Wie man Heilige missdeuten kann, oder: Jeanne d’Arc als feministische Endzeit-Terroristin?

(Die hl. Jeanne d’Arc in einer Miniatur aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts; Bildquelle: Wikimedia Commons)

Letztens bin ich auf Youtube auf folgendes Lied gestoßen, das von der hl. Jeanne d’Arc handelt bzw. handeln soll:

 

I am as God made me, I have no desire

For a mouth at my breast, or a pot on the fire

I heed the higher voices, I go where I’m sent

To mow down the men who refuse to repent

I’m a scythe in a field full of briars

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

The courage of Catherine, the flames of the forge

The sword of Saint Michael, the blood of Saint George

I take what I’m given, I follow my truth

I gladly abandon the bloom of my youth

I’m the lashing that falls from the scourge

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

I fight where God tells me, I never ask why

I’ve bloodied the devil with steel from on high

I kill without consequence, heed no man’s law

I sift out the righteous like grain from the straw

I am judgment and Heaven is nigh

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

They won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

No, they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

No, they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

They won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

Das ist nicht unsere Heilige, kann ich da nur sagen.

Diese Joan besteht stolz darauf, dass sie nicht als irgendeines Mannes Anhängsel bekannt sein will, sondern für ihre eigenen Taten; nun ist Jeanne d’Arc für ihre eigenen Taten bekannt – wie übrigens unsere heiligen Frauen generell –, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie gerade nicht darauf aus war, sich Ruhm und Anerkennung zu erwerben, als sie ihren Stimmen folgte. Das ist eine Heilige nämlich nicht, und auch kein Heiliger. Sie wollen Gott dienen, sie posaunen nicht überheblich ihre Berufung zu Höherem hinaus. Auch zeigen Heilige für gewöhnlich keine Verachtung für die niederen Aufgaben mit Kindern & Küche, wie hier gleich in der ersten Strophe demonstriert – selbst dann, wenn ihnen speziell diese Aufgaben nicht liegen.

Russische Ikone

Der hl. Benedikt der Mohr konnte offenbar mehr mit der Küche anfangen als „Joan“. Er gab sogar aus Demut den Posten als Novizenmeister wieder auf, auf den ihn seine Mitbrüder gewählt hatten, um dann wieder in der Klosterküche zu arbeiten. (Bildquelle: Ökumenisches Heiligenlexikon.)

Und dann sind da ja noch diese Zeilen, die eher auf Thomas Müntzer oder Jan van Leiden oder Oliver Cromwell passen würden als auf Jeanne d’Arc. (Oder meinetwegen noch auf Arnauld Amaury.)

Datei:Thomas Muentzer.jpg

(Thomas Müntzer (1489-1525), Kupferstich von Christoph van Sichem, 1608)

Nein, die Jungfrau von Orleans war keine verrückte Endzeitprophetin, die sich berufen fühlte, Gottes Gericht an den Sündern zu vollstrecken. Die Engel, die ihr erschienen, beauftragten sie, zu helfen, Frankreich im Hundertjährigen Krieg von den Engländern zu befreien, und mit diesem Anliegen ging sie zu Karl VII. Sie war eine mutige und heilige Kriegerin und französische Patriotin; und sie versuchte nicht, im Widerspruch zum Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matthäus 13,24-30) die Erde von Sündern zu reinigen („I sift out the righteous like grain from the straw“), weil das Ende der Welt nahe sei („I am judgment and Heaven is nigh“).

(Zeitgenössische Zeichnung von Jeanne d’Arc im Protokoll des Parlaments von Paris, 1429, erstellt von Clement de Fauquembergue; Bildquelle: Wikimedia Commons)

„I kill without consequence, heed no man’s law“? Echt jetzt? Na ja, irgendwie ist es ganz interessant, wie wenig manche Leute auf einmal gegen fanatische Religionskrieger haben, wenn es sich um Frauen handelt.

IS, Terrormiliz, Syrien, Gefährder, Wolfsburg, LKA

(IS-Kämpferinnen; Bildquelle hier.)

Okay, immer trifft das auch nicht zu.

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Aus dem Denzinger: Die mittelalterliche Kirche über den Ehekonsens und heimliche Ehen (und Luthers Ansichten dazu)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

 

Nach katholischer Lehre kommt die Ehe (die zwischen Getauften ein Sakrament ist) durch den Konsens, d. h. die freie Willensbekundung von Braut und Bräutigam, und durch nichts anderes, zustande. Auf dieser Lehre bestand die Kirche im Mittelalter sehr klar: Nicht die Einwilligung der Familien sorgte für eine gültige Ehe, auch nicht der Vollzug der Ehe, sondern allein der Konsens; Zwangsehen waren ungültig und konnten annulliert werden, und Ehen ohne die Zustimmung der Eltern oder heimlich geschlossene Ehen waren gültig.

Im Jahr 866 schrieb Papst Nikolaus I. (den ich in dieser Reihe schon öfter zitiert habe) an die Bulgaren, die mit verschiedenen Fragen an ihn herangetreten waren:

 

„Kap. 3. … Nach den Gesetzen soll allein die Einwilligung derer genügen, um deren Verbindung es sich handelt; wenn bei Hochzeiten allein diese Einwilligung fehlen sollte, so ist alles übrige, auch wenn es mit dem Beischlaf selbst begangen wurde, vergebens, wie der große Lehrer Johannes Chrysostomus bezeugt, der sagt: ‚Die Ehe macht nicht der Beischlaf, sondern der Wille’.“

(Nikolaus I., Brief „Ad consulta vestra“ an die Bulgaren, 13.11.866; in: DH 643)

 

Zu dieser Zeit war es noch möglich, dass ein Mann und eine Frau ohne irgendwelche weiteren Anwesende eine Ehe schlossen, indem sie einfach voreinander das Ehegelübde ablegten. Solche heimlichen Ehen kamen gelegentlich vor, sorgten dann aber auch für Probleme; z. B. konnte ein Mann eine Frau heimlich heiraten, und, wenn er ihrer überdrüssig war, sie verlassen, eine andere heiraten und behaupten, nie mit der ersten verheiratet gewesen zu sein. Die erste Frau hatte in diesem Fall kaum eine Chance vor einem Kirchengericht, da dieses ohne äußere Belege natürlich nicht feststellen konnte, ob sie die Wahrheit sagte oder vielleicht nur behauptete, mit ihm verheiratet zu sein, weil sie in ihn verliebt war und er sie verschmäht hatte.

Zudem konnten bei heimlichen Ehen die sog. Ehehindernisse nicht immer vorher entdeckt werden. Zu den Ehehindernissen, die eine Ehe ungültig machten, gehörte z. B. zu nahe Verwandtschaft der Brautleute, weshalb man, wenn man seine Cousine – oder auch seine Cousine zweiten Grades, die Tochter seines Taufpaten, oder seine verwitwete Schwägerin (damals war die Kirche in dieser Hinsicht noch strenger als heute) – heiraten wollte, erst einmal eine Sondergenehmigung (Dispens) vom Bischof beantragen musste. Wenn jemandem ein trennendes Ehehindernis nicht bewusst war und er dann heiratete, ohne einen Priester hinzuziehen, der ihn darauf hätte hinweisen können, war seine Ehe natürlich ungültig. Auch so ernste Dinge wie Frauenraub oder Gattenmord waren Ehehindernisse, d. h. ein Mann konnte nicht gültig eine Frau heiraten, die er zu diesem Zweck entführt hatte oder deren ersten Mann er zu diesem Zweck ermordet hatte. Oder auch ein früheres Keuschheitsgelübde verhinderte eine gültige Ehe; wer z. B. in einem Orden die ewigen Gelübde abgelegt hatte und dann das Kloster verlassen und sich an einem anderen Ort niedergelassen hatte, konnte nicht gültig heiraten. Ehen sollten also öffentlich geschlossen werden, damit vorher bekannt werden konnte, falls, sagen wir mal, der Bräutigam ein paar Jahre vorher ein Kloster verlassen hatte, und damit alles mit rechten Dingen zuging (kein Zwang o. Ä.), und für die Nachwelt dokumentiert wurde.

Es gab schließlich kirchliche Beschlüsse dazu, dass ein Kleriker und/oder weitere Zeugen bei einer Eheschließung anwesend sein mussten, und dass die Hochzeit vorher angekündigt werden musste (= das Aufgebot bestellt werden musste), damit jemand, der von einem möglichen Ehehindernis wusste, den Priester vorher darauf hinweisen konnte.

Zu diesen Beschlüssen gehört diese Vorschrift des 4. Laterankonzils von 1215:

 

„In die Fußstapfen Unserer Vorgänger tretend, verbieten Wir heimliche Eheschließungen völlig; Wir verbieten auch, daß sich ein Priester unterstehe, an solchen [Eheschließungen] teilzunehmen. Deshalb weiten wir die besondere Gewohnheit bestimmter Gegenden allgemein auf die anderen aus und bestimmen, daß, wenn Ehen geschlossen werden sollen, sie in den Kirchen durch die Priester öffentlich angekündigt werden sollen; dabei soll ein angemessener Termin festgesetzt werden, bis zu dem, wer will und kann, ein rechtmäßiges Hindernis entgegenstellen soll. Nichtsdestoweniger sollen auch die Priester selbst nachforschen, ob sich ein Hindernis entgegenstellt. […]“

(4. Konzil im Lateran, Kap. 51, 1215; in: DH 817)

 

Damit hatte das 4. Laterankonzil die heimlichen Ehen jedoch nicht ungültig, sondern nur unerlaubt gemacht – d. h., wer heimlich heiratete, hatte zwar gegen eine Vorschrift verstoßen und sich evtl. Kirchenstrafen zugezogen, war aber trotzdem gültig verheiratet (wenn kein Ehehindernis gegeben war). Das Konzil von Trient, das im 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation einberufen wurde, ging einen Schritt weiter:

 

„Kap. 1. [Beweggrund und Inhalt des Gesetzes] Auch wenn nicht daran zu zweifeln ist, daß heimliche Ehen, die in freiem Einverständnis der Partner geschlossen wurden, gültige und wahre Ehen sind, solange die Kirche sie nicht ungültig gemacht hat, und daher zurecht jene zu verurteilen sind, wie sie das heilige Konzil mit dem Anathema verurteilt, die leugnen, daß sie wahr und gültig sind, und die fälschlicherweise behaupten, Ehen, die von den Kindern ohne die Zustimmung der Familien geschlossen wurden, seien ungültig, und die Eltern könnten sie gültig oder ungültig machen: so hat die heilige Kirche Gottes sie nichtsdestoweniger aus äußerst triftigen Gründen immer verabscheut und verboten.

Da aber das heilige Konzil feststellt, daß jene Verbote wegen des Ungehorsams der Menschen nichts mehr nützen, und die schweren Sünden erwägt, die in ebendiesen heimlichen Ehen ihren Ursprung haben, vor allem aber [die Sünden] derer, die im Zustand der Verurteilung bleiben, wenn sie, nachdem sie ihre frühere Frau, mit der sie heimlich [die Ehe] geschlossen hatten, verlassen haben, mit einer anderen öffentlich [die Ehe] schließen und mit dieser in fortwährendem Ehebruch leben; da diesem Übel von der Kirche, die über Verborgenes nicht urteilt, ohne Anwendung eines wirksameren Heilmittels nicht Abhilfe geschaffen werden kann, tritt es in die Fußstapfen des unter Innozenz III. gefeierten [4.] heiligen Konzils im Lateran und gebietet, daß künftig, bevor die Ehe geschlossen wird, dreimal vom eigenen Pfarrer der [Ehe]schließenden an drei aufeinanderfolgenden Festtagen in der Kirche während der Meßfeier öffentlich verkündet werde, von wem die Ehe geschlossen werden soll; sind diese Verkündigungen erfolgt, schreite man, wenn sich kein rechtmäßiges Hindernis entgegenstellt, im Angesicht der Kirche zur Feier der Ehe, wo der Pfarrer, nachdem er Mann und Frau gefragt und sich ihres gegenseitigen Einverständnisses vergewissert hat, entweder sage: ‚Ich verbinde euch zur Ehe, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes’, oder andere Worte gebrauche, entsprechend dem üblichen Ritus einer jeden Provinz.

[Einschränkung des Gesetzes] Sollte aber einmal begründeter Verdacht bestehen, eine Ehe könne in böser Absicht verhindert werden, wenn so viele Verkündigungen vorausgegangen sind: dann soll entweder nur eine Verkündigung erfolgen oder die Ehe wenigstens in Gegenwart des Priesters und zweier oder dreier Zeugen gefeiert werden; danach sollen vor ihrem Vollzug die Verkündigungen in der Kirche erfolgen, damit, wenn irgendwelche Hindernisse vorliegen, sie leichter aufgedeckt werden, es sei denn, der Ordinarius selbst erachtet es für zweckmäßig, daß die eben genannten Verkündigungen erlassen werden, was das heilige Konzil seiner Klugheit und seinem Urteil überläßt.

[Sanktion] Diejenigen, die versuchen werden, eine Ehe anders zu schließen als in Gegenwart des Pfarrers oder – mit Erlaubnis des Pfarrers bzw. des Ordinarius – eines anderen Priesters und zweier oder dreier Zeugen: die erklärt das heilige Konzil für völlig [rechts]unfähig, auf diese Weise [eine Ehe] zu schließen, und es erklärt, daß solche [Ehe]schlüsse ungültig und nichtig sind, wie es sie im vorliegenden Dekret ungültig macht und für nichtig erklärt.“

(Konzil von Trient, Dekret „Tametsi“, 11.11.1563; in: DH 1813-1816)

 

Das Konzil von Trient verurteilte in seinen Beschlüssen verschiedene Ansichten der Reformatoren, insbesondere Luther, zur Ehe, u. a. auch die, dass die Polygamie oder die Scheidung möglich wären, oder dass die Ehe kein Sakrament, sondern nur „ein weltlich Ding“ wäre, und in diesem Dekret bezog es sich, was die Ehen ohne elterliches Einverständnis angeht, auf folgenden Abschnitt in Luthers Schrift „De abroganda missa privata“, Teil III, in der Luther sich gegen die „Erfindungen“ des Papstes wendet:

 

„Hierher gehört, dass er, was als Fallstrick für die Seelen gestellt ist, heimliche Ehen untersagt & trotzdem geschlossene dennoch stützt, gegen den Willen der Eltern, so die Söhne & Töchter gegen ihre Eltern rebellieren und die Ehe gegen ihren Willen bewahren lehrt, so dass, selbst wenn er das Recht der Eltern unberührt gelassen hätte, & die Kinder gelehrt hätte, ihren Eltern zu gehorchen, das Werk nichtig gewesen wäre durch sein törichtes und unwirksames Gesetz über die heimlichen Ehen. […] So sollen die Eltern wissen, dass es ihr Recht ist, die Ehen ihrer Kinder ungültig zu machen, & die Kinder sollen wissen, dass sie in diesen Dingen und in allem, was nicht gegen Gott geht, ihren Eltern gehorchen müssen, & dass ihre geheimen Ehen nichtig sind, wenn sie nicht schließlich durch demütige Bitten von ihren Eltern erreichen, dass sie als gültig anerkannt werden & verwünscht sei dieser Papst, der gegen Gott steht mit seinen Gesetzen.“

(„Huc pertinet, quod laqueo animabus posito, prohibet clandestina matrimonia & tamen contracta confirmat, inuitis parentibus, ita filios & filias parentibus rebellare, & contra eorum uoluntatem matrimonium seruare docens, qui si dimitteret ius parentum intactum, & obedire doceret filios parentibus, nihil opus foret sua stulta & stolida lege de clandestinis matrimoniis. […]Sciant itaque parentes sibi ius esse, matrimonia filiorum irrata faciendi, & filii sciant sese obedire debere in his & in omnibus, quae contra deum non sunt, parentibus suis, & matrimonia sua occulta nihil esse, nisi ea demum impetrent humili prece a parentibus rata haberi & execretur Papam istum aduersarium dei cum suis legibus.“ Quelle hier, Übersetzung von mir.)

 

Vermutlich liegt es an dieser theologischen Tradition der Reformation, dass es bei protestantischen Hochzeiten üblich ist, dass der Vater die Braut zum Altar führt, was in katholischen Traugottesdiensten nicht Tradition ist, oder dass sogar gefragt wird „Wer gibt diese Frau in die Ehe?“. (Gerade im englischen Sprachraum scheint es noch weiter verbreitet zu sein, dass der Pfarrer fragt: „Who gives this woman to be married to this man?“, worauf der Vater der Braut antwortet: „I do“.)

Und wieder ein Grund mehr, den Protestantismus nicht zu mögen!

 

PS: Auch der hl. Thomas äußert sich übrigens in der Summa zum Ehekonsens und zu Zwangsehen.

 

Aus dem Denzinger: Die antike Kirche über den Klerikerzölibat

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

 

Manchmal wird behauptet, der Klerikerzölibat wäre erst im Mittelalter eingeführt worden. Das lässt sich leicht widerlegen, indem man sich antike Zeugnisse zu diesem Thema ansieht. Eins der frühesten ist ein Beschluss der Synode von Elvira (300-303):

 

„Kan. 33. Es wurde beschlossen, den Bischöfen, Priestern und Diakonen sowie allen Klerikern, die den Dienst versehen, folgendes Verbot aufzuerlegen: Sie sollen sich von ihren Ehefrauen enthalten und keine Kinder zeugen: jeder aber, der [es] tut, soll aus der Ehrenstellung des Klerikers verjagt werden.“

(Synode von Elvira; in: DH 119)

 

Auch von Papst Siricius (384-399) ist ein Brief zu diesem Thema überliefert:

 

„(Kap. 7, §8) … Wir haben nämlich erfahren, daß sehr viele Priester Christi und Leviten lange Zeit nach ihrer Weihe sowohl aus eigenen Ehen als auch aus schändlichem Beischlaf Nachkommenschaft gezeugt haben und ihr Vergehen mit dem Vorwand verteidigen, dass man im Alten Testament lese, den Priestern und Dienern [sei] die Erlaubnis zum Zeugen zugestanden.

[Gegen dieses Argument wendet der Papst ein:]

(§ 9) Warum wurden die Priester geheißen, im Jahre ihres Amtes sogar fern von ihren Häusern im Tempel zu wohnen? Aus diesem Grund nämlich, damit sie nicht einmal mit ihren Frauen fleischlichen Verkehr ausüben konnten, um in der Reinheit des Gewissens leuchtend ein Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen.

(§ 10) Daher bezeugt auch der Herr Jesus, nachdem er uns mit seiner Ankunft erleuchtet hatte, im Evangelium, daß er gekommen sei, das Gesetz zu erfüllen, nicht aufzulösen [Mt 5,17]. Und deshalb wollte er, daß die Gestalt der Kirche, deren Bräutigam er ist, im Glanze der Keuschheit erstrahle, damit er sie am Tage des Gerichtes, wenn er wieder kommt, ‚ohne Makel und Runzel’ [Eph 5,27] … finden kann. Durch das unauflösliche Gesetz dieser Bestimmungen werden wir alle, Priester und Leviten, gebunden, auf daß wir vom Tage unserer Weihe an sowohl unsere Herzen als auch Leiber der Enthaltsamkeit und Keuschheit überantworten, damit wir dem Herrn, unserem Gott, in den Opfern gefallen, die wir täglich darbringen.“

(Siricius, Brief „Directa ad decessorem“ an Bischof Himerius von Tarragona, 10. 2. 385; in: DH 185)

 

Damals war die Regelung etwas anders als heute: Verheiratete Männer konnten geweiht werden, allerdings mussten sie von ihrer Weihe an enthaltsam leben. Ich persönlich halte ja die spätere Regelung, nur Unverheiratete zu weihen, für besser. Aber man könnte ja mal den Befürwortern von „viri probati“ vorschlagen, es wieder so zu machen wie die frühe Kirche…

Filmkritik: „Voll verschleiert“

Was, er soll sich schwul stellen? Dann müsste er nicht mehr nur Angst vor den Taliban haben, sondern auch vor seinen Brüdern, seiner Mutter, seinem Vater… Nein, nein, beruhigt Armand den jungen afghanischen Flüchtling rasch. Er müsste doch nicht überall den Schwulen spielen. Nur vor dem Amt. Und niemand würde seine Akte zu sehen bekommen. Der Flüchtling ist immer noch nicht überzeugt von dem Plan, den ihm der Verein der Flüchtlingshelfer vorgeschlagen hat, um seine Chancen auf Asyl zu erhöhen: Sollte man nicht, na ja, die Wahrheit sagen?

Das ist eine der ersten Szenen in der französischen Komödie „Voll verschleiert“. Armand und seine Freundin Leila, die beide in Paris Politikwissenschaft studieren, engagieren sich in diesem Verein für Flüchtlinge, der es mit dem Recht und der Wahrheit nicht immer so genau nimmt; außerdem planen sie, in einigen Wochen zusammen für ein Praktikum bei den Vereinten Nationen in die USA zu gehen. Leilas Eltern sind schon verstorben und sie lebt mit ihrem jüngeren Bruder Sinna (ca. 18 oder 19 Jahre  alt) und ihrem älteren Bruder Mahmoud in einem Pariser Vorort mit hohem Migrantenanteil; Armands Eltern sind Iraner, die nach der islamischen Revolution ins Exil gegangen sind (er ein Kommunist, sie eine Feministin), und jetzt ein ausgesprochen säkulares Leben in einem gehobenen Pariser Viertel führen und sich weiterhin mit anderen Exiliranern gegen das Mullahregime engagieren.

Soweit ist alles gut, aber plötzlich stellt sich ein Problem für das junge Pärchen: Mahmoud, der ein Jahr lang in einem Hotel im Jemen gearbeitet hat, kehrt nach Frankreich zurück, und gleich am Flughafen stellt seine Schwester fest: Er hat sich verändert. Er trägt jetzt islamische Kleidung und Vollbart, und nimmt zuhause in der Wohnung angekommen sofort die Familienfotos ab, auf denen seine Eltern seiner Meinung nach nicht anständig angezogen sind, und hängt ein Poster des Gründers der Muslimbruderschaft auf. Sinna wird in Aussicht gestellt, er solle auch in den Jemen geschickt und über den wahren Islam unterrichtet werden. Außerdem will Mahmoud nicht dulden, dass Leila nach New York geht, und als er mitbekommt, wie sie Armand küsst, zerstört er ihr Handy und sperrt sie von da an in der Wohnung ein.

Doch hier können die afghanischen Flüchtlinge helfen, denen Leilas und Armands Verein beisteht. Einer von ihnen schlägt Armand vor, sich einfach mit dem Niqab (einem schwarzen Schleier, der nur die Augen freilässt) zu verkleiden, und Leila in diesem Aufzug zu besuchen. Armand tut das und rüstet sich außerdem vorher vorsichtshalber mit Wissen über den Islam aus. Er stellt sich bei Mahmoud als „Scheherazade“ vor: Leilas Verein habe sie geschickt, Leila solle ihr bei der Vorbereitung auf eine Prüfung helfen. Mahmoud ist bezaubert von der scheuen, frommen Scheherazade, die gleich bei ihrem ersten Besuch darüber redet, wie wichtig ihr der Glaube ist usw. Natürlich besucht „Scheherazade“ Leila von da an ständig, und schon nach ein paar kurzen Begegnungen mit ihr ist Mahmoud überzeugt: Allah hat sie ihm geschickt. Sie muss seine Frau werden.

ACHTUNG: SPOILER. Wer das Ende nicht wissen will, lieber nicht weiterlesen.

Leider ist Scheherazade davon nicht überzeugt: Nein – nein – sie sei nicht die Richtige für ihn – und überhaupt habe ihr Vater sie ihrem Cousin versprochen… Aber Mahmoud ist hartnäckig, und ist überzeugt, dass sie ihn auch will. Zwischendurch gerät Armand arg in Bedrängnis, z. B. als Mahmoud seine Freunde (alle überzeugte Islamisten, darunter ein frischer Konvertit, den die anderen ständig vergessen, bei seinem neuen islamischen Namen „Farid“ statt „Fabrice“ zu rufen) beauftragt, Scheherazade zu folgen, um herauszufinden, wo sie wohnt. Armand kann den Schleier nicht abnehmen, während sie ihm noch auf den Fersen sind, und als seine Eltern dann eine vollverschleierte Frau bei ihrem Haus entdecken, geraten sie in Panik: Könnte etwa das Mullah-Regime die geschickt haben, um ihnen nachzuspionieren? Immerhin hat seine Mutter gerade ein Oben-Ohne-Video veröffentlicht, in dem sie die iranische Politik angegriffen hat. Einen weiteren Anlass zur Panik gibt es für sie, als sie schließlich die Bücher zum Islam unter Armands Bett entdecken. Ist ihr Sohn dabei, sich zu radikalisieren? Aber als sie ihm beim Abendessen Schweinefleisch servieren und er es anstandslos isst, können sie sich wieder beruhigen.

„Scheherazade“ beeindruckt Mahmoud weiterhin, auch mit ihren Gedanken dazu, was wahre Frömmigkeit sei, und mit ein paar Zitaten aus persischer Poesie. Er will, dass sie jetzt seinen jüngeren Bruder über den Islam unterrichtet, und hört einmal mit, wie „Scheherazade“ gegenüber dem über die Religion verunsicherten Sinna ein paar Platitüden darüber, dass Gott die Menschen vielfältig erschaffen habe und nicht so engstirnig sei, wie ihn sich manche vorstellen, zum Besten gibt. Allmählich kommt er durch Scheherazades Einfluss von seinen allzu radikalen Ideen ab. Als Sinna ihn einmal darauf anspricht, wie er denn jetzt zum Heiligen Krieg steht, gesteht er ein, nicht mehr davon überzeugt zu sein. Überhaupt, wenn man die Ungläubigen töten sollte, müsste er als erstes seine Schwester töten. Sinna ist einen Moment lang beunruhigt, aber als ihm klar wird, dass Mahmoud das nicht so meint, dass man Leila töten sollte, ist alles klar und die beiden Brüder bauen wieder ein besseres Verhältnis zueinander auf.

Der Termin, an dem Leila und Armand in die USA reisen müssten, rückt näher, und sie hecken einen Plan aus, damit Leila zum Flughafen kommen kann. Mahmoud wird benachrichtigt, dass Scheherazades Vater mit ihm über eine Heirat mit ihr sprechen wolle. Auch hier springen wieder die Flüchtlinge ein: Mahmoud soll mit seiner Familie zu den Räumlichkeiten des Vereins kommen, und einige der Flüchtlinge spielen Scheherazades Vater, Brüder, und andere männliche Angehörige. Während Mahmoud und seine Freunde, die auch mitgekommen sind, mit ihnen sprechen, soll Leila, die sich für den Anlass verschleiern musste, in einem anderen Raum voller verschleierter Frauen warten. Unter den Schleiern stecken u. a. Armands Mutter und andere Exiliranerinnen, die mit seinen Eltern befreundet sind; nachdem sie von der Geschichte mit Leila erfahren haben, die ihr Sohn zunächst vor ihnen geheim gehalten hatte, wollten Armands Eltern Leila helfen, sich zu befreien. Die Mutter und eine ihrer Freundinnen schaffen Leila aus dem Haus und fahren sie zum Flughafen.

In der Zwischenzeit versucht „Scheherazades Vater“ angestrengt, Mahmoud Bedingungen zu stellen, die dieser nicht bereit wäre, anzunehmen. Zunächst: Mahmoud müsste vom sunnitischen zum schiitischen Islam konvertieren. Als er darauf dringt, sagt Mahmoud entschieden, dass er nicht wisse, wer damals bei der Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten im Recht gewesen sei, und dass er für Scheherazade auch konvertieren wolle, und sagt schließlich das Glaubensbekenntnis in der schiitischen Version auf, zum Entsetzen seiner Freunde. „Scheherazades Vater“ versucht es weiter: Er wolle einen traditionellen Brautpreis. 40 Kamele. Auch dazu erklärt Mahmoud sich bereit. Für Scheherazade will er alles tun.

Aber da bemerken seine Freunde, dass einige verschleierte Frauen das Haus verlassen. Mahmoud glaubt, eine von ihnen sei Scheherazade, und man wolle ihn betrügen und sie doch noch zu ihrem Cousin nach Afghanistan schaffen. Dieser Verdacht erhärtet sich für ihn, als sie dem Auto zum Flughafen folgen. Auf dem Flughafen entsteht dann noch eine verwirrte Verfolgungsjagd zwischen Mahmoud und seinen Freunden und mehreren verschleierten Gestalten. Leila hat ihr schwarzes Gewand abgelegt und schon eingecheckt, aber Armand will doch noch mit Mahmoud reden und als er – bzw. „Scheherazade“ – schließlich von ihm und seinen Freunden gestellt wird, gibt er sich zu erkennen und versucht alles zu erklären. Auch Leila kommt dann noch hinzu und erklärt ihrem Bruder ihre Lage.

Und Mahmoud? Ist erschrocken, aber am Ende verständnisvoll und verzeihend. Na, geh schon, sagt er am Ende mit einem leichten Lächeln zu seiner Schwester. Geh, bevor ich’s mir noch anders überlege! Er hat seine Lektion gelernt, seinem radikalen Glauben abgeschworen, und lässt Leila ihre Freiheit. Aber ganz gibt er den Glauben deswegen nicht auf: „Ich bin nicht wie du“, sagt er während ihres Gesprächs in beinahe entschuldigendem Tonfall zu Leila. „Ich brauche die Religion.“ (Diese Zeile habe ich noch wörtlich so im Kopf; die anderen Gespräche habe ich paraphrasiert; es ist schon knapp zwei Wochen her, dass ich den Film gesehen habe.)

Leila und Armand steigen ins Flugzeug, Happy End.

Tja, was soll man jetzt dazu sagen? Einige Teile des Films sind witzig und gelungen und gleichzeitig auch realistisch. Das Problem ist vor allem das Ende. Es ist schlichtweg unglaubwürdig.

Ob es nicht besser ist, die Wahrheit zu sagen? Diese Frage wirft der junge Afghane am Anfang auf. Aber der Film findet trotz der fast bis zum Ende durchgezogenen Lügengeschichte zu einem ganz simplen guten Ende. Wäre es nicht wahrscheinlicher, dass Mahmoud in Wut ausbricht, als er entdeckt, dass er nicht nur von seiner Schwester und ihrem Liebhaber hintergangen wurde, sondern sich auch, na ja, mehr oder weniger lächerlich gemacht hat, indem er sich in „Scheherazade“ verguckt hat? Man würde erwarten, dass er seine ursprüngliche Ansicht darüber, wie verkommen die moderne Welt sei, bestätigt fühlt, als er auf dem Flughafen entdeckt, wer unter dem Schleier gesteckt und seine Schwester in ihrem Zimmer besucht hat.

Aber auch schon seine vorige Deradikalisierung, und dann sein Eingeständnis, die Religion zu „brauchen“, wirkt einfach zu simpel. Kein überzeugter Muslim würde behaupten, religiös zu sein, weil er die Religion braucht – er ist religiös, weil man Allahs Offenbarung gehorchen muss. Radikal religiöse Menschen behandeln die Religion nicht wie eine Medizin zum Bestehen des Alltags – jedenfalls ganz sicher nicht eingestandenermaßen –, sondern sind der Ansicht, einfach der Wahrheit zu folgen, der man folgen muss. Mahmoud lässt sich mit ein paar liberalreligiösen Platitüden und schönen Gedichtzeilen von seinem Radikalismus abbringen. Aber von jemandem, der sich intensiv mit dem radikalen Islam beschäftigt hat, würde man erwarten, dass er liberal-religiöse Argumente à la „Gott kann doch nicht so-und-so sein“ kennt, Gegenargumente dafür parat hat – und vermutlich sowieso seit langen von ihnen genervt ist. Als nächstes drehen sie noch einen Film, in dem ein katholischer Priesteramtskandidat mit nichts als dem Argument „Du willst dein Leben lang keine Beziehung haben? Was kann Gott denn gegen Liebe haben?“ von seiner Berufung abgebracht wird. (Okay, das würde ich unseren Sendeanstalten wirklich zutrauen.)

Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass Mahmoud vielleicht nur eine Kurzzeit-Bekehrung erlebt hat, eine religiöse Phase, die sich dann wieder gegeben hat. Dass er vielleicht nur gegen Ende seines Jemen-Aufenthalts kurz in streng religiöse Kreise geraten ist, sich überhaupt leicht beeinflussen lässt, und von seinem Radikalismus abgekommen ist, sobald ihm klar geworden ist, dass das doch eine ziemlich brutale, problematische Weltanschauung ist. Okay. Das wäre eine Erklärung für diese Figur. Aber dann ist diese Figur leider kein besonders beeindruckendes oder repräsentatives Exemplar eines Islamisten.

Der Film stellt Religion – bzw. den Islam, denn eine andere Religion kommt nicht vor – als etwas dar, das in geringen Dosen ja ganz gut sein kann, aber auch nicht unbedingt notwendig ist, und von dem man nicht zu viel abbekommen sollte. Wie so oft, wenn es um den radikalen Islam und den liberalen Islam geht, kommt eine Frage nicht vor: Ist der Islam die Wahrheit? Ist der radikale Islam die Wahrheit? Ist der liberale Islam die Wahrheit? Was ist die Wahrheit? Hier wird die Religion nur nach ihren praktischen Folgen bewertet – die einem sicher auch irgendwo Aufschluss darüber geben können, ob eine Religion die Wahrheit ist, aber nicht allein die Wahrheit einer Religion beweisen – und nur als eine Art Trostpflaster oder Placebo gesehen, die manche Leute – wie Mahmoud – halt „brauchen“ und andere – wie die emanzipierte, selbstbewusste Leila – nicht.

Besser gelungen ist die satirische Darstellung, wie fromme Muslime an das Thema Liebe und Ehe herangehen dürfen und können. Man darf sich nicht alleine treffen und sich nicht zu genau kennenlernen… also verliebt sich halt schon mal ein Mahmoud in eine „Scheherazade“ und will 40 Kamele besorgen, um sie sofort zu heiraten. Hier ist der Film natürlich übertrieben, aber auch nicht mehr, als es eine Komödie eben für gewöhnlich ist.

Ich habe ja nichts gegen Evangelikale… also, nichts Wirksames.

Kleiner Scherz. Natürlich ist die Wahrheit des katholischen Glaubens wirksam gegen evangelikale Häresien, wenn sie sich vermitteln lässt.

Wie auch immer, ich fand, es wäre mal an der Zeit für ein bisschen Evangelikalen-Bashing. Die evangelikalen Freikirchen sind in den letzten Jahren ja so ein bisschen zu den „Lieblingshäretikern“ von vielen Katholiken geworden. Sie sind wertkonservativ, glaubensstark, beten viel und lesen viel in der Bibel, wagen es, Wörter wie „Mission“ in den Mund zu nehmen und haben mit ihrer Mission oft auch Erfolg, wie man an ihren i. d. R. jungen, wachsenden Gemeinden sehen kann – sie machen vieles richtig, kurz gesagt. Und während sich die „amtskirchliche“ Ökumene in Deutschland noch vor allem auf die traditionell starken Lutheraner konzentriert, bauen erfolgreiche ökumenische „Grass-Roots“-Initiativen wie das Gebetshaus Augsburg und die MEHR-Konferenz eher auf eine Zusammenarbeit zwischen allen Jesus-begeisterten, „konservativen“, „bibeltreuen“ Christen, also hauptsächlich diversen Freikirchen und der Katholischen Kirche.

Ich will hier nicht die Glaubensstärke vieler Evangelikaler kleinreden. Und sie bekommen die Grundsätze des christlichen Glaubens tatsächlich oft gar nicht schlecht hin. Ihr Glaube ist oft mehr defizitär als irrig – aber defizitär ist er definitiv. Ihnen fehlen sieben Bücher in der Bibel, die meisten Sakramente, das Bewusstsein der Gemeinschaft mit den Heiligen im Himmel, eine geeinte Weltkirche, die von Christus die Autorität bekommen hat, in umstrittenen Glaubensfragen zu entscheiden, und noch ein paar andere Dinge. Und das, was ihnen fehlt, ist leider nicht unbedeutend, und es gibt immer noch Dinge, zu denen sie verdrehte Vorstellungen haben, und da sollten wir in der Ökumene drauf aufpassen. Ein Beispiel: Die Alphakurs-Videos vermitteln viel Richtiges und man kann sie schon in katholischen Pfarreien verwenden. Das Video darüber, ob die Auferstehung Jesu historische Wirklichkeit ist, ist zum Beispiel wirklich gut gemacht (auch wenn die deutsche Synchronisation schlecht ist). Das Video über die Bedeutung der Kirche dagegen sagt bloß ein paar nette Sachen darüber, dass wir Christen alle eine Gemeinschaft sind, und bringt dann auch an einer Stelle die Aussage, dass Protestanten, Katholiken usw. alle zusammen die Kirche bilden würden. Das ist aber falsch; Jesus Christus hat eine Kirche gegründet, die auch institutionell eins sein sollte, und die Protestanten und andere haben sich dann später von ihr abgespalten; sie gehören zwar durch die Taufe zur Christenheit, aber eben nicht wirklich zu der einen Kirche. Diese Trennung ist schade, sollte aber nicht geleugnet werden. Ein katholisches Video hätte außerdem noch zusätzliche Informationen über die Bedeutung des Lehramts, der Konzilien, der Päpste, der Bischöfe usw. enthalten und wäre vielleicht auch darauf eingegangen, dass auch die Christen im Himmel und im Fegefeuer ebenso zur Kirche gehören wie die auf der Erde.

Folgende Hauptkritikpunkte am Evangelikalismus fallen mir ansonsten noch ein (ich verallgemeinere natürlich ein bisschen; jede Freikirche ist irgendwo anders als die andere, und es gibt vermutlich wenige, auf die jeder meiner Punkte zutrifft) :

  • Eine unklare und falsche Rechtfertigungslehre. Viele Evangelikale fühlen sich heute zwar unwohl mit der klassischen Lehre der Reformatoren über die Erwählung und den freien Willen, und neigen zu der katholischen Auffassung, dass Gott allen Menschen seine Gnade anbietet und der einzelne Mensch sie dann in einer freien Entscheidung annimmt oder ablehnt, aber manche glauben auch noch ganz klassisch an eine Prädestination im Sinne Calvins. Außerdem ist die Annahme von Gottes Gnade für die meisten Evangelikalen eine einmalige Entscheidung und besteht allein im Glauben, gute Werke gehören nicht dazu (sola fide).
  • Man wird also direkt durch die eigene Entscheidung Christ, also, indem man an irgendeinem Punkt seines Lebens betet: „Jesus, ich glaube, dass du für meine Sünden gestorben bist und übergebe dir von jetzt an mein Leben“ oder so ähnlich. Die Taufe ist dann höchstens noch eine symbolische Handlung, die man vornimmt, um Gott zu zeigen, dass man sich für ihn entschieden hat, weil das anscheinend in der Schrift so vorgesehen ist. Das ist falsch: Tatsächlich sagt die Schrift sehr klar, dass die Taufe uns rettet (1 Petr 3,21; Mk 16,16; Joh 3,5; Tit 3,5…), dass in ihr Gottes Gnade an uns wirkt.* In der evangelikalen Sichtweise ist somit auch nicht vorgesehen, dass Gott auch die noch nicht des Vernunftgebrauchs mächtigen Kinder schon in seinen Bund aufnimmt. Dementsprechend lehnen viele Freikirchen die Kindertaufe ab und meinen, dass jemand, der einfach als Christ aufgewachsen ist und immer selbstverständlich geglaubt hat, nicht unbedingt ein wirklicher Christ ist, weil er ja keine bewusste Entscheidung zu einem klar bestimmbaren Zeitpunkt getroffen hat.
  • Manche Evangelikale leugnen auch, dass jemand, der keine bewusste Entscheidung für Jesus getroffen hat, auf irgendeine Weise erlöst werden kann, auch dann, wenn er nie von Jesus gehört hat. Das lässt offensichtlich Gott ungerecht erscheinen und ist einfach unsinnig (dazu habe ich mich hier auch schon mal geäußert).
  • Wenn man einmal erlöst ist, kann man nach dieser Theologie durch keine Sünde wieder verloren gehen („once saved, always saved“). Die Folge daraus: Wenn jemand, der mal ein entschiedener, gläubiger Christ war, dann ein schlimmer Sünder wird oder wieder vom Glauben abfällt, dann kann derjenige nie wirklich erlöst gewesen sein. Auch, wenn er vorher selber geglaubt hat, wirklich erlöst zu sein. Das führt natürlicht leicht dazu, dass man sich fragt: Bin ich denn wirklich erlöst? War meine Bekehrung denn echt? Wie kann ich mir da sicher sein? Das kann man in diesem theologischen System nicht, obwohl gerade diese Sicherheit, dass man, wenn man sich bekehrt hat, auf jeden Fall in den Himmel kommen würde, der ursprüngliche Hintergedanke bei der Lehre von der „Beharrlichkeit der Heiligen“ war.
  • Die meisten Evangelikalen glauben, dass das Kreuzesopfer Christi folgendermaßen funktioniert hat: Wir Menschen haben Verbrechen (Sünden) begangen, jemand muss dafür bestraft werden, Christus wird an unserer Stelle bestraft und nimmt Gottes gerechten Zorn auf sich, dafür lässt Gott uns straffrei ausgehen; aber hier wird uns nur äußerlich Christi Schuldlosigkeit zugerechnet, während Christus äußerlich unsere Schuld zugerechnet wird, wir werden nicht wirklich innerlich geheiligt. Das ist die reformierte Sicht. Die katholische Sicht ist eher: Wir haben Sünden begangen und dafür ist eine Sühne nötig; wir haben uns dem Teufel verkauft, und dafür zahlt Gott ein Lösegeld. Ein Vergleich: Die reformierte Sicht wäre, dass A aus Freundschaft zu B eine Gefängnisstrafe für B übernimmt; die katholische, dass A aus Freundschaft zu B eine Schadensersatzzahlung übernimmt, die B an C leisten müsste, weil B die nicht selbst leisten kann. (Es ist kompliziert und ich bin nicht sehr gut darin, es zu erklären.) Zudem hängen Rechtfertigung und Heiligung in der katholischen Sicht enger zusammen; wir werden durch Gottes Gnade nicht nur für gerecht erklärt, wobei wir ebenso Sünder bleiben wie vorher, sondern werden auch nach und nach wirklich geheiligt; Heiligung und Erlösung sind eins, daher muss sich ja auch die Annahme von Gottes Gnade in Werken zeigen.
  • Weil die Sakramente nicht viel zählen und das sog. Abendmahl nur selten gefeiert wird und dann nur symbolische Bedeutung hat, verkommt der Sonntagsgottesdienst in vielen Freikirchen zu einer Mischung aus Vortrag und Lobpreiskonzert. Da wird nicht Gottes Handeln an uns erfahrbar, sondern Christen treffen sich, um über ihren Glauben informiert oder ermutigt zu werden und zu Gott zu beten. Das ist gut, aber eben defizitär, wie oben gesagt.
  • Weil sie keine geeinte Kirche haben, haben die Freikirchen auch keine geeinte Lehre. Sie können zwangsläufig keine geeinte Position zu kontroversen Fragen haben. Und ihre einzelnen Positionen sind oft inkonsequent und schlecht begründet. Ein Beispiel: Frauen im Klerus. Liberalere Gemeinden haben kein Problem mit Pastorinnen, was aber viele Christen, die sich als „bibeltreu“ verstehen und Wert auf historische Kontinuität legen, stört. Konservativere Gemeinden dagegen sehen, dass es gegen die Zulassung von Frauen zu Autoritätspositionen in der Kirche gewisse neutestamentliche Einwände gibt, also lassen sie keine Pastorinnen zu; aber sie können das schlecht begründen, weil ihre Pastoren nur Gemeindeleiter und Prediger sind, keine Priester, die Christus repräsentieren – und wieso sollten Frauen nicht Gottesdienste organisieren, Gemeindemitglieder beraten, Vorträge über den Glauben halten dürfen etc.? Die konservativsten Gemeinden erklären dann, um konsequent zu sein, dass Frauen grundsätzlich keine Männer etwas in Glaubensdingen lehren dürften, also z. B. auch keine Bibelgruppe, zu der Männer gehören, leiten dürften; was zwar tatsächlich konsequent ist, dafür aber unsinnig und auch biblisch wieder kaum begründbar (vgl. z. B. Apg 18,26).
  • Viele Freikirchen sind stolz darauf, das  zu lehren, was der historische Glaube der Christenheit sei, auch wenn sie auch Dinge lehren, die tatsächlich eher durch die moderne Kultur geprägt sind. Beispiel: Scheidung und Wiederheirat hinterher. Erlaubt, nicht erlaubt, unter bestimmten Umständen erlaubt? Fast alle Freikirchen erlauben nicht nur die Scheidung, sondern auch die Wiederheirat danach zumindest unter gewissen Umständen, auch wenn sie sie nicht für ideal halten; entgegen den Worten von Jesus und Paulus (Mk 10,2-12; Mt 19,3-12; 1 Kor 7,10f.„Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“). Anderes Beispiel: Künstliche Methoden der Empfängnisverhütung wurden bis 1930 von allen Kirchen abgelehnt und sind heutzutage für die meisten Protestanten völlig unproblematisch.
  • Manchmal stößt man unter Evangelikalen auch auf bizarre theologische Ideen, die erst in den letzten zweihundert oder hundert oder fünfzig Jahren entstanden sind. Paradebeispiel: Die Entrückung (englisch „rapture“). Der Antichrist kommt bald, aber vorher werden alle Christen plötzlich von Jesus in den Himmel entrückt, damit sie nicht wie der Rest der Menschheit die Plagen der siebenjährigen Endzeit durchmachen müssen. Ein anderes Beispiel wäre der sog. „prosperity gospel“.
  • Solche Freikirchen neigen manchmal auch zu dem, was man allgemein als „Biblizismus“ oder „Fundamentalismus“ bezeichnet, nämlich zu der Position, dass die wörtlichste Bibelauslegung immer die stimmigste Bibelauslegung wäre und die, die den größten Respekt vor Gottes Wort zeigt (na ja, außer Christus redet davon, dass Brot und Wein sein Leib und Blut sind, das ist natürlich symbolisch gemeint). Deshalb vertreten sie teilweise kreationistische Positionen, also die Ansicht, dass Gott die Welt vor ca. 6000 Jahren in genau sieben Tagen erschaffen habe. Das ist nicht nur eine nicht zum Text passende Auslegung von Genesis 1, sondern treibt auch Leute vom Christentum weg, die diese komplette Verwerfung von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht annehmen wollen.
  • Viele Evangelikale vertreten die Ansicht, dass die Schrift nicht nur keine Irrtümer enthalte, sondern für alles genüge, was der Christ so wissen muss, und dabei auch ganz klar und eindeutig sei. Das ist einfach objektiv nicht der Fall; es ist nicht immer leicht, rein aus der Bibel ganz klare Imperative zu, sagen wir mal, künstlicher Befruchtung, Abschreckung durch Atomwaffen oder die Verpflichtung zu Kopfbedeckungen für Frauen im Gottesdienst abzuleiten. Deshalb haben ja auch so viele Evangelikale so viele unterschiedliche Ansichten zu allen möglichen Themen.
  • Noch eine jetzt wirklich mehr geschmackliche Sache: Ich habe den Eindruck, dass viele Freikirchler ihre Botschaft zu gefühlsbetont herüberbringen (auch wenn andere Freikirchler sich dann wieder gegen solche Gefühlsbetontheit wenden). Als Beispiel ein Auszug aus der Internetseite der International Christian Fellowship (ICF) München (aus der Rubrik „Unsere Vision“) : „Wir träumen von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht. Er entfacht in ihr eine unvergleichliche Leidenschaft, die sich in lebensverändernden Predigten, kraftvollem Worship und überfließender Kreativität entfaltet. In dieser Kirche feiern und genießen wir die Beziehung zu unserem himmlischen Vater voller Enthusiasmus und lernen ihn in all seinen Facetten immer tiefer kennen.“ Enthusiasmus und Leidenschaftlichkeit sind sicher nicht schlecht; aber Gefühle sind eben nicht das Entscheidende im christlichen Leben (entscheidender sind Vernunftüberlegungen, Entscheidungen, Taten), und manche Leute sind von ihrem Temperament her nicht besonders leidenschaftlich. Manche Leute mögen es nicht mal, bei Worship-Konzerten die Hände in die Luft zu strecken…

Ich sag’s am besten nochmal: Viele Evangelikale machen vieles richtig, und natürlich ist ökumenische Zusammenarbeit da, wo wir übereinstimmen (z. B. beim Lebensschutz oder der Hilfe für verfolgte Christen), sehr gut und wichtig. Aber wir sollten einfach nicht meinen, dass wir bis ein paar unwichtige Details denselben „historischen“, „biblischen“ Glauben teilen würden, während es mit der modernistischen EKD gar keine Gemeinsamkeiten mehr gäbe. Beim Gebetshaus Augsburg zum Beispiel, das ich an sich sehr sympathisch finde, wird oft die Botschaft vermittelt: „Wenn wir Europa wieder zum Christentum zurückführen wollen, geht das nur gemeinsam, da brauchen wir die katholische Kirche und die Freikirchen.“ Nein, nicht zwangsläufig. Um wieder christlich zu werden, müsste Europa nicht zwangsläufig zur Hälfte häretisch werden. Ich bin zwar eigentlich der Ansicht, dass fehlerhaftes Christentum immer noch besser ist als totaler Unglaube (es sei denn, die Fehler sind so gravierend, dass etwas so Pervertiertes wie der Calvinismus herauskommt), aber idealer wäre es doch, die Anhänger eines fehlerhaften Christentums würden die Fülle der Wahrheit in der katholischen Kirche finden.

 

* Natürlich kann Gott auch Leute erlösen, denen die Taufe fehlt, s. das Konzept der Begierdetaufe. Aber Er hat die Taufe als den normalen Standardweg der Erlösung für uns eingerichtet. Wenn ein Verletzter sich an einem unzugänglichen Ort befindet, kann auch ein Hubschrauber kommen, um ihn zu bergen, aber das normalerweise vorgesehene Fahrzeug dafür ist und bleibt trotzdem der Krankenwagen.

Aus dem Denzinger: Nikolaus I. (858-867) über die Folter

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

 

Heute zu einer Sache, bei der der Kirche gern unterstellt wird, sie hätte sie bis weit in die Neuzeit einfach unhinterfragt gebilligt:

 

„Kap. 86. Ihr sagt, daß bei Euch, wenn ein Dieb oder Räuber ergriffen wurde und er geleugnet hat, was ihm zur Last gelegt wird, der Richter seinen Kopf mit Ruten schlage und seine Seiten mit anderen eisernen Stacheln steche, bis er die Wahrheit heraushole; dies läßt weder das göttliche noch das menschliche Gesetz in irgendeiner Weise zu, da ein Geständnis nicht ungewollt, sondern freiwillig sein muß und nicht gewaltsam herauszulocken, sondern willentlich vorzubringen ist; wenn es schließlich geschieht, daß Ihr auch nach Anwendung jener Qualen überhaupt nichts von dem findet, was dem Gefolterten zum Vorwurf gemacht wird, errötet Ihr nicht wenigstens dann und erkennt, wie gottlos Ihr richtet?

Ebenso aber, wenn ein beschuldigter Mensch, der solches erlitten und es nicht ertragen kann, sagt, er habe begangen, was er nicht begangen hat: auf wen, frage ich, fällt die Wucht solch großer Gottlosigkeit zurück, wenn nicht auf den, der diesen zwingt, solches lügnerisch zu gestehen? Gleichwohl weiß man, daß nicht gesteht, sondern redet, wer das mit dem Munde vorbringt, was er nicht im Sinne hat! …

Wenn ferner ein freier Mensch wegen eines Verbrechens belangt wurde und – falls er nicht schon früher irgendeines Vergehens für schuldig befunden wurde oder, durch drei Zeugen überführt, der Strafe unterliegt, oder falls er nicht überführt werden konnte beim heiligen Evangelium, das ihm entgegengehalten wird, schwört, er habe [es] keineswegs begangen, so wird er freigesprochen und hernach dieser Angelegenheit ein Ende gesetzt, wie der häufig erwähnte Völkerapostel bezeugt, wenn er sagt: ‚Als Ende jedes Streites unter ihnen dient zur Bekräftigung der Schwur’ [Hebr 6,16].“

(Nikolaus I., Brief an die Bulgaren, 866; in: DH 648)

 

Nun stimmt es, dass sich die Folter im mittelalterlichen Rechtssystem nicht so leicht ausrotten ließ, nicht zuletzt deshalb, weil es nicht üblich war, Angeklagte nur aufgrund von Indizien ohne Geständnis zu verurteilen – also griff man eben zu entsprechenden Methoden, um ein Geständnis zu bekommen. Auch kirchliche Gerichte verwendeten sie manchmal (wenn auch nicht so häufig, wie die Leute heute gerne annehmen – die 1542 gegründete Römische Inquisition etwa stellte ihre Anwendung schon im frühen 17. Jahrhundert ein, und es gab durchaus Regeln bei ihrer Anwendung, die den Angeklagten schützten); erstmals gestattete Innozenz IV. ihre Anwendung bei der Ketzerverfolung 1252 in der Bulle Ad extirpanda unter der Bedingung, dass kein bleibender Schaden zugefügt wurde. Aber es war eben nicht so, dass niemand in der Kirche sie je kritisch gesehen hätte, und dass man sich später nicht mehr an die eigenen Einsichten hielt… nun, das ist ja nichts Ungewöhnliches.

Vaterunser auf Feministisch

Ich schätze, ich muss nicht viel dazu sagen, was ich davon halte, wenn die Worte unseres Herrn willkürlich abgeändert werden, weil irgendwer meint, es besser zu wissen als der Gottmensch Jesus Christus. Wer eine Idee zu  einem Gebet hat, die er ganz toll findet, soll ein neues Gebet schreiben, nicht am Vaterunser herumdoktern. Aber wenn solche Texte umgedichtet werden, ist es schon ganz interessant, welche Stellen dabei umformuliert oder ausgelassen werden.

Eine anglikanische („episcopalian“: der amerikanische Zweig der Anglikaner) Kirche in San Francisco hat am 25. April eine „Beyoncé-Messe“ abgehalten, d. h. eine Messe begleitet von Liedern von Beyoncé, da man die dort offenbar sehr inspirierend fand. Der verlinkte Artikel zeigt auch ein Foto von den Zetteln, die dabei an die ca. 900 Besucher ausgeteilt wurden, und auf diesen Zetteln ist das Vaterunser in zwei Versionen abgedruckt, wobei darüber noch der Hinweis steht, dass man es „in den unten stehenden Worten, oder in den Worten Ihres Herzens“ mitbeten könnte. Die Version auf der rechten Seite ist die traditionelle englische Übersetzung des Bibeltextes („Traditional English Lord’s Prayer“), die linke eine, na ja, etwas freiere Umdichtung unter dem Titel „Womanist Lord’s Prayer“:

 

„Our Mother,

who is in heavan and within us,

We call upon your names.

Your wisdom come.

Your will be done,

In all the spaces in which You dwell.

Give us each day

sustenance and perseverance.

Remind us of our limits as

we give grace to the limits of others.

Seperate us from the temptation of empire,

But deliver us into community.

For you are the dwelling place within us

the empowerment around us

and the celebretation among us

now and for ever.

Amen.“

 

(Unsere Muter,

die im Himmel und in uns ist,

wir rufen deine Namen an.

Deine Weisheit komme.

Dein Wille geschehe,

An all den Orten, an denen du wohnst.

Gib uns jeden Tag

Lebensunterhalt und Ausdauer.

Erinnere uns an unsere Grenzen so wie

wir Rücksicht auf die Grenzen anderer nehmen.

Scheide uns von der Versuchung der Herrschaft,

Und führe uns stattdessen in die Erlösung zur Gemeinschaft.

Denn du bist die Wohnung in uns

die Emanzipation um uns herum

und die Feier unter uns

jetzt und in alle Ewigkeit.

Amen.)

 

Die feministische Umdichtung eines nun mal leider so eindeutig ein männliches Gottesbild vermittelnden Gebets wie des Vaterunsers zu einem Mutterunser ist ja nun leider nichts Neues. Aber die restlichen Umdichtungen sind schon interessant.

Vor allem fällt auf: Das Böse darf nicht wirklich vorkommen. Es wird keine Schuld vergeben, sondern es wird nur anerkannt, dass Menschen „Grenzen“ haben: Eine völlig blödsinnige Formulierung. Rücksicht auf die Grenzen anderer nehmen heißt z. B., dass ich es nachsehe, wenn meine vergessliche Großmutter ständig Schlüssel und Geldbeutel vergisst, und mich im Voraus darauf einstelle, damit ich darauf achten kann. Schuld vergeben bedeutet dagegen, dass ich es vergebe, dass meine leicht beleidigte Großmutter nach einer geringfügigen Meinungsverschiedenheit wochenlang nicht mit mir geredet hat. Schwächen und Sünden sind nicht einfach ein- und dasselbe. Als nächstes wird die Versuchung, in die man nicht geraten will, eingeschränkt auf eine ganz bestimmte Art der Versuchung, nämlich die zur Herrschsucht; als wäre das die einzige Form des Bösen, die es gäbe. (Auch Gleichgültigkeit, Vernachlässigung, unterlassene Hilfeleistung o. Ä. können Sünden sein, um nur ein paar offensichtliche Beispiele zu nennen, die mit Herrschen nichts zu tun haben.) Aber das passt eben zum feministischen Konzept: Die einzige bewusst wahrgenommene Form des Bösen ist die Unterdrückung, also ist die „Emanzipation“ („empowerment“) und die gleichberechtigte „Gemeinschaft“ die einzige bewusst wahrgenommene Form des Guten. (Sicher ist das eine wichtige Form des Guten, aber eben nicht die einzige.)

Dazu kommt noch die grässlich formulierte Bitte um „Lebensunterhalt und Ausdauer“, die das wunderbar konkrete „unser täglich Brot gib uns heute“ ersetzt, und dann so völlig blödsinnige Sätze wie „du bist die Wohnung in uns“ (wenn schon, dann bitte „du wohnst in uns“, aber – du „bist“ die Wohnung in uns?).

An letzterer Stelle und auch weiter oben fällt auch auf: Das „Reich“ (in der traditionellen englischen Übersetzung „kingdom“) Gottes darf nicht vorkommen; auch nicht „Macht“ („power“) und „Herrlichkeit“ („glory“). Wäre ja alles zu, äh, herrschaftlich. Auch ein guter Herrscher wie Gott bzw. die hier angebetete Muttergöttin darf nicht herrschen, sondern bloß seine/ihre „Weisheit“ spenden und in den Leuten Wohnung nehmen (oder so ähnlich). Aber ich glaube, es ist nicht nur diese Abneigung gegenüber allem, was an Macht oder Herrschaft erinnert: Nein, solche Leute glauben auch nicht, dass Jesus jemals wirklich am Ende der Zeiten zurückkehren wird und wirklich endgültig Gottes Reich aufgerichtet werden wird; also können sie auch schlecht um die Ankunft dieses Reiches beten. Es muss reichen, wenn ein bisschen göttliche Weisheit aus den höheren Sphären zu uns in den Alltag hinabsickert.

Auch die Diversität muss natürlich kurz vorkommen: Die Göttin hat nicht nur einen Namen, sondern viele („wir rufen deine Namen an“). Sie ist vielseitig, da ist für alle was dabei.

Insgesamt ist das Gebet vor allem eins: langweilig und harmlos. Das langweilige, harmlose Thesenpapier netter engagierter Pfarrer*innen und Lai*innen, die beim Kirchenkaffee und beim Vortragsabend im Pfarrheim von Machtstrukturen und ihrer Bekämpfung durch Gendersternchen reden, und keine Ahnung haben von wirklicher Schuld, wirklichem Bösen, oder der wirklichen Herrlichkeit des Reiches des wirklichen Gottes, und die es verachten, um das täglich Brot zu bitten, wenn man stattdessen „Lebensunterhalt“ sagen kann.

Von Gottesstaaten (und anderen Staaten)

Zwischen 413 und 426 n. Chr. schrieb der hl. Augustinus sein berühmtes Werk „Vom Gottesstaat“ (De civitate Dei), in dem er den „Gottesstaat“, d. h. das Reich Gottes, das sich in den Christen verwirklicht, vom irdischen Staat – d. h. zu seiner Zeit dem römischen Kaiserreich – abgrenzte. Das ist nicht unbedingt der Sinn, in dem der Begriff „Gottesstaat“ heute verwendet wird. Unter einem Gottesstaat verstehen die Leute heute eher einen irdischen Staat, der die Gebote einer Religion zu seinen Gesetzen gemacht hat. Augustinus dagegen grenzte die civitas Dei (Gesellschaft Gottes, Staat Gottes) klar von der civitas terrena (irdischer Staat) ab.

Er hatte auch seine Gründe dafür: Viele seiner Zeitgenossen gingen davon aus, dass, wenn das Reich als Ganzes die richtigen Götter (oder den richtigen Gott) verehren würde, es von denen vor Unglück geschützt werden würde, also von einer sehr engen Verbindung zwischen Religion und Staat. Nun hatte man die alten Götter aufgegeben, die Kaiser waren christlich geworden – und gleichzeitig fielen Germanenstämme wie die Ost- und Westgoten, die Vandalen und die Franken ins Reich ein. Viele Heiden waren also der Ansicht, dass der Religionswechsel nicht funktioniert hatte; der Christengott konnte offenbar nichts für einen tun. 410 eroberten und plünderten die Westgoten unter Alarich Rom, und auf dieses schlimme Ereignis nimmt Augustinus in seinem Werk Bezug, und wenn er da so von Verschleppungen, Vergewaltigungen, Toten, die nicht begraben werden konnten, Hunger und Kannibalismus schreibt, dann merkt man, es war wirklich keine schöne Zeit.* (Augustinus selbst sollte dann übrigens in seiner nordafrikanischen Bischofsstadt Hippo Regius während der Belagerung durch die Vandalen unter Geiserich im Jahr 430 sterben.)

In diesem Werk bestand Augustinus jedenfalls darauf, dass das Römische Reich, auch wenn es christliche Kaiser hatte, nicht identisch war mit dem Gottesreich. Der Bestand des christlichen Glaubens ist nicht abhängig vom Wohlergehen eines irdischen Reiches, das zwar an sich einen Zweck in der von Gott gewollten Ordnung erfüllen kann, indem es für Ordnung und Gerechtigkeit unter den Menschen sorgt usw., das Gottesreich aber auch behindern kann. Diese Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Bereich beruht schon auf der Bibel („So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“, Matthäus 22,21) und wirkte das ganze Mittelalter hindurch weiter.

So, das war jetzt eine längere Einleitung zu einem Begriff, dessen Bedeutung meistens nicht ganz klar ist, wenn er verwendet wird: „Gottesstaat“. Der Iran wird gern als Gottesstaat bezeichnet, oder Saudi-Arabien. Manche Leute sehen den Gottesstaat auch schon verwirklicht, wenn in Deutschland Geschäfte am Sonntag geschlossen haben und an stillen Feiertagen nicht getanzt werden darf. Hierzulande gilt aber grundsätzlich eine Trennung von Staat und Kirche, die noch über eine Trennung im Sinne des Augustinus hinausgeht, auch wenn sie keine Laizität à la Frankreich (die eine Verdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum beabsichtigt) ist. Was ist jetzt also ein „Gottesstaat“?

Hier mal ein paar Beispiele, um die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften, die man im heutigen Westen vermutlich alle mehr oder weniger als Gottesstaaten bezeichnen würde, deutlich zu machen:

  • Mohammeds Herrschaft und das Kalifat: Hier war der weltliche Herrscher gleichzeitig auch das geistliche Oberhaupt der (ganzen) Gemeinschaft der Muslime. Mohammed verkündete konkrete weltliche Gesetze, z. B. zum Erbrecht, die direkt auf göttlicher Offenbarung beruhen sollten – seine Nachfolger, die Kalifen, behielten diese bei – und führte seine Feldzüge im Namen seines Gottes – was die Kalifen ebenfalls taten.
  • Der heutige Iran: Die Regierung der Islamischen Republik Iran versteht sich nach der Verfassung von 1979 als Vertreterregierung des entrückten 12. Imam Mahdi, dessen Wiederkehr von den Zwölferschiiten erwartet wird. Das Staatsoberhaupt ist der „Führer“ (Rhabar), der von Theologen ausgewählt wird (zuerst war es Ajatollah Chomeini, jetzt ist es Ajatollah Chamenei). Regierungschef ist ein gewählter Präsident, der sich aber an die Prinzipien des schiitischen Islam halten muss, was vom Wächterrat überwacht wird.
  • Das heutige Saudi-Arabien: Die Kleriker sind nicht so direkt in die Regierung eingebunden wie im Iran, Saudi-Arabien hat allerdings den Islam (in der sunnitischen, speziell der wahabitischen Form) als Staatsreligion und die Könige, die als absolute Herrscher regieren, verstehen sich auch als Hüter der heiligen Stätten in Mekka und Medina.
  • Das mittelalterliche Europa: Die mittelalterlichen Staaten hatten ganz verschiedene Staatsformen (Venedig z. B. war eine Republik, viele andere Staaten waren Erbmonarchien oder -aristokratien); diesen Staaten gemeinsam war, dass einerseits der katholische Glaube öffentlich als wahr anerkannt, also praktisch Staatreligion war (was er in Malta übrigens interessanterweise immer noch ist), dass die Autorität des Papstes etwas galt (auch wenn man sich nicht einigen konnte, wie viel genau), dass weltlicher und geistlicher Bereich aber trotzdem irgendwo getrennt waren – Päpste, Bischöfe, Pfarrer, Äbte und Äbtissinnen waren nicht dasselbe und hatten nicht dieselben Aufgaben wie Kaiser, Könige, Grafen und Bürgermeister, und das Kirchenrecht war, anders als im Islam, nicht identisch mit dem weltlichen Recht.
  • Der Kirchenstaat oder die Fürstbistümer des Heiligen Römischen Reiches: Hier besaß ein Geistlicher zusätzlich zu seiner geistlichen Macht über ein umfassenderes Gebiet auch noch weltliche Macht über ein kleineres Gebiet. Die weltlichen Gesetze waren folglich eher stärker religiös geprägt als in benachbarten Staaten, leiteten sich aber auch nicht direkt oder ausschließlich aus religiösen Quellen ab und der geistliche und der weltliche Bereich wurden unterschieden. (Mir bekannte Unterschiede zwischen den deutschen Fürstbistümern und weltlichen Fürstentümern in der Frühen Neuzeit wären z. B., dass es in den Fürstbistümern oft deutlich mehr Feiertage gab, oder dass die Bischöfe, wenn das Reich einen Krieg führen musste, eher Geld an den Kaiser schickten, um Söldner anzuwerben, als selbst mit in den Krieg zu ziehen.)
  • Das Täuferreich von Münster: Eine spannende Geschichte aus der Reformationszeit: In Münster setzten sich die radikalen Propheten der Wiedertäufer-Sekte an die Macht, verkündeten, dass Christus zu Ostern 1534 wiederkehren sollte, benannten die Stadt in Neu-Jerusalem um, zerstörten Heiligenbilder, die sie für Götzen hielten, vertrieben Katholiken und Lutheraner, und führten die Polygamie ein. Sie wurden schließlich vom Fürstbischof militärisch geschlagen, nachdem die Stadt von innen heraus verraten worden war, und die Propheten wurden gefoltert und hingerichtet. Ähnlich wie bei Mohammed erlangten hier religiöse Propheten auch weltliche Macht – wenn auch für deutlich kürzere Zeit.
  • England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I.: Heinrich VIII. erklärte sich, als der Papst ihm nicht die Scheidung erlauben wollte, selbst zum Oberhaupt der Kirche von England, und seitdem stand die anglikanische Kirche unter der Autorität des Staates. Sicher hatten auch Synoden und Bischöfe noch etwas zu sagen, v. a. der Erzbischof von Canterbury, aber es handelte sich doch um eine dem Staat untergeordnete Kirche. Kardinal John Fisher, der einzige der englischen Bischöfe dieser Zeit, der nicht den Eid auf Heinrich als Kirchenoberhaupt leisten wollte, wurde hingerichtet, ebenso aus demselben Grund Heinrichs ehemaliger Lordkanzler Thomas Morus. Wer nicht zu dieser Kirche gehörte, musste u. U. mit Sanktionen rechnen (z. B. mussten Katholiken unter Heinrichs Tochter Elisabeth I. Geldstrafen zahlen, wenn sie nicht in die anglikanischen Gottesdienste kamen), konnte seinen Glauben evtl. nicht frei ausüben (z. B. war es unter Elisabeth verboten, die Messe zu feiern, und katholische Priester wurden hingerichtet), und hatte keinen Zugang zu bestimmten Staatsämtern (das galt bis ins 19. Jahrhundert). Das alles wurde mit der Zeit immer lockerer gehandhabt, auch wenn die anglikanische Kirche offiziell noch immer Staatskirche in England ist.

Der Unterschied zwischen Mohammeds Arabien oder dem Täuferreich von Münster auf der einen Seite und sagen wir mal, dem Heiligen Römischen Reich oder Frankreich oder England im Mittelalter auf der anderen Seite wäre, dass Mohammed (bleiben wir mal bei ihm als Beispiel; sein Herrschaftssystem hat immerhin länger überlebt) nicht einen geistlichen und einen weltlichen Bereich unterschied, sondern seine prophetischen Offenbarungen auf beide bezog: Sein Gott gab direkte Anweisungen zum Gerichtswesen, zur Verteilung von Kriegsbeute, zum Familienrecht. Nun war es im Mittelalter nicht so, dass geistliche und weltliche Angelegenheiten ganz voneinander abgeschnitten gewesen wären; im Gegenteil, es gab gegenseitige Zusammenarbeit und Überschneidungen (z. B. beim Eherecht) und auch die staatlichen Gesetze, von denen man viele auch aus römischem oder germanischem Recht übernommen hatte, richteten sich im Idealfall irgendwo nach übergeordneten moralischen Prinzipien, die die Kirche verkündete. (Im Idealfall. In der Praxis musste die Kirche z. B. noch 1374 Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel wie etwa „Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte“** verurteilen, und auch für die Abschaffung der aus dem Heidentum übernommenen Gottesurteile musste sie immer wieder eintreten.) Man ging davon aus, dass Christus, König über die ganze Welt, sowohl der Kirche, mit dem Papst als Oberhaupt, die geistliche Macht, als auch den weltlichen Fürsten, mit dem Kaiser als ihrem höchsten Vertreter, die weltliche Macht verliehen hatte; kurz: weltliche und geistliche Ordnung standen beide auf dem Boden des Christentums. Auch wenn sich der Kaiser dann und wann mit dem Papst zoffte.

Der Gang nach Canossa in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhunderts, als man in Deutschland den Papst nicht leiden konnte und den Kaiser als trotzig und ungebeugt darstellten wollte. (Eduard Schwoiser, „Heinrich vor Canossa“) Hier noch eine mittelalterliche Darstellung, in der Kaiser Heinrich IV. Markgräfin Mathilde von Tuszien und seinen Taufpaten Abt Hugo von Cluny um Vermittlung bei Papst Gregor VII. bittet:

(Quelle für beide  Bilder: Wikimedia Commons.)

Ehrlich gesagt, ich würde den Begriff „Gottesstaat“ am liebsten aufgeben. Er ist zu unscharf und wird zu vielseitig verwendet. Ich möchte verschiedene Herrschaftsformen unterscheiden:

  1. Religiöse Führer als weltliche Herrscher; alle weltlichen Gesetze direkt aus göttlicher Offenbarung abgeleitet (Kalifat, Täuferreich von Münster, heutiger Iran)
  2. Religiöse Führer üben auch weltliche Herrschaft aus, bei gleichzeitiger Unterscheidung der geistlichen und weltlichen Bereiche (Kirchenstaat, Fürstbistümer)
  3. Religiöser Integralismus bei personeller Trennung von weltlichem und geistlichem Bereich (Großteil Westeuropas im Mittelalter)
  4. Religiöser Staat; Religion aber unter der Fuchtel des Staates (England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I., Russland unter den Zaren)
  5. Zusammenleben von mehreren religiösen Gruppen auf nicht-religiöser Grundlage; Trennung von Staat und Religion; religiöse Toleranz (heutiges Deutschland)
  6. Staatliche Ablehnung der Religion und Zurückdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum, „Laizität“ (heutiges Frankreich, Türkei unter Atatürk)
  7. Staatlich verordneter Atheismus, Verfolgung der Religion (frühere Sowjetunion, China unter Mao, Nordkorea, sämtliche sonstigen kommunistischen Diktaturen der Geschichte)

Nr. 1 gab es in der Christenheit zunächst überhaupt nicht, später war sie eine Randerscheinung bei einigen extremen Gruppen im Gefolge der Reformation, die sich direkt von Gott inspiriert fühlten (z. B. könnte man außer den Täuferpropheten evtl. noch Oliver Cromwell hier einordnen). Nr. 2 ist im christlichen Bereich eine bekannte, aber alles in allem nicht allzu häufige Erscheinung, die mancherorts aus den historischen Gegebenheiten im Chaos des Frühmittelalters entstand. Nr. 3 war der katholische Standard bis ca. 1500, in manchen Gebieten bis ca. 1800 oder noch etwas länger. Diese Form habe ich „Integralismus“ getauft. Mit „Integralismus“ ist laut den Definitionen, die man so im Internet findet, generell gemeint, dass alle gesellschaftlichen Bereiche (integral) im religiösen Sinne geordnet werden sollen. Hier gäbe es natürlich noch verschiedene Abstufungen; katholischen Integralismus im strengen Sinne würde ich als die Ansicht definieren, die dem Papst indirekte oder direkte weltliche Macht zugesteht, also z. B. die Macht, weltliche Herrscher abzusetzen (die Frage, ob der Papst solche Macht hat, war im Mittelalter immer umstritten und hat damals dann und wann zu Konflikten geführt); katholischen Integralismus im weiteren Sinn als die Ansicht, dass der Papst und die Bischöfe an sich zwar nur geistliche Macht haben, dass sie nicht über, sondern neben weltlichen Herrschern, stehen, dass aber beide, geistliche und weltliche Herrscher, von Christus eingesetzt sind, Ihn als ihren Herrn anerkennen und nicht gegen Seine Gebote handeln sollten. Ein Staat sollte nach dieser Ansicht im Idealfall die katholische Religion als Staatsreligion anerkennen. [Im Internet scheint es keine ganz eindeutige Definition des Begriffes „Integralismus“ zu geben, daher habe ich ihn jetzt mal einfach so definiert, wie es mir passend erschien.] Das wäre, wie gesagt, die mittelalterliche (und in den katholischen Staaten auch noch frühneuzeitliche) Ordnung.

Mit der Reformation traten dann gewisse Probleme auf: Einige Fürsten wiesen den Glauben und die Autorität der Kirche und des Papstes zurück und gründeten sich ihre eigenen Landeskirchen, in denen sie oberste Kirchenherren waren. Das sieht man in Sachsen oder Preußen ebenso wie in England. Ähnliches hatte es vorher schon im Oströmischen Reich und in Russland gegeben, wo man die Autorität des Papstes ebenfalls nicht mochte und die Kirche lieber dem Kaiser bzw. Zar unterordnete (dafür gibt es den schönen Begriff „Cäsaropapismus“). Hier wären wir bei Nr. 4. Im Zuge der Reformation entstanden aber auch die Religionskriege zwischen den protestantischen und den katholischen Fürsten, und als man davon dann genug hatte, fragte man sich, ob denn die Religion das alles wert gewesen war, ob an diesen ganzen Streitfragen überhaupt so viel war, und ob es nicht einfach reichte, überhaupt an Gott zu glauben und ein guter Mensch zu sein (oder einfach nur ein guter Mensch zu sein). Hier wären wir im 18. Jahrhundert bei den Intellektuellen, die sich in nicht allzu großer Demut „Aufklärer“ tauften, angelangt. Sie waren für größere religiöse Toleranz gegenüber der jeweils in der Minderheit befindlichen Konfession und auch gegenüber den Juden, die immer einen Außenseiterstatus eingenommen hatten und als Außenseiter geduldet worden waren, aber nie wirklich zur Gesellschaft gehört hatten.

Dann musste man im Gefolge der sog. Aufklärung natürlich andere Prinzipien finden, auf die sich eine Gesellschaft einigen und auf denen sich ein Staat aufbauen konnte. Da wurden sehr unterschiedliche Wege gefunden. Bei uns nennen sich die herrschenden Prinzipien „freiheitlich-demokratische Grundordnung“, womit man Dinge wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit etc. meint; in den kommunistischen Staaten war es Marx‘ Lehre; in faschistischen Staaten der Wille des Führers. Hier wären wir bei Nr. 5, 6 und 7.

Auch für alle post-religiösen Staaten stellte und stellt sich dann übrigens die Frage, wie tolerant man gegenüber Ketzereien (womit ich Abweichungen von den staatstragenden Prinzipien meine, also etwa Anarchismus, Monarchismus, islamischer Extremismus, Reichsbürgertum) sein wollte. Es gab eben immer noch Leute, die sich den tragenden Prinzipien nicht anschließen wollten, auch wenn man die nicht mehr aus einer Religion nahm. Auch diese Frage wurde ganz unterschiedlich beantwortet; manche Staaten sind bzw. waren strenger gegenüber „Verfassungsfeinden“ als andere. Die französische Revolutionsregierung schickte einen schnell mal auf die Guillotine, bei Stalin kam man ins Gulag, in der BRD hat man, wenn es schlimm wird, eine Geldstrafe wegen Volksverhetzung zu befürchten.

Klar wird hier: Alle sieben Arten von Staaten sind auf irgendeiner Weltanschauung aufgebaut, die zumindest ein größerer Teil der Bevölkerung teilen muss, wenn die Gesellschaft funktionieren soll. Die Weltanschauung kann der Islam sein, der Konfuzianismus (altes China), der Protestantismus, der Katholizismus, der Liberalismus, der Kommunismus, der Faschismus, oder sonst irgendetwas. Aber eine gewisse Basis ist praktisch immer da; der Staat kann nicht ganz „weltanschaulich neutral“ sein. (Was soll z. B. der deutsche Staat gegenüber Leuten sagen, die von Menschenwürde nichts wissen wollen?) Es gibt dabei auch gewisse Unterschiede bei dieser gemeinsamen Basis: Es kann eine universal anwendbare Weltanschauung sein (Katholizismus, Kommunismus, Liberalismus), die man mit anderen Staaten teilt, oder eine rein nationale Religion, die direkt von der Regierung beeinflusst wird (Anglikanismus, verschiedene Formen des Nationalismus).

Hier stellt sich dann natürlich die Frage, auf welche Basis sich die Menschen in einem Land einigen können, und auf welche sie sich im Idealfall einigen sollten. Sucht man einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Will man so nah wie möglich an die Wahrheit herankommen? Und was ist die Wahrheit? Die Wahrheitsfrage lässt sich am Ende nicht umgehen: Auf die Menschenwürde zum Beispiel kann sich eine Verfassung nur stützen, wenn diese wirklich existiert (was sie tut).

Worauf ich hinaus will: Statt den Begriff „Gottesstaat“ bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten hinauszuposaunen, sollte man sich vielleicht genauer ansehen, um was für eine Art Staat (Nr. 1, 2, 3 oder 4?)es sich handelt – und dann natürlich auch, um welchen Gott. Der Aztekenkönig war ebenso wie der Papst im Kirchenstaat weltlicher und religiöser Herrscher zugleich, aber in Rom wurden doch weniger Menschen geopfert als in Tenochtitlan…

 

* Augustinus beruhigt seine Leser z. B. dahingehend, dass es für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten keine Unterschied machen wird, wenn ein Toter nicht begraben werden konnte und von Tieren gefressen wurde, oder er schreibt an einer anderen Stelle, dass Vergewaltigungsopfer, da sie keine Schuld an dem tragen, was ihnen passiert ist, sich nicht umbringen sollen, um die Schande der Vergewaltigung loszuwerden, auch wenn solche Selbtmorde menschlich verständlich seien. Die Bischöfe damals hatten schon andere pastorale Probleme als unsere heute.

** Gregor XI., Bulle „Salvator humani generis“ an den Erzbischof von Riga und seine Suffraganen, in: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. v. Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009, Nr. 1113, S. 521.

Die zweifache Gefahr dieses Pontifikats

Ich bin sicher, dass ich nicht die einzige Katholikin bin, der es in den letzten fünf Jahren ungefähr so gegangen ist:

Wir bekommen sicher wieder einen tollen Papst – Er ist sicher ein toller Papst, die Medien wollen ihn bloß absichtlich missverstehen, wie sie es schon bei Benedikt getan haben – Er ist sicher ein guter Papst, aber er könnte sich manchmal klarer ausdrücken, damit man ihn nicht missversteht – Er sollte sich wirklich klarer ausdrücken – Es ist beunruhigend, dass er nicht gegen unkatholische Meinungen auf der Synode einschreitet; man könnte meinen, er stünde hinter Kasper – Es wäre wohl besser, wenn er unter Mitarbeitermotivation nicht verstehen würde, seine Mitarbeiter zu beleidigen – Also, man könnte diese Fußnote im falschen Sinn verstehen; er sollte wirklich klarstellen, dass Amoris Laetitia sich in Kontinuität zur Lehre Johannes Pauls II. befindet – Wieso beantwortet er die Dubia nicht? Wieso tut er nichts gegen diesen Bischof, der sexuellen Missbrauch vertuscht haben soll? Wieso diese ständigen Angriffe gegen alle, die „rigide“ oder „pharisäisch“ sein sollen – während er nie darauf eingeht, dass die Gebote auch ihren Sinn haben? Wieso kann er nicht einmal was Nettes zu denen sagen, die sich bemühen, den Glauben authentisch zu leben?

Irgendwann ist man frustriert. Ja, Franziskus ist der Papst. Nein, ich mag ihn nicht; und ich habe keine Lust mehr, mir einzureden, dass alles Problematische, was ich bei seinen Äußerungen wahrnehme, auf böswilligen Missverständnissen und Fehldeutungen meinerseits beruht. Ich mag ihn nicht, und er mag Katholiken wie mich vermutlich nicht. Aber man muss ja auch nicht jeden mögen, und wenn der Papst nur mich nerven würde, wäre das ein Luxusproblem. Damit kann ich umgehen, indem ich seine Äußerungen nicht mehr lese.

Das derzeitige Pontifikat sorgt aber, nach meinem Eindruck, für zwei große Gefahren bei zwei Gruppen:

Da wären erstens die Katholiken, die zwar durchaus gläubig, aber nicht sehr gefestigt im Glauben sind und die Gründe für viele Lehren nicht kennen; die aus mangelndem historischen Wissen einige Vorurteile über das Mittelalter, die vorkonziliare Kirche etc. hegen; die die Neuerungen des Konzils überschätzen und froh sind, dass die Kirche jetzt barmherziger und mehr Jesus-gemäß sei als früher; die sich, kurz gesagt, die „Entwicklung der Glaubenslehre“ als einen Fortschritt im Sinne des technischen Fortschritts vorstellen, wo wir viel weiter sind als unsere Vorfahren und wo man auch mal alte Ideen aufgeben muss; und die sich, weil sie eben nicht genau wissen, wie sich die Lehre authentisch entwickeln kann und was sich an ihr nicht ändern kann, nicht ausschließen, dass die Kirche ihre Position zum Frauenpriestertum, zu homosexuellen Beziehungen, oder zum Dauerbrenner zweite Ehen nach Scheidung im Sinne der „Barmherzigkeit“ verändern könnte. Solche Katholiken, die vielleicht zur Zeit Benedikts XVI. oder Johannes Pauls II. noch eher eine klare Erklärung dafür gehört hätten, wieso Gottes Gebote alle gut sind und nicht dazu da sind, uns zu quälen, oder wieso die Kirche, begleitet vom Heiligen Geist, zwar Lehren tiefer verstehen, aber nicht vom Grundsatz her ändern kann, werden jetzt darin bestätigt, dass alle, die (beispielsweise) gegen den Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene sind, ja nur rigide, verurteilende Pharisäer seien, die Gottes Barmherzigkeit nicht kennen würden – sagt schließlich der Papst selbst. Oder er deutet es zumindest an. (Bei wirklich glaubensfernen Menschen oder den ebenso glaubensfernen Medien ist dieser Effekt natürlich noch mal stärker: Sie mögen Franziskus, weil er ihnen den Eindruck von „Ich bin ja gar nicht so wie die böse Kirche“ gibt – und entwickeln dadurch natürlich erst recht keinerlei Sympathie für die Kirche.) So geht  das Verständnis für die katholische Lehre verloren.

Dann wäre da auf der anderen Seite eine gewisse Sorte von Tradi-Katholiken, die sich nur mühsam von den beiden letzten Päpsten haben überreden lassen, dass das Konzil keinen Bruch dargestellt hat und mit einer „Hermeneutik der Kontinuität“ verstanden werden kann, und die evtl. auch eine gewisse Neigung zu Verschwörungsdenken haben und dazu, den nahenden Weltuntergang zu erwarten. Die bekommen immer mehr den Eindruck: Franziskus verkündet Irrlehren. Zumindest widerspricht er nicht, wenn sie in seinem Namen verkündet werden. Und manchmal rutschen solche Leute dann in den Sedisvakantismus ab. Der Gedankengang sieht folgendermaßen aus: Franziskus scheint Häresie zu vertreten; und wenn Franziskus ein Häretiker ist, ist er nicht mehr Teil der Kirche, also ist er nicht mehr Papst. Der hl. Robert Bellarmin hat schließlich gesagt, wenn ein Papst öffentlich Häresie verkünden würde, würde er sein Amt verlieren. Manche gehen dann so weit, den Papst nicht nur für einen Anti-Papst, sondern sogar für den Antichrist zu halten, der sich bald als solcher zu erkennen geben würde.

Mit anderen Worten: Dieses Pontifikat produziert Häretiker auf der einen und Schismatiker auf der anderen Seite.

 

PS: Die Argumentation der zweiten Gruppe geht übrigens an folgenden Punkten fehl:

Erstens – der hl. Robert Bellarmin in allen Ehren, aber auch die Ansicht, dass Gott es einfach nicht zulassen würde, dass jemals ein Papst öffentlich Häresie verkündet, hat einige Vertreter, und sie ist die logischere. Wozu hat Christus denn das Papstamt eingesetzt? Und wer könnte den Papst zum „Nicht-mehr-Papst“ erklären? Über dem Papst gibt es in der Kirche keine höhere Autorität mehr.

Zweitens – Franziskus ist nach dem Kirchenrecht eben kein Häretiker. Er hat nicht eindeutig öffentlich vertreten „Die Ehe ist nicht unauflöslich“ oder „Die Hölle gibt es nicht“ (Letzteres hat ein notorisch unzuverlässiger atheistischer Journalist über ihn behauptet, der sich bei seinen Interviews nicht einmal Notizen macht; und dass Franziskus dem nicht eindeutig persönlich widersprochen hat, heißt nicht, dass er diese Ansicht selbst verkündet hat). Mit den alten Zensuren, mit denen der Hl. Stuhl früher theologische Ansichten bewertete, müsste man bei einigen seiner Äußerungen so etwas wie „der Häresie nahestehend“ oder „zur Häresie hinführend“ sagen; und eben nicht „häretisch“.

Drittens – Oft wird dann die Behauptung aufgestellt: „Wir hatten schon sündhafte Päpste, aber keine, die die Lehre angegriffen haben“. Das ist nicht richtig. Wir hatten u. a. schon folgende Päpste:

  • Liberius (352-366) machte Zugeständnisse an den Arianismus – die bedeutendste Häresie der Antike, die im vierten Jahrhundert die Unterstützung verschiedener römischer Kaiser hatte. Einer davon verbannte Liberius, und in der Verbannung unterschrieb Liberius ein Bekenntnis, das man im arianischen Sinn verstehen konnte (wenn es auch nicht eindeutig arianisch war), und exkommunizierte Athanasius von Alexandria, den klarsten Verteidiger der Lehre des Konzils von Nizäa, dass Gott der Sohn wesensgleich mit Gott dem Vater ist (statt nur wesensähnlich, also nicht so wirklich göttlich, wie die Arianer behaupteten). Zeitweise stand Athanasius ziemlich allein da, auch er wurde mehrmals verbannt – „Athanasius contra mundum“.
  • Honorius I. (625-638) wurde sogar vom dritten Konzil von Konstantinopel (680/81) verurteilt, weil er den Monotheletismus (die Lehre, dass Christus nicht einen menschlichen und einen göttlichen Willen, sondern nur einen göttlichen Willen gehabt hätte) begünstigt hatte: „Zusammen mit diesen aber soll, so beschlossen wir, auch Honorius, der ehemalige Papst Altroms, aus der heiligen Kirche Gottes ausgestoßen und mit dem Anathema belegt werden, weil wir in dem Brief, der von ihm an Sergius verfaßt wurde, fanden, daß er in allem dessen Auffassung folgte und seine gottlosen Lehren bekräftigte.“ Papst Leo II. schrieb in seinem Brief zur Bestätigung des Konzils: „Und in gleicherWeise belegen wir die Erfinder der neuen Irrlehre mit dem Anathema, nämlich Theodor, den Bischof von Pharan, Cyrus von Alexandrien, Sergius, Pyrrhus … und ebenso auch Honorius, der diese apostolische Kirche nicht durch die Lehre der apostolischen Überlieferung reinigte, sondern versuchte, in unheiligem Verrat den unbefleckten Glauben umzustürzen [griechische Fassung: zuließ, daß die unbefleckte [Kirche] durch unheiligen Verrat befleckt wurde].“ Honorius hat nicht ex cathedra Häresie gelehrt – aber er hat eine Häresie begünstigt und ist ihr nicht entgegengetreten.
  • Johannes XXII. (1316-1334) vertrat in einigen Predigten die Ansicht, dass die Seelen im Himmel erst nach dem Jüngsten Gericht Gott schauen würden. Das Gegenteil war damals noch kein Dogma, aber bereits relativ allgemein anerkannte Lehre der Kirche, und viele Theologen widersprachen dem Papst. Johannes erklärte schließlich, nur seine private theologische Meinung geäußert zu haben. Der nächste Papst stellte die Sache mit einem Dogma klar.

Aus dem Denzinger: Gregor IX. (1227-1241) über Taufen mit Bier

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

 

Diesmal etwas Kurioses: Im Jahr 1241 schrieb Papst Gregor IX. einem norwegischen Bischof:

 

„Da es, wie wir aus Deinem Bericht erfahren haben, manchmal vorkommt, daß Kinder Deines Landes in Ermangelung von Wasser in Bier getauft werden, antworten wir Dir mit dem vorliegenden [Schreiben]: da man nach der Lehre des Evangeliums aus Wasser und Heiligem Geist wiedergeboren werden muß [vgl. Joh 3,5], dürfen nicht für ordnungsgemäß getauft erachtet werden, die in Bier getauft werden.“

(Gregor IX., Brief „Cum sicut ex“ an Erzbischof Sigurd von Trondheim, 1241; in: DH 829)

 

„In Ermangelung von Wasser“ klingt bezogen auf Norwegen zwar seltsam, aber vielleicht hatten einzelne Leute damals bei ihrer Taufe gerade kein frisches, sauberes Wasser da, wie sie es am liebsten hätten verwenden wollen? Oder vielleicht hielt man eine Zeremonie mit Bier auch für feierlicher?

Jedenfalls zeigt der Brief, dass die Kirche die Form des Sakraments, wie es Jesus eingesetzt hatte, ernst nahm; da die Bibel ausdrücklich vorschreibt, mit Wasser zu taufen, kann niemand gültig mit Bier getauft werden. Das gilt übrigens auch für andere Sakramente: Bei der Eucharistie müssen Wein und Weizenbrot verwendet werden, da Jesus Wein und Weizenbrot verwendet hat, weshalb es z. B. auch nicht möglich ist, für Zöliakiekranke glutenfreie Hostien aus Buchweizen oder Reismehl zu nehmen (sondern höchstens glutenreduzierte aus Weizen), sodass sie stattdessen nur das Blut Christi empfangen können.