Christliche Kultur am Sonntag: „Alphabet der Träume“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

Heute: „Alphabet der Träume“ (Susan Fletcher)

Heute möchte ich nur auf ein Jugendbuch verweisen, das ich auf diesem Blog schon mal vorgestellt habe, und das sich perfekt als Weihnachtsgeschenk für 11-16jährige eignet. Es geht um die vierzehnjährige Mitra und ihren kleinen Bruder Babak, die im alten Persien in eine Karawane mit Sterndeutern geraten, die Richtung Judäa zieht.

Die Ereignisse aus der Weihnachtsgeschichte nehmen nur einen geringen Teil des Buches ein, bilden allerdings damit auch den Höhepunkt; der Großteil spielt in Persien, bevor sie Bethlehem erreichen; es geht um Mitras und Babaks eigene Geschichte.

Christliche Kultur am Sonntag: „Die Flucht nach Ägypten. Königlich böhmischer Teil“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

Heute: „Die Flucht nach Ägypten. Königlich böhmischer Teil“

Otfried Preußlers Roman von 1978 (Achtung: kein Kinderbuch) setzt ein mit einer kurzen Erklärung der Ausgangslage, nämlich wie folgt:

„Der Weg von Bethlehem nach Ägypten muß damals, in jenen heiligen Zeiten, durchs Königreich Böhmen geführt haben, quer durch den nördlichen Teil des Landes, bei Schluckenau etwa herein in das böhmische Niederland, dann nicht ganz bis zum Jeschken hinum, dann weiter im Vorland des Iser- und Riesengebirges durch vorwiegend ärmliche, meist von Glasmachern, Leinewebern und kleinen Häuselleuten bevölkerte Gegenden bis in die Nähe von Trautenau – und zuletzt auf der Alten Zollstraße über Schatzlar hinaus ins Schlesische, wo es dann nach Ägypten hinüber nicht allzu weit mehr gewesen ist.

Das wird zwar geschätzter Leser schwerlich sich vorstellen können, wenn man die heutigen Landkarten sich vor Augen hält: nur – die heutigen Landkarten sind eben damals noch nicht im Gebrauch gewesen, das ist das eine; auch möchte es immerhin ja der Fall sein können, daß sich die Straßen und Reisewege zwischen den biblischen Örtlichkeiten seither verschoben haben, das ist das andere; drittens jedoch und hauptsächlich wird man sich aber fragen müssen, wie denn der heilige Josef seinerzeit, auf der Flucht vor dem König Herodes, überhaupt mit dem lieben Jesulein und der Muttergottes hätte im Königreich Böhmen durchkommen können, wenn vormals der Weg von Bethlehem nach Ägypten nicht in der oben beschriebenen Weise verlaufen wäre. Und durchgekommen im Königreich Böhmen, das sind sie ganz ohne Zweifel, nämlich es fehlt nicht an Zeugen, die das bekundet haben, darunter auch meine beiden Großmütter, und es fehlt nicht an Amtspersonen, welche mit der zeitweiligen Anwesenheit der Heiligen Familie auf königlich böhmischem Territorium sogar dienstlicherweise befaßt gewesen sind, wie zum Beispiel der Herr k.k. Gendarmeriepostenkommandant Leopold Hawlitschek aus der Gemeinde Hühnerwasser, von dem noch die Rede sein wird.“

Auf diesem Szenario aufbauend geht es los im Stall von Bethlehem mit der Heiligen Familie, die, gewarnt vom Erzengel Gabriel, vor König Herodes fliehen muss. (Der Erzengel, um ihnen auf der Reise zu helfen, fährt netterweise in ihren Esel ein.) Sie ziehen also los, und zwar Richtung Böhmen ungefähr ums Jahr 1900, als dieses Land noch zu Österreich-Ungarn gehört.

Herodes, sobald er merkt, dass sie entkommen sind, und seinen ersten Zornausbruch überwinden hat, lässt nach Wien in die Hofburg telegraphieren, man solle die Familie Josefs aus Nazareth, falls sie königlich böhmisches Territorium erreiche, festnehmen und ihm überstellen. Kaiser Franz Joseph ist recht ratlos, denn: „Einerseits ist, wie bekannt, mit den morgenländischen Königen nicht zu spaßen, je kleiner die sind, desto größer ist ihre Empfindlichkeit; andererseits aber ist ja der Kaiser Franz Joseph von kleinauf im wahren christkatholischen Glauben erzogen gewesen, und folglich hat er es mit dem himmlischen Vater sich auch nicht verderben wollen“ (S. 25f.). Schließlich leitet er das Telegramm einfach nach Prag weiter, damit der dortige Statthalter entscheiden soll, was zu tun ist. Der böhmische Statthalter ist nicht da, aber die zuständigen Beamten verständigen Zoll und Gendarmerie, um die Heilige Familie festnehmen zu lassen, und Luzifer, der auch immer wieder in der Geschichte auftaucht, nimmt regen Anteil an der ganzen Geschichte.

Die Heilige Familie entgeht allerdings erst einmal den Verfolgern (bzw. speziell dem Gendarmeriepostenkommandanten Hawlitschek, der ihnen hinterher geschickt wird, nachdem man sie am Zoll nicht erwischt hat) und es begeben sich diverse Begegnungen und Wunder an ihrem Weg.

Das Buch spielt die ganze Zeit mit dem Paradox: Während die Heilige Familie durch Böhmen zieht, existiert das Christentum bereits, ist Weihnachten etwa 1900 Jahre her, und die Kreuzigung und Auferstehung auch schon 1870 Jahre. (Bei der Weiterreise nach Ägypten werden sie wieder in der Zeit zurückversetzt werden.)

Preußler schreibt einerseits sehr amüsant; aber ein paar Szenen entwickeln sich eher traurig als komisch. Preußler hat eben auch einen guten Blick für das Verhalten der Menschen.

Lesenswert und sehr zu empfehlen als Weihnachtsgeschenk.

Die Flucht nach Ägypten in einer Weihnachtskrippe. Bildquelle: Wikimedia Commons, Nutzer Andreas Praefcke.)

Von „Instrumentalisierung“, Phrasen, und den Zielen von Terroristen

Als „Instrumentalisierung“ würde man es im normalen Sprachgebrauch bezeichnen, wenn jemand etwas rein taktisch-rhetorisch als Werkzeug benutzt, um etwas nicht oder kaum damit Zusammenhängendes durchzusetzen, und sich für diese Sache selber eigentlich nicht interessiert. Nach jedem islamischen Terroranschlag wird heutzutage denjenigen „Instrumentalisierung“ vorgeworfen, die Analysen und Lösungsvorschläge anbieten.

Da heißt es dann auf der einen Seite ungefähr:

„Menschen werden getötet, und das liegt daran, dass in der Vergangenheit das und das hier falsch gelaufen ist (das hätte man wissen können und manche haben es auch gewusst). Wenn wir wollen, dass nicht noch mehr Menschen getötet werden, müssen wir für die Zukunft endlich xyz tun.“

Und von der respektablen Seite kommt dann eine Antwort, die etwa auf das hier hinausläuft:

„Wie kannst du nur die Toten verunehren, indem du Lösungsvorschläge anbietest? Worauf es jetzt ankommt, ist, die immer gleichen Betroffenheitsphrasen abzuspulen, daher: Wir stehen fest an der Seite unserer Freunde in xyz, wir verurteilen diesen feigen und sinnlosen Terroranschlag, wir stehen zusammen und lassen uns durch Terror und Gewalt nicht einschüchtern, unser Mitgefühl ist bei den Angehörigen der Opfer. So, und jetzt husch-husch weitermachen wie bisher. Wir wollen doch die Terroristen nicht gewinnen lassen, nicht wahr? Und wehe, einer erwähnt den Hintergrund. Terror gibt es in allen Religionen. Das Problem ist Fundamentalismus.“

Da hört man dann auch oft Phrasen wie „Terroristen wollen die Gesellschaft spalten und Hass säen“: Eine unglaublich dumme Erklärung.

Kein Terrorist ist ein hirnloses Monster, das „muss hasserfüllte Gesellschaft haben“ vor sich hin murmelt. Terrorismus ist nicht sinnlos (und normalerweise auch nicht feige: Es erfordert schon Mut, auf andere Menschen loszugehen und sich selbst der Todesgefahr durch Polizeikugeln oder die eigene Bombe auszusetzen; Terroristen kann man pervers, gefühllos, mörderisch, selbstgerecht, hochmütig nennen, aber feige m. E. nicht). Terroristen wollen mit ihrem Terror konkrete Ziele durchsetzen.

Im Fall islamischer Terroristen wollen sie die Gesellschaft einschüchtern und sie mit der Bedrohung durch weiteren Terror davon abbringen, den Islam zu kritisieren oder gegen den wachsenden Einfluss des Islam in der Gesellschaft vorzugehen. Sie wollen Allah oder Mohammed zugefügte Beleidigungen rächen, indem sie konkrete Ungläubige töten. [In diesem Fall halte ich übrigens das schnodderige Gegenargument „dein Gott muss aber schwach und empfindlich sein, wenn du jemanden töten musst, der ihn beleidigt“ für ziemlich schlecht. Jemandem, der sagen würde, „wer meine Mutter beleidigt, den schlag ich zusammen, dass alle seine Knochen gebrochen sind“ würde man auch nicht entgegnen „deine Mutter ist aber empfindlich“. Das wäre noch ein bisschen etwas anderes als Mord und dieser Vergleich soll auch nicht im Entferntesten Sympathie für Mord ausdrücken (Vergleiche sind nun mal keine Gleichsetzungen, auch wenn der Durchschnittsmensch das immer weniger auseinanderhalten kann), sondern einfach klarmachen, dass das Argument nicht zieht.] Sie wollen vielleicht auch ihre eigenen Verbündeten bestärken, indem sie ihre Stärke beweisen und zeigen, dass sie Städte in Angst und Schrecken versetzen können. Und ihr Endziel ist die islamische Weltherrschaft, ganz einfach, das wird offen gesagt. „Weltherrschaft“ klingt immer so nach Zeichentrickfilmschurke, aber eigentlich will ja jeder, dass seine Ideale irgendwann auf der ganzen Welt angenommen werden; andere Leute wollen eben, dass irgendwann die ganze Welt liberal und demokratisch (was übrigens zwei verschiedene Sachen sind) ist. Radikale Muslime wollen, dass auf der ganzen Welt der Islam herrscht, islamische Regeln gelten und die verbliebenen Ungläubigen sich unterwerfen und die Schutzsteuer zahlen, oder einfach konvertieren.

Und hätten sie denn gewonnen, wenn man nicht weitermacht wie bisher? Man kann nicht einfach weitermachen wie bisher, in der Hinsicht, dass man sich einredet, dass es ja nur Einzelfälle sind und man nicht viel machen kann, das schuldet man den Opfern und möglichen zukünftigen Opfern; hier hätten sie gewonnen, wenn man weitermacht wie bisher. Und in anderer Hinsicht wird jetzt bereits nicht weitergemacht wie bisher, trotz aller Phrasen, dass man sich nicht einschüchtern lässt: Je mehr Terror und Gewalt, desto weniger öffentliche Kritik am Islam wird man hören, weil Einzelne das nicht mehr wagen. Die Leute, die davon reden, dass die Gesellschaft sich ihr Leben durch Terror nicht kaputt machen lassen wird, lassen sich vom Terror vielleicht nicht davon abhalten, vom Islam (manchmal zu Recht) als verdorben gesehene Lebensweisen weiter zu leben, aber sehr wohl davon, Mohammed öffentlich als falschen Propheten zu bezeichnen.

Terroristen sagen deutlich, was sie wollen; aufschlussreich z. B. eine Veröffentlichung des IS („Why we hate you and why we fight you“, ab S. 30 – Warnung, weiter unten in anderen Artikeln sind sehr brutale Bilder). Der erste Grund für Kampf und Terror gegen den „Westen“ – ausdrücklich wird gesagt, dass die westliche Außenpolitik ein untergeordneter Punkt ist – ist, dass man Gott verunehre, indem man ihm einen Sohn an die Seite stelle. Islamische Terroristen hassen sicherlich den Säkularismus und Liberalismus (wie sie dann auch an zweiter Stelle, ebenfalls vor der Außenpolitik, sagen), aber sie hassen zuerst auch das Christentum (und manchmal scheinen sie beides kaum auseinanderzuhalten). Illustriert wird dieser Teil des Textes mit einem Bild aus einer traditionellen lateinischen Messe, nicht gerade Ausdruck moderner Dekadenz.

Da helfen auch keine von vierzigjährigen Sozialpädagoginnen durchgeführten Programme zur Demokratiebildung oder Deradikalisierung, über die jeder Sechzehnjährige lachen wird, der sie über sich ergehen lassen muss.

Wenn man will, dass Leute nicht dem radikalen Islam verfallen, muss man ihnen etwas Ernstzunehmendes bieten; das (richtige) Christentum wäre hier nötig, und manchmal funktioniert das auch, aber viele Muslime sind dagegen leider schon zu sehr „geimpft“: Christentum ist Polytheismus, weil man Allah einen Sohn an die Seite stellt, eins ist nicht drei, und Allah kann ja wohl nicht leiden, weiter wird nicht gedacht und nicht diskutiert, obwohl es wunderbare Antworten auf das alles gäbe.

Tatsache ist, in jeder muslimischen Gesellschaft wird es viele Muslime geben, die ihren Glauben ernst nehmen, und die es daher z. B. für unbedenklich halten, in der Polygamie zu leben, die mit enormer Wut auf Mohammedkritik oder -karikaturen reagieren (anbei: mit Charlie Hebdo, diesem Atheistenblatt, kann ich auch nicht viel anfangen), die finden, dass in einer idealen islamischen Gesellschaft die Christen etc. Dhimmis sein sollten, und die es nicht über sich bringen, den historischen Dschihad zu verurteilen. Freilich werden die meisten von denen immer noch finden, dass heutige Terrorgruppen keine rechtmäßige Autorität sind, die den Dschihad ausrufen kann, und werden willkürliche Morde an Zivilisten in Friedenszeiten normalerweise ablehnen – auch wenn sie nicht allzu sehr trauern, wenn ganz gezielt jemand getötet wurde, der Blasphemie gegen den Islam betrieben hat. Aber es wird auch immer eine Minderheit geben, die da fanatischer ist, und die irgendwann Terroranschläge verübt.

Und deswegen muss das Ziel erst mal sein, dass der Anteil der Muslime an der Bevölkerung in Europa nicht immer weiter wächst, denn diese Minderheit ist in allen islamischen Ländern da. Viele Muslime kommen noch durch Einwanderung, daher wären logische Möglichkeiten solche Dinge wie weniger Einwanderung, auch weniger legale; Abschiebung Ausreisepflichtiger; höhere Hürden für Einbürgerungen; Anreize zur freiwilligen Ausreise; Verlust der Aufenthaltsgenehmigung bei vielen Verbrechen; usw. Es gäbe viele gute denkbare Möglichkeiten, mit denen etliche Länder schon lange arbeiten, und die niemandes Rechte verletzen, die ihm geschuldet sind. Dann haben Muslime oft eine höhere Geburtenrate; das ist ihnen nicht vorzuwerfen, denn Kinderkriegen ist gut und ein natürliches Recht, aber man kann auch Anreize für eine höhere Geburtenrate bei Nichtmuslimen schaffen. Wenn die Gesellschaft kinderfreundlich ist, geht die Geburtenrate oft wenigstens ein Stück weit hoch, weil die Leute eigentlich doch ein bisschen mehr Kinder wollen, als sie derzeit haben (nicht in allen Industrienationen ist sie so niedrig wie in Deutschland; Frankreich hat 2 Kinder pro Frau und Israel 3, mehr als einige seiner islamischen Nachbarstaaten). Demographische Fakten sind nun mal mächtig, egal, ob einem das gefällt oder nicht. Dann gibt es auch Konversionen von Nichtmuslimen zum Islam; die verhindert man am besten durch glaubwürdige Alternativen, d. h. die Kirche hat endlich mal wieder ernsthaft das zu verkünden, was sie zu verkünden hat, ohne sich dafür zu schämen oder es zu verwässern. Natürlich müsste man auch diejenigen Moscheen schließen und Imame ausweisen, bei denen Terror verherrlicht wird, strenger gegen Polygamie, Kinderehen und dergleichen vorgehen, und allgemein klarmachen, dass der Islam als etwas Fremdes geduldet wird, aber nicht die Gesellschaft zu prägen hat („christliche Leitkultur“, wie das dann so genannt wird).

Über solche Mittel zur Abwehr oder Eindämmung des radikalen Islam muss man reden. Wenn Säkularisten „Radikalisierung“ verhindern wollen, indem sie versuchen, Muslimen eine verwässerte Version ihrer Religion als modernen Islam unterzujubeln, der kaum mehr als Äußerlichkeiten mit der ursprünglichen Version gemein hat, oder wenn sie muslimische Mädchen zwingen wollen, gegen ihren Willen Kleidungsstücke abzulegen, dann ist das nicht nur bescheuert, sondern auch moralisch falsch. Und mit stärkerer Kontrolle durch Polizei und Verfassungsschutz kann man zwar was tun, aber irgendwann ist das einfach nicht mehr genug. Wenn die Seele raus ist, kann man den Körper nicht mehr reanimieren.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 5a: Die Kirche – was sie ist und woher sie stammt

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Mt 16,18f., 1 Tim 3,15, Lk 10,16, Apg 9,4f., Apg 20,28, Kol 1,18, 1 Kor 12, Eph 1,22f., Eph 3,10, Eph 5,22-33, Apg 14,23, 2 Tim 1,6, Tit 1,5-9, 1 Tim 1-13, 1 Kor 1,1f., 1 Thess 1,1.

Der Begriff „ecclesia“ (=Kirche, „die Herausgerufenen“) wurde zum einen für die einzelnen Ortskirchen unter den einzelnen Bischöfen verwendet und zum anderen für die Weltkirche; in diesem Artikel zunächst zur Weltkirche (zur Rolle Roms in dieser Weltkirche kommt auch ein eigener Artikel, da das für einen zu viel wäre).

Sie wird bezeichnet als die universale – „katholische“ – Kirche; zum ersten Mal taucht dieser Begriff bei Ignatius von Antiochia auf, der um 107 n. Chr. auf dem Weg zu seinem Prozess und Märtyrertod in Rom Briefe an mehrere Gemeinden schreibt:

„Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakonen aber ehret wie Gottes Anordnung. Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man nicht taufen noch das Liebesmahl feiern; aber was immer er für gut findet, das ist auch Gott wohlgefällig, auf dass alles, was geschieht, sicher sei und gesetzmäßig.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 8)

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(Martyrium des hl. Ignatius. Gemeinfrei.)

In einem Bericht über das Martyrium des hl. Bischofs Polykarp von Smyrna (Kleinasien), an den Ignatius einen seiner Briefe gerichtet hatte und der in sehr hohem Alter im Jahr 155 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, finden sich folgende Stellen:

„Die Kirche Gottes zu Smyrna an die Kirche Gottes zu Philomelium und an alle Gemeinden der heiligen und katholischen Kirche allerorten. Erbarmung, Friede und Liebe Gottes des Vaters und unseres Herrn Jesus Christus mögen euch in Fülle zuteil werden.“ (Martyrium des hl. Polykarp 1)

„Einer von diesen ist der bewunderungswerte Blutzeuge Polykarp gewesen, der in unserer Zeit durch seine Lehre ein Apostel und Prophet geworden ist, der Bischof der katholischen Kirche zu Smyrna; denn jedes Wort, das aus seinem Munde kam, hat sich erfüllt und wird sich erfüllen.“ (Martyrium des hl. Polykarp 16)

„Denn durch seine Standhaftigkeit hat er den ungerechten Statthalter besiegt und so die Krone der Unsterblichkeit erlangt; er verherrlicht, mit den Aposteln und allen Gerechten in Jubel vereinigt, Gott den Allvater und preist unsern Herrn Jesus Christus, den Heiland unserer Seelen, den Lenker unserer Leiber und den Hirten der katholischen Kirche auf dem weiten Erdkreise.“ (Martyrium des hl. Polykarp 19)

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(Polykarp von Smyrna. Gemeinfrei.)

Die Kirche wird in einem Glaubensbekenntnis erwähnt, das sich in der Epistula Apostolorum findet, einem Werk, das sich als Brief der Apostel ausgibt und einen angeblichen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung enthält:

„an den Vater, den Herrscher der ganzen Welt, und an Jesum Christum, unsern Heiland, und an den heiligen Geist, den Parakleten, und an die heilige Kirche und an die Vergebung der Sünden.

(Epistula Apostolorum 5(16)-6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 129. Englische Übersetzung hier.)

Die einzelnen Bischöfe konnten ihre Einsetzung auf die Apostel zurückführen; die Kirche wurde als diejenige gesehen, die die apostolische Überlieferung bewahrt. Zu diesem Thema findet man sehr viele Stellen.

Einer der ersten Päpste, Clemens von Rom, schreibt um 95 n. Chr. in einem Brief an die Ortskirche von Korinth:

„Die Apostel haben uns das Evangelium verkündet, (das sie) vom Herrn Jesus Christus (bekommen haben), Jesus Christus aber ist gesandt von Gott. Christus ist also von Gott und die Apostel von Christus (gesandt); beides ist demnach geschehen in aller Ordnung nach dem Willen Gottes. Sie empfingen also ihre Aufträge, wurden durch die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus mit Gewissheit erfüllt, wurden im Glauben an das Wort Gottes gefestigt, und dann zogen sie voll des Heiligen Geistes hinaus zur Predigt, dass das Reich Gottes nahe sei. Indem sie nun in Ländern und Städten predigten, setzten sie die Erstlingsfrüchte ihrer (Predigt), nach vorhergegangener Prüfung im Geiste, zu Bischöfen und Diakonen der zukünftigen Gläubigen ein.“ (1. Clemensbrief 42,1-4)

Justin der Märtyrer, ein zum Christentum konvertierter Philosoph, der in Rom lebte, schreibt um 150:

„Und daß das eingetroffen ist, davon könnt ihr euch überzeugen; denn von Jerusalem gingen Männer aus in die Welt, zwölf an der Zahl, ganz ungebildet und der Rede nicht mächtig; aber durch die Kraft Gottes haben sie dem ganzen Menschengeschlechte gezeigt, daß sie von Christus gesandt waren, allen das Wort Gottes zu predigen.“ (Justin, 1. Apologie 39)

Im Diognetbrief heißt es (mit „Logos“ (griechisch Wort, Rede, Vernunft) ist Jesus, das Wort Gottes, gemeint):

„Nicht Fremdartiges predige ich und stelle keine vernunftwidrigen Untersuchungen an, sondern nachdem ich Schüler der Apostel geworden bin, werde ich Lehrer der Heiden und biete das Überlieferte in rechter Weise solchen dar, die Schüler der Wahrheit werden. Denn welcher Mensch, der rechtgläubig unterwiesen und dem Logos befreundet geworden ist, hat nicht das Bestreben, klar zu erfassen, was durch den Logos den Jüngern deutlich gezeigt wurde, denen der Logos, als er sichtbar erschienen war, es offenbarte, indem er freimütig zu ihnen redete? Von den Ungläubigen wurde er zwar nicht begriffen, zu den Jüngern aber redete er deutlich, die, als Gläubige von ihm erkannt, die Geheimnisse des Vaters kennen lernten. Deswegen sandte er den Logos, damit er der Welt erschiene, der von seinem Volke missachtet, von den Aposteln gepredigt und von den Heiden gläubig aufgenommen wurde. Dieser ist es, der von Anfang an war, als ein Neuer erschien und als der Alte erfunden wurde, der immerfort neu in den Herzen der Heiligen geboren wird. Er ist der Ewige, von dem es heisst, er sei ‚heute der Sohn‘1; durch ihn wird die Kirche bereichert und die Gnade, die sich in den Heiligen entfaltet, vermehrt, die da Verständnis gewährt, Geheimnisse erschliesst, Zeiten ankündigt, sich an den Gläubigen erfreut, sich den Suchenden mitteilt, jenen nämlich, von denen die Gelöbnisse des Glaubens nicht gebrochen und die von den Vätern gesteckten Grenzen nicht überschritten werden. Dann wird die Gesetzesfurcht gepriesen, die Prophetengabe erkannt, der Glaube der Evangelien gefestigt und die Überlieferung der Apostel bewahrt; es frohlockt die Gnade der Kirche. Wenn du diese nicht betrübst, wirst du erkennen, was der Logos verkündet, durch wen und wann er will. Denn was wir nach dem Willen des gebietenden Logos mühsam auszudrücken bewogen wurden, das teilen wir euch mit aus Liebe zu dem Geoffenbarten.“ (Diognetbrief 11)

Bischof Irenäus von Lyon, der noch Polykarp gekannt hatte, schreibt um 180 n. Chr. (die meisten Zitate sind aus einem Werk, das er gegen die Gnostiker, eine Ansammlung esoterischer Sekten, die besonderes Geheimwissen versprachen, verfasste):

„Die Kirche erstreckt sich über das ganze Weltall bis an die äußersten Grenzen der Erde. Sie hat von den Aposteln und ihren Schülern den Glauben empfangen, den Glauben an den einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde und der Meere und alles was in ihnen ist, und an den einen Christus Jesus, den Sohn Gottes, der, um uns zu erlösen, Fleisch angenommen hat, und an den heiligen Geist, der durch die Propheten die Heilsordnung Gottes verkündet hat, die zweifache Ankunft des Herrn, seine Geburt aus der Jungfrau, sein Leiden, seine Auferstehung von den Toten und die leibliche Himmelfahrt unseres lieben Herrn Christus Jesus und seine Wiederkunft vom Himmel in der Herrlichkeit des Vaters, um ‚alles wiederherzustellen‘1 und alles Fleisch der ganzen Menschheit wiederzuerwecken, damit vor Jesus Christus, unserm Herrn und Gott, unserm Heiland und König, nach dem Wohlgefallen des unsichtbaren Vaters, ‚jedes Knie sich beuge derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, und jegliche Zunge ihn preise‘2 . Dann wird er ein gerechtes Gericht über alle halten. Die Geister der Bosheit und die ungehorsamen Engel, die von Gott abfielen, und die Gottlosen und Ungerechten und Frevler und Gotteslästerer wird er in das ewige Feuer schicken. Den Gerechten aber und Frommen und denen, die seine Gebote beobachtet haben, und die in seiner Liebe verharrt sind teils von Anfang, teils seit ihrer Bekehrung, denen wird er das ewige Leben in Gnaden schenken und mit ewiger Herrlichkeit sie umkleiden.

Nun wohl, diese Botschaft und diesen Glauben bewahrt die Kirche, wie sie ihn empfangen hat, obwohl sie, wie gesagt, über die ganze Welt zerstreut ist, sorgfältig, als ob sie in einem Hause wohnte, glaubt so daran, als ob sie nur eine Seele und ein Herz hätte, und verkündet und überliefert ihre Lehre so einstimmig, als ob sie nur einen Mund besäße. Und wenngleich es auf der Welt verschiedene Sprachen gibt, so ist doch die Kraft der Überlieferung ein und dieselbe. Die in Germanien gegründeten Kirchen glauben und überliefern nicht anders als die in Spanien oder bei den Kelten, die im Orient oder in Ägypten, die in Lybien oder in der Mitte der Welt. So wie Gottes Sonne in der ganzen Welt eine und dieselbe ist, so dringt auch die Botschaft der Wahrheit überall hin und erleuchtet alle Menschen, die zur Erkenntnis der Wahrheit kommen wollen. Der größte Redner unter den Vorstehern der Kirche kann nichts anders verkünden, denn niemand geht über den Meister; und auch der Schwachbegabte wird nichts von der Überlieferung weglassen. Es ist nur ein und derselbe Glaube, ihn kann nicht vermehren, wer viel versteht zu reden, nicht vermindern, wer wenig spricht..“ (Irenäus, Gegen die Häresien I,10,1-2)

„Die von den Aposteln in der ganzen Welt verkündete Tradition kann in jeder Kirche jeder finden, der die Wahrheit sehen will, und wir können die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe der einzelnen Kirchen aufzählen und ihre Nachfolger bis auf unsere Tage. Diese haben von den Wahngebilden jener nichts gelehrt und nichts gehört. Denn wenn die Apostel verborgene Geheimnisse gewußt hätten, die sie in besonderem, geheimem Unterricht nur die Vollkommenen lehrten, dann hätten sie die Geheimnisse am ehesten denen übergeben, denen sie sogar die Kirchen anvertrauten. Ganz vollkommen nämlich und in allem untadelig wünschten sie die, denen sie ihren Lehrstuhl übergaben, und die sie als ihre Nachfolger zurückließen, von deren gutem oder schlechtem Verhalten für das Wohl und Wehe der Ihrigen soviel abhing.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,3,1)

Da also die apostolische Tradition, wie gesagt in der Kirche ist und bleibt, so wollen wir zurückkehren zu dem Beweise aus den Schriften der Apostel, die das Evangelium verfaßt haben, indem wir aus dem, was sie als Lehre über Gott geschrieben haben, den Nachweis führen, daß unser Herr Jesus Christus die Wahrheit, und daß keine Lüge in ihm ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,5,1)

„Die Kirche aber hat über die gesamte Welt hin ihren sicheren Ursprung von den Aposteln und verharrt in ein und derselben Lehre über Gott und seinen Sohn.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,12,7)


(Christus und die zwölf Apostel, Fresko aus der Domitilla-Katakombe in Rom. Bildquelle: Wikimedia Commons, Nutzer Dnalor 01.)

Die Predigt der Kirche aber ist in jeder Hinsicht unveränderlich und gleichmäßig; sie hat für sich, wie nachgewiesen, das Zeugnis der Propheten und Apostel und aller Jünger, wie am Anfang der Zeiten, so in der Mitte und am Ende, die ganze Heilsordnung Gottes hindurch und in all dem, was er zum Heil der Menschen zu tun gewohnt war, wie unser Glaube es lehrt. Diesen haben wir von der Kirche empfangen und bewahren ihn so auf. Ihn hat der Hl. Geist gleichsam in ein ganz kostbares Gefäß jugendfrisch hineingetan, und jugendfrisch erhält er das Gefäß, in dem er sich befindet. Dieses göttliche Geschenk nämlich ist der Kirche anvertraut, damit gleichsam das Geschöpf beseelt werde und alle Glieder, die an ihr Anteil haben, das Leben empfangen. In ihr ist niedergelegt die Gemeinschaft mit Christus, d. h. der Hl. Geist, die unverwesliche Arche, die Befestigung unseres Glaubens, die Himmelsleiter zu Gott. ‚In der Kirche nämlich‘, heißt es, ‚hat Gott eingesetzt Apostel, Propheten, Lehrer und die gesamte übrige Wirksamkeit des Geistes‘1 , an der keinen Anteil haben, die sich von der Kirche fernhalten und durch ihre schlechte Lehre und ihr ganz schlechtes Leben sich selber des Lebens berauben. Wo die Kirche, da ist auch der Geist Gottes; und wo der Geist Gottes, dort ist die Kirche und alle Gnade; der Geist aber ist Wahrheit. Die den Geist der Wahrheit nicht aufnehmen, empfangen von den Brüsten der Mutter keine Nahrung zum Leben, noch das von dem Leibe Christi ausgehende, hellsprudelnde Quellwasser, sondern ‚graben sich durchlöcherte Zisternen aus Erdlöchern‘2 , und trinken aus Gruben faules Wasser. Um nicht widerlegt zu werden, fliehen sie vor dem Glauben der Kirche; um nicht belehrt zu werden, verwerfen sie den Hl. Geist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,24,1)

„Angesichts solcher Beweise darf man nicht lange bei andern nach der Wahrheit suchen. Ohne Mühe kann man sie von der Kirche in Empfang nehmen. In sie haben die Apostel wie in eine reiche Schatzkammer auf das vollständigste alles hineingetragen, was zur Wahrheit gehört, so daß jeder, der will, aus ihr den Trunk des Lebens schöpfen kann. Sie ist der Eingang zum Leben; alle übrigen sind ‚Räuber und Diebe‘1 . Diese muß man deshalb meiden, alles aber, was zur Kirche gehört, auf das innigste lieben und die Überlieferung der Wahrheit umklammern. Sollte jedoch über eine unbedeutende Frage ein Zwiespalt entstehen, dann muß man auf die ältesten Kirchen zurückgehen, in denen die Apostel gewirkt haben, und von ihnen die klare und sichere Entscheidung über die strittige Frage annehmen. Hätten nämlich die Apostel nichts Schriftliches uns hinterlassen, dann müßte man eben der Ordnung der Tradition folgen, die sie den Vorstehern der Kirchen übergeben haben.

Diese Anordnung befolgen viele Barbarenvölker, die an Christum glauben. Ohne Papier und Tinte haben sie ihr Heil durch den Heiligen Geist in ihren Herzen geschrieben, und sorgfältig bewahren sie die alte Tradition. An einen Gott glauben sie als den Schöpfer des Himmels und der Erde und alles dessen, was darin ist, durch Jesum Christum, Gottes Sohn, der aus überfließender Liebe gegen sein Geschöpf aus der Jungfrau geboren werden wollte, der in sich den Menschen mit Gott vereinigte, unter Pontius Pilatus litt, auferstand, in Herrlichkeit aufgenommen wurde und in Majestät kommen wird als der Erlöser derjenigen, die gerettet werden, und als Richter derer, die gerichtet werden. In das ewige Feuer wird er die Entsteller der Wahrheit und die Verächter seines Vaters und seiner Ankunft schicken. Die diesen Glauben ohne Schrift angenommen haben, sind hinsichtlich unserer Sprache zwar Barbaren, in Anbetracht ihrer Gesinnung, ihrer Gebräuche und ihres Lebenswandels freilich wegen ihres Glaubens höchst weise und Gott wohlgefällig, da sie in aller Gerechtigkeit, Keuschheit und Weisheit wandeln. Käme ihnen einer mit den häretischen Erfindungen und wollte darüber mit ihnen in ihrer Sprache reden, dann würden sie sich sogleich die Ohren zuhalten und weit, weit fliehen, weil sie das gotteslästerliche Gerede nicht ertragen könnten. All deren Wundergerede hat in ihrem Geiste keinen Platz, denn keine1 [gemeint: gnostische] Versammlung oder Unterweisung hat bei ihnen bisher stattgefunden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,4,1-2)

Deswegen muß man auch den Priestern der Kirche gehorchen, die, wie wir gezeigt haben, Nachfolger der Apostel sind. Sie haben mit der Nachfolge des Episkopats das sichere Charisma der Wahrheit nach dem Wohlgefallen des Vaters empfangen. Die anderen aber, die der apostolischen Nachfolge fernstehen und irgendwo zusammenkommen, muß man als Häretiker oder Irrlehrer betrachten, die sich von der Kirche aus Stolz oder Eitelkeit trennen, oder als Heuchler, die sich um Geld oder eitlen Ruhmes wegen mühen. Sie alle sind von der Wahrheit abgefallen, und jene Häretiker, die fremdes Feuer, d. h. fremde Lehren, zum Altare Gottes bringen, werden vom himmlischen Feuer verzehrt werden wie Nadab und Abiud1 . Die sich aber gegen die Wahrheit erheben und andere gegen die Kirche Gottes aufhetzen, die werden von dem Abgrund der Erde verschlungen und in der Hölle bleiben wie die mit Kore, Dathan und Abiron2 . Die aber die Einheit der Kirche spalten und trennen, werden von Gott dieselbe Strafe empfangen wie Jeroboam3 . […]

Von all solchen Personen muß man sich fernhalten, anhängen aber jenen, welche, wie gesagt, die Lehre der Apostel bewahren und außer dem Range des Priesters eine gesunde Lehre und einen Wandel ohne Tadel aufweisen zur Stärkung oder Zurechtweisung der übrigen. […]

Wo also die Charismen des Herrn niedergelegt sind, da muß man die Wahrheit lernen, da ist die apostolische Nachfolge der Kirche, ein vernünftiger, untadeliger Wandel und offenbar die unversehrte, unverfälschte Lehre. Sie bewahren nämlich unseren Glauben an den einen Gott, der alles gemacht hat, und vermehren unsere Liebe zu dem Sohn Gottes, der unseretwegen so große Dinge getan hat, und legen ohne Gefahr uns die Schriften aus, sodaß wir weder Gott lästern, noch die Patriarchen verunehren, noch die Propheten verachten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,26,2.4-5)

Die wahre Gnosis [Erkenntnis] ist die Lehre der Apostel und das alte Lehrgebäude der Kirche für die ganze Welt. Den Leib Christi erkennt man an der Nachfolge der Bischöfe, denen die Apostel die gesamte Kirche übergeben haben. Hier sind die Schriften in treuer Überlieferung bewahrt; nichts ist hinzugetan, nichts ist fortgenommen. Hier werden sie unverfälscht verlesen und gesetzmäßig, sorgfältig, gefahrlos und gottesfürchtig erklärt. Hier ist vor allem das Geschenk der Liebe, das kostbarer ist als die Erkenntnis, ruhmvoller als die Prophetengabe, vortrefflicher als alle übrigen Charismen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,33,8)

„Sind sie [die Häretiker] doch alle viel später als die Bischöfe, denen die Apostel die Kirchen übergeben haben, was wir im dritten Buche mit aller Sorgfalt nachwiesen. Da nun also die genannten Häretiker für die Wahrheit blind sind, so schweifen sie immer auf andere Wege ab, und ohne Sinn oder Zusammenhang sind die Spuren ihrer Lehre. Der Pfad derer aber, die zur Kirche gehören, führt um die ganze Welt herum; er hat die feste, apostolische Tradition und läßt uns erkennen, daß aller Glaube ein und derselbe ist: alle bekennen ein und denselben Gott Vater, alle glauben an dieselbe Ordnung der Menschwerdung des Sohnes Gottes, wissen von ebenderselben Gabe des Geistes, beobachten ebendieselben Gebote und bewahren ebendieselbe Form der kirchlichen Verfassung, erwarten ebendieselbe Ankunft des Herrn und erhoffen ebendieselbe Heiligung des ganzen Menschen, d. h. des Leibes und der Seele. Wahr und fest ist die Predigt der Kirche; ein und derselbe Weg zum Heil wird in der gesamten Welt gewiesen. Ihr ist das Licht Gottes anvertraut, und deshalb wird die Weisheit Gottes, die alle Menschen rettet, ‚an dem Ausgang besungen, und auf den Straßen wirkt sie mit Zuversicht, oben auf den Mauern wird sie gepriesen, an den Toren der Stadt redet sie ständig‘1 . Überall nämlich predigt die Kirche die Wahrheit, sie ist der siebenarmige Leuchter, der Christi Licht trägt. (Irenäus, Gegen die Häresien V,20,1)

„Das ist, Geliebter, die Predigt der Wahrheit, das ist die Art und Weise unserer Erlösung, das ist der Weg des Lebens. Ihn haben die Propheten angekündigt, ihn hat Christus bestätigt, ihn haben die Apostel bekannt gemacht und die Kirche hat ihn ihren Kindern auf der ganzen Welt eröffnet1 .“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 98)

„Von keinem andern als von denen, durch welche das Evangelium an uns gelangt ist, haben wir Gottes Heilsplan gelernt. Was sie zuerst gepredigt und dann nach dem Willen Gottes uns schriftlich überliefert haben, das sollte das Fundament und die Grundsäule unseres Glaubens werden. Frevelhaft ist die Behauptung, sie hätten gepredigt, bevor sie die vollkommene Kenntnis besessen hätten, wie jene zu sagen sich erkühnen, die sich rühmen, die Apostel verbessern zu können. Nicht eher nämlich zogen sie aus bis an die Grenzen der Erde, allen die frohe Botschaft zu bringen und den himmlischen Frieden den Menschen zu verkünden, als unser Herr von den Toten auferstanden war und sie alle die Kraft des Heiligen Geistes empfangen hatten, der über sie kam. Dadurch empfingen sie die Fülle von allem und die vollkommene Erkenntnis, und so besitzt auch jeder einzelne von ihnen das Evangelium Gottes, Matthäus verfaßte seine Evangelienschrift bei den Hebräern in hebräischer Sprache, als Petrus und Paulus zu Rom das Evangelium verkündeten und die Kirche gründeten. Nach deren Tode zeichnete Markus, der Schüler und Dolmetscher Petri, dessen Predigt für uns auf. Ähnlich hat Lukas, der Begleiter Pauli, das von diesem verkündete Evangelium in einem Buch niedergelegt. Zuletzt gab Johannes, der Schüler des Herrn, der an seiner Brust ruhte, während seines Aufenthaltes zu Ephesus in Asien das Evangelium heraus.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,1,1)

„Die Schüler desselben und die Zeugen aller seiner Guttaten, seiner Lehre, seiner Leiden, seines Todes und seiner Auferstehung, und der nach der leiblichen Auferstehung folgenden Auffahrt in den Himmel waren die Apostel. Dieselben wurden von ihm, nachdem sie die Kraft des Hl. Geistes empfangen hatten2 , in alle Welt hinausgesandt und vollführten die Berufung der Heiden, indem sie den Menschen den Weg des Lebens zeigten, und sie zur Abkehr vom Götzendienst, von der Unzucht und dem Wucher bewegten. An Seele und Leib heiligten sie dieselben durch die Taufe im Wasser und den Hl. Geist, den sie vom Herrn empfangen hatten. Indem sie diesen den einzelnen Gläubigen erteilten, begründeten sie die Kirche. Durch Glaube, Liebe und Hoffnung führten sie die Berufung der Heiden ins Werk, welche zuvor von den Propheten verheißen worden war gemäß der Barmherzigkeit Gottes, welche auch über diese sich aufgetan hatte. Durch ihre Amtserfüllung brachten sie diese zur Offenbarung und nahmen diejenigen, die glaubten und Gott liebten, auf zur Teilnahme an den den Vätern gewordenen Verheißungen. An den Stätten der Heiligkeit, Gerechtigkeit und Beharrlichkeit sollten auch sie von Gott allen Zutritt zum ewigen Leben erhoffen durch die Auferstehung von den Toten. So war es verheißen durch den, der gestorben und auferstanden ist, Jesus Christus. Ihm ist gegeben die Herrschaft über alle Wesen und die Macht über die Lebendigen und die Toten und das Gericht3 . Sie gaben also durch das Wort der Wahrheit auch die Anleitung, den Leib für die Auferstehung unbefleckt und die Seele in Lauterkeit zu erhalten.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 41)

Eusebius von Cäsarea zitiert aus einer nicht mehr erhaltenen Schrift des Irenäus:

„Gegen die, welche in Rom die gesunde Ordnung der Kirche störten, verfaßte Irenäus verschiedene Briefe. Einen betitelte er ‚An Blastus über das Schisma‘, einen anderen ‚An Florinus über die Monarchie oder daß Gott nicht der Urheber des Bösen sei‘. Diese Meinung schien nämlich Florinus zu verfechten. Wegen dieses Mannes, der sich zum Irrtum des Valentinus hinüberziehen ließ, verfaßte Irenäus auch noch die Studie ‚Über die Achtzahl‘.1 Darin gibt er auch zu erkennen, daß er der ersten nachapostolischen Generation nahegestanden. Ebendort haben wir gegen Ende des Buches eine sehr beachtenswerte Bemerkung gefunden, die wir unserer Schrift einfügen zu müssen glauben. Sie lautet: ‚Wenn du dieses Buch abschreiben willst, dann beschwöre ich dich bei unserem Herrn Jesus Christus und bei seiner glorreichen Wiederkunft, wann er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten, daß du deine Abschrift sorgfältig vergleichest und nach dieser Urschrift berichtigest, von der du sie abgeschrieben hast. Auch diese Beschwörung sollst du in gleicher Weise abschreiben und deinem Exemplare beigeben!‘2 Diese heilsame Bemerkung des Irenäus geben wir wieder, auf daß wir jene alten, wahrhaft heiligen Männer als schönstes Beispiel einer äußerst gewissenhaften Sorgfalt vor Augen haben. In dem vorhin erwähnten Briefe an Florinus gedenkt Irenäus auch seines Verkehrs mit Polykarp, wenn er sagt: ‚Diese deine Lehren, Florinus,3 sind — um mich schonend auszudrücken — nicht gesunder Anschauung entsprungen. Diese Lehren widersprechen der Kirche; sie stürzen ihre Bekenner in die größte Gottlosigkeit. Selbst die außerhalb der Kirche stehenden Häretiker haben niemals solche Lehren aufzustellen gewagt. Auch die vor uns lebenden Presbyter, die noch mit den Aposteln verkehrten, haben dir diese Lehren nicht überliefert. Denn als ich noch ein Knabe war, sah ich dich im unteren Asien bei Polykarp; du hattest eine glänzende Stellung am kaiserlichen Hofe und suchtest die Gunst Polykarps zu erwerben. Ich kann mich nämlich viel besser an die damalige Zeit erinnern als an das, was erst vor kurzem geschah; denn was man in der Jugend erfährt, wächst mit der Seele und bleibt mit ihr vereint. Daher kann ich auch noch den Ort angeben, wo der selige Polykarp saß, wenn er sprach, auch die Plätze, wo er aus- und einging, auch seine Lebensweise, seine körperliche Gestalt, seine Reden vor dem Volke, seine Erzählung über den Verkehr mit Johannes und den anderen Personen, welche den Herrn noch gesehen, seinen Bericht über ihre Lehren, ferner das, was er von diesen über den Herrn, seine Wunder und seine Lehre gehört hatte. Alles, was Polykarp erfahren von denen, die Augenzeugen waren des Wortes des Lebens, erzählte er im Einklang mit der Schrift. Seine Worte habe ich durch die mir gewordene Gnade Gottes damals mit Eifer aufgenommen; nicht auf Papier, sondern in mein Herz habe ich sie eingetragen. Ich erinnere mich auch immer wieder durch die Gnade Gottes genau daran. Vor Gott kann ich bezeugen, daß, wenn jener selige, apostolische Presbyter solche Irrlehren gehört hätte, er laut aufgeschrien, sich die Ohren verstopft und seiner Gewohnheit gemäß ausgerufen hätte: ‚O guter Gott, für welche Zeiten hast du mich aufbewahrt, daß ich solches erleben muß!’ Er wäre fortgeeilt von dem Orte, an dem er sitzend oder stehend solche Lehre vernommen hätte. Diese Wahrheiten werden bestätigt durch die Briefe, welche Polykarp4 teils an benachbarte Gemeinden, die er zu befestigen suchte, teils an einzelne Brüder, die er mahnte und ermunterte, geschrieben hat.‘5 So berichtet Irenäus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,20)

Der Autor des Berichts über das Martyrium der hl. Perpetua und Felicitas (Nordafrika, 203 n. Chr.) schreibt, dass der Hl. Geist noch immer in der Kirche wirke, Gott habe nicht nur den Menschen früherer Generationen beigestanden – der Hl. Geist wirke jetzt sogar noch mehr als früher, findet er:

„Die aber die gleiche Kraft des einen Heiligen Geistes allen Zeitaltern zuschreiben, mögen sich vorsehen, da das Neuere für größer zu halten ist, weil es dem Ende näher steht und ein Überfluß der Gnade gerade für die letzten Zeiten vorbehalten ist. Denn in den letzten Tagen, spricht der Herr, werde ich von meinem Geiste ausgießen über alles Fleisch und ihre Söhne und Töchter werden weissagen; auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geiste ausgießen, Jünglinge werden Gesichte sehen und Greise Traumerscheinungen haben1 . Darum müssen wir, da wir, wie die Prophezeiungen, so auch die neuen gleichfalls verheißenen Gesichte anerkennen und verehren und auch die übrigen Gnadenwirkungen des Heiligen Geistes als bestimmt zur Unterstützung der Kirche ansehen — dieser ist er gesandt worden, der alle Gaben in allen wirkt, wie der Herr einem jeden zuerteilt hat –, das aufzeichnen und durch Lesung zur Ehre Gottes verherrlichen, damit nicht Schwachheit oder Verzweiflung am Glauben meine, nur mit den Alten sei die Gnade Gottes gewesen und habe sie der Märtyrer und Offenbarungen gewürdigt, da doch Gott immer wirkt, was er verheißen hat, den Ungläubigen zum Zeugnis, den Gläubigen zum Troste.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 1)

Die Christen werden in den Paulusakten (einer Erzählung aus dem späten 2. Jahrhundert mit Legenden und Überlieferungen über Paulus) als Söhne der Kirche bezeichnet. Die Paulusakten enthalten einen angeblichen Brief des Paulus, den sog. 3. Korintherbrief, in dem es heißt:

„Denn ihr seid nicht Söhne des Ungehorsams, sondern der geliebtesten Kirche. Deswegen ist die Zeit der Auferstehung gepredigt worden.“ (3 Kor 22f., in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 260)

Im „Hirten des Hermas“, einer Privatoffenbarung eines römischen Laien, bringt die Kirche, personifiziert als eine ehrwürdige alte Frau, die sich nach und nach verjüngt, Hermas einige Offenbarungen. Da heißt es zum Beispiel:

„Brüder, im Schlafe erhielt ich eine Offenbarung von einem gar schönen Jüngling, der mir sagte: ‚Was meinst du, wer die alte Frau war, von der du das Büchlein bekamst?‘ Ich sagte: ‚Die Sibylle‘1. ‚Du irrst‘, versetzte er, ‚die ist es nicht.‘ ‚Wer ist es denn?‘ fuhr ich fort. ‚Die Kirche‘, war seine Antwort. Ich sagte ihm: ‚Warum ist sie alt?‘ ‚Weil sie‘, antwortete er, ‚von allem zuerst gegründet wurde; deswegen ist sie alt, und ihretwegen wurde die Welt geschaffen.‘ Danach sah ich ein Gesicht in meinem Hause. Die alte Frau kam und fragte mich, ob ich das Buch schon den Presbytern gegeben habe. Ich sagte: ‚Nein.‘ ‚Du hast recht getan‘, fuhr sie fort. ‚Ich habe noch einiges hinzuzufügen. Wenn ich nun vollends alle Worte hinzugefügt habe, werden sie durch dich allen Auserwählten bekanntgegeben werden. Du wirst zwei Abschriften fertigen und eine dem Klemens, eine der Grapte senden. Klemens wird es an die auswärtigen Städte schicken, das ist ihm aufgetragen worden; Grapte wird die Witwen und Waisen mahnen. Und du wirst es in dieser Stadt gemeinsam mit den Presbytern, den Vorstehern der Kirche, vorlesen.'“ (Hirte des Hermas I,2,4)

Und etwas später:

„Bei dem ersten Gesichte voriges Jahr war sie mir, Brüder, als eine ganz alte Frau, auf einem Sessel sitzend, erschienen. Bei der zweiten Erscheinung hatte sie ein jüngeres Gesicht, aber einen alten Körper und graue Haare, und sie stand, als sie mit mir sprach; sie war aber in besserer Stimmung als das erste Mal. Bei der dritten Erscheinung war sie ganz jung und von ausgezeichneter Schönheit, nur hatte sie graue Haare; aber sie war fröhlich bis zum Schlusse und saß auf einer Bank. Dies machte mich ganz traurig, weil ich die Deutung hiervon kennen wollte. Da schaute ich in einem nächtlichen Gesichte die alte Frau, und sie sagte mir: ‚Jedes Gebet bedarf demütiger Gesinnung; faste also und du wirst erhalten, was du vom Herrn begehrst.‘ So fastete ich denn einen Tag, und in der gleichen Nacht erschien mir ein Jüngling, der mir sagte: ‚Warum verlangst du im Gebete die Offenbarungen der Reihe nach? Sieh zu, dass du nicht zuviel verlangst und so deiner Gesundheit schadest. Diese Enthüllungen genügen dir. Oder kannst du stärkere Offenbarungen als die erlebten aushalten?‘ Ich antwortete ihm: ‚Herr, nur um das eine bitte ich, nämlich (um Aufklärung) über die dreifache Gestalt der alten Frau, damit die Offenbarung vollständig werde.‘ Da erwiderte er: ‚Wie lange seid ihr noch unverständig? Vielmehr sind es die Zweifel, die euch das Verständnis nehmen, und der Umstand, dass ihr euer Herz nicht beim Herrn habet.‘ Ich antwortete ihm, indem ich nochmals sagte: ‚Aber von dir, o Herr, werde ich es genauer erfahren.‘

‚So höre denn über die drei Gestalten, wie du es verlangst. Warum sie bei dem ersten Gesichte dir alt erschien und auf einem Sitze ruhend? Weil euer Geist schon alterte und schon abgezehrt war und keine Kraft mehr hatte wegen eurer Schwäche und eurer Zweifel; wie nämlich die alten Leute, weil sie keine Aussicht haben, wieder jung zu werden, nur noch auf das Einschlummern warten, so habt auch ihr, durch die zeitlichen Sorgen geschwächt euch der Sorglosigkeit überlassen und habt nicht alle eure Sorgen auf den Herrn geworfen1; vielmehr wurde euer Sinn niedergebeugt, und ihr seid gealtert durch eure Kümmernisse.‘ ‚Warum sie auf einem Sessel ruhte, möchte ich wissen, Herr.‘ ‚Weil jeder Schwache sich auf einen Ruheplatz niedersetzt wegen seiner Schwäche, damit die Schwäche seines Körpers überwunden werde. Damit hast du die Bedeutung des ersten Gesichtes.

Bei der zweiten Erscheinung sahest du sie stehend, mit einem jugendlicheren Gesichte und fröhlicher als das erste Mal, nur mit älterem Körper und grauem Haar. Vernimm‘, sagte er, ‚auch dieses Gleichnis! Wenn einer schon alt ist und sich schon wegen seiner Schwäche und seiner Armut aufgegeben hat, dann erwartet er nichts anderes mehr als den letzten Tag seines Lebens; da fällt ihm plötzlich eine Erbschaft zu, und er springt bei der Nachricht hiervon auf, und voll Freude bekommt er wieder Kraft und bleibt nicht mehr liegen, sondern steht auf, und sein Geist, der infolge der früheren Arbeiten schon abgemattet war, lebt wieder auf; er bleibt nicht mehr sitzen, sondern rührt sich männlich: so ist es auch euch ergangen, als ihr die Offenbarung hörtet, die euch der Herr gegeben hat. Weil er sich erbarmt hat über euch, hat sich auch euer Geist erneuert, habt ihr eure Schwäche abgelegt, habt ihr wieder Kraft geschöpft und seid wieder stark geworden im Glauben, und als der Herr eure Erstarkung sah, freute er sich; und deshalb hat er auch den Bau des Turmes geoffenbart und wird euch noch mehr offenbaren, wenn ihr aus ganzem Herzen unter euch Frieden bewahrt1.

Bei der dritten Erscheinung sahst du sie jung, schön, fröhlich und von edler Gestalt. Wie nämlich ein Trauriger, dem plötzlich eine gute Botschaft zukommt, sogleich das alte Leid vergisst und nichts anderes erwartet als die (Erfüllung der) frohen Botschaft, von der er hörte, und wie er künftighin stark sein wird im Hinblick auf das Gute und wie sein Geist sich erneuert wegen der Freude, die ihm zuteil geworden, so habt auch ihr eine Erneuerung eures Geistes erlebt, als ihr diese Güter sahet. Und wenn du sie auf einer Bank sitzen sahest, so wisse, dass es ein starker Sitz war, weil die Bank vier Füße hatte und fest stand; denn auch die Welt beruht auf vier Elementen. Wer also völlig sich bekehrt, wer nämlich aus ganzem Herzen seine Gesinnung ändert, der wird neu werden und fest gegründet. Nun hast du die Offenbarung vollständig, und du sollst fernerhin gar nichts mehr fragen über die Offenbarung; sollte aber etwas notwendig sein, so wird es dir geoffenbart werden.““ (Hirte des Hermas I,3,10,3-13,4)

Außerdem wird in dieser Schrift die Kirche in mehreren Visionen als Turm dargestellt, den Engel auf Geheiß Christi aufbauen; die einzelnen Christen sind die einzelnen Steine und sie können aus dem Bau entfernt werden, wenn sie sich von Gott abkehren, und wieder eingefügt werden, wenn sie Buße tun. Da heißt es etwa:

„Die aus der Tiefe heraufgezogenen Steine fügten sie alle so in den Bau; denn sie eigneten sich so und passten in den Mauerverband mit den übrigen Steinen; sie wurden so untereinander verbunden, dass man die Fugen nicht sah. Es schien, als ob das Gefüge des Turmes aus einem Stein hergestellt sei.“ (Hirte des Hermas I,3,2,6)

Eine etwas seltsame Stelle findet sich im 2. Clemensbrief (der wohl nicht wirklich von Clemens stammt):

„Wenn wir also, Brüder, den Willen Gottes, unseres Vaters, tun, werden wir angehören der ersten, der geistigen Kirche, die vor Sonne und Mond gestiftet ist; wenn wir aber den Willen des Herrn nicht tun, werden wir zu der gehören, von der die Schrift sagt: ‚Mein Haus ist geworden zu einer Räuberhöhle‘1. Deshalb wollen wir es vorziehen, der Kirche des Lebens anzugehören, auf dass wir gerettet werden. Ich glaube, es ist euch wohlbekannt, dass die lebende Kirche der Leib Christi ist2; denn die Schrift sagt: ‚Gott schuf den Menschen als Männliches und Weibliches‘3; das Männliche ist Christus, das Weibliche die Kirche. Auch die Bücher der Propheten und die Apostel (lehren), dass die Kirche nicht aus der jetzigen Zeit stamme, sondern aus früheren Zeiten; sie war nämlich geistig, wie auch unser Jesus; aber in den letzten Tagen ist er sichtbar erschienen, damit er uns erlöse. Die Kirche aber, die geistig ist, ist in dem Fleische Christi erschienen, um uns kund zu tun, dass, wer sie von uns behütet im Fleische und sie nicht entehrt, sie bekommen wird im Heiligen Geiste; denn dieses Fleisch ist das Abbild des Geistes; keiner also wird das Urbild bekommen, der das Abbild entehrt hat. Demnach also, Brüder, hat dies den Sinn: behütet das Fleisch, damit ihr teilbekommet am Geiste.“ (2. Clemensbrief 14,1-3)

An die, die daran denken, die Kirche (oder Papst Franziskus) zu verlassen

Ab und zu trifft man – online vor allem – auf Katholiken, die sich von Argumenten von Atheisten oder Säkularisten oder – manchmal – Anhängern anderer Religionen ziemlich nervös machen und durcheinanderbringen lassen, weil sie die Gegenargumente nicht kennen. Ein ähnliches Problem findet sich jetzt gerade bei manchen Katholiken, die an unserem derzeitigen Papst schier verzweifeln und gar nicht mehr wissen, was hier eigentlich los ist. Ein paar kurze generelle Worte an solche Katholiken über selbstverständliche Dinge, die man leicht vergisst (und unten noch ein bisschen zum Papst im speziellen).

1. Wenn etwas bereits bewiesen ist, und dann eine Schwierigkeit auftaucht, macht sie die Beweise nicht zunichte. Sagen wir, zahlreiche sicher belegte chemische Experimente beweisen eindeutig, dass Stoff X diese Eigenschaften hat. Dann reagiert Stoff X aber in einem weiteren Experiment ähnlich wie Stoffe, die diese Eigenschaften nicht haben. Was macht man? Man forscht weiter, man will herausfinden, wie sich das vereinbaren lässt. Vielleicht lief in dem letzten Experiment etwas falsch, vielleicht hat Stoff X aber auch weitere Eigenschaften, die diese untypische Reaktion erklären.

Was macht man nicht? Die ganzen Ergebnisse, die man bereits hatte, einfach verwerfen.

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Schwierigkeit und einem Gegenbeweis, einer Widerlegung. Das eine ist: „Okay, das scheint bewiesen zu sein, aber wie funktioniert es dann, dass das und das trotzdem so und so ist?“ Das andere ist: „Das hier beweist, dass das falsch ist.“

2. Es gibt auch einen Unterschied zwischen der Kritik, dass ein Beweis nicht ausreiche, und einer Widerlegung. „Das und das beweist noch nicht, dass Jesus auch wirklich Gottes Sohn ist“ ist eine andere Behauptung als „Das ist ein Beweis, dass Jesus nicht Gottes Sohn ist“, so wie „Die Studie reicht noch nicht aus, um zu sagen, ob dieses Medikament auch sicher bei der Mehrheit der Patienten wirkt, weil wir zu wenig Teilnehmer hatten“ eine andere Aussage ist als „Dieses Medikament wirkt nicht“.

Wenn man einmal zu dem Ergebnis gekommen ist, dass es philosophisch und/oder historisch durch die biblische Offenbarung bewiesen ist, dass Gott existiert, dann können Schwierigkeiten wie „Wieso lässt Gott das Leid zu?“ an diesem Beweis nichts ändern. Das sind wichtige Fragen, aber wenn einem darauf nicht auf Anhieb Antworten einfallen, dann ändert das nichts daran, dass Gottes Existenz bereits bewiesen ist.

Die Sache ist die: Es gibt sehr viele hervorragende Antworten auf die Argumente von Säkularisten und Atheisten und auf die Schwierigkeiten, die einen als Christ selber plagen können. (Ich habe hier sehr viele Quellen dafür zusammengestellt.) Aber keiner kann die auf Anhieb alle wissen, und es ist würdelos und lächerlich, wenn man sich von jeder neuen Schwierigkeit aus der Bahn werfen lässt. Das Wichtige ist, ein gutes Fundament zu haben und darauf fest zu stehen. Dazu gehört vor allem, ein paar wichtige historische Argumente für die Glaubwürdigkeit Jesu und dafür, dass Er die katholische Kirche gegründet hat, zu kennen. (Wenn das so ist, ist auch klar, dass es Gott gibt, auch wenn es sehr gut ist, zusätzlich im Vorhinein die philosophischen Gottesbeweise zu kennen, die nicht davon abhängen, ob Gott selber sich in der Geschichte offenbart hat, und die schon die alten griechischen Philosophen kennen konnten.) Dieses Fundament bleibt. Weiters kann (und sollte) man sich mit all seinen Schwierigkeiten befassen, aber das Fundament muss man dafür nicht verlassen.

Dann sollte man nicht zu schüchtern und defensiv sein: Sämtliche alternativen weltanschaulichen Systeme zum Katholizismus laufen an vielen Stellen in enorme Probleme. Ruhig mal zum Angriff übergehen! „Okay: Du sagst, das würde Gott nicht beweisen; ich bin anderer Ansicht, aber lassen wir das kurz beiseite. Die Alternativen zum Theismus (es gibt etwas Höheres hinter der Welt) sind Pantheismus (die Welt selbst ist göttlich) und Atheismus (es gibt keinen Gott, die Welt ist aus dem Nichts aufgeploppt). Man muss sich in der Praxis nach irgendeiner Ansicht richten. Du richtest dich nach dem Atheismus: Dann sag doch mal deine Argumente dafür und widerleg diese und jene Gegenargumente und Schwierigkeiten.“

Dann sollte man daran denken, dass manche Leute – ohne es böse zu meinen – einfach Dinge nachplappern, die nicht stimmen. Dass jemand etwas als historischen Fakt behauptet, muss nicht bedeuten, dass das stimmt. Wenn Leute z. B. behaupten, in der antiken Kirche hätte es das Papsttum nicht gegeben, ist das nur eins: Falsch. Das haben sie aus vagen Klischees über die Kirchengeschichte, nicht aus den Quellen, die etwas ganz anderes sagen.

Ein letzter Punkt. Manchmal sieht man, dass Leute, die sich kurzfristig für den Katholizismus interessiert haben, oder auch, dass solche, die damit aufgewachsen sind, ihn innerhalb relativ kurzer Zeit aufgeben aus einem einfachen Grund: Man kommt in ein anderes Umfeld, wo man sich bewusst oder unterbewusst anpassen will, und/oder man hat schlicht und einfach keine Lust auf das 6. Gebot. Bischof Fulton Sheen soll mal einen Priester, der meinte, er würde am Glauben zweifeln, gefragt haben „Ist sie blond oder brünett?“. Manchmal ist der Wunsch der Vater des Gedankens und die Zweifel folgen dem Gefühl, dass es doch eigentlich irgendwie nett wäre, wenn man sich Tinder holen und ein Date mit Aussicht auf mehr haben könnte. Bei wem das nicht zutrifft, der braucht sich nicht angesprochen zu fühlen, aber manche Leute sollten sich fragen, ob sie dem Katholizismus auch mit all seinen Ansprüchen folgen würden, wenn sie Beweise sehen würden, die ihnen genügten, oder ob sie solche Beweise lieber nicht sehen wollen. (Und ob sie dieselben Maßstäbe dafür, dass etwas als bewiesen zählt, hier anlegen wie anderswo.)

Ich sage das auch an die Katholiken gerichtet, die immer meinen, wer die Kirche verlassen hat, müsse ja irgendwie traumatisiert worden sein oder man müsse ihm zumindest die intellektuellen Gründe für den Katholizismus nicht gut genug dargelegt haben. Manchmal stimmt das; manchmal nicht; und man kann auch nicht davon ausgehen, dass jeder über die Zeit seines Lebens, von der er sich abgewandt hat und mit der er nichts mehr zu tun haben will, immer hundertprozentig ehrlich redet. Apostasie, Abfall vom Glauben bei einem, der einmal ehrlich geglaubt hat, ist etwas Schreckliches, und sie beginnt meistens dann, wenn jemand irgendetwas in der Welt als seine eigentliche Autorität anerkennt und anhand dieser Autorität den Glauben beurteilt statt umgekehrt. Man kann nicht zwei Herren dienen.

Jetzt zum Papst. Wenn man einmal zum Ergebnis gekommen ist, dass das Papsttum als ununterbrochene Institution von Beginn der Kirche an historisch sehr gut belegt ist, dass es geholfen hat, in der Kirche immer dieselbe Lehre zu erhalten, sodass nie ein Dogma revidiert wurde, dass die Bibel seine Einsetzung und die Vernunft seine Notwendigkeit belegt: Dann bleiben diese Argumente und Beweise, auch wenn neue Schwierigkeiten auftauchen.

Wieder einmal, wie öfter seit 2013, sind Katholiken verwirrt nach Papst Franziskus‘ letztem verworrenen Kommentar, diesmal zu eingetragenen Lebenspartnerschaften für Homosexuelle.

Die eigentliche Sache mit Papst Franziskus ist, dass er viele wohl nach und nach mürbe macht und immer weiter demoralisiert. Man versucht, seinen Glauben normal zu leben, und verteidigt ihn, wenn nötig, gegen die Angriffe von säkularen Familienmitgliedern und Bekannten, und dann fällt der Papst einem in den Rücken, statt einen zu stärken. Säkularisten gefällt das, während sie weiterhin alles, wofür der Papst als Papst steht, ablehnen und gar nicht daran denken würden, zu Jesus zu beten. Wieder mal.

Seine jetzigen Kommentare sind eigentlich im Vergleich zu früheren weniger schlimm: Die Fußnote in Amoris Laetitia war näher an der Häresie. Es ist, wie die Kirche bisher immer wieder klargestellt hat, ein Irrtum, für „Lebenspartnerschaften“ zu sein, weil sie homosexuellen Beziehungen eine gesetzliche Anerkennung geben, die sie nicht verdienen, und weil sie in der Praxis ein Schritt auf dem Weg zur Homo“ehe“ sind. Aber eine Befürwortung einer rein juristischen Regelung einer Sache, die man weiterhin als unmoralisch sieht, ist noch keine Häresie, sondern ein Irrtum auf einer niedereren Stufe, und Papst Franziskus hat auch schon einige Kommentare abgegeben, die deutlich machen, dass er Sodomie als Sünde sieht (Bischöfe sollten nicht links sein „und wenn ich links sage, meine ich homosexuell“, sehr deutliche Statements gegen die Homoehe und dergleichen). Das Fatalste ist der praktische Effekt: Die Leute, die das über die Medien mitkriegen, meinen „aha, so langsam und allmählich gibt die katholische Kirche auf und gesteht zu, dass homosexueller Sex gut ist“.

Manche Katholiken schielen dann nach der Orthodoxie: Bewahren die den Glauben nicht auf traditionellere Weise? Einfache Antwort: Nein. Sie haben seit langem ziemlich genau die Probleme, die manche bei uns herankommen sehen.

1) Sie haben seit Ewigkeiten Wiederheirat nach Scheidung; und ich kann keine Kirche ernst nehmen, die das an mehreren Stellen in mehreren Evangelien und bei Paulus klar und deutlich kundgetane Verbot der Wiederheirat ignoriert, was so ziemlich jede Kirche getan hat, sobald sie sich von Rom getrennt hat; anscheinend verlieren sie die Gnade, diese extrem unpopuläre Lehre beizubehalten, als erstes.

2) Seit einiger Zeit hat sie eine unklare Position zu künstlicher Empfängnisverhütung, die am weitesten verbreitetste Meinung ist, dass künstliche Verhütungsmittel in Ordnung sind, wenn sie nicht frühabtreibend wirken, man gute Gründe hat und es mit seinem Priester besprochen hat. Bei diesem Thema genau wie bei der Scheidung findet man öfter die Ansicht, dass manche Menschen eben die Gebote nicht vollauf erfüllen können und man ihnen Zugeständnisse machen muss, was dann Oikonomia genannt wird – eine furchtbare Sache, denn hier unterstellt man Gott, er würde Unmögliches befehlen.

3) Auch bei weiblichen Diakonen „bewegt sich etwas“, wie Säkularisten sagen würden; es gibt inzwischen die ersten orthodoxen Diakoninnen, die zwar keine Weihe wie die männlichen Diakone haben, d. h. das Amt an sich ist nichts Schlimmes, sondern nur eine Art Pastoralreferentin mit nettem Titel, es wird aber ja auch manchmal als Durchgangsstufe zum richtigen Diakonat und zur Priesterweihe gesehen bzw. gefordert.

Eine schöne Liturgie ändert nichts an alldem. Was diesen zerstrittenen Nationalkirchen, die sich gegenseitig exkommunizieren, völlig fehlt, ist irgendeine Einheit. Auch die Klarheit in der Lehre – z. B. wann sind Taufen anderer Konfession gültig – findet man nicht; und in den letzten Jahrzehnten werden oft Lehren abgelehnt, die in der Orthodoxie früher normal und anerkannt waren, weil sie als zu „römisch“ gelten (z. B. wollen manche Orthodoxe auf Gedeih und Verderb einen Unterschied in der Erbsündenlehre von Ost und West finden).

Andere werden zu Sedisvakantisten: Auch keine gute Idee. Ich halte nichts von der leicht dahingesagten „Sedisvakantisten sind auch nur Protestanten“-Phrase; denn der Protestantismus ist eine bestimmte Kategorie von Häresie und leugnet, dass es überhaupt ein von Christus eingesetztes Papsttum gibt, während der Sedisvantismus meint, dass ein bestimmter Mann nicht der gültige Papst ist; aber trotzdem: Sedisvakantismus bedeutet erstens Schisma und zweitens massive theologische Probleme bis hin zur Häresie. Das ist auch wahr, wenn Sedisvakantisten gutgläubig in diesem Irrtum sind.

Nicht nur diejenigen, die meinen, wir hätten seit sechzig Jahren keine gültigen Päpste mehr, sondern auch diejenigen, die Benedikt noch für den gültigen Papst halten (und die den nicht ganz passenden Spitznamen „Benevacantisten“ erhalten haben), verfallen einer antikatholischen Denkweise:

Denn die Tatsache, dass ein bestimmter Mann der gültige Papst ist, muss akzeptiert werden, wenn nach einer friedlichen (d. h. nicht bestrittenen, umkämpften) Wahl die überwältigende Mehrheit der Kirche ihn anerkennt, diese Akzeptanz ist das Zeichen dafür, dass die Wahl gültig war. Sonst könnte jeder sich zum Papst aufstellen – à la „Pope Michael“ – und Katholiken könnten sagen „ich folge, wem ich will, ich leugne ja das Papsttum nicht, ich sage einfach, dass der und der Papst ist“.

Auch die konkrete Identität des Papstes gehört zu den Glaubenswahrheiten, die von Katholiken akzeptiert werden müssen, weil sie so eng mit den Dogmen zusammenhängen (wenn ein Papst ein Dogma verkündet, muss klar sein, dass er der Papst ist; dasselbe gilt für ein Konzil); auch sie sind sekundärer Gegenstand der Unfehlbarkeit der Kirche, direkt nach den Dogmen im ganz strengen Sinn. Bei einzelnen Fällen von umstrittenen Wahlen im Mittelalter, resultierend in einem Papst und einem oder zwei Antipäpsten, von denen alle, Papst und Antipapst, eine große Nachfolgerzahl hatten, war der Fall oft komplizierter und es war schwieriger für Katholiken, zu sehen, wer der gültige Papst war. Aber es gibt keinen Fall in der Kirchengeschichte, in denen der gültige Papst sich selbst nicht für den gültigen Papst hielt und so gut wie keine Anhänger hatte, und in denen die ganze Kirche einen falschen Papst akzeptierte; davor ist die Kirche geschützt. (Antworten auf Einwände unter dem obigen Link.)

Die „benevacantistische“ Position entbehrt auch jeder Logik; sie beruht z. B. darauf, dass Benedikt in seiner Abdankungsrede ein bestimmtes lateinisches Wort hätte verwenden müssen, damit es gültig ist. Das ist völlig lächerlich, denn ein päpstlicher Amtsverzicht ist an keine Form gebunden und Benedikt hatte offensichtlich die Absicht, zurückzutreten, hat diese Absicht zum Ausdruck gebracht, und sieht Franziskus als den jetzigen Papst.

Es ist außerdem Dogma, dass es bis zum Ende der Zeiten Päpste geben wird (s. 1. Vatikanisches Konzil von 1870, Dogmatische Konstitution „Pastor Aeternus“: „Was aber der Fürst der Hirten und große Hirt der Schafe, der Herr Christus Jesus, im seligen Apostel Petrus zum ewigen Heil und immerwährenden Wohl der Kirche eingesetzt hat, das muß auf sein Geheiß hin in der Kirche, die, gegründet auf dem Felsen, bis zum Ende der Zeiten sicher stehen wird, beständig fortdauern. […] Wer also sagt, es sei nicht aus der Einsetzung Christi, des Herrn, selbst bzw. göttlichem Recht, daß der selige Petrus im Primat über die gesamte Kirche fortdauernd Nachfolger hat: oder der Römische Bischof sei nicht der Nachfolger des seligen Petrus in ebendiesem Primat: der sei mit dem Anathema belegt.“). Und vor allem bei denen, die meinen, dass es seit 60 Jahren keinen gültigen Papst mehr gegeben hat, fragt man sich doch, wie die sich eigentlich vorstellen, dass dieses Versprechen des Herrn eingehalten werden wird. Eine kurze Sedisvakanz von ein paar Wochen oder Monaten oder einem Jahr nach dem Tod eines Papstes – selbst von mehreren Jahren – ist offensichtlich etwas anderes als eine von mehreren Jahrzehnten, bei der es auch keine Aussicht auf ein Ende gibt.

Auch das, was Sedisvakantisten darüber lehren, dass ein (öffentlich & formell) häretischer Papst automatisch sein Amt verlieren würde, ist eine theologische Meinung, keine Kirchenlehre, und eine ziemlich umstrittene theologische Meinung; hier ein guter Text von Weihbischof Athanasius Schneider zur Möglichkeit eines häretischen Papstes.

Sedisvakantisten verhalten sich oft inkonsequent; bei einem häretischen Bischof oder Priester gehen sie nicht davon aus, dass er gleich automatisch jede Jurisdiktionsgewalt in der Kirche verliert (oder jedenfalls habe ich sie das noch nie tun sehen). (Anmerkung: Die Jurisdiktionsgewalt, die Ausübung von Herrschaft in der Kirche, ist etwas anderes als die Vollmacht, z. B. eine gültige Eucharistie zu feiern. Ein von seinem Bischof wegen eines Vergehens abgesetzter Pfarrer hat z. B. nicht mehr die Jurisdiktionsvollmacht, um einem Angehörigen der Pfarrei Dispens von der Sonntagspflicht zu erteilen, aber er hat die Weihevolllmacht und könnte gültig die Eucharistie feiern, auch wenn ihm das vielleicht verboten worden ist.)

Sedisvakantisten verlieren auch Fälle von Häresie bei Päpsten früherer Zeiten aus dem Blick (wie Honorius, der von einem späteren Konzil verurteilt wurde), und dass die Hürden für den Beweis öffentlicher, formeller Häresie hoch sind. Es gibt Päpste, die zumindest materielle Häretiker waren (Honorius wohl, auch Liberius und Johannes XXII. sind Kandidaten); wieso sollte das bei diesem so undenkbar sein? Auch der Fall von Papst Vigilius ist interessant: „Was wir also haben ist ein Papst, den heterodoxe Parteiungen mochten und dessen Wahl sie anzettelten; der zum Papst gemacht wurde, während sein Vorgänger, der unter Druck gewesen war, zurückzutreten, noch lebte; dessen Legitimität als Papst daher von manchen in Frage gestellt wurde; und der dafür bekannt war, mal so und mal so zu reden, und für zweideutige theologische Positionen. Klingt das bekannt?“

Was uns versprochen ist, ist nur, dass kein Papst Häresie als Dogma verkünden wird, d. h. im Namen seiner höchsten päpstlichen Autorität Häresie als bindend für die Kirche erklären wird, nicht, dass einer nicht zumindest materielle Häresie in anderen Aussagen vertreten wird.

Kann ein Papst formeller Häretiker werden? Würde er dann sein Amt verlieren, oder dürfte er wenigstens von den Bischöfen abgesetzt werden, oder würde er es behalten und dürfte nicht abgesetzt werden? Das sind alles sehr umstrittene und auch komplizierte Fragen. Und wenn Sedisvakantisten behaupten, wer ihren Schlussfolgerungen darüber, was in so einem Fall passieren würde und wann genau formelle Häresie vorliegt, nicht folgt, wäre auf dem Weg in die Hölle – nun ja, dann verhalten sie sich einfach lächerlich und versuchen auf unredliche Weise, Katholiken Angst einzujagen.

Abgesehen davon, dass sie in einer Fantasiewelt leben, wenn sie denken, wir wären noch im Mittelalter, wo irgendwelche einflussreichen Bischöfe auch nur auf die Idee kommen könnten, zu versuchen, einen Papst für abgesetzt zu erklären, und irgendeine ihnen genehme Lösung der Papstfrage wäre in absehbarer Zeit in Aussicht.

[Anmerkung: Nur materielle Häresie besteht, wenn jemand etwas vertritt, von dem er denkt, es wäre keine Häresie, obwohl es Häresie ist (z. B. weil er die Kirchenlehre einfach nicht genau kennt, oder denkt, diese Lehre wäre veränderlich und nicht unfehlbar). Das ist v. a. bei Laien manchmal noch nicht tragisch – wobei Kleriker die Verantwortung haben, die Kirchenlehre wirklich zu kennen. Wenn derjenige dann lernt, wie die Lehre wirklich aussieht, und sie daraufhin akzeptiert, ist alles in Ordnung. Wenn er dann allerdings weiter an seiner Häresie festhält, obwohl er weiß, dass sie unfehlbar von der Kirche verworfen wurde, wird er ein formeller Häretiker. Ein bloß materieller Häretiker ist kein richtiger Häretiker.

Wenn z. B. Papst Franziskus einfach die Fähigkeit oder die Geduld zu klarem theologischen Denken abgeht und er denkt, es würde das Dogma von der Unauflöslichkeit der Ehe nicht anfechten, wenn man Ehebrecher zur Kommunion zulässt, dann hat er absolut Unrecht, aber ist kein formeller Häretiker.

Es macht außerdem einen Unterschied, ob jemand im Geheimen Häresie glaubt oder sie öffentlich vertritt. Ein geheimer Häretiker ist Mitglied der Kirche.]

Wir alle wissen seit Jahren, dass Papst Franziskus ein schlechter, ein extrem schlechter Papst ist, definitiv unter den Top Ten der schlechtesten Päpste der Kirchengeschichte, vielleicht auch ganz an der Spitze. Sich etwas anderes einreden zu wollen, wenn er gerade mal in den letzten Tagen nichts extrem Irreführendes gesagt hat, oder sich zu sagen, dass ihn die Medien einfach nur missverstehen wollen, hat etwas davon, wenn Frauen, die mit einem blauen Auge und ein paar gebrochenen Rippen im Krankenhaus sind, sich einreden, dass der Mann, der sie ihnen beigebracht hat, sie ja eigentlich trotzdem liebt. (Zu den Medien: Natürlich haben die meistens keine Ahnung. Aber es ist die Aufgabe des Papstes, hier für Klarheit zu sorgen; im Vatikan bekommt man mit, wie die Medien ihn interpretieren. Wenn er für Klarheit sorgen wollte, könnte er das sofort: Die Dubia sind übrigens immer noch unbeantwortet.)

Wenn einen das zu sehr angreift, ist es am besten, sich gewissermaßen von Franziskus fernzuhalten – ihn zu ignorieren, so weit es geht, und einfach seinen Glauben zu leben. Wir beten zu Gott, nicht zum Papst. Er hat ein bestimmtes Amt, dieses Amt verrät und vernachlässigt er und er tut nichts in diesem Amt, das beachtenswert wäre; also muss man ihn auch nicht beachten.

Und sonst, wenn man sich nicht zu sehr angreifen lässt, ruhig ab und zu mal kontra geben, z. B. bei Kommentaren von Säkularisten, die Papst Franziskus‘ Kommentare für ihre Zwecke verwenden wollen. Manchmal muss man auch einem Papst „ins Angesicht widerstehen“ (bzw. widerstehen ohne dass man sein Angesicht vor sich hätte), vgl. Gal 2,11. Wir müssen halt noch etwas länger den nötigen Widerstand leisten, bis wir erwarten können, dass es evtl. unter dem nächsten Papst besser wird.

Dass man – wie es wohl nicht anders zu erwarten ist, solange Gott bei ihm keine wundersame Bekehrung wirkt – immer neue Beweise dafür sieht, dass Franziskus ein außergewöhnlich schlechtes Exemplar eines Papstes ist, bedeutet nicht, dass deswegen die Argumente, dass er Papst ist, ungültig werden, oder die Argumente gegen den Katholizismus im Allgemeinen an Glaubwürdigkeit gewinnen. Hier muss man sich von einer rein gefühlsgesteuerten Sichtweise lösen und einfach nur die Fakten sehen. Es ist vorerst nichts anderes zu erwarten.

Der hl. Petrus mit den Schlüsseln, Ikone aus dem 6. Jh. aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai.

Säkularisten und die Nächstenliebe

Bei Säkularisten und der Nächstenliebe ist es ganz einfach:

Erst erzählen sie dir ausführlich, dass Christen keine Ahnung von der Nächstenliebe haben, die sie proklamieren, dass sie sie mit rigiden Regeln korrumpiert haben und sich eigentlich gar nicht um ihren Nächsten kümmern (z. B. weil sie es Leuten verbieten wollen, sich von einem scheiden zu lassen, mit dem sie sich auseinandergelebt haben und nicht mehr glücklich sind).

Wenn sie damit fertig sind, erzählen sie dir, dass man nicht immer an andere denken soll (z. B. in dem Sinne, dass man sich ja wohl von einem scheiden lassen darf, auch wenn der sich dann verraten und verlassen fühlt und die Kinder unglücklich sind*), weil der Zweck des Lebens ist, auf sein eigenes Glück zu schauen, weil man ja nur einmal lebt, und jeder sich selbst der Nächste ist.

Und ja, in ein und derselben Unterhaltung.

* Und bitte keine Kommentare zu „Was wenn er dich schlägt oder betrügt“. Jeder weiß, dass die katholische Kirche in solchen Fällen eine Trennung natürlich erlaubt (aber keine Wiederheirat, weil das Eheband bleibt). Den Leuten, die so argumentieren, geht es nicht um diese Extremfälle, sondern um Ablenkung und Ausreden, weil sie Scheidungen auch in Normalfällen wollen.

Wie viele werden gerettet werden? Ein paar Bemerkungen

Es handelt sich hier um ein Thema, das viele Christen ziemlich beunruhigen kann; und das nicht nur, wenn es um die eigenen Chancen auf den Himmel geht, sondern auch, wenn es um die anderer geht. Man kann sich manchmal sehr damit quälen.

Aus der göttlichen Offenbarung selbst wissen wir nichts über die Anzahl der Erlösten und der Verdammten; es handelt sich hier also immer um Spekulationen. Aber es ist ein Thema, über das man spekulieren darf.

Die Lehre der Allerlösung wurde verurteilt: Die Hölle ist eine reale Möglichkeit, Christus warnt davor. (Lustigerweise findet man bei Christus mehr Warnungen vor der äußersten Finsternis und dem Heulen und Zähneknirschen als in den Apostelbriefen.) Aber Er sagt nicht, wie groß genau die jeweiligen Anteile der Erlösten und Verdammten sein werden. Es gibt hier, grob gesagt, folgende rechtgläubige Ansichten:

  1. Die Mehrheit der Menschheit und die Mehrheit der Katholiken gehe verloren.
  2. Die Mehrheit der Katholiken werde erlöst, aber die Mehrheit der Menschheit insgesamt gehe verloren.
  3. Die Mehrheit der Menschheit werde erlöst; die Verdammten seien insgesamt eine Minderheit.

Alle Ansichten finden sich bei rechtgläubigen Theologen im Lauf der Kirchengeschichte; die dritte Ansicht ist in der Minderheit, aber vor allem für die zweite findet man schon so einige Autoritäten. Und es steht einem vollkommen frei, sich für irgendeine davon zu entscheiden; auch diejenigen Kirchenväter beispielsweise, die meinten, nur eine relativ kleine Minderheit werde erlöst, sagen das als ihre Meinung und nicht als Lehre der Kirche.

Vasnetsov-Savior
(Viktor Vasnetsov, Der Erlöser. Gemeinfrei.)

Der französische Thomist Reginald Garrigou-Lagrange OP (1877-1964) hat einige gute Ausführungen dazu (von mir aus der englischen Ausgabe von „Life everlasting“ – online hier – übersetzt; der Ausschnitt ist aus dem letzten Kapitel):

„Manche bestehen auf der Gnade, andere auf der Gerechtigkeit Gottes. Weder die eine noch die andere Seite gibt uns Gewissheit. Und die Angemessenheitsgründe, die jede anführt, unterscheiden sich sehr von den Angemessenheitsgründen, die für ein Dogma angeführt werden, das schon sicher feststeht durch die Offenbarung, während wir hier von einer Wahrheit sprechen, die nicht gesichert ist.

Die Theologen neigen generell dazu, das, was uns die Schrift und die Tradition sagen, auszufüllen, indem sie die Heilsmittel, die Katholiken gegeben sind, von denen unterscheiden, die Menschen guten Willens jenseits der Grenzen der Kirche gegeben sind.

Wenn wir die Frage auf Katholiken beschränken, finden wir die Lehre, allgemein vetreten vor allem seit Suarez, dass, wenn wir nur Erwachsene in Betracht ziehen, die Zahl der Erwählten die der Verworfenen übertrifft. Wenn erwachsene Katholiken an diesem oder jenem Punkt eine Todsünde begehen, können sie dennoch vor dem Gerichtshof der Beichte wieder aufstehen, und es gibt relativ wenige, die am Ende ihres Lebens nicht bereuen oder sich sogar weigern, die Sakramente zu empfangen. [Anmerkung: Mit Erwachsenen sind hier alle gemeint, die den Vernunftgebrauch erlangt haben, also fähig zu Todsünden sind, d. h. auch Kinder ab einem gewissen Alter; jüngere getaufte Kinder sind des Himmels sicher.]

Aber wenn wir von allen Christen sprechen, von allen, die getauft worden sind, katholisch, schismatisch, protestantisch, ist es wahrscheinlicher, sagen die Theologen im Allgemeinen, dass die große Menge gerettet wird. Erstens ist die Zahl der Kleinkinder, die im Stand der Gnade sterben, bevor sie das Alter des Vernunftgebrauchs erreichen, sehr groß. Zweitens können viele Protestanten, da sie heutzutage guten Glaubens sind, mit Gott durch einen Akt der Reue versöhnt werden, besonders in Todesgefahr. Drittens können Schismatiker [hier sind wohl v. a. die Orthodoxen gemeint] eine gültige Absolution empfangen.

Wenn von der ganzen menschlichen Rasse die Rede ist, muss die Antwort unsicher bleiben, aus den oben angeführten Gründen. Aber selbst wenn die absolute Zahl der Erwählten weniger groß ist [als die der Verworfenen], kann die Herrlichkeit von Gottes Vorsehung nicht darunter leiden. Die Qualität siegt über die Quantität. Eine erwählte Seele ist ein spirituelles Universum. Außerdem geschieht kein Übel, das nicht um eines höheren Gutes willen zugelassen wird. Außerdem gibt es unter Nicht-Christen (Juden, Mohammedanern, Heiden) Seelen, die erwählt sind. Juden und Mohammedaner bekennen sich nicht nur zum Monotheismus, sondern haben auch Fragmente primitiver Offenbarung und der Mosaischen Offenbarung beibehalten. Sie glauben an einen Gott, der auf übernatürliche Weise [das Gute und das Böse] vergilt, und können so, mit der Hilfe der Gnade, einen Akt der Reue setzen. Und selbst den Heiden, die in unüberwindlicher, unfreiwilliger Unwissenheit der wahren Religion leben, und die trotzdem versuchen, das natürliche Sittengesetz zu beachten, werden übernatürliche Hilfen geboten, auf Wegen, die Gott bekannt sind. Diese können, wie Pius IX. sagt, zur Erlösung gelangen. Gott befiehlt nie das Unmögliche. Dem, der tut, was in seiner Macht steht, verweigert Gott die Gnade nicht.

Wir können in dieser Frage keine Gewissheit erreichen. Es ist besser, unsere Unwissenheit einzugestehen, als die Gläubigen mit einer Lehre zu entmutigen, die zu rigide, oder sie der Gefahr auszusetzen mit einer Lehre, die zu leichtsinnig ist.

Das Wichtige ist, die Gebote Gottes zu beachten. Der hl. Augustinus sagt, und das Konzil von Trient wiederholt: ‚Gott befiehlt nie das Unmögliche. Aber er mahnt uns, das zu tun, was wir können, und von Ihm die Gnade zu erbitten, das zu leisten, was wir aus uns heraus nicht können, und Er hilft uns, zu vollbringen, was Er befiehlt.‘

Lasst uns unser Vertrauen in Jesus Christus setzen, ‚das Sühnopfer für unsere Sünden‘, ‚das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt‘. ‚Lasst uns also voll Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit!‘

Die Zeichen der Erwählung

Das Konzil von Trient hat erklärt, dass wir auf Erden keine Sicherheit unserer Bestimmung haben können ohne spezielle Offenbarung. Ohne diese spezielle Offenbarung kann kein Mensch wissen, ob er in guten Werken ausharren wird bis ans Ende. Dennoch gibt es Anzeichen der Bestimmung, die eine Art moralischer Sicherheit geben, dass man ausharren wird. Die Väter, vor allem der hl. Chrysostomus, der hl. Gregor der Große, der hl. Bernhard, der hl. Anselm, haben einige dieser Zeichen aufgezählt, wobei sie der Richtung der Schrift folgten.

Die Theologen zählen acht Zeichen der Bestimmung auf. Erstens, ein gutes Leben; zweitens, das Zeugnis eines guten Gewissens; drittens, Geduld in Widrigkeiten aus Gottesliebe; viertens, Behagen am Licht und Wort Gottes; fünftens, Erbarmen mit denen, die leiden; sechstens, Liebe zu den Feinden; siebtens, Demut; achtens, eine besondere Verehrung der Seligen Jungfrau.

Geduld in Widrigkeiten zeigt, wie Ungleichheit in natürlichen Bedingungen von der göttlichen Gnade kompensiert wird. Das ist die Wahrheit, die in den Seligpreisungen ausgedrückt wird: Selig die Armen im Geiste, selig die Sanftmütigen, selig die Weinenden, selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, selig die Barmherzigen, selig, die reinen Herzens sind, selig, die Frieden stiften, selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen. Diese besitzen das Reich Gottes. Ein schweres Kreuz geduldig und standhaft zu tragen ist ein großes Zeichen der Bestimmung.

[…]

Wir möchten hier den Leser an das große Versprechen des Heiligsten Herzens an die erinnern, die die Kommunion an neun aufeinanderfolgenden ersten Freitagen [im Monat] gut empfangen. […]

Niemand ist im Himmel, außer wenn er im Stand der Gnade gestorben ist. Niemand kann in die Hölle kommen außer durch seine eigene Schuld. Wir sind Erben Gottes, Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, auf dass wir mit ihm verherrlicht werden.“

Gott will tatsächlich für jeden einzelnen, dass er gerettet wird, und das bedeutet, dass Er jedem eine reale Chance dazu gibt: „er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4) (Zur Erkenntnis der Wahrheit wird man dann spätestens im Himmel gelangen, wenn man vorher in unüberwindlicher Unwissenheit war.) Sicher können Menschen es anderen Menschen leichter oder schwerer machen, gerettet zu werden, Gott lässt zu, dass wir durch unsere Bemühungen anderen helfen und lässt uns in Seinem Plan mitwirken; aber Gott gibt jedem auch so eine Mindestchance und verlangt nichts, was nicht machbar wäre. Das ist der Punkt, den man immer wieder betonen muss: Gott verlangt nicht das Unmögliche.

Es lohnt sich, den Punkt „unüberwindliche Unwissenheit“ noch genauer anzusehen: Gott rechnet es, wie oben gesagt, einem Menschen nicht an, wenn er ohne eigene Schuld nicht weiß, was richtig und falsch ist, wenn er gutgläubig irregeführt wird und z. B. mit dem Islam oder dem Evangelikalismus aufwächst. Und was bedeutet unüberwindlich hier? Nicht absolut unüberwindlich.

„Wer es schuldbarerweise vernachlässigt, den wahren Glauben kennenzulernen, sündigt leicht oder schwer, je nachdem seine Nachlässigkeit leicht oder schwer ist. – Solange aber jemand an seiner bisherigen Religion noch keinen vernünftigen Zweifel hat, besteht auch keine schwere Pflicht, weiter nachzuforschen. – Sind jemand die Glaubenswahrheiten hinreichend zu glauben vorgestellt, so ist Unglaube immer eine schwere Sünde.“ (Heribert Jone OFMCap, Katholische Moraltheologie auf das Leben angewandt unter kurzer Andeutung ihrer Grundlagen und unter Berücksichtigung des CIC sowie des deutschen, österreichischen und schweizerischen Rechtes, 17. Aufl., Paderborn 1961, Nr. 121, S. 93.

„Vincibilis [überwindlich] wird die Unwissenheit genannt, wenn sie abgelegt werden könnte unter Anwendung der moralischen Sorgfalt, entsprechend den näheren Umständen der Person und der Sache. Kann sie mit Anwendung einer solchen Sorgfalt nicht abgelegt werden, dann heißt sie invicibilis [unüberwindlich], auch wenn sie bei noch größerer Sorgfalt abgelegt werden könnte.“ (Ebd., Nr. 16, S. 27)

D. h. ein gutgläubiger Evangelikaler, der keinen Grund sieht, an seiner Kirche zu zweifeln, ist in „unüberwindlicher Unwissenheit“, obwohl er sich rein theoretisch im Internet über den Katholizismus informieren könnte.

Freilich: Wenn er aus stichhaltigen Gründen den Verdacht bekommt, dass der Katholizismus wahr sein könnte, aber dann lieber nicht weiter nachforscht, weil er entschlossen ist, nicht zu konvertieren, ist das keine unüberwindliche Unwissenheit mehr.

Paradiso Canto 31.jpg
(Gustave Doré, Darstellung von Dante und Beatrice, die in den höchsten Himmel blicken. Gemeinfrei.)

Oft wird diese Bibelstelle angeführt, wenn jemand belegen will, dass die Erlösten in der Minderheit oder sogar deutlich in der Minderheit – ein kleiner Rest – seien: „Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden.“ (Mt 7,13f.)

Aber hier sind zwei Sachen zu bedenken:

Erstens geht es um den Weg, der dann zu einem endgültigen Ziel führt. Es wird aber noch manche geben, die erst auf dem Weg zum Verderben laufen, ihn aber vor dem Ziel noch rechtzeitig verlassen.

Zweitens, auch wenn man davon ausgeht, dass „viele“ verlorengehen, muss das nicht zwangsläufig eine Mehrheit bedeuten; wenn aus einer Familie mit sechzehn Kindern und Enkelkindern sieben bei einem Autounfall sterben, würde man auch sagen „die Familie hat viele ihrer Mitglieder verloren, jetzt sind nur noch wenige da“. Gott ist jedes seiner Kinder wichtig, und daher ist es ihm auch leid, wenn nur eine Minderheit verloren gehen sollte.

Es kann kaum einer leugnen wollen, dass es numerisch gesehen viele sein werden, die in die Hölle kommen. Es werden viele sein. Vielleicht auch eine gewisse Mehrheit; das müsste aber auch dann keine übergroße Mehrheit sein.

Es wird in der Tradition der Kirche gesagt, dass ein Drittel der Engel gefallen ist (abgeleitet aus Offb 12,4: „Sein Schwanz [des Drachen] fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab.“). Vielleicht ist das Verhältnis bei der Menschheit nicht ganz so anders: Etwa ein Drittel Verdammte, zwei Drittel Erlöste. Man hört auch die Interpretation, dass zum Ausgleich für die gefallenen Engel ein Drittel der Menschheit erlöst (und dann zwei Drittel verdammt) seien. Beides ist m. E. nicht unplausibel.

Die Verdammnis ist ein reales Risiko für den Normalmenschen, nicht etwas, das bloß Hitler und Stalin angeht; aber die Erlösung ist auch kein Privileg für die größten Heiligen à la Franz von Assisi, sondern auch etwas dem Normalmenschen Zugedachtes.

Gott liebt Seine Kinder. Er liebt uns wirklich, das ist keine Phrase: Jeden einzelnen.

Es gibt auch die Interpretation dieser Bibelstelle, dass Jesus hier speziell zu seinen Zeitgenossen spricht. Garrigou-Lagrange zitiert Monsabre, einen Verfechter einer milderen Ansicht: „Wenn Jesus will, dass wir an die Zukunft denken, spricht Er auf andere Weise. So sagt Er zu Seinen Jüngern: ‚Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen‘ ‚Die Pforten der Hölle werden (meine Kirche) nicht überwältigen‘.“

Er zitiert Monsabre weiter: „Man beachte, dass Er uns nicht definitiv die Zahl der Guten und der Bösen sagt. Denen gegenüber, die eine klare Festlegung wollten, genügte es ihm, zu antworten: ‚Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele … werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.‘ Die Rigoristen sagen mir, dass Jesus hier vielleicht das Mysterium Seiner Gerechtigkeit verbirgt, um furchtsame Seelen nicht zu ängstigen. Was mich angeht, ich ziehe es vor, zu denken, dass Er hier das Mysterium Seiner Gnade verbirgt, sodass wir die Vermessenheit meiden mögen.“

Auch andere Bibelstellen werden manchmal angeführt; z. B. der Satz „Denn viele sind gerufen, wenige aber auserwählt“, der in einzelnen Handschriften in Mt 20,16 auftaucht und dann generell noch mal in Mt 22,14. Die vorkonziliare Stuttgarter Kepplerbibel gibt zu Mt 20,16 in den von Prof. Dr. Peter Ketter verfassten Anmerkungen an: „Der Satz ‚Denn viele sind berufen, wenige aber sind auserwählt‘, fehlt in den meisten griechischen Handschriften. Er bedeutet nicht, die Mehrzahl der Menschen komme in die Hölle. Aus den berufenen Juden fanden nur wenige das Heil.“ Jesus spricht hier von der Undankbarkeit derer, die eigentlich eine bevorzugte Behandlung erhalten hätten (was nicht nur auf die damaligen Juden zutreffen muss, aber erst mal schon sie meint): dafür werden dann andere hereingerufen. In Mt 22,14 steht der Satz ja gerade am Ende des Gleichnisses vom Hochzeitsmahl, in dem haargenau das passiert. Die zuerst geladenen Gäste haben keine Lust und bringen sogar diejenigen um, die sie zu dem Fest beim König einladen wollten (nicht gerade eine lässliche Sünde). Dann lässt der König alle möglichen Leute hereinbringen, wie er sie gerade findet: Und nur einer von diesen vielen wird am Ende noch hinausgeworfen. (Wofür? Weil er „kein Hochzeitsgewand anhatte“. Damals wurden die Gewänder den Gästen aber von der Gemeinschaft gestellt, er hätte sehr leicht eins anziehen können, wenn er den mindesten Respekt vor der Hochzeitsgesellschaft gehabt hätte.)

Nicholas Walsh SJ, ein Vertreter einer sehr milden Meinung, schreibt in einem kleinen Buch über diese Frage aus dem Jahr 1898 über die Bibel und die mildere Sicht:

„Die Autoren, aber vielleicht noch mehr die Prediger, die die strengen Meinungen vertreten, berufen sich auf die Schrift oder benutzen sie wenigstens, als ob sie voll und ganz auf ihrer Seite wäre. Sie sehen Vorbilder oder Zeichen der Verlorenen und Geretteten in den wenigen Trauben oder Oliven oder Getreideähren, die nach einer sorgfältigen Lese und Ernte übrig bleiben (Jesaja, Kapitel 17 und 24); in nur acht bei der Sintflut Geretteten, in Abraham, der allein von der übrigen Welt abgesondert wurde, darin, dass nur drei aus den bösen Städten [Sodom und Gomorrha] gerettet wurden, darin, dass Hiob der einzige Gerechte in seinem Land war, und die drei Kinder die einzigen Unschuldigen in Babylon, darin, dass nur einer Witwe während der Hungersnot in Israel geholfen wurde und nur ein Leprakranker von vielen in den Tagen von Elischa dem Propheten geheilt wurde. Eine sehr zufriedenstellende Antwort könnte gegeben werden, und wird gegeben, auf jedes der oben erwähnten Vorbilder. Ich beschränke mich auf eine allgemeine. Diese Vergleiche würden zunächst, wenn man sie konsequent weiterdenkt, zu einer Schlussfolgerung führen, die so düster, so verzweifelnd, ’so hart und Gott entehrend‘ ist, dass sie fast unglaublich ist: Schlussfolgerungen, die keine Person akzeptieren sollte, wenn sie nicht wirklich bewiesen sind. Sie werden vor allem, aber nicht ausschließlich, von Predigern benutzt, die in Schrecken versetzen wollen, und die zu diesem Zweck oft die Heilige Schrift in einer sehr freien und weit hergeholten Weise an ihre Sicht anpassen. […]

Die Vertreter der zwei milden Meinungen haben auch einige Vorbilder in der Schrift, die sie als Ausgleich zu denen ihrer Gegner zitieren. Es wird gemeinhin gesagt, dass nur ein Drittel der Engel, oder allenfalls eine Minderheit von ihnen, fiel. Die weisen und törichten Jungfrauen waren gleich an Zahl; in einem einigermaßen gepflegten Feld übertrifft der Weizen das Unkraut; und im Fang des Fischers übertreffen die guten Fische in der Regel die schlechten. Im Gleichnis der Talente werden zwei belohnt – nur einer verurteilt. Von dem Hochzeitsfest, zu dem ‚die Guten und die Schlechten versammelt wurden‘ wurde nur einer ausgestoßen. Alle Arbeiter im Weinberg erhielten denselben Lohn, der nach einer sehr wahrscheinlichen Interpretation das ewige Leben meint, aber in unterschiedlichen Graden von Verdienst und Glorie. Diese, wenn sie Argumente genannt werden können – ich rechne sie nicht als solche – sind sicherlich so stark wie die auf der anderen Seite erbrachten.“ (Nicholas Walsh SJ, The comparative number of the saved and lost. A study, Dublin 1898, S. 107f. und 112)

Auf die Argumente, dass bei der Sintflut nur acht Menschen gerettet wurden oder Lot der einzige Gerechte in Sodom war, könnte man natürlich noch antworten, dass bei der Sintflut und in Sodom die Menschen so extrem und ungewöhnlich böse geworden waren, dass Gott mit einem besonderen Strafgericht antwortete; den Nachbarstädten Sodoms wurde nichts getan. Dem ausgesonderten Abraham wird versprochen, dass in ihm alle Geschlechter der Erde Segen erlangen sollen. Dass Gott manchen ein Wunder (wie eine Heilung von Lepra) schenkt und anderen nicht, beweist nichts: Denn er hat niemandem ein Wunder versprochen, aber Er hat uns sehr wohl das Heil versprochen, wenn wir die entsprechenden Bedingungen erfüllen. Auch in Lourdes beispielsweise werden heute nur wenige geheilt.

Par 05, Gustave Doré.jpg
(Gustave Doré, Himmelsdarstellung. Gemeinfrei.)

Die Leute, die in den Gleichnissen Jesu in die Hölle kommen, sind dort nicht grundlos. Dives zum Beispiel, der reiche Mann, der den armen Lazarus mit seinen Geschwüren, der direkt vor seiner Tür lag, sein Leben lang ignoriert hat: Ist er etwa grundlos da?

Lazarus wird dann im Jenseits getröstet; man kann damit rechnen, dass Gott für viele, die auf der Erde viel leiden mussten, Trost vorgesehen hat. Das heißt nicht, dass jemand, der viel leiden muss, nicht trotzdem ein schlechter Mensch sein oder werden kann, auch davon gibt es mehr als genug Beispiele; es soll nur sagen, dass Gott es ihm nicht extra schwer machen will.

Natürlich muss man auch sehen:

Garrigou-Lagrange und die anderen hier zitierten Theologen gehen von einer weniger krisengeschüttelten Kirche aus. In den meisten Zeiten der Kirchengeschichte empfingen die meisten Katholiken, wie er es beschreibt, am Ende ihres Lebens die Sterbesakramente, wobei man davon ausgehen kann, dass sie zumindest nach einer Zeit im Fegefeuer im Himmel gelandet sind; für die Vergebung in der Beichte genügt schon die Furchtreue. Sicher verweigerten manche die Sterbesakramente oder starben unerwartet; aber das war eine Minderheit und die unerwartet Sterbenden konnten auch Liebesreue erwecken. Dazu war die Kindersterblichkeit ziemlich hoch, und getaufte Kinder sind sicher im Himmel. (Ungetaufte Kinder sind entweder im Himmel oder im Limbus puerorum; auch wenn man davon ausgeht, dass sie in letzterem sind, haben sie dort vollkommene natürliche Glückseligkeit, wenn auch keine übernatürliche; in jedem Fall geht es ihnen uneingeschränkt gut. Aber die meisten katholischen Kinder wurden schon im Alter von einem oder zwei Tagen getauft.)

Diese Situation hat sich in der derzeitigen Kirchenkrise grundlegend geändert, und auch Katholiken haben viel weniger Resistenz gegenüber dem Säkularismus, synkretistischen Einstellungen, Gleichgültigkeit gegenüber Gott und dergleichen. Wir reden natürlich von der gesamten Menschheit über alle Zeitalter hinweg; aber andererseits ist die Menschheit heute ein gutes Stück gewachsen und überproportional viele Menschen müssen mit dieser Krise klarkommen. Das bedeutet nicht, dass heutige verwirrte oder säkularisierte Katholiken automatisch verloren sind; aber sehr wohl, dass sie es schwerer haben, nicht nur deswegen, weil sie nicht immer wissen, was richtig und falsch ist, sondern auch, weil ihnen die größere Motivation, die der Glaube und die Gnadenmittel geben, das zu tun, was man als richtig erkannt hat, fehlt.

Ein paar letzte Punkte, die vielleicht zu bedenken sind:

1) Dass etwas nicht mühelos zu bekommen ist, heißt nicht automatisch, dass wenige es schaffen; der Schulabschluss ist auch nicht mühelos zu bekommen, trotzdem schaffen ihn die meisten.

2) Das Böse ist oft auffälliger als das Gute; und man weiß oft nicht, ob jemand etwas Böses später bereut hat. Der Zustand der Welt, wie man ihn so sieht, ist schlimm genug; aber man weiß nicht, wie Gott die Menschen ihn ihren letzten Stunden bewegt. Und selbst wenn man sich den Zustand der Welt rein äußerlich ansieht, gibt es immer noch viel Gutes: Liebe in Familien zum Beispiel. Die missbräuchlichen, zerbrochenen Familien sind nicht gerade extrem selten, aber auch nicht die Mehrheit. Freilich muss man zugestehen, dass es Dinge gibt, die auf eine höhere Anzahl von Verdammten hindeuten: Z. B. wie weitverbreitet offensichtliche Verbrechen gegen die Schwächsten wie Abtreibung und Kindesaussetzung im Lauf der Menschheitsgeschichte waren. Aber auch hier gibt es immer noch viele Menschen, die so etwas nicht tun oder taten, selbst wenn es als eher normal gilt oder galt.

3) Man wird sehr viele Christen finden, die um die Erlösung von anderen besorgt sind, die sich Sorgen um diejenigen machen, die Christus nicht kennen, die sich bemühen, ihren Freunden zu helfen, gewohnheitsmäßige Sünden zu überwinden, o. Ä.: Nun, wird Gott weniger besorgt um Seine Geschöpfe sein? Wird Er sich nicht auch bemühen, ihnen Hilfe zu geben? Der gute Hirt ging dem verlorenen Schaf nach.

4) Das Fegefeuer wird in der Tradition der Kirche generell für eine relativ schwerwiegende, schmerzhafte Läuterungszeit gehalten; ist es da nicht logisch, dass Gott hierdurch noch viele Seelen rettet, die in ihrem Leben viele (lässliche) Fehler gemacht oder mit einer relativ unvollkommenen Reue noch die Kurve bekommen haben?


(Guter Hirte. Gemeinfrei.)

Ich behaupte nicht, zu wissen, dass eine Mehrheit erlöst sein wird. Ich halte die Sicht, dass eine Mehrheit der Katholiken aller Zeiten erlöst wird, für sehr wahrscheinlich; und die Sicht, dass eine Mehrheit der Menschheit erlöst wird, für möglich, kann mir aber auch vorstellen, dass die Verdammten überwiegen, wenn auch vielleicht nicht dermaßen stark. Wenn ich mich beim Spekulieren auf Zahlen festlegen müsste, würde ich alles zwischen 80/20 so herum und 20/80 andersherum für wahrscheinlich halten. Aber das alles sind Spekulationen. Ich behaupte nur, dass manche Leute aufhören sollten, zu reden, als müssten gute brave Tradi-Katholiken glauben, die allermeisten Menschen kämen in die Hölle.

Eine Anmerkung noch: In manchen Internetkreisen wird seit neuestem eine Predigt aus dem 17. Jahrhundert von Leonard von Port Maurice verbreitet mit dem Titel „The little number of those who are saved“; darin erzählt Leonard von einer Vision, die der hl. Vincent Ferrer gehabt haben soll; ein Erzdiakon sei ihm erschienen und habe erzählt, er sei zur selben Stunde wie der hl. Bernhard und 33.000 andere Menschen gestorben; er und Bernhard seien in den Himmel gekommen, drei andere in das Fegefeuer und der Rest in die Hölle. Diese Vision ist buchstäblich unmöglich:

  1. In einer Stunde dürften bei der damaligen Weltbevölkerung keine 33.000 Menschen gestorben sein. (Nach meinen Schätzungen eher ein Hundertsel dieser Zahl. Selbst heute, bei einer um vieles größeren Weltbevölkerung, sterben jährlich 50-60 Millionen, was ca. 6000 in der Stunde macht.)
  2. Die Vision ist – soweit ich herausfinden konnte – erst bei Leonard bezeugt, obwohl Vincent Jahrhunderte vorher lebte.
  3. In jeder großen Menge von Toten müssen getaufte Kleinkinder dabei gewesen sein, die automatisch in den Himmel gekommen wären (bei Kindern nahe dem Vernunftgebrauch, die schon zu lässlichen Sünden fähig gewesen wären, aber noch nicht zu Todsünden, u. U. noch ein wenig ins Fegefeuer).
  4. Dabei müssen in einem mittelalterlichen Kontext auch große Mengen von Toten gewesen sein, die die Sterbesakramente empfangen hatten, und Furchtreue zu erwecken, die für eine gültige  Beichte genügt, ist sehr leicht. Für wie ineffektiv muss man Gottes Gnadenmittel halten, wenn man das für glaubwürdig hält?

Die Ansicht, dass z. B. 10%, oder auch nur 5%, der Menschheit erlöst werden, kann eine gewisse Plausibilität beanspruchen. Eine solche Behauptung ist lächerlich und unhaltbar.

Vielleicht war Leonard – wie so viele Katholiken – einfach der Überzeugung, dass man strenger predigen müsste, um die Leute anzuspornen, aber nach meiner Erfahrung – nach dem, was ich von anderen Katholiken mitbekommen habe – funktioniert das nicht. Die Leute verfallen so in Verzweiflung und denken sich „eh schon alles egal“: Man stürzt sie nur in die Sünde, wenn man alles so schwer wie möglich erscheinen lässt. (Was übrigens auch der hl. Alphons sagt: Ich kann auch meine Heiligen zum Proof-Texting anführen.)

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(Guter Hirte. Gemeinfrei.)

Zuletzt: Viele Leute, die sich hier so viele Gedanken machen, sind gläubige, traditionelle Katholiken, und die haben es am einfachsten, erlöst zu werden. „Durch den richtigen Gebrauch des Gebets, durch das ehrfürchtige Hören der Messe, durch den würdigen Empfang der Sakramente, besonders derer der Buße und der Eucharistie, und durch den frommen Gebrauch einiger der approbierten Frömmigkeitsübungen […] können Katholiken immer die Gnade herbeirufen, durch deren rechten Gebrauch sie Versuchungen überwinden, die Gebote beachten, ihre Standespflichten erfüllen, bereuen, wenn sie sündigen, und ihre Seelen retten können.“ (Nicholas Walsh SJ, The comparative number of the saved and lost. A study, Dublin 1898, S. 84f.)

Gott ist nicht darauf aus, denen, die sich schon bemühen, zu sagen: „Ah, na schau mal, da kann ich dir ja noch ein paar Extrahindernisse in den Weg legen, hehe“.

Aber heißt es nicht Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen. (Lk 12,48)? Ja: Aber der Kontext ist folgender: „Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen.“ (Lk 12,47f.) D. h. für diejenigen, die Sünden unter mildernden Umständen begehen, gibt es mildernde Umstände; für die, die genau wissen, was Sünde ist und was nicht, gelten keine mildernden Umstände. Aber deswegen ist für uns auch nur das Todsünde, was Todsünde ist; uns werden nicht noch zusätzlich Extralasten auferlegt.

Ja, es gibt Prüfungen. Aber Gott hat seine Gründe, wieso Er Prüfungen zulässt, und jeder, ob Katholik oder nicht, muss irgendwelche Prüfungen bestehen; wir haben es dabei einfacher, weil uns mehr Gnadenmittel zur Verfügung stehen.

Immer dran denken: Wenn man eine Todsünde begangen hat, kann man sofort den Stand der Gnade wiedererlangen, indem man Liebesreue erweckt, wobei der Vorsatz eingeschlossen ist, beizeiten zu beichten (man muss sich nicht vornehmen, baldmöglichst zu beichten; die Beichte ist sogar nur einmal im Jahr streng vorgeschrieben). Und Gott will, dass man sofort zu Ihm zurückkehrt; man muss nicht das Gefühl haben, es wäre irgendwie ungebührlich, direkt nach einer Sünde gleich bereuen zu wollen. Das gilt auch bei Gewohnheitssünden. Sinnvoll ist es (auch wenn man nur lässliche Sünden auf dem Gewissen hat), jeden Abend einen Akt der Reue zu setzen:

„Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“

Dann noch alle ein, zwei Monate zur Beichte, das regelmäßige Gebet niemals aufgeben, und es wird schon alles werden.

Бог_Саваоф
(Von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Christliche Kultur am Sonntag: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Der Historienfilm von 1966 (Originaltitel: „A man for all seasons“) handelt vom hl. Thomas Morus (gespielt von Paul Scofield), den König Heinrich VIII. von England 1535 wegen angeblichen Hochverrats enthaupten ließ.

Der Film beginnt, als Heinrich VIII. beginnt, sich beim Papst um eine Annullierung seiner Ehe mit Königin Katharina zu bemühen, um seine Mätresse Anne Boleyn heiraten zu können; sein Lordkanzler, Kardinal Wolsey, ist ihm dabei behilflich. Thomas Morus, humanistischer Schriftsteller, Richter und Mitglied des Kronrats, im Gegensatz zu den typischen Höflingen unbestechlich als Richter und trotz seiner Kritik an kirchlichen Missständen frommer Katholik, ist zwar dagegen, verhält sich aber nach außen hin diskret und hält sich eher fern von den höfischen Intrigen. Als Wolsey stirbt, wird Morus vom König (der ihn schätzt und irgendwie bewundert) auf dessen Amt erhoben, das er erfüllt, bis der König, der vom Papst das Urteil erhalten hat, dass seine Ehe gültig und daher nicht auflösbar ist, sich selbst zum obersten Herrn der Kirche von England erklärt, die Ehe für ungültig erklären lässt, Katharina verstößt und Anne heiratet. Thomas Morus tritt vom Amt des Lordkanzlers zurück, in Stille und ohne Gründe anzugeben, und zieht sich auf das Anwesen seiner Familie in der Umgebung von London zurück. Er schweigt zu allem, was der König nun tut.

(Thomas Morus als Lordkanzler, Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren. Gemeinfrei.)

Genau dieses Schweigen jedoch hält Heinrich VIII. nicht aus; während alle anderen Höflinge und Staatsmänner, denen er es abverlangt, ihm zustimmen und dann auch den Eid auf die schließlich erlassene Suprematsakte und die Anerkennung der neuen Ehe mit Anne Boleyn ablegen, schweigt Morus. Dafür wird er in den Tower geworfen und immer wieder von Untersuchungskommissionen verhört, denen gegenüber er sich weigert, seine Gründe anzugeben. Er ist sogar bereit, Annes Nachkommen als Thronfolger anzuerkennen, wenn der König das bestimmt, auch wenn er sie nicht als ehelich anerkennt, und sich weigert, das Papsttum zu verleugnen. Überall erntet er Unverständnis; der Herzog von Norfolk, früher sein Freund, bemüht sich, ihm Vernunft einzubläuen, selbst seine Familie will ihn irgendwann überreden, nachzugeben, nachdem er lange im Tower eingekerkert war.

Morus schweigt weiter. Er legt es nicht darauf an, dem König entgegenzutreten; er sieht sich nicht als jemand, der das Martyrium suchen will. Aber er ist nicht bereit, sein Gewissen zu verletzen und den Eid zu schwören. Schließlich wird ihm der Prozess gemacht.

Eindrucksvoll ist die Szene, in der Thomas Morus betet, bevor er in den Gerichtssaal geht; eindrucksvoll auch der Gegensatz zwischen den letzten Worten von Kardinal Wolsey auf dem Sterbebett – „Hätte ich meinem Gott nur halb so treu gedient wie meinem König, müsste ich jetzt nicht so verlassen sterben“ – und den letzten Worten von Thomas Morus auf dem Schafott – „Ich sterbe als treuer Diener des Königs, aber vor allem als treuer Diener Gottes“.

Christliche Kultur am Sonntag: „Ich beichte“ (Hitchcock)

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

Heute: „Ich beichte“

Dieser Hitchcock-Film von 1953 (dessen Titel „I confess“ in der deutschen Synchronisation besser „Ich bekenne“ genannt hätte werden sollen; aber man kann nun mal nicht alles haben) ist wahrscheinlich der großartigste Film über die Bedeutung des Beichtgeheimnisses, der je gemacht wurde.

Québec, Kanada, Anfang der 1950er: Otto Keller, der als Hausmeister bei einer katholischen Pfarrei arbeitet, bricht eines späten Abends, verkleidet mit einer priesterlichen Soutane, bei dem wohlhabenden Rechtsanwalt Villette ein, um Geld zu stehlen; als der ihn überrascht, schlägt er ihn im Affekt tot. Er flüchtet, legt die Soutane ab, und geht in die Kirche, wo er den jungen Priester Michael Logan (großartig gespielt von Montgomery Clift) trifft. Der von seiner Tat verstörte Keller legt bei Pater Logan die Beichte ab.

Am nächsten Tag ist seine Reue von seiner Angst vor Entdeckung und dem Tod durch Hängen überschattet; auf keinen Fall will er sich stellen, und er denkt nur noch daran, wie er seine Tat verbergen kann. Er geht zu Villette, bei dem er einmal in der Woche gearbeitet hat, tut so, als ob er die Leiche fände, und verständigt die Polizei. Die findet bald zwei Mädchen, die gesehen haben, wie am fraglichen Abend ein Priester Villettes Haus verlassen hat. Die Ermittler überprüfen die Alibis aller Priester aus der Gegend; nur Pater Logan hat für die halbe Stunde der Tatzeit keines, der Inspektor Larrue meint verdächtiges Verhalten an ihm zu sehen, und dann taucht ein mögliches Motiv auf. Pater Logan, der an das Beichtgeheimnis gebunden ist, kann nur schweigen oder sagen: Ich kann nichts sagen. Schließlich wird er des Mordes angeklagt.

Was ist Rassismus? Teil 1: Ein paar Probleme mit dem Intersektionalismus

Rassismus ist: Jemanden wegen seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe zu hassen, zu verachten oder ungerecht zu behandeln; den moralischen Wert eines Menschen an seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe festzumachen; jemanden ausschließlich als Exemplar seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe zu behandeln anstatt als Individuum. Ungefähr so würden das viele wahrscheinlich definieren.*

Die an den Unis dominierenden – besser gesagt, tyrannisierenden – Theorien (Intersektionalismus, „critical race theory“ und wie das ganze Gelump noch so genannt wird) definieren das lange nicht mehr so. Allein diese Definition sehen sie schon als rassistisch. Und mittlerweile bleiben sie nicht mehr nur an den Unis, daher hier mal ein paar Anmerkungen zu ihnen; zu ihren schlimmsten Auswirkungen komme ich ein gutes Stück weiter unten.

 

Diese Theorien gehen grundsätzlich davon aus, dass „das System“, das gegenwärtig existiert, Unterdrückung bedeuten muss, und man diese Unterdrückung abbauen, zerlegen muss, aus Strukturen ausbrechen muss (ich muss bei diesem Bild an entgleißende Züge und von Stahl durchbohrte Tote denken); Dekonstruktion und Problematisierung sind die Stichworte. Zum Intersektionalismus gehört eine gewisse Opferhierarchie: Schwarze haben es schwerer als Weiße, Frauen schwerer als Männer, Homosexuelle schwerer als Heterosexuelle, „Transpersonen“ schwerer als „Cisgender“, Muslime schwerer als Christen, Behinderte schwerer als Nicht-Behinderte, und müssen deshalb besonders bevorzugt werden; besonders trifft das zu, wenn mehrere Unterdrückungsmerkmale zusammentreffen (die chronisch kranke schwarze lesbische Muslima z. B. steht relativ weit oben). In der Theorie ist diese Theorie anfangs noch nicht so schlimm, wie sie dann wird. Sie sagt auch nicht, dass jeder Schwarze es schlechter hat als jeder Weiße, sondern dass es ein Weißer, der es schlecht hat, in derselben Situation noch schlechter hätte, wenn er schwarz wäre, also nicht, dass ein schwarzer Millionär es schlechter hat als ein weißer Obdachloser, sondern dass ein schwarzer Obdachloser es schlechter hat als ein weißer Obdachloser und ein schwarzer Millionär immer noch mit mehr Vorurteilen zu kämpfen hat als ein weißer Millionär. Diese Theorie ist oft falsch, denn in vielen Situationen gibt es gerade einen gewissen Minderheitenbonus; aber selbst wenn sie in der Theorie wahr wäre, wird sie in der Praxis extrem falsch: Denn die Intersektionalisten handeln so, als würden sie glauben, dass z. B. ein weißer heterosexueller Mann kein Opfer mehr  sein kann und auch kein Mitleid und keine Aufmerksamkeit verdient. Sie sehen zuerst die Gruppenzugehörigkeit eines Menschen an, und erst dann den Menschen selbst, wenn sie ihn überhaupt noch ansehen.

Rassismus gilt dabei als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, weshalb es auch einen „antimuslimischen Rassismus“ geben kann, obwohl Muslime gerade eine Gruppe sind, die sich durch gemeinsame Überzeugungen statt durch unveränderliche Merkmale wie die Abstammung definiert; es gibt ja sowohl indonesische als auch albanische als auch kenianische als auch „biodeutsche“ Muslime. Dass diese Definition nicht konsistent durchgehalten wird, ist eh klar; gegen eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gegen AfD-Wähler haben Linke überhaupt nichts. Ich sage das nicht, weil Linke selbst sich vom Vorwurf der Heuchelei und Inkosistenz beeindrucken ließen, denn das tun sie nicht; sie sind von Hass auf das, was ist und ihnen als dominant erscheint, getrieben, nicht von logisch konsistenten Überzeugungen; ich sage es für die Leser, die diesen Ideologien noch nicht verfallen sind.

Die Denkweise hinter dem „Anti-Rassismus“ dieser Leute ist einfach:

Weiße haben so lange Schwarze immer nur unterdrückt, jetzt ist es mal an der Zeit, dass Schwarze Weiße unterdrücken.

(Dass der erste Halbsatz historisch eigentlich nicht ganz richtig ist (nein, ist er tatsächlich nicht), dazu in einem kommenden Beitrag.**)

„Weiße“ und „Schwarze“ können oft auch durch andere Gruppen ersetzt werden, wie „Heterosexuelle“ und „Homosexuelle“, aber ich will mich in diesem Beitrag mal auf das Thema Rassismus konzentrieren, weil das gerade dominant ist.

Zum Intersektionalismus gehört grundsätzlich die Leugnung, dass es „reverse racism“ („Umkehr-Rassismus“) geben kann. Schwarze könnten nicht rassistisch gegenüber Weißen sein, weil es zu Rassismus gehöre, dass derjenige, der feindselig oder ungerecht sei, institutionelle Macht habe, und Weiße würden grundsätzlich institutionelle Macht haben. Wenn also z. B. tausende weiße Farmer in Südafrika ermordet werden, weil sie weiß sind, dann ist das nicht Rassismus, und eigentlich auch irgendwie verständlich; wenn „biodeutsche“ Kinder in mehrheitlich „Migrationshintergrund habenden“ Klassen gemobbt werden, dann ist das nicht Rassismus, und eigentlich auch irgendwie verständlich.

Das ist eigentlich eine etwas seltsame Sichtweise, wenn man bedenkt, dass sich Feindseligkeit, historisch gesehen, oft gegen angebliche oder wirkliche Unterdrücker, gegen angeblich oder wirklich privilegierte Eliten gerichtet hat – die Tutsi oder die Armenier sind Beispiele für Opfer einer ins Extreme getriebenen solchen Feindseligkeit. Nun kann man sagen, „aber in Wirklichkeit waren die eine unterdrückte oder zumindest angefeindete Minderheit“. Waren sie das mehr als, sagen wir, die Weißen im heutigen Südafrika? Die politische Macht haben letztere verloren; rechtlich haben sie keine Vorteile mehr (in einzelnen Fällen sogar Nachteile, weil Schwarze z. B. bei der Vergabe von Studienplätzen offiziell bevorzugt werden, damit angenommene Nachteile ausgeglichen werden sollen); vermögensmäßig sind sie durchschnittlich besser aufgestellt, aber das, nun ja, waren auch andere angefeindete Minderheiten; und es gibt Parteien, die offen dazu aufrufen, sie zu ermorden. (Ja, richtig gelesen. Bei Parteiführern wie Julius Malema (Economic Freedom Fighters, EFF; die drittgrößte Partei in Südafrika) findet man Aussagen wie „Wir rufen nicht zur Abschlachtung der Weißen auf, jedenfalls nicht vorerst“. „Kill the farmer, kill the boer“ ist auch so ein beliebter Spruch bei diesen Leuten. (Die Buren/Afrikaaner (boers) sind die Nachfahren der calvinistischen niederländischen Siedler, die schon seit dem 17. Jahrhundert Südafrika besiedelten und später die Apartheid einführten.) Die Farmmorde werden mit unglaublicher Brutalität ausgeführt. Bei den derzeitigen „Protesten“ in den USA und anderswo, bei denen Statuen gestürzt werden usw., wird ja auch ganz gern so was wie „Kill whitey“und „Kill all whites“ an die Sockel hingesprüht. Denkt man, das würde nur Gerede bleiben? Das tut es schon jetzt nicht.)

Wer weiß ist, ist nach diesem Denken schuldig; wächst mit Rassismus auf, profitiert von Rassismus, verinnerlicht rassistisches Denken; und ist daher Rassist. Darum müssen Weiße alles tun, um „allies“ zu sein, um jetzt POC (people of color) nach vorne zu bringen, selbst zurücktreten, und ihre eigene „Whiteness“ zu bekämpfen. Wer das nicht tut: Rassist. „White silence is violence“, „weißes Schweigen ist Gewalt“. Aber selbst die, die es tun, sind keine guten Menschen, sondern höchstens weniger schlechte.

Von Kritikern der Linken wird diese Unveränderlichkeit des Rassist-Seins gern mit der Erbsünde verglichen; dieser Vergleich ist Schwachsinn. Erstens geht es bei der Erbsünde um etwas Reales, zweitens gibt es von ihr Erlösung, drittens sind reuige Sünder im Christentum willkommen. Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lk 15,7) In der Linken herrscht keine Freude über „allies“, eher eine „jetzt bildest du dir auch noch was drauf ein, dass du nicht mehr ganz so scheiße bist, was?“-Einstellung.

Ein schönes Beispiel für den Umgang der Weißen und Nicht-Weißen in der linken Szene untereinander kann man in diesem Facebookbeitrag sehen:

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„Deine Aufgabe ist es, ein Körper zu sein.“ Wie oben gesagt: Weiße haben so lange Schwarze immer nur unterdrückt, jetzt ist es mal an der Zeit, dass Schwarze Weiße unterdrücken. 

Es gibt natürlich eine Idee, die solche „Leitlinien“ attraktiv machen kann: Wenn es um die Belange, Probleme, Rechte einer bestimmten Gruppe geht, soll man die lieber selber zu Wort kommen lassen, statt für sie zu reden. Aber hier wird daraus gefolgert, dass andere ihr „zu allen Zeiten“ zu gehorchen haben, dass sie nichts bedeuten, dass sie nichts zu sein haben als Werkzeuge, als Körper. Kann sich irgendwer vorstellen, dass die schwarzen und weißen Organisatoren solcher Proteste miteinander befreundet sein könnten? Ehrlich Freunde sein, sich gegenseitig mögen könnten? Ich mir nicht.

Man halte so was bitte nicht für einen Einzelfall; solche Äußerungen kann man tausendfach finden, ohne lange suchen zu müssen. Um mal ein anderes Beispiel für den Wunsch, die Unterdrückung umzukehren, zu nehmen: Da gäbe es einen neuen Film aus den USA namens „Cracka“, der nur aus einer sadistischen Phantasie des „reverse racism“ besteht, in der Schwarze Weiße als Sklaven halten.

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(„Ihr habt unsere Töchter vergewaltigt, was, wenn wir eure vergewaltigen würden?“ „Was, wenn“? Bei einem Afroamerikaner ist es fünf Mal so wahrscheinlich, dass er eine Vergewaltigung begeht, wie bei einem weißen Amerikaner (und acht Mal so wahrscheinlich, dass er einen Mord, und drei Mal so wahrscheinlich, dass er einen Einbruch begeht).)

Es ist auch immer ganz lustig, wie darum gerungen wird, wer als unterdrückte Minderheit gelten darf, wieder v. a., wenn man die amerikanischen Linken so beobachtet. Dürfen Juden als unterdrückt zählen, oder sind sie schon wieder Unterdrücker, und die Palästinenser von ihnen unterdrückt? Dürfen „white-passing“ Leute (Leute mit dunkelhäutigeren Vorfahren, die aber selbst „als weiß durchgehen“) sich unterdrückt fühlen oder profitieren sie wieder von Unterdrückung und sind darum Unterdrücker? Wie sieht es mit weißen Frauen aus? Einerseits ist man in diesen Kreisen auch sehr feministisch eingestellt, was heißt, dass Frauen Opfer sind, andererseits wurden früher Schwarze gelyncht, wenn sie weiße Frauen vergewaltigt hatten oder dessen verdächtigt wurden, also zählen weiße Frauen zu den Unterdrückern. „White women’s tears“ gelten als Rassismus gegen schwarze Männer.

Ein weiteres Merkmal der Rassismus-Theorien der heutigen Linken ist, dass es nicht darauf ankomme, wie etwas gemeint sei, sondern darauf, wie es auf das Gegenüber wirke. Wenn ich etwas nicht rassistisch meine, es aber einen Schwarzen verletzt, ist es rassistisch.

Das ist wieder halb richtig. Die, die von etwas getroffen werden, wissen besser, wie es sich anfühlt. Aber dann ist wieder das Problem: Wer genau entscheidet? Ein Afrikaner wird sich wegen etwas überhaupt keine Gedanken machen, das ein anderer Afrikaner beleidigend findet. Wenn es immer der einzelne definieren soll, dann gibt es gar keine Anhaltspunkte mehr, wie man sich verhalten soll, und jede Interaktion wid ein Minenfeld, und es wird für Menschen, die es genießen, auf anderen herumzutrampeln (und solche gibt es in jeder Gruppe), sehr leicht, andere einer „Mikroaggression“ zu beschuldigen. Was es hier braucht, sind natürlich objektive Höflichkeitsregeln, die dem Empfinden der großen Mehrheit entsprechen. (Zum Beispiel: Die Mehrheit der Betroffenen wird nicht darauf bestehen „person/people of color“ genannt zu werden statt „schwarz“, „dunkelhäutig“, „schwarzafrikanisch / afroamerikanisch / afrodeutsch / afrikanischer Herkunft“ o. Ä., aber das Wort „Neger“ gilt praktisch bei 100% als beleidigend, auch wenn es noch einzelne alte Leute gibt, die aus ihrer Kindheit gewohnt sind, es als neutrale Bezeichnung zu verwenden (vor 50 Jahren haben ja auch die Schwarzen selbst es noch als neutrale Bezeichnung verwendet), und das Wort „Nigger“ wurde eigentlich immer als irgendwie beleidigend verstanden, und ist es jetzt erst recht.) Und genau das haben wir nicht, sondern sich ständig verschiebende Torpfosten.

Verschiedene Empfindungen gibt es ja nicht nur bei Rassismus, sondern auch bei Feminismus oder „Ableismus“. Ich fühle mich als psychisch gestörte Frau überhaupt nicht beleidigt, wenn jemand keine Gendersprache verwendet oder „Der gehört doch ins Irrenhaus“ sagt.

Und es kommt auch nicht nur darauf an, wie etwas ankommt, sondern sehr wohl darauf, wie etwas gemeint ist. Es gibt immer Leute, die etwas Harmloses missverstehen wollen und sich wegen allem gleich beleidigt fühlen. („Schatz, sollen wir zur Feier des Tages mal Essen bestellen? Dann musst du dir auch nicht die Mühe mit dem Kochen machen.“ – „Dir schmeckt wohl mein Essen nicht, was?“)

Wenn man sagt, dass nur die Betroffenen etwas beurteilen können, kann man auch bei „Wer nicht Soldat war, darf auch nicht darüber urteilen, ob etwas ein Kriegsverbrechen ist“ landen, oder bei „Wer nie im Gefängnis war, darf auch nicht behaupten, dass ich nur meine gerechte Strafe für meine Betrügereien bekommen habe“.

Und es geht ja nicht nur darum, was man tun oder lassen sollte, sondern auch um die Schuld derer, die etwas getan oder gelassen haben. Und wenn jemand etwas freundlich meint, aber dabei etwas unsensibel oder gedankenlos ist oder vielleicht einfach ohne jede Schuld nie gehört hat, dass es unfreundlich sein könnte, dann kann man den nicht wie jemanden behandeln, der gegenüber einem Afrikaner Affenlaute macht.

Dieses „Die Absicht zählt nicht, es zählt, wie es ankommt!“-Denken führt zu den absurdesten Konsequenzen. In einem Park in Oakland wird ein Seil in einem Baum gefunden, irgendjemand meint, das sollte eine Schlinge sein, die jemand hingehängt habe, um Schwarzen zu drohen und sie an die Lynchmorde erinnern, die es bis vor einigen Jahrzehnten gab; ein Schwarzer meldet sich und erklärt, er habe das Seil als Teil einer Schaukelkonstruktion aufgehängt; die Bürgermeisterin erklärt, es werde trotzdem weiter wegen eines Hassverbrechens ermittelt, weil die Absicht nicht zähle. Hm.

Dann wird manches vielleicht Rassismus zugeschrieben, das nicht von Rassismus kommt – z. B. wenn manche Weiße einfach Schwarzen an die Haare fassen, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Solche Menschen fassen auch in einen Kinderwagen, um das (weiße) Baby an der Wange zu streicheln, oder fassen einer (weißen) Schwangeren an den Bauch; das Problem (und es ist ein Problem) ist hier Übergriffigkeit wegen Neugier/Faszination, nicht Rassenhass oder Verachtung. Auch diese Übergriffigkeit geht allerdings nicht über eine lässliche Sünde hinaus.

Oder nehmen wir die Beschuldigung, dass Ärzte oft die Klagen von „südländischen“ Patienten über Schmerzen nicht ernst nehmen und das verächtlich als „morbus mediterraneus“ (mediterrane Krankheit) oder Ähnliches bezeichnen. Nun ja, als chronisch kranke Biodeutsche kann ich sagen, dass Ärzte (mit ein paar rühmlichen Ausnahmen) Schmerz- und Symptombehandlung meistens gar nicht ernst nehmen und ihnen das alles relativ egal ist. Aber dass sie eine eigene Beleidigung für bestimmte Patienten haben, zeigt schon eine gewisse Verächtlichkeit. Freilich kann die aus Erfahrungswerten kommen, dass manche Patienten mehr klagen als andere – wobei Studien darauf hinweisen, dass die aus biologischen Gründen ein höheres Schmerzempfinden haben könnten. Medizinische Unterschiede zwischen Ethnien und Rassen gibt es ja; z. B. auch bei der Anfälligkeit für Laktoseintoleranz oder Sichelzellenanämie, und auch wenn sich Ärzte damit wenig auskennen, vielleicht, weil sie einfach in einem Land leben, das bis vor kurzem ethnisch relativ homogen war, ist das schlecht für Minderheiten. Aber statt dass man vernünftig darüber redet, endet man dabei, das wieder als Beweis für eine durchgängige, überall präsente Unterdrückung zu nehmen. Dabei könnte man solche „Beweise“ bei allen Gruppen finden. Ein Beispiel: Männer gelten allgemein als privilegiert, aber sie haben ein höheres Risiko für Obdachlosigkeit, eine kürzere Lebenserwartung und bekommen seltener vor Gericht das Sorgerecht zugesprochen. Ist das ein Beweis für ein gegen Männer gerichtetes System? Jede Gruppe ist irgendwo mal benachteiligt; es müsste darum gehen, herauszufinden, wie häufig das der Fall ist und was die Ursachen sind. Und dann darum, die Sache konkret zu verbessern, soweit es möglich ist.

Das System ist böse: Das ist das Grunddogma, auf dem alles beruht. Das System ist rassistisch, irgendwo muss immer Rassismus drinstecken, muss unterschwellig Rassismus gelehrt werden, in Kinderbüchern, in der Schule, in der Werbung. Im Ernst? Diese Biodeutsche hier ist mit Jim Knopf aufgewachsen (sehr gutes Buch) und mit Lesebuchtexten darüber, wie Leute ihre Vorurteile gegenüber türkischen Nachbarn und Mitschülern verlieren (cringe). In der Werbung würden nur weiße Körper als schön gelten? Wieso sehen wir dann überdurchschnittlich viele dunkelhäutige Models in der Werbung?

Die Intersektionalisten behaupten, dass manche Gruppen systematisch von Macht, Teilhabe, Wohlstand usw. ausgeschlossen werden; das müssen sie beweisen. Woran sieht man es, dass POC systematisch daran gehindert werden, etwas zu erreichen, und nicht gerade besonders gefördert werden?

Klischees werden in ihren Theorien grundsätzlich als böse behandelt, inklusive positive Klischees. Ob man annimmt, Afrikaner wären gute Basketballer oder Tänzer oder Asiaten wären erfolgreich und gut in der Schule, es ist böse. Nun ist es natürlich so, dass es ziemlich nerven kann, wenn man als Einzelner als Exemplar eines Klischees behandelt wird. Aber Klischees entstehen nun mal überall, wo verschiedene Gruppen miteinander zu tun haben – über Männer, Frauen, Boomer, Millenials, Norddeutsche, Rheinländer, Franzosen, Beamte, Hartz-IV-Empfänger, Ärzte – und die sind nicht einfach beliebig entstanden, sondern oft genug ein erworbener Ruf. (Über Gruppen, die sich praktisch gar nicht von anderen unterscheiden, wie, sagen wir, Linkshänder oder Menschen mit großen Ohrläppchen, gibt es gar keine Klischees.) Vielleicht manchmal ein verzerrter, von Gerüchten und nicht repräsentativen Erfahrungen geprägter Ruf, vielleicht sogar ein von böswilligen Verleumdungen geprägter Ruf (man bedenke, dass in der Antike über Christen das Klischee verbreitet war, sie würden kleine Kinder fressen), aber auch das nicht immer.

Wenn man immer wieder die Erfahrung macht, dass Frauen untereinander mehr zu Zickigkeit neigen als Männer untereinander oder als Frauen und Männer in gemischten Gruppen, ergibt sich eben dieses Klischee. Natürlich sollte man den Einzelnen nicht als jemanden sehen, der sowieso dem Klischee entsprechen wird, aber es ist nichts Böses, generell den Ruf einer Gruppe einzukalkulieren, bevor man persönliche Entscheidungen trifft (z. B., wenn man entscheiden muss, ob man seine Tochter wirklich auf eine Mädchenschule schicken will). Man kann nicht immer alle einzelnen Leute kennen, und muss vernünftig abwägen. Genauso ist es z. B. vollkommen legitim, es sich vorher zu überlegen, ob man wirklich das Risiko einer Beziehung mit jemandem eingehen will, der aus einem sehr anderen Kulturkreis kommt; denn ja, das kann große Probleme geben.

Man darf bei so einer Abwägung nicht gegen ein göttliches Gebot verstoßen; aber weder hat die Schule einen Anspruch darauf, dass man seine Tochter dahin schickt, noch hat ein Typ einen Anspruch darauf, dass man mit ihm ausgeht. In den USA wird manchmal „white flight“ kritisiert, also dass Weiße aus innerstädtischen Gebieten, in die mehr Schwarze gekommen sind, in die Vorstädte gezogen sind. Nun ist es leider so, dass Afroamerikaner überdurchschnittlich kriminell sind (inzwischen sind ein Drittel aller schwarzen Männer einmal vor Gericht wegen eines Verbrechens verurteilt worden; ein Anteil, der in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen ist, während Rassismus weniger geworden ist) und viele dieser Innenstädte zu No-Go-Areas geworden sind; und niemand hat einen Anspruch darauf, dass ein anderer in seiner Nachbarschaft wohnen bleibt. Bei Einstellungen für einen Job ist es natürlich komplizierter, denn Menschen brauchen Arbeit; aber hier kann man schließlich auch den einzelnen Bewerber ansehen.

(Es ist übrigens auch nicht böse, einfach mal nicht-feindselige Witze über Klischees zu machen, über die ein Betroffener auch selber lachen kann.)

Auch dass man andere „exotisiert“, sie als faszinierende fremdartige Touristenattraktionen behandelt, ist nichts, was auf Weiße gegenüber Schwarzen beschränkt wäre. Ich war mal mit einer Trachtengruppe an einer bayerischen Touristenattraktion (nicht Schloss Neuschwanstein übrigens), als zwei Reisebusse mit Japanern angekommen sind; die Japaner sind sofort hergekommen und haben angefangen, die kleinen Kinder in Tracht zu fotografieren; die selber sind auch hergelaufen und haben den Japanern gezeigt, wie sie schuhplatteln können. Ist das „othering“ und „dehumanizing“? Meine Güte.

Eins der bösesten Dinge ist für Linke inzwischen cultural appropriation, „kulturelle Aneignung“, also wenn z. B. Weiße Rastalocken haben oder von chinesischer Mode inspirierte Kleider anziehen. Für sie bedeutet das immer, eine Kultur in den Staub zu ziehen, egal, wie sehr derjenige diese Kultur wertschätzt. Eine Kultur wird als Besitz einer Gruppe behandelt, der ihr weggenommen wird, wenn andere sie imitieren. Begegnung zwischen Gruppen, gegenseitige Inspiration? Alles böse. (Nicht, dass ich besonders viel von Rastalocken halten würde.)

Es geht ihnen ständig um zwei Dinge: Macht und Identität, ohne dass die Macht einen objektiv guten Zweck oder die Identität einen objektiv guten Inhalt hat. Und ihr Gebaren ist oft genug ein einziges „Teile und herrsche“, bei dem sie andere Gruppen gegeneinander ausspielen.

Aber eins der größten Probleme bei den heutigen Anti-Rassisten ist, dass sie einerseits von „Mikroaggressionen“ und unbewusstem, „systemischen“ Rassismus reden, also von Dingen, die dann kleine, nicht-sündhafte Fehler bis lässliche Sünden sein müssten, das aber trotzdem als schwere, genauer gesagt sehr schwere, und auch nicht wirklich vergebbare Sünden behandeln.

Überhaupt ist ihre ganze Theorie ein „Motte-and-bailey“-Trick („Bergfried und Vorhof“) in Aktion: Wenn man angegriffen wird, zieht man sich auf den leicht zu verteidigenden Bergfried zurück („andere wegen ihrer Hautfarbe zu hassen ist schlecht“), wenn die Angriffe nachlassen, besetzt man wieder den schwer zu verteidigenden Vorhof („wer seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden lässt, ist ein böser Mensch“), und dann tut man so, als wären Bergfried und Vorhof identisch. Wer seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden lässt, begeht ein Hassverbrechen gegen amerikanische Ureinwohner, wer gegen Rassenhass ist, muss auch dagegen sein, seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden zu lassen.

Die Linken rufen oft naiven übertriebenen Anti-Rassismus (eine „Zu den Ausländern muss man besonders nett sein“-Einstellung, die zugegebenermaßen für alle Beteiligten nervig und peinlich sein kann) hervor, und nennen den dann auch wieder rassistisch. Einerseits kommen sie mit „Wenn du ’nicht mehr weißt, was du noch sagen darfst‘, zeigt das nur, dass du nicht mit den Leuten gesprochen hast, die es betrifft“; und darauf, dass Leute dann ihre einzige schwarze Bekannte schüchtern fragen „Du, Michaela, ist ’schwarz‘ eigentlich beleidigend, soll man lieber ‚dunkelhäutig‘ sagen???“, heißt es wiederum „POC sind nicht verpflichtet, für dich emotionale Arbeit zu erledigen und dir beizubringen, wie du nicht rassistisch bist, informier dich selber!“, als wäre das etwas anderes, als wenn Leute bei Problemen mit ihrem Excel-Programm erst mal dem einzigen Informatiker, den sie kennen, auf WhatsApp schreiben, anstatt einfach zu googeln. (Vielleicht kommt die Reaktion gegen solche Fragen aber auch aus dem Bewusstsein heraus, dass Michaela einiges nicht rassistisch finden wird, das die Infoseiten darüber, wie man ein guter Anti-Rassist ist, für rassistisch erklären?)

Diese Leute verlangen von Weißen, dass sie anerkennen sollen, dass sie Rassisten sind – und zwar jeder, denn es sei nicht möglich, als Weißer nicht von Rassismus geprägt und damit kein Rassist zu sein – , dass sie Geständnisse vorbringen, wo sie rassistisch waren. Und das führt zu den abstrusesten Selbstkritiksitzungen wie im maoistischen China. Wenn jemand sich nicht selbst als Rassist anklagen will, gilt das als white fragility, als neuer Beweis für Rassismus; hier ist jemand, der privilegiert ist und gar nicht sehen will, wie andere leiden, sofort beleidigt, wenn er ihr Leid sehen soll, wird behauptet. Der Intersektionalismus ist sehr praktisch für seine Befürworter, denn er ist nicht falsifizierbar, alles zählt als Beweis für ihn und nichts als Beweis gegen ihn.

Das alles ist eigentlich eine einzige Verschwörungstheorie: Der Westen ist böseböseböse, komplett vom Bösen durchdrungen, also muss man ihn überall angreifen, alles hier muss einfach böse sein und irgendwo von white supremacy kommen. Das hat die abstrusesten Folgen. Ich erinnere mich an einen Linken, der sich auf Twitter beschwert hat, er könne im Internet nichts zum rassistischen Ursprung des Begriffs „schwarzfahren“ finden. Spoiler: Dieser Begriff hat keinen rassistischen Ursprung. Er kommt nicht mal von einer Farbe, sondern von einem jiddischen Wort, das „arm“ bedeutet. Gerade werden überall von „Demonstranten“ und „Aktivisten“ Statuen gestürzt oder beschmiert, einfach, weil es Statuen von weißen Männern sind, egal, ob das Männer waren, die z. B. gegen die Sklaverei gekämpft haben oder wie der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes, der von muslimischen Piraten nach Algier verschleppt und ein paar Jahre lang als Sklave gehalten wurde, bevor er fliehen konnte, selbst Sklaven waren. Jep. Leute halten sich für Kämpfer für eine gerechte Welt, indem sie eine Statue von Cervantes beschmieren. Auch ein Kriegerdenkmal für schwarze Freiwillige der Unionsarmee im Sezessionskrieg wird da schon mal beschmiert.

Lustig ist auch die Geschichte mit dem Stadtwappen der Stadt Coburg, das einen Mohr enthält, dessen Entfernung seit neuestem vehement gefordert wird; lustig deshalb, weil es sich um den hl. Mauritius handelt, der schon von den Nazis aus dem Wappen entfernt und durch Schwert und Hakenkreuz ersetzt wurde. (Das Wort „Mohr“ war übrigens nie dasselbe wie das Wort „Neger“ oder gar das Wort „Nigger“.) Ob Nazi oder Intersektionalist: Schwarze Heilige wollen sie uns nicht verehren lassen. Ähnliches gilt ja für den Mohrenkönig bei den Sternsingern: Deutsche Linke haben irgendwie von amerikanischen Linken die Ansicht vermittelt bekommen, dass es Rassismus ist, wenn Weiße sich als Schwarze verkleiden („blackfacing“); in den USA ist das gar nicht so falsch, weil man dort die Geschichte der sich über Schwarze lustig machenden „minstrel shows“ aus früheren Zeiten hat, aber wenn deutsche Kinder sich als ein heiliger König verkleiden, der dem Sohn Gottes Geschenke gebracht hat, wird man das wohl kaum zur Verächtlichmachung deklarieren können. Die Legende, dass die Weisen aus dem Morgenland aus den drei im Mittelalter bekannten Erdteilen – Asien, Afrika und Europa – gekommen wären, hat gerade einen anti-rassistischen (im guten, normalen Sinn) Ursprung, nämlich die Überzeugung, dass alle Völker der Welt zu Christus gerufen sind. (Auch in den USA führt Anti-Blackface-Panik inzwischen freilich zu abstrusesten Ergebnissen, z. B. dass Folgen einer TV-Serie gestrichen werden, in denen weiße Figuren Schlammmasken im Gesicht haben, weil das ja als blackfacing verstanden werden könnte.)

Das könnte man alles nur für Dummheit und Übereifer halten, aber es ist nicht nur das, es ist Paranoia und Bosheit. Und schlimmer zeigt sich das bei anderen Themen.

Eins der beliebtesten Beispiele für „Alltagsrassismus“, das „südländische“ (arabische, türkische, nordafrikanische) oder schwarze Männer in deutschen Talkshows vorbringen, ist, dass Frauen, wenn sie sie sehen, ihre Handtasche enger an sich ziehen, sich in der Straßenbahn nicht neben sie setzen, oder sogar vor ihnen die Straßenseite wechseln. Und dieses Beispiel ist einfach nur völlig verdreht: Wenn eine Gruppe Männer sich tendenziell so verhält, dass Frauen tendenziell vor ihnen Angst haben, wer soll dann sein Verhalten ändern, die Männer oder die Frauen? „Aber der und der ist ja vielleicht ein sehr netter Mensch und kann nichts dafür“ Und? Auf wen soll er dann wütend sein, auf die nervöse Frau abends auf der Straße, die sich nach ihm umschaut, oder auf die anderen Männer, deren Verhalten dafür sorgt, dass sie nervös ist? Vorsicht ist nichts, wofür man sich rechtfertigen muss. Andere haben keinen Anspruch darauf, dass man unvorsichtig ist, damit sie sich besser fühlen. Wer hat hier die Macht? Der Mann oder die Frau? Wer hat hier Schlimmeres zu befürchten? Der Mann oder die Frau?

Machen wir das Ganze mal an einem Gedankenspiel deutlicher: Du stehst als junge Frau nachts um 11 Uhr an einem verlassenen ländlichen Bahnhof und musst noch zwanzig Minuten auf deinen Zug warten, Handy und Pfefferspray hast du zuhause liegenlassen, und jetzt kommt ein Mann auf den Bahnsteig. Du musst dir aussuchen, was für einer es sein soll: Ein Biodeutscher, ein Deutschtürke, ein Nigerianer oder ein Afghane. Die Herkunft ist das einzige Merkmal, das du weißt; kein Linker wird von deiner Wahl erfahren, aber du musst mit dieser Wahl leben.

Ich denke, ich habe gezeigt, was ich zeigen wollte. Und ich denke, es sollte klar, sein, dass das kein Rassismus ist.

Manchmal sind „Vorurteile“ gerade keine vorher gefällten Urteile. Ein Klischee kann, wie gesagt, ein selbst erworbener Ruf sein Ich habe sicherlich heute mehr Angst vor gewissen Asylbewerbern als im Jahr 2014. Der Unterschied? Die sind inzwischen seit Jahren im Land. Es gibt inzwischen leider viele Beispiele von Frauen und teilweise sehr jungen Mädchen, die von der linken Willkommenspropaganda geförderte Beziehungen mit (teilweise pseudo-„unbegleitet minderjährigen“) Flüchtlingen eingegangen sind und dann ein böses Erwachen bzgl. gewisser kultureller Unterschiede erlebt haben.

Es ist einfach eine Tatsache, dass manchmal gerade die, die eine Minderheit kennen, die größeren „Vorurteile“ haben. Europäer werfen weißen Amerikanern ihre Klischees bzgl. Afroamerikanern vor, Amerikaner können auf die Klischees der Europäer bzgl. der Roma hinweisen.

Besonders der Polizei wird gern „racial profiling“ vorgeworfen. Aber wenn die Polizei weiß, dass in einer Gegend der Drogenhandel in den Händen von Schwarzafrikanern liegt, und sie dann öfter Schwarzafrikaner kontrollieren, weil die sich öfter verdächtig verhalten, dann ist das einfach nur vernünftig. Es ist die Arbeit der Polizei, Verbrechen zu bekämpfen; und wenn eine Gruppe mehr Verbrechen begeht als andere, ist das deren Schuld und nicht die der Polizei. Der unbescholtene Schwarze, der öfter an dem Bahnsteig ist, an dem andere Schwarze mit Drogen dealen, weil er von da aus zur Arbeit fährt, und dann auch mal kontrolliert wird, weil die Polizei sein Verhalten falsch interpretiert, sollte nicht zornig auf die Polizei sein, sondern lieber auf die anderen Schwarzen, die ihm diesen Ruf einbringen. Auch hier wird wieder an einem Beispiel deutlich, dass die Polizei eben nicht einfach Rassenvorurteile hat: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Schwarzen mit Anzug und Aktentasche kontrollieren wird, der sie freundlich grüßt, oder eine schwarze Erzieherin, die mit einer Gruppe Kindergartenkinder unterwegs ist? Die Polizei geht nach Merkmalen, die ein Verbrechen wahrscheinlicher machen, und dazu gehören auch Kleidung, Geschlecht, Alter etc., was keine Ungerechtigkeit bedeutet. Und für den, der nichts zu verbergen hat und nicht gewalttätig wird, bedeutet eine Polizeikontrolle in Deutschland nichts anderes als eine kurzfristige Störung, wie jedem bewusst ist.

Wer nicht sehen will, dass „gewisse Gruppen“ objektiv krimineller sind (aus welchen Gründen auch immer), muss sich darüber beschweren, dass die Polizei rassistisch ist; und das bedeutet, dass die Polizei in Zukunft gefälligst nicht nach Verbrechen, sondern nach Rassenquoten kontrollieren und verhaften soll. Dabei kommen dann solche Sachen heraus wie die aus Pakistanis bestehenden „Grooming gangs“ von Rotherham, die sich jahrzehntelang sehr junge englische Mädchen gefügig gemacht und sie zur Prostitution gezwungen oder in Gruppen vergewaltigt hatten; die Polizei hatte die ganze Zeit über weggesehen. Oder man denke an die Kölner Silvesternacht, die ca. eine Woche lang von den Medien verheimlicht wurde. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Natürlich werden gerade dadurch Probleme verfestigt und es ändert sich nichts. Kriminalität ist ja nichts Angeborenes, sondern eine Entscheidung; freilich manchmal eine von Kulturen geförderte Entscheidung.

Aber zu verlangen, dass Gruppen sich kollektiv ändern können (und sollen), ist natürlich ein lupenreines Beispiel für Rassismus aus Sicht der Linken. Bei diesen Linken werden dann eben Pünktlichkeit, Vorausplanung und Höflichkeit als „white culture“ bezeichnet, die nachzuahmen man von POC gefälligst nicht erwarten sollte.

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(Nicht, dass alles in dieser Grafik gut wäre. Einiges ist zu typisch amerikanisch.)

Das objektiv Richtige ist hier natürlich völlig für einen Kulturrelativismus aufgegeben worden, also darf man auch von Leuten nicht erwarten, sich objektiv richtig zu verhalten. Diese Leute merken gar nicht, wie beleidigend ihr Getue gegenüber den Leuten ist, denen sie „helfen“ wollen.

Dafür kann man unzählige Beispiele sammeln. Von Angestellten Verlässlichkeit und Loyalität zu erwarten ist Rassismus, weil Schwarze das anscheinend nicht können:

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Mathematik ist rassistisch, weil Schwarze anscheinend nicht begreifen können, dass 2+2=4:

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Das sind keine extremen Äußerungen bei Einzelnen; dass Mathe und Naturwissenschaft rassistisch sind, weil sie zu westlich und „rationalistisch“ wären und „andere Formen von Wissen und Erkenntnis nicht als gültig ansehen würden“, ist inzwischen bei vielen dieser Leute anerkannt.

In anti-rassistischen Trainingseinheiten (wie sie in den USA in Firmen, Behörden, Unis schon üblich sind) werden alle möglichen Behauptungen aufgestellt und Erwartungen vorgegeben, damit man ein guter Verbündeter für POC sein kann:

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Wieso genau nochmal ist „körperliche Sicherheit“ aufzugeben?

Weiße haben „bedingungslose Solidarität“ zu zeigen. Wenn jemand sagt „Weiße machen mich so wütend, die würde ich am liebsten alle umbringen“, darf man also nicht sagen „Also, jetzt warte mal“.

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Als am unterdrücktesten gelten ja weltweit die Schwarzen, aber lustig sind auch immer Türken und Araber, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen und verfolgte Minderheiten spielen – und die Linken, die dabei mitmachen. Für westliche, v. a. amerikanische, Linke ist es ganz klar: Es gibt „white people“, „black people“, und „brown people“, die erste Kategorie ist schlecht, die letzteren beiden sind praktisch gleich (beide zusammen „people of color“), nur wird die dritte vielleicht etwas weniger unterdrückt. Das sollten sie mal den philippinischen Gastarbeitern erzählen, die von extrem reichen Saudis wie Sklaven gehalten werden (beide „brown“), den schwarzafrikanischen Migranten, die in Libyen, seitdem dort nach Gaddafis Tod Anarchie herrscht, wieder auf realen Sklavenmärkten landen, oder den von den hellhäutigeren, aus höheren Kasten stammenden verachteten dunkelhäutigeren Unberührbaren in Indien. Der Rassismus der Nordafrikaner oder Chinesen gegenüber den Schwarzafrikanern oder der der hellhäutigeren Inder gegenüber den dunkelhäutigeren Indern ist ja etwas, das nicht so wirklich bekannt, aber sehr groß ist. Und die Türkei beispielsweise ist gerade kein unterdrücktes Dritte-Welt-Land, sondern ein etwas heruntergekommenes völkermordendes und versklavendes Imperium.

Lächerlich ist z. B. auch, wie gerade auf „weißen“ Darstellungen Jesu herumgehackt wird. Antike ägyptische Ikonen sehen übrigens so aus:

(Christus Pantokrator, aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai. Gemeinfrei.)

Besonders dunkelhäutig sind auch heutige Juden (oder Libanesen oder Syrer…) nicht, sogar den ein oder anderen Braunhaarigen oder Blonden findet man im Nahen Osten.

Aber natürlich sind auch solche ganz europäisierten Bilder vollkommen legitim:

(Bildquelle hier. Gemeinfrei.)

Solche Bilder sind es ja auch:

Chinese Madonna. St. Francis' Church, Macao.jpg

(Bildquelle hier. Gemeinfrei.)

„Inkulturation“, wie man so sagt. Der Herr ist eben tatsächlich für alle gekommen, sogar für blonde blasse blauäugige Europäer.

 

Und viel zu wenige etwas gegen all das. Man will nicht als Rassist gelten, natürlich; aber auf solche Verleumdungen darf man einfach möglichst nichts mehr geben, und wenigstens ein bisschen etwas sagen kann man oft. Wir wissen ja ungefähr, was kommt, wenn den Linken nichts entgegengehalten werden wird. Man sieht das teilweise jetzt schon.

Der Vorwurf des Rassismus ruiniert Leben, zurzeit besonders in den USA; man könnte unzählige Beispiele von Doxxing, Entlassungen, Todesdrohungen und Gewalt wegen angeblichem oder tatsächlichem „Rassismus“ und „Mikroaggressionen“ aufzählen. Der derzeitige Anti-Rassismus sorgt dafür, dass es für die Buren kein Asyl in Europa oder Amerika gibt, weil sie eine Gruppe sind, der kein Opferstatus zusteht, er sorgt dafür, dass Verbrechen von zertifizierten Opfergruppen nicht benannt werden dürfen, und da haben wir noch gar nicht von der ganzen generellen Gewalt geredet, die der Vorwurf gegen „DAS SYSTEM“ gerade hervorbringt – die Randale, die Plünderungen, die zusammengeschlagenen oder sogar getöteten Leute, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren, die Gewalt gegen Polizisten. (Wenn der BBC Überschriften wie „27 Polizisten bei größtenteils friedlicher Demonstration verletzt“ schreibt, weiß man nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Wie sähe denn eine unfriedliche Demonstration aus?) In Berlin gibt es seit neuestem ein Antidiskriminierungsgesetz, das bei Beschwerden gegen die Polizei etc. die Beweislast umkehrt (§ 7 LADG: „Werden Tatsachen glaubhaft gemacht, die das Vorliegen eines Verstoßes gegen § 2oder § 6 wahrscheinlich machen, obliegt es der öffentlichen Stelle, den Verstoß zuwiderlegen.“) und damit natürlich kriminellen Clans ein gutes Instrument an die Hand gibt, die Polizeiarbeit zu erschweren. Und Berlin ist zwar linksextremistisch regiert, aber noch nicht ganz so linksextremistisch, wie es möglich wäre; für etwas, das näher an das Traumbild der Linken herankommt, lohnt sich ein Blick auf die kurzzeitig existierende Autonome Zone in Seattle (CHAZ/CHOP), die von einer Art Warlord, dem Hip-Hop-Künstler Raz Simone, übernommen wurde und mit diversen Schießereien geendet hat, deren Opfer schwarze Teenager waren. Ach ja, eine Art Segregation wurde dort auch eingeführt (für Weiße verbotene Zonen).

Anti-Rassismus scheint manchmal so harmlos und selbstverständlich. „Black Lives Matter“, „schwarze Leben sind von Bedeutung“ – welcher Mensch würde gegen einen solchen Slogan argumentieren? Aber die Mitglieder der Organisation BLM und die Demonstranten, die ihnen folgen, wollen eben nicht einfach sagen, dass schwarze Leben von Bedeutung sind, sondern dass für alle, die nicht genau ihrer politischen Einstellung folgen, schwarze Leben nicht von Bedeutung sind.

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Und BLM ist eine marxistische Organisation, die auf ihrer Website auch erstaunlich viel darüber redet, LGBTQ-Zeug zu fördern (v. a. in Bezug auf Transpersonen), die Kernfamilie durch eine Art Kollektivismus ersetzen will, und die Polizei reduzieren oder gleich ganz abschaffen und durch Sozialarbeiter o. Ä. ersetzen („defund the police“ / „abolish the police“) will. Ich denke mir das nicht aus. Etliche Linke sind inzwischen wirklich überzeugt, dass, wenn man nur ihre Lieblingspolitik umsetzen würde, es keine Einbrüche und Überfälle mehr gäbe und es keine Polizei mehr bräuchte. Viele US-Linke machen sehr klar, dass sie keine reformierte, gute Polizei wollen, sondern dass sie die Existenz der Polizei an sich als Problem sehen. (Und das schwappt rüber nach Deutschland, wo wir nicht mal das Problem mit Polizeigewalt haben, das in den USA gibt, sondern nur eins mit Gewalt gegen Polizei.***)

Man unterstellt Linken immer so gute Motive. Sie wollen ja nur das Beste; sie wollen Unterdrückten helfen. Das ist falsch.

Linke – nicht alle, aber einige, vor allem die Radikaleren und die Anführer – sind unfähig, etwas zu lieben, das da ist, und etwas aufzubauen. Sie können Strukturen nur abbauen, nur dekonstruieren; nicht ohne Grund klingen Dekonstruktion und Destruktion so ähnlich. Man liebt seine Familie oder seine Heimat? Ab ins Gulag. Linke erklären ihre Liebe für das Ferne und Abstrakte, nie für das Nahe und Reale; sobald etwas nahe und real wird, hassen sie es wieder.

(Das sieht man auch schön daran, wie schnell sie ihre Familien hassen. Ich bin mir in vielen Dingen mit Familienmitgliedern uneinig, und würde nie auf die Idee kommen, sie deswegen so zu hassen.)

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Sie haben ein Problem mit Autorität und erklären deshalb alle Autorität für böse. (Natürlich wird die Sache dadurch verkompliziert, dass Autoritäten manchmal böse sind; aber eine Gesellschaft ohne sie wird ein reines Chaos, in dem Macht für Recht gilt, und sich sehr viel bösere neue Autoritäten herausbilden.) Sie fühlen sich überlegen, indem sie für etwas scheinbar Gutes kämpfen, das aber nie da sein wird und nie da sein kann, und weil das nie da sein wird und nie da sein kann, können sie immer weiter kämpfen und gegen ihre Feinde als gegen Feinde der Menschheit vorgehen und ihren Sadismus gegen sie ausleben. Einerseits erklären Linke, dass Einbrecher und Schläger keine bösen Menschen wären und nur traumatisiert oder in Not wären, andererseits sind alle Nicht-Linken für sie das fleischgewordene Böse; denen wird keine schwere Kindheit angerechnet.

In etwas lustigerer Form ausgedrückt (ja, das ist ernst gemeint):

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Es wird so gern propagiert, dass die „Rebellen“ und „Revolutionäre“ die Guten sind; dabei sind sie meistens fanatische Terroristen und machtgierige Putschisten.

Das Ironische ist, dass Linke nicht mal denen helfen, denen sie zu helfen vorgeben. Wo machen „Menschen mit Migrationshintergrund“ häufiger Schulabschluss und Ausbildung oder Studium? Im linksextremen Berlin oder im nicht ganz so linken Bayern? Eben. Wo leiden Leute mit weniger Einkommen in den Vierteln, in denen sie leben müssen, eher unter Kriminalität und Arbeitslosigkeit? In Berlin oder in Bayern? Eben. Selbst in den USA ist es ja so, dass es mit Gewaltkriminalität in von Demokraten regierten Städten am schlimmsten ist.

 

Zuletzt:

Es ist in Ordnung, für sich selbst einzustehen, und erst recht in Ordnung, für seine Freunde einzustehen. Es ist in Ordnung, zu sagen: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich entschuldige mich nicht bei euch, ich distanziere mich nicht in vorauseilendem Gehorsam von Freunden oder Bekannten oder auch Unbekannten, von denen ich mich distanzieren soll, weil sie angeblich unsensibel gewesen sein sollen, ich gehe bei Rassismusvorwürfen nicht von ’schuldig bis zum Beweis der Unschuld‘ aus, sondern gerade nach diesen vielen falschen Vorwürfen gehe ich von ‚unschuldig bis zum Beweis der Schuld‘ aus, und ich behandle solche Dinge in keinem Fall als unvergebbar.“ (Und wenn man doch was hat, wofür man sich wirklich zu entschuldigen hat? Dann macht man das erstens (wenn nötig) in der Beichte und zweitens mit den direkt Betroffenen aus, nicht vor einem Mob, den man nie zufriedenstellen können wird. Linke sind wie ein missbräuchlicher Partner oder ein Erpresser: Man kann es ihnen nie recht machen, egal wie sehr man sich anstrengt; und je mehr man nachgibt, desto mehr tyrannisieren sie einen. Selbst wenn man einen Fehler gemacht hat, es bringt nichts, das vor ihnen zuzugeben; von ihnen muss man nur wegkommen.)

Als Hobbykasuistin will ich keine moralischen Verpflichtungen behaupten, die nicht da sind. Was gut und vorbildlich wäre, ist nicht immer verpflichtend; und es ist nie eine Sünde, etwas nicht Verpflichtendes nicht zu tun, weil man es einfach nicht will. Es ist nicht immer verpflichtend, alles zu sagen, was man sich denkt, und manchmal kann es erlaubt sein, „an sich wahre Dinge“ zu sagen, die in eine falsche Richtung gehen, weil man sonst entsprechende Nachteile zu befürchten hätte, z. B. im Beruf, oder seine Familie von sich entfremden würde; manchmal ist das sogar aus Klugheit notwendig und gut. Aber generell ist es nicht gut, und zwar auch nicht gut für einen selber. Man mag sich selbst irgendwann nicht mehr. Man sollte so wahrhaftig sein, wie man eben kann, und mit erhobenem Haupt vor anderen stehen. Kriecherei ist keine Demut, Selbstachtung kein Hochmut. Es ist gut, zu sagen, was man sagen kann, und andere zu unterstützen, die sich mehr zu sagen trauen, als man sich selbst traut. Auf keinen Fall sollte man anderen auf der eigenen Seite in den Rücken fallen; auch wenn sie es übertreiben, sollte man das nie mehr verurteilen, als man gleich große Übertreibungen auf linker Seite verurteilt. Es ist gut, die Wahrheit zu wissen über den Wahnsinn, der gerade abgeht, sogar, wenn man nichts daran ändern kann; man fühlt sich sehr erleichtert, wenn man alles einordnen kann und nicht mehr bei Lügen und Verdrehungen beteiligt sein muss.

Man sollte keine allgemeinen „Rassismus ist böse, wir sind alle gegen Rassismus“-Statements abgeben, gerade nicht als größere Organisation, gerade nicht als katholische Organisation. Denn diese Statements werden nicht im Sinn von „Rassismus ist böse, wir sind alle gegen Rassismus“ verstanden, sondern im Sinn von „Ja, es stimmt, dass es bei uns furchtbaren, alles durchdringenden Rassismus gibt und alle Weißen sich für gewöhnlich im gewohnheitsmäßigen Zustand der schweren Sünde befinden, erst recht aber jene, die nicht uneingeschränkt die Ziele von BLM unterstützen, also geht alle zu den entsprechenden Protesten, wählt links und sagt auf keinen Fall etwas gegen Gewalt bei besagten Protesten“. Wenn man unter kommunistischer Herrschaft allgemeine „Ausbeutung ist schlecht“-Phrasen von sich gibt, um seine Herren zufriedenzustellen, wird das als „Ich bin für den Sozialismus“ verstanden. Das muss man sich vor Augen halten.

 

* Kurze Anmerkung zum Begriff „Rasse“: Die Verwendung dieses Begriffs ist nicht rassistisch. (Witzigerweise etwas, wobei die US-Linken mit mir übereinstimmen; es sind die deutschen Linken, die ein unerklärliches Problem damit haben.) Der Begriff „Rassismus“ (ungerechte Behandlung wegen der Rasse) setzt gerade den Begriff der „Rasse“ voraus, wie der Begriff „Sexismus“ (ungerechte Behandlung wegen des Geschlechts) den Begriff des „Geschlechts“ (Englisch „sex“) voraussetzt. Die Bezeichnung der Menschheit als „menschliche Rasse“ ist übrigens irreführend; die Menschheit ist eine Spezies, womit man in der Biologie die Gesamtheit der Individuen bezeichnet, die miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen können. Rassen sind nur Untergruppen innerhalb einer Spezies mit gewissen Gemeinsamkeiten, wobei die Übergänge zwischen ihnen fließend sind und es immer „Mischlinge“ gibt. (Pferde sind eine Spezies, Haflinger eine Rasse.) Ethnien (ethnos = Volk) sind noch kleinere Untergruppen der menschlichen Spezies, die sich nicht nur durch Abstammung, sondern auch durch eine gemeinsame Identität bestimmen. Igbo und Bamiléké sind verschiedene Ethnien, gehören aber zur selben Rasse; dasselbe bei Belgiern und Franzosen.

** Hier mal nur so viel: Es wird hier meistens an die Schlagworte Sklaverei und Kolonialismus gedacht; die in Verbindung zu bringen ist allerdings ziemlich blöd, denn die Sklaverei in Afrika wurde erst durch den Kolonialismus abgeschafft, und das war tatsächlich ein Anliegen, das den Kolonialherren wichtig war und für das sie einigen personellen und finanziellen Einsatz aufwandten. Wenn Schwarzafrikaner heute nicht mehr auf den Märkten von Sansibar, Mekka und Istanbul landen, ist das nur den europäischen Schutztruppen mit ihren Tropenhelmen zu verdanken.

*** Zu den USA auch nochmal ein eigener Post; hier sei nur kurz angemerkt, dass es da sicherlich ein gewisses Problem mit Polizeigewalt gibt, die aber ziemlich gerecht unter den Rassen aufgeteilt ist, wenn man die Statistiken ansieht.