Die Paradoxa des Katholizismus: Heiligkeit und Sünde

Heute mal wieder ein Gastbeitrag: Ein Ausschnitt aus Robert Hugh Bensons (1871-1914) Predigtreihe „Paradoxes of Catholicism“, veröffentlicht 1913 (online hier zu finden: http://www.gutenberg.org/cache/epub/16309/pg16309-images.html):

 

III. Sanctity and Sin

 

(III. Heiligkeit und Sünde)

 

[…]

 

A very different pair of charges […] concern the standards of goodness preached by the Church and her own alleged incapacity to live up to them. These may be briefly summed up by saying that one-half the world considers the Church too holy for human life, and the other half, not holy enough. We may name these critics, respectively, the Pagan and the Puritan.

 

(Ein ganz anderes Paar von Vorwürfen betrifft die Standards des Guten, die von der Kirche gepredigt werden, und ihre eigene angebliche Unfähigkeit, sie zu leben. Diese können kurz gesagt damit zusammengefasst werden, dass die eine Hälfte der Welt die Kirche für zu heilig für das menschliche Leben hält, und die andere Hälfte für nicht heilig genug. Wir können diese Kritiker jeweils den Heiden und den Puritaner nennen.)

 

I. It is the Pagan who charges her with excessive Holiness.

 “You Catholics,” he tells us, “are far too hard on sin and not nearly indulgent enough towards poor human nature. […] Or, to go further, consider the impossible ideals which you hold up with regard to matrimony. These ideals have a certain beauty of their own to persons who can embrace them; they may perhaps be, to use a Catholic phrase, Counsels of Perfection; but it is merely ludicrous to insist upon them as rules of conduct for all mankind. Human Nature is human nature. […] If you were less holy and more natural, less idealistic and more practical, you would be of a greater service to the world which you desire to help. Religion should be a sturdy, virile growth; not the delicate hot-house blossom which you make it.”

The second charge comes from the Puritan. “Catholicism is not holy enough to be the Church of Jesus Christ; for see how terribly easy she is to those who outrage and crucify Him afresh! Perhaps it may not be true after all, as we used to think, that the Catholic priest actually gives leave to his penitents to commit sin; but the extraordinary ease with which absolution is given comes very nearly to the same thing. So far from this Church having elevated the human race, she has actually lowered its standards by her attitude towards those of her children who disobey God’s Laws. […] The Catholic Church, then, is not holy enough to be the Church of Jesus Christ.”

 

(I. Es ist der Heide, der ihr exzessive Heiligkeit vorwirft.

„Ihr Katholiken“, sagt er zu uns, „seid viel zu hart zur Sünde und bei weitem nicht nachsichtig genug gegen die arme menschliche Natur. […] Oder, um weiterzuschauen, seht die unmöglichen Ideale an, die ihr in Bezug auf die Ehe hochhaltet. Diese Ideale haben vielleicht eine gewisse eigene Schönheit für Personen, die sie annehmen können; sie mögen vielleicht, um einen katholischen Ausdruck zu benutzen, Räte zur Vollkommenheit sein; aber es ist einfach lächerlich, auf ihnen als Verhaltensregeln für die ganze Menschheit zu bestehen. Die menschliche Natur ist die menschliche Natur. […] Wenn ihr weniger heilig und natürlicher wärt, weniger idealistisch und praktischer, dann wärt ihr der Welt, der ihr zu helfen wünscht, von größerem Nutzen. Die Religion sollte ein robustes, mannhaftes Gewächs sein; nicht die empfindliche Treibhaus-Blüte, zu der ihr sie macht.“

Der zweite Vorwurf kommt vom Puritaner. „Der Katholizismus ist nicht heilig genug, um die Kirche Jesu Christi zu sein; denn seht nur, wie scheußlich einfach er es denen macht, die Ihn empören und von neuem kreuzigen! Vielleicht mag es letztlich nicht wahr sein, wie wir früher dachten, dass der katholische Priester seinen Pönitenten tatsächlich die Erlaubnis erteilt, Sünden zu begehen [klassischer Bestandteil der englisch-protestantischen antikatholischen Propaganda des 16. und 17. Jahrhunderts]; aber die außerordentliche Leichtigkeit, mit der die Absolution erteilt wird, läuft beinahe auf dasselbe hinaus. Weit davon entfernt, dass diese Kirche die menschliche Rasse erhoben hätte, hat sie tatsächlich ihre Standards gesenkt mit ihrem Verhalten gegenüber denen ihrer Kinder, die Gottes Gesetzen ungehorsam werden. […] Die katholische Kirche ist daher nicht heilig genug, die Kirche Jesus Christi zu sein.“)

 

II. When we turn to the Gospels we find that these two charges are, as a matter of fact, precisely among those which were brought against our Divine Lord.

 First, undoubtedly, He was hated for His Holiness. Who can doubt that the terrific standard of morality which He preached – the Catholic preaching of which also is one of the charges of the Pagan – was a principal cause of His rejection. For it was He, after all, who first proclaimed that the laws of God bind not only action but thought; it was He who first pronounced that man to be a murderer and an adulterer who in his heart willed these sins; it was He who summed up the standard of Christianity as a standard of perfection, Be you perfect, as your Father in Heaven is perfect; who bade men aspire to be as good as God!

 It was His Holiness, then, that first drew on Him the hostility of the world—that radiant white-hot sanctity in which His Sacred Humanity went clothed. Which of you convinceth me of sin?… Let him that is without sin amongst you cast the first stone at her! These were words that pierced the smooth formalism of the Scribe and the Pharisee and awoke an undying hatred. It was this, surely, that led up irresistibly to the final rejection of Him at the bar of Pilate and the choice of Barabbas in His place. “Not this man! not this piece of stainless Perfection! Not this Sanctity that reveals all hearts, but Barabbas, that comfortable sinner so like ourselves! This robber in whose company we feel at ease! This murderer whose life, at any rate, is in no reproachful contrast to our own!” Jesus Christ was found too holy for the world.

 But He was found, too, not holy enough. And it is this explicit charge that is brought against Him again and again. It was dreadful to those keepers of the Law that this Preacher of Righteousness should sit with publicans and sinners; that this Prophet should allow such a woman as Magdalen to touch Him. If this man were indeed a Prophet, He could not bear the contact of sinners; if He were indeed zealous for God’s Kingdom, He could not suffer the presence of so many who were its enemies. Yet He sits there at Zacchaeus‘ table, silent and smiling, instead of crying on the roof to fall in; He calls Matthew from the tax-office instead of blasting him and it together; He handles the leper whom God’s own Law pronounces unclean.

 

(II. Wenn wir uns den Evangelien zuwenden, sehen wir, dass diese beiden Vorwürfe tatsächlich genau unter denen sind, die gegen unseren göttlichen Herrn vorgebracht wurden.

 Zuerst, unzweifelhaft, wurde Er für Seine Heiligkeit gehasst. Wer kann daran zweifeln, dass der erschreckende Standard der Moral, den er predigte – die katholische Predigt wessen auch einer der Vorwürfe des Heiden ist – ein Hauptgrund für Seine Zurückweisung war. Denn es war schließlich Er, der zuerst verkündete, dass die Gesetze Gottes nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken binden; es war Er, der zuerst den Mann einen Mörder und Ehebrecher nannte, der diese Sünden in seinem Herzen wünschte; es war Er, der den Standard des Christentums als einen Standard der Vollkommenheit zusammenfasste, Seid ihr vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist; der die Menschen aufforderte, danach zu streben, so gut zu sein wie Gott!

 Es war also Seine Heiligkeit, die als erstes die Feindschaft der Welt auf sich zog – diese strahlende, weiß-glühende Heiligkeit, in die Seine Heilige Menschheit gekleidet war. Wer von euch kann mich einer Sünde überführen! … Lasst den, der unter euch ohne Sünde ist, den ersten Stein auf sie werfen! Das waren Worte, die in den angenehmen Formalismus des Schriftgelehrten und des Pharisäers stachen und einen unsterblichen Hass weckten. Es war dies, sicherlich, das unaufhaltsam zu Seiner schließlichen Zurückweisung vor dem Gericht des Pilatus und der Wahl des Barabbas an Seiner Stelle führte. ‚Nicht dieser Mann! Nicht dieses Beispiel makelloser Vollkommenheit! Nicht diese Heiligkeit, die alle Herzen aufdeckt, sondern Barabbas, diesen bequemen Sünder, der so sehr ist, wie wir selbst! Diesen Räuber, in dessen Gesellschaft wir uns ruhig fühlen!’ Jesus Christus wurde als zu heilig für die Welt befunden.

 Aber Er wurde auch für nicht heilig genug befunden. Und es ist dieser ausdrückliche Vorwurf, der wieder und wieder gegen Ihn vorgebracht wird. Es war fürchterlich für diese Befolger des Gesetzes, dass dieser Prediger der Gerechtigkeit bei Zöllnern und Sündern sitzen sollte; dass dieser Prophet einer solchen Frau wie Magdalena erlauben sollte, ihn zu berühren. Wenn dieser Mann tatsächlich ein Prophet wäre, könnte Er den Kontakt von Sündern nicht ertragen; wenn Er tatsächlich von Eifer für Gottes Königreich verzehrt wäre, könnte er die Gegenwart von so vielen, die seine Feinde waren, nicht aushalten. Und doch sitzt Er da an Zachäus’ Tafel, still und lächelnd, anstatt dass Er dem Dach ruft, dass es in sich zusammenstürze; Er ruft Matthäus aus dem Zöllnerbüro, anstatt es und ihn zusammen zu vernichten; Er berührt den Aussätzigen, den Gottes eigenes Gesetz als unrein bezeichnet.)

 

III. These, then, are the charges brought against the disciples of Christ, as against the Master, and it is undeniable that there is truth in them both. […]

 (1) First the Catholic Church is Divine. She dwells, that is to say, in heavenly places; she looks always upon the Face of God; she holds enshrined in her heart the Sacred Humanity of Jesus Christ and the stainless perfection of that Immaculate Mother from whom that Humanity was drawn. How is it conceivable, then, that she should be content with any standard short of perfection? […]

 (2) But she is also human, dwelling herself in the midst of humanity, placed here in the world for the express object of gathering into herself and of sanctifying by her graces that very world which has fallen from God. These outcasts and these sinners are the very material on which she has to work; these waste products of human life, these marred types and specimens of humanity have no hope at all except in her.

 For, first, she desires if she can—and she has often been able—actually to raise these, first to sanctity and then to her own altars; it is for her and her only to raise the poor from the dunghill and to set them with the princes. She sets before the Magdalen and the thief, then, nothing less but her own standard of perfection.

 Yet though in one sense she is satisfied with nothing lower than this, in another sense she is satisfied with almost infinitely nothing. If she can but bring the sinner within the very edge of grace; if she can but draw from the dying murderer one cry of contrition; if she can but turn his eyes with one look of love to the crucifix, her labours are a thousand times repaid; for, if she has not brought him to the head of sanctity, she has at least brought him to its foot and set him there beneath that ladder of the supernatural which reaches from hell to heaven.

 For she alone has this power. She alone is so utterly confident in the presence of the sinner because she alone has the secret of his cure. There in her confessional is the Blood of Christ that can make his soul clean again, and in her Tabernacle the Body of Christ that will be his food of eternal life. She alone dares be his friend because she alone can be his Saviour. If, then, her saints are one sign of her identity, no less are her sinners another.

 For not only is she the Majesty of God dwelling on earth, she is also His Love; and therefore its limitations, and they only, are hers. That Sun of mercy that shines and that Rain of charity that streams, on just and unjust alike, are the very Sun and Rain that give her life. If I go up to Heaven she is there, enthroned in Christ, on the Right Hand of God; if I go down to Hell she is there also, drawing back souls from the brink from which she alone can rescue them. For she is that very ladder which Jacob saw so long ago, that staircase planted here in the blood and the slime of earth, rising there into the stainless Light of the Lamb. Holiness and unholiness are both alike hers and she is ashamed of neither—the holiness of her own Divinity which is Christ’s and the unholiness of those outcast members of her Humanity to whom she ministers.

 By her power, then, which again is Christ’s, the Magdalen becomes the Penitent; the thief the first of the redeemed; and Peter, the yielding sand of humanity, the Rock on which Herself is built.

 

(III. Das sind also die Vorwürfe, die gegen die Jünger Christi, wie gegen den Meister, vorgebracht werden, und unbestreitbar ist Wahrheit in ihnen beiden. […]

 (1) Erstens ist die katholische Kirche göttlich. Sie wohnt sozusagen in himmlischen Gefilden; sie sieht stets das Antlitz Gottes; sie hält in ihrem Herzen die Heilige Menschheit Jesu Christi und die makellose Vollkommenheit der Unbefleckten Mutter, aus der diese Menschheit kam. Wie ist es dann vorstellbar, dass sie mit irgendeinem Standard unterhalb der Vollkommenheit zufrieden sein sollte? […]

(2) Aber sie ist auch menschlich, sie nimmt ihren Wohnsitz in der Mitte der Menschheit, sie ist hier in die Welt gesetzt mit dem ausdrücklichen Ziel, genau diese Welt, die von Gott abgefallen ist, in sich aufzusammeln und durch ihre Gnaden zu heiligen. Diese Ausgestoßenen und diese Sünder sind gerade das Material mit dem sie arbeiten muss; diese unbrauchbaren Produkte des menschlichen Lebens, diese ruinierten Individuen und Exemplare der Menschheit, die überhaupt keine Hoffnung haben außer in ihr.

 Denn erstens ersehnt sie, wenn sie kann – und sie war oft dazu fähig – diese tatsächlich zu erheben, zuerst zur Heiligkeit und dann zu ihren eigenen Altären; es ist an ihr und nur an ihr, die Armen vom Misthaufen zu erheben und zu den Fürsten zu setzen. Sie setzt vor die Magdalena und den Schächer daher nichts Geringeres als ihren eigenen Standard der Vollkommenheit.

Aber obwohl sie in einem Sinn mit nichts Geringerem als diesem zufrieden ist, ist sie in einem anderen Sinn mit fast gar nichts zufriedengestellt. Wenn sie den Sünder nur an den Rand der Gnade bringen kann; wenn sie dem sterbenden Mörder nur einen Schrei der Reue entziehen kann; wenn sie seine Augen nur mit einem Blick der Liebe zum Kruzifix wenden kann, dann sind ihre Mühen tausendfach bezahlt; denn wenn sie ihn auch nicht zum Gipfel der Heiligkeit gebracht hat, dann hat sie ihn wenigstens zu ihrem Fuß gebracht und dort unter jene Leiter des Übernatürlichen gesetzt, die von der Hölle in den Himmel reicht.

Denn sie allein hat diese Macht. Sie allein ist so vollkommen souverän in der Gegenwart des Sünders, weil sie allein das Geheimnis seiner Heilung besitzt. Dort in ihrem Beichtstuhl ist das Blut Christi, das seine Seele wieder rein machen kann, und in ihrem Tabernakel der Leib Christi, der seine Nahrung für das ewige Leben sein wird. Sie allein wagt es, seine Freundin zu sein, weil sie allein seine Retterin sein kann. Wenn daher ihre Heiligen ein Zeichen ihrer Identität sind, dann sind ihre Sünder um nichts weniger ein anderes.

Denn sie ist nicht nur die Majestät Gottes, die auf der Erde wohnt, sie ist auch Seine Liebe; und daher sind deren Grenzen, und nur sie, auch ihre. Diese Sonne der Barmherzigkeit, die scheint, und dieser Regen der Liebe, der strömt, auf die Gerechten wie auf die Ungerechten, sind dieselbe Sonne und derselbe Regen, die ihr Leben geben. Wenn ich in den Himmel steige, ist sie dort, thronend in Christus zur rechten Hand Gottes; wenn ich in die Hölle hinabsteige, ist sie ebenfalls dort, Seelen zurückziehend von der Klippe, von der sie allein sie retten kann. Denn sie ist genau diese Leiter, die Jakob vor so langer Zeit sah, diese Treppe, die hier im Blut und Schleim der Erde gepflanzt ist und dort in das makellose Licht des Lammes reicht. Heiligkeit und Unheiligkeit gehören beide zu ihr und sie schämt sich keiner – die Heiligkeit ihrer eigenen Göttlichkeit, die Christi ist, und die Unheiligkeit dieser ausgestoßenen Glieder der Menschheit, denen sie dient.

 Durch ihre Macht daher, die wieder die Christi ist, wird die Magdalena die Büßerin; der Schächer der erste der Erlösten; und Petrus, der nachgiebige Sand der Menschheit, der Fels, auf dem sie gebaut ist.)

Ach ja, Privatoffenbarungen

Wahrscheinlich kennt jeder bestimmte Ansichten, die er ganz besonders verabscheut. Für mich sind das vor allem:

  • Verschiedene gotteslästerliche Häresien wie der Jansenismus, der Calvinismus oder der Islam, die den lieben Herrgott als Tyrannen darstellen;
  • Überbevölkerungshysterie (zu den Gründen dafür noch mal ein eigener Beitrag);
  • falsche Privatoffenbarungen.

Es gibt natürlich andere Ansichten, die noch weniger mit meinen eigenen erzkatholischen Ansichten gemein haben – den Atheismus zum Beispiel. Aber was etwa den „Neuen Atheismus“ angeht, der mehr die fünfte Auflage von Feuerbach ist, der macht einfach keinen lohnenden Gegner mehr her, weil er fast ausschließlich auf Unwissen und Missverständnissen beruht. Und manchmal hasst man die Ketzerei eben doch mehr als den Unglauben. Fragen Sie die Heilige Inquisition.

Okay, zum eigentlichen Thema. Heute also: Privatoffenbarungen. Mir geht es hier natürlich hauptsächlich um die nicht kirchlich anerkannten Privatoffenbarungen. Allzu viele persönliche Erfahrung mit denen habe ich nicht – die wenigen, die ich habe, reichen mir allerdings.

 

Als ich noch ein frisch bekehrter Teenager war, so etwa 2011, war die aktuelle, anonym im Internet verbreitete Privatoffenbarung, über die man in Tradi- und Charismatikerkreisen hysterisch werden konnte, gerade „Die Warnung“. Inhalt: Bald wird eine große „Warnung“ über die Menschheit kommen, im Grunde genommen ein entsetzlicher Augenblick, in dem alle Menschen in einer „Seelenschau“ ihre Sünden erkennen, wobei einige vor Schreck tot umfallen werden. Dann kommt bald das Ende – zuerst allerdings muss die Welt noch einiges an von Gott verhängten Plagen, also Naturkatastrophen und dergleichen, überstehen. Und vorher muss auch noch der Antichrist auftauchen, der nämlich der Nachfolger von Papst Benedikt XVI sein wird. Das mit dem Antichrist wurde nach meiner Erinnerung allerdings erst etwas später prophezeiht als das mit der Warnung und dem Weltuntergang im Allgemeinen; ich habe erst mal jedenfalls nur ersteres im Internet gelesen. (Ja, ja, ich weiß. Wenn man gerade erst überzeugt katholisch geworden ist, weiß man eben noch nicht, welchen sich katholisch nennenden Seiten man vertrauen kann.)

Jedenfalls hat mich das damals schon, sagen wir mal, etwas verängstigt. So richtig glaubhaft wirkte es ja nicht… also, ein wenig komisch wirkte es schon… aber… was wenn… also, falls doch…??? Was von Gott kam, musste ja nicht unbedingt meinen Erwartungen entsprechen, und in der Bibel ging es ja auch an manchen Stellen um die Endzeit, auch wenn die anders klangen als die Botschaften der anonymen Seherin… und diese Botschaften sagten, die Leute müssten Bescheid wissen, um sich auf die Warnung vorbereiten zu können! (Schließlich sollten sie ja nicht tot umfallen.)

Na ja, meine Geschichte endet eher langweilig. Ich habe nicht mit anderen Menschen über „Die Warnung“ gesprochen und sie eher wieder aus meinen Gedanken verbannt, da sie mir zu viel Angst machte und da meine Reaktion auf Angst dann manchmal ist, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass der Grund für die Angst verschwindet – wofür es in diesem Fall ja auch Gründe gab, das Ganze war ja schon irgendwie komisch. Schließlich gingen die Monate, für die die Warnung angekündigt worden war, tatsächlich ohne Warnung vorüber, woraufhin ich wieder ganz beruhigt sein konnte. Puh. Nochmal Glück gehabt. Irgendwann habe ich, soweit ich mich erinnern kann, auch einmal kritische Artikel zur „Warnung“ auf kath.net (einer Seite, die sonst übrigens nicht für ihre Skepsis gegenüber Privatoffenbarungen bekannt ist – die Vorbehalte der Kirche gegenüber Medjugorje etwa ignorieren die Betreiber vollkommen) gelesen, darunter auch Erklärungen, was an den Offenbarungen häretisch war, und bischöfliche Verurteilungen, nachdem herausgekommen war, wer die „Seherin“ war und im Zuständigkeitsbereich welchen Bischofs sie lebte. Also alles wieder gut. Ich wusste, dass ich solchen Unsinn in Zukunft nicht mehr beachten musste.

 

Falls sich also unter meinen Lesern jemand befinden sollte, der auch wegen irgendeiner Privatoffenbarung beunruhigt ist und vielleicht von dieser geforderte Spezialrosenkränze betet, um die kommenden Plagen zu überstehen oder für die Sünden der Welt zu büßen, damit die kommenden Plagen doch nicht kommen: Zu Privatoffenbarungen sollte man erst einmal ein paar ganz grundsätzliche Dinge wissen.

1) Nach der Lehre der katholischen Kirche ist die allgemeine, „öffentliche“ Offenbarung seit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen. Es können keine grundsätzlich neuen Lehren mehr hinzukommen, so wie zum Beispiel im Neuen Testament die Lehre von der Dreifaltigkeit zur alttestamentlichen Überzeugung von dem einen Gott hinzukam. Natürlich ist ein vertieftes Verständnis noch möglich, eine Konkretisierung der christlichen Lehren, so wie sie auf den Konzilien geschieht; aber nicht mehr.

2) Da wir also eigentlich alles haben, was wir benötigen, brauchen wir an sich keine Privatoffenbarungen. Man muss Privatoffenbarungen nicht kennen. Es ist nicht zu beanstanden, sich überhaupt nicht um sie zu scheren – egal, ob sie kirchlich anerkannt sind, noch geprüft werden oder schon verworfen sind. Und egal, was der Seher sagt. Wenn er sagt, man müsse seine Botschaft annehmen, da man sonst sündige und evtl. nicht gerettet würde, ist er ein Häretiker, der der göttlichen Offenbarung, die die Kirche uns bereits mitgeteilt hat, widerspricht. Also muss man ihm schon mal gar nicht zuhören.

3) Wenn die Kirche eine Privatoffenbarung „anerkennt“, ist das eine Erlaubnis, an sie zu glauben – keine Vorschrift. Genehmigte Privatoffenbarungen wie die von Lourdes oder Fatima können für Gläubige hilfreich sein, aber sie sind nicht verpflichtender Glaubensinhalt.

4) Sehr, sehr viele Privatoffenbarungen sind kirchlich verurteilt worden, und viele davon widersprechen sich gegenseitig.

5) Wenn jemand behauptet, eine Botschaft von Gottvater, Jesus, Maria oder dem Erzengel Michael erhalten zu haben, ist nicht die einzig mögliche Erklärung dafür, dass er eine Botschaft von Gottvater, Jesus, Maria oder dem Erzengel Michael erhalten hat. Andere Erklärungen sind auch noch möglich, zum Beispiel:

  • Lüge: Der „Seher“ hat sich die Botschaft ganz einfach ausgedacht – möglicherweise, um berühmt zu werden, möglicherweise, um Geld zu machen. Bei den andauernden Visionen in Medjugorje scheint das nach den kirchlichen Beurteilungen momentan der Fall zu sein.
  • Psychische Probleme: Manche Menschen, die erklären, Visionen oder Einsprechungen zu erhalten, sind keine Lügner, sondern einfach psychisch krank. Das muss nicht heißen, dass sie völlig „verrückt“ sind. (Hey, ich bin auch psychisch krank.) Vielleicht bilden sie sich ein, ein Traum, den sie hatten, war eine göttliche Offenbarung. Vielleicht sehnen sie sich nach göttlicher Hilfe und göttlichem Zuspruch und irgendwann verschwimmen dann die Grenzen zwischen Wunsch und Realität. Vielleicht funktioniert etwas in ihrem Gehirn nicht, wie es sollte, und sie bekommen Halluzinationen, wenn sie ihre Medikamente nicht nehmen. Sie lügen nicht, sie glauben an das, was sie sagen, aber sie verkünden dennoch Unsinn. Ein mögliches Beispiel wäre der islamische Prophet Mohammed; jedenfalls kann man aus den vorhandenen Quellen auf eine psychische Erkrankung, vielleicht verbunden mit einer Form der Epilepsie, als mögliche Erklärung für seine angeblichen Engelsbesuche schließen. (Dazu vielleicht ein andermal mehr.)
  • Dämonische Täuschung: Auch theoretisch möglich, auch wenn man nicht gleich überall den Satan wittern muss. Schon der hl. Paulus schreibt in seinen Briefen: „Denn diese Leute sind Lügenapostel, unehrliche Arbeiter; sie tarnen sich freilich als Apostel Christi. Kein Wunder, denn auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts.“ (2 Korinther 11,13f.), und, noch entscheidender: Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel. (Galater 1,8) Wenn jemand eine Erscheinung hat, in der ein Engel des Lichts etwas verkündet – woher weiß er dann dabei, dass es sich tatsächlich um einen Engel des Lichts handelt? Satan tritt nicht mit Hörnern und Pferdefuß auf; er ist ja nicht blöd. (Anmerkung: Das heißt nicht, dass der Betreffende besessen sein müsste oder etwas in der Art; sicherlich nicht. So etwas soll sogar Heiligen passiert sein, die der Teufel täuschen wollte, und bei denen Gott dies zugelassen hat. Man sollte sich daher einfach bei Erscheinungen nicht zu sicher sein und nicht gleich zu viel auf sie geben. Rat bei einem Priester zu suchen ist nie eine schlechte Idee, wenn man meint, Engel zu sehen oder Besuch von Maria zu erhalten. Soweit mal die Ratschläge für eventuell mitlesende Seher!)

6) Noch etwas: Es kann auch bei einer realen Erscheinung vorkommen, dass sich der, der sie erhalten hat, später falsch an etwas erinnert, einige Worte verdreht, dass er vielleicht verwirrt und überwältigt war und später rekonstruiert, was er meint, gehört zu haben, und dass er dabei vielleicht auch eigene Ideen hinzudichtet, ohne es beabsichtigt zu haben. Es kann auch sein, dass sogar ein Heiliger einmal verwirrt ist und vielleicht einen Traum, den er hatte, mit einer Vision verwechselt, oder etwas in der Art. Es kann sein, dass Privatoffenbarungen nach einiger Zeit in veränderter Form weiterverbreitet werden. Die Visionen der sel. Anna Katharina Emmerick zum Beispiel wurden von dem Schriftsteller Clemens Brentano aufgezeichnet, der, wie sich später herausstellte, ihre Erzählungen frei ausgestaltet und Dinge hinzufügt hatte.

7) Dass jemand später selig- oder heiliggesprochen wurde, sagt daher noch nicht automatisch etwas über die Richtigkeit eventuell von ihm empfangener Privatoffenbarungen aus. Im Mittelalter etwa, als die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens [Anmerkung: hier ist gemeint, dass Maria vom ersten Augenblick ihres Lebens an, d. h. eben ihrer Empfängnis an, von der Erbsünde frei war; es geht nicht um die jungfräuliche Empfängnis Jesu] noch nicht als Dogma festgelegt war, sondern kontrovers debattiert wurde, gab es verschiedene Privatoffenbarungen, in denen „Maria“ selbst sich dazu einschaltete: Der heiligen Brigitta von Schweden wurde offenbart, die Gottesmutter sei unbefleckt empfangen worden, der heiligen Katharina von Siena, sie sei es nicht. Ja, was denn nun? Einfache Antwort: Die heilige Katharina zumindest muss einer Täuschung zum Opfer gefallen sein. (S. hier für mehr Infos:  https://charismatismus.wordpress.com/2015/02/27/die-hl-katharina-von-siena-erlebte-eine-irrtumliche-marienerscheinung/ )

 

Privatoffenbarungen kommen natürlich in ganz unterschiedlichen Kontexten. Etliche Sektengründer berufen sich auf direkte göttliche Anweisungen (häufig mitsamt einer Vorhersage des Datums des Weltuntergangs). Es gibt sie im protestantischen, im halbchristlichen (Mormonen, Zeugen Jehovas, auch den Islam könnte man hier einordnen, wenn man wollte, da er sich auch auf frühere Offenbarungen und „Propheten“ wie Mose und Jesus beruft), und im nicht-christlichen Bereich. Und es gibt sie unter Katholiken. Hier geht es mir um falsche Privatoffenbarungen im katholischen Bereich. Meistens kommen sie in zwei Varianten:

  • Variante „Medjugorje“: Banalitäten über Banalitäten. Gelegentlich mal theologisch fragwürdig, aber meistens nur ermüdende Endlosschleifen von „Liebe Kinder, betet den Rosenkranz für die Sünden der Welt! Liebe Kinder, betet viel! Vergesst nicht, den Rosenkranz zu beten! Gott liebt euch, liebe Kinder! Betet viel, liebe Kinder! Es gibt viele Sünden in der Welt! Leistet Sühne für die vielen, großen Sünden in der Welt! Betet den Rosenkranz, liebe Kinder!“
  • Variante „Die Warnung“: Panikmache vor schrecklichen „Prüfungen“ (Christenverfolgungen, Kriege, übernatürliche Geschehnisse, was weiß ich), die dem kurz bevorstehenden Weltuntergang vorausgehen.

Sehr häufig empfehlen beide Formen von Privatoffenbarungen spezielle neu offenbarte Gebete, gerne mal auch Abwandlungen des Rosenkranzes. Und vielleicht noch eine Medaille mit einem von der Jungfrau Maria persönlich offenbarten Bild ihrer selbst gefällig?

Das Problem bei Privatoffenbarungen ist natürlich grundsätzlich, dass sie nicht vollkommen zu belegen sind. Sicher, man kann die Seher auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen (Ziehen sie Profit aus ihren Behauptungen? Haben sie sich selbst widersprochen? Sind sie als ehrlich bekannt? Etc.); aber auch dann kann noch ein Restzweifel bleiben. Der Seher ist ja der einzige Zeuge für das von ihm Behauptete, und wie sagt schon die Bibel? Richtig, jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden, (vgl. Matthäus 18,16; 2 Korinther 13,1; Deuteronomium 19,15; Deuteronomium 17,6; Numeri 35,30). Er kann geschickt lügen oder getäuscht sein oder sich irren. Dazu kommt die schiere Tatsache, wie viele Privatoffenbarungen es gibt; sie können nicht alle wahr sein, aber sie beanspruchen es alle. Es ist unmöglich, alle diese Ansprüche anzuerkennen.

Manche Religionen beruhen vollständig auf Privatoffenbarungen – eben der Islam oder das Mormonentum zum Beispiel. Mohammed wurde von den Leuten, die ihm nicht glaubten, vorgeworfen, dass er keine Wunder wirke wie die biblischen Propheten vor ihm es getan hatten; seine Antwort darauf waren Beschimpfungen und Drohungen. Niemand außer ihm bekam den Engel zu sehen, der ihm angeblich erschien. Ähnlich wie bei Mohammed sah es 1200 Jahre später bei Joseph Smith aus. Das funktioniert nicht für eine Religion. Würde Gott denn von uns verlangen, an eine Offenbarung zu glauben, von der wir nie sicher sein können, ob sie wahr ist? Wozu hat er uns denn unseren Verstand gegeben? Nein; die richtige Offenbarung muss anders aussehen.

Wenn – kommen wir wieder zum innerkatholischen Bereich zurück – es in den Botschaften zur religiösen Pflicht erklärt wird, eine Privatoffenbarung anzunehmen, sie weiterzuverbreiten, bestimmte „offenbarte“ Gebete zu verrichten, um „Sühne“ zu leisten oder sich auf den Weltuntergang vorzubereiten, und wenn einem andernfalls mit göttlicher Strafe und ewiger Verdammnis gedroht wird, oder wenn – wichtiges Warnzeichen! – zum Ungehorsam gegen einen die Botschaften verurteilenden Bischof aufgerufen wird, der sich gegen „Gott“ gestellt habe, dann ist das ein Beweis – ja, ein Beweis – dafür, dass die Privatoffenbarung falsch sein muss. Weiter muss man gar nicht schauen. Gott widerspricht sich nicht. Er würde nicht mit Drohungen von uns verlangen, eine unsichere, zweifelhafte Botschaft anzunehmen, nachdem Er uns vorher durch Seine Kirche offenbart hat, dass alle weiteren Privatbotschaften nicht verpflichtend sind. Wenn mit Ängsten religiös unruhiger Menschen gespielt wird: Dann ist das nicht von Gott. In Lourdes hat die Madonna sich Bernadette als die „Unbefleckte Empfängnis“ vorgestellt (womit sie das vier Jahre vorher von Papst Pius IX. verkündete Dogma bestätigte, das Bernadette gar nicht verstand), und sie hat ihr die Quelle gezeigt, in der seitdem zahlreiche Menschen geheilt wurden. Sie hat nicht dem Ortsbischof mit der Hölle gedroht, für den Fall, dass er die Erscheinungen nicht anerkenne. Gott hat uns durch den Apostel Paulus die Anweisung gegeben: Prüfet alles und behaltet das Gute (1 Thessalonicher 5,21). Also, prüfen!

Noch eine andere Anweisung des Herrn selbst: „Wenn dann jemand zu euch sagt: Seht, hier ist der Messias!, oder: Da ist er!, so glaubt es nicht! Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten irrezuführen. Denkt daran: Ich habe es euch vorausgesagt. Wenn sie also zu euch sagen: Seht, er ist draußen in der Wüste!, so geht nicht hinaus; und wenn sie sagen: Seht, er ist im Haus!, so glaubt es nicht. […] Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matthäus 24,23-25.36)

 

Es ist sicher nichts dagegen einzuwenden, sich mit den anerkannten Privatoffenbarungen (Lourdes, Fatima) zu beschäftigen. Mir haben sie nie so wahnsinnig viel gesagt. Aber sie lassen einen vielleicht erst erkennen, wie real das Wirken des Himmels heutzutage noch ist. Aber von den nicht anerkannten oder verbotenen: Finger weg! Gehorsam ist wichtiger als angebliche neue Nachrichten vom Himmel, und man kommt ohne sie aus. Und das Wirken des Himmels in der ganz gewöhnlichen irdischen Realität kann man auch einfach in einer noch viel tieferen Weise in der heimischen Pfarrei in der Sonntagsmesse erleben, wenn der Pfarrer sagt: „…damit sie uns werden Leib und Blut deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, der uns aufgetragen hat, dieses Geheimnis zu feiern.“ Dann ist Jesus nämlich ganz sicher da.

Häresien kurz erklärt: Der Modernismus

Die zentrale Lehre des Modernismus ist, dass der heute lebende Mensch extrem viel dümmer als seine Vorfahren sei. Diese Lehre wird für gewöhnlich hinter der jedoch nur scheinbar von Modernisten vertretenen Lehre versteckt, dass der heute lebende Mensch extrem viel klüger als seine Vorfahren sei.

Lieblingssätze des Modernisten sind z. B: „Das kann man doch heute nicht mehr vermitteln!“, oder: „Wie soll man das denn Menschen des 19./20./21. Jahrhunderts vermitteln?“ (Bei dem nicht Vermittelbaren handelt es sich für gewöhnlich um äußerst einfach zu verstehende Lehren wie etwa die Gottesbeweise des heiligen Thomas oder die Lehre von Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn.)

 

Jetzt versteh‘ ich’s!

Ich habe hier ja schon einmal meinen Senf zum Projekt „Valerie und der Priester“ abgegeben (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/22/glauben-meinen-wissen-und-nicht-interessiert-sein/) und bin dabei schon einmal auf das Wichtigste eingegangen, was mich an Valerie Schönians Zugang zum Leben des Priesters Franziskus von Boeselager und zum katholischen Glauben an sich stört: Ihr Fokus auf Emotionalität, ihre feststehende (und gleichzeitig an keiner Stelle begründete) Überzeugung, in der Religion ginge es nur um Halt, Gemeinschaft, Heimat, und nette Gefühle.

Das Projekt ist jetzt nach einem Jahr zu seinem Ende gekommen, und ich muss ehrlich gesagt sagen, ich bin schön langsam froh drum. Anfangs habe ich gerne mitgelesen, es war – trotz des, wie es ein Kommentator auf Facebook mal treffend bezeichnete, gelegentlichen „Schülerzeitungsniveaus“ der Artikel – gar nicht mal uninteressant: ein Einblick in den Alltag eines sehr sympathischen Kaplans, dazu natürlich ein Einblick in den Zugang eines anderen Menschen zur Kirche, der mit der Kirche bisher nie was am Hut hatte. Es kann ganz interessant sein, sich mal anzuschauen, wie der eigene Verein so bei der Außenwelt ankommt; Valerie berichtete ja über etwas, das ihr völlig fremd war – da verzeiht man einige Klischeevorstellungen am Anfang gerne mal, zumal die 25-jährige Journalisten einen, wenn auch nicht besonders kundigen oder genialen, doch alles in allem freundlichen und interessierten Eindruck machte.

Aber allmählich nervt es mich doch, die Valerie-und-der-Priester-Artikel und -Videos im Newsfeed auf Facebook zu haben. Zu nennen wäre bei den unwichtigeren Gründen immer noch der Schreibstil, mit dem Valerie mich nie begeistern konnte (den regelmäßig verwendeten, wirklich wahnsinnig originellen Einstieg in medias res mit dem szenischen Präsens hat sie sich wahrscheinlich aus dem Oberstufendeutschbuch angelesen). Zwar sind da, um ganz ehrlich zu sein, die Artikel in meiner Tageszeitung auch nicht immer viel besser; aber trotzdem macht der Blog manchmal einen Eindruck auf dem Niveau des letzten Berichts von Oberministrantin Martina S. (18) über die Ministrantenfreizeit am Baggersee in der Pfarrzeitung von St. Aloysius, Unterangerried. Des weiteren, und das nervt mehr: So ziemlich das ganze letzte halbe Jahr hindurch wiederholt Valerie in jedem zweiten Satz ihrer Artikel, wie wichtig doch Begegnung zwischen verschiedenartigen Menschen sei, auch wenn sich Standpunkte dadurch nicht änderten; ein wie viel besseres praktisches Verständnis sie dafür entwickelt habe, dass tatsächlich nicht alles schwarz-weiß sei (was sie vorher theoretisch zwar auch unterschrieben, aber nicht so realisiert hätte); und dass es – man höre und staune! – in der Kirche ja auch sehr nette Menschen gebe. Auch wenn Franziskus gegen das Frauenpriestertum ist, sie hält ihn trotzdem noch für einen guten Menschen. Mal ganz abgesehen von der Redundanz des Ganzen hat es stellenweise doch einen etwas seltsamen Beigeschmack. Sehr nett ist zum Beispiel, was sie in einem Interview zu ihrem Projekt beim Onlinemagazin Kirche & Leben sagt: „Man muss eben sich darauf einigen, worüber man spricht, wenn man von ‚der Kirche‘ spricht – spricht man gerade von der Institution, spricht man irgendwie von den Menschen, die in Rom sitzen, oder spricht man von den Menschen, die hier in der Kirche sitzen, von der Gemeinde – und wenn man von denen spricht, also, zumindest die, die ich hier erlebt habe, dann ist die Kirche sehr wohl liebenswürdig.“ (https://www.kirche-und-leben.de/artikel/valerie-und-der-priester-ein-resuemee-am-projektende/) Wow. Wie unendlich vorurteilsfrei. Natürlich, die Menschen, die für die Institution in Rom sitzen, die müssen immer noch schlecht sein, das wissen wir, aber in den deutschen Gemeinden hier, da kann es schon doch auch nette Christen geben! Ich meine, es ist natürlich Allgemeinbildung, wie schlimm die Leute sind, die in der Kurie arbeiten, nicht wahr, die haben wir schließlich alle persönlich kennengelernt, und wieso sollte jemand überhaupt in der Zentrale der katholischen Kirche für den Papst arbeiten wollen, wenn er nicht ein schlechter Mensch wäre, aber ansonsten, so ein Gemeindepriester, der kann eventuell auch mal ein guter Mensch sein, und seine Pfarrkinder vielleicht auch. Hach. Ich bin ganz gerührt.

Okay, vielleicht unterschätze ich hier einfach, aus was für einem kirchenfernen und unterschwellig antiklerikalen Umfeld Valerie eigentlich kommt. Sie hat sicher tatsächlich viel an Vorurteilen überwunden. Anzunehmen, dass ein Kardinalstaatssekretär auch nur ein frommer, freundlicher Mensch sein könnte, gilt mancherorts wahrscheinlich als ebenso abwegig, wie anzunehmen, dass es so etwas wie vernünftig begründete Religion geben könnte – äh, Moment mal… Genau, ja, da liegt, wie schon gesagt, mein eigentliches Problem mit Valeries Berichterstattung.

In ihrem letzten Artikel, in dem sie auf das vergangene Jahr zurückblickt, kommt es wunderbar heraus: Erst einmal beschreibt sie die Fremdheit, mit der sie zunächst konfrontiert und von der sie auch irgendwie überwältigt war: „Zwischen den einzelnen Terminen versuchte ich eine Ordnung in meinen Kopf zu bekommen zwischen Eucharistie, Kommunion, Tabernakel, Monstranz und vielen anderen Begriffen, die ich nicht verstand. Ich fühlte mich wie ein Kind, das eine neue Sprache lernen muss.“ Dann geht es aber interessanterweise gleich folgendermaßen weiter: „Franziskus tat und glaubte Dinge, die von außen betrachtet völlig verrückt erscheinen, schon allein die Wandlung der Hostien in der Messe in den, so glaubt er, Leib Christi. Es war nicht immer einfach, das ernst zu nehmen. Also auf Augenhöhe zu bleiben, sich nicht einfach darüber lustig zu machen. Aber ich nahm mir vor, es zu versuchen. Denn ich wollte Franziskus nicht belächeln. Genauso wenig wie die anderen Menschen, die ich kennenlernte. Ich konnte beobachten, wie zärtlich sie aussehen, wenn sie beten. Und diese Zärtlichkeit war ja nicht verrückt, sondern echt. Da passierte einfach etwas, von dem ich nichts verstand, sie sahen etwas, das ich nicht sah.“ (https://valerieundderpriester.de/das-letzte-kapitel-c52a71d1d64f)

Also, kurz gesagt: Valerie sieht Dinge, die sie nicht einmal ansatzweise versteht und die sie erst einmal von Grund auf kennenlernen muss, und gleichzeitig ist es aber schwierig, auf Augenhöhe mit den Menschen zu bleiben, die sich mit diesen Dingen auskennen, weil ja offensichtlich ist, wie absurd das alles ist. Das Problem mit der Augenhöhe ist, dass sie über Franziskus steht, weil sie ja der aufgeklärte Mensch ist, der erst lernen muss, wie die Begriffe „Monstranz“ und „Eucharistie“ verwendet werden. Ja, da kann man nicht so einfach auf Augenhöhe mit den dummen Gläubigen reden. Da muss man sich schon anstrengen, um sich einzufühlen, wie sie das so erleben. (Okay, vielleicht könnte man diese Passage wohlwollender interpretieren. Wenn jemand etwas erst absurd findet, dann aber selbst merkt und eingesteht, dass es das, zumindest aus Sicht derer, die damit zu tun haben, nicht ist, dann ist das ja schon schön. Trotzdem haben Valeries Formulierungen einen etwas… na ja, wie soll ich sagen… seltsamen Klang.)

Den Vogel abgeschossen hat sie meiner bescheidenen Meinung nach mit diesem Abschnitt hier: „Natürlich habe ich jetzt nicht die ganze katholische Theologie und Institution verstanden. Das war auch nie der Anspruch, konnte es nicht sein, dafür ist ein Jahr zu kurz. Ich habe bewusst auch nicht die Bibel gelesen (außer der Bergpredigt; krasses Stück). Theologische Diskussionen sind wichtig, aber die müssen andere führen. Für mich war es wichtig, Franziskus als Menschen zu verstehen.“

Nein, liebe Valerie, der Anspruch des Projekts war tatsächlich nicht, dich zu einer ausgebildeten Theologin zu machen. Aber dein Job war es, ob du’s glaubst oder nicht, das Leben eines Priesters zu vermitteln. Und wenn man das tun will, sollte man vielleicht zumindest eine grobe Ahnung davon haben, wovon „Franziskus als Mensch[…]“ so überzeugt ist. Bewusst nicht die Bibel gelesen! Sag mal, geht’s eigentlich noch? Wenn ich über Kommunisten berichte, dann lese ich natürlich ganz bewusst nicht das Kommunistische Manifest, und wenn ich über Feministinnen berichte, dann lese ich ganz bewusst kein Fitzelchen feministische Literatur, und wenn ich über Muslime berichte, dann mache ich einen großen Bogen um den Koran. Wird das jetzt so gehandhabt in der Journalistenzunft? Keine Ahnung von den intellektuellen Grundlagen einer Gruppe haben, damit man einen umso authentischeren Blick auf sie kriegt? Das bringt’s mal. Das ist nicht Nachlässigkeit, sondern ganz besonders gute Berichterstattung; ja, genau.

(Komischerweise sah es übrigens bei Projektbeginn sogar noch anders aus: In einem älteren Artikel schreibt Valerie mit einem durchaus realistischen Blick darüber, dass sie mit Franziskus noch gar nicht richtig über die Reizthemen diskutieren könne: „Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren intensiv mit seinem Glauben und der Kirche. Ich seit ein paar Wochen. Das soll sich ändern. Die Bibel kommt auf meine Leseliste.“ (https://valerieundderpriester.de/leben-in-einem-projekt-e980a233ce44) Was ist dann daraus geworden? Natürlich hätte der Katechismus (vielleicht auch das Kompendium oder der Youcat) zuerst auf die Leseliste gehört – wesentlich kürzer, leichter zu verstehen und systematischer aufgebaut als die Bibel -, aber was ist jetzt also aus der Leseliste geworden? Na ja, Theologie ist ja nicht so wichtig.)

Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn solche nicht nur herablassenden, sondern regelrecht schwachsinnigen Abschnitte in Valeries Artikeln herauskommen wie: „Natürlich, klar: Die Kirche gibt Franziskus Halt, sie ist Familie; er liebt sie so sehr, dass seine Verbindung mit ihr keine Entscheidung ist, sondern einfach da ist. Und Gott liebt uns alle unendlich — ganz egal, was wir tun. Die Beziehung zu ihm zu leben, macht uns glücklich. Und der Herr ist unendlich barmherzig und gut. Wenn man all das erstmal akzeptiert, ergibt aus dieser Perspektive heraus auch Sinn, was man von außen betrachtet nicht verstehen kann. Zum Beispiel die ganze Auslegung der Bibel. Ich meine: Im Alten Testament tötet Gott Neugeborene. Das kann nun wirklich niemand wollen. Trotzdem sagt Franziskus, Gott ist unendlich gut und barmherzig — und legt die Bibel so lange aus, bis die Interpreation eben in sein Gottesbild passt, aber in jeder Deutschklausur durchfallen würde. Warum tut er das also? Weil er noch eine andere Interpretationsgrundlage hat als den Bibeltext. Für Franziskus gibt es vor diesem einen anderen, ersten, unumstößlichen Fakt: dass Gott gut ist. Barmherzig. Dass er uns liebt. Das weiß Franziskus aus seiner persönlichen Jesuserfahrung. Eine Interpretation, die diesem Fakt widerspricht, ist aus seiner Perspektive also schlicht: durchgefallen.“ Ich weiß nicht, wo die liebe gute Valerie das Deuschklausuren-Schreiben gelernt hat, aber wenn sie auch das Bibellesen gelernt hätte, hätte sie zum Beispiel etwas über den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament lernen können, über die spezielle Auslegung des Alten, wie sie im Neuen Testament selber sogar u. a. in einem Text, den sie gelesen haben will – der Bergpredigt – exemplarisch vorgemacht wird (fernerhin siehe z. B. auch noch Matthäus 19,7f. oder auch Apostelgeschichte 10), darüber, welche verschiedenen literarischen Genres im Orient vor 3000 Jahren so verwendet wurden, darüber, dass die Bibel nicht aus einem Buch, sondern aus mehreren verschiedenen Büchern mit ganz unterschiedlichen Bedeutungsebenen besteht, und so weiter und so fort – vielleicht hätte sie sogar ein paar Passagen aus Dei Verbum (http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651118_dei-verbum_ge.html) lernen können, bevor sie sich so wissend über die Exegese tausender Jahre alter Texte äußert, vielleicht hätte sie sogar das Alte Testament selber mal lesen können, hätte eine gute kommentierte Bibelausgabe zurate ziehen können, und hätte sich ein paar Infos über die Interpretation bestimmter konkreter Texte aneignen können. Ach, was rede ich, es geht ja bei diesem Projekt nicht um Theologie. [GRRRRR!!!!]

(Nicht alles an Valeries Text oben ist übrigens falsch, das ist das Problem; er enthält die typischen Halbwahrheiten; unsinnig wird er alles in allem trotzdem am Ende. Wir können keine Bibelstellen einfach ignorieren oder hinwegreden; und die Interpretation folgt durchaus gewissen Regeln. Wer sich mehr für katholische Bibelexegese interessiert, dem empfehle ich mal meine noch unvollendete Reihe zu den „schwierigen Bibelstellen“ (https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/), insbesondere Teil 9 (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/14/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-9-gericht-verdammnis-und-was-war-so-schlimm-an-goetzendienst/), in dem es u. a. genau um die ägyptischen Erstgeborenen geht, und vielleicht auch noch Teil 8 vorher (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). Das sind natürlich wiederum nur meine persönlichen Auslegungen zu einzelnen Stellen, daher noch einmal der Verweis: Das oben verlinkte kirchliche Dokument Dei Verbum erklärt die Prinzipien der katholischen Bibelauslegung im Allgemeinen (ich fasse sie hier in Teil 2 meiner Reihe auch noch zusammen: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/16/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-2-das-katholische-schriftverstaendnis/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/22/ueber-schwierige-bibelstellen-nachtraege-zu-teil-2/).)

Jetzt versteh ich’s jedenfalls, wieso Valerie den Unsinn schreibt, den sie schreibt, wenn es darum geht, was der Glaube für die Gläubigen ist. Die Theorie interessiert hier nicht, weil darum geht’s hier nicht, also ist alles an der Religion nur Emotionalität, weil die Theorie, die ist ja absurd. Das nennt sich dann logisches Denken. Oder so ähnlich. „Wahrheit“ kommt als Kategorie nicht einmal vor.

Vielleicht bin ich hier ein bisschen fies. Valerie hat offenbar tatsächlich in diesem Jahr einiges verstanden und auch etwas an Offenheit aufgebaut – der verlinkte Artikel legt Zeugnis davon ab. Sie versteht besser, wie Katholiken über die „Reizthemen“ Frauenpriestertum, Homosexualität, Missbrauchsskandal denken, und was ihnen das eigentlich Wichtige an ihrer Kirche ist, und sie hatte offenbar wirklich so einiges an Vorbehalten abzubauen im Lauf der Zeit; das dauert sicher auch. Aber meinem Eindruck nach – der trügen kann, da ich sie nur aus ihren Artikeln und Videos kenne, und nicht persönlich – hat sie bei weitem nicht so viel verstanden, wie sie sich einbildet, und ist auch nicht immer so offen, wie sie denkt.

Ihr Hauptproblem ist, dass sie den letzten Zugang nicht findet: Sie scheint unfähig zu sein, einfach nur mal theoretisch anzunehmen, dass Jesus Christus tatsächlich der Sohn Gottes sein könnte. Ich als Katholikin kann in einer Auseinandersetzung mit diesem Thema theoretisch einmal annehmen, dass Gott sich mit der letzten wahren Offenbarung an Mohammed gewandt haben könnte, und kann dann begründen, aus welchen Gründen ich das doch nicht für zutreffend halte. Man möchte Valerie am liebsten selber eine Deutschklausur aufgeben, und zwar eine Erörterung zum Thema „Wieso ich Jesus von Nazareth (nicht) für den Sohn Gottes halte – historische, theologische und philosophische Argumente“. Schön standardmäßig auszuarbeiten mit Pro- und Contraargumenten, jeweils bestehend aus den drei B’s, Behauptung, Begründung, Beispiel, wie wir das gelernt haben. Vielleicht könnte man sie dadurch mal zum logischen Nachdenken über die intellektuellen Grundlagen des Christentums zwingen, die in ihrem Denken einfach inexistent zu sein scheinen.

 

Die Frage „Sind Religionen gut oder schlecht?“…

…macht in etwa so viel Sinn wie die Frage „Sind politische Parteien gut oder schlecht?“.

Mit schöner Regelmäßigkeit kommt nach islamistischen Anschlägen oder bei Diskussionen um ein Burkaverbot oder auch ohne näheren Anlass von anti-theistischer* Seite die Behauptung auf, Religionen seien einfach alle problematisch und sie alle hätten zumindest in der Öffentlichkeit nichts verloren – als „Privatsache“ könne man sie ja evtl. noch dulden, aber mehr bitte schön nicht.

Hier sind mehrere blödsinnige Vorstellungen vorhanden; aber eine, die sofort ins Auge sticht, ist natürlich diese – geben wir der Sache mal einfach einen positiv klingenden Namen – Gleichsetzung aller Religionen.

Sorry, aber: Das funktioniert einfach nicht. Die Azteken opferten am laufenden Band Menschen und führten sogar eigene Kriege, um genügend Gefangene für ihre Zeremonien zusammenzubekommen, da sie glaubten, dass die Götter von menschlichem Blut ernährt werden müssten und die Sonne nicht mehr aufgehen würde, wenn die Opfer aufhörten. Das war auch eine Religion. Scientology ist auch eine „Religion“, und auch deren Praktiken sind, na ja, ähm… nicht immer sauber. Die paar Dutzend Mitglieder der US-amerikanischen Westboro Baptist Church stehen bei Soldatenbegräbnissen und vor Gebäuden anderer Religionen mit Schildern wie „Gott hasst Schwuchteln“, „Gott hasst Amerika“, „Priester vergewaltigen Kinder“, „Israel ist verdammt“ oder „Gott hasst Oklahoma“ herum, und darin besteht ihre Verkündigung und Glaubenspraxis. 900 Mitglieder der Gruppierung „Peoples Temple“ töteten sich 1978 auf Anweisung ihres Gurus. Und es gibt eben andere Religionen, die tun so etwas nicht, sondern tun vielleicht sogar ab und zu mal Gutes, auch wenn sich das manche Leute kaum vorstellen zu können scheinen.

Die Evangelikalen nicht dasselbe wie die Zeugen Jehovas, und Voodoo ist nicht dasselbe wie Konfuzianismus, und Buddhismus ist nicht dasselbe wie Mormonentum, und Salafismus ist nicht dasselbe wie Katholizismus. Sollte eigentlich nicht allzu schwer zu verstehen sein.

Okay, ich denke, wir sind uns mal alle einig (Hand hoch, wer es anders sieht), dass ein Staat, in dem verschiedene religiöse Gruppen zusammenleben, diesen nicht vorzuschreiben hat, irgendeine bestimmte Religion anzunehmen. Aber die Religionsfreiheit ist, wie alle Rechte, auch kein grenzenloses Recht. Sie gilt so lange, wie die Leute die grundsätzlichen Regeln eines friedlichen Zusammenlebens achten, und ja, das kann auch heißen, dass ein Staat im Rahmen der Religionsfreiheit den größten Schmarrn tolerieren muss (ich betone: muss), weil er nicht die Regeln des Zusammenlebens gefährdet, aber manchmal gilt sie eben nicht mehr. Zum Beispiel dann, wenn man im Namen seiner Religion Terroranschläge verüben, abgefallene Gläubige oder unkeusche weibliche Familienmitglieder töten, Schariagerichte einführen oder für den Dschihad werben will.

Wie gesagt, das ist ein bisschen wie bei politischen Parteien. Ich kann die SPD nicht leiden, aber sie bewegt sich noch immer im Rahmen des Erlaubten – ähnlich wie im religiösen Bereich vielleicht, sagen wir mal, die EKD. In diesem Rahmen bewegen sich sehr viele Parteien – CDU, CSU, FDP, ÖDP, Freie Wähler, Grüne, was es sonst noch so gibt. Natürlich kann man als Wähler der Meinung sein, dass nur eine dieser Parteien die beste Lösung für die Probleme im Land bietet, ebenso wie man als religiöser Mensch der Meinung sein wird, dass nur seine eigene Gemeinschaft die Wahrheit verkündet; aber deswegen kann man die anderen trotzdem noch dulden. Dann gibt es so „Randfälle“ wie die Nachfolgepartei der SED oder die Reichsbürgerbewegung (keine Partei, ich weiß, aber trotzdem ein guter Vergleich aus dem säkularen Bereich) – vergleichbar mit Mehr-oder-weniger-Sekten wie den Zeugen Jehovas oder richtigen Sekten wie den Zwölf Stämmen oder Scientology, vor denen Sektenberatungsstellen warnen und gegen die der Staat evtl. mal mit einzelnen Maßnahmen (Kindesentzug, Maßnahmen gegen Beamte oder Angestellte im Öffentlichen Dienst, die sich diesen Gruppierungen angeschlossen haben) vorgeht, die er aber nicht ganz verbieten kann und will. Dann gibt es klar verfassungsfeindliche Parteien wie die NPD (für deren ausbleibendes Verbot das Bundesverfassungsgericht eine meiner Meinung nach sehr seltsame und nicht stichhaltige Begründung geliefert hat); im religiösen Bereich vergleichbar mit gewaltbereiten Dschihadisten.

Die SPD ist nicht dasselbe wie die NSdAP, die Republikaner sind nicht dasselbe wie die KPdSU, der Front National ist nicht dasselbe wie die Grünen, die CSU ist nicht dasselbe wie die Piratenpartei. Sollte eigentlich auch klar sein.

Was nun speziell den Islam angeht, da wir von ihm als Beispiel ausgegangen sind: Der ist natürlich wie das Christentum in ganz verschiedene Konfessionen und Fraktionen gespalten, und jede muss für sich betrachtet werden; aber ich denke, es ist trotzdem unschwer zu erkennen, dass er schon problematischer sein könnte als eben – beispielsweise – das Christentum. (Oder das Judentum, oder der Konfuzianismus, oder der Taoismus…) Um das zu beurteilen, würde ich erst einmal alle späteren Entwicklungen und Streitigkeiten und Abspaltungen außer Acht lassen und ganz einfach auf die Gründer dieser beiden Weltreligionen schauen. Da könnte man sich zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  1. Wie viele Kriege hat Jesus geführt?
  2. Wie viele Stämme hat Jesus massakrieren (Männer) bzw. versklaven (Frauen und Kinder) lassen?
  3. Wie viele Sklavinnen hatte Jesus?
  4. Mit wie vielen Kindern hatte Jesus Geschlechtsverkehr?

Wenn man mittlerweile vor Empörung aufhören will, zu lesen, weil die Fragen schon zu blasphemisch klingen, dann Gratulation! Wir haben erfolgreich einige Dinge herausgefunden, in denen sich Jesus von Nazareth von Mohammed – und ja, dem Mohammed der islamischen Geschichtsschreibung, der Hadithen und des Korans – unterscheidet.** Also, ja, ich würde sagen, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Christentum besser ist als der Islam.

Nun noch zur generellen Frage: Sollen Religionen „Privatsache“ sein? Nein, natürlich sollen sie das nicht! Jede Überzeugung [die sich innerhalb des oben umrissenen Rahmens befindet] darf ja wohl bitte schön auch zu gesellschaftlichem Engagement führen und muss nicht im stillen Kämmerlein verborgen werden. Ist Vegetarismus „Privatsache“? Ist der Glaube an „aufklärerische Werte“ [dem Mythos „Aufklärung“ muss ich übrigens dringend mal noch ein paar eigene Beiträge widmen] „Privatsache“? Sind sogar so blödsinnige Überzeugungen wie die von Impfgegnern oder Homöopathen Privatsache? Nein, natürlich nicht; jeder dieser Leute hat das Recht, für sie in der Öffentlichkeit einzutreten.

Auch Anti-Religiöse, die dafür eintreten, alle religiösen Äußerungen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, haben dieses Recht übrigens. Wobei man bei ihnen natürlich schon irgendwann fragen dürfte, wo evtl. die Grenze zur verfassungsfeindlichen Forderung nach unzulässiger Beschränkung der Meinungs- und Glaubensfreiheit überschritten werden könnte…

 

* Ich habe bewusst dieses Wort verwendet, da Anti-Theismus nicht deckungsgleich mit Atheismus ist; nicht alle Atheisten sind Anti-Theisten.

** (Für weitere Informationen, s. z. B. hier: 1. https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed, 2. https://de.wikipedia.org/wiki/Banu_Quraiza, 3. https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_al-Qibtiyya, 4. https://de.wikipedia.org/wiki/Aischa_bint_Abi_Bakr )

 

Gott, der Gärtner, Zimmermann und Knecht

Ich liebe den Frühling (der Sommer ist mir meistens zu heiß und der Winter zu kalt); und besonders liebe ich es, jetzt im Garten oder am Straßenrand zu beobachten, wie an den Büschen und Bäumen ganz langsam hellgrüne Triebe hervorbrechen und größer und dunkler werden, und wie weiße und rosa Blüten sich allmählich formen und öffnen. Aus der Ferne kann ein Busch jetzt gerade noch ganz kahl aussehen; aber wenn man dann genauer hinsieht, erkennt man schon die kleinen grünen Knöpfe an den Zweigen. Der Frühling hat etwas Helles, Friedliches; etwas Sanftes und Zartes.

Gott hat alles das gemacht; verschlungene, gewöhnliche, grobe oder hübsche Dinge wie wilde Weinstöcke, Löwenzähne, Apfelbäume, Buschwindröschen, Klee, Disteln oder Gänseblümchen; die verschiedensten Arten von Schönheit. Manchmal ist mir aufgefallen, dass man die Schönheit mancher geschaffener Dinge erst sehen kann, wenn man sie ganz aus der Nähe betrachtet; bei schmalen Rasenflächen vor Larmschutzwänden an Autobahnen ist das zum Beispiel der Fall. Wenn man genauer hinschaut, sieht man eine Butterblume, drei rosa Blumen, die man nicht benennen kann, Grashalme, die sich im Wind bewegen, und ein paar Kieselsteine; alles schöne Dinge, die man erst nicht sieht, wenn man bloß „Rasen vor Mauer“ registriert. Sogar die Mauer kann manchmal etwas Schönes haben.

Gott hat eigentlich einen sehr schönen Garten gemacht, finde ich, und ich glaube, dass Er sich daran freut, ihn zu betrachten – und natürlich auch daran, dass wir ihn betrachten können. Gott hat schöne, zarte Dinge ohne besonderen Grund geschaffen – einfach, damit sie da sind, nicht damit sie zu etwas nutze sind; so, wie man einen Roman schreibt, einen Weihnachtsbaum aufstellt, oder ein Bild malt – und Er pflegt seine Schöpfung, wie ein Gärtner das tut. Sorgfältig und behutsam, um ihre Schönheit hervorzubringen. Der Schöpfer zeigt eine sanfte Hand jetzt im Frühling.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/32/Brooklyn_Museum_-_Jesus_Appears_to_Mary_Magdalene_%28Apparition_de_J%C3%A9sus_%C3%A0_Madeleine%29_-_James_Tissot.jpg

(James Tissot, Apparition de Jésus à Madeleine, Bildquelle: Wikimedia Commons)

Ganz am Anfang der Bibel geht Gott im Garten Eden umher wie ein Gärtner, und viele, viele Jahrtausende später wurde der Gottmensch Jesus Christus mit einem Gärtner verwechselt, als Er nach seiner Auferstehung in dem Garten, in dem sein leeres Grab lag, Maria Magdalena erschien. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist (und bekanntere Menschen als ich, die schon über diese Stelle geschrieben haben, tun das auch nicht). In seinem irdischen Leben selber hatte Er zwar nicht als Gärtner gearbeitet, aber auch als Handwerker, also als jemand, der etwas mit den eigenen Händen aufbaut; Gott ist ein Gärtner und ein Zimmermann. Und der Mensch, als Abbild Gottes, darf auch beides sein: Die Welt, die ihm anvertraut wurde, ist ein Garten, in dem man sich ein Haus (oder Städte) bauen, Gemüsebeete (oder Felder und Plantagen) anlegen, schöne Blumen (oder botanische Gärten und Parks) kultivieren und unberührte wilde Stellen (oder Nationalparks) lassen darf. Gott hat die Welt gedacht wie einen großen Garten.

Ich liebe eine Beschreibung Gottes, die G. K. Chesterton in seiner „Ballad of the White Horse“ (https://www.gutenberg.org/files/1719/1719-h/1719-h.htm) König Alfred dem Großen (849-899) in den Mund legt:

 

„And well may God with the serving-folk

Cast in His dreadful lot;

Is not He too a servant,

And is not He forgot?

 

“For was not God my gardener

And silent like a slave;

That opened oaks on the uplands

Or thicket in graveyard gave?

 

“And was not God my armourer,

All patient and unpaid,

That sealed my skull as a helmet,

And ribs for hauberk made?

 

„Did not a great grey servant

Of all my sires and me,

Build this pavilion of the pines,

And herd the fowls and fill the vines,

And labour and pass and leave no signs

Save mercy and mystery?

 

„For God is a great servant,

And rose before the day,

From some primordial slumber torn;

But all we living later born

Sleep on, and rise after the morn,

And the Lord has gone away.

 

„On things half sprung from sleeping,

All sleepy suns have shone,

They stretch stiff arms, the yawning trees,

The beasts blink upon hands and knees,

Man is awake and does and sees—

But Heaven has done and gone.

 

„For who shall guess the good riddle

Or speak of the Holiest,

Save in faint figures and failing words,

Who loves, yet laughs among the swords,

Labours, and is at rest?

 

„But some see God like Guthrum*,

Crowned, with a great beard curled,

But I see God like a good giant,

That, labouring, lifts the world.

 

„Wherefore was God in Golgotha,

Slain as a serf is slain;

And hate He had of prince and peer,

And love He had and made good cheer,

Of them that, like this woman here,

Go powerfully in pain.“

 

File:A Chronicle of England - Page 050 - Alfred in the Neatherd's Cottage.jpg

(Alfred in the Neatherd’s Cottage, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert, Bildquelle: Wikimedia Commons)

 

Gott, der vergessene Knecht; Gott der Gärtner und Baumeister. Amen.

 

* Guthrum war ein Fürst der Wikinger, der in England eingefallen war; in der Ballade geht es vor allem um die Schlacht von Ethandune, in der Alfred sein Königreich Wessex gegen ihn verteidigt, und auch noch um einige damit zusammenhängende Legenden, u. a. die oben abgebildete Geschichte, in der der König die Brote einer armen Frau verbrennen lässt, die ihm Obdach gewährt hat, als er noch vor der Schlacht gerade inkognito (um nicht von den Wikingern erkannt zu werden) unterwegs ist; wofür er von ihr, die ihn nicht erkannt hat, ausgeschimpft wird.

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat“

Die berühmte Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor der Regensburger Universität ist inzwischen schon über zehn Jahre her; in dieser Rede ging es um das Verhältnis von Vernunft und Religion, und um dieses Verhältnis zu illustrieren, zitierte der Papst an einer Stelle den mittelalterlichen oströmischen Kaiser Manuel II. Palaeologos. Hier ein ausführlicher Ausschnitt (Hervorhebung zur besseren Wiederfindung des damals dann so heftig kritisierten Zitats von mir):

All dies ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich kürzlich den von Professor Theodore Khoury (Münster) herausgegebenen Teil des Dialogs las, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit führte. Der Kaiser hat vermutlich während der Belagerung von Konstantinopel zwischen 1394 und 1402 den Dialog aufgezeichnet; so versteht man auch, daß seine eigenen Ausführungen sehr viel ausführlicher wiedergegeben sind, als die seines persischen Gesprächspartners. Der Dialog erstreckt sich über den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgefüges und kreist besonders um das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder notwendigerweise um das Verhältnis der, wie man sagte, „drei Gesetze“ oder „drei Lebensordnungen“: Altes Testament – Neues Testament – Koran. Jetzt, in dieser Vorlesung möchte ich darüber nicht handeln, nur einen – im Aufbau des ganzen Dialogs eher marginalen – Punkt berühren, der mich im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert hat und der mir als Ausgangspunkt für meine Überlegungen zu diesem Thema dient.

 In der von Professor Khoury herausgegebenen siebten Gesprächsrunde (διάλεξις  – Kontroverse) kommt der Kaiser auf das Thema des Djihād, des heiligen Krieges zu sprechen. Der Kaiser wußte sicher, daß in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist wohl eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns ein Teil der Kenner sagt, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von „Schriftbesitzern“ und „Ungläubigen“ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, für uns unannehmbar schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut”, sagt er, „und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann…“.

Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazm so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.

 An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, daß an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist, und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar wird. Den ersten Vers der Genesis, den ersten Vers der Heiligen Schrift überhaupt abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt „σὺν λόγω”, mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft.

(Der vollständige Text inklusive Fußnoten findet sich hier: http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg.html)

Daran ist vieles interessant – nicht zuletzt, dass es für einen mittelalterlichen Christen klar war, dass Gewalt kein adäquates Mittel der Bekehrung ist, während wir heutzutage ja gerne zu hören kriegen, die Christen seien damals ja genauso schlimm wie (oder: „auch nicht besser als“) die Muslime gewesen. [Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht auch die Beurteilung Mohammeds durch den berühmtesten westlichen Theologen des Mittelalters, Thomas von Aquin (1205-1274): Mohammed hat den Menschen sexuelle Vergnügungen versprochen, zu denen uns die Fleischeslust antreibt. […] Er hat keine Zeichen auf eine übernatürliche Weise [Wunder] gewirkt, was der einzig angemessene Beleg für eine göttliche Eingebung bei einem Lehrer der göttlichen Wahrheit [Prophet] ist. […] Davon abgesehen sind ihm keine Gelehrten, keine in den göttlichen und menschlichen Dingen unterrichtete Menschen, von Anfang an gefolgt. Diejenigen, die an ihn glaubten, waren brutale Männer und Wüstenwanderer, die absolut keine Ahnung von irgendeiner göttlichen Lehre hatten. Durch ihre große Zahl zwang Mohammed mit der Macht seiner Waffen andere gewaltsam, ihm zu folgen. Ferner erwähnen ihn die göttlichen Verkündigungen von früheren Propheten überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er verfälscht fast alle Zeugnisse des Alten und Neuen Testaments, indem er seine eigenen Lügenmärchen daraus macht.“ Quelle der deutschen Übersetzung hier: http://www.marcogallina.de/2016/08/20/er-hat-sie-zu-einer-sekte-verfuehrt/; hier noch die Originalquelle auf Latein und in englischer Übersetzung http://dhspriory.org/thomas/ContraGentiles1.htm#6 ]

Aber das eigentlich Interessante ist meiner Meinung nach, dass die Frage, die Manuel II. Palaeologos – nicht so sehr Papst Benedikt, dem ging es ja nicht um das Thema Islamkritik, sondern um das Verhältnis von Vernunft und Religion im Allgemeinen, und er hat später auch noch einmal betont, dass er sich hier nicht Manuels „Polemik“ zueigne – hier aufgeworfen hat, inmitten all der lächerlichen und hysterischen Angriffe, die auf die Rede folgten, (meines Wissens nach) nicht beantwortet wurde.

Was hat Mohammed Neues gebracht?

Oder, besser gesagt: Was hat Mohammed an guten neuen Dingen gebracht? Der Islam ist nicht durch und durch schlecht; keine Weltanschauung ist das. (Am nächsten kommt einer durch und durch schlechten Weltanschauung vielleicht noch der Satanismus.) Natürlich gibt es gute Elemente im Islam; Gebet, Fasten, Almosen, einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit, Verantwortung und Gottesfurcht, und dergleichen. Aber diese Elemente sind alle auch im Christentum und schon im Judentum vorhanden. In welcher Hinsicht stellt die Lehre Mohammeds einen Fortschritt gegenüber der Lehre Jesu Christi dar?

Es gab vor Mohammed in Arabien schon Monotheisten; Christen und Juden. Natürlich, den Christen würden Muslime noch eine Art von verkapptem Vielgötterglauben (wegen der Dreifaltigkeitslehre) unterstellen, der bekämpft werden musste (wozu man als Christ natürlich sagen müsste, dass sie erstens die Dreifaltigkeitslehre nicht ordentlich verstanden haben, wenn sie sie für polytheistisch halten; und dass Gott sich zweitens nun einmal als dreifaltig offenbart hat, und wir nur annehmen, was Gott selbst von sich gezeigt hat); aber den Juden können sie ihren kompromisslosen Monotheismus wohl nicht absprechen. Was unterscheidet den Islam nun vom Judentum? Ich meine damit nicht, darin, welche Propheten und welche Bücher diese beiden Religionen anerkennen, sondern darin, was diese Propheten und diese Bücher lehren.

Welche Unterschiede gibt es darin? Na ja, der Koran macht genauere Aussagen über Paradies und Hölle und das Ende der Welt – allgemein über das Jenseits – als die jüdische Religion, wenn ich mich recht entsinne, das könnte man erwähnen. (Ob die auch „besser“ oder „wahrer“ sind, ist dann die Frage.) Eine wichtige Sache ist wohl außerdem, dass die Juden sich als das auserwählte Volk betrachten und in der Regel nicht aktiv missionieren – wobei man ja nicht behaupten kann, sie hätten nicht schon in der Antike Proselyten aus den Heidenvölkern akzeptiert. Muslime würden also wohl die Universalität ihres Glaubens (ungestört von den Irrlehren des ebenfalls universalistischen Christentums in Bezug auf das Wesen Gottes und Seine Menschwerdung) als wichtige Neuerung anführen.

Was sonst noch? Eine konkretere Rechtsordnung für die umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, mit allem, was dazugehört (wie viele Frauen darf ein Mann haben, wie sind Kriegsgefangene zu behandeln, für welche Verbrechen wird man gesteinigt)? Ja, das wohl auch noch. (Wobei manche – nicht alle – dieser rechtlichen Bestimmungen auch aus außerkoranischen Überlieferungen wie den Hadithen stammen, und daher nicht von allen islamischen Konfessionen als göttliche Offenbarung akzeptiert werden; das sollte man vielleicht noch erwähnen, um die verschiedenen Strömungen des Islam hier nicht zu sehr in eins zusammenzuwerfen.) Und ansonsten – na ja, da wäre eben doch noch der Dschihad. Und der ist in der Anfangszeit des Islam ja gerade mit dem muslimischen Universalismus und der muslimischen Rechtsordnung untrennbar verbunden: „Geht zu allen Völkern“ hieß für Mohammed und die Kalifen: „Unterwerft alle Völker, zwingt die Heiden, das Glaubensbekenntnis zu sprechen (ansonsten tötet sie), und lasst die Schriftbesitzer in Friedenszeiten ungestört unter euch leben, wenn sie euch die Schutzsteuer zahlen.“

[Anbei: Interessanterweise gab es übrigens tatsächlich schon vor Mohammed arabische Monotheisten, die weder Juden noch Christen waren, sich aber auf Abraham beriefen, die sog. Hanifen (https://de.wikipedia.org/wiki/%E1%B8%A4an%C4%ABf). (Hier könnte man als Muslim vielleicht einwenden, dass die bloß eine kleine Splittergruppe ohne göttliche Bestätigung durch eine spezielle Offenbarung waren (falls sie nicht vielleicht ihre eigenen Propheten hatten) – und natürlich hatten sie auch keine göttlich bestätigte spezielle Rechtsordnung und keinen göttlich bestätigten Auftrag zum Heiligen Krieg.)]

Mir geht es dabei einfach darum: Wenn Muslime glauben, dass Mohammed ein Prophet Gottes war, der eine absolut entscheidende Rolle in der Weltgeschichte gespielt hat (schließlich ist er neben Gott die einzige in ihrem sehr kurzen Glaubensbekenntnis erwähnte Person – „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet“), dann müssen sie wohl auch glauben, dass Gott Mohammed entscheidende neue Dinge offenbart hat. Welche entscheidenden Dinge waren das?

Vielleicht würden Muslime jetzt sagen, ich habe meine Frage oben schon selbst beantworten: Klar monotheistischer Universalismus, gereinigt von der christlichen Dreifaltigkeitslehre auf der einen Seite und der jüdischen Exklusivität auf der anderen, dazu Anweisungen fürs praktische Leben. Aber das, wie soll ich sagen, erscheint mir doch fast ein bisschen – wenig; na ja, was heißt, wenig; ein besserer Ausdruck wäre vielleicht: Es erscheint mir vor allem sehr verunreinigt mit anderem Zeug, das humane Muslime heutzutage oft lieber ignorieren. Dieses Problem tritt hier eben dann auf, wenn man sich den liberalen Islam ansieht, der Mohammeds Feldzüge und die seiner Nachfolger ebenso wie etwa die Scharia unter dem Label „historisch bedingt“ beiseite schieben und jetzt mehr von Barmherzigkeit und auch Religionsfreiheit und dergleichen reden will, sich also in dieser Hinsicht an Religionen wie das Christentum und außer-religiöse „westliche Werte“ annähern möchte.

Die logische Schwierigkeit beim liberalen Islam ist natürlich zunächst einmal, dass manche Taten und Anweisungen Mohammeds und der Kalifen nach ihm eben nicht historisch bedingt – und vor allem auch nicht völlig alternativlos in der damaligen Welt – waren. Die antiken christlichen Religionsgründer zettelten keine Feldzüge an, um ihren Glauben durchzusetzen. Sie bekehrten einzelne, und irgendwann bekehrten sich dann evtl. auch die Fürsten ihrer Länder (wie Kaiser Konstantin, oder der Frankenkönig Chlodwig), und so wurden ihre Gesellschaften christlich. Sie übernahmen nicht die Macht in einer Stadt und verbündeten sich dann mit Banditen, um eine andere anzugreifen und beschlossen schließlich, die ganze Welt der Herrschaft ihrer Religion zu unterwerfen. Das war bei antiken Religionsstiftern nicht zwangsläufig der Fall; tatsächlich ist mir außer Mohammed kein Religionsstifter oder bedeutender religiöser Führer bekannt, bei dem es der Fall gewesen wäre.*

Und ich rede hier nicht nur von Johannes dem Täufer und Jesus und Paulus. Auch die Gründer häretischer christlicher Sekten in späteren Jahrhunderten verhielten sich nicht so. Die Gnostiker verhielten sich nicht so, Arius und Nestorius auch nicht. Sie nutzten vielleicht die Gunst ihrer Herrscher, um für ihre Lehre Begünstigungen zu erreichen oder ihren Gegnern zu schaden (man denke an die Verbannung katholischer Bischöfe wie dem hl. Athanasius unter arianischen Kaisern, oder arianischer Bischöfe wie Arius unter katholischen Kaisern im Römischen Reich des 4. Jahrhunderts), aber sie kannten einfach kein Konzept des Dschihad zur Ausbreitung ihrer Religion. Sie redeten nicht vom „Haus des [Name ihrer Religion]“ und vom „Haus des Krieges“ (https://de.wikipedia.org/wiki/D%C4%81r_al-Isl%C4%81m, https://de.wikipedia.org/wiki/D%C4%81r_al-Harb). Selbst andersgläubige – „heidnische“, wie wir von den abrahamitischen Offenbarungsreligionen sie nennen würden – Religionsgründer, Mani oder Zarathustra zum Beispiel, verhielten sich nicht so. Es war tatsächlich in der damaligen Zeit etwas Neues, dass Mohammed „vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

Und deshalb: Wenn das „Schlechte und Inhumane“, das Mohammed tat, nicht einfach damit erklärt werden kann, dass „das eben damals so war“ – ist es dann aus muslimischer Sicht nicht zwangsläufig auch Teil der bedeutenden göttlichen neuen Offenbarungswahrheiten? Wenn zu diesen Wahrheiten zentral gehört, dass man den wahren Glauben über die ganze Welt ausbreiten soll, wieso dann nicht auch mit den Mitteln, die seine frühesten Propheten und Herrscher anwendeten? Und wenn dieser Glaube also zwangsläufig „Schlechtes und Inhumanes“ (und ja, liebe Dschihadisten, das Konzept des Dschihad ist zwangsläufig schlecht und inhuman – zur Begründung siehe Kaiser Manuel oben) gebracht hat – wie kann er dann der wahre Glaube sein?

Wenn Mohammed im Allgemeinen, in der Gotteslehre, so viele entscheidende neue Erkenntnisse brachte, wenn sein Auftreten den bisherigen Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte bedeutet, wieso war seine Lehre dann in Bezug auf Barmherzigkeit und Frieden und Liebe – man denke zum Beispiel allein an das Konzept der Feindesliebe! – so offensichtlich ein Rückschritt gegenüber der Lehre Jesu von Nazareth?

Gehört der Dschihad nun zur Offenbarung oder nicht? Und wenn ja – meint ihr wirklich, dass Gott so ist? Meiner Meinung nach ist der radikale Islam zwar die in sich stimmigste Auslegung des Islam; aber er ist ganz offensichtlich falsch und letztlich gotteslästerlich; er macht Gott zu einem Tyrannen.

Ich bin keine Islamexpertin. Vielleicht habe ich manches aus dem Koran hier nicht auf dem Schirm. Wenn mir jemand eine bessere Antwort auf diese Frage geben kann – dann, schön und gut. Es ist keine rhetorische Frage: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat.“ In welcher Hinsicht brachte der Prophet des Islam, im Vergleich zu Christen- oder Judentum oder der Religion der Hanifen, größere Wahrheit, größere Barmherzigkeit, größere Gerechtigkeit, größeren Frieden, größere Humanität?

(Im Großen und Ganzen, muss ich gestehen, habe ich persönlich den Eindruck, dass dieser Prophet vor allem die Botschaft brachte, dass er Gottes Prophet war, und dass ganz einfach alles das Gottes Botschaft war, was er verkündete.**)

 

* Man könnte hier, wenn man wollte, als Gegenargument die teilweise durchaus brutalen Feldzüge durch religiöse Anführer wie Mose oder Josua im Zuge der israelitischen Landnahme anführen (auf die ich im Lauf meiner Reihe über die „schwierigen Bibelstellen“ noch ausführlicher eingehen werde). Aber das war a) ein ganz anderes („anders“ heißt erst einmal noch nicht „besser“, sondern einfach „anders“) Konzept – die Landnahme war ausdrücklich auf das Gelobte (= „versprochene“) Land beschränkt; sie diente der Eroberung eines Ortes, wo ein herumwanderndes Volk, das gerade aus der Sklaverei geflohen war, leben konnte; nicht der Eroberung weiterer Gebiete und eindeutig auch nicht der Ausbreitung der jüdischen Religion, b) im Alten Testament, und c) etwa 1800 Jahre vor Mohammeds Zeiten. Mir geht es hier um Religionsgründer, die noch nicht allzu weit entfernt von Mohammeds Zeit waren und zu dieser Zeit noch immer Einfluss ausübten. In irgendeinem Sinne mit Religion zusammenhängende Gewalt gab es sicherlich auch in anderen Zusammenhängen im Lauf der Weltgeschichte immer wieder – aber eben kein Konzept wie das des islamischen Dschihad zur gewaltsamen Ausbreitung einer Religion.

** Ich will damit nicht sagen, dass ich persönlich Mohammed für einen Betrüger halte; ich halte ihn zwar für einen falschen Propheten, der wahrscheinlich psychisch nicht völlig gesund war, aber für einen, der zumindest selbst davon überzeugt war, was er predigte.

Kasuistik ist etwas Gutes

Die Kasuistik hat ja im Moment keinen allzu guten Ruf. Zu ihren Kritikern gehört nicht zuletzt der gegenwärtige Papst (http://www.kath.net/news/58626), der sie vor kurzem sogar als „krank“ klassifiziert hat: „Die Kasuistik ist heuchlerisch. Sie ist ein heuchlerisches Denken. ‚Man darf – man darf nicht’… was dann subtiler, diabolischer wird: ‚bis zu welchem Punkt darf ich? Aber von hier nach da darf ich nicht’. Das ist der Trug der Kasuistik.“

Ich will nicht leugnen, dass der Papst da einen gewissen Fallstrick angesprochen hat, auf den man bei der Kasuistik achten muss – dass man nicht nur fragt: Wie weit darf ich noch gehen, ohne in die Hölle zu kommen? Ich täte ja gerne dieses und jenes, aber ich will jetzt auch nicht die Strafe dafür kriegen, also, ist das noch im Rahmen? Darum geht es bei der Moral ja wirklich nicht; es geht grundsätzlich darum, das Gute zu suchen, zu lieben.

Aber diese Art von Kasuistik ist nicht die eigentliche Kasuistik. Was Franziskus – und andere Kritiker der Kasuistik; der Papst ist ja nur deren prominentester, sie hat allgemein seit einigen Jahrzehnten keinen guten Ruf – überhaupt nicht sieht, ist der eigentliche Grund, wieso es Kasuistik gibt bzw. früher gegeben hat.

Der Zweck von Kasuistik ist, in konkreten Dilemmata und Gewissenskonflikten konkrete Wege zu finden, die innerhalb der katholischen Moral gangbar sind. Kasuistik ist etwas Gutes – sie ist dazu da, in Gewissenskonflikten ganz konkret zu helfen.

„Kasuistik“ kommt von „casus“, „Fall“, d. h., die Kunst der Kasuistik besteht einfach darin, allgemeine Prinzipien der Moral, die sich alle vom obersten Gebot (Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst) herleiten, auf konkrete Fälle anzuwenden. Sie besteht darin, Gläubigen, die sich in diesen Prinzipien und ihrer Anwendung nicht so genau auskennen (und schließlich auch nicht sämtliche Werke der Moraltheologie genauestens studiert und durchdacht haben können), und die nicht wissen, was sie nun tun sollen, zu helfen. Wenn im 19. oder frühen 20. Jahrhundert ein Gläubiger zu seinem Pfarrer in den Beichtstuhl kam und ihm seine Gewissenskonflikte unterbreitete, konnte der Beichtvater in seinem Nachschlagewerk – einem Werk des als etwas lax verschrienen hl. Alfons von Liguori zum Beispiel, oder im 20. Jahrhundert vor dem Konzil häufig „dem Jone“ („Katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone, 1885-1967) – nachsehen, oder auch selber anhand seiner Kenntnisse die Situation moraltheologisch durchdenken, und seinem Beichtkind dann raten, wie es sich am besten verhalten sollte.

Was konnten das für Gewissenskonflikte sein? Na, z. B. folgende:

  • Ich arbeite als Kutscher / Droschkenkutscher / Chauffeur und mein Arbeitgeber / meine Kunden verlangen manchmal von mir, sie ins Rotlichtviertel zu fahren. Kann ich dem Folge leisten? Ich will Gottes Gebote nicht verletzen, aber ich kann es mir auch nicht leisten, meine Arbeit zu verlieren.
  • Ich arbeite sechs Tage die Woche von morgens bis abends in der Fabrik, möchte aber etwas Gemüse in meinem Garten anbauen, um mehr zu essen für meine Familie zu haben. Darf ich sonntags im Garten arbeiten, oder würde das gegen das dritte Gebot verstoßen?
  • Ich arbeite als Dienstmädchen, und mein Dienstherr gibt mir sonntags nicht frei. Verstoße ich gegen das Sonntagsgebot, weil ich die Sonntagsmesse nicht besuchen kann?

Kasuistik gab/gibt es nicht deshalb (jedenfalls nicht vorrangig), weil die Leute nach moralischen Schlupflöchern suchten oder suchen. Es gab/gibt sie, weil Leute sich manchmal in schwierigen Situation befinden, und weil moralisch wache, gläubige Menschen dann vielleicht einen sinnvoll scheinenden Ausweg sehen, ihn aber nicht nehmen wollen würden, falls er gegen Gottes Gebote verstoßen sollte, worin sie sich aber nicht sicher sind. Also brauchen sie Rat vom Kasuisten. Und nicht allzu selten war dieser Rat: Go ahead, der leichte Weg ist in Ordnung! In bestimmten Fällen gibt es Entschuldigungsgründe, einem sonst geltenden Gebot nicht zu folgen (Tötung im Fall von Notwehr; Diebstahl im Fall von Mundraub; Verpassen der Sonntagsmesse im Fall von Krankheit, wichtigen familiären oder beruflichen Verpflichtungen oder anderweitiger Verhinderung); in bestimmten Fällen ist „materielle Mitwirkung“ an einer Sünde erlaubt (anders als die sog. „formelle Mitwirkung“). (Ein Beispiel: der Kutscher im oben genannten Beispiel leistet materielle Mitwirkung zur Prostitution, die aus einem entsprechend gewichtigen Grund (seinen Job nicht zu verlieren) erlaubt ist; ein Zuhälter würde formelle Mitwirkung, also Mitwirkung im eigentlichen Sinne, ohne die die genannte Sünde nicht zustande käme, leisten.) Aber natürlich musste andererseits eben manchmal auch klargemacht werden, in welchen Fällen ein Christ keine Kompromisse eingehen konnte.

Auch die heilige Pönitentiarie in Rom antwortete früher übrigens häufig auf solche kasuistischen Anfragen, die Beichtväter, Bischöfe und Theologen aus aller Welt ihr unterbreiten konnten, wenn sie sich nicht sicher waren, wie man bestimmte Fälle generell behandeln sollte. (Fragen an den Heiligen Stuhl zu stellen war nichts Besonderes.) Einige Beispiele davon finden sich z. B. im „Denzinger“ („Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, hrsg. von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann). Damit es sich alle merken, hier etwa mal gleich ein Beispiel aus dem Bereich des sechsten Gebotes:

 

Frage: Kann eine fromme Ehefrau zulassen, dass ihr Ehemann sich ihr nähert, nachdem sie aus Erfahrung weiß, daß er sich in der ruchlosen Weise des Onan verhält…, zumal wenn die Ehefrau, falls sie [sich] weigert, sich der Gefahr von Mißhandlungen aussetzt oder fürchtet, daß der Ehemann zu Dirnen geht?

Antwort: Da im vorliegenden Fall die Frau zwar von ihrer Seite aus nichts Widernatürliches tut und eine erlaubte Sache betreibt, die ganze Fehlausrichtung des Aktes aber aus der Bosheit des Mannes hervorgeht, der, anstatt [den Akt] zu vollenden, sich zurückzieht und [den Samen] außerhalb des Gefäßes vergießt, so wird die Frau, wenn sie nach den gebührenden Ermahnungen nichts ausrichtet, der Mann aber darauf besteht, indem er Schläge, den Tod oder andere schwere Mißhandlungen androht, sich (wie bewährte Theologen lehren) ohne Sünde passiv preisgeben können, weil sie unter diesen Umständen die Sünde ihres Mannes einfach zuläßt, und zwar aus einem gewichtigen Grund, der sie entschuldigt; denn die Liebe, durch die sie gehalten wäre, dies zu verhindern, verpflichtet nicht [, wenn sie] mit so großem Nachteil [verbunden ist].

(Antwort der hl. Pönitentiarie, 1822; die eckigen Klammern kommen daher, dass das eine Übersetzung aus dem Lateinischen ist; mit dem letzten Satz ist gemeint, dass die christliche Nächstenliebe für gewöhnlich verpflichtet, andere Menschen vom Sündigen abzuhalten, falls das möglich und sinnvoll ist)

 

Das ist eigentlich ein wunderbares Beispiel, denn hieran sieht man schon: Es geht bei der Kasuistik nicht darum, wie eine ideale Welt ausschauen würde, in der jeder Mensch nach Heiligkeit streben würde, sondern es geht darum, wie sich ein Christ – oder eine Christin – in einer schwierigen Situation, umgeben von Leuten (z. B. Ehemännern), die sich gerade nicht an die christliche Moral halten, verhalten kann, ohne selbst schuldig zu werden. Natürlich ist es am besten, wenn man aus solchen Situationen herauskommt, oder von Anfang an gar nicht in solche Situationen hineinkommt. Aber manchmal ist man in solchen Situationen, und weiß nicht, was man tun soll.

Eine Standardfrage, bei der es ebenso ist, ist z. B. die Frage: Darf man seinen Glauben in Zeiten der Verfolgung verheimlichen? Oder gar verleugnen? (Die katholische Antwort darauf ist: Verheimlichen ja, verleugnen nie. Man darf verheimlichen, dass man Christ ist, aber wenn man gefragt werden sollte „Bist du Christ?“, dann darf man nicht mit „Nein“ antworten, auch wenn darauf Folter oder Hinrichtung folgen sollte; man darf Christus nicht verleugnen.) Natürlich ist es z. B. noch besser, wenn man aus einem Land, in dem Christenverfolgung herrscht, fliehen kann, oder so. Aber manchmal findet man sich eben in der Situation, wo sich jetzt konkret ganz einfach die Frage stellt: Verheimlichen oder nicht? Verleugnen oder nicht?

Oder hier noch ein allgemeineres Beispiel aus dem Denzinger zur Autorität von Moraltheologen und zum Amt eines Beichtvaters, damit man mal einen Eindruck davon bekommt, in welchem Rahmen die Kasuistik früher auch unterschiedliche Herangehensweisen zuließ:

 

Frage: Louis François Auguste Kard. de Rohan- Chabot, Erzbischof von Besançon, bemüht sich, bei allen, die in seiner Diözese Sorge um die Seelen tragen, die Weisheit und Einheit in der Lehre zu fördern; da von ihnen einige die Moraltheologie des sel. Alfons M. von Liguori als allzu lax, für das Heil gefährlich und einer gesunden Moral entgegengesetzt bekämpfen und verbieten, erbittet er demütig den Spruch der Hl. Pönitentiarie und legt ihr folgende Fragen eines Theologieprofessors [nämlich Th. Goussets] zum Lösen vor:

1. Kann ein Professor der heiligen Theologie die Auffassungen, die der sel. Alfons von Liguori in seiner Moraltheologie lehrt, sicher vertreten und lehren?

2. Oder ist ein Beichtvater zu behelligen, der bei der Ausübung des hl. Bußgerichts allein aus dem Grund alle Auffassungen des sel. Alfons von Liguori vertritt, weil vom Apostolischen Stuhl in seinen Werken nichts gefunden wurde, was einer Zensur würdig wäre? Der Beichtvater, um den [es] in der Frage [geht], liest die Werke des sel. Lehrers nur, um seine Lehre genau kennenzulernen, ohne die Ursachen oder Gründe zu erwägen, auf die sich die verschiedenen Auffassungen stützen; vielmehr meint er, er handle schon deshalb sicher, weil er einsichtig beurteilen könne, dass eine Lehre, die nichts enthält, was einer Zensur würdig wäre, gesund, sicher und keinesfalls der Heiligkeit des Evangeliums entgegengesetzt ist.

Antwort (vom Papst am 22. Juli 1831 bestätigt):

Zu 1. Ja, ohne daß deswegen jedoch für tadelnswert erachtet würden, die von anderen gebilligten Autoren überlieferte Auffassungen vertreten.

Zu 2. Nein, unter Berücksichtigung der Absicht des Hl. Stuhles in bezug auf die Billigung der Schriften der Diener Gottes zur Erzielung der Kanonisation.

(Antwort der hl. Pönitentiarie, 1831)

 

Es gibt auch heute noch Gewissenskonflikte – und wenn der Klerus sich dem nicht mehr annimmt, quälen die Leute sich damit weiter selbst herum und kommen evtl. zu den falschen Ergebnissen; evtl. kommen sie auch mal zu dem Ergebnis, etwas sei sündhaft, obwohl es das nicht ist, tun es dann aber trotzdem, weil sie keinen anderen Ausweg sehen, und fühlen sich dann miserabel, obwohl sie es eigentlich hätten tun dürfen. Im Glücksfall noch, aber das ist auch nicht ideal, nehmen andere sich solcher Fragen an – Internetforen wie Catholic Answers (https://www.catholic.com/qa) zum Beispiel (wobei in diesem Forum ja auch Priester Antworten geben). Die kriegen tatsächlich unzählige Fragen, weil die Leute sich an irgendjemanden wenden wollen, wenn sie Gewissensfragen haben.

Wie genau muss ich in der Beichte sein? Ein Cousin hat mich zu einer Schwulenhochzeit eingeladen, kann ich als Katholik da hingehen (ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen oder unhöflich sein, aber auch nicht den Eindruck geben, dass ich für die Homoehe bin)? Darf ich aus medizinischen Gründen die Anti-Baby-Pille nehmen, z. B. um Endometriose oder hormonelle Störungen zu behandeln? (Die Antwort hierauf ist übrigens: Ja, darf man. Ein Medikament, das zufälligerweise die Nebenwirkung Unfruchtbarkeit hat, ist etwas anderes als gewollte Empfängnisverhütung. Sagt der sel. Paul VI. in Humanae Vitae auch ausdrücklich.) Ist es in Ordnung, mit jemandem auszugehen oder jemanden zu heiraten, der einer anderen Konfession oder Religion angehört? Ist es eine Sünde, brutale Filme anzusehen oder Videospiele zu spielen? Ist es eine Sünde der Eitelkeit, sich zu schminken? Darf ein Katholik Yoga machen (https://www.catholic.com/qa/what-does-the-church-say-about-yoga)? Darf ein Katholik in einem Krankenhaus arbeiten, das auch Abtreibungen durchführt (https://www.catholic.com/qa/can-a-catholic-work-in-a-hospital-that-does-abortions)?

Sicher kann Kasuistik manchmal fehlgehen. Sie kann mal zu streng sein und vorsichtshalber alles verbieten, was nicht ganz sicher der tiefsten Frömmigkeit entspringt, und mal zu lax sein und nach moralischen Schlupflöchern suchen, wo es nur geht. Aber das ist doch kein Grund, sie gleich ganz sein zu lassen. (Catholic Answers ist übrigens meinem Eindruck nach so ziemlich immer im Rahmen der rechtgläubigen katholischen Moral, eher auf der strengen Seite vielleicht, aber mir ist dort bis jetzt noch nie etwas eindeutig Blödsinniges aufgefallen. Oft genug beruhigen sie dort Leute, die sich mit unnötigen Skrupeln quälen (siehe z. B. hier https://www.catholic.com/qa/is-it-vanity-to-get-dental-braces oder hier https://www.catholic.com/qa/is-reading-comics-a-sin für extreme Beispiele); in anderen Fällen reden sie dagegen auch Klartext und sagen: So und so ist es nach der katholischen Lehre, etwas anderes als das und das darf man nicht tun.)

Natürlich gibt es bei der Kasuistik auch die Gefahr, dass sie alles bis ins Kleinste regeln und dem Einzelnen die ganze Verantwortung abnehmen will und zu zu großer Bevormundung führt; diese Gefahr gibt es. Aber wenn man sich einer Gefahr bewusst ist, kann man sie umgehen. Gute Kasuistik sagt auch, wann der Beichtvater keine allgemeine Regel aufstellen kann, sondern jeder einzelne Gläubige selber seine Situation anschauen und selber nach seinen Umständen entscheiden muss, wobei es nicht zwangsläufig die eine richtige Lösung geben muss – anbei, ich kann mir vorstellen, dass es für Beichtväter hier vielleicht (gerade bei skrupulösen Beichtkindern) auch nicht immer einfach sein wird, sagen zu müssen, „Das müssen Sie selbst entscheiden, da kann ich ihnen leider nicht weiterhelfen“; aber gute Beichtväter wissen wohl auch, wann sie ihre Pönitenten zur Eigenständigkeit mahnen müssen. (Ein klassisches Beispiel wäre die Entscheidung, wie viele Kinder ein katholisches Ehepaar bekommt. Diese Entscheidung kann, je nach finanzieller, emotionaler, gesundheitlicher etc. Situation, völlig unterschiedlich ausfallen, und es gibt kein Patentrezept dafür, und kein Kleriker hat in diesem Fall seine Pfarrkinder zu bevormunden, wann sie das Kinderkriegen lassen oder noch ein Kind kriegen sollten. Ein Ehepaar hat vielleicht nur ein oder zwei Kinder, ein anderes vier oder fünf oder sechs, oder auch fünfzehn. Muss jeder selber schauen, wie es für seine Familie am besten ist.)

Grundsätzlich jedenfalls ist Kasuistik etwas Gutes.

 

Eins noch: Papst Franziskus hat sich in der oben zitierten Predigt ja übrigens auf die Unterhaltung Jesu mit den Pharisäern über die Ehescheidung im Markusevangelium bezogen: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? (In der Parallelstelle bei Matthäus übrigens nicht einmal ganz allgemein „Darf man seine Frau aus der Ehe entlassen?“, sondern „Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen?“ Hier scheint es für die Pharisäer sogar klar zu sein, dass man es grundsätzlich darf, und die Frage ist für sie nur, unter welchen Umständen.) „Jesus antwortet nicht, ob es erlaubt ist oder nicht. Er lässt sich nicht auf deren kasuistische Logik ein“, sagt Franziskus dazu. „Und der Weg Jesu – das ist deutlich zu sehen – ist der Weg von der Kasuistik hin zur Wahrheit und zur Barmherzigkeit. Jesus lässt die Kasuistik außen vor. Jene, die ihn auf die Probe stellen wollten, jene, die mit dieser Logik des ‚man darf’ dachten, qualifiziert er – nicht hier, sondern an einer anderen Stelle des Evangeliums – als Heuchler.“

Dieser Bibelauslegung des Papstes möchte ich widersprechen, bei allem Respekt. Jesus beantwortet die Frage der Pharisäer sehr wohl – Er beantwortet sie nur wesentlich strenger und grundlegender, als sie erwartet hätten. „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“ (Markus 10,2-12)

Das ist doch eine sehr klare Antwort. „Das darf der Mensch nicht trennen“ – das ist sehr wohl eine Antwort darauf, ob es erlaubt ist oder nicht. Natürlich geht Jesus nicht nur auf die Frage „Erlaubt oder nicht?“ ein, sondern begründet auch ganz grundsätzlich, wieso es nicht erlaubt ist. Er geht über die Kasuistik hinaus; aber ganz umgehen oder gar grundsätzlich ablehnen tut Er sie doch offensichtlich nicht.

Und das, obwohl die Pharisäer hier nur fragen, um Ihm eine Falle zu stellen.

Glauben, meinen, wissen und nicht-interessiert-sein

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich auf Facebook ein Meme irgendeiner atheistischen Gruppe gesehen; ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut des Spruchs darauf, aber die Aussage jedenfalls war irgendetwas in der Art, dass es eine Ansicht kein bisschen wahrer oder wahrscheinlicher mache, dass man dran „glaube“. Dazu dachte ich mir hinterher: „Hm, ist ja schön, wenn ihr ein fideistisches Glaubensverständnis attackiert, aber könntet ihr bitte so nett sein, dabei zu erwähnen, dass das nicht das Glaubensverständnis aller gottesgläubigen Menschen ist, da z. B. die katholische Kirche ein solches Glaubensverständnis ausdrücklich ablehnt?“

Jeder informierte Katholik sollte der Aussage dieses Memes ohne Probleme zustimmen können.

Man könnte nun sagen, ehe man Memes auf Facebook verbreitet, sollte man sich erst einmal informieren. Aber das Missverständnis, dem diese Atheisten-Gruppe aufgesessen ist, ist ja weit verbreitet, und zugegebenermaßen ist das nicht nur die Schuld von Atheisten, die sich nicht ordentlich über das informieren, was sie angreifen, sondern auch die von Christen, die ihren eigenen Glauben oft nicht mehr wirklich kennen und vermitteln können, und selten klarmachen, was der Unterschied zwischen „glauben“ und „meinen“ ist, und dass „glauben“ im christlichen Sinne eben nicht ein „nicht-wissen“ bedeutet.

Ich bin hier schon einmal darauf eingegangen https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/wie-man-zum-glauben-kommt/, wiederhole es aber gerne noch einmal:

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

Diese Thesen musste der des Fideismus verdächtigte Theologe Louis-Eugène-Marie Bautain im Jahr 1840 auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben, damit sein Werk nicht kirchlich verurteilt wurde.

Louis Eugène Marie Bautain

(Louis-Eugène-Marie Bautain, Wikimedia Commons)

Die Kirche beschäftigte sich zu dieser Zeit dann auch noch weiter mit solchen in manchen traditionalistischen Kreisen verbreiteten fideistischen Thesen. 1844 musste Bautain wieder eine Erklärung unterschreiben, und 1855 erließ die Indexkongregation ein Dekret gegen die Ansichten eines anderen Theologen namens Augustin Bonnetty. Dessen Text lautet:

  1. Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit, eine Gegensätzlichkeit zwischen ihnen angetroffen werden; denn beide stammen von ein und derselben unveränderlichen Quelle der Wahrheit, dem unendlich guten und großen Gott, und leisten sich so wechselseitig Hilfe.
  2. Schlussfolgerndes Denken kann die Existenz Gottes, die Geistigkeit der Seele und die Freiheit des Menschen mit Gewissheit beweisen. Der Glaube ist später als die Offenbarung und kann daher nicht in angemessener Weise zum Beweis der Existenz Gottes gegenüber dem Atheisten oder zum Beweis der Geistigkeit der vernunftbegabten Seele und der Freiheit gegenüber dem Anhänger des Naturalismus und Fatalismus angeführt werden.
  3. Der Gebrauch der Vernunft geht dem Glauben voran und führt den Menschen mit Hilfe der Offenbarung und der Gnade zu ihm hin.
  4. Die Methode, derer sich der heilige Thomas, der heilige Bonaventura und andere Scholastiker nach ihnen bedienten, führt nicht zum Rationalismus und war nicht der Grund dafür, dass bei den heutigen Schulen die Philosophie zum Naturalismus und Pantheismus neigt. Daher darf man jenen Lehrern und Magistern nicht zum Vorwurf machen, dass sie diese Methode – zumal mit Zustimmung oder wenigstens stillschweigender [Duldung] der Kirche – benutzten.

Das ist das Glaubensverständnis der katholischen Kirche. Alles klar? An Gott zu glauben, obwohl man nicht genau weiß, ob es ihn überhaupt gibt, oder gar wider die Vernunft an Gott zu glauben – das wäre Fideismus, ein von der Kirche verurteiltes Glaubensverständnis.

„Glaube“ (fides) meint „Vertrauen“, „Treuebindung“ – nicht „meinen“. Ehe man an den dreifaltigen Gott „glauben“ (d. h. auf ihn vertrauen, sich an ihn binden) kann, muss man durch Vernunftgründe davon überzeugt sein, dass Er überhaupt existiert und sich in Jesus Christus offenbart hat. Intellektuelle Überzeugung von der Wahrheit des Christentums geht dem „Glauben“ voraus.

Sicher ist das in der Praxis nicht immer der Fall – wenn man z. B. katholisch aufgezogen wird, wird man erst einmal seinen Eltern einfach abnehmen, dass es den lieben Gott gibt und idealerweise durch Gebet, Empfang der Sakramente etc. eine Beziehung zu Ihm aufbauen, und später dann erst Argumente für diese Überzeugung kennenlernen; aber das ist ja bei allem, was man als Kind lernt, der Fall; erst einmal wird man seinen Eltern auch ohne Beweise abnehmen, dass die Erde rund ist, man von zu viel Süßigkeiten Bauchweh kriegt, man die Katze nicht am Schwanz ziehen sollte und es in Afrika Löwen und Giraffen gibt. Aber das alles sind Überzeugungen, für die es durchaus logische Begründungen und Beweise gibt, und an die man nicht glauben sollte, wenn sie den Tatsachen oder der Vernunft widersprächen, und an die man auch als Kind aus einem recht vernünftigen Grund heraus glaubt (aus der Erfahrung, dass das, was die Eltern sagen, vertrauenswürdig ist). Dasselbe gilt für die Überzeugung von der Existenz Gottes.

Dass die Bedeutung des Wortes „glauben“ oft nicht recht vermittelt bzw. verstanden wird, ist mir z. B. auch bei dem Projekt „Valerie und der Priester“ (https://valerieundderpriester.de/) schon öfter aufgefallen, das ich in den letzten Monaten regelmäßig verfolgt habe. Dabei begleitet eine eher kirchenferne junge Journalistin ein Jahr lang einen Priester und berichtet dann auf einem Blog und über die sozialen Medien darüber. Sehr oft, wenn auch nicht immer, bewegt sich das, was Valerie hier über den Glauben von Kaplan Franziskus von Boeselager und auch den anderer Menschen, die sie in der katholischen Welt so trifft, schreibt (oder auch, was diese selbst direkt von sich sagen), eher auf der Ebene von „Beten hilft mir, die christliche Nächstenliebe ist mir wichtig, die Kirche ist Heimat für mich, der Glaube gibt mir Halt“ – was ja alles wahr ist, aber auch etwas Wichtiges, Grundsätzliches ausklammert.

Der Glaube ist nicht nur eine Lebenshilfe. Bevor er das sein kann, muss er erst einmal wahr sein. (Wobei natürlich auch Erfahrungsargumente („Ich habe im Gebet Gottes Nähe erfahren“) als Gründe für den Glauben nicht völlig ausgeklammert werden sollten, das sage ich gar nicht. Aber es braucht auch die äußeren, intellektuellen Argumente. Erfahrung allein reicht nicht.) Ich habe manchmal das Gefühl, Valerie betrachtet das Ganze eher so mit einem distanzierten „Aha, interessant, dass es Leute gibt, denen diese Idee von Gott so viel bedeutet und hilft“; aber hat sie sich dabei schon einmal die Frage gestellt: „Könnte es denn sein, dass es wahr ist, woran diese Leute glauben?“?

Ich weiß es nicht. Sie wird auch wahrscheinlich bei diesem Projekt nicht sämtliche ihrer innersten Gedanken ausschütten (täte ich auch nicht); aber manchmal habe ich den Eindruck, sie sieht den Katholizismus als etwas so Exotisches und ihre eigene Weltanschauung (die ich unter die Kategorie „individualistischer Säkularismus“ einordnen würde, und die man noch konkreter als links-feministisch beschreiben könnte – wobei letzteres ja eigentlich nur die politische Seite bezeichnet, und man auch als Katholik gewisse linke oder feministische Positionen teilen kann, wenn man will – dazu vielleicht ein andermal) als so selbstverständlich, dass ihr der Gedanke gar nicht kommt, dass der Katholizismus etwas sein könnte, das wahr sein und eine Bedeutung auch für sie haben könnte, anstatt etwas, das man von außen studiert, wie ein überzeugter Christ einen antiken babylonischen Kult studieren würde. Dabei habe ich aber eben gerade nicht den Eindruck, dass sie schon längst aus bestimmten, durchdachten Gründen von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt ist (dann wäre eine solche Distanz zu der Welt, über die sie berichtet, völlig logisch), sondern eher den, dass Gott für sie etwas ist, das einfach keine Rolle spielt.

Das ist allgemein, habe ich so das Gefühl, viel häufiger der Grund, wieso Menschen nicht an Gott glauben, als überzeugter Atheismus. Sie sind an dem Thema nicht interessiert.

Und Desinteresse an der Wahrheit ist, finde ich, nun wirklich ein Gegensatz sowohl zum Wissen als auch zum Glauben als auch zum bloßen Meinen. Das ist eine Kategorie, mit der man sich ganz außerhalb der Frage nach der Wahrheit stellt.

 

(Beide oben zitierten Texte finden sich im „Denzinger“, dem von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann herausgegebenen „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009.)

Basisausrüstung zur Häresiebekämpfung für das Jubiläumsjahr 2017

Eine andere Bloggerin hat bereits mehrfach zu gegenreformatorischem Engagement anlässlich des Reformationsjahres aufgerufen (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/11/16/sola-scriptura-warmtippen-gegen-das-reformationsjubilaeum-1/ , https://maryofmagdala.wordpress.com/2017/02/07/soll-das-jetzt-das-ganze-jahr-lang-so-weitergehen/ ), und ich schließe mich der Taskforce Fatima natürlich gerne an. Hier versorge ich meine Leser also gern mit ein paar Argumenten, die zur einfachen Grundausstattung zur Bekämpfung von Häresie und Schisma im reformatorischen Bereich gehören:

 

1) Protestanten kann man leicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie glauben an sola scriptura? Okay:

Matthäus 16,18f.: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“

1 Timotheus 3,15: „Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Hauswesen Gottes verhalten muss, das heißt in der Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule und das Fundament der Wahrheit ist.

Johannes 6,55: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank.“

Lukas 1,46.48: „Da sagte Maria: […] Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“

Das Beste zum Schluss:

Jakobus 2,24: „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.“

Daraus folgt selbstverständlich: Papsttum, Bedeutung der Kirche, Transsubstantiation, Marienverehrung und Zusammenwirken von Glaube & Werken – das ist alles ganz offensichtlich GANZ UND GAR unbiblisch. (Ich kann auch nur einen kleinen Grundbestand an Bibelzitaten aus dem Gedächtnis auf Kapitel oder sogar Vers genau angeben, aber gelegentlich ist es wirklich ganz nützlich, sich manches zu merken – natürlich nicht nur in Bezug auf gegenreformatorische Argumente.)

[Ach ja: in der Lutherbibel von 2017 wird das griechische „ekklesia“ in den beiden ersten Stellen übrigens beide Male mit „Gemeinde“ statt „Kirche“ wiedergegeben. In 1 Tim 3,15 heißt es außerdem, die „Gemeinde“ sei „ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit“, während sie Joh 6,55 übersetzt haben mit „Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank“ (was irgendwie einen anderen Beiklang hat als „das ist richtige, wirkliche Nahrung“, und mehr in die Interpretationsrichtung geht „das ist die eigentlich wichtige, geistliche Speise“). In beiden Fällen steht im griechischen Original kein Artikel; das Altgriechische hat übrigens keine unbestimmten Artikel, sondern hätte nur bestimmte. Bei Johannes heißt es wörtlich „alethes estin brosis“, „ist wahre Speise“ („eine / die wahre Speise“? nicht völlig eindeutig). Im Timotheusbrief steht „[hetis estin ekklesia theou zontos,] stylos kai hedraioma tes aletheias“, „[die die Kirche des lebendigen Gottes ist,] Säule und Fundament (oder: Pfeiler und Grundfeste) der Wahrheit“ („eine / die Säule und ein / das Fundament (oder: ein / der Pfeiler und eine / die Grundfeste) der Wahrheit.“?). Da muss der Übersetzer jetzt irgendwie selber anhand des Kontexts schauen, wie er das in der Übersetzung mit den Artikeln hält. Im Jakobusbrief z. B. haben sie dagegen fast wortgleich mit der Einheitsübersetzung übersetzt: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“]

 

2) Eigentlich braucht man aber gar nicht so sehr in das Gezänk um einzelne Bibelstellen einzusteigen. Stattdessen ist es von vornherein immer noch die sinnvollste Strategie, einfach zu fragen:

a) „Wo steht sola scriptura in der Bibel?“ (Antwort: Nirgends. In der Schrift gibt es mehrere Stellen, an denen von der Wichtigkeit und Nützlichkeit der Schrift gesprochen wird, aber dort wird nie davon gesprochen, dass die Schrift allein zählt und die Kirche etwa nicht – und wenn etwa in den Paulusbriefen von der Schrift die Rede ist, ist damit übrigens das Alte Testament gemeint, da das Neue gerade erst in diesem Moment geschrieben wurde und noch keineswegs kanonisiert war.)

b) „Wenn es da nicht steht, woher kommt das Prinzip dann?“ (Antwort: Von Dr. Luther. Welche Autorität hatte Dr. Luther?)

c) „Woher wissen wir überhaupt, welche Bücher zur Schrift gehören?“ (Der Kanon wurde schließlich auf den Konzilien der katholischen Kirche festgelegt. Und Dr. Luther entfernte sieben Bücher – Judit, Tobit, Baruch, Jesus Sirach, Weisheit, 1 und 2 Makkabäer – und Teile der Bücher Daniel und Ester aus diesem Kanon. (Es handelt sich dabei um den sog. Deuterokanon, Texte, die ursprünglich auf Griechisch statt wie der Rest des AT auf Hebräisch geschrieben wurden.) Woher wissen Protestanten, dass sein Kanon richtig ist? (Hier noch ein paar Informationen zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/reason-1-to-reject-the-reformation-the-canon-of-scripture/ , http://shamelesspopery.com/is-scripture-self-attesting/ ))

d) „Nach welchem Prinzip richteten sich die ersten Christen, um zu wissen, was die christliche Lehre ist, als noch umstritten war, ob z. B. die Offenbarung des Johannes (drin) oder der Barnabasbrief (nicht drin) zur Schrift gehören? Hätten sie sich damals überhaupt schon nach dem Prinzip sola scriptura richten können?“ (Ich denke, die Antwort darauf ist offensichtlich.)

e) „Wenn sich zwei Protestanten in ihrer Bibelinterpretation nicht einig sind – wer entscheidet dann, wer von ihnen recht hat?“

Das Prinzip „Allein die Schrift“ ist ganz offensichtlich in sich unlogisch. Das ist der Grund, wieso wir die Autorität von Konzilien und Päpsten zur Klärung von Streitfragen brauchen.

 

3) Ein bisschen Geschichtswissen kann auch ganz hilfreich sein:

a) Einerseits ist Geschichtswissen in Bezug auf die frühe Kirche sehr nützlich. Nur wer keine Ahnung von Kirchengeschichte hat, stellt sich unter der Urkirche etwas Protestantisches vor. Man denke allein an den 1. Clemensbrief: Ein Brief des Römischen Bischofs (für dieses Amt wurde später die Bezeichnung „Papst“ üblich) an die Gemeinde in Korinth, in dem die Kirche von Rom besondere Autorität über die Kirchen anderenorts beansprucht (in Korinth gab es einige Streitigkeiten). Der Brief wird auf kurz vor 100 n. Chr. datiert; damals war wahrscheinlich sogar noch der Apostel Johannes am Leben. Zu anderen Beispielen in einem eigenen Beitrag mal.

b) Andererseits ist auch Geschichtswissen über Luther und die Reformation – die man besser als die Kirchenspaltung bezeichnen sollte – nicht schlecht: Luthers Antijudaismus, seine Befürwortung von Hexenprozessen, sein Aufruf, die aufständischen Bauern im Bauernkrieg totzuschlagen, und sein allgemeiner Hang dazu, jeden aufs Wüsteste zu beschimpfen, der es wagte, anderer Meinung zu sein als er, wurden wohl schon oft genug breitgetreten, dass ich hier eigentlich nichts mehr dazu wiederholen muss; aber auch andere Aspekte dieser Zeit verdienen Beachtung: Vor allem der allgemeine Fanatismus und die Kriege, die innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte nach 1517 folgten, stechen ins Auge. Werden wir in 10 Jahren auch dem sacco di Roma (der Plünderung Roms) von 1527 gedenken, am besten mit einer reuevollen Entschuldigung des EKD-Ratsvorsitzenden? (Ja, ich weiß, dass nicht der persönlich Rom geplündert hat. Aber hey, der hl. Papst Johannes Paul II. hat auch keine Scheiterhaufen angezündet, und war sich trotzdem für große Gesten zur Anerkennung historischer Schuld nicht zu schade.) Im Heiligen Römischen Reich gab es den Bauernkrieg von 1525 und den Schmalkaldischen Krieg von 1546-47. Die französischen Religionskriege am Ende des 16. Jahrhunderts waren nicht weniger grausam, in England oder anderen Ländern lief auch nicht alles friedlich ab; und schließlich führte das Ganze in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648); zumindest für das Heilige Römische Reich wahrscheinlich die schlimmste Katastrophe nach der großen Pestwelle von 1348/49, würde ich vermuten. Vielleicht wird hier langsam klar, wieso Ketzerei damals so gefürchtet war: Sie führte zu Aufruhr, Bürgerkrieg und Krieg, bitteschön. Ketzerei war das, was heute „Volksverhetzung“ ist. Ach ja, und 1529 standen übrigens auch noch die Osmanen unter Sultan Süleyman vor Wien, und ein geeintes Vorgehen der Christenheit zur Verteidigung gegen irgendwelche äußeren Feinde war inmitten der ganzen inneren Konflikte dann auch keine so einfache Sache mehr (hier ein Beitrag zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/revisiting-the-reformation-pope-a-defense-of-pope-leo-x/ ). Ketzerei bedrohte für die Menschen damals ganz real das Überleben der Christenheit. Man könnte sich auch noch andere historische Fakten in Erinnerung rufen: Dass es auch vor Luther schon einige Ansätze zur Kirchenreform gab (genau im Jahr 1517 endete gerade das 5. Laterankonzil, bitteschön!) und dass überall unumstritten war, dass Reformbedarf da war. Dass der Ablasshandel zwar ein Skandal, aber kein Verkauf von Sündenvergebung war – Sünden werden in der Beichte vergeben, nicht durch Ablässe. Dass Luther nicht als Ketzer verdammt wurde, sobald er es wagte, seine 95 Thesen zu äußern, sondern erst 1521 (also vier Jahre später) exkommuniziert wurde, nach ausführlichen Unterredungen und Streitgesprächen mit Kardinal Cajetan und dem Theologen Johannes Eck in den Jahren zuvor. Dass die Reformation in den reformierten Gebieten nicht dazu führte, dass die Kirchenoberen alle fromm und gut wurden, sondern dazu, dass die in der Regel nicht so frommen und guten weltlichen Herren nun auch zur Obrigkeit in kirchlichen Dingen wurden (Heinrich VIII., anyone?), und dass ihnen die Reformation neben diesem allgemeinen Machtzuwachs auch die Gelegenheit bot, die Klöster aufzulösen und deren Besitz zu konfiszieren, sprich, auch einen greifbaren finanziellen Gewinn.

 

So, das jetzt so weit ganz grob zum Thema sola scriptura und einigen historischen Mythen. Zu ein paar weiteren Mythen über die lutherische und auch die calvinistische Häresie werde ich dann im Lauf dieses Jahres noch öfters mal kommen.

Jedenfalls, wie vielleicht hier schon deutlich geworden ist, eins sollte man meiner Meinung nach in diesem Jahr nicht tun: Feiern. (D. h. Weihnachten und Ostern und Geburtstage und Namenstage und alles andere, was sich so findet, natürlich schon. Bloß das Reformationsjubiläum nicht!) Auch aus evangelischer Sicht finde ich es übrigens fraglich, ob es hier tatsächlich so viel zu feiern gibt. 150 Jahre Religionskriege vielleicht? Luther hat die Kirche nicht, wie er ursprünglich wollte, nach seinen Ideen umformen können (zum Glück, aus katholischer Sicht); wo liegt hier also selbst aus Sicht der Protestanten der große Triumph? Die Kirche wurde gespalten. Wir Katholiken sind uns sicher mit den Lutheranern nicht einig, wer da schuld dran war (außer, dass keine Seite ganz schuldlos war, auch wenn eine Seite theologisch gesehen gänzlich im Recht war), aber ich denke, man sollte sich doch wenigstens einigen können, dass 500 Jahre Kirchenspaltung eher ein Anlass zur Trauer als zum Feiern sind. Hey, ich erwarte ja nicht gleich, dass Margot Käßmann in Sack und Asche nach Rom pilgert und vom Papst die Absolution erbittet (wobei – eigentlich wäre das schon keine schlechte Idee… 😉 ), aber wenigtens könnte man seinem Bedauern über die Kirchenspaltung Ausdruck geben, anstatt von uns Katholiken zu erwarten, dass wir den ganzen Schmarrn auch noch mit feiern sollen. Und was die katholische Seite angeht, solche Aktionen wie Rosenkränze für Luthers Seelenheil (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/01/25/ich-weiss-ja-nicht-was-ihr-naechstes-jahr-so-so-macht/ ) wären anlässlich des Reformationsjubiläums natürlich nie verkehrt. Wir sollten ja immer versöhnungsbereit sein.

Aber ich sehe auf jeden Fall nicht ein, was ich hier zu feiern hätte.