nacht, von Ihm selbst, der dasteht und an der Tür klopft, und von dem vertrauten kleinen Mahl, das Er erwartet. ‚Und wenn irgendeiner öffnet – (irgendeiner!) – werde ich zu ihm eintreten und werde mit ihm Mahl halten und er mit mir‘ (Offenbarung 3,20).

Oder wiederum sagt er jenen, deren Herzen krank werden angesichts des Verlustes, der so rasch auf sie herabkommt: ‚Ich nenne euch jetzt nicht mehr Knechte; vielmehr habe ich euch Freunde genannt‘ (Johannes 15,15). Oder wiederum verspricht Er Seine bleibende Gegenwart, entgegen dem Anschein, denen, die Seine Wünsche kennengelernt haben. ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen‘ (Matthäus 18,20) ‚Seht, ich bin bei euch alle Tage‘ (Matthäus 28,20). Und ‚was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘ (Matthäus 25,40).

Wenn etwas in den Evangelien eindeutig ist, dann dies – dass Jesus Christus zuallererst unsere Freundschaft ersehnt. Es ist Seine Vorhaltung gegenüber der Welt, nicht dass der Retter zu den Verlorenen kam und dass die Verlorenen von Ihm wegliefen, um sich noch weiter zu verlieren, nicht dass der Schöpfer zum Geschöpf kam und das Geschöpf Ihn zurückwies; sondern dass der Freund ‚zu den Seinen kam, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf‘ (Johannes 1,11).

Nun ist das Bewusstsein der Freundschaft Jesu Christi gerade das Geheimnis der Heiligen. Gewöhnliche Menschen können gewöhnliche Leben leben, mit wenig oder keiner offenen Missachtung Gottes, aus hundert zweitrangigen Motiven. Wir halten die Gebote, damit wir ins Leben eintreten; wir vermeiden die Sünde, damit wir der Hölle entkommen; wir kämpfen gegen die Weltlichkeit an, damit wir die Achtung der Welt behalten. Aber kein Mensch kann drei Schritte auf dem Weg zur Vollkommenheit vorangehen, ohne dass Jesus Christus neben ihm geht.

Es ist dann dies, das den Weg des Heiligen unterscheidet – und das ihm auch das scheinbare Groteske gibt – (denn was ist in den Augen der fantasielosen Welt grotesker als die Ekstase des Liebenden?) […]

Aber es ist die wahnsinnig machende Freude der bewussten Gefährtenschaft Jesu Christi, die die Liebenden, und damit die Giganten der Geschichte geschaffen hat. […]

II. Nun muss man bedenken, dass, während diese Freunschaft zwischen Christus und der Seele von einem Blickpunkt aus vollkommen vergleichbar mit der Freunschaft zwischen zwei Menschen ist, sie von einem anderen Blickpunkt aus unvergleichlich ist. Sicherlich ist es eine Freundschaft zwischen Seiner Seele und unserer; aber diese Seine Seele ist vereint mit der Gottheit. Eine einzige individuelle Freundschaft mit Ihm erschöpft daher nicht Seine Fähigkeiten. Er ist Mensch, aber Er ist nicht nur Ein Mensch: Er ist Der Menschensohn statt Ein Menschensohn. Er ist das ewige Wort, durch das alle Dinge geschaffen wurden und im Dasein erhalten werden.

Er kommt daher auf unzähligen Wegen zu uns, auch wenn es dieselbe Gestalt ist, die sich auf jedem Weg nähert. Es ist nicht genug, Ihn nur innerlich zu kennen: Er muss erkannt werden (wenn Seine Beziehung zu uns die sein soll, die Er ersehnt) in all jenen Tätigkeiten und Erscheinungsformen, in denen Er sich zeigt.

Einer, der Ihn daher ausschließlich als innerlichen Gefährten und Führer kennt, wie nahe und lieb auch immer, aber Ihn nicht im Heiligsten Sakrament kennt –  einer, dessen Herz brennt, während Er mit Jesus auf dem Weg geht, aber dessen Augen mit Blindheit geschlagen sind, sodass er Ihn nicht beim Brechen des Brotes erkennt, kennt nur eine Vollkommenheit aus zehntausend. Und wiederum, er, der Ihn in der Kommunion Freund nennt, aber dessen Ergebenheit so eng und beschränkt ist, dass er Ihn nicht in jenem mystischen Leib erkennt, in dem Er auf Erden wohnt und spricht – einer, in der Tat, der ein dévot ist, ein Individualist, und der daher nicht diese gemeinschaftliche Gottesverehrung versteht, die gerade das Wesen des Katholizismus ist – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt, aber Ihn nicht in Seinem Stellvertreter, oder in Seinem Priester, oder in Seiner Mutter erkennt – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt – (der, im üblichen Sprachgebrauch, ein ‚bewundernswerter Katholik‘ ist) – aber der nicht das Recht des Sünders erkennt, in Seinem Namen um Gnade zu bitten, oder des Bettlers, um Almosen zu bitten: oder wiederum, der Ihn unter spektakulären Umständen erkennt, aber nicht unter armseligen – der dem ersten Bettler auf der Straße, der in Christi Namen bittet, verschwenderisch gibt, aber dem es nicht gelingt, ihn in dem uninteressanten Dummkopf zu finden – jene, in Kürze, die Christus in einem oder zwei oder drei oder mehr Aspekten erkennen, aber nicht in allen – (zumindest nicht in all denen, von denen Christus selbst ausdrücklich gesprochen hat) – können nie zu dieser Höhe der Vertrautheit und Erkenntnis dieses idealen Freundes aufsteigen, die Er selbst ersehnt, und von der Er erklärt hat, dass sie zu erreichen in unserer Kraft steht.“

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(Zeichnung von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Eunuchen um des Himmelreiches willen

Im 19. Kapitel des Matthäusevangeliums, nachdem Jesus klargestellt hat, dass Scheidung und erst recht Wiederheirat hinterher nicht drin ist, bemerken seine Jünger, anscheinend etwas bestürzt: „Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten.“ (Mt 19,10) Heiraten, wenn man sie nicht mehr einfach verstoßen kann? Hm. Und Jesus sagt darauf schlicht, dass es tatsächlich (wenn auch nicht aus den Gründen der Jünger) besser ist, ehelos zu bleiben. Die Einheitsübersetzung verharmlost es wieder mal:

„Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19,11f.)

Tatsächlich verwendet Jesus hier nicht „zur Ehe unfähig“, sondern das Wort „Eunuchen“ – also Kastrierte. (Die Lutherbibel z. B. hat akkurater: „Denn es gibt Verschnittene, die von Geburt an so sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen.“) Vielleicht eine Anspielung auf die Eunuchen, die an orientalischen Königshöfen in wichtigen Positionen dienten, wie der Eunuch und Schatzmeister der äthiopischen Königin, der sich im 8. Kapitel der Apostelgeschichte taufen lässt? So hat auch das „Königreich der Himmel“, wie Jesus es nennt, quasi seine Hofbeamten.

Das soll kein Plädoyer für Selbstverstümmelungen (die ja auch gegen Gottes Gebot verstoßen würden) sein: Natürlich spricht Jesus im übertragenen Sinne von der Ehelosigkeit. Aber ich denke, er hat einen Grund für dieses irgendwie brutal wirkende Bild.

Jungfräulichkeit/ehelose Keuschheit um des Himmelreiches willen bedeutet Verzicht, bedeutet Unfruchtbarkeit, bedeutet ausschließliche Weihung an Gott. Nonnen zum Beispiel schneiden sich die Haare ab, verschleiern sich und ziehen sich zurück, um für Gott da zu sein. Wer dieses Leben lebt, verzichtet eben auf einen bestimmten Lebensbereich und kettet sich an Gott. Wer im Himmelreich auf einer besimmten Position dienen will, muss zu einem gewissen Opfer bereit sein.

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(Louis Émile Adan, Zu Seiner Ehre. Gemeinfrei.)

Im 18., 19. Jahrhundert hätten noch viel mehr Leute darüber geklagt, dass Nonnen, Mönche und Priester keine Kinder bekommen, auf ein Familienleben verzichten, nichts zum Fortbestand der Menschheit beitragen; heute klagen sie manchmal auch noch darüber, wenn sie nicht direkt sagen wollen, dass sie es schlimm finden, dass diese Leute auf Sex verzichten, aber das Kinderkriegen ist doch auch nicht mehr so gut angesehen, dass es der hauptsächliche Fokus wäre.

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(Neulich auf Twitter gefunden. Ab und zu gibt es dieses Argument noch. Natürlich wird von solchen Leuten dann nicht auch dafür argumentiert, dass alle, die heiraten, ein Dutzend Kinder bekommen sollen; da hört der Bevölkerungsutilitarismus plötzlich auf.)

Aber dann klagt man eben über anderes: Keine Freiheit mehr, keine Reisen mehr, keine bestimmten Karrieren mehr; und eben kein Sex mehr. Was auch immer. Vergeudetes Potential jedenfalls, und/oder vergeudeter Genuss.

Und genau das ist es: Nicht nur vergeudeter Genuss, sondern auch vergeudetes Potential, über Bord geworfen für Gott, verschwendet für Gott. „Von den Erstlingsfrüchten deines Ackers sollst du die besten in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen“, hieß es im Alten Bund (Ex 34,26); im übertragenen Sinne gilt das jetzt auch noch. Wer den drei evangelischen Räten (Gehorsam, Armut, ehelose Keuschheit) folgt, opfert Gott Selbstbestimmung, Eigentum und die Aussicht auf Ehe und Familie; auch wer als Weltpriester im Zölibat lebt, opfert Gott die Möglichkeit der Ehe – nicht, weil diese Dinge nicht gut wären, sondern gerade weil sie gut sind, und es besser ist, auf etwas Gutes für Gott zu verzichten, es Ihm zu opfern. Eine, die Nonne wird und die ehelose Keuschheit lebt, hätte auch Kinder bekommen können; na und? Muss alles, was möglicherweise gut wäre, verwirklicht werden? Es kann zurückbehalten werden für Gott. Das Dasein vor Gott ist wertvoll, nicht nur das praktische Machen und Tun in der Welt.

Man könnte jetzt natürlich davon reden, dass Jungfräulichkeit/ehelose Keuschheit die Hofbeamten des Himmelreiches freier macht für den Dienst an diesem Himmelreich, und wie viel Gutes sie leisten und im Lauf der Kirchengeschichte schon geleistet haben; in der Caritas, in der Seelsorge, in der Mission, und auch die rein kontemplativen Orden im fürbittenden Gebet für den Rest der Welt. Die Leute im 18., 19. Jahrhundert, die Orden für unnütz hielten, erlebten eine böse Überraschung, als sie die Orden z. B. 1803 in Bayern auflösten und plötzlich an manchen Orten niemand mehr die Armen- und Krankenfürsorge übernahm. Aber das ist nicht der einzige Zweck der Gelübde. Sie sind nicht nur aus praktischen Gründen da; mit etwas Anstrengung lässt sich Seelsorge, Mission und Caritas auch halbwegs anständig ohne Zölibatäre organisieren, auch wenn es schwieriger wird.

Diese Gelübde verweisen auf Gott. Sie zeigen, dass Gott allein genügt; dass ein Priester z. B. die Einsamkeit ohne Familie aushalten kann, weil er Gott hat. Natürlich ist die Folge, wenn Menschen für Gott auf etwas verzichten, dass sie von Ihm viel mehr zurückerhalten, wenn sie sich auf Ihn einlassen (und durch sie dann auch die Leute um sie herum), aber von außen sieht man das nicht immer so leicht. Ein normaler, in der Welt lebender christlicher Laie, auch einer, der heilig lebt und eine intime Verbindung zu Gott im Gebet hat, ist kein solches, gewissermaßen, „Zeichen, dem widersprochen werden wird“, weil er auch ohne seinen Glauben noch diverse Dinge hätte, die sein Leben irgendwie ausfüllen würden. Nonnen, Mönche, Priester, geweihte Jungfrauen setzen quasi mehr auf Gott, sind stärker auf Ihn geworfen. Natürlich muss das nicht jeder tun; die Laien in der Welt braucht es genauso. Aber es ist gut, dass dieses Leben einen festen, anerkannten Platz in der Kirche hat.

Für manche Leute ist das anscheinend schwer zu sehen. Von Liberalkatholiken wird ja gerne gesagt, natürlich habe der Zölibat noch irgendwie seinen Platz in der Kirche, wer unbedingt zölibatär sein möge, könne das ja sein, nur solle der Zölibat eben optional für Priester werden… und dann proklamieren sie meistens im selben Atemzug, ein Leben ohne Sexualität sei doch ungesund und das könne eh keiner aushalten. Ja, diese Leute würden es natürlich sehr gerne sehen, wenn dann Leute sagen, sie wollen freiwillig zölibatär sein. Ironie off. Das ist eben das Problem, wenn man sich nicht so ganz sicher ist, ob Gott wirklich da ist und/oder wirklich ein Opfer wert ist.

„Gott ist nicht nett“?

Wenn man in „konservativ“-christlichen Kreisen unterwegs ist, wird man gelegentlich mal die Aussage „Gott ist nicht nett“ zu hören bekommen (vielleicht in freikirchlichen Milieus etwas mehr, aber auch bei Katholiken). Ich muss sagen, manchmal geht sie mir ein bisschen auf die Nerven.

Ich verstehe, woher die Aussage kommt: Man will der Ansicht widersprechen, Gott sei harmlos, zahnlos, gleichgültig gegenüber dem Bösen; Gott ist aber heilig, unermesslich, allmächtig, der „ganz Andere“. Das ist völlig richtig. Solche Aussagen findet man z. B. bei Johannes Hartl vom Gebetshaus Augsburg (dessen Buch „Gott ungezähmt – Raus der spirituellen Komfortzone“ Kapitelüberschriften hat wie „Gott ist kein Kumpel, sondern der Richter“*). Die evangelikale Satireseite „The Babylon Bee“ hat sich vor einiger Zeit mal in einem Artikel mit dem Titel „7 Tipps, um erfolgreich Lobpreislieder zu schreiben“ ein wenig über neueres christliches Liedgut lustig gemacht, wo man diese Tendenz, wie ich finde, auch gut sieht:

„1) Jeder Aspekt von Gottes Wesen wird am besten entweder durch Wassermetaphern oder durch Feuermetaphern repräsentiert. Du willst über Gottes Liebe singen? Vergleich sie entweder mit einem katastrophale Hurrikan der Kategorie 5, oder aber einem rasenden Inferno, das eine ganze Stadt niederbrennt. Nichts anderes kommt einer akkuraten Repräsentation von Gottes Liebe nahe.“ (Übersetzung von mir.)

An der Satire ist etwas dran.

Wenn man Gott nur oder zu sehr als überwältigend, als fordernd/herausfordernd, mächtig und womöglich zerstörerisch darstellt, als den Richter der Welt, als den, der menschliche Pläne über den Haufen wirft, geht etwas verloren. Gott ist geduldig mit Seinen Geschöpfen. Gott ist sanft. Gott ist Friede. Gott ist gütig und liebevoll. Die Heilige Schrift spricht nicht ohne Grund von der „Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes“ (Tit 3,4). Das Übernatürliche zerstört das Natürliche nicht, sondern baut darauf auf.

 

Ich finde zu der ganzen Frage auch eine Stelle im 1. Buch der Könige, an der Elija Gott am Horeb begegnet, sehr interessant. Sie wird öfter mal zitiert, wenn es darum geht, dass Gott sanft und gütig ist:

„Der HERR antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den HERRN! Da zog der HERR vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der HERR war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“ (1 Kön 19,11f.)

Sturm, Erdbeben und Feuer gehen dem Herrn voraus: Doch Er selbst kommt ganz sanft. Aber wirklich interessant ist der ganze Kontext dazu. Der Text geht folgendermaßen weiter:

Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle. Da vernahm er eine Stimme, die ihm zurief: Was willst du hier, Elija? Er antwortete: Mit Leidenschaft bin ich für den HERRN, den Gott der Heerscharen, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben. Ich allein bin übrig geblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.“ (1 Kön 19,13f.)

Die Sache ist die: Im Kapitel direkt davor hat Elija die Propheten des falschen Gottes Baal zu einem Gottesurteil auf dem Karmel herausgefordert, und nachdem Gott mit ihm gewesen war und er gewonnen hatte, hatte er die 450 Baalspropheten töten lassen. Das hatte eine Vorgeschichte: Isebel, die Frau des Königs Ahabs von Israel, die Baal verehrte und zu deren Partei die falschen Propheten gehörten, hatte sämtliche anderen Propheten des wahren Gottes töten lassen und auch Elija war in Gefahr; und sie verfolgte Elija weiterhin. Zu Beginn von Kapitel 19 schickt sie ihm die Botschaft „Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich morgen um diese Zeit dein Leben nicht dem Leben eines jeden von ihnen [der Baalspropheten] gleichmache“ (1 Kön 19,2).

Probe auf dem Karmel.jpg

(Elija und die Baalspropheten, Hans Holbein der Jüngere. Gemeinfrei.)

Jedenfalls kann man sagen, dass Elija nicht nur friedlich war. Und was Gott – der Gott, der sich in dem sanften Säuseln, nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, kundgetan hat – jetzt zu ihm sagt, ist:

„Der HERR antwortete ihm: Geh deinen Weg durch die Wüste zurück und begib dich nach Damaskus! Bist du dort angekommen, salbe Hasaël zum König über Aram! Jehu, den Sohn Nimschis, sollst du zum König von Israel salben und Elischa, den Sohn Schafats aus Abel-Mehola, salbe zum Propheten an deiner Stelle. So wird es geschehen: Wer dem Schwert Hasaëls entrinnt, den wird Jehu töten. Und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den wird Elischa töten. Ich werde in Israel siebentausend übrig lassen, alle, deren Knie sich vor dem Baal nicht gebeugt und deren Mund ihn nicht geküsst hat.“ (1 Kön 19,15-18)

Weit davon entfernt, Elijas radikalen Eifer und seine, ja, Gewalt zu verurteilen, bestärkt Gott ihn und gibt ihm weitere Anweisungen für seinen Kampf gegen die Baals-Partei. Im weiteren Verlauf der Geschichte sendet Gott zum Beispiel auch noch mal Feuer über Soldaten des Königs Ahasja, die dieser nach Elija ausschickt (vgl. 2 Kön 1).

Gott kann streng sein. Gott kann strafen. Offensichtlich; das tut Er hier. Aber Gott ist auch sanft zu seinen Kindern, und tröstet sie, und erhebt sie, und stärkt sie – wie Er Elija bei vielen Gelegenheiten stärkt und tröstet. Das ist das, was Seinem eigentlichen Wesen entspricht. Wenn Gott Strafe und Gewalt gebraucht, dann hat er Gründe dafür – z. B., dass es um Tyrannen geht, die Seinen Propheten umbringen wollen. Wenn Gott Strafe und Gewalt gebraucht, dann um seiner geliebten Kinder willen.

Gott will einem eben gerade Trost bieten, wenn man seine Probleme mit der Welt hat – wenn man irgendwelches Leid erlebt. Das „Spirituelle“ ist quasi – um auf Herrn Hartls Buchtitel zurückzukommen – schon die „Komfortzone“, in die man flüchten kann.

Natürlich nicht nur; Gott kann einen auch mal zurechtweisen usw., wenn man sich z. B. in Bosheit oder Selbstsucht verirrt. Aber dieses Sich-bei-Gott-bergen ist wichtig; wenn die Beziehung zu Gott halbwegs in Ordnung ist und man ehrlich auf Ihn schaut, ist das doch das Eigentliche. Ein Grund, aus dem ich die alten süßlichen Herz-Jesu-Lieder lieber mag als manche neue Worshipsongs. Gott ist mit uns.

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(Rembrandt, Kopf Christi. Gemeinfrei.)

 

* Full disclosure: Ich kenne bisher nur die Leseprobe auf Amazon.

Ein persönlicher Gott?

Der folgende Text ist ein Auszug aus Msgr. Ronald Knox‘ 1927 veröffentlichtem Buch „The belief of Catholics“ (5. Kapitel); für die Übersetzung und die Fußnoten danke ich Nepomuk. Das gesamte Werk findet sich auf Englisch hier.

In einem früheren Blogpost habe ich Msgr. Knox‘ Belege für die Existenz Gottes zitiert; hier geht es um die Eigenschaften Gottes. Viele Nichtchristen gehen bekanntlich noch mit, wenn man die Existenz einer ersten Ursache für die Welt postuliert, einer höheren Macht, oder halten sie zumindest nicht für unplausibel; zögern dann aber, wenn es um die Frage geht: Ist das denn ein persönlicher Gott? Oder nicht vielleicht eher eine unpersönliche Kraft? Jetzt also Knox zu dieser Frage.

Ronald Knox.jpg

(Ronald Knox (1888-1957). Gemeinfrei.)

 

Wenn die Argumente, die im vorhergegangenen Kapitel angeführt wurden, gültig sind, vermitteln sie uns nicht nur einen Glauben an Gottes Existenz, sondern auch Ansichten zu gewissen Einzelheiten(60), die seine Natur betreffen. Ich habe hier nicht vor, wie ein Theologielehrbuch die verschiedenartigen „Eigenschaften Gottes“ zu diskutieren oder auch nur aufzuzählen, aus Furcht davor, die Leinwand unzweckmäßig überzubefüllen. Es ist für unsere gegenwärtigen Zwecke genug, darauf zu bestehen, daß der Gott, auf den man durch Betrachtung seiner Werke in der Natur schließt, ein transzendenter Gott sein muß, ein allmächtiger Gott, und ein persönlicher Gott.

Der Knackpunkt unserer Behauptung selbst war, daß die materielle Welt, die uns in unserer Erfahrung begegnet, nicht die Erklärung ihrer eigenen Existenz, der Kräfte, die sie kontrollieren, oder der Gesetze, die sie regieren, bietet, daß man nach der Erklärung folglich an einer Stelle Ausschau halten muß, die außerhalb ihrer selbst ist und über sie selbst geht. Will unser Gedanke zufriedengestellt sein, so muß er davon ausgehen, daß ein notwendiges Seiendes existiert, demgegenüber all dieses kontingente Seiende, die Schöpfungswelt, sekundär ist und von dem sie abhängt.

Ein Seiendes, oder, genauergenommen, ein Seiender. Wer müssen immer das Niedere mit dem Höheren erklären, nicht umgekehrt. Und die höchste Existenzform, von der wir irgendeine Erfahrung haben, ist Geist. Der Mensch findet heraus, daß er selbst dieses anscheinend einzigartige Privileg besitzt, das Objekt seiner eigenen Gedanken werden zu können. Er kann seine Aufmerksamkeit nicht nur auf Dinge außerhalb seiner selbst, sondern auf sich selbst als Denker, auf sich selbst beim Denken richten. Adam muß viele seltsame Erfahrungen gemacht haben, als er im Paradies erwachte, aber keine seltsamere denn die, sich selbst zu treffen. Der Unterschied zwischen diesem Sichseiner-selbst-Bewußtsein und bloßem Bewußtsein ist so real und so vital wie der Unterschied zwischen Bewußtsein und bloßem Leben, oder dem zwischen Leben und bloßer Existenz. Dieses spirituelle Prinzip, dieses sich seiner selbst bewußte Leben im Menschen, ist nicht zu erklären (und noch weniger zu verdeutlichen) durch seine Bedürfnisse als bloßer Bürger der natürlichen Schöpfung. Es ist etwas ganz außerhalb des Schemas gewöhnlichen organischen Lebens; es existiert um seiner selbst willen, und muß daher als höhere Existenzordnung betrachtet werden. Es ist naturgemäß auf diese höhere Existenzordnung, auf die er jene höchste aller möglichen Existenzen bezieht, die er mit dem Namen „Gott“ benennt.

Es war ein Lieblingsspott der Ungläubigen von XENOPHANES bis Rupert BROOKE: „Hätten Pferde sich Theologie ausgedacht, hätten sie Gott wie sich selbst vorgestellt, hätten Fische eine Theologie erfunden, hätten sie sich Gott wie sich selber vorgestelt.“ Die Kritik ist eine von der Art, daß sie das das Ziel derart weit verfehlt, daß sie gleich ihre eigene Widerlegung bietet. Denn die Tatsache ist, daß der Mensch Pferden und Fischen in genau einem Punkt überlegen ist, nämlich seinem Sichseiner-selbst-Bewußtsein, seinem spirituellen Leben; und es ist präzise kraft dieser spirituellen Qualität und kraft ihr allen, daß er es gewagt hat, sich Gott als ihm ähnlich vorzustellen: Er stellt sich Gott nicht als Starken Mann, sondern als Großen Geist vor, präzise jener Merkmale niederer Ordnung ermangelnd, die den Menschen in seiner dualen Natur mit den Tieren verbinden. Die Seele des Menschen, die im Gedächtnis, im Intellekt und im Willen außerhalb und über dem zufälligen Umstand seiner Sterblichkeit steht, ist der einzige Spiegel, den er in der Natur findet: der einzige Spiegel von jenem puren Akt, jener unermüdlichen Energie, die Gott ist.

Und ist Gott Geist, dann ist er ein persönlicher Gott. Denn all unsere Erfahrung mit Geist, all unsere Evidenz für seine Existenz, beruht auf dem Bewußtsein erster Hand, das jeder Mensch von sich selbst hat, und Indizien zweiter Hand, die auf die Existenz eines ähnlichen Bewußtseins in seinem Nächsten hinweisen. Jeder Geist, wie er uns in unserer Erfahrung gegeben wird, ist ein einsamer Punkt bewußter Existenz. Die Materie, wie wir sie kennen, kann in verschiedene Kombinationen eintreten und verschiedenartige Formen annehmen; aber „Geist“ treffen wir nirgends an, nur „Geister“.(61) Und der Gedanke, daß Gott nicht ein Geist, sondern die Gesamtheit existierender Geister und nichts weiter sei, der Gedanke, daß er „Geist“ und nicht ein Geist sei, ist reine Mythologie. Er übersieht, jene Individualität, jene Unübertragbarkeit, die alle Geister unserer Erfahrung nach gemeinsam haben. Ich stelle freilich nicht in den Raum, daß das Seiende, das uns geschaffen hat, all jenen Grenzen unterworfen ist, welche unsere Vorstellungen mit dem Wort „Persönlichkeit“ möglicherweise assoziieren. Aber indem wir denken, daß Gott ein Geist ist, können wir die Idee bewußter Individualität nicht ausschließen, denn jene Idee ist für unser ganzes Konzept einer Geistnatur essentiell.
Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen: indem wir die Natur Gottes so als transzendent, allmächtig und persönlich abgrenzen, haben wir die Weggemeinschaft nicht nur mit den Irreligiösen, sondern auch mit einer großen Anzahl des eher religiös empfindenden Teils der Menschheit aufgekündigt. Wir haben bis jetzt noch nichts gesagt, was ein Jude oder ein Mohammedaner nicht wiederholen könnte. Aber wir haben – schon jetzt – den Kampf mit jenem pantheistischen Begriff des göttlichen Wesens aufgenommen, welcher einen so profunden Einfluß auf andere Religionen des Ostens gehabt hat.

Das Laster des Pantheismus ist, daß seine Theologie das Leben, nicht den Geist, als Anknüpfungspunkt nimmt. Nachdem er die Welt (fälschlich) als Dichotomie aus Materie und Leben aufgefaßt hat, nimmt der Pantheist an, daß der lebendige Organismus der Spiegel des Universums sei. Und wie im Lebewesen als solchem die Materie ein Lebensprinzip finde, das sie organisiere, so müsse die ganze Materiesumme, die existiere, ein Leben haben, das sie organisiere, ein Leben, daß die Aufsummierung all des Lebens (es sei pflanzlich oder tierisch) sei, das existiere. Dieses Leben sei Gott; Gott sei der Welt, was die Seele (in ihrem weitesten Sinn) dem Körper ist. So bringt es die pantheistische Theologie einerseits fertig, eine Erklärung der Existenz zu geben, die gar keine Erklärung ist: die Totalität unserer Erfahrungen plus Weltseele bringt nun einmal nicht durch die Addition allein irgendeine Erklärung, wie oder warum sie begonnen hat zu existieren. Und andererseits bringt sie es fertig, unsere Gedanken mit einem Begriff von „Gott“ zu belasten, der nicht Gott ist: der tatsächlich nur eine Abstraktion ist, wie „tierisches Leben“ gegenüber Materie eine Abstraktion ist; eine Abstraktion, die weder unsere Schicksale beeinflussen, noch unser Verhalten vorschreiben, noch unsere Anbetung beanspruchen kann: machtlos, amoralisch – und nur aus Höflichkeit unterläßt es der Engländer, den Namen „Gott“ in diesem Zusammenhang wie jedes andere Substantiv kleinzuschreiben.

Der Gott, den wir Katholiken anbeten – wir Katholiken, mit den Juden und den Mohammedanern(62) –, ist wirklich so scharf geschieden von dem Begriff einer Gottheit, der die vielköpfigen Monster des heidnischen Ostens synkretisiert, spiritualisiert oder überlagert hat. – Ist der Gott der modernen Protestanten so klar von seinem orientalischen Gegenüber abgegrenzt? Ich gestehe, daß ich akute und wachsende Bedenken in diesem Punkte habe. Die Tendenz im Protestantismus, wie ich im letzten Kapitel erörtert habe, ist die Evidenz von Gottes Existenz eher in einem angeblichen Instinkt oder einer Intuition zu finden als in irgendeinem Schluß von Prämissen, die in Erfahrung gegründet sind. Aber solche Beweismethoden, selbst wenn wir ihre Gültigkeit zugestehen sollten, würden nur dafür dienen, die Tatsache seiner Existenz zu akzeptieren, ohne uns irgendetwas über seine Natur zu erzählen. Die meisten Menschen glauben an Gott, ja – aber wenn man es näher betrachtet, ist ein großer Prozentsatz von ihnen Pantheisten der einen oder anderen Schattierung; der allgemeine Glaube der Menschheit führt also nicht dazu, die Existenz einer transzendenten Gottheit zu verkünden. Es gibt in der Natur des Menschen etwas, weswegen es ihn juckt anzubeten, einen Religionsinstinkt, ja – aber zu welcher Art von Religion? Warum sollte nicht (zum Beispiel) der Buddhismus das Verlangen befriedigen können? Die Mystiker haben direkte Erfahrungen von Gottes Gegenwart gemacht, es ziemt sich also für uns, ihren Erfahrungen eher als unseren erdgebundenen Vorstellungen zu trauen, ja – aber welchen Mystikern? Den christlichen oder den buddhistischen? Wenn wir nicht bereit sind, auf die Lehre von Descartes und BERKELEY zurückzufallen, die Gott unmittelbar für jene Ideen verantwortlich machen, durch die allein wir in Kontakt mit irgendeiner äußeren Realität kommen, scheint mir, daß all diese „direkten“ Beweise für Gottes Existenz bloß eine blanke Formel abwerfen, und wir keinen intellektuellen Apparat haben, sie auszufüllen.

Welche Art Gott also will der Protestantismus uns zur Anbetung vorstellen? Unsere idealistischen Philosophen, die immer noch wehmütig den Hegelianismus wiederkäuen, haben weder eine Garantie anzubieten, daß Gott allmächtig ist, noch, in welchem Sinne er persönlich ist. Es bleibt nur das moralische Argument, um den Protestantismus in seinen abenteuerlicheren Formen von den rauheren Formen des Pantheismus unterscheiden zu können.

Zweifelsohne wird wenigstens in der westlichen Hemisphäre immer daran festgehalten werden, daß das Höchste Wesen, wie vorgestellt auch immer, die Spitze sein muß, die in sich all jenes Anstreben nach Güte vereint, in welches unsere eigene moralische Erfahrung uns lehrt sich hineinzustürzen. Aber: Ist so ein Gott notwendig der Richter der Lebenden und der Toten? Ist es zulässig, zu ihm zu beten, in dem Sinne, daß man um Gefallen bittet, die er gewähren kann? Hat er die Eigenschaften des Gottes, von dem Jesus von Nazareth gepredigt hat und den zu offenbaren er anscheinend den Anspruch erhoben hat? – Es ist gewiß an der Zeit, daß die protestantischen Theologen über die Fundamente ihres Denkens einmal ernsthaft nachdenken sollten; und über diese Frage nicht am wenigsten, nämlich was wir von Gottes Natur wissen und auf welcher gedanklichen Grundlage ruht unser Wissen? Denn in dieser Angelegenheit sind die Ideen ihrer halbherzigen Unterstützer beklagenswert unzusammenhängend; und solches Zögern kann recht einfach, bevor viel Zeit verstrichen ist, eine Handhabe für die Propaganda der „Theosophie“ und ähnlicher Gedanken sein.

Die Lehre von Gottes Allmacht bringt mit sich eine weitere Annahme, die von beachtlicher Wichtigkeit in den folgenden Kapiteln sein wird – ich meine die stetige Möglichkeit eines Wunders.

Wenn die Gesetze der natürlichen Schöpfung nicht ein Ausdruck der Natur Gottes sind, wie der Pantheist sagen würde, sondern „nur“ seines Willens, dann folgt daraus, daß er die Freiheit hat, wenn er es will, ihr In-Aktion-Treten zu suspendieren, oder um es genauer zu sagen, ihr In-AktionTreten durch das höherer Gesetze zu verdrängen, die uns nicht bekanntgemacht sind. Es ist nur vernünftig – wäre diese Selbstverständlichkeit doch nur so verbreitet, wie sie vernünftig ist! Nämlich damit wir einen klaren Begriff von der theoretischen Möglichkeit zu haben, daß Wunder passieren.

Erst dann können wir hergehen und die Beweislage – wie jede historische Beweislage an und für sich diskutierbar – abschätzen für die einzelnen(63) Behauptungen, daß es in der Geschichte tatsächlich Wunder gegeben hat.

Vor anderthalb Jahrhunderten wäre es in diesem Zusammenhang notwendig gewesen, in diesem Zusammenhang das als Deismus bekannte philosophische System sorgfältig zu untersuchen. Es war nur natürlich, daß die Errungenschaften der mechanischen Wissenschaft im achtzehnten Jahrhundert die Geister der Menschen mit der Idee des „Mechanismus“ prägen würden; es war nur natürlich, daß die christliche Apologetik der Epoche im Gegenzug diese Idee reflektieren würde. Der Deismus behauptet mit Nachdruck die ersten zwei bzw. vier scholastischen Beweise der Existenz Gottes, vernachlässigt aber den dritten bzw. fünften(64). Wenn wir an Gott nur als an die Erste Ursache und den Primären Beweger denken, ist es nicht notwendig zu denken, daß er den Lauf der natürlichen Schöpfung im Hier und Jetzt beeinflußt. Man kann sich stattdessen vorstellen, daß er zu einem Zeitpunkt in der unendlich weit zurückliegenden Vergangenheit eine Welt gefertigt und ihr Gesetze physikalischer und biologischer Art gegeben habe, um ihre Bewegungen zu leiten, und sie dann sich selbst überlassen habe, wie ein Schiff, dessen Ruder festgebunden ist, auf daß sie ihr unausweichliches und vorhergesehenes Schicksal erreiche. Die Metapher PALEYS von der ein für allemal aufgezogenen Uhr ist natürlich die klassische Illustration dieses deistischen Konzepts. Sie stellt sich Gott so vor, als habe er das Universum gemacht, aber es nicht von Moment zu Moment führe, ganz zu schweigen davon, daß er es im Dasein erhielte. Ein solches System war in beträchtlichem Maße peinlich berührt, wenn es Raum für die Möglichkeit von Wundern finden sollte. Ein Wunder in einen so regierten Kosmos hineinzuschmuggeln, hieße, eine Speiche in die Räder der Maschine zu tun, mit für das Schema im ganzen fatalen Konsequenzen.

Vom Deismus spricht man heutzutage nur als von einer Schrulle der Vergangenheit; er hat wenige lebende Unterstützer, wenn überhaupt welche. Es ist daher kaum nötig, den Leser zu erinnern, daß Gesetze sich nicht selbst ausführen; sie sind Prinzipien, die ganz wie die politischen(65) Gesetze eine Exekutive brauchen, die sie umsetzt; und sich vorzustellen, die Naturgesetze würden aus Eigeninitiative handeln, unabhängig von Gottes concursus, wie die Scholastiker das nennen(66), heißt diese Gesetze zu personifizieren, wenn nicht gar zu vergöttlichen. Die katholische Idee von Gott ist ein für allemal in dem Ausspruch unseres Heilandes zusammengefaßt, daß kein Spatz zu Boden fallen kann ohne unseren Himmlischen Vater(67); es kann kein Ereignis geben, wie unbedeutend, wie scheinbar zufällig, wie grausam in seiner Auswirkung auf das Individuum auch immer, das nicht hier und jetzt des concursus der göttlichen Macht bedürfte. Damit meine ich übrigens nicht, daß das katholische Denken diesen Glauben mit diesem Ausspruch unseres Heilandes begründete, als ob wir davon sonst nichts wissen könnten; das gehört zur natürlichen, nicht zur rein geoffenbarten Theologie. Gott allein existiert mit Notwendigkeit; unsere Existenz ist kontingent, hängt, heißt das, von Augenblick zu Augenblick auf einer Ausübung seines Willens ab. Er hat die Zügel nicht fallen gelassen, er hat das Ruder nicht angebunden, er werkt nicht durch die Gesetze, sondern nur gemäß den Gesetzen, die er für sich selbst niedergelegt hat, als er die Grundsätze für die Regierung seiner Geschöpfe niederlegte.

Man wird leicht sehen: Sobald mal einmal diese Ansicht von der göttlichen Ökonomie (wie der Theologe das nennt)(68) begriffen hat, kann es kein weiteres Gerede geben, daß Wunder wegen Unmöglichkeit auszuschließen sind. Dem Debattengegner steht nach wie vor offen zu sagen, daß es mit unserer Idee von Gottes Würde nicht zusammenpasse, sich ihn als in seinen eigenen Gesetze eingreifend vorzustellen, oder daß es eine Kritik gegen jene Gesetze selbst sei, anzunehmen, daß es jemals notwendig sei, sie zugunsten eines individuellen Bedarfs zu suspendieren. Solchen Einwänden werden wir später begegnen müssen; fürs erste ist es genug, darauf hinzuweisen, daß die Wunder, soweit es um ihre Möglichkeit geht, in das Schema der Dinge eben doch hineinpassen. Tatsächlich heißt, Gott als allmächtig zu beschreiben, zuzugeben, daß Wunder möglich sind. Die Schwierigkeit, kann man sogar sagen, ist für unsere menschliche Vorstellung sogar eher der Fall des Spatzen als die Speisung der Fünftausend. Denn im Fall des Spatzen ist die göttliche Macht ebenso am Werk wie in der Speisung der Fünftausend; nur ist in diesem Fall der concursus Gottes als der Primärursache mit jenen Sekundärursachen, die wir geneigt sind, für in sich selbst vollständig zu halten, eine Sache, die für die Vorstellung so verwirrend ist wie für das Denken notwendig.

Wir haben erst den ersten Artikel des Credos betrachtet, das Katholiken wie Protestanten gleichermaßen anerkennen:„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen.“ Man wird gesehen haben, daß die Umrisse des katholischen Systems bereits anfangen, auf der Leinwand Gestalt anzunehmen; es beginnt schon, sich im Relief abzuheben nicht nur gegen die pantheistischen Religionen des Ostens, die für unsere Landsleute nie attraktiv waren(69), sondern auch gegen viel Vagheit und Unentschiedenheit, die man in nichtkatholischen theologischen Werken lesen oder vermuten kann.

Nicht daß der Protestantismus in seinen offiziellen Formularen einen Grund für eine Meinungsverschiedenheit mit uns in solch fundamentalen Angelegenheiten wie diesen fände oder je gefunden hätte: aber ich wäre wirklich sehr überrascht, wenn die Argumente, die ich in diesem und dem vorangegangen Kapitel angeführt habe, und die Schlüsse, die ich daselbst aus ihnen gezogen habe, nicht doch einige meiner klerikalen Freunde in der anglikanischen Kirche dazu bewegten, die Hände empört wegen meiner katholischen Intransigenz, wegen dem hier vorgestellten gedanklichen Mittelaltertum zu erheben. Die katholische Idee von Gott sollte von der protestantischen nicht verschieden sein; aber ich fürchte, daß in der Praxis ein Schatten eines Unterschiedes schon jetzt zwischen ihnen erkennbar ist. Und wenn das so ist, dann ist der Grund dafür an erster Stelle der Lokalpatriotismus der einzelnen Fachbereiche in der theologischen Fakultät, die Abwesenheit eines Systems, die unter den nichtkatholischen Theologen regiert, und dann teilweise der Geist des unautorisierten Abenteuers, der sie dazu führt, fröhlich zur Verfolgung irgendeiner neuen These aufzubrechen, schließlich teilweise teils der extreme Mangel an Neugier, mit dem der durchschnittliche Gottesdienstbesucher alle lehrmäßigen Details betrachtet.

Ich wünschte, ich könnte denken, daß meine Einschätzung der Situation übertrieben sei, und meine Vorahnungen der Zukunft bloß Geunke.

 

(60) „Ansichten zu gewissen Einzelheiten“: zur Verdeutlichung eingefügt, im Original nur: „gewisse Ansichten“.

(61) Problematisch ist daher die in gewissen, auch katholischen, charismatischen Kreisen verbreitete Ausdrucksweise, Gott habe „viel Geist“, gar „viel Heiligen Geist“ ausgeschüttet, man bitte um viel Heiligen Geist usw. Man darf „Geist“ nicht mit etwas verwechseln, daß im intendierten Sinn wohl „Ausmaß von emotionaler Begeisterung“ heißen soll.

(62) Und natürlich auch mit den Orthodoxen.

(63) „einzelnen“ eingefügt.

(64) „bzw. vier“ und „bzw. fünften“ dem Sinn entsprechend eingefügt: je nachdem, ob man Bewegung, Ursache und Kontingenz als drei Beweise oder als einen auffaßt.

(65) „ganz wie die politischen“: zur Verdeutlichung eingefügt.

(66) „concursus, wie die Scholastiker das nennen“: zur Verdeutlichung der lateinische Fachbegriff mit einem Einschub. Im Original concurrence, was genau den concursus der Scholastiker meint, aber hier wörtlich nicht zu übersetzen ist.

(67) Mt 10,29

(68) Einschub eingefügt.

(69) An dieser Stelle übertreibt Msgr. Knox eher oder bezieht sich auf die historische Vergangenheit. Tatsächlich kann ein Sittengemälde, das eben doch von der Attraktivität der fernöstlichen Religionen spricht, schon für seine eigenen Zeiten Chestertons Kriminalgeschichten entnommen werden (in Ermangelung besserer Quellen); heute sind selbige Kulte, auch wenn man der Auffassung der Europäer von ihnen wohl begrenzten Umfang und verwestlichende Überlagerung attestieren wird können, jedenfalls unbestreitbar von gewisser Attraktivität: ich verweise dabei nicht nur auf etwa die Beatles, was man ja als Künstlerschrullen abtun könnte, sondern auch auf so offenkundig glaubwürdige ost-begeisterte Figuren wie den „Effendi“ der beliebten Serie Irgendwie und Sowieso.