Über schwierige Bibelstellen, Teil 16: Was in den Apostelbriefen (und in der Genesis) über (Ehe)Frauen und die Rolle der Frau in der Kirche gesagt wird

– Dieser Artikel darf übrigens gerne in mehreren Etappen gelesen werden. Nein, es ging nicht kürzer. –

 

„Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Ich dachte mir, eins sollte ich klarstellen, bevor ich hier mit irgendwelchen Exegese-Versuchen beginne: Paulus ist im Allgemeinen schwer zu verstehen, und das sagt die Bibel selber. Wenn ich hier also an manchen Stellen mehrere mögliche Interpretationen zu meinem Thema vorstelle: Ja, ich bin mir bei manchen Stellen nicht ganz sicher, wie genau sie zu verstehen sind, und ich denke, dass es manchmal mehrere mögliche Interpretationen gibt. Oft ist es leichter zu sagen, welche Interpretationen falsch sind, als zu sagen, welche richtig sind.

 

(I) Die Stellen

Heute kommt mal hauptsächlich das Neue Testament dran, nämlich diese erbaulichen Stellen aus den Apostelbriefen:

  • „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. (Epheser 5,21-33)
  • „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie!“ (Kolosser 3,18f.)
  • „Ebenso seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem Verhalten, nicht verleumderisch und nicht trunksüchtig; sie müssen fähig sein, das Gute zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ (Titus 2,3-5)
  • „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit. Auch sollen die Frauen sich anständig, bescheiden und zurückhaltend kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt. (1 Timotheus 2,8-15)
  • „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. Nicht auf äußeren Schmuck sollt ihr Wert legen, auf Haartracht, Gold und prächtige Kleider, sondern was im Herzen verborgen ist, das sei euer unvergänglicher Schmuck: ein sanftes und ruhiges Wesen. Das ist wertvoll in Gottes Augen. So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. Sara gehorchte Abraham und nannte ihn ihren Herrn. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet. Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ (1 Petrus 3,1-7)
  • „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ (1 Korinther 14,33-35)
  • „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe. Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen. Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben. Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinden Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.“ (1 Korinther 11,1-16)

Ich habe hier einiges zusammengeworfen. Wenn ich das mal auseinandersortiere, ergeben sich grob die folgenden Punkte:

  • Unterordnung der Frau in der Ehe
  • Ein untergeordneter Punkt: Bedeutung des Kindergebärens für die Frau
  • Stellung der Frau in der Gemeinde
  • Kopfbedeckungen beim Gottesdienst
  • Generelle Stellung der Frau (mit Bezug auf die Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte)

 

(II) Das Kindergebären: Textanalyse

Zuerst zu einer relativ einfach gelösten Stelle: „Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt.“ (1 Timotheus 2,15) Wie bitte, man kommt nur durchs Kinderkriegen in den Himmel? Natürlich nicht. Hier hilft wieder der Urtext. Im griechischen Original heißt der erste Teil des Satzes: „Sothesetai de dia tes teknogonias“. Wörtlich übersetzt: „Sie wird gerettet werden aber durch das Kinderkriegen“; das Wort für „durch“, „dia“, ist allerdings, wie viele griechische Präpositionen, mehrdeutig. Es kann „durch“, „mittels“, „wegen“ heißen, aber auch „um … willen“; oder sogar „während“. „Aber sie wird um des Kindergebärens willen gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“, oder „Aber sie wird, während sie Kinder gebärt, gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“ – das klingt schon ein bisschen anders, mehr so, als wäre das Kindergebären ein mögliches gutes Werk im Leben, nicht das sine qua non. Im Englischen würde man so einen Satz vielleicht ähnlich ambivalent formulieren mit „But she will be saved having children, if she…“. Ich denke, dass der Fokus hier vor allem auf dem zweiten Teil des Satzes liegt: Man soll in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führen. Und zum Weg der Heiligung kann auch das Gebären von Kindern und die Sorge für sie gehören.

Aber vor allem die Übersetzung mit „während“ bietet auch eine völlig andere Auslegung, als man zuerst annehmen würde: Laut einer Fußnote in der Einheitsübersetzung könnte Paulus sich hier gegen gnostische Lehren gewandt haben, die die Ehe und das Kinderkriegen verurteilten, da sie die irdische Welt grundsätzlich ablehnten. Da ist der christliche Weg familienfreundlicher: Kinder stehen der Heiligkeit nicht im Weg. Es ist gut, Kinder zu kriegen, weil es gut ist, mehr von Gottes Geschöpfen in die Welt zu setzen. Eine Frau, die Mutter ist/wird, kann (an die Gnostiker gerichtet: trotzdem) heilig werden, wenn sie Hoffnung, Nächstenliebe etc. zeigt.

Dann ist es, wenn man den Kontext aller Paulusbriefe kennt, sowieso von vornherein ausgeschlossen, dass Paulus Kindergebären auf irgendeine Art und Weise als heilsnotwendig betrachten könnte. In 1 Korinther 7,25-40 wirbt er schließlich dafür, unverheiratet zu bleiben, und zwar bei Männern und Frauen; und wenn man sich an die christliche Sexualethik hält, kann man dann halt auch keine Kinder kriegen, sorry.

 

(III) Was sagt die Kirche zu all diesen Stellen?

So, und was machen wir mit den anderen Aussagen, bei denen verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für Präpositionen nicht als Erklärung genügen? Können wir die als „historisch bedingt“ beiseite schieben?

Kommt darauf an. Als Katholiken interpretieren wir die Bibel im Rahmen des kirchlichen Lehramtes. Beim Beispiel der Kopfbedeckungen kann man sofort sehen, dass diese Stelle in gewissem Sinne „historisch bedingt“ gewesen sein muss: Die Kirche verlangt keine Kopfbedeckungen für Frauen während der Messe mehr, also kann es sich nicht um ein unumstößliches göttliches Gesetz gehandelt haben. Allerdings war es bis etwa zum 2. Vatikanum für Frauen allgemein üblich, zum Kirchgang Hut, Kopftuch oder – in Südeuropa – Mantilla zu tragen, und für Männer ist es jetzt noch eine Sache der Höflichkeit, beim Betreten einer Kirche Hut oder eine Mütze abzunehmen – obwohl beides seit dem neuen CIC von 1983 nicht mehr vorgeschrieben ist. Hier handelt es sich offensichtlich um ein früher als sinnvoll, aber nicht als in Stein gemeißelt erachtetes Symbol, wie Händeschütteln zur Begrüßung oder Essen mit Messer und Gabel. Zu Paulus’ Zeiten war es auch eine Sache der Schicklichkeit für Frauen, außerhalb des Hauses eine Kopfbedeckung zu tragen; und im Kontext der Liturgie hat das für ihn auch eine symbolische Bedeutung.

Auch zu den anderen Punkten hat das kirchliche Lehramt etwas zu sagen, zum Beispiel hier, im Katechismus, zur Schöpfungsgeschichte, zur Gleichheit von Mann und Frau und zur Ehe im Allgemeinen:

369 Mann und Frau sind erschaffen, das heißt gottgewollt in vollkommener Gleichheit einerseits als menschliche Personen, andererseits in ihrem Mannsein und Frausein. ‚Mann sein’ und ‚Frau sein’ ist etwas Gutes und Gottgewolltes: beide, der Mann und die Frau, haben eine unverlierbare Würde, die ihnen unmittelbar von Gott, ihrem Schöpfer zukommt [Vgl. Gen 2,7.22.]. Beide, der Mann und die Frau, sind in gleicher Würde ‚nach Gottes Bild’. In ihrem Mannsein und ihrem Frausein spiegeln sie die Weisheit und Güte des Schöpfers wider.

 370 Gott ist keineswegs nach dem Bild des Menschen. Er ist weder Mann noch Frau. Gott ist reiner Geist, in dem es keinen Geschlechtsunterschied geben kann. In den ‚,Vollkommenheiten’ des Mannes und der Frau spiegelt sich jedoch etwas von der unendlichen Vollkommenheit Gottes wider: die Züge einer Mutter [Vgl. Jes 49,14-15; 66,13; Ps 131,2-3.]und diejenigen eines Vaters und Gatten [Vgl. Hos 11,1-4; Jer 3,4-19.].

 371 Miteinander erschaffen, sind der Mann und die Frau von Gott auch füreinander gewollt. Das Wort Gottes gibt uns das durch verschiedene Stellen der Heiligen Schrift zu verstehen: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch alleinbleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht’ (Gen 2, 18). Keines der Tiere kann für den Menschen eine solche Entsprechung sein (Gen 2,19-20). Die Frau, die Gott aus einer Rippe des Mannes ‚baut’ und dem Mann zuführt, läßt diesen, über die Gemeinschaft mit ihr beglückt, voll Bewunderung und Liebe ausrufen: ‚Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!’ (Gen 2,23). Der Mann entdeckt die Frau als ein anderes Ich, als Mitmenschen.

 372 Der Mann und die Frau sind ‚füreinander’ geschaffen, nicht als ob Gott sie nur je zu einem halben, unvollständigen Menschen gemacht hätte. Vielmehr hat er sie zu einer personalen Gemeinschaft geschaffen, in der die beiden Personen füreinander eine ‚Hilfe’ sein können, weil sie einerseits als Personen einander gleich sind (‚Bein von meinem Bein’) und andererseits in ihrem Mannsein und Frausein einander ergänzen. In der Ehe vereint Gott sie so eng miteinander, daß sie, ‚nur ein Fleisch bildend’ (Gen 2,24), das menschliche Leben weitergeben können: ‚Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde!’ (Gen 1,28). Indem sie das menschliche Leben ihren Kindern weitergeben, wirken Mann und Frau als Gatten und Eltern auf einzigartige Weise am Werk des Schöpfers mit [Vgl. GS 50,1.].(Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 369-372; http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P1I.HTM)

„1605 Die Heilige Schrift sagt, daß Mann und Frau füreinander geschaffen sind: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt’ (Gen 2,18). Die Frau ist ‚Fleisch von seinem Fleisch’ [Vgl. Gn 2,23], das heißt: sie ist sein Gegenüber, ihm ebenbürtig und ganz nahestehend. Sie wird ihm von Gott als eine Hilfe [Vgl. Gn 2,18. 20] gegeben und vertritt somit Gott, in dem unsere Hilfe ist [Vgl. Ps 121,2]. ‚Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch’ (Gen 2,24). Daß dies eine unauflösliche Einheit des Lebens beider bedeutet, zeigt Jesus selbst, denn er erinnert daran, was ‚am Anfang’ der Plan Gottes war: ‚Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins’ (Mt 19,6). (KKK, Nr. 1605; http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P57.HTM)

„2333 […] Die leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von Mann und Frau gelebt werden.

 2334 ‚Indem Gott den Menschen ‚als Mann und Frau‘ erschuf, schenkte er dem Mann und der Frau in gleicher Weise personale Würde’ (FC 22)1. ‚Der Mensch ist eine Person: das gilt in gleichem Maße für den Mann und für die Frau; denn beide sind nach dem Bild und Gleichnis des personhaften Gottes erschaffen’ (MD 6).

 2335 Beide Geschlechter besitzen die gleiche Würde und sind, wenn auch auf verschiedene Weise, Bild der Kraft und der zärtlichen Liebe Gottes. […]“ (KKK, Nr. 2333-2335; http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P8A.HTM)

Zum Thema Unterordnung in der Ehe muss man in spezielleren Texten suchen; der Katechismus schweigt sich dazu eher aus (es sei denn, man zählt knappe Hinweise auf die Gleichrangigkeit und gleichzeitige Verschiedenheit von Mann und Frau). Der heilige Johannes Paul II. schreibt zu diesem Thema in einer Enzyklika:

„Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung [der langen Erklärung dazu, dass und wie genau die Männer ihre Frauen lieben sollen] und der Feststellung, daß ‚sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau’ (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein ‚gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann ‚Haupt’ der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um ‚sich für sie’ hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus – Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese ‚Unterordnung’ in der Beziehung Gatte – Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum ‚Alten’ ganz offensichtlich ein ‚Neues’ dar: Es ist das ‚Neue’ des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses ‚Neue’ zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das ‚Alte’, das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.

 Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das ‚Neue’, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige ‚Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: ‚In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (…)’, sondern auch: ‚Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie’ (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?

 Die Herausforderung des ‚Ethos’ der Erlösung hingegen ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die ‚Unterordnung’ der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung’ beider ‚in der Ehrfurcht vor Christus’ gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.“ (Mulieris Dignitatem 24; https://w2.vatican.va/content/john-paul-ii/de/apost_letters/1988/documents/hf_jp-ii_apl_19880815_mulieris-dignitatem.html)

In einer älteren Enzyklika von Pius XI. findet sich diese Stelle, die etwas anders klingt:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.’

 Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

 Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.

 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau drückt Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., mit folgenden Worten tiefer Weisheit aus: ‚Der Mann ist der Herr in der Familie und das Haupt der Frau. Sie aber, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein ist, soll dem Mann untertan sein und gehorchen, nicht nach Art einer Dienerin, sondern einer Gefährtin. Dann wird die Leistung des Gehorsams weder ihrer Ehre noch ihrer Würde zu nahe treten. In dem aber, der befiehlt, wie in der, die gehorcht, in ihm als dem Abbild Christi, in ihr als dem der Kirche, soll die Gottesliebe Maß und Art von Amt und Pflicht beider bestimmen.’“ (Pius XI., Casti Connubii, 1930; http://www.stjosef.at/dokumente/casti_connubii.htm)

 

(IV) „Die Frau aber ist der Abglanz des Mannes…“

Wie genau diese beiden Enzykliken zusammengebracht werden sollten, dazu später. Behandeln wir die Themen mal nacheinander, und fangen wir mit einer der nervigsten und unverständlichsten Stellen an: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. […] Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ (1 Korinther 11,3.7-9) Diese Verse werden natürlich deutlich relativiert durch das, was dahinter kommt („Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.“ (1 Korinther 11,11f.)), aber bleiben wir erst einmal bei ihnen stehen.

Hier finden sich natürlich Anklänge an die Schöpfungsgeschichte; und eine Sache klingt schon einmal ziemlich auffällig. In Genesis 1,27 heißt es ja ausdrücklich: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Paulus aber scheint, im Gegensatz zu dieser sehr klaren Stelle und im Gegensatz zum Katechismus, die Frau nicht als direktes Abbild Gottes zählen lassen zu wollen.

Ich glaube, die Lösung für diesen scheinbaren Konflikt liegt in Vers 3 der Paulus-Stelle: Hier wird Gott (Vater) als das „Haupt Christi“ bezeichnet, und Christus wiederum als Haupt des Mannes, und der dann wiederum als Haupt der Frau. Man hat also eine solche Stufenleiter im Kopf:

Gott (Vater)

I

Christus

I

Mann

I

Frau

Und jedem, der die geringste Ahnung von Theologie hat, wird dieses Schema ziemlich schief vorkommen. Theologisch korrekt dargestellt müsste es eher so aussehen:

Gott (Vater) – Christus

____________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Mann – Frau

[Für die ganz theologisch Korrekten unter uns:

Gott Vater – Gott Sohn (Christus) – Gott Heiliger Geist

_______________________________________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Engel

I

Menschen (Mann – Frau)

I

Tiere

I

Pflanzen

I

Leblose Materie

 (Bilden die Bakterien noch eine eigene Kategorie? Wo genau sind die biologisch einzuordnen? Unter den Pflanzen? Ach, egal.)]

In der Trinitätstheologie lehnen wir ja den sog. „Subordinatianismus“ klar ab: Der Sohn ist nicht weniger Gott als der Vater, Er ist Ihm „wesensgleich“, nicht Ihm untergeordnet (für den Heiligen Geist gilt das Gleiche). Trotzdem heißt es im Großen Glaubensbekenntnis, dass der Sohn vom Vater „gezeugt“ ist und der Heilige Geist aus beiden „hervorgeht“. Nun bedeutet die „Zeugung“ des Sohnes wiederum nicht, dass es einmal eine Zeit gab, in der Er nicht existierte und der Vater allein war; es handelt sich um eine „ewige Zeugung“, eine Art ewige Abhängigkeit, könnte man vielleicht sagen, des Sohnes vom Vater, oder ein ewiges Hervorgehen des einen aus dem anderen. Was genau das jetzt bedeutet – gute Frage, nächste Frage. Jedenfalls scheint der Vater trotz aller Gleichrangigkeit der drei göttlichen Personen immer noch eine Art höhere Stellung, sozusagen als „Erster unter Gleichen“, unter ihnen einzunehmen – in der Bibel ist an manchen Stellen vom Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater die Rede, aber an keiner Stelle vom Gehorsam des Vaters gegenüber dem Sohn.

In der obersten Stufenleiter, also der aus der Paulusstelle, haben wir zwischen Christus und dem Mann den Sprung von ungeschaffenem Gott zu Geschöpf. Also könnte man vielleicht sagen, dass, eine Stufe weiter oben, auch innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit im Verhältnis von Gott Vater zu Christus wiederum das Verhältnis von Gott zur Schöpfung gewissermaßen analog „nachgestellt“ ist – oder besser andersherum: dass das Verhältnis zwischen Gott Vater und Gott Sohn durch das Erschaffen von Geschöpfen in dem Verhältnis der „gesamten“ Dreifaltigkeit zur Schöpfung nachstellt wird. Und dann könnte man weiter sagen, dass dasselbe Verhältnis innerhalb der Schöpfung dann wieder in gewisser Weise nachgestellt wird zwischen Mann und Frau – es ist nachgestellt, nicht real. Einer ähnlichen Interpretation folgt übrigens auch C. S. Lewis in „Was man Liebe nennt“ (Originaltitel: „The four loves“). [Man könnte in dieser Analogie sogar noch weitergehen und die Familie (Mann, Frau und Kinder, die aus beiden „hervorgehen“) mit der Dreifaltigkeit inklusive dem „hervorgehenden“ Heiligen Geist vergleichen, aber der Einfachheit halber lasse ich den Heiligen Geist und die Kinder hier mal einfach außen vor.] Das passt natürlich auch zu der Aussage der bekanntesten Paulus-Stelle zum Thema „Haupt“ und „Unterordnung“ in der Ehe, nämlich Epheser 5: Die Ehe soll sein wie die Beziehung zwischen Christus und der Kirche, man könnte mit einer gewissen Erweiterung sagen, wie die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung.

Zu diesem Aspekt möchte ich einen Bekannten mit folgender aus einem Facebook-Kommentar entnommenen Aussage zitieren, die die Sache ganz gut zusammenfasst: „Nach den plausiblen Erklärungen der Theologen symbolisiert die Frau die Schöpfung Gottes und der Mann den Schöpfer. Das heißt aber, dass die Frau die Aufgabe hat, etwas zu symbolisieren, was sie tatsächlich ist – weswegen das Wort ‚Seele’ (und das Wort ‚Kirche’) auch in allen relevanten Sprachen weiblich ist, auch die des Mannes, und auch der Mann in unserem schönen deutschen Lied (manche Dinge konntense, die Protestanten) Christus als ‚mein Heiland und mein Bräutigam’ anspricht. Der Mann hat etwas zu symbolisieren, was er nicht ist, was merklich schwerer ist und vielleicht letztlich etwas damit zu tun hat, dass die Frauen religiöser sind.“

Paulus trifft die Aussage „Der Mann ist das Haupt der Frau“ und begründet sie mit Genesis 2: „Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ Er behandelt die Rippengeschichte hier als real; aber es ist relativ egal, ob diese Geschichte je real geschehen ist oder nicht, sie steht da und sagt irgendetwas aus, und Paulus behandelt sie erst einmal als real, um auf ihre Aussagen zu kommen. (Er ging wohl auch davon aus, dass sie so geschehen war, auch wenn das hier nicht ausdrücklich ausgesagt wird, aber das spielt keine Rolle für uns.) Aus der Erzählung, dass Adam zuerst geschaffen wurde und Eva „nur“ aus einem seiner Körperteile (Symbolebene), schließt Paulus also, dass der Mann, in der Ehe jedenfalls, das Haupt der Frau ist (Realitätsebene).

Ich habe Vers 9 (die Frau wurde für den Mann geschaffen) in meiner Interpretation der Stelle auf die Symbolebene verlagert, da es Häresie und hochgradig unlogisch wäre, zu behaupten, dass die Frau nicht um ihrer selbst willen als Geschöpf von Gott gewollt wäre, sondern ausschließlich als Hilfe für den Mann. Es gibt übrigens tatsächlich Christen, die einer solchen Interpretation folgen, nämlich die Anhänger der noch nicht besonders alten, vornehmlich US-amerikanischen protestantischen Christian-Patriarchy-Bewegung. Bei denen hat man manchmal den Verdacht, dass sie sich gedacht haben, um authentisches Christentum hinzubekommen, müssten sie nur die schlimmsten Stereotype über Christen früherer Zeiten aus den inkorrektesten pseudohistorischen Romanen hernehmen und dieses Bild dann in potenzierter Form verwirklichen. Die sind tatsächlich der Meinung, dass die Frau nur ein „helpmeet“ für den Mann ist und deswegen ihr einziger Wert in ihrer Rolle als Ehefrau (und Mutter) liegt. Wir Katholiken teilen diese Meinung ja offensichtlich nicht – können wir logischerweise gar nicht, schließlich ist die höchste Berufung für eine Frau, genau wie für einen Mann, im Katholizismus gerade nicht die Ehe (obwohl sie auch eine hohe Berufung ist), sondern das gottgeweihte Leben ohne einen Partner, nur für Christus. Und es ist aus unserer Sicht auch nichts daran zu beanstanden, keinen Mann und keine Kinder zu wollen, unverheiratet zu bleiben, und trotzdem nicht Nonne oder geweihte Jungfrau zu werden.

Ich habe übrigens einmal einen Aufsatz einer Historikerin gelesen, in dem diese die These aufstellte, dass viele junge Frauen, die in der Antike, auch gegen den Willen ihrer Eltern, zum Christentum konvertierten und sich Christus weihten, auch davon angezogen wurden, dass sie in dieser Religion und in dieser Stellung als Personen geachtet wurden, nicht nur als Anhängsel eines Mannes und Gebärerin seiner Kinder. Als ich das vor zwei Jahren gelesen habe, habe ich mir noch gedacht: Was soll der Unsinn, Mädchen wie die heilige Agnes wollten einfach Christus dienen, nicht besonders emanzipiert sein. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich glaube, diese Historikerin hatte in gewissem Sinne Recht. Als Frau geachtet zu werden, obwohl man keinen Mann und keine Kinder hatte, das muss etwas Anziehendes gewesen sein; dass man für den christlichen Gott auch so wertvoll war, war etwas Besonderes. (Es scheint, als sollte man „Christian Patriarchy“ eher „Ancient Roman Patriarchy“ nennen.)

Wenn wir übrigens die originalen Genesis-Verse ansehen, in denen davon die Rede ist, dass Gott für Adam eine „Hilfe […], die ihm entspricht“ (Genesis 2,18) machen will, dass Er eine seiner Rippen nimmt und daraus Eva formt, und dass Adam sich dann freut und spricht „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Genesis 2,23), dann können wir festhalten, dass das hier verwendete Wort für „Hilfe“ oder „Helfer“ oder „Gehilfin“, „ezer“, nicht automatisch „untergeordnetes Dienstmädchen“ heißt. Dieses Wort wird in der Bibel z. B. auch verwendet, wenn davon die Rede ist, dass Gott eine Hilfe für den Menschen ist – worauf sich übrigens der Katechismus in Nr. 1605 bezieht (s. o.). Die Genesis-Geschichte sagt, denke ich, vor allem aus, dass Mann und Frau aufeinander hingeordnet sind: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. (Sie hat übrigens an anderer Stelle für die damalige Zeit auch sehr emanzipatorische Anklänge: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Zu der Zeit, als das geschrieben wurde, verließen eben nicht Mann und Frau ihre Ursprungsfamilien und hingen einander an und bildeten eine eigene neue Familie, sondern die Frau verließ ihre Familie und schloss sich der Sippe ihres Mannes an, wo sie dann auch unter der Fuchtel der Schwiegereltern stand, wenn die noch lebten.)

Langer Rede, kurzer Sinn: Aus dieser Paulusstelle ergibt sich, dass der Ehemann das „Haupt“ der Ehefrau nur in dem Sinne sein kann, wie Gott der Vater das „Haupt“ Jesu Christi ist. Die Analogien mit Gott Vater, Christus, der Kirche etc. werden hier und auch in Epheser 5 allerdings so sehr betont, dass wir sie wahrscheinlich nicht einfach als wenig relevante, zufällige Vergleiche beiseite schieben können. Nein, wir Christen müssen immer – bis zu einem gewissen Grad! – „Gender Essentialists“ sein, d. h. wir glauben, dass das biologische Geschlecht, das unser Schöpfergott uns mitgegeben hat, etwas ist, das auch die Seele betrifft, dass es wirkliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Geschlechtsunterschiede nicht alle einfach ausschließlich gesellschaftliche Konstruktionen sind. (Das heißt mit anderen Worten, wir glauben das, was so ziemlich die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch geglaubt wurde.) Was nicht heißen muss, dass jeder sich nach Geschlechterklischees verhalten muss und Mädchen nur mit rosa gekleideten Barbiepuppen spielen dürfen.

 

[Exkurs: Die Rippengeschichte hat übrigens noch ganz verschiedene andere Auslegungen bekommen, die durchaus miteinander kompatibel sein können und denen man folgen kann oder auch nicht. Hier als Beispiele zwei Stellen von bekannten Heiligen (Hervorhebungen in kursiver Schrift von mir):

Der hl. Franz von Sales liest zwei verschiedene Dinge in dieses Bild hinein: „Bewahrt also euren Frauen eine zarte, beständige und herzliche Liebe, ihr Ehemänner! Deshalb wurde ja die Frau aus nächster Herzensnähe des ersten Menschen genommen, damit sie von ihm herzlich und zärtlich geliebt werde. Die körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau darf in euch keinerlei Geringschätzung entstehen lassen, sondern ein gütiges und liebevolles Verständnis. Gott hat sie so geschaffen, dass sie von euch abhängig sei, euch Achtung und Ehrfurcht entgegenbringe, dass sie zwar eure Gefährtin sei, ihr aber zugleich ihr Haupt und Vorgesetzter. Ihr Frauen, liebt euren Mann, den Gott euch gegeben hat, zärtlich und herzlich, gleichzeitig aber voll Achtung und Hochschätzung! Gott hat ihn deswegen kräftiger und euch überlegen geschaffen; er wollte, dass die Frau vom Mann abhängig ist, als Gebein von seinem Gebein, als Fleisch aus seinem Fleisch [vgl. Gen 2,23]. Nach Gottes Plan wurde die Frau aus seinem Leib unterhalb des Armes entnommen, um damit zu zeigen, dass der Mann seine Hand über sie halten und sie führen soll. Die Heilige Schrift empfiehlt immer wieder diese Unterordnung der Frau unter den Mann, sie macht diese Unterordnung aber zu einer liebevollen; die Frau soll sich in Liebe fügen, der Mann aber seine Autorität mit inniger, zärtlicher Güte ausüben. Der hl. Petrus sagt: ‚Ihr Männer, seid verständig gegen eure Frauen; sie sind die schwächeren Geschöpfe, erweist ihnen Achtung’ [1 Petr 3,7].“ (Franz von Sales, Anleitung zum frommen Leben, Kap. 38, erstmals veröffentlicht 1609; http://www.philothea.de/)

Und der hl. Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: „1. Dies war ein äußeres Zeichen dafür, wie Mann und Weib in besonderer Weise verbunden sein sollen. Denn das Weib soll nicht den Mann beherrschen; deshalb ist sie nicht aus einem Teile des Kopfes geformt worden. Sie soll aber auch nicht vom Manne wie eine Sklavin gehalten werden; deshalb ist sie nicht aus einem Teile der Füße geformt worden. 2. Das Sakrament sollte versinnbildet werden; denn aus der Seitenwunde Christi am Kreuze flossen die Sakramente, d. h. Wasser und Blut, woraus die Kirche geformt worden.“ (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I 92/3, verfasst zwischen 1265 und 1273, http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel93-3.htm)]

 

(V) „Haupt“ und „Unterordnung“: Historisch bedingt?

Okay, jetzt haben wir also immer noch die Aussage, der Mann sei in der Ehe auf irgendeine Weise das Haupt der Frau und sie solle sich ihm „unterordnen“.

Es gibt eine einfache Lösung für diese Stellen, bei der ich mir nie ganz sicher war, ob sie komplett überzeugend ist. Sie besteht darin, zu sagen, für diese Stellen gilt dasselbe wie für die Sklaverei-Stellen in den Apostelbriefen: Paulus und Petrus geben hier Anweisungen dazu, wie man sich in einer ungerechten Beziehung, die in der damaligen Gesellschaft nun mal so existierte und sich nicht so einfach ändern ließ (das Christentum war keine Religion der Mächtigen, und viele Christinnen hatten heidnische Ehemänner), verhalten soll. Sie raten sowohl Frauen als auch Sklaven, sich unterzuordnen, und mahnen die Männer und die Herren dann zu Liebe bzw. gerechter Behandlung. Diese Taktik der Apostel hat pragmatische Gründe, die in einer gerechteren Gesellschaft wegfallen sollten. (Vgl. Teil 15: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/09/28/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-15-sklaverei-und-kindererziehung-und-ungerechte-regierungen-in-der-bibel/) Diese Auslegung, die auch der hl. Johannes Paul II. zu favorisieren scheint, scheint besonders durch die Petrusbriefstelle nahegelegt zu werden: „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.“

Sie bietet sich auch deswegen an, weil die Anweisungen an Frauen und Sklaven oft an ein und derselben Stelle stehen. Direkt nach der berühmten Epheser-5-Stelle über das Verhältnis zwischen Eheleuten kommen die Regeln für Kinder und Sklaven, also den Rest des Haushalts: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn! Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.“ (Epheser 6,1-9)

Gerade diese Stelle zeigt aber auch schon die Begrenzung dieses Ansatzes: Denn das Gebot für die Kinder, die Eltern zu ehren, ist ja ein zeitloses Gebot, das sogar in den zehn Geboten auftaucht, anders als die Anweisungen an die Sklaven – hier werden also zeitlose und zeitbedingte Gebote zusammengeworfen; sie stehen nur beieinander, weil es um die Ordnung des damaligen Haushalts geht, zu dem sowohl Kinder als auch Sklaven gehören konnten. Was gilt jetzt für die Anweisungen für Ehefrauen? Sind die zeitlos oder zeitbedingt?

Vielleicht kann man diese Frage mit einem „teils – teils“ beantworten. Ehen hatten damals unbestreitbar etwas Ungerechtes. Die Frauen waren oft viel jünger als ihre Männer (Mädchen konnten ab einem Alter von 12 Jahren verheiratet werden) und sie hatten auch nicht viel dazu zu sagen, wen sie heirateten; vielleicht als unabhängige Witwen eher, wenn sie sich ein zweites Mal verheiraten wollen, aber für eine erste Ehe in ihrer Jugend wahrscheinlich kaum. Es ist nicht so, dass junge Männer nie von Eltern oder Vormündern in arrangierte Ehen gezwungen worden wären, aber das macht die damalige Situation auch nicht besser, und im Allgemein war sie ziemlich ungerecht gegenüber den Frauen. Dazu kam die mächtige Stellung des römischen pater familias, die grundsätzliche Erwartung an Ehefrauen, ihrem Mann zu gehorchen, die in der damaligen Kultur selbstverständlich schon verankert war, ebenso wie die Vorstellung, dass Frauen weniger intelligent, emotionaler, hysterischer, unbeherrschter wären als Männer (man lese Aristoteles oder andere Griechen zu diesem Thema). Also, ja, es macht schon irgendwo Sinn, zu sagen, dass Paulus hier einfach dazu rät, sich den unvollkommenen Verhältnissen, in denen man sich befindet, zu fügen.

Aber andererseits: Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war damals ja auch ungerecht. Körperliche Züchtigung, auch harte körperliche Züchtigung, war normal; der Familienvater hatte nach dem römischen Gesetz sogar das Recht, zu entscheiden, ob ein Neugeborenes ausgesetzt werden sollte; er konnte seine Kinder in die Sklaverei verkaufen; und natürlich seine zwölfjährigen Töchter verheiraten. Aber das heißt nicht, dass das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ in einer gerechten Gesellschaft bedeutungslos werden würde. Auch in einer solchen Gesellschaft sollten Kinder ihre Eltern respektieren, ihnen (in der Regel) gehorchen, solange sie selber minderjährig sind, und sie versorgen, wenn sie (die Eltern) alt geworden sind. Wenn man das übertragen möchte, könnte man sagen, die Aussage, dass der Mann das „Haupt“ der Frau sein soll, bliebe auch für gerechtere Gesellschaften gültig, bloß etwas anders.

Hier könnte man allerdings wieder einwenden, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern grundsätzlich anders ist als das zwischen Eheleuten: Solange Kinder noch Kinder sind, haben sie einfach nicht die Lebenserfahrung, die Kraft, die Intelligenz, oder die rechtlichen Möglichkeiten, um für sich selbst zu sorgen und sinnvolle Lebensentscheidungen zu treffen; und deshalb sind ihre Eltern zu ihrem eigenen Schutz für sie verantwortlich. Wenn ich erkenne, dass jemand anders es ziemlich sicher besser weiß als ich, dann folge ich dessen Entscheidungen klugerweise auch, und deswegen sollte man auch als Fünfjährige folgen, wenn die Mama sagt, dass man zuerst links und rechts schaut, bevor man über die Straße geht, oder als Vierzehnjährige, wenn man um zwölf Uhr daheim sein und keinen Alkohol trinken soll. Kinder werden natürlich erwachsen und dann können sie ihre Entscheidungen selbst treffen; dann bleibt das vierte Gebot zwar noch in der Bedeutung bestehen, den Eltern mit Respekt und Dankbarkeit für das, was sie für einen getan haben, zu begegnen (es ist übrigens gut möglich, dass bei diesem Gebot ursprünglich eher daran gedacht war, erwachsene Kinder zu ermahnen, sich um alte Eltern zu kümmern und sie zu achten, als minderjährigen Kindern einzuschärfen, ihren Eltern zu gehorchen), aber im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern steht man nie einfach auf ein und derselben Stufe.

Ehepartner dagegen sind meistens grob im selben Altersbereich – zumindest müssen sie beide erwachsen sein, und die Frau kann auch mal älter sein als der Mann –, ihr Verhältnis ist also ein wesentlich egalitäreres. (Sogar Pius XI. stellt ja klar, dass Frauen eben nicht auf einer Stufe mit Kindern stehen.) Wir wissen, spätestens seitdem Frauen dieselbe Bildung erhalten wie Männer, dass die einen nicht durchschnittlich dümmer sind als die anderen, wie Aristoteles, und sogar noch Thomas von Aquin und Franz von Sales, meinten. [Interessanterweise gibt es allerdings tatsächlich gewisse statistische Unterschiede beim IQ, wie ich mal gelesen habe: Männer sind häufiger als Frauen entweder Genies oder Idioten, während der IQ vieler Frauen sich stärker im Mittelfeld konzentriert. Irrelevanter Exkurs Ende.] Deren epochenbedingte Vorurteile kann man entschuldigen, aber man muss sie ja nicht übernehmen. Und auch die Bibel sagt nirgendwo etwas von geringerer Intelligenz – logisch, sonst müsste sie ja der Realität widersprechen.

Der erste Petrusbrief ermahnt zwar die Männer gegenüber ihren Frauen zur Rücksicht, da die „der schwächere Teil“ seien; aber was genau kann damit gemeint sein? Na ja, zum einen vielleicht die simple Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt körperlich schwächer sind. Dann die gewichtige Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären und stillen und dadurch mit vielen Nachteilen klarkommen müssen, die Männer nicht haben, und deshalb auch mal Unterstützung brauchen. (Passend dazu: Das hier verwendete griechische Wort für „schwach“ kann auch die Bedeutung „krank“ haben.) Dann vielleicht auch die Tatsache, dass Frauen zu Petrus’ Zeiten weniger rechtliche und berufliche Möglichkeiten hatten als Männer. „Schwächer“ ist hier keine Beleidigung, sondern die Feststellung einer Tatsache. Und diese Tatsache bleibt zum Teil auch noch in Zeiten von rechtlicher Gleichberechtigung, allgemeiner Krankenversicherung, Elternzeit und Kinderkrippen wahr. Ja, wir Frauen haben einfach gewisse biologische Nachteile gegenüber dem anderen Geschlecht, und that sucks. Aber es ist halt so. (Meiner Meinung nach hätte man die menschliche Fortpflanzung übrigens komplett anders regeln können, aber ich wurde ja nicht gefragt. Und irgendeinen Sinn wird es schon haben, wie es ist.)

 

(VI) „Haupt“ und „Unterordnung“: Bedeutung in der Bibel

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, sich noch einmal anzusehen, was Paulus dem „Haupt“ in der Ehe aufträgt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.“ (Epheser 5,26-29) Liebe, Hingabe und Fürsorge nach dem Vorbild des leidenden und sterbenden Christus ist hier gemeint; das passt zu der Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse, die dieser Christus selber gepredigt hat: „Da rief Jesus sie [die Jünger] zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,25-28) Autorität soll nur Anlass zu Fürsorge und Aufopferung sein, nicht zum eigenen Nutzen.

Okay, okay, schön und gut, könnte man einwenden; dieses Prinzip kann man sehr gut auf notwendige Autorität anwenden – die Autorität eines Staates, die Autorität in einer Firma, die Autorität von Eltern; aber ist denn in einer Ehe irgendeine Art von Autorität überhaupt notwendig? Funktioniert es nicht wunderbar, wenn zwei erwachsene Menschen einfach eine gleichrangige Partnerschaft eingehen, in der sie Kompromisse eingehen, bedeutende Entscheidungen nur gemeinsam treffen und keiner sich irgendwie unterordnen muss – oder in der sich beide mal den Bedürfnissen des jeweils anderen unterordnen?

Na ja, zur Verteidigung der Epheser-Stelle: Es ist am Anfang ja von gegenseitiger Unterordnung die Rede („Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“). Aber ja, dann wird doch gesagt, dass der Mann eine gewisse Autorität hat. Wie gesagt, das kann man aufgrund der historischen Umstände abgemildert lesen; die Frage ist nur: Kann man es deswegen ganz vergessen?

Ich möchte hier die Gedanken einer anderen Bloggerin anführen, die das Patriarchat (im Sinne eines schützenden, fürsorglichen Patriarchats nach dem Vorbild des heiligen Josef) hier (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/03/19/das-patriarchat-liebeserklaerung-an-ein-missverstandenes-konzept/ ) verteidigt:

 „Denn was uns blüht, wenn dieses Prinzip völlig abgelehnt statt korrigiert wird, sehen wir in der nordwesteuropäischen Gesellschaft: Eine vaterlose Gesellschaft, in der die Frau tatsächlich kaum weniger zum Objekt degradiert wird, als in einer, die das Patriarchat in erster Linie als Herrschaft des Mannes definiert, eine Gesellschaft, in der die Verantwortung füreinander nicht mehr gelehrt und nicht mehr praktiziert wird, in der die Partnerschaft zwischen Mann und Frau nur mehr ein Pakt zur eigennützigen Bereicherung am jeweils Anderen gerät, und in der Tugenden wie Ritterlichkeit, Zuvorkommenheit und Hingabe nicht mehr existent sind.

 Wir sehen die Konsequenzen auch konkret in den Abtreibungszahlen: Schon die Verhütungsmentalität lädt letztendlich die Verantwortung bei der Frau ab, die sich entweder schädliche und gesundheitsgefährdende Substanzen zuführen muss, um bloß immer verfügbar zu sein, oder aber sich bei Versagen anderer Verhütungsmethoden dem ‚Schlamassel’ nicht selten allein stellen soll, inklusive der schweren psychischen und körperlichen Folgen, die eine Abtreibung mit sich bringt. Dementsprechend sind die meisten Abtreibungen nicht Resultat eines Verbrechens oder einer medizinischen Indikation, sondern der schlichten Verweigerung des Mannes, Verantwortung zu übernehmen und Stabilität zu bieten, was der Frau erlauben würde, ihrer Mutterschaft ohne existenzielle Ängste entgegenzusehen, auch, wenn es nicht dem ursprünglich angepeilten ‚Lebensplan’ entspricht. Während die Frau also chronisch überbelastet wird, weil kein positiv konnotiertes Vaterbild tradiert wird, wird der Mann zur Taten- und Bedeutungslosigkeit verdammt: Er darf nicht schützen noch sorgen, nicht die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen. Dass er dann nicht einsieht, anderweitig Verantwortung zu übernehmen, verwundert nicht.

 Ich möchte noch weiter gehen, auch, wenn ich den folgenden Punkt nicht erschöpfend behandeln kann: In einer nicht patriarchalen Gesellschaft (oder einer, die es werden will), tritt Machtmissbrauch seitens des Mannes ebenso zum Nachteil der Frau auf, wie in einer einseitig patriarchalen – er kann aber nun nicht mehr als missbräuchlich gekennzeichnet werden und wird lediglich als Macht’gebrauch’ charakterisiert werden können, da es ja eine positive Formulierung von Pflichten, die das Patriarchat dem Mann auferlegt, nicht mehr gibt! […]

 In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Festtag des Heiligen Josef, den die katholische Kirche u.a. mit dem Titel ‚Zierde des häuslichen Lebens’ ehrt – klingt nicht gerade männlich-brutal-patriarchal, sondern vielmehr zart und liebevoll.“

Diese Verteidigung baut auf dem Prinzip aus dem Petrusbrief auf: Die Frau ist einfach in manchen Situationen schwächer, besonders aber, wenn es ums Kinderkriegen geht: Da braucht man oft Unterstützung und Fürsorge durch einen Mann.

An dieser Stelle: Was ist denn mit einer weiteren Stelle in der Bibel, in der von der „Herrschaft“ des Mannes über die Frau die Rede ist? „Zur Frau sprach er [Gott]: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.“ (Genesis 3,16) Die hier angesprochene Herrschaft ist ganz offensichtlich ein Teil des Fluchs, der als Folge der Erbsünde über die Menschheit kam. Grammatikalisch betrachtet ist es kein Befehl, sondern eine Vorhersage. Hier ist von ungerechter Herrschaft die Rede: Man kann sich im zweiten Teil des Satzes die von sie misshandelnden Männern abhängigen Frauen direkt vorstellen. Die Herrschaft aus Genesis 3,16 ist etwas, das es in der Welt nicht geben sollte, und das man bekämpfen darf und sollte, genauso wie Schmerzen, Dornen und Disteln (vgl. Vers 17, die Worte an Adam). Wenn das nicht so wäre, müssten wir auch alle unsere Schmerzmittel, Unkrautvernichter und Traktoren wegwerfen. Die Bibel erkennt also an, dass es eine schlechte Art der Herrschaft von Männern über Frauen gibt – und die gab und gibt es in der Welt leider zuhauf.

Kommen wir daher wieder zu den anderen Stellen und der Ausgangsthese zurück: Das Neue Testament definiert die Aufgabe eines „Hauptes“ als Dienst und Verantwortung.

File:Brooklyn Museum - The Betrothal of the Holy Virgin and Saint Joseph (Fiançailles de la sainte vierge et de saint Joseph) - James Tissot - overall.jpg

(James Tissot, Verlobung der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Joseph, Wikimedia Commons)

 

(VII) Aber ist ein „Haupt“ jetzt wirklich notwendig?

Okay, aber man könnte wieder einwenden: Wieso eine Verpflichtung zur Unterstützung und Fürsorge mit der Vorstellung eines Familienoberhaupts, dem man sich unterordnen muss, koppeln?

Na ja, was ist ein Familienoberhaupt? Jemand, der diktatorisch alle Entscheidungen trifft, ohne jemanden zu fragen, oder jemand, der die Verantwortung für die äußeren Angelegenheiten übernimmt, während die Frau schon genug mit Schwangerschaften und kleinen Kindern zu tun hat? (Zur Klarstellung: Ja, ich weiß, dass manche Ehepaare unfruchtbar sind. Und, dass die Phase der Schwangerschaften und Kleinkindbetreuung, für die nun mal von Natur aus (auch für letztere: Stillen) eher die Frau verantwortlich ist, nicht ewig dauert. Aber für viele Ehepaare ist sie doch da, und sie war vor zweitausend Jahren noch länger und belastender als heute.) Ich meine: Irgendwie will man als Frau auch, dass ein Partner Verantwortung und auch mal Führung übernehmen kann, wenn nötig, oder nicht? Ich denke, das kann schon darauf hindeuten, dass die Bibel hier nicht ganz falsch liegt. Das heißt nicht, dass Respekt, Kompromisse und Kommunikation deswegen ausfallen sollten oder weniger wichtig wären.

Ich muss zugeben, ich habe im Moment selbst noch gewisse Probleme mit diesem ganzen Konzept. Die Vorstellung kann einem bescheuert oder sogar beängstigend vorkommen, oder? Wenn sie einem beängstigend vorkommt, kann das aber vielleicht u. a. auch daran liegen, dass man mit einer „untergeordneten“ Position in irgendeiner Hinsicht sofort instinktiv Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Entrechtung, Sklaverei verbindet. Also bitte. So sieht nicht einmal ein vertraglich geregeltes Arbeitsverhältnis zwischen Abteilungsleiter und normalem Angestellten aus (und wenn, dann sollte der Abteilungsleiter schnellstens gefeuert werden), geschweige denn eine irgendwie normal geartete lebenslange Verbindung zu einem geliebten Partner, mit dem man „ein Fleisch“ sein soll. Stellt man sich unter einem „Oberhaupt“eher einen gierigen Sklavenhalter mit absoluter Macht vor oder so was wie den Vereinsvorstand des Schützenvereins, der sich mit den Mitgliedern arrangieren muss und hauptsächlich dafür zuständig ist, die Ansprache am Weihnachtsfest zu halten, zu allen wöchentlichen Treffen zu erscheinen, und die älteren Mitglieder zu ihren 80. Geburtstagen zu besuchen, weswegen keiner das Amt übernehmen will? (Ja, die deutsche Vereinskultur ist so eine Sache.) Ja, die katholische Religion hat ganz im Allgemeinen etwas Hierarchisches; und Hierarchie bedeutet übersetzt nicht „Unterdrückung“, sondern „heilige Ordnung“. Wie unterdrückt fühlt man sich z. B. vom eigenen Ortsbischof?

Ein bisschen hat mir in meinem Verständnis schon wieder C. S. Lewis geholfen. An einer Stelle in „Was man Liebe nennt“ schreibt er: „Die wirkliche Gefahr liegt nicht darin, dass die Männer zu eifrig nach [der „Dornenkrone“ in der Ehe] greifen, sondern dass sie es zulassen oder fördern, wenn ihre Frauen sie sich anmaßen.“ Ich weiß nicht, ob dieser Satz außerhalb des Kontextes vielleicht frauenfeindlich klingt; aber was Lewis’ Vorstellung hier ist, erschließt sich besser, wenn man das ganze Buch und auch seine anderen Werke (z. B. den Science-Fiction-Roman „Perelandra“) gelesen hat: Mit Frauen, die sich in dieser Hinsicht falsch verhalten, meint er Frauen, die der Versuchung (ich glaube, das ist eine, die für unser Geschlecht gar nicht mal so untypisch ist – nach meinem persönlichen Bekanntenkreis zu schließen zumindest) verfallen, für ihre Familie die gesamte Verantwortung übernehmen zu wollen; alle Pflichten, alle Verantwortung dafür, dass die Kinder sicher und gesund sind und die Zukunft gesichert ist und der Haushalt perfekt läuft, und und und, und die sich dabei unnötig und zum Unbehagen aller Angehörigen aufreiben, und diese Angehörigen „zu ihrem eigenen Besten“ herumkommandieren oder immer wieder freundlich in eine bestimmte Richtung stupsen; alles in dem behaglichen Bewusstsein, dass sie nur für die anderen leben und dass ohne ihre Mühe gar nichts laufen würde und sie dafür sorgen, dass nichts passieren kann und alle Familienmitglieder hundertprozentig sicher sind. Man könnte argumentieren, dass Männer sich genauso verhalten könnten; richtig, aber meiner Erfahrung nach ist das zumindest seltener der Fall. Männer sind gemütlicher veranlagt (und das meine ich sowohl im Sinne von „unkomplizierter“ als auch von „fauler“).

Gerne wird die Notwendigkeit eines Hauptes auch mit dem Argument verteidigt, dass in einer unauflöslichen Beziehung von zwei Personen, genau wie in einer Firma, einem Verein oder einem Staat, nun mal einer da sein müsste, der, wenn die zwei sich nicht einigen könnten, in einem solchen Ausnahmefall das letzte Wort hätte. So schreibt Lewis in „Mere Christianity“ (dt. „Pardon, ich bin Christ“):

 „Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muss es überhaupt ein ‚Haupt’ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muss der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, dass dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

 Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muss mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muss einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

 Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren lässt!’ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, dass sie ja auch die Hosen anhat. Irgendetwas Unnatürliches muss an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen lässt.

 Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, dass der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewusst als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muss letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im Allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, dass diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

 Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, dass er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Dass er immer beschwichtigen muss?“

Man könnte also in Lewis’ Sinne für eine Art „Minimallösung“ plädieren: Ja, es sollte ein Oberhaupt geben, für den Zweifelsfall, aber das ist im Alltag gar nicht so wichtig. Auch die bekannte katholische Bloggerin Simcha Fisher plädiert für eine ähnliche „Minimallösung“; sie hat hier (https://www.simchafisher.com/2014/07/11/how-i-learned-to-stop-worrying-about-wifely-obedience-and-love-my-husband/ ) einmal einen großartigen Beitrag zu dem Thema geschrieben (man beachte bei der Lektüre, dass christliche Kreise in Amerika im Allgemeinen sehr viel extremere Einstellungen haben können als die in Europa): „Wie ich lernte, mich nicht mehr um den Gehorsam einer Ehefrau zu sorgen und meinen Mann zu lieben“ (Übersetzung und Hervorhebungen von mir):

 „Epheser 5,22! Epheser 5,22! Lasst uns alle in Panik ausbrechen über Epheser 5,22!

 Ne. Ich habe keine Angst mehr davor. Aber es ist auch keine so große Sache, wie ich dachte. […]

 Am Anfang, als ich geheiratet hatte, wollte ich unbedingt in die perfekte katholische Beziehung eintauchen. […] Er würde mir befehlen, etwas zu tun, und ich würde ihm gehorchen, verdammt noch mal. […] Also wartete ich. Und verdammt noch mal, er erwartete nie von mir, ihm zu gehorchen. Sicher, er erwartete Dinge von mir – manche vernünftig, andere unvernünftig. Wir waren gerade erst verheiratet, und wir hatten vieles herauszufinden. Aber im Allgemeinen kam die Angelegenheit des Gehorsams einfach nicht auf. Ich hatte Angst, dass das bedeutete, dass wir eine geistlich minderwertige Ehe führten – dass wir uns mit einer Art zweitklassigem modernen System behalfen, das uns durch die Jahre bringen würde, aber das uns von… irgendetwas abhielt. Ich weiß nicht mal, was.

 Woher kam diese Vorstellung? […] In vielen katholischen Kreisen wird der Gehorsam der Ehefrau als das zentrale Merkmal der Ehe dargestellt – wichtiger als das Gebet, wichtiger als persönliche Entwicklung irgendeiner Art, wichtiger als die Sorge um die Kinder, wichtiger als alles. […] Ohne den Gehorsam der Ehefrau haben wir Chaos, haben wir die Verweiblichung der Männer, haben wir Scheidungen und Bitterkeit und Elend jeder Art. […]

 Aber hier ist die Wahrheit: Wenn eine Ehe in Trümmern liegt, liegt es nicht am Ungehorsam der Frau. Es liegt an einem sehr alten Grund: Selbstsucht. Manchmal ist es die Frau, die selbstsüchtig ist, manchmal ist es der Mann. Manchmal sind es beide.

 Als mein Mann und ich geheiratet haben, waren wir beide jung, und er hätte bereitwillig zugegeben, dass er nicht mehr Lebenserfahrung oder Weisheit oder Insiderwissen über irgendetwas hatte als ich. Er ist besser bei manchen Dingen; ich bin besser bei anderen. Es gibt Dinge, bei denen wir beide schlecht sind, und uns gegenseitig zur Rechenschaft ziehen müssen. […]

 Wir haben viel gestritten, und tun das manchmal immer noch; aber allmählich haben wir angefangen zu begreifen, dass, wenn wir uns über etwas uneinig sind, es normalerweise daran liegt, dass wir einander nicht zuhören, oder noch nicht glauben, dass der jeweils andere wirklich etwas verstanden hat, das wir nicht verstanden haben. Normalerweise, wenn wir wirklich anfangen, zuzuhören (und manchmal müssen wir denselben Streit mehrmals durchmachen, bevor wir uns wirklich gegenseitig hören können), wird es tatsächlich sehr offensichtlich, dass einer von uns Recht hat und der andere falsch liegt. Und dann wird es sehr einfach, zu wissen, was zu tun ist: Man tut das Richtige. Wir haben zusammen genug Mist durchgemacht, um zu wissen, dass keiner von uns sich wirklich angestrengt um etwas bemühen wird, das schlecht für die Familie wäre. Wenn er etwas wirklich, wirklich will, vertraue ich darauf, dass er einen Grund hat; und umgekehrt genauso. […]

 Autoritäre Ehemänner weisen oft auf Maria und Joseph hin, um ‚Er entscheidet, sie fügt sich’ als das wahre katholische Modell hinzustellen. Aber was wissen wir tatsächlich über den heiligen Joseph? Hauptsächlich, dass a) er komplett dabei versagt hat, seine Rechte durchzusetzen und diese scheinbar ungehorsame, scheinbar sündhafte, scheinbar rebellische Göre von einem Mädchen loszuwerden, die plötzlich ohne seine Genehmigung schwanger war, und sich stattdessen b) um Frau und Kind gekümmert hat.

 Und was ist mit der Idee, dass ein Mann seine Frau lieben sollte, wie Christus die Kirche liebt? Was wissen wir über Christus? Hauptsächlich, dass er gedient und gegeben und gedient und gegeben hat, und dass er für sie gestorben ist, und dass er dann ins Leben zurückgekehrt ist, sodass er noch mehr dienen und geben konnte. Das wissen wir.

 In unserer Ehe ist Gehorsam ein Notfallwerkzeug. Mein Mann gebraucht es, wenn ich wirklich verrückt bin: wenn ich außer mir bin, oder erschöpft, oder zu überwältigt von Schuld und Selbstzweifeln, um klar zu denken. Dann beansprucht er seine Autorität und besteht darauf… sich um mich zu kümmern. […]

 Rigide Geschlechterrollen sind dem Gesetz der Liebe untergeordnet. […]“

Diesem Satz würde sicher auch Pius IX. zustimmen, der schließlich geschrieben hat: „Sie [die verlangte Unterordnung] verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. […] Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen.“ (s. o.) Es handelt sich hier um gegenseitige Pflichten: Jeder hat seine Verantwortung zu erfüllen, und wenn das in der Praxis dann mal anders verteilt werden muss als im Modell, weil einer seinen Teil entweder nicht erfüllen will oder nicht erfüllen kann (z. B. aufgrund schwerer Krankheit), dann ist das auch kein Weltuntergang. Ich habe auf amerikanischen feministischen Seiten, die ich manchmal (und durchaus mit Gewinn) lese, mal eine bestimmte Kritik an der Lehre von „Frau bringt Unterordnung, Mann bringt Liebe“ gelesen: Das würde die Pflichten ungleich verteilen; wenn die Frau ihren Teil nicht erfüllt, aber der Mann sie immer noch lieben soll, wäre das keine so große Belastung für ihn, wie es für die Frau wäre, wenn er sie nicht liebt, sie sich ihm aber immer noch unterordnen soll. Aber hier wird das fundamentalistisch-evangelikale Modell „Du musst immer sofort und ohne Widerspruch gehorchen, wenn dein Mann dir was befiehlt, auch wenn er dich nicht liebt, dich schlecht behandelt oder völlig verrückt ist, dann wird am Ende alles gut, Gott will es so!“ kritisiert. Nö, wir Katholiken glauben eben ganz klar nicht daran, dass Unterordnung oder Gehorsam unabhängig davon da sein sollten, ob der Mann die Frau liebt, ob er sie gut oder schlecht behandelt – oder, ganz allgemein gesprochen, ob eine Autorität ihre Pflichten erfüllt oder nicht.

Man sollte, alles in allem, auch nicht vergessen, dass die Analogie zu der Christus-Kirche-Beziehung nur das ist: Eine Analogie. Der Mann ist nicht Christus und die Frau nicht die Kirche. Sie sind zwei normale menschliche Personen.

Aber man könnte irgendwie noch immer die Frage stellen: Funktionieren denn Ehen, in denen keiner an so was wie ein Familienoberhaupt glaubt, nicht? Wenn das alles nicht so wichtig, ist, brauchen wir es dann überhaupt? Die meisten modernen Ehen funktionieren nicht nach einem Epheser-5-Modell. Das ist, denke ich, gar kein unbedeutendes Argument; wobei ich natürlich keine Studien darüber kenne, ob Ehen von Paaren, die einem Epheser-5-Modell folgen, besser funktionieren oder eher halten als die von Paaren, die das nicht tun. Ich kann mir schon vorstellen, dass das Epheser-5-Modell seine Vorteile hat; aber mir mangelt es da leider an persönlicher Erfahrung, und das ist auch ein Grund, aus dem ich die „Das ist historisch bedingt“-Interpretation nicht von vornherein als eine zulässige Interpretation ausschließen würde. Wir könnten diese Bibelstellen so verstehen: Paulus schreibt, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau so sein soll wie die Beziehung zwischen Christus und der Kirche, d. h., sie soll ganz einfach von gegenseitiger Liebe und der gegenseitigen Unterordnung eigener Bedürfnisse geprägt sein. Aufgrund der Zeitumstände schließt er Ermahnungen an die Frau ein, den Mann zu „ehren“ und sich ihm „unterzuordnen“, während ihm einfach „nur“ aufgetragen wird, sie zu „lieben“. Die Zeitumstände sind heute anders. End of story.

Wir könnten sie allerdings auch anders verstehen. Ich würde die Interpretation, dass der Mann wirkliche Autorität in der Ehe hat, ebenso wenig ausschließen; eher neige ich ihr zu, da sie exegetisch gesehen eher naheliegt und auch die Autorität einiger Lehrschreiben hinter sich hat. Die Frage ist hier für mich auch: Wie sieht die Lehrentwicklung aus? Ich habe oben zwei nicht unfehlbare Schreiben zitiert, die nicht ganz auf einer Linie sind. Halten wir uns hier an die ältere Tradition, oder an die neuere Entwicklung? Schwierig, schwierig.

Ich möchte an dieser Stelle zuletzt noch einmal einen Gedanken meines Bekannten zum Thema „Ihr Männer, liebt eure Frauen! Ihr Frauen, ehrt eure Männer!“ zitieren: „Genau. Denn ehren tun die Männer, wenn sie nicht ganz degeneriert sind oder ausnahmsweise aus der Art schlagen, ihre Frauen sowieso; und manchmal auch andere Frauen. An das Lieben muß man sie vielleicht erinnern. Die Frauen – nun, ich bin keine Frau, aber vielleicht lieben sie die Männer in den meisten Fällen ohne große Mühe? Aber daß die Frau für ihren Mann außer Liebe auch Respekt übrig hat, das ist vielleicht nicht so selbstverständlich.“ In diesem Sinne könnte man vielleicht auch sagen, die Bibel erinnert die Leute an das, was sie eher vernachlässigen?

Und etwas Grundsätzliches möchte ich noch anmerken: Im Christentum geht es ständig um Dienen, Gehorsam und Unterordnung, und nein, das ist grundsätzlich nichts Degradierendes. Priester versprechen Bischöfen Gehorsam, Nonnen und Mönche versprechen Äbtissinnen und Äbten Gehorsam, der Papst wird „Diener der Diener Gottes“ genannt, und am Gründonnerstag waschen unsere Kleriker anderen die Füße. Das gehört zu den Prinzipien unserer Religion.

Also, zusammengefasst: Ja, ich denke, man kann aufgrund der Bibeltexte, der lehramtlichen Schreiben und der dahinterstehenden Theologie dafür argumentieren, dass die Männer in der Ehe eine gewisse Autorität haben, und dass die Frauen – im Normalfall – nicht die Leitung der Familie übernehmen sollten. Aber ich denke auch nicht, dass das Thema für die durchschnittliche christliche Familie in der Praxis eine große Rolle spielen wird oder sollte.

 

(VIII) Frauen in der Kirche

Kommen wir jetzt von der Ehe zur Rolle der Frauen in der Kirche. Da hätten wir diese berühmte Stelle aus 1 Korinther 14: „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ Nun ist es so, dass im NT sehr wohl Frauen erwähnt werden, die öffentlich beten oder prophetisch reden: In 1 Korinther 11,5, also im selben Brief, eben an der Stelle, wo Paulus über die Schicklichkeit von Kopftüchern redet, heißt es: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt.“ Dabei geht es offensichtlich um den Kontext der Liturgie; Frauen mussten also nicht zwangsläufig die ganze Zeit über in der Gemeinde still sein. Und in der Apostelgeschichte heißt es über einen Diakon namens Philippus: „Er hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen.“ (Apostelgeschichte 21,9.) Hier wird der genaue Kontext nicht angegeben, aber jedenfalls waren diese Mädchen auch in der Öffentlichkeit nicht immer still, sondern es war ihnen erlaubt, prophetisch zu reden.

Der gesamte Kontext für solche Stellen ist folgender: Wir reden von einer Zeit, in der auch Laien oft noch – auch im Gottesdienst – spontan laut beteten, in Zungen redeten oder prophezeiten. (Ich könnte jetzt hier darüber reden, dass ich ganz froh darüber bin, dass das inzwischen, jedenfalls in der Liturgie, eingeschränkt ist, da ich nicht so ganz überzeugt bin, dass an den meisten solchen Phänomenen wirklich was dran ist, aber meine Skepsis gegenüber den Charismatikern ist hier nicht das Thema.) Aber was Paulus in 1 Korinther 14 bemängelt, geht offenbar darüber hinaus: Vielleicht gab es speziell in dieser Gemeinde Probleme mit speziellen Frauen, die in der Liturgie dazwischenriefen, es besser wissen wollten als der Bischof, wenn der predigte, o. Ä. Und wenn es dann ganz allgemein heißt, dass es den Frauen „in allen Gemeinden der Heiligen“ nicht gestattet ist, „zu reden“, dann ist hier offensichtlich das offizielle Lehren im Auftrag der Kirche, das Predigen, gemeint: Also ein Dienst des geweihten Priesters. Hier geht es um den Unterschied zwischen Laien und Priestern. Und Priester können eben nur Männer sein. Frauen dürfen nicht in der Liturgie predigen, da sie keine Priester sein können.

Dafür gibt es verschiedene Begründungen, die die meisten Katholiken vermutlich kennen. Hier die zwei wichtigsten: 1) Jesus will es halt so. Jesus hat nur Männer in den Kreis der Zwölf berufen; deren Nachfolger sind die Bischöfe, und deren Helfer sind die Priester und Diakone. Wenn Jesus einen Sinn dahinter gesehen hat, keine Frauen zu berufen, nicht mal eine unter zwölf (und in anderen Dingen hielt er sich ja nicht immer an die Konventionen seiner Zeit, z. B., als er sich mit Samariterinnen und Prostituierten abgab, also können wir nicht argumentieren, dass er keine Frau hätte berufen können), dann können wir darauf vertrauen, dass es da einen Sinn gibt. 2) Priester sind bei uns nicht hauptsächlich Prediger, wie bei den Protestanten, sondern eben Priester, d. h. sie repräsentieren Gott in heiligen Riten. Christus handelt durch sie, wenn sie in persona Christi bei der Eucharistie die Wandlung vollziehen oder in der Beichte Sünden vergeben. Christus war ein Mann und wir haben ein männliches Gottesbild (auch wenn Gott natürlich weder Mann noch Frau ist); das liegt daran, dass ein männliches Gottesbild („Vater unser“) eher dazu geeignet ist, den über der Welt stehenden Schöpfergott zu symbolisieren, während Religionen mit weiblichen Göttern und Priesterinnen eher zu einer Art Naturanbetung der „Mutter Erde“ tendieren. Es wird sicher noch andere praktische Vorteile eines ausschließlich männlichen Priestertums geben, von denen einem manche vielleicht auch gar nicht bewusst sind; aber hier nur so viel in aller Kürze zum Thema Frauenpriestertum.

Tendenziell noch härter klingt zu diesem Thema die Stelle aus dem 1. Timotheusbrief: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“ Die Leute von der oben erwähnten Christian-Patriarchy-Bewegung legen diese Stelle übrigens tatsächlich so aus, dass Frauen generell keine Männer irgendetwas lehren dürfen; also dürfen Frauen ihrer Meinung nach z. B. auch keine Vorträge vor einem gemischten Publikum in der Gemeinde halten. Sonntagsschullehrerinnen gehen gerade noch, denn die lehren nur Kinder, aber sobald die Jungs über achtzehn sind, ist definitiv Schluss. Jüngere Frauen dürfen natürlich von älteren Frauen etwas gelehrt werden, weil, Titus 2,3-5, aber Männer lehren, das geht nicht. Und nein, das habe ich mir jetzt nicht ausgedacht. Man lese zum Beispiel diesen, ähm, interessanten Artikel von Lori Alexander, in dem sie vehement erklärt, dass sie mit ihrem Blog keine Männer lehrt: https://thetransformedwife.com/am-i-teaching-men-through-blogging/ Und solche Ansichten sind übrigens in freikirchlich-evangelikalen Kreisen einflussreicher, als man erwarten würde (vgl. etwa hier: https://www.gotquestions.org/Deutsch/weibliche-pastoren.html : Frauen sollen keine Art von geistiger/geistlicher (der Autor des Textes scheint diese beiden Begriff nicht auseinanderhalten zu können) Autorität über irgendwelche Männer ausüben). Na ja, wir Katholiken können das Lehren ja jetzt wieder auf den Klerus beziehen und damit Theologieprofessorinnen, Kirchenlehrerinnen und dergleichen erlauben; dass Frauen in der Ehe nicht über ihre Männer herrschen sollten und wie das zu verstehen ist, wurde oben schon erklärt – dann fragt sich an dieser Stelle nur noch, wie war das noch gleich mit Adam und Eva?

 

(IX) Ist Eva die Hauptschuldige am Sündenfall?

Paulus’ Interpretationen des Alten Testaments wirken manchmal tatsächlich ein bisschen komischer als das AT selbst. Am Genesis-Bericht über den Sündenfall wäre eigentlich auch aus feministischer Sicht an sich nicht so viel auszusetzen: Ja, Eva ist die erste, die von der Frucht isst, aber Adam tut im Endeffekt dasselbe, und seine Entschuldigung, bloß von Eva verführt worden zu sein, ist ebenso leicht als faule Ausrede erkennbar wie Evas Entschuldigung, bloß von der Schlange verführt worden zu sein. Trotzdem präzisiert der Bericht hier, wer zuerst von der Schlange angesprochen wurde: Vielleicht wurde Eva wirklich überredet und wollte das mit der Erkenntnis von Gut und Böse unbedingt ausprobieren, und Adam machte wider besseres Wissen auf ihr Drängen hin einfach mit? Oder so ähnlich. Über Adam heißt es nur: „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Genesis 3,6) – sein Problem scheint eher zu sein, dass er einfach Eva nachgibt, als dass er sich von den falschen Versprechungen der Schlange einlullen hat lassen. Beides gleich falsch, aber auf unterschiedliche Weise. (Vielleicht wird das so dargestellt, weil der Verfasser beobachtet hat, dass Frauen im Allgemeinen, wenn sie etwas Falsches tun, sich eher vorher einreden müssen, dass es notwendig oder gut ist, und dabei sehr kreativ werden können? Ich spekuliere ja nur.)

Oder vielleicht war es eben einfach historisch so, dass in diesem Fall die eine angefangen und der andere dann erst mitgemacht hat, und der Verfasser der Genesis wusste das durch Gottes spezielle Offenbarung. (Ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass der Sündenfall ein reales Ereignis irgendwann in der Menschheitsgeschichte war – auch wenn wir nicht denken, dass sich im Jahr 4004 v. Chr. zwei Menschen im Gebiet des heutigen Irak mit einer Schlange unterhalten und einen Apfel gegessen haben.)

Interessanterweise wird übrigens – bei Paulus an anderer Stelle und bei Theologen wie Thomas von Aquin – immer Adam als der eigentlich Verantwortliche für den Sündenfall genannt, wenn es darum geht, wer der Menschheit nun die Erbsünde vererbt hat: Eva hat mit der Sache angefangen, aber letztlich trug die eigentliche Verantwortung ihr Mann. Allerdings spricht das wohl eher für die Überzeugung besagter Theologen, dass Adam – der erste Mann – einfach das Oberhaupt des Menschengeschlechts war, und Eva eben nicht, also…

Na ja. Zurück zu „Nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot“. Wie gesagt, da kann man eigentlich zur Erklärung ganz einfach sagen „War da halt so“, und Paulus zieht diese historische Tatsache (oder diese symbolische Geschichte, wenn man Genesis anders interpretieren möchte) dann offenbar als historische / symbolische Begründung dafür heran, dass Frauen nicht zum Klerus gehören oder ihre Männer unter dem Pantoffel haben sollten. Die Formulierungen hier klingen für unsere Ohren nicht so schön, das stimmt, aber zum Glück wissen wir Katholiken dank unserem Lehramt, wie wir das nicht verstehen sollen. Also, ja, es ist okay, wenn irgendein Mann durch diesen Blogartikel etwas lernen sollte. Und nein, ein Geschlecht ist auch nicht an sich sündhafter als das andere oder so etwas – beide haben den gleichen freien Willen und die gleichen Gebote bekommen. Oder haben wir vielleicht weniger weibliche Heiligen als männliche? So etwas wäre ein Hinweis darauf, dass Frauen eher zur Sünde neigen würden als Männer, nicht eine obskure Paulusstelle. Ich denke, auch dieses Thema ist wieder einmal wunderbar dazu geeignet, zu demonstrieren, wieso wir ein Lehramt brauchen, das falschen Bibelinterpretationen einen Riegel vorschiebt.

 

So, das war es wohl mit diesen Stellen. Ja, unsere Religion hat etwas Patriarchales an sich, denke ich; aber das sollten wir nie in einem falschen Sinn verstehen; genauso, wie wir die Tatsache, dass es in der Kirche eine Hierarchie gibt, nicht falsch verstehen sollten. Ich weiß nicht, ob ich überall ausreichende Erklärungen gefunden habe; ich hab mein Bestes versucht, aber bitte bedenken: Wenn man eine Bibelstelle mal noch nicht begreift, macht das auch nichts. Wir halten uns einfach an die Lehre der Kirche, wo sie eindeutig ist, an die wahrscheinlichsten Auslegungen, wo wir selber weitersehen müssen, und warten ab, ob uns mal neue Einsichten für komische Bibelstellen kommen, die wir jetzt noch nicht verstehen. Ach ja, und, Gratulation an alle, die bis hierher gelesen haben! (Hier noch ein Link für alle, die noch mehr lesen wollen! https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/03/21/paulus-der-frauenfeind-oder-auch-nicht/ )

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Die Sieben, die alten Götter, der Ertrunkene Gott und der Rote Gott: Ein paar Gedanken zu einem heidnischen Mittelalter

Letztens habe ich zum zweiten Mal die meisten der bisher erschienenen Bände von Game of Thrones, oder, wie die Serie eigentlich heißt, Das Lied von Eis und Feuer, gelesen. Ich finde ja, Letzteres klingt interessanter – da hört man die Drachen und Feuerzauber und die toten, kalten, blauäugigen und schwarzhändigen Wiedergänger schon heraus, im Gegensatz zu der Gewöhnlichkeit der Intrigen und Giftmorde, des Postengeschachers und der Bündnisse und arrangierten Hochzeiten, nach der „Das Spiel um Throne“ klingt. In der Serie kommt natürlich beides vor. Wer George R. R. Martin für den neuen J. R. R. Tolkien hält, liegt so kolossal daneben, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Martins Werk ist eher so was wie die Geschichte der Rosenkriege plus Drachen und Zombies, kein entscheidender Kampf zwischen Gut und Böse, in dem die Figuren Stellung nehmen müssten. Der sprachliche Wert hält sich in Grenzen und es werden etwa zehntausend Figuren eingeführt, von denen dann fünftausend im Lauf der Bücher sterben, und zwar oft die, die man gerade liebgewonnen hatte. Immerhin – SPOILER! – stirbt endlich auch Joffrey. Joffrey war ja nicht auszuhalten.

Trotzdem sind die Bücher spannend, die Charaktere sind oft glaubhaft und entwickeln sich in interessante Richtungen; keiner von ihnen ist bloß gut oder böse, auch wenn manche von ihnen sehr eindeutig in die eine oder andere Richtung tendieren. Aber auch die Motive der böseren Figuren versteht man; bei diesen Schurken hat man nicht den Eindruck, dass sie einfach irgendwann morgens aufgewacht sind und sich grundloserweise gedacht haben „Hey, wir wollen jetzt Superschurken sein“. Es gibt empathielose kalte Machtpolitiker wie Tywin Lennister, die aber trotzdem ihre Schwachpunkte haben und nicht aus purer Freude an der Grausamkeit Böses tun, es gibt auch brutale Krieger, die mehr oder weniger aus Mangel an anderer Beschäftigung morden und vergewaltigen, wie Gregor Clegane, es gibt den intriganten, über alle Maßen stolzen, wieselartigen greisen Fürsten Walder Frey, der Verbündete ermordet, die als Gäste in seiner Festung sind, weil er sich von ihnen beleidigt fühlt, es gibt feige Figuren und verräterische und gierige. Es gibt sehr böse Figuren – Ramsay Bolton ist wohl die unangefochtene Nummer 1. Es gibt auch sehr positive Figuren – Ned Stark, Robb Stark, Jon Schnee, Davos Seewert, usw. -, es gibt die „mittleren“ Charaktere – Jaime Lennister zum Beispiel, der in Band 1 noch als gedanken- und empathieloser Mensch gezeigt wird, der einen kleinen Jungen aus einem Turmfenster stößt, der Jaime und seine verheiratete Zwillingsschwester beim Sex ertappt hat, aber dann im Lauf der Bände einen gehörigen Wandel durchmacht, und bei dem man auch merkt, dass es gewisse gute Anlagen doch schon vorher gab. Einer der interessantesten und eher zur guten Seite neigenden Charaktere ist natürlich Tyrion Lennister, Tywins Sohn und Jaimes jüngerer Bruder – ein hässlicher, kleinwüchsiger, kluger Mann, der durchaus an seinen Vorteil denkt und im Notfall nicht immer ehrlich und gut handelt, der aber grundsätzlich gerecht ist, ehrlich um so was wie das Gemeinwohl bemüht, als er in der Politik von Westeros was zu sagen hat, gut zu dem zwölfjährigen Mädchen, das er gegen seinen und ihren Willen zu heiraten gezwungen wird, vielleicht ein bisschen zu vertrauensselig seiner Mätresse gegenüber, und ein bisschen zu scharfzüngig seiner mächtigen Schwester Königin Cersei gegenüber. Es gibt Catelyn Stark, die eigentlich gut ist, bis auf ihren einen Schwachpunkt – ihre Gleichgültigkeit und gelegentliche Grausamkeit dem unehelichen Sohn ihres Mannes gegenüber. Es gibt deren Tochter Arya Stark, die sich lange Zeit allein durchschlagen muss und die mit zehn Jahren schon bewusst und absichtlich mehrere Menschen getötet hat. Es gibt Aryas Schwester Sansa (Tyrions Frau), die oft naiv ist, manchmal auch eingebildet und selbstsüchtig, meistens aber hilfos und ein Spielball der Mächtigeren.

Aber hier soll es nicht um die Figuren gehen, sondern um eine Betrachtung der Religionen in der Welt, die George R. R. Martin konstruiert hat. Mit dieser Welt hat er sich im Allgemeinen schon Mühe gegeben. Die Kontinente und Meere, die Landschaften, die fremden Länder und Völker, die verschiedenen Regionen von Westeros, die lokalen Fehden, die verzweigten Stammbäume der Adelshäuser – alles sehr detailgetreu, wie es sich gehört. Dasselbe gilt für die verschiedenen Religionen.

Wie wahrscheinlich allgemein bekannt ist, ist Westeros, das große Königreich, in dem sich der größte Teil der Handlung abspielt, dem europäischen Mittelalter nachempfunden. Es ist ein feudales Lehenssystem mit einem König an der Spitze, es gibt Ritter, Turniere und Gilden. Und es gibt eine Religion, die zumindest in ihrer äußeren Organisation stark der katholischen Kirche ähnelt.

Dabei handelt es sich um die Verehrung der sieben Götter, oder einfach der Sieben. Diese Religion hat Priester, die Septone genannt werden, einen Hohen Septon, dessen Aufgaben etwa denen eines Bischofs oder Papstes entsprechen (ein deutlicher Unterschied zum realen Mittelalter besteht allerdings darin, dass der Hohe Septon keinen eigenen Staat hat, sondern einen Sitz in der Hauptstadt von Westeros, und es sich damit nicht leisten könnte, einem König in der selben Weise entgegenzutreten wie etwa der Papst dem Kaiser im mittelalterlichen Investiturstreit). Es gibt Kirchen (Septen), in denen Andachten mit Weihrauch und Gesang abgehalten werden, und in denen man Kerzen vor den Altären der verschiedenen Götter anzünden kann, und Septeien, die so ziemlich dasselbe sind wie Klöster. Die Septone leben zölibatär und es gibt verschiedene zölibatäre Bruderschaften, und auch Schwesternschaften. Die meisten Septas, auch ihrer Kleidung nach überdeutlich als das Pendant von Nonnen ausgewiesen, leben in Septeien oder bei adligen Familien, um deren Töchter zu unterrichten, o. Ä; außerdem gibt es spezielle Orden wie die Schweigenden Schwestern, die sich ausschließlich um Tote kümmern (eine bitter nötige Aufgabe in diesem Buch). Bestattungen und Eheschließungen sind eine Aufgabe für Septone.

Na ja, das alles sind nun erst sehr oberflächliche Gemeinsamkeiten. Priester, Weihrauch, Kerzen, Gesang, zolibatäre religiöse Gemeinschaften, religiöse Zeremonien für Eheschließungen, das alles findet man schließlich in sehr vielen Religionen – vieles davon z. B. auch in so unterschiedlichen wie dem Islam, dem Buddhismus und der antiken römischen Religion (an zölibatären Gemeinschaften hätten wir da etwa die Derwische, die berühmten buddhistischen Mönche in ihren orangen Roben, und die Vestalinnen). Aber es geht ja noch weiter. Die gelehrten Septone lehren zum Beispiel, dass die sieben Götter – der Vater, der Gericht hält, die Mutter, die Gnade beschert, das Alte Weib, das mit seiner Laterne für Weisheit sorgt, die Jungfrau, der Krieger, der Schmied, der die Welt gestaltet, der Fremde, der die Toten holt – eigentlich nur sieben Gesichter des einen Gottes sind – was offensichtlich an die Dreifaltigkeit erinnern soll. In dieser Religion glaubt man, anders als etwa die alten Römer oder Griechen, an eindeutig gerechte Götter; moralische Gebote sind ein klarer Bestandteil von ihr; es gibt sogar so etwas wie eine Beichte, was mir wirklich aus wenigen Religionen bekannt ist.

Auch der Inhalt dieser moralischen Gebote ist interessant: Nicht die Ehre, wie in den großen Zivilisationen der alten Welt, dem heidnischen Rom oder China oder Japan, sondern die Demut nimmt dort nämlich einen hohen Rang ein. Armut, Demut, Dienen, Friede, Buße, Sündenvergebung, Schutz der Schwachen, alles das ist wichtig für diese Religion. Man könnte vielleicht einwenden, dass auch im Buddhismus Demut und Einfachheit eine Rolle spielen, aber dort geht es um den schlichten Rückzug aus der Welt, um ein Zurückkehren ins Nirwana, ins Nichts, um die Erkenntnis, dass es besser ist, auf diese schlechte Welt verzichten zu können, so etwas wie Sündenvergebung spielt dabei keine Rolle und die Welt gilt auch nicht als grundsätzlich gut und verbesserungswürdig; Martin hat an dieser Stelle eindeutig die mittelalterlich-christliche Vorstellung übernommen und nicht die buddhistische. Gegen Ende der bisherigen Serie kommt ein Hoher Septon an die Macht, der nicht wie seine Vorgänger ein harmloser, bestechlicher, reicher, hochgestellter Kleriker ist, der seine Krone trägt und seine Zeremonien durchführt und brav allen Entscheidungen des jeweiligen Königs oder Regenten seinen Segen gibt, sondern ein rigoroser, fastender, betender, von Gericht und Buße redender, in ein Bußgewand gekleideter Anhänger einer Art von westerosischer Armutsbewegung, vergleichbar mit den Franziskanern, oder, in ihrer radikaleren Ausprägung, den Flagellanten, des realen Mittelalters.

Auch interessant: Diese Religion wird als „Der Glaube“ bezeichnet, während vorchristliche Religion sich in der Regel in erster Linie als Kulte verstanden haben; es ging bzw. geht antiken Römern oder Ägyptern, Hindus oder Shintoisten eher um die richtige Verehrung der Götter als um das Vertrauen auf sie; „Religion“ synonym mit „Glaube“ (lateinisch „fides“, davon abgeleitet englisch „faith“, was noch mehr die Bedeutung von „vertrauen, (sich) anvertrauen“ herüberbringt) zu verwenden, ist eine sprachliche Entwicklung, die mit dem Christentum kam.

Aber auch die Art, wie „der Glaube“ die noch teilweise im Norden von Westeros praktizierte Religion langsam verdrängt, soll wohl an die Situation im nordeuropäischen Früh- und teilweise noch Hochmittelalter erinnern. Die Götter des Nordens sind die am klarsten heidnischen Götter dieser Geschichte: gesichtslose, namenlose, geheimnisvolle Naturgötter, die an heiligen Bäumen verehrt werden, und denen man nur eine lokal begrenzte Macht zuschreibt, die schwindet, wenn ihre Bäume gefällt werden. (Allerdings gibt es tatsächlich auch das Umgekehrte: Anhänger der Sieben, die ihren Göttern keine Wirksamkeit im von den alten Göttern kontrollierten äußersten Norden des Kontinents Westeros hinter der Mauer, die das Königreich vor den „Wildlingen“ schützt, zuschreiben, und nur eine begrenzte Wirksamkeit im halb diesen, halb jenen Göttern anhängenden Norden des Königreichs südlich der Mauer. Einige theoretisch monotheistisch sein sollende Westerosi schließen hier also andere Götter nicht per se als inexistent aus.) Diese Religion hat eine gewisse moralische Komponente (z. B. sind den alten Göttern Eide und Gastfreundschaft heilig), aber Gebote oder Lehren stehen nicht im Vordergrund. Es gibt keine besonderen Riten, keine Priester, bloß stille Gebete vor Bäumen, und angeblich sollen die Götter dabei z. B. durch Blätterrascheln zu ihren Anhängern sprechen können. Es gibt auch die „Grünseher“, die eine besondere Verbindung zu den alten Göttern und teilweise mystische Kräfte haben sollen; einer von ihnen, der offenbar letzte verbliebene, der sich die „Dreiäugige Krähe“ nennt, erscheint einem Jungen namens Brandon Stark im Traum und lehrt, nachdem Bran ihn gefunden hat, diesem seine Kräfte.

Bei den wichtigsten beiden anderen Kulten, die in diesem Buch eine Rolle spielen, nimmt Martin auch wieder gewisse, an einzelnen Stellen überdeutliche Anleihen beim Christentum; allerdings mehr bei anderen Religionen. Fangen wir mit dem Ertrunkenen Gott an, der auf den Eiseninseln verehrt wird. Diese Inseln gehören zwar zu Westeros, waren aber früher einmal unabhängig und würden das gern wieder werden. Ihre Bewohner ähneln den Wikingern unserer Welt, und gehen, obwohl sie inzwischen zivilisierter sind, als sie wohl früher waren, immer noch manchmal auf Raubzüge. Das Motto ihrer Religion ist: Was tot ist, kann niemals sterben. Sie taufen (ja, dieses Wort wird verwendet) ihre Anhänger im Meer, was bei der Taufe von Erwachsenen heißt, dass der Täufling solange unter Wasser gedrückt wird, bis er nicht mehr atmet, und dann wiederbelebt wird – was in manchen Fällen auch schiefgehen kann. Das ist nun nicht gerade christlich, aber der Glaube, dass aus dem Tod Leben entstehen kann, dass der Weg zum Leben durch den Tod führt, der durch eine Wassertaufe symbolisiert wird – das erinnert auf den ersten Blick wahnsinnig an das Prinzip des Kreuzes Christi. Diese schöne Ähnlichkeit wird durch einige Gebetsworte der Eisenmänner sogar noch mal bekräftigt: „‚Herr und Gott, der du für uns ertrunken bist‘, betete der Priester mit einer Stimme, die so tief grollte wie das Meer, „lass deinen Diener Emmond aus dem Meer wiedergeboren werden, wie es auch mit dir geschah.'“ (Bd. 7, S. 34) Und… dann wird sie völlig ruiniert durch den ganzen Rest, aus dem diese Religion besteht. „Segne ihn mit Salz, segne ihn mit Stein, segne ihn mit Stahl“, betet Aeron Graufreud in diesem Abschnitt weiter, und nach der Wiederbelebung heißt es: Du warst ertrunken und wurdest uns zurückgegeben. Was tot ist, kann niemals sterben. Worauf der „Ertrunkene“ antwortet: Doch erhebt es sich von neuem. Härter und stärker.

Die Eisenmänner sind Krieger. Krieger, die keinen Platz haben für Armut und Demut und das Leid der Schwachen wie die Priester der Sieben, sondern die lediglich die Stärke achten, die den Tod überwunden hat bzw. die aus dem Erleiden einer Todeserfahrung kommt. Sie achten, was hart macht. Von einer Liebe, die den Tod überwindet, ist keine Rede. Auch der Satz „…der du für uns ertrunken bist“, der beinahe so etwas wie göttliche Liebe und Fürsorge durch stellvertretend auf sich genommenes Leiden andeutet, sticht in diesem Gebet heraus wie ein Fremdkörper. Wie genau ist dieses „für uns ertrunken“ zu verstehen? Ganz offensichtlich geht es dem Ertrunkenen Gott nicht um Sündenvergebung. Ich habe eher den Eindruck, er hat den Eisenmännern so etwas wie ein Beispiel gegeben, das jeder von ihnen jetzt selbst noch unter Lebensgefahr nachahmen muss, ein Beispiel dafür, was sie tun können, um hart und stark zu werden, anstatt dass er etwas getan hat, das ihnen direkt irgendetwas bringt. „Für uns ertrunken“, das passt irgendwie nicht recht zum Rest dieser Religion. Ich würde zu gern mehr über das „Ertrinken“ des Ertrunkenen Gottes erfahren, denn wirklich erklärt wird das hier nicht. Die Eisenmänner glauben auch an einen ewigen Kampf des Sturmgottes (der Zerstörung bringt) gegen ihren Meergott (der Fisch und damit Leben auch im härtesten Winter bringt); haben sie also einen Mythos, der davon erzählt, wie der Sturmgott den Meergott ertränkte und der Ertrunkene Gott dann umso stärker wieder auferstand? Mythen von Göttern, die sich gegenseitig töten, sind ja in alten polytheistischen/dualistischen Religionen nichts allzu Seltenes.

Ach ja, dem Ertrunkenen Gott werden übrigens, anders als den Sieben oder den alten Göttern, gelegentlich auch Menschen geopfert, gefangene Feinde. Es handelt sich also wirklich um keine besonders sympathische Religion, alles in allem.

Jetzt aber zur letzten der vier zentralen Religionen: Der Verehrung des Roten Gottes oder „Herrn des Lichts“, R’hllor. Diese Religion kommt ursprünglich aus Asshai im fernen Osten und ist vor allem in den sieben Freien Städten, also außerhalb von Westeros, verbreitet, missioniert aber aktiv, und eine Priesterin R’hllors, Melisandre aus Asshai, kann Stannis Baratheon, einen der vielen Thronprätendenten von Westeros, von ihrem Gott überzeugen. Auch ein roter Priester namens Thoros von Myr kommt in den Büchern vor, der zu einer den kriegsgeplagten Armen von Westeros helfenden Bande von Geächteten unter Lord Beric Dondarrion, einer Art Robin-Hood-Figur, gehört.

Dieser Glaube ist ganz klar dualistisch, vergleichbar mit dem persischen Zoroastrismus. Es gibt ein Reich der Finsternis und ein Reich des Lichts; einen guten Gott – R’hllor – und einen schlechten Gott, dessen Name nicht ausgesprochen wird. Dem Herrn des Lichts gehören der Tag, die Sonne, und vor allem das Feuer, das den Schrecken der Nacht bannt; der Herr des Finsternis gebietet über Nacht und Kälte. Bei Sonnenuntergang entzünden die Anhänger R’hllors deshalb Nachtfeuer, um die Nacht und die Kälte zu bannen; in einer Szene betet Melisandre vor einem solchen Nachtfeuer zu ihrem Gott: „Führe uns aus der Dunkelheit, o mein Herr. Erfülle unsere Herzen mit Feuer, damit wir deinem leuchtenden Pfad folgen können. […] Dein ist die Sonne, die unsere Tage erwärmt, dein sind die Sterne, die uns durch das Dunkel der Nacht geleiten.“ Worauf ihre Gläubigen antworten: „Herr des Lichts, beschütze uns. Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken.“ Und so weiter. Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken – das ist so ein Spruch, den sie oft sagen. Eine solche Metaphorik von Licht und Feuer, Nacht und Dunkelheit ist etwas, was es abgesehen vom Zoroastrismus auch noch in vielen anderen realen Religionen gibt; Gott und das Licht zu verbinden, das ergibt sich leicht. Man denke im christlichen Bereich zum Beispiel an den Ritus mit der Osterkerze in der katholischen Osternacht. „Christus das Licht!“

Die Anhänger des Roten Gottes glauben, dass alles in der Welt entweder R’hllor oder dem Großen Anderen dient; andere Götter gibt es ihrer Ansicht nach nicht, weshalb sie auch einen für heidnische Religionen ganz untypischen Eifer für die Durchsetzung der wahren Religion zeigen und z. B. Figuren der Sieben verbrennen. Sie kennen auch Prophezeiungen, die den ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis betreffen, und Melisandre bezeichnet Stannis als den wiedergeborenen „Azor Ahai“, eine Art Messias-Figur.

Bis jetzt klingt diese Religion gar nicht mal soo unsympathisch, oder? Sie ist gruselig.

Der Herr des Lichts ist kein Gott des Guten wie Ahura Mazda aus dem Zoroastrismus; er ist ein Gott des Lebens, während sein Gegner den Tod bringt; aber die Anhänger des Lebensgottes sehen nicht unbedingt einen Zusammenhang zwischen dem Leben und dem Guten, oder, prosaischer ausgedrückt, dem Leben und der Moral. Von Azor Ahai wird erzählt, dass er seine Frau tötete, um sein Schwert Lichtbringer in ihrem Blut zu härten, und Melisandre deutet die Zukunft aus ihren Feuern und verbrennt dann Menschen als Opfer für ihren Gott, um bestimmte Ziele zu erreichen, die sie in den Flammen gesehen hat; sie will sogar ein Kind verbrennen, Stannis‘ unehelichen Neffen, da dessen „Königsblut“ ihnen bei ihren Zielen im Krieg helfen soll. Sie vollbringt gelegentlich Zauber, bei denen sie Schatten hervorbringt, die Stannis‘ Gegner töten. (Ja, diese Zauber sind in den Büchern kein Betrug, sondern gelingen ihr.) Der Zweck heiligt für sie die Mittel; und so müssen Opfer gebracht werden, um die drohende Finsternis abzuwenden – die sie übrigens auch mit der herannahenden Zombiearmee im Norden hinter der Mauer, die vom Rest von Westeros‘ Thronprätendenten fleißig ignoriert wird, in Verbindung bringt. (Stannis ist dann auch der einzige der selbsternannten Könige, der der Nachtwache im Norden gegen die „Anderen“ (Eiswesen oder so was) und die Wiedergänger (Zombies) und die Wildlinge, die vor den Anderen und den Wiedergängern nach Süden fliehen und über die Mauer wollen, zu Hilfe eilt.) Thoros von Myr erscheint regelrecht sympathisch im Vergleich zu Melisandre, nicht gerade Friar Tuck, aber doch so was in der Art, aber auch er hat unheimliche Kräfte: Er hat es sechs Mal geschafft, Beric Dondarrion von den Toten zurückzuholen, wobei seine Todeserfahrungen diesen offenbar auch schwächen. Der Glaube an R’hllor hat manchmal eher etwas von Okkultismus und Geisteranrufung als von einem klassischen Dualismus, der bloß den philosophischen Fehler macht, den Teufel auf eine Stufe mit Gott zu stellen. Manche ihrer Feinde nennen Melisandre eine „Hexe“, und dieser Begriff passt tatsächlich irgendwie besser zu ihr als der einer Priesterin. Sie betet und singt nicht nur zu ihrem Gott und zündet auch nicht nur andere Götterbilder an, sie ist auch eine Wahrsagerin und führt Schadenszauber durch, und braucht Menschenopfer, um diese Schadenszauber durchzuführen.

Ich habe vorher den Zoroastrismus und die christlichen „Gott = Licht, Sonne, Feuer“-Vergleiche erwähnt, aber tatsächlich erinnert mich diese Religion eher an den Glauben der Azteken, dass man kontinuierlich Menschenopfer darbringen müsste, da die Sonne ohne deren Blut nicht mehr aufgehen würde. Melisandre verehrt einen Feuergott; und ihre Religion trägt der Tatsache Rechnung, dass Feuer nicht nur erhellt und wärmt, sondern auch brennt. In einer interessanten Pater-Brown-Kurzgeschichte mit dem Titel „The Eye of Apollo“ (https://ebooks.adelaide.edu.au/c/chesterton/gk/c52fb/chapter10.html ) kommt eine Sekte moderner Sonnenanbeter vor, und zu Beginn der Geschichte sagt Pater Brown besorgt „The sun was the cruellest of all the gods“. Das Problem dieser Religion ist wohl, dass sie keinen über-natürlichen Gott verehrt, sondern innerhalb der Natur nach den Kräften des Guten und des Bösen sucht und jedes Ding darin klar zuordnen will; aber kein Ding in der Natur, weder der Tag, noch die Nacht, weder die Sonne noch die Dunkelheit, ist klar böse oder gut. Sie sind einfach, wie sie sind. Das ist das Problem mit jeder Art von heidnischer Naturanbetung. Auch die Zuordnung bei der Religion der Eisenmänner (Wasser = gut, Wind = schlecht) macht im Ganzen keinen Sinn. Wasser kann Leben oder Tod bringen, Wind kann ein Schiff voranbringen oder es versenken. Und wenn man die Sonne zum Inbegriff des Guten erklärt, muss man auch ihre tödlichen Attribute für gut erklären.

Ich habe im Lauf dieses Artikels öfter das Attribut „heidnisch“ verwendet; jetzt sollte ich mal erklären, was ich damit meine. Ich unterscheide hier das Judentum und alle Religionen, die auf ihm beruhen oder sich auf es berufen (Christentum, Islam, Mormonentum, etc.) von nichtjüdischen Religionen. Heidnische Religionen sind meistens entweder Mythologien (die populäre Form des Hinduismus, der Shintoismus, die römische, griechische, ägyptische, germanische Religion, usw.) oder Philosophien (der Konfuzianismus, der Buddhismus, Formen des Hinduismus, der antike Platonismus), und sie tendieren entweder zu Naturanbetung oder dazu, die Natur/Welt für schlecht zu erklären (Buddhismus, Manichäismus). Der jüdische (und damit auch der christliche) Glaube ist dagegen ein historischer Glaube, er beruht auf Tatsachen, wie dem Babylonischen Exil oder der Kreuzigung Jesu, er geht davon aus, dass Gott sich ein Volk erwählt und zu ihm gesprochen und etwas für es getan hat, und das bleibt nicht nur in mythologischer Vergangenheit, sondern ist an konkreten Daten und Personen festzumachen. Heidnische Religionen sind dieser Definition nach ganz einfach Religionen ohne eine solche konkrete, fassbare Offenbarung, Vor-Offenbarungs-Religionen. Daher ist auch der Glaube an die Sieben im Grunde nicht wie das mittelalterliche Christentum, das einen vor soundsoviel Jahren Mensch gewordenen Gott verehrte. (Jedenfalls wird nie ganz deutlich, woher der Glaube seine Lehren von dem Wesen der Sieben Götter eigentlich nimmt.) Am ehesten als Offenbarungsreligion könnte man noch den Glauben an den Herrn des Lichts bezeichnen; wobei ich bis jetzt keine konkreten Anhaltspunkte dafür gefunden habe, ob Azor Ahai eine mythologische Figur wie Odysseus ist, oder ein historischer Religionsgründer wie Zarathustra, Mani oder Buddha, oder so etwas wie ein biblischer Prophet, der beanspruchte, dass ein Gott direkt durch ihn sprach.

George R. R. Martin scheint übrigens alles in allem die alten Götter am liebsten zu mögen. Mir sagen die nicht viel; wie gesagt, für Naturanbetung habe ich an sich nicht viel übrig, und dann fehlt mir hier die Logik, die Vernunft, die umfassende Lehre. Der Glaube an die alten Götter bietet nur eine Art unscharfen Mystizismus, nichts für den ganzen Menschen, den Verstand spricht er nicht an, oft widerspricht er ihm sogar. Mir ist tatsächlich der Glaube an die Sieben immer noch am sympathischsten unter diesen Religionen, auch wenn Martin ihn nicht so besonders zu mögen scheint (besonders seine Strenge und seinen Fokus auf Buße etc.). Aber na ja – Westeros ist nicht die reale Welt, sondern eine imaginäre heidnische Welt, und ob die Existenz dieser Religionen in ihrer konkreten Form so viel Sinn macht, wäre wieder eine andere Frage. Und dann bin ich natürlich irgendwie darauf gespannt, wie die ganze Geschichte weitergeht – ob sich weiterhin der Rote Gott als „wirksamer“ Gott erweist, was die alten Götter wirken werden, was die „Anderen“ eigentlich sind… warten wir es ab.

Ich liebe alle, die mich lieben, und wer mich sucht, der wird mich finden

„Ich, die Weisheit, verweile bei der Klugheit, ich entdecke umsichtige Erkenntnis. Furcht des HERRN verlangt, Böses zu hassen. Hochmut und Hoffart, schlechte Taten und einen verlogenen Mund hasse ich. Bei mir ist Rat und Hilfe; ich bin die Einsicht, bei mir ist Macht. Durch mich regieren die Könige und entscheiden die Machthaber, wie es Recht ist; durch mich versehen die Herrscher ihr Amt, die Vornehmen und alle Verwalter des Rechts. Ich liebe alle, die mich lieben, und wer mich sucht, der wird mich finden. Reichtum und Ehre sind bei mir, angesehener Besitz und Gerechtigkeit; meine Frucht ist besser als Gold und Feingold, mein Nutzen übertrifft wertvolles Silber. Ich gehe auf dem Weg der Gerechtigkeit, mitten auf den Pfaden des Rechts, um denen, die mich lieben, Gaben zu verleihen und ihre Schatzkammern zu füllen. Der HERR hat mich geschaffen als Anfang seines Weges, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren und alle Schollen des Festlands. Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern, als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer, als er dem Meer sein Gesetz gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein. Nun, ihr Kinder, hört auf mich! Selig, die auf meine Wege achten. Hört die Mahnung und werdet weise, lehnt sie nicht ab! Selig der Mensch, der auf mich hört, der Tag für Tag an meinen Toren wacht und meine Türpfosten hütet. Wer mich findet, findet Leben und erlangt das Gefallen des HERRN. Doch wer mich verfehlt, der schadet sich selbst; alle, die mich hassen, lieben den Tod.“ (Sprichwörter 8,12-36)

#MeToo – Zählt das denn?

Ich glaube, ich muss nichts mehr darüber schreiben, was es mit diesem Hashtag auf sich hat, der auf die weite Verbreitung von sexueller Belästigung aufmerksam machen will; nur auf einen Punkt will ich eingehen: Den Einwand, dass ganz banale Dinge mit dieser Aktion aufgeblasen und auf eine Stufe mit Vergewaltigungen gestellt würden. Das ist vielleicht auch was, was sich Frauen fragen, bevor sie „#MeToo“ posten: Zählt so was überhaupt? War ja bloß ein blöder Spruch, eine unerwünschte Berührung, nichts Dramatisches, nichts, was einen länger beschäftigt hätte. Man kann es ja tatsächlich damit übertreiben, überall Sexismus zu sehen.

Aber: Es gibt eine große Bandbreite von sexueller Gewalt, und die fängt eben bei catcalling an und hört bei Vergewaltigungen auf. Das eine stört und gibt einem ein hässliches Gefühl der Verletzlichkeit (vor allem, wenn es sich wiederholt), das andere traumatisiert. Genauso, wie es eine große Bandbreite bei körperlicher oder emotionaler Gewalt gibt: Nicht jeder, der sich mal als Kind mit der Schwester geschlagen hat, landet später als Gewalttäter im Knast; trotzdem war das damals nicht gut. Wenn man Gewalt als das Ausnutzen von Macht (emotionaler, finanzieller, körperlicher, staatlicher, sexueller, was auch immer) zuungunsten / gegen den Willen von anderen Menschen definiert, ist jeder Mensch, der auf der Welt herumläuft, schon gewalttätig gewesen. Spätestens, sobald man Anna im Kindergarten ihr Lieblingsstofftier wegnimmt, weil es Spaß macht, zu sehen, wie sie sich dann ärgert und vergeblich versucht, es einem wieder aus der Hand zu reißen.

Worauf ich damit hinauswill: Eins, was die MeToo-Aktion auch leisten könnte und nach meinem Eindruck schon leistet, ist, ein wenig mehr wegzukommen von der Vorstellung, dass es einen tiefen Abgrund gibt zwischen Sexualstraftätern, die scheußliche Monster sind, und dem Rest der (Männer)Welt. Nö, so einfach ist es nicht. Viele Leute begehen sexuelle Grenzüberschreitungen in verschiedenem Maß; und das ist übrigens auch keine unvergebbare Sünde, aber es ist Sünde. Vor allem innerhalb von Beziehungen kommen solche Grenzüberschreitungen wahrscheinlich häufiger vor, ohne dass jemand sich so fühlt, als hätte er sich falsch verhalten; fremde Mädels zu belästigen, ist viel offensichtlicher etwas Schlechtes, als seiner Freundin zu nahe zu treten. (Was die Sache nicht besser macht, ist natürlich, dass die allgemein anerkannten Grenzen dafür, was in Beziehungen oder sich anbahnenden Beziehungen normal ist, sich verschoben haben bzw. völlig unklar sind.) Aber jemand kann sich auch meistens im Alltag „ganz nett“ verhalten und trotzdem finden, dass es doch bloß Spaß ist, den Mädels, die man beim Weggehen trifft, an den Hintern zu fassen, ohne sich groß zu überlegen, ob die das auch witzig finden. Das ist nicht Grausamkeit, sondern Gedankenlosigkeit, und Gedankenlosigkeit kann dann eben in Rücksichtslosigkeit und „entitlement“ übergehen (ich habe einfach kein deutsches Wort gefunden, das die Bedeutung dieses so passenden englischen Wortes perfekt wiedergibt – man könnte vielleicht „Anspruchsdenken“ verwenden, aber das klingt auch nicht ganz richtig; gemeint ist einfach die (bewusste oder unbewusste) Einstellung, ein Recht darauf zu haben, sich das einfach zu nehmen, was man gerade gerne haben möchte).

Ich weiß nicht, ob wir ein Problem mit unserer speziellen Kultur haben, dass wir sie gleich „rape culture“ nennen sollten; vielleicht ist sexuelle Gewalt einfach ein ewiges Problem aller menschlichen Gesellschaften, die es jemals gegeben hat. Aber natürlich braucht es gerade für solche ewigen Probleme ständige Aufmerksamkeit. Und man kann daran etwas verbessern. Wenn jeder darauf achtet und Belästigungen nicht einfach durchgehen lässt – auch dann, wenn sie anderen Leuten und nicht einem selber passieren. Gerade die Männer sind hier gefragt!

Manche Probleme haben allerdings mit unserer speziellen Kultur zu tun – und dann vielleicht auch, damit zusammenhängend, mit Kommunikationsproblemen zwischen Männern und Frauen. Ein Beispiel: Als ich meinen Exfreund kennengelernt habe, sind wir erst ein paar Mal ausgegangen, und als wir uns dann fünf Tage gekannt haben (bisschen schnell für mich…), habe ich ihn mit in meine Wohnung genommen, wir haben zusammen gekocht, uns einen schönen Abend gemacht, und er hat mich dann schließlich gefragt, ob er mich küssen kann. Ich wollte erst nicht, habe dann doch ja gesagt, und mir einen kurzen Kuss ohne Zunge vorgestellt. (An alle neuen Leser: Ja, ich bin eine konservativ eingestellte Katholikin, und wir waren noch nicht mal offiziell zusammen.) Er hat das nicht so verstanden; und zusätzlich zum Küssen hat er dann auch seine Hände unter meinen Pullover geschoben und meinen Hintern angefasst; ich habe seine Hände mehrmals weggeschoben und ihm zu verstehen gegeben, dass ich das so nicht mag; das hat ihn nicht wirklich dabei gestört, mir wieder an dieselben Stellen zu fassen. Es war nichts Gewaltsames, nichts wirklich Schlimmes, eher etwas Unangenehmes, das bei einem eigentlich schönen Date gestört hat; er hat mir wohl einfach nicht geglaubt, dass ich es ernst gemeint habe, dass mir das alles zu schnell geht und ich das nicht mag. Vielleicht hätte ich bloß deutlicher Ärger zeigen und das ganze Rummachen abbrechen müssen, um ihn dazu zu bringen, aufzuhören, er wollte mir ja eigentlich nichts Böses; aber, ja, es ist ein Problem, wenn Leute unter einem „Nein“ ein „Überrede mich“ verstehen und man erst so deutlich werden muss. Wie gesagt, in diesem Fall war es eine sich gerade erst anbahnende Beziehung, eine Situation, in der man nicht einfach annehmen kann, mit was der Partner jetzt einverstanden ist. So sehen die Kommunikationsprobleme aus, die mit unserer Kultur kommen: Man will keine objektiven Standards mehr für Beziehungen haben; alles, was sich für dich gut anfühlt, wo du zustimmst, ist moralisch gut und ganz wunderbar toll. Sex, nachdem ihr euch fünf Minuten kennt? Klar! Wunderbar! Natürlich prallen dann immer wieder unterschiedliche Erwartungen aufeinander. Man darf theoretisch alles haben, also erwartet man, das, was man gerade will, auch in der Praxis bekommen zu können, und wenn man dann keinen Partner findet, der dazu bereit ist…? Tja, dann ist man frustiert und fühlt sich betrogen. Das Problem ist, wenn jemand körperliche Intimität als etwas sieht, das ihm (auch unabhängig von irgendwelchen Bindungen) einfach zur Verfügung stehen sollte. Die Person, die sie dann zur Verfügung stellen soll, gerät auf die Weise schnell mal aus dem Fokus.

Die Lösung ist natürlich dieselbe wie bei so ziemlich allen Fragen der Moral: Andere Leute als Personen behandeln.

Wer hat’s gesagt?

Zitate-Erraten!

1) „Ihr sagt, daß bei Euch, wenn ein Dieb oder Räuber ergriffen wurde und er geleugnet hat, was ihm zur Last gelegt wird, der Richter seinen Kopf mit Ruten schlage und seine Seiten mit anderen eisernen Stacheln steche, bis er die Wahrheit heraushole; dies läßt weder das göttliche noch das menschliche Gesetz in irgendeiner Weise zu, da ein Geständnis nicht ungewollt, sondern freiwillig sein muß und nicht gewaltsam herauszulocken, sondern willentlich vorzubringen ist; wenn es schließlich geschieht, daß Ihr auch nach Anwendung jener Qualen überhaupt nichts von dem findet, was dem Gefolterten zum Vorwurf gemacht wird, errötet Ihr nicht wenigstens dann und erkennt, wie gottlos Ihr richtet? Ebenso aber, wenn ein beschuldigter Mensch, der solches erlitten und es nicht ertragen kann, sagt, er habe begangen, was er nicht begangen hat: auf wen, frage ich, fällt die Wucht solch großer Gottlosigkeit zurück, wenn nicht auf den, der diesen zwingt, solches lügnerisch zu gestehen? Gleichwohl weiß man, daß nicht gesteht, sondern redet, wer das mit dem Munde vorbringt, was er nicht im Sinne hat!“

A) Friedrich Spee SJ, Cautio Criminalis, 1631

B) Baron de Montesquieu, De l’esprit des loix, 1748

C) Papst Nikolaus I., Brief Ad consulta vestra an die Bulgaren, 866

 

2) „Wie Wir erfahren haben, werden also […] viele, die von Heiden als Gefangene entführt wurden, in Eurer Gegend verkauft und, nachdem sie von Euren Landsleuten gekauft wurden, unter dem Joch der Sklaverei gehalten, obwohl doch feststeht, daß es fromm und heilig ist, wie es sich für Christen schickt, daß Eure Landsleute, wenn sie sie […] gekauft haben, sie um der Liebe Christi willen freilassen und nicht von Menschen, sondern von unserem Herrn Jesus Christus selbst den Lohn empfangen.“

A) John Newton und William Wilberforce, On the Negro Slave Trade in the West Indies, 1786

B) Bartolomé de las Casas, Historia de las Indias, verfasst ab 1524

C) Papst Johannes VIII., Brief Unum est an die Fürsten Sardiniens, 873

 

3) „Unser Herr Jesus Christus hat nämlich, wie man liest, keinen gewaltsam zu seinem Dienst gezwungen, sondern durch demütige Ermahnung – wobei einem jeden die Freiheit der eigenen Entscheidung vorbehalten blieb – alle, die er zum ewigen Leben vorherbestimmte, nicht durch Richten, sondern durch Vergießen seines eigenen Blutes vom Irrtum zurückgerufen.“

A) Abbé Emmanuel Joseph Sieyès, De la liberté religieuse, 1790

B) Friedrich II., De la tolerance necessaire concernant les affaires religieuses et morales, 1771

C) Papst Alexander II., Brief Licet ex an Fürst Landulf von Benevent, 1065

 

4) „(6) Wenn einer bei einem Diebstahl oder Raub getötet wurde und sich ein Verwandter des Getöteten für ihn zum Duell erbietet, so weist dieser durch das Duell jedes Zeugnis zurück; und dieser Tote wird dann nicht ohne Duell überführt werden können.
(7) Wenn zwei vor Gericht zugleich entgegengesetzte Aussagen machen, dann wird, wer auch immer von diesen die größere Gefolgschaft hat, dieser [seine] Aussage zur Geltung bringen.
(8) Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte.“

A) Kaiser Karl V., Constitutio Criminalis Carolina, 1532

B) Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, Allgemeynes Rechts- und Policeybuch für das Land Sachsen, 1522

C) Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel, die in der Bulle Salvator humani generis von Papst Gregor XI. aus dem Jahr 1374 verurteilt werden

 

5) „(3) … Die Sätze ‚Gott ist‘ und ‚Gott ist nicht‘ bezeichnen völlig dasselbe, wenn auch auf andereWeise.

(10) … Von einer materialen Substanz, die etwas anderes als unsere Seele ist, haben wir nicht die Gewißheit der Evidenz.

(32) … Gott und die Schöpfung sind nicht etwas.

(39) … Das All ist in sich und in all seinen Teilen ganz vollkommen, und es kann weder im Ganzen noch in Teilen eine Unvollkommenheit geben, und deswegen müssen sowohl das Ganze als auch die Teile ewig sein und dürfen weder vom Nicht-Sein in das Sein übergehen noch umgekehrt, weil daraus notwendigerweise Unvollkommenheit im All oder in seinen Teilen folgt.

(58) … Gott kann einem vernunftbegabten Geschöpf gebieten, daß es ihn hassen soll, und wenn es gehorcht, macht es sich mehr verdient, als wenn es ihn aufgrund eines Gebotes liebte; denn es täte dies mit größerer Anstrengung und mehr gegen die eigene Neigung.“

A) Plotinus, De Deum et hominem, 256 n. Chr.

B) Averroes / Ibn Ruschd, Langer Kommentar zu Aristoteles, verfasst ab 1153

C) Irrtümer des Nikolaus von Autrecourt, verurteilt in einem Prozess an der päpstlichen Kurie im Jahr 1347

 

Wer jedes Mal C getippt hat, hatte Recht. Das Mittelalter ist schon spannend, nicht wahr?

(Alle Zitate sind dem Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009, entnommen. Diverse andere Antwortmöglichkeiten sind übrigens frei erfunden.)

Denken nicht notwendig

Jedenfalls laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das über Facebook verkündet:

„Du musst keine Dichter und Denker schaffen. Aber du kannst deine Schüler_innen für Demokratie begeistern.“

Okay, also, Bildung und eigenständiges Denken brauchen wir ja nicht unbedingt, es genügt, liebe Lehrer, wenn ihr der Jugend nahebringt, unser politisches System toll zu finden. Angesichts der großen Gefahr, dass sie zu Monarchisten oder Anarchisten werden, ist das eure drängendste Aufgabe!

Liebes Ministerium: Wenn ihr die Demokratie schon so toll findet, wäre es auch ganz sinnvoll, darüber nachzudenken, was sie bedeutet. Ja, ja, Denken muss nicht sein, ich weiß, aber zwischendurch kann es ja vielleicht nicht schaden.

„Demokratie“, liebes Ministerium – gut zuhören jetzt -, kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Nun haben die alten Griechen zwar unter einer Volksherrschaft etwas Anderes verstanden als wir und würden unser System eher als eine Mischung aus Aristokratie („Herrschaft der Besten“, also einer Elite) und Monarchie („Herrschaft eines Einzelnen“) mit ein paar demokratischen Elementen, die alle paar Jahre ins Spiel kommen, bezeichnen. Aber wir sind ja auch keine kleine griechische Polis mehr, in der das „Volk“ (d. h. für die alten Griechen die freien Männer mit Bürgerrecht) recht überschaubar war und sich in seinem Alltagsleben hauptsächlich der Politik widmen konnte; ich hab ja an sich nicht so arg viel gegen unser Herrschaftssystem.

Aber, liebes Ministerium, ein Herrschaftssystem ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, sinnvolle Ergebnisse in der Regierung eines Landes hervorzubringen. Es soll das Recht durchsetzen, die Freiheit des Einzelnen wahren, und das Gemeinwohl fördern. Dazu halten viele Leute die Demokratie für sinnvoll, da mit ihrer Hilfe die Interessen aller Bürger, nicht nur die einzelner, Gehör finden können sollen. Um eine solche gute Regierung hinzubekommen, müssen allerdings diejenigen, die die konkreten Entscheidungen zu diesen Zwecken treffen, Ahnung von der Sache haben und – Achtung, jetzt kommt’s! – denken können. Und wer soll in einer Demokratie (also, theoretisch, dem Wortsinn nach) noch mal die zentralen politischen Entscheidungen treffen? Richtig, liebes Ministerium: das Volk. Genau das Volk, zu dem auch die Schüler_innen der angesprochenen Lehrer gehören (bzw., wenn man den politisch mündigen Anteil des Volkes meint: nach ihrer Volljährigkeit gehören werden).

Und, nur für den Fall, dass das eine neue Information für Sie ist, es gibt – wirklich! – auch andere Lebensbereiche als die Politik. Schüler_innen werden in ihrem Leben noch anderes zu tun haben, als ihre Begeisterung für die Demokratie zu demonstrieren. Sie könnten zum Beispiel einen Ölwechsel am Auto machen müssen. Oder die Verehrung eines kommunistischen Mörders und Diktatorenhelfers, dessen Tod sich zufälig zum fünfzigsten Mal jährt, demontieren müssen (https://www.nzz.ch/international/che-guevara-der-gescheiterte-messias-der-weltrevolution-ld.1320789 ). Oder mithilfe der Deutschen Bahn nach Hamburg gelangen. Oder den Gesamtpreis eines Einkaufs ausrechnen. Oder Simbabwe auf der Landkarte finden. Oder eine Software installieren, oder einem Unfallopfer Erste Hilfe leisten, oder einen Text von Kant verstehen, oder ein Krippenspiel organisieren, oder einen Apfelkuchen backen. Ich sage ja nicht, dass die Schule zwangsläufig das Kuchenbacken lehren muss; ich meine nur, dass sie noch was anderes lehren könnte als Begeisterung für das deutsche politische System; das hatte sich auch das Schulsystem der Deutschen Demokratischen Republik als Ziel gesetzt. Zum Beispiel könnte sie den Schülern Anhaltspunkte dazu geben, über die Fragen nachzudenken, die die großen „Dichter und Denker“ bewegten: Was ist der Mensch? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen? Sind Social-Media-Präsenzen von Bundesministerien für irgendwas gut?

Vielleicht wäre es letzten Endes sogar dem Staatswesen nicht völlig unnütz, wenn ein paar der Bürger sich solche Fragen schon gestellt hätten.

 

Ja, falsche Theologie richtet Schaden an: Gedanken zu William Cowper und zu einem neuen Buchprojekt

Wer schon länger auf meinem Blog mitliest, hat vielleicht mitbekommen, dass ich hobbymäßig Kurzgeschichten, aber auch Romane schreibe; mit einer Fantasy-Trilogie, in der es u. a. um Schuld und Erbarmen und deren späte Nachwirkungen geht, bin ich halb fertig und habe im Moment mehr Ideen für Vorgeschichten, als ich gerade bearbeiten kann. Dann arbeite ich noch an einer Art von pseudo-historischem Jugendbuch (bewusst pseudo-historisch, meine ich damit; ich habe u. a. ein langes Vorwort geschrieben, in dem ich dem Leser die Geschichte meines fiktiven europäischen Landes bis zur Gegenwart darlege), in dem ich Elemente verschiedener Märchen, u. a. „Rapunzel“ und „Dornröschen“, vermische. In den letzten Wochen habe ich angefangen, an einem neuen Roman zu arbeiten, mit dem es recht gut voran geht. Dieser Roman spielt in der Gegenwart im ländlichen Oklahoma; oberflächlich gesehen geht es einfach um das Entkommen aus einer Sekte, um das Aufdecken von Morden in dieser Sekte, ein bisschen Romantik in Maßen kommt auch noch dazu; ein gutes Rezept für einen normalen Jugendroman (meine beiden Protagonistinnen, Schwestern, sind 15 und 17 Jahre alt), glaube ich. Aber es geht auch noch um andere Dinge: Um Gott, um Verzweiflung und Angst vor der Hölle, um das Ausnutzen von Hoffnung auf den Himmel, um das Wesen der Erlösung, um den Wert von Gehorsam, und um das Wesen des Guten selbst.

Ich wollte schon lange etwas schreiben, in dem der Calvinismus Thema wäre, genau genommen die grausame calvinistische Erlösungslehre: Gott erwählt die einen und verwirft die anderen, und wir können nichts dazu zu tun, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen, ob durch Glauben oder Werke, Gott berücksichtigt das nicht; wir haben Seine Auswahl, die scheinbar keinen erkennbaren Kriterien folgt, zu akzeptieren. So etwas wie einen freien Willen haben wir auch nicht. Calvin war besorgt um Gottes Souveränität, und um die herauszustreichen, machte er Gott zum Tyrannen. Wir verdienen Gottes Gnade nicht, argumentierte er, also können wir uns auch nicht beschweren, wenn Er sie uns nicht gibt (und wenn Er sie dafür anderen gibt, ist das Seine Sache, das darf Er ja machen; wir verdienen sie trotzdem immer noch nicht). Schön, schön; Calvin, der Jurist, ist innerhalb seines Denkrahmens nicht direkt unlogisch, er beschreibt hier rechtliche Rahmenbedingungen, die es einem absoluten Herrscher freistellen, seine Gnaden auszuteilen oder auch nicht. Bloß ist sein Denkrahmen leider der falsche; er fragt nicht, bevor er darüber nachdenkt, wie Gott sich verhält, wer Gott eigentlich ist. Was er nicht beschreibt, ist die Liebe eines Vaters zu allen Seinen Kindern. Ich denke, es ist nicht allzu schwer, zu erkennen, wieso diese spezielle Ketzerei eben keine metaphysische Akademikerspekulation ist, damals erst recht nicht, aber heute auch nicht: Damit hat Calvin schon Leute, die ihm seine entsetzliche Lehre nicht abnahmen, in den Atheismus, aber auch Leute, die sie ihm abnahmen, in den Wahnsinn getrieben. (Ich halte den Atheismus ja für weniger schlimm als den Calvinismus. Ich halte so gut wie alles für weniger schlimm als den Calvinismus.)

Das bekannteste Beispiel dafür ist William Cowper, ein bekannter englischer Dichter der Frühromantik des 18. Jahrhunderts. Cowper litt schon früh an episodisch wiederkehrenden Depressionen und versuchte ein paar Mal, Selbstmord zu begehen, woraufhin er einige Zeit in einer Anstalt verbrachte; dann fand er Trost im Glauben und schloss sich der neu entstandenen evangelikalen Erweckungs-Bewegung und auch der (eng mit dieser verbundenen) Abolitionismus-Bewegung gegen die Sklaverei im Britischen Empire an. Er schrieb wunderschöne Gedichte (er hatte dabei auch Humor) und wunderschöne religiöse Hymnen. Aber seine psychischen Probleme waren nicht gelöst, und 1773 hatte er dann einen Traum, nach dem er glaubte, er gehörte zu denen, die Gott verdammt hätte. „Es ist aus mit dir, du bist verloren“, hatte er gehört, oder so etwas in der Art. Er hörte danach nicht auf, fest an Gott zu glauben, auch nicht, weiter die Ideen des calvinistischen Evangelikalismus zu verbreiten. Aber er betrat nie mehr eine Kirche und sprach nie mehr ein Gebet. Er akzeptierte, dass Gott ein guter, gnädiger Gott für andere war, dass er selbst aber verloren war, und er verzweifelte daran. Ein paar Mal schien er wieder ein klein wenig Hoffnung zu schöpfte, aber die meiste Zeit verbrachte er in Dunkelheit und Depression. Sein Traum muss ein extrem prägendes Erlebnis gewesen sein. Er schrieb Gedichte und übersetzte Homer, er erlitt mehrere weitere Zusammenbrüche und unternahm mehrere weitere erfolglose Selbstmordversuche. Im Jahr 1800 starb er in völliger Verzweiflung und erwartete dabei wohl dieselbe Hölle, die sein Leben oft gewesen war. Ich denke mal, wir können optimistisch sein, dass er etwas Besseres gefunden hat.

Schon während seines Lebens fühlte Cowper sich so verloren, dass er Gedichte wie das folgende schrieb, in dem er die gegenwärtige Hölle als beinahe schlimmer erscheinen lässt als die, die er erwartet:

 

Hatred and vengeance, my eternal portion,

Scarce can endure delay of execution,

Wait, with impatient readiness, to seize my

                           Soul in a moment.

 

Damned below Judas: more abhorred than he was,

Who for a few pence sold his holy master.

Twice betrayed, Jesus me, the last delinquent,

                           Deems the profanest.

 

Man disavows, and Deity disowns me:

Hell might afford my miseries a shelter;

Therefore hell keeps her ever-hungry mouths all

                           Bolted against me.

 

Hard lot! encompassed with a thousand dangers;

Weary, faint, trembling with a thousand terrors,

I’m called, if vanquished, to receive a sentence

                           Worse than Abiram’s.

 

Him the vindictive rod of angry justice

Sent quick and howling to the centre headlong;

I, fed with judgment, in a fleshly tomb, am

                           Buried above ground.

 

„Kaum kann [ich] den Aufschub der Hinrichtung erwarten […] erschöpft, ohnmächtig, zitternd vor tausend Schrecken […] über der Erde begraben.“ Das schreckliche Urteil soll endlich kommen.

Cowpers letztes Gedicht war „The Castaway“ – der Verworfene, der Weggeworfene -, welches mit folgender Strophe endet:

 

No voice divine the storm allay’d,

         No light propitious shone;

When, snatch’d from all effectual aid,

         We perish’d, each alone:

But I beneath a rougher sea,

And whelm’d in deeper gulfs than he.

 

In meinem Roman kommt eine Cowper in seiner Verzweiflung ähnliche Figur vor, die ältere der beiden Schwestern, bloß wird ihr ihre Verdammnis von der Sekte, zu der ihre Familie gehört, eingeredet, da der Sektenführer erkennen will, wer verworfen und wer erwählt ist. Sie lebt (anders als ihre Schwester, der, obwohl sie als erwählt gilt, Zweifel an der Sekte kommen) in derselben sturen, hoffnungslosen Treue wie Cowper zu einem Gott, der ihr nichts bringt und den sie nur fürchten kann. Für sie wird die ganze Sache dann ziemlich kompliziert, als die Sektenführer im Lauf des Buches anfangen, davon zu reden, dass ein besonderer Einsatz für die Sekte (z. B. durch einen Meineid vor Gericht zu ihren Gunsten) vielleicht doch auch wieder ein Zeichen der Erwählung sein könnte… (Womit wir theologisch bei einer verdrehten Werkgerechtigkeit par excellence wären.) Es gibt schließlich ein gutes Ende für sie.

Ich meine, ja, es gibt schon gewisse Unterschiede zwischen dem allgemein hoffnungsvollen Glauben, den im 18. Jahrhundert z. B. ein bekehrter Sklavenhändler wie John Newton (Cowpers Pastor, der sich immer bemühte, ihm zu helfen, und der übrigens auch der Autor von „Amazing Grace“ ist) bei Erweckungsgottesdiensten in englischen Kleinstädten verkündete, und dem Glauben meiner Sekte, den ich mir aus den schlimmsten Randerscheinungen des US-amerikanisch-protestantischen Spektrums zusammengeklaubt habe. (Da findet sich Entsetzliches, nicht nur in Bezug auf die Rechtfertigungslehre. Man google bloß mal „Christian Patriarchy“. Darüber muss ich auch mal was schreiben.) Aber beiden gemein ist die calvinistische Lehre: Wenn Gott mich verdammt hat, lässt sich nichts mehr daran ändern. Egal, was ich tue, es ist gleichgültig. Und dieser Glaube schadet. Ja, Cowper hatte schon vorher psychische Probleme; aber durch eine solche Lehre konnten sie doch nur schlimmer werden. Die völlige Verzweiflung, in die er verfiel, wäre bei einem Glauben an einen gnädigen und gerechten Gott, der allen seinen Geschöpfen seine Gnade anbietet, wie wir Katholiken glauben, schon rein logisch gar nicht möglich gewesen. Cowper glaubte an einen willkürlichen Gott, dessen Entscheidungen niemand verstehen und niemand in Frage stellen kann; also konnte er logischerweise auch an seine eigene unabänderliche Verdammnis glauben. (Ja, die Calvinisten bezeichnen ihren Gott auch als gerecht und gnädig. Ich weiß. Aber: Worte haben eine gewisse Bedeutung und ich weigere mich, sie willkürlich mit einer anderen, undefinierten zu füllen.)

Ideas have consequences. Cowper tut mir so leid, und ich bewundere sein Leben, wenn ich ehrlich sein soll. Aber er hätte vielleicht nicht so schlimm leiden müssen, wie er litt, wenn Calvin nicht gewesen wäre.

Nach den ganzen entsetzlichen Gedichten möchte ich mit einem hoffnungsvollen Zitat enden: Kanon 17 aus dem „Dekret über die Rechtfertigung“ des Konzils von Trient, also eine unfehlbare kirchliche Verurteilung einer Lehre:

„Wer sagt, die Gnade der Rechtfertigung werde nur den zum Leben Vorherbestimmten zuteil, alle übrigen aber, die gerufen werden, würden zwar gerufen, aber nicht die Gnade empfangen, da sie ja durch die göttliche Macht zum Bösen vorherbestimmt seien: der sei mit dem Anathema belegt.“

Wieso glauben die Leute immer, Ketzerei würde ohne Grund verurteilt werden?

Ich hab noch mal nachgedacht…

In diesem Beitrag hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/09/26/lasst-es-bleiben/ ) habe ich die Meinung geäußert, es wäre klüger gewesen, anstatt mit der correctio filialis noch einen weiteren Einspruch gegen durch Amoris Laetitia begünstigte Irrlehren zu erheben, einfach zu schweigen, den Streit nicht weiter anzufachen, und auf Klarheit unter dem nächsten Papst zu warten, da Franziskus keine geben wird. Ehrlich gesagt sind mir inzwischen Zweifel an dieser Meinung gekommen.

Das Problem ist einfach, dass sich ja nicht alle Wiederverheiratet-Geschiedenen bis zum nächsten Konklave in Luft auflösen, und auch die neuen Scheidungen und Wiederverheiratungen werden nicht ausbleiben. Damit müssen die Seelsorger jetzt umgehen. Bringt es dann wirklich was, das Problem in der Öffentlichkeit totzuschweigen und als Seelsorger einfach zu versuchen, es im eigenen Wirkungskreis weiter mit der alten Praxis zu halten? Es wurden ja unter einzelnen Bischöfen schon Seelsorger wegen einer solchen Einstellung gemaßregelt oder entlassen, und manche Bischofskonferenzen haben offizielle Richtlinien erlassen, die der Interpretation von AL folgen, dass nicht enthaltsam lebende Wiederverheiratet-Geschiedene nicht unbedingt von der Kommunion wegbleiben müssten. In der Öffentlichkeit ist schon längst der Eindruck da, dass sich die Kirche hier geändert hat, dass Franziskus endlich für die überfällige, den armen unterdrückten Katholiken so lange verwehrte Barmherzigkeit gesorgt hat. Bald wird er schon auch noch den Zölibat abschaffen, Frauen weihen, und alle Protestanten zur gemeinsamen Kommunion einladen. Sicher, wenn man immer wieder Klarheit vom Papst fordert, und immer wieder kommt nur Schweigen, dann wird die Öffentlichkeit noch eher meinen, dass der Papst eindeutig die alte Praxis unter seinen Vorgängern ablehnt. Und die ganzen Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Fraktionen in der Kirche werden durch immer neue Proteste auch nicht unbedingt besser.

Aber wäre es besser, gar nichts zu tun? Eine falsche Praxis ohne Widerspruch einschleichen zu lassen, in der Hoffnung, dass sich schon irgendwann wieder alles richten wird, unterm nächsten Papst? Ich bin mir nicht mehr sicher. Vielleicht sollte man das Thema nicht einfach auf sich beruhen lassen. Immerhin hat Kardinal Müller jetzt, nach der correctio, schon vorgeschlagen, eine Disputation über dieses Thema abhalten zu lassen, auch wenn noch in den Sternen steht, ob jemals etwas daraus werden wird (Papst Franziskus ist ja nicht unbedingt bekannt dafür, mit Kardinal Müller einer Meinung zu sein und auf seine Ratschläge zu hören). Auch Kardinal Burke ist wieder im Vatikan, vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass der Papst seine stellenweise rabiate Personalpolitik lockern und seine konservativeren Kritiker eher wieder anhören wird. Ob die inzwischen sechs Initiativen von Theologen und Kardinälen, um Klarheit über AL zu fordern, damit etwas zu tun haben? Keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht auch überhaupt nicht.

Wir, die Schafe in der Kirche, haben jedenfalls an sich das Recht, von unseren Hirten zu erwarten, dass sie uns richtig führen. Dass sie unsere Anliegen achten, dass sie auf unsere Gewissensfragen eingehen, dass sie, anstatt jeden, der wissen will, was jetzt moralisch verpflichtend ist und was nicht, mit „Du Pharisäer!“ abzufertigen, auf solche Fragen klare Antworten geben. Wir haben ein Recht darauf, dass sie das, was Christus ihnen anvertraut hat, den Glauben in seiner ganzen Fülle (denn auseinandergerissen und stückhaft macht er keinen Sinn), bewahren. Wir haben nicht nur Pflichten ihnen gegenüber, wir haben auch Rechte. Dem Papst gehorsam zu sein, das heißt nicht, dass es Majestätsbeleidigung ist, ihn in irgendeiner Weise zu kritisieren. Eine solche Einstellung sollte man wahrscheinlich genausowenig einreißen lassen wie eine falsche Einstellung zur Bedeutung der ehelichen Treue. Vielleicht ist es allein deswegen schon besser, die Diskussionen innerhalb der Kirche, so sinnlos oder unangenehm sie manchmal werden, nicht einfach abbrechen zu wollen.

Oder was meint ihr? Was wäre das Klügere hier?

Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein;

sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen;

er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.

Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen,

damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu

und jeder Mund bekennt: ‚Jesus Christus ist der Herr.’ – zur Ehre Gottes, des Vaters.“

(Philipper 2,5-11)

Über schwierige Bibelstellen, Teil 15: Sklaverei (und Kindererziehung und ungerechte Regierungen) in der Bibel

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

Die Sklaverei ist interessanterweise ein Thema, bei dem das AT beinahe schneller abgehandelt ist als das NT. Im AT taucht die Sklaverei vor allem als etwas auf, das eben einfach existiert; außerdem gibt es Stellen in der Tora, die gesetzliche Rahmenbedingungen für sie innerhalb Israels schaffen. Viele Personen im AT besaßen Sklaven oder waren selbst Sklaven (Joseph, Hagar, Aaron, Miriam…). Eindeutige Verurteilungen der Sklaverei findet man nirgends, auch wenn die Befreiung Israels aus „Ägypten, dem Sklavenhaus“, ganz zentral für die Geschichte dieses Volkes ist. Es gibt Gesetze, die die Sklaverei einschränken und regulieren, z. B. die folgenden, wobei manche davon nur für israelitische Sklaven gelten:

  • „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre Sklave bleiben, im siebten Jahr soll er ohne Entgelt als freier Mann entlassen werden. Ist er allein gekommen, soll er allein gehen. War er verheiratet, soll seine Frau mitgehen. Hat ihm sein Herr eine Frau gegeben und hat sie ihm Söhne oder Töchter geboren, dann gehören Frau und Kinder ihrem Herrn und er muss allein gehen. Erklärt aber der Sklave: Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder und will nicht als freier Mann fortgehen, dann soll ihn sein Herr vor Gott bringen, er soll ihn an die Tür oder an den Torpfosten bringen und ihm das Ohr mit einem Pfriem durchbohren; dann bleibt er für immer sein Sklave.“ (Exodus 21,2-6) Ähnlich, aber etwas großzügiger gegenüber dem Sklaven: Wenn ein Bruder bei dir verarmt und sich dir verkauft, darfst du ihm keine Sklavenarbeit auferlegen; er soll dir wie ein Lohnarbeiter oder ein Halbbürger gelten und bei dir bis zum Jubeljahr arbeiten. Dann soll er von dir frei weggehen, er und seine Kinder, und soll zu seiner Sippe, zum Eigentum seiner Väter zurückkehren. Denn sie sind meine Knechte; ich habe sie aus Ägypten herausgeführt; sie sollen nicht verkauft werden, wie ein Sklave verkauft wird. Du sollst nicht mit Gewalt über ihn herrschen. Fürchte deinen Gott!“ (Levitikus 25,39-43)
  • Wenn einer seine Tochter als Sklavin verkauft hat, soll sie nicht wie andere Sklaven entlassen werden. Hat ihr Herr sie für sich selbst bestimmt, mag er sie aber nicht mehr, dann soll er sie zurückkaufen lassen. Er hat nicht das Recht, sie an Fremde zu verkaufen, da er seine Zusage nicht eingehalten hat. Hat er sie für seinen Sohn bestimmt, verfahre er mit ihr nach dem Recht, das für Töchter gilt. Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen. Wenn er ihr diese drei Dinge nicht gewährt, darf sie unentgeltlich, ohne Bezahlung, gehen.“ (Exodus 21,7-11)
  • Die Sklaven und Sklavinnen, die euch gehören sollen, kauft von den Völkern, die rings um euch wohnen; von ihnen könnt ihr Sklaven und Sklavinnen erwerben. Auch von den Kindern der Halbbürger, die bei euch leben, aus ihren Sippen, die mit euch leben, von den Kindern, die sie in eurem Land gezeugt haben, könnt ihr Sklaven erwerben. Sie sollen euer Eigentum sein und ihr dürft sie euren Söhnen vererben, damit diese sie als dauerndes Eigentum besitzen; ihr sollt sie als Sklaven haben. Aber was eure Brüder, die Israeliten, angeht, so soll keiner über den andern mit Gewalt herrschen.“ (Levitikus 25,44-46)
  • Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss der Sklave gerächt werden. Wenn er noch einen oder zwei Tage am Leben bleibt, dann soll den Täter keine Rache treffen; es geht ja um sein eigenes Geld.“ (Exodus 21,20f.) [Hier wird davon ausgegangen, dass ein Schlag, durch den jemand nicht gleich, sondern erst nach einer gewissen Zeit stirbt, nicht als tödlicher Schlag intendiert war, weshalb die Strafe/Blutrache wegfällt.]
  • Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.“ (Exodus 21,26f.)
  • Es gibt noch ein paar weitere Stellen, die z. B. das Loskaufrecht für Sklaven betreffen (etwa Levitikus 25,47-55).

Diese Stellen lassen sich sehr einfach mit Regel Nummer 17 erklären: Nur weil etwas in einem in der Bibel enthaltenen Gesetz reguliert wird, heißt das nicht, dass Gott es gutheißt. Viele Gesetze in den fünf Büchern Mose schränken ein Übel nur ein, anstatt es ganz abzuschaffen. (Vgl. Teil 12: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/01/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-12-das-gesetz-des-mose/ )

Für die Stellen, in denen Sklaverei einfach als Teil einer Geschichte auftaucht, gilt natürlich die altbekannte Regel Nummer 12: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Bei „Harry Potter“ taucht auch Sklaverei auf (die Hauselfen); gutgeheißen wird sie dadurch noch lange nicht.

Dann gibt es im AT noch ein paar Stellen im Buch der Sprüche und bei Jesus Sirach, die sich nicht in diese beiden Kategorien einordnen lassen und die zum Teil gut klingen und zum Teil weniger gut:

  • „Misshandle einen Sklaven nicht, der dir treu dient, auch nicht einen Tagelöhner, der sich willig einsetzt.Einen klugen Sklaven liebe wie dich selbst, verweigere ihm die Freilassung nicht!“ (Jesus Sirach 7,20f.) (Gut.)
  • „Ein kluger Knecht wird Herr über einen missratenen Sohn und mit den Brüdern teilt er das Erbe.“ (Sprüche 17,2) (Schön.)
  • „Einem verständigen Sklaven müssen Freie dienen, doch ein kluger Mann braucht nicht zu klagen.“ (Jesus Sirach 10,25) (Okay.)
  • „Durch Worte wird kein Sklave gebessert, er versteht sie wohl, aber kehrt sich nicht daran.“ (Sprüche 29,19) (Hm.)
  • „Ein Sklave, verwöhnt von Jugend an, wird am Ende widerspenstig.“ (Sprüche 29,21) (Also…)
  • „Unter dreien erzittert das Land, unter vieren wird es ihm unerträglich:unter einem Sklaven, wenn er König wird, und einem Toren, wenn er Brot im Überfluss hat, unter einer Verschmähten, wenn sie geheiratet wird, und einer Sklavin, wenn sie ihre Herrin verdrängt.“ (Sprüche 30,21-23) (Na ja…)
  • „Aber nimm keine falsche Rücksicht und schäme dich nicht folgender Dinge:des Gesetzes des Höchsten und seiner Satzung, des gerechten Urteils, das nicht den Schuldigen freispricht, der Abrechnung mit dem Geschäftsfreund und dem Kaufmann, der Verteilung von Erbe und Besitz, der Säuberung von Waagschalen und Waage, der Reinigung von Maß und Gewicht, des Einkaufs, ob viel oder wenig, des Handelns um den Kaufpreis mit dem Krämer, der häufigen Züchtigung der Kinder und der Schläge für einen schlechten und trägen Sklaven.“ (Jesus Sirach 42,1-5) (Ähm…)
  • „Futter, Stock und Last für den Esel, Brot, Schläge und Arbeit für den Sklaven! Gib deinem Sklaven Arbeit, sonst sucht er das Nichtstun. Trägt er den Kopf hoch, wird er dir untreu. Joch und Strick beugen den Nacken, dem schlechten Sklaven gehören Block und Folter. Gib deinem Sklaven Arbeit, damit er sich nicht auflehnt; denn einem Müßigen fällt viel Schlechtigkeit ein. Befiehl ihn zur Arbeit, wie es ihm gebührt; gehorcht er nicht, leg ihn in schwere Ketten! Aber gegen keinen sei maßlos und tu nichts ohne gutes Recht! Hast du nur einen einzigen Sklaven, halt ihn wie dich selbst; denn wie dich selbst hast du ihn nötig. Hast du nur einen einzigen Sklaven, betrachte ihn als Bruder, wüte nicht gegen dein eigenes Blut! Behandelst du ihn schlecht und er läuft weg und ist verschwunden, wie willst du ihn wieder finden?“ (Jesus Sirach 33,20-33) (Jetzt warte mal…)

Die Stellen oben aus dem Buch der Sprüche sind weder allzu bedeutsam noch allzu schwer zu verstehen; dieses Buch gibt einige resignierte, verallgemeinernde Alltagsweisheiten wider, wie z. B. auch „Wie das Knurren des Löwen ist der Grimm des Königs; wer ihn erzürnt, verwirkt sein Leben“ (Sprüche 20,2), „Der Reiche hat die Armen in seiner Gewalt, der Schuldner ist seines Gläubigers Knecht“ (Sprüche 22,7), „Mach dich rar im Haus deines Nächsten, sonst wird er dich satt und verabscheut dich“ (Sprüche 25,17), „Zu viel Honig essen ist nicht gut: Ebenso spare mit ehrenden Worten!“ Sprüche 25,27) oder „Achtet ein Herrscher auf Lügen, werden alle seine Beamten zu Schurken“ (Sprüche 29,12). (Außerdem enthält es in endlosen, Wiederholungen die unglaublich originelle Aussage, dass die Frevler und die Toren schlecht sind und dem Gericht entgegen gehen, und die Gerechten gut sind und vor Gott bestehen werden.) Zu diesen verallgemeinernden Alltagsweisheiten gehört z. B. auch die, dass jemand, der vom Status eines Sklaven (oder einem anderen niedrigen Status) zum Status eines Königs aufgestiegen ist (30,21-23), ein unerträglicher Herrscher sein kann – psychologisch gesehen ist es nachvollziehbar, dass man von so jemandem erwarten würde, dass er es vielleicht jetzt erst recht genießen würde, sich zu nehmen, was er sich endlich nehmen kann, und alle, die vorher über ihm standen, geringschätzig oder rachsüchtig behandeln würde. Der Autor dieser Sprichwörter hält wahrscheinlich genauso wenig alle Sklaven für unbelehrbar (29,19), wie er alle Könige (20,2) für jähzornige Tyrannen hält, die alle umbringen lassen, die sie „erzürnen“.

Die beiden unteren Sirach-Stellen stoßen einen dagegen schon mehr ab. Ja, diese Stellen fordern nebenbei auch Mäßigung und Gerechtigkeit („gegen keinen sei maßlos und tu nichts ohne gutes Recht“), aber vor allem die Stelle aus Kapitel 33 argumentiert schlicht nach einer eigennützigen Sklavenhalterlogik: Lass deinen Sklaven arbeiten, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt und dir wegläuft; wenn er faul und schlecht ist, schlag ihn; aber wenn du nur einen einzigen Sklaven hast, behandle ihn lieber gut, denn dann stehst du ja blöd da, wenn er dir wegläuft. Tatsächlich klingen die Weisheitsbücher nicht nur an dieser Stelle irgendwie, na ja, eigennützig und weltweise. Hier einige andere Beispiele zu anderen Themen:

  • Der Kontext der Stelle über die Behandlung von Sklaven aus Sirach 33 ist dieser hier: „Sohn und Frau, Bruder und Freund, lass sie nicht herrschen über dich, solange du lebst. Solange noch Leben und Atem in dir sind, mach dich von niemand abhängig! Übergib keinem dein Vermögen, sonst musst du ihn wieder darum bitten. Besser ist es, dass deine Söhne dich bitten müssen, als dass du auf die Hände deiner Söhne schauen musst. In allen deinen Taten behaupte dich als Herr und beschmutze deine Ehre nicht! Wenn deine Lebenstage gezählt sind, an deinem Todestag, verteil das Erbe!“ (Jesus Sirach 33,20-24) Man soll also nicht nur schauen, dass der Sklave seinen Platz im Haushalt kennt, sondern auch Frau und Kinder; Abhängigkeit von anderen ist das Schlimmste.
  • „Mein Sohn, wache streng über deine Tochter, damit sie dich nicht in schlechten Ruf bringt, kein Stadtgespräch und keinen Volksauflauf erregt, dich nicht beschämt in der Versammlung am Stadttor. Wo sie sich aufhält, sei kein Fenster, kein Ausblick auf die Wege ringsum. Keinem Mann zeige sie ihre Schönheit und unter Frauen halte sie sich nicht auf. Denn aus dem Kleid kommt die Motte, aus der einen Frau die Schlechtigkeit der andern. Besser ein unfreundlicher Mann als eine freundliche Frau und (besser) eine gewissenhafte Tochter als jede Art von Schmach.“ (Jesus Sirach 42,11-14Bewache deine Tochter – nicht um ihretwillen, sondern damit du vor den Nachbarn nicht schlecht dastehst.
  • „Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, damit er später Freude erleben kann. Wer seinen Sohn in Zucht hält, wird Freude an ihm haben und kann sich bei Bekannten seiner rühmen. Wer seinen Sohn unterweist, erweckt den Neid des Feindes, bei seinen Freunden kann er auf ihn stolz sein. Stirbt der Vater, so ist es, als wäre er nicht tot; denn er hat sein Abbild hinterlassen. Solange er lebt, sieht er ihn und freut sich, wenn er stirbt, ist er nicht betrübt: Er hat seinen Feinden einen Rächer hinterlassen und seinen Freunden einen, der ihnen dankbar ist. Wer den Sohn verzärtelt, muss ihm einst die Wunden verbinden; dann zittert bei jedem Aufschrei sein Herz. Ein ungebändigtes Pferd wird störrisch, ein zügelloser Sohn wird unberechenbar. Verzärtle den Sohn und er wird dich enttäuschen; scherze mit ihm und er wird dich betrüben. Lach nicht mit ihm, sonst bekommst du Kummer und beißt dir am Ende die Zähne aus. Lass ihn nicht den Herrn spielen in der Jugend; lass dir seine Bosheiten nicht gefallen! Beug ihm den Kopf in Kindestagen; schlag ihn aufs Gesäß, solange er noch klein ist, sonst wird er störrisch und widerspenstig gegen dich und du hast Kummer mit ihm. Halte deinen Sohn in Zucht und mach ihm das Joch schwer, sonst überhebt er sich gegen dich in seiner Torheit.“ (Jesus Sirach 30,1-13)
  • „Eine eifersüchtige Frau bringt Kummer und Betrübnis, die Geißel der Zunge ist allen (vieren) gemeinsam. Ein scheuerndes Ochsenjoch ist eine böse Frau; wer sie nimmt, fasst einen Skorpion an. Großer Verdruss ist eine trunksüchtige Frau; sie kann ihre Schande nicht verbergen. Die lüsterne Frau verrät sich durch ihren Augenaufschlag, an ihren Wimpern wird sie erkannt. Gegen eine Schamlose verstärke die Wache, damit sie keine Gelegenheit findet und ausnützt. Auf eine Frau mit frechem Blick gib Acht; sei nicht überrascht, wenn sie dir untreu wird. Wie ein durstiger Wanderer den Mund auftut und vom ersten besten Wasser trinkt, so lässt sie sich vor jedem Pfahl nieder und öffnet den Köcher vor dem Pfeil.“ (Jesus Sirach 26,6-12)
  • „Besser das Leben eines Armen unter schützendem Dach als köstliche Leckerbissen in der Fremde. Ob wenig oder viel, sei zufrieden, dann hörst du keinen Vorwurf in der Fremde. Schlimm ist ein Leben von einem Haus zum andern; wo du fremd bist, darfst du den Mund nicht auftun. Ohne Dank reichst du Trank und Speise und musst noch bittere Worte hören: Komm, Fremder, deck den Tisch, und wenn du etwas hast, gib mir zu essen! Fort, Fremder, ich habe eine Ehrenpflicht: Ein Bruder kam zu Gast, ich brauche das Haus. Für einen Mann mit Bildung ist es hart, geschmäht zu werden, wenn man in der Fremde lebt, oder beschimpft zu werden, wenn man einem geborgt hat.“ (Jesus Sirach 29,22-28)
  • „Streite nicht mit einem Mächtigen, damit du ihm nicht in die Hände fällst. Kämpf nicht gegen einen Reichen an, sonst wirft er zu deinem Verderben sein Geld ins Gewicht. Schon viele hat das Geld übermütig gemacht, die Herzen der Großen hat es verführt. Zank nicht mit einem Schwätzer und leg nicht noch Holz auf das Feuer! Pflege keinen Umgang mit einem Toren; er wird die Weisen doch nur verachten. […] Borge keinem, der mächtiger ist als du. Hast du geborgt, so hast du verloren. Bürge für keinen, der höher steht als du. Hast du gebürgt, so musst du zahlen. Rechte nicht mit einem Richter; denn er spricht Recht, wie es ihm beliebt.“ (Jesus Sirach 8,1-4.12-14)
  • „Rühme dich nicht vor dem König und stell dich nicht an den Platz der Großen; denn besser, man sagt zu dir: Rück hier herauf, als dass man dich nach unten setzt wegen eines Vornehmen.“ (Sprüche 25,6f.)
  • „Rede nicht vor den Ohren eines Törichten, denn er missachtet deine klugen Worte.“ (Sprüche 23,9)

Die Aussage scheint hier zu sein: Schau, dass du unabhängig und der Herr in deinem Haus bleibst, aber leg dich auch nicht mit Leuten an, die mächtiger sind als du, mach dir keinen unnötigen Ärger – schau einfach, dass es dir selber gut geht.

Zum Teil hängt das wohl mit der typischen Herangehensweise der Bücher Sprüche und Sirach zusammen. An manchen Stellen sind sie tatsächlich eher Selbsthilfebücher als gestrenge Moralpredigten. Die Autoren dieser beiden Texte betonen ständig, dass sie dir nur dazu raten, was dir selber nützen wird: Sei fleißig, denn Faulheit führt am Ende zu Armut. Steh treu zu deinem Freund, dann wird er auch zu dir stehen. Halte dich nicht selbst für besonders weise, dann stehst du am Ende nicht dumm da. Fang keine Affäre mit einer verheirateten Frau an, denn sonst hast du die Rache ihres Mannes zu befürchten – ach ja, und außerdem noch Gottes Gericht. Bleib lieber bei deiner eigenen Frau und zeuge ein paar legitime Erben, das ist das Beste für dich. Betrink dich nicht maßlos, das bringt dir auch bloß Armut. Achte deine Eltern. Sei weise. Sei gerecht. Borge den Armen. Beuge nicht das Recht der Witwen und Waisen. „Denn ihr Anwalt ist mächtig, er wird ihre Sache gegen dich führen.“ (Sprüche 23,11) Die Aussage dieser Bücher ist ganz einfach: „Wohl dem Menschen, der stets Gott fürchtet; wer aber sein Herz verhärtet, fällt ins Unglück.“ (Sprüche 28,14) Das ist, ehrlich gesagt, eine gar nicht mal so dumme Motivationstaktik, wenn man die Leute dazu bringen will, das Richtige zu tun.

Und noch etwas ist typisch für Sprüche und Jesus Sirach: Ihre Einstellung gegenüber „Zucht“ und „Ermahnung“ zur Besserung (eine Einstellung, die in ihren Grundzügen übrigens auch im NT überdauert):

  • „Treu gemeint sind die Schläge eines Freundes, doch trügerisch die Küsse eines Feindes.“ (Sprüche 27,6)
  • „Öffne dein Herz für die Zucht, dein Ohr für verständige Reden! Erspar dem Knaben die Züchtigung nicht; wenn du ihn schlägst mit dem Stock, wird er nicht sterben. Du schlägst ihn mit dem Stock, bewahrst aber sein Leben vor der Unterwelt. Mein Sohn, wenn dein Herz weise ist, so freut sich auch mein eigenes Herz. Mein Inneres ist voll Jubel, wenn deine Lippen reden, was recht ist.“ (Sprüche 23,12-16)
  • „Ein weiser Sohn ist die Frucht der Erziehung des Vaters, der zuchtlose aber hört nicht auf Mahnung.“ (Sprüche 13,1)
  • „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“ (Sprüche 13,24)
  • „Wer Zucht liebt, liebt Erkenntnis, wer Zurechtweisung hasst, ist dumm.“ (Sprüche 12,1)
  • „Wer Ermahnung hasst, folgt der Spur des Sünders; wer den Herrn fürchtet, nimmt sie sich zu Herzen.“ (Jesus Sirach 21,6)
  • „Wie Musik zur Trauer ist eine Rede zur falschen Zeit, Schläge und Zucht aber zeugen stets von Weisheit.“ (Jesus Sirach 22,6)

Wenn diese Bücher also z. B. strenge Kindererziehung empfehlen, dann nicht nur, damit die Kinder den Eltern Ehre machen (das ist eher ein motivierender Nebeneffekt), sondern um der Kinder selber willen. Zwar wird zwischendurch auch mal zur Vorsicht bei Ermahnung und Zucht geraten – „Manche Ermahnung geschieht zur Unzeit; mancher schweigt und der ist weise. Keinen Dank erntet, wer den Zornigen zurechtweist; wer Lob erteilt, bleibt vor Schimpf bewahrt. Wie ein Entmannter, der bei einem Mädchen liegt, ist einer, der mit Gewalt das Recht durchsetzen will. Mancher schweigt und gilt als weise, mancher wird trotz vielen Redens verachtet. Mancher schweigt, weil er keine Antwort weiß, mancher schweigt, weil er die rechte Zeit beachtet.“ (Jesus Sirach 20,1-6) –, aber generell wird beides als gut, und zwar für einen selber und für andere, gesehen.

Okay, aber kommen wir mal wieder zu der Stelle mit den Schlägen und den Ketten für den Sklaven zurück. Darum geht es hier ja eigentlich; und das ist auch nicht einfach so mit strenger Kindererziehung oder der gegenseitigen gut gemeinten Ermahnung von Freunden gleichzusetzen. Hier geht es darum, dass der Sklave seine Arbeit für dich erledigen soll, nicht darum, dass er zu einem guten Menschen gemacht werden soll. Da würde ich jetzt einfach mal wieder meine Standard-Lösung aus der Tasche ziehen: Das ist Altes Testament.

Die Autoren dieser Texte geben Ratschläge dafür, wie man klug, weise und gottesfürchtig leben und auch noch im Alltag gut auskommen soll; und zwar aus ihrer, an manchen Stellen noch begrenzten und entwicklungsbedürftigen Sicht. Mach dich nicht von anderen abhängig; halte Ordnung in deinem Haushalt; verwöhne deine Kinder nicht; sei gerecht. Das sind ihre Prinzipien an solchen Stellen, und dann kommen da eben konkrete Ratschläge heraus, die empfehlen, den Sohn und den Sklaven zu schlagen, bzw. den Sklaven ggf. auch in Ketten zu legen und so weiter, oder die Tochter mehr oder weniger einzusperren. Die Autoren dieser Stellen sahen die Sklaverei nicht als etwas grundsätzlich Schlechtes, sondern als einen normalen Bestandteil des Lebens, und mahnten dann so ein bisschen grundlegende Gerechtigkeit (im eigenen Interesse) an, um die allgemein übliche Strenge abzumildern, die sie nicht ganz ablehnten.

Mit Regel Nummer 13 ausgedrückt: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch mit Rauschen überlagert.

Okay, aber ich hatte ja noch eine genauere Regel zu dieser AT-Sache, nämlich die Nummer 16: Das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist. Und… was sagt also das Neue Testament jetzt zu dem Thema Sklaverei?

Na ja, es gibt folgende Stellen – allesamt aus den Briefen des NT, da das Thema Sklaverei in den Evangelien schlicht nicht angesprochen wird; die Sklaverei kommt dort vor als eine Sache, die eben existiert, und die für Vergleiche in Gleichnissen herangezogen werden kann, aber mehr nicht.

  • Da ist einerseits diese schöne Stelle: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)
  • Dann ist da der Brief an Philemon, einen reichen Christen, dem sein Sklave Onesimus weggelaufen ist, welchen Paulus dann im Gefängnis getroffen, ebenfalls zum Christentum bekehrt und schließlich mit folgendem Schutzbrief zu seinem Herrn zurückgeschickt hat: „Paulus, Gefangener Christi Jesu, und der Bruder Timotheus an unseren geliebten Mitarbeiter Philemon, an die Schwester Aphia, an Archippus, unseren Mitstreiter, und an die Gemeinde in deinem Haus: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich in meinen Gebeten an dich denke. Denn ich höre von deinem Glauben an Jesus, den Herrn, und von deiner Liebe zu allen Heiligen. Ich wünsche, dass unser gemeinsamer Glaube in dir wirkt und du all das Gute in uns erkennst, das auf Christus gerichtet ist. Es hat mir viel Freude und Trost bereitet, dass durch dich, Bruder, und durch deine Liebe die Heiligen ermutigt worden sind. Obwohl ich durch Christus volle Freiheit habe, dir zu befehlen, was du tun sollst, ziehe ich es um der Liebe willen vor, dich zu bitten. Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. Früher konntest du ihn zu nichts gebrauchen, doch jetzt ist er dir und mir recht nützlich. Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz. Ich würde ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient, solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin. Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein. Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst! Wenn er dich aber geschädigt hat oder dir etwas schuldet, setz das auf meine Rechnung! Ich, Paulus, schreibe mit eigener Hand: Ich werde es bezahlen – um nicht davon zu reden, dass du dich selbst mir schuldest. Ja, Bruder, um des Herrn willen möchte ich von dir einen Nutzen haben. Erfreue mein Herz; wir gehören beide zu Christus. Ich schreibe dir im Vertrauen auf deinen Gehorsam und weiß, dass du noch mehr tun wirst, als ich gesagt habe. Bereite zugleich eine Unterkunft für mich vor! Denn ich hoffe, dass ich euch durch eure Gebete wiedergeschenkt werde. Es grüßen dich Epaphras, der mit mir um Christi Jesu willen im Gefängnis ist, sowie Markus, Aristarch, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter. Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, sei mit eurem Geist!“
  • Dann gibt es auch diese Stelle: Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person. (Epheser 6,5-9)
  • Und auch hier wieder: Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren in allem! Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern fürchtet den Herrn mit aufrichtigem Herzen! Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht für Menschen; ihr wisst, dass ihr vom Herrn euer Erbe als Lohn empfangen werdet. Dient Christus, dem Herrn! Wer Unrecht tut, wird dafür seine Strafe erhalten, ohne Ansehen der Person. Ihr Herren, gebt den Sklaven, was recht und billig ist; ihr wisst, dass auch ihr im Himmel einen Herrn habt. (Kolosser 3,22-25.4,1)
  • Und noch mal: „Alle, die das Joch der Sklaverei zu tragen haben, sollen ihren Herren alle Ehre erweisen, damit der Name Gottes und die Lehre nicht in Verruf kommen. Wer aber einen gläubigen Herrn hat, achte ihn nicht deshalb für geringer, weil er sein Bruder ist, sondern diene ihm noch eifriger; denn sein Herr ist gläubig und von Gott geliebt und bemüht sich, Gutes zu tun. So sollst du lehren, dazu sollst du ermahnen.“ (1 Timotheus 6,1-2)
  • Und noch mal: „Die Sklaven sollen ihren Herren gehorchen, ihnen in allem gefällig sein, nicht widersprechen, nichts veruntreuen; sie sollen zuverlässig und treu sein, damit sie in allem der Lehre Gottes, unseres Retters, Ehre machen.“ (Titus 2,9f.)
  • Mit ausführlicherer Begründung: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften. Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet? Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war kein trügerisches Wort. Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen.“ (1 Petrus 2,18-25)
  • Und dann noch die – auf den ersten Blick – schwierigste Stelle: „Im Übrigen soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gottes Ruf ihn getroffen hat. Das ist meine Weisung für alle Gemeinden. Wenn einer als Beschnittener berufen wurde, soll er beschnitten bleiben. Wenn einer als Unbeschnittener berufen wurde, soll er sich nicht beschneiden lassen. Es kommt nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, die Gebote Gottes zu halten. Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter. Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi. Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen! Brüder, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“ (1 Korinther 7,17-24)

Zu der letzten Stelle zuerst. Der entscheidende Satz hier, Vers 21 („Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter.“), ist nämlich nicht unbedingt auf diese Weise zu übersetzen, wie die Einheitsübersetzung wenigstens in einer Fußnote kenntlich macht.

Der zweite Teil des Satzes heißt im griechischen Original (in lateinische Buchstaben übertragen): „all’ (aber/sondern) ei (wenn) kai (und/auch) dynasai (du kannst) eleutheros (frei) genesthai (werden), mallon (lieber) chresai (nütze).“ „Und wenn du aber frei werden kannst, nütze es lieber“, oder, besser klingend, „Und wenn du aber frei werden kannst, ergreif lieber die Gelegenheit“ ist dafür meiner Ansicht nach die stimmigste Übersetzung – also das genaue Gegenteil der Übersetzung in der Einheitsübersetzung. Der vordere Teil ist klar; wie „mallon chresai“ zu übersetzen ist, ist die Frage. „Mallon“ bedeutet einfach „eher, lieber“; „chresai“ heißt so etwas wie „gebrauche, nütze, nimm in Gebrauch“; also würde man hier wohl logischerweise annehmen, wenn man den Satz für sich stehen lässt, dass er lautet: „Und wenn du aber frei werden kannst, nütze es lieber.“ Dann werde frei. Wenn du dich freikaufen kannst, oder jemand dich freikaufen kann, oder dein Herr dich freilassen will – wieso solltest du das nicht nützen? Diese Übersetzung macht auch schon deshalb mehr Sinn, weil das Freilassen von Sklaven im frühen Christentum immer als gutes Werk betrachtet wurde; wenn Paulus dann raten würde, eine solche gute Tat nicht anzunehmen, wäre das etwa so, als würde er Bettlern raten, keine Almosen anzunehmen, worauf er sicherlich nie gekommen wäre.

Okay, aber ein Problem bleibt noch: Wie passt dieser Satz dann in den Kontext der Stelle? Er passt wunderbar. In den ersten Sätzen arbeitet Paulus das Grundprinzip aus: Du musst, wenn du Christ geworden bist, normalerweise nichts an deinem Stand verändern, du kannst so kommen, wie du bist. Es ist okay, als Judenchrist beschnitten zu sein; aber die Heidenchristen müssen sich nicht extra beschneiden lassen. Dann kommt die Ausnahme: „Wenn du als Sklave berufen wirst, soll dich das nicht bedrücken [weil die Sklaven vor Christus genauso viel gelten wie die Freien; daran muss sich also nichts ändern, damit du Christ sein kannst]; wenn du aber [ja, hier steht ein aber! – s. o.] frei werden kannst, dann ergreife die Gelegenheit. Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi. Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen!“ (Besonders dieser Satz passt doch zu meiner Übersetzung!) Dann wird noch einmal das Prinzip von oben, das offensichtlich vor allem für die konkrete Frage der Beschneidung gilt, wiederholt: „Brüder, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“

Wo liegt das Problem?

Ich frage mich wirklich, wieso die Übersetzer der EÜ nicht die offensichtliche Übersetzung für den Text gewählt haben, anstatt sie in einer Fußnote zu verstecken. Aber mei – es ist halt die EÜ.

Jetzt sind auch die restlichen Stellen kein so großes Problem mehr. Paulus und Petrus geben hier Menschen, die sich in einer ungerechten Situation befinden, die sich nicht einfach so aus der Welt schaffen lässt, Rat, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Und ihr Rat folgt dabei den Prinzipien des NT „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Römer 12,21) und „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ (Matthäus 5,39). (Mit diesen Prinzipien kann man es übrigens auch zu weit treiben, aber das ist ein Thema für einen eigenen Beitrag in dieser Reihe. Aber wen es interessiert: Der letzte römische Sklavenaufstand, bevor Paulus und Petrus ihre Briefe schreiben, nämlich der des Spartakus, hatte mit 6000 Kreuzen entlang der Via Appia geendet.) Sie reden nicht darüber, dass die Sklaverei an sich abgeschafft gehört, weil sie überhaupt keine Macht gehabt hätten, irgendetwas zur Abschaffung der Sklaverei zu tun – abgesehen davon, dass sie ein so selbstverständlicher Teil der römischen Wirtschaftsordnung war, dass niemand sich damals eine Welt ohne sie vorstellen hätte können; so wie heute ungleiche Löhne oder Arbeitslosigkeit oder Ehescheidungen selbstverständlich sind, auch wenn sie niemand gut findet. Sie behandeln die Institution der Sklaverei so, wie sie einen ungerechten Staat behandeln, unter dem sie selber zu leiden hatten. („Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam“, usw. (Römer 13,1), wobei Paulus in diesem Abschnitt die Autorität des Staates tatsächlich wesentlich stärker betont als an anderen Stellen die Autorität von Sklavenhaltern, was Sinn macht, da der Staat eine tatsächlich notwendige Einrichtung ist.) Dabei weisen beide auch die Herren an, ihre Sklaven gerecht zu behandeln („droht ihnen nicht“, „gebt ihnen, was recht und billig ist“) – und zwar mit der zentralen Begründung, dass der Unterschied zwischen Herren und Sklaven, der in dieser Welt gemacht wird, vor Gott nicht gilt: Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.

Paulus und Petrus mussten mit der Situation umgehen, wie sie damals war. Der Brief an Philemon illustriert diese Situation ganz gut. Paulus schickt Onesimus zurück, was wahrscheinlich ganz klug ist, denn ein Sklave auf der Flucht lebte weder besonders sicher noch besonders gut. Vielleicht will er damit vermeiden, dass Onesimus irgendwann gefangen und von anderen zurückgebracht und von Philemon dann bestraft wird. Also lässt er ihn freiwillig zurückkehren und gibt ihm einen Brief mit viel nett formuliertem moralischen Druck für seinen Herrn und der impliziten Bitte um Onesimus’ Freilassung mit. Er macht das Beste aus der Situation. (Der Überlieferung nach wurde Onesimus dann übrigens freigelassen und wurde später Bischof.)

Niemand im ganzen NT forderte je einen gewaltsamen Aufstand gegen Sklaverei oder andere Ungerechtigkeit, oder irgendetwas in der Art; überhaupt sind das sehr gewaltlose Texte. Aber das Prinzip, das hier immer wieder wiederholt wird, gräbt der Institution der Sklaverei das Wasser ab: Vor Gott sind alle Menschen gleich, und nicht gleich gering, sondern gleichermaßen geliebt.

Das Thema Sklaverei ist allerdings auch ein gutes Beispiel dafür, dass das protestantische Sola-Scriptura-Prinzip nicht funktioniert. Die NT-Stellen oben lassen sich mit der Ansicht, dass es Sklaverei eigentlich überhaupt nicht geben sollte, weil es in sich schlecht ist, andere Menschen zu besitzen, sehr wohl gut vereinbaren; aber diese Ansicht wird darin nicht ausdrücklich gelehrt. 1845 spalteten sich die Southern Baptists in den USA von der nationalen Vereinigung der baptistischen Kirchen wegen eines Streits um die Sklaverei ab; sie waren überzeugt (oder wollten sich selbst davon überzeugen?), dass die Sklaverei gut biblisch sei, wofür sie u. a. diese Stellen heranzogen (aber seltsamerweise auch eine obskure AT-Stelle über Noahs Fluch über seinen Sohn Ham, der dann in den Ahnenlisten u. a., aber nicht nur, als Ahnvater mehrerer afrikanischer Völker gelistet wird, was laut Southern Baptists etc. begründen sollte, wieso Afrikaner grundsätzlich Sklaven von Weißen sein sollten – protestantische Bibelauslegung ist manchmal seltsam, und Bibelauslegung zu bestimmten Zwecken seltsamer). Andere Kirchen – Northern Baptists, Methodisten, Quäker, etc. – riefen zur selben Zeit zur Abschaffung der Sklaverei auf, und das ebenfalls mit biblischen Begründungen. Wo die Bibel offensichtlich nicht ausreicht, um ein Thema zu klären, braucht es aber eine weitere Autorität, also das Lehramt der Kirche.

Sicher, das hier ist auch, was den Katholizismus angeht, ein klassisches Beispiel für eine länger dauernde „Entwicklung der Glaubenslehre“ (John Henry Newman). In der Antike wurde es von den Priestern und Bischöfen der Kirche immer als gutes Werk gepriesen, Sklaven freizulassen, und es gab ein paar sehr wenige Theologen, die die Sklaverei an sich anprangerten – wenn ich mich recht erinnere, predigte der hl. Johannes Chrysostomus einmal darüber, wie schlimm es war, andere Menschen wie Besitz zu behandeln anstatt wie Menschen. Aber das waren wenige Stimmen, und es gab keine offizielle Lehre dazu, ob die Sklaverei nun an sich recht war; und es wurde sicher nie als heilsnotwendig gesehen, Sklaven, die man besaß, freizulassen, solange man sie gut behandelte. Synoden schrieben zwar Bußen z. B. für die Tötung von Sklaven fest, aber auch Kleriker und Klöster besaßen Sklaven. Im frühen Mittelalter verschwand die Sklaverei dann nach und nach bzw. machte der weniger schlimmen Leibeigenschaft Platz, wo der Leibeigene gewisse festgeschriebene Rechte gegenüber seinem Herrn besaß, da sich allmählich doch die Ansicht durchsetzte, dass es irgendwie nicht so gut war, seine Brüder und Schwestern in Christo als Sklaven zu halten. Aber noch mittelalterliche Theologen waren der Meinung, dass die Sklaverei bzw. Leibeigenschaft (lt. beides „servitus“ – auch wenn sich die Sache änderte, änderte sich der Fachbegriff erst einmal nicht), ebenso wie gesellschaftliche Ungleichheit und Unterordnung im Allgemeinen, normaler Bestandteil der weltlichen Ordnung nach dem Sündenfall sei, der die ursprüngliche Gleichheit der Menschen zerstört hatte. Allerdings lehrte z. B. der hl. Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert, dass es Unfreiheit, Unterordnung und „servitus“, die durch das weltliche Gesetz bestimmt wurden, nur dann geben durfte, wenn sie im Ganzen dem Gemeinwohl, und damit auch dem Wohl der Beherrschten und Leibeigenen, die von den Weiseren zu ihrem Besten regiert werden sollten, zugute käme; von der Ansicht z. B. eines Aristoteles, dass ein Sklave nur ein beseeltes Werkzeug und Besitzstück seines Herrn ohne eigenen Wert sei, das dieser behandeln konnte, wie er wollte, war man inzwischen zwangsläufig weit abgekommen, einfach wegen der klaren biblischen Lehre, dass es vor Gott „nicht Sklaven und Freie“ (Galater 3,28) gibt. Gewerbsmäßiger Sklavenhandel existierte zu dieser Zeit in Westeuropa schon nicht mehr. Trotzdem war die Sklaverei, obwohl sie einen irgendwie unchristlichen Ruf hatte, vergleichbar mit der Kinderarbeit in späteren Zeiten, an sich nie verboten worden und konnte so in der Neuzeit mit dem beginnenden Kolonialismus wieder auferstehen, als man neue Länder entdeckte und für sich beanspruchte, wo es Arbeitskräftebedarf für neu angelegte Tabaksplantagen und Silberbergwerke gab, und wo man auf Völker traf, die man für minderwertige Wilde erklären konnte. (Interessanterweise folgte der Rassismus übrigens der Sklaverei eher, als dass er ihre Ursache war. Das heißt, es gab ihn in Maßen schon, aber die ersten Sklavenhändler, die afrikanischen Stammesfürsten ihre Kriegsgefangenen aus anderen Stämmen gegen Gewehre und Rum und Glasperlen abkauften und diese dann nach Cartagena oder in die Karibik verschifften, waren noch nicht der Meinung, dass es einen ontologischen Unterschied zwischen weißen und schwarzen Menschen gäbe, wie das die Sklaverei-Verteidiger des 19. Jahrhunderts dann erklärten. Im 16., 17. Jahrhundert begaben sich in den nord- und südamerikanischen Kolonien auch oft Weiße in Schuldknechtschaft, arbeiteten zusammen mit Schwarzen oder Indios, und wurden dann nach einer bestimmten Anzahl von Jahren frei entlassen, oft auch zusammen mit diesen schwarzen oder eingeborenen Sklaven. Die strikte Rassentrennung, die Tatsache, dass Weiße praktisch immer frei und Schwarze in der Regel Sklaven waren, entwickelte sich eher nach und nach, und auch mehr in Nord- als in Lateinamerika. Exkurs Ende.)

In dieser Zeit allerdings, als das Problem wieder neu da war, und zwar mit aller Härte der antiken oder außereuropäischen Sklaverei, die im europäischen Mittelalter geschwunden war, kamen auch langsam die ersten päpstlichen Verurteilungen. Na ja, zuerst mal gab es im 15. Jahrhundert, als alles gerade erst anfing, noch päpstliche Genehmigungen für Portugiesen und Spanier, die fernen Länder in Afrika und im Westen und die Heiden dort unter sich aufzuteilen, unter anderem auch von dem berühmt-berüchtigten Alexander VI., der nicht der einzige Papst war, der sich lieber politisch als geistlich betätigte (http://www.papalencyclicals.net/nichol05/romanus-pontifex.htm, http://www.papalencyclicals.net/alex06/alex06inter.htm); dann ab dem 16. Jahrhundert erreichten Missionare und andere Kirchenmänner wie Bartolomé de las Casas päpstliche Verurteilungen der Versklavung von Indios und Afrikanern (sie „sollen auf keine Weise ihrer Freiheit oder des Besitzes ihrer Güter beraubt werden, selbst wenn sie sich außerhalb des Glaubens Jesu Christi befinden“ (http://www.papalencyclicals.net/paul03/p3subli.htm), so zum Beispiel Paul III. 1537 (von mir aus der englischen Übersetzung übersetzt)). Es kamen im Lauf der nächsten Jahrhunderte noch ein paar mehr Verurteilungen, die mit der Zeit deutlicher wurden, und nicht mehr nur den Sklavenhandel, sondern dann auch die Sklaverei an sich betrafen. Bis zu ihrer Abschaffung dauerte es in vielen europäischen Kolonien und ehemaligen Kolonien noch bis ins 19. Jahrhundert, teilweise bis weit ins 19. Jahrhundert, aber die Kirchenlehre war bis zu dieser Zeit klar.

Worauf ich hinaus will: Für die grundsätzliche Ablehnung der Sklaverei bietet die Bibel Ansatzpunkte, sie bietet vor allem eine Weltanschauung, die die Sklaverei eigentlich von vornherein unmöglich machen sollte, aber sie bietet keine unmissverständliche Position. Die bot dann die Kirche, als sie ihre Lehre im Lauf der Zeit klärte und explizit machte.

(Falls ich im AT noch Stellen übersehen haben sollte, kann man es mir übrigens gerne mitteilen.)