Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 14: Die Taufe

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl):Mt 28,19f.; Mt 3,11; Apg 8,36-39; Mk 16,16; 1 Petr 3,21; Apg 19,3-5; Röm 6,3-11; Eph 4,4-6; Kol 2,11-13; 1 Kor 12,13.

Die Taufe war schon immer das zentrale Ritual zur Aufnahme in die Kirche. Nach katholischer Lehre ist sie eins der sieben Sakramente – Menschen bewirken eine sichtbare, zeichenhafte Handlung, die so von Jesus vorgeschrieben wurde, und Gott bewirkt darin unsichtbar, aber real, das, was dieses Zeichen bedeutet. Die Taufe, gespendet durch Untertauchen/Übergießen mit Wasser und dem Ausspruch „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, reinigt von der Erbsünde und allen persönlich begangenen Sünden, macht den Getauften zum Kind Gottes und öffnet ihm den Himmel. Ihm werden durch die Taufe die Verdienste durch Jesu Leiden am Kreuz als Sühne zugewendet. Die Taufe ist der normale Weg zum Himmel, aber auch der Wunsch nach der Taufe (Begierdetaufe) zählt als Taufe, wenn jemand vor der Wassertaufe stirbt (sogar der implizite Wunsch nach der Taufe, also wenn jemand Gott sucht und bereit ist, Ihm zu gehorchen bzgl. dem, was zur Erlösung zu tun ist). Wenn jemand sich taufen lassen will und davor den Märtyrertod stirbt, bezeichnet man das als „Bluttaufe“.

Jetzt also zu den Aussagen zur Taufe, die sich in frühchristlichen Quellen außerhalb der Bibel finden.

Die Didache, eine Gemeindeordnung von ca. 100 n. Chr. gibt folgende Anweisungen zur Taufe:

„Bezüglich der Taufe haltet es so: Wenn ihr all das Vorhergehende gesagt habt, ‚taufet auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes‘ in fließendem Wasser. Wenn du aber kein fließendes Wasser hast, dann taufe in einem anderen Wasser; wenn du es nicht in kaltem tun kannst, tue es im warmen. Wenn du beides nicht hast, gieße dreimal Wasser auf den Kopf ‚auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes‘. Vor der Taufe soll fasten der Taufende, der Täufling und wer sonst kann; den Täufling lasse ein oder zwei Tage zuvor fasten.“ (Didache 7)

Die Vorbereitung auf die Taufe war also wichtig; und Untertauchen und Übergießen galt beides als gültig.

Justin der Märtyrer beschreibt um 150 n. Chr. die Taufe ausführlich:

„Wie wir uns aber nach unserer Neuschaffung durch Christus Gott geweiht haben, wollen wir jetzt darlegen, damit wir nicht, wenn wir dieses übergehen, in unserer Ausführung eine Unredlichkeit zu begehen scheinen. Alle, die sich von der Wahrheit unserer Lehren und Aussagen überzeugen lassen, die glauben und versprechen, daß sie es vermögen, ihr Leben darnach einzurichten, werden angeleitet zu beten, und unter Fasten Verzeihung ihrer früheren Vergehungen von Gott zu erflehen. Auch wir beten und fasten mit ihnen. Dann werden sie von uns an einen Ort geführt, wo Wasser ist, und werden neu geboren in einer Art von Wiedergeburt, die wir auch selbst an uns erfahren haben; denn im Namen Gottes, des Vaters und Herrn aller Dinge, und im Namen unseres Heilandes Jesus Christus und des Heiligen Geistes nehmen sie alsdann im Wasser ein Bad. Christus sagte nämlich: ‚Wenn ihr nicht wiedergeboren werdet, werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen.‘ Daß es nun aber für die einmal Geborenen unmöglich ist, in ihrer Mutter Leib zurückzukehren, leuchtet allen ein. Durch den Propheten Isaias ist, wie wir früher mitgeteilt haben, gesagt worden, auf welche Weise die, welche gesündigt haben und Buße tun, von ihren Sünden loskommen werden. Die Worte lauten: ‚Waschet, reinigt euch, schafft die Bosheiten fort aus euren Herzen, lernet Gutes tun, seid Anwalt der Waise und helfet der Witwe zu ihrem Rechte, und dann kommt und laßt uns rechten, spricht der Herr. Und sollten eure Sünden sein wie Purpur, ich werde sie weiß machen wie Wolle; sind sie wie Scharlach, ich werde sie weiß machen wie Schnee. Wenn ihr aber nicht auf mich hört, wird das Schwert euch verzehren; denn der Mund des Herrn hat gesprochen.‘ Und hierfür haben wir von den Aposteln folgende Begründung überkommen. Da wir bei unserer ersten Entstehung ohne unser Wissen nach Naturzwang … gezeugt wurden und in schlechten Sitten und üblen Grundsätzen aufgewachsen sind, so wird, damit wir nicht Kinder der Notwendigkeit und der Unwissenheit bleiben, sondern Kinder der freien Wahl und der Einsicht, auch der Vergebung unserer früheren Sünden teilhaftig werden, im Wasser über dem, der nach der Wiedergeburt Verlangen trägt und seine Vergehen bereut hat, der Name Gottes, des Allvaters und Herrn, ausgesprochen, wobei der, welcher den Täufling zum Bade führt, nur eben diese Bezeichnung gebraucht. Denn einen Namen für den unnennbaren Gott vermag niemand anzugeben, und sollte jemand behaupten wollen, es gebe einen solchen, so wäre er mit unheilbarem Wahnsinn behaftet. Es heißt aber dieses Bad Erleuchtung, weil diejenigen, die das an sich erfahren, im Geiste erleuchtet werden. Aber auch im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, und im Namen des Heiligen Geistes, der durch die Propheten alles auf Jesus Bezügliche vorherverkündigt hat, wird der, welcher die Erleuchtung empfängt, abgewaschen. […]

Wir aber führen nach diesem Bade (c. 61) den, der gläubig geworden und uns beigetreten ist, zu denen, die wir Brüder nennen, dorthin, wo sie versammelt sind, um gemeinschaftlich für uns, für den, der erleuchtet worden ist, und für alle andern auf der ganzen Welt inbrünstig zu beten, damit wir, nachdem wir die Wahrheit erkannt haben, gewürdigt werden, auch in Werken als tüchtige Mitglieder der Gemeinde und als Beobachter der Gebote erfunden zu werden, und so die ewige Seligkeit zu erlangen.“ (Justin, 1. Apologie 61.65)

Danach beschreibt Justin die Messe, die nach der Aufnahme des Täuflings stattfindet.

In einem anderen Werk, einem Dialog mit dem Juden Tryphon, sagt er:

„Daher müßt ihr diese Hoffnung eurer Seele beschneiden und euch bemühen um die Erkenntnis des Weges, auf welchem euch die Sünden werden nachgelassen werden und ihr das Erbe der verheißenen Güter erhoffen dürft. Diesen Weg geht ihr aber nur dann, wenn ihr unseren Christus anerkennt, euch in dem durch Isaias verkündeten, der Nachlassung der Sünden dienenden Bade reinigt und dann ohne Sünden lebt.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 44,4)

Der Barnabasbrief kritisiert die nichtchristlichen Juden in Bezug auf die Taufe:

„Lasset uns aber untersuchen, ob dem Herrn daran gelegen war, über das Wasser und über das Kreuz im voraus etwas zu offenbaren. Über das Wasser steht an Israel geschrieben, wie sie die Taufe, die Vergebung der Sünden bringt, nicht annehmen werden, sondern wie sie andere Gebräuche für sich einführen werden.“ (Barnabasbrief 11,1)

Er sieht im Alten Testament schon Vorausdeutungen auf die Taufe, die dann zitiert werden.

Der Hirte des Hermas, eine Reihe von Privatoffenbarungen mit manchmal etwas unorthodoxen Ideen, beschreibt die Vorstellung, dass auch diejenigen, die vor der Einsetzung der Taufe durch Christus gestorben waren, noch nach ihrem Tod auf irgendeine Weise die Taufe hätten empfangen müssen, wozu die Apostel zu ihnen ins Totenreich gekommen wären. Ein Engel zeigt Hermas in einem Gleichnis den Bau eines Turmes, der die Kirche darstellt, und Hermas fragt ihn:

„‚Noch anderes musst du mir erklären, Herr.‘ ‚Was möchtest du wissen?‘ ‚Warum, Herr, kamen diese Steine aus der Tiefe und wurden in den Bau (des Turmes) gelegt, wenn sie doch Träger dieses Geistes waren?‘ ‚Sie mussten notwendig durch das Wasser emporsteigen, damit sie das Leben erlangten; denn sie konnten nicht anders in das Reich Gottes eingehen, als wenn sie die Sterblichkeit des [früheren] Lebens ablegten. So haben also auch diese Entschlafenen die Besiegelung des Gottessohnes erhalten [und sind eingegangen in das Reich Gottes]. Denn bevor der Mensch den Namen des Gottessohnes trägt, ist er tot; sobald er aber die Besiegelung erhalten hat, legt er die Sterblichkeit ab und nimmt das Leben an. Die Besiegelung aber ist das Wasser: ins Wasser tauchen sie unter als Tote und tauchen empor als Lebendige. Auch ihnen ging die Botschaft zu von dieser Besiegelung; sie machten davon Gebrauch, damit sie ins Reich Gottes gelangten.‘ ‚Warum kamen nun, Herr, diese vierzig Steine mit diesen aus der Tiefe empor, obwohl sie das Siegel schon hatten?‘ ‚Weil die Apostel und Lehrer, die Verkündiger des Namens des Gottessohnes, nachdem sie in der Kraft und im Glauben des Gottessohnes entschlafen waren, auch den vorher Entschlafenen predigten und ihnen das Siegel der Botschaft übergaben. Sie tauchten nun mit ihnen ins Wasser und stiegen wieder empor; aber diese waren lebend, als sie untertauchten, und lebend, als sie wieder emporstiegen; aber die vorher Entschlafenen tauchten unter als Tote und kamen empor als Lebendige. Durch sie also haben jene das Leben erlangt und den Namen des Gottessohnes erkannt; deshalb also stiegen sie zugleich mit jenen empor, wurden zugleich mit ihnen dem Bau des Turmes eingefügt und unbehauen dem Bau verbunden; waren sie ja doch in Gerechtigkeit und großer Reinheit entschlafen; nur diese Besiegelung hatten sie nicht erhalten. Nun hast du auch hierfür die Erklärung.‘ ‚Ja, Herr.‘ (Hirte des Hermas III,9,16)

Zum Vergleich: Die Kirche lehrt, dass auch die gerechten Toten, die vor der Zeit Jesu gestorben waren, noch die Erlösung durch Ihn brauchten und vor Seinem Kreuzestod nicht Gott schauen konnten, auch wenn sie im Jenseits keine sonstigen Strafen verdienten. Er stieg nach Seinem Tod ins Totenreich – den sog. Limbus der Väter – und holte sie herauf. Von einer Taufe ist hier aber nicht die Rede; nur wer noch lebt, kann getauft werden. Aber im übertragenen Sinne kann man das wohl so gelten lassen.

In den Petrusakten, einer Erzählung über das Leben des Petrus aus dem 2. Jahrhundert, tauft Petrus einen Schiffskapitän auf der Reise nach Rom im Meer:

„Nach wenigen Tagen aber stand der Kapitän zur Stunde seines Frühstücks auf. Er bat den Petrus, mit ihm zu speisen und sagte zu ihm: ‚O, wer du auch sein magst, ich kenne dich zu wenig, ob du ein Gott oder ein Mensch bist. Aber ich meine – soweit ich es verstehe -, daß du ein Diener Gottes bist. Denn während mitten in der Nacht mein Schiff von mir gesteuert wurde und ich eingeschlafen war, da schien es mir, als ob eine menschliche Stimme vom Himmel her zu mir sagte: ‚Theon, Theon!‘ Zweimal rief sie mich bei meinem Namen und sagte zu mir: ‚Unter allen, die mit dir fahren, sei dir Petrus derjenige, der höchster Verehrung wert ist. Durch ihn werdet ihr, du und die übrigen, aus unverhoffter Situation heraus ohne jeden Schaden heil hervorgehen‘.‘ Petrus aber glaubte, daß Gott denen, die auf dem Schiff waren, auf dem Meere seine Vorsehung zeigen wollte. Daraufhin begann Petrus dem Theon die großen Taten Gottes darzulegen und wie Gott ihn unter den Aposteln erwählt habe und welchen Zweck seine Reise nach Italien habe. Täglich aber teilte er ihm das Wort Gottes mit. Und er betrachtete ihn und erkannte durch den Verkehr mit ihm, daß er gleichgesinnt im Glauben sei und würdig des Dienstes. Als aber das Schiff auf der Adria in eine Windstille geriet, wies Theon den Petrus auf die Windstille hin und sagte: ‚Wenn du mich für würdig halten willst, in das Zeichen des Herrn einzutauchen, so hast du (jetzt) Gelegenheit (dazu).‘ Denn alle, die auf dem Schiff waren, schliefen betrunken. Petrus ließ sich an einem Tau herab und taufte den Theon im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Jener aber stieg fröhlich und in großer Freude aus dem Wasser empor, auch Petrus war froher geworden, weil Gott den Theon seines Namens für würdig gehalten hatte. Es geschah aber, daß an derselben Stelle, an der Theon getauft worden war, ein Jüngling erschien, strahlend vor Glanz, und zu ihnen sprach: ‚Friede (sei) mit euch!‘ Und sofort stiegen Petrus und Theon hinauf und gingen in die Kajüte hinein, und Petrus nahm Brot und dankte dem Herrn, der ihn seines heiligen Dienstes gewürdigt hatte, und (dafür), daß ihnen der Jüngling erschienen wäre, der ‚Friede (sei) mit euch‘ sagte. (Petrus sprach:) ‚Bester und allein Heiliger! Denn du bist uns doch erschienen, Gott Jesus Christus, in deinem Namen ist er (Theon) eben getauft und mit deinem heiligen Zeichen ist er gezeichnet worden. Daher teile ich auch in deinem Namen ihm deine Eucharistie mit, damit er dein vollkommener Diener sei ohne Tadel für immer.'“ (Petrusakten 5, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 195.)

Auch hier beginnt also Petrus gleich nach der Taufe mit der Vorbereitung der Eucharistie, an der der Getaufte jetzt teilnehmen darf.

Auch die Akten des Paulus und der Thekla berichten von der Taufe; sie stammen ebenfalls aus dem 2. Jahrhundert und erzählen von Paulus und Thekla, einem jungen Mädchen, das er bekehrt, das dann geweihte Jungfrau wird, zwei Mal knapp dem Märtyrertod entgeht und dann lange Jahre als Einsiedlerin lebt. Thekla kommt zuerst zu Paulus, als er im Gefängnis ist, bekehrt sich schnell, will geweihte Jungfrau werden und weigert sich, ihren Verlobten zu heiraten, soll dann hingerichtet werden, wird aber von Gott gerettet und zieht mit Paulus fort. Er schiebt dabei ihre Taufe zunächst auf:

„Er aber sprach: ‚Die Zeit ist böse und du bist schön von Gestalt. Daß nur nicht eine andere Versuchung über dich komme, schlimmer als die erste, und du nicht aushältst und feige wirst!‘ Und Thekla sagte: ‚Gib mir nur das Siegel in Christo, und keine Versuchung wird mich ergreifen.‘ Und Paulus antwortete: ‚Thekla, habe Geduld, und du wirst das Wasser empfangen.'“ (Paulusakten 3,25, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 247.)

Als Thekla dann in einer anderen Stadt den wilden Tieren im Amphitheater vorgeworfen werden soll, können die Tiere ihr nicht schaden. Sie will sich selbst taufen und wirft sich in eine Grube Wasser mit wilden Robben:

„Da ließen sie viele Tiere hinein, während sie dastand und die Hände ausgebreitet hatte und betete. Als sie aber ihr Gebet beendet hatte, wandte sie sich um und sah eine große Grube voll Wasser und sprach: ‚Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mich zu waschen.‘ Und sie stürzte sich selbst hinein mit den Worten: ‚Im Namen Jesu Christi taufe ich mich am letzten Tage!‘ Als das die Frauen und das ganze Volk sahen, weinten sie und riefen: ‚Stürze dich nicht selbst ins Wasser!‘ Sogar der Statthalter vergoß Tränen, weil soviel Schönheit von den Robben gefressen werden sollte. Sie also stürzte sich ins Wasser im Namen Jesu Christi; die Robben aber sahen den Glanz eines Blitzes und schwammen tot an der Oberfläche.“ (Paulusakten 3,34, in: Ebd., S. 249.)

Eine Selbsttaufe, noch dazu nicht im Namen der Dreifaltigkeit, ist eigentlich ungültig; deswegen stand dieser Text in der Kritik. Außerdem findet sich dort in den Paulusakten noch eine seltsame, ebenfalls kritisierte Passage, die von einem getauften Löwen handelt. Paulus erzählt dabei Folgendes:

„Als ich mit meinem Gebet zu Ende war, hatte sich das Tier zu meinen Füßen geworfen. Ich ward voll heiligen Geistes, sah es an und sagte zu ihm: ‚Löwe, was willst du?‘ Da sagte er: ‚Ich möchte getauft werden.‘

Ich lobte Gott, der dem Tier Sprache verliehen hatte und seinen Dienern das Heil. Nun gab es an diesem Orte einen großen Fluß; ich stieg dort hinein … [Dann] (ihr) Männer (und) Brüder, rief ich: ‚Der, der in den obersten [Orten] wohnt, der seinen Blick auf die Demütigen richtet, der, der den Erschöpften die Ruhe gegeben hat, der, der das Maul der Löwen bei Daniel verstopft hat, der mir (?) unseren Herrn Jesus Christus gesandt hat, [o du], gib, daß unser … entkommt dem Tier, und den Plan, den du mir [festgelegt] hast, erfülle ihn!‘ Nachdem ich mit diesen Worten gebetet hatte, nahm ich den [Löwen] bei seiner Mähne und im Namen Jesu Christi tauchte (?) ich ihn dreimal unter. Als er dem Wasser wieder entstieg, schüttelte er seine Mähne zurecht und sagte zu mir: ‚Gnade sei mit dir!‘ Und ich sagte zu ihm: ‚Desgleichen mit dir!‘

Der Löwe lief nun zu dem Feld davon, voller Jubel; tatsächlich, es wurde mir im Herzen offenbart.“ (Paulusakten, Ebd., S. 269)

Auch damals gab es eben schon seltsame fromme Legenden.

In der Epistula Apostolorum, einem angeblichen Gespräch Jesu mit den Aposteln, sagt Jesus zu ihnen, dass quasi Er selbst durch sie taufen wird:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Väter werdet ihr genannt werden, weil ihr liebreich und barmherzig ihnen offenbart habt, was im Himmelreich (ist …, weil) sie durch meine Hand empfangen werden die Taufe des Lebens und die Vergebung der Sünde.“ (Epistula Apostolorum 42 (53), äthiopische Fassung, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 150.)

Hier zeigt sich also: Es handeln nicht allein die Menschen, die taufen, sondern da ist wirklich Gott am Werk.

Baptistère, thermes de Cimiez.jpg
(Spätantikes Taufbecken in Cimiez im heutigen Frankreich. Bildquelle hier.)

Maria, voll der Gnade

Mir ging es so: Ich habe Maria in den letzten zehn Jahren immer irgendwo mit verehrt (natürlich, das gehört dazu, wenn man katholisch ist), aber habe manchmal eher ihre Verehrung anderen gegenüber verteidigt als wirklich persönlich verinnerlicht. Aber wenn man sich erst einmal auf sie einlässt, fängt man an, sie immer mehr zu lieben und zu ehren.

Wir wissen eigentlich sehr viel über sie aus dem Neuen Testament. Vielleicht nicht sehr viele Daten, aber sehr viel über ihren Charakter. Sie ist keine Randfigur und kein Klischee.

„Sei gegrüßt, du Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir“ – so begrüßt der Erzengel Gabriel die Jungfrau Maria, als er zu ihr nach Nazareth gesandt wird (Lk 1,28). Und dann heißt es da weiter: „Sie erschrak über seine Rede und dachte nach, was dieser Gruß bedeuten solle. Der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Dieser wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; er wird über das Haus Jakobs für ewig herrschen, und seines Reiches wird kein Ende sein. Da sprach Maria zum Engel: Wie wird dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten dich überschatten. Deswegen wird auch das Heilige, das [von dir] geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden. Siehe, auch deine Verwandte Elisabeth hat in ihrem hohen Alter einen Sohn empfangen; schon der sechste Monat ist es bei ihr, die als unfruchtbar gilt; bei Gott ist ja kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte!“ (Lk 1,29-38)

(Helena Vurnik, Verkündigung.)

Maria ist zunächst verständlicherweise erschrocken über den Engel, aber sie fasst sich schnell und stellt ihm die schlichte Frage, wie das geschehen soll, was er ihr verkündet. Sie fragt nicht aus Zweifel – sie will einfach wissen, wie. Als Gabriel vorher bei dem Priester Zacharias war, um ihm die Geburt seines Sohnes, Johannes des Täufers, anzukündigen, hat auch Zacharias nachgefragt, aber auf andere Weise: „Woran soll ich dies erkennen? Bin ich doch ein Greis, und mein Weib steht in vorgerücktem Alter.“ (Lk 1,18) Er fordert ein Zeichen, obwohl er den Engel schon sieht, weil er eigentlich nicht glaubt, was dieser ihm sagt – und Gabriel gibt ihm wie gewünscht eins: „Siehe, du wirst stumm sein und nicht reden können bis zu dem Tage, da dies geschieht, weil du meinen Worten, die zu ihrer Zeit in Erfüllung gehen werden, nicht geglaubt hast.“ (Lk 1,20) Maria dagegen erhält keine Rüge von Gabriel, sondern einfach nur eine Antwort.

An ihrer Frage sieht man auch schon eins: Sie hat geplant, Jungfrau zu bleiben, auch obwohl sie schon verlobt war; hat wahrscheinlich ein Gelübde abgelegt, sich Gott als Jungfrau zu weihen, und ihr Verlobter muss es gewusst haben und einverstanden gewesen sein – eine normale Braut, der man die Geburt eines Kindes ankündigen würde, hätte es nicht nötig, nachzufragen, wie das denn passieren soll. Maria sagt es einfach als Tatsache: „da ich keinen Mann erkenne“.

Und als der Engel es ihr erklärt hat, weiß sie alles, was sie wissen muss; sie weiß, dass Gott nicht plant, ihr Gelübde aufzuheben; und weiter braucht sie nichts; sie sagt schlicht und einfach: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte.“ Sie stimmt ausdrücklich und bewusst zu, weil sie vollkommen auf Gott vertraut, auch ohne noch mehr Informationen. Laut dem apokryphen, also vermutlich teilweise legendarischen, Jakobusevangelium war Maria zu dieser Zeit 16 Jahre alt, also noch relativ jung, aber geistig sehr reif und zu ihrer Aufgabe bereit.

Alexandr Ivanov, Verkündigung.

Maria ist gleichzeitig demütig, klug, würdevoll.

Die ausführlichsten Worte, die wir von ihr haben, ist das Magnificat, den Lobpreis, den sie spricht, als sie gleich nach der Verkündigung ihre Verwandte Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers, besucht:

„Hoch preist meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heiland. Denn er hat herabgeschaut auf seine kleine Magd. Siehe, von nun an werden alle Geschlechter mich seligpreisen. Denn Großes hat an mir der Mächtige getan, und heilig ist sein Name. Sein Erbarmen wächst von Geschlecht zu Geschlecht für die, welche ihn fürchten. Er übet Macht mit seinem Arme, zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Die Gewalthaber stürzt er vom Throne und erhöhet die Niedrigen. Die Hungernden erfüllt er mit Gütern, und die Reichen läßt er leer ausgehen. Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, eingedenk seines Erbarmens, wie er es unsern Vätern verheißen hat, dem Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lk 1,46-55)

Sie preist nicht sich selbst, sondern Gottes Wirken an ihr, ihr ist vollkommen klar, dass sie ihre Größe nicht aus sich selbst hat, aber sie weiß, dass diese Größe da ist und versteckt sie nicht verschämt. Da ist eine vollkommene Demut und Freude; sie jubiliert über das, was Gott Großes in ihr wirkt. Sie jubiliert auch darüber, dass Gott der Beschützer der Kleinen, Niedrigen ist und dass Er die Hohen, die Machthaber zur Verantwortung ziehen wird. Sie ist vollkommen sicher in Gott. Man könnte es Selbstbewusstsein oder Selbstsicherheit nennen, wenn man einen üblichen Begriff nehmen wollte, aber es ist wohl eher Gottesbewusstsein oder Gottessicherheit. Sie kennt die Verheißungen, die ihr Volk seit über tausend Jahren bekommen hat, ist sich ihrer Geschichte bewusst, und vertraut darauf.

C. S. Lewis (ein Anglikaner) schreibt einmal über sie:

„Bei Maria finden sich keine Verwünschungen, kein Hass, keine Selbstgerechtigkeit. Statt dessen stellt sie einfach fest: Er hat die Hoffärtigen zerstreut, die Machthaber gestürzt, Reiche leer ausgehen lassen […] und tut das nicht etwa in wildem Triumph, sondern – wer könnte es überhören? – in ruhiger und furchtbarer Freude.

Hier bin ich versucht, für einen Moment abzuschweifen auf eine Spekulation, die uns in einer Hinsicht vielleicht etwas beruhigt, während sie uns in einer anderen erschreckt. Die Christen sind sich leider nicht darüber einig, auf welche Weise die Mutter Gottes verehrt werden sollte, doch es gibt eine Wahrheit, an der wohl niemand zweifeln kann. Wenn wir an die Jungfrauengeburt glauben und wenn wir an die menschliche Natur unseres Herrn glauben (denn es ist ketzerisch, sich ihn als einen Menschen vorzustellen, in dessen Körper statt einer menschlichen Seele die zweite Person der Dreieinigkeit wohnte), dann müssen wir für diese Menschennatur auch an eine menschliche Vererbung glauben. Für diese gibt es nur eine Quelle (wiewohl in dieser Quelle das ganze wahre Israel vertreten ist). Wenn in Jesus ein eiserner Zug ist – dürfen wir nicht, ohne unehrerbietig zu sein, mutmaßen, woher er stammt? Sagten wohl die Nachbarn in seiner Kindheit von ihm: ‚Er ist ganz der Sohn seiner Mutter?‘ Das könnte die Härte mancher Dinge, die er zu oder von seiner Mutter gesagt hat, in ein neues und weniger schmerzliches Licht rücken. Wir dürfen annehmen, dass sie das sehr gut verstand. (Aus: C. S. Lewis, Die Psalmen)

Edward von Steinle, Madonnenkopf.

„Maria aber behielt alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“ heißt es über sie bei der Weihnachtsgeschichte, als die Hirten zu ihr in den kleinen Stall, die Felsgrotte, kommen und erzählen, ihnen seien Engel erschienen und hätten zu ihnen von ihrem Sohn gesprochen (Lk 2,19).

Albert Edelfelt, Madonna.

Sie denkt immer daran, was Gott getan hat. Sie weiß vielleicht noch nicht alles, verkündet wahrscheinlich auch nicht gleich alles vor ihren Freunden und Nachbarn; sie bewahrt es in ihrem Herzen und denkt darüber nach, denn sie hat da viel nachzudenken. Sie weiß wohl auch, dass sie nie zum Ende damit kommen wird, Gottes Weisheit und Vorsehung zu betrachten. Auch an einer späteren Stelle, als sie ihren zwölfjährigen Sohn im Tempel findet, heißt es: „Seine Mutter bewahrte all diese Vorgänge in ihrem Herzen.“ (Lk 2,51)

Geburtsgrotte in der Geburtskirche in Bethlehem.

Sie ist arm; vermutlich nicht bettelarm (ihr Mann ist kein Tagelöhner oder Bettler, sondern Handwerker), aber doch arm, muss sparen und verzichten. Bei der Darstellung Jesu im Tempel heißt es, dass Maria und Josef das Opfer darbrachten, das bei der Geburt des Erstgeborenen dargebracht werden musste; normalerweise war das ein Lamm, für die Armen aber zwei Tauben, und sie brachten zwei Tauben dar. Sie führt das gewöhnliche schlichte Leben einer armen jüdischen Hausfrau in einer Kleinstadt, und ist zufrieden damit.

Mutmaßliches Geburtshaus Mariens, das von Engeln nach Loreto getragen worden sein soll, und in dem ein Altar und über dem eine Basilika errichtet wurden.

Sie ist vor allen Dingen Mutter, die Mutter des Herrn.

Jeanne Labrousse, Madonna und Kind.

Sie liebt ihren Sohn und zieht Ihn groß, sorgt sich um Ihn, ist eben Seine Mutter, mit allem, was dazugehört. Sie hört Seine ersten Worte, sie singt Ihn in den Schlaf, sie macht Ihm Essen, sie wechselt Seine Windeln. Sie merkt als erste, dass an Ihm etwas sehr Besonderes ist, das Er noch nicht allen zeigt; vielleicht ist Er auch noch ihr gegenüber zurückhaltend, aber vielleicht zeigt und sagt Er ihr auch schon manche Dinge, die Er den übrigen Menschen erst später zeigen und sagen wird. Sie lebt mit Ihm in der Zurückgezogenheit von Nazareth und lernt Ihn kennen wie niemand sonst.

Und Er bringt ihr auch – weil Er das 4. Gebot vollkommen erfüllt – die Liebe, die Ehrfurcht und den Gehorsam entgegen, den eine Mutter erwarten kann. Er ehrt sie; Er achtet auf ihre Worte; Er sorgt für sie, nachdem der hl. Joseph gestorben ist.

Viktor Vasnetsov, Muttergottes.

Da ist die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel:

„Seine Eltern gingen alljährlich nach Jerusalem zum Osterfeste. Als der Knabe zwölf Jahre alt war, zogen sie gemäß dem Festbrauch nach Jerusalem hinauf. Als die Tage vorüber waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Jesusknabe aber blieb in Jerusalem zurück, ohne daß es seine Eltern merkten. Sie meinten, er sei bei der Reisegesellschaft, gingen eine Tagereise weit und suchten ihn bei den Verwandten und Bekannten. Da sie ihn aber nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn. Und es geschah nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel, wie er unter den Lehrern saß, ihnen zuhörte und sie fragte. Alle, die ihn hörten, gerieten außer sich über seine Einsicht, und seine Antworten. Als sie ihn sahen, waren sie entsetzt, und seine Mutter sagte ihm: Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist? Sie aber verstanden nicht, was er ihnen mit diesem Worte sagen wollte. Er zog mit ihnen nach Nazareth hinab und war ihnen untertan. Seine Mutter bewahrte all diese Vorgänge in ihrem Herzen. Jesus aber nahm zu an Weisheit, Alter und Wohlgefallen bei Gott und den Menschen.“ (Lk 2,41-52)

Maria ist keine Helikoptermutter; sie traut ihrem zwölfjährigen Sohn zu, bei der Großfamilie zu bleiben. Aber dann erlebt sie schreckliche Sorgen, wie sie jeder Mutter sehr wehtun müssen. Und es fragt sich hier wirklich: Wieso ist Jesus in Jerusalem geblieben, was genau musste Er hier manchen Menschen sagen, wobei ihnen vielleicht helfen, etwas zu verstehen, oder was hat Er in den ersten Tagen sonst noch getan, bevor Seine Eltern Ihn fanden? Wir wissen es einfach nicht; Maria hat es vielleicht auch (auf Erden) nie erfahren. Jesus sind seine Mutter und sein Pflegevater nicht egal, und gerade deswegen glaube ich, dass es einen besonderen Grund geben muss, aus dem Er ausgerechnet in einer solchen Weise Seine dreißigjährige Zurückgezogenheit, das Schweigen Seiner Vorbereitungszeit brach; Er hatte den Gelehrten wirklich etwas zu sagen, das sie in diesem Moment hören mussten. Er weist seine Eltern zwar in gewisser Weise zurecht, erwartet irgendwo, dass sie (die Ihn so sehr kannten) hätten ahnen können, dass Er nicht einfach irgendwo in der Stadt verloren gegangen war, aber hier tadelt Er (ganz leicht) einen Fehler aus Angst und Besorgnis, keine Sünde.

In den Fußnoten zur Keppler-Bibel heißt es zu dem Vers: „Wusstet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?“ als Anmerkung: „Das Festhalten am Willen des Vaters ist für Jesus die oberste Norm. Darin geht er ganz auf, auch wenn er dabei der Mutter und dem Pflegevater Schmerz bereiten muß. Nicht vom Hause des Vaters ist das Wort zu verstehen.“, der Vers wird also so interpretiert, dass Jesus im Willen des Vaters ist. Und offensichtlich wollte Gott der Vater von Ihm in diesem Moment, dass Er irgendetwas im Tempel tut, und Er sagt Seinen Eltern: Habt ihr euch nicht gedacht, dass ich nicht einfach verloren gegangen sein kann, sondern einen Grund gehabt haben muss, zurückzubleiben? Marias Frage war erlaubt und berechtigt und Er sagt ihr: Keine Sorge, du weißt doch, dass ich das aus einem guten Grund getan haben muss.

Und dann heißt es, Er war Seinen Eltern untertan oder gehorsam. Er, der menschgewordene Gott, hat sich selbst daran gebunden, konkreten Menschen gehorsam zu sein. Den Geboten Gottes war Er (in Seiner Menschheit) sowieso gehorsam, und man wird auch nicht erwarten können, dass Seine Eltern je etwas von Ihm verlangten, das diesen Geboten widersprochen hätte. Aber Er hat sich daran gebunden, mit besonderer Ehrfurcht auch ihre Weisungen oder Bitten zu beachten, etwas zu tun, das er nicht allein schon aufgrund der göttlichen Gebote hätte tun müssen. Daher bitten wir auch so besonders gerne Maria, und an zweiter Stelle den hl. Joseph, um ihre Fürbitte bei Ihm. Er ist in Seiner verklärten Menschheit im Himmel kein Kind mehr, sondern erwachsen, aber Er achtet weiterhin Seine Mutter und Seinen Pflegevater, und wenn sie Ihn bitten, einer Seele noch mehr als nötig zu helfen oder ihr besondere Gnaden zu erweisen oder noch mehr Nachsicht mit ihr zu üben, als Er sowieso schon geübt hätte, wird Er gerne geneigt sein, dem zu entsprechen.

Maria ist gleichzeitig Jungfrau und Ehefrau. Sie hat sich als Jungfrau Gott versprochen, für Ihn gelobt, auf etwas zu verzichten, und ihr Mann hat sie geheiratet, um sie zu behüten und zu lieben, und auch bewusst auf eine normale Ehe verzichtet.

Edward von Steinle, Vermählung Mariä.

Trotzdem liebten sich die zwei als Eheleute. Es war eine wirkliche Ehe, auch wenn es keine normale Ehe war. Wir können davon ausgehen, dass Maria eine sehr gute, sehr liebevolle Ehefrau war. Der hl. Joseph konnte auf den Engel hören und voller Liebe ein Kind großziehen, das nicht sein eigenes war, weil er völlig darauf vertrauen konnte, dass Maria keusch und treu und gut war.

Die Theologen und Kirchenväter sind sich ja uneinig, warum er zuerst vorhatte, Maria ohne öffentliches Aufsehen einen Scheidebrief zu geben (Mt 1,19): Die einen meinen tatsächlich, er habe hier schon geahnt/geglaubt, dass Gott am Werke sein könnte, und sich nicht für würdig gehalten, diese Frau als seine Frau zu haben (daher auch der Satz des Engels, er sollte sich nicht fürchten, Maria zu sich zu nehmen). Vielleicht hatte sie ihm die Wahrheit gesagt und er hatte ihr schon geglaubt, weil er ihren Charakter kannte. Die anderen meinen, er hätte wirklich gedacht, sie wäre von einem anderen Mann schwanger; vielleicht hatte er ihre Schwangerschaft bemerkt, bevor sie gewusst hatte, wie sie es ihm erklären sollte. Vielleicht war er völlig verwirrt und zornig, konnte nicht glauben, wie ein so gutes Mädchen verführt worden war, dachte möglicherweise, jemand hätte sie genötigt oder Schlimmeres. Auf jeden Fall machte alles für ihn wieder Sinn, nachdem er die Botschaft des Engels bekommen hatte.

Modesto Faustini, Tod Josephs.

Auch sein Pflegesohn ehrte und liebte ihn sehr

Feministinnen mögen Maria nicht besonders, gerade weil sie Jungfrau, Ehefrau und Mutter zugleich war und damit quasi ein unerreichbares Idealbild darstelle, mit dem man alle anderen Frauen herabwürdigen könne. Dabei ist das doch gerade der Punkt: Sie ist der vollendete Mensch, die vollendete Frau, und vereint Dinge in sich, die andere nicht in sich vereinen können. Natürlich kann keine andere sie erreichen. Einen solchen Menschen muss man nicht beneiden, sondern bewundern. Keine andere Frau ist wie Maria, genau wie kein Mann wie Joseph – oder gar wie Jesus – ist. Männer dürfen nicht ihren Frauen vorhalten, dass sie nicht wie die hl. Jungfrau sind (wobei ich keine Männer kenne, die das täten), und Frauen ihren Männern nicht, dass sie nicht wie der hl. Joseph sind, aber beide danach streben, ihrem jeweiligen Vorbild ähnlich zu werden.

Maria ist Jungfrau vor, in und nach der Geburt.

Heutige Protestanten behaupten oft, sie habe nach Jesus noch andere Kinder gehabt, sei also keine Jungfrau „nach der Geburt“ geblieben. Die Bibel legt freilich nichts dergleichen nahe. Da ist von „Brüdern und Schwestern“ Jesu die Rede, aber damit waren oft alle möglichen Verwandten gemeint (z. B. nennt Abraham seinen Neffen Lot seinen Bruder). Von zweien dieser „Brüder“, nämlich Joses und Jakobus, wissen wir auch, wer ihre Eltern waren – eine andere Maria, eine Schwester (Schwägerin?) von Maria, und ein Mann namens Klopas/Kleophas; auch diese Maria stand mit der Gottesmutter Maria unter dem Kreuz. (Vgl. folgende Stellen: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“ Joh 19,25. „Auch einige Frauen sahen von Weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome“ Mk 15,40. „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ Mk 6,3. „Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.“ Mt 27,56.) Dann wird da behauptet, Mt 1,25 lege nahe, dass Joseph nach der Geburt Jesu mit Maria geschlafen habe: „Aber er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar.“ Aber nichts dergleichen ist zwingend. Das Wort „bis“ kann in so einem Satz auch einfach in dem Sinne von „er erkannte sie nicht und dann gebar sie einen Sohn“ verwendet werden. Zum Vergleich: Wenn man sagt „er vertraute auf Gott, bis dann sein Gebet erhört wurde“, wird damit wohl kaum impliziert, derjenige habe nach der Gebetserhörung nicht mehr auf Gott vertraut. Und es wird wohl selbst der entschiedenste Protestant nicht behaupten wollen, Maria und Joseph hätten gleich nach der Geburt im Stall von Bethlehem prompt ihre Ehe vollzogen.

Solche Protestanten behandeln Maria tatsächlich wie eine Mischung aus Leihmutter und Kindermädchen – Gott benutzt sie, um ein paar Aufgaben zu erfüllen, aber diese Aufgaben machen nicht ihr Leben und ihre Identität aus. Aber sie war die Mutter Jesu, des Gottmenschen. Es hat etwas beinahe Obszönes, sich vorzustellen, dass noch andere Kinder diese Gebärmutter beanspruchten, in der Gott Mensch wurde. Das ist, als würde man auf dem Altar in der Kirche ein Sommerpicknick veranstalten. Normale Kinder zu bekommen ist etwas absolut Wunderbares, da entsteht ein neues Menschenwesen, das vorher nicht existiert hat und das Gottes Abbild trägt, aber es ist etwas ganz anderes als die Menschwerdung Gottes. Maria ist wie die Bundeslade, wie der Tempel; reserviert für den Herrn. „Da sprach der Herr zu mir: Dies Tor soll verschlossen bleiben, es wird nicht geöffnet werden und niemand soll durch dasselbe eintreten; denn der Herr, der Gott Israels, ist durch dasselbe eingezogen und darum soll es geschlossen bleiben.“ (Ez 44,2) Ein Jakobus oder Joses hätte nicht das Recht gehabt, diese Gebärmutter zu beanspruchen; es wäre absolut unangemessen gewesen. Es ist genug der Ehre, dass sie Cousins Gottes sein durften.

Maria hatte, wie oben gesehen, schon vorher vor, Jungfrau zu bleiben. Nicht, weil eine normale Ehe irgendwie schlecht wäre, sondern weil sie ganz besonders Gott geweiht sein und für Ihn auf etwas Gutes verzichten wollte. Und der Bereich der Sexualität ist schon einer, der für einige Probleme und Verwicklungen sorgen kann; davon hält sich Maria einfach fern. Sie ist ungeteilt und rein für Gott da.

Feminstinnen mögen Maria auch nicht, weil sie als so brav, so gehorsam gilt. Aber das ist nun mal etwas Gutes. Maria ist nicht duckmäuserisch und sie verkündet triumphierend, dass Gott ungerechte Herrscher zur Rechenschaft ziehen wird, aber sie hat absolut kein Problem damit, sich gerechter Herrschaft einfach unterzuordnen, ihren eigenen Willen mal hintanzustellen. Sie hat zuerst ihren Eltern gehorcht, dann ihrem Ehemann gehorcht; und vor allem hat sie Gott gehorcht. Gleichzeitig hat sie von ihrem Kind in manchen Dingen, vor allem in Seiner Kindheit, Gehorsam beansprucht; denn nur, wer gut gehorchen kann, kann auch gut befehlen.

Sie ist Jungfrau „in der Geburt“, heißt es in der Lehre. Da kratzen sich natürlich immer wieder Leute am Kopf und denken sich: Hä? Was hat Jungfräulichkeit mit Geburt zu tun? Die Definition von Jungfräulichkeit ist „keinen Sex gehabt haben“, nicht „ein unverletztes Hymen haben“ (das ja bei einer normalen Geburt verletzt werden würde, wenn es das nicht schon beim Sex geworden wäre). Das ist der Kirche schon auch klar. (Deswegen interpretiert z. B. auch Ludwig Ott in seinem Handbuch der Dogmatik diese Sache eher in einem anderen Sinn, Fehlen von sexuellen Regungen zu absolut jeder Zeit.) Aber wieso sollte Maria nicht auch körperlich unverletzt sein? Das ist gerade sehr angemessen, aus zwei Gründen: Erstens, das ist normalerweise ein Zeichen der Jungfräulichkeit, wie das jeder Frauenarzt bestätigen kann, auch wenn es nicht die Jungfräulichkeit selbst ist; zweitens, die Schmerzen bei der Geburt sind eine Folge der Erbsünde, wie Gott zu Eva sagte; da ist es angemessen, dass Maria davor bewahrt wurde; dass ihr Sohn sie zumindest in diesem freudigen Moment Seiner Geburt vor allen Schmerzen bewahren wollte.

Denn sie ist „voll der Gnade“, wie der Engel Gabriel zu ihr gesagt hat. Gott hat sie vom ersten Augenblick ihres Lebens an (also ihrer Empfängnis) vor der Erbsünde bewahrt, was die Kirche als die Unbefleckte Empfängnis bezeichnet. Nicht so, als ob sie keine Erlösung gebraucht hätte; sie nennt Gott im Magnificat ihren Heiland. Aber Gott hat ihr diese Erlösung schon im Vorhinein angerechnet. Sie sollte ganz rein sein, weil sie eben ein Tempel für Gott sein sollte. Sie musste sich sicher auch mal die Hände schmutzig machen, aber ihre Seele war rein. Sie ist frei von bösen Neigungen, die die Folge der Erbsünde sind, und sie hat auch keine einzige persönliche Sünde begangen.

Maria ist in dieser Hinsicht das, was alle Menschen hätten sein sollen, was Eva vor dem Sündenfall war, sie ist die zweite Eva, die reine Idee Gottes vom Menschen, und sie hat das nicht wie Eva verspielt, sondern bewahrt. Gott hat ihr so viel Gnade gegeben, dass sie niemals auch nur im geringsten gesündigt hat.

Maria tröstet Eva, Schwester Grace Remington OCSO.

Sie kennt dennoch das Leid; insoweit nahm sie, wie auch ihr Sohn, Folgen der Erbsünde ohne eigene Schuld auf sich, einige derjenigen Folgen der Erbsünde, die kein moralisches, sondern ein physisches Übel sind. Schon der hl. Simeon sagte es ihr im Tempel voraus: „Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist bestimmt zum Fall und zum Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem man widerspricht; deine eigene Seele aber wird ein Schwert durchdringen. So werden die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“ (Lk 2,34f.)

Schon die Geburt Jesu fand unter schwierigen Umständen statt, aber dann, nachdem die Familie aus dem Tempel noch einmal nach Bethlehem zurückgekehrt war, kamen auch die drei Weisen aus dem Morgenland, und durch sie wurde König Herodes auf das Kind aufmerksam, und Joseph erhält eine Warnung im Traum. Er gehorcht dieser Warnung und Maria vertraut ihm und geht sofort mit ihm nach Ägypten.

Eugène Girardet, Flucht nach Ägypten.

Man kann davon ausgehen, dass sie dort schon einigermaßen zurechtgekommen sein werden; vielleicht fanden sie Anschluss an die jüdische Gemeinde in Alexandria, und Joseph hatte einen Beruf, der überall nützlich war; und dann waren da noch die Geschenke von den drei Weisen. Aber trotzdem machte ihr Sohn seine ersten Schritte in einem fremden Land, zwischen Tempeln mit Tiergöttern, und Maria wusste wahrscheinlich nicht, wie es ihrer Verwandtschaft in Nazareth ging, und auch nicht, ob Herodes irgendwann seine Finger nach Ägypten ausstrecken würde und sie weiter fliehen müssten.

Aber viel schlimmer war es, als sie sehen musste, wie ihr Sohn verhaftet und verurteilt wurde, wie er ans Kreuz genagelt wurde und dort stundenlang hing und dann starb, und schließlich abgenommen und ihr in den Schoß gelegt wurde, bevor sie ihn mit ein paar seiner Anhänger in ein nahes Grab legen musste. Er begann sein menschliches Leben in ihrem Schoß, und nachdem er es beendet hatte, wurde er wieder in ihren Schoß gelegt. Sie vereinigte ihre Schmerzen mit Seinen, als sie ohnmächtig zusehen musste, wie Er litt. Schon menschliche Mütter sind oft so; meine Mutter (ich liebe sie sehr) sagt immer wieder Dinge wie „wenn es meinen Kindern gut geht, geht es mir auch gut“ oder „es ist das Schlimmste, wenn es deinen Kindern schlecht geht“. Aber keine Mutter konnte so sehr lieben und so sehr leiden wie Maria. Sie hätte nie gewollt oder von Ihm verlangt, dass Er dem Auftrag des Vaters ausweicht; aber das machte ihr Leiden nicht geringer.

In der Offenbarung des Johannes taucht Maria auch wieder auf:

„Am Himmel erschien ein großes Zeichen: Ein Weib, bekleidet mit der Sonne, der Mond zu seinen Füßen und eine Krone von zwölf Sternen auf seinem Haupte. Es ist gesegneten Leibes und schreit in seinen Wehen und Geburtsnöten. Und ein anderes Zeichen erschien am Himmel: Siehe, ein großer, roter Drache mit sieben Häuptern; zehn Hörnern und sieben Kronen auf seinen Häuptern. Sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels weg und warf sie zur Erde. Der Drache stellte sich hin vor das Weib, dessen Stunde bevorstand, um nach der Geburt ihr Kind zu verschlingen. Es gebar einen Sohn, der alle Völker mit eisernem Zepter regieren sollte, und sein Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Throne. Das Weib aber floh in die Wüste, wo von Gott ein Ort für es bereitet war, um dort zwölfhundertsechzig Tage lang gepflegt zu werden. […]

Als der Drache sah, daß er zur Erde herabgestürzt sei, verfolgte er das Weib, das den Knaben geboren hatte. Dem Weibe aber wurden beide Flügel des großen Adlers gegeben, damit es an seine Stätte in der Wüste fliege, wo es eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit ernährt wird, fern von der Schlange. Die Schlange spie aus ihrem Rachen Wasser dem Weibe nach gleich einem Strome, damit es von dem Strome fortgerissen werde. Aber die Erde half dem Weibe. Sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte. Da ergrimmte der Drache gegen das Weib und begann Krieg zu führen mit seinen übrigen Kindern, die Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu [Christi] bewahren.“ (Offb 12,1-6.13-17)

Es geht hier wohl kaum um Geburtsschmerzen bei der Geburt in Bethlehem, sondern symbolisch um alle Schmerzen, die Marias Mutterschaft ihr bereitet hat, die sie durchstehen musste, während der Teufel (erfolglos) gegen sie und ihren Sohn kämpfte. Gott behütete sie weiterhin, auch nachdem ihre hauptsächlichen Schmerzen vorbei waren und ihr Sohn die Erlösung gewirkt hatte und in den Himmel zurückgekehrt war.

Ihr Sohn muss sich sehr gefreut haben, als Er sie schließlich am Ende ihres Lebens in den Himmel aufnehmen und dort mit allen Ehren einer Königinmutter ehren konnte. Sie stand bei Ihm unter dem Kreuz; nun hat Er den Siegespreis des Kreuzes errungen und lässt sie daran teilhaben. Es ist nicht ganz sicher, ob Maria gestorben ist oder ohne zu sterben von Gott in den Himmel aufgenommen wurde; denn den Tod, die Strafe der Sünde, hätte sie nicht verdient. Aber wahrscheinlich ist sie gestorben, um ihrem Sohn gleich zu werden, um auch die Trennung von Leib und Seele zu leiden, die Er gelitten hat. Und dann hat Er sie wieder auferweckt und mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen, was bei uns allen erst am Jüngsten Tag passieren wird, wenn sich die Seelen im Himmel wieder mit ihren Leibern vereinigen. Der Körper, in dem Gott Mensch wurde, sollte nicht verwesen. (Es gibt daher auch keine Reliquien Mariens, außer ein paar Haaren.)

Fra Angelico, Krönung Mariens.

Sie musste ein wenig darauf warten, nachdem ihr Sohn auferstanden war und in den Himmel aufgefahren war. Sie empfing mit den Aposteln am Pfingsttag den Heiligen Geist, und dann muss sie noch bei dem hl. Apostel Johannes in Jerusalem und Ephesus einige Jahre oder vielleicht Jahrzehnte gelebt haben. Sie wirkte weiter; sie war es wahrscheinlich, die dem hl. Lukas all die Begebenheiten aus Jesu Kindheit erzählte, und sie hat sicher auch die anderen Christen gestärkt. Die Einzelheiten sind uns verborgen; Maria ist demütig und musste ihr Wirken nicht vor aller Welt bekannt wissen. Und bei jeder Messe, die der hl. Johannes feierte, muss sie ihren Sohn noch einmal empfangen haben; Er, der von Gott in ihre Gebärmutter gelegt wurde, wurde jetzt in ihren Mund gelegt und nährte sie. Vielleicht sprach Er zu ihr: Noch eine kleine Weile, dann siehst du mich wieder richtig; jetzt bin ich unter dieser Gestalt mit dir.

Die Jungfrau Maria empfängt die Kommunion vom hl. Johannes.

Und Maria ist nicht nur die Mutter Jesu, sie ist auch unsere Mutter. Er hat sie zunächst unter dem Kreuz Johannes zur Mutter gegeben (daraus kann man auch was lernen: wer, anders als die anderen Apostel, unter dem Kreuz bleibt und ausharrt, steht auch unter dem besonderen Schutz Mariens), aber sie hat nun noch eine viel größere Kinderschar, alle, die ihr Sohn zu Gotteskindern gemacht, also als seine Geschwister adoptiert hat – natürlich ist sie auch deren Mutter.

Edward von Steinle, Maria, Schirmherrin der Christenheit.

Sie hat schon zur Zeit des Erdenlebens Jesu bei ihm für andere gebeten. Auf ihre Initiative hat Jesus Sein erstes öffentliches Wunder gewirkt. Bischof Fulton Sheen schreibt über die Hochzeit zu Kana:

„Johannes der Evangelist, der bereits als Jünger erwählt worden war, war bei diesem Fest anwesend; und er war es, der Augen- und Ohrenzeuge dessen war, was Maria in Kana tat. Er war auch mit ihr am Fuß des Kreuzes, und er zeichnete beide Ereignisse treu in seinem Evangelium auf. Im Tempel und am Jordan erhielt unser Herr den Segen und die Billigung Seines Vaters, Sein Werk der Erlösung zu beginnen. In Kana erhielt Er die Einwilligung Seines menschlichen Elternteils. Später, in der schrecklichen Einsamkeit von Kalvaria, würde ein dunkler Augenblick kommen, in dem Sein Vater sich scheinbar von Ihm zurückzuziehen schien, und Er den Psalm zitieren würde, der beginnt mit:

‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ Psalm 21,1

Ein weiterer Augenblick würde kommen, in dem Er sich von Seiner Mutter zurückzuziehen schien:

‚Frau, siehe, dein Sohn.‘ Johannes 19,26

Als der Wein in Kana ausging, ist es interessant, dass Maria mehr an die Gäste dachte als der Speisemeister; denn es war sie, und nicht er, die ihren Bedarf an Wein bemerkte. Maria wandte sich an ihren Sohn in einem vollkommenen Geist des Gebets. In vollkommener Sicherheit und Vertrauen auf Seine Barmherzigkeit, sagte sie:

‚Sie haben keinen Wein mehr.‘ Johannes 2,3

Es war keine persönliche Bitte; sie war schon eine Mediatrix [Mittlerin] für alle, die die Fülle der Freude suchten. Sie war nie nur eine Zuschauerin, sondern eine voll Beteiligte, die sich bereitwillig mit den Nöten anderer befasst. Die Mutter nutzte die besondere Macht, die sie als Mutter über ihren Sohn hatte, eine Macht, die von gegenseitiger Liebe geschaffen wird. Er antwortete ihr mit scheinbarem Zögern.

‚Frau, was ist das mir und dir? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.‘ Johannes 2,4

Zuerst betrachte die Worte: ‚Was ist das mir und dir?‘ Das ist ein hebräischer Ausdruck, den man schwer auf Englisch übersetzen kann. Der hl. Johannes übertrug ihn sehr wörtlich ins Griechische, und die Vulgata bewahrt diese Wörtlichkeit in ‚Quid mihi et tibi‘, was bedeutet: ‚Was mir und dir?‘ […]

Um vollkommener zu verstehen, was Er meint, betrachte die Worte ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen‘. Die ‚Stunde‘ bezieht sich offensichtlich auf Sein Kreuz. Immer, wenn das Wort ‚Stunde‘ im Neuen Testament gebraucht wird, wird es in Beziehung zu Seinem Leiden, Seinem Tod und Seiner Verherrlichung gebraucht. […]

In Kana verwies unser Herr auf Kalvaria und sagte, dass die Zeit, die dafür bestimmt war, die Aufgabe der Erlösung zu beginnen, noch nicht da war. Seine Mutter bat um ein Wunder; Er implizierte, dass ein Wunder, das als ein Zeichen Seiner Göttlichkeit gewirkt werden würde, der Beginn Seines Todes sein würde. In dem Augenblick, in dem Er sich vor den Menschen als der Sohn Gottes zeigte, würde Er ihren Hass auf sich ziehen, denn das Böse kann die Mittelmäßigkeit dulden, aber nicht das höchste Gute. […]

Es gab in Seinem Leben zwei Gelegenheiten, bei denen Seine menschliche Natur eine Unwilligkeit zu zeigen schien, Seine Last des Leidens auf sich zu nehmen. Im Garten bat Er Seinen Vater, ob es möglich wäre, Seinen Kelch des Leidens wegzunehmen. Aber gleich danach ergab Er sich in den Willen des Vaters: ‚Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.‘ Dasselbe scheinbare Widerstreben zeigte sich auch gegenüber dem Willen Seiner Mutter. Kana war eine Probe für Golgotha. […] Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Bitte Seines Vaters an Ihn um Seinen öffentlichen Tod und der Bitte Seiner Mutter an Ihn um Sein öffentliches Leben. Der Gehorsam triumphierte in beiden Fällen; in Kana wurde das Wasser in Wein verwandelt; auf Kalvaria wurde der Wein in Blut verwandelt.

Er sagte Seiner Mutter, dass sie quasi ein Todesurteil über Ihn sprach. Es gibt wenige Mütter, die ihre Söhne auf das Schlachtfeld schicken; hier war eine, die tatsächlich die Stunde des tödlichen Konflikts ihres Sohnes mit den Mächten des Bösen beschleunigte. Wenn Er ihrer Bitte nachgab, würde Er Seine Stunde des Leidens und der Verherrlichung beginnen. Zum Kreuz würde Er mit einem doppelten Auftrag gehen, von Seinem Vater im Himmel und von Seiner Mutter auf Erden.

Sobald Er zugestimmt hatte, Seine ‚Stunde‘ zu beginnen, fuhr Er damit fort, ihr zu sagen, dass ihre Beziehung mit Ihm von nun anders sein würde. Bis dahin, während Seines verborgenen Lebens, war sie als die Mutter Jesu bekannt gewesen. Aber nun, da Er das Werk der Erlösung begonnen hatte, würde sie nicht mehr länger nur Seine Mutter sein, sondern auch die Mutter all Seiner menschlichen Brüder, die Er erlösen würde. Um diese neue Beziehung zu signalisieren, spricht Er sie jetzt nicht mit ‚Mutter‘ an, sondern als die ‚Universelle Mutter‘ oder ‚Frau‘. Welchen Klang diese Worte für Menschen hatten, die im Licht des Alten Testaments lebten. Als Adam fiel, sprach Gott zu Satan und sagte voraus, dass Er Feindschaft zwischen seinen Samen und ‚die Frau‘ setzen werde, denn das Gute würde ebenso Nachkommenschaft haben wie das Böse. […] Die ‚Frau‘ hatte einen Samen, und es war ihr Samen, der jetzt bei dem Hochzeitsfest stand, der Samen, der zu Boden fallen und sterben würde und dann in neues Leben ersprießen würde.

In dem Augenblick, in dem die ‚Stunde‘ begann, wurde sie ‚die Frau‘; sie würde auch andere Kinder haben, nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist. Wenn Er der neue Adam sein sollte, sollte sie die neue Eva sein, und die Mutter dieser neuen Menschheit. […] Johannes, der bei dieser Hochzeit war, war auch am Höhepunkt der ‚Stunde‘ auf Kalvaria da. Er hörte, wie unser Herr sie vom Kreuz aus ‚Frau‘ nannte, und dann zu ihr sagte: ‚Siehe, dein Sohn.‘ Es war, als ob er, Johannes, jetzt das Symbol ihrer neuen Familie war. Als unser Herr den Sohn der Witwe von Naim von den Toten auferweckte, sagte er: ‚Gebt ihn seiner Mutter zurück.‘ Am Kreuz tröstete Er Seine Mutter, indem Er ihr einen weiteren Sohn gab, Johannes, und mit ihm die ganze erlöste Menschheit.

Bei der Auferstehung gab Er sich ihr zurück, um ihr zu zeigen, dass, obgleich sie neue Kinder gewonnen hatte, sie Ihn nicht verloren hatte. […]

Als Er andeutete, dass Sein erstes Wunder unweigerlich zu Seinem Kreuz und Tod führen würde, und dass sie von nun an eine Schmerzensmutter werden würde, wandte sie sich sofort an den Speisemeister [genau genommen an die anderen Diener, Anmerkung von mir – Crescentia] und sagte: Alles, was Er euch sagt, das tut.

Was für ein glorreiches Abschiedswort! Sie spricht in der Schrift nie mehr. Sieben Mal hatte sie in den Schriften gesprochen, aber nun, da Christus sich selbst gezeigt hatte, wie die Sonne im vollen Glanz Seiner Gottheit, wurde unsere liebe Frau willig überschattet wie der Mond, wie Johannes sie später beschrieb.“

Jesus hat auch in Seiner Menschheit nie gesündigt, hätte gar nicht sündigen können, aber Er hatte eben eine menschliche Natur, und dieser menschlichen Natur half der Anstoß Seiner Mutter, schon etwas früher mit Seinem Wirken zu beginnen, als Er es sonst vielleicht getan hätte. Auch im Ölgarten hat Er immer nur darum gebeten, dass der Kelch an Ihm vorübergeht, wenn es möglich ist, und wusste dabei selbst schon, dass es das nicht war, wenn Er Seinen Auftrag so vollkommen erfüllen wollte, wie Er selbst es eigentlich entschieden hatte. (Rein theoretisch hätte auch weniger Leid genügt, um uns zu erlösen, da all das Leid des Gottmenschen einen unendlichen Sühnewert hat. Jesus ging also aus Gehorsam und aus freiwilligem Entschluss ans Kreuz.) Und Maria wollte eben wirklich, dass ihr Sohn Seinen Auftrag erfüllt, egal wie schmerzlich es wird (die Einzelheiten konnte sie nur ahnen); sie wollte kein Hindernis für Ihn aus falsch verstandener Liebe sein. Sie wollte, dass Er das Richtige tut, wie es jede gute Mutter wollen sollte, die nicht will, dass ihr Kind sich vor sich selber schämen muss, sondern will, dass es stolz sein kann.

Es gibt u. a. noch zwei Stellen in der Bibel, in denen Maria vorkommt. Da wäre Lk 11,27f.:

„Es geschah aber, als er so redete, erhob eine Frau aus der Volksmenge ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die du gesogen hast. Er erwiderte: Ja freilich, selig, die das Wort Gottes hören und beobachten.“

Gott hätte rein theoretisch Seinen Sohn auch durch eine unwillige und/oder böse Frau gebären lassen können; Seine Mutter ist nicht allein durch die körperliche Verwandtschaft selig. Die Kepplerbibel zitiert in den Fußnoten den hl. Augustinus: „Seliger ist Maria durch den Glauben an Christus als durch die Empfängnis seiner Menschheit. Sogar die mütterliche Verwandtschaft hätte ihr nichts genützt, hätte sie nicht freudiger Jesus im Herzen als im Schoße getragen.“ Aber diese körperliche Verwandtschaft und ihre geistige Nähe zueinander, Marias Gehorsam, das alles hängt so eng zusammen. Maria ist gerade dadurch Mutter Gottes geworden, dass sie das Wort Gottes gehört und beobachtet hat, dass sie dazu gesagt hat: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte.“ Gott hat es nicht für passend befunden, Seinen Sohn durch eine unwillige und/oder böse Frau gebären zu lassen. Man beachte auch: Diese Stelle ist im Lukasevangelium, dessen Autor am ausführlichsten die Kindheitsgeschichte Jesu beschreibt, und zwar vor allem aus Marias Sicht. Vielleicht erzählte Maria selbst dem Evangelisten auch diese Begebenheit, um zu vermitteln: Auch ihr seid selig wie ich, wenn ihr auf das Wort Gottes hört. Dazu passt auch eine zweite Stelle, die auch Lukas berichtet, und zwar eher gegen Beginn seines Evangeliums (Lk 8,19-21):

„Seine Mutter und seine Brüder kamen zu ihm, konnten aber wegen der Volksmenge nicht zu ihm gelangen. Man meldete ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber entgegnete ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche das Wort Gottes hören und es befolgen.“

Markus berichtet noch ausführlicher (Mk 3,20-21.31-35):

„Als er nach Hause kam, versammelte sich wieder das Volk, so daß sie nicht einmal essen konnten. Da die Seinen dies hörten, gingen sie hin, um sich seiner zu bemächtigen. Denn sie sagten: Er ist außer sich. […] Nun kamen seine Mutter und seine Brüder. Sie blieben draußen stehen, schickten zu ihm hinein und ließen ihn rufen. Das Volk saß um ihn her. Man sagte ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich. Da antwortete er ihnen: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er schaute auf die, welche rings um ihn her saßen, und sprach: Sehet da meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“

Die Cousins und vielleicht die Onkel und Tanten Jesu waren erschrocken darüber, wie Jesus auftrat, den sie doch so lange gekannt hatten. Man kann davon ausgehen, dass Maria diese Gefühle nicht teilte, aber sie ging trotzdem mit ihnen, wollte vielleicht gerade, dass sie Jesus gegenüberstehen und dann sehen würden, dass er kein Verrückter war, den man wieder schön nach Hause schaffen sollte. Und dann will Jesus sie nicht sofort sehen, weil Er noch anderes zu tun hat. Das ist keine Zurückweisung: Er liebt Seine Mutter, und auch Seine „Brüder“ (besonders Jakobus) und Seine Tante Maria, die Schwester (Schwägerin?) Seiner Mutter und Frau des Klopas/Kleophas/Alphäus, finden sich im späteren Verlauf der Evangelien an Seiner Seite und erfüllen wichtige Aufgaben. Jakobus wurde Bischof von Jerusalem und Maria Kleophae war unter den Frauen am Grab Jesu. Aber Er zeigt ihnen: Auch all diese Menschen, die mich jetzt hören, nehme ich in meine Familie auf und auch um sie muss ich mich kümmern; ich betreibe keine Vetternwirtschaft. Wenn ihr bei mir sein wollt, dann kommt mit mir und helft mir, haltet mich nicht ab von dem, was meine Pflicht ist. Und zur Zeit Seines Leidens in Jerusalem sehen wir tatsächlich auch Seine Verwandtschaft dort. Er sagt damit auch zu jeder Christin: Auch du kannst meine Schwester und Mutter sein. Du kannst mich in deinem Leben zur Welt bringen und zu anderen tragen, du kannst mich um etwas bitten und ich werde dich erhören.

Maria ist die Tochter Gottes des Vaters, die Mutter Gottes des Sohnes, die Braut Gottes des Heiligen Geistes. Sie ist ganz mit Gott und deshalb auch mit uns. Sie lächelt und nickt uns zu und sagt: „Tapfer sein. Mein Sohn wird siegen und du, mein Adoptivkind, mit Ihm.“

Lasst uns froh und triumphalistisch sein!

Viele Christen sind vorsichtig dabei, zu selbstsicher oder „triumphalistisch“ aufzutreten; teilweise ist das auch sehr gut. Es ist gut, wenn man daran denkt, dass man vollkommen von Gottes Gnade abhängt, dass man einige Sünden begangen hat und es auch in Zukunft nicht sicher ist, ob man treu bleiben wird, dass man sich bemühen und an Gottes Gericht denken muss, usw. Aber man darf auch die andere Seite nicht vergessen. Daher ein paar Dinge zur Erinnerung:

Ja, wir hängen von Gottes Gnade ab, aber Er wird sie uns nicht entziehen; Er wird uns immer genug Gnade geben, und meistens viel mehr als genug. Und wir sind im Moment schon mal grundsätzlich auf der Seite Gottes; auch wenn wir etwas Falsches tun, bitten wir Ihn wieder um Seine Hilfe dabei, umzukehren. Selbst wenn wir Ihn wirklich durch eine schwere Sünde verraten, wissen wir zumindest: Er wartet auf uns. Und das Gewissen drängt uns zurück. Das ist nicht dasselbe, wie wenn man grundsätzlich auf Gottes Gebote scheißt. Der fromme Durchschnittskatholik begeht keine zehn Todsünden pro Woche, und in die Hölle kann man nur kommen durch eine unbereute Todsünde. Auch vor der Beichte wird durch Liebesreue (Reue aus Liebe zu Gott, den man beleidigt hat) und Vorsatz zur Beichte jede Sünde schon getilgt. (Auch wer Gewohnheitssünden hat, sich aber bemüht, sie zu bekämpfen, ist grundsätzlich auf Gottes Seite, und seine Schuldhaftigkeit ist vermindert.)

Ja, wir sind wirklich Gotteskinder, wir gehören zu seinem Heerlager. Gott ist mit uns. Jeder, der im Stand der Gnade ist, kann sagen: Gott ist auf meiner Seite, und alles andere kann mir nichts anhaben. Uns umgeben Heerscharen von Engeln; wovor sollten wir uns fürchten?

Kann man sich über den eigenen Gnadenstand täuschen? Freilich kann man das, einige selbstgerechte Menschen werden das auch tun. Aber wenn man sich immer wieder ehrlich prüft, anhand von objektiven Kriterien, z. B. mit Zuhilfenahme eines Beichtspiegels oder indem man Rat bei anderen sucht, die ehrlich zu einem sind, kann man dieses Risiko jedenfalls minimieren. Es hilft auch, zu beten: „Wer merkt die Sünden alle? Von meinen verborgenen Sünden reinige mich“ (Ps 19,13) Denn Gott erhört Gebete, und wird einem bewusst machen, was einem unbewusst war.

Gott ist auch auf unserer Seite gegenüber den Leuten, die uns Böses wollen; im Idealfall sollen die sich bekehren, und dafür beten wir auch, aber ob sie es tun oder nicht, Gott ist es nicht egal, was sie uns antun, und er wird sie zur Rechenschaft ziehen. Wir dürfen beten wie die Psalmisten, deren Worte in jeder heiligen Messe nach dem alten Ritus der Priester betet: „Schaff Recht mir, Gott, und führe meine Sache gegen ein unheiliges Volk; von frevelhaften, falschen Menschen rette mich.“ „Wie könnte ich dem Herrn all das vergelten, was Er an mir getan hat! Den Kelch des Heiles will ich nehmen und anrufen den Namen des Herrn. In frohem Jubel rufe ich zum Herrn und werde sicher sein vor meinen Feinden.“ Gott wird uns Recht verschaffen gegenüber Leuten, die uns hassen oder verhöhnen.

Man sollte nicht allzu sehr zagen vor dem Gericht nach dem Tod. Gott wird uns über alle noch so kleinen Sünden richten, aber dabei auch jede noch so kleine gute Tat anerkennen. Es gilt beides: „Ich sage euch aber: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tage des Gerichtes Rechenschaft geben müssen.“ (Mt 12,36) Und: „Und wer einem von diesen Kleinen nur einen Becher frischen Wassers zu trinken reicht wegen seines Jüngernamens, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren.“ (Mt 10,42) Lässliche Sünden werden schnell begangen, aber auch schnell getilgt durch gute Werke und Gebet; „die Liebe deckt eine Menge Sünden zu“ (1 Petr 4,8). Gott sieht jedes noch so kleine Opfer, auch wenn es jetzt erbärmlich und zaghaft wirken kann.

Der Hölle zu entgehen ist nicht allzu schwer; und selbst dem Fegefeuer kann man entgehen durch Sühne und insbesondere Ablässe (hier die aktuelle Ablassordnung; Vorbedingung für den vollkommenen Ablass sind normalerweise Beichte, Kommunion und Gebet in der Meinung des Hl. Vaters). Die Kirche ist z. B. sehr großzügig dabei, einen Ablass in der Todesstunde zu vergeben. Einen vollkommenen Ablass in der Todesstunde gibt es für:

„Empfang der Sterbesakramente von einem Priester, zusammen mit dem apostolischen Segen.

Wenn in der Sterbestunde kein Priester da sein kann, gewährt die Kirche jedem Gläubigen, der in seinem Leben regelmäßig gebetet hat, einen vollkommenen Ablaß. Die Kirche ersetzt dabei die sonst für einen solchen Ablaß erforderlichen drei Bedingungen. Dazu soll man sich, wenn möglich, einem Kreuz oder Kruzifix zuwenden.“

Für vollkommene Ablässe ist natürlich außerdem gefordert, dass man sich von jeder Sünde, auch jeder lässlichen Sünde, abwendet; aber diesen Willensakt zu erwecken wird für viele einigermaßen machbar sein. Es kommt auf den guten Willen an.

Wenn fromme Menschen mit dem Empfang der Sterbesakramente oder dem Gebet sterben, ist es jedenfalls gut möglich, dass sie direkt in den Himmel kommen, auch wenn man natürlich für sie beten soll, falls sie doch noch etwas im Fegefeuer abzubüßen haben. Und auch wenn sie ins Fegefeuer kommen: Das ist irgendwann vorbei, und dann wird man unendliches Glück in unendlicher Dauer erleben in der vollkommenen Vereinigung mit Gott.

Wir können uns unmöglich vorstellen, wie schön der Himmel sein wird. Da wird man vollkommen angenommen sein, umhegt sein, sicher sein, über Gottes Größe jubilieren, die Wahrheit erkennen. Man wird Gott sehen, wie Er ist, und das kann kein Mensch beschreiben. Man wird auch vereint sein mit all den Menschen, die man geliebt hat, und sehen, wer alles für einen gebetet und einem auf diese Weise geholfen hat, und auch sehen, was das eigene Gebet anderen geholfen hat. Man wird vereint sein mit den Menschen, die auf Erden nicht sichtbar ganz auf unserer Seite waren, aufgrund von Vorurteilen und Täuschungen, und wird zu ihnen sagen können: Na, siehst du, es ist doch so, lass uns jetzt gemeinsam Gott preisen, den wir beide doch lieben! Alle Missverständnisse und Streitigkeiten werden Vergangenheit sein.

Das Leid auf dieser Erde kann extrem schlimm sein. Aber Gott hat uns versprochen, dass der Himmel all das unendlich aufwiegen wird, und Gott neigt dazu, Seine Versprechen zu halten. Gerade weil es oft so extrem schlimm ist, kann man sich denken, wie groß das Glück im Himmel dann erst sein muss.

Die Modernisten hassen es, wenn andere Christen triumphalistisch auftreten. Sie sind sich selber eigentlich nicht sicher, was Gott jetzt macht und haben kein besonderes Vertrauen in Ihn, vor allem sind sie duckmäuserisch gegenüber einer Welt, die nicht will, dass Gott triumphiert. Aber wir dürfen das, denn wir wissen, dass Er existiert und verlässlich ist, und können daher fest alles glauben, was Er versprochen hat, und Er hat versprochen, uns all das zu geben, wenn wir uns nur nicht entschlossen von Ihm abwenden. Kopf hoch, Brust raus, gerade Haltung. Wir können darüber lächeln, wenn Atheisten keifen oder Muslime über die Schwäche der Christenheit spotten. Denn Gott siegt am Ende. Er hält sich jetzt noch zurück, prüft, wer zu Ihm hält, solange es wenig greifbare Vorteile bringt, aber dann wird Er sich zeigen, und jedem geben nach seinen Werken, denn Er liebt uns.

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde! denn es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben.“ (Lk 12,32)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 13: Dämonen und Satan

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Gen 3; Mt 4,1-11; Mk 1,12f.; Lk 4,1-13; Mt 25,41; Mt 8,28-34; Mt 9,32-34; Lk 13,16; Mk 1,23-27; Mk 3,11f.; Joh 8,44; 1 Petr 5,8; 1 Joh 3,8; Jud 1,9; Offb 20,10; Hiob 1-2; 2 Kor 11,3.14; Sach 3,1f.

Im letzten Teil ging es schon um die Engel, reine Geistwesen, wie die Menschen mit freiem Willen begabt. Laut der christlichen Lehre wurden sie nach ihrer Erschaffung (vor der Erschaffung der Menschen) von Gott einer Prüfung unterworfen, und ein Teil der Engel wandte sich von Gott ab; ihr Wesen verfinsterte sich und sie verfielen der Strafe. Ihre Sünde war der Hochmut, der Stolz. (Manche Theologen sagen, dass sich Offb 12,4 – Sein Schwanz [des Drachen] fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab“ – so interpretieren lässt, dass ein Drittel der Engel gefallen und zwei Drittel Gott treugeblieben seien.) Satan/Teufel ist der Oberste dieser bösen Engel, d. h. der Dämonen; als Engel hieß er noch Lucifer – Lichtträger -, da er ein mächtiger und hoher Engel war. Die Dämonen können auch Menschen bedrängen und in Einzelfällen sogar „besessen“ machen, also von ihrem Körper Besitz ergreifen; vor allem aber versuchen sie, die Menschen zum Bösen zu verführen, weil sie ihnen nicht das Glück der Gemeinschaft mit Gott gönnen, das sie selbst verworfen haben. Der Satan verführte die ersten Menschen, Adam und Eva, sodass sie die Ursünde begingen. Er klagt die Menschen vor Gott an, er will, dass sie auch seine Strafe teilen. Er ist „der Vater der Lüge“ und „ein Mörder von Anfang an“ (Joh 8,44). Die Dämonen sind zwar klug und mächtig, aber nicht allwissend und allmächtig; sie vermögen nur, was Gott zulässt und wussten z. B. nicht unbedingt im voraus, auf welche Weise Gott die Menschen erlösen würde. Gott lässt sie jetzt etwas wüten, aber nach dem Jüngsten Gericht wird Er ihnen auch diese Möglichkeit nehmen, und sie werden nur noch Strafe leiden. Der Teufel ist keine Gott ebenbürtige böse Macht, sondern nur ein abgefallenes Geschöpf. Die Dämonen können sich nicht mehr bekehren, da ihre Erkenntnis viel klarer war als die der Menschen und sie im vollen Bewusstsein Nein zu Gott gesagt und sich in dieser Abtrünnigkeit verhärtet haben.

Jetzt also dazu, welche Aussagen zu Satan und seinen Engeln sich bei den frühen Christen finden lassen.

Satan hat verschiedene Namen:

„Bei uns wird nämlich das Oberhaupt der bösen Dämonen Schlange, Satan und Verleumder genannt, wie ihr, wenn ihr nachforschen wollt, in unsern Schriften finden könnt. Daß dieser mit seiner Heerschar und den ihm anhangenden Menschen ins Feuer werde geworfen werden zu ewig dauernder Bestrafung, hat Christus vorhergesagt.“ (Justin, 1. Apologie 28)

„Oder es bezeichnete der Logos [das Wort Gottes, d. h. Jesus] als ‚Löwen, der wider ihn brüllt‘, den Teufel, der von Moses Schlange genannt wird, bei Job und Zacharias Teufel heißt und von Jesus Satanas angeredet worden ist, ein zusammengesetztes Wort, mit welchem der Teufel, wie Jesus zu erkennen gibt, wegen seines Verhaltens benannt wurde; denn Sata heißt in der Sprache der Juden und Syrer ein Abtrünniger, und das Wort Nas wird mit Schlange übersetzt, und aus diesen beiden Worten ist das eine Wort Satanas gebildet. Denn gleich nachdem Jesus aus dem Flusse Jordan gestiegen war und die Stimme zu ihm gesprochen hatte: ‚Mein Sohn bist du, heute habe ich dich erzeugt‘, trat, wie in den Denkwürdigkeiten der Apostel geschrieben ist, dieser Teufel zu ihm, versuchte ihn und sprach schließlich zu ihm: ‚Bete mich an!‘ worauf Christus ihm antwortete: ‚Weiche von mir, Satanas! Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten und ihm allein dienen!‘. Wie er nämlich Adam betrogen hatte, so meinte er auch mit Jesus verfahren zu können.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 103,5f.)

„Der Teufel heißt auch der Drache, weil er Gott wie ein flüchtiger Sklave entflohen ist [dia to apodedrakenai](διὰ τὸ ἀποδεδρακέναι); denn er war anfänglich ein Engel.“ (Theophilus, An Autolykus II,28)

Auch „Fürst dieser Welt“ (vgl. Joh 12,31; Joh 14,30; Joh 16,11) wird er genannt:

„Denn falls wir in ihm [Jesus] allen Übermut des Fürsten dieser Welt ertragen und meiden, werden wir Gottes teilhaftig werden.“ (Brief des  Ignatius an die Magnesier 1,2)

Über die abtrünnigen Engel vs. die abtrünnigen Menschen schreibt Irenäus von Lyon:

„Seitdem nämlich er das Geschöpf Gottes benedeite, seitdem ist sein Engel abtrünnig geworden und sein Feind, und schickte sich an, auch dieses Gott zum Feinde zu machen. Deswegen hat auch Gott den, der heimlich aus eigenem Antrieb Unkraut säte, d. h. zur Übertretung verleitete, von seinem Umgang ausgeschlossen, über den Menschen aber, der ohne Überlegung, aber doch in Bosheit sein Gebot übertrat, sich erbarmt, und die Feindschaft, die jener gestiftet hatte, gegen den Urheber der Feindschaft selbst gekehrt, indem er seine Feindschaft gegen den Menschen aufgab und sie lediglich auf die Schlange zurückwarf. Deshalb sprach der Herr, wie die Schrift sagt, zu der Schlange: ‚Und Feindschaft werde ich setzen zwischen dir und der Schlange und zwischen deinem Samen und dem Samen des Weibes. Er wird deinen Kopf zertreten, und du wirst beobachten seine Ferse.‘ Und diese Feindschaft rekapitulierte der Herr in sich selbst, der von dem Weibe Mensch geworden war, und zertrat ihren Kopf, wie wir in dem vorigen Buche gezeigt haben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,40,3)

Der Teufel ist nur ein Geschöpf, die Dämonen nicht von ihm geschaffen:

„Wenn er einige Engel des Teufels nannte, denen das ewige Feuer bereitet ist, und von dem Unkraut wiederum sagt: ‚Das Unkraut sind die Söhne des Bösen‘, dann muß man bemerken, daß er alle Abtrünnigen dem zuschreibt, welcher der Urheber der Übertretung ist. Aber keineswegs hat jener aus eigener Kraft Engel oder Menschen gemacht. Denn offenbar konnte der Teufel gar nichts machen, da er ja wie die übrigen Engel selbst ein Geschöpf Gottes ist. Denn alles hat Gott gemacht, wie auch David sagt: ‚Er sprach, und es ist geworden; er befahl, und es ist erschaffen.‘

Obgleich Gott alles gemacht hat und der Teufel für sich und die anderen nur die Ursache des Abfalls geworden ist, so nennt die Schrift mit Recht diejenigen, welche im Abfall verharren, immer Söhne des Teufels und Engel des Bösen. Sohn nämlich kann, wie einer vor uns gesagt hat, in zweifachem Sinne verständen werden: Der eine gilt als Sohn der Natur nach, weil er als solcher geboren wurde, der andere insofern, als er dazu gemacht wurde, wiewohl zwischen beiden ein Unterschied ist, da ja der eine sein leiblicher Sohn ist, der andere aber nur dazu gemacht wurde, sei es durch die Erschaffung oder durch Lehrunterricht. Wer nämlich von jemand unterrichtet ist durch das Wort, der wird Sohn des Lehrers und jener sein Vater genannt. Infolge der natürlichen Erschaffung aber sind wir alle gleichsam Söhne Gottes, weil wir alle von Gott gemacht sind. In anbetracht ihres Gehorsams aber und ihrer Anschauungen sind nicht alle Söhne Gottes, sondern nur die, welche ihm glauben und seinen Willen tun. Die aber ihm nicht glauben und seinen Willen nicht tun, sind Engel und Söhne des Teufels, Da nun dem so ist, spricht er bei Isaias: ‚Söhne habe ich erzeugt und erhöht, sie aber haben mich verachtet.‘ Und ein andermal nennt er diese fremde Söhne: ‚Fremde Söhne haben mir gelogen.‘ Der Natur nach sind sie seine Söhne, weil er sie gemacht hat, aber nach ihren Werken sind sie nicht seine Söhne.

Wie nämlich bei den Menschen ungehorsame Söhne, von den Vätern verstoßen, der Natur nach zwar ihre Söhne sind, aber nicht mehr dem Gesetz nach, weil sie ihre natürlichen Eltern nicht mehr beerben, geradeso werden bei Gott die, welche ihm nicht gehorchen, vom ihm verstoßen und hören auf, seine Söhne zu sein. Daher können sie auch von ihm kein Erbe empfangen, wie David sagt: ‚Entfremdet sind die Sünder seit dem Mutterleibe, der Zorn ist über ihnen nach dem Bilde der Schlange.‘ Deshalb nannte der Herr gewisse Menschen Natterngezücht, weil sie wie jene Tiere in Arglist wandeln und die anderen verletzen. […] Und als Isaias in Judäa predigte und mit Israel rechtete, nannte er sie Fürsten von Sodoma und Volk von Gomorrha, gebrauchte ähnliche Ausdrücke, weil ihr Abfall und ihre Sünden sie den Sodomitern ähnlich machten. Und weil sie nicht Gott von Natur so gemacht hatte, sondern weil sie auch gerecht hätten handeln können, gibt er ihnen den guten Rat: ‚Waschet euch und seid rein, schaffet weg die Bosheiten eurer Seelen aus meinen Augen, stehet ab von euren Ungerechtigkeiten!‘ Wenn sie ebenso wie die Sodomiter frevelten und sündigten, erhielten sie denselben Tadel wie jene; wollten sie sich aber bekehren und Buße tun und von ihrer Bosheit abstehen, dann konnten sie auch Söhne Gottes sein und die Erbschaft der Unvergänglichkeit erlangen, welche er gewährt. Insofern sie aber dem Teufel glauben und seine Werke tun, nennt er sie Engel des Teufels und Söhne des Bösen, obgleich von Anfang alle von ein und demselben Gott gemacht wurden. Wenn sie also glauben und im Gehorsam gegen Gott verharren und seine Lehre bewahren, dann sind sie Söhne Gottes, wenn sie aber von ihm abfallen und gegen ihn sündigen, dann gehören sie zu dem Teufel als Herrn, der zuerst für sich und dann für die anderen der Urheber des Abfalls geworden ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,41,1-3)


(Die Versuchung Christi, Juan de Flandes.)

Die Eucharistie und die Gemeinschaft der Kirche hält Satan fern, schreibt Ignatius von Antiochia:

„Befleißiget euch daher, dass ihr häufiger zusammenkommt zur (Feier der) Eucharistie Gottes und zum Lobe. Denn wenn ihr euch oft versammelt, wird die Macht Satans gebrochen, und sein verderblicher Einfluss wird in der Eintracht eures Glaubens aufgehoben.“ (Brief des  Ignatius an die Epheser 13,1)

Christen brauchen den Teufel eigentlich nicht zu fürchten, heißt es im Hirten des Hermas:

„Den Teufel sollst du nicht fürchten; denn in der Furcht des Herrn wirst du den Teufel überwinden, weil er keine Macht besitzt. Wer aber keine Macht hat, den braucht man auch nicht zu fürchten; wessen Macht aber anerkannt ist, vor dem hat man auch Furcht. Jeder, der Macht hat, flößt auch Furcht ein; nur wer machtlos ist, wird allgemein übersehen. Furcht haben sollst du vor des Teufels Werken, weil sie böse sind. Wenn du nun den Herrn fürchtest, fürchtest du auch die Werke des Teufels und tust sie nicht, sondern hältst dich fern von ihnen. Demnach gibt es also eine zweifache Furcht: fürchte den Herrn, wenn du etwas Böses tun willst, dann wirst du es nicht tun; wenn du aber etwas Gutes tun willst, so fürchte den Herrn, und du wirst es tun. So ist die Furcht des Herrn stark, mächtig und rühmlich. Fürchte also den Herrn, und du wirst ihm leben; und alle, die ihn fürchten und seine Gebote halten, werden in Gott leben.“ (Hirte des Hermas II,7,2-4)

„Nehmet also ihr, die ihr leer seid und geringen Glaubens, den Herrn in euer Herz auf, und ihr werdet erkennen, dass nichts leichter, nichts süßer und milder ist als diese Gebote. Bekehret euch daher, die ihr in den Geboten des Teufels wandelt, von diesen schweren, bitteren, wilden und wüsten Geboten und fürchtet den Teufel nicht, weil er keine Gewalt wider euch besitzt. Denn ich, der Engel der Buße, werde mit euch sein, und ich habe Gewalt über ihn. Der Teufel flößt nur Furcht ein, aber diese Furcht ist ohne Belang; fürchtet ihn also nicht, und er wird von euch weichen. Ich sprach zu ihm: ‚Höre, o Herr, ein paar Worte von mir an.‘ ‚Sprich, was du willst.‘ ‚Der Mensch‘, begann ich, ‚o Herr, hat zwar den guten Willen, die Gebote Gottes zu halten, und es gibt niemand, der nicht den Herrn um die Gnade anflehen würde, in den Geboten gefestigt zu werden und ihnen untertan zu sein; aber der Teufel gibt nicht nach und wird Herr über die Menschen.‘ ‚Aber‘, versetzte er, ‚er kann nicht Herr werden über die Diener Gottes, die von ganzem Herzen auf ihn hoffen. Der Teufel kann zwar ringen (wider den Menschen), aber niederringen kann er ihn nicht. Wenn ihr ihm also widerstehet, wird er besiegt voll Schmach von euch abziehen. Allerdings die leeren Menschen fürchten den Teufel, wie wenn er Macht hätte.'“ (Hirte des Hermas II,12,4,6-II,12,5,2)

Der Teufel und die Dämonen sorgen auch für falsche Beschuldigungen gegen die Christen, schreibt Justin der Märtyrer, sodass diese von anderen Menschen verfolgt werden:

„Und wir meinen, daß es im Interesse aller Menschen liegt, daß sie von der Erkenntnis dieser Dinge nicht abgehalten, vielmehr zu ihr hingeführt werden. Denn was die menschlichen Gesetze nicht zuwege bringen konnten, das hätte der Logos, da er göttlich ist, bewirkt, wenn nicht die bösen Dämonen viele Lügen und gottlose Beschuldigungen verbreitet hätten, indem sie sich verbündeten mit der jedem Menschen innewohnenden, zu allem Bösen neigenden und ihrer Natur nach vielgestaltigen Lust, Beschuldigungen, von denen uns doch keine trifft.“ (Justin, 1. Apologie 10)

Lucifer
(Lucifer, Illustration zu Dantes Inferno von Alessandro Vellutello.)

Über Besessenheit schreibt Justin:

„Denn, wie wir schon gesagt haben, er ist Mensch geworden, nach dem Willen Gottes des Vaters zur Welt gekommen für die gläubigen Menschen und zum Sturze der Dämonen, wie ihr noch jetzt aus dem ersehen könnt, was vor euren Augen geschieht. Haben doch viele von den Unsrigen, nämlich von den Christen, eine ganze Menge von Besessenen in der ganzen Welt und auch in eurer Hauptstadt, die von allen anderen Beschwörern, Zauberern und Kräutermischern nicht geheilt worden waren, durch Beschwörung im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, geheilt und heilen sie noch, indem sie die Dämonen, welche die Menschen festhalten, außer Kraft setzen und vertreiben.“ (Justin, 2. Apologie 5)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon sagt Justin:

„‚Denn gerade im Namen dieses Sohnes Gottes und Erstgeborenen aller Schöpfung, des durch eine Jungfrau geborenen Menschen, der leiden mußte, unter Pontius Pilatus von eurem Volke gekreuzigt wurde, starb, von den Toten auferstand und in den Himmel auffuhr, wird jeglicher Dämon beschworen, besiegt und unterworfen. Keiner der Dämonen wird sich aber unterwerfen, wenn ihr sie in irgendeinem Namen eurer Könige, Gerechten, Propheten oder Patriarchen beschwört. Sollte jedoch einer von euch im Namen des Gottes Abrahams, des Gottes Isaaks und des Gottes Jakobs sie beschwören, dann werden sie sich wohl unterwerfen. Der gleichen Mittel wie die Heiden‘, fügte ich bei, ‚des Weihrauchs, der Binden bedienen sich nunmehr eure Exorzisten bei den Beschwörungen.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 85,2f.)

„Jedermann weiß es, daß wir, seine Gläubigen, ihn auch bitten, er möge uns vor den ‚Fremdlingen‘, das ist vor den schlechten und falschen Geistern, bewahren, wie es das Prophetenwort bildlich im Namen eines Gläubigen sagt. Um Befreiung von den Dämonen, welche die ‚Fremdlinge‘ der göttlichen Religion sind, und welche wir ehedem anbeteten, flehen wir nämlich immer zu Gott durch Jesus Christus, um uns durch diesen zu Gott zu bekehren und unbescholten zu sein. Wir nennen jenen ja Helfer und Erlöser. Auch erbeben die Dämonen vor seinem gewaltigen Namen, und sie unterwerfen sich heutigentags ihm, beschworen im Namen Jesu Christi, der gekreuzigt wurde unter Pontius Pilatus, dem Prokurator von Judäa. Aus der Geschichte der Gegenwart ist es nun allen klar, daß sein Vater ihm so große Gewalt gegeben hat, daß selbst die Dämonen seinem Namen und der Heilswirkung seines Leidens sich unterwerfen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 30,2f.)

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(Satan verschlingt die Verdammten in der Hölle, Illustration zu Dantes Inferno von Henry John Stock.)

Gemäß dem Psalmenwort „Alle Götter der Heiden sind Dämonen“ (Ps 96,5) waren die frühen Christen überzeugt, dass die Dämonen sich gegenüber den Menschen als Götter ausgegeben hatten; sie wären es, durch die Wahrsager sprachen, die Träume und Erscheinungen schickten, und denen die Heiden Tier- und manchmal Menschenopfer darbrachten. Justin schreibt:

„Wie ist das nun? Inbezug auf uns, die wir geloben, kein Unrecht zu begehen und solche gottesleugnerischen Ansichten nicht zu hegen, stellt ihr keine genauen Untersuchungen an, sondern strafet uns in unvernünftiger Leidenschaft und vom Stachel böser Dämonen getrieben ohne Überlegung und unbekümmert. Denn es soll die Wahrheit gesagt werden: Vor alters hatten böse Dämonen, die Gestalten angenommen hatten, Weiber entehrt, Knaben geschändet und den Menschen Schreckbilder vorgezeigt, so daß die, welche die Vorgänge nicht mit Einsicht unterschieden, verwirrt wurden; von Furcht berückt und verkennend, daß es böse Dämonen waren, nannten sie jene Götter und legten den einzelnen den Namen bei, den ein jeder der Dämonen sich selbst gab. Als aber Sokrates mit wahrer Vernunft und nach genauer Prüfung diese Dinge ans Licht zu bringen und die Menschen von den Dämonen abzuziehen versuchte, haben die Dämonen es durch Menschen, die an der Schlechtigkeit ihre Freude hatten, dahin gebracht, daß er als Gottesleugner und Religionsfrevler hingerichtet wurde, indem sie vorgaben, er führe neue Götter ein und in gleicher Weise setzen sie gegen uns ganz dasselbe ins Werk. Denn nicht allein bei den Griechen wurden durch Sokrates vom Logos [Wort, Vernunft, Geist] diese Dinge ans Licht gebracht, sondern auch bei den Barbaren von demselben Logos, als er Gestalt angenommen hatte, Mensch geworden war und Jesus Christus hieß. Diesem folgend erklären wir, daß die Geister, die solches getan haben, nicht nur keine richtigen Gottheiten, sondern böse und ruchlose Dämonen sind, die nicht einmal dieselben Handlungen aufweisen können, wie die nach Tugend strebenden Menschen.“ (Justin, 1. Apologie 5)

„Denn wir sagen es euch im voraus: Hütet euch, daß nicht die oben von uns angeschuldigten Dämonen euch berücken und euch von allem Lesen und Verstehen unserer Werke abziehen; denn sie bemühen sich, euch zu Sklaven und Untergebenen zu haben und bald durch Traumgesichte, bald hinwiederum durch Zauberränke machen sie sich alle untertänig, die in keiner Weise auf ihr Seelenheil bedacht sind; wie auch wir, nachdem wir dem Logos gefolgt sind, von jenen uns losgesagt haben und Gott allein, dem Ungezeugten, durch seinen Sohn anhangen.“ (Justin, 1. Apologie 14)

Die Dämonen inspirieren auch Sektengründer:

„Auch den Markion aus Pontus schoben, wie wir früher sagten, die bösen Dämonen vor, der auch jetzt noch Gott, den Schöpfer aller himmlischen und irdischen Dinge, und seinen Sohn, den von den Propheten vorherverkündeten Christus, zu leugnen lehrt, und einen andern Gott neben dem Schöpfer des Alls und ebenso einen andern Sohn verkündet. Ihm haben viele Glauben geschenkt, als ob er im Alleinbesitz der Wahrheit sei, und spotten unser, obschon sie keinen Beweis haben für das, was sie sagen, sondern gedankenlos wie vom Wolf geraubte Schafe eine Beute der gottlosen Lehren und Dämonen werden. Denn auf nichts anderes arbeiten die genannten Dämonen hin, als die Menschen von dem Schöpfergott und seinem Erstgeborenen, nämlich Christus, abzuziehen, und die, welche sich über die Erde nicht erheben können, die ketteten sie und ketten sie jetzt noch an die irdischen Dinge und an die Werke von Menschenhand; die sich aber zur Betrachtung göttlicher Dinge emporschwingen, die drängen sie, wenn sie sich nicht ein gesundes Urteil und ein reines, von Leidenschaften freies Leben bewahren, unversehens vom rechten Wege ab und stürzen sie in Gottlosigkeit.“ (Justin, 1. Apologie 58)

In einem Bericht über einige Märtyrer sagt einer von ihnen gegenüber einem Prokonsul folgendes:

„Der Prokonsul aber sprach. zornig: Opfert den Göttern und seid vernünftig! Karpus entgegnete lächelnd: Götter, die den Himmel und die Erde nicht geschaffen haben, mögen zugrunde gehen! Der Prokonsul sprach: Du mußt opfern; denn der Kaiser hat es befohlen. Karpus antwortete: Die Lebenden opfern nicht den Toten. Der Prokonsul sprach: Die Götter hältst du für tot? Karpus entgegnete: Willst du hören? Sie haben nicht einmal als Menschen gelebt, um zu sterben. Willst du sehen, daß das wahr ist? Entzieh ihnen deine Ehre, die du ihnen zu erweisen scheinst, und du wirst erkennen, daß sie nichts sind; Erdstoff sind sie und gehen mit der Zeit unter. Unser Gott nämlich, der zeitlos ist und die Zeit geschaffen hat, bleibt selbst immer unvergänglich und ewig; er ist immer derselbe und erleidet keinen Zugang noch Abgang; jene aber werden von Menschen gemacht und, wie ich sagte, von der Zeit vernichtet. Daß sie aber Orakel geben und täuschen, möge dich nicht wundern; denn der Teufel macht von Anbeginn an, nachdem er aus seiner erhabenen Stellung gefallen ist, vermöge der ihm eigenen Bosheit die Liebe Gottes gegen die Menschen zuschanden, arbeitet den Heiligen, die ihm zusetzen, entgegen, erregt Feindschaften und gibt von diesen im voraus seinen Anhängern Kunde. In gleicher Weise erschließt er auch aus dem, was uns täglich zustößt, da er der Zeit nach älter ist, die Zukunft und sagt das Schlimme voraus, das er selbst zu tun beabsichtigt. Denn infolge der Verfluchung Gottes sinnt er auf Ungerechtigkeit und mit Zulassung Gottes versucht er den Menschen, den er von der Frömmigkeit abzubringen sucht. Glaube mir also, Konsular, daß ihr in nicht geringem Wahne seid.“ (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 2)

Die Götterbilder sind also nur vergängliche Materie, und hinter ihnen stehen irgendwo die Dämonen, die den Menschen manchmal die Zukunft voraussagen, die sie besser abschätzen können als Menschen, um sie sich dienstbar zu machen; daher sind heidnische Orakel nicht immer falsch.

Tatian (der manchmal etwas eigensinnige Ideen hatte) schrieb den Dämonen eine gewisse Materialität („wie Rauch und Nebel“) zu; er betont auch, dass sie keine Totengeister sind, sondern eine andere Art von Wesen:

„Gleich den Menschen haben also auch die Dämonen, wie ihr sie nennt, eine materielle Konstitution mit einem materiellen Geist erhalten und sind sündhaft und üppig geworden, da sich nur einige von ihnen der Reinheit zuwandten, die anderen aber den Schmutz der Materie wählten und demgemäß ihren Wandel einrichteten. Diese betet ihr an, ihr Bekenner des Griechentums, obgleich sie aus irdischem Stoffe geworden sind und weitab von der rechten Ordnung befunden wurden. Denn da sie sich in ihrer Torheit ruhmsüchtiger Eitelkeit hingegeben und alle Zügel abgeworfen hatten, erfrechten sie sich sogar, Gottesräuber zu werden. Der Herr des Alls aber läßt sie ihren Übermut treiben, bis die Welt ein Ende nimmt und aufgelöst wird und der Richter erscheint und alle Menschen, die während des Aufruhrs der Dämonen nach der  Erkenntnis des vollkommenen Gottes gestrebt haben, am Tage des Gerichtes ein um so makelloseres Zeugnis um ihrer Kämpfe willen empfangen werden. […]

Etwas Ähnliches seid auch ihr Bekenner des Griechentums: in Worten großmäulig, aber im Erkennen schwachsinnig, habt ihr sogar die Vielherrschaft statt der Alleinherrschaft ins Werk gesetzt, um den vermeintlich mächtigen Dämonen zu folgen. Aber wie die Räuber in ihrer Unmenschlichkeit ihresgleichen frech zu überwältigen pflegen, so haben auch die Dämonen euere vereinsamten Seelen in den Pfuhl der Bosheit geführt und mit Lügen und Gaukeleien getäuscht. Da sie nicht leicht den (physischen Tod) sterben, zumal sie ohne Fleisch sind, so können sie zwar fortlebend Werke des (Sünden-) Todes verrichten, sterben aber trotzdem (obwohl sie fortleben) gerade so oft (den Sündentod), als sie ihre Anhänger im Sündigen unterrichten; was sie also derzeit vor den Menschen voraushaben: nicht wie die Menschen (den physischen Tod) sterben zu müssen, das (der ewige Tod der Verdammten) wird sie einst treffen, wenn sie gerichtet werden, indem sie dann keinen Anteil haben werden am ewigen Leben, das sie etwa (wie die Gerechten) statt ewigen Todes gewinnen könnten. Wie vielmehr wir, denen jetzo das Sterben leicht fällt, nachher entweder die ewige Glückseligkeit oder die ewige Verdammnis erlangen werden, so werden auch die Dämonen, die das jetzige Leben immerdar zu Freveln mißbrauchen und so schon während ihres Lebens sterben, dereinst derselben ewigen Verdammnis (wie die Ungerechten) anheim fallen gemäß ihrer Beschaffenheit, die fürwahr keine andere ist als bei jenen Menschen, die aus freien Stücken vollbrachten, was ihnen die Dämonen zu ihren Lebzeiten vorgeschrieben haben, ganz zu schweigen davon, daß sich natürlich bei den Menschen, die ihnen folgen, weniger Arten von Sünden entwickeln, da ihr Leben nur kurz ist, jene Dämonen aber die Frevel häufen, weil ihr Leben unbegrenzte Dauer hat. […]

Die Dämonen dagegen sind alle ohne Fleisch und haben einen geistigen Organismus wie von Rauch und Nebel. Nur die vom Geiste Gottes Beschützten vermögen daher die Gestalten der Dämonen zu sehen; die übrigen Menschen, ich meine diejenigen, in denen nur die Seele ohne den Geist wohnt, vermögen es nicht, weil das Niedrigere nicht das Höhere zu erfassen vermag. Das freilich ist auch der Grund, warum das Wesen der Dämonen keine Möglichkeit der Buße besitzt; denn sie sind bloß Spiegelbilder der Materie und der Bosheit. Die Materie aber wollte die Seele knechten und so haben die Dämonen, da sie willensfrei sind, den Menschen Gesetze des Todes geben können. […]

Aber (wohl gemerkt): die Dämonen, die mit den Menschen schalten, sind nicht die Seelen der abgeschiedenen Menschen. Denn wie sollten sie just nach dem Tode tatkräftig werden, außer man nähme an, daß der Mensch ohne Verstand und ohne Kraft ins Leben trete und erst durch den Tod eine gewisse Kraftfülle empfange. Doch das stimmt nicht, wie ich anderswo bewiesen habe, und es wäre auch schwer zu begreifen, daß die ‚unsterbliche‘ Seele von den Gliedern des (sterblichen) Leibes gehemmt sein und erst dann, wann sie sich von ihm trenne, vernünftiger werden so. Die Dämonen – nicht die Seelen der Abgeschiedenen – sind es, die in ihrer Bosheit gegen die Menschen wüten und durch mancherlei verlogene Kniffe ihre Gedanken, die ohnedies am Weltlichen haften, ablenken, damit sie sich nicht mehr zur himmlischen Wanderung erheben können. Doch sind einerseits uns Barbaren die irdischen Dinge nicht verborgen, andererseits werdet auch ihr das Göttliche leicht erfassen können, wenn die Kraft, welche die Seelen unsterblich zu machen vermag, zu euch kommt. Aber auch von denjenigen, die dieser Kraft entbehren, werden zuweilen die Dämonen gesehen, wann sie sich nämlich selbst den Menschen zeigen, um als etwas zu gelten oder als schlecht gesinnte Freunde den Menschen wie Feinden etwas Übels anzutun oder um ihresgleichen Gelegenheit zu ihrer Anbetung zu geben. Denn wär’s ihnen möglich gewesen, so hätten sie allerdings sogar den Himmel samt der übrigen Schöpfung zerstört: jetzt haben sie das völlig aufgegeben, denn sie vermögen es nicht, aber mittels der niederen Materie kämpfen sie wider die ihnen ähnliche Materie. Will sie daher einer besiegen, so muß er die Materie abtun; denn mit dem Panzer des himmlischen Geistes gewappnet wird er alles, was von diesem Panzer umschossen wird, zu retten imstande sein.

In der Materie an uns gibt es Krankheiten und Kämpfe. Treten sie ein, so schreiben die  Dämonen sich die Ursachen davon zu, obwohl sie erst hinzukommen, wenn die Krankheit schon um sich gegriffen hat. Bisweilen freilich erschüttern sie auch selber durch einen Ansturm ihrer Verworfenheit den Zustand unseres Leibes; aber durch ein Machtwort Gottes getroffen, weichen sie erschreckt von hinnen und der Kranke wird geheilt. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 12,7-9 u. 14 u. 15,8-11 u. 16)

Bei der Auslegung der Versuchung Jesu schreibt Irenäus von Lyon folgendes; er betont, dass der Teufel immerzu ein Lügner ist und seine Versuchungen nicht stimmen:

„Der abtrünnige Engel Gottes aber wird durch seinen Wortlaut entlarvt und vom Menschensohne besiegt, indem dieser das Gebot Gottes beobachtet. Denn da er im Anfang den Menschen überredete, das Gebot des Schöpfers zu übertreten, so hatte er ihn in seiner Gewalt. Seine Gewalt aber ist die Übertretung und der Abfall; und hiermit band er den Menschen. Darum mußte er umgekehrt gerade durch den Menschen besiegt und mit denselben Binden gefesselt werden, durch die er den Menschen gefesselt hatte, damit der Mensch, losgelöst, zu seinem Herrn zurückkehre und dem, durch den er gebunden war, die Fesseln überlasse, d. h. die Übertretung. Seine Fesselung nämlich ist die Befreiung des Menschen geworden, denn niemand kann in das Haus des Starken eingehen und seine Gefäße plündern, wenn er nicht zuerst den Starken selbst gebunden hat. So überführte ihn der Herr als Feind dessen, der alles gemacht hat und unterwarf ihn durch das Gebot— denn das Gebot Gottes ist das Gesetz —. Sein Mensch entlarvte ihn als Deserteur, Übertreter des Gesetzes und Empörer gegen Gott, und alsdann hat das Wort ihn für immer als Deserteur gebunden und seine Gefäße an sich gebracht, d. h. die Menschen, die von ihm in angemaßter Herrschaft niedergehalten wurden. Und rechtmäßigerweise ist der gefangen genommen, der den Menschen zu Unrecht gefangen hatte. Der vorher in die Gefangenschaft geratene Mensch aber ist gemäß der Barmherzigkeit Gottes des Vaters der Gewalt seines Besitzers entrissen. Er erbarmte sich seines Geschöpfes und gab ihm aufs neue das Heil durch das Wort, d. h. durch Christus, damit aus der Erfahrung der Mensch lerne, daß er nicht von sich selbst, sondern aus Gottes Gnade die Unverweslichkeit empfängt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,21,3)

„Nicht von dem Reichtum oder dem Ruhm der Welt oder einer augenblicklichen Vorstellung sollen wir uns fangen lassen, sondern wissen, daß nur nötig ist, Gott den Herrn anzubeten und ihm allein zu dienen, aber dem nicht zu glauben, der fälschlich das versprach, was er nicht besaß, indem er sagte: ‚Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.‘ Gesteht er selbst doch, daß ihn anbeten und seinen Willen tun, den Abfall von der Herrlichkeit Gottes bedeutet. Welches Schöne oder Gute aber kann dem Gefallenen zuteil werden? Oder was kann ein solcher anders hoffen und erwarten als den Tod? Denn dem Gefallenen ist der Tod ganz nahe. Also wird er ihm auch das Versprochene nicht geben; denn wie kann er es ihm geben, wenn er gefallen ist? Ferner herrscht über die Menschen wie über ihn Gott, und ‚ohne den Willen unseres Vaters, der im Himmel ist, fällt nicht einmal ein Sperling auf die Erde‘. Das Wort also: ‚Dies alles ist mir übergeben, und wem ich will, gebe ich es‘, beweist nur seinen Hochmut. Die Schöpfung steht nicht unter seiner Gewalt, ist er doch selbst nur eins von den Geschöpfen. Ebensowenig wird er die Herrschaft über die Menschen den Menschen verleihen, sondern alles und auch das, was den Menschen betrifft, wird nach dem Willen Gottes des Vaters angeordnet. Der Herr sagt aber, daß der Teufel ein Lügner von Anbeginn ist und in der Wahrheit nicht bestanden ist. Wenn er aber ein Lügner ist und in der Wahrheit nicht besteht, dann ist auch unwahr sein Wort: ‚Dies alles ist mir übergeben und wem ich will, gebe ich es‘, und er ist ein Lügner.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,22,2)

Auch wenn Satan manchmal Fürst der (gefallenen) Welt genannt wird, weil er diese Welt sehr beeinflusst, kann er also im Endeffekt nichts tun und keine Macht verleihen, wenn Gott es nicht zulässt. Weiter schreibt Irenäus über die Lügen des Teufels beim Sündenfall:

„Hatte er sich doch schon bei der Verführung des Menschen daran gewöhnt, gegen Gott zu lügen. Im Anfang hatte ja Gott dem Menschen viele Speise gegeben und ihm nur verboten, von einem Baume zu essen, wie nach der Schrift Gott zu Adam sprach: ‚Von jedem Baum im Paradiese sollst du Speise essen, von dem Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen aber, von ihm sollt ihr nicht essen; an welchem Tage ihr esset von ihm, werdet ihr des Todes sterben.‘ Da log jener gegen den Herrn, um den Menschen zu versuchen, und die Schlange sprach nach der Schrift zu dem Weibe: ‚Was hat doch Gott euch gesagt? Nicht sollt ihr essen von jedem Baume des Paradieses?‘ Da wies jene die Lüge zurück und gab einfach das Gebot wieder, indem sie sprach: ‚Von jedem Baume des Paradieses werden wir essen, von der Frucht des Baumes aber, der in der Mitte des Paradieses ist, hat Gott gesagt, von der sollt ihr nicht essen, noch sie anrühren, damit ihr nicht sterbet.‘ Als er nun von dem Weibe das Gebot Gottes vernommen hatte, da nahm er zur List seine Zuflucht und täuschte sie abermals, indem er sprach: ‚Nicht werdet ihr des Todes sterben. Es wußte Gott nämlich, daß, an welchem Tage ihr davon essen werdet, eure Augen sich öffnen werden und ihr sein werdet wie die Götter, indem ihr das Gute und Böse wisset.‘ Erstlich also sprach er in Gottes Paradiese von Gott, als ob er nicht zugegen wäre, denn er kannte ja nicht die Größe Gottes. Und zweitens: Als er von Eva gehört hatte, daß Gott gesagt hatte, daß sie sterben würden, wenn sie von dem genannten Baume gekostet hätten, sprach er die dritte Lüge, indem er sagte: ‚Ihr werdet nicht des Todes sterben.‘ Daß aber Gott wahr ist und die Schlange ein Lügner, zeigte die Wirkung, indem der Tod denen folgte, die gegessen hatten. Denn zugleich mit der Speise zogen sie sich auch den Tod zu, da sie im Ungehorsam aßen. Ungehorsam nämlich gegen Gott bringt den Tod. Deshalb stehen sie seitdem unter dem Tode und wurden seine Schuldner.

Gerade an dem Tage also, an welchem sie aßen, sind sie gestorben und Schuldner des Todes geworden, da es derselbe Schöpfungstag war. ‚Denn‘, heißt es, ‚es wurde Abend, und es wurde Morgen, ein Tag.‘ An diesem Tage aßen sie, und an ebendiesem sind sie auch gestorben. Will aber jemand genau wissen, an welchem von den sieben Wochentagen nach dem Kreislauf der Tage Adam gestorben ist, so ergibt sich das aus dem Heilsplan des Herrn. Indem er nämlich den ganzen Menschen von Anfang bis zu Ende in sich rekapitulierte, rekapitulierte er auch seinen Tod. Offenbar also nahm er an jenem Tage in Gehorsam gegen den Vater den Tod auf sich, an welchem Adam im Ungehorsam gegen Gott gestorben ist. An dem Tage aber, da er starb, hatte er auch gegessen. Denn der Herr sprach: ‚An dem Tage, an welchem ihr davon essen werdet, an dem werdet ihr des Todes sterben.‘ Indem also der Herr diesen Tag in sich rekapitulierte, kam er zur Passion an dem Tage, der dem Sabbat vorausgeht, d. i. der sechste Schöpfungstag, an dem auch der Mensch erschaffen wurde, indem er ihm durch sein Leiden die zweite Erschaffung, die ihn vom Tode erlöste, schenkte. Einige aber verlegen den Tod des Adam auf das tausendste Jahr, da ja ‚der Tag des Herrn wie tausend Jahre‘. Diese tausend Jahre hat Adam nicht überschritten, sondern ist innerhalb derselben gestorben, indem er gemäß dem über seinen Ungehorsam gefällten Urteilsspruche starb. Mag man also den Ungehorsam schon als den Tod betrachten, oder annehmen, daß sie seitdem dem Tode überliefert und Schuldner des Todes wurden, oder daß sie an demselben Schöpfungstage, an dem sie gegessen hatten, auch gestorben sind, oder daß sie an demselben Wochentage, an dem sie aßen, auch starben, d. h. an dem Freitag der Parasceve, auf deutsch das reine Mahl, auf den auch der Herr durch sein Leiden hinwies, oder auch, daß er tausend Jahre nicht überschritten hat, sondern innerhalb derselben gestorben ist, in jedem Falle ist Gott wahrhaft; denn gestorben sind, die vom Baume kosteten, die Schlange aber ist als Lügner und Menschenmörder entlarvt, wie der Herr von ihr sagte, ‚daß sie von Anbeginn ein Menschenmörder ist und in der Wahrheit nicht bestanden ist‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,23,1-2)

„Wie er also im Anfange gelogen hat, so log er auch am Ende, indem er sprach: ‚Dies alles ist mir übergeben, und wem ich will, gebe ich es.‘ Denn nicht er verteilte die Königreiche dieser Welt, sondern Gott. ‚Das Herz des Königs nämlich ist in der Hand Gottes.‘ Und durch Salomon spricht er das Wort: ‚Durch mich herrschen die Könige, und die Mächtigen halten die Gerechtigkeit. Durch mich werden die Fürsten erhöht werden, und die Tyrannen regieren durch mich die Erde.‘ Auch Paulus sagt mit Bezug hierauf: ‚Allen höheren Gewalten seid Untertan, denn es ist keine Gewalt außer von Gott. Die aber sind, sind von Gott angeordnet.‘ Und weiter heißt es: ‚Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert; Gottes Dienerin nämlich ist sie, Rächerin zum Zorn dem, der Böses tut.‘ Daß er aber dies nicht von den Gewalten der Engel, noch von den unsichtbaren Fürsten sagt, wie es einige zu erklären wagen, sondern von den menschlichen, spricht er: ‚Deswegen entrichtet ihr auch Abgaben, denn sie sind Gottes Diener, hierzu dienend.‘ Das hat auch der Herr bestätigt, indem er nicht tat, was ihm vom Teufel geraten wurde; vielmehr ließ er den Steuereinnehmern für sich und den Petrus die Steuer geben, denn ‚Diener Gottes sind sie, hierzu dienend‘.

Da nämlich der von Gott abtrünnige Mensch so verwilderte, daß er selbst seinen Blutsverwandten als Feind betrachtete und in allerlei Unruhe und Menschenmord und Geiz ohne Scheu sich erging, so legte Gott ihm die Furcht vor den Menschen auf, da er die Furcht vor Gott nicht kannte. Menschlicher Gewalt unterworfen und menschlichem Gesetze verbunden, sollten sie in etwa wenigstens zur Gerechtigkeit gelangen und sich gegenseitig zügeln, indem sie das Schwert vor ihren Augen fürchteten, wie der Apostel sagt: ‚Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert; Gottes Dienerin nämlich ist sie, Rächerin zum Zorn dem, der Böses tut.‘ Deswegen werden auch die Obrigkeiten, die die Gesetze als Gewand der Gerechtigkeit haben, über das nicht gefragt, was immer sie gerecht und gesetzlich tun, noch bestraft. Was sie aber zur Unterdrückung des Gerechten ungerecht, gottlos, gegen das Gesetz und nach Tyrannenart verüben, das bringt ihnen Verderben ein; denn alle erreicht das gerechte Gericht Gottes gleichmäßig und macht vor keinem Halt. Also sind die irdischen Reiche zum Nutzen der Völker von Gott auf gestellt, und nicht vom Teufel, der doch niemals ruhig ist und demgemäß auch nicht will, daß die Völker in Ruhe leben. Die irdische Herrschaft fürchtend, sollen die Menschen sich nicht nach Art der Fische gegenseitig verschlingen, sondern durch die Bestimmungen der Gesetze die vielfache Ungerechtigkeit der Heiden hinten anhalten. Und in diesem Sinne sind die, welche von uns Steuern fordern, Diener Gottes, indem sie hier zudienen.

[…] Der Teufel aber, der doch nur ein abtrünniger Engel ist, kann, wie er im Anfange offenbart hat, weiter nichts als den Sinn des Menschen ablenken und ihn verführen, die Gebote Gottes zu überschreiten, und die Herzen derer, die sich einließen, ihm zu dienen, allmählich so verblenden, daß sie den wahren Gott vergessen, ihn aber als ihren Gott anbeten.

Wie wenn ein Rebell ein Land erobert und seine Einwohner so verwirrt, daß sie ihm königliche Ehre erweisen, ohne zu ahnen, daß er nur ein Rebell und Räuber ist, so hat auch der Teufel, einer von den Engeln, die über den Geist der Luft gesetzt waren, wie der Apostel Paulus im Briefe an die Epheser kundtut, in Neid gegen den Menschen das göttliche Gesetz übertreten; denn der Neid entfremdet von Gott. Und weil durch einen Menschen seine Apostasie aufgedeckt wurde und der Mensch der Prüfstein seiner Absicht wurde, deswegen stellte er sich immer mehr dem Menschen entgegen, da er ihn um sein Leben beneidete und ihn mit der Macht seines Abfalls umstricken wollte. Das Wort Gottes aber, das alles vermag, besiegte ihn durch den Menschen und stellte ihn als Apostaten bloß, ja unterwarf ihn sogar dem Menschen. ‚Siehe‘, sprach es, ‚ich gebe euch die Gewalt, über Schlangen und Skorpionen und über alle Gewalt des Feindes zu wandeln.‘ Wie er durch seine Apostasie über den Menschen herrschte, so sollte durch den Menschen, der sich zu Gott zurückwandte, wiederum seine Apostasie vernichtet werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,24,1-4)


(Versuchung Jesu, Félix Joseph Barrias.)

Satan kennt die Zukunft nicht:

„Nun und nicht früher sieht man, wie Satan durch diese Gott lästert, der das ewige Feuer für alle Apostasie bereitet hat. Denn offenkundig wagt er selbst nicht, seinen Herrn zu lästern, wie er auch im Anfang durch die Schlange den Menschen verführt hat, gleich als ob er Gott verborgen blieb. Treffend sagte Justinus, daß niemals vor der Ankunft des Herrn Satan gewagt hat, Gott zu lästern, da ihm seine Verdammnis noch nicht bekannt war, weil dies nur in Parabeln und Allegorien von den Propheten über ihn so verkündet var. Nach der Ankunft des Herrn aber erfuhr er aus den Worten Christi und der Apostel deutlich, daß das ewige Feuer dem bereitet ist, der mit freiem Willen von Gott sich abwendet, und allen, die ohne Buße in der Apostasie verharren. Durch solche Menschen nun lästert er den Gott, dem das Gericht zusteht, da er ja schon verdammt ist, und die Sünde seines Abfalls rechnet er seinem Schöpfer zu und nicht seinem eigenen Entschluß und Willen, wie die, welche die Gesetze übertreten und bestraft werden, nicht sich, sondern die Gesetzgeber anklagen. So schleudern auch die, welche voll des teuflischen Geistes sind, zahllose Anklagen gegen unsern Schöpfer, der den Geist des Lebens uns geschenkt hat und allen das passende Gesetz gegeben hat. Sie wollen das Gericht Gottes nicht als gerecht anerkennen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,26,2)

Bei der Auslegung des Sündenfalls schreibt Irenäus folgendes; u. a. meint er nebenbei, Satan habe eine reale Schlange besessen gemacht und durch sie gesprochen:

„Dieses Gebot hat der Mensch nicht gehalten, sondern er wurde ungehorsam gegen Gott, mißleitet vom Engel. Dieser letztere war wegen der vielen Gaben, die Gott dem Menschen verliehen hatte, von bitterem Neid erfüllt. In diesem richtete er sich selbst zu Grund und machte den Menschen zum Sünder, indem er ihn zum Ungehorsam gegen das Gebot Gottes verleitete. Durch die Lüge zum Anstifter und Urheber der Sünde geworden, verfiel er zwar selbst dem göttlichen Strafgerichte im Abfall von Gott; aber er hatte auch bewirkt, daß der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde. Weil der Engel nach einem aus sich selbst gefaßten Entschluß von Gott abgefallen ist, wurde er in hebräischer Sprache Satan genannt, was so viel ist als Widersacher. Doch wird er auch noch Verleumder [Teufel] genannt. — Die Schlange, welche den Teufel in sich trug, verfluchte also Gott. Sein Fluch traf das Tier, aber er ging auch über auf den in ihm listig verborgenen Teufel. Den Menschen verwies er von seinem Angesichte und gab ihm seinen Wohnsitz vor den Toren des Paradieses. Denn das Paradies nimmt die Sünder nicht in sich auf.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 16)

Die Petrusakten erzählen von einem reichen römischen Christen, einem Senator namens Marcellus, der sehr wohltätig war, aber seine Wohltätigkeit bereute, als er sich von der Kirche abwandte und ein Anhänger eines gewissen Simon Magus wurde (wie zeitweise die meisten Christen der jungen römischen Gemeinde). Dieser Simon Magus ist derselbe, der in der Apostelgeschichte (Apg 8) auftaucht, für kurze Zeit Christ wird und die Gabe des Heiligen Geistes von den Aposteln für Geld kaufen will, und später als Begründer der gnostischen Sekten galt. Hier wird es auch so dargestellt, dass Simon Zaubertricks und scheinbare Wunder wirken kann und mit den Dämonen gemeinsame Sache macht. Zunächst predigt Petrus der Gemeinde:

„Teuerste Brüder, ich habe unsern Herrn Jesus Christus verleugnet, und nicht nur einmal, sondern dreimal. Es waren nämlich die, die mich umringt hatten, schlechte Hunde, wie der Prophet des Herrn sagt. Aber der Herr hat es mir nicht angerechnet. Er wandte sich zu mir und erbarmte sich der Schwachheit meines Fleisches, so daß ich nachher bitterlich weinte, und ich war betrübt über meinen so schwachen Glauben, da ich von dem Teufel um den Verstand gebracht war und das Wort meines Herrn nicht im Sinn hatte. Und jetzt sage ich euch, ihr Brüder, die ihr im Namen Jesu Christi zusammengekommen seid: auch auf euch richtet der Betrüger Satan seine Pfeile, damit ihr vom Wege abweicht. Aber werdet nicht abtrünnig, Brüder, und fallt nicht im Geist, sondern seid stark und stehet fest und zweifelt nicht! Denn wenn mich, den der Herr in so hoher Ehre hielt, Satan in Anfechtung gebracht hat, so daß ich das Licht meiner Hoffnung verleugnete, wenn er mich niederwarf und überredete, ich solle fliehen, als ob ich an einen Menschen glaubte, was glaubt ihr wohl, die ihr Neubekehrte seid? Meintet ihr, daß er euch nicht aus der Bahn werfen würde, um euch zu Feinden des Reiches Gottes zu machen und durch den schlimmsten Irrtum euch ins Verderben zu stürzen? Denn jeder, den er von der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus abdrängt, der ist ein Kind des Verderbens in alle Ewigkeit. Bekehrt euch also, vom Herrn erwählte Brüder, und seid stark in dem allmächtigen Herrn, dem Vater unseres Herrn Jesu Christi, den niemand je gesehen  hat noch sehen kann außer dem, der an ihn glaubt. Erkennet aber, woher euch die Versuchung gekommen ist. Denn nicht nur deswegen, um euch mit Worten zu überzeugen, dieser, den ich verkündige, sei Christus, sondern auch durch Taten und großartige Kräfte mahne ich euch durch den Glauben an Christus Jesus, daß keiner von euch einen anderen erwartet (sc. als Heiland) als den Verachteten und von den Juden Geschmähten, diesen gekreuzigten Nazarener, der starb und am dritten Tage auferstand.“ (Petrusakten 3, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 198.)

Dann geht es folgendermaßen weiter; Satan wird hier als einer dargestellt, der gute Menschen versucht, nötigt, fast schon zwingt, Böses zu tun:

„Voll Reue aber baten die Brüder den Petrus, den Simon zu überwinden, der von sich behauptete, er sei die Kraft Gottes – er hielt sich im Hause des Senators Marcellus auf, der von seinen Zaubersprüchen beschwatzt war -, und sie sprachen: „Glaube uns, Bruder Petrus, niemand war so weise unter den Menschen wie dieser Marcellus. Alle Witwen, die auf Christus hofften, fanden bei ihm Zuflucht; alle Waisen wurden von ihm ernährt. Was weiter, Bruder? Marcellus nannten alle Armen ihren Schutzherren, sein Haus trug den Namen (Herberge) der Pilger und Armen. Zu ihm sprach der Kaiser: ‚Von jedem Amt halte dich fern, damit du nicht die Provinzen ausplünderst und den Christen (die Erträge) zukommen läßt‘. Ihm erwiderte Marcellus: ‚Und alles, was mein ist, gehört dir‘. Ihm entgegnete der Kaiser: ‚Es wäre mein, wenn du es für mich bewahren würdest; jetzt aber ist es nicht mein, weil du es schenkst, wem du willst, und ich weiß nicht welchen niedrigen Leuten‘. Das also, Bruder Petrus, haben wir vor Augen, und berichten dir, wie sich die große Barmherzigkeit des Mannes in Gotteslästerung verwandelt hat. Wenn nämlich jener sich nicht gewandelt hätte, dann hätten auch wir uns nicht entfernt von dem heiligen Glauben an Gott, unseren Herrn. Dieser Marcellus ist jetzt wütend und bereut sein Wohltun, indem er spricht: ‚Ein so großes Vermögen habe ich so lange Zeit verwendet in dem vergeblichen Glauben, ich verausgabte es zur Erkenntnis Gottes‘. Soweit (geht er in seiner Wut), daß, wenn einer von den Fremden zu ihm an die Tür seines Hauses kommt, er ihn mit dem Stock schlägt und hinauswerfen läßt und sagt: ‚O hätte ich doch für jene Betrüger nicht soviel Geld ausgegeben!‘ Aber er sagt noch mehr Gotteslästerungen. Wenn aber in dir noch etwas von dem Erbarmen unseres Herrn oder von der Güte seiner Vorschriften verblieben ist, so hilf seinem Irrtum auf; er hat doch in so großer Zahl den Dienern Gottes Almosen gegeben.‘ Als aber Petrus dies sah, wurde er von großem Schmerz ergriffen und schalt: ‚O mannigfaltige Künste und Versuchungen des Teufels! O Listen und Erfindungen von Bösem! Der für sich auf den Tag des Zorns das große Feuer nährt, Verwüstung einfältiger Menschen, ein reißender Wolf, ein Verschlinger und Zerstreuer des ewigen Lebens! Du hast den ersten Menschen in böse Lust verstrickt und hast ihn durch deine frühere Schlechtigkeit und ein körperliches Band (an dich) gefesselt. Du bist die Frucht des Baumes der Bitterkeit, die ganz bitter ist, der du mannigfaltige Lüste einflößest. Du hast meinen Mitschüler und Mitapostel Judas gezwungen, gottlos zu handeln, daß er verriet unsern Herrn Jesus Christus, der dich dafür notwendigerweise strafen muß. Du hast das Herz des Herodes verstockt und den Pharao entflammt und ihn gezwungen zu kämpfen gegen den heiligen Diener Gottes, Moses; du hast dem Kaiphas die Kühnheit beigebracht, daß er der feindlichen Menge unsern Herrn Jesus Christus übergab; und auch jetzt noch schießest du mit deinen giftigen Pfeilen auf unschuldige Seelen. Du gottloser Feind aller, als ein Fluch wirst du von der Kirche des Sohnes des heiligen allmächtigen Gottes (getrennt) und wie ein vom Herd geworfener Feuerbrand von den Dienern unseres Herrn Jesu Christi ausgelöscht werden. Gegen dich möge sich kehren deine Schwärze und gegen deine Söhne, den schlechtesten Samen, gegen dich mögen sich kehren deine Schlechtigkeiten und gegen dich deine Drohungen und gegen dich deine Versuchungen und gegen deine Engel, du Anfang der Schlechtigkeit, Abgrund der Finsternis! Deine Finsternis, die du hast, sei mit dir und mit deinen Gefäßen, die du besitzest. Weiche darum von denen, die Gott glauben wollen, weiche von den Dienern Christi und denen, die für ihn Kriegsdienste leisten wollen! Behalte du für dich deine Tore der Finsternis; vergeblich klopfst du an fremde Türen, die nicht dir gehören, sondern Christus Jesus, der sie bewacht. Denn du, reißender Wolf, willst die Schafe rauben, die nicht dir, sondern Jesus Christus gehören, die sie eifrig mit dem höchsten Eifer bewacht‘.

Während Petrus dies unter großem Schmerz seiner Seele sprach, wurden weit mehr, die an den Herrn glaubten, hinzugetan. Die Brüder aber baten den Petrus, er möge sich mit Simon in einen Kampf einlassen und nicht zugeben, daß er noch länger das Volk aufhetze. Unverzüglich verließ Petrus die Versammlung und ging zum Hause des Marcellus, wo Simon wohnte. Es folgten ihm aber große Volkshaufen. Als er aber zur Tür kam, rief er den Türhüter und sprach zu ihm: ‚Geh, sag dem Simon: Petrus, dessentwegen du aus Judäa geflohen bist, erwartet dich an der Tür!‘ Der Türhüter antwortete dem Petrus: ‚Ob du Petrus bist, weiß ich nicht, Herr. Ich habe aber einen Befehl: Er (sc. Simon) erfuhr nämlich, daß du gestern die Stadt betreten hast; da sagte er zu mir: ‚Ob bei Tag, ob bei Nacht, und zu welcher Stunde er auch kommen sollte, sag, daß ich nicht zu Hause bin!“ Petrus aber sagte zu dem Jüngling: ‚Du hast recht geantwortet, daß du das vermeldet hast, von ihm (dazu) gezwungen.‘ Und Petrus wandte sich zum Volk, das ihm folgte, und sprach: ‚Ihr werdet gleich ein großes und wunderbares Zeichen schauen.‘ Und Petrus sah hinter sich einen großen Hund, der an einer großen Kette gebunden war, ging auf ihn zu und band ihn los. Als aber der Hund losgebunden war, nahm er menschliche Stimme an und sprach zu Petrus: ‚Was befiehlst du mir zu tun, du Diener des unaussprechlichen, lebendigen Gottes?‘ Petrus sprach zu ihm: ‚Geh hinein und sag dem Simon inmitten seiner Gesellschaft: ‚Petrus läßt dir sagen: Komm hervor in die Öffentlichkeit; deinetwegen bin ich nach Rom gekommen, du Gottloser und Aufwiegler einfältiger Seelen!“ Und auf der Stelle rannte der Hund los und ging hinein, stürmte mitten hinein in die Gesellschaft, die um Simon versammelt war, erhob seine Vorderfüße und rief mit lauter Stimme: ‚Du Simon, Petrus, der Diener Christi, der an der Tür steht, läßt dir sagen: ‚Komm hervor an die Öffentlichkeit; denn deinetwegen bin ich nach Rom gekommen, du Gottlosester und Verführer einfältiger Seelen‘!‘ Als Simon das hörte und die unglaubliche Erscheinung sah, verschlug es ihm die Rede, mit der er die Umstehenden verführt hatte; alle (anderen) aber staunten.

Als aber Marcellus dies sah, lief er hinaus zum Tor, warf sich dem Petrus zu Füßen und sprach: ‚Petrus, ich umfasse deine Füße, du heiliger Knecht des heiligen Gottes; ich habe viel gesündigt! Strafe nicht meine Sünden, wenn etwas von dem wahren Glauben an Christus in dir ist, den du predigst, wenn du seiner Gebote eingedenk bist, niemanden zu hassen, gegen niemanden böse zu sein, wie ich von deinem Mitapostel Paulus gelernt habe. Rechne mir nicht meine Sünden an, sondern bitte für mich den Herrn, den heiligen Sohn Gottes, den ich zum Zorn verleitet habe, weil ich seine Knechte verfolgt habe. Bitte also für mich als guter Anwalt bei Gott, daß ich nicht mit den Sünden Simons dem ewigen Feuer übergeben werde, der mich sogar überredet hat, ihm ein Standbild zu errichten, mit der Inschrift: ‚Dem Simon, dem jugendlichen Gott‘. Wenn ich wüßte, Petrus, daß du durch Geld gewonnen werden könntest, würde ich mein ganzes Vermögen geben; ich würde es verachtet und dir gegeben haben, um meine Seele zu gewinnen. […] Ich gestehe aber, daß er mich dadurch verführt hat, daß er behauptete, er sei die Kraft Gottes. Und doch will ich dir berichten, lieber Petrus: nicht war ich würdig, dich zu hören, du Knecht Gottes, noch war ich befestigt im Glauben an Gott, der in Christus beruht. Deshalb bin ich gestrauchelt. Darum bitte ich dich, nimm mir nicht übel, was ich sagen werde. Christus, unser Herr, den du in Wahrheit verkündigst, sagte zu deinen Mitaposteln in deiner Gegenwart: ‚Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berge sagen: hebe dich weg, und sogleich wird er sich wegheben.‘ Dich aber, Petrus, hat dieser Simon einen Ungläubigen genannt, weil du auf den Wassern gezweifelt hast. Ich hörte nämlich, daß er auch gesagt hat: ‚Die mit mir sind, haben mich nicht verstanden‘. Darum wenn ihr, denen er sogar die Hände aufgelegt und die er selbst erwählt hat, mit denen er auch Wunder gewirkt hat, in Zweifel geraten seid, so habe ich also dieses Zeugnis und werde von Reue ergriffen, und ich nehme zu deinen Gebeten Zuflucht. Nimm dich doch meiner Seele an, der ich von unserem Herrn und seiner Verheißung abgefallen bin. Aber ich glaube, daß er sich meiner erbarmen wird, wenn ich Buße tue. Denn treu ist der Allmächtige, mir die Sünde zu vergeben.‘ Petrus aber sagte mit lauter Stimme: ‚Dir, unser Herr, (sei) Ruhm und Preis, allmächtiger Gott, Vater unseres Herrn Jesu Christi. Dir sei Lob und Ruhm und Ehre in alle Ewigkeit, Amen. Da du auch uns jetzt voll gestärkt und auf dich fest gegründet hast vor den Augen aller, die es sehen, heiliger Herr, so befestige den Marcellus und sende heute deinen Frieden in ihn und sein Haus; alles aber, was verlorengegangen ist oder in die Irre geht, du allein kannst es zum Rechten wenden. Dich flehen wir alle an, o Herr, du Hirt der einst zerstreuten Schafe, jetzt aber werden sie durch dich wieder vereinigt werden. So nimm auch den Marcellus (wieder) auf wie eines von deinen Schäflein und dulde nicht, daß er noch länger in Irrtum oder Unwissenheit umherschweift; sondern nimm ihn auf in die Zahl deiner Schafe. Ja, Herr, nimm ihn auf, ihn, der mit Schmerzen und Tränen dich bittet.‘

So sprach Petrus und umarmte den Marcellus. Petrus wandte sich der Menge zu, die bei ihm stand, und sah in der Menge einen lächeln; in dem war ein sehr bösartiger Dämon. Zu ihm sprach Petrus: ‚Wer du auch bist, der du gelacht hast, zeige dich offen allen Umstehenden!‘ Als der Jüngling dieses gehört hatte, stürzte er in die Vorhalle des Hauses und rief mit lauter Stimme, warf sich gegen die Wand und sagte: ‚Petrus, es herrscht ein gewaltiger Streit zwischen Simon und dem Hund, den du geschickt hast. Denn Simon sagt zu dem Hund: ‚Sag, ich sei nicht hier!‘ Zu ihm aber spricht der Hund noch mehr, als du ihm aufgetragen hast. Und wenn er die geheimnisvolle Sache, die du ihm befohlen hast, erledigt haben wird, dann wird er vor deinen Füßen sterben.‘ Petrus aber sprach: ‚Und du nun, was du auch immer für ein Dämon bist, im Namen unseres Herrn Jesu Christi fahre aus dem Jüngling heraus, ohne ihm zu schaden; zeige dich allen Umstehenden!‘ Als der Jüngling das gehört hatte, fuhr er aus; dabei ergriff er eine große Marmorstatue, die in der Vorhalle des Hauses stand, und zertrümmerte sie mit Fußtritten.“ (Petrusakten 4, in: Ebd., S. 198-201)

Marcellus wirft Simon letztlich aus dem Haus, und Petrus wirkt weitere Wunder und berichtet der Gemeinde, wie Simon in Judäa eine reiche Frau beraubt hat, was durch Gott und Petrus aufgedeckt wurde. Am nächsten Sabbat stellt Simon sich Petrus auf dem Forum. Der Präfekt ordnet eine Probe an. Simon tötet einen Jungen mit seiner Zauberei, und Petrus macht ihn wieder lebendig (dann erweckt er auch noch zwei andere Tote). Simon wirkt auch in den nächsten Tagen weiterhin scheinbare Wunder/Zaubertricks, wird aber jedes Mal von Petrus mit echten Wundern widerlegt, und muss schließlich verletzt aus Rom abziehen.

Zuletzt noch zu einem etwas sonderbaren Thema. Justin der Märtyrer unterscheidet den Satan, die gefallenen Engel und außerdem noch halbmenschliche Dämonen. Er bezieht sich hier auf die rätselhafte Bibelstelle Genesis 6,1-4: „Als sich die Menschen auf Erden zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen allen Frauen, die sie auswählten. Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er eben Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen. In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die namhaften Männer.“ Diese Stelle ist unterschiedlich interpretiert worden; die „Gottessöhne“ wurden tatsächlich von manchen Theologen als „Engel“ gelesen. Andere interpretierten die „Gottessöhne“ als Nachkommen von Adams Sohn Set, die „Menschentöchter“ als Nachkommen von seinem abtrünnigen Sohn Kain. Auch die „Riesen“ wurden unterschiedlich interpretiert; es ist nicht ganz klar, was das hebräische Wort meint (langlebige Menschen? besonders herausragende oder kriegerische Menschen?). Justin jedenfalls schreibt:

„Sollte aber jemandem der Gedanke kommen, wenn wir einen hilfreichen Gott bekennten, würden wir nicht, wie wir doch behaupten, von Ungerechten vergewaltigt und gestraft werden, so will ich auch darüber sprechen. Als Gott das Weltall geschaffen und das, was auf Erden ist, den Menschen unterstellt, die Himmelskörper aber zum Wachstum der Früchte und zum Wechsel der Zeiten geordnet und ihnen, die er ersichtlich auch der Menschen wegen geschaffen hatte, ein göttliches Gesetz vorgezeichnet hatte, da übertrug er die Vorsorge für die Menschen und für alles, was unter dem Himmel ist, Engeln, die er über sie setzte. Die Engel aber übertraten diese Anordnung, erniedrigten sich zum Verkehr mit Weibern und zeugten Kinder, die sogenannten Dämonen. Außerdem machten sie sich fortan das Menschengeschlecht dienstbar teils durch Zauberzeichen, teils durch Furcht und durch Strafen, die sie verhängten, teils durch Anleitungen zu Opfern, Räucherwerk und Trankspenden, deren sie bedürftig geworden waren, seitdem sie von der Leidenschaft ihrer Begierden sich hatten unterjochen lassen; auch verbreiteten sie unter den Menschen Mord, Krieg, Ehebruch und jede Art von Schandtaten. Daher haben Dichter und Sagenerzähler, weil sie nicht wußten, daß die Engel und ihre Kinder, die Dämonen, jenes über Männer, Weiber, Städte und Völker gebracht hatten, das, was sie niederschrieben, auf den Gott (Zeus) selbst und auf die angeblich von ihm gezeugten Söhne und auf seine vermeintlichen Brüder Poseidon und Pluton und auf deren Kinder übertragen. Sie benannten nämlich einen jeden mit dem Namen, den jeder der Engel sich und seinen Kindern beigelegt hatte.“ (Justin, 2. Apologie 4)

Auf dieselbe Stelle bezieht sich wohl Irenäus: „Zu den Zeiten des Noe führte es [das Wort Gottes, d. i. Jesus] die Sintflut herbei, um das arge Geschlecht der damaligen Menschen auszulöschen, die für Gott keine Frucht bringen konnten, da sich die treulosen Engel mit ihnen vermischt hatten, und um ihren Sünden Einhalt zu gebieten, den Urtypus des Menschen aber, die Gestalt des Adam, zu bewahren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,36,4)

Die gefallenen Engel hätten die Menschen Böses gelehrt, u. a. auch Zauberei (=Okkultismus, Geisterbeschwörung, Satanismus):

„Die Bosheit gewann nun eine sehr weite Verbreitung und erfaßte das ganze Menschengeschlecht so sehr, daß nur sehr wenige Keime der Gerechtigkeit in ihm erhalten blieben. Dem Naturgesetz widerstrebende Verbindungen wurden auf Erden eingegangen. Engel verbanden sich mit den Töchtern der Menschen. Diese gebaren ihnen Söhne, welche wegen ihrer außerordentlichen Größe Riesensprossen genannt wurden. Als Gabe brachten diese Engel ihren Weibern die Anleitung zum Bösen mit. Sie lehrten sie die Kraft der Wurzeln und Kräuter, das Färben und das Schminken, die Erfindung wertvoller Stoffe, Mittel zur Beförderung der Anmut, zum Wecken des Hasses und der Liebe, Sicherungen der Lebensdauer, Hexenbünde, jegliche Gaukelei und gottverhaßten Götzendienst. Durch die Einführung dieser Dinge in die Welt fand die Sache der Bosheit Aufschwung und Verbreitung, Die [Sache] der Gerechtigkeit aber nahm ab und verkümmerte.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 18)

Auch Athenagoras von Athen schreibt etwas Ähnliches:

„Denn nach unserer Lehre existiert ein Gott und ein Sohn, sein Wort, und ein Heiliger Geist, die hinsichtlich der Macht ein einziges Wesen sind, der Vater, der Sohn, der Geist; denn der Sohn ist des Vaters Verstand, Wort, Weisheit und der Geist ist Ausfluß wie Licht von Feuer; ebenso kennen wir die Existenz anderer Kräfte, die sich im Umkreis und innerhalb der Materie befinden, darunter auch die Existenz einer gottwidrigen Kraft, nicht als ob es etwas gäbe, was Gott prinzipiell gegenüberstünde wie der Haß der Liebe im Sinne des Empedokles und wie die Nacht dem Tage auf dem Gebiete der Naturerscheinungen (denn stünde etwas Gott gegenüber, so müßte es aufhören zu sein, da es infolge der göttlichen Kraft und Stärke allen Halt verlöre), sondern weil der Güte Gottes, die ihm als Eigenschaft zukommt und mit ihm so notwendig existiert wie die Haut mit dem Leibe und ohne die er nicht existiert (nicht als ob sie ein Teil von ihm wäre, sondern weil sie eine notwendige Folge ist und mit ihm vereint und verbunden ist wie das Rot mit dem Feuer und das Blau mit dem Himmel), der die Materie umschwebende Geist gegenübersteht, der von Gott geschaffen ist, wie auch die übrigen Engel von ihm geschaffen sind, und mit der Verwaltung der Materie und der Erscheinungsformen der Materie betraut wurde. Diese, die Engel, hat Gott erschaffen aus Fürsorge für das von ihm Geordnete, damit, während Gott im allgemeinen sorgt für das Ganze und für das Große, für jeden Teil die hiefür beordneten Engel sorgen. Wie aber nun unter den Menschen, deren Tugend und Schlechtigkeit freier Willensentscheidung entspringen (Ihr würdet ja sonst die Guten nicht auszeichnen und die Bösen nicht strafen, wenn Tugend und Schlechtigkeit nicht von ihnen selbst abhinge), die einen in dem ihnen von Euch anvertrauten Amte als eifrig, die andern als unzuverlässig befunden werden, so steht es auch bei den Engeln. Die einen blieben (Gott hat sie natürlich mit freiem Willen ausgestattet) bei dem, wozu Gott sie geschaffen und bestimmt hatte, die andern aber wurden stolz auf ihre Natur und Herrschaft, darunter auch jener Beherrscher der Materie und ihrer Erscheinungsformen und noch andere, deren Bereich diese unsere Welt ist (seid überzeugt, wir lehren nicht etwas Unbeglaubigtes, sondern was wir verkünden, wurde schon von den Propheten ausgesprochen); die letzterwähnten Engel wurden von Begierde nach Jungfrauen erfüllt und unterlagen der Fleischeslust, jener hingegen zeigte sich nachlässig und schlecht in der Verwaltung des ihm anvertrauten Amtes. Von den Engeln nun, die sich mit Jungfrauen eingelassen hatten, wurden die sogenannten Giganten erzeugt. Daß auch die Dichter über die Giganten teilweise Richtiges vorbrachten, braucht Euch nicht zu befremden; zwischen der prophetischen Weisheit und der Weltweisheit besteht ein ähnlicher Unterschied wie zwischen der Wahrheit und der Wahrscheinlichkeit; jene beschäftigt sich mit himmlischen Dingen, diese mit irdischen und darum auch mit dem Beherrscher der Materie. ‚Meist ist unser Wissen ein Trug, dem Wahren nur ähnlich.‘

Diese Engel nun, die aus den Himmeln gestürzt wurden und nunmehr in der Luft und auf der Erde wohnen, da sie sich zum Himmlischen nicht mehr emporschwingen können, und die Seelen der Giganten, das sind die in der Welt umherirrenden Dämonen. Die Erregungen, die sie hervorbringen, entsprechen bei den einen [den Dämonen] der Natur, die sie empfangen haben, bei den andern [den Engeln] den Begierden, von denen sie erfaßt wurden; der Beherrscher der Materie führt, wie man unmittelbar aus Tatsachen ersehen kann, Aufsicht und Verwaltung in einer der Güte Gottes widersprechenden Weise.

‚Oft schon dacht ich in meiner Seele,
Ob Zufall in den menschlichen Dingen herrscht oder ein Dämon.
Denn gegen Erwartung und gegen Recht
Kommen die einen um Haus und Hof,
Von Gott verlassen, während andere im Glücke schwelgen‘

Weil also gegen Erwartung und Recht die einen glücklich, die andern unglücklich sind, so konnte es sich Euripides nicht erklären, wer die Verwaltung der irdischen Dinge habe, bei der man ausrufen möchte:

‚Wie sollten wir beim Anblick solcher Dinge noch
An Götter glauben oder halten ein Gesetz?‘

Dies bewog auch einen Aristoteles zu dem Ausspruche, daß es für die Dinge unter dem Himmel keine Fürsorge gebe. Aber die ewige Fürsorge Gottes bleibt uns nach wie vor:

‚Ob gern, ob ungern sprießt die Erde Weide mir.
Naturnotwendig, und ernährt zur Mast mein Vieh‘

und auch die Fürsorge für die Teile erstreckt sich tatsächlich, nicht bloß vermeintlich, auf die würdigen; auch für das übrige ist, soweit es der gemeinsame Zweck der Schöpfung fordert, durch weise Einrichtung gesorgt. Weil aber die vom feindseligen Geiste ausgehenden Erregungen und Einwirkungen besagte Unordnung hineinbringen, da sie nunmehr auch die Menschen, den einen so, den andern anders, bald einzelne, bald ganze Völker durch geteilten oder gemeinschaftlichen Ansturm, je nach dem Verhältnisse eines jeden zur Materie und nach dem Grade seiner Empfänglichkeit fürs göttliche, innerlich und äußerlich in Erregung versetzen, so haben einige und zwar Autoritäten gemeint, daß das Universum nicht auf einer Ordnung beruhe, sondern der Tummelplatz blinden Zufalls sei; sie haben dabei übersehen, daß von all den Dingen, von denen eigentlich der Fortbestand der Welt abhängt, kein einziges ungeordnet und vernachlässigt ist, sondern ein jedes eine vernünftige Einrichtung zeigt, so daß sie die ihnen gesetzte Ordnung nicht überschreiten. Auch der Mensch, wie er aus des Schöpfers Hand hervorging, ist ein wohlgeordnetes Wesen, mag man nun die Art und Weise seiner Entstehung betrachten, die einen einheitlichen, für alle gültigen Plan aufweist, oder sein organisches Wachstum, welches das hiefür maßgebende Gesetz nicht überschreitet, oder das Ende des Lebens, das gleich und gemeinschaftlich bleibt für alle. Aber nach seiner eigenen individuellen Vernunft und nach der Einwirkung jenes drängenden Herrschers und seines Dämonengefolges wird der eine so, der andere anders beeinflußt und erregt, obschon die Fähigkeit vernünftigen Denkens allen in gleicher Weise innewohnt.(Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24-25)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 12: Engel

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Lk 1-2; Mt 1-2; Mt 4,11; Mt 18,10-11; Mt 13,49; Jud 1,9; Tob 12; Gen 16,7-12; Gen 19; Gen 21,17f.; Gen 28,12; 1 Kön 19,5-7; 2 Kön 19,35; Ps 34,8; Dan 3,49f.; Dan 14,34-39; Apg 10; Apg 12; Offb.

In den letzten Teilen ging es schon um Endzeit, Auferstehung, Himmel, Hölle usw; und zu den Bewohnern des Himmels zählen ja nicht nur die erlösten Menschen, sondern auch die Engel, reine Geistwesen, die schon vor den Menschen erschaffen wurden. Das Wort „Engel“ bedeutet „Gesandter, Bote“ und zeigt an, was die Engel in Bezug auf uns manchmal sind, nämlich Gesandte Gottes. In der Bibel tauchen sie immer wieder in dieser Rolle auf, und auch bei den frühen Christen ist der Engelglaube eine Selbstverständlichkeit. Es gibt auch von Gott abgefallene Engel, die Dämonen, zu denen auch der Teufel gehört (er ist kein ebenbürtiger Gegner Gottes, sondern nur ein abtrünniges Geschöpf); aber zu ihnen im nächsten Teil. Hier erst einmal ein paar Beispiele für den Glauben an die gut gebliebenen Engel.

Angel with a lamp, 1885 - 1896 - Viktor Vasnetsov - WikiArt.org
(Viktor Vasnetsov, Engel mit einer Lampe.)

Athenagoras von Athen schreibt um 176/177 n. Chr., dass die Engel über die Schöpfung wachen:

„Doch bleibt der theologische Teil unserer Lehre nicht dabei stehen, sondern wir lehren auch eine Menge von Engeln und Dienern, welche Gott, der Schöpfer und Bildner der Welt, durch sein Wort verteilt und aufgestellt hat, damit sie über die Elemente und die Himmel, über die Welt, die Dinge in der Welt und deren Ordnung wachen.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 10)

Im „Hirten des Hermas“ (spätestens Mitte des 2. Jh.s) spielen Engel eine zentrale Rolle. Der römische Christ Hermas erhält Offenbarungen von einem Engel der Buße, außerdem wird einmal ein Engel der Strafe erwähnt, und in mehreren Visionen helfen Engel dabei, die Kirche aufzubauen. Dann kommt auch eine Stelle, an der Hermas gesagt wird, dass ein guter und ein böser Engel den Menschen gute bzw. schlechte Eingebungen bringen:

„‚So höre mich denn‘, fuhr er weiter, ‚an über den Glauben. Zwei Engel sind bei dem Menschen, einer der Gerechtigkeit und einer der Schlechtigkeit.‘ ‚Wie nun‘, unterbrach ich, ‚wie nun soll ich, o Herr, ihre Wirkungen erkennen, da doch beide Engel in mir wohnen?‘ ‚Höre‘, erwiderte er, ‚und lerne sie kennen. Der Engel der Gerechtigkeit ist zart, schamhaft, milde und ruhig; wenn nun dieser in deinem Herzen sich regt, spricht er sogleich mit dir über Gerechtigkeit, Keuschheit, Heiligkeit, Genügsamkeit, über jegliche gerechte Tat und über jede rühmliche Tugend. Wenn all dies in deinem Herzen sich regt, dann wisse, dass der Engel der Gerechtigkeit mit dir ist. Denn das sind die Werke des Engels der Gerechtigkeit, diesem also vertraue und seinen Werken. Betrachte nun auch die Werke des Engels der Schlechtigkeit. Er ist vor allem jähzornig, verbittert und unverständig, seine Werke sind böse und verführen die Diener Gottes; wenn also dieser sich in deinem Herzen regt, dann erkenne ihn an seinen Werken.‘ ‚Ich verstehe nicht, o Herr, wie ich ihn erkennen soll.‘ ‚So höre‘, sprach er. ‚Wenn ein Jähzorn an dich kommt oder eine Erbitterung, dann wisse, dass er in dir ist; ferner wenn Begierden kommen, allerlei zu treiben, und mannigfache Ausgaben für reichliche Tafelgenüsse, häufiges und übermäßiges Trinken, für allerlei Leckerbissen und unnötige Dinge, Begierden nach Frauen und Reichtümern; ein übermäßiger Stolz und Prahlerei, und alles, was diesen verwandt und ähnlich ist: wenn also derlei Gedanken in deinem Herzen aufsteigen, dann wisse, dass der Engel der Schlechtigkeit in dir ist. Wenn du dann seine Werke erkannt hast, dann sage dich los von ihm und vertraue ihm nicht, weil seine Werke schlecht und den Dienern Gottes schädlich sind. Nun hast du die Wirkungen beider Engel. Lerne sie kennen und vertraue dem Engel der Gerechtigkeit.“ (Hirte des Hermas 2,6,2,1-6)

Auch der Barnabasbrief (vor 130 n. Chr.) unterscheidet zwischen guten und bösen Engeln:

„Nun wollen wir aber übergehen zu der anderen Erkenntnis und Lehre. Es gibt zwei Wege der Lehre und der Macht, nämlich den des Lichtes und den der Finsternis Der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß. Auf dem einen sind nämlich aufgestellt lichttragende Engel Gottes, auf dem anderen aber Engel des Teufels. Und jener ist Herr von Ewigkeit zu Ewigkeit, dieser aber ist der Fürst dieser gegenwärtigen, gottlosen Zeit.“ (Barnabasbrief 18)

Auch Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr. etwas über die Engel. Es gibt eine klare Abgrenzung zwischen den Engeln und ihrem Schöpfer:

„Daß nämlich Engel und Erzengel, Throne und Herrschaften von dem allerhöchsten Gott durch sein Wort geschaffen und gemacht sind, das hat Johannes deutlich kundgetan. Denn nachdem er von diesem Worte Gottes gesagt hat, daß es im Vater war, fügt er hinzu: ‚Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist nichts gemacht worden.‘ […] Daß er aber alles aus freiem Willen und nach seinem Gutdünken gemacht hat, bezeugt wiederum derselbe David, indem er sagt: ‚Unser Gott hat oben im Himmel und auf Erden alles gemacht, wie er es wollte.‘ Schöpfer aber und Geschöpfe, Ursache und Wirkung sind verschiedene Dinge. Er nämlich ist unerschaffen, ohne Anfang und ohne Ende, gebraucht nichts und genügt sich selbst und verleiht allem übrigen das Dasein. Was aber von ihm erschaffen worden ist, hat einen Anfang genommen. Was aber einen Anfang genommen hat, kann auch wieder aufgelöst werden, ist untergeordnet und bedarf dessen, der es erschuf. Also muß auch bei denen, die sich wenn auch nur ein geringes Unterscheidungsvermögen bewahrt haben, ein verschiedener Ausdruck gebraucht werden, so daß der Gott, welcher alles gemacht hat, samt seinem Worte allein rechtmäßig Gott und Herr genannt wird, das Erschaffene aber an diesem Ausdruck keinen Anteil haben noch darauf Anspruch erheben darf, da er allein dem Schöpfer zukommt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,8,3)

Die Engel dienen immerzu Gott, aber nicht, weil Er sie nötig hätte, und auch unter ihnen gibt es gewisse Hierarchien:

„Die Welt nun aber wird von sieben Himmeln umgeben, in denen die Mächte, die Engel und die Erzengel wohnen und die Pflicht des Dienstes gegen Gott den Allmächtigen, den Schöpfer aller Dinge, erfüllen; nicht als bedürfte er sie, sondern sie sollen nicht untätig, ohne Nutzen und Segen sein. Reichlich ist deswegen das Innewohnen des Geistes Gottes, und vom Propheten Isaias werden sieben Formen Seines Dienstes aufgezählt, welche ruhen auf dem Sohn Gottes, d. h. auf dem Wort bei seiner Ankunft als Mensch. Er sagt: ‚Es wird auf ihm ruhen der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke und der Frömmigkeit, es wird ihn erfüllen der Geist der Gottesfurcht.‘ Somit ist der erste Himmel von oben her, der die andern umschließt, die Weisheit, der zweite hernach der des Verstandes, der dritte der des Rates, der vierte, von oben gerechnet, der der Kraft, der fünfte der der Wissenschaft, der sechste jener der Frömmigkeit, der siebente ist die Feste über uns, die voll ist von der Furcht des Geistes, der die Himmel erleuchtet. Als ein Bild davon ließ Moses den siebenarmigen Leuchter immer im Heiligtum strahlen, gemäß dem, was das Wort geoffenbart hatte: ‚Du sollst ihn genau nach dem Urbild herstellen, welches du auf dem Berge gesehen hast.‘

Nun wird dieser Gott verherrlicht von seinem Worte, welches sein ewiger Sohn ist, und vom Heiligen Geist, welcher die Weisheit des Vaters von allem ist. Und ihre Mächte, die des Wortes und der Weisheit, die Cherubim und Seraphim genannt werden, preisen Gott mit unaufhörlichem Lobgesang, und jegliches Geschöpf, das nur im Himmel ist, bringt Gott, dem Vater von allem, Lobpreis dar. Er hat die ganze Welt durch das Wort gebildet — und auf der Welt sind auch die Engel — und der ganzen Welt schrieb er die Gesetze vor, bestimmte für jedes seinen festen Stand, dessen gottgesetzte Grenze es nicht überschreiten darf, und so vollführt ein jedes die ihm übertragene Aufgabe.

Den Menschen aber bildete er mit eigener Hand. Er verwandte dazu den feineren und zarteren Stoff der Erde und verband in [weisem] Maße miteinander die Erde und seine Macht. Denn er hat dem Geschöpfe seine Form gegeben, damit es in seiner Erscheinung Gottes Bild sei. Als Abbild Gottes setzte er den von ihm erschaffenen Menschen auf die Erde. Damit er Leben empfange, hauchte er in sein Angesicht den Lebensodem, auf daß der Mensch sowohl seiner ihm eingehauchten Seele nach und in seiner Leibesbildung Gott ähnlich sei. Er war folglich frei und Herr über sich selbst durch Gottes Macht, damit er über alles, was auf Erden ist, herrsche. Und dieses große Schöpfungswerk der Welt, das alles in sich barg, von Gott schon vor der Schöpfung des Menschen zubereitet, wurde dem Menschen zum Wohnsitz gegeben. Und es fanden sich an ihrer Stelle und mit ihren Arbeitsleistungen die Diener dieses Gottes, der alles schuf. Und ein Hauswalter hatte als Schützer dieses Gebiet inne, der über die Mitknechte gesetzt war. Die Knechte waren die Engel, der Walter und Schützer aber der Fürst der Engel [ein Erzengel]. (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 9-11)

Rose Briar // acheiropoietos: Archangel Victor Vasnetsov | Archangels,  Archangel michael, Christian art
(Viktor Vasnetsov, Erzengel.)

Gottesliebe und Gottes Liebe

Eins der ewigen Probleme für manche Christen ist: Man kann sich Gottes Liebe für einen nicht direkt vorstellen. Man fragt sich, wie Gott über einen denkt; man will sich gegenüber Gott nicht zu viel herausnehmen; man hat Angst vor Gott; man hat das Gefühl, man würde es Ihm nie recht machen können. Deshalb mal ein paar Gedanken dazu, damit man es sich besser vorstellen kann:

  • Die meisten Menschen haben schon andere Menschen, die es ehrlich gut mit ihnen meinen, ihnen zumindest in gewissem Maß helfen, meistens vor allem die Familie. Und selbst wer von Menschen misshandelt oder verlassen ist, kann darauf zählen, dass die Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, für alle Menschen zu beten oder ihnen Gutes zu tun, z. B. Nonnen, auch für sie beten und ihnen ggf. helfen würden. Und auch man selber kann sich in der Situation immer sagen: Auch ich will manchmal anderen Menschen Gutes und helfe ihnen, zumindest ein wenig. Nun könnte aber kein Mensch auch nur annähernd so wohlwollend und interessiert an anderen Menschen sein, wie Gott es ist; also muss Gott uns wirklich in extremem Maß Gutes wollen und sich für uns interessieren. „Oder ist wohl ein Mensch unter euch, der seinem Sohne, wenn er um Brot bäte, einen Stein darreichen wird? Oder wenn er um einen Fisch bäte, wird er ihm etwa eine Schlange darreichen? Wenn nun ihr, obgleich ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset; wie viel mehr wird euer Vater, der im Himmel ist, denen Gutes geben, die ihn bitten?“ (Mt 7,9-11)
  • Liebe bedeutet grundsätzlich Wohlwollen (und Interesse, Beziehung, Vereinigung); Gott will wirklich, dass es uns am Ende gut geht; wenn Er jetzt Schlechtes für uns zulässt, hat das einen Grund und Er wird es am Ende vielfach wieder gutmachen. Wenn wir erst einmal im Himmel sind, wird alles Schlechte vergangen sein, das Leben wird ein einziger ewiger Moment der reinsten Glückseligkeit sein, die wir uns jetzt gar nicht vorstellen können.
  • Wenn man jetzt in diesem Moment existiert, heißt das, dass Gott einen jetzt in diesem Moment aktiv im Dasein hält und an einen denkt; sonst würde man wieder zu nichts werden.
  • Gott sieht einen gerne an und freut sich an einem, zumindest an den guten Eigenschaften, die man hat, und die hat jeder. Wir sind eben Seine geliebten Kinder. Er freut sich darüber, wenn man anderen etwas Gutes tut oder an Ihn denkt; Er freut sich auch an den moralisch neutralen guten Eigenschaften, die man hat, z. B. dass er einem schöne Augen oder einen klaren Verstand gegeben hat. Vielleicht hat man wenig großartige Eigenschaften, ist von Natur aus unintelligent, unsportlich, wankelmütig und unsicher. Aber dann wird Gott sich gerade darüber freuen, wie man sich trotz dieser schlechten Ausgangssituation bemüht.
  • Gott ist uns auch nicht böse, wenn wir zwischendurch mal entspannen müssen; Er sieht es gern, wenn wir auch mal Spaß haben. Natürlich will Er keine gleichgültigen Kinder, die sich vor allem um sich selber kümmern; Er ist stolz, wenn wir etwas für andere opfern, wie Eltern stolz sind, wenn ihre Söhne in einem gerechten Krieg für den Schutz anderer kämpfen (was diesen Eltern aber natürlich trotzdem weh tut; so würde auch Gott unsere Leiden nicht zulassen, wenn es nicht nötig wäre); aber Er will wirklich dass es einem gut geht, und das gehört auch mal dazu. Man sieht auch das wieder an sich selber: Wenn man z. B. mal einem Freund, der nicht viel Geld hat, zum Geburtstag ein größeres Geldgeschenk macht, will man auch nicht, dass er sich verpflichtet fühlt, damit wieder was für andere zu tun, sondern man will einfach, dass er sich damit mal was gönnt. So will auch Gott, dass wir mal Spaß haben, und dass wir uns an schönen Dingen freuen; auch an solchen scheinbar kleinen Dingen wie dem Blühen von Buschwindröschen und grünen Buchen im Mai. Natürlich will Er auch, dass wir uns an solchen Dingen freuen, die langfristig gut tun und erst mal anstrengend wirken können, z. B. dem Gebet, und ist auch stolz, wenn wir Spaß aufgeben, aber Er ist uns deswegen nicht böse, und Er bietet uns auch immer wieder solche kleinen Geschenke.
  • Keiner hat es wirklich „verdient“, zu Gott zu kommen, aber Er selbst befiehlt es uns.
  • Zu Liebe gehört Zärtlichkeit und Milde. Gott will zärtlich und sanft und geduldig mit uns sein.
  • Gott hat für jeden Menschen eineneigenen Schutzengel, einen mächtigen Geist, abgestellt, der einen an Leib und Seele beschützt.
  • Gott sieht uns, wie wir sind; d. h. Er macht sich nichts vor, wenn Er bei uns Lustlosigkeit oder Selbstsucht oder verletzten Stolz sieht, aber Er sieht auch jeden guten Entschluss, jedes gute Motiv, jede Bemühung.

Aber dann denkt man sich wieder: Ok, Gott mag mich lieben, aber ich erwidere Seine Liebe nicht so besonders gut. Daher:

Man muss sehr gut unterscheiden zwischen Todsünden, lässlichen Sünden und Unvollkommenheiten. Eine Todsünde ist eine Sünde in wichtiger Sache mit vollem Wissen und Willen; damit zerstört man die Liebe in einem. Es ist nicht so, dass Todsünden kaum je in der Welt vorkommen würden, aber die meisten Christen werden auch keine fünf Todsünden pro Tag begehen. Eine lässliche Sünde ist eine Sünde in geringfügiger Sache (auch mit Wissen und Willen) oder eine Sünde in wichtiger Sache ohne vollen Wissen und Willen. Eine Unvollkommenheit ist überhaupt keine Sünde; sie bedeutet eher, sich bei zwei nicht sündhaften Dingen für das weniger Vorbildhafte zu entscheiden; dass man es hätte noch besser machen können, aber nicht gemacht hat, dabei aber auch keine Pflicht verletzt hat.

Gott zu lieben heißt zunächst mal: Sich für Ihn zu entscheiden, wenn es zu einem wichtigen Konflikt zwischen Ihm und etwas anderem kommt, und den Kontakt zu Ihm nicht abzubrechen.

Gott ist ein Vater. Wenn man dem Vater den Tod wünscht oder seine Geschwister ständig auf boshafte Weise mobbt oder sich monatelang nicht meldet, zerstört man das Verhältnis zum Vater (Todsünde). Wenn man im Umgang mit ihm ab und zu ungerechtfertigterweise ungeduldig oder leicht verärgert ist, belastet man das Verhältnis ein bisschen, aber es ist definitiv nicht zerstört (lässliche Sünde). Und wenn man ihm kurz vor Weihnachten ein gewöhnliches Geschenk kauft, obwohl man sich auch monatelang vorher Gedanken hätte machen können und ihm ein absolut passgenaues Geschenk hätte machen können, freut er sich auch über das normale Geschenk und trägt einem nichts nach, weil man es noch hätte besser machen können (Unvollkommenheit). Anderes Beispiel für eine Unvollkommenheit: Wenn der Vater einem aufträgt, die Küche aufzuräumen und man tut genau das, freut er sich darüber. Wenn man die Küche aufräumt und einem dabei auffällt, dass auch mal das Zeug in der Ramschschublade dringend sortiert werden müsste, und man auch das noch tut, dann freut er sich noch mehr. Aber er würde es einem niemals nachtragen, das nicht getan zu haben.

Auch dass die Heiligen so viel besser waren als wir, muss uns nicht beunruhigen. Nehmen wir an, ein sehr guter, liebender Vater hat zwei Kinder. Das eine ruft ihn einmal in der Woche an, besucht ihn, wenn er im Krankenhaus liegt, zieht ihn in wichtigen Sachen zurate, schenkt ihm zum Vatertag einen Restaurantgutschein, ist ab und zu aber auch unfreundlich zu ihm ist und redet sich bei Familientreffen, auf die es keine Lust hat, gelegentlich heraus, und hatte schon einmal ein schweres Zerwürfnis mit ihm, weil es alkoholsüchtig war; das ist jetzt aber vorbei und es hat ehrlich um Verzeihung gebeten und sich mit der Familie wieder ausgesöhnt. Das andere wohnt noch bei ihm und nimmt ihm immer wieder, auch ohne gebeten zu werden, kleine Arbeiten ab, bei denen es merkt, dass sie ihm schwerfallen, will ihm immer wieder eine besondere Freude machen und organisiert daher z. B. überraschend einen Besuch seiner alten Freunde, ist immer rücksichtsvoll und ehrlich, ist nie beleidigt oder mürrisch, wenn es dem Vater etwas helfen muss, und vertraut ihm sehr vieles an. Da hat der Vater sicher ein innigeres Verhältnis zu dem zweiten Kind, aber er würde definitiv nicht auf die Idee kommen, den Kontakt mit dem ersten Kind abzubrechen und es aus der Familie zu verstoßen. Und das erste Kind muss sich auch nicht schuldig fühlen. (Erst recht wäre es schlecht, wenn das erste Kind dann dem zweiten Kind wegen seiner Gutheit und Vorbildhaftigkeit böse wäre, weil es nicht wollte, dass ein anderer besser ist als es selbst; das wäre wirklich eine Sünde. Man soll seine schlechten Eigenschaften und vergangenen Taten nicht hinwegreden, sondern einfach die bewundern, die es besser machen, und ihnen ab und zu auch nacheifern, und zumindest das Minimum erfüllen.)

Es ist angemessen, immer mehr und mehr für Gott tun zu wollen, weil Er so unendlich gut ist, aber um sich nicht von Ihm zu trennen genügt ein gewisses Minimum (das nicht total minimal ist, aber definitiv zu schaffen).

Gott wird von einem letzlich immer eine gewisse Buße und Sühne für seine Sünden wollen – wie auch der Vater, wenn man fahrlässig sein Auto zu Schrott gefahren hat, von einem wollen wird, dass man es ersetzt, auch wenn man um Verzeihung gebeten und sie erhalten hat. Aber Er gibt sich oft schon mit wenig zufrieden, und auch während man noch dabei ist, die Buße zu erfüllen, ist das Verhältnis schon wieder hergestellt.

Und Gott lässt sich, wenn man um Verzeihung bittet, nicht erst ewig bitten. Hier ist wichtig zu wissen: Liebesreue (vollkommene Reue) sorgt dafür, dass die Sünden schon vergeben werden, bevor man sie dann wirklich in der Beichte bekennt. Zur Liebesreue gehört: die innere Zerknirschung bzw. Abwendung von der Sünde, weil man damit den liebenden guten und gerechten Gott verachtet hat (das muss nicht gefühlsmäßig sein, es kommt auf den Willen an; Gefühle kann man nicht immer lenken), und der ehrliche Vorsatz, zumindest Todsünden nicht mehr zu begehen und sich von den nächsten Gelegenheiten zu Todsünden fern zu halten, und die begangene Todsünde in der Zukunft noch zu beichten (man muss sich nicht vornehmen, sie bei nächster Gelegenheit zu beichten, auch wenn das natürlich gut ist). Wenn Nichtkatholiken, z. B. einem anständigen Lutheraner, nicht bewusst ist, dass die Beichte wirklich etwas von Gott Gewolltes ist, können sie auch nur durch Liebesreue ohne bewussten Vorsatz zur Beichte die Sünden loswerden – man geht ja davon aus, dass sie, wenn ihnen das bewusst wäre, auch zur Beichte gehen würden, weil sie grundsätzlich Gott gehorchen wollen. Wenn man es nicht schafft, sich auch von lässlichen Sünden loszusagen, kann man trotzdem Reue für seine Todsünden haben und das grundlegende Verhältnis mit Gott wiederherstellen. Die Liebesreue kann auch noch mit Furcht vor Gottes Strafe vermischt sein, oder mit dem Wissen, dass man wahrscheinlich dieselbe Sünde wieder begehen wird; sie muss einfach trotzdem ehrlich gemeint sein. Und in der Beichte genügt selbst die Furchtreue, die eher zum großen Teil aus der Furcht vor Gottes gerechter Strafe hervorgeht, für die Vergebung; sie ist schon mal ein Anfang. „Gott ist mehr bereit, einem reuigen Sünder zu verzeihen, als eine Mutter, ihr Kind aus dem Feuer zu retten.“ (Hl. Pfarrer von Ars)

Gott will wirklich jeden Menschen retten und gibt ihm eine Chance. Man kann sich auch ansehen, wie Jesus mit den Leuten um Ihn herum geredet hat. Manchmal musste Er die Apostel zurechtweisen, auch hart zurechtweisen, aber dann war es wieder gut. Er war weiterhin geduldig mit ihnen und hat sie langsam an ihre Aufgabe herangeführt. Auf die Sünder wie Zachäus ist Er selber zugegangen und hat ihnen nicht ewig etwas vorgehalten, nachdem sie dann grundsätzlich Reue gezeigt hatten.

Wenn man bei manchen Heiligen sehr strenge Warnungen liest, kann es sein, dass man hier sagen muss: Ok, sie wollten eben lieber zu viel warnen, zu streng sein, als zu wenig, um die Leute sicher in den Himmel zu bringen – aber das kann eben auch mutlos machen. (Ich behaupte auch nicht, da die perfekte Balance gefunden zu haben, ich halte nur einfach die Gefahr der Mutlosigkeit für manche heute in unseren Kreisen relativ groß.) Und manchmal hatten diese Heiligen auch wirklich schlechte Zustände vor Augen, z. B. als Prediger an einem Fürstenhof mit viel Korruption, Machtstreben und Unzucht.

Gott hat Seine Gründe für alles, für wirklich alles. Am Ende wird alles gut sein, alles. Gott ist die überströmende Liebe; Er will uns trösten und zärtlich umarmen und uns vollkommen glücklich machen. „Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen trocknen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist dahingegangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,4f.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 11b: Wo sind die Toten vor dem Weltgericht und was ist mit dem Fegefeuer?

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich:

Zum Fegefeuer: 2 Makk 12,40-45; 1 Kor 3,15

Zum Schicksal der Toten vor dem Weltgericht: Lk 16,19-31

Unter manchen christlichen Gemeinschaften ist heute noch die Vorstellung vom sog. „Seelenschlaf“ verbreitet; nach dem Tod würden die vom Körper getrennten Seelen erst einmal quasi schlafen oder sterben, und erst beim Weltende und Jüngsten Gericht, wenn die Körper auferstehen, würden die Seelen wieder erwachen und sich mit ihnen vereinigen, und dann würde der Mensch erst von Gott gerichtet werden. Die katholische Sicht ist dagegen: Nach dem Tod wird die Seele gleich gerichtet und kommt zu Gott in den Himmel (bzw. vorübergehend ins Fegefeuer und dann in den Himmel) oder in die Hölle; beim Weltgericht wird sie mit ihrem Körper wiedervereinigt, auch der erhält jetzt seine Strafe oder Belohnung, und das ganze Gericht über alle Menschen wird noch einmal öffentlich gemacht, aber das Urteil über den einzelnen ändert sich nicht. (Und natürlich werden jetzt auch die Menschen erstmals gerichtet, die beim Weltende noch nicht gestorben waren.) Dieses Thema war unter den frühen Christen durchaus noch umstritten; sie betonten sehr die leibliche Auferstehung und waren sich offenbar nicht ganz einig, was vorher mit den Seelen geschieht. Noch Papst Johannes XXII. im 14. Jahrhundert vertrat die Idee vom Seelenschlaf als theologische Privatmeinung in einigen Predigten, widerrief aber, als die Theologen dagegen protestierten, und sein Nachfolger klärte diese Frage endgültig 1336 in einer päpstlichen Bulle. (Das ist insofern ein gutes Beispiel für die Lehrentwicklung, und für die Tatsache, dass auch Päpste, wenn sie nicht ex cathedra sprechen (also nicht im Namen der Kirche eine Lehre als verbindlich für alle Christen verkünden wollen), irren können.)

Noch ein anderes Thema hängt damit zusammen, nämlich die katholische Lehre vom Fegefeuer oder Läuterungsort (Purgatorium), wo die Seelen, die zwar keine bewusste, unbereute schwere Sünde mehr auf dem Gewissen hatten, aber zu ihrem Todeszeitpunkt noch gewisse Dinge zu sühnen hatten und sich von manchen lässlichen Sünden nicht lossagen wollten, vor ihrem Eintritt in den Himmel geläutert werden. Das Gebet anderer kann dabei helfen, ihre Sünden zu sühnen und ihre Läuterung zu beschleunigen. Diese Lehre findet sich bereits im Alten Testament in den Makkabäerbüchern (2 Makk 12,40-45). Protestanten lehnen sie ab; es gäbe nur entweder Himmel oder Hölle (oder eben, die Seelen befänden sich im Seelenschlaf), und beten deshalb auch nicht für die Toten und erkennen die Makkabäerbücher nicht als Teil der Bibel an.

Fangen wir erst einmal mit dem Fegefeuer und dem Gebet für die Toten an.

Eine Aussage der heiligen Perpetua ist hier sehr interessant; sie war eine junge Christin aus Nordafrika, die im Gefängnis vor ihrem Martyrium im Jahr 203 n. Chr. ihre Erlebnisse aufschrieb. Da heißt es:

„Nach wenigen Tagen, während wir alle beteten, brach mir plötzlich mitten im Gebete die Stimme hervor und ich nannte den Dinokrates. Ich staunte, daß er mir nie in den Sinn gekommen war als nur in diesem Augenblicke, und ich dachte mit Trauer an sein Schicksal. Ich erkannte auch sofort, daß ich würdig sei und für ihn beten müsse, und fing an, für ihn viele Gebete zu sprechen und zum Herrn zu seufzen. Sofort noch in derselben Nacht hatte ich folgendes Gesicht. Ich sehe den Dinokrates aus einem finsteren Orte, wo viele ganz erhitzt und durstig waren, in schmutziger Kleidung und blasser Farbe hervorkommen mit einer Wunde im Gesicht, die er hatte, als er starb. Dieser Dinokrates war mein leiblicher Bruder, der im Alter von sieben Jahren aus Schwäche wegen eines Krebsleidens im Gesichte elend starb, so daß sein Tod allen Menschen ein Abscheu war. Für diesen also hatte ich gebetet, und es war zwischen mir und ihm ein großer Zwischenraum, so daß wir beide nicht zueinander kommen konnten. Es war ferner an dem Orte, an welchem Dinokrates sich befand, ein Bassin voll Wasser, dessen Rand aber höher war als die Größe des Knaben, und Dinokrates streckte sich aus, als ob er trinken wollte. Ich war traurig darüber, daß jenes Bassin voll Wasser war und er doch wegen der Höhe der Umfassung nicht trinken konnte. Da erwachte ich und wurde inne, daß mein Bruder leide; aber ich vertraute, daß ich seiner Not abhelfen werde, an all den Tagen, bis wir in den Kerker des Lagers übersiedelten; denn bei den Spielen nahe dem Lager sollten wir kämpfen; es war damals der Geburtstag des Cäsars Geta. Und ich betete für ihn Tag und Nacht mit Seufzen und Tränen, damit er mir geschenkt werde.

An dem Tage, an welchem wir im Kerker gefesselt blieben, hatte ich folgende Erscheinung. Ich sehe jenen Ort, den ich früher gesehen hatte, und den Dinokrates mit gewaschenem Leibe, gut gekleidet und sich erholend; wo die Wunde gewesen war, sehe ich eine Narbe, und die Umfassung jenes Teiches war tiefer geworden bis an den Nabel des Knaben; ohne Aufhören schöpfte er Wasser aus dem Bassin. Über der Umfassung war auch eine goldene Schale voll Wasser; Dinokrates trat hinzu und fing an, aus der Schale zu trinken, und diese wurde nicht leerer; nachdem er genug Wasser getrunken hatte, fing er froh nach Art der Kinder an zu spielen. Da erwachte ich und erkannte, daß er aus der Strafe entlassen war.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 7-8)

Etwas ganz Ähnliches kommt in den Akten des Paulus und der Thekla (wohl aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts) vor, die diverse Geschichten aus Paulus‘ Leben erzählen, die in der Apostelgeschichte fehlen. Thekla, eine geweihte Jungfrau, die Paulus begleitet, ist in Antiochia zum zweiten Mal vor ein Gericht gebracht worden (nachdem sie sich gegen die sexuelle Belästigung durch einen hochrangigen Mann gewehrt hat) und zum Tod durch wilde Tiere verurteilt worden; dann heißt es:

„Thekla aber bat den Statthalter, daß sie unberührt bliebe, bis sie mit den Tieren kämpfen müsse. Und eine reiche Frau, namens Tryphäna, deren Tochter gestorben war, nahm sie in ihre Obhut und fand an ihr Trost. […] Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!‘ Und als Thekla so sprach, trauerte Tryphäna, da sie daran dachte, daß solche Schönheit vor die Tiere geworfen werden sollte.“ (Paulusakten 3,27-29, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 248; hier eine englische Übersetzung.)

Die Tiere greifen Thekla dann übrigens nicht an, und sie wird freigelassen, führt noch ein längeres Leben und verkündet Christus.

Diese Stelle ist auch dahingehend interessant, dass die frühen Christen sich durchaus vorstellen konnten, dass Heiden, die Christus ohne eigene Schuld nicht gekannt hatten, in den Himmel kommen könnten (evtl. eben nach einem Läuterungsprozess und mit Hilfe des Gebets von Christen); Tryphäna lernt erst durch Thekla das Christentum kennen. Das schreibt ja auch Justin der Märtyrer (1. Apologie 46), den ich hier schon zitiert habe: „Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann.“


(Paulus und Thekla auf einem Fresko aus dem 6. Jh.)

Bischof Aberkios von Hierapolis in Phrygien bittet gegen Ende des 2. Jahrhunderts in seiner Grabinschrift (die nur verschlüsselt über den christlichen Glauben spricht) andere um ihr Gebet für ihn:

„Einer auserwählten Stadt Bürger habe ich dies errichtet,
da ich noch lebe, auf dass ich hätte seiner Zeit für
meinen Leib hier eine Stätte.
Aberkios bin ich mit Namen, der welcher Jünger ist
eines reinen Hirten,
der da weidet der Schafe Herden auf Bergen und Fluren,
der Augen hat gewaltig, die überall herniederschauen;
denn er hat mich gelehrt … untrügliche Zeichen.
Der nach Rom mich sandte, einen König zu schauen
und eine Königin zu sehen mit goldnem Gewand und
goldnen Sandalen;
einen Stein aber sah ich dort mit einem leuchtenden Gepräge.
Und Syriens Flur sah ich und seine Städte alle; ich überschritt
den Euphrat und sah Nisibis. Überall aber gewann ich Kultgenossen;
Paulos war mein (Begleiter?). Nestis leitete mich überall
und schaffte mir Nahrung überall, einen Fisch vom Quellwasser
gar gross und rein, den gefangen hatte eine reine Jungfrau,
und den gewährte sie den Genossen immer zu essen
und spendete Wein in guter Mischung mit Brot.
Dies habe ich Aberkios unter meiner eignen Aufsicht so
zu schreiben geheissen.
Das zweiundsiebzigste Jahr hab‘ ich wirklich vollbracht.
Wer dies versteht, bitte für Aberkios, ein jeder Genosse.
Aber keiner soll in mein Grab noch einen andern oben
darauf beisetzen.
Wenn er es thut, soll er dem römischen Fiscus spenden
zweitausend Goldstücke
und der guten Vaterstadt Hierapolis tausend Goldstücke.“ (Aberkiosinschrift)


(Nachbau von Aberkios‘ Grabstein.)

Das waren jetzt alles keine Lehrschreiben von Theologen, und die Paulusakten sind an ein paar Stellen auch theologisch fehlerhaft (z. B. tauft Thekla sich selbst) oder vielleicht etwas legendarisch, aber diese Aussagen zeigen alle, dass unter den Christen des 2. und frühen 3. Jahrhunderts die Ansicht verbreitet war, man sollte für die Toten beten und könnte ihnen damit helfen, an einen besseren Ort zu kommen.

Jetzt zum Schicksal der Seelen vor dem Weltgericht:

Der hl. Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg zu seiner Gerichtsverhandlung und seinem Martyrium in Rom an eine Gemeinde, dass er, wenn er im Himmel sei, für sie beten werde, was impliziert, er werde bei Gott sein, während die Trallianer noch auf Erden leben:

„Meine Seele opfert sich für euch nicht nur jetzt, sondern auch wenn ich zu Gott gelangt bin.“ (Brief des Ignatius an die Trallianer 13,3)

Vor ihrem Tod wird von mehreren Märtyrern von Visionen berichtet. Die oben schon erwähnte Perpetua berichtet von einem ihrer Leidensgenossen, dass er eine Vision hatte, laut der sie gleich nach ihrem Martyrium in den Himmel kommen würden:

„Aber auch der selige Saturus hat folgende Erscheinung, die er selbst gehabt hat, aufgeschrieben und bekannt gemacht. Wir hatten, sagt er, gelitten und gingen aus dem Fleische hinaus; da wurden wir von vier Engeln, deren Hände uns nicht berührten, nach Osten getragen. Wir machten den Weg aber nicht mit dem Rücken liegend und aufwärts gerichtet, sondern so, als wenn wir einen sanften Hügel hinanstiegen. Und als wir aus der ersten Welt heraus waren, sahen wir ein großes Licht, und Perpetua, die an meiner Seite war, sagte: Das ist, was uns der Herr verheißen hat, wir haben die Verheißung empfangen. Und indem wir so von den vier Engeln getragen wurden, öffnete sich uns ein weiter Raum, wie ein Lustgarten; darin waren Rosenbäume und Blumen aller Art. Die Bäume waren so hoch wie Zypressen und ihre Blätter fielen ohne Unterlaß herab. Dort in dem Lustgarten waren vier andere Engel, herrlicher als die vorigen; als diese uns sahen, erwiesen sie uns Ehre und sagten zu den anderen Engeln: Da sind sie, da sind sie! Mit Verwunderung und staunend setzten uns nun jene Engel, die uns getragen hatten, ab und wir durchschritten den Raum zu Fuß auf einem breiten Wege. Dort fanden wir den Jokundus, den Saturninus und den Artaxius, die in derselben Verfolgung lebendig verbrannt wurden, und den Quintus, der als Märtyrer im Kerker gestorben war, und fragten sie, wo die übrigen seien. Die Engel aber sprachen zu uns: Kommt zunächst hinein und grüßet den Herrn.

Und wir kamen zu einem Orte, dessen Wände aus Licht gebaut zu sein schienen; vor dem Eingange dieses Ortes bekleideten uns, als wir eintraten, vier Engel mit weißen Gewändern. Wir traten ein und hörten eine vereinte Stimme, die unaufhörlich: Heilig, heilig, heilig rief. Und wir sahen in diesem Orte einen alten Mann sitzen, der schneeweißes Haar, aber ein jugendliches Angesicht hatte; seine Füße aber sahen wir nicht. Zu seiner Rechten aber und zu seiner Linken standen vier Älteste und hinter ihnen noch mehrere andere Älteste. Voller Bewunderung traten wir ein und standen vor dem Throne; die vier Engel hoben uns in die Höhe, wir küßten ihn und er warf es uns von seiner Hand ins Antlitz zurück. Die übrigen Ältesten aber sagten uns: Laßt uns stehen! Und wir stellten uns und gaben den Friedenskuß. Und die Ältesten sagten zu uns: Gehet jetzt und spielet! Da sagte ich zu Perpetua: Da hast du, was du verlangst. Und sie entgegnete mir: Gott sei Dank; wie ich im Fleische fröhlich war, will ich es jetzt noch mehr sein.

Wir gingen hinaus und sahen vor der Türe den Bischof Optatus zur Rechten und den Priester und Lehrer Aspasius zur Linken; sie standen da voneinander getrennt und traurig, warfen sich uns zu Füßen und sagten: Stiftet Frieden unter uns, weil ihr hinausgegangen seid und uns so zurückgelassen habt. Und wir sagten zu ihnen: Bist du nicht unser Bischof und du unser Priester, daß ihr euch uns zu Füßen leget? Und wir wurden gerührt und umarmten sie. Perpetua redete griechisch mit ihnen und wir gingen mit ihnen in den Lustgarten unter einen Rosenbaum. Und während wir mit ihnen redeten, sagten die Engel zu ihnen: Lasset sie, sie sollen sich ergötzen; und wenn ihr Streitigkeiten untereinander habt, so vergebet einander; sie trieben sie fort und sagten zu Optatus: Bessere dein Volk. Denn so kommt man bei dir zusammen, als ob man aus dem Zirkus zurückkehrte und in Parteien geteilt stritte. Es schien uns aber, als wollten sie die Tore schließen. Und wir erkannten dort viele Brüder, die auch Märtyrer waren; wir alle wurden mit einem unbeschreiblichen Wohlgeruche erfüllt, der uns sättigte. Darauf erwachte ich in freudiger Stimmung.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 11-13)

Bischof Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr., dass die Seelen der Toten schon vor dem Gericht an unterschiedliche Orte kämen; er wendet sich hier hauptsächlich gegen die Lehre von der Seelenwanderung, die manche antike Sekten vertraten:

„Hierdurch [das Gleichnis vom armen Lazarus und dem Reichen] ist deutlich erklärt worden, daß die Seelen nicht von Körper zu Körper übergehen, sondern fortdauern, die menschliche Gestalt beibehalten, um erkannt zu werden, und sich an die irdischen Dinge erinnern; daß ferner dem Abraham die Lehrgabe innewohnt, und daß auch schon vor dem Gerichte jede Menschenart den ihr gebührenden Wohnplatz erhält.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,34,1)

Außerdem schreibt er allerdings:

„Wenn also der Herr das Gesetz der Toten beobachtet hat, um der Erstgeborene von den Verstorbenen zu werden, und bis zum dritten Tage in den Tiefen der Erde sich aufhielt, dann aber, im Fleische auferstand, um den Jüngern die Male der Nägel zu zeigen, ehe er zum Vater aufstieg, dann sind die widerlegt, die da sagen, die Unterwelt, das sei diese irdische Welt, und dieser ihr unterer Mensch lasse hier seinen Leib zurück, um an den überhimmlischen Ort emporzusteigen. Wenn nämlich der Herr ‚mitten im Todesschatten hinging‘, wo die Seelen der Verstorbenen waren, dann aber leiblich auferstand und nach der Auferstehung emporgehoben wurde, dann werden offenbar auch die Seelen seiner Jünger, derentwegen der Herr dies getan hat, an jenen unsichtbaren Ort abgehen, der ihnen von Gott bestimmt ist, und dort bis zur Auferstehung verbleiben, ihre Auferstehung erwartend. Dann aber werden sie, ihre Leiber wieder empfangend und vollkommen, d. h. leiblich auferstehend, wie auch der Herr auferstanden ist, zur Anschauung Gottes gelangen. (Irenäus, Gegen die Häresien V,31,2)

Hier scheint er zu implizieren, die Seelen wären zwar in dieser „Zwischenzeit“ lebendig, würden aber noch nicht Gott schauen, sondern an einem anderen Ort warten.

Der hl. Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. ganz entschieden, die Auferstehung komme erst am Ende der Zeiten und verurteilt diejenigen, die anderer Ansicht sind, als Ketzer (wobei unklar ist, ob vielleicht diese anderen Gruppen die Auferstehung des Fleisches am Ende der Zeiten ganz leugnen):

„Wenn ihr zusammenkommen solltet mit solchen, welche sich Christen nennen und obige Anschauung nicht teilen, welche dazu aber noch sich erkühnen, den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs zu lästern, und ferner behaupten, es gäbe keine Auferstehung der Toten, sondern ihre Seelen würden schon beim Tode in den Himmel aufgenommen werden, dann haltet sie nicht für Christen, so wenig als einer, wenn er richtig urteilt, behaupten dürfte, die Sadduzäer oder die verwandten Sekten der Genisten, Meristen, Galiläer, Hellenianer, Pharisäer-Baptisten seien Juden; mögen sie auch sich Juden oder Kinder Abrahams nennen und mit den Lippen Gott bekennen, ihr Herz ist aber doch, wie Gott selbst gerufen hat, ferne von ihm. Höret nicht unwillig auf mich, wenn ich alles sage, was ich denke! Ich aber und die Christen, soweit sie in allem rechtgläubig sind, wissen, daß es eine Auferstehung des Fleisches gibt, und daß tausend Jahre kommen werden in dem aufgebauten, geschmückten und vergrößerten Jerusalem, wovon der Propheten Ezechiel und Isaias und die übrigen sprechen. […]

Ferner hat einer, der bei uns war, Johannes hieß und zu den Aposteln Christi gehörte, in einer Offenbarung prophezeit, die, welche an unseren Christus glauben, werden in Jerusalem tausend Jahre verbringen, und dann werde für alle ohne Ausnahme die allgemeine und sogenannte ewige Auferstehung und das allgemeine und sogenannte ewige Gericht folgen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 80,4f. u. 81,4)

Tatian wiederum (der allgemein etwas unorthodox war) vertritt in den 170ern n. Chr. ganz eigene Ansichten; die Seelen der Ungerechten würden sich im Tod auflösen, aber beim Jüngsten Gericht zusammen mit den Körpern wieder auferstehen, um bestraft zu werden, die Seelen der Gerechten dagegen würde es zu Gott hinziehen, weil sie mit seinem Geist Gemeinschaft haben:

„Nicht unsterblich, ihr Bekenner des Griechentums, ist unsere ‚Seele‘ an sich, sondern sterblich: sie kann aber trotzdem dem Tode entrinnen. Denn sie stirbt und erfährt zusammen mit dem Körper ihre Auflösung,  wenn sie die Wahrheit nicht erkannt hat; später, am Ende des Weltlaufs, steht sie freilich mit dem Körper auf, aber nur, um als Strafe den Tod in der Unsterblichkeit zu empfangen: dagegen stirbt sie überhaupt nicht, mag auch ihre zeitweilige Auflösung erfolgen, wenn sie mit der Erkenntnis Gottes ausgerüstet ist. An und für sich ist sie Finsternis und kein Licht ist in ihr und hierauf eben bezieht sich das Wort: ‚Die Finsternis fasset nicht das Licht‘. Denn nicht die Seele ist es, die den Geist rettet, sondern sie wird von ihm gerettet und ‚das Licht fasset die Finsternis‘, wobei der Logos als das von Gott ausgehende ‚Licht‘, als ‚Finsternis‘ aber die unkundige Seele zu verstehen ist. Wenn sie daher allein für sich lebt, so neigt sie sich niederwärts zur Materie und stirbt zugleich mit dem Fleische; hat sie aber Gemeinschaft mit dem göttlichen Geiste, so ist sie nicht hilflos, sondern steigt hinauf in jene Lande, zu denen sie der Geist führt: denn seine Wohnung ist in der Höhe, ihr Ursprung dagegen in der Tiefe. Im Anfang also wohnte der Geist mit der Seele zusammen; der Geist aber hat sie verlassen, als sie ihm nicht folgen wollte. Doch da sie gleichsam einen Funken seiner Kraft behielt und nur infolge der Scheidung das Vollkommene nicht erschauen konnte, suchte sie Gott in der Irre und bildete sich viele Götter, indem sie den streitsüchtigen Dämonen folgte. Der Geist Gottes ist nun nicht mehr bei allen Menschen; bei einigen aber, deren Wandel gerecht war, ist er eingekehrt und vermählte sich mit ihrer Seele, um durch Weissagungen den übrigen Seelen das Verborgene kundzutun: und die Seelen, die der Weisheit folgten, zogen den verwandten Geist an sich, die aber nicht folgten und den Boten des Gottes, der gelitten hat, verschmähten, die zeigten sich mehr als Gottesfeinde, denn als Gottesdiener. […]

So bleibt uns nichts übrig, als nach dem, was wir besaßen und verloren haben, jetzt zu suchen: die Seele mit dem heiligen Geist zu verbinden und die gottgewollte Vermählung mit ihm zu bewirken.

Die Seele der Menschen ist nicht ein-, sondern vielteilig; denn sie ist zusammengesetzt, so daß sie überall am Leibe offenbar wird: ja sie könnte ebensowenig ohne den Leib in Erscheinung treten wie das Fleisch ohne die Seele aufstehen kann. Denn der Mensch ist nicht, wie die Rabenkrächzer lehren, ein vernünftiges, für Verstehen und Wissen empfängliches Tier (nach ihnen wird man auch von den unvernünftigen Tieren ’nachweisen‘ können, daß sie fähig seien, zu verstehen und zu wissen), sondern der Mensch allein ist Ebenbild und Gleichnis Gottes und ich nenne nicht den einen Menschen, der wie die Tiere handelt, sondern den, der über sein Menschentum hinaus zu Gott selbst gelangt ist. […] Unvergleichbar ist nur das absolut Seiende (d.i. Gott), vergleichbar nur das Ebenbildliche (d.i. der Mensch). Unfleischlich ferner ist der vollkommene Gott, der Mensch aber ist Fleisch: das Band seines Fleisches ist die Seele, Träger seiner Seele das Fleisch. Nehmen wir nun an, dieser so gestaltete (aus Fleisch und Seele bestehende) Organismus gleiche einem Tempel, so will Gott in ihm wohnen durch den Geist, seinen Abgesandten; ist er aber kein solches Heiligtum, so ist der Mensch den Tieren nur durch seine artikulierte Stimme überlegen und, da seine anderen Lebensäußerungen durchaus den tierischen gleichen, auch kein ‚Gleichnis Gottes‘. […]

Aber (wohl gemerkt): die Dämonen, die mit den Menschen schalten, sind nicht die Seelen der abgeschiedenen Menschen. Denn wie sollten sie just nach dem Tode tatkräftig werden, außer man nähme an, daß der Mensch ohne Verstand und ohne Kraft ins Leben trete und erst durch den Tod eine gewisse Kraftfülle empfange. Doch das stimmt nicht, wie ich anderswo bewiesen habe, und es wäre auch schwer zu begreifen, daß die ‚unsterbliche‘ Seele von den Gliedern des (sterblichen) Leibes gehemmt sein und erst dann, wann sie sich von ihm trenne, vernünftiger werden so.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 13 u. 15,1-4.6f. u. 16,1f.)

Man sieht also, dieses Thema war noch umstritten.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 10b: Die Auferstehung des Fleisches: Eine ausführliche Erläuterung

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): 1 Kor 15; Ez 37,1-14; Lk 24,38-43; Joh 11,24; 2 Tim 2,18; Mt 27,52f.; Joh 12,24; 1 Kor 6,14-20.

Im letzten Teil ging es allgemein um das Thema der Auferstehung des Fleisches. Das war ein Thema, das bei der heidnischen Umwelt auf Skepsis stieß; dementsprechend brachten die Christen auch genauere Erklärungen vor. Athenagoras von Athen schrieb ca. 180 n. Chr. ein Werk mit dem Titel „Über die Auferstehung der Toten“, das einige interessante Fragen angeht, und aus dem ich hier einige Auszüge bringen will.

Zuerst begründet er, wieso Gott die Macht dazu besitze, die Leiber wieder auferstehen zu lassen:

„Mögen sie nämlich behaupten, die Auferstehung sei mit Gottes Macht oder sie sei mit Gottes Willen unvereinbar, sie treffen nicht das Richtige. Die nachfolgende Abhandlung wird dies deutlich zeigen. […]

Nun aber ist es ganz ausgeschlossen, daß Gott die Natur der zur Auferstehung bestimmten Leiber nicht kennt nach all ihren Teilen und Teilchen, daß er nicht weiß, wohin ein jedes Teilchen der sich auflösender Körper gerät und welcher Teil der Materie das Aufgelöste und zu dem ihm Verwandten Hinzugetretene aufgenommen hat, wenn auch menschlichen Augen das mit dem All in naturgemäßem Anschluß wiedervereinigte völlig ununterscheidbar vorkommt. Er, der schon vor der eigenartigen Zusammensetzung eines jeden Organismus die Natur der zu schaffenden Grundstoffe kannte, aus denen die Menschenleiber bestehen, und der auch wußte, aus welchen Teilen derselben er das zur Zusammensetzung des menschlichen Leibes Nötige nehmen sollte, weiß selbstverständlich auch nach der Auflösung des Ganzen, wo ein jedes der von ihm zum Aufbau der einzelnen Leiber verwendeten Atome hingekommen ist. Nach der jetzt für uns geltenden Ordnung der Dinge und nach der Beobachtung, die wir sonst machen, ist das Vorherwissen des Nochnichtseienden mehr; aber für Gottes Würde und Weisheit ist beides naturgemäß und ist das Vorherwissen des Nochnichtseienden nicht schwieriger als die Kenntnis des Aufgelösten.“ (Über die Auferstehung der Toten 2)

„Daß er dann auch zur Auferweckung der Leiber die ausreichende Macht besitzt, beweist schon deren Entstehung. Wenn er nämlich die Menschenleiber und deren Elemente bei der ersten Zusammensetzung aus dem Nichts erschuf, wird er nach erfolgter Auflösung sie mit der gleichen Leichtigkeit auch auferwecken, wobei es gleichgültig ist, wie sie sich aufgelöst haben. Denn auch dies ist ihm gerade so leicht möglich. Und der Sache verschlägt es nichts, mag man die Elementarstoffe aus einer noch nicht differenzierten Materie oder die Menschenleiber aus den schon bestimmten Grundstoffen als dem Ursprünglichen oder aus Keimen herleiten. Eine Macht, die imstande war; die bei jenen Elementarstoffen vorausgesetzte gestaltlose Substanz zu gestalten, die ungeformte und ungeordnete durch viele und verschiedene Formen zu ordnen, die Teile der Grundstoffe zu einem einheitlichen Gebilde zu verbinden, den Keim, der einheitlich und einfach ist, zu vervielfältigen, das Ungegliederte zu gliedern, dem Leblosen Leben einzuhauchen, ist auch imstande, das Aufgelöste zu einigen, das Liegende aufzurichten, das Tote wieder zu beleben und das Verwesliche zur Unverweslichkeit emporzuheben. Einem und demselben kommt es zu, der nämlichen Macht und Weisheit, das an die Menge der mannigfachen Lebewesen, die sich an menschlichen Leibern zu vergreifen und sich an ihnen zu sättigen pflegen, Verteilte aus diesen auszuscheiden und mit den ursprünglichen Teilen und Teilchen wieder zu vereinigen, mag es nun in eines jener Lebewesen gekommen sein oder in viele und von diesen in andere, oder mag es, nachdem es mit diesen sich aufgelöst hat, in jenem natürlichen Prozesse, durch den sich alles wieder in die Grundstoffe auflöst, schon wieder zu diesen zurückgekehrt sein. Indes gerade dieser Gedanke ist es, der wohl am meisten die Köpfe verwirrte und selbst Kapazitäten stutzig machte, so daß sie, merkwürdig genug, die von der Menge vorgebrachten Bedenken für begründet hielten.“ (Über die Auferstehung der Toten 3)

Auch dass manche Leichen von Tieren gefressen werden und diese Tiere wieder von Menschen gegessen werden, oder es manchmal sogar Kannibalismus unter Menschen gebe, ändere nichts daran:

„Diese wenden ein, viele Leiber von denen, die bei Schiffbrüchen oder in Flüssen jämmerlich umkamen, seien schon Nahrung für Fische geworden, und viele Leiber der im Kriege Gefallenen oder durch ein herberes Geschick und durch den Drang der Umstände ohne Bestattung Gebliebene hätten den sie auffindenden Tieren zum Fraße gedient. Wenn nun die Leiber in der angegebenen Weise aufgezehrt werden und ihre integrierenden Teile und Teilchen zerstückelt in viele Organismen hineinkommen und sich in Form von Nahrung mit den Leibern der so ernährten Wesen vereinigen, so sei es, wendet man ein, fürs erste unmöglich, diese auszuscheiden, dann aber sei noch weniger durchführbar folgendes Zweite. Es kommen nämlich die Leiber jener Tiere, welche sich mit Menschenfleisch ernährt haben, falls sie sich zur Nahrung für Menschen eignen, selbst wieder in menschliche Mägen und werden so mit den Leibern der Essenden vereinigt; so müssen notwendig solche menschliche Teile, die den auffressenden Tieren zur Nahrung gedient haben, in andere Menschenleiber hinüberwandern, indem die mittlerweile hievon ernährten Tiere das, was ihnen zur Nahrung diente, in jene Menschen hinüberleiten, deren Nahrung sie selbst werden. Außerdem weist man mit erkünsteltem Pathos auf Kinderverzehrungen hin, zu denen Hungersnot oder Wahnsinn trieb, und auf die infolge feindlicher Überlistung von ihren eigenen Erzeugern aufgegessenen Kinder und jenen medischen Tisch und die tragischen Mahlzeiten eines Thyestes und reiht daran noch andere Begebenheiten ähnlicher Art, die sich erst jüngst bei Griechen und Barbaren zugetragen haben. Hiedurch glaubt man, die Unmöglichkeit der Auferstehung dartun zu können; denn bei der Auferstehung können nicht die nämlichen Teile verschiedenen Menschen zugewiesen werden, sondern es müssen entweder die Leiber der einen unvollständig bleiben, weil integrierende Bestandteile von ihnen in andere Menschen hineingekommen sind, oder wenn diese Teile ihren früheren Inhabern zurückerstattet werden, die Leiber der andern ein Manko erleiden.(Über die Auferstehung der Toten 4)

Entweder könne der Körper aber Nahrung aus Menschenfleisch gar nicht aufnehmen…

„Mich aber will es bedünken, daß die Vertreter solcher Ansichten zunächst von der Macht und Weisheit dessen keinen Begriff haben, der da dieses All gebildet hat und lenkt, der der Natur und Art eines jeden Lebewesens die passende und entsprechende Nahrung bestimmt hat, der angeordnet hat, daß nicht jede Natur mit jedem Leibe sich vereinige und vermische, der auch die Scheidung des Geeinigten zu bewerkstelligen vermag, der der Einzelnatur der Geschöpfe das naturgemäße Tun und Leiden zuweist und ein anderes abhält, der schließlich alles, was er will, und zu dem Zwecke, wozu er will, geschehen läßt und verändert; ferner scheinen mir jene Leute auch die Fähigkeit und Natur der ernährenden und der ernährten Wesen im einzelnen nicht erwogen zu haben. Sonst müßten sie doch wissen, daß nicht alles, was einer aus Nachgiebigkeit gegen äußeren Zwang in sich aufnimmt, für seinen Organismus naturgemäße Nahrung wird, sondern daß manches schon beim Eintritt in die Gedärme verderben muß, indem es ausgespien wird oder abgeht oder sonstwie sich verteilt, so daß es auch nicht auf kurze Zeit die erste und naturgemäße Verdauung durchmacht, geschweige denn dem zu ernährenden Körper sich assimiliert; ja es braucht sich nicht einmal alles Verdaute, das die erste Veränderung schon überstanden hat, unter allen Umständen mit den zu ernährenden Teilchen vereinigen […]“ (Über die Auferstehung der Toten 5)

„Da also zwischen den animalischen Organismen eine große von der Natur gesetzte Verschiedenheit besteht und gerade die naturgemäße Ernährung bei jeder Art derselben und bei jedem zu ernährenden Leibe eine andere ist, da es ferner hinsichtlich der Ernährung eines jeden Organismus eine dreifache Reinigung und Aussonderung gibt, so muß einerseits alles für die Ernährung eines Organismus Ungeeignete, weil es sich mit diesem nicht vereinigen kann, vollständig zerstört werden und auf natürlichem Wege abgehen oder sich zu etwas anderem hinwenden; anderseits muß die Qualität des ernährenden Leibes den Qualitäten des zu ernährenden Leibes angepaßt und naturgemäß sein und schließlich, wenn sie den naturgemäßen Weg durch die aussondernden Organe zurückgelegt hat und durch die natürlichen Läuterungsmittel sorgfältig geläutert worden ist, ein ganz reiner Zuwachs zur Leibessubstanz werden. […] Wenn also nach der Verschiedenheit der durch ihre Natur verschiedenen Organismen auch in der naturgemäßen Nahrung Verschiedenheit herrscht und von dieser selbst weder alles, was der Organismus aufgenommen hat noch auch jeder beliebige Teil hievon der Vermischung mit dem zu ernährenden Leibe fähig ist, sondern immer nur soviel, als durch die einzelnen Verdauungsstufen geläutert und zur Einigung mit dem so oder so beschaffenen Leibe vollkommen umgewandelt worden ist und sich den ernährten Teilen restlos einfügt, so kann selbstredend nie etwas Naturwidriges mit dem sich einigen, wofür es keine naturgemäße und entsprechende Nahrung ist, sondern es geht, sei es in seinem ursprünglichen Zustand oder auch zerstört, durch die Bauchhöhle ab, bevor es noch einen anderen Saft produzieren konnte, oder aber es bleibt länger darin und erzeugt dann Unbehagen oder unheilbare Krankheit, die auch die naturgemäße Nahrung oder sogar das der Nahrung bedürftige Fleisch mitzerstört. Ja – eine solche Substanz geht selbst dann, wenn sie einmal durch irgendwelche Arzneien oder durch bessere Speisen oder durch die natürlichen Kräfte überwunden und abgeführt wird, nicht ohne schwere Schädigung ab, weil sie wegen ihrer Unfähigkeit, sich zu assimilieren, der Natur des Körpers nichts Verträgliches zuführt.“ (Über die Auferstehung der Toten 6)

… oder solche Nahrung werde zwar aufgenommen, bleibe aber trotzdem im eigentlichen Sinn Teil des Körpers des Aufgegessenen, nicht des Essers, und werde irgendwann wieder ausgeschieden:

„Selbst wenn man zugibt, die aus solchen Substanzen eingehende Nahrung (dieser Ausdruck sei gebraucht, weil er nun doch einmal der gewöhnlichere ist) werde trotz ihrer Naturwidrigkeit aufgesogen und verwandle sich in einen Teil des Flüssigen oder Trockenen oder Warmen oder Kalten, wird aus diesem Zugeständnis unsern Gegnern kein Vorteil erwachsen. Denn die auferstehenden Leiber setzen sich nur aus den eigenen Teilen wieder zusammen. Nun aber ist nichts von dem Erwähnten ein Teil noch kommt ihm die Beschaffenheit und der Platz eines ständigen Teiles zu; auch bleibt es nicht für immer bei den zu ernährenden Teilen des Leibes noch steht es auf mit dem Auferstehenden. Denn Blut, Schleim, Galle, Atem sind dann nicht mehr Lebensfaktoren. Was ehemals die auf Nahrung angewiesenen Leiber brauchten, werden sie dann nicht mehr brauchen; mit der Unvollkommenheit und Sterblichkeit derselben kommt auch ihr Nahrungsbedürfnis in Wegfall. Selbst wenn man annimmt, die durch solche Nahrung hervorgerufene Veränderung erstrecke sich sogar auf das Fleisch, so folgt daraus noch lange nicht, daß das infolge solcher Nahrung schließlich veränderte Fleisch, nachdem es in den Leib eines andern Menschen hineingekommen ist, als Bestandteil zu dessen Wiederaufbau verwendet werden muß. Denn das aufnehmende Fleisch selbst hält nicht jedesmal das aufgenommene fest und dieses ist selbst für den Fall, daß es sich damit vereinigt, kein ständiger Teil und bleibt nicht dauernd bei dem Fleische, dem es sich einverleibt hat; es unterliegt vielmehr einer starken Verwandlung in andere Stoffe, mag es sich nun infolge von Arbeiten und Sorgen verteilen oder infolge von Schmerzen, von Ermüdungen und Krankheiten, von Unpäßlichkeiten, die aus Erhitzung oder Erkältung entstanden sind, verzehren, was deswegen geschehen kann, weil das Fettnetz, welches unbeschadet seines eigenen Zustandes die Nahrung aufnimmt, nicht selbst wieder mit dem Fleische und Fette sich verändert. Zwar gibt es derartige Veränderungen bei jedem Fleische, viel häufiger jedoch kann man sie bei demjenigen Fleische konstatieren, das mit nicht verwandten Stoffen ernährt wird; bald schwillt es infolge des Aufgenommenen an und wird fett, dann wieder scheidet es dasselbe aus, wie es gerade geht, und wird mager, mag nun eine einzige der früher erwähnten Ursachen dies bewirken oder der Komplex mehrerer. […] Indes werden sich Menschenleiber nie ihresgleichen assimilieren, wenn einmal einer aus Unwissenheit, von einem andern in Sinnestäuschung versetzt, von einem solchen Leibe etwas in sich aufnimmt oder von selbst aus Not oder im Wahnsinn mit dem Leibe eines Gleichartigen sich befleckt; denn wir dürfen nicht vergessen, daß es wirklich Bestien in Menschengestalt gibt, Synthesen aus Mensch und Tier, wie phantasievolle Dichter sie zu ersinnen pflegen.“ (Über die Auferstehung der Toten 7)

Die Auferstehung des Fleisches zu bewirken sei für Gott auch nicht unangemessen oder ungerecht:

„Ist etwas mit dem Willen Gottes nicht vereinbar, so liegt der Grund hiefür entweder in der Ungerechtigkeit der Sache oder in ihrer Unangemessenheit. Die Ungerechtigkeit käme in der Auferstehungsfrage in Betracht entweder in Hinsicht auf den Auferstehenden selbst oder auf irgendeinen andern neben ihm. Daß kein außerhalb der Menschheit stehendes und zur Welt gehöriges Wesen dadurch ein Unrecht erleidet, ist von vornherein klar. Den rein geistigen Naturen wird durch die Auferstehung der Menschen schwerlich ein Unrecht geschehen; denn die Auferstehung der Menschen bringt ihnen weder eine Einschränkung ihrer Existenz noch Schaden noch Unehre. Aber auch der unvernünftigen und unbeseelten Welt wird dadurch kein Unrecht widerfahren, denn diese wird nach der Auferstehung nicht mehr sein, gegen ein Nichtseiendes aber gibt es kein Unrecht; angenommen jedoch, sie bestehe in Ewigkeit fort, auch dann würde ihr durch die Erneuerung der Menschenleiber kein Unrecht geschehen; denn wenn ihr jetzt kein Unrecht geschieht, indem sie sich der menschlichen Natur und den Bedürfnissen der auf sie angewiesenen Menschen fügen muß und unterjocht und vielfach geknechtet ist, so wird dies noch viel weniger der Fall sein, wenn einmal die Menschen unsterblich und bedürfnislos geworden sind und ihre Dienste nicht mehr nötig haben, so daß sie dann aller Knechtschaft enthoben ist. Auch würde sie, wenn sie reden könnte, gewiß nicht den Weltbildner verklagen, als habe er sie gegen die Gerechtigkeit unter die Menschen erniedrigt, da er ihr nicht die nämliche Auferstehung wie diesen gewährt habe; denn ungleiche Naturen bestimmt ein Gerechter nicht zu gleichem Ziele; außerdem können Wesen, denen der Begriff der Gerechtigkeit fehlt, nicht den Vorwurf der Ungerechtigkeit erheben. Ferner kann man auch nicht behaupten, daß im Hinblick auf den auferstehenden Menschen selbst eine Ungerechtigkeit sich zeigt. Dieser besteht aus Seele und Leib; nun aber widerfährt ihm weder in Bezug auf die Seele noch in Bezug auf den Leib ein Unecht. Daß der Seele ein Unrecht geschieht, wird kein Vernünftiger behaupten wollen; er würde mit dieser Behauptung, ohne es selbst zu merken, auch den gegenwärtigen Lebenszustand verwerfen. Denn wenn ihr jetzt kein Unrecht geschehen ist, indem sie in eine sterblichen und leidensfähigen Leibe wohnt, wird dies noch viel weniger der Fall sein, wenn sie einmal mit einem unsterblichen und leidensunfähigen Leibe zusammenlebt. Aber auch dem Leibe widerfährt kein Unrecht; denn wenn ihm jetzt kein Unrecht geschieht, indem er als sterblicher Teil mit einem unsterblichen vereint ist, wird ihm auch keines geschehen, wenn er einmal als unsterblicher Teil mit einem unsterblichen vereint ist. Endlich wird auch niemand behaupten wollen, in der Auferweckung und Wiedervereinigung des aufgelösten Leibes liege für Gott eine Unangemessenheit. Denn wenn das Geringere nicht gegen Gottes Würde war, nämlich die Erschaffung eines sterblichen und leidensfähigen Leibes, so ist es noch viel weniger das Größere, nämlich das Unsterbliche und Leidensunfähige.“ (Über die Auferstehung der Toten 10)

Der Mensch sei um seiner selbst willen geschaffen und solle ewig leben, und das solle er auch mit seiner vollständigen Natur, bestehend aus Leib und Seele:

Den von der Entstehungsursache abgeleiteten Beweis bekommen wir, wenn wir uns fragen, ist der Mensch von ungefähr und zwecklos erschaffen worden oder zu einem bestimmten Zwecke; und wenn das letztere der Fall ist, ist er dann da, um nach seiner Erschaffung für sich selbst zu leben und in der ihm angeschaffenen Natur fortzubestehen oder, weil ein anderes Wesen seiner bedarf; wenn er aber in Hinsicht auf ein Bedürfnis erschaffen wurde, ist es dann der Schöpfer selbst, der seiner bedarf, oder irgendein anderes Wesen, das diesem nahe steht und sich hoher Fürsorge erfreut. Was wir schon bei einer allgemeineren Betrachtung finden können, ist die Tatsache, daß jeder Verständige, jeder, der sich durch vernünftiges Urteil zu einer Tätigkeit bewegen läßt, nichts von dem, was er vorsätzlich ins Werk setzt, zwecklos tut, sondern entweder um ein eigenes Bedürfnis zu befriedigen oder einem anderen Wesen, für das er besorgt ist, zu nützen oder wegen des Werkes selbst, wenn ihn nämlich ein natürlicher Zug, eine natürliche Liebe zu dessen Hervorbringung bewegt. So baut der Mensch (ein Beispiel möge die Sache erläutern) ein Haus, weil er selbst dessen bedarf; er baut aber auch für Rinder, Kamele oder für die anderen Tiere, die er benötigt, das einem jeden derselben passende Obdach; wenn man nach dem Augenschein urteilt, tut er dies nicht zu eigenem Gebrauche, wohl aber, wenn man den Endzweck berücksichtigt; zunächst tut er es aus Fürsorge für seine Pfleglinge. Er erzeugt auch Kinder, nicht etwa weil er selbst deren bedarf oder um eines anderen Wesens willen, das ihm nahe steht, sondern in der Absicht, daß seine Sprößlinge einfach da sind und da bleiben solang als möglich, wobei er sich mit der Nachfolge seiner Kinder und Enkel über sein eigenes Ende tröstet und das Sterbliche auf diese Weise unsterblich zu machen wähnt. So machen es die Menschen. Indes hat auch Gott den Menschen wohl nicht zwecklos erschaffen; denn er ist weise; kein Werk der Weisheit aber entbehrt des Zweckes. Auch hat er ihn nicht erschaffen, weil er selbst seiner bedürfte; denn er bedarf überhaupt nichts; einem Wesen aber, das vollständig bedürfnislos ist, kann keines seiner Werke zu eigenem Bedarfe dienen. Er hat aber auch den Menschen nicht um eines andern Geschöpfes willen gemacht; denn kein vernünftiges und urteilsfähiges Wesen wurde oder wird ins Dasein gesetzt, um einem anderen Wesen, sei es nun ein höheres oder ein geringeres, zum Gebrauche zu dienen, sondern um selbsteigenes Leben zu haben, wenn es einmal geworden ist, und selbsteigenen Fortbestand. Auch kann die Vernunft die Entstehung des Menschen nicht auf irgendein Bedürfnis zurückführen; denn die unsterblichen Wesen sind bedürfnislos und brauchen zu ihrer Existenz in keiner Weise eine menschliche Hilfe; die unvernünftigen Wesen dagegen müssen sich nach dem natürlichen Lauf der Dinge beherrschen lassen und dem Menschen die ihrer Natur entsprechenden Dienste leisten, während sie selbst nicht fähig sind, sich der Menschen zu bedienen; denn recht war es nicht und ist es nicht, das Herrschende und Führende in den Dienst eines Geringeren zu stellen oder das Vernünftige dem Unvernünftigen unterzuordnen, das doch zum Herrschen ungeeignet ist. Wenn also der Mensch nicht grund- und zwecklos geschaffen ist (denn kein göttliches Werk ist zwecklos), wenn ferner seine Entstehung weder auf ein Bedürfnis des Schöpfers selbst noch auf ein Bedürfnis eines anderen von Gott geschaffenen Wesens zurückzuführen ist, so ist es klar, daß in erster und allgemeinerer Hinsicht Gott den Menschen geschaffen hat, weil er eben Gott ist und weil überhaupt aus dem Schöpfungswerke seine Güte und Weisheit hervorleuchtet; betrachtet man jedoch die Sache mehr vom Standpunkt der geschaffenen Menschen aus, dann deswegen, weil er das Leben derselben will und zwar nicht ein Leben, das nur für kurze Zeit entfacht wird, dann aber gänzlich erlöschen soll. Den Reptilien freilich, den Luft- und Wassertieren, überhaupt allem Vernunftlosen hat Gott ein kurzes Leben beschieden, dagegen hat er den Menschen, die das Bild des Schöpfers selbst in sich tragen und mit Vernunft und unterscheidendem Verstande begabt sind, ewige Fortdauer verliehen. Denn ihre Bestimmung ist es, in der Erkenntnis ihres Schöpfers und seiner Macht und Weisheit und in der Erfüllung des Gesetzes und Rechtes die ganze Ewigkeit hindurch ohne alles Leid in jenen Gütern zu leben, durch die sie auch schon ihrem vorausgehenden Leben Festigkeit und Halt gegeben haben, obwohl sie in sterblichen und irdischen Leibern wohnten. Alles, was um eines anderen willen entstanden ist, muß, sobald das, wofür es entstanden ist, aufhört, ebenfalls zu sein aufhören; es kann nicht zwecklos fortbestehen, da die Zwecklosigkeit in den Werken Gottes keine Stätte findet; was aber gerade zu dem Zwecke entstanden ist, daß es sei und seiner Natur entsprechend lebe, das kann, weil hier die Ursache mit der Hervorbringung dieser Natur am Ziele angelangt ist und offenbar nichts anderes als die Existenz bezweckte, nie einer anderen Ursache zugänglich sein, welche die Existenz völlig aufheben würde. Vielmehr muß, weil jene Ursache offenbar jedesmal die Existenz bezweckte, das entstandene Wesen auch ganz erhalten bleiben mit all den aktiven und passiven Qualitäten, die zu seiner Natur gehören; auch muß jeder seiner beiden Bestandteile das Seinige mitbeitragen; die Seele nämlich muß in dem ihr angeschaffenen Zustand gleichmäßig sein und beharren und all das leisten, was ihr naturgemäß zukommt; es kommt ihr aber zu, die Begierden des Leibes zu beherrschen und jeden einzelnen Fall mit den gehörigen Beurteilungsmitteln und Maßstäben zu beurteilen und zu messen; der Leib dagegen muß sich naturgemäß zu all dem bewegen lassen, wozu er bestimmt ist, und die ihm beschiedenen Veränderungen annehmen, nämlich außer den andern, die auf die verschiedenen Altersstufen oder auf Gestalt und Größe sich beziehen, auch die Auferstehung. Denn eine Art Veränderung und zwar die allerletzte ist sowohl die Auferstehung als auch die Umwandlung ins Bessere, welche bei den in jener Zeit noch Lebenden erfolgen wird.“ (Über die Auferstehung der Toten 12)

„Dies (Kommende) steht für uns nicht weniger fest als das bereits Geschehene. In Anbetracht unserer Natur sind wir einerseits mit dem gegenwärtigen Lebenszustand zufrieden, mag er auch, wie es nun einmal sein muß, den Stempel der Unvollkommenheit und Vergänglichkeit tragen, anderseits aber hoffen wir mit Zuversicht auf eine Fortdauer in Unvergänglichkeit. Kein Wahngebilde menschlicher Phantasie ist es, worauf wir bauen, keine trügerische Hoffnungen sind es, womit wir uns nähren, sondern wir haben dem untrüglichsten, dem verlässigsten Bürgen vertraut, nämlich der Absicht unseres Schöpfers, die ihn bewog, den Menschen aus einer unsterblichen Seele und einem Leibe zu bilden und ihn mit Verstand und einem eingepflanzten Sittengesetz auszustatten, damit er das Heil erlange und die göttlichen Gaben bewahre, die einem verständigen und vernünftigen Leben angepaßt sind. Denn wir sind fest überzeugt, Gott hätte ein solches Wesen nicht hervorgebracht und mit allen zu einer Fortdauer dienlichen Mitteln ausgestattet, wenn er die Fortdauer dieses Geschöpfes nicht gewollt hätte. Wenn also der Weltschöpfer den Menschen dazu geschaffen hat, daß er ein verständiges Leben habe und, nachdem er einmal Gottes Herrlichkeit und Schöpferweisheit geschaut, immerdar in der Schauung dieser Dinge bleibe, wie es der Absicht des Schöpfers und der Natur des Menschen entspricht, so ergibt sich aus der Entstehungsursache die Gewißheit der ewigen Fortdauer, aus dieser aber die Gewißheit der Auferstehung, ohne die es eine Fortdauer des Menschen nicht geben könnte. So wird also die Auferstehung, wie aus dem Gesagten ersichtlich ist, durch die Entstehungsursache und durch des Schöpfers Absicht klar bewiesen.“ (Über die Auferstehung der Toten 13)

Das Jüngste Gericht (dass die Menschen auch mit dem Leib, der ihnen zum Guten oder Bösen gedient hat, belohnt oder bestraft werden sollen) sei nicht der einzige Grund für die leibliche Auferstehung:

„Denn viele, welche die Auferstehungslehre behandelten, haben den ganzen Beweis hiefür in diesem dritten Punkte gefunden, in der Meinung, die Auferstehung sei allein durch das Gericht veranlaßt. Dies aber ist ein Irrtum, der darin seine volle Widerlegung findet, daß alle verstorbenen Menschen auferstehen, aber nicht alle Auferstandenen gerichtet werden. Wäre die Gerechtigkeit im Gerichte der einzige Grund der Auferstehung, so dürften diejenigen nicht auferstehen, die weder Böses noch Gutes getan haben, nämlich die ganz kleinen Kinder. Da aber alle auferstehen dürfen, außer den andern auch die im Blütenalter Abgeschiedenen, so bestätigen jene selbst, daß die Auferstehung in erster Linie nicht wegen des Gerichtes stattfindet, sondern wegen der Absicht des Schöpfers und der Natur der geschaffenen Menschen.“ (Über die Auferstehung der Toten 14)

Der Mensch bestehe nun mal aus Seele und Leib, sei nur durch deren Zusammensetzung vollständig:

„Immer und überall gehört zur menschlichen Natur eine unsterbliche Seele und der bei der Entstehung ihr beigesellte Leib; denn Gott hat weder der Natur der Seele für sich allein noch der Natur des Leibes für sich allein diese Art der Entstehung, dieses Leben und Wirken zugewiesen, sondern dem aus beiden Faktoren bestehenden Menschen, damit derselbe mit den Bestandteilen, durch die er entstanden ist und lebt, auch wirke und ein einheitliches, beiden Bestandteilen gemeinsames Endziel habe. Ist auch der Mensch aus zwei verschiedenen Naturen zusammengesetzt, so ist er doch ein einheitliches Wesen, das bald seelische, bald körperliche Affekte empfindet und Dinge unternimmt und ausführt, welche bald die sinnliche, bald die geistige Urteilskraft in Anspruch nehmen. So muß sich denn die ganze Verkettung dieser Zustände und Tätigkeiten auf ein einheitliches Endziel beziehen; alles muß sich zu harmonischer Einheit, zu voller Zusammenstimmung im Menschenwesen vereinigen, Entstehung und Natur, Leben, Tun und Leiden, das irdische Wirken und das naturgemäße Endziel. Herrscht im ganzen Wesen, sowohl in den seelischen Vorgängen wie in den körperlichen Verrichtungen, Zusammenhang und Zusammenklang, dann muß auch das Endziel der zusammenstimmenden Teile ein einheitliches sein. Einheitlich aber wird das Endziel in Wahrheit nur dann sein, wenn derjenige, dessen Endziel es eben ist, seiner Zusammensetzung nach das nämliche Wesen bleibt; das nämliche Wesen wird er aber offenbar nur dann bleiben, wenn alle Bestandteile seines Wesens die nämlichen bleiben; diese aber werden die nämlichen bleiben und die ihnen charakteristische Einigung aufzeigen, sobald die getrennten Teile zur Zusammensetzung des Wesens wieder vereinigt werden; ist es aber notwendig, daß die getrennten Teile zusammengesetzt werden, damit die nämlichen Menschen wieder entstehen, so ist damit die Auferstehung der entseelten und aufgelösten Leiber bewiesen. Denn ohne die Auferstehung könnten weder die nämlichen Teile naturgemäß miteinander vereinigt werden noch könnte die Natur der nämlichen Menschen zustande kommen. Und wenn Vernunft und Verstand den Menschen dazu gegeben ist, daß sie das Geistige erfassen, nicht nur (konkrete) Wesenheiten, sondern auch die Güte, Weisheit und Gerechtigkeit des Gebers, so muß, da gerade das (Ziel), um dessentwillen der unterscheidende Verstand gegeben ist, fortdauert, auch das hiezu gegebene unterscheidende Vermögen fortdauern. Dieses aber könnte nicht fortdauern, wenn nicht die Natur, die dasselbe in sich aufgenommen hat, in denen, in welchen sie jetzt ist, auch fortdauerte. Was aber Vernunft und Verstand in sich aufgenommen hat, ist der ganze Mensch, nicht die Seele für sich allein. In Ewigkeit fortdauern muß also der aus Seele und Leib bestehende Mensch. Dies ist aber nur dann möglich, wenn er aufersteht. Findet keine Auferstehung statt, so kann die Menschennatur als solche nicht fortdauern. Gibt es aber keine Fortdauer der Menschennatur, dann ist die Seele zwecklos mit der Armseligkeit und den Affekten des Leibes zusammengekoppelt, zwecklos ist dann auch der Leib hinsichtlich der Befriedigung seiner Begierden gefesselt, da er sich die Lenkung und Leitung durch die Seele gefallen lassen muß, zwecklos ist die Vernunft gegeben, zwecklos ist das Denken und die Beobachtung der Gerechtigkeit oder die Übung jeglicher Tugend, die Abfassung und Aufstellung von Gesetzen, überhaupt alles, was es in der Menschheit und wegen der Menschheit Schönes gibt, ja sogar die Entstehung und Natur der Menschen selbst. Ist dagegen die Zwecklosigkeit von allen Werken Gottes und von allen seinen Gaben vollständig ausgeschlossen, dann muß eben mit der unsterblichen Seele in alle Ewigkeit auch der Leib fortdauern und zwar in der ihm eigentümlichen Natur.“ (Über die Auferstehung der Toten 15)

Es mache keinen Unterschied, dass dieses Leben durch den Tod, der Leib und Seele vorübergehend scheidet, unterbrochen werde; die geistige Seele lebe von Natur aus ewig, dem Leib müsse dieses ewige Leben noch einmal extra von Gott verliehen werden (hier wird noch mal der Unterschied zwischen Menschen, Engeln und Tieren/Pflanzen deutlich gemacht):

„Man nehme keinen Anstoß daran, wenn wir ein Leben, das durch Tod und Verwesung unterbrochen wird, Fortdauer nennen; man bedenke vielmehr, daß dieses Wort nicht nur in einem Sinne gebraucht wird und daß der Begriff der Fortdauer mehreres bedeutet, da ja auch die Natur der Fortdauernden nicht eine und dieselbe ist. Denn wenn ein jedes Fortdauernde eine seiner eigenen Natur entsprechende Fortdauer hat, so muß offenbar das schlechthin Unverwesliche und Unsterbliche eine andere Fortdauer haben, da man die stärkeren Wesenheiten nicht auf die gleiche Stufe stellen darf mit den untergeordneten. Es wäre daher unbillig, beim Menschen jene gleichmäßige und unveränderte Fortdauer zu verlangen; denn während jene höheren Wesen von Anfang an unsterblich sind und nach dem Willen des Schöpfers sich ewiger Fortdauer erfreuen, hat der Mensch von Geburt an nur mit seinem seelischen Teile eine unveränderte Fortdauer; hinsichtlich seiner Leiblichkeit bekommt er die Unverweslichkeit erst infolge einer Veränderung. Das ist der Sinn und Zweck der Auferstehung. Im Hinblick auf diese sehen wir der Auflösung des Leibes, die nun einmal auf das mit Unvollkommenheit und Verweslichkeit behaftete Erdenleben folgen muß, getrost entgegen und erwarten nach diesem Leben eine Fortdauer in Unverweslichkeit. Denn wir wissen zwischen unserem Lebensende und dem der unvernünftigen Wesen, zwischen der Fortdauer der Menschen und der Fortdauer der unsterblichen Wesen wohl zu unterscheiden und wollen nicht den Fehler machen, die Natur und das Leben der Menschen mit Ungehörigem zusammenzustellen. Man darf sich also nicht daran stoßen, wenn bei der Fortdauer des Menschen eine Ungleichheit sich zeigt, und die Auferstehung ablehnen, weil eine Trennung der Seele vom Leibe, weil eine Auflösung der Teile und Teilchen den Lebenszusammenhang unterbricht. Auch das sinnenfällige Leben wird, da die Menschen in gleichen Zeitabständen schlafen und dann sozusagen wieder aufleben, durch den natürlichen Ausfall der Empfindungen und das Pausieren der physischen Kräfte während des Schlafes scheinbar unterbrochen; aber trotzdem tragen wir kein Bedenken, von einem und demselben Leben zu reden. […]

Die menschliche Natur ist nun einmal von Anfang an nach dem Willen des Schöpfers mit Ungleichheit ausgestattet; diese zeigt sich daher auch im Leben und in der Fortdauer; jetzt führt der Schlaf, dann der Tod eine Unterbrechung herbei; hieher gehören auch alle Veränderungen, welche durch die jeweilige Altersstufe bedingt sind. Dabei lassen sich die späteren Zustände aus den früheren keineswegs klar und deutlich erschließen.“ (Über die Auferstehung der Toten 16-17)

Das Jüngste Gericht sei aber trotzdem ein Grund für die Auferstehung; die Menschen hätten ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit, das gestillt werden müsse, und zwar müsse der ganze Mensch aus Leib und Seele belohnt oder bestraft werden:

„Glaubt man an Gott als den Schöpfer dieses Alls, so muß man, wofern man seinen eigenen Prinzipien nicht untreu werden will, aus seiner Weisheit und Gerechtigkeit den Schluß ziehen, daß er für alles Geschaffene wacht und sorgt; auf Grund dieser Erkenntnis muß man dann überzeugt sein, daß nichts von den irdischen und himmlischen Dingen ohne Aufsicht und Fürsorge gelassen ist und daß sich die Aufmerksamkeit des Schöpfers auf alles in gleicher Weise erstreckt, auf Unsichtbares und Sichtbares, auf Kleines und Größeres. Denn sowohl die Gesamtheit der Geschöpfe bedarf der Fürsorge des Schöpfers als auch jedes einzelne je nach seiner Natur und seinem Zwecke. Es wäre jedoch ein übel angebrachter Eifer, jetzt alle einzelnen Arten anzuführen oder das einer jeden Natur Zuträgliche aufzuzählen; nur über den Menschen müssen wir hier reden; denn er ist der Gegenstand unserer Untersuchung. Der Mensch braucht als bedürftiges Wesen Nahrung, als sterbliches Wesen Nachfolge, als vernünftiges Wesen Gerechtigkeit. Wenn aber ein jedes der genannten Bedürfnisse dem Menschen naturgemäß ist, wenn er der Nahrung bedarf zum Leben, der Nachfolge zur Fortdauer seines Geschlechtes, der Gerechtigkeit, damit Nahrung und Nachfolge den Gesetzen entsprechen, so muß wohl, da Nahrung und Nachfolge auf die Doppelnatur Bezug haben, auch die Gerechtigkeit sich darauf beziehen; ich verstehe aber unter Doppelnatur den aus Seele und Leib bestehenden Menschen und behaupte, daß der Mensch gerade in dieser Doppelnatur für alle seine Handlungen verantwortlich ist und die ihm gebührende Ehre oder Strafe empfängt. Wenn also ein gerechtes Gericht die Vergeltung der Taten auf die Doppelnatur des Menschenwesens ausdehnt und weder die Seele allein den Lohn einstreichen darf für das, was sie mit Hilfe des Leibes vollbrachte (an und für sich ist sie nämlich erhaben über all die Verirrungen, die bei Befriedigung der Sinnlichen Begierden, bei Ernährung und Schmuck des Leibes vorkommen), noch der Leib allein (denn an und für sich kann er Gesetz und Recht nicht erkennen), sondern der aus beiden bestehende Mensch für jede seiner Taten die Vergeltung empfängt, dies aber, wie man bei verständiger Betrachtung finden kann, weder im gegenwärtigen Leben geschieht (im Erdenleben kommt nämlich die Gerechtigkeit nicht zum Siege, da viele, die von Gott nichts wissen wollen und sich ungescheut jeder Gesetzwidrigkeit und Schlechtigkeit hingeben, bis zu ihrem Lebensende von Leiden verschont bleiben, während umgekehrt Leute, die einen in jeder Hinsicht musterhaften Lebenswandel aufweisen können, in Kümmernissen dahinleben, in Kränkungen und Verdächtigungen, in Beschimpfungen und jeder Art von Ungemach) noch nach dem Tode (es ist ja die substanzielle Einigung der beiden Teile aufgehoben, nachdem sich die Seele vom Leibe getrennt hat und auch der Leib selbst wieder in die Elemente zerfallen ist, aus denen er sich aufbaute, und von seiner früheren Bildung oder Gestalt nichts mehr behalten hat, geschweige denn die Erinnerung an seine Taten), so ist für jeden sonnenklar, was noch übrig bleibt, nämlich daß nach dem Worte des Apostels dieses Verwesliche und Auflösbare sich mit Unverweslichem bekleiden muß, damit, wenn infolge der Auferstehung das Tote wieder zum Leben erweckt und das Geschiedene oder auch schon ganz Aufgelöste wieder vereinigt ist, ein jeder in gerechter Weise ernte, was er mittels seines Leibes getan hat, sei es Gutes oder Böses.(Über die Auferstehung der Toten 18)

Wenn es einen gerechten Gott gibt, muss es ein Gericht geben; im gegenwärtigen Leben findet das aber nicht statt:

„Wenn nun aber der Schöpfer des Menschengeschlechtes für seine Werke Sorge trägt und das gerechte Gericht über die im Leben vollbrachten guten oder bösen Werke irgendwo stattfinden muß, so könnte dies entweder im gegenwärtigen Leben geschehen, solange diejenigen, die tugendhaft oder schlecht lebten, noch da sind, oder nach dem Tode, solange sie noch getrennt und aufgelöst sind. Jedoch nach keiner dieser beiden Möglichkeiten sieht man das gerechte Gericht sich vollziehen. Denn im gegenwärtigen Leben wird weder den Braven die Tugend noch den Bösen die Schlechtigkeit vergolten. Ich will gar nicht erwähnen, daß in unserem gegenwärtigen Lebenszustande die sterbliche Natur gar nicht fähig wäre, für zahlreichere oder schwerere Vergehungen die entsprechende Strafe zu tragen. Ein Räuber, ein Herrscher oder Tyrann, der Tausende und Abertausende ungerecht ums Leben gebracht hat, kann durch sein einmaliges Sterben wohl nicht die schuldige Busse für seine Missetaten entrichten. Wer sich von Gott nie eine richtige Vorstellung zu machen sucht, wer in schrankenloser Selbstüberhebung frech und gewissenlos die Gesetze bricht, wer Knaben und Weiber schändet, wer Städte ungerecht zerstört, Häuser mitsamt den Bewohnern verbrennt, ein Land verheert und dabei Gemeinden und Stämme oder gar ein ganzes Volk vertilgt, wie könnte ein solcher mit seinem vergänglichen Leibe stark genug sein, um die solchen Verbrechen gebührende Strafe abzubüßen, da ja der Tod die volle Vergeltung ausschließt und die sterbliche Natur zu schwach ist, auch nur für einen dieser Frevel die Strafe auszuhalten? Im gegenwärtigen Leben findet also das gerechte Gericht nicht statt.“ (Über die Auferstehung der Toten 19)

Ein Gericht über die Seele allein wäre nicht genug:

Werden nämlich die guten Handlungen belohnt, so geschieht hiebei offenbar dem Leibe Unrecht; denn er mußte mit der Seele zwar an den Mühen teilnehmen, mit denen die Arbeit verbunden war, darf aber nicht teilnehmen an der Ehre, mit denen die guten Handlungen gekrönt werden, und während oft die Seele für manche Fehler wegen der Unvollkommenheit und Armseligkeit des Leibes Verzeihung erhält, wird der Leib selbst von der Gemeinschaft ausgeschlossen, obwohl die guten Handlungen, um derentwillen er im Leben Mühen ertragen mußte, nicht ohne diese Gemeinschaft zustande kamen. Werden aber die Verfehlungen gerichtet, dann kommt hiebei die Seele nicht zu ihrem Rechte, wenn sie allein büßen sollte, was sie auf Drängen des Leibes hin, der sie zu seinen eigenen Begierden und Regungen herabzog, gefehlt hat, bald infolge räuberischen Überfalls und heimlicher Nachstellung, bald in noch gewaltsamerem Ansturm, bald aber auch mit Zustimmung aus Nachgiebigkeit und Gefälligkeit gegen die Natur des Leibes. Oder wie sollte es nicht ungerecht sein, wenn die Seele für sich allein gerichtet würde wegen solcher Dinge, zu denen sie sich ihrer eigenen Natur nach gar nicht hingezogen fühlt und wozu sie weder Hang noch Drang in sich verspürt, wie da sind Wollust, Gewalttat, Habsucht, Unredlichkeit und die dabei vorkommenden Ungerechtigkeiten? Geschieht ja doch die Mehrzahl der genannten Übel nur infolge davon, daß die Menschen die belästigenden Begierden nicht beherrschen; belästigt aber werden sie durch die Unvollkommenheit und Armseligkeit des Leibes und durch die ihm gewidmete Sorge und Pflege; denn aller Besitz und noch mehr die Benutzung desselben, ebenso die Verehelichung und alle äußeren Handlungen im Leben, bei denen und in denen man von Erfolg und Mißerfolg spricht, bezwecken nichts anderes als die Befriedigung leiblicher Bedürfnisse. Wie sollte es also gerecht sein, wenn die Seele allein gerichtet würde wegen solcher Dinge, bei denen zunächst nur der Leib beteiligt ist, der dann erst die Seele zur Mitleidenschaft und zur Teilnahme an den ihm zusagenden Handlungen hinzieht? Nachdem nun einmal die sinnlichen Begierden und Lustgefühle, ebenso die Furcht- und Schmerzgefühle, bei welchen alles Unordentliche straffällig ist, im Leibe ihren Ursprung haben, ist es ungerecht, die daraus folgende Sündenschuld und die an die Sündenschuld geknüpften Strafen auf die Seele allein abzuladen, die doch etwas Derartiges weder nötig hat noch anstrebt noch fürchtet, die überhaupt für sich allein nichts von dem empfindet, was naturgemäß erst der ganze Mensch empfindet. Aber auch für den Fall, daß wir die Leidenschaften nicht dem Leibe allein zuschreiben, sondern dem ganzen Menschen (eine ganz richtige Behauptung, da sein Leben das einheitliche Produkt zweier ganz verschiedenen Faktoren ist), werden wir sie noch lange nicht der Seele auf Rechnung setzen, sobald wir uns von der Eigenart ihres Wesens eine klare Vorstellung machen. Wenn sie nämlich ein für allemal kein Bedürfnis nach Nahrung hat, wird sie wohl auch nie nach Dingen trachten, die sie zu ihrer Existenz in gar keiner Weise benötigt, und wohl auch nie etwas von dem anstreben, womit sie ihrer Natur nach überhaupt nichts anzufangen weiß; auch wird sie sich wohl nie über Mangel an Geld oder Gut abhärmen, da solche Dinge für sie ganz belanglos sind. Wenn sie ferner die Vernichtung überdauert, so ist sie auch über jede Furcht erhaben, da es nichts gibt, was ihr den Untergang bringen könnte; sie fürchtet weder Hunger noch Krankheit weder Verstümmelung noch Marter, weder Feuer noch Schwert; denn nichts hievon kann ihr Schaden oder Schmerz verursachen, da Körper und körperliche Kräfte auf sie überhaupt nicht einwirken. Wie es nun aber ungereimt ist, die Leidenschaften ausschließlich der Seele zuzuschreiben, so ist es auch überaus ungerecht und des göttlichen Strafgerichtes unwürdig, die daraus folgende Sündenschuld und die daran geknüpften Strafen auf die Seele zu beschränken.

Wie sollte es also nicht ungereimt sein, die Ehre, beziehungsweise die Strafe für Tugend und Schlechtigkeit, welch letztere an der Seele allein nicht einmal gedacht werden können (denn die Tugenden sind offenbar Tugenden des Menschen, wie ja auch die ihnen entgegengesetzte Schlechtigkeit nicht der vom Leibe getrennten und für sich allein seienden Seele zukommt), auf die Seele allein einzuschränken? Oder wie könnte man sich an der Seele allein Mannhaftigkeit und Stärke denken, da sie doch vor Tod, vor Verwundung und Verstümmelung, vor Beschädigung und Entehrung, vor den damit verbundenen Schmerzen oder den daraus entspringenden Leiden nicht die mindeste Furcht hat? Wie ferner Enthaltsamkeit und Mäßigung, da die Seele von keiner Begierde zum Genusse von Speise und Trank, zu geschlechtlichem Verkehr, zu den sonstigen sinnlichen Lüsten und Freuden hingezogen wird, zumal sie weder innerlich von etwas belästigt noch äußerlich von etwas gereizt wird? Wie ferner Klugheit, da nichts von dem, was zu tun oder nicht zu tun ist, was zu wählen oder zu fliehen ist, in ihr selbst seinen Grund hat, vielmehr gar keine Neigung, gar kein natürlicher Trieb zu einer äußeren Handlung ihr innewohnt? Worin kommt überhaupt den Seelen die Gerechtigkeit gegeneinander oder gegen ein anderes der gleichartigen oder der verschiedenartigen Wesen von Natur zu? Haben ja doch die Seelen weder das Material noch die Mittel noch die Fähigkeit, den Forderungen der Gerechtigkeit oder Billigkeit nachzukommen; nur die Gottesverehrung ist ihnen möglich. Auch sonst haben sie keine Neigung und keinen Trieb in sich, das Eigene zu benutzen und des Fremden sich zu enthalten, da man doch nur bei den natürlichen Dingen von Benutzung und nur bei den zur Benutzung bestimmten Dingen von Enthaltung redet, die Seele selbst aber weder ein Bedürfnis kennt noch die Fähigkeit hat, irgendwelche Dinge oder irgendwelches Ding zu benutzen; daher kann denn auch bei der so beschaffenen Seele keine sogenannte Ausübung eigener Geschäfte wahrgenommen werden.

Das allerwidersinnigste indes ist es, wenn man zur Haltung der göttlichen Gebote den ganzen Menschen verpflichtet, dagegen die Vergeltung für das gesetzmäßige oder gesetzwidrige Verhalten auf die Seelen einschränkt. Wenn nämlich der Empfänger der Gebote billigerweise auch die Verantwortung für eine etwaige Verletzung derselben tragen muß, der Empfänger der Gebote aber der Mensch ist und nicht die Seele für sich allein, so ist es eben der Mensch, der auch die Verantwortung für seine Fehltritte tragen muß, und nicht die Seele für sich allein. Denn nicht den Seelen hat Gott befohlen, sich gewisser Dinge zu enthalten, die ihnen ganz ferne liegen, wie Ehebruch, Mord, Diebstahl, Raub, Unehrerbietigkeit gegen die Eltern, überhaupt jede auf Beleidigung oder Schädigung des Nächsten gerichtete Begierde. Denn das Wort: ‚Ehre deinen Vater und deine Mutter!‘ paßt nicht auf die Seelen als solche; diese Titel kommen ja nicht den Seelen zu; denn nicht Seelen, die etwa Seelen erzeugen, werden als Vater oder Mutter bezeichnet, sondern Menschen, welche Menschen erzeugen, Auch das Gebot: ‚Du sollst nicht ehebrechen!‘ kann ohne logischen Verstoß wohl nie über Seelen ausgesagt oder auf Seelen bezogen werden, da die Seelen weder geschlechtlich sich unterscheiden noch zu geschlechtlichem Verkehr geeignet sind oder ein Verlangen darnach haben; weil ein solches Verlangen gar nicht besteht, so kommt es unmöglich zu einem Geschlechtsverkehr. Bei Wesen aber, bei denen ein Geschlechtsverkehr überhaupt ganz ausgeschlossen ist, gibt es nicht einmal den erlaubten Geschlechtsverkehr, nämlich die Ehe. Wo es aber nicht einmal den gesetzlich erlaubten Geschlechtsverkehr gibt, kann es noch viel weniger jenes unerlaubte Verlangen nach einem fremden Weibe oder eine derartige Beiwohnung geben; denn dies versteht man unter Ehebruch. Auch das Verbot des Diebstahls und der Übervorteilung kann sich nicht auf die Seelen beziehen; diese bedürfen ja gar nicht jener Dinge, um derentwillen infolge natürlichen Mangels oder Bedürfnisses Diebstähle und Räubereien begangen werden, als da sind Gold oder Silber oder ein lebendiges Wesen oder etwas anders, das zur Nahrung oder Bedeckung oder sonst einem Gebrauche dient; für eine unsterbliche Natur ist alles wertlos, was den bedürftigen Wesen als Gebrauchsgegenstand erstrebenswert erscheint.“ (Über die Auferstehung der Toten 21-23)

Die Menschen haben ein Endziel, und das ist das Leben in der Anschauung Gottes als ganze Menschen:

„Es wäre doch nicht recht anzunehmen, daß Wesen, die nach immanenten Sitten- und Vernunftgesetzen handeln und daher auch ein verständiges und moralisches Leben führen, kein höheres Ziel hätten als jene Geschöpfe, die der logischen Unterscheidung entbehren. Somit dürfte für die Menschen nicht die Schmerzlosigkeit als Endziel bestimmt sein; diese käme ja auch den ganz empfindungslosen Wesen zu. Aber auch nicht im Genusse dessen, was den Leib nährt und ergötzt, und in einer Fülle sinnlicher Lustgefühle kann das Endziel der Menschen liegen; sonst hätte das tierische Leben notwendig den Vorrang und das tugendhafte Leben wäre zwecklos; solches mag für Herdenvieh ein geeignetes Endziel sein, aber nicht für Menschen, die eine unsterbliche Seele haben und logischer Unterscheidung fähig sind.

Aber auch die Seligkeit der vom Leibe getrennten Seele kann nicht das Endziel der Menschen sein. Wie nämlich unsere Betrachtung zeigte, kann man nicht von einem Leben oder Endziel nur eines der beiden Teile, die das Menschenwesen konstituieren, reden, sondern nur von einem Leben und Endziel des Ganzen, Ein solches Ganze aber ist jeder Mensch, der dieses Leben erlost hat, und sein Leben muß ein eigenes Endziel haben. Wenn es aber nur ein Endziel des Ganzen gibt, dieses Endziel aber aus den schon wiederholt angeführten Gründen weder in diesem Leben, solange die Menschen noch auf Erden sind, gefunden werden kann noch auch dann, wann die Seele vom Leibe getrennt ist, weil nach der Auflösung oder auch vollständigen Zerstreuung des Leibes trotz des Fortbestandes der Seele der Mensch nicht so vorhanden ist, wie er nun einmal nach der Beschaffenheit seines Wesens sein muß, so ist es absolut notwendig, daß sich das Endziel der Menschen in einer neuen Zusammenstellung des wiederum aus beiden Teilen bestehenden Wesens zeige. Da dies ein zwingender Schluß ist, so muß unter allen Umständen eine Auferstehung der entseelten oder auch ganz aufgelösten Leiber stattfinden und es müssen die nämlichen Menschen wieder in der Doppelnatur ihres Wesens auftreten. Denn das Naturgesetz bestimmt das Endziel nicht blindlings und auch nicht als Endziel irgendwelcher beliebigen Menschen, sondern als Endziel gerade jener, die früher einmal schon gelebt haben; nun aber können die nämlichen Menschen nicht wieder erscheinen, wenn nicht die nämlichen Leiber den nämlichen Seelen zurückgegeben werden. Daß aber die nämliche Seele wieder den nämlichen Leib erhält, ist auf anderem Wege nicht möglich; das kann nur durch die Auferstehung geschehen. Erst wenn diese eingetreten ist, kann das der menschlichen Natur entsprechende Endziel erfolgen. Das Endziel eines verständigen Lebens und logischen Unterscheidens wird man aber, ohne fehl zu gehen, darin erblicken dürfen, daß der Mensch unzertrennlich und ewig mit dem zusammenlebt, wozu ihm der natürliche Verstand hauptsächlich und zunächst verliehen ist, und daß er in der Anschauung des Gebers und seiner Ratschlüsse unaufhörliche Wonne empfindet. (Über die Auferstehung der Toten 24-25)

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Auferstehung Jesu. Bildquelle hier.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 10a: Die Auferstehung des Fleisches

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): 1 Kor 15; Ez 37,1-14; Lk 24,38-43; Joh 11,24; 2 Tim 2,18; Mt 27,52f.; Joh 12,24; 1 Kor 6,14-20.

Die ersten Christen redeten wesentlich häufiger als die heutigen über das Thema der „Auferstehung des Fleisches“ – mittlerweile ist ja sogar in der deutschen Übersetzung des Credos der Ausdruck „Auferstehung des Fleisches“ durch „Auferstehung der Toten“ ersetzt worden, was nicht direkt falsch, aber doch verschleiernd ist. Viele Christen sind sich heute gar nicht mehr so bewusst, dass wir eigentlich an mehr glauben als ein Weiterleben der Seele. Aber doch, das tun wir. Der Mensch besteht aus Körper und Seele, beides für sich ist unvollständig. Die Seele – da nicht materiell, nicht aus Teilen bestehend, also nicht zerstörbar – ist unsterblich und lebt weiter, wenn der Körper sich von ihr trennt und zerfällt. Sie wird gleich nach dem Tod gerichtet und kommt entweder in den Himmel (= zur beseligenden Anschauung Gottes) oder in die Hölle (bzw. vor dem Eintritt in den Himmel evtl. noch für eine Reinigungszeit ins Fegefeuer). Aber am Jüngsten Tag wird Gott auch die Körper wieder herstellen – in verwandelter Weise, jetzt unzerstörbar – und sie werden sich wieder mit den zu ihnen gehörenden Seelen vereinigen, sodass die Menschen wieder vollständig sind. Das Gericht über alle Menschen wird noch einmal öffentlich gemacht werden, und die einen werden dann mit Seele und Leib in der Hölle und die anderen mit Seele und Leib im Himmel sein.

Die frühen Christen machten immer wieder deutlich, dass es ihnen eben um eine wirkliche, leibliche, wundersame Auferstehung geht, so wie Jesus schon den Anfang gemacht hat, der auch mit Seele und Leib auferstanden ist, und seine Menschheit (aus Seele und Leib bestehend) mit in den Himmel genommen hat. (Die Evangelien zeigen das ja auch immer wieder: Jesus zeigt den Jüngern nach seiner Auferstehung, dass er eben kein bloßer Geist ist, sondern angefasst werden kann und sogar essen kann.)

Jetzt also die frühchristlichen Texte dazu:

Papst Clemens von Rom schreibt um 95 n. Chr.:

„Erwägen wir, Geliebte, wie der Herr fortwährend uns zeigt, dass es eine künftige Auferstehung geben werde, zu deren Anfang er den Herrn Jesus Christus selbst machte, da er ihn von den Toten erweckte.“ (1. Clemensbrief 24,1)

Im sog. 2. Clemensbrief, der aber vielleicht nicht von Clemens stammt, sondern ein paar Jahrzehnte später entstanden ist, heißt es:

„Und keiner von euch sage, dass dieses Fleisch nicht gerichtet wird und nicht aufersteht. Bedenket, worin seid ihr erlöst worden, worin ging euch das Licht auf, wenn nicht während eures Wandels in diesem Fleische? Deshalb müssen wir dieses Fleisch behüten wie einen Tempel Gottes. Wie ihr nämlich im Fleische berufen worden seid, so werdet ihr auch im Fleische (zu ihm) kommen. Wenn nämlich Christus, der Herr, unser Erlöser, der zuerst Geist war, Fleisch geworden ist und so uns berufen hat, so werden auch wir in diesem Fleische unseren Lohn bekommen.“ (2. Clemensbrief 9,1-5)

Tatian schreibt ca. um 170 n. Chr.:

„Und deshalb hegen wir den Gauben, daß nach der Vollendung aller Dinge auch die Leiber auferstehen werden, nicht, wie die Stoiker meinen, indem nach bestimmten zyklischen Perioden dieselben Dinge immer wieder zwecklos entständen und vergingen, sondern überhaupt nur einmal, nach Vollendung der gegenwärtigen Zeit, und zwar dazu, um einzig und allein die Menschen des Gerichtes wegen zu versammeln. Es richten uns aber nicht Minos und Rhadamanthys, vor deren Tod, wie man fabelt, keine Seele gerichtet worden sei, sondern Richter wird Gott der Schöpfer selbst sein. Mögt ihr uns auch für Schwätzer und Possenreißer halten, uns kümmert das nicht, da wir dieser Lehre Gauben geschenkt haben. Denn wie ich nicht war, bevor ich wurde, und deshalb auch nicht wußte, wer ich sein würde, sondern nur potentiell in der fleischlichen Materie existierte, dann aber, da ich ja nicht von Anfang an war, erst infolge meiner Geburt die Überzeugung von meiner Existenz erlangte: ebenso werde ich, der Gewordene und durch den Tod wieder Ausgelöschte und von keinem mehr Erschaute, abermals sein, wie ich ja dereinst, da ich nicht von Anfang an existiert habe, auch erst zum Leben geboren werden mußte. Ob auch Feuer mein Fleisch vernichte, das All nimmt die in Dampf verwandelte Materie auf; ob ich in Strömen oder in Meeren zugrunde gehe oder von wilden Tieren zerfleischt werde, in der Schatzkammer eines reichen Herrn werde ich geborgen. Der arme Gottesleugner freilich kennt die dort niedergelegten Schätze nicht; Gott aber, der Herrscher, wird, wann er will, die ihm allein sichtbare Potenz in den früheren Zustand zurückversetzen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 6)

Interessant sind auch die Paulusakten, die wohl aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts stammen, und die auch den apokryphen sog. 3. Korintherbrief enthalten, der nicht von Paulus stammt, aber dessen Autor auch einige Stellen aus den kanonischen Paulusbriefen mehr oder weniger übernimmt. Damals hatten verschiedene gnostische Sekten einige Anhänger; die Gnostiker waren Esoteriker, die der Meinung waren, dass man durch ein bestimmtes Wissen aus der Welt erlöst würde, und die die materielle Schöpfung für das Werk von untergeordneten Wesen, nicht Gott, hielten, und alles Materielle für schlecht hielten. Die christlichen Gnostiker, die auch diese besondere Figur Jesus für sich beanspruchen wollten, aber eigentlich sonst nicht sehr viel mit den anderen Christen gemeinsam hatten, behaupteten, Jesus wäre zwar ein überirdisches Wesen, aber wäre nicht wirklich Mensch geworden, sondern nur in einer menschlichen Gestalt erschienen (sog. Doketismus), und lehnten das Alte Testament, das Gott als Schöpfer der Welt bezeichnet, ab. Der Autor von 3 Korinther hielt es offenbar für nötig, einen noch deutlicheren Text als die schon vorhandenen neutestamentlichen Texte zu produzieren, und ihn Paulus zuzuschreiben, um die Gnostiker zu widerlegen:

„[Denn es] waren in [großer] Betrübnis die Korinther [wegen] Paulus, daß er aus der Welt gehen würde, ehe es an der Zeit wäre. Denn es waren Männer nach Korinth gekommen, Simon und Kleobius, die sagten, daß es keine Auferstehung des Fleisches gäbe, sondern (nur) die des Geistes, und daß der Körper des Menschen kein Gebilde Gottes sei; und von der Welt (sagten sie), daß Gott sie nicht geschaffen habe, und daß Gott die Welt nicht kenne; und daß Jesus Christus nicht gekreuzigt, sondern nur Schein gewesen sei und daß er nicht aus Maria noch aus dem Samen Davids geboren sei. Mit einem Wort: vieles war es, was sie in Korinth [verkündet?] haben, indem sie [viele andere] betrogen [… und] sich selber. [Deswegen] als [die Korinther] gehört hatten, [daß Paulus in Philippi wäre,] schickten sie einen [Brief an Paulus] nach Macedonien [durch] Threptus [und] Eutychus [die Diakonen]. Der Brief aber war [von dieser Gestalt]:

(Brief der Korinther an Paulus)

Stephanus und die Presbyter, die mit ihm sind, Daphnus, Eubulus, Theophilus und Xenon grüßen den Paulus [den Bruder] im Herrn.

Es sind zwei Männer nach Korinth gekommen, namens Simon und Kleobius, die verkehren etlicher Glauben durch verderbliche Worte, welche du prüfen sollst. Denn niemals haben wir solche Worte weder von dir noch von anderen Aposteln gehört; vielmehr was wir von dir und jenen empfangen haben, das bewahren wir. Da nun der Herr Erbarmen uns erweist, daß wir, während du noch im Fleische bist, solches noch einmal von dir hören sollen, so schreibe uns oder komme zu uns. Wir glauben nämlich, wie es der Theonoe offenbart ist, daß dich der Herr befreit hat aus der Hand des Gesetzlosen. Was sie sagen und lehren ist nun folgendes: Man dürfe nicht, behaupten sie, sich auf die Propheten berufen, und Gott sei nicht allmächtig, und es gäbe keine Auferstehung des Fleisches, und nicht sei die Schaffung des Menschen Gottes (Werk), und nicht sei der Herr ins Fleisch gekommen, auch nicht von Maria geboren, und die Welt sei nicht Gottes, sondern der Engel. Deswegen, Bruder, wende jeden Eifer auf, hierher zu kommen, damit die korinthische Gemeinde ohne Ärgernis bleibe und die Torheit jener offenbar werde. Lebe wohl im Herrn!

Es überbrachten die Diakone das Schreiben nach Philippi, Threptus und Eutychus, und übergaben es dem Paulus, der im Gefängnis war wegen der Stratonike, der Frau des Apollophanes; und er begann viele Tränen zu vergießen und zu klagen und rief aus: ‚Besser wäre es für mich, zu sterben und bei dem Herrn zu sein, als im Fleische zu sein und solche Reden zu hören, so daß Betrübnis über Betrübnis über mich kommt, und solches leidend angebunden zu sein und (sehen zu müssen, wie) die Geräte (Machenschaften?) des Bösen voranlaufen!‘ Und so schrieb Paulus unter Leiden den folgenden Brief.

(Brief des Paulus an die Korinther)

Paulus, der Gefangene Jesu Christi, an die Brüder in Korinth – Gruß! Während ich in vielen Bedrängnissen bin, wundere ich mich nicht, wenn so schnell die Meinungen des Bösen Boden gewinnen. Denn [mein] Herr Jesus Christus wird schnell kommen, da er verworfen wird von denen, die seine Worte verfälschen. Ich habe euch ja im Anfang überliefert, was ich von den Aposteln vor mir empfangen habe, die allezeit mit dem Herrn Jesus Christus zusammengewesen waren, nämlich daß unser Herr Jesus Christus von Maria aus dem Samen Davids geboren ist, indem der heilige Geist aus dem Himmel vom Vater in sie herabgesandt war, damit er in die Welt käme und alles Fleisch durch sein eigenes Fleisch erlöse und damit er uns Fleischliche von den Toten auferwecke, wie er selbst sich als Urbild erwiesen hat. Und weil der Mensch von seinem Vater geschaffen ist, deswegen wurde er auch, als er verloren gegangen war, gesucht, auf daß er lebendig gemacht würde durch die Annahme zur Kindschaft. Denn der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, sandte zuerst die Propheten den Juden, daß sie ihren Sünden entrissen würden; er hatte nämlich beschlossen, das Haus Israel zu retten, deshalb sandte er einen Teil vom Geist Christi in die Propheten, welche die irrtumslose Gottesverehrung verkündeten zu vielen Zeiten. Aber da der Fürst, der ungerecht war, selbst Gott sein wollte, legte er Hand an sie und tötete sie, und so fesselte er alles Fleisch der Menschen an die Begierden [an seinen Willen, und die Vollendung der Welt trieb dem Gericht entgegen]. Aber Gott, der Allmächtige, der gerecht ist und sein eigenes Geschöpf nicht verstoßen wollte, sandte den [heiligen] Geist [durch Feuer] in Maria, die Galiläerin, die von ganzem Herzen glaubte, und sie empfing im Leibe den heiligen Geist, damit in die Welt Jesus einträte, damit der Böse, durch dasselbe Fleisch, durch das er sein Wesen trieb, besiegt, überführt wurde, daß er nicht Gott sei. Denn durch seinen eigenen Leib hat Jesus Christus alles Fleisch gerettet [und zum ewigen Leben geführt durch den Glauben], indem er den Tempel der Gerechtigkeit darstellte in seinem Leibe, durch den wir erlöst sind. Sie sind also nicht Kinder der Gerechtigkeit, sondern Kinder des Zorns, die sie die Vorsehung Gottes zurückstoßen, indem sie [fern vom Glauben] behaupten, Himmel und Erde und alles, was in ihnen ist, seien nicht Werke des Vaters. Sie selbst sind also Kinder des Zorns, denn sie haben den verfluchten Glauben der Schlange. Von denen wendet euch ab und vor ihrer Lehre fliehet! [Denn ihr seid nicht Söhne des Ungehorsams, sondern der geliebtesten Kirche. Deswegen ist die Zeit der Auferstehung gepredigt worden].

Die euch aber sagen, es gäbe keine Auferstehung des Fleisches, für die wird es keine Auferstehung geben, die nicht an den so Auferstandenen glauben. Denn, ihr Korinther, nicht wissen sie Bescheid über das Säen von Weizen oder anderen Samen, daß sie nackt in die Erde geworfen werden und wenn sie vergangen sind, stehen sie wieder auf nach dem Willen Gottes als ein Leib und bekleidet. Und nicht allein wird der Leib, der (in die Erde) geworfen ist, auferweckt, sondern (auch) vielfältig gesegnet. Und wenn man nicht nur von den Samenkörnern das Gleichnis hernehmen darf, [sondern von edleren Leibern], so wißt ihr ja, daß Jona, des Amathios Sohn, da er den Niniviten nicht predigen wollte, [sondern geflohen war,] von einem Walfisch verschlungen wurde, so und nach drei Tagen und drei Nächten hat Gott das Gebet des Jona aus der tiefsten Hölle erhört und nichts von ihm wurde verdorben, weder ein Haar noch ein Augenlid. Um wieviel mehr wird er euch, ihr Kleingläubigen, die ihr an Christus geglaubt habt, auferwecken, wie er selbst auferstanden ist. Und wenn ein auf die Gebeine des toten Propheten Elisa von den Kindern Israels geworfener Körper eines Menschen auferstand, so werdet auch ihr, die ihr auf den Körper und die Gebeine und den Geist des Herrn geworfen seid, an jenem Tage auferstehen mit unversehrtem Leibe.

Wenn ihr nun etwas anderes aufnehmt, so fallt mir nicht zur Last; denn ich habe diese Fesseln an mir, daß ich Christus gewinne, und seine Wundmale an meinem Leibe, daß ich gelange zur Auferstehung von den Toten. Und wer immer in dieser Regel, die er durch die seligen Propheten und das heilige Evangelium empfangen hat, bleibt, wird Lohn empfangen, [und wenn er von den Toten aufersteht, das ewige Leben erlangen]. Wer aber hiervon abweicht, – Feuer gibt es für ihn und für die, welche darin vorangegangen sind, die da sind Menschen ohne Gott, Otterngezücht; von denen wendet euch ab in der Kraft des Herrn, und Friede, [Gnade und Liebe] wird mit euch sein. Amen.“ (Paulusakten 8, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 257-260)

Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr. einige schöne Stellen zur Auferstehung des Fleisches:

„Das aber ist unser Glaube, daß Gott auch unsere sterblichen Leiber, die die Gerechtigkeit bewahrten, auferwecken, unversehrbar und unsterblich machen wird. Denn Gott ist mächtiger als die Natur. Er will es, weil er gut ist; er kann es, weil er mächtig ist; er tut es, weil er unendlich gütig ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,29,2)

„Töricht in jeder Hinsicht sind die, welche die gesamte Anordnung Gottes verachten, die Heiligung des Fleisches leugnen und seine Wiedergeburt verwerfen, indem sie behaupten, daß es der Unvergänglichkeit nicht fähig sei. Wird aber dies nicht erlöst, dann hat uns der Herr auch nicht mit seinem Blute erlöst, noch ist der eucharistische Kelch die Teilnahme an seinem Blute, das Brot, das wir brechen, die Teilnahme an seinem Leibe. Blut stammt nämlich nur von Fleisch und Adern und der übrigen menschlichen Substanz, die das Wort Gottes in Wahrheit angenommen hat. Mit seinem Blute erlöste er uns, wie auch der Apostel sagt: ‚In ihm haben wir die Erlösung, durch sein Blut Nachlaß der Sünden.‘ Und da wir seine Glieder sind, werden wir durch seine Schöpfung ernährt werden, und er selbst gewährt uns seine Schöpfung: läßt seine Sonne aufgehen und regnen, sagt, daß er uns den Kelch von seiner Schöpfung als sein eigenes Blut reiche, mit dem er unser Blut erquickt, und versichert, daß das Brot seiner Schöpfung sein eigener Leib ist, mit dem er unsere Leiber erhebt.

Wenn nun also der gemischte Kelch und das zubereitete Brot das Wort Gottes aufnimmt und die Eucharistie zum Leibe Christi wird, woraus die Substanz unseres Fleisches Erhebung und Bestand erhält, wie können sie dann sagen, das Fleisch könne nicht aufnehmen die Gabe Gottes, die in dem ewigen Leben besteht, da es doch von dem Blute und Fleische des Herrn genährt wird und sein Glied ist? So sagt auch der selige Apostel Paulus in dem Briefe an die Epheser: ‚Wir sind Glieder seines Leibes, aus seinem Fleisch und seinem Gebein.‘ Das sagt er nicht von einem geistigen und unsichtbaren Leibe — denn ‚ein Geist hat weder Bein noch Knochen‘ — sondern von einem wahrhaft menschlichen Organismus, der aus Fleisch, Nerven und Knochen besteht, der von dem Kelch seines Blutes ernährt und von dem Brot seines Leibes erhoben wird. Und wie das Holz der Weinrebe, in der Erde wurzelnd, zu seiner Zeit Frucht hervorbringt, und wie das Weizenkorn in die Erde fällt, sich auflöst und vielfältig aufersteht durch den Geist Gottes, der alles umfaßt — und alsdann kommt dieses weisheitsvoll in den Gebrauch der Menschen, nimmt auf das Wort Gottes und wird zur Eucharistie, welche der Leib und das Blut Christi ist — so werden auch unsere Körper aus ihr genährt, und wenn sie in der Erde geborgen und dort aufgelöst sein werden, dann werden sie zu ihrer Zeit auferstehen, indem das Wort Gottes ihnen verleiht, aufzuerstehen für die Herrlichkeit Gottes des Vaters. Er umgibt dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, schenkt dem Verweslichen aus Gnade seine Unverweslichkeit, da die Kraft Gottes in der Schwäche vollkommen wird, damit wir nicht in Undankbarkeit gegen Gott uns jemals hochmütig aufbliesen, gleich als ob wir das Leben aus uns selbst hätten. So sollte die Erfahrung uns lehren, daß wir aus seiner Größe, nicht kraft unserer Natur ewig fortdauern, so sollten wir Gottes Herrlichkeit, wie sie ist, uns vor Augen halten und unsere eigene Schwäche nicht verkennen. Sollten wissen, was Gott vermag, und was der Mensch Gutes empfängt, sollten niemals irre gehen in der wahren Erkenntnis der Wirklichkeit, d. h. des Verhältnisses zwischen Gott und den Menschen, Ja freilich, deswegen hat Gott zugelassen, daß wir in Erde uns auflösen, damit wir allseitig erzogen, in Zukunft in allem gewissenhaft seien und unsere Stellung zu Gott nicht verkännten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,2,2-3)

„Es verachten also die Macht Gottes und betrachten nicht, was das Wort ist, die die Schwachheit des Fleisches, aber nicht die Kraft dessen, der es von den Toten auferweckt, berücksichtigen. Wenn Gott nämlich das Sterbliche nicht lebendig macht und das Vergängliche nicht zur Unvergänglichkeit zurückführt, dann ist er dazu nicht imstande. Daß er aber dies alles vermag, das haben wir gleich anfangs betrachtet. Nahm er doch Staub von der Erde und machte den Menschen. Aber viel schwieriger und unglaublicher ist es, aus nicht existierenden Knochen und Nerven und Venen und den übrigen menschlichen Organen den Menschen zum Dasein und Leben und Denken zu bringen, als das bereits Gewordene und später nur in Erde Aufgelöste aus den angegebenen Gründen wieder zu erneuern, da es doch nur dort hinübergegangen ist, von wo der Mensch, der noch nicht war, seinen Ursprung genommen. Der nämlich den, der noch nicht war, wann es ihm beliebte, ins Dasein rief, der wird noch vielmehr die, welche schon waren, nach seinem Wohlgefallen in das von ihm geschenkte Leben zurückrufen. Und siehe, das Fleisch ist fähig, Gottes Kraft aufzunehmen und festzuhalten. Zeigte es doch schon anfangs Gottes Kunst, indem das eine zum Auge wurde und sah, das andere zum Ohr and hörte, das andere Hand und arbeitete, das andere Nerven, um die Glieder von allen Seiten eng zusammenzuhalten, das andere Arterien und Venen, um das Blut and den Geist durchzuleiten, das andere verschiedenes Eingeweide, das andere Blut, das Bindeglied zwischen Leib und Seele, Doch, es ist ja nicht möglich, das ganze künstliche Gliedergefüge des Menschen aufzuzählen, das nicht ohne viel Weisheit zustande kam. Was aber teilnimmt an der Kunst und Weisheit Gottes, das nimmt auch teil an seiner Kraft.

Folglich ist das Fleisch von der künstlichen Weisheit und Kraft Gottes nicht ausgeschlossen. Wenn nun aber seine Kraft, die das Leben verleiht, in der Schwachheit vollkommen wird, d. h. in dem Fleische, dann mögen doch die, welche behaupten, das Fleisch könne das von Gott verliehene Leben nicht aufnehmen, uns sagen, ob sie dieses behaupten als solche, die jetzt leben und am Leben teilnehmen, oder ob sie als gänzlich leblose sich selbst gegenwärtig für tot erklären! Wenn sie aber tot sind, wie bewegen sie sich denn und sprechen und machen das übrige, was doch nicht Werke der Toten, sondern der Lebendigen sind? Wenn sie aber jetzt leben und ihr ganzer Leib am Leben teilnimmt, wie wagen sie dann zu sagen, das Fleisch könne das Leben nicht halten und daran teilnehmen, obwohl sie zugestehen, daß sie gegenwärtig das Leben haben? Das verhält sich fürwahr so ähnlich, als ob jemand, der einen Schwamm voll Wasser oder eine brennende Fackel in der Hand hielte, sagen wollte, der Schwamm kann kein Wasser, die Fackel kein Feuer fassen. Ebenso sagen diese, daß sie leben, sagen, daß sie Leben in ihren eigenen Gliedern in sich tragen, und dann widersprechen sie sich und behaupten, daß ihre Glieder nicht fähig sind, das Leben aufzunehmen. Wenn aber das gegenwärtige Leben, das doch viel schwächer ist als jenes ewige Leben, dennoch soviel vermag, daß es unsere sterblichen Glieder belebt, wie sollte dann das ewige Leben, das doch stärker ist als dieses, das Fleisch nicht beleben, das doch schon geübt und gewohnt ist, das Leben zu tragen! Daß nämlich das Fleisch fähig ist, das Leben aufzunehmen, zeigt sich doch darin, daß es lebt. Es lebt aber, insofern Gott es will. Daß aber Gott auch imstande ist, ihm das Leben zu verleihen, ist klar, da doch jener uns das Leben gibt. Wenn nun Gott imstande, ist, sein Geschöpf zu beleben, und das Fleisch fähig ist, das Leben zu empfangen, was sollte dann dieses hindern, an der Unvergänglichkeit teilzunehmen, die in einem glückseligen, endlosen Leben besteht, das Gott verleiht.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,3,2-3)

„Gott aber wird in seinem Geschöpfe verherrlicht werden, indem er es seinem Knecht gleichgestaltet und entsprechend anpaßt. Denn durch die Hände des Vaters, d. h. durch den Sohn und den Geist, wird der Mensch, aber nicht bloß ein Teil des Menschen, ein Ebenbild Gottes. Seele und Geist können wohl ein Teil des Menschen sein, aber nie der Mensch. Der vollkommene Mensch ist die innige Vereinigung der Seele, die den Geist des Vaters aufnimmt, mit dem Fleische, das nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist. Deshalb sagt auch der Apostel: ‚Weisheit reden wir unter Vollkommenen‘, indem er die vollkommen nennt, die den Geist Gottes empfangen haben und durch den Geist wie er selber in allen Sprachen reden. Hören wir doch auch von vielen Brüdern in der Kirche, daß sie prophetische Charismen haben, in allerhand Sprachen durch den Geist reden, das Verborgene der Menschen zu ihrem Vorteil ans Licht bringen und die Geheimnisse Gottes erklären. Diese nennt der Apostel auch geistig wegen ihrer Teilnahme am Geist, aber nicht etwa, weil sie des Fleisches entkleidet und beraubt wären, sondern nur aus dem angegebenen Grunde. Wollte nämlich jemand die Substanz des Fleisches, d.h. das körperliche Gebilde, streichen und nur den Geist allein bestehen lassen, dann hätten wir damit nicht mehr einen geistigen Menschen, sondern bloß den Geist des Menschen oder den Geist Gottes. Wenn nun dieser Geist sich vermengt mit der Seele und mit dem Körper vereint, dann entsteht der geistige und vollkommene Mensch, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes erschaffen wurde. Fehlt aber der Seele der Geist, dann ist ein solcher Mensch nur psychisch, und da er fleischlich geblieben ist, wird er unvollkommen sein; er trägt zwar das Bild Gottes in seinem Körper, aber die Ähnlichkeit mit Gott nimmt er nicht an durch den Geist. Wenn aber solch ein Mensch schon unvollkommen ist, dann kann man auch nicht mehr von einem Menschen reden, wenn man noch das Bild wegnimmt und den Körper verachtet. Das ist dann höchstens ein Teil vom Menschen oder sonst irgend etwas anderes als der Mensch, wie wir schon gesagt haben. Denn das bloße fleischliche Gebilde ist kein vollkommener Mensch, sondern nur sein Leib und ein Teil des Menschen. Ebensowenig ist die Seele an sich der Mensch, sondern eben nur Seele und ein Teil des Menschen, noch ist der Geist der Mensch, sondern bloß Geist und kann nicht Mensch genannt werden. Die innige Vereinigung aber von all diesen macht den vollkommenen Menschen aus. […]

Daher nennt er auch das körperliche Gebilde einen Tempel Gottes. ‚Wisset ihr nicht‘, sagt er, ‚daß ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes schändet, den wird Gott verderben. Denn der Tempel Gottes ist heilig, und das seid ihr.‘ Also nennt er deutlich den Körper einen Tempel, in welchem der Geist wohnt. So sprach auch der Herr von sich: ‚Löset diesen Tempel, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten.‘ Dies aber, heißt es, sagte er von seinem Leibe. Doch nicht nur als Tempel, sondern als Tempel Christi bezeichnet er unsere Körper, wenn er den Korinthern sagt: ‚Wisset ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Werde ich also die Glieder Christi nehmen und sie zu Gliedern einer Hure machen?‘ Das sagt er nicht von irgend einem andern, geistigen Menschen, denn der umarmt nicht eine Hure; sondern unsere Körper nennt er Glieder Christi, wenn unser Fleisch in Heiligkeit und Reinheit verharrt, wogegen sie zu Gliedern einer Hure werden, wenn es eine Hure umarmt. Und deswegen sagt er: ‚Wenn jemand den Tempel Gottes schändet, wird ihn Gott verderben.‘ Da ist es gewiß eine sehr große Gotteslästerung, zu sagen, daß der Tempel Gottes, in dem der Geist des Vaters wohnt, und die Glieder Christi an der Erlösung keinen Anteil hätten, sondern verloren gingen! Daß nun unsere Leiber nicht kraft ihrer Wesenheit, sondern kraft der Macht Gottes auferstehen, sagt er den Korinthern: ‚Der Leib aber gehört nicht der Hurerei, sondern dem Herrn und der Herr dem Körper. Gott aber hat den Herrn auferweckt, auch uns wird er auferwecken durch seine Kraft.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,6,1-2)

„Wie also Christus in der Substanz des Fleisches auferstanden ist und seinen Jüngern die Male der Nägel und die Öffnung der Seite zeigte — das aber sind die Anzeichen des Fleisches, das von den Toten auferstand— so wird er auch uns, heißt es, auferwecken durch seine Kraft. […] Denn derart sind die animalen Körper, die an der Seele, der Anima, teilnehmen, daß sie durch den Verlust derselben sterben; wenn sie dann aber durch den Geist auferstehen, werden sie geistige Körper, sodaß sie durch den Geist immerwährendes Leben haben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,7,1-2)

„Die also das Pfand des Geistes haben, den Lüsten des Fleisches nicht dienen, sondern sich dem Geiste unterwerfen und in allem vernünftig wandeln, die nennt der Apostel mit Recht geistig, weil der Geist Gottes in ihnen wohnt. Unkörperliche Geister aber werden die geistigen Menschen nicht sein, sondern unsere Wesenheit, d. h, die Vereinigung von Seele und Fleisch, vollendet durch die Aufnahme des göttlichen Geistes den geistigen Menschen. Die aber den Rat des Geistes verwerfen, den Lüsten des Fleisches dienen, unvernünftig leben und zügellos sich in ihre Begierden stürzen, da sie keinen Hauch vom göttlichen Geiste besitzen, sondern nach Art der Schweine und Hunde leben, die nennt mit Recht der Apostel fleischlich, da sie nichts anders als Fleischliches kennen. Und die Propheten vergleichen aus ebendemselben Grunde mit den unvernünftigen Tieren diejenigen, welche so unvernünftig wandeln. ‚Hengste, rasend nach Weibern, sind sie geworden, ein jeder von ihnen wiehert nach der Frau seines Nächsten.‘ Und wiederum: ‚Der Mensch, da er in Ehre war, ist ähnlich geworden dem Vieh.‘ Aus eigener Schuld nämlich ist er dem Vieh ähnlich geworden, weil er sich einem unvernünftigen Leben ergeben. Und dementsprechend sagen auch wir von solchen Menschen, daß sie unvernünftiges Vieh und tierisch geworden sind!“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,8,2)

„Denn dieser Seele Auferstehung geht an den Gläubigen vor sich, indem der Leib wiederum die persönliche Seele empfängt und mit ihr in der Kraft des Hl. Geistes aufersteht und einzieht in das Gebiet des Reiches Gottes.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 42)


(Auferstehung der Toten, Fresko aus der antiken Synagoge in Dura Europos.)

Theophilus von Antiochia schreibt etwa zur selben Zeit:

„Und nun deine Leugnung der Auferweckung der Toten. Du sagst nämlich: Zeige mir auch nur einen, der von den Toten auferweckt worden ist, damit ich sehe und glaube. Fürs erste: Was ist es Großes, wenn du das glaubst, das du gesehen hast? Und dann glaubst du auf der einen Seite, daß Herakles, der sich verbrannt hat, jetzt lebt, und daß Asklepios, der vom Blitze erschlagen worden, wieder sei auferweckt worden; auf der andern Seite bist du voll Unglauben den Aussprüchen Gottes gegenüber. Ich dürfte dir auch einen Verstorbenen, der von den Toten erweckt worden ist und lebt, vorzeigen, und du würdest auch da nicht glauben. Gott nun gibt dir viele Beweisgründe hierfür, auf daß du ihm glaubest. Denn betrachte gefälligst, wie die Jahreszeiten, die Tage, die Nächte ebenfalls endigen und wieder erstehen. Findet nicht auch bei den Samen und Früchten eine Wiederauferstehung statt, und zwar zum Nutzen der Menschen? Zum Beispiel das Getreidekorn oder das Korn anderer Samen wird in den Boden gelegt, erstirbt zuerst und zerfällt, dann aber wird es wieder auferweckt und wird zur Ähre. Bringen nicht ferner die Wald- und Fruchtbäume nach göttlicher Anordnung zu ihrer Zeit ihre Früchte, da, wo zuvor nichts sich zeigte und zu sehen war? Ferner sogar verschluckt manchmal ein Sperling oder irgendein anderer Vogel einen Apfel- oder Feigen- oder irgendeinen andern Kern, setzt sich auf einen felsigen Hügel oder auf ein Grabdenkmal, und gibt ihn dort wieder von sich; und der Kern schlägt Wurzeln und wächst zum Baume heran, obwohl er zuvor verschluckt worden und durch soviel Wärme durchgegangen ist. Das alles wirkt die göttliche Weisheit, um auch hierdurch zu zeigen, daß Gott die Macht hat, die allgemeine Auferstehung aller Menschen zu bewirken. Wenn du aber ein noch wundervolleres Schauspiel sehen willst, das zum Beweis der Auferstehung geschieht, nicht bloß auf Erden hier, sondern am Himmel, so betrachte die Auferstehung des Mondes, die allmonatlich eintritt: wie er nämlich abnimmt, verschwindet und wieder aufersteht. Höre weiter, o Mensch, auch von der Tatsache der Auferstehung, die in dir selbst vorgeht, wenn du sie auch nicht merkst. Du bist nämlich vielleicht schon einmal in eine Krankheit gefallen und hast dadurch die Fülle deines Körpers, die Kraft und das gute Aussehen verloren; aber du hast von Gott wieder Erbarmen und Heilung erlangt und damit wieder dein volles Fleisch, das gute Aussehen und die Kraft gewonnen. Und wie du zuvor nicht gewußt hast, wohin dein Fleisch gekommen, als es verschwunden war, so weißt du auch jetzt nicht, woher es dir wieder geworden oder gekommen ist. Du wirst freilich sagen: ‚Aus der Nahrung und den in Blut verwandelten Säften.‘ Gut! aber dies ist auch ein Werk Gottes, der es so eingerichtet hat, und nicht irgend eines anderen.“ (Theophilus, An Autolykus 13)

Die Heiden verachteten diesen Glauben und zerstörten deshalb die Leichname von ihnen getöteter Christen. Gallische Christen im 2. Jahrhundert schrieben, wie der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea um 300 zitiert, folgendes in einem Brief nach Kleinasien:

„‚Nachdem die Leiber der Märtyrer auf alle mögliche Weise geschändet worden waren und sechs Tage unter freiem Himmel gelegen hatten, wurden sie von den Frevlern verbrannt und ihre Asche in die nahe Rhone geworfen, damit auch kein Restchen mehr auf der Erde davon übrig bliebe. Ihr Handeln entsprang dem Wahne, Herr über Gott zu werden und die Auferstehung der Märtyrer zu verhindern. Diese sollten, wie sie sagten, mit nichten Hoffnung auf eine Auferstehung haben auf die vertrauend sie eine fremde, neue Religion bei uns einführen, die Qualen verachten und bereitwillig und freudig in den Tod gehen. Nun wollen wir sehen, ob sie auferstehen und ob ihr Gott ihnen helfen und sie aus unserer Hand erretten kann‘!'“ (Bericht gallischer Christen, zitiert in Eusebius, Kirchengeschichte V,1)

In der Petrusoffenbarung, einem Text über das Weltende, der sich als von Petrus geschrieben ausgibt, sagt Jesus zu den Jüngern:

„Und am Tage der Entscheidung des Gerichtes Gottes werden alle Menschenkinder vom Osten bis zum Westen vor meinem Vater, dem ewig Lebendigen, versammelt werden, und er wird der Hölle gebieten, daß sie ihre stählernen Riegel öffnet und alles, was in ihr ist, zurückgibt. Und den wilden Tieren und Vögeln wird er gebieten, daß sie alles Fleisch, was sie gefressen haben, zurückgeben, indem er will, daß die Menschen (wieder) sichtbar werden; denn nichts geht für Gott zugrunde und nichts ist ihm unmöglich, da alles sein ist. Denn alles (geschieht) am Tage der Entscheidung, am Tage des Gerichtes mit dem Sprechen Gottes, und alles geschieht, wie er die Welt schafft, und alles, was darin ist, hat er geboten, und alles geschah; ebenso in den letzten Tagen, denn alles ist Gott möglich, und also sagt er in der Schrift: ‚Menschenkind, weissage über die einzelnen Gebeine und sage zu den Knochen: Knochen zu den Knochen in Glieder, Muskel, Nerven, Fleisch und Haut und Haare darauf‘. Und Seele und Geist soll der große Urael [ein Engel] auf Befehl Gottes geben. Denn ihn hat Gott bestellt bei der Auferstehung der Toten am Tage des Gerichtes. Sehet und bedenkt die Samenkörner, die in die Erde gesät sind. Wie etwas Trockenes, das seelenlos ist, sät man sie in die Erde. Und sie leben auf, bringen Frucht, und die Erde gibt (sie) wieder wie ein anvertrautes Pfand. Und dieses, was stirbt, was als Same in die Erde gesät wird, lebendig wird und dem Leben zurückgegeben wird, ist der Mensch. Wie viel mehr wird Gott die an ihn Gläubigen und von ihm Erwählten, um derentwillen er (die Erde) gemacht hat, auferwecken am Tage der Entscheidung, und alles wird die Erde wiedergeben am Tage der Entscheidung, weil sie an ihm zugleich mit gerichtet werden soll und der Himmel mit ihr.“ (Petrusoffenbarung 4, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 473f.)

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift, die sich als Brief der zwölf Apostel ausgibt, sagt Jesus zu den Jüngern:

„‚Wahrlich, ich sage euch, wie mich der Vater von den Toten auferweckt hat, gleicherweise werdet auch ihr im Fleisch auferstehen, und er wird euch emporsteigen lassen über die Himmel an den Ort, von dem ich von Anfang an zu euch geredet habe, den euch bereitet hat, der mich gesandt hat. Und deshalb habe ich alle Barmherzigkeit vollendet: ohne gezeugt zu werden, bin ich von Menschen geboren (oder: gezeugt) und, ohne Fleisch zu haben, habe ich Fleisch angezogen und bin aufgewachsen, damit (ich) euch, die ihr im Fleisch gezeugt werden, (wiedergebäre,) und ihr in der Wiedergeburt die Auferstehung in eurem Fleisch erhaltet, einem Gewande, das nicht vergehen wird, mit allen, die hoffen und glauben an den, der mich gesandt hat; denn so hat mein Vater an euch Wohlgefallen gefunden, und denen, welchen ich will, gebe ich die Hoffnung des Reiches.‘ […]

Nachdem er dies zu uns gesagt hatte, sprachen wir zu ihm: ‚O Herr, steht es wirklich dem Fleisch bevor, mit der Seele und dem Geist (zusammen) gerichtet zu werden, und wird (die eine Hälfte davon) im Himmelreich ruhen und die andere ewiglich, indem sie (noch) leben, gestraft werden?‘ […]

Er antwortete und sagte zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, das Fleisch jedes Menschen wird auferstehen mit seiner Seele [lebendig] und seinem Geiste.'“ (Epistula Apostolorum 21-24 (äthiopische Version), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 138f.)

Menschenrechte oder natürliche Rechte?

Wenn man in tradikatholischen (Internet)kreisen unterwegs ist, wird man ab und zu auf eine gewisse Skepsis oder einen Vorbehalt gegenüber dem Begriff „Menschenrechte“ stoßen. Der wird irgendwie mit der Aufklärung, diesen geschwätzigen und heuchlerischen Intellektuellen des 18. Jahrhunderts, assoziiert, und mit einem übersteigerten Freiheitsbegriff, oder einem überheblichen falschen Versuch der Autonomie des Menschen von Gott. Nun ist es so, dass es diese falschen Assoziationen natürlich gibt; aber das Konzept von Menschenrechten passt an sich eigentlich nur in einen christlichen Rahmen, und macht im „aufklärerischen“ am Ende keinen Sinn mehr. Und es kam nicht erst mit der Aufklärung auf.

In voraufklärerischen Zeiten sprach man weniger von „Menschenrechten“, sondern nutzte eher den Begriff „natürliche Rechte“, aber der meint im Grunde dasselbe: Rechte, die Gott den Menschen ihrer Natur nach gegeben hat, die sie nicht erst erwerben müssen, sondern qua Menschsein haben. Ein Beispiel wäre das Recht auf Leben. Ein mittelalterlicher (oder auch späterer) katholischer Theologe hätte gesagt, dass Gott jedem Menschen seine Lebenszeit zugewiesen hat, in der er sich bewähren soll, und dass deshalb kein Mensch ihm sein Leben nehmen darf (außer wenn er es selbst durch ein entsprechend schweres Verbrechen verwirkt hat und jemand ihn in Notwehr tötet oder der Staat gegen ihn die Todesstrafe verhängt; auch natürliche Rechte sind u. U. verwirkbar). Ein anderes allgemein anerkanntes Recht war das Recht auf die freie Wahl des Lebensstandes; Theologen wie Thomas von Aquin beanspruchten z. B. ausdrücklich auch für Leibeigene das Recht, zu entscheiden, ob und wen sie heiraten und ob sie ins Kloster gehen wollten, ebenso wie Kinder dieses Recht unabhängig von ihren Eltern haben sollten. Nicht ganz einig war man sich bei allgemeinen Freiheitsrechten; aber immerhin war man sich einig, dass auch Leibeigenschaft/Sklaverei nur ein Recht auf die Arbeitskraft, nicht einen Besitz der Person bedeuten durfte, dass Unfreiheit eigentlich unnatürlich war und erst seit dem Sündenfall existierte, und zumindest irgendeinen rechtfertigenden Grund haben musste; und vor allem sollten auch Sklaven gewisse Rechte haben (Lebensrecht, Recht auf die Wahl des Lebensstandes, Recht auf ausreichend Lebensunterhalt vom Herrn…). Frühmittelalterliche Synoden legten auch Kirchenstrafen für das Töten von Sklaven fest, und (um einfach ein Beispiel herauszupicken) der frühmittelalterliche fränkische Bischof Agobard von Lyon verteidigte ausdrücklich das Recht von heidnischen Sklaven, sich gegen den Willen ihrer jüdischen Besitzer taufen zu lassen, mit folgenden Argumenten (von mir aus der englischen Übersetzung übersetzt):

„Eindeutig ist jeder Mensch eine Schöpfung Gottes, und in jeder Person, auch wenn sie ein Sklave sei, hält Gott – der sie im Mutterleib erschuf, sie ans Licht dieses Lebens brachte, das Leben, das Er gab, erhalten, und ihre Gesundheit bewahrt hat – einen größeren Anteil als der Mann, der ihre körperlichen Dienste erhält, nachdem er zwanzig oder dreißig Solidi [Goldstücke] gezahlt hat. Und keiner bezweifelt, dass jeder Knecht, obwohl er die Arbeit der Glieder seines Körpers seinem fleischlichen Herrn schuldet, die Religion seines Geistes dem Schöpfer allein schuldet. Daher, als heilige Prediger – die Verbündeten der Apostel – alle Nationen lehrten und tauften, warteten sie nicht auf die Erlaubnis der fleischlichen Herren, Knechte zu taufen, als ob es nicht gebührend gewesen wäre, dass sie getauft würden, es sei denn, ihre Herren hätten es erlaubt. Stattdessen, da sie wussten und predigten, dass Knechte und Herren einen Herrn, Gott im Himmel, haben, tauften sie alle, zusammengebracht in einem Leib [gemeint ist die Kirche], und lehrten, dass sie alle Brüder und Söhne Gottes seien, aber auf eine solche Weise, dass jeder in seiner Berufung bleibe […]

Man sollte auch ohne weiteres vernünftigerweise erkennen, dass, wenn ein Heide zu Christus flieht, und wir ihn nicht aufnehmen, sondern ihn wegen seiner fleischlichen Herren zurückweisen, das unfromm und grausam ist, da niemand Herr der menschlichen Seele sein kann als der Schöpfer allein.“

Vor allem war man sich eben bei einem einig: Jeder Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen, verdient deswegen ein Grundmaß an Respekt, muss gerecht behandelt werden, und hat ein ewiges Ziel im Jenseits. Dieses Ziel soll er durch sein eigenes freies vernunftgemäßes Handeln erreichen können, und daran dürfen ihn andere nicht hindern. Ein Mensch darf nie nur Mittel zum Zweck für andere Menschen sein. Daraus kann man noch verschiedene praktische Rechte ableiten, aber diese Grundlage ist zentral. Macht ist nicht Recht; wer Unschuldigen Böses antut, wird die gerechte Strafe dafür erleben.

Es gibt ja unter manchen Katholiken den Spruch „God has rights, man have duties“ – „Gott hat Rechte, Menschen haben Pflichten“. Menschliche Rechte sieht man dann nur als das Gegenstück zu Pflichten – z. B. hat es Gott anderen zur Pflicht gemacht, dein Leben zu respektieren, und daraus leitet sich dein Recht auf Leben ab. Das ist m. E. nicht ganz richtig. Sowohl die Pflichten als auch die Rechte kommen aus der Natur (und der übernatürlichen Bestimmung) des Menschen, und einige Rechte begründen erst die Pflichten anderer, diese Rechte zu achten, nicht umgekehrt. Z. B. hat jeder Mensch das Recht, sich Eigentum zu erwerben, also z. B. unbeanspruchtes Land zu beanspruchen, es mit seiner Arbeit umzuformen und Früchte hervorbringen zu lassen. Die Pflicht anderer, die später in seine Gegend kommen, dieses Eigentum zu achten, leitet sich aus der Existenz dieses Eigentumsrechtes ab. (Wobei das Eigentumsrecht kein absolutes Recht ist; wenn einer hungert und sonst nichts zu essen finden kann, dürfte er Essen stehlen; aber das Eigentum ist im Normalfall eben zu achten.) Ein anderes Beispiel: Ein Arbeiter setzt in Vollzeit seine Arbeitskraft für seinen Chef ein; das tut er, um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu beschaffen; also muss der Chef ihm auch ausreichend zahlen, dass es für diesen Lebensunterhalt reicht. (Höchstens dann, wenn er selber nicht genug hat, um ihm das zu zahlen, z. B. wegen einer schweren Wirtschaftskrise oder Hungersnot, wäre er davon entschuldigt, und müsste eben so viel zahlen, wie er vernünftigerweise kann.) Schon der Jakobusbrief bezeichnet das Vorenthalten des gerechten Lohnes als himmelschreiende Sünde. Die Pflicht folgt hier dem Recht, nicht umgekehrt.

Auch positive (=gesetzte, d. h. von Menschen geregelte) Rechte müssen zwangsläufig auf dem Naturrecht beruhen. Das Naturrecht besagt, dass Verträge eingehalten werden müssen; und erst daher haben Verträge ihre bindende Kraft. Das Naturrecht besagt auch, dass so etwas wie ein Staat nötig ist; und erst daraus hat der Staat sein Recht, Gesetze zu erlassen und z. B. zu regeln, ab wann jemand volljährig ist und bestimmte Rechte hat.

Das Problem ist nicht, wenn Leute Menschenrechte anerkennen, sondern wenn sie falsche Dinge zu Menschenrechten machen oder machen wollen.

Z. B. wird gerne mal in Bezug auf gute Dinge, die bestenfalls jeder haben sollte, behauptet, „X ist ein Menschenrecht“. Z. B.: „Bildung ist ein Menschenrecht“. Ein Menschenrecht kann aber nur etwas sein, das andere einem schulden, und unter Sünde verpflichtet sind, einem zu geben, oder das man schon natürlicherweise hat und das andere nicht anrühren dürfen. Nun ist es so, dass Eltern es ihren Kindern schuldig sind, sie auf ein selbstständiges Leben in ihrer jeweiligen Gesellschaft vorzubereiten. Aber wenn wir z. B. ins Mittelalter schauen, konnte man auch als Analphabet einen selbstständigen Platz in der Gesellschaft finden; da waren die Eltern eher verpflichtet, einem zu zeigen, wie man Landwirtschaft betreibt, oder einem eine handwerkliche Lehrstelle zu verschaffen. Schulbildung ist kein immer geltendes Menschenrecht; sie ist auch etwas, das eine Gesellschaft nur ab einem gewissen generellen Wohlstand für alle gewähren kann. (In Gesellschaften, in denen man Schulbildung braucht, kann es aber natürlich eine Pflicht für Eltern und Regierungen geben, dafür zu sorgen, dass die Kinder Schulbildung erhalten.) Ähnlich sieht es mit einem „Recht auf Arbeit“ aus; wer soll garantieren, dass es keine Arbeitslosigkeit gibt? Das schaffen auch heutige Wohlstandsgesellschaften nicht.

Ein anderes Problem ist, dass auch Sünden gerne mal zu Menschenrechten erklärt werden – z. B. erklärt man die Homo-Ehe zu einem Menschenrecht. (Wobei sie streng genommen nicht nur eine Sünde, sondern eine Unmöglichkeit ist.) Es gibt aber kein Recht, etwas Falsches/Naturwidriges zu tun; und das wird einen am Ende auch selber nicht glücklich machen. Ein Staat kann manche Sünden (vor allem die kleineren) tolerieren; aber größere Sünden zu institutionalisieren ist etwas anderes; und noch schlimmer ist es, sie zu Rechten zu erklären.

Ein Mittelding wären gewisse Freiheiten wie die Pressefreiheit. In der Praxis hat jeder Staat unterschiedliche Grenzen dafür, was unter die Pressefreiheit fällt, und keiner hat eine unbegrenzte Pressefreiheit. Nun gibt es schlicht und einfach kein natürliches Recht, alles zu verbreiten, was man will, auch Lügen und Irrtümer. Es kann ein bürgerliches Recht geben, das einen relativ weiten Rahmen festlegt, innerhalb dessen man verbreiten darf, was man will, auch ein paar nicht zu schädliche Lügen und Irrtümer, z. B. weil es zu tyrannisch wäre oder zu Missbräuchen führen könnte, wenn der Staat alle Einzelheiten nachverfolgen würde. Das ist aber auch wieder kein natürliches Recht; vom Naturrecht her hat man trotzdem die Pflicht, keine Irrtümer zu verbreiten (und der nötige Grad an staatlicher „Zensur“ oder „Bekämpfung von Volksverhetzung“ ist Ansichtssache).

Die Schlagworte der Aufklärer, wenn es um Menschenrechte ging, waren gerne „Freiheit“ und „Gleichheit“; beides leider sehr mehrdeutige Wörter, bei denen es nur vom Kontext abhängt, ob sie sehr Gutes oder sehr Schlechtes oder Neutrales meinen. Vor allem bei der Gleichheit. Denn ein wirkliches natürliches Recht ist die Gerechtigkeit, nicht die Gleichheit, und Gerechtigkeit kann auch manche Ungleichheiten zulassen, die entweder von ihr sogar gefordert werden (z. B. ungleich hohe Strafen für ungleich hohe Verbrechen) oder ihr zumindest nicht widersprechen (z. B. wenn zwei Personen einen ungleich hohen Lohn bekommen, aber beide einen guten Lohn).

Und eine Tendenz war bei den Aufklärern, und vorher schon in gewissem Grad wohl bei den Humanisten, eben auch da: Man soll sich auf die Größe und Würde des Menschen konzentrieren, und sich auf sein Diesseits konzentrieren, auf dieses jetzige irdische natürliche Leben. Gott mag nützlich sein als theoretische Begründung für die Moral oder die Existenz der Welt, aber es ist Zeitverschwendung, Ihn besonders oft anzubeten, Lebensverschwendung, für Ihn zurückgezogen im Kloster zu leben und auf Dinge zu verzichten. Übernatürliche Gnade ist nicht so wichtig; man kommt schon so zurecht und kann ein gutes Leben aufbauen.

Aber so entfernten sich die Aufklärer eben von Gott, und bald war Er nicht mal mehr als bloßer Hintergrund von Theorien gewollt. Und damit gräbt man dem Menschen und seinen Rechten das Wasser ab. Der Mensch ist einfach ein abhängiges Wesen, das seine Größe nur finden kann, wenn es komplett auf Gott ausgerichtet ist. (Die Heiligen zeigen das. Welchen Aufklärer gibt es, der auch nur im entferntesten an ihre Liebe, Treue und Großherzigkeit herangereicht hätte?) Menschen können auch sehr armselig sein.

„We hold these truths to be self-evident“, „Wir halten diese Wahrheiten für offensichtlich/selbsterklärend“, heißt es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung; damit wird die Erklärung eingeleitet, dass alle Menschen gleich geschaffen seien und von ihrem Schöpfer gewisse unveräußerliche Rechte hätten. Aber diese Wahrheiten sind nicht offensichtlich, nicht für einen Nichtchristen. Ein Christ z. B. weiß, dass auch ein schwer geistig und körperlich behinderter Mensch, der wenig mehr tun kann als sabbernd im Bett zu liegen, seine Würde hat, von Gott geliebt ist, eine unsterbliche Seele hat, und die typisch menschlichen Kräfte seiner Seele, die jetzt durch einen kranken Körper, ein krankes Gehirn gehemmt sind, nämlich Vernunft und Wille, zumindest im Jenseits wird ausüben können. Nehmen wir nun jemanden, der in einer vom Christentum völlig unberührten Welt aufwächst; wie wird der schwer geistig Behinderte sehen? Vielleicht als Missgeburten, die nun mal auf das Niveau der Tiere zurückgefallen sind, und die man deswegen auch nicht besser behandeln muss als Tiere? Das ist keine reine Spekulation; in antiken heidnischen Gesellschaften wurden behinderte Kinder routinemäßig ausgesetzt, und der atheistische australische „Philosoph“ Peter Singer wirbt engagiert für das Töten von Behinderten und bewertet das Lebensrecht von Affen generell als bedeutender als das von Neugeborenen.

Die gleiche Würde aller Menschen ist nicht offensichtlich; man muss sie begründen. Das Christentum kann das; der „humanistische“ Atheismus nicht.

Es gibt andere Versuche, Menschenrechte zu begründen, aber die sind letzten Endes erfolglos. Da wäre das libertäre Nicht-Aggressions-Prinzip, d. h. jeder dürfe alles tun, solange er einem anderen nicht schade. Aber hier muss auch erst wieder der zentrale Unterschied zwischen Tier und Mensch begründet werden; denn Menschen dürfen offensichtlich manches tun, was Tieren schadet, z. B. sie essen. (Und Tiere tun einander das auch ständig an, und man könnte sie nicht von Rechten ihrer Mittiere überzeugen.) Hier muss man wieder erst die Menschenwürde begründen, bevor man Menschen Rechte zusprechen kann. Und selbst wenn man diese einfach der Einfachheit halber als gegeben hinnimmt, reicht das NAP-Prinzip nicht aus. Z. B. haben Kinder ein Recht darauf, von ihren Eltern versorgt und auch geliebt zu werden; das ist kein bloßes „Lass mich in Ruhe“-Recht, und es beruht auch nicht auf einem Vertrag, den die Eltern mit dem Kind geschlossen haben, sondern liegt in der Natur der Sache. Es gibt nicht nur Pflichten, andere nicht zu attackieren, sondern auch Pflichten, Dinge für andere zu tun.

Eine Frage würde sich hier noch stellen: Haben Menschen eigentlich Rechte gegenüber Gott? Das kommt darauf an, was man darunter versteht.

Gott selbst ist die Liebe, und demnach gibt Er uns auch immer mehr, als wir verdienen würden. Aber Gott ist auch die vollkommene Gerechtigkeit; und in keinem Fall würde Er uns etwas Schlechteres geben, als wir verdienen – z. B. haben wir das „Recht“ Ihm gegenüber, nicht in einen tieferen Höllenkreis gesteckt zu werden, als wir mit unseren Taten verdienen. Das kann man ein wirkliches Recht nennen, denke ich. (In der Hölle gibt es immer noch verschiedene Grade. Alle Verdammten sind im Zustand der Feindschaft mit Gott, aber nicht alle haben sich gleich tief in diesen Zustand verstrickt und verdienen dieselben Konsequenzen.)

Aber seien wir mal ehrlich: Wenn Gott uns nur nach der reinen Gerechtigkeit behandeln würde, sähe es nicht schön aus für uns, selbst die besten Menschen würden noch in einen recht milden Höllenkreis kommen, wären immer noch von sich aus entfernt von Gott. Gott hat uns entsprechend Seiner Liebe aber noch mehr Zusagen gegeben; z. B. dass, wer glaubt, bereut und umkehrt, in den Himmel kommt, der ein übernatürliches Glück bedeutet, die Anschauung Gottes selbst. Man kann nun nicht sagen „wenn ich bereue etc., habe ich ein Recht auf den Himmel“, aber schon „wenn ich bereue etc., weiß ich sicher, dass Gott Seine Zusage einhalten wird und mich in den Himmel aufnimmt“. Das ist eine grundsätzliche Zusage; aber Gott hat sich z. B. nicht verpflichtet, einem unendlich viele Chancen zu geben, irgendwann kommt der Tod, vielleicht auch überraschend. Jedenfalls ist es eine Zusage; kein Recht im strengen Sinn; man könnte es evtl. deshalb ein Recht nennen, weil die Gerechtigkeit Gottes von Ihm selber fordert, dass Er Seine Zusagen und Versprechen nicht einfach so zurücknimmt.

In einem gewissen Sinn kann man aber auch kategorisch sagen: Gegenüber Gott haben wir keine Rechte – z. B. in dem Sinne, dass Er uns gar nicht hätte machen müssen und uns auch nicht im Dasein erhalten müsste. Er könnte uns wieder zu Nichts werden lassen. Wir verdanken Ihm alles und können Ihm nichts dafür geben. Oder auch in dem Sinne, dass Er uns vieles befehlen könnte, was andere Menschen nicht können. Manche Menschen haben eine begrenzte Autorität über andere (Eltern, Staat, etc.), aber nie eine unbegrenzte, sodass sie alles fordern könnten, was nur nicht in sich falsch ist. Gott dagegen hat eine solche Autorität. Er könnte einem Menschen z. B. nicht befehlen, zu lügen, weil das sich in sich verkehrt ist und Gott selbst auch nicht lügen könnte, aber er könnte einem zum Beispiel auftragen, seinen ganzen Besitz aufzugeben, in die Wüste zu gehen und als Prophet von Heuschrecken und wildem Honig zu leben. (Weil Gott zu den meisten Menschen nicht so deutlich spricht, kann man in der Regel und im Zweifelsfall aber davon ausgehen, dass alles, was Menschen generell erlaubt ist, auch einem selber erlaubt ist, und Gott einem Wahlfreiheit lässt.)

Irgendwie ist die Redeweise von Rechten gegenüber Gott auch, zwar nicht falsch, aber irgendwie unpassend. Denn von Rechten gegenüber X redet man meistens dann, wenn es vorstellbar ist, dass X diese Rechte verletzen könnte und man ihm gegenüber evtl. auf seine Rechte pochen muss. Und wenn Gott nicht ungerecht sein kann, kann Er auch niemandes Rechte verletzen.