Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4c: Das 1. Gebot – was die Tugend der Gottesliebe praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

In Teil 4a habe ich mehr zum Glauben gesagt, in Teil 4b zur Hoffnung; jetzt etwas mehr zur göttlichen Tugend der (Gottes-)Liebe.

(Noch einmal zur Erinnerung: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.)

Die Liebe (lateinisch caritas, griechisch agape; nicht zu verwechseln mit eros oder anderen Formen der Liebe) ist wie der Glaube und die Hoffnung eine übernatürliche, von Gott „eingegossene“ Tugend; also keine, die mit den rein natürlichen menschlichen Kräften  zu erreichen ist; mithilfe von Gottes Gnade selbstverständlich trotzdem für jeden möglich. Zu ihr gehören die Gottesliebe, die Nächstenliebe und die Selbstliebe, gemäß den Worten Jesu: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22,37-39)

Hier nur näher zu dem, was die Gottesliebe konkret meint; die Nächsten- und die Selbstliebe kommen im 4.-10. Gebot ins Spiel und sind für diese Gebote die Grundlage wie die Gottesliebe für das 1.-3.

 

Was bedeutet „Gottesliebe“ überhaupt? Ich bin hier schon einmal ausführlich darauf eingegangen, dass die Nächsten- und Selbstliebe eine grundsätzliche Bejahung, ein grundsätzliches Wohlwollen, ein Sehen des Wertes eines Menschen bedeuten. Gott kann man nun zwar im Grunde genommen nichts Gutes tun (Er braucht einen nicht), sehr wohl aber kann man Ihn als das höchste Gut, als den einzigen im echten Sinne Guten und aller Liebe und Anbetung Werten anerkennen, sich vornehmen, Ihm den höchsten Platz im Leben einzuräumen (also Ihm zu gehorchen, wenn es zum Konfliktfall kommt), Ihm gefallen wollen, wünschen, Ihn zu sehen und mit Ihm eins zu werden. Der hl. Thomas sagt schon, dass jede Liebe – ob menschliche Freundschaft oder andere Formen der Liebe – eine Art Vereinigung mit dem Geliebten beinhaltet.

Auch Nächsten- und Selbstliebe folgen eigentlich gleich direkt aus der Gottesliebe, da der, der Gott liebt, auch alles lieben muss, was Gott geschaffen hat, liebt und zu lieben befiehlt.

So, wie man ab und zu einen „Akt des Glaubens“ oder einen „Akt der Hoffnung“ setzen muss, so auch einen „Akt der Liebe“; also die Entscheidung zur Gottesliebe treffen. (Ein bewusster Akt der Liebe kann z. B. so aussehen: „Herr und Gott, ich liebe dich über alles und meinen Nächsten um deinetwillen. Denn du bist das höchste, unendliche und vollkommenste Gut, das aller Liebe würdig ist. In dieser Liebe will ich leben und sterben. Amen.“(Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)) Aber ebenso wie beim Glauben und der Hoffnung setzt der Christ im Normalfall automatisch immer wieder zumindest implizit Akte der Gottesliebe (z. B. beim Gebet). Ein (zumindest impliziter) Akt der Gottesliebe gehört auch zur Liebesreue, die nötig ist, um Gottes Vergebung für schwere Sünden zu erlangen, wenn man (noch) nicht zur Beichte kommt; außerdem braucht es die Gottesliebe besonders dann, wenn man ohne sie eine Versuchung nicht überwinden kann.

 

Sünden gegen die Gottesliebe sind (naheliegendermaßen) das Fehlen der Gottesliebe (also nie oder extrem selten die Gottesliebe erwecken) und der Hass gegen Gott: Was sich z. B. darin äußert, dass man Gott hasst, weil Er etwas verbietet, das man gern tut (oder tun würde); wenn man damit prahlt, etwas getan zu haben, das Gott verbietet; sich wünscht, es würde Ihn nicht geben oder Er wäre nicht gerecht oder allwissend; sich wirklich gegen seine Vorsehung auflehnt; wenn man Ihm gerne schaden würde (wenn das möglich wäre); Seine Ehre angreifen möchte z. B. durch Verfolgung der Kirche oder Blasphemie (Verfolgung der Kirche oder Blasphemie müssen nicht aus Hass auf Gott geschehen, es können auch Dummheit, Gruppenzwang u. Ä. Auslöser sein; sie können es aber); oder Ähnliches.

Wenn ein wirklicher, willentlicher Hass auf Gott da ist, v. a. ein konstanter, sich in Worten und Taten äußernder, ist das offensichtlich eine schwere Sünde; aber es kann wohl auch mal z. B. ein flüchtiges Spielen mit einer Abneigung gegen Gott da sein, die nicht die wirkliche Entscheidung zum Gotteshass beinhaltet, ein gewisses leichtes Hadern mit Gottes Vorsehung, eine Art Zorn auf Gott aus Angst oder Traurigkeit in einer schlimmen Situation, bei der man nicht wirklich Gott hasst oder wirklich an Ihm zweifelt, aber trotzdem Zorn fühlt und ihm ein wenig nachgibt, weil es gerade gut zu tun scheint; was dann lässliche Sünden wären. (Gefühle sind generell noch keine Sünde, sondern Versuchung; wenn die Zulassung des Willens da ist, ist etwas Sünde. Solche Gefühle als Gefühle anerkennen, und sie vor Gott zu bringen, wobei man sich bewusst macht, dass Gott im Endeffekt alles besser weiß und Antworten haben wird, ist genau das Richtige und keine Sünde; mit solchen Gefühlen flirten und sie nicht wirklich vor Gott bringen, ihnen aber auch nicht ganz nachgeben, wohl eher eine lässliche.)

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Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4b: Das 1. Gebot – was die Tugend der Hoffnung praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

In Teil 4a habe ich mehr zum Glauben gesagt; jetzt etwas mehr zur göttlichen Tugend der Hoffnung.

(Noch einmal zur Erinnerung: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.)

 

Definieren kann man die Hoffnung folgendermaßen: „Die Hoffnung ist eine übernatürliche, eingegossene Tugend, durch die wir die ewige Seligkeit und die zu ihrer Erlangung notwendigen Mittel von der Allmacht, Güte und Treue Gottes vertrauensvoll erwarten.“* Sie beruht darauf, dass Gott in Seiner Offenbarung Seinen allgemeinen Heilswillen deutlich gemacht hat, dass er ein bestimmtes Versprechen gegeben hat; Gott ist vertrauenswürdig und gut, also ist es das einzig Richtige, auf Ihn zu bauen. Gott wird nie jemanden ohne die hinreichende Gnade lassen, um zu Ihm zu kommen – egal, was derjenige getan hat.

Wie der Glaube es von Zeit zu Zeit erfordert, „Ake des Glaubens zu setzen“, erfordert die Hoffnung es, „Akte der Hoffnung“ zu setzen, also sich für die Hoffnung zu entscheiden. Nötig ist das jedenfalls: Wenn man das Leben bei Gott als Ziel des Lebens erkennt hat; „ebenso wenn man gesündigt hat durch Verzweiflung; wenn man eine Versuchung anders nicht überwinden kann; wenn man ein Gebot erfüllen muß, das einen Akt der Hoffnung zur Voraussetzung hat“**; außerdem öfter mal im Leben.

Ebenso wie beim Glauben tut man das in der Regel schon automatisch und sollte sich deswegen kein Kopfzerbrechen machen.***

Sünden gegen die Hoffnung gibt es dreierlei:

1) Völlige Gleichgültigkeit gegenüber Gott; kein Verlangen danach, Gott zu schauen. Das wäre gegeben, wenn jemand irgendetwas Niedrigeres Gott vorziehen würde, also z. B. lieber ewig auf der Erde leben oder ausgelöscht werden wollen würde als in den Himmel zu kommen. Die Schuld liegt hier darin, dass jemand nicht wirklich darauf vertraut, dass Gott ihm etwas Besseres geben will, in mangelndem Vertrauen, mangelnder Ehrfurcht, mangelnder Dankbarkeit. – Wenn jemand nur so daherredet, ohne es ernst zu meinen, wäre das nur eine lässliche Sünde. Wenn jemand sich nur aus Angst, in die Hölle kommen zu können, denkt, lieber ewig auf der Erde leben zu wollen, fällt das nicht in diese Kategorie, sondern eher unter Nr. 2).

2) Verzweiflung: Diese Sünde besteht darin, dass jemand alle Hoffnung aufgibt, die ewige Seligkeit oder die Mittel dazu erlangen zu können. Sünde ist das deshalb, weil man dem guten Gott abspricht, dass Er gut zu einem sein und Seine Versprechen halten will. Wenn jemand sagt „meine Sünden sind so schwer, dass Gott sie nicht vergeben kann“, ist das nichts anderes als eine schwere Beleidigung Gottes. Gott kann und will alles gut machen, wenn nur der Mensch auch mitmacht, gibt dem Menschen ausreichende Gnade, um mitmachen zu können,und verlangt von ihm nichts, was über seine Kräfte geht.

Es ist wichtig, die Verzweiflung von Dingen zu unterscheiden, die ihr ähnlich sehen. Bloße Angst, Zustände der Apathie, und auch das Gefühl der Verzweiflung sind noch keine Sünde der Verzweiflung, jedenfalls keine schwere, solange die wirkliche Zustimmung des Willens fehlt. Auch wenn jemand, der z. B. versucht, eine bestimmte Gewohnheitssünde aufzugeben, mutlos ist und an seiner eigenen Mitwirkung zweifelt, ist das auch noch nicht gleich dasselbe wie die völlige Verzweiflung. „Verzweiflung“ mit rein irdischen Bezügen (wenn jemand sich z. B. keine Hoffnung mehr macht, jemals von jemand anderem geliebt zu werden, oder es ihm gesundheitlich so schlecht geht, dass er die Hoffnung auf Heilung aufgibt und sich den Tod wünscht) ist das nicht die Sünde der Verzweiflung, weil man hier nicht die Wahrhaftigkeit von Zusagen Gottes leugnet, weil Gott keine derartigen Versprechen über irdische Dinge gemacht hat; Optimismus ist etwas anderes als die Tugend der Hoffnung und nicht von Gott geboten. Diese Art der Verzweiflung ist zwar nicht immer gut, und wenn jemand sich z. B. den Tod wünscht, ist das manchmal eine Sünde gegen eine andere Tugend (meistens nur eine lässliche), aber keine Sünde gegen die göttliche Tugend der Hoffnung. Manchmal ist sie auch gar keine Sünde, wenn die Motive keine Sünden sind und man sich dabei immer noch Gottes Vorsehung unterwirft (z. B. wenn ein schwer, unheilbar Kranker sich den Tod wünscht, aber keine Selbstmordpläne hegt).

Auch wenn die Zustimmung des Willens da ist, kann die Schuldfähigkeit bei der Verzweiflung gemindert sein; aber an sich ist die Verzweiflung eine schwere Sünde. (Ein Fall geminderter Schuldfähigkeit wäre wohl z. B. bei jemandem wie dem englischen Dichter William Cowper vorhanden, der sich von seiner calvinistischen Theologie einreden ließ, er wäre verworfen, und außerdem unter schweren Depressionen litt.)

3) Vermessenheit (Präsumption). Vermessenheit meint die Einstellung, man hätte das Heil schon sicher. Man kann zwei Arten unterscheiden: Einerseits zu hohes Vertrauen auf die eigenen Kräfte, zu meinen, man bräuchte die Hilfe von Gottes Gnade auf dem Weg zu Ihm nicht; andererseits ein pervertiertes Vertrauen auf Gott; die Einstellung, Gott würde einem sicher das Heil geben, egal, ob man seine Schuld bereut oder was man noch weiterhin tut. Wenn sich also jemand denken würde „ach, ich kann weiterhin meine Frau betrügen, ich bin Gottes Liebling und komme damit davon, Er sieht es mir schon nach“, wäre das Vermessenheit. Der hl. Thomas bewertet übrigens die zweite Art von Vermessenheit als die schwerere: „Die Sünde gegen Gott selbst unmittelbar ist schwerer wie die übrigen. Also ist das freventliche Vornehmen, das ungeregelterweise auf Gottes Kraft sich stützt, schwerer wie jenes, das sich auf die eigene Kraft stützt. Denn sich stützen auf die göttliche Kraft, um zu erreichen das, was Gott nicht zukömmlich ist, heißt die göttliche Kraft vermindern. Schwerer aber sündigt jener, der die göttliche Kraft mindert als jener, der die eigene überhebt.“ (Summa Theologiae II/II,21,1) Sowohl die von vielen Protestanten vertretene Rechtfertigungslehre (sola gratia, „once saved, always saved“) als auch der antike Pelagianismus enthalten also streng genommen Sünden der Vermessenheit. (Auch wenn das vielen Protestanten nicht bewusst sein mag und daher keine subjektive Schuld besteht.)

Zur Vermessenheit zitiere ich einfach noch einmal Heribert Jone, der es ganz prägnant ausgedrückt hat, was sie ausmacht – und was sie nicht ausmacht:

Vermessenheit ist vorhanden, wenn man entweder beim Streben nach der ewigen Glückseligkeit zu sehr auf die eigenen Kraft vertraut oder Dinge von Gott hofft, die er nach seinen Eigenschaften nicht geben kann oder nach der von ihm fest gesetzten Ordnung nicht geben will.

Durch Vermessenheit sündigt daher, wer hofft, den Himmel durch eigene Kraft erlangen zu können oder einzig auf die Verdienste Christi hin ohne gute Werke; ebenso wer hofft, Gott werde ihm helfen bei Ausführung eines Verbrechens usw., endlich wer sündigt aus dem Grunde, weil Gott barmherzig ist.

Keine Vermessenheit ist es, zu sündigen mit der Hoffnung auf Verzeihung, weil in einem solchen Falle die Ursache der Sünde die menschliche Schwäche ist, nicht aber die Hoffnung auf Verzeihung. Selbst in dem Falle, in welchem jemand nicht so leicht sündigen würde, wenn die Hoffnung auf Verzeihung ihm nicht vorschweben würde, ist dieser Umstand nicht Ursache, sondern nur Gelegenheit zur Sünde. – Ebenso ist es keine Vermessenheit, wenn man dieselbe Sünde öfters begeht, weil es gerade so leicht ist, sich über viele wie über eine einzige Sünde anzuklagen, oder wenn man die Buße verschiebt in der Hoffnung, später auch noch beichten zu können. Wohl aber kann man dabei sündigen gegen die christliche Selbstliebe.“****

Der hl. Thomas schreibt in ähnlicher Weise zur Vermessenheit (Hervorhebung von mir):

„Denn wie es falsch ist, daß Gott den Reuigen nicht verzeiht; so ist es desgleichen falsch, daß er den Sündern, die sich nicht bessern wollen, verzeiht und daß er denen, die nichts Gutes tun, die Seligkeit gibt.

Also ist das freventliche Vornehmen [die Vermessenheit] Sünde; aber nicht eine so große wie die Verzweiflung. Denn Gott entspricht es mehr zu verzeihen und sich zu erbarmen, wie zu strafen; da Jenes Gottes Wesen an sich zukommt, Dieses aber auf Grund unserer Sünden. […]

II. Nicht daß jemand zu viel von Gott hofft, ist die Sünde des freventlichen Vornehmens; sondern daß er das hofft, was sich für Gott zu geben nicht geziemt. Das ist aber eigentlich weniger hoffen; denn das heißt die göttliche Kraft vermindern.

III. Sündigen mit dem Vorsatze, in der Sünde zu bleiben gestützt auf die Hoffnung der Verzeihung heißt ‚freventliches Vornehmen‘. Sündigen aber mit dem Vorsatze, von der Sünde sich später zu enthalten, sie zu bereuen und so Verzeihung zu erhalten, vermindert das Sündhafte; denn dies macht offenbar, daß der Wille wenig gefestigt ist in der Sünde.“ (Summa Theologiae II/II 21,2)

(Gut ist natürlich auch letzeres nicht; und man weiß ja nicht, ob man noch die Gelegenheit zum Bereuen haben wird. Aber es ist dann nicht die eigenständige Sünde der Vermessenheit.)

 

Diese Gleichgültigkeit, Verzweiflung und Vermessenheit sind nicht nur Sünden und bringen Schuld mit sich, sondern können auch Anlass zu Sünden werden und Gefahren mit sich bringen – sie senken die Hemmschwelle ab, andere Sünden zu begehen. Wenn jemand meint, der Himmel sei egal, er käme sowieso in den Himmel oder er käme sowieso nicht in den Himmel, wird er leichter andere Dinge tun, die gegen Gottes Gebote verstoßen.

Hier würden viele jetzt vermutlich den (von Luther geprägten) Einwand vorbringen: Aber ist es nicht schlecht, wenn das Gute nur aus Hoffnung auf Lohn oder Furcht vor Strafe getan wird? Wäre es nicht besser, ganz ohne selbstsüchtige „Hintergedanken“ Gottes Geboten zu gehorchen?

Die Antwort ist ganz einfach: Es geht hier nicht darum, etwas nur aus Hoffnung bzw. Furcht zu tun, sondern  Hoffnung und Furcht können hilfreiche motivierende Faktoren dafür sein, etwas zu tun, von dem einem bewusst ist, dass es das Richtige ist. Und moralisch verurteilenswert sind diese Motivationen gerade nicht, weil es völlig in Ordnung – und sogar gut ist – für sich selbst (wie für alle anderen) etwas Gutes zu wünschen (auch wenn es noch bessere Motivationen gibt). Und diese Art von Hoffnung und Furcht beruhen schließlich, wie gesagt, auch darauf, dass man weiß, dass Lohn und Strafe, die Gott austeilt, gerecht und verdient sind (der Lohn ist natürlich immer mehr, als jemand verdienen kann, aber die Leser verstehen schon, was ich meine), und darauf, dass man seinen ausdrücklichen Zusagen vertraut.

Im nächsten Teil zur Gottesliebe und den Sünden gegen sie.

 

* Aus: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.

** Ebd.

*** Wenn man es ausdrücklich tun will, kann ein Gebet wie das folgende helfen: „Herr und Gott, ich hoffe, dass ich durch deine Gnade die Vergebung aller Sünden und nach diesem Leben die ewige Seligkeit erlange. Denn du hast das versprochen, der du unendlich mächtig, treu, gütig und barmherzig bist. In dieser Hoffnung will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)

**** Aus: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.

Ein paar Gedanken zum verlorenen Sohn

Ein Gastbeitrag von Nepomuk.

 

Wir kennen das Gleichnis vom Verlorenen Sohn; fast, möchte ich sagen, kennen wir es zu gut, wir interpretieren immer gleich sofort, haben sofort ein Bild vor Augen: was wohl für den Hausgebrauch vielleicht auch genügt; aber es lohnt sich dennoch, sich das einmal genauer anzuschauen.

Als Vorbemerkung sei gesagt: Unser Heiland hat das Gleichnis als Gleichnis erzählt; wir brauchen nicht glauben, daß die vorkommenden Personen gelebt haben: aber auch wenn wir ein Buch Unterhaltungslektüre lesen, wenn wir den Herrn der Ringe lesen, wenn wir, sagen wir, Father Brown lesen, dann sagen wir ja auch: Die Personen in der Geschichte verhalten sich so und so; das entspricht ihrem Charakter, das wieder nicht und so weiter. Springen wir also für diesesmal nicht sofort zu Interpretationen nach dem Motto: der Vater ist natürlich Gott usw. Die Interpretationen kommen dann schon noch! Im übrigen: der Erzähler dieses Gleichnisses ist unser Heiland, der allwissende Herrgott, selbst – so unwahrscheinlich ist das Verhalten der Beteiligten im realen Leben dann auch wieder nicht, daß Er, der von jeder einzelnen Bauernfamilie, die seit der Schöpfung auf Erden gelebt hat, über jeden Augenblick ihres Lebens Bescheid weiß, nicht einen tatsächlich vorgekommenen Fall aus Seinem allwissenden Gedächtnis hervorgekramt haben könnte. Wir wissen das nicht, aber es könnte immerhin sein.

Zäumen wir einmal das Pferd von hinten auf. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn war, wie gesagt, immer populär unter den Katholiken – der ältere Sohn wird gerne vergessen, aber da komme ich noch darauf – und mancherorts kommt er ja als ziemlich sympathische Figur herüber. Verschwendung ist eine Sünde, aber es ist bei weitem weder die schlimmste noch die unsympathischste Sünde. Die reiche Geizhals ist, und ist in Teilen zu Recht, eine verhaßte Figur; der Prasser, auch wenn einige Moralisten (die nicht notwendig, Verschwendung ist ja tatsächlich eine Sünde, aber doch in einigen Fällen selbst des Neides schuldig sind) keine Gelegenheit auslassen, den Abstand durch ihren Tadel zu verringern, gibt doch eine viel sympathischere Figur ab. Und im Englischen heißt unser Verlorener Sohn denn auch nicht „der Verlorene Sohn“ (the Lost Son), sondern „der Verschwenderische Sohn“ (the Prodigal Son), und wer, der etwa gerne seine wohlverdiente entspannende Unterhaltung in geselliger Runde in Irish Pubs verbringt, könnte dabei nicht an ein berühmtes Lied denken, das den Verlorenen Sohn zum Protagonisten hat?

I’ve been a wild rover for many’s the year
and I’ve spent all my money on whiskey and beer.
But now I’m returning with gold in great store
and I never will play the wild rover no more.
– I’ll go home to my parents, confess what I’ve done
and I’ll ask them to pardon their prodigal son.
And when they’ve caressed me as oft times before
I’ll never will play the wild rover no more
and it’s: no!! nay!! Never!! – !!!!
no, nay never, no more
will I play
the wild rover;
no, never!
no more.

Zu deutsch: Ich war viele Jahre lang ein wilder Herumtreiber und habe all mein Geld für Whiskey und Bier ausgegeben. Aber nun kehre ich heim mit jeder Menge Gold und werde niemals mehr den wilden Herumtreiber spielen. Ich geh heim zu meinen Eltern, bekenne ihnen, was ich getan habe, und bitte sie, ihrem Verschwenderischen (bzw. Verlorenen) Sohn zu vergeben. Und wenn sie mich umarmt haben wie so oft zuvor, dann werde ich nie mehr den wilden Herumtreiber spielen. An der Nord – See – Küste…. Am plattdeutschen Strand – halt, falsches Lied, Humoreinlage. Also, der Refrain heißt: Und ich sag: nein! Keineswegs! Niemals! Nein, nein, niemals nicht mehr spiele ich den wilden Herumtreiber, nein niemals nicht mehr.

Das ist natürlich nicht die Situation im Gleichnis, darauf komme ich noch. Aber er ist doch ganz sympathisch, nicht, unser Verlorener Sohn?

Natürlich: das irische Volkslied stellt ihn so dar, wie er sich das wohl vorgestellt hätte; nicht, wie es tatsächlich gekommen ist. Aber sind diese Wünsche so verquer? Er will endlich von zu Hause ausziehen. Kann man das nicht auch als Vater – vielleicht sogar als Mutter – nachvollziehen? (Es ist übrigens interessant, daß die Mutter im Gleichnis nicht vorkommt. Ich weiß es nicht, aber ist vielleicht die Mutter der Grund, warum er, bei aller Liebe zu ihr, herauswill: daß er bei aller Liebe zu ihr sich denkt, er ist zu alt, um noch bemuttert zu werden?) In den Märchen ist es oft so, daß ein Vater seine (meistens drei) Söhne um sich versammelt, sie seien jetzt alt genug, um loszuziehen und in der Welt ihr Glück zu machen. Wollte unser Verlorener Sohn auch in die Welt, um sein Glück zu machen? Und ist es nicht naheliegend anzunehmen, er hätte es sich eben auch so vorgestellt, dann eines Tages als erfolgreicher Geschäftsmann, Erfinder oder was weiß ich, als young professional mit abgeschlossenem Studium (wenn es damals schon Universitäten gegeben hätte) mit jeder Menge Geld zurückzukehren, „ich hab’s geschafft“ zu sagen, um Verzeihung zu bitten für das eine oder andere böse Wort, das bei der Trennung gefallen sein mag (ich komme noch drauf) und dann in seine liebende Familie zurückzukehren? Und brauchte er für seinen Einstieg in die wirtschaftliche Welt nicht Startkapital?

Und warum nicht – in der Zwischenzeit durchaus auch freigiebig sich selbst gegenüber sein, gerne Wein, Bier, Schnaps (wenn es den damals schon gegeben hat), Zigaretten (wenn es die damals schon gegeben hätte) zu kaufen, ausgiebige Mahlzeiten usw. zu sich zu nehmen, ohne, daß jeden Augenblick jemand Erziehungsberechtigtes von außen hineinschaut und ihm sagt, hier geht’s aber ein bißchen zu weit, reiß dich zusammen, benimm Dich usw.?

Er ist dann mit alledem ein bißchen weitgegangen. „Er führte ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“ Das hat der Heiland in seinem Gleichnis gesagt; es gehört also zur Geschichte hinzu. Und auch dies ist nicht abwegig vorzustellen: wenn das Auge der Erziehungsberechtigten, der Bekannten usw. weg ist und man mit sich – zunächst legitim – etwas großzügiger umgeht, als man es unter Aufsicht täte, wie es sicherlich jede Menge junger Menschen auch heute, die etwa für ein Studium in die Großstadt ziehen, tatsächlich tun, daß dann der eine oder andere, wie man es nennt, „abdriftet“, wenn die größere Freiheit dazu führt, daß man auch die Grenzen, die beim anständigen Menschen die Moral der Freiheit setzen würde, überschreitet? Der jüngere Bruder, der vermutlich schon als Kind etwas großzügiger behandelt wurde als der ältere, das kommt häufig vor, „führte ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“

Das war falsch. Da müßte er (würden wir seit der Gründung der Kirche sagen) dafür beichten gehen.

Dennoch bemerken wir, daß unser jüngerer Sohn anscheinend auf die ganz schiefe Bahn nicht geraten ist. Sein älterer Bruder (und diesmal nicht der allwissende Erzähler des Gleichnisses – im wörtlichen wie im literaturtheoretischen Sinn) behauptet, daß er das Vermögen unter anderem „mit Dirnen durchgebracht hat“. Anders als beim zügellosen Leben generell wissen wir aber nicht, ob denn auch das gestimmt hat, ob er wirklich (wie man es sich vielleicht durchaus als im Bilde und lebensecht vorstellen kann) leichten Mädchen, die er mit seinem Charme (den er vermutlich hatte) bezirzt hatte und die sich ihm körperlich hingegeben hatten, reichlich Geschenke gemacht hat, ob er vielleicht gar (wie ich mir persönlich eher weniger vorstellen kann) Bordelle aufgesucht hat, oder ob das alles vielleicht bloß der Phantasie seines älteren Bruders entspringt, der gerne bereit ist, diesem Ausreißer, da er nun einmal schon ausgerissen ist, da er sich dabei (ich komme noch darauf) unmöglich gegen seine Eltern aufgeführt hat, da er nun einmal offensichtlich sein Vermögen tatsächlich verschleudert hat, bezüglich der Art-und-Weise dieses Verschleuderns auch noch jede beliebige Schandtat zu unterstellen.

Trotzdem beobachten wir auch hier, daß zum einen unser Heiland es für notwendig befindet – und in den Gleichnissen unseres Herrn ist nichts überflüssig – festzustellen: „Eine Hungersnot kam in das Land.“ Er hat sein Vermögen verschleudert, aber daß es ihm nachher so schlecht geht, daran sind teilweise auch die Umstände schuld. Auch das kommt in ähnlichen Fällen natürlich zumeist tatsächlich genau so vor. Wir stellen zum anderen fest: in jeder 08/15-moralischen Warngeschichte der Fräulein Rottenmeiers und Sidonie von Grasenabbs dieser Welt wäre er dann, um die üblichen Redewendungen zu gebrauchen, „auf die schiefe Bahn geraten“, hätte eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen. Nun spielt aber, bei allem Respekt vor den Fräulein Rottenmeiers und Sidonie von Grasenabbs dieser Welt, unser Heiland in einer anderen Liga. Der verlorene Sohn mag ein Verschwender, ein Säufer, vielleicht ja tatsächlich gemäß den Vorwürfen seines Bruders auch ein Hurenbock gewesen sein; ein Krimineller ist er nicht, und er wird es auch nicht.

Er „ging zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn auf das Feld zum Schweinehüten“. Es wird präzise notiert, daß er gerne „seinen Hunger gestillt hätte mit den Futterschoten, die die Schweine fraßen“ – in anderen Bibelübersetzungen: mit den Trebern, d. h. mit den Preßrückständen von Trauben, keine gute Nahrung, aber doch eine, die Menschen tatsächlich essen könnten und die vielleicht nicht ausgeben, aber das unmittelbare Hungergefühl stillen könnte – „aber niemand gab ihm davon“. Er läßt sich also nicht einmal dazu herab, seinem Chef, der es sich herausnimmt, trotz Hungersnot Schweine (die anders als grasfressende Rinder mit Futter gefüttert werden müssen, das der menschlichen Nahrung dann fehlt) zu halten und seinem Angestellten nicht einmal so viel zu essen zu geben, daß er keinen Hunger leiden muß, um ein paar Handvoll Schweinetreber pro Tag zu bestehlen!

(Schweinehirt war ein unreiner Beruf; Schweine waren unter dem Alten Testament unrein, und wer mit ihnen Umgang hatte, machte sich unrein. Aber in rituelle Unreinheit zu geraten, war, obwohl es ein Jude normalerweise natürlich nicht wollte, nicht an und für sich eine Sünde, und solange das Schwein nicht oder nur zufällig an Juden verkauft werden würde, war er auch nicht an einer Sünde beteiligt: das Alte Testament galt in seinen Ritualbestimmungen eben nur für Juden. Was ich damit sagen will: auch das Schweinehirtsein war nicht ein krimineller Beruf.)

Er sitzt jetzt also bei seinen Schweinen auf dem Feld und hat Hunger. Da denkt er sich: „Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um.“ Das hat er sich vermutlich schon die ganze Zeit gedacht, zumindest seit sein Vermögen futsch war und die Hungersnot begonnen hat. (Wir wissen nicht, wie lange diese Zeitspanne gedauert hat. Der Natur der Sache entsprechend wohl durchaus etwas länger; unser Heiland als Erzähler faßt hier zusammen.) Und nun kommt es zur großen, mutigen Entscheidung: „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen.“

Eine mutige Entscheidung, ja. Aber – so denke ich – nicht deswegen, weil er befürchtet hatte, sein Vater würde ihn in der Luft zerreißen (wie manche Prediger diese Stelle dem Tonfall nach interpretieren). Er weiß sehr wohl, daß bei seinem Vater sogar für die Tagelöhner (in einem Zeitalter vor Gewerkschaften und Mindestlöhnen) ausreichend gesorgt ist: seinen Vater mag er allgemein als streng in Erinnerung haben (wir wissen es nicht), ein Unmensch jedenfalls ist er nicht, und das weiß er auch. Auch wenn das Alte Testament in seinen Justizialbestimmungen tatsächlich, als ultima ratio, vorsah, daß Eltern, deren Kind ihnen den Gehorsam verweigerte, den Konflikt auf die staatliche Ebene (wir würden heute sagen: zum Jugendamt) eskalieren konnten, das dann für Bestrafung (die Todesstrafe nämlich) sorgen konnte, und dies nach dem Wortlaut anscheinend vor allem für Verschwender und Säufer vorgesehen war (Dtn 21,20) – das betraf Kinder, die nicht hörten. Er hört ja jetzt. Und auch wenn die Väter vergangener Zeiten strenger gewesen sein mögen als die Väter es heutzutage sind: so sehr ändern sich die Gefühle von Eltern für ihre Kinder in der Menschheit nicht. Eltern lieben ihre Kinder im allgemeinen, auch unverdient; sie tun es heute, sie taten es damals. Unser verlorener Sohn wird kein Trottel gewesen sein; er wird das gewußt haben.

Wovor er Angst hatte – ich weiß es natürlich nicht; aber ich glaube fast, er hatte Angst davor, daß sein Vater genau so reagieren würde, wie er dann tatsächlich reagiert hat.

Güte und Barmherzigkeit kann etwas Beängstigendes haben.

In Dürrenmatts Frank dem Fünften ruft eine Verbrecherin am Schluß den Staatspräsidenten an, gesteht ihre Verbrechen und sagt: „Ich fordere Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, auch wenn sie mich vernichtet.“ Worauf dann der Staatspräsident sagt: Gerechtigkeit? Mit Gerechtigkeit kann man einem kleinen Dieb, vielleicht auch einem kommen, der ein paarmal gemordet hat. Aber derart umfassende und entsetzliche Verbrechen, wie sie sie begangen hätte – „das hieße ja am Gerüst der Welt rütteln“ (oder so), wenn man da mit Gerechtigkeit käme. Deshalb wird sie dann letztlich begnadigt und in ein komfortables Altenteil geschickt. (Der Dürrenmatt-Kenner wird Querverbindungen zu Romulus dem Großen sehen, aber ich schweife ab.)

Ich hab‘ mir die Suppe eingebrockt, jetzt muß ich sie auch auslöffeln – aber mit dem Auslöffeln muß es dann bitte auch sein Bewenden haben. „Ich fordere Gerechtigkeit, auch wenn sie mich vernichtet“ – aber, ich sagte bereits, unserer jüngerer Sohn ist kein Dummkopf. Er ist ein Sünder, auch ein schwerer Sünder (im Sinne des terminus technicus), aber keiner von der ganz verderbten Sorte. Er hat sein Vermögen nicht geraubt, nicht gestohlen und nicht erschlichen, sondern geerbt (wenn auch – aber darauf komme ich noch); er hat es verloren, das ist sein Risiko gewesen, er wußte das, und nun hat er es eben nicht mehr. Das ist auf unverantwortliche Weise geschehen; aber hat er damit auch mehr als sein Vermögen verloren? Schlimm genug, das dann aber nicht, denkt er. Er ist, jedenfalls im wirtschaftlichen Sinne, nicht mehr der Sohn seines Vaters, soll heißen: er hat keinen Anteil am Familienbetrieb mehr: aber damit – so denkt er – müßte es dann sein Bewenden haben. Er ist immer noch ein Mensch, der, mag er auch als Kind des Chefs aufgezogen worden sein, durchaus fähig ist, geduldig, in Unterordnung und mit Einsatz zu arbeiten; und diese Arbeit würde Lohn verdienen. Und Arbeit wird auf dem väterlichen Bauernhof durchaus auch gebraucht – wäre das nicht so, denken wir uns, wäre es zu diesen (zugegeben:) abscheulichen Szenen bei seiner Abreise wohl gar nicht erst gekommen.

Gut, denkt er sich also in durchaus treffender Erörterung: die Sohnschaft (wenn wir diesen theologisch aufgeladenen Begriff gebrauchen wollen) habe ich verspielt; aber warum sollte ich dann bei mir zu Hause weniger sein als ein Tagelöhner? Meine Arbeitskraft habe ich ja noch; warum sollte sie mein Vater weniger schätzen als die eines wildfremden Arbeitssuchenden, die er ja auch einstellt? Er legt sich schon einmal das Sprücherl zurecht, mit dem er bei seinem Vater wieder aufkreuzen könnte: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“

Der überfliegende Leser denkt sich in der Regel, das ist eins von zwei Alternativen: entweder eine notwendige Abwehrmaßnahme gegen damals viel strengere und im Bestrafen grausamere Eltern, oder, aus mehr heutiger Perspektive, ein frömmlerisches Getue, das ihm gleich um die Ohren fliegt, wenn er daheim ankommt. Ich selber hätte als Kind meine Eltern auf keine Weise mehr entsetzen können, als wenn ich mich getraut hätte, mit solch einem Sprücherl daherzukommen.

Aus den geschilderten Gründen denke ich, daß das eben nicht so war: es ist eine präzise Schilderung des Sachverhalts und auch eine präzise Schilderung dessen, was er vorhat – beziehungsweise, was er momentan noch erwägt, sich noch nicht ganz entschlossen hat, zu tun. Er will heimkehren, ja; aber er will seinem Vater sagen: Dein Vermögen habe ich in den Sand gesetzt und mich obendrein wie ein Verräter gegen dich und damit auch gegen Gott und das Naturgesetz, die uns befehlen, unsere Eltern zu lieben, benommen („ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“). Aber ich bin noch da; und ich kann immer noch arbeiten. Als Arbeiter geht es mir nirgendwo so gut wie hier; aber auch du wirst an deinem eigenen Sohn (wenn ich mir diesen Ehrentitel auch nicht mehr zuschreiben mag) auch einen guten Arbeiter haben. „Mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“

Warum übrigens „gegen den Himmel und gegen dich versündigt“? Nun, wir lesen dazu die Einleitung des Gleichnisses. „Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land.“ Die Einheitsübersetzung der Bibel merkt in einer Fußnote an „das Vermögen des Vaters schon zu dessen Lebzeiten zu fordern, war erlaubt, galt aber als unschicklich.“ Und da tun sich dann schon Abgründe auf. Wenn einer sagt: „Vater, nimm’s mir nicht böse, aber ich will in die Welt ziehen und mein Glück machen. Kann ich dafür Geld haben?“ – das können wir nachvollziehen, das würden wir im allgemeinen auch verteidigen. Aber nichts dergleichen. „Gib mir das Erbteil, das mir zusteht“. Eines Tages wirst Du eh den Radieschen von unten beim Wachsen zusehen, dann gehört das alles meinem Bruder und mir. Da kann ich mein Geld dann schon gleich jetzt haben. Rück die Kohle heraus – ich darf das fordern, und daß das angeblich „unschicklich“ ist, sowas geht mir doch sowieso am Hinterteil vorbei.

Da wir gerade eben durchaus versucht haben, es hatte sich eben so ergeben, die Handlungen des verlorenen Sohnes in einem doch recht positiven Licht zu sehen (ohne über seine Fehler hinwegzusehen), könnten wir geneigt sein zu sagen: Dem ist bestimmt eine längere Geschichte vorausgegangen, er hat zuerst ganz höflich vorgesprochen, der Vater hat das dann verweigert, vielleicht mit dem Verweis auf die Ernte, vielleicht mit dem auf die Aussaat, vielleicht mit dem darauf, daß sein Taschengeld doch durchaus bereits ein Lohn für seine Arbeit auf dem Hofe darstellen würde, vielleicht würde er es noch etwas erhöhen, aber dann solle er erst dann abziehen, wenn er genügend eigenes Geld gespart hätte usw. Und der jüngere Sohn wird dann über solche Hinhaltetaktik immer wütender, bis er schließlich sagt: Dann scheiden wir eben im Unfrieden, und ich darf das Erbteil ja fordern (nach damaligem Recht; heute dürfte man das nicht) – wofür man ihn immer noch kritisieren könnte, aber was dann wenigstens als provoziert gelten dürfte. Wenn sein Vater dann später zu seinem älteren Sohn sagt, „alles, was mir gehört, gehört dir“, also jetzt schon, dann hätte eben auch er dazugelernt.

An dieser Stelle würde ich aber doch das Ganze mit dem Salz der offensichtlichen Interpretation würzen. Das Gleichnis vom Verlorenen Schaf unmittelbar davor endet mit „Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der umkehrt“. Der Vater soll hier offensichtlich Gott repräsentieren; und Gott lernt nicht dazu, er ist von Ewigkeit her allweise. Daraus folgt dann, daß er zu seinem jüngeren Sohn auch schon „alles, was mir gehört, gehört dir“ gesagt hätte, wie er es später zu dem älteren tut.

„Alles, was mir gehört, gehört euch“ – wenn das die Maxime des Vaters ist, warum bittet ihn der jüngere Sohn dann nicht einfach um ein Startkapital (das übrigens nicht gleich die Hälfte des Erbes sein muß, auch mit weniger dürfte man sowohl in eine Geschäftsidee oder was es auch immer war, investieren können, und auch das eine oder andere Bier dürfte dabei herausspringen)? Er hätte es doch wohl bekommen? Es wäre vielleicht etwas weniger gewesen als die Hälfte des Vermögens – aber wäre es das nicht wert gewesen, mit seiner Familie im Frieden zu bleiben? Hätte er nicht auch um Nachschüsse bitten können? War ihm die Hoffart des „ich fordere nur, was mir zusteht“ wirklich wert, die Kontakte zu seiner Familie abzubrechen?

„Ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“ – wohl wahr. Und umso mehr, als es nicht nötig gewesen wäre. Wir sind ja manchmal in Versuchung, Sünden zu tun, um gewisse Güter widerrechtlich zu erlangen, die wir sonst nicht erlangen könnten. Aber das ist nicht das Wesen der Sünde. In der gefallenen Welt müssen wir manchmal auf Dinge verzichten, die wir durch Sünde bekommen könnten, weil es keinen ehrlichen Weg gibt, sie zu erlangen; aber das geschieht accidentialiter: die Sünde als Sünde wird gerade dann besonders erkennbar, wenn wir dasselbe Gut durchaus hätten erlangen können, und auf legitimem Weg hätten erlangen können, aber den verbotenen Pfad vorziehen. Wenn – um nur zwei Beispiele zu nennen – ein Mensch sich in emotionaler Situation mit einer Gotteslästerung Luft macht, obwohl er genausogut „Herrschaftszeiten“ hätte sagen können oder „Jesus, Maria und Josef“ in frommem, wenn auch ein wenig informellem Gebet anrufen hätte können. Oder: Wenn ein Mensch gefragt wird, wo Hans Müller gerade ist, von einem, der das nicht wissen darf, und „ich weiß nicht, wo Hans Müller ist“ lügt, statt einfach „ja, der Hans Müller, wo der wohl ist“ zu sagen (was keine Lüge ist). – Es wäre so einfach gewesen, anständig zu bleiben, einfach ein bißchen die Liebe zu seinen Eltern bewahren, und sogar ohne dadurch sonst schlechter gestellt zu sein: die Sünde bringt nie einen Vorteil, im Angesicht der Ewigkeit sowieso nicht, aber sehr häufig nicht einmal kurzfristig; trotzdem wird sie getan. Das hat unsere gefallene Welt so an sich; und das ist auch der Grund, warum die Klugheit die erste Kardinaltugend ist.

Es ist insofern auch gar nicht so erstaunlich, wenn unser Verlorener Sohn, da er klug wird, zunächst an das ausreichende Essen der Arbeiter seines Vaters denkt, was viele Prediger ja sehr erstaunt. Dieser Gedankengang ist legitim; man kann das fast nicht genug betonen: aber er ist letztlich auch im tiefsten zur Sache gehörend, was vielleicht nicht so selbstverständlich ist. Gott will, daß es uns gut geht – was übrigens die Fastenzeit und andere Askese einschließt, die wir ja deswegen auf uns nehmen, um für das noch größere und noch angenehmere Gut, in der Nähe Gottes zu sein, freier sein zu können (und, warum nicht, als Nebeneffekt auch, um die Gaben Gottes besser wertschätzen zu können). Der Teufel hingegen will, daß es uns schlecht geht. Gott will uns Gutes, der Teufel Böses – auch materiell! Auch wenn in der gefallenen, wenn in der erlösten, aber von der Sünde noch gezeichneten Welt diese Verhältnisse bisweilen nicht klar erkennbar sind.

Aber kehren wir zu unserem Verlorenen Sohne zurück, nicht wahr? Er wird, jetzt endlich, klug. Die Sünde ist einmal geschehen, sie ist in der Welt, ob ich ihr nun aus dem Weg laufe oder nicht. Er entscheidet sich also, zu seinem Vater zurückzugehen, seinen Zustand anzuerkennen als nicht mehr würdig, sein Sohn zu heißen (da er die Verbindungen abgebrochen hatte), um dort dann als Tagelöhner zu arbeiten.

Und dann, endlich, tut er’s. Wir halten fest, daß in diesem Fall die Initiative von ihm, interpretativ gesagt also vom Sünder, ausgeht. „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen“, er hat also wohl Ausschau gehalten; aber er hat eben Ausschau gehalten. Hier unterscheidet sich das Gleichnis ein wenig vom vorgehenden Gleichnis vom Verlorenen Schaf, wo der Hirt ganz allein aufbricht, um das Schaf zu suchen, wo die Initiative allein vom Hirten ausgeht. Es ist natürlich eine theologische Wahrheit; die Begnadigung geht immer von Gott zuerst aus (wenn wir also die Interpretation hineinlaufen lassen, dann hat unseren Verlorenen Sohn fern des Landes im Schweinestall schon der Strahl der Gnade getroffen); aber es ist die Rolle der Mitwirkung mit der Gnade, die dieses Gleichnis in den Mittelpunkt stellt. Vielleicht ist es deswegen, daß das Gleichnis vom Verlorenen Schaf zusammen mit dem von der Verlorenen Drachme an einem Sonntag nach Pfingsten, in der Heilig-Geist-Zeit, verlesen wird, während der Platz des Verlorenen Sohnes in der Fastenzeit (im alten Ritus am Samstag nach dem 2. Fastensonntag) ist. Die Fastenzeit nämlich gibt es für die, die bereits Christen sind, und für die Katechumenen, die sich bereits auf den Weg zur Taufe gemacht haben, sich bereits in die Kirche eingeschrieben haben und nun ihre letzten Schritte zurücklegen, bis sie – an Ostern – mit der Taufe ins Haus des Vaters zurückkehren. Und eben für uns arme Sünder, die wir es auch nötig haben, uns zu bekehren oder uns zumindest, nachlässig geworden, wieder am Riemen zu reißen, um ins Haus des Vaters entweder auch zurückzukommen oder zumindest unsere Beziehung zum Vater zu erneuern.

Er kommt daheim an, und während er sein Sprücherl aufsagt, denkt sich der Vater so: „bla bla bla“ und ignoriert das ganze; dann sagt er den Knechten, sie sollen ihn in allen Ehren wieder als Sohn aufnehmen und ein Fest feiern. Genau das, wenn meine Theorie stimmt, was er gefürchtet hatte; aber immerhin, er fährt ihm nicht über den Mund, er läßt ihn sein Sprücherl noch aufsagen … und auf einmal stellt sich heraus, daß auch die Versöhnung nicht so schlimm ist wie befürchtet. Es gibt einen Kalbsbraten, es gibt Wein (nehmen wir an), und ob nun die Geschichte mit dem Hurenbock stimmt oder nicht, vielleicht werden auch Mädchen aus der Nachbarschaft eingeladen, mit denen er sich auf keusche Weise unterhalten und von denen er vielleicht einmal eine zum Altar führen kann.

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(Jacopo Bassano, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Gemeinfrei.)

Und jetzt müssen wir uns natürlich die Geschichte mit dem älteren Sohn anschauen. „Ein Mann hatte zwei Söhne“, geht unser Gleichnis ja los. Der ältere Sohn wird volkstümlich gerne vergessen; im Wild Rover kam er gar nicht vor. Wo man an ihn denkt, so schimpft man entweder (gern auf liberaler Seite) über seine Engstirnigkeit, die man gerne mit der (angeblichen) Engstirnigkeit derjenigen in der Kirche vergleicht, die nicht über das erstbeste sentimentale Argument in Häresien verfallen; oder aber (auf konservativer Seite) hat man so den Eindruck, hier sind Leute auf einem hoffnungslosen Verteidigungsposten und müssen erklären, wie sie mit dieser sie so offensichtlich verurteilenden Figur im Gleichnis zurechtkommen. „Ein Mann hatte zwei Söhne“ – wenn das Gleichnis so losgeht, dann ist vielleicht das sogar der Hauptpunkt im Gleichnis, zumal der Heiland es ja im Kontext den Pharisäern und Schriftgelehrten erzählt, die sich empören, daß der Heiland sich mit Sündern abgibt und sogar mit ihnen ißt (Lk 15,2). Die im alten Ritus diesem Evangelium vorangehende Lesung behandelt denn auch ein uns wohlbekanntes Brüderpaar des Alten Testamentes, Jakob und Esau.

Jakob – der jüngere – hat bei Esau einen schwachen Moment ausgenützt, um sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht abzuhandeln, und nachher hat er sich als Esau verkleidet, um den Segen seines Vaters zu erschleichen. Nun kann man das vielleicht verteidigen; das Erstgeburtsrecht hat Esau freiwillig verkauft, und wenn er sich hernach beim Segen vorstellt mit „Ich bin Esau, dein Erstgeborener“, dann hat er nur die Position eingenommen, die ihm auf Grund dieses Verkaufs tatsächlich zustand. (So erklären das die klassischen Theologen. Immerhin ist Jakob ein heiliger Patriarch.) Der offensichtliche erste Eindruck ist aber: eine Trickserei und nicht die feine Art war es jedenfalls. Und er, der jüngere, steht jetzt mit dem Erstgeburtsrecht und dem Segen da und wird belohnt, indem er der Stammvater des Volkes Israel wird – so wie der jüngere Sohn im Gleichnis mit der willkommenen Wiederaufnahme in das Vaterhaus, nachdem er sich gegenüber seinem Vater bei der Erbteilung grauenhaft benommen und dann das halbe Vermögen verpraßt hatte.

Der ältere nun geht her und sagt: „So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast Du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.“ (Wir bemerken nebenher: Man ißt Zicklein und dergleichen, aber Ziegenböcke, heißt es in einem älteren kulinarischen Werk, braucht man natürlich zur Ziegenzucht, doch als Speise werden sie sogar von den Armen verschmäht. Sie schmecken einfach nicht. „Nicht einmal einen Ziegenbock“ heißt also, daß er eben nicht einmal etwas in der Beziehung fast Wertloses bekommen hat.) Und: „kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn“ – vom Bruder ist nicht die Rede! – „der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat“ (ob das nun stimmt oder nicht), „da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet“.

Eine manifeste, für uns nur zu nachvollziehbare Ungerechtigkeit, die man eben so beantworten müßte, wenn Gott (wir interpretieren) großzügig sei, müßte man das eben hinnehmen und seinen Mund halten? Mit den Frommen kann’s Gott ja machen?

Aber der Vater gibt auf diesen Vorwurf auch eine Antwort, und es lohnt sich, diese Antwort genau zu betrachten.

„Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.“

Ist man etwas zu gewohnt, dies als bloße Beschwichtigung zu betrachten, dann könnte einem die enorme Bedeutung dieses Satzes entgehen. Recht verstanden tun sich hier also erneut Abgründe auf.

Da hat also der ältere Bruder jahraus, jahrein für den Vater geschuftet und niemals mit seinen Freunden ein Fest gefeiert – und warum? Weil ihn der Vater an der kurzen Leine gehalten hat? Mitnichten: „alles, was mein ist, ist dein“. Hätte er – nicht unbedingt mit einem Ziegenbock, aber vielleicht mit einem Lamm (oder bei uns, für die die jüdischen Speisegesetze nicht gelten: mit einem Spanferkel) mit seinen Freunden ein Fest feiern wollen – wenn alles, was seines Vaters ist, auch seines ist, dann hätte er sich einfach eines nehmen können.

Und wenn er das nicht gewußt hat – oder aus Höflichkeit – dann hätte er fragen können. Hätte ihm sein Vater, der „alles, was mein ist, ist auch dein“ sagt, ein Lämmchen verweigert? Unmöglich (es sei denn, er würde hier lügen; aber da der Vater hier für Gott steht, können wir das durch die Interpretation wieder ausschließen).

Auch der ältere Sohn, der seinen Vater für einen Knauser gehalten haben muß und obendrein sich selbst zu schade war, unverbindlich nach dem nachzufragen, wonach ihn sein Herz sehnte (und wenn es nur eine Party mit Freunden war), dieses sein Verhalten, das man für sich genommen ja sogar eine löbliche Verzichtsleistung (wenn auch nicht unbedingt eine der menschlichen Freude sehr förderliche) nennen kann, dann aber ohne jede Rechtfertigung als Forderung an alle seine Mitmenschen ausdehnt – er war zwar nicht verloren („mein Sohn, du bist immer bei mir“), aber zum besten hat es auch nicht gestanden. Ein Bild vielleicht für das, was ich oben erwähnt habe: nicht jeder muß sich im eigentlichen Sinne des Wortes in der Fastenzeit bekehren (denn im eigentlichen Sinne betrifft Bekehrung die Ungläubigen und die schweren Sünder), aber aufbrechen und in vollerer Form zum Vater gehen, das muß jeder. Und manchmal müssen wir auch solche sogar sehr gewichtige Dinge erstmal noch neu lernen. Und sei es nur, daß (wenn wir wieder interpretieren) das Beim-Vater-Sein, also Bei-Gott-Sein, an sich schon genug ist, um jeden Verzicht (auch solchen, den man sich irrtümlich auferlegt, weil man denkt, daß der Vater strenger ist, als er tatsächlich ist) überreichlich aufzuwiegen.

Nebenbei: wird nun unser jüngerer Sohn, trotz Mastkalb und Ring am Finger, tatsächlich zum Tagelöhner oder doch angestellten Mitarbeiter? „Alles, was mein ist, ist dein“, sagt der Vater ja zum älteren. – Dies scheint mir nur dadurch auflösbar, daß es eben ein Gleichnis ist, das den Himmel zum Inhalt hat, und hier fängt der Vergleich eben zum Hinken an. Beim irdischen Vorgang endet entweder der jüngere Sohn als angestellter, gewiß hochgeschätzter, mit dem Ehrentitel „Sohn“ wieder belegter Mitarbeiter, der aber keinen Anteil, auch nicht als zu erwartendes Erbe, mehr hat, da dieser schon verspielt ist – oder aber der ältere Sohn muß doch von seiner Hälfte wieder eine Hälfte weggeben:

Hier aber geht es um den Himmel. Wenn man unendlich durch zwei teilt, kommt wieder unendlich heraus, sagt schon der Mathematiker. Was der Mathematiker nicht sagt, was in bezug auf den Himmel aber stimmt, ist das Sprichwort: geteilte Freude ist doppelte Freude. Der Himmel ist an sich schon himmlisch, und nichts kann das wesentliche Element der Glorie, die Gegenwart Gottes, auch nur annähernd aufwiegen. Aber mit jeder Seele mehr, die in der Glorie lebt, mit der man die Freuden des Himmels teilen kann, wird er – man gestatte die Ungenauigkeit im Ausdruck – noch ein bißchen himmlischer.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4a: Das 1. Gebot – was die Tugend des Glaubens praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Anmerkung: Ab diesem Teil beginne ich mit der kleinteiligen Kasuistik. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich generell auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Adolphe Tanquerey (1854-1932) und Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im 3. Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

Eins ist beim 1. Gebot (ebenso wie beim 2. und 3.) zu beachten: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.

 

Erst einmal zur göttlichen Tugend des Glaubens. Sie erfordert manchmal das, was in der Moraltheologie als „Akt des Glaubens“ bezeichnet wird: Damit, einen „Akt des Glaubens zu setzen“ ist einfach gemeint, die Willensentscheidung für den Glauben zu treffen, sich bewusstzumachen, sich zu sagen: Gott, ich glaube an dich, du bist vertrauenswürdig; ich glaube dir das und das, was du offenbart hast.* Das ist immer mal wieder im Leben als Katholik nötig, weil der Glaube die Basis des Lebens und Handelns ist; oft tut man es schon automatisch einschlussweise (z. B. wenn man das Glaubensbekenntnis in der Sonntagsmesse spricht, oder überhaupt, wenn man zu Gott betet). Insbesondere ist es nötig, diese bewusste Zustimmung zu Gottes Offenbarung zu erwecken: Wenn man als Ungetaufter erstmals zum Glauben kommt; wenn man als Getaufter allmählich alt genug wird, bewusste Entscheidungen zu treffen (die Kirche setzt dieses Alter etwa bei sieben Jahren an; der Glaube an sich wird einem schon bei der Taufe vom Hl. Geist „eingegossen“, aber auch wenn man das Glück hat, getauft zu sein, muss man später auch dazu ja sagen); wenn einem eine Glaubenslehre, die man vorher nicht kannte, bewusst wird und man sie annehmen muss; wenn man wieder zum Glauben zurückkommt, nachdem man eine Glaubenslehre geleugnet hat (Sünde der Häresie oder Apostasie, s. u.). Wie gesagt: Das tut man in der Regel schon automatisch.

Zum Glauben gehört es außerdem:

1) Den Glauben zu kennen. Es ist keine Pflicht für jeden Katholiken, ein gebildeter Theologe zu werden; es geht hier darum, grob zu wissen, was das eigentlich ist, woran man glaubt; was der Inhalt von Gottes Offenbarung, die man annimmt, ist. Die zentralsten Glaubensinhalte sind: Die Tatsache, dass es einen Gott gibt, der das Gute belohnt und das Böse bestraft; die Dreifaltigkeit; die Menschwerdung in Jesus. (Ein Erwachsener, der diese Glaubensinhalte nicht kennt, kann z. B. auf keinen Fall getauft werden.) Außerdem gibt es für den Katholiken die schwerwiegende Pflicht, sich einigermaßen zu informieren über (auch wenn es keine schwere Sünde ist, sie nicht perfekt auswendig zu kennen): das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, die Zehn Gebote, die fünf Kirchengebote, die Sakramente (zumindest Taufe, Beichte, Eucharistie, die zu empfangen manchmal vorgeschrieben ist; die anderen, wenn es daran geht, sie zu empfangen). Soweit das absolute Mindestmaß. Außerdem besteht die Pflicht, sich näher über den Glauben zu informieren, wenn man in der Gefahr ist, den Glauben zu verlieren.

2) Den Glauben zu bekennen. Das Bekenntnis des Glaubens ist prinzipiell dann verpflichtend, wenn das Schweigen oder eine ausweichende Antwort als Ableugnen des Glaubens verstanden werden würde; wenn man also z. B. vor einem Gericht gefragt werden würde, ob man katholisch ist, muss man eine klare Antwort geben. Die Verleugnung des Glaubens (durch Worte, Gesten, Handlungen, was auch immer, die einer Leugnung des Glaubens oder auch dem Bekenntnis eines falschen Glaubens gleichkommen würden) ist an sich eine schwere Sünde und niemals erlaubt – wirklich niemals. (Dem verdanken wir unsere ganzen heiligen Märtyrer.) Auch eine indirekte Verleugnung des Glaubens, durch Dinge, die nicht in sich selbst eine Ableugnung des Glaubens bedeuten würden, aber aufgrund der Umstände wie eine solche wahrgenommen werden, ist nie erlaubt.

Außerdem ist das Bekenntnis des Glaubens dann nötig, wenn die Ehre Gottes oder das Heil des Nächsten es dringend erforderlich machen. Ein Beispiel für eine Situation, in der es darum ging, durch das offene Bekenntnis des Glaubens ein „Ärgernis“ (s. dazu Teil 2) für den Nächsten zu vermeiden, bietet eine Geschichte aus dem 2. Buch der Makkabäer, das die religiöse Verfolgung der Israeliten durch die Griechen schildert, die sie zu Opfermahlzeiten mit Schweinefleisch zwingen wollten:

„Unter den angesehensten Schriftgelehrten war Eleasar, ein Mann von schon hohem Alter und sehr edlen Gesichtszügen. Man sperrte ihm den Mund auf und wollte ihn zwingen, Schweinefleisch zu essen. Er aber zog den ehrenvollen Tod einem Leben voll Schande vor, ging freiwillig auf die Folterbank zu und spuckte das Fleisch wieder aus, wie es jemand tun musste, der sich standhaft wehrte zu essen, was man nicht essen darf, auch nicht aus Liebe zum Leben. Die Leute, die mit dem gesetzwidrigen Opfermahl beauftragt waren und den Mann von früher her kannten, nahmen ihn heimlich beiseite und redeten ihm zu, er solle sich doch Fleisch holen lassen, das er essen dürfe, und es selbst zubereiten. Dann solle er tun, als ob er von dem Opferfleisch esse, wie es der König befohlen habe. Wenn er es so mache, entgehe er dem Tod; weil sie alte Freunde seien, würden sie ihn menschlich behandeln. Er aber fasste einen edlen Entschluss, wie es sich gehörte für einen Mann, der so alt und wegen seines Alters angesehen war, in lange bewährter Würde ergraut, der von Jugend an aufs Vorbildlichste gelebt und – was noch wichtiger ist – den heiligen, von Gott gegebenen Gesetzen gehorcht hatte. So erklärte er ohne Umschweife, man solle ihn ruhig zur Unterwelt schicken. Wer so alt ist wie ich, soll sich nicht verstellen. Viele junge Leute könnten sonst glauben, Eleasar sei mit seinen neunzig Jahren noch zu der fremden Lebensart übergegangen. Wenn ich jetzt heuchelte, um eine geringe, kurze Zeit länger zu leben, leitete ich sie irre, brächte meinem Alter aber Schimpf und Schande. Vielleicht könnte ich mich für den Augenblick einer Strafe von Menschen entziehen; doch nie, weder lebendig noch tot, werde ich den Händen des Allherrschers entfliehen. Darum will ich jetzt wie ein Mann sterben und mich so meines Alters würdig zeigen. Der Jugend aber hinterlasse ich ein edles Beispiel, wie man mutig und in edler Haltung für die ehrwürdigen und heiligen Gesetze eines guten Todes stirbt. Nach diesen Worten ging er geradewegs zur Folterbank.“ (2 Makk 6,18-28)

Eleasar ging es also darum, andere nicht dazu zu verleiten die Gebote der Tora zu verletzen, indem er ihnen den Eindruck gab, sich nicht dazu bekannt zu haben. (Übrigens ging es für ihn folgendermaßen weiter: „Da schlug die Freundlichkeit, die ihm seine Begleiter eben noch erwiesen hatten, in Feindschaft um; denn was er gesagt hatte, hielten sie für Wahnsinn. Als er unter Schlägen in den Tod ging, sagte er stöhnend: Der Herr weiß in seiner heiligen Erkenntnis, dass ich dem Tod hätte entrinnen können. Mein Körper leidet Qualen unter den Schlägen, meine Seele aber erträgt sie mit Freuden, weil ich ihn fürchte. Auf solche Weise starb er; durch seinen Tod hinterließ er nicht nur der Jugend, sondern den meisten aus dem Volk ein Beispiel für edle Gesinnung und ein Denkmal der Tugend.“ (2 Makk 6,29-31))

In so einer Situation hätten, wenn sie gemeint hätten, dass selbst ein Eleasar nicht am Glauben festhält, viele sich dazu verleiten lassen können, auch vom Glauben abzufallen; so etwas ist mit einer dringenden Gefahr für das Heil des Nächsten gemeint.

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(Gustave Doré, Das Martyrium des Schriftgelehrten Eleasar. Gemeinfrei.)

Hier in Europa werden die meisten Katholiken nicht in Gefahr sein, für ihren Glauben ermordet zu werden (wobei es auch da Ausnahmen geben kann, z. B. bei ex-muslimischen Konvertiten); Situationen, in denen sich die Frage stellt, ob/wie man zum Glauben stehen sollte, werden eher so aussehen wie: Man sitzt mit anderen zusammen, die nicht besonders kirchenfreundlich sind und mit denen man es sich eigentlich nicht verderben will; sie fangen an, sich darüber zu unterhalten, wie schlimm und mittelalterlich die katholische Kirche sei, da sie „immer noch“ keine Frauen weihe oder homosexuelle Paare traue, und überhaupt wisse man ja nicht mal, ob Jesus jemals gelebt habe. Sagt man etwas dazu oder schweigt man? Ganz so schwarz-weiß ist es hier nicht. Grundsätzlich ist es so, dass es erlaubt sein kann, nichts dazu zu sagen, wenn das Schweigen nicht als Zustimmung gewertet würde und wenn es z. B. kontraproduktiv wäre, etwas zu sagen (z. B. weil man sich selbst mit einer bestimmten Glaubensfrage nicht gut genug auskennt, um die Kirche zu verteidigen, oder  weil man schon oft darüber geredet hat und weiß, dass diese anderen einem nicht zuhören wollen und eher noch abweisender reagieren würden, wenn man etwas sagen würde). In solchen Situationen kann man abwägen, was das Praktischste und Zielführendste ist; wenn aber z. B. einer, der dabei ist, und bisher noch katholisch ist, dabei wäre, sich von einem anderen vom Glauben abbringen zu lassen, müsste man schon etwas sagen. Und natürlich ist es oft das Bessere, auch wenn es nicht streng geboten sein sollte, den Glauben zu verteidigen. Völliges Schweigen wäre in vielen solchen Situationen (schätze ich einmal) eine lässliche Sünde.

Wenn man nach einzelnen Lehren der Kirche gefragt wird, kann aus einem guten Grund Schweigen oder ausweichendes Antworten erlaubt sein, wenn das nicht so verstanden werden würde, als würde man den Glauben verleugnen oder sich des Glaubens schämen; man muss nicht in jeder Situation ganz genau erklären, was eine Lehre bedeutet, wenn das z. B. jemanden dazu bringen würde, die Kirche noch weniger zu mögen. Besser ist allerdings oft Klarheit. Wenn man in solchen Situationen zu halbherzig dabei ist, zum Glauben zu stehen, wären wir vermutlich auch wieder im Bereich der lässlichen Sünde.

Zu verbergen, dass man katholisch ist, solange man nicht direkt danach gefragt wird, oder zu verbergen, was genau man als Katholik glaubt, ist erlaubt, wenn man einen drängenden Grund dafür hat – also z. B. in Zeiten der Verfolgung. In so einem Fall wäre es auch erlaubt, Dinge zu tun, die nicht in sich schlecht sind, wie etwa, an einem Fastentag Fleisch zu essen, um nicht preiszugeben, dass man katholisch ist. Die Teilnahme an andersreligiösen Riten und ähnlichem wäre natürlich nicht erlaubt. Die Flucht aus Ländern, in denen Christen verfolgt werden, ist grundsätzlich auch erlaubt, außer für die Hirten der Kirche, wenn sie dringend von den Gläubigen dort benötigt werden. Wenn man neu konvertiert ist, muss man sich für gewöhnlich irgendwann als Katholik „outen“; wobei es schon erlaubt ist, einen passenden Zeitpunkt abzuwarten, um so eine Nachricht z. B. einer ungläubigen Familie beizubringen (wenn man z. B. fürchten müsste, von der Familie ermordet oder vom Staat ins Gefängnis gesteckt zu werden, gilt natürlich das Gesagte über das Verbergen des Glaubens).

Außerdem schreibt die Kirche manchmal ein ausdrückliches Bekenntnis des Glaubens vor; grundsätzlich natürlich bei Erwachsenentaufe/Konversion/Rekonziliation; ansonsten z. B. bevor jemand von ihr einen Lehrauftrag an einer Theologischen Fakultät erhält.

3) Die Pflicht, den Glauben zu verbreiten betrifft vor allem die kirchliche Hierarchie. Man könnte die Frage stellen, ob es nicht auch für Laien eine Sünde wäre, nie irgendetwas, weder durch Gebet noch Spenden noch aktive Mitarbeit, für die Verbreitung des Glaubens beizutragen; aber vorrangig ist das nur eine Pflicht für die Kirchenhierarchie. (Eltern haben natürlich die Pflicht, ihre Kinder zum Glauben zu führen, und auch Paten haben eine gewisse Pflicht, zur religiösen Erziehung ihrer Patenkinder etwas beizutragen. Aber dazu im Detail in einem späteren Teil.)

Weitere Sünden gegen den Glauben wären:

1) Unglaube: So bezeichnet man das Fehlen des Glaubens bei einem Ungetauften. Der Unglaube ist in dem Maß eine Sünde, wie jemand persönlich dafür verantwortlich ist; schon der hl. Thomas unterscheidet zwischen einer bloßen Abwesenheit des Glaubens, bei denen, die ihn nicht kennen, und einer bewussten Ablehnung bei denen, die ihn kennen würden; nur letztere ist Sünde. Für meine überzeugt katholischen Leser könnte ich es bei dieser kurzen Erklärung belassen, aber unter denen fragen sich vermutlich auch viele: Wie „schuldfähig“ sind eigentlich meine ungläubigen Familienmitglieder/Freunde/Mitschüler/Arbeitskollegen/Nachbarn? Fallen die in die Kategorie der in „unüberwindlicher Unwissenheit“ befindlichen Ungläubigen? Daher noch eine kurze Erklärung, wann es eigentlich eine persönlich zurechenbare Sünde ist, den wahren Gott nicht zu kennen, und wann nicht: Wenn jemand in einer anderen Religion, sagen wir mal, dem Islam, aufwächst, und ihm keine besonderen Zweifel daran kommen, hat er auch an sich nicht die schwere Gewissensverpflichtung, weiter danach zu suchen, was die Wahrheit ist. Jemand, der Zweifel an seinem falschen Glauben hat, aber aus Nachlässigkeit nicht weiter nach der Wahrheit forscht, sündigt schwer oder lässlich, je nachdem, wie stark die Zweifel sind und wie groß die Nachlässigkeit ist. Jemand, der wirklich ausreichend über den katholischen Glauben und über die Gründe dafür Bescheid weiß, hat die schwere Gewissensverpflichtung, ihn anzunehmen; wer entschlossen ist, nicht katholisch zu werden, selbst wenn der Katholizismus wahr sein sollte, z. B. weil er dann irgendetwas aufgeben oder sich mit seiner Familie überwerfen müsste, sündigt schwer. (Wann das allerdings der Fall ist, kann ein Außenstehender natürlich schwer beurteilen; wer nicht katholisch ist, hat sicher oft noch alle möglichen persönlichen Zweifel und Gründe, an seinem alten Glauben zu hängen, die ihm größer vorkommen als jemandem, der schon katholisch ist.) „Unüberwindliche Unwissenheit“ bedeutet jedenfalls nicht, dass jeder, für den es nicht völlig hundertprozentig unmöglich gewesen wäre, irgendetwas vom Glauben zu erfahren, verdammt ist.

2) Apostasie: So nennt man es, wenn ein Getaufter vom christlichen Glauben abfällt, also wenn z. B. ein Katholik Atheist oder Buddhist wird. Die Apostasie ist an sich eine schwerere Sünde als der einfache Unglaube (Der hl. Thomas vergleicht das damit, dass es eine schwerere Sünde ist, ein gegebenes Versprechen zu brechen, als es nie gegeben zu haben), aber auch hier können natürlich wieder mildernde Umstände ins Spiel kommen – wenn jemand z. B. als Kind einmal getauft wurde, dann aber nie gelernt hat, wieso man eigentlich katholisch sein sollte.

3) Häresie: So nennt man es, wenn ein Christ zwar noch Christ bleibt, also an den dreifaltigen Gott und die Menschwerdung glaubt, aber eine oder mehrere andere Glaubenslehren, die von der Kirche unfehlbar definiert sind, leugnet oder hartnäckig in Zweifel zieht. Mit „hartnäckig“ ist hier so etwas wie „unbelehrbar“ gemeint – wenn jemand nicht ganz versteht, ob/wieso die Kirche etwas lehrt und vielleicht auch kurz daran zweifelt, dann aber ihre Erklärungen dazu akzeptiert, ist er kein Häretiker. Der sel. John Henry Newman hat zudem einmal die Unterscheidung zwischen „Schwierigkeiten“ und „Zweifeln“ getroffen: „Zehntausend Schwierigkeiten machen noch keinen Zweifel.“ („Ten thousand difficulties do not make one doubt.“) Ein Vergleich: Auch ein Wissenschaftler kann alle möglichen Fragen haben und Schwierigkeiten sehen, wenn er z. B. den Aufbau eines Atoms untersucht, aber er wird deshalb nie daran zweifeln, ob Naturgesetze existieren, nach denen das alles funktioniert; sonst könnte er kein Wissenschaftler mehr sein. Auch ein Katholik darf Fragen dazu haben, wieso die Kirchenlehre so ist, wie sie ist, und sie herumwälzen und nach verschiedenen Antworten suchen (das macht sogar Sinn; man soll den Glauben mit dem Verstand durchdringen), aber deshalb muss er noch lange nicht daran zweifeln, ob die Kirche mit ihrer Lehre Recht hat.

Wenn jemand dazu gekommen ist, zu glauben, dass Jesus von Nazareth von Gott gesandt war und die Kirche gegründet hat, und ihr die Garantie gegeben hat, dass sie nicht in Irrtum verfallen kann, ist die Pflicht da, auch alles anzunehmen, was sie als Glaubenslehre vorlegt. Es ist falsch, sich aus Gottes Offenbarung nur die Teile herauspicken zu wollen, die einem angenehm sind, und andere zu verwerfen; genau das ist Häresie (von gr. hairein = wählen, auswählen); hierin liegt der Grund, warum Häresie Sünde ist. Die meisten Häretiker, die die Kirche im Lauf ihrer Geschichte als solche verurteilt hat, waren katholische Theologen, die irgendwann begannen, etwas anderes zu lehren, als die Kirche lehrt; ein Beispiel wäre Martin Luther. Wer schon in einer häretischen Religionsgemeinschaft aufwächst (also z. B. als Lutheraner), begeht erst einmal nicht die Sünde der Häresie, weil ihm die Autorität der katholischen Kirche gar nicht bewusst ist (und er es sogar für falsch hält, sich einer Kirche zu unterwerfen, erst recht dieser römischen). Die eigentliche Häresie, die der abweichenden Theologen, selbsternannten Propheten und Sektengründer, ging vermutlich oft vor allem aus dem Hochmut hervor, daraus, sich für das einsame, von Gott begnadete Genie halten zu wollen – oder einfach dem Wunsch, sich die Lehre so zurechtzulegen, dass man irgendetwas tun durfte, das die Kirche bisher untersagt hatte (z. B. bei Huldrych Zwingli: die Geliebte heiraten; bei Heinrich VIII. von England: die Ehefrau loswerden und die Geliebte heiraten). (Einige Sektengründer hatten auch sehr praktische weltliche Vorteile von ihrer neuen Position, etwa die Landesherren zur Zeit der Reformation, die in ihren Gebieten den protestantischen Glauben einführten, sich zu Herren über die Kirche machten und den Besitz der Klöster einzogen.)

Man muss unterscheiden zwischen „formeller“ und „materieller“ Häresie (erst die formelle Häresie ist Sünde; und zwar an sich prinzipiell schwere Sünde). Wenn ein Katholik sich mit der Lehre der Kirche nicht genau auskennt und etwas glaubt, von dem er meint, es stimme mit der katholischen Lehre überein, obwohl es in Wirklichkeit einmal von einem Konzil verurteilt worden ist, ist er materieller Häretiker (ebenso wie z. B. der als Protestant aufgewachsene Protestant), aber nicht formeller; formeller Häretiker wird er erst, wenn er weiß, dass die Kirche das verurteilt hat (und zwar wirklich definitiv verurteilt hat; nicht alle Verlautbarungen des Lehramts haben die Form eines Dogmas; und manche betreffen auch nur die kirchliche Disziplin statt die Lehre), und immer noch daran festhalten will, weil er sich damit bewusst außerhalb der Kirche stellt.

Wenn jemand eine Lehre leugnet, die von der Kirche schon ziemlich klar verurteilt wurde, aber noch nicht mit völliger dogmatischer Sicherheit, ist er kein Häretiker, sündigt aber gegen den praktischen Gehorsam, den man der Kirche schuldet. Manchmal hat die Kirche im Lauf ihrer Geschichte Lehren auch nicht definitiv verurteilt, sondern zu Theologen eher gesagt, sie sollten vorläufig aufhören, das und das in dieser und jener Form zu verkünden, weil es in einer konkreten Situation falsch verstanden werden könnte; hier geht es ebenfalls einfach um Gehorsam.

Es kann eine mehr oder weniger schwere Sünde sein, wenn jemand aus schuldbarer Nachlässigkeit über eine wichtige Lehre der Kirche nicht Bescheid weiß, aber es ist nicht die Sünde der Häresie.

4) Auch die Gefährdung des eigenen Glaubens ist eine Sünde (die lässlich oder schwer sein kann, je nachdem, wie akut es wird). Wenn sich jemand z. B. oft mit evangelikalen Freunden in einer Freikirche trifft, und merkt, dass er durch sie so langsam vom katholischen Glauben abkommt, weil sie sich besser mit ihrer Theologie auskennen als er sich mit der katholischen und er ihrem Einfluss wenig entgegensetzen kann, muss er etwas dagegen tun: entweder, weniger Kontakt zu diesen Freunden haben, oder, sich gründlicher über den eigenen Glauben informieren, sich mehr damit beschäftigen, und auch mehr Kontakt zu Katholiken haben; oder das alles zusammen. Man wird nun einmal von Menschen und Ansichten beeinflusst, mit denen man oft zu tun hat; das passiert automatisch, auch ohne dass man es bewusst will. „Aus den Augen, aus dem Sinn“; was man sich nicht immer wieder vor Augen führt, kommt einem irgendwann weniger real vor. Daher sollte man auch hier aufpassen, welchen Einflüssen man sich aussetzt. Natürlich kann man Kontakte zu Nichtkatholiken nicht immer einfach sein lassen (das geht allein praktisch heutzutage nicht und wäre oft auch nicht sinnvoll); das Wichtigere ist, die Kontakte zu Katholiken und das Kennenlernen des katholischen Glaubens nicht zu vernachlässigen. Man sollte auch vorsichtig mit nichtkatholischen Büchern usw. sein; es ist nichts dagegen einzuwenden, ab und zu auch Bücher von z. B. guten orthodoxen oder protestantischen Theologen zu lesen, aber das sollte eher eine Ergänzung der eigenen Lektüre sein und man sollte genug über den eigenen Glauben Bescheid wissen, um zu merken, wo sich bei ihnen Denkfehler, Missverständnisse und Irrlehren finden. Wenn jemand merken würde, dass er sich allmählich ganz vom Glauben wegziehen lässt und dem gar nichts entgegensetzt, wäre das jedenfalls eine schwere Sünde.

5) Auch eine Art „Exzess“ im Glauben wäre möglich, nämlich eine übertriebene Leichtgläubigkeit gegenüber Dingen, die nicht zur Offenbarung gehören und nicht auf eine Stufe mit ihr gestellt werden dürfen, wie Privatoffenbarungen, eigenen „Eingebungen“, die man für vom Hl. Geist inspiriert hält usw. Aber das wird wohl nicht so schlimm, solange man sich noch dem Urteil der Kirche unterwirft, also es akzeptiert, wenn die Kirche eine Privatoffenbarung für nicht authentisch erklärt, oder nicht an einer mutmaßlichen Eingebung festhält, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen würde.

 

Zusammenfassung: Man muss an Gott glauben; den Glauben kennen und bekennen; und ihn unverfälscht bewahren.

Beim nächsten Mal genauer zur Hoffnung und den Sünden gegen sie.

 

* Dabei kann auch ein Gebet wie dieses helfen: „Herr und Gott, ich glaube fest und bekenne alles und jedes, was die heilige katholische Kirche zu glauben lehrt. Denn du, o Gott, hast das alles geoffenbart, der du die ewige Wahrheit und Weisheit bist, die weder täuschen noch getäuscht werden kann. In diesem Glauben will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)

Betreffs Römer 9

Ich habe Teil 18 der Reihe zu den schwierigen Bibelstellen, in dem es um Röm 9 und die Frage, ob Gott die einen Menschen zum Himmel und andere zur Hölle prädestiniert, noch einmal gründlich überarbeitet, nachdem ich mir die Bibelstelle und Kommentare dazu noch einmal genauer angesehen hatte und einiges bemerkt hatte, was ich vorher übersehen hatte. Er sollte jetzt deutlich klarer sein.

Haltet euch von den fiesen Weibern fern!

Es gibt im Katholizismus ein Prinzip, das man früher „Die Ägypter ausplündern“ (frei nach Exodus 11,35f.) nannte; gemeint ist, Dinge, die an sich gut oder zumindest teilweise gut sind, aus nichtchristlichen Kulturen aufzunehmen und sie im christlichen Sinne zu adaptieren. Diesem Prinzip sind z. B. Weihnachtsbäume, die scholastische Philosophie oder christliche Rockmusik zu verdanken. Wie man an letzterem Beispiel sieht, kann die christliche Adaption auch schiefgehen und zu einer lahmen Nachahmung werden; das Prinzip wird nicht immer richtig angewandt.

Und dann gibt es auch wieder Fälle, in denen es gar nicht angewandt werden sollte. Manchmal können die Ägypter ihren Scheiß auch behalten.

Die MGTOW-Bewegung (Men going their own way), über die der Cathwalk hier berichtet (https://www.thecathwalk.de/2018/03/08/mgtow-geschlecht-charakter/) wäre ein solcher Fall. André Thiele, der Autor dieses Artikels, möchte offensichtlich Impulse aus dieser säkularen Männerbewegung aufnehmen und im christlichen Sinne umdeuten. Leider funktioniert das nicht so ganz.

Die MGTOW-Bewegung stellt fest: Der Feminismus hat gesiegt, Frauen beherrschen die Welt, Männer werden unterdrückt, sind überall in der Gesellschaft benachteiligt, dürfen sich nicht mehr äußern, und werden für jedes Kompliment zu Vergewaltigern erklärt. André Thiele stellt fest: „Der Mann ist das Schlachtvieh der Moderne.“ Er fährt fort: „Die MGTOW-Männer reden von ‚Schlampen‘ und Schlimmerem, und das soll man nicht lieben – aber soll man es tadeln?“ Nun ist ein solcher Satz nicht gerade logisch. Wenn man etwas nicht lieben „soll“, folgt daraus, dass es nicht gut ist, und was nicht gut ist, „soll man […] tadeln“. Aber Thiele arbeitet offensichtlich nach dem Prinzip Wie du mir, so ich dir: „Ausgerechnet in einer Zeit, die kein Wort kennt, das zu brutal und zu vulgär wäre, wenn es nur gegen Männer geht?“ Die Frauen unterdrücken die Männer, die Männer dürfen sich das nicht mehr gefallen lassen. Also sollen sie sich einfach einer Welt entziehen, in der Männer und Frauen zusammenleben.

„Am schnellsten wächst die ‚going monk‘-Gruppe. Diese Männer gehen keinerlei sexuelle Beziehungen zu Frauen mehr ein und vermeiden auch zunehmend jeden gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Ein Teil radikalisiert sich weiter und verbindet sich mit der ‚NoFap‘-Gruppe, die ursprünglich nicht zu MGTOW gehört, und meidet auch Pornographie und Onanie.“

Na, da sind wir Frauen aber enttäuscht. Ich weiß ja nicht, wie es anderen Frauen geht, aber ich kann doch ganz gut damit leben, wenn Männer keine Pornos schauen. (Das als Radikalisierung zu bezeichnen, ist freilich etwas tragikomisch, und sagt einiges über die Normalität von Pornographie in unserer Gesellschaft aus.) Aber MGTOW ist eben eine Verschwörungstheorie: „Die“ Frau kontrolliert „den“ Mann, indem sie sich seine sexuellen Triebe zunutze macht. Sie macht ihn von sich abhängig und damit zu ihrem Sklaven. Also muss er sich von seinen Trieben lösen und kann somit endlich frei leben. Es gibt keine individuellen Menschen, sondern finstere, alles durchdringende Herrschaftstrukturen. Auf die Idee, dass Pornographie ganz im Gegenteil zum Nachteil von Frauen wirken könnte – z. B. indem Männer sich an Frauen degradierende Hardcore-Pornos gewöhnen und von ihren Freundinnen verlangen, dasselbe, was die Porno-Darstellerinnen tun, im Schlafzimmer nachzustellen – , kommt man hier offenbar gar nicht. Ebenso wenig, wie ein MGTOW-ler auf die Idee kommen würde, dass eine Frau vielleicht Besseres zu tun haben könnte, als sich ihn zu unterwerfen. Frauen sind einfach herrschsüchtige Biester, die kann man auch nicht ändern. Da kann man nur drauf hoffen, dass der technische Fortschritt sie überflüssig macht: „Wie die Mönche-Gruppe sich nach der Einführung der sog. ‚FemBots‘ genannten Gynoiden verhalten wird, die für die kommenden 10 bis 20 Jahre zu erwarten ist, wird man abwarten müssen.“ Würg.

Die MGTOW-Bewegung baut auf einem Körnchen Wahrheit auf: Es gibt tatsächlich männerfeindliche Feministinnen (auch wenn der Mainstream-Feminismus eher der Ansicht ist, dass „patriarchale Strukturen“ beiden Geschlechtern schaden, und man einfach Gleichberechtigung – oder Gleichstellung, was nicht dasselbe ist – erreichen sollte, die für alle am Ende am besten sei). Es gibt auch Frauen wie Sawsan Chebli, die es für Sexismus halten, wenn man ihnen sagt, sie seien „schön“. Aber die Männer, die durch die Metoo-Bewegung wirklich zu Fall kamen, sind eben keine Männer, die bloß einer Frau gesagt haben, sie sei schön, sondern Männer wie Harvey Weinstein, die sich in Sachen sexueller Belästigung und womöglich auch Vergewaltigung offensichtlich einiges haben zuschulden kommen lassen. Es gibt auch Bereiche der Gesellschaft, in denen Männer tatsächlich den Kürzeren ziehen – der Text erwähnt die Selbstmordrate als Beispiel (80% der Selbstmorde betreffen Männer), und die Tatsache, dass Männer wesentlich häufiger als Frauen von schweren Arbeitsunfällen betroffen sind. Aber das zweite Beispiel ist freilich ebenso lächerlich wie das Jammern auf Feministinnen-Seite über die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen – die Lohnlücke entsteht dadurch, dass Frauen sich häufiger für schlechter bezahlte Berufe, etwa im sozialen Bereich, oder für Teilzeitjobs entscheiden, und das ist ihre freie Entscheidung; und ebenso entsteht das Ungleichgewicht bei den Arbeitsunfällen dadurch, dass Männer sich häufiger für anstrengende und gefährliche Berufe entscheiden, und es ist die freie Entscheidung eines jeden Mannes, ob er Dachdecker oder doch lieber Erzieher werden will. Hier zeigen sich nur die Nebenwirkungen natürlicher Präferenzen. Der Text erwähnt auch Selbstmorde nach Scheidung oder Trennung – und es stimmt, dass etwa in Sorgerechtsstreitigkeiten nach Scheidungen im Regelfall den Frauen das Sorgerecht zugesprochen wird. Aber andererseits stimmt es eben auch, dass z. B. Frauen, die unehelich schwanger werden, sehr leicht vom Vater des Kindes im Stich gelassen werden und oft keinen Unterhalt erhalten. Hier sind wieder die Frauen deutlich schlechter dran. Worauf ich hinaus will: Wir haben in Deutschland eine relativ gleichberechtigte Gesellschaft – anders sieht es in anderen Gesellschaften aus, wo noch Zwangsehen, Kinderehen und Genitalverstümmelung existieren – , aber auch in dieser Gesellschaft kommt es an verschiedenen Stellen mal zur Benachteiligung von Männern, mal zur Benachteiligung von Frauen. Manchen dieser Benachteiligungen lässt sich abhelfen, anderen nicht. Die Tatsache, dass Frauen mit der Fortpflanzung wesentlich mehr Mühe haben, ist biologisch gegeben und lässt sich nicht ändern. Die Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen, entsteht durch ihre eigenen Präferenzen. Die Tatsache, dass Frauen häufiger unter sexueller Belästigung leiden als Männer, entsteht nur durch das Belästigen, das die Täter auch bleiben lassen könnten. Ähnlich bei den Männern: Männer neigen von Natur aus mehr zu Extremen, also ist es vielleicht nicht allzu verwunderlich, dass sie häufiger Selbstmord begehen oder auch obdachlos sind; aber manchen Ursachen dafür könnte man vielleicht trotzdem abhelfen, ebenso, wie man drauf schauen könnte, ob in unserem Schulsystem Mädchen und Jungen pädagogisch passend gefördert werden. Die MGTOW-Bewegung sieht einige reale Nachteile von Männern, ohne sich um deren Ursachen zu kümmern, bauscht sie zu lächerlicher Größe auf, und übersieht die Nachteile der Frauen. Dass da beim ein oder anderen Anhänger der Bewegung eine Enttäuschung, dass eine Frau nichts von ihm wissen wollte, mitspielen könnte, kann man sich gut vorstellen.

Man fragt sich doch, was für eine Vorstellung haben solche Leute von funktionierenden Beziehungen (auch wenn sie meinen, heutzutage könnte man keine Frau mehr für eine solche finden)? Wie würde ihre ideale Frau, ihre ideale Beziehung aussehen? Sollte es nicht ideal sein, dass in einer Beziehung beide Partner gleichzeitig daran arbeiten, für den anderen ein guter Partner zu sein und auf ihn einzugehen, sich dabei aber auch nicht verbiegen? Wieso sollte es schlecht sein, wenn man mal was für seinen Partner tut?

Am Ende kommt Thiele darauf, was das alles nun für Katholiken heißen soll. Hier zitiere ich einen längeren Abschnitt:

„Aber vielleicht geht dieser Vorgang Katholiken einfach gar nichts an? Haben wir nicht eine klare Dogmatik, was das Verhältnis von Männern und Frauen betrifft? Sind katholische Frauen nicht immun gegen die Versuchungen der feministischen Welt?

Katholische Frauen in der Moderne sind vor allem zunächst einmal moderne Frauen und verhalten sich weit überwiegend keinesfalls anders als nichtkatholische Frauen. Vor allem aber werden katholische Männer von ihrer Kirche und ihren Gemeinden weitgehend alleingelassen bei der Wahl ihrer Partnerinnen: die Frage nach der Tugendhaftigkeit einer Frau, mit der ein seinen Glauben lebender Mann sein gesamtes Leben verbringen soll, ist ein Tabu. Wer sie stellt, ist ein Erststeinwerfer, was neben dem Pharisäer und dem Sexisten das Schlimmste ist, was ein katholischer Mann heutzutage sein kann. Der Teufel selbst genösse in der Kirche von heute hohes Ansehen, wenn er sich Frauen verstehend, sie empowernd und ihnen gegenüber ‚vorurteilsfrei‘ äußern würde, wobei ‚vorurteilsfrei‘ dasjenige Vorurteil meint, das Frauen genehm ist, während ‚vorverurteilend‘ dasjenige Urteil ist, das ihnen nicht genehm ist. Unehelich schwangere Katholikinnen erfahren genau dieselbe Vorzugsbehandlung wie Heidinnen auch, eine im Stuhlkreis sozialisierte Priesterschaft winkt das ängstlich durch und eine Armee von unverheirateten Gemeindereferentinnen erklärt sie zu weltlichen Heiligen, denen jeder katholische Mann sein Glück zu opfern hat – denn genau darin besteht nach Ansicht dieser Frauen sein Glück.

Im Zeichen von ‚Weiberaufstand‘ und hoch promiskuitiven Frauen, die sich via McBeichte und Drive-Through-Katholizismus für ihren Fall das katholische Sahnehäubchen als Distinktionsmerkmal verschaffen, kann kein Mann ‚vertrauen‘.

Richtig aber ist, daß katholische MGTOW-Männer eine andere Perspektive haben als andere: sie haben eine jahrtausendealte Tradition der innerweltlichen Keuschheit, der sie sich überantworten können. Sie müssen nicht auf den sentimentalen Quatsch des ‚white knightings‘ hereinfallen, um einen historisch erprobten Begriff von Ritterlichkeit zu haben. Und sie können ihr Geschick eben vertrauensvoll ihrem Herrn anvertrauen, in dessen Hand sie geborgener sind als selbst die Gemeindereferentinnen in denen ihrer steuersubventionierten Diözese.“

Ich muss sagen, ich finde diese Abschnitte gruselig.

Zunächst mal zu den Versuchungen der feministischen Welt, denen die katholischen Frauen angeblich verfallen: Welche genau sollen das sein? Der Feminismus kann vor allem zwei wirkliche Errungenschaften vorweisen: Erstens, dass es normal für Frauen geworden ist, einen Beruf zu lernen, und damit im Leben nicht darauf angewiesen zu sein, dass sie einen Ehemann finden; zweitens, dass Frauen in der Gesellschaft mehr Gehör finden und Einfluss nehmen – z. B. durch das aktive und passive Wahlrecht, oder dadurch, dass sie jetzt auch an Universitäten repräsentiert sind. Es ist nicht gut, wenn jeder Frau, egal, wie ihre Lebensumstände und ihre Persönlichkeit aussehen, nur die Ehe als wirklich anerkannter Lebensweg offensteht; es ist auch nicht gut, wenn die Hälfte der Bevölkerung von öffentlichen Debatten ausgeschlossen bleibt. Natürlich kamen mit einer späteren Welle des Feminismus auch andere Forderungen auf, die die ersten Feministinnen abgelehnt hätten – sexuelle Befreiung, Recht auf Abtreibung, usw. Aber was genau davon lehnt André Thiele nun als Versuchungen ab?

Anscheinend vor allem die Promuiskuität; seine Angst ist, dass katholische Männer keine angemessen tugendhafte Frau mehr finden könnten. Was er unter „Tugendhaftigkeit“ versteht, wird gleich klar: Jungfräulichkeit. Unverheiratete Mütter etwa fallen von vornherein raus. Dass das nicht mehr viel mit dem Christentum zu tun hat, sondern eher mit außerchristlichen Vorstellungen von Ehre und Unversehrtheit, ist klar; im Christentum sind Sünden erledigt, wenn man sie gebeichtet hat. Wir haben genügend bekehrte Prostituierte in unserem Heiligenkalender (z. B. die hl. Afra). Aber André Thiele sieht das offenbar anders. Er ist auch der Meinung, dass wir unverheirateten Müttern deutlicher klarmachen sollten, dass sie unerwünscht sind; eine Sache wie „Frauen, die sich für ihr Kind entscheiden, unterstützen“ oder „Alle Menschen freundlich behandeln“ mag zwar ganz nett sein, aber man muss den Weibern ja schließlich auch klarmachen, wie sie sich zu verhalten haben und wann sie nichts mehr wert sind. Etwas lächerlich auch die Klage darüber, dass die Kirche die Männer im Stich ließe; sollten die Pfarreien vielleicht Tugendhafte-Jungfrauen-Vermittlungsstellen einrichten, damit kein Mann ohne passende Gattin bleiben muss?

Aber vor allem wird hier klar: Es geht um den Mann, der wählt. Bei der Ehe geht es für Thiele nicht um Gegenseitigkeit, nicht um zwei Menschen, die schauen, ob der jeweils andere ein guter Partner ist (also auch irgendwo „tugendhaft“) und zu ihnen passt, und sich dann für ein Leben mit ihm entscheiden. Die Frage nach der Tugendhaftigkeit des Mannes wird gar nicht erst gestellt. Männer brauchen ja schließlich keinen „sentimentalen Quatsch“, keine „Ritterlichkeit“, sie müssen sich anscheinend nicht anständig verhalten, um ihrer Partnerin würdig zu sein; Frauen dagegen müssen gucken, dass sie auch ja tugendhaft und unterwürfig genug sind.

Thiele geht weit, sehr weit über den handelsüblichen katholischen Antifeminismus hinaus, der hauptsächlich darin besteht, sich (zu Recht) über die Forderung nach einem „Recht auf Abtreibung“ oder die Herabwürdigung von Hausfrauen und Müttern aufzuregen. Er postuliert eine Konkurrenz, einen unvermeidbaren Kampf zwischen den Geschlechtern. Was soll das? Wir sind keine Feinde. Männer und Frauen sind aufeinander hingeordnet und beide nach dem Abbild Gottes geschaffen – so sieht nämlich die „klare Dogmatik“ der Kirche aus. Unsere großen Heiligen hatten kein Problem mit der Ehe oder auch mit Freundschaften zwischen Männern und Frauen (man denke an Franziskus und Klara von Assisi, Franz von Sales und Johanna Franziska von Chantal, oder Hieronymus und Paula und Eustochium (ja, das ist ein Frauenname)). Wenn sie auf die Ehe verzichteten, dann nicht, weil sie dem ach so fiesen Weibsvolk entkommen wollten, sondern weil es etwas Großes ist, „um des Himmelreiches willen“ auf gute Dinge zu verzichten. Von dieser Perspektive auf das Mönchtum scheint André Thiele keine Ahnung zu haben.

Mein liebstes und gleichzeitig praktischstes Plätzchenrezept

Butterknöpfchen:

 

Zutaten:

300 g Mehl

200 g Butter/Margarine

100 g Honig (oder Puderzucker – ich finde Honig besser)

Evtl. etwas Puderzucker oder Zimt und/oder Zucker

 

Zubereitung:

Den Ofen auf 180°C vorheizen. Mehl, Butter/Margarine und Honig zusammenkneten, aus dem Teig kleine Kugeln formen, diese aufs Blech legen, in jede Kugel mit den Zinken einer Gabel hineindrücken (dann sind die fertigen Butterknöpfchen flacher, können also besser in der Dose gestapelt werden, und sehen mit ihren Streifen außerdem hübscher aus). 10-15 min backen. Fertig.

Wenn man möchte, kann man die fertigen Butterknöpfchen noch mit Puderzucker bestäuben.

 

Andere Variante:

Mehl, Butter/Margarine und Honig zusammenkneten, den fertigen Teig zu Stangen (Durchmesser etwa 3 cm) formen und diese in Zimt oder in einer Mischung aus Zimt und Zucker rollen; dann die Stangen in dünne Scheiben schneiden und diese aufs Blech legen und backen.

 

Keine Füllungen, keine Glasuren, und überhaupt so wenige Zutaten, dass das Rezept auch relativ allergikerfreundlich ist; Fruktoseintolerante können den Honig durch Puderzucker ersetzen, Laktoseintolerante sollten normalerweise Butter vertragen, und Veganer können vegane Margarine nehmen.

Und die fertigen Plätzchen sind sehr, sehr lecker.

 

Ja, ich weiß, der Advent hat noch nicht mal angefangen. Ich bin trotzdem schon in Adventsstimmung; liegt vielleicht am Wetter. Und wenn man die Plätzchen schon fertig hat, kann man sich dann ans Essen machen, wenn es wirklich auf Weihnachten zugeht.

(Und man komme mir hier nicht mit dieser Idee vom Fasten im Advent. Das ist grausam!)

Über schwierige Bibelstellen, Teil 14: Die Opferung Isaaks

[Dieser Teil wurde nach der Veröffentlichung noch einmal überarbeitet. Alle Teile hier.]

 

In diesem Teil wage ich mich an die Stelle, die für mich lange die schwierigste im AT war: Genesis 22. Hier der vollständige Text:

„Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sagte: Hier bin ich. Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar! Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, nahm zwei seiner Jungknechte mit sich und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte. Als Abraham am dritten Tag seine Augen erhob, sah er den Ort von Weitem. Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen und uns niederwerfen; dann wollen wir zu euch zurückkehren. Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham. Er sagte: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Abraham sagte: Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter. Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham dort den Altar, schichtete das Holz auf, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel her zu und sagte: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten. Abraham erhob seine Augen, sah hin und siehe, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar. Abraham gab jenem Ort den Namen: Der HERR sieht, wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der HERR sehen. Der Engel des HERRN rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des HERRN: Weil du das getan hast und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen werden das Tor ihrer Feinde einnehmen. Segnen werden sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast. Darauf kehrte Abraham zu seinen Jungknechten zurück. Sie machten sich auf und gingen miteinander nach Beerscheba. Abraham blieb in Beerscheba wohnen.“ (Genesis 22,1-19)

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(Caravaggio, Die Opferung Isaaks. Gemeinfrei.)

Hier wird also Abraham dafür gepriesen, dass er dazu bereit gewesen wäre, auf Gottes Befehl hin seinen eigenen Sohn zu töten. Ja, Gott verhindert das Menschenopfer am Ende, aber das macht die Tatsache nicht ungeschehen, dass Abrahams grundsätzliche Bereitschaft dazu als vorbildlich hingestellt wird. Und Gott selbst erscheint hier als irgendwie grausam; als betreibt Er Psychospielchen mit einem Vater und dessen Kind. Bist du bereit, dein geliebtes Kind umzubringen, wenn ich es dir sage?

Diese Stelle erscheint auch im Kontext der Bibel zunächst seltsam. Die späteren Gesetze und die Geschichte der Israeliten ebenso wie Aussprüche der Propheten machen es ja mehr als deutlich, dass der Gott Israels eben keine Kinderopfer verlangt, dass ihm so etwas sogar ein Gräuel ist:

  • Wenn du dem HERRN, deinem Gott, dienst, sollst du nicht das Gleiche tun wie sie [die Kanaaniter]; denn sie haben, wenn sie ihren Göttern dienten, alle Gräuel begangen, die der HERR hasst. Sie haben sogar ihre Söhne und Töchter im Feuer verbrannt, wenn sie ihren Göttern dienten.“ (Deuteronomium 12,31)
  • Der HERR sprach zu Mose: Sag zu den Israeliten: Jeder Mann unter den Israeliten oder unter den Fremden in Israel, der eines seiner Kinder dem Moloch gibt, hat den Tod verdient. Die Bürger des Landes sollen ihn steinigen. Ich richte mein Angesicht gegen einen solchen und merze ihn aus seinem Volk aus, weil er eines seiner Kinder dem Moloch gegeben, dadurch mein Heiligtum verunreinigt und meinen heiligen Namen entweiht hat. Falls die Bürger des Landes ihre Augen diesem Mann gegenüber verschließen, wenn er eines seiner Kinder dem Moloch gibt, und ihn nicht töten, so richte ich mein Angesicht gegen ihn und seine Sippe und merze sie aus der Mitte ihres Volkes aus, ihn und alle, die mit ihm dem Moloch nachhuren.“ (Levitikus 20,1-5)
  • „Von deinen Nachkommen darfst du keinen hingeben, um ihn für Moloch hinübergehen zu lassen. Du darfst den Namen deines Gottes nicht entweihen. Ich bin der HERR.“ (Levitikus 18,21)
  • Wenn du in das Land hineinziehst, das der HERR, dein Gott, dir gibt, sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker nachzuahmen. Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt.“ (Deuteronomium 18,9-11)
  • „Er [König Manasse von Juda] ließ seinen Sohn durch das Feuer gehen, trieb Zauberei und Wahrsagerei, bestellte Totenbeschwörer und Zeichendeuter. So tat er vieles, was böse war in den Augen des HERRN und ihn erzürnte.“ (2 Könige 21,6)
  • „Ebenso machte er [König Joschija von Juda] das Tofet [Kultstätte] im Tal der Söhne Hinnoms unrein, damit niemand mehr seinen Sohn oder seine Tochter für den Moloch durch das Feuer gehen ließ. “ (2 Könige 23,10)
  • Dann geh hinaus zum Tal Ben-Hinnom am Eingang des Scherbentors! Dort verkünde die Worte, die ich dir sage! Du sollst sagen: Hört das Wort des HERRN, ihr Könige Judas und ihr Einwohner Jerusalems! So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Siehe, ich bringe Unheil über diesen Ort, dass jedem, der davon hört, die Ohren gellen werden. Denn sie haben mich verlassen, diesen Ort entfremdet und an ihm anderen Göttern Rauchopfer dargebracht, die ihnen, ihren Vätern und den Königen von Juda früher unbekannt waren. Mit dem Blut Unschuldiger haben sie diesen Ort angefüllt. Sie haben dem Baal Kulthöhen gebaut, um ihre Kinder als Brandopfer für den Baal im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen oder angeordnet habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist. (Jeremia 19,2-5)
  • „Auch haben sie die Kulthöhen des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und ihre Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist. (Jeremia 7,31)
  • Womit soll ich vor den HERRN treten, mich beugen vor dem Gott der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der HERR Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünde? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott. (Micha 6,6-8)
  • Du [Gott] hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten,/ Zauberkünste und unheilige Riten; sie waren erbarmungslose Kindermörder/ und verzehrten beim Kultmahl Menschenfleisch und Menschenblut; sie waren Teilnehmer an geheimen Kulten und sie waren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten – sie alle wolltest du vernichten durch die Hände unserer Väter; denn das Land, das dir vor allen anderen teuer ist, sollte eine seiner würdige Bevölkerung von Gotteskindern erhalten. Doch selbst jene hast du geschont, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Wespen voraus, um sie nach und nach zu vernichten. Obgleich du die Macht hattest, in einer Schlacht die Gottlosen den Gerechten in die Hand zu geben oder sie durch entsetzliche Tiere oder ein Wort mit einem Schlag auszurotten, vollzogst du doch erst nach und nach die Strafe und gabst Raum zur Umkehr.“ (Weisheit 12,3-10)

(Eine Darstellung des Moloch-Götzenbildes aus dem 18. Jahrhundert (aus: Johann Lund, Die Alten Jüdischen Heiligthümer). Gemeinfrei.)

Wenn aber Gott Kinderopfer als etwas bezeichnet, „was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist“ (Jeremia 7,31; ähnlich 19,5), und ausdrücklich verneint, dass man seinen „Erstgeborenen hingeben [soll] für meine Vergehen“ (Micha 6,7), was ist denn dann mit der Anweisung in Genesis 22,2, „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar“? Eine Ausnahme? Oder was?

Es gibt auch hier verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Eine ist die Standardvariante „Das ist eben das Alte Testament“: Abraham hat zwar gemeint, er sollte seinen Sohn opfern, aber so war das gar nicht, und die Moral von der Geschichte ist vor allem, dass sich am Ende herausstellt, dass Abrahams Gott eben nicht so ist wie die anderen Götter: Von jetzt an also nix Menschenopfer mehr. Abraham wird zwar schon dafür gepriesen, dass er bereit war, alles zu tun, von dem er meinte, dass Gott es von ihm verlangt, aber tatsächlich können wir aus der späteren Offenbarungsgeschichte – s. o. – wissen, dass Gott dieses Opfer nicht wirklich von ihm verlangt haben muss. Es ist auch lobenswert, einem irrenden Gewissen zu gehorchen, das sagt diese Geschichte auch, aber Abrahams Gewissen irrte hier, und Gott machte ihm klar, dass er den Tod des Sohnes nicht will. Das ist eben das Alte Testament, und diese Geschichte zeigt noch ein unvollständig entwickeltes Gottesbild, das nicht 1:1 der späteren, deutlicheren Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus entspricht.

Vielleicht hat das ja eh alles gar nicht so stattgefunden und ist bloß eine symbolische Geschichte. (Es wäre hier natürlich hilfreich, wenn man wüsste, in welcher Zeit diese Geschichte erstmals aufgeschrieben wurde, um mehr darüber sagen zu können, wie historisch oder nicht-historisch sie ist.)

Eine andere Interpretation ist, dass Abraham vielleicht von Anfang an darauf vertraute, dass Gott es am Ende nicht so weit kommen lassen würde, dass das Opfer wirklich durchgezogen würde. Bereits vorher hatte der Herr ihm Isaaks Geburt und eine große Zahl von Nachkommen durch ihn vorausgesagt; wenn Abraham also diesen Versprechen weiterhin vertrauen wollte, musste er praktisch davon ausgehen, dass Isaak am Leben bleiben (oder gegebenenfalls sogar von den Toten zurückkehren) würde. Man kann seine Worte an die Knechte – „dann wollen wir zu euch zurückkehren“ (Genesis 22,5) – und seine Worte an Isaak – „Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn“ (Genesis 22,8) – als Lüge und Ausweichen deuten, wenn man möchte, aber man könnte sie ebenso auch als Ausdruck seines Vertrauens interpretieren, dass Gott sich tatsächlich ein anderes Opferlamm aussuchen und er tatsächlich gemeinsam mit dem lebenden Isaak zurückkehren würde.

Andererseits ergibt sich hier wieder ein potentieller Konflikt mit Vers 16: „Weil du das getan hast und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast…“. Dieses Lob an Abraham scheint eine reale Bereitschaft, seinen Sohn zu töten, vorauszusetzen. Oder vielleicht doch nicht? Setzt dieser Vers nur die Bereitschaft voraus, einem scheinbar widersinnigen und brutalen Befehl Gottes nachzukommen, also mit Isaak zur Opferstätte zu gehen und darauf zu vertrauen, dass sich am Ende doch alles zum Guten wenden würde, ohne dass irgendjemand getötet werden würde? Diese Deutung ist eine mögliche Deutung. Ein paar Verse aus dem Hebräerbrief würden sie stützen: „Aufgrund des Glaubens hat Abraham den Isaak hingegeben, als er auf die Probe gestellt wurde; er gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er war überzeugt, dass Gott sogar die Macht hat, von den Toten zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.“ (Hebräer 11,17-19)

Datei:Rembrandt Harmensz. van Rijn 035.jpg

(Rembrandt, Der Engel verhindert die Opferung Isaaks. Gemeinfrei. Bei diesem Bild muss ich mir denken: Pass mit dem Messer auf! Du sollst ihn nicht umbringen! Und dann denke ich mir wieder, wie aufwühlend die Darstellung Isaaks hier ist – das verkrampfte Stillhalten, die Angst.)

Es hilft vielleicht auch, diese Geschichte dahingehend anzusehen, was sie in Bezug auf Jesus vorausdeutet (da ja sehr viele alttestamentliche Texte offene oder verborgene Vorausdeutungen auf den Messias enthalten). Gott verlangte am Ende nicht von einem Menschen, seinen Sohn zu opfern; stattdessen stieg Gottes Sohn später selbst freiwillig auf die Erde herab, um sich für die Menschen zu opfern. Der Berg Morija wird übrigens in 2 Chronik 3,1 mit dem Tempelberg in Jerusalem identifiziert, der Stadt, in der Jesus gekreuzigt wurde.

Diese Perspektive auf Jesus passt gut mit Interpretation Nummer zwei zusammen, lässt sich aber auch mit Interpretation Nummer eins verbinden: Im Alten Testament meinte Abraham, er müsste seinen Sohn opfern, und wurde für seine Bereitschaft und seinen Glauben gelobt, auch wenn Gott ihn das Opfer nicht durchziehen ließ, aber im Neuen Testament opfert sich Gottes Sohn selbst, und damit wird klar, wo das Gottesverständnis in Genesis 22 vielleicht noch fehlerhaft und unvollständig war.

File:Rembrandt - Raising of the Cross - 95.1946.jpg

(Rembrandt, Aufrichtung des Kreuzes. Gemeinfrei.)

Bei dieser ganzen Geschichte komme ich natürlich nicht umhin, an Isaaks Perspektive zu denken. Es ist frustrierend, wie wenig man darüber erfährt – eigentlich gar nichts; weder darüber, was er tat oder dachte, als er merkte, was genau sein Vater vorhatte, noch darüber, wie sein Verhältnis zu Abraham später aussah.

Spätere jüdische Traditionen sehen Isaak in dieser Episode schon als Erwachsenen (bei Flavius Josephus ist er fünfundzwanzig Jahre alt, im Talmud sogar siebenunddreißig). Wenn man sich dann Abraham als alten, nicht mehr besonders kräftigen Mann vorstellt, bietet sich die von manchen vertretene Interpretation an, dass Isaak sich, aus ebenso festem Glauben wie sein Vater, freiwillig der Opferung unterworfen hätte, anstatt sich zu wehren, was ihm wahrscheinlich hätte gelingen können. Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt etwa: „Isaak ließ sich voll Vertrauen, da er die Zukunft kannte, freudig zum Opfer bringen.“ (1. Clemensbrief 31,3) Er geht davon aus, dass Isaak auf Gottes ursprüngliche Verheißung an seinen Vater vertraute und davon ausging, dass Gott das Opfer letztlich verhindern oder ihn sogar wieder von den Toten auferwecken würde.

Aber dazu bietet die Bibel selbst wenige Informationen. Die Einheitsübersetzung bezeichnet Isaak als „Knaben“; ich kenne den Urtext nicht und kann daher nicht beurteilen, ob das verwendete hebräische Wort ein Kind bezeichnen muss oder auch einen schon erwachsenen Sohn meinen kann.

Die Frage, ob Isaak sich wehrte oder ob er sich freiwillig dem, was er auch als den Willen Gottes sah, unterwarf, ist aber eigentlich bloße Spekulation, denn die Stelle – und das hat mich an ihr immer gestört – fokussiert sich einfach auf Abraham: Er hat einen starken Glauben, er ist bereit, sein Liebstes zu opfern. Hallo?! Hier geht es um seinen Sohn, nicht um sein neues Kamel! Ein Kind ist kein Besitzstück!

Tatsächlich muss man im Hinterkopf behalten, dass Kinder damals oft beinahe so gesehen wurden – nicht ganz so, aber das damalige Verständnis ging doch in die Richtung davon, zumindest dahin, die Zusammengehörigkeit der Familie und die Autorität des Vaters sehr zu betonen; und die Ausdrucksweise der Bibel ist geprägt von der Zeit, in der sie geschrieben wurde. In Ezechiel 18, wo vom Propheten über die ganze Länge des Kapitels hin dargelegt wird, wieso Kinder von Gott nicht für die Sünden ihrer Eltern bestraft werden, heißt es an einer Stelle: „Ihr aber sagt: Warum trägt der Sohn nicht mit an der Schuld des Vaters?“ (Ezechiel 18,19) Es war das allgemeine Verständnis, dass Kinder an den Missetaten ihrer Eltern und Vorfahren mitzutragen hatten; dass ein Mensch zuallererst ein mitverantwortliches Mitglied einer größeren Gemeinschaft war und dann erst eine Einzelperson. (Und in Stellen wie Ezechiel 18 korrigierte Gott dieses Verständnis auch mal ausdrücklich.) Die damalige Welt hätte keine so großen Probleme mit dem Fokus auf Abraham und seiner Autorität über Isaak gehabt; sogar Isaak selbst hätte sich wahrscheinlich weniger als Individuum mit eigenen Rechten und mehr als der Sohn seines Vaters, der unter dessen Autorität stand, gesehen. Wir haben jetzt zum Glück ein anderes Verständnis von Gemeinschaft, Familie und Individuum. (Vielleicht waren die Fehler in diesem alten, die Familie überbewertenden Verständnis sogar einer der Gründe für Jesu Vorbehalte ihr gegenüber (Matthäus 10,35-37; Matthäus 12,46-50; Lukas 11,27f.)?) Aber dieses damalige Vorverständnis spielt natürlich in diesen Text mit hinein und muss in Betracht gezogen werden, wenn man ihn liest; daher ist es kein Wunder, dass wir nicht viel über Isaaks Sicht der Dinge erfahren, auch wenn es ärgerlich ist, und dass Abrahams Sohn hauptsächlich als Abrahams wertvollstes Besitztum, als Abrahams Garantie für eine Zukunft seines Namens gesehen wurde, nicht so sehr als eigenständige Person.

(Diese Tatsache ist allerdings ganz interessant, wenn man die Geschichte auf Jesus hin deutet: Denn Gott Vater und Gott Sohn sind ja, anders als Abraham und Isaak, tatsächlich ein Wesen, nicht zwei verschiedene.)

Ich habe oben auf die wichtige Perspektive auf Jesu Kreuzesopfer hingewiesen und zwei verschiedene Interpretationsmöglichkeiten vorgestellt: Die Das-ist-Altes-Testament-Variante und die Variante, dass Abraham auf eine zufrieden stellende Lösung ohne Tote vertraute.

Natürlich gibt es auch die simple Interpretation, dass Gott ganz einfach von Abraham verlangte, Isaak zu töten, Abraham ganz einfach bereit war, das zu tun, und Gott dann zum Glück noch rechtzeitig Stopp rief. Diese Interpretation beruht darauf, dass Gott an sich das Recht hat, das Leben seiner Geschöpfe zu beenden (zu den Themen Gottes Wille, Schicksal, Gottes Strafen, und Tod verweise ich wieder einmal auf die Teile 8, 9, 10 und 13) und dieses Recht damit theoretisch auch an beauftragte Menschen delegieren könnte (und das nur tun würde, wenn es das Beste für alle Beteiligten wäre, auch den, der sterben soll). Allerdings: Natürlich kann man logisch einwandfrei sagen, dass Gott das irgendwo dürfte; aber wie diese Geschichte zeigt, will Er letztlich nicht, dass Eltern für Ihn Hand an ihre eigenen Kinder legen; stattdessen gibt Er Seinen eigenen Sohn für sie dahin. Man sollte auch beachten, mit wie starken Worten an anderen Stellen die Verehrung von Göttern verurteilt wird, die Kinderopfer fordern.

Alle Varianten sind sich darin einig, dass eine der Aussagen dieser Bibelstelle darin besteht, dass sich hier zeigt, dass Gott eben keine Menschenopfer will – und so etwas dann wohl auch in Zukunft nie mehr verlangen wird (eine Geschichte wie die mit Abraham kommt später nirgends mehr in der Bibel vor; ab da ist allen klar, was Gottes Wille dahingehend ist*).

Ich hoffe, eine dieser Interpretationen stellt jeden Leser zufrieden. Das hier ist vielleicht, einfach durch die Berühmtheit und Bedeutung, die sie im Lauf der Geschichte des Christentums erlangt hat, eine noch schwierigere Stelle als die Landnahme-Erzählungen. Sie gehört zu den Stellen, die man schon in der Grundschule lernt. Und sie provoziert dann für gewöhnlich viele Fragen bei den Grundschulkindern – auf die man Antworten geben muss.

Wenn jemand noch weitere hilfreiche Gedanken zu Genesis 22 hat, sind sie immer willkommen.

 

* Die Geschichte mit Jiftach dem Gileaditer in Richter 11 ist etwas völlig anderes als die mit Abraham; hier wird eindeutig klar, dass Jiftach, der in einer Zeit lebt, als Israel schon von einigen heidnischen Bräuchen beeinflusst und moralisch nicht in bestem Zustand ist (vgl. z. B. auch das nicht allzu vorbildliche Leben Simsons in Richter 13-16), falsch handelt. Nirgendwo wird  dort gesagt, dass Gott ein Menschenopfer von Jiftach verlangt hätte. Hier kommt ganz einfach Regel Nummer 12 ins Spiel: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Im Grunde genommen besteht kein Unterschied zwischen Jiftach aus Richter 11 und Manasse aus 2 Könige 21,6 (s. o.).