Christliche Kultur am Sonntag: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Der Historienfilm von 1966 (Originaltitel: „A man for all seasons“) handelt vom hl. Thomas Morus (gespielt von Paul Scofield), den König Heinrich VIII. von England 1535 wegen angeblichen Hochverrats enthaupten ließ.

Der Film beginnt, als Heinrich VIII. beginnt, sich beim Papst um eine Annullierung seiner Ehe mit Königin Katharina zu bemühen, um seine Mätresse Anne Boleyn heiraten zu können; sein Lordkanzler, Kardinal Wolsey, ist ihm dabei behilflich. Thomas Morus, humanistischer Schriftsteller, Richter und Mitglied des Kronrats, im Gegensatz zu den typischen Höflingen unbestechlich als Richter und trotz seiner Kritik an kirchlichen Missständen frommer Katholik, ist zwar dagegen, verhält sich aber nach außen hin diskret und hält sich eher fern von den höfischen Intrigen. Als Wolsey stirbt, wird Morus vom König (der ihn schätzt und irgendwie bewundert) auf dessen Amt erhoben, das er erfüllt, bis der König, der vom Papst das Urteil erhalten hat, dass seine Ehe gültig und daher nicht auflösbar ist, sich selbst zum obersten Herrn der Kirche von England erklärt, die Ehe für ungültig erklären lässt, Katharina verstößt und Anne heiratet. Thomas Morus tritt vom Amt des Lordkanzlers zurück, in Stille und ohne Gründe anzugeben, und zieht sich auf das Anwesen seiner Familie in der Umgebung von London zurück. Er schweigt zu allem, was der König nun tut.

(Thomas Morus als Lordkanzler, Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren. Gemeinfrei.)

Genau dieses Schweigen jedoch hält Heinrich VIII. nicht aus; während alle anderen Höflinge und Staatsmänner, denen er es abverlangt, ihm zustimmen und dann auch den Eid auf die schließlich erlassene Suprematsakte und die Anerkennung der neuen Ehe mit Anne Boleyn ablegen, schweigt Morus. Dafür wird er in den Tower geworfen und immer wieder von Untersuchungskommissionen verhört, denen gegenüber er sich weigert, seine Gründe anzugeben. Er ist sogar bereit, Annes Nachkommen als Thronfolger anzuerkennen, wenn der König das bestimmt, auch wenn er sie nicht als ehelich anerkennt, und sich weigert, das Papsttum zu verleugnen. Überall erntet er Unverständnis; der Herzog von Norfolk, früher sein Freund, bemüht sich, ihm Vernunft einzubläuen, selbst seine Familie will ihn irgendwann überreden, nachzugeben, nachdem er lange im Tower eingekerkert war.

Morus schweigt weiter. Er legt es nicht darauf an, dem König entgegenzutreten; er sieht sich nicht als jemand, der das Martyrium suchen will. Aber er ist nicht bereit, sein Gewissen zu verletzen und den Eid zu schwören. Schließlich wird ihm der Prozess gemacht.

Eindrucksvoll ist die Szene, in der Thomas Morus betet, bevor er in den Gerichtssaal geht; eindrucksvoll auch der Gegensatz zwischen den letzten Worten von Kardinal Wolsey auf dem Sterbebett – „Hätte ich meinem Gott nur halb so treu gedient wie meinem König, müsste ich jetzt nicht so verlassen sterben“ – und den letzten Worten von Thomas Morus auf dem Schafott – „Ich sterbe als treuer Diener des Königs, aber vor allem als treuer Diener Gottes“.

Christliche Kultur am Sonntag: „Ich beichte“ (Hitchcock)

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Ich beichte“

Dieser Hitchcock-Film von 1953 (dessen Titel „I confess“ in der deutschen Synchronisation besser „Ich bekenne“ genannt hätte werden sollen; aber man kann nun mal nicht alles haben) ist wahrscheinlich der großartigste Film über die Bedeutung des Beichtgeheimnisses, der je gemacht wurde.

Québec, Kanada, Anfang der 1950er: Otto Keller, der als Hausmeister bei einer katholischen Pfarrei arbeitet, bricht eines späten Abends, verkleidet mit einer priesterlichen Soutane, bei dem wohlhabenden Rechtsanwalt Villette ein, um Geld zu stehlen; als der ihn überrascht, schlägt er ihn im Affekt tot. Er flüchtet, legt die Soutane ab, und geht in die Kirche, wo er den jungen Priester Michael Logan (großartig gespielt von Montgomery Clift) trifft. Der von seiner Tat verstörte Keller legt bei Pater Logan die Beichte ab.

Am nächsten Tag ist seine Reue von seiner Angst vor Entdeckung und dem Tod durch Hängen überschattet; auf keinen Fall will er sich stellen, und er denkt nur noch daran, wie er seine Tat verbergen kann. Er geht zu Villette, bei dem er einmal in der Woche gearbeitet hat, tut so, als ob er die Leiche fände, und verständigt die Polizei. Die findet bald zwei Mädchen, die gesehen haben, wie am fraglichen Abend ein Priester Villettes Haus verlassen hat. Die Ermittler überprüfen die Alibis aller Priester aus der Gegend; nur Pater Logan hat für die halbe Stunde der Tatzeit keines, der Inspektor Larrue meint verdächtiges Verhalten an ihm zu sehen, und dann taucht ein mögliches Motiv auf. Pater Logan, der an das Beichtgeheimnis gebunden ist, kann nur schweigen oder sagen: Ich kann nichts sagen. Schließlich wird er des Mordes angeklagt.

Was ist Rassismus? Teil 1: Ein paar Probleme mit dem Intersektionalismus

Rassismus ist: Jemanden wegen seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe zu hassen, zu verachten oder ungerecht zu behandeln; den moralischen Wert eines Menschen an seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe festzumachen; jemanden ausschließlich als Exemplar seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe zu behandeln anstatt als Individuum. Ungefähr so würden das viele wahrscheinlich definieren.*

Die an den Unis dominierenden – besser gesagt, tyrannisierenden – Theorien (Intersektionalismus, „critical race theory“ und wie das ganze Gelump noch so genannt wird) definieren das lange nicht mehr so. Allein diese Definition sehen sie schon als rassistisch. Und mittlerweile bleiben sie nicht mehr nur an den Unis, daher hier mal ein paar Anmerkungen zu ihnen; zu ihren schlimmsten Auswirkungen komme ich ein gutes Stück weiter unten.

 

Diese Theorien gehen grundsätzlich davon aus, dass „das System“, das gegenwärtig existiert, Unterdrückung bedeuten muss, und man diese Unterdrückung abbauen, zerlegen muss, aus Strukturen ausbrechen muss (ich muss bei diesem Bild an entgleißende Züge und von Stahl durchbohrte Tote denken); Dekonstruktion und Problematisierung sind die Stichworte. Zum Intersektionalismus gehört eine gewisse Opferhierarchie: Schwarze haben es schwerer als Weiße, Frauen schwerer als Männer, Homosexuelle schwerer als Heterosexuelle, „Transpersonen“ schwerer als „Cisgender“, Muslime schwerer als Christen, Behinderte schwerer als Nicht-Behinderte, und müssen deshalb besonders bevorzugt werden; besonders trifft das zu, wenn mehrere Unterdrückungsmerkmale zusammentreffen (die chronisch kranke schwarze lesbische Muslima z. B. steht relativ weit oben). In der Theorie ist diese Theorie anfangs noch nicht so schlimm, wie sie dann wird. Sie sagt auch nicht, dass jeder Schwarze es schlechter hat als jeder Weiße, sondern dass es ein Weißer, der es schlecht hat, in derselben Situation noch schlechter hätte, wenn er schwarz wäre, also nicht, dass ein schwarzer Millionär es schlechter hat als ein weißer Obdachloser, sondern dass ein schwarzer Obdachloser es schlechter hat als ein weißer Obdachloser und ein schwarzer Millionär immer noch mit mehr Vorurteilen zu kämpfen hat als ein weißer Millionär. Diese Theorie ist oft falsch, denn in vielen Situationen gibt es gerade einen gewissen Minderheitenbonus; aber selbst wenn sie in der Theorie wahr wäre, wird sie in der Praxis extrem falsch: Denn die Intersektionalisten handeln so, als würden sie glauben, dass z. B. ein weißer heterosexueller Mann kein Opfer mehr  sein kann und auch kein Mitleid und keine Aufmerksamkeit verdient. Sie sehen zuerst die Gruppenzugehörigkeit eines Menschen an, und erst dann den Menschen selbst, wenn sie ihn überhaupt noch ansehen.

Rassismus gilt dabei als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, weshalb es auch einen „antimuslimischen Rassismus“ geben kann, obwohl Muslime gerade eine Gruppe sind, die sich durch gemeinsame Überzeugungen statt durch unveränderliche Merkmale wie die Abstammung definiert; es gibt ja sowohl indonesische als auch albanische als auch kenianische als auch „biodeutsche“ Muslime. Dass diese Definition nicht konsistent durchgehalten wird, ist eh klar; gegen eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gegen AfD-Wähler haben Linke überhaupt nichts. Ich sage das nicht, weil Linke selbst sich vom Vorwurf der Heuchelei und Inkosistenz beeindrucken ließen, denn das tun sie nicht; sie sind von Hass auf das, was ist und ihnen als dominant erscheint, getrieben, nicht von logisch konsistenten Überzeugungen; ich sage es für die Leser, die diesen Ideologien noch nicht verfallen sind.

Die Denkweise hinter dem „Anti-Rassismus“ dieser Leute ist einfach:

Weiße haben so lange Schwarze immer nur unterdrückt, jetzt ist es mal an der Zeit, dass Schwarze Weiße unterdrücken.

(Dass der erste Halbsatz historisch eigentlich nicht ganz richtig ist (nein, ist er tatsächlich nicht), dazu in einem kommenden Beitrag.**)

„Weiße“ und „Schwarze“ können oft auch durch andere Gruppen ersetzt werden, wie „Heterosexuelle“ und „Homosexuelle“, aber ich will mich in diesem Beitrag mal auf das Thema Rassismus konzentrieren, weil das gerade dominant ist.

Zum Intersektionalismus gehört grundsätzlich die Leugnung, dass es „reverse racism“ („Umkehr-Rassismus“) geben kann. Schwarze könnten nicht rassistisch gegenüber Weißen sein, weil es zu Rassismus gehöre, dass derjenige, der feindselig oder ungerecht sei, institutionelle Macht habe, und Weiße würden grundsätzlich institutionelle Macht haben. Wenn also z. B. tausende weiße Farmer in Südafrika ermordet werden, weil sie weiß sind, dann ist das nicht Rassismus, und eigentlich auch irgendwie verständlich; wenn „biodeutsche“ Kinder in mehrheitlich „Migrationshintergrund habenden“ Klassen gemobbt werden, dann ist das nicht Rassismus, und eigentlich auch irgendwie verständlich.

Das ist eigentlich eine etwas seltsame Sichtweise, wenn man bedenkt, dass sich Feindseligkeit, historisch gesehen, oft gegen angebliche oder wirkliche Unterdrücker, gegen angeblich oder wirklich privilegierte Eliten gerichtet hat – die Tutsi oder die Armenier sind Beispiele für Opfer einer ins Extreme getriebenen solchen Feindseligkeit. Nun kann man sagen, „aber in Wirklichkeit waren die eine unterdrückte oder zumindest angefeindete Minderheit“. Waren sie das mehr als, sagen wir, die Weißen im heutigen Südafrika? Die politische Macht haben letztere verloren; rechtlich haben sie keine Vorteile mehr (in einzelnen Fällen sogar Nachteile, weil Schwarze z. B. bei der Vergabe von Studienplätzen offiziell bevorzugt werden, damit angenommene Nachteile ausgeglichen werden sollen); vermögensmäßig sind sie durchschnittlich besser aufgestellt, aber das, nun ja, waren auch andere angefeindete Minderheiten; und es gibt Parteien, die offen dazu aufrufen, sie zu ermorden. (Ja, richtig gelesen. Bei Parteiführern wie Julius Malema (Economic Freedom Fighters, EFF; die drittgrößte Partei in Südafrika) findet man Aussagen wie „Wir rufen nicht zur Abschlachtung der Weißen auf, jedenfalls nicht vorerst“. „Kill the farmer, kill the boer“ ist auch so ein beliebter Spruch bei diesen Leuten. (Die Buren/Afrikaaner (boers) sind die Nachfahren der calvinistischen niederländischen Siedler, die schon seit dem 17. Jahrhundert Südafrika besiedelten und später die Apartheid einführten.) Die Farmmorde werden mit unglaublicher Brutalität ausgeführt. Bei den derzeitigen „Protesten“ in den USA und anderswo, bei denen Statuen gestürzt werden usw., wird ja auch ganz gern so was wie „Kill whitey“und „Kill all whites“ an die Sockel hingesprüht. Denkt man, das würde nur Gerede bleiben? Das tut es schon jetzt nicht.)

Wer weiß ist, ist nach diesem Denken schuldig; wächst mit Rassismus auf, profitiert von Rassismus, verinnerlicht rassistisches Denken; und ist daher Rassist. Darum müssen Weiße alles tun, um „allies“ zu sein, um jetzt POC (people of color) nach vorne zu bringen, selbst zurücktreten, und ihre eigene „Whiteness“ zu bekämpfen. Wer das nicht tut: Rassist. „White silence is violence“, „weißes Schweigen ist Gewalt“. Aber selbst die, die es tun, sind keine guten Menschen, sondern höchstens weniger schlechte.

Von Kritikern der Linken wird diese Unveränderlichkeit des Rassist-Seins gern mit der Erbsünde verglichen; dieser Vergleich ist Schwachsinn. Erstens geht es bei der Erbsünde um etwas Reales, zweitens gibt es von ihr Erlösung, drittens sind reuige Sünder im Christentum willkommen. Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lk 15,7) In der Linken herrscht keine Freude über „allies“, eher eine „jetzt bildest du dir auch noch was drauf ein, dass du nicht mehr ganz so scheiße bist, was?“-Einstellung.

Ein schönes Beispiel für den Umgang der Weißen und Nicht-Weißen in der linken Szene untereinander kann man in diesem Facebookbeitrag sehen:

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„Deine Aufgabe ist es, ein Körper zu sein.“ Wie oben gesagt: Weiße haben so lange Schwarze immer nur unterdrückt, jetzt ist es mal an der Zeit, dass Schwarze Weiße unterdrücken. 

Es gibt natürlich eine Idee, die solche „Leitlinien“ attraktiv machen kann: Wenn es um die Belange, Probleme, Rechte einer bestimmten Gruppe geht, soll man die lieber selber zu Wort kommen lassen, statt für sie zu reden. Aber hier wird daraus gefolgert, dass andere ihr „zu allen Zeiten“ zu gehorchen haben, dass sie nichts bedeuten, dass sie nichts zu sein haben als Werkzeuge, als Körper. Kann sich irgendwer vorstellen, dass die schwarzen und weißen Organisatoren solcher Proteste miteinander befreundet sein könnten? Ehrlich Freunde sein, sich gegenseitig mögen könnten? Ich mir nicht.

Man halte so was bitte nicht für einen Einzelfall; solche Äußerungen kann man tausendfach finden, ohne lange suchen zu müssen. Um mal ein anderes Beispiel für den Wunsch, die Unterdrückung umzukehren, zu nehmen: Da gäbe es einen neuen Film aus den USA namens „Cracka“, der nur aus einer sadistischen Phantasie des „reverse racism“ besteht, in der Schwarze Weiße als Sklaven halten.

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(„Ihr habt unsere Töchter vergewaltigt, was, wenn wir eure vergewaltigen würden?“ „Was, wenn“? Bei einem Afroamerikaner ist es fünf Mal so wahrscheinlich, dass er eine Vergewaltigung begeht, wie bei einem weißen Amerikaner (und acht Mal so wahrscheinlich, dass er einen Mord, und drei Mal so wahrscheinlich, dass er einen Einbruch begeht).)

Es ist auch immer ganz lustig, wie darum gerungen wird, wer als unterdrückte Minderheit gelten darf, wieder v. a., wenn man die amerikanischen Linken so beobachtet. Dürfen Juden als unterdrückt zählen, oder sind sie schon wieder Unterdrücker, und die Palästinenser von ihnen unterdrückt? Dürfen „white-passing“ Leute (Leute mit dunkelhäutigeren Vorfahren, die aber selbst „als weiß durchgehen“) sich unterdrückt fühlen oder profitieren sie wieder von Unterdrückung und sind darum Unterdrücker? Wie sieht es mit weißen Frauen aus? Einerseits ist man in diesen Kreisen auch sehr feministisch eingestellt, was heißt, dass Frauen Opfer sind, andererseits wurden früher Schwarze gelyncht, wenn sie weiße Frauen vergewaltigt hatten oder dessen verdächtigt wurden, also zählen weiße Frauen zu den Unterdrückern. „White women’s tears“ gelten als Rassismus gegen schwarze Männer.

Ein weiteres Merkmal der Rassismus-Theorien der heutigen Linken ist, dass es nicht darauf ankomme, wie etwas gemeint sei, sondern darauf, wie es auf das Gegenüber wirke. Wenn ich etwas nicht rassistisch meine, es aber einen Schwarzen verletzt, ist es rassistisch.

Das ist wieder halb richtig. Die, die von etwas getroffen werden, wissen besser, wie es sich anfühlt. Aber dann ist wieder das Problem: Wer genau entscheidet? Ein Afrikaner wird sich wegen etwas überhaupt keine Gedanken machen, das ein anderer Afrikaner beleidigend findet. Wenn es immer der einzelne definieren soll, dann gibt es gar keine Anhaltspunkte mehr, wie man sich verhalten soll, und jede Interaktion wid ein Minenfeld, und es wird für Menschen, die es genießen, auf anderen herumzutrampeln (und solche gibt es in jeder Gruppe), sehr leicht, andere einer „Mikroaggression“ zu beschuldigen. Was es hier braucht, sind natürlich objektive Höflichkeitsregeln, die dem Empfinden der großen Mehrheit entsprechen. (Zum Beispiel: Die Mehrheit der Betroffenen wird nicht darauf bestehen „person/people of color“ genannt zu werden statt „schwarz“, „dunkelhäutig“, „schwarzafrikanisch / afroamerikanisch / afrodeutsch / afrikanischer Herkunft“ o. Ä., aber das Wort „Neger“ gilt praktisch bei 100% als beleidigend, auch wenn es noch einzelne alte Leute gibt, die aus ihrer Kindheit gewohnt sind, es als neutrale Bezeichnung zu verwenden (vor 50 Jahren haben ja auch die Schwarzen selbst es noch als neutrale Bezeichnung verwendet), und das Wort „Nigger“ wurde eigentlich immer als irgendwie beleidigend verstanden, und ist es jetzt erst recht.) Und genau das haben wir nicht, sondern sich ständig verschiebende Torpfosten.

Verschiedene Empfindungen gibt es ja nicht nur bei Rassismus, sondern auch bei Feminismus oder „Ableismus“. Ich fühle mich als psychisch gestörte Frau überhaupt nicht beleidigt, wenn jemand keine Gendersprache verwendet oder „Der gehört doch ins Irrenhaus“ sagt.

Und es kommt auch nicht nur darauf an, wie etwas ankommt, sondern sehr wohl darauf, wie etwas gemeint ist. Es gibt immer Leute, die etwas Harmloses missverstehen wollen und sich wegen allem gleich beleidigt fühlen. („Schatz, sollen wir zur Feier des Tages mal Essen bestellen? Dann musst du dir auch nicht die Mühe mit dem Kochen machen.“ – „Dir schmeckt wohl mein Essen nicht, was?“)

Wenn man sagt, dass nur die Betroffenen etwas beurteilen können, kann man auch bei „Wer nicht Soldat war, darf auch nicht darüber urteilen, ob etwas ein Kriegsverbrechen ist“ landen, oder bei „Wer nie im Gefängnis war, darf auch nicht behaupten, dass ich nur meine gerechte Strafe für meine Betrügereien bekommen habe“.

Und es geht ja nicht nur darum, was man tun oder lassen sollte, sondern auch um die Schuld derer, die etwas getan oder gelassen haben. Und wenn jemand etwas freundlich meint, aber dabei etwas unsensibel oder gedankenlos ist oder vielleicht einfach ohne jede Schuld nie gehört hat, dass es unfreundlich sein könnte, dann kann man den nicht wie jemanden behandeln, der gegenüber einem Afrikaner Affenlaute macht.

Dieses „Die Absicht zählt nicht, es zählt, wie es ankommt!“-Denken führt zu den absurdesten Konsequenzen. In einem Park in Oakland wird ein Seil in einem Baum gefunden, irgendjemand meint, das sollte eine Schlinge sein, die jemand hingehängt habe, um Schwarzen zu drohen und sie an die Lynchmorde erinnern, die es bis vor einigen Jahrzehnten gab; ein Schwarzer meldet sich und erklärt, er habe das Seil als Teil einer Schaukelkonstruktion aufgehängt; die Bürgermeisterin erklärt, es werde trotzdem weiter wegen eines Hassverbrechens ermittelt, weil die Absicht nicht zähle. Hm.

Dann wird manches vielleicht Rassismus zugeschrieben, das nicht von Rassismus kommt – z. B. wenn manche Weiße einfach Schwarzen an die Haare fassen, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Solche Menschen fassen auch in einen Kinderwagen, um das (weiße) Baby an der Wange zu streicheln, oder fassen einer (weißen) Schwangeren an den Bauch; das Problem (und es ist ein Problem) ist hier Übergriffigkeit wegen Neugier/Faszination, nicht Rassenhass oder Verachtung. Auch diese Übergriffigkeit geht allerdings nicht über eine lässliche Sünde hinaus.

Oder nehmen wir die Beschuldigung, dass Ärzte oft die Klagen von „südländischen“ Patienten über Schmerzen nicht ernst nehmen und das verächtlich als „morbus mediterraneus“ (mediterrane Krankheit) oder Ähnliches bezeichnen. Nun ja, als chronisch kranke Biodeutsche kann ich sagen, dass Ärzte (mit ein paar rühmlichen Ausnahmen) Schmerz- und Symptombehandlung meistens gar nicht ernst nehmen und ihnen das alles relativ egal ist. Aber dass sie eine eigene Beleidigung für bestimmte Patienten haben, zeigt schon eine gewisse Verächtlichkeit. Freilich kann die aus Erfahrungswerten kommen, dass manche Patienten mehr klagen als andere – wobei Studien darauf hinweisen, dass die aus biologischen Gründen ein höheres Schmerzempfinden haben könnten. Medizinische Unterschiede zwischen Ethnien und Rassen gibt es ja; z. B. auch bei der Anfälligkeit für Laktoseintoleranz oder Sichelzellenanämie, und auch wenn sich Ärzte damit wenig auskennen, vielleicht, weil sie einfach in einem Land leben, das bis vor kurzem ethnisch relativ homogen war, ist das schlecht für Minderheiten. Aber statt dass man vernünftig darüber redet, endet man dabei, das wieder als Beweis für eine durchgängige, überall präsente Unterdrückung zu nehmen. Dabei könnte man solche „Beweise“ bei allen Gruppen finden. Ein Beispiel: Männer gelten allgemein als privilegiert, aber sie haben ein höheres Risiko für Obdachlosigkeit, eine kürzere Lebenserwartung und bekommen seltener vor Gericht das Sorgerecht zugesprochen. Ist das ein Beweis für ein gegen Männer gerichtetes System? Jede Gruppe ist irgendwo mal benachteiligt; es müsste darum gehen, herauszufinden, wie häufig das der Fall ist und was die Ursachen sind. Und dann darum, die Sache konkret zu verbessern, soweit es möglich ist.

Das System ist böse: Das ist das Grunddogma, auf dem alles beruht. Das System ist rassistisch, irgendwo muss immer Rassismus drinstecken, muss unterschwellig Rassismus gelehrt werden, in Kinderbüchern, in der Schule, in der Werbung. Im Ernst? Diese Biodeutsche hier ist mit Jim Knopf aufgewachsen (sehr gutes Buch) und mit Lesebuchtexten darüber, wie Leute ihre Vorurteile gegenüber türkischen Nachbarn und Mitschülern verlieren (cringe). In der Werbung würden nur weiße Körper als schön gelten? Wieso sehen wir dann überdurchschnittlich viele dunkelhäutige Models in der Werbung?

Die Intersektionalisten behaupten, dass manche Gruppen systematisch von Macht, Teilhabe, Wohlstand usw. ausgeschlossen werden; das müssen sie beweisen. Woran sieht man es, dass POC systematisch daran gehindert werden, etwas zu erreichen, und nicht gerade besonders gefördert werden?

Klischees werden in ihren Theorien grundsätzlich als böse behandelt, inklusive positive Klischees. Ob man annimmt, Afrikaner wären gute Basketballer oder Tänzer oder Asiaten wären erfolgreich und gut in der Schule, es ist böse. Nun ist es natürlich so, dass es ziemlich nerven kann, wenn man als Einzelner als Exemplar eines Klischees behandelt wird. Aber Klischees entstehen nun mal überall, wo verschiedene Gruppen miteinander zu tun haben – über Männer, Frauen, Boomer, Millenials, Norddeutsche, Rheinländer, Franzosen, Beamte, Hartz-IV-Empfänger, Ärzte – und die sind nicht einfach beliebig entstanden, sondern oft genug ein erworbener Ruf. (Über Gruppen, die sich praktisch gar nicht von anderen unterscheiden, wie, sagen wir, Linkshänder oder Menschen mit großen Ohrläppchen, gibt es gar keine Klischees.) Vielleicht manchmal ein verzerrter, von Gerüchten und nicht repräsentativen Erfahrungen geprägter Ruf, vielleicht sogar ein von böswilligen Verleumdungen geprägter Ruf (man bedenke, dass in der Antike über Christen das Klischee verbreitet war, sie würden kleine Kinder fressen), aber auch das nicht immer.

Wenn man immer wieder die Erfahrung macht, dass Frauen untereinander mehr zu Zickigkeit neigen als Männer untereinander oder als Frauen und Männer in gemischten Gruppen, ergibt sich eben dieses Klischee. Natürlich sollte man den Einzelnen nicht als jemanden sehen, der sowieso dem Klischee entsprechen wird, aber es ist nichts Böses, generell den Ruf einer Gruppe einzukalkulieren, bevor man persönliche Entscheidungen trifft (z. B., wenn man entscheiden muss, ob man seine Tochter wirklich auf eine Mädchenschule schicken will). Man kann nicht immer alle einzelnen Leute kennen, und muss vernünftig abwägen. Genauso ist es z. B. vollkommen legitim, es sich vorher zu überlegen, ob man wirklich das Risiko einer Beziehung mit jemandem eingehen will, der aus einem sehr anderen Kulturkreis kommt; denn ja, das kann große Probleme geben.

Man darf bei so einer Abwägung nicht gegen ein göttliches Gebot verstoßen; aber weder hat die Schule einen Anspruch darauf, dass man seine Tochter dahin schickt, noch hat ein Typ einen Anspruch darauf, dass man mit ihm ausgeht. In den USA wird manchmal „white flight“ kritisiert, also dass Weiße aus innerstädtischen Gebieten, in die mehr Schwarze gekommen sind, in die Vorstädte gezogen sind. Nun ist es leider so, dass Afroamerikaner überdurchschnittlich kriminell sind (inzwischen sind ein Drittel aller schwarzen Männer einmal vor Gericht wegen eines Verbrechens verurteilt worden; ein Anteil, der in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen ist, während Rassismus weniger geworden ist) und viele dieser Innenstädte zu No-Go-Areas geworden sind; und niemand hat einen Anspruch darauf, dass ein anderer in seiner Nachbarschaft wohnen bleibt. Bei Einstellungen für einen Job ist es natürlich komplizierter, denn Menschen brauchen Arbeit; aber hier kann man schließlich auch den einzelnen Bewerber ansehen.

(Es ist übrigens auch nicht böse, einfach mal nicht-feindselige Witze über Klischees zu machen, über die ein Betroffener auch selber lachen kann.)

Auch dass man andere „exotisiert“, sie als faszinierende fremdartige Touristenattraktionen behandelt, ist nichts, was auf Weiße gegenüber Schwarzen beschränkt wäre. Ich war mal mit einer Trachtengruppe an einer bayerischen Touristenattraktion (nicht Schloss Neuschwanstein übrigens), als zwei Reisebusse mit Japanern angekommen sind; die Japaner sind sofort hergekommen und haben angefangen, die kleinen Kinder in Tracht zu fotografieren; die selber sind auch hergelaufen und haben den Japanern gezeigt, wie sie schuhplatteln können. Ist das „othering“ und „dehumanizing“? Meine Güte.

Eins der bösesten Dinge ist für Linke inzwischen cultural appropriation, „kulturelle Aneignung“, also wenn z. B. Weiße Rastalocken haben oder von chinesischer Mode inspirierte Kleider anziehen. Für sie bedeutet das immer, eine Kultur in den Staub zu ziehen, egal, wie sehr derjenige diese Kultur wertschätzt. Eine Kultur wird als Besitz einer Gruppe behandelt, der ihr weggenommen wird, wenn andere sie imitieren. Begegnung zwischen Gruppen, gegenseitige Inspiration? Alles böse. (Nicht, dass ich besonders viel von Rastalocken halten würde.)

Es geht ihnen ständig um zwei Dinge: Macht und Identität, ohne dass die Macht einen objektiv guten Zweck oder die Identität einen objektiv guten Inhalt hat. Und ihr Gebaren ist oft genug ein einziges „Teile und herrsche“, bei dem sie andere Gruppen gegeneinander ausspielen.

Aber eins der größten Probleme bei den heutigen Anti-Rassisten ist, dass sie einerseits von „Mikroaggressionen“ und unbewusstem, „systemischen“ Rassismus reden, also von Dingen, die dann kleine, nicht-sündhafte Fehler bis lässliche Sünden sein müssten, das aber trotzdem als schwere, genauer gesagt sehr schwere, und auch nicht wirklich vergebbare Sünden behandeln.

Überhaupt ist ihre ganze Theorie ein „Motte-and-bailey“-Trick („Bergfried und Vorhof“) in Aktion: Wenn man angegriffen wird, zieht man sich auf den leicht zu verteidigenden Bergfried zurück („andere wegen ihrer Hautfarbe zu hassen ist schlecht“), wenn die Angriffe nachlassen, besetzt man wieder den schwer zu verteidigenden Vorhof („wer seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden lässt, ist ein böser Mensch“), und dann tut man so, als wären Bergfried und Vorhof identisch. Wer seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden lässt, begeht ein Hassverbrechen gegen amerikanische Ureinwohner, wer gegen Rassenhass ist, muss auch dagegen sein, seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden zu lassen.

Die Linken rufen oft naiven übertriebenen Anti-Rassismus (eine „Zu den Ausländern muss man besonders nett sein“-Einstellung, die zugegebenermaßen für alle Beteiligten nervig und peinlich sein kann) hervor, und nennen den dann auch wieder rassistisch. Einerseits kommen sie mit „Wenn du ’nicht mehr weißt, was du noch sagen darfst‘, zeigt das nur, dass du nicht mit den Leuten gesprochen hast, die es betrifft“; und darauf, dass Leute dann ihre einzige schwarze Bekannte schüchtern fragen „Du, Michaela, ist ’schwarz‘ eigentlich beleidigend, soll man lieber ‚dunkelhäutig‘ sagen???“, heißt es wiederum „POC sind nicht verpflichtet, für dich emotionale Arbeit zu erledigen und dir beizubringen, wie du nicht rassistisch bist, informier dich selber!“, als wäre das etwas anderes, als wenn Leute bei Problemen mit ihrem Excel-Programm erst mal dem einzigen Informatiker, den sie kennen, auf WhatsApp schreiben, anstatt einfach zu googeln. (Vielleicht kommt die Reaktion gegen solche Fragen aber auch aus dem Bewusstsein heraus, dass Michaela einiges nicht rassistisch finden wird, das die Infoseiten darüber, wie man ein guter Anti-Rassist ist, für rassistisch erklären?)

Diese Leute verlangen von Weißen, dass sie anerkennen sollen, dass sie Rassisten sind – und zwar jeder, denn es sei nicht möglich, als Weißer nicht von Rassismus geprägt und damit kein Rassist zu sein – , dass sie Geständnisse vorbringen, wo sie rassistisch waren. Und das führt zu den abstrusesten Selbstkritiksitzungen wie im maoistischen China. Wenn jemand sich nicht selbst als Rassist anklagen will, gilt das als white fragility, als neuer Beweis für Rassismus; hier ist jemand, der privilegiert ist und gar nicht sehen will, wie andere leiden, sofort beleidigt, wenn er ihr Leid sehen soll, wird behauptet. Der Intersektionalismus ist sehr praktisch für seine Befürworter, denn er ist nicht falsifizierbar, alles zählt als Beweis für ihn und nichts als Beweis gegen ihn.

Das alles ist eigentlich eine einzige Verschwörungstheorie: Der Westen ist böseböseböse, komplett vom Bösen durchdrungen, also muss man ihn überall angreifen, alles hier muss einfach böse sein und irgendwo von white supremacy kommen. Das hat die abstrusesten Folgen. Ich erinnere mich an einen Linken, der sich auf Twitter beschwert hat, er könne im Internet nichts zum rassistischen Ursprung des Begriffs „schwarzfahren“ finden. Spoiler: Dieser Begriff hat keinen rassistischen Ursprung. Er kommt nicht mal von einer Farbe, sondern von einem jiddischen Wort, das „arm“ bedeutet. Gerade werden überall von „Demonstranten“ und „Aktivisten“ Statuen gestürzt oder beschmiert, einfach, weil es Statuen von weißen Männern sind, egal, ob das Männer waren, die z. B. gegen die Sklaverei gekämpft haben oder wie der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes, der von muslimischen Piraten nach Algier verschleppt und ein paar Jahre lang als Sklave gehalten wurde, bevor er fliehen konnte, selbst Sklaven waren. Jep. Leute halten sich für Kämpfer für eine gerechte Welt, indem sie eine Statue von Cervantes beschmieren. Auch ein Kriegerdenkmal für schwarze Freiwillige der Unionsarmee im Sezessionskrieg wird da schon mal beschmiert.

Lustig ist auch die Geschichte mit dem Stadtwappen der Stadt Coburg, das einen Mohr enthält, dessen Entfernung seit neuestem vehement gefordert wird; lustig deshalb, weil es sich um den hl. Mauritius handelt, der schon von den Nazis aus dem Wappen entfernt und durch Schwert und Hakenkreuz ersetzt wurde. (Das Wort „Mohr“ war übrigens nie dasselbe wie das Wort „Neger“ oder gar das Wort „Nigger“.) Ob Nazi oder Intersektionalist: Schwarze Heilige wollen sie uns nicht verehren lassen. Ähnliches gilt ja für den Mohrenkönig bei den Sternsingern: Deutsche Linke haben irgendwie von amerikanischen Linken die Ansicht vermittelt bekommen, dass es Rassismus ist, wenn Weiße sich als Schwarze verkleiden („blackfacing“); in den USA ist das gar nicht so falsch, weil man dort die Geschichte der sich über Schwarze lustig machenden „minstrel shows“ aus früheren Zeiten hat, aber wenn deutsche Kinder sich als ein heiliger König verkleiden, der dem Sohn Gottes Geschenke gebracht hat, wird man das wohl kaum zur Verächtlichmachung deklarieren können. Die Legende, dass die Weisen aus dem Morgenland aus den drei im Mittelalter bekannten Erdteilen – Asien, Afrika und Europa – gekommen wären, hat gerade einen anti-rassistischen (im guten, normalen Sinn) Ursprung, nämlich die Überzeugung, dass alle Völker der Welt zu Christus gerufen sind. (Auch in den USA führt Anti-Blackface-Panik inzwischen freilich zu abstrusesten Ergebnissen, z. B. dass Folgen einer TV-Serie gestrichen werden, in denen weiße Figuren Schlammmasken im Gesicht haben, weil das ja als blackfacing verstanden werden könnte.)

Das könnte man alles nur für Dummheit und Übereifer halten, aber es ist nicht nur das, es ist Paranoia und Bosheit. Und schlimmer zeigt sich das bei anderen Themen.

Eins der beliebtesten Beispiele für „Alltagsrassismus“, das „südländische“ (arabische, türkische, nordafrikanische) oder schwarze Männer in deutschen Talkshows vorbringen, ist, dass Frauen, wenn sie sie sehen, ihre Handtasche enger an sich ziehen, sich in der Straßenbahn nicht neben sie setzen, oder sogar vor ihnen die Straßenseite wechseln. Und dieses Beispiel ist einfach nur völlig verdreht: Wenn eine Gruppe Männer sich tendenziell so verhält, dass Frauen tendenziell vor ihnen Angst haben, wer soll dann sein Verhalten ändern, die Männer oder die Frauen? „Aber der und der ist ja vielleicht ein sehr netter Mensch und kann nichts dafür“ Und? Auf wen soll er dann wütend sein, auf die nervöse Frau abends auf der Straße, die sich nach ihm umschaut, oder auf die anderen Männer, deren Verhalten dafür sorgt, dass sie nervös ist? Vorsicht ist nichts, wofür man sich rechtfertigen muss. Andere haben keinen Anspruch darauf, dass man unvorsichtig ist, damit sie sich besser fühlen. Wer hat hier die Macht? Der Mann oder die Frau? Wer hat hier Schlimmeres zu befürchten? Der Mann oder die Frau?

Machen wir das Ganze mal an einem Gedankenspiel deutlicher: Du stehst als junge Frau nachts um 11 Uhr an einem verlassenen ländlichen Bahnhof und musst noch zwanzig Minuten auf deinen Zug warten, Handy und Pfefferspray hast du zuhause liegenlassen, und jetzt kommt ein Mann auf den Bahnsteig. Du musst dir aussuchen, was für einer es sein soll: Ein Biodeutscher, ein Deutschtürke, ein Nigerianer oder ein Afghane. Die Herkunft ist das einzige Merkmal, das du weißt; kein Linker wird von deiner Wahl erfahren, aber du musst mit dieser Wahl leben.

Ich denke, ich habe gezeigt, was ich zeigen wollte. Und ich denke, es sollte klar, sein, dass das kein Rassismus ist.

Manchmal sind „Vorurteile“ gerade keine vorher gefällten Urteile. Ein Klischee kann, wie gesagt, ein selbst erworbener Ruf sein Ich habe sicherlich heute mehr Angst vor gewissen Asylbewerbern als im Jahr 2014. Der Unterschied? Die sind inzwischen seit Jahren im Land. Es gibt inzwischen leider viele Beispiele von Frauen und teilweise sehr jungen Mädchen, die von der linken Willkommenspropaganda geförderte Beziehungen mit (teilweise pseudo-„unbegleitet minderjährigen“) Flüchtlingen eingegangen sind und dann ein böses Erwachen bzgl. gewisser kultureller Unterschiede erlebt haben.

Es ist einfach eine Tatsache, dass manchmal gerade die, die eine Minderheit kennen, die größeren „Vorurteile“ haben. Europäer werfen weißen Amerikanern ihre Klischees bzgl. Afroamerikanern vor, Amerikaner können auf die Klischees der Europäer bzgl. der Roma hinweisen.

Besonders der Polizei wird gern „racial profiling“ vorgeworfen. Aber wenn die Polizei weiß, dass in einer Gegend der Drogenhandel in den Händen von Schwarzafrikanern liegt, und sie dann öfter Schwarzafrikaner kontrollieren, weil die sich öfter verdächtig verhalten, dann ist das einfach nur vernünftig. Es ist die Arbeit der Polizei, Verbrechen zu bekämpfen; und wenn eine Gruppe mehr Verbrechen begeht als andere, ist das deren Schuld und nicht die der Polizei. Der unbescholtene Schwarze, der öfter an dem Bahnsteig ist, an dem andere Schwarze mit Drogen dealen, weil er von da aus zur Arbeit fährt, und dann auch mal kontrolliert wird, weil die Polizei sein Verhalten falsch interpretiert, sollte nicht zornig auf die Polizei sein, sondern lieber auf die anderen Schwarzen, die ihm diesen Ruf einbringen. Auch hier wird wieder an einem Beispiel deutlich, dass die Polizei eben nicht einfach Rassenvorurteile hat: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Schwarzen mit Anzug und Aktentasche kontrollieren wird, der sie freundlich grüßt, oder eine schwarze Erzieherin, die mit einer Gruppe Kindergartenkinder unterwegs ist? Die Polizei geht nach Merkmalen, die ein Verbrechen wahrscheinlicher machen, und dazu gehören auch Kleidung, Geschlecht, Alter etc., was keine Ungerechtigkeit bedeutet. Und für den, der nichts zu verbergen hat und nicht gewalttätig wird, bedeutet eine Polizeikontrolle in Deutschland nichts anderes als eine kurzfristige Störung, wie jedem bewusst ist.

Wer nicht sehen will, dass „gewisse Gruppen“ objektiv krimineller sind (aus welchen Gründen auch immer), muss sich darüber beschweren, dass die Polizei rassistisch ist; und das bedeutet, dass die Polizei in Zukunft gefälligst nicht nach Verbrechen, sondern nach Rassenquoten kontrollieren und verhaften soll. Dabei kommen dann solche Sachen heraus wie die aus Pakistanis bestehenden „Grooming gangs“ von Rotherham, die sich jahrzehntelang sehr junge englische Mädchen gefügig gemacht und sie zur Prostitution gezwungen oder in Gruppen vergewaltigt hatten; die Polizei hatte die ganze Zeit über weggesehen. Oder man denke an die Kölner Silvesternacht, die ca. eine Woche lang von den Medien verheimlicht wurde. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Natürlich werden gerade dadurch Probleme verfestigt und es ändert sich nichts. Kriminalität ist ja nichts Angeborenes, sondern eine Entscheidung; freilich manchmal eine von Kulturen geförderte Entscheidung.

Aber zu verlangen, dass Gruppen sich kollektiv ändern können (und sollen), ist natürlich ein lupenreines Beispiel für Rassismus aus Sicht der Linken. Bei diesen Linken werden dann eben Pünktlichkeit, Vorausplanung und Höflichkeit als „white culture“ bezeichnet, die nachzuahmen man von POC gefälligst nicht erwarten sollte.

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(Nicht, dass alles in dieser Grafik gut wäre. Einiges ist zu typisch amerikanisch.)

Das objektiv Richtige ist hier natürlich völlig für einen Kulturrelativismus aufgegeben worden, also darf man auch von Leuten nicht erwarten, sich objektiv richtig zu verhalten. Diese Leute merken gar nicht, wie beleidigend ihr Getue gegenüber den Leuten ist, denen sie „helfen“ wollen.

Dafür kann man unzählige Beispiele sammeln. Von Angestellten Verlässlichkeit und Loyalität zu erwarten ist Rassismus, weil Schwarze das anscheinend nicht können:

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Mathematik ist rassistisch, weil Schwarze anscheinend nicht begreifen können, dass 2+2=4:

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Das sind keine extremen Äußerungen bei Einzelnen; dass Mathe und Naturwissenschaft rassistisch sind, weil sie zu westlich und „rationalistisch“ wären und „andere Formen von Wissen und Erkenntnis nicht als gültig ansehen würden“, ist inzwischen bei vielen dieser Leute anerkannt.

In anti-rassistischen Trainingseinheiten (wie sie in den USA in Firmen, Behörden, Unis schon üblich sind) werden alle möglichen Behauptungen aufgestellt und Erwartungen vorgegeben, damit man ein guter Verbündeter für POC sein kann:

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Wieso genau nochmal ist „körperliche Sicherheit“ aufzugeben?

Weiße haben „bedingungslose Solidarität“ zu zeigen. Wenn jemand sagt „Weiße machen mich so wütend, die würde ich am liebsten alle umbringen“, darf man also nicht sagen „Also, jetzt warte mal“.

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Als am unterdrücktesten gelten ja weltweit die Schwarzen, aber lustig sind auch immer Türken und Araber, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen und verfolgte Minderheiten spielen – und die Linken, die dabei mitmachen. Für westliche, v. a. amerikanische, Linke ist es ganz klar: Es gibt „white people“, „black people“, und „brown people“, die erste Kategorie ist schlecht, die letzteren beiden sind praktisch gleich (beide zusammen „people of color“), nur wird die dritte vielleicht etwas weniger unterdrückt. Das sollten sie mal den philippinischen Gastarbeitern erzählen, die von extrem reichen Saudis wie Sklaven gehalten werden (beide „brown“), den schwarzafrikanischen Migranten, die in Libyen, seitdem dort nach Gaddafis Tod Anarchie herrscht, wieder auf realen Sklavenmärkten landen, oder den von den hellhäutigeren, aus höheren Kasten stammenden verachteten dunkelhäutigeren Unberührbaren in Indien. Der Rassismus der Nordafrikaner oder Chinesen gegenüber den Schwarzafrikanern oder der der hellhäutigeren Inder gegenüber den dunkelhäutigeren Indern ist ja etwas, das nicht so wirklich bekannt, aber sehr groß ist. Und die Türkei beispielsweise ist gerade kein unterdrücktes Dritte-Welt-Land, sondern ein etwas heruntergekommenes völkermordendes und versklavendes Imperium.

Lächerlich ist z. B. auch, wie gerade auf „weißen“ Darstellungen Jesu herumgehackt wird. Antike ägyptische Ikonen sehen übrigens so aus:

(Christus Pantokrator, aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai. Gemeinfrei.)

Besonders dunkelhäutig sind auch heutige Juden (oder Libanesen oder Syrer…) nicht, sogar den ein oder anderen Braunhaarigen oder Blonden findet man im Nahen Osten.

Aber natürlich sind auch solche ganz europäisierten Bilder vollkommen legitim:

(Bildquelle hier. Gemeinfrei.)

Solche Bilder sind es ja auch:

Chinese Madonna. St. Francis' Church, Macao.jpg

(Bildquelle hier. Gemeinfrei.)

„Inkulturation“, wie man so sagt. Der Herr ist eben tatsächlich für alle gekommen, sogar für blonde blasse blauäugige Europäer.

 

Und viel zu wenige etwas gegen all das. Man will nicht als Rassist gelten, natürlich; aber auf solche Verleumdungen darf man einfach möglichst nichts mehr geben, und wenigstens ein bisschen etwas sagen kann man oft. Wir wissen ja ungefähr, was kommt, wenn den Linken nichts entgegengehalten werden wird. Man sieht das teilweise jetzt schon.

Der Vorwurf des Rassismus ruiniert Leben, zurzeit besonders in den USA; man könnte unzählige Beispiele von Doxxing, Entlassungen, Todesdrohungen und Gewalt wegen angeblichem oder tatsächlichem „Rassismus“ und „Mikroaggressionen“ aufzählen. Der derzeitige Anti-Rassismus sorgt dafür, dass es für die Buren kein Asyl in Europa oder Amerika gibt, weil sie eine Gruppe sind, der kein Opferstatus zusteht, er sorgt dafür, dass Verbrechen von zertifizierten Opfergruppen nicht benannt werden dürfen, und da haben wir noch gar nicht von der ganzen generellen Gewalt geredet, die der Vorwurf gegen „DAS SYSTEM“ gerade hervorbringt – die Randale, die Plünderungen, die zusammengeschlagenen oder sogar getöteten Leute, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren, die Gewalt gegen Polizisten. (Wenn der BBC Überschriften wie „27 Polizisten bei größtenteils friedlicher Demonstration verletzt“ schreibt, weiß man nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Wie sähe denn eine unfriedliche Demonstration aus?) In Berlin gibt es seit neuestem ein Antidiskriminierungsgesetz, das bei Beschwerden gegen die Polizei etc. die Beweislast umkehrt (§ 7 LADG: „Werden Tatsachen glaubhaft gemacht, die das Vorliegen eines Verstoßes gegen § 2oder § 6 wahrscheinlich machen, obliegt es der öffentlichen Stelle, den Verstoß zuwiderlegen.“) und damit natürlich kriminellen Clans ein gutes Instrument an die Hand gibt, die Polizeiarbeit zu erschweren. Und Berlin ist zwar linksextremistisch regiert, aber noch nicht ganz so linksextremistisch, wie es möglich wäre; für etwas, das näher an das Traumbild der Linken herankommt, lohnt sich ein Blick auf die kurzzeitig existierende Autonome Zone in Seattle (CHAZ/CHOP), die von einer Art Warlord, dem Hip-Hop-Künstler Raz Simone, übernommen wurde und mit diversen Schießereien geendet hat, deren Opfer schwarze Teenager waren. Ach ja, eine Art Segregation wurde dort auch eingeführt (für Weiße verbotene Zonen).

Anti-Rassismus scheint manchmal so harmlos und selbstverständlich. „Black Lives Matter“, „schwarze Leben sind von Bedeutung“ – welcher Mensch würde gegen einen solchen Slogan argumentieren? Aber die Mitglieder der Organisation BLM und die Demonstranten, die ihnen folgen, wollen eben nicht einfach sagen, dass schwarze Leben von Bedeutung sind, sondern dass für alle, die nicht genau ihrer politischen Einstellung folgen, schwarze Leben nicht von Bedeutung sind.

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Und BLM ist eine marxistische Organisation, die auf ihrer Website auch erstaunlich viel darüber redet, LGBTQ-Zeug zu fördern (v. a. in Bezug auf Transpersonen), die Kernfamilie durch eine Art Kollektivismus ersetzen will, und die Polizei reduzieren oder gleich ganz abschaffen und durch Sozialarbeiter o. Ä. ersetzen („defund the police“ / „abolish the police“) will. Ich denke mir das nicht aus. Etliche Linke sind inzwischen wirklich überzeugt, dass, wenn man nur ihre Lieblingspolitik umsetzen würde, es keine Einbrüche und Überfälle mehr gäbe und es keine Polizei mehr bräuchte. Viele US-Linke machen sehr klar, dass sie keine reformierte, gute Polizei wollen, sondern dass sie die Existenz der Polizei an sich als Problem sehen. (Und das schwappt rüber nach Deutschland, wo wir nicht mal das Problem mit Polizeigewalt haben, das in den USA gibt, sondern nur eins mit Gewalt gegen Polizei.***)

Man unterstellt Linken immer so gute Motive. Sie wollen ja nur das Beste; sie wollen Unterdrückten helfen. Das ist falsch.

Linke – nicht alle, aber einige, vor allem die Radikaleren und die Anführer – sind unfähig, etwas zu lieben, das da ist, und etwas aufzubauen. Sie können Strukturen nur abbauen, nur dekonstruieren; nicht ohne Grund klingen Dekonstruktion und Destruktion so ähnlich. Man liebt seine Familie oder seine Heimat? Ab ins Gulag. Linke erklären ihre Liebe für das Ferne und Abstrakte, nie für das Nahe und Reale; sobald etwas nahe und real wird, hassen sie es wieder.

(Das sieht man auch schön daran, wie schnell sie ihre Familien hassen. Ich bin mir in vielen Dingen mit Familienmitgliedern uneinig, und würde nie auf die Idee kommen, sie deswegen so zu hassen.)

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Sie haben ein Problem mit Autorität und erklären deshalb alle Autorität für böse. (Natürlich wird die Sache dadurch verkompliziert, dass Autoritäten manchmal böse sind; aber eine Gesellschaft ohne sie wird ein reines Chaos, in dem Macht für Recht gilt, und sich sehr viel bösere neue Autoritäten herausbilden.) Sie fühlen sich überlegen, indem sie für etwas scheinbar Gutes kämpfen, das aber nie da sein wird und nie da sein kann, und weil das nie da sein wird und nie da sein kann, können sie immer weiter kämpfen und gegen ihre Feinde als gegen Feinde der Menschheit vorgehen und ihren Sadismus gegen sie ausleben. Einerseits erklären Linke, dass Einbrecher und Schläger keine bösen Menschen wären und nur traumatisiert oder in Not wären, andererseits sind alle Nicht-Linken für sie das fleischgewordene Böse; denen wird keine schwere Kindheit angerechnet.

In etwas lustigerer Form ausgedrückt (ja, das ist ernst gemeint):

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Es wird so gern propagiert, dass die „Rebellen“ und „Revolutionäre“ die Guten sind; dabei sind sie meistens fanatische Terroristen und machtgierige Putschisten.

Das Ironische ist, dass Linke nicht mal denen helfen, denen sie zu helfen vorgeben. Wo machen „Menschen mit Migrationshintergrund“ häufiger Schulabschluss und Ausbildung oder Studium? Im linksextremen Berlin oder im nicht ganz so linken Bayern? Eben. Wo leiden Leute mit weniger Einkommen in den Vierteln, in denen sie leben müssen, eher unter Kriminalität und Arbeitslosigkeit? In Berlin oder in Bayern? Eben. Selbst in den USA ist es ja so, dass es mit Gewaltkriminalität in von Demokraten regierten Städten am schlimmsten ist.

 

Zuletzt:

Es ist in Ordnung, für sich selbst einzustehen, und erst recht in Ordnung, für seine Freunde einzustehen. Es ist in Ordnung, zu sagen: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich entschuldige mich nicht bei euch, ich distanziere mich nicht in vorauseilendem Gehorsam von Freunden oder Bekannten oder auch Unbekannten, von denen ich mich distanzieren soll, weil sie angeblich unsensibel gewesen sein sollen, ich gehe bei Rassismusvorwürfen nicht von ’schuldig bis zum Beweis der Unschuld‘ aus, sondern gerade nach diesen vielen falschen Vorwürfen gehe ich von ‚unschuldig bis zum Beweis der Schuld‘ aus, und ich behandle solche Dinge in keinem Fall als unvergebbar.“ (Und wenn man doch was hat, wofür man sich wirklich zu entschuldigen hat? Dann macht man das erstens (wenn nötig) in der Beichte und zweitens mit den direkt Betroffenen aus, nicht vor einem Mob, den man nie zufriedenstellen können wird. Linke sind wie ein missbräuchlicher Partner oder ein Erpresser: Man kann es ihnen nie recht machen, egal wie sehr man sich anstrengt; und je mehr man nachgibt, desto mehr tyrannisieren sie einen. Selbst wenn man einen Fehler gemacht hat, es bringt nichts, das vor ihnen zuzugeben; von ihnen muss man nur wegkommen.)

Als Hobbykasuistin will ich keine moralischen Verpflichtungen behaupten, die nicht da sind. Was gut und vorbildlich wäre, ist nicht immer verpflichtend; und es ist nie eine Sünde, etwas nicht Verpflichtendes nicht zu tun, weil man es einfach nicht will. Es ist nicht immer verpflichtend, alles zu sagen, was man sich denkt, und manchmal kann es erlaubt sein, „an sich wahre Dinge“ zu sagen, die in eine falsche Richtung gehen, weil man sonst entsprechende Nachteile zu befürchten hätte, z. B. im Beruf, oder seine Familie von sich entfremden würde; manchmal ist das sogar aus Klugheit notwendig und gut. Aber generell ist es nicht gut, und zwar auch nicht gut für einen selber. Man mag sich selbst irgendwann nicht mehr. Man sollte so wahrhaftig sein, wie man eben kann, und mit erhobenem Haupt vor anderen stehen. Kriecherei ist keine Demut, Selbstachtung kein Hochmut. Es ist gut, zu sagen, was man sagen kann, und andere zu unterstützen, die sich mehr zu sagen trauen, als man sich selbst traut. Auf keinen Fall sollte man anderen auf der eigenen Seite in den Rücken fallen; auch wenn sie es übertreiben, sollte man das nie mehr verurteilen, als man gleich große Übertreibungen auf linker Seite verurteilt. Es ist gut, die Wahrheit zu wissen über den Wahnsinn, der gerade abgeht, sogar, wenn man nichts daran ändern kann; man fühlt sich sehr erleichtert, wenn man alles einordnen kann und nicht mehr bei Lügen und Verdrehungen beteiligt sein muss.

Man sollte keine allgemeinen „Rassismus ist böse, wir sind alle gegen Rassismus“-Statements abgeben, gerade nicht als größere Organisation, gerade nicht als katholische Organisation. Denn diese Statements werden nicht im Sinn von „Rassismus ist böse, wir sind alle gegen Rassismus“ verstanden, sondern im Sinn von „Ja, es stimmt, dass es bei uns furchtbaren, alles durchdringenden Rassismus gibt und alle Weißen sich für gewöhnlich im gewohnheitsmäßigen Zustand der schweren Sünde befinden, erst recht aber jene, die nicht uneingeschränkt die Ziele von BLM unterstützen, also geht alle zu den entsprechenden Protesten, wählt links und sagt auf keinen Fall etwas gegen Gewalt bei besagten Protesten“. Wenn man unter kommunistischer Herrschaft allgemeine „Ausbeutung ist schlecht“-Phrasen von sich gibt, um seine Herren zufriedenzustellen, wird das als „Ich bin für den Sozialismus“ verstanden. Das muss man sich vor Augen halten.

 

* Kurze Anmerkung zum Begriff „Rasse“: Die Verwendung dieses Begriffs ist nicht rassistisch. (Witzigerweise etwas, wobei die US-Linken mit mir übereinstimmen; es sind die deutschen Linken, die ein unerklärliches Problem damit haben.) Der Begriff „Rassismus“ (ungerechte Behandlung wegen der Rasse) setzt gerade den Begriff der „Rasse“ voraus, wie der Begriff „Sexismus“ (ungerechte Behandlung wegen des Geschlechts) den Begriff des „Geschlechts“ (Englisch „sex“) voraussetzt. Die Bezeichnung der Menschheit als „menschliche Rasse“ ist übrigens irreführend; die Menschheit ist eine Spezies, womit man in der Biologie die Gesamtheit der Individuen bezeichnet, die miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen können. Rassen sind nur Untergruppen innerhalb einer Spezies mit gewissen Gemeinsamkeiten, wobei die Übergänge zwischen ihnen fließend sind und es immer „Mischlinge“ gibt. (Pferde sind eine Spezies, Haflinger eine Rasse.) Ethnien (ethnos = Volk) sind noch kleinere Untergruppen der menschlichen Spezies, die sich nicht nur durch Abstammung, sondern auch durch eine gemeinsame Identität bestimmen. Igbo und Bamiléké sind verschiedene Ethnien, gehören aber zur selben Rasse; dasselbe bei Belgiern und Franzosen.

** Hier mal nur so viel: Es wird hier meistens an die Schlagworte Sklaverei und Kolonialismus gedacht; die in Verbindung zu bringen ist allerdings ziemlich blöd, denn die Sklaverei in Afrika wurde erst durch den Kolonialismus abgeschafft, und das war tatsächlich ein Anliegen, das den Kolonialherren wichtig war und für das sie einigen personellen und finanziellen Einsatz aufwandten. Wenn Schwarzafrikaner heute nicht mehr auf den Märkten von Sansibar, Mekka und Istanbul landen, ist das nur den europäischen Schutztruppen mit ihren Tropenhelmen zu verdanken.

*** Zu den USA auch nochmal ein eigener Post; hier sei nur kurz angemerkt, dass es da sicherlich ein gewisses Problem mit Polizeigewalt gibt, die aber ziemlich gerecht unter den Rassen aufgeteilt ist, wenn man die Statistiken ansieht.

Christliche Kultur am Sonntag: „Krabat“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Otfried Preußler: „Krabat“

Preußlers Jugendbuch, das im 17. Jahrhundert spielt und auf einer sorbischen Sage beruht, handelt von dem vierzehnjährigen Waisenjungen Krabat, der sich mit Betteln durchschlägt, bis er um die Neujahrszeit herum mehrmals einen seltsamen Traum hat, in dem er aufgefordert wird, zu einer Mühle in einem ihm fremden Dorf zu kommen. Er entscheidet sich schließlich, der Aufforderung zu folgen und gelangt zu einer unheimlichen Mühle mit einem sehr unheimlichen Meister, der ihn auffordert, sein Lehrjunge zu werden; Krabat stimmt zu.

In der Mühle sind bereits elf Müllergesellen und bald findet Krabat heraus, dass der Meister ihm und ihnen nicht nur den Müllerberuf, sondern auch noch etwas anderes beibringt: Die schwarze Magie. Doch dieses Wissen hat seinen Preis: In jeder Silvesternacht stirbt einer unter den Gesellen. Und aus der Mühle wieder zu entkommen ist nicht einfach.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3b: Bedeutung Jesu – Konsequenzen der Erlösung für den Menschen

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): 1 Joh 2-5, Offb 20-22, Kol 1,12-14, Kol 3,1-17, Röm 2,6-8, Röm 8, Eph 2, 1 Kor 1,26-2,16, 1 Kor 6,19f., Phil 1,21, Phil 2,12-18, Phil 3,20f.

 

In diesem Teil soll es darum gehen, was das Leben in Christus für das weitere Leben des Christen bedeutet.

 

Papst Clemens von Rom schreibt ca. 95 n. Chr.:

„Betrachten wir, wie nahe er ist, und dass ihm nichts verborgen ist von unseren Gedanken oder von den Plänen, die wir schmieden. Es ist also recht, dass wir uns seinem Willen nicht entziehen. Lieber wollen wir bei Menschen, bei törichten, unverständigen, stolzen, die eingebildet sind auf ihre prahlerischen Reden, Anstoß erregen als bei Gott.“ (1. Clemensbrief 21,3-5)

„Der in allem barmherzige und gütige Vater hat ein Herz für die, die ihn fürchten, gerne und freudig gibt er seine Gnadenerweisungen denen, die einfältigen Herzens zu ihm kommen. Deshalb sollen wir nicht zweifeln, und unsere Seele soll sich nicht aufblähen ob seiner überreichen und herrlichen Gnadengaben.“ (1. Clemensbrief 23,1f.)

„Durch diese Hoffnungen also sollen unsere Seelen fest gekettet sein an den, der treu ist in seinen Verheißungen und gerecht in seinen Gerichten. Der verboten hat zu lügen, wird viel weniger selber lügen; denn bei Gott ist nichts unmöglich außer die Lüge. Entzünden soll sich daher in uns der Glaube an ihn, und wir wollen beherzigen, dass ihm alles nahe ist. In seinem mächtigen Worte hat er das All aufgebaut, und in seinem Worte kann er es niederreißen. ‚Wer wird ihm sagen: Was hast Du gemacht? oder wer wird entgegentreten seiner gewaltigen Stärke?‘1 Wann er will und wie er will, wird er alles machen, und nichts darf vergehen von dem, was er bestimmt hat. Alles liegt da vor seinem Auge, und nichts ist seinem Rate verborgen.“ (1. Clemensbrief 27,1-6)

Wie selig und wunderbar sind die Geschenke Gottes, Geliebte! Leben in Unsterblichkeit, Glanz in Gerechtigkeit, Wahrheit in Freimut, Glaube in Vertrauen, Enthaltsamkeit in Heiligung; und dies alles ist schon in unser Verständnis gedrungen. Was nun fürwahr ist denen bereitet, die ausharren? Der Schöpfer und Vater der Ewigkeit, der Allheilige selbst kennt die Größe und Schönheit dieser Güter. Wir nun wollen kämpfen, damit wir erfunden werden in der Zahl derer, die ausharren, auf dass wir teilhaben an den versprochenen Gütern.“ (1. Clemensbrief 35,1-4)

 

Bischof Ignatius von Antiochia beschreibt nicht viel später die Christen

„als Bausteine für den Tempel des Vaters, zubereitet für den Bau Gottes des Vaters, in die Höhe gehoben durch das Hebewerk Jesu Christi, welches ist das Kreuz, während euch als Seil diente der Heilige Geist; euer Glaube ist euer Führer nach oben, die Liebe der Weg, der zu Gott emporführt. Ihr seid also alle Weggenossen, Gottesträger und Tempelträger, Christusträger, Heiligenträger, in allen Stücken geschmückt mit den Geboten Jesu Christi; ich frohlocke auch über euch, da ich gewürdigt worden bin, durch diesen Brief mit euch zu reden und mich mit euch zu freuen, weil ihr entsprechend einem anderen (das ist nicht fleischlichen) Leben nichts liebet als Gott allein.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 9)

„Davon bleibt euch nichts verborgen, wenn ihr vollkommen seid in Glaube und Liebe zu Jesus Christus; denn das ist Anfang und Ende des Lebens. Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Diese beiden, zur Einheit verbunden, sind Gott! Alles Übrige, was zum rechten Leben gehört, folgt aus diesen. Keiner, der den Glauben bekennt, sündigt, und keiner, der die Liebe besitzt, hasst. Den Baum erkennt man an seinen Früchten1; so werden die, welche sich zu Christus bekennen, an ihren Werken erkannt werden. Denn jetzt kommt es nicht an auf das Bekenntnis, sondern darauf, dass einer in der Kraft des Glaubens befunden wird bis ans Ende.

Besser ist schweigen und etwas sein, als reden und nichts sein. Gut ist das Lehren, wenn man tut, was man sagt. Einer nun ist der Lehrer, der ’sprach und es geschah‘1, und das, was er schweigend getan hat, ist des Vaters würdig. Wer Christi Wort besitzt, kann wahrhaftig auch sein Schweigen vernehmen, damit er vollkommen sei, damit er durch sein Wort wirke und durch sein Schweigen erkannt werde. Nichts entgeht dem Herrn, sondern auch unsere Geheimnisse sind nahe bei ihm. Deshalb wollen wir alles tun, als ob er in uns wohnte, damit wir seine Tempel seien und er, unser Gott, in uns wohne, wie es auch ist und sich zeigen wird vor unserem Angesicht; deshalb sollen wir ihn auch richtig lieben. (Brief des Ignatius an die Epheser 14f.)

 

Bischof Irenäus von Lyon schreibt:

„Kein anderer weder im Himmel, noch auf der Erde, noch unter der Erde konnte das Buch des Vaters öffnen, noch ihn sehen, als das Lamm, welches geschlachtet wurde und mit seinem Blute uns erlöste. Von ebendemselben, der alles durch das Wort gemacht und mit seiner Weisheit geschmückt hat, empfing er auch die Gewalt über alles, als das Wort Fleisch wurde. Nun herrscht das Wort auch auf Erden, wie es im Himmel geherrscht hat, denn als gerechter Mensch ‚tut es keine Sünde, noch wird in seinem Munde Falsch gefunden‘6 , herrscht auch unter der Erde, da es der Erstgeborene der Toten geworden ist. So sah, wie wir gesagt haben, alles seinen König, und im Fleische des Herrn begegnete uns das Licht des Vaters, strahlte von seinem Fleische auf uns aus, und so kam der Mensch zur Unverweslichkeit, indem er von dem väterlichen Lichte umgeben wurde. […]

Das ist aber sein Wort, unser Herr Jesus Christus, der in den letzten Zeiten Mensch unter Menschen geworden ist, um das Ende mit dem Anfang zu verbinden, d. h. den Menschen mit Gott. Deswegen empfingen die Propheten von demselben Worte die Prophetengabe und verkündeten seine Ankunft im Fleische, wodurch die Vermischung und Vereinigung des Menschen mit Gott nach dem Wohlgefallen des Vaters bewirkt wurde. Hatte doch das Wort von Anfang an vorherverkündigt, daß ‚Gott von den Menschen geschaut werden‘1 und mit ihnen auf Erden verkehren und sprechen wird und beistehen seinem Geschöpfe, und es retten und von ihm sich aufnehmen lassen wird und uns ‚erretten werde aus den Händen aller, die uns hassen‘2 , d. h. von jedem Geist des Ungehorsams, and bewirken, daß wir ‚ihm dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle unsere Tage‘3 , damit der Mensch den Geist Gottes umarme und eingehe in die Herrlichkeit des Vaters.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,2.4)

 

Und Theophilus von Antiochia schreibt:

„Dessen5 Odem redest du, dessen Odem atmest du, und diesen Gott kennst du nicht, o Mensch! Das ist die Folge der Blindheit deiner Seele und der Verhärtung deines Herzens. Doch du kannst geheilt werden, wenn du willst. Überlasse dich dem Arzte, und er wird dir an den Augen des Geistes und des Herzens den Star stechen. Wer ist der Arzt? Es ist Gott, der da heilt und lebendig macht durch sein Wort und seine Weisheit. Durch sein Wort und seine Weisheit hat Gott alles erschaffen, denn ‚durch sein Wort sind die Himmel gefestigt worden, und durch seinen Geist all ihre Kraft‘6. Ganz gewaltig ist seine Weisheit. ‚Durch seine Weisheit hat Gott die Erde grundgelegt, er hat die Himmel zugerichtet durch seine Klugheit; mit Kenntnis wurde der tiefe Abgrund gebildet und strömten die Wolken ihr Naß‘7. Wenn du das bedenkst, o Mensch, dabei rein, gerecht und heilig lebst, dann kannst du Gott sehen. Vor allem aber halte zuvörderst Einkehr in deinem Herzen der Glaube und die Furcht Gottes, dann wirst du diese Dinge verstehen. Wenn du die Sterblichkeit wirst abgelegt und die Unsterblichkeit angezogen haben, dann wirst du Gott in entsprechender Weise schauen. Denn Gott wird deinen Leib auferwecken, unsterblich mit deiner Seele, und dann wirst du, selbst unsterblich geworden, den Unsterblichen schauen, wenn du jetzt an ihn glaubst; und dann wirst du auch erkennen, daß du mit Unrecht ihn gelästert hast.“ (Theophilus, An Autolykus I,7)

Notwendigkeit des Glaubens:

„Aber du glaubst nicht an die Auferweckung der Toten. Wann sie eintreten wird, dann wirst du daran glauben, du magst wollen oder nicht. Und dein Glaube wird dir (dann) als Unglaube gerechnet werden, wenn du nicht jetzt glaubst. Warum aber glaubst du nicht? Weißt du nicht, daß bei allen Werken der Glaube vorangeht?1 Denn welcher Landmann kann ernten, wenn er nicht den Samen der Erde anvertraut; oder wer kann über die See fahren, wenn er sich nicht zuvor dem Schiffe und dem Steuermann anvertraut? Welcher Kranke kann geheilt werden, wenn er sich nicht dem Arzte zuvor anvertraut? Welche Kunst oder Wissenschaft kann man lernen, ohne daß man sich dem Lehrer hingibt und ihm glaubt? Während also der Landmann der Erde, der Seefahrer dem Schiffe, der Kranke dem Arzte vertraut, willst du dich Gott nicht anvertrauen, obwohl du so viele Unterpfande (seiner Glaubwürdigkeit) von ihm hast? Denn erstens hat dich Gott aus dem Nichts ins Dasein gerufen — denn da dein Vater einmal nicht war, und auch deine Mutter nicht, so warst noch viel weniger du zuvor da —, er hat dich gebildet aus einem kleinen flüssigen Stoff, aus einem ganz kleinen Tropfen, der selbst einmal nicht da war und hat dich so in dies Leben geführt. Zweitens glaubst du, daß die von Menschen verfertigten Bilder Götter seien und Wunderdinge wirken; daß aber Gott, der dich erschaffen hat, dich auch wieder ins Leben zurückrufen kann, glaubst du nicht? […]

Sei also nicht ungläubig, sondern gläubig, denn auch ich habe einst nicht geglaubt, daß es also sein wird. Jetzt aber habe ich die Sache erwogen und glaube, weil mir zugleich auch die hl. Schriften der hl. Propheten in die Hände kamen, die da im Geiste Gottes voraussagten die Vergangenheit, wie sie war, die Gegenwart, wie sie ist, und die Zukunft, wie sie sein wird. Da ich nun die Gegenwart und die Weissagungen derselben als Zeugnis habe, bin ich nicht mehr ungläubig, sondern glaube, gehorsam gegen Gott. Und diesem gehorche doch auch du im Glauben, damit du nicht, jetzt ungläubig, einst zu deinem Schmerze, in den ewigen Strafen nämlich, glauben mußt! […] So nimm denn auch du mit gutem Willen und ehrfurchtsvoll die prophetischen Schriften zur Hand, und sie werden dir deutlicher den Weg zeigen, wie du den ewigen Strafen entfliehen und die ewigen Güter Gottes erlangen kannst. Denn derjenige, der den Mund gegeben zum Sprechen, der die Ohren gebildet zum Hören und die Augen erschaffen hat zum Sehen, wird alles zur Rechenschaft ziehen und ein gerechtes Urteil fällen und jedem nach Verdienst seinen Lohn geben2. Denen, die mit Beharrlichkeit in guten Werken die Unsterblichkeit suchen, wird er geben ewiges Leben, Freude, Friede, Ruhe und eine Fülle von Gütern, wie sie kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, noch in eines Menschen Herz gekommen3; den Ungläubigen aber, den Verächtern, die der Wahrheit nicht beipflichten, sondern der Ungerechtigkeit sich hingeben, indem sie sich wälzen im Ehebruch, Hurerei, Knabenschändung, Übervorteilung anderer, in lasterhaftem Götzendienst: Zorn, Ungnade, Trübsal und Angst4; und zuletzt wird solchen das ewige Feuer zuteil werden. Weil du nun, mein Freund, gesagt hast: ‚Zeige mir deinen Gott!‘ so siehe, dies ist mein Gott; und ich rate dir, ihn zu fürchten und an ihn zu glauben.“ (Theophilus, An Autolykus I,8.14)

Corona, Messe, Kommunion und Skrupulosität

Da ich mir denke, dass ich vermutlich einige Leser habe, die Probleme mit Skrupulosität haben, wäre es vermutlich hilfreich, zwei Punkte in der jetzigen Situation klarzustellen. Ich kann mir vorstellen, dass einige Leute gerade Gewissensängste haben; auf der einen Seite davor, Gott nicht richtig zu ehren; auf der anderen, für Krankheit oder Tod anderer Menschen verantwortlich zu sein. Daher ganz kurz zu folgenden zwei Punkten:

 

Zum Messbesuch:

  • Die Sonntagspflicht greift bis auf weiteres immer noch überhaupt nicht. Erstens könnten sie wegen der Abstandsregelungen in den Kirchen nicht immer alle Katholiken erfüllen, zweitens werden die meisten Bistümer sowieso davon dispensiert haben (die Sonntagspflicht ist ein kirchliches Gebot, von dem die Kirche beliebig dispensieren kann). Im Endeffekt kann sich also jeder entscheiden, ob er zur Messe geht, nachdem der Staat sie wieder erlaubt hat, oder zu Hause bleibt, erst recht, wenn er vielleicht keine Viren zu Familienmitgliedern mit Vorerkrankungen heimbringen will. Wer will und die Gelegenheit hat, darf natürlich auch auf weniger besuchte Werktagsmessen ausweichen.
  • Andererseits ist denen kein schlechtes Gewissen zu machen, die endlich wieder so oft wie möglich zur Messe gehen wollen. Man sehnt sich nach so langer Zeit doch schon ziemlich danach, aus gutem Grund, und es besteht dabei ein wirklich geringes Risiko. Freilich ist dieses Risiko nicht Null, aber Risiken kann man immer nur minimieren. Auch das Risiko für etwas Schlimmes, wie den Tod von anderen, darf oder muss man oft eingehen, wenn dieses Risiko wirklich gering ist. Man darf oder muss auch mal Auto fahren, obwohl man das Risiko nicht ausschließen kann, dass plötzlich ein Reh über die Straße springen und man geschockt ausweichen und in ein entgegenkommendes Auto fahren wird.

 

Zur Kommunion:

  • Viele haben sich über die Anweisung einiger Bischöfe aufgeregt, dass nur noch die Handkommunion erlaubt sein soll. Nun will ich hier nicht debattieren, ob diese Maßnahme aus hygienischer Sicht überhaupt Sinn macht, mit solchen Debatten lässt sich an der Anweisung nichts ändern. Was ich hier nur sagen will: wenn in der eigenen Pfarrei nur Handkommunion möglich ist, darf man Handkommunion machen. Das ist ein Notfall; der Herr sieht es in diesem Fall nach, dass die übliche Ehrerbietung nicht möglich ist. Auch vor dem Konzil gab es Notfälle, in denen Laien den Leib Christi berühren durften – z. B. um ihn vor Desekration zu schützen, wenn gerade kein Priester da war (etwa, wenn ein Bombenangriff erwartet wurde, und man die Hostien vorsichtshalber konsumierte, falls die Kirche und der Tabernakel getroffen werden würden), oder auch nur aus Schicklichkeitsgründen (der Moraltheologe Heribert Jone schreibt über Fälle, wenn bei der Kommunionspendung die Hostie dem Priester herunterfällt: „Wenn die Hostie auf die Kleidung einer Frau fällt, nimmt diese sie und reicht sie dem Priester“ (Précis de théologie moral catholique, Nr. 518)). Freilich sind manche Praktiken bei der jetzigen Kommunionspendung fragwürdig, insbesondere, wenn der Priester die Hostie mit Gummihandschuhen anfasst, an denen Krümel kleben bleiben könnten. Das ist allerdings erst mal die Verantwortung des Priesters, ob er solche Handschuhe nimmt und ob/wie er sie purifiziert; als Laie darf man einfach vorgehen und die Kommunion so empfangen, wenn der Priester das leider tut.
  • Andererseits sollte auch keinem ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, von wegen, er schätze die Eucharistie einfach nicht genug, wenn er nicht zur Handkommunion bereit ist. Die Kommunion ist nicht in jeder Messe Pflicht, und auch vom Gebot der Kommunion in der Osterzeit darf man sich in der jetzigen Pandemie dispensiert sehen; und es ist nichts Böses, den Herrn in einer ehrfurchtsvolleren Weise empfangen zu wollen. Wenn manche Priester (z. B. die, die die Messe im außerordentlichen Ritus feiern, wo es immer nur Mundkommunion gibt) sich in dieser Situation entscheiden, gar keine Kommunionspendung anzubieten, ist das eine legitime Entscheidung.

Christliche Kultur am Sonntag: „Das Gewand“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Das Gewand“

Der Monumentalfilm von 1953 beginnt auf dem Sklavenmarkt von Rom, über den der junge Tribun Marcellus Gallio schlendert. Dort trifft er zuerst eine Kindheitsfreundin namens Diana wieder (ein Mündel des Kaisers Tiberius), und dann seinen Rivalen Caligula, den Nachfolger des Tiberius (der Diana zur Frau haben will, von ihr aber zurückgewiesen worden ist). Marcellus überbietet Caligula bei der Versteigerung des griechischen Sklaven Demetrius; aber seinen Triumph über den Rivalen kann er nicht lange auskosten, denn kaum ist er zu Hause in der Villa seiner Familie angekommen, erhält er Nachricht von Caligula, dass er nach Jerusalem strafversetzt wird.

Jerusalem, nichts als ein Drecksloch und Unruheherd, wie ihm der Centurio sagt, der ihn schließlich vor den Toren der Stadt begrüßt, besonders jetzt, da das Passahfest der Juden herannahe. Wie aufs Stichwort kommt ein Mann auf einem Esel aufs Stadttor zugezogen, dem die Leute mit Palmwedeln entgegenlaufen und den sie als ihren Messias grüßen; von den beiden Römern alles nicht gern gesehen. Demetrius jedoch ist gefesselt vom Blick des fremden Messias.

Nicht lange später, die römischen Soldaten vertreiben sich ihre Zeit in der Therme, heißt es, dass die Verhaftung dieses Messias, dieses Unruhestifters, befohlen wird; aber eine unauffällige Verhaftung soll es werden, man müsse herausfinden, wo er sei, und kein Aufsehen erregen. Marcellus entscheidet sich, den für diesen Auftrag ausgesandten Soldaten Bestechungsgeld mitzugeben. Demetrius, der alles miterlebt hat, verlässt heimlich die Therme, und versucht, die Jünger dieses Jesus zu finden, um sie zu warnen; doch niemand in der Stadt traut ihm, dem Sklaven der Römer, und will ihm etwas sagen; und es ist schließlich zu spät. Jesus ist schon vor Pilatus gebracht worden.

Marcellus wird schließlich ebenfalls zu Pilatus gerufen, der gerade dabei ist, sich die Hände zu waschen, und ihm wird gesagt, dass er schon wieder von Jerusalem abgezogen wird und dem Kaiser in Capri Bericht über die Lage dort erstatten soll. (Diana hatte ihm vor seiner Abfahrt versprochen, sich bei Tiberius für ihn zu verwenden.) Eine Aufgabe jedoch ist für ihn noch zu erledigen; eine Kreuzigung. Marcellus tut wie befohlen.

An der Hinrichtungsstätte trinken und würfeln die Sklaven; auch das Gewand des Verurteilten nehmen sie zum Einsatz hinzu, und Marcellus gewinnt. Nachdem der Mann tot ist, verlässt Marcellus mit seinem Sklaven Demetrius, der das Gewand mitnehmen muss, die Hinrichtungsstätte. Ein Sturm zieht auf, und Marcellus befiehlt Demetrius, ihm das Gewand umzulegen; doch als er es umhat, erträgt er es nicht und sinkt, offenbar von Schmerzen geplagt, zusammen. Demetrius reißt das Gewand weg; und geht.

Marcellus tritt ohne seinen geflohenen Sklaven die Rückreise auf dem Mittelmeer an; geplagt von Albträumen und oft nicht ganz bei Sinnen. Auf Capri trifft er Diana und den alten Kaiser Tiberius, und muss berichten, woher sein Zustand kommt; auf Tiberius‘ Anweisung hin kehrt er dann nach Palästina zurück, getarnt als Händler, um herauszufinden, was es mit dem verhexten Gewand und mit dem Messias und seinen Anhängern auf sich hat.

Vor allem die Darstellung Jesu ist an diesem Film sehr gut gemacht. Man merkt bei den Filmmachern fast eine Art heilige Scheu; ein Wissen darum, dass jeder Versuch, Ihn darzustellen, Ihm eigentlich Unrecht tut. Man sieht nie das Gesicht dieses Messias. Man sieht beim Einzug in Jerusalem nur Seine Anhänger; auf Ihn selbst wird die Kamera nicht gerichtet. Man sieht Ihn von hinten, wie Er auf dem Weg nach Golgotha unter dem Kreuz taumelt und fällt; man sieht das Kreuz von hinten, an dem sich Marcellus kurz abstützt, und dann entsetzt seine Hand wegreißt, als er merkt, dass an ihr Blut ist, das aus den durchbohrten Füßen des Gekreuzigten geronnen ist. Man hört Ihn ein einziges Mal sprechen, am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Auch das Ende des Films ist sehr schön; auch wenn es vielleicht nicht als ein konventionell gutes Ende aus weltlicher Sicht zählt. Marcellus hat am Ende die Gelegenheit, für einen Freund ein Opfer zu bringen, wie der Messias, den er gekreuzigt hat, ein Opfer gebracht hat. Gelungen ist auch die Darstellung des Pilatus und des Judas.

Der Film verkörpert freilich einige Klischees des Sandalenfilms; und ein Historienfilm aus den 50ern hat manchmal einfach etwas von einer Theaterbühne mit Pappkulissen. Marcellus‘ Bekehrungsgeschichte könnte an manchen Stellen etwas glaubwürdiger ausgestaltet sein. Aber insgesamt ist es doch ein sehr schöner Film.

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(Heiliger Rock, möglicherweise das ungeteilte Gewand Jesu, im Dom von Trier. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Ghazwan Mattoka.)

Oh Haupt voll Blut und Wunden

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!

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Du edles Angesichte,
davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte:
wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht’?

Die Farbe deiner Wangen,
der roten Lippen Pracht
ist hin und ganz vergangen;
des blassen Todes Macht
hat alles hingenommen,
hat alles hingerafft,
und daher bist du kommen
von deines Leibes Kraft.

Nun, was du, Herr, erduldet,
ist alles meine Last;
ich hab es selbst verschuldet,
was du getragen hast.
Schau her, hier steh ich Armer,
der Zorn verdienet hat.
Gib mir, o mein Erbarmer,
den Anblick deiner Gnad.

Erkenne mich, mein Hüter,
mein Hirte, nimm mich an.
Von dir, Quell aller Güter,
ist mir viel Guts getan;
dein Mund hat mich gelabet
mit Milch und süßer Kost,
dein Geist hat mich begabet
mit mancher Himmelslust.

Ich will hier bei dir stehen,
verachte mich doch nicht;
von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.

Es dient zu meinen Freuden
und tut mir herzlich wohl,
wenn ich in deinem Leiden,
mein Heil, mich finden soll.
Ach möcht ich, o mein Leben,
an deinem Kreuze hier
mein Leben von mir geben,
wie wohl geschähe mir!

Ich danke dir von Herzen,
o Jesu, liebster Freund,
für deines Todes Schmerzen,
da du’s so gut gemeint.
Ach gib, dass ich mich halte
zu dir und deiner Treu
und, wenn ich nun erkalte,
in dir mein Ende sei.

Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.

Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.

 

* Zeichnung von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.

Christliche Kultur am Sonntag: Der Gesandte des Großen Geistes

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Franz Weiser: „Der Gesandte des Großen Geistes“

Heute wieder ein Kinderbuch; ein österreichisches Kinderbuch aus den 1930ern, das von einem berühmten Indianermissionar, Pater Pierre-Jean De Smet SJ (1801-1873), handelt. Darauf gekommen, es zu lesen, bin ich über diese interessante Rezension hier.

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„Der Gesandte des Großen Geistes“ beginnt damit, wie De Smet als junger Mann heimlich seine Heimat Belgien verlässt, um sich in Amerika den Jesuiten anzuschließen und Missionar bei den Indianern zu werden (ohne seine Eltern vorab zu informieren, weil er fürchtet, dass sie ihn von dieser waghalsigen Idee abbringen wollen würden). Weiser (der im Vorwort erzählt, wie er selbst in Amerika war, De Smets Grab gesehen, seine Briefe gelesen hat usw.) berichtet dann kurz davon, wie De Smet Priester wurde, und dann ausführlicher von seinen endlosen und einsamen Reisen von St. Louis aus quer durch die Prärien und die Rocky Mountains (das „Felsengebirge“ nennt er sie). Immer wieder zitiert er dabei auch De Smets Briefe.

So sah der Pater übrigens in echt aus; ein „Westmann“, wie Weiser sagen könnte:

(Das Foto ist laut Wikipedia von ca. 1860-65. Ich finde es ehrlich gesagt sehr sympathisch, auch wenn er so grimmig schaut; damals sollte man ja auf Fotos ernst und würdevoll dreinblicken. Gemeinfrei.)

Tatsächlich war es ja so, dass in dieser Zeit die katholischen Missionare (wegen ihrer Soutanen als „Schwarzröcke“ betitelt) bei vielen nordamerikanischen Ureinwohnern sehr freundlich aufgenommen und als Boten des Großen Geistes, den diese bereits anbeteten, gesehen wurden, und einige Erfolge erzielten. (Siehe z. B. hier, hier oder hier für Stimmen katholischer Indianer aus dieser Zeit, und Schilderungen ihres Lebens.) Weiser erzählt, wie Pater De Smet die verschiedenen Stämme besuchte (die Potawatomis, Plattköpfe usw.), wie er Glaubensunterricht erteilte und taufte; von seinen lebensgefährlichen Abenteuern auf Reisen; wie er sich später wegen seines Ansehens bei den Stämmen auch als Friedensmittler zwischen Indianerstämmen, und zwischen ihnen und der US-Regierung, betätigte (u. a. traf er Sitting Bull), wie er auch immer wieder nach Europa reiste, um Priesteramtskandidaten und Nonnen für die Mission anzuwerben und Spenden zu sammeln, und schließlich vom Ende seines Lebens in St. Louis.

Das Buch enthält natürlich viel Indianer- und Wildwestromantik, und dürfte (trotz der überwiegend positiven Darstellung der Indianer und der deutlichen Verurteilung der Verbrechen von Goldsuchern und Siedlern an ihnen) allein wegen der Sprache („Rothäute“ usw.) kaum als politisch korrekt durchgehen; aber gut, wer liest schon gern politisch korrekte Bücher. Es ist kein Werk der hohen Literatur, aber auch nicht schlecht geschrieben, und nicht allzu lang. Das ideale Publikum dürften vermutlich 11-13-jährige Jungen aus katholischen Familien sein, die sich für Indianer begeistern und Priester werden wollen; aber es lohnt sich auch für andere Leser. Nichtkatholiken würde ich es allerdings nicht schenken; dafür setzt es zu viel von der katholischen Weltsicht als selbstverständlich voraus, das heutige Säkularisten nicht gleich verstehen würden.

Eine Stelle, die mir besonders gefallen hat, war übrigens diese hier; da ja in letzter Zeit öfter über das Thema „Zölibat in Missionsländern mit Priestermangel“ diskutiert worden ist:

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„Der Gesandte des Großen Geistes“ ist nicht Franz Weisers einziges Buch; allerdings dürfte sein gesamtes Werk wahrscheinlich nur noch antiquarisch zu bekommen sein.

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Ein bisschen MEHR

(Ein etwas verspäteter Bericht.)

Am Wochenende vor Dreikönig fand ja auf dem Augsburger Messegelände die vom Gebetshaus Augsburg organisierte MEHR-Konferenz statt; für alle, die noch nicht oder nur am Rand mitbekommen haben, worum genau es da ging: Die MEHR ist eine jedes Jahr oder alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung mit einer Menge christlichen Vorträgen, einer Menge Lobpreismusik, einer Menge Gelegenheit zur Vernetzung für christliche Gruppen, diesmal auch mit etwas Austausch von Berufstheologen, und natürlich immer mit diversen Gottesdiensten; eine gemeinsame Veranstaltung von Katholiken und Evangelikalen; mit heuer um die 12.000 Besuchern. Johannes Hartl, der Gebetshausleiter, ist rechtgläubiger Katholik, aber einer, der durchaus Wert auf die Ökumene mit den Freikirchlern legt, und die Katholiken, für die die MEHR gedacht ist, scheinen eher in die charismatische Richtung zu tendieren, auch wenn auch viele standardmäßig konservative hingehen.

Ich habe es in den letzten Jahren nie geschafft, hinzugehen, aber dieses Mal hat es dann endlich geklappt; wenn auch nur für einen Nachmittag. (Das ganze Programm lief von Freitag bis Montag.) Meine Hauptgründe, hinzugehen, waren eigentlich:

  • Ich wollte ein paar Leute, die ich bisher nur aus dem Internet gekannt hatte, mal sehen.
  • Ich wollte mir aus Neugier ein Bild davon machen, wie das Ganze so aussieht.

Und wo ich schon mal da war, dachte ich, dass meine Leser auch einen Erfahrungsbericht verdienen.

 

Am Sonntag, dem 5. Januar, habe ich also einen kurzen Abstecher nach Augsburg unternommen. Weil ich nur für sechs bis sieben Stunden da sein konnte, habe ich keinen kompletten Vortrag gehört; war nicht im Raum der Stille (wo eucharistische Anbetung stattfand); und habe nicht einmal alle Stände angesehen, die im aus zwei Messehallen bestehenden „MEHR-Forum“ aufgebaut waren (aber immerhin einige). Die MEHR ist eben wirklich etwas, für das man sich eigentlich das ganze Wochenende Zeit nehmen müsste. Ein bisschen Lobpreis habe ich mitgekriegt, außerdem die Messe am späten Nachmittag mit Weihbischof Florian Wörner aus Augsburg; und einen großen Teil des Nachmittags habe ich damit zugebracht, mich am Stand des Bistums Trier mit besagten Internetbekannten (u. a. einem anderen katholischen Blogger) endlich mal im realen Leben zu unterhalten.

Mein hauptsächliches Fazit:

  • Weihbischof Wörner möge bitte unser nächster Augsburger Bischof werden.
  • Internetbekannte treffen ist schön!
  • So richtig kann ich mit dem ganzen Evangelikalenkram immer noch nicht.

Aber jetzt mal ein bisschen mehr für neugierige Leser. Den Mittag habe ich hauptsächlich damit verbracht, die Stände im MEHR-Forum anzusehen und überall Flyer einzustecken.

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So in etwa sah das MEHR-Forum übrigens aus; an den meisten Plätzen voller als hier, aber ich wollte keine fremden Leute aus der Nähe aufs Photo bringen:

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Unter den Besuchern waren, wie nicht anders erwartet, viele jüngere Leute und Familien mit Kindern.

Es waren, was die Stände angeht, natürlich einige Gruppen da, die ich gekannt und mehr oder weniger erwartet hatte. Es gab ein paar Stände von Aktivisten u. Ä.: „Demo für alle“; „Jugend für das Leben“; eine mir bisher unbekannte Organisation namens „Perlenschatz“, die muslimischen Frauen Hilfe bei häuslicher Gewalt usw. anbietet; einen Stand, an dem über Pornosucht informiert wurde.

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Als ich zum zweiten Mal am Stand von „Demo für alle“ vorbeigekommen bin, ist mir da übrigens ein Mann aufgefallen, der mir irgendwie bekannt vorkam und bei dem mir im Nachhinein klargeworden ist, dass es Alexander Tschugguel gewesen sein dürfte, der österreichische Katholik, der die Pachamama-Statuen in den Tiber geworfen und neuerdings ein „St. Boniface Institute“ gegründet hat, das bisher aus ihm und einer Internetseite zu bestehen scheint.

Dann gab es geistliche Gemeinschaften wie die Gemeinschaft Emmanuel, und ein paar wenige Bistümer; außerdem viele Infos über Orientierungsjahre und Freiwilligendienste für Jugendliche/junge Erwachsene. Einige dieser Orientierungsjahre/-halbjahre betitelten sich als „Jüngerschaftsschule“; die waren für gewöhnlich evangelikal, aber es gab sie auch auf Katholisch.

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Bei den Freiwilligendiensten, die vorgestellt wurden, hatte ich ein gewisses skeptisches Gefühl, weil man ja öfter die Kritik hört (nicht nur an christlichen Freiwilligendiensten, aber leider besonders an denen, und davon besonders an freikirchlichen), dass dabei Jugendliche schnell mal als Aushilfslehrer oder Kinderbetreuer für Heimkinder in exotische Länder geschickt werden, ohne viel vorbereitet zu werden, und bald wieder durch die nächsten Freiwilligen ersetzt werden. Freilich; ich habe keine großen Anhaltspunkte, inwiefern das auf die Freiwilligendienste zutrifft oder nicht, die sich auf der MEHR vorgestellt haben.

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Es war auch eine (wohl evangelikale) Organisation da, die Glaubensgrundkurse für Menschen mit muslimischem Hintergrund anbietet. Das fand ich wiederum sehr löblich und nachahmenswert.

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Es gab christliche Verlage, nett aussehende Kaffee- und Essensstände, an denen ich allerdings nichts gegessen habe, und ein paar Verkaufsstände, wo man Handschmeichler, Tassen, Türschilder oder (übrigens fair gehandelte) T-Shirts erstehen konnte. Ich habe mir mal ein T-Shirt mitgenommen. Gefiel mir. Die Tassen und Türschilder weniger.

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Manches war schon etwas überkandidelt.

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Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn die Freikirchler auf einmal Mittelalterfans werden, aber dieses Coverdesign!

Eine der größten Ausstellungsflächen gehörte Open Doors (einer Organisation, die sich weltweit gegen Christenverfolgung einsetzt), und da war nicht nur ein normaler Tisch mit Flyern, sondern auch eine Art nachgebautes Minigefängnis, wo es viertelstündliche Führungen gab – d. h. einer der Aussteller führte kleine Gruppen in diesen abgedunkelten Raum mit Gitterstäben, und zeigte dort einen Film, in dem ein iranischer Konvertit von seinem Schicksal im Gefängnis erzählte. Der ganze Stand fokussierte sich dieses Jahr auf den Iran, wo Muslime, die zum Christentum konvertieren, regelmäßig langen Gefängnisstrafen inklusive Folter und manchmal Hinrichtungen ausgesetzt sind.

Bevor man das „Gefängnis“ wieder verließ, wurde in der Gruppe für die verfolgten Christen weltweit gebetet (frei gebetet, wobei jeder, der wollte, etwas sagen konnte; sogar eins der in meiner Führung anwesenden Kinder hat ein bisschen vorgebetet); und an dieser Stelle möchte ich meine Leser bitten, das auch kurz zu tun.

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Die meisten Stände waren weniger deprimierend. Eine Ausstellungsfläche war ganz originell:

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Damit man sich daran erinnert, wer hier der König ist. Auch wenn Er bei Seiner Wiederkunft bitte einen geschmackvolleren Thron bekommen soll.

Wenn man an vielen freikirchlichen Ständen vorbeikommt, entdeckt man allerlei Kurioses, z. B. Bücher, die dazu anleiten sollen, wie man anhand der Bibel Erfolg im Geschäft hat. Ich bin ja sehr für „der Glaube soll alle Lebensbereiche durchdringen“, aber irgendwie hatte das was Naja-weiß-nicht-Mäßiges.

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Dass dem Autor und Verlag an dem ausgewählten Titel „Geschäfte mit Gott“ nichts Komisches aufgefallen ist, ist schon auffällig. Aber gut, vielleicht ist hier Humor gewollt gewesen. Hoffe ich mal. Auch wenn es mich tatsächlich interessieren würde, ein wie erfolgreiches Geschäft die mit Gott machen.

In eine entschieden andere (zu andere, dürfte man sagen) Richtung ging es am Stand des anscheinend sehr antikapitalistisch eingestellten „Bruderhofs“ (einer täuferisch inspirierten protestantischen Kommunität, die Säkularisten zweifellos sofort als Sekte betiteln würden, wobei ich mir vorstellen kann, dass sich vermutlich auch Gründe dafür finden lassen würden). Dort gab es auch eine Zeitschrift mitzunehmen (kostenlos), die ich mir gleich mal eingesteckt habe, nachdem ich gesehen habe, dass sie u. a. einen Artikel eines katholischen Mönchs aus dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz, Pater Edmund Waldstein, enthält. Und man muss sagen, dass das „Plough Publishing House“ Coverdesign kann. Allerdings bin ich noch nicht dazu gekommen, viel in der Zeitschrift zu lesen; mit einer genaueren Beurteilung muss ich also noch warten. Von David Bentley Hart, einem neuerdings aggressiv die Allerlösung predigenden Orthodoxen, erwarte ich deutlich weniger als von Pater Waldstein.

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In der Nähe dieses Standes sah man auch ein paar Frauen in etwas unförmigen langen karierten Kleidern und mit weißen, die Haare halb bedeckenden Kopftüchern. Hat mir irgendwie gefallen – besonders diese „Soll die Welt doch sagen, was sie will“-Einstellung, die das transportiert. Auch wenn ich nicht vorhabe, selber solche Kleider zu tragen.

Es gab aber nicht nur den vorherrschenden „hipper Jugendpastor“-Stil und den in jener Nische zu findenden „Puritaner“-Stil auf der MEHR, sondern auch den „Zeugen-Jehovas-Kitsch“-Stil.

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Dann doch lieber Sonnenuntergangspostkarten mit inspirierenden Sprüchen.

Soweit mal ein Best-off MEHR-Forum (nicht wirklich ein Best-off; oft habe ich einfach nicht daran gedacht, Photos zu machen). Im „MEHR-Auditorium“ derweil sah es, während zwischen den anderen Programmpunkten ruhiger Lobpreis gespielt wurde, so aus:

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Der Lobpreis war schön; da nimmt man doch mal wieder eine gewisse Dosis „Jesus liebt dich“ mit.

An den Ausgängen des MEHR-Auditoriums könnte man auch für sich beten lassen; ich habe mich allerdings nicht recht zu den Leuten hingetraut, die das in Zweierteams angeboten haben.

Ein bisschen was habe ich im MEHR-Auditorium später auch noch von einem „messianischen Juden“, Asher Intrater, mitgekriegt, der am Samstag als Redner geladen war. Von seinem letzten Workshop/Vortrag eigentlich nur, wie er Leuten beigebracht hat, ein paar Worte auf Hebräisch zu beten, um den Herrn um sein Kommen zu bitten oder so ähnlich. Wenn er nicht gerade Hebräisch sprach, sprach er Englisch, und seine Dolmetscherin musste sich ziemlich beeilen, seine Worte auf Deutsch wiederzugeben, bevor er weiterredete bzw. -schrie. Protestantische Prediger aus anderen Ländern sind wohl enthusiastischer als deutsche katholische.

(Die „messianischen Juden“ sind, knapp gesagt, eine Gruppe jüdischstämmiger Protestanten, die sich lieber „messianische Juden“ als „Christen“ nennen, noch das Gesetz des Mose halten, Judenmission betreiben, was die meisten Kirchen / kirchlichen Gemeinschaften ja leider verschämt aufgegeben haben, und trotz ihrer Bemühungen, alles, was sie antisemitisch finden, aus dem Christentum zu entfernen, bei den nichtchristlichen Juden ganz und gar nicht beliebt sind. (Ist m. E. verständlich: Eine Gegenpartei, die sich als Gegenpartei zu erkennen gibt, ist einem immer lieber als eine, die sich gibt, als wäre sie ganz auf derselben Seite wie man selbst.)

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Aber zu den messianischen Juden, zu denen ich auch ein Infoblatt mitgenommen habe, das einer meiner Internetbekannten mir gegeben hat, der es bei ihnen bekommen hatte, würde sich wohl noch ein eigener Beitrag lohnen.

Ich fand es sehr schade, dass ich nicht noch für Johannes Hartls Vortrag am späteren Abend bleiben konnte; ich habe ihn schon einmal bei einer anderen Gelegenheit live gehört und fand ihn damals sehr gut.

Zur Messe war es im MEHR-Auditorium dann richtig voll, und Weihbischof Wörner (mit ein paar Konzelebranten und mindestens dreißig oder vierzig Priestern zum Kommunionausteilen) hat sie schön feierlich gehalten und schön über den Prolog des Johannesevangeliums gepredigt.

Es war etwas seltsam, dass nach dem Einzug der Priester und Ministranten eine Frau (vom Gebetshaus?) auf der Bühne es noch für nötig hielt, den Weihbischof vorzustellen wie vor einem Vortrag; aber gut. Es hatte auch etwas Komisches, dass sich dieselbe Frau hinterher bei ihm noch für (ungefähres Zitat) „das Vorstehen des Gottesdienstes und die Predigt“ bedankte. Was allerdings sehr gut war: Es wurde (ebenfalls von ihr, glaube ich) schon im Vorfeld der Messe ausdrücklich darauf hingewiesen, nur im Gottesdienst der eigenen Konfession die Kommunion zu empfangen.

Meine Meinung zur musikalischen Gestaltung der Messe:

Feierliche Messen sind was Wunderbares. Lobpreisabende können schön sein. Aber beides vermischt passt einfach nicht recht.

Mal hat man den feierlichen, altehrwürdigen Singsang der Liturgie, dann wieder die schnellen, irgendwie schmachtenden Lobpreislieder. Lobpreismusik bringt Konzertstimmung rein; nichts dagegen einzuwenden, wieso nicht religiöse Konzerte haben. Aber eben nicht während der Messe. Was auf irritierende Weise zu dieser Konzertstimmung gepasst hat: Die Kamera, die das Geschehen auf der Bühne auf zwei Leinwände an den Seiten der Halle geworfen hat, damit alle mitbekommen, was passiert, hat sich relativ oft und relativ lang auf das Gesicht des Sängers der Lobpreisband fokussiert.

Wobei man tatsächlich sagen muss, dass die Lobpreisversionen von zwei bekannten alten Kirchenliedern (die zum Einzug und nach der Kommunion gesungen wurden; mir will allerdings partout nicht mehr einfallen, welche Lieder es waren) durchaus etwas hatten.

 

Mein Gesamtfazit:

Etwas zu evangelikal und charismatisch war es mir doch. Das Evangelikale und das Charismatische hat so etwas Adrettes und Energiegeladenes an sich, neben dem ich mich immer gleichzeitig schlampig, hausbacken, rigide und ein bisschen erschöpft fühle. Gut; so fühle ich mich auch in der Berufsschule oder in der Arbeit, also liegt es wohl nicht nur an den Evangelikalen und Charismatikern.

Trotzdem. Lobpreissänger erinnern mich manchmal zu sehr an Schlagersänger (nicht musikalisch; vom Aussehen der Band her). Da ziehe ich Orgelspieler vor.

Aber es sind nicht nur ästhetische Vorbehalte. Ich schwanke bei Veranstaltungen wie der MEHR immer zwischen der Befürchtung, dass sich Katholiken von evangelikalen Irrtümern verleiten lassen könnten, und der Hoffnung, dass Evangelikale Vorurteile gegenüber der Kirche abbauen könnten. Vermutlich passiert beides bei verschiedenen Leuten.

Und ersteres ist keine Gefahr, die man ganz ausblenden sollte. Es stimmt nun mal leider, dass man sich ziemlich leicht von den Leuten beeinflussen lassen kann (auch ungewollt und unterbewusst), mit denen man seine Zeit verbringt, ganz besonders, wenn man sie als Freunde oder zumindest Verbündete betrachtet; und wenn sich auf so einer ökumenischen Veranstaltung ganz selbstverständlich nicht ganz unproblematische Protestanten präsentieren, nehmen Katholiken, die es mit ihrem eigenen Glauben ernst meinen, aber ihn nicht so genau kennen, sicher unterschwellig einige von deren Ideen als mutmaßlich „einfach nur christlich“ auf. Außerdem ist es eben so ein Kreuz mit den ökumenischen Veranstaltungen, dass sie fast immer, sogar wenn die Veranstalter noch mal das Gegenteil sagen, unterschwellig die Botschaft vermitteln: Eigentlich kommt es ja nicht so sehr darauf an, zu welcher Kirche man gehört, Hauptsache, man ist Christ; eigentlich sind wir doch alle eins. Was leider gerade eine typisch protestantische Irrlehre und kein ökumenischer Konsens ist. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen wir uns auch zu der einen katholischen Kirche, nicht nur zu dem einen Christus, der ihr Begründer und bleibendes Haupt ist. Ich schätze, es wird auch den ein oder anderen Katholiken geben, der den Freikirchlern, die er auf solchen Wegen kennenlernt, einen feurigeren Glauben attestiert als seinesgleichen, v. a. wenn er eine schlechte Pfarrei hat, und dann rüberwechselt, eben weil er das Gefühl bekommt, dass es auf die Konfession ja nicht so sehr ankomme.

Auch von manchen Initiativen unter Evangelikalen und charismatischen Katholiken bin ich erstmal nicht über die Maßen begeistert. Einer meiner Internetbekannten hat die schon erwähnten „Jüngerschaftsschulen“ sehr gelobt und von Bekannten erzählt, die durch solche Schulen richtig gute Christen geworden seien. Da würde man die eigenen Wunden angehen, die eigene Beziehung zu Gott, den Platz im Leben, den Gott für einen gedacht hat. Das kann sein; ich will es gar nicht in Abrede stellen. Mir ist hinterher allerdings auch der Gedanke gekommen: Könnte man dasselbe Ziel nicht evtl. besser mit den langen, traditionellen Ignatianischen Exerzitien erreichen? Manchmal habe ich den Eindruck (nicht nur in diesem Bereich), heutige geistliche Bewegungen in- wie außerhalb der katholischen Kirche versuchen das Rad neu zu erfinden, nachdem irgendjemand in den 60ern entschieden hat, dass wir es nicht mehr brauchen, und sie dann festgestellt haben, dass wir es eben doch noch brauchen; aber weil keiner mehr weitergegeben hat, wie das denn früher gegangen ist mit der Herstellung, kommt irgendetwas annähernd Richtiges, aber Unausgegorenes und Unpräzises heraus. Es ist oft, als hätten wir einen ungenutzten Palast im Keller. Sicher, die Evangelikalen, von denen die Jüngerschaftsschulen kommen, hatten keine nachkonziliare Krise, aber sie sind im Grunde in einer ähnlichen Situation: Ihnen fehlt tradiertes Wissen, die Weisheit der Heiligen, jede neu gegründete Freikirche  fängt in etlichen Dingen bei Null an. Und bei uns schaut man dann noch auf die Freikirchen, weil man sowohl die Tradition der Heiligen vergisst als auch nicht so ganz den Mut hat, selber was ganz Eigenes anzufangen.

Das Schöne an der MEHR allerdings war dieses Gefühl, unter tausenden Leuten zu sein, die genauso wenig zur säkularistischen Welt passen wie man selber. Für alle war es normal, zu Jesus zu beten, Jesus für das Wichtigste im Leben zu halten, und überzeugt zu sein, dass sich nicht Gottes Offenbarung der Postmoderne anzupassen hat, sondern die Postmoderne sich Gottes Offenbarung. Das ist eine nette Abwechslung, wenn man die übrige Zeit unter Säkularisten und vom Modernismus beeinflussten Christen verbringt; selbst wenn auf der MEHR noch so einige Häretiker anderer Richtungen dabei sind.

Am Ende ist meine Einstellung zu ihr nach der MEHR wohl dieselbe wie vor der MEHR: Ich bin kein riesiger Fan von ihr, aber auch keine spezielle Gegnerin. Ich würde mir eher eine andere Sorte MEHR wünschen, aber auch so, wie sie ist, kann es sich schon mal lohnen, hinzufahren.