Wegen was man in der Werbung so alles Angst ums Seelenheil hat

Heute während der Werbepause auf Pro7:

Auf dem Bildschirm tanzende Frauen in Partykleidung, herumspritzende Getränke, dunkler Hintergrund, und dazu erklärt eine Stimme: „Wir lesen InTouch. Und wir lästern manchmal. Und ja, vielleicht kommen wir dafür in die Hölle. Aber dann mit VIP-Bändchen und Freigetränk.“

Das habe ich mir nicht ausgedacht. Das ist eine Werbung für eine Frauenzeitschrift.

Keine Angst, Leute. Frauenzeitschriften sind nicht so gefährlich, dass sie euer Seelenheil aufs Spiel setzen. Wirklich nicht. (Selbst dann nicht, wenn sie euch auf irgendeine Weise Freigetränke beschaffen sollten.) Ihr braucht keine Angst haben. Man lernt wohl nie aus; ich hätte immer gedacht, nicht einmal die skrupulöseste Katholikin könnte darauf kommen, in der Hölle zu landen, weil sie zweifelhafte Abnehm-Tipps liest oder sich über die Hosen der Saison informiert. (Gleich nach diesem einleitenden Text erfährt man nämlich Genaueres darüber, was in der hier beworbenen nächsten Ausgabe kommt: Die Tipps der Stars zum Abnehmen ohne Diät und ein Special über Denim-Jeans.) Und sogar beim Lästern müsste man eigentlich was Schwerwiegendes ansammeln, bis das in die Kategorie der schweren Sünde („üble Nachrede“) fallen könnte. Worauf ich hinauswollte: Keine Angst, Leute. So gefährlich sind eure Produkte gar nicht, ihr könnt aufhören, eure Kundinnen vor der Sünde zu warnen.

Ach ja, Pralinen sind übrigens auch keine Sünde. Und rote Unterwäsche auch nicht. Und kalorienreiche Fleischwaren auch nicht. Und Schokoladentafeln auch nicht. Und Kuchen auch nicht. Und Plätzchen auch nicht. Und Cupcakes auch nicht. Und Maccarons auch nicht. Und Waffeln mit Sahne auch nicht. Also bitte hört auf, liebe Werbeleute, unsere theologischen Begriffe für eure guten oder auch nicht so guten Produkte zu klauen.

#Begriffekorrektverwenden

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Über schwierige Bibelstellen, Teil 13: Die Landnahme

Ich denke, dass für die Landnahme (für mich früher das größte Problem im Alten Testament – vielleicht abgesehen von Genesis 22) im Grunde genommen dasselbe Prinzip gilt wie für Teile der Tora – soll heißen, Regel Nummer 16 (das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist, Gottes eigentliche Selbstoffenbarung an uns). Hier geht es um Stellen wie die folgenden:

  • Halte dich an das, was ich dir heute auftrage. Ich werde die Amoriter, Kanaaniter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter vor dir vertreiben. Du hüte dich aber, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schließen; sie könnten dir sonst, wenn sie in deiner Mitte leben, zu einer Falle werden. Ihre Altäre sollt ihr vielmehr niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen. Du darfst dich nicht vor einem andern Gott niederwerfen. Denn Jahwe trägt den Namen ‚der Eifersüchtige’; ein eifersüchtiger Gott ist er.“ (Exodus 34,11-14)
  • Ihr sollt euch nicht durch all das verunreinigen; denn durch all das haben sich die Völker verunreinigt, die ich vor euch vertrieben habe. Das Land wurde unrein, ich habe an ihm seine Schuld geahndet und das Land hat seine Bewohner ausgespien.“ (Levitikus 18,24f.)
  • Er [Mose] sagte:Der Herr, unser Gott, hat am Horeb zu uns gesagt: Ihr habt euch lange genug an diesem Berg aufgehalten. Nun wendet euch dem Bergland der Amoriter zu, brecht auf und zieht hinauf! Zieht aus gegen alle seine Bewohner in der Araba, auf dem Gebirge, in der Schefela, im Negeb und an der Meeresküste! Zieht in das Land der Kanaaniter und in das Gebiet des Libanon, bis an den großen Strom, den Eufrat! Hiermit liefere ich euch das Land aus. Zieht hinein und nehmt es in Besitz, das Land, von dem ihr wisst: Der Herr hat euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen und später ihren Nachkommen zu geben. (Deuteronomium 1,5-8)

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(James Tissot, Moses sees the Promised Land from afar, Quelle: Wikimedia Commons)

  • Da habe ich zu euch gesagt: Ihr dürft nicht vor ihnen zurückweichen und dürft euch nicht vor ihnen fürchten.Der Herr, euer Gott, der euch vorangeht, wird für euch kämpfen, genau so, wie er vor euren Augen in Ägypten auf eurer Seite gekämpft hat.“ (Deuteronomium 1,29f.)
  • Weil er [Gott] deine Väter lieb gewonnen hatte, hat er alle Nachkommen eines jeden von ihnen erwählt und dich [Israel] dann in eigener Person durch seine große Kraft aus Ägypten geführt,um bei deinem Angriff Völker zu vertreiben, die größer und mächtiger sind als du, um dich in ihr Land zu führen und es dir als Erbbesitz zu geben, wie es jetzt geschieht.“ (Deuteronomium 4,37f.)
  • Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, wenn er dir viele Völker aus dem Weg räumt – Hetiter, Girgaschiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die zahlreicher und mächtiger sind als du -,wenn der Herr, dein Gott, sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie der Vernichtung weihen. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen, sie nicht verschonen und dich nicht mit ihnen verschwägern. Deine Tochter gib nicht seinem Sohn und nimm seine Tochter nicht für deinen Sohn! Wenn er deinen Sohn verleitet, mir nicht mehr nachzufolgen, und sie dann anderen Göttern dienen, wird der Zorn des Herrn gegen euch entbrennen und wird dich unverzüglich vernichten. So sollt ihr gegen sie vorgehen: Ihr sollt ihre Altäre niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen und ihre Götterbilder im Feuer verbrennen. […] Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen. Und du sollst ihren Göttern nicht dienen; denn dann liefest du in eine Falle.“ (Deuteronomium 7,1-5.16)
  • Wenn ihr auf dieses ganze Gebot, auf das ich euch heute verpflichte, genau achtet und es haltet, wenn ihr den Herrn, euren Gott, liebt, auf allen seinen Wegen geht und euch an ihm fest haltet,dann wird der Herr alle diese Völker vor euch vertreiben und ihr werdet den Besitz von Völkern übernehmen, die größer und mächtiger sind als ihr. Jede Stelle, die euer Fuß berührt, soll euch gehören, von der Wüste an. Dazu soll der Libanon euer Gebiet sein, vom Strom, dem Eufrat, bis zum Meer im Westen. Keiner wird eurem Angriff standhalten können. Dem ganzen Land, das ihr betretet, wird der Herr, euer Gott, Schrecken und Furcht vor euch ins Gesicht zeichnen, wie er es euch zugesagt hat. (Deuteronomium 11,22-25)
  • Denk daran, was Amalek dir unterwegs angetan hat, als ihr aus Ägypten zogt:wie er unterwegs auf dich stieß und, als du müde und matt warst, ohne jede Gottesfurcht alle erschöpften Nachzügler von hinten niedermachte. Wenn der Herr, dein Gott, dir von allen deinen Feinden ringsum Ruhe verschafft hat in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, damit du es in Besitz nimmst, dann lösche die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel aus! Du sollst nicht vergessen. (Deuteronomium 25,17-19)
  • Nachdem Mose, der Knecht des Herrn, gestorben war, sagte der Herr zu Josua, dem Sohn Nuns, dem Diener des Mose:Mein Knecht Mose ist gestorben. Mach dich also auf den Weg und zieh über den Jordan hier mit diesem ganzen Volk in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, geben werde. Jeden Ort, den euer Fuß betreten wird, gebe ich euch, wie ich es Mose versprochen habe. Euer Gebiet soll von der Steppe und vom Libanon an bis zum großen Strom, zum Eufrat, reichen – das ist das ganze Land der Hetiter – und bis hin zum großen Meer, wo die Sonne untergeht. Niemand wird dir Widerstand leisten können, solange du lebst. Wie ich mit Mose war, will ich auch mit dir sein. Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Sei mutig und stark! Denn du sollst diesem Volk das Land zum Besitz geben, von dem du weißt: Ich habe ihren Vätern geschworen, es ihnen zu geben.“ (Josua 1,1-6)
  • Und hier sind wir auch schon bei meiner Lieblingsgeschichte (*räusper*) aus dem AT, der Eroberung Jerichos, zu Beginn der Landnahme jenseits des Jordan durch Josua: Als die Priester beim siebten Mal die Hörner bliesen, sagte Josua zum Volk: Erhebt das Kriegsgeschrei! Denn der Herr hat die Stadt in eure Gewalt gegeben.Die Stadt mit allem, was in ihr ist, soll zu Ehren des Herrn dem Untergang geweiht sein. Nur die Dirne Rahab und alle, die bei ihr im Haus sind, sollen am Leben bleiben, weil sie die Boten versteckt hat, die wir ausgeschickt hatten. Hütet euch aber davor, von dem, was dem Untergang geweiht ist, etwas zu begehren und wegzunehmen; sonst weiht ihr das Lager Israels dem Untergang und stürzt es ins Unglück. Alles Gold und Silber und die Geräte aus Bronze und Eisen sollen dem Herrn geweiht sein und in den Schatz des Herrn kommen. Darauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderhörner wurden geblasen. Als das Volk den Hörnerschall hörte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer stürzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der nächstbesten Stelle. So eroberten sie die Stadt. Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel. (Josua 6,16-21)

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(James Tissot, The Taking of Jericho, Quelle: Wikimedia Commons)

  • Und gleich darauf kommt im Buch Josua die Eroberung der nächsten Stadt: „Als die Israeliten sämtliche Bewohner von Ai, die ihnen nachgejagt waren, ohne Ausnahme auf freiem Feld und in der Wüste mit scharfem Schwert getötet hatten und alle gefallen waren, kehrte ganz Israel nach Ai zurück und machte auch dort alles mit scharfem Schwert nieder.Es gab an jenem Tag insgesamt zwölftausend Gefallene, Männer und Frauen, alle Einwohner von Ai. Josua aber ließ seine Hand mit dem Sichelschwert nicht sinken, bis er alle Einwohner von Ai dem Untergang geweiht hatte. (Josua 8,24-26)
  • In den folgenden Kapiteln geht es nicht viel besser weiter: Die Gibeoniter bringen die Israeliten mit einer List dazu, einen Vertrag mit ihnen zu schließen, sodass sie nicht umgebracht werden (Kapitel 9), müssen dafür aber in Zukunft „Sklaven, Holzfäller und Wasserträger für das Haus meines Gottes sein“ (Josua 9,23). Dann besiegt Josua ein von fünf Kanaaniter-Königen aufgebotenes Heer, erobert sechs weitere Städte und weiht alles, was in ihnen lebt, dem Untergang, wie das alle paar Verse so schön ausgedrückt wird (Kapitel 10), dann besiegt er noch ein paar Könige und erobert noch ein paar Städte, und am Ende wird das Land auf die israelitischen Stämme aufgeteilt.
  • Aber auch nach Josuas Tod ist die Landnahme noch nicht zu Ende gebracht. Das Buch der Richter beginnt mit den folgenden Versen: „Nach dem Tod Josuas befragten die Israeliten den Herrn: Wer von uns soll zuerst gegen die Kanaaniter in den Kampf ziehen?Der Herr antwortete: Juda soll (zuerst) hinaufziehen; ich gebe das Land in seine Gewalt. Da sagte Juda zu seinem Bruder Simeon: Zieh mit mir hinauf in das Gebiet, das mir durch das Los zugefallen ist; wir wollen (zusammen) gegen die Kanaaniter kämpfen. Dann werde auch ich mit dir in dein Gebiet ziehen. Da ging Simeon mit ihm. Juda zog hinauf und der Herr gab die Kanaaniter und die Perisiter in ihre Gewalt. Sie schlugen sie bei Besek – (ein Heer von) zehntausend Mann.“ (Richter 1,1-4)
  • Und auch zur Zeit Sauls sind die Amalekiter, die speziellen Feinde der Israeliten, noch immer nicht ausgerottet, also übernimmt der Prophet Samuel schließlich die Initiative: „Samuel sagte zu Saul: Der Herr hatte mich gesandt, um dich zum König seines Volkes Israel zu salben. Darum gehorche jetzt den Worten des Herrn!So spricht der Herr der Heere: Ich habe beobachtet, was Amalek Israel angetan hat: Es hat sich ihm in den Weg gestellt, als Israel aus Ägypten heraufzog. Darum zieh jetzt in den Kampf und schlag Amalek! Weihe alles, was ihm gehört, dem Untergang! Schone es nicht, sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel! […] Saul aber schlug die Amalekiter (im ganzen Gebiet) zwischen Hawila und der Gegend von Schur, das Ägypten gegenüberliegt. Agag, den König von Amalek, brachte er lebend in seine Gewalt; das ganze Volk aber weihte er mit scharfem Schwert dem Untergang. Saul und das Volk schonten Agag, ebenso auch die besten von den Schafen und Rindern, nämlich das Mastvieh und die Lämmer, sowie alles, was sonst noch wertvoll war. Das wollten sie nicht dem Untergang weihen. Nur alles Minderwertige und Wertlose weihten sie dem Untergang. Deshalb erging das Wort des Herrn an Samuel: Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe. Denn er hat sich von mir abgewandt und hat meine Befehle nicht ausgeführt. Das verdross Samuel sehr und er schrie die ganze Nacht zum Herrn. Am nächsten Morgen machte sich Samuel auf den Weg und ging Saul entgegen. Man hatte Samuel mitgeteilt: Saul ist nach Karmel gekommen und hat sich (dort) ein Denkmal errichtet; dann ist er umgekehrt und nach Gilgal hinab weitergezogen. Als Samuel nun zu Saul kam, sagte Saul zu ihm: Gesegnet seist du vom Herrn. Ich habe den Befehl des Herrn ausgeführt. Samuel erwiderte: Und was bedeutet dieses Blöken von Schafen, das mir in die Ohren dringt, und das Gebrüll der Rinder, das ich da höre? Saul antwortete: Man hat sie aus Amalek mitgebracht, weil das Volk die besten von den Schafen und Rindern geschont hat, um sie dem Herrn, deinem Gott, zu opfern. Das übrige haben wir dem Untergang geweiht. Da sagte Samuel zu Saul: Hör auf! Ich will dir verkünden, was der Herr mir heute Nacht gesagt hat. Saul antwortete: Sprich! Samuel sagte: Bist du nicht, obwohl du dir gering vorkommst, das Haupt der Stämme Israels? Der Herr hat dich zum König von Israel gesalbt. Dann hat dich der Herr auf den Weg geschickt und gesagt: Geh und weihe die Amalekiter, die Übeltäter, dem Untergang; kämpfe gegen sie, bis du sie vernichtet hast. Warum hast du nicht auf die Stimme des Herrn gehört, sondern hast dich auf die Beute gestürzt und getan, was dem Herrn missfällt? Saul erwiderte Samuel: Ich habe doch auf die Stimme des Herrn gehört; ich bin den Weg gegangen, auf den der Herr mich geschickt hat; ich habe Agag, den König von Amalek, hergebracht und die Amalekiter dem Untergang geweiht. Aber das Volk hat von der Beute einige Schafe und Rinder genommen, das Beste von dem, was dem Untergang geweiht war, um es dem Herrn, deinem Gott, in Gilgal zu opfern. Samuel aber sagte: Hat der Herr an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des Herrn? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern. Denn Trotz ist ebenso eine Sünde wie die Zauberei, Widerspenstigkeit ist ebenso (schlimm) wie Frevel und Götzendienst. Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, verwirft er dich als König. […] Darauf sagte Samuel: Bringt Agag, den König von Amalek, zu mir! Agag wurde in Fesseln zu ihm gebracht und sagte: Wahrhaftig, die Bitterkeit des Todes ist gewichen. Samuel aber erwiderte: Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht. Und Samuel hieb vor den Augen des Herrn in Gilgal Agag in Stücke. (1 Samuel 15,1-3.7-23.32f.)

(Gustave Doré, La mort d’Agag, Quelle: Wikimedia Commons)

Okay… Heißt das jetzt also, der liebe Herrgott befiehlt Völkermorde und ist sauer, wenn sie nicht genau nach Plan ausgeführt werden?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Stellen zu deuten, in einen Kontext zu setzen, zu rechtfertigen oder wegzuerklären.

Ein unter den der historisch-kritischen Exegese zugeneigten Theologen beliebter Einwand ist, dass die Landnahme ja so gar nicht passiert sei. Die Geschichte mit den einstürzenden Stadtmauern von Jericho sei zum Beispiel nach dem archäologischen Befund sehr zweifelhaft; auch Ai (s. Josua 7-8) sei wohl zur Zeit der Landnahme gar nicht besiedelt, sondern bereits ein Trümmerhaufen gewesen (was der Name „Ai“ interessanterweise bedeutet). Hazor, okay, das könnten die Israeliten in dieser Zeit erobert und niedergebrannt haben, aber überhaupt, aus den späteren Büchern der Bibel sieht man ja, dass auch Jahrhunderte nach der Landnahme sehr wohl noch Kanaaniter in Kanaan lebten, manchmal unter den Israeliten, manchmal in anderen Regionen und im Konflikt mit ihnen, was heißt, dass die Israeliten sie offensichtlich nicht alle ausgerottet hatten.

Ähm, ja. Das ist ja alles schön und gut. Aber dass die Israeliten es nicht schafften oder sich nicht die Mühe machten, einem Ausrottungsbefehl vollständig nachzukommen, macht diesen Befehl nicht besser oder löscht ihn aus. Von daher kann man die bloße Existenz von Kanaanitern in späteren Jahrhunderten nicht als Argument gegen die Brutalität solcher Stellen gelten lassen. Die Funde in Jericho oder Ai sind etwas interessanter. Sie machen es durchaus wahrscheinlich, dass sich im Buch Josua reale historische Begebenheiten (evtl. Hazor) mit Legenden über die Frühzeit des eigenen Volkes (evtl. Jericho) mischen. Aber dennoch taugt das als Argument irgendwie nicht viel. Auch wenn einige dieser Eroberungsgeschichten nicht historisch sind, sind sie doch offensichtlich als Vorbild, als Inspiration gemeint. Vielleicht war man sich dabei im Klaren, dass sie nicht immer völlig historisch waren, so wie wir uns bei historischen Romanen darüber im Klaren sind, dass die Einzelheiten natürlich nicht stimmen. Für die Frage, wie man die handelnden Personen in diesen Texten bewertet, macht das aber keinen großen Unterschied. Gründungslegenden, in denen sich Fakt und Fiktion mischen, ja, vielleicht. Aber hier kann man nicht wirklich mit „das ist ja alles bloß symbolisch gemeint, das soll nur einen spirituellen Kampf symbolisieren“ oder ähnlichen Deutungen kommen. Das passt meinem Eindruck nach nicht zur Gattung der Texte.

(Ausgrabungsstätte in Jericho, Quelle: Wikimedia Commons)

Bevor ich mit der Interpretation weitermache, die ich für die richtige halte, am besten noch ein paar Informationen zum weiteren Kontext.

Es ist archäologisch gesehen schwer zu klären, was genau damals zwischen etwa 1250 und 1000 v. Chr. passierte; wie die Israeliten nach Kanaan kamen und wie sie sich dort ansiedelten. Dazu haben wir einfach zu wenige Quellen. (Wir wissen aus der Merenptah-Stele, dass sie 1208 v. Chr. schon da waren, aber mehr Schriftquellen, in denen Israel erwähnt wird, gibt es aus dieser Zeit nicht, und Quellen wie Mauerreste und Tonscherben sind schwieriger zu deuten.) Ich betrachte deshalb die Situation, wie sie in den biblischen Texten erscheint. Hier sehen wir, dass sie etwas komplexer war als bloß „Israeliten schlachten Kanaaniter ab, weil sie deren Land haben wollen“.

  • Im Buch Exodus greift das Volk Amalek Israel auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan an (Exodus 17,8-16). In diesem Fall geht also der Krieg nicht von Israel aus.
  • Zu Beginn des Buches Deuteronomium, als Mose auf die Wanderung des Volkes durch die Wüste zurückblickt, sagt er: „Dann sagte der Herr zu mir:Ihr seid jetzt lange genug um dieses Gebirge herumgezogen. Wendet euch jetzt nach Norden! Befiehl dem Volk: Ihr werdet jetzt durch das Gebiet von Stammverwandten ziehen, durch das Gebiet der Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen. Wenn sie Furcht vor euch zeigen, dann seid auf der Hut, und beginnt keine Feindseligkeiten gegen sie! Von ihrem Land gebe ich euch keinen Fußbreit; denn das Gebirge Seïr habe ich für Esau zum Besitz bestimmt. Was ihr an Getreide zum Essen braucht, kauft von ihnen für Silber; selbst das Trinkwasser beschafft euch von ihnen gegen Silber! […] Wir zogen also weg aus dem Gebiet in der Nähe der Söhne Esaus, unserer Stammverwandten, die in Seïr wohnen, weg vom Weg durch die Araba, von Elat und Ezjon-Geber. Wir wendeten uns (nach Norden) und zogen den Weg zur Wüste Moab entlang. Und der Herr sagte zu mir: Begegne Moab nicht feindlich, beginn keinen Kampf mit ihnen! Von ihrem Land bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn Ar habe ich für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt. (Deuteronomium 2,2-6.8f.)
  • Später im Kapitel heißt es: „Als alle waffenfähigen Männer ausgestorben und tot waren, sodass keiner von ihnen mehr im Volk lebte,sagte der Herr zu mir: Wenn du heute durch das Gebiet von Moab, durch Ar, ziehst, kommst du nahe an den Ammonitern vorbei. Begegne ihnen nicht feindlich, beginne keine Feindseligkeiten gegen sie! Vom Land der Ammoniter bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn ich habe es für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt.  So blieb es bis heute. Das Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hoch gewachsen war wie die Anakiter. Der Herr vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle.Gleiche geschah mit den Awitern, die in einzelnen Dörfern bis nach Gaza hin saßen. Die Kaftoriter, die aus Kaftor ausgewandert waren, vernichteten sie und setzten sich an ihre Stelle. Steht auf, brecht auf und überquert das Tal des Arnon! […] Da sandte ich aus der Wüste Kedemot Boten zu Sihon, dem König von Heschbon, und ließ ihm folgendes Abkommen vorschlagen: Ich will durch dein Land ziehen. Ich werde mich genau an den Weg halten, ohne ihn rechts oder links zu verlassen. Was ich an Getreide zum Essen brauche, wirst du mir für Silber verkaufen, auch das Trinkwasser wirst du mir gegen Silber geben. Ich werde nur zu Fuß durchziehen, so wie die Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen, und die Moabiter, die in Ar wohnen, es mir erlaubt haben. (Das soll gelten,) bis ich über den Jordan in das Land gezogen bin, das der Herr, unser Gott, uns gibt. Doch Sihon, der König von Heschbon, weigerte sich, uns bei sich durchziehen zu lassen. […] Sihon rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Jahaz zu kämpfen. Der Herr, unser Gott, lieferte ihn uns aus. Wir schlugen ihn, seine Söhne und sein ganzes Volk. Damals eroberten wir alle seine Städte. Wir weihten die ganze männliche Bevölkerung, die Frauen, die Kinder und die Greise der Vernichtung; keinen ließen wir überleben. […] Nur dem Land der Ammoniter hast du dich nicht genähert, dem gesamten Randgebiet des Jabboktals und den Städten im Gebirge, also allem, was der Herr, unser Gott, uns verwehrt hatte.“ (Deuteronomium 2,16-24.26-30.32-34.37)
  • Das nächste Kapitel beginnt mit: „Dann wendeten wir uns dem Weg zum Baschan zu und zogen hinauf. Og, der König des Baschan, rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Edreï zu kämpfen. (Deuteronomium 3,1) Auch hier ist ein anderes Volk der Aggressor.
  • In der Geschichte mit den Amalekitern in 1 Samuel 15 macht Saul einen Unterschied zwischen den Amalekitern und den ebenfalls in der Gegend lebenden Kenitern. In den oben ausgelassenen Versen 5 und 6 heißt es: „Saul rückte bis zur Stadt der Amalekiter vor und legte im Bachtal einen Hinterhalt.Den Kenitern aber ließ er sagen: Auf, zieht fort, verlasst das Gebiet der Amalekiter, damit ich euch nicht zusammen mit ihnen vernichte; denn ihr habt euch gegenüber allen Israeliten freundlich verhalten, als sie aus Ägypten heraufzogen. Da verließen die Keniter das Gebiet der Amalekiter.“ Und es lohnt sich auch, Samuels Worte am Ende näher anzusehen: „Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht.“ Diese Worte an Agag implizieren, dass es bei diesem Feldzug nicht nur um Rache für lange vergangene Ereignisse ging, sondern dass es auch zu dieser Zeit einen andauernden Konflikt mit den Amalekitern gab, bei dem es nicht klar ist, wer der ursprüngliche Aggressor war.
  • In der Tora gibt es auch Stellen, die die Kriegsführung im Allgemeinen behandeln, hier etwa: Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen.Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein. Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern. Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt. So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören. Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat, damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt. Wenn du eine Stadt längere Zeit hindurch belagerst, um sie anzugreifen und zu erobern, dann sollst du ihrem Baumbestand keinen Schaden zufügen, indem du die Axt daran legst. Du darfst von den Bäumen essen, sie aber nicht fällen mit dem Gedanken, die Bäume auf dem Feld seien der Mensch selbst, sodass sie von dir belagert werden müssten. Nur den Bäumen, von denen du weißt, dass sie keine Fruchtbäume sind, darfst du Schaden zufügen. Du darfst sie fällen und daraus Belagerungswerk bauen gegen die Stadt, die gegen dich kämpfen will, bis sie schließlich fällt.“ (Deuteronomium 20,10-20)

Zusammenfassend: 1) Als Israel aus Ägypten auszieht, wird es von den Amalekitern und von Og, dem König des Baschan, angegriffen, und auch König Sihon von Heschbon will das Volk nicht durch sein Land ziehen lassen. 2) Die Israeliten unterscheiden offensichtlich zwischen Völkern, die in dem Land wohnen, das Gott ihnen versprochen hat, und die sie ganz und gar zu vernichten beabsichtigen, und anderen Völkern, denen sie friedlich zu begegnen versuchen. Auch Stellen in der Tora, die die rechtliche Stellung von Fremden, die unter den Israeliten leben, behandeln („Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen“ (Exodus 22,20), „Du sollst einen fremden Untertan, der vor seinem Herrn bei dir Schutz sucht, seinem Herrn nicht ausliefern. Bei dir soll er wohnen dürfen, in deiner Mitte, in einem Ort, den er sich in einem deiner Stadtbereiche auswählt, wo es ihm gefällt. Du sollst ihn nicht ausbeuten.“ (Deuteronomium 23,16f.), „Gleiches Recht soll bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten; denn ich bin der Herr, euer Gott.“ (Levitikus 24,22)), machen deutlich, dass die „Vernichtungsweihe“ (herem) im Kontext der Landnahme eine spezielle, zeitlich und örtlich begrenzte Aktion war.

Punkt 1 lässt erkennen, dass sich Israel allgemein wahrscheinlich nicht in einer Situation befand, in der sich alle kriegerischen Auseinandersetzungen vermeiden ließen. Es war eine harte Zeit damals. Israel war ein heimatloses Volk auf der Flucht, das gerade aus der Sklaverei entkommen war und ein Siedlungsgebiet brauchte. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die alteingesessenen Völker der Gegend ihm von vornherein eher feindlich gegenüberstanden, selbst die, mit denen die Israeliten selbst den Frieden wahren wollten; wenn Flüchtlinge in großen Scharen kommen, ist man ihnen gegenüber nicht automatisch freundlich gesonnen. Von daher fragt sich, was passiert wäre, wenn die Israeliten versucht hätten, einfach ganz friedlich in Kanaan einzuwandern und sich irgendwo ein paar freie Stückchen Land zu suchen, was aus unserer Sicht so einfach klingt. (Wenn wir davon ausgehen, dass es überhaupt größere unbewohnte Flecken Land gegeben hätte, was zweifelhaft ist.) In den fünf Büchern Mose und den folgenden Büchern (Josua, Richter) wird diese Möglichkeit scheinbar gar nicht in Betracht gezogen – vielleicht, weil die Israeliten sie nicht als reale Möglichkeit sahen, da sie schlichtweg davon ausgingen, dass die Völker dort sie selbstverständlich sofort zu vertreiben versucht hätten. Also greift man sie eben gleich an, weil man weiß, dass man nicht an Land kommt, wenn man es sich nicht mit Gewalt nimmt. Hatte ich schon erwähnt, dass es eine harte Zeit war damals?

Aber andererseits – es geht hier auch offensichtlich nicht nur um „wir können leider nicht anders als Gewalt anwenden, um zu überleben, also wenden wir eben so viel Gewalt an, wie sein muss“. Immer wieder wird angeordnet, konkrete Völker völlig „dem Untergang zu weihen“, was bedeutet, sie alle zu töten, keine Frauen oder Kinder als Sklaven mitzunehmen, auch das Vieh zu töten, anstatt es in Besitz zu nehmen, überhaupt allen Besitz zu zerstören (z. B. durch Feuer), anstatt ihn zu plündern. Teilweise bedeutet es auch die Zerstörung ganzer Städte und das Verbot des Wiederaufbaus (z. B. bei Jericho). Hier glaubten die Israeliten eindeutig, einen göttlichen Befehl zu vollstrecken; und der Grund für die Vernichtungsweihe war kein pragmatischer, sondern ein theologischer oder sozialer. Das Denken sah etwa so aus:

  • Gott hat uns dieses Land versprochen;
  • jetzt leben dort diese diversen anderen Völker, und sie praktizieren Kinderopfer, Tempelprostitution und alle möglichen anderen Dinge, die wir als Gräueltaten sehen;
  • daher straft Gott sie;
  • und zwar durch uns, die wir jetzt dieses Land von ihnen zu übernehmen und sie alle vollständig dem Untergang zu weihen haben;
  • der Grund dafür ist, dass ihre Schlechtigkeit vollständig ausgerottet werden muss;
  • a., damit unsere Leute nicht davon angesteckt werden und evtl. auch in ihr Verhalten verfallen;
  • wofür Gott uns ebenso strafen würde.

Hier ist nicht alles falsch. Aber kommen wir unten darauf zurück.

Eine Lesart der Erzählungen rechtfertigt die Landnahme mit der folgenden Argumentation:

Diese überraschend weit verbreitete Lesart sieht in den Landnahme-Erzählungen keineswegs eine allgemeine Rechtfertigung religiöser Gewalt; nö, es geht nur um diesen einen konkreten Fall damals vor 3000 Jahren, wo Gott eben diese und jene konkreten Aktionen befohlen hat.

Diese Interpretation klingt erst einmal logisch. Dennoch folge ich ihr nicht.

Eine ihrer Schwächen liegt meiner Meinung nach im dritten Punkt: Befiehlt Gott denn tatsächlich manchmal einem Menschen, einen anderen unschuldigen Menschen zu töten? (Und unter den Kanaanitern müssen ja unschuldige Menschen gewesen sein, die kleinen Kinder zumindest.) Um das zu wissen, schaue ich als erstes auf die endgültige Selbstoffenbarung Gottes, d. h. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Meines Wissens hat er niemals jemandem befohlen, überhaupt jemanden zu töten. Stattdessen finden wir z. B. diese Stelle in den Evangelien: „Als die Zeit herankam, in der er (in den Himmel) aufgenommen werden sollte, entschloss sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen. Und er schickte Boten vor sich her. Diese kamen in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? Da wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf. (Lukas 9,51-56) Oder diese hier, bei Seiner Festnahme: „Doch einer von den Begleitern Jesu zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab. Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muss?“ (Matthäus 26,51-54)

Es scheint nicht recht zu Gottes Wesen zu passen, einem seiner menschlichen Geschöpfe zu befehlen, andere unschuldige Menschen zu töten. Hier treffen wir nämlich auch auf ein entscheidendes Problem: Woher weiß man selbst denn, dass es sich tatsächlich um Gottes Befehl gehandelt hat? Und nicht – sagen wir mal – um ein Symptom einer Psychose oder Schizophrenie? Stimmen zu hören ist ein häufiges Symptom dieser Erkrankungen. Oder, wenn man einen Befehl von einem Propheten erteilt bekommt, woher weiß man, dass dieser ein wirklicher Prophet ist? Jemand könnte antworten, dass, als Gott beim Exodus zu den Israeliten sprach, Seine Erscheinung so offensichtlich war, dass niemand mehr an deren Wirklichkeit und Seinem Willen zweifeln konnte. Aber dennoch, ist das alles wahrscheinlich? Würde Gott regelmäßig oder auch nur eine gewisse Zeit über immer wieder solche Befehle erteilen, und damit das Risiko eingehen, dass von da an etliche Leute, die nur das Pech haben, dass ihre Neurotransmitter nicht richtig funktionieren, zu Mördern werden könnten, weil sie sich einbilden, auch solche Befehle, die aber eben in ihrem Fall nicht real sind, erhalten zu haben, oder dass etliche falsche Propheten zu Morden aufstacheln könnten, weil die Leute ihre Botschaften für glaubwürdig halten würden? Ich kann mir vorstellen, Er nimmt mehr Rücksicht auf Psychotiker und Leute, die mit größenwahnsinnigen Sektenführern zu tun haben, und erteilt Menschen keine Sondergenehmigungen zu Genoziden. Und wieder: Klingen solche Befehle wirklich nach Gottes Wesen, wie wir es am bisherigen Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte in Jesus gesehen haben?

Ich wüsste zu gerne, was genau Jesus damals zu Jakobus und Johannes gesagt hat.

Man könnte auch die grundsätzliche Aussage „Gott hat den Menschen das Leben gegeben und kann es ihnen wieder nehmen, wenn Er es für richtig hält“ kritisch hinterfragen. So ganz fehlerlos ist sie nämlich, wie schon in Teil 10 dargelegt, gar nicht, so logisch sie auf den ersten Blick auch klingt. Der Tod gehört nicht zu Gottes ursprünglichem Plan für die Schöpfung, genauso wenig wie Krankheiten, Schmerzen, oder die menschliche Bosheit. Alle diese Dinge sind erst durch den Fall der Engel und den Fall des Menschen in die Welt gekommen. Gott hatte nicht vor, den Menschen erst etwas zu schenken und es ihnen dann einfach mal wieder zu nehmen. Es macht also Sinn, davon auszugehen, dass Gott zwar den Tod von Menschen durch Krankheiten, Unfälle, Selbstmorde, Kriege oder was auch immer zwar zulässt, und in Seiner Allmacht aus diesem Übel auch Gutes entstehen lassen kann, aber dass Er nie selbst durch direktes wundersames Eingreifen Leute tot umfallen lässt oder anderen Menschen den Befehl erteilt, sie zu töten. (Man könnte hier evtl. einwenden, dass Gott Hananias und Saphira in Apostelgeschichte 5,1-11 tot umfallen ließ. Aber das steht da nicht. Da steht, dass die beiden nacheinander (vielleicht durch den Schock, der einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslöste?) zusammenbrachen und starben, und dass Petrus den Tod der Saphira vorherwusste. Mehr nicht.)

Ich halte es aus diesen Gründen also für unwahrscheinlich, dass es sich hier um direkte Befehle Gottes handelte; solange es auch andere Erklärungen für diese Stellen gibt, ziehe ich diese vor.

Dennoch darf man auf der anderen Seite auch wieder nicht vergessen, wie entscheidend die Landverheißung, die schon Abraham gegeben wurde, im Alten Testament war (und tatsächlich für das jüdische Volk bis heute ist). Daher denke ich, dass man zumindest nicht leugnen kann, dass Gott tatsächlich vorhatte, dem Volk Israel dieses Land zu geben – oder dass Er ihm zumindest vorausgesagt hatte, dass es das Land einmal besitzen würde? (Und wieso denn auch nicht? Wieso sollte es kein Land haben wie jedes andere Volk?) Ich denke allerdings, dass die (geplante / versuchte?) Ausrottung der Kanaaniter nicht Gottes Willen entsprach. Eher, denke ich, hatten die Israeliten begriffen, dass die Taten der Kanaaniter tatsächliche „Gräuel“ waren, die man am besten ausrotten sollte, und daraus schlossen sie, dass es Gottes Wille war, die Kanaaniter auszurotten.

Es ist hier wirklich wichtig, zu unterscheiden zwischen Gottes direktem und Seinem indirekten Willen, also dem, was Er bewirkt, und dem, was Er bloß zulässt (s. dazu auch noch hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). In einer der oben zitierten Stellen wird auch von anderen Völkern erzählt, und davon, wer da früher mal von wem vertrieben wurde. „Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hoch gewachsen war wie die Anakiter. Der Herr vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. So blieb es bis heute.“ (Deuteronomium 2,20-22) Hier wird also Gott auch die Verantwortung dafür zugeschrieben, welche anderen Völker, die nicht von Ihm erwählt sind, einander besiegten – kurz gesagt, wenn jemand Erfolg im Krieg hat, oder überhaupt, wenn irgendetwas auf der Welt geschieht, schlussfolgert man, dass das dem Willen Gottes entsprechen muss. Der Herr spricht durch das Schicksal, und das muss man irgendwie interpretieren. Wenn wir siegen, hat der Herr uns den Sieg verliehen, also muss er auch wollen, dass wir diese Völker bekämpfen und besiegen. So interpretierten die Israeliten wohl ihre Erfolge. Umgekehrt, wenn wir verlieren, straft der Herr uns für unsere eigenen Sünden. Dieses Verständnis von Glück und Leid als Lohn oder Strafe durch Gott sieht man auch in späteren Büchern des AT sehr oft, z. B. bei den Propheten. Ein nuancierteres Verständnis des Schicksals und des göttlichen Willens braucht noch ein bisschen; z. B. haben noch Jesu Jünger Schwierigkeiten damit, zu sehen, dass die Blindheit eines Mannes nicht automatisch eine Strafe für seine Sünden oder die seiner Eltern ist (Johannes 9,1-3).

Ich denke also, das, was damals abgelaufen ist, sah etwa so aus: Die Israeliten wussten, dass Gott sie auserwählt hatte, und dass Er ihnen das Gelobte Land versprochen hatte. Aus ersterem schlossen sie, dass er logischerweise in ihren Kriegen an ihrer Seite stehen würde, und aus letzterem, dass sie dieses Land mit militärischer Gewalt erobern sollten. Wenn Gott ihnen dabei Erfolg verleihen würde, musste Er mit ihren Unternehmungen einverstanden sein, und Er verlieh ihnen den Sieg wohl, um ihre Feinde zu strafen. Sie wussten, dass einiges in deren Gesellschaften vor dem Herrn ein „Gräuel“ war, und daraus schlossen sie, dass das ausgelöscht werden musste – und zwar, womit sonst, mit Gewalt, mit radikaler Gewalt. Und hier durfte man keine Kompromisse machen, weil man vielleicht doch irgendwie das Gefühl hatte, dass ja an den Göttern der Kanaaniter doch etwas dran sein könnte, oder dass ihre Wahrsagemethoden doch ganz nützlich sein könnten. (Interessanterweise war übrigens gerade König Saul, der in der oben zitierten Stelle vom Propheten Samuel so energisch zurechtgewiesen wird, weil er das Vieh der Amalekiter geplündert und ihren König als Trophäe mitgenommen hatte, anstatt das mit der Vernichtungsweihe voll und ganz durchzuziehen, auch anderweitig für solche „Halbherzigkeiten“ anfällig: Nachdem er selbst die Totenbeschwörer und Wahrsager aus dem Land vertreiben hatte lassen, ging er in 1 Samuel 28 zu einer Totenbeschwörerin nach En-Dor, um den inzwischen verstorbenen Samuel heraufzubeschwören und so über eine bevorstehende Schlacht Auskunft zu erhalten.) Die Frage war für die Israeliten damals nicht: Lassen wir Zivilisten am Leben? Sondern: Akzeptieren wir diese andere Religion und Kultur? Leben wir mit dieser Kultur in dem Land, in dem wir leben wollen? Einer Kultur, die Götter verehrt, die Kinderopfer verlangen?

Es war wirklich eine ganz andere Zeit. Ich habe noch nie viel für den Mythos irgendwelchen guten alten Zeiten übrig gehabt, und in diese Zeit möchte ich sicher nicht zurück. Aber der liebe Herrgott musste eben in irgendeiner Zeit anfangen.

Man könnte noch fragen, wieso Er nicht einfach klarer mit den Israeliten kommunizierte. Aber da könnten wir genauso gut fragen, wieso Er mit jedem einzelnen von uns heutzutage nicht völlig klar und unmissverständlich direkt kommuniziert, anstatt Instrumente wie die menschliche Vernunft und das Gewissen, die Bibel und die Kirche zu verwenden. Und das sind interessante Fragen, die einiges an Spekulation hergeben würden, und zwar genug für einen eigenen Artikel, weshalb ich sie hier nicht weiter verfolgen werde. Denn die entscheidende Frage ist für dieses Thema nicht: Wieso hat Gott sich auf diese und jene Weise offenbart? Sondern: Hat Er sich auf diese und jene Weise offenbart? Und das hat Er nun mal.

Eine weitere Frage bliebe noch. Was ist mit den Wundererzählungen? Laut der Bibel hat Gott schließlich Wunder gewirkt, um Israel seine Siege zu ermöglichen, nicht wahr? Hätte er das denn getan, wenn diese Siege nicht wirklich Sein direkter – im Unterschied zu seinem indirekten, bloß zulassenden – Wille gewesen wären?

Erst einmal könnte man darauf antworten, dass solche Wunder nicht bei allzu vielen Schlachten erwähnt werden. In der Regel heißt es nur „Der Herr gab sie in unsere Gewalt“ oder „Die Israeliten schlugen sie“ ohne irgendwelche übernatürlichen Vorkommnisse. Dann gibt es solche Schlachten, bei denen selbst ich mir ein direktes Eingreifen Gottes logischerweise vorstellen könnte – z. B. die Abwehr Amaleks in Exodus 17, eindeutig ein gerechter Verteidigungskrieg: „Als Amalek kam und in Refidim den Kampf mit Israel suchte, sagte Mose zu Josua: Wähl uns Männer aus und zieh in den Kampf gegen Amalek! Ich selbst werde mich morgen auf den Gipfel des Hügels stellen und den Gottesstab mitnehmen. Josua tat, was ihm Mose aufgetragen hatte, und kämpfte gegen Amalek, während Mose, Aaron und Hur auf den Gipfel des Hügels stiegen. Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker. Als dem Mose die Hände schwer wurden, holten sie einen Steinbrocken, schoben ihn unter Mose und er setzte sich darauf. Aaron und Hur stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links, sodass seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging. So besiegte Josua mit scharfem Schwert Amalek und sein Heer.“ (Exodus 17,8-13) Ebenso gut könnte man aber auch damit argumentieren, dass solche Erzählungen vielleicht nicht (alle?) historisch sind. Das gilt besonders für die Eroberung Jerichos – die Trümmer der eingestürzten Stadtmauer wurden bei Ausgrabungen schließlich nicht gefunden.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/Tissot_Moses_on_the_Mountain_During_the_Battle.jpg

(James Tissot, Moses on the Mountain during the Battle, Quelle: Wikimedia Commons)

Und da ich leider nicht in der Zeit zurück reisen und alle diese Geschehnisse selbst überprüfen kann (okay, wie gesagt, das würde ich eigentlich auch nicht wollen), kann ich mit allen meinen Erklärungen im Grunde genommen auch nicht mehr bieten als mehr oder weniger gut begründete Spekulationen. Vielleicht habe ich Recht, vielleicht war es auch ganz anders. Es hier mir hier nicht darum, etwas zu beweisen, sondern darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese „schwierigen“ Stellen verstanden werden könnten.

Zusammengefasst: Ich denke, dass hier wie so oft ganz einfach die Regeln Nummer 13 und 16 entscheidend sind: Das Alte Testament zeigt noch ein begrenztes Verständnis von Gott.

 

Noch ein Beitrag zu diesem Thema (deutlich kürzer als meiner) findet sich hier: https://thetalkingllama.wordpress.com/2014/03/22/i-read-the-bible-as-an-english-major-and-thats-okay/

Über schwierige Bibelstellen, Teil 12: Das Gesetz des Mose

[Ach ja, dieser und der folgende Teil sind übrigens hauptsächlich detaillierte Versionen von „Das ist eben das Alte Testament“. Aber ich mag es detailliert.]

Das Gesetz des Mose wird von Bibelkritikern immer wieder gern aufgebracht – da heißt es dann, die Bibel legitimiere Polygamie, grausame Strafen für relativ geringe Vergehen, Sklaverei, oder die Vergewaltigung von Kriegsgefangenen. Aber wenn einem Stellen in Exodus, Levitikus oder Deuteronomium Bauchschmerzen bereiten, könnte ein Blick ins Neue Testament schon weiterhelfen. Erst einmal müsste nämlich auffallen: Die Christen halten sich nicht an diese in der Bibel stehenden Gesetze. Und nach 2000 Jahren Christentum kann man sich denken, dass der Grund dafür nicht sein wird, dass ihnen noch nie aufgefallen ist, dass diese Gesetze in der Bibel stehen.

Hier also einige relevante Stellen aus dem NT:

  • „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“ (Markus 10,2-12)
  • „An einem Sabbat ging er durch die Kornfelder und unterwegs rissen seine Jünger Ähren ab. Da sagten die Pharisäer zu ihm: Sieh dir an, was sie tun! Das ist doch am Sabbat verboten. Er antwortete: Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten – wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab? Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“ (Markus 2,23-28)
  • „Und er rief die Leute zu sich und sagte: Hört und begreift: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. […] Da sagte Petrus zu ihm: Erkläre uns jenes rätselhafte Wort! Er antwortete: Seid auch ihr noch immer ohne Einsicht? Begreift ihr nicht, dass alles, was durch den Mund (in den Menschen) hineinkommt, in den Magen gelangt und dann wieder ausgeschieden wird? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen. Das ist es, was den Menschen unrein macht; aber mit ungewaschenen Händen essen macht ihn nicht unrein.“ (Matthäus 15,10f.15-20)
  • „Am folgenden Tag, als jene unterwegs waren und sich der Stadt näherten, stieg Petrus auf das Dach, um zu beten; es war um die sechste Stunde. Da wurde er hungrig und wollte essen. Während man etwas zubereitete, kam eine Verzückung über ihn. Er sah den Himmel offen und eine Schale auf die Erde herabkommen, die aussah wie ein großes Leinentuch, das an den vier Ecken gehalten wurde. Darin lagen alle möglichen Vierfüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel des Himmels. Und eine Stimme rief ihm zu: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber antwortete: Niemals, Herr! Noch nie habe ich etwas Unheiliges und Unreines gegessen. Da richtete sich die Stimme ein zweites Mal an ihn: Was Gott für rein erklärt, nenne du nicht unrein! Das geschah dreimal, dann wurde die Schale plötzlich in den Himmel hinaufgezogen.“ (Apostelgeschichte 10,9-16)
  • „Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Johannes 8,3-11)

Regel Nummer 16: Das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist.

Klar, auch die Bibel wird oft als das „Wort Gottes“ bezeichnet. Und das ist nicht falsch. Aber das eigentliche Wort Gottes, laut Johannes 1, ist der Sohn Gottes, Gott selbst. Jesus ist Gottes eigentliche Selbstoffenbarung an uns, und die Bibel berichtet von diesem Jesus, und auch von dem, was vor ihm kam – und das muss immer im Licht der endgültigen Offenbarung gesehen werden.

 

Als Jesus mit einer konkreten Frage zum Gesetz des Mose konfrontiert wird, sagt er: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.“ (Markus 10,5) In der Tora gibt es Gebote, die „wegen eurer Herzenshärte“ (so die wörtlichere Übersetzung) gegeben wurden, nicht, weil sie an sich gut waren. Dazu gehören, wie Jesus sagt, Regelungen zur Scheidung. Man könnte sie mit heutigen Regelungen dazu vergleichen, was getan werden soll, wenn Väter keine Unterhaltszahlungen für ihre unehelichen Kinder leisten. Solche Regelungen stellen keine Idealsituationen her – ideal wäre es, wenn Eltern in einer liebevollen Partnerschaft zusammenleben und sich freiwillig gut um ihre Kinder kümmern würden –, sie betreiben Schadensbegrenzung. Und die in der Bibel enthaltenen Regeln taten das eben im Kontext der damaligen Zeit (in welchem auch sonst?).

Die Bibel heißt Polygamie nicht gut – aber das Gesetz des Mose schreibt vor, dass ein Mann, der mehrere Ehefrauen hat, sie gleich behandeln muss, und zwar auch dann, wenn es sich um Frauen handelt, die als Sklavinnen gekauft wurden, oder auch in Bezug auf das Erbe ihrer Kinder. „Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen. Wenn er ihr diese drei Dinge nicht gewährt, darf sie unentgeltlich, ohne Bezahlung, gehen.“ (Exodus 21,10f.) „Wenn ein Mann zwei Frauen hat, eine, die er liebt, und eine, die er nicht liebt, und wenn beide ihm Söhne gebären, die geliebte wie die ungeliebte, und der erstgeborene Sohn von der ungeliebten stammt, dann darf er, wenn er sein Erbe unter seine Söhne verteilt, den Sohn der geliebten Frau nicht als Erstgeborenen behandeln und damit gegen das Recht des wirklichen Erstgeborenen, des Sohnes der ungeliebten Frau, verstoßen. Vielmehr soll er den Erstgeborenen, den Sohn der Ungeliebten, anerkennen, indem er ihm von allem, was er besitzt, den doppelten Anteil gibt. Ihn hat er zuerst gezeugt, er besitzt das Erstgeborenenrecht.“ (Deuteronomium 21,15-17)

Die Bibel heißt Sklaverei nicht gut – aber es gibt Gesetze, die die Rechte von Herren über ihre Sklaven einschränken. „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre Sklave bleiben, im siebten Jahr soll er ohne Entgelt als freier Mann entlassen werden.“ (Exodus 21,2) „Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.“ (Exodus 21,26f.) Und das in einer Zeit, in der in anderen Völkern Besitzer das Recht hatten, ihre Sklaven zu töten, wenn ihnen danach war.

Es gibt Stellen in der Tora, die von manchen als Legitimierung von Vergewaltigung verstanden werden, da sie davon handeln, dass ein Vergewaltiger sein Opfer heiraten soll: „Wenn ein Mann einem unberührten Mädchen, das noch nicht verlobt ist, begegnet, sie packt und sich mit ihr hinlegt und sie ertappt werden, soll der Mann, der bei ihr gelegen hat, dem Vater des Mädchens fünfzig Silberschekel zahlen und sie soll seine Frau werden, weil er sie sich gefügig gemacht hat. Er darf sie niemals entlassen.“ (Deuteronomium 22,28f.) Wie man an den Formulierungen leicht sehen kann, geht es hier aber gerade nicht darum, ein Vergewaltigungsopfer zu zwingen, ihren Vergewaltiger zu heiraten, sondern es geht darum, dass sie ein Anrecht darauf hat, dass er sie heiratet; als Wiedergutmachung für das, was er ihr angetan hat. Damals wäre sie von anderen Männern als beschädigte Ware betrachtet worden, was ihre Heiratschancen beträchtlich gemindert hätte, und damals war die Ehe für Frauen keine Sache der Liebe, sondern eine Sache der Versorgung. War das scheiße? Und wie. Aber so war es. Diese Gesetze versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben; entweder, ihr Vergewaltiger hat ihr die Sicherheit im Leben, um die er sie sonst vielleicht gebracht hätte, zu bieten, indem er sie heiratet, oder aber er hat ihrer Familie zumindest den Gegenwert des üblichen Brautpreises als Entschädigung zu zahlen. (Eine ähnliche Stelle, in der allerdings nicht von Vergewaltigung, sondern von Verführung die Rede ist, legt das als zweite mögliche Lösung nahe: „Wenn jemand ein noch nicht verlobtes Mädchen verführt und bei ihm schläft, dann soll er das Brautgeld zahlen und sie zur Frau nehmen. Weigert sich aber ihr Vater, sie ihm zu geben, dann hat er ihm so viel zu zahlen, wie der Brautpreis für eine Jungfrau beträgt.“ (Exodus 22,15f.)) Etwas Besseres bietet diese Vorschrift nicht, weil sie nichts Besseres bieten konnte.

[Die der Deuteronomium-Stelle vorhergehenden Stellen werden übrigens von Bibelkritikern manchmal in dem Sinne gedeutet, dass sie unter Umständen die Todesstrafe für das Opfer einer Vergewaltigung vorsehen. In dem Fall ist das einfach Unsinn, der sich als solcher herausstellt, wenn man die Stelle genau liest. „Wenn ein unberührtes Mädchen mit einem Mann verlobt ist und ein anderer Mann ihr in der Stadt begegnet und sich mit ihr hinlegt, dann sollt ihr beide zum Tor dieser Stadt führen. Ihr sollt sie steinigen und sie sollen sterben, das Mädchen, weil es in der Stadt nicht um Hilfe geschrien hat, und der Mann, weil er sich die Frau eines andern gefügig gemacht hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Wenn der Mann dem verlobten Mädchen aber auf freiem Feld begegnet, sie fest hält und sich mit ihr hinlegt, dann soll nur der Mann sterben, der bei ihr gelegen hat, dem Mädchen aber sollst du nichts tun. Bei dem Mädchen handelt es sich nicht um ein Verbrechen, auf das der Tod steht; denn dieser Fall ist so zu beurteilen, wie wenn ein Mann einen andern überfällt und ihn tötet. Auf freiem Feld ist er ihr begegnet, das verlobte Mädchen mag um Hilfe geschrien haben, aber es ist kein Helfer da gewesen.“ Wie ich schon einmal erklärt habe: Die Frage, ob das Vergehen in der Stadt oder außerhalb geschehen ist und ob das Mädchen um Hilfe geschrieen hat oder nicht, dient einfach der Beweisfindung, um zu klären, ob es sich um eine Vergewaltigung oder um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt hat – hier geht es nicht darum, ein Vergewaltigungsopfer zu bestrafen, sondern herauszufinden, ob sie ein Vergewaltigungsopfer ist oder nicht. Die Verse 26 und 27 erklären ja noch einmal deutlich, wieso es nicht strafwürdig ist, vergewaltigt zu werden. Das Verfahren ist etwas ungenügend, geht aber wenigstens bei einem Tatort, wo, anders als in der dicht besiedelten Stadt, niemand in der Nähe gewesen wäre, um zu helfen, von „Im Zweifelsfall für die Angeklagte“ aus – auch auf freiem Feld hätte sie freiwillig mit einem Mann schlafen können. Hier ist es übrigens auch interessant zu sehen, wie unterschiedlich verlobte (rechtlich gesehen schon verheiratete, aber noch im Haus ihrer Eltern lebende) und nicht verlobte Mädchen bzw. die Männer, die mit ihnen Geschlechtsverkehr hatten, behandelt wurden. Ehebruch wurde deutlich strenger gesehen als vorehelicher Geschlechtsverkehr.]

Ähnlich sieht es mit einer anderen, sehr häufig von Kritikern zitierten Stelle aus: „Wenn du zum Kampf gegen deine Feinde ausziehst und der Herr, dein Gott, sie alle in deine Gewalt gibt, wenn du dabei Gefangene machst und unter den Gefangenen eine Frau von schöner Gestalt erblickst, wenn sie dein Herz gewinnt und du sie heiraten möchtest, dann sollst du sie in dein Haus bringen und sie soll sich den Kopf scheren, ihre Nägel kürzen und die Gefangenenkleidung ablegen. Sie soll in deinem Haus wohnen und einen Monat lang ihren Vater und ihre Mutter beweinen. Danach darfst du mit ihr Verkehr haben, du darfst ihr Mann werden und sie deine Frau. Wenn sie dir aber nicht mehr gefällt, darfst du sie entlassen, und sie darf tun, was sie will. Auf keinen Fall darfst du sie für Silber verkaufen. Auch darfst du sie nicht als Sklavin kennzeichnen. Denn du hast sie dir gefügig gemacht.“ (Deuteronomium 21,10-14)

Nein, die Bibel legitimiert hier gerade nicht die Vergewaltigung einer Kriegsgefangenen. Sie versucht, ihre Rechte zu schützen, so gut es eben möglich ist. Ihr muss ein Monat Zeit gegeben werden, um ihre Familie zu betrauern. Sie muss dann wie eine normale Ehefrau mit allen damit einhergehenden Rechten behandelt und versorgt werden. „Der Text in Deuteronomium gibt uns auch mehrere Hinweise, dass der biblische Autor diejenigen, die erzwungene Heiraten praktizierten, mahnt, ihre Handlungen zu überdenken. Erstens wird gesagt, dass die gefangene Frau, die der Mann heiraten will, ihren Kopf scheren muss, und dass der Mann sie mit neuen Kleidern ausstatten muss. Da langes Haar ein Zeichen der Schönheit und Kleidung sehr teuer war, mag das ein Weg gewesen sein, die Israeliten davon abzubringen, Zwangsheiraten zu praktizieren. Zweitens darf die Frau ihren Verlust einen ganzen Monat lang betrauern, und erst dann konnte eine Heirat stattfinden. Wieder wird gehofft, dass diese Vorschrift den Israeliten einen Sinn des Mitleids einflößt und sie motiviert, eine solche Frau nicht gegen ihren Willen zu heiraten. Aber wenn der Mann tatsächlich eine Frau heiratet, die er gefangen genommen hat, und sie ihm später nicht mehr gefällt, dann kann er sie nicht als Sklavin verkaufen. Er muss sie als seine legitime Ehefrau sehen. Wenn er die Ehe beenden will, dann muss er sie gehen lassen, weil, und hier kommt der wichtige Teil, der Text sagt, dass der Mann ‚sie beschämt hat’ (Deuteronomium 21,14).“* (In der englischen Übersetzung, die diesem Text zugrunde liegt, wird das Wort „humiliate“ verwendet, was „beschämen“, „erniedrigen“, oder „demütigen“ heißen kann. In der deutschsprachigen Elberfilder Bibel und ebenso in der Zürcher Bibel heißt es noch deutlicher: „weil du ihr Gewalt angetan hast.“ Leider kenne ich den Urtext hier nicht, und kann damit nicht beurteilen, ob die Elberfilder Bibel oder die Einheitsübersetzung ihn besser wiedergibt; allerdings wird auch in der Vulgata, der lateinischen Standardübersetzung, das Verb „humiliasti“ verwendet, was mit „erniedrigen“, „demütigen“, „entehren“ oder „schänden“ übersetzt werden kann.)

Regel Nummer 17: Nur weil etwas in einem in der Bibel enthaltenen Gesetz reguliert wird, heißt das nicht, dass Gott es gutheißt.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/85/Tissot_The_Women_of_Midian_Led_Captive_by_the_Hebrews.jpg

(James Tissot, The women of Midian led captive by the Hebrews, Quelle: Wikimedia Commons)

 

Es gibt noch andere Schwierigkeiten mit den einzelnen Vorschriften der Tora, abgesehen von der, dass sie schlechte oder grausame Dinge wie die Polygamie oder die Sklaverei gestatten. Eine wäre, dass viele der Vorschriften schlicht unnötig oder blödsinnig klingen – die vielen Speisegesetze, das Verbot von Kleidung aus Mischgewebe, die Regeln zur rituellen Reinheit etc. Wozu das alles?

Diese Gesetze sind keine moralischen Gesetze, sondern gehören zum sog. zeremoniellen Gesetz. Es sind Gesetze, die a) Israel als Gottes heiliges Volk von den anderen Völkern unterscheiden und abgrenzen sollten, b) Gott auf ganz konkrete in den Mittelpunkt des Alltagslebens stellen sollten, c) besonders den Gehorsam gegenüber Gott lehren sollten (viele dieser Gesetze wurden nach dem Vorfall mit dem Goldenen Kalb erlassen; es handelt sich also sozusagen um eine pädagogische Maßnahme – tatsächlich bezeichnet Paulus das Gesetz des Mose in Galater 3,24 als „paidagogos“), d) oft einen bestimmten Symbolwert hatten, beispielsweise bei Gesetzen, die bestimmte Vermischungen verbieten (Israel soll sich nicht mit den heidnischen Völkern vermischen, den Gottesdienst nicht mit heidnischen Riten).

Das moralische Gesetz und das zeremonielle Gesetz überschneiden sich an manchen Stellen. Manche Dinge sind immer falsch – Tempelprostitution oder Okkultismus etwa. Andere waren damals falsch, weil sie damals eine bestimmte kultische Bedeutung für andere Religionen hatten, wie bestimmte Frisuren oder Tätowierungen. Ein Abschnitt aus dem Buch Levitikus bietet ein sehr gutes Beispiel für solche Überschneidungen: „Ihr sollt nichts mit Blut essen. Wahrsagerei und Zauberei sollt ihr nicht treiben. Ihr sollt euer Kopfhaar nicht rundum abschneiden. Du sollst deinen Bart nicht stutzen. Für einen Toten dürft ihr keine Einschnitte auf eurem Körper anbringen und ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen. Ich bin der Herr. Entweih nicht deine Tochter, indem du sie der Unzucht preisgibst, damit das Land nicht der Unzucht verfällt und voller Schandtat wird. Ihr sollt auf meine Sabbate achten und mein Heiligtum fürchten. Ich bin der Herr. Wendet euch nicht an die Totenbeschwörer und sucht nicht die Wahrsager auf; sie verunreinigen euch. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (Levitikus 19,26-31)

Das zeremonielle Gesetz hatte also einen Sinn in der Zeit, in der Israel sich auf das Kommen des Messias vorbereitete. Im Neuen Bund gilt es nicht mehr. Jesus betonte während seines irdischen Lebens immer wieder, dass die äußerliche, kultische Reinheit nicht das Entscheidende ist, und dass die Regeln kein Selbstzweck sind. Dann wurde nach seiner Auferstehung dem hl. Petrus offenbart, dass die Speisegebote nicht mehr gelten, und die Apostel entschieden auf dem Apostelkonzil, nicht von den Heidenchristen zu verlangen, sich zu „beschneiden und von ihnen [zu] fordern, am Gesetz des Mose festzuhalten“ (Apostelgeschichte 15,5). Auch in den Paulusbriefen finden sich übrigens zahlreiche Stellen zu den „Werken des Gesetzes“, z. B. im Römerbrief.

Regel Nummer 18: Im Alten Testament muss man zwischen dem moralischen (Zehn Gebote etc.) und dem zeremoniellen Gesetz (Speisegesetze etc.) unterscheiden. Das zeremonielle Gesetz des Alten Bundes hat seinen Zweck erfüllt und ist jetzt nicht mehr nötig.

Ab und zu werden einzelne Stellen aus dem zeremoniellen Gesetz auch als faktisch falsch kritisiert. Dazu gehören z. B. die Einordnung des Hasen als „Wiederkäuer“ in Levitikus 11,6 oder die der Fledermaus als Vogel in Levitikus 11,13-19. In diesen Fällen muss man einfach auf die Originalsprache schauen. Mit Wiederkäuern waren Tiere gemeint, die entweder, wie Kühe, halb verdaute Nahrung aus ihrem Magen noch einmal heraufholen und erneut kauen, oder, wie Hasen, ihren eigenen Kot fressen, um Nährstoffe, die ihr Körper beim ersten Mal nicht aufgenommen hat, beim zweiten Mal zu kriegen. (Ja, ich weiß – ekelhaft.) Und mit Vögeln meinte man schlichtweg Tiere mit Flügeln; hier findet keine biologische Klassifizierung statt. Übersetzungen haben eben ihre Grenzen.

 

Eine dritte wichtige Schwierigkeit mit der Tora wäre, dass die in ihr enthaltenen Gesetze manchmal übermäßig grausame Strafen vorschreiben. Die immer wieder wiederholten Grundsätze des Buches Deuteronomium hierzu klingen unerbittlich und brutal: „Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen“ (Deuteronomium 13,6; 17,7; 19,19; 21,21; 24,7), und, noch härter und dem instinktiven menschlichen Gefühl für Moral widersprechend, „Du sollst in dir kein Mitleid aufsteigen lassen“ (Deuteronomium 13,9; 19,21; 25,12). Auch zu solchen Strafen haben wir die passende Jesus-Stelle: Als die Ehebrecherin zu ihm gebracht wird und die Schriftgelehrten ihn testen wollen, ob er sich auch an das Gesetz des Mose hält, sorgt er dafür, dass sie entgegen diesem Gesetz nicht gesteinigt wird.

Die Strafen in der Tora haben unterschiedliche Gründe.

Es finden sich harte Strafen für schwere Verbrechen. „Wer einen Menschen so schlägt, dass er stirbt, wird mit dem Tod bestraft. Wenn er ihm aber nicht aufgelauert hat, sondern Gott es durch seine Hand geschehen ließ, werde ich dir einen Ort festsetzen, an den er fliehen kann. Hat einer vorsätzlich gehandelt und seinen Mitbürger aus dem Hinterhalt umgebracht, sollst du ihn von meinem Altar wegholen, damit er stirbt.“ (Exodus 21,12-14) Dieses Gesetz unterscheidet zwischen vorsätzlichem Mord und im Affekt geschehenem Totschlag (oder Körperverletzung mit Todesfolge); im zweiten Fall gibt es für den Täter die Möglichkeit, in eine Asylstadt oder einen Tempel zu fliehen; im ersten Fall gilt für ihn selbst in einem Heiligtum kein Asyl, er wird mit dem Tod bestraft. Oder es gäbe auch dieses Gesetz gegen Menschenraub: „Wer einen Menschen raubt, gleichgültig, ob er ihn verkauft hat oder ob man ihn noch in seiner Gewalt vorfindet, wird mit dem Tod bestraft.“ (Exodus 21,16) Das sind Gesetze, die vernünftigerweise nicht zu beanstanden sind. In der damaligen Zeit hatte man keine Hochsicherheitsgefängnisse. Es gab die Todesstrafe, die Verbannung (evtl. mit der Möglichkeit des Asyls in einer Stadt mit speziellen Rechtsprivilegien oder in einem Heiligtum), Körperstrafen und Geldstrafen (bzw. andere Schadensersatzleistungen). Die Todesstrafe war manchmal schlichtweg nötig, um eine Gesellschaft vor einem Verbrecher zu schützen; und wenn sie nötig ist, ist sie legitim, da sie dann nichts anderes als ein Fall von kollektiver Notwehr ist. Das Leben damals war hart, und kurz, und brutal.

Okay. Ich glaube, dass die meisten Leute nicht allzu viele Schwierigkeiten damit haben werden, zu akzeptieren, dass eine bronzezeitliche Gesellschaft manchmal nicht umhin kam, Mörder oder Menschenräuber hinzurichten. Aber dann sind da noch andere Vorschriften – Vorschriften wie diese hier:

  • „Wer seinen Vater oder seine Mutter schlägt, wird mit dem Tod bestraft.“ (Exodus 21,15)
  • „Wer seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft.“ (Exodus 21,17)
  • „Jeder, der seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft. Da er seinen Vater oder seine Mutter verflucht hat, soll sein Blut auf ihn kommen.“ (Levitikus 20)
  • „Wenn ein Mann einen störrischen und widerspenstigen Sohn hat, der nicht auf die Stimme seines Vaters und seiner Mutter hört, und wenn sie ihn züchtigen und er trotzdem nicht auf sie hört,dann sollen Vater und Mutter ihn packen, vor die Ältesten der Stadt und die Torversammlung des Ortes führen und zu den Ältesten der Stadt sagen: Unser Sohn hier ist störrisch und widerspenstig, er hört nicht auf unsere Stimme, er ist ein Verschwender und Trinker. Dann sollen alle Männer der Stadt ihn steinigen und er soll sterben. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Ganz Israel soll davon hören, damit sie sich fürchten.“ (Deuteronomium 21,18-21)
  • „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau. Du sollst das Böse aus Israel wegschaffen.“ (Deuteronomium 22,22)
  • „Jeder, der mit einem Tier verkehrt, soll mit dem Tod bestraft werden.“ (Exodus 22,18)
  • „Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, wird mit dem Tod bestraft, der Ehebrecher samt der Ehebrecherin.Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. Schläft einer mit seiner Schwiegertochter, so werden beide mit dem Tod bestraft. Sie haben eine schändliche Tat begangen, ihr Blut soll auf sie kommen. Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. Heiratet einer eine Frau und ihre Mutter, so ist das Blutschande. Ihn und die beiden Frauen soll man verbrennen, damit es keine Blutschande unter euch gibt. Ein Mann, der einem Tier beiwohnt, wird mit dem Tod bestraft; auch das Tier sollt ihr töten. Nähert sich eine Frau einem Tier, um sich mit ihm zu begatten, dann sollst du die Frau und das Tier töten. Sie werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. Nimmt einer seine Schwester, eine Tochter seines Vaters oder eine Tochter seiner Mutter und sieht ihre Scham und sie sieht die seine, so ist es eine Schandtat. Sie sollen vor den Augen der Söhne ihres Volkes ausgemerzt werden. Er hat die Scham seiner Schwester entblößt; er muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit einer Frau während ihrer Regel schläft und ihre Scham entblößt, hat ihre Blutquelle aufgedeckt und sie hat ihre Blutquelle entblößt; daher sollen beide aus ihrem Volk ausgemerzt werden.“ (Levitikus 20,10-18)
  • „Wenn sich die Tochter eines Priesters als Dirne entweiht, so entweiht sie ihren Vater; sie soll im Feuer verbrannt werden.“ (Levitikus 21,9)
  • „Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.“ (Exodus 22,17)
  • „Männer oder Frauen, in denen ein Toten- oder ein Wahrsagegeist ist, sollen mit dem Tod bestraft werden. Man soll sie steinigen, ihr Blut soll auf sie kommen.“ (Levitikus 20,27)
  • „Wer einer Gottheit außer Jahwe Schlachtopfer darbringt, an dem soll die Vernichtungsweihe vollstreckt werden.“ (Exodus 22,19)
  • „Wenn in deiner Mitte ein Prophet oder ein Traumseher auftritt und dir ein Zeichen oder Wunder ankündigt,wobei er sagt: Folgen wir anderen Göttern nach, die du bisher nicht kanntest, und verpflichten wir uns, ihnen zu dienen!, und wenn das Zeichen und Wunder, das er dir angekündigt hatte, eintrifft, dann sollst du nicht auf die Worte dieses Propheten oder Traumsehers hören; denn der Herr, euer Gott, prüft euch, um zu erkennen, ob ihr das Volk seid, das den Herrn, seinen Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele liebt. Ihr sollt dem Herrn, eurem Gott, nachfolgen, ihn sollt ihr fürchten, auf seine Gebote sollt ihr achten, auf seine Stimme sollt ihr hören, ihm sollt ihr dienen, an ihm sollt ihr euch fest halten. Der Prophet oder Traumseher aber soll mit dem Tod bestraft werden. Er hat euch aufgewiegelt gegen den Herrn, euren Gott, der euch aus Ägypten geführt und dich aus dem Sklavenhaus freigekauft hat. Denn er wollte dich davon abbringen, auf dem Weg zu gehen, den der Herr, dein Gott, dir vorgeschrieben hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Wenn dein Bruder, der dieselbe Mutter hat wie du, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau, mit der du schläfst, oder dein Freund, den du liebst wie dich selbst, dich heimlich verführen will und sagt: Gehen wir und dienen wir anderen Göttern – (wobei er Götter meint,) die du und deine Vorfahren noch nicht kannten, unter den Göttern der Völker, die in eurer Nachbarschaft wohnen, in der Nähe oder weiter entfernt, zwischen dem einen Ende der Erde und dem andern Ende der Erde -, dann sollst du nicht nachgeben und nicht auf ihn hören. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihm aufsteigen lassen, sollst keine Nachsicht für ihn kennen und die Sache nicht vertuschen. Sondern du sollst ihn anzeigen. Wenn er hingerichtet wird, sollst du als Erster deine Hand gegen ihn erheben, dann erst das ganze Volk. Du sollst ihn steinigen und er soll sterben; denn er hat versucht, dich vom Herrn, deinem Gott, abzubringen, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Ganz Israel soll davon hören, damit sie sich fürchten und nicht noch einmal einen solchen Frevel in deiner Mitte begehen.“ (Deuteronomium 13,2-12)
  • „Sag den Israeliten: Jeder, der seinem Gott flucht, muss die Folgen seiner Sünde tragen.Wer den Namen des Herrn schmäht, wird mit dem Tod bestraft; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen. Der Fremde muss ebenso wie der Einheimische getötet werden, wenn er den Gottesnamen schmäht.“ (Levitikus 24,15f.)

Zusammengefasst: Für Vergehen gegen die Eltern, für die schwereren sexuellen Vergehen (Ehebruch, Inzest, homosexuelle Handlungen, Bestialität), und für fremde religiöse / okkulte Praktiken oder den Abfall von Jahwe wird hier die Todesstrafe angedroht. (Noch kurz zu der Frage, was genau mit „Hexerei“ oder den Kulten anderer Götter gemeint war, ein weiteres Zitat aus Deuteronomium: „Wenn du in das Land hineinziehst, das der Herr, dein Gott, dir gibt, sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker nachzuahmen. Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt. Denn jeder, der so etwas tut, ist dem Herrn ein Gräuel.“ (Deuteronomium 18,9-12) Also alles von Kinderopfern hin zu Geisterbefragung.)

File:Tissot The Sabbath-Breaker Stoned.jpg

(James Tissot, The Sabbath-Breaker Stoned)

Es ist schwierig zu sagen, inwieweit diese strengen Gesetze in der Praxis Anwendung fanden, und auch, ob sie überhaupt in jedem Fall Anwendung finden sollten oder bloß eine Höchststrafe festlegten. Aber lassen wir diese Fragen mal beiseite und gehen davon aus, dass die Gesetze so angewendet wurden, wie sie dastehen. Dabei sollte noch beachtet werden, dass es eine generelle Schwelle für die Anwendung der Todesstrafe gab, nämlich, was die Anzahl der Zeugen betraf, und auch harte Strafen für verleumderische Verdächtigungen: „Wenn es um ein Verbrechen oder ein Vergehen geht, darf ein einzelner Belastungszeuge nicht Recht bekommen, welches Vergehen auch immer der Angeklagte begangen hat. Erst auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen darf eine Sache Recht bekommen. Wenn jemand vor Gericht geht und als Zeuge einen andern zu Unrecht der Anstiftung zum Aufruhr bezichtigt, wenn die beiden Parteien mit ihrem Rechtsstreit vor den Herrn hintreten, vor die Priester und Richter, die dann amtieren, wenn die Richter eine genaue Ermittlung anstellen und sich zeigt: Der Mann ist ein falscher Zeuge, er hat seinen Bruder fälschlich bezichtigt, dann sollt ihr mit ihm so verfahren, wie er mit seinem Bruder verfahren wollte. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Die Übrigen sollen davon hören, damit sie sich fürchten und nicht noch einmal ein solches Verbrechen in deiner Mitte begehen. Und du sollst in dir kein Mitleid aufsteigen lassen: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß.“ (Deuteronomium 19,15-20)

An dieser Stelle sieht man sehr schön den generellen Sinn des Talionsprinzips in der Tora. (Das übrigens nicht nur im Buch Deuteronomium, sondern auch schon im Buch Exodus vorkommt: „Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“ (Exodus 21,23-25)) Es hat, wie andere weiter oben genannte Vorschriften, auch einen schadensbegrenzenden Zweck, indem es die exzessive Blutrache verbietet – wenn jemand dir ein Auge ausgeschlagen hat, darfst du ihn dafür nicht gleich umbringen –; aber vor allem soll es ganz einfach die reine Gerechtigkeit durchsetzen; Gerechtigkeit, die hart sein kann, die nicht durch Gnade abgemildert wird, die aber jedem ganz genau das gibt, was ihm zusteht und was er sich verdient hat.

Und, wie im Alten Testament sehr deutlich wird, wurden Ehebruch, Inzest, Verfluchung der Eltern, Totenbeschwörung oder die Verehrung anderer Götter eben als schwerwiegende, tatsächlich todeswürdige Verbrechen betrachtet. Dafür gab es verschiedene Gründe; der Abfall von Gott galt als schwerwiegend, weil er einen Treuebruch mit demjenigen bedeutete, der die Existenz des ganzen Volkes garantierte; die Familie oder Sippe war extrem wichtig und daher galt auch Verhalten, das sie schädigte, wie Ehebruch, Inzest oder Verfluchung der Eltern, als schwerwiegend.

Es gibt die Lesart, dass diese Gesetze, ganz genau so, wie sie sind, von Gott gegeben wurden und damals eben aus diversen Gründen (um die Israeliten erst einmal auf den richtigen Weg zu bringen; um deutlich zu machen, wie schlimm diese Vergehen sind; um die gesellschaftliche Ordnung der damaligen Zeit zu erhalten, o. Ä.) nötig waren, es heute aber nicht mehr sind, auch wenn die genannten Vergehen an sich immer noch ebenso schlecht sind wie damals. Dieser Lesart folgt z. B. Lutheran Satire anscheinend in diesem (eigentlich ganz gut gemachten) Clip:

 

 

[Achtung: Borderline-häretischer Content bei der Erklärung des Zwecks des moralischen Gesetzes. Es ist nicht nur dafür da, uns zu zeigen, dass wir es nicht erfüllen können, also alle Sünder sind! Lutherische Häresie! Wir sollen es erfüllen! Und können es! (Theoretisch.)]

Ich folge dieser Lesart nicht ganz. Noch einmal: Als Jesus mit einer konkreten Frage zum Gesetz des Mose konfrontiert wird, sagt er: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.“ „Er“ ist hier Mose, nicht Gott – es handelt sich bei den Vorschriften, um die es geht, um das Gesetz des Mose; ein Gesetz, das dieser sich sicher nicht einfach aus den Fingern gesogen, sondern in einem echten Hinhören auf Gottes Willen verfasst hat, aber das ihm wahrscheinlich auch nicht wortwörtlich vom Himmel herab diktiert wurde, sondern das eben er selbst verfasst hat. Ich denke wirklich, wir sollten vorsichtig sein, wenn wir die Offenbarung Gottes im Alten Testament ansehen. Wir sollten sie uns nicht immer so direkt vorstellen, wie wir es manchmal tun. (Siehe dazu Teil 6: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/08/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-6-das-fortschreiten-der-offenbarung-wie-wir-das-alte-testament-lesen-sollen/) Gottes Stimme war wahrscheinlich am Anfang der Offenbarungsgeschichte nicht immer einfach zu vernehmen. Die Bibel zeigt uns ja, wie das Verständnis um Gottes Wesen im Lauf der Zeit zunimmt; sie zeigt nicht das Ergebnis, das gesammelte Wissen, das am Ende steht, sondern den Prozess, der zu diesem Wissen geführt hat. Sie erzählt eine Geschichte.

Ich möchte hier noch einen anderen Beitrag zu diesem Thema verlinken (https://thetalkingllama.wordpress.com/2014/05/18/what-frozen-taught-me-about-how-to-read-the-bible/), der genau darauf eingeht, und die Geschichte des Gottesvolkes mit dem Disney-Film „Frozen“ vergleicht. (Man könnte natürlich auch eine beliebige andere gute Geschichte nehmen. Aber ich bleibe bei der Analogie, weil „Frozen“ einfach zu meinen Lieblingsfilmen gehört, und ich daher ganz begeistert war, auf diesen Blogartikel zu stoßen.) Zusammenfassung der Story: Prinzessin Elsa hat magische Kräfte und kann Eis und Schnee herbeizaubern, diese Kräfte sind aber auch gefährlich und als Kind hat sie ihre kleine Schwester Anna damit verletzt, also versucht sie seitdem verzweifelt, sie zurückzuhalten, was am Ende nicht funktioniert, weshalb sie am Tag ihrer Krönung davonläuft und sich hoch oben einsam in den Bergen versteckt, wo sie sich ein Eisschloss zaubert. An dieser Stelle im Film kommt das folgende Lied:

 

 

Man kann Elsas Erleichterung darüber, dass sie sich endlich nicht mehr verstecken muss, sehr gut nachfühlen – „…and the fears that once controlled me / can’t get to me at all! / It’s time to see what I can do, / to test the limits and break through…“ –, aber trotzdem ist nicht alles, was sie in diesem Moment singt, wahr: „No right, no wrong, no rules for me – / I’m free!“ So funktioniert es auch wieder nicht, und das zeigt der Film in der Folge sehr deutlich. Elsa hat unabsichtlich und ohne es zu merken das ganze Land unter Eis und Schnee versenkt, und als ihre Schwester ihr nachgeht, um sie wieder zurückzuholen, und sie schließlich findet, verletzt Elsa Anna mit einem Eisblitz, was für Anna lebensgefährlich wird. Elsa kann sich nicht einfach zurückziehen und ihren Kräften freien Lauf lassen; sie schadet anderen Menschen damit, auch wenn sie es unabsichtlich tut und ihre bisherigen Versuche, niemandem zu schaden, nicht wirklich erfolgreich waren. Die Lösung bietet am Ende des Films, kurz gesagt, – eigentlich ganz genau wie in der Bibel oder bei Harry Potter – die Liebe. (Genaueres verrate ich nicht. Film ansehen! Er ist genial. Ja, wirklich. Viele Disneyfilme sind genial!)

Es wäre also falsch, alle Aussagen von „Let it go“ als Aussagen des Films herzunehmen, auch wenn manchen Leuten speziell dieses Lied so gut zu gefallen scheint, dass sie genau das tun. Das hier ist erst der Anfang. Ein paar Erkenntnisse müssen noch kommen.

Ähnlich ist es meiner Meinung nach mit der Bibel. Die Menschen, die diese Gesetze erlassen und Exodus, Levitikus, oder Deuteronomium verfasst haben, hatten bereits einige sehr wichtige Erkenntnisse über Gott und das Gute gewonnen: Das moralische Gesetz ist etwas Absolutes. Gerechtigkeit ist wichtig. Ehebruch oder Okkultismus oder Mord sind wirklich schwerwiegende Sünden, die Wiedergutmachung verlangen, konkreten Menschen schaden, und der Gesellschaft im Ganzen ebenso. „Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen“ – das ist an sich keine falsche Aussage. Das Böse muss weggeschafft werden, ganz radikal, ohne Kompromisse. Aber dass das nicht immer am besten durch das Wegschaffen des Menschen, der das Böse tut, geschieht, das hatten die Autoren dieser Texte eben noch nicht erkannt. Die Unterscheidung zwischen Sünder und Sünde, die Erkenntnis, dass das Böse manchmal eher in der Seele des Einzelnen weggeschafft werden muss als in der Gesellschaft, fehlte noch. Die Gnade kommt zu kurz. Nicht, dass sie im Alten Testament gar nicht vorkäme; im Gegenteil, in anderen Texten kommt sie wieder und wieder und wieder zum Ausdruck. Aber hier fehlt sie. Und genau deswegen lässt Jesus die Ehebrecherin eben nicht steinigen, sondern sagt zu ihr, „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.“ (Johannes 8,11).

„Gott ist die Liebe“, sagt der hl. Johannes (1 Johannes 4,8), und die Liebe, die sich in Jesus Christus offenbart hat, bringt die Gerechtigkeit und die Gnade zusammen. Also bitte Regel Nummer 16 im Hinterkopf behalten, wenn man das Buch Deuteronomium liest.

 

Tatsächlich lese ich persönlich übrigens das Buch Deuteronomium inzwischen sehr gerne. Es enthält unglaublich schöne Texte:

„Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben.“

(Deuteronomium 6,4-9)

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“

(Deuteronomium 30,11-14)

„Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. […] Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. Er ist die Länge deines Lebens, das du in dem Land verbringen darfst, von dem du weißt: Der Herr hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen zu geben.“

(Deuteronomium 30,15.19f.)

Man muss eben bloß wissen, was man mit den irritierenden Versen machen soll, die sich immer mal wieder zwischen die schönen verirren.

 

* Trent Horn, Hard Sayings, El Cajon, California 2016, S. 242f., Übersetzung von mir.

 

Ein bisschen Scheiterhaufen muss sein

Was soll ich sagen: Ich brauchte in den letzten Tagen etwas zum Entspannen.

Na ja, und da das schon manchmal funktioniert hat, dachte ich mir, ein trashiger historischer Liebesroman könnte da vielleicht weiterhelfen – und es könnte außerdem beim Lesen Spaß machen, zu schauen, wie oft ich in Gedanken „historisch inkorrekt!“ rufen kann (zusammen mit dem Korrigieren von Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern eine meiner liebsten Beschäftigungen). Ein Blogartikel als Rezension des Buchs könnte auch noch dabei herauskommen. Also, gedacht, getan.

So bin ich jedenfalls an Iny Lorentz‘ 700-seitigen historischen Roman „Flammen des Himmels“ geraten.

„Historischen“ Roman? wird sich der aufmerksame Leser, dem der Name der Autorin etwas sagt, jetzt sicherlich fragen. Aber ich greife mir vor – kommen wir erst einmal zur Handlung. Der Klappentext bietet die folgenden Informationen:

„Eine packende Frauenfigur, ein ungewöhnliches Setting und eine dramatische Geschichte aus dem 16. Jahrhundert

Fraukes Familie gehört zur verbotenen Sekte der Wiedertäufer. Als ein berüchtigter Inquisitor in ihrer Stadt erscheint, verhilft ihr Lothar, obwohl er der Sohn eines engen Vertrauten des Fürstbischofs ist, zur Flucht. Als die Wiedertäufer die Macht in Münster ergreifen, treffen sie sich wieder, Frauke auf der Seite der Ketzer und Lothar als Spion der Kirche, deren Ziel es ist, die Wiedertäufer zu vernichten. Wird ihre Liebe in dem mörderischen Ringen zwischen den Religionen eine Chance bekommen?“

Erst einmal muss ich hierzu sagen: Ein bisschen zu viele Adjektive in zu wenigen Sätzen.

 

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Das Cover bietet ja schon mal gewisse Anhaltspunkte für die Art von Roman, die man zu erwarten hat. Die schöne geheimnisvolle junge Frau, die mit abgewandtem Gesicht in die Ferne blickt, gequält ein Kreuz an ihre Brust drückend, während sich im Hintergrund über der alten gotischen Kirche dunkle Wolken zusammenbrauen, sich aber dazwischen auch ein heller Lichtschein zeigt… (Und ja, das waren jetzt absichtlich zu viele Adjektive in zu wenigen Sätzen.)

 

Meine Erwartungen nach dem Lesen dieser Inhaltsangabe waren in etwa:

  • Ein gruselig aussehender, fanatischer, skrupelloser, vor keiner Foltermethode zurückschreckender Inquisitor also mal wieder. Natürlich.

 

 

Nobody expects the Spanish Inquisition. Müssen sie im Buch auch nicht, da sie nicht in Spanien leben.

 

  • Wir werden wohl eine Menge sex & crime kriegen. Also, „crime“ wahrscheinlich im Sinne von Krieg, Folter und Hinrichtungen, hauptsächlich. Viel blutiges Zeug halt.
  • Frauke und Lothar werden am Ende zu der Erkenntnis kommen, dass ihre Religionen irgendwie beide blöd sind. Was denn sonst?
  • Selbstverständlich bekommt ihre Liebe eine Chance! Oder denkt hier jemand, dass Frau Lorentz ihre Leserinnen mit einer Tragödie verschrecken will, in der das Liebespaar am Ende getrennt wird, gemeinsamen Selbstmord begeht, im Krieg umgebracht wird oder an der Pest stirbt? Oder, noch bessere Möglichkeit: Lothar sagt sich von seiner sündigen Liebe zu einer Ketzerin los, liefert sie als guter Katholik dem fanatischen Inquisitor aus und jubelt vor ihrem Scheiterhaufen, während sie als treue und standhafte Märtyrerin für ihren Glauben an die Lehren der Wiedertäufer-Propheten stirbt. Schließlich ist das hier eine hoffnungslose Liebe zwischen zwei Eigentlich-Feinden, die keine Chance haben kann.

 

Inzwischen habe ich das Buch zu Ende gelesen, und, nun ja, meine Erwartungen bezüglich des Inquisitors wurden eher noch übertroffen. Gleich auf der ersten Seite, als Frauke Hinrichs den Einzug des Inquisitors Jacobus von Gerwardsborn (übrigens ebenso wie die Hauptpersonen keine historische Figur – ein paar tatsächliche historische Personen wie der Fürstbischof von Münster kommen später noch am Rande vor) in ihre Heimatstadt Stillenbeck beobachtet, findet sich folgende Schilderung:

„Seine Kleidung einschließlilch der Stiefel war so dunkel wie eine Neumondnacht unter einem bedeckten Himmel, und sein schwarzes Maultier wies nicht einen hellen Fleck auf. Im ersten Augenblick wirkte der Mann auf Frauke wie einer der apokalyptischen Reiter, und sie hätte sich nicht gewundert, wenn auch sein Gesicht von der Farbe der Nacht gewesen wäre. Stattdessen war es so bleich, als meide der Mann die Strahlen der Sonne. Frauke erstarrte bis ins Mark, obwohl sie nicht wusste, wer dieser Fremde sein mochte, der die Menschen am Straßenrand musterte, als wolle er sie mit seinen Blicken durchbohren.“ Bessere Metaphern und Vergleiche waren wohl nicht im Angebot.

Zu Gerwardsborns Begleitung gehört auch Magnus Gardner, ein Berater des neu ernannten Fürstbischofs Franz von Waldeck, der den vom Papst entsandten Inquisitor im Auftrag des Bischofs zu etwas Mäßigung bei seiner Ketzerverfolgung bewegen soll – schließlich können auf dem Scheiterhaufen verbrannte Untertanen des Fürstbistums keine Steuern mehr zahlen, und so ein Fanatiker ist der Franz nun nicht, dass ihm die Ausrottung der Häretiker wichtiger wäre als die Möglichkeit, die Schulden, die er machen musste, um seinen Titel zu kaufen, endlich zu begleichen. Auch mit von der Partie ist Gardners Sohn Lothar, dessen Hauptaufgabe im Moment darin besteht, den Inquisitor bei Laune zu halten, indem er gegen ihn im Schachspiel verliert.

Tja, in Stillenbeck nun gibt es ein paar vereinzelte, in den letzten Jahren neu zugezogene Wiedertäufer, die ihren Glauben geheim halten, und eine bedeutende Zahl an Bürgern, darunter auch ein großer Teil des Stadtrats, die sich Luther zugewandt haben und vor Gerwardsborns Ankunft einen lutherischen Prediger an die Pfarrkirche berufen wollten. Nun mimen natürlich auch die wieder die braven Katholiken, aber Gerwardsborn will Ketzer brennen sehen, also beschließen die Lutheraner, seine Aufmerksamkeit von sich ab- und auf den gemeinsamen Feind, die radikale, kleine Sekte der Wiedertäufer, hinzulenken und denunzieren ohne genaueres Wissen Neuzugezogene wie Fraukes Familie (die schon dreimal aus verschiedenen Städten fliehen musste). Dass des Bürgermeisters Töchterlein die Familie schon vorher beim Inquisitor angeschwärzt hatte, weil es eifersüchtig auf die Schönheit von Fraukes älterer Schwester Silke war (ich weiß – einfallsreich, nicht wahr?), trägt auch noch seinen Teil dazu bei, dass sein Fokus sich nun ganz auf die Hinrichs richtet. Fraukes Vater zögert zu lange mit der Flucht aus der Stadt und will sie, als er sich doch noch dazu entschließt, unauffällig aussehen lassen, weshalb die Familie sich trennt; Hinner Hinrichs und der jüngere Sohn Helm gehen zuerst, angeblich, um Leder für ihr Handwerk zu kaufen, und die Mutter, die beiden Töchter und der ältere Sohn Haug bleiben zunächst noch zurück – woraufhin sie, wie es zu erwarten war, von den Schergen des Inquisitors gefangen genommen werden.

Die vier werden eingesperrt, ihnen werden Beweise untergeschoben und sie werden gefoltert, die Mutter wird von Gerwardsborns Folterknecht vergewaltigt, und Haug wird nicht lange danach als erster auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Frauen sollen am nächsten Tag an der Reihe sein, aber in dieser Nacht befreien Lothar, den Gerwardsborns Grausamkeit abstößt und der sich anscheinend in Frauke verliebt hat, nachdem er sie ein paar Mal auf der Straße gesehen und sich ein Mal mit ihr unterhalten hat, und ein Stadtknecht namens Draas, der in Silke verliebt ist, die drei, und Draas bringt sie heimlich zum Stadttor hinaus und zu anderen Wiedertäufern nach Geseke.

Von da an trennen sich die Wege der Figuren zeitweise: Draas kann nicht nach Stillenbeck zurückkehren und wird Söldner; Hinner Hinrichs und Helm hören, dass ihre ganze Familie tot sein soll und ziehen allein nach Münster, wo sich immer mehr Wiedertäufer sammeln und einheimische Wiedertäufer schon an Macht gewonnen haben, und wo, wie ihr Prophet Jan Matthys angekündigt hat, Christus zu Ostern vom Himmel herabsteigen soll, und dort heiratet Hinner eine streitsüchtige holländische Witwe namens Katrijn; Frauke, Silke und ihre Mutter gehen schließlich auch nach Münster, wo sie dem Rest ihrer Familie wieder begegnen; Lothar kehrt zuerst an die Universität zurück, wo er Jura studiert, wird dann aber von seinem Vater als Spion ebenfalls nach Münster geschickt, um diesem heimlich Nachrichten über die Situation in der Stadt zukommen zu lassen. Der neue Fürstbischof hatte bisher wegen schwieriger Verhandlungen mit dem Stadtrat über ein paar politische Angelegenheiten noch nicht in seine Hauptstadt einziehen können und nun, wo die Wiedertäufer an die Macht kommen, spitzt sich die Lage zu: Deren Lehre wird gewaltsam durchgesetzt, Heiligenfiguren in den Kirchen werden zerschlagen und Kirchengerät geplündert, Katholiken und Lutheraner werden vertrieben und ihr Besitz wird Täufern zugeteilt, es sei denn, sie nehmen den Täuferglauben an. Der Fürstbischof zieht allmählich einen Belagerungsring um die Stadt (wozu er ständig neues Geld aufbringen muss, das er eigentlich nicht hat), hofft aber noch, dass vielleicht die Gegner der Täufer in der Stadt noch etwas ausrichten und die neuen Herren wieder entmachten könnten, sodass er sich eine langwierige und blutige Erstürmung der Stadt sparen könnte. Auch Draas ist unter den Söldnern des Bischofs.

Zurück zu den Hinrichs. Als sie einander wiederfinden und Hinner Hinrichs ungewollte Bigamie herauskommt, er und seine zweite Frau sich aber nicht so wirklich trennen wollen, entscheiden die Herrscher von Münster, dass sie erst noch in der Bibel schauen müssen, ob die Polygamie für Christen vielleicht doch okay sein kann, also sollen sie solange alle zusammenleben, aber Hinner soll bitte nur mit einer der beiden Frauen schlafen. Der *ich-verkneife-mir-aus-christlicher-Nächstenliebe-was-ich-ihn-hier-gerne-nennen-würde* entscheidet sich für Katrijn. An dieser Stelle erfährt man auch, dass seine erste Frau Inken schwanger ist, und dass sie vermutet – ohne allerdings ihrem Mann etwas davon zu sagen -, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger sein könnte. Sie versinkt jetzt immer mehr in einer schweren Depression und verlässt kaum noch ihre Kammer.

Unterdessen trifft Frauke Lothar wieder – der sich als Frau verkleidet, als arme täuferische Witwe ausgegeben und den Namen Lotte zugelegt hat, und immer wieder Botschaften in Flaschen in die Aa wirft, die die Leute seines Vaters dann außerhalb der Stadt herausfischen. Frauke freundet sich mit „Lotte“ an und entdeckt schließlich deren wahre Identität. Jetzt beginnt die wahre Liebesgeschichte (allerdings entgegen meiner Vermutung mit tatsächlich relativ wenig Sexszenen), und da Frauke eh schon längst ihre Zweifel an den Auserwähltheitsfantasien und Weltuntergangsprophezeiungen der Wiedertäufer hat, sind auch keine feindseligen Gefühle mehr zu überwinden. Auch Lothar mag die katholische Kirche mit ihren Scheiterhaufen nicht mehr so richtig, aber jetzt muss er natürlich eher noch dem Fürstbischof gegen die fanatischen Wiedertäufer helfen. Beide möchten gerne eine einigermaßen friedliche Lösung erreichen, und versuchen deshalb zwischendurch, herauszufinden, ob es noch Bürger gibt, die bereit wären, sich gegen die Täufer zu wenden oder den Truppen des Bischofs ein Stadttor zu öffnen.

Ein paar Monate ziehen ins Land, es gibt ein paar Wendungen im Plot und Nebenstränge der Handlung werden weitergesponnen. Fraukes Mutter stirbt bei der Geburt ihres Kindes, und das Kind ebenfalls. Die Täuferführer setzen ihre Macht immer radikaler durch – auch, als Christus zu Ostern 1534 nicht wie versprochen erscheint. Angesichts von dessen Ausbleiben unternimmt Jan Matthys einen verzweifelten Ausfall gegen die Bischöflichen und wird getötet, woraufhin Jan Bockelson van Leiden, ein weiterer Täuferprophet, erklärt, dass Gott ihm mitgeteilt habe, dass Matthys für seinen Hochmut und Stolz auf sein Prophetenamt bestraft würde und sie jetzt einfach so gut christlich leben müssten, dass sie Christus dazu zu bringen würden, irgendwann mal zu erscheinen. Jan van Leiden erklärt sich schließlich zum „König von Neu-Jerusalem“ (also Münster), und erlaubt außerdem, da sich inzwischen viel mehr Frauen als Männer in der Stadt befinden, die Polygamie nicht nur, sondern erklärt sie sogar für verpflichtend. Er nimmt sich selbst etliche Frauen, darunter Silke Hinrichs.

Unterdessen ist außerhalb der Stadt auch der Erzschurke der Geschichte wieder aufgetaucht: Gerwardsborn, der eigentlich nach Rom reisen wollte in der Hoffnung, zum Kardinal befördert zu werden, ist doch im Münsterland geblieben und agitiert – gegen den Willen des Fürstbischofs, der aber nicht viel tun kann, um ihn zu hindern – in den Söldnerlagern rund um die Stadt bei den Söldnern und ihren Anführern, damit sie bei einer Eroberung der Stadt alle Einwohner umbringen, da die mit dem Gift der Häresie angesteckt sein müssten, das man ganz und gar ausrotten müsse. So à la „Tötet sie alle, der Herr kennt die Seinen“ eben.

Long story short: Unsere Protagonisten helfen schließlich einem Münsteraner Bürger, der auf ihrer Seite steht, aus der Stadt zu fliehen, sodass der den bischöflichen Truppen einen Weg hinein zeigen kann.

Während der Eroberung sollen sie von ein paar Söldnern, die Lothars Vater geschickt hat, darunter Draas, in Sicherheit gebracht werden, was zuerst zu klappen scheint, als jedoch – man ahnt es – der schwarze Inquisitor, der auch mit den Soldaten in die Stadt gekommen ist, noch einmal seinen letzten großen Auftritt hat. Er erkennt Frauke neben Lothar und schließt daraus, dass der ihr damals in Stillenbeck zur Flucht verholfen haben muss. Während er noch Drohungen bzgl. Scheiterhaufen usw. ausstößt, bekommt jedoch Fraukes bisher recht feiger und enttäuschender Vater seine letzte Möglichkeit, sich als Held zu erweisen: Er taucht (unerkannt von den Protagonisten) am Dachfenster eines Hauses auf, erkennt Gerwardsborn unten auf der Straße und tötet ihn und einige von seinen Handlangern mit einer Handbüchse, wird dann allerdings selbst getötet. Die anderen gelangen sicher aus der Stadt hinaus.

Die Eroberung ist insgesamt etwas brutal verlaufen, aber immerhin nicht ganz so schlimm, wie der tote schwarze Inquisitor es gerne gehabt hätte, die Täuferführer werden allerdings hinterher hingerichtet, die restlichen Täufer, die sich nicht bekehren wollen, des Landes verwiesen. Silke kommt mit Draas zusammen, dem Lothars Vater eine Stelle verschafft, was er auch für den kleinen Bruder Helm tut. (Beide Geschwister haben in den letzten paar hundert Seiten etwas tragendere Rollen bekommen als zuvor und auch von Lothars Identität erfahren.) Lothar erklärt seinem Vater unumwunden, dass er Frauke heiraten will, auch wenn sie bloß eine Handwerkerstochter ist, und – das war jetzt auch für mich eine Überraschung – dass er nach Wittenberg gehen, sich den Lutheranern anschließen und Pastor werden will. Denn, wie die Autorin uns mehrmals im Lauf des Buches informiert hat, das Christentum an sich ist ja schon gut, Nächstenliebe und so, bloß – diese Katholiken! diese Wiedertäufer! diese Gewalt! Aber zum Glück bietet der Luther anscheinend einen dritten Weg, und so wird alles gut. Magnus Gardner akzeptiert Lothars Entscheidung und alle sind glücklich. The End.

Tja, was soll ich jetzt dazu sagen? Fangen wir mal mit dem Positiven an. Man sollte lernen, das Positive zu sehen.

Das Thema an sich ist extrem interessant. Die Episode mit den Wiedertäufern ist eine spannende, und tragische, Episode in der Geschichte der Reformation. (Allgemein eine spannende und sehr, sehr tragische Zeit.) Das hat mich auch dazu gebracht, gerade diesen Roman unter den mir zur Verfügung stehenden trashigen Historienromanen auszuwählen: Falsche Propheten, enttäuschte Hoffnungen auf das Weltenende, Fanatismus, erzwungene polygame Ehen, Religionskriege… spannend.

Das Buch hat sich tatsächlich als gutes Mittel zur Entspannung herausgestellt. Es liest sich schnell und flüssig, man muss nicht mitdenken, es macht irgendwie Spaß.

Es gibt Stellen, an denen man sich denkt: Hey! Hier hätte ich mehr historisch nicht Korrektes erwartet! Das hat sie ja besser gemacht, als ich erwartet hätte! Zum Beispiel, als erwähnt wird, dass es für das Verhör von Ketzern im Allgemeinen und die Folter im Besonderen tatsächlich Regeln gab, um die Angeklagten zu schützen – natürlich hält sich der schwarze Inquisitor nicht daran, aber er muss ja auch der skrupellose Erzschurke bleiben.

Okay, das waren die positiven Punkte, die mir eingefallen sind. Jetzt zu den negativen:

Der Titel. Was bitteschön soll er bedeuten? „Flammen des Himmels“? Flammen im Himmel? Verwechselt man da nicht Himmel und Hölle? Flammen, die vom Himmel her kommen? Na ja, das Weltgericht bleibt schließlich am Ende aus. Flammen um des Himmels willen? Das kann man aus der Formulierung, wie sie da steht, eigentlich nicht herauslesen, auch wenn es noch die sinnvollste Interpretation wäre. Man könnte ja fast meinen, Iny Lorentz hätte sich bloß zwei möglichst dramatisch und irgendwie nach Gewalt und Religion klingende Wörter ausgesucht und sie dann in beliebiger Reihenfolge mit einem beliebigen Artikel verbunden; aber das kann ja nicht sein, oder?

Die Figuren erfüllen wirklich alle Klischees, die zu erwarten waren. Die junge, kluge, rebellische Frau, die die Konventionen ihrer Zeit hinterfragt – das Paar, dessen heimliche verbotene Liebe sich am Ende durchsetzt – der gruselige, fanatische schwarzgekleidete Inquisitor – der sadistische, seine weiblichen Gefangenen vergewaltigende Folterknecht – der herumschnüffelnde, knabenschändende Mönch (ein Helfer des Inquisitors) – der reiche Stadtdechant, der sich eine Mätresse hält und zwei Hilfspriester seine Aufgaben erfüllen lässt, die arm sind wie die sprichwörtlichen Kirchenmäuse (eine unwichtige Nebenfigur) – die religiösen Fanatiker, die ständig davon reden, wer alles in der Hölle schmoren wird (Jan van Leiden etc.)…

Die Sprache. Ach du meine Güte, die Sprache. Awkward. Iny Lorentz versucht die meiste Zeit über, ihre Figuren irgendwie altertümlich sprechen zu lassen, allerdings hört sich das dann weniger nach Lutherbibel oder Mittelhochdeutsch an, sondern eher nach, na ja, bemüht hochgestochenem Deutsch mit ein paar älteren Wörtern dazwischen, und zwischendurch vielleicht auch mal ein paar Schimpfwörtern und Flüchen, wenn gerade Huren, Söldner oder Marketenderinnen sprechen. Und wenn in wörtlicher Rede ständig Ausdrücke wie „diese“, „daher“, „weshalb“, „dennoch“, „teilhaftig werden“ oder „auch kann ich vermelden“ vorkommen, dann wirkt das irgendwie… gekünstelt. Ebenso gekünstelt, wie es generell wirkt, wenn ihre Figuren über das Thema Religion sprechen. Sie hat es einfach nicht drauf, sorry. Das hört sich in etwa so authentisch an, wie es sich bei mir anhören würde, wenn ich versuchen würde, einen Dialog zu schreiben, der sich bei einem Antifa-Treffen abspielt. Sie hat sich vielleicht ein bisschen was von dem Vokabular angelesen, aber das reicht eben nicht.

Manchmal liegt das wohl auch an dem tieferen Problem, dass sie einfach nicht versteht, wie Menschen des 16. Jahrhunderts überhaupt dachten – nicht zuletzt in Bezug auf das zentrale Thema Ketzerei. Frau Lorentz legt ihren Hauptfiguren Meinungen wie diese in den Mund bzw. ins Gehirn:

„Frauke konnte nicht begreifen, weshalb Menschen anderen Menschen so etwas antun konnten. Gott im Himmel war doch um so viel größer, als der kleinliche Geist vieler Leute ihn erscheinen lassen wollte. Dabei dachte sie nicht nur an die Katholiken, deren Priester ihre Gebete nur auf Latein sprechen durften, und die Lutheraner, die unbedingt auf Deutsch beten wollten, sondern auch an ihren Vater und die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft.“ (S. 64)

„Warum mussten Menschen alles zerstören, was nicht in ihr enges Weltbild passte?, fragte Lothar sich kopfschüttelnd.“ (S. 366)

„‚Solange du Gott im Herzen trägst, wird er darüber hinwegsehen, auf welche Weise du zu ihm betest.'“ (S. 732)

„Ein wenig schmerzte es ihn [Magnus Gardner], dass Lothar die große Karriere ausschlug, die sich ihm geboten hätte. Zum anderen aber bewunderte er seinen Sohn und fand, dass dieser auch als lutherischer Prediger seinen Weg gehen würde.“ (S. 734) –

So reagiert kein katholischer Vater des 16. Jahrhunderts auf die angekündigte Konversion seines Sohnes!

Natürlich müsste man hier im Blick behalten, dass es für das Jahr 1534 noch etwas schwierig ist, hier überhaupt von einer „Konversion“ im eigentlichen Sinne zu sprechen.

Ja, einige Sätze von Luther waren 13 Jahre vorher schon als häretisch verurteilt worden. Ja, vier Jahre vorher hatten die Lutheraner schon ihr eigenes Augsburger Bekenntnis formuliert. Ja, sie wurden immer mehr zu einer klar abgegrenzten und klar von der Kirchenobrigkeit abgelehnten Gruppe. Aber trotzdem sahen sich die Katholiken und die Lutheraner noch nicht als getrennte „Kirchen“. Es gab keine „Kirchen“ im Plural, sondern die eine Kirche, und ein Teil ihrer Mitglieder rebellierte gegen ihre althergebrachte Ordnung, da sie ihre neuen Ideen für das richtige Christentum hielten, das jetzt in der ganzen Kirche durchgesetzt werden müsste, um sie zu „reformieren“, sie also zu einem angeblichen Idealzustand der Frühzeit zurückzubringen, und der andere Teil war entsetzt über diese neuen Ideen und wandte sich heftig dagegen. Es gab in den 1530ern noch immer die Hoffnung auf eine Beilegung dieser theologischen Streitigkeiten, auf eine endgültige, alle zufriedenstellende Klärung der Fragen durch Religionsgespräche (die auch stattfanden) oder durch ein Konzil (das erst später stattfand, als sich die Trennung schon stärker verfestigt hatte).

Das Ganze war ein Konflikt innerhalb einer Kirche – ein heftiger Konflikt um für die Menschen enorm wichtige Fragen, von denen übrigens kaum welche in „Flammen des Himmels“ auch nur Erwähnung finden. Interessanterweise sind die einzigen Dinge, die als Unterschiede zwischen Lutheranern und Katholiken genannt werden, der Klerikerzölibat, die Sprache der Liturgie und die Heiligenverehrung – die ersten beiden keine doktrinären Punkte, und Punkte, bei denen Rom anfangs sogar zu Zugeständnissen gegenüber den selbsternannten deutschen Kirchenerneuerern bereit gewesen wäre. Kein einziges Mal wird von Frau Lorentz die damals so heftig debattierte Frage erwähnt, ob der Mensch durch den Glauben und die göttliche Gnade allein, ohne jede Bedeutung der menschlichen guten Werke, erlöst würde (=in den Himmel käme), wie es Luther proklamierte, oder durch ein Zusammenwirken des Glaubens und der Werke, wie die Katholiken sagten. Das war der Trennungsgrund der Konfessionen! Das war das, was die Menschen eigentlich spaltete! Klar, über die anderen Themen redeten sie auch, aber die grundsätzliche Frage nach dem Seelenheil war doch noch mal bedeutsamer für sie als die Frage nach dem Latein in der Messe; vor allem für Luther, der sein Leben lang geplagt war von Zweifeln über sein ewiges Heil. Und trotzdem spielt die Rechtfertigungslehre im Roman nicht einmal bei Lothars Hinwendung zum lutherischen Bekenntnis eine Rolle. Er findet die Katholiken zu grausam und die Wiedertäufer zu eingebildet und zu grausam, und er ist gegen den Zölibat, weil er Priester kennt, die ihn nicht halten, und gegen das Latein in der Messe, weil die Leute ja was verstehen sollen, aber er findet das Christentum an sich ganz gut, also will er zu den Lutherischen gehen und bei denen Pastor werden. That’s it.

Dass es Leute gab, die sozusagen über den Konfessionen standen und alle diese Unterschiede für gar nicht so wichtig hielten, wie Frauke und Lothar – das geschah nach dieser Zeit der zu nichts führenden Streitgespräche und der ebenfalls zu nichts führenden Religionskriege, als man irgendwann sah, dass keine Seite so schnell aufgeben würde, und man trotzdem zusammenleben musste, und man den ganzen Streit vielleicht irgendwie auch langsam leid war. Vielleicht war ja das, was den Vorfahren so wichtig gewesen war, doch gar nicht so entscheidend; es kam wohl eher drauf an, dass man überhaupt ein gläubiger Christ war, der zu Gott betete und die Zehn Gebote hielt. Solche Ansichten, die ein paar Jugendlichen aus den 1530ern in den Mund gelegt werden, wurden eher von ein paar Bildungsbürgern des späten 17. und des 18. Jahrhunderts vertreten.

Und kommen wir jetzt mal zum Thema staatliche Verfolgung von Ketzerei. [Hier muss man auch noch eins im Blick behalten: Ketzer wurden von der weltlichen Macht hingerichtet. In katholischen Gebieten prüfte die Kirche, ob jemand ein Ketzer war, aber zur Hinrichtung wurde er „dem weltlichen Arm übergeben“. Es war die staatliche Autorität, die bestimmte, was die Strafe für Ketzerei war. Das Hauptziel der Inquisition war es zudem nie, Ketzer zu verurteilen, sondern, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen; wer im Lauf des Prozesses widerrief, wurde nicht verurteilt (oder höchstens zu einer Wallfahrt o. Ä. zur Wiedergutmachung).] Die Menschen damals waren sich nicht unbedingt uneins, ob Ketzerei verfolgt werden sollte, sondern einfach darin, was Ketzerei war. Die Ketzer waren nicht gegen Ketzerverfolgung generell; sie hielten nur sich persönlich nicht für Ketzer. Natürlich waren die Lutheraner für die Verfolgung der Wiedertäufer; die waren ja Ketzer; sie waren es nicht, also durften sie nicht verfolgt werden, die aber schon. Sie waren die wahren Christen; die Wiedertäufer dagegen verkündeten eine falsche Lehre, also waren sie eine Bedrohung für die Gesellschaft; dagegen hatte der Staat vorzugehen. Die heute als ach so tolerant verschrieene Elizabeth I. von England ließ katholische Priester hängen, ausweiden und vierteilen, der Reformator Calvin ließ jemanden hinrichten, der die Dreifaltigkeit Gottes leugnete. So gut wie jeder Machthaber, ob katholisch oder protestantisch, ging auf irgendeine Art und Weise gegen das vor, was er als Ketzerei sah, wenn auch nicht zwangsläufig mit der Verbrennung aller Ketzer. (Die Ausweisung aus dem Land oder die Duldung unter bedeutenden Einschränkungen für die öffentliche Religionsausübung waren sehr viel häufiger.) Keiner verlangte von der anderen Seite allgemeine Meinungs- und Religionsfreiheit – was man von ihr verlangte, war, die Wahrheit einzusehen, an die man selbst glaubte. Man sah etwas als Wahrheit, und man ging daran, das auch mit staatlichen Mitteln durchzusetzen, wenn es möglich war. Ja, es gab schon gewisse Streitigkeiten darum, inwieweit Zwang und staatliche Verfolgung im Namen der Religion legitim sind, aber niemand sah die Religion als eine unwichtige Privatsache, die den Staat überhaupt nichts angeht.

Ketzer waren damals das, was heute „Verfassungsfeinde“ sind – eine Bedrohung für die Gesellschaft, die auf den Prinzipien des Christentums aufgebaut war. Jemand leugnet die Menschenrechte oder die Gleichheit von Mann und Frau? Bedrohung für unsere Gesellschaft. Jemand leugnet die Einsetzung der Kirche durch Christus oder die Legitimität der Kindertaufe? Bedrohung für die mittelalterliche Gesellschaft. Und in der mittelalterlichen Gesellschaft ging man mit allen Arten von Bedrohungen nicht immer zimperlich um. (Für Verbrechen wie Brandstiftung konnte man übrigens ebenfalls auf dem Scheiterhaufen landen.) Religiöse Streitigkeiten sorgten damals nicht selten für Unruhen und sogar Bürgerkriege (Hussitenkriege, Bauernkrieg, Schmalkaldischer Krieg, usw. usf.); tatsächlich ist das Täuferreich von Münster ja geradezu ein Paradebeispiel dafür, welchen Schaden Ketzerei anrichten konnte. Manche Ketzer (Katharer, Wiedertäufer) stellten sehr zentrale Grundlagen der Gesellschaft in Frage, da sie sich z. B. weigerten, Eide zu schwören oder Kriegsdienst zu leisten – im Fall der Wiedertäufer selbst für den Fall eines Verteidigungskriegs gegen die Osmanen (die übrigens 1529 Wien belagerten, also in genau dieser Zeit eine sehr reale Bedrohung waren). Ach ja, und natürlich hatte man auch noch Angst vor Gottes Zorn, falls man die Ausbreitung falscher Lehren nicht verhinderte. Dass keiner der Protagonisten des Romans auch nur irgendetwas Bedrohliches an – aus seiner Sicht – falschen religiösen Vorstellungen sieht, ist jedenfalls einfach unrealistisch.

Ein anderes Beispiel für die krasse Projektion von Ansichten des frühen 21. Jahrhunderts auf das 16. bietet das Thema Homosexualität. In einem Nebenstrang der Handlung, der tatsächlich zur Haupthandlung ganz und gar nichts beiträgt, kommt ein homosexueller Vergewaltiger vor, dem seine Taten schließlich leidtun und der sich doch noch als netter Kerl herausstellt und den Protagonisten hilft. Ich hätte mit dem Handlungsstrang an sich schon irgendwie meine Probleme; die Einfachheit, mit der Vergewaltigung hier mit „Schwamm drüber!“ behandelt wird, ist etwas verstörend. (Und bevor man mir hier eine besondere Abneigung gegenüber Homosexuellen unterstellt, ja, das sage ich ganz unabhängig davon, ob es sich um homo- oder um heterosexuelle Vergewaltigung handelt. Ein ähnlicher Plot mit einem reuigen heterosexuellen Vergewaltiger, der sich ziemlich einfach als eigentlich guter Mensch herausstellt, der auch irgendwie bloß ein Opfer seines strengen Vaters ist, hat mich beispielsweise in dem Film „Ku’damm 56“ sehr gestört. (Das war allgemein kein besonders guter Film; er leidet an den typischen Problemen deutscher Filme wie dem krampfhaften Bemühen um Originalität und der bemühten Kritik an den ach so heuchlerischen und spießigen 50ern.)) Sicher, es gibt keine Sünde, die nicht bereut und vergeben werden könnte, aber das Ganze wirkt, wie es im Roman geschildert wird, einfach nicht plausibel – wie oft verhalten sich reale Vergewaltiger so? Aber wie dem auch sei, zurück zum Thema Homosexualität an sich. Auf Seite 460 sagt Lothar zu Helm: „‚[…] Wenn Faustus und Isidor das miteinander tun, was sie mit dir gemacht haben, berührt mich das nicht. Es ist ihre Entscheidung, und sie müssen es vor sich selbst und Gott rechtfertigen. Anders ist es jedoch, wenn sie einen jungen Burschen betrunken machen, um ihrer Lust frönen zu können.'“ Nun ist es ja schon ein bisschen komisch, dass Lothar die Situation erst einmal dazu nutzt, um ein Vergewaltigungsopfer über Prinzipien der Sexualethik zu belehren, aber irgendwie muss Frau Lorentz ja auch ihre moralischen Lektionen an den Leser bringen, so wie sie es auch beim Thema religiöse Toleranz schließlich alle paar Seiten tut. Der viel entscheidendere Punkt ist aber: So hätte einfach kein Mensch des 16. Jahrhunderts gedacht! Die oben erwähnten religiösen Ansichten wären noch plausibler gewesen als das; für einen Menschen des 16. Jahrhunderts wäre der einzige Unterschied zwischen einvernehmlichen und nicht einvernehmlichen homosexuellen Handlungen gewesen, ob sich zwei Männer oder bloß einer der widernatürlichen Sodomie schuldig gemacht hätten.

Weitere kleinere historische Fehler fallen einem gelegentlich auf; zum Beispiel weist Fraukes Vater sie gegen Anfang des Buches, als die Familie zur Tarnung in die katholische Sonntagsmesse geht, an, bei der Kommunion die Hostie gefälligst hinunterzuschlucken, anstatt sie heimlich wieder aus dem Mund zu nehmen wie am Sonntag zuvor. An diesem Sonntag ist schließlich der Inquisitor anwesend und man darf unter keinen Umständen auffallen. Der Punkt hier ist bloß: Niemand hätte sich damals gewundert, wenn Frauke überhaupt nicht zur Kommunion gegangen wäre. Damals gingen die Leute zwar in der Regel jeden Sonntag zur Messe, aber nicht jedes Mal zur Kommunion, und zwar aus einer Art Scheu oder Ehrfurcht gegenüber dem Allerheiligsten Sakrament heraus. Viele waren überzeugt, vor jeder Kommunion erst zur Beichte gehen und in ganz besonders frommer Stimmung sein zu müssen. Die Päpste mussten im Mittelalter sogar Mindeststandards für den Sakramentenempfang festlegen; seitdem ist die Kommunion einmal im Jahr, nämlich zu Ostern, vorgeschrieben. Die meisten Menschen gingen damals selten zur Kommunion, vielleicht alle paar Wochen oder Monate oder eben auch nur zu Ostern. Die besonders frommen Leute gingen jede Woche. Sehr, sehr wenige Leute gingen jeden Tag. (Meines Wissens nach zum Beispiel die hl. Katharina von Siena.) Das alles änderte sich erst grundsätzlich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem hl. Pius X., der den Katholiken die wöchentliche oder bestenfalls tägliche Kommunion nachdrücklich ans Herz legte. Im 16. Jahrhundert dagegen wäre es eher aufgefallen, wenn Frauke zwar jeden Sonntag zur Kommunion, aber nie zur Beichte gegangen wäre. (Ach ja, die war (und ist) für Katholiken übrigens auch einmal jährlich vorgeschrieben.)

Das nur als Beispiel; wenn ich mich mit dieser Zeit besser auskennen würde, würden mir wahrscheinlich noch mehr Dinge auffallen. Zum Beispiel kommt mir die Tatsache, dass der Fürstbischof von Münster so wenige Einflussmöglichkeiten auf den von Papst und Kaiser entsandten Inquisitor hat, seltsam vor. Damals hatten die deutschen Landesfürsten in ihrer Territorien für gewöhnlich das Sagen und der Kaiser und der Papst nicht allzu viel Einfluss. Was hätte der Papst in Rom machen können, wenn der Fürstbischof dem Inquisitor verboten hätte, in seinem Gebiet Ketzerprozesse durchzuführen? Ich weiß die Antwort nicht, dafür kenne ich mich eben nicht genau genug mit dieser Zeit aus, aber ich habe gewisse Zweifel, dass Iny Lorentz das so ganz akkurat darstellt. Ähnlich beim Thema Verbrennen; Gerwardsborn und andere äußern ein paar Mal die Ansicht, dass das Feuer die Seelen der Verbrannten reinigen würde, sodass sie trotz ihrer Ketzerei noch in den Himmel kommen könnten. Es kommt mir unglaubwürdig vor, dass ein ausgebildeter Theologe meinen würde, die Hinrichtungsart könnte in irgendeiner Richtung einen Einfluss auf das ewige Heil haben. Soweit ich weiß, wurde das Verbrennen als Hinrichtungsart hauptsächlich gewählt, um den Verbrecher und die Erinnerung an ihn gänzlich auszulöschen – keine Leiche, kein Grab, kein nichts. Damnatio memoriae. Vielleicht verwechselt die Autorin das, was ihre Figuren glauben, mit der Vorstellung, dass die noch im Leben erlittenen Schmerzen das Fegefeuer verkürzen würden (für Nichtkatholiken: nein, Fegefeuer und Hölle sind eben nicht dasselbe; ersteres ist eine  Läuterung von lässlicher Schuld vor dem Eintritt in den Himmel, letztere bedeutet die ewige Trennung von Gott, die man sich durch die Abwendung von Ihm durch böse Taten etc. selbst zugezogen hat). Ich kann mir auch vorstellen, dass die Leute damals meinten, dass eine grausame Hinrichtungsart den Verbrecher noch am ehesten kurz vor seinem Tod zur Reue bewegen könnte. Vielleicht waren damals auch tatsächlich in der Populärtheologie die Vorstellungen verbreitet, die Verbrennung könnte nicht nur vor dem Fegefeuer, sondern auch vor der Hölle bewahren, oder, davon habe ich schon öfter gehört, eine „intakte“, ordentlich begrabene Leiche (anstatt einer zu Asche verbrannten) wäre die Voraussetzung für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten. Aber, wie gesagt, Inquisitoren waren für gewöhnlich gut ausgebildete Theologen, die Ahnung von ihrem Fach hatten, was es unglaubwürdig macht, dass Gerwardsborn so redet.

Mein Gesamturteil über dieses Buch: Stellenweise auf nervige Weise moralisierendes, historisch eher unglaubwürdiges (wenn auch nicht ganz so krass unhistorisches wie andere Bücher, die ich schon gelesen habe), nicht besonders gut geschriebenes Werk mit eindimensionalen Protagonisten und einem ebenso eindimensionalen und extrem klischeehaften Antagonist, was die Nebenfiguren (wie zum Beispiel Fraukes Eltern) zu den interessantesten Figuren macht. Die Hauptfiguren haben keine besonderen Eigenschaften; man hat nicht das Gefühl, hier realen Personen zu begegnen. Sie sollen irgendwie gut und mutig und klug und tolerant sein, aber mehr könnte ich über sie nicht sagen. Der Plot ist mitreißend, während man das Buch liest, aber, wenn man am Ende darüber nachdenkt, nicht immer besonders sinnvoll konstruiert; mehrere lose Fäden in der Handlung führen am Ende zu nichts und man hat den Eindruck, die Autorin hat mehrere Nebenfiguren einfach deshalb sterben lassen, weil sie nicht so recht wusste, was sie am Ende mit ihnen anstellen sollte. Das stört, aber ich kann auch irgendwie verstehen, dass man zu diesem Mittel greift, wenn man eine Deadline vom Verlag hat und dieses Buch fertig kriegen muss, um so bald wie möglich mit der nächsten Fortsetzung von „Die Wanderhure“ anfangen zu können.

Nachdem ich mit „Flammen des Himmels“ fertig war, habe ich übrigens noch ein wenig in „Die Päpstin“ hineingelesen. Aber das habe ich dann doch nicht lange durchgehalten. Im Gegensatz zu Donna W. Cross, die ihren Leserinnen ungefähr drei Mal pro Seite auf überdeutlichste Weise klarmachen muss, wie schlimm und frauenfeindlich das Christentum ist, ist Iny Lorentz wenigstens einigermaßen unterhaltsam. Ich bin beinahe versucht, Mrs. Cross mit Bertold Brecht zu vergleichen, da sie ihr literarisches Werk genau wie er bloß als Mittel zum Zweck der Vermittlung ihrer Ansichten behandelt, anstatt Geschichten zu erzählen (man denke zum Beispiel an die „Dreigroschenoper“ – grässlich!), aber das wäre dann doch zu beleidigend gegenüber Brecht. Allerdings frage ich mich jetzt, wieso genau Johanna eigentlich im späteren Verlauf des Buches Papst wird, wenn ihr schon als Kind Homer und sächsische Legenden so viel mehr sagen als Jesus Christus; aber da ich nicht vorhabe, dieses Buch noch einmal in die Hand zu nehmen, werde ich das wohl nicht mehr erfahren. Ich glaube, jetzt versuche ich es mal wieder mit Büchern von guten Autoren, Angie Sage oder Khaled Hosseini oder J. R. R. Tolkien oder Corinna Turner oder Fulton Sheen vielleicht. Genug historische Romane fürs erste.

Das Video ist ja wirklich sehr witzig (also sehr sehr witzig!), aber…

…in der Filmversion von Disney ist Claude Frollo kein Kleriker! Was ich übrigens gar nicht schlecht gemacht finde, da meiner Erfahrung nach Laien immer wieder die größeren Fanatiker sein können als jeder Priester oder Bischof. Wieso bitteschön halten so viele Leute einen katholischen Fanatiker in einer schwarzen Robe so automatisch für einen Priester? Noch dazu, wenn er ausdrücklich als Richter bezeichnet wird? Leute, merkt euch das: Laien können das auch.

Und außerdem ist der weiße Streifen am Kragen (der Kollar) zu breit.

[Spoiler alert am Ende, was die Romanversion von „Der Glöckner von Notre Dame“ angeht!]

 

Hier übrigens zum Vergleich noch das Originalvideo aus dem Disneyfilm:

Einführung in die Scholastik: Wie Syllogismen funktionieren (oder auch nicht)

„She arrived at this astonishing conclusion by the following process of thought. It may be presented in the form of a syllogism.

All girls who are in love regard the beloved as a spotless, reproachless hero.

Maggie Deronais did not regard Laurie Baxter as a spotless, reproachless hero.

Ergo. Maggie Deronais was not in love with Laurie Baxter.“

(Robert Hugh Benson, The Necromancers, 1909; https://www.gutenberg.org/files/14275/14275-h/14275-h.htm)

 

Wir merken uns: Nur wenn Obersatz und Untersatz (= 1. und 2. Prämisse) vollkommen stimmen, kommt auch die richtige Konklusion heraus.

(Zur weiteren Info gerne hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Syllogismus)

 

Die Paradoxa des Katholizismus: Heiligkeit und Sünde

Heute mal wieder ein Gastbeitrag: Ein Ausschnitt aus Robert Hugh Bensons (1871-1914) Predigtreihe „Paradoxes of Catholicism“, veröffentlicht 1913 (online hier zu finden: http://www.gutenberg.org/cache/epub/16309/pg16309-images.html):

 

III. Sanctity and Sin

 

(III. Heiligkeit und Sünde)

 

[…]

 

A very different pair of charges […] concern the standards of goodness preached by the Church and her own alleged incapacity to live up to them. These may be briefly summed up by saying that one-half the world considers the Church too holy for human life, and the other half, not holy enough. We may name these critics, respectively, the Pagan and the Puritan.

 

(Ein ganz anderes Paar von Vorwürfen betrifft die Standards des Guten, die von der Kirche gepredigt werden, und ihre eigene angebliche Unfähigkeit, sie zu leben. Diese können kurz gesagt damit zusammengefasst werden, dass die eine Hälfte der Welt die Kirche für zu heilig für das menschliche Leben hält, und die andere Hälfte für nicht heilig genug. Wir können diese Kritiker jeweils den Heiden und den Puritaner nennen.)

 

I. It is the Pagan who charges her with excessive Holiness.

 “You Catholics,” he tells us, “are far too hard on sin and not nearly indulgent enough towards poor human nature. […] Or, to go further, consider the impossible ideals which you hold up with regard to matrimony. These ideals have a certain beauty of their own to persons who can embrace them; they may perhaps be, to use a Catholic phrase, Counsels of Perfection; but it is merely ludicrous to insist upon them as rules of conduct for all mankind. Human Nature is human nature. […] If you were less holy and more natural, less idealistic and more practical, you would be of a greater service to the world which you desire to help. Religion should be a sturdy, virile growth; not the delicate hot-house blossom which you make it.”

The second charge comes from the Puritan. “Catholicism is not holy enough to be the Church of Jesus Christ; for see how terribly easy she is to those who outrage and crucify Him afresh! Perhaps it may not be true after all, as we used to think, that the Catholic priest actually gives leave to his penitents to commit sin; but the extraordinary ease with which absolution is given comes very nearly to the same thing. So far from this Church having elevated the human race, she has actually lowered its standards by her attitude towards those of her children who disobey God’s Laws. […] The Catholic Church, then, is not holy enough to be the Church of Jesus Christ.”

 

(I. Es ist der Heide, der ihr exzessive Heiligkeit vorwirft.

„Ihr Katholiken“, sagt er zu uns, „seid viel zu hart zur Sünde und bei weitem nicht nachsichtig genug gegen die arme menschliche Natur. […] Oder, um weiterzuschauen, seht die unmöglichen Ideale an, die ihr in Bezug auf die Ehe hochhaltet. Diese Ideale haben vielleicht eine gewisse eigene Schönheit für Personen, die sie annehmen können; sie mögen vielleicht, um einen katholischen Ausdruck zu benutzen, Räte zur Vollkommenheit sein; aber es ist einfach lächerlich, auf ihnen als Verhaltensregeln für die ganze Menschheit zu bestehen. Die menschliche Natur ist die menschliche Natur. […] Wenn ihr weniger heilig und natürlicher wärt, weniger idealistisch und praktischer, dann wärt ihr der Welt, der ihr zu helfen wünscht, von größerem Nutzen. Die Religion sollte ein robustes, mannhaftes Gewächs sein; nicht die empfindliche Treibhaus-Blüte, zu der ihr sie macht.“

Der zweite Vorwurf kommt vom Puritaner. „Der Katholizismus ist nicht heilig genug, um die Kirche Jesu Christi zu sein; denn seht nur, wie scheußlich einfach er es denen macht, die Ihn empören und von neuem kreuzigen! Vielleicht mag es letztlich nicht wahr sein, wie wir früher dachten, dass der katholische Priester seinen Pönitenten tatsächlich die Erlaubnis erteilt, Sünden zu begehen [klassischer Bestandteil der englisch-protestantischen antikatholischen Propaganda des 16. und 17. Jahrhunderts]; aber die außerordentliche Leichtigkeit, mit der die Absolution erteilt wird, läuft beinahe auf dasselbe hinaus. Weit davon entfernt, dass diese Kirche die menschliche Rasse erhoben hätte, hat sie tatsächlich ihre Standards gesenkt mit ihrem Verhalten gegenüber denen ihrer Kinder, die Gottes Gesetzen ungehorsam werden. […] Die katholische Kirche ist daher nicht heilig genug, die Kirche Jesus Christi zu sein.“)

 

II. When we turn to the Gospels we find that these two charges are, as a matter of fact, precisely among those which were brought against our Divine Lord.

 First, undoubtedly, He was hated for His Holiness. Who can doubt that the terrific standard of morality which He preached – the Catholic preaching of which also is one of the charges of the Pagan – was a principal cause of His rejection. For it was He, after all, who first proclaimed that the laws of God bind not only action but thought; it was He who first pronounced that man to be a murderer and an adulterer who in his heart willed these sins; it was He who summed up the standard of Christianity as a standard of perfection, Be you perfect, as your Father in Heaven is perfect; who bade men aspire to be as good as God!

 It was His Holiness, then, that first drew on Him the hostility of the world—that radiant white-hot sanctity in which His Sacred Humanity went clothed. Which of you convinceth me of sin?… Let him that is without sin amongst you cast the first stone at her! These were words that pierced the smooth formalism of the Scribe and the Pharisee and awoke an undying hatred. It was this, surely, that led up irresistibly to the final rejection of Him at the bar of Pilate and the choice of Barabbas in His place. “Not this man! not this piece of stainless Perfection! Not this Sanctity that reveals all hearts, but Barabbas, that comfortable sinner so like ourselves! This robber in whose company we feel at ease! This murderer whose life, at any rate, is in no reproachful contrast to our own!” Jesus Christ was found too holy for the world.

 But He was found, too, not holy enough. And it is this explicit charge that is brought against Him again and again. It was dreadful to those keepers of the Law that this Preacher of Righteousness should sit with publicans and sinners; that this Prophet should allow such a woman as Magdalen to touch Him. If this man were indeed a Prophet, He could not bear the contact of sinners; if He were indeed zealous for God’s Kingdom, He could not suffer the presence of so many who were its enemies. Yet He sits there at Zacchaeus‘ table, silent and smiling, instead of crying on the roof to fall in; He calls Matthew from the tax-office instead of blasting him and it together; He handles the leper whom God’s own Law pronounces unclean.

 

(II. Wenn wir uns den Evangelien zuwenden, sehen wir, dass diese beiden Vorwürfe tatsächlich genau unter denen sind, die gegen unseren göttlichen Herrn vorgebracht wurden.

 Zuerst, unzweifelhaft, wurde Er für Seine Heiligkeit gehasst. Wer kann daran zweifeln, dass der erschreckende Standard der Moral, den er predigte – die katholische Predigt wessen auch einer der Vorwürfe des Heiden ist – ein Hauptgrund für Seine Zurückweisung war. Denn es war schließlich Er, der zuerst verkündete, dass die Gesetze Gottes nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken binden; es war Er, der zuerst den Mann einen Mörder und Ehebrecher nannte, der diese Sünden in seinem Herzen wünschte; es war Er, der den Standard des Christentums als einen Standard der Vollkommenheit zusammenfasste, Seid ihr vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist; der die Menschen aufforderte, danach zu streben, so gut zu sein wie Gott!

 Es war also Seine Heiligkeit, die als erstes die Feindschaft der Welt auf sich zog – diese strahlende, weiß-glühende Heiligkeit, in die Seine Heilige Menschheit gekleidet war. Wer von euch kann mich einer Sünde überführen! … Lasst den, der unter euch ohne Sünde ist, den ersten Stein auf sie werfen! Das waren Worte, die in den angenehmen Formalismus des Schriftgelehrten und des Pharisäers stachen und einen unsterblichen Hass weckten. Es war dies, sicherlich, das unaufhaltsam zu Seiner schließlichen Zurückweisung vor dem Gericht des Pilatus und der Wahl des Barabbas an Seiner Stelle führte. ‚Nicht dieser Mann! Nicht dieses Beispiel makelloser Vollkommenheit! Nicht diese Heiligkeit, die alle Herzen aufdeckt, sondern Barabbas, diesen bequemen Sünder, der so sehr ist, wie wir selbst! Diesen Räuber, in dessen Gesellschaft wir uns ruhig fühlen!’ Jesus Christus wurde als zu heilig für die Welt befunden.

 Aber Er wurde auch für nicht heilig genug befunden. Und es ist dieser ausdrückliche Vorwurf, der wieder und wieder gegen Ihn vorgebracht wird. Es war fürchterlich für diese Befolger des Gesetzes, dass dieser Prediger der Gerechtigkeit bei Zöllnern und Sündern sitzen sollte; dass dieser Prophet einer solchen Frau wie Magdalena erlauben sollte, ihn zu berühren. Wenn dieser Mann tatsächlich ein Prophet wäre, könnte Er den Kontakt von Sündern nicht ertragen; wenn Er tatsächlich von Eifer für Gottes Königreich verzehrt wäre, könnte er die Gegenwart von so vielen, die seine Feinde waren, nicht aushalten. Und doch sitzt Er da an Zachäus’ Tafel, still und lächelnd, anstatt dass Er dem Dach ruft, dass es in sich zusammenstürze; Er ruft Matthäus aus dem Zöllnerbüro, anstatt es und ihn zusammen zu vernichten; Er berührt den Aussätzigen, den Gottes eigenes Gesetz als unrein bezeichnet.)

 

III. These, then, are the charges brought against the disciples of Christ, as against the Master, and it is undeniable that there is truth in them both. […]

 (1) First the Catholic Church is Divine. She dwells, that is to say, in heavenly places; she looks always upon the Face of God; she holds enshrined in her heart the Sacred Humanity of Jesus Christ and the stainless perfection of that Immaculate Mother from whom that Humanity was drawn. How is it conceivable, then, that she should be content with any standard short of perfection? […]

 (2) But she is also human, dwelling herself in the midst of humanity, placed here in the world for the express object of gathering into herself and of sanctifying by her graces that very world which has fallen from God. These outcasts and these sinners are the very material on which she has to work; these waste products of human life, these marred types and specimens of humanity have no hope at all except in her.

 For, first, she desires if she can—and she has often been able—actually to raise these, first to sanctity and then to her own altars; it is for her and her only to raise the poor from the dunghill and to set them with the princes. She sets before the Magdalen and the thief, then, nothing less but her own standard of perfection.

 Yet though in one sense she is satisfied with nothing lower than this, in another sense she is satisfied with almost infinitely nothing. If she can but bring the sinner within the very edge of grace; if she can but draw from the dying murderer one cry of contrition; if she can but turn his eyes with one look of love to the crucifix, her labours are a thousand times repaid; for, if she has not brought him to the head of sanctity, she has at least brought him to its foot and set him there beneath that ladder of the supernatural which reaches from hell to heaven.

 For she alone has this power. She alone is so utterly confident in the presence of the sinner because she alone has the secret of his cure. There in her confessional is the Blood of Christ that can make his soul clean again, and in her Tabernacle the Body of Christ that will be his food of eternal life. She alone dares be his friend because she alone can be his Saviour. If, then, her saints are one sign of her identity, no less are her sinners another.

 For not only is she the Majesty of God dwelling on earth, she is also His Love; and therefore its limitations, and they only, are hers. That Sun of mercy that shines and that Rain of charity that streams, on just and unjust alike, are the very Sun and Rain that give her life. If I go up to Heaven she is there, enthroned in Christ, on the Right Hand of God; if I go down to Hell she is there also, drawing back souls from the brink from which she alone can rescue them. For she is that very ladder which Jacob saw so long ago, that staircase planted here in the blood and the slime of earth, rising there into the stainless Light of the Lamb. Holiness and unholiness are both alike hers and she is ashamed of neither—the holiness of her own Divinity which is Christ’s and the unholiness of those outcast members of her Humanity to whom she ministers.

 By her power, then, which again is Christ’s, the Magdalen becomes the Penitent; the thief the first of the redeemed; and Peter, the yielding sand of humanity, the Rock on which Herself is built.

 

(III. Das sind also die Vorwürfe, die gegen die Jünger Christi, wie gegen den Meister, vorgebracht werden, und unbestreitbar ist Wahrheit in ihnen beiden. […]

 (1) Erstens ist die katholische Kirche göttlich. Sie wohnt sozusagen in himmlischen Gefilden; sie sieht stets das Antlitz Gottes; sie hält in ihrem Herzen die Heilige Menschheit Jesu Christi und die makellose Vollkommenheit der Unbefleckten Mutter, aus der diese Menschheit kam. Wie ist es dann vorstellbar, dass sie mit irgendeinem Standard unterhalb der Vollkommenheit zufrieden sein sollte? […]

(2) Aber sie ist auch menschlich, sie nimmt ihren Wohnsitz in der Mitte der Menschheit, sie ist hier in die Welt gesetzt mit dem ausdrücklichen Ziel, genau diese Welt, die von Gott abgefallen ist, in sich aufzusammeln und durch ihre Gnaden zu heiligen. Diese Ausgestoßenen und diese Sünder sind gerade das Material mit dem sie arbeiten muss; diese unbrauchbaren Produkte des menschlichen Lebens, diese ruinierten Individuen und Exemplare der Menschheit, die überhaupt keine Hoffnung haben außer in ihr.

 Denn erstens ersehnt sie, wenn sie kann – und sie war oft dazu fähig – diese tatsächlich zu erheben, zuerst zur Heiligkeit und dann zu ihren eigenen Altären; es ist an ihr und nur an ihr, die Armen vom Misthaufen zu erheben und zu den Fürsten zu setzen. Sie setzt vor die Magdalena und den Schächer daher nichts Geringeres als ihren eigenen Standard der Vollkommenheit.

Aber obwohl sie in einem Sinn mit nichts Geringerem als diesem zufrieden ist, ist sie in einem anderen Sinn mit fast gar nichts zufriedengestellt. Wenn sie den Sünder nur an den Rand der Gnade bringen kann; wenn sie dem sterbenden Mörder nur einen Schrei der Reue entziehen kann; wenn sie seine Augen nur mit einem Blick der Liebe zum Kruzifix wenden kann, dann sind ihre Mühen tausendfach bezahlt; denn wenn sie ihn auch nicht zum Gipfel der Heiligkeit gebracht hat, dann hat sie ihn wenigstens zu ihrem Fuß gebracht und dort unter jene Leiter des Übernatürlichen gesetzt, die von der Hölle in den Himmel reicht.

Denn sie allein hat diese Macht. Sie allein ist so vollkommen souverän in der Gegenwart des Sünders, weil sie allein das Geheimnis seiner Heilung besitzt. Dort in ihrem Beichtstuhl ist das Blut Christi, das seine Seele wieder rein machen kann, und in ihrem Tabernakel der Leib Christi, der seine Nahrung für das ewige Leben sein wird. Sie allein wagt es, seine Freundin zu sein, weil sie allein seine Retterin sein kann. Wenn daher ihre Heiligen ein Zeichen ihrer Identität sind, dann sind ihre Sünder um nichts weniger ein anderes.

Denn sie ist nicht nur die Majestät Gottes, die auf der Erde wohnt, sie ist auch Seine Liebe; und daher sind deren Grenzen, und nur sie, auch ihre. Diese Sonne der Barmherzigkeit, die scheint, und dieser Regen der Liebe, der strömt, auf die Gerechten wie auf die Ungerechten, sind dieselbe Sonne und derselbe Regen, die ihr Leben geben. Wenn ich in den Himmel steige, ist sie dort, thronend in Christus zur rechten Hand Gottes; wenn ich in die Hölle hinabsteige, ist sie ebenfalls dort, Seelen zurückziehend von der Klippe, von der sie allein sie retten kann. Denn sie ist genau diese Leiter, die Jakob vor so langer Zeit sah, diese Treppe, die hier im Blut und Schleim der Erde gepflanzt ist und dort in das makellose Licht des Lammes reicht. Heiligkeit und Unheiligkeit gehören beide zu ihr und sie schämt sich keiner – die Heiligkeit ihrer eigenen Göttlichkeit, die Christi ist, und die Unheiligkeit dieser ausgestoßenen Glieder der Menschheit, denen sie dient.

 Durch ihre Macht daher, die wieder die Christi ist, wird die Magdalena die Büßerin; der Schächer der erste der Erlösten; und Petrus, der nachgiebige Sand der Menschheit, der Fels, auf dem sie gebaut ist.)

Ach ja, Privatoffenbarungen

Wahrscheinlich kennt jeder bestimmte Ansichten, die er ganz besonders verabscheut. Für mich sind das vor allem:

  • Verschiedene gotteslästerliche Häresien wie der Jansenismus, der Calvinismus oder der Islam, die den lieben Herrgott als Tyrannen darstellen;
  • Überbevölkerungshysterie (zu den Gründen dafür noch mal ein eigener Beitrag);
  • falsche Privatoffenbarungen.

Es gibt natürlich andere Ansichten, die noch weniger mit meinen eigenen erzkatholischen Ansichten gemein haben – den Atheismus zum Beispiel. Aber was etwa den „Neuen Atheismus“ angeht, der mehr die fünfte Auflage von Feuerbach ist, der macht einfach keinen lohnenden Gegner mehr her, weil er fast ausschließlich auf Unwissen und Missverständnissen beruht. Und manchmal hasst man die Ketzerei eben doch mehr als den Unglauben. Fragen Sie die Heilige Inquisition.

Okay, zum eigentlichen Thema. Heute also: Privatoffenbarungen. Mir geht es hier natürlich hauptsächlich um die nicht kirchlich anerkannten Privatoffenbarungen. Allzu viele persönliche Erfahrung mit denen habe ich nicht – die wenigen, die ich habe, reichen mir allerdings.

 

Als ich noch ein frisch bekehrter Teenager war, so etwa 2011, war die aktuelle, anonym im Internet verbreitete Privatoffenbarung, über die man in Tradi- und Charismatikerkreisen hysterisch werden konnte, gerade „Die Warnung“. Inhalt: Bald wird eine große „Warnung“ über die Menschheit kommen, im Grunde genommen ein entsetzlicher Augenblick, in dem alle Menschen in einer „Seelenschau“ ihre Sünden erkennen, wobei einige vor Schreck tot umfallen werden. Dann kommt bald das Ende – zuerst allerdings muss die Welt noch einiges an von Gott verhängten Plagen, also Naturkatastrophen und dergleichen, überstehen. Und vorher muss auch noch der Antichrist auftauchen, der nämlich der Nachfolger von Papst Benedikt XVI sein wird. Das mit dem Antichrist wurde nach meiner Erinnerung allerdings erst etwas später prophezeiht als das mit der Warnung und dem Weltuntergang im Allgemeinen; ich habe erst mal jedenfalls nur ersteres im Internet gelesen. (Ja, ja, ich weiß. Wenn man gerade erst überzeugt katholisch geworden ist, weiß man eben noch nicht, welchen sich katholisch nennenden Seiten man vertrauen kann.)

Jedenfalls hat mich das damals schon, sagen wir mal, etwas verängstigt. So richtig glaubhaft wirkte es ja nicht… also, ein wenig komisch wirkte es schon… aber… was wenn… also, falls doch…??? Was von Gott kam, musste ja nicht unbedingt meinen Erwartungen entsprechen, und in der Bibel ging es ja auch an manchen Stellen um die Endzeit, auch wenn die anders klangen als die Botschaften der anonymen Seherin… und diese Botschaften sagten, die Leute müssten Bescheid wissen, um sich auf die Warnung vorbereiten zu können! (Schließlich sollten sie ja nicht tot umfallen.)

Na ja, meine Geschichte endet eher langweilig. Ich habe nicht mit anderen Menschen über „Die Warnung“ gesprochen und sie eher wieder aus meinen Gedanken verbannt, da sie mir zu viel Angst machte und da meine Reaktion auf Angst dann manchmal ist, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass der Grund für die Angst verschwindet – wofür es in diesem Fall ja auch Gründe gab, das Ganze war ja schon irgendwie komisch. Schließlich gingen die Monate, für die die Warnung angekündigt worden war, tatsächlich ohne Warnung vorüber, woraufhin ich wieder ganz beruhigt sein konnte. Puh. Nochmal Glück gehabt. Irgendwann habe ich, soweit ich mich erinnern kann, auch einmal kritische Artikel zur „Warnung“ auf kath.net (einer Seite, die sonst übrigens nicht für ihre Skepsis gegenüber Privatoffenbarungen bekannt ist – die Vorbehalte der Kirche gegenüber Medjugorje etwa ignorieren die Betreiber vollkommen) gelesen, darunter auch Erklärungen, was an den Offenbarungen häretisch war, und bischöfliche Verurteilungen, nachdem herausgekommen war, wer die „Seherin“ war und im Zuständigkeitsbereich welchen Bischofs sie lebte. Also alles wieder gut. Ich wusste, dass ich solchen Unsinn in Zukunft nicht mehr beachten musste.

 

Falls sich also unter meinen Lesern jemand befinden sollte, der auch wegen irgendeiner Privatoffenbarung beunruhigt ist und vielleicht von dieser geforderte Spezialrosenkränze betet, um die kommenden Plagen zu überstehen oder für die Sünden der Welt zu büßen, damit die kommenden Plagen doch nicht kommen: Zu Privatoffenbarungen sollte man erst einmal ein paar ganz grundsätzliche Dinge wissen.

1) Nach der Lehre der katholischen Kirche ist die allgemeine, „öffentliche“ Offenbarung seit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen. Es können keine grundsätzlich neuen Lehren mehr hinzukommen, so wie zum Beispiel im Neuen Testament die Lehre von der Dreifaltigkeit zur alttestamentlichen Überzeugung von dem einen Gott hinzukam. Natürlich ist ein vertieftes Verständnis noch möglich, eine Konkretisierung der christlichen Lehren, so wie sie auf den Konzilien geschieht; aber nicht mehr.

2) Da wir also eigentlich alles haben, was wir benötigen, brauchen wir an sich keine Privatoffenbarungen. Man muss Privatoffenbarungen nicht kennen. Es ist nicht zu beanstanden, sich überhaupt nicht um sie zu scheren – egal, ob sie kirchlich anerkannt sind, noch geprüft werden oder schon verworfen sind. Und egal, was der Seher sagt. Wenn er sagt, man müsse seine Botschaft annehmen, da man sonst sündige und evtl. nicht gerettet würde, ist er ein Häretiker, der der göttlichen Offenbarung, die die Kirche uns bereits mitgeteilt hat, widerspricht. Also muss man ihm schon mal gar nicht zuhören.

3) Wenn die Kirche eine Privatoffenbarung „anerkennt“, ist das eine Erlaubnis, an sie zu glauben – keine Vorschrift. Genehmigte Privatoffenbarungen wie die von Lourdes oder Fatima können für Gläubige hilfreich sein, aber sie sind nicht verpflichtender Glaubensinhalt.

4) Sehr, sehr viele Privatoffenbarungen sind kirchlich verurteilt worden, und viele davon widersprechen sich gegenseitig.

5) Wenn jemand behauptet, eine Botschaft von Gottvater, Jesus, Maria oder dem Erzengel Michael erhalten zu haben, ist nicht die einzig mögliche Erklärung dafür, dass er eine Botschaft von Gottvater, Jesus, Maria oder dem Erzengel Michael erhalten hat. Andere Erklärungen sind auch noch möglich, zum Beispiel:

  • Lüge: Der „Seher“ hat sich die Botschaft ganz einfach ausgedacht – möglicherweise, um berühmt zu werden, möglicherweise, um Geld zu machen. Bei den andauernden Visionen in Medjugorje scheint das nach den kirchlichen Beurteilungen momentan der Fall zu sein.
  • Psychische Probleme: Manche Menschen, die erklären, Visionen oder Einsprechungen zu erhalten, sind keine Lügner, sondern einfach psychisch krank. Das muss nicht heißen, dass sie völlig „verrückt“ sind. (Hey, ich bin auch psychisch krank.) Vielleicht bilden sie sich ein, ein Traum, den sie hatten, war eine göttliche Offenbarung. Vielleicht sehnen sie sich nach göttlicher Hilfe und göttlichem Zuspruch und irgendwann verschwimmen dann die Grenzen zwischen Wunsch und Realität. Vielleicht funktioniert etwas in ihrem Gehirn nicht, wie es sollte, und sie bekommen Halluzinationen, wenn sie ihre Medikamente nicht nehmen. Sie lügen nicht, sie glauben an das, was sie sagen, aber sie verkünden dennoch Unsinn. Ein mögliches Beispiel wäre der islamische Prophet Mohammed; jedenfalls kann man aus den vorhandenen Quellen auf eine psychische Erkrankung, vielleicht verbunden mit einer Form der Epilepsie, als mögliche Erklärung für seine angeblichen Engelsbesuche schließen. (Dazu vielleicht ein andermal mehr.)
  • Dämonische Täuschung: Auch theoretisch möglich, auch wenn man nicht gleich überall den Satan wittern muss. Schon der hl. Paulus schreibt in seinen Briefen: „Denn diese Leute sind Lügenapostel, unehrliche Arbeiter; sie tarnen sich freilich als Apostel Christi. Kein Wunder, denn auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts.“ (2 Korinther 11,13f.), und, noch entscheidender: Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel. (Galater 1,8) Wenn jemand eine Erscheinung hat, in der ein Engel des Lichts etwas verkündet – woher weiß er dann dabei, dass es sich tatsächlich um einen Engel des Lichts handelt? Satan tritt nicht mit Hörnern und Pferdefuß auf; er ist ja nicht blöd. (Anmerkung: Das heißt nicht, dass der Betreffende besessen sein müsste oder etwas in der Art; sicherlich nicht. So etwas soll sogar Heiligen passiert sein, die der Teufel täuschen wollte, und bei denen Gott dies zugelassen hat. Man sollte sich daher einfach bei Erscheinungen nicht zu sicher sein und nicht gleich zu viel auf sie geben. Rat bei einem Priester zu suchen ist nie eine schlechte Idee, wenn man meint, Engel zu sehen oder Besuch von Maria zu erhalten. Soweit mal die Ratschläge für eventuell mitlesende Seher!)

6) Noch etwas: Es kann auch bei einer realen Erscheinung vorkommen, dass sich der, der sie erhalten hat, später falsch an etwas erinnert, einige Worte verdreht, dass er vielleicht verwirrt und überwältigt war und später rekonstruiert, was er meint, gehört zu haben, und dass er dabei vielleicht auch eigene Ideen hinzudichtet, ohne es beabsichtigt zu haben. Es kann auch sein, dass sogar ein Heiliger einmal verwirrt ist und vielleicht einen Traum, den er hatte, mit einer Vision verwechselt, oder etwas in der Art. Es kann sein, dass Privatoffenbarungen nach einiger Zeit in veränderter Form weiterverbreitet werden. Die Visionen der sel. Anna Katharina Emmerick zum Beispiel wurden von dem Schriftsteller Clemens Brentano aufgezeichnet, der, wie sich später herausstellte, ihre Erzählungen frei ausgestaltet und Dinge hinzufügt hatte.

7) Dass jemand später selig- oder heiliggesprochen wurde, sagt daher noch nicht automatisch etwas über die Richtigkeit eventuell von ihm empfangener Privatoffenbarungen aus. Im Mittelalter etwa, als die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens [Anmerkung: hier ist gemeint, dass Maria vom ersten Augenblick ihres Lebens an, d. h. eben ihrer Empfängnis an, von der Erbsünde frei war; es geht nicht um die jungfräuliche Empfängnis Jesu] noch nicht als Dogma festgelegt war, sondern kontrovers debattiert wurde, gab es verschiedene Privatoffenbarungen, in denen „Maria“ selbst sich dazu einschaltete: Der heiligen Brigitta von Schweden wurde offenbart, die Gottesmutter sei unbefleckt empfangen worden, der heiligen Katharina von Siena, sie sei es nicht. Ja, was denn nun? Einfache Antwort: Die heilige Katharina zumindest muss einer Täuschung zum Opfer gefallen sein. (S. hier für mehr Infos:  https://charismatismus.wordpress.com/2015/02/27/die-hl-katharina-von-siena-erlebte-eine-irrtumliche-marienerscheinung/ )

 

Privatoffenbarungen kommen natürlich in ganz unterschiedlichen Kontexten. Etliche Sektengründer berufen sich auf direkte göttliche Anweisungen (häufig mitsamt einer Vorhersage des Datums des Weltuntergangs). Es gibt sie im protestantischen, im halbchristlichen (Mormonen, Zeugen Jehovas, auch den Islam könnte man hier einordnen, wenn man wollte, da er sich auch auf frühere Offenbarungen und „Propheten“ wie Mose und Jesus beruft), und im nicht-christlichen Bereich. Und es gibt sie unter Katholiken. Hier geht es mir um falsche Privatoffenbarungen im katholischen Bereich. Meistens kommen sie in zwei Varianten:

  • Variante „Medjugorje“: Banalitäten über Banalitäten. Gelegentlich mal theologisch fragwürdig, aber meistens nur ermüdende Endlosschleifen von „Liebe Kinder, betet den Rosenkranz für die Sünden der Welt! Liebe Kinder, betet viel! Vergesst nicht, den Rosenkranz zu beten! Gott liebt euch, liebe Kinder! Betet viel, liebe Kinder! Es gibt viele Sünden in der Welt! Leistet Sühne für die vielen, großen Sünden in der Welt! Betet den Rosenkranz, liebe Kinder!“
  • Variante „Die Warnung“: Panikmache vor schrecklichen „Prüfungen“ (Christenverfolgungen, Kriege, übernatürliche Geschehnisse, was weiß ich), die dem kurz bevorstehenden Weltuntergang vorausgehen.

Sehr häufig empfehlen beide Formen von Privatoffenbarungen spezielle neu offenbarte Gebete, gerne mal auch Abwandlungen des Rosenkranzes. Und vielleicht noch eine Medaille mit einem von der Jungfrau Maria persönlich offenbarten Bild ihrer selbst gefällig?

Das Problem bei Privatoffenbarungen ist natürlich grundsätzlich, dass sie nicht vollkommen zu belegen sind. Sicher, man kann die Seher auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen (Ziehen sie Profit aus ihren Behauptungen? Haben sie sich selbst widersprochen? Sind sie als ehrlich bekannt? Etc.); aber auch dann kann noch ein Restzweifel bleiben. Der Seher ist ja der einzige Zeuge für das von ihm Behauptete, und wie sagt schon die Bibel? Richtig, jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden, (vgl. Matthäus 18,16; 2 Korinther 13,1; Deuteronomium 19,15; Deuteronomium 17,6; Numeri 35,30). Er kann geschickt lügen oder getäuscht sein oder sich irren. Dazu kommt die schiere Tatsache, wie viele Privatoffenbarungen es gibt; sie können nicht alle wahr sein, aber sie beanspruchen es alle. Es ist unmöglich, alle diese Ansprüche anzuerkennen.

Manche Religionen beruhen vollständig auf Privatoffenbarungen – eben der Islam oder das Mormonentum zum Beispiel. Mohammed wurde von den Leuten, die ihm nicht glaubten, vorgeworfen, dass er keine Wunder wirke wie die biblischen Propheten vor ihm es getan hatten; seine Antwort darauf waren Beschimpfungen und Drohungen. Niemand außer ihm bekam den Engel zu sehen, der ihm angeblich erschien. Ähnlich wie bei Mohammed sah es 1200 Jahre später bei Joseph Smith aus. Das funktioniert nicht für eine Religion. Würde Gott denn von uns verlangen, an eine Offenbarung zu glauben, von der wir nie sicher sein können, ob sie wahr ist? Wozu hat er uns denn unseren Verstand gegeben? Nein; die richtige Offenbarung muss anders aussehen.

Wenn – kommen wir wieder zum innerkatholischen Bereich zurück – es in den Botschaften zur religiösen Pflicht erklärt wird, eine Privatoffenbarung anzunehmen, sie weiterzuverbreiten, bestimmte „offenbarte“ Gebete zu verrichten, um „Sühne“ zu leisten oder sich auf den Weltuntergang vorzubereiten, und wenn einem andernfalls mit göttlicher Strafe und ewiger Verdammnis gedroht wird, oder wenn – wichtiges Warnzeichen! – zum Ungehorsam gegen einen die Botschaften verurteilenden Bischof aufgerufen wird, der sich gegen „Gott“ gestellt habe, dann ist das ein Beweis – ja, ein Beweis – dafür, dass die Privatoffenbarung falsch sein muss. Weiter muss man gar nicht schauen. Gott widerspricht sich nicht. Er würde nicht mit Drohungen von uns verlangen, eine unsichere, zweifelhafte Botschaft anzunehmen, nachdem Er uns vorher durch Seine Kirche offenbart hat, dass alle weiteren Privatbotschaften nicht verpflichtend sind. Wenn mit Ängsten religiös unruhiger Menschen gespielt wird: Dann ist das nicht von Gott. In Lourdes hat die Madonna sich Bernadette als die „Unbefleckte Empfängnis“ vorgestellt (womit sie das vier Jahre vorher von Papst Pius IX. verkündete Dogma bestätigte, das Bernadette gar nicht verstand), und sie hat ihr die Quelle gezeigt, in der seitdem zahlreiche Menschen geheilt wurden. Sie hat nicht dem Ortsbischof mit der Hölle gedroht, für den Fall, dass er die Erscheinungen nicht anerkenne. Gott hat uns durch den Apostel Paulus die Anweisung gegeben: Prüfet alles und behaltet das Gute (1 Thessalonicher 5,21). Also, prüfen!

Noch eine andere Anweisung des Herrn selbst: „Wenn dann jemand zu euch sagt: Seht, hier ist der Messias!, oder: Da ist er!, so glaubt es nicht! Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten irrezuführen. Denkt daran: Ich habe es euch vorausgesagt. Wenn sie also zu euch sagen: Seht, er ist draußen in der Wüste!, so geht nicht hinaus; und wenn sie sagen: Seht, er ist im Haus!, so glaubt es nicht. […] Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matthäus 24,23-25.36)

 

Es ist sicher nichts dagegen einzuwenden, sich mit den anerkannten Privatoffenbarungen (Lourdes, Fatima) zu beschäftigen. Mir haben sie nie so wahnsinnig viel gesagt. Aber sie lassen einen vielleicht erst erkennen, wie real das Wirken des Himmels heutzutage noch ist. Aber von den nicht anerkannten oder verbotenen: Finger weg! Gehorsam ist wichtiger als angebliche neue Nachrichten vom Himmel, und man kommt ohne sie aus. Und das Wirken des Himmels in der ganz gewöhnlichen irdischen Realität kann man auch einfach in einer noch viel tieferen Weise in der heimischen Pfarrei in der Sonntagsmesse erleben, wenn der Pfarrer sagt: „…damit sie uns werden Leib und Blut deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, der uns aufgetragen hat, dieses Geheimnis zu feiern.“ Dann ist Jesus nämlich ganz sicher da.