Meine Kurzgeschichten

Auf dieser Seite will ich gelegentlich einmal Kurzgeschichten veröffentlichen, wenn ich gerade Lust habe, eine zu schreiben. Ich schreibe ja hobbymäßig ganz gern, normalerweise zwar an längeren Werken, aber gelegentlich auch einmal an kürzeren, und die sollen dann hier ihre Heimat finden.

 

2) Hier eine Kurzgeschichte, die eigentlich in den Advent gehört, auch wenn sie von mir erst Ende Januar fertiggestellt wurde.

 

Wenn der Herr wiederkommt – Eine Geschichte zum Advent

„Wenn der Herr wiederkommt“, hieß es auf dem Hof gelegentlich. Aber jeder, der dort lebte, schien diesen Halbsatz in einem anderen Sinn zu gebrauchen. Für den jungen Knecht war „wenn der Herr wiederkommt“ nur ein anderer Ausdruck für „niemals“, während der Verwalter gegenüber dem Gesinde klarstellte, dass der Herr sehr wohl zur gegebenen Zeit wiederkehren werde, auch wenn jetzt natürlich noch nicht damit zu rechnen sei, und wenn der Herr einmal wiederkommen würde, werde man ihm den Hof in tadellosem Zustand übergeben müssen. Der alte Knecht, der den Herrn noch selbst gekannt hatte, als er jung gewesen war, rechnete dagegen täglich damit, diesen auf der Kuppe des Hügels zu erblicken, und wenn er nicht gerade die Jüngeren umherscheuchte, damit sie gefälligst endlich das Dach des Schweinestalls reparierten oder sich um das Beschlagen der Pferde oder das Verstauen der Mehlsäcke kümmerten, saß er gern auf der Bank unter dem Birnbaum, die Hände um seinen Gehstock geschlossen und den fadenscheinigen Mantel um die Schultern gezogen, und blickte auf die verschlammte Straße, die den Hügel hinunter zum Hof führte. Er war mittlerweile zu alt, um noch viel auf dem Hof leisten zu können, und der Verwalter und die Hauswirtschafterin zeigten immer wieder deutlich, wie wenig es ihnen gefiel, ihn auf dem Hof durchfüttern zu müssen, aber er hatte seinerzeit genug für den Herrn gearbeitet, wie er nicht müde wurde, klarzustellen, und sich seinen Lebensabend verdient. Sein einziger Wunsch war, vor seinem Tod noch die Rückkehr seines Herrn zu erleben, der endlich diesen unfähigen Verwalter und diese unfähige Hauswirtschafterin hinauswerfen und ihm selbst die Stellung geben würde, die ihm für die vielen Jahre seiner harten Arbeit gebührte.

Der Herr war vor vielen Jahren auf eine Reise aufgebrochen und hatte damals wohl deutlich gemacht, dass er noch nicht sagen konnte, wie lange er fort sein würde; dass er rasch wiederkehren, dass es aber auch Jahrzehnte dauern könne. Er hatte einen Verwalter eingesetzt und Anweisungen hinterlassen, wie der Hof zu bewirtschaften sei. Aber wie lange es auch dauern mochte: Er würde zurückkehren, hatte er gesagt. Dennoch hatten mit den Jahren die meisten auf dem Hof aufgehört, mit seiner Rückkehr zu rechnen. Der erste Verwalter war gestorben und hatte zuvor noch einen Nachfolger bestimmt; auch dieser war seit einiger Zeit tot und der jetzige Verwalter hatte den Herrn selbst gar nicht mehr gekannt, ebensowenig wie die jetzige Hauswirtschafterin. Für die jüngste Generation auf dem Hof hatte die Erzählung vom Herrn und seiner Wiederkehr sogar mehr von den Sagen und Legenden, die abends am Feuer erzählt wurden. Die junge Magd gehörte zu dieser Generation. Sie war lange nach der Abreise des Herrn auf den Hof gekommen und verband mit ihm nicht viel, auch wenn die Erinnerung an ihn dort noch regelmäßig aufrechterhalten wurde. Am Jahrestag seiner Abreise, und ebenso am Jahrestag des Tages, an dem er zum ersten Mal in die Gegend gekommen war und den Hof übernommen hatte, den er geerbt hatte, wurde das Gedenken an ihn feierlich begangen. Der Jahrestag seiner Ankunft war nun wieder einmal gekommen.

Es war kalt draußen, auf den Feldern lag Frost und der Wind jagte über die Stoppelfelder und Wiesen und durch die zugigen Gebäude. Die junge Magd hatte sich ihr Tuch um die Schultern geschlungen und kniete vor dem Feuer in der Küche. Sie rieb sich die Hände und hielt sie über die Flammen, nachdem sie das Holz, das sie hereingebracht hatte, im Korb neben der Feuerstelle verstaut hatte. Der Winter hatte noch nicht einmal richtig begonnen, aber schon war von dem Stapel im Schuppen kaum mehr etwas übrig, und das wenige, was da war, war größtenteils feucht. Sie war schon wieder missgelaunt und hätte dem jungen Knecht, der für das Feuerholz zuständig war, liebend gern ihre Meinung dazu gesagt, wie er seine Aufgaben erledigte, wenn sie gewusst hätte, wo er steckte. Aber zugegebenermaßen – der Verwalter hatte sich auch von Anfang an viel von dem Holz, das da gewesen war, in sein Arbeitszimmer bringen lassen, wo er an seinem Schreibtisch saß und Pläne ausarbeitete, wie der Hof auf Vordermann zu bringen war.

Über dem Feuer brutzelte ein Hähnchen, und ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie dessen Duft einsog. So etwas Gutes gab es hier selten, und auch heute, beim großen Festessen am Vorabend des eigentlichen Festtages, würde sie nur wenig davon bekommen, aber der köstliche Geruch belebte sie trotzdem.

„Steh auf und mach dich an die Kartoffeln.“ Die Hauswirtschafterin war aus der Stube in die Küche zurückgekommen und versetzte ihr einen Schlag gegen den Hinterkopf. Missmutig stand sie auf, setzte sich an den Tisch und begann langsam mit dem Schälen der runzligen Kartoffeln. „Du wirst es schon noch irgendwann sehen, wenn der Herr einmal wiederkommt, dann werden hier erst ganz andere Seiten aufgezogen werden“, fuhr die Hauswirtschafterin fort, während sie sich ebenfalls auf einen Stuhl fallen ließ und die geschälten Kartoffeln schnell in große Würfel schnitt. „Wenn das passieren würde, dann wäre es hier mit dem Faulenzen gleich aus, Fräulein. Dann würdest du schon sehen, wie leicht du’s jetzt noch hast. Mich würde es interessieren, was der von dir sagen würde, ob der was mit so faulem Gesinde anfangen könnte.“

Nachdem die Kartoffeln auf dem Herd standen, begann die Hauswirtschafterin damit, die Soße und das Sauerkraut anzurühren und nebenbei das ganze herumstehende Geschirr zusammenzuräumen, während sie der Magd den Besen in die Hand drückte, und diese lustlos begann, Asche, Kartoffelschalen, Brotbrösel und Federn von dem Hähnchen zusammenzufegen.

Die Tür zur Stube öffnete sich wieder. „Wann ist das Essen fertig?“ Der Verwalter streckte seinen Kopf herein, die Brille auf die Nase geklemmt, und einen Stapel Papiere unter dem Arm.

„Wenn’s fertig ist“, entgegnete die Hauswirtschafterin. „Halbe Stunde wird’s schon noch dauern.“

Der Verwalter lächelte. „Schön, schön. Ach, übrigens. Die Pläne für die Rodung der südlichen Felder und die Bewirtschaftung des Ackers hinter dem Bach stehen nun. Ich habe alles genau durchgerechnet. Die Finanzierung des Saatguts und des Pfluges ist geklärt, und wenn wir nun noch den Kredit für die Anschaffung dieser neu entwickelten Mähmaschine erhalten, die ich auf der Landwirtschaftsausstellung gesehen habe, dann sollte es uns ohne Probleme gelingen, unsere Weizenerträge zu vervielfachen. Sie würde uns auch bei der Heuernte gute Dienste leisten. Wir könnten neue Wiesen erschließen. Es wäre dann nicht utopisch, unseren Rinderbestand in den nächsten zwei Jahren zu verdreifachen, sobald erst einmal der Stall repariert ist. Ich werde meine Pläne heute Abend nach dem Essen allen vorstellen. Wenn der Herr dann schließlich zurückkehrt, wird er hier eine vorbildlich geführte Wirtschaft vorfinden, wenn alles nach Plan läuft.“

Die junge Magd verdrehte die Augen, während sie den Dreck über die Schwelle der Hintertür hinaus fegte, aber so, dass der Verwalter es nicht sehen konnte.

Die Hauswirtschafterin schnaubte. „Die Finanzierung ist geklärt – in Ihrem Kopf oder mit der Bank?“

Der Verwalter runzelte verärgert die Stirn. „Mit der Bank wird es keine Probleme geben.“

„Ach ja, so wie mit Ihrem Plan im Sommer? Und wegen der Mähmaschine, bringen Sie die Männer lieber erst mal dazu, die alte zu reparieren, wenn wir nicht nächstes Jahr wieder mit Sensen aufs Feld gehen sollen. Wenn du mit dem Kehren fertig bist, mach dich dran, den Tisch zu decken“, sagte sie zu der Magd gewandt, die folgsam den Besen in die Ecke stellte und ein paar Teller aus dem Schrank holte.

Die Pläne des Verwalters, das wusste sie genau, würden nicht realisiert werden. Er fuhr regelmäßig mit dem Zug in die Stadt und besuchte dort Landwirtschaftsausstellungen, er abonnierte sämtliche Zeitschriften über neue Anbaumethoden, Düngemittel und Züchtungen und er disputierte sogar gelegentlich bei den Versammlungen des Bauernverbandes im Gasthaus über den Nutzen von neu erfundenen Pflanzenschutzmitteln und motorisierten Geräten zur Feldarbeit. Aber das änderte nichts daran, dass auf ihrem Hof noch die Ochsen den Pflug aufs Feld zogen, wenn denn gepflügt wurde, und es seit zwei oder drei Jahren in den Kuhstall regnete. Die Hauswirtschafterin war wohl die einzige auf dem Hof, die ununterbrochen auf den Beinen zu sein und zu arbeiten schien, und sie war, wie die Magd zugeben musste, auch so ziemlich die einzige, die den Laden tagtäglich einigermaßen am Laufen hielt. Leiden konnte sie deshalb trotzdem keiner. Und auch ihre Betriebsamkeit verhinderte nicht, dass die Erträge, wie es der jungen Magd erschien, von Jahr zu Jahr geringer wurden und der Hof um sie herum verfiel. Sowohl Verwalter als auch Hauswirtschafterin schienen jedoch der Überzeugung zu sein, dass sie ganz offensichtlich genug für den Hof taten und dafür auch ihren angemessenen Anteil am Gewinn verdient hatten, wie gering der auch ausfallen mochte; an ihnen konnte es jedenfalls nicht liegen. Der Verwalter lag der Bank regelmäßig mit dem Kredit für die neue Mähmaschine in den Ohren, und was konnte er dann dafür, wenn die sie nicht finanzieren wollte? Und von der anderen Seite her, wenn man wegen der Unfähigkeit des Verwalters mit Sensen aufs Feld gehen musste, was konnte die Hauswirtschafterin dafür, dass die Erträge so gering waren, weil sie nicht alles einbringen konnten, ehe der Frost oder ein Hagelschauer kamen? Sie stand dann schließlich zwölf Stunden am Tag mit der Sense auf dem Feld, gönnte sich kaum Pausen und trieb die anderen ordentlich an. Konsequenterweise war der Hof seit Jahren überschuldet, und wenn die Löhne der Knechte und Mägde überhaupt einmal ausbezahlt wurden, konnten diese froh sein.

Aus Sicht der jungen Magd jedenfalls war der Hof ein Witz, und es war ihr persönlich vollkommen gleichgültig, ob die Erträge jemals wieder steigen würden. Wenn der Herr einmal wiederkäme… ja, dann bekämen sie vielleicht alle etwas zu hören, dann wäre es gut möglich, dass er sie hinauswerfen würde – aber sie beruhigte sich, wenn sie jemals an dieses Thema dachte, damit, dass es ziemlich unwahrscheinlich war, dass der Herr überhaupt je wiederkehren würde. Er war seit einer halben Ewigkeit weg, sie wusste gar nicht genau, wie lange schon, und man hatte nie mehr von ihm gehört. Wahrscheinlich war er längst in der Fremde verstorben.

 

Das Essen stand endlich auf dem Tisch in der Stube, und anlässlich des feierlichen Tages hatte sich der Verwalter dazu herabgelassen, mit dem gemeinen Gesinde zu feiern. Die Feste stimmten ihn alljährlich ein wenig leutseliger als für gewöhnlich, und er hatte vor dem Essen sogar beinahe zwei Drittel des Lohns der letzten zwei Monate ausbezahlt.

„Meine lieben Mitarbeiter auf diesem Hof“, sprach er fröhlich, die eine Hand in seinen bestickten Hosenträger gesteckt, den er stets zu seiner Bügelfaltenhose und seinem weißen Hemd trug, in der anderen seinen fleckigen Bierkrug, ließ den Blick über die kleine versammelte Gesellschaft schweifen und wippte ein wenig auf seinen Füßen hin und her. „Es ist doch schön, muss ich sagen, dass wir hier alle versammelt sind, zur Feier dieses feierlichen Tages, an dem, vor so vielen Jahren, unser Herr zum ersten Mal auf diesen Hof kam. Es ist sicherlich – das ist es sicherlich – unsere Aufgabe, sein Angedenken hier wach zu halten und seine Aufgabe hier weiterzuführen, bis er wieder einmal zurückkehren wird. Im letzten Jahr ist es sicherlich nicht schlecht gelaufen, auch wenn es besser hätte laufen können, aber an einem solchen Tag sollten wir nicht zurück schauen, sondern lieber nach vorne blicken, nicht wahr? Es ist doch schön, daran zu denken, welches Vorbild unser Herr uns war, wie gut in seinen Tagen dieser Hof geführt wurde, wie hier stets ein offenes Haus für Gäste war – ob angemeldet oder unangemeldet –, wie hier neue Felder erschlossen wurden und die ganze Gegend, wie es heißt, mit Nahrung versorgt werden konnte. An dieses Vorbild können wir anknüpfen, meine lieben Mitarbeiter! Aber nun lasst uns nicht länger reden, sondern dieses Essen genießen, das so wunderbar duftet!“

Das ließ sich das Gesinde nicht zweimal sagen. Die junge Magd hatte bei der Verteilung des Fleisches diesmal nur ein kleines Stück erwischt, aber sie war entschlossen, sich die Laune an diesem Abend nicht verderben zu lassen. Wenigstens hatte sie ein bisschen mehr von den gedünsteten Kartoffeln abbekommen. „Ziemlich zäh“, hörte sie die zahnlose alte Magd murmeln, die ihr gegenüber saß, und ihren Hühnerflügel missmutig wieder auf ihren Teller fallen ließ. „Ich nehm’s dir gern ab, wenn du’s nicht willst“, sagte der junge Knecht und schnappte sich den Flügel von dem Teller der alten Frau. In diesem Moment klopfte es an der Hintertür.

Die Hauswirtschafterin stand auf, öffnete die Tür zur Küche und ging zur Hintertür, während die alte Magd dem jungen Knecht wütend eine Kopfnuss gab und sich ihren Hühnerflügel zurückholte. Alle drängten ihre Köpfe zusammen und starrten hinüber, als die Hauswirtschafterin die Hintertür öffnete. „Ja?“ hörten sie sie unwillig fragen. Die junge Magd sah von ihrem Platz aus, dass dort draußen im Regen ein bärtiger Mann in einem dunklen Mantel stand, der ziemlich nass, dreckig und abgerissen aussah; Genaueres konnte sie nicht erkennen. Es war inzwischen dunkel geworden.

Die junge Magd konnte nicht genau verstehen, was der Mann sagte, aber die ärgerliche Antwort der Hauswirtschafterin hörte sie. „Wir sind hier nicht das Gasthaus für sämtliche Vagabunden der Gegend!“ Dann schien sie kurz zu zögern; die junge Magd war sich nicht sicher, ob der Mann vor der Tür wieder leise etwas gesagt hatte. „Also schön“, hörte sie die Hauswirtschafterin dann sagen, „um des Festtages willen will ich ein Nachsehen haben, auch wenn man eigentlich den Gendarmen rufen sollte, wenn man so belästigt wird! Sie können in der Scheune schlafen.“

Der Mann sagte etwas; die Magd glaubte, eine Bitte um etwas zu essen herauszuhören. „Das wäre ja noch schöner!“ erwiderte die Hauswirtschafterin. „Vagabundieren und auch noch anständige, hart arbeitende Leute anbetteln!“ Gleich darauf wurde die Tür zugeschlagen.

Die Hauswirtschafterin kehrte in die Stube zurück. „Das haben Sie vorbildlich erledigt, meine Liebe“, sagte der Verwalter zu ihr, als sie sich wieder an den Tisch setzte. „Ich kann es ganz und gar nicht gutheißen, wenn solche Landstreicher von der Obrigkeit nicht daran gehindert werden, anständige Leute anzubetteln, wie Sie es so treffend ausgedrückt haben. Aber nun gut – an diesem Tag, im Gedenken an das Vorbild unseres Herrn…“

„Der Herr hätt‘ ihn zum Essen reingeholt“, hörte die junge Magd die alte Magd murmeln, als alle wieder mit dem Essen begannen. Sie warf noch einmal einen Blick über ihre Schulter auf die nun wieder geschlossene Tür zur Küche.

 

Die junge Magd zögerte noch einmal einen Moment lang, die Hand schon auf der Klinke der Hintertür. Das Essen war vorbei, alle lagen in ihren Betten, nur sie hatte noch die Küche aufräumen müssen, und das war jetzt erledigt.

Sie hatte beim Essen ein wenig von ihrem Fleisch aufgehoben und es in ihre Serviette gesteckt, und jetzt hatte sie etwas von den übrig gebliebenen Kartoffeln in einen Teller gegeben und noch zwei Scheiben Brot aus der Speisekammer geholt. Der Mann mochte hungrig sein.

Eigentlich hatte sich jeder um sich selbst zu kümmern, dachte sie bei sich, und wenn ein Landstreicher sich keine Arbeit suchte, war er eigentlich selbst dran schuld, wenn er hungrig schlafen ging, und sie konnte auch nicht wissen, ob dieser Mann vielleicht sogar kriminell und gefährlich war… aber sie wusste auch nicht, wie lange er vielleicht schon nichts gegessen hatte. Und sie hatte schließlich den Hofhund, den sie zu ihrer Sicherheit mitnehmen konnte.

Sie würde vorsichtig sein. Sie nahm sich noch die Laterne vom Regal und ging dann zur Hintertür hinaus. Der Hund kam gleich, als sie rief. Sie kraulte ihm lächelnd ein paar Minuten lang den Rücken, ehe sie sich mit ihm in Richtung Scheune aufmachte. Er war ein großer Bernhardiner, und er hatte sie schon als Welpe geliebt. Sie ihn auch. Er sprang hechelnd und mit dem Schwanz wedelnd um sie herum, als erwarte er, dass sie zu einem ganz besonderen Abenteuer aufbrachen.

Als sie das Tor der Scheune aufstieß, entdeckte sie den Landstreicher gleich. Er lag im Heu und hatte sich den Hut über das Gesicht gezogen. Als er das Tor aufgehen hörte, setzte er sich auf, und sie sah, dass er kräftig und breitschultrig war, einen grauen Bart und ein wettergegerbtes Gesicht hatte, und dass seine Lippen sich zu einem Lächeln verzogen und um seine Augen herum eine Unmenge an Lachfältchen erschienen. „Guten Tag, mein Fräulein“, sagte er zu ihr und lüftete seinen Hut.

Sie nickte ihm zu. „Guten Tag“, sagte sie vorsichtig. „Ich wollte Ihnen… etwas zu essen bringen“, fügte sie hinzu, blieb aber noch an der Tür stehen. Sie hatte die Laterne auf dem Boden abgestellt, und legte eine Hand auf den Rücken des Hundes, der neben ihr stehen geblieben war. Er stand ganz ruhig da, wedelte immer noch mit dem Schwanz und sah den Landstreicher interessiert an. Das beruhigte sie. Der Hund mochte Fremde normalerweise nicht.

„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, sagte er. „Dürfen Sie das denn?“

Sie zuckte mit den Schultern. Dann trat sie vorsichtig einen Schritt näher und reichte ihm den Teller. Er streckte sich vor und nahm ihn ihr ab, blieb aber im Heu sitzen. Vielleicht wollte er ihr keine Angst machen.

„Vielen Dank“, sagte er. Er hob den halben Hühnerflügel vom Teller. „Hühnerfleisch!“

„Das war noch vom Festessen übrig.“

„Sie haben heute ein Fest gefeiert?“ Er sah zu ihr hoch.

Sie nickte. „Zum Gedenken an den Herrn des Hofes.“

„Was ist mit dem Herrn?“ fragte er.

„Er ist gerade auf Reisen. Schon seit längerer Zeit, eigentlich. Tatsächlich… schon seit vielen Jahren.“

„Wird er bald zurückkehren?“ fragte der Landstreicher und riss sich einen Bissen von dem Flügel ab.

Sie zuckte mit den Schultern und lächelte kurz. „Das weiß keiner. Er hat selber nicht gewusst, wann er wiederkommt, und seit damals haben wir hier nichts mehr von ihm gehört. Manche meinen, er wär’ wahrscheinlich irgendwann irgendwo in der Fremde gestorben. Andere erwarten ihn noch.“

„Was ist mit Ihnen?“ fragte er.

„Ich?“ Wieder zuckte sie mit den Schultern. „Ich hab keine Ahnung. Jedenfalls sehne ich mich nicht danach, dass er wiederkommt.“

„Wieso nicht?“ fragte der Landstreicher und biss etwas Brot ab.

„Wenn man den Erzählungen so glauben soll, muss er ein strenger Herr gewesen sein. Ich weiß nicht, wie viel Wahres dran ist, aber solange er nicht zurückkommt, ist mir meine Stellung wenigstens sicher, und wie’s wäre, wenn er zurückkommt, weiß ich nicht.“

„Aber Sie erledigen Ihre Arbeit doch gut, so wie ich das sehe“, sagte er. „Und Sie sind ein gütiges Mädchen.“

Sie lachte ein wenig. „So was zu sagen ist nett von Ihnen“, sagte sie. „Aber Sie kennen mich nicht, meistens bin ich faul. Der ganze Hof hier interessiert mich nicht. Es ist mir ziemlich egal, was aus ihm wird. Ich hab eh nichts von dem, was wir erwirtschaften.“

Sie schwiegen ein wenig. „Wenn ich so zurückdenke“, sagte der Landstreicher schließlich, nachdem er einen Löffel voll Kartoffeln hinuntergeschluckt hatte, „war das nicht der Hof hier, der vor zwanzig oder dreißig Jahren noch das Armenhaus hier in der Gegend beliefert hat?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Kann schon sein. Das war vor meiner Zeit. Heute kümmert sich der Verwalter nicht mehr so viel um solches Zeug. Wir erwirtschaften kaum genug für uns selber. Er hält’s nicht mehr so streng hier.“

„Ehrlich gesagt, wenn ich mir den Hof so ansehe“, der Landstreicher blickte sich um und lachte kurz in sich hinein, „dann kann ich mir wirklich vorstellen, dass es hier nicht besonders streng gehalten wird. Aber sehr freundlich scheinen Ihre Vorgesetzten auch nicht zu sein.“

„Nein, sind sie auch nicht.“ Sie blickte sich ebenfalls in der Scheune um. Auch hier tropfte es an einigen Stellen durch das Dach, und an der hinteren Wand standen sämtliche kaputten Maschinen, die „irgendwann bei Gelegenheit“, wie der Verwalter sich auszudrücken pflegte, noch zu reparieren wären. Es waren einige.

Sie schwiegen kurz.

„Ich habe leider nichts, was ich Ihnen als Dank für das Essen anbieten kann“, sagte der Landstreicher schließlich in entschuldigendem Ton.

„Das macht doch nichts.“ Sie bemühte sich wieder um ein kurzes Lächeln.

„Haben Sie das von Ihrem eigenen Essen für mich abgezweigt?“ fragte er.

„Nur das Fleisch. Die Kartoffeln und das Brot sind übrig gewesen.“

„Danke. Vielen Dank dafür.“

„Gern geschehen. Haben Sie schon lange nichts gegessen?“

„Es geht. Ein wenig Hunger hatte ich.“

„Weshalb sind Sie ohne Dach über dem Kopf?“ fragte sie.

Zu ihrer Überraschung antwortete er: „Ich bin auf einer Reise. Nach Hause, zu meinen Leuten.“

„Ist Ihr Zuhause noch weit?“ fragte sie. Woher mochte er wohl kommen?

Er schüttelte den Kopf und kratzte den letzten Rest Kartoffeln vom Teller. „Hier, bitte“, sagte er, als er sie gegessen hatte, legte den Löffel zurück, und reichte ihr den Teller. Sie nahm ihn, und ein paar Augenblicke lang stand sie ein wenig verlegen da. „Dankeschön“, sagte sie dann. „Dann… gute Nacht.“

„Gute Nacht, mein Fräulein. Ihnen vielen Dank für das Essen.“

 

Am nächsten Morgen ignorierte die junge Magd das erste und das zweite Klopfen der Hauswirtschafterin an der Tür zu ihrer Dachkammer – es war ein Festtag, da würde man wohl einmal länger schlafen dürfen! –, aber beim dritten, bereits sehr wütenden Klopfen quälte sie sich schließlich aus dem Bett. Sie kam gerade die Treppe hinunter und war noch dabei, sich ihre Schürze zu binden, als sie es an der Tür klopfen hörte. An der Vordertür diesmal.

Sie hörte, wie geöffnet wurde, und vernahm dann eine Stimme, die sie schon einmal gehört haben musste, nur konnte sie sie im Moment nicht recht zuordnen. „Erkennst du mich nicht mehr?“ hörte sie die Stimme fragen.

Dann vernahm sie die Stimme des alten Knechts, der stammelte: „Herr – Herr?“

Sie lief die letzten Stufen hinunter und zur Vordertür. Schlitternd kam sie zum Stehen, als sie den Mann erkannte, der vor der Türschwelle stand. Er hatte seinen Hut gezogen und seinen abgerissenen Mantel über den Arm gelegt. Draußen schien die Sonne, und das Licht, das durch die Tür kam, blendete sie im ersten Moment, so dass sie seine Gesichtszüge nicht genau erkennen konnte, aber dann erkannte sie, dass es tatsächlich der Landstreicher vom vorigen Abend war, der vor der Tür stand.

Sie merkte, dass ihr der Mund offen stand. Sie suchte in seinem Gesicht nach Ähnlichkeiten mit der Photographie, die sie im Arbeitszimmer des Verwalters gesehen hatte, die den Herrn als jungen Mann zeigte – ja, wenn man genau hinsah, konnte man Ähnlichkeiten ausmachen, aber wer hätte ahnen sollen… was mochte das bedeuten? Sie starrte ihn noch immer an, und nun sah er zu ihr herüber. Sein Blick war freundlich, und er lächelte. Wieder sah sie die runzligen Lachfältchen um seine Augen.

Sie hörte einen halb erstickten Freudenschrei hinter sich, und dann kam die alte Magd in die Diele gelaufen. Ihr auf dem Fuß folgten der Verwalter und die Hauswirtschafterin. „Habe ich richtig gehört, es soll der Herr sein?“ hörte sie den Verwalter rufen. Er blieb abrupt neben ihr stehen, als er sah, wer vor der Tür stand.

„Darf ich eintreten?“ fragte der Herr.

 

 

 

1) Meine erste Kurzgeschichte ist eine, die ich geschrieben habe, nachdem ich einen sehr interessanten Vortrag über das Buch Jona gehört habe.

 

Yonah Baramittai

Anmerkung: Diese Kurzgeschichte enthält gewisse Absurditäten. Das ist vollkommen beabsichtigt und genau der Punkt daran. Sie soll, kurz gesagt, eine moderne Nacherzählung der Geschichte des Propheten Jona sein, und der Punkt an dieser Lehrerzählung aus dem Alten Testament ist gerade ihre Absurdität. Wer diese Geschichte nicht kennt, dem empfehle ich, sie zuerst zu lesen (dann versteht man auch meine Geschichte besser), und vielleicht ein paar Informationen zu ihrer Interpretation ebenfalls. Das Buch Jona ist eben nicht einfach die nette Kindergeschichte mit dem Walfisch da. Es geht um die Gläubigen und die Heiden, das Gericht und die Barmherzigkeit Gottes, und den Widerwillen des Menschen gegen das, was Gott sich so an absurden Sachen ausdenkt, zum Beispiel Gnade für seine Feinde zu haben. Ich möchte hier allerdings ausdrücklich betonen, dass ich mit dieser Erzählung nicht zur Nachahmung meines Protagonisten aufrufe!

 Die Schilderung der örtlichen Gegebenheiten im Irak des Jahres 2016, ebenso wie die Rückblende auf die Eroberung Mossuls 2014, beruht teilweise auf Zeitungsberichten und teilweise auf ein paar Büchern und teilweise einfach nur auf meiner eigenen Fantasie, daher möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich nicht beanspruche, hier eine absolut wirklichkeitsnahe Schilderung zu liefern. Ich war zu faul, um mir die Mühe zu machen, für diese Kurzgeschichte extra zu recherchieren; unter anderem dachte ich, ich könnte es mir einfach sparen, weil das hier ja eh keine historische Begebenheit erzählt, ebenso wenig wie das biblische Buch Jona das aller Wahrscheinlichkeit nach tut. Die Geschichte ist rein allegorisch, auch wenn zwei real existierende Personen – der chaldäisch-katholische Patriarch von Babylon Louis Raphael I. Sako und der IS-Kalif Abu Bakr Al-Baghdadi – und ein paar real existierende Orte usw. vorkommen.

 Ich zitiere immer wieder (in ggf. ein wenig abgewandelter Form) aus dem biblischen Buch Jona, und die Geschichte ist im Großen und Ganzen stark daran angelehnt. Einen bedeutenden Unterschied gibt es allerdings: Für meine Erzählung habe ich mir ein bestimmtes Ende für meinen Protagonisten ausgedacht, während es im originalen Buch Jona offen bleibt, welche Entscheidungen der Prophet am Ende trifft. Der biblische Jona ähnelt dem älteren Bruder aus dem Gleichnis unseres Herrn vom verlorenen Sohn: Gott spricht am Ende zu ihm, und es bleibt offen, wie er darauf dann reagiert und wie es mit ihm weitergeht. Das macht, denke ich, einen Teil des Reizes dieser biblischen Geschichten aus; man muss sie selber weiterspinnen. Ich habe das nun getan und mir für meinen Jona ein Ende ausgedacht.

 

Yonah Baramittai war furchtbar müde, als er in die kleine Kirche zurückkehrte, in der er zurzeit schlief. Über Erbil war es längst dunkel geworden; die Sterne standen am Himmel, die Grillen zirpten, die Menschen in den Zelten des Flüchtlingslagers schliefen. Alles war ruhig.

In Yonah war nichts ruhig, seit über zwei Jahren nicht mehr. Bis dahin hatte er in Mossul gelebt, seiner Heimatstadt, die er damals so geliebt hatte. Er war dort aufgewachsen, mit seinen Eltern und seinen vier Schwestern, in einem baufälligen Haus über einem kleinen Gemüsegeschäft, und war dort zur Schule gegangen. Nach der Schule hatte er für ein paar Jahre in Bagdad gelebt, als er dort im Priesterseminar der chaldäisch-katholischen Kirche gewesen war. Nach seiner Weihe vor sechs Jahren war er wieder nach Mossul zurückgekehrt, und dort hatte er zuletzt eine Pfarrei geleitet, als der IS gekommen war.

Es war für die Christen nie einfach gewesen im Irak, zumindest seit dem siebten Jahrhundert nicht mehr, und in den letzten Jahrzehnten war es immer und immer schwieriger geworden. Yonah hatte sich von mehr und mehr seiner Nachbarn und Pfarrkinder verabschieden müssen, die eine Gelegenheit ergriffen hatten, auszuwandern – nach Europa, in die USA, egal wohin. Aber nie war es so schlimm gewesen wie jetzt, wo der Islamische Staat in Yonahs ehemaliger Heimatstadt herrschte.

Als er damals erfahren hatte, dass dessen Soldaten im Anmarsch waren, war er sofort zum Haus seiner Eltern gefahren, die zusammen mit seinen beiden jüngeren Schwestern noch immer in der Wohnung über dem Gemüsegeschäft gelebt hatten. Seine jüngste Schwester Marya war nicht zu Hause gewesen, und sie hatten furchtbar lange gebraucht, bis sie sie endlich gefunden hatten, und dann hatten sie versucht, seine beiden älteren Schwestern zu erreichen, die bereits verheiratet waren und bei ihren eigenen Familien gelebt hatten. In beiden Häusern war niemand ans Telefon gegangen und sie hatten keine Ahnung gehabt, ob die beiden schon wussten, was geschah. Yonahs Mutter hatte wertvolle Zeit damit vergeudet, dass sie versucht hatte, möglichst viel an Essen und Decken und ein bisschen Kleidung und die Ikonen aus dem Wohnzimmer ins Auto zu stopfen. Endlich hatten sie sich doch auf den Weg gemacht, und entweder waren sie in die falsche Richtung gefahren oder der IS war von mehreren Seiten gekommen – aus welchem Grund auch immer, sie waren von dessen Soldaten aufgegriffen worden. Die bärtigen jungen Männer hatten Yonahs Eltern mit ihren Kalaschnikows auf der Straße in einem Vorort erschossen, weil sie sich geweigert hatten, das islamische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Auch Yonah hatte sich geweigert, und in diesem Moment hatte er erwartet, in wenigen Augenblicken wie seine Eltern als Märtyrer zu sterben, aber die Männer hatten offenbar beschlossen, dass sie ihn, an seinem Kollar als christlicher Priester erkennbar, noch lebend zu ihrem Kommandanten bringen wollten, und ihn mitgenommen. Sie hatten ihn in eine Art provisorisches Gefängnis geschleppt, ihn mit Fußtritten und Schlägen traktiert, und dann auf dem Fußboden liegen lassen. Seine beiden kleinen Schwestern waren in einem anderen Auto fortgebracht worden. Zuerst, als die Männer sie aufgegriffen hatten, hatte Yonah versucht, sich damit Gehör zu schaffen, sie wären bereit, die Jizya, die Schutzsteuer, zu zahlen, aber man hatte ihm keinerlei Beachtung geschenkt.

Durch einen glücklichen Zufall hatte Yonah ein paar Tage später fliehen können, und so war er nach Erbil gelangt, wo er nun seit über zwei Jahren seinen Dienst als Priester in diesem Flüchtlingslager ausübte – Messen halten, Säuglinge taufen, Beichten hören, Trost spenden, Kranke besuchen, versuchen, die Kinder aufzumuntern, Essen organisieren, Toiletten aufbauen, was immer gerade anfiel. Auch heute war er wieder bis in die Nacht hinein beschäftigt gewesen.

Der Platz im Lager war so knapp, dass er in der kleinen Kirche schlief, die dem Propheten Elia geweiht war. Er machte hinter der Tür seine Kniebeuge vor dem Tabernakel, holte seine Matte, sein Kissen und seine Decke aus der Ecke, rollte sie wie immer unter der Christusikone an der rechten Wand aus und kniete zu seinem Abendgebet nieder.

Er war wirklich müde. Nicht nur sein Körper, auch nicht nur sein Geist, sondern auch seine Seele. Er hatte in diesem Lager so viele mutige, frohe Menschen kennengelernt, so oft hatte er den ehrlichen Satz „Ich vergebe ihnen, was sie uns angetan haben“ gehört, so viel Unerschütterlichkeit und Zuversicht hatte er unter den Christen hier erlebt, vor allem nun, wo sich alle auf den Besuch von Patriarch Sako freuten – dass er das alles schon leid war. Er war nicht so. Er konnte nicht so einfach vergeben, was diese Terroristen getan hatten und noch taten.

Das Schlimmste waren für Yonah die Erwartungen, die jeder hier an ihn hatte. Er war schließlich Priester, musste er dann nicht die Liebe und die Kraft und die Zuversicht Jesu Christi ausstrahlen? Musste er dann nicht den anderen Mut machen? Er hätte selber Mut gebrauchen können. Er hatte keine Zuversicht mehr. Er hatte nicht einmal mehr eine Heimat. Mossul, die Stadt, die er früher so geliebt hatte, war für ihn nun nur noch ein Sinnbild für alles, was er hasste.

In jeder freien Minute versuchte er, Nachforschungen nach seinen Familienangehörigen, die vielleicht noch lebten, anzustellen, und so gut wie nie war er erfolgreich gewesen. Er machte sich keine Illusionen darüber, was mit seinen beiden jüngeren Schwestern geschehen war – aber wenn es ihnen vielleicht gelingen könnte, zu fliehen und sie in irgendein Flüchtlingslager kämen… Er hatte versuchen wollen, nach ihnen zu suchen, als er selbst geflohen war, aber er war zusammen mit einem anderen Gefangenen entkommen, der verwundet gewesen war und den er so schnell wie möglich in Sicherheit hatte bringen müssen, und dann hatte er nicht die geringste Ahnung gehabt, wo er hätte suchen sollen… sie konnten weiß der Himmel wohin gebracht worden sein. Aber auch von seinen älteren Schwestern hatte er noch nicht die geringste Nachricht erhalten. Im Lager hatte er die Schwägerin der ältesten getroffen, aber sie hatte ihm keine Nachricht von Randa, ihrem Mann und ihren beiden kleinen Kindern geben können. Heute hatte er wieder einmal in zwei anderen Flüchtlingslagern angerufen, ob sie Neues gehört hatten, aber nichts.

Vielleicht war er kein guter Christ, vielleicht war er für das Amt, das er ausübte, nie geeignet gewesen. Aber Yonah hatte einfach keine Kraft mehr. Er hätte die Kraft gehabt, damals in Mossul durch die Gewehrkugeln der jungen Kämpfer den Märtyrertod auf sich zu nehmen; und es wäre ihm heute beinahe lieber, das wäre ihm vergönnt gewesen. Aber er hatte wirklich keine Kraft mehr, Tag und Nacht heimatlos in diesem Lager zu leben, Tag und Nacht neue Geschichten von Folter und Tod und Versklavung und Vergewaltigung zu hören und dabei denken zu müssen, dass seine Schwestern vielleicht gerade eben dieses Schicksal erlitten. Nicht alle in diesem Lager hatten die Grausamkeiten, die sie erlebt oder gesehen hatten, so gut überwunden wie andere. Es gab Kinder hier, die kein Wort mehr sprachen, Witwen, die zehn Kinder allein durchbringen mussten, weil ihre Männer erschossen worden waren, es gab Menschen, die über die Folter, die sie durchgemacht hatten, nicht zu sprechen imstande waren.

Die ganze Geschichte der Christen im Irak war doch eine einzige Geschichte von Katastrophen. Durch Grausamkeiten und die Verfolgungen des Alltags waren irgendwann die meisten von ihnen vom Glauben abgefallen, und die, die noch übrig waren, wurden nun endgültig aus den Städten vertrieben, in denen ihre Vorfahren tausende Jahre lang gelebt hatten. Ihre moslemischen Nachbarn hatten sich von ihnen abgewandt, der schon lange von Christus abtrünnige Westen scherte sich einen Dreck um sie, und sie selbst waren machtlos, vollkommen ohnmächtig gegenüber dem, was über sie hereinbrach. Ja, jetzt gerade mochten vielleicht die Kurden ein paar Siege über das Kalifat des IS erringen, aber das würde nichts von dem geschehenen Leid ungeschehen machen und den Christen ihre Heimat auch nicht wiedergeben. Wenn es überhaupt dauerhafte Erfolge sein würden.

„Herr, bestraf sie für ihre Taten“ flüsterte er, als er auf das Antlitz Jesu an der Wand starrte. Es war das erste Mal, dass er aussprach, was er seit langem im Herzen dachte. „Herr, sie sollen ernten, was sie gesät haben. Mein Herr Jesus, sie haben so viel unschuldiges Blut vergossen…“

Er sah weiter auf die Ikone, auch als ihm die Worte ausgingen. Die Tränen traten ihm in die Augen. Christus hatte sich von seinen Feinden geißeln und kreuzigen lassen, und nun erlitten die Christen dieses Landes sein Schicksal, aber sollte es immer so weitergehen? Es war genug, es war genug, es musste Gerechtigkeit getan werden! Das bärtige, ehrfurchtgebietende und doch mitleidsvolle Gesicht seines Erlösers verschwamm vor seinen Augen, als ihm die Tränen auf den Kragen tropften. Und dann schien es sich weiter zu verändern: Es wurde vor seinen Augen größer, nahm sein ganzes Blickfeld ein, war auf einmal kein flaches Abbild mit Flecken von Ruß und Wachs mehr, sondern ein Gesicht, ein lebendiges, atmendes Gesicht.

„Mach dich auf den Weg“, sprach die Stimme Christi laut zu ihm. „Und geh nach Mossul, in die große Stadt, und verkündige wider sie! Denn ihre Schlechtigkeit ist bis vor mein Angesicht heraufgedrungen.“

Er starrte auf das Gesicht. Einen Moment lang schloss er die Augen und schüttelte den Kopf, um wieder zur Besinnung zu kommen. Als er sie öffnete, hing vor ihm wieder eine gemalte Ikone.

Er schluckte. Das kam wohl davon, wenn man zwanzig Stunden lang wach gewesen war und kaum etwas in den Magen bekommen hatte. (Die Lebensmittellieferungen waren wieder einmal zu spät dran.) Er hatte heute vielleicht auch zu wenig Wasser getrunken. Und dann sein angegriffener psychischer Zustand… es war dann nichts Undenkbares, dass man dann Dinge sehen konnte, die nicht wirklich waren.

Er stieß ein kurzes hysterisches Lachen aus, nachdem er sich rasch bekreuzigt hatte und unter seine Decke gekrochen war. Was hatte er sich da eingebildet? Nach Mossul gehen! Ja, eine wunderbare Idee, eine wahrhaft erfolgversprechende Idee! Vielleicht würde er so tatsächlich noch seinen Märtyrertod bekommen. Das Flüchtlingslager hätte einen Priester weniger und das Kalifat von Abu Bakr Al-Baghdadi einen getöteten Ungläubigen mehr, wenn man ihn an der Frontlinie dieses Terrorstaates erschießen würde.

Yonah Baramittai drehte sich auf die Seite und schlief ein.

 

Am nächsten Morgen feierte er als erstes die heilige Messe. Noch nie war er dabei so unkonzentriert gewesen. Danach half er bei der Austeilung des Essens und aß nebenbei ein bisschen Brot. Ein gerade aus Kirkuk zurückgekehrter Helfer, der ihm einen Becher Tee reichte, als sie damit fertig waren, teilte ihm während ihrer Unterhaltung mit, dass er in Kirkuk einigen christlichen Flüchtlingen aus Mossul begegnet sei. Sie unterhielten sich weiter, und überrascht stellte Yonah fest, dass die Beschreibung und der Name einer der alten Frauen, die der Helfer getroffen hatte, zu einer ehemaligen Nachbarin seiner Eltern passte, die über fünf oder sechs Ecken mit ihm verwandt war.

Als der Helfer sich verabschiedete, lehnte Yonah sich gegen die Wand einer kleinen Baracke, nippte ab und zu an seinem Tee, und dachte nach.

Es wäre vielleicht eine gute Idee, die alte Frau in Kirkuk zu besuchen. Erstens einmal, um sie wiederzusehen, sie würde sich freuen, und vielleicht würde es auch ihm gut tun. Zweitens hatte sie vielleicht Nachricht von Verwandten oder Nachbarn erhalten und konnte ihm weiterhelfen. Nicht dass er sich große Hoffnungen machte, aber dennoch… Ja, er würde sich diesen Nachmittag frei nehmen – sein Vorgesetzter, Pater Youssef, hätte sicher nichts dagegen – und nach Kirkuk fahren. Es stand nichts Besonderes an und ein paar Stunden lang (oder vielleicht noch bis morgen Vormittag, wenn es sich ergeben sollte, dass er in Kirkuk übernachtete) würde man ihn hier schon entbehren können.

Es wäre sicher nicht schlecht, sich eine kurze Auszeit zu nehmen, aus dem Lager hinaus zu kommen. Wenn er bereits Wahnvorstellungen entwickelte, musste es an der Zeit sein, sich etwas Entfernung von alldem hier zu gönnen. Plötzlich stand ihm erneut das Gesicht vor Augen, das ihn gestern so fordernd angeschaut hatte. In die andere Richtung, schien die Stimme wieder zu ihm sagen. Nach Mossul, nicht Kirkuk. Er schüttelte den Kopf und leerte seinen Tee. Er brauchte wirklich so etwas wie Urlaub.

 

„Afsan“, sagte Yonah zu dem kurdischen Lastwagenfahrer, der gegen Ende des Vormittags die neue Lebensmittellieferung brachte. „Du fährst doch nach Kirkuk zurück, nicht wahr? Kannst du mich mitnehmen?“

„Kann ich gerne, Yonah“, sagte Afsan, ein stämmiger Mann um die vierzig mit stets stoppeligen Wangen und ziemlich staubiger Kleidung. „Wieso willst du da hin?“

Yonah erklärte es ihm, und nachdem sie gemeinsam die restlichen Kisten abgeladen und im Lager zu Mittag gegessen hatten, fuhren sie los. Afsan pfiff irgendein kurdisches Lied vor sich hin.

Bereits ehe sie die Fernstraße in die andere Stadt erreichten, begann der Motor ein paar Mal zu stottern. Afsan fluchte mehrmals laut und entschuldigte sich dann bei dem Priester auf dem Beifahrersitz. Yonah lächelte nur und fragte sich gereizt, wann Afsan wohl das letzte Mal irgendetwas an seinem Lastwagen repariert hatte. Das Fahrzeug schien nicht gerade in sehr gutem Zustand zu sein.

Schließlich erreichten sie die Fernstraße doch noch. Doch nach einer halben Stunde, als sie nach einer kurzen Rast gerade wieder losfahren wollten, platzte der Vorderreifen. Yonah dankte dem Himmel, dass Afsan wenigstens einen Ersatzreifen dabei hatte, aber sie brauchten eine Ewigkeit, bis sie endlich das Werkzeug gefunden und den Reifen gewechselt hatten. „Meine Frau wird sich gar nicht freuen, wenn ich so spät komme“, sagte Afsan, als sie wieder ins Fahrerhaus kletterten. „Weißt ja, die Frauen eben. Hab ich eine Panne oder muss ich einen Umweg machen, heißt es sofort, hast du wieder heimlich bei Amir was getrunken, du weißt, dass der Prophet das verboten hat, und so weiter…“ Er seufzte, und lachte dann leise. „Aber mit dem Reifen, das ist eigentlich komisch. Hassan muss mich da gründlich betrogen haben, den hab ich nämlich erst vor vier Monaten von ihm gekauft und auf das Rad getan. Eigentlich hätte ich gedacht, der wäre noch ganz gut, normalerweise kenne ich mich da aus.“

Yonah antwortete nicht. Er war müde, durstig und die Sonne stach ihm auf den Kopf. Er wollte einfach nur noch in Kirkuk ankommen. Afsan redete weiter über den Reifen und Hassans berüchtigte Betrügereien, während er wieder losfuhr.

Eine halbe Stunde darauf fing der Motor wieder zu stottern an. Schließlich mussten sie anhalten und Afsan warf einen Blick unter die Motorhaube. „Mein Freund“, sagte er, als er aufsah. „Das ist mir nicht mehr geheuer hier. Das hier hab ich vor genau zwei Tagen repariert. Und ich hab’s gut repariert, dabei macht mir keiner was vor.“

„Na ja“, sagte Yonah langsam. „Irgendwas kann man ja übersehen. Das wirst du sicher gleich wieder in Ordnung gebracht haben, oder?“

„Ich hab nichts übersehen, Yonah!“

Yonah zuckte mit den Schultern, während er den Werkzeugkasten aus dem Auto hob. „Es ist eben ein alter Wagen“, sagte er. „Welches Werkzeug brauchst du?“

Afsan brachte den Lastwagen wieder zum Laufen, und sie stiegen ein. „Das ist mir langsam nicht mehr geheuer, das ist mir langsam nicht mehr geheuer“, hörte Yonah den Fahrer murmeln, als er den Motor startete. Und auch Yonah war es, wenn er ehrlich war, langsam… nicht mehr geheuer.

Hundert Meter weiter fing es aus der Motorhaube zu rauchen an, und Afsan trat sofort auf die Bremse und lenkte an den Straßenrand. „Yonah“, sagte er bedächtig, starr geradeaus blickend und die Hände fest um das Lenkrad geschlossen. „Irgendetwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu. Vor fünf Minuten war ich mit dem Motor fertig und da war nichts mehr kaputt. Irgendetwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu.“

„Ich weiß, was du denkst“, sagte Yonah. Er hatte mittlerweile begriffen, was hier geschah. „Aber du brauchst nicht davon anfangen, mir jetzt etwas von Dschinns und dem bösen Blick zu erzählen, ich weiß, woran es liegt. Ich habe einen Auftrag Gottes erhalten und bin davor davongelaufen. Lass mich aussteigen und fahr allein nach Kirkuk weiter. Ich werde nicht dorthin gelangen.“

„Einen Auftrag Gottes! Bei Allah, was soll das heißen?“

„Ich erkläre es dir ein anderes Mal“, sagte Yonah müde und öffnete die Tür.

„Yonah, du bleibst da sitzen! Ich kann dich wohl nicht alleine hier in diesem Nirgendwo lassen. Nein, nein, ich werfe noch einmal einen Blick unter die Motorhaube, an irgendetwas wird es schon liegen.“

Der Motor hatte jetzt zu rauchen aufgehört. Afsan öffnete die Haube, sah sich dieses und jenes an und stocherte ein bisschen herum. „Es ist alles in Ordnung“, hörte Yonah ihn schließlich sehr leise sagen.

„Da hast du es“, sagte Yonah. „Fahr allein weiter und dann sehen wir, ob es funktioniert.“

„Ich nehme dich mit, wir fahren gleich morgen zurück. Jetzt wird es schon bald dunkel, du kannst nicht in dieser Wüstengegend zurück nach Erbil laufen! Wie lange würdest du dazu überhaupt brauchen?“

„Es wird schon noch jemand vorbeifahren, der mich mitnimmt“, sagte Yonah. „Fahr weiter, Afsan. Deine Frau wird sich schon ängstigen, wo du bleibst.“

Afsan zögerte. Dann holte er Yonah eine Flasche Wasser und eine Tüte getrocknete Feigen als Proviant aus der Fahrerkabine und stieg schließlich wieder ein. „Allah, nimm’s mir nicht übel!“ hörte Yonah ihn murmeln. „Allah, er wollt’s so.“ Er startete den Motor, fuhr an und war in wenigen Minuten am Horizont verschwunden. Yonah sah ihm ein paar Augenblicke lang nach und setzte sich dann missmutig in die entgegengesetzte Richtung in Bewegung.

 

Im Licht der untergehenden Sonne wanderte Yonah die Fernstraße entlang. Er hatte fest damit gerechnet, dass bald ein Auto auftauchen würde, aber an diesem Abend war die Straße aus irgendeinem Grund wie ausgestorben. Es kam kein Auto, kein Lastwagen, kein Motorrad; nicht einmal jemand, der zu Fuß oder mit einem Esel unterwegs gewesen wäre, ließ sich in der ganzen Gegend blicken. Yonah wusste, dass er bis zum nächsten Dorf noch eine ganze Weile zu gehen hätte und machte sich keine Hoffnungen, es vor Einbruch der Dunkelheit noch erreichen zu können.

Als die Nacht dann kam, war es eine Neumondnacht, und obwohl der Himmel nicht bedeckt war, wurde es ziemlich dunkel. Bald beschloss Yonah, der wirklich Schlaf gebrauchen konnte, sich hinter einen dornigen Baum neben der Straße zu legen. Doch zuerst kniete er nieder und betete. Herr Christus, sprach er in Gedanken, Du hast mich nun von meinem eigenen Weg abgebracht, Du hast mich hier in die dunkle Wüste gesetzt. Ich habe begriffen, was der mir von Dir zugedachte Weg ist, also hilf mir, Herr, ihn zu gehen!

Er legte sich nieder und war auch schon eingeschlafen.

 

Am nächsten Morgen musste Yonah noch zwei Stunden lang in der heißen Morgensonne wandern, aber irgendwann kam ein kleiner Transporter voller Hühnerkäfige auf der Ladefläche aus Richtung Kirkuk angefahren, und der Fahrer ließ ihn neben den Hühnerkäfigen Platz nehmen. (Im Führerhaus war bereits kein Platz mehr, da seine vier Enkelkinder es schon mit ihm teilten.) Yonah sagte zu ihm, er wolle „in Richtung“ Mossul. Der Fahrer sah ihn ein wenig verwirrt an, blickte noch einmal einige Sekunden lang auf seinen Priesterkragen und zuckte dann mit den Schultern. Er würde kurz hinter Erbil auf der Straße Richtung Mossul halten, sagte er. Wenn Yonah das nicht weit genug sei, müsse er sehen, ob er noch jemanden fände, der sich noch weiter in diese Richtung wage. Yonah nickte und sie fuhren los.

Als der Fahrer in seinem Dorf kurz hinter Erbil angekommen war, dankte Yonah ihm für die Mitnahme und ging zu Fuß auf der Straße weiter. Nach wenigen Minuten griff ihn ein Auto auf. Das Ehepaar, das darin saß, sagte zu ihm, sie führen ins nächste Dorf zu Verwandten. Weiter könne man sich ja nicht mehr wagen; schließlich kämen ein paar Kilometer weiter schon die ersten Vorposten des Islamischen Staates; er sei wohl auch in dieses Dorf unterwegs?

Nicht direkt, erwiderte Yonah auf die Frage des Mannes. Er müsse zu einem anderen Ziel in der Nähe. Beide sahen etwas verwirrt aus, fragten ihn aber nicht weiter aus, als er rasch ein anderes Thema aufbrachte. Sie setzten ihn an der Hauptstraße des Dorfes ab, als sie dort ankamen. Er winkte ihnen hinterher, als sie in eine steinige, ungepflasterte Nebenstraße abbogen, und wartete, bis sie außer Sicht waren. Dann atmete er tief durch und ging auf dem heißen, rissigen Teer weiter.

Halb hatte er erwartet, irgendjemand werde ihn aufhalten. Aber niemand schien sich auch nur über ihn zu wundern. Hinter dem Dorf sah er rechts neben der Straße ein paar junge Soldaten, Kurden, auf einem Panzer sitzen, Zigaretten im Mund, aber auch sie reagierten nicht, als sie ihn sahen. Der Herr schien es ihm leicht machen zu wollen, in das Kalifat zu gelangen.

Er ging weiter. Nach ein paar Kilometern machte er unter einem Baum eine Pause und aß die noch übrigen Feigen von Afsan; vielleicht seine Henkersmahlzeit. Dann stand er wieder auf und stapfte grimmig weiter. Es brachte nichts, es hinauszuzögern, er musste ja doch gehen. Aber er war auf dem ihm von Gott befohlenem Weg, und dann würde Gott auch dafür die Verantwortung zu tragen haben, was mit ihm geschah. Er wusste, was er zu verkünden hatte; er wusste, wie sie reagieren würden; er wusste, dass er einen sinnlosen Tod sterben würde; aber wenn der Herr der Ansicht war, dass das irgendeine Art von Vorbildwirkung auf die Christenheit haben würde, sollte es Yonah recht sein. Er lächelte grimmig in sich hinein. Es war doch Irrsinn. Aber vielleicht war das genau die Rolle, für die er geschaffen war. Der irrsinnige Gerichtsprophet. Er könnte sich darin gefallen.

Nach knapp zwei Stunden sah er die erste Straßensperre des Kalifats vor sich. Es lief ihm kalt den Rücken hinunter, aber er nahm seinen Mut zusammen, während er auf die jungen Soldaten zu marschierte, die ihm ungläubig entgegenstarrten, ihre Kalaschnikows vorsichtig bereithaltend.

„Noch vierzig Tage, und das Kalifat ist zerstört!“ rief er laut, als er ihnen nahe genug war. Sie starrten ihn nur an. Es war der reinste Irrsinn. Sie hielten ihre Kalaschnikows weiter in den Händen, aber sie rührten sich nicht und folgten ihm nur mit ihren Blicken. Er ging an der Absperrung und an ihrem Wagen vorbei die Straße hinunter. „Noch vierzig Tage, und das Kalifat ist zerstört!“ rief er, als er den nächsten Posten erreichte. Die Kämpfer dort senkten ihre Gewehre und starrten ihm nach; einer lief weg, als wollte er jemandem Bericht erstatten, oder auch, als könnte er diesen Anblick nicht ertragen.

Yonah ging weiter; die ersten Häuser eines Vororts tauchten vor ihm auf. „Noch vierzig Tage, und das Kalifat ist zerstört!“ brüllte er, sobald ihm ein Mensch auf der Straße begegnete. Manche starrten ihn ungläubig an, manche wandten sich ab, manche liefen in ihre Häuser. Manche folgten ihm, unsicher und schweigend, gaben es aber schließlich auf und blieben zurück, als er weiter durch die Straßen der Vororte ging, immer wieder seinen einen Satz hinausbrüllend. Er kam an Gemüsehändlern, Taxifahrern und verschleierten Frauen, und an Sittenpolizisten und Kämpfern mit Gewehren vorbei, aber sie hielten ihn nicht auf, sondern starrten ihn nur an. Er befand sich in einer ganz eigenartigen Hochstimmung, während er seine Botschaft immer wieder hinausbrüllte. Wenigstens, so dachte er grimmig bei sich, hatte der Herr ihm zu verstehen gegeben, dass diese Mörderbande, die Yonahs Eltern getötet und ihn selber in ihr Gefängnis geworfen und seine Schwestern versklavt hatte und sich dabei auch noch rühmte, das Werk ihres Gottes – ja, was für eines Gottes! – zu vollbringen, Ihn wohl doch nicht ganz kalt ließ. Doch wenn es nach Yonah gegangen wäre, hätte der wahre Gott niemanden schicken brauchen, um sein Gericht über sie anzukündigen. Seinetwegen hätte es vollkommen genügt, das Gericht unangekündigt über sie zu bringen. Was verdienten sie eine Frist, und seien es nur vierzig Tage? Wozu? Sollte ein paar von ihnen noch die Chance gegeben werden, durch Yonahs Predigt eingeschüchtert zu werden, damit sie einen Funken von Reue in ihr Herz ließen, ehe vielleicht die Kurden die Stadt zurückeroberten oder auch Feuer vom Himmel fiel oder was auch immer der Herr mit seiner Gerichtsankündigung, die er Yonah eingegeben hatte, im Sinn hatte? Abgesehen davon, dass das sich nicht erfüllen würde – keiner der Männer, die hierher gekommen waren, um zu kämpfen, war noch zur Reue fähig, das wusste er mit einhundertprozentiger Sicherheit –, wollte Yonah nicht, dass es sich erfüllte. Sie verdienten es nicht. Das unschuldige Blut, das sie vergossen hatten, verdiente Rache. Schwer ist die Klage, die über sie zum Herrn gedrungen ist. Das stammte aus der Bibel, er wusste nur nicht mehr genau, woher – aus der Erzählung von Sodom? Dort hatte der Herr seine Gerechtigkeit gezeigt.

Bei Sonnenuntergang war er heiser. Er hatte noch immer nicht ganz das Stadtzentrum von Mossul erreicht, aber er hatte getan, was der Herr Christus von ihm verlangt hatte – er war in Mossul gewesen, er hatte verkündigt –, und das musste wohl genug gewesen sein. Er machte schließlich kehrt und ging durch die Vororte zurück, immer noch an jeder Ecke rufend: „Noch vierzig Tage, und das Kalifat ist zerstört!“

Als er die Stadt auf einer steinigen Nebenstraße verließ, war es bereits dunkel. Er ging die Straße entlang, bis er zu einem niedrigen, verfallenen Mauerstück neben einem Acker kam, legte sich in dessen Schatten nieder und schlief ein. Er hatte getan, was er tun sollte. Botschaft ausgerichtet.

 

Am nächsten Morgen machte Yonah sich ungehindert auf den Rückweg Richtung Erbil – über ungepflasterte kleine Wege und querfeldein. Er wurde allmählich nervöser, als er es gestern gewesen war; war den Machthabern hier schließlich gedämmert, was er getan hatte und würden sie ihn suchen lassen? Ab und zu sah er von fern andere Menschen, aber niemand hinderte ihn an seinem Rückweg. Kämpfern begegnete er nicht. Und irgendwann sah er erstaunt die Mauern des letzten vom IS freien Dorfes vor sich, aus dem er am Vortag aufgebrochen war.

Er blieb stehen und atmete tief durch. Was hatte er da bloß getan?

Er hatte noch ein wenig Geld in der Tasche und konnte sich im Dorfladen etwas zu essen und zu trinken kaufen. Nachdem er sich gestärkt und ein wenig ausgeruht hatte, machte er sich wieder auf den Weg. Wieder nahm ihn jemand auf der Straße mit und am Nachmittag konnte er vor dem Flüchtlingslager in Erbil aussteigen. Gleich zwischen den ersten Zelten wurde er mit einem besorgten „Wo waren Sie denn?“ empfangen.

Er schüttelte bloß den Kopf und sah niemanden an. „Es hat alles… ein bisschen länger gedauert. Afsans Wagen hat gestreikt“, fügte er wahrheitsgemäß hinzu.

„Na dann“, sagte Pater Youssef erleichtert.

„Man macht sich eben Sorgen“, fügte Hatice hinzu. „Aber wieso haben Sie nicht angerufen?“

„Immerhin sind Sie jetzt wieder da“, sagte Elia.

Er nickte bloß und machte sich auf den Weg in die Kirche, um sich in dem kühlen Bau ein wenig auszuruhen.

 

In Mossul derweil erreichte die Nachricht von der Kunde des seltsamen Propheten den Kalifen. Abu Bakr Al-Baghdadi runzelte die Stirn, als seine Männer ihm mit knappen, zögernden Worten berichteten, was sie gesehen hatten, und dass es ihnen, sie hätten es ja wollen, aber irgendwie sei es ihnen nicht gelungen, ihn gefangen zu nehmen und her zu bringen, und nun, ja nun, sei er fort, aber… Der Kalif entließ die Männer mit einem Wink. Dann ging er in die Moschee, um zu beten, obwohl es nicht die Zeit des fünfmaligen Gebets war. Er hatte etwas mit seinem Gott zu besprechen. Er hatte zu beten, wie er seit sehr langer Zeit nicht mehr gebetet hatte. Und als er wieder nach draußen trat, hatte er einen neuen Befehl zu verkünden.

 

Zwei Tage nach Yonahs Rückkehr war im Flüchtlingslager von Erbil alles für den Besuch von Patriarch Louis Raphael I. Sako bereit. Der Patriarch begrüßte die Bewohner nach seiner Ankunft mit viel Lächeln und Händeschütteln und einer kurzen aufmunternden Ansprache und zelebrierte dann in der Kirche des heiligen Elia eine feierliche Messe. Yonah hatte es, nach dem, was er vor ein paar Tagen getan hatte (auch wenn er nicht glaubte, dass irgendjemand wirklich darüber Bescheid wusste, obwohl ihn ja vielleicht jemand auf der Straße Richtung Mossul gesehen haben könnte…), tunlichst vermieden, vor dem Gottesdienst ein Wort mit seinem Patriarchen zu wechseln. Er befand sich noch immer in einem benebelten Zustand, der ihm beinahe wie Geistesverwirrung erschien. Er fragte sich sogar, ob das, was er sich erinnerte, vor drei Tagen getan zu haben, Wirklichkeit war oder bloß eine Vorspiegelung eines aus den Fugen geratenen Gehirns.

Er stand mit den anderen Priestern aus Erbil und denen aus Bagdad, die Patriarch Sako mitgebracht hatte, hinten im Altarraum, als die Liturgie endete und der Patriarch zuletzt noch seinen Segen spendete. Nach dem Auszug aus der Kirche würden sie sich alle zu einer Feier versammeln, zu der inzwischen alles hergerichtet sein musste; Yonah war vor der Ankunft des Patriarchen nicht mehr dazu gekommen, nachzusehen, ob das Essen schon fertig vorbereitet war und die Tische bereit standen… Er rief sich zur Ordnung. Die heilige Liturgie war noch nicht ganz zu Ende. An organisatorische Dinge konnte man zu anderen Zeiten denken.

Doch in diesem Augenblick, als der Erzbischof gerade den Segen beendete, wurde von draußen die Tür der Kirche aufgestoßen und jemand rief laut mit stotternder, aufgeregter Stimme herein: „Sie… sie… sie kommen!“

„Aus Mossul!“ brüllte eine andere Stimme dazwischen.

„Sie marschieren her!“

Die Sprecher drängten sich durch die Tür herein und im Kirchenraum erhob sich entsetztes Stimmengewirr. Die Leute begannen zum Ausgang hinzudrängen. „Bleibt ruhig, bleibt ruhig!“ rief der Patriarch über den Lärm hinweg, aber im selben Moment brüllte eine andere Stimme von draußen herein: „Entwarnung! Entwarnung! Sie sind alle unbewaffnet!“

Die Leute blieben wieder stehen, aber das Stimmengewirr wurde noch lauter, aufgeregter und nervöser. Der Patriarch versuchte laut, sich Gehör zu verschaffen. Yonah und die anderen konzelebrierenden Priester drängten sich ein Stück nach vorn, um einen Blick aus der weit offen stehenden Tür erhaschen zu können, und dort draußen bot sich Yonah ein Anblick, den er nie in seinem Leben vergessen sollte. Auf der breiten Straße, die auf die Kirche zu führte, näherte sich in langsamer Fahrt eine endlose Kolonne von Wagen, vereinzelt auch ein paar Panzer dazwischen, auf denen hauptsächlich junge, bärtige Männer saßen und standen, dazwischen ein paar Frauen in unförmigen schwarzen Gewändern und Schleiern, und ein paar staubige Kinder. Weiter hinten joggten ein paar der Männer neben den Wagen her. Yonah streckte sich, um zwischen zwei Bagdader Priestern hindurch einen besseren Blick erhaschen zu können… tatsächlich schien keiner der Männer Waffen zu tragen. Da fiel sein Blick auf das vorderste Auto, das nun beinahe die Kirche erreicht hatte. Es war kein Transporter wie die meisten anderen, sondern ein offenes, schwarzes staubbedecktes Auto, in dem auf dem Beifahrersitz ein Mann saß, dessen Gesicht Yonah kannte. Er war dem Mann noch nie begegnet, aber er hatte im Internet das Video von seiner Predigt in der Moschee von Nur-al-Din angesehen, hatte den Mann – einen ganz in schwarz gekleideten, noch nicht sehr alten Mann mit schwarzem Bart und ebenmäßigem, ruhigen Gesicht – über das Kalifat und den Dschihad reden hören, bis er den Laptop hatte zuklappen müssen, weil er es nicht mehr länger hatte anhören können.

Alle Menschen in der Kirche waren nun still geworden und sahen auf den Mann, der aus dem Auto stieg, das vor dem Portal angehalten hatte, und nun langsam in die Kirche trat und den Mittelgang entlang schritt. Ihm folgten, in geordneten Zweierreihen, als befänden sie sich auf einem Schulhof oder in einer Militärkaserne, seine Begleiter, und nach und nach die Männer aus den Transportern hinter ihm. Erstere trugen lange islamische Gewänder, letztere größtenteils militärische Kleidung oder gewöhnliche europäische Jacken und Hosen. Patriarch Sako trat auf die oberste Stufe des Altarraums und sah ihnen entgegen. Seine Priester rührten sich nicht vom Fleck.

Abu Bakr Al-Baghdadi kniete vor den Altarstufen nieder, und die Menschen, die ihm folgten – Männer, Frauen, Kinder, an welchem Fleck sie auch immer sie sich gerade befanden –, taten es ihm nach. „Wir kommen“, sprach der Kalif, „als Büßer, büßend für die bösen Taten, die wir begangen haben. Wir wollen uns in Bußgewänder hüllen. Wir wollen laut zu Allah, dem Allmächtigen und dem Allerbarmer, rufen und jeder will umkehren und sich von seinen bösen Taten abwenden und von dem Unrecht, das an seinen Händen klebt. Allah hat seinen Propheten gesandt, um uns das Gericht anzusagen, und ich sah in diesem Moment vor mir, was ich in meinem Leben getan hatte, was in Wahrheit abscheulich war von dem Angesicht des Allmächtigen, und nicht getrieben von wahrer Frömmigkeit. So dachte ich mir: Wer weiß, vielleicht reut es Allah, den Allmächtigen und den Allerbarmer, wieder und er lässt ab von seinem glühenden Zorn, sodass wir doch nicht zugrunde gehen. Und so bin ich nun, und mit mir meine Männer, gekommen, um von euch und allen Ungläubigen und allen Gläubigen und von Allah, dem Allmächtigen und dem Allerbarmer, Vergebung für unsere Grausamkeit zu erflehen. Wir werden uns dorthin wenden, wo die Krieger der Regierung jetzt stehen, und uns ihrer Gnade ausliefern. Wir haben unsere Gefangenen und Sklaven mitgebracht, die wir von euren Leuten genommen haben, um sie wieder in die Freiheit zu geben.“

In der Kirche war es so still, dass man eine Feder hätte fallen hören können. Dann trat der Patriarch die Stufen hinunter, beugte sich zu dem Kalifen, fasste ihn an den Händen und richtete ihn auf. „Gott vergibt dem Reuigen“, sagte er. „Und auch die Vergebung der Christen sollst du und sollen alle deine Leute haben. Steht auf und seid einen Moment lang unsere Gäste, ehe ihr zu dem Ziel eurer Buße weiterzieht.“

 

Yonah saß irgendwo außerhalb des Lagers in einer verfallenen Hütte mit einer kaputten Plastikplane als Dach, die wohl seit Jahren vergessen war. Er hatte sich aus der Kirche gedrängt und war verschwunden, sobald die allgemeine Aufregung groß genug gewesen war, dass er es hatte tun können, was nach wenigen Minuten der Fall gewesen war. Er war zu aufgebracht gewesen, um eine Sekunde länger dort zu bleiben.

Was sollte das, was sollte das! Die Hölle wäre gerade gut genug für diese Bastarde, für diese Mörder, diese Folterknechte und Kinderschänder, und nun… nun hatte man ihnen in einer ruhigen, vielleicht etwas unbehaglichen und unsicheren Atmosphäre Linsensuppe und Fladenbrot und Lamm-Kebab gegeben, und mit ihnen freundliche Worte gewechselt. Es waren mehrere tausend Männer, die dort gekommen waren. Inzwischen waren aus der Richtung des Lagers wieder Motorengeräusche zu hören. Die Truppe schien sich wieder auf den Weg zu machen. Yonah bezweifelte, dass sie sich wirklich der Regierungsarmee stellen wollten.

Es ist nicht gerecht!, wollte er in den Himmel hinaus brüllen. Nein, es war nicht gerecht, es war in keiner Form irgendwie gerecht zu nennen. Wütend stand er wieder auf und trat gegen die Wand aus zusammengeklebten Plastik- und Wellblechstücken. Sie zerfiel in ihre Einzelstücke und die Plane fiel ihm auf den Kopf. Er fluchte laut. Es machte ihn in diesem Augenblick wütender als alles andere – alles stellte sich gegen ihn, selbst dieses verdammte blöde, aus Müll bestehende Ding, das seinen Kopf halbwegs vor der Sonne geschützt hatte.

„Was soll das hier?“ rief er laut. „Hättest du mich nicht sterben lassen können? Hättest du mich nicht einfach sterben lassen können – gab es nicht genug Gelegenheiten dafür?“

Ist es recht von dir, zornig zu sein?, meinte er sagen zu hören. Ja, es ist recht, erwiderte er in Gedanken. Es ist recht. Er schloss erschöpft die Augen und ließ sich wieder auf die Erde sinken.

Dir ist es leid, schien eine Stimme in seinem Kopf zu sagen, und auf einmal stand das Gesicht Christi wieder vor seinen Augen – nicht die Ikone, sondern das Gesicht, wie es ihm an jenem Abend erschienen war, um eine Hütte aus Plastik, die du nicht gemacht und nicht gebaut hast. Mir aber sollte es nicht leid sein um Mossul, die große Stadt, um hunderttausende Menschen, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können – und noch dazu so viel Vieh?

 

Yonah gab der Stimme keine Antwort. Aber schließlich rappelte er sich vom Boden auf – er konnte ja nicht die ganze Zeit hier sitzen bleiben – und machte sich auf den Weg zurück zu den Zelten. Sein Messgewand musste furchtbar dreckig sein; er hatte sich nicht die Mühe gemacht, es abzulegen; er wollte gar nicht wissen, was die Küsterin dazu sagen würde.

„Yonah!“ Pater Youssef lief ihm zwischen den Zelten entgegen. Er trug ein so breites, strahlendes Lächeln im Gesicht, wie Yonah es noch nie an ihm gesehen hatte. „Yonah, ich habe dich überall gesucht!“

„Es tut mir leid, Pater Youssef“, sagte Yonah seufzend. „Ich habe nur…“

„Das ist jetzt nicht wichtig!“ Zu seiner Überraschung umarmte Pater Youssef ihn. „Komm mit und sieh!“

Er ließ sich von dem alten Pater mitziehen und hinter den nächsten beiden Zeltreihen, wo die im Freien aufgebauten Tische für das Fest standen, sah er ein paar blasse Frauen sitzen, die gerade dabei waren, ihre schwarzen Schleier abzulegen. Wie vom Donner gerührt blieb er stehen. Eine der Frauen sah in seine Richtung und begegnete seinem Blick. Sie sprang auf. „Yonah!“ rief sie und stürzte auf ihn zu.

„Marya!“ flüsterte er, als er seine Schwester in den Armen hielt. Danke, Herr, dachte er.

 

Nachdem sich der größte Teil der Kämpfer aus Mossul und dessen Umgebung ergeben hatte, brach der Islamische Staat im Irak innerhalb von kürzester Zeit zusammen. In Syrien, vor allem in Rakka, hielten sich andere Kämpfer, die sich einen neuen Kalifen kürten, noch ein wenig länger, doch auch sie wurden durch eine Reihe unerklärlicher Umstände bis Sommer 2017 besiegt. Im Irak diskutierte die Regierung monatelang darüber, was mit den reuigen IS-Kämpfern in den Gefängnissen zu tun sei, und im Februar 2017 wurde schließlich eine allgemeine Amnestie für sie erlassen, auch wenn diese milde Behandlung vor allem unter den Schiiten für heftige Proteste sorgte. In diesen Monaten hatte Yonah Barammittai beinahe noch mehr zu tun als in den Monaten zuvor im Flüchtlingslager (das jetzt aufgelöst werden konnte, da seine Bewohner in ihre Heimat zurückkehrten), denn er und Pater Youssef hatten es sich, ebenso wie Patriarch Sako und einige Priester aus dessen Erzdiözese Bagdad, zur Aufgabe gemacht, die ehemaligen Terroristen regelmäßig im Gefängnis zu besuchen. An Ostern 2017 empfing Abu Bakr Al-Baghdadi (wie er sich jetzt nicht mehr nannte) in der Kathedrale von Mossul die Taufe.

Sobald der IS vollständig besiegt war, kamen auch Yonahs ältere Schwestern wieder frei und kehrten in den Irak zurück; sie waren nach Syrien verschleppt worden. Beide waren Witwen geworden, und Randa entschloss sich schließlich, mit ihren Kindern nach Europa zu gehen. Sie wollte nicht mehr im Irak bleiben. Yonahs vierte Schwester Sara kehrte nie zurück. Monat um Monat wurde die Hoffnung der Familie geringer, und im Herbst 2018 erfuhren sie schließlich durch einen Zufall, dass sie schon drei Jahre zuvor im Kindbett gestorben war, und das Kind, das sie dem IS-Kämpfer geboren hatte, der sie in der Nähe von Mossul gefangen gehalten hatte, nur wenige Tage später.

Marya lebte nach ihrer Befreiung noch etwa zwei Jahre lang bei ihrem Bruder. Sie war eine sehr stille junge Frau geworden. Schließlich beschloss sie, in ein Kloster in Bagdad einzutreten. Sie wollte in ihrer Heimat bleiben. Die Zeiten werden wieder besser, sagte sie in diesen Jahren immer wieder zu Yonah.

Bis zum heutigen Tag rätselt die Weltöffentlichkeit darüber, wer der geheimnisumwitterte „Prophet“ gewesen ist, der die Bekehrung Mossuls bewirkt haben soll. Manche Christen erklärten ihn zur Erscheinung eines Engels, viele Leute im Westen meinten, dass die Geschichte so ja wohl gar nicht abgelaufen sein könne, wahrscheinlich habe dieser Abu Bakr irgendeinen Deal mit der irakischen Regierung ausgehandelt und dann sei eben irgendwie so ein Gerücht aufgekommen. Oder so. Yonah Baramittai, wieder Pfarrer in Mossul, sprach zeit seines Lebens selten über die Geschehnisse in Mossul im Sommer 2016, und niemandem vertraute er je sein Geheimnis an, nicht einmal seiner Schwester Marya. Vielleicht wäre es ihm unangenehm gewesen, zuzugeben, welch widerwillige Rolle er als Prophet gespielt hatte.

 

 

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