Moraltheologie und Kasuistik, Teil 6: Das 3. Gebot

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Im 3. Gebot geht es darum, den Tag des Herrn heilig zu halten.

In der Bibel heißt es: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der HERR den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt.“ (Ex 20,8-11)

Und in der zweiten Formulierung der Zehn Gebote: Halte den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der HERR, dein Gott, geboten hat! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der HERR, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der HERR, dein Gott, geboten, den Sabbat zu begehen.“ (Dtn 5,12-15)

 

Im Unterschied zu den anderen unter den 10 Geboten gehört dieses Gebot nicht ganz zum Naturrecht, sondern teilweise zum positiven göttlichen oder nur zum kirchlichen Recht; d. h. man muss sich daran halten, weil Gott es so eingesetzt und die Kirche es in diesem Sinne näher geregelt hat, es ist nicht von selbst einsichtig. (Gott hätte auch bestimmen können, dass man jeden fünften Tag heiligen sollte, oder die zwei Tage nach jedem Neumond, wenn Er gewollt hätte.) Für die, die es kennen, ist natürlich das positive göttliche Recht ebenso verbindlich wie das Naturrecht, und Katholiken müssen prinzipiell auch dem kirchlichen Recht gehorchen; aber jemand, der noch nie vom christlichen Gott gehört hat, könnte in seinem Gewissen kein Gebot finden, diesen bestimmten Tag zu heiligen, auch wenn er da ein Gebot finden könnte, sich und anderen irgendwelche regelmäßigen Zeiten zu gönnen, um von der Arbeit auszuruhen und (auch gemeinschaftlich) Gott zu ehren und Ihm zu danken.

Im Alten Bund war der Sabbat, also der Samstag geheiligt; im Neuen Bund wurde von Beginn an der Tag danach zum „Tag des Herrn“, da es der Tag der Auferstehung des Herrn war. Am Sabbat feierte man symbolisch den Abschluss der Erschaffung der Welt, am Sonntag feiert man den Abschluss der Neuschaffung, der Erlösung; der Neue Bund bietet eine Art Überhöhung des Alten. Der Moraltheologe Karl Hörmann schreibt dazu:

„Für das AT war die Sabbatruhe passendes Sinnbild für die Vollendung der Schöpfung (vgl. Ex 20,11) und für die Befreiung Israels aus Ägypten (Dtn 5,15) und regte dazu an, Gott dafür dankbar zu verehren. Den Christen stellt noch mehr der Sonntag die Wohltaten der Erlösung und der Neuschöpfung vor Augen, da an ihm Christus von den Toten erstand, die Sündenvergebungsgewalt verlieh und den Hl. Geist sandte (vgl. Leo d. Gr., Ep. 9, PL 56,626; Thomas von A., SonntagTh. 2,2 q.103 a.3 ad 4; 2. Vat. Konz., SC 102 106). Der Sonntag, der Tag des auferstandenen Herrn, der unseren Blick auch auf den wiederkommenden Herrn lenkt, eignet sich vorzügl. als Tag des im christl. Gmeinschaftsgottesdienst gegenwärtig werdenden Herrn. Wer, wie manche Sekten, am Sabbat festhalten will und die Berechtigung der Sonntagsfeier bestreitet, wäre vor aller weiteren Erörterung zu fragen, was er von Christus hält.“

 

Zur Ausgestaltung des 3. Gebots wurden Mose im Alten Bund genauere Anweisungen übermittelt; im Neuen Bund hat Gott der von Ihm eingesetzten Kirche die genauere Ausgestaltung überlassen. Im CIC – Achtung: manches im Folgenden gilt vielleicht nur für lateinische Katholiken; ostkirchliche unierte Katholiken haben teilweise eigene Regeln – heißt es:

„Can. 1247 — Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen zur Teilnahme an der Meßfeier verpflichtet; sie haben sich darüber hinaus jener Werke und Tätigkeiten zu enthalten, die den Gottesdienst, die dem Sonntag eigene Freude oder die Geist und Körper geschuldete Erholung hindern.“

Die Sonntagsheiligung betrifft also zwei Dinge: Die sog. Sonntagspflicht zur Teilnahme an einer Messfeier (sie ist das Zentrale am Sonntagsgebot, weil der Tag des Herrn auch in einer gewissen Weise ausdrücklich dem Herrn gewidmet sein soll) und die Sonntagsruhe.

 

Erst einmal zur Messe.

Im Katechismus heißt es in der Kategorie „Kirchengebote“, wo es um die fünf zentralen kirchlichen Gebote, die als Minimum für die Gläubigen festgelegt sind, geht, entsprechend:

2042 Das erste Gebot („Du sollst an Sonn- und Feiertagen der heiligen Messe andächtig beiwohnen“) verlangt von den Gläubigen, an der Eucharistie teilzunehmen, zu der sich die christliche Gemeinschaft am Gedenktag der Auferstehung des Herrn versammelt [Vgl. CIC, cann. 1246-1248; CCEO, can. 881,1.2.4]. […]

2043 Das vierte Gebot („Du sollst die gebotenen Feiertage halten“) vervollständigt das Sonntagsgebot durch die Teilnahme an den liturgischen Hauptfesten, welche die Mysterien des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen ehren [Vgl. CIC, can. 1246; CCEO, cann. 881,1,4; 880,3].

(Der CCEO, auf den hier verwiesen wird, ist das Gesetzbuch für die unierten Kirchen.)

Und im CIC heißt es des weiteren:

Can. 1248 — § 1. Dem Gebot zur Teilnahme an der Meßfeier genügt, wer an einer Messe teilnimmt, wo immer sie in katholischem Ritus am Feiertag selbst oder am Vorabend gefeiert wird.

2. Wenn wegen Fehlens eines geistlichen Amtsträgers oder aus einem anderen schwerwiegenden Grund die Teilnahme an einer Eucharistiefeier unmöglich ist, wird sehr empfohlen, daß die Gläubigen an einem Wortgottesdienst teilnehmen, wenn ein solcher in der Pfarrkirche oder an einem anderen heiligen Ort gemäß den Vorschriften des Diözesanbischofs gefeiert wird, oder daß sie sich eine entsprechende Zeit lang dem persönlichen Gebet oder dem Gebet in der Familie oder gegebenenfalls in Familienkreisen widmen.

Das Ganze einzeln aufgedröselt:

1) Etwas Grundsätzliches: Dieses Kirchengebot verpflichtet Katholiken, die den Vernunftgebrauch besitzen, wobei man davon ausgeht, dass Kinder ihn (wenn nicht das Gegenteil deutlich ist, z. B. bei einer geistigen Behinderung) ab 7 Jahren haben. Kleinere Kinder müssen also rein theoretisch noch nicht in die Messe mitgenommen werden; aber es ist natürlich sehr gut für sie. Eine Kinderbetreuung für Kleinkinder parallel zur Messe ist also erlaubt (wenn auch vermutlich eher nicht sinnvoll, einerseits wegen der Kinder selbst, und andererseits, weil die Betreuer dabei ihre Sonntagspflicht wahrscheinlich verletzen, wenn sie nicht noch in eine weitere Mese gehen); aber Siebenjährige müssen an der Messe selbst teilnehmen dürfen.

Es gilt, wie alle bloßen Kirchengebote, nur für Katholiken, d. h. für jeden, der irgendwann einmal katholisch getauft oder nach der Taufe in die katholische Kirche aufgenommen wurde. S. dazu:

„Can. 11 — Durch rein kirchliche Gesetze werden diejenigen verpflichtet, die in der katholischen Kirche getauft oder in diese aufgenommen worden sind, hinreichenden Vernunftgebrauch besitzen und, falls nicht ausdrücklich etwas anderes im Recht vorgesehen ist, das siebente Lebensjahr vollendet haben.“

(Ein Kirchenaustritt vor dem Staat ändert nichts daran; er ist einfach eine schwere Sünde, da er ein öffentlich erklärter Abfall von der katholischen Kirche und von den Bischöfen verboten ist. (Er wäre auch dann eine objektiv schwere Sünde, wenn man nur austreten würde, um die Kirchensteuer zu sparen, und auch dann, wenn man die Kirchensteuer nicht zahlen will, da man meint, die Bischöfe würden sie falsch verwenden, und stattdessen dieselbe Summe an eine katholische Organisation seiner Wahl spenden will. Dazu mehr in einem kommenden Artikel.) Ein Kirchenaustritt macht eine Wiederversöhnung mit der Kirche nötig, aber er macht einen eigentlich nicht zum Nichtkatholiken. Semel catholicus, semper catholicus; einmal katholisch, immer katholisch.)

Nichtkatholiken, die im Begriff sind, zum Katholizismus zu konvertieren, verpflichtet die Sonntagspflicht noch nicht, auch wenn sie sich an die Sonntagsruhe halten und den Sonntag irgendwie ein wenig Gott widmen sollten; ein rein kirchliches Gesetz ist das 3. Gebot eben nicht. (Sie dürfen natürlich schon an der Messe teilnehmen, wenn auch ohne Empfang der Kommunion.) Wer noch nicht weiß, was er vom Christentum halten soll und erst einmal nachforscht, ist durch das 3. Gebot noch nicht moralisch gebunden.

2) Man muss eine hl. Messe besuchen; man muss in dieser Messe nicht immer die Kommunion empfangen. (Zur Kommunion s. einen kommenden Artikel.)

Eine Fernsehmesse genügt nicht, man muss körperlich anwesend sein. Fernsehmessen u. Ä. sind eine Hilfe für Leute, die aus guten Gründen (z. B. Krankheit) vom Messbesuch entschuldigt sind, aber trotzdem (und das ist dann freiwillig, aber empfohlen) noch eine gewisse Art von Ersatz haben möchten.

Eine Feldmesse bei einer großen Veranstaltung, wo man den Zelebranten nicht oder nur über Bildschirm sehen / hören kann, gilt allerdings; hier bilden die Gottesdienstbesucher eine Masse und sind gemeinsam an einem Ort versammelt, das ist etwas anderes als eine Fernsehmesse.

Zur Teilnahme gehört generell auch die innerliche Teilnahme. Aber gewöhnliche Ablenkungen und zerstreute Gedanken aus einer gewissen Nachlässigkeit heraus sind höchstens lässliche Sünden. Die hat jeder, die menschliche Konzentrationsfähigkeit ist endlich, und es wäre uferlos, wenn jemand postulieren würde, jeder, der nicht voll konzentriert war, hätte eine schwere Sünde begangen. Etwas anderes ist es, wenn man sich bewusst und gewollt während eines wichtigen Teils der Messe ablenkt, indem man z. B. vom Gloria bis zum Agnus Dei unter der Bank Handyspiele spielt (wenn man z. B. bei den Begrüßungsworten oder während der Predigt kurz aufs Handy schaut, wäre das auch lässliche Sünde).

Wenn man ohne eigene Schuld (z. B. wegen einem quengeligen Kleinkind oder weil einem vom Weihrauch übel geworden ist) während der Messe häufig abgelenkt war oder zwischendurch längere Zeit vor die Tür gehen musste, macht das nichts, in dem Fall ist die Sonntagspflicht erfüllt. Man muss keine zweite Messe mehr besuchen, wenn man es könnte. Man ist hingegangen, war anwesend, und kann sich auch dann, wenn man vor der Kirche draußen steht und wartet, dass das Baby aufhört zu schreien, innerlich mit der Gemeinde drinnen vereinigen, die mit dem Priester das Messopfer darbringt. (Zudem weiß man nicht, ob das Baby bei einer zweiten Messe ruhiger  wäre.)

Wer auf der Empore die Orgel spielt und deshalb abgelenkt ist, oder als Küster ab und zu in der Sakristei ist, oder während  der Messe beichtet, erfüllt auch seine Sonntagspflicht.

3) Man muss eine hl. Messe besuchen. Ein Wortgottesdienst erfüllt diese Pflicht nicht, auch keine Vesper oder Andacht.

Was ist, wenn man eine Messe besuchen will, und es stellt sich heraus, dass nur ein Diakon da ist, der einen Wortgottesdienst mit Kommunionausteilung leitet? Ein Wortgottesdienst, auch einer mit Kommunionausteilung, erfüllt die Sonntagspflicht auch so nicht. Bei jeder Messe geschieht mit der Wandlung noch einmal etwas Eigenes, eine neuerliche Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Christi. (Sonst könnte ein Priester im Grunde genommen einmal einen Haufen Hostien konsekrieren und die dann in den nächsten Wochen oder Monaten nach und nach in Wortgottesdiensten austeilen und müsste nicht jeden Tag wieder neu die Messe lesen – banal ausgedrückt. Den Unterschied zwischen Messe und Wortgottesdienst macht nicht nur die Kommunionspendung, auch wenn einer mit Kommunionspendung besser ist als einer ohne, wenn man nur die Wahl zwischen diesen beiden Alternativen hat.)

Die Frage wäre dann, ob man in diesem Fall noch schauen muss, ob man später noch die Nachbarpfarrei für eine wirkliche  Messe erreichen kann; ich würde sagen, das muss man tun.

Dasselbe gilt wahrscheinlich, wenn eine Messe, die man besucht hat, sicher ungültig war. Zur Gültigkeit ist nicht sehr viel erforderlich; aber vier Bedingungen müssen erfüllt sein:

  • gültig geweihter Priester
  • der Priester muss die Intention haben „das zu tun, was die Kirche tut“, wenn sie die Messe feiert. (Er muss nicht an das richtige Konzept davon glauben, was die Kirche hier tut oder was genau überhaupt die Kirche ist. Wenn ein Priester glaubt, die Eucharistie sei nur ein Symbol, hat er normalerweise trotzdem die Intention, das zu tun, was die Kirche tut, wenn sie Eucharistie feiert – was seiner Meinung nach nur ein Symbol ist, aber darauf kommt es nicht an. Dass die Intention gegeben sein muss, heißt vor allem, dass die Worte nicht von selber magisch wirken.)
  • die verwendete Materie; es müssen Brot aus Weizen und Wein aus Trauben sein. (Völlig glutenfreie Hostien können nicht gültig gewandelt werden; glutenarme schon. Wer gar kein Gluten verträgt, muss den Priester bitten, unter der Gestalt des Weines kommunizieren zu dürfen. Auch Traubensaft ohne Alkohol kann nicht gültig gewandelt werden. (Ein Alkoholiker, der gar kein Gluten verträgt, hat leider keine andere Wahl, als nur geistlich zu kommunizieren.))
  • die Wandlungsworte müssen halbwegs korrekt sein. Die Worte „Das ist mein Leib“ (für die Konsekration des Brotes) und „Das ist … mein Blut“ (für die Konsekration des Weines) müssen vorhanden sein.

Wenn wegen Priestermangels öfter keine Messe in der eigenen Pfarrei stattfindet, muss man sich in der Umgebung umsehen. Ein guter Richtwert könnte sein: Man sollte für den Weg zur Sonntagsmesse bereit sein, denselben Aufwand auf sich zu nehmen wie für den Weg zur Arbeit. Wenn die nächste Sonntagsmesse weiter weg ist, als man, wenn man keine andere Arbeitsstelle finden würde, zu einer Arbeitsstelle pendeln würde, ist es nicht mehr verpflichtend. Eine halb oder dreiviertelstündige Auto- oder Bahnfahrt sollte also i. d. R. zumutbar sein, eine anderthalb- oder zweistündige dagegen eher nicht mehr. Das sollte im deutschsprachigen Raum kein großes Problem sein. Natürlich macht es auch einen Unterschied, ob jemand ganz gesund oder schon eher gebrechlich ist (eine 75-jährige schafft nicht dasselbe wie ein 30-jähriger); ob man ein eigenes Auto oder wenigstens guten Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln hat; usw.

4) Dann ist  noch die Frage, was ist, wenn man zu spät gekommen ist. Zunächst mal ist das (wenn der Grund eigene Schuld/Fahrlässigkeit war) eine lässliche Sünde. Die Sonntagspflicht bezieht sich auf die Mitfeier einer ganzen Messe, aber wenn man immerhin gekommen ist, und nur wegen seiner Trödelei den Anfang verpasst hat, ist das nur minderschwer, und man muss auch keine weitere Messe besuchen. Wenn man allerdings so spät gekommen ist, dass man nicht einmal mehr die Gabenbereitung mitbekommen hat, gilt das auf jeden Fall nicht mehr für die Erfüllung der Sonntagspflicht (andere Theologen sagen: ab dem Evangelium). Den zentralen Teil der Messe muss man mitbekommen.

Wenn man ohne eigene Schuld zu spät gekommen ist (z. B. weil auf der Straße ein Unfall war und man nicht vorwärts gekommen ist, oder wenn man nicht rechtzeitig aufgewacht ist, weil der Wecker wegen Stromausfalls nicht geklingelt hat), ist das natürlich überhaupt keine Sünde. Aber wenn man aus solchen Gründen schuldlos die ganze Messe oder einen wichtigen Teil davon versäumt hat und noch eine weitere Messe besuchen könnte, muss man das vermutlich prinzipiell tun.

Wenn man ohne guten Grund ein paar Minuten früher gegangen ist (so wie manche Leute direkt nach der Kommunion gehen), ist das ebenfalls eine lässliche Sünde; wenn man aber noch früher geht – z. B. nach der Predigt oder vor der Konsekration -, eine schwere. Es ist auch eine Sünde, aus Ärger über liturgische Missbräuche oder eine häretische Predigt früher zu gehen (wenn man nicht plant, noch eine andere Messe zu besuchen). (Ausnahme: Wenn die Konsekration sicher ungültig war, kann man gleich gehen.)

Heribert Jone schreibt (rückübersetzt aus der französischen Übersetzung seines Buches):

„Man begeht eine lässliche Sünde, wenn man willentlich einen nicht wichtigen Teil der Messe verpasst, z. B.: den Beginn bis vor der Gabenbereitung, oder alles, was nach der Kommunion kommt, oder sowohl alles, was vor der Epistel kommt, als auch, was nach der Kommunion kommt.

Man begeht eine  schwere Sünde, wenn man willentlich einen wichtigen Teil verpasst, z. B.: wenn man sowohl alles, was vor dem Evangelium kommt, als auch alles, was nach der Kommunion kommt, versäumt, oder auch den ganzen Teil der Messe, der vom Beginn der Gabenbereitung eingeschlossen an geht, oder auch den ganzen Teil des Kanons, der der Elevation vorausgeht, oder den von der Wandlung bis zum Vaterunser, oder auch die Wandlung allein, aber wahrscheinlich nicht die Kommunion allein. – Wer einen wichtigen Teil verpasst hat, hat die Pflicht, diesen Teil bei einer anderen Messe am gleichen Tag nachzuholen.

[…] Wer vor der Elevation ankommt und nicht noch an einer anderen Messe teilnehmen kann, ist gehalten, bei dieser zu bleiben, da er auf diese Weise noch seine Sonntagspflicht erfüllen kann: aber wer unter den gleichen Bedingungen erst nach der Elevation ankommt, muss nicht bleiben.“

5) Man muss an jedem Sonntag im Jahr und zusätzlich an jedem gebotenen Feiertag eine hl. Messe besuchen. Nicht an jedem Hochfest, sondern an jedem gebotenen Feiertag.

Welche Feiertage außer den Sonntagen geboten sind, kann sich von Land zu Land und Diözese zu Diözese unterscheiden; im CIC heißt es für die Weltkirche:

„Can. 1246 — § 1. Der Sonntag, an dem das österliche Geheimnis gefeiert wird, ist aus apostolischer Tradition in der ganzen Kirche als der gebotene ursprüngliche Feiertag zu halten. Ebenso müssen gehalten werden die Tage der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, der Erscheinung des Herrn, der Himmelfahrt und des heiligsten Leibes und Blutes Christi, der heiligen Gottesmutter Maria, ihrer Unbefleckten Empfängnis und ihrer Aufnahme in den Himmel, des heiligen Joseph, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und schließlich Allerheiligen.

§ 2. Die Bischofskonferenz kann jedoch, nach vorheriger Genehmigung des Apostolischen Stuhles, einige der gebotenen Feiertage aufheben oder auf einen Sonntag verlegen.“

Wenn die nationale Bischofskonferenz also nichts anderes bestimmt hat, sind Weihnachten (der 25. Dezember), Heiligdreikönig (= Erscheinung des Herrn; 6. Januar), Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Hochfest der Gottesmutter Maria (1. Januar), Mariä Empfängnis (8. Dezember), Mariä Himmelfahrt (15. August), der Josefstag (19. März), Peter und Paul (29. Juni) und  Allerheiligen (1. November) gebotene Feiertage.

In Deutschland gelten einige dieser Feiertage (Mariä Empfängnis, Josefstag, Peter und Paul) nicht als geboten; dafür haben wir ein paar andere zusätzliche, nämlich den 2. Weihnachtsfeiertag, Ostermontag und Pfingstmontag. Manche Feiertage (Heiligdreikönig, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt) gelten in Deutschland nur in einzelnen Diözesen als geboten. Eine hilfreiche Liste gibt es z. B. hier; auch für andere Länder lassen sich diese Listen im Internet leicht finden.

(Wenn sich jemand wundert, wieso Ostern und Pfingsten nicht genannt wurden: diese Feste fallen sowieso auf einen Sonntag.)

Manche Diözesen, v. a. in Ländern, in denen katholische Feste kaum staatliche Feiertage sind, verlegen die Feier eines Festes gelegentlich auf den folgenden Sonntag; dann muss man nur an diesem Sonntag in die Messe gehen. (Das gilt allerdings nicht, wenn z. B. an Fronleichnam eine Pfarrei die große Prozession am Sonntag nachholt und am Fronleichnamsdonnerstag selbst nur eine Messe feiert; zu dieser Messe muss man gehen, wenn Fronleichnam in der entsprechenden Diözese gebotener Feiertag ist.)

Was ist, wenn man gerade auf Reisen in einer anderen Diözese ist, in der ein Feiertag geboten ist, der es in der Heimatdiözese nicht ist, oder einer nicht geboten, der es in der Heimatdiözese ist? Da gilt: Man muss nur in die Messe gehen, wenn der Feiertag sowohl in der Heimatdiözese, als auch in der, die man gerade besucht, geboten ist. Das macht auch Sinn: Wenn man anderswo Urlaub macht, weiß man oft nicht, welche Feiertage dort geboten sind, die es zuhause nicht sind; und für zuhause gebotene Feiertage, die es dort nicht sind, wird man vielleicht keine Messe finden.

[Hier kommt nämlich folgendes kirchliches Gesetz ins Spiel:

Can. 12 — § 1. Allgemeine Gesetze verpflichten überall alle, für die sie erlassen worden sind.

§ 2. Von allgemeinen Gesetzen aber, die in einem bestimmten Gebiet nicht gelten, sind alle ausgenommen, die sich tatsächlich in diesem Gebiet aufhalten.

§ 3. Gesetzen, die für ein besonderes Gebiet gegeben worden sind, unterliegen diejenigen, für die sie erlassen sind, sofern sie dort ihren Wohnsitz oder Nebenwohnsitz haben und sich zugleich dort tatsächlich aufhalten, unbeschadet der Vorschrift des can. 13.

Can. 13 — § 1. Partikulare Gesetze werden nicht als personale, sondern als territoriale Gesetze vermutet, wenn nicht etwas anderes feststeht.

§ 2. Fremde sind nicht gebunden:

1° an partikulare Gesetze ihres Gebietes, solange sie von diesem abwesend sind, es sei denn, daß entweder deren Übertretung im eigenen Gebiet Schaden hervorruft oder es sich um personale Gesetze handelt;

2° an Gesetze des Gebietes, in welchem sie sich aufhalten, mit Ausnahme der Gesetze, die für die öffentliche Ordnung sorgen oder Rechtsförmlichkeiten bestimmen oder die in dem Gebiet gelegene unbewegliche Sachen betreffen.

3. Wohnsitzlose werden verpflichtet sowohl durch allgemeine als auch durch partikulare Gesetze, die an dem Ort gelten, an dem sie sich aufhalten.

Ein allgemeines Gesetz ist z. B., dass der Josefstag ein weltkirchlicher Feiertag ist. In Deutschland ist er das allerdings durch partikulares Gesetz nicht. Wenn sich jetzt ein Deutscher in einem Land, in dem der Josefstag geboten ist, aufhält, ist er gemäß Can. 13 § 2 °2 an kirchliche Gesetze (ob allgemein oder partikular) dieses Landes generell nicht gebunden; also muss er den Josefstag nicht begehen.

Nun sagen wir, jemand kommt aus diesem anderen Land, wo der Josefstag durch allgemeines Gesetz geboten ist, und macht Urlaub in Deutschland, wo er durch partikulares Gesetz nicht geboten ist. Hier kommt Can. 12 § 2 ins Spiel: Er muss also auch nicht zur Messe gehen.

Dass Pfingstmontag in Deutschland geboten ist, ist ein partikulares Gesetz; wenn sich ein Deutscher also am Pfingsmontag in einem anderen Land aufhält, ist er gemäß Can. 13 § 2 °1 (und auch Can. 12 § 3) nicht an partikulare deutsche Gesetze gebunden, muss also in diesem Land keine Messe besuchen.

Sobald man dauerhaft zumindest mit Nebenwohnsitz in eine andere Diözese zieht, oder sich dort ohne Absicht, dauerhaft zu bleiben, drei Monate aufgehalten hat, ist man kein „Fremder“ im kirchenrechtlichen Sinn mehr, ist also an die Bestimmungen der neuen Diözese gebunden:

„Can. 102 — § 1. Der Wohnsitz wird erworben durch jenen Aufenthalt im Gebiet einer Pfarrei oder wenigstens einer Diözese, der entweder mit der Absicht verbunden ist, dort ständig zu bleiben, sofern kein Abwanderungsgrund eintritt, oder sich über einen Zeitraum von fünf vollen Jahren erstreckt hat.

§ 2. Der Nebenwohnsitz wird erworben durch jenen Aufenthalt im Gebiet einer Pfarrei oder wenigstens einer Diözese, der entweder mit der Absicht verbunden ist, dort wenigstens drei Monate zu bleiben, sofern kein Abwanderungsgrund eintritt, oder der sich tatsächlich auf drei Monate erstreckt hat.“]

6) Eine Vorabendmesse erfüllt die Sonntagspflicht ebenso. Vorabendmessen gelten in den meisten Diözesen ab 16 Uhr des Vortages. Man kann die Sonntagspflicht allerdings nicht verschieben, d. h. man kann z. B. nicht sagen „ich gehe lieber mittwochs in die Werktagsmesse, da ist weniger los“.

7) Die Sonntagspflicht wird durch eine Messe in jedem beliebigen katholischen Ritus erfüllt – d. h. man kann in die ordentliche Form des römischen Ritus („neue Messe“), in die außerordentliche Form des römischen Ritus („alte Messe“), in eine assyrisch-katholische, chaldäisch-katholische, äthiopisch-katholische, melkitisch-katholische, koptisch-katholische usw. Messe gehen. Das gilt nicht für Messen schismatischer, d. h. von Rom getrennter, Ostkirchen. Man kann aus Interesse oder ökumenischer Verbundenheit zusätzlich in eine koptische oder orthodoxe Messe hineinschauen; aber die Sonntagspflicht wird dort nicht erfüllt, sondern nur z. B. in einer koptisch-katholischen. Ersteres sind zwar gültige Messen, aber eben in von Rom getrennten Kirchen, sie genügen daher nicht. Die Teilnahme an der Messe drückt auch die Gemeinschaft mit den anderen Teilnehmern aus. Erst recht nicht genügen evangelische, anglikanische, baptistische usw. Gottesdienste, die gar keine Messen sind.

Was Messen bei der Piusbruderschaft angeht: Die Piusbruderschaft hat keinen kanonischen (kirchenrechtlichen) Status in der Kirche und daher gelten ihre Priester generell als suspendiert, d. h. sie dürften ihr Amt nicht ausüben, ihre Messen sind unerlaubt. Sie sind allerdings nicht ganz von der Kirche abgeschnitten (und der CIC verlangt übrigens nur die Teilnahme an einer Messe „wo immer sie in katholischem Ritus am Feiertag selbst oder am Vorabend gefeiert wird“, und sagt nichts von wegen „erlaubt gefeiert wird“, d. h. auch wenn ein Priester nicht die Erlaubnis hat, die Messe zu feiern, könnte es für einen Katholiken erlaubt sein, die Messe bei ihm zu hören). Die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei hat sich zur Frage nach der Erfüllung der Sonntagspflicht bei der Piusbruderschaft einmal geäußert: Streng genommen kann man seine Sonntagspflicht bei der Piusbruderschaft erfüllen, aber es wäre eine Sünde, wenn man vorrangig dorthin gehen würde, um sich von der vollen Gemeinschaft mit dem Papst loszusagen oder den Ungehorsam der Piusbruderschaft zu unterstützen; wenn jemand dorthin gehen würde, um einfach nur die Messe in der außerordentlichen Form zu hören [oder aus einem ähnlichen nicht verurteilenswerten Grund, z. B. weil das die nächste und am leichtesten zu erreichende Messe für ihn wäre, o. Ä.], wäre das keine Sünde. Da inzwischen die Petrusbruderschaft und ähnliche traditionelle katholische Gemeinschaften, die in voller Gemeinschaft mit Rom stehen, an vielen Orten präsent sind, müsste es für viele Leute, die eine Messe in der außerordentlichen Form besuchen wollen, allerdings möglich sein, eine solche Messe zu finden, was natürlich vorzuziehen wäre. Wenn jemand keine katholische alte Messe erreichen kann, muss er zu einer neuen gehen, auch, wenn er die neue Messe nicht mag. Eine Messe bei Sedisvakantisten genügt nicht.

In China ist die Angelegenheit mit der papst- und glaubenstreuen Untergrundkirche und der vom Staat erlaubten „Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung“ inzwischen etwas kompliziert; es ist jedenfalls nicht verpflichtend, zur Messe bei der in voller Gemeinschaft mit dem Papst stehenden Untergrundkirche zu gehen, weil das für einen persönlich gefährlich ist, und wer trotzdem zu einer Messe gehen will, kann auch zur staatstreuen Kirche gehen.

8) Was ist, wenn einmal ein gebotener Feiertag auf einen Samstag fällt, oder zwei gebotene Feiertage hintereinander stattfinden, wie der 1. und 2. Weihnachtsfeiertag? Dann muss man zwei Messen besuchen; mit einer Abendmesse am ersten Tag kann man nicht beide abdecken. Mögliche Szenarien wären in dem ersten genannten Fall: 1) Zwei Vorabendmessen (Freitagabend und Samstagabend) 2) Vorabendmesse für den Feiertag und normale Sonntagsmesse (Freitagabend und irgendwann am Sonntag) 3) Normale Feiertagsmesse und Vorabendmesse für den Sonntag (Samstagvormittag und Samstagabend) 4) Zwei normale Messen (irgendwann am Samstag und irgendwann am Sonntag).

9) Wenn man etwa bei Szenario 1 schon in eine Messe für den Feiertag gegangen wäre und dann am Samstagabend noch in eine Vorabendmesse für den Sonntag gehen wollte, dabei aber noch einmal in eine Messe mit den Feiertagslesungen statt den Sonntagslesungen geriete, würde das trotzdem für den Sonntag gelten, weil man die Messe für den Sonntag beabsichtigte und das Gebot nur den Besuch einer Messe, nicht den einer liturgisch passenden Messe vorschreibt.

Auch wenn man eine Messe in einem anderen katholischen Ritus besucht, kann es sein, dass die Feiertage unterschiedlich fallen, weil hier ein anderer Festkalender gilt, und es gilt: Auch eine liturgisch unpassende Messe erfüllt das Gebot, eine Messe zu besuchen. Auch wenn sie nicht ideal ist.

10) Zur Entschuldigung vom Messbesuch reicht ein mittelmäßig wichtiger Grund. Entschuldigt ist man in Fällen von drohendem persönlichem (körperlichem oder geistlichem) Schaden, unzumutbaren Belastungen durch den Messbesuch oder vorrangigen Pflichten der Nächstenliebe, also z. B. dann, wenn man krank ist, arbeiten muss, gezwungen ist, eine Reise zu machen; oder einen sehr weiten Weg zur Messe hätte; oder daheim ein krankes Kind pflegen muss. Wenn man das nur in einem seltenen Ausnahmefall macht, ist auch mal ein Ausflug, zu dem man sonst keine Gelegenheit mehr hätte, eine Entschuldigung (z. B. mit Familienmitgliedern, die nur selten zu Besuch sind). Zu persönlichem Schaden / unzumutbaren Belastungen zählt auch, wenn der Messbesuch für großen häuslichen Unfrieden sorgt, also wenn z. B. eine 18-Jährige, die frisch konvertiert ist und noch zu Hause wohnt, von ihren atheistischen oder protestantischen Eltern jedes Mal schlecht behandelt wird, wenn sie in die Kirche geht. Was Krankheiten angeht: Gerade wenn man eine ansteckende Krankheit hat, sollte man sogar lieber zu Hause bleiben; aber auch bei Krankheiten, bei denen man nicht ansteckend ist (z. B. Migräne oder Schwangerschaftsübelkeit), kann man natürlich zu Hause bleiben, wenn es einem entsprechend schlecht geht. Auch Genesende, die ihre Genesung nicht gefährden sollen, sind nicht zum Messbesuch verpflichtet. Eine vielleicht hilfreiche Faustregel ist: In einer Situation, in der ein normal gewissenhafter Mensch zur Arbeit, zur Schule, zum wöchentlichen Fußballtraining im Verein, zu einer fest vereinbarten Verabredung mit Freunden, die sich nicht verschieben lässt, gehen würde, kann man auch zur Kirche gehen; wenn man aber einen guten Grund hat, wegen dem man sich dort entschuldigen würde, darf man auch von der Kirche zu Hause bleiben.

Auch psychische Erkrankungen können ein Entschuldigungsgrund sein. Sagen wir, jemand hat ein Trauma, an das er immer wieder erinnert wird, wenn er eine Kirche betritt, oder er hat eine Angststörung, eine lähmende Depression, oder etwas Ähnliches. Nicht nur physische Unmöglichkeit, sondern auch sog. „moralische Unmöglichkeit“ (gemeint ist, dass etwas praktisch nicht zumutbar ist) kann von Verpflichtungen entschuldigen. Psychische Krankheiten sind ebenso real wie körperliche, und Gott verlangt nicht mehr als den normalen, humanen Aufwand und Einsatz von einem, um zur Sonntagsmesse zu kommen, wie bei anderen alltäglichen, regelmäßigen, einigermaßen wichtigen Pflichtterminen.

Wenn jemand hier mehr tun will, als streng genommen geboten ist, darf er das natürlich (außer, es geht um vorrangige Pflichten, unangenehme/gefährliche ansteckende Krankheiten, o. Ä.).

Was ist, wenn man im Urlaub ist? Dazu sagt der hl. Johannes Paul II. (Dies Domini, Nr. 49): „Überdies sollen die Bischöfe die Gläubigen daran erinnern, dass sie sich im Fall der Abwesenheit von ihrem festen Wohnsitz am Sonntag um die Teilnahme an der Messe an ihrem Aufenthaltsort kümmern müssen.“ Wenn der Sonntag gerade der Tag der An- oder Abreise ist und es eine lange, stressige Reise ist, und man keine Vorabendmesse besuchen konnte, sollte man normalerweise als entschuldigt gelten, aber wenn man, sagen wir, am Freitag anreist und dann eine Woche am selben Ort bleibt, muss man auch dort die Messe besuchen.

Darf man Reisen unternehmen, bei denen man weiß, dass man nicht die Gelegenheit haben wird, eine Messe zu erreichen, etwa eine Kreuzfahrt im Atlantik, oder eine Wandertour in der Mongolei? Ja, darf man – genauso, wie man auch einen Job annehmen darf, bei dem man voraussehen kann, dass man immer wieder sonntags Dienst haben und nicht in die Messe gehen können wird. Man sollte sich freilich nicht ohne Grund für längere Zeit am Stück der Gelegenheit berauben, die Messe zu besuchen, aber wenn man das mal tut, weil man auch einmal im Jahr Urlaub machen will und schon lange diese Wandertour machen wollte, oder wenn nun mal jemand im Kreiskrankenhaus arbeitet und dann auch alle paar Wochen am Sonntag bei der Arbeit sein muss, dann ist das in Ordnung.

Was ist, wenn man darauf angewiesen ist, dass andere einen in die Kirche fahren? Sagen wir, eine alte Frau kann nicht mehr Auto fahren, und weil es bei ihr auf dem Land keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, müsste sie ihre Tochter, die normalerweise nicht zur Kirche geht, bitten, sie zu fahren; oder eine 16-jährige in derselben Gegend ist darauf angewiesen, dass ihre kirchenfernen Eltern sie fahren. Nun: Prinzipiell ist nur das verpflichtend, was man selbst erfüllen kann. Ich würde aber sagen: Wenn man Angehörige hat, die einen auch mal gerne fahren und dann nicht verärgert sind, weil man ihre Pläne für den Samstagabend oder den Sonntag durcheinander gebracht hat, sollte man das doch zumindest ab und zu annehmen, weil es schon wichtig für einen persönlich ist, die Gottesbeziehung durch wenigstens halbwegs regelmäßige Teilnahme an der Messe zu pflegen. Faustregel: Wenn man die Mama am Samstagabend bitten würde, einen zur besten Freundin zu fahren, bei der man einen DVD-Abend machen will, und einen hinterher wieder abzuholen, kann man sie auch bitten, einen zur Vorabendmesse zu fahren und hinterher wieder abzuholen. Dasselbe beim Organisieren von Fahrgemeinschaften mit Leuten, die zur selben Veranstaltung gehen: Man sollte bereit sein, denselben moderaten Aufwand zu betreiben, um zur Messe zu kommen, den man betreiben würde, um zu einer Veranstaltung mit Freunden zu kommen. Man muss keine Fahrgemeinschaften mit Leuten bilden, die man nicht kennt / denen man nicht vertraut, und keine Angehörigen in Anspruch nehmen, die andere Verpflichtungen/Pläne haben.

Wenn man sich am Samstagabend betrinkt und dabei weiß, dass man es wegen seinem Kater voraussichtlich nicht zur Sonntagsmesse schaffen wird, ist das auch eine Sünde gegen die Sonntagspflicht. (Das Betrinken, das so weit geht, dass man nicht mehr des Vernunftgebrauchs mächtig ist, ist außerdem sowieso eine Sünde an sich.)

Wenn man die Messe nun aus einem Grund versäumt hat, bei dem man im Nachhinein sagen würde, „hm, vielleicht hätte ich es doch schaffen können/sollen“, kann das auch einmal einfach eine lässliche Sünde gewesen sein. Eine (objektiv) schwere ist es ganz klar bei offensichtlichen Gründen wie „keine Lust“ und „ich will eben ausschlafen“.

 

Dann zu dem anderen Teil des 3. Gebots: dem Thema Sonntagsruhe. Das dritte Gebot soll auch verhindern, dass Menschen zu Workaholics werden und keine Zeit mehr für Gott und die notwendige Ruhe haben. Der hl. Johannes Paul II. schreibt dazu: „Die Ruhe ist etwas Heiliges, sie ist für den Menschen die Voraussetzung, um sich dem manchmal allzu vereinnahmenden Kreislauf der irdischen Verpflichtungen zu entziehen und sich wieder bewusst zu machen, dass alles Gottes Werk ist.“ (Dies Domini 65)

Im Katechismus heißt es:

„2185 Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sollen die Gläubigen keine Arbeiten oder Tätigkeiten ausüben, die schuldige Gottesverehrung, die Freude am Tag des Herrn, das Verrichten von Werken der Barmherzigkeit und die angemessene Erholung von Geist und Körper verhindern [Vgl. CIC. can, 1247]. Familienpflichten oder wichtige soziale Aufgaben entschuldigen rechtmäßig davon, das Gebot der Sonntagsruhe einzuhalten. Die Gläubigen sollen aber darauf achten, daß berechtigte Entschuldigungen nicht zu Gewohnheiten führen, die für die Gottesverehrung, das Familienleben und die Gesundheit nachteilig sind. ‚Die Liebe zur Wahrheit drängt zu heiliger Muße; die Dringlichkeit der Liebe nimmt willig Arbeit auf sich‘ (Augustinus, civ. 19,19).

2186 […] Der Sonntag wird in der christlichen Frömmigkeitstradition für gewöhnlich guten Werken und demütigem Dienst an Kranken, Behinderten und alten Menschen gewidmet. Die Christen sollen den Sonntag auch dadurch heiligen, daß sie ihren Angehörigen und Freunden die Zeit und Aufmerksamkeit schenken, die sie ihnen an den übrigen Tagen der Woche zu wenig widmen können. Der Sonntag ist ein Tag der Besinnung, der Stille, der Bildung und des Betrachtens, die das Wachstum des christlichen inneren Lebens fördern.

2187 Die Heiligung der Sonn- und Feiertage erfordert eine gemeinsame Anstrengung. Ein Christ soll sich hüten, einen anderen ohne Not zu etwas zu verpflichten, das ihn daran hindern würde, den Tag des Herrn zu feiern. Auch wenn Veranstaltungen (z. B. sportlicher oder geselliger Art) und gesellschaftliche Notwendigkeiten (wie öffentliche Dienste) von Einzelnen Sonntagsarbeit verlangen, soll sich doch jeder genügend Freizeit nehmen. […] Trotz aller wirtschaftlichen Zwänge sollen die Behörden für eine der Ruhe und dem Gottesdienst vorbehaltene Zeit ihrer Bürger sorgen. Die Arbeitgeber haben eine entsprechende Verpflichtung gegenüber ihren Angestellten.

2188 Die Christen sollen darauf hinwirken, daß die Sonntage und kirchlichen Feiertage als gesetzliche Feiertage anerkannt werden, wobei sie die Religionsfreiheit und das Gemeinwohl aller zu achten haben. […] Falls die Gesetzgebung des Landes oder andere Gründe zur Sonntagsarbeit verpflichten, soll dieser Tag dennoch als der Tag unserer Erlösung gefeiert werden, der uns an der ‚festlichen Versammlung‘, an der ‚Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind‘, teilnehmen läßt (Hebr 12,22-23).“

Nach dem früheren Kirchenrecht waren ausdrücklich die sog. „knechtliche Arbeit“ (also körperliche Arbeiten, die zu materiellem Nutzen geschehen, wie Putzen, Nähen, Bauarbeiten, Schreinern usw.), der Handel (Kauf und Verkauf), und gerichtliche Handlungen als der Heiligkeit des Sonntags entgegenstehend verboten; der CIC von 1983 ist, wie oben zitiert, nicht mehr so klar, sondern nennt nur „jene[…] Werke und Tätigkeiten […], die den Gottesdienst, die dem Sonntag eigene Freude oder die Geist und Körper geschuldete Erholung hindern“. Was das genau heißt, dazu habe ich leider keine neueren kasuistischen Ausführungen gefunden.

Man kann dafür plädieren, darunter nicht nur die drei genannten Kategorien, sondern auch Erwerbsarbeit, die nicht in körperlicher Arbeit besteht, wie z. B. Buchhaltung, zu verstehen, da der CIC schließlich auch von der Erholung von „Geist und Körper“ redet. Intellektuelle und künstlerische Tätigkeiten galten traditionell als erlaubt; allerdings könnte man sagen, dass es auch hier zumindest besser ist, wenn z. B. Schüler oder Studenten, die nicht dringend für eine Prüfung lernen müssen und das Lernen, sofern es für sie etwas der Arbeit Vergleichbares, Anstrengendes ist, auch auf einen anderen Tag legen könnten, es verschieben, um sich erholen zu können. Gartenarbeit, Handarbeit oder Backen als Hobby zur Erholung oder Selbstverwirklichung ist wohl nicht zu beanstanden. (Man bezeichnet ja auch z. B. das Wandern nicht als Arbeit, auch wenn es körperlich anstrengt; und die drei Beispiele haben auch etwas „Künstlerisches“, nicht nur etwas Praktisches an sich.) Staubsaugen, Waschen, Rasenmähen, Unkrautjäten im Gemüsebeet, Streichen von Wänden u. Ä. (kurz gesagt, das, was Arbeit im eigentlichen Sinn ist) sollte man aber, wenn möglich, auf andere Tage legen. Sportveranstaltungen sind unbedenklich (nur sollten sie einen nicht von der Messe abhalten).

Entschuldigungsgründe, die Sonntagsarbeit erlaubt machen, können sein:

  • Der Dienst an Gott. Hier ist aber nur der direkte Gottesdienst gemeint (z. B. Küsterdienst, Herrichten der Blumenteppiche am Morgen von Fronleichnam, u. Ä.); das Rasenmähen auf dem Kirchengelände oder das Renovieren des Kirchengebäudes sollte man, wenn möglich, auf andere Tage legen.
  • Eigener Bedarf oder der des Nächsten. Hausarbeiten, die nicht oder nur schwer verschoben werden können, Arbeiten wie die des Arztes oder Altenpflegers, die jeden Tag gemacht werden müssen, Sonntagsarbeit von Leuten, die ohne den Lohn davon nicht auskommen, Sonntagsarbeit in Betrieben, die nur mit großem Schaden am Sonntag stillstehen können, Einholen der Ernte, wenn schlechtes Wetter droht, Hilfe beim Umzug eines Familienmitglieds, das sich entschieden hat, an diesem Tag umzuziehen, karitative Tätigkeiten… das alles ist erlaubt. Wenn jemand von seinem Chef zur Sonntagsarbeit verpflichtet wird, ist er entschuldigt; ein katholischer Chef darf aber, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, seine Angestellten nicht zur Arbeit verpflichten.
  • Rechtmäßige Gewohnheiten, Landesbrauch. Z. B. sind festliche Jahrmärkte am Sonntag in Ordnung, wo sie üblich sind, oder dass Restaurants sonntags geöffnet haben und Menschen dort essen gehen, was, auch wenn hierfür manche wieder arbeiten müssen, auch eine gewisse Festlichkeit ermöglicht. Wenn es in einem nichtchristlichen/säkularen Land generell üblich ist, am Sonntag zu arbeiten, ohne Rücksicht auf Gottesdienst usw., entschuldigt das zwar die dadurch zur Arbeit genötigten Christen, aber diese Gewohnheit gehört trotzdem eigentlich abgeschafft und der Sonntag gesetzlich geschützt.

(Vgl. hierzu auch Jesu Handlungen und Äußerungen bezüglich der Auslegung des Sabbatgebots, z. B. „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“ (Mk 2,27f.))

Ab einer Dauer von etwa zwei bis drei Stunden wurde unnötige Sonntagsarbeit klassischerweise als schwere Sünde gezählt. Kurze Einkäufe, die man auch hätte verschieben können, u. Ä. sind also nur lässliche Sünden. Auch wenn man das Sonntagsgebot etwas locker auslegt und längere Arbeiten erledigt, für die man schon einen Grund findet, aber einen, bei dem man sich hinterher denkt, dass er vielleicht doch nicht so stichhaltig war wie zuerst gedacht, kann das einfach eine lässliche Sünde gewesen sein. Aber, wie gesagt, unnötige Sonntagsarbeit kann auch schwere Sünde werden.

 

Am Sonntag zu fasten ist nicht verboten, aber nie verpflichtend und eigentlich nicht üblich, weil es ein festlicher Tag sein soll. (Mehr zum Fasten in einem anderen Artikel.)

 

 

 

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Moraltheologie und Kasuistik, Teil 5: Das 2. Gebot

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Das 2. Gebot richtet sich gegen die Verunehrung des Namens Gottes: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen.“ Der Name Gottes ist heilig, weil der, den er bezeichnet, heilig ist.

Bei diesem Gebot geht es um Meineide im Namen Gottes, den Bruch von Eiden, den Bruch von Gelübden, die man Gott gemacht hat, Blasphemie, den unehrfürchtigen Gebrauch des Gottesnamens, falsches Segnen und falsches Verfluchen.

 

Erst einmal zum Eid (in der Form von eidlichen Aussagen oder eidlichen Versprechungen):

Der Eid besteht darin, dass jemand Gott zum Zeugen der Wahrhaftigkeit einer Aussage oder der Ehrlichkeit und Einhaltung eines Versprechens macht („ich schwöre bei Gott, dass das wahr ist“, „so wahr mir Gott helfe“, „ich schwöre beim Himmel, dass ich das tun werde“). (Wenn jemand bei einem Heiligen oder auf die Bibel schwört, bezieht sich das indirekt auf Gott.) Der Name Gottes wird missbraucht, wenn jemand bei ihm etwas Gelogenes oder Zweifelhaftes beschwört (z. B. vor Gericht) und Ihn damit zum Zeugen für etwas Falsches machen will; oder bei Ihm etwas verspricht, das er nicht zu halten beabsichtigt; oder etwas, das er bei Ihm versprochen hat, nicht erfüllt. Meineid und Eidbruch sind an sich schwere Sünden.

Bei einer eidlichen Aussage ist auch eine Teilwahrheit, von der derjenige weiß, dass sie falsch ausgelegt werden wird (also eine Aussage mit „mentaler Reservation“, dazu mehr beim 8. Gebot), gegenüber Leuten ausgesprochen, die das Recht haben, die Wahrheit zu kennen, eine schwere Sünde. Gegenüber Leuten, die dieses Recht nicht haben, ist sie aus einem ernsten Motiv heraus erlaubt; wenn kein solches Motiv da ist, eine lässliche Sünde.

Den Eid zu gebrauchen, um Auskünfte zu beschwören, die zwar wahr sind, die man aber nicht weitergeben soll, wäre bei solchen Dingen wie geringfügigem Lästern, Angeberei o. Ä. lässliche Sünde, in schwerwiegenden Fällen, die auch so schwere Sünde wären (z. B. bei einem bedeutenden Geheimnis, das man kein Recht hat, weiterzugeben – natürlich gelten nicht alle Geheimnisse absolut, aber solche gibt es), wohl schwere Sünde.

Mit einem Eid zu versprechen, eine Sünde zu begehen, ist schwere Sünde, zumindest jedenfalls, wenn es sich bei der versprochenen Sache selbst um eine schwere Sünde handelt. Ein solcher Eid ist ungültig. Wenn man etwas unter Eid verspricht, sich aber später herausstellt, dass die Erfüllung in diesem Fall Schaden anrichten würde und eine Sünde wäre, verpflichtet der Eid natürlich auch nicht.

Der Versprechenseid verpflichtet unter schwerer oder lässlicher Sünde, je nachdem, ob es sich bei der versprochenen Sache um etwas Schwerwiegendes oder Unwichtiges handelt.

Manche christliche Gruppierungen wollen den Eid grundsätzlich verwerfen, weil Jesus in der Bergpredigt gesagt hat: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Mt 5,33-37)

Aber das ist kein grundsätzliches Verbot des Eides, sondern meint eher, dass man nicht nur bei einem Eid zur Wahrhaftigkeit verpflichtet ist, sondern immer. Jesus sagt nicht, Schwören ist böse, sondern es kommt vom Bösen, wenn man (oft) schwört und dann meint, nur wahrhaftig sein zu müssen, wenn man schwört; und Er hebt ja ganz grundsätzlich das Alte Testament nicht auf, wenn Er darüber hinausgeht. Auch der hl. Paulus benutzt den Eid in seinen Briefen: „Ich rufe aber Gott zum Zeugen an bei meinem Leben, dass ich nur, um euch zu schonen, nicht mehr nach Korinth gekommen bin.“ (2 Kor 1,23) „Was ich euch hier schreibe – siehe, bei Gott, ich lüge nicht.“ (Gal 1,20) Im Katechismus heißt es dazu:

„2154 In Anlehnung an den hl. Paulus [Vgl. 2 Kor 1,23; Gal 1,20.] hat die Überlieferung der Kirche das Wort Jesu so verstanden, daß es den Eid dann, wenn er sich auf eine schwerwiegende und gerechte Sache (z. B. vor Gericht) bezieht, nicht verbietet. ‚Ein Eid, das ist die Anrufung des göttlichen Namens als Zeugen für die Wahrheit, darf nur geleistet werden in Wahrheit, Überlegung und Gerechtigkeit‘ (CIC, can. 1199, § 1).

2155 Die Heiligkeit des Namens Gottes verlangt, daß man ihn nicht um belangloser Dinge willen benutzt. Man darf auch keinen Eid ablegen, wenn er aufgrund der Umstände als eine Billigung der Gewalt, die ihn ungerechterweise verlangt, verstanden werden könnte. Wenn der Eid von unrechtmäßigen staatlichen Autoritäten verlangt wird, darf er verweigert werden. Er muß verweigert werden, wenn er zu Zwecken verlangt wird, die der Menschenwürde oder der Gemeinschaft der Kirche widersprechen.“

Drei Kriterien gelten also für einen Eid: Wahrheit, Überlegung, Gerechtigkeit. Man soll auch einen guten Grund haben, um zu schwören, weil man den Namen Gottes nicht leichtfertig anrufen soll (Überlegung). Wenn jemand ohne guten Grund schwört – aber hier nichts Falsches oder Zweifelhaftes beschwört (Wahrheit) oder etwas Sündhaftes verspricht (Gerechtigkeit) – ist das aber nur lässliche Sünde.

Der hl. Thomas sagt zur Auslegung dieser Stelle aus der Bergpredigt:

„Ich antworte, es könne ein Ding an sich etwas Gutes sein, demjenigen aber zum Übel gereichen, der sich dessen nicht geziemendermaßen bedient. So ist es etwas Gutes, das heilige Abendmahl zu nehmen; wer aber es unwürdig nimmt, der ißt und trinkt sich das Gericht. (1. Kor. 11.) So verhält es sich hier. Der Eidschwur ist an und für sich erlaubt etwas Gutes. Denn 1. ist sein Ursprung gut, da die Menschen der Glaube an die unfehlbare Wahrheit Gottes dazu gebracht hat, den Eid einzuführen; — 2. ist sein Zweck gut; denn der Eidschwur soll den Menschen Recht verschaffen und jeden Streit beenden, nach Hebr. 6. Wer aber ohne Not und ohne gebührende Ursache des Eidschwures sich bedient, dem gereicht er zum Übel. Denn das zeigt, daß der betreffende wenig Achtung vor Gott hat, da er Ihn leichthin zum Zeugen nimmt, was er sich nicht vermesssen würde gegenüber einem anständigen Menschen. Es droht zudem einem solchem leichtsinnigen Schwören die Gefahr des Meineides; denn leicht fällt der Mensch im Sprechen: ‚Wer in seinen Worten nicht fehlt,‘ sagt Jakobus (3, 2.), ‚ist ein vollkommener Mann.‘ Deshalb heißt es Ekkli. 23.: ‚Dein Mund gewöhne sich nicht ans Schwören: denn viel wird darin gefehlt.'“ (Summa Theologiae II/II,89,2)

Und:

„Ich antworte; was nur gesucht wird, damit es einer gewissen Schwäche und einem Mangel abhelfe, kann nicht zu dem gezählt werden was an und für sich erstrebenswert ist, sondern nur als etwas Notwendiges wie die Medizin gesucht wird, um dem Kranken zu helfen. Der Eid wird gefordert, um der Schwäche des Menschen zu Hilfe zu kommen, deren der eine dem anderen nicht glaubt. Der Eid ist also nicht an sich erstrebenswert, sondern wie etwas für das menschliche Leben Notwendige und wer über die Grenzen des Notwendigen hinaus ihn gebraucht, mißbraucht denselben.“ (Summa Theologiae II/II,89,5)

Im Kodex des Kanonischen Rechtes (CIC) heißt es über eidliche Zeugenaussagen und Versprechen:

„Can. 1199 — § 1. Ein Eid, das ist die Anrufung des göttlichen Namens als Zeugen für die Wahrheit, darf nur geleistet werden in Wahrheit, Überlegung und Gerechtigkeit.

§ 2. Der Eid, den die Canones vorschreiben oder zulassen, kann durch einen Vertreter nicht gültig geleistet werden.

Can. 1200 — § 1. Wer freiwillig schwört, etwas tun zu wollen, ist aufgrund der besonderen Pflicht der Gottesverehrung gehalten zu erfüllen, was er durch den Eid bekräftigt hat.

§ 2. Ein aufgrund von arglistiger Täuschung, Zwang oder schwerer Furcht geleisteter Eid ist von Rechts wegen nichtig.

Can. 1201 — § 1. Der Versprechenseid folgt der Natur und den Bedingungen des Aktes, dem er beigefügt ist.

§ 2. Wenn der Eid einem Akt beigefügt wird, der unmittelbar zum Schaden anderer, zum Nachteil des öffentlichen Wohls oder des ewigen Heils führt, erfährt der Akt dadurch keine Bekräftigung.

Can. 1202 — Die durch Versprechenseid entstandene Verpflichtung entfällt:

1° wenn derjenige verzichtet, zu dessen Gunsten der Eid geleistet wurde;

2° wenn die beschworene Sache sich wesentlich ändert oder infolge veränderter Umstände entweder schlecht oder völlig indifferent wird oder schließlich einem höheren Gut entgegensteht;

3° wenn der Beweggrund oder die Bedingung, unter der der Eid etwa geleistet wurde, weggefallen bzw. nicht eingetreten ist;

4° durch Dispens oder Umwandlung nach Maßgabe des can. 1203.

Can. 1203 — Diejenigen, die ein Gelübde aufschieben, von ihm dispensieren oder es umwandeln können, haben diese Gewalt in gleicher Weise auch hinsichtlich des Versprechenseides; wenn aber die Dispens vom Eid anderen zum Nachteil gereicht und diese es ablehnen, auf die Einhaltung der Verbindlichkeit zu verzichten, kann allein der Apostolische Stuhl vom Eid dispensieren.

Can. 1204 — Der Eid ist eng auszulegen gemäß dem Recht und gemäß der Absicht des Schwörenden bzw., wenn dieser arglistig handelt, gemäß der Absicht dessen, dem der Eid geleistet wird.“

Zu Dispens und Umwandlung weiter unten bei dem, was für Gelübde gilt; „eng auszulegen“ heißt, dass man nur das tun muss, wozu der Eid eindeutig verpflichtet.

Hier behandelt der hl. Thomas außerdem ausführlich die Frage, ob man von jemand anderem einen Eid verlangen darf: Knapp gesagt ja, darf man, vor allem, wenn ein Amtsträger das anhand der Gesetze z. B. vor Gericht tut. Im privaten Kontext darf man von einem anderen einen Eid verlangen, auch wenn das nicht ideal ist, um sich sicherer zu sein, dass er die Wahrheit sagt; wenn man aber schon weiß, dass er falsch schwören wird, darf man ihn in diesem Fall nicht dazu treiben, einen Meineid zu leisten.

Ein fingierter Eid ist ungültig, aber für den, der ihn geleistet hat, kann es die Verpflichtung geben, den, den er damit getäuscht hat, zu entschädigen.

 

Dann geht es beim 2. Gebot, wie gesagt, um Gelübde. Während ein Eid gegenüber einem Menschen abgelegt werden und sich auf alles mögliche beziehen kann (Eid auf eine Verfassung, „ich schwöre dir bei Gott, dass ich dir bei xyz helfe“, usw. usf.), ist das Gelübde eine speziellere Form des Versprechens: ein Gott gemachtes Versprechen betreffs einer möglichen und guten Sache, die besser ist als ihr Gegenteil. Das Gelübde ist noch mehr als der Eid ein Akt der Gottesverehrung. Es gibt öffentliche, von vielen abgelegte, kirchlich regulierte Gelübde wie die Ordensgelübde, aber jemand kann sich auch durch ein privates Gelübde z. B. dazu verpflichten, eine bestimmte Wallfahrt zu machen.

Der hl. Thomas sagt über den Nutzen von Gelübden:

„Gott aber versprechen wir zu unserem eigenen Nutzen. Deshalb sagt Augustin I. c.: ‚In seiner Güte fordert Er das Ihm Gelobte, nicht weil Er dessen bedürfte; nichts wächst Ihm zu aus dem, was wir Ihm schulden. Aber die Ihm etwas schulden, die läßt Er wachsen in allem Guten. Was Ihm gegeben wird, das wird hinzugefügt zu dem, was Er uns entgilt.‘ Da wir also Gott etwas geloben zu eigenem Nutzen, damit nämlich unser Wille unverrückbar fest werde in dem, was zu thun heilsam ist; deshalb ist es nützlich, etwas zu geloben.“ (Summa Theologiae II/II,88,4)

Er sieht für den Nutzen von Gelübden drei hauptsächliche Gründe: 1) Das Gelübde ist ein Akt der Gottesverehrung; Fasten o. Ä. aufgrund eines Gelübdes ist verdienstvoller als ohne Gelübde, weil es Gott besonders geweiht wird. 2) Wer etwas gelobt, gibt Gott nicht nur dieses einzelne Werk an sich, sondern er nimmt sich selbst die Möglichkeit, sich in Zukunft wieder dagegen entscheiden; es ist also ein größeres Opfer. „So würde jemand seinem Freunde mehr geben, der ihm den ganzen Baum mitsamt den Früchten, als jener, der bloß die Früchte gäbe (Anselmus de Similitud. c. 84.).“ (Summa Theologiae II/II,88,6) 3) Das Gelübde hilft bei der Festigung des Willens im Guten.

Es gibt keine moralische Verpflichtung, irgendwelche Gelübde zu machen; aber gemachte sind bindend. „Es ist besser, wenn du nichts gelobst, als wenn du etwas gelobst und nicht erfüllst.“ (Kohelet 5,4)

Im CIC heißt es:

„Can. 1191 — § 1. Ein Gelübde, das ist ein Gott überlegt und frei gegebenes Versprechen, das sich auf ein mögliches und besseres Gut bezieht, muß kraft der Tugend der Gottesverehrung erfüllt werden.

§ 2. Wenn es nicht vom Recht verboten ist, sind alle fähig, Gelübde abzulegen, die den entsprechenden Vernunftgebrauch besitzen.

§ 3. Ein Gelübde, das aufgrund schwerer und unrechtmäßig eingeflößter Furcht oder aufgrund arglistiger Täuschung abgelegt wurde, ist von Rechts wegen nichtig.“

Und:

„Can. 1193 — Das Gelübde verpflichtet aufgrund seiner Natur nur denjenigen, der es ablegt.“

Zu einem Gelübde gehören, um es ausführlich zu erklären, also folgende Bedingungen:

  • Die Sache wird eindeutig gelobt, es handelt sich nicht um einen bloßen Vorsatz. War es ein ausdrückliches und festes, klares Versprechen, kein möglicherweise schwankendes Vornehmen, und vor allem: wollte man sich unter Sünde binden, z. B. auf diese Pilgerfahrt zu gehen?
  • Die Sache wird Gott versprochen (wer bei einem Heiligen o. Ä. gelobt, gelobt es normalerweise Gott quasi durch diesen Heiligen).
  • Derjenige ist sich bewusst, was er gelobt, also was das Wesen der Sache ist, die er gelobt; ein Beispiel: Jemand muss in etwa wissen, was die Ehe ist, bevor er Ehelosigkeit geloben kann. Auch wenn jemand sich über entscheidende Umstände irrt – z. B. einen bestimmten kurzen Pilgerweg gehen wollte, und dann merkt, dass der doppelt so weit ist, wie er dachte – muss er das Gelübde nicht erfüllen; das Gleiche gilt bei einem Irrtum über das entscheidende Motiv für das Gelübde, also wenn z. B. jemand ein Gelübde abgelegt hat für den Fall, dass ein Angehöriger wieder gesund wird, und dann herauskommt, dass der nur vorgetäuscht hat, krank zu sein. Alle einzelnen Nebenumstände einer Sache muss man aber nicht kennen, damit ein Gelübde gültig ist.
  • Derjenige ist mindestens desselben Vernunftgebrauchs fähig, der nötig ist, um eine schwere Sünde begehen zu können; Kinder, geistig Behinderte, durch Alkohol oder Drogen in ihrem Vernunftgebrauch Eingeschränkte, Personen im Halbschlaf etc. können grundsätzlich keine Gelübde ablegen.
  • Die Sache ist für einen persönlich möglich, ist etwas moralisch Gutes (niemand kann sich zu einer Sünde verpflichten; und etwas Indifferentes zu geloben macht keinen Sinn) und ist besser als ihr Gegenteil (z. B. ist es besser, ein regelmäßiges Almosen zu geben als es nicht zu geben; es ist es besser, ehelos zu bleiben als zu heiraten); wenn man schon ein Gelübde macht, soll es einen auch zu etwas Höherem führen. Eine Sache kann entweder an sich oder durch die Umstände besser sein als ihr Gegenteil; z. B. kann es durch die Umstände besser werden, bestimmte Situationen zu vermeiden, die einen persönlich negativ beeinflussen, auch wenn sie an sich indifferent sind. „Möglich“ heißt nicht nur „physisch möglich“, sondern auch „moralisch möglich“; dieser Fachbegriff meint so etwas wie „praktisch sinnvollerweise durchführbar“. Wenn z. B. jemand gelobt hat, zur Werktagsmesse zu gehen, aber Bauchschmerzen oder eine ansteckende Grippe hat, wäre es ihm zwar physisch vielleicht möglich, sich in die Kirche zu schleppen, aber es wäre nicht „moralisch möglich“, weil zu unverhältnismäßig anstrengend (und bei der Grippe evtl. schädlich für andere Kirchgänger).
  • Wenn man merkt, dass ein Teil des Gelübdes erfüllbar und ein anderer nicht erfüllbar ist, kommt es darauf an, ob man den Gegenstand sinnvollerweise „teilen“ kann; wenn ja, muss der erfüllbare Teil noch erfüllt werden – wenn z. B. jemand gelobt hat, jeden Dienstag und Donnerstag zur Werktagsmesse zu gehen, und dann an eine Arbeitsstelle versetzt wird, an der er jeden Dienstag zu der Uhrzeit arbeiten muss, zu der die Messe stattfindet, kann er den einen Teil nicht mehr erfüllen, aber den anderen schon noch; am Donnerstag muss er also noch zur Werktagsmesse gehen. Wenn der erfüllbare und der unerfüllbare Teil eine Einheit bilden, gilt das nicht – wenn z. B. jemand eine Wallfahrt nach Jerusalem machen wollte, aber kein Visum für Israel bekommt, muss er nicht bis zu den israelischen Landesgrenzen pilgern und dann umkehren, sondern kann die Wallfahrt ganz lassen. (Etwas weit hergeholte Beispiele, ich weiß.)
  • Wenn ein Gelübde mit einer bestimmten Bedingung abgelegt wird (z. B.: „ich gelobe, wenn ich gesund werde, diese Pilgerfahrt zu machen“), gilt es natürlich nur, wenn die Bedingung auch eintritt. Wer, weil er sein Gelübde bereut, bewusst verhindert, dass eine Bedingung eintritt, sündigt gegen sein Gelübde und muss diese Sünde bereuen und bekennen; aber wenn die Bedingung nicht da ist, muss er die Sache streng genommen trotzdem nicht mehr erfüllen.
  • Ein Gelübde ist ungültig, wenn es wegen ungerecht eingeflößter schwerer Furcht abgelegt wurde (gerechtfertigte Furcht ist dabei nicht gemeint; wenn jemand z. B. die in diesem Fall normale Angst hat, an seiner schweren Krankheit zu sterben, kann er ein gültiges Gelübde für den Fall seiner Heilung ablegen; aber wenn z. B. jemand einen bedroht („Wenn du nicht das Gelübde ablegst, tue ich dir das und das an“), kann das Gelübde nicht gültig sein).
  • Wenn jemand aus krankhafter Angst, aus irgendeiner psychischen Störung heraus meint, Gelübde ablegen zu müssen (was öfter bei Skrupulanten der Fall ist), ist das Gelübde nicht gültig. Hier Genaueres dazu, was Skrupulanten bei diesem Thema beachten müssen.
  • Mit einem Gelübde kann man nur sich selbst binden, nicht z. B. seine Kinder oder andere. (Aber wenn z. B. ein Ordensoberer gelobt, in seiner Ordensgemeinschaft etwas einzuführen, das einzuführen er die Autorität hat, müssen die anderen Ordensmitglieder natürlich wie immer gehorchen (wegen der allgemeinen Gehorsamsverpflichtung, nicht wegen dem Gelübde); auch, wenn jemand für sein Erbe bestimmte Bestimmungen gelobt, sind die, die das Erbe annehmen, dadurch gebunden; wenn jemand eine bestimmte Spende gelobt hat, aber stirbt, bevor er sie machen kann, müssen die Erben sie machen.)
  • Auch etwas sowieso schon moralisch Verpflichtendes kann gelobt werden; der Moraltheologe Karl Hörmann sagt dazu: „ein solches Gelübde hätte den Sinn, das gebotene Verhalten ausdrückl. in die Gottesverehrung einzubeziehen und die Bereitschaft zu ihr zu bestärken“. Hier würde die Verpflichtungskraft dieser verpflichtenden Sache noch mal verstärkt, und es wäre dann nicht nur eine sonstige Sünde, sondern auch ein Gelübdebruch, sie von da an zu unterlassen. Aber hauptsächlich geht es bei Gelübden sinnvollerweise um die sog. Werke der Übergebühr, die an sich nicht moralisch verpflichtend sind.

Es gibt verschiedene Arten von Gelübden:

„Can. 1192 — § 1. Ein Gelübde ist öffentlich, wenn es im Namen der Kirche von einem rechtmäßigen Oberen entgegengenommen wird, anderenfalls ist es privat.

§ 2. Feierlich ist ein Gelübde, wenn es als solches von der Kirche anerkannt worden ist, anderenfalls ist es einfach.

§ 3. Persönlich ist ein Gelübde, wenn eine Leistung des Gelobenden versprochen wird; es ist dinglich, wenn irgendeine Sachleistung versprochen wird; gemischt ist es, wenn es sowohl persönlicher wie dinglicher Art ist.“

Ein Gelübde verpflichtet unter schwerer oder lässlicher Sünde, je nach der Intention des Gelobenden oder nach der gelobten Sache.

Man kann sich nicht unter schwerer Sünde verpflichten, etwas Unbedeutendes zu erfüllen (z. B.: ein Ave Maria sprechen, 5 Euro spenden); bei einer wichtigen Sache kann man sich je nach Intention unter schwerer oder lässlicher Sünde dazu verpflichten. Wenn man dazu keine bestimmte Intention hatte, gilt, dass eine wichtige Sache unter schwerer Sünde verpflichtet. (Wichtige Sachen sind Sachen, die die Kirche auch mal vorschreibt – z. B. zur Messe / zur Kommunion gehen, zur Beichte gehen, fasten (und bei denen man eben gelobt, sie öfter als vorgeschrieben zu erfüllen), oder solche, die etwas Großes zur Verherrlichung Gottes beitragen (z. B. Gelübde der ehelosen Keuschheit, der Armut, des Gehorsams), oder für einen selbst oder andere von großer Nützlichkeit sind (z. B. große Spenden).)

Bei der Interpretation eines Gelübdes, bei dem man sich vorher nicht in allen Einzelheiten überlegt hatte, was genau man geloben wollte, kann man der mildesten Interpretation folgen; wenn z. B. jemand versprochen hat, drei Wochen lang zu fasten, kann er sich an den Tagen, an denen die kirchlichen Fastenregeln Fastende sonst vom Fasten entschuldigen (z. B. an Sonntagen) vom Fasten entschuldigt sehen.

Wenn man ein Gelübde, für das man keinen bestimmten Zeitpunkt festgesetzt hatte, längere Zeit hinausschiebt, ist das nur lässliche Sünde, außer, wenn die realistische Gefahr besteht, dass der Wert des Gelübdes später verringert ist, oder es nicht mehr erfüllbar ist, oder man es vergisst.

Wenn man ein Gelübde länger nicht erfüllt hat und es dann nicht mehr möglich ist, es zu erfüllen, hört die Verpflichtung auf und man muss es prinzipiell auch durch kein anderes Gelübde ersetzen; trotzdem war das eine Sünde, die bereut werden muss; und was man noch erfüllen kann, muss man erfüllen. Der hl. Thomas schreibt:

„Wird das Gelobte unmöglich, so muß der betreffende thun was er kann, damit er wenigstens seinen guten Willen zeige. Wer also in einen Orden einzutreten gelobt hat, muß sein Möglichstes thun, um aufgenommen zu werden. Und hat er sich an erster Stelle zu keinem bestimmten Orden verpflichten wollen, so muß er, wenn ihm der Eintritt in dem einen Kloster verweigert wird, suchen, in ein anderes aufgenommen zu werden. Hat er aber sein Gelübde nur auf einen bestimmten Orden gerichtet wegen des Wohlgefallens an der da herrschenden Lebensart; so ist er zu Weiterem nicht verpflichtet, falls er daselbst keine Aufnahme findet. Ist es jedoch seine eigene Schuld, daß der Eintritt in einen Orden ihm unmöglich geworden, so muß er noch dazu diese seine Schuld bereuen und büßen; gleichwie die Jungfrau, welche, nachdem sie Jungfräulichkeit gelobt, verletzt worden, nicht nur das, was ihr möglich ist, thun, d. h. beständige Enthaltsamkeit beobachten, sondern auch wegen dessen, was sie durch die Sünde verloren, Buße thun muß.“ (Summa Theologiae II/II,88,3)

Die Verpflichtung eines Gelübdes kann in folgenden Fällen aufhören:

„Can. 1194 — Ein Gelübde erlischt durch Ablauf der Zeit, die als Endpunkt der Verpflichtung festgesetzt wurde, durch wesentliche Veränderung des versprochenen Gegenstandes, durch Wegfall bzw. Nichteintritt der Bedingung, von der das Gelübde abhängt, oder seines Beweggrundes, durch Dispens und durch Umwandlung.

Can. 1195 — Wer die Gewalt über den Gegenstand des Gelübdes hat, kann die Erfüllung der Verpflichtung so lange aufschieben, wie die Erfüllung des Gelübdes ihm zum Nachteil gereicht.

Can. 1196 — Außer dem Papst können aus gerechtem Grund von privaten Gelübden dispensieren, unter der Voraussetzung, daß die Dispens nicht wohlerworbene Rechte Dritter verletzt:

1° der Ortsordinarius und der Pfarrer alle ihnen Untergebenen wie auch die Fremden;

2° der Obere eines Ordensinstituts bzw. einer Gesellschaft des apostolischen Lebens, wenn sie klerikale Verbände päpstlichen Rechts sind, die Mitglieder, die Novizen und die Personen, die Tag und Nacht in der Niederlassung des Instituts bzw. der Gesellschaft leben;

3° diejenigen, denen der Apostolische Stuhl oder der Ortsordinarius die Dispensvollmacht übertragen hat.

Can. 1197 — Die durch ein privates Gelübde versprochene Leistung kann vom Gelobenden selbst in ein besseres oder gleichwertiges Gut umgewandelt werden; in eine mindere Leistung aber von dem, der die Dispensvollmacht nach Maßgabe des can.1196 hat.

Can. 1198 — Die vor einer Ordensprofeß abgelegten Gelübde bleiben so lange in der Schwebe, wie der Gelobende in dem Ordensinstitut bleibt.“

(Der Ortsordinarius ist i. d. R. der Bischof; Can. 1198 meint, dass jemand, der in einen Orden eintritt, durch früher abgelegte Gelübde nicht mehr verpflichtet ist, solange er in dem Orden bleibt.)

Wenn man ein privates Gelübde gemacht hat, das sich als unüberlegt herausstellt, kann man also den Pfarrer (Achtung: nicht jeden Priester, nur einen Pfarrer) bitten, einen zu dispensieren, d. h. davon zu entbinden, oder es einen durch etwas Geringeres ersetzen zu lassen; oder man ersetzt es einfach selbst durch ein gleichwertiges oder besseres Werk; bei öffentlichen, feierlichen Gelübden – wie den Ewigen Gelübden in einem Orden – geht es natürlich nicht so leicht.

Für Dispens von einem Privatgelübde braucht es einen „gerechten Grund“; das ist in der Kirchenrechtssprache eine Stufe unter dem „schwerwiegenden Grund“ und noch eine unter dem „sehr schwerwiegenden Grund“. Ein gerechter Grund ist nicht arg schwer zu finden, aber man darf nicht einfach ohne Grund um Dispens bitten. (Natürlich kann man das Gelübde immer einfach so durch ein besseres ersetzen, wenn man das will, aber keinen Grund für Dispens findet.)

Der hl. Thomas sagt über Dispense, dass solche, die offensichtlich ohne jeden Grund gegeben werden, denjenigen nicht von der moralischen Verpflichtung seines Gelübdes entschuldigen; im Zweifelsfall kann die zuständige Autorität aber dispensieren:

„Also würde in Dingen, die offenbar vorliegen und keinen Zweifel zulassen, die Dispens des Oberen von der Schuld nicht freisprechen; z. B. wenn der Obere dispensieren wollte jemanden vom Gelübde in einen Orden zu treten, während keinerlei Grund für die Dispens vorliegt. Erscheint aber ein Grund, welcher die Sache zum mindesten zweifelhaft macht, so kann der untergebene mit dem Urteile des Oberen sich begnügen, der da dispensiert oder das Gelübde umwandelt. Er darf aber nicht mit seinem eigenen Urteile sich begnügen, denn er vertritt nicht die Macht Gottes; es müßte denn das, was er gelobte, offenbar unerlaubt und ein Befragen des Oberen unmöglich sein.“ (Summa Theologiae II/II,88,12)

Und über Gelübde bzgl. Fasten u. Ä., die sich z. B. als gesundheitsschädlich herausstellen:

„Leidet die Natur offenbar sehr unter solchen Gelübden, so ist der Mensch zu ihrer Beobachtung nicht verpflichtet; auch wenn es ihm nicht freisteht, den Oberen um seinen Rat oder Dispens zu fragen. Die Gelübde, welche auf unnütze Dinge sich beziehen, sind vielmehr zu verlachen wie zu beachten.“ (Summa Theologiae II/II,88,2)

Wenn ein berechtigter Zweifel besteht, ob ein einfaches, privates Gelübde gültig / noch bindend ist, besteht keine Verpflichtung.

 

Dann noch zu weiteren Verwendungen des Gottesnamens:

Das Beschwören, lat. adiuratio, also jemanden mit Anrufung Gottes dazu bewegen wollen, etwas zu tun („ich beschwöre dich bei Gott, hilf mir!“, „ich verlange von dir in Gottes Namen, dass du das lässt!“) ist erlaubt aus einem angemessenen Motiv und wenn es ernsthaft gemeint ist (unernstes oder unbegründetes Beschwören ist aber nur lässliche Sünde), und natürlich wenn die Sache, die man erreichen will, moralisch erlaubt ist; auf diese Weise etwas Falsches erreichen zu wollen, ist zumindest dann, wenn es sich um etwas schwer Sündhaftes handelt, schwere Sünde. (Moralisch zwingen kann man jemanden damit an sich natürlich auch nicht.)

Auch der Exorzismus ist eine Art Beschwören – dem Dämon wird bei Gott befohlen (hier handelt es sich um einen Befehl, nicht eine Bitte wie bei Menschen), die von ihm belästigte Person zu verlassen – ; er ist allerdings nur beauftragten Priestern erlaubt; vgl. dazu diese Vorschrift im CIC:

„Can. 1172 — § 1. Niemand kann rechtmäßig Exorzismen über Besessene aussprechen, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat.

§ 2. Diese Erlaubnis darf der Ortsordinarius nur einem Priester geben, der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet.“

 

Außerdem ist das 2. Gebot gerichtet  falsches Verfluchen („Gott strafe dich dafür, dass du mir bei dem Diebstahl in die Quere gekommen bist!“, „Ich hasse dich, Gott soll dich ewig verdammen!“). Fluchen, maledicere, „Schlechtes sagen, schlechtreden“ meint verdammen, Schlechtes wünschen, um Schlechtes beten. (Es kommt für die moralische Beurteilung nicht auf die Effektivität des Wunsches an (Gott erhört natürlich keine falschen Gebete), sondern auf den Wunsch an sich.)

Das falsche Verfluchen ist je nach der Schwere dessen, was es betrifft, und der Intention (überlegt oder unüberlegt etc.) schwere oder lässliche Sünde. (Ausdrücke wie „Soll dich doch der Teufel holen“ dürften oft nur lässliche Sünden sein, weil nicht ernst gemeint – wobei der Ausdruck an sich schon sehr falsch ist.)

Tatsächlich ist laut dem hl. Thomas aber nicht jedes „Verfluchen“ falsches Verfluchen. Er schreibt:

„Wenn jemand somit dem anderen Übles wünscht oder es befiehlt, insoweit dieses ein Übel, also sein Augenmerk auf das Übel selber als solches gerichtet ist, so ist in beiderlei Weise das Verwünschen oder Verfluchen unerlaubt; — und das nennt man im eigentlichen Sinne: Verfluchen. Wenn aber das Üble gewünscht wird unter dem Gesichtspunkte des Guten, so ist dies erlaubt; denn dann richtet sich die Hauptabsicht auf das Gute.

Nun kann man, wenn man Übles wünscht, sei es in befehlender oder wünschender Weise, dies unter dem Gesichtspunkte eines doppelten Gutes thun: 1. unter dem Gesichtspunkte des Gerechten; — und so verwünscht oder verflucht der Richter jenen, der eine gerechte Strafe tragen soll; oder die Kirche, insofern sie jemanden mit dem Anathem belegt; oder die Propheten, welche nach der Schrift, der Richtschnur des gerechten Willens Gottes gleichförmig, die Sünder verfluchen, obwohl dies auch als Vorhersagung aufgefaßt werden kann; — 2. unter dem Gesichtspunkte des Nützlichen, wie wenn man dem Sünder eine Krankheit oder Ähnliches wünscht, damit er besser werde oder wenigstens anderen zu schaden aufhöre.“ (Summa Theologiae II/II,76,1)

(Auch in einem anderen Abschnitt der Summa, wo er die Vergeltung, also das Zufügen eines Übels zur Strafe, an sich behandelt, erklärt Thomas sie dann – und nur dann – für gerechtfertigt, wenn sie auf etwas Gutes wie die Besserung des Sünders, die Verhinderung weiterer schlechter Taten durch ihn, die Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit oder die Ehre Gottes gerichtet ist.)

Solches laut Thomas gerechtfertigtes Verfluchen kann man vielleicht eher ein „Gebet um Gerechtigkeit“ nennen; tatsächlich enthalten schon die sog. Fluchpsalmen in der Bibel Bitten an Gott, einem gegen ungerechte Bedränger zu Hilfe zu kommen und sie zu bestrafen. Nun ist das eine etwas komplizierte Angelegenheit, diese Psalmen sind im Alten Testament und werden im Neuen Bund gerne auch geistlich ausgelegt (Feinde = Sünde & Teufel statt bestimmte Menschen), und zu ihrer Auslegung gibt es verschiedene Meinungen; was jedenfalls immer falsch ist, ist 1) jemandem die ewige Verdammnis wünschen, 2) jemandem Schaden um des Schadens willen wünschen.

 

Außerdem verbietet das 2. Gebot die Blasphemie (Gotteslästerung) und einen respektlosen Gebrauch des Namens Gottes.

Im Katechismus heißt es:

„2148 Gotteslästerung ist ein direkter Verstoß gegen das zweite Gebot. Sie besteht darin, daß man – innerlich oder äußerlich – gegen Gott Worte des Hasses, des Vorwurfs, der Herausforderung äußert, schlecht über Gott redet, es in Worten an Ehrfurcht vor ihm fehlen läßt und den Namen Gottes mißbraucht. Der hl. Jakobus tadelt jene, ‚die den hohen Namen [Jesu] lästern, der über euch ausgerufen worden ist‘ (Jak 2,7). Das Verbot der Gotteslästerung erstreckt sich auch auf Worte gegen die Kirche Christi, die Heiligen oder heilige Dinge. Gotteslästerlich ist es auch, den Namen Gottes zu mißbrauchen, um verbrecherische Handlungen zu decken, Völker zu versklaven, Menschen zu foltern oder zu töten. Der Mißbrauch des Namens Gottes zum Begehen eines Verbrechens führt zur Verabscheuung der Religion.

Gotteslästerung widerspricht der Ehrfurcht, die man Gott und seinem heiligen Namen schuldet. Sie ist in sich eine schwere Sünde [Vgl. CIC, can. 1369].

2149 Flüche, die den Namen Gottes ohne gotteslästerliche Absicht mißbrauchen, sind ein Mangel an Ehrfurcht vor dem Herrn. Das zweite Gebot untersagt auch den magischen Gebrauch des Namens Gottes.“

Die wirkliche Blasphemie meint, wie in Nr. 2148, deutlich wird, solche Ausdrücke wie „Ich hasse Gott“, „Gott ist ungerecht“, „Gott kann mir gestohlen bleiben“ (oder schlimmeres); auch eine Verächtlichmachung des Heiligen z. B. durch bestimmte Theaterstücke, Kunstwerke, Plakate u. Ä. ist Blasphemie. Ein Scherz mit irgendeinem Bezug auf heilige Dinge, bei dem es nicht darum geht, das Heilige verächtlich zu machen, ist keine Blasphemie („Wieso sind die Israeliten 40 Jahre durch die Wüste gewandert? Weil Männer nicht nach dem Weg fragen“). Bloße Gedanken mit blasphemischem Inhalt, denen man nicht mit dem Willen zustimmt, sondern die einem ungewollt in den Kopf kommen, sind noch keine Sünde. Die Gotteslästerung ist an sich schwere Sünde, aber laut Thomas können unüberlegt z. B. aus Schock geäußerte Blasphemien im Einzelfall nur lässliche Sünde sein (also wenn z. B. jemand bei einem Schicksalschlag im Schmerz ohne nachzudenken sagt „Wie kann Gott nur so ungerecht sein!“).

Der unehrfürchtige Gebrauch des Gottesnamens / heiliger Namen ohne gotteslästerliche Absicht (s. Nr. 2149) aus Überraschung oder gerechtem Zorn („Himmelherrgottnochmal!“)  ist nur lässliche Sünde; ein solcher Gebrauch aus ungerechtem Zorn o. Ä. („Sakrament nochmal, jetzt lass mich doch in Ruhe!“) wäre normalerweise im Einzelfall auch lässliche Sünde, wenn auch eine der schwereren unter den lässlichen. (Noch weniger ist es blasphemisch, den Namen des Teufels im Zorn zu gebrauchen („Teufel nochmal“).) „Jesus, Maria und Josef, was ist da passiert!“ oder „Oh mein Gott!“ dürfte eher eine Art „informelles Gebet“ sein und damit keine Sünde; allerdings gibt es Länder, wo das als unehrfürchtig gilt (z. B. halten viele US-amerkanische Christen „Oh my God!“ oder „Jesus!“ für unehrfürchtig), und dort wäre es wohl besser, diese Ausdrücke zu unterlassen, um nicht falsch verstanden zu werden.

Insgesamt ist die Frage, wann unehrfürchtiger Gebrauch des Gottesnamens lässliche oder schwere Sünde ist, leider ein bisschen umstritten unter den Moraltheologen; manche stellen auch die Frage auf, ob eine unbekämpfte Angewohnheit, solche Ausdrücke zu verwenden, irgendwann schwere Sünde wird. Aber man kann wohl schon sagen: Der einzelne unbedachte Gebrauch heiliger Namen aus Zorn, Überraschung und ähnlichen Motiven, bei dem man nicht gegen Gott wettern will, sie nicht verwendet, speziell weil man etwas Heiliges in den Dreck ziehen will, und mit ihnen keine Blasphemie ausdrückt, ist lässliche Sünde.

In Can. 1369, auf den der Katechismus verweist, heißt es:

„Wer in einer öffentlichen Aufführung oder Versammlung oder durch öffentliche schriftliche Verbreitung oder sonst unter Benutzung von sozialen Kommunikationsmitteln eine Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt, gegen die Religion oder die Kirche Beleidigungen ausspricht oder Haß und Verachtung hervorruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden.“

Den Namen Gottes vorschnell für eigene Ideen in Anspruch zu nehmen („Jesus würde bei der nächsten bayerischen Landtagswahl hundertprozentig nur die Freien Wähler wählen“) kann auch ein unehrfürchtiger Gebrauch des Namens Gottes sein; noch viel mehr gilt das für Dinge, von denen man durch die Offenbarung eindeutig weiß, dass sie Gott missfallen („Die Einführung des Frauenpriestertums wäre der Wille Gottes“); was natürlich nicht heißt, dass man sich nie auf Gott berufen darf. Abusus non tollit usum; der Missbrauch macht den Gebrauch nicht schlecht. „Ich denke, dass es Gott gefallen würde, wenn wir dieses gute Werk tun“ wäre selbstverständlich kein falscher Gebrauch des Gottesnamens.

Das 2. Gebot ist also nicht nur, wie oben erwähnt, gegen falsches Verfluchen, sondern auch gegen falsches Gutheißen im Namen Gottes und falsches Segnen gerichtet. Segnen, lat. benedicere heißt wörtlich „Gutes sagen, gutreden, Gutes wünschen, Gutes herabrufen“; und man darf nicht Gottes Segen auf etwas herabrufen, das Gott nicht gefällt. Ein Beispiel für falsches Segnen wäre, was in einzelnen Fällen in den USA schon vorgekommen ist, dass protestantische Pastoren Abtreibungskliniken segnen.

Ein solcher Gebrauch des Gottesnamens kann je nach Schwere der Angelegenheit schwere oder lässliche Sünde sein (bei dem Beispiel mit den Freien Wählern wohl eher lässliche, bei dem mit der Abtreibungsklinik schwere).

Es gibt in der Kirche öfter die Diskussion, ob man Paare, die in dauernder Sünde leben (z. B. wiederverheiratet-geschiedene oder homosexuelle Paare) segnen könnte, wobei manchmal das Argument „sie als Personen kann man ja segnen, auch ohne die Beziehung zu segnen“ kommt. Hier kommt es darauf an, ob das Argument denn wirklich gilt. Wenn eine wiederverheiratet-geschiedene Person sich bei einem Primizsegen oder Blasiussegen anstellt, bekommt sie  ganz eindeutig einfach den Segen als Person, alles in Ordnung; wenn sie den Pfarrer aber zu ihrem „Hochzeitstag“ einlädt und er dort sie und ihren Partner segnet, ist es wahrscheinlich, dass das von ihr oder anderen als Segen für ihre Beziehung verstanden wird, was nicht in Ordnung wäre. Oder wenn eine Pfarrei eine Messe mit angebotenem Segen speziell für Schwule und Lesben am Vorabend des Christopher-Street-Day veranstalten würde: Das würde von der Öffentlichkeit ziemlich sicher als implizites Gutheißen der Auslebung der homosexuellen Neigung empfunden werden und damit die Botschaft verkünden „Aha, endlich ändert sich die Kirche“ o. Ä. (Das wäre offensichtlich etwas völlig anderes als wenn ein Apostolat für enthaltsam lebende homosexuell empfindende Katholiken wie „Courage“ einen Gottesdienst veranstalten würde.)

 

Über schwierige Heilige: Von Inquisitoren, Kreuzfahrern, Krieger(inne)n

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier; hier ein Teil zu anderen schwierigen Heiligen.)

Zu den problematischeren Heiligen, die man oft erst einmal lieber nicht als Auhängeschilder der Kirche benutzt, gehören auch einige, die manche heute als brutale religiöse Fanatiker sehen würden. Wir haben da etwa Heilige, die das Amt eines Inquisitors oder sogar Großinquisitors bekleideten – Kardinal Robert Bellarmin und Papst Pius V. vor seiner Papstwahl etwa.

Jetzt zucken vielleicht manche zusammen: Heilige Großinquisitoren. Oh.

 

Deswegen ist vielleicht ein genauerer Blick auf das Leben solcher Heiliger angebracht. Erst einmal Pius V. (1504-1572, Papst ab 1566):

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(Pius V., Porträt von El Greco. Gemeinfrei.)

Dieser Heilige, der den Taufnamen Antonio Michele Ghislieri trug und als Bauernsohn in einem kleinen italienischen Dorf geboren wurde, wegen seiner Begabung in den Dominikanerorden eintreten konnte, dann Theologe, Inquisitor, Bischof, Großinquisitor Kardinal und Papst wurde, war gleichzeitig in mancher Hinsicht als sehr gütig, und in anderer als sehr streng bekannt – auf jeden Fall aber als persönlich sehr fromm und demütig; praktisch das exakte Gegenbild zum Klischeebild des opulenten, korrupten und es mit den kirchlichen Regeln nicht so genau nehmenden Renaissancepapstes.

Er verbrachte viel Zeit im Gebet, fastete streng, schaffte immer noch ein großes Arbeitspensum, als er schon schwer krebskrank war, ging als Papst barfuß in den Prozessionen in Rom mit, besuchte Kranke, gab viele Almosen, ließ während einer Hungersnot 1566 große Mengen Lebensmittel importieren und in Rom verteilen, umarmte Leprakranke und wusch Armen die Füße, lebte als Papst ohne Luxus und verkleinerte den römischen Hofstaat deutlich. Ein protestantischer Engländer, der gerade in Rom war, soll sich angeblich bekehrt haben, als er den Papst die Füße eines Bettlers küssen sah. Er verbesserte Wasserversorgung und Abwassersystem in Rom, gründete zwei Krankenhäuser und ein Leihhaus, bei dem Arme günstige Kredite erhalten konnten, und ließ die Wälder um Rom herum abholzen, die bisher Räubern Unterschlupf geboten hatten.

Er setzte die Reformen des kurz vor seiner Amtszeit zu Ende gegangenen Konzils von Trient durch, sorgte dafür, dass die Bischöfe ihre Residenzpflicht in ihren Diözesen einhielten, und verbot den Ablasshandel bei Strafe der Exkommunikation. Er war ein unbestechlicher Feind des kirchlichen Nepotismus; er stellte sich, als noch Pius IV. Papst war, diesem entgegen, als er den erst dreizehnjährigen Ferdinand de Medici zum Kardinal machen wollte, und ließ als Papst einen anderen jungen Kardinal (Innocenzo Ciocchi del Monte), der seinen Kardinalshut angeblich als Geliebter von Papst Julius III. erhalten haben sollte, und sich inzwischen sexueller Übergriffe auf Frauen, Gewalttätigkeiten und sogar Morden schuldig gemacht hatte, gefangensetzen und verbannen. Er reformierte Priesterseminare und Klöster und setzte in den klausurierten Klöstern die Klausur streng durch.

Er ernannte den hl. Thomas von Aquin zum Kirchenlehrer und ließ dessen Werke neu herausgeben. Von ihm stammen der Römische Katechismus, das Brevier und das Missale, die jahrhundertelang in mehr oder weniger gleicher Form in der Kirche im Gebrauch waren. [An dieser Stelle eine kurze Anmerkung zu einer Sedisvakantistentheorie: Es gibt Leute, die meinen, mit der Einführung des Novus Ordo sei quasi eine neue schismatische Kirche gegründet worden, weil Paul VI. hier gegen Quo Primum verstoßen habe, wo Pius V. Änderungen am Ritus für die Zukunft verbietet. Tatsächlich bezieht sich ein solches Verbot (wie sich auch aus Quo Primum selbst ergibt) selbstverständlich nur auf Kleriker unterhalb des Papstes; was in der Kirche nicht prinzipiell unveränderlich ist, und was ein Papst verändert hat, kann der nächste wieder verändern. Und auch zwischen Pius V. und Paul VI. gab es zahlreiche kleine Änderungen am Ritus, die sich nur graduell, nicht prinzipiell von der Liturgiereform Pauls VI. unterscheiden.]

Er erreichte mit viel Mühe und trotz der Nichtbeteiligung des Kaisers und des französischen Königs die Gründung der Heiligen Liga zur Verteidigung Europas gegen das Osmanische Reich, das die christlichen Länder am Mittelmeer immer aggressiver angriff, und rief vor der Seeschlacht von Lepanto die Christenheit zum Rosenkranzgebet auf, und als die Heilige Liga unter Don Juan de Austrias Kommando die Osmanen hier noch einmal zurückschlagen konnte, führte er zum Dank das Fest Unserer Lieben Frau vom Siege (von seinem Nachfolger in Rosenkranzfest umbenannt) ein. (Den Sieg sah er übrigens in einer Vision, noch bevor jemand in Rom davon Bericht erstatten konnte.) Er half der schon lange unter osmanischen Angriffen leidenden Insel Malta beim Aufbau der Hauptstadt Valletta, indem er Geld und einen Architekten zum Aufbau der Verteidigungsanlagen schickte.

Er exkommunizierte die protestantische Königin Elisabeth I. von England, die die Katholiken in England verfolgen ließ, und erklärte sie für abgesetzt und ihre Untertanen von ihren Verpflichtungen ihr gegenüber entbunden (was allerdings eher dafür sorgte, dass die englischen Katholiken es von da an noch schwerer hatten), unterstützte den französischen König in den Bürgerkriegen mit den Hugenotten, und er war auch im Kirchenstaat unduldsam gegen Häretiker. Das Übergreifen des Protestantismus auf Italien zu verhindern war eins seiner wichtigsten Anliegen – und ja, er ließ auch ein paar Häretiker hinrichten.

Die Juden wurden zwar nicht so sehr bekämpft wie die Häretiker, hatten aber trotzdem wieder mit verschärften Repressionen zu leben (z.B. Verbot, Grundbesitz zu haben, Erlaubnis nur einer Synagoge, Vertreibung aus manchen Gebieten des Kirchenstaates). Einige wanderten aus dem Kirchenstaat aus, wohin manche von ihnen übrigens erst unter dem leichtlebigen Renaissancepapst Alexander VI. gekommen waren, der ihnen Zuflucht gewährt hatte, als sie im erzkatholischen Spanien nicht mehr willkommen gewesen waren.

Verbrecher – wozu er z. B. auch Gotteslästerer und Ehebrecher zählte – ließ Pius V. hart bestrafen; für Ehebruch wollte er zuerst sogar die Todesstrafe einführen (wovon man ihn dann doch abbringen konnte). Er ließ Prostituierte in einige abgelegene Gassen verbannen, verbot verheirateten Männern den Wirtshausbesuch (!), verbot Pferderennen auf dem Petersplatz und Stierkämpfe generell (nicht nur im Kirchenstaat, sondern in der Weltkirche). Er sorgte für Ordnung in den Finanzen des Vatikans und schickte den bisherigen Schatzmeister lebenslang auf die Galeere.

Seine Härte war schon damals nicht bei allen beliebt; angeblich soll er nach seiner Papstwahl gesagt haben: „Ich hoffe, so zu regieren, dass die Trauer bei meinem Tode größer sein wird, als die bei meiner Wahl.“ Tatsächlich war sie es am Ende; so unbeliebt einige der Reformen des Papstes gewesen waren, schließlich liebten ihn die Römer trotz allem.

 

Zum zweiten heiligen Chef der Römischen Inquisition: Dem hl. Robert Bellarmin (1542-1621).

(Robert Bellarmin. Gemeinfrei.)

Bellarmin, ein gebildeter adliger italienischer Jesuit, der in den Spanischen Niederlanden studiert hatte, war im Vergleich zu Pius V. weniger radikal, war vorsichtiger und humaner im Urteil, versöhnlich und bescheiden. Er ist nicht nur als großer Heiliger, sondern auch als wichtiger katholischer Theologe der Gegenreformation bekannt. Seine Verteidigungsschriften gegen die Protestanten, mit deren Theologie er sich bestens auskannte, waren in protestantischen Ländern verboten. Witzigerweise gingen seine Ansichten über das Papsttum (konkret: über die indirekte weltliche Macht des Papstes) einem Papst nicht weit genug, weshalb es kurz so aussah, als würde das erste Buch seiner „Kontroversen“ auf den Index kommen (das war vor seiner eigenen Zeit als Inquisitor). Er war auch ein geistlicher Vater für den hl. Aloisius von Gonzaga.

Und er wurde dann eben doch irgendwann mit dem Inquisitorenamt betraut; er war verantwortlich für die Hinrichtung des abgefallen Priesters und wandernden exzentrischen wie egozentrischen Philosophen Giardano Bruno, der schon alle möglichen katholischen und protestantischen Länder hatte verlassen müssen, und der übrigens nicht für wissenschaftliche Theorien, sondern für seine pantheistischen und okkulten Lehren und die Leugnung von katholischen Dogmen wie der Dreifaltigkeit und der Transsubstantiation verurteilt wurde.

Außerdem war Bellarmin verantwortlich für die erste, noch ausgesprochen freundliche Auseinandersetzung mit Galileo Galilei (vor der zweiten starb er), dem er mitteilte, er solle das kopernikanische System nur als Hypothese, nicht als Tatsache vertreten, solange es noch nicht bewiesen sei. Bellarmin war selbst ebenfalls gebildet in der Astronomie; und obwohl er das kopernikanische System nicht direkt ablehnte, wollte er es nicht als bewiesen vertreten sehen, solange es das nicht war, weil es für Unruhe unter den Gläubigen sorgte. (Hauptsächlich aufgrund von zwei Bibelstellen: Jos 10,12f., wo Josua die Sonne still stehen lässt – nicht die Erde – und Ps 19,6f.: „Sie [die Sonne] tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.“ Auch die Reformatoren, wie Luther, Calvin und Melanchthon hatten das kopernikanische System scharf als unbiblisch abgelehnt, und auf katholischer Seite wollte man auch nicht als unbiblischer dastehen als die Protestanten. Bellarmin schrieb über die Auslegung dieser Stellen in einem Brief: „Drittens sage ich, wenn es wirklich einen Beweis dafür [für das kopernikanische System] gäbe, dann müssten wir bei der Auslegung von Stellen der Heiligen Schrift, die das Gegenteil zu lehren scheinen, die größte Umsicht walten lassen und lieber sagen, wir verständen sie nicht, als eine Anschauung für falsch erklären, die als wahr bewiesen wurde. Ich bin indessen der Meinung, es gebe keine solchen Beweise, da mir keiner vorgelegt wurde.“*)

Aber was auch immer sonst über diese Männer zu sagen ist: Es bleibt dabei, sie ließen Häretiker hinrichten (und noch mehr zu Kirchenbußen, kurzen Gefängnisstrafen oder Hausarrest verurteilen); zwar nicht arg viele (die Römische Inquisition, für die beide tätig waren, ließ zwischen 1542 und 1761, also im Lauf von 200 Jahren, genau 97 Häretiker hinrichten); zwar nach fairen Prozessen (die Vorstellung vieler heutiger Menschen beim Begriff „Inquisition“ stammt aus frühneuzeitlicher englischer Propaganda und ist lächerlich falsch); aber sie ließen Häretiker hinrichten.

Und diese beiden waren nicht die einzigen heilig- oder seliggesprochenen Inquisitoren: wir haben z. B. mehrere Inquistoren-Märtyrer: den hl. Petrus von Verona, der von Katharern ermordet wurde, den hl. Petrus von Castelnau, der ebenfalls von Katharern ermordet wurde, was der Auslöser für den Kreuzzug gegen diese Katharer war, oder den sel. Antonio Pavoni und den sel. Pietro Cambiani da Ruffia, die von Waldensern ermordet wurden. Dann wären da noch ein paar weitere Heilige oder Selige, die zeitweilig das Amt eines Inquisitors innehatten und dabei nicht zu Märtyrern wurden – der sel. Folquet de Marselha, der hl. Giacomo della Marca, David von Augsburg (nicht förmlich kanonisiert, aber vom Volk verehrt), der sel. Aimone Taparelli, der sel. Guido Maramaldi, der hl. Toribio Alfonso de Mogrovejo.

Und auch sonst waren Heilige, wenn nicht an der weltlichen Strafverfolgung von Häresie beteiligt, doch zumindest öfter dafür. Der berühmteste Kirchenlehrer, der hl. Thomas von Aquin, argumentiert, wenn man schon Falschmünzer mit dem Tod bestrafe, dann doch erst recht die Verfälscher des christlichen Glaubens. Über die Zweckmäßigkeit der Hinrichtung von Häretikern gibt es unter den Heiligen der Kirche zwar keine völlige Überstimmung; als der römische Staat in der Spätantike die erste Häretikerhinrichtung der Geschichte durchführte, waren Papst und Bischöfe (inklusive des hl. Martin von Tours – ja, der mit dem Mantel) entsetzt; aber auch damals waren schon Verbannungen von Anstiftern der Ketzerei gelegentlich üblich; und so einige Heilige und Kirchenlehrer aus den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte lehnten es ganz und gar nicht ab, wenn christliche Staaten Sektenführer oder -anhänger, die die Kirche als Häretiker beurteilte, auch auf die ein oder andere weltliche Weise bestraften oder zumindest die Ausbreitung der Häresie oder die öffentliche Religionsausübung der Häretiker be- oder verhinderten.

Was sollen wir nun dazu sagen?

Nun, zunächst, dass Irrtümer ganz und gar nicht unschädlich sind, sondern sich (auch, wenn es sich um scheinbar kleine Irrtümer handelt) katastrophal auswirken können (und auch immer neue und oft noch schädlichere Irrtümer generieren, wie man an der nichtkatholischen Welt der letzten 500 Jahre gesehen hat), und dann, dass viele dieser Sektenführer damals nicht nur geistlichen, sondern ganz weltlichen Schaden anrichteten. Pius V. sah, wie der Protestantismus z. B. in den deutschen Gebieten zu Bürgerkriegen führte, und auch das zu verhindern war eins seiner Motive (wenn auch, vermute ich, nicht das wichtigste – das wird wohl eher gewesen sein, dass die Ketzer die Gläubigen irreführten und die Kirche spalteten). Das Ziel von Ketzerverfolgung war nicht die Unterdrückung mutiger freier Menschen, sondern Schutz der leicht beeinflussbaren Gläubigen vor Sekten, die in einer Welt, in der der Grundkonsens der Gesellschaft der katholische Glaube war, die ganze Gesellschaft auseinanderrissen. Häretiker waren für die Menschen damals das, was man heute „Verfassungsfeinde“ oder „Extremisten“ nennen würde. Als im Mittelalter Inquisitionsgerichte gegründet wurden, war übrigens auch ein Ziel, die Verfolgung der Häresie in geregelte Bahnen zu lenken und nicht dem Mob zu überlassen.

Die heutige Welt hat auch ein romantisiertes Bild der Ketzer; wenn sie heute plötzlich auftauchen würden, würden sie vermutlich auch nicht besonders gefallen (auch solche wie Luther, dessen negative Seiten ja zum Glück in den letzten Jahren etwas bekannter geworden sind). Die „Vollkommenen“ der Katharer praktizierten Selbstmord durch Verhungern, die Wiedertäufer waren eine brutale Weltuntergangssekte, von den Puritanern will ich gar nicht anfangen.

Und dann war es auch so, dass überall da, wo die Ketzer an die Macht kamen, bald Katholiken verfolgt wurden und vor allem ihre Klöster aufgelöst und die Ausübung ihres Glaubens behindert wurde – so nach der Reformation in England, wo jeder Priester, den die Behörden zu fassen bekamen, gehängt, ausgeweidet und gevierteilt wurde, oder Schweden, wo 1617 die Todesstrafe für Katholiken generell eingeführt wurde.

Waren die verschiedenen Inquisitionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit brutal? Nun, für ihre Zeit waren sie ziemlich human. Man wollte die Ketzer eher bekehren als bestrafen, Reue hatte Wirkung. Die Gefängnisse waren meist sehr human – besonders bei der Römischen Inquisition -, Haftstrafen relativ kurz. Die Folter verwendeten die verschiedenen Inquisitionen zum Teil gar nicht, zum Teil (ab 1252) sehr spärlich und vorsichtig und unter festgelegten Bedingungen – und wenn, dann wegen der schädlichen mittelalterlichen Rechtsgewohnheit, dass niemand ohne Geständnis nur aufgrund von Indizien verurteilt werden durfte, weshalb man ein Geständnis erzwingen wollte, wenn man relativ sicher war, dass der Angeklagte schuldig war. Hinrichtungen kamen bei „verstockten“, besonders bei rückfälligen, Ketzern natürlich vor, aber nur ein kleiner Bruchteil der Prozesse endete damit (bei der hochmittelalterlichen Inquisition gegen die Katharer in Südfrankreich etwa bei 5% der Prozesse, bei der Spanischen Inquisition der frühen Neuzeit 1,8%); und Verbrennung bedeutete oft (wenn auch nicht immer) Strangulierung und dann Verbrennung der Leiche. (Natürlich ist z. B. das lebendige Verbrennen nicht zu rechtfertigen, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, genausowenig wie die Folter zur Befragung – was übrigens auch das Kirchenrecht vor 1252 so sah.) Hinrichtungen für Häresie waren im Allgemeinen deutlich seltener als Hinrichtungen z. B. für Mord oder Raub. Die Römische Inquisition richtete, wie gesagt, in den Jahrhunderten ihres Bestehens insgesamt 97 Menschen hin, die Spanische nach den höchsten Schätzungen 5000.

(Eine Dokumentation vom BBC für alle Interessierten.)

Mit den unglaublichen Verbrechen, die aufgrund neuzeitlicher Ideologien begangen wurden, die die Kirche als ketzerisch und falsch verurteilte, wofür sie aber niemanden mehr „dem weltlichen Arm übergeben“ konnte – den Verbrechen der Kommunisten und Nationalsozialisten beispielsweise – ist die sporadische mittelalterliche und frühneuzeitliche Strafverfolgung von Häresie jedenfalls gar nicht zu vergleichen. Schon bei einer der ersten von modernen antichristlichen Ideologen errichteten totalitären Diktatur, der „Schreckensherrschaft“ der französischen Revolutionäre 1793/94, wurden in einem Jahr 300 Mal so viele Menschen umgebracht wie die Römische Inquisition in 200 Jahren schaffte (auf ganz Frankreich bezogen, aber die Opfer der furchtbaren Massaker in der Vendée nicht eingerechnet). Aber für Freiheit und Demokratie muss man vermutlich andere Opfer bringen.

Man kann die Strafverfolgung von Häresie ablehnen, wenn man will; aber man sollte wissen, was man ablehnt – und man sollte verstehen, wieso einige unserer Heiligen Häretiker hinrichten ließen. Diese Heiligen sind vielleicht unbequem; man kann auch der Meinung sein, dass sie nicht immer alles richtig gemacht haben; aber sie waren wirkliche Heilige. Aber zum Thema Inquisition vielleicht ein andermal genauer; ein bisschen habe ich über das Thema hier schon geschrieben. Ich hoffe, ich habe hier wenigstens zeigen können, dass diese Heiligen mehr und anderes waren als stereotype Großinquisitoren, wie man sie sich nach gewissen Romanautoren aus dem 19. Jahrhundert vorstellt.

 

Dann haben wir auch heilige Kreuzzugsprediger und Kreuzfahrer – den hl. Bernhard von Clairvaux, der im Auftrag des Papstes zum 2. Kreuzzug aufrief, oder den hl. Ludwig IX. von Frankreich, der selbst auf einen Kreuzzug ging. Auch Urban II., der im Jahr 1095 zum 1. Kreuzzug aufrief, wird immerhin als Seliger verehrt

Auch unbekanntere Heilige und Selige waren an den Kreuzzügen beteiligt – wie der hl. Petrus Thomas und der sel. Jean von Montmirail, oder ein paar nie förmlich kanonisierte, aber lokal vom Volk verehrte Männer wie Arnold von Hiltensweiler, Walter von Bierbeek, Ludwig IV. von Thüringen (der Ehemann der hl. Elisabeth), Gobert von Aspremont, und ein paar Kreuzfahrer, die in muslimischer Gefangenschat zu Märtyrern wurden, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollten, wie Nicasius von Jerusalem, Matthäus von Beauvais und Thiemo von Salzburg.

Wir haben auch Heilige, die an der Reconquista in Spanien beteiligt waren; dazu gehört z. B. der hl. Fernando III. von Kastilien.

(Der hl. Ludwig IX. stirbt auf dem Kreuzzug vor den Mauern von Tunis. Gemeinfrei.)

Die Kreuzzüge im Ganzen waren eine stark von der Kirche unterstützte Bewegung; Päpste riefen zu Kreuzzügen auf, es gab Ablässe für Kreuzfahrer [hier die obligatorische Erinnerung, dass Ablässe keine Vergebung der Sünden bedeuten, sondern erst nach der Vergebung der Sünden durch die Beichte ins Spiel kommen; platt gesagt: sie können nicht aus der endgültigen Hölle retten, sondern nur das zeitlich begrenzte Fegefeuer verkürzen; genauere Erklärungen hier], es wurden Ritterorden gegründet, z. B. der Malteserorden, der Templerorden oder der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Und dementsprechend waren viele sehr fromme Menschen an den Kreuzzügen beteiligt.

(Ein bisschen Kreuzzugsstimung mit Walther von der Vogelweide.)

Wir haben auch ansonsten ein paar Heilige, die in Kriegen kämpften, z. B. Jeanne d’Arc – gegen die komischerweise kaum einer etwas einzuwenden hat, weil sie den Frauenbonus hat. Es gilt eben ganz einfach: Kriegführen ist nichts generell Schlechtes. Es gibt nach der katholischen Theologie gerechte Kriege (Kriege, die einen gerechten Grund haben und mit gerechten Mitteln geführt werden); z. B. zählte zu den Kriegen mit gerechten Grund ganz sicher die Verteidigung Frankreichs gegen die Engländer im Hundertjährigen Krieg, da schließlich Heilige und Engel Jeanne d’Arc zum Kampf in diesem Krieg aufriefen, oder auch die Verteidigung Augsburg gegen die Angriffe der Ungarn durch den hl. Bischof Ulrich von Augsburg. Ein weiteres Beispiel für einen militärisch aktiven Heiligen wäre z. B. auch der hl. José Sanchez del Rio (1913-1928), ein vierzehnjähriger Junge, der beim Cristero-Aufstand gegen die die Kirche verfolgende mexikanische Regierung Bannerträger war. Er wurde zwar nicht wegen seines Einsatzes in diesem Aufstand, sondern wegen seines Martyriums heiliggesprochen: Als Regierungstruppen ihn gefangennahmen, wollten sie ihn dazu bringen, Christus zu verleugnen, und folterten und töteten ihn, weil er sich weigerte. Aber dieser Einsatz war eindeutig kein Hindernis für seine Heiligsprechung. Manche Selige/Heilige hatten auch keine andere Wahl, als Krieg zu führen – z. B. kam der sel. Kaiser Karl I. auf den österreichischen Thron, als der 1. Weltkrieg schon zwei Jahre im Gange war, und versuchte vergeblich, diesen Krieg schnell zu beenden.

Michael_Echter_Ungarnschlacht_Detail Bildergebnis für jeanne d'arc Saint José Luis Sánchez del Río: Hero for Christ the King

(Der hl. Ulrich von Augsburg bei der Lechfeldschlacht neben Otto dem Großen; die hl. Jeanne d’Arc; der hl. José Sanchez del Rio; der sel. Karl I. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu den Kreuzzügen: Man kann sehr gut argumentieren, dass es sich hier um gerechte Kriege handelte, insbesondere z. B. beim 1. Kreuzzug, zu dem der sel. Urban II. aufrief, weil die muslimischen Seldschuken (die Vorfahren der Türken) im Osten das christliche Byzantinische Reich brutal überfielen und schon nahe bei Konstantinopel standen, und Kaiser Alexios Komnenos die Christen im Westen dringend um Hilfe bat. Die Seldschuken überfielen auch Pilger nach Jerusalem; und zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten Muslime schon die Grabeskirche zerstört.

Die Hauptmotivation der meisten Kreuzfahrer war es, das Heilige Land, v. a. Jerusalem, in christliche Hand zu bekommen, die heiligen Stätten, wo Jesus selbst gelebt hatte, gestorben und auferstanden war, zu schützen, Zugang dazu zu haben, sie nicht wieder den Muslimen in die Hände fallen zu lassen, und Pilger und Christen in diesen Ländern überhaupt zu schützen.

Man muss hier sehen, dass zwischen der Christenheit und der muslimischen Umma damals schon jahrhundertelang ein quasi permanenter Kriegszustand herrschte, zwar unterbrochen von Waffenstillständen (und leider auch mal von taktischen Bündnissen eines christlichen Fürsten mit einem muslimischen gegen einen christlichen Rivalen, oder eines muslimischen Fürsten mit einem christlichen gegen einen muslimischen Rivalen), aber im Ganzen war es ein permanenter Kriegszustand – und die Aggression ging von den Muslimen aus, und sie waren auch die, die aufs Ganze gesehen viel für sich gewannen.

Sicher; aus Spanien, Sizilien und großen Teilen Osteuropas, die sie zu verschiedenen Zeiten an sich rissen, konnten die muslimischen Eroberer nach einem jahrhundertelangen Abwehrkampf wieder vertrieben werden; aber ganz Nordafrika, Kleinasien, Syrien, die einmal völlig christlich gewesen waren, gingen verloren. Die Seldschuken, später Osmanen und Türken genannt, drangen immer weiter vor, versuchten immer wieder, an Konstantinopel heranzukommen (das vor ihnen erstmals die Araber schon in den Jahren 674-678 belagert hatten), bis es ihnen 1453 gelang, standen später – 1529 und 1683 – zweimal vor Wien. Vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert überfielen muslimische Piraten Europas Küsten und verschleppten insgesamt eine Million Menschen als Sklaven; einer der Ritterorden, die in der Kreuzzugszeit gegründet wurden, war der Mercedarierorden, der es sich zur Aufgabe machte, solche christlichen Sklaven aus muslimischer Gefangenschaft freizukaufen. Natürlich gab es keinen permanenten Frieden. Mohammeds Religion war eine Religion, in der es permanenten Frieden mit Ungläubigen einfach nicht geben durfte und die Ausbreitung des muslimischen Herrschaftsgebietes als religiöse Pflicht galt. Auch auf muslimischer Seite wurden die Kreuzzüge damals auch nur als ein weiteres Glied in der ständigen Kette von Kriegen mit Christen gesehen.

Es gibt ja die Ansicht, die Kreuzzüge seien einfach Eroberungskriege, unnötige Angriffe auf schon lange muslimisches Gebiet gewesen. Zur Zeit der Kreuzzüge war der muslimisch beherrschte Nahe Osten allerdings noch zu einem großen Teil christlich; sogar heute sind ja in einem Land dort, dem Libanon, noch knapp 40% der Bevölkerung Christen. In der Türkei waren noch 1914 ganze 20% der Bevölkerung Christen; heute sind es weit unter 1%, Genozid sei dank. Durch ständige Drangsalierungen, abgenötigte Bekehrungen, die Flucht von Christen, Pogrome, Völkermorde, die osmanische „Knabenlese“ (das offizielle Stehlen christlicher Kinder, aus denen Sklavensoldaten des Sultans wurden), usw. schrumpfte die Zahl der unterdrückten Christen in diesen Ländern immer weiter zusammen, aber damals waren sie noch zahlreich und die muslimische Herrscherschicht im Vergleich zu heute klein.

Die Kreuzfahrerstaaten bildeten auch eine Art Puffer; sie hielten die Muslime im Osten beschäftigt und hinderten sie, weiter nach Europa vorzudringen. Man stelle sich vor, was passiert wäre, wenn der sel. Urban II. auf Kaiser Alexios‘ Bitte nicht reagiert hätte und die Seldschuken schon um 1100 Konstantinopel erobert hätten.

(In dem Zusammenhang sollte man allerdings vielleicht erwähnen, dass es auch im Mittelalter von manchen Kirchenrechtlern/Theologen Kritik an einzelnen Aspekten der Kreuzzüge oder in Einzelfällen auch grundsätzliche Kreuzzugskritik gab; ein Beispiel für einen Kreuzzugskritiker wäre Radulfus Niger. Das kirchenrechtliche Prinzip war in dieser ganzen Zeit jedenfalls: Wenn Ungläubige Christen angreifen oder verfolgen, kann man Krieg führen, wenn sie Frieden halten, soll man mit ihnen in Frieden leben. Bei vielen theologisch ungebildeten Laien, die auf einen Kreuzzug gingen, spielte wohl der Gedanke an die heiligen Stätten eine größere Rolle als der der Verteidigung der Christenheit – daher interessierten sich wohl auch mehr Männer für die Kreuzzüge im Heiligen Land als z. B. für die Reconquista in Spanien.)

Die Kreuzzüge waren jedenfalls wohl kaum schwerer zu rechtfertigen als z. B. der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Erst recht lässt sich natürlich die Abwehr der Muslime in Spanien und die Rückeroberung der muslimisch beherrschten spanischen Gebiete, die Reconquista, rechtfertigen.

Manche wollen den hl. Franziskus, der 1219 auf den Kreuzzug von Damiette mitkam und ins Lager des Sultans al-Malik al-Kamil ging, um diesen zum Christentum zu bekehren und so Frieden zu schaffen, als Gegenbild zu diesen Kriegern aufbauen. Aber Franziskus‘ friedliche Lösung war erstens nicht ergebnisloser „interreligiöser Dialog“, sondern Bekehrung; er soll dem Sultan sogar eine Feuerprobe angeboten haben, um zu erweisen, welcher Glaube der wahre war: „Solltest du aber Bedenken tragen, für den Glauben an Christus das Gesetz des Mohammed zu verlassen, dann laß ein großes Feuer anzünden; dann werde ich mit deinen Priestern ins Feuer hineingehen“, sagte er laut einem Bericht über diese Begegnung. Und zweitens funktionierte seine Lösung damals leider nicht.

(Giotto di Bondones Darstellung von Franziskus vor dem Sultan.)

Die Kreuzzüge waren übrigens keine Methode, schnelle Beute zu machen oder jüngere Söhne bequem zu versorgen. Es kostete im Gegenteil einiges an Geld und an Mühe, in ein so weit entferntes Land auf einen Kreuzzug zu gehen, sehr viele Kreuzfahrer kamen dabei um, und viele Anführer von Kreuzzügen waren reiche Herrscher über große Gebiete, die aus religiösem Idealismus (oder Fanatismus, wenn man es denn so sehen will) Kreuzzugsgelübde leisteten, um mit dem Kriegsdienst Buße für ihre Sünden zu tun. Am Ende ging das Heilige Land – das die Kreuzfahrer doch über längere Zeit gehalten hatten – deswegen verloren, weil Europa kriegsmüde war und keine Männer und kein Geld mehr dorthin schicken wollte.

Sie bedeuteten übrigens auch keine religiöse Verfolgung der Muslime. In den Kreuzfahrerstaaten lebten Muslime unbehelligt. (Nicht einmal die friedliche Bekehrung der Muslime stand besonders im Vordergrund, auch wenn es hier ein paar wenige größtenteils gescheiterte Versuche gab.)

Sicher gab es einiges an Gewalt und auch einiges an unnötiger Gewalt; es waren eben Kriege. Aber das heißt nicht, dass kein guter Christ irgendetwas mit diesen Kriegen zu tun gehabt haben dürfte.

Eine andere Sache ist noch wichtig: Die Judenpogrome, zu denen es, als zu Kreuzzügen aufgerufen wurde, in manchen europäischen Städten durch fanatisierte Bürger kam, wurden von den oben genannten Heiligen und Seligen verurteilt. Der begeisterte Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux trat auch gegen die antijüdische Hetze eines Mönchs namens Radulf auf, und auch Päpste und Bischöfe schützten die Juden in dieser Zeit übrigens vor willkürlicher Gewalt.

(Hl. Bernhard von Clairvaux.)

 

Inquisitoren, Kreuzfahrer – haben wir dann vielleicht auch noch heilige Hexenverfolger? Nicht dass ich wüsste. Der Hexenwahn war sowieso eine Sache, die nicht von der Kirche ausging, und hauptsächlich eine Angelegenheit des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation im 16. und 17. Jahrhundert, von dem andere Zeiten und Gebiete eher verschont blieben.

Beim nächsten Beitrag dann zu noch jemanden, den Säkularisten einen religiösen Fanatiker nennen könnten; dem sel. Pius IX.

 

** Zitiert in: Hans Conrad Zander, Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition, S. 133f., München 2007.

Über schwierige Heilige: Die „Märtyrerinnen der Reinheit“

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier.)

Zu denjenigen „problematischen“ Seligen/Heiligen, bei denen sich Leute weniger an ihnen selbst als vielmehr an ihrer Verehrung stören, zählen die sog. Märtyrerinnen der Reinheit: Nicht nur Maria Goretti (1890-1902), die noch von Pius XII. 1947 selig- und 1950 heiliggesprochen wurde, sondern auch Antonia Mesina (1919-1935), Pierina Morosini (1931-1957) und Karolina Kózka (1898-1914), die alle drei 1987 seliggesprochen wurden, Teresa Bracco (1924-1944), die 1998 seliggesprochen wurde, Albertina Berkenbrock (1919-1931) und Lindalva Justo de Oliveira (1953-1993), die 2007 seliggesprochen wurden, und Anna Kolesarova (1928-1944), die erst 2018 seliggesprochen wurde.

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(Von links nach rechts und oben nach unten: Die hl. Maria Goretti, die sel. Antonia Mesina, die sel. Pierina Morosini, die sel. Karolina Kózka, die sel. Teresa Bracco, die sel. Albertina Berkenbrock, die sel. Lindalva Justo de Oliveira, die sel. Anna Kolesarova.)

Hier handelt es sich um fromme katholische Mädchen und Frauen, die von einem Mann ermordet wurden, nachdem sie sich geweigert hatten, mit ihm zu schlafen, beziehungsweise dabei ermordet wurden, wie sie sich wehrten, als er sie zu vergewaltigen versuchte; mit dem kirchlichen Fachbegriff: gestorben „in defensum castitatis“ („bei der Verteidigung der Keuschheit“).

Maria Goretti z. B. wurde von einem älteren Jungen namens Alessandro Serenelli, dessen Familie im selben Haus wohnte wie ihre Familie und der ihr schon länger nachgestellt hatte, ermordet, weil sie ihm nicht nachgeben wollte; als er sie attackierte, rief sie: „Das ist Sünde, Alessandro, du kommst in die Hölle!“ Sie, die bekannteste dieser Märtyrerinnen, ist auch dafür bekannt, dass sie ihrem Mörder vergab, bevor sie im Krankenhaus an den Stichwunden starb, die er ihr zugefügt hatte. Er zeigte sich bei dem Prozess gegen ihn völlig uneinsichtig und wurde zu dreißig Jahren Zuchthaus verurteilt; nach sechs Jahren erschien ihm Maria im Traum und er bekehrte sich und wurde nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Laienbruder in einem Kapuzinerkloster, bat Marias Mutter um Vergebung, und legte Zeugnis in Marias Seligsprechungsprozess ab. Zu ihrer Heiligsprechung im Jahr 1950 kam eine halbe Million Menschen. Anna Kolesarova war ein slowakisches Mädchen, dessen Dorf gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee besetzt wurde; sie versteckte sich mit ihrer Familie im Keller ihres Hauses, wo sie aber von einem sowjetischen Soldaten gefunden wurden, der von Anna verlangte, mit ihm zu schlafen, und sie bedrohte, und sie, als sie sich weigerte, erschoss. Teresa Bracco hatte ein ähnliches Schicksal; ihr Mörder war ein deutscher Soldat.

Obwohl sich diese Märtyrerinnen im 20. Jahrhundert häufen, haben wir übrigens auch schon ältere ähnliche Fälle. Da wäre die hl. Solange von Bourges aus dem 9. Jahrhundert, deren Geschichte ganz ähnlich ist wie die der modernen Märtyrerinnen der Reinheit, nur mit ein paar mehr wundersamen Extras. Außerdem haben wir in der Antike diverse geweihte Jungfrauen, die sich weigerten, zu heiraten, als ihre heidnischen Eltern es von ihnen verlangten, und deshalb als Christinnen von ihren Eltern oder den Männern, die sie heiraten wollten, vor Gericht gebracht und hingerichtet wurden; z. B. die hl. Agnes oder die hl. Lucia. Bei manchen haben wir auch Berichte von Männern, die diesen Jungfrauen geholfen haben – z. B. hat der hl. Didymus der hl. Theodora geholfen, zu fliehen, als sie als Christin dazu verurteilt werden sollte, ein Leben als Prostituierte zu führen (so etwas kam in der Antike als Strafe durchaus vor, wie nicht nur Heiligengeschichten, sondern z. B. auch Tertullian und Laktanz belegen), indem er mit ihr die Kleider tauschte, und wurde dafür selbst getötet, als es entdeckt wurde (auch Theodora wurde dann später noch getötet). Dann wäre da die hl. Dymphna aus dem 7. Jahrhundert, die zusammen mit einem Priester vor ihrem heidnischen Vater floh, der sie nach dem Tod ihrer Mutter heiraten wollte (!), und dann doch von ihm entdeckt und getötet wurde. Sie ist übrigens auch Patronin der Geisteskranken.

Von feministischer Seite (auch manchmal von rechtgläubigen katholischen Feministinnen) kommt hier die Kritik, die Selig- und Heiligsprechungen der „Märtyrerinnen der Reinheit“ wären frauenfeindlich und würden Mädchen und Frauen vermitteln, dass es besser sei, tot als vergewaltigt zu sein; dass vergewaltigte Frauen nichts mehr wert wären; deshalb sollte man ihre Verehrung nicht fördern.

Daher erst einmal zum Thema „frauenfeindlich“: Wir haben auch männliche Heilige, die man als Märtyrer der Reinheit bezeichnen könnte, z. B. Pelagius von Cordoba (911/12-925/26) – ein Junge, den der Emir von Cordoba in Stücke hacken ließ, weil er weder auf dessen sexuelle Avancen eingehen noch zum Islam konvertieren wollte. Gut, für seine Verehrung würden manche uns statt der Frauenfeindlichkeit vermutlich Homophobie und Islamophobie vorwerfen (auch wenn es ja nicht unsere Schuld ist, dass der Emir von Cordoba ein Mörder und Päderast war). Aber den Patriarchen Joseph aus dem Alten Testament könnte man immerhin einen Bekenner der Reinheit nennen (er wurde nur ins Gefängnis geworfen, nicht getötet, weil er sich geweigert hatte, mit der Frau seines ägyptischen Herrn zu schlafen, und sie ihn dafür fälschlich der versuchten Vergewaltigung bezichtigt hatte; daher nur Bekenner, nicht Märtyrer; vgl. Gen 39,7-20).

Simone Cantarini - Joseph and Potiphar's Wife.jpg

(Simone Cantarini, Joseph und Potiphars Frau. Gemeinfrei.)

Auch die Märtyrer von Uganda (der hl. Karl Lwanga & Gefährten) zogen den Zorn von König Mwanga II. von Bugunda zumindest unter anderem deshalb auf sich, weil sie, die als Pagen an seinem Hof dienten, ihm nicht sexuell zu Willen sein wollten, da sie Christen geworden waren.

Jedenfalls: Wir haben auch heilige Männer und Jungen, die für die Weigerung, etwas Unkeusches zu tun oder zuzulassen, einiges auf sich nahmen (und überhaupt haben wir ja auch sonst viele männliche Heilige, die für ihre Keuschheit verehrt werden, z. B. den hl. Aloisius Gonzaga oder den hl. Joseph, den Bräutigam Mariens). Dass wir in dieser Kategorie mehr Frauen haben, liegt, nun ja, offensichtlich einfach daran, dass es leichter für Männer ist, Frauen zu Märtyrerinnen der Reinheit zu machen als umgekehrt, und Homosexualität statistisch seltener ist, nicht daran, dass die Kirche hier einen Unterschied zwischen Frauen und Männern machen würde.

Dann zum Thema „nach einer Vergewaltigung nichts mehr wert“: Wir haben auch Märtyrerinnen, die tatsächlich vergewaltigt worden sind, z. B. die drei Rot-Kreuz-Krankenschwestern Pilar Gullón Yturriaga, Octavia Iglesias Blanco und Olga Pérez-Monteserín Núñez, die von den Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg vergewaltigt und erschossen wurden, als sie sich weigerten, den Glauben zu verleugnen (ihr Seligsprechungsprozess läuft zurzeit, ihr Martyrium wurde bereits anerkannt, sie tragen daher im Moment den Titel „ehrwürdige Dienerin Gottes“).

Und auch bei den „Märtyrerinnen der Reinheit“ gilt ja: Wenn ihre Weigerung am Ende nichts genützt hätte und sie vergewaltigt worden wären, hätte das ihrer Heiligkeit nicht den geringsten Abbruch getan. Schon der hl. Augustinus musste gegen die heidnische römische Ansicht kämpfen, dass Vergewaltigungsopfer irgendwie unrein geworden wären und sich eigentlich gleich umbringen sollten. (Vgl. Kapitel 16-28 im 1. Buch von De civitate Dei, wo Augustinus den Frauen, die bei der Eroberung Roms im Jahr 410 vergewaltigt worden waren, aufs deutlichste zusichert, dass nur ihre Vergewaltiger ein Verbrechen begangen haben: „Denn nicht dadurch ist der Leib heilig, daß seine Glieder unversehrt sind, noch auch dadurch, daß sie keiner Berührung ausgesetzt werden; können sie ja doch auch durch allerlei Zufälle verwundet werden und Gewalt leiden…“) Nie hat die Kirche Vergewaltigungsopfer für unrein gehalten.

Es gibt vom Prinzip her keinen Grund, wieso die Ehrung der hl. Maria Goretti et. al. Frauen und Mädchen, denen es nicht gelungen ist, sich gegen einen Vergewaltiger zu wehren, ein schlechtes Gefühl vermitteln muss. Die Kirche zeigt sich hier ja gerade auf der Seite der Opfer, die sie ehrt, und verurteilt die Täter, die versucht haben, sie zu vergewaltigen. (Die hl. Maria Goretti ist übrigens auch die Patronin der Vergewaltigungsopfer.)

Trotzdem verstehe ich es, wenn manche befürchten, dass ihre Verehrung manchmal eine gewisse Art von „victim blaming“ vermitteln könnte – gerade Vergewaltigungsopfern, die z. B. in Schockstarre waren oder sich nicht getraut haben, sich körperlich zu wehren oder zu schreien, weil sie z. B. wie Maria mit einem Messer bedroht wurden. „Ich habe mich nicht so sehr gewehrt, wie ich es hätte können – ich war nicht wie Maria Goretti.“ Deswegen ist es wirklich nötig, aufzupassen, wie genau man über diese Märtyrerinnen redet.

Und es ist eben wieder mal nötig, daran zu erinnern, dass nicht jeder Heroismus moralisch verpflichtend ist. Auch sonst sagt man ja nicht, dass man hilflosere Opfer verurteilt, wenn man von jemandem erzählt, der sich auf eine besonders mutige oder kluge Weise gegen irgendein Verbrechen wehren konnte. Manche Heilige waren besonders mutig – was nicht heißt, dass jedes andere Verhalten eine Sünde gewesen wäre. (Es sagen übrigens auch ältere Moraltheologielehrbücher – aus genau der Zeit, in der Maria Goretti selig- und heiliggesprochen und sehr viel stärker verehrt wurde, als das heute der Fall ist -, dass es keine Sünde sei, wenn eine Frau, die z. B. mit dem Tod bedroht werde, eine Vergewaltigung passiv über sich ergehen lasse, um nicht getötet zu werden; falls das für manche im Zweifel gewesen sein sollte.)

Ein Vergleich: Wenn ein Land einem Soldaten einen Orden für außergewöhnliche Tapferkeit verleiht, ist das keine Verurteilung und kein victim-blaming eines Soldaten, der es nur geschafft hat, sich von den Feinden gefangennehmen zu lassen, ohne einen einzigen gegnerischen Soldaten zu verwunden.

Und man sollte eben wirklich nicht in den umgekehrten Fehler verfallen: Quasi diesen Heiligen und Seligen einen Vorwurf aus ihrem Verhalten machen. „Sie hätten gefälligst vernünftig sein und sich nicht umbringen lassen sollen.“ Es kommt mir so vor, als  würden manche Katholiken, von denen Anti-Maria-Goretti-Äußerungen kommen, so oder so ähnlich denken.

Und aktiv irgendetwas Unkeusches zu tun ist eben wirklich immer falsch, auch auf Drohungen hin. Nicht, dass nicht die Schuldfähigkeit sehr stark vermindert oder aufgehoben sein kann, wenn jemand etwas unter Drohungen tut (das ist gerade das Paradebeispiel aus dem Katechismus für verminderte/aufgehobene Schuldfähigkeit), und nicht, dass das dann nicht mehr trotzdem ein entsetzliches Verbrechen an diesem Menschen wäre; das wäre es auch gewesen, wenn z. B. der hl. Pelagius von Cordoba bei dem mitgemacht hätte, was der Emir von Cordoba von ihm wollte.  Nochmal: Auch so etwas beurteilte die Moraltheologie immer als Vergewaltigung, ein sehr schweres Verbrechen, auch dann, wenn noch keine so schweren Drohungen eingesetzt werden oder so schwere Furcht eingeflößt wird wie in diesen Fällen. Aber in diesen Fällen ist es trotzdem das Richtige, sich zu weigern.

Ein Vergleich: Die Christen, die das islamische Glaubensbekenntnis gesprochen haben, als der IS sie mit dem Tod bedroht hat, können einem sehr leid tun; aber das Richtige haben die getan, die es nicht gesprochen haben und umgebracht oder versklavt wurden. Eine Christin wie Leah Sharibu, die mit ihren Mitschülerinnen in Nigeria von Boko Haram entführt wurde, und sich weigerte, zum Islam zu konvertieren, und deshalb anders als ihre muslimischen Mitschülerinnen nicht freigelassen wurde, hat das Richtige getan.

Vielleicht könnte man auch einen entfernten Vergleich ziehen mit den Männern und Jungen, die im 2. Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen wurden und von denen viele im Krieg fielen, verwundet wurden oder in sibirischen Kriegsgefangenenlagern litten; auch sie hatten es nicht leicht, und viele meinten, keine andere Wahl zu haben, als ihrer Einberufung zu folgen, oder versuchten allerhöchstens, sie irgendwie auf legale Weise zu umgehen und kämpften doch, wenn das nicht klappte; trotzdem verehren wir nicht sie, sondern z. B. den sel. Franz Jägerstätter (1907-1943), der sich lieber hinrichten ließ als für Hitler zu kämpfen.

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(Sel. Franz Jägerstätter, Plakat zur Seligsprechung. Gemeinfrei.)

Der hl. Papst Johannes Paul II. sagte im Jahr 2002 über Maria Goretti: „Die Haltung dieser jungen Heiligen zeigt ein tiefes und edles Wissen um die eigene Würde wie auch die der anderen, was sich in den Entscheidungen des täglichen Lebens widerspiegelte und ihnen volle menschliche Sinnhaftigkeit verlieh.“ Dass die Kirche die Märtyrerinnen der Reinheit als verehrungswürdige Vorbilder herausstellt, zeigt eben auch, dass die Keuschheit etwas Wertvolles ist, und diese Vorbilder sollen ermutigen, sich nicht von anderen Menschen in sexueller (oder anderer) Hinsicht erpressen zu lassen. Der Leib ist ein Tempel Gottes und damit heilig, und darf nicht ungestraft missbraucht werden. (Johannes Paul II. führt dieses Thema übrigens hier noch weiter aus.) Ihre Fürsprache kann einem auch dabei helfen, sich klar zu weigern, bei irgendetwas Unkeuschem mitzumachen, zu dem jemand einen überreden will – auch wenn man nichts Schlimmeres als eine langwierige Diskussion und eine(n) genervte(n) Freund(in) zu befürchten hat, dem/der man erklären muss, dass es mehr als Küsse vor der Ehe nicht geben wird. Für ein Martyrium der Reinheit light gibt es manchmal genug Gelegenheiten.

Im übrigen ist es wichtig, daran zu erinnern, dass diese Märtyrerinnen nicht nur wegen der Umstände ihres Todes selig- oder heiliggesprochen wurden. Ihr ganzes Leben wurde beim Prozess betrachtet und ist verehrungswürdig; und z. B. bei Maria Goretti ist besonders ihre Vergebung für ihren Mörder bewundernswert.

(Statue der hl. Maria Goretti in St. Martin in Visé (Belgien). Quelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Norbert Schnitzler.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4d: Das 1. Gebot – was die Gottesverehrung praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen. Auf Glaube, Hoffnung und Gottesliebe bin ich in den letzten drei Teilen noch näher eingegangen; jetzt also zur rechten Gottesverehrung und dazu, was dagegen verstößt.

 

Es geht bei der Gottesverehrung nicht darum, dass Gott menschliche Verehrung nötig hätte, sondern einfach darum, dass sie angemessen ist, dass sie Ihm zusteht – wie es angemessen ist, das Grab eines Familienmitglieds zu pflegen, auch wenn das dem Toten nichts „bringt“. Der hl. Thomas von Aquin sieht die Gottesverehrung als eine Untertugend der Gerechtigkeit. Außerdem nützt die Gottesverehrung dem Menschen selbst, indem sie ihn auf Gott, sein höchstes Gut, in dem er sein Glück findet, ausrichtet; Hauptziel der Gottesverehrung ist aber die Verherrlichung Gottes, nicht der Nutzen des Meschen.

Sie ist keine rein geistige Sache, sondern muss sich auch in körperlichen Handlungen ausdrücken, weil der Mensch ein Wesen aus Körper und Seele ist. Thomas schreibt wiederum:

„Ich antworte, Gott erweisen wir Ehre; — nicht zwar um Seinetwillen, denn Er ist voll von Herrlichkeit; sondern unsertwegen, damit wir, indem wir Gott ehren, unseren Geist Ihm unterwerfen. Denn darin besteht die Vollendung unseres Geistes; wie ja jede Kreatur dadurch vollendet wird, daß sie dem Höheren unterthan ist. So wird der Körper vollendet dadurch, daß er von der Seele belebt wird; die Luft dadurch, daß die Sonne sie durchleuchtet. Der menschliche Geist aber bedarf, um mit Gott verbunden zu werden, der Anleitung durch das Sinnliche, da ‚das Unsichtbare Gottes erkannt wird vermittelst des Sichtbaren.‘ (Röm. 1.) Deshalb muß man körperliche Thätigkeiten in die Gottesverehrung aufnehmen, damit dadurch wie durch Zeichen der Menschengeist aufgeweckt werde, um mit Gott sich zu verbinden. Die inneren Akte also in der Gottesverehrung sind die maßgebenden; die äußeren notwendig, aber an zweiter Stelle.“ (Summa Theologiae II/II,81,7)

Daher ist z. B. das Knien vor Gott gut, aber wenn jemand nicht mehr knien kann, macht das nichts, weil die innerliche Hingabe das Eigentliche ist.

Gott allein gebührt die Anbetung, was bedeutet, Seine absolute Erhabenheit und unsere absolute Abhängigkeit von ihm anzuerkennen. Der Katechismus sagt dazu:

„Gott anbeten heißt, in Ehrfurcht und absoluter Unterwerfung die ‚Nichtigkeit des Geschöpfs‘ anzuerkennen, welches einzig Gott sein Dasein verdankt. Gott anbeten heißt, wie Maria im Magnificat ihn zu loben, ihn zu preisen und sich selbst zu demütigen, indem man dankbar anerkennt, daß er Großes getan hat und daß sein Name heilig ist [Vgl. Lk 1,46-49].

Die Anbetung des einzigen Gottes befreit den Menschen von der Selbstbezogenheit, von der Sklaverei der Sünde und der Vergötzung der Welt.“

Diese Anbetung ist der ganzen Person Jesus (nicht nur Seiner Gottheit, weil Seine Menschheit und Seine Gottheit in der hypostatischen Union untrennbar verbunden sind) und dementsprechend auch dem Allerheiligsten Sakrament – dem gewandelten Brot und Wein – geschuldet, weil es sich hier wirklich um Jesus handelt. Auf eine indirekte Weise betet man Gott an, indem man Dinge mit engem Bezug zu ihm, also z. B. bildliche Darstellungen Jesu, Kreuzesreliquien, die Orte des Lebens und Leidens Jesu usw., ehrt (nur ehrt, nicht selbst anbetet); eine vergleichbare Verehrung ist auch den Gott besonders nahen Personen, die seine Herrlichkeit spiegeln, also den Engeln und den Heiligen im Himmel, insbesondere der von Ihm über alle anderen Geschöpfe erhobenen Muttergottes geschuldet; und auch bei ihnen ehrt man mit ihnen zusammenhängende Gegenstände und ihre Leichname.

Bei der Anbetung Gottes spricht man von latria, bei der Heiligenverehrung von dulia, bei der besonderen Verehrung der Gottesmutter von hyperdulia.

Öffentliche Verehrung in der gesamten Weltkirche ist für die Heiligen erlaubt; öffentliche lokale Verehrung in ihrer Diözese für die Seligen; private Verehrung für alle Toten, von denen jemand meint, dass sie verehrungswürdig und im Himmel sind.

Gott kommt auch das Opfer zu, worüber der hl. Thomas sagt: „Das äußerliche Opfer nun ist ein Zeichen des innerlichen, kraft dessen die Seele sich selbst Gott aufopfert“ (Summa Theologiae II/II,85,2); und: „Das Gute in der Seele wird im inneren Opfer durch die Andacht, durch das Gebet und dergleichen innere Akte Gott dargebracht; und das ist das hauptsächlichste Opfer. Das Gute des Körpers wird dargebracht im Martyrium und im Fasten; die äußeren Güter direkt im Opfer [gemeint sind z. B. die Spenden an die Kirche bei der Gabenbereitung], mittelbar in Almosen, die wir um Gottes willen geben.“ (Summa Theologiae II/II 85,3) Und:

„Ich antworte, zum innerlichen Opfer seien alle verpflichtet; denn alle sollen einen andachtsvollen Geist Gott darbringen. Mit Rücksicht auf das äußerliche Opfer aber muß unterschieden werden. […] Dann aber 2. können die anderen Tugendwerke, die schon an sich etwas Gutes sind und Wert haben, zur Bezeigung der Ehrfurcht vor Gott benützt werden; und von solchen Tugendwerken sind manche geboten und manche nicht. […]

Die Priester opfern jene Opfer, die zum Kulte Gottes eigens und von vornherein bestimmt sind, für sich und für andere. Außerdem giebt es Opfer, die jeder für sich darzubringen hat.“ (Summa Theologia II/II,85,4)

Natürlich kann man in einem anderen Sinn auch sagen, dass man sich für andere Menschen „aufopfert“; aber hauptsächlich und zuallererst opfert man eben Gott durch Gebet, die Einhaltung der Fastenregeln usw., Priester durch die Darbringung des Messopfers, an dem die Laien auch teilnehmen, usw. Jedenfalls ist es angemessen, Gott, von dem man alles hat, quasi etwas „zurückzugeben“, auch wenn Gott einen bekanntlich nicht braucht, und das, was man Ihm zurückgibt, ob Zeit, Aufmerksamkeit, Bequemlichkeit, bestimmte Dinge etc., auch von Ihm ist, oder sogar Er selber ist (im Messopfer). Der Katechismus sagt:

„Das einzige vollkommene Opfer ist jenes, das Christus am Kreuz in völliger Hingabe an die Liebe des Vaters und zu unserem Heil dargebracht hat [Vgl. Hebr 9,13-14. ]

Indem wir uns mit seinem Opfer vereinen, können wir unser Leben zu einer Opfergabe an Gott machen.“

Das Gebet (also die Erhebung des Herzens zu Gott, die Anrufung Gottes, die Bitte an Gott um das, was man braucht) ist eine Pflicht der Gottesverehrung. Ab wann die Vernachlässigung des Gebets zur Sünde wird, ist unter den klassischen Moraltheologen umstritten; auch bei der Messe betet man schon, wenn man dabei teilnimmt; und ansonsten üblich sind meistens das Morgen-, das Abend- und das Tischgebet; aber wenn man dafür keine Zeit oder Gelegenheit hat, kann man sie auch durch Gebete zu anderen Zeiten ersetzen. Wenn man nicht zumindest täglich irgendwann mal ein wenig betet, dürfte das meistens eine lässliche Sünde sein; gar nicht zu beten an sich eine schwere. Der hl. Alfons rechnet es als sicher schwere Sünde, wenn man einen Monat lang nicht gebetet hat. Auch mit dem Gebet ehrt man Gott als den, auf den man angewiesen ist und von dem man Hilfe erwarten kann; und Jesus hat das Gebet klar befohlen; es ist auch deshalb befohlen, weil es nötig ist als Hilfe gegen Versuchungen. Auch und gerade dann, wenn das Gebet einem schwerfällt und man sich dazu durchringen muss, hat es großen Wert vor Gott. Ablenkung im Gebet ist eine lässliche Sünde.

Für Kleriker und einige Ordensleute, zu deren Ordensleben das Chorgebet gehört, ist das Brevier (Stundengebet) verpflichtend (außer natürlich bei Dispens, Krankheit, anderweitiger Verhinderung); s. dazu Can. 276 § 2 Nr. 3  und Can. 1173-1175.

Heilige, Engel und andere Menschen auf der Erde kann man um ihre Fürbitte bitten; das Gebet im engen Sinn richtet sich an Gott.

Wenn jemand Anbetung, Opfer, Gebet völlig unterlässt und sich nicht um Gott kümmert, wäre das demnach prinzipiell schwere Sünde. Das kann man als praktischen Atheismus bezeichnen. Theoretischer Atheismus, der die Existenz Gottes leugnet (in seinen verschiedenen Formen: atheistischer Humanismus, der meint, dass der Mensch sich selbst genügt, atheistischer Materialismus, der meint, dass das Materielle alles sei, usw.), Agnostizismus, der die Gottesfrage für nicht entscheidbar erklärt, und religiöser Indifferentismus, der sie für unwichtig und alle Formen der Gottesverehrung für gleich gut oder schlecht erklärt, sind ebenfalls Sünden gegen die Gott geschuldete Verehrung, jedenfalls dann, wenn sie nicht aus unverschuldeter Unwissenheit, sondern aus Undankbarkeit, Desinteresse, bewusster Blindheit, aus der Einstellung, dass Gott, selbst wenn es Ihn geben sollte, nicht wichtig wäre, o. Ä. kommen. Ab und zu findet man ja z. B. eher die Einstellung, dass jemand sich Agnostiker nennt, weil ihm das gerade gefällt und dieses Label keine Verpflichtung und Festlegung bedeutet; das wäre Sünde.

Zum Atheismus und Agnostizismus sagt der Katechismus:

„Oft basiert der Atheismus auf einer falschen Auffassung von der menschlichen Autonomie, die so weit geht, daß sie jegliche Abhängigkeit von Gott leugnet [Vgl. GS 20,1]. Es ist jedoch so, ‚daß die Anerkennung Gottes der Würde des Menschen keineswegs widerstreitet, da diese Würde in Gott selbst gründet und vollendet wird‘ (GS 21,3). Die Kirche weiß, ‚daß ihre Botschaft mit den verborgensten Wünschen des menschlichen Herzens übereinstimmt‘ (GS 21,7). […]

Im Agnostizismus kann zuweilen ein gewisses Suchen nach Gott liegen; er kann aber auch auf Gleichgültigkeit beruhen, auf einer Flucht vor der letzten Daseinsfrage und einer Trägheit des Gewissens.“

Undankbarkeit gegenüber Gott oder Überdruss gegenüber geistlichen Dingen (acedia) (denen man innerlich mit dem Willen zustimmt), sind je nach dem einzelnen Fall mehr oder weniger gravierende Sünden, und öfter mal das Motiv für äußere Sünden gegen die Gottesverehrung.

 

Jetzt zu weiteren möglichen Sünden gegen dieses Gebot, bei denen es nicht um ein Fehlen der Verehrung, sondern um eine falsche Verehrung geht, was der hl. Thomas unter dem Oberbegriff Aberglaube (superstitio) zusammenfasst. Es gibt verschiedene Arten davon.

Man kann den wahren Gott auf eine unangemessene oder falsche Weise verehren, z. B. indem man im Neuen Bund noch die Zeremonien des Alten Bundes pflegt; indem man Wunder oder falsche Privatoffenbarungen erfindet oder Reliquien fälscht; indem man neue Formen des Gottesdienstes einführt, die Irriges oder Unsinniges über Gott aussagen (z. B. Fürbitten für Dinge hält, die gegen Gottes Gebote verstoßen, Beziehungen segnet, die gegen Gottes Gebote verstoßen, wie Zweit“ehen“ nach Scheidungen); indem man Gottesdienst auf eine Weise feiert, die die Kirche nicht vorsieht; u. Ä. Dazu sagt der hl. Thomas: „Denn wie das ein Fälscher ist, der Aufträge von einem anderen ausrichtet, die ihm nicht anvertraut worden sind; so thut der Diener der Kirche etwas Falsches, der seitens der Kirche einen Kult Gott darbringt, welcher gegen den von der Kirchenautorität gebilligten Kult verstößt.“ (Summa Theologiae II/II,93,1)

Bei Geringfügigkeit und Mangel an bösem Willen & bewusstem Übertreten des Gebots wäre das oft nur lässliche Sünde – also wenn ein Priester z. B. in der Messe die Kinder einlädt, sich zum Vaterunser um den Altar aufzustellen, weil er das so gewohnt ist und meint, das würde ihnen die Messe näherbringen; falscher Kult kann aber in schwerwiegenderen Fällen auch schwere Sünde sein; ein mögliches Beispiel wäre, wenn ein Priester einen Gottesdienst für ein Paar feiern würde, das nicht gültig kirchlich heiraten kann, weil einer von ihnen schon mit jemand anderem gültig verheiratet ist.

Der Gottesdienst ist Gottesdienst der gesamten Kirche, den sie dem Herrn darbringt; der einzelne nimmt daran teil und findet sich in diese Gemeinschaft hinein, und muss und darf ihn sich nicht nach eigenem Geschmack neu erfinden (wobei gewisse Variationen ja sowieso schon erlaubt und vorgesehen sind); sonst wird der einzelne Mensch / die einzelne Pfarrei o. Ä. statt Gott in den Mittelpunkt gestellt; deshalb sind liturgische Missbräuche Sünde. Außerdem haben die Laien das Recht, in jedem katholischen Gottesdienst auf der Welt das vorzufinden, was allgemein vorgesehen ist; des weiteren ist es einfach eine Frage des kirchlichen Gehorsams.

Aberglaube, der in einer falschen Form der Verehrung des richtigen Gottes besteht, kann eine Art „Exzess“ in der Gottesverehrung sein; oder besser gesagt, nicht in der Gottesverehrung selbst, wo man nicht zu viel tun kann, sondern in bestimmten Dingen, die zur Gottesverehrung gehören, und die aus ihrem Zusammenhang gerissen und unnötig übertrieben werden:

„Was aber zur Unterwerfung von Leib und Seele unter Gott und zu seiner Ehre nicht gehört oder absieht von der Anordnung Gottes und der Kirche oder gegen den gemeinen Brauch (welcher nach Aug. ep. 36. Gesetzeskraft hat) ist; das Alles ist als überflüssig und abergläubisch zu betrachten, weil es nur in Äußerlichkeiten bestehend zum inneren Kulte Gottes nicht gehört. Deshalb wendet Augustin (de vera Relig. c. 3.) das Wort des Herrn: ‚Das Reich Gottes ist in euch‘ gegen die Abergläubischen an, die hauptsächlich auf Äußerliches achtgeben.“ (Summa Theologiae II/II,93,2)

Man kann auch etwas wie Gott verehren, das nicht Gott ist. Zunächst mal richtete sich das 1. Gebot, das Mose am Sinai von Gott kommuniziert wurde, vorrangig gegen den Götzendienst (Idolatrie), also dagegen, irgendeinem anderen angeblich oder tatsächlich existierenden Wesen oder Ding gottgleiche Ehren zukommen lassen: Keine Opfer dem Baal, dem Moloch und der Astarte. Heute sind zwar wenige Christen in Versuchung, dem Baal, dem Moloch und der Astarte zu opfern, aber natürlich hat dieses Gebot noch seine Bedeutung. Es gibt in einigen Ländern (z. B. Indien) und natürlich in neuheidnischen Kreisen sehr wohl noch die Verehrung anderer Götter und Geister; es gibt Pantheisten, die die Natur als göttlich verehren. Alles Idolatrie und nicht erlaubt: Nur einer ist der Urgrund allen Seins und verdient Anbetung, und Er steht außerhalb der Welt, ist allmächtig, allwissend, allgütig, der Schöpfer und der Richter. Die schlimmste Art der Idolatrie – und deutlich schlimmer als gutgläubiger Poly- oder Pantheismus, der mehr ein oft schuldloser Irrtum bei einem an sich guten religiösen Impuls sein dürfte – wäre der Satanismus.

Es ist auch materielle Idolatrie, nur die äußere Handlung zu vollziehen, die anderen zeigt, dass man etwas anbetet, auch wenn man innerlich nicht an diese anderen Götter glaubt, also z. B. wenn Christen in der Antike dem Kaiserbild Weihrauch opferten, um nicht als Christen verurteilt zu werden; dazu sagt Thomas: „Denn da der äußere Kult nur ein Zeichen ist des inneren, so ist es ebenso eine verderbliche Lüge, wenn jemand einen äußeren Kult erweist jenem, dem er denselben in seinem Innern verweigert; als wenn jemand mit Worten den wahren Glauben leugnet, den er im Innern festhält.“ (Summa Theologiae II/II,94,2) Formelle Idolatrie wäre die wirkliche Anbetung.

Die Idolatrie (sowohl materiell als auch formell) ist an sich eine schwere Sünde. Der hl. Thomas hält sie sogar für theoretisch, wenn auch nicht immer praktisch, die schwerste: „Wird die Sünde des Götzendienstes an sich betrachtet, so ist keine Sünde schwerer. Denn wie im irdischen Gemeinwesen am schwersten sich verfehlt, wer königliche Ehren einem anderen erweist wie dem wahren Könige, weil er dadurch die ganze staatliche Ordnung verkehrt; ist unter den Sünden, welche unmittelbar gegen Gott sich wenden, also unter den größten, die größte der Götzendienst, weil der Götzendiener sich einen anderen Gott macht und so den göttlichen Vorrang vermindert. Kommt freilich die Verfassung des Sünders in Betracht, insoweit wer aus Unkenntnis z. B. sündigt minder sündigt wie jener, der aus Bosheit, mit Vorwissen nämlich sündigt, so steht dem nichts entgegen, daß die Häretiker schwerer sündigen, die mit Vorwissen den Glauben verderben, wie die Götzendiener, die unwissend sündigen. Und so können auch andere Sünden größer sein, die mehr aus innerer Verachtung und Bosheit des Sünders hervorgehen.“ (Summa Theologiae II/II,94,3)

Von spirituellen Praktiken aus östlichen Religionen und esoterischen Sekten, die Pantheismus, Monismus o. Ä. voraussetzen, sollte man sich fernhalten. Manchmal taucht die Frage nach Yoga auf; hier ist es einfach so, dass es moralisch erlaubt ist, die körperlichen Übungen (z. B. gegen Rückenschmerzen) anzuwenden, wenn sie helfen, aber nicht die mit Yoga verbundene Spiritualität zu übernehmen.

Man bezeichnet es öfter als Quasi-Götzendienst, etwas anderes (z. B. Besitz, Selbstoptimierung, Ansehen, eine Nation, eine Partei…) praktisch an die Stelle Gottes zu setzen; das ist allerdings etwas, das prinzipiell irgendwo bei jeder Sünde geschieht; dabei wird immer etwas anderes Gott vorgezogen. Somit kann man sagen, dass jede Sünde im übertragenen Sinn etwas von Idolatrie hat, aber eben nur im übertragenen Sinn. Eine formelle Vergötterung z. B. der Natur, des Schicksals, der Ahnen, oder auch ein ausdrückliches, bewusstes Vorziehen der Parteidoktrin gegenüber der göttlichen Offenbarung wäre etwas anderes.

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(Anbetung des Goldenen Kalbes, Fuldaer Weltchronik. Gemeinfrei.)

Aberglaube im engen Sinn ist es, einem Ding oder Wesen Kräfte zuzuschreiben (oder sich selber anzumaßen), die es nach der Ordnung in Gottes Schöpfung nicht besitzt, wobei das Ziel normalerweise ist, sich besondere Macht oder Wissen über sein Schicksal zu verschaffen. Schutzamulette und Glücksbringer etwa sind Aberglaube und ihr Gebrauch verstößt gegen die Vernunft und gegen Gottes Ordnung.

Auch manche auf den ersten Blick katholischen wirkenden Praktiken können abergläuisch werden; es ist Aberglaube, einem bestimmten Gebet oder Heiligenbild o. Ä. unfehlbare Wirkung aus sich heraus zuzuschreiben – wenn ich diese Worte aufsage oder dieses Ding bei mir trage, kann ich gar nicht in die Hölle kommen, oder nicht krank werden, oder was auch immer, und weiter muss ich auch nichts tun. Hier meint man, Gott quasi mechanisch bezwingen zu können und vergisst, dass solche Sakramentalien die Kooperation des freien Willens und den festen Glauben brauchen. (Das trifft natürlich nicht Rituale, die Gott selbst befohlen hat und bei denen Er eine bestimmte Wirkung unter bestimmten Umständen eindeutig zugesagt hat; sprich die Sakramente; so wirkt z. B. die mit der richtigen Intention gesprochene Taufformel zusammen mit dem Taufwasser, oder die Konsekrationsformel, die ein gültig geweihter Priester mit der richtigen Intention über Brot und Wein spricht, tatsächlich immer, aber eben durch Gott.)

Solche Dinge (Talismane, Verwendung von Heiligenbildern wie Talismane, usw.) sind in der Praxis oft nur lässliche Sünden, z. B. bei Leuten, die in dieser Hinsicht einfach naiv und leichtgläubig sind und sich nicht wirklich bewusst sind, etwas Falsches zu tun; aber prinzipiell kann Aberglaube eine schwere Sünde sein; die Sünde liegt oft vor allem in der Irrationalität, und bei Aberglaube, der mit Gott nichts zu tun hat, in der Bindung an vage erahnte andere Mächte statt dem Vertrauen auf den persönlichen Gott, den man erkannt hat.

Abergläubisch ist es auch, vermeintlichen Omen Bedeutung zuzuschreiben, auf schlechte Vorzeichen oder Unglückstage zu achten (Freitag der 13. usw.), und Wahrsagerei zu betreiben (Astrologie, Handlesen, Bleigießen etc.), bei der man Macht haben will, die Zukunft zu wissen, die nur Gott kennt. Der Katechismus sagt: „Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.“ Bei der Wahrsagerei findet man manchmal auch einen gewissen Fatalismus, einen Glauben an eine Vorherbestimmung, die den freien Willen beiseiteschiebt.

Der hl. Thomas sortiert die Wahrsagerei in drei Kategorien: 1) Bloße Beobachtung von scheinbaren Omen (z. B. Astrologie); 2) das Tun von etwas, aus dem die Zukunft erkannt werden soll, also das Bewirken scheinbarer Omen (z. B. Bleigießen); 3) das ausdrückliche Anrufen von Geistern/Dämonen, die einem die Zukunft offenbaren sollen. Letzteres ist am schlimmsten, besonders, wenn man hier einen anderen Geist als Gott Verehrung/Opfer zukommen lässt.

Das, was man „Hexerei“ oder heute eher „Okkultismus“ nennt, gibt es bekanntlich auch heute noch; besonders z. B. in afrikanischen Ländern, aber nicht nur. Hierzu gehört es auch, wenn Spiritisten Gläserrücken veranstalten oder ein „Medium“ einen Geist durch sich weissagen lassen will. Dabei öffnet man sich leider immer irgendwo für die Welt der Dämonen, auch wenn man sagt, man will nur gute Geister oder Geister von Toten erreichen.

Es gibt nun mal gefallene, von Gott abgewandte Engel, die auch Gottes anderen Geschöpfen, den Menschen, feindlich gesonnen sind, und ja, sie können Zugang zu Menschen finden, die sich für sie öffnen; hierher können u. U. auch dämonische Belastung und im Extremfall Besessenheit kommen, weshalb die Kirche einzelne Priester als Exorzisten beauftragt, um über Betroffene Befreiungsgebete zu sprechen. Auch wenn in vielen Fällen Betrug, Autosuggestion u. Ä. als Erklärung genügen: Es gibt wirklich unerklärliche Phänomene bei Spiritismus/Okkultismus. Wenn hier Geister antworten, ist es natürlich schon deshalb falsch, diesen Geistern Glauben zu schenken, weil die Dämonen irgendwann und irgendwo mit Lügen kommen werden und einem höchstens vorläufig die Wahrheit sagen, um einen später zu täuschen; die Zukunft unfehlbar vorherwissen können sie außerdem nicht, sondern sie höchstens abschätzen, weil sie intelligenter als Menschen sind. Gute Engel und Verstorbene antworten natürlich nicht auf solche lächerlichen Herbeizitierungsversuche; wenn Gott ihnen erlaubt, einem zu erscheinen, kommen sie von selbst (den Einwand, dass Samuel Saul bei so etwas erschienen sei, beantwortet der hl. Thomas mit einem Verweis auf Augustinus hier).

Am schlimmsten sind Schadenszauber/Flüche, bei denen man bewusst Geister anruft, die schaden sollen. Das ist etwas, das z. B. in Afrika noch sehr häufig vorkommt; aber es gibt es sehr wohl auch im Westen; in den USA etwa haben sich selbst ernannte Hexen aus neopaganen Kreisen schon daran gemacht, unliebsame Politiker zu „verhexen“.

Kann Hexerei, bei der jemand Geister anruft und bei der die Dämonen tatsächlich antworten, wirken? Erlaubt Gott den Dämonen die Macht, einen Schadenszauber wirksam werden zu lassen? Gute Frage, die aber über das Thema dieses Artikels hinausgeht; jedenfalls können sie, falls das je der Fall sein sollte, durch das vertrauensvolle Gebet zu Gott unschädlich gemacht werden.

Wenn jemand Gott bitten würde, ihm ein die Zukunft betreffendes Zeichen zu senden, wäre das kein Aberglaube, schließlich unterwirft man sich hier Gott und es ist nur eine Bitte. Andere bewusst durch Wahrsagerei o. Ä. zu betrügen ist eine schwere Sünde; nicht nur wegen des Betrugs, sondern auch wegen der Verführung zum Aberglauben. Wenn man z. B. sein Horoskop liest, um sich darüber lustig zu machen, ist das keine Sünde; wenn man halbernst mit solchen Dingen umgeht und sie aus Neugier testen will, weil man sich innerlich denkt, dass vielleicht doch etwas dran sein könnte, ist das schon Sünde, wenn auch vielleicht nicht immer schwere. Wenn jemand wegen einer vagen abergläubischen Furcht etwas an sich Indifferentes meidet (z. B. einen Termin nicht auf einen Freitag den 13. legt), wäre das eher nur lässliche Sünde. Moralisch in Ordnung sein kann es, abergläubische Dinge, die von anderen betrieben werden, zu beobachten, um zu sehen, ob bewusster Betrug dahintersteckt oder es andere natürliche Erklärungen gibt; falsch und gefährlich wäre es allerdings, z. B. jemanden erst zu einer Séance anzustiften, weil man hier einem anderen Anlass zur Sünde wird, oder selbst eine durchzuführen, weil man damit experimentieren will.

Eine Frage bleibt hier noch: Was ist mit Götterbildern? In der Bibel heißt es beim 1. Gebot: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen.“ (Ex 20,2-5)

Das Gebot, kein Gottesbild zu machen, betraf natürlich vor allem die Anfertigung von Bildern anderer Götter; aber im Alten Bund war auch die Anfertigung von Bildern des wahren Gottes verboten, um den Israeliten beizubringen, dass Gott erstens völlig anders als alles Irdische und sich nicht in einem Bild einfangen lässt, und zweitens zu verhindern, dass sie die Bilder selbst anbeteten, da man in den damaligen heidnischen Kulten, von denen Israel umgeben war, Götterbilder selbst für göttlich hielt.

Dieses Gebot gilt im Neuen Bund nicht mehr, weil diese direkte Notwendigkeit weggefallen ist, aber hauptsächlich, weil Gott sich selbst in Jesus ein Angesicht gegeben hat. (Vgl. dazu die Aussagen des 2. Konzils von Nizäa.)

(Alle Bilder waren aber auch im Alten Bund nicht verboten: Gott selbst befiehlt z. B. die Anfertigung der Kerubim für die Bundeslade.)

 

Dann gibt es Sünden, die sich quasi direkt gegen Gott richten, statt etwas an Seine Stelle zu setzen oder Ihn auf falsche Weise zu verehren.

Eine solche Sünde wäre: Gott versuchen/herausfordern. Hier ist gemeint, eine Eigenschaft Gottes in Frage zu stellen, wie seine Allmacht oder vollkommene Güte. „Wenn Gott wirklich gut ist, soll Er es mir hiermit beweisen.“ Die Sünde liegt hier einfach darin, dass man etwas, auf das man vertrauen kann und muss, weil man es mit der Vernunft erkannt hat, preisgibt, wenn man irgendwie angefochten wird. An sich schwere Sünde. Vgl. dazu auch die Versuchung Jesu durch den Teufel und Seine Antwort: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ (Matthäus 4,7)

Eine implizite Herausforderung Gottes (die in einer wenig schwerwiegenden Angelegenheit nur lässliche Sünde sein kann) ist es, wenn man sich darauf verlässt, dass Gott für einen ein Wunder wirken wird (was schließlich niemand einfordern kann und niemandem versprochen wurde), oder sich ohne jeden Grund in große Gefahr für Seele oder Leben begibt und erwartet, dass Gott einem heraushelfen wird. (Wenn man so etwas nur z. B. als Mutprobe tut, ohne Gottes Hilfe zu erwarten, ist es zwar auch eine Sünde, aber eine gegen das 5., nicht gegen das 1. Gebot; gegen die Selbstliebe, nicht gegen Gott.)

Es ist etwas ganz anderes, sich mit gutem Grund in eine Gefahr zu begeben, und darauf zu vertrauen, dass Gott einem irgendwie helfen wird.

Der hl. Thomas unterscheidet außerdem: Wenn also jemand ein Zeichen von Gott erbittet, um Gottes Macht, Güte, Weisheit zu erproben, so heißt das: Gott versuchen; — fleht er um ein Zeichen, damit er belehrt werde, welches in einem besonderen Falle der Wille Gottes, sei; so ist dies keine Sünde.“

Und: „Wenn aber der versuchende Gottes Gewalt anderen zeigen will, ist das keine Sünde; denn es liegt dann für das Versuchen eine rechtmäßige Notwendigkeit vor oder ein frommer Nutzen und all jenes Andere, was, damit dies erlaubt sei, gegeben sein muß. So baten die Apostel den Herrn, daß im Namen Jesu Zeichen geschähen, nach Act. 4.; damit nämlich Christi unendliche Mächt offenbar werde.“ (Summa Theologiae II/II,97,2)

Eine weitere Sünde wären Sakrilegien, wobei etwas, das Gott geweiht ist, verunehrt wird. Sakrilegien können sich auf Personen, Orte und Sachen beziehen.

Bzgl. Personen: Hier geht es um Gott in besonderer Weise geweihte, für seinen Dienst ausgesonderte Personen, also geweihte Kleriker, und Menschen mit öffentlichen Gelübden, v. a. Ordensleute (Personen mit Privatgelübde zählen streng genommen nicht dazu). Sakrilegien in Bezug auf gottgeweihte Personen wären Unkeuschheitssünden von/mit/an ihnen (gewollte Gedankensünden eingeschlossen), physische Verletzung von ihnen (Tötung, Körperverletzung), und Entfremdung vom Gottesdienst – also wenn ein Staat Priester zum Militärdienst einziehen will o. Ä. Sonstige Verbrechen gegen sie, die sich nicht besonders gegen ihren Gott gewidmeten Charakter beziehen, wären keine Sakrilegien (z. B. begeht ein Taschendieb, der eine Nonne bestiehlt, nur einen Diebstahl, kein Sakrileg).

Bzgl. Orten: Hier sind Handlungen in Kirchen, Kapellen, Privatkapellen, Heiligtümern, auf Altären und Friedhöfen gemeint, die die Heiligkeit des Ortes verletzen, also schwere äußere Sünden (Blutvergießen, Unzucht…), profane Tätigkeiten, die die Heiligkeit des Ortes klar verletzen (also z. B. wenn man in einer Kirche einen Jahrmarkt veranstalten würde, vgl. dazu auch die Tempelreinigung durch Jesus), oder ein Einbruch in eine Kirche, oder solche Verbrechen von Kirchengegnern, die darauf zielen, einen heiligen Ort zu entweihen. In Can. 1211 heißt es über besonders schwere und öffentlich bekannte Sakrilegien:

„Heilige Orte werden geschändet durch dort geschehene, schwer verletzende, mit Ärgernis für die Gläubigen verbundene Handlungen, die nach dem Urteil des Ortsordinarius so schwer und der Heiligkeit des Ortes entgegen sind, daß es nicht mehr erlaubt ist, an ihnen Gottesdienst zu halten, bis die Schändung durch einen Bußritus nach Maßgabe der liturgischen Bücher behoben ist.“

Ein bloßer Mangel an Ehrfurcht, der noch nicht allzu schlimm wird, wäre eher lässliche Sünde; also solche Sachen wie: Beim Besuch einer Kirche als Tourist etwas essen oder trinken oder laut reden oder schlampig angezogen sein; beim Betreten der Kirche als Mann den Hut nicht abnehmen. Moralisch erlaubt wäre z. B., im Eingangsbereich einer Kathedrale einen Shop mit Rosenkränzen und Gebetbüchern betreiben, wenn dabei das eigentliche Geschehen in der Kirche nicht gestört wird; als Obdachloser in einer Kirche übernachten, wenn man keine andere Möglichkeit hat; oder religiöse Konzerte, Benefizkonzerte, religiöse Vorträge o. Ä. in Kirchen, die die Kirche erlaubt. Vgl. dazu:

„Can. 1210 — An einem heiligen Ort darf nur das zugelassen werden, was der Ausübung oder Förderung von Gottesdienst, Frömmigkeit und Gottesverehrung dient, und ist das verboten, was mit der Heiligkeit des Ortes unvereinbar ist. Der Ordinarius kann aber im Einzelfall einen anderen, der Heiligkeit des Ortes jedoch nicht entgegenstehenden Gebrauch gestatten.“

Bzgl. Sachen: Hier geht es um die Entehrung der Sakramente (s. ein Stück weiter unten) oder von gesegneten, für einen religiösen Zweck gedachten Gegenständen, wie z. B. Heiligenstatuen, Kruzifixen, liturgischen Geräten, die ausschließlich für den Gottesdienst gedacht sind, etc. In Can. 1171 heißt es „Heilige Sachen, die durch Weihung oder Segnung für den Gottesdienst bestimmt sind, sind ehrfürchtig zu behandeln und dürfen nicht zu profanem oder ihnen fremdem Gebrauch verwendet werden, selbst dann nicht, wenn sie Eigentum von Privatpersonen sind.“ So ein Sakrileg wäre z. B., eine Heiligenstatue mit spöttischen Slogans zu bekritzeln oder eine Patene als normalen Teller zu verwenden.

Nicht mehr brauchbare heilige Gegenstände (wie eine kaputte gesegnete Heiligenstatue oder einen kaputten gesegneten Rosenkranz, ein Skapulier, einen Palmboschen aus dem Vorjahr, etc.) würde man nicht einfach in den Müll werfen, sondern auf gesonderte respektvolle Weise entsorgen – z. B. durch Verbrennen oder Vergraben, oder dadurch, sie in möglichst kleine Teile zu brechen, bis sie nicht mehr erkennbar sind, und diese Teile wegzuwerfen. (So wird verhindert, dass sie in ihrer bestehenden Form unwürdig behandelt werden.) Ähnliches gilt auch für verdorbene konsekrierte Hostien, wobei es hier natürlich wesentlich schwerwiegender wäre, sie einfach wegzuwerfen. – Eine religiöse Zeitschrift oder einen Flyer, auf dem auch Abbildungen von Heiligen oder Heiligenbildern abgedruckt sind, ins Altpapier oder den Müll zu werfen, ist kein Sakrileg; hier handelt es sich sowieso nicht um zur Verehrung gedachte Bildnisse, sondern nur um Abdrucke zur Information oder Illustrierung; gesegnet sind sie auch nicht. Auch Andachtsbildchen sind nicht gesegnet und können wie normale Bilder behandelt werden, das gleiche gilt für Gebetbücher u. Ä.

Auch normale Dinge des Alltagsgebrauch, die gesegnet wurden, auf normale Weise zu verwenden, ist kein Sakrileg (z. B. die Eierschalen von in der Osternacht gesegneten Ostereiern wegzuwerfen – auch wenn es ein frommer Brauch ist, sie stattdessen zu verbrennen).

Außerdem begeht ein Sakrileg, wer Dinge, die zum Gottesdienst gedacht sind, unrechtmäßig in seinen Besitz bringt – also z. B. ein Dieb, der liturgische Gefäße stiehlt, oder eine Regierung, die Kirchen konfisziert.

Auch Worte der Hl. Schrift für schlechte Dinge (z. B. Hassparolen gegen Gott) zu missbrauchen ist ein Sakrileg.

Auch der Empfang oder die Spendung der Sakramente im Stand der Todsünde ist ein Sakrileg; wobei es, wenn ein Priester im Stand der Todsünde ist und z. B. die Messe feiern muss, bevor er beichten kann, genügt, wenn er vollkommene Reue erweckt und sich vornimmt, möglichst bald zu beichten; unter dringenden Umständen kann auch ein Laie in so einer Situation ein Sakrament empfangen, aber eben nur mit Reue. Wenn jemand im Stand der Todsünde und ohne Reue (also unwürdig) Sakramente wie z. B. das Sakrament der Firmung oder der Ehe empfangen hat, wurden sie gültig, aber unwirksam empfangen; d. h. derjenige ist zwar gefirmt oder verheiratet, aber die besondere Gnadenwirkung bleibt aus und lebt erst wieder auf, wenn er sich bekehrt.

Das schlimmstmögliche Sakrileg wäre natürlich eins bzgl. des Allerheiligsten Sakraments; auch eine Beichte ohne Reue wäre sehr schlimm; aber zu beidem in anderen Beiträgen eigens genauer.

Sakrilegien sind immer schlimmer, wenn sie mit der Absicht passieren, etwas Heiliges zu entweihen, nicht aus bloßer Gleichgültigkeit, oder aus bloßer Unachtsamkeit; außerdem kommt es natürlich darauf an, wogegen genau sich ein Sakrileg richtet. Es ist offensichtlich ein großer Unterschied, ob jemand einen kaputten gesegneten Rosenkranz wegwirft, weil er sich keine Gedanken darum gemacht hat, dass es dafür besondere Regeln geben könnte (keine oder höchstens lässliche Sünde), oder ob jemand aus Hass auf Gott eine Schwarze Messe mit einer konsekrierten Hostie feiert (sehr schwere Sünde).

Der hl. Thomas schreibt über die verschiedene Schwere von Sakrilegien an Sachen:

„Unter den übrigen heiligen Sachen stehen nun an der Spitze die Sakramente selber; und unter diesen ist das erste die heilige Eucharistie, welche Christum selber enthält. Der Gottesraub also, der sich gegen dieses Sakrament richtet, ist der schwerwiegendste von allen. Nach den Sakramenten kommen dann die heiligen Gefäße, die den Sakramenten dienen; die heiligen Bilder, die Reliquien der Heiligen, in denen die Personen dieser Heiligen selbst gleichsam geehrt oder verunehrt werden; — dann was zum Schmucke der Kirchen und der Diener des Kultus gehört; — und endlich für den Unterhalt der letzteren bestimmt ist, seien dies bewegliche oder unbewegliche Dinge.“ (Summa Theologiae II/II,99,3)

 

Eine weitere Sünde gegen das 1. Gebot (die allerdings heute zum Glück keine besonders große Rolle mehr spielt) wäre die Simonie (benannt nach Simon dem Magier aus Apostelgeschichte 8), also der Versuch, geistliche Dinge für zeitliche Dinge zu kaufen oder zu verkaufen.

Diese geistlichen Güter sind: Die Gnadengaben des Heiligen Geistes, die Sakramente, Sakramentalien, Gebete, die Ausübung der kirchlichen Jurisdiktion („wenn Sie mir nichts geben, bekommen Sie keinen Prozess vor dem Kirchengericht wegen Ihrer Ehenichtigkeitsklage“), Ablässe, Weihen, Segnungen, Aufnahme in einen Orden, ein kirchliches Amt.

Der hl. Thomas gibt die Gründe, aus denen Simonie Sünde ist, folgendermaßen an:

„Gegendstand des Kaufens oder Verkaufens aber zu sein, ist für eine geistige Sache ungehörig aus drei Gründen: 1. Nichts Geistiges kann in einem zeitlichen Preise seinen vollentsprechenden Wert finden; denn, wie Prov. 3. von der Weisheit gesagt wird, ist es kostbarer als alle Schätze; und Alles, wonach man trachtet, kann nicht mit ihm verglichen werden; weshalb Petrus zu Simon sagte (Act. 8.): ‚Sei dein Geld mit dir verflucht, weil du die Gabe Gottes einer Summe Geld gleichgeachtet hast.‘ 2. Der Kirchenvorsteher ist nicht Herr der geistigen Dinge, sondern nur deren Verwalter, nach 1. Kor. 4.: ‚So erachte uns der Mensch wie Diener Christi und wie Verwalter der Geheimnisse Gottes‘; also kann er nicht verkaufen, was er nicht besitzt. 3. Solcher Verkauf widerspricht dem Ursprünge der geistigen Güter; denn ‚umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebet‘, sagt der Herr. (Matth. 10.)

Wer also eine geistige Sache kauft oder verkauft, der sündigt durch Mangel an Ehrfurcht vor Gott; und somit sündigt er gegen die Tugend der Gottesverehrung.“ (Summa Theologiae II/II,100,1)

Wenn jemand einem anderen etwas Zeitliches gibt ohne direkt vereinbarten Handel, aber mit dem hauptsächlichen Ziel, ihn dazu zu bewegen, ihm im Gegenzug ein geistliches Gut zu geben, ist das auch Simonie. Wenn jemand so etwas nur unter anderem mit der Hoffnung tut, dass nebenbei etwas Geistliches herausspringen könnte, ist es keine Simonie.

Es ist keine Simonie, wenn es üblich ist, anlässlich z. B. einer Messe für verstorbene Verwandte oder der Taufe eines Kindes dem Pfarrer einen bestimmten Geldbetrag zu geben. Bei Stolgebühren usw. geht es darum, dass Priester irgendwie ihre Ausgaben decken und für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, weshalb es übliche Spenden anlässlich gewisser Gelegenheiten gibt, wobei jemandem, der nichts spenden kann, die Sakramente aber nicht verweigert werden. Das ist so wenig Simonie, wie Steuern, die für die Bezahlung von Beamten verwendet werden, Beamtenbestechung sind; hier geht es ja gerade darum, dass jeder den gleichen kleinen festgesetzten Beitrag gibt, und der Klerus dann nicht auf Bestechungsgelder aus sein muss. (Freilich ist es wichtig, hier den Anschein der Simonie zu vermeiden.)

Vgl. dazu im Katechismus: „Die zuständige Autorität setzt ‚Stolgebühren‘ fest, kraft des Grundsatzes, daß das christliche Volk für den Unterhalt der kirchlichen Amtsträger aufzukommen hat. ‚Denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Unterhalt‘ (Mt 10,10) [Vgl. Lk 10,7; 1 Kor 9,5-18; 1 Tim 5,17-18.].“

Und im CIC: „Can. 848 — Der Spender darf außer den von der zuständigen Autorität festgesetzten Stolgebühren für die Sakramentenspendung nichts fordern; er hat immer darauf bedacht zu sein, daß Bedürftige nicht wegen ihrer Armut der Hilfe der Sakramente beraubt werden.“

Materielle Dinge, die später der Gottesverehrung dienen sollen, wie kleine Heiligenstatuen, Rosenkränze usw., zu produzieren und zu verkaufen, ist natürlich auch keine Simonie.

Es ist Simonie, Reliquien zu verkaufen, aber nicht, sie zu kaufen, um zu verhindern, dass sie in falsche Hände geraten und unwürdig behandelt werden. Zum Umgang mit Reliquien s. im CIC:

„Can. 1190 — § 1. Es ist verboten, heilige Reliquien zu verkaufen.

§ 2. Bedeutende Reliquien und ebenso andere, die beim Volk große Verehrung erfahren, können ohne Erlaubnis des Apostolischen Stuhls auf keine Weise gültig veräußert oder für immer an einen anderen Ort übertragen werden.

§ 3. Die Vorschrift des § 2 gilt auch für Bilder, die in einer Kirche große Verehrung beim Volk erfahren.“

Simonistische Verträge/Vereinbarungen sind ungültig (Ausnahme: ein per Simonie ins Amt gewählter Papst wäre gültig zum Papst gewählt) und entsprechende erhaltene zeitliche Güter zurückzuerstatten; die Simonie ist an sich schwere Sünde.

 

Beim nächsten Mal weiter mit dem zweiten Gebot.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4c: Das 1. Gebot – was die Tugend der Gottesliebe praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

In Teil 4a habe ich mehr zum Glauben gesagt, in Teil 4b zur Hoffnung; jetzt etwas mehr zur göttlichen Tugend der (Gottes-)Liebe.

(Noch einmal zur Erinnerung: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.)

Die Liebe (lateinisch caritas, griechisch agape; nicht zu verwechseln mit eros oder anderen Formen der Liebe) ist wie der Glaube und die Hoffnung eine übernatürliche, von Gott „eingegossene“ Tugend; also keine, die mit den rein natürlichen menschlichen Kräften  zu erreichen ist; mithilfe von Gottes Gnade selbstverständlich trotzdem für jeden möglich. Zu ihr gehören die Gottesliebe, die Nächstenliebe und die Selbstliebe, gemäß den Worten Jesu: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22,37-39)

Hier nur näher zu dem, was die Gottesliebe konkret meint; die Nächsten- und die Selbstliebe kommen im 4.-10. Gebot ins Spiel und sind für diese Gebote die Grundlage wie die Gottesliebe für das 1.-3.

 

Was bedeutet „Gottesliebe“ überhaupt? Ich bin hier schon einmal ausführlich darauf eingegangen, dass die Nächsten- und Selbstliebe eine grundsätzliche Bejahung, ein grundsätzliches Wohlwollen, ein Sehen des Wertes eines Menschen bedeuten. Gott kann man nun zwar im Grunde genommen nichts Gutes tun (Er braucht einen nicht), sehr wohl aber kann man Ihn als das höchste Gut, als den einzigen im echten Sinne Guten und aller Liebe und Anbetung Werten anerkennen, sich vornehmen, Ihm den höchsten Platz im Leben einzuräumen (also Ihm zu gehorchen, wenn es zum Konfliktfall kommt), Ihm gefallen wollen, wünschen, Ihn zu sehen und mit Ihm eins zu werden. Der hl. Thomas sagt schon, dass jede Liebe – ob menschliche Freundschaft oder andere Formen der Liebe – eine Art Vereinigung mit dem Geliebten beinhaltet.

Auch Nächsten- und Selbstliebe folgen eigentlich gleich direkt aus der Gottesliebe, da der, der Gott liebt, auch alles lieben muss, was Gott geschaffen hat, liebt und zu lieben befiehlt.

So, wie man ab und zu einen „Akt des Glaubens“ oder einen „Akt der Hoffnung“ setzen muss, so auch einen „Akt der Liebe“; also die Entscheidung zur Gottesliebe treffen. (Ein bewusster Akt der Liebe kann z. B. so aussehen: „Herr und Gott, ich liebe dich über alles und meinen Nächsten um deinetwillen. Denn du bist das höchste, unendliche und vollkommenste Gut, das aller Liebe würdig ist. In dieser Liebe will ich leben und sterben. Amen.“(Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)) Aber ebenso wie beim Glauben und der Hoffnung setzt der Christ im Normalfall automatisch immer wieder zumindest implizit Akte der Gottesliebe (z. B. beim Gebet). Ein (zumindest impliziter) Akt der Gottesliebe gehört auch zur Liebesreue, die nötig ist, um Gottes Vergebung für schwere Sünden zu erlangen, wenn man (noch) nicht zur Beichte kommt; außerdem braucht es die Gottesliebe besonders dann, wenn man ohne sie eine Versuchung nicht überwinden kann.

 

Sünden gegen die Gottesliebe sind (naheliegendermaßen) das Fehlen der Gottesliebe (also nie oder extrem selten die Gottesliebe erwecken) und der Hass gegen Gott: Was sich z. B. darin äußert, dass man Gott hasst, weil Er etwas verbietet, das man gern tut (oder tun würde); wenn man damit prahlt, etwas getan zu haben, das Gott verbietet; sich wünscht, es würde Ihn nicht geben oder Er wäre nicht gerecht oder allwissend; sich wirklich gegen seine Vorsehung auflehnt; wenn man Ihm gerne schaden würde (wenn das möglich wäre); Seine Ehre angreifen möchte z. B. durch Verfolgung der Kirche oder Blasphemie (Verfolgung der Kirche oder Blasphemie müssen nicht aus Hass auf Gott geschehen, es können auch Dummheit, Gruppenzwang u. Ä. Auslöser sein; sie können es aber); oder Ähnliches.

Wenn ein wirklicher, willentlicher Hass auf Gott da ist, v. a. ein konstanter, sich in Worten und Taten äußernder, ist das offensichtlich eine schwere Sünde; aber es kann wohl auch mal z. B. ein flüchtiges Spielen mit einer Abneigung gegen Gott da sein, die nicht die wirkliche Entscheidung zum Gotteshass beinhaltet, ein gewisses leichtes Hadern mit Gottes Vorsehung, eine Art Zorn auf Gott aus Angst oder Traurigkeit in einer schlimmen Situation, bei der man nicht wirklich Gott hasst oder wirklich an Ihm zweifelt, aber trotzdem Zorn fühlt und ihm ein wenig nachgibt, weil es gerade gut zu tun scheint; was dann lässliche Sünden wären. (Gefühle sind generell noch keine Sünde, sondern Versuchung; wenn die Zulassung des Willens da ist, ist etwas Sünde. Solche Gefühle als Gefühle anerkennen, und sie vor Gott zu bringen, wobei man sich bewusst macht, dass Gott im Endeffekt alles besser weiß und Antworten haben wird, ist genau das Richtige und keine Sünde; mit solchen Gefühlen flirten und sie nicht wirklich vor Gott bringen, ihnen aber auch nicht ganz nachgeben, wohl eher eine lässliche.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4b: Das 1. Gebot – was die Tugend der Hoffnung praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

In Teil 4a habe ich mehr zum Glauben gesagt; jetzt etwas mehr zur göttlichen Tugend der Hoffnung.

(Noch einmal zur Erinnerung: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.)

 

Definieren kann man die Hoffnung folgendermaßen: „Die Hoffnung ist eine übernatürliche, eingegossene Tugend, durch die wir die ewige Seligkeit und die zu ihrer Erlangung notwendigen Mittel von der Allmacht, Güte und Treue Gottes vertrauensvoll erwarten.“* Sie beruht darauf, dass Gott in Seiner Offenbarung Seinen allgemeinen Heilswillen deutlich gemacht hat, dass er ein bestimmtes Versprechen gegeben hat; Gott ist vertrauenswürdig und gut, also ist es das einzig Richtige, auf Ihn zu bauen. Gott wird nie jemanden ohne die hinreichende Gnade lassen, um zu Ihm zu kommen – egal, was derjenige getan hat.

Wie der Glaube es von Zeit zu Zeit erfordert, „Ake des Glaubens zu setzen“, erfordert die Hoffnung es, „Akte der Hoffnung“ zu setzen, also sich für die Hoffnung zu entscheiden. Nötig ist das jedenfalls: Wenn man das Leben bei Gott als Ziel des Lebens erkennt hat; „ebenso wenn man gesündigt hat durch Verzweiflung; wenn man eine Versuchung anders nicht überwinden kann; wenn man ein Gebot erfüllen muß, das einen Akt der Hoffnung zur Voraussetzung hat“**; außerdem öfter mal im Leben.

Ebenso wie beim Glauben tut man das in der Regel schon automatisch und sollte sich deswegen kein Kopfzerbrechen machen.***

Sünden gegen die Hoffnung gibt es dreierlei:

1) Völlige Gleichgültigkeit gegenüber Gott; kein Verlangen danach, Gott zu schauen. Das wäre gegeben, wenn jemand irgendetwas Niedrigeres Gott vorziehen würde, also z. B. lieber ewig auf der Erde leben oder ausgelöscht werden wollen würde als in den Himmel zu kommen. Die Schuld liegt hier darin, dass jemand nicht wirklich darauf vertraut, dass Gott ihm etwas Besseres geben will, in mangelndem Vertrauen, mangelnder Ehrfurcht, mangelnder Dankbarkeit. – Wenn jemand nur so daherredet, ohne es ernst zu meinen, wäre das nur eine lässliche Sünde. Wenn jemand sich nur aus Angst, in die Hölle kommen zu können, denkt, lieber ewig auf der Erde leben zu wollen, fällt das nicht in diese Kategorie, sondern eher unter Nr. 2).

2) Verzweiflung: Diese Sünde besteht darin, dass jemand alle Hoffnung aufgibt, die ewige Seligkeit oder die Mittel dazu erlangen zu können. Sünde ist das deshalb, weil man dem guten Gott abspricht, dass Er gut zu einem sein und Seine Versprechen halten will. Wenn jemand sagt „meine Sünden sind so schwer, dass Gott sie nicht vergeben kann“, ist das nichts anderes als eine schwere Beleidigung Gottes. Gott kann und will alles gut machen, wenn nur der Mensch auch mitmacht, gibt dem Menschen ausreichende Gnade, um mitmachen zu können,und verlangt von ihm nichts, was über seine Kräfte geht.

Es ist wichtig, die Verzweiflung von Dingen zu unterscheiden, die ihr ähnlich sehen. Bloße Angst, Zustände der Apathie, und auch das Gefühl der Verzweiflung sind noch keine Sünde der Verzweiflung, jedenfalls keine schwere, solange die wirkliche Zustimmung des Willens fehlt. Auch wenn jemand, der z. B. versucht, eine bestimmte Gewohnheitssünde aufzugeben, mutlos ist und an seiner eigenen Mitwirkung zweifelt, ist das auch noch nicht gleich dasselbe wie die völlige Verzweiflung. „Verzweiflung“ mit rein irdischen Bezügen (wenn jemand sich z. B. keine Hoffnung mehr macht, jemals von jemand anderem geliebt zu werden, oder es ihm gesundheitlich so schlecht geht, dass er die Hoffnung auf Heilung aufgibt und sich den Tod wünscht) ist das nicht die Sünde der Verzweiflung, weil man hier nicht die Wahrhaftigkeit von Zusagen Gottes leugnet, weil Gott keine derartigen Versprechen über irdische Dinge gemacht hat; Optimismus ist etwas anderes als die Tugend der Hoffnung und nicht von Gott geboten. Diese Art der Verzweiflung ist zwar nicht immer gut, und wenn jemand sich z. B. den Tod wünscht, ist das manchmal eine Sünde gegen eine andere Tugend (meistens nur eine lässliche), aber keine Sünde gegen die göttliche Tugend der Hoffnung. Manchmal ist sie auch gar keine Sünde, wenn die Motive keine Sünden sind und man sich dabei immer noch Gottes Vorsehung unterwirft (z. B. wenn ein schwer, unheilbar Kranker sich den Tod wünscht, aber keine Selbstmordpläne hegt).

Auch wenn die Zustimmung des Willens da ist, kann die Schuldfähigkeit bei der Verzweiflung gemindert sein; aber an sich ist die Verzweiflung eine schwere Sünde. (Ein Fall geminderter Schuldfähigkeit wäre wohl z. B. bei jemandem wie dem englischen Dichter William Cowper vorhanden, der sich von seiner calvinistischen Theologie einreden ließ, er wäre verworfen, und außerdem unter schweren Depressionen litt.)

3) Vermessenheit (Präsumption). Vermessenheit meint die Einstellung, man hätte das Heil schon sicher. Man kann zwei Arten unterscheiden: Einerseits zu hohes Vertrauen auf die eigenen Kräfte, zu meinen, man bräuchte die Hilfe von Gottes Gnade auf dem Weg zu Ihm nicht; andererseits ein pervertiertes Vertrauen auf Gott; die Einstellung, Gott würde einem sicher das Heil geben, egal, ob man seine Schuld bereut oder was man noch weiterhin tut. Wenn sich also jemand denken würde „ach, ich kann weiterhin meine Frau betrügen, ich bin Gottes Liebling und komme damit davon, Er sieht es mir schon nach“, wäre das Vermessenheit. Der hl. Thomas bewertet übrigens die zweite Art von Vermessenheit als die schwerere: „Die Sünde gegen Gott selbst unmittelbar ist schwerer wie die übrigen. Also ist das freventliche Vornehmen, das ungeregelterweise auf Gottes Kraft sich stützt, schwerer wie jenes, das sich auf die eigene Kraft stützt. Denn sich stützen auf die göttliche Kraft, um zu erreichen das, was Gott nicht zukömmlich ist, heißt die göttliche Kraft vermindern. Schwerer aber sündigt jener, der die göttliche Kraft mindert als jener, der die eigene überhebt.“ (Summa Theologiae II/II,21,1) Sowohl die von vielen Protestanten vertretene Rechtfertigungslehre (sola gratia, „once saved, always saved“) als auch der antike Pelagianismus enthalten also streng genommen Sünden der Vermessenheit. (Auch wenn das vielen Protestanten nicht bewusst sein mag und daher keine subjektive Schuld besteht.)

Zur Vermessenheit zitiere ich einfach noch einmal Heribert Jone, der es ganz prägnant ausgedrückt hat, was sie ausmacht – und was sie nicht ausmacht:

Vermessenheit ist vorhanden, wenn man entweder beim Streben nach der ewigen Glückseligkeit zu sehr auf die eigenen Kraft vertraut oder Dinge von Gott hofft, die er nach seinen Eigenschaften nicht geben kann oder nach der von ihm fest gesetzten Ordnung nicht geben will.

Durch Vermessenheit sündigt daher, wer hofft, den Himmel durch eigene Kraft erlangen zu können oder einzig auf die Verdienste Christi hin ohne gute Werke; ebenso wer hofft, Gott werde ihm helfen bei Ausführung eines Verbrechens usw., endlich wer sündigt aus dem Grunde, weil Gott barmherzig ist.

Keine Vermessenheit ist es, zu sündigen mit der Hoffnung auf Verzeihung, weil in einem solchen Falle die Ursache der Sünde die menschliche Schwäche ist, nicht aber die Hoffnung auf Verzeihung. Selbst in dem Falle, in welchem jemand nicht so leicht sündigen würde, wenn die Hoffnung auf Verzeihung ihm nicht vorschweben würde, ist dieser Umstand nicht Ursache, sondern nur Gelegenheit zur Sünde. – Ebenso ist es keine Vermessenheit, wenn man dieselbe Sünde öfters begeht, weil es gerade so leicht ist, sich über viele wie über eine einzige Sünde anzuklagen, oder wenn man die Buße verschiebt in der Hoffnung, später auch noch beichten zu können. Wohl aber kann man dabei sündigen gegen die christliche Selbstliebe.“****

Der hl. Thomas schreibt in ähnlicher Weise zur Vermessenheit (Hervorhebung von mir):

„Denn wie es falsch ist, daß Gott den Reuigen nicht verzeiht; so ist es desgleichen falsch, daß er den Sündern, die sich nicht bessern wollen, verzeiht und daß er denen, die nichts Gutes tun, die Seligkeit gibt.

Also ist das freventliche Vornehmen [die Vermessenheit] Sünde; aber nicht eine so große wie die Verzweiflung. Denn Gott entspricht es mehr zu verzeihen und sich zu erbarmen, wie zu strafen; da Jenes Gottes Wesen an sich zukommt, Dieses aber auf Grund unserer Sünden. […]

II. Nicht daß jemand zu viel von Gott hofft, ist die Sünde des freventlichen Vornehmens; sondern daß er das hofft, was sich für Gott zu geben nicht geziemt. Das ist aber eigentlich weniger hoffen; denn das heißt die göttliche Kraft vermindern.

III. Sündigen mit dem Vorsatze, in der Sünde zu bleiben gestützt auf die Hoffnung der Verzeihung heißt ‚freventliches Vornehmen‘. Sündigen aber mit dem Vorsatze, von der Sünde sich später zu enthalten, sie zu bereuen und so Verzeihung zu erhalten, vermindert das Sündhafte; denn dies macht offenbar, daß der Wille wenig gefestigt ist in der Sünde.“ (Summa Theologiae II/II 21,2)

(Gut ist natürlich auch letzeres nicht; und man weiß ja nicht, ob man noch die Gelegenheit zum Bereuen haben wird. Aber es ist dann nicht die eigenständige Sünde der Vermessenheit.)

 

Diese Gleichgültigkeit, Verzweiflung und Vermessenheit sind nicht nur Sünden und bringen Schuld mit sich, sondern können auch Anlass zu Sünden werden und Gefahren mit sich bringen – sie senken die Hemmschwelle ab, andere Sünden zu begehen. Wenn jemand meint, der Himmel sei egal, er käme sowieso in den Himmel oder er käme sowieso nicht in den Himmel, wird er leichter andere Dinge tun, die gegen Gottes Gebote verstoßen.

Hier würden viele jetzt vermutlich den (von Luther geprägten) Einwand vorbringen: Aber ist es nicht schlecht, wenn das Gute nur aus Hoffnung auf Lohn oder Furcht vor Strafe getan wird? Wäre es nicht besser, ganz ohne selbstsüchtige „Hintergedanken“ Gottes Geboten zu gehorchen?

Die Antwort ist ganz einfach: Es geht hier nicht darum, etwas nur aus Hoffnung bzw. Furcht zu tun, sondern  Hoffnung und Furcht können hilfreiche motivierende Faktoren dafür sein, etwas zu tun, von dem einem bewusst ist, dass es das Richtige ist. Und moralisch verurteilenswert sind diese Motivationen gerade nicht, weil es völlig in Ordnung – und sogar gut ist – für sich selbst (wie für alle anderen) etwas Gutes zu wünschen (auch wenn es noch bessere Motivationen gibt). Und diese Art von Hoffnung und Furcht beruhen schließlich, wie gesagt, auch darauf, dass man weiß, dass Lohn und Strafe, die Gott austeilt, gerecht und verdient sind (der Lohn ist natürlich immer mehr, als jemand verdienen kann, aber die Leser verstehen schon, was ich meine), und darauf, dass man seinen ausdrücklichen Zusagen vertraut.

Im nächsten Teil zur Gottesliebe und den Sünden gegen sie.

 

* Aus: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.

** Ebd.

*** Wenn man es ausdrücklich tun will, kann ein Gebet wie das folgende helfen: „Herr und Gott, ich hoffe, dass ich durch deine Gnade die Vergebung aller Sünden und nach diesem Leben die ewige Seligkeit erlange. Denn du hast das versprochen, der du unendlich mächtig, treu, gütig und barmherzig bist. In dieser Hoffnung will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)

**** Aus: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.

Ein paar Gedanken zum verlorenen Sohn

Ein Gastbeitrag von Nepomuk.

 

Wir kennen das Gleichnis vom Verlorenen Sohn; fast, möchte ich sagen, kennen wir es zu gut, wir interpretieren immer gleich sofort, haben sofort ein Bild vor Augen: was wohl für den Hausgebrauch vielleicht auch genügt; aber es lohnt sich dennoch, sich das einmal genauer anzuschauen.

Als Vorbemerkung sei gesagt: Unser Heiland hat das Gleichnis als Gleichnis erzählt; wir brauchen nicht glauben, daß die vorkommenden Personen gelebt haben: aber auch wenn wir ein Buch Unterhaltungslektüre lesen, wenn wir den Herrn der Ringe lesen, wenn wir, sagen wir, Father Brown lesen, dann sagen wir ja auch: Die Personen in der Geschichte verhalten sich so und so; das entspricht ihrem Charakter, das wieder nicht und so weiter. Springen wir also für diesesmal nicht sofort zu Interpretationen nach dem Motto: der Vater ist natürlich Gott usw. Die Interpretationen kommen dann schon noch! Im übrigen: der Erzähler dieses Gleichnisses ist unser Heiland, der allwissende Herrgott, selbst – so unwahrscheinlich ist das Verhalten der Beteiligten im realen Leben dann auch wieder nicht, daß Er, der von jeder einzelnen Bauernfamilie, die seit der Schöpfung auf Erden gelebt hat, über jeden Augenblick ihres Lebens Bescheid weiß, nicht einen tatsächlich vorgekommenen Fall aus Seinem allwissenden Gedächtnis hervorgekramt haben könnte. Wir wissen das nicht, aber es könnte immerhin sein.

Zäumen wir einmal das Pferd von hinten auf. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn war, wie gesagt, immer populär unter den Katholiken – der ältere Sohn wird gerne vergessen, aber da komme ich noch darauf – und mancherorts kommt er ja als ziemlich sympathische Figur herüber. Verschwendung ist eine Sünde, aber es ist bei weitem weder die schlimmste noch die unsympathischste Sünde. Die reiche Geizhals ist, und ist in Teilen zu Recht, eine verhaßte Figur; der Prasser, auch wenn einige Moralisten (die nicht notwendig, Verschwendung ist ja tatsächlich eine Sünde, aber doch in einigen Fällen selbst des Neides schuldig sind) keine Gelegenheit auslassen, den Abstand durch ihren Tadel zu verringern, gibt doch eine viel sympathischere Figur ab. Und im Englischen heißt unser Verlorener Sohn denn auch nicht „der Verlorene Sohn“ (the Lost Son), sondern „der Verschwenderische Sohn“ (the Prodigal Son), und wer, der etwa gerne seine wohlverdiente entspannende Unterhaltung in geselliger Runde in Irish Pubs verbringt, könnte dabei nicht an ein berühmtes Lied denken, das den Verlorenen Sohn zum Protagonisten hat?

I’ve been a wild rover for many’s the year
and I’ve spent all my money on whiskey and beer.
But now I’m returning with gold in great store
and I never will play the wild rover no more.
– I’ll go home to my parents, confess what I’ve done
and I’ll ask them to pardon their prodigal son.
And when they’ve caressed me as oft times before
I’ll never will play the wild rover no more
and it’s: no!! nay!! Never!! – !!!!
no, nay never, no more
will I play
the wild rover;
no, never!
no more.

Zu deutsch: Ich war viele Jahre lang ein wilder Herumtreiber und habe all mein Geld für Whiskey und Bier ausgegeben. Aber nun kehre ich heim mit jeder Menge Gold und werde niemals mehr den wilden Herumtreiber spielen. Ich geh heim zu meinen Eltern, bekenne ihnen, was ich getan habe, und bitte sie, ihrem Verschwenderischen (bzw. Verlorenen) Sohn zu vergeben. Und wenn sie mich umarmt haben wie so oft zuvor, dann werde ich nie mehr den wilden Herumtreiber spielen. An der Nord – See – Küste…. Am plattdeutschen Strand – halt, falsches Lied, Humoreinlage. Also, der Refrain heißt: Und ich sag: nein! Keineswegs! Niemals! Nein, nein, niemals nicht mehr spiele ich den wilden Herumtreiber, nein niemals nicht mehr.

Das ist natürlich nicht die Situation im Gleichnis, darauf komme ich noch. Aber er ist doch ganz sympathisch, nicht, unser Verlorener Sohn?

Natürlich: das irische Volkslied stellt ihn so dar, wie er sich das wohl vorgestellt hätte; nicht, wie es tatsächlich gekommen ist. Aber sind diese Wünsche so verquer? Er will endlich von zu Hause ausziehen. Kann man das nicht auch als Vater – vielleicht sogar als Mutter – nachvollziehen? (Es ist übrigens interessant, daß die Mutter im Gleichnis nicht vorkommt. Ich weiß es nicht, aber ist vielleicht die Mutter der Grund, warum er, bei aller Liebe zu ihr, herauswill: daß er bei aller Liebe zu ihr sich denkt, er ist zu alt, um noch bemuttert zu werden?) In den Märchen ist es oft so, daß ein Vater seine (meistens drei) Söhne um sich versammelt, sie seien jetzt alt genug, um loszuziehen und in der Welt ihr Glück zu machen. Wollte unser Verlorener Sohn auch in die Welt, um sein Glück zu machen? Und ist es nicht naheliegend anzunehmen, er hätte es sich eben auch so vorgestellt, dann eines Tages als erfolgreicher Geschäftsmann, Erfinder oder was weiß ich, als young professional mit abgeschlossenem Studium (wenn es damals schon Universitäten gegeben hätte) mit jeder Menge Geld zurückzukehren, „ich hab’s geschafft“ zu sagen, um Verzeihung zu bitten für das eine oder andere böse Wort, das bei der Trennung gefallen sein mag (ich komme noch drauf) und dann in seine liebende Familie zurückzukehren? Und brauchte er für seinen Einstieg in die wirtschaftliche Welt nicht Startkapital?

Und warum nicht – in der Zwischenzeit durchaus auch freigiebig sich selbst gegenüber sein, gerne Wein, Bier, Schnaps (wenn es den damals schon gegeben hat), Zigaretten (wenn es die damals schon gegeben hätte) zu kaufen, ausgiebige Mahlzeiten usw. zu sich zu nehmen, ohne, daß jeden Augenblick jemand Erziehungsberechtigtes von außen hineinschaut und ihm sagt, hier geht’s aber ein bißchen zu weit, reiß dich zusammen, benimm Dich usw.?

Er ist dann mit alledem ein bißchen weitgegangen. „Er führte ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“ Das hat der Heiland in seinem Gleichnis gesagt; es gehört also zur Geschichte hinzu. Und auch dies ist nicht abwegig vorzustellen: wenn das Auge der Erziehungsberechtigten, der Bekannten usw. weg ist und man mit sich – zunächst legitim – etwas großzügiger umgeht, als man es unter Aufsicht täte, wie es sicherlich jede Menge junger Menschen auch heute, die etwa für ein Studium in die Großstadt ziehen, tatsächlich tun, daß dann der eine oder andere, wie man es nennt, „abdriftet“, wenn die größere Freiheit dazu führt, daß man auch die Grenzen, die beim anständigen Menschen die Moral der Freiheit setzen würde, überschreitet? Der jüngere Bruder, der vermutlich schon als Kind etwas großzügiger behandelt wurde als der ältere, das kommt häufig vor, „führte ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“

Das war falsch. Da müßte er (würden wir seit der Gründung der Kirche sagen) dafür beichten gehen.

Dennoch bemerken wir, daß unser jüngerer Sohn anscheinend auf die ganz schiefe Bahn nicht geraten ist. Sein älterer Bruder (und diesmal nicht der allwissende Erzähler des Gleichnisses – im wörtlichen wie im literaturtheoretischen Sinn) behauptet, daß er das Vermögen unter anderem „mit Dirnen durchgebracht hat“. Anders als beim zügellosen Leben generell wissen wir aber nicht, ob denn auch das gestimmt hat, ob er wirklich (wie man es sich vielleicht durchaus als im Bilde und lebensecht vorstellen kann) leichten Mädchen, die er mit seinem Charme (den er vermutlich hatte) bezirzt hatte und die sich ihm körperlich hingegeben hatten, reichlich Geschenke gemacht hat, ob er vielleicht gar (wie ich mir persönlich eher weniger vorstellen kann) Bordelle aufgesucht hat, oder ob das alles vielleicht bloß der Phantasie seines älteren Bruders entspringt, der gerne bereit ist, diesem Ausreißer, da er nun einmal schon ausgerissen ist, da er sich dabei (ich komme noch darauf) unmöglich gegen seine Eltern aufgeführt hat, da er nun einmal offensichtlich sein Vermögen tatsächlich verschleudert hat, bezüglich der Art-und-Weise dieses Verschleuderns auch noch jede beliebige Schandtat zu unterstellen.

Trotzdem beobachten wir auch hier, daß zum einen unser Heiland es für notwendig befindet – und in den Gleichnissen unseres Herrn ist nichts überflüssig – festzustellen: „Eine Hungersnot kam in das Land.“ Er hat sein Vermögen verschleudert, aber daß es ihm nachher so schlecht geht, daran sind teilweise auch die Umstände schuld. Auch das kommt in ähnlichen Fällen natürlich zumeist tatsächlich genau so vor. Wir stellen zum anderen fest: in jeder 08/15-moralischen Warngeschichte der Fräulein Rottenmeiers und Sidonie von Grasenabbs dieser Welt wäre er dann, um die üblichen Redewendungen zu gebrauchen, „auf die schiefe Bahn geraten“, hätte eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen. Nun spielt aber, bei allem Respekt vor den Fräulein Rottenmeiers und Sidonie von Grasenabbs dieser Welt, unser Heiland in einer anderen Liga. Der verlorene Sohn mag ein Verschwender, ein Säufer, vielleicht ja tatsächlich gemäß den Vorwürfen seines Bruders auch ein Hurenbock gewesen sein; ein Krimineller ist er nicht, und er wird es auch nicht.

Er „ging zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn auf das Feld zum Schweinehüten“. Es wird präzise notiert, daß er gerne „seinen Hunger gestillt hätte mit den Futterschoten, die die Schweine fraßen“ – in anderen Bibelübersetzungen: mit den Trebern, d. h. mit den Preßrückständen von Trauben, keine gute Nahrung, aber doch eine, die Menschen tatsächlich essen könnten und die vielleicht nicht ausgeben, aber das unmittelbare Hungergefühl stillen könnte – „aber niemand gab ihm davon“. Er läßt sich also nicht einmal dazu herab, seinem Chef, der es sich herausnimmt, trotz Hungersnot Schweine (die anders als grasfressende Rinder mit Futter gefüttert werden müssen, das der menschlichen Nahrung dann fehlt) zu halten und seinem Angestellten nicht einmal so viel zu essen zu geben, daß er keinen Hunger leiden muß, um ein paar Handvoll Schweinetreber pro Tag zu bestehlen!

(Schweinehirt war ein unreiner Beruf; Schweine waren unter dem Alten Testament unrein, und wer mit ihnen Umgang hatte, machte sich unrein. Aber in rituelle Unreinheit zu geraten, war, obwohl es ein Jude normalerweise natürlich nicht wollte, nicht an und für sich eine Sünde, und solange das Schwein nicht oder nur zufällig an Juden verkauft werden würde, war er auch nicht an einer Sünde beteiligt: das Alte Testament galt in seinen Ritualbestimmungen eben nur für Juden. Was ich damit sagen will: auch das Schweinehirtsein war nicht ein krimineller Beruf.)

Er sitzt jetzt also bei seinen Schweinen auf dem Feld und hat Hunger. Da denkt er sich: „Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um.“ Das hat er sich vermutlich schon die ganze Zeit gedacht, zumindest seit sein Vermögen futsch war und die Hungersnot begonnen hat. (Wir wissen nicht, wie lange diese Zeitspanne gedauert hat. Der Natur der Sache entsprechend wohl durchaus etwas länger; unser Heiland als Erzähler faßt hier zusammen.) Und nun kommt es zur großen, mutigen Entscheidung: „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen.“

Eine mutige Entscheidung, ja. Aber – so denke ich – nicht deswegen, weil er befürchtet hatte, sein Vater würde ihn in der Luft zerreißen (wie manche Prediger diese Stelle dem Tonfall nach interpretieren). Er weiß sehr wohl, daß bei seinem Vater sogar für die Tagelöhner (in einem Zeitalter vor Gewerkschaften und Mindestlöhnen) ausreichend gesorgt ist: seinen Vater mag er allgemein als streng in Erinnerung haben (wir wissen es nicht), ein Unmensch jedenfalls ist er nicht, und das weiß er auch. Auch wenn das Alte Testament in seinen Justizialbestimmungen tatsächlich, als ultima ratio, vorsah, daß Eltern, deren Kind ihnen den Gehorsam verweigerte, den Konflikt auf die staatliche Ebene (wir würden heute sagen: zum Jugendamt) eskalieren konnten, das dann für Bestrafung (die Todesstrafe nämlich) sorgen konnte, und dies nach dem Wortlaut anscheinend vor allem für Verschwender und Säufer vorgesehen war (Dtn 21,20) – das betraf Kinder, die nicht hörten. Er hört ja jetzt. Und auch wenn die Väter vergangener Zeiten strenger gewesen sein mögen als die Väter es heutzutage sind: so sehr ändern sich die Gefühle von Eltern für ihre Kinder in der Menschheit nicht. Eltern lieben ihre Kinder im allgemeinen, auch unverdient; sie tun es heute, sie taten es damals. Unser verlorener Sohn wird kein Trottel gewesen sein; er wird das gewußt haben.

Wovor er Angst hatte – ich weiß es natürlich nicht; aber ich glaube fast, er hatte Angst davor, daß sein Vater genau so reagieren würde, wie er dann tatsächlich reagiert hat.

Güte und Barmherzigkeit kann etwas Beängstigendes haben.

In Dürrenmatts Frank dem Fünften ruft eine Verbrecherin am Schluß den Staatspräsidenten an, gesteht ihre Verbrechen und sagt: „Ich fordere Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, auch wenn sie mich vernichtet.“ Worauf dann der Staatspräsident sagt: Gerechtigkeit? Mit Gerechtigkeit kann man einem kleinen Dieb, vielleicht auch einem kommen, der ein paarmal gemordet hat. Aber derart umfassende und entsetzliche Verbrechen, wie sie sie begangen hätte – „das hieße ja am Gerüst der Welt rütteln“ (oder so), wenn man da mit Gerechtigkeit käme. Deshalb wird sie dann letztlich begnadigt und in ein komfortables Altenteil geschickt. (Der Dürrenmatt-Kenner wird Querverbindungen zu Romulus dem Großen sehen, aber ich schweife ab.)

Ich hab‘ mir die Suppe eingebrockt, jetzt muß ich sie auch auslöffeln – aber mit dem Auslöffeln muß es dann bitte auch sein Bewenden haben. „Ich fordere Gerechtigkeit, auch wenn sie mich vernichtet“ – aber, ich sagte bereits, unserer jüngerer Sohn ist kein Dummkopf. Er ist ein Sünder, auch ein schwerer Sünder (im Sinne des terminus technicus), aber keiner von der ganz verderbten Sorte. Er hat sein Vermögen nicht geraubt, nicht gestohlen und nicht erschlichen, sondern geerbt (wenn auch – aber darauf komme ich noch); er hat es verloren, das ist sein Risiko gewesen, er wußte das, und nun hat er es eben nicht mehr. Das ist auf unverantwortliche Weise geschehen; aber hat er damit auch mehr als sein Vermögen verloren? Schlimm genug, das dann aber nicht, denkt er. Er ist, jedenfalls im wirtschaftlichen Sinne, nicht mehr der Sohn seines Vaters, soll heißen: er hat keinen Anteil am Familienbetrieb mehr: aber damit – so denkt er – müßte es dann sein Bewenden haben. Er ist immer noch ein Mensch, der, mag er auch als Kind des Chefs aufgezogen worden sein, durchaus fähig ist, geduldig, in Unterordnung und mit Einsatz zu arbeiten; und diese Arbeit würde Lohn verdienen. Und Arbeit wird auf dem väterlichen Bauernhof durchaus auch gebraucht – wäre das nicht so, denken wir uns, wäre es zu diesen (zugegeben:) abscheulichen Szenen bei seiner Abreise wohl gar nicht erst gekommen.

Gut, denkt er sich also in durchaus treffender Erörterung: die Sohnschaft (wenn wir diesen theologisch aufgeladenen Begriff gebrauchen wollen) habe ich verspielt; aber warum sollte ich dann bei mir zu Hause weniger sein als ein Tagelöhner? Meine Arbeitskraft habe ich ja noch; warum sollte sie mein Vater weniger schätzen als die eines wildfremden Arbeitssuchenden, die er ja auch einstellt? Er legt sich schon einmal das Sprücherl zurecht, mit dem er bei seinem Vater wieder aufkreuzen könnte: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“

Der überfliegende Leser denkt sich in der Regel, das ist eins von zwei Alternativen: entweder eine notwendige Abwehrmaßnahme gegen damals viel strengere und im Bestrafen grausamere Eltern, oder, aus mehr heutiger Perspektive, ein frömmlerisches Getue, das ihm gleich um die Ohren fliegt, wenn er daheim ankommt. Ich selber hätte als Kind meine Eltern auf keine Weise mehr entsetzen können, als wenn ich mich getraut hätte, mit solch einem Sprücherl daherzukommen.

Aus den geschilderten Gründen denke ich, daß das eben nicht so war: es ist eine präzise Schilderung des Sachverhalts und auch eine präzise Schilderung dessen, was er vorhat – beziehungsweise, was er momentan noch erwägt, sich noch nicht ganz entschlossen hat, zu tun. Er will heimkehren, ja; aber er will seinem Vater sagen: Dein Vermögen habe ich in den Sand gesetzt und mich obendrein wie ein Verräter gegen dich und damit auch gegen Gott und das Naturgesetz, die uns befehlen, unsere Eltern zu lieben, benommen („ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“). Aber ich bin noch da; und ich kann immer noch arbeiten. Als Arbeiter geht es mir nirgendwo so gut wie hier; aber auch du wirst an deinem eigenen Sohn (wenn ich mir diesen Ehrentitel auch nicht mehr zuschreiben mag) auch einen guten Arbeiter haben. „Mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“

Warum übrigens „gegen den Himmel und gegen dich versündigt“? Nun, wir lesen dazu die Einleitung des Gleichnisses. „Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land.“ Die Einheitsübersetzung der Bibel merkt in einer Fußnote an „das Vermögen des Vaters schon zu dessen Lebzeiten zu fordern, war erlaubt, galt aber als unschicklich.“ Und da tun sich dann schon Abgründe auf. Wenn einer sagt: „Vater, nimm’s mir nicht böse, aber ich will in die Welt ziehen und mein Glück machen. Kann ich dafür Geld haben?“ – das können wir nachvollziehen, das würden wir im allgemeinen auch verteidigen. Aber nichts dergleichen. „Gib mir das Erbteil, das mir zusteht“. Eines Tages wirst Du eh den Radieschen von unten beim Wachsen zusehen, dann gehört das alles meinem Bruder und mir. Da kann ich mein Geld dann schon gleich jetzt haben. Rück die Kohle heraus – ich darf das fordern, und daß das angeblich „unschicklich“ ist, sowas geht mir doch sowieso am Hinterteil vorbei.

Da wir gerade eben durchaus versucht haben, es hatte sich eben so ergeben, die Handlungen des verlorenen Sohnes in einem doch recht positiven Licht zu sehen (ohne über seine Fehler hinwegzusehen), könnten wir geneigt sein zu sagen: Dem ist bestimmt eine längere Geschichte vorausgegangen, er hat zuerst ganz höflich vorgesprochen, der Vater hat das dann verweigert, vielleicht mit dem Verweis auf die Ernte, vielleicht mit dem auf die Aussaat, vielleicht mit dem darauf, daß sein Taschengeld doch durchaus bereits ein Lohn für seine Arbeit auf dem Hofe darstellen würde, vielleicht würde er es noch etwas erhöhen, aber dann solle er erst dann abziehen, wenn er genügend eigenes Geld gespart hätte usw. Und der jüngere Sohn wird dann über solche Hinhaltetaktik immer wütender, bis er schließlich sagt: Dann scheiden wir eben im Unfrieden, und ich darf das Erbteil ja fordern (nach damaligem Recht; heute dürfte man das nicht) – wofür man ihn immer noch kritisieren könnte, aber was dann wenigstens als provoziert gelten dürfte. Wenn sein Vater dann später zu seinem älteren Sohn sagt, „alles, was mir gehört, gehört dir“, also jetzt schon, dann hätte eben auch er dazugelernt.

An dieser Stelle würde ich aber doch das Ganze mit dem Salz der offensichtlichen Interpretation würzen. Das Gleichnis vom Verlorenen Schaf unmittelbar davor endet mit „Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der umkehrt“. Der Vater soll hier offensichtlich Gott repräsentieren; und Gott lernt nicht dazu, er ist von Ewigkeit her allweise. Daraus folgt dann, daß er zu seinem jüngeren Sohn auch schon „alles, was mir gehört, gehört dir“ gesagt hätte, wie er es später zu dem älteren tut.

„Alles, was mir gehört, gehört euch“ – wenn das die Maxime des Vaters ist, warum bittet ihn der jüngere Sohn dann nicht einfach um ein Startkapital (das übrigens nicht gleich die Hälfte des Erbes sein muß, auch mit weniger dürfte man sowohl in eine Geschäftsidee oder was es auch immer war, investieren können, und auch das eine oder andere Bier dürfte dabei herausspringen)? Er hätte es doch wohl bekommen? Es wäre vielleicht etwas weniger gewesen als die Hälfte des Vermögens – aber wäre es das nicht wert gewesen, mit seiner Familie im Frieden zu bleiben? Hätte er nicht auch um Nachschüsse bitten können? War ihm die Hoffart des „ich fordere nur, was mir zusteht“ wirklich wert, die Kontakte zu seiner Familie abzubrechen?

„Ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“ – wohl wahr. Und umso mehr, als es nicht nötig gewesen wäre. Wir sind ja manchmal in Versuchung, Sünden zu tun, um gewisse Güter widerrechtlich zu erlangen, die wir sonst nicht erlangen könnten. Aber das ist nicht das Wesen der Sünde. In der gefallenen Welt müssen wir manchmal auf Dinge verzichten, die wir durch Sünde bekommen könnten, weil es keinen ehrlichen Weg gibt, sie zu erlangen; aber das geschieht accidentialiter: die Sünde als Sünde wird gerade dann besonders erkennbar, wenn wir dasselbe Gut durchaus hätten erlangen können, und auf legitimem Weg hätten erlangen können, aber den verbotenen Pfad vorziehen. Wenn – um nur zwei Beispiele zu nennen – ein Mensch sich in emotionaler Situation mit einer Gotteslästerung Luft macht, obwohl er genausogut „Herrschaftszeiten“ hätte sagen können oder „Jesus, Maria und Josef“ in frommem, wenn auch ein wenig informellem Gebet anrufen hätte können. Oder: Wenn ein Mensch gefragt wird, wo Hans Müller gerade ist, von einem, der das nicht wissen darf, und „ich weiß nicht, wo Hans Müller ist“ lügt, statt einfach „ja, der Hans Müller, wo der wohl ist“ zu sagen (was keine Lüge ist). – Es wäre so einfach gewesen, anständig zu bleiben, einfach ein bißchen die Liebe zu seinen Eltern bewahren, und sogar ohne dadurch sonst schlechter gestellt zu sein: die Sünde bringt nie einen Vorteil, im Angesicht der Ewigkeit sowieso nicht, aber sehr häufig nicht einmal kurzfristig; trotzdem wird sie getan. Das hat unsere gefallene Welt so an sich; und das ist auch der Grund, warum die Klugheit die erste Kardinaltugend ist.

Es ist insofern auch gar nicht so erstaunlich, wenn unser Verlorener Sohn, da er klug wird, zunächst an das ausreichende Essen der Arbeiter seines Vaters denkt, was viele Prediger ja sehr erstaunt. Dieser Gedankengang ist legitim; man kann das fast nicht genug betonen: aber er ist letztlich auch im tiefsten zur Sache gehörend, was vielleicht nicht so selbstverständlich ist. Gott will, daß es uns gut geht – was übrigens die Fastenzeit und andere Askese einschließt, die wir ja deswegen auf uns nehmen, um für das noch größere und noch angenehmere Gut, in der Nähe Gottes zu sein, freier sein zu können (und, warum nicht, als Nebeneffekt auch, um die Gaben Gottes besser wertschätzen zu können). Der Teufel hingegen will, daß es uns schlecht geht. Gott will uns Gutes, der Teufel Böses – auch materiell! Auch wenn in der gefallenen, wenn in der erlösten, aber von der Sünde noch gezeichneten Welt diese Verhältnisse bisweilen nicht klar erkennbar sind.

Aber kehren wir zu unserem Verlorenen Sohne zurück, nicht wahr? Er wird, jetzt endlich, klug. Die Sünde ist einmal geschehen, sie ist in der Welt, ob ich ihr nun aus dem Weg laufe oder nicht. Er entscheidet sich also, zu seinem Vater zurückzugehen, seinen Zustand anzuerkennen als nicht mehr würdig, sein Sohn zu heißen (da er die Verbindungen abgebrochen hatte), um dort dann als Tagelöhner zu arbeiten.

Und dann, endlich, tut er’s. Wir halten fest, daß in diesem Fall die Initiative von ihm, interpretativ gesagt also vom Sünder, ausgeht. „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen“, er hat also wohl Ausschau gehalten; aber er hat eben Ausschau gehalten. Hier unterscheidet sich das Gleichnis ein wenig vom vorgehenden Gleichnis vom Verlorenen Schaf, wo der Hirt ganz allein aufbricht, um das Schaf zu suchen, wo die Initiative allein vom Hirten ausgeht. Es ist natürlich eine theologische Wahrheit; die Begnadigung geht immer von Gott zuerst aus (wenn wir also die Interpretation hineinlaufen lassen, dann hat unseren Verlorenen Sohn fern des Landes im Schweinestall schon der Strahl der Gnade getroffen); aber es ist die Rolle der Mitwirkung mit der Gnade, die dieses Gleichnis in den Mittelpunkt stellt. Vielleicht ist es deswegen, daß das Gleichnis vom Verlorenen Schaf zusammen mit dem von der Verlorenen Drachme an einem Sonntag nach Pfingsten, in der Heilig-Geist-Zeit, verlesen wird, während der Platz des Verlorenen Sohnes in der Fastenzeit (im alten Ritus am Samstag nach dem 2. Fastensonntag) ist. Die Fastenzeit nämlich gibt es für die, die bereits Christen sind, und für die Katechumenen, die sich bereits auf den Weg zur Taufe gemacht haben, sich bereits in die Kirche eingeschrieben haben und nun ihre letzten Schritte zurücklegen, bis sie – an Ostern – mit der Taufe ins Haus des Vaters zurückkehren. Und eben für uns arme Sünder, die wir es auch nötig haben, uns zu bekehren oder uns zumindest, nachlässig geworden, wieder am Riemen zu reißen, um ins Haus des Vaters entweder auch zurückzukommen oder zumindest unsere Beziehung zum Vater zu erneuern.

Er kommt daheim an, und während er sein Sprücherl aufsagt, denkt sich der Vater so: „bla bla bla“ und ignoriert das ganze; dann sagt er den Knechten, sie sollen ihn in allen Ehren wieder als Sohn aufnehmen und ein Fest feiern. Genau das, wenn meine Theorie stimmt, was er gefürchtet hatte; aber immerhin, er fährt ihm nicht über den Mund, er läßt ihn sein Sprücherl noch aufsagen … und auf einmal stellt sich heraus, daß auch die Versöhnung nicht so schlimm ist wie befürchtet. Es gibt einen Kalbsbraten, es gibt Wein (nehmen wir an), und ob nun die Geschichte mit dem Hurenbock stimmt oder nicht, vielleicht werden auch Mädchen aus der Nachbarschaft eingeladen, mit denen er sich auf keusche Weise unterhalten und von denen er vielleicht einmal eine zum Altar führen kann.

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(Jacopo Bassano, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Gemeinfrei.)

Und jetzt müssen wir uns natürlich die Geschichte mit dem älteren Sohn anschauen. „Ein Mann hatte zwei Söhne“, geht unser Gleichnis ja los. Der ältere Sohn wird volkstümlich gerne vergessen; im Wild Rover kam er gar nicht vor. Wo man an ihn denkt, so schimpft man entweder (gern auf liberaler Seite) über seine Engstirnigkeit, die man gerne mit der (angeblichen) Engstirnigkeit derjenigen in der Kirche vergleicht, die nicht über das erstbeste sentimentale Argument in Häresien verfallen; oder aber (auf konservativer Seite) hat man so den Eindruck, hier sind Leute auf einem hoffnungslosen Verteidigungsposten und müssen erklären, wie sie mit dieser sie so offensichtlich verurteilenden Figur im Gleichnis zurechtkommen. „Ein Mann hatte zwei Söhne“ – wenn das Gleichnis so losgeht, dann ist vielleicht das sogar der Hauptpunkt im Gleichnis, zumal der Heiland es ja im Kontext den Pharisäern und Schriftgelehrten erzählt, die sich empören, daß der Heiland sich mit Sündern abgibt und sogar mit ihnen ißt (Lk 15,2). Die im alten Ritus diesem Evangelium vorangehende Lesung behandelt denn auch ein uns wohlbekanntes Brüderpaar des Alten Testamentes, Jakob und Esau.

Jakob – der jüngere – hat bei Esau einen schwachen Moment ausgenützt, um sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht abzuhandeln, und nachher hat er sich als Esau verkleidet, um den Segen seines Vaters zu erschleichen. Nun kann man das vielleicht verteidigen; das Erstgeburtsrecht hat Esau freiwillig verkauft, und wenn er sich hernach beim Segen vorstellt mit „Ich bin Esau, dein Erstgeborener“, dann hat er nur die Position eingenommen, die ihm auf Grund dieses Verkaufs tatsächlich zustand. (So erklären das die klassischen Theologen. Immerhin ist Jakob ein heiliger Patriarch.) Der offensichtliche erste Eindruck ist aber: eine Trickserei und nicht die feine Art war es jedenfalls. Und er, der jüngere, steht jetzt mit dem Erstgeburtsrecht und dem Segen da und wird belohnt, indem er der Stammvater des Volkes Israel wird – so wie der jüngere Sohn im Gleichnis mit der willkommenen Wiederaufnahme in das Vaterhaus, nachdem er sich gegenüber seinem Vater bei der Erbteilung grauenhaft benommen und dann das halbe Vermögen verpraßt hatte.

Der ältere nun geht her und sagt: „So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast Du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.“ (Wir bemerken nebenher: Man ißt Zicklein und dergleichen, aber Ziegenböcke, heißt es in einem älteren kulinarischen Werk, braucht man natürlich zur Ziegenzucht, doch als Speise werden sie sogar von den Armen verschmäht. Sie schmecken einfach nicht. „Nicht einmal einen Ziegenbock“ heißt also, daß er eben nicht einmal etwas in der Beziehung fast Wertloses bekommen hat.) Und: „kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn“ – vom Bruder ist nicht die Rede! – „der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat“ (ob das nun stimmt oder nicht), „da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet“.

Eine manifeste, für uns nur zu nachvollziehbare Ungerechtigkeit, die man eben so beantworten müßte, wenn Gott (wir interpretieren) großzügig sei, müßte man das eben hinnehmen und seinen Mund halten? Mit den Frommen kann’s Gott ja machen?

Aber der Vater gibt auf diesen Vorwurf auch eine Antwort, und es lohnt sich, diese Antwort genau zu betrachten.

„Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.“

Ist man etwas zu gewohnt, dies als bloße Beschwichtigung zu betrachten, dann könnte einem die enorme Bedeutung dieses Satzes entgehen. Recht verstanden tun sich hier also erneut Abgründe auf.

Da hat also der ältere Bruder jahraus, jahrein für den Vater geschuftet und niemals mit seinen Freunden ein Fest gefeiert – und warum? Weil ihn der Vater an der kurzen Leine gehalten hat? Mitnichten: „alles, was mein ist, ist dein“. Hätte er – nicht unbedingt mit einem Ziegenbock, aber vielleicht mit einem Lamm (oder bei uns, für die die jüdischen Speisegesetze nicht gelten: mit einem Spanferkel) mit seinen Freunden ein Fest feiern wollen – wenn alles, was seines Vaters ist, auch seines ist, dann hätte er sich einfach eines nehmen können.

Und wenn er das nicht gewußt hat – oder aus Höflichkeit – dann hätte er fragen können. Hätte ihm sein Vater, der „alles, was mein ist, ist auch dein“ sagt, ein Lämmchen verweigert? Unmöglich (es sei denn, er würde hier lügen; aber da der Vater hier für Gott steht, können wir das durch die Interpretation wieder ausschließen).

Auch der ältere Sohn, der seinen Vater für einen Knauser gehalten haben muß und obendrein sich selbst zu schade war, unverbindlich nach dem nachzufragen, wonach ihn sein Herz sehnte (und wenn es nur eine Party mit Freunden war), dieses sein Verhalten, das man für sich genommen ja sogar eine löbliche Verzichtsleistung (wenn auch nicht unbedingt eine der menschlichen Freude sehr förderliche) nennen kann, dann aber ohne jede Rechtfertigung als Forderung an alle seine Mitmenschen ausdehnt – er war zwar nicht verloren („mein Sohn, du bist immer bei mir“), aber zum besten hat es auch nicht gestanden. Ein Bild vielleicht für das, was ich oben erwähnt habe: nicht jeder muß sich im eigentlichen Sinne des Wortes in der Fastenzeit bekehren (denn im eigentlichen Sinne betrifft Bekehrung die Ungläubigen und die schweren Sünder), aber aufbrechen und in vollerer Form zum Vater gehen, das muß jeder. Und manchmal müssen wir auch solche sogar sehr gewichtige Dinge erstmal noch neu lernen. Und sei es nur, daß (wenn wir wieder interpretieren) das Beim-Vater-Sein, also Bei-Gott-Sein, an sich schon genug ist, um jeden Verzicht (auch solchen, den man sich irrtümlich auferlegt, weil man denkt, daß der Vater strenger ist, als er tatsächlich ist) überreichlich aufzuwiegen.

Nebenbei: wird nun unser jüngerer Sohn, trotz Mastkalb und Ring am Finger, tatsächlich zum Tagelöhner oder doch angestellten Mitarbeiter? „Alles, was mein ist, ist dein“, sagt der Vater ja zum älteren. – Dies scheint mir nur dadurch auflösbar, daß es eben ein Gleichnis ist, das den Himmel zum Inhalt hat, und hier fängt der Vergleich eben zum Hinken an. Beim irdischen Vorgang endet entweder der jüngere Sohn als angestellter, gewiß hochgeschätzter, mit dem Ehrentitel „Sohn“ wieder belegter Mitarbeiter, der aber keinen Anteil, auch nicht als zu erwartendes Erbe, mehr hat, da dieser schon verspielt ist – oder aber der ältere Sohn muß doch von seiner Hälfte wieder eine Hälfte weggeben:

Hier aber geht es um den Himmel. Wenn man unendlich durch zwei teilt, kommt wieder unendlich heraus, sagt schon der Mathematiker. Was der Mathematiker nicht sagt, was in bezug auf den Himmel aber stimmt, ist das Sprichwort: geteilte Freude ist doppelte Freude. Der Himmel ist an sich schon himmlisch, und nichts kann das wesentliche Element der Glorie, die Gegenwart Gottes, auch nur annähernd aufwiegen. Aber mit jeder Seele mehr, die in der Glorie lebt, mit der man die Freuden des Himmels teilen kann, wird er – man gestatte die Ungenauigkeit im Ausdruck – noch ein bißchen himmlischer.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4a: Das 1. Gebot – was die Tugend des Glaubens praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Anmerkung: Ab diesem Teil beginne ich mit der kleinteiligen Kasuistik. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich generell auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Adolphe Tanquerey (1854-1932) und Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im 3. Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

Eins ist beim 1. Gebot (ebenso wie beim 2. und 3.) zu beachten: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.

 

Erst einmal zur göttlichen Tugend des Glaubens. Sie erfordert manchmal das, was in der Moraltheologie als „Akt des Glaubens“ bezeichnet wird: Damit, einen „Akt des Glaubens zu setzen“ ist einfach gemeint, die Willensentscheidung für den Glauben zu treffen, sich bewusstzumachen, sich zu sagen: Gott, ich glaube an dich, du bist vertrauenswürdig; ich glaube dir das und das, was du offenbart hast.* Das ist immer mal wieder im Leben als Katholik nötig, weil der Glaube die Basis des Lebens und Handelns ist; oft tut man es schon automatisch einschlussweise (z. B. wenn man das Glaubensbekenntnis in der Sonntagsmesse spricht, oder überhaupt, wenn man zu Gott betet). Insbesondere ist es nötig, diese bewusste Zustimmung zu Gottes Offenbarung zu erwecken: Wenn man als Ungetaufter erstmals zum Glauben kommt; wenn man als Getaufter allmählich alt genug wird, bewusste Entscheidungen zu treffen (die Kirche setzt dieses Alter etwa bei sieben Jahren an; der Glaube an sich wird einem schon bei der Taufe vom Hl. Geist „eingegossen“, aber auch wenn man das Glück hat, getauft zu sein, muss man später auch dazu ja sagen); wenn einem eine Glaubenslehre, die man vorher nicht kannte, bewusst wird und man sie annehmen muss; wenn man wieder zum Glauben zurückkommt, nachdem man eine Glaubenslehre geleugnet hat (Sünde der Häresie oder Apostasie, s. u.). Wie gesagt: Das tut man in der Regel schon automatisch.

Zum Glauben gehört es außerdem:

1) Den Glauben zu kennen. Es ist keine Pflicht für jeden Katholiken, ein gebildeter Theologe zu werden; es geht hier darum, grob zu wissen, was das eigentlich ist, woran man glaubt; was der Inhalt von Gottes Offenbarung, die man annimmt, ist. Die zentralsten Glaubensinhalte sind: Die Tatsache, dass es einen Gott gibt, der das Gute belohnt und das Böse bestraft; die Dreifaltigkeit; die Menschwerdung in Jesus. (Ein Erwachsener, der diese Glaubensinhalte nicht kennt, kann z. B. auf keinen Fall getauft werden.) Außerdem gibt es für den Katholiken die schwerwiegende Pflicht, sich einigermaßen zu informieren über (auch wenn es keine schwere Sünde ist, sie nicht perfekt auswendig zu kennen): das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, die Zehn Gebote, die fünf Kirchengebote, die Sakramente (zumindest Taufe, Beichte, Eucharistie, die zu empfangen manchmal vorgeschrieben ist; die anderen, wenn es daran geht, sie zu empfangen). Soweit das absolute Mindestmaß. Außerdem besteht die Pflicht, sich näher über den Glauben zu informieren, wenn man in der Gefahr ist, den Glauben zu verlieren.

2) Den Glauben zu bekennen. Das Bekenntnis des Glaubens ist prinzipiell dann verpflichtend, wenn das Schweigen oder eine ausweichende Antwort als Ableugnen des Glaubens verstanden werden würde; wenn man also z. B. vor einem Gericht gefragt werden würde, ob man katholisch ist, muss man eine klare Antwort geben. Die Verleugnung des Glaubens (durch Worte, Gesten, Handlungen, was auch immer, die einer Leugnung des Glaubens oder auch dem Bekenntnis eines falschen Glaubens gleichkommen würden) ist an sich eine schwere Sünde und niemals erlaubt – wirklich niemals. (Dem verdanken wir unsere ganzen heiligen Märtyrer.) Auch eine indirekte Verleugnung des Glaubens, durch Dinge, die nicht in sich selbst eine Ableugnung des Glaubens bedeuten würden, aber aufgrund der Umstände wie eine solche wahrgenommen werden, ist nie erlaubt.

Außerdem ist das Bekenntnis des Glaubens dann nötig, wenn die Ehre Gottes oder das Heil des Nächsten es dringend erforderlich machen. Ein Beispiel für eine Situation, in der es darum ging, durch das offene Bekenntnis des Glaubens ein „Ärgernis“ (s. dazu Teil 2) für den Nächsten zu vermeiden, bietet eine Geschichte aus dem 2. Buch der Makkabäer, das die religiöse Verfolgung der Israeliten durch die Griechen schildert, die sie zu Opfermahlzeiten mit Schweinefleisch zwingen wollten:

„Unter den angesehensten Schriftgelehrten war Eleasar, ein Mann von schon hohem Alter und sehr edlen Gesichtszügen. Man sperrte ihm den Mund auf und wollte ihn zwingen, Schweinefleisch zu essen. Er aber zog den ehrenvollen Tod einem Leben voll Schande vor, ging freiwillig auf die Folterbank zu und spuckte das Fleisch wieder aus, wie es jemand tun musste, der sich standhaft wehrte zu essen, was man nicht essen darf, auch nicht aus Liebe zum Leben. Die Leute, die mit dem gesetzwidrigen Opfermahl beauftragt waren und den Mann von früher her kannten, nahmen ihn heimlich beiseite und redeten ihm zu, er solle sich doch Fleisch holen lassen, das er essen dürfe, und es selbst zubereiten. Dann solle er tun, als ob er von dem Opferfleisch esse, wie es der König befohlen habe. Wenn er es so mache, entgehe er dem Tod; weil sie alte Freunde seien, würden sie ihn menschlich behandeln. Er aber fasste einen edlen Entschluss, wie es sich gehörte für einen Mann, der so alt und wegen seines Alters angesehen war, in lange bewährter Würde ergraut, der von Jugend an aufs Vorbildlichste gelebt und – was noch wichtiger ist – den heiligen, von Gott gegebenen Gesetzen gehorcht hatte. So erklärte er ohne Umschweife, man solle ihn ruhig zur Unterwelt schicken. Wer so alt ist wie ich, soll sich nicht verstellen. Viele junge Leute könnten sonst glauben, Eleasar sei mit seinen neunzig Jahren noch zu der fremden Lebensart übergegangen. Wenn ich jetzt heuchelte, um eine geringe, kurze Zeit länger zu leben, leitete ich sie irre, brächte meinem Alter aber Schimpf und Schande. Vielleicht könnte ich mich für den Augenblick einer Strafe von Menschen entziehen; doch nie, weder lebendig noch tot, werde ich den Händen des Allherrschers entfliehen. Darum will ich jetzt wie ein Mann sterben und mich so meines Alters würdig zeigen. Der Jugend aber hinterlasse ich ein edles Beispiel, wie man mutig und in edler Haltung für die ehrwürdigen und heiligen Gesetze eines guten Todes stirbt. Nach diesen Worten ging er geradewegs zur Folterbank.“ (2 Makk 6,18-28)

Eleasar ging es also darum, andere nicht dazu zu verleiten die Gebote der Tora zu verletzen, indem er ihnen den Eindruck gab, sich nicht dazu bekannt zu haben. (Übrigens ging es für ihn folgendermaßen weiter: „Da schlug die Freundlichkeit, die ihm seine Begleiter eben noch erwiesen hatten, in Feindschaft um; denn was er gesagt hatte, hielten sie für Wahnsinn. Als er unter Schlägen in den Tod ging, sagte er stöhnend: Der Herr weiß in seiner heiligen Erkenntnis, dass ich dem Tod hätte entrinnen können. Mein Körper leidet Qualen unter den Schlägen, meine Seele aber erträgt sie mit Freuden, weil ich ihn fürchte. Auf solche Weise starb er; durch seinen Tod hinterließ er nicht nur der Jugend, sondern den meisten aus dem Volk ein Beispiel für edle Gesinnung und ein Denkmal der Tugend.“ (2 Makk 6,29-31))

In so einer Situation hätten, wenn sie gemeint hätten, dass selbst ein Eleasar nicht am Glauben festhält, viele sich dazu verleiten lassen können, auch vom Glauben abzufallen; so etwas ist mit einer dringenden Gefahr für das Heil des Nächsten gemeint.

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(Gustave Doré, Das Martyrium des Schriftgelehrten Eleasar. Gemeinfrei.)

Hier in Europa werden die meisten Katholiken nicht in Gefahr sein, für ihren Glauben ermordet zu werden (wobei es auch da Ausnahmen geben kann, z. B. bei ex-muslimischen Konvertiten); Situationen, in denen sich die Frage stellt, ob/wie man zum Glauben stehen sollte, werden eher so aussehen wie: Man sitzt mit anderen zusammen, die nicht besonders kirchenfreundlich sind und mit denen man es sich eigentlich nicht verderben will; sie fangen an, sich darüber zu unterhalten, wie schlimm und mittelalterlich die katholische Kirche sei, da sie „immer noch“ keine Frauen weihe oder homosexuelle Paare traue, und überhaupt wisse man ja nicht mal, ob Jesus jemals gelebt habe. Sagt man etwas dazu oder schweigt man? Ganz so schwarz-weiß ist es hier nicht. Grundsätzlich ist es so, dass es erlaubt sein kann, nichts dazu zu sagen, wenn das Schweigen nicht als Zustimmung gewertet würde und wenn es z. B. kontraproduktiv wäre, etwas zu sagen (z. B. weil man sich selbst mit einer bestimmten Glaubensfrage nicht gut genug auskennt, um die Kirche zu verteidigen, oder  weil man schon oft darüber geredet hat und weiß, dass diese anderen einem nicht zuhören wollen und eher noch abweisender reagieren würden, wenn man etwas sagen würde). In solchen Situationen kann man abwägen, was das Praktischste und Zielführendste ist; wenn aber z. B. einer, der dabei ist, und bisher noch katholisch ist, dabei wäre, sich von einem anderen vom Glauben abbringen zu lassen, müsste man schon etwas sagen. Und natürlich ist es oft das Bessere, auch wenn es nicht streng geboten sein sollte, den Glauben zu verteidigen. Völliges Schweigen wäre in vielen solchen Situationen (schätze ich einmal) eine lässliche Sünde.

Wenn man nach einzelnen Lehren der Kirche gefragt wird, kann aus einem guten Grund Schweigen oder ausweichendes Antworten erlaubt sein, wenn das nicht so verstanden werden würde, als würde man den Glauben verleugnen oder sich des Glaubens schämen; man muss nicht in jeder Situation ganz genau erklären, was eine Lehre bedeutet, wenn das z. B. jemanden dazu bringen würde, die Kirche noch weniger zu mögen. Besser ist allerdings oft Klarheit. Wenn man in solchen Situationen zu halbherzig dabei ist, zum Glauben zu stehen, wären wir vermutlich auch wieder im Bereich der lässlichen Sünde.

Zu verbergen, dass man katholisch ist, solange man nicht direkt danach gefragt wird, oder zu verbergen, was genau man als Katholik glaubt, ist erlaubt, wenn man einen drängenden Grund dafür hat – also z. B. in Zeiten der Verfolgung. In so einem Fall wäre es auch erlaubt, Dinge zu tun, die nicht in sich schlecht sind, wie etwa, an einem Fastentag Fleisch zu essen, um nicht preiszugeben, dass man katholisch ist. Die Teilnahme an andersreligiösen Riten und ähnlichem wäre natürlich nicht erlaubt. Die Flucht aus Ländern, in denen Christen verfolgt werden, ist grundsätzlich auch erlaubt, außer für die Hirten der Kirche, wenn sie dringend von den Gläubigen dort benötigt werden. Wenn man neu konvertiert ist, muss man sich für gewöhnlich irgendwann als Katholik „outen“; wobei es schon erlaubt ist, einen passenden Zeitpunkt abzuwarten, um so eine Nachricht z. B. einer ungläubigen Familie beizubringen (wenn man z. B. fürchten müsste, von der Familie ermordet oder vom Staat ins Gefängnis gesteckt zu werden, gilt natürlich das Gesagte über das Verbergen des Glaubens).

Außerdem schreibt die Kirche manchmal ein ausdrückliches Bekenntnis des Glaubens vor; grundsätzlich natürlich bei Erwachsenentaufe/Konversion/Rekonziliation; ansonsten z. B. bevor jemand von ihr einen Lehrauftrag an einer Theologischen Fakultät erhält.

3) Die Pflicht, den Glauben zu verbreiten betrifft vor allem die kirchliche Hierarchie. Man könnte die Frage stellen, ob es nicht auch für Laien eine Sünde wäre, nie irgendetwas, weder durch Gebet noch Spenden noch aktive Mitarbeit, für die Verbreitung des Glaubens beizutragen; aber vorrangig ist das nur eine Pflicht für die Kirchenhierarchie. (Eltern haben natürlich die Pflicht, ihre Kinder zum Glauben zu führen, und auch Paten haben eine gewisse Pflicht, zur religiösen Erziehung ihrer Patenkinder etwas beizutragen. Aber dazu im Detail in einem späteren Teil.)

Weitere Sünden gegen den Glauben wären:

1) Unglaube: So bezeichnet man das Fehlen des Glaubens bei einem Ungetauften. Der Unglaube ist in dem Maß eine Sünde, wie jemand persönlich dafür verantwortlich ist; schon der hl. Thomas unterscheidet zwischen einer bloßen Abwesenheit des Glaubens, bei denen, die ihn nicht kennen, und einer bewussten Ablehnung bei denen, die ihn kennen würden; nur letztere ist Sünde. Für meine überzeugt katholischen Leser könnte ich es bei dieser kurzen Erklärung belassen, aber unter denen fragen sich vermutlich auch viele: Wie „schuldfähig“ sind eigentlich meine ungläubigen Familienmitglieder/Freunde/Mitschüler/Arbeitskollegen/Nachbarn? Fallen die in die Kategorie der in „unüberwindlicher Unwissenheit“ befindlichen Ungläubigen? Daher noch eine kurze Erklärung, wann es eigentlich eine persönlich zurechenbare Sünde ist, den wahren Gott nicht zu kennen, und wann nicht: Wenn jemand in einer anderen Religion, sagen wir mal, dem Islam, aufwächst, und ihm keine besonderen Zweifel daran kommen, hat er auch an sich nicht die schwere Gewissensverpflichtung, weiter danach zu suchen, was die Wahrheit ist. Jemand, der Zweifel an seinem falschen Glauben hat, aber aus Nachlässigkeit nicht weiter nach der Wahrheit forscht, sündigt schwer oder lässlich, je nachdem, wie stark die Zweifel sind und wie groß die Nachlässigkeit ist. Jemand, der wirklich ausreichend über den katholischen Glauben und über die Gründe dafür Bescheid weiß, hat die schwere Gewissensverpflichtung, ihn anzunehmen; wer entschlossen ist, nicht katholisch zu werden, selbst wenn der Katholizismus wahr sein sollte, z. B. weil er dann irgendetwas aufgeben oder sich mit seiner Familie überwerfen müsste, sündigt schwer. (Wann das allerdings der Fall ist, kann ein Außenstehender natürlich schwer beurteilen; wer nicht katholisch ist, hat sicher oft noch alle möglichen persönlichen Zweifel und Gründe, an seinem alten Glauben zu hängen, die ihm größer vorkommen als jemandem, der schon katholisch ist.) „Unüberwindliche Unwissenheit“ bedeutet jedenfalls nicht, dass jeder, für den es nicht völlig hundertprozentig unmöglich gewesen wäre, irgendetwas vom Glauben zu erfahren, verdammt ist.

2) Apostasie: So nennt man es, wenn ein Getaufter vom christlichen Glauben abfällt, also wenn z. B. ein Katholik Atheist oder Buddhist wird. Die Apostasie ist an sich eine schwerere Sünde als der einfache Unglaube (Der hl. Thomas vergleicht das damit, dass es eine schwerere Sünde ist, ein gegebenes Versprechen zu brechen, als es nie gegeben zu haben), aber auch hier können natürlich wieder mildernde Umstände ins Spiel kommen – wenn jemand z. B. als Kind einmal getauft wurde, dann aber nie gelernt hat, wieso man eigentlich katholisch sein sollte.

3) Häresie: So nennt man es, wenn ein Christ zwar noch Christ bleibt, also an den dreifaltigen Gott und die Menschwerdung glaubt, aber eine oder mehrere andere Glaubenslehren, die von der Kirche unfehlbar definiert sind, leugnet oder hartnäckig in Zweifel zieht. Mit „hartnäckig“ ist hier so etwas wie „unbelehrbar“ gemeint – wenn jemand nicht ganz versteht, ob/wieso die Kirche etwas lehrt und vielleicht auch kurz daran zweifelt, dann aber ihre Erklärungen dazu akzeptiert, ist er kein Häretiker. Der sel. John Henry Newman hat zudem einmal die Unterscheidung zwischen „Schwierigkeiten“ und „Zweifeln“ getroffen: „Zehntausend Schwierigkeiten machen noch keinen Zweifel.“ („Ten thousand difficulties do not make one doubt.“) Ein Vergleich: Auch ein Wissenschaftler kann alle möglichen Fragen haben und Schwierigkeiten sehen, wenn er z. B. den Aufbau eines Atoms untersucht, aber er wird deshalb nie daran zweifeln, ob Naturgesetze existieren, nach denen das alles funktioniert; sonst könnte er kein Wissenschaftler mehr sein. Auch ein Katholik darf Fragen dazu haben, wieso die Kirchenlehre so ist, wie sie ist, und sie herumwälzen und nach verschiedenen Antworten suchen (das macht sogar Sinn; man soll den Glauben mit dem Verstand durchdringen), aber deshalb muss er noch lange nicht daran zweifeln, ob die Kirche mit ihrer Lehre Recht hat.

Wenn jemand dazu gekommen ist, zu glauben, dass Jesus von Nazareth von Gott gesandt war und die Kirche gegründet hat, und ihr die Garantie gegeben hat, dass sie nicht in Irrtum verfallen kann, ist die Pflicht da, auch alles anzunehmen, was sie als Glaubenslehre vorlegt. Es ist falsch, sich aus Gottes Offenbarung nur die Teile herauspicken zu wollen, die einem angenehm sind, und andere zu verwerfen; genau das ist Häresie (von gr. hairein = wählen, auswählen); hierin liegt der Grund, warum Häresie Sünde ist. Die meisten Häretiker, die die Kirche im Lauf ihrer Geschichte als solche verurteilt hat, waren katholische Theologen, die irgendwann begannen, etwas anderes zu lehren, als die Kirche lehrt; ein Beispiel wäre Martin Luther. Wer schon in einer häretischen Religionsgemeinschaft aufwächst (also z. B. als Lutheraner), begeht erst einmal nicht die Sünde der Häresie, weil ihm die Autorität der katholischen Kirche gar nicht bewusst ist (und er es sogar für falsch hält, sich einer Kirche zu unterwerfen, erst recht dieser römischen). Die eigentliche Häresie, die der abweichenden Theologen, selbsternannten Propheten und Sektengründer, ging vermutlich oft vor allem aus dem Hochmut hervor, daraus, sich für das einsame, von Gott begnadete Genie halten zu wollen – oder einfach dem Wunsch, sich die Lehre so zurechtzulegen, dass man irgendetwas tun durfte, das die Kirche bisher untersagt hatte (z. B. bei Huldrych Zwingli: die Geliebte heiraten; bei Heinrich VIII. von England: die Ehefrau loswerden und die Geliebte heiraten). (Einige Sektengründer hatten auch sehr praktische weltliche Vorteile von ihrer neuen Position, etwa die Landesherren zur Zeit der Reformation, die in ihren Gebieten den protestantischen Glauben einführten, sich zu Herren über die Kirche machten und den Besitz der Klöster einzogen.)

Man muss unterscheiden zwischen „formeller“ und „materieller“ Häresie (erst die formelle Häresie ist Sünde; und zwar an sich prinzipiell schwere Sünde). Wenn ein Katholik sich mit der Lehre der Kirche nicht genau auskennt und etwas glaubt, von dem er meint, es stimme mit der katholischen Lehre überein, obwohl es in Wirklichkeit einmal von einem Konzil verurteilt worden ist, ist er materieller Häretiker (ebenso wie z. B. der als Protestant aufgewachsene Protestant), aber nicht formeller; formeller Häretiker wird er erst, wenn er weiß, dass die Kirche das verurteilt hat (und zwar wirklich definitiv verurteilt hat; nicht alle Verlautbarungen des Lehramts haben die Form eines Dogmas; und manche betreffen auch nur die kirchliche Disziplin statt die Lehre), und immer noch daran festhalten will, weil er sich damit bewusst außerhalb der Kirche stellt.

Wenn jemand eine Lehre leugnet, die von der Kirche schon ziemlich klar verurteilt wurde, aber noch nicht mit völliger dogmatischer Sicherheit, ist er kein Häretiker, sündigt aber gegen den praktischen Gehorsam, den man der Kirche schuldet. Manchmal hat die Kirche im Lauf ihrer Geschichte Lehren auch nicht definitiv verurteilt, sondern zu Theologen eher gesagt, sie sollten vorläufig aufhören, das und das in dieser und jener Form zu verkünden, weil es in einer konkreten Situation falsch verstanden werden könnte; hier geht es ebenfalls einfach um Gehorsam.

Es kann eine mehr oder weniger schwere Sünde sein, wenn jemand aus schuldbarer Nachlässigkeit über eine wichtige Lehre der Kirche nicht Bescheid weiß, aber es ist nicht die Sünde der Häresie.

4) Auch die Gefährdung des eigenen Glaubens ist eine Sünde (die lässlich oder schwer sein kann, je nachdem, wie akut es wird). Wenn sich jemand z. B. oft mit evangelikalen Freunden in einer Freikirche trifft, und merkt, dass er durch sie so langsam vom katholischen Glauben abkommt, weil sie sich besser mit ihrer Theologie auskennen als er sich mit der katholischen und er ihrem Einfluss wenig entgegensetzen kann, muss er etwas dagegen tun: entweder, weniger Kontakt zu diesen Freunden haben, oder, sich gründlicher über den eigenen Glauben informieren, sich mehr damit beschäftigen, und auch mehr Kontakt zu Katholiken haben; oder das alles zusammen. Man wird nun einmal von Menschen und Ansichten beeinflusst, mit denen man oft zu tun hat; das passiert automatisch, auch ohne dass man es bewusst will. „Aus den Augen, aus dem Sinn“; was man sich nicht immer wieder vor Augen führt, kommt einem irgendwann weniger real vor. Daher sollte man auch hier aufpassen, welchen Einflüssen man sich aussetzt. Natürlich kann man Kontakte zu Nichtkatholiken nicht immer einfach sein lassen (das geht allein praktisch heutzutage nicht und wäre oft auch nicht sinnvoll); das Wichtigere ist, die Kontakte zu Katholiken und das Kennenlernen des katholischen Glaubens nicht zu vernachlässigen. Man sollte auch vorsichtig mit nichtkatholischen Büchern usw. sein; es ist nichts dagegen einzuwenden, ab und zu auch Bücher von z. B. guten orthodoxen oder protestantischen Theologen zu lesen, aber das sollte eher eine Ergänzung der eigenen Lektüre sein und man sollte genug über den eigenen Glauben Bescheid wissen, um zu merken, wo sich bei ihnen Denkfehler, Missverständnisse und Irrlehren finden. Wenn jemand merken würde, dass er sich allmählich ganz vom Glauben wegziehen lässt und dem gar nichts entgegensetzt, wäre das jedenfalls eine schwere Sünde.

5) Auch eine Art „Exzess“ im Glauben wäre möglich, nämlich eine übertriebene Leichtgläubigkeit gegenüber Dingen, die nicht zur Offenbarung gehören und nicht auf eine Stufe mit ihr gestellt werden dürfen, wie Privatoffenbarungen, eigenen „Eingebungen“, die man für vom Hl. Geist inspiriert hält usw. Aber das wird wohl nicht so schlimm, solange man sich noch dem Urteil der Kirche unterwirft, also es akzeptiert, wenn die Kirche eine Privatoffenbarung für nicht authentisch erklärt, oder nicht an einer mutmaßlichen Eingebung festhält, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen würde.

 

Zusammenfassung: Man muss an Gott glauben; den Glauben kennen und bekennen; und ihn unverfälscht bewahren.

Beim nächsten Mal genauer zur Hoffnung und den Sünden gegen sie.

 

* Dabei kann auch ein Gebet wie dieses helfen: „Herr und Gott, ich glaube fest und bekenne alles und jedes, was die heilige katholische Kirche zu glauben lehrt. Denn du, o Gott, hast das alles geoffenbart, der du die ewige Wahrheit und Weisheit bist, die weder täuschen noch getäuscht werden kann. In diesem Glauben will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)

Betreffs Römer 9

Ich habe Teil 18 der Reihe zu den schwierigen Bibelstellen, in dem es um Röm 9 und die Frage, ob Gott die einen Menschen zum Himmel und andere zur Hölle prädestiniert, noch einmal gründlich überarbeitet, nachdem ich mir die Bibelstelle und Kommentare dazu noch einmal genauer angesehen hatte und einiges bemerkt hatte, was ich vorher übersehen hatte. Er sollte jetzt deutlich klarer sein.