Reihe: Die allumfassende Kirche

Inhalt

Teil 1: Geht zu allen Völkern

Teil 2: Die Gemeinschaft der Heiligen

Teil 3: Die Kulturen und das Gute und das Böse

Nachtrag zu Teil 3: Ein kleiner Gastbeitrag zum Thema Religion & Kultur von Kardinal Ratzinger

Teil 4: Alles zur größeren Ehre Gottes

Teil 5: Die Kirche und die Vernunft

Nachtrag zu Teil 5: Ein Gastbeitrag zu Skeptizismus, Materialismus und begrenzten Unendlichkeiten von Mr. Chesterton

Teil 6: Sein oder Nichtsein – Katholizismus, Buddhismus und Malthusianismus

Teil 7: Die Unvollständigkeiten der Ketzer

Teil 8: Kirche der Sünder und Heiligen

Teil 9: Alles hat seine Stunde

Teil 10: Vielfalt und Einheit. Ein paar abschließende Bemerkungen

 

Teil 1: Geht zu allen Völkern

Das griechische Wort „katholikos“, eingedeutscht katholisch, bedeutet „allumfassend“, auf Latein „universal“. Das mag seltsam erscheinen angesichts der Tatsache, dass die katholische Kirche im Allgemeinen als eine eher engstirnige Religionsgemeinschaft verschrien ist, die wiederverheiratete Geschiedene von der Kommunion ausschließt (!!!), immer noch (!!!) die Abendmahlsgemeinschaft mit den Protestanten ablehnt und im Allgemeinen kaum dem Zeitalter der Inquisition zu entkommen sein scheint, die ja nun wirklich alles abschlachtete, was nicht in ihr enges Weltbild passte. So weit, so falsch.

Kommen wir im ersten Teil dieser Reihe erst einmal zur Herkunft des Begriffs „katholisch“. Er erscheint (u. a.) schon im Glaubensbekenntnis des Konzils von Nicäa (325 n. Chr.) – das wir heute noch in jedem Gottesdienst sprechen – als Merkmal der Kirche. „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen“ usw. (Einige Protestanten haben daraus „heilige christliche Kirche“ gemacht, aber manche beten es auch noch im Original, und identifizieren dabei lediglich die katholische – universale – Kirche von damals nicht mit der katholischen Kirche von heute. Wir werden stattdessen zur „römischen Kirche“ deklariert.) In der erweiterten Version des Konzils von Konstantinopel 381 n. Chr., dem Nicäno-Konstantinopolitanum (man darf auch einfach Großes Glaubensbekenntnis dazu sagen), werden weitere Merkmale der Kirche genannt: Sie ist die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Eins: Denn Jesus hat eine einzige Kirche für die Seinen gestiftet; erst im Lauf der Zeit haben sich gegen seinen Willen einige Gruppen von ihr abgespalten, darunter z. B. Marcioniten, Arianer, Donatisten und andere verschwundene Sekten ebenso wie Kopten, Russisch-Orthodoxe, Lutheraner, Calvinisten, Baptisten oder Mennoniten. Heilig: Nicht weil alle Christen sich so vorbildlich aufführen, sondern weil die Kirche durch ihren Gründer geheiligt ist. Apostolisch: Weil sie auf die Apostel zurückgeht, deren Nachfolger die Bischöfe sind, eingesetzt durch eine ununterbrochene Kette von Handauflegungen, d. h. Weihen. Katholisch, also universal: Weil sie die Gläubigen aller Völkern zusammenführt.

Das ist die ursprüngliche und hauptsächliche Bedeutung: Eine Kirche aller Völker und Nationen. Während im Alten Bund die Juden auf besondere Weise erwählt waren, wurde der neue Bund auf alle Völker ausgedehnt: Es zählte nicht mehr, ob man der Herkunft nach Jude, Grieche, Römer, Armenier, Äthiopier oder Alemanne war; was zählte, war nur die Zugehörigkeit zu Christus durch die Taufe. Das Heil kommt von den Juden, wie Jesus sagt (Johannes 4,22), aber es geht von ihnen aus zu allen Völkern. Schon im Alten Testament wurde diese Universalität von den Propheten angekündigt: „Ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken und komme, um die Völker aller Sprachen zusammenzurufen, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den übrigen Völkern: nach Tarschisch, Pul und Lud, Meschech und Rosch, Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, die noch nichts von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkünden. Sie werden aus allen Völkern eure Brüder als Opfergabe für den Herrn herbeiholen auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren, her zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem, spricht der Herr, so wie die Söhne Israels ihr Opfer in reinen Gefäßen zum Haus des Herrn bringen. Und auch aus ihnen werde ich Männer als Priester und Leviten auswählen, spricht der Herr.“ (Jesaja 66,18-21) „Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. So spricht der Herr, der Befreier Israels, sein Heiliger, zu dem tief verachteten Mann, dem Abscheu der Leute, dem Knecht der Tyrannen: Könige werden es sehen und sich erheben, Fürsten werfen sich nieder, um des Herrn willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.“ (Jesaja 49,6-7, aus dem „Zweiten Lied vom Gottesknecht“) Eine erste Erfüllung all dieser Prophezeiungen sehen wir archetypisch in den heidnischen Weisen aus dem Morgenland, die kamen, um das Jesuskind zu sehen, und die in der späteren Tradition nicht nur zu Königen, sondern auch zu Vertretern der drei bekannten Erdteile gemacht wurden: Asien, Afrika und Europa. Mit den Heiligen Drei Königen kommt die ganze Welt zum Gott Israels. Jesus trug seinen Aposteln auf: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ (Matthäus 28,19) Und Petrus erkannte: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apostelgeschichte 10,34-35)

Diese Universalität ist die ganze Kirchengeschichte über geblieben, und man sieht sie wunderbar, wenn man sich einfach mal irgendein Foto vom Weltjugendtag anschaut. Alle schwenken dort ihre Fahnen, alle kommen aus ihren Ländern und bringen ihre Kulturen mit, aber alle kommen im selben Glauben zusammen, der ihre Länder und Kulturen überschreitet. Ich konnte leider =((( nicht dabei sein und die Abschlussmesse auf dem Campus Misericordiae nur am Fernseher verfolgen, aber auch so war es ein wahnsinnig toller Eindruck: Zwei Millionen Menschen von überall auf der Welt, die in Polen unter einem in Rom residierenden Argentinier zusammenkommen, um den Glauben an den jüdischen Messias zu feiern, und sich am Ende schon auf ihr nächstes Treffen in Panama freuen. Dasselbe Mischmasch kann man auch in Rom oder Lourdes oder Santiago de Compostela sehen; eben an allen für die katholische Kirche bedeutsamen Orten. Ihr Glaube ist eben universal.

Es ist ganz logisch, dass die katholische Minderheit im Deutschen Reich des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, dieser Hochphase des Nationalismus, so unbeliebt war; sie galt vor allem Reichskanzler Bismarck als national unzuverlässig, als „ultramontan“ (lateinisch: ultra montes = über die Berge), da sie einen ausländischen Potentaten jenseits der Alpen als Oberhaupt (eigentlich stellvertretendes Oberhaupt, s. hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/die-stellvertreter-denethor-und-faramir/…) anerkannte, der sich 1870 beim Ersten Vatikanischen Konzil jetzt auch noch als unfehlbar deklarieren ließ. Bismarcks Maßnahmen (u. a.): Der Staat hat die Ausbildung der Amtsträger dieser staatsgefährdenden religiösen Fundamentalisten zu regeln und zu überwachen; der Einfluss auf die deutschen Schulen wird ihnen genommen; wer von ihren Geistlichen mit seinen Predigten die öffentliche Ordnung stört, kommt in Festungshaft. Antikatholizismus war damals in Deutschland/Preußen übrigens nicht nur eine Sache der staatlichen Obrigkeit, sondern galt beinahe als gesellschaftlicher Grundkonsens; antikatholische Vorurteile wurden nicht nur in Schauerromanen à la Dan Brown verbreitet (eine sehr schöne Erläuterung eines Beispiels findet sich hier: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2016/04/der-seltsame-fall-der-eingekerkerten.html), sondern führten in einzelnen Fällen auch zu konkreter Gewalt (https://de.wikipedia.org/wiki/Moabiter_Klostersturm). Die Jesuiten galten im Lauf ihrer Geschichte den meisten Staaten als besonders suspekt – weshalb sie auch irgendwann aus den meisten Staaten ausgewiesen wurden, nicht nur 1872 aus dem Deutschen Kaiserreich, sondern auch bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus den katholischen Königreichen Spanien, Frankreich und Portugal –, da sie als viertes Ordensgelübde besonderen Gehorsam dem Papst gegenüber schworen. Lauter ausländische Spione, nicht landestreu genug. Und was ist heute, wo der Nationalismus allgemein als iiihh-baaahh gilt? Oh, heute beschwert man sich über die indischen, afrikanischen und polnischen „Import-Priester“, die unseren Priestermangel auch nicht lösen könnten. (Klar. Wenn man nicht genügend Fachkräfte hat, kann es auf keinen Fall helfen, sie sich aus dem Ausland zu holen.) Wir brauchen schließlich keine Missionare aus solchen zurückgebliebenen Erdteilen, wir haben hier ja unser eigenes Christentum.

In ziemlich vielen christlichen Ländern – in Frankreich, im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bzw. Deutschem Reich, in Österreich, in den spanischen Niederlanden (heute Belgien), in England usw. – gab es im Lauf der Geschichte mehr oder weniger konsequent durchgezogene Versuche, die Kirche unabhängiger, nationaler zu machen. Unbewusst oder bewusst stellte man immer die eigenen Gesetze, Bräuche und Gewohnheiten über das Verbindend-Menschliche; man vergaß oder ignorierte ganz einfach, dass, wenn man die Gleichheit aller Menschen annimmt, die wahre Religion für alle Menschen dieselbe sein muss, auch wenn sie sich in jeder Kultur anders ausdrücken kann und ausdrückt.

Während Frankreich jahrhundertelang mit nationalen Sonderrechten der französischen Kirche („gallikanischen Freiheiten“) flirtete, sich aber trotzdem bis zur Revolution, in deren noch nicht dezidiert antichristlicher Frühphase die Kleriker zu Staatsdienern mit Eid auf die Verfassung gemacht werden sollten, eigentlich nicht vom Papst lossagen wollte, war England – oder zumindest die Machthaber Englands in einer bestimmten Epoche – schon früh konsequent: Die Church of England wurde gegründet; schon ihrem Namen nach eine englische Nationalkirche, keine Kirche aller Völker und Sprachen. Wie unsinnig eine solche Idee ist, erkannte u. a. auch Robert Hugh Benson (1871-1914), ein anglikanischer Kleriker und Sohn des kürzlich verstorbenen anglikanischen Erzbischofs von Canterbury, als er sich im Jahr 1896 aus gesundheitlichen Gründen auf eine Reise nach Ägypten und ins Heilige Land begab:

First, I believe, my contentment with the Church of England suffered a certain shock by my perceiving what a very small and unimportant affair the Anglican Communion really was. There we were, travelling through France and Italy down to Venice, seeing in passing church after church whose worshippers knew nothing of us, or of our claims. I had often been abroad before, but never since I had formally identified myself with the official side of the Church of England. Now I looked at things through more professional eyes, and behold! we were nowhere. […] We arrived at Luxor at last, and found the usual hotel chaplain in possession; and I occasionally assisted him in the services. But it was all terribly isolated and provincial. […]

 This growing discomfort was brought to a point one day when I was riding in the village by myself and went, purely by a caprice, into the little Catholic church there. It stood among the mud-houses; there was no atmosphere of any European protection about it, and it had a singularly uninviting interior. There was in it a quantity of muslin and crimped paper and spangles. But I believe now that it was in there that for the first time anything resembling explicit Catholic faith stirred itself within me. The church was so obviously a part of the village life; it was on a level with the Arab houses; it was open; it was exactly like every other Catholic church, apart from its artistic shortcomings. It was not in the least an appendage to European life, carried about (like an India rubber bath), for the sake of personal comfort and the sense of familiarity. […] A national church seemed a poor affair abroad. […]

 As I came back alone through Jerusalem and the Holy Land, my discomfort increased. Here again, in the birthplace of Christendom, we seemed less than nothing. […]

 In all the churches it was the same. Every eastern heretical and schismatical sect imaginable took its turn at the altar of the Holy Sepulchre, for each had at least the respectability of some centuries behind it, – some sort of historical continuity. I saw strange, uncough rites in Bethlehem. But the Anglican Church, which I had been accustomed to think of as the sound core of a rotten tree, this had no privileges anywhere; it was as if it did not exist; or, rather, it was recognised and treated by the rest of Christendom purely as a Protestant sect of recent origin.”

(Als erstes, denke ich, erlitt meine Zufriedenheit mit der Kirche von England einen gewissen Schock, als ich wahrnahm, was für eine kleine und unwichtige Sache die anglikanische Gemeinschaft wirklich war. Da waren wir, auf der Reise durch Frankreich und Italien hinunter nach Venedig, und sahen dabei Kirche um Kirche, deren Gläubige nichts von uns wussten, oder von unseren Ansprüchen. Ich war vorher oft im Ausland gewesen, aber nie, seitdem ich mich förmlich mit der offiziellen Seite der Kirche von England identifiziert hatte. Nun betrachtete ich die Dinge mit professionelleren Augen und siehe! wir waren nirgends. […] Wir kamen schließlich in Luxor an, und fanden den üblichen Hotelkaplan zur Stelle; und ich assistierte ihm gelegentlich in den Gottesdiensten. Aber es war alles furchtbar isoliert und provinziell. […]

Dieses wachsende Unbehagen wurde eines Tages zu einem Höhepunkt gebracht, als ich allein durch das Dorf ritt und, rein aus einer Laune heraus, in die kleine katholische Kirche dort ging. Sie stand zwischen den Lehmhäusern; da war keine Atmosphäre irgendeines europäischen Schutzes an ihr, und sie hatte ein einzigartiges uneinladendes Inneres. Da war eine Menge Musselin und Krüll und Flitter. Aber ich glaube jetzt, dass es dort drinnen war, dass zum ersten Mal etwas, das ausdrücklich katholischem Glauben ähnelte, sich in mir regte. Die Kirche war so offensichtlich ein Teil des Dorflebens; sie war auf einer Höhe mit den arabischen Häusern; sie war offen; sie war genau wie jede andere katholische Kirche, abgesehen von ihren künstlerischen Mängeln. Sie war nicht im geringsten ein Anhängsel an das europäische Leben, das man (wie eine ausklappbare Badewanne aus Gummi) zum Zweck des persönlichen Komforts und des Gefühls der Vertrautheit mit sich herumträgt. […] Eine Nationalkirche schien im Ausland eine armselige Sache zu sein. […]

 Als ich allein über Jerusalem und das Heilige Land zurückkehrte, wurde mein Unbehagen größer. Hier wieder, an der Geburtsstätte des Christentum, schienen wir weniger als nichts. […]

 In allen Kirchen war es das Gleiche. Jede vorstellbare östliche häretische und schismatische Sekte kam am Altar der Grabeskirche an die Reihe, denn jede hatte zumindest die Achtbarkeit einiger Jahrhunderte hinter sich – irgendeine Art von historischer Kontinuität. Ich sah seltsame, grobe Riten in Bethlehem. Aber die Anglikanische Kirche, von der ich gewohnt gewesen war, sie mir als den gesunden Kern eines verrotteten Baumes vorzustellen, diese hatte nirgendwo Privilegien; es war, als existierte sie nicht; oder, eher, sie wurde vom Rest der Christenheit erkannt als und behandelt wie eine reine protestantische Sekte neueren Ursprungs.“)

Diese Zeilen wurden einige Jahre nach diesen Erlebnissen in einem Buch mit dem Titel „Confessions of a convert“ (Bekenntnisse eines Konvertiten) geschrieben, nachdem Benson zur katholischen Kirche übergetreten und zum katholischen Priester geweiht worden war. (Er wurde übrigens einer der bekanntesten katholischen Schriftsteller seiner Zeit, und Papst Franziskus hat einen seiner Romane („Der Herr der Welt“) einmal in einer Predigt empfohlen. Das nur nebenbei.)

In der Tat: Eine Nationalkirche scheint im Ausland eine armselige Sache zu sein. Und doch tappen wir heutzutage oft in genau diese Falle, die Nation höher zu bewerten als die Religion; nur heißt es bei uns inzwischen nicht offiziell „unsere Nation“, sondern „unsere Grundwerte“, oder „unsere Verfassung“ oder „unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung“ oder „unsere aufgeklärte Gesellschaftsordnung“. Vor kurzem erst war ganz Deutschland geschockt darüber, dass für die Hälfte der Türken, ja, ja, Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (oder waren’s die Muslime allgemein? Ach, keine Ahnung), die Regeln der Religion über dem Grundgesetz stehen. Wieso eigentlich? Was ist schlimm daran, wenn die Gesetze des Gottes, der die ganze Welt erschaffen hat, einem Menschen mehr bedeuten als die Gesetze, die sich vor ein paar Jahrzehnten ein paar Männer in irgendeinem kleinen Teil der Erde ausgedacht haben, in dem er nun mal zufällig lebt? Auch für mich als Katholikin ist Gott wichtiger als deutsche Gesetze. Die meisten jetzigen deutschen Gesetze sind meiner Meinung nach zufällig ganz gut (offensichtliche Ausnahmen gibt es), aber spekulieren wir mal, wenn ein zukünftiges Gesetz mir verbieten wollen würde, dem Gesetz meiner Religion zu folgen, sonntags in die Messe zu gehen – na ja, dann wäre für mich ziemlich klar, welchem Gesetz ich folgen würde und welchem nicht. Wieso sollte es also eine Muslima beeindrucken, wenn ein Gesetz ihr das Tragen eines Kopftuchs oder eines Burkini verbieten will? Das Gewissen des Einzelnen darf sich gar nicht nur auf menschengemachte Gesetze berufen – und jede Verfassung ist ein menschengemachtes Gesetz – sondern es muss auf die ewiggültigen Regeln schauen, von denen die obersten (im Christentum zumindest) Gottes- und Nächstenliebe sind. Sicher hält man die Gesetze normalerweise ein, vor allem wenn sie einigermaßen im Einklang mit den moralischen Regeln stehen oder ihnen zumindest nicht völlig zuwiderlaufen, aber wenn es zu einem wirklichen Konflikt zwischen Gewissen und Gesetz kommt, dann hat man das Gewissen zu wählen. Deshalb sind Franz Jägerstätter oder Franz Reinisch in der Nazizeit als Militärdienstverweigerer hingerichtet worden: Weil diese beiden Christen (Reinisch war übrigens Priester) ihrem Gewissen, ihrer Religion mehr gehorcht haben als den staatlichen Gesetzen. Es ist wohl kein Zufall, dass die einzige christliche Gruppe der deutschen Geschichte, die sich den Titel „deutsche Christen“ gab, eine Gruppe war, die innerhalb der evangelischen Kirche die Naziideologie durchsetzen wollte.

Wir von der katholischen Kirche sind keine deutschen oder englischen oder französischen Christen. Wir sind katholische, d. h. universale, Christen. Punkt.

 

Teil 2: Die Gemeinschaft der Heiligen

Im ersten Teil ging es um eine erste Bedeutung der Katholizität der Kirche (katholisch, altgriechisch katholikos, bedeutet, wie gesagt, allumfassend): Sie ist universal in Bezug auf Länder, Völker und Nationen. Sie ist es aber auch – und das ist mindestens ebenso wichtig – in Bezug auf Epochen und Zeiten.

Es ist Unsinn, von der Kirche zu fordern, sie solle sich einer bestimmten Zeit (zum Beispiel der, die jetzt gerade da ist) anpassen; dadurch würde sie ihre Universalität aufgeben. Petrus und Paulus, Athanasius von Alexandria und Benedikt von Nursia, Hildegard von Bingen und Katharina von Siena, Thomas Morus und Kateri Tekakwitha gehören ebenso zur katholischen Kirche wie Max Meier und Chantal Müller aus Obereischheim. Sicher verwirklicht sich der katholische Glaube in jeder Zeit und in jedem Menschen anders; aber er bleibt trotzdem immer im Kern gleich. Paulus schreibt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20) und „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8). Daraus folgt logisch, dass alle Christen aller Epochen etwas gemeinsam haben müssen – denn in uns allen lebt derselbe Christus.

C. S. Lewis (1898-1963), einer meiner Lieblingsschriftsteller, spricht in „Surprised by joy“ davon, dass er während seiner Zeit als Atheist unter einer Art von „chronologischem Snobismus“ litt, und in einem Essay, den ich leider gerade nicht finden kann, spricht er eine Art von verbreitetem chronologischem Provinzialismus an. Wir halten unsere Zeit für allen anderen überlegen – „mittelalterlich“ ist ein Synonym für „schlecht“ geworden –, haben aber gleichzeitig so gut wie keine Ahnung von diesen anderen Zeiten, vor allem davon, wie die Menschen in diesen anderen Zeiten gedacht haben und ob uns das etwas sagen könnte. Wir lesen nicht das, was sie damals geschrieben haben, sondern bestenfalls, was andere heute über sie schreiben; und das ist nichts anderes als chronologischer Provinzialismus, als denkerische Enge.

Diese allgemein übliche Verachtung der Vergangenheit betrifft nicht ausschließlich die christliche Vergangenheit. In längst vergangenen Tagen – selbst noch in Lewis’ Tagen – war es in höheren Schulen einmal üblich, Platon und Vergil zu lesen in der Annahme, dass die einem eventuell noch was zu sagen haben könnten. Heute kann man froh sein, wenn Neuntklässler aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung behalten, wann der Zweite Weltkrieg stattgefunden hat. (Ja, ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, die sich endlos darüber aufregen könnten, dass meine Generation dank der großartigen innovativen „entrümpelnden“ Lehrpläne unserer Kultusministerien kein historisches Wissen und im Übrigen auch nahezu keine Ahnung von Grammatik und Rechtschreibung mehr hat. Meistens habe ich zwar Besseres zu tun, aber gelegentlich muss man das mal sagen dürfen. So!) Und obwohl die antiken heidnischen Philosophen in Abgrenzung vom christlichen Erbe gerne mal öffentlich gelobt werden, sind die einzigen, die sie (wenn auch leider immer noch recht selten) tatsächlich lesen, meistens die Christen. Ich spreche aus Erfahrung: In den Altgriechischkursen an den Unis sitzen nun einfach so gut wie ausschließlich Theologiestudenten.

Selbst wenn ein Historiker heute mal Platon – oder vielleicht sogar einen christlichen Philosophen wie Boethius oder Thomas von Aquin – liest, dann selten mit der Frage im Hinterkopf: Hatte er Recht? Was hat mir das zu sagen?

Ich will schon wieder Lewis zitieren, der in seinen berühmten „Screwtape letters“ (deutsch: „Dienstanweisungen für einen Unterteufel“) den höhergestellten Teufel Screwtape an seinen Neffen Wormwood schreiben ließ:

Es mag nun erwidert werden, dass einige dieser zudringlichen menschlichen Schriftsteller, vorab Boethius, diese Geheimnis preisgegeben haben. Aber dank dem intellektuellen Klima, das uns in Westeuropa endlich zu schaffen gelungen ist, brauchst Du dich um diese Gefahr nicht groß zu sorgen. Nur die Gelehrten lesen alte Bücher. Wir aber haben diese Gelehrten so geschult, dass sie unter allen Menschen am wenigsten geeignet sind, sich die Weisheit aus den Büchern der Alten anzueignen. Wir haben das erreicht, indem wir ihnen „den geschichtswissenschaftlichen Standpunkt“ unauslöschlich eingeprägt haben. Der „geschichtswissenschaftliche Standtpunkt“ bedeutet kurz gefasst dies: Wenn ein Gelehrter irgendeiner Aussage eines früheren Autors begegnet, dann ist die eine Frage, die er nie stellen wird, die, ob sie wahr ist. Er fragt, wer den antiken Verfasser beeinflusst hat, wie diese Aussage mit dem übereinstimmt, was er in anderen Büchern sagt, und welche Entwicklungsphase des Schreibenden oder der allgemeinen Geschichte des Denkens erläutert wird und wieweit sie spätere Denker beeinflusst haben und wie oft sie falsch verstanden worden sind (besonders von den eigenen Kollegen des Gelehrten), welche Richtung die allgemeine Kritik in dieser Frage im Laufe der letzten zehn Jahre eingeschlagen hat und welches der „gegenwärtige Stand der Frage“ ist. Die Schriften des alten Verfassers als mögliche Quelle der Erkenntnis anzusehen, zu erwarten, dass das, was sie sagen, möglicherweise die eigenen Gedanken oder das eigene Handeln ändern könnte – das würde als äußerst einfältig abgewiesen.

G. K. Chesterton (1874-1936) hat Tradition einmal als „Demokratie für die Toten“ bezeichnet. Eine solche Art der Demokratie, in der auch die Toten Stimmrecht haben, macht natürlich dann besonderen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass die Toten noch leben. Die Christen vergangener Epochen gehören zur Kirche wie wir, und zwar aus dem einfachen Grund, dass zwar ihre Epochen vergangen sein mögen, aber sie nicht.

Im Credo bekennen wir unseren Glauben an die „Gemeinschaft der Heiligen“. Hier wird das Wort „Heilige“ im Sinn des Paulus verwendet, der seine Briefe mit „an die Heiligen in XYZ“ begann: Heilige – Geheiligte durch die Taufe und den Glauben – sind in diesem Sinne alle Christen. Wir bilden eine Gemeinschaft. Und zu der gehören nicht nur die Christen auf der Erde, sondern auch die, die bereits tot und bei Gott sind (= die im Himmel) bzw. vor ihrem endgültigen Eintritt in die Gemeinschaft mit Gott noch eine Läuterungszeit durchmachen (= die im Fegefeuer, lateinisch Purgatorium (Reinigungsort)). Deshalb beten wir zu denen im Himmel um Fürsprache, und leisten selber Fürsprache für die im Fegefeuer; bei denen auf der Erde geht beides, wir können für andere und andere für uns beten.

Für diese drei Bereiche der Kirche verwendete man klassischerweise die Begriffe:

  • ecclesia militans: streitende (d. h. kämpfende) Kirche (auf der Erde)
  • ecclesia patiens: leidende Kirche (im Fegefeuer) und
  • ecclesia triumphans: triumphierende Kirche (im Himmel“).

Im Moment sind wir noch bei der kämpfenden Kirche auf dem Schlachtfeld; aber wir hoffen darauf, mal zur siegreichen, triumphierenden Kirche im Angesicht Gottes zu gehören.

PS: Ja, „Kämpfen“ ist hier im übertragenen Sinne gemeint, wir Katholiken sind keine Gotteskrieger. Mit Kämpfen meinen die Christen traditionellerweise immer so was wie Kampf gegen die Sünde, das Schlechte in einem selber. Ja, auch das Schlechte da draußen in der Welt, aber anfangen muss man in sich selber, da gibt’s auch genug Schlechtes. Aus dem Gesagten folgt wohl logisch, dass die geeigneten Waffen in diesem Kampf wohl weder Feuer und Schwert, noch Sprengsatz und Maschinengewehr sind.

 

Teil 3: Die Kulturen und das Gute und das Böse

Allumfassend – griechisch katholikos –  ist die Kirche nicht nur in Bezug auf Raum und Zeit, sondern auch in noch anderer Hinsicht. Man könnte sie mit dem koboldgearbeiteten und basiliskengiftgetränkten Schwert Godric Gryffindors in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ vergleichen: Sie nimmt nur auf, was sie stärkt.

Goethe hat in „Faust I“ seinen Mephistopheles (also den Teufel) etwas polemisch über die Kirche sagen lassen (Mephisto paraphrasiert hier einen Pfarrer) „Die Kirche hat einen guten Magen, / Hat ganze Länder aufgefressen, / Und doch noch nie sich übergessen; / Die Kirch allein, meine lieben Frauen, / Kann ungerechtes Gut verdauen.“, und hat das auf ihre große Bereitschaft zur Annahme von Spenden bezogen, um es höflich zu formulieren. Aber in einer anderen Hinsicht ist dieser Satz ganz passend. Die Kirche kann aus jedem Land, aus jeder Kultur, aus jeder Kunst und jeder Wissenschaft alles aufnehmen, was gut und wahr und schön ist, so wie sie während der Völkerwanderung die Werke der antiken heidnischen Autoren wie Vergil, Cicero oder Homer in ihren Klöstern bewahrte und im Mittelalter die Philosophie des Aristoteles in die scholastische Theologie aufnahm. Sie wird ablehnen, was das Gute und Wahre und Schöne beeinträchtigt; die Kindesaussetzung bei den Römern und die Polygamie in Afrika ebenso wie die Blutrache bei den Germanen oder die Verheiratung von Kindern unter den Japanern oder die zweiten und dritten und vierten Ehen nach einer Scheidung bei den heutigen Europäern.

Viele Christen sahen in den vorchristlichen Mythen eine praeparatio evangelii, eine Vorbereitung für das Evangelium, weil darin schon gewisse Einsichten enthalten waren, und ebenso auch in der vorchristlichen Philosophie. Sokrates, Platon, Aristoteles, die Stoiker, Vergil, Cicero, Homer: Die Werke all dieser sind uns erhalten und bekannt und haben unsere Kultur beeinflusst, weil Kirchenväter wie Augustinus (Anhänger des Neuplatonismus), Scholastiker wie Thomas von Aquin (Aristoteles) oder die christlichen Humanisten und Künstler der Renaissance darin Gutes und Bewahrenswertes fanden, das in einer christlichen Kultur seinen Platz finden kann – vor allem in den Werken Vergils. Natürlich nicht alles. Es gibt z. B. auch bei Platons Sokrates-Dialogen manches, wo man sich denken kann, also ja, hm, das ist jetzt, ähm, eher nicht so toll (ich denke da z. B. an die leicht totalitären Elemente in der Politeia). Im 16. Jahrhundert waren die Jesuiten-Missionare in China ganz begeistert von Konfuzius.

Kurz gesagt: Die Kirche nimmt alle guten Früchte und entfernt nur die verfaulten Stellen.

Denn das Böse ist immer nur eine Verderbnis des Guten; es hat in sich keine eigenständige Existenz, kein eigenes Wesen.

„Man kann allein um der Güte willen gut sein“, schreibt C. S. Lewis in „Mere Christianity“, „aber beim Bösen geht das nicht. Wir können etwas Gutes tun, auch wenn uns nicht danach zumute ist und wir keinen Nutzen davon haben; einfach weil das Gute recht ist. Aber niemand hat je eine Grausamkeit begangen, einfach weil Grausamkeit schlecht ist, sondern vielmehr weil sie Vergnügen bereitet oder Nutzen bringt. Mit anderen Worten: Dem Bösen gelingt es nicht einmal, auf die gleiche Weise böse zu sein, wie das Gute gut ist. Das Gute ist sozusagen ‚es selbst’. Das Böse ist nur das verdorbene Gute. Und es muss zuerst etwas Gutes geben, ehe es verdorben werden kann. […]

 Noch einfacher ausgedrückt: Um schlecht zu sein, muss die Macht des Bösen existieren, muss sie Verstand und Willen besitzen. Existenz, Verstand und Wille aber sind an sich gut. Also muss sie diese von der Macht des Guten empfangen haben. Um überhaupt schlecht sein zu können, muss sie bei ihrem Widersacher borgen oder ihn sogar bestehlen.

 Verstehen wir jetzt, warum das Christentum schon immer behauptet hat, der Teufel sei ein gefallener Engel? Das ist kein Ammenmärchen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass das Böse ein Schmarotzer, nicht etwas Ursprüngliches ist.“

Das ist keine Verharmlosung des Bösen, ganz im Gegenteil: Zu behaupten, dass das Böse in sich eine Existenz hätte, hieße, es zu verharmlosen, indem man ihm einen legitimen Platz zugesteht. Das ist das Problem mit manchen Philosophien, die Gut und Böse als sich gegenseitig ergänzende notwendige Seiten des Lebens, als Yin und Yang sehen. Das Christentum ist da ganz anders. Das Böse ist einfach nur eine Perversion, das heißt wörtlich übersetzt eine Verdrehung des Guten, es ist eine Verschmutzung also muss es beseitigt werden, restlos, damit das Gute wieder in seinem Glanz erstrahlen kann.

 

Nachtrag zu Teil 3: Ein kleiner Gastbeitrag zum Thema Religion & Kultur von Kardinal Ratzinger

Ich möchte in diesem Nachtrag zu meinem letzten Artikel einige Gedanken unseres emeritierten Papstes Benedikt (damals noch Kardinal Ratzinger) zum Thema Glaube und Kultur zitieren. Er beschäftigt sich hier mit der Frage, wie Glaube und Kultur zusammenhängen, mit dem Begriff der Inkulturation, dem Thema, wie der Glaube eine eigene Kultur bildet und neue Kulturen aufnimmt, usw.:

„In allen bekannten geschichtlichen Kulturen ist Religion wesentliches Element der Kultur, ja, ihre bestimmende Mitte; sie ist es, die das Wertgefüge und damit das innere Ordnungssystem der Kulturen bestimmt. Wenn es aber so steht, erscheint Inkulturation des christlichen Glaubens in andere Kulturen nur um so schwieriger. Denn es ist nicht zu sehen, wie die mit der Religion verflochtene, in ihr webende und lebende Kultur sozusagen in eine andere Religion transplantiert werden könne, ohne dass beide dabei zugrunde gehen. Nimmt man aus einer Kultur die ihr eigene, sie zeugende Religion heraus, so beraubt man sie ihres Herzens; pflanzt man ihr ein neues Herz – das christliche – ein, so scheint es unausweichlich, dass der ihm nicht zugeordnete Organismus das fremde Organ abstößt. Ein positiver Ausgang scheint schwer vorstellbar. Sinnvoll kann sie eigentlich nur sein, wenn der christliche Glaube und die jeweilige andere Religion samt der aus ihr lebenden Kultur nicht in einem Verhältnis der schlechthinnigen Andersheit zueinander stehen, sondern eine innere Offenheit aufeinander hin in ihnen liegt, oder anders gesagt: wenn die Tendenz, aufeinander zuzugehen und sich zu vereinigen ohnedies in ihrem Wesen begründet ist. Inkulturation setzt also die potentielle Universalität jeder Kultur voraus. Sie setzt voraus, dass in allen das gleiche menschliche Wesen am Werk ist und dass in diesem eine gemeinsame Wahrheit des Menschseins lebt, die auf Vereinigung abzielt. […] Denn dasjenige an einer Kultur, was solche Öffnung und solchen Austausch ausschließt, ist zugleich das Unzulängliche an ihr, weil Ausschließung des anderen dem Menschen wesenswidrig ist. Die Höhe einer Kultur zeigt sich in ihrer Offenheit, in ihrer Fähigkeit, zu geben und zu empfangen, in ihrer Kraft, sich zu entwickeln, sich reinigen zu lassen und dadurch wahrheitsgemäßer, menschengemäßer zu werden.

 […]

 Als erstes müssen wir feststellen: Der Glaube selbst ist Kultur. Es gibt ihn nicht nackt, als bloße Religion. Einfach indem er dem Menschen sagt, wer er ist und wie er das Menschsein anfangen soll, schafft Glaube Kultur, ist er Kultur. […] Das bedeutet dann auch, dass er ein eigenes Subjekt ist: eine Lebens- und Kulturgemeinschaft, die wir „Volk Gottes“ nennen. […] Von den klassischen Kultursubjekten, die stammlich, völkisch oder sonst wie durch die Grenzen eines gemeinsamen Lebensbereiches definiert sind, weicht das Subjekt Volk Gottes dadurch ab, dass es in verschiedenen Kultursubjekten besteht, die ihrerseits dabei nicht aufhören, auch für den einzelnen Christen erstes und unmittelbares Subjekt seiner Kultur zu sein. Auch als Christ bleibt man Franzose oder Deutscher, Amerikaner oder Inder usw. In der vorchristlichen Welt, auch in den Hochkulturen Indiens, Chinas, Japans gilt die Identität und Untrennbarkeit des Kultursubjekts. Doppelte Zugehörigkeit ist im allgemeinen unmöglich, wobei freilich der Buddhismus eine Ausnahme bildet, der sich mit anderen Kultursubjekten sozusagen als deren innere Dimension verbinden kann. Aber in aller Konsequenz tritt die Doppelung erst im Christlichen auf, so dass der Mensch nun in zwei Kultursubjekten lebt: in seinem historischen und in dem neuen des Glaubens, die sich in ihm begegnen und durchdringen. Dieses Miteinander wird nie eine ganz fertige Synthese sein; es schließt die Notwendigkeit fortwährender Versöhnungs- und Reinigungsarbeit ein. Immer wieder muss die Überschreitung ins Ganze, ins Universale eingeübt werden, das nicht empirisches Volk, sondern eben Volk Gottes und daher der Raum aller Menschen ist. Immer wieder muss umgekehrt dieses Gemeinsame ins Eigene hereingeholt und am konkreten Ort der Geschichte gelebt oder auch gelitten werden.

 Aus dem Gesagten folgt etwas sehr Wichtiges. Man könnte meinen, dass die Kultur jeweils Sache des einzelnen Geschichtssubjektes (Deutschland, Frankreich, Amerika usw.) sei, während der Glaube erst auf der Suche nach kulturellem Ausdruck wäre. Die einzelnen Kulturen würden ihm sozusagen erst seinen kulturellen Körper zuteilen. […] Solches Denken ist im Grunde manichäisch: Es erniedrigt die Kultur zu bloßem, austauschbarem Körper; es verflüchtigt den Glauben in bloßen und letztlich wirklichkeitslosen Geist. Freilich ist eine solche Auffassung typisch für die nachaufklärerische Geisteshaltung. Kultur wird ins bloß Formale, Religion ins Ausdruckslose des bloßen Gefühls oder des reinen Gedankens verwiesen. […] Wenn Kultur mehr ist als bloße Form oder bloße Ästhetik, wenn sie vielmehr Ordnung von Werten in einer geschichtlichen Lebensgestalt ist und von der Frage nach dem Göttlichen gar nicht absehen kann, dann ist nicht daran vorbeizukommen, dass Kirche für den Gläubigen ein eigenes Kultursubjekt ist. […]

 Wenn es so steht, dann kann es in der Begegnung zwischen dem Glauben und seiner Kultur mit einer ihm bisher fremden Religion nicht darum gehen, diese Zweiheit der Kultursubjekte nach der einen oder nach der anderen Seite hin aufzulösen. Sowohl die Preisgabe des eigenen kulturellen Erbes zugunsten eines Christentums ohne konkrete menschliche Färbung wie das Verschwinden der eigenen kulturellen Physiognomie des Glaubens in der neuen Kultur wäre verfehlt. Gerade die Spannung ist fruchtbar, erneuert den Glauben und heilt die Kultur. […]

 Das alles trifft dann zu, wenn Jesus von Nazareth wirklich der menschgewordene Sinn der Geschichte, der Logos, das Sichzeigen der Wahrheit selber ist. Dann ist klar, dass diese Wahrheit der offene Raum ist, in dem alle zueinander finden können und nichts seinen eigenen Wert und seine eigene Würde verliert. An dieser Stelle setzt heute Kritik ein. Für die konkreten Glaubensaussagen einer Religion den Anspruch der Wahrheit zu erheben, erscheint heute nicht nur als Anmaßung, sondern als Zeichen mangelnder Aufklärung. Hans Kelsen hat den Geist unserer Epche ausgedrückt, wenn er den großen sittlichen und religiösen Problemen der Menschheit gegenüber für die Gestaltung der staatlichen Gemeinschaft die Pilatusfrage ‚Was ist Wahrheit?’ als einzig angemessene Haltung darstellt. Die Wahrheit ist durch den Mehrheitsentscheid ersetzt, so sagt er, eben weil es Wahrheit als gemeinsam verbindlich zugängliche Größe für den Menschen nicht geben könne. So wird die Vielheit der Kulturen zum Nachweis der Relativität aller. Kultur wird der Wahrheit entgegengestellt. […]

 Das Relativismusdogma wirkt aber auch noch in eine andere Richtung: Der in der Mission konkret vollzogene christliche Universalismus ist nicht mehr pflichtgemäße Weitergabe eines Gutes, das für alle bestimmt ist, der Wahrheit und der Liebe nämlich; die Mission wird unter dieser Voraussetzung zur blanken Anmaßung einer sich überlegen dünkenden Kultur, die schändlicherweise eine Vielzahl religiöser Kulturen zertreten und so den Völkern ihr Bestes, ihr Eigenes genommen hätte. […]

 Zumindest müsste man bei solchen Forderungen [nach der Wiederherstellung vorchristlicher religiöser Kulturen] sorgsam auf die einzelnen Religionen hinsehen, ob denn ihre Wiederherstellung wünschenswert sei. Wenn wir zum Beispiel daran denken, dass bei der Weihe des letzten Umbaus des Haupttempels der Azteken im Jahre 1487 ‚nach den geringsten Schätzungen in vier Tagen 20.000 Menschen auf den Altären Tenochtitlans’ (der Hauptstadt der Azteken im Hochtal von Mexiko) als Menschenopfer für den Sonnengott verbluteten, so wird es schwerfallen, die Wiederherstellung dieser Religion zu fordern. Solche Opferung geschah, weil die Sonne vom Blut menschlicher Herzen lebte und nur durch Menschenopfer der Untergang der Welt aufgehalten werden konnte. […] Dies ist gewiss ein extremes Beispiel, aber es zeigt immerhin, dass man nicht ohne weiteres in allen Religionen Wege Gottes zu den Menschen und des Menschen zu Gott sehen kann.

 Wir müssen aber die Frage grundsätzlicher anfassen. Kann man die Religionen überhaupt einfach so stehen lassen, sozusagen bei ihnen die Geschichte anhalten? Offenkundig ist, dass man nicht Menschen zu einer Art von religions- und kulturgeschichtlichem Naturschutzpark erklären kann, in den die Neuzeit nicht eindringen dürfte. Solche Versuche sind nicht nur unwürdig und im letzten menschenverachtend, sie sind auch völlig unrealistisch.

 […]

 An dieser Stelle liegen die großen Aufgaben des gegenwärtigen geschichtlichen Augenblicks. Zweifellos muss christliche Mission die Religionen in einer viel tieferen Weise verstehen und aufnehmen als bisher geschehen, aber umgekehrt bedürfen die Religionen, um in ihrem Besten weiterzuleben, der Anerkennung ihres eigenen adventlichen Charakters, der sie nach vorne, auf Christus verweist. […] Die Gemeinsamkeiten des Christentums mit den alten Kulturen der Menschheit sind größer als die Gemeinsamkeiten mit der relativistisch-rationalistischen Welt, die sich aus den tragenden Grunderkenntnissen der Menschheit gelöst hat und so den Menschen in ein Sinnvakuum verweist, das tödlich zu werden droht, wenn ihm nicht rechtzeitig Antwort wird. Denn quer durch die Kulturen geht das Wissen um die Verwiesenheit auf Gott und auf das Ewige; das Wissen um Sünde, Buße und Vergebung; das Wissen um Gottesgemeinschaft und ewiges Leben und schließlich das Wissen um die sittlichen Grundordnungen, wie sie im Dekalog Gestalt gefunden haben. Nicht der Relativismus wird bestätigt, sondern die Einheit des Menschseins und sein gemeinsames Angerührtsein von einer Wahrheit, die größer ist als wir.“

 

Teil 4: Alles zur größeren Ehre Gottes

Die katholische (=allumfassende) Kirche bekennt den Glauben, dass der von Ewigkeit existierende, allmächtige und allwissende Schöpfer des Universums vor zweitausend Jahren zuerst ein kleiner Zellklumpen im Bauch eines Teenagers wurde und dann in einer als Stall genutzten Höhle „in Windeln gewickelt in einer Krippe“ lag. Gott selber hat menschliche Natur angenommen und hat sich damit zu den Menschen heruntergebeugt, um sie zu sich emporzuziehen; er hat durch seine Menschwerdung alles Menschliche geheiligt. Und das heißt: Es gibt nichts in dieser Welt, das nicht, wenn es seiner Natur nach gebraucht wird, geheiligt werden, zur größeren Ehre Gottes gebraucht werden könnte.

„Alles zur größeren Ehre Gottes“ ist das Motto des Jesuitenordens. Dieser Orden trat in einer Zeit (dem 17. und 18. Jahrhundert), in der die rigorosen Jansenisten predigten, dass der Rückzug aus der Welt notwendig sei, um ein einigermaßen gottgefälliges christliches Leben führen zu können, dafür ein, die Welt nicht zu verlassen, sondern zu heiligen, d. h. Gottes Wirken in jeden einzelnen Lebensbereich strahlen zu lassen. (Sidenote: Es ist wahrscheinlich kein Wunder, dass gerade der Jesuitenorden uns so viele Astronomen und anderweitigen Naturwissenschaftler beschert hat. (Ja, Priester, die gleichzeitig Wissenschaftler sind, so was gibt’s, und früher gab’s das sogar gar nicht mal selten, siehe zum Beispiel hier: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Roman_Catholic_cleric-scientists; auch Georges Lemaîte beispielsweise, der die Urknalltheorie aufstellte, war Priester (allerdings kein Jesuit).))

Man hört von extremen Kirchengegnern immer mal wieder die Ansicht, Religion könne privat ja praktiziert werden, habe sich aber aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten. Nun ist diese Ansicht erstens einmal völlig unlogisch und freiheitsfeindlich; es gehört zum Wesen einer jeden Weltanschauung, dass sie nicht nur eine Frage des Gebets im stillen Kämmerlein ist, sondern sich auch im Handeln ausdrückt und eine Gesellschaft beeinflussen will; wenn sie es nicht täte, wäre das Heuchelei (practice what you preach und so); und wenn ein Staat das beschränken wollte, wäre es Unfreiheit – wie beispielsweise unter Queen Elizabeth I. Man konnte zu ihrer Zeit in England so ganz privat und heimlich schon an die katholische Lehre glauben, aber wenn man nicht in die anglikanische Kirche ging, musste man eben Strafe zahlen, und wenn man einen Priester versteckte und bei einer heimlichen Messe dabei war, also seine Religion auch praktizierte – ja, dann sah die Sache noch mal etwas kritischer aus. Dann hatte man nämlich gute Chancen, eine Märtyrerkrone zu gewinnen. Ich denke, dass das nicht Religionsfreiheit ist, erschließt sich von selbst. Denn Religionsfreiheit ist Freiheit zur Religion, nicht Freiheit von Religion. (Sie ist an sich natürlich auch kein uneingeschränktes Recht – Dschihadpredigern möchte man sie zum Beispiel bekanntlich nicht zugestehen. Aber so ist es ja mit allen Freiheiten.)

Zweitens ist eine solche Ansicht insbesondere dem Geist des Christentums grundsätzlich entgegengesetzt; ein Christentum, das nur in privatem Gebet besteht, wäre kein Christentum mehr. Von der Antike an wirkte die Kirche in die Welt; zuerst natürlich nur in ihrem begrenzten Wirkkreis der Gemeinden, aber sobald es ihr möglich war – d. h. sobald sie dank Kaiser Konstantin legal war (beginnendes 4. Jahrhundert) – baute sie im Römischen Reich Krankenhäuser, Herbergen, Waisenhäuser, Altenheime usw. (Jedenfalls im Oströmischen Reich; das Weströmische ging dann erstens ziemlich schnell unter und zweitens kenne ich mich damit einfach weniger aus und kann daher wenige genaue Aussagen darüber treffen, welche kirchlichen Institutionen in den Wirren der Völkerwanderung im 4. und 5. Jahrhundert dort noch gegründet werden konnten. Im Osten gab es jedenfalls so einige. Klöster boten qualitätvolle medizinische Versorgung, wobei auch Ärzte von außen angestellt wurden, nahmen Alte, Behinderte und Waisen auf, kümmerten sich um Leprakranke, speisten Arme an der Klosterpforte, oder sorgten für die Wiedereingliederung ehemaliger Prostituierter in die Gesellschaft.) Und da ab Konstantin die römischen Kaiser und im Zuge der gewandelten öffentlichen Meinung allmählich auch die große Masse der Bevölkerung christlich wurden, wandelte sich auch die öffentliche Ordnung; zum Beispiel wurde das Aussetzen von Kindern verboten. In heidnischer Zeit hatte man es als Recht des Familienvaters angesehen, zu entscheiden, ob ein neugeborenes Kind in der Familie angenommen wurde oder nicht; schließlich war es ja möglich, dass dieses Kind behindert oder – die Götter bewahren! – ein Mädchen war. Auch die blutigen Spektakel in den Amphitheatern wurden abgeschafft.

Alle diese Änderungen brauchten ein wenig Zeit – letztere zum Beispiel geschah erst, nachdem im 5. Jahrhundert ein Mönch aus Protest gegen diese grausamen, anachrostischen Schauspiele, die seiner Meinung nach in einem christlichen Zeitalter längst der dunklen Vergangenheit anzugehören hatten, in eine Arena gerannt und von den wilden Tieren darin getötet worden war. (Nebenbei: So etwas ist grundsätzlich natürlich weder zu empfehlen noch nachzumachen.) Und natürlich war auch im christlichen Römischen Reich nicht gerade alles ideal. Auch neue Probleme traten mit der gesellschaftlichen Anerkennung auf – zum Beispiel das Problem, dass die Kaiser jetzt gerne in theologischen Debatten auf den Konzilien mitreden wollten (die in gesamtkirchlichem Rahmen allerdings auch erst dank der staatlichen Toleranz stattfinden konnten).

Aber das ist wieder ein anderes Thema und mir geht es ja hier auch nicht um eine Bewertung der Spätantike oder irgendeiner anderen Epoche im Ganzen, sondern ums Grundsätzliche: Es ist Aufgabe der Kirche, in die Welt zu wirken. Gestehen wir den NGOs, sagen wir mal, Greenpeace oder feministischen Gruppen oder dem Roten Kreuz zu, dass sie versuchen dürfen, in die Gesellschaft hinein zu wirken und ihre Anliegen durchzusetzen? Klar, ist ja ihre Aufgabe. Na also, und wieso sollte es bei der Kirche anders sein?

Und die Kirche hat sehr viel Gutes für die Welt bewirkt. Zum Beispiel unsere Vorstellung von der Würde jedes einzelnen Menschen, unabhängig von seiner Leistung, beruht ausschließlich auf dem christlichen Bild vom Menschen als gottebenbildlichem Geschöpf. (Versuchen Sie mal, das atheistisch zu begründen und sagen Sie mir, wie weit Sie da kommen.)

Das Prinzip der Kirche, alles in der Welt zu heiligen, sieht man auch an zwei weiteren Dingen: Nämlich den Patronaten der Heiligen und den Segnungen. Ich meine, wir haben in der katholischen Kirche nun wirklich für alles und jedes einen Schutzpatron. Das heißt, meistens haben wir für ein und dieselbe Sache auch mehrere Schutzpatrone. (Ich habe in der Liste bei Wikipedia nachgezählt: Es gibt 69 Patrone gegen Fieber und immerhin 23 gegen Epilepsie und vier gegen Brandwunden.)

Jeder Kontinent, jedes Land, jedes Bistum, jede Kirche, jede Krankheit und jeder Beruf hat seine besonderen Schutzheiligen; dann gibt es noch die Patrone für Mütter, Verlobte, Schwangere, Pilger, Migranten, Gefangene, Sinti und Roma, gegen Hagel, Blitz, Diebstahl, Erdbeben, und so weiter und so fort. Heilige können auch mehrere Patronate übernehmen, und müssen das meistens auch, sobald sie entsprechend bekannt werden. (Wir können uns wohl auch darauf verlassen, dass sie die ihnen zugeteilten Aufgaben ernst nehmen; schließlich sind sie ja Heilige.) Johannes der Täufer beispielsweise ist laut Ökumenischem Heiligenlexikon Patron von: „Jordanien, Malta, Burgund und der Provence, von Florenz, Amiens und Québec; der Schneider, Weber, Gerber, Kürschner, Färber, Sattler, Gastwirte, Winzer, Fassbinder, Zimmerleute, Architekten, Maurer, Steinmetze, Restauratoren, Schornsteinfeger, Schmiede, Hirten, Bauern, Sänger, Tänzer, Musiker, Kinoinhaber; der Lämmer, Schafe und Haustiere; der Weinstöcke; gegen Alkoholismus, Kopfschmerzen, Schwindel, Angstzustände, Fallsucht, Epilepsie, Krämpfe, Heiserkeit, Kinderkrankheiten, Tanzwut, Furcht und Hagel; des Bistums Gurk-Klagenfurt.“ Johannes Paul II. hat in der kurzen Zeit seit seiner Heiligsprechung immerhin schon den Weltjugendtag 2016, die slowakischen Bergretter und die polnische Stadt Belchatow erhalten.

Also, wir halten mal fest: In der Kirche gibt es einen eigenen Schutzpatron, dem die Zuständigkeit für Restauratoren, Kinoinhaber, Haustiere und Weinstöcke und gegen Kopfschmerzen und Schwindel zugewiesen worden ist. Es wirkt irgendwie ein bisschen witzig, fast trivial – ebenso, wie wenn man beispielsweise am 3. Februar in der Messe den Blasiussegen erhält, der da lautet: „Auf die Fürsprache des heiligen Blasius bewahre dich der Herr vor Halskrankheit und allem Bösen.“ (Halskrankheiten und alles sonstige Böse – eine sehr klare und deutliche Unterteilung des Bösen, oder? Das musste ich jedenfalls denken, als ich das zum ersten Mal gehört habe.😉 ) Aber genau darum geht es ja: In der katholischen – allumfassenden – Kirche ist nichts zu trivial, um Beachtung zu finden, auch durch einen eigenen Schutzpatron und einen eigenen Segen, auch nicht Halsschmerzen, Weinstöcke und Haustiere.

Da wir nun auch beim Thema Segen angekommen sind: Ich lebe ja in Bayern, und bin da eigentlich ziemlich froh drum. Eines der schönen Merkmale des Lebens in diesem Land ist, dass, auch wenn die Leute nicht mehr so unbedingt überzeugt katholisch sind, trotzdem noch bei jedem Richtfest eines Vereinsheims, jeder Eröffnung einer Fabrikhalle und jeder Einweihung eines neuen Fahrzeugs der Dorffeuerwehr der Pfarrer mit dem Weihwasserwedel da stehen muss. Und das ist wirklich schön. Gott stellt alles unter seinen Segen, ausgeteilt durch seine Priester. Wir haben in dieser unserer allumfassenden Kirche sogar – das war mir auch neu – einen eigenen offiziellen Segen für Bier. (Hier gefunden: http://www.patheos.com/blogs/badcatholic/2011/11/in-case-you-needed-another-reason-to-be-catholic.html) Also ist diese Kirche toll oder ist sie toll?

Noch ein anderes Thema könnte man im Zusammenhang mit „Alles zur größeren Ehre Gottes!“ ansprechen: Es gibt oft die Forderung zu hören, die Laien müssten in der Kirche stärker beteiligt werden; worunter man nicht die Kirche als Gemeinschaft aller Gläubigen (da sind sie ja eh schon drin), sondern die Organisation, die Ämter versteht; d. h. es müssten zum Beispiel die Pfarrgemeinderäte gestärkt werden, die Laien sollten bei der Organisation des Bistums mehr gefragt werden, und so weiter.

Die Beteiligung von Laien in der Gemeinde ist natürlich wichtig, wenn sie am Laufen gehalten werden soll; dank Priestermangel bleibt ja oft genug gar nichts anderes übrig, aber auch mit genug Priestern ginge es ganz ohne Laien ja nie. Aber sie ist nicht die allererste und -wichtigste Berufung von uns Laien. Für das Innerkirchliche sind an vorderster Front die Bischöfe und Priester und Mönche und Nonnen zuständig, jedenfalls haben die da das Sagen und sollten es auch haben. Die Laien haben dagegen vor allem die Aufgabe, aus der Kirche nach außen zu wirken: In ihre Familien, in ihre Vereine und in ihre Berufe, als christliche Ärzte, Politiker, Künstler, Geologen, Wirtschaftsfachleute, Verwaltungsbeamte, Polizisten, Lehrer, Journalisten oder meinetwegen Taxifahrer und Putzfrauen. Da haben wir so einige Vorbilder, die in ihrem Laienberuf tatsächlich eine viel größere, einflussreichere und für die Kirche nützlichere Rolle gespielt haben, als sie hätten spielen können, wenn sie sich nur darauf konzentriert hätten, in der Kirchenhierarchie Pfarrgemeinderäte und Laienkomitees zu etablieren; nehmen wir mal den hl. Ludwig IX., König von Frankreich, oder den hl. Thomas Morus, Philosoph, Schriftsteller und Lordkanzler von England (und schließlich Märtyrer); oder unter den nicht-heiliggesprochenen Katholiken etwa Konrad Adenauer oder die Zentrumspartei oder die zahlreichen Schriftsteller des Renouveau Catholique; oder heutzutage meinetwegen Matthias Matussek, Raphael Bonelli, Peter Seewald, Martin Mosebach oder Mel Gibson.

Sicher wird es in vielen Berufen (siehe Geologen, Taxifahrer und Putzfrauen) in der Praxis keinen großen Unterschied machen, ob man Christ ist oder nicht; abgesehen davon vielleicht, dass die Christen einen höheren moralischen Anspruch an sich stellen oder zumindest stellen sollten, was Ehrlichkeit und gute, sinnvolle Arbeit anbelangt. In anderen Berufen (siehe Politiker und Journalisten) werden die Unterschiede ziemlich offenkundig sein; bei wieder anderen kann es sie in Einzelfragen geben (z. B. wird ein christlicher Arzt keine ungeborenen Kinder töten oder bei Sterbehilfe mitmachen, aber ansonsten wird er seine Patienten so behandeln wie jeder andere Arzt auch).

Und hey – grundsätzlich ist es egal, ob es äußerlich einen großen Unterschied macht. Das ist ja gerade auch der Punkt bei dem Konzept „Alles zur größeren Ehre Gottes“. In dieser Welt muss oder sollte ziemlich viel gemacht werden, auch Gesteine erforscht, öffentliche Gebäude geputzt (so einen Nebenjob hatte ich auch schon) und Taxis gefahren, und alles Gute und Notwendige, das nach Kräften getan wird, ist immer für Gott getan, und alles, was für Gott getan wird, hat einen großen Wert. Das ist das, was die hl. Thérèse von Lisieux, die immerhin zur Kirchenlehrerin ernannt worden ist, – und nicht nur sie – gelehrt hat: Den „kleinen Weg“ der Liebe. Es kommt nicht immer darauf an, was man Großes leistet, ob man überhaupt Großes leisten kann, sondern es kommt darauf an, das Kleine, das man jeden Tag tut, immer aus Liebe zu tun. Deshalb ist, glaube ich, auch das Wichtigste, das man auf der Erde tun kann, bei den meisten Menschen nicht das, was man in seinem Beruf tut, sondern was man in persönlichen Beziehungen zu anderen Menschen, zur Familie und so weiter, tut. Auch zu Gott. Auch das Gebet hat nämlich einen sehr großen Wert.

Christus hat gesagt: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.“ (Lukas 16,10) Und: „Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen.“ (Matthäus 25,21) Das beste Beispiel dafür ist seine eigene Mutter. Sie hat eigentlich kein Aufsehen erregendes Leben geführt, und jetzt hat sie es immerhin bis zur Himmelskönigin gebracht. Jetzt hat sie seit zweitausend Jahren unzähligen Christen auf der Erde in unzähligen Anliegen geholfen.

Also: Alles zur größeren Ehre Gottes! Omnia ad maiorem Dei gloriam!

 

Teil 5: Die Kirche und die Vernunft

Als ich vor einigen Jahren begann, den neu erschienenen Youcat (Jugendkatechismus) zu studieren, um mich mal schlau zu machen, was diese Kirche, zu der ich ja offiziell gehörte, eigentlich so lehrt – wie sich das alles mit Jesus und dem Sinn seines Todes und so verhält, und der ganze Rest – war ich von einer Sache sehr überrascht: Wie hoch die Kirche anscheinend die Vernunft bewertete. Im Allgemeinen wird einem ja immer gesagt, glauben hieße nichts wissen. Und dass genügend Vernunft und „Aufklärung“ den Glauben austreibe, auch wenn die Kirche inzwischen versuchen möge, den Glauben mit der Vernunft zu versöhnen, scheint so ungefähr zum Standardrepertoire der Allgemeinbildung zu gehören. (Das wird einem vielleicht nicht immer in dieser Deutlichkeit gesagt, das stimmt. Aber die Botschaft kommt schon oft an.)

Wenn man schon lange genug überzeugt katholisch ist, kommt es einem so selbstverständlich vor, und so komisch, dass man mal was Anderes geglaubt hat; aber wenn man nicht gläubig ist, kann man durchaus ziemlich überrascht sein, wenn man liest, dass Mönche des 13. Jahrhunderts Sachen gesagt haben wie: „Die vornehmste Kraft des Menschen ist die Vernunft. Das höchste Ziel der Vernunft ist die Erkenntnis Gottes.“ (Heiliger Albertus Magnus) oder „Ich würde nicht glauben, wenn ich nicht einsehen würde, dass es vernünftig ist, zu glauben.“ (Heiliger Thomas von Aquin). Man kann es kaum glauben, wenn man es hört, dass im Mittelalter – Mittelalter! Inquisition, Hexenverfolgung und Kreuzzüge! – an jeder Universität u. a. das Fach Logik belegt werden musste, ehe man Theologie, Medizin oder Jura studieren konnte. Die mittelalterliche Theologie der Scholastik wurde später von den Humanisten der Renaissance (die übrigens auch Christen waren; Erasmus von Rotterdam etwa war Priester, und Thomas Morus zum Beispiel sogar ein Märtyrer und Heiliger) nicht kritisiert, weil sie irgendwie unvernünftig gewesen wäre, sondern wegen ihrer angeblich kalten Logik und lebensfernen Philosophiererei. Die Humanisten schrieben eher Satiren und Utopien und dergleichen, sie benutzten mehr Humor und erzählten mehr Geschichten; aber ihre Gedanken waren sicher nicht per se logischer und durchdachter als die ihrer Vorgänger. Die Werke der Scholastiker (allen voran des Thomas von Aquin) bestanden einfach aus aneinander gereihten philosophischen und theologischen Fragen. Es wurden Prämissen aufgestellt, Folgerungen gezogen, Einwände betrachtet und widerlegt, und schließlich das Ergebnis erklärt. An den mittelalterlichen Universitäten wurde die Kunst der Debatte sehr, sehr stark gepflegt; der Ablauf war reglementiert und am Ende sollte ein klares, durch die Betrachtung aller Vorannahmen, Folgerungen und Argumente erzieltes Ergebnis stehen – ein gewisser Unterschied zu dem ziellosen und unsortierten Gerede bei Maischberger und Co., oder?

Eigentlich war das aber auch im Mittelalter nichts wirklich Neues mehr. Die antiken Kirchenväter nahmen zwar eher Plato als Aristoteles auf (für die Scholastiker ging Aristoteles über alles, auch wenn sie nicht alle seiner Theorien übernahmen) und entwickelten kein ganz so striktes philosophisches System, aber auch sie verbündeten sich mit der Philosophie gegen Vielgötterglauben, Mysterienkulte und natürlich den Kaiserkult, der nichts anderes als eine nützliche politische Fiktion zur Verabsolutierung des Staates war, die so ungefähr gar nichts mit Wahrheit und Vernunft zu tun hatte. Sie identifizierten ihren Gott, der sich den Juden unter dem Namen Jahwe gezeigt hatte und schließlich in Jesus von Nazareth auf die Erde gekommen war, mit dem einen Gott, dem Höchsten Wesen und Schöpfer der Welt, dessen Existenz Sokrates und Platon durch logisches Denken erkannt hatten. Es gibt im Christentum keine doppelte Wahrheit; alle wahre Erkenntnis der Philosophie über Gott ist wahre Erkenntnis über Gott, die ihre Gültigkeit in der Theologie hat. (Der Unterschied ist nur, dass in der Theologie auch die Informationen dazu kommen, die dieser Gott selber uns durch die Offenbarung mitgeteilt hat. Thomas von Aquin bezeichnete deshalb die Philosophie als Magd der Theologie, weil die philosophischen Erkenntnisse beim Verständnis der geoffenbarten Wahrheit helfen.)

Und tatsächlich wird man, wenn man sich wirklich näher damit beschäftigt, feststellen, dass die nichtchristliche Philosophie der Neuzeit immer skeptischer gegenüber der Vernunft wurde. Subjektivismus und Relativismus, extremer Skeptizismus/Solipsismus und deterministischer Materialismus kamen mit der Entfernung vom Christentum. Diesen Denkrichtungen ist gemeinsam, dass sie jedes logische, allgemeingültige Denken leugnen, besonders im Fall des Materialismus eigentlich jedes Denken überhaupt. (Dazu später noch ein anderer Beitrag.)

Die katholische Kirche hält die Vernunft hoch, und die Welt nicht. So einfach ist das. Der katholische Glaube ist, was er zu sein beansprucht: allumfassend, universal. In Gottes Universum gibt es keinen Widerspruch der Wahrheiten; nichts kann unlogisch sein; nichts der Vernunft widersprechen. Es gibt faszinierende Paradoxa, die sich ergänzen müssen, ja, einige sogar (dazu ebenfalls später mehr), aber keine Widersprüche. Gott selbst ist vernünftig; von ihm kommt die Vernunft überhaupt erst.

Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es bekanntlich: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh 1,1-4) Und weiter heißt es dann: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14) Das „Wort“ = der Sohn; das schöpferische „Wort Gottes“, durch das die Welt geschaffen worden und das Fleisch geworden ist, = Jesus Christus; und „Wort“ heißt hier im griechischen Urtext „Logos“ – Wort, Rede, Sinn, Weisheit, Vernunft.

 

Nachtrag zu Teil 5: Ein Gastbeitrag zu Skeptizismus, Materialismus und begrenzten Unendlichkeiten von Mr. Chesterton

Man kann in Diskussionen an der Uni (aber nicht nur dort) heute immer wieder Folgendes hören: Das menschliche Erkennen ist subjektiv, die Realität an sich gibt es nicht, das, was wir als Realität bezeichnen, ist nur eine von uns selber aufgestellte Konstruktion. Dazu fällt mir nur eine Antwort ein: Wie um Himmels willen können Menschen, die sich selber für „aufgeklärt“ und „gebildet“ halten, einen solchen hanebüchenen Unsinn ernsthaft glauben?

Eine mögliche Antwort wäre, dass sie nicht wirklich merken, was sie da behaupten; daher will ich diese Behauptung in sich nun einmal näher betrachten.

Ich möchte meine Argumentation in scholastischer Weise aufbauen. Die Prämisse – Das menschliche Erkennen ist subjektiv und begrenzt – stimmt, aber die Folgerungen sind in keiner Weise logisch aus dieser Prämisse ableitbar. Wir alle haben Augen, Ohren, Hände, Füße, Nerven, ein Gehirn, und das alles kann mehr oder weniger gut funktionieren. Wenn wir müde oder krank sind, fällt uns das Denken schwerer, wenn wir im Koma liegen, dann wohl noch mehr (ebenso, wie ein Computer schlechter funktioniert, wenn man Kaffee darüber gekippt hat). Aber – Vorsicht, Logik – die Tatsache, dass wir die Welt da draußen dank unserer menschlichen Begrenztheit nicht vollständig in ihrem Wesen erfassen können (was übrigens in der Geschichte der Menschheit nie jemand behauptet hat), heißt nicht, dass sie nicht existiert, und auch nicht, dass wir überhaupt nichts von ihr erfassen können. Wenn ich nicht kapiere, wie Hitler Reichskanzler werden konnte, heißt das dann, dass er nie Reichskanzler wurde? Schön wär’s. Unser Erfassen und unsere Sprache – die Frage, wie und ob wir etwas mit der Sprache korrekt beschreiben können, hängt mit alldem zusammen – sind nicht perfekt und können es nie sein; das hat das Christentum immer schon so gesehen. Aber trotzdem gibt es diese Welt, die da an uns herantritt, und die wir mit unserem stümperhaften Gehirn und unserer stümperhaften Sprache auf mangelhafte Weise zu erfassen versuchen. Das Bild, das wir uns dabei erstellen, ist eine Konstruktion, oder besser gesagt, eine Abstraktion; wie eine Landkarte oder das Modell eines Architekten. Aber die Existenz der Landkarte setzt die Existenz der Landschaft voraus. Vielleicht ist sie falsch; dann kann man das im Vergleich mit der wirklichen Landschaft herausfinden. Aber die Landschaft ist da. Zu sagen, dass die Realität wegen unseres begrenzten Erkennens nicht da ist, wäre dasselbe, wie wenn man sagen würde, die Existenz der Landkarte widerlege die Existenz der Landschaft.

Von nichts kommt nichts. Aus nichts können wir nichts konstruieren. Es gibt uns als erkennende Wesen, und an diese erkennenden Wesen tritt von außen etwas heran, das nicht zu uns gehört und uns zu einer Antwort und Reaktion herausfordert und uns sicher nie in Ruhe lassen wird. Das kann die Mutter sein, die einem sagt, dass man endlich mal seine Socken aufräumen soll, oder der Regen, der auf einen niederprasselt, oder die Regierung, die einen zum Militärdienst rekrutiert, oder der Nachbar, der einen zur Geburtstagsfeier einlädt, oder der Stein, der einen am großen Zeh drückt, oder der Terrorist, der einen mit seiner Bombe umbringt. Das ist schon der Boden unter unseren Füßen und die Luft, die wir atmen. Die Welt ist einfach da, und zwar ungebeten.

Allerdings denke ich, dass das, was ich im letzten Absatz zu erläutern versucht habe, zu offensichtlich ist, um es beweisen zu können. Man muss es akzeptieren, dass es da draußen eine Welt gibt, oder man muss sich gegen diese Annahme entscheiden. Vielleicht könnte man tatsächlich widerspruchsfrei behaupten, alles sei Schein und eine Vorspiegelung unseres eigenen Bewusstseins, das uns die wahre Existenz von Dingen nur vorgaukelt. Man kann im Endeffekt alles anzweifeln. Man kann sich fragen – denkende Menschen tun so was wahrscheinlich irgendwann – ob nicht vielleicht doch alles nur Schein und Schleier ist, ob wir vielleicht doch in einer gigantischen Matrix (der Film ist übrigens sehr interessant!) leben, in einer Art von Truman Show (auch der Film ist nicht schlecht) und den Dingen, die wir für selbstverständlich nehmen, überhaupt trauen können, ob wir sogar unserer eigenen Vernunft überhaupt trauen können. Es ist eine beängstigende, aber theoretisch mögliche Vorstellung; man kann sie nicht durch reine Logik widerlegen. Natürlich kann man sie ebenso wenig belegen, weil Belege nur mit Denken funktionieren und diese Ansicht – heute als Skeptizismus, früher als Solipsismus (solus = allein, ipse = selbst; d. h. allein das Selbst wird als wirklich anerkannt) bezeichnet – ja gerade darauf beruht, dass das Denken nicht verlässlich sei.

Ich denke, man kann den extremen Subjektivismus, Skeptizismus und Solipsismus (letzteres meiner Meinung nach der passendste Begriff) tatsächlich nicht logisch widerlegen; aber man kann ihm mit gesundem Menschenverstand zu Leibe rücken. G. K. Chesterton geht in seinem Buch „Orthodoxie“ auf die Themen Materialismus (eine ähnlich dämliche Ansicht: den Geist, das Denken, das wir tagtäglich erleben, gäbe es nicht wirklich, sondern das alles seien nur Auswüchse von Materie – was dann zwangsläufig auch alle Gedanken der Materialisten ad absurdum führen würde) und Skeptizismus ein:

Durch und durch weltliche Menschen bringen es nicht einmal zum Verständnis der Welt selbst; sie bescheiden sich mit ein paar zynischen Grundsätzen, die keine Wahrheit haben. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit einem wohlhabenden Verleger spazierenging und der eine Bemerkung machte, die ich schon zu oft zu hören bekommen hatte; fast kann man sie als Motto der heutigen Welt ansehen. Jetzt hatte ich sie aber einmal zu oft gehört, und plötzlich ging mir auf, wie nichtssagend sie war. Der Verleger äußerte über jemanden: „Dieser Mann wird es weit bringen; er glaubt an sich.“ Und ich erinnere mich, dass, als ich lauschend den Kopf hob, mein Blick auf einen Omnibus fiel, auf dem der Name „Hanwell“ [Name einer damaligen psychiatrischen Anstalt in London] stand. Ich sagte zu ihm: „Wollen Sie wissen, wo sich die Leute befinden, die am meisten an sich glauben? Ich kann es ihnen sagen. Ich kenne Leute, deren Glaube an sich unerschütterlicher ist als der eines Napoleon oder Cäsar. […] Die Menschen, die wahrhaft an sich glauben, stecken alle in Irrenanstalten.“ Er entgegnete nachsichtig, es gebe schließlich eine erkleckliche Zahl Menschen, die an sich glaubten und nicht in Irrenanstalten seien. „Ja, die gibt es“, erwiderte ich, „und Sie dürften sie am besten kennen. Der versoffene Dichter, dessen dröge Tragödie Sie nicht herausbringen wollten – er glaubte an sich. Der ältliche Pastor mit seiner Monumentaldichtung, vor dem Sie sich in einem Hinterzimmer versteckten – er glaubte an sich. […] Es läge weitaus mehr Wahrheit darin zu sagen, dass ein Mann scheitern muss, weil er an sich glaubt. Absolutes Selbstvertrauen ist nicht nur eine Sünde, es ist auch eine Schwäche. Voll und ganz an die eigene Person zu glauben ist so hysterisch und abergläubisch wie der Glaube an Joanna Southcott [Sektengründerin des 19. Jahrhunderts]; der Mensch, der diesem Glauben frönt, trägt ‚Hanwell’ ebenso deutlich auf seiner Stirn, wie das Wort da auf dem Omnibus steht.“

 […]

 Die Erklärungen eines Verrückten sind immer vollständig und stellen in einem rein verstandesmäßigen Sinne oft zufrieden. Genauer gesagt ist die Erklärung des Geisteskranken zwar vielleicht nicht schlüssig, aber jedenfalls unwiderlegbar; das lässt sich zumal bei den zwei oder drei geläufigsten Formen der Verrücktheit beobachten. Wenn jemand (zum Beispiel) behauptet, man schmiede ein Komplott gegen ihn, lässt sich das nicht bestreiten, außer man setzt dagegen, alle Betroffenen leugneten, sich gegen ihn verschworen zu haben; aber genau so würden Verschwörer sich ja verhalten. Die Erklärung des Verrückten passt ebensogut zu den Fakten, wie das, was man dagegen vorbringt. Wenn jemand behauptet, er sei der rechtmäßige König von England, reicht es nicht aus, ihm zu entgegnen, die Behörden erklärten ihn für verrückt; denn wenn er tatsächlich der König von England wäre, wäre dies vielleicht das Klügste, was die Regierenden tun könnten. Wenn jemand behauptet, er sei Jesus Christus, hilft es nichts, wenn man ihm entgegenhält, die Welt bestreite seine Göttlichkeit; denn das hat die Welt auch bei Christus getan.

 Dennoch irrt er. Versuchen wir indes seinen Irrtum auf den Begriff zu bringen, stellen wir fest, dass dies nicht ganz so einfach ist, wie wir gedacht haben. Vielleicht kommen wir der Sache am nächsten, wenn wir sagen, sein Geist bewege sich in einem perfekt geschlossenen, aber engen Kreis. Ein kleiner Kreis ist genauso unendlich wie ein großer Kreis; aber wenn er auch genauso unendlich ist, ist er doch nicht genauso groß. In vergleichbarer Weise ist die Erklärung des Geisteskranken genauso vollständig wie die des Gesunden, nur ist sie nicht so umfänglich. Eine Gewehrkugel ist genauso rund wie die Welt, aber sie ist nicht die Welt. Es gibt so etwas wie eine enge Universalität, eine kleine, verkrampfte Ewigkeit; man kann das in vielen heutigen Religionen beobachten. Um aber die Sache ganz äußerlich und empirisch zu fassen, können wir sagen, das stärkste und unmissverständlichste Symptom für Verrücktheit besteht in dieser Kombination aus logischer Vollständigkeit und spiritueller Enge. Die Theorie des Geisteskranken hat umfänglichen Erklärungswert, aber sie erklärt nicht auf umfängliche Weise. Das heißt, wenn der Leser oder ich es mit einem Geiste zu tun hätten, der dabei ist, zu erkranken, dann dürften wir nicht so sehr darauf aus sein, ihm mit Argumenten zu begegnen, sondern wir müssten uns hauptsächlich darum bemühen, ihm Luft zu schaffen, ihn davon zu überzeugen, dass es außerhalb der erstickenden Enge einer bornierten Argumentation eine reinere und kühlere Atmosphäre gibt. Nehmen wir zum Beispiel an, wir haben es mit dem ersten der von mir als typisch angeführten Fälle zu tun; nehmen wir den Fall des Mannes, der alle Welt beschuldigt, sich gegen ihn zu verschwören. Um all unseren Widerstand und Einspruch gegen diese fixe Idee zum Ausdruck zu bringen, würden wir vielleicht etwas wie das Folgende äußern. „Also, ich gebe zu, dass an dem, was du da sagst, etwas dran ist und dass es dir ernst damit ist und dass vieles so zusammenpasst, wie du behauptest. Ich gebe zu, dass deine Erklärung vieles erklärt, aber wieviel anderes klammert sie aus! Gibt es in der Welt keine anderen Geschichten außer deiner? Hat die ganze Menschheit nichts weiter zu tun, als sich mit dir zu beschäftigen? Räumen wir die Möglichkeit ein, dass der Mann auf der Straße, der dich nicht zu bemerken schien, nur so tat, als ob, oder dass der Polizist, der deinen Namen wissen wollte, ihn in Wahrheit bereits kannte. Aber wieviel glücklicher wärst du, wenn du wissen dürftest, dass du diesen Menschen ganz egal bist? Wieviel großartiger wäre dein Leben, wenn du dich selber ein bisschen kleiner in ihm machen könntest, wenn du die Leute mit normaler Neugier und Amüsiertheit beobachten, wenn du ihnen zusehen könntest, wie sie in ihrer wonnigen Selbstsucht und kraftvollen Indifferenz herumlaufen! Du würdest anfangen, dich für sie zu interessieren, weil sie an dir kein Interesse zeigen. Du würdest aus diesem winzigen, aufgeputzten Theater, in dem ständig nur dein eigenes kleines Stück gespielt wird, ausbrechen und dich unter freiem Himmel, in einer Straße voller himmlischer Fremder wiederfinden.“ Oder nehmen wir an, es handelt sich um den zweiten Fall von Verrücktheit, den Fall des Mannes, der Anspruch auf die Krone erhebt; dann würden Sie vielleicht den Drang verspüren, ihm zu entgegnen: „Also gut! Vielleicht weißt du, dass du der König von England bist; aber warum ist dir das so wichtig? Gib dir einen großen Ruck, und schon bist du ein Mensch und blickst auf alle Könige der Erde herab.“ Oder wir haben es mit dem dritten Fall zu tun, dem Verrückten, der sich für Christus hält. Um unserem Herzen Luft zu machen, müssten wir ihm sagen: „Du bist also der Schöpfer und Erlöser der Welt; aber was muss das für eine Miniaturwelt sein! Was für einen winzigen Himmel musst du bewohnen, in dem die Engel nicht größer als Schmetterlinge sind! Wie trist musst du es finden, Gott, ein höchst unzulänglicher Gott zu sein! Gibt es wirklich kein erfüllteres Leben als deines und keine fabelhaftere Liebe als deine, und ist es tatsächlich deine kleine, verquälte Barmherzigkeit, in die alles Fleisch seine Zuversicht setzen muss? Wieviel glücklicher wärst du, wieviel mehr von dir wäre da, wenn der Hammer eines höheren Gottes deinen kleinen Kosmos zertrümmern könnte, so dass die Sterne wie Pailletten auseinanderspritzten und du wie andere Menschen im Offenen, Freien stündest und zum Himmel aufsehen oder zur Erde niederblicken könntest!“

 Und man darf nicht vergessen, dass die unverfälschteste praktische Wissenschaft genau diesen Standpunkt gegenüber geistigem Übel einnimmt; sie sucht nicht mit ihm wie mit einem Irrglauben zu rechten, sondern ist einfach bestrebt, es wie einen Bann zu brechen. […]

 Das ist der Verrückte, wie wir ihn kennen; er ist durchweg ein Argumentierer, häufig ein erfolgreicher Argumentierer. Sicher ließe er sich durch Argumente niederringen, ließe sich ihm mit Logik begegnen. Aber viel treffender kann man ihn in allgemeineren und geradezu ästhetischen Begriffen fassen. Er steckt im hygienischen und gut ausgeleuchteten Kerker seiner fixen Idee, ist auf einen qualvollen Punkt fixiert. Ihm fehlt jede gesunde Zögerlichkeit und Vielschichtigkeit. Nun beabsichtige ich, wie bereits eingehend erläutert, in diesen Anfangskapiteln nicht, den Abriss einer Doktrin zu liefern, sondern will durch ein paar Bilder einen Standpunkt illustrieren. Und meine Sicht vom Besessenen habe ich deshalb so ausführlich dargestellt, weil mir die meisten modernen Denker wie dieser Besessene vorkommen. Diese unverwechselbare Stimmung, die ich aus Hanwell kenne, sie schlägt mir auch von der Hälfte der heutigen Wissenschaftskatheder und Stätten der Gelehrsamkeit entgegen; und die meisten der verrückten Doktoren sind in mehrfacher Hinsicht verrückt. Sie alle weisen genau jene Mischung auf, die wir registriert haben: die Kombination aus umfassender und erschöpfender Verstandeskraft und stark eingeschränktem gesundem Empfinden. Sie sind universal nur in dem Sinne, dass sie eine einzige dünne Erklärung auf alles anwenden. Sie sehen ein Schachbrett weiß auf schwarz, und mag selbst das ganze Universum damit gepflastert sein, es bleibt für sie weiß auf schwarz. Wie der Geisteskranke können sie ihren Standpunkt nicht verändern; sie können nicht kraft einer geistigen Anstrengung das Muster plötzlich schwarz auf weiß gewahren.

 Nehmen wir als erstes den ziemlich vielsagenden Fall des Materialismus. Als Welterklärung ist der Materialismus von einer irrsinnigen Schlichtheit. Er ist von haargenau derselben Art wie die Argumentation eines Verrückten; er vermittelt gleichzeitig den Eindruck, alles einzubegreifen und nichts zu erfassen. Schauen wir uns einen kompetenten und ehrlichen Materialisten wie Mr. McCabe an, so lässt er uns genau mit diesem eigentümlichen Gefühl zurück. Er begreift alles, und was er begreift, scheint das Begreifen gar nicht zu lohnen. Sein Kosmos mag bis zum letzten Nietnagel und Zahnrädchen vollständig sein, und doch ist er kleiner als unsere Welt. Wie der luzide Aufriss des Verrückten scheint auch sein Entwurf von den fremdartigen Kräften und der großen Unbekümmertheit unseres Planeten nichts zu wissen; er weiß nichts von den wirklichen Dingen auf Erden, den kämpfenden Völkern oder stolzen Müttern, der ersten Liebe oder der Todesangst auf dem offenen Meer. Die Erde ist so ungeheuer groß und der Kosmos so außerordentlich klein. Der Kosmos ist so ziemlich das kleinste Loch, in dem ein Mensch seinen Kopf verstecken kann.

[…] Fürs erste bin ich ebensowenig darauf aus, Haeckel nachzuweisen, dass der Materialismus unwahr ist, wie es mir darum ging, dem Mann, der sich für Christus hält, nachzuweisen, dass er Opfer eines Irrtums ist. Ich beschäftige mich an dieser Stelle nur mit dem Umstand, dass beide Fälle den gleichen Eindruck von Vollständigkeit und Unvollständigkeit machen. Dass ein Mensch in Hanwell festgehalten wird, lässt sich mit der Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit und also damit erklären, dass man sagt, hier werde ein Gott gekreuzigt, in einer Welt, die seiner nicht wert sei. Das ist durchaus eine Erklärung. Ganz ähnlich kann man die Ordnung des Universums damit erklären, dass man sagt, alle Dinge, einschließlich der Seelen der Menschen, seien Blätter, die sich an einem Baum ohne jedes Bewusstsein naturgesetzlich entfalten – dem blinden Schicksal der Materie gehorchend. Die Erklärung hat durchaus Erklärungswert, wenn auch natürlich keinen so vollständigen wie die des Verrückten. Worum es hier aber geht, ist die Tatsache, dass der normale menschliche Verstand nicht nur beide Erklärungen ablehnt, sondern sie auch aus dem gleichen Grund ablehnt. Das Argument läuft in etwa darauf hinaus, dass der Mann in Hanwell, wenn er denn wirklich Gott ist, als Gott arg zu wünschen übrig lässt. Und entsprechend lässt auch der Kosmos des Materialisten, falls er der wirkliche Kosmos ist, arg zu wünschen übrig. Er ist geschrumpft. Die Gottheit ist weniger göttlich als viele Menschen; und folgt man Haeckel, so ist das Leben als Ganzes grauer, enger und nichtssagender als viele seiner einzelnen Aspekte. Die Teile wirken großartiger als das Ganze.

 Denn wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass die materialistische Philosophie (mag sie nun wahr sein oder nicht) mit Sicherheit weit einengender ist als jede Religion. In gewissem Sinne engen natürlich alle Ideen ein. Sie können nicht umfassender sein, als sie sind. Die Beschränkung eines Christen ist gleiche, der auch ein Atheist unterliegt. Ein Christ kann nicht das Christentum für falsch halten und weiter Christ sein; und der Atheist kann nicht den Atheismus für falsch halten und weiter Atheist sein. Aber darüber hinaus unterliegt der Atheismus in einem ganz eigentümlichen Sinne stärkeren Beschränkungen als der Spiritualismus. […] Der Christ gibt zu, dass die Welt vielfältig und sogar bunt gewürfelt ist, geradeso wie ein gesunder Mensch weiß, dass er vielschichtig ist. Der Gesunde weiß, dass er etwas von einem wilden Tier, etwas von einem Teufel, etwas von einem Heiligen, etwas von einem Bürger hat. Ja, der wirklich Gesunde weiß sogar, dass etwas von einem Verrückten in ihm steckt. Die Welt des Materialisten dagegen ist ganz einfach und gediegen, im Stile des Verrückten, der sich seiner Gesundheit absolut sicher ist. Der Materialist weiß ganz genau, dass die Geschichte schlicht und einfach eine Kausalkette darstellt, geradeso wie die zuvor erwähnte Person todsicher weiß, dass sie schlicht und einfach ein Huhn ist. Materialisten und Verrückte sind gegen jeden Zweifel gefeit.

 Glaubenslehren engen den Geist nicht mit solcher Entschiedenheit ein, wie das die materialistischen Verleugnungen tun. Selbst wenn ich an die Unsterblichkeit glaube, muss ich den Gedanken an sie nicht ständig im Herzen tragen. Glaube ich hingegen nicht an die Unsterblichkeit, darf ich keinen Gedanken an sie verschwenden. Im ersten Fall ist der Weg frei und ich kann gehen, soweit ich eben mag; im zweiten Fall ist der Weg blockiert. Aber die Parallele zur Geisteskrankheit reicht sogar noch tiefer und ist noch merkwürdiger. Gegen die erschöpfend logische Theorie des Irren haben wir geltend gemacht, dass sie unabhängig von ihrer Wahrheit oder Falschheit nach und nach das Menschsein des Betreffenden zerstört. Unser Vorwurf gegen die Hauptsätze des Materialismus lautet nun, dass auch sie nach und nach sein Menschsein zerstören – womit ich nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch Hoffnung, Mut, Poesie, Initiative meine, kurz, alles, was menschlich ist. Wenn zum Beispiel der Materialismus die Menschen zum vollständigen Fatalismus führt (was er gemeinhin tut), so ist es ganz müßig, ihn als eine befreiende Kraft auszugeben. Es ist absurd zu behaupten, man leiste vor allem der Freiheit Vorschub, wenn man die Freiheit des Denkens nur nutzt, um den freien Willen zu zerstören. Die Deterministen machen nicht frei; sie legen in Ketten. Sie haben allen Grund, ihr Gesetz als kausale ‚Kette’ zu bezeichnen. Es ist die ärgste Fessel, die je ein menschliches Wesen umschlossen hat. Man mag im Zusammenhang mit der materialistischen Lehre noch so sehr die Sprache der Freiheit bemühen – es liegt auf der Hand, dass sie insgesamt ebensowenig dazu passt wie zu einem im Irrenhaus eingesperrten Menschen. Man mag die Ansicht vertreten, es stehe dem Menschen frei, sich für ein Rührei zu halten. Aber mit Sicherheit wiegt die Tatsache schwerer, dass er als Rührei nicht die Freiheit hat, zu essen, zu trinken, zu schlafen, spazierenzugehen und eine Zigarette zu rauchen. Ebenso mag man auch die Ansicht vertreten, der kühne materialistische Denker sei frei, die Wirklichkeit des Willens in Abrede zu stellen. Aber viel schwerer wiegt die Tatsache, dass er dann nicht mehr frei ist, aufzustehen, zu fluchen, zu danken, zu rechtfertigen, zu drängen, zu bestrafen, Versuchungen zu widerstehen, Menschenmengen aufzustacheln, gute Vorsätze an Neujahr zu fassen, Sündern zu vergeben, Tyrannen zu tadeln oder auch nur zu sagen: ‚Würden Sie mir bitte mal den Senf reichen.’

[…]

 Natürlich gilt dies alles nicht nur vom Materialisten, sondern trifft auch auf andere Auswüchse logischer Spekulation zu. Es gibt eine Form der Skepsis, die weit fürchterlicher ist als die Überzeugung, dass die Materie der Anfang von allem ist. Ich denke an den Skeptiker, der die Überzeugung hegt, dass er selbst der Anfang von allem ist. Er zweifelt nicht an der Existenz von Engeln oder Teufeln, sondern daran, dass es Menschen und Kühe gibt. Für ihn sind seine eigenen Freunde Märchengestalten, die er selbst erdichtet hat. Vater und Mutter sind seine eigenen Geschöpfe. Diese schreckliche Phantasterei übt auf den geradezu mystischen Ichkult unserer Tage einen unverkennbaren Reiz aus. Den erwähnten Verleger, der meinte, Menschen brächten es zu etwas, wenn sie an sich glaubten, die Fahnder nach dem Übermenschen, die ständig im Spiegel Ausschau nach ihm halten, die Schriftsteller, die von der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit reden, statt für die Welt Leben zu schaffen – all diese Menschen trennt von jener schrecklichen Leere nur ein Wimpernschlag. Wenn dann die ganze freundliche Welt, die diesen Skeptiker umgibt, als Lüge entlarvt ist, wenn die Freunde zu Gespenstern verblasst sind und die Welt bodenlos geworden ist und er, der an nichts und niemanden glaubt, allein in seinem Alptraum zurückbleibt, dann wird in rächender Ironie das große Motto seines Individualismus über seinem Haupt geschrieben stehen. Die Sterne werden zu bloßen Leuchtpunkten in der Finsternis seines Gehirns; seine Mutter wird nichts als eine flüchtige, seinem Wahn entsprungene Erscheinung an der Wand seines Kerkers sein. Über seinem Kerker aber wird die grauenvolle Wahrheit geschrieben stehen: „Er glaubt an sich.“

 Uns interessiert hier allerdings nur die Feststellung, dass dieses solipsistische Extrem des Denkens die gleiche Paradoxie aufweist wie das materialistische. Es ist der Theorie nach ebenso umfassend wie in der Praxis verkrüppelnd. Der Einfachheit halber lässt sich die Sache so formulieren, dass ein Mensch immer wähnen kann, in einem Traum zu sein. Dass er sich in keinem Traum befindet, lässt sich ihm nicht positiv nachweisen, und zwar einfach deshalb, weil es keinen positiven Beweis gibt, der ihm nicht auch im Traum geliefert werden könnte. Wenn aber der Betreffende nun anfinge, London in Brand zu stecken und zu erklären, er warte darauf, von seiner Haushälterin zum Frühstück gerufen zu werden, dann würden wir ihn uns greifen und ihn zusammen mit anderen Logikern an dem Ort unterbringen, von dem schon mehrfach in diesem Kapitel die Rede war. Wer seinen Sinnen keinen Glauben schenken und wer an nichts außer an die Materie glauben kann ist gleichermaßen wahnsinnig; aber in beiden Fällen findet der Wahnsinn seinen Ausdruck nicht in einer fehlerhaften Argumentation, sondern in der offenkundigen Fehlorientierung des ganzen Lebens. Beide haben sie sich in Kästen eingeschlossen, die innen mit Sonne und Sternen bemalt sind; beide finden sie nicht ins Freie, der eine nicht in die Gesundheit und die Wonne des Himmelreichs, der andere nicht einmal in die Gesundheit und die Wonne des irdischen Daseins. Ihre Haltung ist ganz vernünftig, ja, in gewissem Sinne ist sie unendlich vernünftig, wie ein Zehnpfennigstück unendlich kreisförmig ist. Aber es gibt so etwas wie eine schlechte Unendlichkeit, eine niedrige, erbärmliche Ewigkeit. Es ist interessant zu sehen, dass viele der Modernen, Skeptiker ebenso wie Mystiker, ein bestimmtes östliches Symbol zu ihrem Wahrzeichen erkoren haben, ein Symbol, das diese äußerste Nichtigkeit verkörpert. Die Ewigkeit versinnbildlichen sie durch eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. In diesem Bild von unbefriedigendem Selbstverzehr steckt ein überraschender bitterer Sarkasmus. Die Ewigkeit der fernöstlichen Pessimisten, die Ewigkeit der hochnäsigen Theosophie und der höheren Wissenschaft unserer Tage lässt sich in der Tat kaum besser wiedergeben als durch das Bild der Schlange, die sich selber auffrisst, das Bild eines degenerierten Tieres, das nicht einmal vor der Selbstzerstörung haltmacht.

 […] Zusammenfassend können wir feststellen, dass dieses Hauptmoment die entwurzelte Vernunft ist, die Vernunft, die im luftleeren Raum agiert. Verrückt wird der Mensch, der ohne angemessene Grundlage zu denken anfängt; er beginnt am falschen Punkt. […] Das mystische Moment ist es was den Menschen im Laufe ihrer Geschichte die Gesundheit erhalten hat. Solange es das Mysterium gibt, bleiben die Menschen gesund; zerstört man es, liefert man sie dem Verfall aus. Der einfache Mensch ist gesund, weil er ein Mystiker ist. Er gestattet sich, im Zwielicht zu leben.  […] Stand er vor zwei Wahrheiten, die sich zu widersprechen schienen, so akzeptierte er beide und nahm den Widerspruch in Kauf. Seine spirituelle Sichtweise ist so stereoskopisch wie seine körperliche: er sieht zwei verschiedene Bilder gleichzeitig, was seiner Scharfsicht aber nur zum Vorteil gereicht. So hat er immer an so etwas wie Schicksal, aber auch immer an so etwas wie den freien Willen geglaubt. So hat er geglaubt, dass den Kindern das Himmelreich gehört, aber auch, dass sie dennoch den irdischen Mächten zu gehorchen haben. Er hat die Jungen wegen ihrer Jugend bewundert und die Alten, weil sie die Jugend hinter sich hatten. Genau in diesem Ausbalancieren scheinbarer Widersprüche bestand die Spannkraft des gesunden Menschen.

 […]

 Das letzte Kapitel drehte sich ausschließlich um eine empirische Beobachtung: darum, dass dem Menschen Krankheit eher von seinem Verstand als von seiner Einbildungskraft droht. Dabei ging es nicht darum, die Herrschaft des Verstandes anzugreifen; das Ziel war im Gegenteil, sie zu verteidigen. Denn sie hat Verteidigung nötig. Die ganze moderne Welt führt Krieg gegen den Verstand; schon wankt er in seinen Grundfesten.

 […]

 Es ist müßig, ständig von dem Gegensatz zwischen Vernunft und Glauben zu reden. Die Vernunft selbst ist eine Sache des Glaubens. Davon auszugehen, dass unsere Gedanken überhaupt in einer Beziehung zur Wirklichkeit stehen, ist ein Glaubensakt. Ist man bloß Skeptiker, so drängt sich einem früher oder später die Frage auf: „Warum sollte irgend etwas zutreffen, empirische Beobachtung und logisches Denken eingeschlossen? Warum sollte logische Stringenz weniger irreführend sein als logische Ungereimtheit? Spielt sich doch beides im Gehirn eines verwirrten Großaffen ab.“ Der junge Skeptiker erklärt: „Ich habe ein Recht darauf, selbstständig zu denken.“ Der alte Skeptiker, der vollkommene Skeptiker, aber sagt: „Ich habe kein Recht auf selbstständiges Denken. Ich habe überhaupt kein Recht auf Denken.“

 Es gibt ein Denken, das dem Denken den Garaus macht. Dies ist das einzige Denken, dem man einen Riegel vorschieben sollte. Dies ist das Böse schlechthin, gegen das alle kirchliche Autorität aufgeboten wurde. […] Dass sich das so verhält, wissen wir heute; so zu tun, als wüssten wir es nicht, lässt sich nicht länger rechtfertigen. Wir können hören, wie die Skepsis den alten Verteidigungsring aus Autoritäten durchbricht, und wir sehen die Vernunft auf ihrem Throne wanken. In eben dem Maße, wie die Religion geschwunden ist, schwindet auch die Vernunft. Denn sie sind beide von der gleichen ursprünglichen und maßgebenden Beschaffenheit. Sie sind beide Beweismittel, die sich ihrerseits der Beweisbarkeit entziehen. […] Wir haben lange und mit aller Kraft gezerrt, um dem pontifikalen Menschen die Mitra herunterzureißen, und dabei haben wir den Kopf gleich mit abgerissen.“

Eins vielleicht noch zum Thema Skeptizismus: Zunächst, unser Erkennen hat einen Wert, auch wenn es immer mit Mängeln behaftet ist. Wir können einiges darüber erkennen, was gut und wahr und richtig ist. Aber, es gibt tatsächlich noch eine Welt hinter der unseren; die Welt Gottes und der Engel und Heiligen. Wir leben sozusagen in einem Exil, in einem abgeschotteten Land, in dem wir nur spärliche Informationen aus dieser anderen Welt bekommen können – C. S. Lewis, der in Zeiten des Zweiten Weltkriegs schrieb, hat den Besuch des Gottesdienstes einmal mit dem Abhören verbotener Radiosender verglichen –  aber die Informationen, die wir bekommen, stürzen unser Bild von der Welt (wenn es ein gutes und wirklichkeitsgetreues ist) nicht um, sondern geben ihm noch eine viel tiefere Dimension. Die Gnade setzt die Natur voraus, hat Thomas von Aquin gesagt, das Übernatürliche baut auf dem Fundament des Natürlichen weiter.

 

Teil 6: Sein oder Nichtsein – Katholizismus, Buddhismus und Malthusianismus

Es gibt eine Grundentscheidung, die der Mensch in seinem Leben treffen muss: Für das Sein oder für das Nichtsein. Damit meine ich die Entscheidung, ob er das Sein, das Leben, die Welt letztlich als gut – wenn auch in dieser Welt offensichtlich mangelhaft und entstellt – sehen will, oder ob er das Nichtsein, den Tod, das Nirwana vorzieht. Die erste Ansicht ist die des Christen; die zweite die des Buddhisten oder auch des nihilistischen Atheisten.

Es gibt vielleicht ein paar Unterschiede zwischen einem bestimmten Typ westlicher Atheisten und dem durchschnittlichen östlichen Buddhisten. Der westliche Atheist ist manchmal aggressiver und wendet sich deutlicher gegen den christlichen Gott, von dem er mal gehört hat. Er klagt Gott an, dass der das Leid zulasse, und scheint sich dabei manchmal nicht entscheiden zu können, ob er sagen will, dass Gott schlecht ist oder dass es Gott nicht geben kann, weil er schlecht wäre, wenn es Ihn gäbe. Der Buddhist ist friedlicher und meditativer und macht sich nicht wirklich Gedanken über Gott. Er glaubt einfach nicht an ihn; eigentlich ist er ein wahrerer Atheist als manche der sog. Neuen Atheisten.

Es gibt ja immer mal wieder Diskussionen darüber, ob man den Buddhismus als eine Religion bezeichnen kann. Das hängt letztlich vom Religionsbegriff ab. Der Buddhismus ist eine Weltanschauung oder Philosophie, die den Menschen zu seinem Heil führen soll, aber an diesem Heil sind keine Götter beteiligt. Der Mensch wirkt es selbst. Durch Erkenntnis und eventuell auch gute Taten befreit der Buddhist sich von dieser Welt, die für ihn nur Leiden bedeutet. Er erfasst, dass sie letztlich nur Schein ist, und gelangt in die Welt des Nicht-Seins, wie es Buddha exemplarisch vorgemacht und gelehrt hat.

Der Buddhismus hat einen guten Ruf, weil er friedlich ist und das Mitleid kennt und einige gute Weisheitssprüche hervorgebracht hat, und natürlich, weil er eine irgendwie exotische Alternative zur einheimischen Religion ist. Aber in seinem tiefsten Inneren ist er Leblosigkeit und Verzweiflung.

Das Christentum ist so ganz anders. Der Himmel wird das Leben in Fülle sein, die selige Schau Gottes; wir freuen uns auf die Chöre der Engel und Heiligen, auf Gesang und Jubel und Schönheit und das Antlitz unseres geliebten Erlösers – nicht auf die Auslöschung unserer Seele. Für uns ist das Sein gut, in seinem tiefsten Wesen gut – es ist nur verzerrt und verschmutzt worden durch die Sünde. Es muss daher gereinigt werden, nicht zerstört.

Wenn man über die Theodizeefrage diskutiert, wird es immer mal wieder Leute geben, die argumentieren, es wäre besser, nicht zu leben, als in einer so leidvollen Welt zu leben (zumindest für Menschen, die wirklich schlimmes Leid erleben, sagen wir mal, die Juden, die nach Auschwitz deportiert wurden, oder die Insassen der nordkoreanischen Arbeitslager, oder Sklavinnen in den Händen des IS). Da ist jedoch eine Art logischer Fehler drin, zumindest etwas, das in dieser Formulierung leicht übersehen wird. Wenn es mich nicht geben würde, wäre das für mich nicht besser – weil es mich dann nicht geben würde. Dann würde ich nicht in einer Welt leben, in der ich weder Schmerz noch Freude empfände, sondern dann würde ich überhaupt nicht leben. Für mich wäre es besser, wenn es mich nicht gäbe, ist ein Widerspruch in sich. Wenn es mich nicht gäbe, könnte nichts für mich gut oder schlecht sein. Wenn man den Satz logisch einwandfrei formulieren möchte, könnte man vielleicht sagen: Es lohnt sich nicht, zu sein, da das Sein zu viel Leid bedeutet, oder etwas in der Art. Aber so richtig überzeugend ist das noch immer nicht.

Diese Art der Argumentation („es wäre besser, nicht zu sein“) muss man nicht akzeptieren. Wer lebt, wird Leid erfahren; aber er wird auch Freude erfahren, zumindest hat er die Chance, wieder einmal Freude zu erfahren (vor allem durch Gott; wenn es Gott nicht gäbe, wäre das Leben allerdings um einiges hoffnungsloser).

Die Kirche ist für das Leben. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat oft von einer „Kultur des Lebens“ gesprochen, die sich der verbreiteten „Kultur des Todes“ entgegenstellen muss. Zu dieser Kultur des Todes gehören nach seiner Auffassung – u. a. – Abtreibung, Euthanasie/Sterbehilfe, assistierter Selbstmord, Todesstrafe, und auch die lebensfeindliche Einstellung, die sich im Widerwillen gegenüber Kindern ausdrückt. Gerade im Bereich von Abtreibung und Sterbehilfe hört man oft das Argument, der Tod sei für diese Menschen das Bessere (bei Abtreibung zum Beispiel mit der Begründung, dass ein Kind nicht entweder mit einer Behinderung oder in einer nicht gut funktionierenden Familie leben sollte). Das Christentum wendet nun, wie oben gesagt, ein, dass das Leben an sich gut ist, und das elementare Gutsein des Daseins durch Leid nicht außer Kraft gesetzt wird. (Mal ganz abgesehen davon, dass es eine beinahe lächerliche Unehrlichkeit ist, zu behaupten, man gebe einem Kind mit Downsyndrom eine Giftspritze ins Herz oder zerstückele es, um ihm das Leid des Lebens zu ersparen. Denn Kinder mit Downsyndrom, falls man das noch nicht bemerkt haben sollte, können ein sehr glückliches Leben führen. Den einzigen, denen man hier etwas ersparen will, sind die Menschen, die mit diesem Kind zurechtkommen müssten. Schließlich treffen ja auch sie die Entscheidung für den Tod des Kindes, nicht das Kind.)

Man könnte gegen die christliche Sicht auf diese Themen natürlich einwenden, dass der Tod – im Gegensatz zum Gar-nicht-existiert-haben – für die Christen ja nicht die Auslöschung, sondern die Vollendung des Lebens ist. Darauf würde man als Christ entgegnen, dass es an Gott ist, zu bestimmen, wann diese Vollendung fällig ist. Wir leben das Leben, das er uns gegeben hat, und machen das Beste draus, und sehen dann, wann wir zur Vollendung gerufen werden. Abgesehen davon steht bei Leuten, die für Abtreibung und Sterbehilfe sind, wohl kaum das Bestreben im Vordergrund, dem abgetriebenen Kind oder getöteten Kranken ein besseres Leben im Jenseits zu verschaffen (wenn sie denn überhaupt daran glauben), sondern sie wollen – jedenfalls ist das das vorgebrachte Motiv – sein schlechtes Leben im Diesseits zu beenden; lebensbeendende Maßnahmen haben genau dieses Ziel: Leben zu beenden, den Tod zu bringen. Darüber hinaus wird gar nicht geschaut.

Bleiben wir beim Thema Kultur des Todes: Zu dieser Kultur gehören auch gewisse Strömungen in ganz extremen Umweltschützerkreisen, in denen der Mensch teilweise als etwas gesehen wird, das es eigentlich nicht geben sollte. Er ist zu schlecht, er zerstört anderes Leben, er sollte am liebsten einfach weg. (Eigentlich paradox, dass Menschen, die alles Leben für schützenswert halten, das menschliche Leben dabei nicht einschließen.) Eine heute damit verbundene Idee ist der Malthusianismus; eine Philosophie, die meines Erachtens nach direkt aus der Hölle kommt.

Thomas Robert Malthus (1766-1834) war ein anglikanischer Pfarrer und Ökonom. (Er ist auch ein Beispiel dafür, dass auch Menschen, die äußerlich als Christen leben, schlechte – sehr schlechte – Ideen haben können und sich keineswegs immer als christliche Denker erweisen; Malthus übte tatsächlich großen Einfluss auf den ein wenig später entstandenen Sozialdarwinismus aus.) Er beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Thema Bevölkerungsentwicklung, und zwar in ziemlich stümperhafter Weise. Seine simple Theorie lautete folgendermaßen: Die Menschen würden sich exponentiell vermehren (Beispiel: Ein Paar aus einer Generation hat durchschnittlich vier Kinder, die Paare der Generation dieser Kinder dann ebenfalls wieder durchschnittlich vier Kinder, usw.), die Nahrungsmittelproduktion dagegen nur linear (d. h. sie wachse immer um dieselbe Menge, also, sagen wir mal, x Tonnen Weizen kommen jedes Jahr dazu, der Zuwachs wird nie größer). Die Kurven der Nahrungsmittelproduktion und der Bevölkerungsentwicklung würden sich dadurch zwangsläufig immer mehr auseinander entwickeln. Nach diesem Naturgesetz ließen sich natürlich irgendwann nicht mehr alle Menschen ernähren, also würde die Natur zwangsläufig zurückschlagen und ein Teil der Menschen eben durch Hunger, Seuchen etc. sterben. Es sei denn natürlich, sie bekämen weniger Kinder. (Malthus war allerdings stark genug durch eine halbwegs christliche Kultur geprägt, dass er Abtreibung und künstliche Verhütungsmethoden ablehnte und stattdessen späte Heiraten und Enthaltsamkeit vorschlug.)

Die Geschichte hat diese Theorie widerlegt; die von Malthus prophezeite Bevölkerungskatastrophe trat bekanntlich nie ein. Stattdessen wuchs die Nahrungsmittelproduktion im 19. Jahrhundert durch neue Techniken enorm, sogar mehr als notwendig; und diese Techniken wurden gerade deshalb entwickelt, weil eine größere Bevölkerung ernährt werden musste.

Was ist nun das Schlimme an Malthus’ Theorie, abgesehen davon, dass sie sich in der Realität nicht behauptet hat? Schließlich kann es doch schon zu einem Problem werden, wenn – in einem bestimmten Land oder in einer bestimmten Familie – zu viele Kinder auf einmal geboren werden, oder nicht?

Sicher kann es das. Und die katholische Kirche hat auch nie behauptet, dass jede Familie fünfzehn Kinder kriegen muss. (Auch wenn in der Welt da draußen die Tatsache, dass es so etwas wie „NFP“ gibt, ziemlich unbekannt ist.) Aber es besteht doch ein gewisser Unterschied zwischen einer Familie mit mehreren Kindern, die sich selbst entscheidet, vorerst nicht noch ein weiteres zu bekommen, weil sie dann einfach Schwierigkeiten hätte, alle Kinder zu ernähren, und einem Ökonomen, der aus seinem Lehrstuhl heraus erklärt, dass die Welt nun einmal leider nur begrenzte Ressourcen biete und man, wenn es zu viele Menschen gäbe, nichts anderes erwarten könne, als dass einige eben wegstürben, oder einer Regierung wie der chinesischen, die, von der Theorie dieses Ökonomen beeinflusst, Zwangsabtreibungen an Frauen vornehmen lässt, die zum zweiten Mal schwanger werden (und sich dann irgendwann fragt, wie eigentlich die Alten im Land versorgt werden sollen). Von Malthus stammt das folgende Zitat: „Ein Mensch, sagte er, der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Robert_Malthus ) Ich denke, das klärt die Frage, was man von Thomas Robert Malthus’ Ideen zu halten hat, oder?

Man sieht das Problem in dieser Philosophie ganz einfach an der Wortwahl ihrer Vertreter: Sie sprechen nicht von einem Mangel an Nahrung, sondern einem Zuviel an Menschen („Überbevölkerung“ oder, früher, „Bevölkerungsüberschuss“). Nicht die Landwirtschaft ist zu wenig produktiv oder die Verteilung zu ungerecht, nein, einfach, dass die Menschen da sind, ist das Problem. An dieser Wortwahl sieht man eins sehr deutlich: Sie sehen ein gewisses Maß an Bevölkerung als akzeptabel an, und der Rest ist dann ein „Überschuss“; es bleibt zwangsläufig die Frage, wer zu diesem Überschuss gehört und wer nicht.

Als einen exemplarischen Malthusianer könnte man vielleicht Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens’ „Eine Weihnachtsgeschichte“ nennen. Als zu Beginn des Buches zwei Männer in sein Büro kommen, um ihn um Spenden zu bitten, entwickelt sich zwischen ihnen folgendes Gespräch:

„‚In dieser Festzeit, Herr Scrooge’, sagte der Herr und nahm eine Feder zur Hand, ‚ist es mehr als sonst erwünscht, dass man ein weniges für die Armen und Hilflosen tut, die gegenwärtig schwer zu leiden haben. Vielen Tausenden mangelt es am Allernötigsten, Hunderttausenden an den bescheidensten Annehmlichkeiten des Daseins.’

‚Gibt es keine Gefängnisse?’ fragte Scrooge.

‚Eine Menge Gefängnisse’, sagte der Herr und legte die Feder wieder hin.

‚Und die Arbeitshäuser?’ forschte Scrooge weiter. ‚Sind sie noch in Betrieb?’

‚Gewiss. Indessen’, erwiderte der Herr, ‚ich wollte, ich könnte sagen: Nein!

‚Die Tretmühle und das Armengesetz finden auch noch Anwendung?’ sagte Scrooge.

‚Beide nur zu sehr, mein Herr!’

‚Oh! Ich fürchtete schon – nach dem, was Sie zuerst sagten –, es wäre ein Umstand eingetreten, der ihre nützliche Tätigkeit aufgehalten hätte’, sagte Scrooge. ‚Ich freue mich, das Gegenteil zu hören.’

‚Unter dem Eindruck, dass sie in christlichem Sinne kaum förderlich auf Geist und Körper der breiten Masse wirken, bemühen wir uns daher, das nötige Geld zusammenzubringen, um für die Armen etwas zu essen und zu trinken und warme Kleidung beschaffen zu können. Wir haben dazu diese Zeit gewählt, weil da gerade der Mangel am härtesten empfunden wird und so viele wiederum sich des Überflusses erfreuen. Was darf ich für Sie einsetzen?’

‚Nichts!’, erwiderte Scrooge.

‚Sie wünschen ungenannt zu bleiben?’

‚Ich wünsche allein gelassen zu werden’, sagte Scrooge. ‚Da Sie mich fragen, was ich wünsche, meine Herren, ist das meine Antwort. Ich bereite mir selbst kein fröhliches Weihnachten und ich kann mir nicht leisten, es für Faulenzer zu tun. Ich trage dazu bei, die Einrichtungen zu unterstützen, die ich erwähnt habe – sie kosten gerade genug –, und wem es schlecht geht, der muss sich dorthin wenden!’

‚Viele können es nicht und viele würden lieber sterben.’

‚Wenn sie lieber sterben würden’, sagte Scrooge, ‚täten sie gut daran, dies auch wirklich zu tun und den Bevölkerungsüberschuss zu vermindern. Übrigens – entschuldigen Sie – weiß ich nicht, was ich damit zu tun hab.’

‚Aber Sie könnten es wissen’, bemerkte der Herr.

‚Das ist nicht meine Angelegenheit’, gab Scrooge zurück. ‚Es genügt, wenn ein Mann sich auf seine eigenen Angelegenheiten versteht und sich nicht in diejenigen anderer einmischt. Meine beschäftigen mich zur Genüge. Guten Tag, meine Herren!“

Denn man mache sich nichts vor: Zum Kern des Malthusianismus gehört dieser krasse Individualismus, der den Menschen, der in die Welt kommt (siehe das Zitat oben) nicht als Teil einer Gemeinschaft, sondern als möglicherweise überzählige, auf sich gestellte Einzelperson sieht. Er leugnet nicht nur den grundsätzlichen Wert und die Gleichwertigkeit aller Menschen, sondern auch alle Solidarität unter ihnen. Er ist dem Christentum, in dem es immer um die Ausrichtung auf den Anderen, die Offenheit und den Austausch und Hilfe und Rücksicht und das Mitleiden und Mitfreuen – kurz, die Liebe – geht, fundamental entgegengesetzt. Diese „Jeder ist sich selbst der Nächste“-Philosophie ist der genaue Gegensatz zum Christentum.

Auch heute ist die Theorie von der Überbevölkerung noch lange nicht ausgestorben; man denke an den Club of Rome, oder derzeitige Befürchtungen, dass dank der hohen Geburtenrate in Afrika eine Völkerwanderung auf Europa zukommen könnte. In Zeiten, in denen die Erde bei gerechter Verteilung etwa 12 Milliarden Menschen ernähren könnte, während 7 Milliarden auf ihr leben, ist das alles meiner Meinung nach ziemlich… na ja, sagen wir mal, es zeugt von einer gewissen Misswirtschaft des Menschengeschlechts im Ganzen.

Wenn das Leben Probleme mit sich bringt, muss man gegen die Probleme vorgehen und nicht gegen das Leben. Wenn es in Afrika keine Arbeitsplätze gibt, muss man Arbeitsplätze schaffen, anstatt „Kriegt eben einfach keine Kinder!“ zu sagen. (Wenn die Leute dort keine Kinder kriegen, geht es ihnen übrigens erst recht nicht besser.) Wenn eine Behinderung gesellschaftliche Nachteile und/oder körperliche Beschwerden mit sich bringt, muss man mit Inklusion und Medikamenten ankommen, nicht mit der Giftspritze. Wenn jemand keinen Sinn mehr in seinem Leben sehen will, muss man ihm helfen, den Sinn zu finden, nicht den Tod.

Ich will wieder zu meinem Ausgangspunkt zurückkommen: Man muss sich entscheiden, ob man finden will, dass das Leben, das Dasein an sich, auch das Leiden aufwiegt, das es mit sich bringt, oder nicht. Das ist eine Grundentscheidung, die nicht durch logisches Argumentieren erzwungen werden kann. Aber Gott ist offensichtlich der Meinung, dass das Leben das Leiden aufwiegt; Ihn haben wir hier auf unserer Seite. Und man kann Ihm auch nicht vorwerfen, das Leiden nur den Geschöpfen zuzumuten, die Er ungefragt ins Leben gerufen hat. Schließlich hat Er selber ihr Leben und auch mehr als genug Leiden auf sich genommen. Gekreuzigt zu werden ist kein angenehmer Tod.

[Update: Ich wurde von einem Buddhisten für meine Kritik am Buddhismus in der Einleitung dafür kritisiert, dass ich Buddhisten eine Art Todessehnsucht und totalen Pessimismus unterstellen würde. In Bezug auf die Todessehnsucht war das in gewisser Weise ein Missverständnis; ich wollte ausdrücken, dass die Buddhisten das Leben als grundsätzlich leidbehaftet sehen und man als Buddhist aus dem Kreislauf der Wiedergeburt ausbrechen will, nicht dass man automatisch selbstmordgefährdet ist. Ich wurde nun aber darauf hingewiesen, dass für Buddhisten die Erkenntnis, dass alles Leben leidbehaftet sei, lediglich ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Buddhaschaft sei, und dass man daraus zu der Erkenntnis kommen solle, dass es nur auf einen selber ankomme, was man als angenehm oder unangenehm erlebe, und zu der Erkenntnis, dass das Leben an sich wertfrei und dass alles eigentlich eins sei usw. Dadurch würde man dann gerade das Glück finden, das letztendlich dann wohl doch in einer Art Aufgehen in einem innerlich erkannten großen Ganzen zu bestehen scheint oder so ähnlich. (Soweit die Darstellung dieses Buddhisten; ich kenne nicht alle buddhistischen Schulen.) Diesen buddhistischen Gleichmut finde ich nun allerdings erst recht nicht gerade besser, da er mir ganz einfach als Kapitulation und Gleichgültigkeit erscheint und diese Sicht die Wirklichkeit von Gut und Böse in einem Einerlei auflöst – aber ich wollte es noch erwähnen, damit hier keine Missverständnisse mehr entstehen. Wer sich für die ganze Diskussion interessiert, mag sie hier nachlesen: https://winklbauer.wordpress.com/2016/10/09/wir-warten-nicht-aufs-ende/ (Die neuesten Kommentare stehen oben.) An meiner obigen Kritik am Buddhismus würde ich insofern nicht wirklich etwas ändern, da sich auch nach dieser Diskussion mein Eindruck bestätigt hat, dass die Buddhisten das Glück eben darin sehen, sich von der Anhänglichkeit an die Welt zu lösen, während die Christen hier eben genauer unterscheiden, und Anhänglichkeit an das Gute, Wahre und Schöne eben gerade nicht schlecht ist, auch wenn es schlechte Anhänglichkeiten gibt, von denen man sich lösen muss. (Die nennen sich dann Sünden.) Also, nach dem Christentum ist die Lösung nicht Gleichmut und Ende aller Begierden und Wünsche, sondern deren richtige Lenkung und Einsatz für das Gute. Ich würde allerdings sagen, dass konsequent durchgezogener Nihilismus in seiner westlichen Form wohl doch noch mal ein bisschen nihilistischer (und vor allem in der Praxis destruktiver) ist als der Buddhismus.]

 

Teil 7: Die Unvollständigkeiten der Ketzer

Bei den allermeisten Ketzern der Geschichte ist das Problem nicht das, was sie positiv lehren, sondern das, was sie ablehnen; das Problem ist, dass sie sich aus dem katholischen (=allumfassenden) Glauben einzelnes herauspicken und anderes liegen lassen. Schon das griechische Wort für Ketzerei, Häresie, heißt nichts anderes als „Wahl“, „Auswahl“. Sie behandelten bzw. behandeln den Glauben wie ein Büffet, aus dem man sich nimmt, was man mag, und liegen lässt, was einem nicht so zusagt. In Wahrheit ist er jedoch ein Mosaik, das durch das Fehlen jedes einzelnen Steines kaputt gemacht wird. Und ein weiteres Problem ist: wenn ein Stein fehlt, fallen auch bald andere heraus, oft auch solche, die man eigentlich behalten wollte.

Als Beispiel wollen wir zuerst einmal die Ketzerei ansehen, deren 500-jähriges Jubiläum zu feiern ich mich weigere. Luther sprach immer von „allein die Gnade“ und „allein der Glaube“. Die katholische Antwort darauf war nicht: Quatsch, bloß die guten Werke zählen! Sondern: Sicher, ohne Gnade und Glaube geht gar nichts, aber die guten Werke zählen auch. Die Ansicht, dass nur die Werke zählten, hatte die Kirche nämlich schon im 5. Jahrhundert verworfen – man nennt sie Pelagianismus (nach dem Mönch Pelagius, der sie propagierte). Die Protestanten sagen: „sola“ – allein. Die Katholiken sagen: „et – et“ – sowohl als auch. Das gilt in Bezug auf mehrere Dinge: Allein die Schrift – Sowohl die Schrift als auch die Tradition. Allein Christus – Sowohl Christus als auch die Heiligen als auch die sichtbare Kirche.

Leider führt die alleinige Betonung einer bestimmten Sache nicht immer dazu, dass selbst sie besonders in Ehren gehalten wird. Luther pickte sich aus dem katholischen Glauben das heraus, was ihm passte; die Kirche hatte die Bibel zusammengestellt und die Jahrhunderte hindurch bewahrt und ihm überliefert und er entschied nun: Die Bibel allein zählt, die Kirche nicht! Aber dann traf seine Häresie, seine Auswahl, selbst die Bibel, die er vorher so herausgestellt hatte: Aus dem Alten Testament schmiss er die sieben deuterokanonischen Bücher und den Jakobusbrief schimpfte er eine „Strohepistel“. Ein anderes Beispiel: Die Kirche hält die Ehe in großen Ehren – sie ist eins der sieben Sakramente, unauflöslich, Ehe und Familie gelten als Kirche im Kleinen und Kern einer jeden Gesellschaft. Gleichzeitig sagt sie aber auch, dass der Verzicht auf die Ehe, der Verzicht auf ein Gut um eines höheren Gutes willen, also gottgeweihte Jungfräulichkeit (bzw. Enthaltsamkeit), noch höher steht (wie es Christus gesagt hat – „wer das erfassen kann, der erfasse es“; Mt 19,12). Aber beides hat seinen Platz, beides ist unersetzlich. Luther verwarf nun Zölibat und Ordenswesen; er wurde seinem Mönchsgelübde untreu und heiratete eine abgefallene Nonne, und in den Landen, in denen seine Lehre sich durchsetzte, lösten die Fürsten die Klöster auf und rissen ihren Besitz an sich. Aber das führte nicht dazu, dass er die Ehe dann besonders in Ehren gehalten hätte – im Gegenteil; sie sei ein „weltlich Ding“. Ihre Unauflöslichkeit sah er nicht ganz so streng, und Philipp von Hessen erlaubte er die Bigamie. Das kommt davon, wenn man meint, eins der vielen Dinge, die im Katholizismus wichtig sind, aus dem System herausziehen und allein auf ein Podest stellen zu müssen; es verliert ebenfalls seinen Wert, den es nur im Zusammenspiel mit all den anderen Dingen bewahren könnte. Ich bin hier https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-4-was-skrupulositaet-nicht-ist/ schon einmal auf Aristoteles’ Lehre der Komplementärtugenden, die Eingang in die katholische Theologie gefunden hat, eingegangen: Jede Tugend braucht die Ergänzung durch andere Tugenden. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Vorsicht und Tapferkeit, usw. brauchen sich gegenseitig. Mal ist die eine Tugend nötig, mal die andere. Wenn die eine ganz verloren geht, wird auch die andere verzerrt. Ebenso ist es mit sämtlichen Glaubenslehren.

C. S. Lewis hat in einem Essay namens „Gültiges und Endgültiges“ aus dem Jahr 1942 ein paar schöne Beispiele aus anderen Bereichen für dieses Prinzip angeführt:

„Als ich am 6. Juni in der Time and Tide las, dass die Deutschen Hagen statt Siegfried zu ihrem Nationalhelden auserkoren haben, hätte ich vor Vergnügen laut lachen können. Denn ich bin ein romantischer Mensch, und seit ich eines goldenen Sommers in meiner Jugend zum ersten Mal den ‚Walkürenritt’ auf einem Grammophon gehört und Arthur Rackhams Illustrationen zum Ring des Nibelungen gesehen habe, liebe ich das Nibelungenlied, und ganz besonders die Wagnersche Fassung, über alles. Es kann mir noch heute passieren, dass beim bloßen Geruch dieser Bücher die ganze Inbrunst meiner alten Jugendliebe wieder über mich kommt. Darum war es ein bitterer Augenblick, als sich die Nazis meines Schatzes bemächtigten und ihn ihrer Ideologie einverleibten. Doch nun ist alles wieder gut. Offensichtlich ist die Geschichte für sie unverdaulich. Sie wäre ihnen schon längst wieder hochgekommen, wenn sie sie nicht auf den Kopf gestellt und einen der kleineren Bösewichte zum Helden gemacht hätten. Der nächste logische Schritt wird zweifellos sein, dass sie Alberich als die wahre Verkörperung des nordischen Geistes ausrufen. Aber mir haben sie wieder zurückgegeben, was sie mir gestohlen hatten.

 Das Stichwort ‚nordischer Geist’ bringt mich darauf, dass ihr Versuch, sich den Ring des Nibelungen anzueignen, nur ein Aspekt ihres Versuches ist, ‚das Nordische’ überhaupt für sich zu pachten, und das ist ein nicht minder lächerliches Unterfangen. Wie können Leute, die Macht mit ‚Recht’ gleichsetzen, sich Verehrer Odins nennen? Das Problem bei Odin war ja doch, dass er das Recht, aber nicht die Macht, für sich hatte. Das Problem der altisländischen Religion ist es ja gerade, dass sie – als einzige von allen Mythologien – den Menschen dazu aufforderte, Göttern zu dienen, die mit dem Rücken zur Wand kämpfen und am Ende mit Sicherheit unterliegen. ‚Ich gehe mit Odin in den Tod’, sagt der Wanderer in Stevensons Fabel und beweist damit, dass Stevenson etwas vom nordischen Geist begriffen hat, was Deutschland nie und nimmer begreifen kann. Die Götter werden fallen. Odins Weisheit, Thors derbes Draufgängertum (er war wohl eine Art Yorkshireman), Baldurs Schönheit – sie werden einst an der Realpolitik der stumpfsinnigen Riesen und ungeschlachten Trolle zerbrechen. Doch das kann keinen freien Menschen daran hindern, ihnen die Treue zu halten. Es muss uns daher nicht verwundern, dass alle echte germanische Dichtung von Heldentum und Kampf auf verlorenem Posten handelt.

 […] Wie kommt es, dass ausgerechnet das Volk, das als einziges in Europa versucht, seine vorchristliche Mythologie wieder zu beleben, sich als unfähig erweist, diese Mythologie überhaupt schon im Ansatz zu verstehen? […] Das Bessere dem weniger Guten opfern und dann nicht einmal fähig sein, mit dem weniger Guten etwas anzufangen – das ist doch völlig unbegreiflich. Das Erstgeburtsrecht für ein mythologisches ‚Linsengericht’ verkaufen und dann diese Mythologie noch völlig verdrehen – wie kann man nur! Denn soviel ist sicher: Mir (der ich mir eher das Gesicht mit Farbe blau malen würde, als an einen wirklichen Odin zu glauben) gibt die Beschäftigung mit Odin alle Befriedigung und Freude, die er zu geben hat, während die Nazi-Odinisten überhaupt nichts davon haben.

 Und doch ist der Widerspruch, wenn ich es recht überlege, vielleicht gar nicht so groß, wie er aussieht. […] Mir fielen noch andere Beispiele dafür ein. Bis in die neuere Zeit – bis etwa zur Romantik – wäre es niemandem in den Sinn gekommen, Literatur und Kunst als Selbstzweck zu betrachten. Sie waren zur ‚Verschönerung des Lebens’ da, zur ‚harmlosen Zerstreuung’ oder aber zur ‚Verfeinerung der Sitten’, als ‚Ansporn zur Tugend’ oder zur Verherrlichung der Götter. Die großen Werke der Musik wurden für die Messe geschrieben, die großen Gemälde gemalt, um im Speisesaal irgendeines vornehmen Gönners eine leere Wand zu füllen oder um in der Kirche zur Andacht anzuregen; die großen Tragödien wurden entweder von religiösen Dichtern zu Ehren des Dionysos geschrieben, oder sie entstanden als Lohnaufträge zur Unterhaltung der Londoner an ihren freien Nachmittagen. Erst im neunzehnten Jahrhundert sind wir uns der vollen Würde der Kunst bewusst geworden. Erst da haben wir begonnen, sie ‚ernst zu nehmen’, so wie die Nazis die Mythologie ernst nehmen. Doch die Folge ist offenbar, dass das Ästhetische die Beziehung zum Leben verloren hat und nicht viel mehr davon übrig geblieben ist als Werke, die entweder so ‚hoch’ sind, dass immer weniger Leute sie lesen, hören oder sich ansehen mögen, oder so ‚populär’, dass sich sowohl die Schreiber als auch die Leser ihrer beinah schämen. […]

 Eine Frau, die ihren Hund zum Lebensinhalt macht, verliert letztlich nicht nur Lebenssinn und Menschenwürde, sondern auch die Freude an ihrem Hund selbst. Ein Mann, dem der Alkohol das Wichtigste ist, verliert nicht nur seine Arbeitsstelle, sondern auch die Freude an einem guten Tropfen und die Fähigkeit, die ersten leichten (und durchaus angenehmen) Stadien eines Rauschs zu genießen. Es ist wunderbar, einen Augenblick lang (oder auch zwei) das Gefühl zu haben, der ganze Sinn und Zweck des Lebens sei in einer Frau zu finden – doch nur, solange andere Pflichten und Freuden uns immer wieder von ihr wegreißen. Aber räumen Sie alles aus dem Weg und richten Sie Ihr Leben so ein (manchmal lässt sich das machen), dass Sie nichts anderes mehr zu tun haben, als für sie da zu sein – und was geschieht? […] Jede Bevorzugung eines geringeren Gutes vor dem höheren oder eines Teils vor dem Ganzen führt zum Verlust des geringeren Guts oder des Teils, um deswillen das Opfer gebracht wurde. […]“

(Nebenbei: Lewis war zwar kein Katholik, sondern Anglikaner, aber z. B. in Bezug auf das oben genannte Thema Glaube & Werke vertrat er sehr eindeutig die katholische Position; er schreibt in „Mere Christianity“, die Frage, was davon wichtiger sei, sei wie die Frage, welche Schneide einer Schere wichtiger sei als die andere – ganz genau die katholische Lehre gegenüber Protestantismus und Pelagianismus.)

Ein klassisches Beispiel für die Unvollständigkeiten der Ketzer wären natürlich auch die christologischen Streitereien der Antike. Die katholische Lehre ist: Christus ist die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit, wahrer Gott, ganz Gott, ewig, ungeschaffen, eins mit dem Vater und dem Heiligen Geist – und gleichzeitig ist er wahrer Mensch geworden, mit einem menschlichen Leib und einer menschlichen Seele und einem menschlichen Willen, er war zuerst ein Embryo und später ein Kleinkind, er hat sprechen und gehen gelernt und hatte Zehennägel und ein Verdauungssystem und ein bestimmtes Aussehen und hat geschlafen und gegessen und Gefühle erlebt wie jeder einzelne Mensch; „in allem uns gleich außer der Sünde“; und er ist sogar jetzt, nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt, immer noch gleichzeitig Gott und Mensch, er hat seine verherrlichte Menschennatur mit in den Himmel genommen. Diese Lehre wurde auf den frühen Konzilien definiert, gegen alle die Häretiker, die den Skandal der göttlichen Liebe, den Skandal des wirklichen Gottes, des unfassbar fernen, unbegreiflichen, allwissenden und allmächtigen Schöpfers der Welt, der gleichzeitig ein Geschöpf in seiner eigenen Welt wird, verwässern wollten.

Es gab Häretiker auf beiden Seiten: Die Doketisten (doxa = Schein) meinten, Christus sei nur Gott, der eine menschliche Erscheinungsform angenommen habe; natürlich habe er aber nicht wirklich leiden oder sterben oder essen können, sondern es habe eben nur so ausgesehen. Dann gab es die Adoptianisten, die meinten, Gott habe einfach einen besonderen Menschen, Jesus, als seinen Sohn angenommen (sozusagen adoptiert); der erhabene Gott und selber Mensch werden, also, aber wirklich! Dann gab es die gemäßigteren Häretiker der zwei Seiten, die Arianer, die Monophysiten und die Monotheleten zum Beispiel. Die Arianer sind benannt nach Arius, einem Bischof des 4. Jahrhunderts, der diese Ketzerei aufbrachte und der übrigens – interessante Anekdote – beim Konzil von Nicäa von einem anderen Bischof, St. Nikolaus von Myra, geohrfeigt worden sein soll. Sie lehrten, dass Christus zwar nicht einfach nur ein Mensch sei, aber trotzdem ein Geschöpf und nicht Gott; eine Art oberster Engel, geschaffen von Gott vor der Schöpfung aller anderen Geschöpfe; durch ihn sei dann unsere Welt geschaffen worden und er sei Mensch geworden und habe die Welt erlöst. Auch wieder hier: Nicht wirklich der richtige Gott, sondern ein Geschöpf (und der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf ist größer, als der zwischen einem Erzengel und einem Bakterium je sein könnte) ist am Kreuz gestorben, um die Menschen zu erlösen; der richtige Gott kann das doch nicht gemacht haben. Die Monophysiten auf der anderen Seite (monos = eins, einzig, physis = Natur) lehrten dagegen, dass Christus nur eine einzige Natur, die göttliche, gehabt habe. Er sei zwar wirklich Gott, ja, Gott sei wirklich auf die Erde gekommen, aber er habe nicht wirklich die menschliche Natur angenommen – einen menschlichen Leib, ja, gut, aber dass die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit auch eine menschliche Seele haben soll, menschliche Gefühle, den Beschränkungen des menschlichen Gehirns unterworfen gewesen sein soll… das wäre doch etwas unpassend. Der Monotheletismus lehrte ganz ähnlich, dass Jesus nur einen einzigen Willen (thelos) gehabt habe, den göttlichen, nicht einen göttlichen und einen menschlichen zugleich, wie es die Kirche dann definierte. Es gibt noch zahlreiche andere Varianten dieser Häresien beider Seiten, aber ihnen allen ist eines gemeinsam: Entweder sagen sie, der Erlöser sei nur ein Geschöpf und nicht Gott, oder sie sagen, er sei nur Gott und nicht so ganz wirklich richtig Mensch geworden. Sie sind alle wohlmeinend auf Gottes Erhabenheit und Ehre bedacht; es käme ihnen nicht ganz richtig vor, dass er sich so erniedrigt. Und das ist ja verständlich; man muss sich das wirklich mal vor Augen führen, an was wir Katholiken eigentlich glauben – einen Gott, dem mal die Windeln gewechselt werden mussten.

Aber Gott ist eben so, auch wenn es Adoptianisten, Arianern, Doketisten, Gnostikern, Monophysiten, Monotheleten und Nestorianern komisch vorkommt. Er ist einfach so, und wir Katholiken sind dankbar dafür, und akzeptieren fröhlich beide Seiten – wahrer Gott und wahrer Mensch. Wir stimmen den Adoptianisten zu, wenn sie sagen, dass Jesus ein Mensch war, wie wir alle, und den Doketisten, wenn sie sagen, dass er Gott war, ganz anders als wir. Er ist beides. (Hier lohnt es sich vielleicht, den Begriff der Perichorese zu erwähnen; er bedeutet: völlige gegenseitige Durchdringung ohne Vermischung. Er wird in der Trinitätstheologie für das Verhältnis der drei göttlichen Personen – Vater, Sohn, Heiliger Geist – verwendet, und in der Christologie für das Verhältnis der zwei Naturen – göttliche und menschliche – in der zweiten Person der göttlichen Dreieinigkeit.)

Oder nehmen wir ein Beispiel aus modernen Zeiten: Individualismus vs. Kollektivismus/Totalitarismus. Im Individualismus wird nur auf den Einzelnen geschaut, im Kollektivismus nur auf die Gemeinschaft, aber beide halten Individuum und Gemeinschaft nicht wirklich in Ehren. Der Individualismus vergisst eigentlich die Würde des Einzelnen, zu der gerade seine Beziehungsfähigkeit, sein Vermögen, andere zu kennen und zu lieben und über sich selbst hinaus zu schauen, gehört. Egoistisches Schauen auf reine „Selbstverwirklichung“ wird weder dem Individuum noch der Gemeinschaft gerecht. Der Kollektivismus gleichzeitig vergisst nicht nur den Wert des Individuums, sondern auch das wahre Wesen der Gemeinschaft, die doch ihren Wert gerade dadurch erweist, dass sie für jedes einzelne ihrer Mitglieder einsteht. (Noch dazu propagiert er die völlig falsche Vorstellung von einer formlosen Masse gleichgeschalteter Wesen anstelle einer Gemeinschaft ganz unterschiedlicher Menschen, die jeweils das Ihre beitragen und einander ergänzen wie die verschiedenen Organe eines Körpers.) Die katholische Sicht, wie sie etwa in der kirchlichen Soziallehre zum Tragen kommt, wäre dagegen: Einer für alle und alle für einen. Weder Individualismus noch Kollektivismus erfassen dieses Konzept.

Ich glaube, der Satz, dass die Leute oft „right in what they affirm, but wrong in what they deny“ sind, stammt ursprünglich von John Henry Newman. Das trifft das Phänomen der Ketzerei sehr gut. Protestanten sind Jesus und die Bibel und der Glaube wichtig, und da können wir Katholiken nur aus vollem Herzen zustimmen! Aber wieso lehnen sie dann die Eucharistie ab, in der Jesus selbst gegenwärtig wird? Wieso lehnen sie die Kirche ab, von deren Einsetzung durch Jesus uns die Bibel ebenfalls berichtet? Wieso lehnen sie es ab, alle die Christen zu ehren, die Ihm im Lauf der Geschichte besonders nachfolgten, d. h. die Heiligen? Das ist doch unverständlich.

Sie besitzen immer noch einzelne Wahrheiten; aber nicht mehr die Fülle der Wahrheit. Die gibt es eben nur in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche.

 

Teil 8: Kirche der Sünder und Heiligen

Die Kirche hat immer klargestellt, dass Kirchenmitgliedschaft nicht automatisch gleichbedeutend ist mit ewigem Heil. Das heißt, auch ein Katholik kann ein schlechter Mensch sein und, ähm, letztlich gegebenenfalls in die Hölle kommen. Diese Lehre ist aber irgendwie ganz tröstlich. Denn sie bedeutet, dass die Kirche keine Kirche der Reinen sein will, sondern eine Kirche der Sünder, die immer und immer wieder der Umkehr bedürfen; kein Hochbegabtenprogramm, sondern ein Krankenhaus. Sünde schmeißt einen noch nicht aus der Kirche raus; wenn man sich im Krankenhaus eine neue Infektion einfängt, ist man ja auch immer noch drin und bekommt dort seine neuen Medikamente. Was sind die Sakramente wohl sonst?

Damit wandte sich die Kirche schon in der Antike gegen verschiedene Sekten, die meinten, eine Kirche der Reinen aufbauen zu müssen; gegen Hippolyt, Novatian, die Montanisten oder die Donatisten. In dieser Zeit stellte sich nämlich immer wieder die Frage: Was machen wir mit Christen, die in einer der immer wieder aufbrandenden Verfolgungswellen nachgegeben und dem Kaiser geopfert haben? Sie stellte sich besonders während der letzten Verfolgungen ab Mitte des 3. Jahrhunderts (die letzte und größte Verfolgung fand ca. 304/305 unter Kaiser Diokletian statt). Denn in dieser Zeit war die Kirche schon groß genug geworden, um als wirkliche Bedrohung wahrgenommen zu werden; also erließen die Kaiser reichsweite Opferbefehle. Jeder im Reich hatte sich vor den entsprechenden Staatsbeamten einzufinden und vor der Statue des als divus, Vergöttlichtem, verehrten Kaiser ein Opfer darzubringen, wer es nicht tat, konnte mit dem Tod bestraft werden. Man tat diesem Befehl Genüge, indem man ein paar Körnerchen Weihrauch in die Schale vor dem Kaiserbild warf; das war alles. Aber natürlich widersprach das dem Bekenntnis des christlichen Glaubens: Nur einer ist Gott, und einem falschen Gott huldigt man nicht. In dieser Zeit wurden einige der bekanntesten antiken Heiligen zu Märtyrern. Andere entkamen der Verfolgung – durch Flucht, oder vielleicht weil die Beamten das Edikt nicht mit dem größten Eifer durchsetzten, oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Aber natürlich bestand die Kirche auch damals nicht nur aus Heiligen, und viele Christen opferten, um dem Tod zu entgehen. Wenn sie hinterher, sobald die Verfolgung abgeebbt war (nur wenige Jahre nach der letzten Verfolgung kam dann ja auch schließlich die endgültige staatliche Toleranz durch Konstantin), bereuten und wieder in die Kirche aufgenommen werden wollten, stellte sich natürlich die Frage, wie die in der Verfolgungszeit treu gebliebene Kirche damit umgehen sollte. Das gleiche Problem stellte sich übrigens nicht nur bei der Sünde der Glaubensverleugnung; Mord und Ehebruch wurden als ebenso schwere Sünden betrachtet, und es ist Unsinn zu meinen, dass sie bei den frühen Christen im Allgemeinen nie vorgekommen wären – vor allem wohl in Bezug auf Ehebruch. Die Kirche ging dann so damit um: Der reuige Christ hatte eine Zeit der Buße vor sich, in der er nicht zur Kommunion treten durfte und gewisse Auflagen zu erfüllen hatte, z. B. bei der Messe nur ganz hinten stehen oder gar nicht oder nur in spezieller Bußkleidung teilnehmen durfte oder ein bestimmtes Fasten einhalten musste. (So genau kenne ich mich mit der antiken Bußpraxis nicht aus, aber ungefähr so lief es ab.) Diese Bußzeit konnte sogar mehrere Jahre dauern. Dann beichtete der Büßer seine Sünde öffentlich (die geheime Beichte ist eine Erfindung des frühen Mittelalters), der Bischof sprach ihn los, und er wurde wieder zur Kommunion zugelassen. Nun ist das schon ein sehr strenges Vorgehen, verglichen mit unserer heutigen Disziplin, aber manchen der antiken Christen war auch das noch nicht streng genug.

Die Donatisten etwa spalteten sich im 4. Jahrhundert in Nordafrika genau wegen dieser Frage von der Kirche ab. Nach dem Ende der Verfolgungen wurde dort ein neuer Bischof geweiht und eine Gruppe um einen gewissen Donatus hielt seine Weihe für ungültig, weil einer der Konsekratoren während der Verfolgung abgefallen war. Sie meinten, ein abgefallener Christ müsse neu getauft und, wenn es ein Kleriker sei, neu geweiht werden; er könne nicht einfach so wieder eingegliedert werden, er habe sein Christsein und, als Kleriker, seine Vollmacht, Sakramente zu spenden, verloren. Die Kirche dagegen hielt daran fest, dass Taufe und Weihe den Menschen unauslöschlich prägen; ein sündiger Christ oder Bischof war trotzdem noch Christ oder Bischof.

Während sie Apostaten zumindest nach einer Wiedertaufe wieder zulassen wollten, gab es, noch früher in der Geschichte der Kirche, auch Christen, die meinten, eine so schwere Sünde, die nach der Taufe begangen worden sei, könne überhaupt nicht mehr vergeben werden – oder sie könne zumindest nicht von der Kirche, sondern nur von Gott nach dem Tod vergeben werden, oder wenn von der Kirche, dann erst am Totenbett, das heißt, ein Büßer müsse bis zu seinem Tod im Stand der Buße verbleiben. (Es gab da verschiedene Gruppierungen.)

Eine davon, die Montanisten, denen sich Tertullian wohl gegen Ende seines Lebens anschloss, waren eine dieser Bewegungen, die direkte Inspiration durch den Heiligen Geist für ihre Propheten beanspruchen und das nahe Weltende ankündigen; die Bewegung entstand so ungefähr um 170 n. Chr. Die Montanisten verlangten nicht nur allgemein eine sehr strenge Moral (z. B. keine Wiederheirat nach dem Tod des Ehepartners), sondern auch den endgültigen Ausschluss von Mördern, Ehebrechern und Apostaten aus der kirchlichen Gemeinschaft; diese Sünden seien zu schwer, als dass die Kirche sie vergeben könne. Auch die frühesten Gegenpäpste kamen aus dieser Richtung – St. Hippolyt von Rom (ca. 170-235) beispielsweise; er überwarf sich mit Papst St. Calixt I. wegen der Frage, ob Unzuchtsünden vergeben werden könnten, und wurde der erste Gegenbischof von Rom. (Er ist der einzige heilige Gegenpapst, denn er sah seinen Fehler nach Jahren schließlich ein und versöhnte sich wieder mit dem späteren rechtmäßigen Papst, St. Pontianus, nachdem beide gemeinsam von Kaiser Maximinus Thrax zur Zwangsarbeit in ein Bergwerk geschickt worden waren.) Nur wenige Jahre später, 251, gab es in Rom dann schon den nächsten Gegenbischof, der für eine Abspaltung von der Kirche sorgte, nämlich Novatian; auch er lehnte die Wiederaufnahme schwerer Sünder, besonders der Apostaten, ab. Seine Anhänger nannten sich die „Katharoi“, die „Reinen“. (Nicht mit den mittelalterlichen Katharern verwechseln!)

Sehr viele Häretiker, die sich im Lauf der Geschichte von der Kirche abspalteten, störten sich an ihrer Sündhaftigkeit. Auch die Reformation beispielsweise wollte zur „reinen Urkirche“ – oder dem, was sie darunter verstand – zurückkehren (für die Reformatoren war die Kirche auch nicht die sichtbare Gemeinschaft aller Getauften, sondern nur die unsichtbare Gemeinschaft der Geretteten). Und das hat nie funktioniert, und es ist Unsinn, und es ist falsch. Joseph Ratzinger hat es in „Einführung in das Christentum“ sehr gut ausgedrückt:

„‚Heilig’ wird die Kirche im Symbolum [=Glaubensbekenntnis] nicht deshalb genannt, weil ihre Glieder samt und sonders heilige, sündenlose Menschen wären – dieser Traum, der in allen Jahrhunderten von neuem auftaucht, hat in der wachen Welt unseres Textes keinen Platz, so bewegend er eine Sehnsucht des Menschen ausdrückt, die ihn nicht verlassen kann, bis nicht wirklich ein neuer Himmel und eine neue Erde ihm schenken, was ihm diese Zeit niemals geben wird. Schon hier werden wir sagen können, dass die härtesten Kritiker der Kirche in unserer Zeit verborgenerweise ebenfalls von jenem Traum leben und, da sie ihn enttäuscht finden, die Türe des Hauses krachend ins Schloss schlagen und es als lügnerisch denunzieren. Aber kehren wir zurück: Die Heiligkeit der Kirche besteht in jener Macht der Heiligung, die Gott in ihr trotz der menschlichen Sündhaftigkeit ausübt. Wir stoßen hier auf das eigentliche Kennzeichen des ‚Neuen Bundes’: In Christus hat sich Gott selbst an die Menschen gebunden, sich binden lassen durch sie. […]

 Gehen wir noch einen Schritt weiter. Heiligkeit wird im menschlichen Traum von der heilen Welt als Unberührbarkeit von der Sünde und vom Bösen, unvermischt mit diesem vorgestellt; immer bleibt dabei in irgendeiner Weise ein Schwarz-Weiß-Denken, das die jeweilige Form des Negativen (die freilich sehr verschieden gefasst sein kann) unerbittlich ausscheidet und verwirft. In der heutigen Gesellschaftskritik und in den Aktionen, in denen sie sich entlädt, wird dieser unerbittliche Zug, der menschlichen Idealen immerzu anhaftet, wieder allzu deutlich. Das Anstößige an Christi Heiligkeit war deshalb schon für seine Zeitgenossen die Tatsache, dass ihr diese richtende Note durchaus fehlte – dass weder Feuer über die Unwürdigen fiel noch den Eiferern erlaubt wurde, das Unkraut auszureißen, das sie wuchern sahen. Im Gegenteil, diese Heiligkeit äußerte sich gerade als Vermischung mit den Sündern, die Jesus in seine Nähe zog; als Vermischung bis dahin, dass er selbst ‚zur Sünde’ gemacht wurde, den Fluch des Gesetzes in der Hinrichtung trug – vollendete Schicksalsgemeinschaft mit den Verlorenen (vgl. 2 Kor 5,21; Gal 3,13). Er hat die Sünde an sich gezogen, zu seinem Anteil gemacht und so offenbart, was wahre ‚Heiligkeit’ ist: nicht Absonderung, sondern Vereinigung, nicht Urteil, sondern erlösende Liebe. Ist nicht die Kirche einfach das Fortgehen dieses Sich-Einlassens Gottes in die menschliche Erbärmlichkeit; ist sie nicht einfach das Fortgehen der Tischgemeinschaft Jesu mit den Sündern, seiner Vermischung mit der Not der Sünde, sodass er geradezu in ihr unterzugehen scheint? Offenbart sich nicht in der unheiligen Heiligkeit der Kirche gegenüber der menschlichen Erwartung des Reinen die wahre Heiligkeit Gottes, die Liebe ist, Liebe, die sich nicht in der adeligen Distanz des unberührten Reinen hält, sondern sich mit dem Schmutz der Welt vermischt, um ihn so zu überwinden? Kann von da aus die Heiligkeit der Kirche etwas anderes sein als das Einander-Tragen, das freilich für alle davon kommt, dass alle von Christus getragen werden?

 Ich gestehe es: Für mich hat gerade die unheilige Heiligkeit der Kirche etwas unendlich Tröstendes an sich. Denn müsste man nicht verzagen vor einer Heiligkeit, die makellos wäre und die nur richtend und verbrennend auf uns wirken könnte? Und wer dürfte von sich behaupten, dass er nicht nötig hätte, von den anderen ertragen, ja getragen zu werden? Wie aber kann jemand, der vom Ertragenwerden seitens der anderen lebt, selbst das Ertragen aufkündigen? Ist es nicht die einzige Gegengabe, die er anbieten kann; der einzige Trost, der ihm bleibt, dass er erträgt, so wie auch er ertragen wird? Die Heiligkeit in der Kirche fängt mit dem Ertragen an und führt zum Tragen hin; wo es aber das Ertragen nicht mehr gibt, hört auch das Tragen auf, und die haltlos gewordene Existenz kann nur ins Leere absinken. Man mag ruhig sagen, in solchen Worten drücke sich eine schwächliche Existenz aus – zum Christsein gehört es, die Unmöglichkeit der Autarkie und die Schwachheit des Eigenen anzunehmen. Im Grunde ist immer ein versteckter Stolz wirksam, wo die Kritik an der Kirche jene gallige Bitterkeit annimmt, die heute schon anfängt, zum Jargon zu werden. Leider gesellt sich nur allzu oft eine spirituelle Leere dazu, in der das Eigentliche der Kirche überhaupt nicht mehr gesehen wird, in der sie nur noch wie ein politisches Zweckgebilde betrachtet wird, dessen Organisation man als kläglich oder als brutal empfindet, als ob das Eigentliche der Kirche nicht jenseits der Organisation läge, im Trost des Wortes und der Sakramente, den sie gewährt in guten und in bösen Tagen. […]

 Die Kirche lebt ja nicht anders als in uns, sie lebt vom Kampf der Unheiligen um die Heiligkeit, so wie freilich dieser Kampf von der Gabe Gottes lebt, ohne die er nicht sein könnte. […] Eine Bitterkeit, die nur destruiert, richtet sich selbst. Eine zugeschlagene Tür kann zwar zum Zeichen werden, das die aufrüttelt, die drinnen sind. Aber die Illusion, als ob man in der Isolierung mehr aufbauen könnte als im Miteinander, ist eben eine Illusion genau wie die Vorstellung einer Kirche der ‚Heiligen’ anstatt einer ‚heiligen Kirche’, die heilig ist, weil der Herr in ihr die Gabe der Heiligkeit schenkt ohne Verdienst.“

Das alles hängt natürlich auch damit zusammen, dass der Mensch nicht richten darf. Die irdische Kirche wurde immer als Acker mit „Unkraut und Weizen“ gesehen, weil eben erst Gott wirklich hinter die Fassade sehen wird, wie es im Gleichnis beschrieben ist:

„Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune. […] Dann verließ er die Menge und ging nach Hause. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. Er antwortete: Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel. Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!“ (Mt 13,24-30.36-43)

Irgendwann einmal wird der Patient im Krankenhaus entweder sterben (und in diesem Krankenhaus kann er nur sterben, wenn er sich weigert, seine Medikamente zu nehmen), oder er wird geheilt entlassen werden. Das Krankenhaus ist etwas Vorläufiges; und darin befinden sich solche, die sterben werden und solche, die geheilt werden werden, und der Chefarzt darf bestimmten Patienten nicht weniger Sorge zukommen lassen, weil er ihre Heilungschancen als zu gering einschätzt. Sünder gehören zur Kirche, und die Kirche muss sie zur Umkehr rufen, und was daraus wird, wird man erst am Ende sehen.

Ich bin ganz froh, dass ich von Kindheit an zumindest halbwegs katholisch sozialisiert bin. Das schützt vor falschen Kirchenbildern. Einerseits ist man so schon mal davor gefeit, in der Kirche finster vor sich hin mordende Opus-Dei-Mönche wie bei Dan Brown zu vermuten (selbst wenn man noch nicht weiß, dass es beim Opus Dei gar keine Mönche gibt, weil die nämlich kein Orden sind), oder auch in jeder Sakristei Kinderschänder zu wittern, andererseits wird man auch sehr effektiv daran gehindert, sich eine idealisierte Vorstellung von einer heiligen Gemeinschaft voller inniger Nächstenliebe, Frömmigkeit, Freundlichkeit und Klugheit zu machen. Stattdessen erwartet man langweilige Pfarrgemeinderäte, sehr schlecht singende Kinderchöre, rechthaberische Pfarrer, einfach nur unfähige Religionslehrer, arrogante ältere Damen, Bischöfe, die es allen recht machen wollen, Theologen, die mit Absicht so zu schreiben scheinen, dass es möglichst kryptisch bleibt, was sie einem eigentlich sagen wollen, und Oberministranten ohne logisches Denkvermögen oder Organisationstalent ebenso wie starke Anteilnahme und Hilfsbereitschaft in der Seelsorge, Ehrfurcht und Schönheit in der Liturgie, klare, geniale Gedanken in der Predigt oder der Theologie, nette Feiern und bewegende, gut geplante Fahrten nach Rom oder Jerusalem. Katholiken sind halt auch Menschen, und Menschen sind öfters mal schlecht und gelegentlich auch gut; sie sind Sünder. [Aber sie sind nicht nur Sünder, sondern alle auch einfach in nicht schuldhafter Weise unvollkommen: dumm, ungebildet oder hässlich, psychisch krank, physisch krank, unsportlich, schüchtern, ungeschickt, übergewichtig, alt, erfolglos, geistig behindert, körperlich behindert, unbeliebt, arbeitslos, arm… Wie viele Menschen wären nicht zumindest eins der Dinge aus dieser Liste? Die Heiligen, das ist sehr tröstlich, waren durchaus nicht alle strahlende, überirdische Lichtgestalten. Der hl. Alphons von Liguori war Skrupulant, die hl. Teresa von Kalkutta litt unter starken Depressionen, die hl. Anna Schäffer war gelähmt und bettlägerig, der hl. Pfarrer von Ars hatte große Lernschwierigkeiten, der hl. Thomas von Aquin war stark übergewichtig, der sel. Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn hatte keinen Erfolg mit seinen Friedensbemühungen im 1. Weltkrieg…]

Die Kirche ist keine Elitegesellschaft. Sie stellt ein paar Mindestanforderungen; solange man katholisch getauft ist, den katholischen Glauben hat und in Gemeinschaft mit dem Papst steht, ist man drin. Das kann durchaus heißen, dass man noch kein besonders guter Mensch ist und noch einen weiten Weg mit Gott vor sich hat. Aber deswegen gehört man trotzdem dazu. Natürlich; es gibt solche Dinge wie die Exkommunikation. Exkommuniziert wird man aber entweder, weil man den katholischen Glauben aufgegeben hat (Apostasie, Häresie), oder weil man sich von der Kirche abgespalten hat (Schisma), oder weil man bestimmte sehr schwerwiegende, im Kirchenrecht klar bestimmte Sünden begangen hat – Bruch des Beichtgeheimnisses, Hostienschändung, Abtreibung, Attentat auf den Papst, solche Sachen. (Auch das geduldigste Krankenhaus steckt einen in strenge Quarantäne, wenn man auf die Idee kommt, sich selber im Labor Pesterreger zu spritzen, und dann noch mit der Spritze herumzulaufen, um auch andere Patienten zu infizieren.) Aber selbst die Exkommunikation ist klar definiert als eine Beugestrafe, die den damit Belegten dazu führen soll, wieder in die volle Gemeinschaft der Kirche zurückzukommen. Und eigentlich gehört man, kirchenrechtlich gesehen, immer irgendwie noch zu ihr, sobald man getauft ist, auch wenn man nicht mehr in der vollen Gemeinschaft mit ihr steht; da kann man so ketzerisch und sündhaft sein wie man will. (Auch die Quarantänestation ist noch ans Krankenhaus angeschlossen.) Die Verbindung mit der Kirche lässt sich für einen gültig Getauften nie ganz zerreißen.

Nebenbei: Das oben Gesagte über Kirchenmitgliedschaft und ewiges Heil gilt bekanntlich auch umgekehrt: Auch jemand, der offiziell nicht der katholischen Kirche angehört, kann seinem Gewissen folgen und auf dem richtigen Weg zu Gott sein, auch wenn er die wahre Religion noch nicht erkannt hat.

 

Teil 9: Alles hat seine Stunde

Im Katholizismus gibt es gelegentlich mal gruselige, harte oder traurige Dinge. Wir haben Reliquiare mit Knochenstückchen auf Seitenaltären stehen und es gibt in Europa Kapellen voller aufgetürmter Schädel und mit Wänden, die mit Knochen behangen sind [hier ein paar Fotos… https://churchpop.com/2014/10/28/inside-europes-creepy-bone-churches/ ]. Unsere Heiligen werden dargestellt mit Sägen und Äxten und siedendem Öl, weil sie dadurch zu Tode kamen, und von Johannes dem Täufer sieht man auf zahlreichen Darstellungen nur seinen Kopf auf einer silbernen Schale. Sogar die Patronate dieser Heiligen zeigen einen ziemlichen Galgenhumor – St. Sebastian beispielsweise ist der Patron der Bogenschützen, weil er mit Pfeilen getötet wurde. Wir glauben an Fegefeuer, Hölle und Endgericht, es gibt das Dies Irae und den Dia de los muertos; auch Halloween hat bekanntlich katholische Wurzeln. Wir haben sogar Exorzismen.* Es gibt im Kirchenjahr Zeiten der Trauer und des Fastens. Und dann gibt es – natürlich – den Karfreitag. Das zentrale Symbol unseres Glaubens ist ein grausames Hinrichtungsgerät. Das Kreuz muss damals in der Antike ein noch abwegigeres Symbol gewesen sein, als wenn heutzutage Galgen oder Guillotine oder Elektrischer Stuhl oder Waterboardinginstrumente als Symbole einer neuen Sekte auserkoren würden.

Trotzdem sind diese dunklen Dinge nicht das eigentliche Wesen des Katholizismus. Das Wesen des Katholizismus, wie ich es erfahren habe, ist Klarheit, Freude, Friede, Licht und Hoffnung – zu seinem Wesen gehört der Sieg über das Leid durch dessen Annahme.

In dieser Religion wurde das Leid nie ignoriert. Vergänglichkeit, Tod und Krankheit, die Ungerechtigkeit der Welt und zwischenmenschliche Bosheit galten in der Geschichte der katholischen Religion immer als Grundkonstante des Lebens aller Menschen, was sie ja sind; ein paar YOLO- oder Prosperity-Gospel-Philosophien versuchen diese offensichtliche Tatsache zwar heutzutage zu ignorieren, aber ich denke, dass sich alle vernünftigen Menschen darüber einig sind, dass es so ist. (Dass der Versuch von Ideologien wie dem Kommunismus, eine vollkommen leidlose Welt zu schaffen, grandios gescheitert ist, darüber sind wir uns auch einig, oder?) Die menschlichen Abgründe wurden in der Kirche nie ignoriert. Wir haben Heilige, die zuerst einmal Mörder, Räuber, Prostituierte oder Christenverfolger waren. (St. Moses der Äthiopier, St. Afra, St. Maria von Ägypten, St. Paulus…) Die Kirche ist dazu da, Heilung zu bringen – Leben nach dem Tod, Vergebung aller Verbrechen.

Es gibt im Kirchenjahr Zeiten des Fastens, der Trauer und des Entsetzens über das Böse. Der Karfreitag ist ein dunkler Tag. Aber er hat nicht das letzte Wort. Am Ostersonntag triumphiert das Licht wieder.

Im Buch Koholet gibt es eine sehr schöne Stelle: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“ (Kohelet 3,1-8) Eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg? Das habe ich mich früher bei dieser Stelle gefragt. Aber ja, auch die gibt es – man denke nur an die fehlgeleitete britische Appeasement-Politik gegenüber Hitler, und, im Kontrast dazu, die spätere richtige Entscheidung zum Kriegseintritt nach dem Angriff auf Polen. Es gibt eine Zeit zum Krieg.

Aber das gilt für diese Welt, für diese gefallene Welt. In der kommenden wird das alles überwunden werden; das Böse ist stark, aber das Gute ist stärker, und es wird am Ende siegen. Das ist genau der Unterschied zwischen der katholischen Weltsicht und nihilistischer Verzweiflung. Die Kirche gibt nie die Hoffnung und den Glauben auf. Es geht immer weiter, es ist nie zu spät, es gibt immer noch Hoffnung, am Ende wird alles gut werden. Deshalb ist auch der Glaube in dieser Religion eine so wichtige Tugend – denn er bedeutet nicht ein Nicht-Genau-Wissen, sondern das feste und unwandelbare Vertrauen auf eine Person. Andere Religionen, etwa die antike römische, definierten sich nicht als Glauben, sondern als Kulte; es ging um die richtigen Rituale zur Verehrung der Götter. Ebenso definiert sich der Buddhismus nicht als Glaube, sondern als Weg der Erkenntnis und Selbsterlösung. Der Katholizismus dagegen ist ein Weg des vertrauenden, hoffenden Glaubens auf die Macht und die Liebe Gottes, die am Ende siegen wird.

*Zur Beruhigung aller Leser, die sich nicht damit auskennen, was die katholische Kirche unter „Exorzismus“ versteht: Nein, das ist nichts Brutales oder so, hier wird einfach nur mit Gebet und Weihwasser und so gearbeitet. Exorzisten sind erfahrene Priester, die vom Bischof für diese Aufgabe bestellt werden müssen, und alle Exorzisten sagen, dass sie die meisten Menschen, die zu ihnen kommen, weil sie sich von Dämonen bedrängt fühlen, einfach zum Psychiater weiterschicken können; hier wird nämlich genau geprüft. Aber es gibt gelegentlich auch Phänomene, die sich auf diese Weise nicht erklären lassen, sondern bei denen die logischste Erklärung wirklich das Bedrängtwerden oder die Besessenheit von einer fremden Macht ist. Nähere Informationen vielleicht hier: https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2016/07/01/as-a-psychiatrist-i-diagnose-mental-illness-and-sometimes-demonic-possession/?postshare=5241467379040029&tid=ss_tw&utm_term=.7fad181a9d55 oder hier: http://www.strangenotions.com/demons-playing-cards-and-telescopes/  Und diese Phänomene treten auch nicht einfach so auf, sondern meistens dann, wenn Leute sich auf satanistische Sekten eingelassen haben oder so – „die Geister, die ich rief“ und so. Und ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass es böse Geister gibt. Wir glauben, da uns Gottes Offenbarung das sagt, dass Gott nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen geschaffen hat, sondern zu allem Anfang auch rein geistige Wesen, die wir Engel nennen, und dass die ebenso einen freien Willen haben wie die Menschen, woraus logisch folgt, dass es unter ihnen ebenso gute wie böse geben muss. Die bösen Engel nennt man die gefallenen Engel oder Dämonen. Zu den guten Engeln zählen beispielsweise die Schutzengel, oder auch die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael.

Ach ja: Wer konkrete Beispiele dafür haben will, wie Exorzismen funktionieren, kann auch einfach die Evangelien aufschlagen – Jesus hat nämlich auch Dämonen ausgetrieben.

 

Teil 10: Vielfalt und Einheit. Ein paar abschließende Bemerkungen

Ich könnte jetzt in dieser Reihe noch über verschiedene weitere Themen reden – das Thema ist auch irgendwie allumfassend. Ich könnte von Karmelitern, Benediktinern und Jesuiten anfangen, von der franziskanischen und salesianischen und ignatianischen Spiritualität, von den charismatischen Gemeinschaften, dem Opus Dei und der Petrusbruderschaft, den Vereinen und den Dritten Orden, den verschiedenen unter dem Papst geeinten katholischen Rituskirchen (römisch-katholische, chaldäisch-katholische, assyrisch-katholische, koptisch-katholische, griechisch-katholische, melkitisch-katholische, äthiopisch-katholische usw.), von unterschiedlichen Andachtsformen, von den theologischen und philosophischen Schulen im Katholizismus. (Wer übrigens gerne etwas mehr über das Thema theologische Vielfalt im Katholizismus wissen möchte, dem könnte ich auch Fr. H. G. Hughes’ Buch „What Catholics are free to believe or not“ empfehlen. Habe es selber noch nicht gelesen, habe es aber fest vor.) In dieser katholischen – allumfassenden – Kirche gibt es Vielfalt: In gewissem Rahmen der Ansichten, aber vor allem der Lebens- und Gebetsformen. Ob ich Herz-Jesu-Verehrung oder Stundengebet oder sonst etwas lieber mag, ist letztlich einfach eins: meine Sache.

Ein Thema, über das man in diesem Zusammenhang sicherlich noch kurz reden sollte, ist die Einheit der Weltkirche, die gerade auch diese Vielfalt schützt. Ich will mit einem Vergleich deutlich machen, was ich meine: In gewissen protestantischen Kreisen, besonders im amerikanischen Bereich, kann jede Gemeinde oder jeder regionale Verband von Gemeinden beschließen, was zum Glauben gehört, was sein darf und was nicht sein darf, wie der Gottesdienst auszusehen hat und was zur Mitgliedschaft dazu gehört. Jeder macht sein eigenes Ding und stellt seine eigenen Partikularansprüche. Im Katholizismus haben wir nur einen Papst, den in Rom; und das sorgt für gewisse Mindeststandards und allgemein geltende Regeln. Kein Bischof oder Pfarrer kann seinen Untergebenen einfach befehlen, das mit, sagen wir mal, der Wallfahrt nach Lourdes oder der Charismatischen Erneuerung sein zu lassen, weil beides von weiter oben gestattet ist. Ich kann an jedem Ort, wo die katholische Kirche vertreten ist, grundsätzlich meinen Glauben auf meine Weise leben, solange die von Rom abgesegnet ist. (Natürlich gibt es auch Bereiche, deren Regelung Bischöfen oder Bischofskonferenzen überlassen ist; in dem Fall müsste ich natürlich meinem jeweiligen Bischof gehorsam sein. Eine gewisse lokale Autorität hat ja auch ihren Sinn, da sie die örtlichen Zustände besser kennt als das im weltkirchlichen Zentrum vielleicht der Fall ist. Aber es braucht eben auch die Weltkirche.)

Die Einheit der Kirche hat natürlich ganz allgemein ihre großen Vorteile. Ich kann in jede katholische Gemeinde der Welt in die Messe gehen und werde dort das grundsätzlich Gleiche erleben – die Quelle und den Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, wie Lumen Gentium es ausdrückt. Ich kann bei jedem katholischen Priester auf der Welt auf das Beichtgeheimnis zählen. Die Kirche spricht mit einer Stimme zu den zentralen Themen der Welt. Wir Katholiken gehören zu einer Gemeinschaft, wir glauben nicht für uns allein und sind im Glauben nicht auf uns allein gestellt. Die Einheit der Kirche – sowohl im äußeren, institutionellen Bereich als auch in allen wesentlichen Lehrfragen – ist unersetzlich.

Es ist kein Wunder, dass Jesus wollte, dass seine Jünger eins sind; darum betete Er beim Letzten Abendmahl (Joh 17,20-23). Wir glauben an die eine, heilige, katholische (=allumfassende, universale) und apostolische Kirche: Eine Kirche, die fähig ist, alle Länder und Kulturen zu umfassen und allen Arten von Menschen Heimat zu bieten (weil der Heilige Geist ihr dabei hilft). Die Einheit und die Katholizität der Kirche gehören untrennbar zusammen.

Es gibt noch andere Dinge, die ich sonst noch ansprechen könnte. Aber ich denke, das Wichtigste ist gesagt, und damit will ich es bewenden lassen und diese Reihe abschließen. Ich hoffe, ich konnte ein bisschen etwas davon herüberbringen, wieso ich diese Kirche liebe.

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11 Gedanken zu “Reihe: Die allumfassende Kirche

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