Von Gott und Götzen

Alle Götter der Heiden sind Dämonen, so sagt es der Psalm (96(95),5); unsere Kirchenväter sahen dementsprechend in den Kulten ihrer römischen, griechischen, ägyptischen Umgebung vor allem die Dämonen, also die von Gott abgefallenen Engel, am Werk, die sich den Menschen gezeigt und sich als Götter ausgegeben hätten, um sie auf falsche Bahnen zu lenken (manchmal bemerkten sie außerdem, dass hier einfach historische Gestalten göttergleiche Ehren erhielten – wenn zum Beispiel noch das Grab eines Zeus bekannt war -, was sie aber letztlich auch als Werk der Dämonen erklärten). Der Götzendienst jedenfalls, bei dem irgendetwas Geschaffenes, das nicht Gott ist, angebetet wird, so sagen es die Bibel und die Kirche, ist Sünde, was auch immer genau dahintersteckt. (Die Einheitsübersetzung übersetzt statt „Dämonen“ in diesem Psalm, anders als Septuaginta und Vulgata, übrigens „Nichtse“; ich kann das mangels Hebräischkenntnissen nicht beurteilen.) Schon die Sache mit dem Goldenen Kalb nahm der Herr ja nicht so locker.

Soweit, sogut; heißt das nun, dass jede vor- oder nichtchristliche Religion einfach nur Idolatrie ist?

Kurz gesagt, nein, heißt es nicht. Die Kirche lehrt auch, dass der Mensch prinzipiell allein mit seiner Vernunft, noch vor der göttlichen Offenbarung, die Existenz eines einzigen, absoluten, hinter der Welt stehenden Schöpfers erkennen kann, und in manchen Religionen oder Philosophien wurde dieser Schöpfer wirklich erkannt; oft wandte man sich zwar zusätzlich noch an eine bunte Welt von Göttern, Halbgöttern, Geistern, personifizierten Naturkräften und Ahnen, die man sich als übermenschliche Wesen innerhalb der Welt dachte, und solchen Wesen göttliche Ehren zukommen zu lassen, war bzw. ist freilich Götzendienst, wenn auch unter Umständen gutgläubiger Götzendienst; aber das macht die wahre Gottesverehrung, die manchmal gleichzeitig da war/ist, nicht inexistent.

Die antiken Platoniker beispielsweise waren philosophische Monotheisten, und übrigens auch gute Kandidaten für eine Bekehrung zum Christentum; ein Beispiel ist der hl. Justin der Märtyrer / der Philosoph (hingerichtet ca. 165 n. Chr.), der erzählt, dass er noch als Platoniker Gott folgendermaßen definierte, als er in einen Dialog mit einem Christen geriet:

„‚Das Wesen, welches immer in gleicher Weise dasselbe ist, und welches die Ursache des Seins für alles übrige bildet, das ist Gott.‘ So lautete meine Antwort. Er aber hatte seine Freude an meinen Worten und stellte von neuem an mich eine Frage.“

Griechische Philosophen waren aber nicht die einzigen, die Gott erkannten; die nordamerikanischen Indianer kannten den „Großen Geist“ – und auch katholisch gewordene Indianer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die andere Praktiken ihrer Religion aufgegeben hatten und nicht mehr an andere untergeordnete Geister glaubten, bezeichneten Gott manchmal noch immer mit dem Titel „der große Geist“, wie man in damaligen Missionszeitschriften schön nachlesen kann; so sagte ein Kongress der katholischen Sioux zur Ehe:

„Wir glauben an die Lehre Jesu Christi bezüglich der heiligen Ehe: Was der große Geist vereint hat, soll der Mensch nicht trennen. Deshalb verabscheuen wir von ganzem Herzen den Missbrauch, das Band der Ehe zu lösen, und betrachten ihn als einen großen Schandfleck unserer Zeit.“

Die Missionare bauten auf ihrer Gotteserkenntnis auf, und brachten ihnen die Botschaft, dass der große Geist, von dem sie schon wussten, sich auch offenbart hatte und sogar Mensch geworden war.

Ein anderes Beispiel: Kardinal Robert Sarah aus Guinea (Westafrika) erzählt in dem Interview-Buch „Gott oder nichts“, das der Journalist Nicolas Diat mit ihm gemacht hat, im ersten Kapitel auch von seiner Kindheit im ländlichen Guinea; und über die Religion seiner Vorfahren (er selbst wurde schon 1947 als Zweijähriger getauft, hat aber als Kind und Jugendlicher in seiner Umgebung offensichtlich noch einiges von der traditionellen Religion mitbekommen) berichtet er folgendes:

„Das Volk der Coniagui ist sehr religiös, es hängt an Gott, der Ounou genannt wird. Doch es kann mit ihm nur durch die Ahnen in Kontakt treten.

Der Gott meiner Vorfahren ist der Schöpfer des Universums und von allem, was existiert. Er ist ein höchstes Wesen, unaussprechlich, unbegreiflich, unsichtbar und unergründlich. Dennoch ist er im Zentrum unserer Leben und durchdringt unsere ganze Existenz.“ (Eigene Übersetzung aus der französischen Originalausgabe „Dieu ou rien“.)

Seine Eminenz hat über die Religion seiner Vorfahren durchaus nicht nur Positives zu sagen; die Initiationsriten für Jugendliche greift er kurz darauf mit den schärfsten Worten an. Aber dieser grundsätzliche Gottesglaube ist ganz offensichtlich etwas Positives.

(Kardinal Sarah, 2015. Gemeinfrei.)

Dann gibt es da ja noch Religionen, die den Monotheismus vermittelt über Leute, die von der Offenbarung Gottes an das Volk Israel und in Jesus von Nazareth bereits wussten, kennenlernten, aber ihr eigenes Spin-off kreierten, wobei sie eine neue Offenbarung beanspruchten und  die alte für verfälscht oder eine minderwertige Vorstufe erklärten; Beispiele wären die Moslems im 7. oder die Bahai im 19. Jahrhundert.

Natürlich sind das falsche Religionen; und solche Verfälschungen haben irgendwo noch etwas Schlimmeres als vor der Offenbarung vorhandene, sich selbst (natürlich auch mit Gottes versteckt wirkender Gnade) nach der Wahrheit vortastende Philosophien und Religionen. Götzendienst sind sie allerdings auch nicht.

Um einen Freund (dankeschön, Nepomuk!) zu zitieren:

„Begründung, kurzgefaßt: Wer ‚Gott‘ sagt und dabei auch tatsächlich ‚Gott‘ meint – d. h. ein einziges höchstes Wesen, das nicht, wie die vorgestellten Götzen, der Welt angehört, sondern die Welt erschaffen hat – der meint eben per tautologiam auch Gott damit, und Schluß.

Ob man Seinen Sohn ignoriert (wie die heutigen Juden), ihm rabiate Leugnung der Wahrheit Seiner Dreifaltigkeit (wie die Moslems) unterstellt oder geradezu teuflische Züge (um mit Chesterton zu sprechen) bei [der] schuldlosen ewigen Verdammnis von Menschen wie die Kalvinisten, ist natürlich auf je eigene Art und Weise schlecht (vor allem Begriffe wie ‚Apostasie‘ und ‚Häresie‘ fallen da ein), ändert aber an der Tautologie nichts, daß wer Gott verehrt, Gott verehrt.

(Folglich muß ein Katholik, der zum Islam abgefallen ist, beichten ‚ich habe Apostasie begangen‘; er muß aber in der Tat nicht beichten ‚ich habe Götzendienst begangen‘.)“

Die Hindugötter beispielsweise sind tatsächlich Götzen; „Allah“ (das arabische Wort für „Gott“, das, nebenbei bemerkt, auch arabische Christen gebrauchen) ist tatsächlich kein Götze. Es wäre daher nett, wenn christliche Angriffe auf den Islam mit korrekten Begriffen operieren könnten, statt „Allah ist ein Götze“ o. Ä. zu proklamieren, was nun mal leider falsch ist. Anderweitige Angriffsfläche bietet ein gewisser falscher Prophet bekanntlich genug.

(Diese Tatsache, dass Gott nun mal Gott ist, schließt übrigens nicht aus, dass falsche Propheten und Sektenführer, die immerhin noch an Gott glaub(t)en, letztlich auf direkte oder indirekte Weise  von den Dämonen inspiriert waren; selbst immerhin noch christliche Irrlehrer, die sich von der Kirche abspalteten und der vollständigen Wahrheit Adieu sagten, wie beispielsweise Calvin, waren ja vermutlich irgendwie von den Dämonen inspiriert (wie auch sonst viele beim Tun von irgendwelchem Bösem).)

Holman The Golden Calf.jpg Pilgrims worship beside the Ka'bah01.jpg

(Links: Götzendienst; rechts: nicht Götzendienst. (Gemeinfrei.))

 

PS: Anlass für diesen Artikel war, dass man ja schon mal für eine modernistische Götzendienstverharmloserin gehalten wird, wenn man in sozialen Medien die unbestreitbare Tatsache erwähnt, dass Muslime wenigstens Gott ehren.

PPS: Eine interessante Beobachtung, die mir noch in den Sinn gekommen ist: Nicht nur Tradikatholiken, die den Islam angreifen wollen, sondern auch Fundiprotestanten, die den Katholizismus angreifen wollen, haben ja öfter Schwierigkeiten mit der korrekten Definition von „Götzendienst“: Einerseits, was altbekannt ist, werfen sie uns wegen der Heiligenverehrung Götzendienst vor; da können wir noch so oft erklären, dass wir die Heiligen verehren und nicht anbeten; aber komischerweise haben sie mit der tatsächlichen Anbetung der eucharistischen Gestalten (d. h. der gewandelten Hostie und des Weins, die in der Messe zu Leib und Blut Christi werden) durch Katholiken wesentlich weniger Probleme, obwohl das ihrer Lehre nach wirklicher Götzendienst sein müsste, da sie die Hostie für bloßes Brot halten und man Brot ja doch nicht anbeten sollte.

 

 

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Die Freundschaft Christi

Der folgende Text ist ein kleiner Auszug aus Msgr. Robert Hugh Bensons „The Friendship of Christ“ (die Übersetzung ist von mir; hier findet sich der vollständige Text auf Englisch). Um der Lesbarkeit willen habe ich längere Absätze in kürzere aufgebrochen.

Für Leser, die Probleme mit Skrupulosität haben könnten, sei vorsichtshalber gesagt, dass es hier nicht um Fragen von schwerer Sünde geht; nicht darum, dass man zwangsläufig den Himmel verpassen würde, wenn man auf Erden die Freundschaft Christi noch nicht vollkommen kennt; sondern um ein größeres Geschenk, das Jesus einem schon  jetzt geben will, und eine größere Vollkommenheit.

Monsignor R. H. Benson in Oct. 1912, Aged 40.jpg

(Msgr. Robert Hugh Benson (1871-1914). Gemeinfrei.)

„Katholiken also neigen, mehr als jeder andere, dazu – gerade durch ihr Wissen um die Mysterien des Glauben, gerade durch ihr Erfassen von Jesus Christus als ihrem Gott, ihrem Hohepriester, ihrem Opfer, ihrem Propheten und König – , zu vergessen, dass es mehr Seine Freude ist, bei den Menschensöhnen zu sein als über die Seraphim zu herrschen, dass, während Seine Majestät Ihn auf dem Thron Seines Vaters hielt, Seine Liebe Ihn hinunter auf eine Pilgerreise brachte, auf dass Er Seine Diener in Seine Freunde verwandeln könnte.

Zum Beispiel klagen fromme Seelen oft über ihre Einsamkeit auf Erden. Sie beten, sie empfangen häufig die Sakramente, sie tun ihr Bestes, um die christlichen Gebote zu erfüllen; und, wenn alles getan ist, finden sie sich einsam wieder. Es könnte kaum einen offensichtlicheren Beweis ihres Scheiterns geben, zumindest eines der großen Motive der Inkarnation zu verstehen. Sie beten Christus als Gott an, sie zehren von Ihm in der Kommunion, machen sich rein in Seinem kostbaren Blut, erwarten den Zeitpunkt, wenn sie Ihn als ihren Richter sehen werden; aber von dieser intimen Kenntnis von und Gefährtenschaft mit Ihm, in der die göttliche Freundschaft besteht, haben sie wenig oder nichts erfahren.

Sie sehnen sich, sagen sie, nach einem, der nicht nur das Leid fortnehmen kann, sondern selbst mit ihnen leiden kann, einem, dem gegenüber sie in Stille die Gedanken ausdrücken können, die kein Wort hervorbringen kann; und sie scheinen nicht zu verstehen, dass das genau die Position ist, die Jesus Christus selbst zu erlangen sehnt, dass es das höchste Sehnen Seines Heiligen Herzens ist, dass Er eingelassen werde, nicht nur zum Thron des Herzens oder dem Gerichtshof des Gewissens, sondern in diese innere Kammer der Seele, wo ein Mensch am meisten er selbst ist, und daher ganz und gar allein.

Sieh, wie voll die Evangelien von diesem Sehnen Jesu Christi sind! Es gab tatsächlich glanzvolle Augenblicke, in denen der Gott in der Menschheit in Herrlichkeit aufflammte – Augenblicke, in denen selbst die Kleider, die Er trug, in Seiner Gottheit strahlend leuchteten: es gab Augenblicke der göttlichen Kraft, in denen blinde Augen sich durch das erschaffende dem geschaffenen Licht öffneten, in denen Ohren, die taub gegenüber irdischen Geräuschen waren, die göttliche Stimme hörten, in denen die Toten aus ihren Gräbern ausbrachen, um Ihn anzusehen, der am Anfang ihr Leben gegeben und es dann wiederhergestellt hatte. Und es gab erhabene und schreckliche Augenblicke, in denen Gott mit Gott beiseite ging in die Wildnis oder den Garten, in denen Gott durch die Lippen der verwüsteten Menschheit schrie: ‚Warum hast du mich verlassen?‘

Aber zum größten Teil ist es Seine Menschheit, von der die Evangelien uns erzählen; eine Menschheit, die nach Ihrer Art rief; eine Menschheit, die nicht nur versucht wurde, sondern auch, gleichsam, besonders war in allen Punkten, in denen wir es sind.

‚Nun liebte Jesus Martha, und ihre Schwester Maria, und Lazarus‘ (Johannes 11,5). ‚Jesus, der ihn ansah, liebte ihn‘ (Markus 10,21) – liebte ihn, scheint es, mit einer Empfindung, die unterschieden ist von der göttlichen Liebe, die alle Dinge liebt, die sie geschaffen hat; liebte ihn wegen des Ideals, das er im besonderen vielleicht noch erreichen mochte, mehr als nur für die Tatsache, dass er einfach existierte wie andere seiner Art – liebte ihn, wie ich meinen eigenen Freund liebe, und wie er mich liebt.

Es sind wahrscheinlich diese Augenblicke, mehr als alle anderen, die Jesus Christus die Zuneigung der Menschheit gewonnen haben – Augenblicke, in denen Er sich selbst als wahrhaft einer von uns zeigte. Es ist, als er ‚erhöht‘ ist – nicht in der Herrlichkeit der triumphierenden Gottheit, sondern in der Schande der geschlagenen Menschheit, da er uns an sich zieht.

Wir lesen von Seinen Machttaten und fühlen Ehrfurcht und Verehrung: aber wenn wir lesen, wie Er erschöpft am Brunnen saß, während Seine Freunde essen holen gingen; wie Er sich im Garten in gequältem Vorwurf an die wendet, von denen Er sich Trost erhofft hatte – ‚Was? Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?‘ (Matthäus 26,40) – wenn Er sich noch einmal umwendet und zum letzten Mal diesen heiligen Namen dem gegenüber benutzt, der ihn für immer verwirkt hatte – ‚Freund, wofür bist du gekommen?‘ (Matthäus 26,50) – sind wir uns dessen bewusst, was Ihm noch mehr bedeutet als all die Anbetung aller Engel in Herrlichkeit – Zärtlichkeit und Liebe und Mitleid – Gefühle, zu denen nur die Freundschaft ein Anrecht hat.

Oder wiederum: Jesus Christus spricht mehr als einmal in der Schrift zu uns, nicht nur in Hinweisen und Andeutungen, sondern in bewussten Aussagen, von Seinem Wunsch, unser Freund zu sein. Er zeichnet für uns ein kleines Bild des einsamen Hauses bei Einbruch der Nacht, von Ihm selbst, der dasteht und an der Tür klopft, und von dem vertrauten kleinen Mahl, das Er erwartet. ‚Und wenn irgendeiner öffnet – (irgendeiner!) – werde ich zu ihm eintreten und werde mit ihm Mahl halten und er mit mir‘ (Offenbarung 3,20).

Oder wiederum sagt er jenen, deren Herzen krank werden angesichts des Verlustes, der so rasch auf sie herabkommt: ‚Ich nenne euch jetzt nicht mehr Knechte; vielmehr habe ich euch Freunde genannt‘ (Johannes 15,15). Oder wiederum verspricht Er Seine bleibende Gegenwart, entgegen dem Anschein, denen, die Seine Wünsche kennengelernt haben. ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen‘ (Matthäus 18,20) ‚Seht, ich bin bei euch alle Tage‘ (Matthäus 28,20). Und ‚was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘ (Matthäus 25,40).

Wenn etwas in den Evangelien eindeutig ist, dann dies – dass Jesus Christus zuallererst unsere Freundschaft ersehnt. Es ist Seine Vorhaltung gegenüber der Welt, nicht dass der Retter zu den Verlorenen kam und dass die Verlorenen von Ihm wegliefen, um sich noch weiter zu verlieren, nicht dass der Schöpfer zum Geschöpf kam und das Geschöpf Ihn zurückwies; sondern dass der Freund ‚zu den Seinen kam, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf‘ (Johannes 1,11).

Nun ist das Bewusstsein der Freundschaft Jesu Christi gerade das Geheimnis der Heiligen. Gewöhnliche Menschen können gewöhnliche Leben leben, mit wenig oder keiner offenen Missachtung Gottes, aus hundert zweitrangigen Motiven. Wir halten die Gebote, damit wir ins Leben eintreten; wir vermeiden die Sünde, damit wir der Hölle entkommen; wir kämpfen gegen die Weltlichkeit an, damit wir die Achtung der Welt behalten. Aber kein Mensch kann drei Schritte auf dem Weg zur Vollkommenheit vorangehen, ohne dass Jesus Christus neben ihm geht.

Es ist dann dies, das den Weg des Heiligen unterscheidet – und das ihm auch das scheinbare Groteske gibt – (denn was ist in den Augen der fantasielosen Welt grotesker als die Ekstase des Liebenden?) […]

Aber es ist die wahnsinnig machende Freude der bewussten Gefährtenschaft Jesu Christi, die die Liebenden, und damit die Giganten der Geschichte geschaffen hat. […]

II. Nun muss man bedenken, dass, während diese Freunschaft zwischen Christus und der Seele von einem Blickpunkt aus vollkommen vergleichbar mit der Freunschaft zwischen zwei Menschen ist, sie von einem anderen Blickpunkt aus unvergleichlich ist. Sicherlich ist es eine Freundschaft zwischen Seiner Seele und unserer; aber diese Seine Seele ist vereint mit der Gottheit. Eine einzige individuelle Freundschaft mit Ihm erschöpft daher nicht Seine Fähigkeiten. Er ist Mensch, aber Er ist nicht nur Ein Mensch: Er ist Der Menschensohn statt Ein Menschensohn. Er ist das ewige Wort, durch das alle Dinge geschaffen wurden und im Dasein erhalten werden.

Er kommt daher auf unzähligen Wegen zu uns, auch wenn es dieselbe Gestalt ist, die sich auf jedem Weg nähert. Es ist nicht genug, Ihn nur innerlich zu kennen: Er muss erkannt werden (wenn Seine Beziehung zu uns die sein soll, die Er ersehnt) in all jenen Tätigkeiten und Erscheinungsformen, in denen Er sich zeigt.

Einer, der Ihn daher ausschließlich als innerlichen Gefährten und Führer kennt, wie nahe und lieb auch immer, aber Ihn nicht im Heiligsten Sakrament kennt –  einer, dessen Herz brennt, während Er mit Jesus auf dem Weg geht, aber dessen Augen mit Blindheit geschlagen sind, sodass er Ihn nicht beim Brechen des Brotes erkennt, kennt nur eine Vollkommenheit aus zehntausend. Und wiederum, er, der Ihn in der Kommunion Freund nennt, aber dessen Ergebenheit so eng und beschränkt ist, dass er Ihn nicht in jenem mystischen Leib erkennt, in dem Er auf Erden wohnt und spricht – einer, in der Tat, der ein dévot ist, ein Individualist, und der daher nicht diese gemeinschaftliche Gottesverehrung versteht, die gerade das Wesen des Katholizismus ist – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt, aber Ihn nicht in Seinem Stellvertreter, oder in Seinem Priester, oder in Seiner Mutter erkennt – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt – (der, im üblichen Sprachgebrauch, ein ‚bewundernswerter Katholik‘ ist) – aber der nicht das Recht des Sünders erkennt, in Seinem Namen um Gnade zu bitten, oder des Bettlers, um Almosen zu bitten: oder wiederum, der Ihn unter spektakulären Umständen erkennt, aber nicht unter armseligen – der dem ersten Bettler auf der Straße, der in Christi Namen bittet, verschwenderisch gibt, aber dem es nicht gelingt, ihn in dem uninteressanten Dummkopf zu finden – jene, in Kürze, die Christus in einem oder zwei oder drei oder mehr Aspekten erkennen, aber nicht in allen – (zumindest nicht in all denen, von denen Christus selbst ausdrücklich gesprochen hat) – können nie zu dieser Höhe der Vertrautheit und Erkenntnis dieses idealen Freundes aufsteigen, die Er selbst ersehnt, und von der Er erklärt hat, dass sie zu erreichen in unserer Kraft steht.“

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(Zeichnung von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Eunuchen um des Himmelreiches willen

Im 19. Kapitel des Matthäusevangeliums, nachdem Jesus klargestellt hat, dass Scheidung und erst recht Wiederheirat hinterher nicht drin ist, bemerken seine Jünger, anscheinend etwas bestürzt: „Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten.“ (Mt 19,10) Heiraten, wenn man sie nicht mehr einfach verstoßen kann? Hm. Und Jesus sagt darauf schlicht, dass es tatsächlich (wenn auch nicht aus den Gründen der Jünger) besser ist, ehelos zu bleiben. Die Einheitsübersetzung verharmlost es wieder mal:

„Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19,11f.)

Tatsächlich verwendet Jesus hier nicht „zur Ehe unfähig“, sondern das Wort „Eunuchen“ – also Kastrierte. (Die Lutherbibel z. B. hat akkurater: „Denn es gibt Verschnittene, die von Geburt an so sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen.“) Vielleicht eine Anspielung auf die Eunuchen, die an orientalischen Königshöfen in wichtigen Positionen dienten, wie der Eunuch und Schatzmeister der äthiopischen Königin, der sich im 8. Kapitel der Apostelgeschichte taufen lässt? So hat auch das „Königreich der Himmel“, wie Jesus es nennt, quasi seine Hofbeamten.

Das soll kein Plädoyer für Selbstverstümmelungen (die ja auch gegen Gottes Gebot verstoßen würden) sein: Natürlich spricht Jesus im übertragenen Sinne von der Ehelosigkeit. Aber ich denke, er hat einen Grund für dieses irgendwie brutal wirkende Bild.

Jungfräulichkeit/ehelose Keuschheit um des Himmelreiches willen bedeutet Verzicht, bedeutet Unfruchtbarkeit, bedeutet ausschließliche Weihung an Gott. Nonnen zum Beispiel schneiden sich die Haare ab, verschleiern sich und ziehen sich zurück, um für Gott da zu sein. Wer dieses Leben lebt, verzichtet eben auf einen bestimmten Lebensbereich und kettet sich an Gott. Wer im Himmelreich auf einer besimmten Position dienen will, muss zu einem gewissen Opfer bereit sein.

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(Louis Émile Adan, Zu Seiner Ehre. Gemeinfrei.)

Im 18., 19. Jahrhundert hätten noch viel mehr Leute darüber geklagt, dass Nonnen, Mönche und Priester keine Kinder bekommen, auf ein Familienleben verzichten, nichts zum Fortbestand der Menschheit beitragen; heute klagen sie manchmal auch noch darüber, wenn sie nicht direkt sagen wollen, dass sie es schlimm finden, dass diese Leute auf Sex verzichten, aber das Kinderkriegen ist doch auch nicht mehr so gut angesehen, dass es der hauptsächliche Fokus wäre.

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(Neulich auf Twitter gefunden. Ab und zu gibt es dieses Argument noch. Natürlich wird von solchen Leuten dann nicht auch dafür argumentiert, dass alle, die heiraten, ein Dutzend Kinder bekommen sollen; da hört der Bevölkerungsutilitarismus plötzlich auf.)

Aber dann klagt man eben über anderes: Keine Freiheit mehr, keine Reisen mehr, keine bestimmten Karrieren mehr; und eben kein Sex mehr. Was auch immer. Vergeudetes Potential jedenfalls, und/oder vergeudeter Genuss.

Und genau das ist es: Nicht nur vergeudeter Genuss, sondern auch vergeudetes Potential, über Bord geworfen für Gott, verschwendet für Gott. „Von den Erstlingsfrüchten deines Ackers sollst du die besten in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen“, hieß es im Alten Bund (Ex 34,26); im übertragenen Sinne gilt das jetzt auch noch. Wer den drei evangelischen Räten (Gehorsam, Armut, ehelose Keuschheit) folgt, opfert Gott Selbstbestimmung, Eigentum und die Aussicht auf Ehe und Familie; auch wer als Weltpriester im Zölibat lebt, opfert Gott die Möglichkeit der Ehe – nicht, weil diese Dinge nicht gut wären, sondern gerade weil sie gut sind, und es besser ist, auf etwas Gutes für Gott zu verzichten, es Ihm zu opfern. Eine, die Nonne wird und die ehelose Keuschheit lebt, hätte auch Kinder bekommen können; na und? Muss alles, was möglicherweise gut wäre, verwirklicht werden? Es kann zurückbehalten werden für Gott. Das Dasein vor Gott ist wertvoll, nicht nur das praktische Machen und Tun in der Welt.

Man könnte jetzt natürlich davon reden, dass Jungfräulichkeit/ehelose Keuschheit die Hofbeamten des Himmelreiches freier macht für den Dienst an diesem Himmelreich, und wie viel Gutes sie leisten und im Lauf der Kirchengeschichte schon geleistet haben; in der Caritas, in der Seelsorge, in der Mission, und auch die rein kontemplativen Orden im fürbittenden Gebet für den Rest der Welt. Die Leute im 18., 19. Jahrhundert, die Orden für unnütz hielten, erlebten eine böse Überraschung, als sie die Orden z. B. 1803 in Bayern auflösten und plötzlich an manchen Orten niemand mehr die Armen- und Krankenfürsorge übernahm. Aber das ist nicht der einzige Zweck der Gelübde. Sie sind nicht nur aus praktischen Gründen da; mit etwas Anstrengung lässt sich Seelsorge, Mission und Caritas auch halbwegs anständig ohne Zölibatäre organisieren, auch wenn es schwieriger wird.

Diese Gelübde verweisen auf Gott. Sie zeigen, dass Gott allein genügt; dass ein Priester z. B. die Einsamkeit ohne Familie aushalten kann, weil er Gott hat. Natürlich ist die Folge, wenn Menschen für Gott auf etwas verzichten, dass sie von Ihm viel mehr zurückerhalten, wenn sie sich auf Ihn einlassen (und durch sie dann auch die Leute um sie herum), aber von außen sieht man das nicht immer so leicht. Ein normaler, in der Welt lebender christlicher Laie, auch einer, der heilig lebt und eine intime Verbindung zu Gott im Gebet hat, ist kein solches, gewissermaßen, „Zeichen, dem widersprochen werden wird“, weil er auch ohne seinen Glauben noch diverse Dinge hätte, die sein Leben irgendwie ausfüllen würden. Nonnen, Mönche, Priester, geweihte Jungfrauen setzen quasi mehr auf Gott, sind stärker auf Ihn geworfen. Natürlich muss das nicht jeder tun; die Laien in der Welt braucht es genauso. Aber es ist gut, dass dieses Leben einen festen, anerkannten Platz in der Kirche hat.

Für manche Leute ist das anscheinend schwer zu sehen. Von Liberalkatholiken wird ja gerne gesagt, natürlich habe der Zölibat noch irgendwie seinen Platz in der Kirche, wer unbedingt zölibatär sein möge, könne das ja sein, nur solle der Zölibat eben optional für Priester werden… und dann proklamieren sie meistens im selben Atemzug, ein Leben ohne Sexualität sei doch ungesund und das könne eh keiner aushalten. Ja, diese Leute würden es natürlich sehr gerne sehen, wenn dann Leute sagen, sie wollen freiwillig zölibatär sein. Ironie off. Das ist eben das Problem, wenn man sich nicht so ganz sicher ist, ob Gott wirklich da ist und/oder wirklich ein Opfer wert ist.

„Gott ist nicht nett“?

Wenn man in „konservativ“-christlichen Kreisen unterwegs ist, wird man gelegentlich mal die Aussage „Gott ist nicht nett“ zu hören bekommen (vielleicht in freikirchlichen Milieus etwas mehr, aber auch bei Katholiken). Ich muss sagen, manchmal geht sie mir ein bisschen auf die Nerven.

Ich verstehe, woher die Aussage kommt: Man will der Ansicht widersprechen, Gott sei harmlos, zahnlos, gleichgültig gegenüber dem Bösen; Gott ist aber heilig, unermesslich, allmächtig, der „ganz Andere“. Das ist völlig richtig. Solche Aussagen findet man z. B. bei Johannes Hartl vom Gebetshaus Augsburg (dessen Buch „Gott ungezähmt – Raus der spirituellen Komfortzone“ Kapitelüberschriften hat wie „Gott ist kein Kumpel, sondern der Richter“*). Die evangelikale Satireseite „The Babylon Bee“ hat sich vor einiger Zeit mal in einem Artikel mit dem Titel „7 Tipps, um erfolgreich Lobpreislieder zu schreiben“ ein wenig über neueres christliches Liedgut lustig gemacht, wo man diese Tendenz, wie ich finde, auch gut sieht:

„1) Jeder Aspekt von Gottes Wesen wird am besten entweder durch Wassermetaphern oder durch Feuermetaphern repräsentiert. Du willst über Gottes Liebe singen? Vergleich sie entweder mit einem katastrophale Hurrikan der Kategorie 5, oder aber einem rasenden Inferno, das eine ganze Stadt niederbrennt. Nichts anderes kommt einer akkuraten Repräsentation von Gottes Liebe nahe.“ (Übersetzung von mir.)

An der Satire ist etwas dran.

Wenn man Gott nur oder zu sehr als überwältigend, als fordernd/herausfordernd, mächtig und womöglich zerstörerisch darstellt, als den Richter der Welt, als den, der menschliche Pläne über den Haufen wirft, geht etwas verloren. Gott ist geduldig mit Seinen Geschöpfen. Gott ist sanft. Gott ist Friede. Gott ist gütig und liebevoll. Die Heilige Schrift spricht nicht ohne Grund von der „Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes“ (Tit 3,4). Das Übernatürliche zerstört das Natürliche nicht, sondern baut darauf auf.

 

Ich finde zu der ganzen Frage auch eine Stelle im 1. Buch der Könige, an der Elija Gott am Horeb begegnet, sehr interessant. Sie wird öfter mal zitiert, wenn es darum geht, dass Gott sanft und gütig ist:

„Der HERR antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den HERRN! Da zog der HERR vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der HERR war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“ (1 Kön 19,11f.)

Sturm, Erdbeben und Feuer gehen dem Herrn voraus: Doch Er selbst kommt ganz sanft. Aber wirklich interessant ist der ganze Kontext dazu. Der Text geht folgendermaßen weiter:

Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle. Da vernahm er eine Stimme, die ihm zurief: Was willst du hier, Elija? Er antwortete: Mit Leidenschaft bin ich für den HERRN, den Gott der Heerscharen, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben. Ich allein bin übrig geblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.“ (1 Kön 19,13f.)

Die Sache ist die: Im Kapitel direkt davor hat Elija die Propheten des falschen Gottes Baal zu einem Gottesurteil auf dem Karmel herausgefordert, und nachdem Gott mit ihm gewesen war und er gewonnen hatte, hatte er die 450 Baalspropheten töten lassen. Das hatte eine Vorgeschichte: Isebel, die Frau des Königs Ahabs von Israel, die Baal verehrte und zu deren Partei die falschen Propheten gehörten, hatte sämtliche anderen Propheten des wahren Gottes töten lassen und auch Elija war in Gefahr; und sie verfolgte Elija weiterhin. Zu Beginn von Kapitel 19 schickt sie ihm die Botschaft „Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich morgen um diese Zeit dein Leben nicht dem Leben eines jeden von ihnen [der Baalspropheten] gleichmache“ (1 Kön 19,2).

Probe auf dem Karmel.jpg

(Elija und die Baalspropheten, Hans Holbein der Jüngere. Gemeinfrei.)

Jedenfalls kann man sagen, dass Elija nicht nur friedlich war. Und was Gott – der Gott, der sich in dem sanften Säuseln, nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, kundgetan hat – jetzt zu ihm sagt, ist:

„Der HERR antwortete ihm: Geh deinen Weg durch die Wüste zurück und begib dich nach Damaskus! Bist du dort angekommen, salbe Hasaël zum König über Aram! Jehu, den Sohn Nimschis, sollst du zum König von Israel salben und Elischa, den Sohn Schafats aus Abel-Mehola, salbe zum Propheten an deiner Stelle. So wird es geschehen: Wer dem Schwert Hasaëls entrinnt, den wird Jehu töten. Und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den wird Elischa töten. Ich werde in Israel siebentausend übrig lassen, alle, deren Knie sich vor dem Baal nicht gebeugt und deren Mund ihn nicht geküsst hat.“ (1 Kön 19,15-18)

Weit davon entfernt, Elijas radikalen Eifer und seine, ja, Gewalt zu verurteilen, bestärkt Gott ihn und gibt ihm weitere Anweisungen für seinen Kampf gegen die Baals-Partei. Im weiteren Verlauf der Geschichte sendet Gott zum Beispiel auch noch mal Feuer über Soldaten des Königs Ahasja, die dieser nach Elija ausschickt (vgl. 2 Kön 1).

Gott kann streng sein. Gott kann strafen. Offensichtlich; das tut Er hier. Aber Gott ist auch sanft zu seinen Kindern, und tröstet sie, und erhebt sie, und stärkt sie – wie Er Elija bei vielen Gelegenheiten stärkt und tröstet. Das ist das, was Seinem eigentlichen Wesen entspricht. Wenn Gott Strafe und Gewalt gebraucht, dann hat er Gründe dafür – z. B., dass es um Tyrannen geht, die Seinen Propheten umbringen wollen. Wenn Gott Strafe und Gewalt gebraucht, dann um seiner geliebten Kinder willen.

Gott will einem eben gerade Trost bieten, wenn man seine Probleme mit der Welt hat – wenn man irgendwelches Leid erlebt. Das „Spirituelle“ ist quasi – um auf Herrn Hartls Buchtitel zurückzukommen – schon die „Komfortzone“, in die man flüchten kann.

Natürlich nicht nur; Gott kann einen auch mal zurechtweisen usw., wenn man sich z. B. in Bosheit oder Selbstsucht verirrt. Aber dieses Sich-bei-Gott-bergen ist wichtig; wenn die Beziehung zu Gott halbwegs in Ordnung ist und man ehrlich auf Ihn schaut, ist das doch das Eigentliche. Ein Grund, aus dem ich die alten süßlichen Herz-Jesu-Lieder lieber mag als manche neue Worshipsongs. Gott ist mit uns.

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(Rembrandt, Kopf Christi. Gemeinfrei.)

 

* Full disclosure: Ich kenne bisher nur die Leseprobe auf Amazon.

Ein persönlicher Gott?

Der folgende Text ist ein Auszug aus Msgr. Ronald Knox‘ 1927 veröffentlichtem Buch „The belief of Catholics“ (5. Kapitel); für die Übersetzung und die Fußnoten danke ich Nepomuk. Das gesamte Werk findet sich auf Englisch hier.

In einem früheren Blogpost habe ich Msgr. Knox‘ Belege für die Existenz Gottes zitiert; hier geht es um die Eigenschaften Gottes. Viele Nichtchristen gehen bekanntlich noch mit, wenn man die Existenz einer ersten Ursache für die Welt postuliert, einer höheren Macht, oder halten sie zumindest nicht für unplausibel; zögern dann aber, wenn es um die Frage geht: Ist das denn ein persönlicher Gott? Oder nicht vielleicht eher eine unpersönliche Kraft? Jetzt also Knox zu dieser Frage.

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(Ronald Knox (1888-1957). Gemeinfrei.)

 

Wenn die Argumente, die im vorhergegangenen Kapitel angeführt wurden, gültig sind, vermitteln sie uns nicht nur einen Glauben an Gottes Existenz, sondern auch Ansichten zu gewissen Einzelheiten(60), die seine Natur betreffen. Ich habe hier nicht vor, wie ein Theologielehrbuch die verschiedenartigen „Eigenschaften Gottes“ zu diskutieren oder auch nur aufzuzählen, aus Furcht davor, die Leinwand unzweckmäßig überzubefüllen. Es ist für unsere gegenwärtigen Zwecke genug, darauf zu bestehen, daß der Gott, auf den man durch Betrachtung seiner Werke in der Natur schließt, ein transzendenter Gott sein muß, ein allmächtiger Gott, und ein persönlicher Gott.

Der Knackpunkt unserer Behauptung selbst war, daß die materielle Welt, die uns in unserer Erfahrung begegnet, nicht die Erklärung ihrer eigenen Existenz, der Kräfte, die sie kontrollieren, oder der Gesetze, die sie regieren, bietet, daß man nach der Erklärung folglich an einer Stelle Ausschau halten muß, die außerhalb ihrer selbst ist und über sie selbst geht. Will unser Gedanke zufriedengestellt sein, so muß er davon ausgehen, daß ein notwendiges Seiendes existiert, demgegenüber all dieses kontingente Seiende, die Schöpfungswelt, sekundär ist und von dem sie abhängt.

Ein Seiendes, oder, genauergenommen, ein Seiender. Wer müssen immer das Niedere mit dem Höheren erklären, nicht umgekehrt. Und die höchste Existenzform, von der wir irgendeine Erfahrung haben, ist Geist. Der Mensch findet heraus, daß er selbst dieses anscheinend einzigartige Privileg besitzt, das Objekt seiner eigenen Gedanken werden zu können. Er kann seine Aufmerksamkeit nicht nur auf Dinge außerhalb seiner selbst, sondern auf sich selbst als Denker, auf sich selbst beim Denken richten. Adam muß viele seltsame Erfahrungen gemacht haben, als er im Paradies erwachte, aber keine seltsamere denn die, sich selbst zu treffen. Der Unterschied zwischen diesem Sichseiner-selbst-Bewußtsein und bloßem Bewußtsein ist so real und so vital wie der Unterschied zwischen Bewußtsein und bloßem Leben, oder dem zwischen Leben und bloßer Existenz. Dieses spirituelle Prinzip, dieses sich seiner selbst bewußte Leben im Menschen, ist nicht zu erklären (und noch weniger zu verdeutlichen) durch seine Bedürfnisse als bloßer Bürger der natürlichen Schöpfung. Es ist etwas ganz außerhalb des Schemas gewöhnlichen organischen Lebens; es existiert um seiner selbst willen, und muß daher als höhere Existenzordnung betrachtet werden. Es ist naturgemäß auf diese höhere Existenzordnung, auf die er jene höchste aller möglichen Existenzen bezieht, die er mit dem Namen „Gott“ benennt.

Es war ein Lieblingsspott der Ungläubigen von XENOPHANES bis Rupert BROOKE: „Hätten Pferde sich Theologie ausgedacht, hätten sie Gott wie sich selbst vorgestellt, hätten Fische eine Theologie erfunden, hätten sie sich Gott wie sich selber vorgestelt.“ Die Kritik ist eine von der Art, daß sie das das Ziel derart weit verfehlt, daß sie gleich ihre eigene Widerlegung bietet. Denn die Tatsache ist, daß der Mensch Pferden und Fischen in genau einem Punkt überlegen ist, nämlich seinem Sichseiner-selbst-Bewußtsein, seinem spirituellen Leben; und es ist präzise kraft dieser spirituellen Qualität und kraft ihr allen, daß er es gewagt hat, sich Gott als ihm ähnlich vorzustellen: Er stellt sich Gott nicht als Starken Mann, sondern als Großen Geist vor, präzise jener Merkmale niederer Ordnung ermangelnd, die den Menschen in seiner dualen Natur mit den Tieren verbinden. Die Seele des Menschen, die im Gedächtnis, im Intellekt und im Willen außerhalb und über dem zufälligen Umstand seiner Sterblichkeit steht, ist der einzige Spiegel, den er in der Natur findet: der einzige Spiegel von jenem puren Akt, jener unermüdlichen Energie, die Gott ist.

Und ist Gott Geist, dann ist er ein persönlicher Gott. Denn all unsere Erfahrung mit Geist, all unsere Evidenz für seine Existenz, beruht auf dem Bewußtsein erster Hand, das jeder Mensch von sich selbst hat, und Indizien zweiter Hand, die auf die Existenz eines ähnlichen Bewußtseins in seinem Nächsten hinweisen. Jeder Geist, wie er uns in unserer Erfahrung gegeben wird, ist ein einsamer Punkt bewußter Existenz. Die Materie, wie wir sie kennen, kann in verschiedene Kombinationen eintreten und verschiedenartige Formen annehmen; aber „Geist“ treffen wir nirgends an, nur „Geister“.(61) Und der Gedanke, daß Gott nicht ein Geist, sondern die Gesamtheit existierender Geister und nichts weiter sei, der Gedanke, daß er „Geist“ und nicht ein Geist sei, ist reine Mythologie. Er übersieht, jene Individualität, jene Unübertragbarkeit, die alle Geister unserer Erfahrung nach gemeinsam haben. Ich stelle freilich nicht in den Raum, daß das Seiende, das uns geschaffen hat, all jenen Grenzen unterworfen ist, welche unsere Vorstellungen mit dem Wort „Persönlichkeit“ möglicherweise assoziieren. Aber indem wir denken, daß Gott ein Geist ist, können wir die Idee bewußter Individualität nicht ausschließen, denn jene Idee ist für unser ganzes Konzept einer Geistnatur essentiell.
Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen: indem wir die Natur Gottes so als transzendent, allmächtig und persönlich abgrenzen, haben wir die Weggemeinschaft nicht nur mit den Irreligiösen, sondern auch mit einer großen Anzahl des eher religiös empfindenden Teils der Menschheit aufgekündigt. Wir haben bis jetzt noch nichts gesagt, was ein Jude oder ein Mohammedaner nicht wiederholen könnte. Aber wir haben – schon jetzt – den Kampf mit jenem pantheistischen Begriff des göttlichen Wesens aufgenommen, welcher einen so profunden Einfluß auf andere Religionen des Ostens gehabt hat.

Das Laster des Pantheismus ist, daß seine Theologie das Leben, nicht den Geist, als Anknüpfungspunkt nimmt. Nachdem er die Welt (fälschlich) als Dichotomie aus Materie und Leben aufgefaßt hat, nimmt der Pantheist an, daß der lebendige Organismus der Spiegel des Universums sei. Und wie im Lebewesen als solchem die Materie ein Lebensprinzip finde, das sie organisiere, so müsse die ganze Materiesumme, die existiere, ein Leben haben, das sie organisiere, ein Leben, daß die Aufsummierung all des Lebens (es sei pflanzlich oder tierisch) sei, das existiere. Dieses Leben sei Gott; Gott sei der Welt, was die Seele (in ihrem weitesten Sinn) dem Körper ist. So bringt es die pantheistische Theologie einerseits fertig, eine Erklärung der Existenz zu geben, die gar keine Erklärung ist: die Totalität unserer Erfahrungen plus Weltseele bringt nun einmal nicht durch die Addition allein irgendeine Erklärung, wie oder warum sie begonnen hat zu existieren. Und andererseits bringt sie es fertig, unsere Gedanken mit einem Begriff von „Gott“ zu belasten, der nicht Gott ist: der tatsächlich nur eine Abstraktion ist, wie „tierisches Leben“ gegenüber Materie eine Abstraktion ist; eine Abstraktion, die weder unsere Schicksale beeinflussen, noch unser Verhalten vorschreiben, noch unsere Anbetung beanspruchen kann: machtlos, amoralisch – und nur aus Höflichkeit unterläßt es der Engländer, den Namen „Gott“ in diesem Zusammenhang wie jedes andere Substantiv kleinzuschreiben.

Der Gott, den wir Katholiken anbeten – wir Katholiken, mit den Juden und den Mohammedanern(62) –, ist wirklich so scharf geschieden von dem Begriff einer Gottheit, der die vielköpfigen Monster des heidnischen Ostens synkretisiert, spiritualisiert oder überlagert hat. – Ist der Gott der modernen Protestanten so klar von seinem orientalischen Gegenüber abgegrenzt? Ich gestehe, daß ich akute und wachsende Bedenken in diesem Punkte habe. Die Tendenz im Protestantismus, wie ich im letzten Kapitel erörtert habe, ist die Evidenz von Gottes Existenz eher in einem angeblichen Instinkt oder einer Intuition zu finden als in irgendeinem Schluß von Prämissen, die in Erfahrung gegründet sind. Aber solche Beweismethoden, selbst wenn wir ihre Gültigkeit zugestehen sollten, würden nur dafür dienen, die Tatsache seiner Existenz zu akzeptieren, ohne uns irgendetwas über seine Natur zu erzählen. Die meisten Menschen glauben an Gott, ja – aber wenn man es näher betrachtet, ist ein großer Prozentsatz von ihnen Pantheisten der einen oder anderen Schattierung; der allgemeine Glaube der Menschheit führt also nicht dazu, die Existenz einer transzendenten Gottheit zu verkünden. Es gibt in der Natur des Menschen etwas, weswegen es ihn juckt anzubeten, einen Religionsinstinkt, ja – aber zu welcher Art von Religion? Warum sollte nicht (zum Beispiel) der Buddhismus das Verlangen befriedigen können? Die Mystiker haben direkte Erfahrungen von Gottes Gegenwart gemacht, es ziemt sich also für uns, ihren Erfahrungen eher als unseren erdgebundenen Vorstellungen zu trauen, ja – aber welchen Mystikern? Den christlichen oder den buddhistischen? Wenn wir nicht bereit sind, auf die Lehre von Descartes und BERKELEY zurückzufallen, die Gott unmittelbar für jene Ideen verantwortlich machen, durch die allein wir in Kontakt mit irgendeiner äußeren Realität kommen, scheint mir, daß all diese „direkten“ Beweise für Gottes Existenz bloß eine blanke Formel abwerfen, und wir keinen intellektuellen Apparat haben, sie auszufüllen.

Welche Art Gott also will der Protestantismus uns zur Anbetung vorstellen? Unsere idealistischen Philosophen, die immer noch wehmütig den Hegelianismus wiederkäuen, haben weder eine Garantie anzubieten, daß Gott allmächtig ist, noch, in welchem Sinne er persönlich ist. Es bleibt nur das moralische Argument, um den Protestantismus in seinen abenteuerlicheren Formen von den rauheren Formen des Pantheismus unterscheiden zu können.

Zweifelsohne wird wenigstens in der westlichen Hemisphäre immer daran festgehalten werden, daß das Höchste Wesen, wie vorgestellt auch immer, die Spitze sein muß, die in sich all jenes Anstreben nach Güte vereint, in welches unsere eigene moralische Erfahrung uns lehrt sich hineinzustürzen. Aber: Ist so ein Gott notwendig der Richter der Lebenden und der Toten? Ist es zulässig, zu ihm zu beten, in dem Sinne, daß man um Gefallen bittet, die er gewähren kann? Hat er die Eigenschaften des Gottes, von dem Jesus von Nazareth gepredigt hat und den zu offenbaren er anscheinend den Anspruch erhoben hat? – Es ist gewiß an der Zeit, daß die protestantischen Theologen über die Fundamente ihres Denkens einmal ernsthaft nachdenken sollten; und über diese Frage nicht am wenigsten, nämlich was wir von Gottes Natur wissen und auf welcher gedanklichen Grundlage ruht unser Wissen? Denn in dieser Angelegenheit sind die Ideen ihrer halbherzigen Unterstützer beklagenswert unzusammenhängend; und solches Zögern kann recht einfach, bevor viel Zeit verstrichen ist, eine Handhabe für die Propaganda der „Theosophie“ und ähnlicher Gedanken sein.

Die Lehre von Gottes Allmacht bringt mit sich eine weitere Annahme, die von beachtlicher Wichtigkeit in den folgenden Kapiteln sein wird – ich meine die stetige Möglichkeit eines Wunders.

Wenn die Gesetze der natürlichen Schöpfung nicht ein Ausdruck der Natur Gottes sind, wie der Pantheist sagen würde, sondern „nur“ seines Willens, dann folgt daraus, daß er die Freiheit hat, wenn er es will, ihr In-Aktion-Treten zu suspendieren, oder um es genauer zu sagen, ihr In-AktionTreten durch das höherer Gesetze zu verdrängen, die uns nicht bekanntgemacht sind. Es ist nur vernünftig – wäre diese Selbstverständlichkeit doch nur so verbreitet, wie sie vernünftig ist! Nämlich damit wir einen klaren Begriff von der theoretischen Möglichkeit zu haben, daß Wunder passieren.

Erst dann können wir hergehen und die Beweislage – wie jede historische Beweislage an und für sich diskutierbar – abschätzen für die einzelnen(63) Behauptungen, daß es in der Geschichte tatsächlich Wunder gegeben hat.

Vor anderthalb Jahrhunderten wäre es in diesem Zusammenhang notwendig gewesen, in diesem Zusammenhang das als Deismus bekannte philosophische System sorgfältig zu untersuchen. Es war nur natürlich, daß die Errungenschaften der mechanischen Wissenschaft im achtzehnten Jahrhundert die Geister der Menschen mit der Idee des „Mechanismus“ prägen würden; es war nur natürlich, daß die christliche Apologetik der Epoche im Gegenzug diese Idee reflektieren würde. Der Deismus behauptet mit Nachdruck die ersten zwei bzw. vier scholastischen Beweise der Existenz Gottes, vernachlässigt aber den dritten bzw. fünften(64). Wenn wir an Gott nur als an die Erste Ursache und den Primären Beweger denken, ist es nicht notwendig zu denken, daß er den Lauf der natürlichen Schöpfung im Hier und Jetzt beeinflußt. Man kann sich stattdessen vorstellen, daß er zu einem Zeitpunkt in der unendlich weit zurückliegenden Vergangenheit eine Welt gefertigt und ihr Gesetze physikalischer und biologischer Art gegeben habe, um ihre Bewegungen zu leiten, und sie dann sich selbst überlassen habe, wie ein Schiff, dessen Ruder festgebunden ist, auf daß sie ihr unausweichliches und vorhergesehenes Schicksal erreiche. Die Metapher PALEYS von der ein für allemal aufgezogenen Uhr ist natürlich die klassische Illustration dieses deistischen Konzepts. Sie stellt sich Gott so vor, als habe er das Universum gemacht, aber es nicht von Moment zu Moment führe, ganz zu schweigen davon, daß er es im Dasein erhielte. Ein solches System war in beträchtlichem Maße peinlich berührt, wenn es Raum für die Möglichkeit von Wundern finden sollte. Ein Wunder in einen so regierten Kosmos hineinzuschmuggeln, hieße, eine Speiche in die Räder der Maschine zu tun, mit für das Schema im ganzen fatalen Konsequenzen.

Vom Deismus spricht man heutzutage nur als von einer Schrulle der Vergangenheit; er hat wenige lebende Unterstützer, wenn überhaupt welche. Es ist daher kaum nötig, den Leser zu erinnern, daß Gesetze sich nicht selbst ausführen; sie sind Prinzipien, die ganz wie die politischen(65) Gesetze eine Exekutive brauchen, die sie umsetzt; und sich vorzustellen, die Naturgesetze würden aus Eigeninitiative handeln, unabhängig von Gottes concursus, wie die Scholastiker das nennen(66), heißt diese Gesetze zu personifizieren, wenn nicht gar zu vergöttlichen. Die katholische Idee von Gott ist ein für allemal in dem Ausspruch unseres Heilandes zusammengefaßt, daß kein Spatz zu Boden fallen kann ohne unseren Himmlischen Vater(67); es kann kein Ereignis geben, wie unbedeutend, wie scheinbar zufällig, wie grausam in seiner Auswirkung auf das Individuum auch immer, das nicht hier und jetzt des concursus der göttlichen Macht bedürfte. Damit meine ich übrigens nicht, daß das katholische Denken diesen Glauben mit diesem Ausspruch unseres Heilandes begründete, als ob wir davon sonst nichts wissen könnten; das gehört zur natürlichen, nicht zur rein geoffenbarten Theologie. Gott allein existiert mit Notwendigkeit; unsere Existenz ist kontingent, hängt, heißt das, von Augenblick zu Augenblick auf einer Ausübung seines Willens ab. Er hat die Zügel nicht fallen gelassen, er hat das Ruder nicht angebunden, er werkt nicht durch die Gesetze, sondern nur gemäß den Gesetzen, die er für sich selbst niedergelegt hat, als er die Grundsätze für die Regierung seiner Geschöpfe niederlegte.

Man wird leicht sehen: Sobald mal einmal diese Ansicht von der göttlichen Ökonomie (wie der Theologe das nennt)(68) begriffen hat, kann es kein weiteres Gerede geben, daß Wunder wegen Unmöglichkeit auszuschließen sind. Dem Debattengegner steht nach wie vor offen zu sagen, daß es mit unserer Idee von Gottes Würde nicht zusammenpasse, sich ihn als in seinen eigenen Gesetze eingreifend vorzustellen, oder daß es eine Kritik gegen jene Gesetze selbst sei, anzunehmen, daß es jemals notwendig sei, sie zugunsten eines individuellen Bedarfs zu suspendieren. Solchen Einwänden werden wir später begegnen müssen; fürs erste ist es genug, darauf hinzuweisen, daß die Wunder, soweit es um ihre Möglichkeit geht, in das Schema der Dinge eben doch hineinpassen. Tatsächlich heißt, Gott als allmächtig zu beschreiben, zuzugeben, daß Wunder möglich sind. Die Schwierigkeit, kann man sogar sagen, ist für unsere menschliche Vorstellung sogar eher der Fall des Spatzen als die Speisung der Fünftausend. Denn im Fall des Spatzen ist die göttliche Macht ebenso am Werk wie in der Speisung der Fünftausend; nur ist in diesem Fall der concursus Gottes als der Primärursache mit jenen Sekundärursachen, die wir geneigt sind, für in sich selbst vollständig zu halten, eine Sache, die für die Vorstellung so verwirrend ist wie für das Denken notwendig.

Wir haben erst den ersten Artikel des Credos betrachtet, das Katholiken wie Protestanten gleichermaßen anerkennen:„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen.“ Man wird gesehen haben, daß die Umrisse des katholischen Systems bereits anfangen, auf der Leinwand Gestalt anzunehmen; es beginnt schon, sich im Relief abzuheben nicht nur gegen die pantheistischen Religionen des Ostens, die für unsere Landsleute nie attraktiv waren(69), sondern auch gegen viel Vagheit und Unentschiedenheit, die man in nichtkatholischen theologischen Werken lesen oder vermuten kann.

Nicht daß der Protestantismus in seinen offiziellen Formularen einen Grund für eine Meinungsverschiedenheit mit uns in solch fundamentalen Angelegenheiten wie diesen fände oder je gefunden hätte: aber ich wäre wirklich sehr überrascht, wenn die Argumente, die ich in diesem und dem vorangegangen Kapitel angeführt habe, und die Schlüsse, die ich daselbst aus ihnen gezogen habe, nicht doch einige meiner klerikalen Freunde in der anglikanischen Kirche dazu bewegten, die Hände empört wegen meiner katholischen Intransigenz, wegen dem hier vorgestellten gedanklichen Mittelaltertum zu erheben. Die katholische Idee von Gott sollte von der protestantischen nicht verschieden sein; aber ich fürchte, daß in der Praxis ein Schatten eines Unterschiedes schon jetzt zwischen ihnen erkennbar ist. Und wenn das so ist, dann ist der Grund dafür an erster Stelle der Lokalpatriotismus der einzelnen Fachbereiche in der theologischen Fakultät, die Abwesenheit eines Systems, die unter den nichtkatholischen Theologen regiert, und dann teilweise der Geist des unautorisierten Abenteuers, der sie dazu führt, fröhlich zur Verfolgung irgendeiner neuen These aufzubrechen, schließlich teilweise teils der extreme Mangel an Neugier, mit dem der durchschnittliche Gottesdienstbesucher alle lehrmäßigen Details betrachtet.

Ich wünschte, ich könnte denken, daß meine Einschätzung der Situation übertrieben sei, und meine Vorahnungen der Zukunft bloß Geunke.

 

(60) „Ansichten zu gewissen Einzelheiten“: zur Verdeutlichung eingefügt, im Original nur: „gewisse Ansichten“.

(61) Problematisch ist daher die in gewissen, auch katholischen, charismatischen Kreisen verbreitete Ausdrucksweise, Gott habe „viel Geist“, gar „viel Heiligen Geist“ ausgeschüttet, man bitte um viel Heiligen Geist usw. Man darf „Geist“ nicht mit etwas verwechseln, daß im intendierten Sinn wohl „Ausmaß von emotionaler Begeisterung“ heißen soll.

(62) Und natürlich auch mit den Orthodoxen.

(63) „einzelnen“ eingefügt.

(64) „bzw. vier“ und „bzw. fünften“ dem Sinn entsprechend eingefügt: je nachdem, ob man Bewegung, Ursache und Kontingenz als drei Beweise oder als einen auffaßt.

(65) „ganz wie die politischen“: zur Verdeutlichung eingefügt.

(66) „concursus, wie die Scholastiker das nennen“: zur Verdeutlichung der lateinische Fachbegriff mit einem Einschub. Im Original concurrence, was genau den concursus der Scholastiker meint, aber hier wörtlich nicht zu übersetzen ist.

(67) Mt 10,29

(68) Einschub eingefügt.

(69) An dieser Stelle übertreibt Msgr. Knox eher oder bezieht sich auf die historische Vergangenheit. Tatsächlich kann ein Sittengemälde, das eben doch von der Attraktivität der fernöstlichen Religionen spricht, schon für seine eigenen Zeiten Chestertons Kriminalgeschichten entnommen werden (in Ermangelung besserer Quellen); heute sind selbige Kulte, auch wenn man der Auffassung der Europäer von ihnen wohl begrenzten Umfang und verwestlichende Überlagerung attestieren wird können, jedenfalls unbestreitbar von gewisser Attraktivität: ich verweise dabei nicht nur auf etwa die Beatles, was man ja als Künstlerschrullen abtun könnte, sondern auch auf so offenkundig glaubwürdige ost-begeisterte Figuren wie den „Effendi“ der beliebten Serie Irgendwie und Sowieso.

Kurze Verteidigung des Bittgebets

Eine Ankündigung in eigener Sache: Ich habe mehrere Beiträge zur Moraltheologie & Kasuistik-Reihe sowie zu den frühen Christen in Vorbereitung; aber die wollen gründlich vorbereitet sein, und ich habe gerade überhaupt viel zu tun; daher muss ich die Leser, die hier auf die Fortsetzungen warten, noch um etwas Geduld bitten. (Mit den Rezensionen zu Francine Rivers‘ Bibelromanen wird es auch bald weitergehen.) Aber jetzt zum Thema für heute.

 

Gegen das christliche Konzept des Bittgebets werden für gewöhnlich vier Einwände (von ganz unterschiedlichen Seiten; teilweise von theologisch unsicheren Christen, teilweise von Atheisten) vorgebracht. Nehmen wir den stärksten zuerst:

 

1) Macht es überhaupt Sinn, Gott um etwas zu bitten? Weiß Er nicht selbst, was wir brauchen, und wird es uns sowieso geben? Wir können doch nicht Gottes Meinung ändern. Aber wieso dann bitten, wenn es nichts bringt?

Dieser Gedankengang wirkt auf den ersten Blick logisch – ist es aber tatsächlich nicht. Doch, Bittgebete bringen etwas.

Natürlich ändert der unveränderliche und allwissende Gott Seine Meinung nicht. Aber das muss er nicht, um Gebete zu erhören. Ein Vergleich: Ein Vater kann unveränderlich der Meinung sein, dass seine Kinder (wenn nicht in der ein oder anderen Situation etwas dagegen sprechen sollte) ein Eis bekommen sollen, wenn sie darum bitten; und es Ihnen dann geben, wenn sie bitten, und nichts tun, wenn sie nicht bitten. Er wartet ab, Meinung unverändert.

Wir glauben an einen persönlichen Gott, der ansprechbar ist, der Dinge tut – nicht nur an irgendeine die Welt durchwaltende Kraft. Dieser Gott will eine Beziehung mit uns haben; und dazu gehört auch, dass wir Ihn um Dinge bitten dürfen.

(Worum? Prinzipiell um alles, das gut oder moralisch neutral ist. Ja, auch um so banale Sachen wie „bitte lass in der Deutschklausur das Thema drankommen, über das ich am meisten weiß“ oder „bitte lass den FSV Unterhausen nächsten Sonntag besser spielen und nicht in die Kreisklasse absteigen“. Auch wenn das Gebet idealerweise nicht nur aus solchen Bitten bestehen sollte. (Natürlich sollte man Gott außerdem auch darum bitten, seinen Willen annehmen zu können, ob Er entscheidet, ein Gebet zu erhören oder nicht.))

Gott ist kein Gott, den es nicht kümmert, was wir zu Ihm sagen. Bittgebete sind ein unverzichtbarer Bestandteil der christlichen Religion; von Anfang an. Abraham, Mose, David, Salomo, Ester, die Propheten, die Apostel; sie alle haben Bittgebete an Gott gerichtet. Jesus hat Bitten an den Vater gerichtet. Maria hat sich an ihren Sohn gewandt, als auf der Hochzeit zu Kana kein Wein mehr da war, und obwohl Er zuerst abweisend war, sagte sie zu den Dienern einfach „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5), darauf vertrauend, dass Er etwas sagen würde, wenn es Seinem Willen nicht entgegenginge – und dann sagte Er den Dienern tatsächlich etwas.

Bittgebete können einiges ausmachen, wie man an Abrahams Bitte für Sodom (Gen 18) oder Moses Bitte für die Israeliten, die sich gerade das goldene Kalb gemacht hatten (Ex 32), sieht. Gott wird nie ungerecht sein und wird uns auch immer mehr Gnade geben, als wir verdienen; aber ja, Bitten und Fürbitten können Ihn tatsächlich dazu bringen, noch mehr Nachsicht mit uns zu üben, als Er sonst üben würde. Aber wieso? Wäre das nicht Seiner unwürdig? Oder ungerecht gegenüber den Menschen, für die keiner bittet? Nein. Gott wollte uns Menschen so weit erheben, dass Er uns eine reale (wenn auch immer noch sehr begrenzte Rolle!) im Weltgeschehen geschenkt hat; wir können, ob durch Gebete oder Werke, tatsächlich etwas bewirken; etwas besser machen, als es sonst wäre. Und ja, das hat Konsequenzen. (Mindestens einen Fürsprecher hat übrigens jeder Mensch, nämlich den eigenen Schutzengel.)

An einer Stelle im 1. Clemensbrief (einem Brief eines frühen römischen Bischofs, ca. 95 n. Chr. geschrieben) heißt es über Mose, der für Israel Fürsprache einlegte:

„Die heiligen Schriften kennet ihr, Geliebte, und zwar gut, und ihr habt euch vertieft in die Worte Gottes; deshalb schreiben wir euch dies als Erinnerung. Als Moses auf den Berg gestiegen war und vierzig Tage und vierzig Nächte in Entbehrung und Fasten zugebracht hatte, da sprach Gott zu ihm: ‚Moses, Moses, steige eilends hinab von hier, denn dein Volk, das du aus Ägypten geführt, hat gesündigt; gar schnell hat es den Weg verlassen, den du ihnen vorgeschrieben hattest; sie haben sich Bilder gegossen‘. Und der Herr sprach zu ihm: ‚Einmal und zweimal habe ich zu dir also geredet: Ich habe dieses Volk mir angeschaut, und siehe, es ist halsstarrig; lass mich sie ausrotten, und ich will ihren Namen auslöschen unter dem Himmel, und ich will dich zu einem großen, wunderbaren Volke machen, viel größer als dieses‘. Und Moses erwiderte: ‚Niemals, Herr! Verzeihe diesem Volk seine Sünde oder tilge auch mich aus dem Buche der Lebenden‘. O große Liebe, o unübertreffliche Vollkommenheit! Voll Freimut redet der Diener zum Herrn, er bittet um Verzeihung für das Volk, oder er verlangt, dass er selbst mit ihnen ausgetilgt werde.“ (1. Clemensbrief 53)

„Voll Freimut redet der Diener zum Herrn.“ Gott ist es recht, wenn Seine Gläubigen offen sind und ihn mit Bitten bestürmen. Ich persönlich kann nicht besonders gut freimütig mit Gott reden; das ist ein Punkt, an dem ich meine Skrupulosität nicht so ganz überwunden habe. Man kommt sich vor, als könnte man bei jeder Gelegenheit etwas falsch machen – ehrfurchtslos sein, innerlich hochmütig, weinerlich, nur selbst plappern, statt darauf zu hören, was Er einem vielleicht sagen will, oder andererseits meinen, Er würde einem etwas sagen wollen, das nur eine Idee aus dem eigenen Gehirn ist -, aber Gott will sicher nicht, dass man sich damit herumquält, zu ihm zu reden. „Voll Freimut redet der Diener zum Herrn.“ Klar wird man immer wieder etwas falsch machen. Aber Gott ist nachsichtig und geduldig. Und am meisten macht man falsch, wenn man nicht betet. Wie gesagt: Gott will, dass Seine Menschen mit Ihm reden.

Und wie der Herr Jesus gesagt hat: „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.“ (Matthäus 7,7-11) (Der letzte Vers ist für mich übrigens einer der tröstlichsten in der ganzen Bibel.)

Freilich kann man nicht von Gott erwarten, genau das zu bekommen, was man will, wenn man nur lange genug betet, selbst dann nicht, wenn man einen guten Grund für die Bitte hat und meint, es dringend zu brauchen. Gott ist keine Maschine, bei der man Gebete einwirft und die gewünschten Ergebnisse herauskommen; und nur Er weiß, was langfristig für uns am besten ist. Das sollte sowieso klar sein.

Drei Frauen in der Kirche (Wilhelm Leibl)

(Wilhelm Leibl, Drei Frauen in der Kirche. Gemeinfrei.)

 

2) Aber wie sollen Bittgebete wirken? Wenn z. B. ein Landwirt um gutes Wetter für seine Maisernte bittet: Wie sollte das funktionieren? Der Verlauf des Wetters ist durch die in der Natur wirkenden Kräfte, die z. B. die Sonnenaktivität und die Winde bestimmen, schon lange vorherbestimmt.

Die Antwort darauf ist ganz einfach: Gott hat, als er die Welt erschuf, schon alle zukünftigen Gebete der Menschen einkalkuliert und schon den Zustand beim Urknall dementsprechend eingerichtet. Er steht über der Zeit.

Natürlich kann es theoretisch auch vorkommen, dass Gott einmal kurzfristig die Naturgesetze außer Kraft setzt, z. B. weil Er den Menschen etwas Bestimmtes demonstrieren will und Ihnen zeigen will, dass nur Er es sein kann, mit dem sie hier zu tun haben; daher z. B. die Krankenheilungen und Totenerweckungen und sonstigen Wunder, die Jesus gewirkt hat. Die Naturgesetze sind von Gott eingesetzt und gelten nur, solange der Gesetzgeber will, dass sie gelten. (Damit unterscheiden sie sich übrigens von den moralischen Gesetzen, d. h. den Gesetzen, die Gut und Böse betreffen, und den Gesetzen der Logik; diese wurzeln in Gottes Wesen, der das Gute und die Vernunft selbst ist, und können sich nicht ändern. Aber es gibt keinen Grund, aus dem die Erdbeschleunigung immer genau 9,81m/s2 betragen sollte – eine Welt, in der das nicht so wäre, wäre denkbar; dagegen wäre keine Welt denkbar, in der grundlose Grausamkeit gut wäre oder 1 und 1 nicht mehr 2 ergäbe.) Gott wird die Naturgesetze zwar nicht ständig außer Kraft setzen, da Ordnung etwas Gutes ist, aber wie jeder gute Gesetzgeber kann er in seltenen Ausnahmefällen die ein oder andere Begnadigung erteilen.

Außerdem betreffen Bittgebete auch nicht nur die unbelebte Natur. Sagen wir, jemand bittet darum, dass Gott seinen Chef weniger unangenehm sein lässt. Wie sich der Chef verhält, ist nicht durch Naturgesetze determiniert, sondern von dessen freier Entscheidung abhängig. Nun wird Gott nicht den freien Willen eines Menschen brechen; aber Er wird vielleicht dem Chef besondere Gnaden geben und ihn geneigter machen, freundlicher zu sein, worauf dieser sich einlassen kann oder was er zurückweisen kann. Dasselbe gilt natürlich, wenn man für sich selbst bittet; wenn man Gott bittet, einem zu helfen, sich in dieser und jener Hinsicht zu bessern. Gott wird einem helfen, aber man muss auch selbst mittun.

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(Felix Freiherr von Ende, Ministranten beim Gebet. Gemeinfrei.)

 

3) Gebete sind doch nur ein billiger Ersatz dafür, etwas tatsächlich Wirksames zu tun. Statt für Leute in Katastrophengebieten zu beten, sollte man bitteschön etwas spenden!

Das, mit Verlaub, ist blanker Unsinn.

Erstens: Gebete wirken nun einmal. Klar, Atheisten wollen das nicht gelten lassen; aber wer zum Schluss gekommen ist, dass der christliche Glaube wahr ist, kann nicht anders, als anzunehmen, dass Gebete wirken. Und gerade wer nichts anderes tun kann, kann immer noch beten.

Zweitens: Kein Mensch sagt, man sollte beten und dafür die guten Werke unterlassen. Es braucht immer beides. Das Motto der Benediktiner lautet: ora et labora, bete und arbeite; d. h.: Wirke auf die beiden Weisen, die Gott dir ermöglicht hat. [Nicht, dass das Bittgebet die einzige Sorte Gebet wäre. Auch die zweckfreie Anbetung des Herrn und der Dank müssen sein.] Und tatsächlich sieht man ja, dass diejenigen, die beten, auch sonst am meisten bewirken. Wer ist an vorderster Stelle zugegen, wenn Not da ist? Kirchen und christliche Hilfsorganisationen. Humanistenverbände verlegen sich in der Zwischenzeit darauf, im Internet zu erklären, wieso die Religion die Menschheit zurückhält und es keine städtischen Zuschüsse für den nächsten Kirchentag geben sollte.

Beten gibt Kraft. Beten stärkt den Glauben an den Gott, der will, dass wir neben dem Beten auch gute Werke tun. Und dann ist es doch sinnvoller, wenn Gläubige spenden und beten, als wenn Atheisten spenden und sich darüber aufregen, dass Gläubige beten. (Das müsste übrigens selbst aus der Sicht dessen gelten, der dem Gebet an sich keine Wirkung zuschreibt: Der Betende versetzt sich in eine empathische Stimmung, der übers Beten Motzende in eine arrogante und verurteilende. Welcher von beiden wird der angenehmere Mensch werden?)

Christen, die die atheistische Kritik halb internalisiert haben, verteidigen das Bittgebet manchmal mit dem Argument, dass es hier nicht darum ginge, von Gott wirklich etwas zu bekommen, sondern nur darum, dass wir durch das Gebet, durch das Sprechen mit Gott, zu anderen Menschen gemacht würden, die dann besser dabei wären, gute Werke zu tun; das Beten würde nicht Gott, sondern die Menschen verändern.* Es ist tatsächlich ein Zweck des Betens, von Gott zu einem anderen Menschen gemacht zu werden; aber dieser Zweck schließt den anderen Zweck nicht aus. Doch, es geht beim Bittgebet schon darum, etwas von Gott zu bekommen.

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(Albrecht Dürer, Betende Hände.)

 

4) Dass Bittgebete wirken, kann man nicht nachweisen. Wenn etwas passiert, dann war es eine Gebetserhörung, wenn nichts passiert, dann lassen das die Gläubigen trotzdem nicht als Argument gegen Gott gelten, denn „die Wege des Herrn sind unergründlich“. Pff.

In etwa so ist es.

Der Punkt ist nur: Wir behaupten nicht, erhörte Gebete wären ein Gottesbeweis. Gut, es gibt ab und zu diese spektakulären Gebetserhörungen, bei denen Gott sehr Unwahrscheinliches geschehen lässt oder sogar ab und zu, wie oben beschrieben, die Naturgesetze außer Kraft setzt; es gibt neben Jesu Wundern z. B. die in Lourdes geschehenen Krankenheilungen, für die die zuständige Ärztekommission keine wissenschaftliche Erklärung gefunden hat. Die sind tatsächlich zumindest ein Hinweis auf Gott. Aber was die ganz normalen, alltäglichen Gebetserhörungen angeht: Die sind in der Tat kein Gottesbeweis, jedenfalls taugen sie nicht unbedingt zur Demonstration des Glaubens gegenüber anderen. (Auch persönliche Gotteserfahrungen im Gebet kann man anderen nicht direkt vermitteln.)  Aber dafür, dass Gott existiert und sich in Jesus Christus offenbart hat, gibt es andere Argumente.

Allen Christen ist von vornherein klar, dass der Ausgang bei Bittgebeten offen ist; dass es aus unserer begrenzten Sicht sogar sehr willkürlich wirken kann, wieso Gott das eine Gebet erhört und das andere nicht. Er weiß eben, wenn die Erhörung einer bestimmten Bitte uns auf lange Sicht nicht guttun würde, auch wenn wir das meinen. Manchmal kann es sein, dass einem der Grund ein wenig später selbst klar wird; aber wir erwarten nicht, auf Erden schon tiefe Einblicke in Gottes Denken zu bekommen. Er weiß, was das Beste ist; wir dürfen fragen, ob wir etwas bekommen, aber es ist einzig und allein Seine Sache, ob Er es uns gibt.

Bittgebete sind kein Experiment, das falsifizierbar sein müsste. Wir beten nicht zu Gott, um Atheisten etwas zu beweisen. Was bilden die sich denn ein?

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(Ernst Oppler, Beim Gebet. Gemeinfrei.)

 

* Diese internalisierte Kirchenkritik bewirkt z. B. auch, dass in den Fürbitten in manchen Pfarreien nur noch gesagt wird „Sende den Kranken Menschen, die ihnen beistehen“ o. Ä., statt einfach „Steh den Kranken bei“. Letztlich ist das ein Zeichen einer gewissen Ängstlichkeit, Gott wirkliches Handeln zuzutrauen.

Halloween, und so

Ein nachträglicher Gastbeitrag zu Halloween und dem Reformationstag von Nepomuk.

 

I. Feste am Ende des Oktober

Die deutsche Sprache kennt den Ausdruck „Matthäi am Letzten“, der ungefähr so viel bedeutet wie: „Es wird zappenduster.“ Wenn man so im Internet nachforscht, dann kann man die absurdesten Theorien über dessen Herkunft feststellen (angeblich habe er etwas mit dem hl. Apostel Matthias – dessen Genitiv „Matthiae“ wäre – zu tun, dessen Fest gegen Ende des Februars stattfindet, wenn auch nicht an dessen Ende), welche Herkunft doch dem Kirchgänger eigentlich offen auf der Hand liegend sein müßte: Im alten römischen Ritus, im Lesejahr A nach der Liturgiereform, und (wie man hört) auch bei den Protestanten werden am letzten Sonntag des Kirchenjahres jeweils Evangelien nach Matthäus verlesen, die alle unterschiedlich sind und alle vom Weltgericht handeln. Dann ist Matthäi am letzten; und wenn wir in die Apostelgeschichte schauen, wird es auch in der Tat zappenduster werden (Apg 2,19f).

Soweit sind wir noch nicht; es ist erst Oktober. Matthäi am Letzten ist eben am letzten Sonntag des Kirchenjahres – oder wäre es traditionell, wenn nicht die Liturgiereform in einem ihrer offenkundigsten Fehler uns an diesem Sonntag das Christkönigsfest beschert hätte (dessen in der Enzyklika Quas primas festgelegter Festinhalt eben nicht die vom Festtermin offensichtlich nahegelegte Aufrichtung des Himmelreiches am Jüngsten Tage ist, sondern die weniger, aber eben auch wichtige Herrschaft Christi im Hier und Jetzt, wie sie teils besteht, teils von uns nach unseren Möglichkeiten durchzusetzen ist). Christkönig, nach dem alten Ritus, war gerade eben; und man kann es vielleicht zu einer halben Ehrenrettung der Liturgiereform sagen: daß wir nun darauf im Zusammenhang mit einem ganz anderen Thema darauf zu sprechen kommen (der Zusammenhang wird, so hoffe ich, noch deutlich werden) ist vielleicht ein Hinweis darauf, daß das natürlich auch zusammenhängt.

Ziemlich genau mit dem November setzt die Besinnung der Kirche auf die sogenannten Letzten Dinge ein. (Für die liturgischen Feinschmecker: eigentlich, ausweislich des Festevangeliums, im alten Ritus schon mit dem Apostelfest der hll. Simon und Judas; und in gewisser Weise seit dem achtzehnten Sonntag nach Pfingsten, oder auch schon dem Samstag des Septemberquatembers, der nicht von ungefähr, obwohl er ganz verschieden fällt, im Meßbuch genau vor diesem Sonntag steht). Und am letzten Sonntag, an dem die Hauptfeste des Kirchenjahres vorbei sind, aber wir eben noch nicht mit dem Allerheiligenfest in die eigentliche Letzte-Dinge-Phase eingetreten sind, ist eben im alten Ritus das Christkönigsfest; so die Argumentation bei der Einführung 1925. – Ich schweife ein wenig ab; das ist so meine Art.

Am 1. November ist Allerheiligen, an dem wir die Heiligen des Himmels feiern; am 2. November ist Allerseelen, wo wir der Armen Seelen im Fegfeuer gedenken. Und am 31. Oktober? Da steht eine Menge von Dingen an.

Die Regensburger, natürlich, kümmern sich um den Lauf der restlichen Welt wenig; für sie ist erstmal, vor allem und überhaupt das Fest des hl. Wolfgang, ihres Diözesanpatrons, dann kommt eine ganze Weile nichts. Das ist ja auch schön und gut. Die lokalen Dinge sind sehr wichtig, und nur die wichtigsten Dinge sind wichtiger; so immer der gesunde katholische, subsidiäre Instinkt. Aber davon wollen wir ersteinmal nicht reden (außer es sollte sich eine ganz seltsame Parallele auftun).

Vor allem aber geht regelmäßig das obligatorische Gejammer los, das unsere Brüder und Schwestern Protestanten anstimmen, weil ihr Reformationstag von dem amerikanischen und, so heißt es, unchristlichen Import Halloween verdrängt wird. Ein kleiner Nebenkriegsschauplatz ist das Tanzverbot: an dem Fest Allerheiligen, auch wenn es für sich genommen ein Freudenfest ist, soll wegen des Themenkomplexes, das es einläutet, und wegen des doch ernsten Charakters, das es selbst auch irgendwo hat, und vor allem deswegen, weil Allerseelen nun einmal kein Feiertag ist und das öffentliche Totengedenken deshalb weitgehend an Allerheiligen stattfindet, keine Tanzveranstaltung stattfinden. Dies heißt auch, daß die Halloweenparties rechtzeitig enden müssen.

– Ich kann an dieser Stelle einschieben: Die vor einigen Jahren gefundene Lösung, daß im Freistaat Bayern an Allerheiligen bis zwei Uhr früh, aber nicht länger, getanzt werden darf – während es am Karfreitag ausdrücklich bei Mitternacht bleibt! – mag äußerlich wie ein Kompromiß aussehen, stellt einen der tatsächlichen Komplexität der Ereignisse vollkommen gerecht werdende und uneingeschränkt zu bejubelnde Lösung da. Manchmal schafft so etwas auch heute noch die Politik; dann darf man es auch anerkennen. –

Ich muß an dieser Stelle gestehen, was mir vielleicht hernach keiner glauben wird: Ich bin zwar Antiprotestant, nehme mir aber vor, es mir an Respekt für den Gegner nicht fehlen zu lassen. Auch ist Dr. Martin Luther OSA ohne jede Frage eine bedeutende Persönlichkeit, und der Reformationstag war zweifellos ein bedeutendes Ereignis der Geschichte, wenn auch ein verhängnisvolles; schließlich kann der religiöse Ernst zumindest Luthers, um den es am Reformationstag ja primär geht, nicht bestritten werden. Ein besonderes Faible für Halloween habe ich hingegen nie gehabt und habe es immer noch nicht (nein, tatsächlich nicht), schon allein deswegen nicht, weil ich ganz banalerweise beim Ausgehen lieber schöne Gesichter von Frauen als häßlich-geschminkte Gesichter von Frauen sehe. Ich argumentiere also im folgenden nicht für meine persönlichen Vorlieben; aber der große G. K. Chesterton hat einmal den Zölibat, als eine Einrichtung der Kirche, verteidigt und dabei offen eingestanden, daß er selbst diesen nicht verstehe (aber jeden Tag vielleicht noch begreifen könnte). In diesem Geiste bin ich zu der überraschenden Einsicht gekommen, daß bei diesen zwei „Rivalen“ Gut und Böse vielleicht doch anders verteilt sind, als es der von seinem Milieu geprägte gläubige Christ es sich im ersten Augenblicke so vorstellt.

 

II. Die Kritik gewisser frommer Kreise an Halloween

Ein Indiz sind gerade die Attacken, die von seiten der Frommen sehr gerne gegen Halloween gefahren werden. „Fromm“ ist als Lob gemeint, aber „vollständig beraten“ heißt es nun einmal tatsächlich nicht immer; wenn ein Trend aufkommt, sagen wir in den Freikirchen Amerikas – da diese nun einmal, was man neidlos, aber nicht resigniert, anerkennen muß, zur Zeit die „fromme Szene“ weitgehend beherrschen – dann kann man darauf wetten, daß er ersteinmal übernommen wird, zumindest wenn seine Unrichtigkeit nicht offenkundig ist. „Je religiöser, desto besser“ – das stimmt ja sogar; aber kann man es dem gläubigen Volke verdenken, wenn es daraus „je religiöser scheinend, desto besser“ macht?

In besseren Zeiten der Kirche waren die Pfarrer und Prediger streng genug, daß die Laien – clericis laicos semper inimicos esse constat – ein wenig dagegenhielten und vielleicht auch dagegenhalten durften; „im Grunde hat der Herr Pfarrer mit seiner Vorsicht ja schon einen Punkt, aber ganz so muß man das auch nicht alles machen“. (Wenn es wirklich krawotisch werden sollte, dann kann die Kirche ja immer noch mit Ausschluß von der Kommunion, Kirchenstrafen usw. daherkommen. – Es sei hier sicherheitshalber angemerkt: Wenn ich sage „vielleicht auch dagegenhalten durften“, so ist damit nichts gemeint, was tatsächliche Todsünden betrifft. Klar ist ja auch, daß die Gläubigen, sofern sie wenigstens ein bißchen gläubig waren, vor der tatsächlichen konkreten Todsünde immer einen heilsamen Schrecken hatten, und wenn nicht vor ihr, so doch wenigstens davor, nach ihr die Heilige Kommunion zu empfangen – Graham Greenes „Das Herz aller Dinge“ ist ein hervorragendes literarisches Zeugnis für letzteres).
Heute ist es – man hat manchmal fast den Eindruck – umgekehrt; wo ist denn die Strenge noch? Umso weniger kann man es dem Volk verdenken, wenn es „je religiöser scheinend, desto besser“ sagt. Machen wir uns nichts vor: Es gibt durchaus die Kreise, in denen der als der religiösere Mensch gilt, der mehr oder weniger gedankenlos die Argumente des Vulgärkreationismus nachbetet. (Ich beabsichtige damit übrigens nicht, jede Kritik oder jede explizit religiös oder biblisch begründete Kritik am Standardmodell der Physik etc. für unzulässig zu erklären – nur müßte das wenndann auf vernünftige Weise gemacht werden und übrigens erstmal jedenfalls auf der theologischen Seite frei von Irrtümern sein: der heutige Kreationismus fußt wesentlich auf der Behauptung, daß es vor dem Sündenfall keinen Tod gegeben haben könne, und dies ist, auch völlig unabhängig von physikalischen Tatsachen, zunächst einmal schlichtweg schriftwidrig. Bei Bedarf kann ich das gern auch noch begründen.) Es gibt ja obendrein auch die Kreise, in der auf Grund einer allgemeinen Unzufriedenheit damit, wie die heutige Politik zu Gottes Gesetz und der heiligen Religion steht (was nur allzu berechtigt ist!) jemand als umso religiöser gilt, je radikaler er politisch ist. Es gibt, auf deutsch, jede Menge Mist.

Der Punkt ist nun: Die feine katholische Nase riecht bei der herkömmlichen Anti-Halloween-Propaganda genau diese Art Mist heraus. Handeln wir diese Punkte kurz ab; sie sind nicht das eigentliche Thema dieses Textes hier.

1. „Halloween ist satanisch, weil sich Leute als Teufel und Hexen verkleiden.“

Hierzu braucht man eigentlich nichts zu sagen. Mit dem gleichen Recht ist Faust satanisch und zwar nicht wegen problematischer Einstellungen Goethes, die es transportiert (worüber man sicherlich bei Goethe generell reden kann, allerdings scheint mir zumindest der Tragödie erster Teil tatsächlich ganz unproblematisch zu sein), sondern allein schon deswegen, weil dort der Teufel auf der Rollenliste aufscheint. Mit dem gleichen Recht hätte Der Untergang nie produziert werden dürfen, weil es bedauerlicherweise nicht denkbar ist, ohne daß ein Schauspieler in die Rolle Adolf Hitlers schlüpft. Also lassen wir das.

2. „Halloween ist eines der Feste im ‚Festkalender der Satanisten’“.

Ich glaube nicht, daß man das bestreiten kann, zumindest nicht, was den Pseudo-Satanismus betrifft; aber ebensowenig kann man bestreiten, daß die fromme Kritik zuerst, die Einvernahme durch einzelne Satanisten, eine im übrigen marginale Bewegung, die eben präzise das tut, was die Frommen besonders verabscheuen, danach kam. Was übrigens den echten Satanismus betrifft, die wirklich gefährliche Bewegung, über die man am besten wenig sagt und über die ich im übrigen auch gar nichts sagen kann, – aber allem Vernehmen eine Bewegung, die das Licht des Tages scheut, und wirklich gefährlich ist – so sei da einmal dahingestellt, ob die Leute sich wirklich Ende Oktober mit Fratzen bemalen und fleißig Suppe vom zuvor ausgehöhlten Kürbis essen. Ich würde eher vermuten, sie wären dazu viel zu hoffärtig.

3. „Halloween ist ein heidnisches Fest“.

Näherhin ein keltisches; das stimmt von alledem noch am ehesten. Zumindest gab es meinen Informationen nach an diesem Datum tatsächlich ein heidnisches Fest (das bekannte Samhain), das vielleicht tatsächlich etwas mit einer heidnischen Version von „Letzten Dingen“ zu tun hatte. Wir hören ja immer, das Weihnachtsfest gehe auf ein germanisches Fest zurück: was bei Weihnachten Unsinn ist – Weihnachten ist ein rein christliches Fest und allenfalls im Datum von einem römischen beeinflußt – könnte in bezug auf Allerheiligen tatsächlich gewissermaßen „stimmen“. Das Fest Allerheiligen wurde – recht offen – zunächst auf den Termin des römisch-heidnischen Lemurenfestes (das durchaus etwas mit dem Thema „Geister von Verstorbenen“ zu tun hat) am 13. Mai gelegt, indem an diesem Tag der alte allen heidnischen Göttern gewidmete Tempel, das berühmte Pantheon oder die Rotonda, gereinigt und dann zur Ehre aller Heiligen geweiht wurde. Und wenn im 8. Jahrhundert Papst Gregor III. eine allen Heiligen geweihte Kapelle in Alt-St. Peter am 1. November einweihte und dies zum Anlaß nahm, das Festdatum zu verschieben, so liegt der Gedanke durchaus nahe, daß er das dem römischen Lemurenfest ähnliche keltische Fest bewußt zum Datum nahm, zumal die Kelten damals in der Sphäre des Christentums aufgetaucht waren und es auch jahreszeitlich schlicht besser paßte. Dafür, daß er die Weihe einer Nebenkapelle zum Anlaß nahm, ein Fest zu verschieben, das in der Weihe einer bedeutenden Basilika gründete, habe jedenfalls auch ich noch keine geeignetere Erklärung gefunden.

Und natürlich können hier außer dem Datum auch einzelne Bräuche übergegangen sein (auch bei Weihnachten wird sich wohl kaum jemand auf den Standpunkt stellen, der christliche Festgehalt sei mit überhaupt keinem mit ihm vereinbaren Brauch germanischer Herkunft angereichert worden).

Hier kommt aber schon einmal der erste von den Punkten ins Spiel um die es mir hier geht, wenn auch noch nicht das Kernthema: Wir Katholiken haben eben nicht vergessen, was Paulus in Apg 17,23 gesagt und gemacht hat; und wenn uns nun jemand sagt: „aber gerade damit war er in Athen ja nicht erfolgreich“, dann antworten wir stolz: „Das ist nachrangig; jedenfalls hatte er damit Recht.“ Das Taufen oder, mit einem vielleicht etwas zu modisch gewordenen Wort, die „Inkulturation“ von Bräuchen heidnischen Ursprungs, sofern sie nicht selbst götzendienerisch sind, ist keine anrüchige, sondern eine hervorragende Sache; nicht nur, um durch solche „Zugeständnisse“ noch mehr Seelen für Christus zu gewinnen – was aber doch bitte, um alles in der Welt, schon ausreichen sollte! –, sondern auch um der Wahrheit willen.

Ich gehe davon aus, daß an dieser Stelle die Protestanten lautstark das tun, was ihr Name besagt: „bei uns aber nicht!“. Schön und gut. Ich war seit meiner Zweitbeichte nie ein besonderer Freund des ökumenischen Gedankens, wie man ihn landläufig versteht (aber der Autor der Enzyklika Mortalium animos, von der einige disziplinarische, aber kein einziger doktrinärer Punkt aufgehoben ist, war das auch nicht); und hier wird man wohl den überstrapazierten Satz, daß die Toleranz logischerweise vor den Intoleranten wenigstens notwendig halt machen müsse, einmal richtig anwenden müssen. Wenn es recht ist zu inkulturieren, dann ist es nicht recht, auf Grund eines Kompromisses mit den Inkulturationsgegnern darauf zu verzichten.

Daher: Die Johannisfeuer müssen weiter brennen, auch wenn der protestantische Nachbar das nicht mag.

Mein Verweis auf die Johannisfeuer mag überraschend gekommen sein; damit komme ich schön langsam zu meinem eigentlichen Thema, weil zwischen den Johannisfeuern und Halloween eben doch ein Unterschied besteht. Das Johannisfeuer wurde auf den Festtag eines großen Heiligen gelegt und auch mit einer Deutung, die sich auf ihn bezieht, versehen und mit einem eigenen Abschnitt im Rituale Romanum geehrt. (Das ist, um die Anspielung nicht auszulassen, natürlich auch das gleiche Buch, in dem die Exorzismen enthalten sind.) Das Johannisfeuer ist damit heute eine christlich-gottesdienstliche Handlung, und Schluß.

Ist Halloween nicht doch etwas anderes? Ist Halloween nicht so etwas wie der „Harry Potter des Festkalenders“ (in der Buchreihe kommt es ja übrigens tatsächlich auch relativ prominent vor), also ein offenkundig mit viel Unfug als un- und widerchristlich verschmähtes Ding, das die Leute lesen bzw. feiern, weil es halt Spaß macht, das aber trotzdem ebenso offenkundig nicht besonders religiös und christlich ist? Die Bemühungen, etwa „Harry Potter“ auch als letzteres zu deuten, sind ja nicht viel weniger peinlich als die, die auf das Gegenteil aus sind.

Nun; die Feststellung wäre naheliegend; aber ich glaube nicht. Und damit komme ich auf den Reformationstag zu sprechen.

 

III. Reformation und Reformationstag

Es kommt hier übrigens nicht darauf an, ob „der Reformationstag so passiert ist“. „If the legend becomes fact, print the legend“; daß Martin Luther um diese Zeit herum die 95 Thesen zur Diskussion stellte und damit zwar in diesen Thesen selbst nur in den wenigsten Fällen der katholischen Lehre widersprach, aber doch für den heutigen Leser einen zweifellos unkatholischen Geist durchblicken ließ und dafür, daß er durch seine Unbelehrbarkeit den Protestantismus auslöste, den Anstoß gab, das ist ja unstrittig. Wir wollen ihm also durchaus den Dramatismus gönnen, daß er selbst diese Thesen an die Tür der Universitätskirche anschlug – zumal das, wie man hört, eine gängige Methode der wissenschaftlichen Auseinandersetzung war. Vielleicht tat es auch der Universitätshausmeister, aber lassen wir es ruhig einmal Luther selbst getan haben. Es ist gleichgültig.

Was war denn der Auslöser der Reformation? Ich rede jetzt nicht von den Dingen, die sie, leider Gottes, begünstigten; ohne die sie in der religionspolitischen Praxis ziemlich schnell ihr Ende gefunden hätte. Natürlich hätte es die Reformation mit diesem Erfolg nicht gegeben, wenn der insbesondere hohe Klerus weniger Gelegenheit zum Anstoßnehmen gegeben hätte – aber was diese von Katholiken, die aus ökumenischer Höflichkeit ums Verrecken irgendetwas Freundliches dazu sagen wollen, viel zu sehr betonte Tatsache betrifft, hat Luther immer darauf bestanden, daß nicht das der eigentliche Hintergrund der Reformation war; „wir müssen unterscheiden Lehre und Praxis; in der Praxis sind die unsrigen nicht besser als die Katholiken“, soweit Luther selbst. Natürlich wäre die Reformation ohne den Eifer von Fürsten, sich Kirchengüter unter den Nagel zu reißen (und in einem Fall sogar um der lieben PR willen eine Bigamie genehmigt zu bekommen), im Sande verlaufen und bloß zu einem allerdings wohl nicht ganz unbedeutenden Kapitelchen der Häresiegeschichte geworden. Und natürlich – was viel zu wenig beachtet wird: Hätte man dem deutschen Volk glaubwürdig erklärt, was tatsächlich den Tatsachen entsprach, nämlich daß der Abriß von Alt-St. Peter, der Baufälligkeit dieser Kirche wegen, nicht nur und nicht vor allem ein Prestigeprojekt eines etwas ruhmsüchtigen (vielleicht zu ruhmsüchtigen?) Papstes, Julius‘ II., sondern tatsächlich dringend erforderlich war und der Neubau in all seinem Prunk (der bei einer Kirche dieser Bedeutung natürlich unverzichtbar ist) vermutlich ja auch immer noch billiger kam als eine kostspielige Sanierung – wir kennen so etwas bei Bauten ja auch in unseren Tagen –, dann hätte Luther gegen die vor allem auf den Bau von Neu-St. Peter gerichteten Ablässe gewiß nie so eine Stimmung mobilisieren können.
Das alles ist richtig; aber es hat nichts mit dem theoretischen Fundament des Protestantismus zu tun.

Dieses Fundament ist die Angst.

Damit sage ich nichts, was ein ernstzunehmender Protestant wird bestreiten wollen; er wird nur sagen, gemäß seinem damaligen katholischen Glauben habe Luther eben Angst haben müssen und durch seinen Protestantismus den dann notwendigen Ausweg gefunden. Daß aber Luther an der Frage „wie bekomme ich einen gnädigen Gott“ fast verrückt geworden ist, bis er seine spezielle „Lösung“ der Frage gefunden hatte, die bis heute in allen Spielarten des Protestantismus maßgeblich ist, ist eine offenkundige Tatsache. (Unter anderem deswegen ist wohl das Pfingstkirchlertum wie auch sicher der Mormonismus nicht zum Protestantismus zu rechnen.)

Und damit komme ich zu der im Liturgiejahr eher seltsamen Einleitung des Artikels. Ist es nicht natürlich, vor dem Jüngsten Gericht Angst zu haben?

„Tagt der Rache Tag den Sünden, wird das Weltall sich entzünden, wie Sibyll und David künden. / Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richter kommt, mit Fragen streng zu prüfen alle Klagen! / Laut wird die Posaune klingen, durch der Erde Gräber dringen, alle hin zum Throne zwingen. / Schaudernd sehen Tod und Leben sich die Kreatur erheben, Rechenschaft dem Herrn zu geben. / Und ein Buch wird aufgeschlagen: treu darin ist eingetragen jede Schuld aus Erdentagen. / Sitzt der Richter dann zu richten, wird sich das Verborgne lichten; nichts kann vor der Strafe flüchten. / Weh! Was werd ich Armer sagen? Welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen?“
Soweit die ersten sieben Strophen der achtzehneinhalb des Dies irae.

Dann wird’s zappenduster; dann ist Matthäi am letzten.

Die scheinbare Lösung Martin Luthers für dieses echte Problem kennen wir: wir tun einfach so als ob. (Sicher würde das nun ein Protestant nicht so formulieren.) Etwas salbungsvoller ausgedrückt: Aus dem mißverstandenen Bibelvers „der Gerechte lebt aus dem Glauben“ bastelt er sich, dem offenkundigen Sinn zuwiderlaufend, seine Lehre, die in all ihrer Zugespitztheit letztlich so lautet „wie du glaubst, so hast du“: also sinngemäß „wer sich die Sünden vergeben glaubt, dem sind sie vergeben; wer sich die Sünden behalten glaubt, dem sind sie behalten“. (Wir lesen natürlich in Joh 20,23, an das ich mich mit der Formulierung zugegeben angelehnt habe, etwas ganz anderes.)

In einer Formulierung, die meines Wissens auf Paul Hacker zurückgeht: Erlösung durch Selbstsuggestion.

Es ist übrigens nicht meine Absicht, diese neue Theorie lächerlich zu machen. Wer von echter, ernsthafter Verzweiflung umnachtet ist und dann mit dem vielberedeten „Mut der Verzweiflung“ den, um es einmal unangemessen modern auszudrücken, „Sprung ins Ungewisse wagt“, das „Wagnis des Glaubens eingeht“, dem kann man eine gewisse Größe nicht bestreiten – nur Recht hat er eben nicht. Lächerlich ist höchstens Luthers Behauptung, daß diese Lehre von Anfang an die christliche gewesen sei oder gar – zumindest vom Tonfall her klingen seine ersten, noch halbkatholischen Aussagen so – von der Kirche erst allerkürzlichst aufgegeben worden sei.

Da er diese Doktrin aber einmal so aufgestellt hat, folgt mit einer gewissen Logik, daß er die Lehre vom Verdienst verwirft. Wenn andere diesen sogenannten „Fiduzialglauben“ (wie mindestens die katholische Theologie ihn später nennen würde) auch als Wesensbestandteil des „Evangeliums“, d. h. der christlichen Lehre annehmen sollen (es ist übrigens etwas komisch, eine Theorie „Evangelium“ zu nennen, selbst nach den Behauptungen ihres Begründers aus einer Auslegung der Paulusbriefe hervorgeht und im Evangelium gar keinen Anhaltspunkt hat), dann müssen sie vorher auch in Verzweiflung geführt werden oder doch wenigstens vom Katecheten vordemonstriert bekommen, daß sie, wenn sie nicht fromme Protestanten wären, in ebendiese Verzweiflung geraten müßten. Dann aber muß mit aller Gewalt die falsche Lehre gepredigt werden, die im englischen Sprachraum später auf den Begriff utter depravity gebracht werden würde (der Begriff ist calvinistisch, die Wurzel liegt aber tatsächlich bei Luther); der Mensch sei von Natur aus verdorben (wir Katholiken bestehen darauf, daß das erstens nicht die Natur ist und daß zweitens von einer bedauerlichen Hinneigung zur Sünde, aber, zumindest mit Notwendigkeit, nicht von mehr die Rede ist und vor allem daß drittens der Mensch, solange er lebt und bei Bewußtsein ist, immer eine gewisse Empfänglichkeit für das Gute beibehält). Ist er aber verdorben, dann kann er auch nichts Gutes tun; und hat man einmal die Erbsünde, aus der ja die Sünden folgen, so erklärt, dann folgt aus der unbestreitbaren Erfahrungstatsache, daß auch Getaufte sündigen, daß sich daran durch die Taufe nichts Grundlegendes ändert. (Luther erklärt dann die Erlösung gewissermaßen als „Augenzudrücken“ Gottes in dieser Beziehung.) Und wenn das so ist, dann ist der Fall, daß jemand etwas Gutes tut – vor allem, wenn es etwas Gutes ohne innerweltlichen Sinn ist – ein Anlaß für den dringenden Verdacht, daß er diese wesentliche Lehre des Protestantismus nicht akzeptiert und damit auch den nach protestantischer Ansicht wahren Glauben nicht haben kann.

Solche Handlungen faßt der Protestantismus unter den Begriff „Werkgerechtigkeit“. Es gibt natürlich – worauf wir Katholiken mit unserem Harmoniebedürfnis gern bestehen – etwas, das man auch „Werkgerechtigkeit“ nennen könnte und das tatsächlich falsch ist: sich durch Werke den Himmel (oder die Gnade) verdienen wollen, so daß man hernach ein Anrecht darauf hätte, und zwar allein des natürlichen Wertes der Werke wegen, nicht deswegen, weil diese selbst bereits unter dem Anhauch der Gnade geschehen sind, von der die erste immer unverdient ist. Die Frage muß aber ehrlich gestellt werden, ob das seit dem Sieg über die Häresie des Pelagius (also im 5. Jahrhundert) überhaupt nennenswerte Gruppen in der katholischen Kirche geglaubt haben; daß das bis Luther die gängige katholische Lehre gewesen sei, ist jedenfalls ein protestantisches oder versöhnlerisches Märchen.

Von dieser Ablehnung der verdienstlichen Werke – für die Luther sich mit aller Geschicktheit eines von der Verzweiflung wohl entschuldigten, aber an und für sich betrügerischen Kaufmanns etliche Stellen bei Paulus zunutze macht, die „Werke“ für jetzt ungültig erklären: womit aber textlich eindeutig die Zeremonien des mosaischen Gesetzes gemeint sind, mithin ein Thema, das mit dem Luthers gar nichts zu tun hat – kommt er dann zur Verwerflichkeit des Ablaßgewinnens. (Diese steht nicht in den 95 Thesen, die ausdrücklich das Gegenteil proklamieren, etwa in These 67; ich meine aber, daß man sie zwischen den Zeilen lesen kann.) Er sucht sich dabei einen systematisch denkbar ungeeigneten, propagandistisch denkbar geeigneten Gegner aus. Systematisch einen ungeeigneten: Denn gerade der Ablaß ist das genaue Gegenteil von Werkgerechtigkeit. Wenn ich eine Wallfahrt mache, dann ist das ein verdienstliches Werk, gewissermaßen; bitteschön. Die Wallfahrt für sich! Wenn es aber auf die Wallfahrt einen Ablaß gibt, dann ist das ausdrücklich eine Dreingabe der Kirche; der entscheidende Punkt beim Ablaß ist gerade eben, daß das, was daran Ablaß ist, nicht das Werk des Ablaßnehmers, sondern eben ein bei gewissen Anlässen unter gewissen Bedingungen von der Kirche gespendetes Geschenk ist. Aber natürlich gaben damals auf Grund der publizistischen Tagesmeinung die Ablässe in Deutschland ein geeignetes Ziel ab.

Vielleicht hat ja auch Luther tatsächlich vor allem gestört, daß erstens die Ablässe, selbst wenn sie empfangen werden, in der Regel von „Ungläubigen“ im Sinne des Protestantismus empfangen werden und damit gar nichts nützen (so ausdrücklich These 31), und vielleicht auch, daß diese wohl damals schon gern, wie auch heute, ganz selbstlos den Verstorbenen zugewendet wurden. Dies ist auf Seiten des Ablaßnehmers ein gutes Werk (!); und was könne es dem Verstorbenen nach protestantischer Auffassung schon nützen: auf das, worauf es nach diesem Glauben eigentlich ankommt, den Fiduzialglauben zu Lebzeiten, haben sie doch keinen Einfluß.

– Anders als beim Ablaß nehme ich Luther ab, daß er an das Fegfeuer, als er die 95 Thesen schrieb, tatsächlich noch glaubte, wie er dort ausdrücklich sagt (etwa: These 16). Letztlich konnte der Protestantismus aber nicht aus seiner Haut heraus, und da er an seiner Gründungslegende „gegen den Ablaß!“ festhalten mußte, mußte er letztlich auch das Fegfeuer trotz eindeutigem biblischen Beweis (1 Kor 3,15) verleugnen, zumal es, wenn die Sünden ohnehin nur zugedeckt würden, in der Tat nicht recht einzusehen ist, warum, und wenn ja wie, Gott nach Bemäntelung der Sünden noch zeitliche Strafen übrig ließe. Richtig zu erklären ist das, auch wenn es einen Augenblick paradox klingt, nur vom katholischen Standpunkt: Gott vergibt die Sünden ganz, es kommt hinten ein neuer, heiliger Mensch heraus; und eben deshalb hat es Sinn, daß die Rückstände und Verflechtungen, die nach Vergebung der Schuld noch verbleiben, durch Läuterung erst noch beseitigt werden müssen (wo dann „einer des anderen Last tragen“ kann).

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum Luther für seine Thesen gegen den Ablaß ausgerechnet den Vorabend von Allerheiligen, der damals – und noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts – als Vigil (mit Fasten! Werkgerechtigkeit!) ausgestattet war, wählte.

Nach diesem Versuch einer Erklärung der Reformation kehre ich etwas zum Thema zurück:

Durch das Sicheinreden des Erlöstseins kann man natürlich die Angst nicht eigentlich loswerden. Man kann sie nur verdrängen; und man will dann unter keinen Umständen etwas damit zu tun haben, sonst kommt sie wieder hoch. (Wenn sie verdrängt bleibt und nicht hochkommt, reicht das für den Protestanten.)

 

IV. Das Gruseln als Freizeitgenuß der Katholiken

Völlig anders sehen die Dinge in der heiligen Mutter Kirche aus.

An dieser Stelle möchte ich eine Geschichte von G. K. Chesterton zitieren (Alarums and Discursions: On Gargoyles). Es geht um ein Volk, das auf heidnische, aber nicht bös-heidnische, nur noch unerleuchtet-heidnische, Weise den Sonnengott verehrt; und ihr Priester baut dem Sonnengott einen Tempel in wunderschöner klassischer Architektur. Doch dann werden sie von Piraten überfallen, wären fast vernichtet worden, und nach einem langen Krieg erst werden sie wieder frei.

Und aus irgendeinem Grunde begannen die Leute nach diesen Geschehnissen, vom Tempel und der Sonne anders zu reden. Manche gewiß sagten: „Man darf den Tempel nicht anrühren; er ist klassisch; er ist vollkommen; denn er läßt keine Unvollkommenheiten zu.“ Aber die anderen antworteten: „Und darin unterscheidet er sich von der Sonne, die über Böse und Gute scheint, und über den Schlamm und über die Ungeheuer überall. Der Tempel ist ein Mittagstempel; er ist aus weißen Marmorwolken und einem Edelsteinhimmel gemacht. Aber die Sonne ist nicht immer Mittagssonne. Die Sonne stirbt Tag für Tag; jede Nacht wird sie in Feuer und Blut gekreuzigt.“
Und der Priester hatte den ganzen Krieg hindurch gelehrt und gewehrt, und sein Haar war weiß, seine Augen jedoch jung geworden. Und er sagte: „Ich war im Unrecht, sie sind im Recht. Die Sonne, das Symbol unseres Vaters, gibt Leben all jenen irdischen Dingen, die voller Häßlichkeit und Energie sind. Alle Übertreibungen sind recht, wenn sie das Rechte übertreiben. Lasset uns zum Himmel weisen mit Stoßzähnen, mit Hörnern, mit Finnen, mit Rüsseln, mit Schwänzen – solange sie nur alle zum Himmel zeigen. Die häßlichen Tiere preisen Gott ebenso, wie die schönen es tun. Dem Frosch stehen die Augen aus dem Kopf heraus, weil er den Himmel anstarrt. Der Hals der Giraffe ist so lang, weil sie sich zum Himmel ausstreckt. Der Esel hat Ohren zum Hören; er höre.“

Und das Ende vom Lied ist, daß eine Kathedrale im gotischen Stil gebaut wird – ein Baustil, den wir heute nicht ganz von ungefähr im Namen einer bestimmten Musikrichtung nebst zugehöriger Szene wiederfinden.

Weil der Katholik – zumindest im Idealfall – keine Angst hat, ist er frei, auch all die häßlichen Dinge zu gebrauchen. Weil der Katholik weiß, daß er keine Angst haben sollte, wird ihn das offene Ansprechen der Düsternis eher dazu bringen, keine zu haben. Und übrigens: Weil der Katholik auch ans Fegfeuer glaubt, braucht er sich nicht so sehr vor der Hölle fürchten – und wenn wir es einmal genau nehmen, kann dazu nur je mehr beitragen, je schrecklicher man sich ihre Schrecken vorstellt. Das ist auch paradox; und doch klar, wenn man es sich einmal überlegt.

Es ist die Lehre der Kirche, daß wenigstens Leute, die – wie es technisch heißt – „den Vernunftgebrauch“ (d. h. im großen und ganzen: den 7. Geburtstag) erreichen, letztlich nur drei Möglichkeiten haben: Himmel ohne Fegfeuer; Fegfeuer und dann Himmel; und Hölle. (Die getauft verstorbenen Kleinkinder sind sicher im Himmel; für die ungetauft verstorbenen gilt „nichts Genaues weiß man nicht“, aber wenn sie nicht im Himmel sind, d. h. Gott nicht schauen können, so sind sie jedenfalls doch zumindest in natürlicher Glückseligkeit, d. h. es geht ihnen uneingeschränkt gut.)
Je schrecklicher also die Hölle ist, umso naheliegender der Gedanke: „Na so schlimm, daß ein gütiger und barmherziger Gott mit dahin schicken wird, werde ich ja doch wohl nicht gewesen sein werden. Natürlich muß ich bestraft werden; aber dafür gibt es ja das Fegfeuer, aber das ist ja einmal vorbei, und obendrein“ – denn das ist ebenfalls Lehre der Kirche – „werde ich auch im Fegfeuer schon sicher wissen, daß ich der Hölle ein für alle mal ausgekommen bin“.

(Das entbindet natürlich nicht von der Pflicht, die Todsünden zu meiden und, wenn man das Unglück gehabt haben sollte, in eine zu fallen, zu bereuen und bis zur nächsten Beichte, die spätestens um nächste Ostern herum sein soll, nicht zu kommunizieren.)

Deshalb ist überall dort, wo der Katholizismus lebendig ist und die apologetische Auseinandersetzung mit dem Protestantismus (die ein wenig die Betonung auf die Vermeidung vermessener Heilsgewißheit setzen mußte) relativ fern war, die stillschweigende Unterstellung lebendig geblieben, daß die ewige Höllenstrafe (zumindest unter Katholiken – wobei diese Frage vor Augen gar nicht steht) eine seltene Sache ist. (Eine nicht ganz orthodoxe, aber mentalitätsmäßig umso aufschlußreichere Darstellung der Sache ist in dem Theaterstück Himmelwärts von Ödön von Horvath zu finden.) „’Ja, kommt denn der Flori hierher?‘ ‚Marei, du bist im ewigen Frieden; und wie lange es auch dauern mag, bis dein Flori dir folgt, es wird für dich nur eine kurze Weile sein.’“
Und im Mittelalter galt, habe ich wenigstens gehört, der Teufel (etwa im damaligen Äquivalent unseres Kasperltheaters) als zwar abgrundtief böse, aber auch jämmerliche und irgendwo fast zu bemitleidende Figur. Ein wenig davon wirkt noch nach in Goethes Faust, wenn Mephisto, wie es offensichtlich vorgesehen ist, von dem Mitglied des Ensembles gespielt wird, das vorher im Vorspiel als „Lustige Person“, d. h. als Ausfüller des komödiantischen Parts, vorgestellt wurde.

Übrigens fällt in diesem Zusammenhang eine Figur auf, die die Imagination des christlichen Volkes anscheinend beschäftigt zu haben scheint: jemand, der weder in den Himmel noch in die Hölle hineinpaßt. Zur orthodoxen Antwort darauf komme ich gleich, aber das Konzept ist interessant. Der Protagonist in Himmelwärts muß, weil er weder hierhin noch dorthin paßt, zunächst nochmal auf die Erde. Der Schneider im Himmel kann nicht in den Himmel und in die Hölle auch nicht, also zieht er, heißt es im Märchen, nach „Warteinweil“, wo die frommen Soldaten sind – also die, die einerseits fromm waren, andererseits immerhin das Kriegshandwerk betrieben haben. – Die orthodoxe Antwort darauf ist natürlich „Fegfeuer, und dann in den Himmel; und im übrigen ist das Soldatenhandwerk, bei aller nicht abzustreitenden Problematik, ebensowenig Sünde wie jeder andere notwendige Beruf auch“ (sollte übrigens das Fegfeuer im Ausdruck „Warteinweil“ schon anklingen?), aber interessant ist es schon, welche Blüten die authentische Phantasie des Volkes da so getrieben hat.
Und in diese Kategorie gehört auch Jack O’Lantern, der sich aus dem gleichen Grund an dem Licht einer brennenden Rübe wärmen darf, oder außerhalb Irlands einem Kürbis. Apropos Irland: Seit etwa vierhundert Jahren ist in Irland die pro-keltische und die katholische, die anti-keltische und die protestantische Sache jeweils ungefähr (ich sagte ungefähr) die gleiche.

Wir haben gesehen: Wer keine Angst hat, weil er weiß, daß er einen gnädigen Gott jetzt schon hat – denn Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade – der kann sich daran erfreuen, sich zu gruseln; der kann auch Horrorfilme anschauen, und der kann auch vor der Feier des Himmels und der Fürbitte fürs Fegfeuer dafür zu haben sein, die Hölle gewissermaßen repräsentiert zu bekommen. Wir, so hoffen wir, kommen ja nicht hinein! (Dazu helfe uns Gott in seiner großen Güte durch Christus unseren Herrn. Amen.)

Der hl. Papst Johannes Paul II. hat gesagt, der Paradiesmensch hätte nicht zu arbeiten brauchen, sich aber nach der Arbeit wie nach einem Genusse gesehnt. In der Lage sind wir bei der Arbeit nicht – oft genug nicht bei den reichen Arbeitenden, wohl kaum bei denen, die nicht wissen, ob sie ihr tägliches Brot zusammenbekommen; beim Grusel aber anscheinend schon. Es macht ja auch Freude, wenn man die Geschichte von Beren und Luthien in der Eisenhölle hört, vorausgesetzt, man sitzt gemütlich am Kaminfeuer von Imladris.

Denn das oben anzitierte Dies irae geht noch weiter; man darf eben Lieder nicht immer nach ein paar Strophen abbrechen. „König schrecklicher Gewalten, frei ist Deiner Gnade Schalten: Gnadenquell, laß Gnade walten! / Milder Jesus, wollst erwägen, daß Du kamest meinetwegen, schleudre mir nicht Fluch entgegen. / Bist mich suchend müd gegangen, mir zum Heil am Kreuz gehangen: mög dies Mühn zum Ziel gelangen. / Richter Du gerechter Rache, Nachsicht üb in meiner Sache, eh ich zum Gericht erwache. / Seufzend steh ich schuldbefangen, schamrot glühen meine Wangen: Laß mein Bitten Gnad erlangen. / Hast vergeben einst Marien, hast dem Schächer dann verziehen, hast auch Hoffnung mir verliehen. / Wenig gilt vor Dir mein Flehen; doch aus Gnade laß geschehen, daß ich mög der Höll entgehen. / Bei den Schafen gib mir Weide, von der Böcke Schar mich scheide, stell mich auf die rechte Seite. / Wird die Hölle ohne Schonung den Verdammten zur Belohnung, ruf mich zu der Sel’gen Wohnung. / Schuldgebeugt zu Dir ich schreie,
Tief zerknirscht in Herzensreue: sel’ges Ende mir verleihe. /Tag der Zähren, Tag der Wehen, da vom Grabe wird erstehen zum Gericht der Mensch voll Sünden. / Laß ihn, Gott, Erbarmen finden. / Milder Jesus, Herrscher Du, schenk den Toten ew’ge Ruh. Amen.“

Ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er ihn um Brot bittet? Um wieviel mehr wird der Vater im Himmel, usw.

Daher: beichten; die Allerseelenablässe gewinnen; und Halloween zumindest wohlwollend zur Kenntnis nehmen – dies erscheint auf Grund des Gesagten als hervorragende katholische Reaktion auf das Elend der Reformation, die an einem 31. Oktober begonnen hat und leider viel Grusel, irdischen (wenn man an die Kriege denkt), aber vor allem theologischen, in die Welt gebracht hat, der leider nicht am warmen Kaminfeuer genossen werden kann.

Zumindest noch nicht. Wer weiß, wie wir einmal im Himmel darüber denken werden.

Was ist meine Berufung?

Berufungen. Ach ja. Es wird bei uns in der Kirche gerne um welche gebetet, und viel über sie geredet, aber was das eigentlich ist – eine Berufung -, das wird auch gerne missverstanden. Und das kann dann für einigen unnötigen Stress sorgen. Bin ich zum Ordensleben oder Priestertum berufen? Oder will Gott mich vielleicht doch lieber in der Ehe sehen? Soll ich das Studium machen, oder die Ausbildung hier? Was, wenn ich den falschen Weg einschlage? Woran erkennt man eine Berufung? Es gibt vielleicht junge Männer, die sich fragen, ob sie Priester werden können, auch wenn sie nicht diese anscheinend manchmal erwartete innerliche Gewissheit verspüren, dass Gott sie beruft; oder junge Frauen, die sowohl den Gedanken daran, verheiratet und Mutter von drei, vier, fünf Kindern zu sein, als auch die Vorstellung, als Franziskanerin in einem Kloster zu leben, attraktiv finden und nicht wissen, wo Gott sie jetzt eigentlich haben will. Hinter manchen unnötigen Sorgen steckt auch der Gedankengang: Gott hat genau einen bestimmten Weg für mein Leben vorgesehen und wenn ich diesen Weg nicht finde, sündige ich und verpasse außerdem den ganzen Sinn und Zweck meines Daseins.

(Ewige Profess in einem Benediktinerinnenkloster, 2006, Quelle: Bischöfliche Pressestelle Hildesheim.)

Hauptsächlich und klassischerweise geht es bei der Frage nach einer „Berufung“ um die Wahl zwischen der Ehe und einem gottgeweihtem Leben gemäß den evangelischen Räten (Ratschlägen aus dem Evangelium, mit einer gewissen häretischen Konfession hat das nichts zu tun), also Armut, eheloser Keuschheit und Gehorsam. Dazu hat der hl. Paulus eigentlich alles Entscheidende schon im 1. Korintherbrief gesagt:

„Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser.“ (1 Kor 7,7-9.25-38)

Zu dieser Stelle habe ich hier schon mal etwas geschrieben; ich zitiere der Einfachheit halber mal mich selber:

„Dann ist es wichtig, zu sehen, dass Paulus hier keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will, à la ‚Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…‘. Nein, wenn er sagt, ‚Heiratest du aber, so sündigst du nicht‘ oder ‚Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut‘ oder ‚Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat‘, dann meint er das auch. Was nicht Sünde ist, darf man machen; hier lässt Gott uns jede Freiheit, und er nimmt es uns nicht übel, wenn wir uns für das an sich ‚Minderwertigere‘ entscheiden. Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht ’schlecht‘, wie wir das Wort oft verwenden, sondern ‚wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem‘. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.“

Diese Lehre hat übrigens sogar den Rang eines Dogmas; beim Konzil von Trient heißt es: „Wer sagt, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden: der sei mit dem Anathema belegt.“ Ja, das heißt, wenn jemand dir sagt, dass Ehe und Jungfräulichkeit genau gleich viel wert sind, ist er streng genommen zumindest ein materieller Häretiker.*

Also, zwei Sachen werden hier ganz deutlich: 1) Eine der beiden Berufungen ist objektiv höherwertig. Das nur auf Gott ausgerichtete Leben ist etwas ganz Besonderes, das es in der Kirche auf jeden Fall braucht – übrigens auch, um der Welt klarzumachen, dass unsere Hoffnung nicht in dieser Welt liegt, sondern bei Gott. 2) Es ist keine Sünde, nicht das Höherwertige zu wählen. Ich glaube, es ist nötig, es immer und immer wieder zu sagen: Das Bessere ist nicht der Feind des Guten. Und Gott liebt einen nicht weniger, wenn man das weniger Gute wählt.

Interessant ist auch: Paulus sagt zwar: „Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ Aber dann sagt er doch allgemein: Wer nicht heiratet, handelt besser; nur, wenn das zu schwierig für ihn ist, dann soll er halt heiraten und muss sich deswegen kein schlechtes Gewissen machen. Mit den Gnadengaben scheint er eher die Fähigkeit als die gefühlsmäßig empfundene persönliche Beauftragung zu einem Leben allein zu meinen. (Nur mal so: bei einem Verzicht auf die Ehe geht es ja nicht nur um einen Verzicht auf Sex, das zwar auch, aber auch um einen Verzicht auf Partnerschaft, auf Kinder, usw. Das muss man auch aushalten können.)

Auch zwei Stellen in den Evangelien sind hier wichtig. Als Jesus klargestellt hat, dass Ehescheidung nicht geht, geht es so weiter: „Da sagten seine Jünger zu ihm: Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19,10-12) Manchen ist es also gegeben, auf die Ehe zu verzichten – und wenn einer sich dafür geeignet sieht, ist es auch gut, wenn er es tut.

Dann kommt die Geschichte von dem reichen Jüngling: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.“ (Mt 19,16-22) Als der reiche junge Mann fragt, was er tun muss, nennt Jesus ihm einfach die allgemeinen Gebote; als er noch mehr tun will, lädt Jesus ihn ein, auch auf seinen Besitz zu verzichten.

Der hl. Thomas nennt das Leben nach den evangelischen Räten den „Stand der Vollkommenheit“. Wir verwenden das Wort „vollkommen“ ja eigentlich mit zwei Bedeutungen: 1) „makellos“, d. h. ohne Fehler oder Verunreinigungen, 2) am höchsten, das Bestmögliche. Nach Vollkommenheit im ersten Sinne soll jeder Christ streben (d. h. jeder soll keine Sünden begehen – klar wird man sie nicht alle vermeiden können, aber man muss es sich als Ziel setzen und versuchen), Vollkommenheit im zweiten Sinne ist etwas Freiwilliges für die, die sie auf sich nehmen wollen, dafür geeignet und nicht durch irgendwelche äußeren Umstände daran gehindert sind. Und zu dieser zweiten Vollkommenheit gehören die evangelischen Räte. (Hier noch mehr zum Thema Gutsein & Vollkommenheit.) „Da jedoch die Vorschrift des Gesetzes in verschiedener Weise erfüllt werden kann, so ist deshalb noch nicht jemand ein Gesetzesübertreter, wenn er nicht auf die beste Weise es erfüllt; vielmehr genügt es, wenn er irgendwie dies thut.“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3, Antwort auf den zweiten Einwand.)

Laut Thomas ist das Leben nach den Räten ein besonders gut geeignetes Mittel, um zur Heiligkeit zu gelangen – aber eben kein Endzweck in sich selbst. Der Endzweck ist die Gottes- und Nächstenliebe. „In untergeordneter Weise und wie in einem Werkzeuge aber besteht die Vollkommenheit in den Räten, welche alle, aber anders wie die Gebote, zur heiligen Liebe in Beziehung stehen. Denn die Gebote entfernen Alles, was zur Liebe selbst im Gegensatze steht, womit die Liebe also nicht bestehen kann; die Räte aber entfernen Hindernisse für die thatsächliche Äußerung oder Bethätigung der Liebe, welche jedoch zur Liebe selber nicht im Gegensatze stehen, wie z. B. die Ehe, die Beschäftigung mit Weltlichem. Deshalb sagt Augustin (Enchir. 121.): ‚Was auch immer geboten ist, wie z. B.: du sollst nicht ehebrechen; oder was auch immer geraten ist, wie z. B.: Gut ist es für den Menschen, ein Weib nicht zu berühren; — dies Alles geschieht dann recht, wenn es bezogen wird auf Gott und um Gottes willen auf den Nächsten.‘ Und in den collat. Patr. (1, 7.) heißt es: ‚Fasten, Nachtwachen, Betrachten der Schrift, Entblößung und Verzicht auf allen Besitz bilden nicht die Vollkommenheit, sondern sind deren Werkzeuge; denn nicht dies Alles ist der Zweck, sondern vermittelst dessen gelangt man zum Zwecke, … auf diesen Stufen steigen wir zur heiligen Liebe empor.'“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3)

Thomas schreibt interessanterweise auch, dass es nicht nötig sei, sich um einen Ordenseintritt ewig Gedanken zu machen: „Ich antworte, in großen Zweifeln bedürfe man langer Beratung mit vielen Zweifeln. In zuverlässig gewissen Dingen bedarf es keiner Beratung. (3 Ethic. 3.) Nun kann rücksichtlich des Eintritts in den Ordensstand dreierlei berücksichtigt werden: 1. Der Eintritt selber; da liegt an und für sich ein besseres Gut vor, und wer daran zweifelt, der fehlt gegen Christum selber, welcher diesen Rat gegeben. Deshalb sagt Augustin (de verb. Dom. serm. 7. c. 2.): ‚Die aufgehende Sonne, d. i. Christus, ruft dich und du willst auf den Untergang achten d. i. auf einen sterblichen, des Irrtums fähigen Menschen!‘ 2. Der Eintritt mit Rücksicht auf die Kräfte des eintretenden; da aber vertrauen die eintretenden nicht auf ihre Kräfte, sondern auf den Beistand Gottes, nach Is. 40.: ‚Die auf den Herrn hoffen, wechseln ihre Stärke, sie werden Flügel annehmen wie die Adler; fliegen werden sie und nicht schwach werden.‘ Besteht jedoch nach dieser Seite hin ein besonderes Hindernis, wie körperliche Schwäche, Schuldenlast etc.; darüber muß man Rats pflegen mit verständigen Personen, die nicht gegen den Eintritt sind und selben hindern wollen, nach Ekkli. 37, 12. Ein langes Beraten ist jedoch auch da nicht nötig; wie Hieronymus sagt (ad Paulinum): ‚Eile, ich bitte dich, haue vielmehr das Seil durch, welches das Schifflein am Ufer festhält, anstatt es zu lösen.‘ 3. Der bestimmte Orden, in den man eintreten will und die Art und Weise des Eintretens; darüber kann man ebenfalls Rats pflegen mit denen, die nicht hindern wollen.“ (Summa Theologiae II/II 189,10)

Die Ehe, ein normales Leben in der Welt mit einer Familie, ist eher der Standard – das, was man eben normalerweise so macht, sobald man einen netten Partner findet. Dazu braucht es eigentlich keine besondere „Berufung“. Aber dann gibt es eben den allgemeinen Ratschlag an alle Christen: Es ist auch gut, auf Ehe, Besitz und Unabhängigkeit zu verzichten, das macht es einfacher, heilig zu werden. Das ist kein total seltener Ruf an nur ganz vereinzelte herausgehobene Christen, sondern ein allgemeiner, mit Gottes Gnade auch erfüllbarer Rat. (Wer durch äußere Umstände statt durch die eigene Wahl arm oder ehelos ist, muss das ja auch aushalten können.)

Das Gefühl, sowohl gerne heiraten als auch gerne im Kloster leben zu wollen, ist übrigens normal. Der Wunsch zur Ehe ist ganz natürlich, und der Verzicht auf die Aussicht darauf tut fast jedem weh. Okay, es gibt sicher den ein oder anderen asexuellen introvertierten Einzelgänger oder so. Aber für gewöhnlich ist ein Verzicht eben ein Verzicht. Die Frage stellt sich dann: Kann und will ich diesen Verzicht auf mich nehmen?

Für eine Berufung entscheidet man sich übrigens auch nicht allein: Bei der Ehe muss natürlich der andere Partner ja sagen, und beim Priestertum eben der Bischof, beim Ordensleben der Abt oder die Äbtissin. Das macht auch Sinn: Andere sehen vielleicht Umstände, die eine Berufung behindern. Das können Dinge sein, für die man nichts kann, aber auch bestimmte eigene Sünden. Vielleicht ist jemand nicht intelligent genug oder gesundheitlich zu angeschlagen, um Priester zu werden, und deshalb muss der Bischof ihm leider nein sagen; oder jemand ist zu rechthaberisch und eingebildet, um sich in eine Ordensgemeinschaft einzufügen, und deshalb muss der Abt ihn wegschicken.

Und was, wenn man keinen der beiden klassischen Wege gehen kann – also z. B. weder von einem Orden genommen wird noch einen Partner findet? Na ja, das ist eben einfach eins dieser Kreuze, die einem manchmal im Leben begegnen. Die hl. Anna Schäffer wollte Missionsschwester werden, hatte aber mit 18 Jahren, als sie als Dienstmädchen arbeitete, um sich ihre Mitgift für ein Kloster zu verdienen, einen so schweren Unfall, dass sie für die restlichen 24 Jahre ihres Lebens bettlägerig wurde. Ja, sie wurde trotzdem eine Heilige.

(Die hl. Anna Schäffer, um 1920, Quelle: Wikimedia Commons.)

Aber beim Thema Berufung geht es ja oft nicht nur um Ehe vs. Jungfräulichkeit. Dann gibt es auch noch Fragen wie: Will Gott, dass ich genau diese Person heirate? In diesen Orden hier eintrete? Diesen Beruf lerne? In diese Stadt ziehe? Bei dieser kirchlichen Bewegung mitmache? Und auch da findet sich oft diese Denkweise: Ich muss irgendwie ganz genau herausfinden, was Gott in jedem einzelnen Punkt von mir will.

Ich kenne das übrigens. Ich habe mich z. B. vor ein paar Jahren mit der Vorstellung herumgequält, Gott könnte von mir verlangen, Religionslehrerin (oder irgendetwas Ähnliches) zu werden. Ist ja ein wichtiger Job, wo lehramtstreue Leute benötigt würden. Nun wollte (und will) ich auf keinen Fall Lehrerin werden – ich käme mit dem Stress nicht klar und könnte keine Klasse unter Kontrolle halten, auch wenn ich noch so viel Ahnung von der Materie hätte und gute Vorträge über die Auferstehung Jesu halten könnte. Ein Priester hat mir damals mit dem Hinweis geholfen, dass Gott von uns nicht etwas verlangt, für das wir nicht wirklich geeignet sind und das uns überfordern würde.

Wir haben auch hier oft die Vorstellung: Gott hat nur genau einen bestimmten Weg für uns vorgesehen, und den dürfen wir nicht verpassen. Woher kommt diese Vorstellung? Wieso sollte es nicht so sein, dass Gott uns verschiedene gute Möglichkeiten vorlegt, und uns dann auch die Freiheit lässt, zwischen diesen zu wählen? In der Welt gibt es so unendlich viele Wege. Wir Tradi-Katholiken schauen ja gerne – zu Recht – etwas auf diese Vorstellung hinunter, es gäbe den einen Seelenverwandten, den man finden müsste, um glücklich zu werden; nö, auf der großen weiten Welt gäbe es sicher einige Menschen, die gut genug zu einem bestimmten Menschen passen würden, um eine glückliche Partnerschaft hinzukriegen. Dann seien wir doch mal konsequent und dehnen wir das Prinzip auf das Feld der Berufung allgemein aus.

Natürlich gibt es Wege, für die man eher geeignet oder weniger geeignet wäre. Es wird wohl Möglichkeiten geben, von denen es Gott lieber wäre, dass wir sie wählen würden. Vielleicht gibt es ein Feld, wo dringend Leute gebraucht werden und wo Er uns am liebsten haben möchte. Und da können wir erstmal unseren von Ihm gegebenen Verstand anwenden und schauen: Was sind meine Neigungen? (Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen, und einen Job, den man absolut hasst, macht man oft auch nicht gut.) Was sind meine Talente? (Logisch.) Bei welchem Weg gäbe es vielleicht praktische Hindernisse? (Was nicht praktikabel ist, kann in der Theorie noch so toll ausschauen.) Was denken andere, wofür ich geeignet wäre? (Andere sehen einen manchmal klarer als man sich selbst.) Vielleicht gibt Gott einem wirklich auch mal einen Wink, ein Zeichen, eine Eingebung. Ein anderes Hilfsmittel, um zu einer Entscheidung zu finden, wäre auch, sich vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf eine lange Ehe und Kinder und Enkelkinder zurück; sich dann vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf ein langes Leben im Kloster zurück; und dann zu schauen, welche Vorstellung einem eigentlich besser gefallen hat. Eine absolute Sicherheit, das gefunden zu haben, was Gottes idealer Wille für uns ist, wird es dann aber nicht geben – man kann sich dem nur annähern. Aber die braucht es auch nicht. Gott verlangt gar nicht, dass wir uns endlos unentschlossen herumquälen und auf ein Zeichen warten, sondern dass wir uns, nach einem vernünftigen Maß an Nachdenken und Prüfen, für irgendeinen sinnvollen Weg entscheiden.

Und selbst, wenn wir mal etwas gewählt haben, das wir lieber nicht hätten wählen sollen – weil wir persönlich dafür gar nicht geeignet waren, oder weil es vielleicht tatsächlich etwas objektiv Sündhaftes war -, kann Gott die Situation immer wieder noch zum Guten wenden – nur eben auf andere Weise, als es sonst passiert wäre. Case in point: Der Sündenfall. Wenn die ersten Menschen nicht von Gott abgefallen wären, wäre uns vieles erspart geblieben, aber auch so hat Gott uns nicht verlassen. Schon gewusst, dass Adam und Eva als Heilige verehrt werden, also jetzt im Himmel sind?

File:Harrowing of hell Christ leads Adam by the hand. On scroll in border, the motto 'Entre tenir Dieu le viuelle' (f. 125).jpg

(Christus steigt in die Hölle hinab und befreit Adam, Eva und die anderen Gerechten des Alten Bundes, Buchmalerei, um 1500. Quelle: Wikimedia Commons.)

Wir werden nie wissen, was gewesen wäre. Und das ist auch nicht so wichtig. Man muss sich auch nicht endlos mit Entscheidungen herumquälen. Wieso nicht einfach etwas ausprobieren? Mit jemandem ausgehen, den man sympathisch findet, eine Beziehung eingehen. Oder sich über die unterschiedlichen Orden informieren, bei einem Infotag vorbeischauen, Postulantin werden. Das ist besser, als ewig in sich hineinzuhorchen, auf eine göttliche Stimme zu warten und nie eine Entscheidung zu fällen. Bis man eine endgültige Entscheidung treffen muss, hat man noch Zeit, und wenn sich einem bis dahin ernsthafte Hindernisse in den Weg stellen sollten, kann man sehen, dass es vielleicht doch keine gute Idee war. Und wenn das nicht der Fall ist, und man diesen Weg immer noch einschlagen will: Na dann, wieso nicht?

Wenn man sich dann allerdings einmal endgültig festgelegt hat (also ab der Eheschießung, der Diakonatsweihe, den Ewigen Gelübden), muss man auch dabei bleiben. Gelübde sind einzuhalten, das ist einfach eine Frage der allgemeinen Moral – da hilft auch kein „vielleicht war das doch nicht Gottes Wille für mich“ mehr. Gott wird dann die nötige Gnade geben, dem eingeschlagenen Weg zu folgen.**

 

* Vermutlich kein formeller, d. h. kein „richtiger“ Häretiker, weil auch viele Leute, die lehramtstreu sein wollen, diese Ansicht aus Unwissenheit vertreten und sie ändern würden, wenn sie von dem Dogma wüssten.

** Freilich ist bei der Ehe eine Trennung möglich, wenn der andere Partner einen z. B. verlässt, betrügt, misshandelt o. Ä. – allerdings (wenn es um eine sakramentale & vollzogene Ehe geht) keine Auflösung der Ehe, die eine erneute Heirat möglich machen würde. Und auch das ist eben ein der Sünde geschuldeter Ausnahmefall. Bei den Ewigen Gelübden oder dem einfachen Zölibatsversprechen, das ein Weltpriester ablegt, kann die Kirche einen unter bestimmten Umständen ausnahmsweise davon entbinden (sie sind kein Sakrament wie die Ehe), aber das ist auch kein sehr empfehlenswerter Weg, und, wieder, eine Ausnahme. Ein ganz anderer Fall wären von vornherein ungültige Ehe- oder Ordensgelübde, die für nichtig erklärt werden können (also z. B. solche, die unter Zwang abgelegt worden waren).

Das Gesetz: Süßer als Honig (ein Gastbeitrag von C. S. Lewis)

Eins von C. S. Lewis‘ schönsten Büchern ist „Reflections on the Psalms“, ins Deutsche übersetzt (und leider leicht gekürzt) unter dem Titel „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“. Darin schreibt er auch etwas über die Rolle des Gesetzes in den Psalmen, das das, was ich in diesem Beitrag sagen wollte, viel besser zum Ausdruck bringt, als ich es könnte. Übergebe ich das Wort also mal an ihn:

„In Racines Tragödie Athalie singt der Chor jüdischer Mädchen eine Ode über den ursprünglichen Erlaß des Gesetzes auf dem Berge Sinai, mit dem bemerkenswerten Kehrvers ô charmante loi (1. Akt, 4. Szene). Es geht natürlich nicht an – es grenzte ans Komische -, das mit ‚o reizendes Gesetz‘ wiederzugeben. ‚Reizend‘ ist im Deutschen ein lauwarmes, ja herablassendes Wort geworden; wir wenden es auf ein hübsches Wochenendhäuschen an, auf ein Buch, das nicht bedeutend ist, oder auf eine Frau, die man nicht schön nennen könnte. Ich weiß nicht, wie charmante zu übersetzen wäre; ‚bezaubernd‘? – ‚entzückend‘? – ’schön‘? Keines dieser Wörter paßt genau. Eines aber ist gewiß: Racine (ein gewaltiger Dichter und vom Geiste der Bibel erfüllt) kommt hier einem sehr bezeichnenden Empfinden mancher Psalmen näher als jeder andere mir bekannte moderne Schriftsteller. Und zwar einem Empfinden, das mich zuerst ganz verwirrt hat.

‚Köstlicher sind sie als Gold und viel Feingold und süßer als Honig, als Seim aus den Waben‘ (19,11). Man kann gut verstehen, daß so etwas von Gottes Gnadenerweisen, von Gottes Tröstungen, von Seinen Eigenschaften gesagt wird. Aber in Wirklichkeit spricht der Dichter von Gottes Gesetz, von Seinen Geboten – von Seinen ‚Bestimmungen‘ (10) (‚Gerichte‘ meint hier deutlich Entscheidungen über das Verhalten). Was mit Gold und Honig verglichen wird, sind jene ‚Vorschriften‘ (in der lateinischen Fassung, ‚Rechtsaussprüche‘), die – so wird uns gesagt – ‚das Herz erfreuen‘ (9). (…)

Das blieb mir zuerst völlig verschlossen. ‚Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen‘ – ich kann verstehen, daß ein Mensch diese ‚Bestimmungen‘ achten kann und muß, daß er versuchen muß, ihnen zu gehorchen und im Herzen zuzustimmen. Aber es ist sehr schwer einzusehen, wie sie sozusagen munden, wie sie erheitern sollen. (…)

Ein guter Christ und großer Gelehrter, dem ich diese Frage einmal vorlegte, vermutete, die Dichter dächten an die Genugtuung, die das Bewußtsein, dem Gesetz gehorcht zu haben, bereitet; mit anderen Worten, an die ‚Freuden eines guten Gewissens‘. (…) Die Schwierigkeit besteht darin, daß mir die Psalmisten nirgends etwas annähernd Ähnliches zu sagen scheinen.

In 1,2 wird uns gesagt, der Gute habe Gefallen am Gesetz des Herrn, ‚und über sein Gesetz sinnt er Tag und Nacht‘. Mit ‚Gesetz‘ sind hier natürlich nicht einfach die Zehn Gebote gemeint; gemeint ist die ganze umfassende Gesetzgebung (die religiöse, moralische, bürgerliche, strafrechtliche und sogar verfassungsmäßige), enthalten in Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Wer darüber ’sinnt‘, gehorcht Josuas Befehl (1,8): ‚Dieses Gesetzbuch komme dir nicht aus dem Munde! Tag und Nacht halte darüber Betrachtung.‘ Das bedeutet unter anderem, daß das Gesetz ein Studium oder, wie wir sagen würden, ein ‚Fach‘ war, etwas, worüber es Kommentare, Vorlesungen und Prüfungen gab. So war es auch. Wenn also ein alter Jude sagte, er ‚habe Gefallen am Gesetz‘, meinte er zum Teil (zum religiös unwichtigsten Teil) etwas Ähnliches wie wir, wenn wir von jemandem sagen, er ‚habe gern‘ Geschichte, Physik oder Archäologie. Das kann eine ganz unschuldige – wenn auch selbstverständlich bloß natürliche – Freude am Lieblingsfach bedeuten; aber auch die Freuden des Hochmuts, Stolz auf die eigene Gelahrtheit und infolgedessen Verachtung für Außenseiter, die daran keinen Anteil haben, oder sogar eine krämerhafte Bewunderung für Studien, denen man Besoldung und gesellschaftliche Stellung verdankt.

Die Gefahr einer Entwicklung im zweiten Sinne wächst natürlich aufs Zehnfache, wenn das fragliche Studium von allem Anfang an als heilig abgestempelt ist. Dann tritt die Gefahr geistlichen Stolzes zur gewöhnlichen Haarspalterei und Einbildung hinzu. Manchmal (nicht oft) ist man froh, kein großer Theologe zu sein; man könnte sich dann leicht fälschlich für einen guten Christen halten. (…) Aber nicht diese Seite der Angelegenheit möchte ich hier unterstreichen – heute bedarf es dessen nicht. Lieber möchte ich mir von den Psalmen das Gute zeigen lassen, durch dessen Verderbnis jenes Schlechte entstanden ist.

Jedermann weiß, daß Psalm 119 dem Gesetze gewidmet ist, der längste der ganzen Sammlung. Und wahrscheinlich hat jedermann bemerkt, daß er in literarischer oder technischer Hinsicht am meisten durchgeformt und der kunstvollste von allen ist. Die Technik besteht darin, eine Reihe von Wörtern zu wählen, die im Rahmen dieses Gedichts alle mehr oder weniger synonym sind (‚Worte, Satzungen, Gebote, Weisungen‘ usw.), und sie in jedem der 22 Abschnitte von je acht Versen wieder erklingen zu lassen – Abschnitte, welche ihrerseits den Buchstaben des Alphabets entsprechen. (Altjüdischen Ohren mag das ein ähnliches Vergnügen bereitet haben wie uns die italienische Strophenform der Sestine, wo statt Reimen in jeder Stanze die gleichen Wörter in wechselnder Reihenfolge wiederkehren.) Mit anderen Worten: Dieses Gedicht ist nicht wie etwa Psalm 18 ein jäher Herzenserguß und will es auch nicht sein. Es ist ein kunstvolles Muster, entstanden in langen stillen Stunden, aus Liebe zum Fach und aus Freude an zweckfreiem, zuchtvollem Handwerk, wie eine Stickerei, Stich um Stich.

Das scheint mir an sich schon sehr wichtig, denn es gewährt uns Einblick in Geist und Stimmung des Dichters. Wir ahnen sogleich, er habe für das Gesetz Ähnliches wie für die Dichtung empfunden; beide heischen genaue und liebevolle Angleichung an ein schwieriges vorgeschriebenes Muster. Das legt eine Haltung nahe, aus der sich später der Begriff des Pharisäischen entwickeln konnte, die aber an sich zwar  nicht unbedingt religiös ist, aber doch ganz harmlos. Sie sieht für den, der dabei nicht mitgeht, nach Geziertheit oder Haarspalterei aus, braucht es aber nicht zu sein. Sie ist Freude an Ordnung, Vergnügen am Präzisen – wie am Tanzen eines Menuetts. Natürlich weiß der Dichter, daß etwas unvergleichlich Ernsthafteres als ein Menuett zur Frage steht. Auch weiß er darum, daß ihm selbst so vollendete Zucht schwerlich gelingen wird: ‚Ach wären doch meine Wege beständig, indem ich deinen Satzungen folge!‘ (5). Zur Zeit sind sie es nicht. Aber seine Anstrengungen entspringen nicht sklavischer Furcht. Die Ordnung des göttlichen Geistes, verkörpert im göttlichen Gesetz, ist schön. Kann man Besseres tun als sie im täglichen Leben soweit wie möglich darstellen? ‚An deinen Satzungen habe ich meine Lust‚ (16); über sie zu sinnen, ist ‚mehr als Besitz‘ (14); sie wirken wie Musik. ‚Lieder sind mir deine Satzungen‘ (54); sie munden wie Honig (103); sie gelten mehr als Gold und Silber (72). Je weiter einem die Augen geöffnet werden, um so mehr Wunder schaut man darin (18). Das ist weder Ziererei noch Skrupelhaftigkeit; es ist die Sprache eines von moralischer Schönheit Verzückten. Zu bedauern ist, wer diese Erfahrung nicht zu teilen vermag. Aber besser als die meisten von uns – so stelle ich mir gerne vor – wüßte ein chinesischer Christ – einer, dessen angestammte Kultur ihm ‚Lehrmeisterin zu Christus hin‘ gewesen – diesen Psalm zu schätzen; denn ein alter Gedanke jener Kultur will, das Leben müsse vor allem geordnet sein, und zwar als Spiegel der göttlichen Ordnung.

Aber noch ein zweites in diesem ernsten Gedicht kann uns weiterhelfen. An drei Stellen versichert der Dichter, das Gesetz sei ‚verlässig‘ oder ‚Wahrheit‘ (86, 138, 142). (Desgleichen 111,7: ‚Verlässig sind all seine Satzungen.‘) Henne übersetzt das Wort dreimal mit ‚Wahrheit‘: ‚wahr‘ im hebräischen Sinne ist etwas, worauf Verlaß ist. Ein moderner Logiker würde einwenden, das Gesetz sei ein Befehl und es sei sinnlos, einen Befehl ‚wahr‘ zu nennen; ‚die Türe ist geschlossen‘ kann wahr oder falsch sein, nicht aber ’schließ die Tür‘. Doch ich glaube, wir verstehen alle recht gut, was die Psalmisten sagen wollen: daß man nämlich im Gesetz die ‚echten‘, ‚richtigen‘ oder unerschütterlichen und fest gegründeten Anweisungen zum Leben findet. Das Gesetz gibt Antwort auf die Frage: ‚Wie hält der Jüngling seinen Pfad rein?‘ (119,9) Es ist Leuchte und Führer (105). Viele andere Lebensanweisungen wetteifern mit ihm, wie die heidnischen Kulturen rings um uns zeigen. Der Dichter, der die Weisungen oder Vorschriften Jahwes ‚wahr‘ nennt, drückt damit die Gewißheit aus, daß diese und nicht jene anderen ‚echt‘, ‚gültig‘ oder unangreifbar seien; daß sie auf dem Wesen der Dinge und dem Wesen Gottes beruhen.

Mit dieser Gewißheit stellt er sich in einer Streitfrage, die sehr viel später unter Christen entstanden ist, auf die rechte Seite. Im achtzehnten Jahrhundert gab es schreckliche Theologen, die behaupteten: ‚Gott hat nicht darum gewisse Dinge befohlen, weil sie recht sind, sondern gewisse Dinge sind recht, weil Gott sie befohlen hat.‘ Um seinen Standpunkt ganz unmißverständlich klarzumachen, sagte einer von ihnen sogar, zwar habe Gott nun einmal befohlen, Ihn und uns zu lieben; doch hätte Er uns genausogut befehlen können, Ihn und uns zu hassen; und dann wäre eben Haß das Rechte gewesen. Anscheinend war es reiner Zufall, wofür Er sich entschied. Eine solche Ansicht macht Gott zum willkürlichen Tyrannen. Es wäre besser und verstieße weniger gegen die Religion, an keinen Gott und keine Moral zu glauben, als sich zu einer solchen Moral und einer solchen Theologie zu bekennen. Natürlich diskutierten die Juden diese Frage nie in abstrakten und philosophischen Begriffen. Aber von Anfang an und ohne Wanken vertreten sie die richtige Ansicht und wissen mehr, als sie wissen. Sie wissen, daß der Herr (nicht bloß der Gehorsam Ihm gegenüber) ‚gerecht‘ ist und daß Er ‚rechtes‘ Tun befiehlt, weil Er es liebt (11,8). Er auferlegt das Gute, weil es gut ist, weil Er gut ist. Darum haben Seine Gesetze emeth, ‚Wahrheit‘, innere Geltung, auf Fels gegründete Echtheit, da sie in Seinem Wesen wurzeln, und sind daher so dauerhaft wie die von Ihm geschaffene Natur. Aber die Psalmisten selbst wissen es am besten zu sagen: ‚Gleich Gottesbergen ist deine Gerechtigkeit, dein gerechtes Walten wie das weite Meer‘ (36,7). Ihre Lust am Gesetz ist die Lust, auf festem Grund zu stehen; gleich der Lust des Wanderers, die harte Straße unter den Füßen zu spüren, nachdem ihn eine verräterische Abkürzung über lehmige Äcker lange Zeit in die Irre geführt hat.

Es gab nämlich andere Straßen, denen es an ‚Wahrheit‘ fehlte. Zu unmittelbaren Nachbarn, ihnen nach Rasse wie nach Lage nahe, hatten die Juden Heiden von der schlimmsten Sorte, Heiden, deren Religion sich durch keine Spur jener Schönheit oder (gelegentlichen) Weisheit auszeichnete, die wir bei den Griechen finden. Ein solcher Hintergrund ließ die ‚Schönheit‘ und ‚Süße‘ des Gesetzes um so vernehmlicher hervortreten; nicht zuletzt darum, weil diese benachbarten heidnischen Kulte für den Juden eine ständige Versuchung bedeuteten und in manchen Äußerlichkeiten seiner eigenen Religion nicht unähnlich waren. Die Versuchung bestand darin, in Schreckenszeiten – wenn zum Beispiel die Assyrer vorstießen – zu solchen grauenvollen Riten Zuflucht zu nehmen. Wir, die wir vor nicht allzu langer Zeit täglich die Invasion eines Feindes erwartet haben, der ähnlich den Assyrern für systematische Grausamkeit bekannt und darin geschult war – wir wissen, wie ihnen zumute gewesen sein mag. [Das Buch wurde nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg in England geschrieben.] Sie waren versucht – da der Herr taub schien -, jene grausigen Gottheiten anzugehen, die so viel mehr forderten und daher vielleicht auch mehr gewähren mochten. Betrachtete aber ein Jude solche Kulte zu glücklicherer Stunde oder ein besserer Jude sogar zu eben jener – dachte er an Tempelprostitution, Tempelsodomie und an die Kinder, die dem Moloch ins Feuer geworfen wurden -, so mußte ihm sein eigenes ‚Gesetz‘, wenn er sich ihm wieder zuwandte, in außergewöhnlichem Glanz erstrahlen. Süßer als Honig, oder sagen wir, die wir nicht so sehr aufs Süße versessen sind wie alle alten Völker (teils weil wir reichlich Zucker haben) und denen dieses Bild daher nicht paßt – sagen wir wie Quellwasser, wie frische Luft nach einem dumpfen Verließ, wie klare Vernunft nach einem Albtraum. Aber wieder einmal finden wir das beste Bild in einem Psalm, im neunzehnten.

Ich halte ihn für das großartigste Gedicht des Psalters und für eines der großartigsten Lieder der Welt. Die meisten Leser werden sich an den Aufbau erinnern: sechs Verse über die Natur, fünf über das Gesetz und vier Verse persönlichen Gebets. Die Worte selbst stellen keinen logischen Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Teil her. Darin gleicht die Technik der modernsten Poetik. Ein moderner Dichter würde ähnlich unvermittelt von einem Motiv zum nächsten springen und es dem Leser überlassen, das Bindeglied zu finden. Aber er täte es vermutlich mit voller Überlegung; auch wo er es vorzieht, den Zusammenhang zu verbergen, dürfte er ihn klar bewußt im Sinne tragen und könnte ihn, wenn er wollte, in logischer Prosa darlegen. Ich bezweifle, daß es sich beim alten Dichter so verhielt. Ich glaube, er empfand, mühelos und ohne darüber nachzudenken, eine so enge Beziehung zwischen seinem ersten und dem zweiten Thema, ja eine solche Einheit (für die Phantasie), daß er vom einen zum andern glitt, ohne einen Übergang zu spüren. Zuerst denkt er an den Himmel: wie das prächtige Schauspiel, das er uns Tag für Tag bietet, die Herrlichkeit seines Schöpfers kündet. Dann denkt er an die Sonne, die bräutliche Freude ihres Aufgangs, die unvorstellbare Geschwindigkeit ihrer täglichen Reise von Ost nach West. Schließlich an ihre Hitze; natürlich nicht an die milde Hitze unseres Klimas, sondern an die von keiner Wolke gedämpften, blendenden, tyrannischen Strahlen, welche auf die Berge hämmern und jede Kluft ausloten. Die Angel, um die sich das ganze Gedicht dreht, ist der Satz: ‚Nichts entzieht sich ihrer Glut.‘ Diese dringt überallhin mit starkem, reinem Feuer. Dann plötzlich, in Vers 7, spricht er von etwas anderem, das ihm kaum etwas anderes scheint, so ähnlich ist es dem alles durchdringenden, alles enthüllenden Sonnenlicht. Das Gesetz ist makellos, macht hell die Augen, ist rein, hat dauernd Bestand, ist ’süß‘. Das läßt sich nicht übertreffen, und nichts kann uns mehr darüber verraten, was der Jude des Altertums vor dem Gesetz empfand: lichtvoll, streng, reinigend, triumphierend. Es bedarf kaum der Versicherung, dieser Dichter sei völlig frei von Selbstgerechtigkeit, und der letzte Abschnitt befaßt sich mit seinen ‚unbewußten Fehlern‘. Wie er es, vielleicht in der Wüste, mit der Sonne erfahren, die ihn in jedem Schattenwinkel, worin er sich vor ihr zu bergen suchte, aufgespürt hat, so erfährt er, wie das Gesetz alle Verstecke seiner Seele ausleuchtet.

Insofern diese Vorstellung von Schönheit, Süße oder Kostbarkeit des Gesetzes ihre Kraft aus dem Gegensatz zum benachbarten Heidentum schöpft, werden wir vielleicht bald Anlaß haben, sie zu erneurn. Der Christ lebt mehr und mehr auf einer geistigen Insel; neue und wetteifernde Lebensauffassungen umgeben ihn von allen Seiten, und ihre Flut gewinnt mit jedem Steigen an Boden. Noch ist keine dieser neuen Lebensweisen so schmutzig oder grausam wie manches semitische Heidentum. Aber viele von ihnen mißachten alle Rechte des einzelnen und sind schon grausam genug. Manche geben der Moral einen ganz neuen Sinn, den wir nicht übernehmen können; manche leugnen ihre Möglichkeit. Vielleicht lernen wir alle noch durch Schmerzen die klare Luft und die ’süße Vernünftigkeit‘ der christlichen Sittenlehre schätzen, welche uns in christlicheren Zeiten selbstverständlich wäre.“

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(James Tissot, Mose und Josua im Allerheiligsten. Quelle: Wikimedia Commons.)

Aber wir wollen doch ehrliche, ernsthafte Katholiken!

In meinem letzten Post habe ich über die Vorteile einer Volkskirche* geschrieben, also sollte ich vielleicht jetzt einen der üblichen Kritikpunkte an der Volkskirche angehen: Wenn die Gesellschaft mehrheitlich katholisch ist, und es quasi erwartet wird, katholisch zu leben (wie, sagen wir mal, in katholischen Ländern vor 300 Jahren), macht das die Leute, die nicht wirklich enthusiastisch katholisch sind, doch nur zu Heuchlern. Wir wollen aber keine Katholiken, die nur in die Kirche gehen, damit die Nachbarn nicht reden; wir wollen, dass die Leute aus Überzeugung in die Kirche gehen. Darauf kann man mehrere Dinge entgegnen:

1) Auch, wenn die Kirche eine kleine Minderheit unter vielen Religionen ist, wird es nicht so aussehen, dass alle Leute irgendwie religionsneutral aufwachsen, sich dann, ohne irgendeinen gesellschaftlichen Druck in irgendeine Richtung zu spüren, hinsetzen und alle Religionen vergleichen, sich von einer überzeugen und sich dann aus purer Überzeugung und tiefster Gottesliebe an deren Regeln halten. Auch da kommt man meistens erst mal in die Kirche, weil die Eltern eben noch zur katholischen Minderheit gehören – oder vielleicht, weil man katholische Freunde hat o. Ä. -, und wenn die Eltern – bzw. das sonstige Umfeld – das nicht tun, dann meistens nicht; dann wächst man eben in umgekehrter Weise mit Vorurteilen gegen die Kirche auf und kommt gar nicht darauf, hinzugehen. Die Kinder von Katholiken werden immer, wenn nicht in einer Volkskirche, dann zumindest in einer „Familienkirche“ aufwachsen, ebenso, wie die Kinder Andersgläubiger mit anderen Religionen aufwachsen. Atheisten geben den Atheismus weiter, Muslime den Islam, Veganer den Veganismus.

2) Und das ist ja auch nicht schlimm. Wer sagt denn, dass man nicht ehrlich von etwas überzeugt sein könnte, nur weil andere um einen herum es auch sind? In einer katholischen Familie ebenso wie in einer katholischen Gesellschaft wird man (hoffentlich) eben auch die Argumente für den katholischen Glauben hören; und dann hat man keine Entschuldigung mehr, nicht katholisch zu sein.

3) Was sollen die, die nur in die Kirche gehen, damit die Nachbarn nicht reden, denn tun? Gar nicht mehr in die Kirche gehen? Nö, sie sollten ihr Denken ändern und den Glauben ernst nehmen. Und vielleicht hilft da ja eine aufrüttelnde Predigt in der Kirche. (Okay, die Predigten sind oft nicht allzu gut. Sagen wir, vielleicht hilft die Gegenwart Jesu.) Chesterton hat einmal gesagt, die Heuchelei sei die Verbeugung des Lasters vor der Tugend; wenn man gegen Heuchelei vorgehen will, ist der richtige Weg nicht, die Laster offen zu leben.

4) Hier werden ständig doppelte Maßstäbe angelegt. Wenn es von den Nachbarn erwartet wird, dass man den Müll trennt oder arbeiten geht, dann haben wir nichts gegen diese Erwartungen; wieso sollten wir also so viel gegen andere Erwartungen haben? Sollte die Gesellschaft aufhören, überhaupt irgendwelche Erwartungen zu haben? Es kommt schlichtweg darauf an, was die richtigen Erwartungen sind.

Wir alle wissen, dass man niemanden zwingen kann und darf, sich (zum Beispiel) taufen zu lassen, dass auch ein noch so sehr irrendes Gewissen eine gewisse Achtung verdient. Aber wenn der richtige Glaube die öffentliche Meinung auf seiner Seite hätte (die ansonsten gegen ihn wirkt), wäre das denn so schlimm? Wieso sollten wir das nicht wollen? Aber wäre nicht eine pluralistische Gesellschaft besser? Würden, wenn eine einzige Religion 100 oder auch bloß 80 oder 90 Prozent der Leute auf ihrer Seite hätte, nicht die Alternativen fehlen, zwischen denen man wählen könnte? Pluralismus, pff. Als ob es den überhaupt gäbe. In unserer Gesellschaft gibt es genauso Ansichten, für die man zwar nicht bestraft wird, die aber allgemein als inakzeptabel gelten. Beispiele? Hier wären ein paar:

„Die Erbmonarchie ist die beste aller Staatsformen.“

„Man sollte den Frauen das Wahlrecht wegnehmen.“

„Wer der Gesellschaft nichts mehr nützen kann, sollte den Anstand haben, sich selbst umzubringen. Wenn er das nicht tut, hat keiner die Pflicht, ihn noch weiter durchzufüttern.“

„Wir sollten Rassenvermischung verbieten.“

(Da immer mal Leute mitlesen, deren Textverständnis, äh, verbesserungsbedürftig ist: Alles keine Ansichten, die ich vertrete. (Auch wenn man die oberste als Katholik prinzipiell vertreten dürfte, ohne ein Ketzer zu sein, und streng genommen auch noch die zweitoberste. Die letzten zwei sind schlichtweg böse.))

Ich sage nicht, dass man bestimmte Dinge gar nicht erst denken dürfte. Im Mittelalter, als die Existenz Gottes das Selbstverständlichste von der Welt war, begann der heilige Thomas von Aquin die Summa Theologiae damit, Argumente für die Nichtexistenz Gottes aufzuzählen, und auf die zu antworten. Ebenso sollte es bei uns erlaubt sein, zu durchdenken und zu erklären, wieso genau Zwangseuthanasie oder Rassismus falsch sind (allein schon, weil irgendwann die Eugeniker und Rassisten auftauchen werden, gegen die man die Argumente dann brauchen kann). Aber worauf ich hinauswill: Gesellschaftliche Tabus gegen abweichende Meinungen sind nicht immer schlecht, und sobald es um Themen geht, die den Leuten wichtig genug sind, gibt es solche Tabus. Dass es so wenige religiöse Tabus in unserer Gesellschaft gibt, liegt nur daran, dass die Leute die Religion für etwas Unwichtiges halten, und das ist sie einfach nicht.

5) Außerdem haben wir eben den Auftrag: Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern. Man kann darüber spekulieren, ob dieses Ziel erreichbar ist oder nicht, aber wenn der Herr es uns aufgetragen hat, muss es auf jeden Fall gut sein. Dann können wir davon ausgehen, dass der Herr es nicht bedauern würde, wenn alle Menschen Christen würden.

File:Crescentia Höss Stich 2a.jpg

(Andachtsbild aus Volkskirchenzeiten (1790), das meine „Namenspatronin“, die hl. Crescentia Höss, darstellt. Quelle: Wikimedia Commons.)

 

* Um weitere Missverständnisse auszuschließen: der Begriff meint eine Kirche, die die Mehrheit (und wohl auch die öffentliche Meinung) auf ihrer Seite hat. Nicht mehr und nicht weniger.