Reihe: Moraltheologie und Kasuistik

Inhalt

Wozu diese Reihe?

Teil 1: Entscheidungsfindung bei Unsicherheiten – über Tutiorismus, Probabilismus und Laxismus

Teil 2: Grundbegriffe und Unterscheidungen

(wird fortgesetzt)

 

Wozu diese Reihe?

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

 

Achtung: Das alles hier ist im Blick auf Nichtskrupulanten, d. h. Menschem mit durchschnittlichem bis laxem Gewissen geschrieben worden. Für Skrupulanten gelten z. B. in Hinblick auf die Beurteilung zweifelhaft schwerer Sünden eigene Regeln. (Siehe etwa hier, hier und hier.)

 

Teil 1: Entscheidungsfindung bei Unsicherheiten – über Tutiorismus, Probabilismus und Laxismus

Bevor ich zu den Einzelfragen komme, erst einmal zu den Prinzipien. Heute zu einer sehr grundsätzlichen Frage: Das Ergebnis, wenn man mit allgemeinen moralischen Prinzipien an einen konkreten Fall herangeht, kann sein: „Es ist klar: Du musst das und das tun / darfst das und das nicht tun.“ Oder: „Es ist klar: Du kannst frei zwischen den und den Möglichkeiten wählen.“ Aber es kann auch mal  sein: „Das ist ein Grenzfall; es ist nicht ganz klar, was deine Pflicht ist, am wahrscheinlichsten ist es so, aber andere würden vielleicht sagen, es wäre so, wahrscheinlich wäre auch noch diese dritte Möglichkeit erlaubt, diese vierte hier wohl eher nicht.“ Diese Fälle sind immer die schwierigsten. Und hier kommen die sog. Klugheitsregeln und die sog. Moralsysteme ins Spiel.

Grundsätzlich gilt in der Moraltheologie die Regel „ein zweifelhaftes Gesetz bindet nicht“ (lex dubia non obligat). Aber was heißt das jetzt für die Praxis? Wann ist ein Gesetz zweifelhaft? Sagen wir, mir geht es nicht so gut und ich bin mir nicht sicher, ob die Sonntagspflicht (das Gebot, sonntags eine Messe zu besuchen) für mich noch gilt oder ich auch zuhause bleiben kann. Wonach entscheide ich?

Im 17. und 18. Jahrhundert war das ein ziemlicher Streitpunkt unter den Theologen. Sie entwickelten dabei die folgenden sog. Moralsysteme:

Der Tutiorismus (von „tutior“, lateinisch für „sicherer“) wäre die Ansicht, man müsste immer die strengste, die sicherste, die beste aller Möglichkeiten wählen. Die Tutioristen erkannten das Prinzip lex dubia non obligat eigentlich gar nicht erst an. Du bist dir nicht völlig sicher, ob du krank genug bist, um von der Messe daheim zu bleiben? Dann geh zur Messe. Du weißt nicht hundertprozentig, ob du bei deinem Job vielleicht in Gewissenskonflikte gerätst? Dann kündige. Man muss das Gebot immer befolgen, auch wenn sehr starke Gründe gegen seine Geltung in einem bestimmten Fall sprechen. Diese Ansicht billigt die Kirche nicht. Das macht ja auch Sinn: Sie ist letztlich nicht lebbar. Bei jeder noch so kleinen Unsicherheit gäbe es keinen Spielraum mehr. Und so würden auch viele falsche Entscheidungen getroffen werden – weil manche Leute sich z. B. auch bei Krankheiten, bei denen sie wirklich im Bett bleiben sollten, nicht völlig sicher wären, ob sie es nicht doch in die Kirche schaffen könnten. Einer vernünftigen Abwägung kann man nicht entgehen, indem man immer nach der einen Seite steuert. So landet man nur im Graben. Als die Jansenisten verurteilt wurden, wurde in einem Dekret von 1690 u. a. der Satz „Es ist nicht erlaubt, einer [wahrscheinlichen] Meinung oder unter wahrscheinlichen der wahrscheinlichsten zu folgen“ verurteilt.

Dann gäbe es den Probabilismus, von „probabilis“, „wahrscheinlich“. Wenn wahrscheinliche Gründe gegen die Geltung eines Gebots in meinem Fall sprechen, ist es nicht bindend. Neben dem reinen Probabilismus gibt es noch ein paar Unterformen. Da ist der Probabiliorismus (probabilior = wahrscheinlicher), nach dem die Gründe, die gegen die Geltung sprechen, zumindest wahrscheinlicher sein müssen als die Gründe dafür. Dann der Äquiprobabilismus, nach dem die Gründe dagegen zumindest genauso groß sein müssen wie die Gründe dafür. Nach dem Kompensationssystem kann es auch einmal sein, dass gute Gründe gegen die Verpflichtung sprechen, die aber weniger gewichtig sind als die, die dafür sprechen, und dass man trotzdem nicht verpflichtet ist, weil gewichtige praktische Gründe dagegen sprechen, d. h. es sehr schwer durchführbar ist. (Extremes Beispiel: Ich bin mir nicht sicher, ob ich xyz nach dem göttlichen Gesetz tun muss, es gibt ganz gute Gründe dagegen, aber noch bessere Gründe dafür – aber wenn ich es tue, steckt mich der ungerechte Staat, in dem ich lebe, für zwanzig Jahre ins Arbeitslager. Ergo: nach dem Kompensationssystem nicht verpflichtend.) Die probabilistischen Moralsysteme werden von der Kirche gebilligt.

Der Laxismus wäre die Ansicht, man dürfte frei zwischen allen Möglichkeiten wählen, die nicht ganz und gar absolut sicher verboten sind. Für als laxistisch bezeichnete Theologen war ein Gesetz schon dann zweifelhaft, wenn nur sehr schwache Gründe gegen seine Geltung sprachen – mit anderen Worten, für sie hätte man auch mit einem leichten Schnupfen von der Kirche daheim bleiben können. Wie die etwas abfällige Bezeichnung schon nahelegt, ist das eine Ansicht, die die Kirche nicht so ganz billigt; verschiedene laxistische Sätze wurden von Rom als „zumindest ärgerniserregend und in der Praxis verderblich“ verurteilt.

Bei Skrupulanten (also Leuten mit einer religiösen Zwangsstörung) im Speziellen ist es allerdings etwas komplizierter: Weil die dazu neigen, alles stundenlang hin und her zu wälzen und immer auf Nummer sicher gehen wollen und Angst haben, sich bei einem zweifelhaften Gebot nicht als gebunden zu betrachten, auch wenn die Gründe dafür eigentlich wahrscheinlich wären, weil man sich bei der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit ja irren könnte, was ja vielleicht davon kommen könnte, dass man unterbewusst Gott nicht gehorchen will, usw. usf., dürfen die sich in der Praxis nach einem eher laxistischen Prinzip verhalten. Wenn man dazu neigt, immer in die eine Richtung zu steuern, muss man jetzt erst einmal mehr in die andere Richtung steuern, um das zu korrigieren. Weil Skrupulanten die Geltung eines Gebots in ihrem Einzelfall oft erst dann anzweifeln, wenn es wirklich wahrscheinliche Gründe dagegen gibt, und weil es für sie sowieso erst einmal wichtig ist, ihre ungesunde Angst abzulegen, sollen sie sich erst dann gebunden sehen, wenn sie sich wirklich sicher sind.

Soweit zu den Prinzipien. Und nicht vergessen: Wenn man sich in der Beurteilung eines konkreten Falls mal geirrt hat, dann ist das nicht so schlimm. Gott rechnet einem nichts an, was man im guten Glauben, es wäre erlaubt, getan hat. In diesem Sinne stimmt es, dass Gott kein Erbsenzähler ist – Er sieht mehr auf die Absicht als auf die Tat.

 

Teil 2: Grundbegriffe und Unterscheidungen

Heute zu einigen Grundsätzen und Grundbegriffen, die in allen möglichen Situationen wichtig werden. Diesen Teil hätte ich vielleicht als ersten veröffentlichen sollen. Bald wird es konkret, aber das Allgemeine sollte vorher der Vollständigkeit halber auch geklärt werden.

Die katholische Ethik ist eine Ethik des Naturrechts. Der Begriff „Naturrecht“ hat für viele heute einen ungewohnten Klang und lässt manche sogar an Sozialdarwinismus und ähnlichen Unfug denken. Beim Naturrecht geht es aber nicht darum, zu beobachten, was denn so in der Wildnis passiert und das dann nachzuahmen. Nein: Es geht darum, mit der Vernunft zu schauen, worauf ein Ding seinem Wesen (seiner Natur) nach ausgerichtet ist. Beispiel: Die Sprache ist auf die Weitergabe von Wahrheit ausgerichtet – Lügen pervertiert diesen Zweck, also ist es sozusagen „widernatürlich“, im Sinne von „gegen die göttliche Ordnung, gegen die innere Natur, den Naturzweck der Sprache“, und damit eine Sünde. Wir glauben, dass Gott sich Gedanken über den Aufbau Seiner Welt gemacht hat und halten uns an Seinen Bauplan. Gegen das Naturrecht kann genau genommen selbst Gott nicht verstoßen, weil es in Seinem eigenen Wesen begründet ist – Er könnte zum Beispiel nicht lügen oder Seine Versprechen brechen. Es wäre nicht nur falsch, sondern unmöglich für Ihn, so etwas zu tun.* (Allerdings darf und kann Gott tatsächlich auch dem Naturrecht gemäß ein paar andere Dinge tun, als Menschen dürfen. So ist Gott Herr über Leben und Tod und kann uns das Leben nehmen, ohne dass Er dadurch etwas Böses täte, während wir nicht einfach so töten dürfen. Das könnte man entfernt damit vergleichen, dass in einer menschlichen Gesellschaft der Staat Gewalt anwenden darf, die der einzelne Bürger nicht anwenden darf, was im Endeffekt zum Schutz des einzelnen Bürgers dient, oder damit, dass Eltern für ihr Kind einer Operation zustimmen dürfen, für die die Einwilligung des Kindes allein nicht genügt. Klar: Gott ist allwissend und vollkommen gut, wir nicht.)

Das Naturrecht wird auf Latein ius divinum naturale genannt, natürliches göttliches Recht. Neben dem natürlichen göttlichen Recht gibt es noch das positive (gesetzte) göttliche Recht (ius divinum positivum), d. h. die von Gott in Seiner Offenbarung gestifteten Satzungen, die Er theoretisch auch anders hätte gestalten können. Dazu gehören z. B. das Gebot, den siebten Tag zu heiligen, oder „im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen, usw. Die Bestimmungen des Naturrechts können theoretisch alle Menschen mit Gewissen und Vernunft einsehen, das positive göttliche Recht kommt erst durch Gottes ausdrückliche Anordnung. Es verpflichtet aber prinzipiell genauso aufgrund der Autorität unseres Schöpfers über uns. Dann gibt es noch das bloß kirchliche Recht (ius mere ecclesiasticum), das von der Kirche festgesetzte Recht über den Bereich, für den Gott ihr Autorität verliehen hat. Dazu gehören z. B. die Fastenbestimmungen. Außerdem gibt es noch anderweitiges positives menschliches Recht – das staatliche Recht, oder die Weisungen rechtmäßiger Vorgesetzter. Das menschliche Recht (dazu zählt auch das kirchliche) ist insofern bindend, sofern es dem göttlichen Recht nicht widerspricht, praktisch zumutbar ist und die Autoritäten rechtmäßige Autoritäten in Gottes Ordnung (Kirche, Staat, Eltern gg. minderjährigen Kindern, usw.) sind.

Verstöße gegen alle diese Formen von Recht können je nach Schweregrad entweder schwere oder lässliche Sünden sein. Weder ist ein Verstoß gegen das Naturrecht automatisch schwer, noch einer gegen das kirchliche Recht automatisch lässlich.

Aus dem Konzept des Naturrechts folgt, dass es gewisse Handlungen gibt, die absolut immer falsch sind und unter keinen Umständen ausnahmsweise gerechtfertigt werden können, weil sie gegen die Natur der Dinge sind – die sog. in sich schlechten Handlungen. Diese Handlungen können auch durch keinen noch so guten Zweck richtig werden und ziehen meistens sowieso ziemlich schlechte Folgen nach sich. Andere Handlungen wiederum sind nur aufgrund der konkreten Umstände schlecht.

Wichtig: In sich schlechte Handlungen sind nicht automatisch schlimmer als durch die Umstände schlechte Handlungen. Der Begriff bezeichnet eine bestimmte Art von Sünde, nicht den Grad ihrer Schwere. (Ein Beispiel: Lügen ist immer schlecht, das bloße Vorenthalten einer Wahrheit nicht – man ist ja nicht verpflichtet, jedem immer alles Mögliche zu erzählen, was ihn vielleicht gar nicht betrifft. Aber das Vorenthalten einer wichtigen Wahrheit, die zu wissen jemand ein Anrecht hat, kann sehr wohl schlimm sein. Eine kleine Verlegenheitslüge („Wieso kommst du schon wieder zehn Minuten zu spät?“ – „Äh – der Verkehr draußen…“) wäre offensichtlich weniger schlimm, als wenn z. B. Eltern und Arzt einem Kind das Wissen vorenthalten, dass seine Krankheit so schwer ist, dass es bald daran sterben wird.)

Auch sind nicht alle in sich schlechten Handlungen gleich schwerwiegend; es sind noch nicht einmal alle in sich schlechten Handlungen schwere Sünden – das klassische Beispiel wäre wieder die Verlegenheitslüge in unwichtiger Sache, die zwar ihrer Natur nach falsch, aber wegen ihrer Geringfügigkeit nur eine lässliche Sünde wäre.

Jetzt also noch zu diesen zwei Begriffen: schwere Sünde (=Todsünde) und lässliche Sünde. Eine Sünde ist schwer, wenn in einer wichtigenSache mit Wissenund Willen begangen (so der alte Katechismusmerkspruch). Wenn man nicht wusste, dass etwas eine schwere Sünde ist, oder wenn man irgendeinen Irrtum begangen hat, der die Sache nicht als solche aussehen ließ, war es keine schwere Sünde. Wenn man unter Drohung, Nötigung, dem Einfluss einer Sucht oder psychischen Krankheit o. Ä. gehandelt hat, beeinträchtigt das ebenfalls die Schuldfähigkeit. Aber was ist nun eine wichtige Sache? Dazu komme ich in dieser Reihe ausführlich; prinzipiell kann man sagen, dass ausdrückliche Ge- und Verbote in der Bibel (Zehn Gebote!) wichtige Markierungspunkte sind; auch die Regeln von Staat und Kirche, die diese beiden Institutionen selber als grundlegend wichtig behandeln (d. h. kirchlicherseits etwa die fünf Kirchengebote oder das Beichtgeheimnis, staatlicherseits die meisten Strafgesetze – im Unterschied zu, sagen wir mal, Details einer diözesanen Datenschutzrechtlinie oder Bestimmungen zu bloßen Ordnungswidrigkeiten) verpflichten i. d. R. unter schwerer Sünde.

Die schwere Sünde schneidet von Gott ab, weil sie in einem die Tugend der caritas (Gottes- und Nächstenliebe) ganz zerstört (was auch heißen kann, eine mit dieser zwangsläufig zusammenhängende Tugend, etwa die der Gerechtigkeit, in einem ganz zerstört) – und damit eben die heiligmachende Gnade in einem zerstört. Schwere Sünden sind wie (für die Seele) tödliche Wunden; lässliche wie Kratzer und blaue Flecke und vielleicht auch mal ein ausgeschlagener Zahn oder ein gebrochener Arm – nicht schön, aber man geht davon nicht drauf.

Wenn man allerdings kleine Sünden bewusst, beabsichtigt serienmäßig begeht (z. B. als Dieb von Laden zu Laden zieht und immer nur Waren für ein paar Euro klaut, aber insgesamt damit doch einen großen Schaden anrichtet), können die damit auch zu einer schweren Sünde werden – so, wie man an vielen gleichzeitig zugefügten kleinen Schnitten verbluten kann. Hier handelt es sich nämlich eigentlich nicht um nacheinander begangene lässliche Sünden, sondern um eine schwere Sünde auf Raten. (Ein anderes Beispiel wäre etwa, wenn man einem Familienmitglied oder Arbeitskollegen oder Mitschüler durch ständige strategische kleine Boshaftigkeiten zusetzt, die für sich genommen nur übliche Reibereien im menschlichen Miteinander wären, aber zusammengenommen viel größeren Schaden anrichten.)

Wie erlangt man die heiligmachende Gnade wieder? Gott hat als Mittel dafür die Taufe und – wenn man schon getauft ist und dann wieder schwere Sünden begeht – die Beichte eingesetzt. Er wollte Seine Gnade durch äußere Zeichen vermitteln. Natürlich funktionieren die aber auch nicht einfach so – Reue und der Vorsatz zur Besserung müssen da sein. Ein bloßes Lippenbekenntnis reicht nicht.

Was ist, wenn man keinen Priester erreichen kann? Und was ist mit Menschen, die nichts vom katholischen Glauben wissen? Nun, das ist nicht so schwer. Gott hat zwar die Sakramente eingesetzt, und im Gehorsam Ihm gegenüber halten wir uns an sie, aber Er selbst ist ja nicht nur an sie gebunden, sondern kann Seine Gnade auch anderweitig austeilen, wo die Leute nicht zu ihnen gelangen.

Hier kommt der Begriff der „Liebesreue“ (lat. contritio) ins Spiel: Wenn man eine schwere Sünde begangen hat und dann einen „Akt der Reue setzt“ (hey, ich halte mich nur an die Fachbegriffe), also Reue erweckt, sich vornimmt, sie nicht mehr zu begehen, und (wenn man katholisch ist und um die Wichtigkeit der Beichte weiß) sich vornimmt, sie zu beichten, wenn man die Gelegenheit dazu hat, dann wirkt schon Gottes Gnade in einem. Die Liebesreue wird auch „vollkommene Reue“ genannt, aber eigentlich ist der Begriff der „Liebesreue“ passender; der Punkt bei dieser Reue ist nämlich nicht, dass sie so perfekt sein muss, wie es nur geht, sondern dass sie aus Liebe zu Gott hervorgeht. Eine Stufe drunter gäbe es nämlich die sog. „Furchtreue“ („unvollkommene Reue“, lat. attritio), die eher aus Furcht vor der Hölle hervorgeht. Die Furchtreue ist nicht schlecht – sie ist ein unvollkommener Anfang. In der Beichte selber genügt sie für die Vergebung der Sünden. (Wieso genügt in der Beichte etwas, das sonst nicht genügt? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht, weil Gott es uns anrechnen will, wenn wir uns immerhin überwinden müssen, die Sünden laut zu bekennen?) Liebesreue heißt, dass man es bereut, den liebenden Vater im Himmel mit einer schlechten Tat verletzt zu haben; Furchtreue fürchtet bloß die strafende Gerechtigkeit Gottes. (Sie meint allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun“, sondern eher „Ja, ich weiß irgendwo schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Motivation, zur Beichte zu gehen, ist gerade eher Angst vor der Hölle“.) Wichtig: Für echte Reue muss man nicht intensive Gefühle in sich heranzüchten. Gefühle sind sicher mal eine Hilfe, aber vor allem ist Reue eine Sache des Willens. Man muss sich einfach bewusst machen, dass etwas tatsächlich falsch war und den guten und gerechten Gott verletzt hat, und sich Besserung vornehmen – das ist Liebesreue. Ach ja, die Liebesreue kann übrigens auch zusammen mit einer gewissen Furcht vor der Hölle existieren. Man kann sowohl die „unvollkommene“ als auch die „vollkommene“ Motivation dafür, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, in sich haben. Wäre ja auch nicht sehr schön, wenn man keine Liebesreue erlangen könnte, solange man noch irgendeine Furcht vor der Hölle spürt.

Wenn man eine schwere Sünde auf dem Gewissen hat, darf man vor der nächsten Beichte nicht zur Kommunion gehen – bevor man sich wieder mit Jesus vereinigen kann, muss man sich richtig mit Ihm versöhnt haben, auch äußerlich im Sakrament der Beichte. (Nur in Ausnahmefällen genügt die bloße Liebesreue, um zu kommunizieren – aber dazu in einem anderen Teil.)

Was ist, wenn man eine Sache fälschlich für eine schwere Sünde hielt, als man sie beging, und erst später gehört hat, es sei nur eine lässliche Sünde? Es kommt darauf an. Prinzipiell bestimmen schon die eigenen Intentionen, wie gut oder schlecht das eigene Handeln war – man war bereit, etwas zu tun, das man für eine schwere Sünde hielt. Der Apostel Paulus befasst sich im Römerbrief mit einer solchen Frage: Eigentlich ist es keine Sünde, auf dem Markt Fleisch zu kaufen, das von in heidnischen Tempeln geopferten Tieren stammt; aber wenn jemand überzeugt ist, es sei Sünde und es trotzdem tut, dann sündigt er dabei. (Und deshalb sollen die anderen Christen darauf Rücksicht nehmen, welches Beispiel sie solchen Leuten geben, und nicht Götzenopferfleisch essen, wenn sie dadurch einem anderen den Anschein gäben, sie würden es mit dem Glauben nicht so genau nehmen.) Andererseits werden offensichtlich harmlose oder wenig schlimme Handlungen auch nicht so schnell so furchtbar schlecht, weil man sich darüber irrt, wie schlecht sie wären. Sagen wir, jemand glaubt aufgrund falscher religiöser Erziehung, jede noch so geringfügige Lüge, Alkoholkonsum in egal welcher Menge, und jeder Widerspruch gegenüber den Eltern / Streit mit ihnen sei schwere Sünde. Das ist offensichtlich falsch; die letzten beiden Dinge müssen nicht mal lässliche Sünden sein. Und das spürt man auch irgendwo. (Es gibt ja eine bestimmte Sorte Protestanten, die die Lehre vertreten, jede Sünde sei gleich schwer; das sagen sie sich sicher, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es wirklich innerlich glauben – und in der Praxis behandeln sie Mord und Ruhestörung auch nicht wie dasselbe.) Ein solcher Mensch würde nicht automatisch eine schwere Sünde begehen, weil ihm halt doch mal ein böses Wort gegenüber den Eltern herausrutscht. Gerade, wenn man ein hyperaktives (skrupulöses) Gewissen hat, das einem sagt, alles und jedes müsse bestimmt schwere Sünde sein, kann es gut sein, dass etwas, das man zu dem Zeitpunkt, als man es tat, für schwere Sünde hielt, doch keine war, auch subjektiv nicht.

Was, wenn man sich zu dem Zeitpunkt, zu dem man etwas getan hat, nicht sicher war, ob es schwere oder lässliche Sünde war? Nun, dann war man zumindest bereit, eine potentiell schwere Sünde zu begehen. Zweifelhaft schwere Sünden müssen vom Prinzip her nicht gebeichtet werden; hier gelten aber auch die Regeln für Zweifelsfälle aus Teil 1 dieser Reihe. Wenn man dabei immer noch zu keiner wahrscheinlichen Einschätzung kommt, sollte man am besten einfach beichten und in der Beichte nachfragen, was diese Tat allgemein ist.

Was, wenn einem tatsächlich erst hinterher eingefallen ist, etwas könnte schwere Sünde gewesen sein? Dann war es im Normalfall keine schwere Sünde – außer, man hätte es eigentlich klar sehen müssen und hat sich selber blind gestellt. Das ist manchmal schwierig zu bestimmen. Tut mir leid für die Vagheit an dieser Stelle. Vielleicht im späteren Verlauf der Reihe mehr zum Thema Gewissensbildung.

Wir kennen den Ausdruck der Sünden „in Gedanken, Worten und Werken“. Wann werden bloß gewünschte oder geplante oder angekündigte oder angedrohte Sünden zu Sünden?

Die feste Absicht, eine schwere Sünde zu begehen, ist selbst schwere Sünde. Der feste Wunsch, eine schwere Sünde zu begehen, von dessen Ausführung man nur (nicht auch, sondern nur) wegen dem Gedanken an die Konsequenzen (Rufschädigung, Gefängnis, was auch immer) zurückschreckt, und nicht, weil man weiß, dass besagte Sünde falsch ist, ist selbst schwere Sünde. Etwas schwieriger ist der Fall beim bewussten Schwelgen in Phantasien (im Unterschied zu ungewollten Gedanken, die einem halt so kommen) über schwere Sünden (z. B. Gewalt- oder Sexphantasien), die man aber nicht in die Tat umzusetzen beabsichtigt. Im Bereich des sechsten Gebots sind hier am ehesten schwere Sünden zu befürchten. Generell besteht aber schon noch ein Unterschied zur ausgeführten Tat. Aber dazu in einem anderen Artikel mehr.

Leere Drohungen („Geld her oder ich schieße!“, „Wenn du nicht vor Gericht für mich lügst, schmeiß ich dich raus!“) sind die eigenständige, je nach den Umständen schwere oder lässliche Sünde der Erpressung; Drohungen, die auch die tatsächliche feste Absicht beinhalten, eine schwere Sünde zu begehen sind selbst schwere Sünde (noch zusätzlich zur Erpressung) – wenn auch vielleicht nicht ganz so schwer wie die tatsächlich begangene Tat (es hätte ja sein können, dass man vor der Tat dann doch zurückgeschreckt wäre).

Zwei andere Dinge sind noch wichtig. Erstens: Was ist, wenn man zu fremden Sünden beiträgt oder an ihnen mitwirkt?

Zu fremden Sünden beitragen kann man natürlich entweder durch direkte Anstiftung/Verführung/Nötigung (was eine schwere Sünde ist, wenn zu schweren Sünden angestiftet/verführt/genötigt wird), oder aber, indem man „Ärgernis gibt“. Das hat nichts mit „jemand anderen ärgern“ zu tun – es heißt eher so etwas wie „einem anderen Anlass zur Sünde werden“, oft in der Form von „ein schlechtes Beispiel geben, wodurch andere zu einer Sünde verleitet werden“. Ein Beispiel: Anna, die aus einer katholischen Familie kommt, übernachtet immer mal wieder bei ihrem Freund; obwohl die zwei dabei tatsächlich nicht miteinander schlafen, gehen Annas jüngere Geschwister davon aus, dass sie es wohl täten (v. a., weil Anna nichts Gegenteiliges klarstellt); weil sie sich ihre ältere Schwester zum Vorbild nehmen und allgemein den Eindruck haben, dass die ja trotzdem noch eine gute Katholikin sei, nehmen sie selber das Thema Keuschheit jetzt weniger wichtig. Ein anderes Beispiel wäre die oben erwähnte Götzenopferfleischproblematik. Wenn man ohne rechtfertigenden Grund (so einen Grund kann es geben – sagen wir, Anna musste bei ihrem Freund übernachten, weil sie den letzten Bus zurück zu sich nach Hause verpasst hat, oder man kauft Götzenopferfleisch, weil es sonst nichts anderes mehr auf dem Markt gibt und man Essen braucht) andere zu der naheliegenden Annahme verleitet, man würde schwere Sünden begehen und die als kein moralisches Problem sehen, dann kann das eine lässliche oder schwere Sünde sein (je nachdem, wie sehr der andere einen z. B. als Vorbild nimmt). Man kann auch auf andere Weise zu Sünden verleiten – z. B. kann man jemanden dazu verleiten, einen zu hassen, indem man ihn schlecht behandelt. Auch diese Art der Provokation zu Sünden ist ernst zu nehmen – auch, wenn man die Reaktionen anderer auf das eigene Handeln nicht immer kontrollieren kann und manchmal auch Dinge tun muss, die andere missverstehen könnten o. Ä., sollte man die natürlicherweise, auch bei grundsätzlich wohlwollenden Menschen, erwartbaren Reaktionen anderer auf das eigene Handeln einkalkulieren, und, wenn es möglich ist, darauf Rücksicht zu nehmen.

Etwas anderes ist die Mitwirkung an einer Sünde, wobei man die materielle und die formelle Mitwirkung unterscheiden muss. Formelle Mitwirkung ist direkte Mitwirkung an einer schlechten Tat selber, wobei die eigene Tat einen unverzichtbaren Bestandteil der Handlung darstellt oder eine ausdrückliche Gutheißung dieser Tat bedeutet. Materielle Mitwirkung ist periphere Mitwirkung, die nicht zu der Handlung selber gehört; hier wird eine an sich gute oder moralisch neutrale Handlung durch einen anderen missbraucht und in den Dienst seiner Sünde gestellt. Formelle Mitwirkung wäre etwa die Hilfe eines Assistenzarztes bei einer Abtreibung; materielle Mitwirkung wäre die Versorgung einer Frau nach einer Abtreibung, oder das Putzen des Operationsraums vorher. Eigentlich wäre z. B. auch der klassische Fall des Blumenschmucks für eine Schwulenhochzeit nur materielle Mitwirkung (der Blumenschmuck ist nicht nötig für die Trauung und der Florist drückt damit nicht zwangsläufig seine Zustimmung zu ihr aus; einen Raum mit Blumen zu schmücken ist an sich moralisch indifferent). Ein anderes Beispiel für materielle Mitwirkung wäre die Arbeit einer Angestellten in einem Supermarkt, wo Kondome verkauft werden – dabei beteiligt man sich nicht direkt an der Tat der künstlichen Empfängnisverhütung -; die eines Taxifahrers, dessen Kunden sich auch ins Rotlichtviertel fahren lassen; oder die eines Winzers oder Weinhändlers, der weiß, dass seine Produkte sowohl von Leuten, die ein wenig mit ein paar Gläsern Wein feiern wollen, als auch von Alkoholikern, die sich zusaufen und ihre Gesundheit ruinieren, gekauft werden werden. Oder das klassische Beispiel: Der Kauf von Waren von einem Unternehmen, das seine Angestellten schlecht behandelt oder in andere unethische Dinge involviert ist.

Formelle Mitwirkung ist nie in Ordnung, materielle Mitwirkung lässt sich nicht immer vermeiden (man versuche mal, nur bei ethisch völlig sauberen Unternehmen einzukaufen) und kann in Ordnung sein, wenn es entsprechend gewichtige Gründe gibt, die sie nötig machen (z. B. als Florist nicht wegen Diskriminierung verklagt zu werden). Je entfernter die Mitwirkung, desto leichter ist sie zu rechtfertigen. Außerdem muss man sich fragen, ob man die schlechte Tat verhindern könnte, indem man die Mitwirkung verweigert; ob man eine besondere Verantwortung hat, sie zu verhindern; wie schwerwiegend sie in sich ist; ob es von anderen so betrachtet werden wird, als hätte man durch seine Mitwirkung seine Zustimmung zu der Tat gegeben.

Bloße Mitwirkung ist generell nicht so schwer wie die Sünde selbst; aber trotzdem dürfte die formelle Mitwirkung an einer schweren Sünde meistens schwere Sünde sein.

In diese Ecke gehören auch die Handlungen mit Doppelwirkung. Es geht hier um Handlungen, die eine gute und eine schlechte Wirkung erzielen, von denen erstere intendiert ist und letztere nicht. Man könnte auch „Handlung mit einer schlechten Nebenwirkung“ sagen. Auch in der Medizin gibt es ja Medikamente, die alle möglichen Nebenwirkungen haben. Wenn jetzt ein Arzt einem Patienten ein Antibiotikum gibt, mit der Intention, dessen Infektion zu heilen, dann ist das eine gute Handlung, auch wenn der Patient davon auch nicht intendierte Verdauungsstörungen bekommt; wenn man jemandem dagegen etwas geben würde, damit er Verdauungsstörungen bekommt, wäre das, nun, nicht gerade nett. (Ehrlich, absolut nicht nett. Take it from jemandem, der chronische Probleme mit so was hat.) Es ist offensichtlich, dass die intendierte Wirkung und die Nebenwirkung in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen – so, wie auch bei einem Medikament die Nebenwirkungen nicht mehr schaden sollten als das Medikament nützt. Beispiel für erlaubte Handlungen mit Doppelwirkungen wären etwa:

  • Eine schwangere Frau ist schwer krank und nimmt Medikamente, die ihrem ungeborenen Kind schaden können.
  • Eine Frau nimmt die Pille zur Behandlung einer Krankheit (z. B. Endometriose); die resultierende Unfruchtbarkeit ist eine unerwünschte Nebenwirkung.
  • Ein Staat setzt eine bestimmte Wirtschaftgesetzgebung (z. B. zu Steuern, Zöllen, Mindestlohn…) in Kraft, die Gruppe A sehr hilft und Gruppe B unbeabsichtigterweise etwas schadet.
  • In einem gerechten Krieg wird eine Waffenfabrik des Gegners bombardiert; dabei sterben, was nicht beabsichtigt war, auch Zivilisten, u. a. sogar Zwangsarbeiter, die Kriegsgefangene des Gegners waren und dort arbeiten mussten.
  • Extremes Beispiel: Eine Eileiterschwangerschaft: Ein Embryo hat sich im Eileiter der Mutter statt in ihrer Gebärmutter eingenistet; das natürliche Resultat, wenn man nichts tut, wäre, dass der Eileiter irgendwann reißen würde, wobei das Kind sicher sterben würde und die Mutter vielleicht. Ein Arzt entfernt den Eileiter oder das Kind aus dem Eileiter; das Kind stirbt dabei, weil es noch zu klein ist, um draußen zu überleben. Wenn schon künstliche Gebärmütter entwickelt wären, in die man das Kind setzen könnte, oder wenn es möglich wäre, das Kind aus dem Eileiter in die Gebärmutter der eigenen Mutter zu setzen, würde man aber eine dieser Optionen wählen; das Ziel ist nicht, das Kind zu töten, sondern die Mutter zu heilen; und das Kind hätte sowieso keine Überlebenschance (bei einer Eileiterschwangerschaft gar keine, bei einer Bauchhöhlenschwangerschaft immerhin eine sehr geringe).

Bei Handlungen mit Doppelwirkung muss man sich einfach immer fragen: Würde ich diese Handlung auch noch ausführen, wenn die schlechte Wirkung dank irgendwelcher neuer Umstände nicht auftreten würde? Wenn ja, kann die Handlung erlaubt sein. Wenn dagegen die schlechte Wirkung selber, wenn auch z. B. als Mittel zu einem anderen guten Zweck, gewollt ist, dann kann sie nicht erlaubt sein. Ein Beispiel: Der Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki war nicht moralisch erlaubt, weil die vielen zivilen Opfer keine unerwünschte Nebenwirkung waren, sondern direkt intendiert, wenn auch zu dem guten Zweck, Japan schnell zur Kapitulation zu bewegen und noch höhere Zahlen an Kriegstoten zu vermeiden.

Wenn ein Leser sich mit diesen quasi „gesinnungsethischen“ Konzepten (es gibt in sich schlechte Handlungen, der Zweck heiligt nicht die Mittel) noch schwer tut, empfehle ich diesen sehr lesenswerten Aufsatz von Robert Spaemann.

* Daraus ergäbe sich freilich die Frage: Ist Er dann noch allmächtig, wenn Er manches nicht tun kann? Ja, ist Er. Gott kann alles tun, außer das, was in sich unsinnig oder widernatürlich wäre, weil das Unsinnige und Widernatürliche eigentlich gar keine wirkliche Existenz in sich hat, sondern eine bloße Negation ist. Eine solche Negation ist nur uns nicht-göttlichen Geschöpfen (Engeln, Menschen) möglich. Gott ist das pure Sein, das pure Gute, die pure Vernunft, die pure Schönheit – wir sind ein Stück von Ihm entfernt.

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