Reihe: Moraltheologie und Kasuistik

Inhalt

Wozu diese Reihe?

Teil 1: Entscheidungsfindung bei Unsicherheiten – über Tutiorismus, Probabilismus und Laxismus

Teil 2: Grundbegriffe und Unterscheidungen

Teil 3: Die göttlichen Tugenden und die Kardinaltugenden

Teil 4a: Das 1. Gebot – was die Tugend des Glaubens praktisch bedeutet

Teil 4b: Das 1. Gebot – was die Tugend der Hoffnung praktisch bedeutet

Teil 4c: Das 1. Gebot – was die Tugend der Gottesliebe praktisch bedeutet

(wird fortgesetzt)

 

Wozu diese Reihe?

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

 

Anmerkung 1: Das alles hier ist im Blick auf Nichtskrupulanten, d. h. Menschem mit durchschnittlichem bis laxem Gewissen geschrieben worden. Für Skrupulanten gelten z. B. in Hinblick auf die Beurteilung zweifelhaft schwerer Sünden eigene Regeln. (Siehe etwa hier, hier und hier.)

Anmerkung 2: Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich generell auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Adolphe Tanquerey (1854-1932) und Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Anmerkung 3: Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

 

Teil 1: Entscheidungsfindung bei Unsicherheiten – über Tutiorismus, Probabilismus und Laxismus

Bevor ich zu den Einzelfragen komme, erst einmal zu den Prinzipien. Heute zu einer sehr grundsätzlichen Frage: Das Ergebnis, wenn man mit allgemeinen moralischen Prinzipien an einen konkreten Fall herangeht, kann sein: „Es ist klar: Du musst das und das tun / darfst das und das nicht tun.“ Oder: „Es ist klar: Du kannst frei zwischen den und den Möglichkeiten wählen.“ Aber es kann auch mal  sein: „Das ist ein Grenzfall; es ist nicht ganz klar, was deine Pflicht ist, am wahrscheinlichsten ist es so, aber andere würden vielleicht sagen, es wäre so, wahrscheinlich wäre auch noch diese dritte Möglichkeit erlaubt, diese vierte hier wohl eher nicht.“ Diese Fälle sind immer die schwierigsten. Und hier kommen die sog. Klugheitsregeln und die sog. Moralsysteme ins Spiel.

Grundsätzlich gilt in der Moraltheologie die Regel „ein zweifelhaftes Gesetz bindet nicht“ (lex dubia non obligat). Aber was heißt das jetzt für die Praxis? Wann ist ein Gesetz zweifelhaft? Sagen wir, mir geht es nicht so gut und ich bin mir nicht sicher, ob die Sonntagspflicht (das Gebot, sonntags eine Messe zu besuchen) für mich noch gilt oder ich auch zuhause bleiben kann. Wonach entscheide ich?

Im 17. und 18. Jahrhundert war das ein ziemlicher Streitpunkt unter den Theologen. Sie entwickelten dabei die folgenden sog. Moralsysteme:

Der Tutiorismus (von „tutior“, lateinisch für „sicherer“) wäre die Ansicht, man müsste immer die strengste, die sicherste, die beste aller Möglichkeiten wählen. Die Tutioristen erkannten das Prinzip lex dubia non obligat eigentlich gar nicht erst an. Du bist dir nicht völlig sicher, ob du krank genug bist, um von der Messe daheim zu bleiben? Dann geh zur Messe. Du weißt nicht hundertprozentig, ob du bei deinem Job vielleicht in Gewissenskonflikte gerätst? Dann kündige. Man muss das Gebot immer befolgen, auch wenn sehr starke Gründe gegen seine Geltung in einem bestimmten Fall sprechen. Diese Ansicht billigt die Kirche nicht. Das macht ja auch Sinn: Sie ist letztlich nicht lebbar. Bei jeder noch so kleinen Unsicherheit gäbe es keinen Spielraum mehr. Und so würden auch viele falsche Entscheidungen getroffen werden – weil manche Leute sich z. B. auch bei Krankheiten, bei denen sie wirklich im Bett bleiben sollten, nicht völlig sicher wären, ob sie es nicht doch in die Kirche schaffen könnten. Einer vernünftigen Abwägung kann man nicht entgehen, indem man immer nach der einen Seite steuert. So landet man nur im Graben. Als die Jansenisten verurteilt wurden, wurde in einem Dekret von 1690 u. a. der Satz „Es ist nicht erlaubt, einer [wahrscheinlichen] Meinung oder unter wahrscheinlichen der wahrscheinlichsten zu folgen“ verurteilt.

Dann gäbe es den Probabilismus, von „probabilis“, „wahrscheinlich“. Wenn wahrscheinliche Gründe gegen die Geltung eines Gebots in meinem Fall sprechen, ist es nicht bindend. Neben dem reinen Probabilismus gibt es noch ein paar Unterformen. Da ist der Probabiliorismus (probabilior = wahrscheinlicher), nach dem die Gründe, die gegen die Geltung sprechen, zumindest wahrscheinlicher sein müssen als die Gründe dafür. Dann der Äquiprobabilismus, nach dem die Gründe dagegen zumindest genauso groß sein müssen wie die Gründe dafür. Nach dem Kompensationssystem kann es auch einmal sein, dass gute Gründe gegen die Verpflichtung sprechen, die aber weniger gewichtig sind als die, die dafür sprechen, und dass man trotzdem nicht verpflichtet ist, weil gewichtige praktische Gründe dagegen sprechen, d. h. es sehr schwer durchführbar ist. (Extremes Beispiel: Ich bin mir nicht sicher, ob ich xyz nach dem göttlichen Gesetz tun muss, es gibt ganz gute Gründe dagegen, aber noch bessere Gründe dafür – aber wenn ich es tue, steckt mich der ungerechte Staat, in dem ich lebe, für zwanzig Jahre ins Arbeitslager. Ergo: nach dem Kompensationssystem nicht verpflichtend.) Die probabilistischen Moralsysteme werden von der Kirche gebilligt.

Der Laxismus wäre die Ansicht, man dürfte frei zwischen allen Möglichkeiten wählen, die nicht ganz und gar absolut sicher verboten sind. Für als laxistisch bezeichnete Theologen war ein Gesetz schon dann zweifelhaft, wenn nur sehr schwache Gründe gegen seine Geltung sprachen – mit anderen Worten, für sie hätte man auch mit einem leichten Schnupfen von der Kirche daheim bleiben können. Wie die etwas abfällige Bezeichnung schon nahelegt, ist das eine Ansicht, die die Kirche nicht so ganz billigt; verschiedene laxistische Sätze wurden von Rom als „zumindest ärgerniserregend und in der Praxis verderblich“ verurteilt.

Bei Skrupulanten (also Leuten mit einer religiösen Zwangsstörung) im Speziellen ist es allerdings etwas komplizierter: Weil die dazu neigen, alles stundenlang hin und her zu wälzen und immer auf Nummer sicher gehen wollen und Angst haben, sich bei einem zweifelhaften Gebot nicht als gebunden zu betrachten, auch wenn die Gründe dafür eigentlich wahrscheinlich wären, weil man sich bei der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit ja irren könnte, was ja vielleicht davon kommen könnte, dass man unterbewusst Gott nicht gehorchen will, usw. usf., dürfen die sich in der Praxis nach einem eher laxistischen Prinzip verhalten. Wenn man dazu neigt, immer in die eine Richtung zu steuern, muss man jetzt erst einmal mehr in die andere Richtung steuern, um das zu korrigieren. Weil Skrupulanten die Geltung eines Gebots in ihrem Einzelfall oft erst dann anzweifeln, wenn es wirklich wahrscheinliche Gründe dagegen gibt, und weil es für sie sowieso erst einmal wichtig ist, ihre ungesunde Angst abzulegen, sollen sie sich erst dann gebunden sehen, wenn sie sich wirklich sicher sind.

Soweit zu den Prinzipien. Und nicht vergessen: Wenn man sich in der Beurteilung eines konkreten Falls mal geirrt hat, dann ist das nicht so schlimm. Gott rechnet einem nichts an, was man im guten Glauben, es wäre erlaubt, getan hat. In diesem Sinne stimmt es, dass Gott kein Erbsenzähler ist – Er sieht mehr auf die Absicht als auf die Tat.

 

Teil 2: Grundbegriffe und Unterscheidungen

Heute zu einigen Grundsätzen und Grundbegriffen, die in allen möglichen Situationen wichtig werden. Diesen Teil hätte ich vielleicht als ersten veröffentlichen sollen. Bald wird es konkret, aber das Allgemeine sollte vorher der Vollständigkeit halber auch geklärt werden.

Die katholische Ethik ist eine Ethik des Naturrechts. Der Begriff „Naturrecht“ hat für viele heute einen ungewohnten Klang und lässt manche sogar an Sozialdarwinismus und ähnlichen Unfug denken. Beim Naturrecht geht es aber nicht darum, zu beobachten, was denn so in der Wildnis passiert und das dann nachzuahmen. Nein: Es geht darum, mit der Vernunft zu schauen, worauf ein Ding seinem Wesen (seiner Natur) nach ausgerichtet ist. Beispiel: Die Sprache ist auf die Weitergabe von Wahrheit ausgerichtet – Lügen pervertiert diesen Zweck, also ist es sozusagen „widernatürlich“, im Sinne von „gegen die göttliche Ordnung, gegen die innere Natur, den Naturzweck der Sprache“, und damit eine Sünde. Wir glauben, dass Gott sich Gedanken über den Aufbau Seiner Welt gemacht hat und halten uns an Seinen Bauplan. Gegen das Naturrecht kann genau genommen selbst Gott nicht verstoßen, weil es in Seinem eigenen Wesen begründet ist – Er könnte zum Beispiel nicht lügen oder Seine Versprechen brechen. Es wäre nicht nur falsch, sondern unmöglich für Ihn, so etwas zu tun.* (Allerdings darf und kann Gott tatsächlich auch dem Naturrecht gemäß ein paar andere Dinge tun, als Menschen dürfen. So ist Gott Herr über Leben und Tod und kann uns das Leben nehmen, ohne dass Er dadurch etwas Böses täte, während wir nicht einfach so töten dürfen. Das könnte man entfernt damit vergleichen, dass in einer menschlichen Gesellschaft der Staat Gewalt anwenden darf, die der einzelne Bürger nicht anwenden darf, was im Endeffekt zum Schutz des einzelnen Bürgers dient, oder damit, dass Eltern für ihr Kind einer Operation zustimmen dürfen, für die die Einwilligung des Kindes allein nicht genügt. Klar: Gott ist allwissend und vollkommen gut, wir nicht.)

Das Naturrecht wird auf Latein ius divinum naturale genannt, natürliches göttliches Recht. Neben dem natürlichen göttlichen Recht gibt es noch das positive (gesetzte) göttliche Recht (ius divinum positivum), d. h. die von Gott in Seiner Offenbarung gestifteten Satzungen, die Er theoretisch auch anders hätte gestalten können. Dazu gehören z. B. das Gebot, den siebten Tag zu heiligen, oder „im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen, usw. Die Bestimmungen des Naturrechts können theoretisch alle Menschen mit Gewissen und Vernunft einsehen, das positive göttliche Recht kommt erst durch Gottes ausdrückliche Anordnung. Es verpflichtet aber prinzipiell genauso aufgrund der Autorität unseres Schöpfers über uns. Dann gibt es noch das bloß kirchliche Recht (ius mere ecclesiasticum), das von der Kirche festgesetzte Recht über den Bereich, für den Gott ihr Autorität verliehen hat. Dazu gehören z. B. die Fastenbestimmungen. Außerdem gibt es noch anderweitiges positives menschliches Recht – das staatliche Recht, oder die Weisungen rechtmäßiger Vorgesetzter. Das menschliche Recht (dazu zählt auch das kirchliche) ist insofern bindend, sofern es dem göttlichen Recht nicht widerspricht, praktisch zumutbar ist und die Autoritäten rechtmäßige Autoritäten in Gottes Ordnung (Kirche, Staat, Eltern gg. minderjährigen Kindern, usw.) sind.

Verstöße gegen alle diese Formen von Recht können je nach Schweregrad entweder schwere oder lässliche Sünden sein. Weder ist ein Verstoß gegen das Naturrecht automatisch schwer, noch einer gegen das kirchliche Recht automatisch lässlich.

Aus dem Konzept des Naturrechts folgt, dass es gewisse Handlungen gibt, die absolut immer falsch sind und unter keinen Umständen ausnahmsweise gerechtfertigt werden können, weil sie gegen die Natur der Dinge sind – die sog. in sich schlechten Handlungen. Diese Handlungen können auch durch keinen noch so guten Zweck richtig werden und ziehen meistens sowieso ziemlich schlechte Folgen nach sich. Andere Handlungen wiederum sind nur aufgrund der konkreten Umstände schlecht.

Wichtig: In sich schlechte Handlungen sind nicht automatisch schlimmer als durch die Umstände schlechte Handlungen. Der Begriff bezeichnet eine bestimmte Art von Sünde, nicht den Grad ihrer Schwere. (Ein Beispiel: Lügen ist immer schlecht, das bloße Vorenthalten einer Wahrheit nicht – man ist ja nicht verpflichtet, jedem immer alles Mögliche zu erzählen, was ihn vielleicht gar nicht betrifft. Aber das Vorenthalten einer wichtigen Wahrheit, die zu wissen jemand ein Anrecht hat, kann sehr wohl schlimm sein. Eine kleine Verlegenheitslüge („Wieso kommst du schon wieder zehn Minuten zu spät?“ – „Äh – der Verkehr draußen…“) wäre offensichtlich weniger schlimm, als wenn z. B. Eltern und Arzt einem Kind das Wissen vorenthalten, dass seine Krankheit so schwer ist, dass es bald daran sterben wird.)

Auch sind nicht alle in sich schlechten Handlungen gleich schwerwiegend; es sind noch nicht einmal alle in sich schlechten Handlungen schwere Sünden – das klassische Beispiel wäre wieder die Verlegenheitslüge in unwichtiger Sache, die zwar ihrer Natur nach falsch, aber wegen ihrer Geringfügigkeit nur eine lässliche Sünde wäre.

Jetzt also noch zu diesen zwei Begriffen: schwere Sünde (=Todsünde) und lässliche Sünde. Eine Sünde ist schwer, wenn in einer wichtigenSache mit Wissenund Willen begangen (so der alte Katechismusmerkspruch). Wenn man nicht wusste, dass etwas eine schwere Sünde ist, oder wenn man irgendeinen Irrtum begangen hat, der die Sache nicht als solche aussehen ließ, war es keine schwere Sünde. Wenn man unter Drohung, Nötigung, dem Einfluss einer Sucht oder psychischen Krankheit o. Ä. gehandelt hat, beeinträchtigt das ebenfalls die Schuldfähigkeit. Aber was ist nun eine wichtige Sache? Dazu komme ich in dieser Reihe ausführlich; prinzipiell kann man sagen, dass ausdrückliche Ge- und Verbote in der Bibel (Zehn Gebote!) wichtige Markierungspunkte sind; auch die Regeln von Staat und Kirche, die diese beiden Institutionen selber als grundlegend wichtig behandeln (d. h. kirchlicherseits etwa die fünf Kirchengebote oder das Beichtgeheimnis, staatlicherseits die meisten Strafgesetze – im Unterschied zu, sagen wir mal, Details einer diözesanen Datenschutzrechtlinie oder Bestimmungen zu bloßen Ordnungswidrigkeiten) verpflichten i. d. R. unter schwerer Sünde.

Die schwere Sünde schneidet von Gott ab, weil sie in einem die Tugend der caritas (Gottes- und Nächstenliebe) ganz zerstört (was auch heißen kann, eine mit dieser zwangsläufig zusammenhängende Tugend, etwa die der Gerechtigkeit, in einem ganz zerstört) – und damit eben die heiligmachende Gnade in einem zerstört. Schwere Sünden sind wie (für die Seele) tödliche Wunden; lässliche wie Kratzer und blaue Flecke und vielleicht auch mal ein ausgeschlagener Zahn oder ein gebrochener Arm – nicht schön, aber man geht davon nicht drauf.

Wenn man allerdings kleine Sünden bewusst, beabsichtigt serienmäßig begeht (z. B. als Dieb von Laden zu Laden zieht und immer nur Waren für ein paar Euro klaut, aber insgesamt damit doch einen großen Schaden anrichtet), können die damit auch zu einer schweren Sünde werden – so, wie man an vielen gleichzeitig zugefügten kleinen Schnitten verbluten kann. Hier handelt es sich nämlich eigentlich nicht um nacheinander begangene lässliche Sünden, sondern um eine schwere Sünde auf Raten. (Ein anderes Beispiel wäre etwa, wenn man einem Familienmitglied oder Arbeitskollegen oder Mitschüler durch ständige strategische kleine Boshaftigkeiten zusetzt, die für sich genommen nur übliche Reibereien im menschlichen Miteinander wären, aber zusammengenommen viel größeren Schaden anrichten.)

Wie erlangt man die heiligmachende Gnade wieder? Gott hat als Mittel dafür die Taufe und – wenn man schon getauft ist und dann wieder schwere Sünden begeht – die Beichte eingesetzt. Er wollte Seine Gnade durch äußere Zeichen vermitteln. Natürlich funktionieren die aber auch nicht einfach so – Reue und der Vorsatz zur Besserung müssen da sein. Ein bloßes Lippenbekenntnis reicht nicht.

Was ist, wenn man keinen Priester erreichen kann? Und was ist mit Menschen, die nichts vom katholischen Glauben wissen? Nun, das ist nicht so schwer. Gott hat zwar die Sakramente eingesetzt, und im Gehorsam Ihm gegenüber halten wir uns an sie, aber Er selbst ist ja nicht nur an sie gebunden, sondern kann Seine Gnade auch anderweitig austeilen, wo die Leute nicht zu ihnen gelangen.

Hier kommt der Begriff der „Liebesreue“ (lat. contritio) ins Spiel: Wenn man eine schwere Sünde begangen hat und dann einen „Akt der Reue setzt“ (hey, ich halte mich nur an die Fachbegriffe), also Reue erweckt, sich vornimmt, sie nicht mehr zu begehen, und (wenn man katholisch ist und um die Wichtigkeit der Beichte weiß) sich vornimmt, sie zu beichten, wenn man die Gelegenheit dazu hat, dann wirkt schon Gottes Gnade in einem. Die Liebesreue wird auch „vollkommene Reue“ genannt, aber eigentlich ist der Begriff der „Liebesreue“ passender; der Punkt bei dieser Reue ist nämlich nicht, dass sie so perfekt sein muss, wie es nur geht, sondern dass sie aus Liebe zu Gott hervorgeht. Eine Stufe drunter gäbe es nämlich die sog. „Furchtreue“ („unvollkommene Reue“, lat. attritio), die eher aus Furcht vor der Hölle hervorgeht. Die Furchtreue ist nicht schlecht – sie ist ein unvollkommener Anfang. In der Beichte selber genügt sie für die Vergebung der Sünden. (Wieso genügt in der Beichte etwas, das sonst nicht genügt? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht, weil Gott es uns anrechnen will, wenn wir uns immerhin überwinden müssen, die Sünden laut zu bekennen?) Liebesreue heißt, dass man es bereut, den liebenden Vater im Himmel mit einer schlechten Tat verletzt zu haben; Furchtreue fürchtet bloß die strafende Gerechtigkeit Gottes. (Sie meint allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun“, sondern eher „Ja, ich weiß irgendwo schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Motivation, zur Beichte zu gehen, ist gerade eher Angst vor der Hölle“.) Wichtig: Für echte Reue muss man nicht intensive Gefühle in sich heranzüchten. Gefühle sind sicher mal eine Hilfe, aber vor allem ist Reue eine Sache des Willens. Man muss sich einfach bewusst machen, dass etwas tatsächlich falsch war und den guten und gerechten Gott verletzt hat, und sich Besserung vornehmen – das ist Liebesreue. Ach ja, die Liebesreue kann übrigens auch zusammen mit einer gewissen Furcht vor der Hölle existieren. Man kann sowohl die „unvollkommene“ als auch die „vollkommene“ Motivation dafür, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, in sich haben. Wäre ja auch nicht sehr schön, wenn man keine Liebesreue erlangen könnte, solange man noch irgendeine Furcht vor der Hölle spürt.

Wenn man eine schwere Sünde auf dem Gewissen hat, darf man vor der nächsten Beichte nicht zur Kommunion gehen – bevor man sich wieder mit Jesus vereinigen kann, muss man sich richtig mit Ihm versöhnt haben, auch äußerlich im Sakrament der Beichte. (Nur in Ausnahmefällen genügt die bloße Liebesreue, um zu kommunizieren – aber dazu in einem anderen Teil.)

Was ist, wenn man eine Sache fälschlich für eine schwere Sünde hielt, als man sie beging, und erst später gehört hat, es sei nur eine lässliche Sünde? Es kommt darauf an. Prinzipiell bestimmen schon die eigenen Intentionen, wie gut oder schlecht das eigene Handeln war – man war bereit, etwas zu tun, das man für eine schwere Sünde hielt. Der Apostel Paulus befasst sich im Römerbrief mit einer solchen Frage: Eigentlich ist es keine Sünde, auf dem Markt Fleisch zu kaufen, das von in heidnischen Tempeln geopferten Tieren stammt; aber wenn jemand überzeugt ist, es sei Sünde und es trotzdem tut, dann sündigt er dabei. (Und deshalb sollen die anderen Christen darauf Rücksicht nehmen, welches Beispiel sie solchen Leuten geben, und nicht Götzenopferfleisch essen, wenn sie dadurch einem anderen den Anschein gäben, sie würden es mit dem Glauben nicht so genau nehmen.) Andererseits werden offensichtlich harmlose oder wenig schlimme Handlungen auch nicht so schnell so furchtbar schlecht, weil man sich darüber irrt, wie schlecht sie wären. Sagen wir, jemand glaubt aufgrund falscher religiöser Erziehung, jede noch so geringfügige Lüge, Alkoholkonsum in egal welcher Menge, und jeder Widerspruch gegenüber den Eltern / Streit mit ihnen sei schwere Sünde. Das ist offensichtlich falsch; die letzten beiden Dinge müssen nicht mal lässliche Sünden sein. Und das spürt man auch irgendwo. (Es gibt ja eine bestimmte Sorte Protestanten, die die Lehre vertreten, jede Sünde sei gleich schwer; das sagen sie sich sicher, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es wirklich innerlich glauben – und in der Praxis behandeln sie Mord und Ruhestörung auch nicht wie dasselbe.) Ein solcher Mensch würde nicht automatisch eine schwere Sünde begehen, weil ihm halt doch mal ein böses Wort gegenüber den Eltern herausrutscht. Gerade, wenn man ein hyperaktives (skrupulöses) Gewissen hat, das einem sagt, alles und jedes müsse bestimmt schwere Sünde sein, kann es gut sein, dass etwas, das man zu dem Zeitpunkt, als man es tat, für schwere Sünde hielt, doch keine war, auch subjektiv nicht.

Was, wenn man sich zu dem Zeitpunkt, zu dem man etwas getan hat, nicht sicher war, ob es schwere oder lässliche Sünde war? Nun, dann war man zumindest bereit, eine potentiell schwere Sünde zu begehen. Zweifelhaft schwere Sünden müssen vom Prinzip her nicht gebeichtet werden; hier gelten aber auch die Regeln für Zweifelsfälle aus Teil 1 dieser Reihe. Wenn man dabei immer noch zu keiner wahrscheinlichen Einschätzung kommt, sollte man am besten einfach beichten und in der Beichte nachfragen, was diese Tat allgemein ist.

Was, wenn einem tatsächlich erst hinterher eingefallen ist, etwas könnte schwere Sünde gewesen sein? Dann war es im Normalfall keine schwere Sünde – außer, man hätte es eigentlich klar sehen müssen und hat sich selber blind gestellt. Das ist manchmal schwierig zu bestimmen. Tut mir leid für die Vagheit an dieser Stelle. Vielleicht im späteren Verlauf der Reihe mehr zum Thema Gewissensbildung.

Wir kennen den Ausdruck der Sünden „in Gedanken, Worten und Werken“. Wann werden bloß gewünschte oder geplante oder angekündigte oder angedrohte Sünden zu Sünden?

Die feste Absicht, eine schwere Sünde zu begehen, ist selbst schwere Sünde. Der feste Wunsch, eine schwere Sünde zu begehen, von dessen Ausführung man nur (nicht auch, sondern nur) wegen dem Gedanken an die Konsequenzen (Rufschädigung, Gefängnis, was auch immer) zurückschreckt, und nicht, weil man weiß, dass besagte Sünde falsch ist, ist selbst schwere Sünde. Etwas schwieriger ist der Fall beim bewussten Schwelgen in Phantasien (im Unterschied zu ungewollten Gedanken, die einem halt so kommen) über schwere Sünden (z. B. Gewalt- oder Sexphantasien), die man aber nicht in die Tat umzusetzen beabsichtigt. Im Bereich des sechsten Gebots sind hier am ehesten schwere Sünden zu befürchten. Generell besteht aber schon noch ein Unterschied zur ausgeführten Tat. Aber dazu in einem anderen Artikel mehr.

Leere Drohungen („Geld her oder ich schieße!“, „Wenn du nicht vor Gericht für mich lügst, schmeiß ich dich raus!“) sind die eigenständige, je nach den Umständen schwere oder lässliche Sünde der Erpressung; Drohungen, die auch die tatsächliche feste Absicht beinhalten, eine schwere Sünde zu begehen sind selbst schwere Sünde (noch zusätzlich zur Erpressung) – wenn auch vielleicht nicht ganz so schwer wie die tatsächlich begangene Tat (es hätte ja sein können, dass man vor der Tat dann doch zurückgeschreckt wäre).

Zwei andere Dinge sind noch wichtig. Erstens: Was ist, wenn man zu fremden Sünden beiträgt oder an ihnen mitwirkt?

Zu fremden Sünden beitragen kann man natürlich entweder durch direkte Anstiftung/Verführung/Nötigung (was eine schwere Sünde ist, wenn zu schweren Sünden angestiftet/verführt/genötigt wird), oder aber, indem man „Ärgernis gibt“. Das hat nichts mit „jemand anderen ärgern“ zu tun – es heißt eher so etwas wie „einem anderen Anlass zur Sünde werden“, oft in der Form von „ein schlechtes Beispiel geben, wodurch andere zu einer Sünde verleitet werden“. Ein Beispiel: Anna, die aus einer katholischen Familie kommt, übernachtet immer mal wieder bei ihrem Freund; obwohl die zwei dabei tatsächlich nicht miteinander schlafen, gehen Annas jüngere Geschwister davon aus, dass sie es wohl täten (v. a., weil Anna nichts Gegenteiliges klarstellt); weil sie sich ihre ältere Schwester zum Vorbild nehmen und allgemein den Eindruck haben, dass die ja trotzdem noch eine gute Katholikin sei, nehmen sie selber das Thema Keuschheit jetzt weniger wichtig. Ein anderes Beispiel wäre die oben erwähnte Götzenopferfleischproblematik. Wenn man ohne rechtfertigenden Grund (so einen Grund kann es geben – sagen wir, Anna musste bei ihrem Freund übernachten, weil sie den letzten Bus zurück zu sich nach Hause verpasst hat, oder man kauft Götzenopferfleisch, weil es sonst nichts anderes mehr auf dem Markt gibt und man Essen braucht) andere zu der naheliegenden Annahme verleitet, man würde schwere Sünden begehen und die als kein moralisches Problem sehen, dann kann das eine lässliche oder schwere Sünde sein (je nachdem, wie sehr der andere einen z. B. als Vorbild nimmt). Man kann auch auf andere Weise zu Sünden verleiten – z. B. kann man jemanden dazu verleiten, einen zu hassen, indem man ihn schlecht behandelt. Auch diese Art der Provokation zu Sünden ist ernst zu nehmen – auch, wenn man die Reaktionen anderer auf das eigene Handeln nicht immer kontrollieren kann und manchmal auch Dinge tun muss, die andere missverstehen könnten o. Ä., sollte man die natürlicherweise, auch bei grundsätzlich wohlwollenden Menschen, erwartbaren Reaktionen anderer auf das eigene Handeln einkalkulieren, und, wenn es möglich ist, darauf Rücksicht zu nehmen.

Etwas anderes ist die Mitwirkung an einer Sünde, wobei man die materielle und die formelle Mitwirkung unterscheiden muss. Formelle Mitwirkung ist direkte Mitwirkung an einer schlechten Tat selber, wobei die eigene Tat einen unverzichtbaren Bestandteil der Handlung darstellt oder eine ausdrückliche Gutheißung dieser Tat bedeutet. Materielle Mitwirkung ist periphere Mitwirkung, die nicht zu der Handlung selber gehört; hier wird eine an sich gute oder moralisch neutrale Handlung durch einen anderen missbraucht und in den Dienst seiner Sünde gestellt. Formelle Mitwirkung wäre etwa die Hilfe eines Assistenzarztes bei einer Abtreibung; materielle Mitwirkung wäre die Versorgung einer Frau nach einer Abtreibung, oder das Putzen des Operationsraums vorher. Eigentlich wäre z. B. auch der klassische Fall des Blumenschmucks für eine Schwulenhochzeit nur materielle Mitwirkung (der Blumenschmuck ist nicht nötig für die Trauung und der Florist drückt damit nicht zwangsläufig seine Zustimmung zu ihr aus; einen Raum mit Blumen zu schmücken ist an sich moralisch indifferent). Ein anderes Beispiel für materielle Mitwirkung wäre die Arbeit einer Angestellten in einem Supermarkt, wo Kondome verkauft werden – dabei beteiligt man sich nicht direkt an der Tat der künstlichen Empfängnisverhütung -; die eines Taxifahrers, dessen Kunden sich auch ins Rotlichtviertel fahren lassen; oder die eines Winzers oder Weinhändlers, der weiß, dass seine Produkte sowohl von Leuten, die ein wenig mit ein paar Gläsern Wein feiern wollen, als auch von Alkoholikern, die sich zusaufen und ihre Gesundheit ruinieren, gekauft werden werden. Oder das klassische Beispiel: Der Kauf von Waren von einem Unternehmen, das seine Angestellten schlecht behandelt oder in andere unethische Dinge involviert ist.

Formelle Mitwirkung ist nie in Ordnung, materielle Mitwirkung lässt sich nicht immer vermeiden (man versuche mal, nur bei ethisch völlig sauberen Unternehmen einzukaufen) und kann in Ordnung sein, wenn es entsprechend gewichtige Gründe gibt, die sie nötig machen (z. B. als Florist nicht wegen Diskriminierung verklagt zu werden). Je entfernter die Mitwirkung, desto leichter ist sie zu rechtfertigen. Außerdem muss man sich fragen, ob man die schlechte Tat verhindern könnte, indem man die Mitwirkung verweigert; ob man eine besondere Verantwortung hat, sie zu verhindern; wie schwerwiegend sie in sich ist; ob es von anderen so betrachtet werden wird, als hätte man durch seine Mitwirkung seine Zustimmung zu der Tat gegeben.

Bloße Mitwirkung ist generell nicht so schwer wie die Sünde selbst; aber trotzdem dürfte die formelle Mitwirkung an einer schweren Sünde meistens schwere Sünde sein.

In diese Ecke gehören auch die Handlungen mit Doppelwirkung. Es geht hier um Handlungen, die eine gute und eine schlechte Wirkung erzielen, von denen erstere intendiert ist und letztere nicht. Man könnte auch „Handlung mit einer schlechten Nebenwirkung“ sagen. Auch in der Medizin gibt es ja Medikamente, die alle möglichen Nebenwirkungen haben. Wenn jetzt ein Arzt einem Patienten ein Antibiotikum gibt, mit der Intention, dessen Infektion zu heilen, dann ist das eine gute Handlung, auch wenn der Patient davon auch nicht intendierte Verdauungsstörungen bekommt; wenn man jemandem dagegen etwas geben würde, damit er Verdauungsstörungen bekommt, wäre das, nun, nicht gerade nett. (Ehrlich, absolut nicht nett. Take it from jemandem, der chronische Probleme mit so was hat.) Es ist offensichtlich, dass die intendierte Wirkung und die Nebenwirkung in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen – so, wie auch bei einem Medikament die Nebenwirkungen nicht mehr schaden sollten als das Medikament nützt. Beispiel für erlaubte Handlungen mit Doppelwirkungen wären etwa:

  • Eine schwangere Frau ist schwer krank und nimmt Medikamente, die ihrem ungeborenen Kind schaden können.
  • Eine Frau nimmt die Pille zur Behandlung einer Krankheit (z. B. Endometriose); die resultierende Unfruchtbarkeit ist eine unerwünschte Nebenwirkung.
  • Ein Staat setzt eine bestimmte Wirtschaftgesetzgebung (z. B. zu Steuern, Zöllen, Mindestlohn…) in Kraft, die Gruppe A sehr hilft und Gruppe B unbeabsichtigterweise etwas schadet.
  • In einem gerechten Krieg wird eine Waffenfabrik des Gegners bombardiert; dabei sterben, was nicht beabsichtigt war, auch Zivilisten, u. a. sogar Zwangsarbeiter, die Kriegsgefangene des Gegners waren und dort arbeiten mussten.
  • Extremes Beispiel: Eine Eileiterschwangerschaft: Ein Embryo hat sich im Eileiter der Mutter statt in ihrer Gebärmutter eingenistet; das natürliche Resultat, wenn man nichts tut, wäre, dass der Eileiter irgendwann reißen würde, wobei das Kind sicher sterben würde und die Mutter vielleicht. Ein Arzt entfernt den Eileiter oder das Kind aus dem Eileiter; das Kind stirbt dabei, weil es noch zu klein ist, um draußen zu überleben. Wenn schon künstliche Gebärmütter entwickelt wären, in die man das Kind setzen könnte, oder wenn es möglich wäre, das Kind aus dem Eileiter in die Gebärmutter der eigenen Mutter zu setzen, würde man aber eine dieser Optionen wählen; das Ziel ist nicht, das Kind zu töten, sondern die Mutter zu heilen; und das Kind hätte sowieso keine Überlebenschance (bei einer Eileiterschwangerschaft gar keine, bei einer Bauchhöhlenschwangerschaft immerhin eine sehr geringe).

Bei Handlungen mit Doppelwirkung muss man sich einfach immer fragen: Würde ich diese Handlung auch noch ausführen, wenn die schlechte Wirkung dank irgendwelcher neuer Umstände nicht auftreten würde? Wenn ja, kann die Handlung erlaubt sein. Wenn dagegen die schlechte Wirkung selber, wenn auch z. B. als Mittel zu einem anderen guten Zweck, gewollt ist, dann kann sie nicht erlaubt sein. Ein Beispiel: Der Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki war nicht moralisch erlaubt, weil die vielen zivilen Opfer keine unerwünschte Nebenwirkung waren, sondern direkt intendiert, wenn auch zu dem guten Zweck, Japan schnell zur Kapitulation zu bewegen und noch höhere Zahlen an Kriegstoten zu vermeiden.

Wenn ein Leser sich mit diesen quasi „gesinnungsethischen“ Konzepten (es gibt in sich schlechte Handlungen, der Zweck heiligt nicht die Mittel) noch schwer tut, empfehle ich diesen sehr lesenswerten Aufsatz von Robert Spaemann.

* Daraus ergäbe sich freilich die Frage: Ist Er dann noch allmächtig, wenn Er manches nicht tun kann? Ja, ist Er. Gott kann alles tun, außer das, was in sich unsinnig oder widernatürlich wäre, weil das Unsinnige und Widernatürliche eigentlich gar keine wirkliche Existenz in sich hat, sondern eine bloße Negation ist. Eine solche Negation ist nur uns nicht-göttlichen Geschöpfen (Engeln, Menschen) möglich. Gott ist das pure Sein, das pure Gute, die pure Vernunft, die pure Schönheit – wir sind ein Stück von Ihm entfernt.

 

Teil 3: Die göttlichen Tugenden und die Kardinaltugenden

Bevor ich ab dem nächsten Teil endlich zu den Zehn Geboten und den Einzelpflichten, die sie begründen, und den ganzen möglichen Einzelsünden gegen sie komme, noch ein Artikel mehr zu den Grundlagen der christlichen Ethik: Dem Begriff der Tugenden, und den grundlegenden Tugenden, die das gesamte moralische Handeln prägen müssen.

Eine Tugend ist grundsätzlich eine durch Gottes Gnade (und durch Einübung) erworbene Fähigkeit, gut zu handeln; ein “Habitus”, wie man auf Latein sagt, was sich mit “Gewohnheit” nur unzureichend übersetzen lässt. Wer z. B. die Tugend der Gerechtigkeit besitzt, handelt generell gerecht, ohne sich erst dazu zu zwingen zu müssen; ist geübt darin, gerecht zu handeln; es fällt ihm leicht.

Die Tugenden haben ihren Sitz vor allem im Willen; wer z. B. unmäßige Furcht, Neid, ungerechten Zorn o. Ä. spürt, aber diese Emotionen, die ungewollt in ihm hochkommen, mit dem Willen bekämpft, verhält sich sehr tugendhaft.  Was im Willen ist, muss sich natürlich – sofern möglich und angebracht – auch in Worten und Taten verwirklichen (sonst wäre es gar nicht wirklich im Willen, sondern nur in der Phantasie), aber zunächst mal muss es im Willen vorhanden sein; und wenn es nicht verwirklicht werden kann, dann genügt das auch.

Basierend auf 1 Kor 13,13 kennt die katholische Theologie zum einen das Konzept der drei göttlichen/theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Göttlich deshalb, weil sie sich auf Gott beziehen, nicht nur auf Zwischenmenschliches, und weil es keine rein natürlichen Tugenden sind (wie z. B. Gerechtigkeit oder Mut); hier muss Gott selbst in der Seele des Menschen wirken (natürlich muss Gott dem Menschen auch bei den natürlichen Tugenden helfen, da ja seit dem Sündenfall auch die natürlichen Kräfte des Menschen angegriffen sind; aber das ist etwas anderes). Die drei göttlichen Tugenden sind die wichtigsten und grundlegendsten Tugenden.

Faith, Hope and Love, as portrayed by Mary Lizzie Macomber (1861–1916)

(Allegorische Darstellung von Glaube (links), Hoffnung (rechts) und Liebe (mittig), Mary Lizzie Macomber. Gemeinfrei.)

1) Zuerst zur ersten dieser Tugenden, zum Glauben. Natürlich stellt sich für viele erst einmal die Frage: Wieso ist der Glaube überhaupt eine Tugend? Was ist die moralische Leistung daran, an Gott zu glauben? Und was verurteilenswert daran, nicht an Gott zu glauben? Handelt es sich nicht einfach um eine Meinung, die zu haben oder nicht zu haben moralisch neutral ist?

Na ja, zuerst einmal sind Meinungen eben nicht moralisch neutral. Jeder Mensch hat die Verpflichtung, nach der Wahrheit zu suchen, und sich nicht von Vorurteilen und egoistischen Wünschen, sondern von Vernunft und Gewissen leiten zu lassen, wenn er seine Meinungen formt. Ein offensichtliches Beispiel: Wenn jemand die Meinung vertreten würde “Schwarze Menschen sind weniger wert als weiße” würde kaum einer diese Meinung als moralisch neutral betrachten. Das heißt nicht, dass nicht einmal ein gutwilliger Mensch ohne persönliche Schuld oder nur mit sehr geringer Schuld zu unwahren und verurteilenswerten Meinungen kommen kann – z. B. weil er durch ständige Propaganda beeinflusst wurde und die Gegenargumente nicht kennt -, aber es heißt, dass es eben sehr wohl Sünden des Intellekts gibt. Sich an der Wahrheit auszurichten ist eine Tugend.

Der Glaube besteht nun außerdem nicht nur darin, sich auf die abstrakte Wahrheit einzulassen, sondern auch darin, Gott persönlich zu glauben, sich auf Gott einzulassen: Den Gott, der allmächtig, allweise und vollkommen gut ist; der einen erschaffen hat und weiter im Dasein erhält; dem man verdankt, dass man überhaupt ist und nicht ins Nichts zurückfällt; der einen anspricht. Natürlich ist die Haltung gegenüber diesem Gott moralisch relevant. Wenn man erkannt hat, dass dieser Gott ist, kann man Ihm gegenüber nicht mehr gleichgültig sein.

Der Glaube hat seinen Sitz laut dem hl. Thomas von Aquin sowohl im Intellekt als auch im Willen, die beide zusammenwirken, wenn der Intellekt auf das Wahre und der Wille auf das Gute ausgerichtet ist. Thomas sagt zu der Frage, ob der Glaube eine Tugend ist:

“Denn da Glauben ein Akt der Vernunft [des Intellekts] ist, welche infolge der Bestimmung vom Willen aus zustimmt, so muß, damit dieser Akt gut sei, zuerst die Vernunft unfehlbar auf ihren Gegenstand sich richten, auf das Wahre; und der Wille muß sodann unfehlbar Beziehung haben zum letzten Endzwecke [d. h. dem guten Gott], dessentwegen er dem Wahren zustimmt. Beim geformten Glaubensakte nun ist dies Beides der Fall: die Vernunft geht immer auf das Wahre, denn dem Glauben kann sich nie Falsches beimischen; und der Wille geht kraft der Liebe immer auf den Endzweck. Also ist der geformte Glaube eine Tugend.” (Summa Theologiae II/II 4,5)

Paulus definiert den Glauben in dem schwer zu übersetzenden Vers Hebr 11,1 als “elpizomenon hypostasis, pragmaton elenchos ou blepomenon” – etwa: “Wesen/Wirklichkeit/Grundlage/Gewissheit des Erhofften / Feststehen in dem Erhofften, das Überzeugtsein von Dingen, die nicht gesehen werden”. Die Einheitsübersetzung (Ausgabe von 2016) übersetzt mit “Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht” die Lutherbibel (Ausgabe von 2017) mit “feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht”; die lateinische Vulgata hat “sperandarum substantia rerum, argumentum non apparentium”. Wie auch immer man das nun genau übersetzt, es geht jedenfalls darum, Gott etwas abzunehmen, das man so nicht direkt vor Augen hat, und in dieser Überzeugung fest zu stehen. Achtung: Das sollte einen nicht zu einer fideistischen Glaubensvorstellung führen im Sinne von “glaub einfach gegen jede Vernunft und ohne Beweise”. Eine solche Vorstellung von “Glaube” ist von der Kirche sogar seit langem verurteilt worden. Es gibt Gründe, zu glauben; es gibt Beweise dafür, dass es wirklich Gott ist, der sich in Jesus, und vorher auf andere Weise in den Propheten Israels, offenbart hat. Aber die Dinge, die Er uns offenbart – z. B., dass es ein Gericht nach dem Tod und ein ewiges Leben geben wird; dass Er selbst dreifaltig ist; usw. -, die hat man eben nicht direkt vor Augen, sondern muss sie von Gott auf Treu und Glauben annehmen.

Natürlich ist das bei vielen Dingen so; ich habe auch Oklahoma oder Pluto noch nie mit eigenen Augen gesehen und bin auf andere angewiesen, um von der Existenz dieser Orte zu wissen. Aber ob Oklahoma oder Pluto existieren, kann mir auch relativ egal sein; Gott dagegen geht mich etwas an; und die Menschen, durch die ich von Oklahoma und Pluto weiß, können unwillentlich oder willentlich falsche Informationen darüber weitergeben; Gott ist dagegen vollkommen verlässlich. Glaube heißt eben: Auch dann daran festhalten, dass es Endgericht und Himmel geben wird, dass Gott alles zum Guten führen wird, wenn man gerade furchtbares Unrecht erleidet oder schwer krank ist. Glaube heißt: Auch dann an einem Gebot Gottes festzuhalten, wenn es bequem wäre, es zu brechen, oder an einer von Gott geoffenbarten Wahrheit, wenn es bequem wäre, sie vor anderen zu verleugnen. Die antiken Märtyrer, die hingerichtet wurden, weil sie daran festgehalten hatten, dass es die römischen Götter nicht gab, und ihnen nicht geopfert hatten, hatten diesen Glauben in höchstem Maße. Glaube heißt, auf Gottes Offenbarung vertrauen, weil Er vertrauenswürdig ist.

Man kann drei Arten von Glauben unterscheiden:

  • credere Deum (esse) (glauben, dass Gott ist)
  • credere Deo (Gott glauben – d. h. Gott das glauben, was Er offenbart hat)
  • credere in Deum (an Gott glauben – hier geht es um Vertrauen, Liebe, Zugehörigkeit zu Gott)

Der Glaube beinhaltet sowohl ein persönliches Vertrauen in Gott (credere in Deum) als dann auch logischerweise die Zustimmung zu den von Ihm offenbarten Lehren (credere Deo). Beim Glauben geht es um ein “ganz oder gar nicht”: Man kann dann nicht mehr auswählen, was man sich von Gott sagen lassen will und was nicht; man kann nicht mehr einen Aspekt der Offenbarung ignorieren oder Gott aus einem Teil des Lebens heraushalten; das ist wirklich ein Fall, in dem nichts anderes als bedingungslose “Unterwerfung” nötig ist. (Die ist letztlich übrigens meistens nicht so schwer, wie das jetzt vielleicht klingt.) Die Tugend des Glaubens liegt vor allem im credere in Deum – dass es Gott gibt, glaubt sogar der Teufel.

Der Glaube kann lebendig oder tot sein – lebendig ist er, wenn der Katholik, der ihn hat, im Stand der Gnade ist, also ohne unbereute Todsünden lebt. Auch ein toter Glaube ist zwar gewissermaßen noch ein Glaube; aber kein wirksamer Glaube mehr. (Vgl. dazu Jak 2,14-26, wo die Bibel sehr deutlich macht, dass nur ein Glaube, der sich im Handeln zeigt, ein lebendiger, zum Heil führender Glaube ist.)

2) Bei der göttlichen Tugend der Hoffnung geht es um die Hoffnung auf das, was Gott uns als Ziel unseres Lebens geben will, nämlich das ewige Glück, die Vereinigung mit Ihm im Himmel. Thomas schreibt:

“Das Gute also, was wir im eigentlichen Sinne und in erster Linie von Gott erwarten, ist Gott selber; nämlich das unendliche Gut, was der Kraft des göttlichen Beistandes entspricht. Dieses Gut wird nun durch die ewige Seligkeit besessen. Denn nichts Geringeres kann von Gott erhofft werden, wie Er selbst; da nicht geringer ist seine Güte, kraft deren Er der Kreatur Gutes mitteilt, wie Er selbst oder wie sein Wesen. Der eigens entsprechende, leitende Gegenstand der Hoffnung also ist die ewige Seligkeit.” (Summa Theologiae II/II 17,2)

Was an der Hoffnung verdienstlich sein soll, erschließt sich vielleicht am besten, wenn man zwei mögliche Sünden gegen sie betrachtet: die Verzweiflung auf der einen Seite und die Vermessenheit (Präsumption) auf der anderen. Verzweiflung heißt, die Hoffnung darauf aufzugeben, dass man jemals im Himmel sein wird. Die Verzweiflung zweifelt an Gott, zweifelt daran, dass Er einen wirklich liebt, einem wirklich verzeihen will, einem wirklich die Möglichkeit gibt, in den Himmel zu kommen; sie ist damit eigentlich eine ziemliche Beleidigung Gottes. (NB: Ein Gefühl der Verzweiflung ohne Zustimmung des Willens ist noch keine Sünde – wie überall. Und wie überall gibt es Dinge, die den freien Willen einschränken und damit die Schuldhaftigkeit der Verzweiflung verringern können (z. B. eine Depression). Aber an sich ist die Verzweiflung tatsächlich Sünde.) Vermessenheit meint in diesem Zusammenhang eine Art ungeordnete, falsche Hoffnung bzw. eine Hoffnung, die keine Hoffnung mehr ist (Hoffnung richtet sich auf etwas noch nicht Erreichtes), sondern sich als Gewissheit ausgibt; hier geht es darum, zu meinen, man würde sowieso in den Himmel kommen, ganz egal, was man noch tut, d. h. auch, wenn man Gottes Bedingungen für Seine Zusage des Himmels (vergangene Sünden bereuen und nun die Gebote halten) in den Wind schlägt. Die Vermessenheit erwartet von Gott etwas, das Er nie versprochen hat zu geben, bzw. nicht geben kann, weil es im Widerspruch zu Seinem Wesen stehen würde; sie ist die typisch protestantische “Heilsgewissheit” im Sinn von Luthers berühmtem “Sündige tapfer, aber noch tapferer glaube!”.

Wer die Hoffnung hat, beschreitet den Mittelweg zwischen Verzweiflung und Vermessenheit: D. h., er hält daran fest, dass er mit Gottes treuer Hilfe in den Himmel kommen kann, wenn er selber auch treu bleibt, und richtet sich zuversichtlich auf dieses Ziel aus.

3) Die Liebe ist die höchste Tugend und die Grundlage aller Gebote. Über sie habe ich (zumindest in Bezug auf die Nächstenliebe und die Feindesliebe, weniger in Bezug auf die Gottesliebe) hier schon einiges geschrieben; statt in diesem Artikel noch einmal alles zu wiederholen, verweise ich einfach darauf. Lieben heißt grundsätzlich: jemandem Gutes wollen. Die Liebe bedeutet eine grundsätzliche Bejahung und Anerkennung eines Wesens in seinem Wert und Wesen.

Die Liebe zu Gott beinhaltet demnach auch die Anbetung; Liebe und Anbetung sind die einzige angemessene Reaktion auf die Erkenntnis, dass Gott ist und wie Gott ist. Und sie beinhaltet – wie jede gegenseitige Liebe – auch die Kommunikation, die Gemeinschaft mit Gott. Deshalb nennt Thomas die Gottesliebe eine Freundschaft mit Gott. Zur Gottesliebe gehört also auch das Gebet.

Die Gottesliebe führt aber auch wieder direkt zur Nächstenliebe. Weil Gott auch alle anderen Menschen als in ihrem Kern gute Wesen geschaffen hat und sie liebt, muss man auch alle anderen Menschen lieben; vor allem wünscht die Liebe dem anderen, dass er das Ziel seines Lebens erreicht (und hilft ihm gegebenenfalls dabei): zu Gott zu kommen. Gott haben wir in diesem Leben auch nicht so direkt vor Augen wie andere Menschen; und Er hat uns gesagt: “Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben.” (1 Joh 4,20f.) Und: “Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.” (Mt 25,40)

Besonders kommt die Liebe ins Spiel, wenn es um die Vergebung und die Feindesliebe geht; dazu, was genau die Vergebung und die Feindesliebe praktisch beinhalten, kommt aber später noch einmal ein eigener Beitrag.

Zu den einzelnen Sünden gegen Glaube, Hoffnung und Gottesliebe ausführlich im nächsten Teil.

Neben den drei göttlichen Tugenden gibt es außerdem noch die vier Kardinaltugenden (von lat. “cardo”: Türangel, Dreh- und Angelpunkt): Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung. Diese vier sind natürliche, nicht übernatürliche, Tugenden; und diese Kategorisierung hat ihren Ursprung nicht in der Bibel, sondern in der griechischen Philosophie.

(Allegorische Darstellung von (von links nach rechts) Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung am Grabmal von Papst Clemens II. im Bamberger Dom. Gemeinfrei.)

1) Die Gerechtigkeit ist eine sehr zentrale Tugend. Sie bedeutet: gewillt sein, jedem anderen sein Recht zukommen zu lassen, das, was ihm zusteht. Was genau dieses “jedem das Seine” in der Praxis heißt, ist manchmal etwas kompliziert zu beantworten, da Bedürfnisse, Verdienste, Schuld usw. unterschiedlich sind; außerdem schuldet ein Mensch einem anderen auch mehr oder weniger bzw. Unterschiedliches, je nachdem, in welchem Verhältnis er zu ihm steht (z. B. Eltern-Kind-Beziehung, Ehe, Arzt-Patient-Verhältnis, Arbeitsverhältnis…). Eltern schulden ihrem eigenen Kind mehr als dem Nachbarskind; und ein Arzt schuldet seinen Angestellten andere Dinge als seinen Patienten. Natürlich gibt es in allen diesen Fragen recht klare Prinzipien, die man auf die einzelnen Fälle anwenden kann; dazu komme ich allerdings in mehreren anderen Beiträgen, weil das hier zu langwierig würde. Die Gerechtigkeit existiert in vielen Spielarten; z. B. gibt es die strafende Gerechtigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit.

Die Barmherzigkeit kann über die Gerechtigkeit noch hinausgehen und jemandem mehr geben, als er verdient, aber sie macht die Gerechtigkeit nicht obsolet; und die Gerechtigkeit ist in jedem Fall das Minimum, das erfüllt werden muss. Es braucht ein Zusammenwirken von beiden.

2) Tapferkeit/Stärke (lat. fortitudo) meint die Fähigkeit, sich nicht durch Furcht oder Schwierigkeiten davon abhalten zu lassen, das Richtige zu tun. Thomas schreibt:

“Ich antworte, vermittelst der Stärke ziehe sich der Mensch vom Guten nicht zurück aus Furcht vor einem körperlichen Übel. Es muß aber das der Vernunft entsprechende Gute trotz alles entgegenstehenden Übels deshalb festgehalten werden, weil kein körperliches Gut gleichkommt dem Gute der Vernunft. Also wird Seelenstärke jene Tugend genannt, welche den Willen im vernunftgemäßen Guten festhält gegen die größten Übel.” (Summa Theologiae II/II 123,4)

3) Klugheit meint das Finden der rechten Mittel, um das Gute zu erreichen. Der Klugheit obliegt es, zu urteilen, wie genau man ein bestimmtes Ziel (z. B. eine gerechte Verteilung von bestimmten Gütern) am besten erreichen kann. Mit Klugheit ist hier Vernunft, gesunder Menschenverstand, Besonnenheit gemeint; nicht ein hoher IQ. Die Klugheit als Tugend zu bezeichnen klingt für moderne Ohren ähnlich ungewohnt, wie den Glauben so zu nennen. Aber hier geht es tatsächlich um Kategorien der Ethik: Zur Klugheit gehört es z. B., Vorsicht und Zurückhaltung bei vorschnellen Urteilen walten zu lassen; alle Seiten zu hören; zu wissen, wann man lieber jemanden um Rat fragen muss, der sich besser auskennt als man selbst; aber auch nicht leichtgläubig und zu sehr beeinflussbar zu sein; sich von der Vernunft leiten zu lassen statt von Emotionen; Intuitionen aber auch nicht einfach zu ignorieren… Laut Thomas gehören drei Dinge zur Klugheit: Ratsuchen, Urteilen und die praktische Anwendung des Urteils. Nachlässigkeit, Gedankenlosigkeit oder inkonsistentes Urteilen wären Sünden gegen die Klugheit.

4) Mäßigung meint, sich nicht durch ein Übermaß eines bestimmten Gutes davon abhalten zu lassen, das gesamte Gute im Blick zu behalten. Hier geht es um das Finden des rechten Maßes (in manchen Fällen und bei manchen Leuten kann das ein sehr großes, in anderen Fällen und bei anderen Leuten ein sehr geringes sein; oft ist es aber ein mittleres) z. B. bei Essen, Alkohol, Arbeit, Freizeit, Gesellschaft, Zurückgezogenheit usw., damit das Leben funktioniert. Alle Dinge unterhalb von Gott sind nur dann gut, wenn sie in der rechten Ordnung und im rechten Maß gebraucht werden. Untertugenden der Mäßigung wären z. B. die Keuschheit oder die Bescheidenheit.

Die Mäßigung und die Klugheit verlangen übrigens auch, das richtige Verhältnis zwischen verschiedenen wichtigen, einander ergänzenden Tugenden zu suchen und hier keine Seite zu vernachlässigen; was aber gerade nicht Lauheit ist. Zur Illustration eine kleine Grafik (Bildquelle hier; ich habe kein besseres Bild gefunden):

 

R-Spitz.png

Man denke sich jeweils die Grundlinie der beiden Dreiecke als die Linie, die zwischen zwei einander ergänzenden Tugenden, sagen wir, Gerechtigkeit (jeweils Eckpunkt links unten) und Barmherzigkeit (jeweils Eckpunkt rechts unten) verläuft. In der Mitte dieser Linie befindet sich die goldene Mitte; aber von dort aus kann man noch weiter (rechtes Dreieck) oder nicht so weit (linkes Dreieck) nach oben gehen und dort die Spitze des Dreiecks festmachen. Wenn jedes der beiden Dreiecke für eine Person steht, ist keine der beiden unausgewogen und sieht nur auf Gerechtigkeit oder nur auf Barmherzigkeit (bei beiden Dreiecken steht die Spitze über der Mitte der Grundlinie), aber die linke Person interessiert sich für beides wenig, während die rechte Person sowohl stark darauf sieht, dass anderen Leuten Gerechtigkeit widerfährt, als auch darauf, ihnen gegenüber auch barmherzig zu sein; je nach dem, was in der Situation nötig ist. Die Tugend der Mäßigung ist notwendig dafür, dass das Dreieck nicht verschoben wird und man keine der beiden Komplementärtugenden (= Tugenden, die einander ergänzen) vernachlässigkeit. Die Person kann aber immer weiter in der Tugend wachsen (die Spitze des Dreiecks immer weiter nach oben verschieben) und immer mehr auf beide Tugenden schauen, ohne dabei auf die eine oder andere Seite zu kippen.

Die Tugenden können überhaupt alle nur gemeinsam existieren; wenn z. B. jemand gerecht sein möchte, aber keine Tapferkeit besitzt, wird er davor zurückschrecken, Gerechtigkeit zu üben, wo er sich damit unbeliebt machen würde; wenn jemand ein unmäßiges Verlangen nach Geld hat, wird er in Gelddingen nicht gerecht sein können.

 

Teil 4a: Das 1. Gebot – was die Tugend des Glaubens praktisch bedeutet

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im 3. Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

Eins ist beim 1. Gebot (ebenso wie beim 2. und 3.) zu beachten: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.

Erst einmal zur göttlichen Tugend des Glaubens. Sie erfordert manchmal das, was in der Moraltheologie als „Akt des Glaubens“ bezeichnet wird: Damit, einen „Akt des Glaubens zu setzen“ ist einfach gemeint, die Willensentscheidung für den Glauben zu treffen, sich bewusstzumachen, sich zu sagen: Gott, ich glaube an dich, du bist vertrauenswürdig; ich glaube dir das und das, was du offenbart hast.* Das ist immer mal wieder im Leben als Katholik nötig, weil der Glaube die Basis des Lebens und Handelns ist; oft tut man es schon automatisch einschlussweise (z. B. wenn man das Glaubensbekenntnis in der Sonntagsmesse spricht, oder überhaupt, wenn man zu Gott betet). Insbesondere ist es nötig, diese bewusste Zustimmung zu Gottes Offenbarung zu erwecken: Wenn man als Ungetaufter erstmals zum Glauben kommt; wenn man als Getaufter allmählich alt genug wird, bewusste Entscheidungen zu treffen (die Kirche setzt dieses Alter etwa bei sieben Jahren an; der Glaube an sich wird einem schon bei der Taufe vom Hl. Geist „eingegossen“, aber auch wenn man das Glück hat, getauft zu sein, muss man später auch dazu ja sagen); wenn einem eine Glaubenslehre, die man vorher nicht kannte, bewusst wird und man sie annehmen muss; wenn man wieder zum Glauben zurückkommt, nachdem man eine Glaubenslehre geleugnet hat (Sünde der Häresie oder Apostasie, s. u.). Wie gesagt: Das tut man in der Regel schon automatisch.

Zum Glauben gehört es außerdem:

1) Den Glauben zu kennen. Es ist keine Pflicht für jeden Katholiken, ein gebildeter Theologe zu werden; es geht hier darum, grob zu wissen, was das eigentlich ist, woran man glaubt; was der Inhalt von Gottes Offenbarung, die man annimmt, ist. Die zentralsten Glaubensinhalte sind: Die Tatsache, dass es einen Gott gibt, der das Gute belohnt und das Böse bestraft; die Dreifaltigkeit; die Menschwerdung in Jesus. (Ein Erwachsener, der diese Glaubensinhalte nicht kennt, kann z. B. auf keinen Fall getauft werden.) Außerdem gibt es für den Katholiken die schwerwiegende Pflicht, sich einigermaßen zu informieren über (auch wenn es keine schwere Sünde ist, sie nicht perfekt auswendig zu kennen): das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, die Zehn Gebote, die fünf Kirchengebote, die Sakramente (zumindest Taufe, Beichte, Eucharistie, die zu empfangen manchmal vorgeschrieben ist; die anderen, wenn es daran geht, sie zu empfangen). Soweit das absolute Mindestmaß. Außerdem besteht die Pflicht, sich näher über den Glauben zu informieren, wenn man in der Gefahr ist, den Glauben zu verlieren.

2) Den Glauben zu bekennen. Das Bekenntnis des Glaubens ist prinzipiell dann verpflichtend, wenn das Schweigen oder eine ausweichende Antwort als Ableugnen des Glaubens verstanden werden würde; wenn man also z. B. vor einem Gericht gefragt werden würde, ob man katholisch ist, muss man eine klare Antwort geben. Die Verleugnung des Glaubens (durch Worte, Gesten, Handlungen, was auch immer, die einer Leugnung des Glaubens oder auch dem Bekenntnis eines falschen Glaubens gleichkommen würden) ist an sich eine schwere Sünde und niemals erlaubt – wirklich niemals. (Dem verdanken wir unsere ganzen heiligen Märtyrer.) Auch eine indirekte Verleugnung des Glaubens, durch Dinge, die nicht in sich selbst eine Ableugnung des Glaubens bedeuten würden, aber aufgrund der Umstände wie eine solche wahrgenommen werden, ist nie erlaubt.

Außerdem ist das Bekenntnis des Glaubens dann nötig, wenn die Ehre Gottes oder das Heil des Nächsten es dringend erforderlich machen. Ein Beispiel für eine Situation, in der es darum ging, durch das offene Bekenntnis des Glaubens ein „Ärgernis“ (s. dazu Teil 2) für den Nächsten zu vermeiden, bietet eine Geschichte aus dem 2. Buch der Makkabäer, das die religiöse Verfolgung der Israeliten durch die Griechen schildert, die sie zu Opfermahlzeiten mit Schweinefleisch zwingen wollten:

„Unter den angesehensten Schriftgelehrten war Eleasar, ein Mann von schon hohem Alter und sehr edlen Gesichtszügen. Man sperrte ihm den Mund auf und wollte ihn zwingen, Schweinefleisch zu essen. Er aber zog den ehrenvollen Tod einem Leben voll Schande vor, ging freiwillig auf die Folterbank zu und spuckte das Fleisch wieder aus, wie es jemand tun musste, der sich standhaft wehrte zu essen, was man nicht essen darf, auch nicht aus Liebe zum Leben. Die Leute, die mit dem gesetzwidrigen Opfermahl beauftragt waren und den Mann von früher her kannten, nahmen ihn heimlich beiseite und redeten ihm zu, er solle sich doch Fleisch holen lassen, das er essen dürfe, und es selbst zubereiten. Dann solle er tun, als ob er von dem Opferfleisch esse, wie es der König befohlen habe. Wenn er es so mache, entgehe er dem Tod; weil sie alte Freunde seien, würden sie ihn menschlich behandeln. Er aber fasste einen edlen Entschluss, wie es sich gehörte für einen Mann, der so alt und wegen seines Alters angesehen war, in lange bewährter Würde ergraut, der von Jugend an aufs Vorbildlichste gelebt und – was noch wichtiger ist – den heiligen, von Gott gegebenen Gesetzen gehorcht hatte. So erklärte er ohne Umschweife, man solle ihn ruhig zur Unterwelt schicken. Wer so alt ist wie ich, soll sich nicht verstellen. Viele junge Leute könnten sonst glauben, Eleasar sei mit seinen neunzig Jahren noch zu der fremden Lebensart übergegangen. Wenn ich jetzt heuchelte, um eine geringe, kurze Zeit länger zu leben, leitete ich sie irre, brächte meinem Alter aber Schimpf und Schande. Vielleicht könnte ich mich für den Augenblick einer Strafe von Menschen entziehen; doch nie, weder lebendig noch tot, werde ich den Händen des Allherrschers entfliehen. Darum will ich jetzt wie ein Mann sterben und mich so meines Alters würdig zeigen. Der Jugend aber hinterlasse ich ein edles Beispiel, wie man mutig und in edler Haltung für die ehrwürdigen und heiligen Gesetze eines guten Todes stirbt. Nach diesen Worten ging er geradewegs zur Folterbank.“ (2 Makk 6,18-28)

Eleasar ging es also darum, andere nicht dazu zu verleiten die Gebote der Tora zu verletzen, indem er ihnen den Eindruck gab, sich nicht dazu bekannt zu haben. (Übrigens ging es für ihn folgendermaßen weiter: „Da schlug die Freundlichkeit, die ihm seine Begleiter eben noch erwiesen hatten, in Feindschaft um; denn was er gesagt hatte, hielten sie für Wahnsinn. Als er unter Schlägen in den Tod ging, sagte er stöhnend: Der Herr weiß in seiner heiligen Erkenntnis, dass ich dem Tod hätte entrinnen können. Mein Körper leidet Qualen unter den Schlägen, meine Seele aber erträgt sie mit Freuden, weil ich ihn fürchte. Auf solche Weise starb er; durch seinen Tod hinterließ er nicht nur der Jugend, sondern den meisten aus dem Volk ein Beispiel für edle Gesinnung und ein Denkmal der Tugend.“ (2 Makk 6,29-31))

In so einer Situation hätten, wenn sie gemeint hätten, dass selbst ein Eleasar nicht am Glauben festhält, viele sich dazu verleiten lassen können, auch vom Glauben abzufallen; so etwas ist mit einer dringenden Gefahr für das Heil des Nächsten gemeint.

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(Gustave Doré, Das Martyrium des Schriftgelehrten Eleasar. Gemeinfrei.)

Hier in Europa werden die meisten Katholiken nicht in Gefahr sein, für ihren Glauben ermordet zu werden (wobei es auch da Ausnahmen geben kann, z. B. bei ex-muslimischen Konvertiten); Situationen, in denen sich die Frage stellt, ob/wie man zum Glauben stehen sollte, werden eher so aussehen wie: Man sitzt mit anderen zusammen, die nicht besonders kirchenfreundlich sind und mit denen man es sich eigentlich nicht verderben will; sie fangen an, sich darüber zu unterhalten, wie schlimm und mittelalterlich die katholische Kirche sei, da sie „immer noch“ keine Frauen weihe oder homosexuelle Paare traue, und überhaupt wisse man ja nicht mal, ob Jesus jemals gelebt habe. Sagt man etwas dazu oder schweigt man? Ganz so schwarz-weiß ist es hier nicht. Grundsätzlich ist es so, dass es erlaubt sein kann, nichts dazu zu sagen, wenn das Schweigen nicht als Zustimmung gewertet würde und wenn es z. B. kontraproduktiv wäre, etwas zu sagen (z. B. weil man sich selbst mit einer bestimmten Glaubensfrage nicht gut genug auskennt, um die Kirche zu verteidigen, oder  weil man schon oft darüber geredet hat und weiß, dass diese anderen einem nicht zuhören wollen und eher noch abweisender reagieren würden, wenn man etwas sagen würde). In solchen Situationen kann man abwägen, was das Praktischste und Zielführendste ist; wenn aber z. B. einer, der dabei ist, und bisher noch katholisch ist, dabei wäre, sich von einem anderen vom Glauben abbringen zu lassen, müsste man schon etwas sagen. Und natürlich ist es oft das Bessere, auch wenn es nicht streng geboten sein sollte, den Glauben zu verteidigen. Völliges Schweigen wäre in vielen solchen Situationen (schätze ich einmal) eine lässliche Sünde.

Wenn man nach einzelnen Lehren der Kirche gefragt wird, kann aus einem guten Grund Schweigen oder ausweichendes Antworten erlaubt sein, wenn das nicht so verstanden werden würde, als würde man den Glauben verleugnen oder sich des Glaubens schämen; man muss nicht in jeder Situation ganz genau erklären, was eine Lehre bedeutet, wenn das z. B. jemanden dazu bringen würde, die Kirche noch weniger zu mögen. Besser ist allerdings oft Klarheit. Wenn man in solchen Situationen zu schüchtern und halbherzig dabei ist, zum Glauben zu stehen, wären wir vermutlich auch wieder im Bereich der lässlichen Sünde.

Zu verbergen, dass man katholisch ist, solange man nicht direkt danach gefragt wird, oder zu verbergen, was genau man als Katholik glaubt, ist erlaubt, wenn man einen drängenden Grund dafür hat – also z. B. in Zeiten der Verfolgung. In so einem Fall wäre es erlaubt, Dinge zu tun, die nicht in sich schlecht sind, wie etwa, an einem Fastentag Fleisch zu essen, um nicht preiszugeben, dass man katholisch ist. Die Teilnahme an andersreligiösen Riten und ähnlichem wäre natürlich nicht erlaubt. Die Flucht aus Ländern, in denen Christen verfolgt werden, ist grundsätzlich auch erlaubt, außer für die Hirten der Kirche, wenn sie dringend von den Gläubigen dort benötigt werden. Wenn man neu konvertiert ist, muss man sich für gewöhnlich irgendwann als Katholik „outen“; wobei es schon erlaubt ist, einen passenden Zeitpunkt abzuwarten, um so eine Nachricht z. B. einer ungläubigen Familie beizubringen (wenn man z. B. fürchten müsste, von der Familie ermordet oder vom Staat ins Gefängnis gesteckt zu werden, gilt natürlich das Gesagte über das Verbergen des Glaubens).

Außerdem schreibt die Kirche manchmal ein ausdrückliches Bekenntnis des Glaubens vor; grundsätzlich natürlich bei Erwachsenentaufe/Konversion/Rekonziliation; ansonsten z. B. bevor jemand von ihr einen Lehrauftrag an einer Theologischen Fakultät erhält.

3) Die Pflicht, den Glauben zu verbreiten betrifft vor allem die kirchliche Hierarchie. Man könnte die Frage stellen, ob es nicht auch für Laien eine Sünde wäre, nie irgendetwas, weder durch Gebet noch Spenden noch aktive Mitarbeit, für die Verbreitung des Glaubens beizutragen; aber vorrangig ist das nur eine Pflicht für die Kirchenhierarchie. (Eltern haben natürlich die Pflicht, ihre Kinder zum Glauben zu führen, und auch Paten haben eine gewisse Pflicht, zur religiösen Erziehung ihrer Patenkinder etwas beizutragen. Aber dazu im Detail in einem späteren Teil.)

Weitere Sünden gegen den Glauben wären:

1) Unglaube: So bezeichnet man das Fehlen des Glaubens bei einem Ungetauften. Der Unglaube ist in dem Maß eine Sünde, wie jemand persönlich dafür verantwortlich ist; schon der hl. Thomas unterscheidet zwischen einer bloßen Abwesenheit des Glaubens, bei denen, die ihn nicht kennen, und einer bewussten Ablehnung bei denen, die ihn kennen würden; nur letztere ist Sünde. Für meine überzeugt katholischen Leser könnte ich es bei dieser kurzen Erklärung belassen, aber unter denen fragen sich vermutlich auch viele: Wie „schuldfähig“ sind eigentlich meine ungläubigen Familienmitglieder/Freunde/Mitschüler/Arbeitskollegen/Nachbarn? Fallen die in die Kategorie der in „unüberwindlicher Unwissenheit“ befindlichen Ungläubigen? Daher noch eine kurze Erklärung, wann es eigentlich eine persönlich zurechenbare Sünde ist, den wahren Gott nicht zu kennen, und wann nicht: Wenn jemand in einer anderen Religion, sagen wir mal, dem Islam, aufwächst, und ihm keine besonderen Zweifel daran kommen, hat er auch an sich nicht die schwere Gewissensverpflichtung, weiter danach zu suchen, was die Wahrheit ist. Jemand, der Zweifel an seinem falschen Glauben hat, aber aus Nachlässigkeit nicht weiter nach der Wahrheit forscht, sündigt schwer oder lässlich, je nachdem, wie stark die Zweifel sind und wie groß die Nachlässigkeit ist. Jemand, der wirklich ausreichend über den katholischen Glauben und über die Gründe dafür Bescheid weiß, hat die schwere Gewissensverpflichtung, ihn anzunehmen; wer entschlossen ist, nicht katholisch zu werden, selbst wenn der Katholizismus wahr sein sollte, z. B. weil er dann irgendetwas aufgeben oder sich mit seiner Familie überwerfen müsste, sündigt schwer. (Wann das allerdings der Fall ist, kann ein Außenstehender natürlich schwer beurteilen; wer nicht katholisch ist, hat sicher oft noch alle möglichen persönlichen Zweifel und Gründe, an seinem alten Glauben zu hängen, die ihm größer vorkommen als jemandem, der schon katholisch ist.) „Unüberwindliche Unwissenheit“ bedeutet jedenfalls nicht, dass jeder, für den es nicht völlig hundertprozentig unmöglich gewesen wäre, irgendetwas vom Glauben zu erfahren, verdammt ist.

2) Apostasie: So nennt man es, wenn ein Getaufter vom christlichen Glauben abfällt, also wenn z. B. ein Katholik Atheist oder Buddhist wird. Die Apostasie ist an sich eine schwerere Sünde als der einfache Unglaube (Der hl. Thomas vergleicht das damit, dass es eine schwerere Sünde ist, ein gegebenes Versprechen zu brechen, als es nie gegeben zu haben), aber auch hier können natürlich wieder mildernde Umstände ins Spiel kommen – wenn jemand z. B. als Kind einmal getauft wurde, dann aber nie gelernt hat, wieso man eigentlich katholisch sein sollte.

3) Häresie: So nennt man es, wenn ein Christ zwar noch Christ bleibt, also an den dreifaltigen Gott und die Menschwerdung glaubt, aber eine oder mehrere andere Glaubenslehren, die von der Kirche unfehlbar definiert sind, leugnet oder hartnäckig in Zweifel zieht. Mit „hartnäckig“ ist hier so etwas wie „unbelehrbar“ gemeint – wenn jemand nicht ganz versteht, ob/wieso die Kirche etwas lehrt und vielleicht auch kurz daran zweifelt, dann aber ihre Erklärungen dazu akzeptiert, ist er kein Häretiker. Der sel. John Henry Newman hat einmal die Unterscheidung zwischen „Schwierigkeiten“ und „Zweifeln“ getroffen: „Zehntausend Schwierigkeiten machen noch keinen Zweifel.“ („Ten thousand difficulties do not make one doubt.“) Ein Vergleich: Auch ein Wissenschaftler kann alle möglichen Fragen haben und Schwierigkeiten sehen, wenn er z. B. den Aufbau eines Atoms untersucht, aber er wird deshalb nie daran zweifeln, ob Naturgesetze existieren, nach denen das alles funktioniert; sonst könnte er kein Wissenschaftler mehr sein. Auch ein Katholik darf Fragen dazu haben, wieso die Kirchenlehre so ist, wie sie ist, und sie herumwälzen und nach verschiedenen Antworten suchen (das macht sogar Sinn; man soll den Glauben mit dem Verstand durchdringen), aber deshalb muss er noch lange nicht daran zweifeln, ob die Kirche mit ihrer Lehre Recht hat.

Wenn jemand dazu gekommen ist, zu glauben, dass Jesus von Nazareth von Gott gesandt war und die Kirche gegründet hat, und ihr die Garantie gegeben hat, dass sie nicht in Irrtum verfallen kann, ist die Pflicht da, auch alles anzunehmen, was sie als Glaubenslehre vorlegt. Es ist falsch, sich aus Gottes Offenbarung nur die Teile herauspicken zu wollen, die einem angenehm sind, und andere zu verwerfen; genau das ist Häresie (von gr. hairein = wählen, auswählen); hierin liegt der Grund, warum Häresie Sünde ist. Die meisten Häretiker, die die Kirche im Lauf ihrer Geschichte als solche verurteilt hat, waren katholische Theologen, die irgendwann begannen, etwas anderes zu lehren, als die Kirche lehrt; ein Beispiel wäre Martin Luther. Wer schon in einer häretischen Religionsgemeinschaft aufwächst (also z. B. als Lutheraner), begeht erst einmal nicht die Sünde der Häresie, weil ihm die Autorität der katholischen Kirche gar nicht bewusst ist (und er es sogar für falsch hält, sich einer Kirche zu unterwerfen, erst recht dieser römischen). Die eigentliche Häresie, die der abweichenden Theologen, selbsternannten Propheten und Sektengründer, ging vermutlich oft vor allem aus dem Hochmut hervor, daraus, sich für das einsame, von Gott begnadete Genie halten zu wollen – oder einfach dem Wunsch, sich die Lehre so zurechtzulegen, dass man irgendetwas tun durfte, das die Kirche bisher untersagt hatte (z. B. bei Huldrych Zwingli: die Geliebte heiraten; bei Heinrich VIII. von England: die Ehefrau loswerden und die Geliebte heiraten). (Einige Sektengründer hatten auch sehr praktische weltliche Vorteile von ihrer neuen Position, etwa die Landesherren zur Zeit der Reformation, die in ihren Gebieten den protestantischen Glauben einführten, sich zu Herren über die Kirche machten und den Besitz der Klöster einzogen.)

Man muss unterscheiden zwischen „formeller“ und „materieller“ Häresie (erst die formelle Häresie ist Sünde; und zwar an sich prinzipiell schwere Sünde). Wenn ein Katholik sich mit der Lehre der Kirche nicht genau auskennt und etwas glaubt, von dem er meint, es stimme mit der katholischen Lehre überein, obwohl es in Wirklichkeit einmal von einem Konzil verurteilt worden ist, ist er materieller Häretiker (ebenso wie z. B. der als Protestant aufgewachsene Protestant), aber nicht formeller; formeller Häretiker wird er erst, wenn er weiß, dass die Kirche das verurteilt hat (und zwar wirklich definitiv verurteilt hat; nicht alle Verlautbarungen des Lehramts haben die Form eines Dogmas; und manche betreffen auch nur die kirchliche Disziplin statt die Lehre), und immer noch daran festhalten will, weil er sich damit bewusst außerhalb der Kirche stellt.

Wenn jemand eine Lehre leugnet, die von der Kirche schon ziemlich klar verurteilt wurde, aber noch nicht mit völliger dogmatischer Sicherheit, ist er kein Häretiker, sündigt aber gegen den praktischen Gehorsam, den man der Kirche schuldet. Manchmal hat die Kirche im Lauf ihrer Geschichte Lehren auch nicht definitiv verurteilt, sondern zu Theologen eher gesagt, sie sollten vorläufig aufhören, das und das in dieser und jener Form zu verkünden, weil es in einer konkreten Situation falsch verstanden werden könnte; hier geht es ebenfalls einfach um Gehorsam.

Es kann eine mehr oder weniger schwere Sünde sein, wenn jemand aus schuldbarer Nachlässigkeit über eine wichtige Lehre der Kirche nicht Bescheid weiß, aber es ist nicht die Sünde der Häresie.

4) Auch die Gefährdung des eigenen Glaubens ist eine Sünde (die lässlich oder schwer sein kann, je nachdem, wie akut es wird). Wenn sich jemand z. B. oft mit evangelikalen Freunden in einer Freikirche trifft, und merkt, dass er durch sie so langsam vom katholischen Glauben abkommt, weil sie sich besser mit ihrer Theologie auskennen als er sich mit der katholischen und er ihrem Einfluss wenig entgegensetzen kann, muss er etwas dagegen tun: entweder, weniger Kontakt zu diesen Freunden haben, oder, sich gründlicher über den eigenen Glauben informieren, sich mehr damit beschäftigen, und auch mehr Kontakt zu Katholiken haben; oder das alles zusammen. Man wird nun einmal von Menschen und Ansichten beeinflusst, mit denen man oft zu tun hat; das passiert automatisch, auch ohne dass man es bewusst will. „Aus den Augen, aus dem Sinn“; was man sich nicht immer wieder vor Augen führt, kommt einem irgendwann weniger real vor. Daher sollte man auch hier aufpassen, welchen Einflüssen man sich aussetzt. Natürlich kann man Kontakte zu Nichtkatholiken nicht immer einfach sein lassen (das geht allein praktisch heutzutage nicht und wäre oft auch nicht sinnvoll); das Wichtigere ist, die Kontakte zu Katholiken und das Kennenlernen des katholischen Glaubens nicht zu vernachlässigen. Man sollte auch vorsichtig mit nichtkatholischen Büchern usw. sein; es ist nichts dagegen einzuwenden, ab und zu auch Bücher von z. B. guten orthodoxen oder protestantischen Theologen zu lesen, aber das sollte eher eine Ergänzung der eigenen Lektüre sein und man sollte genug über den eigenen Glauben Bescheid wissen, um zu merken, wo sich bei ihnen Denkfehler, Missverständnisse und Irrlehren finden. Wenn jemand merken würde, dass er sich allmählich ganz vom Glauben wegziehen lässt und dem gar nichts entgegensetzt, wäre das jedenfalls eine schwere Sünde.

5) Auch eine Art „Exzess“ im Glauben wäre möglich, nämlich eine übertriebene Leichtgläubigkeit gegenüber Dingen, die nicht zur Offenbarung gehören und nicht auf eine Stufe mit ihr gestellt werden dürfen, wie Privatoffenbarungen, eigenen „Eingebungen“, die man für vom Hl. Geist inspiriert hält usw. Aber das wird wohl nicht so schlimm, solange man sich noch dem Urteil der Kirche unterwirft, also es akzeptiert, wenn die Kirche eine Privatoffenbarung für nicht authentisch erklärt, oder nicht an einer mutmaßlichen Eingebung festhält, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen würde.

Zusammenfassung: Man muss an Gott glauben; den Glauben kennen und bekennen; und ihn unverfälscht bewahren.

Beim nächsten Mal genauer zur Hoffnung und den Sünden gegen sie.

* Dabei kann auch ein Gebet wie dieses helfen: „Herr und Gott, ich glaube fest und bekenne alles und jedes, was die heilige katholische Kirche zu glauben lehrt. Denn du, o Gott, hast das alles geoffenbart, der du die ewige Wahrheit und Weisheit bist, die weder täuschen noch getäuscht werden kann. In diesem Glauben will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)

 

Teil 4b: Das 1. Gebot – was die Tugend der Hoffnung praktisch bedeutet

Nach dem Glauben jetzt also zur Hoffnung.

Definieren kann man die Hoffnung folgendermaßen: „Die Hoffnung ist eine übernatürliche, eingegossene Tugend, durch die wir die ewige Seligkeit und die zu ihrer Erlangung notwendigen Mittel von der Allmacht, Güte und Treue Gottes vertrauensvoll erwarten.“* Sie beruht darauf, dass Gott in Seiner Offenbarung Seinen allgemeinen Heilswillen deutlich gemacht hat, dass er ein bestimmtes Versprechen gegeben hat; Gott ist vertrauenswürdig und gut, also ist es das einzig Richtige, auf Ihn zu bauen. Gott wird nie jemanden ohne die hinreichende Gnade lassen, um zu Ihm zu kommen – egal, was derjenige getan hat.

Wie der Glaube es von Zeit zu Zeit erfordert, „Ake des Glaubens zu setzen“, erfordert die Hoffnung es, „Akte der Hoffnung“ zu setzen, also sich für die Hoffnung zu entscheiden. Nötig ist das jedenfalls: Wenn man das Leben bei Gott als Ziel des Lebens erkennt hat; „ebenso wenn man gesündigt hat durch Verzweiflung; wenn man eine Versuchung anders nicht überwinden kann; wenn man ein Gebot erfüllen muß, das einen Akt der Hoffnung zur Voraussetzung hat“**; außerdem öfter mal im Leben.

Ebenso wie beim Glauben tut man das in der Regel schon automatisch und sollte sich deswegen kein Kopfzerbrechen machen.***

Sünden gegen die Hoffnung gibt es dreierlei:

1) Völlige Gleichgültigkeit gegenüber Gott; kein Verlangen danach, Gott zu schauen. Das wäre gegeben, wenn jemand irgendetwas Niedrigeres Gott vorziehen würde, also z. B. lieber ewig auf der Erde leben oder ausgelöscht werden wollen würde als in den Himmel zu kommen. Die Schuld liegt hier darin, dass jemand nicht wirklich darauf vertraut, dass Gott ihm etwas Besseres geben will, in mangelndem Vertrauen, mangelnder Ehrfurcht, mangelnder Dankbarkeit. – Wenn jemand nur so daherredet, ohne es ernst zu meinen, wäre das nur eine lässliche Sünde. Wenn jemand sich nur aus Angst, in die Hölle kommen zu können, denkt, lieber ewig auf der Erde leben zu wollen, fällt das nicht in diese Kategorie, sondern eher unter Nr. 2).

2) Verzweiflung: Diese Sünde besteht darin, dass jemand alle Hoffnung aufgibt, die ewige Seligkeit oder die Mittel dazu erlangen zu können. Sünde ist das deshalb, weil man dem guten Gott abspricht, dass Er gut zu einem sein und Seine Versprechen halten will. Wenn jemand sagt „meine Sünden sind so schwer, dass Gott sie nicht vergeben kann“, ist das nichts anderes als eine schwere Beleidigung Gottes. Gott kann und will alles gut machen, wenn nur der Mensch auch mitmacht, gibt dem Menschen ausreichende Gnade, um mitmachen zu können,und verlangt von ihm nichts, was über seine Kräfte geht.

Es ist wichtig, die Verzweiflung von Dingen zu unterscheiden, die ihr ähnlich sehen. Bloße Angst, Zustände der Apathie, und auch das Gefühl der Verzweiflung sind noch keine Sünde der Verzweiflung, jedenfalls keine schwere, solange die wirkliche Zustimmung des Willens fehlt. Auch wenn jemand, der z. B. versucht, eine bestimmte Gewohnheitssünde aufzugeben, mutlos ist und an seiner eigenen Mitwirkung zweifelt, ist das auch noch nicht gleich dasselbe wie die völlige Verzweiflung. „Verzweiflung“ mit rein irdischen Bezügen (wenn jemand sich z. B. keine Hoffnung mehr macht, jemals von jemand anderem geliebt zu werden, oder es ihm gesundheitlich so schlecht geht, dass er die Hoffnung auf Heilung aufgibt und sich den Tod wünscht) ist das nicht die Sünde der Verzweiflung, weil man hier nicht die Wahrhaftigkeit von Zusagen Gottes leugnet, weil Gott keine derartigen Versprechen über irdische Dinge gemacht hat; Optimismus ist etwas anderes als die Tugend der Hoffnung und nicht von Gott geboten. Diese Art der Verzweiflung ist zwar nicht immer gut, und wenn jemand sich z. B. den Tod wünscht, ist das manchmal eine Sünde gegen eine andere Tugend (meistens nur eine lässliche), aber keine Sünde gegen die göttliche Tugend der Hoffnung. Manchmal ist sie auch gar keine Sünde, wenn die Motive keine Sünden sind und man sich dabei immer noch Gottes Vorsehung unterwirft (z. B. wenn ein schwer, unheilbar Kranker sich den Tod wünscht, aber keine Selbstmordpläne hegt).

Auch wenn die Zustimmung des Willens da ist, kann die Schuldfähigkeit bei der Verzweiflung gemindert sein; aber an sich ist die Verzweiflung eine schwere Sünde. (Ein Fall geminderter Schuldfähigkeit wäre wohl z. B. bei jemandem wie dem englischen Dichter William Cowper vorhanden, der sich von seiner calvinistischen Theologie einreden ließ, er wäre verworfen, und außerdem unter schweren Depressionen litt.)

3) Vermessenheit (Präsumption). Vermessenheit meint die Einstellung, man hätte das Heil schon sicher. Man kann zwei Arten unterscheiden: Einerseits zu hohes Vertrauen auf die eigenen Kräfte, zu meinen, man bräuchte die Hilfe von Gottes Gnade auf dem Weg zu Ihm nicht; andererseits ein pervertiertes Vertrauen auf Gott; die Einstellung, Gott würde einem sicher das Heil geben, egal, ob man seine Schuld bereut oder was man noch weiterhin tut. Wenn sich also jemand denken würde „ach, ich kann weiterhin meine Frau betrügen, ich bin Gottes Liebling und komme damit davon, Er sieht es mir schon nach“, wäre das Vermessenheit. Der hl. Thomas bewertet übrigens die zweite Art von Vermessenheit als die schwerere: „Die Sünde gegen Gott selbst unmittelbar ist schwerer wie die übrigen. Also ist das freventliche Vornehmen, das ungeregelterweise auf Gottes Kraft sich stützt, schwerer wie jenes, das sich auf die eigene Kraft stützt. Denn sich stützen auf die göttliche Kraft, um zu erreichen das, was Gott nicht zukömmlich ist, heißt die göttliche Kraft vermindern. Schwerer aber sündigt jener, der die göttliche Kraft mindert als jener, der die eigene überhebt.“ (Summa Theologiae II/II,21,1) Sowohl die von vielen Protestanten vertretene Rechtfertigungslehre (sola gratia, „once saved, always saved“) als auch der antike Pelagianismus enthalten also streng genommen Sünden der Vermessenheit. (Auch wenn das vielen Protestanten nicht bewusst sein mag und daher keine subjektive Schuld besteht.)

Zur Vermessenheit zitiere ich einfach noch einmal Heribert Jone, der es ganz prägnant ausgedrückt hat, was sie ausmacht – und was sie nicht ausmacht:

Vermessenheit ist vorhanden, wenn man entweder beim Streben nach der ewigen Glückseligkeit zu sehr auf die eigenen Kraft vertraut oder Dinge von Gott hofft, die er nach seinen Eigenschaften nicht geben kann oder nach der von ihm fest gesetzten Ordnung nicht geben will.

Durch Vermessenheit sündigt daher, wer hofft, den Himmel durch eigene Kraft erlangen zu können oder einzig auf die Verdienste Christi hin ohne gute Werke; ebenso wer hofft, Gott werde ihm helfen bei Ausführung eines Verbrechens usw., endlich wer sündigt aus dem Grunde, weil Gott barmherzig ist.

Keine Vermessenheit ist es, zu sündigen mit der Hoffnung auf Verzeihung, weil in einem solchen Falle die Ursache der Sünde die menschliche Schwäche ist, nicht aber die Hoffnung auf Verzeihung. Selbst in dem Falle, in welchem jemand nicht so leicht sündigen würde, wenn die Hoffnung auf Verzeihung ihm nicht vorschweben würde, ist dieser Umstand nicht Ursache, sondern nur Gelegenheit zur Sünde. – Ebenso ist es keine Vermessenheit, wenn man dieselbe Sünde öfters begeht, weil es gerade so leicht ist, sich über viele wie über eine einzige Sünde anzuklagen, oder wenn man die Buße verschiebt in der Hoffnung, später auch noch beichten zu können. Wohl aber kann man dabei sündigen gegen die christliche Selbstliebe.“****

Der hl. Thomas schreibt in ähnlicher Weise zur Vermessenheit (Hervorhebung von mir):

„Denn wie es falsch ist, daß Gott den Reuigen nicht verzeiht; so ist es desgleichen falsch, daß er den Sündern, die sich nicht bessern wollen, verzeiht und daß er denen, die nichts Gutes tun, die Seligkeit gibt.

Also ist das freventliche Vornehmen [die Vermessenheit] Sünde; aber nicht eine so große wie die Verzweiflung. Denn Gott entspricht es mehr zu verzeihen und sich zu erbarmen, wie zu strafen; da Jenes Gottes Wesen an sich zukommt, Dieses aber auf Grund unserer Sünden. […]

II. Nicht daß jemand zu viel von Gott hofft, ist die Sünde des freventlichen Vornehmens; sondern daß er das hofft, was sich für Gott zu geben nicht geziemt. Das ist aber eigentlich weniger hoffen; denn das heißt die göttliche Kraft vermindern.

III. Sündigen mit dem Vorsatze, in der Sünde zu bleiben gestützt auf die Hoffnung der Verzeihung heißt ‚freventliches Vornehmen‘. Sündigen aber mit dem Vorsatze, von der Sünde sich später zu enthalten, sie zu bereuen und so Verzeihung zu erhalten, vermindert das Sündhafte; denn dies macht offenbar, daß der Wille wenig gefestigt ist in der Sünde.“ (Summa Theologiae II/II 21,2)

(Gut ist natürlich auch letzeres nicht; und man weiß ja nicht, ob man noch die Gelegenheit zum Bereuen haben wird. Aber es ist dann nicht die eigenständige Sünde der Vermessenheit.)

Diese Gleichgültigkeit, Verzweiflung und Vermessenheit sind nicht nur Sünden und bringen Schuld mit sich, sondern können auch Anlass zu Sünden werden und Gefahren mit sich bringen – sie senken die Hemmschwelle ab, andere Sünden zu begehen. Wenn jemand meint, der Himmel sei egal, er käme sowieso in den Himmel oder er käme sowieso nicht in den Himmel, wird er leichter andere Dinge tun, die gegen Gottes Gebote verstoßen.

Hier würden viele jetzt vermutlich den (von Luther geprägten) Einwand vorbringen: Aber ist es nicht schlecht, wenn das Gute nur aus Hoffnung auf Lohn oder Furcht vor Strafe getan wird? Wäre es nicht besser, ganz ohne selbstsüchtige „Hintergedanken“ Gottes Geboten zu gehorchen?

Die Antwort ist ganz einfach: Es geht hier nicht darum, etwas nur aus Hoffnung bzw. Furcht zu tun, sondern  Hoffnung und Furcht können hilfreiche motivierende Faktoren dafür sein, etwas zu tun, von dem einem bewusst ist, dass es das Richtige ist. Und moralisch verurteilenswert sind diese Motivationen gerade nicht, weil es völlig in Ordnung – und sogar gut ist – für sich selbst (wie für alle anderen) etwas Gutes zu wünschen (auch wenn es noch bessere Motivationen gibt). Und diese Art von Hoffnung und Furcht beruhen schließlich, wie gesagt, auch darauf, dass man weiß, dass Lohn und Strafe, die Gott austeilt, gerecht und verdient sind (der Lohn ist natürlich immer mehr, als jemand verdienen kann, aber die Leser verstehen schon, was ich meine), und darauf, dass man seinen ausdrücklichen Zusagen vertraut.

Im nächsten Teil zur Gottesliebe und den Sünden gegen sie.

* Aus: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.

** Ebd.

*** Wenn man es ausdrücklich tun will, kann ein Gebet wie das folgende helfen: „Herr und Gott, ich hoffe, dass ich durch deine Gnade die Vergebung aller Sünden und nach diesem Leben die ewige Seligkeit erlange. Denn du hast das versprochen, der du unendlich mächtig, treu, gütig und barmherzig bist. In dieser Hoffnung will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)

**** Aus: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.

 

Teil 4c: Das 1. Gebot – was die Tugend der Gottesliebe praktisch bedeutet

Die Liebe (lateinisch caritas, griechisch agape; nicht zu verwechseln mit eros oder anderen Formen der Liebe) ist wie der Glaube und die Hoffnung eine übernatürliche, von Gott „eingegossene“ Tugend; also keine, die mit den rein natürlichen menschlichen Kräften  zu erreichen ist; mithilfe von Gottes Gnade selbstverständlich trotzdem für jeden möglich. Zu ihr gehören die Gottesliebe, die Nächstenliebe und die Selbstliebe, gemäß den Worten Jesu: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22,37-39)

Hier nur näher zu dem, was die Gottesliebe konkret meint; die Nächsten- und die Selbstliebe kommen im 4.-10. Gebot ins Spiel und sind für diese Gebote die Grundlage wie die Gottesliebe für das 1.-3.

 

Was bedeutet „Gottesliebe“ überhaupt? Ich bin hier schon einmal ausführlich darauf eingegangen, dass die Nächsten- und Selbstliebe eine grundsätzliche Bejahung, ein grundsätzliches Wohlwollen, ein Sehen des Wertes eines Menschen bedeuten. Gott kann man nun zwar im Grunde genommen nichts Gutes tun (Er braucht einen nicht), sehr wohl aber kann man Ihn als das höchste Gut, als den einzigen im echten Sinne Guten und aller Liebe und Anbetung Werten anerkennen, sich vornehmen, Ihm den höchsten Platz im Leben einzuräumen (also Ihm zu gehorchen, wenn es zum Konfliktfall kommt), Ihm gefallen wollen, wünschen, Ihn zu sehen und mit Ihm eins zu werden. Der hl. Thomas sagt schon, dass jede Liebe – ob menschliche Freundschaft oder andere Formen der Liebe – eine Art Vereinigung mit dem Geliebten beinhaltet.

Auch Nächsten- und Selbstliebe folgen eigentlich gleich direkt aus der Gottesliebe, da der, der Gott liebt, auch alles lieben muss, was Gott geschaffen hat, liebt und zu lieben befiehlt.

So, wie man ab und zu einen „Akt des Glaubens“ oder einen „Akt der Hoffnung“ setzen muss, so auch einen „Akt der Liebe“; also die Entscheidung zur Gottesliebe treffen. (Ein bewusster Akt der Liebe kann z. B. so aussehen: „Herr und Gott, ich liebe dich über alles und meinen Nächsten um deinetwillen. Denn du bist das höchste, unendliche und vollkommenste Gut, das aller Liebe würdig ist. In dieser Liebe will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)) Aber ebenso wie beim Glauben und der Hoffnung setzt der Christ im Normalfall automatisch immer wieder zumindest implizit Akte der Gottesliebe (z. B. beim Gebet). Ein (zumindest impliziter) Akt der Gottesliebe gehört auch zur Liebesreue, die nötig ist, um Gottes Vergebung für schwere Sünden zu erlangen, wenn man (noch) nicht zur Beichte kommt; außerdem braucht es die Gottesliebe besonders dann, wenn man ohne sie eine Versuchung nicht überwinden kann.

 

Sünden gegen die Gottesliebe sind (naheliegendermaßen) das Fehlen der Gottesliebe (also nie oder extrem selten die Gottesliebe erwecken) und der Hass gegen Gott: Was sich z. B. darin äußert, dass man Gott hasst, weil Er etwas verbietet, das man gern tut (oder tun würde); wenn man damit prahlt, etwas getan zu haben, das Gott verbietet; sich wünscht, es würde Ihn nicht geben oder Er wäre nicht gerecht oder allwissend; sich wirklich gegen seine Vorsehung auflehnt; wenn man Ihm gerne schaden würde (wenn das möglich wäre); Seine Ehre angreifen möchte z. B. durch Verfolgung der Kirche oder Blasphemie (Verfolgung der Kirche oder Blasphemie müssen nicht aus Hass auf Gott geschehen, es können auch Dummheit, Gruppenzwang u. Ä. Auslöser sein; sie können es aber); oder Ähnliches.

Wenn ein wirklicher, willentlicher Hass auf Gott da ist, v. a. ein konstanter, sich in Worten und Taten äußernder, ist das offensichtlich eine schwere Sünde; aber es kann wohl auch mal z. B. ein flüchtiges Spielen mit einer Abneigung gegen Gott da sein, die nicht die wirkliche Entscheidung zum Gotteshass beinhaltet, ein gewisses leichtes Hadern mit Gottes Vorsehung, eine Art Zorn auf Gott aus Angst oder Traurigkeit in einer schlimmen Situation, bei der man nicht wirklich Gott hasst oder wirklich an Ihm zweifelt, aber trotzdem Zorn fühlt und ihm ein wenig nachgibt, weil es gerade gut zu tun scheint; was dann lässliche Sünden wären. (Gefühle sind generell noch keine Sünde, sondern Versuchung; wenn die Zulassung des Willens da ist, ist etwas Sünde. Solche Gefühle als Gefühle anerkennen, und sie vor Gott zu bringen, wobei man sich bewusst macht, dass Gott im Endeffekt alles besser weiß und Antworten haben wird, ist genau das Richtige und keine Sünde; mit solchen Gefühlen flirten und sie nicht wirklich vor Gott bringen, ihnen aber auch nicht ganz nachgeben, wohl eher eine lässliche.)

 

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