Wenn man Gender-begeisterte Theologen kritisieren will…

Ich habe es getan: Ich habe mir feinschwarz.net angesehen – angeregt durch einen Link auf Facebook zu einem Artikel über Jerusalem, das aus Sicht dieses „Theologischen Feuilletons“ selbstverständlich nicht Hauptstadt Israels sein darf, weil, Zionisten sind böse, und der Trump, der Trump, der hat immer Unrecht. Aber der Jerusalem-Artikel (http://www.feinschwarz.net/jerusalem-heiligkeit-jenseits-von-machtbehauptung/) enthält wenigstens noch ein paar Argumente, auf die man eingehen könnte (werde ich in den nächsten Tagen auch noch mal tun), was man von einem der anderen Artikel, die ich dort noch gelesen habe, nicht behaupten kann. Der trägt den Titel Gender-Forschung. Umkämpfte Normalität in der Katholischen Theologie (http://www.feinschwarz.net/gender-forschung-umkaempfte-normalitaet-in-der-katholischen-theologie/) und ist von vier Theologieprofessoren (genauer: zwei Professoren und zwei Professorinnen) aus Tübingen verfasst worden. Nach der Lektüre kann ich nur sagen: Bin ich froh, dass ich nicht in Tübingen studiere!

Tja, und jetzt will ich irgendetwas auf diesen Artikel entgegnen. Aber das ist, wenn ich ehrlich sein soll, gar nicht so leicht. Es gibt dort nicht viel, auf das man etwas entgegnen könnte.

Der Artikel beginnt mit der Feststellung, dass es Widerstand gegen Gender-Ideen gäbe und beschreibt, wo dieser sich findet – kath.net, Demo für alle, Amoris Laetitia, etc. Dann geht es um vier Normalitätsannahmen“ der Gesellschaft, die die Gender-Forschung ablehne: Dass erstens jeder Mensch genau ein unabänderliches Geschlecht habe, dass es zweitens genau zwei Geschlechter, nichts anderes und nichts dazwischen, gebe, dass das Geschlecht drittens unabänderlich von der Natur vorgegeben und eindeutig bestimmbar sei, und dass das Geschlecht viertens mit bestimmten Rollen, Tugenden und Orten in dieser Welt“ verbunden sei. Weiter heißt es:

Das Konzept ›gender‹ problematisiert diese Normalitätskonzepte. Geschlecht wird als soziale Konstruktion begriffen. Geschlecht ist ein bedeutungsvoller Sachverhalt – eine Zuweisung von Eigenschaften mit der gleichzeitigen Zuschreibung der Bedeutung dieser Eigenschaften, der Zuschreibung von »Sinn«. Das heißt nicht, dass es keine Biologie mehr gibt; aber der Wert, der den vielfältigen (auch biologischen) Ausformungen dessen, was wir „Geschlecht“ nennen, zugemessen wird, ist weder an Chromosomen oder an Hormonen noch an Körpern ablesbar. Er wird gemacht. Wir „erschaffen“ und verändern Geschlechter kontinuierlich durch Bedeutungszuschreibungen, sie sind ein sozialer und kommunikativer Tatbestand, eben ein soziales Konstrukt.

Erst einmal frage ich mich hier: Wieso keine einheitliche Gestaltung der Anführungszeichen? Wäre das zu normativ?

Und dann sage ich mir: Okay. Und wieso?

Der Text leidet an einem großen Problem: Die Autoren haben offenbar die Deutschstunde verpasst, in der einem erklärt worden ist, dass man in einem Aufsatz für jede Behauptung auch eine Begründung und am besten noch ein Beispiel zu bringen hat, bevor das Ganze zusammen dann ein Argument ergibt. Kann ja passieren. Manchmal hat man einen Termin beim Kieferorthopäden und der Banknachbar vergisst, einem das Heft zu leihen, damit man den Eintrag nachtragen kann. Aber bevor man Professor an der Uni wird, sollte man solche Defizite dann doch aufgeholt haben.

Ihr seid der Meinung, dass Geschlechter ein soziales Konstrukt sind? Okay, dann beweist mir das. Geht auf Argumente und Gegenargumente ein. (Die einzige Erwähnung eines Gegenarguments findet sich übrigens ein Stück weiter unten: „Es ist demgegenüber bedrückend zu sehen, wie in der allgemeinen Diskussion um Genderfragen ein einzelner Satz wie Gen 1,27 aus seinem literarischen, historischen und kulturellen Kontext gelöst und in biblizistischer Manier zur überzeitlichen Norm gemacht wird.“ Inwiefern ist die gängige Interpretation von Gen 1,27 denn falsch und „biblizistisch“? Und was soll dieser „Kontext“ sein?) Erklärt genauer, welchen Wert ihr der Biologie zugesteht, was für euch sozial konstruierte Geschlechterrollen sind, was für euch an diesen Rollen gut oder schlecht ist, und was genau ihr überhaupt unter „sozial konstruiert“ versteht (die Definition von Begriffen ist auch ein wichtiger Bestandteil von Argumenten). Redet über Mütterrollen und Väterrollen, über Heterosexualität und Homosexualität, über Geschlechtsumwandlungen und Hormonbehandlungen, über Berufe und Hobbies, über was auch immer, aber sagt irgendetwas Konkretes und begründet es. Was soll es z. B. heißen, dass es die Biologie schon noch gibt, das Geschlecht aber nicht an Chromosomen, Hormonen oder Körpern ablesbar ist?

Der Text ist typisch dafür, wie Debatten heutzutage geführt werden. Die Autoren bleiben im Vagen, tragen undefinierte Schlagworte vor sich her, lenken die Leser mit nichtssagenden vielsilbigen Worten wie „Analysekategorie“ und „Solidaritätsagentur“ ab, und greifen teilweise auch Positionen an, die niemand genau in dieser Weise vertritt; mir wäre z. B. niemand bekannt, der das gelegentliche Auftreten von Intersexualität (biologisch uneindeutigen Zwischenformen zwischen männlich und weiblich) leugnet, also „Normalitätsannahme“ Nummer 2 uneingeschränkt zustimmt. Und was mich angeht, ich als brave Katholikin bin z. B. auch nicht der Meinung, dass alle Mädchen in rosa Rüschenröcken herumzulaufen hätten.

(Hl. Jeanne d’Arc, Miniatur aus dem 15. Jahrhundert, Quelle: Wikimedia Commons)

Aber was genau greifen die Herren und Damen Professoren denn hier an? Die Ansicht, dass alle Mädchen in rosa Rüschenröcken herumzulaufen hätten, um ihrer gottgegebenen Weiblichkeit zu entsprechen – oder die Ansicht, dass die allermeisten Menschen eindeutig Mann oder Frau sind, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die sich durch geänderte soziale Konstruktionen nicht einfach wegkonstruieren lassen (anders gesagt: die sich nicht vollkommen aberziehen lassen), dass es Dinge gibt, die nur Männer (z. B. Kinder zeugen), und Dinge, die nur Frauen (z. B. Kinder austragen und gebären) tun können?

Der weitere Artikel gibt darüber keinen eindeutigen Aufschluss. Er geht erst einmal mit einer großzügigen Dosis Eigenlob weiter:

In der Gender-Forschung (»gender studies«) wird diesen und ähnlichen Fragen wissenschaftlich nachgegangen – und dies mit großem Erfolg. Die Gender-Konzeption gehört damit zu den gegenwärtig produktivsten Impulsen wissenschaftlicher Forschung – und dies über die unterschiedlichen Wissenschaftsfächer und ihre Disziplinen hinweg.

Auch in der Theologie, auch in der katholischen Theologie, wurde der Impuls des Gender-Konzeptes aufgenommen und Gender als ein Analyseinstrument in der theologischen Forschung etabliert.

Ich würde mal einfach behaupten, dass in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Forschung etwa die Genforschung (z. B. in Bezug auf genetisch veränderte Lebensmittel oder die Heilung genetisch bedingter Krankheiten), die Krebsforschung, die Forschung zu umweltfreundlicher Energieproduktion oder auch die zu autonomem Fahren produktivere und bedeutendere Impulse zu bieten haben (ob man die nun alle in der Praxis angewendet sehen will oder nicht). Ich würde sogar behaupten, dass die altorientalische Archäologie bedeutendere Impulse zu bieten hat. Aber gut, streiten wir uns mal nicht darüber, wer an den Unis am wichtigsten ist.

Ich will gar nicht behaupten, dass die Gender-Forschung nicht manchmal interessante Fragen stellt. Das tut sie gelegentlich schon. Nur wie genau geht sie ihnen wissenschaftlich nach?

Abschließend geht es um die angeblichen Erfolge der Gender-Forschung in der katholischen Theologie:

Dort, wo in der Moraltheologie die Natur der Geschlechter als ein traditioneller Rechtfertigungsgrund ausgehebelt wird, werden nicht nur vernünftigere Rechtfertigungen angestoßen, sondern auch bislang unsichtbare Fragen von Menschen, die ihre Sexualität leben und um ihre Identität ringen, sichtbar und stereotype Antworten darauf unplausibel gemacht.

[…]

„Gender“ ist nicht nur eine Analysekategorie, sondern auch eine Verunsicherungskategorie. Mit dem Gender-Konzept wird einer der dominanten Rechtfertigungsgründe für die Verteilung von Macht und Ämtern, für die Ordnung von Beziehungen sowie für die Steuerung von Körper- und Sexualitätsschemata, nämlich die Natur der Geschlechter, in Zweifel gezogen. Die Folgen dieses Zweifels sind tiefgreifend: Kein Argument dieser Welt kann die einfach vorgegebene Natur der Geschlechter in ihrer ursprünglichen Fraglosigkeit wieder zurückbringen.

Aha, jetzt kommen wir so ein bisschen zum Punkt.

Das Problem hier ist natürlich: Die Autoren gehen unhinterfragt davon aus, dass ihre Argumente ganz offensichtlich allen einsichtig sind und traditionelle Rechtfertigungsgründe wirklich ausgehebelt haben. Dabei warte ich immer noch auf irgendein echtes Argument. Vielleicht gelingt es ja wirklich, Menschen zu verunsichern, indem man einfach „Geschlecht ist bloß ein soziales Konstrukt!“ in den Raum ruft, ebenso wie man sie neuerdings anscheinend damit verunsichern kann, „Die Erde ist flach!“ zu rufen. Aber die Debatte hat man damit nicht gewonnen. Und wenn alles mit rechten Dingen zugeht, werden die meisten Menschen die Augen verdrehen, mit den Schultern zucken und den Rufer nicht weiter beachten – außer vielleicht, er zieht ihnen bei der Hausarbeit Punkte ab, wenn sie vergessen, „Christ*innen“ und „Studierende“ statt „Christen“ und „Studenten“ zu schreiben.

Zugegeben, dieser Text hier hat eher den Charakter eines Manifests als den einer „Einführung in die Gender-Forschung“. Aber es wird aus diesem Manifest nicht einmal ganz eindeutig, was die genderbegeisterten Theologen nun eigentlich wollen. Sie wollen verunsichern, verunklaren und hinterfragen. Okay. Aber wozu? Was wollen sie erreichen? Um ergebnisoffene wissenschaftliche Forschung scheint es ihnen ja nicht so sehr zu gehen.

Die letzten zitierten Absätze sagen es, wenn auch nicht gerade klar und deutlich: Sie wollen irgendwelche Machtstrukturen verändern, die sie in der Welt, und vor allem der Kirche, wahrnehmen. Sie sehen im Verhältnis der Geschlechter zueinander zwangsläufig Machtstrukturen am Werk, die ausgehebelt werden müssen. Die traditionelle Moraltheologie muss untergraben werden, weil sie auch nur Machtstrukturen rechtfertigt. Diese Theologen sehen sich als die mutigen Revolutionäre, die den Tyrannen von seinem Thron stürzen. Nur tendieren Revolutionäre dann leider oft dazu, ihre eigene Tyrannei zu erschaffen.

(Und natürlich ist die alte Moraltheologie keine Tyrannei.)

Man würde sich wünschen, dass die Leute einfach sagen könnten: „Wir sind davon überzeugt, dass es Geschlechter nicht wirklich gibt, weil […], und wir wollen deshalb erreichen, dass die Personen, die man nach den alten Kategorien dem Geschlecht der ‚Frauen‘ zugeordnet hat, die Priesterweihe empfangen und mit einer lesbischen Partnerin im Pfarrhaus leben dürfen“. Oder so was. Aber anscheinend ist das zu viel verlangt.

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Die Pfeiler des Glaubens, Teil 3: Falcones wird (vorübergehend) zum Gesinnungsethiker und die Inquisition verfolgt Ketzer

Teil II des Romans „Die Pfeiler des Glaubens“ – „Im Namen der Liebe“ – handelt von Hernandos weiterem Schicksal in Córdoba zwischen 1570 und 1581. (Am Ende ist er also ca. 27 Jahre alt.) Seine Familie darf in der Stadt bleiben, nachdem Hernando und sein Stiefvater Ibrahim Arbeit gefunden haben – als Handlanger in einer Gerberei respektive Feldarbeiter. Sie und die übrigen Morisken dort sind jedoch weiterhin einer strengen Kontrolle durch Behörden und Kirche unterworfen. Schon bei ihrer Ankunft gibt die Stadt ihnen Essen aus, das Schweineinnereien enthält, und es wird überwacht, dass es gegessen wird. Der sonntägliche Kirchgang ist selbstverständlich obligatorisch, Arabisch zu sprechen ist verboten, und ein Richter kann auch mal unangemeldet in der Wohnung vorbeischauen. Und auch die Rolle der Nachbarn sollte man nicht unterschätzen: Trinken die etwa nie Wein? Führen die vielleicht rituelle Waschungen durch? Kurz gesagt: Ihre wirkliche Religion müssen die Morisken weiterhin sorgfältig verstecken.

Schon nach kurzer Zeit in Córdoba trifft Hernando Hamid wieder, der weiterhin die Rolle des weisen Mentors des jungen Helden einnimmt. Der Gelehrte ist als Sklave in der Bordellgasse gelandet. Fatima unterdessen ist traumatisiert durch den Tod ihres kleinen Sohnes – und auch durch die erzwungene Ehe mit Ibrahim, der sie noch immer als seine Frau behandelt, obwohl den Christen nach außen hin etwas anderes vorgespielt wird. Sie ist bei ihrer Ankunft in der Stadt nach den langen Strapazen dem Tod nahe und gewinnt ihre Gesundheit nur langsam wieder. Ihren Trost sucht sie fortan im Glauben. Zwei Dinge gewinnen eine große Bedeutung für sie: Eine Art Amulett, das sie besitzt, das traditionell von Muslimen getragen wird und vor Dschinn und dem Bösen Blick schützen soll, eine sog. Fatimahand (benannt nach einer Tochter Mohammeds; https://de.wikipedia.org/wiki/Hand_der_Fatima); und der Satz „Der Tod verheißt ewige Hoffnung“, eine alte muslimische Weisheit, die schon auf Seite 126 zum ersten Mal erwähnt worden ist und die Fatima offenbar stark beeindruckt hat. Die Fatimahand hat übrigens den Originaltitel des Buches inspiriert: „La Mano de Fátima.“

Was Hernandos Halbbrüder Musa und Aquil angeht, meine Vermutung, dass sie keine große Rolle mehr spielen werden, bestätigt sich: Sie werden schon bald aus der Handlung getilgt, indem sie, wie viele andere moriskische Kinder, ihren Eltern weggenommen werden, um in christlichen Familien erzogen zu werden. Als Hernando Jahre später nach ihnen sucht, da er inzwischen als guter Christ gilt und hofft, sie zurückholen zu können, muss er feststellen, dass sie verschwunden sind und die Pflegeeltern sie vermutlich als Sklaven verkauft haben.

Aber zurück zum Anfang. Die Situation der Familie stellt sich zunächst recht düster dar. Hernando hasst seine Arbeit in der Gerberei, wo er minderwertige Häute mit Mist bearbeiten muss, und natürlich hasst er die Situation mit Fatima, die nach außen hin als seine Frau gilt, in seinem Volk aber als die seines brutalen Stiefvaters. Er beginnt bald, einem Kleinkriminellen bei diversen nächtlichen Geschäften zu helfen – hauptsächlich schmuggeln sie Wein in die Stadt, um den Zoll am Tor zu umgehen – und das verdiente Geld zu sparen, um es irgendwann Ibrahim anzubieten, damit der ihm Fatima überlässt. Allmählich wird er waghalsiger und auch rücksichtsloser; an einer Stelle stachelt er sogar einen Adligen mit erfundenen Geschichten darüber, dass jemand dessen Stammbaum in Frage gestellt habe, dazu an, einen anderen Adligen in einem Wirtshaus zum Duell zu fordern, nur um vorher noch ein paar Münzen für die Information zu kassieren.

Und nun wird es interessant. Fatima ist nicht von Hernandos Plan für ihre gemeinsame Zukunft überzeugt, und als er ihr das gesparte Geld aushändigt, gibt sie es an die muslimische Gemeinde weiter, damit die einen anderen Morisken aus der Sklaverei freikaufen kann. Als Hernando davon erfährt, erklärt Hamid, der einer der Gemeindevorsteher geworden ist, ihm ihre Handlung: „’Weil du dich von deinem Volk entfernt hast, Ibn Hamid.’ Jeder Muskel in Hernandos Körper spannte sich an. ’Wir alle versuchen, uns heimlich zu versammeln, zu beten, unseren Glauben am Leben zu halten oder unseren Glaubensbrüdern in Not zu helfen, nur du ziehst als kleiner Gauner durch die Straßen von Córdoba.’ […] ’Musste Fatima deshalb auf ihre Freiheit verzichten?’ ’Sie vertraut auf Gottes Barmherzigkeit. Und du solltest das Gleiche tun. Komm zu uns, komm zu deinem Volk. Eure heutigen Fesseln sind unsere ewigen Gesetze, und nur Gott ist dazu berufen, sie uns aufzuerlegen und uns davon zu befreien. Als mir Fatima das Geld gab und mir alles erklärte, bat ich sie, auf Gott zu vertrauen und die Hoffnung nicht aufzugeben.’“ (S. 299)

Von da an lässt Hernando seine kriminellen Geschäfte bleiben und hilft in seinen freien Stunden stattdessen der muslimischen Gemeinde – Aufenthaltsgenehmigungen für Morisken besorgen, die sich in Córdoba niederlassen wollen, versklavte Morisken freikaufen, usw. (Hamid lehnt für sich übrigens einen Freikauf ab; man solle das Geld für Jüngere verwenden.) Und Falcones stellt all das als richtige Entscheidungen dar, die Hernando und Fatima Gewissensfrieden geben: „Noch vor Kurzem, als er ihr das Geld für das Maultier gegeben hatte, gegen das er sie tauschen wollte, hatte sie das Geld zwar angenommen und versteckt, aber sie war dabei immer unzufrieden und voller Zweifel gewesen – fast so, als würde er sie dazu zwingen. Nun strahlte sie, wenn Hernando ihr von seinen neuesten Plänen für einen Glaubensbruder berichtete.“ (S. 301) Und damit nicht genug: Von da an läuft alles wie auf magische Weise besser. Fatima kann sich durch den Rückhalt der Gemeinde besser gegen Ibrahim durchsetzen und wehrt seine sexuellen Avancen ab. (Die irgendwo emotional von Ibrahim abhängige Aischa ist unterdessen froh, ihren Platz als seine eigentliche Ehefrau wieder einzunehmen. Sie bekommt in dieser Zeit einen weiteren Sohn namens Shamir.) Als Hernando dann während einer öffentlichen Stierhatz in Córdoba das wild gewordene Pferd eines Adligen beruhigen kann, wird der Oberstallmeister des königlichen Marstalls in Córdoba auf ihn aufmerksam und stellt ihn kurz darauf ein; Hernando bekommt zwei Zimmer über dem Marstall und einen ordentlichen Lohn und lernt mehr über die Pflege, Aufzucht und das Bereiten der Zuchtpferde des Königs. Zur selben Zeit unterhält sich Fatima mit Jalil, einem weiteren Gemeindevorsteher, und erfährt, dass sie sich nach islamischem Recht von Ibrahim scheiden lassen kann, wenn der sie nicht angemessen versorgen kann. Da er noch immer nur einen Hungerlohn bezieht und nun einen neuen Sohn hat, ist dieser Plan sogar aussichtsreicher als Hernandos ursprüngliches Vorhaben. Wenn Ibrahim nicht innerhalb von zwei Monaten, nachdem sie vor dem Ältestenrat die Scheidung verlangt hat, beweisen kann dass er für Fatimas Unterhalt sorgen kann, soll er also von ihr geschieden werden. Er tobt, als ihm von Hamid, Jalil und einem weiteren Gemeindevorsteher namens Karim dieses Ultimatum gestellt wird, muss es aber akzeptieren.

Ich finde diese Entwicklung der Dinge faszinierend, da ich sie bei Falcones nicht erwartet hätte. „Tu nur das Richtige, dann wirst du zumindest ein gutes Gewissen haben, und am Ende wird wahrscheinlich sowieso alles noch besser ausgehen, als du es dir wünschen konntest“ – das ist eine Botschaft, die ich eher in, sagen wir mal, einem Christian Romance Novel erwartet hätte. Bisher hat Falcones mehr eine „Der (gute) Zweck heiligt die (schlechten) Mittel“-Einstellung gezeigt, die er hier abzulehnen scheint. Was besonders seltsam ist: Die früheren Lügen über Ubaid zum Beispiel wurden ebenso von Hamid abgesegnet wie später Fatimas Spende. Aber offenbar ist der Autor schon, sagen wir mal, irgendwie beeindruckt von manchen Aspekten der Religion, die hier zum Vorschein kommen: Hingabe, Demut, Loyalität, Unterwerfung unter alte Traditionen und Gesetze, Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen.

Fatima wird übergangsweise bei Karim untergebracht – Hernando, als dessen Frau sie ja gilt, erzählt herum, sie würde eine kranke Bekannte pflegen und deshalb noch nicht bei ihm über dem Marstall wohnen. Ibrahim erwägt in seiner Verzweiflung diverse Möglichkeiten, rechtzeitig an Geld zu kommen, und entscheidet sich schließlich, die Monfíes – moriskische Räuberbanden, von denen auch der Aufstand ausgegangen ist – im nahen Gebirge, der Sierra Morena, aufzusuchen und sich ihnen als Spitzel oder Kundschafter anzubieten. Er nimmt Aischa und Shamir mit, als er sich auf den Weg macht, und wartet dann die Nacht über in den Bergen ab, bis eine Bande der Monfíes sich zeigt und zu wissen verlangt, was er dort will. Als sie ihn fragen, wie sie sichergehen sollten, dass er kein Verräter wäre, wenn er sich ihnen anschließen würde, bietet er ihnen Frau und Kind zum Pfand an. Der Anführer erklärt schließlich, Spitzel in Córdoba hätten sie genug; wenn er wollte, könnte er sich ihnen im Gebirge anschließen, aber ohne Aischa und Shamir. Plötzlich taucht jedoch Ubaid auf, der der Stellvertreter des Anführers ist und wegen seiner abgehackten rechten Hand noch immer Rachegelüste gegenüber Hernando und Ibrahim hegt. Ubaid befiehlt, Ibrahim so wie ihm damals die rechte Hand abhacken zu lassen, und schickt Aischa mit Shamir zurück nach Córdoba. Der verstümmelte Ibrahim bleibt in den Bergen zurück, setzt sich jedoch bald von den Monfíes ab und gelangt auf ein Schiff nach Algier. (Seltsamerweise ist es den Morisken übrigens verboten, außer Landes zu fliehen. Da ihre Geschichte mit ihrer endgültigen Ausweisung aus Spanien endet, wundert mich das sehr. Aber Politik war eben auch in den 1570ern nicht logisch.) Von dort aus zieht Ibrahim weiter, kann einem reichen Kaufmann in einer Karawane ein kleines Vermögen rauben, ohne erwischt zu werden, und kauft sich damit ein Haus in Tetuan und ein eigenes kleines Schiff, mit dem er wie all die anderen Korsaren der Stadt Raubzüge an der spanischen Küste unternimmt und Gefangene macht, die er entweder gegen Lösegeld freilässt oder aber auf den Sklavenmärkten in den Barbareskenstaaten verkauft. Obwohl er ein reicher und einflussreicher Mann wird und irgendwann noch einmal heiratet, schwört er sich, einmal nach Córdoba zurückzukehren, um Fatima wiederzubekommen und an Hernando Rache zu nehmen.

Nachdem die zwei Monate vergangen sind und Ibrahim verschwunden bleibt, kann Fatima Hernando heiraten und zieht zu ihm. Hernando erlangt in den nächsten Jahren eine immer wichtigere Stellung in der Gemeinde von Córdoba, die sich mit den anderen Morisken-Gemeinden im Land vernetzt und wie diese versucht, islamische Schriften zu bewahren bzw. neue Abschriften davon anzufertigen, Glaubenswissen an die jungen Mitglieder weiterzugeben, und den Kontakt mit den ausländischen muslimischen Fürsten zu halten, damit al-Andalus irgendwann zurückerobert werden kann. (Der Sultan macht ihnen zurzeit jedoch nur leere Versprechungen.) Hernando lernt einen Schmied namens Abbas kennen, der ebenfalls im Marstall arbeitet und eine wichtige Rolle unter den Morisken spielt, und dann einen Priester an der Kathedrale von Córdoba namens Don Julián, der ebenfalls in Wahrheit Muslim ist. Da Hernando bereits als Kind von Hamid lesen und schreiben gelernt hat, bringt Don Julián ihm auch Hocharabisch (die Sprache des Koran) bei, damit er dabei helfen kann, neue Koranabschriften anzufertigen. Nach außen hin geschieht dies unter dem Deckmantel der Hilfe für die Inquisition; angeblich soll Hernando dem Priester als Übersetzer für abgefangene arabische Schriften behilflich sein, die dieser natürlich sehr gut selbst versteht. Hernando erfährt von Don Julián, dass es „[s]eit König Ferdinand Córdoba erobert hat und die Moschee den Christen in die Hände fiel […] immer einen Muslim im Priestergewand“ (S. 396) in dieser zur Kathedrale umgewidmeten Hauptmoschee Córdobas gegeben hat, dass es jedoch mittlerweile fast unmöglich sei, Muslime in den Klerus einzuschleusen, da es genau kontrolliert werde, ob man muslimische Vorfahren habe. Und ich sage mir: Ihr fragt euch wirklich, wieso die Christen euch gegenüber misstrauisch sind?

Übrigens ist, Taqiyya an sich hin, Taqiyya an sich her, Don Julián für mich eine der bisher unsympathischsten Figuren des Buches: Nicht so sehr deshalb, weil er seine Feinde ausspioniert oder vorgibt, etwas zu glauben, woran er nicht glaubt – das tun auch Hernando oder Hamid – sondern weil er für Menschen, die an etwas glauben, woran er nicht glaubt, den Seelsorger spielt. Ein Priester spendet die Kommunion und hört Beichten. Wie kann jemand so etwas nur mit seinem Gewissen vereinbaren? Aber weiter im Text.

Hernando und Fatima bekommen in diesen Jahren zwei Kinder, Francisco und Inés (die beiden erhalten noch keine muslimischen Namen, da ihre Eltern Vorsicht walten lassen, damit die Kinder sich nicht aus Versehen gegenüber Christen verraten), und können sich schließlich ein eigenes Haus in Córdoba kaufen. Aischa und Shamir leben bei ihnen, und schließlich auch Hamid, nachdem Hernando gegen dessen ursprünglichen Willen den Freikauf des alten Mannes arrangiert hat. Fatima unterrichtet andere Frauen über die Lehren des Islam, damit diese das Wissen an die Kinder weitergeben können, und die Familie hält einen Koran im Haus versteckt. Hernando versteht sich gut mit dem Pfarrer, der gelegentlich vorbeischaut, und gilt bei den Christen als Paradebeispiel für die gelungene Bekehrung eines Morisken. Alles läuft wunderbar. Doch natürlich kann es nicht so bleiben.

Und hier treten endlich die auf, die alle schon erwartet haben: Die Spanische Inquisition.

Ich weiß, ich weiß, das kennt jeder schon.

Bereits im Jahr 1573 haben Hernando und Fatima erstmals ein öffentliches Autodafé miterlebt, zu dem Abbas sie mitgenommen hat; einige der Angeklagten waren Morisken und wurden wegen Vergehen wie Bigamie (200 Peitschenhiebe und drei Jahre Galeere) oder Gotteslästerung (geringe Geldstrafe und Büßerhemd) verurteilt; einer, ein Sklave, der mehrmals versucht hat, in die Barbareskenstaaten zu fliehen, und daran festhält, den muslimischen Glauben zu bekennen, wird am Ende sogar der weltlichen Gewalt übergeben und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. (Die ganze Darstellung wirkt hier historisch korrekt.) Abbas, der seit langem den vorbildlichen Christen mimt, hat nicht nur darauf bestanden, dass er, Hernando und Fatima bei den Verurteilungen anwesend sind, damit sie ihre christliche Frömmigkeit zeigen können, sondern auch, um einen Bericht nach Algier schicken zu können. „Für jede Verurteilung rächen sich die Türken in Algier an einem Christen in ihren Gefängnissen“, hat er Hernando mitgeteilt. „Die Christen wissen das. Das hält die Inquisition zwar nicht davon ab, Ketzereien zu ahnden, aber es beeinflusst die Härte der Strafen.“ (S. 366) Und wir sollen Abbas sympathisch finden?

Die Urteile wurden damals in der Kathedrale von Córdoba gefällt, die eine große symbolische Rolle im Roman spielt, und die Hernando und Fatima zu diesem Anlass zum ersten Mal betreten haben. Sie wurde nach der christlichen Rückeroberung Córdobas im Jahr 1236 mitten in die riesige Moschee (Mezquita) hinein gebaut und ragt über diese hinaus:

Mezquita de Córdoba desde el aire (Córdoba, España).jpg

(Bildquelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Mosque%E2%80%93Cathedral_of_C%C3%B3rdoba)

Falcones beschreibt die Kathedrale folgendermaßen: „Hernando blickte zur Decke der Kathedrale. Die Christen suchten in ihren Bauten die Annäherung an Gott und errichteten sie, so hoch es ihre Technik zuließ. Die Basis war breit und gedrungen, die Höhen waren schmal. Aber die Moschee von Córdoba war ein Wunder der islamischen Architektur, das Ergebnis einer gewagten Konstruktion, in der die Macht Gottes zu den Gläubigen herabstieg. Im Gegensatz zu den christlichen Bauten lag in der Moschee das Gewicht, der Schwerpunkt, auf den vielen schlanken Säulen – eine aufsehenerregende öffentliche Herausforderung der Logik.“ (S. 371) Das hier sind diese Säulen, die auch vorne auf dem Buchumschlag abgebildet sind und den Titel der deutschen Übersetzung inspiriert haben:

(Bildquelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Mosque%E2%80%93Cathedral_of_C%C3%B3rdoba)

Ehrlich gesagt finde ich diesen Titel übrigens sinnvoller als „Die Hand der Fatima“; die Kathedrale/Moschee hat mehr mit der Handlung zu tun als das Amulett. Sie ist ein Symbol für die Morisken: Ursprünglich auf einer kleinen christlichen Kirche erbaut, deren Existenz nie erwähnt wird, dann groß und mächtig und beeindruckend als Stätte des Islam, dann von den Christen zurückerobert und mit ihrem Gotteshaus überbaut – aber nicht ganz zerstört, sondern unter der Kathedrale noch immer still und ungenutzt existent. „Warum hatten die Christen dieses architektonische Meisterwerk der verhassten Mauren nicht wie all die anderen Moscheen der Stadt einfach dem Erdboden gleich gemacht?“, fragt sich Hernando. „[…] Stattdessen ließen sie zu, dass der muslimische Glaube in Form dieser Säulen, der niedrigen Decken und der Raumaufteilung überlebte… die Seele der Mezquita.“ (S. 372) Ich vermute mal, sie taten es, weil sie Säulen und niedrige Decken nicht für unverbesserlich islamisch hielten… Die Mezquita jedenfalls ist unter Muslimen sogar heute noch ein Symbol für das verloren gegangene al-Andalus, das einst zum „Haus des Islam“ gehörte. In den letzten Jahren haben Muslime in Spanien übrigens immer wieder verlangt, in der Mezquita muslimische Gebete zuzulassen und das Gebäude in ein interreligiöses Gotteshaus umzuwandeln, was von der Kirche stets abgelehnt wurde.

Fatima jedenfalls war besonders erschüttert durch die Moschee/Kathedrale. Als sie wie gebannt begann, mitten unter den Christen leise das islamische Glaubensbekenntnis zu sprechen, bat Hernando sie, doch still zu sein, und schwor ihr, dass sie in der Zukunft einmal in der Mezquita zu Allah beten würden.

Aber jetzt zurück zur Inquisition. 1579 hat Hernando dann selbst mit ihr zu tun: Seine Dienste als Übersetzer werden verlangt, da der Gemeindevorsteher Karim, bei dem islamische Schriften gefunden wurden, vor ihr angeklagt ist. Karim leugnet nicht, Muslim zu sein, aber natürlich will man von ihm hauptsächlich die Namen anderer Muslime erfahren, vor allem solcher, die ihm dabei geholfen haben, die Bücher herzustellen und zu verbreiten, und diese gibt er nicht preis.

Der Inquisitor, der Hernando zunächst anspricht, wird als ein „hagerer, hochgewachsener Mann“ (S. 439) mit „schlaffen, dürren Finger[n]“ (S. 440) und „schneidend kalter Stimme“ (ebd.) beschrieben – wie ein religiöser Fanatiker eben auszusehen und zu sprechen hat. Vom Gefängnis der Inquisition, in das Karim gebracht wurde, „hieß es bei den Bewohnern Córdobas bald, dass jeder, der in die Festung kam, sofort krank würde und innerhalb kürzester Zeit starb“ (S. 441). Am Verhandlungstag in dem Gebäude angekommen, in das er bestellt wurde, geht Hernando einen „klammen düsteren Gang zum Gerichtssaal entlang“ (S. 442), wo eine „bedrückende Stille“ (ebd.) herrscht. Als er Karim sieht, wirkt dieser „schwach, und seine Kleider waren nur mehr Lumpen“ (S. 442). Die Inquisitoren schreien den Angeklagten mit Ausdrücken wie „Vermaledeiter Ketzer!“ (S. 444) an, als er sich weigert, seine Hintermänner zu verraten. Am zweiten Tag der Verhandlung wird Hernando in ein Gewölbe geführt: „Sie [die Inquisitoren] flüsterten miteinander und standen zu Hernandos Entsetzen um eine massive Folterbank herum, daneben die grausamen Werkzeuge aus Eisen, mit denen man die Angeklagten fesseln, ihre Haut abziehen und verstümmeln konnte.“ (S. 445) Karim wird an den Daumen an der Decke aufgehängt. An diesem Tag dauert die Folter nicht sehr lang, aber in den nächsten Tagen geht es weiter: „Nach zwei Tagen unaufhörlicher Qualen hatten sie Karim auf der Folterbank schließlich auch die Arme ausgerenkt“ (S. 449). Und am Tag danach wird er noch einmal „unaufhörlich“ (S. 452) gequält. Hernando kann es kaum verkraften, die Qualen des alten Mannes mit anzusehen, ist aber gleichzeitig stolz auf dessen Widerstandskraft, und macht sich auch Sorgen, dass Karim am Ende doch noch nachgeben könnte: „Und niemand, wirklich niemand konnte dem alten Mann einen Vorwurf machen, wenn er diesen andauernden Qualen nicht mehr trotzen könnte und das preisgäbe, was sie von ihm forderten.“ (S. 452) Es wird mir nicht ganz klar, ob Karim danach noch weitere Male gefoltert wird, bevor im nächsten Abschnitt das abschließende Urteil beschrieben wird. Zu diesem Zeitpunkt ist er jedenfalls bereits dem Tod nahe, weshalb die Inquisitoren auch entscheiden, ihn beim nächsten Autodafé in effigie zu verbrennen, d. h. eine Strohpuppe an seiner statt zu nehmen.

Für meine Analyse interessiert mich natürlich vor allem, wie historisch glaubwürdig diese Darstellung des Prozesses ist.

Zu Mythen über die Spanische Inquisition, die hauptsächlich durch englische Propaganda der frühen Neuzeit entstanden sind, gibt es diese spannende Doku vom BBC:

Die Folter wird ab 14:40 thematisiert, ab 16:37 kommt diese Erklärung eines Historikers:

„In fact, the Inquisition uses torture very infrequently. In Valencia, for example, I found that out of over 7000 cases only 2 percent experienced any torture at all, and usually for no more than 15 minutes, and less than 1 percent suffered repeated torture, in other words more than once. I found no one suffering torture more than twice.“

(Tatsächlich benutzt die Inquisition die Folter sehr selten. In Valencia beispielsweise habe ich unter über 7000 Fällen nur 2 Prozent gefunden, die überhaupt Folter erlebt haben, und normalerweise für nicht mehr als 15 Minuten, und weniger als 1 Prozent, die wiederholte Folter erlitten haben, mit anderen Worten, mehr als einmal. Ich habe niemanden gefunden, der mehr als zwei Mal Folter erlitten hat.)

Ab 17:48 zu Folter und Gefängnissen:

„They had a rule-book, the Instructiones, which specified what could and could not be done. Those breaking the rules were sacked. So the Inquisition did not, as alleged, roast their victims’ feet, or brick them up to languish for all eternity, or smash their joints with hammers, or flail them on wheels. They never used the Iron Maiden. This Iron Maiden, one of only a few examples to survey, was built in Germany. The Inquisitors didn’t ravish their female victims, although a rich and undeniably popular tradition suggests that they did. In fact, the Inquisitorial torture chamber of popular myth never existed, even though this image was reprinted hundreds of times. And it was not only the use of torture that was falsified. Stories were also fabricated about the gruesome conditions in which prisoners were kept. [1. Historiker:] Ironically, the Inquisition had probably the best jails in Spain. This sounds very much like whitewashing, but unfortunately, it’s true. Let me take a quotation from the Inquisitors in Barcelona in the middle of the 16th century when they were asked to report on the state of their prisons and they said: ‘Our prisons are full.’ But then they complain to their bosses in Madrid: ‘We don’t know where to send the left-over prisoners we have. We cannot send them to the city jails because the city jails are over-crowded and there they are dying at the rate of twenty a week.’ [2. Historiker:] I have found instances of prisoners in secular criminal courts blaspheming in order to get into the Inquisition prison, to escape their… the maltreatment they received in the secular prison.“

(Sie hatten ein Buch mit Regeln, die Instructiones, die klarstellten, was getan und nicht getan werden konnte. Diejenigen, die die Regeln brachen, wurden gefeuert. Also, die Inquisition röstete nicht, wie behauptet, die Füße ihrer Opfer, oder mauerte sie ein, um für alle Ewigkeit zu schmachten, oder zerschlug ihre Gelenke mit Hämmern, oder räderte sie. Sie benutzten nie die Eiserne Jungfrau. Diese Eiserne Jungfrau hier, eins von nur wenigen Exemplaren, die man betrachten kann, wurde in Deutschland gebaut. Die Inquisitoren vergewaltigten nicht ihre weiblichen Gefangenen, obwohl eine reiche und unbestreitbar beliebte Tradition behauptet, dass sie es taten. Tatsächlich existierte die Folterkammer der Inquisition aus dem populären Mythos nie, auch wenn dieses Bild hier hunderte Male neu gedruckt wurde. Und es war nicht nur der Gebrauch der Folter, der verfälscht wurde. Geschichten wurden auch gesponnen über die entsetzlichen Bedingungen, unter denen Gefangene gehalten wurden. [1. Historiker:] Ironischerweise hatte die Inquisition wahrscheinlich die besten Gefängnisse in Spanien. Das klingt sehr nach Schönfärberei, aber leider ist es wahr. Lassen Sie mich ein Zitat von den Inquisitoren in Barcelona in der Mitte des 16. Jahrhunderts hernehmen, als sie gebeten wurden, über den Zustand ihrer Gefängnisse zu berichten, und sie sagten: ’Unsere Gefängnisse sind voll.’ Aber dann beschweren sie sich bei ihren Bossen in Madrid: ’Wir wissen nicht, wohin wir die übrigen Gefangenen, die wir haben, hinschicken sollen. Wir können sie nicht in die Stadtgefängnisse schicken, weil die Stadtgefängnisse überfüllt sind und da zwanzig pro Woche sterben.’ [2. Historiker:] Ich habe Fälle gefunden von Gefangenen vor weltlichen Strafgerichten, die Gott lästerten, um in das Gefängnis der Inquisition zu kommen, um ihrem… der schlechten Behandlung, die sie im weltlichen Gefängnis erhalten haben, zu entkommen.)

Ab 20:11:

„The Inquisitors were certainly interrogators, but they were restrained interrogators, skeptical about the effectiveness of hardship and torture in bringing heresy to light. By contrast with many other tribunals in Europe, they emerge as almost enlightened.“

(Die Inquisitoren waren sicherlich Vernehmungsbeamte [mir ist hier keine bessere Übersetzung eingefallen], aber sie waren zurückhaltende Vernehmungsbeamte, skeptisch in Bezug auf die Effektivität von Härten und Folter dabei, Häresie ans Licht zu bringen. Im Vergleich zu vielen anderen Gerichten in Europa erscheinen sie als beinahe aufgeklärt.)

Ach ja, wen es noch interessiert, die Gesamtzahl aller Todesopfer der Inquisition kommt ab 37:00: zwischen 3000 und 5000.

Ist Falcones’ Darstellung also historisch korrekt? Na ja. Es wäre theoretisch möglich, dass das Gefängnis von Córdoba ein Ausnahmefall war und dort viel schlechtere Zustände herrschten als in anderen Gefängnissen der Inquisition in Spanien. Das Urteil, die Verbrennung in effigie des sterbenden Verurteilten, ist glaubwürdig. Es erscheint durchaus als wahrscheinlich, dass Karim zu den 2 Prozent gehört, die während des Prozesses gefoltert wurden, da sein Fall wohl einer der ernsteren Fälle war, die vor die Inquisition kamen; weniger wahrscheinlich erscheint es schon, dass gerade er, ein alter, schwacher Mann, mehr als ein Mal gefoltert wird. Extrem unglaubwürdig wirkt es, dass er an vier oder mehr Tagen gefoltert wird; das Gleiche gilt für die Dauer der Folter. Diese Fehler hier liegen sicher nicht an mangelnder Recherche des Autors; Falcones kennt offensichtlich den Ablauf eines Autodafés und auch viele andere historische Details; er hat sich an dieser Stelle einfach für einen Kompromiss zwischen einer historisch korrekten Darstellung und der „Schwarzen Legende“ entschieden. Vermutlich ist das schon besser als nichts, aber Anlass zu wirklicher Zufriedenheit ist es nicht. Allerdings ist es ein gutes Beispiel für die Tatsache, dass Menschen im Allgemeinen widerlegte liebgewordene Vorurteile eher nur so halb aufgeben.

Übrigens findet Hernando durch seine Tätigkeit als Übersetzer heraus, wer Karim verraten hat: Ein Moriske namens Cristóbal Escandalet, der neu in der Stadt ist, und der für seinen Verrat offenbar reich entlohnt worden ist. Hernando erzählt Hamid davon und daraufhin macht Hamid sich heimlich auf, um dem Verräter seine gerechte Strafe zu erteilen: Er tötet Cristóbal Escandalet auf offener Straße, und nachdem er dann selbst von einem Büttel, der ihn festnehmen will, schwer verletzt wird, gelingt es ihm noch, sich in den Fluss, der durch die Stadt fließt, zu stürzen. Es wird nicht entdeckt, wer er war und wer seine Angehörigen sind, was mich nun wirklich wundert. Eine Leiche aus einem Fluss kann man schließlich bergen, und dann müssten sich in der Stadt doch Leute finden, die sagen können, wer Hamid war, womit auch ein Verdacht auf Hernando fallen würde… aber das geschieht offenbar nicht, weil es nicht in den Verlauf der Handlung passen würde. Die Situation für die Morisken von Córdoba beruhigt sich wieder.

Es geht weiter im Jahr 1581. Während Hernando einen Transport von Zuchtpferden in eine andere Gegend Spaniens begleitet, erkennt Ibrahim endlich eine Gelegenheit, seine lang gehegten Pläne in die Tat umzusetzen. Er hat bei einem seiner Raubzüge Frau und Kind eines spanischen Adligen in seine Gewalt gebracht und verlangt bei den Verhandlungen mit dessen Abgesandten, dass der Adlige ihm hilft, Hernando und dessen Familie aus Córdoba zu entführen und Ubaid, der nach dem Tod des Monfíes-Anführers jetzt selbst zu deren Anführer aufgestiegen ist, zu töten; ansonsten würde er die Gefangenen töten lassen. Also lässt der Adlige Ibrahim heimlich ins Land schleusen, schickt Männer aus, die Fatima, Aischa, Shamir, Francisco und Inés nachts aus ihrem Haus in Córdoba entführen (es wird als Tat von Monfíes dargestellt und die christlichen Nachbarn kommen den Morisken natürlich nicht zu Hilfe) und in ein einsames Landgasthaus bringen, in dem Ibrahim wartet. Auch Ubaid, den andere Männer des Adligen und einige angeheuerte Banditen in den Bergen gefangen genommen haben, wird dorthin gebracht und Ibrahim tötet ihn brutal und lässt seine Leiche in der Nähe verstecken. Dann nimmt er Fatima, ihre Kinder und seinen Sohn Shamir mit nach Tetuan und lässt Aischa, die ihm nicht besonders wichtig ist, zurück, damit sie Hernando berichtet, was mit den anderen geschehen ist. Er ist extrem wütend darüber, Hernando nicht erwischt zu haben.

Als Aischa jedoch nach Córdoba zurückgekehrt ist, berichtet sie Abbas stattdessen, dass Ubaid und seine Räuber die Familie entführt und Fatima und die Kinder in den Bergen getötet hätten, und als Abbas Hernando von dem Pferdetransport zurückgeholt hat, wiederholt sie vor ihrem Sohn dieselbe Geschichte, um zu verhindern, dass der sich auf den Weg nach Tetuan macht und von Ibrahim getötet wird. Da Hernando nun der Verzweiflung nahe ist und Tag für Tag vergeblich in die Sierra Morena reitet, um die Leichen seiner Familie und Ubaids Bande zu finden und an den Räubern Rache zu nehmen, sucht Aischa schließlich selbst wieder nach Ubaids Leiche, und sorgt dafür, dass sie auf einer Landstraße gefunden wird. Als man in Córdoba von dessen Tod erfährt, findet Hernando allmählich wieder zu etwas Frieden. Gegen Abbas jedoch hegt er einen Groll, weil der, entgegen einem Versprechen, Hernandos Familie nicht beschützen konnte, während Hernando fort war.

Wenig später bekommt Hernando Probleme mit einem Grafen, da ein Zuchtpferd aus dem Marstall, das für diesen bestimmt war, zu Tode gekommen ist, und muss kurzzeitig Kirchenasyl in der Kathedrale suchen. Dort betet er nachts heimlich die islamischen Gebete, wie er es Fatima einst versprochen hat. Schließlich begegnet er in der Kathedrale überraschend einem Herzog namens Don Alfonso de Córdoba, und es stellt sich heraus, dass dieser der Gefangene war, dem er im Krieg einst zur Flucht vor dem Korsaren Barrax verholfen hat. Der Herzog stellt ihn unter seinen Schutz und lässt ihm seine besondere Gunst zukommen, und damit endet Teil II.

Jetzt noch kurz zu einer interessanten Stelle in diesem Teil des Romans. Die Reformation wird in Teil II ein paar Mal kurz erwähnt; man erfährt, dass die Inquisition Protestanten verfolgt und dass z. B. eine Schrift Calvins in spanischer Übersetzung kursiert. Einmal, kurz vor dem Inquisitionsprozess im Jahr 1579, unterhält Hernando sich mit Don Julián über die Gemeinsamkeiten zwischen Protestantismus und Islam, und an dieser Stelle schreibt Falcones: „Die Kritik am Papst und am Ablasshandel, die Behauptung, dass jeder Gläubige die Heilige Schrift unabhängig von seiner Stellung innerhalb der Kirche auslegen dürfe, und die kritische Haltung zur Vorherbestimmung waren Gemeinsamkeiten der beiden Religionen, die gegen die Angriffe der katholischen Kirche zu kämpfen hatten.“ (S. 427) Na ja, ich weiß ja nicht genau, wie das mit der Auslegung der Heiligen Schrift im Islam so aussieht, ob man da eher der Ansicht ist, dass man gebildet sein müsste, um den Koran verstehen zu können, oder eher meint, dass der Koran zu jedem spreche, aber… „kritische Haltung zur Vorherbestimmung“?

„KRITISCHE HALTUNG ZUR VORHERBESTIMMUNG“??? Will der mich hier verarschen?

Man muss zugeben, der Protestantismus und der Islam ähneln sich in ihrer Sicht auf das Thema Vorherbestimmung (wobei ich die islamische Sicht nicht so gut kenne wie die protestantische und mich daher mit definitiven Aussagen über sie mal lieber zurückhalte), und sehen beide die katholische Sicht auf dieses Thema kritisch. So könnte man Falcones’ Satz auslegen, wenn man sich sehr, sehr viel Mühe geben würde, eine Auslegung zu finden, die der Wahrheit entspricht. Aber wie versteht man den Satz, wenn man ihn ganz normal liest?

Der Katholizismus würde eine Prädestination lehren und der Protestantismus und der Islam sie ablehnen. So wird der Satz von den Lesern verstanden werden, und eine solche Behauptung ist einfach eine Lüge. Das Ganze wirkt besonders ironisch, wenn man bedenkt, dass einen Absatz weiter oben Calvins Institutio Christianae religionis erwähnt wird.

Für alle, die es noch nicht wissen: Der Calvinismus lehrt mit aller Klarheit eine Prädestination der Menschen zu Himmel oder Hölle, die in Gottes unergründlichem Ratschluss begründet liegt und nicht von den guten oder schlechten Taten eines Menschen abhängig ist. Wenn Gott entschieden hat, dich in die Hölle zu werfen, hat er das eben entschieden, und du kannst nichts dagegen tun. Wenn er entschieden hat, dich in den Himmel aufzunehmen, kannst du auch nichts tun, wodurch du das Heil wieder verlieren würdest. Luther lehrte Ähnliches wie Calvin, wenn auch weniger klar, und freundlicher formuliert; auch er sah den freien Willen als illusorisch an, wie man in seiner Schrift „Vom unfreien Willen“ nachlesen kann. Der Islam scheint nach meinem Eindruck auch eher zu lehren, dass Allah den Willen des Menschen lenke und sein Schicksal vorherbestimme; wobei ich mich da, wie gesagt, nicht so genau auskenne. Der Katholizismus jedenfalls lehrt, dass der Mensch einen freien Willen hat, der vor Gott etwas zählt. Katholische Lehrdokumente, z. B. die des Trienter Konzils (1545-1563), verwenden das Wort „Prädestination“ (Vorherbestimmung) gelegentlich auch, aber in einem anderen Sinn: Gottes Vorauswissen und Vorherbestimmung schließen immer die freien Entscheidungen der Menschen mit ein. Niemand ist unabhängig von seinen Taten für Himmel oder Hölle vorherbestimmt. Wenn man mir nicht glaubt, hier zwei Kanones aus dem „Dekret über die Rechtfertigung“ des Trienter Konzils von 1547: „Kan. 6. Wer sagt, es stehe nicht in der Macht des Menschen, seine Wege schlecht zu machen, sondern Gott wirke die schlechten Werke so wie die guten, nicht nur, indem er sie zuläßt, sondern auch im eigentlichen Sinne und durch sich, so daß der Verrat des Judas nicht weniger sein eigenes Werk ist als die Berufung des Paulus: der sei mit dem Anathema belegt.“ „Kan. 17. Wer sagt, die Gnade der Rechtfertigung werde nur den zum Leben Vorherbestimmten zuteil, alle übrigen aber, die gerufen werden, würden zwar gerufen, aber nicht die Gnade empfangen, da sie ja durch die göttliche Macht zum Bösen vorherbestimmt seien: der sei mit dem Anathema belegt.“. Zitiert nach: Denzinger, Heinrich u. Hünermann, Peter (Hrsg.): Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum – Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, 46. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009.

Bravo, Ildefonso Falcones. Die Aussage, Islam und Protestantismus wären sich einig in einer „kritische[n] Haltung zur Vorherbestimmung“ wäre mit ihrer Verdrehungskunst wirklich einem Jesuiten aus einem Schauerroman des 19. Jahrhunderts würdig.

Eine weitere Stelle will ich noch kurz erwähnen, weil ich sie einfach lustig fand: „’Aber warum sollen wir dabei zusehen, wie unsere Glaubensbrüder und -schwestern verurteilt werden?’ fragte Hernando verständnislos.“ (S. 365; hier will Abbas ihn bewegen, zum Autodafé mitzukommen) Gendersprache Anno 1573! Okay, vielleicht klingt die Formulierung im spanischen Original ja nicht ganz so nach offiziellem Formular oder vom Blatt abgelesenem Predigttext.

Und das war’s auch schon wieder. Im nächsten Teil wird es dann noch mal deutlich „Da-Vinci-Code“-mäßiger, da wird nämlich ein verstecktes altes Manuskript entdeckt…

Genervt von politisierenden Weihnachtspredigten über Flüchtlinge?

Ich möchte gleich zu Beginn sagen, dass ich solche Genervtheit manchmal schon verstehen kann. Wenn der Pfarrer sich in der Christmette zwanzig Minuten lang darüber auslässt, wie unchristlich eine Obergrenze wäre oder die Kanzlerin praktisch zur Heiligsprechung anmeldet, statt über Christi Geburt zu reden, dann kann das schon dazu führen, dass man die Augen verdreht und die Gedanken zu den Plänen für das Familientreffen am 1. Feiertag schweifen lässt oder ein paar Mal dezent auf die Armbanduhr schaut. Aber auch die Kritik an politischen (oder: politisch auf der anderen Seite als man selber stehenden) Predigten kann mal mit falschen Argumenten daherkommen. Wenn über die Politisierung der Kirchen geklagt wird, wird ja gelegentlich impliziert, dass die Kirchen völlig unpolitische Vereinigungen zu sein hätten, die sich in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse nicht einmischen dürften. Und das wurde ja nun schon im Syllabus Errorum verurteilt. (Seliger Pius IX., bitte für uns!)

Daher ein paar allgemeine Gedanken zum Thema politische Predigten:

Erstens: Ja, an Weihnachten – vor allem in Gottesdiensten, in denen viele Leute erscheinen, die sich sonst nicht  in der Kirche blicken lassen – sollte der Zelebrant zuallererst mal über Weihnachten selber predigen. Euch ist heute der Heiland geboren. Das Wort ist Fleisch geworden. Gott hat Menschennatur angenommen, um uns zu erlösen, und ist in einem Stall von der Jungfrau Maria geboren worden. Darum geht es, das ist die Botschaft; und ob man nun in seinem konkreten Leben irgendwie mit Flüchtlingen zu tun hat oder nicht, diese Botschaft geht einen immer was an.

Zweitens: Ja, es ist sinnvoll, aus der Weihnachtsbotschaft dann auch konkrete Anleitungen für die Zuhörer abzuleiten, im Sinne von „Lasst Jesus auch in euren Herzen geboren werden“, wie das manchmal so heißt. Die können sehr unterschiedlich ausfallen. Sie können die Familie betreffen, das persönliche Gebet, den Job, oder auch mal die Politik – auch wenn die natürlich nicht zur unmittelbaren „Lebenswirklichkeit“ von Leuten gehört, die alle vier Jahre ein Kreuzchen machen dürfen und in keiner Partei aktiv sind.

Drittens: Nein, das Christentum ist, wie oben schon gesagt, nicht unpolitisch. Politik ist eigentlich nur die Regelung des Zusammenlebens in einer sehr großen Gemeinschaft, dafür gelten dieselben moralischen Regeln wie für das Zusammenleben in einer kleinen Gemeinschaft, die Kirche stellt fest, was diese moralischen Regeln sind, daraus folgt: die Kirche ist nicht unpolitisch. Sie stellt moralische Grundprinzipien fest, die auch in der Politik gelten.

Viertens: Zu diesen Grundprinzipien gehört, dass jeder Mensch nach Gottes Abbild geschaffen ist und dementsprechend behandelt werden muss. Zu diesen Grundprinzipien gehört, dass man in jedem Menschen Jesus erkennen kann. „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ (Matthäus 25,45) Die Leute zu ermahnen, das auch in der Flüchtlingskrise nicht zu vergessen und nicht nur an Zahlen und Kulturen zu denken statt an konkrete Menschen, ist durchaus legitim. Die christliche Ethik ist schließlich eine Ethik, in der man nie nur an „das größere Wohl“ (Gellert Grindelwald) denken darf.

Fünftens: Aber ja, es stimmt, man kann als Christ – zum Beispiel – auch mal sagen „Man kann nicht jedem helfen.“ (Wenn auch nicht als Chiffre für „Man soll niemandem helfen.“) Positive Gebote (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, etwa „du sollst sonntags in die Kirche gehen“) sind gemäß einem weiteren Prinzip der Moraltheologie schließlich nur dann verpflichtend, wenn sie physisch und moralisch erfüllbar sind (während negative Gebote, die eine Unterlassung befehlen, etwa „Du sollst nicht morden“, immer erfüllbar sind). Das Gebot, jemandem zu helfen, gilt also nur dann, wenn man in der Lage ist, zu helfen. Extreme Beispiele: Jemand, der 2000 Euro im Monat verdient, kann nicht 3000 Euro im Monat spenden, auch wenn irgendeine sehr wichtige Organisation gerade sehr dringend Spenden braucht, um sich über Wasser zu halten. Ein Ehepaar mit kleinen Kindern ist vielleicht physisch (Gästezimmer vorhanden), aber nicht moralisch in der Lage, einen Verwandten, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, wo er für Kindesmissbrauch gesessen hat, auf unbestimmte Zeit bei sich einzuquartieren, auch wenn der dann auf der Straße landet. Und ja, es stimmt auch, dass man nach der christlichen Ethik manchmal vielleicht sagen muss, dass ein vordergründig mitfühlendes Handeln in einer bestimmten Situation langfristig nicht hilft. Ich bin beispielsweise in der Flüchtlingspolitik der Meinung, dass es absolut nicht sinnvoll wäre, eine Flüchtlingsroute über Libyen einfach bestehen zu lassen (zumindest hat sich hier inzwischen etwas geändert) und die Flüchtlinge, die über diese Route kommen, auf unbestimmte Zeit in Europa aufzunehmen und nur in seltenen Ausnahmefällen mal zurückzuschicken – aus dem einfachen Grund, dass so mehr junge Afrikaner, die zwar in ihren Heimatländern mit Arbeitslosigkeit und Armut zu kämpfen haben, aber nicht verhungern würden oder verfolgt werden, dazu bewegt werden, die Reise Richtung Europa zu riskieren, und am Ende auf libyschen Sklavenmärkten landen oder im Mittelmeer ertrinken, was ich nun wirklich niemandem wünsche.

Sechstens: In der Politik, wo es zwangsläufig um große Massen von einzelnen Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen geht, kann es eben, wie das Beispiel mit Libyen zeigt, kompliziert werden mit der aus christlicher Sicht richtigen Entscheidung. Dafür hat die katholische Moraltheologie auch noch detailliertere Prinzipien; aber da können sich Katholiken auch mal uneinig sein. Von daher sind Detailfragen (z. B. „Brauchen wir eine Obergrenze, und, wenn ja, wie hoch sollte die sein?“, „Ist Afghanistan ein sicheres Herkunftsland?“, „Ist die Mietpreisbremse sinnvoll?“, „Sollten wir wieder eine Große Koalition bekommen?“) wahrscheinlich weniger als Themen für eine Predigt in der Christmette geeignet. Um des lieben Friedens willen in der Gemeinde…

Soweit ein paar allgemeine Gedanken. Jetzt noch zu einer weiteren Kritik an politisch „linken“ Predigten: Hier werde die Weihnachtsgeschichte auf illegitime Weise „instrumentalisiert“, indem man die Fakten umdeute. Ein Dr. Markus Franz beispielsweise, ehemaliger österreichischer ÖVP-Abgeordneter, der eher den moralistischen Rekurs auf die Weihnachtsgeschichte bei linken Politikern als bei mehr oder weniger linken Klerikern kritisiert, wird in einem Gastkommentar auf kath.net (http://www.kath.net/news/62195) ziemlich deutlich: „Jesus war kein Flüchtlingskind“ lautet die Überschrift ganz provokant; dann geht es weiter:

„Politisch linksorientierte Menschen haben es üblicherweise nicht so mit der Kirche und dem Christentum. Wenn aber Kirchenfeste wie Weihnachten Anlass und Möglichkeiten bieten, sie für die eigenen, oft sinistren Zwecke zu instrumentalisieren oder gar den Christen aus demselben Grund die Evangelien erklären zu wollen, dann werden die üblichen Kirchenkritiker, die das restliche Jahr meist Häme gegenüber dem Christentum verbreiten, plötzlich zu Bibelspezialisten […].

Alle Jahre wieder wird in diversen Artikeln und Kommentaren der Mythos verbreitet, Jesus wäre ein Flüchtlingskind und seine Geburt in Bethlehem deswegen eine dramatische und gefährliche Angelegenheit gewesen. Das ist aber nach dem offiziellen und in jeder Weihnachtsmesse verlesenen Weihnachtsevangelium von Lukas definitiv nicht wahr. […]

Freilich, der Evangelist Matthäus erzählt eine andere Version von Weihnachten bzw. der Zeit danach. Sie gilt allerdings nicht als das klassische Weihnachtsevangelium. Nach den Beschreibungen des Matthäus war der als brutale Schlächter verrufene und in ständiger Angst vor Attentaten lebende König Herodes höchst besorgt, dass laut den kursierenden Informationen ein neuer König der Juden (eben der Messias) geboren werden würde. Als er von Jesu Geburt hörte, schickte er Kundschafter aus, die bei Matthäus als „die Weisen“ bezeichnet werden. Nach der Verifizierung der Geburt ordnete Herodes die Tötung aller männlichen Kinder unter zwei Jahren an. […]

Laut Matthäus wurde Josef rechtzeitig von einem Engel gewarnt und er floh danach mit seiner Familie nach Ägypten, um sich dort vor den Häschern des Königs zu verstecken und das Leben des Kindes zu retten. Nach dem Tod des Herodes kehrten Maria und Josef wieder nach Judäa zurück. Das war also keine Flucht, die der heutigen Massenmigration in irgendeiner Weise gleichzustellen ist. Es ging damals um eine ganz konkrete persönliche Bedrohung und nicht um wirtschaftliche, kulturelle oder religiöse Motive. Die Reise von Jesus, Maria und Josef erfolgte auch bloß über die nächste Grenze. Die heutige Massenmigration erstreckt sich hingegen über Kontinente und es migrieren kaum Familien, sondern vor allem junge Männer – aus wie gesagt gänzlich anderen Motiven.

Die Matthäus-Geschichte wird trotzdem gern von linken Zynikern als ‚Beweis‘ dafür missbraucht, dass die Heilige Familie ein typisches Migrantenschicksal durchgemacht hätte und dass daher gerade die Christen das größte Verständnis für Flüchtlinge aller Art haben müssten. Das ist natürlich eine unlautere und anmaßende Argumentationstechnik. Christen sollten auf diese meist als Provokation gemeinten Anwürfe und Falschmeldungen nicht hereinfallen und sie gar nicht ernst nehmen. Apropos: Jeder ernstzunehmende Mensch wird anderen Menschen in echter Not und körperlicher Bedrängnis Hilfe vergönnen und selber etwas dazu beitragen, Notsituationen zu beheben oder zumindest zu lindern. Dazu braucht man keine linken Bibel-Exegeten, die das Evangelium offensichtlich noch weniger verstanden haben oder verstehen wollen als ihren Marx und ihren Engels.

Christen müssen aber stets auch klarstellen: Die Bereitschaft zur Hilfe bedeutet nicht, dass man Migranten aller Art über tausende Kilometer nach Europa kommen lassen oder diese sogar per Jet einfliegen muss, wie dies kürzlich in Italien geschehen ist. Und Nächstenliebe heisst definitiv nicht, dass man kritiklos der Massenmigration das Wort reden und alle aufnehmen muss. Das Gegenteil ist wahr: Verantwortungsvolle Hilfe und ein vernünftiges Bewältigen der Migrationskrise kann nur in den Herkunftsregionen stattfinden. Und am allerwenigsten wird die Lösung der Krise in den von sauertöpfisch-atheistischen Besserwissern und linken Provokateuren besetzen Redaktionsstuben gelingen, aus denen zu Weihnachten regelmäßig süffisante Kommentare an die Öffentlichkeit dringen.“

Was soll man nun dazu sagen? Tja, dass es eine Mischung aus Wahrem, Halbwahrem und Blödsinn ist.

Erstens: Dr. Franz widerspricht sich selbst, wenn er in seiner Überschrift behauptet, Jesus wäre kein Flüchtlingskind gewesen, und die Heilige Familie dann im Text gerade als richtige, legitime Musterflüchtlinge heutigen mutmaßlichen Pseudo-Flüchtlingen gegenüberstellt. Jesus war während seiner Zeit in Ägypten ein Flüchtlingskind, Punkt. Schreiben Sie doch gleich Artikel mit Überschriften wie „Jesus war kein Zimmermann“ oder „Jesus war kein Galiläer“. Was soll der Scheiß.

Zweitens: Wieso man das Matthäusevangelium hier heruntersetzen muss, wird wohl Dr. Franz‘ Geheimnis bleiben. Für gewöhnlich wird aus der Lukas-Geschichte keine Flüchtlingsgeschichte gesponnen, und wenn das getan werden würde, wäre es Blödsinn; aber das Matthäusevangelium bietet genau das, und beide Evangelien sind gleich wichtig in der katholischen Kirche. Wo spielen die Heiligen Drei Könige (ja, streng genommen: die Sterndeuter aus dem Osten) eine geringere Rolle als die Hirten auf dem Felde? Wo wird das Fest der Heiligen Unschuldigen Kinder (28. Dezember) nicht gefeiert?

Drittens: Ganz richtig, die Heilige Familie ist nur bis ins Nachbarland geflohen, und nach dem Ende der Bedrohung wieder nach Galiläa zurückgekehrt. Ja, diese Tatsachen kann man gerne auch anführen, wenn es um die konkrete Flüchtlingspolitik geht, wenn man denn unbedingt will; muss man aber auch nicht, schließlich sind wir keine Protestanten und müssen nicht für jede einzelne Situation eine biblische Vorbildgeschichte finden, um zur richtigen Entscheidung zu gelangen. (Es gibt übrigens auch ein anderes Beispiel aus der Bibel, nämlich aus dem Buch Genesis: Josephs Familie blieb auch nach dem Ende der Hungersnot noch in Ägypten. Das ging dann allerdings für ihre Nachkommen ziemlich schlecht aus.)

Viertens: Dr. Franz spricht davon, die heutigen Flüchtlinge würden aus „wirtschaftliche[n], kulturelle[n] oder religiöse[n] Motive[n]“ nach Europa kommen. Wirtschaftliche Motive, klar, das stimmt sehr oft, vor allem bei Flüchtlingen aus Afrika. Was mit kulturellen Motiven gemeint ist, ist mir völlig schleierhaft. Und religiöse Motive? Meint er Christen, Schiiten oder Jesiden, die vom IS verfolgt (oder in Nicht-IS-Gebieten von ihren Nachbarn und Regierungen im Alltag drangsaliert) werden? Oder was? Sorry, aber andere religiöse Motive fallen mir einfach nicht ein. Und was ist mit den Menschen, die aus Syrien geflohen sind, weil ihre Viertel bombadiert wurden und sie schlicht Angst hatten, es könnte sie auch treffen? Welche Motive hatten die? Sicher, da kann man in Dr. Franz‘ Sinne entgegnen, die hätten im Libanon oder der Türkei bleiben können; die Weiterreise nach Europa sei nur aus „wirtschaftlichen Motiven“ erfolgt. (Wobei man dem Argument wieder entgegnen könnte, Europa solle den Nachbarländern Syriens nicht alle Arbeit mit den Flüchtlingen überlassen. Aber ich will mich hier nicht schon wieder in den Details verzetteln.)

Fünftens: Ja, die meisten Flüchtlinge hier sind junge Männer. Aber hier hat Dr. Franz’ Formulierung – er kritisiert, dass „kaum Familien, sondern vor allem junge Männer [migrieren]“ – ein gewisses G’schmäckle: Will er sagen, dass junge Männer nicht das Recht hätten, aus einem gefährlichen Gebiet zu flüchten, Familien mit Frauen und Kindern aber schon? Das würde er auf Nachfrage höchstwahrscheinlich nicht sagen, sondern eher darauf hinweisen, wieso denn diese Flüchtlinge ihre Familien nicht mitnähmen, wenn sie tatsächlich in Gefahr wären? Nun, bei manchen, etwa den meisten Afrikanern, ist das klar: Sie sind eben, da hat Dr. Franz Recht, Wirtschaftsflüchtlinge. Da wagen nur die jungen, kräftigen Männer (die auch ein wenig Geld für die Schleuser haben) die gefährliche Reise. Bei den Syrern etwa ist es auch klar, aber aus einem anderen Grund: Die Familien schicken die jungen Männer voraus, um die Frauen und Kinder und Alten nicht den besagten Gefahren der Reise auszusetzen, und vermutlich, weil sie nicht für jeden Angehörigen die Schleuser bezahlen können, während sie darauf hoffen, bald legal nachgeholt zu werden; zudem hätten die jungen Männer sonst vielleicht zu Assads Armee gemusst. Hier sollte man also nicht verallgemeinern, und Flüchtlinge einfach ablehnen, weil sie einem bestimmten Geschlecht und einer bestimmten Altersgruppe angehören.

Ich spreche diesen Punkt an, weil er bei „rechteren“ Leuten als Dr. Franz öfter eine Rolle spielt: Da wird die Flüchtlingsbewegung, die doch eh nur brutale junge Männer aus bedrohlichen Kulturen ins Land brächte, implizit oder explizit als eine Art kriegerische Invasion betrachtet. Noch einmal kath.net: Die Nachrichtenseite hat letztens – wenn auch nicht ausdrücklich zustimmend – eine Äußerung des tschechischen Präsidenten Milos Zeman berichtet, wonach die Migrationsbewegung „keine spontane Fluchtbewegung […], sondern eine organisierte Invasion“ sei (http://www.kath.net/news/62190). Hier wird es dann doch gefährlich. Organisiert? Von wem denn? Glaubt Zeman auch an die Neue Weltordnung und die Illuminati? Und denkt er wirklich, selbst jemand, der, sagen wir mal, aus dem Senegal oder Algerien flieht, weil ihm weisgemacht wurde, in Europa würden einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, nähme die Fahrt übers Mittelmeer in einem Schlauchboot aus Spaß an der Freud auf sich? Hier werden Menschen zu bedrohlichen Feinden erklärt, die sicher nicht unbedingt mit der Absicht kommen, Europa zu bereichern und sich allen unseren Integrationsforderungen zu unterwerfen, aber doch auch keine böse Absicht uns gegenüber hegen, sondern nur an ihre eigene Zukunft denken. (Den einen oder anderen IS-Terroristen mal ausgenommen.)

Ein wenig an Zeman erinnert auch Dr. Franz‘ Wortwahl, politisch linksgerichtete Menschen würden Kirchenfeste „für die eigenen, oft sinistren Zwecke […] instrumentalisieren“. Hä? Linksgerichtete Menschen sind manchmal naiv, folgen vielleicht auch mal einer falschen Ideologie, oder laufen schlichtweg einer undurchdachten Parteilinie hinterher, die eher durch die Opposition zur Linie der anderen Parteien als durch vernünftige Überlegungen zustande gekommen ist, wie das in der Politik eben so gemacht wird. Aber welche „sinistren Zwecke“ sollen sie denn haben – es sei denn, man zählt „Ich will bei den Wählern beliebt sein und von der FAZ gelobt werden“ als solchen? Ich kann zum Beispiel Martin Schulz‘ Anblick im Fernseher nicht ausstehen, aber für einen Schurken, der, sagen wir mal, sich in seinem Geheimlabor* kichernd die Hände reibt, während sein finsterer Plan, Europa mithilfe einer modernen Völkerwanderung ins Chaos zu stürzen, um dann als angeblicher Retter in der Not die Herrschaft über den ganzen Kontinent an sich zu reißen und eine Diktatur aufzubauen, sich allmählich entfaltet, hat er doch nicht das rechte Format. Obwohl, das wäre ein guter Plot für einen Roman. Uncharismatischer, eingebildeter ehemaliger Lokalpolitiker, der so wirkt, als wäre die Rolle, die er anstrebt, ein paar Nummern zu groß für ihn, zieht im Geheimen die Fäden einer riesigen Verschwörung, und zeigt sein wahres Gesicht erst, als es längst zu spät ist. Muss ich im Hinterkopf behalten.

Zurück zum Thema. In der Praxis bin ich von Dr. Franz‘ Ideen zur Hilfe für Flüchtlinge vielleicht gar nicht so arg weit entfernt (wobei er hier ja auch noch im Allgemeinen bleibt; ich kenne also nicht alle seine politischen Ansichten z. B. zu Familiennachzug, Integrationskursen, Abschiebungen oder Grenzkontrollen); es sind eher seine Vorüberlegungen und seine Redeweise, die mich stören.

Zusammenfassend: Bei aller Genervtheit von politisierenden Pfarrern, die die Messe mit der heute-show zu verwechseln scheinen (okay, so schlimm wird es selten), sollte man auch im Hinterkopf behalten, dass die oft getätigte Aussage, dass man in Flüchtlingen Christus erkennen könne, schlicht wahr ist. Es ist auch wahr, dass man in den Opfern vom Breitscheidplatz Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Frau Merkel Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Frau Weidel Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Herrn Höcke Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Herrn Amri Christus erkennen kann. Sie sind alle Gottes geliebte Geschöpfe, nach Seinem Abbild gemacht, und Er hat ihre Natur angenommen. Das verkündet die Kirche halt.

 

* Ich hatte zunächst „Geheimlaber“ getippt. Das Labern passt besser zu Herrn Schulz, wenn ich ehrlich sein soll, als das Schurkendasein.

Ich wusste gar nicht, dass es noch Theosophen gibt…

…und dass die gar so seltsame Ansichten vertreten.

Zu meinem letzten Artikel wurde von jemandem namens „Öko-Theosoph“ ein Kommentar hinterlassen, den ich wegen völliger Themaverfehlung (in dem Artikel geht es um einen klischeehaften historischen Roman) als Spam markiert habe, aber bei näherer Betrachtung doch mal hier veröffentlichen und selber kurz kommentieren will. Man kennt so was ja; Leute, die überall im Internet ihre standartisierten Kommentare hinterlassen, ob es nun passt oder nicht, um möglichst viele Leute mit ihren Ansichten zu beglücken. Die meisten Absätze sind zwecks besserer Lesbarkeit von mir eingefügt:

Das Christentum muss reformiert werden. Kruzifixe (in Wohnungen) können Kirchengebäude (und Heilige Messen) ersetzen. Es ist unsinnig, zu beten.
Ein Mensch sollte seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Es ist wichtig, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Es ist sinnvoll, die körperliche Leistungsfähigkeit zu vergrößern, diverse Herausforderungen zu meistern, die Natur zu schützen usw.
Und dann sollte man sich morgens unmittelbar nach dem Aufwachen auf einen Wunsch konzentrieren und sich (nochmal) in den Schlaf sinken lassen. Durch Traumsteuerung (oder im halbwachen Zustand nach dem Aufwachen) kann man zu mystischen Erfahrungen (und Heilen wie Jesus) gelangen. Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten. Bestimmte Meditations- und Yoga-Techniken, Hypnose, Präkognition usw. sind gefährlich. Traumsteuerung ist auch ohne luzides Träumen (das u. U. gefährlich ist) möglich. Man sollte sich nur dann einen luziden Traum wünschen, wenn man durch Traumdeutung herausgefunden hat, dass man dafür die nötige Reife hat. Oder man kann sich vor dem Einschlafen wünschen, dass sich nur Dinge ereignen, für die man die nötige Reife hat. Es ist gefährlich, während eines luziden Traumes zu versuchen, den eigenen schlafenden Körper wahrzunehmen. Luzide Träume dürfen nicht durch externe Reize (Drogen, akustische Signale usw.) herbeigeführt werden. Man kann sich fragen, ob eine echte (nicht nur eine eingebildete) Zeitdehnung in Träumen möglich ist. Zudem, wie sich Schlaf-Erlebnisse von Tiefschlaf-Erlebnissen (und Nahtod-Erlebnissen usw.) unterscheiden. Die Bedeutung eines symbolischen Traumgeschehens kann individuell verschieden sein und kann sich im Laufe der Zeit ändern.
Es bedeutet eine Entheiligung der Natur, wenn Traumforscher die Hirnströme von Schlafenden messen. Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Zudem besteht die Gefahr, dass ein Mensch verrückt wird, wenn er sich fragt (wie schon vorgekommen), ob das Leben nur eine Illusion ist. Das Leben ist real.
Es kann in Teilbereichen auf wissenschaftlichen (und technischen) Fortschritt verzichtet werden. Es ist z. B. falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Man sollte möglichst dort wohnen, wo man arbeitet. Dadurch werden viele Privatfahrzeuge (nicht Firmenfahrzeuge) überflüssig.
Es ist sinnvoll, überflüssige Dinge (Luxusgüter, Werbung, Kirchengebäude, Urlaubsindustrie, Rüstung, Geldverleih usw.) abzuschaffen. Der MIPS muss gesenkt werden (Regionalisierung senkt Transportkosten, ein Öko-Auto fährt über 50 Jahre, ein 1-Liter-Zweisitzer-Auto spart Sprit usw.). Ein Mensch kann im kleinen und einstöckigen 3-D-Druck-Haus (Wandstärke ca. 10 cm) mit Nano-Wärmedämmung wohnen.
Wenn die Menschen sich ökologisch verhalten, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit einer günstigen Erwärmung im Winter. Denn das Klima ist (so wie das Leben) in der Lage, sich positiv weiterzuentwickeln.
In der Medizin sollte u. a. die Linsermethode gegen Krampfadern (auch dicke) eingesetzt werden.
Es ist wichtig, den Konsum von tierischen Produkten (und Süßigkeiten und Eis) zu reduzieren oder einzustellen. Hat man eine bestimmte Reife, kann man sich möglicherweise von veganer Urkost ernähren (oder sogar nahrungslos leben).
Die berufliche 40-Stunden-Woche kann durch die 4-Stunden-Woche ersetzt werden (bei Abschaffung des Renteneintrittsalters). Wenn die Menschen sich richtig verhalten, werden die Berufe zukünftig zunehmend und beschleunigt an Bedeutung verlieren.

 

Meine Highlights:

  • Christen haben sich gefälligst nicht in Gemeinschaft zu versammeln; wenn sie unbedingt beten müssen, können sie das für sich zu Hause vor dem Kruzifix erledigen.
  • Aber Beten ist auch unsinnig, also lasst das gefälligst auch; schafft einfach das Christentum ab (ja, Öko-Theosoph, ohne Gebet ist es kein Christentum mehr).
  • Hm, was unterscheidet wohl ein Kruzifix (einen Gegenstand) von einer Heiligen Messe (dem Vorgang, bei dem sich Himmel und Erde berühren, der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens)?
  • Mehr über die Natur wissen zu wollen, ist ein Sakrileg. Komisch, eigentlich hätte ich gedacht, dass so ein Gedanke nicht mal aus der unsinnigsten Vergöttlichung der Natur folgen müsste. Wir Christen halten es schließlich auch nicht für ein Sakrileg, mehr über Gott wissen zu wollen (nennt sich „Theologie“).
  • Alle Leute können dort wohnen, wo sie arbeiten. Z. B. eine Putzfrau in der Münchner Innenstadt.
  • Noch mal: Die Wissenschaft ist iiiiihhhh-bääähhh. Sie könnte ja das Leben erleichtern.
  • Auch das philosophische Denken ist gefährlich, zumindest, wenn es an die Grundfragen geht. Die sollte man lieber gar nicht erst stellen. (Und Öko-Theosoph unterscheidet nicht zwischen Naturwissenschaft (Was passiert während des Schlafes im Gehirn?) und Philosophie (Haben wir einen freien Willen? Ist das Leben real?). Aber das geht ja vielen Leuten so.)
  • Die Leute sollen in Zweisitzer-Autos fahren und in möglichst kleinen Häusern wohnen. Weil, wer hat z. B. schon Kinder? Okay, die soll man nach so einer Weltsicht vermutlich eh wegen „Überbevölkerung“ vermeiden, und Freunde, Mitbewohner oder Eltern hat ja auch niemand, also sind Zweisitzer-Autos für die meisten Leute ja total praktisch.
  • Geldverleih ist überflüssig. Wer muss sich schon mal Geld leihen, um sich ein Auto oder ein Haus zu kaufen oder eine Firma aufzubauen?
  • Urlaub ist überflüssig. Überhaupt alles, was nicht strikt notwendig ist, sondern einfach nur Freude macht, ist überflüssig.
  • Alles, was Öko-Theosoph für überflüssig erklärt, hat abgeschafft zu werden. Weil, Freiheit (z. B. die Freiheit, im Sommer zwei Wochen an der Adria zu verbringen oder Gott in einer Kirche anzubeten) würde die Leute ja bloß überfordern.
  • „Urkost“ war vegan. In der Steinzeit (inklusive der Eiszeiten) war es ja ganz einfach, sich Proteine und Fette durch die gerade verfügbaren Pflanzen zu beschaffen.
  • Der Mensch kann (und soll) nahrungslos leben, wenn er „reif“ ist… ne, das kommentiere ich jetzt mal nicht mehr.

Mann, sind Theosophen streng. Und da beschwert man sich über die katholische Kirche.

Interessanter und trauriger als das Gerede über luzide Träume und Nahrungslosigkeit ist, wie Öko-Theosoph in den einleitenden Sätzen noch kurz von „Liebe“ und „unegoistisch[em]“ Verhalten schreibt, und sich dann im weiteren Verlauf des Textes nur noch auf Selbst-Perfektionierung, Gesundheit und natürlich auf die große Verpflichtung, die Natur in Ruhe zu lassen, konzentriert. Das ist Heiligkeit für Esoteriker. Zwischenmenschliches? Das kommt allenfalls unter „ferner liefen“ vor. Nein, die wirkliche Heiligkeit besteht darin, vegan zu essen und Sport zu treiben; der Übergewichtige an der Dönerbude ist der Sünder, nicht derjenige, der seine Mutter nicht im Altenheim besucht oder seine Frau betrügt. Und da liegt Öko-Theosoph ja leider ganz auf einer Linie mit den Mainstream-Moralisten unserer Tage: Sie überfordern die Leute mit der ständigen Einführung neuer Sünden und haben keine Zeit mehr für die wirklichen.

Ich geb’s zu: Ein paar unerwartete vernünftige Ansätze finden sich auch. Z. B. unterscheidet sich Öko-Theosoph vom handelsüblichen Esoteriker darin, dass er das den Eingeweihten, den „Reifen“ erlösende Wissen als etwas darstellt, das dieser sich zumindest nicht völlig selbst erarbeiten kann, dass er also die Begrenztheit des Menschen ein bisschen anerkennt („Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten“). Auch der Satz Das Leben ist real“ ist schlicht richtig – auch wenn ein Mensch nicht gleich verrückt wird, wenn er sich fragt, ob das Leben denn real ist. Und hey, wenigstens ist er gegen Drogen, das ist auch nicht immer selbstverständlich bei Esoterikern. Aber im Ganzen vertritt Öko-Theosoph klassisch gnostische Lehren, gemischt mit ins Extremistische gesteigerten Grünen-Forderungen.

Die Pfeiler des Glaubens, Teil 2: Zurückgelassene Kinder, geraubte Kinder, befreite Sklaven und eine Identitätskrise

Ich habe meine Besprechung von Ildefonso Falcones‘ Roman „Die Pfeiler des Glaubens“ an einer Stelle unterbrochen, an der es um den Aufstand der Morisken schlecht steht (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/23/die-pfeiler-des-glaubens-teil-1-von-morisken-und-maertyrern/); das Heer um Aben Humeya* muss vor den Truppen des Marquis von Mondéjar in Richtung Ugijar fliehen. Sie lassen vorher noch einige gefangene Christinnen frei, um den Weg für Verhandlungen mit dem Marquis zu ebnen. Viele moriskische Frauen und Kinder bleiben in Juviles (Hernandos Heimatdorf) zurück, das kurz darauf von den christlichen Truppen eingenommen wird, während die Männer sich zurückziehen. Der Marquis ist tatsächlich offen für Verhandlungen und bietet den Morisken, die sich ergeben, eine Amnestie an, während die befreiten Christinnen eher noch auf Rache aus sind und die Soldaten, die hauptsächlich um der Beute willen gekommen sind, auf Plünderung.

(Aben Humeya alias Don Fernando de Válor, Illustration in „Los Monfies de las Alpujarras“, 1859; Quelle: Wikimedia Commons)

Hernando, der sich Sorgen um seine Mutter Aischa macht, trennt sich von der Armee der Morisken und kehrt heimlich nach Juviles zurück. Dort entsteht durch einen unglücklichen Zufall in der nächtlichen Dunkelheit ein Handgemenge zwischen den christlichen Soldaten und ein paar wenigen Morisken, und in dem Chaos dann ein Gemetzel unter den gefangenen moriskischen Frauen und Kindern auf dem Dorfplatz. Hernando findet seine Mutter und seine beiden Halbbrüder und zieht auf der überstürzten Flucht aus dem Ort noch ein Mädchen mit, das er in der Dunkelheit für eine seiner beiden Halbschwestern hält. Außerhalb von Juviles stellt sich jedoch heraus, dass es sich um ein fremdes Mädchen namens Fatima handelt, das auch einen Säugling bei sich hat. Der Abschnitt endet mit dem Satz: „In der Dunkelheit konnte Hernando Fatimas große mandelförmige schwarze Augen zwar nur schwer erkennen, aber er nahm durchaus das Funkeln in ihrem Blick wahr, das die tiefe Nacht erhellte.“ (S. 102. Und hier bin ich mir schon wieder nicht sicher, ob Falcones unter Dunkelheit dasselbe versteht wie ich.)

Raissa und Zahara jedenfalls sind in Juviles zurückgeblieben. Und Hernando, Aischa, Musa, Aquil und Fatima mit ihrem Sohn Humam ziehen weiter nach Ugijar, ohne offenbar auch nur in Betracht zu ziehen, umzukehren, um herauszufinden, was mit den beiden geschehen ist. Allmählich habe ich den Verdacht, dass Falcones Hernandos Halbgeschwister (die durchgehend als „Stiefgeschwister“ betitelt werden – was natürlich auch die Schuld der Übersetzung sein könnte) nur deshalb eingeführt hat, weil er es irgendwie logisch fand, dass, da die Leute damals viele Kinder bekommen haben, Aischa Kinder mit Ibrahim haben müsste, und dass er für sie sonst keine Rolle in der Handlung übrig hat. Auch Musa und Aquil wird in den folgenden Kapiteln nicht viel Beachtung geschenkt.

In Ugijar treffen sie Ibrahim wieder, der sich nur kurz dafür interessiert, dass seine Töchter wahrscheinlich tot oder aber allein in Gefangenschaft sind, und dann ein umso größeres Interesse an der erst dreizehnjährigen, aber sehr attraktiven Fatima entwickelt. Fatima erfährt unterdessen, dass ihr Mann, der auch ihr Kindheitsfreund war und nur wenige Jahre älter als sie selbst, bei den Kämpfen umgekommen ist. Obwohl sie durchaus um ihn trauert, dauert es nicht lange, bis sie und Hernando einander näher kommen, was man sich, seien wir ehrlich, hat denken können, sobald Fatima aufgetaucht ist. Zunächst wird allerdings nichts daraus, da Ibrahim sein Möglichstes tut, um die beiden zu trennen, und sie sogar bedroht; genau genommen wird er gewalttätig gegenüber Aischa, sobald die beiden Teenager Kontakt zueinander suchen, was recht effektiv funktioniert, um sie davon abzuhalten.

Hernando trifft auch Aben Humeya und gewinnt die Gunst des jungen Königs, da er sich mit der Pflege verletzter Maultiere und Pferde auskennt und da er bei einer Flucht den königlichen Schatz rettet. Die Morisken müssen noch mehrmals von Ort zu Ort fliehen, können dann aber auch wieder Gebiete zurückerobern; insgesamt zieht sich der Aufstand noch länger hin, als ich erwartet hatte. Hier mal ein Lob an Falcones: Er schildert den Krieg sehr realistisch als ein kompliziertes, langwieriges, unübersichtliches Hin und Her, bei dem sowohl der Marquis von Mondéjar und der Marquis von Los Vélez, als auch Aben Humeya und andere Anführer der Morisken, als auch die jeweiligen Anführer und ihre jeweiligen Soldaten oft nicht auf einer Linie sind. Aben Humeyas Soldaten laufen ihm zunächst reihenweise davon, um sich dem recht gnädigen Marquis von Mondéjar zu ergeben, kehren dann aber auch wieder zurück, als ihnen klar wird, dass es dem auch nicht gelingt, seine Soldaten davon abzuhalten, auf eigene Faust plündernd und mordend und vergewaltigend durch die Bergdörfer der Alpujarras zu ziehen. Zudem wendet sich das Blatt zugunsten der Morisken, als die Barbareskenstaaten und der osmanische Sultan endlich Hilfe schicken. Freilich lassen diese sich die Waffenlieferungen gut bezahlen und an Kämpfern kommen nicht sehr viele.

Und hier findet sich eine interessante Stelle. Der Sultan hat u. a. zweihundert Janitscharen geschickt, und der Leser erhält ein paar Hintergrundinformationen über diese Krieger:

„Die Janitscharen bildeten eine Eliteeinheit, die nur dem Sultan unterstand, und galten als äußerst loyal und unbezwingbar. Sie erhielten eine lebenslange Bezahlung und genossen im Vergleich zur übrigen Bevölkerung besondere Privilegien. Sie hatten sogar eine eigene Rechtsprechung. Ein Bey durfte keinen Janitscharen verurteilen oder bestrafen, sie waren ausschließlich ihrem Agha verpflichtet, und Urteile wurden stets in Geheimverfahren gefällt. Diese Eliteeinheit war eine privilegierte Kaste für sich. Sie gingen gnadenlos gegen die Bevölkerung vor, raubten, was ihnen zwischen die Finger kam, und vergingen sich an Frauen und Kindern – ungestraft, denn ein Janitschar war selbst für einen Bey unantastbar!“ (S. 164)

(Sitzender Janitschar, Zeichnung von Gentile Bellini, um 1480; Quelle: Wikimedia Commons)

Das ist, wie gesagt, recht interessant und dürfte im Großen und Ganzen stimmen; was auch interessant ist, aber im Buch nicht erwähnt wird, ist der Werdegang so eines Janitscharen: Im Rahmen der Knabenlese (https://de.wikipedia.org/wiki/Knabenlese) wurden christlichen Familien im Osmanischen Reich (Serben, Kroaten, Bosniern, Albaniern, Bulgaren, Rumänen, Griechen, Armeniern, Georgiern, etc.) regelmäßig einige ihrer Söhne genommen; in einer Region konnten alle paar Jahre oder auch jährlich die zuständigen Beamten und Soldaten auftauchen, sich die Taufregister vorlegen lassen, und Knaben auswählen (z. B. aus jeder 40. Familie; die Zahlen schwankten), die sie dann mitnahmen, nach Istanbul brachten, zum Islam zwangsbekehrten und einer rigorosen Ausbildung unterwarfen. Bestenfalls konnten diese Jungen dann zum Janitschar aufsteigen. Die Sultane bemühten sich tatsächlich sehr, die Loyalität dieser ihrer Privatarmee sicherzustellen; die Janitscharen, die rechtlich gesehen den Status von Sklaven hatten, wurden dafür erzogen, nur für Sultan und Reich zu leben, durften bis ins späte 16. Jahrhundert nicht heiraten und lange Zeit auch nichts vererben. Andererseits erhielten sie eben auch gewisse Privilegien. Und da die Sultane sich zwangsläufig auf die Janitscharen verlassen mussten, erstritten sich diese mit der Zeit so einige weitere Privilegien und erlangten auch große politische Macht; schließlich ermordeten sie Sultane oder setzten diese ab, wenn es ihnen passte. Als die Herrscher schließlich genug von ihrer ehemals so nützlichen Privatarmee gehabt hatten, beschloss Mahmud II. 1826 ihre Auflösung. Eine Rebellion der Janitscharen dagegen wurde niedergeschlagen, und die Überlebenden wurden hingerichtet oder verbannt. Der Sultan sprach vom „Wohltätigen Ereignis“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Janitscharen)

(Darstellung der Knabenlese in einer Miniatur im Süleymanname, 1558; Quelle: Wikimedia Commons)

Auch Korsaren aus den Barbaresken-Staaten sind übrigens bei den neu angekommenen Verbündeten (hier mehr zu diesen Piraten, die die christlichen Mittelmeerstaaten bis ins frühe 19. Jahrhundert bedrohten: https://de.wikipedia.org/wiki/Barbaresken-Korsaren); und einer von ihnen, Barrax, quartiert sich und seine Männer zeitweise im selben Haus ein, in dem auch Hernando, seine Mutter, Fatima und die Tiere, für die Hernando verantwortlich ist, untergebracht sind. Und hier erwähnt Falcones immerhin einen weiteren Grund für die Feindschaft zwischen spanischen Christen und Morisken: „Seit jeher konnten die Korsaren aus den Barbareskenstaaten bei ihren Raubzügen vor der spanischen Mittelmeerküste mit der Hilfe der dort lebenden Morisken rechnen. Viele Korsaren, vor allem die Männer aus Tetuan und Algier, waren selbst Morisken. Sie waren in al-Andalus geboren und machten jetzt auf ihren Fahrten Gefangene, die sie mit der Unterstützung ihrer Familien und Freunde später als Sklaven verkauften.“ (S. 171)

Hernando freilich ist nicht besonders begeistert von der Praxis, Gefangene als Sklaven zu verkaufen. Ihm wird an dieser Stelle der Handlung aufgetragen, sich aus einem Raum voller gefangener Christinnen in Aben Humeyas Anwesen eine auszusuchen und sie auf dem Markt zu verkaufen, um damit Futter für die Pferde bezahlen zu können. Er entdeckt dort Isabel, Gonzalicos Schwester, wieder und nimmt sie mit; statt sie zu verkaufen, versteckt er sie jedoch und bringt sie später heimlich aus dem Ort und zu christlichen Soldaten um den Marquis von Los Vélez. Nach seiner Rückkehr findet er eine andere Möglichkeit, um an das notwendige Geld zu kommen: Er bedroht und erpresst einen Händler namens Salah, der zugegebenermaßen zuvor Hernando erpressen wollte, da er die Sache mit Isabel bemerkt hatte.

Mit Hernandos und Fatimas Romanze geht es dann schließlich doch voran, da Ibrahim für einige Zeit mit dem Kommandanten Aben Aboo (eigentlich Ibn Abbuh) abwesend ist. Man erfährt, dass sie oft „Zeit miteinander [verbrachten“, „Momente der Zweisamkeit [suchten]“, „plauderten“ und „sich an die Ereignisse der letzten Monate [erinnerten]“. Eins dieser Gespräche wird sogar über eine ganze Drittelseite beschrieben. Fatima erzählt Hernando, dass ihre Gefühle für ihren Ehemann eher freundschaftlicher Natur waren – „Aber jetzt weiß ich, dass es noch andere Gefühle gibt.“ (S. 190). Wie romaaaannnntisch!

Ernsthaft: Über Fatima weiß man an dieser Stelle der Handlung nicht sehr viel. Ihr Charakter und ihre Gefühle sind nicht besonders klar. Hernandos Charakter wird aus seinen Handlungen allmählich deutlicher – er ist impulsiv, mutig, nicht unbedingt dumm, handelt entschieden, kann skrupellos gegenüber Menschen sein, die ihn bedrohen, hat aber auch Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl, und ist sich über seine Identität nicht im Klaren. Fatima sieht man nicht viel tun, sie hat z. B. auch keine charakteristische Art, zu sprechen, und es wird selten aus ihrer Perspektive erzählt. Sie ist verliebt in Hernando, sie kann mal nachtragend sein, wenn es ein Missverständnis gibt, und hört sich dann lange keine Erklärung an, sie ist ganz nett und kümmert sich ganz gut um ihren Sohn; das weiß man von ihr. (Alles in allem also die typische weibliche Figur einer Liebesgeschichte.) Aber was genau sie an Hernando mag, was er an ihr mag, was die beiden gemeinsam haben… keine Ahnung. Aber okay. Fatima ist immer noch erst dreizehn Jahre alt und Hernando ist vielleicht fünfzehn oder so; und Teenagerromanzen müssen ja keine tiefergehenden Anlässe haben. Mit dreizehn habe ich vielleicht für einen Lehrer geschwärmt und die Jungs aus meiner Klasse alle doof gefunden.

Schließlich arrangiert Aischa zusammen mit Fatima ein nächtliches Treffen für das Liebespärchen, damit die zwei miteinander schlafen können, und ich verstehe beim besten Willen nicht, wieso. Ich bin mir nicht sicher, welche moralischen Bedenken ich einer Moriskin des 16. Jahrhunderts unterstellen sollte; bekanntlich waren die Leute auch damals nicht alle so streng, wie es die islamische und die christliche Lehre theoretisch vorgeben. Aber davon abgesehen sehe man sich mal an, was sie hinterher zu den beiden sagt, als sie mit ihnen darüber spricht, dass sie heiraten sollen: „‚Was die Brautgabe angeht‘, sprach sie an Hernando gerichtet weiter, ‚du hast drei Monate, um sie zu beschaffen. Ihr habt Beischlaf gehalten, ohne verheiratet zu sein, deshalb könnt ihr erst heiraten, wenn Fatima dreimal die Regel hatte, es sei denn… Wenn sie in Umständen sein sollte, könnt ihr erst nach der Geburt heiraten.'“ Wieso hat Aischa den beiden also nicht einfach gleich gesagt, sie sollen heiraten? (Oder wieso könnten sie ihre Liebesnacht nicht verheimlichen?) Immerhin riskieren sie auf diese Weise, dass Ibrahim zurückkehrt, ehe sie verheiratet sind – was auch geschieht.

Zuvor allerdings wird noch Aben Humeya, der zu einem tyrannischen Lebemann geworden ist, von seinen eigenen Leuten ermordet; kurz vor seinem Tod ruft er den christlichen Gott an. Aben Aboo wird zum neuen König von al-Andalus ausgerufen, und Ibrahim ist inzwischen dessen enger Vertrauter. Aber es kommt noch schlimmer: Kurz nach deren gemeinsamer Rückkehr wird entdeckt, dass der Händler Salah christliche sakrale Gegenstände – Heiligenstatuen, Priestergewänder usw. – in seinem Keller versteckt hält, wohl um sie später zu Geld zu machen, und unglücklicherweise wird Hernando, der den Händler eben mit diesem Wissen erpresst hat, zusammen mit Salah in dem Keller angetroffen. Die beiden werden als angeblich zum christlichen Glauben Abgefallene zum Tod verurteilt; Hernando wird nur dadurch gerettet, dass der Korsar Barrax Aben Aboo bittet, ihn ihm stattdessen als Sklaven zu verkaufen. Freilich tut er das nicht aus Nächstenliebe, sondern um einen neuen Lustknaben zu bekommen. Hernando verweigert sich dem Korsar allerdings und erhält seltsamerweise gleichzeitig den Eindruck aufrecht, er sei ein Christ, was wohl beides irgendwie zusammenhängen soll. „Jetzt musste er so tun, als wäre er ein Christ, um Barrax nicht in die Hände zu fallen…“ (S. 206) Bitte? Seit wann ist es notwendig, religiöse/moralische Vorbehalte vorzutäuschen (die ein Muslim übrigens ebenso anführen könnte), um sich gegen irgendwelche sexuellen Avancen zu wehren? Ja, Barrax denkt sich einmal „Zahllose junge Christen führten in Algier ein angenehmes Leben als Gespielen der Türken und Barbaresken, nachdem sie vom Christentum abgefallen waren und sich zum wahren Glauben bekehrt hatten“ (S. 205), und offensichtlich will er bei Hernando ebenfalls beides erreichen, aber Hernando müsste das Spiel schließlich nicht mitmachen. Ich kapiere Hernando nicht.

Jedenfalls wird er in seiner Zeit als Barrax‘ Sklave in eine neue Identitätskrise gestürzt. Ein paar Mal fragt er sich, zu welcher Religion er sich eigentlich zugehörig fühlen soll: „Oder war er vielleicht doch ein Christ? Aber ihm stand nicht der Sinn nach Glaubensfragen.“ (S. 206) Tatsächlich werden die Glaubensfragen nicht wirklich näher durchdacht, oder auch nur im Einzelnen gestellt. Fragen wie „Ist die Bibel oder der Koran das glaubwürdigere Buch?“ werden an keiner Stelle angeführt, und Hernando fragt sich immer nur „Was bin ich?“, weniger „Was glaube ich und warum?“; die Religion erscheint hier eher als eine Angelegenheit der persönlichen Identität, wie Heimat oder Kultur oder Familie; es geht mehr um Zugehörigkeit als um Überzeugungen.

Unterdessen findet Ibrahim, der mittlerweile zum hauptsächlichen Schurken der Geschichte** avanciert ist – grausam und feige zugleich, egozentrisch, hasserfüllt gegenüber Hernando und despotisch gegenüber seiner ganzen Familie -, weitere Dinge, mit denen er Fatima bedrohen kann, und zwingt sie damit, ihn zu heiraten. Sie ist übrigens noch immer „keine vierzehn Jahre alt“ (S. 210). Keine Ahnung, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Punkten der Handlung verstreicht.

Jetzt wendet sich das Kriegsglück wieder zugunsten der Christen; Don Juan de Austria (der Don Juan de Austria von der Seeschlacht von Lepanto***) kommt im Auftrag seines Halbbruders, König Philipps II. von Spanien, mit weiteren Truppen zu Hilfe. Schließlich nehmen die Morisken Kapitulationsverhandlungen auf, was ihre ausländischen Verbündeten gleich mal dazu veranlasst, sich wieder ins Ausland abzusetzen, und der König erlässt ein neues Angebot zur Amnestie. Auch er kann Frieden im Inneren ganz gut gebrauchen, da der Sultan die Zeit, in der Spanien mit seinen inneren Angelegenheiten beschäftigt ist, nutzt, um Zypern und Dalmatien anzugreifen, und Papst Pius V. den König dazu drängt, doch endlich Truppen dorthin zu schicken. (Was zur Seeschlacht von Lepanto führen wird!)

(Paolo Veronese, Die Schlacht von Lepanto; Quelle: Wikimedia Commons)

In einer der letzten Schlachten des Krieges nimmt Barrax einen verwundeten christlichen Adligen gefangen und trägt Hernando auf, diesen gesund zu pflegen, damit er für ihn Lösegeld verlangen kann, bevor er mit seinen Leuten ebenfalls Spanien verlässt. Der Gefangene, der mitbekommen hat, dass Hernando ein Christ sein soll, überredet diesen jedoch zur gemeinsamen Flucht.**** Hernando lässt den Adligen (dessen Namen er übrigens noch immer nicht erfahren hat) schließlich auf einem Maultier ziehen und kehrt selbst ins nächtliche Heerlager zurück, um nach Aischa und Fatima zu suchen; bevor er sich auf den Weg zu denen macht, sucht er allerdings noch Barrax‘ Zelt auf, schlägt diesem den Kopf ab und stopft ihn in einen Sack. Der Hauptgrund dafür ist wohl, dass Barrax nach Hernandos Flucht einen Jungen aus seinem Gefolge hat töten lassen, weil der die Flucht nicht bemerkt und verhindert hat; Hernando sieht die Leiche, als er ins Lager zurückkommt. Dann findet er seine Mutter und Musa; Ibrahim ist mit Fatima, Humam und Aquil schon geflohen, um sich den Christen zu ergeben. In dem Erlass des Königs wird jedem Krieger, der eine Waffe abliefert, für sich und zwei Angehörige zusätzlich zu ihrem Leben auch die Freiheit versprochen, daher hat Ibrahim einen Teil der Familie zurückgelassen. (Fatima hofft, dass ihr noch sehr junger Sohn vielleicht nicht gezählt werden wird.) Hernando flieht nun mit Aischa und Musa ebenfalls zu Don Juan de Austrias Feldlager.

Dort treffen sie zunächst auf Andrés, den jungen Sakristan aus Juviles, der das Massaker an den Christen dort überlebt hat, und dieser erzählt den Soldaten voller Zorn, wie Aischa damals den Dorfpfarrer getötet hat. Diese bestehen jedoch darauf, dass die Amnestie für alle Verbrechen gilt und dass nichts getan werden soll, was die Bedingungen des Erlasses bricht und die Morisken wieder aufstachelt; Don Juan hat seine Soldaten offensichtlich besser im Griff als der Marquis von Mondéjar. Außerdem kommt es natürlich gut an, dass Hernando den Kopf eines Korsaren mitbringt. In dem Heerlager treffen sie auch Ibrahim wieder, der sich mit Fatima gerade in eine Liste hat eintragen lassen, und als auch Aischa sich als seine Frau bezeichnet, bezichtigen die anwesenden Geistlichen ihn natürlich sofort der Bigamie. Ibrahim versucht, sich damit herauszureden, dass man ihn falsch verständen hätte und Fatima seine Schwiegertochter, Hernandos Frau, wäre, und die Beamten geben sich damit zufrieden, die Angelegenheit für ein Missverständnis aufgrund von Sprachschwierigkeiten zu halten.

Die Familie wird mit anderen Morisken für einige Monate in die Gegend von Granada gebracht, und dort heiraten Fatima und Hernando in einer kirchlichen Zeremonie. Zuvor müssen sie noch die Beichte ablegen, und das ist eine dieser Szenen, bei denen ich mich frage, wie die Spanier es damals für eine irgendwie sinnvolle Idee halten konnten, die Morisken mit solchem Druck dazu zu bringen, sich weiterhin wie Christen zu verhalten (da sie getauft waren), obwohl sie wissen konnten, dass sie im Geheimen weiterhin den Islam praktizieren würden. Ich kann nachvollziehen, wieso man die Morisken als Fünfte Kolonne der gerade erst vertriebenen Besatzer sah; ich kann sogar noch irgendwo nachvollziehen, wieso man sie deshalb aus Spanien ausweisen wollte. Aber sie dazu zu zwingen, sich taufen zu lassen und dann eine Lüge zu leben – die sie ja auch nicht loyaler machte? Ja, diese Szene hier wird ziemlich klischeehaft geschildert, in einem Roman über Kirchengeschichte muss schließlich irgendwann der Beichtstuhl als Ort der Unterdrückung (oder auch der sexuellen Belästigung) auftauchen („‚Soll das etwa alles sein?‘ zischte der Priester im Beichtstuhl, nachdem Fatima fertig war. […] ‚Ich kann leider weder Reue noch Bußfertigkeit erkennen.'“ S. 248); aber die Tatsache bleibt, dass hier ziemlich grausam mit dem Gewissen von Menschen umgegangen wird.

Später müssen sie dann zusammen mit einigen Tausend Morisken in einer langen Kolonne, bewacht von Soldaten, nach Córdoba ziehen, und auf dem kalten Marsch stirbt Humam.

Teil I des Buches – dem Falcones, was ich in meinem ersten Teil zu erwähnen vergessen habe, den Titel „In Allahs Namen“ gegeben hat, endet bei der Ankunft in Córdoba mit den Worten „Es war der 12. November 1570.“ (S. 252) Teil II trägt dann den Titel „Im Namen der Liebe“ – dazu im nächsten Post.

 

* Falcones verwendet durchgehend die christliche Verhunzung „Aben Humeya“ des Namens „Ibn Umayya“, obwohl fast alle Szenen, in denen der König von al-Andalus auftritt, sich hauptsächlich unter Muslimen abspielen. In der direkten Rede bei anderen muslimischen Figuren heißt er dann allerdings wieder „Ibn Umayya“. Keine Ahnung, was das soll; eigentlich blickt Falcones ja aus der Perspektive der Morisken auf die Geschehnisse.

** Die anderen Mächte des Bösen, die für die Handlung an sich vielleicht noch eine größere Rolle spielen, sind eher gesellschaftliche Institutionen, oder aber auch unpersönliche „Kräfte“ wie „gegenseitiger Hass auf Andersgläubige“, die sich in verschiedenen Figuren auf unterschiedliche Weise manifestieren, wobei diese Figuren nicht zwangsläufig völlig böse sein müssen. Ibrahim ist bis jetzt die böseste Persönlichkeit.

*** Es gehört zwar eigentlich nicht hierher, aber man muss die Gelegenheiten eben nutzen:

Lepanto

White founts falling in the courts of the sun,
And the Soldan of Byzantium is smiling as they run;
There is laughter like the fountains in that face of all men feared,
It stirs the forest darkness, the darkness of his beard,
It curls the blood-red crescent, the crescent of his lips,
For the inmost sea of all the earth is shaken with his ships.
They have dared the white republics up the capes of Italy,
They have dashed the Adriatic round the Lion of the Sea,
And the Pope has cast his arms abroad for agony and loss,
And called the kings of Christendom for swords about the Cross,
The cold queen of England is looking in the glass;
The shadow of the Valois is yawning at the Mass;
From evening isles fantastical rings faint the Spanish gun,
And the Lord upon the Golden Horn is laughing in the sun.

 

Dim drums throbbing, in the hills half heard,
Where only on a nameless throne a crownless prince has stirred,
Where, risen from a doubtful seat and half attainted stall,
The last knight of Europe takes weapons from the wall,
The last and lingering troubadour to whom the bird has sung,
That once went singing southward when all the world was young,
In that enormous silence, tiny and unafraid,
Comes up along a winding road the noise of the Crusade.
Strong gongs groaning as the guns boom far,
Don John of Austria is going to the war,
Stiff flags straining in the night-blasts cold
In the gloom black-purple, in the glint old-gold,
Torchlight crimson on the copper kettle-drums,
Then the tuckets, then the trumpets, then the cannon, and he comes.
Don John laughing in the brave beard curled,
Spurning of his stirrups like the thrones of all the world,
Holding his head up for a flag of all the free.
Love-light of Spain—hurrah!
Death-light of Africa!
Don John of Austria
Is riding to the sea.

 

Mahound is in his paradise above the evening star,
(Don John of Austria is going to the war.)
He moves a mighty turban on the timeless houri’s knees,
His turban that is woven of the sunset and the seas.
He shakes the peacock gardens as he rises from his ease,
And he strides among the tree-tops and is taller than the trees,
And his voice through all the garden is a thunder sent to bring
Black Azrael and Ariel and Ammon on the wing.
Giants and the Genii,
Multiplex of wing and eye,
Whose strong obedience broke the sky
When Solomon was king.

 

They rush in red and purple from the red clouds of the morn,
From temples where the yellow gods shut up their eyes in scorn;
They rise in green robes roaring from the green hells of the sea
Where fallen skies and evil hues and eyeless creatures be;
On them the sea-valves cluster and the grey sea-forests curl,
Splashed with a splendid sickness, the sickness of the pearl;
They swell in sapphire smoke out of the blue cracks of the ground,—
They gather and they wonder and give worship to Mahound.
And he saith, “Break up the mountains where the hermit-folk can hide,
And sift the red and silver sands lest bone of saint abide,
And chase the Giaours flying night and day, not giving rest,
For that which was our trouble comes again out of the west.
We have set the seal of Solomon on all things under sun,
Of knowledge and of sorrow and endurance of things done,
But a noise is in the mountains, in the mountains, and I know
The voice that shook our palaces—four hundred years ago:
It is he that saith not ‘Kismet’; it is he that knows not Fate ;
It is Richard, it is Raymond, it is Godfrey in the gate!
It is he whose loss is laughter when he counts the wager worth,
Put down your feet upon him, that our peace be on the earth.”
For he heard drums groaning and he heard guns jar,
(Don John of Austria is going to the war.)
Sudden and still—hurrah!
Bolt from Iberia!
Don John of Austria
Is gone by Alcalar.

 

St. Michael’s on his mountain in the sea-roads of the north
(Don John of Austria is girt and going forth.)
Where the grey seas glitter and the sharp tides shift
And the sea folk labour and the red sails lift.
He shakes his lance of iron and he claps his wings of stone;
The noise is gone through Normandy; the noise is gone alone;
The North is full of tangled things and texts and aching eyes
And dead is all the innocence of anger and surprise,
And Christian killeth Christian in a narrow dusty room,
And Christian dreadeth Christ that hath a newer face of doom,
And Christian hateth Mary that God kissed in Galilee,
But Don John of Austria is riding to the sea.
Don John calling through the blast and the eclipse
Crying with the trumpet, with the trumpet of his lips,
Trumpet that sayeth ha!
      Domino gloria!
Don John of Austria
Is shouting to the ships.

 

King Philip’s in his closet with the Fleece about his neck
(Don John of Austria is armed upon the deck.)
The walls are hung with velvet that is black and soft as sin,
And little dwarfs creep out of it and little dwarfs creep in.
He holds a crystal phial that has colours like the moon,
He touches, and it tingles, and he trembles very soon,
And his face is as a fungus of a leprous white and grey
Like plants in the high houses that are shuttered from the day,
And death is in the phial, and the end of noble work,
But Don John of Austria has fired upon the Turk.
Don John’s hunting, and his hounds have bayed—
Booms away past Italy the rumour of his raid
Gun upon gun, ha! ha!
Gun upon gun, hurrah!
Don John of Austria
Has loosed the cannonade.

 

The Pope was in his chapel before day or battle broke,
(Don John of Austria is hidden in the smoke.)
The hidden room in man’s house where God sits all the year,
The secret window whence the world looks small and very dear.
He sees as in a mirror on the monstrous twilight sea
The crescent of his cruel ships whose name is mystery;
They fling great shadows foe-wards, making Cross and Castle dark,
They veil the plumèd lions on the galleys of St. Mark;
And above the ships are palaces of brown, black-bearded chiefs,
And below the ships are prisons, where with multitudinous griefs,
Christian captives sick and sunless, all a labouring race repines
Like a race in sunken cities, like a nation in the mines.
They are lost like slaves that sweat, and in the skies of morning hung
The stair-ways of the tallest gods when tyranny was young.
They are countless, voiceless, hopeless as those fallen or fleeing on
Before the high Kings’ horses in the granite of Babylon.
And many a one grows witless in his quiet room in hell
Where a yellow face looks inward through the lattice of his cell,
And he finds his God forgotten, and he seeks no more a sign—
(But Don John of Austria has burst the battle-line!)
Don John pounding from the slaughter-painted poop,
Purpling all the ocean like a bloody pirate’s sloop,
Scarlet running over on the silvers and the golds,
Breaking of the hatches up and bursting of the holds,
Thronging of the thousands up that labour under sea
White for bliss and blind for sun and stunned for liberty.
Vivat Hispania!
Domino Gloria!
Don John of Austria
Has set his people free!

 

Cervantes on his galley sets the sword back in the sheath
(Don John of Austria rides homeward with a wreath.)
And he sees across a weary land a straggling road in Spain,
Up which a lean and foolish knight forever rides in vain,
And he smiles, but not as Sultans smile, and settles back the blade….
(But Don John of Austria rides home from the Crusade.)

 

(G. K. Chesterton)

 

**** Dieser Gefangene ist übrigens – neben Gonzalico – so ziemlich meine Lieblingsfigur in diesem Buch: Er hat eine authentische Persönlichkeit; er verhält sich tollkühn, frohgemut, ehrbewusst; er sagt theatralische Sachen wie: „Meine Stahlklinge aus Toledo hat bislang noch jedes maurische Eisen durchschlagen“ (S. 230) oder „Bei den Nägeln des Kreuzes Christi!“ (ebd.). Er ist übrigens verwundet worden, als er seinen Soldaten Deckung geben wollte, und er bringt Hernando sogar dazu, kurz über „Glaubensfragen“ nachzudenken:

„‚Ich werde für Christus sterben [gemeint ist: wenn wir auf der Flucht erwischt werden]‘, flüsterte der Gefangene.

Er hatte diese Worte schon einmal gehört, von Gonzalico. Aus ihnen sprach die gleiche Demut, die gleiche Hingabe. Und was war mit dem Islam? Bedeutete Islam nicht Demut und Hingabe? Und…

‚Aber wir werden nur sterben, wenn Gott es so bestimmt hat. Wir sind freie Menschen, wir können kämpfen‘, unterbrach der Christ Hernandos Gedanken.

Hernando verzog das Gesicht.“ (S. 225)

Das klingt doch vielversprechend!

 

Die Pfeiler des Glaubens, Teil 1: Von Morisken und Märtyrern

Letztens ist mir bei einem Blick in mein Bücherregal dieser historische Roman hier aufgefallen, den ich vor ein paar Jahren von einer Patentante zu Weihnachten bekommen haben müsste:

20171220_000257[1]

Worum es geht, verrät der Klappentext:

20171220_002643[1]

Pseudohistorisches, schlecht recherchiertes Christenbashing wahrscheinlich, habe ich mir damals gedacht, mich nett bei der Patentante bedankt, und das Buch ungeöffnet ins Regal gestellt. Aber inzwischen habe ich ja einen Blog, und da kann man, wenn ein Buch sich als schlecht herausstellt, andere an seinen genervten Gefühlen teilhaben lassen. Also, frisch ans Werk.

Als ich den Klappentext vor ein paar Tagen wieder gelesen habe, war ich überrascht davon, wie unsympathisch mir der Protagonist in dieser kurzen Beschreibung erscheint; ich hatte nicht mehr in Erinnerung, dass Hernando „sich als Christ ausgibt und für das Domkapitel in Córdoba arbeitet – scheinbar gegen die Muslime“. Wenn du schon einer falschen Religion anhängst, dann steh doch wenigstens dazu, habe ich mir gedacht. Aber ich greife mir vor.

Ildefonso Falcones ist als Schriftsteller kein unbekannter Anfänger; von ihm stammt auch der Bestseller „Die Kathedrale des Meeres“, der im 14. Jahrhundert in Barcelona spielt. Besonders gut geschrieben ist „Die Pfeiler des Glaubens“ trotzdem nicht. Die Perspektive wechselt oft abrupt, an manchen Stellen alle paar Sätze; mal berichtet ein allwissender Erzähler von der politischen Lage, dann blickt man wieder in den Kopf einer Nebenfigur, gleich darauf dann in den des Protagonisten, dann für zwei Sätze in den einer anderen Nebenfigur. Dazu kommen, gleich ab der ersten Seite, Adjektive über Adjektive. Beispiele gefällig?

„Das metallische Echo [der Kirchenglocken] brach sich in den felsigen Schluchten des Südhanges, erfüllte das fruchtbare Tal mit seinen Flüssen Guadelfo, Adra und Andarax, die sich aus den zahllosen Gebirgsbächen der verschneiten Gipfel speisten, und wurde schließlich von den steilen Hängen der Sierra Contraviesa zurückgeworfen.“ (S. 11)

„Vor dem schlichten ockerfarbenen Gotteshaus mit seinem wuchtigen Glockenturm lag ein weitläufiger Vorplatz, von dem aus sich ein Gewirr aus engen Gassen über den Hang ausbreitete.“ (Ebd.)

Der Roman beginnt an einem Sonntagmorgen im Dezember 1568 in diesem spanischen Bergdorf namens Juviles, wo eine Minderheit aus Altchristen mit einer unterdrückten Mehrheit aus Morisken zusammenlebt – Muslimen, die nach der Vertreibung der muslimischen Herrscher aus Spanien 1492 zunächst toleriert, dann allerdings vor die Wahl zwischen Taufe oder Ausweisung gestellt worden waren, und die die Taufe gewählt hatten. Diese Familien praktizieren im Geheimen weiterhin den Islam, erscheinen aber pflichtgemäß zur Sonntagsmesse, wo der Pfarrer ihre Anwesenheit kontrolliert und zwei Frauen, die am vergangenen Sonntag unentschuldigt gefehlt haben, Geldstrafen aufbrummt. Schon in diesen ersten Seiten begegnet man auch vor bzw. in der Kirche zwei gedemütigten Büßern, die für das Vergehen der Hexerei bloßgestellt werden; es handelt sich um eine alte Moriskin, die einer Kranken hat helfen wollen, indem sie deren Hemd in angeblich heilkräftigem Wasser gewaschen hat, und den Ehemann der Kranken, der ihr das Hemd gegeben hatte. Reizend. (Aber, nach meinen (geringen) Kenntnissen der spanischen Kirchenzucht in der frühen Neuzeit, auch nicht ganz unplausibel.*) Erstaunlicherweise scheint die Messe dann übrigens auf Spanisch, nicht auf Latein, gehalten zu werden – es wird erwähnt, dass viele Morisken nicht gut Spanisch sprechen, aber gelernt haben, die Gebete in der Kirche mitzusprechen -, obwohl auch ausdrücklich gesagt wird, dass der Priester bei der Wandlung „mit dem Rücken zur Gemeinde“ steht. Na ja, Flüchtigkeitsfehler können passieren.

In Juviles lebt auch der 14-jährige Hernando, der unter den Morisken eine Art Außenseiterrolle einnimmt, da, wie der Klappentext oben verrät, seine Mutter Aischa von einem christlichen Priester in ihrem Heimatdorf vergewaltigt worden und Hernando dabei herausgekommen ist. Sein Stiefvater Ibraham, der Maultiertreiber ist, und andere Dorfbewohner beschimpfen ihn als „Nazarener“ (S. 18) und „Christenhund“ (ebd.), und als einziger unter den Morisken hat er nur einen christlichen Namen und keinen im Geheimen gebrauchten muslimischen. Auch der christliche Sakristan und der Pfarrer bemühen sich übrigens besonders um Hernando – „so als wollten sie den Bastard des Priesters vor Mohammeds Anhängern retten“ (S. 20). (Ähnliche Formulierungen kommen immer wieder heraus, wenn Falcones dramatisch werden will.)

Hamid, ein alter islamischer Gelehrter, der einst zu einer edlen Familie in Granada gehört hat, jetzt aber in Armut in Juviles lebt, hat Hernando jedoch ebenfalls gern und lehrt ihm seinerseits die heiligen Texte des Islam. Als Hernando wieder einmal bei Hamid zu Besuch ist, kommt ein Besucher vorbei, der Hamid in Aufstandspläne der Morisken einweiht, und bald geht der Aufstand los, auch in Juviles. Die Altchristen dort werden in der Kirche zusammengetrieben, und Hernando, der gerade dem Sakristan geholfen hat, die Christmette vorzubereiten**, mit ihnen; aber als Hamid sich für ihn einsetzt und Hernando das islamische Glaubensbekenntnis ablegt, wird er freigelassen. Von da an beteiligt er sich ebenfalls am Aufstand, da Ibrahim ihn als Maultiertreiber braucht, um Beute zu transportieren, die gegen Waffen getauscht werden soll. Während er sich in der Kirche von Juviles selbst noch nicht ganz sicher gewesen ist, was er eigentlich ist, Christ oder Muslim, entscheidet er sich nun offensichtlich zur Loyalität gegenüber dem Islam. Auch die Sympathie des Autors scheint eher auf dieser Seite zu liegen; vielleicht einfach deshalb, weil die katholische Kirche als die Seite des Bösen von Anfang an feststeht und die Gegenseite daher zwangsläufig zumindest ein bisschen besser sein muss, oder auch deshalb, weil sich die Morisken nach der erfolgreich abgeschlossenen Reconquista in der Rolle der Unterdrückten wiederfinden, und man für die Unterdrückten immer Sympathie hat. (Und überhaupt, auch die Zeit der islamischen Herrschaft war doch so eine tolle, tolerante, kultivierte Zeit für Spanien! Ähm, ja, sicher.)

Bei der Schilderung des Aufstands verzichtet Falcones jedenfalls auf Schwarz-Weiß-Malerei; die Morisken werden durchaus auch als fanatisch und brutal gezeigt, wenn sie etwa christliche Gefangene traktieren, verstümmeln, mit Drohungen zu bekehren versuchen, oder schließlich töten. Es kommen gute Christen und schlechte Christen, gute Muslime und schlechte Muslime vor. In Bezug auf die historische Genauigkeit oder die historisch richtige Darstellung der religiösen Atmosphäre gibt es an dieser Stelle wenig zu bemängeln; alle kämpfen für ihren Glauben, weil es der ihre ist und sie ihn für wahr halten, verabscheuen den der Gegenseite als Gotteslästerung, und wollen sich für vergangenes Unrecht rächen. Aber jetzt kommen wir auch zu einem Thema, das mich an diesem Buch ziemlich nervt: Hernandos Sicht auf Wahrhaftigkeit und Märtyrertum.

An einer Stelle soll Hernando einen in einem anderen Dorf gefangenen christlichen Jungen namens Gonzalico dazu bringen, zum Islam überzutreten. Und ja, in der folgenden Szene, in der Falcones übrigens wieder mal die Zeitform nicht einhalten kann, soll Hernando offenbar mitfühlend und human herüberkommen, nicht wie der ölige Agent in einem Thriller, der den Helden geschickt von seiner Mission abzubringen versucht***:

„‚Eure Könige haben uns gezwungen, unseren Glauben aufzugeben‘, hatte Hernando dem Jungen in der Nacht erklärt. ‚Und das haben wir gemacht. Sie haben uns getauft.‘ Gonzalico sah ihn mit seinen großen graubraunen Augen an. ‚Und da wir jetzt herrschen werden…‘

‚Aber ihr werdet niemals im Himmel herrschen‘, unterbrach ihn Gonzalico.

‚Und selbst wenn es so wäre‘, hatte er ihm geantwortet, ohne weiter auf die dahinterstehende Frage einzugehen, ‚was hindert dich daran, hier auf Erden deinen Glauben aufzugeben?‘

Der Junge fuhr erschrocken zusammen.

‚Ich soll Jesus leugnen?‘, fragte er mit kaum vernehmbarer Stimme.

Wie dumm waren diese Christen denn eigentlich? Also erzählte Hernando ihm von dem Fatwa, das der Mufti von Oran bei der Zwangsbekehrung der spanischen Muslime ausgesprochen hatte. ‚Wenn man euch zwingt, Wein zu trinken, so trinkt ihn, allerdings nicht mit der Absicht, ihn zu genießen‘, zitierte er. ‚Und wenn sie euch den Verzehr von Schweinefleisch auferlegen, dann esst es, auch wenn ihr es in euren Herzen verabscheut und so an seinem Verbot festhaltet.‘ Er versuchte den Jungen zu überzeugen. ‚Gonzalico, das bedeutet, wenn du dazu gezwungen wirst, gibst du in Wirklichkeit deinen Glauben nicht auf. Du bleibst dann deinem Gott immer noch treu.‘

‚Du bist also ein Ketzer‘, stellte Gonzalico fest.

Hernando seufzte tief und sah zur Alten [einem Maultier] hinüber, die immer in seiner Nähe war.

‚Sie werden dich umbringen‘, sagte er nach einer Pause.

‚Ich werde für Christus sterben‘, antwortete der Junge mit einer Ergriffenheit, die weder das Dunkel noch die schützenden Decken verbergen konnten.“ (S. 57f.)

(Wieso auch? Seit wann verbirgt Dunkelheit Geräusche?)

Gonzalico stirbt (zusammen mit vielen anderen Gefangenen) tatsächlich für Christus; am nächsten Morgen wird ihm die Kehle durchgeschnitten, und dann wird noch sein Herz herausgerissen und seiner Schwester Isabel vor die Füße geworfen. (Die weiblichen Gefangenen werden nicht getötet, wohl, um später verkauft werden zu können.) Hernando ist entsetzt von all der Grausamkeit, während um ihn herum gefeiert wird; es wird klar, dass er, als die Identifikationsfigur, Grausamkeit auf allen Seiten nicht mag, obwohl er sich für die Seite des Islam entschieden hat. Am Ende des Kapitels gibt er sich den islamischen Namen Hamid ibn Hamid, und der Erzähler berichtet von der Ausrufung des 22-jährigen Don Fernando de Valor / Muhammad ibn Umayya, von den Christen Aben Humeya genannt, zum König von Granada und Córdoba. Hernando kehrt mit den anderen Männern schließlich nach Juviles zurück, wo in der Burg ein Quartier eingerichtet wird, und auch in diesem Dorf werden die örtlichen Christen getötet, da sie noch immer die Bekehrung verweigern.

Zurück zu Gonzalicos und Hernandos Gespräch. Der Islam kennt kein Märtyrertum; ja, ich weiß, er kennt etwas, das er mit demselben Wort bezeichnet, aber er kennt die Sache an sich nicht, die bedeutet, sich lieber töten zu lassen, als Gott zu verleugnen. Ja, es ist für Christen moralisch erlaubt, ihren Glauben vor Verfolgern zu verstecken; aber ihn zu verleugnen oder bei einer falschen Religion mitzumachen, das kann nie erlaubt sein. Das Prinzip der Taqiyya dagegen lautet: Wenn es sein muss, um dich vor Verfolgung zu bewahren, musst du die Gebote nicht unbedingt halten. Was du nach außen hin tust, ist nicht so wichtig; dein Glaube muss sich nicht in deinem Leben zeigen. Practice what you preach? Wozu? Du musst dich nicht unbedingt zur Wahrheit bekennen, du darfst auch einem falschen Gott Ehre erweisen, wenn nötig.**** Dass Falcones – der meines Wissens nach kein Muslim ist – diesem Prinzip offensichtlich größere Sympathie entgegenbringt als der christlichen Sturheit, die einen zum Märtyrer werden lässt (und ja, das zeigt sich auch noch an späteren Stellen im Buch deutlicher), ist eigentlich gar nicht mal so überraschend. Die Taqiyya passt ganz gut zu einer prägenden Ansicht des Säkularisten: Es gibt keine absolute Moral. Alles ist situationsabhängig. So etwas wie in sich schlechte Handlungen, die man nie begehen darf, gibt es nicht. Manchmal muss man einfach klug sein und für sein Überleben sorgen. Der Islam ist nicht immer so radikal, wie man meint; er ist manchmal eher eine pragmatische Religion der moralischen Kompromisse, so etwa auch bei den Themen Scheidung, Polygamie oder – bei den Schiiten – Genussehe; das ist eben sein Problem. „Du bist also ein Ketzer. Ich werde für Christus sterben“ ist genau die richtige Antwort auf eine solche Einstellung. Der eigentliche Held dieses Buches ist Gonzalico.

Falcones‘ Überzeugung, dass die Wahrheit nur von untergeordnetem Wert ist, wird nicht lange nach Gonzalicos Martyrium auch noch an einem anderen Beispiel gezeigt. Ein anderer, schon früher krimineller, aber von den christlichen Autoritäten nie verurteilter Maultiertreiber namens Ubaid bedroht Hernando und versucht an einer Stelle sogar, ihn zu töten (komplizierte Geschichte). Hernando versteckt daraufhin ein wertvolles Beutestück in Ubaids Sachen und sorgt dafür, dass es von Ibrahim entdeckt wird. Hamid, den die Morisken zum Richter ernennen, lässt Ubaid nach einem Prozess wegen Diebstahls die rechte Hand abschlagen, und am Tag darauf erfährt Hernando, dass Hamid schon ahnte, was in Wahrheit geschehen war, und berichtet dem Gelehrten noch die Einzelheiten. („‚Er wollte mich dazu bringen, den Schatz zu stehlen. Dann hat er sogar versucht, mich umzubringen, und er hat mir damit gedroht, es wieder zu versuchen.'“, S. 78) Hamid meint daraufhin, Hernando solle seinen Verstand benutzen, um auch in Zukunft vor Ubaid sicher zu sein, und fährt fort: „‚Unsere Sitte verlangt, dass ein Richter niemals Unrecht walten lässt‘, sagte der Gelehrte schließlich. ‚Wenn er die Wahrheit unterdrückt, dann nur, um nützlich zu sein. Und ich bin davon überzeugt, dass ich meinem Volk nützlich gewesen bin.'“ (S. 78) Man hätte Ubaid also nicht wegen seiner wirklichen Verbrechen verurteilen können, schon klar. Auf die Wahrheit kommt es ja nicht an.

Dass Lügen, die nützlich sind, etwas Positives seien, wird vor allem auch am Ende des Buches noch einmal sehr deutlich gemacht; da kommen dann nämlich die Bleibücher vom Sacromonte vor. Aber ich will mir hier nicht vorgreifen; bis dahin sind es noch ein paar Jahrzehnte, und jetzt geht es erst einmal damit weiter, dass die Kämpfer aus Juviles weiterziehen, um sich unter Aben Humeyas Kommando einem christlichen Marquis entgegenzustellen, und bald darauf beginnt sich auch schon ihre Niederlage abzuzeichnen…

Weiter geht’s nach den Feiertagen.

 

* Wobei es in Spanien bekanntlich keinen Hexenwahn wie im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gab; aber offenbar fanden im 16. Jahrhundert noch ein paar Hexenprozesse statt, und eine solche Bußstrafe im Jahr 1568 klingt daher durchaus möglich. Öffentliche Kirchenbuße und Geldstrafen wurden von Kirchengerichten ja häufiger verhängt, etwa auch für Gotteslästerung.

** Schon zwei Anspielungen auf Weihnachten in diesem Artikel. Niemand kann sagen, ich bringe keine passenden Beiträge zum anstehenden Fest.

*** Oder wie Lord Voldemort: „Die Schlacht ist gewonnen. Ihr habt die Hälfte eurer Kämpfer verloren. Meine Todesser sind in der Überzahl gegen euch, und der Junge, der überlebt hat, ist erledigt. Der Krieg darf nicht länger währen. […] Kommt aus dem Schloss, unverzüglich, und kniet vor mir nieder, und ihr werdet verschont werden. Eure Eltern und Kinder, eure Brüder und Schwestern werden leben, und es wird ihnen verziehen, und ihr werdet euch mir anschließen in der neuen Welt, die wir gemeinsam errichten werden.“ (J. K. Rowling, Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, S. 736f.)

**** Ich will hier übrigens nicht leugnen, dass man sich bei einer Verfolgung seiner Religion in einer sehr schlimmen Situation wiederfinden kann, in der es nicht immer leicht ist, das Richtige zu tun. Aber das sind einfach „mildernde Umstände“, die das Verleugnen der Wahrheit an sich nicht richtiger machen.

Wie man das Gehirn überlistet: Nur ein paar unsortierte Gedanken zu Psychopharmaka und Verhaltenstherapie

Ich habe ja hier schon ein paar Mal erwähnt, dass ich mit verschiedenen Ängsten und Zwängen kämpfe, deswegen im Sommer ein paar Wochen in einer Psychosomatischen Klinik war (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/12/bericht-aus-der-irrenanstalt/), und jetzt noch in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung bin. Was mich in den letzten Wochen überrascht hat, ist, wie gut die Therapie mittlerweile vorangeht; das heißt, speziell die „Hausaufgaben“, die ich jede Woche bekomme.

Wahrscheinlich würden sie ohne das Medikament, das ich in der Klinik bekommen habe und seitdem jeden Tag einnehme, nicht so gut funktionieren; ich merke, dass es mein Gehirn ruhiger und klarer werden lässt, und das ist wunderbar. Es macht das Durchdenken der Lage und das Reagieren auf sie in Angstsituationen leichter. Es gibt sicher Leute, die mit überdosierten, süchtig machenden, bei ihnen nicht wirkenden oder mit Nebenwirkungen für sie einhergehenden Psychopharmaka Probleme haben, aber ich persönlich bin inzwischen einfach nur noch dankbar für die Existenz dieser Medikamente. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die Leute heute tendenziell eher zu vorsichtig dabei sind, sie mal auszuprobieren, als dass sie sie sich zu schnell verschreiben lassen. Hat vielleicht mit dieser gewissen modischen Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun, die Leute auch homöopathische Medikamente kaufen und Impfungen ablehnen lässt. Schließlich kann die Schulmedizin ja nicht alles wissen, oder?! Oh, sie weiß immerhin einiges, habe ich gemerkt, und sie auch nicht automatisch gefährlich, weil das ja irgendwas mit „Chemie“ zu tun haben wird. (Wenn ein Spiegelei gebraten wird, hat das übrigens auch was mit Chemie zu tun. Und wenn ein homöopathisches Medikament hergestellt wird, sind da auch chemische Stoffe beteiligt, bei Arnica-Kügelchen etwa Saccharose, auch Haushaltszucker genannt (und sonst nichts). (Aber die Unsinnigkeit der Homöopathie ist ein Thema für ein anderes Mal…)) Also, alles in allem: Klare Empfehlung für Psychopharmaka, wenn man sie braucht! Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie – bitte wirklich – Ihren Arzt oder Apotheker.

Jetzt zur Therapie. Ich tue mir mittlerweile leichter dabei, nicht mehr (so oft) wütend auf mich zu werden, weil ich einfach nur blöd bin und mich bescheuert verhalte und nichts hinkriege, was normale Leute hinkriegen. Vielleicht ist es auch hier einfach das Medikament, das mich ein bisschen ruhiger, müder und gleichgültiger macht, vielleicht ist mein Unterbewusstsein aber auch tatsächlich dabei, was zu kapieren. Jedenfalls funktioniert die Verhaltenstherapie vor allem mit Geduld, und da muss ich eben akzeptieren, dass ich Geduld haben muss. Kleine Schritte. Eine naheliegende, erträgliche Angstsituation angehen, und das jeden oder fast jeden Tag. Nach einer Woche eine kleine Steigerung. Weiter jeden Tag üben. Nach einer Woche die nächste kleine Steigerung. Und ja, ich rede hier von kleinen Sachen, die normale Leute wirklich selbstverständlich jeden Tag hinkriegen. Aber hey – ich darf trotzdem zufrieden sein, wenn ich’s schaffe, wo ich’s vorher nicht geschafft hätte. Wenn man sich dann sagt „Das war ja gar nichts, jetzt schau mal, dass es ordentliche weitere Fortschritte gibt, dann darfst du dir vielleicht irgendwann selber ein ‚Ausreichend‘ geben“, hilft das auch nichts dabei, weiter Fortschritte zu machen. Wenn man die Übungen in kleinen Schritten angeht, tritt jedenfalls irgendwann ein ganz wunderbarer Gewöhnungseffekt ein, den ich zurzeit gerade an mir merke. Wir wissen ja, der Mensch gewöhnt an sich an alles. Was man die letzten sechs Tage lang gemacht hat, verliert schließlich seinen Schrecken.

Wobei das hier auch wieder nicht ganz so einfach ist: Man sollte sich vor der Übung auch selber klarmachen, dass xyz vernünftig betrachtet eigentlich völlig ungefährlich ist, man sich also ruhig dafür entscheiden kann, es zu machen; wenn man sich vorher in Panik hineinsteigert, sich dann doch – eigentlich gegen seinen Willen – von anderen dazu überreden lässt, es zu probieren, und hinterher dann höchstens das Gefühl hat, dass man vielleicht diesmal zufällig gerade noch der Gefahr entronnen ist, wird der Gewöhnungseffekt doch erheblich behindert. Vielleicht kann man hier den Begriff „Autosuggestion“ verwenden, auch wenn ich nicht weiß, ob die Psychologen den dafür hernehmen. Um solche Autosuggestion hinzukriegen, ist es natürlich sinnvoll, sich über die reale Gefährlichkeit der gefürchteten Dinge vorher genau zu informieren. Dann kann man sich nämlich praktisch mit Gewissheit selber einreden, nein, keine Angst, die Wahrscheinlichkeit ist 99,996%, dass nichts passieren wird. Und ja, die 0,004% Restwahrscheinlichkeit muss man einfach aushalten lernen. Absolute Sicherheit wird es nicht geben, da hilft nichts. (Das ist auch eine Wahrheit, die mir die katholische Theologie schon seit Jahren einzuhämmern scheint. Absolute Sicherheit – vor Leid, vor Enttäuschungen durch andere, etc. – kann man sich als Mensch in dieser Welt durch alle Vorsichtsmaßnahmen nicht selbst erarbeiten. Aber Sicherheit ist auch nicht das höchste Gut in dieser Welt oder das Ziel des menschlichen Lebens. (Mann, wie einen die Wahrheit in gewissen Augenblicken ankotzen kann.))

Geduld, kleine Schritte, die man wirklich hinkriegen kann. Regelmäßigkeit, Planung. Autosuggestion, eine eigene Entscheidung treffen, sich der anerkanntermaßen unvernünftigen Angst zu stellen. Restwahrscheinlichkeit aushalten. Alles eigentlich im Prinzip recht simpel. (In der Theorie.)

Ich glaube, ich habe inzwischen auch mehr oder weniger akzeptiert, dass die Ängste auch durch diese Therapie nicht einfach verschwinden werden, sondern dass ich eher Mechanismen lerne, mit ihnen umzugehen, wie die Therapeutin mir klar gemacht hat, und dass manche Dinge immer anstrengend sein werden. Ich erwarte eigentlich auch nicht mehr, irgendwann „ganz normal“, ganz gesund, zu sein, aber ich will das Zeug zumindest einigermaßen unter Kontrolle haben. Und da bin ich mittlerweile optimistischer als etwa noch im Sommer, dass das funktionieren kann. Ich bin jetzt sicher noch nicht so weit, dass ich zufrieden mit dem Ergebnis wäre, aber ich habe gemerkt, dass ich anscheinend tatsächliche, anhaltende Fortschritte machen kann, und nicht immer wieder zurückfalle, wie ich vorher oft das Gefühl hatte. Das ist doch schon mal etwas. Ich hoffe nur, dass es so bleibt. Sicherheit gibt es nicht…

Nichts Neues von Margot

Beim evangelischen Nachrichtenportal idea erfährt man, passend zur Saison, welche Gedanken Margot Käßmann sich gerade so über die Weihnachtsgeschichte macht: „Käßmann äußerte sich in der ‚Bild am Sonntag‘ auf die Frage, ob man seiner Tochter erzählen solle, dass Maria eine Jungfrau war. Wie sie schreibt, will der Evangelist Matthäus deutlich machen, dass schon die Propheten auf Jesus hingewiesen haben. Deshalb zitiere er Jesaja, der weissagte, eine junge Frau würde schwanger werden und den Retter Israels zur Welt bringen. Käßmann: ‚Das hebräische Wort dafür lautet ‚almah‘, junge Frau. Im Griechischen wird sie zu ‚parthenos‘, ein Wort, bei dem sexuelle Jungfräulichkeit mitschwingt.‘ Matthäus erzähle ‚deshalb‘, Maria sei schwanger geworden vom Heiligen Geist: ‚So wollte er zeigen, dass Jesus eben ganz besonders war.'“ (https://www.idea.de/glaube/detail/kaessmann-ueber-jungfrauengeburt-maria-war-eine-junge-frau-103645.html) Frau Käßmanns Sorge gilt der möglichen Bewertung der Sexualität als etwas, das „etwas mit Unreinheit zu tun“ hätte, die durch die Geschichte von der Jungfrauengeburt rüberkommen könnte. Klar, ich meine, seitdem Jesus die Brote auf wundersame Weise vermehrt hat, haben wir Christen schließlich auch unsere Vorbehalte dagegen, das Brot ganz normal beim Bäcker zu kaufen oder gar selber zu backen. Brot backen, statt es vermehrt zu bekommen, das ist so unrein, die Hände werden so voll Mehl, und die ganze Küche ist auch voll davon, wenn man nicht aufpasst, und wenn man häufig zähe Teigreste aus der Schüssel spült, kann das irgendwann auch noch den Abfluss des Spülbeckens verstopfen… (Kein Scherz, das geht.) Vor solchen falschen Ideen müssen natürlich vor allem die Töchter geschützt werden. Also, das Brotbacken toll finden müssen sie nicht unbedingt, aber…

Ach, Mensch, Margot. Klar, Matthäus kannte keine Geschichte von Josefs Zweifeln an Marias Treue und seinen anschließenden Offenbarungen im Traum, der Evangelist hat bloß aus einer „schlecht“ übersetzten Prophezeiung in der Septuaginta eine Geschichte spinnen müssen, um zeigen zu können, dass die alttestamentlichen Prophezeiungen auf seinen Messiaskandidaten passten. Also – wieso genau vertrauen wir Matthäus ansonsten noch gleich, laut dem Evangelium nach Margot? (Und Lukas hat natürlich nie geschrieben, also reden wir über den gar nicht erst.)

Und wenn wir schon die Übersetzung der griechischen Septuaginta – die zumindest uns Katholiken auch als Heilige Schrift gilt; mehrere Bücher des (katholischen) AT sind nur in dieser griechischen Version überliefert – verwerfen müssen, dann sollten wir uns das hebräische „almah“ doch zumindest noch mal genauer anschauen. Ja, ich weiß, das hier ist schon oft genug klargestellt worden, aber Käßmanns falsche Behauptung wird ja auch immer wieder wiederholt. Also: „Almah“ bedeutet sowohl „Jungfrau“ als auch „junge Frau“ und zwar – obacht! – weil beides in der Vorstellungswelt der damaligen Menschen zusammenhing. Eine junge, unverheiratete Frau hatte Jungfrau zu sein. Das Gegenteil dazu war die erwachsene, verheiratete Frau, nicht die ältere Jungfrau oder die junge Nicht-mehr-Jungfrau. „Almah“ wurde etwa so verwendet wie das deutsche „Jungfer“ oder das englische „maiden“. Als Beispiel für diesen immer irgendwo zweideutigen Sprachgebrauch kann man sich mal diesen Abschnitt aus dem Drama „Die Kindermörderin“ von 1776 anschauen, wo Evchen nach der Geburt ihres unehelichen Kindes mit der Frau spricht, bei der sie anonym untergekommen ist:

Fr. Marthan. Behüt und bewahre! da käm sie ja ins Tollhaus! – weiß sie was, Jungfer –

Evchen. Spricht sie mit mir, Frau Marthan?

Fr. Marthan. Mit wem sonst? – Soll ich sie etwa nit Jungfer heißen? Kurios! – gehn so viele vornehme und geringe in der Stadt herum, die schon drey, vier so Puppelchen in der Kost haben, thäten einem die Augen auskratzen, oder gar einen Jurienprozeß an Hals hängen, wenn man sie nit hinten und vornen Jungfern hieß!

Eine als „Jungfer“ betitelte junge Frau musste nicht immer auch im sexuellen Sinn Jungfrau sein, aber es wurde eigentlich schon im Begriff impliziert. Ähnlich bei „almah“. Es hat vorrangig die Bedeutung „junge Frau“, aber eben auch die Nebenbedeutung „Jungfrau“. Daraus folgt zunächst mal, dass man „almah“ an sich mit „Jungfrau“ oder mit „junge Frau“ übersetzen kann, wie’s beliebt, auch an anderen Stellen wird das Wort mit „Jungfrau“ übersetzt; wenn man sich im Zweifelsfall dann allerdings an der Septuaginta orientieren würde, die immerhin auch schon ein gutes Stück vor Christi Geburt (3. Jhd. v. Chr.) datiert, bliebe „Jungfrau“; und wenn man dann noch den Kontext beachten würde, um auf die richtige Weise der Übersetzung zu kommen, könnte man sich fragen, was Jesaja hier eigentlich sagen wollte. Achtung, er macht eine Prophezeiung über den Messias! Große Neuigkeiten! Wir erfahren ein Erkennungsmerkmal des Messias! Der Herr wird ein bedeutsames Zeichen geben! Der Messias wird von – jetzt kommt’s – einer jungen Frau geboren werden! Seine Mutter wird keine Vierzigjährige sein! Äh, ja.

Und noch etwas. Selbst, wenn die Jesaja-Stelle eindeutig „junge Frau“ lauten würde, wie würde Frau Käßmann dann den Gedankenschritt machen zu „Maria war also keine Jungfrau, weil sie eine junge Frau war“? Ja, ich weiß, sie macht ihn, weil sie alle Schilderungen der Evangelisten nur für Erfindungen zum Promoten ihres Messias hält, die anhand diverser prophetischer AT-Stellen zusammengesponnen wurden, und nicht wirklich glaubt, dass Jesus eben tatsächlich „ganz besonders“ war, zumindest nicht „ganz besonders“ im Sinne von „Gottes Sohn“… Na ja. Wir haben ja auch in der katholischen Kirche den ein oder anderen Bischof, den man nicht mögen muss, aber die Lutherischen können einem manchmal schon leid tun.

Na ja. Es ist Advent. In diesem Sinne, freuen wir uns darauf, zu hören: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“

„Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen“

„Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.“

(aus: Heinrich Heine, „Deutschland. Ein Wintermärchen“, Caput I; http://gutenberg.spiegel.de/buch/deutschland-ein-wintermarchen-383/2)

Mit Heinrich Heine verbindet mich ja so eine Art Hassliebe. Seine schriftstellerische Genialität ist offensichtlich, sein Humor ebenso, Balladen wie „Loreley“ oder „Belsazzar“ sind toll; die inhaltliche Seite seiner politischen/weltanschaulichen Gedichte ist wieder was anderes. Wenn er etwa in „Zur Beruhigung“ bedauernd feststellt, dass die Deutschen zu wenig gewalttätig und revoluzzermäßig veranlagt seien, dann macht er das auf sehr (sehr!) witzige Weise, aber die Botschaft… na ja. Man hat oft große Sympathie für seine Anliegen, aber seine Lösungen kann man nicht immer so ganz annehmen.

Ähnlich hier. Diese Art der Religionskritik, die man bei einem mit Marx befreundeten Dichter wohl erwarten kann, ist einem ja mittlerweile sattsam bekannt: Die Religion vertröstet auf ein besseres Jenseits, stellt die Erde als ein Jammertal dar, das man eben ertragen, nicht verbessern muss, und zementiert damit die Herrschaft der heuchlerischen Kirchenfürsten über das geplagte Volk.

Heine hat keine Ahnung von Bibel und Christentum, das ist das Problem, oder er verdreht einfach die Fakten.

Aquarellkopie des Basler Totentanzes von 1806 (Johann Rudolf Feyerabend) ()

(Aquarellkopie des Basler Totentanzes von 1806 (nach dem Fresko von ca. 1440), Quelle: Wikimedia Commons)

Das Lied von den „Freuden, die bald zerronnen / Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt / Verklärt in ew’gen Wonnen“, kurz, von der Endlichkeit des irdischen Lebens und der eigentlichen Wichtigkeit des ewigen Lebens, ist gerade eine Mahnung an Leute wie jene, die Heine als „die Herren Verfasser“ darstellt. Es enthält nämlich eigentlich nicht nur die Verheißung vom ewigen Lohn, sondern auch die Verheißung der ewigen Strafen, kurz, die Verheißung vom Gericht. Diese Welt hat nicht das letzte Wort; ein höherer Richter wird am Ende die Gerechtigkeit wiederherstellen, die Hochmütigen und Mächtigen und Heuchler vom Thron stürzen und die Niedrigen erhöhen. Das ist die Botschaft des Magnificats, die Botschaft von Jesu Gerichtsreden, die Botschaft des Jakobusbriefs, die Botschaft von Propheten wie Amos, Hosea, Jesaja… Die Bibel wurde eben nicht von den Mächtigen geschrieben. Und speziell das Mittelalter, obwohl auch die Mächtigen in dieser Zeit dann Christen waren, erinnerte übrigens alle weltlichen oder kirchlichen Mächtigen ständig daran: Auch euer Leben wird enden. Seht euch vor, was ihr tut. In sämtlichen Totentanzdarstellungen führt der Tod unterschiedslos auch Päpste, Könige, Kardinäle, Adlige mit sich; der Schriftsteller Dante steckt Päpste in seine Hölle. Ja, ich weiß, Heine konzentriert sich in seiner Kritik auf die Frohbotschaft, nicht auf die Drohbotschaft des Christentums. Vielleicht vernachlässigte der Klerus letztere zu seiner Zeit. Aber natürlich gehören Frohbotschaft und Drohbotschaft zusammen: Wenn ihr euch gut verhaltet (also z. B. eure Macht recht gebraucht), kriegt ihr dafür die ewigen Wonnen, wenn ihr dagegen zu schlecht seid… na ja. (Etwas platt dargestellt.) Heine scheint diese Botschaft komplett verpasst zu haben; diese völlige Unkenntnis des christlichen Gottes kommt etwa auch in „Die schlesischen Weber“ (http://www.literaturwelt.com/werke/heine/weber.html) zum Vorschein. (Ein ansonsten tolles Gedicht mit Gänsehautfaktor und einer Botschaft, die ein alttestamentlicher Prophet nicht besser hätte formulieren können: Ungerechte Herrschaftsausübung wird zu eurem Untergang führen.)

(Fragment eines Totentanzes aus Tallinn, Replik nach dem Lübecker Totentanz, um 1500; Quelle: Wikimedia Commons)

Zu seiner eigentlichen Kritik. Verhindert die Lehre des Christentums Versuche, die Welt zu verbessern? Nö, richtig verstanden tut sie das gerade nicht. Wenn mittelalterliche Mönche gegen Zinswucher wetterten und Adlige dazu bewegten, in ihren Testamenten Spitäler zu stiften, um sich Zeit im Fegefeuer zu ersparen, veränderten sie ja wohl etwas. Und das Christentum ist natürlich dafür, die Welt so weit zu verbessern, wie es möglich ist. Es sieht dafür nicht alle Mittel als zulässig an, und es hält das irdische Wohl nicht für das höchste Ziel, aber ja, selbstverständlich ist es auch für rein materielle Weltverbesserung, und hat in der Hinsicht auch einiges erreicht. Wurden christliche Lehren im Lauf der Geschichte irgendwann mal in falscher Weise dafür gebraucht, Änderungen an ungerechten Systemen zu blockieren? Ja, natürlich. So wie zu allen Zeiten an sich gute Ideen oft dafür verdreht wurden, falsche politische Zustände zu rechtfertigen oder falsche politische Ziele durchzusetzen. Christliche Ideen wurden auch schon (trotz deren genereller Religionsfeindlichkeit) von Sozialisten zitiert, oder heute von Putin. Auch die Fürsten früherer Zeiten bedienten sich ihrer, gerne etwa der Paulusstelle, in der es heißt „Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt“ (Römer 13,1). Aber Paulus schrieb sie nicht als einer, der Wasser predigte und Wein trank und im Dienst der Obrigkeit von solchen Lehren profitierte, sondern als Angehöriger einer verfolgten Minderheit, der von der Obrigkeit hingerichtet werden sollte, und er schrieb sie auch nicht, um Ungerechtigkeiten zu rechtfertigen. (Und ja, seine Lehre hat grundsätzlich sehr wohl ihre Berechtigung – die staatliche Gewalt hat ihren Platz in der göttlichen Ordnung, da Anarchie der Gerechtigkeit entgegenstehen würde. Aber genauer dazu vielleicht ein andermal.)

Ach ja, was ist eigentlich mit denjenigen Herren Verfassern (ich nehme mal an, hier ist kollektiv der Klerus gemeint), die nicht heimlich Wein tranken? Heine muss von ihnen gewusst haben, von den Priestern, die während der Französischen Revolution Hinrichtung oder Deportation in die Kolonien auf sich nahmen, anstatt den Verfassungseid zu leisten oder ihr Priesteramt niederzulegen, den für ihre Weigerung, ihr Ordensleben aufzugeben, guillotinierten Nonnen von Compiègne, oder meinetwegen auch von all den Heiligen früherer Zeiten, die Klöster gegründet und Arme versorgt und asketisch gelebt hatten. Zählen die so gar nicht? Vor allem, da das Lied an sich schon gedichtet wurde, als die ursprünglichen Herren Verfasser eben so gar keine weltliche Macht hatten, sondern eher unter weltlicher Verfolgung litten, ganz am Anfang der Christenheit?

Guillaume Repin

(Darstellung des sel. Märtyrers Guillaume Répin (1709-1794) bei der Zelebration einer illegalen Messe im Wald, in einem Kirchenfenster in Saint-Louis-du-Champ-des-Martyrs of Avrillé, Quelle: Wikimedia Commons)

Das Problem hier ist wirklich, dass Heine einige Fakten entweder nicht kennt oder aber bewusst ignoriert. Vor allem folgende:

  • Es gibt Leid, an dem man nichts ändern kann, jedenfalls nicht durch die Umverteilung von Gütern. Etwa Krankheiten, für die noch keine Heilmittel gefunden wurden, oder auch Leid in zwischenmenschlichen Beziehungen, das unter Umständen schlimmer sein kann als materielles Leid (Einsamkeit, Verluste, Enttäuschungen durch andere Menschen, Mobbing…). Und, ich will nicht übermäßig pingelig werden, aber zu manchen Zeiten der Weltgeschichte wären die Leute sogar bei einer vollkommen gerechten Verteilung der Güter auch noch so einigem materiellen Leid ausgesetzt gewesen, zum Beispiel einfach deswegen, weil es nicht genug Güter gab. Vor der Neolithischen Revolution etwa, als die Menschen Jäger und Sammler waren und es noch wenig soziale Ungleichheit gab, gab es sicher mehr Leid durch Hunger, Durst, Kälte, Hitze, Verletzungen, Krankheiten als, sagen wir mal, im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Wenn Heine schreibt „Es wächst hienieden Brot genug / für alle Menschenkinder“ dann hat er zwar sowohl für seine als auch für unsere Zeit wahrscheinlich schon Recht; hier ist tatsächlich bloß ungerechte Verteilung das Problem, wenn Leute hungern. (Und übrigens, entgegen anderslautender Gerücht, nicht Überbevölkerung! Entschuldigung, ich sollte beim Thema bleiben.) Aber wenn er dann auch noch „Schönheit und Lust“ erwähnt – da wird es eben schwieriger. Ich nehme das mal als Chiffre für ein angenehmes, genüssliches Leben. Das wird leider durch Wohlstand nicht garantiert. Eine Depression, ein manipulativer Partner, ein schwer behindertes Kind, oder auch eine persönliche Sinnkrise und Unzufriedenheit können da einen Strich durch die Rechnung machen.
  • Der Versuch, durch eine gewaltsame Revolution eine gerechte Welt zu erschaffen, ist in der Regel nicht erfolgreich oder schafft zumindest erst einmal viel Leid, bevor er irgendwelche Erfolge aufweisen kann. Heine hätte schon wissen können, dass auf die Französische Revolution zuerst Chaos und Gewalt und die „Schreckensherrschaft“, dann eine Militärdiktatur, und dann die Rückkehr des alten Königshauses folgten, auch wenn er die ganzen späteren Revolutionen des 20. Jahrhunderts noch nicht erlebt hatte. Ja, ich weiß, in diesen Versen speziell werden keine Methoden zur Erschaffung der besseren Welt erwähnt, aber anderswo wird deutlich, dass Heine nicht bloß für friedliche Reformen und gewaltlose Proteste war. Und das hat nicht funktioniert, wie wir heute sehr genau wissen. Die grundsätzliche Erwartung, eine völlig leidfreie Welt erschaffen zu können, hat natürlich niemals funktioniert, egal auf welchem Weg, wie schon oben gesagt. „Wir wollen hier auf Erden schon / das Himmelreich errichten.“ Funktioniert nicht. Mehrmals erprobt, funktioniert nicht.
  • ES GIBT DEN TOD. Oh, ja, Heine erwähnt den Tod schon. Ihm ist irgendwo bewusst, dass er existiert. Er meint nur, dass wir ihn zu ignorieren hätten. Aber er schreibt davon, ein Himmelreich zu errichten, und sein Himmelreich würde noch das Leid enthalten, das durch den Verlust eines Kindes, den Verlust der Eltern, den Verlust von Freunden, oder auch einfach durch die Aussicht auf die eigene Endlichkeit entsteht. Ich definiere „Himmelreich“ anders.

Die Existenz des Todes bedeutet noch etwas. Das kann ich wohl am besten mit einer Stelle aus G. K. Chestertons „Ballad of the White Horse“ (https://www.gutenberg.org/files/1719/1719-h/1719-h.htm) ausdrücken. Hier gerät König Alfred bei einer Begegnung mit einer armen Frau (die ihn, der in den schweren Zeiten der Wikingerangriffe des 8. Jahrhunderts allein im Wald unterwegs ist, nicht erkennt, und deren Brote er später aus Versehen verbrennen lässt) ins Grübeln. Er denkt sich Folgendes:

„But in this grey morn of man’s life,
Cometh sometime to the mind
A little light that leaps and flies,
Like a star blown on the wind.

„A star of nowhere, a nameless star,
A light that spins and swirls,
And cries that even in hedge and hill,
Even on earth, it may go ill
At last with the evil earls.

„A dancing sparkle, a doubtful star,
On the waste wind whirled and driven;
But it seems to sing of a wilder worth,
A time discrowned of doom and birth,
And the kingdom of the poor on earth
Come, as it is in heaven.

„But even though such days endure,
How shall it profit her?
Who shall go groaning to the grave,
With many a meek and mighty slave,
Field-breaker and fisher on the wave,
And woodman and waggoner.

„Bake ye the big world all again
A cake with kinder leaven;
Yet these are sorry evermore—
Unless there be a little door,
A little door in heaven.“

Selbst wenn der Traum von Gerechtigkeit auf Erden jemals wahr werden sollte, fragt sich König Alfred, was wird es all denen nützen, die gelitten haben und gestorben sind, ohne diese Gerechtigkeit je erlebt zu haben? „Yet these are sorry evermore – / Unless there be a little door, / A little door in heaven.“ Heine scheint seine Botschaft tatsächlich für eine tröstende Botschaft zu halten („Ein neues Lied, ein besseres Lied! Es klingt wie Flöten und Geigen!“); dabei ist sie eher ein verzweifelter Notfallplan. Wenn es niemanden gibt, der am Ende die Gerechtigkeit für alle Menschen wiederherstellen und barmherzig alles zum Guten führen und Leben über diese Welt hinaus bieten wird, dann versuchen wir eben, aus dieser Scheißwelt hier das Beste zu machen und für die Menschen, die jetzt oder in Zukunft noch leben, so viel Glück wie möglich herauszuschlagen. Ich kann da keinen besonderen Anlass zur Freude entdecken.

Ein weiterer Punkt. Ich finde es sehr interessant, Heines Gedicht mit dem zweiten Kapitel aus dem Buch der Weisheit zu vergleichen: „Sie tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen: Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Heilung und man kennt keinen, der aus der Unterwelt befreit. Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen. Rauch ist der Atem in unserer Nase und das Denken ein Funke beim Schlag unseres Herzens; verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche und der Geist verweht wie dünne Luft. Unser Name wird mit der Zeit vergessen, niemand erinnert sich unserer Werke. Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird. Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten, unser Ende wiederholt sich nicht; es ist versiegelt und keiner kommt zurück. Auf, lasst uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten, wie es der Jugend zusteht! Erlesener Wein und Salböl sollen uns reichlich fließen, keine Blume des Frühlings darf uns entgehen. Bekränzen wir uns mit Rosen, ehe sie verwelken. Keine Wiese bleibe unberührt von unserem Treiben, überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen; denn dies ist unser Anteil und dies das Erbe. Lasst uns den Gerechten unterdrücken, der in Armut lebt, die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen! Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz.“ (Weisheit 2,1-11)

Hier wird aus der Grundeinstellung, dass man das jetzige Leben genießen sollte, gerade geschlossen, dass man nicht für eine bessere Welt für andere kämpfen, sondern andere ausnutzen sollte. Schließlich, was hat man am Ende davon, für andere gelitten zu haben oder vielleicht sogar gestorben zu sein? Keinen ewigen Lohn, nada. Auf „das alte Entsagungslied“, das „Auferopferung“ empfiehlt, braucht man also nicht zu hören. So kann Heines Botschaft auch verstanden werden.

Aber jetzt zu meinem eigentlich wichtigsten Kritikpunkt: Heine stellt sich nie die Frage, ob „das Eiapopeia vom Himmel“ eigentlich wahr sein könnte. Was, wenn es so ist? Wenn wir wirklich auf unsere wahre Heimat hoffen können? Es ist ihm gleichgültig. Es mag ja so sein; wenn, dann wäre das ja ganz nett, aber für jetzt braucht es uns nicht kümmern. „Und wachsen uns Flügel nach dem Tod, / So wollen wir euch besuchen / Dort oben, und wir, wir essen mit euch / Die seligsten Torten und Kuchen.“ (Wieso habe ich nur schon wieder den Eindruck, dass die Pfarrer, mit denen er zu tun hatte, die Fire-and-Brimstone-Predigten von den letzten Dingen eindeutig vernachlässigt haben?)

Und Heine verlangt dieselbe Gleichgültigkeit, die er hegt, vom Rest der Menschheit. „Den Himmel überlassen wir / Den Engeln und den Spatzen.“ Ja, aber wenn jemand das nicht will? Wenn jemand wissen will, ob es den Himmel gibt, ob es Gott gibt; wenn er sich für das Jenseits interessiert, und nicht nur für diese Welt? Dann ist bei Heine kein Platz für ihn. Wenn die Menschen einfach nicht damit zufrieden sind, sich einfach nur eine behagliche diesseitige Existenz einzurichten, sondern beharrlich nach mehr verlangen, dann passen sie nicht ins Bild.

Wir Christen haben uns unsere Überzeugungen vom ewigen Leben ja auch nicht aus den Fingern gesogen, und das ist auch nichts, was es schon immer in allen Religionen gegeben hätte. Die alten Griechen rechneten nur mit dem Hades, und auch die alttestamentlichen Israeliten glaubten zuerst nur an eine dunkle Unterwelt, den Scheol. Noch die Sadduzäer zu Jesu Zeit glaubten nicht an eine Auferstehung der Toten. Seine Auferstehung begründete dann den Glauben der Christen. Er beruht auf einem historischen Faktum, auf Gottes Offenbarung.

Okay. Zusammenfassend möchte ich hauptsächlich sagen: Manchmal ist die Welt einfach ein Jammertal, und dann ist es okay, sie auch so zu bezeichnen. Und es ist okay, auf die bessere Welt, unsere eigentliche Heimat, den Himmel, zu hoffen, weil es ihn gibt. In diesem Sinne:

 

I’m just a poor, wayfaring stranger,

Travelling through this world below.

There’s no sickness, no toil or danger

In that bright light to which I go.

 

I’m going there to see my father

And all my loved ones who’ve gone on.

I’m just going over Jordan,

I’m just going over home.

 

I know dark clouds will gather round me,

I know my way is hard and steep.

But beautious fields arise before me

Where God’s redeemed their vigils keep.

 

I’m going there to see my mother,

She said she’d meet me when I come.

I’m just going over Jordan,

I’m just going over home.

 

I’m just a poor wayfaring stranger,

Travelling through this world below.

There’s no sickness, no toil or danger

In that bright light to which I go.

 

I’m going there to see my father

And all my loved ones who’ve gone on.

I’m just going over Jordan,

I’m just going over home.