Christliche Kultur am Sonntag: Der Gesandte des Großen Geistes

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Franz Weiser: „Der Gesandte des Großen Geistes“

Heute wieder ein Kinderbuch; ein österreichisches Kinderbuch aus den 1930ern, das von einem berühmten Indianermissionar, Pater Pierre-Jean De Smet SJ (1801-1873), handelt. Darauf gekommen, es zu lesen, bin ich über diese interessante Rezension hier.

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„Der Gesandte des Großen Geistes“ beginnt damit, wie De Smet als junger Mann heimlich seine Heimat Belgien verlässt, um sich in Amerika den Jesuiten anzuschließen und Missionar bei den Indianern zu werden (ohne seine Eltern vorab zu informieren, weil er fürchtet, dass sie ihn von dieser waghalsigen Idee abbringen wollen würden). Weiser (der im Vorwort erzählt, wie er selbst in Amerika war, De Smets Grab gesehen, seine Briefe gelesen hat usw.) berichtet dann kurz davon, wie De Smet Priester wurde, und dann ausführlicher von seinen endlosen und einsamen Reisen von St. Louis aus quer durch die Prärien und die Rocky Mountains (das „Felsengebirge“ nennt er sie). Immer wieder zitiert er dabei auch De Smets Briefe.

So sah der Pater übrigens in echt aus; ein „Westmann“, wie Weiser sagen könnte:

(Das Foto ist laut Wikipedia von ca. 1860-65. Ich finde es ehrlich gesagt sehr sympathisch, auch wenn er so grimmig schaut; damals sollte man ja auf Fotos ernst und würdevoll dreinblicken. Gemeinfrei.)

Tatsächlich war es ja so, dass in dieser Zeit die katholischen Missionare (wegen ihrer Soutanen als „Schwarzröcke“ betitelt) bei vielen nordamerikanischen Ureinwohnern sehr freundlich aufgenommen und als Boten des Großen Geistes, den diese bereits anbeteten, gesehen wurden, und einige Erfolge erzielten. (Siehe z. B. hier, hier oder hier für Stimmen katholischer Indianer aus dieser Zeit, und Schilderungen ihres Lebens.) Weiser erzählt, wie Pater De Smet die verschiedenen Stämme besuchte (die Potawatomis, Plattköpfe usw.), wie er Glaubensunterricht erteilte und taufte; von seinen lebensgefährlichen Abenteuern auf Reisen; wie er sich später wegen seines Ansehens bei den Stämmen auch als Friedensmittler zwischen Indianerstämmen, und zwischen ihnen und der US-Regierung, betätigte (u. a. traf er Sitting Bull), wie er auch immer wieder nach Europa reiste, um Priesteramtskandidaten und Nonnen für die Mission anzuwerben und Spenden zu sammeln, und schließlich vom Ende seines Lebens in St. Louis.

Das Buch enthält natürlich viel Indianer- und Wildwestromantik, und dürfte (trotz der überwiegend positiven Darstellung der Indianer und der deutlichen Verurteilung der Verbrechen von Goldsuchern und Siedlern an ihnen) allein wegen der Sprache („Rothäute“ usw.) kaum als politisch korrekt durchgehen; aber gut, wer liest schon gern politisch korrekte Bücher. Es ist kein Werk der hohen Literatur, aber auch nicht schlecht geschrieben, und nicht allzu lang. Das ideale Publikum dürften vermutlich 11-13-jährige Jungen aus katholischen Familien sein, die sich für Indianer begeistern und Priester werden wollen; aber es lohnt sich auch für andere Leser. Nichtkatholiken würde ich es allerdings nicht schenken; dafür setzt es zu viel von der katholischen Weltsicht als selbstverständlich voraus, das heutige Säkularisten nicht gleich verstehen würden.

Eine Stelle, die mir besonders gefallen hat, war übrigens diese hier; da ja in letzter Zeit öfter über das Thema „Zölibat in Missionsländern mit Priestermangel“ diskutiert worden ist:

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„Der Gesandte des Großen Geistes“ ist nicht Franz Weisers einziges Buch; allerdings dürfte sein gesamtes Werk wahrscheinlich nur noch antiquarisch zu bekommen sein.

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Ein bisschen MEHR

(Ein etwas verspäteter Bericht.)

Am Wochenende vor Dreikönig fand ja auf dem Augsburger Messegelände die vom Gebetshaus Augsburg organisierte MEHR-Konferenz statt; für alle, die noch nicht oder nur am Rand mitbekommen haben, worum genau es da ging: Die MEHR ist eine jedes Jahr oder alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung mit einer Menge christlichen Vorträgen, einer Menge Lobpreismusik, einer Menge Gelegenheit zur Vernetzung für christliche Gruppen, diesmal auch mit etwas Austausch von Berufstheologen, und natürlich immer mit diversen Gottesdiensten; eine gemeinsame Veranstaltung von Katholiken und Evangelikalen; mit heuer um die 12.000 Besuchern. Johannes Hartl, der Gebetshausleiter, ist rechtgläubiger Katholik, aber einer, der durchaus Wert auf die Ökumene mit den Freikirchlern legt, und die Katholiken, für die die MEHR gedacht ist, scheinen eher in die charismatische Richtung zu tendieren, auch wenn auch viele standardmäßig konservative hingehen.

Ich habe es in den letzten Jahren nie geschafft, hinzugehen, aber dieses Mal hat es dann endlich geklappt; wenn auch nur für einen Nachmittag. (Das ganze Programm lief von Freitag bis Montag.) Meine Hauptgründe, hinzugehen, waren eigentlich:

  • Ich wollte ein paar Leute, die ich bisher nur aus dem Internet gekannt hatte, mal sehen.
  • Ich wollte mir aus Neugier ein Bild davon machen, wie das Ganze so aussieht.

Und wo ich schon mal da war, dachte ich, dass meine Leser auch einen Erfahrungsbericht verdienen.

 

Am Sonntag, dem 5. Januar, habe ich also einen kurzen Abstecher nach Augsburg unternommen. Weil ich nur für sechs bis sieben Stunden da sein konnte, habe ich keinen kompletten Vortrag gehört; war nicht im Raum der Stille (wo eucharistische Anbetung stattfand); und habe nicht einmal alle Stände angesehen, die im aus zwei Messehallen bestehenden „MEHR-Forum“ aufgebaut waren (aber immerhin einige). Die MEHR ist eben wirklich etwas, für das man sich eigentlich das ganze Wochenende Zeit nehmen müsste. Ein bisschen Lobpreis habe ich mitgekriegt, außerdem die Messe am späten Nachmittag mit Weihbischof Florian Wörner aus Augsburg; und einen großen Teil des Nachmittags habe ich damit zugebracht, mich am Stand des Bistums Trier mit besagten Internetbekannten (u. a. einem anderen katholischen Blogger) endlich mal im realen Leben zu unterhalten.

Mein hauptsächliches Fazit:

  • Weihbischof Wörner möge bitte unser nächster Augsburger Bischof werden.
  • Internetbekannte treffen ist schön!
  • So richtig kann ich mit dem ganzen Evangelikalenkram immer noch nicht.

Aber jetzt mal ein bisschen mehr für neugierige Leser. Den Mittag habe ich hauptsächlich damit verbracht, die Stände im MEHR-Forum anzusehen und überall Flyer einzustecken.

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So in etwa sah das MEHR-Forum übrigens aus; an den meisten Plätzen voller als hier, aber ich wollte keine fremden Leute aus der Nähe aufs Photo bringen:

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Unter den Besuchern waren, wie nicht anders erwartet, viele jüngere Leute und Familien mit Kindern.

Es waren, was die Stände angeht, natürlich einige Gruppen da, die ich gekannt und mehr oder weniger erwartet hatte. Es gab ein paar Stände von Aktivisten u. Ä.: „Demo für alle“; „Jugend für das Leben“; eine mir bisher unbekannte Organisation namens „Perlenschatz“, die muslimischen Frauen Hilfe bei häuslicher Gewalt usw. anbietet; einen Stand, an dem über Pornosucht informiert wurde.

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Als ich zum zweiten Mal am Stand von „Demo für alle“ vorbeigekommen bin, ist mir da übrigens ein Mann aufgefallen, der mir irgendwie bekannt vorkam und bei dem mir im Nachhinein klargeworden ist, dass es Alexander Tschugguel gewesen sein dürfte, der österreichische Katholik, der die Pachamama-Statuen in den Tiber geworfen und neuerdings ein „St. Boniface Institute“ gegründet hat, das bisher aus ihm und einer Internetseite zu bestehen scheint.

Dann gab es geistliche Gemeinschaften wie die Gemeinschaft Emmanuel, und ein paar wenige Bistümer; außerdem viele Infos über Orientierungsjahre und Freiwilligendienste für Jugendliche/junge Erwachsene. Einige dieser Orientierungsjahre/-halbjahre betitelten sich als „Jüngerschaftsschule“; die waren für gewöhnlich evangelikal, aber es gab sie auch auf Katholisch.

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Bei den Freiwilligendiensten, die vorgestellt wurden, hatte ich ein gewisses skeptisches Gefühl, weil man ja öfter die Kritik hört (nicht nur an christlichen Freiwilligendiensten, aber leider besonders an denen, und davon besonders an freikirchlichen), dass dabei Jugendliche schnell mal als Aushilfslehrer oder Kinderbetreuer für Heimkinder in exotische Länder geschickt werden, ohne viel vorbereitet zu werden, und bald wieder durch die nächsten Freiwilligen ersetzt werden. Freilich; ich habe keine großen Anhaltspunkte, inwiefern das auf die Freiwilligendienste zutrifft oder nicht, die sich auf der MEHR vorgestellt haben. Die Internetseite einer dieser Organisationen wirkt für mein ungeschultes Auge nicht ganz unprofessionell.

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Es war auch eine (wohl evangelikale) Organisation da, die Glaubensgrundkurse für Menschen mit muslimischem Hintergrund anbietet. Das fand ich wiederum sehr löblich und nachahmenswert.

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Es gab christliche Verlage, nett aussehende Kaffee- und Essensstände, an denen ich allerdings nichts gegessen habe, und ein paar Verkaufsstände, wo man Handschmeichler, Tassen, Türschilder oder (übrigens fair gehandelte) T-Shirts erstehen konnte. Ich habe mir mal ein T-Shirt mitgenommen. Gefiel mir. Die Tassen und Türschilder weniger.

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Manches war schon etwas überkandidelt.

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Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn die Freikirchler auf einmal Mittelalterfans werden, aber dieses Coverdesign!

Eine der größten Ausstellungsflächen gehörte Open Doors (einer Organisation, die sich weltweit gegen Christenverfolgung einsetzt), und da war nicht nur ein normaler Tisch mit Flyern, sondern auch eine Art nachgebautes Minigefängnis, wo es viertelstündliche Führungen gab – d. h. einer der Aussteller führte kleine Gruppen in diesen abgedunkelten Raum mit Gitterstäben, und zeigte dort einen Film, in dem ein iranischer Konvertit von seinem Schicksal im Gefängnis erzählte. Der ganze Stand fokussierte sich dieses Jahr auf den Iran, wo Muslime, die zum Christentum konvertieren, regelmäßig langen Gefängnisstrafen inklusive Folter und manchmal Hinrichtungen ausgesetzt sind.

Bevor man das „Gefängnis“ wieder verließ, wurde in der Gruppe für die verfolgten Christen weltweit gebetet (frei gebetet, wobei jeder, der wollte, etwas sagen konnte; sogar eins der in meiner Führung anwesenden Kinder hat ein bisschen vorgebetet); und an dieser Stelle möchte ich meine Leser bitten, das auch kurz zu tun.

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Die meisten Stände waren weniger deprimierend. Eine Ausstellungsfläche war ganz originell:

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Damit man sich daran erinnert, wer hier der König ist. Auch wenn Er bei Seiner Wiederkunft bitte einen geschmackvolleren Thron bekommen soll.

Wenn man an vielen freikirchlichen Ständen vorbeikommt, entdeckt man allerlei Kurioses, z. B. Bücher, die dazu anleiten sollen, wie man anhand der Bibel Erfolg im Geschäft hat. Ich bin ja sehr für „der Glaube soll alle Lebensbereiche durchdringen“, aber irgendwie hatte das was Naja-weiß-nicht-Mäßiges.

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Dass dem Autor und Verlag an dem ausgewählten Titel „Geschäfte mit Gott“ nichts Komisches aufgefallen ist, ist schon auffällig. Aber gut, vielleicht ist hier Humor gewollt gewesen. Hoffe ich mal. Auch wenn es mich tatsächlich interessieren würde, ein wie erfolgreiches Geschäft die mit Gott machen.

In eine entschieden andere (zu andere, dürfte man sagen) Richtung ging es am Stand des anscheinend sehr antikapitalistisch eingestellten „Bruderhofs“ (einer täuferisch inspirierten protestantischen Kommunität, die Säkularisten zweifellos sofort als Sekte betiteln würden, wobei ich mir vorstellen kann, dass sich vermutlich auch Gründe dafür finden lassen würden). Dort gab es auch eine Zeitschrift mitzunehmen (kostenlos), die ich mir gleich mal eingesteckt habe, nachdem ich gesehen habe, dass sie u. a. einen Artikel eines katholischen Mönchs aus dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz, Pater Edmund Waldstein, enthält. Und man muss sagen, dass das „Plough Publishing House“ Coverdesign kann. Allerdings bin ich noch nicht dazu gekommen, viel in der Zeitschrift zu lesen; mit einer genaueren Beurteilung muss ich also noch warten. Von David Bentley Hart, einem neuerdings aggressiv die Allerlösung predigenden Orthodoxen, erwarte ich deutlich weniger als von Pater Waldstein.

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In der Nähe dieses Standes sah man auch ein paar Frauen in etwas unförmigen langen karierten Kleidern und mit weißen, die Haare halb bedeckenden Kopftüchern. Hat mir irgendwie gefallen – besonders diese „Soll die Welt doch sagen, was sie will“-Einstellung, die das transportiert. Auch wenn ich nicht vorhabe, selber solche Kleider zu tragen.

Es gab aber nicht nur den vorherrschenden „hipper Jugendpastor“-Stil und den in jener Nische zu findenden „Puritaner“-Stil auf der MEHR, sondern auch den „Zeugen-Jehovas-Kitsch“-Stil.

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Dann doch lieber Sonnenuntergangspostkarten mit inspirierenden Sprüchen.

Soweit mal ein Best-off MEHR-Forum (nicht wirklich ein Best-off; oft habe ich einfach nicht daran gedacht, Photos zu machen). Im „MEHR-Auditorium“ derweil sah es, während zwischen den anderen Programmpunkten ruhiger Lobpreis gespielt wurde, so aus:

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Der Lobpreis war schön; da nimmt man doch mal wieder eine gewisse Dosis „Jesus liebt dich“ mit.

An den Ausgängen des MEHR-Auditoriums könnte man auch für sich beten lassen; ich habe mich allerdings nicht recht zu den Leuten hingetraut, die das in Zweierteams angeboten haben.

Ein bisschen was habe ich im MEHR-Auditorium später auch noch von einem „messianischen Juden“, Asher Intrater, mitgekriegt, der am Samstag als Redner geladen war. Von seinem letzten Workshop/Vortrag eigentlich nur, wie er Leuten beigebracht hat, ein paar Worte auf Hebräisch zu beten, um den Herrn um sein Kommen zu bitten oder so ähnlich. Wenn er nicht gerade Hebräisch sprach, sprach er Englisch, und seine Dolmetscherin musste sich ziemlich beeilen, seine Worte auf Deutsch wiederzugeben, bevor er weiterredete bzw. -schrie. Protestantische Prediger aus anderen Ländern sind wohl enthusiastischer als deutsche katholische.

(Die „messianischen Juden“ sind, knapp gesagt, eine Gruppe jüdischstämmiger Protestanten, die sich lieber „messianische Juden“ als „Christen“ nennen, noch das Gesetz des Mose halten, Judenmission betreiben, was die meisten Kirchen / kirchlichen Gemeinschaften ja leider verschämt aufgegeben haben, und trotz ihrer Bemühungen, alles, was sie antisemitisch finden, aus dem Christentum zu entfernen, bei den nichtchristlichen Juden ganz und gar nicht beliebt sind. (Ist m. E. verständlich: Eine Gegenpartei, die sich als Gegenpartei zu erkennen gibt, ist einem immer lieber als eine, die sich gibt, als wäre sie ganz auf derselben Seite wie man selbst.)

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Aber zu den messianischen Juden, zu denen ich auch ein Infoblatt mitgenommen habe, das einer meiner Internetbekannten mir gegeben hat, der es bei ihnen bekommen hatte, würde sich wohl noch ein eigener Beitrag lohnen.

Ich fand es sehr schade, dass ich nicht noch für Johannes Hartls Vortrag am späteren Abend bleiben konnte; ich habe ihn schon einmal bei einer anderen Gelegenheit live gehört und fand ihn damals sehr gut.

Zur Messe war es im MEHR-Auditorium dann richtig voll, und Weihbischof Wörner (mit ein paar Konzelebranten und mindestens dreißig oder vierzig Priestern zum Kommunionausteilen) hat sie schön feierlich gehalten und schön über den Prolog des Johannesevangeliums gepredigt.

Es war etwas seltsam, dass nach dem Einzug der Priester und Ministranten eine Frau (vom Gebetshaus?) auf der Bühne es noch für nötig hielt, den Weihbischof vorzustellen wie vor einem Vortrag; aber gut. Es hatte auch etwas Komisches, dass sich dieselbe Frau hinterher bei ihm noch für (ungefähres Zitat) „das Vorstehen des Gottesdienstes und die Predigt“ bedankte. Was allerdings sehr gut war: Es wurde (ebenfalls von ihr, glaube ich) schon im Vorfeld der Messe ausdrücklich darauf hingewiesen, nur im Gottesdienst der eigenen Konfession die Kommunion zu empfangen.

Meine Meinung zur musikalischen Gestaltung der Messe:

Feierliche Messen sind was Wunderbares. Lobpreisabende können schön sein. Aber beides vermischt passt einfach nicht recht.

Mal hat man den feierlichen, altehrwürdigen Singsang der Liturgie, dann wieder die schnellen, irgendwie schmachtenden Lobpreislieder. Lobpreismusik bringt Konzertstimmung rein; nichts dagegen einzuwenden, wieso nicht religiöse Konzerte haben. Aber eben nicht während der Messe. Was auf irritierende Weise zu dieser Konzertstimmung gepasst hat: Die Kamera, die das Geschehen auf der Bühne auf zwei Leinwände an den Seiten der Halle geworfen hat, damit alle mitbekommen, was passiert, hat sich relativ oft und relativ lang auf das Gesicht des Sängers der Lobpreisband fokussiert.

Wobei man tatsächlich sagen muss, dass die Lobpreisversionen von zwei bekannten alten Kirchenliedern (die zum Einzug und nach der Kommunion gesungen wurden; mir will allerdings partout nicht mehr einfallen, welche Lieder es waren) durchaus etwas hatten.

 

Mein Gesamtfazit:

Etwas zu evangelikal und charismatisch war es mir doch. Das Evangelikale und das Charismatische hat so etwas Adrettes und Energiegeladenes an sich, neben dem ich mich immer gleichzeitig schlampig, hausbacken, rigide und ein bisschen erschöpft fühle. Gut; so fühle ich mich auch in der Berufsschule oder in der Arbeit, also liegt es wohl nicht nur an den Evangelikalen und Charismatikern.

Trotzdem. Lobpreissänger erinnern mich manchmal zu sehr an Schlagersänger (nicht musikalisch; vom Aussehen der Band her). Da ziehe ich Orgelspieler vor.

Aber es sind nicht nur ästhetische Vorbehalte. Ich schwanke bei Veranstaltungen wie der MEHR immer zwischen der Befürchtung, dass sich Katholiken von evangelikalen Irrtümern verleiten lassen könnten, und der Hoffnung, dass Evangelikale Vorurteile gegenüber der Kirche abbauen könnten. Vermutlich passiert beides bei verschiedenen Leuten.

Und ersteres ist keine Gefahr, die man ganz ausblenden sollte. Es stimmt nun mal leider, dass man sich ziemlich leicht von den Leuten beeinflussen lassen kann (auch ungewollt und unterbewusst), mit denen man seine Zeit verbringt, ganz besonders, wenn man sie als Freunde oder zumindest Verbündete betrachtet; und wenn sich auf so einer ökumenischen Veranstaltung ganz selbstverständlich nicht ganz unproblematische Protestanten präsentieren, nehmen Katholiken, die es mit ihrem eigenen Glauben ernst meinen, aber ihn nicht so genau kennen, sicher unterschwellig einige von deren Ideen als mutmaßlich „einfach nur christlich“ auf. Außerdem ist es eben so ein Kreuz mit den ökumenischen Veranstaltungen, dass sie fast immer, sogar wenn die Veranstalter noch mal das Gegenteil sagen, unterschwellig die Botschaft vermitteln: Eigentlich kommt es ja nicht so sehr darauf an, zu welcher Kirche man gehört, Hauptsache, man ist Christ; eigentlich sind wir doch alle eins. Was leider gerade eine typisch protestantische Irrlehre und kein ökumenischer Konsens ist. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen wir uns auch zu der einen katholischen Kirche, nicht nur zu dem einen Christus, der ihr Begründer und bleibendes Haupt ist. Ich schätze, es wird auch den ein oder anderen Katholiken geben, der den Freikirchlern, die er auf solchen Wegen kennenlernt, einen feurigeren Glauben attestiert als seinesgleichen, v. a. wenn er eine schlechte Pfarrei hat, und dann rüberwechselt, eben weil er das Gefühl bekommt, dass es auf die Konfession ja nicht so sehr ankomme.

Auch von manchen Initiativen unter Evangelikalen und charismatischen Katholiken bin ich erstmal nicht über die Maßen begeistert. Einer meiner Internetbekannten hat die schon erwähnten „Jüngerschaftsschulen“ sehr gelobt und von Bekannten erzählt, die durch solche Schulen richtig gute Christen geworden seien. Da würde man die eigenen Wunden angehen, die eigene Beziehung zu Gott, den Platz im Leben, den Gott für einen gedacht hat. Das kann sein; ich will es gar nicht in Abrede stellen. Mir ist hinterher allerdings auch der Gedanke gekommen: Könnte man dasselbe Ziel nicht evtl. besser mit den langen, traditionellen Ignatianischen Exerzitien erreichen? Manchmal habe ich den Eindruck (nicht nur in diesem Bereich), heutige geistliche Bewegungen in- wie außerhalb der katholischen Kirche versuchen das Rad neu zu erfinden, nachdem irgendjemand in den 60ern entschieden hat, dass wir es nicht mehr brauchen, und sie dann festgestellt haben, dass wir es eben doch noch brauchen; aber weil keiner mehr weitergegeben hat, wie das denn früher gegangen ist mit der Herstellung, kommt irgendetwas annähernd Richtiges, aber Unausgegorenes und Unpräzises heraus. Es ist oft, als hätten wir einen ungenutzten Palast im Keller. Sicher, die Evangelikalen, von denen die Jüngerschaftsschulen kommen, hatten keine nachkonziliare Krise, aber sie sind im Grunde in einer ähnlichen Situation: Ihnen fehlt tradiertes Wissen, die Weisheit der Heiligen, jede neu gegründete Freikirche  fängt in etlichen Dingen bei Null an. Und bei uns schaut man dann noch auf die Freikirchen, weil man sowohl die Tradition der Heiligen vergisst als auch nicht so ganz den Mut hat, selber was ganz Eigenes anzufangen.

Das Schöne an der MEHR allerdings war dieses Gefühl, unter tausenden Leuten zu sein, die genauso wenig zur säkularistischen Welt passen wie man selber. Für alle war es normal, zu Jesus zu beten, Jesus für das Wichtigste im Leben zu halten, und überzeugt zu sein, dass sich nicht Gottes Offenbarung der Postmoderne anzupassen hat, sondern die Postmoderne sich Gottes Offenbarung. Das ist eine nette Abwechslung, wenn man die übrige Zeit unter Säkularisten und vom Modernismus beeinflussten Christen verbringt; selbst wenn auf der MEHR noch so einige Häretiker anderer Richtungen dabei sind.

Am Ende ist meine Einstellung zu ihr nach der MEHR wohl dieselbe wie vor der MEHR: Ich bin kein riesiger Fan von ihr, aber auch keine spezielle Gegnerin. Ich würde mir eher eine andere Sorte MEHR wünschen, aber auch so, wie sie ist, kann es sich schon mal lohnen, hinzufahren.

 

Korrekturen: Kräutler, Papst und Kasuistik

Ich wollte noch auf Korrekturen in älteren Artikeln aufmerksam machen:

Ansonsten allen frohe Weihnachten!

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 8: Selbst-, Nächsten-, Feindesliebe und Vergebung: einige Grundsätze

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Bis jetzt ging es in dieser Reihe um das direkte Verhältnis zu Gott (wobei teilweise auch die Kirche eine Mittlerrolle spielt); also das, was die erste Tafel der 10 Gebote anbelangt. Auf der zweiten Tafel des Dekalogs (4.-10. Gebot) geht es um das Verhältnis zu Gottes Geschöpfen.

Jesus fasst das gesamte Sittengesetz bekanntlich so zusammen:

„Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,35-40)

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit ist nicht gemeint: Du sollst deinen Nächsten genauso behandeln, wie du dich selbst behandelst (man kann sich auch selbst mit Hass oder Verachtung behandeln), sondern: Du sollst sowohl deinem Nächsten als auch dir selbst Gutes wollen, du sollst deinem Nächsten Gutes wollen, wie du natürlicherweise dir selbst Gutes willst. Ich habe hier schon mal einiges dazu gesagt, was diese Liebe, die eben nicht gefühlsmäßige Sympathie sein muss, sondern ein grundsätzliches Wollen des Guten für den anderen, eine grundsätzliche Bejahung seiner Existenz, bedeutet – auf Latein würde man sagen: caritas, nicht amor.

Eigentlich fallen alle Gebote – Du sollst nicht morden, Du sollst nicht stehlen, usw. – unter die Liebe (Caritas), aber in diesem Artikel kommen jetzt eher Überlegungen zu praktischen Konsequenzen, die generell zur Liebe gehören (und dabei z. T. über die bloße Gerechtigkeit, die einen großen Teilbereich der Liebe umfasst, hinausgehen, und unter den Teilbereich Barmherzigkeit fallen) und schwer unter genau einem der 10 Gebote eingeordnet werden können.

Fr. Austin Fagothey SJ schreibt in der 1959 erschienenen zweiten Ausgabe seines Moraltheologiehandbuchs über die Liebe: „Sie schließt Milde, Güte, Wohlwollen, Freundlichkeit, Nachbarschaftlichkeit, Rücksichtnahme und Selbstlosigkeit ein, hat aber eine umfassenderen Reichweite als all diese. Die Gerechtigkeit und die Liebe werden einander oft gegenübergesetzt, aber sie entspringen aus derselben Wurzel. Die Gerechtigkeit ist die Liebe, die auf die absoluten Ansprüche der grundlegenden menschlichen Gleichheit beschränkt ist; die Liebe ist die Gerechtigkeit, die zur vollen Bandbreite der Würde der menschlichen Person ausgedehnt ist. […] Die Liebe erlegt Pflichten auf, die ebenso ernst und wichtig wie die nach der Gerechtigkeit sein können, aber von anderer Art. Da Rechte und Pflichten einander entsprechen, verleiht die Liebe sozusagen Rechte oder Ansprüche, aber sie sind von nicht erzwingbarer oder nicht juridischer Art. Verletzungen der Liebe sind moralische Verfehlungen oder Sünden, aber keine rechtlichen Verfehlungen oder Verbrechen. Sie enthalten keine Verletzung im technischen Sinn und verlangen keine Entschädigung oder Strafe in diesem Leben.“*

Die Fragen, um die es hier gehen soll, sind v. a.:

  • Was bedeutet Selbstliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Was bedeuten Vergebung und Feindesliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Wann ist man aufgrund der Nächstenliebe verpflichtet, jemandem zu helfen / wann ist es eine schwere oder eine lässliche Sünde, das nicht zu tun?

Dann werden auch noch zwei Beispiele für leibliche und geistliche Werke der Nächstenliebe angesprochen, nämlich das Spenden (Almosengeben nach der früheren Terminologie), und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna).

Geistliche Sünden gegen die Nächstenliebe wären es auch, irgendjemandem Anlass zu einer Sünde zu geben (z. B. durch „Ärgernis“, der alte Fachbegriff dafür, jemanden durch ein schlechtes Beispiel dazu zu bringen, eine Sünde für gut zu halten), ihn zu einer Sünde zu verführen, dabei mitzuwirken etc.; aber darum soll es später in einem gesonderten Artikel zur Mitschuld an fremden Sünden gehen. Es kann ja eine ernstzunehmende Schuld sein, wirklich an der Schädigung oder sogar dem Tod der Seele eines anderen mitzuwirken, auch wenn derjenige selber immer noch schuld an seiner Sünde und letztlich selbst verantwortlich ist, und manche entfernten, indirekten Mitwirkungen nicht vermieden werden können.

 

Die Liebe jedenfalls heißt also grundsätzlich: jemandem Gutes wollen. Und dieses Wollen muss irgendwie, sofern man dazu fähig ist, auch in gewisse Taten umgesetzt werden.

Es gibt ja im Neuen Testament den Satz Wer also das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt (Jak 4,17), der einer dieser Sätze ist, die für viele Skrupel sorgen können. Nun ist es natürlich so, dass man immer noch mehr und noch mehr Gutes tun könnte, oder dass man statt eines Guten etwas noch Besseres hätte tun können, usw. usf., was niemand tut; dementsprechend müsste jeder die ganze Zeit über sündigen. Das ist hier natürlich nicht gemeint. Es geht um dasjenige Gute, zu dem man an sich durch die Liebe verpflichtet ist. Wenn man dazu auch fähig ist, es aber nicht tut, sündigt man.

Es gibt ein gewisses Mindestmaß an positivem Interesse für Gott, den Nächsten und einen selbst, das da sein muss, damit die Liebe in einem sein kann. Ein Verstoß dagegen durch Hass (schaden wollen um des Schadens willen) auf der einen, oder Desinteresse auf der anderen Seite, verstößt erst lässlich und dann, wenn es ein wichtiger Verstoß ist, schwerwiegend gegen die Liebe.

Etwas, das z. B. immer gegen die Nächsten- bzw. Feindesliebe verstößt, ist, jemandem die ewige Verdammnis, also die ewige Entfernung von Gott, zu wünschen. Was nicht immer dagegen verstößt, ist, jemandem eine zeitliche Strafe (z. B. irdisches Gefängnis oder auch das Fegefeuer) zu wünschen (sofern er das verdient hat, natürlich). Es verstößt ganz und gar nicht gegen die Pflicht zur Feindesliebe und Vergebung, einen Verbrecher anzuzeigen; im Gegenteil, das ist oft gut und kann zur Wiedergutmachung des Schadens, zum Schutz anderer vor ihm usw. führen. Auch Gefühle der Abneigung verstoßen an sich nicht gegen die Nächstenliebe. Was aber gegen sie verstößt ist: Abneigung in sich heranzüchten, sich in seine Wut auf jemanden hineinsteigern, jemanden über das hinaus, was er verdient, bestraft sehen wollen, nicht zur Verzeihung bereit sein. Fr. Fagothey schreibt wiederum:

„Das Laster, das der Liebe direkt entgegensteht, ist der Hass. Er ist kein vorübergehender Anfall von Zorn, wie stark auch immer, noch ist er die bloße Abneigung gegen eine Person. Manche Leute machen uns natürlicherweise kirre und wir können uns nicht helfen, von ihnen abgestoßen zu sein; dieses Gefühl ist unfreiwillig und wir sind nicht dafür verantwortlich. Es ist nichts Falsches dabei, solche Personen zu meiden, solange wir ihnen nicht das Gefühl geben, verachtet zu werden. Hass bedeutet, dass wir mit willentlicher Bosheit andere verletzen oder ihnen Übel wünschen oder uns über ein Übel freuen, das sie befallen hat. […]

Ist der Hass so böse, dass wir nicht einmal unsere Feinde hassen dürfen? Das natürliche Sittengesetz steigt nicht zu solcher Höhe auf, dass es uns verpflichtet, unsere Feinde in dem Sinn zu lieben, dass wir ihnen positiv gute Taten erweisen müssten, aber es verbietet uns tatsächlich, sie zu hassen. […] Daher ist die fortwährende Verweigerung der Vergebung falsch. Die emotionalen Schwierigkeiten, die im Prozess der Vergebung überwunden werden müssen, können unüberwindlich scheinen, aber dies ist keine Frage der Emotionen, sondern des Willens.

Wenn jemand, der uns verletzt hat, damit ein Verbrechen begangen hat, haben wir gemäß der Gerechtigkeit das Recht, ihn den öffentlichen Autoritäten zur Strafe zu überantworten, und wir können sogar die Pflicht dazu haben, wenn er sonst seine Verbrecherkarriere gegen das Gemeinwohl fortsetzen würde. Die Sicherung der Gerechtigkeit ist etwas ganz anderes als persönlicher Hass und privates Suchen nach Rache. Wir haben auch das Recht, aber nicht die Pflicht, Wiedergutmachung für uns selbst zu fordern, denn das steht uns gemäß der Gerechtigkeit zu, aber wir haben nicht das Recht, ihm für immer die Vergebung zu verweigern, die ihm gemäß der Liebe zusteht.“**

Vergebung ist also eine Sache des Willens, und man kann jemandem vergeben, auch wenn man es noch nicht schafft, alle Gefühle des Hasses gegen ihn loszuwerden. Diese Vergebung ist immer verpflichtend; wir beten zu Gott: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

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(Die Bergpredigt Jesu, Mosaik an der Fassade der Altenburger Brüderkirche. Gemeinfrei.)

Außerdem ist bei der Nächstenliebe – wie immer – zu bedenken: Wenn es um positive Pflichten (=Pflichten, etwas zu tun (im Unterschied zu Pflichten, etwas zu unterlassen)) geht, greifen sie immer nur, wenn ihre Erfüllung physisch und moralisch möglich ist. („Moralisch unmöglich“ heißt so etwas wie „praktisch unzumutbar“. Z. B. kann für jemanden, der an einer Depression leidet, etwas, das physisch für ihn möglich wäre, trotzdem unzumutbar sein.) Je schwerer es wäre, sie zu erfüllen, desto weniger binden sie, und desto weniger schwer sind Verstöße dagegen. Wenn jemand seine Pflichten ganz leicht hätte erfüllen können, ist ein Verstoß natürlich schwerer als bei jemandem, dem es einiges zugemutet hätte. Außerdem gibt es Pflichten, die weniger dringend sind, und solche, die dringender sind; z. B. kann man leichter davon entschuldigt werden, an einem Tag, an dem man krank ist, in der Arbeit zu erscheinen, als davon, sein Neugeborenes mit Nahrung zu versorgen; solange man nicht gerade im Koma liegt o. Ä., muss man letzteres immer tun; bei ersterem genügt eine Erkältung, um davon entschuldigt zu sein.

Es gibt auch eine Art Ordnung in der Liebe. Ebenfalls in der Bibel, in den Paulusbriefen, heißt es: Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen! (Gal 6,10) und Wenn aber jemand für seine Angehörigen, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger. (1 Tim 5,8).

Den einem persönlich nahestehenden Menschen ist man zuerst verpflichtet; der Familie, dann den Freunden, entfernteren Verwandten, Nachbarn, tatsächlich auch den Mitkatholiken („Glaubensgenossen“) und dem eigenen Land etwas mehr als der gesamten Menschheit. Was nicht heißt, dass man keine Pflichten gegenüber jedem Angehörigen der gesamten Menschheit hätte (wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, kann auch ein ganz Fremder, der in Not ist, zum Nächsten werden, dem man helfen muss), aber gegenüber den Näherstehenden hat man mehr Pflichten.

Noch ein fundamental wichtiger Punkt: Die Liebe rechtfertigt es nie, für den Nächsten eine Sünde zu begehen. Freilich sind manche Dinge, die es für gewöhnlich sind, in Notsituationen keine Sünden (z. B. für seine hungrigen Kinder Essen zu stehlen; jemanden zu verletzen oder zu töten, der einen Mord oder eine Vergewaltigung begehen will, um ihn unschädlich zu machen), aber andere Dinge sind nie erlaubt (z. B. sich zu prostituieren, um für seine hungrigen Kinder Essen zu haben; zu lügen, um jemandes Geheimnisse zu schützen); dementsprechend darf auch niemanden ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, weil er diese Dinge nicht zu tun bereit ist; man ist nie dafür verantwortlich, was passiert, wenn man etwas Schlechtes nicht tut, auch nicht dafür, was andere, die einen erpressen wollen, dann tun.

Gott trägt die Gesamtverantwortung für die Welt und wir sind nur dafür verantwortlich, unseren uns zugewiesenen Teil zu tun. Wenn wir dann das Gute tun und das Böse lassen, wird Er es insgesamt zum Guten führen; und am Ende wird es auch dem anderen, dem man helfen will, nichts geholfen haben, dass man für ihn gesündigt hat. Man weiß nie, was gewesen wäre, wenn man es nicht getan hätte; man kennt Gottes Gründe hinter dem zugewiesenen Schicksal nicht. Die Gottesliebe und das Vertrauen auf Gott verlangen es, Gott zu gehorchen.

 

Ich würde jetzt wieder einmal einige Passagen aus Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“ von 1930 (wie immer rückübersetzt aus der französischen Übersetzung von 1935) zu allen diesen Themen zitieren.*** Wie immer zu beachten: Er redet hier meistens nicht davon, was das Beste, Idealste wäre, sondern davon, was unter Sünde verpflichtend ist.

Zur Selbstliebe schreibt er:

I. Die Notwendigkeit der Selbstliebe resultiert aus dem Gebot selbst: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ (Mt 22,39)

Außerdem resultiert die Notwendigkeit der Selbstliebe aus der Tatsache, dass, wer Gott liebt, natürlicherweise auch alles liebt, was Gott liebt, alles, was Gott angehört, und alles, was die göttlichen Vollkommenheiten widerspiegelt.

II. Man praktiziert die Selbstliebe, indem man zusieht, sich die übernatürlichen Güter zu verschaffen, die geistlichen Güter, danach die Güter, die zum Erhalt unseres zeitlichen Lebens notwendig sind, und sogar die äußerlichen Güter.

Dabei ist es nicht nötig, immer aus dem Motiv der theologischen [übernatürlichen] Caritas zu handeln, weil die natürliche Tugend der Selbstliebe auch ihren moralischen Wert hat.

III. Die Sünden gegen die Selbstliebe werden begangen durch den Egoismus und durch den Selbsthass.

Man sündigt durch Egoismus, wenn man z. B. sein eigenes Wohl der Ehre Gottes oder dem Gemeinwohl vorzieht; durch Selbsthass, wenn man nicht auf vernünftige Weise für seinen Körper oder seine Seele sorgt. Genau genommen ist jede Sünde auch eine Sünde gegen die Selbstliebe, aber weil sich das von selbst versteht, ist es nicht nötig, sich dessen [in der Beichte] im Speziellen anzuklagen.“

Wenn Jone sagt, dass der Egoismus gegen die Selbstliebe verstößt, was erst einmal seltsam klingt (man würde vielleicht meinen, dass er nur gegen die Nächstenliebe verstöße), dann meint er, dass die Selbstliebe hier ungeordnet und übermäßig wird, was eben gegen die richtige, gesunde Selbstliebe verstößt.

Es geht bei der Selbstliebe um die vernünftige Sorge für den eigenen Körper und die eigene Seele. Nicht jede kleine Vernachlässigung z. B. der eigenen Gesundheit durch ungesundes Essen ist schon eine Sünde gegen die Selbstliebe; sein Leben oder schwere Gesundheitsschäden grundlos zu riskieren ist aber definitiv eine; aber dazu dann ausführlicher beim 5. Gebot, wo es um Leben, Sicherheit, Gesundheit geht. Natürlich ist es erlaubt und sogar gut, um Gottes und des Nächsten willen manche persönlichen Schaden in kauf zu nehmen; manche Dinge darf man aber auch sich selbst nicht antun, um anderen zu nutzen (eindeutigstes Beispiel: man darf nicht Selbstmord begehen, weil man sich für eine Last für seine Angehörigen hält). So viel Liebe ist man sich schuldig. Was zu tun in sich schlecht ist, darf man auch sich selbst nicht antun.

Es verstößt auch gegen die Selbstliebe, der eigenen Seele zu schaden, indem man sich z. B. grundlos der näheren Gefahr der schweren Sünde (also Situationen, in denen man damit rechnen muss, dass man wohl eine schwere Sünde begehen wird) aussetzt; aber dazu auch in einem eigenen Beitrag zu Gelegenheiten zur Sünde.

Zur Nächsten- und zur Feindesliebe sagt Jone folgendes:

I. Die Pflicht der Liebe zum Nächsten.

1. Generell ist man verpflichtet, um Gottes willen alle Geschöpfe zu lieben, die an der ewigen Seligkeit teilhaben können.

[…]

Die moralische Tugend der Nächstenliebe ist auch gut; sie besteht darin, den Nächsten zu lieben, weil er etwas Schätzenswertes an sich hat.

2. Im Speziellen erstreckt sich die Pflicht der Nächstenliebe auch auf die Feinde.

a) Die Verzeihung ist infolgedessen eine Pflicht, auch wenn der Feind sie nicht erbittet.

Feindseligkeit, Hass, Wunsch nach Rache, Verwünschen sind schwere Sünden, wenn es sich um bedeutende Angelegenheiten handelt. – Man darf mit diesen Sünden weder die natürliche Antipathie verwechseln noch die Unzufriedenheit oder die Abneigung, die von einem bösartigen oder verletzenden Vorgehen oder auch den Dispositionen des Nächsten verursacht wird. – Verwünschungen sind keine schweren Sünden, wenn man (z. B. infolge von Empörung) bei ihnen keine ausreichende Überlegtheit aufbringt, oder wenn man nicht im Ernst spricht, oder wenn es sich nur um ein geringes Übel handelt [das man dem anderen wünscht]. Im Interesse des Nächsten selbst oder eines entsprechend großen Gutes kann man dem Nächsten ein Übel und sogar den Tod wünschen, z. B.: auf dass ein leichtfertiger junger Mann sich nicht vom Bösen fortreißen lässt, das ihn seine ewige Seligkeit aufs Spiel setzen lassen würde, oder auch, auf dass ein Familienvater nicht sein ganzes Geld für den Alkohol verschwendet.

Der Beleidiger ist gehalten, denjenigen um Verzeihung zu bitten, den er verletzt hat. Wenn zwei Personen einander gegenseitig verletzt haben, liegt die Pflicht, zuerst um Verzeihung zu bitten, bei dem, der zuerst oder eine schwerere Verletzung zugefügt hat. Aber das Beste ist, wenn beide diesen Schritt machen. – Es ist nicht nötig, dass die Bitte um Verzeihung auf explizite Weise geschieht. Oft wird sie sich genausogut durch eine besondere Geste der Sympathie kundtun, durch das Entbieten eines Grußes etc…

Der Beleidigte ist gehalten, sich zu bemühen, die Versöhnung herbeizuführen, wenn sein Gegner andernfalls in der schweren Sünde bleibt oder Ärgernis daraus entstehen muss.

b) Es braucht auch eine äußere Manifestation des Verzeihens, die dadurch geschieht, dass man die üblichen Zeichen der Freundlichkeit entgegenbringt.

[…] Wenn der andere nicht auf diese allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit eingeht, z. B. nicht auf den Gruß antwortet, ist man nicht mehr verpflichtet, sie ihm als erster entgegenzubringen.

α) Es ist eine schwere Sünde, die allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit zu verweigern, wenn das aus Hass geschieht oder der, dem man diese Zeichen verweigert, davon bedrückt ist, oder auch, wenn daraus ein schweres Ärgernis entsteht.

Sich vom Weg des Gegners fernzuhalten, um nicht unnötig in Zorn zu geraten, ist keine Sünde, wenn daraus kein Ärgernis oder Kümmernis für den Nächsten entsteht. Wenn zwei Nachbarn, zwei Brüder oder zwei Schwestern wegen einer leichten Unstimmigkeit eine gewisse Zeit nicht miteinander reden oder einander nicht grüßen, besteht keine schwere Sünde.

β) Das Verweigern der allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit kann erlaubt sein, wenn es ein ausreichendes Motiv gibt und kein Ärgernis entsteht.

Solche Motive sind: die Besserung oder gerechte Bestrafung des Beleidigers, ferner der Wunsch, zu zeigen, wie sehr sein schlechtes Verhalten einen verletzt hat.

c) Man ist nicht verpflichtet, auf die Genugtuung und die Wiedergutmachung des Schadens zu verzichten.

Dementsprechend kann man eine gerichtliche Klage einreichen, auch wenn der Beleidiger um Verzeihung gebeten hat, aber man darf es nicht aus Hass tun. – Dementsprechend muss man auf die Genugtuung verzichten, wenn der Schaden unbedeutend ist, wenn, um ihn wiedergutzumachen, der Beleidiger einen schweren und unverhältnismäßigen Schaden leiden müsste.

d) Besondere Zeichen der Zuneigung werden von der Feindesliebe nicht verlangt, selbst wenn man sie zuvor gegenseitig ausgetauscht hat. – In Ausnahmefällen kann man aber aus anderen Gründen dazu gehalten sein.

Das geschieht, wenn die Verweigerung dieser Zeichen der Zuneigung Ärgernis entstehen lassen würde, oder wenn, indem man sie austauscht, man den anderen dazu führt, seine Einstellung zu ändern. Man ist allerdings nicht verpflichtet, dafür ein großes Opfer zu bringen.

II. Die Ordnung, der wir in der Liebe zum Nächsten folgen müssen, wird bestimmt durch die Not des Nächsten und unser Verhältnis zu ihm.

1. Die Not des Nächsten kann geistlich oder zeitlich sein, beide können sein: extrem, schwerwiegend oder leicht.

Jemand befindet sich in extremer Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen gar nicht oder nur sehr schwer dem ewigen oder zeitlichen Tod entrinnen kann. Es ist fast dasselbe bei jemandem, der an dem Punkt ist, in eine extreme Gefahr zu geraten, oder der, ohne die Hilfe des anderen, einem schweren und lang andauernden Übel nicht entkommen kann, z. B.: einer harten Gefangenschaft, dem Verlust seiner Güter, seiner Stellung. [Hier spricht Jone natürlich aus Sicht einer Zeit, in der letzteres noch sehr viel gravierendere Folgen hatte als heute; heute ist Arbeitslosigkeit sicher kein extremes Übel mehr.]

Jemand befindet sich in schwerwiegender Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen nur schwer der ewigen Verdammnis entgehen kann; wenn er schwerwiegende zeitliche Probleme erlebt, die aber nicht lange andauern oder nicht exzessiv schwerwiegend sind.

Jemand ist in leichter Not, wenn er von einem wenig wichtigen Übel bedroht ist oder von einem schwerwiegenden Übel, dem er aber leicht entkommen kann.

a) In extremer geistlicher Not muss man dem Nächsten selbst bei Gefahr des eigenen Lebens zu Hilfe kommen.

Man ist allerdings nur in den folgenden Fällen verpflichtet, sein Leben aufs Spiel zu setzen: wenn man die sichere Hoffnung hat, den nächsten mit diesem Beistand zu retten, wenn es niemand anderen gibt, der helfen kann und will, und zuletzt, wenn man, indem man ihm zu Hilfe kommt, nicht mehrere andere Personen der ewigen Verdammnis aussetzt. – Das ist der Grund, aus dem man in der Praxis eine Mutter nicht verpflichten kann, sich einer Kaiserschnittoperation zu unterziehen, um die gültige Taufe des Kindes sicherzustellen [gemeint ist: wenn das Kind eine Geburt auf natürlichem Wege nicht überleben würde; damals waren Kaiserschnitte noch viel gefährlicher als heute], und zwar aus den folgenden Gründen: es ist wahrscheinlich, dass die Taufe im Mutterschoß gültig ist, es ist nicht sicher, dass das Kind lebendig zur Welt käme, noch, dass es gerettet würde, wenn es im Erwachsenenalter stürbe. – Eine Todsünde oder auch nur eine lässliche Sünde zu begehen, um jemanden zu retten, ist nie erlaubt, da das Wohlgefallen Gottes über allem stehen muss.

b) In extremer zeitlicher Not ist man verpflichtet, dem Nächsten zu helfen, selbst zum Preis eines großen persönlichen Nachteils, aber nicht unter Lebensgefahr, wenigstens, wenn man dazu durch seine Stellung verpflichtet ist oder das Gemeinwohl die Rettung derer, die in Gefahr sind, erfordert.

[…] Es ist erlaubt und verdienstvoll, aus einem übernatürlichen Motiv heraus sein Leben aufs Spiel zu setzen, um das des Nächsten zu retten.

c) In schwerwiegender geistlicher oder zeitlicher Not muss man helfen, soweit man es ohne große Beschwerlichkeiten tun kann; man ist nur dann verpflichtet, es trotz großer Beschwerlichkeiten zu tun, wenn man wegen seiner Standespflichten, durch die Gerechtigkeit oder durch die familiäre Liebe dazu gehalten ist.

Das ist der Grund, aus dem z. B. ein Pfarrer verpflichtet ist, auch zum Preis großer Beschwerlichkeiten, seinen Pfarrkindern die Hilfe seines Dienstes zukommen zu lassen, wenn diese es sonst schwer hätten, ihr Heil zu erwirken.

d) Bei gewöhnlichem geistlichen oder zeitlichen Bedarf ist man nicht verpflichtet, jedem unserer Mitmenschen im Einzelnen zu Hilfe zu kommen.

Man darf allerdings nicht in der Einstellung sein, niemals jemandem in diesem Fall zu Hilfe zu kommen; man muss im Gegenteil oft anderen helfen, wenn man es ohne größere Schwierigkeiten kann. Man darf sogar, im geistlichen oder zeitlichen Interesse des Nächsten, große geistliche Güter aufgeben, die nicht notwendig sind, um die ewige Seligkeit zu erlangen, z. B.: seinen Eintritt ins Kloster aufschieben, auf den Verdienst aller seiner guten Werke zugunsten der Seelen im Fegefeuer verzichten, sich der entfernten Gefahr der Sünde aussetzen.

2. Unsere Beziehungen zum Nächsten verpflichten uns, bei gleicher Not, zuerst denen zu helfen, die uns am nächsten stehen.

[…] Die Ordnung, der zu folgen ist, ist dementsprechend die folgende: Der Ehemann oder die Ehefrau, die Kinder, der Vater und die Mutter, die Brüder und Schwestern, die anderen Vorfahren [Großeltern etc.], die Freunde etc… In extremer Not muss man den Vater und die Mutter allen anderen vorziehen, da wir ihnen unsere Existenz verdanken.“

Wenn er hier die Ehepartner vor den Kindern nennt, klingt das vielleicht kontraintuitiv macht aber letztlich Sinn; Ehepartner bleiben z. B. eng aneinander gebunden, wenn ihre erwachsenen Kinder schon ausgezogen sind. Ein großer Unterschied in der Nähe besteht hier aber freilich nicht; beides ist die engste Familie.

Dann schreibt Jone noch etwas über zwei Werke der Nächstenliebe; das Almosengeben, worunter er offensichtlich mehr Hilfe fasst, die beim zeitlichen Leben hilft als nur die normalen Geldspenden, also z. B. auch den kostenlosen Beistand eines Arztes oder Anwalts für jemanden in Not, und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna), mit der gemeint ist, jemand anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er etwas Falsches tut oder getan hat (also z. B. so etwas wie „Mit dem, was du gesagt hast, hast du sie wirklich verletzt“, oder „Du hättest dieses Gerücht über ihn nicht verbreiten dürfen“). Zu den geistlichen Werken der Barmherzigkeit gehört es ja, „die Unwissenden zu lehren“, „die Zweifelnden zu beraten“ und „die Sünder zurechtzuweisen“; die correctio fraterna kann jemandes Seele nützen und auch anderen zeigen, was das Richtige und das Falsche ist, die ihn sonst nachahmen könnten; freilich sollte man es mit ihr auch nicht übertreiben (und, wie Jone schreibt, sollten gerade Skrupulanten sich lieber nicht mit ihr befassen).

Beim Almosen erwähnt Jone hier ab und zu den Begriff „standesgemäßes Leben“; das klingt heute seltsam, hat aber seinen Sinn; man könnte sagen, es umfasst das, was in der Wirtschaftslehre als „Kulturbedürfnisse“ im Unterschied zu „Existenzbedürfnissen“ und „Luxusbedürfnissen“ bezeichnet wird. Hier ist ein Leben gemeint, bei dem man in der Gesellschaft, zu der man gehört, in seiner jeweiligen Position dazugehören und bequem leben kann. Was genau dazu zählt, ändert sich auch; z. B. ist es heute in Deutschland normal, sich Kühlschrank und Waschmaschine leisten zu können und die wenigsten schaffen es, ohne zurechtzukommen, also würde die Kühlschrankreparatur eindeutig unter das „standesgemäße Leben“ fallen. Das „standesgemäße Leben“ ändert sich auch wirklich mit dem „Stand“; z. B. wird von der Queen nun mal einfach etwas anderes erwartet als von ihren Putzfrauen; und diese Unterschiede sind okay so, jedenfalls sicherlich, solange alle genug haben.

Auch zum Thema Almosen zu beachten ist, dass heutzutage in vielen Staaten schon größere Teile der Steuergelder sozialen Zwecken zugutekommen, für die früher Spenden nötig  waren.

Jone schreibt also, wobei er zunächst vor allem von Situationen spricht, in denen man den Hilfe benötigenden Nächsten persönlich kennt:

„Unter den verschiedenen Werken der Nächstenliebe betrachten wir hier vor allem: das Almosen und die brüderliche Zurechtweisung.

 

I. Das Almosen. 1. In extremer Not ist man verpflichtet, unter schwerer Sünde, dem Nächsten zu helfen, selbst unter Opferung der Güter, die nötig sind, um ein standesgemäßes Leben zu führen.

Wir sind nicht verpflichtet, das zu opfern, was für unseren Unterhalt und den der Personen, für die wir verantwortlich sind, nötig ist.

a) Es ist nicht nötig, eine größere Hilfe zu gewähren, als die Linderung der Not verlangt. […]

b) Was man nicht verpflichtet wäre, zu tun, um sein eigenes Leben zu retten, ist man nicht verpflichtet, zu tun, um das des anderen zu retten.

[…]

2. In schwerwiegender Not ist man verpflichtet, dem Armen so weit zu helfen, wie man es kann, ohne das aufzugeben, was notwendig ist, um ein standesgemäßes Leben zu führen. Diese Pflicht ist für gewöhnlich eine schwerwiegende Pflicht.

Im Fall dass ein Armer in dieser Not leicht anderswo Hilfe finden könnte, wäre man nicht unter der schwerwiegenden Verpflichtung, ihm persönlich zu Hilfe zu kommen. […] Wer keinen Überfluss besitzt, aber trotzdem behaglich lebt, sündigt lässlich, wenn er nicht einmal ein kleines Opfer akzeptieren will, um einem Armen in schwerwiegender Not zu helfen.

3. Bei gewöhnlicher Not muss man, auf generelle Weise, den Armen aus seinem Überfluss helfen, und das, nach der Meinung der meisten Autoren, nur unter lässlicher Sünde.

[…] Wer jedes Jahr 2% aus seinem Überfluss dafür aufwendet, erfüllt seine Pflicht, in Bezug auf diese Armen. Es sind auch die der lässlichen Sünde schuldig, die nur das Genügende besitzen und nie etwas für die Armen tun.

Bemerkung: Da in unseren Tagen oft eine große Not herrscht, ob in unserer unmittelbaren Umgebung oder in fremden Ländern, und es durch die modernen Organisationen leicht ist, diesen Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen, ist man gehalten, jedes Jahr mehr als 2% aus seinem Überfluss den Armen zu geben. Es ist allerdings nicht nötig, alles abzugeben, was man entbehren kann, wenn ganze Regionen, z. B. in China oder Indien, sich in extremer Bedürftigkeit befinden. Selbst wenn eine Person allein ihr ganzes Vermögen gäbe, wäre eine solche allgemeine Not nicht behoben; aber wenn jedermann seine Pflicht erfüllen würde, wäre es normalerweise relativ einfach, ihr abzuhelfen. Aber man muss ausdrücklich bemerken, dass man hier nur die äußerste Grenze der Sünde anzeigt. Ein wahrer Christ wird sicherlich ein größeres Almosen geben, selbst im Fall der gewöhnlichen Bedürftigkeit.“

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(Fyodor Bronnikov, Das Gleichnis von Lazarus und dem Reichen. Gemeinfrei.)

„II. Die brüderliche Zurechtweisung. 1. Es gibt die schwerwiegende Pflicht, den Nächsten von der Sünde abzuziehen oder ihn aus der nächsten Gefahr zur Sünde zu entfernen, wenn alle folgenden Vorbedingungen erfüllt sind.

a) Der Nächste befindet sich in einer wirklichen geistlichen Not.

Diese Not existiert, wenn die Sünde oder der Wille zur Sünde nicht angezweifelt werden kann; sodann, wenn der Nächste sich ohne die brüderliche Zurechtweisung nicht bessern wird; zuletzt, wenn niemand anderes, zumindest niemand Kompetentes, diese Zurechtweisung unternimmt.

Wenn Sünden, die aus unüberwindlicher Unwissenheit begangen werden, keinen Schaden verursachen, gibt es keine Pflicht der Nächstenliebe, jemanden z. B. auf eine Abstinenz- oder Fastenvorschrift aufmerksam zu machen. Im Gegensatz dazu, wenn eine selbst nur materielle Sünde Schaden verursacht, entweder für den Sünder selbst (Sünden gegen das sechste Gebot), für einen Dritten (z. B.: Unterlassung eines Schadensersatzes, Ärgernis), verpflichtet uns die Nächstenliebe, darauf hinzuweisen, selbst wenn der Sünder sich in unüberwindlicher Unwissenheit befindet. – Selbst in den Fällen, in denen man nicht durch die Pflicht zur Nächstenliebe gehalten ist, darauf hinzuweisen, kann man, unter lässlicher Sünde, verpflichtet sein, in Anbetracht der Ehre Gottes darauf hinzuweisen (z. B.: um eine Gotteslästerung zu vermeiden). Im übrigen sind viele Leute aufgrund ihrer Verantwortung oder durch die familiäre Liebe verpflichtet, andere anzuleiten.

b) Die geistliche Not ist groß.

Die Not existiert immer, wenn es sich um eine Todsünde handelt. Im Ausnahmefall kann ein Oberer die schwerwiegende Pflicht haben, gegen die [nicht schwer sündigen] Verfehlungen seiner Untergebenen einzuschreiten, z. B. wenn diese Verfehlungen die Ordensdisziplin gefährden.

c) Man hat die fundierte Hoffnung, den Nächsten sich bessern zu sehen.

Dementsprechend existiert diese Pflicht für gewöhnlich nicht gegenüber Unbekannten. Skrupulanten tun gut, sich nicht um die brüderliche Zurechtweisung zu kümmern, da sie absolut keine Kompetenz dafür haben. Man kann die brüderliche Zurechtweisung aufschieben, wenn die Chance besteht, dass sie später effektiver sein wird.

Wenn es keine Hoffnung auf Besserung gibt, muss man die brüderliche Zurechtweisung nur üben, wenn ihre Unterlassung Ärgernis verursachen würde.

d) Die Zurechtweisung lässt sich ohne schweren persönlichen Schaden bewerkstelligen.

Wer aus einem Übermaß an Schüchternheit die Zurechtweisung unterlässt, begeht für gewöhnlich keine schwere Sünde. – Die Bischöfe, die Pfarrer, etc…. kraft ihres Amtes, die Eltern kraft der familiären Pflichten, sind gehalten, die Zurechtweisung selbst unter großem persönlichen Nachteil zu üben. – Desgleichen können Privatpersonen verpflichtet sein, auf die Zurechtweisung zurückzugreifen, wenn ihre Unterlassung dem Gemeinwohl schaden würde, z. B. wenn ein korrumpierter Schüler eine ganze Anstalt verderben könnte, oder ein Priester, der sich zum Versucher macht, den Gläubigen einen großen Schaden verursacht.

2. Die Weise, auf die die brüderliche Zurechtweisung geschehen soll. Sie kann durch Worte geschehen, einen Blick, oft auch dadurch, das Gespräch anderswohin zu lenken oder jemandem seine Mitwirkung zu verweigern.

3. Die bei der Zurechtweisung zu folgende Ordnung ist die folgende: Zuallererst zeigt man seine Meinung dem Einzelnen, dann tut man es vor ein oder zwei anderen Personen; wenn dieses zweite Mittel auch scheitert, informiert man die Oberen.

Eine sofortige Anzeige ist erlaubt, wenn die Sünde öffentlich ist, oder an dem Punkt, es zu werden, wenn das Gemeinwohl oder das Wohl eines Dritten eine sofortige Anzeige erfordert, wenn es einen großen Schaden verursachen würde, jemanden direkt zur Ordnung zu rufen, wenn ein privater Hinweis wenig Erfolgschancen hätte. […]“

Jone bezieht sich hier natürlich auf Jesu Anweisung in Mt 18,15-17: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“

Das Anzeigen beim Oberen betrifft z. B. Fälle, wo ein Pfarrer sich fragwürdig verhält und die Pfarreimitglieder sich an den Bischof wenden könnten, damit er Abhilfe schafft.

Vielleicht ist es zur Ergänzung noch interessant, wie Fagothey über die gegenseitige Hilfe schreibt, auch wenn es im Endeffekt praktisch auf dasselbe hinausläuft wie bei Jone:

„Die Nächstenliebe verpflichtet uns, dem Nächsten in Not zu Hilfe zu kommen. Wie bindend diese Verpflichtung ist, hängt von drei Faktoren ab:

(1) Wie groß seine Not ist

(2) Wie viel Schwierigkeiten es uns kosten wird

(3) Wie nützlich unsere Hilfe sein wird

Da wir unseren Nächsten wie uns selbst, aber nicht mehr als uns selbst, lieben müssen, sind wir nie verpflichtet, obwohl es uns erlaubt ist, eine gleichwertige Mühsal auf uns zu nehmen wie die, von der wir ihn befreien wollen. Uns für andere aufzuopfern ist heroisch und bewundernswert, kann aber kaum als Pflicht auferlegt werden, da wir selbst Rechte haben und die andere Person auch Pflichten uns gegenüber hat. Und es wäre unvernünftig, wenn wir zu sinnlosen Gesten gegenüber denen verpflichtet wären, die jenseits unserer Hilfsmöglichkeiten sind.

Sich zu weigern, einem Menschen in extremer Not zu helfen, selbst bei ernsthaften Beschwerlichkeiten für uns, ist unmenschlich und unentschuldbar. Wenn er nicht in extremer, aber in wirklich schwerer Not ist, nimmt die Verpflichtung proportional ab, ist aber immer noch schwerwiegend. Je geringer die Not, desto geringer die Verpflichtung, aber sie verschwindet nicht, solange wir ohne unangemessene Schwierigkeiten helfen können. Aber den gewöhnlichen Nöten der Menschheit im Allgemeinen abzuhelfen, da sie ein Teil des Lebens sind und zu zahlreich für die Ressourcen irgendeines einzelnen, kann unter normalen Umständen nicht die Pflicht von Privatpersonen sein. Diejenigen, die für das Gemeinwohl verantwortlich sind, müssen Maßnahmen konzipieren, um ihnen abzuhelfen; das ist eine Pflicht der Gerechtigkeit, aber es sollte über die Verpflichtungen der bloßen Gerechtigkeit hinausgehen.

Die Reichen haben eine Pflicht, die Armen zu unterstützen. Diese Verpflichtung ruht eher auf den Reichen als Klasse als auf einem einzelnen Reichen, außer er wäre der einzige in der Gemeinschaft, der der Situation entgegentreten könnte. Die Unterstützung der Armen kann auf verschiedene Weise geschehen. Wenn die Regierung alles davon effizient und ausreichend erledigt, etwas, das wahrscheinlich niemals in der Geschichte geschehen ist, würden die Reichen ihre Pflicht tun, indem sie ihre Steuern zahlen. Wenn die Regierung nichts davon tut, was zumeist in früheren Zeitaltern der Fall war, sind die Wohlhabenden verpflichtet, es aus eigener Initiative zu tun, und weder Gleichgültigkeit noch Faulheit noch Habsucht können sie entschuldigen. Wenn es von privaten Einrichtungen mit öffentlicher Unterstützung, die aber hauptsächlich von freiwilligen Spenden abhängen, getan wird, ist der Reiche verpflichtet, je nach dem Maß seines Überflusses dazu beizutragen. Es kann eine Kombination all dieser Mittel geben, aber, welche auch immer sie seien, die Unterstützung der Bedürftigen ist keine bloße Empfehlung, sondern eine strenge Verpflichtung durch das natürliche Sittengesetz. Diese Bemerkungen betreffen die Pflichten Einzelner. Später werden wir über die Pflicht der Gesellschaft sprechen, ungerechten wirtschaftlichen Bedingungen abzuhelfen.

Die Hilfe, die wir unserem Nächsten geben können, ist verschiedener Art, sie geht vom Sagen eines ermutigenden Wortes zur Rettung seines Lebens, aber der größte Dienst, den wir ihm tun können, ist, ihm zu helfen, sein höchstes Ziel zu erreichen. […] Es gibt viele Weisen, auf dem wir ihm aktive geistliche Hilfe geben können, aber eine, die immer in unserer Macht steht, ganz gleich, was unsere Ressourcen oder unsere Stellung im Leben sein mag, ist das Beisiel unserer eigenen guten moralischen Leben.“****

Vielleicht lohnt es sich, hier am Ende noch einmal alle jeweils sieben leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit aufzuzählen, also diverse Weisen, auf denen sich die Nächstenliebe besonders betätigen kann.

Leiblich:

  • Hungernde speisen
  • Dürstenden zu trinken geben
  • Nackte bekleiden
  • Fremde aufnehmen
  • Kranke besuchen
  • Gefangene besuchen
  • Tote begraben

Geistlich:

  • Unwissende lehren.
  • Zweifelnden recht raten.
  • Trauernde trösten.
  • Sünder zurechtweisen.
  • Beleidigern gerne verzeihen.
  • Lästige geduldig ertragen.
  • für Lebende und Tote beten.

Und das war es für heute wieder.

 

* Austin Fagothey SJ: Right and Reason. Ethics in theory and practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, Charlotte, North Carolina 2000 (Nachdruck der 2. Ausgabe von 1959), S. 332. Eigene Übersetzung.

** Ebd., S. 333f.

*** Die folgenden Zitate sind aus: Heribert Jone, Précis de théologie morale catholique. Adapté aux règles du nouveau Code de droit canon et aux prescriptions du Code civil, 5. Aufl., Mulhouse 1935, S. 77-81. Eigene Übersetzung.

**** Fagothey, Right and Reason, S. 335f.

Christliche Kultur am Sonntag: „Der Schatten des Bären“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Regina Doman: „Der Schatten des Bären“

„Der Schatten des Bären“ (im englischen Original erstmals 1997 veröffentlicht) ist der erste Band der „Fairy Tale Novels“, einer Reihe von nach Märchen verfassten Jugendbüchern der amerikanischen katholischen Autorin Regina Doman, und bisher der einzige davon, der auf Deutsch übersetzt wurde. Leider ist er schriftstellerisch ein wenig schwächer als die späteren Bände, und die Übersetzung hat Schwachstellen (das Deutsch wirkt an ein paar Stellen wie aus den 80ern gefallen), aber das sind kleinere Mankos, die sich aushalten lassen.

Grundlage des Romans ist das Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“, und es geht um zwei Schwestern, die 18-jährige Blanche und die 17-jährige Rose, die mit ihrer Mutter (ihr Vater ist an Krebs gestorben) in New York City leben. Eines Winterabends lernen sie einen jungen Mann kennen, der ihre Mutter vor dem Zusammenstoß mit einem Auto bewahrt hat, und den ihre Mutter (die Krankenschwester ist) hereinbittet, weil er Erfrierungen an den Füßen hat. Er hat Dreadlocks und wirkt relativ abgerissen, Blanche meint, ihn öfter bei den Drogendealern an ihrer Highschool gesehen zu haben, und er will ihnen nur seinen Spitznamen sagen – „Bär“. Außerdem gibt er offen zu, dass er diesen Spitznamen aus dem Jugendgefängnis hat, wo er und sein Bruder nach einer Verurteilung wegen Drogenbesitz waren. Blanche hat Angst vor ihm, aber Rose findet ihn sympathisch und unterhält sich mit ihm, und stellt überraschenderweise fest, dass sie, Blanche und Bär die selben Dichter mögen – G. K. Chesterton, T. S. Eliot… Bär kommt wieder, um die Stiefel, die sie ihm geliehen haben, zurückzubringen, und Rose lädt ihn dann ein, sie öfter besuchen zu kommen, was er in den Wochen und Monaten darauf auch tut. Er ist katholisch wie sie, sie mögen dieselben Dinge und führen einige tiefgreifende Unterhaltungen, und so langsam freundet sich Blanche mit Bär an, der sich als vertrauenswürdig und hilfsbereit herausstellt. Aber er hat Geheimnisse, die er nicht preisgeben will, muss schließlich den Kontakt zu den Mädchen abbrechen, und dann stellen sie fest, wer er eigentlich ist und dass er einem Verbrechen auf der Spur ist.

Das Buch ist nicht dick und schätzungsweise für Jugendliche ab 13, 14 Jahren geeignet. Schön finde ich es, wie die Autorin in ihren Romanen die Details der originalen Grimm’schen Märchen hineinbringt; das gilt auch für die folgenden Bände: „Black as night“ (nach Schneewittchen), „Waking Rose“ (nach Dornröschen), „The Midnight Dancers“ (nach Die zertanzten Schuhe) und „Alex O’Donnell and the 40 Cyberthieves“ (nach Ali Baba und die 40 Räuber). Die sind leider nur auf Englisch zu haben, aber wenn eine ihr Englisch aufbessern will, ist das eine gute Gelegenheit.

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Christliche Kultur am Sonntag: „Die Sprache des Herzens“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Die Sprache des Herzens“ (Film)

Der Filmtitel ist unnötig kitschig, aber der Film selbst, der auf der Lebensgeschichte von Marie Heurtin (1885-1921) basiert, doch ziemlich gut.

Er spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Die junge Schwester Marguerite lebt in einem Kloster, das taube Mädchen unterrichtet. Eines Tages kommt ein Mann aus der Umgebung zum Kloster und bittet die Oberin, sich auch um seine Tochter Marie zu kümmern, die von Geburt an taub und blind gleichzeitig ist, ziemlich verwahrlost ist und auf keine Weise kommunizieren kann. Die Oberin lehnt zuerst ab; das Kloster könnte das nicht leisten. Aber später bittet Schwester Marguerite sie, ihr doch zu erlauben, Marie ins Kloster zu holen, und sie erlaubt es schließlich. Schwester Marguerite holt Marie also und versucht, ihr beizubringen, mit Zeichensprache zu kommunizieren, wobei sie die Zeichen mit den Fingern fühlen soll. Monatelang sind ihre Versuche vergeblich; Marie versteht nichts und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen alles, was mit ihr geschieht. Aber dann kommt der Durchbruch und Marie lernt rapide, wie sie sich verständigen kann; sie und Schwester Marguerite werden Freundinnen, und sie kann sich ihren Eltern mitteilen, die zu Besuch kommen.

Aber dann ist da noch ein Problem: Schwester Marguerite hat eine schwere Lungenkrankheit.

„Die Sprache des Herzens“ ist ein sehr ruhiger Film, der zu einem großen Teil innerhalb des Klosters spielt. Er hat ein paar kleinere Mankos (z. B. muss ganz klischeehaft die Oberin eines Klosters natürlich ein bisschen gestreng und unnahbar sein), aber insgesamt ist er doch sehr schön, und eins der wenigen Beispiele für einen Film, der in der Vergangenheit in einem Kloster spielen kann und dabei ohne plumpe Vergangenheits- und Kirchenkritik auskommt. Vor allem die zwei Hauptdarstellerinnen sind bemerkenswert.

 

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 7c: Sakramente und Kirchengebote – Fasten und Unterstützung der Kirche

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Heute der letzte Teil zu den Kirchengeboten. (Für die Grundsätze bzgl. der kirchlichen Gebote siehe Teil 7a.)

 

Neben der Sonntagspflicht, den gebotenen Feiertagen, der jährlichen Beichte und der Osterkommunion haben wir noch dieses Kirchengebot:

Die Fasten- und Abstinenzbestimmungen der Kirche sind einzuhalten.

Hier muss man erst einmal zwischen diesen beiden Dingen unterscheiden:

Fasten heißt: Nur einmalige Sättigung am Tag; d. h. eine volle Mahlzeit am Tag ist erlaubt und dazu zwei kleine Stärkungen zu den beiden anderen Essenszeiten, die zusammen nicht größer sind als die eine volle Mahlzeit. (Ein Beispiel dafür: Ein Müsliriegel am Morgen, ein Teller Fischstäbchen mit Kartoffeln am Mittag, eine Semmel am Abend.) Weitere Zwischenmahlzeiten sind nicht erlaubt, aber Getränke schon, auch wenn sie einen geringen Nährwert haben (wie z. B. bei Apfelschorle); Getränke, die eigentlich Flüssignahrung sind, wie Milch, Smoothies etc. gehen allerdings nicht. (Alkoholisches ist erlaubt.)

Abstinenz heißt: Verzicht auf Fleisch und Fleischprodukte. Produkte, die nur entfernt aus tierischen Stoffen hergestellt wurden, aber nicht mehr eigentlich als Fleisch bezeichnet werden können und keinen Fleischgeschmack haben, also etwa tierische Gelatine enthalten oder in tierischem Fett frittiert wurden, gehören aber nicht dazu. Verboten ist das Fleisch von Säugetieren und Vögeln (sog. warmblütige Tiere); Fisch gehört bekanntlich nicht dazu, sondern gilt gerade als Fastenspeise; und Amphibien wie Frösche, Reptilien wie Schildkröten, oder Schnecken, Muscheln, Krustentiere gelten auch nicht als Fleisch im Sinn der Fastenbestimmungen. (Im Lauf der Kirchengeschichte gab es an manchen Orten ein paar weitere Ausnahmen für einzelne Tierarten, wie z. B. Biber und Otter – es ging hier weniger um biologische Klassifizierungen als einfach darum, bestimmte Dinge zum Verzicht festzulegen.)

Im Katechismus heißt es im Absatz über die Kirchengebote zum Sinn und Zweck der Fasten- und Abstinenzbestimmungen:

„Das fünfte Gebot (‚Du sollst die gebotenen Fasttage halten‘) sichert die Zeiten der Entsagung und Buße, die uns auf die liturgischen Feste vorbereiten; sie tragen dazu bei, daß wir uns die Herrschaft über unsere Triebe und die Freiheit des Herzens erringen [Vgl. CIC, cann. 1249-1251; CCEO, can. 882].“

Es geht also darum, frei zu werden von bestimmten hinderlichen Anhänglichkeiten (auch solchen, die nicht unbedingt Sünde sind), sich bestimmte feste Zeiten zu nehmen, um sich wieder mehr auf Gott zu konzentrieren, sich klarzumachen, dass Er das Wichtigste ist, und natürlich auch, Buße für eigene Sünden zu tun (und vielleicht stellvertretende Sühne zu leisten für fremde); Bußzeiten sind Zeiten der Wiedergutmachung für Schlechtes, und des Opferns für Gott. Die Zeiten des Fastens bereiten auf die Zeiten des Feierns vor.

Der CIC enthält die genaueren Fastenbestimmungen (und Begründungen dafür):

Can. 1249 — Alle Gläubigen sind, jeder auf seine Weise, aufgrund göttlichen Gesetzes gehalten, Buße zu tun; damit sich aber alle durch eine bestimmte gemeinsame Beachtung der Buße miteinander verbinden, werden Bußtage vorgeschrieben, an welchen die Gläubigen sich in besonderer Weise dem Gebet widmen, Werke der Frömmigkeit und der Caritas verrichten, sich selbst verleugnen, indem sie die ihnen eigenen Pflichten getreuer erfüllen und nach Maßgabe der folgenden Canones besonders Fasten und Abstinenz halten.

Can. 1250 — Bußtage und Bußzeiten für die ganze Kirche sind alle Freitage des ganzen Jahres und die österliche Bußzeit.

Can. 1251 — Abstinenz von Fleischspeisen oder von einer anderen Speise entsprechend den Vorschriften der Bischofskonferenz ist zu halten an allen Freitagen des Jahres, wenn nicht auf einen Freitag ein Hochfest fällt: Abstinenz aber und Fasten ist zu halten an Aschermittwoch und Karfreitag.

Can. 1252 — Das Abstinenzgebot verpflichtet alle, die das vierzehnte Lebensjahr vollendet haben; das Fastengebot verpflichtet alle Volljährigen [d. h. ab 18] bis zum Beginn des sechzigsten Lebensjahres. Die Seelsorger und die Eltern sollen aber dafür sorgen, daß auch diejenigen, die wegen ihres jugendlichen Alters zu Fasten und Abstinenz nicht verpflichtet sind, zu einem echten Verständnis der Buße geführt werden.

Can. 1253 — Die Bischofskonferenz kann die Beobachtung von Fasten und Abstinenz näher bestimmen und andere Bußformen, besonders Werke der Caritas und Frömmigkeitsübungen, ganz oder teilweise an Stelle von Fasten und Abstinenz festlegen.

Abstinenz von Fleischspeisen ist also weltkirchlich vorgeschrieben für alle Freitage des Jahres (da am Freitag Jesu Tod gedacht wird) und Aschermittwoch und Karfreitag für alle Katholiken ab 14 Jahren; in Deutschland haben es die Bischöfe aber gemäß Can. 1253 erlaubt, den Fleischverzicht am Freitag durch ein Ersatzopfer (Einschränkung beim Konsum anderer Dinge, Spenden, sonstige Hilfe für den Nächsten, Sprechen eines Gebets o. Ä.) zu ersetzen. Irgendetwas davon muss aber sein. (Es sei denn, am Freitag ist ein Hochfest – was übrigens zu unterscheiden ist vom gebotenen Feiertag; es gibt auch Hochfeste, die keine gebotenen Feiertage sind. Hochfest schlägt Freitag, und Festtage sind keine Fasttage.)

Am Aschermittwoch und Karfreitag müssen Katholiken zwischen dem 18. und dem 60. Geburtstag zusätzlich zur Abstinenz auch fasten. Früher waren mehr Fasttage vorgeschrieben (ganze Fastenzeit, Quatembertage usw.); heute sind es wirklich nur noch diese zwei; jedenfalls für Katholiken des westlichen lateinischen Ritus, in den verschiedenen östlichen Rituskirchen mögen jeweils andere Regeln gelten.

(Interessanterweise galt übrigens das Fastengebot früher erst ab 21, das Abstinenzgebot aber schon ab 7 Jahren. Was sich nicht alles sonst noch ändert.)

Auch für Tradis, die oft oder immer die alte Messe besuchen, gelten die neuen Fastenbestimmungen (Liturgie und Kirchrecht sind zwei verschiedene Sachen); aber wer mehr tun will als vorgeschrieben (z. B. an den Quatembertagen fasten oder zumindest kein Fleisch essen oder auf etwas anderes verzichten), darf natürlich mehr tun (sündigt aber nicht, wenn er selbstgesteckte Vorsätze dann nicht schafft).

Es gibt natürlich auch Ausnahmen bei diesen Bestimmungen zu Fasten und/oder Abstinenz, nämlich kurz gesagt dann, wenn es notwendig ist:

– bei Krankheit: Fasten und Abstinenz soll nicht der Gesundheit schaden; chronisch Kranke, akut Kranke und gerade erst Genesende sollen also lieber auf ihre Gesundheit schauen als zu fasten. Unter „Krankheit“ können auch Essstörungen fallen, in die jemand nicht durchs Fasten zurückfallen will, und andere psychische Störungen (wenn jemand z. B. eine zwanghafte Angst davor entwickelt, die Fastenbestimmungen nicht genau genug zu halten).

– während Schwangerschaft und Stillzeit, wo es wichtig ist, genug zu essen und alle Nährstoffe zu bekommen.

– wenn man sonst seinen Standespflichten (also v. a. beruflichen und familiären Pflichten) nicht nachkommen kann – z. B. wenn man am Aschermittwoch gerade eine Prüfung schreibt und sich hungrig nicht konzentrieren kann, oder wenn man schwer körperlich arbeiten muss. Den normalen aushaltbaren Hunger muss man aber aushalten – vor allem, da wir nur noch zwei vereinzelte Tage für das wirkliche Fasten haben, keine sechs Wochen am Stück mehr.

– am „fremden Tisch“, also wenn man z. B. bei Freunden zu Gast ist, als Austauschschüler in einer fremden Familie lebt, oder auch in einer Werkskantine, wo man sich nicht aussuchen kann, was es gibt (und vielleicht das einzige vegetarische Essen nicht verträgt o. Ä.).

– auf Reisen, zumindest bei anstrengenden Reisen oder wenn man nicht viel Auswahl bei dem Essen hat, das man sich auf der Reise besorgen kann.

Heribert Jone z. B. zählt in seiner „Katholischen Moraltheologie“ (Zitate wie immer rückübersetzt aus der französischen Übersetzung) folgende Personen auf, die nach seinem Urteil als entschuldigt vom Fasten (unterschieden von der Abstinenz) gelten – hier hat er freilich auch noch die alten, längeren Fastenzeiten im Blick, die zu seiner Zeit galten:

„Kranke, Genesende, schwache Personen, sehr nervenschwache [= psychisch kranke] Personen, jene, denen das Fasten starke Kopfschmerzen bereitet oder die es am Schlafen hindert, schwangere und stillende Frauen, wahrscheinlich auch Frauen, die ihre Regel haben, Arme, die nicht genug für eine volle Mahlzeit auf einmal haben [hier sind wohl v. a. Bettler gemeint], Leute, die schwere Arbeiten zu tun haben, z. B.: Landwirte, Schmiede, Steinmetze, vorausgesetzt, dass sie tatsächlich den größeren Teil des Tages über arbeiten (sie sind allerdings auch entschuldigt, wenn sie ein oder zwei Tage von der Arbeit ausruhen), Professoren, Lehrer, Studenten, Prediger, Beichtväter, Ärzte, Richter etc… wenn das Fasten sie daran hindert, ihren Standespflichten gebührend nachzugehen, jene, die eine ermüdende Reise zu Fuß oder mit dem Auto machen […].“

Zu den von der Abstinenz Entschuldigten zählt er u. a.:

„Kranke, Genesende, schwangere Frauen, wenn Fleischspeisen notwendig für sie sind (einige Autoren erlauben Frauen in diesem Zustand sogar, einige Happen Fleisch zu essen, wenn sie nur eine starke Lust darauf verspüren; stillende Frauen brauchen auch oft Fleisch), Arbeiter, die außerordentlich schwere Arbeiten auszuführen haben, vor allem, wenn die Arbeiten ihren Hunger erhöhen, z. B. jene, die im Walzwerk, in den Minen arbeiten; Arme, die sich nicht genug andere Nahrung beschaffen können; verheiratete Frauen, Kinder, Dienstboten, wenn der Hausherr keine anderen als Fleischspeisen erlaubt (aber die Dienstboten müssen sich eine andere Stellung suchen; wenn sie allerdings bei einer anderen Stellung größeren moralischen Gefahren ausgesetzt wären, können sie jene behalten, die sie haben).“

Außerdem bemerkt er:

„Wenn man aus Zerstreutheit an einem Tag der Abstinenz Fleischspeisen zubereiten hat lassen, hat man nicht das Recht, sie zu essen, wenn man sich leicht andere Speisen beschaffen kann und die Fleischspeisen ohne große Umstände für einen anderen Tag aufgehoben werden können. Wenn es sich aber um eine kleine Menge Fleisch handelt, die nicht als Materie für eine schwere Sünde genügen würde, erlaubt es der Umstand der Zerstreutheit, dieses Fleisch zu essen, ohne eine lässliche Sünde zu begehen. – Wenn der Hausherr von der Abstinenz entschuldigt (oder dispensiert) ist, sind dadurch nicht sämtliche anderen Familienmitglieder berechtigt, Fleisch zu essen, aber oft wird es moralisch unmöglich sein, zwei verschiedene Gerichte zuzubereiten, also die ganze Familie von der Abstinenz entschuldigt sein.“

Hier spricht er freilich auch wieder aus Sicht einer anderen Zeit, in der man mit Essen sparsamer umgehen musste und selten zweierlei Gerichte kochen konnte.

An sich binden die Fasten- und Abstinenzbestimmungen wie die übrigen Kirchengebote unter schwerer Sünde; aber wenn jemand sie ganz geringfügig übergeht (z. B. an einem Fastentag zusätzlich zu den erlaubten Mahlzeiten einmal noch ein Stück Traubenzucker in den Mund steckt, oder an einem Abstinenztag eine kleine Scheibe Wurst probiert; oder auch, wenn jemand sich aus einer gewissen Nachlässigkeit dabei verschätzt, ob er einen ausreichenden Entschuldigungsgrund hat, um Fasten/Abstinenz zu lassen) ist die Sünde bloß lässlich. (Wenn jemand aber z. B. an einem Fastentag die Fastenbestimmungen mehrfach geringfügig übergeht, um zusammengenommen so viel essen zu können wie sonst, macht das nicht mehrere lässliche Sünden, sondern eine auf Raten begangene schwere.)

Jedenfalls gilt grundsätzlich auch für die normalen Freitage: Wenn jemand kein Freitagsopfer bringt (ob Abstinenz oder etwas anderes) ist das eine schwere Sünde. Leider haben viele Katholiken den Eindruck, die Freitagsabstinenz gäbe es gar nicht mehr, nur noch das Fasten und die Abstinenz an Aschermittwoch und Karfreitag, was natürlich ihre Schuldfähigkeit verringert oder aufhebt, aber nichts Gutes über den Stand der Katechese und diese bischöfliche Regelung an sich sagt. Der Gedanke dahinter war ja ursprünglich, den Leuten Gelegenheit zu geben, freier und kreativer Opfer zu bringen, aber so ganz geklappt hat das wohl nicht.

Wenn jemand z. B. am Freitag Fleisch isst und sonst kein Opfer bringt, weil er nicht daran gedacht hat, dass Freitag ist, ist das natürlich keine Sünde.

Die Fastenzeit vor Ostern ist wie die anderen Bußzeiten dazu da, sich mehr auf Gott zu konzentrieren, auf Verzicht, Sühne, Buße für begangene Sünden, Gebet, Werke der Nächstenliebe. Dazu gibt es aber nicht ganz so klare kirchliche Bestimmungen, die unter schwerer Sünde verpflichten würden; das steht eher im Ermessen des Einzelnen. Man kann, was den Verzicht angeht, wenn man will, z. B. fasten, Abstinenz halten, auf bestimmte andere Dinge verzichten… In einem Text zu den „Weisungen zur Bußpraxis“, den man beim Bistum Augsburg herunterladen kann, heißt es beispielsweise: „Alljährlich bereitet sich die Kirche in einer vierzigtägigen Bußzeit auf die österliche Feier des Todes und der Auferstehung des Herrn vor. In dieser Zeit suchen wir Christen uns und unseren Lebensstil so zu ändern, dass durch Besinnung und Gebet, Verzicht, Versöhnung und Nächstenliebe Christus wieder mehr Raum in unserem Leben gewinnt. Jeder Christ soll je nach seiner wirtschaftlichen Lage ein für ihn spürbares Geldopfer für die Hungernden und Notleidenden in der Welt geben.“

Auch in der Fastenzeit wird an Sonntagen und Hochfesten nicht gefastet.

 

Dann gibt es noch ein weiteres Kirchengebot, wenn es auch streng genommen in der Aufzählung im Katechismus nicht zu den 5 Kirchengeboten gehört, die sich mit der Heiligung von Festzeiten, der Buße und Ähnlichem befassen. Dieses Gebot ist:

Man muss die Kirche finanziell nach seinen Möglichkeiten unterstützen.

Der Katechismus sagt dazu:

„Die Gläubigen sind auch verpflichtet, ihren Möglichkeiten entsprechend zu den materiellen Bedürfnissen der Kirche beizutragen [Vgl. CIC, can. 222].“

Im entsprechenden Kanon des CIC heißt es:

„Can. 222 — § 1. Die Gläubigen sind verpflichtet, für die Erfordernisse der Kirche Beiträge zu leisten, damit ihr die Mittel zur Verfügung stehen, die für den Gottesdienst, die Werke des Apostolats und der Caritas sowie für einen angemessenen Unterhalt der in ihrem Dienst Stehenden notwendig sind.

§ 2. Sie sind auch verpflichtet, die soziale Gerechtigkeit zu fördern und, des Gebotes des Herrn eingedenk, aus ihren eigenen Einkünften die Armen zu unterstützen.“

Auch das ist an sich eine Verpflichtung unter schwerer Sünde (auch wenn hier natürlich lässliche Sünden möglich sind, wenn jemand nur ein bisschen geizig ist); jeder, der zur Kirche gehört, muss auch materiell etwas zu ihr beitragen, sofern er kann. (Wer kein eigenes Einkommen/Vermögen hat, oder gerade genug zum Leben, ist prinzipiell nicht dazu verpflichtet.)

In Deutschland ist diese Pflicht mit der Zahlung der Kirchensteuer, die sich ja nach dem Level des jeweiligen Einkommens (8 bzw. 9% der Einkommenssteuer – was sich auf nicht sehr viel Geld beläuft, wenn man es durchrechnet) richtet – und vielleicht kleinen Spenden bei der Kollekte in der Messe, und den üblichen Stolgebühren bei manchen kirchlichen Feiern – prinzipiell erfüllt. Darauf verlässt sich die Kirche für die Deckung der nötigen Ausgaben (Gehälter für Priester, Pfarramtssekretäre, Pastoralreferenten, Strom, Heizung, Renovierungskosten für Kirchen und Pfarrhäuser, usw. usf.).

Die Kirchensteuer nicht zu zahlen dürfte eine (möglicherweise schwere) Sünde des  Ungehorsams sein – ja, auch wenn man denselben Betrag an kirchliche Einrichtungen seiner Wahl spendet. Die zuständigen Bischöfe haben das Recht, zu verlangen, wie genau man die Kirche unterstützen soll; wenn sie das Geld falsch verwenden, darf man ihnen die Zahlung genauso wenig verweigern, wie man dem deutschen Staat Steuern hinterziehen darf, weil er die falsch ausgibt. Steuerzahlungen darf man nicht einem Staat, der auch Schlechtes damit tut, sondern nur einem grundsätzlich unrechtmäßigen Staat verweigern; ähnlich ist es mit der Kirche, und da die, als von Gott eingesetzte Institution, gar nicht grundsätzlich unrechtmäßig werden kann, darf man ihr die Zahlungen nicht verweigern. (Das ist übrigens gut biblisch: Sowohl Jesus als auch Paulus forderten dazu auf, dem römischen Staat Steuern zu zahlen, obwohl beide von ebendiesem Staat hingerichtet werden sollten.)

(Offiziell vor dem Staat aus der Kirche auszutreten, was man tun muss, um die Kirchensteuer nicht zahlen zu müssen, ist natürlich noch schlimmer als der bloße Ungehorsam; das ist objektiv eine Glaubensverleugnung, ein schismatischer Akt, selbst wenn das nicht die eigene Intention dabei ist.)

Was ist, wenn man nicht in einem Land mit festgelegter Kirchensteuer lebt? Hier wird man eben einfach ein wenig mehr spenden müssen (und hier werden vielleicht auch die Stolgebühren u. Ä., mit dem sich die Kirche einen Teil ihres Unterhalts verschafft, ein wenig höher sein).

Ich werde mich in einem späteren Teil allgemein mit der Frage des Almosengebens befassen; für die Unterstützung der Kirche und das Spenden überhaupt gilt jedenfalls: Wie viel man geben muss, hängt davon ab, was man verdient, was man für seine Familie braucht, was man schon durch verpflichtende Steuern und Abgaben zu guten Zwecken und kirchlichen Einrichtungen beiträgt (das ist ja je nach Land nicht mal so wenig), was die Kirche bzw. sonstige Bedürftige benötigen, und welche Richtlinien die Bischöfe des jeweiligen Landes aufgestellt haben. Das, was man früher „standesgemäßer Unterhalt“ nannte – worunter neben Essen, Kleidung etc. auch so etwas wie Miete / Raten fürs Haus, Wasser, Strom, Familienauto, Versicherungen, das ein oder andere Freizeitvergnügen, mal ein Urlaub usw. fallen würden – darf man sich selber jedenfalls leisten; die Frage der schweren Sünde kommt hier jedenfalls nicht auf (wenn es nicht gerade um extreme Notsituationen geht, denen niemand sonst außer einem selbst abhelfen kann).

Aber man muss zur Kirche etwas beitragen, damit, wie gesagt, z. B. Priester ihren Lebensunterhalt haben, Kirchen instand gehalten werden können, usw. Für die Frage, wie viel der einzelne geben muss, ist es vor allem interessant, ob die Kirche ihr Auskommen hätte, wenn alle einen solchen Anteil ihres (überschüssigen) Einkommens, wie man ihn gibt (nicht eine solche Geldsumme, sondern einen solchen prozentualen Anteil), geben würden; wenn ja, passt es. (Der hl. Alphons war bzgl. des Almosengebens generell übrigens der Ansicht, wer – im Normalfall, außerhalb extremer Notsituationen, denen sonst keiner abhelfen kann – zumindest 2% seines Überflusses gebe, begehe zumindest keine schwere Sünde; das kann man vielleicht auch auf diesen Bereich übertragen.)

Mehr zu tun als unbedingt nötig ist natürlich immer nicht schlecht.

Es gibt ab und zu Katholiken, die von einigen Freikirchlern die Ansicht übernommen haben, jeder Christ müsse genau den zehnten Teil seines Einkommens spenden. Das entspricht nicht der Lehre der Kirche; das Gebot des Zehnten stammt aus dem alttestamentlichen Zeremonialgesetz, das im Neuen Bund an sich aufgehoben ist – auch wenn der Wert vielleicht interessant ist und es im Mittelalter durch kirchliche Gesetze den Kirchenzehnten gab. Die Kirche kann jedenfalls festlegen, was genau sie hier verlangt, und den Zehnten verlangt sie heutzutage nicht.

(Zu den Prinzipien bzgl. der Unterstützung der Kirche und der historischen Entwicklung ihrer Einkommensarten ist vielleicht auch dieser Text aus der Catholic Encyclopedia interessant, und zum Almosengeben und den genaueren Verpflichtungen dabei dieser hier.)

Christliche Kultur am Sonntag: „Der Gauner und der liebe Gott“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Der Gauner und der liebe Gott“ (Film)

In dieser Komödie von 1960 geht es um den Ganoven Paul Wittkowski (gespielt von Gert Fröbe), der zum wiederholten Mal wegen Einbruchs vor Gericht steht (diesmal allerdings unschuldig) und nach der Verkündung des ziemlich harten Urteils aus dem Gericht fliehen kann, durch Zufall an eine Soutane gelangt, mit der er sich als Priester verkleidet, und in dem kleinen Ort Seebrücken bei dem jungen Pfarrer Steiner landet. (Der Pfarrer wird übrigens von Karlheinz Böhm gespielt, besser bekannt als Kaiser Franz Josef aus den Sissi-Filmen; und man muss sagen, dass er als Priester eine noch bessere Figur macht als als Kaiser.) Pfarrer Steiner meint, dieser fremde Priester müsse von der Diözese geschickt worden sein, weil sich der Christbaumschmuck-Fabrikant Baumberger aus Seebrücken, der viel Geld damit macht, anderen Dorfbewohnern teure Darlehen zu gewähren, über ihn beschwert hat, nachdem er ihn (indirekt) von der Kanzel herab einen Wucherer genannt hat. Wittkowski bleibt also erst einmal im Pfarrhaus. Baumberger versucht unterdessen die junge Schlosserwitwe Holzmann, die Schulden bei ihm hat, zu erpressen und will von ihr sexuelle Gefälligkeiten. Pfarrer Steiner und Wittkowski wollen ihr helfen, und allmählich schöpft der Pfarrer auch einen Verdacht, wer sein Gast wirklich ist…

Spezieller Bonus: Vorkonziliare Kirchenszenen. ❤

Bildergebnis für der gauner und der liebe gott

Christliche Kultur am Sonntag: Der Prinz von Ägypten

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Der Prinz von Ägypten“

Dieser Kinderfilm von DreamWorks (veröffentlicht 1998; freigegeben ab 6 Jahren) erzählt die Geschichte von Mose und dem Auszug aus Ägypten nach; teilweise etwas frei, aber insgesamt ist die Geschichte sehr gelungen, auch wenn es Unterschiede zur Bibel gibt. Hauptsächlich ist es eine Geschichte von zwei Adoptivbrüdern.

Die Israeliten sind Sklaven in Ägypten, und Pharao Sethos, besorgt über ihr Bevölkerungswachstum, ordnet den Mord an israelitischen neugeborenen Jungen an. Moses Mutter setzt ihren kleinen Sohn, den sie retten will, in einem Körbchen im Nil aus und er wird von der Frau des Pharao gefunden, was Moses ältere Schwester Miriam noch beobachtet. Die Frau des Pharao sieht dieses Kind als Geschenk der Götter und adoptiert es.

Hier die Anfangssequenz im englischen Original mit Untertiteln:

Jahre später: Die beiden Prinzen, der ältere, ernstere Thronfolger Ramses und der jüngere, leichtsinnigere Mose, der nichts von seiner wahren Herkunft weiß, sind erwachsen. Es gibt diverse dramatische Verwicklungen, Mose erfährt, wer er ist, und verlässt schließlich überstürzt Ägypten und lebt einige Jahre in Midian – bis Gott ihn erwählt, um die Israeliten in die Freiheit zu führen, und er zusammen mit seiner Frau Zippora, die er dort geheiratet hat, zurückkehrt. Inzwischen sind seine Adoptiveltern verstorben und Ramses sitzt auf dem Thron. Zuerst ist der Pharao freudig überrascht, seinen verlorenen Bruder wiederzusehen; als der von den Sklaven anfängt, weniger freudig…

Das Besondere an diesem Film ist wirklich, wie der Antagonist, Ramses, gestaltet ist, der anfangs gar nicht unsympathisch wirkt; wie sich das Verhältnis der beiden Adoptivbrüder vom Anfang bis zum Ende des Films entwickelt. Hier z. B. das großartige Lied zu den 10 Plagen (wieder die englische Version):

Aber auch die anderen Figuren (z. B. Moses ältere Geschwister Miriam und Aaron, Pharao Sethos und seine Frau, Zippora, die beiden ägyptischen Priester am Hof…) sind sehr gut gelungen; und die Musik ist sehr schön (auch wenn die deutsche Synchronisation leider wie immer nicht ans Original herankommt).

Kleineren Kindern könnten ein paar Szenen (die 10 Plagen, der Tod der ägyptischen Erstgeborenen) vielleicht noch ein bisschen zu viel sein – auch wenn der Film einen relativ guten Job dabei macht, plausibel zu machen, wieso Gott die Plagen schickt -; am besten geeignet dürfte er etwa für 8-11-Jährige sein.

Phrasenoverload

Wenn Stimmungen kippen, Glaubwürdigkeit wiedergewonnen werden will, Kräfte mobilisiert werden und sich ein breites Bündnis formiert, Themen ein Dauerbrenner sind und pauschalisiert wird, Werte hochgehalten und Brücken gebaut werden, Menschen Gesicht zeigen für eine offene Gesellschaft, Vereinbarungen brüchig sind, Abgründe sich auftun, krude Ideen auf den Müllhaufen der Geschichte gehören, man im eigenen Lager unter Druck gerät, während ein erbitterter Streit tobt und der Gegenwind stärker wird…

 

… dann weißt du, dass im Fernseher ein Öffentlich-Rechtlicher läuft und du das Wohnzimmer verlassen solltest, wenn du nicht willst, dass dein Gehirn vor lauter Phrasen komplett abschaltet.