Gottesliebe und Gottes Liebe

Eins der ewigen Probleme für manche Christen ist: Man kann sich Gottes Liebe für einen nicht direkt vorstellen. Man fragt sich, wie Gott über einen denkt; man will sich gegenüber Gott nicht zu viel herausnehmen; man hat Angst vor Gott; man hat das Gefühl, man würde es Ihm nie recht machen können. Deshalb mal ein paar Gedanken dazu, damit man es sich besser vorstellen kann:

  • Die meisten Menschen haben schon andere Menschen, die es ehrlich gut mit ihnen meinen, ihnen zumindest in gewissem Maß helfen, meistens vor allem die Familie. Und selbst wer von Menschen misshandelt oder verlassen ist, kann darauf zählen, dass die Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, für alle Menschen zu beten oder ihnen Gutes zu tun, z. B. Nonnen, auch für sie beten und ihnen ggf. helfen würden. Und auch man selber kann sich in der Situation immer sagen: Auch ich will manchmal anderen Menschen Gutes und helfe ihnen, zumindest ein wenig. Nun könnte aber kein Mensch auch nur annähernd so wohlwollend und interessiert an anderen Menschen sein, wie Gott es ist; also muss Gott uns wirklich in extremem Maß Gutes wollen und sich für uns interessieren. „Oder ist wohl ein Mensch unter euch, der seinem Sohne, wenn er um Brot bäte, einen Stein darreichen wird? Oder wenn er um einen Fisch bäte, wird er ihm etwa eine Schlange darreichen? Wenn nun ihr, obgleich ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset; wie viel mehr wird euer Vater, der im Himmel ist, denen Gutes geben, die ihn bitten?“ (Mt 7,9-11)
  • Liebe bedeutet grundsätzlich Wohlwollen (und Interesse, Beziehung, Vereinigung); Gott will wirklich, dass es uns am Ende gut geht; wenn Er jetzt Schlechtes für uns zulässt, hat das einen Grund und Er wird es am Ende vielfach wieder gutmachen. Wenn wir erst einmal im Himmel sind, wird alles Schlechte vergangen sein, das Leben wird ein einziger ewiger Moment der reinsten Glückseligkeit sein, die wir uns jetzt gar nicht vorstellen können.
  • Wenn man jetzt in diesem Moment existiert, heißt das, dass Gott einen jetzt in diesem Moment aktiv im Dasein hält und an einen denkt; sonst würde man wieder zu nichts werden.
  • Gott sieht einen gerne an und freut sich an einem, zumindest an den guten Eigenschaften, die man hat, und die hat jeder. Wir sind eben Seine geliebten Kinder. Er freut sich darüber, wenn man anderen etwas Gutes tut oder an Ihn denkt; Er freut sich auch an den moralisch neutralen guten Eigenschaften, die man hat, z. B. dass er einem schöne Augen oder einen klaren Verstand gegeben hat. Vielleicht hat man wenig großartige Eigenschaften, ist von Natur aus unintelligent, unsportlich, wankelmütig und unsicher. Aber dann wird Gott sich gerade darüber freuen, wie man sich trotz dieser schlechten Ausgangssituation bemüht.
  • Gott ist uns auch nicht böse, wenn wir zwischendurch mal entspannen müssen; Er sieht es gern, wenn wir auch mal Spaß haben. Natürlich will Er keine gleichgültigen Kinder, die sich vor allem um sich selber kümmern; Er ist stolz, wenn wir etwas für andere opfern, wie Eltern stolz sind, wenn ihre Söhne in einem gerechten Krieg für den Schutz anderer kämpfen (was diesen Eltern aber natürlich trotzdem weh tut; so würde auch Gott unsere Leiden nicht zulassen, wenn es nicht nötig wäre); aber Er will wirklich dass es einem gut geht, und das gehört auch mal dazu. Man sieht auch das wieder an sich selber: Wenn man z. B. mal einem Freund, der nicht viel Geld hat, zum Geburtstag ein größeres Geldgeschenk macht, will man auch nicht, dass er sich verpflichtet fühlt, damit wieder was für andere zu tun, sondern man will einfach, dass er sich damit mal was gönnt. So will auch Gott, dass wir mal Spaß haben, und dass wir uns an schönen Dingen freuen; auch an solchen scheinbar kleinen Dingen wie dem Blühen von Buschwindröschen und grünen Buchen im Mai. Natürlich will Er auch, dass wir uns an solchen Dingen freuen, die langfristig gut tun und erst mal anstrengend wirken können, z. B. dem Gebet, und ist auch stolz, wenn wir Spaß aufgeben, aber Er ist uns deswegen nicht böse, und Er bietet uns auch immer wieder solche kleinen Geschenke.
  • Keiner hat es wirklich „verdient“, zu Gott zu kommen, aber Er selbst befiehlt es uns.
  • Zu Liebe gehört Zärtlichkeit und Milde. Gott will zärtlich und sanft und geduldig mit uns sein.
  • Gott hat für jeden Menschen eineneigenen Schutzengel, einen mächtigen Geist, abgestellt, der einen an Leib und Seele beschützt.
  • Gott sieht uns, wie wir sind; d. h. Er macht sich nichts vor, wenn Er bei uns Lustlosigkeit oder Selbstsucht oder verletzten Stolz sieht, aber Er sieht auch jeden guten Entschluss, jedes gute Motiv, jede Bemühung.

Aber dann denkt man sich wieder: Ok, Gott mag mich lieben, aber ich erwidere Seine Liebe nicht so besonders gut. Daher:

Man muss sehr gut unterscheiden zwischen Todsünden, lässlichen Sünden und Unvollkommenheiten. Eine Todsünde ist eine Sünde in wichtiger Sache mit vollem Wissen und Willen; damit zerstört man die Liebe in einem. Es ist nicht so, dass Todsünden kaum je in der Welt vorkommen würden, aber die meisten Christen werden auch keine fünf Todsünden pro Tag begehen. Eine lässliche Sünde ist eine Sünde in geringfügiger Sache (auch mit Wissen und Willen) oder eine Sünde in wichtiger Sache ohne vollen Wissen und Willen. Eine Unvollkommenheit ist überhaupt keine Sünde; sie bedeutet eher, sich bei zwei nicht sündhaften Dingen für das weniger Vorbildhafte zu entscheiden; dass man es hätte noch besser machen können, aber nicht gemacht hat, dabei aber auch keine Pflicht verletzt hat.

Gott zu lieben heißt zunächst mal: Sich für Ihn zu entscheiden, wenn es zu einem wichtigen Konflikt zwischen Ihm und etwas anderem kommt, und den Kontakt zu Ihm nicht abzubrechen.

Gott ist ein Vater. Wenn man dem Vater den Tod wünscht oder seine Geschwister ständig auf boshafte Weise mobbt oder sich monatelang nicht meldet, zerstört man das Verhältnis zum Vater (Todsünde). Wenn man im Umgang mit ihm ab und zu ungerechtfertigterweise ungeduldig oder leicht verärgert ist, belastet man das Verhältnis ein bisschen, aber es ist definitiv nicht zerstört (lässliche Sünde). Und wenn man ihm kurz vor Weihnachten ein gewöhnliches Geschenk kauft, obwohl man sich auch monatelang vorher Gedanken hätte machen können und ihm ein absolut passgenaues Geschenk hätte machen können, freut er sich auch über das normale Geschenk und trägt einem nichts nach, weil man es noch hätte besser machen können (Unvollkommenheit). Anderes Beispiel für eine Unvollkommenheit: Wenn der Vater einem aufträgt, die Küche aufzuräumen und man tut genau das, freut er sich darüber. Wenn man die Küche aufräumt und einem dabei auffällt, dass auch mal das Zeug in der Ramschschublade dringend sortiert werden müsste, und man auch das noch tut, dann freut er sich noch mehr. Aber er würde es einem niemals nachtragen, das nicht getan zu haben.

Auch dass die Heiligen so viel besser waren als wir, muss uns nicht beunruhigen. Nehmen wir an, ein sehr guter, liebender Vater hat zwei Kinder. Das eine ruft ihn einmal in der Woche an, besucht ihn, wenn er im Krankenhaus liegt, zieht ihn in wichtigen Sachen zurate, schenkt ihm zum Vatertag einen Restaurantgutschein, ist ab und zu aber auch unfreundlich zu ihm ist und redet sich bei Familientreffen, auf die es keine Lust hat, gelegentlich heraus, und hatte schon einmal ein schweres Zerwürfnis mit ihm, weil es alkoholsüchtig war; das ist jetzt aber vorbei und es hat ehrlich um Verzeihung gebeten und sich mit der Familie wieder ausgesöhnt. Das andere wohnt noch bei ihm und nimmt ihm immer wieder, auch ohne gebeten zu werden, kleine Arbeiten ab, bei denen es merkt, dass sie ihm schwerfallen, will ihm immer wieder eine besondere Freude machen und organisiert daher z. B. überraschend einen Besuch seiner alten Freunde, ist immer rücksichtsvoll und ehrlich, ist nie beleidigt oder mürrisch, wenn es dem Vater etwas helfen muss, und vertraut ihm sehr vieles an. Da hat der Vater sicher ein innigeres Verhältnis zu dem zweiten Kind, aber er würde definitiv nicht auf die Idee kommen, den Kontakt mit dem ersten Kind abzubrechen und es aus der Familie zu verstoßen. Und das erste Kind muss sich auch nicht schuldig fühlen. (Erst recht wäre es schlecht, wenn das erste Kind dann dem zweiten Kind wegen seiner Gutheit und Vorbildhaftigkeit böse wäre, weil es nicht wollte, dass ein anderer besser ist als es selbst; das wäre wirklich eine Sünde. Man soll seine schlechten Eigenschaften und vergangenen Taten nicht hinwegreden, sondern einfach die bewundern, die es besser machen, und ihnen ab und zu auch nacheifern, und zumindest das Minimum erfüllen.)

Es ist angemessen, immer mehr und mehr für Gott tun zu wollen, weil Er so unendlich gut ist, aber um sich nicht von Ihm zu trennen genügt ein gewisses Minimum (das nicht total minimal ist, aber definitiv zu schaffen).

Gott wird von einem letzlich immer eine gewisse Buße und Sühne für seine Sünden wollen – wie auch der Vater, wenn man fahrlässig sein Auto zu Schrott gefahren hat, von einem wollen wird, dass man es ersetzt, auch wenn man um Verzeihung gebeten und sie erhalten hat. Aber Er gibt sich oft schon mit wenig zufrieden, und auch während man noch dabei ist, die Buße zu erfüllen, ist das Verhältnis schon wieder hergestellt.

Und Gott lässt sich, wenn man um Verzeihung bittet, nicht erst ewig bitten. Hier ist wichtig zu wissen: Liebesreue (vollkommene Reue) sorgt dafür, dass die Sünden schon vergeben werden, bevor man sie dann wirklich in der Beichte bekennt. Zur Liebesreue gehört: die innere Zerknirschung bzw. Abwendung von der Sünde, weil man damit den liebenden guten und gerechten Gott verachtet hat (das muss nicht gefühlsmäßig sein, es kommt auf den Willen an; Gefühle kann man nicht immer lenken), und der ehrliche Vorsatz, zumindest Todsünden nicht mehr zu begehen und sich von den nächsten Gelegenheiten zu Todsünden fern zu halten, und die begangene Todsünde in der Zukunft noch zu beichten (man muss sich nicht vornehmen, sie bei nächster Gelegenheit zu beichten, auch wenn das natürlich gut ist). Wenn man es nicht schafft, sich auch von lässlichen Sünden loszusagen, kann man trotzdem Reue für seine Todsünden haben und das grundlegende Verhältnis mit Gott wiederherstellen. Die Liebesreue kann auch noch mit Furcht vor Gottes Strafe vermischt sein, oder mit dem Wissen, dass man wahrscheinlich dieselbe Sünde wieder begehen wird; sie muss einfach trotzdem ehrlich gemeint sein. Und in der Beichte genügt selbst die Furchtreue, die eher zum großen Teil aus der Furcht vor Gottes gerechter Strafe hervorgeht, für die Vergebung; sie ist schon mal ein Anfang. „Gott ist mehr bereit, einem reuigen Sünder zu verzeihen, als eine Mutter, ihr Kind aus dem Feuer zu retten.“ (Hl. Pfarrer von Ars)

Gott will wirklich jeden Menschen retten und gibt ihm eine Chance. Man kann sich auch ansehen, wie Jesus mit den Leuten um Ihn herum geredet hat. Manchmal musste Er die Apostel zurechtweisen, auch hart zurechtweisen, aber dann war es wieder gut. Er war weiterhin geduldig mit ihnen und hat sie langsam an ihre Aufgabe herangeführt. Auf die Sünder wie Zachäus ist Er selber zugegangen und hat ihnen nicht ewig etwas vorgehalten, nachdem sie dann grundsätzlich Reue gezeigt hatten.

Wenn man bei manchen Heiligen sehr strenge Warnungen liest, kann es sein, dass man hier sagen muss: Ok, sie wollten eben lieber zu viel warnen, zu streng sein, als zu wenig, um die Leute sicher in den Himmel zu bringen – aber das kann eben auch mutlos machen. (Ich behaupte auch nicht, da die perfekte Balance gefunden zu haben, ich halte nur einfach die Gefahr der Mutlosigkeit für manche heute in unseren Kreisen relativ groß.) Und manchmal hatten diese Heiligen auch wirklich schlechte Zustände vor Augen, z. B. als Prediger an einem Fürstenhof mit viel Korruption, Machtstreben und Unzucht.

Gott hat Seine Gründe für alles, für wirklich alles. Am Ende wird alles gut sein, alles. Gott ist die überströmende Liebe; Er will uns trösten und zärtlich umarmen und uns vollkommen glücklich machen. „Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen trocknen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist dahingegangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,4f.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 11b: Wo sind die Toten vor dem Weltgericht und was ist mit dem Fegefeuer?

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich:

Zum Fegefeuer: 2 Makk 12,40-45; 1 Kor 3,15

Zum Schicksal der Toten vor dem Weltgericht: Lk 16,19-31

Unter manchen christlichen Gemeinschaften ist heute noch die Vorstellung vom sog. „Seelenschlaf“ verbreitet; nach dem Tod würden die vom Körper getrennten Seelen erst einmal quasi schlafen oder sterben, und erst beim Weltende und Jüngsten Gericht, wenn die Körper auferstehen, würden die Seelen wieder erwachen und sich mit ihnen vereinigen, und dann würde der Mensch erst von Gott gerichtet werden. Die katholische Sicht ist dagegen: Nach dem Tod wird die Seele gleich gerichtet und kommt zu Gott in den Himmel (bzw. vorübergehend ins Fegefeuer und dann in den Himmel) oder in die Hölle; beim Weltgericht wird sie mit ihrem Körper wiedervereinigt, auch der erhält jetzt seine Strafe oder Belohnung, und das ganze Gericht über alle Menschen wird noch einmal öffentlich gemacht, aber das Urteil über den einzelnen ändert sich nicht. (Und natürlich werden jetzt auch die Menschen erstmals gerichtet, die beim Weltende noch nicht gestorben waren.) Dieses Thema war unter den frühen Christen durchaus noch umstritten; sie betonten sehr die leibliche Auferstehung und waren sich offenbar nicht ganz einig, was vorher mit den Seelen geschieht. Noch Papst Johannes XXII. im 14. Jahrhundert vertrat die Idee vom Seelenschlaf als theologische Privatmeinung in einigen Predigten, widerrief aber, als die Theologen dagegen protestierten, und sein Nachfolger klärte diese Frage endgültig 1336 in einer päpstlichen Bulle. (Das ist insofern ein gutes Beispiel für die Lehrentwicklung, und für die Tatsache, dass auch Päpste, wenn sie nicht ex cathedra sprechen (also nicht im Namen der Kirche eine Lehre als verbindlich für alle Christen verkünden wollen), irren können.)

Noch ein anderes Thema hängt damit zusammen, nämlich die katholische Lehre vom Fegefeuer oder Läuterungsort (Purgatorium), wo die Seelen, die zwar keine bewusste, unbereute schwere Sünde mehr auf dem Gewissen hatten, aber zu ihrem Todeszeitpunkt noch gewisse Dinge zu sühnen hatten und sich von manchen lässlichen Sünden nicht lossagen wollten, vor ihrem Eintritt in den Himmel geläutert werden. Das Gebet anderer kann dabei helfen, ihre Sünden zu sühnen und ihre Läuterung zu beschleunigen. Diese Lehre findet sich bereits im Alten Testament in den Makkabäerbüchern (2 Makk 12,40-45). Protestanten lehnen sie ab; es gäbe nur entweder Himmel oder Hölle (oder eben, die Seelen befänden sich im Seelenschlaf), und beten deshalb auch nicht für die Toten und erkennen die Makkabäerbücher nicht als Teil der Bibel an.

Fangen wir erst einmal mit dem Fegefeuer und dem Gebet für die Toten an.

Eine Aussage der heiligen Perpetua ist hier sehr interessant; sie war eine junge Christin aus Nordafrika, die im Gefängnis vor ihrem Martyrium im Jahr 203 n. Chr. ihre Erlebnisse aufschrieb. Da heißt es:

„Nach wenigen Tagen, während wir alle beteten, brach mir plötzlich mitten im Gebete die Stimme hervor und ich nannte den Dinokrates. Ich staunte, daß er mir nie in den Sinn gekommen war als nur in diesem Augenblicke, und ich dachte mit Trauer an sein Schicksal. Ich erkannte auch sofort, daß ich würdig sei und für ihn beten müsse, und fing an, für ihn viele Gebete zu sprechen und zum Herrn zu seufzen. Sofort noch in derselben Nacht hatte ich folgendes Gesicht. Ich sehe den Dinokrates aus einem finsteren Orte, wo viele ganz erhitzt und durstig waren, in schmutziger Kleidung und blasser Farbe hervorkommen mit einer Wunde im Gesicht, die er hatte, als er starb. Dieser Dinokrates war mein leiblicher Bruder, der im Alter von sieben Jahren aus Schwäche wegen eines Krebsleidens im Gesichte elend starb, so daß sein Tod allen Menschen ein Abscheu war. Für diesen also hatte ich gebetet, und es war zwischen mir und ihm ein großer Zwischenraum, so daß wir beide nicht zueinander kommen konnten. Es war ferner an dem Orte, an welchem Dinokrates sich befand, ein Bassin voll Wasser, dessen Rand aber höher war als die Größe des Knaben, und Dinokrates streckte sich aus, als ob er trinken wollte. Ich war traurig darüber, daß jenes Bassin voll Wasser war und er doch wegen der Höhe der Umfassung nicht trinken konnte. Da erwachte ich und wurde inne, daß mein Bruder leide; aber ich vertraute, daß ich seiner Not abhelfen werde, an all den Tagen, bis wir in den Kerker des Lagers übersiedelten; denn bei den Spielen nahe dem Lager sollten wir kämpfen; es war damals der Geburtstag des Cäsars Geta. Und ich betete für ihn Tag und Nacht mit Seufzen und Tränen, damit er mir geschenkt werde.

An dem Tage, an welchem wir im Kerker gefesselt blieben, hatte ich folgende Erscheinung. Ich sehe jenen Ort, den ich früher gesehen hatte, und den Dinokrates mit gewaschenem Leibe, gut gekleidet und sich erholend; wo die Wunde gewesen war, sehe ich eine Narbe, und die Umfassung jenes Teiches war tiefer geworden bis an den Nabel des Knaben; ohne Aufhören schöpfte er Wasser aus dem Bassin. Über der Umfassung war auch eine goldene Schale voll Wasser; Dinokrates trat hinzu und fing an, aus der Schale zu trinken, und diese wurde nicht leerer; nachdem er genug Wasser getrunken hatte, fing er froh nach Art der Kinder an zu spielen. Da erwachte ich und erkannte, daß er aus der Strafe entlassen war.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 7-8)

Etwas ganz Ähnliches kommt in den Akten des Paulus und der Thekla (wohl aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts) vor, die diverse Geschichten aus Paulus‘ Leben erzählen, die in der Apostelgeschichte fehlen. Thekla, eine geweihte Jungfrau, die Paulus begleitet, ist in Antiochia zum zweiten Mal vor ein Gericht gebracht worden (nachdem sie sich gegen die sexuelle Belästigung durch einen hochrangigen Mann gewehrt hat) und zum Tod durch wilde Tiere verurteilt worden; dann heißt es:

„Thekla aber bat den Statthalter, daß sie unberührt bliebe, bis sie mit den Tieren kämpfen müsse. Und eine reiche Frau, namens Tryphäna, deren Tochter gestorben war, nahm sie in ihre Obhut und fand an ihr Trost. […] Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!‘ Und als Thekla so sprach, trauerte Tryphäna, da sie daran dachte, daß solche Schönheit vor die Tiere geworfen werden sollte.“ (Paulusakten 3,27-29, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 248; hier eine englische Übersetzung.)

Die Tiere greifen Thekla dann übrigens nicht an, und sie wird freigelassen, führt noch ein längeres Leben und verkündet Christus.

Diese Stelle ist auch dahingehend interessant, dass die frühen Christen sich durchaus vorstellen konnten, dass Heiden, die Christus ohne eigene Schuld nicht gekannt hatten, in den Himmel kommen könnten (evtl. eben nach einem Läuterungsprozess und mit Hilfe des Gebets von Christen); Tryphäna lernt erst durch Thekla das Christentum kennen. Das schreibt ja auch Justin der Märtyrer (1. Apologie 46), den ich hier schon zitiert habe: „Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann.“


(Paulus und Thekla auf einem Fresko aus dem 6. Jh.)

Bischof Aberkios von Hierapolis in Phrygien bittet gegen Ende des 2. Jahrhunderts in seiner Grabinschrift (die nur verschlüsselt über den christlichen Glauben spricht) andere um ihr Gebet für ihn:

„Einer auserwählten Stadt Bürger habe ich dies errichtet,
da ich noch lebe, auf dass ich hätte seiner Zeit für
meinen Leib hier eine Stätte.
Aberkios bin ich mit Namen, der welcher Jünger ist
eines reinen Hirten,
der da weidet der Schafe Herden auf Bergen und Fluren,
der Augen hat gewaltig, die überall herniederschauen;
denn er hat mich gelehrt … untrügliche Zeichen.
Der nach Rom mich sandte, einen König zu schauen
und eine Königin zu sehen mit goldnem Gewand und
goldnen Sandalen;
einen Stein aber sah ich dort mit einem leuchtenden Gepräge.
Und Syriens Flur sah ich und seine Städte alle; ich überschritt
den Euphrat und sah Nisibis. Überall aber gewann ich Kultgenossen;
Paulos war mein (Begleiter?). Nestis leitete mich überall
und schaffte mir Nahrung überall, einen Fisch vom Quellwasser
gar gross und rein, den gefangen hatte eine reine Jungfrau,
und den gewährte sie den Genossen immer zu essen
und spendete Wein in guter Mischung mit Brot.
Dies habe ich Aberkios unter meiner eignen Aufsicht so
zu schreiben geheissen.
Das zweiundsiebzigste Jahr hab‘ ich wirklich vollbracht.
Wer dies versteht, bitte für Aberkios, ein jeder Genosse.
Aber keiner soll in mein Grab noch einen andern oben
darauf beisetzen.
Wenn er es thut, soll er dem römischen Fiscus spenden
zweitausend Goldstücke
und der guten Vaterstadt Hierapolis tausend Goldstücke.“ (Aberkiosinschrift)


(Nachbau von Aberkios‘ Grabstein.)

Das waren jetzt alles keine Lehrschreiben von Theologen, und die Paulusakten sind an ein paar Stellen auch theologisch fehlerhaft (z. B. tauft Thekla sich selbst) oder vielleicht etwas legendarisch, aber diese Aussagen zeigen alle, dass unter den Christen des 2. und frühen 3. Jahrhunderts die Ansicht verbreitet war, man sollte für die Toten beten und könnte ihnen damit helfen, an einen besseren Ort zu kommen.

Jetzt zum Schicksal der Seelen vor dem Weltgericht:

Der hl. Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg zu seiner Gerichtsverhandlung und seinem Martyrium in Rom an eine Gemeinde, dass er, wenn er im Himmel sei, für sie beten werde, was impliziert, er werde bei Gott sein, während die Trallianer noch auf Erden leben:

„Meine Seele opfert sich für euch nicht nur jetzt, sondern auch wenn ich zu Gott gelangt bin.“ (Brief des Ignatius an die Trallianer 13,3)

Vor ihrem Tod wird von mehreren Märtyrern von Visionen berichtet. Die oben schon erwähnte Perpetua berichtet von einem ihrer Leidensgenossen, dass er eine Vision hatte, laut der sie gleich nach ihrem Martyrium in den Himmel kommen würden:

„Aber auch der selige Saturus hat folgende Erscheinung, die er selbst gehabt hat, aufgeschrieben und bekannt gemacht. Wir hatten, sagt er, gelitten und gingen aus dem Fleische hinaus; da wurden wir von vier Engeln, deren Hände uns nicht berührten, nach Osten getragen. Wir machten den Weg aber nicht mit dem Rücken liegend und aufwärts gerichtet, sondern so, als wenn wir einen sanften Hügel hinanstiegen. Und als wir aus der ersten Welt heraus waren, sahen wir ein großes Licht, und Perpetua, die an meiner Seite war, sagte: Das ist, was uns der Herr verheißen hat, wir haben die Verheißung empfangen. Und indem wir so von den vier Engeln getragen wurden, öffnete sich uns ein weiter Raum, wie ein Lustgarten; darin waren Rosenbäume und Blumen aller Art. Die Bäume waren so hoch wie Zypressen und ihre Blätter fielen ohne Unterlaß herab. Dort in dem Lustgarten waren vier andere Engel, herrlicher als die vorigen; als diese uns sahen, erwiesen sie uns Ehre und sagten zu den anderen Engeln: Da sind sie, da sind sie! Mit Verwunderung und staunend setzten uns nun jene Engel, die uns getragen hatten, ab und wir durchschritten den Raum zu Fuß auf einem breiten Wege. Dort fanden wir den Jokundus, den Saturninus und den Artaxius, die in derselben Verfolgung lebendig verbrannt wurden, und den Quintus, der als Märtyrer im Kerker gestorben war, und fragten sie, wo die übrigen seien. Die Engel aber sprachen zu uns: Kommt zunächst hinein und grüßet den Herrn.

Und wir kamen zu einem Orte, dessen Wände aus Licht gebaut zu sein schienen; vor dem Eingange dieses Ortes bekleideten uns, als wir eintraten, vier Engel mit weißen Gewändern. Wir traten ein und hörten eine vereinte Stimme, die unaufhörlich: Heilig, heilig, heilig rief. Und wir sahen in diesem Orte einen alten Mann sitzen, der schneeweißes Haar, aber ein jugendliches Angesicht hatte; seine Füße aber sahen wir nicht. Zu seiner Rechten aber und zu seiner Linken standen vier Älteste und hinter ihnen noch mehrere andere Älteste. Voller Bewunderung traten wir ein und standen vor dem Throne; die vier Engel hoben uns in die Höhe, wir küßten ihn und er warf es uns von seiner Hand ins Antlitz zurück. Die übrigen Ältesten aber sagten uns: Laßt uns stehen! Und wir stellten uns und gaben den Friedenskuß. Und die Ältesten sagten zu uns: Gehet jetzt und spielet! Da sagte ich zu Perpetua: Da hast du, was du verlangst. Und sie entgegnete mir: Gott sei Dank; wie ich im Fleische fröhlich war, will ich es jetzt noch mehr sein.

Wir gingen hinaus und sahen vor der Türe den Bischof Optatus zur Rechten und den Priester und Lehrer Aspasius zur Linken; sie standen da voneinander getrennt und traurig, warfen sich uns zu Füßen und sagten: Stiftet Frieden unter uns, weil ihr hinausgegangen seid und uns so zurückgelassen habt. Und wir sagten zu ihnen: Bist du nicht unser Bischof und du unser Priester, daß ihr euch uns zu Füßen leget? Und wir wurden gerührt und umarmten sie. Perpetua redete griechisch mit ihnen und wir gingen mit ihnen in den Lustgarten unter einen Rosenbaum. Und während wir mit ihnen redeten, sagten die Engel zu ihnen: Lasset sie, sie sollen sich ergötzen; und wenn ihr Streitigkeiten untereinander habt, so vergebet einander; sie trieben sie fort und sagten zu Optatus: Bessere dein Volk. Denn so kommt man bei dir zusammen, als ob man aus dem Zirkus zurückkehrte und in Parteien geteilt stritte. Es schien uns aber, als wollten sie die Tore schließen. Und wir erkannten dort viele Brüder, die auch Märtyrer waren; wir alle wurden mit einem unbeschreiblichen Wohlgeruche erfüllt, der uns sättigte. Darauf erwachte ich in freudiger Stimmung.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 11-13)

Bischof Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr., dass die Seelen der Toten schon vor dem Gericht an unterschiedliche Orte kämen; er wendet sich hier hauptsächlich gegen die Lehre von der Seelenwanderung, die manche antike Sekten vertraten:

„Hierdurch [das Gleichnis vom armen Lazarus und dem Reichen] ist deutlich erklärt worden, daß die Seelen nicht von Körper zu Körper übergehen, sondern fortdauern, die menschliche Gestalt beibehalten, um erkannt zu werden, und sich an die irdischen Dinge erinnern; daß ferner dem Abraham die Lehrgabe innewohnt, und daß auch schon vor dem Gerichte jede Menschenart den ihr gebührenden Wohnplatz erhält.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,34,1)

Außerdem schreibt er allerdings:

„Wenn also der Herr das Gesetz der Toten beobachtet hat, um der Erstgeborene von den Verstorbenen zu werden, und bis zum dritten Tage in den Tiefen der Erde sich aufhielt, dann aber, im Fleische auferstand, um den Jüngern die Male der Nägel zu zeigen, ehe er zum Vater aufstieg, dann sind die widerlegt, die da sagen, die Unterwelt, das sei diese irdische Welt, und dieser ihr unterer Mensch lasse hier seinen Leib zurück, um an den überhimmlischen Ort emporzusteigen. Wenn nämlich der Herr ‚mitten im Todesschatten hinging‘, wo die Seelen der Verstorbenen waren, dann aber leiblich auferstand und nach der Auferstehung emporgehoben wurde, dann werden offenbar auch die Seelen seiner Jünger, derentwegen der Herr dies getan hat, an jenen unsichtbaren Ort abgehen, der ihnen von Gott bestimmt ist, und dort bis zur Auferstehung verbleiben, ihre Auferstehung erwartend. Dann aber werden sie, ihre Leiber wieder empfangend und vollkommen, d. h. leiblich auferstehend, wie auch der Herr auferstanden ist, zur Anschauung Gottes gelangen. (Irenäus, Gegen die Häresien V,31,2)

Hier scheint er zu implizieren, die Seelen wären zwar in dieser „Zwischenzeit“ lebendig, würden aber noch nicht Gott schauen, sondern an einem anderen Ort warten.

Der hl. Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. ganz entschieden, die Auferstehung komme erst am Ende der Zeiten und verurteilt diejenigen, die anderer Ansicht sind, als Ketzer (wobei unklar ist, ob vielleicht diese anderen Gruppen die Auferstehung des Fleisches am Ende der Zeiten ganz leugnen):

„Wenn ihr zusammenkommen solltet mit solchen, welche sich Christen nennen und obige Anschauung nicht teilen, welche dazu aber noch sich erkühnen, den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs zu lästern, und ferner behaupten, es gäbe keine Auferstehung der Toten, sondern ihre Seelen würden schon beim Tode in den Himmel aufgenommen werden, dann haltet sie nicht für Christen, so wenig als einer, wenn er richtig urteilt, behaupten dürfte, die Sadduzäer oder die verwandten Sekten der Genisten, Meristen, Galiläer, Hellenianer, Pharisäer-Baptisten seien Juden; mögen sie auch sich Juden oder Kinder Abrahams nennen und mit den Lippen Gott bekennen, ihr Herz ist aber doch, wie Gott selbst gerufen hat, ferne von ihm. Höret nicht unwillig auf mich, wenn ich alles sage, was ich denke! Ich aber und die Christen, soweit sie in allem rechtgläubig sind, wissen, daß es eine Auferstehung des Fleisches gibt, und daß tausend Jahre kommen werden in dem aufgebauten, geschmückten und vergrößerten Jerusalem, wovon der Propheten Ezechiel und Isaias und die übrigen sprechen. […]

Ferner hat einer, der bei uns war, Johannes hieß und zu den Aposteln Christi gehörte, in einer Offenbarung prophezeit, die, welche an unseren Christus glauben, werden in Jerusalem tausend Jahre verbringen, und dann werde für alle ohne Ausnahme die allgemeine und sogenannte ewige Auferstehung und das allgemeine und sogenannte ewige Gericht folgen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 80,4f. u. 81,4)

Tatian wiederum (der allgemein etwas unorthodox war) vertritt in den 170ern n. Chr. ganz eigene Ansichten; die Seelen der Ungerechten würden sich im Tod auflösen, aber beim Jüngsten Gericht zusammen mit den Körpern wieder auferstehen, um bestraft zu werden, die Seelen der Gerechten dagegen würde es zu Gott hinziehen, weil sie mit seinem Geist Gemeinschaft haben:

„Nicht unsterblich, ihr Bekenner des Griechentums, ist unsere ‚Seele‘ an sich, sondern sterblich: sie kann aber trotzdem dem Tode entrinnen. Denn sie stirbt und erfährt zusammen mit dem Körper ihre Auflösung,  wenn sie die Wahrheit nicht erkannt hat; später, am Ende des Weltlaufs, steht sie freilich mit dem Körper auf, aber nur, um als Strafe den Tod in der Unsterblichkeit zu empfangen: dagegen stirbt sie überhaupt nicht, mag auch ihre zeitweilige Auflösung erfolgen, wenn sie mit der Erkenntnis Gottes ausgerüstet ist. An und für sich ist sie Finsternis und kein Licht ist in ihr und hierauf eben bezieht sich das Wort: ‚Die Finsternis fasset nicht das Licht‘. Denn nicht die Seele ist es, die den Geist rettet, sondern sie wird von ihm gerettet und ‚das Licht fasset die Finsternis‘, wobei der Logos als das von Gott ausgehende ‚Licht‘, als ‚Finsternis‘ aber die unkundige Seele zu verstehen ist. Wenn sie daher allein für sich lebt, so neigt sie sich niederwärts zur Materie und stirbt zugleich mit dem Fleische; hat sie aber Gemeinschaft mit dem göttlichen Geiste, so ist sie nicht hilflos, sondern steigt hinauf in jene Lande, zu denen sie der Geist führt: denn seine Wohnung ist in der Höhe, ihr Ursprung dagegen in der Tiefe. Im Anfang also wohnte der Geist mit der Seele zusammen; der Geist aber hat sie verlassen, als sie ihm nicht folgen wollte. Doch da sie gleichsam einen Funken seiner Kraft behielt und nur infolge der Scheidung das Vollkommene nicht erschauen konnte, suchte sie Gott in der Irre und bildete sich viele Götter, indem sie den streitsüchtigen Dämonen folgte. Der Geist Gottes ist nun nicht mehr bei allen Menschen; bei einigen aber, deren Wandel gerecht war, ist er eingekehrt und vermählte sich mit ihrer Seele, um durch Weissagungen den übrigen Seelen das Verborgene kundzutun: und die Seelen, die der Weisheit folgten, zogen den verwandten Geist an sich, die aber nicht folgten und den Boten des Gottes, der gelitten hat, verschmähten, die zeigten sich mehr als Gottesfeinde, denn als Gottesdiener. […]

So bleibt uns nichts übrig, als nach dem, was wir besaßen und verloren haben, jetzt zu suchen: die Seele mit dem heiligen Geist zu verbinden und die gottgewollte Vermählung mit ihm zu bewirken.

Die Seele der Menschen ist nicht ein-, sondern vielteilig; denn sie ist zusammengesetzt, so daß sie überall am Leibe offenbar wird: ja sie könnte ebensowenig ohne den Leib in Erscheinung treten wie das Fleisch ohne die Seele aufstehen kann. Denn der Mensch ist nicht, wie die Rabenkrächzer lehren, ein vernünftiges, für Verstehen und Wissen empfängliches Tier (nach ihnen wird man auch von den unvernünftigen Tieren ’nachweisen‘ können, daß sie fähig seien, zu verstehen und zu wissen), sondern der Mensch allein ist Ebenbild und Gleichnis Gottes und ich nenne nicht den einen Menschen, der wie die Tiere handelt, sondern den, der über sein Menschentum hinaus zu Gott selbst gelangt ist. […] Unvergleichbar ist nur das absolut Seiende (d.i. Gott), vergleichbar nur das Ebenbildliche (d.i. der Mensch). Unfleischlich ferner ist der vollkommene Gott, der Mensch aber ist Fleisch: das Band seines Fleisches ist die Seele, Träger seiner Seele das Fleisch. Nehmen wir nun an, dieser so gestaltete (aus Fleisch und Seele bestehende) Organismus gleiche einem Tempel, so will Gott in ihm wohnen durch den Geist, seinen Abgesandten; ist er aber kein solches Heiligtum, so ist der Mensch den Tieren nur durch seine artikulierte Stimme überlegen und, da seine anderen Lebensäußerungen durchaus den tierischen gleichen, auch kein ‚Gleichnis Gottes‘. […]

Aber (wohl gemerkt): die Dämonen, die mit den Menschen schalten, sind nicht die Seelen der abgeschiedenen Menschen. Denn wie sollten sie just nach dem Tode tatkräftig werden, außer man nähme an, daß der Mensch ohne Verstand und ohne Kraft ins Leben trete und erst durch den Tod eine gewisse Kraftfülle empfange. Doch das stimmt nicht, wie ich anderswo bewiesen habe, und es wäre auch schwer zu begreifen, daß die ‚unsterbliche‘ Seele von den Gliedern des (sterblichen) Leibes gehemmt sein und erst dann, wann sie sich von ihm trenne, vernünftiger werden so.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 13 u. 15,1-4.6f. u. 16,1f.)

Man sieht also, dieses Thema war noch umstritten.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 10b: Die Auferstehung des Fleisches: Eine ausführliche Erläuterung

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): 1 Kor 15; Ez 37,1-14; Lk 24,38-43; Joh 11,24; 2 Tim 2,18; Mt 27,52f.; Joh 12,24; 1 Kor 6,14-20.

Im letzten Teil ging es allgemein um das Thema der Auferstehung des Fleisches. Das war ein Thema, das bei der heidnischen Umwelt auf Skepsis stieß; dementsprechend brachten die Christen auch genauere Erklärungen vor. Athenagoras von Athen schrieb ca. 180 n. Chr. ein Werk mit dem Titel „Über die Auferstehung der Toten“, das einige interessante Fragen angeht, und aus dem ich hier einige Auszüge bringen will.

Zuerst begründet er, wieso Gott die Macht dazu besitze, die Leiber wieder auferstehen zu lassen:

„Mögen sie nämlich behaupten, die Auferstehung sei mit Gottes Macht oder sie sei mit Gottes Willen unvereinbar, sie treffen nicht das Richtige. Die nachfolgende Abhandlung wird dies deutlich zeigen. […]

Nun aber ist es ganz ausgeschlossen, daß Gott die Natur der zur Auferstehung bestimmten Leiber nicht kennt nach all ihren Teilen und Teilchen, daß er nicht weiß, wohin ein jedes Teilchen der sich auflösender Körper gerät und welcher Teil der Materie das Aufgelöste und zu dem ihm Verwandten Hinzugetretene aufgenommen hat, wenn auch menschlichen Augen das mit dem All in naturgemäßem Anschluß wiedervereinigte völlig ununterscheidbar vorkommt. Er, der schon vor der eigenartigen Zusammensetzung eines jeden Organismus die Natur der zu schaffenden Grundstoffe kannte, aus denen die Menschenleiber bestehen, und der auch wußte, aus welchen Teilen derselben er das zur Zusammensetzung des menschlichen Leibes Nötige nehmen sollte, weiß selbstverständlich auch nach der Auflösung des Ganzen, wo ein jedes der von ihm zum Aufbau der einzelnen Leiber verwendeten Atome hingekommen ist. Nach der jetzt für uns geltenden Ordnung der Dinge und nach der Beobachtung, die wir sonst machen, ist das Vorherwissen des Nochnichtseienden mehr; aber für Gottes Würde und Weisheit ist beides naturgemäß und ist das Vorherwissen des Nochnichtseienden nicht schwieriger als die Kenntnis des Aufgelösten.“ (Über die Auferstehung der Toten 2)

„Daß er dann auch zur Auferweckung der Leiber die ausreichende Macht besitzt, beweist schon deren Entstehung. Wenn er nämlich die Menschenleiber und deren Elemente bei der ersten Zusammensetzung aus dem Nichts erschuf, wird er nach erfolgter Auflösung sie mit der gleichen Leichtigkeit auch auferwecken, wobei es gleichgültig ist, wie sie sich aufgelöst haben. Denn auch dies ist ihm gerade so leicht möglich. Und der Sache verschlägt es nichts, mag man die Elementarstoffe aus einer noch nicht differenzierten Materie oder die Menschenleiber aus den schon bestimmten Grundstoffen als dem Ursprünglichen oder aus Keimen herleiten. Eine Macht, die imstande war; die bei jenen Elementarstoffen vorausgesetzte gestaltlose Substanz zu gestalten, die ungeformte und ungeordnete durch viele und verschiedene Formen zu ordnen, die Teile der Grundstoffe zu einem einheitlichen Gebilde zu verbinden, den Keim, der einheitlich und einfach ist, zu vervielfältigen, das Ungegliederte zu gliedern, dem Leblosen Leben einzuhauchen, ist auch imstande, das Aufgelöste zu einigen, das Liegende aufzurichten, das Tote wieder zu beleben und das Verwesliche zur Unverweslichkeit emporzuheben. Einem und demselben kommt es zu, der nämlichen Macht und Weisheit, das an die Menge der mannigfachen Lebewesen, die sich an menschlichen Leibern zu vergreifen und sich an ihnen zu sättigen pflegen, Verteilte aus diesen auszuscheiden und mit den ursprünglichen Teilen und Teilchen wieder zu vereinigen, mag es nun in eines jener Lebewesen gekommen sein oder in viele und von diesen in andere, oder mag es, nachdem es mit diesen sich aufgelöst hat, in jenem natürlichen Prozesse, durch den sich alles wieder in die Grundstoffe auflöst, schon wieder zu diesen zurückgekehrt sein. Indes gerade dieser Gedanke ist es, der wohl am meisten die Köpfe verwirrte und selbst Kapazitäten stutzig machte, so daß sie, merkwürdig genug, die von der Menge vorgebrachten Bedenken für begründet hielten.“ (Über die Auferstehung der Toten 3)

Auch dass manche Leichen von Tieren gefressen werden und diese Tiere wieder von Menschen gegessen werden, oder es manchmal sogar Kannibalismus unter Menschen gebe, ändere nichts daran:

„Diese wenden ein, viele Leiber von denen, die bei Schiffbrüchen oder in Flüssen jämmerlich umkamen, seien schon Nahrung für Fische geworden, und viele Leiber der im Kriege Gefallenen oder durch ein herberes Geschick und durch den Drang der Umstände ohne Bestattung Gebliebene hätten den sie auffindenden Tieren zum Fraße gedient. Wenn nun die Leiber in der angegebenen Weise aufgezehrt werden und ihre integrierenden Teile und Teilchen zerstückelt in viele Organismen hineinkommen und sich in Form von Nahrung mit den Leibern der so ernährten Wesen vereinigen, so sei es, wendet man ein, fürs erste unmöglich, diese auszuscheiden, dann aber sei noch weniger durchführbar folgendes Zweite. Es kommen nämlich die Leiber jener Tiere, welche sich mit Menschenfleisch ernährt haben, falls sie sich zur Nahrung für Menschen eignen, selbst wieder in menschliche Mägen und werden so mit den Leibern der Essenden vereinigt; so müssen notwendig solche menschliche Teile, die den auffressenden Tieren zur Nahrung gedient haben, in andere Menschenleiber hinüberwandern, indem die mittlerweile hievon ernährten Tiere das, was ihnen zur Nahrung diente, in jene Menschen hinüberleiten, deren Nahrung sie selbst werden. Außerdem weist man mit erkünsteltem Pathos auf Kinderverzehrungen hin, zu denen Hungersnot oder Wahnsinn trieb, und auf die infolge feindlicher Überlistung von ihren eigenen Erzeugern aufgegessenen Kinder und jenen medischen Tisch und die tragischen Mahlzeiten eines Thyestes und reiht daran noch andere Begebenheiten ähnlicher Art, die sich erst jüngst bei Griechen und Barbaren zugetragen haben. Hiedurch glaubt man, die Unmöglichkeit der Auferstehung dartun zu können; denn bei der Auferstehung können nicht die nämlichen Teile verschiedenen Menschen zugewiesen werden, sondern es müssen entweder die Leiber der einen unvollständig bleiben, weil integrierende Bestandteile von ihnen in andere Menschen hineingekommen sind, oder wenn diese Teile ihren früheren Inhabern zurückerstattet werden, die Leiber der andern ein Manko erleiden.(Über die Auferstehung der Toten 4)

Entweder könne der Körper aber Nahrung aus Menschenfleisch gar nicht aufnehmen…

„Mich aber will es bedünken, daß die Vertreter solcher Ansichten zunächst von der Macht und Weisheit dessen keinen Begriff haben, der da dieses All gebildet hat und lenkt, der der Natur und Art eines jeden Lebewesens die passende und entsprechende Nahrung bestimmt hat, der angeordnet hat, daß nicht jede Natur mit jedem Leibe sich vereinige und vermische, der auch die Scheidung des Geeinigten zu bewerkstelligen vermag, der der Einzelnatur der Geschöpfe das naturgemäße Tun und Leiden zuweist und ein anderes abhält, der schließlich alles, was er will, und zu dem Zwecke, wozu er will, geschehen läßt und verändert; ferner scheinen mir jene Leute auch die Fähigkeit und Natur der ernährenden und der ernährten Wesen im einzelnen nicht erwogen zu haben. Sonst müßten sie doch wissen, daß nicht alles, was einer aus Nachgiebigkeit gegen äußeren Zwang in sich aufnimmt, für seinen Organismus naturgemäße Nahrung wird, sondern daß manches schon beim Eintritt in die Gedärme verderben muß, indem es ausgespien wird oder abgeht oder sonstwie sich verteilt, so daß es auch nicht auf kurze Zeit die erste und naturgemäße Verdauung durchmacht, geschweige denn dem zu ernährenden Körper sich assimiliert; ja es braucht sich nicht einmal alles Verdaute, das die erste Veränderung schon überstanden hat, unter allen Umständen mit den zu ernährenden Teilchen vereinigen […]“ (Über die Auferstehung der Toten 5)

„Da also zwischen den animalischen Organismen eine große von der Natur gesetzte Verschiedenheit besteht und gerade die naturgemäße Ernährung bei jeder Art derselben und bei jedem zu ernährenden Leibe eine andere ist, da es ferner hinsichtlich der Ernährung eines jeden Organismus eine dreifache Reinigung und Aussonderung gibt, so muß einerseits alles für die Ernährung eines Organismus Ungeeignete, weil es sich mit diesem nicht vereinigen kann, vollständig zerstört werden und auf natürlichem Wege abgehen oder sich zu etwas anderem hinwenden; anderseits muß die Qualität des ernährenden Leibes den Qualitäten des zu ernährenden Leibes angepaßt und naturgemäß sein und schließlich, wenn sie den naturgemäßen Weg durch die aussondernden Organe zurückgelegt hat und durch die natürlichen Läuterungsmittel sorgfältig geläutert worden ist, ein ganz reiner Zuwachs zur Leibessubstanz werden. […] Wenn also nach der Verschiedenheit der durch ihre Natur verschiedenen Organismen auch in der naturgemäßen Nahrung Verschiedenheit herrscht und von dieser selbst weder alles, was der Organismus aufgenommen hat noch auch jeder beliebige Teil hievon der Vermischung mit dem zu ernährenden Leibe fähig ist, sondern immer nur soviel, als durch die einzelnen Verdauungsstufen geläutert und zur Einigung mit dem so oder so beschaffenen Leibe vollkommen umgewandelt worden ist und sich den ernährten Teilen restlos einfügt, so kann selbstredend nie etwas Naturwidriges mit dem sich einigen, wofür es keine naturgemäße und entsprechende Nahrung ist, sondern es geht, sei es in seinem ursprünglichen Zustand oder auch zerstört, durch die Bauchhöhle ab, bevor es noch einen anderen Saft produzieren konnte, oder aber es bleibt länger darin und erzeugt dann Unbehagen oder unheilbare Krankheit, die auch die naturgemäße Nahrung oder sogar das der Nahrung bedürftige Fleisch mitzerstört. Ja – eine solche Substanz geht selbst dann, wenn sie einmal durch irgendwelche Arzneien oder durch bessere Speisen oder durch die natürlichen Kräfte überwunden und abgeführt wird, nicht ohne schwere Schädigung ab, weil sie wegen ihrer Unfähigkeit, sich zu assimilieren, der Natur des Körpers nichts Verträgliches zuführt.“ (Über die Auferstehung der Toten 6)

… oder solche Nahrung werde zwar aufgenommen, bleibe aber trotzdem im eigentlichen Sinn Teil des Körpers des Aufgegessenen, nicht des Essers, und werde irgendwann wieder ausgeschieden:

„Selbst wenn man zugibt, die aus solchen Substanzen eingehende Nahrung (dieser Ausdruck sei gebraucht, weil er nun doch einmal der gewöhnlichere ist) werde trotz ihrer Naturwidrigkeit aufgesogen und verwandle sich in einen Teil des Flüssigen oder Trockenen oder Warmen oder Kalten, wird aus diesem Zugeständnis unsern Gegnern kein Vorteil erwachsen. Denn die auferstehenden Leiber setzen sich nur aus den eigenen Teilen wieder zusammen. Nun aber ist nichts von dem Erwähnten ein Teil noch kommt ihm die Beschaffenheit und der Platz eines ständigen Teiles zu; auch bleibt es nicht für immer bei den zu ernährenden Teilen des Leibes noch steht es auf mit dem Auferstehenden. Denn Blut, Schleim, Galle, Atem sind dann nicht mehr Lebensfaktoren. Was ehemals die auf Nahrung angewiesenen Leiber brauchten, werden sie dann nicht mehr brauchen; mit der Unvollkommenheit und Sterblichkeit derselben kommt auch ihr Nahrungsbedürfnis in Wegfall. Selbst wenn man annimmt, die durch solche Nahrung hervorgerufene Veränderung erstrecke sich sogar auf das Fleisch, so folgt daraus noch lange nicht, daß das infolge solcher Nahrung schließlich veränderte Fleisch, nachdem es in den Leib eines andern Menschen hineingekommen ist, als Bestandteil zu dessen Wiederaufbau verwendet werden muß. Denn das aufnehmende Fleisch selbst hält nicht jedesmal das aufgenommene fest und dieses ist selbst für den Fall, daß es sich damit vereinigt, kein ständiger Teil und bleibt nicht dauernd bei dem Fleische, dem es sich einverleibt hat; es unterliegt vielmehr einer starken Verwandlung in andere Stoffe, mag es sich nun infolge von Arbeiten und Sorgen verteilen oder infolge von Schmerzen, von Ermüdungen und Krankheiten, von Unpäßlichkeiten, die aus Erhitzung oder Erkältung entstanden sind, verzehren, was deswegen geschehen kann, weil das Fettnetz, welches unbeschadet seines eigenen Zustandes die Nahrung aufnimmt, nicht selbst wieder mit dem Fleische und Fette sich verändert. Zwar gibt es derartige Veränderungen bei jedem Fleische, viel häufiger jedoch kann man sie bei demjenigen Fleische konstatieren, das mit nicht verwandten Stoffen ernährt wird; bald schwillt es infolge des Aufgenommenen an und wird fett, dann wieder scheidet es dasselbe aus, wie es gerade geht, und wird mager, mag nun eine einzige der früher erwähnten Ursachen dies bewirken oder der Komplex mehrerer. […] Indes werden sich Menschenleiber nie ihresgleichen assimilieren, wenn einmal einer aus Unwissenheit, von einem andern in Sinnestäuschung versetzt, von einem solchen Leibe etwas in sich aufnimmt oder von selbst aus Not oder im Wahnsinn mit dem Leibe eines Gleichartigen sich befleckt; denn wir dürfen nicht vergessen, daß es wirklich Bestien in Menschengestalt gibt, Synthesen aus Mensch und Tier, wie phantasievolle Dichter sie zu ersinnen pflegen.“ (Über die Auferstehung der Toten 7)

Die Auferstehung des Fleisches zu bewirken sei für Gott auch nicht unangemessen oder ungerecht:

„Ist etwas mit dem Willen Gottes nicht vereinbar, so liegt der Grund hiefür entweder in der Ungerechtigkeit der Sache oder in ihrer Unangemessenheit. Die Ungerechtigkeit käme in der Auferstehungsfrage in Betracht entweder in Hinsicht auf den Auferstehenden selbst oder auf irgendeinen andern neben ihm. Daß kein außerhalb der Menschheit stehendes und zur Welt gehöriges Wesen dadurch ein Unrecht erleidet, ist von vornherein klar. Den rein geistigen Naturen wird durch die Auferstehung der Menschen schwerlich ein Unrecht geschehen; denn die Auferstehung der Menschen bringt ihnen weder eine Einschränkung ihrer Existenz noch Schaden noch Unehre. Aber auch der unvernünftigen und unbeseelten Welt wird dadurch kein Unrecht widerfahren, denn diese wird nach der Auferstehung nicht mehr sein, gegen ein Nichtseiendes aber gibt es kein Unrecht; angenommen jedoch, sie bestehe in Ewigkeit fort, auch dann würde ihr durch die Erneuerung der Menschenleiber kein Unrecht geschehen; denn wenn ihr jetzt kein Unrecht geschieht, indem sie sich der menschlichen Natur und den Bedürfnissen der auf sie angewiesenen Menschen fügen muß und unterjocht und vielfach geknechtet ist, so wird dies noch viel weniger der Fall sein, wenn einmal die Menschen unsterblich und bedürfnislos geworden sind und ihre Dienste nicht mehr nötig haben, so daß sie dann aller Knechtschaft enthoben ist. Auch würde sie, wenn sie reden könnte, gewiß nicht den Weltbildner verklagen, als habe er sie gegen die Gerechtigkeit unter die Menschen erniedrigt, da er ihr nicht die nämliche Auferstehung wie diesen gewährt habe; denn ungleiche Naturen bestimmt ein Gerechter nicht zu gleichem Ziele; außerdem können Wesen, denen der Begriff der Gerechtigkeit fehlt, nicht den Vorwurf der Ungerechtigkeit erheben. Ferner kann man auch nicht behaupten, daß im Hinblick auf den auferstehenden Menschen selbst eine Ungerechtigkeit sich zeigt. Dieser besteht aus Seele und Leib; nun aber widerfährt ihm weder in Bezug auf die Seele noch in Bezug auf den Leib ein Unecht. Daß der Seele ein Unrecht geschieht, wird kein Vernünftiger behaupten wollen; er würde mit dieser Behauptung, ohne es selbst zu merken, auch den gegenwärtigen Lebenszustand verwerfen. Denn wenn ihr jetzt kein Unrecht geschehen ist, indem sie in eine sterblichen und leidensfähigen Leibe wohnt, wird dies noch viel weniger der Fall sein, wenn sie einmal mit einem unsterblichen und leidensunfähigen Leibe zusammenlebt. Aber auch dem Leibe widerfährt kein Unrecht; denn wenn ihm jetzt kein Unrecht geschieht, indem er als sterblicher Teil mit einem unsterblichen vereint ist, wird ihm auch keines geschehen, wenn er einmal als unsterblicher Teil mit einem unsterblichen vereint ist. Endlich wird auch niemand behaupten wollen, in der Auferweckung und Wiedervereinigung des aufgelösten Leibes liege für Gott eine Unangemessenheit. Denn wenn das Geringere nicht gegen Gottes Würde war, nämlich die Erschaffung eines sterblichen und leidensfähigen Leibes, so ist es noch viel weniger das Größere, nämlich das Unsterbliche und Leidensunfähige.“ (Über die Auferstehung der Toten 10)

Der Mensch sei um seiner selbst willen geschaffen und solle ewig leben, und das solle er auch mit seiner vollständigen Natur, bestehend aus Leib und Seele:

Den von der Entstehungsursache abgeleiteten Beweis bekommen wir, wenn wir uns fragen, ist der Mensch von ungefähr und zwecklos erschaffen worden oder zu einem bestimmten Zwecke; und wenn das letztere der Fall ist, ist er dann da, um nach seiner Erschaffung für sich selbst zu leben und in der ihm angeschaffenen Natur fortzubestehen oder, weil ein anderes Wesen seiner bedarf; wenn er aber in Hinsicht auf ein Bedürfnis erschaffen wurde, ist es dann der Schöpfer selbst, der seiner bedarf, oder irgendein anderes Wesen, das diesem nahe steht und sich hoher Fürsorge erfreut. Was wir schon bei einer allgemeineren Betrachtung finden können, ist die Tatsache, daß jeder Verständige, jeder, der sich durch vernünftiges Urteil zu einer Tätigkeit bewegen läßt, nichts von dem, was er vorsätzlich ins Werk setzt, zwecklos tut, sondern entweder um ein eigenes Bedürfnis zu befriedigen oder einem anderen Wesen, für das er besorgt ist, zu nützen oder wegen des Werkes selbst, wenn ihn nämlich ein natürlicher Zug, eine natürliche Liebe zu dessen Hervorbringung bewegt. So baut der Mensch (ein Beispiel möge die Sache erläutern) ein Haus, weil er selbst dessen bedarf; er baut aber auch für Rinder, Kamele oder für die anderen Tiere, die er benötigt, das einem jeden derselben passende Obdach; wenn man nach dem Augenschein urteilt, tut er dies nicht zu eigenem Gebrauche, wohl aber, wenn man den Endzweck berücksichtigt; zunächst tut er es aus Fürsorge für seine Pfleglinge. Er erzeugt auch Kinder, nicht etwa weil er selbst deren bedarf oder um eines anderen Wesens willen, das ihm nahe steht, sondern in der Absicht, daß seine Sprößlinge einfach da sind und da bleiben solang als möglich, wobei er sich mit der Nachfolge seiner Kinder und Enkel über sein eigenes Ende tröstet und das Sterbliche auf diese Weise unsterblich zu machen wähnt. So machen es die Menschen. Indes hat auch Gott den Menschen wohl nicht zwecklos erschaffen; denn er ist weise; kein Werk der Weisheit aber entbehrt des Zweckes. Auch hat er ihn nicht erschaffen, weil er selbst seiner bedürfte; denn er bedarf überhaupt nichts; einem Wesen aber, das vollständig bedürfnislos ist, kann keines seiner Werke zu eigenem Bedarfe dienen. Er hat aber auch den Menschen nicht um eines andern Geschöpfes willen gemacht; denn kein vernünftiges und urteilsfähiges Wesen wurde oder wird ins Dasein gesetzt, um einem anderen Wesen, sei es nun ein höheres oder ein geringeres, zum Gebrauche zu dienen, sondern um selbsteigenes Leben zu haben, wenn es einmal geworden ist, und selbsteigenen Fortbestand. Auch kann die Vernunft die Entstehung des Menschen nicht auf irgendein Bedürfnis zurückführen; denn die unsterblichen Wesen sind bedürfnislos und brauchen zu ihrer Existenz in keiner Weise eine menschliche Hilfe; die unvernünftigen Wesen dagegen müssen sich nach dem natürlichen Lauf der Dinge beherrschen lassen und dem Menschen die ihrer Natur entsprechenden Dienste leisten, während sie selbst nicht fähig sind, sich der Menschen zu bedienen; denn recht war es nicht und ist es nicht, das Herrschende und Führende in den Dienst eines Geringeren zu stellen oder das Vernünftige dem Unvernünftigen unterzuordnen, das doch zum Herrschen ungeeignet ist. Wenn also der Mensch nicht grund- und zwecklos geschaffen ist (denn kein göttliches Werk ist zwecklos), wenn ferner seine Entstehung weder auf ein Bedürfnis des Schöpfers selbst noch auf ein Bedürfnis eines anderen von Gott geschaffenen Wesens zurückzuführen ist, so ist es klar, daß in erster und allgemeinerer Hinsicht Gott den Menschen geschaffen hat, weil er eben Gott ist und weil überhaupt aus dem Schöpfungswerke seine Güte und Weisheit hervorleuchtet; betrachtet man jedoch die Sache mehr vom Standpunkt der geschaffenen Menschen aus, dann deswegen, weil er das Leben derselben will und zwar nicht ein Leben, das nur für kurze Zeit entfacht wird, dann aber gänzlich erlöschen soll. Den Reptilien freilich, den Luft- und Wassertieren, überhaupt allem Vernunftlosen hat Gott ein kurzes Leben beschieden, dagegen hat er den Menschen, die das Bild des Schöpfers selbst in sich tragen und mit Vernunft und unterscheidendem Verstande begabt sind, ewige Fortdauer verliehen. Denn ihre Bestimmung ist es, in der Erkenntnis ihres Schöpfers und seiner Macht und Weisheit und in der Erfüllung des Gesetzes und Rechtes die ganze Ewigkeit hindurch ohne alles Leid in jenen Gütern zu leben, durch die sie auch schon ihrem vorausgehenden Leben Festigkeit und Halt gegeben haben, obwohl sie in sterblichen und irdischen Leibern wohnten. Alles, was um eines anderen willen entstanden ist, muß, sobald das, wofür es entstanden ist, aufhört, ebenfalls zu sein aufhören; es kann nicht zwecklos fortbestehen, da die Zwecklosigkeit in den Werken Gottes keine Stätte findet; was aber gerade zu dem Zwecke entstanden ist, daß es sei und seiner Natur entsprechend lebe, das kann, weil hier die Ursache mit der Hervorbringung dieser Natur am Ziele angelangt ist und offenbar nichts anderes als die Existenz bezweckte, nie einer anderen Ursache zugänglich sein, welche die Existenz völlig aufheben würde. Vielmehr muß, weil jene Ursache offenbar jedesmal die Existenz bezweckte, das entstandene Wesen auch ganz erhalten bleiben mit all den aktiven und passiven Qualitäten, die zu seiner Natur gehören; auch muß jeder seiner beiden Bestandteile das Seinige mitbeitragen; die Seele nämlich muß in dem ihr angeschaffenen Zustand gleichmäßig sein und beharren und all das leisten, was ihr naturgemäß zukommt; es kommt ihr aber zu, die Begierden des Leibes zu beherrschen und jeden einzelnen Fall mit den gehörigen Beurteilungsmitteln und Maßstäben zu beurteilen und zu messen; der Leib dagegen muß sich naturgemäß zu all dem bewegen lassen, wozu er bestimmt ist, und die ihm beschiedenen Veränderungen annehmen, nämlich außer den andern, die auf die verschiedenen Altersstufen oder auf Gestalt und Größe sich beziehen, auch die Auferstehung. Denn eine Art Veränderung und zwar die allerletzte ist sowohl die Auferstehung als auch die Umwandlung ins Bessere, welche bei den in jener Zeit noch Lebenden erfolgen wird.“ (Über die Auferstehung der Toten 12)

„Dies (Kommende) steht für uns nicht weniger fest als das bereits Geschehene. In Anbetracht unserer Natur sind wir einerseits mit dem gegenwärtigen Lebenszustand zufrieden, mag er auch, wie es nun einmal sein muß, den Stempel der Unvollkommenheit und Vergänglichkeit tragen, anderseits aber hoffen wir mit Zuversicht auf eine Fortdauer in Unvergänglichkeit. Kein Wahngebilde menschlicher Phantasie ist es, worauf wir bauen, keine trügerische Hoffnungen sind es, womit wir uns nähren, sondern wir haben dem untrüglichsten, dem verlässigsten Bürgen vertraut, nämlich der Absicht unseres Schöpfers, die ihn bewog, den Menschen aus einer unsterblichen Seele und einem Leibe zu bilden und ihn mit Verstand und einem eingepflanzten Sittengesetz auszustatten, damit er das Heil erlange und die göttlichen Gaben bewahre, die einem verständigen und vernünftigen Leben angepaßt sind. Denn wir sind fest überzeugt, Gott hätte ein solches Wesen nicht hervorgebracht und mit allen zu einer Fortdauer dienlichen Mitteln ausgestattet, wenn er die Fortdauer dieses Geschöpfes nicht gewollt hätte. Wenn also der Weltschöpfer den Menschen dazu geschaffen hat, daß er ein verständiges Leben habe und, nachdem er einmal Gottes Herrlichkeit und Schöpferweisheit geschaut, immerdar in der Schauung dieser Dinge bleibe, wie es der Absicht des Schöpfers und der Natur des Menschen entspricht, so ergibt sich aus der Entstehungsursache die Gewißheit der ewigen Fortdauer, aus dieser aber die Gewißheit der Auferstehung, ohne die es eine Fortdauer des Menschen nicht geben könnte. So wird also die Auferstehung, wie aus dem Gesagten ersichtlich ist, durch die Entstehungsursache und durch des Schöpfers Absicht klar bewiesen.“ (Über die Auferstehung der Toten 13)

Das Jüngste Gericht (dass die Menschen auch mit dem Leib, der ihnen zum Guten oder Bösen gedient hat, belohnt oder bestraft werden sollen) sei nicht der einzige Grund für die leibliche Auferstehung:

„Denn viele, welche die Auferstehungslehre behandelten, haben den ganzen Beweis hiefür in diesem dritten Punkte gefunden, in der Meinung, die Auferstehung sei allein durch das Gericht veranlaßt. Dies aber ist ein Irrtum, der darin seine volle Widerlegung findet, daß alle verstorbenen Menschen auferstehen, aber nicht alle Auferstandenen gerichtet werden. Wäre die Gerechtigkeit im Gerichte der einzige Grund der Auferstehung, so dürften diejenigen nicht auferstehen, die weder Böses noch Gutes getan haben, nämlich die ganz kleinen Kinder. Da aber alle auferstehen dürfen, außer den andern auch die im Blütenalter Abgeschiedenen, so bestätigen jene selbst, daß die Auferstehung in erster Linie nicht wegen des Gerichtes stattfindet, sondern wegen der Absicht des Schöpfers und der Natur der geschaffenen Menschen.“ (Über die Auferstehung der Toten 14)

Der Mensch bestehe nun mal aus Seele und Leib, sei nur durch deren Zusammensetzung vollständig:

„Immer und überall gehört zur menschlichen Natur eine unsterbliche Seele und der bei der Entstehung ihr beigesellte Leib; denn Gott hat weder der Natur der Seele für sich allein noch der Natur des Leibes für sich allein diese Art der Entstehung, dieses Leben und Wirken zugewiesen, sondern dem aus beiden Faktoren bestehenden Menschen, damit derselbe mit den Bestandteilen, durch die er entstanden ist und lebt, auch wirke und ein einheitliches, beiden Bestandteilen gemeinsames Endziel habe. Ist auch der Mensch aus zwei verschiedenen Naturen zusammengesetzt, so ist er doch ein einheitliches Wesen, das bald seelische, bald körperliche Affekte empfindet und Dinge unternimmt und ausführt, welche bald die sinnliche, bald die geistige Urteilskraft in Anspruch nehmen. So muß sich denn die ganze Verkettung dieser Zustände und Tätigkeiten auf ein einheitliches Endziel beziehen; alles muß sich zu harmonischer Einheit, zu voller Zusammenstimmung im Menschenwesen vereinigen, Entstehung und Natur, Leben, Tun und Leiden, das irdische Wirken und das naturgemäße Endziel. Herrscht im ganzen Wesen, sowohl in den seelischen Vorgängen wie in den körperlichen Verrichtungen, Zusammenhang und Zusammenklang, dann muß auch das Endziel der zusammenstimmenden Teile ein einheitliches sein. Einheitlich aber wird das Endziel in Wahrheit nur dann sein, wenn derjenige, dessen Endziel es eben ist, seiner Zusammensetzung nach das nämliche Wesen bleibt; das nämliche Wesen wird er aber offenbar nur dann bleiben, wenn alle Bestandteile seines Wesens die nämlichen bleiben; diese aber werden die nämlichen bleiben und die ihnen charakteristische Einigung aufzeigen, sobald die getrennten Teile zur Zusammensetzung des Wesens wieder vereinigt werden; ist es aber notwendig, daß die getrennten Teile zusammengesetzt werden, damit die nämlichen Menschen wieder entstehen, so ist damit die Auferstehung der entseelten und aufgelösten Leiber bewiesen. Denn ohne die Auferstehung könnten weder die nämlichen Teile naturgemäß miteinander vereinigt werden noch könnte die Natur der nämlichen Menschen zustande kommen. Und wenn Vernunft und Verstand den Menschen dazu gegeben ist, daß sie das Geistige erfassen, nicht nur (konkrete) Wesenheiten, sondern auch die Güte, Weisheit und Gerechtigkeit des Gebers, so muß, da gerade das (Ziel), um dessentwillen der unterscheidende Verstand gegeben ist, fortdauert, auch das hiezu gegebene unterscheidende Vermögen fortdauern. Dieses aber könnte nicht fortdauern, wenn nicht die Natur, die dasselbe in sich aufgenommen hat, in denen, in welchen sie jetzt ist, auch fortdauerte. Was aber Vernunft und Verstand in sich aufgenommen hat, ist der ganze Mensch, nicht die Seele für sich allein. In Ewigkeit fortdauern muß also der aus Seele und Leib bestehende Mensch. Dies ist aber nur dann möglich, wenn er aufersteht. Findet keine Auferstehung statt, so kann die Menschennatur als solche nicht fortdauern. Gibt es aber keine Fortdauer der Menschennatur, dann ist die Seele zwecklos mit der Armseligkeit und den Affekten des Leibes zusammengekoppelt, zwecklos ist dann auch der Leib hinsichtlich der Befriedigung seiner Begierden gefesselt, da er sich die Lenkung und Leitung durch die Seele gefallen lassen muß, zwecklos ist die Vernunft gegeben, zwecklos ist das Denken und die Beobachtung der Gerechtigkeit oder die Übung jeglicher Tugend, die Abfassung und Aufstellung von Gesetzen, überhaupt alles, was es in der Menschheit und wegen der Menschheit Schönes gibt, ja sogar die Entstehung und Natur der Menschen selbst. Ist dagegen die Zwecklosigkeit von allen Werken Gottes und von allen seinen Gaben vollständig ausgeschlossen, dann muß eben mit der unsterblichen Seele in alle Ewigkeit auch der Leib fortdauern und zwar in der ihm eigentümlichen Natur.“ (Über die Auferstehung der Toten 15)

Es mache keinen Unterschied, dass dieses Leben durch den Tod, der Leib und Seele vorübergehend scheidet, unterbrochen werde; die geistige Seele lebe von Natur aus ewig, dem Leib müsse dieses ewige Leben noch einmal extra von Gott verliehen werden (hier wird noch mal der Unterschied zwischen Menschen, Engeln und Tieren/Pflanzen deutlich gemacht):

„Man nehme keinen Anstoß daran, wenn wir ein Leben, das durch Tod und Verwesung unterbrochen wird, Fortdauer nennen; man bedenke vielmehr, daß dieses Wort nicht nur in einem Sinne gebraucht wird und daß der Begriff der Fortdauer mehreres bedeutet, da ja auch die Natur der Fortdauernden nicht eine und dieselbe ist. Denn wenn ein jedes Fortdauernde eine seiner eigenen Natur entsprechende Fortdauer hat, so muß offenbar das schlechthin Unverwesliche und Unsterbliche eine andere Fortdauer haben, da man die stärkeren Wesenheiten nicht auf die gleiche Stufe stellen darf mit den untergeordneten. Es wäre daher unbillig, beim Menschen jene gleichmäßige und unveränderte Fortdauer zu verlangen; denn während jene höheren Wesen von Anfang an unsterblich sind und nach dem Willen des Schöpfers sich ewiger Fortdauer erfreuen, hat der Mensch von Geburt an nur mit seinem seelischen Teile eine unveränderte Fortdauer; hinsichtlich seiner Leiblichkeit bekommt er die Unverweslichkeit erst infolge einer Veränderung. Das ist der Sinn und Zweck der Auferstehung. Im Hinblick auf diese sehen wir der Auflösung des Leibes, die nun einmal auf das mit Unvollkommenheit und Verweslichkeit behaftete Erdenleben folgen muß, getrost entgegen und erwarten nach diesem Leben eine Fortdauer in Unverweslichkeit. Denn wir wissen zwischen unserem Lebensende und dem der unvernünftigen Wesen, zwischen der Fortdauer der Menschen und der Fortdauer der unsterblichen Wesen wohl zu unterscheiden und wollen nicht den Fehler machen, die Natur und das Leben der Menschen mit Ungehörigem zusammenzustellen. Man darf sich also nicht daran stoßen, wenn bei der Fortdauer des Menschen eine Ungleichheit sich zeigt, und die Auferstehung ablehnen, weil eine Trennung der Seele vom Leibe, weil eine Auflösung der Teile und Teilchen den Lebenszusammenhang unterbricht. Auch das sinnenfällige Leben wird, da die Menschen in gleichen Zeitabständen schlafen und dann sozusagen wieder aufleben, durch den natürlichen Ausfall der Empfindungen und das Pausieren der physischen Kräfte während des Schlafes scheinbar unterbrochen; aber trotzdem tragen wir kein Bedenken, von einem und demselben Leben zu reden. […]

Die menschliche Natur ist nun einmal von Anfang an nach dem Willen des Schöpfers mit Ungleichheit ausgestattet; diese zeigt sich daher auch im Leben und in der Fortdauer; jetzt führt der Schlaf, dann der Tod eine Unterbrechung herbei; hieher gehören auch alle Veränderungen, welche durch die jeweilige Altersstufe bedingt sind. Dabei lassen sich die späteren Zustände aus den früheren keineswegs klar und deutlich erschließen.“ (Über die Auferstehung der Toten 16-17)

Das Jüngste Gericht sei aber trotzdem ein Grund für die Auferstehung; die Menschen hätten ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit, das gestillt werden müsse, und zwar müsse der ganze Mensch aus Leib und Seele belohnt oder bestraft werden:

„Glaubt man an Gott als den Schöpfer dieses Alls, so muß man, wofern man seinen eigenen Prinzipien nicht untreu werden will, aus seiner Weisheit und Gerechtigkeit den Schluß ziehen, daß er für alles Geschaffene wacht und sorgt; auf Grund dieser Erkenntnis muß man dann überzeugt sein, daß nichts von den irdischen und himmlischen Dingen ohne Aufsicht und Fürsorge gelassen ist und daß sich die Aufmerksamkeit des Schöpfers auf alles in gleicher Weise erstreckt, auf Unsichtbares und Sichtbares, auf Kleines und Größeres. Denn sowohl die Gesamtheit der Geschöpfe bedarf der Fürsorge des Schöpfers als auch jedes einzelne je nach seiner Natur und seinem Zwecke. Es wäre jedoch ein übel angebrachter Eifer, jetzt alle einzelnen Arten anzuführen oder das einer jeden Natur Zuträgliche aufzuzählen; nur über den Menschen müssen wir hier reden; denn er ist der Gegenstand unserer Untersuchung. Der Mensch braucht als bedürftiges Wesen Nahrung, als sterbliches Wesen Nachfolge, als vernünftiges Wesen Gerechtigkeit. Wenn aber ein jedes der genannten Bedürfnisse dem Menschen naturgemäß ist, wenn er der Nahrung bedarf zum Leben, der Nachfolge zur Fortdauer seines Geschlechtes, der Gerechtigkeit, damit Nahrung und Nachfolge den Gesetzen entsprechen, so muß wohl, da Nahrung und Nachfolge auf die Doppelnatur Bezug haben, auch die Gerechtigkeit sich darauf beziehen; ich verstehe aber unter Doppelnatur den aus Seele und Leib bestehenden Menschen und behaupte, daß der Mensch gerade in dieser Doppelnatur für alle seine Handlungen verantwortlich ist und die ihm gebührende Ehre oder Strafe empfängt. Wenn also ein gerechtes Gericht die Vergeltung der Taten auf die Doppelnatur des Menschenwesens ausdehnt und weder die Seele allein den Lohn einstreichen darf für das, was sie mit Hilfe des Leibes vollbrachte (an und für sich ist sie nämlich erhaben über all die Verirrungen, die bei Befriedigung der Sinnlichen Begierden, bei Ernährung und Schmuck des Leibes vorkommen), noch der Leib allein (denn an und für sich kann er Gesetz und Recht nicht erkennen), sondern der aus beiden bestehende Mensch für jede seiner Taten die Vergeltung empfängt, dies aber, wie man bei verständiger Betrachtung finden kann, weder im gegenwärtigen Leben geschieht (im Erdenleben kommt nämlich die Gerechtigkeit nicht zum Siege, da viele, die von Gott nichts wissen wollen und sich ungescheut jeder Gesetzwidrigkeit und Schlechtigkeit hingeben, bis zu ihrem Lebensende von Leiden verschont bleiben, während umgekehrt Leute, die einen in jeder Hinsicht musterhaften Lebenswandel aufweisen können, in Kümmernissen dahinleben, in Kränkungen und Verdächtigungen, in Beschimpfungen und jeder Art von Ungemach) noch nach dem Tode (es ist ja die substanzielle Einigung der beiden Teile aufgehoben, nachdem sich die Seele vom Leibe getrennt hat und auch der Leib selbst wieder in die Elemente zerfallen ist, aus denen er sich aufbaute, und von seiner früheren Bildung oder Gestalt nichts mehr behalten hat, geschweige denn die Erinnerung an seine Taten), so ist für jeden sonnenklar, was noch übrig bleibt, nämlich daß nach dem Worte des Apostels dieses Verwesliche und Auflösbare sich mit Unverweslichem bekleiden muß, damit, wenn infolge der Auferstehung das Tote wieder zum Leben erweckt und das Geschiedene oder auch schon ganz Aufgelöste wieder vereinigt ist, ein jeder in gerechter Weise ernte, was er mittels seines Leibes getan hat, sei es Gutes oder Böses.(Über die Auferstehung der Toten 18)

Wenn es einen gerechten Gott gibt, muss es ein Gericht geben; im gegenwärtigen Leben findet das aber nicht statt:

„Wenn nun aber der Schöpfer des Menschengeschlechtes für seine Werke Sorge trägt und das gerechte Gericht über die im Leben vollbrachten guten oder bösen Werke irgendwo stattfinden muß, so könnte dies entweder im gegenwärtigen Leben geschehen, solange diejenigen, die tugendhaft oder schlecht lebten, noch da sind, oder nach dem Tode, solange sie noch getrennt und aufgelöst sind. Jedoch nach keiner dieser beiden Möglichkeiten sieht man das gerechte Gericht sich vollziehen. Denn im gegenwärtigen Leben wird weder den Braven die Tugend noch den Bösen die Schlechtigkeit vergolten. Ich will gar nicht erwähnen, daß in unserem gegenwärtigen Lebenszustande die sterbliche Natur gar nicht fähig wäre, für zahlreichere oder schwerere Vergehungen die entsprechende Strafe zu tragen. Ein Räuber, ein Herrscher oder Tyrann, der Tausende und Abertausende ungerecht ums Leben gebracht hat, kann durch sein einmaliges Sterben wohl nicht die schuldige Busse für seine Missetaten entrichten. Wer sich von Gott nie eine richtige Vorstellung zu machen sucht, wer in schrankenloser Selbstüberhebung frech und gewissenlos die Gesetze bricht, wer Knaben und Weiber schändet, wer Städte ungerecht zerstört, Häuser mitsamt den Bewohnern verbrennt, ein Land verheert und dabei Gemeinden und Stämme oder gar ein ganzes Volk vertilgt, wie könnte ein solcher mit seinem vergänglichen Leibe stark genug sein, um die solchen Verbrechen gebührende Strafe abzubüßen, da ja der Tod die volle Vergeltung ausschließt und die sterbliche Natur zu schwach ist, auch nur für einen dieser Frevel die Strafe auszuhalten? Im gegenwärtigen Leben findet also das gerechte Gericht nicht statt.“ (Über die Auferstehung der Toten 19)

Ein Gericht über die Seele allein wäre nicht genug:

Werden nämlich die guten Handlungen belohnt, so geschieht hiebei offenbar dem Leibe Unrecht; denn er mußte mit der Seele zwar an den Mühen teilnehmen, mit denen die Arbeit verbunden war, darf aber nicht teilnehmen an der Ehre, mit denen die guten Handlungen gekrönt werden, und während oft die Seele für manche Fehler wegen der Unvollkommenheit und Armseligkeit des Leibes Verzeihung erhält, wird der Leib selbst von der Gemeinschaft ausgeschlossen, obwohl die guten Handlungen, um derentwillen er im Leben Mühen ertragen mußte, nicht ohne diese Gemeinschaft zustande kamen. Werden aber die Verfehlungen gerichtet, dann kommt hiebei die Seele nicht zu ihrem Rechte, wenn sie allein büßen sollte, was sie auf Drängen des Leibes hin, der sie zu seinen eigenen Begierden und Regungen herabzog, gefehlt hat, bald infolge räuberischen Überfalls und heimlicher Nachstellung, bald in noch gewaltsamerem Ansturm, bald aber auch mit Zustimmung aus Nachgiebigkeit und Gefälligkeit gegen die Natur des Leibes. Oder wie sollte es nicht ungerecht sein, wenn die Seele für sich allein gerichtet würde wegen solcher Dinge, zu denen sie sich ihrer eigenen Natur nach gar nicht hingezogen fühlt und wozu sie weder Hang noch Drang in sich verspürt, wie da sind Wollust, Gewalttat, Habsucht, Unredlichkeit und die dabei vorkommenden Ungerechtigkeiten? Geschieht ja doch die Mehrzahl der genannten Übel nur infolge davon, daß die Menschen die belästigenden Begierden nicht beherrschen; belästigt aber werden sie durch die Unvollkommenheit und Armseligkeit des Leibes und durch die ihm gewidmete Sorge und Pflege; denn aller Besitz und noch mehr die Benutzung desselben, ebenso die Verehelichung und alle äußeren Handlungen im Leben, bei denen und in denen man von Erfolg und Mißerfolg spricht, bezwecken nichts anderes als die Befriedigung leiblicher Bedürfnisse. Wie sollte es also gerecht sein, wenn die Seele allein gerichtet würde wegen solcher Dinge, bei denen zunächst nur der Leib beteiligt ist, der dann erst die Seele zur Mitleidenschaft und zur Teilnahme an den ihm zusagenden Handlungen hinzieht? Nachdem nun einmal die sinnlichen Begierden und Lustgefühle, ebenso die Furcht- und Schmerzgefühle, bei welchen alles Unordentliche straffällig ist, im Leibe ihren Ursprung haben, ist es ungerecht, die daraus folgende Sündenschuld und die an die Sündenschuld geknüpften Strafen auf die Seele allein abzuladen, die doch etwas Derartiges weder nötig hat noch anstrebt noch fürchtet, die überhaupt für sich allein nichts von dem empfindet, was naturgemäß erst der ganze Mensch empfindet. Aber auch für den Fall, daß wir die Leidenschaften nicht dem Leibe allein zuschreiben, sondern dem ganzen Menschen (eine ganz richtige Behauptung, da sein Leben das einheitliche Produkt zweier ganz verschiedenen Faktoren ist), werden wir sie noch lange nicht der Seele auf Rechnung setzen, sobald wir uns von der Eigenart ihres Wesens eine klare Vorstellung machen. Wenn sie nämlich ein für allemal kein Bedürfnis nach Nahrung hat, wird sie wohl auch nie nach Dingen trachten, die sie zu ihrer Existenz in gar keiner Weise benötigt, und wohl auch nie etwas von dem anstreben, womit sie ihrer Natur nach überhaupt nichts anzufangen weiß; auch wird sie sich wohl nie über Mangel an Geld oder Gut abhärmen, da solche Dinge für sie ganz belanglos sind. Wenn sie ferner die Vernichtung überdauert, so ist sie auch über jede Furcht erhaben, da es nichts gibt, was ihr den Untergang bringen könnte; sie fürchtet weder Hunger noch Krankheit weder Verstümmelung noch Marter, weder Feuer noch Schwert; denn nichts hievon kann ihr Schaden oder Schmerz verursachen, da Körper und körperliche Kräfte auf sie überhaupt nicht einwirken. Wie es nun aber ungereimt ist, die Leidenschaften ausschließlich der Seele zuzuschreiben, so ist es auch überaus ungerecht und des göttlichen Strafgerichtes unwürdig, die daraus folgende Sündenschuld und die daran geknüpften Strafen auf die Seele zu beschränken.

Wie sollte es also nicht ungereimt sein, die Ehre, beziehungsweise die Strafe für Tugend und Schlechtigkeit, welch letztere an der Seele allein nicht einmal gedacht werden können (denn die Tugenden sind offenbar Tugenden des Menschen, wie ja auch die ihnen entgegengesetzte Schlechtigkeit nicht der vom Leibe getrennten und für sich allein seienden Seele zukommt), auf die Seele allein einzuschränken? Oder wie könnte man sich an der Seele allein Mannhaftigkeit und Stärke denken, da sie doch vor Tod, vor Verwundung und Verstümmelung, vor Beschädigung und Entehrung, vor den damit verbundenen Schmerzen oder den daraus entspringenden Leiden nicht die mindeste Furcht hat? Wie ferner Enthaltsamkeit und Mäßigung, da die Seele von keiner Begierde zum Genusse von Speise und Trank, zu geschlechtlichem Verkehr, zu den sonstigen sinnlichen Lüsten und Freuden hingezogen wird, zumal sie weder innerlich von etwas belästigt noch äußerlich von etwas gereizt wird? Wie ferner Klugheit, da nichts von dem, was zu tun oder nicht zu tun ist, was zu wählen oder zu fliehen ist, in ihr selbst seinen Grund hat, vielmehr gar keine Neigung, gar kein natürlicher Trieb zu einer äußeren Handlung ihr innewohnt? Worin kommt überhaupt den Seelen die Gerechtigkeit gegeneinander oder gegen ein anderes der gleichartigen oder der verschiedenartigen Wesen von Natur zu? Haben ja doch die Seelen weder das Material noch die Mittel noch die Fähigkeit, den Forderungen der Gerechtigkeit oder Billigkeit nachzukommen; nur die Gottesverehrung ist ihnen möglich. Auch sonst haben sie keine Neigung und keinen Trieb in sich, das Eigene zu benutzen und des Fremden sich zu enthalten, da man doch nur bei den natürlichen Dingen von Benutzung und nur bei den zur Benutzung bestimmten Dingen von Enthaltung redet, die Seele selbst aber weder ein Bedürfnis kennt noch die Fähigkeit hat, irgendwelche Dinge oder irgendwelches Ding zu benutzen; daher kann denn auch bei der so beschaffenen Seele keine sogenannte Ausübung eigener Geschäfte wahrgenommen werden.

Das allerwidersinnigste indes ist es, wenn man zur Haltung der göttlichen Gebote den ganzen Menschen verpflichtet, dagegen die Vergeltung für das gesetzmäßige oder gesetzwidrige Verhalten auf die Seelen einschränkt. Wenn nämlich der Empfänger der Gebote billigerweise auch die Verantwortung für eine etwaige Verletzung derselben tragen muß, der Empfänger der Gebote aber der Mensch ist und nicht die Seele für sich allein, so ist es eben der Mensch, der auch die Verantwortung für seine Fehltritte tragen muß, und nicht die Seele für sich allein. Denn nicht den Seelen hat Gott befohlen, sich gewisser Dinge zu enthalten, die ihnen ganz ferne liegen, wie Ehebruch, Mord, Diebstahl, Raub, Unehrerbietigkeit gegen die Eltern, überhaupt jede auf Beleidigung oder Schädigung des Nächsten gerichtete Begierde. Denn das Wort: ‚Ehre deinen Vater und deine Mutter!‘ paßt nicht auf die Seelen als solche; diese Titel kommen ja nicht den Seelen zu; denn nicht Seelen, die etwa Seelen erzeugen, werden als Vater oder Mutter bezeichnet, sondern Menschen, welche Menschen erzeugen, Auch das Gebot: ‚Du sollst nicht ehebrechen!‘ kann ohne logischen Verstoß wohl nie über Seelen ausgesagt oder auf Seelen bezogen werden, da die Seelen weder geschlechtlich sich unterscheiden noch zu geschlechtlichem Verkehr geeignet sind oder ein Verlangen darnach haben; weil ein solches Verlangen gar nicht besteht, so kommt es unmöglich zu einem Geschlechtsverkehr. Bei Wesen aber, bei denen ein Geschlechtsverkehr überhaupt ganz ausgeschlossen ist, gibt es nicht einmal den erlaubten Geschlechtsverkehr, nämlich die Ehe. Wo es aber nicht einmal den gesetzlich erlaubten Geschlechtsverkehr gibt, kann es noch viel weniger jenes unerlaubte Verlangen nach einem fremden Weibe oder eine derartige Beiwohnung geben; denn dies versteht man unter Ehebruch. Auch das Verbot des Diebstahls und der Übervorteilung kann sich nicht auf die Seelen beziehen; diese bedürfen ja gar nicht jener Dinge, um derentwillen infolge natürlichen Mangels oder Bedürfnisses Diebstähle und Räubereien begangen werden, als da sind Gold oder Silber oder ein lebendiges Wesen oder etwas anders, das zur Nahrung oder Bedeckung oder sonst einem Gebrauche dient; für eine unsterbliche Natur ist alles wertlos, was den bedürftigen Wesen als Gebrauchsgegenstand erstrebenswert erscheint.“ (Über die Auferstehung der Toten 21-23)

Die Menschen haben ein Endziel, und das ist das Leben in der Anschauung Gottes als ganze Menschen:

„Es wäre doch nicht recht anzunehmen, daß Wesen, die nach immanenten Sitten- und Vernunftgesetzen handeln und daher auch ein verständiges und moralisches Leben führen, kein höheres Ziel hätten als jene Geschöpfe, die der logischen Unterscheidung entbehren. Somit dürfte für die Menschen nicht die Schmerzlosigkeit als Endziel bestimmt sein; diese käme ja auch den ganz empfindungslosen Wesen zu. Aber auch nicht im Genusse dessen, was den Leib nährt und ergötzt, und in einer Fülle sinnlicher Lustgefühle kann das Endziel der Menschen liegen; sonst hätte das tierische Leben notwendig den Vorrang und das tugendhafte Leben wäre zwecklos; solches mag für Herdenvieh ein geeignetes Endziel sein, aber nicht für Menschen, die eine unsterbliche Seele haben und logischer Unterscheidung fähig sind.

Aber auch die Seligkeit der vom Leibe getrennten Seele kann nicht das Endziel der Menschen sein. Wie nämlich unsere Betrachtung zeigte, kann man nicht von einem Leben oder Endziel nur eines der beiden Teile, die das Menschenwesen konstituieren, reden, sondern nur von einem Leben und Endziel des Ganzen, Ein solches Ganze aber ist jeder Mensch, der dieses Leben erlost hat, und sein Leben muß ein eigenes Endziel haben. Wenn es aber nur ein Endziel des Ganzen gibt, dieses Endziel aber aus den schon wiederholt angeführten Gründen weder in diesem Leben, solange die Menschen noch auf Erden sind, gefunden werden kann noch auch dann, wann die Seele vom Leibe getrennt ist, weil nach der Auflösung oder auch vollständigen Zerstreuung des Leibes trotz des Fortbestandes der Seele der Mensch nicht so vorhanden ist, wie er nun einmal nach der Beschaffenheit seines Wesens sein muß, so ist es absolut notwendig, daß sich das Endziel der Menschen in einer neuen Zusammenstellung des wiederum aus beiden Teilen bestehenden Wesens zeige. Da dies ein zwingender Schluß ist, so muß unter allen Umständen eine Auferstehung der entseelten oder auch ganz aufgelösten Leiber stattfinden und es müssen die nämlichen Menschen wieder in der Doppelnatur ihres Wesens auftreten. Denn das Naturgesetz bestimmt das Endziel nicht blindlings und auch nicht als Endziel irgendwelcher beliebigen Menschen, sondern als Endziel gerade jener, die früher einmal schon gelebt haben; nun aber können die nämlichen Menschen nicht wieder erscheinen, wenn nicht die nämlichen Leiber den nämlichen Seelen zurückgegeben werden. Daß aber die nämliche Seele wieder den nämlichen Leib erhält, ist auf anderem Wege nicht möglich; das kann nur durch die Auferstehung geschehen. Erst wenn diese eingetreten ist, kann das der menschlichen Natur entsprechende Endziel erfolgen. Das Endziel eines verständigen Lebens und logischen Unterscheidens wird man aber, ohne fehl zu gehen, darin erblicken dürfen, daß der Mensch unzertrennlich und ewig mit dem zusammenlebt, wozu ihm der natürliche Verstand hauptsächlich und zunächst verliehen ist, und daß er in der Anschauung des Gebers und seiner Ratschlüsse unaufhörliche Wonne empfindet. (Über die Auferstehung der Toten 24-25)

0 La Résurrection du Christ - Galleria degli Arazzi.JPG
Auferstehung Jesu. Bildquelle hier.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 10a: Die Auferstehung des Fleisches

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): 1 Kor 15; Ez 37,1-14; Lk 24,38-43; Joh 11,24; 2 Tim 2,18; Mt 27,52f.; Joh 12,24; 1 Kor 6,14-20.

Die ersten Christen redeten wesentlich häufiger als die heutigen über das Thema der „Auferstehung des Fleisches“ – mittlerweile ist ja sogar in der deutschen Übersetzung des Credos der Ausdruck „Auferstehung des Fleisches“ durch „Auferstehung der Toten“ ersetzt worden, was nicht direkt falsch, aber doch verschleiernd ist. Viele Christen sind sich heute gar nicht mehr so bewusst, dass wir eigentlich an mehr glauben als ein Weiterleben der Seele. Aber doch, das tun wir. Der Mensch besteht aus Körper und Seele, beides für sich ist unvollständig. Die Seele – da nicht materiell, nicht aus Teilen bestehend, also nicht zerstörbar – ist unsterblich und lebt weiter, wenn der Körper sich von ihr trennt und zerfällt. Sie wird gleich nach dem Tod gerichtet und kommt entweder in den Himmel (= zur beseligenden Anschauung Gottes) oder in die Hölle (bzw. vor dem Eintritt in den Himmel evtl. noch für eine Reinigungszeit ins Fegefeuer). Aber am Jüngsten Tag wird Gott auch die Körper wieder herstellen – in verwandelter Weise, jetzt unzerstörbar – und sie werden sich wieder mit den zu ihnen gehörenden Seelen vereinigen, sodass die Menschen wieder vollständig sind. Das Gericht über alle Menschen wird noch einmal öffentlich gemacht werden, und die einen werden dann mit Seele und Leib in der Hölle und die anderen mit Seele und Leib im Himmel sein.

Die frühen Christen machten immer wieder deutlich, dass es ihnen eben um eine wirkliche, leibliche, wundersame Auferstehung geht, so wie Jesus schon den Anfang gemacht hat, der auch mit Seele und Leib auferstanden ist, und seine Menschheit (aus Seele und Leib bestehend) mit in den Himmel genommen hat. (Die Evangelien zeigen das ja auch immer wieder: Jesus zeigt den Jüngern nach seiner Auferstehung, dass er eben kein bloßer Geist ist, sondern angefasst werden kann und sogar essen kann.)

Jetzt also die frühchristlichen Texte dazu:

Papst Clemens von Rom schreibt um 95 n. Chr.:

„Erwägen wir, Geliebte, wie der Herr fortwährend uns zeigt, dass es eine künftige Auferstehung geben werde, zu deren Anfang er den Herrn Jesus Christus selbst machte, da er ihn von den Toten erweckte.“ (1. Clemensbrief 24,1)

Im sog. 2. Clemensbrief, der aber vielleicht nicht von Clemens stammt, sondern ein paar Jahrzehnte später entstanden ist, heißt es:

„Und keiner von euch sage, dass dieses Fleisch nicht gerichtet wird und nicht aufersteht. Bedenket, worin seid ihr erlöst worden, worin ging euch das Licht auf, wenn nicht während eures Wandels in diesem Fleische? Deshalb müssen wir dieses Fleisch behüten wie einen Tempel Gottes. Wie ihr nämlich im Fleische berufen worden seid, so werdet ihr auch im Fleische (zu ihm) kommen. Wenn nämlich Christus, der Herr, unser Erlöser, der zuerst Geist war, Fleisch geworden ist und so uns berufen hat, so werden auch wir in diesem Fleische unseren Lohn bekommen.“ (2. Clemensbrief 9,1-5)

Tatian schreibt ca. um 170 n. Chr.:

„Und deshalb hegen wir den Gauben, daß nach der Vollendung aller Dinge auch die Leiber auferstehen werden, nicht, wie die Stoiker meinen, indem nach bestimmten zyklischen Perioden dieselben Dinge immer wieder zwecklos entständen und vergingen, sondern überhaupt nur einmal, nach Vollendung der gegenwärtigen Zeit, und zwar dazu, um einzig und allein die Menschen des Gerichtes wegen zu versammeln. Es richten uns aber nicht Minos und Rhadamanthys, vor deren Tod, wie man fabelt, keine Seele gerichtet worden sei, sondern Richter wird Gott der Schöpfer selbst sein. Mögt ihr uns auch für Schwätzer und Possenreißer halten, uns kümmert das nicht, da wir dieser Lehre Gauben geschenkt haben. Denn wie ich nicht war, bevor ich wurde, und deshalb auch nicht wußte, wer ich sein würde, sondern nur potentiell in der fleischlichen Materie existierte, dann aber, da ich ja nicht von Anfang an war, erst infolge meiner Geburt die Überzeugung von meiner Existenz erlangte: ebenso werde ich, der Gewordene und durch den Tod wieder Ausgelöschte und von keinem mehr Erschaute, abermals sein, wie ich ja dereinst, da ich nicht von Anfang an existiert habe, auch erst zum Leben geboren werden mußte. Ob auch Feuer mein Fleisch vernichte, das All nimmt die in Dampf verwandelte Materie auf; ob ich in Strömen oder in Meeren zugrunde gehe oder von wilden Tieren zerfleischt werde, in der Schatzkammer eines reichen Herrn werde ich geborgen. Der arme Gottesleugner freilich kennt die dort niedergelegten Schätze nicht; Gott aber, der Herrscher, wird, wann er will, die ihm allein sichtbare Potenz in den früheren Zustand zurückversetzen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 6)

Interessant sind auch die Paulusakten, die wohl aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts stammen, und die auch den apokryphen sog. 3. Korintherbrief enthalten, der nicht von Paulus stammt, aber dessen Autor auch einige Stellen aus den kanonischen Paulusbriefen mehr oder weniger übernimmt. Damals hatten verschiedene gnostische Sekten einige Anhänger; die Gnostiker waren Esoteriker, die der Meinung waren, dass man durch ein bestimmtes Wissen aus der Welt erlöst würde, und die die materielle Schöpfung für das Werk von untergeordneten Wesen, nicht Gott, hielten, und alles Materielle für schlecht hielten. Die christlichen Gnostiker, die auch diese besondere Figur Jesus für sich beanspruchen wollten, aber eigentlich sonst nicht sehr viel mit den anderen Christen gemeinsam hatten, behaupteten, Jesus wäre zwar ein überirdisches Wesen, aber wäre nicht wirklich Mensch geworden, sondern nur in einer menschlichen Gestalt erschienen (sog. Doketismus), und lehnten das Alte Testament, das Gott als Schöpfer der Welt bezeichnet, ab. Der Autor von 3 Korinther hielt es offenbar für nötig, einen noch deutlicheren Text als die schon vorhandenen neutestamentlichen Texte zu produzieren, und ihn Paulus zuzuschreiben, um die Gnostiker zu widerlegen:

„[Denn es] waren in [großer] Betrübnis die Korinther [wegen] Paulus, daß er aus der Welt gehen würde, ehe es an der Zeit wäre. Denn es waren Männer nach Korinth gekommen, Simon und Kleobius, die sagten, daß es keine Auferstehung des Fleisches gäbe, sondern (nur) die des Geistes, und daß der Körper des Menschen kein Gebilde Gottes sei; und von der Welt (sagten sie), daß Gott sie nicht geschaffen habe, und daß Gott die Welt nicht kenne; und daß Jesus Christus nicht gekreuzigt, sondern nur Schein gewesen sei und daß er nicht aus Maria noch aus dem Samen Davids geboren sei. Mit einem Wort: vieles war es, was sie in Korinth [verkündet?] haben, indem sie [viele andere] betrogen [… und] sich selber. [Deswegen] als [die Korinther] gehört hatten, [daß Paulus in Philippi wäre,] schickten sie einen [Brief an Paulus] nach Macedonien [durch] Threptus [und] Eutychus [die Diakonen]. Der Brief aber war [von dieser Gestalt]:

(Brief der Korinther an Paulus)

Stephanus und die Presbyter, die mit ihm sind, Daphnus, Eubulus, Theophilus und Xenon grüßen den Paulus [den Bruder] im Herrn.

Es sind zwei Männer nach Korinth gekommen, namens Simon und Kleobius, die verkehren etlicher Glauben durch verderbliche Worte, welche du prüfen sollst. Denn niemals haben wir solche Worte weder von dir noch von anderen Aposteln gehört; vielmehr was wir von dir und jenen empfangen haben, das bewahren wir. Da nun der Herr Erbarmen uns erweist, daß wir, während du noch im Fleische bist, solches noch einmal von dir hören sollen, so schreibe uns oder komme zu uns. Wir glauben nämlich, wie es der Theonoe offenbart ist, daß dich der Herr befreit hat aus der Hand des Gesetzlosen. Was sie sagen und lehren ist nun folgendes: Man dürfe nicht, behaupten sie, sich auf die Propheten berufen, und Gott sei nicht allmächtig, und es gäbe keine Auferstehung des Fleisches, und nicht sei die Schaffung des Menschen Gottes (Werk), und nicht sei der Herr ins Fleisch gekommen, auch nicht von Maria geboren, und die Welt sei nicht Gottes, sondern der Engel. Deswegen, Bruder, wende jeden Eifer auf, hierher zu kommen, damit die korinthische Gemeinde ohne Ärgernis bleibe und die Torheit jener offenbar werde. Lebe wohl im Herrn!

Es überbrachten die Diakone das Schreiben nach Philippi, Threptus und Eutychus, und übergaben es dem Paulus, der im Gefängnis war wegen der Stratonike, der Frau des Apollophanes; und er begann viele Tränen zu vergießen und zu klagen und rief aus: ‚Besser wäre es für mich, zu sterben und bei dem Herrn zu sein, als im Fleische zu sein und solche Reden zu hören, so daß Betrübnis über Betrübnis über mich kommt, und solches leidend angebunden zu sein und (sehen zu müssen, wie) die Geräte (Machenschaften?) des Bösen voranlaufen!‘ Und so schrieb Paulus unter Leiden den folgenden Brief.

(Brief des Paulus an die Korinther)

Paulus, der Gefangene Jesu Christi, an die Brüder in Korinth – Gruß! Während ich in vielen Bedrängnissen bin, wundere ich mich nicht, wenn so schnell die Meinungen des Bösen Boden gewinnen. Denn [mein] Herr Jesus Christus wird schnell kommen, da er verworfen wird von denen, die seine Worte verfälschen. Ich habe euch ja im Anfang überliefert, was ich von den Aposteln vor mir empfangen habe, die allezeit mit dem Herrn Jesus Christus zusammengewesen waren, nämlich daß unser Herr Jesus Christus von Maria aus dem Samen Davids geboren ist, indem der heilige Geist aus dem Himmel vom Vater in sie herabgesandt war, damit er in die Welt käme und alles Fleisch durch sein eigenes Fleisch erlöse und damit er uns Fleischliche von den Toten auferwecke, wie er selbst sich als Urbild erwiesen hat. Und weil der Mensch von seinem Vater geschaffen ist, deswegen wurde er auch, als er verloren gegangen war, gesucht, auf daß er lebendig gemacht würde durch die Annahme zur Kindschaft. Denn der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, sandte zuerst die Propheten den Juden, daß sie ihren Sünden entrissen würden; er hatte nämlich beschlossen, das Haus Israel zu retten, deshalb sandte er einen Teil vom Geist Christi in die Propheten, welche die irrtumslose Gottesverehrung verkündeten zu vielen Zeiten. Aber da der Fürst, der ungerecht war, selbst Gott sein wollte, legte er Hand an sie und tötete sie, und so fesselte er alles Fleisch der Menschen an die Begierden [an seinen Willen, und die Vollendung der Welt trieb dem Gericht entgegen]. Aber Gott, der Allmächtige, der gerecht ist und sein eigenes Geschöpf nicht verstoßen wollte, sandte den [heiligen] Geist [durch Feuer] in Maria, die Galiläerin, die von ganzem Herzen glaubte, und sie empfing im Leibe den heiligen Geist, damit in die Welt Jesus einträte, damit der Böse, durch dasselbe Fleisch, durch das er sein Wesen trieb, besiegt, überführt wurde, daß er nicht Gott sei. Denn durch seinen eigenen Leib hat Jesus Christus alles Fleisch gerettet [und zum ewigen Leben geführt durch den Glauben], indem er den Tempel der Gerechtigkeit darstellte in seinem Leibe, durch den wir erlöst sind. Sie sind also nicht Kinder der Gerechtigkeit, sondern Kinder des Zorns, die sie die Vorsehung Gottes zurückstoßen, indem sie [fern vom Glauben] behaupten, Himmel und Erde und alles, was in ihnen ist, seien nicht Werke des Vaters. Sie selbst sind also Kinder des Zorns, denn sie haben den verfluchten Glauben der Schlange. Von denen wendet euch ab und vor ihrer Lehre fliehet! [Denn ihr seid nicht Söhne des Ungehorsams, sondern der geliebtesten Kirche. Deswegen ist die Zeit der Auferstehung gepredigt worden].

Die euch aber sagen, es gäbe keine Auferstehung des Fleisches, für die wird es keine Auferstehung geben, die nicht an den so Auferstandenen glauben. Denn, ihr Korinther, nicht wissen sie Bescheid über das Säen von Weizen oder anderen Samen, daß sie nackt in die Erde geworfen werden und wenn sie vergangen sind, stehen sie wieder auf nach dem Willen Gottes als ein Leib und bekleidet. Und nicht allein wird der Leib, der (in die Erde) geworfen ist, auferweckt, sondern (auch) vielfältig gesegnet. Und wenn man nicht nur von den Samenkörnern das Gleichnis hernehmen darf, [sondern von edleren Leibern], so wißt ihr ja, daß Jona, des Amathios Sohn, da er den Niniviten nicht predigen wollte, [sondern geflohen war,] von einem Walfisch verschlungen wurde, so und nach drei Tagen und drei Nächten hat Gott das Gebet des Jona aus der tiefsten Hölle erhört und nichts von ihm wurde verdorben, weder ein Haar noch ein Augenlid. Um wieviel mehr wird er euch, ihr Kleingläubigen, die ihr an Christus geglaubt habt, auferwecken, wie er selbst auferstanden ist. Und wenn ein auf die Gebeine des toten Propheten Elisa von den Kindern Israels geworfener Körper eines Menschen auferstand, so werdet auch ihr, die ihr auf den Körper und die Gebeine und den Geist des Herrn geworfen seid, an jenem Tage auferstehen mit unversehrtem Leibe.

Wenn ihr nun etwas anderes aufnehmt, so fallt mir nicht zur Last; denn ich habe diese Fesseln an mir, daß ich Christus gewinne, und seine Wundmale an meinem Leibe, daß ich gelange zur Auferstehung von den Toten. Und wer immer in dieser Regel, die er durch die seligen Propheten und das heilige Evangelium empfangen hat, bleibt, wird Lohn empfangen, [und wenn er von den Toten aufersteht, das ewige Leben erlangen]. Wer aber hiervon abweicht, – Feuer gibt es für ihn und für die, welche darin vorangegangen sind, die da sind Menschen ohne Gott, Otterngezücht; von denen wendet euch ab in der Kraft des Herrn, und Friede, [Gnade und Liebe] wird mit euch sein. Amen.“ (Paulusakten 8, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 257-260)

Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr. einige schöne Stellen zur Auferstehung des Fleisches:

„Das aber ist unser Glaube, daß Gott auch unsere sterblichen Leiber, die die Gerechtigkeit bewahrten, auferwecken, unversehrbar und unsterblich machen wird. Denn Gott ist mächtiger als die Natur. Er will es, weil er gut ist; er kann es, weil er mächtig ist; er tut es, weil er unendlich gütig ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,29,2)

„Töricht in jeder Hinsicht sind die, welche die gesamte Anordnung Gottes verachten, die Heiligung des Fleisches leugnen und seine Wiedergeburt verwerfen, indem sie behaupten, daß es der Unvergänglichkeit nicht fähig sei. Wird aber dies nicht erlöst, dann hat uns der Herr auch nicht mit seinem Blute erlöst, noch ist der eucharistische Kelch die Teilnahme an seinem Blute, das Brot, das wir brechen, die Teilnahme an seinem Leibe. Blut stammt nämlich nur von Fleisch und Adern und der übrigen menschlichen Substanz, die das Wort Gottes in Wahrheit angenommen hat. Mit seinem Blute erlöste er uns, wie auch der Apostel sagt: ‚In ihm haben wir die Erlösung, durch sein Blut Nachlaß der Sünden.‘ Und da wir seine Glieder sind, werden wir durch seine Schöpfung ernährt werden, und er selbst gewährt uns seine Schöpfung: läßt seine Sonne aufgehen und regnen, sagt, daß er uns den Kelch von seiner Schöpfung als sein eigenes Blut reiche, mit dem er unser Blut erquickt, und versichert, daß das Brot seiner Schöpfung sein eigener Leib ist, mit dem er unsere Leiber erhebt.

Wenn nun also der gemischte Kelch und das zubereitete Brot das Wort Gottes aufnimmt und die Eucharistie zum Leibe Christi wird, woraus die Substanz unseres Fleisches Erhebung und Bestand erhält, wie können sie dann sagen, das Fleisch könne nicht aufnehmen die Gabe Gottes, die in dem ewigen Leben besteht, da es doch von dem Blute und Fleische des Herrn genährt wird und sein Glied ist? So sagt auch der selige Apostel Paulus in dem Briefe an die Epheser: ‚Wir sind Glieder seines Leibes, aus seinem Fleisch und seinem Gebein.‘ Das sagt er nicht von einem geistigen und unsichtbaren Leibe — denn ‚ein Geist hat weder Bein noch Knochen‘ — sondern von einem wahrhaft menschlichen Organismus, der aus Fleisch, Nerven und Knochen besteht, der von dem Kelch seines Blutes ernährt und von dem Brot seines Leibes erhoben wird. Und wie das Holz der Weinrebe, in der Erde wurzelnd, zu seiner Zeit Frucht hervorbringt, und wie das Weizenkorn in die Erde fällt, sich auflöst und vielfältig aufersteht durch den Geist Gottes, der alles umfaßt — und alsdann kommt dieses weisheitsvoll in den Gebrauch der Menschen, nimmt auf das Wort Gottes und wird zur Eucharistie, welche der Leib und das Blut Christi ist — so werden auch unsere Körper aus ihr genährt, und wenn sie in der Erde geborgen und dort aufgelöst sein werden, dann werden sie zu ihrer Zeit auferstehen, indem das Wort Gottes ihnen verleiht, aufzuerstehen für die Herrlichkeit Gottes des Vaters. Er umgibt dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, schenkt dem Verweslichen aus Gnade seine Unverweslichkeit, da die Kraft Gottes in der Schwäche vollkommen wird, damit wir nicht in Undankbarkeit gegen Gott uns jemals hochmütig aufbliesen, gleich als ob wir das Leben aus uns selbst hätten. So sollte die Erfahrung uns lehren, daß wir aus seiner Größe, nicht kraft unserer Natur ewig fortdauern, so sollten wir Gottes Herrlichkeit, wie sie ist, uns vor Augen halten und unsere eigene Schwäche nicht verkennen. Sollten wissen, was Gott vermag, und was der Mensch Gutes empfängt, sollten niemals irre gehen in der wahren Erkenntnis der Wirklichkeit, d. h. des Verhältnisses zwischen Gott und den Menschen, Ja freilich, deswegen hat Gott zugelassen, daß wir in Erde uns auflösen, damit wir allseitig erzogen, in Zukunft in allem gewissenhaft seien und unsere Stellung zu Gott nicht verkännten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,2,2-3)

„Es verachten also die Macht Gottes und betrachten nicht, was das Wort ist, die die Schwachheit des Fleisches, aber nicht die Kraft dessen, der es von den Toten auferweckt, berücksichtigen. Wenn Gott nämlich das Sterbliche nicht lebendig macht und das Vergängliche nicht zur Unvergänglichkeit zurückführt, dann ist er dazu nicht imstande. Daß er aber dies alles vermag, das haben wir gleich anfangs betrachtet. Nahm er doch Staub von der Erde und machte den Menschen. Aber viel schwieriger und unglaublicher ist es, aus nicht existierenden Knochen und Nerven und Venen und den übrigen menschlichen Organen den Menschen zum Dasein und Leben und Denken zu bringen, als das bereits Gewordene und später nur in Erde Aufgelöste aus den angegebenen Gründen wieder zu erneuern, da es doch nur dort hinübergegangen ist, von wo der Mensch, der noch nicht war, seinen Ursprung genommen. Der nämlich den, der noch nicht war, wann es ihm beliebte, ins Dasein rief, der wird noch vielmehr die, welche schon waren, nach seinem Wohlgefallen in das von ihm geschenkte Leben zurückrufen. Und siehe, das Fleisch ist fähig, Gottes Kraft aufzunehmen und festzuhalten. Zeigte es doch schon anfangs Gottes Kunst, indem das eine zum Auge wurde und sah, das andere zum Ohr and hörte, das andere Hand und arbeitete, das andere Nerven, um die Glieder von allen Seiten eng zusammenzuhalten, das andere Arterien und Venen, um das Blut and den Geist durchzuleiten, das andere verschiedenes Eingeweide, das andere Blut, das Bindeglied zwischen Leib und Seele, Doch, es ist ja nicht möglich, das ganze künstliche Gliedergefüge des Menschen aufzuzählen, das nicht ohne viel Weisheit zustande kam. Was aber teilnimmt an der Kunst und Weisheit Gottes, das nimmt auch teil an seiner Kraft.

Folglich ist das Fleisch von der künstlichen Weisheit und Kraft Gottes nicht ausgeschlossen. Wenn nun aber seine Kraft, die das Leben verleiht, in der Schwachheit vollkommen wird, d. h. in dem Fleische, dann mögen doch die, welche behaupten, das Fleisch könne das von Gott verliehene Leben nicht aufnehmen, uns sagen, ob sie dieses behaupten als solche, die jetzt leben und am Leben teilnehmen, oder ob sie als gänzlich leblose sich selbst gegenwärtig für tot erklären! Wenn sie aber tot sind, wie bewegen sie sich denn und sprechen und machen das übrige, was doch nicht Werke der Toten, sondern der Lebendigen sind? Wenn sie aber jetzt leben und ihr ganzer Leib am Leben teilnimmt, wie wagen sie dann zu sagen, das Fleisch könne das Leben nicht halten und daran teilnehmen, obwohl sie zugestehen, daß sie gegenwärtig das Leben haben? Das verhält sich fürwahr so ähnlich, als ob jemand, der einen Schwamm voll Wasser oder eine brennende Fackel in der Hand hielte, sagen wollte, der Schwamm kann kein Wasser, die Fackel kein Feuer fassen. Ebenso sagen diese, daß sie leben, sagen, daß sie Leben in ihren eigenen Gliedern in sich tragen, und dann widersprechen sie sich und behaupten, daß ihre Glieder nicht fähig sind, das Leben aufzunehmen. Wenn aber das gegenwärtige Leben, das doch viel schwächer ist als jenes ewige Leben, dennoch soviel vermag, daß es unsere sterblichen Glieder belebt, wie sollte dann das ewige Leben, das doch stärker ist als dieses, das Fleisch nicht beleben, das doch schon geübt und gewohnt ist, das Leben zu tragen! Daß nämlich das Fleisch fähig ist, das Leben aufzunehmen, zeigt sich doch darin, daß es lebt. Es lebt aber, insofern Gott es will. Daß aber Gott auch imstande ist, ihm das Leben zu verleihen, ist klar, da doch jener uns das Leben gibt. Wenn nun Gott imstande, ist, sein Geschöpf zu beleben, und das Fleisch fähig ist, das Leben zu empfangen, was sollte dann dieses hindern, an der Unvergänglichkeit teilzunehmen, die in einem glückseligen, endlosen Leben besteht, das Gott verleiht.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,3,2-3)

„Gott aber wird in seinem Geschöpfe verherrlicht werden, indem er es seinem Knecht gleichgestaltet und entsprechend anpaßt. Denn durch die Hände des Vaters, d. h. durch den Sohn und den Geist, wird der Mensch, aber nicht bloß ein Teil des Menschen, ein Ebenbild Gottes. Seele und Geist können wohl ein Teil des Menschen sein, aber nie der Mensch. Der vollkommene Mensch ist die innige Vereinigung der Seele, die den Geist des Vaters aufnimmt, mit dem Fleische, das nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist. Deshalb sagt auch der Apostel: ‚Weisheit reden wir unter Vollkommenen‘, indem er die vollkommen nennt, die den Geist Gottes empfangen haben und durch den Geist wie er selber in allen Sprachen reden. Hören wir doch auch von vielen Brüdern in der Kirche, daß sie prophetische Charismen haben, in allerhand Sprachen durch den Geist reden, das Verborgene der Menschen zu ihrem Vorteil ans Licht bringen und die Geheimnisse Gottes erklären. Diese nennt der Apostel auch geistig wegen ihrer Teilnahme am Geist, aber nicht etwa, weil sie des Fleisches entkleidet und beraubt wären, sondern nur aus dem angegebenen Grunde. Wollte nämlich jemand die Substanz des Fleisches, d.h. das körperliche Gebilde, streichen und nur den Geist allein bestehen lassen, dann hätten wir damit nicht mehr einen geistigen Menschen, sondern bloß den Geist des Menschen oder den Geist Gottes. Wenn nun dieser Geist sich vermengt mit der Seele und mit dem Körper vereint, dann entsteht der geistige und vollkommene Mensch, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes erschaffen wurde. Fehlt aber der Seele der Geist, dann ist ein solcher Mensch nur psychisch, und da er fleischlich geblieben ist, wird er unvollkommen sein; er trägt zwar das Bild Gottes in seinem Körper, aber die Ähnlichkeit mit Gott nimmt er nicht an durch den Geist. Wenn aber solch ein Mensch schon unvollkommen ist, dann kann man auch nicht mehr von einem Menschen reden, wenn man noch das Bild wegnimmt und den Körper verachtet. Das ist dann höchstens ein Teil vom Menschen oder sonst irgend etwas anderes als der Mensch, wie wir schon gesagt haben. Denn das bloße fleischliche Gebilde ist kein vollkommener Mensch, sondern nur sein Leib und ein Teil des Menschen. Ebensowenig ist die Seele an sich der Mensch, sondern eben nur Seele und ein Teil des Menschen, noch ist der Geist der Mensch, sondern bloß Geist und kann nicht Mensch genannt werden. Die innige Vereinigung aber von all diesen macht den vollkommenen Menschen aus. […]

Daher nennt er auch das körperliche Gebilde einen Tempel Gottes. ‚Wisset ihr nicht‘, sagt er, ‚daß ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes schändet, den wird Gott verderben. Denn der Tempel Gottes ist heilig, und das seid ihr.‘ Also nennt er deutlich den Körper einen Tempel, in welchem der Geist wohnt. So sprach auch der Herr von sich: ‚Löset diesen Tempel, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten.‘ Dies aber, heißt es, sagte er von seinem Leibe. Doch nicht nur als Tempel, sondern als Tempel Christi bezeichnet er unsere Körper, wenn er den Korinthern sagt: ‚Wisset ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Werde ich also die Glieder Christi nehmen und sie zu Gliedern einer Hure machen?‘ Das sagt er nicht von irgend einem andern, geistigen Menschen, denn der umarmt nicht eine Hure; sondern unsere Körper nennt er Glieder Christi, wenn unser Fleisch in Heiligkeit und Reinheit verharrt, wogegen sie zu Gliedern einer Hure werden, wenn es eine Hure umarmt. Und deswegen sagt er: ‚Wenn jemand den Tempel Gottes schändet, wird ihn Gott verderben.‘ Da ist es gewiß eine sehr große Gotteslästerung, zu sagen, daß der Tempel Gottes, in dem der Geist des Vaters wohnt, und die Glieder Christi an der Erlösung keinen Anteil hätten, sondern verloren gingen! Daß nun unsere Leiber nicht kraft ihrer Wesenheit, sondern kraft der Macht Gottes auferstehen, sagt er den Korinthern: ‚Der Leib aber gehört nicht der Hurerei, sondern dem Herrn und der Herr dem Körper. Gott aber hat den Herrn auferweckt, auch uns wird er auferwecken durch seine Kraft.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,6,1-2)

„Wie also Christus in der Substanz des Fleisches auferstanden ist und seinen Jüngern die Male der Nägel und die Öffnung der Seite zeigte — das aber sind die Anzeichen des Fleisches, das von den Toten auferstand— so wird er auch uns, heißt es, auferwecken durch seine Kraft. […] Denn derart sind die animalen Körper, die an der Seele, der Anima, teilnehmen, daß sie durch den Verlust derselben sterben; wenn sie dann aber durch den Geist auferstehen, werden sie geistige Körper, sodaß sie durch den Geist immerwährendes Leben haben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,7,1-2)

„Die also das Pfand des Geistes haben, den Lüsten des Fleisches nicht dienen, sondern sich dem Geiste unterwerfen und in allem vernünftig wandeln, die nennt der Apostel mit Recht geistig, weil der Geist Gottes in ihnen wohnt. Unkörperliche Geister aber werden die geistigen Menschen nicht sein, sondern unsere Wesenheit, d. h, die Vereinigung von Seele und Fleisch, vollendet durch die Aufnahme des göttlichen Geistes den geistigen Menschen. Die aber den Rat des Geistes verwerfen, den Lüsten des Fleisches dienen, unvernünftig leben und zügellos sich in ihre Begierden stürzen, da sie keinen Hauch vom göttlichen Geiste besitzen, sondern nach Art der Schweine und Hunde leben, die nennt mit Recht der Apostel fleischlich, da sie nichts anders als Fleischliches kennen. Und die Propheten vergleichen aus ebendemselben Grunde mit den unvernünftigen Tieren diejenigen, welche so unvernünftig wandeln. ‚Hengste, rasend nach Weibern, sind sie geworden, ein jeder von ihnen wiehert nach der Frau seines Nächsten.‘ Und wiederum: ‚Der Mensch, da er in Ehre war, ist ähnlich geworden dem Vieh.‘ Aus eigener Schuld nämlich ist er dem Vieh ähnlich geworden, weil er sich einem unvernünftigen Leben ergeben. Und dementsprechend sagen auch wir von solchen Menschen, daß sie unvernünftiges Vieh und tierisch geworden sind!“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,8,2)

„Denn dieser Seele Auferstehung geht an den Gläubigen vor sich, indem der Leib wiederum die persönliche Seele empfängt und mit ihr in der Kraft des Hl. Geistes aufersteht und einzieht in das Gebiet des Reiches Gottes.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 42)


(Auferstehung der Toten, Fresko aus der antiken Synagoge in Dura Europos.)

Theophilus von Antiochia schreibt etwa zur selben Zeit:

„Und nun deine Leugnung der Auferweckung der Toten. Du sagst nämlich: Zeige mir auch nur einen, der von den Toten auferweckt worden ist, damit ich sehe und glaube. Fürs erste: Was ist es Großes, wenn du das glaubst, das du gesehen hast? Und dann glaubst du auf der einen Seite, daß Herakles, der sich verbrannt hat, jetzt lebt, und daß Asklepios, der vom Blitze erschlagen worden, wieder sei auferweckt worden; auf der andern Seite bist du voll Unglauben den Aussprüchen Gottes gegenüber. Ich dürfte dir auch einen Verstorbenen, der von den Toten erweckt worden ist und lebt, vorzeigen, und du würdest auch da nicht glauben. Gott nun gibt dir viele Beweisgründe hierfür, auf daß du ihm glaubest. Denn betrachte gefälligst, wie die Jahreszeiten, die Tage, die Nächte ebenfalls endigen und wieder erstehen. Findet nicht auch bei den Samen und Früchten eine Wiederauferstehung statt, und zwar zum Nutzen der Menschen? Zum Beispiel das Getreidekorn oder das Korn anderer Samen wird in den Boden gelegt, erstirbt zuerst und zerfällt, dann aber wird es wieder auferweckt und wird zur Ähre. Bringen nicht ferner die Wald- und Fruchtbäume nach göttlicher Anordnung zu ihrer Zeit ihre Früchte, da, wo zuvor nichts sich zeigte und zu sehen war? Ferner sogar verschluckt manchmal ein Sperling oder irgendein anderer Vogel einen Apfel- oder Feigen- oder irgendeinen andern Kern, setzt sich auf einen felsigen Hügel oder auf ein Grabdenkmal, und gibt ihn dort wieder von sich; und der Kern schlägt Wurzeln und wächst zum Baume heran, obwohl er zuvor verschluckt worden und durch soviel Wärme durchgegangen ist. Das alles wirkt die göttliche Weisheit, um auch hierdurch zu zeigen, daß Gott die Macht hat, die allgemeine Auferstehung aller Menschen zu bewirken. Wenn du aber ein noch wundervolleres Schauspiel sehen willst, das zum Beweis der Auferstehung geschieht, nicht bloß auf Erden hier, sondern am Himmel, so betrachte die Auferstehung des Mondes, die allmonatlich eintritt: wie er nämlich abnimmt, verschwindet und wieder aufersteht. Höre weiter, o Mensch, auch von der Tatsache der Auferstehung, die in dir selbst vorgeht, wenn du sie auch nicht merkst. Du bist nämlich vielleicht schon einmal in eine Krankheit gefallen und hast dadurch die Fülle deines Körpers, die Kraft und das gute Aussehen verloren; aber du hast von Gott wieder Erbarmen und Heilung erlangt und damit wieder dein volles Fleisch, das gute Aussehen und die Kraft gewonnen. Und wie du zuvor nicht gewußt hast, wohin dein Fleisch gekommen, als es verschwunden war, so weißt du auch jetzt nicht, woher es dir wieder geworden oder gekommen ist. Du wirst freilich sagen: ‚Aus der Nahrung und den in Blut verwandelten Säften.‘ Gut! aber dies ist auch ein Werk Gottes, der es so eingerichtet hat, und nicht irgend eines anderen.“ (Theophilus, An Autolykus 13)

Die Heiden verachteten diesen Glauben und zerstörten deshalb die Leichname von ihnen getöteter Christen. Gallische Christen im 2. Jahrhundert schrieben, wie der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea um 300 zitiert, folgendes in einem Brief nach Kleinasien:

„‚Nachdem die Leiber der Märtyrer auf alle mögliche Weise geschändet worden waren und sechs Tage unter freiem Himmel gelegen hatten, wurden sie von den Frevlern verbrannt und ihre Asche in die nahe Rhone geworfen, damit auch kein Restchen mehr auf der Erde davon übrig bliebe. Ihr Handeln entsprang dem Wahne, Herr über Gott zu werden und die Auferstehung der Märtyrer zu verhindern. Diese sollten, wie sie sagten, mit nichten Hoffnung auf eine Auferstehung haben auf die vertrauend sie eine fremde, neue Religion bei uns einführen, die Qualen verachten und bereitwillig und freudig in den Tod gehen. Nun wollen wir sehen, ob sie auferstehen und ob ihr Gott ihnen helfen und sie aus unserer Hand erretten kann‘!'“ (Bericht gallischer Christen, zitiert in Eusebius, Kirchengeschichte V,1)

In der Petrusoffenbarung, einem Text über das Weltende, der sich als von Petrus geschrieben ausgibt, sagt Jesus zu den Jüngern:

„Und am Tage der Entscheidung des Gerichtes Gottes werden alle Menschenkinder vom Osten bis zum Westen vor meinem Vater, dem ewig Lebendigen, versammelt werden, und er wird der Hölle gebieten, daß sie ihre stählernen Riegel öffnet und alles, was in ihr ist, zurückgibt. Und den wilden Tieren und Vögeln wird er gebieten, daß sie alles Fleisch, was sie gefressen haben, zurückgeben, indem er will, daß die Menschen (wieder) sichtbar werden; denn nichts geht für Gott zugrunde und nichts ist ihm unmöglich, da alles sein ist. Denn alles (geschieht) am Tage der Entscheidung, am Tage des Gerichtes mit dem Sprechen Gottes, und alles geschieht, wie er die Welt schafft, und alles, was darin ist, hat er geboten, und alles geschah; ebenso in den letzten Tagen, denn alles ist Gott möglich, und also sagt er in der Schrift: ‚Menschenkind, weissage über die einzelnen Gebeine und sage zu den Knochen: Knochen zu den Knochen in Glieder, Muskel, Nerven, Fleisch und Haut und Haare darauf‘. Und Seele und Geist soll der große Urael [ein Engel] auf Befehl Gottes geben. Denn ihn hat Gott bestellt bei der Auferstehung der Toten am Tage des Gerichtes. Sehet und bedenkt die Samenkörner, die in die Erde gesät sind. Wie etwas Trockenes, das seelenlos ist, sät man sie in die Erde. Und sie leben auf, bringen Frucht, und die Erde gibt (sie) wieder wie ein anvertrautes Pfand. Und dieses, was stirbt, was als Same in die Erde gesät wird, lebendig wird und dem Leben zurückgegeben wird, ist der Mensch. Wie viel mehr wird Gott die an ihn Gläubigen und von ihm Erwählten, um derentwillen er (die Erde) gemacht hat, auferwecken am Tage der Entscheidung, und alles wird die Erde wiedergeben am Tage der Entscheidung, weil sie an ihm zugleich mit gerichtet werden soll und der Himmel mit ihr.“ (Petrusoffenbarung 4, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 473f.)

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift, die sich als Brief der zwölf Apostel ausgibt, sagt Jesus zu den Jüngern:

„‚Wahrlich, ich sage euch, wie mich der Vater von den Toten auferweckt hat, gleicherweise werdet auch ihr im Fleisch auferstehen, und er wird euch emporsteigen lassen über die Himmel an den Ort, von dem ich von Anfang an zu euch geredet habe, den euch bereitet hat, der mich gesandt hat. Und deshalb habe ich alle Barmherzigkeit vollendet: ohne gezeugt zu werden, bin ich von Menschen geboren (oder: gezeugt) und, ohne Fleisch zu haben, habe ich Fleisch angezogen und bin aufgewachsen, damit (ich) euch, die ihr im Fleisch gezeugt werden, (wiedergebäre,) und ihr in der Wiedergeburt die Auferstehung in eurem Fleisch erhaltet, einem Gewande, das nicht vergehen wird, mit allen, die hoffen und glauben an den, der mich gesandt hat; denn so hat mein Vater an euch Wohlgefallen gefunden, und denen, welchen ich will, gebe ich die Hoffnung des Reiches.‘ […]

Nachdem er dies zu uns gesagt hatte, sprachen wir zu ihm: ‚O Herr, steht es wirklich dem Fleisch bevor, mit der Seele und dem Geist (zusammen) gerichtet zu werden, und wird (die eine Hälfte davon) im Himmelreich ruhen und die andere ewiglich, indem sie (noch) leben, gestraft werden?‘ […]

Er antwortete und sagte zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, das Fleisch jedes Menschen wird auferstehen mit seiner Seele [lebendig] und seinem Geiste.'“ (Epistula Apostolorum 21-24 (äthiopische Version), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 138f.)

Menschenrechte oder natürliche Rechte?

Wenn man in tradikatholischen (Internet)kreisen unterwegs ist, wird man ab und zu auf eine gewisse Skepsis oder einen Vorbehalt gegenüber dem Begriff „Menschenrechte“ stoßen. Der wird irgendwie mit der Aufklärung, diesen geschwätzigen und heuchlerischen Intellektuellen des 18. Jahrhunderts, assoziiert, und mit einem übersteigerten Freiheitsbegriff, oder einem überheblichen falschen Versuch der Autonomie des Menschen von Gott. Nun ist es so, dass es diese falschen Assoziationen natürlich gibt; aber das Konzept von Menschenrechten passt an sich eigentlich nur in einen christlichen Rahmen, und macht im „aufklärerischen“ am Ende keinen Sinn mehr. Und es kam nicht erst mit der Aufklärung auf.

In voraufklärerischen Zeiten sprach man weniger von „Menschenrechten“, sondern nutzte eher den Begriff „natürliche Rechte“, aber der meint im Grunde dasselbe: Rechte, die Gott den Menschen ihrer Natur nach gegeben hat, die sie nicht erst erwerben müssen, sondern qua Menschsein haben. Ein Beispiel wäre das Recht auf Leben. Ein mittelalterlicher (oder auch späterer) katholischer Theologe hätte gesagt, dass Gott jedem Menschen seine Lebenszeit zugewiesen hat, in der er sich bewähren soll, und dass deshalb kein Mensch ihm sein Leben nehmen darf (außer wenn er es selbst durch ein entsprechend schweres Verbrechen verwirkt hat und jemand ihn in Notwehr tötet oder der Staat gegen ihn die Todesstrafe verhängt; auch natürliche Rechte sind u. U. verwirkbar). Ein anderes allgemein anerkanntes Recht war das Recht auf die freie Wahl des Lebensstandes; Theologen wie Thomas von Aquin beanspruchten z. B. ausdrücklich auch für Leibeigene das Recht, zu entscheiden, ob und wen sie heiraten und ob sie ins Kloster gehen wollten, ebenso wie Kinder dieses Recht unabhängig von ihren Eltern haben sollten. Nicht ganz einig war man sich bei allgemeinen Freiheitsrechten; aber immerhin war man sich einig, dass auch Leibeigenschaft/Sklaverei nur ein Recht auf die Arbeitskraft, nicht einen Besitz der Person bedeuten durfte, dass Unfreiheit eigentlich unnatürlich war und erst seit dem Sündenfall existierte, und zumindest irgendeinen rechtfertigenden Grund haben musste; und vor allem sollten auch Sklaven gewisse Rechte haben (Lebensrecht, Recht auf die Wahl des Lebensstandes, Recht auf ausreichend Lebensunterhalt vom Herrn…). Frühmittelalterliche Synoden legten auch Kirchenstrafen für das Töten von Sklaven fest, und (um einfach ein Beispiel herauszupicken) der frühmittelalterliche fränkische Bischof Agobard von Lyon verteidigte ausdrücklich das Recht von heidnischen Sklaven, sich gegen den Willen ihrer jüdischen Besitzer taufen zu lassen, mit folgenden Argumenten (von mir aus der englischen Übersetzung übersetzt):

„Eindeutig ist jeder Mensch eine Schöpfung Gottes, und in jeder Person, auch wenn sie ein Sklave sei, hält Gott – der sie im Mutterleib erschuf, sie ans Licht dieses Lebens brachte, das Leben, das Er gab, erhalten, und ihre Gesundheit bewahrt hat – einen größeren Anteil als der Mann, der ihre körperlichen Dienste erhält, nachdem er zwanzig oder dreißig Solidi [Goldstücke] gezahlt hat. Und keiner bezweifelt, dass jeder Knecht, obwohl er die Arbeit der Glieder seines Körpers seinem fleischlichen Herrn schuldet, die Religion seines Geistes dem Schöpfer allein schuldet. Daher, als heilige Prediger – die Verbündeten der Apostel – alle Nationen lehrten und tauften, warteten sie nicht auf die Erlaubnis der fleischlichen Herren, Knechte zu taufen, als ob es nicht gebührend gewesen wäre, dass sie getauft würden, es sei denn, ihre Herren hätten es erlaubt. Stattdessen, da sie wussten und predigten, dass Knechte und Herren einen Herrn, Gott im Himmel, haben, tauften sie alle, zusammengebracht in einem Leib [gemeint ist die Kirche], und lehrten, dass sie alle Brüder und Söhne Gottes seien, aber auf eine solche Weise, dass jeder in seiner Berufung bleibe […]

Man sollte auch ohne weiteres vernünftigerweise erkennen, dass, wenn ein Heide zu Christus flieht, und wir ihn nicht aufnehmen, sondern ihn wegen seiner fleischlichen Herren zurückweisen, das unfromm und grausam ist, da niemand Herr der menschlichen Seele sein kann als der Schöpfer allein.“

Vor allem war man sich eben bei einem einig: Jeder Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen, verdient deswegen ein Grundmaß an Respekt, muss gerecht behandelt werden, und hat ein ewiges Ziel im Jenseits. Dieses Ziel soll er durch sein eigenes freies vernunftgemäßes Handeln erreichen können, und daran dürfen ihn andere nicht hindern. Ein Mensch darf nie nur Mittel zum Zweck für andere Menschen sein. Daraus kann man noch verschiedene praktische Rechte ableiten, aber diese Grundlage ist zentral. Macht ist nicht Recht; wer Unschuldigen Böses antut, wird die gerechte Strafe dafür erleben.

Es gibt ja unter manchen Katholiken den Spruch „God has rights, man have duties“ – „Gott hat Rechte, Menschen haben Pflichten“. Menschliche Rechte sieht man dann nur als das Gegenstück zu Pflichten – z. B. hat es Gott anderen zur Pflicht gemacht, dein Leben zu respektieren, und daraus leitet sich dein Recht auf Leben ab. Das ist m. E. nicht ganz richtig. Sowohl die Pflichten als auch die Rechte kommen aus der Natur (und der übernatürlichen Bestimmung) des Menschen, und einige Rechte begründen erst die Pflichten anderer, diese Rechte zu achten, nicht umgekehrt. Z. B. hat jeder Mensch das Recht, sich Eigentum zu erwerben, also z. B. unbeanspruchtes Land zu beanspruchen, es mit seiner Arbeit umzuformen und Früchte hervorbringen zu lassen. Die Pflicht anderer, die später in seine Gegend kommen, dieses Eigentum zu achten, leitet sich aus der Existenz dieses Eigentumsrechtes ab. (Wobei das Eigentumsrecht kein absolutes Recht ist; wenn einer hungert und sonst nichts zu essen finden kann, dürfte er Essen stehlen; aber das Eigentum ist im Normalfall eben zu achten.) Ein anderes Beispiel: Ein Arbeiter setzt in Vollzeit seine Arbeitskraft für seinen Chef ein; das tut er, um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu beschaffen; also muss der Chef ihm auch ausreichend zahlen, dass es für diesen Lebensunterhalt reicht. (Höchstens dann, wenn er selber nicht genug hat, um ihm das zu zahlen, z. B. wegen einer schweren Wirtschaftskrise oder Hungersnot, wäre er davon entschuldigt, und müsste eben so viel zahlen, wie er vernünftigerweise kann.) Schon der Jakobusbrief bezeichnet das Vorenthalten des gerechten Lohnes als himmelschreiende Sünde. Die Pflicht folgt hier dem Recht, nicht umgekehrt.

Auch positive (=gesetzte, d. h. von Menschen geregelte) Rechte müssen zwangsläufig auf dem Naturrecht beruhen. Das Naturrecht besagt, dass Verträge eingehalten werden müssen; und erst daher haben Verträge ihre bindende Kraft. Das Naturrecht besagt auch, dass so etwas wie ein Staat nötig ist; und erst daraus hat der Staat sein Recht, Gesetze zu erlassen und z. B. zu regeln, ab wann jemand volljährig ist und bestimmte Rechte hat.

Das Problem ist nicht, wenn Leute Menschenrechte anerkennen, sondern wenn sie falsche Dinge zu Menschenrechten machen oder machen wollen.

Z. B. wird gerne mal in Bezug auf gute Dinge, die bestenfalls jeder haben sollte, behauptet, „X ist ein Menschenrecht“. Z. B.: „Bildung ist ein Menschenrecht“. Ein Menschenrecht kann aber nur etwas sein, das andere einem schulden, und unter Sünde verpflichtet sind, einem zu geben, oder das man schon natürlicherweise hat und das andere nicht anrühren dürfen. Nun ist es so, dass Eltern es ihren Kindern schuldig sind, sie auf ein selbstständiges Leben in ihrer jeweiligen Gesellschaft vorzubereiten. Aber wenn wir z. B. ins Mittelalter schauen, konnte man auch als Analphabet einen selbstständigen Platz in der Gesellschaft finden; da waren die Eltern eher verpflichtet, einem zu zeigen, wie man Landwirtschaft betreibt, oder einem eine handwerkliche Lehrstelle zu verschaffen. Schulbildung ist kein immer geltendes Menschenrecht; sie ist auch etwas, das eine Gesellschaft nur ab einem gewissen generellen Wohlstand für alle gewähren kann. (In Gesellschaften, in denen man Schulbildung braucht, kann es aber natürlich eine Pflicht für Eltern und Regierungen geben, dafür zu sorgen, dass die Kinder Schulbildung erhalten.) Ähnlich sieht es mit einem „Recht auf Arbeit“ aus; wer soll garantieren, dass es keine Arbeitslosigkeit gibt? Das schaffen auch heutige Wohlstandsgesellschaften nicht.

Ein anderes Problem ist, dass auch Sünden gerne mal zu Menschenrechten erklärt werden – z. B. erklärt man die Homo-Ehe zu einem Menschenrecht. (Wobei sie streng genommen nicht nur eine Sünde, sondern eine Unmöglichkeit ist.) Es gibt aber kein Recht, etwas Falsches/Naturwidriges zu tun; und das wird einen am Ende auch selber nicht glücklich machen. Ein Staat kann manche Sünden (vor allem die kleineren) tolerieren; aber größere Sünden zu institutionalisieren ist etwas anderes; und noch schlimmer ist es, sie zu Rechten zu erklären.

Ein Mittelding wären gewisse Freiheiten wie die Pressefreiheit. In der Praxis hat jeder Staat unterschiedliche Grenzen dafür, was unter die Pressefreiheit fällt, und keiner hat eine unbegrenzte Pressefreiheit. Nun gibt es schlicht und einfach kein natürliches Recht, alles zu verbreiten, was man will, auch Lügen und Irrtümer. Es kann ein bürgerliches Recht geben, das einen relativ weiten Rahmen festlegt, innerhalb dessen man verbreiten darf, was man will, auch ein paar nicht zu schädliche Lügen und Irrtümer, z. B. weil es zu tyrannisch wäre oder zu Missbräuchen führen könnte, wenn der Staat alle Einzelheiten nachverfolgen würde. Das ist aber auch wieder kein natürliches Recht; vom Naturrecht her hat man trotzdem die Pflicht, keine Irrtümer zu verbreiten (und der nötige Grad an staatlicher „Zensur“ oder „Bekämpfung von Volksverhetzung“ ist Ansichtssache).

Die Schlagworte der Aufklärer, wenn es um Menschenrechte ging, waren gerne „Freiheit“ und „Gleichheit“; beides leider sehr mehrdeutige Wörter, bei denen es nur vom Kontext abhängt, ob sie sehr Gutes oder sehr Schlechtes oder Neutrales meinen. Vor allem bei der Gleichheit. Denn ein wirkliches natürliches Recht ist die Gerechtigkeit, nicht die Gleichheit, und Gerechtigkeit kann auch manche Ungleichheiten zulassen, die entweder von ihr sogar gefordert werden (z. B. ungleich hohe Strafen für ungleich hohe Verbrechen) oder ihr zumindest nicht widersprechen (z. B. wenn zwei Personen einen ungleich hohen Lohn bekommen, aber beide einen guten Lohn).

Und eine Tendenz war bei den Aufklärern, und vorher schon in gewissem Grad wohl bei den Humanisten, eben auch da: Man soll sich auf die Größe und Würde des Menschen konzentrieren, und sich auf sein Diesseits konzentrieren, auf dieses jetzige irdische natürliche Leben. Gott mag nützlich sein als theoretische Begründung für die Moral oder die Existenz der Welt, aber es ist Zeitverschwendung, Ihn besonders oft anzubeten, Lebensverschwendung, für Ihn zurückgezogen im Kloster zu leben und auf Dinge zu verzichten. Übernatürliche Gnade ist nicht so wichtig; man kommt schon so zurecht und kann ein gutes Leben aufbauen.

Aber so entfernten sich die Aufklärer eben von Gott, und bald war Er nicht mal mehr als bloßer Hintergrund von Theorien gewollt. Und damit gräbt man dem Menschen und seinen Rechten das Wasser ab. Der Mensch ist einfach ein abhängiges Wesen, das seine Größe nur finden kann, wenn es komplett auf Gott ausgerichtet ist. (Die Heiligen zeigen das. Welchen Aufklärer gibt es, der auch nur im entferntesten an ihre Liebe, Treue und Großherzigkeit herangereicht hätte?) Menschen können auch sehr armselig sein.

„We hold these truths to be self-evident“, „Wir halten diese Wahrheiten für offensichtlich/selbsterklärend“, heißt es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung; damit wird die Erklärung eingeleitet, dass alle Menschen gleich geschaffen seien und von ihrem Schöpfer gewisse unveräußerliche Rechte hätten. Aber diese Wahrheiten sind nicht offensichtlich, nicht für einen Nichtchristen. Ein Christ z. B. weiß, dass auch ein schwer geistig und körperlich behinderter Mensch, der wenig mehr tun kann als sabbernd im Bett zu liegen, seine Würde hat, von Gott geliebt ist, eine unsterbliche Seele hat, und die typisch menschlichen Kräfte seiner Seele, die jetzt durch einen kranken Körper, ein krankes Gehirn gehemmt sind, nämlich Vernunft und Wille, zumindest im Jenseits wird ausüben können. Nehmen wir nun jemanden, der in einer vom Christentum völlig unberührten Welt aufwächst; wie wird der schwer geistig Behinderte sehen? Vielleicht als Missgeburten, die nun mal auf das Niveau der Tiere zurückgefallen sind, und die man deswegen auch nicht besser behandeln muss als Tiere? Das ist keine reine Spekulation; in antiken heidnischen Gesellschaften wurden behinderte Kinder routinemäßig ausgesetzt, und der atheistische australische „Philosoph“ Peter Singer wirbt engagiert für das Töten von Behinderten und bewertet das Lebensrecht von Affen generell als bedeutender als das von Neugeborenen.

Die gleiche Würde aller Menschen ist nicht offensichtlich; man muss sie begründen. Das Christentum kann das; der „humanistische“ Atheismus nicht.

Es gibt andere Versuche, Menschenrechte zu begründen, aber die sind letzten Endes erfolglos. Da wäre das libertäre Nicht-Aggressions-Prinzip, d. h. jeder dürfe alles tun, solange er einem anderen nicht schade. Aber hier muss auch erst wieder der zentrale Unterschied zwischen Tier und Mensch begründet werden; denn Menschen dürfen offensichtlich manches tun, was Tieren schadet, z. B. sie essen. (Und Tiere tun einander das auch ständig an, und man könnte sie nicht von Rechten ihrer Mittiere überzeugen.) Hier muss man wieder erst die Menschenwürde begründen, bevor man Menschen Rechte zusprechen kann. Und selbst wenn man diese einfach der Einfachheit halber als gegeben hinnimmt, reicht das NAP-Prinzip nicht aus. Z. B. haben Kinder ein Recht darauf, von ihren Eltern versorgt und auch geliebt zu werden; das ist kein bloßes „Lass mich in Ruhe“-Recht, und es beruht auch nicht auf einem Vertrag, den die Eltern mit dem Kind geschlossen haben, sondern liegt in der Natur der Sache. Es gibt nicht nur Pflichten, andere nicht zu attackieren, sondern auch Pflichten, Dinge für andere zu tun.

Eine Frage würde sich hier noch stellen: Haben Menschen eigentlich Rechte gegenüber Gott? Das kommt darauf an, was man darunter versteht.

Gott selbst ist die Liebe, und demnach gibt Er uns auch immer mehr, als wir verdienen würden. Aber Gott ist auch die vollkommene Gerechtigkeit; und in keinem Fall würde Er uns etwas Schlechteres geben, als wir verdienen – z. B. haben wir das „Recht“ Ihm gegenüber, nicht in einen tieferen Höllenkreis gesteckt zu werden, als wir mit unseren Taten verdienen. Das kann man ein wirkliches Recht nennen, denke ich. (In der Hölle gibt es immer noch verschiedene Grade. Alle Verdammten sind im Zustand der Feindschaft mit Gott, aber nicht alle haben sich gleich tief in diesen Zustand verstrickt und verdienen dieselben Konsequenzen.)

Aber seien wir mal ehrlich: Wenn Gott uns nur nach der reinen Gerechtigkeit behandeln würde, sähe es nicht schön aus für uns, selbst die besten Menschen würden noch in einen recht milden Höllenkreis kommen, wären immer noch von sich aus entfernt von Gott. Gott hat uns entsprechend Seiner Liebe aber noch mehr Zusagen gegeben; z. B. dass, wer glaubt, bereut und umkehrt, in den Himmel kommt, der ein übernatürliches Glück bedeutet, die Anschauung Gottes selbst. Man kann nun nicht sagen „wenn ich bereue etc., habe ich ein Recht auf den Himmel“, aber schon „wenn ich bereue etc., weiß ich sicher, dass Gott Seine Zusage einhalten wird und mich in den Himmel aufnimmt“. Das ist eine grundsätzliche Zusage; aber Gott hat sich z. B. nicht verpflichtet, einem unendlich viele Chancen zu geben, irgendwann kommt der Tod, vielleicht auch überraschend. Jedenfalls ist es eine Zusage; kein Recht im strengen Sinn; man könnte es evtl. deshalb ein Recht nennen, weil die Gerechtigkeit Gottes von Ihm selber fordert, dass Er Seine Zusagen und Versprechen nicht einfach so zurücknimmt.

In einem gewissen Sinn kann man aber auch kategorisch sagen: Gegenüber Gott haben wir keine Rechte – z. B. in dem Sinne, dass Er uns gar nicht hätte machen müssen und uns auch nicht im Dasein erhalten müsste. Er könnte uns wieder zu Nichts werden lassen. Wir verdanken Ihm alles und können Ihm nichts dafür geben. Oder auch in dem Sinne, dass Er uns vieles befehlen könnte, was andere Menschen nicht können. Manche Menschen haben eine begrenzte Autorität über andere (Eltern, Staat, etc.), aber nie eine unbegrenzte, sodass sie alles fordern könnten, was nur nicht in sich falsch ist. Gott dagegen hat eine solche Autorität. Er könnte einem Menschen z. B. nicht befehlen, zu lügen, weil das sich in sich verkehrt ist und Gott selbst auch nicht lügen könnte, aber er könnte einem zum Beispiel auftragen, seinen ganzen Besitz aufzugeben, in die Wüste zu gehen und als Prophet von Heuschrecken und wildem Honig zu leben. (Weil Gott zu den meisten Menschen nicht so deutlich spricht, kann man in der Regel und im Zweifelsfall aber davon ausgehen, dass alles, was Menschen generell erlaubt ist, auch einem selber erlaubt ist, und Gott einem Wahlfreiheit lässt.)

Irgendwie ist die Redeweise von Rechten gegenüber Gott auch, zwar nicht falsch, aber irgendwie unpassend. Denn von Rechten gegenüber X redet man meistens dann, wenn es vorstellbar ist, dass X diese Rechte verletzen könnte und man ihm gegenüber evtl. auf seine Rechte pochen muss. Und wenn Gott nicht ungerecht sein kann, kann Er auch niemandes Rechte verletzen.

Was werde ich von meinem Katholischsein gehabt haben?

„Was werde ich am Ende davon gehabt haben, mein Leben lang brav katholisch gewesen zu sein?“ Diese Einstellung sieht man bei manchen Katholiken. „Ich halte mich an alle Gebote, mache mir die ganze Mühe, und am Ende kommen gutwillige Nichtkatholiken durch ihre Unwissenheit genauso wie ich in den Himmel. Da wäre ich vielleicht auch besser unwissend geblieben. Und anscheinend lohnt es sich also auch nicht, den Glauben an andere weiterzugeben, da bürdet man ihnen nur Lasten auf, ohne die sie es auch schaffen. Vielleicht macht man es ihnen so nur schwerer. Und wenn sie den Katholizismus ablehnen, nachdem sie ihn kennengelernt haben, sind sie tatsächlich schuldig geworden, während sie vorher in nicht schuldbarer Unwissenheit waren.“ Manchmal ist bei dieser Einstellung die Unzufriedenheit vorherrschend, dass man es sich selber schwer machen muss, und manchmal die wirkliche Sorge darum, ob Missionsarbeit überhaupt etwas bringt.

Hier wird aber einiges übersehen. Ja, es nützt sehr viel, katholisch zu sein, oder zumindest die Chance zu haben, es zu werden, für einen selber und für alle anderen.

Erstens: Katholiken haben es schon irdisch oft besser. Die meisten Gebote sind nicht sehr schwer. Nicht stehlen, nicht verleumden, sonntags in die Kirche gehen? Ist meistens schon machbar. Viele Menschen werden das 6. Gebot (die Keuschheit) gewöhnungsbedürftig finden (vor allem dann, wenn sie Sünden in der Vergangenheit haben), aber daran kann man sich eben gewöhnen, irgendwann ist es leicht. Und während Säkularisten pornosüchtig werden und sich deswegen auch nur leer vorkommen und sich vor sich selber ekeln, bleiben Katholiken diesen ganzen Problemen fern (oder befreien sich wenigstens davon). Während Säkularisten sich scheiden lassen, weil sie das Gefühl haben, es wäre nicht ehrlich, zusammenzubleiben, wenn man nicht mehr genau dieselben Gefühle hat wie am Anfang, führen Katholiken eine glückliche Ehe, gestärkt dadurch, dass man sich grundlegend vertraut und einfach zusammengehört, weil Scheidung gar nicht in Frage kommt. Während die Säkularistin, der ihr Arzt erzählt, ihr Kind könnte Down-Syndrom haben, es schweren Herzens abtreiben lässt und sich dann ihr Leben lang fragt, ob sie das Richtige getan hat, wird die Katholikin in der gleichen Situation dem Arzt den Vogel zeigen, und ein paar Monate später mit einem wunderschönen Kind zum Liebhaben gesegnet werden, das vielleicht nicht einmal behindert ist, weil Ärzte sich oft irren. Während der Säkularist von seinem einen Kind, das er früh in die Kinderkrippe gesteckt hat, gegen Ende seines Lebens ins Altersheim gesteckt wird, wird der Katholik unter seinen vier oder fünf Kindern, die bis zur Kindergartenzeit daheim waren, eins haben, das sich im Alter um ihn kümmert, und die anderen tragen dann finanziell was für die häusliche Pflege bei. Ich pauschalisiere und idealisiere hier ein bisschen, ich weiß, aber man erkennt, worauf es hinausläuft. Die Gebote sind eine Anleitung dafür, wie der Mensch sein Leben im Einklang mit seiner Natur lebt (daher ja „Naturrecht“). Für die meisten Menschen ist z. B. auch ein Leben ohne Alkoholismus einfach und gut; und auch der Alkoholiker, der durch eine schwere Zeit durch muss, bis er ein solches Leben führen kann, hat es am Ende besser, wenn er das schafft. Genauso sieht es aus mit einem Leben ohne ständige Sünden (selbst wenn sie nur materielle Sünden sind und es einem nicht oder nur halb bewusst ist, dass sie falsch sind); es tut einem gut.

Übrigens hat man es nicht nur dann schwerer, wenn man gar keiner Religion folgt und nur macht, was gerade üblich ist oder einem gefällt, sondern auch, wenn man falschen Religionen folgt. Nehmen wir zum Beispiel den Islam mit seinen seltsamen Fastenregeln, die im Ramadan sogar das Trinken vor Sonnenuntergang verbieten, oder den Veganismus, der Leute dazu bringt, sich einzureden, Soja schmecke gut.

Nur, wenn man entweder mit der Erbsünde oder mit mindestens einer unbereuten (oder kaum bereuten) Todsünde oder mit beidem behaftet ist, kann man in die Hölle kommen. (Und ob es überhaupt Leute gibt, die nur wegen der Erbsünde in die Hölle kommen oder ob Gott ihnen nicht noch einen Weg der Befreiung davon bietet, ist eine andere Frage; in jedem Fall kämen sie höchstens in den Limbus, die Vorhölle, ohne die eigentlichen Höllenstrafen. Bleiben die Todsünden, mit denen wir uns hier zu befassen haben.) Und viele Dinge, wegen denen man sich Gedanken macht, sind jedenfalls keine Todsünden. Man ist ab und zu missmutig, kann seine Familie nicht vom Glauben überzeugen, lässt sich beim Beten leicht ablenken? Keine Todsünden. Eltern werden sich sicher Gedanken machen, ob sie genug für ihre Kinder tun. Aber wenn man einigermaßen liebevoll zu ihnen ist, für ihre materiellen Bedürfnisse sorgt, ihnen Gelegenheit gibt, den Glauben gut kennenzulernen, mit ihnen betet, ihnen kein schlechtes Vorbild gibt, ihnen nicht alles und jedes durchgehen lässt, darauf schaut, dass sie keinen schlechten Umgang haben, werden unbereute Todsünden hier wohl selten sein. Vielleicht machen Ehepaare sich mal Gedanken, ob sie wirklich einen zureichenden Grund haben, noch ein Kind per NFP zu vermeiden, aber hier reicht ein vernünftiger Grund aus, er muss nicht extrem schwerwiegend sein, und ein etwas unzureichender, aber nicht ganz frivoler Grund wäre nur lässliche Sünde. All die typischen kleinen Fehler – Angeberei, oder leichte Unvorsichtigkeit beim Ausparken, wegen der man ein anderes Auto auf dem Parkplatz gerammt hat, oder eine gewisse Unfreundlichkeit und Gereiztheit – sind lässliche Sünden. Oder dann macht man sich mal Gedanken, ob man Gott eigentlich wirklich liebt, Ihn wirklich an die erste Stelle setzt. Nun, das zeigt sich vor allem daran, ob man, wenn man vor die Entscheidung „Todsünde begehen oder nicht?“ gestellt wird, Gott gehorcht und die Sünde nicht begeht. Natürlich kann man Gott immer noch mehr lieben, mehr Zeit mit ihm im Gebet verbringen, mehr an Ihn denken, aber wenn man seine grundsätzlichen Pflichten einigermaßen erfüllt, Gott nicht ignoriert und Todsünden meidet, hat man grundsätzlich die Liebe zu Gott.

Und auch, wenn man mit irdischen Beschwerden – z. B. Depression, Parkinson, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit – belastet ist, wird es einem helfen, zu wissen, dass Gott bei einem ist und in seiner Vorsehung weiß, wieso man hier durch muss. Auch Nichtkatholiken müssen leiden, und haben diesen Trost nicht.

Und überhaupt: Ist es nicht wunderschön, zu beten, auch wenn man sich oft erst dazu aufraffen muss? Ist die Messe nicht wunderschön? Ist man nicht glücklich darüber, die Wahrheit zu kennen und die Welt besser zu verstehen?

Natürlich kann es passieren, dass man wegen seinem Festhalten an irgendwelchen katholischen Prinzipien Schwierigkeiten, sogar große Schwierigkeiten, bekommt. Aber dann wird man wenigstens mit sich selbst im Reinen sein. Will man lieber eine Lüge leben oder wegen der Wahrheit Schwierigkeiten bekommen?

Zweitens: Katholiken haben auch bzgl. der Ewigkeit Vorteile. Definitiv nicht so große Vorteile, dass andere gar keine Chance mehr hätten, in den Himmel zu kommen, aber doch ein paar Vorteile. Dadurch, dass wir regelmäßig beichten sollen und die Gebote kennen, werden wir uns eher zur Reue aufraffen. Auch ein Nichtkatholik wird evtl. mal etwas tun, das er selber als schwerwiegend falsch erkennt, aber sein Herz vielleicht verhärten und sein Gewissen abwürgen, während der Katholik – und sei es nur aus Angst vor der Hölle – mehr Anreize hat, doch noch zur Reue zu finden. In dem Fall würde der Nichtkatholik wegen seiner unbereuten Todsünde in die Hölle kommen, obwohl er sie noch hätte bereuen können, und als Katholik vielleicht bereut hätte. Außerdem haben wir Katholiken es bzgl. dem Fegefeuer leichter – viele andere wissen gar nicht davon und beten deswegen auch nicht für ihre Toten. Wir dagegen beten füreinander und erwerben Ablässe. So kann man das Fegefeuer sogar ganz vermeiden, oder zumindest stark verkürzen. Vielleicht kommen wir auch leichter in höhere Himmelskreise – d. h. werden von Gott noch mehr belohnt als andere, auch wenn alle im Himmel vollkommen selig sind – weil wir zum Beispiel idealerweise aus Gottes- und Nächstenliebe (und wegen dem katholischen Gruppendruck) mehr Gutes für andere getan haben.

Man muss ja auch sehen, dass der Himmel hier auf Erden schon beginnt. Wenn wir im Stand der Gnade sind, sind wir schon halb im Himmel, und das umso mehr, je näher wir zu Gott kommen, je mehr wir uns Seiner Liebe und Güte bewusst werden. Mit der Hölle ist es genauso.

Drittens: Jesus hat nun mal den Aposteln befohlen: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ Ergo wird das Gesamtresultat immer besser sein, wenn wir das tun, weil Gott wohl kaum etwas befehlen würde, das schadet.

Viertens: Diese Einstellung kommt schon im Evangelium vor, im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Dort beschweren sich die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, weil die, die erst später angeworben wurden, genauso bezahlt werden wie sie: „Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ (Mt 20,12-15) Letztlich ist dieser Neid auch nicht sinnvoll. Denn die, die zuletzt gekommen sind, mussten davor auch in der Stadt in der Hitze herumstehen und hoffen, dass irgendjemand sie noch anwirbt, und haben sich wahrscheinlich die ganze Zeit Gedanken gemacht, ob sie jetzt schon wieder ohne Lohn zu ihrer Familie heimkommen müssen. Das Gras sieht immer grüner aus auf der anderen Seite.

(Erzbischof Marcel Lefebvre als Missionar in Afrika.)

Ein paar gute Bücher aus dem letzten Jahr

Wenn ich gute Bücher lese, habe ich irgendwie immer auch das Bedürfnis, sie mit allen zu teilen, deshalb dachte ich, hier kommt mal ein kleiner Beitrag über ein paar besonders gute Bücher, die ich im letzten Jahr entdeckt habe.

„Theologie für Anfänger“ von Frank Sheed

Sheeds Buch bietet auf etwas mehr als 200 Seiten eine grundlegende Erklärung der wichtigen Glaubenslehren, gut verständlich, aber tiefgehend: Wie sieht das innere Leben der Dreifaltigkeit aus, wie ist das Verhältnis von Körper und Geist, was bedeutet Erlösung, was kommt nach dem Tod? Ich habe durch ihn z. B. endlich besser verstanden, wie es sich mit der einen Person und den zwei Naturen in Christus verhält. Das Buch enthält keinen Satz zu viel, keinen Satz zu wenig; Sheed bringt die Dinge einfach ohne viel Gelaber auf den Punkt.

Auszüge als Beispiel:

„Diese Vermischung von Geist und Materie in den menschlichen Handlungen unterscheidet den menschlichen Geist von jedem anderen. Der menschliche Geist ist der einzige, der zugleich auch Seele ist – das heißt: Lebensprinzip in einem Leib. Gott ist Geist, aber er hat keinen Leib; die Engel sind Geister, aber sie haben keinen Leib. Nur im Menschen ist der Geist mit einem Leib vereint, belebt einen Leib, macht ihn zu einem lebendigen Leib. Jeder lebendige Organismus – der Pflanzen, der niederen Tiere, der Menschen – hat ein Lebensprinzip, eine Seele. Und ebenso wie unser Geist der einzige Geist ist, der zugleich Seele ist, so ist unsere Seele die einzige, die zugleich auch Geist ist.

Wir haben gesehen, daß der Geist auf vielerlei Weise in uns tätig ist: Er erkennt und liebt, und er belebt den Leib. Aber was ist nun schließlich Geist?

Wir können es verstehen, wenn wir uns selbst betrachten und eine der Tätigkeiten unserer Seele im einzelnen prüfen: Sie bringt Ideen hervor. Ich erinnere mich an ein Gespräch eines unserer Redner mit einem Materialisten, der behauptete, seine Idee von Gerechtigkeit sei das Resultat rein körperlicher Aktivität, durch menschliche Gehirnmasse hervorgerufen. Der Redner fragte ihn, wieviel Zoll denn die Gerechtigkeit mäße? Er: ‚Fragen Sie nicht so dumm! Ideen haben keine Länge!‘ Wieviel sie denn wöge? Er: ‚Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?‘ Der Redner: ‚Nein. Ich nehme Sie nur beim Wort. Welche Farbe hat sie? Welches Gewicht?‘

An diesem Punkt brach das Gespräch ab, weil der Materialist sagte, der Redner rede dummes Zeug. Natürlich ist es dummes Zeug, davon zu reden, daß eine Idee Länge oder Gewicht oder Farbe oder Gestalt haben könne. Aber der Materialist hatte gesagt, daß die Idee stofflich sei, und der Redner hatte ihn daraufhin nur gefragt, was für stoffliche Eigenschaften sie denn habe. Natürlich hatte sie keine; und der Materialist wußte das ganz genau. Nur hatte er nicht die augenscheinliche Schlußfolgerung gezogen. Wenn wir beständig etwas hervorbringen, was keine stofflichen Eigenschaften hat, dann muß in uns etwas sein, was nicht Stoff ist. Und das nennen wir Geist.

Seltsam genug, hält der Materialist uns für abergläubische Leute, die an ein Phantasiegebilde namens Geist glauben, sich selbst aber für einen nüchternen Realisten, der behauptet, daß Ideen von einem körperlichen Organ, dem Gehirn, hervorgebracht werden. Er behauptet schlichtweg, daß die Materie etwas hervorbringt, was nicht eine einzige Eigenschaft mit ihr gemeinsam hat – was könnte phantastischer sein als das? Demgegenüber sind wir die nüchternen Realisten – darauf sollten wir bestehen.“ (S. 17f.)

„Wir werden noch darauf zurückkommen – aber zuerst müssen wir noch den größten aller Unterschiede betrachten: nämlich daß die Seele ihre Existenz Gott verdankt. Er rief sie ins Dasein, erhält sie, kann sie zunichte machen (aber er versprach uns, es nicht zu tun). Seine eigene Existenz nicht festhalten zu können, das ist die einschränkendste Einschränkung, die sich denken läßt; sie macht den größten Unterschied aus zwischen dem endlichen Geist, der unsere Seele ist, und dem unendlichen Geist, der Gott ist.

Bernard Shaw erzählte, daß er einmal einen Priester fragte: ‚Wer schuf Gott?‘ Der Priester, sagt Shaw, war wie vom Donner gerührt. Ob er Selbstmord beging oder bloß aus der Kirche austrat, berichtet Shaw nicht. Aber die Begebenheit ist lächerlich. Jeder Philosophiestudent hat diese Frage schon einmal gehört, und jeder weiß, daß es ein Wesen geben muß, das es nicht nötig hat, geschaffen zu werden. Wenn nichts da wäre außer Empfängern von Dasein – woher sollte das Dasein dann kommen? Damit überhaupt etwas da sein kann, muß es ein Wesen geben, das es nicht nötig hat, Dasein zu empfangen, ein Wesen, welches Dasein einfach hat. Gott kann allen anderen Wesen Dasein verleihen, eben deswegen, weil es ihm nicht verliehen wurde. Es ist seine Natur, da zu sein, zu existieren. Gott kann nicht Dasein empfangen, weil er Dasein ist.“ (S. 26)

„An die Liebe glauben“ von Pater Jean du Coeur de Jésus d’Elbée

Das Buch ist aus Predigten bei Exerzitien hervorgegangen, und der Autor bezieht sich immer wieder auf die Gedanken der hl. Thérèse von Lisieux. Es hilft einfach wunderbar dabei, sich Gottes Liebe bewusst zu werden. Ich habe immer nur ein paar Seiten am Stück gelesen, und dann etwas gebetet. Ein kurzer Auszug:

„Oft stelle ich die Frage: ‚Denken Sie, dass Sie eine Freude für Jesus sind?‘ Wie viele Male wurde mir geantwortet: ‚Daran habe ich nie gedacht.‘ Oder man entgegnet, dass so zu denken ein Mangel an Demut wäre; und man stellt seine Armseligkeit heraus. Darüber werde ich zu Ihnen noch ausführlich im Verlauf der Exerzitien sprechen. Und doch, ist es nicht die einfachste Logik, dass ein Vater und sein Kind einander eine Freude sind? ‚Jesus, Du bist meine Freude und auch ich bin Deine Freude.‘ Steht nicht geschrieben, dass ‚es seine Wonne ist, bei den Menschenkindern zu sein‘? […]

Ich sagte es Ihnen schon, dass wir in der Liebe und Barmherzigkeit geradezu gebadet werden. Wir haben alle einen Vater, Bruder, Freund, Gemahl unserer Seelen, Mittelpunkt und König unserer Herzen, Erlöser und Heiland, der sich mit unsagbarer Milde über uns neigt, über unsere Schwäche und Kinderohnmacht, der über uns wacht wie über seinen Augapfel, der gesagt hat: ‚Barmherzigkeit wünsche ich und nicht Opfer, denn ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu berufen, sondern die Sünder.‘ Ein Jesus, besessen von dem Wunsch, uns um jeden Preis zu retten, der den Himmel unter unseren Schritten geöffnet hat.“ (S. 18f.)

„Verteidigung des deutschen Kolonialismus“ von Bruce Gilley

In diesem kurzen Buch (knapp 200 Seiten) bietet der Politikwissenschaftler Gilley einen Überblick über die Kolonien, die Deutschland für eine kurze Zeit besaß: Deutsch-Südwestafrika (Namibia), Deutsch-Ostafrika (Tansania), Kamerun, Togoland, Deutsch-Samoa, Deutsch-Neuguinea und Qingdao. Er bietet Kontext für die schlechten Seiten, stellt aber auch die vielen positiven Seiten heraus, die Vorteile für die Einheimischen, über die im Allgemeinen heutzutage brav Stillschweigen gewahrt wird (z. B. die Abschaffung der Sklaverei in Afrika, die Erforschung von Tropenkrankheiten, die Schaffung moderner staatlicher Strukturen). Er geht auch darauf ein, wie (tatsächliche oder völlig frei erfundene) koloniale Brutalitäten schon damals in Europa als Kriegspropaganda gegen andere Länder genutzt wurden, und wie später der Ostblock und speziell die DDR den Antikolonialismus zur Propaganda nutzte.

Auszüge:

„Waren die Afrikaner mit der deutschen Herrschaft zufrieden? Erachteten sie sie als legitim? Neben solchen Zeitzeugenaussagen wie denen von Martin Ganisya haben wir als Beweismittel die unverbrüchliche Loyalität dutzender großer Stämme, die nicht nur in Afrika zu den Deutschen hielten, sondern auch in China und in der Südsee. […]

Der beste Beweis für die Legitimität der deutschen Kolonialherrschaft ist die winzige deutsche Militär- und Polizeipräsenz vor Ort. Im Jahr 1904 bestand die gesamte deutsche Kolonialverwaltung in Ostafrika – einem weiträumigen Gebiet dreimal so groß wie das Deutsche Reich, mit einer Bevölkerung von fast 8 Millionen – aus 280 Deutschen und 50 eingeborenen Beamten.“ (S. 63f.)

„Während die DDR-Forschung brutalstmögliche Bewertungen der deutschen Kolonialgeschichte fabrizierte, war die DDR selbst an der brutalstmöglichen Unterdrückung von farbigen Menschen auf der ganzen Welt beteiligt. Als ein marxistisches, sowjetgestütztes Regime 1967 im Südjemen die milde britische Herrschaft vertrieb, durfte die DDR eine hausgemachte Revolution begleiten. In der Spitze waren 2000 DDR-Kader für die Errichtung von Systemen zur Massenunterdrückung und Verelendung zuständig. Polizei, Kitas, Theater und Fernsehsender wurden nach DDR-Vorbild eingerichtet. Stasi-Offiziere halfen dabei, 250 jemenitische Offiziere zu identifizieren, die dem neuen Regime gegenüber als illoyal bezeichnet wurden, und die man kurz darauf hinrichten ließ.

Der Antikolonialismus der DDR verwandelte das blühende, kosmopolitische britische Schutzgebiet Aden in einen Schutthaufen. Ein Drittel der Arbeiter floh trotz Verbot des Regimes in die Golfstaaten und nach Saudi-Arabien, um Arbeit zu finden und schickte bald 60 bis 70 Prozent der jemenitischen Auslandsdevisen nach Hause. Bis 1982 war das Pro-Kopf-Einkommen auf 450 Dollar halbiert. Nach der Bodenkollektivierung flohen die meisten Bauern in die Städte und wurden zu Bettlern.“ (S. 183)

Heilsmöglichkeit für Nichtkatholiken: Kirchliche Aussagen vor dem 2. Vatikanum

Kommt der-und-der Nichtkatholik in den Himmel? Darüber beunruhigen sich Katholiken öfter. Eine genaue, sichere Antwort gibt es hier natürlich nicht; die Kirche hat nur von vergleichsweise wenigen Menschen durch die Heiligsprechung festgestellt, dass sie sicher im Himmel sind; sie behauptet nicht, jedem Menschen ins Herz schauen zu können. Aber worüber wir reden können, sind die Möglichkeiten des Heils für Nichtkatholiken (wie auch für Katholiken). Erst einmal deswegen eine kurze Zusammenfassung, wieso die Erlösung nötig ist und wie sie im Allgemeinen funktioniert:

Grundsätzlich ist die Lage der Menschheit folgende: Durch die Ursünde haben unsere Stammeltern, Adam und Eva (wann auch immer sie gelebt haben, ob vor ein 6.000 oder vor 200.000 Jahren), ihre übernatürlichen Gnadengaben, ihre besondere Nähe zu Gott verspielt, die Er ihnen geschenkt hatte, weil sie selbst sein wollten wie Gott. Das war ein Erbe, das sie uns hätten erhalten sollen; und so werden auch wir jetzt in diesem Zustand der Feindschaft mit Gott geboren, mit schlechten Neigungen, verletzlich, sterblich, und ohne selbstverständliche Nähe zu Gott, d. h. mit der Erbsünde. Das ist keine persönliche Schuld, aber es ist trotzdem ein Zustand des Verletztseins, oder auch eine Art geistlicher Tod. Außerdem häuft aber so ziemlich jeder Mensch im Lauf seines Lebens nun auch persönliche Schuld an, mal mehr, mal weniger; es gibt enorm viele große Verletzungen, die Menschen sich gegenseitig zufügen. Und was einmal geschehen ist, kann nicht einfach ungeschehen gemacht werden, dafür muss Sühne geleistet werden. Weil aber die schwereren Sünden auch ein Nein zu Gott (der das Gute selbst ist), bedeuten, bedeuten sie auch eine solche Trennung, einen solchen geistlichen Tod, eine in gewissem Sinn unendliche Schuld. Das kann der Mensch aus eigener Kraft nicht wieder gut machen. Daher ist Gott selber Mensch geworden und hat als Gottmensch an unserer Stelle mit seiner Liebestat, Seinem Tod am Kreuz, vollkommene, unendliche Sühne geleistet, die uns zugerechnet wird, und durch die wir geheiligt werden. Auf diese Weise steht der Weg zu Gott uns wieder offen. Dadurch können unsere Schulden weggenommen und das Verhältnis zu Gott repariert werden; und so werden wir Ihn nach unserem Tod von Angesicht zu Angesicht sehen können.

Nun ist es aber so, dass die Erlösung nicht automatisch passiert; eine gewisse Mitwirkung des freien Willens des einzelnen Menschen ist auch nötig. Gott bietet die Gnade allen Menschen an, und zwar in jedem Fall genug Gnade, um in den Himmel (= zur Anschauung Gottes) zu kommen. „Er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Tim 2,4) Der einzelne Mensch muss deswegen seine schweren Sünden bereuen, und dem Willen Gottes gehorsam sein und in Zukunft keine schweren Sünden mehr begehen (bzw. diese dann wieder bereuen, wieder von neuem anfangen, usw.). Unbereute schwere Sünden trennen von Gott.

Gott hat auch wahrnehmbare Zeichen als Mittel eingesetzt, um uns Seine Gnade mitzuteilen, nämlich die Sakramente (und sie der Kirche anvertraut, durch die Er handeln will); hier sind besonders die Taufe und die Beichte wichtig. Gott hat befohlen, dass, wer seine Sünden bereut, sich taufen lassen soll, und dadurch wird ihm die Heiligungsgnade mitgeteilt, die Erbsünde und die persönlichen Sünden werden weggenommen. Die Beichte ist eine Art „zweite Taufe“ für diejenigen, die nach der Taufe wieder in schwere Sünden gefallen sind. Auch kleine Kinder, die keine persönlichen Sünden haben, können getauft und damit von der Erbsünde befreit werden.

Man kann hier folgende Gruppen von Menschen unterscheiden, denen prinzipiell die Möglichkeit der Erlösung auf verschiedene Weise offensteht:

  1. Die standardmäßig, wie von Gott vorgesehen, mit der Wassertaufe getauften Katholiken. Getaufte Kleinkinder, die sterben, kommen auf jeden Fall in den Himmel (Erbsünde weg, keine persönlichen schweren Sünden), bei älteren Getauften kommt es darauf an, ob sie weiterhin unbereute schwere Sünden begehen oder nicht. Wenn nicht, dann Himmel.
  2. Die mit der Wassertaufe getauften Nichtkatholiken, die sich in unüberwindlicher Unwissenheit über die Wahrheit des Katholizismus befinden (z. B. ein gutgläubiger Evangelikaler, Orthodoxer oder Lutheraner). Auch bei nichtkatholischen Christen nimmt die gültige Taufe (also die Taufe mit Wasser im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes) die Erbsünde und die persönliche Schuld weg. Allerdings hat jeder Mensch die Pflicht, sich nach der Wahrheit auszurichten, wie er sie erkennt, und wenn z. B. ein Lutheraner erkennen würde, dass die katholische Kirche eigentlich die von Gott gewollte Kirche ist, wäre es eine schwere Sünde, wenn er trotzdem nicht in sie eintreten wollen würde, weil sie ihm in diesem oder jenem Punkt nicht passt. Wenn er sich allerdings mit der katholischen Kirche kaum auskennt und keinen Grund sieht, an seiner Konfession zu zweifeln, ist er in sog. „unüberwindlicher Unwissenheit“, die Gott ihm nicht als Sünde anrechnet. Dann kommt es eben wieder darauf an, ob er sonst noch unbereute schwere Sünden auf dem Gewissen hat oder nicht, wie bei dem Katholiken oben.
  3. Die mit der bewussten Begierdetaufe oder der Bluttaufe Getauften: Hier sind Katechumenen gemeint, die sich taufen lassen wollten, sich schon darauf vorbereitet haben, aber vorher gestorben sind. (Die Bluttaufe ist eine Unterart der Begierdetaufe; damit ist gemeint, dass ein Katechumene das Martyrium erleidet und durch sein eigenes Blut seinen Bund mit Christus besiegelt.) Bei ihnen zählt der Wille für das Werk. Sie wollten sich taufen lassen; also rechnet ihnen Gott im Augenblick ihres Todes die Wirkungen der Taufe zu (auch hier natürlich unter der Voraussetzung der allgemeinen Reue und des guten Willens).
  4. Die Nichtchristen, die sich in unüberwindlicher Unwissenheit befinden, und denen u. U. eine Art implizite Begierdetaufe zugerechnet werden kann (z. B. ein gutgläubiger Muslim oder Jude). Wenn jemand grundsätzlich bereit ist, Gott zu gehorchen, und seinem Gewissen zu folgen, würde er sich auch taufen lassen, wenn er von der Notwendigkeit der Taufe wüsste, also kann Gott auch ihm im Augenblick des Todes die Wirkungen der Taufe zurechnen, wenn er eben auch ansonsten Reue und guten Willen hat. Viele Theologen sagen, dass es aber jedenfalls absolut notwendig sei, anzuerkennen, dass es einen Gott gibt, der über Gut und Böse richtet, auf Gottes Gnade in der Hinsicht zu reagieren, dass man Ihm diese Wahrheiten glaubt. Vgl. Hebr 11,6.

Die ungetauften kleinen Kinder, die vor dem Erreichen des Vernunftalters, d. h. des Alters, in dem sie die Vernunft erlangen und schwere Sünden begehen könnten, sterben (verallgemeinernd setzt man dieses Alter bei ca. 7 Jahren an) sind ein Sonderfall. Sie haben keine persönliche Schuld auf sich geladen, aber auch nicht durch irgendwelche persönlichen Verdienste auf Gottes Gnade reagiert, wie die anständigen erwachsenen Ungetauften. Eine gewöhnliche implizite Begierdetaufe kann man ihnen also nicht zurechnen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie sind im „limbus puerorum“ („Vorhölle der Kinder“, Limbus bedeutet genau genommen „Rand“), also einem Ort, wo sie Gott nicht schauen können (d. h. technisch gesehen Hölle), weil sie mit der Erbsünde belastet sind, also keine übernatürliche Glückseligkeit haben, wo es aber keine Strafen für sie gibt und Gott ihnen rein natürliche Glückseligkeit bereitet. Oder sie sind auf unbekannten Wegen doch noch in den Himmel gekommen (z. B. wäre es denkbar, dass Gott ihnen im Augenblick des Todes die Klarheit des Verstandes gibt, um sich für oder gegen Ihn zu entscheiden). Da Gott das Heil aller Menschen will, ist das durchaus möglich. Aber das können wir nicht so genau wissen. Aber egal, welche Möglichkeit die richtige ist: Es geht ihnen uneingeschränkt gut und sie leiden nicht; auch rein natürliche Glückseligkeit ist Glückseligkeit, und sie werden nicht wissen, was sie noch Größeres verpassen. Die Erbsünde bedeutet eben auch, dass der Seele die Fähigkeiten für den Himmel fehlen, die übernatürlichen Fähigkeiten zu größerer Erkenntnis und Liebe, als wir unserer Natur nach besitzen. Die Erbsünde muss auf irgendeine Weise weggenommen werden, mit ihr belastet kommt man nicht in den Himmel.

Man sollte vielleicht erwähnen, dass (so wird es z. B. in Dantes „Divina Comedia“ Anfang des 14. Jahrhunderts dargestellt) die anständigen Ungläubigen mit unüberwindlicher Unwissenheit auch manchmal in einem ähnlichen Limbus verortet wurden wie die ungetauften Kinder, statt ihnen eine implizite Begierdetaufe zuzuschreiben. Die Höllenstrafen sind ja generell unterschiedlich für die Verdammten; wem man noch die Trennung von Gott durch die Erbsünde zuschrieb, wer sich aber sonst nicht besonders im Hass auf Gott verhärtet hatte o. Ä., dem wurde also eher das Dasein an einem Ort mit wenigen oder keinen speziellen Strafen, möglicherweise mit natürlichem Glück, ohne Anschauung Gottes, zugeschrieben.

Grundsätzlich ist es also so, dass es Heilsmöglichkeiten für Nichtkatholiken gibt, und keiner ohne persönliche Sünde ewige Strafen erleidet. Allerdings ist es auch so, dass, je weiter man von der Wahrheit entfernt ist, es einem desto schwerer fällt, zu Gott zu kommen und das Richtige zu tun. Jemand, der in einer tiefgläubigen russisch-orthodoxen Familie aufwächst, hat es viel leichter, das Gute zu erkennen und auch zu tun, als jemand, der in einer atheistischen oder hinduistischen Familie aufwächst, auch wenn sie alle nicht in der vollkommenen Wahrheit stehen. Die Sakramente des Russisch-Orthodoxen, das Gebet, usw. machen es auch leichter, das, was man als gut erkannt hat, zu tun, dem Drängen des Gewissens zu folgen, während Gottesleugnung und Götzendienst Hindernisse sind. Und auch jemand, der noch nicht von Christus gehört hat, hat die Pflicht, seinen Schöpfer anzuerkennen, den er schon allein durch die Vernunft erkennen kann, und der sich ihm auch in gewisser Weise zeigen wird.

Man kann sich jetzt fragen: Wieso bekommen manche Menschen mehr Gnade von Gott als andere? Auch wenn Gott jedem hinreichende Gnade gibt, dass er in den Himmel kommen könnte, wieso gibt er manchen Leuten (z. B. solchen, die in liebenden katholischen Familien aufwachsen) mehr Gnade als anderen, sodass sie eine größere Wahrscheinlichkeit haben, in den Himmel zu kommen? Da kann man jetzt spekulieren. Vielleicht weiß Gott, dass manche Menschen auch eine größere Gnade verwerfen würden und sich damit umso mehr Schuld zuziehen würden, als wenn sie eine geringere verwerfen, und gibt ihnen deshalb von vornherein nur geringere Gnaden. Vielleicht ist es auch einfach wirklich so, dass Gott uns Einfluss geben will, dass wir durch Liebe zu anderen Menschen (Gebet, Evangelisierung usw.) deren Chancen auf den Himmel wirklich erhöhen können. Das Zusammenwirken von Vorsehung und freiem Willen ist ein tiefes Geheimnis. Aber am Ende ist es ja auch so, dass Gott uns nicht mal die hinreichende Gnade schuldet; Er gibt jedem immer mehr, als er verdient. Und wenn manche noch mehr bekommen – z. B. auch, weil Gott sie für eine besondere Aufgabe erwählt, für die sie auch leiden müssen, wie der Apostel Paulus, der eine besondere Gnade der plötzlichen Bekehrung bekam – dann muss man nicht neidisch sein. Keiner kommt zu kurz, für jeden ist die Gnade wirklich hinreichend.

Tortosa catedral Huguet Transfiguracio JudiciFinal 0006.jpg
Jüngstes Gericht.

So weit mal meine Darstellung der katholischen Lehre, aber weil es ja immer mal wieder bezweifelt wird, wie es mit der Lehre der Kirche früher aussah, ob sie auch da schon lehrte, dass Nichtchristen in den Himmel kommen können, habe ich dazu mal ein paar Texte gesammelt (es gäbe sicher einige mehr; das sind nur einige, die ich zufällig gerade kenne).

Der hl. Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr.:

Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können. (Justin, 1. Apologie 46)

Der Basler Katechismus von 1947 sagt folgendes:

120. Wer gehört zur katholischen Kirche?
Zur katholischen Kirche gehört jeder Getaufte, der sich nicht freiwillig von ihr getrennt hat. Es gibt nur eine Taufe. Die gültige Taufe ist der Eintritt in die Kirche. Gültig ist eine Taufe, wenn das Wasser über die Stirn fließt und die Taufformel verwendet wird: «Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.» Darum ist auch ein Kind zur katholischen Kirche gehörig, das z.B. in der Gemeinschaft der Lutheraner getauft wird. Wer aber aus eigener Schuld wissentlich eine Irrlehre annimmt oder an ihr festhält, zerstört seine lebendige Verbindung mit der Kirche. Wer ohne eigene Schuld in einer nichtkatholischen kirchenähnlichen Gemeinschaft lebt (und also in der Irrlehre), jedoch zur Gnade Gottes gelangt ist, gehört zwar (noch) nicht zum sichtbaren «Leib» der katholischen Kirche, wohl aber zur «Seele» der Kirche, weil er innerlich mit ihr durch das Leben der Gnade verbunden ist.

121. Was heißt: Die katholische Kirche ist alleinseligmachend?
Die katholische Kirche ist alleinseligmachend heißt: Sie allein ist von Christus gestiftet als Arche des Heiles für alle Menschen, und sie allein hat alle Mittel, um heilig zu machen. Christus hat nur eine Kirche gestiftet. Dieser und keiner anderen hat er alle Gnadenmittel zur Heiligung und Erlangung des ewigen Heiles gegeben. Gnadenmittel, welche sich bei anderen Religionsgemeinschaften vorfinden, sind hinübergenommen aus der katholischen Kirche, von der sie sich getrennt haben.

122.Ist es gleichgültig, welcher Kirche man angehört?
Es ist notwendig und Gottes Wille, daß man der katholischen Kirche angehört. Wer erkennt und überzeugt ist, daß die katholische Kirche die wahre Kirche ist und trotzdem nicht in sie eintritt, kann nicht selig werden.

123.Können Andersgläubige auch selig werden?
Andersgläubige können auch selig werden, wenn sie in der heiligmachenden Gnade sterben.
Menschen, die unschuldigerweise die Kirche noch nicht kennen bzw. noch nicht zu ihr gehören, können durchaus auch im Stand der heiligmachenden Gnade sein. Um in dieser Gnade zu sterben, muß man den Willen Gottes erfüllen, wenn man ihn erkennt.
Erklärung: Wenn sie Gott grundsätzlich in allem gehorchen wollen und annehmen, was ihnen das Naturgesetz und das Gewissen als objektiv gut vorstellen, so ist in dieser Haltung unausgesprochen der Wunsch nach dem Empfang der Taufe enthalten, da es der allgemeine Wille Gottes ist, daß man sie empfängt. Es ist möglich, daß Gott ihnen ihre gute Seelenhaltung als implizite Begierdetaufe anrechnet, wenn sie keine Anhänglichkeit an die schwere Sünde pflegen bzw. diese durch eine Liebesreue getilgt haben. (vgl. hierzu auch Frage 176)
Solche Menschen werden nicht durch ihre Irrlehre selig, sondern allein durch die Gnade Christi. Doch fehlen ihnen viele Gnadenmittel, weshalb es für sie schwerer ist, sich zu retten. Darum muß sich die Kirche mit aller Kraft bemühen, alle Menschen zur Wassertaufe zu führen, um ihnen die Tür zu allen Gnadenmitteln zu eröffnen und ihr Heil sicherzustellen.

Hebr 11,6: „Wer Gott nahen will, muß glauben, daß er ist und daß er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist.”
Auch Katholiken können nur selig werden, wenn sie im Stand der Gnade als gehorsame Kinder der Kirche sterben.
Mahnung: «Nichts Ehrenvolleres, nichts Erhabeneres, nichts Ruhmreicheres kann je erdacht werden, als anzugehören der heiligen katholischen römischen Kirche» (Papst Pius XII.).
Schön und wahr sagt der heilige Cyprian (gest. 258): «Der kann Gott nicht zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat.»

Papst Pius IX. schreibt in der Enzyklika „Quanto conficiamur moerore“ von 1863 (hier eine englische Übersetzung, das Zitat ist aus Nr. 7):

Uns und Euch ist bekannt, daß diejenigen, die an unüberwindlicher Unkenntnis in bezug auf unsere heiligste Religion leiden und die, indem sie das natürliche Gesetz und seine Gebote, die von Gott in die Herzen aller eingemeißelt wurden, gewissenhaft beachten und bereit sind, Gott zu gehorchen, ein sittlich gutes und rechtes Leben führen, durch das Wirken der Kraft des göttlichen Lichtes und der göttlichen Gnade das ewige Leben erlangen können, da Gott, der die Gesinnungen, Herzen, Gedanken und Eigenschaften aller völlig durchschaut, erforscht und erkennt, in seiner höchsten Güte und Milde keineswegs duldet, daß irgendjemand mit ewigen Qualen bestraft werde, der nicht die Strafwürdigkeit einer willentlichen Schuld besitzt.

Heribert Jone schreibt in „Katholische Moraltheologie“:

Wer es schuldbarerweise vernachlässigt, den wahren Glauben kennenzulernen, sündigt leicht oder schwer, je nachdem seine Nachlässigkeit leicht oder schwer ist. – Solange aber jemand an seiner bisherigen Religion noch keinen vernünftigen Zweifel hat, besteht auch keine schwere Pflicht, weiter nachzuforschen. – Sind jemand die Glaubenswahrheiten hinreichend zu glauben vorgestellt, so ist Unglaube immer eine schwere Sünde. (Heribert Jone OFMCap, Katholische Moraltheologie auf das Leben angewandt unter kurzer Andeutung ihrer Grundlagen und unter Berücksichtigung des CIC sowie des deutschen, österreichischen und schweizerischen Rechtes, 17. Aufl., Paderborn 1961, Nr. 121, S. 93.)

„Vincibilis [überwindlich] wird die Unwissenheit genannt, wenn sie abgelegt werden könnte unter Anwendung der moralischen Sorgfalt, entsprechend den näheren Umständen der Person und der Sache. Kann sie mit Anwendung einer solchen Sorgfalt nicht abgelegt werden, dann heißt sie invicibilis [unüberwindlich], auch wenn sie bei noch größerer Sorgfalt abgelegt werden könnte.“ (Ebd., Nr. 16, S. 27)

Auch Ludwig Ott schreibt in „Grundriss der Dogmatik“ (11. Auflage) über dieses Thema. Um ihn zu verstehen, ist es notwendig, die theologischen Gewissheitsgrade zu verstehen, die die verschiedenen Lehren der Kirche haben. Ott definiert am Beginn seines Buches u. a. folgendes (Hinzufügungen in eckigen Klammern von mir):

1. Den höchsten Gewißheitsgrad besitzen die unmittelbar geoffenbarten Wahrheiten. Der ihnen gebührende Glaubensassens [Zustimmung] stützt sich auf die Autorität des offenbarenden Gottes (fides divina [göttlicher Glaube]) und, wenn die Kirche durch ihre Vorlage das Enthaltensein in der Offenbarung verbürgt, auch auf die Autorität des unfehlbaren Lehramtes der Kirche (fides catholica [katholischer Glaube]). Wenn sie durch ein feierliches Glaubensurteil (Definition) des Papstes oder eines allgemeinen Konzils vorgelegt werden, sind sie de fide definita [definierten Glaubens].
2. Die katholischen Wahrheiten oder kirchlichen Lehre, über die das unfehlbare Lehramt der Kirche endgültig entschieden hat, sind mit einem Glaubensassens anzunehmen, der sich auf die Autorität der Kirche allein stützt (fides ecclesiastica [kirchlicher Glaube]). Die Gewißheit dieser Wahrheiten ist unfehlbar wie bei den eigentlichen Dogmen.
3. Sententia fidei proxima [dem Glauben nahe, zugehörige Lehre] ist eine Lehre, die von den Theologen fast allgemein als Offenbarungswahrheit angesehen wird, von der Kirche aber noch nicht endgültig als solche verkündet worden ist.
4. Sententia ad fidem pertinens oder theologia certa [Lehre, die sich auf den Glauben bezieht, oder theologisch sichere Lehre] ist eine Lehre, über die sich das kirchliche Lehramt noch nicht endgültig geäußert hat, deren Wahrheit aber durch ihren inneren Zusammehang mit der Offenbarungslehre verbürgt ist (theologische Konklusionen).
5. Sententia communis [allgemein vertretene Lehre] ist eine Lehre, die an sich in das Gebiet der freien Meinungen gehört, von den Theologen aber allgemein vertreten wird.
6. Theologische Meinungen von geringerem Gewißheitsgrad sind die sententia probabilis [wahrscheinliche Meinung], probabilior [wahrscheinlichere], bene fundata [gut fundierte] und die mit Rücksicht auf ihre Übereinstimmung mit dem Glaubensbewußtsein der Kirche sog. sententia pia [fromme Meinung]. Den geringsten Gewißheitsgrad besitzt die opinio tolerata [geduldete Meinung], die nur schwach begründet ist, aber von der Kirche geduldet wird. (Ludwig Ott, Grundriß der katholischen Dogmatik, Neudruck der 11. Auflage mit Literaturnachträgen, Bonn 2005, S. 35)

Dann zum eigentlichen Thema. Darüber schreibt er:

Gott will auch unter der Voraussetzung des Sündenfalles und der Erbsünde wahrhaftig und aufrichtig das Heil aller Menschen. Sent. fidei proxima.
Daß Gott das Heil nicht bloß der Prädestinierten [derer, die am Ende im Himmel enden], sondern wenigstens aller Gläubigen will, ist formelles Dogma.
[…] Der göttliche Heilswille umfaßt wenigstens alle Gläubigen, wie aus dem amtlichen Glaubensbekenntnis der Kirche hervorgeht, in dem die Gläubigen beten: qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de coelis [der für uns Menschen und zu unserem Heil vom Himmel herabgekommen ist]. Daß er sich über den Kreis der Gläubigen hinaus erstreckt, ergibt sich aus der Verurteilung zweier gegenteiliger Sätze durch Alexander VIII. […]

Gott gibt allen schuldlos Ungläubigen (infideles negativi) hinreichende Gnade zur Erlangung des ewigen Heiles. Sent. certa.
Alexander VIII. verurteilte 1690 die jansenistischen Sätze, daß Christus bloß für die Gläubigen gestorben sei und daß die Heiden, Juden und Häretiker keinen Gnadeneinfluß von ihm empfangen.
Die Hl. Schrift bezeugt die Allgemeinheit des göttlichen Heilswillens (1 Tim 2,4; 2 Petr 3,9) und die Allgemeinheit der Erlösungstat Christi (1 Jo 2,2; 2 Kor 5,15; 1 Tim 2,6; Röm 5,18). Damit läßt sich nicht vereinbaren, daß einem großen Teil der Menschheit die zum Heile notwendige und hinreichende Gnade vorenthalten bleibt.
Die Väter deuten Jo 1,9 (illuminat omnem hominem [erleuchtet jeden Menschen]) gerne auf die Erleuchtung aller Menschen, auch der Ungläubigen, durch die göttliche Gnade. Vgl. Johannes Chrysostomus, In Ioan. hom.8,1. Eine patristische Monographie über die allgemeine gnadenspendende Tätigkeit Gottes ist die wahrscheinlich von Prosper von Aquitanien stammende anonyme Schrift De vocatione omnium gentium [Von der Berufung aller Völker] (um 450), die zwischen den Semipelagianern und den Anhängern der augustinischen Gnadenlehre zu vermitteln sucht und mit Entschiedenheit für die Universalität des göttlichen Heilswillens und der Gnadenmitteilung eintritt.
Da der Glaube „der Anfang des Heiles, die Grundlage und Wurzel aller Rechtfertigung ist“ (DH 1532), so ist auch für die Rechtfertigung der Heiden der Glaube unerläßlich. Hebr 11,6: „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Wer zu Gott hinzutritt, muß glauben, daß er ist ist und daß er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist.“ […] Was den Inhalt dieses Glaubens betrifft, so muß nach Hebr 11,6 wenigstens die Existenz Gottes und die Vergeltung im Jenseits necessitate medii [mit der Notwendigkeit des Mittels] mit der fides explicita [mit explizitem Glauben] festgehalten werden. […] Der zur Rechtfertigung erforderliche übernatürliche Glaube kommt dadurch zustande, daß Gott dem Ungläubigen durch äußere oder innere Belehrung die Offenbarungswahrheit zur Kenntnis bringt und ihn durch die aktuelle Gnade zum übernatürlichen Glaubensakt befähigt.
Einwand. Gegen die Allgemeinheit des göttlichen Heilswillens wird eingewendet, daß Gott das Heil der ohne Taufe sterbenden Kinder nicht ernst und aufrichtig will. Darauf ist zu erwidern: Gott ist auf Grund seines Heilswillens nicht verpflichtet, durch ein wunderbares Eingreifen alle einzelnen Hindernisse zu beseitigen, die sich in der von ihm geschaffenen Weltordnung aus dem Zusammenwirken geschöpflicher Zweitursachen mit der göttlichen Erstursache ergeben und in vielen Fällen die Durchführung des göttlichen Heilswillens vereiteln. Es besteht auch die Möglichkeit, daß Gott den ohne Taufe sterbenden Kindern auf außerordentlichem Wege die Erbsünde nachläßt und die Gnade mitteilt, da seine Kraft nicht an die Gnadenmittel der Kirche gebunden ist. Die Wirklichkeit einer derartigen außersakramentalen Gnadenmitteilung läßt sich jedoch nicht positiv beweisen.“ (Ebd., S. 342-346)

An anderer Stelle schreibt er noch:

Die Seelen, die im Stande der Erbsünde aus dem Leben scheiden, sind von der beseligenden Anschauung Gottes ausgeschlossen. De fide.
[…] Das Dogma stützt sich auf das Wort des Herrn: „Wenn jemand nicht (wieder)geboren wird aus dem Wasser und dem (Hl.) Geist kann er nicht in das Reich Gottes eingehen“ (Jo 3,5).
Auf außersakramentale Weise kann die Wiedergeburt der Unmündigen durch die Bluttaufe erfolgen (vgl. die Opfer des bethlehemitischen Kindermordes). Im Hinblick auf den allgemeinen Heilswillen Gottes (1 Tim 2,4) nehmen viele Theologen der Neuzeit und insbesondere der Gegenwart noch andere Ersatzmittel der Taufe für die ohne sakramentale Taufe sterbenden Kinder an, wie Gebet und Verlangen der Eltern oder der Kirche (stellvertretende Begierdetaufe – Cajetan) oder Erlangung des Vernunftgebrauchs im Augenblick des Todes, so daß das sterbende Kind sich für oder gegen Gott entscheiden könne (Begierdetaufe – H. Klee) oder Leiden und Tod des Kindes als Quasi-Sakrament (Leidenstaufe – H. Schell). Diese und andere Ersatzmittel der sakramentalen Taufe sind wohl möglich, doch kann ihre Tatsächlichkeit aus der Offenbarung nicht bewiesen werden. (Ebd., S. 178)

Erzbischof Marcel Lefebvre, der Gründer der traditionalistischen Piusbruderschaft, schreibt 1984 in „Offener Brief an die ratlosen Katholiken“:

Und doch hat sich in diesem Punkt nichts geändert und kann sich auch nichts ändern. Unser Herr hat nicht mehrere Kirchen gegründet, Er hat nur eine einzige gegründet. Es gibt nur ein einziges Kreuz, durch das man sich retten kann, und dieses Kreuz ist der katholischen Kirche anvertraut, nicht auch den anderen.
Christus hat alle Seine Gnaden der Kirche gegeben die Seine mystische Braut ist. Keine einzige Gnade auf der Welt, nicht eine einzige Gnade in der Geschichte der Menschheit wird gewährt werden außer über die Kirche.

Soll das heißen, daß kein Protestant, kein Moslem, kein Buddhist, kein Animist gerettet wird? Nein! So zu denken ist ein zweiter Irrtum. Jene, die bei den Worten des hl. Cyprian „Außerhalb der Kirche kein Heil“ nach Intoleranz schreien, verwerfen das Credo: „Ich glaube an die eine Taufe zur Vergebung der Sünden“ und sind ungenügend über das belehrt, was die Taufe wirklich ist. Es gibt drei Arten, die Taufe zu empfangen: die Taufe mit Wasser, die Bluttaufe (das ist die Taufe der Märtyrer, die ihren Glauben bekannt haben, während sie noch Katechumenen waren) und die Begierdetaufe.
Die Begierdetaufe kann explizit (ausdrücklich ausgesprochen) sein. Oft hat in Afrika ein Katechumene zu uns gesagt: „Pater, taufen Sie mich jetzt gleich, denn wenn ich vor Ihrem nächsten Besuch sterbe, komme ich in die Hölle.“ Wir haben ihm geantwortet: „Nein, wenn Du keine schwere Sünde auf dem Gewissen hast und wenn Du den Wunsch hast, getauft zu werden, hast Du schon die Gnade in Dir“.
So lautet die Lehre der Kirche, die auch die implizite (stillschweigende) Begierdetaufe anerkennt. Sie beruht auf dem Entschluß, den Willen Gottes erfüllen zu wollen. Gott kennt alle Seelen und weiß daher, daß es bei den Protestanten, den Moslems, den Buddhisten und in der ganzen Menschheit Seelen gibt, die guten Willens sind. Sie empfangen die Taufgnade, ohne es zu wissen, aber auf wirksame Weise. Dadurch vereinigen sie sich mit der Kirche.
Der Irrtum besteht in dem Glauben, daß sie sich durch ihre Religion retten. Sie retten sich in ihrer Religion, aber nicht durch ihre Religion. Man rettet sich nicht durch den Islam oder durch den Shintoismus. Es gibt im Himmel keine buddhistische Kirche; auch keine protestantische Kirche. Das mag, wenn man es hört, hart erscheinen, aber es ist die Wahrheit. Nicht ich habe die Kirche gegründet, unser Herr hat sie gegründet, der Sohn Gottes, und wir Priester sind verpflichtet, die Wahrheit zu sagen.
Aber wie groß sind die Schwierigkeiten, die die Menschen der nicht vom Christentum durchdrungenen Länder überwinden müssen, um die Gnade der Begierdetaufe zu erlangen! Der Irrtum ist eine Abschirmung gegen den Heiligen Geist. Das ist der Grund, warum die Kirche immer in alle Länder der Erde Missionare gesandt hat und daß so viele von ihnen dort das Martyrium erlitten haben. Wenn man das Heil in jeder beliebigen Religion erlangen könnte, wozu sollte man dann die Meere überqueren und sich unter gesundheitsschädigendem Klima einem harten Leben, Krankheit und frühem Tod aussetzen? (Marcel Lefebvre, Offener Brief an die ratlosen Katholiken, 3. Aufl., Stuttgart 2012, S. 92f.)

Dazu kommt natürlich, dass es auch schon viel nützt und viel Glück bringt, wenn man im jetzigen Leben die Wahrheit kennt, auch wenn Gott es einem im kommenden Leben nachsehen würde, sie nicht gekannt zu haben. Gottes Liebe kann man nie zu früh kennenlernen.

Um das Ganze zusammenzufassen: Die Erlösung geht nur durch Jesus; aber nicht zwangsläufig nur durch bewusste Kenntnis von Jesus. Extra ecclesiam nulla salus, außerhalb der Kirche kein Heil, aber man kann schon unbewussterweise zur Seele der Kirche gehören.

Über das Ausgeliefertsein

Manchmal geht es mir ja gesundheitlich nicht so gut; und wenn ich dann nicht rechtzeitig Schmerztabletten nehme, muss ich eine Viertelstunde oder halbe Stunde ziemliche Schmerzen aushalten. Und auch wenn dann die Tablette wirkt, fühle ich mich erst einmal noch unwohl und zittrig. Das ist kein Dauerzustand bei mir, glücklicherweise, aber wenn es so ist, ist es einfach schlimm, und das auch wegen diesem Gefühl des Ausgeliefertseins. Erst mal muss man durch die Schmerzen durch, Schreien hilft auch nicht. Man denkt sich, man muss doch etwas tun können, und man kann ja auch die Tabletten nehmen, und, wenn das akute Problem vorbei ist, einen neuen Termin beim Arzt ausmachen (und glücklicherweise wurde bei mir nach vielen Jahren endlich von den Ärzten entdeckt, was ich habe, nämlich eine Endometriose, bei der man immer mal wieder operieren muss). Aber bis zu einem gewissen Grad ist man einfach seinem Körper ausgeliefert, der einen angreift. Und dem Körper ist es ganz egal, ob man sich denkt „ich halte das nicht mehr aus“, man muss es einfach aushalten.

Ein ähnliches Gefühl habe ich öfter in Bezug auf die Politik, nur hier weniger akut und mit mehr Angst vor dem Unbekannten gekoppelt. Man weiß nicht, wie es mit diesem ganzen Coronawahnsinn weitergeht, und ob unsere Herrscher ihre neuen Sonderbefugnisse nicht auch noch für andere Dinge nutzen werden, wenn sie merken, dass sie damit durchkommen, z. B. ein social credit system nach dem Vorbild Chinas einführen werden, und die Politik wird auch tendenziell immer christenfeindlicher. Wenn man in die Geschichte schaut, gab es alle paar Jahrzehnte Katastrophen und großflächige Grausamkeiten; wer kann garantieren, dass wir im Lauf unserer restlichen Lebenszeit so etwas entkommen? Niemand; und mit allem, was man politisch machen kann – wählen, auf Demos gehen, Petitionen unterschreiben – wird man persönlich sehr wenig Einfluss haben.

Und dann sind da die letzten Dinge, der Tod und die direkte, endgültige Konfrontation mit Gott, die auch für so ein Gefühl des Ausgeliefertseins sorgen. Irgendwann wird man sterben, früher oder später, und dann Gott auf eine Weise gegenüberstehen, die man sich jetzt nicht recht vorstellen kann. Und man kann sich ja letztlich doch nicht hundertprozentig sicher sein, wie man zu Gott steht, und ob man sich etwas vormacht. Vielleicht kommt man direkt in den Himmel (die Kirche bietet uns ja glücklicherweise auch die einfache Möglichkeit, einen vollkommenen Ablass in der Todesstunde zu erwerben), vielleicht aber auch nicht, und die Fegefeuerzeit wird man einfach aushalten müssen, man selber kann dann nichts daran ändern. Vielleicht werden andere für einen beten, aber man selber wird vollkommen hilflos sein, bis alles gesühnt und gereinigt ist, und das Fegefeuer soll ja nach einigen Meinungen und Visionen unserer Heiligen nicht so schön sein. Und vielleicht kommt man auch weder direkt noch über diesen Umweg in den Himmel, sondern in die Hölle. Und da muss man nicht nur hilflos abwarten, sondern es wird niemals ein Entrinnen geben. Ob in einem tieferen oder weniger tiefen Höllenkreis: Dieser Zustand wird ewig dauern. „Ihr, die ihr hier eintretet: Lasst alle Hoffnung fahren.“

Natürlich ist man für all das selber verantwortlich, aber auch hier ist man in einem gewissen Sinne ausgeliefert: Gottes Wesen und Ansprüche sind einfach so, wie sie sind, und man kann mit Ihm nicht verhandeln, Ihn nicht täuschen, oder von Ihm eine andere Alternative verlangen (z. B. dass man aufhören möchte, überhaupt zu existieren, oder in einem neutralen, weder angenehmen noch unangenehmen, Zustand weiterleben möchte). Man muss Gottes Bedingungen erfüllen, und Punkt.

Aber letztlich muss das so gut sein. Denn Gott ist gut, und Gott liebt uns mehr, als wir uns selber lieben können; und am Ende wird nur Er am besten wissen, was gerecht ist, und uns mit Gerechtigkeit und Güte behandeln. Und auch, wenn man Angst davor hat, das zu bekommen, was man verdient (wer hätte die nicht, wenn er ernsthaft drüber nachdenkt?): Gott wird immer gnädiger mit einem sein und einem mehr geben, als man verdient, wenn man nur Reue hat. Ganz praktisch: Wer sich als Katholik halbwegs bemüht, wird normalerweise vertrauen dürfen, dass Gott ihn zumindest vor der Hölle bewahrt. (Hier noch mal was zum Thema Zahl der Erlösten/Verdammten.) Und wer in die Hölle kommt, wird sie wirklich verdienen, weil er sich wirklich in seiner Gehässigkeit verschlossen und gegen Gott gestellt hat, und wird auch genau die Sorte Hölle verdienen, die er bekommt.

Und auch alles andere hat Gott in der Hand, auch Politik und Krankheiten, und Er hat Seine Gründe, wieso Er hier manche natürlichen Übel und böse Taten durch Menschen zulässt. Manchmal fällt es einem auf, wie Gott die Dinge lenkt. (Z. B. hat ein nicht idealer Umstand in meinem Leben inzwischen dazu geführt, dass ich zu meiner jetzigen FSSPX-Gemeinde gefunden habe, und einer Freundin helfen konnte.) Aber oft fällt es einem nicht auf, und da muss man praktisch auf das vertrauen, wovon man theoretisch längst weiß, dass es vertrauenswürdig und wahr ist. Ich habe jetzt angefangen, bei meinem Abendgebet auch jedes Mal ausdrücklich zu Gott zu sagen: Ich vertraue auf dich. Es muss besser so sein, dass Gott entscheidet, und wir unser Schicksal weder komplett bestimmen noch in die Zukunft schauen können; am Ende würden wir nur alles ruinieren. Natürlich sind wir ausgeliefert; aber wir sind der Liebe in Person ausgeliefert.

Und vielleicht hilft es ja dabei, das zu verinnerlichen, wenn man es sich selber in einem Blogartikel predigt.

PS: Und wenn ich es mir mal so überlege, wahrscheinlich hat sich niemand je so ausgeliefert gefühlt wie Jesus am Ölberg, gerade auch, weil Er wusste, dass Er die Entscheidung zu Seinem Leiden selbst traf und nicht anders treffen wollte, aber sämtliche Leiden in all ihrer Grausamkeit genau vorherwusste.

Datei:Josef Untersberger - Christus am Ölberg.jpg
Josef Untersberger, Christus am Ölberg

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 9: Endzeit, Wiederkunft Christi und Weltgericht

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Mt 24-25; Lk 21; Mk 13; Offb; 1 Kor 15,51-53; 1 Thess 4,15-17; 2 Thess 2; Dan 7.

Über die Wiederkunft Christi, die stetige Wachsamkeit wegen des unbekannten Zeitpunkts, die Schwierigkeiten der Endzeit, die Tyrannei des Antichrists vor der Wiederkunft des Herrn usw. finden sich etliche Aussagen bei den frühen Christen. Sie glaubten auch (ebenso wie Christen heute) daran, dass dann die leibliche Auferstehung der Toten (wobei ihre Körper sich wieder mit ihren Seelen vereinen) und das Jüngste Gericht, bei dem die Guten und Bösen öffentlich vor allen geschieden werden, folgen werden.

In der Didache, einer Gemeindeordnung von ca. 100 n. Chr., heißt es ganz am Ende über die Prüfungen und Leiden der Endzeit und dann über die Wiederkunft Christi:

„‚Wachet‘ für euer Leben; ‚eure Lampen sollen nicht ausgehen und der Gurt um eure Lenden‘ soll sich nicht lockern, ’seid vielmehr bereit, denn ihr wisset nicht die Stunde, in der unser Herr kommt‘. Ihr sollt fleißig zusammenkommen, indem ihr nach dem strebet, was euren Seelen zukommt; denn es wird euch die ganze Zeit des Glaubens nichts nützen, wenn ihr nicht in der letzten Stunde vollkommen seid. Denn in den letzten Tagen werden sich mehren die falschen Propheten und die Verderber, und die Schafe werden zu Wölfen umgewandelt, und die Liebe wird verwandelt werden in Hass. Wenn nämlich die Gesetzwidrigkeit sich steigert, werden sie einander hassen, verfolgen und ausliefern, dann wird erscheinen der Verführer der Welt, wie der Sohn Gottes wird er auch ‚Zeichen und Wunder tun‘, und die Erde wird in seine Hände überliefert werden, und er wird Greuel verüben, wie sie von Ewigkeit her noch nicht geschehen sind. Dann wird das Geschlecht der Menschen kommen in das Feuer der Prüfung, und ‚viele werden Ärgernis nehmen‘ und zugrunde gehen; die aber ausharren in ihrem Glauben, werden von dem (durch die Verführer) Verfluchten selbst ‚gerettet werden‘. ‚Und dann werden die Zeichen der Wahrheit erscheinen; zuerst das Zeichen, dass der Himmel sich auftut, dann das Zeichen des Trompetenschalles‘ und das dritte: die Auferstehung der Toten, aber nicht aller, sondern, wie gesagt ward: ‚Kommen wird der Herr und alle Heiligen mit ihm‘. ‚Dann wird die Welt den Herrn kommen sehen auf den Wolken des Himmels‘.“ (Didache 16)

Papst Clemens von Rom schreibt um 95 n. Chr.:

„Wahrhaftig, schnell und plötzlich wird sein Wille Vollendung finden, da ja auch die Schrift selbst hierfür Zeugnis gibt: ‚Schnell wird er kommen und nicht zögern, und plötzlich wird einziehen der Herr in seinen Tempel und der Heilige, den ihr erwartet‘.“ (1. Clemensbrief 23,5)

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. in seinen Briefen folgendes:

„Die letzten Zeiten sind da; deshalb wollen wir auf der Hut sein und Furcht haben vor Gottes Langmut, dass sie uns nicht zum Gerichte werde. Entweder müssen wir Furcht haben vor dem kommenden Zorn oder die gegenwärtige Gnade lieben, eins von beiden, nur dass wir in Christus Jesus erfunden werden zum wahren Leben.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 11,1)

„Lerne die Zeiten kennen. Den erwarte, der über der Zeit ist, den Zeitlosen, den Unsichtbaren, der unseretwegen sichtbar geworden, den Unbetastbaren, den Leidenlosen, der unseretwegen gelitten hat, der auf alle Arten unseretwegen geduldet hat.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 3,2)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. in einer Schrift, in der er den christlichen Glauben gegenüber den Heiden verteidigt:

„Die Propheten haben nämlich ein zweimaliges Kommen Christi vorhergesagt, das eine, das schon der Geschichte angehört, als das eines mißachteten und leidensfähigen Menschen, das andere aber, wenn er ihrer Verkündigung gemäß in Herrlichkeit vom Himmel her mit seiner Engelschar erscheinen wird, wenn er auch die Leiber aller Menschen, die je gelebt haben, wieder auferwecken und die der Würdigen mit Unverweslichkeit bekleiden, die der Ungerechten aber in ewiger Empfindungsfähigkeit mit den bösen Geistern ins ewige Feuer verweisen wird.“ (Justin, 1. Apologie 52)

In einer Fortsetzung dieser Schrift schreibt er:

„Darum, nämlich um der zarten Saat des Christentums willen, das Gott als Grund für den Fortbestand der Natur ansieht, verzögert er den Untergang und die Zerstörung der ganzen Welt, durch die dann auch die bösen Engel, Dämonen und Menschen ihr Ende finden würden. Wenn das nicht wäre, so könntet auch ihr nicht mehr solches tun und euch von den bösen Dämonen als Werkzeuge gebrauchen lassen; es hätte vielmehr das herniederfahrende Feuer des Gerichtes schonungslos allein ein Ende gemacht, wie einst die große Flut, die niemanden übrig ließ als den Noe allein mit den Seinen; so nennen wir jenen, während er bei euch Deukalion heißt, von dem dann wieder so viele Menschen entstammt sind, teils schlechte, teils gute.“ (Justin, 2. Apologie 6)

Und in einem Dialog mit einem Juden namens Tryphon sagt er:

„Wenn sich aber zeigt, daß seine Leidensmacht von solchen Wundern begleitet wurde und begleitet ist, wie groß sind erst die Wunder, wenn er in Herrlichkeit erscheint? Denn, wie Daniel offenbarte, wird er als Menschensohn auf den Wolken unter Begleitung von Engeln kommen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 31,1)

Auf die jüdische Ansicht, dass Jesus nicht der Messias gewesen sei, weil er nicht in Macht und Herrlichkeit gekommen sei, erwidert er, dass von den Propheten sowohl ein Leiden als auch ein Triumph des Messias vorhergesagt worden war:

„Die Toren, nicht verstehen sie, was immer wieder dargetan worden ist, daß es nämlich nach den Prophezeiungen zwei Parusien von ihm gibt; bei der einen leidet er, ist er der Herrlichkeit und der Ehre beraubt und wird er gekreuzigt gemäß der Verkündigung; bei der anderen wird er in Herrlichkeit vom Himmel erscheinen. Diese tritt dann ein, wenn der Mann der Apostasie, der auch gegen den Höchsten Ungehöriges predigt, auf Erden Sündhaftes gegen uns Christen wagt, die wir von dem Gesetze und dem Worte, das aus Jerusalem durch Jesu Apostel ausging, Gottesverehrung gelernt und zu dem Gotte Jakobs und dem Gotte Israel unsere Zuflucht genommen haben.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 110,2)

Im 2. Clemensbrief heißt es:

„Wisset nämlich, dass bereits der Tag des Gerichtes kommt wie ein glühender Ofen, und ein Teil der Himmel wird schmelzen, und die ganze Erde (wird sein) wie Blei, das auf dem Feuer schmilzt, und dann werden sichtbar werden die geheimen und offenen Werke der Menschen.“ (2. Clemensbrief 16,3)

„Denn der Herr hat gesagt: ‚Ich komme, um alle Völker, Stämme und Sprachen zu versammeln.‘ Damit meint er den Tag seines Erscheinens, wenn er kommen und uns erlösen wird, jeden nach seinen Werken. Und sehen werden seine Herrlichkeit und seine Macht die Ungläubigen, und sie werden verwundert anstaunen das Weltreich Jesu und sagen: Wehe uns, da du warst, und wir wussten es nicht und glaubten nicht und gehorchten nicht den Presbytern, die uns von unserem Heile predigten; und ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen, und sie werden am Pranger stehen für jegliches Fleisch. Er meinte jenen Tag des Gerichtes, wenn sie diejenigen sehen werden, die unter uns gottlos lebten und die Gebote Jesu Christi übertraten. Wenn aber die Gerechten, die Gutes taten, die Prüfungen bestanden und die Lüste der Seele hassten, sehen, wie die vom Ziele Abgeirrten, die in Wort und Tat Jesus verleugneten, mit schrecklichen Qualen durch das unauslöschliche Feuer gepeinigt werden, werden sie ihren Gott verherrlichen und sprechen: Gute Hoffnung wird sein für den, der Gott aus ganzem Herzen gedient hat.“ (2. Clemensbrief 17,4-7)

Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr.:

„Aber für alle zumal ist er der Erhalter und Ernährer, der König und Richter. Denn niemand wird seinem Gerichte entrinnen, nicht Jude noch Heide und kein Sünder aus den Reihen der Gläubigen und kein Engel. Diejenigen, welche jetzt seiner Güte nicht vertrauen, werden im Gerichte seine Macht erkennen, gemäß dem Worte des Apostels: ‚Du weißt nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße führt, sondern sammelst in Halsstarrigkeit und Unbußfertigkeit des Herzens den Zorn für den Tag der Rache und der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken.'“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 8)

„Auferstanden und erhöht verharrt er zur Rechten des Vaters bis zur vom Vater festgesetzen Stunde des Gerichts über alle seine Feinde nach ihrer Unterwerfung. Die Zahl seiner Feinde in ihrer Gesamtheit besteht aus den abgefallenen Engeln, Erzengeln, Mächten und Thronen, welche die Wahrheit mißachten.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 85)

Über den Antichrist, der in der Endzeit auftreten soll, schreibt Irenäus:

„Weiterhin erweist sich auch aus dem, was unter dem Antichrist geschehen soll, daß der Apostat und Räuber als Gott verehrt werden und als König ausgerufen werden will, obwohl er doch ein Sklave ist. Indem nämlich jener alle Kraft des Teufels annehmen wird, wird er nicht als gerechter König kommen, nicht als gesetzmäßiger in der Unterwerfung unter Gott, sondern als ein ungerechter, gesetzloser, gottloser, als Apostat, Übeltäter, Menschenmörder und Räuber, der die Apostasie des Teufels in sich rekapituliert. Die Götzen wird er abtun und sich selbst als Gott ausgeben, sich als den einzigen Götzen erheben, der in sich den mannigfachen Irrtum der übrigen Götzenbilder enthält, damit die, welche in mancherlei Greueln den Teufel anbeten, ihm in dem einen Götzen dienen. Von ihm spricht der Apostel in dem zweiten Thessalonicherbriefe, wenn er sagt: ‚Zuerst muß der Abfall kommen und der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, offenbar werden, der bekämpft und sich erhebt über alles, was Gott heißt oder als Gott verehrt wird, so daß er sitzet im Tempel Gottes, indem er sich selbst zeigt, gleich als ob er Gott sei.‘ Deutlich also hat der Apostel seine Apostasie kundgetan und verkündet, dass er sich über alles, was Gott heißt, erheben wird, oder was als Gott verehrt wird, d. h. über alle Götzenbilder — denn diese werden von den Menschen so genannt, sind es aber nicht —, und daß er nach Tyrannenart versuchen wird, sich als Gott zu zeigen.

Ferner lehrt er auch offenkundig, was wir schon vielfach gezeigt haben, daß der Tempel zu Jerusalem auf Anordnung des wahren Gottes erbaut wurde. Denn der Apostel nennt für seine Person ihn ausdrücklich den Tempel Gottes. Wir haben aber im dritten Buche gezeigt, daß die Apostel für ihre Person niemand Gott nennen als den, welcher in Wahrheit Gott ist, den Vater unseres Herrn, auf dessen Befehl der Tempel in Jerusalem aus den angegebenen Gründen gebaut worden ist. Hier wird der Feind sitzen und versuchen, sich als Christus auszugeben, wie der Herr spricht: ‚Wenn ihr aber sehen werdet den Greuel der Verwüstung, welcher durch den Propheten Daniel verkündet ist, der auf dem heiligen Orte steht, wer es liest, verstehe es, dann mögen fliehen, die in Judäa sind, auf die Berge, und wer auf dem Dache ist, steige nicht herab, etwas aus dem Hause zu holen. Es wird nämlich dann eine große Angst sein, wie sie nicht geschehen ist vom Anfang der Welt bis jetzt, noch geschehen wird.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,25,1-2)

Außerdem schreibt er über die Zahl 666, die in der Offenbarung des Johannes (Offb 13,18: Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert des Tieres. Denn es ist die Zahl eines Menschennamens; seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig“) mit dem Antichrist verbunden wird (im Griechischen konnten die Buchstaben auch Zahlen bedeuten, und jeder Name konnte daher auch als Zahl, nämlich als Quersumme seiner einzelnen Buchstaben, gelesen werden).

„Wenn daher am Ende die Kirche plötzlich erhöht werden wird, dann wird, wie geschrieben steht, ‚eine Trübsal sein, wie sie von Anfang an nicht gewesen ist, noch sein wird‘. Das ist nämlich der letzte Kampf der Gerechten, in welchem die Sieger mit Unverweslichkeit gekrönt werden.

Deshalb ist das ‚kommende Tier‘ die Zusammenfassung aller Ungerechtigkeit und allen Truges, damit in ihm der Abschluß und die Summe aller apostatischen Macht in den Feuerofen geworfen wird. Entsprechender Weise nun wird auch sein Name die Zahl 666 aufweisen, indem sie in sich alle Bosheit zusammenfaßt, die vor der Sintflut gewesen ist und eine Folge der Apostasie der Engel war. Noe nämlich war 600 Jahre alt, als die Sintflut über die Erde hereinbrach und die Empörung der Erde wegen des ganz verdorbenen Geschlechtes hinwegschwemmte, das zu Noes Zeiten lebte. Und dann rekapitulierte es auch den gesamten Greuel der Götzenbildner nach der Sintflut und die Ermordung der Propheten und die Verbrennung der Gerechten. Denn das von Nabuchodonosor errichtete Götzenbild war 60 Fuß hoch und 6 Ellen breit; und seinetwegen wurden Ananias, Azarias und Misael, die es nicht anbeteten, in den Feuerofen geworfen, indem sie durch ihr Schicksal auf die Verbrennung der Gerechten am Ende der Zeiten hinwiesen. Das Bild als solches aber wies hin auf die Ankunft jenes, der von allen Menschen überhaupt als der Einzige angebetet werden wollte. Die 600 Jahre des Noe also, unter dem die Sintflut wegen der Apostasie hereinbrach, und die Ellenzahl des Bildes, dessentwegen die Gerechten in den Feuerofen geworfen wurden, weist auf die Namenszahl dessen hin, in dem alle Apostasie, Ungerechtigkeit, Bosheit, Pseudoprophetie und List der sechstausend Jahre rekapituliert wird, derentwegen die Feuerflut hereinbrechen wird.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,29,1-2)

„So also verhält sich die Sache, und in allen bewährten und alten Handschriften findet sich diese Zahl; und die, welche Johannes von Angesicht zu Angesicht gesehen haben, bezeugen es, und die Rechnung lehrt es, daß die Namenszahl des Tieres nach griechischer Zählung in den einzelnen Buchstaben die Zahl 666 ergibt, in der die Zehner gleich den Hunderten und die Hunderte gleich den Einern sind. Die Zahl 6, dreimal wiederholt, stellt die Rekapitulation der gesamten Apostasie im Anfang, in den mittleren Zeiten und am Ende dar. So weiß ich nicht, wie einige irrtümlicher Weise, die Zahl um 50 vermindernd, auf 616 gekommen sind. Doch vermute ich einen Fehler der Abschreiber, die den gewöhnlichen griechischen Buchstaben, der 60 bedeutet, für Jota, d. h. 10, genommen haben. Dann haben die einen das ohne Untersuchung angenommen, die andern schlecht und recht den Zehner beibehalten; andere aber wagten dann in ihrer Unwissenheit, auch Namen aufzusuchen, welche diese falsche und irrtümliche Zahl aufweisen. Die nun arglos und in Einfalt dies getan haben, denen wird es Gott Ja verzeihen. Die aber eitlen Ruhmes halber Namen mit dieser falschen Zahl aufstellen, und den von ihnen erfundenen Namen als den Namen desjenigen ausgeben, der da kommen soll, die werden nicht straflos ausgehen, da sie sich selbst und ihre Anhänger verführt haben. Zunächst besteht ihre Strafe darin, daß sie eben von der Wahrheit abgewichen sind und das nicht Seiende als wirklich annehmen; sodann wird notwendig keine geringe Strafe den treffen, der zu der Schrift etwas hinzusetzt oder von ihr etwas fortnimmt. Und schließlich besteht keine geringe Gefahr für die, welche sich fälschlich einbilden, seinen Namen zu wissen. Wenn er nämlich in Wirklichkeit einen andern Namen haben wird, als sie glauben, dann werden sie leicht von ihm verführt werden, so als ob der noch gar nicht da wäre, vor dem sie sich geziemend hüten sollten. […]

Wissen sie aber die von der Schrift angegebene zuverlässige Zahl, d. h. 666, dann mögen sie zunächst die Teilung des Reiches unter die 10 Könige abwarten. Wenn dann diese regieren und anfangen, ihre Sachen auszuführen und ihr Reich zu mehren, und alsdann unvermutet der kommt, der die Herrschaft an sich reißt und die Vorgenannten in Schrecken setzt und den Namen mit der genannten Zahl führt, dann mögen sie diesen in Wahrheit als den Greuel der Verwüstung erkennen. […]

Sicherer und gefahrloser ist es also, die Erfüllung dieser Prophetie abzuwarten, als allerlei Namen zu vermuten und zu weissagen. Gibt es doch viele Namen der genannten Zahl, und somit kommt die Sache nicht weiter. Denn wenn es viele Namen gibt, welche diese Zahl aufweisen, dann bleibt immer die Frage offen, welchen von diesen er führen wird. Dies sagen wir nicht aus Mangel an solchen Namen, sondern aus Gottesfurcht und Liebe zur Wahrheit. Der Name Eythanos hat die gesuchte Zahl, doch wollen wir darüber nichts sagen. Lateinos hat auch die Zahl 666, und es ist sehr wahrscheinlich, daß das letzte Reich so heißen wird. Denn die Lateiner herrschen heute, doch wollen wir uns dessen nicht rühmen. Aber am meisten von allen Namen, die sich bei uns vorfinden, ist der Name Teitan glaubwürdig, die erste Silbe mit den beiden griechischen Vokalen e und i geschrieben. Er weist die genannte Zahl auf und hat sechs Buchstaben, indem jede Silbe aus drei Buchstaben besteht, und ist alt und abgelegen. Denn keiner von unsern Königen hieß Titan, noch trug einer von den griechischen oder barbarischen Götzen diesen Namen. Trotzdem gilt er bei vielen als göttlich, so dass bei den Modernen die Sonne Titan genannt wird, und enthält auch einen gewissen Hinweis auf Rache und einen Rachebringer, weil jener sich den Anschein gibt, die schlecht Behandelten zu rächen. Und auch sonst ist es ein alter, glaubwürdiger, königlicher oder vielmehr tyrannischer Name. Da also der Name Titan soviel Gründe für sich hat, so hat nach all dem es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß der, welcher kommen wird, vielleicht Titan genannt wird. Doch wollen wir uns nicht in Gefahr begeben und den Anschein erwecken, als ob wir über den Namen des Antichrists etwas Bestimmtes wüßten. Läge nämlich für die Verkündigung desselben im gegenwärtigen Zeitpunkt eine Notwendigkeit vor, dann wäre er gewiß durch den gemeldet worden, der die Apokalypse geschaut hat. Das ist aber vor gar nicht langer Zeit geschehen, sondern soeben erst am Ende der Regierung des Domitian.

Diese Namenszahl offenbarte er, damit wir uns vor seinem Kommen hüten und wissen, wer er ist. Seinen Namen aber hat er verschwiegen, weil er nicht würdig ist, vom Hl. Geiste verkündet zu werden. Wäre er verkündet worden, dann würde er vielleicht für lange bleiben. Nun aber ‚war er und ist nicht, er wird aufsteigen aus dem Abgrunde und geht ins Verderben‘, gleich als ob er nicht wäre. So ist auch sein Name nicht verkündet worden, denn was nicht ist, davon wird auch der Name nicht verkündet. Wenn aber dieser Antichrist alles auf dieser Welt verwüstet haben wird, indem er drei Jahre und sechs Monate regierte und in dem Tempel zu Jerusalem thronte, dann wird der Herr vom Himmel in den Wolken in der Herrlichkeit des Vaters kommen. Jenen wird er samt seinem Anhang in den Feuerpfuhl werfen, für die Gerechten aber wird er die Zeiten des Reiches herbeiführen, d. h. die Ruhe, den heiligen siebenten Tag; wiederherstellen wird er die dem Abraham versprochene Erbschaft, und in diesem Reiche werden nach dem Worte des Herrn ‚viele vom Aufgang und Untergang kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,30,1-4)

Interessant ist auch die „Offenbarung des Petrus“. Entstanden vermutlich in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, gab sie sich als Schrift des Apostels Petrus aus. Ihr Status war umstritten; der Kanon Muratori erkennt sie als Teil der Bibel an; letztlich wurde sie aber nicht in den Kanon aufgenommen. Dennoch wurde sie als rechtgläubig betrachtet.

In diesem Text ist Jesus mit den Aposteln auf dem Ölberg und erklärt ihnen Dinge über das Weltgericht, die Hölle und den Himmel. Dabei zitiert die Petrusapokalypse die kanonischen Evangelien und schmückt deren Texte aus. Ein falscher Messias (der Antichrist) wird für die Endzeit angekündigt, der vor der Wiederkunft Jesu auftreten soll. Ausführlich geht es dann um die leibliche Auferstehung der Toten, und darum, dass alle, die so auferstanden sind, zum Gericht zitiert werden. Ebenso wie bei Paulus wird hier auch eine Bekehrung vieler Juden am Ende der Zeiten vorhergesagt.

„Und indem er auf dem Ölberg saß, traten zu ihm die Seinigen, und wir beteten ihn an und flehten einzeln ihn an und baten ihn, indem wir zu ihm sagten: ‚Tue uns kund, was die Zeichen deiner Parusie [Wiederkunft] und des Endes der Welt sind, damit wir erkennen und merken die Zeit deiner Parusie und die nach uns Kommenden unterweisen, denen wir das Wort deines Evangeliums predigen und die wir in deiner Kirche einsetzen, damit sie, wenn sie es hören, sich in acht nehmen, daß sie merken die Zeit deiner Parusie.‘ Und unser Herr antwortete uns, indem er zu uns sagte: ‚Gebt acht, daß man euch nicht verführe und daß ihr nicht Zweifler werdet und anderen Göttern dienet. Viele werden kommen in meinem Namen, indem sie sagen: ‚Ich bin Christus.‘ Glaubet ihnen nicht und nähert euch ihnen nicht. Denn die Parusie des Gottessohnes wird nicht offenbar sein, sondern wie der Blitz, der scheint vom Osten bis zum Westen, so werde ich kommen auf der Wolke des Himmels mit großem Heer in meiner Herrlichkeit; indem mein Kreuz vor meinem Angesicht hergeht, werde ich kommen in meiner Herrlichkeit; indem ich siebenmal so hell wie die Sonne leuchte, werde ich kommen in meiner Herrlichkeit mit allen meinen Heiligen, meinen Engeln, wenn mein Vater mir eine Krone aufs Haupt setzt, damit ich richte die Lebendigen und die Toten und jedem vergelte nach seinem Tun.

Und ihr – nehmet von dem Feigenbaum das Gleichnis davon: Sobald sein Sproß hervorgekommen und seine Zweige getrieben sind, wird eintreten das Ende der Welt.‘ – Und ich, Petrus, antwortete ihm und sagte zu ihm: ‚Deute mir betreffs des Feigenbaums, [und] woran wir das erkennen, denn alle seine Tage hindurch sproßt der Feigenbaum und jedes Jahr bringt er seine Frucht [und] seinen Herren. Was bedeutet (also) das Gleichnis vom Feigenbaum? Wir wissen es nicht.‘ Und es antwortete mir der Meister und sagte zu mir: ‚Verstehst du nicht, daß der Feigenbaum das Haus Israel ist? Wie ein Mann in seinem Garten einen Feigenbaum gepflanzt hatte und der brachte nicht Frucht. Und er suchte seine Frucht lange Jahre. Und da er sie nicht fand, sagte er zu dem Hüter seines Gartens: ‚Reiß diese Feige aus, damit sie uns nicht unser Land unfruchtbar sein läßt!‘ Und der Gärtner sagte zu Gott: ‚Wir Diener (?) wollen ihn (vom Unkraut) reinigen und den Boden unter ihm umgraben und ihn mit Wasser begießen. Wenn er dann nicht Frucht bringt, wollen wir sogleich seine Wurzeln aus dem Garten entfernen und einen anderen an seiner Statt pflanzen.‘ Hast du nicht begriffen, daß der Feigenbaum das Haus Israel ist? Wahrlich, ich sage dir, wenn seine Zweige getrieben haben am Ende, werden lügnerische Christusse kommen und die Hoffnung erwecken (mit den Worten): ‚Ich bin der Christus, der ich (einst) in die Welt gekommen bin.‘ Und wenn sie die Bosheit seines Tuns sehen, werden sie sich abwenden hinter ihnen her und den verleugnen, dem unsere Väter Lobpreis sagten (?), die den ersten Christus kreuzigten und damit schwer sündigten. Dieser Lügnerische ist aber nicht Christus. Und wenn sie ihn verschmähen, wird er mit Schwertern (Dolchen) morden, und es wird viele Märtyrer geben. Alsdann werden die Zweige des Feigenbaumes, d. h. des Hauses Israels, treiben, allein es werden viele durch seine Hand Märtyrer werden, sie werden sterben und Märtyrer werden. Henoch und Elias werden gesandt werden, um sie zu belehren, daß das der Verführer ist, der in die Welt kommen und Zeichen und Wunder tun muß, um zu verführen. Und deshalb werden diese, welche durch seine Hand gestorben sind, Märtyrer und werden gerechnet zu den guten und gerechten Märtyrern, welche Gott in ihrem Leben gefallen haben.‘

Und er zeigte mir in seiner Rechten die Seelen von allen (Menschen) und auf seiner rechten Handfläche das Bild von dem, was sich am jüngsten Tage erfüllen wird; und wie die Gerechten und die Sünder geschieden werden, und wie diejenigen tun (?) werden, die rechten Herzens sind, und wie die Übeltäter für alle Ewigkeit ausgerottet werden. Wir sahen, wie die Sünder in großer Betrübnis und Trauer weinten, bis alle, die es mit ihren Augen sahen, weinten, seien es Gerechte oder Engel oder auch er selbst. Ich aber fragte ihn und sagte zu ihm: ‚O Herr, erlaube mir, daß ich inbetreff dieser Sünder dein Wort sage: ‚Es wäre ihnen besser, sie wären nicht geschaffen‘.‘ Und der Heiland antwortete mir und sagte zu mir: ‚O Petrus, warum redest du so, ‚das Nichtgeschaffensein wäre ihnen besser‘? Du bist es, der wider Gott streitet. Du würdest dich seines Gebildes nicht mehr erbarmen als er; denn er hat sie geschaffen und hat sie dahin gebracht, wo sie (vorher) nicht waren (wohl = und hat sie aus dem Nichtsein ins Dasein gebracht). Und weil du gesehen hast die Klage, welche die Sünder treffen wird in den letzten Tagen, darum ist dein Herz betrübt, aber ich will dir ihr Tun zeigen, mit dem sie sich an dem Höchsten versündigt haben.

Sieh jetzt, was sie treffen wird in den letzten Tagen, wenn der Tag Gottes kommt. Und am Tage der Entscheidung des Gerichtes Gottes werden alle Menschenkinder vom Osten bis zum Westen vor meinem Vater, dem ewig Lebendigen, versammelt werden, und er wird der Hölle gebieten, daß sie ihre stählernen Riegel öffnet und alles, was in ihr ist, zurückgibt. Und den wilden Tieren und Vögeln wird er gebieten, daß sie alles Fleisch, was sie gefressen haben, zurückgeben, indem er will, daß die Menschen (wieder) sichtbar werden; denn nichts geht für Gott zugrunde und nichts ist ihm unmöglich, da alles sein ist. Denn alles (geschieht) am Tage der Entscheidung, am Tage des Gerichtes mit dem Sprechen Gottes, und alles geschieht, wie er die Welt schafft, und alles, was darin ist, hat er geboten, und alles geschah; ebenso in den letzten Tagen, denn alles ist Gott möglich und also sagt er in der Schrift: ‚Menschenkind, weissage über die einzelnen Gebeine und sage zu den Knochen: Knochen zu den Knochen in Glieder, Muskel, Nerven, Fleisch und Haut und Haare darauf‘. Und Seele und Geist soll der große Urael [ein außerbiblischer Engelsname] auf Befehl Gottes geben. Denn ihn hat Gott bestellt bei der Auferstehung der Toten am Tage des Gerichtes. Sehet und bedenkt die Samenkörner, die in die Erde gesät sind. Wie etwas Trockenes, das seelenlos ist, sät man sie in die Erde. Und sie leben auf, bringen Frucht, und die Erde gibt (sie) wieder wie ein anvertrautes Pfand. Und dieses, was stirbt, was als Same in die Erde gesät wird, lebendig wird und dem Leben zurückgegeben wird, ist der Mensch. Wie viel mehr wird Gott die an ihn Gläubigen und von ihm Erwählten, um derentwillen er (die Erde) gemacht hat, auferwecken am Tage der Entscheidung, und alles wird die Erde wiedergeben am Tage der Entscheidung, weil sie an ihm zugleich mit gerichtet werden soll und der Himmel mit ihr.

Und es wird geschehen am Tage des Gerichtes derer, die abgefallen sind vom Glauben an Gott und die Sünde getan haben: Feuerkatarakte werden losgelassen, und Dunkel und Finsternis wird eintreten und die ganze Welt bekleiden und einhüllen, und die Wasser werden sich verwandeln und gegeben werden in feurige Kohlen und alles in ihr (d. Erde?) wird brennen, und das Meer wird zu Feuer werden; unter dem Himmel ein bitteres Feuer, das nicht verlöscht, und fließt zum Gericht des Zorns. Und die Sterne werden zerfließen durch Feuersflammen, als ob sie nicht geschaffen wären, und die Festen des Himmels werden aus Mangel an Wasser dahingehen und werden wie ungeschaffen. Und nicht (?) mehr werden sein die Blitze des Himmels, und durch ihre Zauberei werden sie die Welt erschrecken (vielleicht: Der Himmel wird zu Blitzen werden, und seine Blitze werden die Welt erschrecken). Und der Geist der Leichname wird ihnen gleichen und auf Befehl Gottes Feuer werden. Und sobald die ganze Schöpfung sich auflöst, werden die Menschen im Osten nach Westen fliehen [und die im Westen] nach Osten fliehen; und die im Süden werden nach Norden fliehen und die im [Norden nach] Süden, und überall wird sie der Zorn schrecklichen Feuers treffen. Und indem eine unverlöschliche Flamme sie treibt, bringt sie sie zum Zorngericht in den Bach unverlöschlichen Feuers, der fließt, indem Feuer darin flammt, und indem seine Wogen sich eine von der anderen im Sieden trennen, entsteht viel Zähneknirschen der Menschenkinder.

Und alle werden sehen, wie ich auf ewig glänzender Wolke komme und die Engel Gottes, die mit mir sitzen werden auf dem Thron meiner Herrlichkeit zur Rechten meines himmlischen Vaters. Der wird eine Krone auf mein Haupt setzen. Sobald das die Völker sehen, werden sie weinen, jedes Volk für sich. Und er wird ihnen befehlen, daß sie in den Feuerbach gehen, während die Taten jedes einzelnen von ihnen vor ihnen stehen. [Es wird vergolten werden] einem jeden nach seinem Tun. Betreffs der Erwählten, die Gutes getan haben, sie werden zu mir kommen, indem sie den Tod verzehrenden Feuers nicht sehen werden (?). Die Bösewichter, Sünder und Heuchler aber werden in den Tiefen nicht verschwindender Finsternis stehen, und ihre Strafe ist das Feuer, und Engel bringen ihre Sünden herbei; und bereiten ihnen einen Ort, wo sie für immer bestraft werden, je nach ihrer Versündigung.“ (Petrusoffenbarung 1-6, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 472-475.)

(Anschließend werden einzelne Sündergruppen und ihre Strafen aufgezählt; u. a. finden sich da Mörder, Ehebrecher, Eltern, die ihre Kinder abgetrieben haben, Christenverfolger, unbarmherzige Reiche. Dann geht es noch um den Lohn der Auserwählten. Aber zu genauen Vorstellungen von Himmel und Hölle in einem anderen Teil.)

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift, die sich als Brief der Apostel ausgibt, sagt Jesus den Jüngern nach Seiner Auferstehung folgendes:

„Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, ich werde kommen wie die Sonne, die erglänzt, so werde ich, indem ich siebenmal mehr als sie in Herrlichkeit leuchte, während ich auf dem Flügel der Wolke getragen werde in Glanz und indem mein Kreuz vor mir einhergeht, auf die Erde kommen, daß ich richte die Lebendigen und die Toten.

Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, wie viel Jahre noch?‘ Und er sprach zu uns: ‚Wenn das hundertundfünfzigste Jahr vollendet ist, zwischen Pfingsten und Pascha wird stattfinden die Ankunft meines Vaters.‘ Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, jetzt hast du zu uns gesagt: Ich werde kommen – und wiederum hast du gesagt: es wird kommen, der mich gesandt hat.‘ Und er sprach zu uns: ‚Ich bin ganz im Vater und der Vater in mir.'“ (Epistula Apostolorum 16(27)-17(28), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 134f.)

Und:

„Wahrlich ich sage euch: ‚Das Fleisch wird auferstehen mit der Seele lebendig, damit sie bekennen und gerichtet werden mit dem Werk, was sie getan haben, es sei Gutes oder Böses, auf daß es werde zu einer Auswahl und Darstellung für die, welche geglaubt und getan haben das Gebot meines Vaters, der mich gesandt hat. Darauf wird das gerechte Gericht stattfinden; denn so will es mein Vater, und er sprach zu mir: Mein Sohn, am Tage des Gerichts sollst du dich vor dem Reichen nicht scheuen und den Armen nicht schonen, sondern übergib einen jeden gemäß seiner Sünde ewiger Bestrafung. Denjenigen aber, die mich geliebt haben und mich lieben und welche mein Gebot getan haben, werde ich Ruhe im Leben verleihen im Reiche meines himmlischen Vaters. Siehe, schaut, was für eine Macht er mir verliehen hat, und er hat mir gegeben, daß, … was ich will und wie ich gewollt habe, … und denen ich Hoffnung erweckt habe.“ (Epistula Apostolorum 26(37), in: Ebd., S. 140f.)

Und:

„Und er sprach zu uns: Dann werden die Gläubigen und auch die, welche nicht glauben werden, ein Horn am Himmel sehen und das Gesicht großer Sterne, die, während es Tag ist, sichtbar sind, und einen Drachen, indem er vom Himmel bis zur Erde reicht und indem Sterne, die wie Feuer sind, herabfallen und große Hagelschlossen von heftigem (?) Feuer, und wie Sonne und Mond miteinander streiten, und beständig der Schrecken von Donner und Blitzen, Donnerkrachen und Erdbeben wie Städte einstürzen und bei ihrer Zerstörung Menschen sterben, beständig Dürre infolge Ausbleiben des Regens, eine große Pest und ein ausgebreitetes und häufiges schnelles Sterben, so daß denen, die sterben, das Begräbnis fehlen wird; und es wird das Hinausgehen (=Hinausgetragenwerden) von Kindern und Verwandten auf einem Bett (=Bahre) geschehen. Und der Verwandte wird sich seinem Kinde nicht zuwenden noch die Kinder ihrem Verwandten, und ein Mensch wird sich seinem Nächsten nicht zuwenden. Die Verlassenen aber, welche verlassen wurden, werden auferstehen und die sehen, welche sie verlassen haben, indem sie sie hinausbrachten, weil Pest (war). Alles ist Haß und Bedrängnis und Eifersucht, und dem einen wird man nehmen und dem anderen schenken, und wie dies wird sein, was nach diesem kommt.

Dann wird mein Vater wegen der Bosheit der Menschen in Zorn geraten; denn zahlreich sind ihre Versündigungen, und der Schauder vor ihrer Unreinheit ist sehr wider sie in der Verderbnis ihres Lebens. […]

Und er sprach zu uns: ‚In jenen Jahren und Tagen (wird) Krieg über Krieg (sein), und die vier Ecken der Welt werden erschüttert werden und werden sich gegenseitig bekriegen. Und darauf (wird eintreten) eine Wolkenbewegung, Finsternis und Dürre und Verfolgung derer, die an mich glauben und (trotzdem) der Bosheit folgen und eitle Lehre lehren. Und diesen wird man folgen und wird sich ihrem Reichtum, ihrer Verworfenheit, ihrer Trunksucht und ihrem Bestechungsgeschenk unterwerfen, und Ansehen der Person wird unter ihnen herrschen.“ (Epistula Apostolorum 34(45)-37(48), in: Ebd., S. 145-147.)

Über Endzeit und Antichrist heißt es im Barnabasbrief:

„Das vollkommene Ärgernis ist nahe gerückt, von dem in der Schrift steht, wie Henoch sagt. Dazu nämlich hat der Herr die Zeiten und die Tage abgekürzt, damit sein Geliebter sich beeile und zu seinem Erbe gelange. Es sagt aber auch der Prophet so: ‚Zehn Königsherrschaften werden herrschen auf Erden, und danach wird ein kleiner König aufstehen, der drei von den Königen auf einmal erniedrigen wird.‘ Ähnlich sagt über denselben Punkt Daniel: ‚Und ich sah das vierte Tier, böse und stark und wilder als alle Tiere des Meeres, und wie aus ihm herauswuchsen zehn Hörner und wie aus ihnen ein kleines Nebenhorn wuchs und wie es auf einmal drei der großen Hörner erniedrigte.'“ (Barnabasbrief 4,3-5)

Wie zu allen Zeiten gab es auch damals schon Vermutungen, wer konkret der Antichrist sein könnte oder wann konkret er kommen werde; der Kirchenhistoriker Eusebius erwähnt folgendes:

„Um diese Zeit gab Judas, ein anderer Schriftsteller, in einer Abhandlung über die siebzig Wochen Daniels eine Chronographie bis zum zehnten Jahre der Regierung des Severus. Er glaubte, das vielbesprochene Erscheinen des Antichrist sei schon damals nahe gewesen. So sehr hatte die damals gegen uns wütende Verfolgung die Gemüter der Massen erregt.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,7)

(Diese Verfolgung fand ca. um 200 n. Chr. herum statt.)

Die christlichen Sibyllinen (dichterische Weissagungen) sagen über die Endzeit und das Jüngste Gericht folgendes (dabei kommt auch der nicht in der Bibel erwähnte Engelsname Uriel vor):

„Und Gott wird alsdann ein großes Zeichen vollführen.
Denn es erglänzt ein Stern einem leuchtenden Kranze fast ähnlich,
Glänzend und überall leuchtend herab vom strahlenden Himmel
Und nicht wenige Tage hindurch; denn vom Himmel wird er dann
Zeigen am Siegerkranz den Menschen, die ihn sich erkämpfen.
Dann aber kommt auch die Zeit des festlichen großen Triumphzugs
In die himmlische Stadt, und zwar sämtlichen Menschen gemeinsam
Wird auf Erden er sein und den Ruhm der Unsterblichkeit haben.
Und es wird jedes Volk alsdann in unsterblichen Kämpfen
Ringen um herrlichen Sieg; denn nicht wird einer dann schamlos
Dort einen silbernen Kranz um Geld sich können erwerben;
Denn als Ordner des Kampfs mit strenger Gerechtigkeit waltet
Christus: den Besten verleiht er den Kranz, und die Märtyrerkrone
Allen, die treu und beharrlich den Kampf bis zum Tode durchkämpften.
Auch jungfräulichen Seelen, die rühmlich durchmaßen die Laufbahn,
Gibt er den Preis und jedem, der Recht und Gerechtigkeit übte,
Unter den Menschen zumal und den Völkern anderer Länder,
Welche untad’lig gelebt und Gott den Einen erkannten.
Denen jedoch, die lieben die Eh‘ und der Buhlerei fremd sind,
Gibt er reiche Geschenke dazu und ewige Hoffnung.
Denn eine jegliche Seele der Menschen ist göttliche Gabe,
Und kein Recht hat der Mensch, sie mit allerlei Schmach zu beflecken.
Dies ist der Kampf, dies ist das Bemühen und solches der Kampfpreis;
Das ist des Lebens Tür und das der Unsterblichkeit Eingang,
Welchen der himmlische Gott den gerecht befundenen Menschen
Setzte als Siegespreis. Die eher ruhmreich erhalten
Jenen Kranz, die werden durch diesen Eingang hindurchgehen.
Wenn aber einst auf der ganzen Welt dies Zeichen erscheinet,
Kinder von der Geburt an ergraut sind an ihren Schläfen,
Dann überkommt Pest, Hunger und Krieg als Drangsal der Menschen,
Wechsel der Zeiten und Kummer und Leid und zahllose Tränen.
Ach, wie vieler Kinder in allen Ländern verzehren
Jammervoll klagend die Eltern, das Fleisch in die Mäntel gehüllet
Sie im Mutterschoß der Erde bestatten, besudelt
Ganz von Blut und von Staub; ihr elenden, feigen Gesellen,
O des letzten Geschlechts unglückliche Menschen, ihr Frevler,
Merket ihr nicht, verblendetes Volk, sobald zu gebären
Aufhört der Weiber Geschlecht, daß nahe die Ernte?
Nah ist Vernichtung und Ernte, sobald gleich Gottes Propheten
Lügner erscheinen auf Erden und predigen unter den Menschen.
Und auch Beliar kommt und tut viel Zeichen und Wunder
Unter den Menschen. Und dann wird große Verwirrung entstehen
Unter den Frommen und Treuen; Vernichtung der Auserwählten,
Auch der Hebräer erfolgt. Doch gewaltige Wut überkommt sie,
Wenn das Volk, in zwölf Stämme geteilt, von Osten erscheinet,
Um zu suchen das Volk, das Assyriens Sproß hat vernichtet,
Der vereinten Hebräer. Die Heiden dann gehen zugrunde.
Und dann werden beherrschen die übermütigen Menschen
Auserwählte und treue Hebräer, nachdem sie geknechtet
All ihre Feinde wie vordem, da niemals die Kraft sie verlassen.
Und der Höchste im Himmel, der alles und jegliches schauet,
Wird die Menschen in Schlummer versenken, die Lider beschwerend.
O glückselige Knechte, die wachsam, wenn er erscheinet,
Findet der Herr, die den bleiernen Schlaf von den Lidern verscheuchten
Stets sein Kommen erwartend mit nimmer ermüdenden Augen.
Früh wird’s sein oder spät, vielleicht auch mitten am Tage,
Einmal kommt er gewiß und so, wie ich sage, geschieht es.
Schlummernden wird er erscheinen, wenn einst am sternenreichen Himmel
Alle Gestirne am hellichten Tag werden allen sich zeigen
Samt den zwei Leuchten in rasch verlaufender Folge der Zeiten.
Und dann fährt der Thesbite vom Himmel herab auf die Erde,
Lenkend den himmlischen Wagen, und gibt drei Zeichen den Menschen,
Welche die Erde bewohnen, die Zeichen des endenden Lebens. […]
Weh den Unseligen, weh! die den Tag des Grauens erleben!
Denn stockfinstere Nacht umhüllt den unendlichen Erdkreis,
Mitternachtslande zugleich und Morgen und Abend und Mittag.
Dann aber wird ein mächtiger Strom von brennendem Feuer
Fließen vom Himmel herab und vernichten die herrliche Schöpfung:
Trocknes Land und Meer, des Ozeans bläuliche Fluten,
Seen und Flüsse und Quellen, den unerbittlichen Hades
Und das Himmelsgewölbe. Der Mond und die leuchtende Sonne
Fließen zusammen in eins, und alles wird Wüste und Öde;
Denn vom Himmel herab in den Ozean fallen die Sterne.
Sämtliche lebenden Menschen da werden mit Zähnen knirschen,
Brennend im Strom voller Schwefel und von dem anstürzenden Feuer
In der gewaltigen Flur, und Asche wird alles verhüllen.
[Und es veröden zugleich die sämtlichen Weltelemente:
Luft und Erde und Meer, Licht, Himmel und Tage und Nächte]
Nimmer durcheilen die Luft unzähliger Vögel Geschlechter,
Nicht mehr ziehn in den Fluten die Scharen der schwimmenden Fische,
Kein beladenes Schiff fährt über die schaukelnden Wogen,
Nimmer durchschneiden am Pflug die Stiere mit Furchen das Erdreich;
Aufhört das Rauschen der Bäume von Winden geschüttelt. Doch alles
Klumpt sich in eins zusammen und trennt sich zur Läuterung wieder.
Wenn aber nun die unsterblichen Boten des ewigen Gottes,
Michael, Gabriel, kommen zusammen mit Raphael, Uriel,
Die da wissen genau, was vordem Böses begangen
Jeglicher Mensch: die führen sodann aus nebligem Dunkel
Alle die Seelen heran zum Richterstuhl des großen
Ewigen Gottes und Herrn; denn unvergänglich allein ist
Er, der Beherrscher des Alls, und Er ist Richter der Menschen.
Seele und Atem hierauf und Stimme verleiht den Entschlaf’nen
Neuerdings Gottes Geheiß; die Gebeine, verbunden zu Gliedern
Mancherlei Zwecken gemäß, im Fleische die kräftigen Sehnen,
Adern und Haut, die die Muskeln umspannt, das frühere Haupthaar.
Wunderbar kräftig gefügt, beseelt und frei sich bewegend,
werden der Sterblichen Leiber an einem Tage erstehen.
Unerbittlich und unzerreißbar, erbarmungslos ist
Hades‘ Riesenverschluß der ganz aus Erz gefertigten Tore:
Doch Uriel, der gewaltige Bote zerreißt sie und öffnet,
Alle Gestalten voll Trauer er führt zum Gottesgerichte:
Jene Schattenbilder der längst vergang’nen Titanen
Und der Giganten [Anmerkung: mit Titanen und Giganten werden einige der frühesten Menschen gemeint sein], und welche die Sintflut hatte verschlungen,
Und die auf hoher See vernichtet die Woge des Meeres,
Und die die Tiere und Schlangen und Vögel haben zerrissen,
All die wird er jetzt rufen zum Throne des göttlichen Richters;
Wiederum all die Gestalten, die fleischvernichtendes Feuer
Hatte verbrannt, die sammelt und stellt er vor Gottes Gerichtsstuhl.
Wenn er die Toten erwecket, nachdem er ihr Schicksal erfüllet,
Und auf dem himmlischen Thron sich gesetzet und eine gewaltige Säule
Festgefügt Sabaoth Adonai, der Donn’rer der Höhe,
Dann in den Wolken der Ewige selber zum Ewigen kommet,
Christus in all seinem Glanz mit all seinen heiligen Engeln,
Und er setzt sich dem Großen zur Rechten und richtet vom Thron das
Leben der Frommen und auch der gottlosen Männer Gesinnung.
Moses erscheint, der Große, der Freund des unsterblichen Gottes,
Fleischumkleidet, und Abraham selbst, der Große, wird kommen,
Isaak und Jakob zugleich, Elias und Josua, Daniel,
Jonas und Habakuk auch, und die die Hebräer erschlugen.“
(Christliche Sibyllinen II,34-248, S. 504-507)

Und:

„Jedes Geschöpf auf Erden erwartet den Richttag in Angstschweiß.
Endlich erscheint vom Himmel herab der ewige König,
Seiner Verheißung getreu, was Fleisch ist auf Erden, zu richten.
Und es erblicken sodann die Sterblichen, seien sie gläubig,
Seien sie Feinde des Glaubens, am Ende der Zeiten den Höchsten:
Christum, gefolgt von der Heiligen Schar, der alles, was Fleisch ist,
Richtet, sobald verdorrt ist das Land und Dornen nur sprießen.
Ihre armseligen Götzen verwerfen die Menschen, mit Abscheu,
Spähendes Feuer verzehrt den Himmel, die Erd‘ und des Meeres
Tosende Flut und verbrennt die Kerkertore des Hades.
Und an das Licht der Freiheit gelangt von den Toten ein jeder,
So sich im Leben bewährt; die Bösen erwartet das Feuer.
Gründlich und offen bekennt, was er heimlich gesündigt, ein jeder.
Ohne Erbarmen durchleuchtet der Herr des Herzens Geheimnis.
Tausende heulen vor Wut, man hört das Knirschen der Zähne.
Traurig verbleichen die Sterne, der Glanz der Sonne verliert sich.
Ebenso schwindet der Mond. Es wankt das Himmelsgewölbe.
Schluchten und Täler erblickst du nicht mehr, die Berge versinken:
Scheidet ja doch auch Menschen nicht mehr der leidige Rangstreit.
Offenes Land ersetzt die Gebirge, und keines der Meere
Hat jetzt Schiffe zu tragen. Die Erde ist dürr und vertrocknet.
Nicht mehr murmelt der Quell, die rauschenden Ströme versiegen.
Eines nur störet die Stille des Tods: der Klang der Trompete.
Ruchlose Greuel beklagt sie, beklagt den Jammer der Menschheit.
Lüstern nach menschlichem Fleisch gähnt furchtbar des Tartarus Rachen.
Öffentlich flehn um gnädigen Spruch die stolzesten Herrscher.
Schwefliger Dampf, dem Feuer gesellt, ergießt sich vom Himmel.
Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.“
(Christliche Sibyllinen VIII,217-248, in: Ebd., S. 519)

Und:

„Der Bedrückten nimm dich stets an und hilf dem Erschöpften,
Bring dieses lebende Opfer doch mir, dem lebendigen Gotte,
Jetzt nur säend ins Wasser, damit auch ich dir einst gebe
Unvergängliche Früchte; das ewige Leben sollst du haben,
Unverwesliches Leben, wenn alle ich prüfe im Feuer.
Alles werde ich schmelzen und wieder zur Läuterung scheiden,
Werde den Himmel erschüttern, die Schlünde der Erde eröffnen,
Und dann will ich die Toten erwecken, das Schicksal lösend
Und den Stachel des Todes, und alsbald komm‘ ich zum Gerichte,
Um zu richten das Leben der frommen und gottlosen Menschen;
Und da werd‘ ich dem Widder den Widder, dem Hirten den Hirten,
Und den Stier dem Stier gegenüberstellen zur Prüfung.
Alle, die waren erhöht, überführt bei dem großen Verhör, und
Jedem den Mund verstopften, um selber voll Neid und voll Mißgunst
Alle, die Gutes getan, gleichermaßen zu knechten und schinden,
Schweigen ihnen gebietend, doch nur dem Gewinne nachjagten,
Die werden alle, bei mir nicht bewährt, jetzt abtreten müssen.
Nicht mehr sagst du in Zukunft voll Trauer: ‚Wird’s morgen wohl sein?‘
Oder: ‚Ist’s gestern gewesen?‘ Nicht sorgst du für mehrere Tage;
Frühling, Sommer und Winter und Herbsteszeit gibt es nicht mehr,
Auch keinen Abend und Morgen; verlängern werd ich den Tag jetzt,
Aber auf ewig ersehnt wird das Licht des gewaltigen Gottes.“
(Christliche Sibyllinen VIII,407-428, in: Ebd., S. 523f.)