Über schwierige Bibelstellen, Teil 11: Das auserwählte Volk

Die „Auserwählung“ des Volkes Israel ist etwas, das mich als Kind beim Lesen der Kinderbibel tatsächlich stark gestört hat. Eine Religion, die einem Volk vorbehalten ist? Ein Gott nur für ein Volk? Vielleicht können Menschen, die (mir ist seit jeher schleierhaft, welchen Grund sie dafür haben könnten) Missionierung anderer Völker für gar grässliche Aggression halten, und meinen, am besten sollte ein jeder seine Religion für sich behalten, meine Gefühle nicht ganz nachvollziehen; aber ja, es ist im Grunde rassistisch, zu glauben, die Wahrheit gehöre einem Volk und solle ihm vorbehalten bleiben, und der wahre Gott beschränke Seine Wohltaten, Seine Liebe und Seinen Bund auf dieses Volk und ignoriere dabei die anderen.

Gut also, dass dem nicht so ist.

Oh, Israel ist das auserwählte Volk, selbstverständlich. Und im Alten Bund spielte seine Auserwählung noch eine besonders große Rolle. Aber es ist eben gerade keine Auserwählung in dem Sinne, wie ich sie damals missverstanden habe, die die anderen Völker zu Ausgestoßenen und Verdammten machen würde – ganz im Gegenteil: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Genesis 12,3), sagt Gott zu Abraham, als Er ihn, den Stammvater Israels, beruft. Israel hat eine bestimmte Rolle in der Heilsgeschichte, aber es erfährt keine ungerechte Bevorzugung – angesichts der Tatsache, dass es unter seiner Auserwählung auch öfter mal zu leiden hat (Gott erzieht sein Volk manchmal streng), wäre das sowieso ein ziemlich offensichtlicher Trugschluss. Israel ist das auserwählte Volk, wie Harry Potter der „Auserwählte“ ist, um gegen Lord Voldemort zu kämpfen: nicht für sich selbst.

Bibelstellen, die einen bezüglich der Auserwählung Israels stören können, sind z. B. solche wie diese hier:

  • „Denn du bist ein Volk, das dem Herrn, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der Herr, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört.“ (Deuteronomium 7,6)
  • „Sieh, dem Herrn, deinem Gott, gehören der Himmel, der Himmel über den Himmeln, die Erde und alles, was auf ihr lebt.Doch nur deine Väter hat der Herr ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebt. Und euch, ihre Nachkommen, hat er später unter allen Völkern ausgewählt, wie es sich heute zeigt.“ (Deuteronomium 10,14f.)
  • Es gibt Stellen wie diese im Buch Esra, die die kategorische Abgrenzung von fremden Völkern fordern: „Der Priester Esra stand auf und sagte zu ihnen: Ihr habt dem Herrn die Treue gebrochen; ihr habt fremde Frauen genommen und so die Schuld Israels noch größer gemacht.So legt nun vor dem Herrn, dem Gott eurer Väter, ein Bekenntnis ab und tut, was er wünscht: Trennt euch von der Bevölkerung des Landes, insbesondere von den fremden Frauen! […]Alle diese hatten fremde Frauen geheiratet; sie trennten sich nun von ihren Frauen, auch wenn sie von ihnen Kinder hatten.“ (Esra 10,10f.44)
  • Und mit den Ausrottungsbefehlen bei der Landnahme wollen wir mal gar nicht erst anfangen. (Dazu gibt’s dann schließlich noch einen eigenen Beitrag – den übernächsten, genau genommen.)
  • Sogar der Apostel Paulus zitiert im Römerbrief eine Stelle aus dem Buch Maleachi; bei ihm heißt es dann „denn es steht in der Schrift: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“ (Römer 9,13); im Original bei Maleachi steht, in den Worten der Einheitsübersetzung: „Ich liebe euch, spricht der Herr. Doch ihr sagt: Worin zeigt sich deine Liebe? – Ist nicht Esau Jakobs Bruder? – Spruch des Herrn – und doch liebe ich Jakob,Esau aber hasse ich.“ (Maleachi 1,2f.)

Interessanterweise zitiert der Apostel dann im weiteren Verlauf von Römer 9 noch eine ganz anders klingende alttestamentliche Stelle: „So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden.“ (Römer 9,25f.)

Es dürfte also nichts schaden, sich eine Auswahl an weiteren Bibelstellen anzusehen, die demonstrieren, dass einem falschen Verständnis von Auserwählung auch im Alten Testament Grenzen gesetzt werden.

Zuerst einmal finden sich zuhauf positive Stellen über Proselyten, d. h. Heiden, die sich den Juden angeschlossen haben:

  • „Der Fremde, der sich dem Herrn angeschlossen hat, soll nicht sagen: Sicher wird der Herr mich ausschließen aus seinem Volk. […]Die Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen haben, die ihm dienen und seinen Namen lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen, die an meinem Bund fest halten, sie bringe ich zu meinem heiligen Berg und erfülle sie in meinem Bethaus mit Freude. Ihre Brandopfer und Schlachtopfer finden Gefallen auf meinem Altar, denn mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt.“ (Jesaja 56,3.6f.)
  • Das ganze Buch Ruth handelt von einer vorbildlichen Moabiterin, die sich dem Volk Israel anschließt. Ruth heiratet einen Juden, der wegen einer Hungersnot mit seiner Familie ins Gebiet von Moab gezogen ist, und als ihr Mann, ihr Schwager und ihr Schwiegervater sterben, begleitet sie ihre alte Schwiegermutter Noomi in deren Heimat Bethlehem zurück: „Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der Herr soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Ruth 1,16f.) Später heiratet sie dann einen Verwandten ihres verstorbenen Mannes namens Boas und bekommt einen Sohn namens Obed, der dann der Großvater König Davids wird.
  • Außerdem findet sich das (wahrscheinlich nicht historische, sondern allegorische) Buch Jona, in dem tatsächlich die einzige Person, die sich (noch dazu mehrmals) dem Herrn widersetzt, der Prophet Jona selbst ist, während die heidnischen Seeleute Gott fürchten und die heidnischen Einwohner Ninives sich auf seine Bußpredigt hin sofort bekehren.
  • Weitere Beispiele von positiv dargestellten Angehörigen heidnischer Völker, die sich dem Glauben Israels angeschlossen haben oder von denen dies anzunehmen ist, wären etwa: der Aramäer Naaman, den der Prophet Elischa vom Aussatz heilt und der so erkennt „Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt außer in Israel“ (2 Könige 5,15), Moses Frau Zippora, eine Midianiterin, der Hetiter Urija, ein Krieger Davids, oder der Kuschiter (Kusch ist in etwa das heutige Äthiopien) Ebed-Melech, ein Höfling des Königs Zidkija, der den Propheten Jeremia aus der Zisterne rettet (Jeremia 38,7-13); usw.
  • Solche Stellen betreffen sogar unseren Herrn selber, der sowohl ein Angehöriger des auserwählten Volkes als auch ein Nachkomme von Heiden, die sich diesem Volk angeschlossen haben, ist. In Seinem Stammbaum in Matthäus 1,1-17 werden genau vier Frauen erwähnt: Tamar, die von ihrem Schwiegervater Juda die Zwillinge Perez und Serach bekam (Genesis 38), Rahab, die Prostituierte aus Jericho (Josua 2 und 6), die oben erwähnte Ruth, die Urgroßmutter Davids, und „die Frau des Urija“, also Batseba, die König David zur Frau nahm, nachdem er ihren Mann hatte ermorden lassen, und die später die Mutter Salomos wurde (2 Samuel 11-12). Alle diese Frauen waren keine Jüdinnen. (Bei Batseba kann man es zwar nicht sicher wissen, aber vermuten, da ihr erster Mann ein Hetiter war.)

Dann gibt es zweitens natürlich die vielen Prophezeiungen für den Neuen Bund, zu denen auch die oben von Paulus zitierte Hosea-Stelle gehört.

  • „Völker, die du nicht kennst, wirst du rufen; Völker, die dich nicht kennen, eilen zu dir, um des Herrn, deines Gottes, des Heiligen Israels willen, weil er dich herrlich gemacht hat.“ (Jesaja 55,5)
  • „Ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken und komme, um die Völker aller Sprachen zusammenzurufen, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den übrigen Völkern: nach Tarschisch, Pul und Lud, Meschech und Rosch, Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, die noch nichts von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkünden.Sie werden aus allen Völkern eure Brüder als Opfergabe für den Herrn herbeiholen auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren, her zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem, spricht der Herr, so wie die Söhne Israels ihr Opfer in reinen Gefäßen zum Haus des Herrn bringen. Und auch aus ihnen werde ich Männer als Priester und Leviten auswählen, spricht der Herr.“ (Jesaja 66,18-21)
  • „Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen die Völker.Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung, aus Jerusalem kommt das Wort des Herrn. Er spricht Recht im Streit vieler Völker, er weist mächtige Nationen zurecht [bis in die Ferne]. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“ (Micha 4,1-3)
  • Und sogar: „An jenem Tag wird eine Straße von Ägypten nach Assur führen, sodass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assur ziehen können. Und Ägypten wird zusammen mit Assur (dem Herrn) dienen.An jenem Tag wird Israel als Drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten, zum Segen für die ganze Erde. Denn der Herr der Heere wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz.“ (Jesaja 19,23-25) Wenn das mal keine versöhnlichen Töne gegenüber Ägypten, dem „Sklavenhaus“, und Assur, dem brutalen Eroberer des Nordreichs Israel, sind, dann weiß ich auch nicht mehr.

Viele Stellen bei den Propheten machen deutlich, dass der Gottesbund alle Nationen umfassen wird, irgendwann einmal, wenn der Messias erscheint – und dass der Gottesbund mit Israel auch nicht bedeutet, dass die anderen Völker vollkommen alleingelassen wurden. (Auserwählung und Erlösung im Jenseits sind übrigens ganz grundsätzlich zwei Paar Stiefel. Letzteres Thema taucht im AT sowieso noch kaum auf.)

Weshalb wurde überhaupt Israel auserwählt? Nicht unbedingt, weil es ein bedeutendes Volk gewesen wäre. „Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern.“ (Deuteronomium 7,7) Nicht einmal, weil es ein außergewöhnlich tugendhaftes Volk war. „Du sollst erkennen: Du bist ein halsstarriges Volk.“ (Deuteronomium 9,6) Israel war ein in keiner Hinsicht besonderes Volk; es war ein kleines, unbedeutendes, gewöhnliches, oft unterdrücktes Volk unter unzähligen anderen Völkern. Der Herr erwählte nicht die Ägypter, oder die Babylonier, oder die Griechen, die mächtigen Völker der sogenannten Hochkulturen. Er erwählte kein Volk, das einen bestimmten Vorzug besaß. Er lebte ja auch nicht dreißig Jahre lang in Nazareth, weil Nazareth eine bedeutende Metropole war – es war ein unbekanntes Kaff im halbheidnischen Galiläa. So handelt Gott eben. Er sucht sich das Unbedeutende aus.

Gut, jetzt also noch zu den obigen Stellen im Detail. Die Stelle mit Esra und den heidnischen Frauen lässt sich tatsächlich sehr einfach erklären: Hier handelte es sich offensichtlich nicht um Frauen, die, wie Ruth, auch Jahwe als ihren Gott angenommen hatten, sondern um solche, die die Götter ihrer eigenen Völker verehrten, ihre Religion wahrscheinlich an ihre Kinder weitergaben, und deren israelitische Männer möglicherweise auch schon ihre Götter angenommen hatten. Mischehen wurden im Alten Testament sehr ungern gesehen, da sie zum Abfall von Gott verführen könnten, und das offenbar auch nicht selten taten (ein unrühmliches Beispiel ist niemand Geringerer als der große König Salomo). Dass Esra kompromisslos die Trennung für alle diese Eheleute anordnet, kann man, wenn man will, noch unter Regel Nummer 12 verbuchen. [Diese lautet, zur Erinnerung: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Manchmal werden in der Bibel auch einfach nur Geschichten erzählt, in denen nicht jeder perfekt handelt.] Aber mögliche Probleme bei gemischtreligiösen Ehen sollte man schon zur Kenntnis nehmen – es hat einen Grund, dass die Kirche auch heutzutage nicht besonders begeistert von ihnen ist, auch wenn sie sie auf Anfrage und bei Erfüllung gewisser (inzwischen nicht mehr besonders rigoroser) Bedingungen gestattet.

Wesentlich schlimmer klingen jedoch wieder Sätze wie Doch nur deine Väter hat der Herr ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebt“ oder „Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“. Hier muss man ganz einfach etwas im Gedächtnis behalten, das ich schon in Teil 2 kurz angesprochen habe: In der Bibel spricht Gott zu Menschen; und das führt dazu, dass manchmal von Ihm in anthropomorpher Weise die Rede ist – besser als dieser Begriff gefällt mir jedoch eigentlich Trent Horns passenderer Ausdruck, dass in der Bibel oft eine „language of appearances“ (etwa: „Rhetorik des Erscheinens“) verwendet wird. Gott wird so beschrieben, wie Er aus menschlicher Sicht erscheint, nicht notwendigerweise haargenau philosophisch korrekt so, wie Er ist. Wenn man seine Untaten bereut, sein Verhalten ändert und zu Gott betet, und ein von Gottes Prophet angedrohtes Unheil dann doch nicht eintrifft, dann „reut“ Gott dieses angedrohte Unheil offenbar, sodass Er es nicht ausführt – so wird es jedenfalls in der Bibel ausgedrückt. Gott bereut? Gott ändert seine Meinung? Aus menschlicher Perspektive sieht es in solchen Fällen so aus, als ob Gott seine Meinung ändern würde, aber aus göttlicher Perspektive war ein Meinungswechsel selbstverständlich nie nötig, da Gott – der in der Ewigkeit lebt – von vornherein wusste, dass die Israeliten in diesem Fall auf eine eindringliche Mahnung hin doch noch umkehren würden. Aber die Israeliten wussten das vorher nicht – und aus ihrer Perspektive innerhalb der Zeit hing es dann sehr wohl noch von ihrem Willen zur Umkehr ab, ob Gott es sich mit der angedrohten Strafe vielleicht noch einmal anders überlegen würde. Gott sah diese Entscheidung natürlich vorher; Gott braucht nicht zu „bereuen“. Und das wurde auch in biblischer Zeit schon durchaus grundsätzlich erkannt: „Gott ist kein Mensch, der lügt, kein Menschenkind, das etwas bereut. Spricht er etwas und tut es dann nicht, sagt er etwas und hält es dann nicht?“ (Numeri 23,19)

Thomas von Aquin kommentiert beispielsweise diese Stellen folgendermaßen (Summa Theologiae, Teil I, Quaestio 19,7; http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel20-7.htm):

[…] b) Ich antworte, Gottes Wille ist unbedingt unveränderlich. Aber dabei ist dies zu berücksichtigen, daß es etwas Anderes ist, den Willen ändern; und etwas anderes, die Veränderung in manchen Dingen wollen. Denn es kann jemand ganz gut, trotzdem sein Wille unbeweglich bleibt, wollen, daß nun dies geschehe und später das Gegenteil davon. […] Freilich müßte in diesem Falle vorausgesetzt werden, entweder daß von seilen der Kenntnis oder von seiten der Lage der Substanz eine Änderung eingetreten sei. Denn ist der Wille auf das Gute gerichtet, so kann derselbe in doppelter Weise anfangen, etwas von neuem zu wollen. Entweder so, daß etwas von neuem anfängt, für ihn ein Gut zu sein und sich so vorzustellen; und das ist nicht der Fall ohne Veränderung in der Verfassung des Willens selber, wie z. B.; wenn der Winter kommt, das Feuer von neuem als ein Gut erscheint, was es früher nicht war. […]

c) I. Die Reue, von Gott ausgesagt, ist figürlich zu nehmen nach unserer Art und Weise. Wenn uns nämlich etwas gereut, so zerstören wir, was wir gemacht haben; obgleich auch bei uns dies sein kann ohne Änderung des Willens, wenn z. B. ein Mensch jetzt etwas thun will, was er später zu zerstören beabsichtigt. Und so wird dies von Gott gethan weil Er den Menschen, welchen Er erschaffen, durch die Überschwemmung [die Sintflut; Thomas bezieht sich hier auf Genesis 6,6] zerstörte.

II. […] Deshalb sagt Gregor der Große (Moral. 16. c. 5.): „Gott verändert den Ausspruch, aber nicht den inneren Ratschluß.“ Was also Gott sagt: „Ich werde Buße thun;“ ist figürlich zu verstehen; denn die Menschen scheinen Reue zu haben, wenn sie nicht thun, was sie gedroht haben.

 III. Gott will die Veränderung; aber sein Wille ist nicht veränderlich. […]

Und ähnlich ist es eben mit anderen biblischen Ausdrücken. Gott hat keine Emotionen wie wir; aber trotzdem ist von Seinem „Zorn“ die Rede, wenn Er straft – oder eben von seiner Liebe und Seinem Hass, wenn er Jakob auserwählt und Esau nicht. Zum Verständnis speziell dieser Stelle ist vielleicht noch eine Stelle aus dem NT interessant, die in der Einheitsübersetzung leider – mal wieder – ungenau übersetzt ist: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,26) In der Lutherbibel zum Beispiel heißt es dagegen, deutlich näher am griechischen Text: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ Man kann sagen, dass die EÜ hier schon richtig interpretiert hat – aber im Originaltext steht das Verb „hassen“. Hier wird jedoch klar, dass mit „hassen“ und „lieben“ ganz einfach gemeint sein kann, das eine im Konfliktfall vorzuziehen (denn ja, wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, das gilt immer noch!) – oder eben, auf Jakob und Esau übertragen, den einen zu wählen und den anderen nicht. Das heißt nicht, dass Esau ein ewiglich von Gott verdammter grässlicher Sünder gewesen wäre; er kommt in den Genesis-Erzählungen sogar im Großen und Ganzen nicht wirklich schlechter weg als Jakob und versöhnt sich am Ende wieder mit seinem Bruder, der ihn früher einmal betrogen hat. Aber trotzdem wird Jakob als Stammvater des auserwählten Volkes erwählt – und über Gottes Gründe dafür kann man nur mutmaßen.

Für alle, die es immer noch nicht glauben wollen, noch ein letzter Bibelvers: „Seid ihr für mich mehr als die Kuschiter, ihr Israeliten? – Spruch des Herrn. Wohl habe ich Israel aus Ägypten heraufgeführt, aber ebenso die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir.“ (Amos 9,7)

Im Alten Testament wurde ein Bund zwischen Gott und einem bestimmten kleinen Volk geschlossen und dieses Volk wurde allmählich auf die Aufgabe vorbereitet, die es übernehmen sollte. Über viele Jahrhunderte hinweg entwickelte sich das kollektive Verständnis und Wissen von Gott im Volk Israel, und darauf baute dann der durch das Kommen des Messias begründete Neue Bund auf, in den die Heiden* hineingenommen wurden, als Juden wie Paulus sie missionieren gingen.

„Das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22), hat unser Herr zu der Samariterin am Jakobsbrunnen gesagt; aber es ist nicht den Juden vorbehalten.

 

* Ich verwende das Wort „Heiden“ hier, wie man wohl bemerkt hat, durchgängig im ethnischen Sinne, wie es der Bedeutung des hebräischen Wortes goyim („die Heiden“ = „die Völker“) entspricht.

Jetzt versteh‘ ich’s!

Ich habe hier ja schon einmal meinen Senf zum Projekt „Valerie und der Priester“ abgegeben (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/22/glauben-meinen-wissen-und-nicht-interessiert-sein/) und bin dabei schon einmal auf das Wichtigste eingegangen, was mich an Valerie Schönians Zugang zum Leben des Priesters Franziskus von Boeselager und zum katholischen Glauben an sich stört: Ihr Fokus auf Emotionalität, ihre feststehende (und gleichzeitig an keiner Stelle begründete) Überzeugung, in der Religion ginge es nur um Halt, Gemeinschaft, Heimat, und nette Gefühle.

Das Projekt ist jetzt nach einem Jahr zu seinem Ende gekommen, und ich muss ehrlich gesagt sagen, ich bin schön langsam froh drum. Anfangs habe ich gerne mitgelesen, es war – trotz des, wie es ein Kommentator auf Facebook mal treffend bezeichnete, gelegentlichen „Schülerzeitungsniveaus“ der Artikel – gar nicht mal uninteressant: ein Einblick in den Alltag eines sehr sympathischen Kaplans, dazu natürlich ein Einblick in den Zugang eines anderen Menschen zur Kirche, der mit der Kirche bisher nie was am Hut hatte. Es kann ganz interessant sein, sich mal anzuschauen, wie der eigene Verein so bei der Außenwelt ankommt; Valerie berichtete ja über etwas, das ihr völlig fremd war – da verzeiht man einige Klischeevorstellungen am Anfang gerne mal, zumal die 25-jährige Journalisten einen, wenn auch nicht besonders kundigen oder genialen, doch alles in allem freundlichen und interessierten Eindruck machte.

Aber allmählich nervt es mich doch, die Valerie-und-der-Priester-Artikel und -Videos im Newsfeed auf Facebook zu haben. Zu nennen wäre bei den unwichtigeren Gründen immer noch der Schreibstil, mit dem Valerie mich nie begeistern konnte (den regelmäßig verwendeten, wirklich wahnsinnig originellen Einstieg in medias res mit dem szenischen Präsens hat sie sich wahrscheinlich aus dem Oberstufendeutschbuch angelesen). Zwar sind da, um ganz ehrlich zu sein, die Artikel in meiner Tageszeitung auch nicht immer viel besser; aber trotzdem macht der Blog manchmal einen Eindruck auf dem Niveau des letzten Berichts von Oberministrantin Martina S. (18) über die Ministrantenfreizeit am Baggersee in der Pfarrzeitung von St. Aloysius, Unterangerried. Des weiteren, und das nervt mehr: So ziemlich das ganze letzte halbe Jahr hindurch wiederholt Valerie in jedem zweiten Satz ihrer Artikel, wie wichtig doch Begegnung zwischen verschiedenartigen Menschen sei, auch wenn sich Standpunkte dadurch nicht änderten; ein wie viel besseres praktisches Verständnis sie dafür entwickelt habe, dass tatsächlich nicht alles schwarz-weiß sei (was sie vorher theoretisch zwar auch unterschrieben, aber nicht so realisiert hätte); und dass es – man höre und staune! – in der Kirche ja auch sehr nette Menschen gebe. Auch wenn Franziskus gegen das Frauenpriestertum ist, sie hält ihn trotzdem noch für einen guten Menschen. Mal ganz abgesehen von der Redundanz des Ganzen hat es stellenweise doch einen etwas seltsamen Beigeschmack. Sehr nett ist zum Beispiel, was sie in einem Interview zu ihrem Projekt beim Onlinemagazin Kirche & Leben sagt: „Man muss eben sich darauf einigen, worüber man spricht, wenn man von ‚der Kirche‘ spricht – spricht man gerade von der Institution, spricht man irgendwie von den Menschen, die in Rom sitzen, oder spricht man von den Menschen, die hier in der Kirche sitzen, von der Gemeinde – und wenn man von denen spricht, also, zumindest die, die ich hier erlebt habe, dann ist die Kirche sehr wohl liebenswürdig.“ (https://www.kirche-und-leben.de/artikel/valerie-und-der-priester-ein-resuemee-am-projektende/) Wow. Wie unendlich vorurteilsfrei. Natürlich, die Menschen, die für die Institution in Rom sitzen, die müssen immer noch schlecht sein, das wissen wir, aber in den deutschen Gemeinden hier, da kann es schon doch auch nette Christen geben! Ich meine, es ist natürlich Allgemeinbildung, wie schlimm die Leute sind, die in der Kurie arbeiten, nicht wahr, die haben wir schließlich alle persönlich kennengelernt, und wieso sollte jemand überhaupt in der Zentrale der katholischen Kirche für den Papst arbeiten wollen, wenn er nicht ein schlechter Mensch wäre, aber ansonsten, so ein Gemeindepriester, der kann eventuell auch mal ein guter Mensch sein, und seine Pfarrkinder vielleicht auch. Hach. Ich bin ganz gerührt.

Okay, vielleicht unterschätze ich hier einfach, aus was für einem kirchenfernen und unterschwellig antiklerikalen Umfeld Valerie eigentlich kommt. Sie hat sicher tatsächlich viel an Vorurteilen überwunden. Anzunehmen, dass ein Kardinalstaatssekretär auch nur ein frommer, freundlicher Mensch sein könnte, gilt mancherorts wahrscheinlich als ebenso abwegig, wie anzunehmen, dass es so etwas wie vernünftig begründete Religion geben könnte – äh, Moment mal… Genau, ja, da liegt, wie schon gesagt, mein eigentliches Problem mit Valeries Berichterstattung.

In ihrem letzten Artikel, in dem sie auf das vergangene Jahr zurückblickt, kommt es wunderbar heraus: Erst einmal beschreibt sie die Fremdheit, mit der sie zunächst konfrontiert und von der sie auch irgendwie überwältigt war: „Zwischen den einzelnen Terminen versuchte ich eine Ordnung in meinen Kopf zu bekommen zwischen Eucharistie, Kommunion, Tabernakel, Monstranz und vielen anderen Begriffen, die ich nicht verstand. Ich fühlte mich wie ein Kind, das eine neue Sprache lernen muss.“ Dann geht es aber interessanterweise gleich folgendermaßen weiter: „Franziskus tat und glaubte Dinge, die von außen betrachtet völlig verrückt erscheinen, schon allein die Wandlung der Hostien in der Messe in den, so glaubt er, Leib Christi. Es war nicht immer einfach, das ernst zu nehmen. Also auf Augenhöhe zu bleiben, sich nicht einfach darüber lustig zu machen. Aber ich nahm mir vor, es zu versuchen. Denn ich wollte Franziskus nicht belächeln. Genauso wenig wie die anderen Menschen, die ich kennenlernte. Ich konnte beobachten, wie zärtlich sie aussehen, wenn sie beten. Und diese Zärtlichkeit war ja nicht verrückt, sondern echt. Da passierte einfach etwas, von dem ich nichts verstand, sie sahen etwas, das ich nicht sah.“ (https://valerieundderpriester.de/das-letzte-kapitel-c52a71d1d64f)

Also, kurz gesagt: Valerie sieht Dinge, die sie nicht einmal ansatzweise versteht und die sie erst einmal von Grund auf kennenlernen muss, und gleichzeitig ist es aber schwierig, auf Augenhöhe mit den Menschen zu bleiben, die sich mit diesen Dingen auskennen, weil ja offensichtlich ist, wie absurd das alles ist. Das Problem mit der Augenhöhe ist, dass sie über Franziskus steht, weil sie ja der aufgeklärte Mensch ist, der erst lernen muss, wie die Begriffe „Monstranz“ und „Eucharistie“ verwendet werden. Ja, da kann man nicht so einfach auf Augenhöhe mit den dummen Gläubigen reden. Da muss man sich schon anstrengen, um sich einzufühlen, wie sie das so erleben. (Okay, vielleicht könnte man diese Passage wohlwollender interpretieren. Wenn jemand etwas erst absurd findet, dann aber selbst merkt und eingesteht, dass es das, zumindest aus Sicht derer, die damit zu tun haben, nicht ist, dann ist das ja schon schön. Trotzdem haben Valeries Formulierungen einen etwas… na ja, wie soll ich sagen… seltsamen Klang.)

Den Vogel abgeschossen hat sie meiner bescheidenen Meinung nach mit diesem Abschnitt hier: „Natürlich habe ich jetzt nicht die ganze katholische Theologie und Institution verstanden. Das war auch nie der Anspruch, konnte es nicht sein, dafür ist ein Jahr zu kurz. Ich habe bewusst auch nicht die Bibel gelesen (außer der Bergpredigt; krasses Stück). Theologische Diskussionen sind wichtig, aber die müssen andere führen. Für mich war es wichtig, Franziskus als Menschen zu verstehen.“

Nein, liebe Valerie, der Anspruch des Projekts war tatsächlich nicht, dich zu einer ausgebildeten Theologin zu machen. Aber dein Job war es, ob du’s glaubst oder nicht, das Leben eines Priesters zu vermitteln. Und wenn man das tun will, sollte man vielleicht zumindest eine grobe Ahnung davon haben, wovon „Franziskus als Mensch[…]“ so überzeugt ist. Bewusst nicht die Bibel gelesen! Sag mal, geht’s eigentlich noch? Wenn ich über Kommunisten berichte, dann lese ich natürlich ganz bewusst nicht das Kommunistische Manifest, und wenn ich über Feministinnen berichte, dann lese ich ganz bewusst kein Fitzelchen feministische Literatur, und wenn ich über Muslime berichte, dann mache ich einen großen Bogen um den Koran. Wird das jetzt so gehandhabt in der Journalistenzunft? Keine Ahnung von den intellektuellen Grundlagen einer Gruppe haben, damit man einen umso authentischeren Blick auf sie kriegt? Das bringt’s mal. Das ist nicht Nachlässigkeit, sondern ganz besonders gute Berichterstattung; ja, genau.

(Komischerweise sah es übrigens bei Projektbeginn sogar noch anders aus: In einem älteren Artikel schreibt Valerie mit einem durchaus realistischen Blick darüber, dass sie mit Franziskus noch gar nicht richtig über die Reizthemen diskutieren könne: „Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren intensiv mit seinem Glauben und der Kirche. Ich seit ein paar Wochen. Das soll sich ändern. Die Bibel kommt auf meine Leseliste.“ (https://valerieundderpriester.de/leben-in-einem-projekt-e980a233ce44) Was ist dann daraus geworden? Natürlich hätte der Katechismus (vielleicht auch das Kompendium oder der Youcat) zuerst auf die Leseliste gehört – wesentlich kürzer, leichter zu verstehen und systematischer aufgebaut als die Bibel -, aber was ist jetzt also aus der Leseliste geworden? Na ja, Theologie ist ja nicht so wichtig.)

Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn solche nicht nur herablassenden, sondern regelrecht schwachsinnigen Abschnitte in Valeries Artikeln herauskommen wie: „Natürlich, klar: Die Kirche gibt Franziskus Halt, sie ist Familie; er liebt sie so sehr, dass seine Verbindung mit ihr keine Entscheidung ist, sondern einfach da ist. Und Gott liebt uns alle unendlich — ganz egal, was wir tun. Die Beziehung zu ihm zu leben, macht uns glücklich. Und der Herr ist unendlich barmherzig und gut. Wenn man all das erstmal akzeptiert, ergibt aus dieser Perspektive heraus auch Sinn, was man von außen betrachtet nicht verstehen kann. Zum Beispiel die ganze Auslegung der Bibel. Ich meine: Im Alten Testament tötet Gott Neugeborene. Das kann nun wirklich niemand wollen. Trotzdem sagt Franziskus, Gott ist unendlich gut und barmherzig — und legt die Bibel so lange aus, bis die Interpreation eben in sein Gottesbild passt, aber in jeder Deutschklausur durchfallen würde. Warum tut er das also? Weil er noch eine andere Interpretationsgrundlage hat als den Bibeltext. Für Franziskus gibt es vor diesem einen anderen, ersten, unumstößlichen Fakt: dass Gott gut ist. Barmherzig. Dass er uns liebt. Das weiß Franziskus aus seiner persönlichen Jesuserfahrung. Eine Interpretation, die diesem Fakt widerspricht, ist aus seiner Perspektive also schlicht: durchgefallen.“ Ich weiß nicht, wo die liebe gute Valerie das Deuschklausuren-Schreiben gelernt hat, aber wenn sie auch das Bibellesen gelernt hätte, hätte sie zum Beispiel etwas über den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament lernen können, über die spezielle Auslegung des Alten, wie sie im Neuen Testament selber sogar u. a. in einem Text, den sie gelesen haben will – der Bergpredigt – exemplarisch vorgemacht wird (fernerhin siehe z. B. auch noch Matthäus 19,7f. oder auch Apostelgeschichte 10), darüber, welche verschiedenen literarischen Genres im Orient vor 3000 Jahren so verwendet wurden, darüber, dass die Bibel nicht aus einem Buch, sondern aus mehreren verschiedenen Büchern mit ganz unterschiedlichen Bedeutungsebenen besteht, und so weiter und so fort – vielleicht hätte sie sogar ein paar Passagen aus Dei Verbum (http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651118_dei-verbum_ge.html) lernen können, bevor sie sich so wissend über die Exegese tausender Jahre alter Texte äußert, vielleicht hätte sie sogar das Alte Testament selber mal lesen können, hätte eine gute kommentierte Bibelausgabe zurate ziehen können, und hätte sich ein paar Infos über die Interpretation bestimmter konkreter Texte aneignen können. Ach, was rede ich, es geht ja bei diesem Projekt nicht um Theologie. [GRRRRR!!!!]

(Nicht alles an Valeries Text oben ist übrigens falsch, das ist das Problem; er enthält die typischen Halbwahrheiten; unsinnig wird er alles in allem trotzdem am Ende. Wir können keine Bibelstellen einfach ignorieren oder hinwegreden; und die Interpretation folgt durchaus gewissen Regeln. Wer sich mehr für katholische Bibelexegese interessiert, dem empfehle ich mal meine noch unvollendete Reihe zu den „schwierigen Bibelstellen“ (https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/), insbesondere Teil 9 (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/14/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-9-gericht-verdammnis-und-was-war-so-schlimm-an-goetzendienst/), in dem es u. a. genau um die ägyptischen Erstgeborenen geht, und vielleicht auch noch Teil 8 vorher (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). Das sind natürlich wiederum nur meine persönlichen Auslegungen zu einzelnen Stellen, daher noch einmal der Verweis: Das oben verlinkte kirchliche Dokument Dei Verbum erklärt die Prinzipien der katholischen Bibelauslegung im Allgemeinen (ich fasse sie hier in Teil 2 meiner Reihe auch noch zusammen: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/16/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-2-das-katholische-schriftverstaendnis/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/22/ueber-schwierige-bibelstellen-nachtraege-zu-teil-2/).)

Jetzt versteh ich’s jedenfalls, wieso Valerie den Unsinn schreibt, den sie schreibt, wenn es darum geht, was der Glaube für die Gläubigen ist. Die Theorie interessiert hier nicht, weil darum geht’s hier nicht, also ist alles an der Religion nur Emotionalität, weil die Theorie, die ist ja absurd. Das nennt sich dann logisches Denken. Oder so ähnlich. „Wahrheit“ kommt als Kategorie nicht einmal vor.

Vielleicht bin ich hier ein bisschen fies. Valerie hat offenbar tatsächlich in diesem Jahr einiges verstanden und auch etwas an Offenheit aufgebaut – der verlinkte Artikel legt Zeugnis davon ab. Sie versteht besser, wie Katholiken über die „Reizthemen“ Frauenpriestertum, Homosexualität, Missbrauchsskandal denken, und was ihnen das eigentlich Wichtige an ihrer Kirche ist, und sie hatte offenbar wirklich so einiges an Vorbehalten abzubauen im Lauf der Zeit; das dauert sicher auch. Aber meinem Eindruck nach – der trügen kann, da ich sie nur aus ihren Artikeln und Videos kenne, und nicht persönlich – hat sie bei weitem nicht so viel verstanden, wie sie sich einbildet, und ist auch nicht immer so offen, wie sie denkt.

Ihr Hauptproblem ist, dass sie den letzten Zugang nicht findet: Sie scheint unfähig zu sein, einfach nur mal theoretisch anzunehmen, dass Jesus Christus tatsächlich der Sohn Gottes sein könnte. Ich als Katholikin kann in einer Auseinandersetzung mit diesem Thema theoretisch einmal annehmen, dass Gott sich mit der letzten wahren Offenbarung an Mohammed gewandt haben könnte, und kann dann begründen, aus welchen Gründen ich das doch nicht für zutreffend halte. Man möchte Valerie am liebsten selber eine Deutschklausur aufgeben, und zwar eine Erörterung zum Thema „Wieso ich Jesus von Nazareth (nicht) für den Sohn Gottes halte – historische, theologische und philosophische Argumente“. Schön standardmäßig auszuarbeiten mit Pro- und Contraargumenten, jeweils bestehend aus den drei B’s, Behauptung, Begründung, Beispiel, wie wir das gelernt haben. Vielleicht könnte man sie dadurch mal zum logischen Nachdenken über die intellektuellen Grundlagen des Christentums zwingen, die in ihrem Denken einfach inexistent zu sein scheinen.

 

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen

Wie regelmäßige Leser bemerkt haben werden, habe ich diesen Monat bisher ganz ungewöhnlich wenig gepostet – ein Grund war, dass ich vergangene Woche krank war. Deshalb war ich am Sonntag auch nicht in der Messe, die Fernsehmesse habe ich auch nicht gesehen, und die Lesungstexte, die gelesen worden wären, habe ich erst heute nachgeschaut. (Ich bin momentan gerade sehr faul beim Bibellesen, aber wenn ich nicht in die Sonntagsmesse kann, schaue ich zumindest noch die Lesungen der verpassten Messe beim Bibelwerk (https://www.bibelwerk.de/home/sonntagslesungen?show=all) nach.) Ich bin also auch erst heute darauf gestoßen, dass ich einen meiner absoluten Lieblingstexte aus dem Johannesevangelium verpasst habe, nämlich den Anfang von Kapitel 14.

Ich weiß nicht, worauf sich die meisten Predigten des letzten Sonntags konzentriert haben; ich nehme mal an, auf den berühmten Vers 6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Ist ja auch ein sehr schöner Vers, über den sich das Predigen lohnt; aber mich berühren jedes Mal noch sehr viel mehr die Verse 1 und 2, mit denen dieses Evangelium des 5. Sonntags der Osterzeit beginnt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“

Diese Verse stammen aus den Abschiedsreden beim letzten Abendmahl. In Kapitel 13 erzählt das Johannesevangelium von der Fußwaschung, und dann spricht Jesus bis Kapitel 17 im Abendmahlssaal zu seinen Jüngern (d. h. in Kapitel 17 betet Er auch zum Vater). Ich liebe diese Kapitel alle, aber besonders im Gedächtnis geblieben sind mir eben immer diese Worte:

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“

Mein Herz ist leicht verwirrt, und ängstlich, und mutlos. Aber der Vater hält sehr viele Wohnungen bereit, vermutlich auch sehr verschiedene, für jeden eine, und für jeden eine passende. Tja, jetzt wollte ich noch mehr irgendwie Tiefsinniges über diesen Bibeltext schreiben, aber es fällt mir im Moment gar nichts anderes ein als nur immer wieder dieser Satz, der in meinem Kopf herumgeht: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Vielleicht ist damit auch irgendwie schon alles gesagt. Ich nehme nicht an, dass man mich missverstehen wird (jedenfalls dann nicht, wenn man meinen Blog kennt) : Ich predige hier nicht die Apokatastasis. (Hey, wenn man’s schon kann, darf man auch mal seine klugen griechischen Begriffe anbringen.) Aber trotzdem gibt es keinen Grund, sich zu ängstigen. Im Haus des Vaters sind viele Wohnungen bereit.

 

PS: Ich weiß nicht genau, wie oft ich in nächster Zeit zum Bloggen kommen werde; aber ich hoffe, es wird wieder etwas öfter werden. Ein paar weitere Beiträge zur Reihe über die schwierigen Bibelstellen sind in Arbeit; ich habe die Reihe in letzter Zeit vernachlässigt. Die zentralen Themen Tora und Landnahme stehen bald endlich an, und nach einigen weiteren AT-Artikeln werde ich dann auch irgendwann mal noch zum frauenfeindlichen Paulus und zum Lästern des Heiligen Geistes und ähnlichen NT-Stellen kommen. Wie schon mal gesagt: Das Thema reicht für so einige Beiträge.

Eine Entdeckung: Ja, Blockflöten können schön klingen.

Wenn man Berufsmusiker unter seinen Facebook-Bekanntschaften hat, kann man die erstaunlichsten Entdeckungen machen. Wirklich erstaunliche, meine ich. Zum Beispiel die, dass Blockflöten nicht erfunden worden sind, um die unschuldigen Besucher von Kindergottesdiensten zu quälen, die sich das anhören müssen, was das Kindergottesdienstvorbereitungsteam mit ein paar Siebenjährigen zusammen fabriziert hat, und auch nicht, um die unschuldigen Kinder selber zu quälen, die erst die Blockflöte lernen müssen, bevor ihre Eltern sie an Klavier, Schlagzeug oder Geige lassen. Nein; Blockflöten können wunderschön klingen.

Man höre sich das mal an! Gänsehaut! Man fühlt sich nicht wie in der dritten Bankreihe hinter dem Kinderchor, sondern wie in archaischen Zeiten, wie in einer anderen Welt, wie bei Pan, dem Gott der Hirten, wie bei den Elfen, wie in der Höhle eines Fauns im Lande Narnia…

Der Kopp-Verlag informiert! – Von Außerirdischen und Apokalypsen

Vor zwei Tagen hatte ich unerwartete Post im Zeitungskasten: Einen Katalog vom Kopp-Verlag. Woher die meine Adresse bekommen haben, ist mir schleierhaft, aber vielleicht sollte ich ihnen trotzdem dankbar sein; schließlich bieten sie mir „Bücher, die Ihnen die Augen öffnen“. Brauche ich. Unbedingt. Worüber die Augen öffnen? Na, darüber natürlich, was alles an schröcklichen Dingen in der Welt vor uns Normalbürgern geheimgehalten wird!

Auf der Titelseite des Katalogs etwa wird dem geschätzten Kunden ein Werk präsentiert, das bezeugt, „[w]ie Hellseher weltweit seit Jahrhunderten eine 3-tägige Finsternis für unsere Zeit vorhersehen“. Besagte Finsternis soll während eines Weltkriegs auftreten, der beinahe – aber dann doch nicht ganz – zu einem Atomkrieg eskalieren wird (verhindert werden wird letzeres durch das Eingreifen „eine[r] kosmische[n], nicht irdische[n] Kraft“, so der Kopp-Verlag, und ausgelöst werden wird die Finsternis durch ein Himmelsphänomen). Aber keine Bange: Man kann sich vorbereiten. Mit den Handbüchern der Selbstversorgung und Krisenvorsorge, und mit den praktischen Primuskochern und Wasserfiltern, die ebenfalls im Katalog zu finden sind, sind Sie für Atomkriege, verheerende Meteoriteneinschläge und Alienangriffe gleichermaßen gerüstet. Gut gewarnt ist halb überlebt, oder so.

Ach ja, Aliens! Sie wussten noch nicht, dass die Götter der griechischen Mythologie ebenso wie die biblischen Engel in Wahrheit Außerirdische sind, die seit Jahrtausenden heimlich Kontakt mit der Menschheit haben? Jetzt wissen Sie’s. Geheimgehaltene archäologische Funde beweisen es!!! Ein anderer Autor wiederum kann aufzeigen, dass die US-amerikanische Regierung schon seit Kennedy zu denjenigen gehört, die den Kontakt mit den Außerirdischen halten (ob es dieselben Außerirdischen sind wie beim ersten Autor, weiß ich allerdings nicht; aber das Universum ist schließlich groß).

Die US-amerikanische Regierung – die sollte man allgemein nicht unterschätzen. Schließlich unterstützt sie auch den IS mit Militärberatern und so, um in Syrien ihre finsteren Pläne zu verwirklichen. Irgendwie gehört sie wohl auch zur globalen Finanzelite, die die Neue Weltordnung [großgeschrieben] herbeiführen will.

Irgendwann, wenn man so durch den Katalog blättert, fragt man sich, wo bei alldem eigentlich die Juden, die Freimaurer und die Jesuiten abgeblieben sind. Bringen die gar nichts mehr auf die Reihe? Okay, ich weiß nicht genau, ob die Juden vielleicht schon zur globalen Finanzelite zählen, und immerhin wird Israel unter den Ländern genannt, die Terroristen „Unterschlupf“ gewähren – ja, Sie haben richtig gelesen, Israel gewährt islamistischen Terroristen Unterschlupf, nein, nicht etwa, weil es auf einmal nationale Selbstmordpläne hegt, nein, das ist alles Teil des großen bösen Plans – , aber die Freimaurer tauchen praktisch nicht auf und die Jesuiten auch nicht. Ich bin allmählich schwer enttäuscht von unseren Leuten. Wenn man zu bedeutungslos wird, um in Verschwörungstheorien aufzutauchen, obwohl man da vor nicht allzu langer Zeit noch ganz vorne dabei war, sollte man eventuell mal die Ordensführung überdenken.

Man könnte sich ein Beispiel an den „Schulmedizinern“ nehmen: Die sind die Bösen einer ganzen Sparte angebotener Werke. Wir lernen: Wir müssen alle nur unsere Vitamine und Öle und unser Johanniskraut zu uns nehmen und den Buchweizen, die Chiasamen und die „Wunderwurzel Kurkuma“ nicht vergessen, und dann brauchen wir auch kein Kortison, keine Antibiotika und keine Antidepressiva mehr, denn schließlich leben die „Schulmedizin“ und die „Pharmaindustrie“ nur davon, uns krank zu halten, während die unterdrückten und verfolgten Homöopathen nur unser wahres Heil im Auge haben. Für nur 4,95 Euro („Preis-Hit“!) erhalten Sie ein kleines Handbuch zum richtigen Einsatz sämtlicher Schüßlersalze, und für 19,95 Euro erfahren Sie alles über die Heilkraft der Kokosnuss. Wenn Sie „Borreliose natürlich heilen“ wollen, müssen Sie annähernd dasselbe aufbringen, 19,90 Euro.

Auch ansonsten findet sich noch allerlei Nützliches beim Kopp-Verlag: Man kann von Vorahnungen, Reiki und Astralreisen lernen, von der „heilsame[n] Kraft des Segnens“, und von „Lichtbotschaften von den Plejaden“. Aber keine Angst, es ist nicht nur Esoterik da. Der Katholizismus kommt tatsächlich auch mal vor – kommt allerdings auch irgendwie zweischneidig weg. Auf Seite 12 wird ein Buch über „Das letzte Geheimnis von Fatima“ angepriesen, und es wird sogar ein Zitat von Papa emeritus Benedikt über den Marienerscheinungsort über der Buchbeschreibung angeführt, um die Autorität dessen zu untermauern, was auch immer in dem Buch dann geschrieben sein wird. Offenbar geht es darum, eine „prophezeite Katastrophe“ zu verhindern. In Fatima wurden nämlich nicht, wie man bisher glaubte, die Verfolgungen von Christen durch den Kommunismus im 20. Jahrhundert und das Attentat auf Johannes Paul II. prophezeiht, sondern irgendeine noch kommende Katastrophe, die irgendetwas mit dem IS zu tun haben muss – ich meine, wo kämen wir denn hin, wenn wir keine Katastrophen für die Zukunft mehr hätten, zu denen wir unheilvolle Prophezeiungen finden könnten.* Wie gesagt, soweit auf Seite 12. Auf Seite 46 dann erfahren wir von einem „Evangelium, das nicht in der Bibel steht“, kurz gesagt, dem Evangelium des Thomas, das, „[v]on der Kirche verfemt und unterdrückt“, doch die „ursprünglichsten, reinsten Worte Jesu“ beinhaltet, und hier nun übersetzt und kommentiert zu erwerben ist. (Wer will, kann es allerdings auch einfach online hier herunterladen: http://www.meyerbuch.de/pdf/Thomas-Evangelium.pdf Aber Vorsicht! Wer auf diesen Link klickt, den werde ich zu finden wissen (ich besitze nicht nur überlegene Hacker-Fähigkeiten, müssen Sie wissen, sondern auch überirdische Eingebungen, und ich WERDE SIE FINDEN KÖNNEN!!!), und den werde ich bei der Heiligen Inquisition melden, und in spätestens zwei Wochen wird er auf dem Petersplatz auf dem Scheiterhaufen brennen! [Man stelle sich an dieser Stelle bitte ein entsprechend schurkisches Lachen vor.])

Na ja, gut, im Katalog findet sich auch normales Zeug. Sogar in der Sparte „Medizin & Gesundheit“ finden sich ein paar Bücher, die aus mehr bestehen könnten als Warnungen vor den fürchterlichen Folgen von Impfungen und Besuchen bei Ärzten mit wissenschaftlicher Ausbildung. (Nein, an sich habe ich übrigens nichts gegen gesundes Essen und den Einsatz von Hausmittelchen, solange man keine Medikamente braucht. Da hat auch kein Arzt was dagegen.) Ein paar gewöhnliche trashige Historienromane mit Titeln wie „Die Ketzerbraut“ gibt es auch, gewöhnliche Bestseller aus dem Bereich Politik ebenso, und sogar einen Schulatlas oder Martin Luthers „95 Thesen. Lateinisch – Deutsch“. Tatsächlich hat der Katalog auffallend viel im Angebot, was nicht beim Kopp-Verlag selbst erschienen ist, sondern bei Heyne oder Droemer oder Knaur oder anderswo. Irgendwie muss man die 146 Seiten ja voll kriegen.

Was haben wir also gelernt: Glauben Sie nicht alles, was Sie hören und lesen. Glauben Sie nur, was in dem Enthüllungsbuch steht, das Sie gerade vor sich haben. Für 22,95 Euro beim Kopp-Verlag erhältlich.

 

PS: Na ja, vielleicht bestelle ich mir ja „Die Ketzerbraut“. Das dürfte für mindestens fünf klugscheißerische Blogartikel reichen, in denen ich mich über Vergangenheitsklischees und mangelnde Geschichtskenntnisse der deutschen Bevölkerung aufregen kann.

 

* Für alle, die sich mit der katholischen Position zu Fatima etc. nicht auskennen: Diese Botschaften zählen zu den „anerkannten“, d. h. von der Kirche erlaubten, Privatoffenbarungen – es ist den Katholiken freigestellt, an die Botschaften, die 1917 von der Gottesmutter Maria an drei Kinder aus dem portugiesischen Dorf Fatima überbracht worden sein sollen, zu glauben, aber wir müssen es nicht.

Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

Ein Problem, das ich mit unserem derzeitigen Papst, wie er manchmal erscheint, oder zumindest mit manchen seiner Anhänger, habe, ist ihre gewissermaßen selektive Barmherzigkeit. (Ich weiß nicht, ob alles oder auch nur ein größerer Teil dessen, was ich in diesem Artikel beschreibe, auf Papst Franziskus persönlich zutrifft, aber es geht mir auch nicht vorrangig um ihn oder irgendeine andere Person, sondern um ein allgemeines Phänomen. Hier also der offizielle Disclaimer: Dieser Artikel hier ist eigentlich nicht als Papstkritik im strengen Sinne gemeint, er kritisiert eher ein Phänomen, das besonders unter dem derzeitigen Papst wieder stärker aufgelebt ist, das aber nicht gerade neu ist.)

Wie gesagt: Selektive Barmherzigkeit. Was ich damit meine, ist Folgendes:

Man redet von Armut, Demut und Barmherzigkeit. Man tritt ganz betont schlicht auf, damit andere sehen, dass man den alten Prunk der Kirchenfürsten verabscheut. Man zeigt sich bestimmten Sünden gegenüber, die in der Welt beliebt sind, barmherzig, nicht verurteilend, manchmal verständnisvoll, manchmal auch verharmlosend. Andere Sünden dagegen verurteilt man mit den schärfsten Worten, die man finden kann. Ersteres sind meistens die Sünden des Fleisches, letzteres bestimmte Sünden des Geistes. Man betont, wie viel Gutes auch in vor- / außerehelichen Beziehungen zu finden sei, während es ja auch Ehen gäbe, in denen keine gute Beziehung zwischen den Partnern bestehe, und man predigt darüber, wie grauenvoll es sei, sich z. B. wegen seines Glaubens für besser als andere Menschen zu halten, oder wie schlimm Heuchelei sei. Die Lieblingsstelle in der Bibel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Besser ein barmherziger Samariter sein als ein gleichgültiger Priester oder Levit; besser ein moralischer Atheist sein als ein heuchlerischer Katholik. Man setzt sich selbst mit dem Heiland gleich, der gegen den Legalismus und die Rigidität der Schriftgelehrten und Pharisäer auftritt und für die Armen, Gebeugten, Ausgestoßenen einsteht.

Und damit tut man – wenn auch vielleicht unbewusst – ganz genau dasselbe wie das, wofür der Heiland die Pharisäer kritisiert hat: Man sichert sich den Beifall der Welt. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Matthäus 6,5)

Ich meine, Leute, bitte: Die ausgestoßenen Sünder unserer Zeit sind nicht wiederverheiratete Geschiedene. Es sind dicke, alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, oder AfD-Wähler, oder auch religiöse Fundamentalisten, sagen wir mal, in der Nachbarschaft umherwandernde Zeugen Jehovas oder Leiter römischer Kurienbehörden – Leute dieser Art. Ausgestoßene Sünder sind diejenigen, die tatsächlich in der Öffentlichkeit und in den Medien schlecht wegkommen, ob nun zu Recht (wie in den Evangelien die Ehebrecherin) oder zu Unrecht (wie in den Evangelien die verschiedenen Leprakranken). (Natürlich kann es je nach speziellem Milieu noch zusätzlich ganz unterschiedliche Ausgestoßene oder Verachtete geben: Fleischesser, Flüchtlinge, Katholiken, Juden, Schulmediziner, Feministinnen, Machos, Trump-Wähler, Clinton-Wähler, Klimaskeptiker, Esoteriker, Hausfrauen, und so ziemlich alles, was es gibt, können dazu gehören.)

Und wenn man barmherzig sein will (was man sollte) : auch Unbarmherzigkeit gegenüber Pharisäern ist Unbarmherzigkeit, ob man sie nun bloß für Pharisäer hält oder ob sie es wirklich sind.

Ich möchte mal ein Gedankenexperiment machen, das in deutschen Landen zwar wenig realitätsnah ist (ich habe noch keine alten Damen getroffen, die sich so verhalten) – aber stellen wir uns einfach mal vor, dass folgendes Geschehnis passiert:

Eine junge Frau, die bisher mit Kirche und Religion nie viel am Hut hatte, fühlt sich irgendwie zum Glauben hingezogen und hat manches über den Katholizismus erfahren, was sie interessiert, also schaut sie einfach mal in eine Kirche in ihrer Nachbarschaft hinein. Sie stellt fest, dass dort gerade die Sonntagsmesse stattfindet und setzt sich also neugierig zu den Gottesdienstbesuchern und ist ganz fasziniert vom Geschehen am Altar. Vorher hat sie nicht besonders auf ihre Kleidung geachtet und so trägt sie also einen etwas kurzen Rock und ein Top, bei dem ihr BH durchschaut. Nach dem Ende der Messe wird sie von einer älteren Dame, die in der Bank hinter ihr gesessen hat, angegiftet, ob ihr eigentlich jeder Respekt vor dem Herrgott abgehe, dass sie eine halbe Stunde zu spät und dann noch in einem solchen unschamhaften Aufzug in der Messe erscheine.

Die Reaktion des durchschnittlichen Lesers dieser Geschichte wäre wahrscheinlich, die alte Dame als arrogant und unverschämt abzuurteilen, oder? Aber das muss nicht zwangsläufig der Realität entsprechen.

Weshalb kann sie so gehandelt haben? Kann der Grund wirklich nur gewesen sein, dass sie eine böse, hochmütige alte Frau ist, die auf alle Mitmenschen herabsieht, die nicht aufs i-Tüpfelchen genau ihren Vorstellungen entsprechen?

Nicht unbedingt. Es kann ebenso gut möglich sein, dass sie eine Neurotikerin ist – im religiösen Bereich nennt man so etwas Skrupulantin – , die fürchtet – obwohl sie vielleicht ahnt oder weiß, dass dieses Gefühl irrational ist -, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht jeden ihrer Mitmenschen auf seine von ihr vermuteten Sünden hinweist, damit er sich bekehren kann. Denn wenn sie das nicht tut, ist sie schließlich an deren Sünden und möglicher ewiger Verdammnis mit schuld, und das ist eine große Sünde, mit der wiederum sie sich die ewige Verdammnis verdient, so ihre zwangsgestörte Logik. Dabei hegt sie persönlich keinerlei Abneigung gegen die junge Frau oder sonst jemanden; sie fühlt tatsächlich vor allem Furcht und Mitleid – um sich selbst und um die von ihr gescholtenen Menschen. Sie hat Angst vor dem richtenden Gott, der diese und sie selbst verdammen könnte. Ihr Tonfall war unbeabsichtigt, und zu Hause angekommen verbringt sie zweieinhalb Stunden damit, den Vorfall noch mal in ihrem Kopf durchzuspielen, um sagen zu können, ob sie die junge Frau mit besagtem Tonfall vielleicht so sehr verletzt haben könnte, dass diese nie wieder etwas mit der Kirche zu tun haben will, womit sie dann ebenfalls wieder an deren ewiger Verdammnis mit schuld wäre. Dann verbringt sie noch eine halbe Stunde damit, Gott um Verzeihung anzuflehen und zu versuchen, vollkommene Reue zu erwecken, nur für den Fall, und am nächsten Tag geht sie zur Beichte. Ihrem Pfarrer ist sie schon bekannt, und er versucht, sie so gut es geht zu beruhigen, so wie er es jede Woche wieder wegen irgendeinem Vorfall tut. Allmählich ist er ratlos, wie er ihr helfen soll.

Oder vielleicht war die alte Frau geistig gesund, aber einfach gestresst und wütend wegen etwas, das gar nichts mit der jungen Frau zu tun hatte, die ihr nicht sittsam genug gekleidet war. Vielleicht hat sie direkt vor der Messe noch mit ihrer Tochter telefoniert, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und diese und deren Familie freundlich zu Weihnachten eingeladen, was die Tochter abgelehnt hat, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Für sie und ihre Familie passe das nicht so gut, nein, zu Ostern wohl auch nicht, nein, auch die Faschingsferien seien schlecht. Im Lauf des Gesprächs hat die Tochter außerdem noch mehr als deutlich ihre Verachtung darüber zu erkennen gegeben, dass die Mutter immer noch die Vorbeterin beim Rosenkranzgebet in der Pfarrei macht und tagtäglich in die Messe geht; dann hat sie das Gespräch abgebrochen. Außerdem hat die alte Frau als Kind gelernt, die Ehrfurcht vor dem lieben Herrgott für sehr wichtig zu halten, und so ist ihr in ihrem aufgebrachten Gefühlszustand nach der Messe gegenüber der jungen Frau, die erstens viel zu spät und zweitens ihrer Ansicht nach nicht im Geringsten angemessen gekleidet gekommen ist, einfach ihr Temperament durchgegangen. Hinterher tut es ihr leid und sie hofft, dass die junge Frau am nächsten Sonntag wieder in die Messe kommt, sodass sie sich entschuldigen kann.

Das Problem ist eben: Kein Mensch, der heute hier auf Erden lebt, ist der Heiland. Daher kann auch kein Mensch anderen Menschen ins Herz schauen und endgültig sagen, ob sie nun arrogante Pharisäer sind oder nicht, und erst recht nicht, ob sie sich nicht vielleicht, wenn sie es sind, und wissen, dass sie es manchmal sind, eigentlich gerne bessern wollen.

Diese Art von selektiver Barmherzigkeit ist sicher oft gut gemeint und entwickelt sich dann nur falsch. Aber falsch entwickeln, das muss man sagen, das tut sie sich leider häufig.

Wir alle brauchen eben Barmherzigkeit.

 

Dinge, die keine Sünden sind

Es ist keine Sünde, fett zu sein.

Es ist keine Sünde, Süßes zu essen.*

Es ist keine Sünde, Fleisch zu essen.*

Es ist keine Sünde, Zigaretten zu rauchen.*

Es ist keine Sünde, World of Warcraft zu spielen.*

Es ist keine Sünde, keinen Sport zu machen.

Es ist keine Sünde, hässlich zu sein.

Es ist keine Sünde, alt zu sein.

Es ist keine Sünde, krank zu sein.

Es ist keine Sünde, psychisch gestört zu sein.

Es ist keine Sünde, behindert zu sein.

Es ist keine Sünde, dumm zu sein.

Es ist keine Sünde, ungebildet zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Spießer mit Bausparvertrag und Doppelhaushälfte zu sein.

Es ist keine Sünde, Hausfrau zu sein.

Es ist keine Sünde, mehr als zwei, drei Kinder zu haben. (Tatsächlich ist es sogar sehr vorbildlich. Wir zahlen mal eure Rente!)**

Es ist keine Sünde, Hartz-IV-Empfänger zu sein.

Es ist keine Sünde, ein niedriges Selbstbewusstsein zu haben.

Es ist keine Sünde, unbeliebt zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Opfer zu sein.

 

Die Ansprüche der Welt sind dieser Tage hoch, und sie ist nicht immer barmherzig; nicht selten bestraft sie die, die ihnen nicht genügen, mit Acht und Bann.

Ich finde es bemerkenswert, dass die meisten derzeit beliebten Schimpfwörter – fett, dumm, hässlich, krank, gestört, behindert, Opfer – alle Dinge bezeichnen, die eigentlich keinen Anlass zu einer Beschimpfung bieten. Kein Mensch kann etwas dafür, dass er zur Fettleibigkeit neigt, oder dass er einen niedrigen IQ hat, oder dass er Pickel und abstehende Ohren hat, oder dass er eine Zwangsstörung oder das Downsyndrom hat; man kann Fetten, Dummen, Hässlichen, Gestörten und Behinderten kein moralisches Fehlverhalten vorwerfen. Schon gar nicht kann man es jemandem vorwerfen, ein Opfer geworden zu sein (wie denn auch?). In manchen Fällen erkennt die Welt das theoretisch zwar irgendwo noch mit Lippenbekenntnissen an, z. B. bei Behinderten (Downsyndrom-Kinder werden zwar, wenn man sie rechtzeitig entdeckt, in über 90% der Fälle noch rasch beseitigt, ehe sie geboren werden können, aber wenn sie doch mal das Licht der Welt erblicken sollten, wird den Kameraden im Kindergarten immerhin erklärt, dass man Behinderte nicht beleidigen solle, und keine Vorurteile und so), aber in anderen Fällen gibt es nicht einmal das.

Bei Dicken und Hässlichen zum Beispiel sieht es schon ganz anders aus. Ich bin durchaus froh, dass ich in dieser Hinsicht positive Gene mitbekommen habe. Wenn man dick ist, weiß man gleich, welchen Eindruck man schon auf den ersten Blick bei manchen entsprechend gesonnenen Fremden hinterlassen wird: faul, verfressen, undiszipliniert, asozial. Dass Dicksein nicht unbedingt von maßlosem Pommes- und Colakonsum verursacht wird, dass es Menschen gibt, die Pommes und Cola in Unmengen verzehren könnten, ohne ihre dürre Figur zu verlieren, während andere fett bleiben würden, auch wenn sie sich nur von Gemüsesuppe ernähren würden, dass es auch für dicke Menschen genau genommen keine moralische Verpflichtung gibt, so viel Sport zu machen und so lange extreme Diäten zu halten, bis sie auf Normalgewicht sind (falls das für sie überhaupt möglich sein sollte, was gerade bei kranken Menschen nicht immer der Fall ist) – das zählt alles nicht. Dick ist asozial und faul; wer dick ist, ist selber schuld und hat nicht den Respekt verdient, den man normalen Menschen entgegenbringen kann. Dasselbe gilt für Hässliche im Allgemeinen, besonders – aber eindeutig nicht nur! – für hässliche Frauen. Wenn sie sich nur gesund ernähren und sich eine andere Gesichtscreme kaufen würde, würden ihre Pickel schon verschwinden; wenn sie nur lernen würde, sich ordentlich zu schminken, sich ein paar neue Klamotten und ein Anti-Schuppen-Shampoo besorgen würde, würde sie schon besser aussehen; wenn sie sich nur etwas anstrengen und öfter mal zum Friseur gehen würde, würde sie das Gewicht, das sie in ihren Schwangerschaften gewonnen hat, schon noch verlieren und man würde ihre grauen Haare nicht mehr sehen – aber sie kümmert sich ja nicht darum, sie vernachlässigt sich selbst, also ist sie auch selber schuld, wenn man sie für das asoziale Wesen hält, das sie ist.

Es spricht nichts dagegen, wenn man sich selbst dafür entscheiden will, Gewicht zu verlieren oder mehr auf sein Aussehen zu achten. Aber es ist keine moralische Pflicht.

Leider ist es eben so: Die Welt legt großen Wert darauf, gegenüber wirklichen Sünden ihre Nachsicht und Toleranz zu erklären, aber sie kommt ohne Sünden nicht aus, also muss sie irgendeinen Ersatz finden, den sie rigoros verurteilen kann; und den findet sie manchmal leider an den scheußlichsten Stellen. Irgendetwas muss sie verurteilen; und wenn sie Ehebruch und Lügen und das Töten störender Menschen nicht mehr verurteilen will, verurteilt sie eben Fettsein, Dummheit und Krankheit, oder irgendwelche Nachlässigkeiten wie das Zigarettenrauchen oder vergessenes Beinerasieren. (Anmerkung: Ich persönlich kann den Gestank von Zigaretten übrigens nicht ausstehen; aber ich kann das Rauchen nicht zur Sünde erklären, solange die Kirche das nicht tut, und das tut sie nicht, solange es nicht maßlos wird. Mein persönlicher Geschmack ist nicht aussschlaggebend dafür, was Sünde ist und was nicht.)

So gesehen bin ich wirklich froh, katholisch zu sein. Die katholische Kirche hält bloß solche Dinge wie Habgier, Arroganz, Lieblosigkeit, Heuchelei, Selbstsucht, Neid, Mord, Unzucht, Stehlen und Lügen für Sünden. Sie ist milde und nachsichtig gegenüber allen Unvollkommenheiten und schiebt einem nicht die Verantwortung für Schicksalsschläge zu, und sie verlangt auch nicht, auf gewöhnliche Vergnügungen und Zerstreuungen zu verzichten. Was sie verlangt? Nicht Perfektion, sondern Liebe. Sie verlangt nicht, die Welt zu retten, indem man sich einer rigorosen Mangelernährung unterwirft, und sie stellt auch nicht das unmenschliche Gebot auf, nie zum Opfer von Genen und Krankheiten und Unfällen und mangelnden Chancen und anderen Menschen zu werden.

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deuteronomium 30,11-14)

Ach ja, es ist übrigens auch keine Sünde, Katholik zu sein, auch wenn uns die Welt das ebenfalls gerne mal einreden möchte. Nicht mal dann, wenn man zu diesen dogmatischen, mittelalterlichen Katholiken gehört, die tatsächlich jeden Sonntag – oder Gott bewahre, noch öfter – in die Kirche rennen (wie pharisäerhaft!) und auch noch jeden Tag beten (haben die eigentlich nichts Besseres zu tun?).

Kurz gesagt: Wie wäre es, wenn wir alle einfach mal etwas freundlicher und respektvoller einander gegenüber wären?

 

* In Maßen, versteht sich. Maßlosigkeit in allen Dingen wird irgendwann zur Sünde, egal, ob es sich um den Verzehr von Schokolade, Aktivität auf Facebook oder das ehrgeizige Training für den nächsten Marathon (bei Maßlosigkeit in diesem Fall schadet man sich selbst) handelt. Selbst das Lesen der Werke des heiligen Thomas könnte irgendwann maßlos werden, wenn man darüber Dinge wie Essen, Schlafen und das Helfen beim Abwasch vergäße.

** Hierzu vielleicht noch eine interessante Anekdote: Als meine Mutter gerade mit ihrem vierten (und letzten) Kind schwanger geworden war, erzählte meine Großmutter ihren Arbeitskollegen davon. Dann hörte sie einen dieser Kollegen fragen: „Ja, sind die denn asozial?“ Wir reden hier, nebenbei bemerkt, von einem verheirateten Paar mit Eigenheim – der Mann in Vollzeit beschäftigt und gut bezahlt, die Frau damals Hausfrau und Mutter – die nur das Verbrechen begangen hatte, zusätzlich zu den drei bereits vorhandenen Kindern noch ein viertes zu erwarten. Das ist schon einige Jahre her, und ich weiß nicht, ob die Vorurteile immer noch so stark sind, aber sie sind definitiv da. Vier Kinder markieren gerade so die Grenze, glaube ich – drei sind noch akzeptabel, und fünf bedeuten auf jeden Fall schon eine „Großfamilie“, bei der irgendetwas nicht stimmen kann.

„Siehe, dein König kommt zu dir“: Lassen wir uns doch von Ihm lieben

(Ein etwas verspäteter Palmsonntagsbeitrag. Sorry, ich hatte in den letzten Tagen viel um die Ohren und habe diesen Beitrag daher länger halb fertig liegen lassen.)

„Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.“ (Matthäus 21,1-11)

„Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde. Auch deine Gefangenen werde ich um des Blutes deines Bundes willen freilassen aus ihrem Kerker, der wasserlosen Zisterne.“ (Sacharja 9,9-11)

Vergangenes Wochenende war ich seit längerem einmal wieder beichten (Fastenzeit und so); und es war ein außergewöhnlich schönes Erlebnis. Ich gehe jedes Mal in der Kirche in meiner Nachbarschaft bei dem Priester, der an dem Tag, an dem ich mir das Beichten vorgenommen habe, gerade im Beichtstuhl sitzt; meistens ist das der Stadtpfarrer. An diesem Wochenende erwischte ich erstmals den neuen Kaplan. Ich bin vom Pfarrer her eher die Art Beichte gewohnt, bei der man seine Sünden aufzählt, dann einen kurzen, eher allgemeinen Zuspruch erhält, und dann gleich die Absolution; alles in fünf Minuten vorbei. Diesmal merkte ich schon während des Schlangestehens vor dem Beichtstuhl (in der Karwoche muss man manchmal tatsächlich mal länger Schlange stehen, in meiner Pfarrei jedenfalls), dass die Leute vor mir schon etwas länger dort drin waren als für gewöhnlich, so eine Viertelstunde konnte es schon dauern. Als ich dann an die Reihe kam und schließlich mit meiner Sündenaufzählung fertig war, unterhielt sich der neue Kaplan auch mit mir noch länger als für gewöhnlich, offensichtlich, um das Ganze persönlicher zu machen anstatt mehr oder weniger als Blockabfertigung. Er begann einfach damit, nachzufragen, welche der Sünden, die ich genannt hatte, ich denn als am schwerwiegendsten bewerten würde. Ich stotterte erst einmal herum und entschuldigte mich dafür dann wiederum mehrmals; jedenfalls fragte er noch manches andere nach und ich konnte noch manches erzählen und manche Fragen stellen, und es ergab sich am Ende ein gutes Gespräch über mein neurotisches Gewissen. (Über das ich schon mehrfach geschrieben habe; siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/ und hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/category/skrupulositat/)

Wie gesagt, ich bin so etwas in der Beichte bisher eigentlich nicht gewohnt gewesen. Mit meinen religiösen Zwängen und Ängsten versuche ich meistens eher selber fertigzuwerden, anhand von Internet, Büchern, und eigenen Überlegungen. Zum Beichten bin ich immer gegangen, um Sachen bei Gott abzuladen, nicht, um persönlichen Trost und Tipps zu erhalten – ersteres geschieht natürlich immer und ist auch tatsächlich der eigentliche Zweck dieses Sakraments, aber er sollte letzteres nicht ausschließen; es muss schließlich Gründe geben, wieso Gott die Sündenvergebung in ein Zweiergespräch mit einem Seelsorger eingebunden hat. Einmal erst habe ich bisher außerhalb der Beichte mit einem Priester über meine religiöse Zwangsgestörtheit gesprochen (außerdem habe ich vor kurzem eine Psychotherapie begonnen; was natürlich nicht ganz dasselbe ist, aber trotzdem sehr notwendig); in der Beichte nie. Dabei ist sie eigentlich ein sehr geschützter Raum – schon allein durch die Architektur des Beichtstuhls mit seiner Abgeschlossenheit von der Außenwelt, seiner Dunkelheit, dem Gitter zwischen Priester und Pönitent, aber noch mehr natürlich durch das Wissen um das absolut ausnahmslos in jedem Fall geltende Beichtgeheimnis -, aber trotzdem ist es auch in so einem geschützten Raum nicht immer ganz einfach, dem Beichtvater, ob er nun ein Fremder oder ein guter Bekannter ist, mehr zu erzählen als unbedingt für eine gültige Beichte notwendig, und ihn noch um Rat für konkrete Situationen zu bitten, gerade, wenn vielleicht draußen noch andere Pönitenten warten, die sich eventuell noch fragen könnten, was man so lange da drin macht. Da kann es manchmal hilfreich sein, wenn der Priester von sich aus die Sache etwas persönlicher gestaltet. (Natürlich: Wenn es einem Pönitenten unangenehm ist, manche Dinge genauer zu besprechen und er gerade nicht sein ganzes Seelenleben diskutieren möchte, sollte er das auch sagen können. Es haben ja nicht alle Leute so viel Gesprächsbedarf wie ich.) Aber in meinem Fall jedenfalls war es sehr tröstlich: Einfach einmal wieder mit einem aufmerksam zuhörenden Menschen reden zu können; laut aussprechen zu können, was mich manchmal fertigmacht. Die Beichte bei einem guten Seelsorger bietet einen Raum unglaublicher Freiheit. In diesem Raum kann man Sätze aussprechen wie: „Ich habe Angst vor der Hölle.“ Es mag vielleicht lächerlich klingen, das zu sagen, aber lächerliche Dinge aussprechen zu können, befreit eben. Ich stelle mir den Himmel als einen Ort vor, an dem niemand mehr die lächerlichen und dummen Dinge, die er gedacht und gesagt und getan hat, verstecken muss; überhaupt als einen Ort, an dem man keine Angst mehr haben muss. Wie schön wäre so ein Ort.

Der Herr Kaplan brauchte bei mir wohl ein wenig, bis er aus meinem Gestotter ganz klug wurde, jedenfalls verstand er dann irgendwann, dass ich mir oft nicht sicher bin, wie schwer meine Sünden sind; dass ich lange über derartige Fragen nachgrüble; dass ich z. B. Angst habe, dass es eine Sünde ist, wenn ich etwas nicht gleich und sofort beichten gehe und mich dann vor dem Beichten wiederum verkrampfe und Bauchschmerzen bekomme; dass ich Angst habe, Dinge falsch zu machen, nicht genug zu tun, vor Gott nicht zu genügen; dass ich manchmal Angst habe, in die Hölle zu kommen.

Zuerst sagte er mir dann eine sehr wichtige Sache, die ich eigentlich schon oft genug gehört und über die ich selber schon öfter geschrieben habe (das täglich Darandenken ist so eine Sache) : Wir werden nie genügen können; wir können nie genug leisten; wir können uns nicht den Himmel erarbeiten. Alles ist Gnade. Auch die Beichte, d. h. die Absolution in der Beichte (die theoretisch vom Priester übrigens sogar verweigert werden könnte, unter gewissen, seltenen Umständen). Gott schuldet uns keine Vergebung, wenn wir diese und jene Regeln genau erfüllen (Vergebung, auch menschliche Vergebung, ist immer etwas Ungeschuldetes); Er will sie uns schenken und hat uns dafür einen Weg gezeigt. Es ist schon vom Ansatz her völlig falsch, mit diesem Leistungsdenken an die Sache heranzugehen. Wir müssen nicht denken „Wenn ich das und das tue, muss Gott mich doch mögen“; nein – Gott liebt uns, ohne dass wir irgendetwas getan hätten, und trotz allem, was wir tun.* Ja, wir sollen auch auf Seine Liebe antworten, aber wir müssen weg von diesem Leistungsdenken. Wir werden niemals vollkommen sein, und man kann Liebe nicht verdienen. Gott stellt uns auch keine unerfüllbaren Aufgaben; einfach mal platt gesagt, es genügt, ein gewisses Mindestmaß an Reue für seine Sünden zu haben (was für uns Katholiken bei Gelegenheit dann auch einschließt, sie zu beichten), und sich nicht mehr durch eine schwere Sünde von Gott abzuschneiden, um zu Ihm zu kommen (bzw. wenn doch, diese dann wieder zu bereuen, etc. etc.).

Nebenbei machte er mir dann noch klar, dass vorgeschrieben nur die einmal jährliche Beichte sei, es also keine Sünde wäre, nur so oft beichten zu gehen (meine letzte Beichte ist übrigens noch lange kein Jahr her; ach ja, noch eine Anmerkung für alle eventuell hier mitlesenden Skrupulaten: Der Vorsatz, beichten zu gehen, ist vor Gott übrigens auch was wert; Er wird uns nicht böse sein, wenn wir z. B. zufällig sterben sollten, ehe wir die Gelegenheit hatten, eine schwere Sünde (falls wir denn schwere Sünden auf dem Gewissen haben) zu beichten – gilt ja analog z. B. auch für die sog. „Begierdetaufe“). Etwas anderes, was ich noch sehr gut fand, war, dass er auch kurz das Thema Psychotherapie ansprach, in Bezug auf das es ja in Deutschland immer noch viele Vorurteile gebe.

Dann fragte er mich noch etwas: Wie es denn bei mir mit dem Beten so gehe? Na ja, ich würde eben so das Vaterunser beten, und für meine Familie etc. beten, und so. Daraufhin riet er mir, im Gebet auch mal etwas anderes zu versuchen: Mich einfach von Gott lieben zu lassen. Einfach vor Gott da zu sein, jeden Tag eine Viertelstunde lang, mir vorzustellen, bei Ihm zu sein; und mich von Ihm lieben zu lassen.

Gefühlsmäßig… kommt mir so etwas manchmal beinahe anmaßend vor. Einfach davon auszugehen, dass Gott mich liebt? Dass ich bei Ihm sein kann, ruhig eine Viertelstunde vor Ihm sitzen kann, ohne etwas beteuern oder bereuen oder erbitten oder bedanken zu müssen, ohne Angst zu haben, sondern einfach nur bei Ihm sein und von Ihm geliebt werden könnte? Einfach nur ruhig da sein könnte, ohne viel zu besprechen, oder auch, Ihm auf ehrliche Weise meine Ängste und meine Bitterkeit anzuvertrauen könnte? Was, wenn… ich weiß nicht, wenn da irgendeine unerkannte Schuld noch da ist, wenn ich eigentlich noch so vieles andere falsch gemacht habe und es mir vielleicht unbewusst nicht eingestehen will, ein verkleideter innerlicher Hochmut oder etwas in der Art, und ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass Gott einfach so mit mir zufrieden ist…

Stop jetzt.

Gott liebt uns; wir sind doch Seine Kinder. Paulus schreibt: „Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden.“ (Römer 8,15-17)

Am Palmsonntag haben wir unseren König in Seiner Stadt begrüßt. Aber wir sind nicht eigentlich die Untertanen oder Dienstboten dieses Königs; nein, wir sind Seine Kinder, Königskinder. Gott liebt mich; ich bin Seine Tochter, Seine Prinzessin.

Jesu Einzug in Jerusalem und Sein Leiden einige Tage später lesen sich in gewissem Sinne wie eine durchgängige Parodie auf die Zeremonien von Königen und Kaisern (man denke gerade an die römischen Kaiser dieser Zeit) : Der Einzug auf einem Esel, einem dreckigen Lasttier der Armen, statt auf einem Streitross, mit einem Gefolge von Gruppen seiner Jünger, unter dem Jubel der Stadtbevölkerung, aber ohne Kriegsmacht, ohne Soldaten, Sklaven und Gefangene, und unter den missbilligenden Blicken der Obrigkeit und der intellektuellen Eliten (vgl. Lukas 19,39). Als König verworfen, verspottet, und zum Tod verurteilt. „Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf.“ (Matthäus 27,27-30)

Ein König mit Dornenkrone und Kreuzesthron, über dessen Kopf bei Seinem Tod eine Tafel proklamiert: Jesus von Nazareth, der König der Juden. „Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ (Johannes 19,21f.)

Dieser König ist ein wahrer König, aber ein König des Leidens, ein König der Liebe; Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist ein König des Friedens, der auf einem Esel und mit Palmzweigen zu Seiner Begrüßung in Jerusalem, der Stadt des Friedens, einzieht; kein Fürst, vor dem wir uns fürchten müssten.

 

* (Ja, liebe Lutheraner, wir brauchen keinen Luther, um „Werkgerechtigkeit“ anzuprangern. Das können konservativ-katholische Kleriker ganz genauso; das ist der Standard dessen, was in den Dogmatiklehrbüchern steht und was man einer Skrupulantin predigt.)

 

Die Frage „Sind Religionen gut oder schlecht?“…

…macht in etwa so viel Sinn wie die Frage „Sind politische Parteien gut oder schlecht?“.

Mit schöner Regelmäßigkeit kommt nach islamistischen Anschlägen oder bei Diskussionen um ein Burkaverbot oder auch ohne näheren Anlass von anti-theistischer* Seite die Behauptung auf, Religionen seien einfach alle problematisch und sie alle hätten zumindest in der Öffentlichkeit nichts verloren – als „Privatsache“ könne man sie ja evtl. noch dulden, aber mehr bitte schön nicht.

Hier sind mehrere blödsinnige Vorstellungen vorhanden; aber eine, die sofort ins Auge sticht, ist natürlich diese – geben wir der Sache mal einfach einen positiv klingenden Namen – Gleichsetzung aller Religionen.

Sorry, aber: Das funktioniert einfach nicht. Die Azteken opferten am laufenden Band Menschen und führten sogar eigene Kriege, um genügend Gefangene für ihre Zeremonien zusammenzubekommen, da sie glaubten, dass die Götter von menschlichem Blut ernährt werden müssten und die Sonne nicht mehr aufgehen würde, wenn die Opfer aufhörten. Das war auch eine Religion. Scientology ist auch eine „Religion“, und auch deren Praktiken sind, na ja, ähm… nicht immer sauber. Die paar Dutzend Mitglieder der US-amerikanischen Westboro Baptist Church stehen bei Soldatenbegräbnissen und vor Gebäuden anderer Religionen mit Schildern wie „Gott hasst Schwuchteln“, „Gott hasst Amerika“, „Priester vergewaltigen Kinder“, „Israel ist verdammt“ oder „Gott hasst Oklahoma“ herum, und darin besteht ihre Verkündigung und Glaubenspraxis. 900 Mitglieder der Gruppierung „Peoples Temple“ töteten sich 1978 auf Anweisung ihres Gurus. Und es gibt eben andere Religionen, die tun so etwas nicht, sondern tun vielleicht sogar ab und zu mal Gutes, auch wenn sich das manche Leute kaum vorstellen zu können scheinen.

Die Evangelikalen nicht dasselbe wie die Zeugen Jehovas, und Voodoo ist nicht dasselbe wie Konfuzianismus, und Buddhismus ist nicht dasselbe wie Mormonentum, und Salafismus ist nicht dasselbe wie Katholizismus. Sollte eigentlich nicht allzu schwer zu verstehen sein.

Okay, ich denke, wir sind uns mal alle einig (Hand hoch, wer es anders sieht), dass ein Staat, in dem verschiedene religiöse Gruppen zusammenleben, diesen nicht vorzuschreiben hat, irgendeine bestimmte Religion anzunehmen. Aber die Religionsfreiheit ist, wie alle Rechte, auch kein grenzenloses Recht. Sie gilt so lange, wie die Leute die grundsätzlichen Regeln eines friedlichen Zusammenlebens achten, und ja, das kann auch heißen, dass ein Staat im Rahmen der Religionsfreiheit den größten Schmarrn tolerieren muss (ich betone: muss), weil er nicht die Regeln des Zusammenlebens gefährdet, aber manchmal gilt sie eben nicht mehr. Zum Beispiel dann, wenn man im Namen seiner Religion Terroranschläge verüben, abgefallene Gläubige oder unkeusche weibliche Familienmitglieder töten, Schariagerichte einführen oder für den Dschihad werben will.

Wie gesagt, das ist ein bisschen wie bei politischen Parteien. Ich kann die SPD nicht leiden, aber sie bewegt sich noch immer im Rahmen des Erlaubten – ähnlich wie im religiösen Bereich vielleicht, sagen wir mal, die EKD. In diesem Rahmen bewegen sich sehr viele Parteien – CDU, CSU, FDP, ÖDP, Freie Wähler, Grüne, was es sonst noch so gibt. Natürlich kann man als Wähler der Meinung sein, dass nur eine dieser Parteien die beste Lösung für die Probleme im Land bietet, ebenso wie man als religiöser Mensch der Meinung sein wird, dass nur seine eigene Gemeinschaft die Wahrheit verkündet; aber deswegen kann man die anderen trotzdem noch dulden. Dann gibt es so „Randfälle“ wie die Nachfolgepartei der SED oder die Reichsbürgerbewegung (keine Partei, ich weiß, aber trotzdem ein guter Vergleich aus dem säkularen Bereich) – vergleichbar mit Mehr-oder-weniger-Sekten wie den Zeugen Jehovas oder richtigen Sekten wie den Zwölf Stämmen oder Scientology, vor denen Sektenberatungsstellen warnen und gegen die der Staat evtl. mal mit einzelnen Maßnahmen (Kindesentzug, Maßnahmen gegen Beamte oder Angestellte im Öffentlichen Dienst, die sich diesen Gruppierungen angeschlossen haben) vorgeht, die er aber nicht ganz verbieten kann und will. Dann gibt es klar verfassungsfeindliche Parteien wie die NPD (für deren ausbleibendes Verbot das Bundesverfassungsgericht eine meiner Meinung nach sehr seltsame und nicht stichhaltige Begründung geliefert hat); im religiösen Bereich vergleichbar mit gewaltbereiten Dschihadisten.

Die SPD ist nicht dasselbe wie die NSdAP, die Republikaner sind nicht dasselbe wie die KPdSU, der Front National ist nicht dasselbe wie die Grünen, die CSU ist nicht dasselbe wie die Piratenpartei. Sollte eigentlich auch klar sein.

Was nun speziell den Islam angeht, da wir von ihm als Beispiel ausgegangen sind: Der ist natürlich wie das Christentum in ganz verschiedene Konfessionen und Fraktionen gespalten, und jede muss für sich betrachtet werden; aber ich denke, es ist trotzdem unschwer zu erkennen, dass er schon problematischer sein könnte als eben – beispielsweise – das Christentum. (Oder das Judentum, oder der Konfuzianismus, oder der Taoismus…) Um das zu beurteilen, würde ich erst einmal alle späteren Entwicklungen und Streitigkeiten und Abspaltungen außer Acht lassen und ganz einfach auf die Gründer dieser beiden Weltreligionen schauen. Da könnte man sich zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  1. Wie viele Kriege hat Jesus geführt?
  2. Wie viele Stämme hat Jesus massakrieren (Männer) bzw. versklaven (Frauen und Kinder) lassen?
  3. Wie viele Sklavinnen hatte Jesus?
  4. Mit wie vielen Kindern hatte Jesus Geschlechtsverkehr?

Wenn man mittlerweile vor Empörung aufhören will, zu lesen, weil die Fragen schon zu blasphemisch klingen, dann Gratulation! Wir haben erfolgreich einige Dinge herausgefunden, in denen sich Jesus von Nazareth von Mohammed – und ja, dem Mohammed der islamischen Geschichtsschreibung, der Hadithen und des Korans – unterscheidet.** Also, ja, ich würde sagen, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Christentum besser ist als der Islam.

Nun noch zur generellen Frage: Sollen Religionen „Privatsache“ sein? Nein, natürlich sollen sie das nicht! Jede Überzeugung [die sich innerhalb des oben umrissenen Rahmens befindet] darf ja wohl bitte schön auch zu gesellschaftlichem Engagement führen und muss nicht im stillen Kämmerlein verborgen werden. Ist Vegetarismus „Privatsache“? Ist der Glaube an „aufklärerische Werte“ [dem Mythos „Aufklärung“ muss ich übrigens dringend mal noch ein paar eigene Beiträge widmen] „Privatsache“? Sind sogar so blödsinnige Überzeugungen wie die von Impfgegnern oder Homöopathen Privatsache? Nein, natürlich nicht; jeder dieser Leute hat das Recht, für sie in der Öffentlichkeit einzutreten.

Auch Anti-Religiöse, die dafür eintreten, alle religiösen Äußerungen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, haben dieses Recht übrigens. Wobei man bei ihnen natürlich schon irgendwann fragen dürfte, wo evtl. die Grenze zur verfassungsfeindlichen Forderung nach unzulässiger Beschränkung der Meinungs- und Glaubensfreiheit überschritten werden könnte…

 

* Ich habe bewusst dieses Wort verwendet, da Anti-Theismus nicht deckungsgleich mit Atheismus ist; nicht alle Atheisten sind Anti-Theisten.

** (Für weitere Informationen, s. z. B. hier: 1. https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed, 2. https://de.wikipedia.org/wiki/Banu_Quraiza, 3. https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_al-Qibtiyya, 4. https://de.wikipedia.org/wiki/Aischa_bint_Abi_Bakr )

 

Schon wieder

Schon wieder sind in Ägypten Kirchen angegriffen worden. Am Palmsonntag, wo sie voll waren. Viele Tote, viele Verletzte. (https://www.welt.de/politik/ausland/article163547379/IS-bekennt-sich-zu-Bombenexplosionen-in-zwei-Kirchen.html) Wir bedanken uns bei der Religion des Friedens.

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Und hilf den verletzten Opfern, und den trauernden Familien. Hilf, dass dieser Terror ein Ende findet.