Reihe: Über schwierige Bibelstellen

Inhalt

Teil 1: Die Problemstellung

Teil 2: Das katholische Schriftverständnis

Nachträge zu Teil 2

Exkurs: Etwas Grundsätzliches über Gottes Gutheit

Teil 3: Über Historizität, Genres und „wörtlich gemeint“

Teil 4: Schöpfung, Urknall, Evolution, Sündenfall usw. – zur Bedeutung von Genesis 1-11

Exkurs zu Teil 4: Was sagt der Katechismus zu Sündenfall und Erbsünde?

Teil 5: Was in der Bibel steht – was die Bibel lehrt

Teil 6: Das Fortschreiten der Offenbarung – Wie wir das Alte Testament lesen sollen

Teil 7: Ein Beispiel – die rachsüchtigen und selbstgerechten Psalmen

Teil 8: „Ich aber will das Herz des Pharao verhärten“

Teil 9: Gericht, Verdammnis, und: Was war so schlimm an „Götzendienst“?

Teil 10: Bestrafung für die Sünden der Eltern? Über die Erbsünde und Ähnliches

Teil 11: Das auserwählte Volk

(wird fortgesetzt)

 

Teil 1: Die Problemstellung

Immer wieder tauchen sie auf – in Diskussionen mit Atheisten (im Internet oder in der Welt da draußen), im Religionsunterricht, im Theologiestudium – und manchmal bereiten sie einem auch selber Kopfschmerzen: die „schwierigen“ Bibelstellen. Ob jetzt Achtjährige, denen man von Mose erzählt hat, wissen wollen, wieso denn Gott auch die ganzen erstgeborenen Kinder der Ägypter umgebracht hat, wo doch nur der Pharao so stur war; oder Atheisten ihre Ablehnung des Christentums damit begründen, der Gott der Bibel erlaube die Sklaverei und befehle Steinigungen und Völkermorde; oder man bei der abendlichen Bibellektüre nichtsahnend auf Stellen wie etwa Exodus 32,26-29 stößt:

„Mose trat an das Lagertor und sagte: Wer für den Herrn ist, her zu mir! Da sammelten sich alle Leviten um ihn. Er sagte zu ihnen: So spricht der Herr, der Gott Israels: Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten. Die Leviten taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann. Dann sagte Mose: Füllt heute eure Hände mit Gaben für den Herrn! Denn jeder von euch ist heute gegen seinen Sohn und seinen Bruder vorgegangen und der Herr hat Segen auf ihn gelegt.“ Ähm, ja, hm. (Während Mose vierzig Tage auf dem Berg gewesen war, um mit Gott zu sprechen, hatten die Israeliten sich das goldene Kalb gegossen und es angebetet. Als er wieder heruntergekommen war, war er so wütend geworden, dass er erst einmal die Tafeln mit den zehn Geboten zerschmettert, das Kalb zerstört und seinen Bruder Aaron, der es hergestellt hatte, zur Rede gestellt hatte. Dann passierte das eben Geschilderte, was in der durchschnittlichen Kinderbibel aber wahrscheinlich eher ausgelassen wird.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ef/Tissot_Moses_Destroys_the_Tables_of_the_Ten_Commandments.jpg

(James Tissot, Moses destroys the Tables of the Ten Commandments, Wikimedia Commons)

Ich denke, die Frage nach den schwierigen Bibelstellen ist eine Frage, die man ernst nehmen sollte, denn sie ist eine wirkliche ernste Frage für manche Menschen, und keineswegs ein so lächerliches Argument wie manche Argumente von einer gewissen Sorte von Internet-Religionskritikern (z. B. „Die Religion ist für die Gewalt in der Welt verantwortlich“) es sind. Nein, es handelt sich hier um eine wirkliche, ehrliche Schwierigkeit. Und leider wird die katholische Antwort darauf viel zu selten deutlich vermittelt.

Ich neige sicher nicht dazu, diese Schwierigkeit kleinzureden, ich hatte sie nämlich selber mal. Hier will ich jetzt ein bisschen von meiner eigenen Entwicklung reden. Ich bin ja in einer katholischen, aber nicht besonders streng katholischen, Familie aufgewachsen. Man war an Weihnachten und Ostern, und vielleicht noch im Advent oder an Erntedank, mal im Gottesdienst, hatte zu den Feiertagen eine Krippe im Wohnzimmer stehen, und wenn meine Eltern uns als Kinder ins Bett brachten, beteten sie auch mit uns. Ich besuchte in Grundschule und Gymnasium den Religionsunterricht und ging auch zur Erstkommunion- und Firmvorbereitung in der Pfarrei; beides war wahrscheinlich so schlecht wie allgemein üblich, jedenfalls bestand letzteres mehr aus Bastelstunden als aus irgendeiner Vermittlung davon, was die besagten Sakramente bedeuten. Der Religionsunterricht ließ ähnlich zu wünschen übrig. Er war mal grauenvoll und mal ganz nett (je nach Lehrer), vermittelte vielleicht auch ein bisschen nützliches Wissen über die Geschichten von Abraham und Mose und so weiter, aber allgemein wenig Gründe dafür, wieso man überhaupt Christ sein sollte und was das Christsein bedeutet. Ich nehme an, viele katholische Millenials haben ähnliche Erfahrungen.

Im Alter von ungefähr acht oder neun Jahren las ich eine Zeitlang immer wieder relativ enthusiastisch in der Kinderbibel, die bei uns daheim stand; aber schon damals hat es mir ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet, dass es doch zum Beispiel bei der Eroberung Jerusalems durch König David doch auch recht gewaltsam zugegangen sein muss. Na ja, den Gedanken habe ich dann nicht mehr viel weiter verfolgt und der Enthusiasmus ist dann irgendwann nach meiner Erstkommunion von selber wieder abgeebbt. So im Alter von ungefähr zehn Jahren begann dann allerdings gewissermaßen meine „religionskritische Phase“. Ich war nie in meinem Leben Atheistin, es war damals eher so ein unentschlossenes, rebellisch aufgelegtes „Die Katholische Kirche ist doof“-Ding. Es störte mich, dass Frauen in der Kirche nicht gleichberechtigt waren, wie es damals für mich aussah; was konnte es anderes bedeuten, dass mein Geschlecht nicht zum Priesteramt zugelassen war, als dass der Papst und die Bischöfe und die alle da oben uns Frauen als minderwertig ansahen? Dann das Thema Glaube und Wissenschaft: Widersprach der Schöpfungsbericht nicht der Wissenschaft? Ich lebte keineswegs in einem kreationistischen Umfeld, aber auch in keinem sehr theologisch gebildeten, und machte mir ehrlich gesagt auch nicht übermäßig viel Mühe, bei denen in meinem Umfeld, die theologisch gebildet hätten sein sollen (d. h. der Religionslehrerschaft), Antworten auf meine Fragen zu suchen. (Welche schüchterne Zehnjährige geht schon von sich aus zur Religionslehrerin und fragt so etwas?) Ich weiß jedenfalls noch, dass es mich z. B. einmal ärgerte, dass in einer Randspalte meines Erdkundebuchs der fünften Klasse auf einer Seite, auf der es um den Urknall und die Evolution ging, auch die Erzählung über das Sieben-Tage-Werk aus dem Buch Genesis kurz zusammengefasst war und das Buch uns Schülern erklärte, von der Abfolge der Geschehnisse her stimme diese Erzählung mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen eigentlich gut überein. Ich weiß noch, dass ich mir in etwa dachte: Meinetwegen – aber was haben religiöse Erzählungen in einem Buch über Naturwissenschaft verloren? (Ich war übrigens auf einem staatlichen Gymnasium, naturwissenschaftlicher Zweig.) Dann fragte ich mich auch, wie das mit den anderen Religionen auf der Erde so war; woher wollten wir wissen, dass die alle falsch waren und nur unser Gott der richtige? (Ich lehnte übrigens das Christentum an sich nicht grundsätzlich ab, war mir nur in allem sehr unsicher und hatte auch keine Ahnung, wer Jesus eigentlich gewesen war.)

Mit zwölf Jahren, immer noch in dieser Einstellung, begann ich dann wieder einmal – aus welchem Grund, weiß ich nicht mehr, vielleicht war es einfach Neugierde – in der Bibel zu lesen, und zwar der richtigen Bibel, nicht der – wenn wir ehrlich sind – viele Geschichten ziemlich verharmlosenden Kinderbibel. Und da stieß ich auf die ersten Kapitel des Buches Josua, genauer gesagt, auf die Erzählung von der Eroberung Jerichos, und ich fand sie, kurz gesagt, grau-en-voll. „Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel.“ (Jos 6,21) Wie konnte das der Wille Gottes sein, ein solches Massaker? Wie konnte so etwas in der Bibel stehen! Ich sah auch irgendwo einen Widerspruch zum Neuen Testament, und ich fand das auf jeden Fall alles ganz scheußlich. Damals dachte ich mir schon gerne Geschichten aus und machte die ersten Versuche darin, sie niederzuschreiben, und ich konzipierte dann aus meiner Empörung heraus sogar eine Geschichte, die die biblische Erzählung, na ja, sagen wir mal, aus einer etwas anderen Perspektive heraus in den Blick nahm. Mose, der nur eine geringe Rolle spielte und während des wichtigsten Teils der Handlung schon längst tot war, kam mit der Rolle des geistesgestörten, aber wenigstens ehrlichen, religiösen Fanatikers davon (wenn ich die oben erwähnte Schilderung über das, was nach der Sache mit dem goldenen Kalb passierte, damals auch bereits gelesen gehabt hätte, wäre es für ihn vielleicht nicht so glimpflich ausgegangen), während Josua sozusagen zum Erzschurken mutierte: einem grausamen Machtmenschen, der sogar Mose ermordet hatte, um seinen Platz einzunehmen, und mit erfundenen Geschichten über den Gott Jahwe für seine Legitimation unter den Israeliten sorgte. Rahab, die Prostituierte aus Jericho, die in der Bibel den israelitischen Spionen hilft und daher bei dem Massaker zusammen mit ihrer Familie netterweise am Leben gelassen wird („Zu den beiden Männern, die das Land erkundet hatten, sagte Josua: Geht zu dem Haus der Dirne und holt von dort die Frau und alles, was ihr gehört, wie ihr es ihr geschworen habt. Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, und holten Rahab, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Brüder und alles, was ihr gehörte; sie führten ihre ganze Verwandtschaft (aus der Stadt) heraus und wiesen ihnen einen Platz außerhalb des Lagers Israels an. Die Stadt aber und alles, was darin war, brannte man nieder; nur das Silber und Gold und die Geräte aus Bronze und Eisen brachte man in den Schatz im Haus des Herrn. Die Dirne Rahab und die Familie ihres Vaters und alles, was ihr gehörte, ließ Josua am Leben. So wohnt ihre Familie bis heute mitten in Israel; denn Rahab hatte die Boten versteckt, die Josua ausgesandt hatte, um Jericho auskundschaften zu lassen.“ (Jos 6,22-25)), wird zu einer geschickten Opportunistin, die einfach auf ihr Überleben – und, zur Ehrenrettung meiner Figur muss man das sagen, auch auf das ihrer Familie – bedacht ist. Meine Hauptfiguren waren allerdings völlig erfundene Gestalten: zum einen eine Cousine Rahabs, die eben dank dieser überlebt, dann noch ein paar Bewohner Jerichos, die in dem Massaker durch sehr viel Glück und Zufall davonkommen und im Folgenden mehr oder weniger auf der Flucht oder im Untergrund leben, wo die Israeliten ja jetzt die Gegend beherrschen, darunter ein junger Mann, der dann eine tragisch endende heimliche Liebesbeziehung zu einem jüdischen Mädchen beginnt. (Hey, ich war zwölf.) Die Geschichte, deren Handlung über Jahrzehnte verlief und einige tragische, aber auch ein paar schöne Wendungen nahm, kam über ein paar wenige skizzierte Szenen nicht hinaus; eine davon war die, in der Rahabs Cousine zusammen mit ihrer ganzen Verwandtschaft in Rahabs Haus sitzt und dem Schlachten draußen in den Straßen lauscht.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/59/Tissot_The_Harlot_of_Jericho_and_the_Two_Spies.jpg

(James Tissot, The harlot of Jericho and the two spies)

Ein Grund, warum aus der Geschichte nichts mehr wurde, war wohl, dass mir nach und nach auffiel, dass ich nicht allzu viel Ahnung vom Alten Orient hatte und man ein bisschen rudimentäre Ahnung über eine Zeit haben muss (oder theoretisch haben sollte – wenn ich mir historische Romane so anschaue, ist es allgemein nicht immer üblich, Ahnung zu haben), wenn man über sie schreiben will. Dazu kam auch ein bisschen die Schwierigkeit, dass die Eroberung Jerichos laut der Bibel auf einem Wunder beruhte und meiner Handlung nach aber zwangsläufig nicht darauf beruhen konnte (wir erinnern uns: Josua, der falsche Prophet und Oberschurke), und vor allem die ganze Exodusgeschichte bereitete mir Schwierigkeiten. Denn die Anwesenheit der Israeliten in der Gegend von Jericho beruhte ja laut der biblischen Schilderung, auf der ich meine – nennen wir mal es freundlich – Abwandlung aufbaute, gerade darauf, dass Gott selbst sie „unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken“ (Deuteronomium 4,34) aus der Sklaverei in Ägypten geführt hatte. Ich fragte mich, wie das damals eigentlich tatsächlich wohl gewesen war, recherchierte ein bisschen im Internet zu den Ausgrabungen in Jericho, kam zu keinem wirklichen Ergebnis. Irgendwann flaute mein Interesse an dem Thema einfach wieder ab.

Eins sollte ich aus dieser meiner bibelkritischen Zeit wohl noch erwähnen: Ich hatte ab der Jericho-Geschichte die feste Überzeugung gefasst, dass das Alte Testament böse sein müsse, und blätterte dann, zur Recherche und aus Neugier, noch durch die fünf Bücher Mose, besonders die darin enthaltenen Gesetzestexte. Meine Gedanken dabei lassen sich in etwa so wiedergeben: Ja, gut, ein Gesetz über Schutzgeländer an Dachterrassen hat schon irgendwo seinen Sinn, aber irgendwie ist es auch komisch, solche kleinkarierten Details unter einem angeblich göttlichen Gesetz stehen zu haben… da! Wieso um alles in der Welt verbietet dieses dämliche Buch jetzt Kleidung aus Mischgewebe? Okay, das Gesetz da klingt ganz sinnvoll… okay, das da auch… die alttestamentlichen Israeliten kannten schon das Konzept der Feindesliebe und das Verbot der Sippenhaft? Die Stelle hier klingt irgendwie richtig schön… aber hier! Schon wieder Steinigung! Das Alte Testament ist grausam und barbarisch! Kurz: im Rückblick kann ich sagen, dass ich eine Art von confirmation bias in action erlebte. Ich konzentrierte mich auf das, was ich ablehnen konnte.

Wie kommt es, dass ich dann zur Erzkatholikin mutierte? Na ja, das geschah etwa drei Jahre später, und hatte mehrere Gründe und Anlässe. Ich stieß auf einige Quellen zur katholischen Glaubenslehre, beschloss, mich mal etwas schlauer zu machen, was die Kirche denn eigentlich überhaupt lehrt, besorgte mir den neu erschienenen Youcat, und informierte mich noch anderswo. Schließlich kam ich zum Schluss, dass Jesus von Nazareth tatsächlich der Sohn Gottes sein musste; die Berichte über Seine Auferstehung waren historisch glaubwürdig, sie ließen sich nicht anders als durch Seine tatsächliche Auferstehung erklären, und die bestätigte wiederum Seine Göttlichkeit, deren Glaubwürdigkeit für mich überhaupt von allen Seiten her zunahm. Auch die Ansicht, Er habe die katholische Kirche ins Leben gerufen und der Unterstützung des Heiligen Geistes versichert, stellte sich als sinnvoll, logisch und durch die Geschichte bestätigt heraus. Ich kam, kurz gesagt, zu der Überzeugung, dass die katholische Kirche tatsächlich den wahren Glauben verkündete (und dass dann auch alle Bibelstellen irgendwie erklärbar sein müssten). Aber wie genau diese schwierigen Bibelstellen sich mit meinem Glauben harmonisieren ließen, das war für mich noch eine Zeit lang ein ungelöstes – aber auch eher untergeordnetes – Problem. Ich suchte immer mal wieder, wenn ich daran dachte, nach konkreten Antworten und war oft erstaunt, wie wenig ich dazu fand. Nach und nach stieß ich aber durch Zufall auf einige Dinge: etwa einen Essay von C. S. Lewis über die Psalmen, deren gelegentliche Rachsucht und Selbstgerechtigkeit mir, seit ich angefangen hatte, sie gelegentlich zu lesen und zu beten, immer wieder unangenehm aufgefallen war, eine schöne Katechese bei der Karl-Leisner-Jugend zum Gottesbild des Alten Testaments (http://www.k-l-j.de/055_altes_testament_gottesbild.htm), vereinzelte Bemerkungen bei verschiedenen Schriftstellern oder auf verschiedenen Internetseiten und schließlich auch ein Buch, das dieses Thema ganz systematisch anging, „Hard Sayings. A Catholic Approach to Answering Bible Difficulties“ von Trent Horn (das ich nur empfehlen kann; https://www.amazon.de/Hard-Sayings-Catholic-Answering-Difficulties/dp/1941663745/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1481850905&sr=8-1&keywords=trent+horn+hard+sayings); kurz gesagt, ich stellte fest, dass es da sehr wohl Antworten gibt, aber weil diese viel zu wenig kommuniziert werden, möchte ich das Thema hier jetzt auch systematisch angehen. Ich werde mich dabei auch in vielem an Horn orientieren.

Man kann die Schwierigkeiten mit der Bibel in drei Gruppen einteilen:

  • Naturwissenschaftliche Schwierigkeiten
  • Historische Schwierigkeiten
  • Moralische/philosophische Schwierigkeiten

In die erste Kategorie gehört die Schöpfungsgeschichte, und vielleicht kann man auch das ganze Thema Wunder da noch einordnen. Die zweite Kategorie betrifft einfach die Frage „Ist das denn alles überhaupt so passiert?“ (Zum Beispiel haben die Ausgrabungen in Jericho die oben erwähnte Erzählung des Buches Josua eher nicht bestätigt.) Diese beiden Kategorien sind relativ einfach abzuhandeln, deshalb will ich mich in dieser Reihe hauptsächlich auf die dritte Kategorie konzentrieren, aber ohne die ersten zwei ganz zu ignorieren. Mit moralischen und philosophischen Schwierigkeiten meine ich lauter solche Schwierigkeiten, wie ich sie oben geschildert habe. Befiehlt ein guter Gott den Israeliten die Ausrottung der Kanaaniter? Tötet ein guter Gott einfach die ägyptischen Erstgeborenen? Wieso wird Gott als ein „eifersüchtiger Gott“ oder als ein Gott, der seine Meinung ändert und den sogar etwas „reut“, beschrieben? Das sind die eigentlich wichtigen Fragen hier, die man beantworten muss.

Es gibt ein paar Standardantworten, die Christen oft geben, wenn sie auf die schwierigen Bibelstellen angesprochen werden, und die oft (nicht immer) an sich richtig sind. (Dinge, die an sich richtig sind – das ist so eine Kategorie für sich.) Dazu zählen:

  • Das darf man nicht wörtlich nehmen!
  • Das muss man im Kontext lesen! (Gegebenenfalls in den Varianten: im Kontext des Abschnitts / im historischen Kontext)
  • Gelegentlich auch: Das steht im Alten Testament!

Hier muss man aufpassen. Gut aufpassen. Diese Sätze sind zwar oft ein guter Ansatzpunkt, aber es gibt da auch einige Dinge zu beachten.

Erstens sollten sie nicht zu einer raschen Ausrede werden, sondern auch genauer begründet werden.

Zweitens sollte man damit nicht einfach versuchen, etwas auf eine Art und Weise wegzuerklären, mit der man auch jede andere Bibelstelle wegerklären könnte. Das merken Diskussionspartner nämlich.

Drittens: „Das ist nicht wörtlich gemeint“ stimmt zwar gelegentlich, aber das heißt auch nicht einfach, dass es überhaupt nicht gemeint ist; „ es ist nicht wörtlich gemeint“ heißt nicht „das kann man ignorieren“. Wenn etwa Christus in seinen Gleichnissen die Hölle als einen Ort mit „Heulen und Zähneknirschen“ und in Begriffen wie Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer beschreibt, dann kann man durchaus davon ausgehen, dass das nicht im materiellen Sinne gemeint ist (wie gesagt: es sind Gleichnisse), aber die Aussage dieser Gleichnisse, dass die Hölle existiert und kein besonders schöner Ort ist, die bleibt trotzdem da stehen. Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer sind auch im übertragenen Sinne nicht so toll. C. S. Lewis hat einmal diesen Vergleich gebraucht: Wenn man sagt, „Mein Herz ist gebrochen“ meint man das nicht wörtlich im anatomischen Sinn, aber man will damit auch nicht sagen „Ich fühle mich sehr heiter“. (Ich kann das genaue Zitat gerade nicht finden.) Ein anderer Fehler, der mit diesem Satz gemacht werden kann: Man sollte nicht einfach bei jeder unliebsamen Stelle gleich mit „Das ist doch gar nicht wörtlich gemeint!“ herausplatzen. Es gibt nämlich einerseits sehr schöne Stellen, die nicht wörtlich gemeint sind (z. B. gibt es gute Gründe, das Buch Jona als Lehrerzählung anstatt als historische Schilderung zu betrachten; und die Barmherzigkeit Gottes, die uns hier vor Augen geführt wird, ist wirklich sehr schön – zumindest solange man dem Konzept der Feindesliebe nicht derart ablehnend wie Jona selbst gegenübersteht –, aber die Geschichte ist trotzdem (wahrscheinlich) nicht historisch, sondern bildlich), und andererseits aber Stellen, die einem eher sauer aufstoßen können, die aber vonseiten der Verfasser sehr wohl vollkommen wörtlich und historisch gemeint sind. Ein Beispiel wäre diese Stelle im 1. Buch der Makkabäer, das eindeutig ein historisches Buch wie etwa die Evangelien ist: „Als Mattatias das sah, packte ihn leidenschaftlicher Eifer; er bebte vor Erregung und ließ seinem gerechten Zorn freien Lauf: Er sprang vor und erstach den Abtrünnigen über dem Altar. Zusammen mit ihm erschlug er auch den königlichen Beamten, der sie zum Opfer zwingen wollte, und riss den Altar nieder; der leidenschaftliche Eifer für das Gesetz hatte ihn gepackt und er tat, was einst Pinhas mit Simri, dem Sohn des Salu, gemacht hatte.“ (1 Makkabäer 2,24-26) (Zu dieser Stelle und ähnlichen in einem späteren Beitrag in dieser Reihe ausführlich.)

Viertens: Kontext. Gute Idee. Ja. Aber dann muss man auch sagen, welcher Kontext, was der bedeutet, und was die fragliche Stelle in diesem Kontext dann trotzdem noch bedeutet, denn sie steht ja trotzdem noch da.

Fünftens: Ja, das Alte Testament ist so eine Sache. Wenn einem das Fortschreiten der göttlichen Offenbarung vom Alten zum Neuen Bund klar ist, sieht man tatsächlich so einiges in der Bibel klarer. Aber: Das heißt auch nicht, dass das AT für uns einfach irrelevant geworden wäre. Es ist immer noch Heilige Schrift.

Wie immer braucht es hier zwei Dinge: Ehrlichkeit und genaue Unterscheidung. So wie in der Scholastik.

In den nächsten Beiträgen zu dieser Reihe will ich erst einmal auf das katholische Schriftverständnis und das Thema „Irrtumslosigkeit der Schrift“ eingehen, auf die (sehr, sehr, sehr wichtige) Unterscheidung „Was in der Bibel steht“ vs. „Was die Bibel lehrt“, auf den Alten und den Neuen Bund und die Konsequenzen aus dieser Unterscheidung für die Bibelinterpretation, und dann nach und nach auf verschiedene konkrete Beispiele vor allem aus dem Alten Testament zur Anwendung der Prinzipien – die Tora, die Landnahme, andere brutale Geschichten, Gerichtstaten Gottes usw. Zuletzt kommt dann noch alles „Sonstige“: Die Frage nach der Vereinbarkeit der Bibel mit Naturwissenschaft und historischer Forschung, die Frage nach bestimmten einzelnen Stellen, auch einigen im Neuen Testament (das Lästern des Heiligen Geistes, „Das Weib schweige in der Kirche“, und lauter solche Dinge), bei denen es in vielen Fällen bloß darauf ankommt, einfach zu wissen, was mit bestimmten Begriffen und Redewendungen im Original gemeint ist. Das alles wird wahrscheinlich so einige Beiträge abgeben, und hiermit spreche ich eine offizielle Einladung an alle meine Leser aus: Wenn es eine bestimmte Bibelstelle gibt, die ihr schon immer total komisch und unverständlich fandet, dann hiermit eine herzliche Einladung, mich darauf hinzuweisen, und ich werde mich bemühen, etwas zu ihrer Interpretation zu finden und im Lauf der Reihe darauf einzugehen.

Zuletzt eine Frage: Wer hat eigentlich behauptet, dass die Heiligen Schriften völlig klar, offen und verständlich für jedermann sein müssten?

 

Teil 2: Das katholische Schriftverständnis

Die Antwort auf die Frage aus dem ersten Teil lautet natürlich: Die Protestanten. D. h., die Ansicht, die Schrift habe jederzeit für jeden Christen, der sie aufschlage, gefälligst verständlich zu sein, der Sinn ihrer Wort liege natürlich klar zutage und alle Christen müssten sich eigentlich darauf einigen können, was sie aussagt, wenn sie sie nur ehrlich lesen würden, ist nichts als eine Irrlehre, die eineinhalb Jahrtausende nach Christus auftauchte, und deren Erfinder und weitere Vertreter seitdem in sehr erheiternder Weise wieder und wieder das Gegenteil bewiesen haben (wie viele Tausend protestantische Kirchen, die sich nicht darauf einigen können, was Taufe, Abendmahl, Erlösung und so weiter eigentlich bedeuten, gibt es noch gleich auf der Welt?).

Die Kirchenväter und die mittelalterlichen Theologen hatten dagegen kein Problem damit, zuzugeben, dass es „dunkle“, schwer verständliche Stellen in der Heiligen Schrift gibt. Und die katholische Kirche hat es bis heute nicht. Wenn man sich also bei Christen über die Unverständlichkeit der Bibel beschweren will, muss man zu den Lutherischen gehen. Bei der heiligen Mutter Kirche rennt man offene Türen ein.

Regel Nummer 1 für das Lesen der Schrift lautet: Gott kann sich nicht widersprechen. Also können auch die Lehren der Bibel und die Dogmen der Kirche einander nicht widersprechen – denn beide sind vom Heiligen Geist inspiriert. Tatsächlich war die Kirche sogar vor der Bibel da; Jesus Christus hat Apostel ausgewählt und eine Kirche auf sie gegründet, keine Texte verteilt. Die ersten Christen hatten noch kein Neues Testament, denn ihre Bischöfe schrieben gerade erst daran. Die Bibel ist aus der Kirche hervorgegangen, nicht umgekehrt, und die Kirche entschied später auch in strittigen Fällen darüber, welche Schriften als kanonisch zu gelten hatten. (Z. B. wurden die Didache, der 1. Clemensbrief und der „Hirt des Hermas“ nicht aufgenommen; alles drei sind Schriften aus dem späten 1. oder frühen 2. Jahrhundert, die keine Häresien enthalten und sich auf jeden Fall zu lesen lohnen (sie sind im Internet zu finden), aber sie wurden eben, da nicht apostolischen Ursprungs, schließlich als nicht inspirierte Schriften nicht in die Bibel aufgenommen. Umgekehrt war z. B. die Offenbarung des Johannes ein bisschen umstritten, aber die antiken Bischöfe erklärten schließlich, dass sie kanonisch war.) Folglich: Immer wenn es so aussieht, als würde die Bibel einer klar definierten kirchlichen Lehre widersprechen, missverstehen wir die Bibel. Etwas provozierender ausgedrückt: Wenn es so aussieht, als würde die Bibel der Kirche widersprechen, müssen diese Widersprüche eben irgendwie wegerklärt werden können. Es gilt: Im Zweifelsfall für die Kirche. Die Kirche hat immer Recht (wenn sie etwas mit unfehlbarer Autorität erklärt, was selten genug der Fall ist). (Ich sehe schon die Empörung auf den Gesichtern der Protestanten über diese das klare Wort der Heiligen Schrift verfälschende römische Kirche. Dann sollen sie mir aber mal bitte sagen, wie sie „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein“ (Jakobus 2,24) mit ihrer Römerbriefauslegung in eins bringen, oder wie sie „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank“ (Johannes 6,55) lesen? Welche Seite verfälscht hier die Bibel?) Meine Schlussfolgerung ist zwangsläufig, sobald man – aus Gründen, die unabhängig von den hier diskutierten exegetischen Fragen sind – zu dem Schluss gekommen ist, dass Jesus der Sohn Gottes und die katholische Kirche Seine Kirche ist. Denn Gott kann sich selbst nicht widersprechen. Meine Regel noch einmal anders ausgedrückt: Wenn verschiedene Bibelstellen widersprüchlich oder unklar sind, brauchen wir eine weitere Instanz zu ihrer Auslegung, und das ist die Kirche. Zu diesem Punkt – Gott kann sich nicht widersprechen – gehört übrigens auch, dass man einzelne Stellen im Kontext der gesamten Schrift lesen muss. Hierzu später mehr.

Ja, schön, könnte man jetzt einwenden, aber ihr Katholiken glaubt doch trotzdem an die Irrtumslosigkeit der Schrift, oder? Ihr könnt also auch nicht einfach missliebige Stellen, die sich nicht in euer Gesamtbild von Gott fügen, einfach ignorieren, quasi aus eurer Bibel streichen. Heißt es nicht auch bei eurem 2. Vatikanischen Konzil in der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum unter Punkt 11:

11. Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift enthalten ist und vorliegt, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden; denn aufgrund apostolischen Glaubens gelten unserer heiligen Mutter, der Kirche, die Bücher des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben (vgl. Joh 20,31; 2 Tim 3,16; 2 Petr 1,19-21; 3,15-16), Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind (1). Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten (2), all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam (3) – geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern (4).

 Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte (5). Daher „ist jede Schrift, von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Beweisführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Gott gehörige Mensch bereit sei, wohlgerüstet zu jedem guten Werk“ (2 Tim 3,16-17 griech.).

(Papstmesse auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Foto: Lothar Wolleh, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweites_Vatikanisches_Konzil)

Das ist doch unlogisch, könnte man argumentieren, einerseits haltet ihr alle Teile der Schrift für göttlich inspiriert und irrtumslos, andererseits aber erklärt ihr manche Texte für praktisch doch ein bisschen irrig – oder etwa nicht?

Nein, tun wir nicht. Und man muss Dei Verbum 11 genau lesen. Und was wir Katholiken unter der Irrtumslosigkeit der Schrift verstehen, wird vielleicht auch im folgenden Punkt der Konstitution noch etwas deutlicher. Da heißt es nämlich:

12. Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat (6), muß der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte. Um die Aussageabsicht der Hagiographen zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu achten. Denn die Wahrheit wird je anders dargelegt und ausgedrückt in Texten von in verschiedenem Sinn geschichtlicher, prophetischer oder dichterischer Art, oder in anderen Redegattungen. Weiterhin hat der Erklärer nach dem Sinn zu forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der Hagiograph den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend – mit Hilfe der damals üblichen literarischen Gattungen – hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat (7). Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muß man schließlich genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren (8).

 Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muß, in dem sie geschrieben wurde (9), erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, daß man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen (10).

13. In der Heiligen Schrift also offenbart sich, unbeschadet der Wahrheit und Heiligkeit Gottes, eine wunderbare Herablassung der ewigen Weisheit, „damit wir die unsagbare Menschenfreundlichkeit Gottes kennenlernen und erfahren, wie sehr er sich aus Sorge für unser Geschlecht in seinem Wort herabgelassen hat“ (11). Denn Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden ist.

Es gibt mehrere Dinge, die wir hier festhalten müssen:

Regel Nummer 2 In Nummer 11 der Dogmatischen Konstitution heißt es in der deutschen Übersetzung: „Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen…“ Im lateinischen Originaltext lautet dieser Satz: „Cum ergo omne id, quod auctores inspirati seu hagiographi asserunt…“ Das wichtige Wort ist hier das Verb „asserunt“ (Grundform asserere), das im deutschen Text mit „aussagen“ wiedergegeben wird. Man könnte es auch mit beanspruchen, behaupten, schützen, sicherstellen, versichern, bestätigen, bejahen übersetzen. Es entspricht dem englischen „to assert“, das ebenfalls im Sinne von behaupten, beteuern, versichern, erklären gebraucht wird. Das heißt: Nicht alles, was in der Bibel steht, sondern was in der Bibel behauptet, explizit ausgesagt wird – das ist irrtumslos (wie in Dei Verbum 12 dann genauer erläutert wird.

Regel Nummer 3 Gott spricht zu Menschen. Das heißt, alles was in der Bibel steht, auch das gesamte Neue Testament, auch die Worte Jesu selber, ist immer noch bruchstückhafte und extrem vereinfachte Information. Wir sind Menschen; das heißt, wir werden Gott nie ganz verstehen können, und zwar erst recht nicht in diesem Leben. Trotzdem wollte Er mit uns reden; also musste er es entsprechend vereinfachen. Man könnte einen Vergleich ziehen mit Eltern, die ihren kleinen Kindern etwas erklären. Eine Mutter könnte zum Beispiel versuchen, ihrem fünfjährigen Sohn beizubringen, dass man die Zimmerpflanzen regelmäßig gießen muss, indem sie ihm sagt, dass die sonst furchtbar Durst bekommen. Nun haben Pflanzen keine Nerven wie wir und empfinden sicher nicht dasselbe Durstgefühl wie Menschen. Aber das hat die Mutter auch nicht ausgesagt (im Sinne von asserere). Sie hat ausgesagt, dass es Pflanzen schadet, wenn sie kein Wasser bekommen. Wir können nur in Analogien und Vergleichen aus unserer Welt von Gott reden; wenn wir ihn unseren Vater nennen, dann ist das eine solche Redeweise. Deshalb erzählt Jesus so oft Gleichnisse. Weil Er das Wesen Gottes, so wie Er in sich ist, in keiner menschlichen Sprache irgendwie akkurat ausdrücken könnte. Es ist einfach nicht möglich. Und deshalb ist in der Bibel auch manchmal davon die Rede, dass Gott zornig oder eifersüchtig (auf Israels Götzen) ist. Das ist, wie wenn man zu seinem dreijährigen Kind sagt: „Wenn du auf die heiße Herdplatte fasst, werde ich aber böse!“

Regel Nummer 4 Die Bibel ist irrtumslos in Bezug auf das, was für Glaube und Moral wichtig ist. Das heißt aber nicht, dass sie gar nicht über historische Ereignisse und solche Dinge, sondern nur über Glaubenstatsachen berichten würde – denn einige Glaubenstatsachen sind historische Ereignisse, etwa die Auferstehung. Wenn sie nicht wirklich an einem bestimmten Punkt in der Geschichte geschehen wäre, wäre unser Glaube hinfällig. Die Evangelien berichten hier Historisches. Aber: die historischen Bücher sind nicht zwangsläufig irrtumslos in Bezug auf jedes kleine Detail, zum Beispiel, aus wie vielen Soldaten die assyrische Armee bestand oder in welchem Monat Esra nach Jerusalem kam. In Büchern, die parallel über dieselben Ereignisse berichten, beispielsweise in den Evangelien, gibt es, wie in allen Chroniken oder Zeugenberichten über dasselbe Geschehen, kleine Widersprüche, oder Dinge werden einfach anders geschildert. Aber ob die Frauen am Sonntagmorgen am leeren Grab einen oder zwei Engel trafen, ist relativ egal. Tatsache – und Textaussage – bleibt, dass das Grab am Sonntagmorgen leer war. Die Evangelisten geben die Worte Jesu oft mit geringen Abweichungen wieder – man vergleiche z. B. die Seligpreisungen in Matthäus 5 mit denen in Lukas 6. Aber grundsätzlich wird dasselbe ausgesagt; und zudem haben übrigens beide Formulierungen ihren tieferen Sinn und sind Heilige Schrift, egal, welche jetzt die Worte Jesu am wortgetreuesten wiedergibt. Wir sollten uns davor hüten, an antike Geschichtsschreibung, auch wenn sie ausdrücklich Geschichtsschreibung ist, dieselben Maßstäbe anzulegen wie an moderne. Antike Geschichtsschreiber waren bei Details nicht immer so übergenau.

Und noch etwas ist zu beachten:

Regel Nummer 5 Die Bibel ist keine systematische Zusammenstellung aller christlichen Glaubenslehren. So etwas nennt sich Katechismus (und findet sich hier: http://www.vatican.va/archive/ccc/index_ge.htm). Eine ähnliche Systematik wie im Katechismus findet man auch in den Glaubensbekenntnissen. Die Bibel dagegen ist anders. Sie enthält heilige Texte, die von der Geschichte Gottes mit seinem Volk erzählen; darunter Gebete, Hymnen, Sprichwörter, Ahnenlisten, Geschichten über Kriege und über Wunder, persönliche Briefe, Prophetensprüche, Visionen. Sie besteht außerdem aus vielen verschiedenen Büchern aus vielen verschiedenen Zeiten; darin unterscheidet sie sich etwa vom Koran, der nur ein Buch ist. Und wenn ich z. B. nur mit dem Buch Numeri oder dem Buch Kohelet oder dem Brief an Philemon dastehen würde, würde mir das sicher kein schlüssiges Gesamtbild von Gott geben. Sie ist ein vielstimmiger Chor, kein Lehrbuch. Und auch wenn ich die ganze Bibel hätte und keine anderen Informationen von Christen über den christlichen Gott bekäme, die die biblischen Aussagen ordneten und zusammenfassten, hätte ich wohl Schwierigkeiten, diesen Glauben genau zu erfassen und zu verstehen.

 

Nachträge zu Teil 2

Wie das eben so passiert, wenn man Blogartikel zu hastig verfasst, habe ich in Teil 2 ein paar Dinge zu erwähnen bzw. genauer zu erläutern vergessen. Hier also noch ein paar gesammelte Nachträge:

1) Regel Nummer 6 für das Bibellesen lautet: Gott spricht nicht nur zu, sondern, wie es Dei Verbum 12 sagt, auch durch Menschen. Die Muslime glauben, dass der Koran wortwörtlich vom Himmel herab diktiert wurde. Die Katholiken glauben das von der Bibel nicht. In Dei Verbum 11 heißt es: Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten (2), all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam (3) – geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern (4). Gott spricht durch das, was diese Menschen schrieben, aber sie schrieben dennoch eigene Texte, nicht einfach, was ihnen eine himmlische Stimme diktierte. Ich glaube, mehr muss ich dazu nicht sagen?

2) Die katholische Ansicht, dass eine autoritative Instanz zur Auslegung der Bibel nötig ist und sie sich nicht selbst erklärt, wird übrigens auch von der Bibel selbst sehr gut belegt. Ein paar Stellen wären beispielsweise:

  • Bereits im Alten Testament, im Buch Nehemia, findet sich folgende Szene: „Das ganze Volk versammelte sich geschlossen auf dem Platz vor dem Wassertor und bat den Schriftgelehrten Esra, das Buch mit dem Gesetz des Mose zu holen, das der Herr den Israeliten vorgeschrieben hat. Am ersten Tag des siebten Monats brachte der Priester Esra das Gesetz vor die Versammlung; zu ihr gehörten die Männer und die Frauen und alle, die das Gesetz verstehen konnten. Vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra auf dem Platz vor dem Wassertor den Männern und Frauen und denen, die es verstehen konnten, das Gesetz vor. Das ganze Volk lauschte auf das Buch des Gesetzes. Der Schriftgelehrte Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigens dafür errichtet hatte. Neben ihm standen rechts Mattitja, Schema, Anaja, Urija, Hilkija und Maaseja und links Pedaja, Mischaël, Malkija, Haschum, Haschbaddana, Secharja und Meschullam. Esra öffnete das Buch vor aller Augen, denn er stand höher als das versammelte Volk. Als er das Buch aufschlug, erhoben sich alle. Dann pries Esra den Herrn, den großen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen: Amen, amen! Sie verneigten sich, warfen sich vor dem Herrn nieder, mit dem Gesicht zur Erde. Die Leviten Jeschua, Bani, Scherebja, Jamin, Akkub, Schabbetai, Hodija, Maaseja, Kelita, Asarja, Josabad, Hanan und Pelaja erklärten dem Volk das Gesetz; die Leute blieben auf ihrem Platz. Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten. (Neh 8,1-8) Das heißt, zur Zeit des zweiten Tempels ist es im Volk Gottes völlig normal, dass es eine Priesterschaft gibt – die levitische –, die dafür zuständig ist, dem Volk die Schrift zu erklären, damit es sie verstehen kann.
  • Schauen wir dann ins Neue Testament. In der Apostelgeschichte findet sich folgende Geschichte: „Ein Engel des Herrn sagte zu Philippus: Steh auf und zieh nach Süden auf der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt. Sie führt durch eine einsame Gegend.Und er brach auf. Nun war da ein Äthiopier, ein Kämmerer, Hofbeamter der Kandake, der Königin der Äthiopier, der ihren ganzen Schatz verwaltete. Dieser war nach Jerusalem gekommen, um Gott anzubeten, und fuhr jetzt heimwärts. Er saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Und der Geist sagte zu Philippus: Geh und folge diesem Wagen. Philippus lief hin und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen. Da sagte er: Verstehst du auch, was du liest? Jener antwortete: Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet? Und er bat den Philippus, einzusteigen und neben ihm Platz zu nehmen. Der Abschnitt der Schrift, den er las, lautete: Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt; und wie ein Lamm, das verstummt, wenn man es schert, so tat er seinen Mund nicht auf. In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben. Seine Nachkommen, wer kann sie zählen? Denn sein Leben wurde von der Erde fortgenommen. Der Kämmerer wandte sich an Philippus und sagte: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet das? Von sich selbst oder von einem anderen? Da begann Philippus zu reden und ausgehend von diesem Schriftwort verkündete er ihm das Evangelium von Jesus. Als sie nun weiterzogen, kamen sie zu einer Wasserstelle. Da sagte der Kämmerer: Hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg? Er ließ den Wagen halten und beide, Philippus und der Kämmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn.“ (Apg 8,26-38)
  • Kommen wir jetzt von diesen Geschichten zu konkreten Anweisungen eines Apostels: „Bedenkt dabei vor allem dies: Keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden; denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil ein Mensch es wollte, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet.“ Das schreibt Petrus in seinem zweiten Brief. (2 Petr 1,20-21). Und es geht an späterer Stelle noch weiter: „Seid überzeugt, dass die Geduld unseres Herrn eure Rettung ist. Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben. (2 Petr 3,15-16)
  • Zuletzt noch eine sehr interessante Stelle: Die Versuchung Jesu. Auf den ersten Versuch Satans – „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“ (Mt 4,3) – reagiert Jesus, indem er die Bibel zitiert. „Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ (Mt 4,4) Aber der Teufel ist lernfähig. In der zweiten Versuchung probiert er selbst, das Gleiche zu tun: „Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ (Mt 4,5-6) Der Teufel selbst kann – laut der Schrift – die Schrift zitieren und als Theologe auftreten!

3) Jesus reagiert übrigens auf die zweite Versuchung mit der Antwort: „In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ (Mt 4,7) Man könnte (wenn man es so langweilig formulieren will) sagen, er weist Satan darauf hin, in welchem Sinn dessen Bibelzitat zu verstehen ist, wenn man den Kontext der ganzen Bibel in Betracht zieht.

Dasselbe muss man allgemein bei Stellen tun, die einem zunächst gegensätzlich erscheinen. Ein Beispiel: Wird das Tun des Guten von Gott belohnt werden, oder hat man, wenn man sich immer richtig verhält, eher mit dem Martyrium zu rechnen? In der Schrift lassen sich für beide Ansichten Belege finden. Einerseits: „Wenn du auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hörst, indem du auf alle seine Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, achtest und sie hältst, wird dich der Herr, dein Gott, über alle Völker der Erde erheben. Alle diese Segnungen werden über dich kommen und dich erreichen, wenn du auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hörst: Gesegnet bist du in der Stadt, gesegnet bist du auf dem Land. Gesegnet ist die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Ackers und die Frucht deines Viehs, die Kälber, Lämmer und Zicklein. Gesegnet ist dein Korb und dein Backtrog. Gesegnet bist du, wenn du heimkehrst, gesegnet bist du, wenn du ausziehst.“ (Deuteronomium 28,1-6; die Verheißungen gehen noch ein ganzes Stück weiter.) Aber dann auch: „Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.“ (Mt 5,10-12) Und: „Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt, damit ihr vor ihnen und den Heiden Zeugnis ablegt. […] Brüder werden einander dem Tod ausliefern und Väter ihre Kinder, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet. […] Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 10,17-18.21-22.34-39)

Die Lösung des Problems ist hier ganz einfach: Man muss ein bisschen gesunden Menschenverstand benutzen und die Passagen ordentlich lesen mit der Frage, was damit wohl gemeint ist und was nicht. Die simple Antwort lautet: Deuteronomium beschreibt, was dann geschehen würde, wenn alle Menschen sich an Gottes Gebote halten würden. Denn Gott ist gut und befiehlt den Menschen das, was für sie selbst gut ist und ihrer Natur entspricht – Ihn und sich gegenseitig zu lieben, sich um ihre Familien zu kümmern, einander zu achten, die Wahrheit zu sagen, für Arme zu sorgen, und dergleichen mehr – und wenn alle Menschen sich daran halten würden, hätten wir in kürzester Zeit das Paradies auf Erden; das ist der Segen, der in Deuteronomium für das Halten der Gebote verheißen ist. Er ist nicht nur irgendeine äußerliche Belohnung (wenn du deine Hausaufgaben machst und Lesen übst, kriegst du von mir ein Stück Schokolade.), sondern die innere, logische Folge dieses Handelns (wenn du deine Hausaufgaben machst und Lesen übst, kannst du irgendwann spannende Bücher lesen). Allerdings – jetzt kommt’s! – halten sich die Menschen leider nicht immer an Gottes Gebote. Keiner tut immer das Richtige; und oft kann man es dann, wenn man es nicht tut, nicht leiden, wenn andere es eben doch tun. Das Buch der Weisheit beschreibt die Gedanken der „Frevler“ auf folgende Weise: „Lasst uns den Gerechten unterdrücken, der in Armut lebt, die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen! Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz. Lasst uns dem Gerechten auflauern! Er ist uns unbequem und steht unserem Tun im Weg. Er wirft uns Vergehen gegen das Gesetz vor und beschuldigt uns des Verrats an unserer Erziehung. Er rühmt sich, die Erkenntnis Gottes zu besitzen, und nennt sich einen Knecht des Herrn. Er ist unserer Gesinnung ein lebendiger Vorwurf, schon sein Anblick ist uns lästig; denn er führt ein Leben, das dem der andern nicht gleicht, und seine Wege sind grundverschieden.“ (Weish 2,10-15) Und da sich die Menschen gelegentlich so verhalten, ist es leider so, dass, auch wenn das Tun des Guten an sich zum Glück führen würde, es in der Praxis auch dazu führen kann, dass man verleumdet oder verfolgt wird. Es hat sich leider als richtig erwiesen, was Sokrates ein paar Jahrhunderte vor Christus einmal gesagt hat: Dass ein vollkommen guter Mensch in dieser Welt wohl gekreuzigt werden würde. Genau das ist mit einem vollkommen guten Menschen geschehen. Aber das liegt am gefallenen Zustand der Welt; in ihrem ursprünglichen Wesen liegt es, dass das Gute zum Glück führt. (Aber der gefallene Zustand wird am Ende ja auch überwunden werden – es heißt in den oben genannten Stellen zum Martyrium ja auch noch „Euer Lohn im Himmel wird groß sein“. Während man also nicht immer mit irdischem Lohn zu rechnen hat, kann man sich durchaus auf den himmlischen freuen, und es bleibt weiterhin eine Tatsache, dass es sich auch auf Erden konkret lohnen kann, gut zu sein – erstens mal fanden die Heiligen und Märtyrer größeres Glück in der Liebe zu Gott als in irgendetwas anderem (man kann sagen, sie lebten schon halb im Himmel), zweitens mal lohnt es sich auch im ganz und gar weltlichen Sinn ab und zu, vorurteilsfrei, mutig oder verlässlich zu sein. („Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ und so.)) (Im Kontext dieses ganzen Themas müsste man natürlich auch noch das Thema des Buches Ijob erläutern, sprich, dass nicht nur Verfolgung, sondern auch Dinge wie Krankheit, Armut, Verlust etc. auch gute Menschen treffen können, aber das würde hier jetzt doch alles zu viel Platz in Anspruch nehmen.) Jedenfalls behalten sowohl Deuteronomium als auch Matthäus ihre Gültigkeit: Wenn es sich nicht lohnt, gut zu sein, dann ist das mehr oder weniger ein der Sünde oder deren Folgen geschuldeter Unfall, und das muss man dann halt in Kauf nehmen.

Eine derartige Auflösung von Widersprüchen ist keineswegs etwas Besonderes, das nur für die Bibel gelten würde; bloß machen sich bei ihr die Leute mehr Mühe, Widersprüche zu konstruieren. Auch ein x-beliebiger Journalist kann gleichzeitig schreiben „Die Politik sollte die Sorgen der Menschen ernst nehmen“ und „Politiker sollten sich nicht durch die Verbreitung von Ängsten bestimmen lassen“. Das muss sich nicht zwangsläufig widersprechen. Die eine Aussage beleuchtet die eine Hälfte der Medaille, die andere die andere. Und das ist eben auch bei den Zitaten „Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ und „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“ der Fall. Ersteres will überhaupt nicht sagen, dass man sich ruhig in Gefahr begeben soll, Gott wird schon dafür sorgen, dass einem nichts passiert. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, wird einem klar werden, dass der Psalmist wohl klug genug gewesen sein könnte, so einen Unsinn nicht zu behaupten. Er will einfach sagen, dass wir uns Gottes Beistand immer sicher sein können; es ist geistlich gemeint und hat denselben Sinn wie „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“ (Mt 10,28) oder „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Römer 8,35-39)

4) Ich habe jetzt immer wieder die Autorität der Kirche betont. Aber: Die Kirche hat kein Verzeichnis angelegt, wie genau jeder einzelne Vers der Bibel zu verstehen ist. Sie hat ein gewisses System von auf der Bibel basierenden Lehren festgelegt (das sich in Credo und Katechismus findet) und Bibelinterpretationen, die dem widersprechen, sind unzulässig. Ansonsten kann man in jede Passage hineinlesen, was einem gefällt. Die Kirchenväter haben sich oft ziemlich elaborierte allegorische Interpretationen zum Alten Testament einfallen lassen, die einem vielleicht manchmal an den Haaren herbeigezogen vorkommen können, aber an sich vollkommen legitim sind. Auch die schwierigen Bibelstellen darf man im Grunde genommen so interpretieren, wie man will – solange man im Rahmen der katholischen Lehre bleibt. Deshalb werde ich auch an manchen Stellen dieser Reihe verschiedene mögliche Interpretationen schwieriger Stellen erläutern und erklären, wieso ich persönlich welche vorziehe.

Zuletzt, nachdem so ziemlich alles Grundsätzliche zum katholischen Schriftverständnis gesagt sein müsste, noch ein paar praktische Tipps für den Fall, dass man sich als Christ in Diskussionen über schwierige Bibelstellen wiederfindet:

a) Die Stelle, die einem an den Kopf geworfen wird, erst einmal selbst nachlesen. Manchmal kann es nämlich vorkommen, dass man, wenn man das tut, sich dann erst einmal an den Kopf fassen muss und sich denkt: „Wollen die mich eigentlich verarschen?“ Ich bin tatsächlich schon einmal auf die Behauptung eines Atheisten gestoßen, Deuteronomium 22,23-27 sehe die Steinigung für vergewaltigte Mädchen vor. Das macht in etwa so viel Sinn, wie wenn man Donald Trump moralischen Rigorismus oder der AfD naive Multi-Kulti-Begeisterung vorwerfen würde. Lesen wir mal diese Stelle also mal: „Wenn ein unberührtes Mädchen mit einem Mann verlobt ist und ein anderer Mann ihr in der Stadt begegnet und sich mit ihr hinlegt, dann sollt ihr beide zum Tor dieser Stadt führen. Ihr sollt sie steinigen und sie sollen sterben, das Mädchen, weil es in der Stadt nicht um Hilfe geschrieen hat, und der Mann, weil er sich die Frau eines andern gefügig gemacht hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Wenn der Mann dem verlobten Mädchen aber auf freiem Feld begegnet, sie fest hält und sich mit ihr hinlegt, dann soll nur der Mann sterben, der bei ihr gelegen hat, dem Mädchen aber sollst du nichts tun. Bei dem Mädchen handelt es sich nicht um ein Verbrechen, auf das der Tod steht; denn dieser Fall ist so zu beurteilen, wie wenn ein Mann einen andern überfällt und ihn tötet. Auf freiem Feld ist er ihr begegnet, das verlobte Mädchen mag um Hilfe geschrieen haben, aber es ist kein Helfer da gewesen. Hier geht es gerade ausdrücklich darum, dass Vergewaltigungsopfer eben nicht zu bestrafen sind. Es gilt sogar „Im Zweifelsfall für die Angeklagte“; natürlich könnte ein Mädchen auch draußen vor der Stadt freiwillig mit einem Mann geschlafen haben, aber dieses Gesetz sagt: Wenn es sein könnte, dass es eine Vergewaltigung war (weil niemand da war, der sie hätte schreien hören können), gehen wir mal lieber davon aus, dass es eine war, als dass wir eine Unschuldige bestrafen; also wird nur der Mann bestraft. Aufgrund der dicht gedrängten Lebensverhältnisse innerhalb der Stadtmauern einer altorientalischen Stadt ging man davon aus, dass, wenn ein Mädchen dort geschrieen hätte, jemand sie hätte hören müssen, dass es also keine Vergewaltigung gewesen sein könne, wenn das nicht der Fall war. Dieses Gesetz sieht dann durchaus die Todesstrafe vor (zur Frage nach der Tora und deren Strafen in einem eigenen Beitrag mehr) – aber eben nur für konsensualen Ehebruch, ausdrücklich nicht für Vergewaltigung, und legt einfach eine Faustregel zur Beweisfindung vor. (Ich sage „Ehebruch“, weil die jüdische Eheschließung aus zwei Teilen bestand: Abschluss des Ehevertrags und Heimholung der Braut in das Haus des Bräutigams. Ersteres wird in der Bibel oft mit „Verlobung“ übersetzt, was aber den Sachverhalt nicht wirklich trifft, da „verlobte“ Mädchen rechtlich schon als mit ihrem Bräutigam verheiratet galten. Daher heißt es ja z. B. auch in der Einheitsübersetzung in Matthäus 1,18, dass Maria mit Josef „verlobt“ war, gleich darauf in Vers 19 aber, dass er „ihr Mann“ war.)

b) Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt: Die Stelle in der Originalsprache nachschauen, wenn man sie beherrscht, oder zumindest verschiedene Übersetzungen vergleichen oder eine kommentierte Bibelausgabe heranziehen, in der Anmerkungen zum originalen Wortlaut stehen. Das macht zwar oft keinen großen Unterschied, aber manchmal kann es doch nötig sein, um eine Bibelstelle richtig zu verstehen.

Keine Übersetzung ist perfekt. Die Einheitsübersetzung beispielsweise ist eine relativ schlechte; ihr größtes Manko ist, dass sie zu viel Wert auf „Verständlichkeit“ und zu wenig auf Wörtlichkeit gelegt hat (kein Wunder – sie wurde im Jahr 1980 herausgegeben). Sie hat erstens die feierlichen Formulierungen des Originals oft in eine vergleichsweise langweilige Alltagssprache übertragen, und zweitens verliert sie an manchen Stellen mit ihrer mangelnden Wortgetreue gewisse Bedeutungsnuancen. Nehmen wir Matthäus 16,18. Da sagt Jesus – laut EÜ – zu Petrus: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“. „Mächte der Unterwelt“ heißt im griechischen Original „pylai hadou“ und wurde in älteren Übersetzungen mit „Pforten der Hölle“ wiedergegeben. Bei „hades“ (Genitiv „hadou“) kann man sich nun wohl darum streiten, ob es besser mit „Hölle“ oder mit „Unterwelt“ (oder mit einem anderen ähnlichen Begriff) zu übersetzen ist, aber „pylai“ heißt „Pforten“ oder „Tore“ und nicht „Mächte“! Oder nehmen wir eine Stelle aus dem Brief an Philemon. Situation: Paulus, der im Gefängnis sitzt, hat einen jungen Mann namens Onesimus kennengelernt, der ein Sklave und seinem Herrn Philemon weggelaufen ist. Philemon ist ein Christ und Paulus kennt ihn. Er schickt Onesimus zu Philemon zurück und gibt ihm einen Brief an seinen Herrn mit, in dem er für Onesimus Fürsprache einlegt und um seine Freilassung bittet. In diesem Brief heißt es an einer Stelle: „Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn.“ (Phlm 15-16) Was hier mit „als Mensch“ übersetzt wird, heißt im Original „im Fleisch“. Die Übersetzer haben sich hier offenbar gedacht, mit dem einen sei ja wohl das andere gemeint. Muss aber nicht so sein. Bei einer wortgetreuen Übersetzung könnte man auch spekulieren, ob Philemon und Onesimus möglicherweise tatsächlich leibliche Brüder gewesen sein könnten (d. h. Halbbrüder, Söhne desselben Vaters, der eine von einer Sklavin, der andere von einer legitimen Ehefrau; eine Konstellation, die im Römischen Reich nicht ungewöhnlich gewesen wäre). Diese Interpretationsmöglichkeit geht in der EÜ verloren. Hinzu kommt bei ihr, dass sie sich oft bemüht hat, ein bisschen abwechslungsreich zu sein und – vor allem im AT – oft ein und dasselbe Wort unterschiedlich übersetzt hat. Es hat aber eine große Bedeutung, wenn die Autoren der Bibel immer wieder in zehn Versen hintereinander dasselbe Wort verwenden, oder wenn sie dasselbe Wort verwenden, das vor ihnen schon andere Propheten in einem gewissen Zusammenhang verwendet haben. Es stellt Zusammenhänge her. Und die gehen verloren, wenn man das Wort jedes Mal anders übersetzt.

Okay, meine beiden erwähnten Beispiele klingen jetzt vielleicht ein bisschen nach Luxusproblemen, mit denen sich eigentlich bloß Professoren für Exegese an den Theologischen Fakultäten beschäftigen müssten, und es gibt tatsächlich meines Wissens nach auch keine absichtlich verfälschende Bibelübersetzung außer der von Martin Luther (Luther fügte, abgesehen davon, dass er mehrere Bücher aus der Bibel schmiss, das Wort „allein“ in Römer 3,28 ein (der Mensch werde gerecht durch den „Glauben allein“), obwohl es da nicht steht – hier kann man seine Begründung lesen, wieso er das tat, falls es jemanden interessiert: http://www.bible-researcher.com/luther01.html), aber es gibt auch andere Stellen als die oben erwähnten Beispiele, bei denen es einem, wenn man das Original nicht kennt, wirklich so vorkommen kann, als ob sie irgendwie keinen Sinn ergeben, vor allem dann, wenn sie bestimmte Wörter oder Redewendungen gebrauchen, die uns einfach nicht mehr geläufig und daher auf Deutsch oder in anderen modernen Sprachen schwer wiederzugeben sind. Ein Beispiel: Die seltsame Geschichte in Genesis 9,18-27 um Noah und seinen Sohn Ham macht auf einmal Sinn, wenn man biblisches Hebräisch kennt und Genesis 9,22 mit Levitikus 20,11 und Levitikus 18,7-8 in Verbindung setzt. (Hier eine Interpretation eines Exegeten dazu, in der diese Passage genauer erklärt wird: http://www.scotthahn.com/resources-1/2016/1/15/noahs-nakedness-and-the-curse-on-canaan-genesis-920-27) Oder ein anderes Beispiel, wo der Originaltext neue Interpretationsmöglichkeiten eröffnet: Die Zahlenangaben in der Exodusgeschichte. „Sowohl das Buch Exodus als auch die Volkszählung in Numeri 1 scheinen zu bezeugen, dass ‚die Israeliten von Ramses nach Sukkot [zogen], etwa sechshunderttausend Mann zu Fuß, nicht gezählt die Frauen und Kinder’ (Ex 12,37). Letzteres Detail hätte die Gesamtzahl der Israeliten wahrscheinlich auf über eine Million erhöht. Kritiker haben nicht ganz Unrecht damit, dass diese Zahl von Menschen wahrscheinlich einige archäologische Belege ihrer Aktivitäten hinterlassen hätte. Selbst wenn nicht [wegen ihres nomadischen Lebensstils, wie im Absatz vorher erklärt wird], hätte eine so große Gruppe jederzeit in der Lage sein sollen, Ägypten nach Belieben zu verlassen, da sie größer gewesen wäre als jede Armee zu dieser Zeit. Angesichts dieser Faktoren ist es möglich, dass die Zahlen, die in diesen Texten angegeben werden, entweder, basierend auf dem literarischen Genre der Zeit, übertrieben sind [in altorientalischen Texten werden z. B. bei der Größe von Armeen praktisch immer weit übertriebene Angaben gemacht, zudem werden Zahlen damals oft symbolisch verwendet; im Absatz danach erklärt] oder dass sie falsch übersetzt sind. Die letztere Annahme ist plausibel, da das hebräische Wort in diesen Passagen, das als ‚tausend’ übersetzt wird, elep, auch ‚Klan’ oder ‚Militäreinheit’ meinen kann. Zum Beispiel spricht Gideon von seinem elep (oder Klan) als dem schwächsten in Israel (Richter 6,15) und David überreichte dem Befehlshaber von Israels elep ein Geschenk (1 Samuel 17,18). Also könnten anstatt 600.000 ‚Mann zu Fuß’ auch bloß 600 Familien oder 600 Gruppen von kampffähigen Männern Ägypten verlassen haben.“ (Trent Horn, Hard Sayings. A Catholic approach to answering Bible difficulties, S. 84, Übersetzung und Anmerkungen in eckigen Klammern von mir.)

Noch kurz zum Thema „absichtlich verfälschend“: Alle Übersetzungen sind natürlich zwangsläufig auch theologisch geprägt – generell neigen deutsche Protestanten zum Beispiel dazu, „Gemeinde“ zu übersetzen, wenn Katholiken das Wort „Kirche“ nehmen (englischsprachige Protestanten haben dagegen, soweit ich das sehe, mit „church“ kein so großes Problem). Das würde ich jetzt nicht wirklich als absichtliche Verfälschung bezeichnen, weil man sich zwangsläufig für eins der Worte entscheiden muss – anders als im obengenannten Beispiel mit Luther, der sein „allein“ auch einfach hätte weglassen können – und die Wahl, die man trifft, zwangsläufig durch die eigenen Vorannahmen geprägt sein wird; da kann man gar nicht anders. Man muss sich als Leser der Übersetzungen nur dieser Vorannahmen bewusst sein.

Ich verwende für die Zitate hier übrigens in der Regel trotzdem die Einheitsübersetzung, auch wenn ich weiß, dass sie eigentlich nicht so gut ist. Ich bin sie nun mal gewöhnt, sie ist im Moment die Standardübersetzung für deutschsprachige Katholiken, und, na ja, Übersetzungsprobleme muss man eben dann ansprechen. Ach ja, ich beherrsche Altgriechisch übrigens so einigermaßen und besitze ein Griechisches Neues Testament, aber bei Hebräisch kenne ich bis jetzt gerade mal die Buchstaben, kann also selber leider nichts im Originaltext nachschauen. Ich werde darauf schauen, hier für meine Reihe Kommentare zum Wortlaut der Bibel und zur genauen damaligen Bedeutung von Wörtern heranzuziehen, wenn möglich und nötig.

c) Die Beweislast liegt hier bei dem Bibelkritker. Wenn wir jemandem beweisen wollen, dass die Bibel überhaupt erst göttlich inspiriert ist, dann liegt die Beweislast bei uns. Aber wenn ein Gegner des Christentums uns beweisen will, dass es in sich widersprüchlich sei, an die Inspiration der Bibel zu glauben (weil Gott sich in der Bibel mal so zeige und mal so, zum Beispiel), dann liegt die Beweislast bei ihm. Wir müssen dann im Grunde höchstens eine Möglichkeit zeigen, wie sich die verschiedenen Bibelstellen versöhnen lassen könnten, während der Kritiker zeigen muss, dass es überhaupt keine solche Möglichkeit gibt.

Ach ja: Hier (falls man die Seite noch nicht kennt) übrigens noch ein Link zum leichteren Nachsehen der Bibelstellen: https://www.bibleserver.com/ Das ist eine protestantische Seite, deren Standardeinstellung leider die Lutherbibel 2017 ist, aber sie hat auch die Einheitsübersetzung und andere, hauptsächlich protestantische, Übersetzungen, und auch das Hebräische Alte Testament, die Septuaginta (die griechische Version des AT) und die Vulgata (die seit der Spätantike standardmäßig verwendete lateinische Übersetzung), wenn auch leider keine griechische Version des NT.

 

Exkurs: Etwas Grundsätzliches über Gottes Gutheit

Bevor ich mit der Erklärung verschiedener Bibelstellen weitermache, sollte ich vielleicht noch ganz kurz auf einen Einwand eingehen, der nicht von atheistischer, sondern von calvinistischer Seite gemacht werden könnte, nämlich diesen: Ist es überhaupt nötig, Rechtfertigungen und Erklärungen für Gottes Handeln in der Bibel zu suchen? Wenn Gott etwas tut – zum Beispiel die Landnahme befiehlt –, sollte uns dann nicht einfach genügen, dass es ein Befehl Gottes ist, und folglich gut? Gott steht unsagbar hoch über uns Menschen; wenn uns etwas, das Gott tut, als schlecht erscheint, dann sind wir es, die irren, und nicht Gott. Wir haben einfach Gott zu gehorchen. Was maßen wir uns an, darüber zu urteilen, was Er tun darf und was nicht?

Ich möchte auf diesen möglichen Einwand mit einem schönen Zitat von C. S. Lewis antworten:

In jeder Betrachtung der Gutheit Gottes droht sogleich folgendes Dilemma: Wenn einerseits Gott weiser ist als wir, so muss sein Urteil über viele Dinge sich von dem unsern unterscheiden, nicht zuletzt das über Gut und Böse. Was uns gut erscheint, muss deshalb nicht auch in Seinen Augen gut sein, und was uns böse erscheint, nicht böse. – Anderseits, wenn Gottes Urteil über das Gute sich von dem unsern so sehr unterscheidet, dass unser „Schwarz“ für Ihn „Weiß“ sein kann, dann kann es auch keinen Sinn haben, dass wir Ihn gut nennen. Denn nachdem wir doch sagen, Seine Gutheit sei völlig anders als die unsere, hat der Satz „Gott ist gut“ tatsächlich keinen andern Sinn als „Gott ist – wir wissen nicht, was“. Und eine uns völlig unbekannte Eigenschaft Gottes kann uns nicht dazu bewegen, Ihn zu lieben oder Ihm zu gehorchen. Wenn Er nicht (in unserm Sinn) „gut“ ist, so werden wir, wenn überhaupt, nur aus Furcht gehorchen und würden gleichermaßen bereit sein, einem allmächtigen Widersacher zu gehorchen. Sobald die Konsequenz lautet, dass – da wir gänzlich verderbt sind [wie der Calvinismus lehrt, Anmerkung von mir] – unsere Vorstellung vom Guten einfach nichts wert ist – könnte es geschehen, dass sich das Christentum auf Grund der Lehre von der „totalen Verderbtheit“ in eine Art Teufelsanbetung verkehrt.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma zeigt sich, wenn wir bedenken, was im Bereich menschlicher Beziehungen geschieht, wenn ein Mensch von niederem moralischen Niveau in die Gesellschaft von Leuten kommt, die besser und weiser sind als er, und nun allmählich lernt, ihre Maßstäbe anzuerkennen – ein Vorgang, den ich zufällig ziemlich genau beschreiben kann, da er mir widerfahren ist. Als ich zur Universität kam, hatte ich fast keine moralischen Begriffe, so wenig wie ein junger Bursche nur haben konnte. Eine milde Abneigung gegen Grausamkeit und gegen Unanständigkeit in Geldsachen waren das Äußerste; über Keuschheit, Wahrhaftigkeit und Selbstverleugnung dachte ich wie ein Pavian über klassische Musik. Durch Gottes Barmherzigkeit geriet ich in eine Gruppe junger Männer (von denen übrigens, nebenbei gesagt, keiner Christ war), die mir durch Geist und Phantasie so verwandt waren, dass sofort eine nähere Beziehung entstand. Sie nun kannten das Sittengesetz und versuchten, es zu beobachten. So war ihr Urteil über Gut und Böse sehr verschieden von dem meinen.

Was nun in solch einem Fall geschieht, ist nicht im geringsten so etwas wie eine Aufforderung, als „weiß“ anzusehen, was man bis dahin „schwarz“ genannt hatte. Die neuen moralischen Urteile dringen in die Seele niemals als bloße Umkehrungen früherer Urteile ein (obgleich sie diese tatsächlich umkehren), sondern „als Herren, die man offenbar erwartet hatte“. Du kannst gar nicht im Zweifel darüber sein, welches die Richtung deiner Wandlung ist: Die neuen Urteile sehen dem Guten eher ähnlich als die kleinen Fetzen des Guten, die du bereits hattest: dennoch stehen sie in gewissem Sinn untereinander in Zusammenhang. Aber das eigentliche Kriterium ist, dass die Anerkennung der neuen Maßstäbe begleitet ist von dem Gefühl der Scham und der Schuld: Man hat das Gefühl, in eine Gesellschaft hineingestolpert zu sein, in die man nicht passt.

[…] Die göttliche „Gutheit“ unterscheidet sich von der unseren, aber nicht völlig; es ist nicht ein Unterschied wie der von Weiß und Schwarz, sondern wie der zwischen einem vollkommenen Kreis und dem ersten Versuch eines Kindes, ein Rad zu zeichnen. Wenn aber das Kind zeichnen gelernt hat, wird es wissen, dass der Kreis, den es nun macht, eben das ist, was es von Anfang an zu machen versucht hat.

Diese Lehre ist auch in der Heiligen Schrift enthalten. Christus ruft die Menschen zur Buße – ein sinnloser Ruf, wäre Gottes Maßstab ganz und gar verschieden von dem, den sie bereits kannten, von dem sie aber in ihrem Tun abgewichen waren. Er beruft sich auf unser tatsächliches sittliches Urteil: „Warum denn seht ihr nicht selbst, was Recht ist?“ (Luk. 12,57). Gott weist die Menschen im Alten Testament zurecht auf Grund ihrer eigenen Vorstellungen von Dankbarkeit, Treue und Gerechtigkeit; Er stellt Sich Selber sozusagen vor den Richterstuhl Seiner eigenen Geschöpfe: „Was für eine Ungerechtigkeit haben eure Väter an Mir gefunden, dass sie Mich verlassen haben?“ (Jer. 2,5).

(C. S. Lewis, Über den Schmerz, S. 35-37.)

Also ja, wir sollten ggf. einmal prüfen, ob unsere Urteile über Gut und Böse richtig sind (oder vielleicht durch in unserer jeweiligen Kultur verbreitete Fehlurteile verfälscht), aber nein, wir glauben nicht daran, dass das Gute einfach das ist, was Gott willkürlich befiehlt. Gott befiehlt, was gut ist, weil Er gut ist; und im Licht dieses Prinzips müssen wir die Bibel auslegen.

 

Teil 3: Über Historizität, Genres und „wörtlich gemeint“

(Ich habe die geplante Reihenfolge ein bisschen umgestellt: Hier also jetzt erst mal zu den historischen Fragen.)

Eine wichtige Frage bei der Interpretation von Bibelstellen ist natürlich immer: Ist das überhaupt so passiert? Ist das historisch? Oder ist das nicht einfach falsch? Oder, von einem anderen Blickpunkt aus betrachtet, auch: Ist das wörtlich gemeint? Ist das nicht nur eine bildliche, mythische Geschichte anstatt ein historisches Faktum?

Na ja, erst einmal ist „wörtlich“ nicht automatisch dasselbe wie „historisch“ – Anweisungen in einem Brief können sehr wörtlich gemeint sein, beschreiben aber keine historischen Ereignisse, auch wenn sie wiederum aus konkreten historischen Situationen resultieren und die Briefe selber historisch sind –, aber, um zum eigentlich Punkt zu kommen: Ja, wie ich bereits gesagt habe, in der Bibel geht es grundsätzlich um einige reale, historische Ereignisse. Der grobe Handlungsverlauf ist ein historischer, und er sieht folgendermaßen aus: Schöpfung, Sündenfall, Erlösung. Gott erschafft die Welt und die Menschen (Genesis 1-2), die Menschen wenden sich von Gott ab und stürzen sich selbst ins Unglück (Genesis 3), Gott versucht, die Situation wieder geradezubiegen (Genesis 4 – Offenbarung 22). Der letzte Teil ist natürlich ein sehr langwieriges Unterfangen, und er beginnt damit, dass Gott sich aus allen Völkern ein Volk erwählt, die Israeliten, dieses Volk durch die Jahrhunderte hindurch führt und schützt und ihm immer wieder Propheten sendet. Das ist alles letztlich eine Vorbereitung für die direkteste Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus: Dieser wird zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte geboren, gekreuzigt und wieder auferweckt. Die von ihm auserwählten Apostel beginnen nun, das Evangelium, die Frohe Botschaft, allen Menschen, Juden wie Heiden, zu verkünden. Das alles müssen historische Fakten sein, oder das Christentum macht keinen Sinn.

Die Evangelien sind entweder historisch oder falsch. Sie sind keine Mythen, die irgendwelche zeitlosen Wahrheiten vermitteln. Ihr Genre ist übrigens das der antiken Biographie, in der von der Herkunft und Geburt, den wichtigen Taten, dem Tod und dem Nachleben berühmter Männer erzählt wird; ein Genre der Geschichtsschreibung. Dass die Evangelien Geschichtsschreibung zu sein beanspruchen, zeigt z. B. schon Lukas in seinem Vorwort: „Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.“ (Lk 1,1-4) Auch die Fortsetzung des Lukasevangeliums – die Apostelgeschichte – ist Geschichtsschreibung. Natürlich gibt es auch im Neuen Testament einige Bücher, die  an sich keine Geschichtsschreibung sind – die vielen Briefe, und die Offenbarung des Johannes. Aber auch in ihnen geht es um Geschichtliches. „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens.“ (1 Johannes 1,1)

Wenn wir ins Alte Testament schauen, bietet sich ein ähnliches, aber manchmal schwieriger zu deutendes Bild. Hier haben wir auch Geschichtsschreibung, z. B. die Bücher der Makkabäer, die Bücher der Chronik, oder die Bücher der Könige. Außerdem gibt es Bücher, die ganz deutlich keine Geschichtsschreibung sind, aber trotzdem natürlich in der Geschichte Israels wurzeln – die Psalmen, das Buch der Sprichwörter, das Buch der Weisheit. Diese Bücher fasst man unter dem Begriff der „Weisheitsliteratur“ zusammen, sie stehen zwischen den Geschichtsbüchern und den Prophetenbüchern.

Die Propheten befinden sich von ihrer Geschichtlichkeit her so irgendwo zwischen Geschichts- und Weisheitsbüchern. Sie befassen sich einerseits sehr wohl mit historischen Ereignissen, und gelegentlich gibt es auch Passagen, in denen konkrete Ereignisse erzählt werden. (Hier zum Beispiel: „In der Zeit, als Ahas, der Sohn Jotams, des Sohnes Usijas, König von Juda war, zogen Rezin, der König von Aram, und Pekach, der Sohn Remaljas, der König von Israel, gegen Jerusalem in den Krieg; aber sie konnten die Stadt nicht einnehmen. Als man dem Haus David meldete: Aram hat sich mit Efraim verbündet!, da zitterte das Herz des Königs und das Herz seines Volkes, wie die Bäume des Waldes im Wind zittern. Der Herr aber sagte zu Jesaja: Geh zur Walkerfeldstraße hinaus, zusammen mit deinem Sohn Schear-Jaschub (Ein Rest kehrt um), an das Ende der Wasserleitung des oberen Teiches, um Ahas zu treffen. Sag zu ihm: Bewahre die Ruhe, fürchte dich nicht! Dein Herz soll nicht verzagen wegen dieser beiden Holzscheite, dieser rauchenden Stummel, wegen des glühenden Zorns Rezins von Aram und des Sohnes Remaljas.“ (Jesaja 7,1-4) Das ist übrigens das Kapitel, in dem dann an späterer Stelle eine der berühmtesten Prophezeiungen des AT steht: „Der Herr sprach noch einmal zu Ahas; er sagte: Erbitte dir vom Herrn, deinem Gott, ein Zeichen, sei es von unten, aus der Unterwelt, oder von oben, aus der Höhe. Ahas antwortete: Ich will um nichts bitten und den Herrn nicht auf die Probe stellen. Da sagte Jesaja: Hört her, ihr vom Haus David! Genügt es euch nicht, Menschen zu belästigen? Müßt ihr auch noch meinen Gott belästigen? Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.“ (Jesaja 7,10-14)) Aber die Prophetenbücher enthalten eben nicht nur Erzählungen von Vergangenem, sondern – wie Jesaja 7 gut zeigt – auch Prophezeiungen über die Zukunft, und speziell oft über den Messias. Diese Prophezeiungen sind auch nicht an allen Stellen leicht zu deuten. Wie „wörtlich“ oder „bildlich“ sie gemeint sind, na, das hängt wohl davon ab, was der Prophet im Einzelfall sagen wollte. Wenn er sagt „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“, dann kann man daraus logischerweise schließen, dass der Messias ein Nachfahre Isais (der der Vater Davids war) sein wird; dass hier nicht von Pflanzen die Rede ist, ist wohl einsichtig. Andere Prophezeiungen – „sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben“ (Sacharja 12,10), „Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand“ (Psalm 22,19), etc. – haben sich letztlich als ziemlich wörtliche Vorausdeutungen erwiesen. Es gibt aber natürlich auch Beispiele schwieriger zu deutender Stellen als dieser hier. Propheten waren aber übrigens auch nicht ausschließlich – oder auch nur hauptsächlich – dafür zuständig, die Zukunft anzukündigen, sondern vor allem gaben sie Ermahnungen für die Gegenwart (bei denen natürlich ständig auch auf Vergangenheit und Zukunft des Volkes Israel verwiesen wurde). Auch die sind oft sehr bildlich und nicht immer leicht zu verstehen, aber das heißt auch wiederum nicht, dass man sie einfach mit dem Kommentar „nicht wörtlich“ beiseite schieben kann.

Was mich angeht, ich liebe die Prophetenbücher übrigens, vor allem Jesaja, Hosea, Micha und Jeremia. Sie sind spannend und wunderbar zu lesen; ein bisschen verwirrend vielleicht am Anfang, wenn man noch nicht an ihren Stil gewöhnt ist, weil der Prophet ständig von Warnungen zu Verheißungen zu Gerichtsdrohungen zu historischen Rückblicken zu Verheißungen zu Gerichtsdrohungen zu Verheißungen übergeht. (Ein Beispiel gefällig? Aus dem ersten Kapitel bei Jesaja: „Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voller Blut. Wascht euch, reinigt euch! Lasst ab von eurem üblen Treiben! Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen! Kommt her, wir wollen sehen, wer von uns Recht hat, spricht der Herr. Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee. Wären sie rot wie Purpur, sie sollen weiß werden wie Wolle. Wenn ihr bereit seid zu hören, sollt ihr den Ertrag des Landes genießen. Wenn ihr aber trotzig seid und euch weigert, werdet ihr vom Schwert gefressen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen. Ach, sie ist zur Dirne geworden, die treue Stadt. Einst war dort das Recht in voller Geltung, die Gerechtigkeit war dort zu Hause, jetzt aber herrschen die Mörder. Dein Silber wurde zu Schlacke, dein Wein ist verwässert. Deine Fürsten sind Aufrührer und eine Bande von Dieben, alle lassen sich gerne bestechen und jagen Geschenken nach. Sie verschaffen den Waisen kein Recht, die Sache der Witwen gelangt nicht vor sie. Darum – Spruch Gottes, des Herrn der Heere, des Starken Israels: Weh meinen Gegnern, ich will Rache nehmen an ihnen, mich rächen an meinen Feinden. Ich will meine Hand gegen dich wenden, deine Schlacken will ich mit Lauge ausschmelzen, all dein Blei schmelze ich aus. Ich will dir wieder Richter geben wie am Anfang und Ratsherrn wie zu Beginn. Dann wird man dich die Burg der Gerechtigkeit nennen, die treue Stadt. Zion wird durch das Recht gerettet, wer dort umkehrt, durch die Gerechtigkeit.“ (Jesaja 1,15-27))

Jetzt noch zu den übrigen Büchern. Es gibt auch Bücher im AT, die für uns moderne Leser auf den ersten Blick den Eindruck einer historisch gemeinten Erzählung machen können, bei denen es aber gute Argumente gibt, sie für „bloße“ Beispielerzählungen zu halten: Gute Beispiele dafür sind Jona, Ijob und Judith. Wenn man wissen will, ob diese Bücher historisch sind, muss man sich ihre jeweiligen stilistischen Merkmale anschauen, und beginnt dabei am besten gleich am Anfang:

  • Jona beginnt mit: „Das Wort des Herrn erging an Jona, den Sohn Amittais: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr (das Strafgericht) an! Denn die Kunde von ihrer Schlechtigkeit ist bis zu mir heraufgedrungen.“ (Jona 1,1-2)
  • Ijob beginnt mit: „Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“ (Ijob 1,1)

Zum Vergleich dazu: 1 Makkabäer zum Beispiel beginnt mit einem Rückblick auf Alexander den Großen und seine Feldzüge („Der Mazedonier Alexander, Sohn des Philippus, zog damals vom Land der Kittäer aus“, 1 Makkabäer 1,1) und geht dann über zum „Jahr 137 der griechischen Herrschaft“ und dem Beginn der Herrschaft des Antiochus Epiphanes (1 Makkabäer 1,10). Die typischen Abschnitte des 2. Buches der Könige beginnen ungefähr so: „Im dreiundzwanzigsten Jahr des Joasch, des Sohnes Ahasjas, des Königs von Juda, wurde Joahas, der Sohn Jehus, König von Israel. Er regierte siebzehn Jahre in Samaria“ (2 Könige 13,1). Die historischen Bücher enthalten Ahnenlisten („Einst lebte ein Mann aus Ramatajim, ein Zufiter vom Gebirge Efraim. Er hieß Elkana und war ein Sohn Jerohams, des Sohnes Elihus, des Sohnes Tohus, des Sohnes Zufs, ein Efraimiter“, 1 Samuel 1,1), Bezüge zu den Regierungszeiten von verschiedenen Herrschern (z. B. der Könige von Juda, Israel, Edom, Aram, oder auch der ägyptischen Pharaonen oder der assyrischen oder persischen Großkönige), Bezüge zu bestimmten, meistens inzwischen archäologisch identifizierten Orten, und Erzählungen von Kriegen, Aufständen, Hungersnöten, Deportationen, höfischen Intrigen, großen Wallfahrten, Bauprojekten, Königsernennungen und so weiter; und diese ganze Handlung wird in einen historischen Rahmen eingeordnet und man kann auf der Karte nachvollziehen, von wo aus wohin ein Feldzug geführt wurde oder eine Nomadengruppe zog.

Wenn man damit die spärlichen Informationen in Jona und Ijob vergleicht: „Jona, der Sohn Amittais“; das ist so, als würde man eine Figur namens „Hans Meier“ einführen, ohne zu erklären, wo und wann dieser „Hans Meier, der das und das tat“ lebte. Das ist etwas ganz anderes als ein „Hans Meier, geboren 1967 in München (Sohn des Papierfabrikanten Helmut Meier, der Jahre zuvor als Vertriebener aus Schlesien gekommen war), der in den Jahren nach 2010 das und das tat“. „In Amerika lebte ein Mann namens John“ – ungefähr so genau ist die Angabe im Buch Ijob. Das ist ein erstes Anzeichen dafür, dass dem Autor dieses Buches die historische Einordnung seiner Figur wohl nicht so wichtig war, und dass es somit auch gut möglich ist, dass es sich um gar keine historische Figur handelt; es kommt auf die Botschaft der Geschichte an, nicht darauf, ob sie genau so zu irgendeinem Zeitpunkt passiert ist.

Aber das ist nicht das einzige Kriterium: Nehmen wir jetzt das Buch Judith. Hier könnte man als moderner Leser auf den ersten Blick denken, na also, hier wird die Handlung ja wohl genau in die Regierungszeiten bedeutender Herrscher eingeordnet, also wird das wohl ein historisches Buch sein. Bloß, dass es das nicht ist.

Ich möchte hier Joe Heschmeyer zitieren (http://shamelesspopery.com/is-the-book-of-judith-historically-accurate/; Übersetzung von mir; er argumentiert hier übrigens gegen Protestanten, die das Buch Judith nicht als Teil der Bibel anerkennen, nicht gegen Atheisten):

„Das Buch Judith beginnt so: ‚Es war im zwölften Jahr des Nebukadnezzar, der in der großen Stadt Ninive als König der Assyrer regierte. Zur gleichen Zeit regierte damals in Ekbatana Arphaxad als König der Meder.’ Warte mal, sagen die modernen Protestanten. Nebukadnezzar, König der Assyrer? Der Kerl war König der Babylonier.

Worauf der Autor von Judith sagen würde: ‚Offensichtlich.’ Ich meine, es ist eine Sache, wenn ein moderner Protestant denkt, dass ein gewöhnlicher Leser sich nicht erinnert, ob Nebukadnezzar König der Assyrer oder der Babylonier war, aber glaubt er ernsthaft, dass eine vorchristliche Leserschaft aus Diaspora-Juden diesen Fehler nicht bemerken würde… und zwar sofort? Die Babylonische und die Assyrische Gefangenschaft gehörten zu den wichtigsten und traumatischsten Ereignissen in der jüdischen Geschichte, und ein großer Teil des Alten Testaments, das sie studierten, behandelt diese zwei Ereignisse… als eigenständige Ereignisse. Im Wesentlichen eroberten die Assyrer das Nordreich Israel und die Babylonier eroberten das Südreich Juda. Von diesen beiden Eroberungen haben wir die ‚verlorenen Stämme Israels’, die Zerstörung des Ersten Tempels, und, ach ja, die Entstehung der Diasporagemeinden, die diese Texte als Heilige Schriften annahmen. Diese Ereignisse hatten einen massiven Einfluss.

Man musste nicht gebildet sein, um den Unterschied zwischen den Assyrern und den Babyloniern zu kennen, aber wahrscheinlich waren die Leser von Judith das auch. Halten es diese ‚Skeptiker’ tatsächlich für plausibel, dass weder der Autor, noch die Schreiber, noch die Leser auch nur die grundlegenden Fakten ihrer eigenen Geschichte kannten? Das ist das biblische Äquivalent zu dem berühmten Satz aus dem Film ‚War es vorbei, als die Deutschen Pearl Harbor bombardiert haben?’. Oder, um vielleicht die zwei traumatischsten Ereignisse im modernen Judentum zu nehmen, es wäre, wie wenn eine moderne jüdische Quelle begänne ‚Als in Moskau Hitler das Oberhaupt der Sowjetunion war…’, und niemand bemerkt es.

Glaubt irgendjemand, dass die Diasporajuden (oder irgendjemand) so dumm waren? Dass sie nicht nur ihre eigenen Heiligen Schriften nicht kannten, sondern nicht einmal ihre eigene Geschichte? Sicher, ein paar Leute würden es vielleicht übersehen, wie die Leute, die auf den alten ‚Wie viele Tiere hat Moses auf seine Arche mitgenommen?’-Trick hereinfallen. Aber wie gesagt, das war nicht nur die Heilige Schrift, es war Geschichte. Jüdische Geschichte war wie Moses und George Washington in einem, die Quelle ihrer nationalen, ethnischen und religiösen Identität. Man könnte genauso gut glauben, dass der Autor von Offenbarung 11,8 wirklich glaubte, dass Jesus in Sodom, Ägypten gekreuzigt wurde. [Offb 11,8 lautet: „Diese Stadt heißt, geistlich verstanden: Sodom und Ägypten; dort wurde auch ihr Herr gekreuzigt.“]

Also was ist hier los? Oder eine bessere Frage ist vielleicht: ‚Wieso würde eine jüdische Leserschaft, die schon ab dem ersten Vers des Buches wüsste, dass das keine traditionelle Geschichtsschreibung war, es als Heilige Schrift anerkennen?’ Na ja, ich denke, dass das, was hier vor sich geht, dasselbe ist, das im Buch der Offenbarung passiert: es gibt einen epischen historischen Kampf, der in einer Mischung aus historischer und metaphorischer Sprache dargelegt wird. Gliedern wir den ersten Vers auf, um einen Sinn dafür zu bekommen:

 ‚Es war im zwölften Jahr des Nebukadnezzar, der in der großen Stadt Ninive als König der Assyrer regierte. Zur gleichen Zeit regierte damals in Ekbatana Arphaxad als König der Meder.’

Also, die Akteure auf der Bühne sind: Nebukadnezzar, das Assyrische Reich (und speziell Ninive), und Arphaxad, der über die ‚Meder in Ekbatana’ herrschte. Es gibt weder zur Zeit des Babylonischen noch des Assyrischen Reiches einen medischen Herrscher namens Arphaxad, aber Arphaxad kommt tatsächlich anderswo in der Bibel vor. Er ist einer der Söhne von Noahs Sohn Sem, und die jüdische Tradition assoziierte die verschiedenen Völker des Mittleren Ostens mit jedem der Söhne und Enkel Noahs. Der jüdische Historiker Flavius Josephus aus dem ersten Jahrhundert hatte das hier in seinem ersten Buch über die Jüdischen Altertümer zu sagen:

Sem, der dritte Sohn Noahs, hatte fünf Söhne, die das Land bewohnten, das am Euphrat begann und zum Indischen Ozean reichte. Denn Elam hinterließ nach ihm die Elamiter, die Vorfahren der Perser. Assur lebte in der Stadt Ninive; und nannte seine Untertanen Assyerer, die zur am meisten vom Glück begünstigten Nation wurden, jenseits anderer. Von Arphaxad kommt der Name der Arphaxaditer, die nun Chaldäer genannt werden. (Buch 1, Kapitel 6).

Also haben wir nun Judith, deren Name einfach nur ‚Jüdin’“ bedeutet, die gegen die vereinten Gewalten der Babylonier, Assyrer, Meder und Chaldäer anzukämpfen hat. Die Geschichte geht in einem ähnlichen Stil weiter. Wenn man genau hinschaut, sieht man die Taten verschiedener realer jüdischer Frauen zusammengezogen in etwas, das anscheinend eine umfassende Erzählung über die Art und Weise ist, wie gläubige Jüdinnen gewaltige Hindernisse in einer korrupten Welt der Männer überwunden haben. In anderen Worten, dies ist Genesis 3,15, umgesetzt im Lauf der ganzen Geschichte, und in diesem Buch auf besonders schöne Weise zusammengebracht. [Genesis 3,15 ist eine Prophezeiung, die Gott nach dem Sündenfall zur Schlange spricht: „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.“ (Das Pronomen im zweiten Satz kann übrigens sowohl mit „er“ als auch mit „sie“ übersetzt werden.) Man bezeichnet diesen Vers auch als „Protoevangelium“, da er im Besonderen auf Maria und ihren Sohn Jesus Christus hindeutet: Satan trifft sozusagen Gottes Achillesferse mit der Kreuzigung, aber es ist Satans Kopf, der durch den Sohn der Frau zermalmt wird. Daher wird die Gottesmutter mit ihrem Sohn im Arm auch gerne mit einer Schlange unter ihrem Fuß dargestellt.] […]

Auch wenn wir Elemente früherer Frauen des Alten Testaments, wie Esther, Deborah und insbesondere Jael (aus Richter 4-5) in diesen Stellen sehen, sind sie über gläubige Frauen im Allgemeinen. Deshalb sagt Judith 15,12-13, dass, nachdem sie den bösen Befehlshaber Holofernes tötete, ‚[a]lle Frauen in Israel herbei [eilten], um Judit zu sehen, und ihr Lob [sangen]. Als sie sich ihr zu Ehren zu einem Festreigen aufstellten, nahm Judit belaubte Zweige in die Hand und gab auch den umstehenden Frauen davon. Sie und ihre Begleiterinnen setzten sich Kränze von Ölzweigen auf, und so ging sie vor dem ganzen Volk her und führte den Festreigen der Frauen an. Ihr folgten alle Männer von Israel in Waffen und mit Kränzen geschmückt. Von allen Lippen ertönten Loblieder.’

Mit anderen Worten, das ist ein Triumph aller gläubigen Frauen in Israel, und, wie an ihren ritterlichen Gefolgsmännern gesehen werden kann, auch aller gläubigen Männer.“

Man könnte das Buch Judith – und andere Bücher, die historisch auf den ersten Blick unsinnige Angaben enthalten, wie z. B. Tobit („Vor seinem Tod hörte er [Tobias] noch vom Untergang Ninives, das von Nebukadnezzar und Xerxes erobert wurde“, Tobit 14,15) – also z. B. mit einer Karikatur über den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vergleichen, in der Hitler und Stalin gemeinsam am Kaffeetisch sitzen und sich einen Kuchen mit der Aufschrift „Polen“ teilen, während der britische Premier Chamberlain als Butler daneben steht, oder mit einer Karikatur über Christenverfolgung im Lauf der Geschichte, in der Nero, Robespierre und Kim Jong Un zusammen ein Kreuz aufrichten. Natürlich saßen Hitler und Stalin nie gemeinsam am Kaffeetisch, ebenso wenig wie Nero und Robespierre einander je getroffen haben, aber das ist eben auch gar nicht gemeint, sondern es geht um größere Zusammenhänge – im Fall von Tobit etwa geht es eben um die Ablösung des Assyrischen Großreichs durch die Reiche der Babylonier und dann der Perser, also darum, dass auch die Reiche der Feinde des jüdischen Volkes vergänglich sind; auch wenn die Stadt Ninive schon lange vor König Xerxes zerstört wurde.

Elemente scheinbar geschichtlicher Bücher, die vielleicht doch nicht so geschichtlich sind, sind also z. B. sehr vage oder gar keine historischen und geographischen Angaben (Jona, Ijob), oder eben historisch nachweislich unsinnige Angaben, die auch der damaligen Leserschaft sofort als unsinnig ins Auge gefallen wären (Judith, Tobit). Das ist natürlich noch kein letztgültiger Beweis, dass an ihnen nichts Historisches ist. Sie könnten trotzdem auf tatsächlichen Personen und Begebenheiten beruhen. Wir wissen es nicht.

Okay, jetzt endlich genauer zur Frage nach der Historizität von Büchern wie den fünf Büchern Mose, Josua, Richter, den Samuelbüchern, den Büchern der Könige, den Büchern der Chronik, Esra oder Nehemia. Sind die Erzählungen darin historisch? Sind sie in allen Einzelheiten historisch? Sind sie es ihrer Absicht nach? Berichten sie nachgewiesenermaßen Wahres?

In vielen Fällen lautet die Antwort aus Sicht der Forschung leider einfach: Können wir nicht sagen.

In der Alten Geschichte, also z. B. der griechischen oder römischen, finde ich es immer wieder erstaunlich, wie wenig Quellen wir eigentlich haben; da kann eine neu entdeckte Inschrift oder ein Papyrus schon mal interessante neue Blickwinkel auf eine spezielle Frage eröffnen. Man kann die Quellen, die wir zu Cäsar oder Sokrates haben, einfach nicht mit den Quellen vergleichen, die wir über, sagen wir mal, Napoleon oder Hitler haben. Kein Historiker bricht in Begeisterungsstürme aus, wenn ein neues Tagebuch eines Weltkriegssoldaten entdeckt wird. Er kann sich vor für seine Doktorarbeit auszuwertenden Quellen zu diesem Krieg sowieso kaum retten. Ein Althistoriker dagegen, der eine Schrift eines Teilnehmers an irgendeinem griechischen Feldzug gegen die Perser entdeckte, könnte sein Glück vermutlich kaum fassen. Natürlich wissen wir trotzdem einiges über die antike Geschichte, die Quellen, die wir haben, geben schon etwas her, aber sehr vieles bleibt auch im Dunkeln, und viele Angaben in den Quellen können nicht überprüft werden, weil wir nur ein oder zwei Quellen zu genau dieser speziellen Frage haben.

In der altorientalischen Geschichte ist es noch einmal anders. Da kann eine neu entdeckte Inschrift schon mal ganze Theorien über die Geschichte eines Volkes umstürzen. Da haben wir manchmal so wenig Quellen, dass man nicht nur nicht so genau weiß, wie das Frauenbild der Israeliten zur Zeit des Königs David war oder wie die Kriege zwischen Israel und den Philistern abliefen, sondern dass es schon eine Sensation ist, wenn man eine Inschrift aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. entdeckt, in der die Worte „Haus Davids“ vorkommen, anhand derer man belegen kann, dass König David überhaupt eine historische Person war.

Verantwortlich für diese extrem schlechte Quellenlage (die vielleicht sogar noch schlechter ist als die zur Zeit der Völkerwanderung) ist, abgesehen von den zusätzlichen Jahrhunderten, die seither vergangen sind, ein Ereignis, das leider ausgerechnet in die Anfänge der jüdischen Geschichte fällt, und das der Archäologe Eric H. Cline ganz passend als den „erste[n] Untergang der Zivilisation“ bezeichnet hat.

In der Spätbronzezeit gab es im östlichen Mittelmeerraum einige große, wohlhabende, gut miteinander vernetzte Zivilisationen – Ägypten, die Hethiter in Kleinasien, die Stadtstaaten in Kanaan, die entweder den Ägyptern oder den Hethitern hörig waren, die minoische Kultur auf Kreta, die mykenische auf dem griechischen Festland, usw. Aber eben grob in dem Zeitraum um 1200 v. Chr. (Ende der Bronze- und Anfang der Eisenzeit) brachen diese Zivilisationen teilweise völlig zusammen. Etliche Städte wurden in dieser Zeit zerstört und nicht mehr aufgebaut, die Überlebenden ließen sich vielerorts in kleinen Sippen auf dem Land nieder, der Handel brach zusammen, und in den folgenden Jahrhunderten – den „Dunklen Jahrhunderten“, wie man sie nennt – sah es mit Palästen, Kunstwerken oder auch bloß schriftlichen Aufzeichnungen relativ schlecht aus. (Und daher haben wir eben so wenige Quellen.) Es war wirklich ein Zusammenbruch der Zivilisation, wie er höchstens noch mit dem durch die Völkerwanderung verursachten in Spätantike/Frühmittelalter in Westeuropa verglichen werden kann. Dieser Zusammenbruch hatte wahrscheinlich mehrere Ursachen – es ist belegt, dass sich das Klima veränderte und es Dürreperioden und damit Hungersnöte gab, und außerdem auch eine lange Reihe von Erdbeben. Ein nicht zu unterschätzender Faktor müssen außerdem die „Seevölker“ gewesen sein. Diese Seevölker, zu denen auch die Philister zählen, waren Völker, die (vielleicht wegen Hungersöten) irgendwo aus dem westlichen Mittelmeerraum auswanderten (evtl. aus Sardinien, Sizilien, o. Ä., oder vielleicht auch aus dem ägäischen Raum?), und in den östlichen Mittelmeerraum zogen und dabei offensichtlich auch nicht immer friedlich blieben. Allen, die sich mehr dafür interessieren, würde ich Clines Buch „1177 v. Chr. – Der erste Untergang der Zivilisation“ empfehlen. (1177 ist das Jahr einer Schlacht zwischen Pharao Ramses III. und den Seevölkern, die Cline als Markierungspunkt für diese Epochenwende nimmt. Die ägyptische Kultur überlebte übrigens, im Gegensatz etwa zur minoischen oder hethitischen, aber Ägypten wurde sehr geschwächt und konnte z. B. keine Kontrolle mehr über Kanaan ausüben wie bisher.) Der Exodus der Israeliten müsste (das ist die logischste Chronologie) etwa 1250 v. Chr. stattgefunden haben, und damit fallen die ersten Phasen der Geschichte des jüdischen Volkes eben in genau diese dunklen Jahrhunderte. Das hatte für Israel damals auch gewisse Vorteile – wie gesagt, die Großmächte verloren ihre Macht und damit konnten sich die kleineren Völker wie eben Israeliten, Philister oder Aramäer ihre eigenen Staaten aufbauen. Aber für die Quellenlage ist es eben schade.

Das eigentliche Problem beim AT ist, dass wir in vielen Fällen nicht wissen, wann die alttestamentlichen Bücher selbst geschrieben wurden: noch relativ nahe an den Ereignissen oder erst Jahrhunderte später? Wurden ältere Texte zu einem Text zusammengefügt? Wurden diese Texte dabei verändert? Usw. Diese Fragen versuchen hauptsächlich Exegeten zu beantworten, indem sie den Stil der Texte studieren; aber ich habe das starke Gefühl, solange wir keine Originaltexte aus dem Jahr 500 oder 700 oder 1000 v. Chr. finden, bleiben alle Theorien von Exegeten – und z. B. zur Entstehung der fünf Bücher Mose gibt es wahrscheinlich so viele Theorien wie Exegeten – reine Spekulation ohne viele Grundlagen. Interessante Spekulation, absolut; aber Spekulation.

Beim NT ist das alles nicht so schwer. Wir haben sehr viele antike Manuskripte, und selbst die Spätdatierer unter den Exegeten datieren heutzutage kein einziges unter den neutestamentlichen Büchern später als 120 n. Chr., und erkennen auch an, dass einige der Paulusbriefe auch schon von ungefähr 50 n. Chr. sind. (Früher gab es wildere Spekulationen. Aber z. B. die Idee, das Johannesevangelium stamme aus dem Ende des 2. Jahrhunderts, hatte sich spätestens dann erledigt, als man in Ägypten einen Schnipsel eines Manuskripts des Johannesevangeliums fand, der sich auf 100-125 n. Chr. datieren ließ.) Wir wissen auch aus anderen Quellen, von wann bis wann Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war, haben einige Informationen über Herodes den Großen (den mit dem Kindermord in Bethlehem) und seinen Sohn Herodes Antipas (den, der Johannes den Täufer köpfen ließ), wissen, wie und bei welchen Verbrechen die Römer Kreuzigungen durchzuführen pflegten, und so weiter und so fort. Das ist alles nicht so schwer.

Hier nun im Vergleich dazu die wichtigsten frühen außerbiblischen Schriftquellen zu im AT erwähnten Personen und Ereignissen:

  • Es gibt eine Inschrift von Pharao Merenptah aus dem Jahr 1207 v. Chr., die als „Israelstele“ bekannt ist, weil sich dort die erste bisher bekannte Erwähnung eines Volkes namens Israel findet, das unter anderen im Gebiet von Kanaan lebenden Völkern genannt wird. (Merenptah prahlte mit einem Sieg über diese Völker.)
  • Eine ins 9. Jahrhundert datierte Stele aus Nordisrael enthält, wie erwähnt, die Worte „Haus Davids“.
  • Eine Inschrift von Pharao Scheschonk von 925 v. Chr. passt mit einem Bericht in 1 Könige 14,25 über einen Angriff von Pharao „Schischak“ zusammen.
  • Eine Inschrift des assyrischen Königs Salmanassar III. aus dem Jahr 853 v. Chr. bestätigt die Existenz des israelischen Königs Ahab. Von Salmanassar gibt es auch eine Inschrift von 841 v. Chr., in der König Jehu erwähnt wird.
  • Eine andere Inschrift aus dem 9. Jahrhundert (die Mescha-Stele) erwähnt König Omri.
  • Aus dem 6. oder vielleicht 7. Jahrhundert wurden silberne Amulette mit Segenssprüchen gefunden, die große Ähnlichkeit mit dem Priestersegen in Numeri 6,24-26 haben.

(Merenptah-Stele, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Merenptah-Stele)

Hier erkennt man vielleicht schon ein Muster: Spätere Ereignisse sind wesentlich besser belegt als frühere. Die Belagerung Jerusalems durch Sanherib im Jahr 701 v. Chr. ist durch biblische und durch assyrische Quellen gut belegt und der assyrische Feldzug wurde auch durch Ausgrabungen in Lachisch bestätigt, und z. B. für das Babylonische Exil (586-538) ist die Quellenlage auch ganz gut („gut“ für Ereignisse der altorientalischen Geschichte). An dieser Stelle möchte ich noch eine gute, kurze und allgemeinverständliche Überblicksdarstellung über Biblische Archäologie empfehlen, mit dem passenden Titel „Biblische Archäologie“, und ebenfalls von Eric H. Cline. (Cline ist offensichtlich kein Christ und zeigt sich an einigen Stellen des Buches ziemlich genervt von Hobbyarchäologen, die ausziehen, um das Wrack der Arche Noah zu finden, grenzt sich aber andererseits auch von den „Minimalisten“ der Kopenhagener Schule der 90er Jahre ab, die davon ausgingen, dass „in der Bibel nur eine minimale Menge tatsächlicher historischer Fakten zu finden“ sei; z. B. sei „nicht einer von ihnen praktizierender Feldarchäologe und manchmal schlagen ihre Bemühungen völlig fehl“*. Cline ist, kurz gesagt, deshalb meiner Meinung nach empfehlenswert, weil er relativ neutral schreibt, nichts gegen christliche Forscher hat, solange sie nur ordentlich forschen, und es einfach nicht für sein Ziel hält, die Bibel „zu beweisen oder zu widerlegen“**.) „In keinem Fall“, schreibt Cline, „ist die biblische Darstellung eines Ereignisses aus dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr. bisher von einer außerbiblischen Inschrift komplett widerlegt worden.“*** Man könne auch vermuten, dass die Beschreibungen des Alltagslebens im frühen 1. Jahrtausend, d. h. der Königszeit, „durchaus zutreffen könnten.“

Bei früheren Ereignissen sieht es allerdings wieder schwieriger aus. Wie gesagt: Es ist klar erwiesen, dass im Jahr 1207 v. Chr. bereits ein Volk namens „Israel“ im Gebiet von Kanaan lebte. Aber ansonsten ist vieles über den Exodus, die Wüstenwanderung der Israeliten, die Landnahme und die Richterzeit einfach nicht zu belegen, und über die Patriarchenzeit erst recht nicht. Die Hauptschwierigkeit besteht eben darin, dass man nicht weiß, wann die biblischen Texte über diese Ereignisse geschrieben wurden. Erhielt der Pentateuch seine Endfassung erst in der Perserzeit oder wurde er zum Großteil schon von Moses selbst verfasst? (Um mal die beiden Extrempositionen darzustellen.) Die meisten Exegeten und Archäologen sind sich einig, dass die Erzählungen über Abraham, Moses, Josua usw. erst mündlich überliefert und dann nach und nach aufgeschrieben und zusammengefügt wurden. Der Rest ist, wie gesagt, meiner Meinung nach nichts als Spekulation. Viele Fragen bleiben offen: Wie genau war eine mündliche Überlieferung? Wurde sie immer weitergesponnen oder wortwörtlich tradiert? Letzteres wäre theoretisch durchaus möglich; in der islamischen Welt gibt es Menschen, die den ganzen Koran auswendig können, und auch zur Zeit Jesu lernten jüdische Jungen in der Synagoge das ganze AT auswendig – aber ist so etwas wahrscheinlich, solange der Text noch nicht schriftlich fixiert ist? Und die wichtigste Frage ist natürlich: Wann wurde der Text dann aufgeschrieben und wurde er danach noch verändert?

Einen Grund für die Annahme, dass die frühen historischen Bücher (Pentateuch, Josua, Richter) noch nicht so früh aufgeschrieben wurden, bieten – neben den für viele wichtigeren exegetischen Argumenten – z. B. die Ausgrabungen in Jericho: Die Stadt, die laut Bibel von Josua erobert wurde, war zu seiner Zeit entweder gar nicht oder nur von sehr wenigen Menschen bewohnt. (Das lässt natürlich immer noch die Möglichkeit offen, dass es von wenigen Menschen bewohnt war und die Eroberung dieses kleinen Grenzortes von hauptsächlich symbolischem Wert für die Israeliten war.) Andere archäologische Funde, z. B. in Hazor, das im 13. Jahrhundert v. Chr. nachweislich niedergebrannt wurde, passen ins Bild, das die Bibel bietet, aber hier ist natürlich auch nicht erwiesen, dass die Israeliten es waren, die die Stadt niederbrannten.

Beim Exodus und allem, was davor geschah, ist wahrscheinlich außerdem das Problem, dass es schwer belegt – oder auch widerlegt – werden kann. „Andererseits: Welche Artefakte soll man schon noch finden können, von einem Volk, das 40 Jahre lang in der Wüste campierte, und das vor mehr als 3000 Jahren? Falls sie tatsächlich umherzogen und keine festen Gebäude besaßen, benutzten sie sicherlich Zelte mit Pfosten, für die sie Löcher gruben, genau wie die heutigen Beduinen. Folglich werden Archäologen, die nach sichtbaren Belegen für den Exodus suchen, wahrscheinlich keine Überreste dauerhafter Strukturen finden, und die Löcher für Zeltpfosten sind natürlich längst verschwunden.“***** Man muss auch nicht erwarten, ägyptische Quellen über den Exodus zu finden; erstens ist die Quellensituation zu allen Ereignissen von vor 3200 Jahren eh eher suboptimal, wie schon gesagt, und zweitens war Geschichtsschreibung damals weder in Ägypten noch sonst wo etwas Objektives, Neutrales, das vollkommen unpolitische, unabhängige Gelehrte erledigt hätten – nicht, dass sie das heute wäre, aber damals wohl noch weniger. Man braucht nicht unbedingt zu erwarten, dass ägyptische Chroniken die Flucht von einer Menge von Sklaven aufgezeichnet hätten. Bei den Patriarchen macht es noch weniger Sinn, zu erwarten, archäologische Beweise für ihr Leben zu finden. Abraham war das Oberhaupt einer kleinen nomadischen Sippe, die mit ihren Zelten und Viehherden im Alten Orient umherzog, und zwar vor etwa 3700 oder 3800 Jahren. Welche Spuren sollte man davon jetzt noch finden können?

Ein paar verwertbare Anhaltspunkte gibt es allerdings auch für diese Zeit. Es gibt mehrere Städte im Zweistromland, die den Namen „Ur“ tragen und damit evtl. das „Ur in Chaldäa“ sein könnten, aus dem Abraham ausgewandert sein soll. Aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. ist in Ägypten das Grab eines Mannes mit dem semitischen Namen Aper-El entdeckt worden, der unter zwei Pharaonen Wesir war; wir wissen also, dass es, wie es von Joseph berichtet wird, zumindest möglich war, dass Ausländer einen hohen Rang am Hof der Pharaonen einnehmen konnten. „Mose“ ist ein ägyptischer Name (vgl. z. B. „Thutmose“), und es gibt aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. ägyptische Darstellungen von semitischen und nubischen Zwangsarbeitern, die unter Aufsicht Bau- oder Feldarbeiten verrichten, und es sind auch Fälle belegt, in denen solche Arbeiter ein bestimmtes Soll an Ziegeln zu liefern hatten, wie in Exodus 5 beschrieben. „Während einige Archäologen meinen, dass die Einzelheiten der Patriarchengeschichten mit ihren Wanderungen gut in die Lebensbedingungen, Sitten und Gebräuche des frühen 2. Jahrtausends v. Chr. passen, argumentieren andere, dass die Geschichten und ihre Hauptpersonen ebensogut erst Jahrhunderte später, im 1. Jahrtausend v. Chr., erfunden worden sein könnten.“****** Wie gesagt: Vieles wissen wir nicht.

Tissot The Exodus.jpg

(James Tissot, The Exodus)

Ein damit verbundenes Problem ist natürlich, dass wir nicht genau wissen, wie historisch manche Geschichten überhaupt gemeint waren: Eben Jericho zum Beispiel. Oder, um ein Beispiel aus einer anderen Kultur zu nehmen: Romulus und Remus. Erzählten die antiken Menschen diese Geschichten wie Geschichten, von denen man weiß bzw. annimmt, dass sie wahr sind, z. B. wie die Geschichte von Hitlers Angriff auf Polen oder der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus? Oder wie Anekdoten, von denen man weiß, dass sie gut in die historischen Ereignisse passen, aber vielleicht nicht so ganz in ihren Einzelheiten stimmen, wie die von dem Apfel, der Newton auf den Kopf fiel, oder von Luthers Thesenanschlag? Oder wie Gründungsmythen, von denen man weiß, dass sie nur Mythen und nichts als Mythen sind, wenn auch schöne Mythen, die man bewusst weitergibt, wie die von Kaiser Friedrich, der im Kyffhäuser schlafen soll?

Ich denke, es ist relativ offensichtlich, dass die Israeliten diese Erzählungen nicht als bloße Mythen sahen. Der Exodus war eine unglaublich prägende geschichtliche Tatsache für die Geschichte ihres Volkes; er begründete ihre ganze Identität als Jahwes auserwähltes Volk, von ihm in das Gelobte Land geführt, wo sie eigentlich Fremdlinge waren, ihr Bewusstsein, „aus dem Sklavenhaus“ befreit worden zu sein, sich von den anderen Völkern im Land zu unterscheiden usw. Auch die Patriarchen wurden nicht als mythische Figuren betrachtet – auch von Jesus übrigens nicht. Zu den Sadduzäern, die nicht an die Auferstehung der Toten glaubten, hat Er nämlich gesagt: „Habt ihr im übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten mit den Worten gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden.“ (Mt 22,31f.) D. h., Er geht ganz selbstverständlich davon aus, dass Abraham, Isaak und Jakob konkrete Personen sind, die leben. Aber man könnte durchaus argumentieren, dass einige Erzählungen im Lauf der Zeit ausgeschmückt und ausgedeutet wurden, z. B. eben die Landnahmeerzählungen in Bezug auf Jericho. Das stellt nicht gleich den Charakter dieser Bücher als Geschichtsschreibung in Frage. Die Aussageabsicht der Autoren – s. Teil 2 – muss nicht zwangsläufig gewesen sein „Jede der handelnden Personen hat genau diese Worte gesprochen und ganz genau in allen Einzelheiten das getan, was hier aufgeschrieben ist, dessen bin ich mir vollkommen sicher“. Die Geschichtsschreiber können durchaus anekdotenhafte Erzählungen weitergegeben haben, wie wir das auch noch tun. Vielleicht mal als interessanten Einblick in die Maßstäbe vormoderner Geschichtsschreibung ein Ausschnitt aus Jane Austens Roman „Northanger Abbey“, aus einer Unterhaltung zwischen der Hauptfigur Catherine Morland und ihrer Bekannten Miss Tilney, die eben erzählt hat, dass sie Geschichtsbücher sehr mag:

„Ich wollte, ich tät es auch. Ich hab ein bisschen gelesen, weil ich musste, aber es sagt mir nichts, was mich nicht entweder ärgert oder langweilt. Die Streitigkeiten von Päpsten und Königen, und auf jeder Seite Krieg oder Pest; die Männer taugen alle nichts, und Frauen kommen fast überhaupt nicht vor – das ist sehr ermüdend, und ich denke oft, es ist sonderbar, dass das alles tatsächlich so öde ist, denn ein großer Teil davon muss doch erdichtet sein. All die Reden, die den Helden in den Mund gelegt werden, ihre Gedanken und Pläne: das meiste davon muss doch erdichtet sein, und das Erdichtete ist’s, was mich an andern Büchern entzückt.“

 „Sie meinen“, sagte Miss Tilney, „dass die Historiker bei ihren Phantasieflügen nicht glücklich sind. Sie entfalten Einbildungskraft, ohne Teilnahme zu erregen. Ich liebe die Geschichtsschreibung und lasse mir ganz zufrieden Erfundenes und Wahres zusammen auftischen. Für die Haupttatsachen hat sie ihre Quellen in älteren Geschichtswerken und Berichten, auf die man sich vermutlich genauso weit verlassen kann wie auf alles, das man nicht wirklich mit eigenen Augen sieht. Und was die kleinen Verzierungen betrifft, von denen Sie sprechen, das sind eben Verzierungen, und als solche mag ich sie. Wenn eine Rede gut ist, dann lese ich sie mit Vergnügen, ganz gleich, wer sie verfasst hat, und wahrscheinlich bietet sie mir mehr, wenn sie das Werk von Mr. Hume oder Mr. Robertson ist, als wenn sich’s um echte Worte von Caractacus, Agricola oder Alfred dem Großen handelte.“

Mancherorts wird man den Autoren der Bibel vielleicht größere Genauigkeit unterstellen wollen – z. B. bei der Widergabe der Worte Jesu. (Vor allem, wenn man von der Zwei-Quellen-Theorie ausgeht. Matthäus und Lukas enthalten etliche Abschnitte aus dem Markusevangelium fast wortgleich, höchstens ein bisschen sprachlich geglättet (Markus ist also Quelle Nummer 1), und außerdem gibt es noch Abschnitte, die in Markus fehlen, in Matthäus und Lukas aber ebenfalls fast wortgleich enthalten sind. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Aussprüche Jesu, und die Zwei-Quellen-Theorie geht nun davon aus, dass sie von den beiden Evangelisten aus einer heute verlorenen zweiten Quelle, die einfach mal Q getauft wird, übernommen wurden, und die vielleicht eine Spruchsammlung war. In einer Spruchsammlung würde man natürlich noch mehr auf genaue Widergabe der Worte einer bestimmten Person achten als bei einer Biographie. Nehme ich mal einfach an.) Aber jedenfalls, es ist durchaus möglich, davon auszugehen, dass manche Geschichten in der Bibel eher ausgeschmückte Anekdoten sind. Man muss aber auch nicht davon ausgehen. Solange man nicht nachweisen kann, wie genau die Geschichte mit Jakob und seinem Bruder Esau abgelaufen ist, kann man sie auch einfach mal so stehen lassen, wie sie dasteht. Meiner Meinung nach ist es übrigens auch ganz interessant, dass einige Dinge, die man vor hundert oder hundertfünfzig Jahren noch im Reich der Legenden verortet hätte, inzwischen wieder als zumindest in ihrem Kern historisch gelten – der Trojanische Krieg, die Existenz Homers, manche Erzählungen über die römische Königszeit, v. a. über die letzten drei Könige (die Etruskerkönige).

Bei der Frage „Ist das historisch?“ muss man im Allgemeinen auf mehrere Dinge aufpassen:

  • Es ist Unsinn, biblische Erzählungen nur dann als historisch anzunehmen, wenn sie auch von anderen Quellen bestätigt werden. Es gibt viele Ereignisse in der Antike, über die wir nur eine Quelle haben. Würden wir Cäsars „Gallischen Krieg“ als Quelle ablehnen, weil es keine gallischen Quellen zum selben Krieg gibt, die die andere Seite zu Wort kommen lassen? Also: Regel Nummer 7: Es macht nichts, wenn die Bibel die einzige Quelle zu einem Ereignis ist.
  • Es ist ebenfalls Unsinn, außerbiblische Quellen grundsätzlich als höherwertig zu bewerten – als ob es darunter keine Propaganda oder Fehlinformationen gäbe.
  • Es gibt auch noch andere blödsinnige Argumente gegen die Historizität bestimmter Bibelstellen; zum Beispiel die Behauptung, die Geschichte von der Aussetzung Moses’ am Nil und seiner Auffindung durch die Tochter des Pharao sei nur von der ähnlichen Geschichte über den akkadischen Sagenheld Sargon abgekupfert worden. Das ist Blödsinn aus zwei Gründen: Erstens einmal gibt es aus früheren Zeiten vielleicht einfach deshalb mehrere Geschichten über ausgesetzte Kinder, weil es damals öfter einmal vorkam, dass Kinder ausgesetzt wurden. Diese Behauptung liest sich beinahe so, als wollte man allen modernen Romanen über Menschen, die an Krebs erkranken, unterstellen, von einem ursprünglichen Roman abgeschrieben worden zu sein. Zweitens haben die Geschichten nicht einmal besonders große Ähnlichkeit. Moses wurde am Flussufer ausgesetzt, damit er nicht von den Soldaten des Pharao getötet wurde, und seine Schwester blieb in der Nähe stehen, um zu sehen, ob ihn jemand fände. Sargon dagegen wurde von seiner Mutter, die eine Priesterin war, die eigentlich jungfräulich bleiben sollte (wie die römischen Vestalinnen) und ihr Kind offensichtlich loswerden wollte, damit nicht bekannt wurde, dass sie wohl keine Jungfrau mehr war, in einem Körbchen in den Fluss gesetzt, wo er vermutlich ertrunken wäre, wenn ihn nicht ein Wasserträger namens Akki herausgezogen hätte. Aber selbst wenn es größere Ähnlichkeiten gäbe: Von Ähnlichkeiten zwischen zwei Geschichten auf gegenseitige Abhängigkeit zu schließen, ist einfach ein logischer Fehlschluss. Regel Nummer 8: Argumente gegen die Historizität bestimmter Stellen erst einmal genau prüfen.
  • Regel Nummer 9: Unterschiedliche Beschreibungen eines historischen Ereignisses sind nicht dasselbe wie widersprüchliche Beschreibungen. Ein einfaches Beispiel: Lukas erwähnt in seiner Weihnachtsgeschichte die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland dagegen nicht, Matthäus erwähnt die Weisen aus dem Morgenland, aber nicht die Hirten. Lukas schreibt mehr aus Marias Perspektive, Matthäus aus Josefs. Ein unterschiedlicher Fokus; kein Widerspruch. Das hat man auch, wenn man zwei verschiedene Personen fragt, wie das Festival am Wochenende war, das sie gemeinsam besucht haben.
  • Für die moralische oder philosophische Interpretation einer Geschichte ist es übrigens nicht immer wichtig, zu wissen, ob es sich um einen historischen Text oder eine Beispielerzählung handelt. Das Buch Jona übermittelt dieselbe Botschaft, egal, wie man es in dieser Hinsicht deutet. In manchen Fällen ist die Sache vielleicht ein bisschen komplizierter – ich werde noch darauf zurückkommen –, aber meistens brauchen wir für den Hausgebrauch der biblischen Lehren nicht so genau zu wissen, ob Abraham das und das genau so gesagt hat oder ob die dynastischen Angaben im Buch Judith stimmen.
  • Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt. Regel Nummer 10: „Bildlich“ und „historisch“ schließen einander auch nicht aus. Auch geschichtliche Ereignisse können eine tiefere Bedeutung haben – wir kennen nicht ohne Grund den Begriff „Heilsgeschichte“. Was Gott in der Geschichte wirkt, hat immer eine tiefere Bedeutung, als man auf den ersten Blick sehen kann. Die Kirchenväter haben sehr viele Geschichten im AT als Vorausdeutungen auf Christus gesehen.

So, das war jetzt mal das Wichtigste zur Historizität der Bibel; ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Im nächsten Beitrag werde ich auf einen Sonderfall dazu, nämlich die ersten elf Kapitel des Buches Genesis, eingehen.

* Eric H. Cline, Biblische Archäologie, S. 74.

** Ebd., S. 9.

*** Ebd., S. 107.

**** Ebd., S. 99.

***** Eric H. Cline, 1177 v. Chr. – Der erste Untergang der Zivilisation, S. 140f.

****** Eric H. Cline, Biblische Archäologie, S. 91f.

 

Teil 4: Schöpfung, Urknall, Evolution, Sündenfall usw. – zur Bedeutung von Genesis 1-11

Ich habe mir im letzten Beitrag, zur Frage nach der Historizität der Bibel, die Frage nach den ersten 11 Kapiteln des Buches Genesis für einen eigenen Beitrag aufgehoben; die sind ein Sonderfall innerhalb der historischen Bücher der Bibel, sowohl schon in ihrem ganzen Stil als auch in ihrem Inhalt. Abraham und Mose kann man relativ genau in einen historischen Kontext einordnen; in ihren Geschichten werden Länder, Städte und Herrscher erwähnt, die man zuordnen kann, man kann abschätzen, wann sie ungefähr gelebt haben, und bei David, Ahab oder Judas dem Makkabäer ist es natürlich noch mal viel einfacher. Bei der Schöpfungsgeschichte, dem Sündenfall oder der Sintflut schaut es dagegen ein bisschen anders aus, und die Frage, ob und inwiefern diese Geschichten denn „wörtlich“ verstanden werden müssen / sollen, ist eine altbekannte und häufig angesprochene.

Und ja, ich weiß, dass die Frage „Sind die katholische Religion und die Wissenschaft vereinbar?“ eigentlich schon so oft beantwortet wurde, dass mittlerweile eigentlich schon jeder die Antwort kennen sollte, auch wenn man manchmal den Eindruck hat, dass manche Leute ihr Allermöglichstes tun, um diese Antwort nicht mitzukriegen, zum Beispiel Journalisten, die es ernsthaft als eine Neuigkeit bringen, wenn Papst Franziskus mal erwähnt, dass Religion und Wissenschaft vereinbar seien oder irgendetwas in der Art (eine passende Überschrift für einen solchen Bericht wäre vielleicht: PAPST SAGT DASSELBE, WAS SEINE VORGÄNGER AUCH SCHON HUNDERTMAL GESAGT HABEN; aber hierzu hat Eye of the Tiber damals schon den passenden Kommentar geliefert: http://www.eyeofthetiber.com/2014/10/28/pope-francis-says-forces-of-gravity-and-electromagnetism-are-real/), aber ich will sie doch der Vollständigkeit halber auch noch mal beantworten; schließlich kann es ja trotz allem sein, dass gelegentlich Menschen hier mitlesen, die in so heidnischen Gefilden wie, sagen wir mal, der Mongolei oder Ostdeutschland aufgewachsen sind und alle ihre Informationen über das Christentum aus der Tageszeitung beziehen und sich daher mit den Aussagen der katholischen Kirche völlig schuldlos gar nicht auskennen können. Aber in diesem Beitrag soll es nicht nur um die Sieben-Tage-Geschichte aus Genesis 1, sondern auch noch um die historische Wirklichkeit von Adam und Eva und dem Sündenfall gehen, ein Thema, über das nicht so oft geredet wird wie über ersteres, und das für viele Christen unklar ist, und eben auch noch um die restlichen Geschichten aus diesen ersten paar Kapiteln, mit Kain und Abel, der Sintflut, dem Turmbau zu Babel, und so weiter. Zu den eigentlich interessanten Stellen, wegen denen ich diese Reihe angefangen habe (sprich, den ganzen brutalen Geschichten im Alten Testament) werde ich dann aber bald auch noch endlich kommen, sobald ich mit dem ganzen grundsätzlichen Vorgeplänkel fertig bin.

Ich denke, ein schöner Anfang für diesen Beitrag wäre vielleicht ein Zitat von einem berühmten katholischen Theologen und Bischof. Die Übersetzung hier ist ein bisschen holprig, aber na ja:

„Oft genug kommt es vor, dass auch ein Nichtchrist ein ganz sicheres Wissen durch Vernunft und Erfahrung erworben hat, mit dem er etwas über die Erde und den Himmel, über Lauf und Umlauf, Größe und Abstand der Gestirne, über bestimmte Sonnen- und Mondfinsternisse, über die Umläufe der Jahre und Zeiten, über die Naturen der Lebewesen, Sträucher, Steine und dergleichen zu sagen hat. Nichts ist nun peinlicher, gefährlicher und am schärfsten zu verwerfen, als wenn ein Christ mit Berufung auf die christlichen Schriften zu einem Ungläubigen über diese Dinge Behauptungen aufstellt, die falsch sind und, wie man sagt, den Himmel auf den Kopf stellen, so dass der andre kaum sein Lachen zurückhalten kann. Dass ein solcher Ignorant Spott erntet, ist nicht das Schlimmste, sondern dass von Draußenstehenden geglaubt wird, unsere Autoren hätten so etwas gedacht. Gerade sie, um deren Heil wir uns mühen, tragen den größten Schaden, wenn sie unsere Gottesmänner daraufhin als Ungelehrte verachten und zurückweisen. Denn wenn sie einen von uns Christen auf einem Gebiet, das sie genau kennen, bei einem Irrtum ertappen und merken, wie er seinen Unsinn mit unseren Büchern belegen will, wie sollen sie dann jemals diesen Büchern die Auferstehung der Toten, die Hoffnung auf das ewige Leben und das Himmelreich glauben, da sie das für falsch halten müssen, was diese Bücher geschrieben haben über Dinge, die sie selbst erfahren haben und als unzweifelhaft erkennen konnten? Es ist unbeschreiblich, wie viel Verdruss und Kummer einsichtigen Brüdern durch solche unbesonnenen Eiferer bereitet wird, die von Leuten, die nicht durch die Autorität unserer Bücher gestützt werden, in ihren verkehrten und falschen Ansichten verächtlich zurückgewiesen werden und dann beginnen, das zu verteidigen, was sie in ihrer leichtsinnigsten Verwegenheit offensichtlich falsch gesagt haben. Und dann wagen sie es auch noch, um sich zu beweisen, unsere heiligen Bücher anzuführen oder aus dem Gedächtnis alles mögliche daraus vorzubringen, von dem sie meinen, es nützte ihnen als Bestätigung, und verstehen doch weder, was sie sagen, noch die Dinge, die sie behaupten.“

Dieses Zitat stammt aus dem Buch „Über den Wortlaut der Genesis“ (Erstes Buch, Kapitel 39), verfasst vom heiligen Augustinus von Hippo (354-430 n. Chr.) Hier nachzulesen: http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00046071_00081.html

(Augustinus von Hippo, Darstellung aus dem 6. Jahrhundert)

Hier jetzt also mal ein paar allgemeine Fakten zum Thema Katholische Kirche & Naturwissenschaft, bevor es an die genauere Interpretation von Genesis 1-11 geht. Normalerweise geht die Darstellung ja immer dahin, dass die Menschen in den schlechten alten Zeiten naiv den Erzählungen der Bibel vertraut hätten, bis sich dann die glorreiche Wissenschaft gegen die diktatorische Kirche – Feindin jeder Art von Fortschritt – durchgesetzt und den Menschen über die Wahrheit aufgeklärt hätte, womit der Glaube endgültig seine Berechtigung verloren hätte. Oder so. Bei einem so falschen Bild weiß man gar nicht, wo man anfangen soll – vielleicht damit, den Kopf gegen die Tischplatte zu schlagen. Dann könnte man erwähnen, dass die moderne Wissenschaft ihren Ursprung im Mittelalter hat, dass es die Kirche war, die mit ihren Universitäten die Wissenschaft förderte (kein Mensch hätte im 14. oder 15. oder 16. oder 17. Jahrhundert daran gedacht, einen Gegensatz zwischen Religion und Wissenschaft zu postulieren!), und dass in diesen früheren Zeiten etliche Wissenschaftler gleichzeitig Kleriker waren – zum Beispiel der Domherr und Astronom Nikolaus Kopernikus (1473-1543), der als erster die Theorie eines heliozentrischen Weltbildes aufstellte, der Jesuit, Mathematiker und Astronom Christophorus Clavius (1538-1612), der hauptverantwortlich für die Kalenderreform von Papst Gregor XIII. war (daher „Gregorianischer Kalender“), der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher (1602-1680), der am Collegium Romanum lehrte und das Blut von Pestkranken unter dem Mikroskop untersuchte, der Augustinerabt Gregor Mendel (1822-1884), der die Wissenschaft der Genetik begründete, oder der Priester und Astrophysiker Georges Lemaître (1894-1966), der die Urknalltheorie aufstellte – ja, die Urknalltheorie wurde von einem katholischen Priester aufgestellt, und Papst Pius XII. war damals ganz begeistert davon, weil diese Theorie – im Unterschied zur damals noch unter Astrophysikern vorherrschenden Steady-State-Theorie – eindeutig einen zeitlichen Anfang des Universums belegte. (Auch die Steady-State-Theorie wäre natürlich mit dem katholischen Glauben vereinbar, denn Gott könnte ja das Universum genauso gut irgendwann einmal in einem Zustand erschaffen haben, in dem es dann unverändert weiterexistiert, aber dass ein zeitlicher Anfang des Universums belegt werden kann, ist natürlich für uns schon ganz schön.)

(Georges Lemaître)

Es ist jedenfalls im Katholizismus ganz normal, die Beschreibungen des Schöpfungsberichts nicht vollkommen wörtlich, sondern im übertragenen Sinne zu verstehen; das war unter Kirchenvätern wie eben Augustinus oder z. B. auch Origenes auch schon üblich. (Sie mussten die Bibel zum Beispiel gegen den Einwand verteidigen, dass Sonne und Mond, nach denen wir Tage messen, nach dem Bericht der Bibel erst am vierten Tag erschaffen wurden. Augustinus jedenfalls ging davon aus, dass die Welt auf einmal erschaffen wurde und die Unterteilung in Tage dazu da sei, verschiedene Aspekte der Schöpfung thematisch zusammenzustellen; er interpretiert auch die ganzen Zahlen symbolisch (z. B. ist die 6 ja die kleinste vollkommene Zahl – und Zahlensymbolik war in der Antike sehr beliebt).)

Was jetzt Darwins Evolutionstheorie angeht: Die war tatsächlich, als sie aufkam, unter Christen erst einmal eher schief angesehen – vor allem wegen der verschiedenen Philosophien, die sich auf ihr begründeten: Die Ansicht, dass der Mensch nur ein höher entwickeltes Tier sei, natürlich, und der Glaube, alles sei im Fluss und die Welt sei den blinden Gesetzen des Zufalls unterworfen, der blinde Fortschrittsglaube, die ganze Welt entwickle sich notwendig aus sich selbst heraus vom Schlechteren zum Besseren, und der für das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert so typische rassistische Sozialdarwinismus – in dieser Zeit kam ja auch die Hypothese des Polygenismus zeitweise auf, d. h. die Hypothese, die verschiedenen menschlichen – in Ermangelung eines besseren Begriffs benutze ich dieses Wort jetzt einfach mal – Rassen hätten sich an verschiedenen Orten unabhängig voneinander aus verschiedenen Populationen von Menschenaffen entwickelt, anstatt dass sie von gemeinsamen Stammeltern abstammten. Es gab auch damals schon Katholiken, die die wissenschaftliche Theorie der Evolution annahmen oder jedenfalls nicht für unannehmbar hielten – z. B. den sel. John Henry Kardinal Newman (1801-1890) –, aber allgemein war man da anfangs eher skeptisch, wenn auch nicht durchgängig ablehnend. Eine lehramtliche Äußerung dazu findet sich dann bei Pius XII., in der Enzyklika Humani Generis aus dem Jahr 1950 (hier findet sich der ganze Text inklusive Fußnoten: http://www.stjosef.at/dokumente/humani_generis.htm ; Hervorhebungen im Text von mir; es gab auch schon frühere Äußerung der Bibelkommission, etwa von 1909, aber die haben ja keine solche Autorität wie eine Enzyklika):

36. Aus diesem Grund verbietet das Lehramt der Kirche nicht, dass in Übereinstimmung mit dem augenblicklichen Stand der menschlichen Wissenschaften und der Theologie die Entwicklungslehre Gegenstand der Untersuchungen und Besprechungen der Fachleute beider Gebiete sei, insoweit sie Forschungen anstellt über den Ursprung des menschlichen Körpers aus einer bereits bestehenden, lebenden Materie, während der katholische Glaube uns verpflichtet, daran festzuhalten, dass die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen sind. Es sollen diese Verhandlungen in der Weise geschehen, dass die Gründe für beide Ansichten, also dieser, die der Entwicklungslehre zustimmt, wie jener, die ihr entgegensteht, mit nötigen Ernst abgewogen und beurteilt, vorausgesetzt, dass alle bereit sind, das Urteil der Kirche anzunehmen, der Christus das Amt anvertraut hat, die Heilige Schrift authentisch zu erklären und die Grundsätze des Glaubens zu schützen. Einige überschreiten nun verwegen diese Freiheit der Meinungsäußerung, da sie so tun, als sei der Ursprung des menschlichen Körpers aus einer bereits bestehenden und lebenden Materie durch bis jetzt gefundene Hinweise und durch Schlussfolgerungen aus diesen bereits mit vollständiger Sicherheit bewiesen; ebenso tun sie, als ob aus den Quellen der Offenbarung kein Grund vorliege, der auf diesem Gebiet nicht die allergrößte Mäßigung und Vorsicht geböte.

37. Wenn es sich aber um eine andere Hypothese handelt, den so genannten Polygenismus, lässt die Kirche nicht die gleiche Freiheit. Darum können Gläubige sich nicht der Meinung anschließen, nach der es entweder nach Adam hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben habe, die nicht von ihm, als dem Stammvater aller auf natürliche Weise abstammen, oder dass Adam eine Menge von Stammvätern bezeichne, weil auf keine Weise klar wird, wie diese Ansicht in Übereinstimmung gebracht werden kann mit dem, was die Quellen der Offenbarung und die Akten des kirchlichen Lehramts über die Erbsünde sagen; diese geht hervor aus der wirklich begangenen Sünde Adams, die durch die Geburt auf alle überging und jedem einzelnen zu eigen ist.

38. Wie in den biologischen und anthropologischen Wissenschaften, so missachten auch in der Geschichte einige kühn die von der Kirche vorsichtig gezogenen Grenzen. In besonderer Weise gibt ein System Anlass zur Trauer, das die geschichtlichen Bücher des Alten Testamentes mit allzu großer Freiheit erklärt. Um ihre Gründe zu verteidigen berufen sich die Vertreter dieses Systems auf ein Schreiben, das vor nicht langer Zeit von der Päpstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von Paris gerichtet wurde. Es weist ausdrücklich darauf hin, dass die ersten elf Kapitel des Buches der Schöpfung doch in einem wahren Sinn, der von den Exegeten noch weiter zu erforschen und zu erklären ist, geschichtlich sind, wenn sie auch eigentlich nicht der Methode der Geschichtsschreibung entsprechen, die von den besten griechischen und lateinischen Autoren, auch von den Fachleuten unserer Zeit, angewandt wurde. Die gleichen Kapitel, so heißt es weiter, berichten in ihrer einfachen und bildhaften, der Denkart eines wenig gebildeten Volkes angepassten Sprache die Hauptwahrheiten, die für unser Heil von grundlegender Bedeutung sind; zugleich geben sie aber auch einen volkstümlichen Bericht vom Ursprung des Menschengeschlechtes und des auserwählten Volkes.

39. Wenn auch die alten Verfasser der Heiligen Bücher einiges aus den volkstümlichen Erzählungen nahmen – was ruhig zugegeben werden kann –, so darf man doch nie vergessen, dass sie es unter dem Beistand göttlicher Eingebung taten, der sie bei der Wahl und der Wertung dieser Dokumente vor allem Irrtum bewahrte. Es können auch die der Heiligen Schrift eingefügten volkstümlichen Erzählungen in keiner Weise mit Mythologien oder dergleichen auf die gleiche Stufe gestellt werden, da diese mehr Frucht einer ausschweifenden Einbildungskraft sind als des Strebens nach Wahrheit und Einfachheit, das in den Büchern des Alten Testamentes sosehr hervorleuchtet; darum muss auch von seinen Verfassern gesagt werden, dass sie alle Profanschriftsteller deutlich übertreffen.

Die Evolutionslehre, die Pius XII. hier vorsichtig zu untersuchen erlaubt, ist inzwischen wohl so gut belegt, dass man von einer bewiesenen Theorie sprechen kann (jedenfalls würde ich das nach meinen Kenntnissen aus dem Biounterricht mal einfach behaupten), während die Lehre, die er hier klar untersagt, nämlich der Polygenismus, inzwischen ziemlich klar widerlegt ist. Folglich nehmen auch die allermeisten Katholiken die Evolutionstheorie an, auch wenn man als Katholik, wenn man unbedingt will, theoretisch auch Kurz-Zeit-Kreationist sein darf (da die Kirche sich nicht dazu äußert, welche von verschiedenen mit dem Glauben vereinbaren wissenschaftlichen Theorien richtig ist, das ist nicht ihre Aufgabe). In der Praxis jedenfalls schaut man unter Katholiken in aller Regel belustigt bis genervt auf Evangelikale, die unbedingt belegen wollen, dass die Dinosaurier nicht vor 65 Millionen Jahren bei einem Meteoriteneinschlag, sondern vor ein paar tausend Jahren bei der Sintflut ausgestorben sind, und uns Christen damit alle irgendwie bescheuert aussehen lassen. Wir Katholiken glauben nämlich nicht an einen Gott, der zuerst das Universum so einrichtet, dass es Milliarden Jahre alt aussieht und uns dann zu glauben befiehlt, es sei nur ein paar tausend Jahre alt. Da halten wir mehr von Gott.

Fassen wir die Aussagen der Enzyklika mal genauer zusammen: Also, Genesis 1-11 beschreibt durchaus grundsätzlich geschichtliche Vorgänge, aber doch in einer bildlichen Ausdrucksweise. Möglicherweise nahmen die biblischen Erzählungen auch bestimmte volkstümliche Erzählungen auf (bei der Frage nach der Sintflut komme ich darauf zurück), aber sie sind auch nicht einfach gleichzusetzen mit Mythen.

Fangen wir mal dabei an, was die Schöpfungserzählung (Genesis 1) jetzt eigentlich aussagt – ich bitte, sie erst einmal noch einmal genau nachzulesen: https://www.bibleserver.com/text/EU/1.Mose1.

  1. Gott hat alles erschaffen, und zwar aus dem Nichts. („Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“) Das klingt banal, ist aber ein großer Unterschied zu heidnischen Schöpfungserzählungen, die eigentlich nur erzählen, wie etwas in einer bereits entstehenden Welt von irgendwelchen Göttern neu geformt wird, wie ein Gefäß aus Ton. Erschaffung aus dem Nichts ist etwas ganz Anderes. An späteren Stellen sieht man zwar auch, dass auch der Gott der Bibel aus zuerst erschaffenen Dingen anderes hervorgehen lässt (s. z. B. den Ausdruck „Das Land bringe hervor“ oder die Erschaffung des Menschen aus dem Erdboden im zweiten Schöpfungsbericht in Genesis 2), aber zuerst einmal erschafft er die Welt an sich aus dem Nichts. Gott ist ein allmächtiger Gott (und zwar einer, nicht durch andere Götter beschränkt), der spricht, und es geschieht.
  2. Unterschiede zu den heidnischen Schöpfungserzählungen sieht man auch an anderen Stellen: Sonne, Mond und Sterne sind keine Götter, sondern nichts weiter als Lichter, die der eine Gott gemacht hat – ein typisches Beispiel biblischer Entmythologisierung. Die Menschen werden nicht zu irgendeinem Zweck erschaffen (zum Beispiel, um die Götter mit ihren Opfern zu ernähren), sondern einfach, um zu sein. Gott schafft sie als „sein Abbild“ (Genesis 1,27) und übergibt ihnen die Erde. Er liebt sie, kurz gesagt.
  3. Was Gott erschafft, ist gut. Immer wieder wird wiederholt: „Gott sah, dass es gut war.“ Die Natur ist nicht selbst Gott, aber sie ist gut. Sie ist nicht schlecht, und keine bloße Illusion (wie der Hinduismus oder der Buddhismus meinen).
  4. Gott erschafft, indem er Dinge scheidet – Wasser und Land, Tag und Nacht – und ordnet. Die ganze Schöpfung ist geordnet, die verschiedenen unterschiedenen Dinge haben alle ihren Platz. Vielfalt ist gut; es muss nicht alles in einer Einheit aufgelöst werden. Der zuerst geschaffene Anfangszustand wird als Chaos (wörtlich im Hebräischen: Tohuwabohu) und Leere beschrieben. Gott ordnet dann das Chaos und „füllt leere Welten mit guten Geschöpfen“, um es mit C. S. Lewis’ Worten in „Perelandra“ auszudrücken.

Man könnte noch mehr in der Schöpfungsgeschichte lesen, wenn man will; tatsächlich könnten wir sie heute in einer Hinsicht wörtlicher interpretieren als noch zu Augustinus’ Zeiten. Zum Beispiel schafft Gott in Genesis 1 die Pflanzen vor den verschiedenen Tierarten, und die Tiere vor den Menschen, so wie es auch tatsächlich abgelaufen ist; man sieht hier auch eine Rangfolge der Geschöpfe, die alle ihren Platz haben. Wenn man dann noch den Vers „Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind“ (2 Petrus 3,8) mit bedenken würde, schiene die ganze Sache für die Diskussion mit den fundamentalistischen Evangelen sogar schon irgendwie ganz einfach auszusehen. Wieso sollte Gott für seine Schöpfung – in der ein Tag tausend Jahre (oder sehr viel mehr) sein können – nicht die natürliche Evolution benutzen? Stehen doch, wie gesagt, in Genesis 1 auch solche Ausdrücke wie „Das Land bringe hervor“ oder „Das Land lasse wachsen“ und das Verb für direktes Erschaffen (bara’) kommt nur drei Mal vor (in den Versen 1, 21 und 27). Eine Schwierigkeit allerdings, wenn man Genesis 1 als ziemlich wörtlichen, nur zeitlich ein bisschen gestrafften Bericht lesen will, liegt dann aber natürlich darin, dass z. B. die Erschaffung der Himmelskörper nach der Erschaffung der Pflanzen kommt und der Himmel als „Gewölbe“ beschrieben wird. Aber wusste der Autor von Genesis 1 dennoch schon durch eine besondere Offenbarung, dass die Schöpfung in Etappen geschah und vom Niederen zum Höheren fortschritt? Kann man annehmen, wenn man will, muss man aber nicht; ich denke, die Ordnung in Tage soll einfach die Ordnung und Rangfolge in der Schöpfung zeigen. Bleiben wir einfach da dabei. In den ersten drei Tagen werden die verschiedenen Lebensräume (Himmel und Erde / Wasser und Land / die Vegetation) erschaffen, und in den nächsten drei werden sie sozusagen gefüllt (der Himmel mit Himmelskörpern / das Meer mit Meerestieren und die Luft mit Vögeln / das Land mit Landtieren und Menschen).

Man kann Genesis 1 eben einfach deshalb als weniger wörtlich lesen als bloß als zeitlich gestrafften Bericht (auch wenn sich dann die fundamentalistischen Evangelen wieder aufregen), weil es einfach kein naturwissenschaftlicher Bericht ist. Der Text berichtet ein tatsächliches Geschehen (Gott erschafft die Welt, er ordnet sie, alle seine Geschöpfe sind gut, der Zielpunkt dieser Schöpfung ist der Mensch (die Engel, höhere Geschöpfe als der Mensch, gehören ja, das nebenbei bemerkt, nicht zu unserer Erde)) unter Zuhilfenahme von Bildern, und beschreibt das ganze Geschehen eben im Rahmen des damaligen Weltbildes (flache Erde, Himmelsgewölbe, Wassermassen oberhalb des Gewölbes). Man beachte hier, was ich in Teil 2 (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/16/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-2-das-katholische-schriftverstaendnis/) über Regel Nummer 2 zu Textaussagen gesagt habe. Wenn ich sage „Die Sonne geht auf“ will ich damit schließlich auch nicht aussagen, dass sich die Sonne um die Erde bewegt, und selbst wenn ich in einer Zeit gelebt hätte, in der man noch geozentrisch dachte, hätte ich auch damals mit dem Satz „Die Sonne geht auf“ trotzdem nicht Unrecht gehabt, auch wenn im Hintergrund in meiner Vorstellungswelt das Bild einer sich um die Erde drehenden Sonne gestanden hätte weil ich nämlich auch dann mit diesem Satz einfach hätte aussagen wollen „Da hinten sehen wir jetzt die Sonne, es wird Tag“. Ich finde hier einen Vergleich, den C. S. Lewis in „Wunder“ gebraucht, ganz passend. Er nimmt das Beispiel eines kleinen Mädchens, das sich unter „Gift“ Substanzen vorstellte, in deren Inneren „schreckliche rote Dinge“ steckten: „Doch das bedeutet nicht, dass alles was sie über Gift denkt oder sagt, notwendigerweise unsinnig sein muss. Sie wusste sehr gut, dass Gift etwas ist, das einen tötet oder krank macht, wenn man es schluckt; und sie wusste, bis zu gewissem Grade, welche von den Substanzen in der Wohnung ihrer Mutter giftig waren. Wäre ein Besucher der Wohnung vom Kinde gewarnt worden: ‚Trinken Sie das nicht. Mama sagt, das ist Gift’, so wäre er sehr übel beraten, wenn er die Warnung deshalb ignorierte, ‚weil dieses Kind eine primitive Idee von Gift als schrecklichen roten Dingen hat, welche durch meine reife wissenschaftliche Erkenntnis längst widerlegt wurde.’“

Man sollte hier vielleicht zwei Sprechweisen unterscheiden: In der Schöpfungsgeschichte kommen einerseits Bilder vor, die wohl auch die Autoren schon ganz bewusst als Bilder sahen, etwa dieses hier: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem“ (Genesis 2,7). Auch im AT wusste man, dass Gott nicht körperlich ist, und der Autor dieses Textes wollte wohl nicht aussagen, dass Gott mit den Händen im Matsch geknetet hat – er wollte aussagen, dass der Mensch beseelte Materie ist („Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück“ (Genesis 3,19), und so). Dann gibt es andererseits Dinge, die wohl noch zum tatsächlichen Vorstellungshintergrund der biblischen Autoren gehörten, wie etwa eine flache Erde mit einem Gewölbe oben drüber, die aber nicht die eigentliche Aussage betreffen. Jemand, der sagt „Die Sonne geht auf“ hat damit Recht oder Unrecht, unabhängig davon, ob er in seinem Kopf ein heliozentrisches oder ein geozentrisches Weltbild hat. Das im obigen Beispiel erwähnte Kind hat Recht mit „Das ist Gift“, auch wenn es z. T. falsche Vorstellungen von Giften hat. „Wir können nun“, schreibt Lewis weiter, „unserer vorhergehenden Feststellung (dass Denken wahr sein kann, wenn auch seine Begleitbilder falsch sind) die weitere Feststellung hinzusetzen: Denken kann in gewissen Hinsichten wahr sein, selbst wenn es nicht nur von falschen Bildern, sondern auch von für wahr gehaltenen falschen Bildern begleitet ist.“

Das beste Beispiel ist vielleicht das hier: Nehmen wir mal eine Mutter, die nicht viel Ahnung von Biologie hat, und ihrem Kind die Schöpfung erklärt. Wenn sie nun sagt „Gott hat alle Tiere erschaffen, die Kühe und die Vögel und die Hunde und Katzen, und auch alle Fische im Meer – Karpfen und Lachse und Haie und Delfine und Walfische“, dann kann man sie gerne darauf hinweisen, dass Delfine und Wale keine Fische, sondern Säugetiere sind, aber das macht ihre eigentliche Aussage nicht zu einer falschen. Denn die war, dass Gott diese Tiere erschaffen hat.

Die biblischen Autoren hatten nicht unsere wissenschaftlichen Methoden, um herauszufinden, wie alt die Erde ist oder dass sie um die Sonne kreist. Daraus kann man ihnen kaum einen Vorwurf machen. Deshalb waren sie noch lange nicht blöd, auch wenn manche Leute das zu meinen scheinen, und deshalb waren sie auch nicht daran gehindert, überhaupt irgendwelche richtigen Aussagen über die Welt zu machen. Jemand, der Wale und Delfine nicht näher studieren kann und in einer Welt lebt, in der noch niemand Wale und Delfine näher studiert hat, kann auch keine Informationen über ihre biologische Klassifizierung haben; und wenn er dann Aussagen über sie macht, in denen er sie nebenher bei den Fischen einordnet, müssen diese Aussagen an sich deswegen noch nicht falsch sein.

Jetzt also: Wie ist das mit der Schöpfung dann wohl tatsächlich alles genau abgelaufen? Und wie sieht es dann speziell mit der Erschaffung des Menschen und dem anschließenden Sündenfall aus? Also, Gott hat vor 14 oder 15 Milliarden Jahren das Universum aus dem Nichts erschaffen und erhält es seitdem im Dasein (wir kennen das Konzept der creatio continua, d. h. Gott musste nicht nur an einer Stelle die Welt erschaffen und sie bleibt dann so, sondern sie hängt immer noch von Gott ab, so wie eine Schaukel, die an einer Stange hängt, nicht nur einmal aufgehängt werden muss, sondern auch herunterfallen würde, wenn man das Seil durchschnitte, das sie mit der Stange verbindet; wenn Gott die Welt nicht mehr im Dasein erhalten wollte, würde sie ins Nichts zurücksinken). Er hat es offensichtlich so erschaffen, dass es zuerst auf engstem Raum konzentriert war und sich dann immer weiter ausdehnte, wodurch Sterne und Planeten entstanden, und schließlich auf einem Planeten die Bedingungen, unter denen organisches Leben, wie wir es kennen, möglich ist, erfüllt waren. (Natürlich hätte Gott auch jede andere vorstellbare Form von Leben erschaffen können.) Jetzt kommt der Punkt, wo das erste Lebewesen entsteht, in Darwins „kleinem warmen Teich“ oder „Ursuppe“. Das ist einer der drei Punkte in der Geschichte der Welt, an denen etwas ganz und gar Neues ins Dasein tritt, ohne hinreichende Auslöser, die es zu einem Teil einer natürlichen Kettenreaktion gemacht hätten. Der erste Punkt ist natürlich der Urknall (oder, falls irgendetwas vor dem Urknall war, zum Beispiel ein sich immer wieder ausdehnendes und zusammenziehendes Universum, eben der Punkt, an dem dieses Universum erstmals entstand). Die Tatsache, dass da überhaupt Etwas ist, Materie ist, wo vorher Nichts war (Nichts im eigentlichen Sinne, nicht im Sinne eines Vakuums); das ist etwas grundlegend Neues; der erste und wichtigste Punkt, an dem wir Gottes Finger sehen können. Der zweite Punkt ist dann eben die Entstehung von Leben. Reine Materie ist grundsätzlich, wesensmäßig unterschieden von Leben. Wasser bewegt sich im Wind, Teilchen ziehen sich gegenseitig an oder stoßen sich ab, brennendes Gestein bewegt sich, Sterne „sterben“ irgendwann, wenn ihr Brennstoff verbraucht ist, aber das alles ist kein Leben; das ist nur Materie, die sich entsprechend bestimmter Naturgesetze verhält, so wie Dominosteine umfallen, wenn man sie angestoßen hat. Ein Bakterium dagegen lebt. Es ist ein Stoffsystem mit einem eigenen Stoffwechsel, das sich selbst organisiert und reguliert (Homöostase), sich fortpflanzen kann, sich im Lauf seines Lebens entwickelt (d. h. es wächst zum Beispiel) und Reize aus seiner Umgebung aufnimmt. Das ist kein weiterer natürlicher Entwicklungsschritt in der Welt, sondern ein plötzlicher Sprung.

Nachdem es irgendwann einmal dieses erste Lebewesen oder diese ersten Lebewesen gab, entwickelten sie sich offenbar wiederum entsprechend der von Gott eingesetzten Naturgesetze weiter, und so entstanden die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten. Dann, an einem dritten Punkt, entstand eine Gattung, die sich von allen bisherigen Gattungen unterschied. Ich meine natürlich den Menschen. Ich meine damit nicht, dass er auf zwei Beinen ging – das tun auch Hühner – oder dass er Werkzeuge benutzte – das können sogar Raben ein bisschen lernen –, sondern dass er seine Toten bestattete und Bilder an die Wände von Höhlen malte.

Wir wissen alle, in welchen Dingen sich der heutige Mensch von den Tieren unterscheidet: Er kennt (u. a.) die Kategorien des Guten und des Schönen und macht sich Gedanken, die über sein Leben hinausreichen. Ein Tiger interessiert sich nicht dafür, ob es recht ist, andere Tiere zu töten. Ein Spatz fragt sich nicht, ob sein Nest schön geworden ist. Ein Affe will nicht wissen, ob es einen Gott gibt. Das sind Kategorien, die man entweder begreift oder nicht. Manche Menschen begreifen sie vielleicht besser als andere, aber diese Kategorien sind Menschen grundsätzlich nicht fremd. Ein Tier kennt gar nicht die Frage „Was soll ich tun?“ Ein Tier kennt kein Sollen, Menschen schon. Wenn jemand ein Sollen kennt, dann ist das ein Quantensprung von einem Wesen aus, das einfach nach seinen Instinkten handelt. Es gibt sicher viele Unterschiede zwischen den Tierarten; eine Ameise ist was ganz anderes als eine Katze. Auch Tiere sind lebendige Individuen, d. h. sie sind nicht nur Materie, sondern haben etwas in sich, das man am besten als Seele bezeichnet, aber es ist von anderer Art als eine menschliche Seele. Natürlich sind Steine, Hunde, Menschen und Engel einander immer noch wesentlich ähnlicher als sie Gott sind, denn sie sind alle Geschöpfe, während Er der ungeschaffene Schöpfer ist, aber es gibt doch einen wesentlichen Unterschied zwischen diesen vier Kategorien: Materie – körperliches Leben – rationales, körperliches Leben – rein geistiges, rationales Leben.

(Es gibt auch keinen evolutionären Grund, wieso sich z. B. das Konzept des Guten und Schönen entwickeln sollte. Moralische Skrupel hindern einen schließlich oft genug daran, seinen eigenen Vorteil zu suchen (und nein, Regelutilitarismus hat nichts mit Moral zu tun), und das Schöne ist für die Arterhaltung vollkommen nutzlos. Auch die Theorie der Sublimation macht keinen Sinn, denn sie erklärt gerade das nicht, was sie erklären soll. Wenn höher zivilisierte Triebe (z. B. der Drang, Kunst zu schaffen oder Philosophie zu betrieben) nur auf einer Verdrängung von Trieben wie dem Sexualtrieb beruhen – na ja, dann stellt sich doch die Frage, wieso sollte diese Sublimation überhaupt geschehen sein? Sublimieren Eichhörnchen, Raben oder Ameisenbären ihre Triebe in Kunstwerken oder metaphysischen Spekulationen? Aber diese Einwände gegen die Unterschiedenheit des Menschen von den Tieren sind eigentlich gar nicht so beachtenswert, finde ich. Allein schon die Tatsache, dass der Mensch z. B. die Kategorie eines Sollens überhaupt kennt, dass er weiß, was der Begriff des Sollens bedeutet, ist eigentlich Argument genug. Aber das führt jetzt hier alles ein bisschen weit, also zum nächsten Thema.)

Okay, jetzt also zu diesen ersten Menschen, von denen Genesis 2 und 3 näher berichtet. Wie Pius XII. in Humani Generis schreibt, gehört es sehr wohl zur katholischen Lehre, dass Adam und Eva tatsächlich existierende Personen waren und der Sündenfall ein historisches Ereignis. Letzteres ergibt sich schon rein logisch. Wenn man mit dem Begriff der Erbsünde nur sagen wollte, dass der Mensch sich eben in einem Zustand befindet, in der er sehr zum Schlechten neigt, dann würde das bedeuten, dass Gott den Menschen eben nicht am Anfang gut erschaffen hat. „Die Erzählung vom Sündenfall in Genesis 3, wie die Erzählung der Schöpfung, ist in hochpoetische, symbolische Sprache gekleidet. Die sprechende Schlange und die beiden Bäume sind, nach jedem intelligenten literarischen Standard, dazu gedacht, symbolisch interpretiert zu werden, nicht buchstäblich und materiell. Aber was sie symbolisieren ist wirklich und buchstäblich. Das Ereignis des Sündenfalls muss zu irgendeinem Punkt in der realen Zeit passiert sein. Denn falls nicht, falls der Sündenfall bloß eine zeitlose Wahrheit über unsere Sündhaftigkeit ist, die in die Form einer Vorher-und-Nachher-Geschichte übertragen wurde, dann gab es nie eine Zeit der Unschuld; und in diesem Fall sind wir sündhaft, nicht weil wir frei wählten, uns dazu zu machen, sondern weil Gott uns von Anfang an so schuf. In diesem Fall ist Gott schuldig an der Sünde und wir sind aus dem Schneider.“ (Peter Kreeft, You can understand the Bible, S. 15; Übersetzung von mir) (Zur Frage „Wieso werden wir für etwas bestraft, das Adam und Eva getan haben?“ in einem späteren eigenen Beitrag dazu, was die Bibel über Bestrafung für die Sünden der Eltern sagt; der hier ist eh schon wieder viel zu lang.)

Bei der Frage danach, ob Adam und Eva reale Personen waren, haben wir die Wissenschaft mehr oder weniger auf unserer Seite (oder zumindest nicht gegen uns), auch wenn alles natürlich nicht so ganz eindeutig bewiesen werden kann; jedenfalls ist zumindest belegt, dass alle Menschen, die heutzutage leben, einen gemeinsamen genetischen Ursprung haben (der Polygenismus im Sinne der Ansicht, dass die verschiedenen Menschenrassen sich auf den verschiedenen Kontinenten unabhängig voneinander aus dort lebenden Populationen von Menschenaffen entwickelt hätten, wurde inzwischen zugunsten der Out-of-Africa-Theorie aufgegeben, die einen gemeinsamen Ursprung der Menschheit in Afrika annimmt), und diesen Ursprung haben wir übrigens auch mit den inzwischen ausgestorbenen Neanderthalern gemeinsam (die sich von den heutigen Menschen offensichtlich nicht besonders unterschieden, jedenfalls waren sie offenbar Menschen; sie bestatteten ihre Toten, stellten wohl auch Kleidung her, konnten aller Wahrscheinlichkeit nach sprechen und hatten vielleicht Schmuck und Körperbemalung – ach ja, und sie vermischten sich wohl auch ein kleines bisschen mit dem homo sapiens). Siehe zum Beispiel diese interessanten Artikel zur menschlichen Genetik: https://de.wikipedia.org/wiki/Mitochondriale_Eva https://de.wikipedia.org/wiki/Adam_des_Y-Chromosoms Die gemeinsame „mitochondriale Eva“ aller modernen Menschen (d. h. eine gemeinsame weibliche Vorfahrin aller jetzt lebenden Menschen) muss vor etwa 100.000-150.000 Jahren gelebt haben, die gemeinsame mitochondriale Eva moderner Menschen und der Neandertaler schon vor 550.000 bis 690.000 Jahren; die Neanderthaler haben sich früh vom Stammbaum der heutigen Menschheit abgespalten, starben dann aber irgendwann aus. Wie gesagt, damit ist noch nicht ein erstes Menschenpaar bewiesen, aber es verträgt sich durchaus damit. Die gemeinsame mitochondriale Eva vor 600.000 Jahren kann auch zu irgendeiner Generation nach den ursprünglichen „Adam und Eva“ gehört haben (eine gemeinsame Vorfahrin ist nicht eine ausschließliche Vorfahrin; Näheres in den verlinkten Wikipedia-Artikeln; und schließlich kann es auch vor den Neanderthalern schon andere Menschen gegeben haben, die sich vom gemeinsamen Stammbaum abgespalten haben und später ausgestorben sind und die man noch nicht gefunden hat; wenn man z. B. die Stammbäume der Bibel ganz wörtlich nehmen wollte, wären die „mitochondriale Eva“ und der „Adam des Y-Chromosoms“ der jetzigen Menschheit Noah und dessen Frau), aber jedenfalls gab es irgendwann einmal nur relativ wenige Menschen, von denen wir jetzt alle abstammen, so viel weiß man immerhin.

Also, wie gesagt, irgendwann einmal gab es jedenfalls diese ersten Menschen. Sicher entwickelten sich zuerst die Tiere immer weiter, entwickelten ein größeres Gehirn, vielleicht auch schon eine aufrechte Gehweise und dergleichen, vielleicht unterschieden sie sich schon in einigen Dingen von den meisten anderen Tieren. Aber ein intelligentes Tier ist noch kein Mensch. Irgendwann aber schuf Gott dann die ersten menschlichen Seelen in zwei Nachkommen solcher intelligenter Tiere. Vielleicht unterschieden sie sich in Körperbau, Intelligenz etc. auch noch von den modernen Menschen, aber in ihrer Seele waren sie Menschen. Wann genau das war, ist eigentlich egal; ob das nun z. B. der Homo erectus (wenn ich raten müsste, würde ich mit meinen laienhaften Kenntnissen einfach mal auf den tippen) war oder irgendein anderes Wesen in unserem Stammbaum, das spielt eigentlich keine Rolle.

(Rekonstruktion eines Homo erectus)

Ich weiß nicht genau, ob es streng dogmatisch definiert ist, dass die ersten Menschen genau ein Mann und eine Frau waren, und eben keine Mehrzahl an Paaren, aber es ist jedenfalls doch eine recht deutliche Lehre, die in Humani Generis ja auch noch einmal deutlich gemacht wird, also würde ich mal davon ausgehen, dass es so war, aber, wie gesagt, ich weiß nicht, ob man theoretisch auch mehrere erste Menschen annehmen kann, ohne als Häretiker zu zählen. Aber ich würde jetzt einfach mal von einem ersten Menschenpaar ausgehen.

Jetzt lesen wir in Genesis 2, dass diese ersten Menschen im Paradies lebten. Dass das Paradies keinen Ort, sondern mehr einen Zustand bezeichnet, kann man schon nach den ersten Versen vermuten: „Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen. Der eine heißt Pischon; er ist es, der das ganze Land Hawila umfließt, wo es Gold gibt. Das Gold jenes Landes ist gut; dort gibt es auch Bdelliumharz und Karneolsteine. Der zweite Strom heißt Gihon; er ist es, der das ganze Land Kusch umfließt. Der dritte Strom heißt Tigris; er ist es, der östlich an Assur vorbeifließt. Der vierte Strom ist der Eufrat.“ (Genesis 2,8-14) Einem modernen Leser fällt hier wohl erst einmal nicht viel auf – einem antiken Leser wäre sehr wohl sofort etwas aufgefallen. Nehmen wir mal die beiden Flüsse, die die meisten modernen Leser noch kennen: Euphrat und Tigris. Anhand dieser beiden Flüsse müsste man den Garten Eden dann ungefähr im heutigen Irak lokalisieren. Na ja – wenn nicht im vorigen Vers das Land Kusch erwähnt werden würde, das etwa dem heutigen Sudan mit Teilen des heutigen Äthiopien entspricht. Selbst wer sich in Geographie nicht so auskennt, wird zugeben, dass das nicht so ganz zusammenpasst. Und auch im eisenzeitlichen Kanaan wusste man sehr wohl, dass Afrika in einer anderen Himmelsrichtung liegt als das Zweistromland.

Flüsse von verschiedenen Rändern der den Israeliten bekannten Welt werden zusammen erwähnt, vermutlich deshalb, weil der Garten Eden eben nicht an einem bestimmten Ort lag, sondern einen anderen Zustand der ganzen Welt meint. Schließlich hat auch niemand in der Geschichte des Juden- oder Christentums je gemeint, wenn man nur den richtigen Ort fände und an den Kerubim mit dem Flammenschwert vorbeikäme (Genesis 3,24), wäre man wieder im Paradies. Oder dass der Mensch außerhalb des Paradieses geschaffen und dann dort hinein gebracht wird: Das bedeutet, dass das, was das Paradies ausmacht (also z. B. kein Altern, keine Krankheiten, kein Tod, direkte Kommunikation mit Gott), „übernatürliche Gnadengaben“ Gottes sind, d. h. nichts, was natürlicherweise der Spezies Mensch zu eigen ist, sondern etwas, das über ihre Natur hinausgeht und ihnen zusätzlich zu ihrer Natur geschenkt wurde. In der Natur gab es auch vor dem menschlichen Sündenfall schon die Not, das Leid und den Tod der Tiere. (Wobei die Unvollkommenheit der natürlichen Welt natürlich auch wiederum mit dem noch vor ihrer Erschaffung liegenden Sündenfall eines Teils der Engel zusammenhängt – aber das alles führt jetzt ein bisschen weit.) Auch dass Gott zu Adam sagt: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen“ (Genesis 2,16) wurde von den Theologen traditionellerweise symbolisch interpretiert, dahingehend, dass dem Menschen jede Kunst und Wissenschaft offen stand, mit der er sich beschäftigen mochte – eben bis auf die Sache mit der „Erkenntnis von Gut und Böse“ (Genesis 2,17); dazu gleich. Oder auch dass Adam und Eva „Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten“ – da kann man wohl mit Fug und Recht annehmen, dass damit nicht gemeint ist, dass Gott im buchstäblichen Sinne in einem Garten spazieren ging, als sich die Menschen nach ihrer Sünde vor ihm zu verstecken versuchten; nein, in der damaligen Zeit hatten die Menschen einfach noch eine größere Nähe zu Gott, sie lebten praktisch mit Ihm zusammen im Paradies, und nach ihrer Sünde ertrugen sie diese Nähe dann nicht mehr.

Auch die Verschiedenheit der Schöpfungsberichte in Genesis 1 und 2 an sich ist schon ganz interessant: In Genesis 1 werden Pflanzen und Tiere zuerst erschaffen und der Mensch (ausdrücklich als Mann und Frau) schließlich zuletzt als Krönung des Ganzen; in Genesis 2 dagegen wird zuerst der Mann erschaffen, dann macht Gott ihm mit sämtlichen Pflanzen einen Lebensraum, dann erschafft Er ihm zur Gesellschaft die Tiere – „Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht“ (Genesis 2,20) – und daraufhin dann schließlich die Frau aus der Rippe des Mannes – „Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen, denn vom Mann ist sie genommen. Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch.“ (Genesis 2,23-24). Diese Berichte passen auf der wörtlichen Ebene nicht ganz zusammen, und es ist anzunehmen, dass das den Autoren der Bibel, die diese beiden Texte zusammenstellten, nicht ganz entgangen sein kann; aber sie stellten sie trotzdem zusammen, um die verschiedenen Dinge zu verdeutlichen, die die beiden Berichte aussagen.

Wie soll man sich den paradiesischen Zustand dann vorstellen, in dem die ersten Menschen lebten? Wir können uns dem wahrscheinlich nur annähern. Ich möchte hier schon wieder C. S. Lewis zitieren:

Was genau geschah, als der Mensch fiel, wissen wir nicht. Aber wenn es erlaubt ist zu raten, dann biete ich folgendes Bild an – einen „Mythos“ im sokratischen Sinn (d. h. einen Bericht von dem, was ein historisches Ereignis gewesen sein kann; nicht zu verwechseln mit „Mythos“ in dem Sinn von Dr. Niebuhr, welcher darunter die symbolische Repräsentation einer nicht-historischen Wahrheit versteht), eine nicht unwahrscheinliche Geschichte.

 Durch lange Jahrhunderte vervollkommnete Gott die tierische Gestalt, die der Träger des Menschseins und das Ebenbild Seiner Selbst werden sollte. Er gab ihr Hände, deren Daumen jedem der Finger entgegengestellt werden konnte, sowie Kiefer, Zähne und Kehle zur Artikulation; ein Gehirn, differenziert genug, all jene Funktionen zu steuern, die vernünftiges Denken ausmachen. Das Geschöpf mag, ehe es Mensch wurde, schon während ganzer Epochen in diesem Zustand existiert haben; es mag sogar begabt genug gewesen sein, Dinge herzustellen, die ein moderner Anthropologe als Beweis dafür ansehen würde, dass es sich um einen Menschen handelte. Aber es war dennoch ein Tier, weil alle physischen und psychischen Abläufe auf rein materielle und naturhafte Ziele gerichtet waren. Dann – in der Fülle der Zeit – ließ Gott auf diesen Organismus, auf beides, Seele wie Leib, eine neue Art von Bewusstsein herabsteigen, welchen sagen konnte „Ich“ und „mich“; welches sich selber wie einen fremden Gegenstand betrachten konnte, welches von Gott wusste, welches über Wahrheit, Schönheit und Gutheit zu urteilen vermochte und welches so sehr über der Zeit stand, dass es ihr Verstreichen wahrnehmen konnte.

 Dieses neue Bewusstsein beherrschte und erleuchtete – jeden Winkel mit Licht durchflutend – den ganzen Organismus und war nicht wie unser Bewusstsein beschränkt auf einige wenige Regungen, wie sie in einem einzigen Teil des Organismus sich ereignen, im Gehirn. Der Mensch war damals ganz und gar Bewusstsein. Der Jogi unserer Tage nimmt zu Recht oder Unrecht für sich in Anspruch, er habe jene Funktionen wie Verdauung und Blutzirkulation unter seiner Kontrolle, die für uns schon fast ein Teil der Außenwelt sind. Diese Kraft besaß der erste Mensch in überragendem Maß. Seine organischen Abläufe gehorchten dem Gesetz seines Willens, nicht dem Gesetz der Natur. […] Da Verfall und Wiederherstellung in seinen Geweben ähnlich bewusst und gehorsam geschahen, mag es keine Phantasterei sein, anzunehmen, dass die Länge seines Lebens weithin in seinem eigenen Ermessen stand.

 Da er vollkommen über sich verfügte, verfügte er auch über alle niederen Lebewesen, mit denen er in Berührung kam. Noch heute begegnen wir seltenen Persönlichkeiten, die eine geheimnisvolle Macht besitzen, Tiere zu zähmen. Dieser Kraft erfreute sich der paradiesische Mensch in höchstem Maß. Die alten Bilder von den wilden Tieren, die Adam umspielen und umschmeicheln, sind vielleicht nicht ganz und gar symbolisch. […]

 Für einen solchen Menschen war Gott keine schlüpfrige, schiefe Ebene. Das neue Bewusstsein war erschaffen worden, damit es in seinem Schöpfer ruhe, und es ruhte in der Tat in Ihm. Wie reich und vielfältig auch die Erfahrung des Menschen mit seinen oder seinem Gefährten in Zuneigung und Freundschaft und geschlechtlicher Liebe war oder auch mit den Tieren oder mit der ihn umgebenden Welt, welche damals zum erstenmal als schön und schauererregend erkannt wurde – dennoch hatte in seiner Liebe und in seinem Denken Gott den ersten Platz. Dazu bedurfte es keiner schmerzhaften Anstrengung. In vollkommen geschlossenem Ring kamen Sein, Kraft und Freude von Gott aus auf den Menschen herab und kehrten vom Menschen zu Gott zurück in Gestalt gehorsamer Liebe und hingerissener Anbetung. Zumindest in dieser Hinsicht war der Mensch wahrhaftig Sohn Gottes, in Freude und Selbstvergessenheit alle jene Fähigkeiten und alle Sinne kindlich hinzugeben, so wie es der Herr im Todesleiden am Kreuz dann vollendet hat.

 Nach ihren Kunstwerken oder vielleicht gar nach ihrer Sprache zu urteilen, war diese gesegnete Kreatur zweifellos ein „Wilder“. Alles, was Erfahrung und Übung lehren kann, musste er noch lernen; wenn er Feuersteine behaute, tat er es zweifellos schwerfällig genug. […] Alles das aber ist ganz unerheblich. Aus unserer eigenen Kindheit wissen wir, dass wir, ehe noch die Älteren uns für fähig hielten, irgend etwas zu „verstehen“, bereits geistige Erfahrungen machten, so rein und so wichtig wie nur irgendeine, die uns später zuteil geworden ist, wenngleich natürlich nicht so reich an Weltgehalt. Das Christentum selber lehrt uns, dass es eine Dimension gibt – aufs Ganze gesehen die einzig wichtige Dimension –, in welcher die Gelehrten und die Erwachsenen vor den Einfältigen und den Kindern nicht das mindeste voraus haben. Wenn der paradiesische Mensch heute unter uns erscheinen könnte, so würden wir ihn – daran zweifle ich nicht – als ein äußerst unkultiviertes Wesen betrachten, als ein Geschöpf, das ausgenutzt oder bestenfalls bevormundet werden mag. […]

 Wir wissen weder, wie viele von diesen Geschöpfen Gott erschaffen hat, noch wie lange sie in dem paradiesischen Zustand verblieben. Aber früher oder später kamen sie zu Fall. Irgend jemand oder irgend etwas flüsterte: sie könnten wie Götter werden, sie könnten aufhören, ihr Leben auf ihren Schöpfer zu richten und all ihre Wonnen als ungeschuldete Gabe hinzunehmen, als buchstäblich „Zu-Gefallenes“, sich ereignend im Laufe eines Lebens, das bisher nicht jenen Entzückungen zugewandt war, sondern der Anbetung Gottes. […] Sie wollten, wie man sagt, „ihre Seele zu eigen haben“.

 Das aber heißt eine Lüge leben; denn unsere Seele ist tatsächlich nicht unser eigen. Sie wollten einen Winkel im Universum, von dem her sie zu Gott sprechen könnten: „Dies ist unsere Angelegenheit, nicht Deine.“ Solch einen Winkel aber gibt es nicht. […]

 Wir haben keine Vorstellung davon, in welchem Akt oder in welcher Aktfolge dieser in sich selbst widerspruchsvolle, unmögliche Wunsch zum Ausdruck gekommen ist. Soweit ich sehe, könnte es buchstäblich mit dem Essen einer Frucht zu tun gehabt haben; aber die Frage ist von geringerer Bedeutung. Dieser Akt des Eigenwillens von seiten des Geschöpfes, diese äußerste Verfälschung seiner wahren geschöpflichen Stellung ist die einzige Sünde, die als „Fall“ des Menschen gedacht werden kann. Die Schwierigkeit ist, dass die erste Sünde einerseits etwas sehr Hassenswertes gewesen sein muss (sonst könnten ihre Folgen nicht so schrecklich sein) und dennoch so begehrenswert, dass ein Wesen, welches frei war von den Versuchungen des gefallenen Menschen, sie begangen haben kann.

 Die Abwendung von Gott hin zum Selbst erfüllt beide Bedingungen. Sie ist eine Sünde, die auch dem paradiesischen Menschen möglich war; denn die bloße Tatsache eines Selbst, die bloße Tatsache, dass wir es „Ich“ nennen, birgt von Anfang an die Gefahr der Selbstvergötterung in sich. Nachdem ich ein Ich bin, muss ich – und sei er noch so winzig und noch so leicht – einen Akt der Selbst-Hingabe vollziehen, um mehr für Gott zu leben als für mich selbst. Dies ist, wenn du willst, der „schwache Punkt“ im Wesen der Schöpfung selbst; das Risiko, von dem aber Gott offenbar der Meinung ist, es lohne sich.

 Die Sünde war außerdem etwas sehr Hassenswertes, weil das Selbst, welches der paradiesische Mensch hinzugeben hatte, keinen natürlichen Widerstand gegen diese Hingabe in sich verspürte. […] Die Selbsthingabe, die er vor dem Sündenfall vollzog, war für den Menschen kein Kampf, sondern nur die köstliche Überwindung einer unendlich kleinen Selbstanhänglichkeit, deren Entzücken es war, überwunden zu werden – wovon wir noch jetzt ein blasses Abbild in der verzückten Selbsthingabe der Liebenden aneinander erkennen.

 Der paradiesische Mensch war also nicht in unserem Sinne „versucht“, das Selbst zu wählen. Es gab kein Verlangen und keine Neigung, die hartnäckig in diese Richtung gewiesen hätten; es gab nichts als die bloße Tatsache, dass er selbst ein Selbst war.

 Bis zu diesem Augenblick hatte der menschliche Geist die volle Kontrolle über den menschlichen Organismus gehabt. Zweifellos erwartete er, dass er diese Kontrolle behalten würde, auch als er aufgehört hatte, Gott zu gehorchen. Aber seine Vollmacht über den Organismus war eine übertragene Vollmacht, die er verlor, als er aufhörte, Gottes Bevollmächtigter zu sein. Indem der menschliche Geist sich, soweit er konnte, selbst abschnitt von der Quelle seines Seins, schnitt er sich ab von der Quelle der Kraft. Denn wenn wir von geschaffenen Dingen sagen, dass A über B herrscht, sagen wir damit eigentlich, dass Gott durch A über B herrscht.

 Ich frage mich, ob es für Gott innerlich möglich gewesen wäre, weiterhin durch den menschlichen Geist den Organismus zu regieren, nachdem der menschliche Geist gegen ihn revoltiert hatte. Jedenfalls tat Er es nicht. Er begann, den Organismus auf eine mehr äußerliche Weise zu regieren, nicht durch die Gesetze des Geistes, sondern durch die Naturgesetze. (Dies ist eine Weiterentwicklung aus Hookers Begriff des Gesetzes. Deinem Eigen-Gesetz – d. h. dem Gesetz, das Gott eigens für ein Wesen wie dich macht – nicht gehorchen, heißt: Du stellst fest, dass du einem der niederen Gesetze Gottes gehorchst. Wenn du z. B. auf einem schlüpfrigen Pflaster gehst und das Gesetz der Vorsicht außer acht lässt, merkst du plötzlich, dass du dem Gesetz der Schwerkraft gehorchst.) So gerieten die Organe, da sie nicht länger vom menschlichen Willen regiert wurden, unter die Kontrolle der gewöhnlichen biochemischen Gesetze und hatten hinzunehmen, was immer die Auswirkungen jener Gesetze mit sich brachten: Schmerz, Alter und Tod. Und die Begehrungen begannen hinaufzudringen in des Menschen Geist, nicht wie seine Vernunft sie wählte, sondern wie die biochemischen Gegebenheiten und die Umwelt sie gerade zufällig verursachten. Und der Geist selber geriet unter die psychologischen Gesetze der Assoziation und dergleichen, welche Gott gemacht hatte, das Seelenleben der höheren Anthropoiden zu regeln. Und der Wille, gefangen in der Gezeitenwoge des rein Naturhaften, hatte nun keine andere Möglichkeit mehr, als durch bloße Gewalt einige von den neuen Gedanken und Begierden zurückzutreiben. Und diese ungemütlichen Rebellen wurden „das Unbewusste“, wie wir es jetzt kennen.

 Das war, so meine ich, nicht ein bloßer Entartungsvorgang, wie er auch heute in einem menschlichen Individuum sich zutragen mag; es war ein Rangverlust für die ganze Spezies. Was der Mensch durch den Sündenfall verlor, war seine ursprüngliche spezifische Natur. […] Aber diese Einschränkung der Machtsphäre des Geistes war von geringerem Übel als der Verderb des Geistes selbst. Er hatte sich von Gott abgewendet und war zu seinem eigenen Idol geworden, so dass er sich zwar noch zu Gott zurückzuwenden vermochte, aber doch nur mit schmerzhafter Anstrengung; seine Neigung zielte „selbstwärts“. […] Stolz und Ehrgeiz; der Wunsch, liebenswert zu sein in seinen eigenen Augen und alle Rivalen zu unterdrücken und zu demütigen; Neid und ruheloses Suchen nach mehr und immer mehr Sicherheit – das war von nun an die Haltung, die ihm am leichtesten fiel. Er war nicht nur ein schwacher König über seine eigene Natur, sondern ein schlechter; er sandte in den psychologischen Organismus weit schlimmere Begierden hinab, als der Organismus zu ihm hinaufsandte.“ (C. S. Lewis, Über den Schmerz, S. 75-82)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0c/Tissot_Adam_and_Eve_Driven_from_Paradise.jpg

(James Tissot, Adam and Eve driven from Paradise)

C. S. Lewis schrieb übrigens auch ein bisschen Science Fiction und war einer der ersten Science-Fiction-Autoren, in deren Büchern die Außerirdischen die Guten sind und die Menschen (d. h. einige der Menschen, nicht alle) die Bösen; in seiner „Perelandra“-Trilogie kommen intelligente Wesen vor, die auf anderen Planeten leben (Mars und Venus), die Gott kennen, und die im Unterschied zu den Menschen keinen Sündenfall hinter sich haben, also schlicht gut sind. Im zweiten Band, „Perelandra“ – der erste heißt „Jenseits des schweigenden Sterns“ – verschlägt es den Protagonisten Dr. Elwin Ransom, einen Philologieprofessor, der im ersten Band gegen seinen Willen von anderen Menschen, den Bösen der Geschichte, auf den Mars (Malakandra) mitgenommen wurde, auf die Venus, von ihren Bewohnern Perelandra genannt. Er stellt bald fest, dass dieser Planet bloß zwei menschliche Bewohner hat (die Bewohner der Venus sind tatsächlich Menschen, auch wenn sie ein bisschen anders aussehen als die irdischen Menschen, während die verschiedenen Wesen auf dem Mars den Menschen zwar in Hinsicht auf die Seele ähneln, aber ganz anders aussehen), einen Mann und eine Frau; es ist noch eine sehr junge Welt, in dem Zustand, in dem unsere in Genesis 2 war, also vor, was weiß ich, hunderttausend oder ein paar hunderttausend oder einer Million Jahren oder wann auch immer. Ich will den Plot hier nicht verraten; auf jeden Fall ist es ein gutes Buch, auch wenn mir persönlich von Lewis’ Romanen „Narnia“ und „Du selbst bist die Antwort“ (Originaltitel: „Till we have faces“) besser gefallen; aber jedenfalls, die Schilderung der Menschen auf der Venus – Ransom trifft zunächst nur die Frau – ist wirklich interessant; es ist natürlich nicht nur ein Gedankenspiel in Bezug auf unsere Vergangenheit, sondern eine ganz eigene Geschichte in einer ganz eigenen Welt, aber auch als Gedankenspiel über das Paradies ist es interessant. Eindeutige Leseempfehlung.

In dieser Geschichte jedenfalls bemerkt Ransom an einer Stelle auch eine Art Wassermenschen, die im Ozean leben: Ihre Ähnlichkeit mit Menschen war sogar größer und nicht geringer, als er zunächst angenommen hatte. Im ersten Moment hatte er sich davon täuschen lassen, dass die Gesichter keinerlei menschlichen Ausdruck aufwiesen. Dennoch wirkten sie nicht idiotisch; sie waren nicht einmal grobe Parodien des Menschen wie die Gesichter unserer irdischen Affen. Sie glichen eher schlafenden menschlichen Gesichtern, oder Gesichtern, in denen das Menschliche schlief, während irgendein anderes, weder tierisches noch teuflisches, sondern rein elfenhaftes, unirdisches Leben unmerklich wachte. Wieder ging ihm durch den Kopf, dass das, was auf der einen Welt Mythos, auf einer anderen vielleicht Wirklichkeit war. Er fragte sich auch, ob der König und die Königin von Perelandra, wenngleich ohne Zweifel das erste menschliche Paar auf diesem Planeten, physisch von Meeresbewohnern abstammten. Und wenn ja, was war dann mit den menschenähnlichen Wesen, die vor dem Menschen auf unserer eigenen Welt existiert hatten? Waren sie wirklich solch anrührende Rohlinge, wie sie auf den Bildern in populärwissenschaftlichen Büchern über die Evolution zu finden sind? Oder waren die alten Mythen wahrer als die modernen Mythen? Hatte es wirklich eine Zeit gegeben, da Satyrn in den Wäldern Italiens getanzt hatten? An einer späteren Stelle sieht er wieder solche Wassermenschen: Es war ein bläulich grünes, scheinbar von innen leuchtendes Gesicht. Die Augen waren viel größer als die eines Menschen und verliehen dem Wesen das Aussehen eines Kobolds. Ein Saum von gewellten Membranen an den Seiten ließ an einen Bart denken. […] Dann sah er, dass mehrere Wasserleute in seiner Nähe zu essen schienen. Ihre froschähnlichen Hände mit den Schwimmhäuten zogen irgendetwas Dunkles aus dem Wasser und verschlangen es; wenn sie kauten, hing das Zeug in buschigen und faserigen Streifen aus ihren Mündern und sah aus wie lange Schnurrbärte. Bezeichnenderweise kam es Ransom keinen Augenblick in den Sinn, mit diesen Wesen Beziehungen anzuknüpfen wie mit allen anderen Tieren auf Perelandra, und auch sie versuchten nicht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Sie schienen dem Menschen nicht auf natürliche Weise untertan, wie die anderen Geschöpfe. Er hatte das Gefühl, dass sie den Planeten mit ihm teilten, wie Schafe und Pferde eine Weide teilen, ohne dass eine Gattung die andere beachtet.

Das nur so als Teil eines interessanten Gedankenspiels.

Jetzt noch zur genaueren Ausdeutung dieser biblischen Geschichte vom Sündenfall. Was bedeutet zum Beispiel der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse? Wollte Gott einfach nicht, dass Adam und Eva über das Gute und das Böse Bescheid wissen, oder was? Falsch. Eine Deutung, die man häufig hört, ist, dass der Baum für den Wunsch steht, Gut und Böse selbst festsetzen zu wollen, selbst zu bestimmen, was gut ist und was böse. Eine andere, die ich persönlich mit Bezug auf den biblischen Sprachgebrauch auch ganz überzeugend finde, ist diese: „Übrigens bedeutet das Wort Erkenntnis hier ‚Erfahrung’. Gott wollte uns von der Erkenntnis von Gut-und-Böse fernhalten, die davon kommt, es zu erleben und zu schmecken (daher das Bild des Essens einer Frucht), nicht von der Erkenntnis, die es versteht. Dasselbe Wort wird in Genesis 4 für Geschlechtsverkehr gebraucht: Adam ‚erkannte’ Eva, und das Ergebnis war kein Buch, sondern ein Baby.“ (Peter Kreeft, You can understand the Bible, S. 13f., Übersetzung von mir) Die Menschen hatten Angst, dass ihnen etwas entginge, wenn sie das, was „böse“ genannt wurde, nicht selbst auch einmal ausprobierten, sie meinten, Gott enthalte ihnen etwas vor, wie die Schlange (ein Bild für den Teufel, den mächtigsten der gefallenen Engel) ihnen einreden wollte – man beachte die Frage, mit der die Schlange das Gespräch mit Eva beginnt: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Genesis 3,1) Sie lenkt den Blick auf das, was verboten worden ist. Als Eva dann antwortet, dass Gott ihnen nur einen Baum verboten habe, facht die Schlange das Misstrauen gegen Gott weiter an: „Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ (Genesis 3,4f.) Bei der Erbsünde, hat Benedikt XVI. gesagt, muss man verstehen, „dass wir alle einen Tropfen des Giftes von jener Denkweise in uns tragen, wie sie in den Bildern aus dem Buch Genesis veranschaulicht wird. […] Der Mensch vertraut nicht auf Gott. Von den Worten der Schlange verführt, hegt er den Verdacht, dass […] Gott ein Konkurrent sei, der unsere Freiheit einschränke, und dass wir erst dann im Vollsinn Menschen sein würden, wenn wir Gott zurückgesetzt haben […] Der Mensch will seine Existenz und die Fülle seines Lebens nicht von Gott empfangen […] Und indem er das tut, vertraut er der Lüge statt der Wahrheit und stürzt so mit seinem Leben ins Leere, in den Tod.“ (Benedikt XVI., 08.12.05, zitiert nach „Youcat – Jugendkatechismus der katholischen Kirche“, S. 50).

Aber der Teufel ist ein Mörder von Anfang an und der Vater der Lüge (vgl. Johannes 8,44), und keine guten Folgen kamen für die Menschen aus der Ursünde. Sie empfinden Scham und Furcht, und als Gott sie konfrontiert, versuchen sie die Schuld von sich abzuschieben. „Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.“ (Genesis 3,12f.) Man beachte auch Adams genaue Formulierung: Die Frau, die du mir beigesellt hast – im Endeffekt ist es ja Gottes Schuld!

Dann wurden Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Auf das Wieso ist C. S. Lewis in dem oben zitierten Abschnitt schon etwas eingegangen, aber ich möchte noch ein paar Gedanken dazu hinzufügen: Gott wollte die Menschheit nach ihrem selbstverschuldeten Fall wieder retten, und er wusste, dass es ihr nun nicht mehr gut getan hätte, weiterhin im Paradies zu leben. Medizin schmeckt leider nicht immer angenehm. Arbeit, Schmerz und Tod, die Strafe für die Sünde, sollten zum Weg der Erlösung gehören – sie gehörten auch zu dem menschlichen Leben, das Gott selbst bei Seiner Menschwerdung auf sich nahm, um die Menschen zu erlösen. Würde es der Menschheit in ihrem heutigen moralischen Zustand denn wirklich gut tun, wenn sie Arbeit, Schmerz und Tod nicht kennen würde? Krankheiten und Schwierigkeiten sind auch Anreize zum gegenseitigen Mitgefühl und zur gegenseitigen Hilfe, und der Tod ist Anreiz dazu, auch mal an Gott zu denken und daran, dass man vielleicht auch mal für sein Leben Rechenschaft ablegen wird müssen, oder zumindest daran, dass man nur eine begrenzte Zeit auf Erden hat und sich überlegen sollte, was man mit dieser Zeit eigentlich anfangen will. Die gefallene Menschheit braucht solche Anreize wahrscheinlich. Leider. Es wäre sehr viel schöner, wenn es anders wäre, aber Gott ist offensichtlich der Meinung, dass wir das brauchen. Wir sehen das vielleicht nicht immer – ich sicher nicht –, aber Gott sieht es wohl so. Hier könnte ich einen Vergleich mit dem – inzwischen leider verstorbenen – Kater meiner Familie anbringen: Der Arme bekam jedes Mal, wenn man ihn in seinen Korb sperrte, sofort furchtbare Angst, weil er dann schon wusste, dass es wieder mal zum Tierarzt ging, und da erwarteten ihn schließlich solche scheußlichen Dinge wie Spritzen, Verbände und Halskrausen (er ließ immer furchtbar den Kopf hängen, wenn er ein paar Tage oder Wochen lang eine Halskrause tragen musste); aber wenn wir ihn nicht regelmäßig zum Tierarzt gebracht hätten, hätte er eindeutig kein so langes Leben gehabt, wie er es letztlich hatte – so gern, wie er mit den Nachbarskatzen raufte, und so oft, wie sich seine Wunden dann auch noch entzündeten. (Das ist vielleicht auch ein gutes Beispiel dafür, wie etwas gleichzeitig Strafe für ein eigenes Fehlverhalten und Mittel zur Wiedergutmachung und Heilung sein kann. Hätte unser Kater nicht gerauft, hätte er auch nicht zum Tierarzt gemusst, aber wir haben ihn trotzdem nicht dahin gebracht, um ihn fürs Raufen zu bestrafen, sondern um ihn von den Folgen zu heilen. Wenn er aus dieser „Strafe“ fürs nächste Mal was lernte – was er wahrscheinlich nicht tat –, umso besser.)

Soweit meine Gedanken zur Schöpfung, zu Adam, Eva und dem Sündenfall.

[Bevor ich jetzt zu den restlichen acht Kapiteln komme, noch ein Exkurs* zu einer speziellen Schwierigkeit: Wenn wir davon ausgehen, dass es am Anfang der Menschheitsgeschichte nur ein Menschenpaar gab, dann stellt sich automatisch das Problem, dass es dann in den ersten Generationen Inzest gegeben haben muss, sprich, dass Adams und Evas Söhne ihre eigenen Schwestern heirateten, und deren Kinder dann ihre Cousins und Cousinen. (Laut Genesis 5,4 hatten Adam und Eva noch mehr Kinder als bloß Kain, Abel und Set; das Problem fehlender Schwestern stellt sich also nicht, falls irgendjemand jetzt noch auf diese Idee käme.)

Wie gesagt, ich weiß nicht, ob es streng dogmatisch nötig ist, von nur einem Menschenpaar auszugehen, aber gehen wir mal davon aus; dann muss es in der zweiten Generation rein logisch Geschwisterehen gegeben haben. Dazu könnte man nun einfach ganz kurz sagen, dass Gott das eben in diesem Ausnahmefall erlaubte und später nicht mehr. Dazu müsste dann aber das Verbot der Geschwisterehe kein absolut unveränderliches naturrechtliches Verbot sein (wie z. B. das Verbot der Polygamie oder des Ehebruchs), sondern ein Verbot des positiven (gesetzten) göttlichen Rechts (also ein Gebot, das Gott einfach so eingesetzt hat, obwohl er die Frage auch anders hätte regeln können; wie das Gebot, am siebten Tag der Woche zu ruhen, oder Brot und Wein für die Eucharistie zu verwenden), oder sogar bloß ein Verbot des positiven kirchlichen Rechts (wie das Beichtgeheimnis, oder das Verbot, ohne bischöfliche Sondergenehmigung einen Ungetauften zu heiraten). Ich bin hier https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/28/ueber-schwierige-bibelstellen-exkurs-etwas-grundsaetzliches-ueber-gottes-gutheit/ schon darauf eingegangen, dass „gut“ ja grundsätzlich nicht einfach das ist, was Gott willkürlich für „gut“ erklärt hat, sondern dass Gott seinem Wesen nach gut ist, also keine in sich (naturrechtlich gesehen) schlechten Dinge befehlen kann und wird. Wenn Er aber nun am Anfang nur ein Menschenpaar geschaffen hat und von diesen Menschen wollte, dass sie fruchtbar sind und sich vermehren (Genesis 1,28), dann müsste das also notwendigerweise heißen, dass Ehen zwischen Geschwistern etwas sind, das nicht naturrechtlich gesehen absolut immer in sich schlecht ist – oder?

Dazu ist es vielleicht erst einmal notwendig, sich anzusehen, wieso wir Inzest schlecht finden. (Das ist vielleicht sowieso mal notwendig, da es ja Menschen geben soll, die das nicht mehr so sehen.) Dazu wäre natürlich auch erst einmal noch die Frage zu klären, welche Beziehungen als Inzest klassifiziert werden sollten.

Erst einmal vielleicht noch ein paar Vorüberlegungen zur rechtlichen Seite, bevor wir zur moralischen kommen: Im jetzigen staatlichen deutschen Recht sind Ehen zwischen Cousin und Cousine und auch zwischen Onkel und Nichte oder Tante und Neffe ja erlaubt und gelten nicht als Inzest, im kirchlichen Recht dagegen sind solche Ehen noch verboten (CIC Can. 1091, § 2). Aber wenn man wegen der geplanten Eheschließung mit seiner Cousine ins Pfarramt geht und der Pfarrer dann den obligatorischen Brief mit der Bitte um Dispens vom Ehehindernis der Blutsverwandtschaft im vierten Grad der Seitenlinie an den Bischof schreibt, wird man diesen Dispens in aller Regel auch bekommen. Als Dispensgrund wird dann in der Regel so etwas wie „Gefahr ungültiger Eheschließung“ angegeben; sprich, ehe man die Gefahr in kauf nimmt, dass die beiden sich einfach nur standesamtlich trauen lassen und dann aus kirchlicher Sicht ungültig verheiratet zusammenleben, gibt man eben die Genehmigung – man will die Leute ja nicht zur Sünde treiben. Der Paragraph im Codex des Kanonischen Rechts (Codex Iuris Canonici, kurz CIC) ist wahrscheinlich eher so etwas wie eine erinnernde Mahnung „Also, wir sehen das nicht gern; bitte liebe Katholiken, lasst das mit Beziehungen zu euren Cousins und Cousinen am besten (aber wenn ihr unbedingt wollt, dann lieber noch eine gültige Heirat mit eurem Cousin oder eurer Cousine als eine wilde Ehe)“. In früheren Zeiten war das Kirchenrecht da durchaus strenger. Im frühen Mittelalter etwa konnte es durchaus mal vorkommen, dass sich ein Bischof mit einem Fürst anlegte, weil der unbedingt seine Großcousine heiraten wollte und das der Kirche noch als zu nahe Verwandtschaft galt (s. etwa hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Hammersteiner_Ehe). Wenn es jetzt um noch nähere Verwandtschaft geht, also z. B. Onkel – Nichte (dritter Grad der Seitenlinie), dann sieht es kirchenrechtlich wahrscheinlich schon ein bisschen kritischer aus. Hier kenne ich mich nicht so aus; aber wenn ich mal raten sollte: ich könnte mir durchaus vorstellen, dass, wenn z. B. Anna und Tom, die fast gleich alt sind, sich vor zwei Jahren auf der Uni kennengelernt haben und jetzt heiraten wollen, zufällig herausfinden, dass Tom ein unehelicher Halbbruder von Annas Vater ist, was vorher keiner wusste, und einander dennoch unbedingt noch heiraten wollen, der zuständige Bischof da ein Auge zudrücken und Dispens geben würde, aber bei einer normalen Onkel-Nichte-Beziehung würde ich das nicht automatisch vermuten (auch angesichts der Tatsache, dass solche Beziehungen auch in der Gesellschaft kaum so normal sind, dass man zwangsläufig vermuten müsste, dass die beiden sowieso zusammenleben würden, egal ob die Kirche ihren Segen gibt oder nicht; aber wie gesagt, da kenne ich mich mit der praktischen Handhabung nicht aus). Was Geschwister angeht (zweiter Grad der Seitenlinie), oder, noch schlimmer, direkte Vorfahren oder Nachkommen, also Kinder, Enkel etc. (gerade Linie), also Beziehungen, die in Deutschland auch durch staatliches Recht verboten sind, da heißt es aber in CIC Can. 1078 § 3 ganz klar: „Vom Hindernis der Blutsverwandtschaft in der geraden Linie oder im zweiten Grad der Seitenlinie gibt es niemals Dispens.“ Allerdings habe ich – in einem Seminar über Kirchenrecht, glaube ich – mal von folgendem Fall aus den 70ern gehört (vor Inkrafttreten des jetzigen CIC, der aus dem Jahr 1983 stammt; aber überhaupt kann ein Papst ja auch immer mal Bestimmungen des CIC außer Kraft setzen, wenn er will; ich denke, im vorigen CIC von 1917 wird es grundsätzlich schon auch ähnliche Bestimmungen gegeben haben wie im jetzigen): Da war ein Ehepaar, jahrelang verheiratet, mehrere Kinder; durch Zufall kam heraus, dass die Ehepartner Halbgeschwister waren – folglich war die Ehe automatisch ungültig. Aber der sel. Papst Paul VI. gab in diesem Fall Dispens, damit die Ehe jetzt doch noch gültig geschlossen werden konnte. Aus diesem Fall kann man nun mehrere mögliche Folgerungen ziehen: a) Das war eine gute Entscheidung, und der Papst hatte das Recht dazu, und die Ehe war dann gültig. b) Das war zwar keine gute Entscheidung, aber der Papst hatte das Recht dazu, und die Ehe war dann gültig. c) Das war keine gute Entscheidung, und der Papst hatte auch nicht das Recht dazu, da das Verbot der Geschwisterehe positiven göttlichen Rechts ist und Gott dem Papst nicht die Vollmacht übertragen hat, davon zu dispensieren, also war die Ehe dann trotz Dispens nicht gültig. d) Das war keine gute Entscheidung, und der Papst hatte auch nicht das Recht dazu, da das Verbot der Geschwisterehe natürlichen Rechts ist und niemand davon dispensieren kann, auch Gott nicht, wenn er wollte, was er nicht will, weil es ja Naturrecht ist (logisch), also war die Ehe dann trotz Dispens nicht gültig. In Fall c) und d) wäre die päpstliche Unfehlbarkeit wohl nicht tangiert, da dieses Dogma ja nicht garantiert, dass der Papst in jedem praktischen Einzelfall richtig entscheidet, sondern nur, dass er in seiner lehramtlichen Funktion keinen Fehler machen kann. Dazu, wie ich das interpretieren würde, weiter unten; aber hier nur mal das als Beispiel, wie die Kirche im Lauf ihrer Geschichte mit solchen Fällen schon umgegangen ist.

Es ist übrigens auch noch wichtig, zu wissen, dass auch Ehen mit Adoptivkindern bzw. -geschwistern und mit Schwiegerkindern (verwitweten Schwiegerkindern, natürlich – falls sich jemand darüber wundert, dass die Schwiegerkinder ja sowieso schon verheiratet sein müssten) kirchenrechtlich verboten sind. Früher waren übrigens auch noch Ehen mit Schwägern oder Taufpaten verboten; aber hier ist die Kirche heutzutage etwas liberaler. Wie es in diesen Fällen in der Praxis mit Dispensen gehandhabt wird, weiß ich nicht; möglich sind sie.

Ach ja, eins noch: Im Alten Orient dagegen war man bei der Definition von Inzest übrigens oft nicht so streng wie heute im Kirchenrecht. Ehen zwischen Cousin und Cousine oder Stiefgeschwistern oder mit einer verwitweten Schwägerin waren ganz normal; auch im AT wird es als sogar vorbildlich angesehen, innerhalb der eigenen Sippe zu heiraten (anstatt sich zuletzt noch eine Frau aus irgendeinem fremden Volk zu holen!), oder seine verwitwete Schwägerin zur Frau zu nehmen, damit sie versorgt ist. Und während das Gesetz des Mose Ehen mit Halbgeschwistern untersagte, kam so etwas in früheren Zeiten durchaus noch vor; um eins der bekanntesten Ehepaare aus der Bibel zu nehmen, Abraham und Sara waren Halbgeschwister – wirklich, steht so in Genesis 20,12, „Übrigens ist sie wirklich meine Schwester, eine Tochter meines Vaters, nur nicht eine Tochter meiner Mutter; so konnte sie meine Frau werden“. Selbst noch zu König Davids Zeiten waren Ehen zwischen Halbgeschwistern offenbar trotz des Verbots in der Tora für die Israeliten nicht grundsätzlich undenkbar (vgl. 2 Samuel 13,13).

Na ja, gut, aber was die Israeliten irgendwann mal taten, muss ja nicht automatisch auch moralisch vorbildlich gewesen sein, also jetzt endlich zur moralischen Seite der Frage: Wieso ist Inzest eigentlich schlecht? Wegen der größeren Gefahr, dass behinderte Kinder geboren werden? Das könnte man als Eugeniker glauben, aber nicht als Christ; sonst müsste man schließlich auch Behinderten die Ehe verbieten, was die Kirche nicht tut. Es ist sicher an sich kein schlechtes Motiv, lieber eine Ehe mit einem Partner einzugehen, mit dem man mit größerer Wahrscheinlichkeit gesunde Kinder bekommen würde als mit einem, mit dem man eher schwerkranke oder behinderte bekommen würde, aber an sich ist es kein so großes Übel, behindert oder krank zu sein, dass man sagen müsste, Menschen, bei denen ein Risiko behinderten oder kranken Nachwuchses besteht, dürften moralisch gesehen keine Kinder zeugen; wenn man dieses Prinzip logisch auf die Spitze treiben würde, müsste man sagen, niemand dürfte mehr Kinder bekommen, denn alle Kinder tragen die Krankheit der Erbsünde in sich und werden irgendwann leiden und sterben, und einige von ihnen werden auch dann schwerkrank und behindert sein, wenn das Risiko dafür eigentlich niedrig ist. Das kann also nicht der Grund sein, wenn man die Sache durchdenkt. Der Grund, warum Inzest schlecht ist, muss ein anderer sein.

Ich denke, es ist der hier: Es gibt im Leben verschiedene Arten von Beziehungen: Beziehungen zu Mutter, Vater, Geschwistern, Onkeln und Tanten, Nachbarn, Spielkameraden, Verhandlungspartnern in der internationalen Diplomatie, Arbeitskollegen, guten Freunden, angeheirateten Verwandten, Stiefkindern, Ehepartner, und so weiter und so fort. Die Vermischung der Kategorien ist nicht unbedingt gut; was in der einen Beziehung gut ist, ist in der anderen nicht gut. Zum Beispiel ist gegenüber Geschäftspartnern größere Höflichkeit und Zurückhaltung am Platz als gegenüber Geschwistern; das ist ganz normal und dient dem Schutz beider spezifischer Arten von Beziehungen. Ein Geschäftspartner würde sich brüskiert fühlen, wenn man mit ihm reden würde wie mit seinem Bruder, während der Bruder sich wahrscheinlich verarscht vorkommen würde, wenn man ihn auf einmal siezen und mit ganz besonderer Höflichkeit behandeln würde. Das Ehekonzept der Kirche, auf dem sie vor allem in früheren Jahrhunderten relativ streng bestand, ist nun ein Konzept der Exogamie (im Gegensatz zur Endogamie, wie sie im Alten Orient noch stärker typisch war): Ehe und Blutsfamilie sind etwas Verschiedenes; man sucht sich seinen Ehepartner am besten nicht innerhalb der eigenen Blutsverwandtschaft, sondern außerhalb. Wenn man einen Ehepartner suchen will, muss man aus der eigenen Familie hinausschauen, eine neue Bindung eingehen und so eine eigene, neue Familie begründen. Das ist gegen eine Verschlossenheit einer Sippe in sich gewandt. Und damit ist die Kirche auch klar für die Unterschiedenheit der Kategorien Blutsverwandtschaft vs. Ehe. Ich sollte nicht mit einem Bruder, mit dem ich von klein auf aufgewachsen bin, jetzt auch noch eine Ehe eingehen. Diese Beziehungen haben unterschieden zu sein. Innerhalb einer Familie sollte man gar nicht an mögliche Liebesbeziehungen denken; diese Beziehungen sollten stabile Beziehungen nicht-sexueller Zuneigung und gegenseitiger Verantwortung sein, unabhängig von irgendwelchen amourösen Verwicklungen.

Aber ich denke mal, noch wesentlich deutlicher als bei einer Geschwisterbeziehung ist es bei einer anderen Art von Beziehung, wieso Inzest da schlecht ist: Bei der Verwandtschaft in der geraden Linie, d. h. etwa bei einem Vater und seiner Tochter oder einer Mutter und ihrem Sohn. Ein Gedanke an eine sexuelle Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist ein geradezu ekelerregender. Um mal genauer auszuformulieren, wieso, auch wenn das vielleicht nicht unbedingt nötig ist, aber der Vollständigkeit halber: Ein Vater ist dazu da, sich um seine Tochter zu kümmern, sie großzuziehen, sie zu erziehen, ihr Dinge beizubringen; eine Vater-Tochter-Beziehung ist eine wesentlich asymmetrische – im Idealfall geprägt von Vertrauen, Achtung und Gehorsam auf der einen und Fürsorge, Zuwendung und ggf. auch mal Strenge auf der anderen Seite; auf einer solchen Basis kann, selbst wenn beide Teile erwachsen sind, unmöglich eine gute Ehe – eine wesentlich partnerschaftliche Beziehung – aufgebaut werden. Und natürlich ist das Tabu einer sexuellen Beziehung zwischen Eltern und Kindern auch ein Schutz vor Missbrauch in der Kindheit. (Schließlich sind Eltern ja auch hauptsächlich dafür da, ihre Kinder in deren Kindheit auf das weitere Leben vorzubereiten und leben nach der Kindheit nicht mehr automatisch mit ihnen zusammen. Die Gelegenheit für Inzest in der geraden Linie wäre also auch noch gerade da am größten, wo einer der beiden Beteiligten für keine Art von sexuellen Beziehungen reif ist.) Eine Eltern-Kind-Beziehung hat keine sexuelle Beziehung zu sein, weder, wenn die Kinder minderjährig, noch wenn sie erwachsen sind. Ich denke mal, bis auf ein paar Hardcore-Inzest-Apologeten wird mir hier die ganze Menschheit ohne Probleme zustimmen können.

Hier wird übrigens auch deutlich, wieso auch Beziehungen mit Adoptivgeschwistern oder -kindern nicht gut und vom Kirchenrecht untersagt sind: Wenn eine familiäre Beziehung besteht, dann hat eine sexuelle da ganz einfach nichts zu suchen, auch wenn die familiäre Beziehung nicht auf Blutsverwandtschaft beruht. (Hier könnte man dann natürlich in der entgegengesetzten Richtung argumentieren, dass dann ja Beziehungen zwischen Blutsverwandten, die nicht wussten, dass sie blutsverwandt sind und/oder nicht zusammen aufgewachsen sind (der bekannteste Fall wäre wohl der aus der griechischen Sage von Ödipus und seiner Mutter Iokaste), nicht schlecht sein könnten, weil das dann ja keine wirklichen familiären Beziehungen wären. Aber das stimmt einfach nicht. „Blut ist dicker als Wasser“, heißt es, und ich denke, das macht Sinn – ich meine, man merkt es selber, sobald man erfährt, dass irgendjemand, den man kennengelernt, mit einem verwandt ist (und wenn nur ganz entfernt verwandt), dann behandelt man sich schon ganz anders. Blutsverwandtschaft sorgt für eine wirkliche Beziehung; auch, wenn man sich nicht wirklich kennt. Deshalb ist auch eine Liebesbeziehung zu, z. B. einem Adoptivbruder nicht so schlimm wie zu einem leiblichen und man kann theoretisch auch von der Kirche dafür Dispens bekommen; eine familiäre Beziehung zwischen Adoptivgeschwistern ist immer, zwangsläufig, – Entschuldigung an alle adoptierten Menschen, aber das wird immer so sein, auch wenn man es nicht will – eine etwas andere Beziehung als zwischen leiblichen Geschwistern. Natürlich kann es – etwa wenn es um die moralische Beurteilung einer Liebesbeziehung zwischen Adoptivgeschwistern geht, die sich entwickelt hat, auch wenn sie eigentlich nicht ideal ist und nicht da sein sollte – auch einen sehr großen Unterschied machen, ob man z. B. seine Adoptivgeschwister erst kennengelernt hat, als sie und man selber schon älter waren, oder ob man von Anfang an gemeinsam aufgewachsen ist. Aber ich schweife ab.)

Ich denke mal, es ist ziemlich klar, dass das Verbot des Inzests in der geraden Linie eindeutig in die Kategorie des Naturrechts fällt, also in die Kategorie des von Natur aus in sich Schlechten. Aber: Ich kann mir durchaus Gründe dafür denken, dass Geschwisterinzest in die Kategorie des Naturrechts-mit-Ausnahmen oder des positiven göttlichen Rechts oder sogar bloß des positiven kirchlichen Rechts fällt. Dazu möchte ich, damit ich hier nicht missverstanden werde, noch einmal auf zwei oben erwähnte Beispiele zurückgreifen.

Nehmen wir erstmal das Gebot der Sabbatruhe: Es ist durchaus nicht nur eine willkürliche Anordnung, sondern macht eindeutig auch (naturrechtlich) Sinn, einen bestimmten regelmäßigen Ruhetag zu haben, an dem alle Menschen sich von ihrer Arbeit ausruhen, durchatmen, und sich mehr als sonst auf Gott und auf ihre Familie konzentrieren. Dass das alle sieben Tage an genau diesem Tag sein soll, das ist zwar eine mehr oder weniger willkürliche (positive, d. h. vom Gesetzgeber einfach gesetzte) Anordnung, aber die Anordnung an sich macht sehr viel Sinn; aber auch unabhängig von der Frage nach dem speziellen Tag ist Arbeit am Ruhetag nicht immer automatisch von Natur aus in sich schlecht. Es kann Ausnahmen geben, zum Beispiel, wenn man als Feuerwehrmann oder Ärztin arbeitet. Diese Ausnahmen sind auch eigentlich von vornherein in der Regel mit bedacht; auch z. B. die kirchenrechtliche sog. Sonntagspflicht für Katholiken, am Sonntag in die Messe zu gehen, findet ja bekanntlich nur dann Anwendung, wenn man nicht durch Krankheit oder dringende Verpflichtungen daran gehindert ist. Aber trotzdem sollte jeder, dem das irgendwie möglich ist, gewisse feste Ruhetage haben – wenn das, zum Beispiel wegen des Berufs, nicht immer der Sonntag sein kann, dann eben mal ein anderer Tag. Aber auch wenn jemand, dem zum Beispiel sein ausbeuterischer Arbeitgeber eine Sieben-Tage-Woche aufzwingt, aus diesem Grund überhaupt keinen regelmäßigen Ruhetag haben kann, dann sündigt dieser Mensch nicht automatisch dadurch, dass er sieben Tage die Woche arbeitet. Das Sabbatgebot wäre also insoweit eine Mischung aus Naturrecht-mit-Ausnahmen und positivem göttlichem Recht.

Oder nehmen wir das Beichtgeheimnis: Die Regel, dass ein Priester unter keinen Umständen und auf keine Weise (außer auf Wunsch des Beichtenden) irgendeine Information aus der Beichte irgendwie weitergeben darf, ist ein rein kirchliches Gesetz; in den ersten paar Jahrhunderten war eine öffentliche Beichte im Gottesdienst üblich (ja, wirklich! Wir haben es leicht heute, was die Kirchendisziplin angeht). Aber dennoch ist dieses Gesetz eins der heiligsten überhaupt und von diesem Gesetz gibt es keine Ausnahmen; auch wenn ein Priester damit rechnen müsste, dass ein Mörder, der bei ihm gebeichtet hat, weitere Morde begehen könnte, oder wenn er selbst gefoltert würde, damit er irgendetwas aus einer Beichte preisgibt, dürfte er nichts preisgeben. Der hl. Johannes Nepomuk soll als Märtyrer für das Beichtgeheimnis gestorben sein. Es ist auch ein Gesetz, das (naturrechtlich) sehr viel Sinn macht; manche Leute trauen sich vielleicht nur deshalb zur Beichte, weil sie wissen, dass sie sicher auf die Verschwiegenheit des Priesters zählen können, so, wie man ja auch einem Arzt mit ärztlicher Schweigepflicht mehr anvertraut als irgendeinem anderen Fremden ohne irgendeine Art von Schweigepflicht; aber dennoch ist es ein Gesetz, das die Kirche eingeführt hat, und das sie rechtlich gesehen rein theoretisch ändern könnte. Wenn Papst Franziskus morgen aufwachen und sich denken würde „Hey, schaffen wir das Beichtgeheimnis ab“, dann könnte er das tun. Es wäre nicht gut (er hätte ja auch keinen Grund dazu), aber rein theoretisch könnte er es tun. Wird er nicht, aber er könnte.

Noch etwas zu meinem oben eingeführten Begriff Naturrecht-mit-Ausnahmen: Es gibt ja Dinge, die sind immer in sich schlecht (z. B. direkte Tötung eines unschuldigen Menschen) und Dinge, die sind in der Regel schlecht, aber in bestimmten Ausnahmen erlaubt (z. B. Tötung eines Menschen – Beispiel für eine Ausnahme: Notwehr gegen einen Menschen, der versucht, mich umzubringen, und den ich auf andere Weise nicht unschädlich machen kann; das ist dann ja kein unschuldiger Mensch). Diebstahl ist in der Regel schlecht, aber „Mundraub“ (d. h. Diebstahl von Essen, ohne das man verhungern, Diebstahl von Kleidung oder Kohlen, ohne die man erfrieren würde) kann erlaubt sein (es sei denn zum Beispiel, man bestiehlt Menschen, die ebenfalls am Verhungern oder Erfrieren sind) – wird übrigens auch als „Fringsen“ bezeichnet, weil Kardinal Frings das in der Nachkriegszeit einmal in einer Predigt als erlaubt bezeichnete, das nur am Rande.

Ich denke, in eine ähnliche Kategorie wie alle diese Beispiele fällt (anders als der Eltern-Kind-Inzest) wahrscheinlich auch der Geschwisterinzest. An sich macht es naturrechtlich sehr viel Sinn, ihn zu verbieten; es macht Sinn, zu sagen, Beziehungen zwischen Geschwistern sollten nicht dasselbe wie Beziehungen unter Ehepartnern sein, eine Familie ist absolut nicht der Ort für amouröse Verwicklungen und Liebesbeziehungen, die Möglichkeit sexueller Beziehungen zu Familienmitgliedern sollte von vornherein tabu sein, um diese Beziehungen zu schützen, seinen Ehepartner sollte man sich außerhalb der eigenen Sippe suchen; ich würde mal einfach spekulieren, dass das Verbot des Geschwisterinzests ins Naturrecht-mit-sehr-sehr-seltenen-Ausnahmen oder unters positive göttliche Recht fällt (oder in eine Mischkategorie, wie das Sabbatgebot), auch wenn der Papst von Gott die Vollmacht dazu erhalten hat, für Katholiken theoretisch davon dispensieren zu können, auch wenn er das normalerweise nie tut (s. den Fall aus den 70ern – so würde ich das interpretieren, ich würde sagen, der Papst hatte das Recht dazu und das war möglicherweise eine Ausnahme, in der es auch naturrechtlich gesehen sinnvoll gewesen sein könnte, zu dispensieren; aber um das zu beurteilen, kenne ich mich mit dem Fall nicht gut genug aus); ich würde also sagen, es ist nicht undenkbar, dass es einmal in einer sehr, sehr seltenen Situation eine legitime Ausnahme davon gegeben haben kann, nämlich eben in der Situation, dass die ganze Menschheit aus einer einzigen Familie bestand und man sich seinen Ehepartner gar nicht außerhalb der Familie suchen konnte. Ebenso, wie es an sich besser ist, nicht seine Cousine zu heiraten, es aber auch für einen Katholiken nicht zwangsläufig in jeder Situation eine Sünde sein muss, eine Beziehung mit seiner Cousine anzufangen. Oder, wie es an sich besser ist, nicht einen Ungetauften zu heiraten (auch da braucht man ja wieder Dispens vom Bischof, von wegen Ehehindernis der Religionsverschiedenheit), es aber auch nicht in jeder Situation zwangsläufig eine Sünde für eine Katholikin sein muss, eine Beziehung mit einem Ungetauften anzufangen. So würde ich auch sagen: Geschwisterinzest ist absolut tabu (so wie ein Bruch des Beichtgeheimnisses), aber er kann durchaus vor langer Zeit einmal in einer Ausnahmesituation von Gott erlaubt worden sein, so wie das Beichtgeheimnis nicht zu allen Zeiten der Kirchengeschichte existierte.

So, und jetzt bin ich fertig mit meiner Lieblingsbeschäftigung, über mehrere Seiten hinweg mit Bezug auf sämtliche relevanten kirchenrechtlichen und -geschichtlichen Punkte über eine spannende Detailfrage zu spekulieren. Jetzt also weiter im Text.]

Die nächste Erzählung im Buch Genesis handelt von Kain und Abel, den beiden Söhnen Adams und Evas, von Kains Mord an Abel. Dann geht es um Kains Nachfahren, es kommt eine kurze Geschichte über seinen Nachfahren Lamech, dann kommen weitere Ahnenlisten, dann eine etwas rätselhafte Stelle, in der „Riesen“, „Gottessöhne“ und „Menschentöchter“ erwähnt werden, dann, über mehrere Kapitel ausgebreitet, die ganze Geschichte mit der Sintflut und Gottes Bund mit Noah und noch eine komische Geschichte mit Noahs Sohn Ham, dann wieder eine Ahnenliste, dann der Turmbau zu Babel, und gleich noch mal eine Ahnenliste.

Die erste Geschichte, die vom Zustand der Menschheit nach dem Sündenfall erzählt, handelt von einem Brudermord. Das ist bezeichnend. „Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.“ (Genesis 4,8-10) Kain und seine Nachfahren treiben Ackerbau, bauen Städte, züchten Vieh und lernen Eisen zu schmieden, kurz, sie sind die technologisch Fortschrittlichen – aber sie üben auch exzessive Blutrache und praktizieren die Polygamie. Der erste in der Bibel erwähnte Polygamist ist eben Kains Nachfahre Lamech, und sein „Lied des Lamech“, wahrscheinlich ein sehr alter Text, lautet folgendermaßen: „Lamech sagte zu seinen Frauen: Ada und Zilla, hört auf meine Stimme, ihr Frauen Lamechs, lauscht meiner Rede! Ja, einen Mann erschlage ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach.“ (Genesis 4,23f.)

Als nächstes wird ein weiterer Sohn Adams in die Geschichte eingeführt: „Adam erkannte noch einmal seine Frau. Sie gebar einen Sohn und nannte ihn Set (Setzling); denn sie sagte: Gott setzte mir anderen Nachwuchs ein für Abel, weil ihn Kain erschlug.“ (Genesis 4,25) Dessen Nachkommen – es folgt eine längere Ahnenliste, in der irgendwie alle mehrere hundert Jahre alt werden („Set war hundertfünf Jahre alt, da zeugte er Enosch. Nach der Geburt des Enosch lebte Set noch achthundertsieben Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Sets betrug neunhundertzwölf Jahre, dann starb er.“ (Genesis 5,6-8)) – schlugen einen anderen Weg ein als die Kains. Zu ihnen gehört u. a. Henoch, von dem es heißt „Henoch war seinen Weg mit Gott gegangen, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen“ (Genesis 5,24) und dann Henochs Urenkel Noah. Und da findet sich dann diese seltsame Stelle: „Als sich die Menschen über die Erde hin zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel. Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen. In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die berühmten Männer. Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war. Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh. Der Herr sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben. Nur Noach fand Gnade in den Augen des Herrn.“ (Genesis 6,1-8) Dann kommt Gottes Anweisung an Noah und seine Familie (er hat eine Frau, drei Söhne und drei Schwiegertöchter) für den Bau der Arche und die Mitnahme aller Tiere, dann kommt die Flut, dann geht die Flut wieder zurück, „Dann baute Noach dem Herrn einen Altar, nahm von allen reinen Tieren und von allen reinen Vögeln und brachte auf dem Altar Brandopfer dar. Der Herr roch den beruhigenden Duft und der Herr sprach bei sich: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. So lange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Genesis 8,20-22), dann kommt Gottes Bund mit Noah (mit dem Regenbogen als Bundeszeichen), dann kommt diese sehr seltsame Geschichte mit Noahs Söhnen und Noahs Segen über Sem und Jafet und dem Fluch über Ham und dessen Sohn Kanaan; dann kommt wieder eine Ahnenliste, in der die Abkunft sämtlicher Völker von den Söhnen Noahs geschildert wird („Die Söhne Hams sind Kusch, Ägypten, Put und Kanaan. Die Söhne von Kusch sind Seba, Hawila, Sabta, Ragma und Sabtecha, und die Söhne Ragmas sind Saba und Dedan.“ (Genesis 10,6-7) usw.). Dann kommt in Kapitel 11 der Turmbau zu Babel, und noch eine weitere Ahnenliste, die bis zu Abraham geht, den Gott dann in Kapitel 12 auserwählt: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.“ (Genesis 12,1-3) Aber Abraham gehört ja nicht mehr zum Thema dieses Beitrags.

Okay, und was sollen wir jetzt von alldem halten? Soll das jetzt alles historisch sein, oder nicht?

Erst einmal: Einen neuen Blickwinkel u. a. auf die Ahnenlisten und auf die Sintflut geboten hat in jüngerer Zeit die Altorientalistik. Die langen Lebenszeiten, die in den Listen aufgeführt werden, scheinen ja doch ein bisschen seltsam, so auf den ersten Blick. Aber dasselbe Phänomen findet man z. B. auch in den sumerischen Königslisten. Den länger zurückliegenden, altehrwürdigen Königen in den Listen werden immer märchenhaft lange Lebenszeiten zugeschrieben; das war wohl einfach eine Art, die Bedeutung von alten Königen und Vorfahren darzustellen – so, wie auf mittelalterlichen Bildern bedeutende Fürsten immer größer gemalt wurden als Angehörige des gemeinen Volkes. Natürlich wussten die Maler damals, dass die Fürsten nicht zwei Köpfe größer waren als die Bauern, auch wenn sie das so malten; es war nur ein Stilmittel. Ich nehme an, dass es mit den Lebenszeiten in diesen Ahnenlisten dasselbe war. Vielleicht war es auch ein Stilmittel, um das große Alter des Volkes, der königlichen Dynastie, oder, im Fall der Bibel, der Menschheit als Ganzes darzustellen. Soviel mal dazu; zur Sintflut dann gleich noch, jetzt eine Geschichte nach der anderen.

Diese ersten Kapitel nach dem Sündenfall zeigen den Zustand der Menschheit, wie er von nun an immer sein sollte: Gegenseitige Feindschaft, Brudermord, und auch Trennung der Menschheit in die, die trotz Erbsünde doch noch mehr oder weniger „ihren Weg mit Gott gehen“ – in diesen Kapiteln erst einmal die Nachkommen Sets – und die, die das nicht tun – hier die Nachkommen Kains.

Das ist auch die logischste Bedeutung des Verses über „Gottessöhne“ und „Menschentöchter“: Mit den Gottessöhnen sind wahrscheinlich Nachkommen Sets gemeint, mit den Menschentöchtern Nachkommen Kains. Hier zeigt sich auch die Einstellung der Bibel gegenüber solchen „Mischehen“, die einen moralischen Kompromiss bedeuteten (man sieht es später wieder, wenn es z. B. darum geht, dass König Salomo heidnische Frauen heiratete und schließlich selbst begann, deren Götter zu verehren): Auch die Setiter, die eigentlich die „Guten“ waren, lassen sich jetzt mit den „Bösen“ ein. Was mit den „Riesen“ („Nephilim“ im Hebräischen), den aus solchen Mischehen geborenen Menschen, gemeint ist: Das ist eine gute Frage – vielleicht einfach besonders mächtige Männer? (Nur zur Erinnerung: Die Autoren der Bibel hätten bei dem Begriff „Nephilim“ nicht gleich unsere aus Grimms Märchen stammende Vorstellung von „Riesen“ im Kopf gehabt; sie hatten ihre eigene, die wir jetzt irgendwie zu rekonstruieren versuchen müssen. Zum Vergleich: Es gibt auch eine Stelle im Buch Ijob, in der ein Tier erwähnt wird, das in manchen alten Bibelübersetzungen (z. B. der englischen King James Bible aus dem 17. Jahrhundert) mit „Einhorn“ (bzw. im Englischen „unicorn“) übersetzt wurde – während in der Originalsprache wohl ein Nashorn damit gemeint war. Auch ein Tier mit einem Horn, für das die europäischen Übersetzer vor ein paar hundert Jahren aber eben keinen Begriff hatten, bei dem sie nicht genau wussten, was gemeint war, und das sie dann einfach als „Einhorn“ betitelten, so wie „Nephilim“ mit „Riesen“ übersetzt wird.)

Eine wichtige Frage bei all diesen Kapiteln ist natürlich: Sind diese einzelnen Personen, die hier erwähnt werden, denn historische Personen? Möglicherweise – aber ich persönlich würde es in der Regel nicht vermuten. Die übermäßig langen Lebenszeiten, die für sie angegeben sind, müssen ihrer Historizität theoretisch nicht widersprechen; einige der sumerischen Könige, für die in der Königsliste Lebenszeiten von 900 oder 600 Jahren angegeben sind, wurden als tatsächliche historische Personen nachgewiesen. Wie gesagt, das war ein Stilmittel, um die Größe eines Menschen darzustellen; das allein sagt nichts darüber aus, ob er wirklich gelebt hat. Es gibt aber natürlich andere Gründe, bei ihnen nicht von historischen Personen auszugehen. Zum Beispiel die viel zu kurze Zeit, die vom Anfang der Menschheit bis zu Abraham verstrichen wäre. Hier könnte man natürlich einwenden, dass in solchen Ahnenlisten auch mal ein paar Generationen ausgelassen werden konnten (in biblischen Zeiten hatte man keine Probleme damit, jemandes Enkel oder Urururururenkel als dessen „Sohn“ zu bezeichnen; auch Jesus beispielsweise wird ja „Sohn Davids“ genannt, und das sind nun wirklich schon ein paar Generationen). Aber dennoch: Ist es wahrscheinlich, dass der Autor von Genesis sich mit der Stammesgeschichte der Menschheit so gut auskannte, dass er die Vorfahren sämtlicher ihm bekannter Volker kannte und benennen konnte? Na ja, wir können natürlich eine besondere Offenbarung Gottes annehmen, wenn wir das denn wollen; aber ich denke, man kann auch guten Gewissens annehmen, dass die Personen in diesen Kapiteln nicht alle historisch sind; vor allem angesichts der Tatsache, dass Genesis 1-11 in seinem Stil einfach sehr viel mehr anderen altorientalischen Mythen ähnelt als der ganze Rest der Geschichtsbücher das tut.

Ich würde nicht von vornherein mit Sicherheit behaupten, dass an keiner dieser Gestalten etwas Historisches ist. Über einige (z. B. Lamech oder Henoch) sind spezifische einzelne Verse überliefert, die in keinen besonderen Zusammenhang gehören und durchaus sehr alt sein können; vielleicht gehen sie wirklich auf Erzählungen von historischen Personen zurück, in welchem Kontext auch immer die gelebt haben. Ich würde das als Möglichkeit stehen lassen, es aber nicht unbedingt behaupten. (Oh, zum Spezialfall Henoch: Wenn man den für eine historische Person halten will, das ist an sich von der Logik her kein Problem: Da kann man einfach annehmen, dass er durch ein Wunder nicht starb, sondern direkt mit Leib und Seele von Gott aufgenommen wurde, wie wir das auch von zwei eindeutig historischen Heiligen (dem Propheten Elija und der Gottesmutter) glauben.)

Aber im Großen und Ganzen ist es, denke ich, wichtiger zu sehen, was diese Kapitel über die Menschheitsgeschichte als Ganzes sagen; ich habe das Gefühl, es entspricht auch mehr ihrem Stil, allgemeine Aussagen über die Menschheitsgeschichte nach dem Sündenfall zu machen.

Ein Beispiel für den Zustand der Menschheit bietet der Turmbau zu Babel: Der Versuch der Menschen, sich aus eigener Leistung durch politische Einigkeit und große Leistungen „einen Namen zu machen“, einen Turm zu bauen, der bis zum Himmel reicht (und ironischerweise doch so klein ist, dass Gott erst „heruntersteigen“ muss, um ihn sich anzusehen), kurz, wieder der Versuchung Adams und Evas zu verfallen, ohne Gott sein zu wollen wie Gott. Das Resultat ist gegenseitiges Unverständnis und Wirrsal und Zerstreuung statt Einigkeit.

(Pieter Brueghel, Großer Turmbau zu Babel, Wikimedia Commons)

Diese Geschichte hat etwas mit der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies gemeinsam: Wenn man nur diese Geschichten liest, könnte man den Eindruck bekommen, Gott fürchte, dass die Menschheit sich, wenn er nicht eingreift, zu viel nehmen könnte („Dann sprach Gott, der Herr: Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt! Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten von Eden weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war. Er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens von Eden die Kerubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.“ (Genesis 3,22-24); „Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.“ (Genesis 11,6-7).) Das ist Blödsinn. Gottes Eingreifen ist erstens – immer – geleitet von Seinem Willen für das Beste der Menschen. Und zweitens meint die Bibel, wenn sie von einer Strafe Gottes spricht, oft wohl auch einfach den „Fluch der bösen Tat“, sprich, das natürliche Resultat von – zum Beispiel – Hochmut, wie es in der von Gott eingerichteten Welt zum Vorschein kommt.

Dass es Gott hier nicht darum geht, die Menschheit daran zu hindern, sich etwas zu nehmen, das Er für sich behalten will, sieht man dann auch wunderbar im Neuen Testament. Das Gegenbild zu Babel ist Pfingsten: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ (Apostelgeschichte 2,4-6) Wo der Heilige Geist ist, werden Sprachunterschiede überwunden; wo der Geist der Hochmut ist, entsteht Wirrsal. „Liebe Brüder“, heißt es im 1. Johannesbrief (1 Johannes 3,2), „jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Und im Johannesevangelium heißt es sogar: „Jesus erwiderte ihnen: Heißt es nicht in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?“ (Johannes 10,34) Ja, wirklich, das steht da. Und ist ein Zitat aus Psalm 82,6. Das ist das Gegenbild zum Sündenfall: Wir werden Gott sehr wohl ähnlich gemacht werden, sein wie Gott – aber nicht in dem Sinne, wie Adam und Eva es verstanden, die sich einfach nur mehr Macht nehmen wollten, sondern in einem viel tieferen Sinn. Und es wird ein Geschenk sein, nichts, was wir uns selber nehmen oder machen könnten. Das, was die Menschen am Anfang angerichtet haben, wird am Ende von Gott wieder gerichtet werden. Gott gibt den Menschen das, was sie sich am liebsten selber gleich genommen hätten, gerne; es muss nur alles auf die richtige Weise geschehen, damit sie wirklich glücklich damit werden.

Jetzt zuletzt noch zu Noah und der Sintflut. Wie oben schon erwähnt, auch auf diese Geschichte haben einige Entdeckungen von Schriften anderer, heidnischer Völker des Alten Orients neues Licht geworfen. Da gibt es nämlich auch Fluterzählungen; z. B. das Gilgamesch-Epos oder das Atrahasis-Epos, die mindestens ins 18. Jahrhundert v. Chr., vielleicht auch schon in frühere Zeit datieren. Auch hier gibt es eine große Flut, von den Göttern ausgelöst, und einen Überlebenden, der, von einem Gott vorgewarnt, eine Arche für sich, seine Familie und die Tiere des Landes gebaut hatte. Aber einiges ist ganz anders: Im Atrahasis-Epos zum Beispiel sind die Götter, insbesondere der Gott Enlil, genervt, weil die Menschen zu viel Lärm machen und sie deshalb nicht schlafen können, und das ist letztlich der Grund für die Flut; der Gott Enki, der Atrahasis, den Helden der Geschichte warnt, stellt sich damit gegen die anderen Götter; und diese sind letztendlich dann doch ganz froh, dass ein paar Menschen überlebt haben, die ihnen opfern und sie so ernähren können – als Atrahasis nach der Flut ein Opfer darbringt, sammeln sich die Götter, die so lange hungern mussten, um den Rauch wie die Fliegen um den heißen Brei. Enlil ist aber trotzdem immer noch wütend auf Enki, aber schließlich besänftigt der ihn, indem er auch noch ein bisschen Not und Tod über die Menschheit bringt.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Geschichte von Noah eine Antwort auf diese Erzählungen darstellt – eine Korrektur. Der Gott der Bibel lässt die Flut nicht aus einer persönlichen Laune heraus über die Menschheit kommen, sondern weil er ein gerechter Gott ist, der das Unrecht bestraft, das die Menschen begangen haben; Noah wählt er wegen dessen Rechtschaffenheit aus. (Zur allgemeinen Frage nach göttlichen Gerichtstaten ein andermal noch ausführlicher als hier.) Er streitet sich nicht mit anderen Göttern herum, die mit ihm um die Macht konkurrieren. Er hat es auch nicht nötig, dass die Menschen ihn mit ihren Opfern ernähren. Er ist ein allmächtiger, gerechter Gott – kein launenhafter, kleinlicher Gott unter vielen Göttern, der einerseits auf die Menschen angewiesen ist, sich andererseits von ihnen stören lassen muss und sie auch nach Möglichkeit niederhalten will.

Vielleicht gehen beide Erzählungen auf eine wirkliche Flut zurück; es muss in Mesopotamien durchaus vor ein paar tausend Jahren eine sehr große Flut gegeben haben, wie Ausgrabungen nahe legen. Vielleicht gab es auch diesen einen Überlebenden mit einer Arche oder etwas in der Art wirklich. Das ist durchaus plausibel angesichts der breiten Überlieferung. Der Bericht könnte auch auf irgendeine andere große Katastrophe zurückgehen (in der Geschichte der Menschheit gab es ja durchaus sog. „Flaschenhals“-Situationen und viele Arten von Naturkatastrophen). Auch der Bericht vom Turmbau zu Babel könnte vielleicht auf irgendein reales Unternehmen und einen realen Konflikt zurückgehen. Kann man aber leider alles nicht so genau sagen. Auch wenn es wirklich interessant wäre.

File:Tissot The Dove Returns to Noah.jpg

(James Tissot, The dove returns to Noah, Wikimedia Commons)

Im Ganzen – und das kann man sagen – zeigen die Kapitel 4-11 des Buches Genesis also jedenfalls eine Menschheit, die sich einerseits bald teilt in die Gottesfürchtigen (Abel, Setiter) und die Sünder (Kainiter). Aber auch die Gottesfürchtigen beginnen andererseits bald, Kompromisse mit der Sünde einzugehen und schließlich genauso viel Unrecht zu begehen wie die Sünder. Kurz vor der Sintflut ist von allen ursprünglich guten Setitern nur noch Noah samt Familie treu geblieben. Gott macht ein wenig reinen Tisch, lässt aber diese wenigen Menschen noch für einen neuen Anfang übrig, doch auch bei diesem Anfang stellt er fest: Die Menschen werden sich trotzdem nicht ändern; sie werden auch in Zukunft noch böse sein – aber trotzdem soll dann nie wieder ein solches Gericht über die Menschen kommen wie durch die Sintflut. „Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe.“ (Genesis 8,21) Und dass das Trachten des Menschen böse ist von Jugend an, zeigt sich auch gleich darauf schon: Einer von Noahs Söhnen, Ham (der dann in der nächsten Ahnenliste als Ahnherr einiger Feinde Israels, u. a. von Kanaan und Ägypten, aufgeführt wird), begeht gleich nach der Flut ein Unrecht, das am logischsten als Inzest mit der eigenen Mutter zu identifizieren ist. (Im biblischen Hebräisch bedeutete der Ausdruck „die Blöße seines Vaters aufdecken“ Inzest mit dessen Frau, vgl. Levitikus 20,11 und Levitikus 18,7-8. Diese Interpretation würde auch erklären, wieso Noah dann vor allem Hams Sohn Kanaan verflucht, und nicht Ham selbst, wenn man annimmt, dass Kanaan durch diesen Inzest entstand. Zur genauen sprachlichen Analyse der Stelle, deren Andeutungen heutigen Lesern einfach völlig fremd sind, hier: http://www.scotthahn.com/resources-1/2016/1/15/noahs-nakedness-and-the-curse-on-canaan-genesis-920-27) Und selbst Noah ist kein absolutes Musterbeispiel an Tugend – in ebendieser Geschichte beispielsweise liegt er betrunken und nackt in seinem Zelt, was man entweder wörtlich oder im übertragenen Sinne verstehen kann. (Von anderen als mehr oder weniger ausschließlich „gut“ identifizierten Personen in diesen Kapiteln (Abel, Set, Henoch) wird kaum Näheres berichtet, aber es ist durchaus plausibel, anzunehmen, dass auch sie sich nicht immer in jedem Augenblick ihres Lebens völlig untadelhaft verhielten.) Und gleich die nächste Erzählung, in Genesis 11, in der gleich die ganze Menschheit wieder sündigt, ist eben die vom Turmbau zu Babel. Dann zerstreuen sich die Menschen über die Erde, und aus dieser Menschheit wird dann schließlich Abraham erwählt, den man, denke ich, als eine der ersten Personen in der Bibel als eindeutig historisch klassifizieren kann, und auch er zeigt sich in den folgenden Kapiteln keinesfalls immer als moralisches Vorbild.

Kurz gesagt, diese Kapitel zeigen Gottes Weg mit einer unbelehrbaren Menschheit, in der es zwar einerseits irgendwie Gute und Böse gibt (die Menschen haben immer noch den freien Willen, der ist durch die Erbsünde nicht ausgelöscht, und die einen entscheiden sich im Großen und Ganzen so, die anderen im Großen und Ganzen so), aber andererseits auch keine ausschließlich Guten (alle neigen zur Sünde, und alle entscheiden sich irgendwann in ihrem Leben einmal für die Sünde). Trotzdem kümmert Gott sich weiter um diese Menschheit; und schließlich, nach langer Zeit, beginnt sein Plan der Erlösung mit der Auserwählung einer einzelnen kleinen Familie, der Familie Abrahams.

[Nachtrag: Eine weitere wichtige Lehre aus diesen Kapiteln, insbesondere aus den uns so nutzlos und langweilig erscheinenden Stammbäumen, ist natürlilch auch die Lehre von der Verbundenheit der Menschheit untereinander. Die ganze Menschheit hat gemeinsame Ahnen und bildet eine Familie; auch das auserwählte Volk schließlich ist keine isolierte Gemeinschaft, die einfach für sich besteht, sondern ist mit sämtlichen Völkern der Menschheit verwandt, es stammt aus dieser Völkerfamilie. Und noch eins: Vor dem Bund, den Gott speziell mit Abraham, Isaak und Jakob eingeht, hat Er schon einen Bund mit Noah geschlossen, mit der ganzen Menschheit und sogar mit der ganzen Tierwelt: „Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind.“ (Genesis 9,9-10)

Ein Fazit aus der Betrachtung von Genesis 1-11 ist jedenfalls dieses: Regel Nummer 11: Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch. In den Worten von Kardinal Cesare Baronio (1538-1607): „Die Bibel lehrt uns, wie man in den Himmel kommt, nicht, wie die Himmel gehen“ (ungefähr übersetzt aus der englischen Übersetzung des Zitates „The Bible teaches us how to go to Heaven, not how the heavens go“; das originale Zitat habe ich nicht gefunden).]

* Ich hatte vor dem Wort „Exkurs“ ursprünglich das Wort „kurzer“ stehen. Das musste ich aber streichen, als ich den Exkurs fertig hatte.

 

Exkurs zu Teil 4: Was sagt der Katechismus zu Sündenfall und Erbsünde?

Absatz 7 DER SÜNDENFALL

385 Gott ist unendlich gut und alle seine Werke sind gut. Niemand entgeht jedoch der Erfahrung des Leides, der natürlichen Übel – die mit den Grenzen der Geschöpfe gegeben zu sein scheinen – und vor allem kann niemand dem Problem des sittlich Schlechten ausweichen. Woher stammt das Böse? ,,Ich fragte nach dem Ursprung des Bösen, doch es fand sich kein Ausweg“, sagt der hl. Augustinus (conf. 7,7,11), und sein schmerzliches Suchen wird erst in seiner Bekehrung zum lebendigen Gott einen Ausweg finden. ,,Die geheime Macht der Gesetzwidrigkeit“ (2 Thess 2,7) enthüllt sich nämlich nur im Licht des ,,Geheimnisses des Glaubens“ (1 Tim 3,16). Die in Christus geschehene Offenbarung der göttlichen Liebe zeigt zugleich die Größe der Sünde und die Übergröße der Gnade [Vgl. Röm 5,20.]. Wenn wir uns der Frage nach dem Ursprung des Bösen stellen, müssen wir also den Blick unseres Glaubens auf den richten, der allein dessen Besieger ist [Vgl. Lk 11,21-11; Joh 16,11; 1 Joh 3,8.].

I Wo die Sünde groß wurde, ist die Gnade übergroß geworden

Die Wirklichkeit der Sünde

386 In der Geschichte des Menschen ist die Sünde gegenwärtig. Man würde vergeblich versuchen, sie nicht wahrzunehmen oder diese dunkle Wirklichkeit mit anderen Namen zu versehen. Um zu verstehen, was die Sünde ist, muß man zunächst den tiefen Zusammenhang des Menschen mit Gott beachten. Sieht man von diesem Zusammenhang ab, wird das Böse der Sünde nicht in ihrem eigentlichen Wesen – als Ablehnung Gottes, als Widerstand gegen ihn – entlarvt, obwohl sie weiterhin auf dem Leben und der Geschichte des Menschen lastet.

387 Was die Sünde, im besonderen die Erbsünde, ist, sieht man nur im Licht der göttlichen Offenbarung. Diese schenkt uns eine Erkenntnis Gottes, ohne die man die Sünde nicht klar wahrnehmen kann und ohne die man versucht ist, Sünde lediglich als eine Wachstumsstörung, eine psychische Schwäche, einen Fehler oder als die notwendige Folge einer unrichtigen Gesellschaftsstruktur zu erklären. Nur in Kenntnis dessen, wozu Gott den Menschen bestimmt hat, erfaßt man, daß die Sünde ein Mißbrauch der Freiheit ist, die Gott seinen vernunftbegabten Geschöpfen gibt, damit sie ihn und einander lieben können.

Die Erbsünde – eine wesentliche Glaubenswahrheit

388 Mit dem Fortschreiten der Offenbarung wird auch die Wirklichkeit der Sünde erhellt. Obwohl das Gottesvolk des Alten Bundes im Licht der im Buche Genesis erzählten Geschichte vom Sündenfall die menschliche Daseinsverfassung irgendwie erkannte, konnte es den letzten Sinn dieser Geschichte nicht erfassen; dieser tritt erst im Licht des Todes und der Auferstehung Jesu Christi zutage [Vgl. Röm 5, 12-21.]. Man muß Christus als den Quell der Gnade kennen, um Adam als den Quell der Sünde zu erkennen. Der Heilige Geist, den der auferstandene Christus uns sendet, ist gekommen, um ,,die Welt der Sünde zu überführen“ (Joh 16,8), indem er den offenbart, der von der Sünde erlöst.

389 Die Lehre von der Erbsünde [oder Ursünde] ist gewissermaßen die ,,Kehrseite“ der frohen Botschaft, daß Jesus der Retter aller Menschen ist, daß alle des Heils bedürfen und daß das Heil dank Christus allen angeboten wird. Die Kirche, die den ,,Sinn Christi“ [Vgl. 1 Kor 2,16.] hat, ist sich klar bewußt, daß man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten.

Die Erzählung vom Sündenfall

390 Der Bericht vom Sündenfall [Gen 3]verwendet eine bildhafte Sprache, beschreibt jedoch ein Urereignis, das zu Beginn der Geschichte des Menschen stattgefunden hat [Vgl. GS 13,1.]. Die Offenbarung gibt uns die Glaubensgewißheit, daß die ganze Menschheitsgeschichte durch die Ursünde gekennzeichnet ist, die unsere Stammeltern freiwillig begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1513; Pius XII., Enz. ,,Humani Generis“: DS 3897; Paul VI., Ansprache vom 11. Juli 1966.].

II Der Fall der Engel

391 Hinter der Entscheidung unserer Stammeltern zum Ungehorsam steht eine verführerische widergöttliche Stimme [Vgl. Gen 3,1-5.], die sie aus Neid in den Tod fallen läßt [Vgl. weish 2,24]. Die Schrift und die Überlieferung der Kirche erblicken in diesem Wesen einen gefallenen Engel, der Satan oder Teufel genannt wird [Vgl. Joh 8,44; Offb 12,9.]. Die Kirche lehrt, daß er zuerst ein von Gott erschaffener guter Engel war. ,,Die Teufel und die anderen Dämonen wurden zwar von Gott ihrer Natur nach gut geschaffen, sie wurden aber selbst durch sich böse“ (4. K. im Lateran 1215: DS 800).

392 Die Schrift spricht von einer Sünde der gefallenen Engel [Vgl. 2 Petr 2,4.]. Ihr ,,Sündenfall“ besteht in der freien Entscheidung dieser geschaffenen Geister, die Gott und sein Reich von Grund auf und unwiderruflich zurückwiesen. Wir vernehmen einen Widerhall dieser Rebellion in dem, was der Versucher zu unseren Stammeltern sagte: ,,Ihr werdet sein wie Gott“ (Gen 3,5). Der Teufel ist ,,Sünder von Anfang an“ (1 Joh 3,8), ,,der Vater der Lüge“ (Joh 8,44).

393 Wegen des unwiderruflichen Charakters ihrer Entscheidung und nicht wegen eines Versagens des unendlichen göttlichen Erbarmens kann die Sünde der Engel nicht vergeben werden. ,,Es gibt für sie nach dem Abfall keine Reue, so wenig wie für die Menschen nach dem Tode“ (Johannes v. Damaskus, f. o. 2,4).

394 Die Schrift bezeugt den unheilvollen Einfluß dessen, den Jesus den ,,Mörder von Anfang an“ nennt (Joh 8,44) und der sogar versucht hat, Jesus von seiner vom Vater erhaltenen Sendung abzubringen [Vgl. Mt 4,1-11.]. ,,Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören“ (1 Joh 3,8). Das verhängnisvollste dieser Werke war die lügnerische Verführung, die den Menschen dazu gebracht hat, Gott nicht zu gehorchen.

395 Die Macht Satans ist jedoch nicht unendlich. Er ist bloß ein Geschöpf; zwar mächtig, weil er reiner Geist ist, aber doch nur ein Geschöpf: er kann den Aufbau des Reiches Gottes nicht verhindern. Satan ist auf der Welt aus Haß gegen Gott und gegen dessen in Jesus Christus grundgelegtes Reich tätig. Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft. Und doch wird dieses sein Tun durch die göttliche Vorsehung zugelassen, welche die Geschichte des Menschen und der Welt kraftvoll und milde zugleich lenkt. Daß Gott das Tun des Teufels zuläßt, ist ein großes Geheimnis, aber ,,wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,28).

III Die Erbsünde

Die Prüfung der Freiheit

396 Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen. Als geistbeseeltes Wesen kann der Mensch diese Freundschaft nur in freier Unterordnung unter Gott leben. Das kommt darin zum Ausdruck, daß den Menschen verboten wird, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, ,,denn sobald du davon ißt, wirst du sterben“ (Gen 2,17). Dieser ,,Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ erinnert sinnbildlich an die unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf freiwillig anerkennen und vertrauensvoll achten soll. Der Mensch hängt vom Schöpfer ab, er untersteht den Gesetzen der Schöpfung und den sittlichen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln.

Die erste Sünde des Menschen

397 Vom Teufel versucht, ließ der Mensch in seinem Herzen das Vertrauen zu seinem Schöpfer sterben [Vgl. Gen 3,1.], mißbrauchte seine Freiheit und gehorchte dem Gebot Gottes nicht. Darin bestand die erste Sünde des Menschen [Vgl. Röm 5,19.]. Danach wird jede Sünde Ungehorsam gegen Gott und Mangel an Vertrauen auf seine Güte sein.

398 In dieser Sünde zog der Mensch sich selbst Gott vor und mißachtete damit Gott: er entschied sich für sich selbst gegen Gott, gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl. In einem Zustand der Heiligkeit erschaffen, war der Mensch dazu bestimmt, von Gott in der Herrlichkeit völlig ,,vergöttlicht“ zu werden. Vom Teufel versucht, wollte er ,,wie Gott sein“ [Vgl. Gen 3,5.], aber ,,ohne Gott und vor Gott und nicht Gott gemäß“ (Maximus der Bekenner, ambig.).

399 Die Schrift zeigt die verhängnisvollen Folgen dieses ersten Ungehorsams. Adam und Eva verlieren sogleich die Gnade der ursprünglichen Heiligkeit [Vgl. Röm 3,23]. Sie fürchten sich vor Gott [Vgl. Gen 3,9-10], von dem sie sich das Zerrbild eines Gottes gemacht haben, der auf seine Vorrechte eifersüchtig bedacht ist [Vgl. Gen 3,5.].

400 Die Harmonie, die sie der ursprünglichen Gerechtigkeit verdankten, ist zerstört; die Herrschaft der geistigen Fähigkeiten der Seele über den Körper ist gebrochen [Vgl. Gen 3,7.]die Einheit zwischen Mann und Frau ist Spannungen unterworfen [Vgl. Gen 3,11-13.]ihre Beziehungen sind gezeichnet durch Begierde und Herrschsucht. Auch die Harmonie mit der Schöpfung ist zerbrochen: die sichtbare Schöpfung ist dem Menschen fremd und feindlich geworden [Vgl. Gen 3,17.19.]. Wegen des Menschen ist die Schöpfung der Knechtschaft ,,der Vergänglichkeit unterworfen“ (Röm 8,20). Schließlich wird es zu der Folge kommen, die für den Fall des Ungehorsams ausdrücklich vorhergesagt worden war: der Mensch ,,wird zum Erdboden zurückkehren, von dem er genommen ist“ (Gen 3,19). Der Tod hält Einzug in die Menschheitsgeschichte [Vgl. Röm 5,12.].

401 Seit dieser ersten Sünde überschwemmt eine wahre Sündenflut die Welt: Kam ermordet seinen Bruder Abel [Vgl. Gen 4,3-15.]; infolge der Sünde werden die Menschen ganz allgemein verdorben [Vgl. Gen 6,5.12; Röm 1,18-32.]in der Geschichte Israels äußert sich die Sünde oft – vor allem als Untreue gegenüber dem Gott des Bundes und als Übertretung des mosaischen Gesetzes; und selbst nach der Erlösung durch Christus sündigen auch die Christen auf vielerlei Weisen [Vgl. 1 Kor 1-6; Offb 2-3.]. Die Schrift und die Überlieferung der Kirche erinnern immer wieder daran, daß es Sünde gibt und daß sie in der Geschichte des Menschen allgemein verbreitet ist.

,,Was uns aufgrund der göttlichen Offenbarung bekannt wird, stimmt mit der Erfahrung selbst überein. Denn der Mensch erfährt sich, wenn er in sein Herz schaut, auch zum Bösen geneigt und in vielfältige Übel verstrickt, die nicht von seinem guten Schöpfer herkommen können. Oft weigert er sich, Gott als seinen Ursprung anzuerkennen; er durchbricht dadurch auch die gebührende Ausrichtung auf sein letztes Ziel, zugleich aber auch seine ganze Ordnung gegenüber sich selbst wie gegenüber den anderen Menschen und allen geschaffenen Dingen“ (GS 13,1).

Folgen der Sünde Adams für die Menschheit

402 Alle Menschen sind in die Sünde Adams verwickelt. Der hl. Paulus sagt: ,,Durch den Ungehorsam des einen Menschen“ wurden ,,die vielen (das heißt alle Menschen] zu Sündern“ (Röm 5,19). ,,Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten“ (Röm 5,12). Der Universalität der Sünde und des Todes setzt der Apostel die Universalität des Heils in Christus entgegen: ,,Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen (die Tat Christi] für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt“ (Röm 5,18).

403 Im Anschluß an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, daß das unermeßliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand, daß dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei der Geburt betroffen sind und ,,die der Tod der Seele“ ist [Vgl. K. v. Trient: DS 1512.]. Wegen dieser Glaubensgewißheit spendet die Kirche die Taufe zur Vergebung der Sünden selbst kleinen Kindern, die keine persönliche Sünde begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1514].

404 Wieso ist die Sünde Adams zur Sünde aller seiner Nachkommen geworden? Das ganze Menschengeschlecht ist in Adam ,,wie der eine Leib eines einzelnen Menschen“ (Thomas v. A., mal. 4,1). Wegen dieser ,,Einheit des Menschengeschlechtes“ sind alle Menschen in die Sünde Adams verstrickt, so wie alle in die Gerechtigkeit Christi einbezogen sind. Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können. Durch die Offenbarung wissen wir aber, daß Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur. Indem Adam und Eva dem Versucher nachgeben, begehen sie eine persönliche Sünde, aber diese Sünde trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben [Vgl. K. v. Trient: DS 1511-1512.]. Sie ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben wird, nämlich durch die Weitergabe einer menschlichen Natur, die der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelt. Deswegen ist die Erbsünde ,,Sünde“ in einem übertragenen Sinn: Sie ist eine Sünde, die man ,,miterhalten“, nicht aber begangen hat, ein Zustand, keine Tat.

405 Obwohl ,,einem jeden eigen“ [Vgl. K. v. Trient: DS 1513.], hat die Erbsünde bei keinem Nachkommen Adams den Charakter einer persönlichen Schuld. Der Mensch ermangelt der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, aber die menschliche Natur ist nicht durch und durch verdorben, wohl aber in ihren natürlichen Kräften verletzt. Sie ist der Verstandesschwäche, dem Leiden und der Herrschaft des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt; diese Neigung zum Bösen wird ,,Konkupiszenz“ genannt. Indem die Taufe das Gnadenleben Christi spendet, tilgt sie die Erbsünde und richtet den Menschen wieder auf Gott aus, aber die Folgen für die Natur, die geschwächt und zum Bösen geneigt ist, verbleiben im Menschen und verpflichten ihn zum geistlichen Kampf.

406 Die Lehre der Kirche über die Weitergabe der Ursünde ist vor allem im 5. Jahrhundert geklärt worden, besonders unter dem Anstoß des antipelagianischen Denkens des hl. Augustinus, und im 16. Jahrhundert im Widerstand gegen die Reformation. Pelagius vertrat die Ansicht, der Mensch könne allein schon durch die natürliche Kraft seines freien Willens, ohne der Gnadenhilfe Gottes zu bedürfen, ein sittlich gutes Leben führen, und beschränkte so den Einfluß der Sünde Adams auf den eines schlechten Beispiels. Die ersten Reformatoren dagegen lehrten, der Mensch sei durch die Erbsünde von Grund auf verdorben und seine Freiheit sei zunichte gemacht worden. Sie identifizierten die von jedem Menschen ererbte Sünde mit der Neigung zum Bösen, der Konkupiszenz, die unüberwindbar sei. Die Kirche hat sich insbesondere 529 auf der zweiten Synode von Orange [Vgl. DS 371-372.]und 1546 auf dem Konzil von Trient [Vgl. DS 1510-1516.] über den Sinngehalt der Offenbarung von der Erbsünde ausgesprochen.

Ein harter Kampf …

407 Die Lehre von der Erbsünde – in Verbindung mit der Lehre von der Erlösung durch Christus – gibt einen klaren Blick dafür, wie es um den Menschen und sein Handeln in der Welt steht. Durch die Sünde der Stammeltern hat der Teufel eine gewisse Herrschaft über den Menschen erlangt, obwohl der Mensch frei bleibt. Die Erbsünde führt zur ,,Knechtschaft unter der Gewalt dessen, der danach ,die Herrschaft des Todes innehatte, das heißt des Teufels‘ (Hebr 2,14)“ (K. v. Trient: DS 1511). Zu übersehen, daß der Mensch eine verwundete, zum Bösen geneigte Natur hat, führt zu schlimmen Irrtümern im Bereich der Erziehung, der Politik, des gesellschaftlichen Handelns [Vgl. CA 25.] und der Sittlichkeit.

408 Die Folgen der Erbsünde und aller persönlichen Sünden der Menschen bringen die Welt als Ganze in eine sündige Verfassung, die mit dem Evangelisten Johannes ,,die Sünde der Welt“ (Joh 1,29) genannt werden kann. Mit diesem Ausdruck bezeichnet man den negativen Einfluß, den die Gemeinschaftssituationen und Gesellschaftsstrukturen, die aus den Sünden der Menschen hervorgegangen sind, auf die Menschen ausüben [Vgl. RP 16].

409 Diese dramatische Situation der ,,ganzen Welt“, die ,,unter der Gewalt des Bösen“ steht (1 Joh 5,19) [Vgl. 1 Petr 5,8.], macht das Leben des Menschen zu einem Kampf:

,,Die gesamte Geschichte der Menschen durchzieht nämlich ein hartes Ringen gegen die Mächte der Finsternis, ein Ringen, das schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird. In diesen Streit hineingezogen, muß sich der Mensch beständig darum bemühen, dem Guten anzuhangen, und er kann nicht ohne große Anstrengung in sich mit Gottes Gnadenhilfe die Einheit erlangen“ (GS 37,2).

IV ,,Du hast ihn nicht der Macht des Todes überlassen“

410 Nach seinem Fall wurde der Mensch von Gott nicht aufgegeben. Im Gegenteil, Gott ruft ihn [Vgl. Gen 3,9.]und kündigt ihm auf geheimnisvolle Weise den Sieg über das Böse und die Erhebung aus seinem Fall an. Diese Stelle des Buches Genesis [Gen 3,15.]wird ,,Protoevangelium“ genannt, da sie die erste Ankündigung des erlösenden Messias sowie eines Kampfes zwischen der Schlange und der Frau und des Endsieges eines Nachkommens der Frau ist.

411 Die christliche Überlieferung sieht in dieser Stelle die Ankündigung des ,,neuen Adam“ [Vgl.1 Kor 15,21-22.45.], der durch seinen ,,Gehorsam bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8) den Ungehorsam Adams mehr als nur wiedergutmacht [Vgl. Röm 5,19-20.]. Übrigens sehen zahlreiche Kirchenväter und -lehrer in der im ,,Protoevangelium“ angekündigten Frau die Mutter Christi, Maria, als die ,,neue Eva“. Ihr ist als erster und auf einzigartige Weise der von Christus errungene Sieg über die Sünde zugute gekommen: sie wurde von jeglichem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt [Vgl. Pius IX.: DS 2803.] und beging durch eine besondere Gnade Gottes während ihres ganzen Erdenlebens keinerlei Sünde [Vgl. K. v. Trient: DS 1573.].

412 Aber warum hat Gott den ersten Menschen nicht daran gehindert, zu sündigen? Der hl. Leo der Große antwortet: ,,Wertvoller ist das, was uns durch die unbeschreibliche Gnade des Herrn zuteil wurde, als was wir durch des Teufels Neid verloren hatten“ (serm. 73,4). Und der hl. Thomas von Aquin:

,,Auch nach der Sünde blieb die Möglichkeit einer Höherführung der Natur. Gott läßt ja das Böse nur zu, um etwas Besseres daraus entspringen zu lassen: ,Wo die Sünde mächtig wurde, ist die Gnade übergroß geworden‘ (Röm 5,20). Darum wird bei der Weihe der Osterkerze gesungen: ,O glückliche Schuld, die einen solchen großen Erlöser zu haben verdient hat!“‘ (s.th.3,1,3 ad 3).

KURZTEXTE

413 „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden … Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt “ (Weish 1,13; 2,24).

414 Satan oder der Teufel und die weiteren Dämonen waren einst Engel, sind aber gefallen, weil sie sich aus freiem Willen weigerten, Gott und seinem Ratschluß zu dienen. Ihre Entscheidung gegen Gott ist endgültig. Sie suchen, den Menschen in ihren Aufstand gegen Gott hineinzuziehen.

415 „Obwohl in Gerechtigkeit von Gott begründet, hat der Mensch dennoch auf Anraten des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an seine Freiheit mißbraucht, indem er sich gegen Gott erhob und sein Ziel außerhalb Gottes erreichen wollte“ (GS 13,1).

416 Durch seine Sünde hat Adam als erste Mensch die ursprüngliche Heiligkeit verloren, die er von Gott nicht nur für sich, sondern für alle Menschen erhalten hatte.

417 Adam und Eva haben ihren Nachkommen die durch ihre erste Sünde verwundete, also der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelnde menschliche Natur weitergegeben. Dieser Mangel wird „Erbsünde“ genannt.

418 Infolge der Erbsünde ist die menschliche Natur in ihren Kräften geschwächt, der Unwissenheit, dem Leiden und der Herrschaft des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt. Diese Neigung heißt „Konkupiszenz“.

419 „Wir halten, dem Konzil von Trient folgend, daran fest, daß die Erbsünde zusammen mit der menschlichen Natur durch Fortpflanzung übertragen wird und nicht etwa bloß durch Nachahmung, und daß sie jedem Menschen als ihm eigen innewohnt“ (SPF 16).

420 Der Sieg Christi über die Sünde hat uns bessere Güter gegeben als die, welche die Sünde uns weggenommen hatte. „Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm 5,20).

421 „Nach dem Glauben der Christen wird die Welt von der Liebe des Schöpfers begründet und erhalten. Sie steht zwar unter der Knechtschaft der Sünde, wurde aber von Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, durch Brechung der Macht des Bösen befreit“ (GS 2,2).

(Quelle: http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P1J.HTM )

 

Teil 5: Was in der Bibel steht – was die Bibel lehrt

Im letzten Teil bin ich schon ein wenig auf eine Tatsache eingegangen, die man beim Lesen der Bibel nie vergessen darf. Sie ist eigentlich ziemlich offensichtlich, aber manchmal kann man sie übersehen.

Regel Nummer 12 lautet: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Nehmen wir mal ein ganz offensichtliches Beispiel. In Weisheit 2 steht folgendes: „Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Arznei und man kennt keinen, der aus der Welt des Todes befreit. Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen. Der Atem in unserer Nase ist Rauch und das Denken ist ein Funke, der vom Schlag des Herzens entfacht wird; verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche und der Geist verweht wie dünne Luft. Unser Name wird bald vergessen, niemand denkt mehr an unsere Taten. Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird. Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten, unser Ende wiederholt sich nicht; es ist versiegelt und keiner kommt zurück. Auf, lasst uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten, wie es der Jugend zusteht. […]Lasst uns den Gerechten unterdrücken, der in Armut lebt, die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen! Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz.“ (Weisheit 2,1-6.10-11).

Das klingt jetzt nicht so christlich. Wenn man allerdings weiß, dass davor die Worte stehen: „Sie [die Frevler] tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen:“, dann wird es auf einmal verständlich.

Okay, das ist jetzt wirklich ein sehr offensichtliches Beispiel. Meistens muss man auf dieses Prinzip Acht geben bei Geschichten, die eben so erzählt werden, weil sie so geschehen sind, und in denen nicht alle Personen – auch nicht die „Guten“ – immer gut handeln. Ein Paradebeispiel ist König David, der eine verheiratete Frau schwängerte und dann den Tod ihres Mannes arrangierte (2 Samuel 11-12). Hier heißt es dann ausdrücklich „Dem Herrn aber missfiel, was David getan hatte.“ (2 Samuel 11,27), und der Prophet Natan wird von Gott zu David geschickt und bringt den König tatsächlich dazu, seine Tat zu bereuen; da ist es also ganz klar, wie Gott die ganze Geschichte beurteilt.

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(James Tissot, Nathan rebukes David, Wikimedia Commons)

An anderer Stelle aber ist mehr Freiraum zur Interpretation gelassen: War es z. B. in Ordnung, dass Mose den ägyptischen Aufseher tötete? (Exodus 2,11-14) War das ein Fall legitimer Nothilfe, oder war es moralisch zu verurteilender Totschlag oder sogar Mord? Die Stelle hier ist ein bisschen zu ungenau und knapp, um das abschließend beurteilen zu können, aber es hört sich nicht danach an, als ob der ägyptische Aufseher gerade dabei war, den Hebräer umzubringen; es heißt, dass er ihn schlug, Mose es sah, und, nachdem er sich umgesehen hatte, ob ihn auch niemand sehen könnte, den Aufseher erschlug. Kann man durchaus kritisch sehen. (Andererseits hat aber wahrscheinlich an dieser Stelle auch niemand viel Mitleid mit dem peitschenden Aufseher.)

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(Quelle: http://schule.judentum.de/projekt/zwangsarbeitinaegypten.JPG )

War es nach Ansicht des Autors von Genesis 34 in Ordnung, dass Jakobs Söhne alle Männer in einer Stadt massakrierten, weil der Sohn des Stadtfürsten ihre Schwester vergewaltigt und verschleppt hatte? Der abschließende Wortwechsel zwischen Jakob und seinen Söhnen macht das durchaus nicht ganz klar. „Jakob sagte darauf zu Simeon und Levi: Ihr stürzt mich ins Unglück. Ihr habt mich in Verruf gebracht bei den Bewohnern des Landes, den Kanaanitern und Perisitern. Meine Männer kann man an den Fingern abzählen. Jene werden sich gegen mich zusammentun und mich niedermachen. Dann ist es vorbei mit mir und meinem Haus. Die Söhne aber sagten: Durfte er unsere Schwester wie eine Dirne behandeln?“ Genesis 34,30-31)

Wer war hier im Recht? Dinas Brüder haben einerseits sie befreit und das an ihr begangene Verbrechen gestraft („Hamor und seinen Sohn Sichem machten sie mit dem Schwert nieder, holten Dina aus dem Hause Sichems und gingen davon.“, Genesis 34,26), andererseits haben sie dabei auch ziemlich viele Unschuldige mit umgebracht bzw. ihrerseits verschleppt („Dann machten sich die Söhne Jakobs über die Erschlagenen her und plünderten die Stadt, weil man ihre Schwester entehrt hatte. Ihre Schafe und Rinder, ihre Esel und was es sonst in der Stadt oder auf dem Feld gab, nahmen sie mit. Ihre ganze Habe, all ihre Kinder und Frauen führten sie fort und raubten alles, was sich in den Häusern fand.“, Genesis 34,27-29). Wie will die Bibel, dass wir das alles beurteilen? Ist die Aussage des Textes, dass, wie Jakob offensichtlich meint, die Familie lieber auf den Vorschlag Hamors, des Fürsten von Sichem, hätte eingehen sollen („Hamor redete mit ihnen und sagte: Mein Sohn Sichem hat zu eurer Tochter Zuneigung gefasst. Gebt sie ihm doch zur Frau!“, Genesis 34,8), um den Frieden zu wahren, oder ist die Aussage, dass man ein solches Unrecht nicht einfach durchgehen lassen kann, wie die Söhne Jakobs meinten, die auf Hamors Vorschlag scheinbar eingingen, aber verlangten, dass alle Männer der Stadt sich zuerst beschneiden lassen müssten, weil sie ihre Schwester nicht einem Unbeschnittenen geben könnten, und dann, als die Männer an Wundfieber litten, die Stadt überfielen, die Männer töteten, Frauen, Kinder und Vieh raubten, und ihre Schwester befreiten? Man kann wahrscheinlich sagen, dass die Sympathie mehr auf Seiten von Dinas Brüdern liegt, die am Ende (s. o.) auch das letzte Wort in der Erzählung behalten; dieser Schluss liegt auch angesichts eines Gebets in einem anderen Buch der Bibel nahe („Und Judit rief laut zum Herrn; sie sagt: Herr, du Gott meines Stammvaters Simeon! Du hast ihm das Schwert in die Hand gegeben zur Bestrafung der Fremden, die den Gürtel der Jungfrau lösten, um sie zu beflecken, die ihre Schenkel entblößten, um sie zu schänden, und ihren Schoß entweihten zu ihrer Schande. Du hattest nämlich geboten: Das darf nicht geschehen. Und dennoch taten sie es. Deswegen gabst du ihre Fürsten Mördern preis und tauchtest zur Vergeltung das Lager, das ihrer Arglist gedient hatte, in Blut; du erschlugst die Knechte samt ihren Herren, ja auch die Herren auf ihren Thronen. Du gabst ihre Frauen dem Raub und ihre Töchter der Gefangenschaft preis und ihren ganzen Besitz gabst du deinen geliebten Söhnen; denn sie glühten vor Eifer für dich, hatten Abscheu vor der Befleckung ihres Blutes und riefen zu dir um Hilfe. Gott, mein Gott, erhöre auch mich, die Witwe!“ (Judit 9,1-4)), aber auch damit sagt die Bibel noch nicht, dass die ganze Brutalität der Jakobssöhne hier gerechtfertigt und gut war. Erstens einmal ist auch das Gebet der Judit das Gebet eines Menschen, nicht eine Stimme vom Himmel, und Menschen, auch Menschen in der Bibel, können sich irren oder Dinge nur halb verstehen. Zweitens sagt auch dieses Gebet nicht zwangsläufig, dass alles, was die Jakobssöhne taten, recht war; es sagt eindeutig, dass ihre Absicht, ihr grundsätzliches Ziel – das an ihrer Schwester begangene Unrecht nicht einfach durchgehen zu lassen – recht war, und es sagt, dass Gott zugelassen hat, dass über die Verbrecher schließlich eine Art Strafgericht durch Dinas Brüder kam, unter dem auch ihre ganzen Untertanen und Familien litten, aber es sagt nicht, dass es nicht besser mit ein bisschen weniger Blutvergießen und Plünderung und so weiter abgelaufen wäre.

Die Bibel erzählt Geschichten, die eben passiert sind; nicht immer kann man dabei glasklar die Guten und die Bösen unterscheiden. Es ist nicht die Absicht der Bibel in diesen Geschichten, glasklar zu zeigen, wie man als guter, gottesfürchtiger Mensch handelt, sondern zu beschreiben, wie die Geschichte des Volkes Israel abgelaufen ist.

[Bei alldem ist es übrigens allgemein jedoch wichtig, sich mit Urteilen über bestimmte Figuren aus diesen Geschichten erst einmal zurückzuhalten. Wie hätten Dinas Brüder am besten handeln sollen, als Sichem sie vergewaltigt hatte, in seiner Stadt gefangen hielt und nun unbedingt zu seiner Frau haben wollte? Man kann sicher sagen, dass sie Unrecht taten, als sie am Ende ihrerseits die Frauen und Kinder der Stadt als Sklaven verschleppten, aber wie die ganze Geschichte ganz ohne Gewalt hätte ablaufen sollen… nicht so einfach, wenn man sich überlegt, wie die ganze Situation in der damaligen Zeit aussah. Sie konnten nicht einfach die Polizei rufen. Und bevor man darüber urteilt, was Simeon und Levi taten, sollte man sich vielleicht auch noch in Erinnerung rufen, dass heutzutage zum Beispiel in Saudi-Arabien, wenn eine Frau vergewaltigt wird, sie mit einer Anklage, Verurteilung und Strafe wegen Unzucht zu rechnen hat, nicht ihr Vergewaltiger. Da waren Simeon und Levi vor bald viertausend Jahren schon weiter.]

 Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Im Buch Genesis allein haben wir Männer, die sich einen Dreck um ihre Frauen oder Töchter scheren und sie sogar der Vergewaltigung preisgeben würden (Lot in Genesis 19, Abraham in Genesis 20, etc.), haben wir Polygamie, eine Art von „Leihmutterschaft“ (s. die Geschichte mit Hagar, Saras ägyptischer Sklavin, in Genesis 16), Konflikte zwischen den verschiedenen Frauen / Konkubinen eines Mannes (z. B. zwischen Lea und Rahel in Genesis 29-30), Betrügereien zwischen Brüdern (Jakob und Esau, Genesis 25,27-34 u. Genesis 27), Brüder, die ihren angeberischen Bruder, der immer der Liebling des Vaters gewesen ist, zuerst umbringen wollen und dann als Sklaven verkaufen (Genesis 37), und so weiter und so fort.

Man muss auch nicht alles gut finden, was Jakob tat, und alles schlecht finden, was Esau tat, nur weil Jakob von Gott als Stammvater des auserwählten Volkes erwählt wurde und Esau nicht. Erwählung hat nicht automatisch etwas mit moralischer Überlegenheit zu tun – ach ja, und übrigens versöhnte sich Jakob in Genesis 33 wieder mit seinem Bruder. Man kann auch am Aufbau der biblischen Geschichten erkennen, dass Jakobs Betrügereien vielleicht nicht unbedingt glorifiziert werden sollen: Jakob wird zum betrogenen Betrüger, als zuerst sein Onkel Laban ihm statt der geliebten Rahel erst einmal die ältere Tochter Lea zur Frau gibt, und dann später, als seine Söhne ihm weismachen, sein Lieblingssohn Joseph sei von einem wilden Tier getötet worden.

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(James Tissot, Joseph converses with Judah, his brother, Wikimedia Commons)

Das Prinzip, dass nicht alles, was in der Bibel steht, auch von der Bibel als vorbildlich dargestellt wird, hilft einem bei der Interpretation vieler Stellen weiter. Beim Buch der Richter zum Beispiel. Dieses Buch stellt immer wieder Tiefpunkte in Israels Verhältnis mit Gott dar; nicht ohne Grund lautet sein allerletzter Vers: „In jenen Tagen gab es noch keinen König in Israel; jeder tat, was ihm gefiel.“ (Richter 21,25) In Israel herrscht Anarchie, Vermischung mit dem Heidentum, und sogar die Richter selbst – die großen Rettergestalten, die gegen die Feinde Israels kämpfen – sind oft keine untadelhaften Helden: Simson etwa, der es nicht so wirklich mit der Tugend der Keuschheit hat, und dann ja auch von seiner Geliebten an die Philister verraten wird, oder auch Jiftach der Gileaditer: „Jiftach legte dem Herrn ein Gelübde ab und sagte: Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Gewalt gibst und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir (als Erstes) aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem Herrn gehören und ich will es ihm als Brandopfer darbringen. Darauf zog Jiftach gegen die Ammoniter in den Kampf und der Herr gab sie in seine Gewalt. Er schlug sie im ganzen Gebiet zwischen Aroër und Minnit bis hin nach Abel-Keramim vernichtend (und nahm) zwanzig Städte (ein). So wurden die Ammoniter vor den Augen der Israeliten gedemütigt. Als Jiftach nun nach Mizpa zu seinem Haus zurückkehrte, da kam ihm seine Tochter entgegen; sie tanzte zur Pauke. Sie war sein einziges Kind; er hatte weder einen Sohn noch eine andere Tochter. Als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sagte: Weh, meine Tochter! Du machst mich niedergeschlagen und stürzt mich ins Unglück. Ich habe dem Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen und kann nun nicht mehr zurück.“ (Richter 11,30-35) Jiftach macht zuerst ein blödsinniges Gelübde, und bringt dann entsprechend diesem Gelübde seine eigene Tochter als Menschenopfer dar, was durch das Gesetz des Mose ausdrücklich verboten ist. Man könnte fragen, was er sich dabei gedacht hat, als er sein Gelübde abgelegt hat. Hat er erwartet, dass ihm als erstes sein Hofhund entgegenläuft? Oder dass ein Sklave zu seiner Begrüßung herauskommen wird? Es klingt jedenfalls durchaus so, als hätte er die Möglichkeit, irgendeinen menschlichen Angehörigen seines Hauses als das versprochene Brandopfer darzubringen, bei der Ablegung dieses Eides in Kauf genommen, auch wenn er nicht speziell mit seiner Tochter gerechnet hat. So verdorben war Israel schon durch die kanaanäischen Sitten, dass sie sogar meinten, auch ihrem Gott müsse man Menschenopfer darbringen, „was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist“ (Jeremia 7,31).

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0c/Tissot_Jephthah%27s_Daughter.jpg

(James Tissot, Jephthahs Daughter, Wikimedia Commons)

Den Tiefpunkt im Buch der Richter zeigt wohl das 19. Kapitel. Wer will, lese die ganze grässliche Geschichte hier nach (https://www.bibleserver.com/text/EU/Richter19); hier genügt es mir, zu sagen, dass nächtliche Gruppenvergewaltigungen auf offener Straße offensichtlich nicht nur in Sodom (Genesis 19) geschahen, sondern auch in Gibea in der Richterzeit. (Wobei der eigentliche Böse der Geschichte, bei dessen Verhalten einem wirklich speiübel werden kann, ja der Levit ist.) Das Buch der Richter endet dann mit Krieg innerhalb Israels, ach ja, und dann noch Frauenraub. „In jenen Tagen gab es noch keinen König in Israel; jeder tat, was ihm gefiel.“

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(James Tissot, The Levite’s wife dies at the door, Wikimedia Commons)

Es gibt auch noch andere Bibelstellen, die man in diese Kategorie einordnen könnte, bei denen es aber schon wesentlich mehrdeutiger wird. Nehmen wir die Geschichte von Elija und den Baalspropheten in 1 Könige 18 (https://www.bibleserver.com/text/EU/1.K%C3%B6nige18). Nach dem Gottesurteil auf dem Berg Karmel geht die Geschichte so aus: „Das ganze Volk sah es, warf sich auf das Angesicht nieder und rief: Jahwe ist Gott, Jahwe ist Gott! Elija aber befahl ihnen: Ergreift die Propheten des Baal! Keiner von ihnen soll entkommen. Man ergriff sie und Elija ließ sie zum Bach Kischon hinabführen und dort töten.“ (1 Könige 18,39-40)

Elija hier ist definitiv Gottes Prophet, und man muss auch sagen, dass sein Handeln nicht ganz grundlos war. Am Anfang des Kapitels, als er sich aufmacht, um sich dem von Gott abtrünnigen König Ahab zu stellen, vor dem er bisher auf der Flucht war, und ihm ein Gottesurteil zur Entscheidung zwischen dem Gott Jahwe und dem Gott Baal vorzuschlagen, begegnet er zuerst Obadja, einem Diener des Königs: „Als nun Obadja unterwegs war, kam ihm Elija entgegen. Obadja erkannte ihn, warf sich vor ihm nieder und rief: Bist du es, mein Herr Elija? Dieser antwortete: Ich bin es. Geh und melde deinem Herrn: Elija ist da. Obadja entgegnete: Was habe ich mir zu Schulden kommen lassen, dass du deinen Knecht an Ahab ausliefern und dem Tod preisgeben willst? So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Es gibt kein Volk und kein Reich, wo mein Herr dich nicht hätte suchen lassen. Und wenn man sagte: Er ist nicht hier, dann ließ er dieses Reich oder Volk schwören, dass man dich nicht gefunden habe. Und jetzt befiehlst du: Geh und melde deinem Herrn: Elija ist da. Wenn ich nun von dir weggehe, könnte ja der Geist des Herrn dich an einen Ort tragen, den ich nicht kenne. Käme ich dann zu Ahab, um dich zu melden, und könnte er dich nicht finden, so würde er mich töten. Dabei hat dein Knecht doch von Jugend auf den Herrn gefürchtet. Hat man dir denn nicht berichtet, was ich getan habe, als Isebel [Ahabs Frau, die Königin] die Propheten des Herrn umbrachte? Ich habe doch hundert von ihnen, je fünfzig in einer Höhle, verborgen und mit Brot und Wasser versorgt. Und nun befiehlst du: Geh und melde deinem Herrn: Elija ist da. Ahab würde mich töten. Doch Elija antwortete: So wahr der Herr der Heere lebt, in dessen Dienst ich stehe: Heute noch werde ich ihm vor die Augen treten. Obadja kam zu Ahab und brachte ihm die Nachricht. Ahab ging Elija entgegen. Sobald er ihn sah, rief er aus: Bist du es, Verderber Israels? Elija entgegnete: Nicht ich habe Israel ins Verderben gestürzt, sondern du und das Haus deines Vaters, weil ihr die Gebote des Herrn übertreten habt und den Baalen nachgelaufen seid. Doch schick jetzt Boten aus und versammle mir ganz Israel auf dem Karmel, auch die vierhundertfünfzig Propheten des Baal und die vierhundert Propheten der Aschera, die vom Tisch Isebels essen. Ahab schickte in ganz Israel umher und ließ die Propheten auf dem Karmel zusammenkommen. Und Elija trat vor das ganze Volk und rief: Wie lange noch schwankt ihr nach zwei Seiten? Wenn Jahwe der wahre Gott ist, dann folgt ihm! Wenn aber Baal es ist, dann folgt diesem! Doch das Volk gab ihm keine Antwort. Da sagte Elija zum Volk: Ich allein bin als Prophet des Herrn übrig geblieben; die Propheten des Baal aber sind vierhundertfünfzig.“ (1 Könige 18,7-22) Elija wurde von Ahab und Isebel verfolgt und wäre ohne Gottes Hilfe wohl schon längst tot gewesen, wie viele andere Propheten Jahwes, und daran waren die Propheten des Baal wahrscheinlich auch nicht ganz unschuldig. Das Gottesurteil ist für ihn also wohl tatsächlich eine Frage von Leben und Tod. Er nutzt die Gunst der Stunde, um seine Gegner, die ihm nach dem Leben trachten, ein für alle Mal unschädlich zu machen. Aber das ist noch nicht der eigentliche Grund für sein Handeln: Vor allem geht es ihm darum, Israel wieder zu Gott zu führen, die unschädlich zu machen, die Israel zum Götzendienst verführen, es geht ihm um die Seele seines Volkes. Handelte er damit richtig? Na ja, er handelte nicht so wie christliche Märtyrer späterer Jahrhunderte, und man kann sich durchaus die Frage stellen, ob ein allgemein gewaltfreieres Herangehen an die Sache besser gewesen wäre – aber andererseits war die Situation damals eben durchaus nicht so einfach. Da kann man sich durchaus fragen: Wie hätte ich an seiner Stelle gehandelt? Gute Frage.

Handelte Elija richtig damit, dass er die vierhundertfünfzig Baalspropheten töten ließ? Kann man so oder so sehen. Man muss es nicht so sehen, dass Elija vollkommen richtig handelte. Er handelte aus den richtigen Motiven. Ansonsten ist da aber durchaus Interpretationsspielraum frei. Elija, der die Tötung der Baalspropheten befahl, war ein fehlbarer Mensch.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/36/Tissot_Baalites.jpg

(James Tissot, Baalites, Quelle: Wikimedia Commons; nebenbei, dieses Bild hier zeigt noch nicht die Tötung der Baalspropheten, sondern wie sie sich selbst wundritzen, während sie vergeblich zu ihrem Gott rufen)

Das Gleiche gilt z. B. für eine Stelle, aus der ich im Lauf dieser Reihe auch schon einen Ausschnitt zitiert habe: „Da kamen die Beamten, die vom König den Auftrag hatten, die Einwohner zum Abfall von Gott zu zwingen, in die Stadt Modeïn, um die Opfer durchzuführen. Viele Männer aus Israel kamen zu ihnen; auch Mattatias und seine Söhne mussten erscheinen. Da wandten sich die Leute des Königs an Mattatias und sagten: Du besitzt in dieser Stadt Macht, Ansehen und Einfluss und hast die Unterstützung deiner Söhne und Verwandten. Tritt also als erster vor und tu, was der König angeordnet hat. So haben es alle Völker getan, auch die Männer in Judäa und alle, die in Jerusalem geblieben sind. Dann wirst du mit deinen Söhnen zu den Freunden des Königs gehören; auch wird man dich und deine Söhne mit Silber, Gold und vielen Geschenken überhäufen. Mattatias aber antwortete mit lauter Stimme: Auch wenn alle Völker im Reich des Königs ihm gehorchen und jedes von der Religion seiner Väter abfällt und sich für seine Anordnungen entscheidet – ich, meine Söhne und meine Verwandten bleiben beim Bund unserer Väter. Der Himmel bewahre uns davor, das Gesetz und seine Vorschriften zu verlassen. Wir gehorchen den Befehlen des Königs nicht und wir weichen weder nach rechts noch nach links von unserer Religion ab. Kaum hatte er das gesagt, da trat vor aller Augen ein Jude vor und wollte auf dem Altar von Modeïn opfern, wie es der König angeordnet hatte. Als Mattatias das sah, packte ihn leidenschaftlicher Eifer; er bebte vor Erregung und ließ seinem gerechten Zorn freien Lauf: Er sprang vor und erstach den Abtrünnigen über dem Altar. Zusammen mit ihm erschlug er auch den königlichen Beamten, der sie zum Opfer zwingen wollte, und riss den Altar nieder; der leidenschaftliche Eifer für das Gesetz hatte ihn gepackt und er tat, was einst Pinhas mit Simri, dem Sohn des Salu, gemacht hatte. Dann ging Mattatias durch die Stadt und rief laut: Wer sich für das Gesetz ereifert und zum Bund steht, der soll mir folgen. Und er floh mit seinen Söhnen in die Berge; ihren ganzen Besitz ließen sie in der Stadt zurück.“ (1 Makkabäer 2,15-28) Die Situation war die folgende: Die Griechen hatten das Land erobert, Jerusalem verwüstet und den Tempel entweiht und verfolgten jetzt die jüdische Religion; alle Juden hatten den griechischen Göttern zu opfern. Mattatias weigerte sich: Wir gehorchen den Befehlen des Königs nicht und wir weichen weder nach links noch nach rechts von unserer Religion ab. (Für mich gehören seine Worte hier übrigens zu den beeindruckendsten Reden in der Bibel.) Aber kaum war er mit dieser mutigen Rede fertig, trat schnell ein anderer Mann aus Modein vor, der klarstellen wollte, dass er ein braver Bürger war, der sehr wohl dem König gehorchen und opfern würde und absolut nichts mit solchen religiösen Fanatikern zu tun hatte. Oh ja, Mattatias’ Zorn darüber war ein gerechter Zorn.

Aber selbst gerechtem Zorn die Zügel schießen zu lassen, ist nicht immer gut. Mattatias’ Aufstand gegen die Griechen, den er dann anzettelte, war gerechtfertigt (jedenfalls würde ich das nach dem, was ich so über die katholischen Theorien über gerechten Krieg und gerechtfertigten Widerstand weiß, einfach mal behaupten; aber das ist meine persönliche Einschätzung), aber nein, er hätte den opfernden Juden nicht erstechen müssen, auch wenn er aus „gerechtem Zorn“ handelte. Das war nicht notwendig, das nützte nichts, und es ist falsch, zu töten, wenn es nicht gerade um so eine Situation wie Notwehr geht. Vielleicht hätte er versuchen können, den Abtrünnigen auf andere Weise von seinem Opfer abzuhalten, ihm ins Gewissen zu reden, was weiß ich.

File:141.Mattathias and the Apostate.jpg

(Gustave Doré, Mattatias und der Frevler, Wikimedia Commons)

Jedenfalls, um diesen Teil langsam zum Abschluss zu bringen, noch einmal das Fazit: Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Hier werden auch einfach Geschichten erzählt, wie sie eben passiert sind, und Geschichten können ebenso gut negative wie positive Beispiele enthalten. Ebenso ist es ja auch, sagen wir mal, in den Harry-Potter-Büchern: Nicht alles, was Harry tut, oder was andere im Großen und Ganzen gute Figuren tun, ist automatisch toll und vorbildlich, und es bleiben durchaus auch gewisse Zweideutigkeiten. Wie soll man zum Beispiel Hermines einsamen Feldzug für Hauselfenrechte bewerten? Als übertrieben und irgendwie g’spinnert, wie Harry und Ron das tun, oder doch als gut und gerechtfertigt? Im siebten Band scheint sie schließlich irgendwo Recht behalten zu haben: „Sirius war schrecklich zu Kreacher, Harry, und da brauchst du gar nicht so zu schauen, du weißt, dass es stimmt. […] Ich habe schon immer gesagt, dass die Zauberer eines Tages dafür bezahlen müssen, wie sie die Hauselfen behandeln. Nun, Voldemort hat bezahlt… und Sirius auch.“ Harry konnte ihr nichts entgegensetzen. (Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Hamburg 2007, S. 206) Aber so ganz eindeutig ist das alles immer noch nicht. Und so ist es eben auch bei der Bibel. Es ist nicht immer einfach, herauszukriegen, was Gott uns mit dieser oder jener Stelle sagen will. Man muss u. a. darauf schauen, was der menschliche Autor „hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat“ (Dei Verbum 12; d. h. auf seine Aussageabsicht, aber nicht nur auf seine Absicht, sondern auch auf das, was wirklich am Ende da steht), und er hat nicht immer eindeutig zum Ausdruck gebracht, wessen Handeln nun gut oder nachahmenswert ist.

Die einzigen Ausnahmen von dieser Regel sind natürlich Jesus und Maria. Maria wurde durch Gottes Gnade vom ersten Augenblick ihres Lebens an vor der Erbsünde bewahrt (das verstehen Katholiken unter dem Begriff „unbefleckte Empfängnis Mariens“ – die jungfräuliche Empfängnis Jesu ist etwas ganz anderes), und Jesus ist Gott, also haben beide nicht gesündigt; wenn man also an irgendeiner Stelle der Evangelien Jesu Handeln unverständlich findet, muss man dafür andere Gründe suchen als „der konnte ja vielleicht auch mal was falsch machen“. (Ein Unterschied noch zwischen Jesus und Maria ist natürlich, dass Maria zwar ohne Sünde war, aber deshalb nicht vor schuldlosen Irrtümern oder Fehlern bewahrt sein musste.)

Zum Abschluss noch ein sehr treffendes Zitat von Joseph Ratzinger zu diesem Thema:

„Wenn man die Träger des Bundesgeschehens in Israel den religiösen Persönlichkeiten Asiens gegenüberstellt, kann einen zunächst ein eigentümliches Unbehagen überkommen. Abraham, Isaak, Jakob, Mose erscheinen mit all ihren Schlichen und ihrer Schläue, mit ihrem Temperament und ihrer Neigung zur Gewaltsamkeit zumindest recht mittelmäßig und armselig neben einem Buddha, Konfuzius oder Laotse, aber selbst so große prophetische Gestalten wie Hosea, Jeremia, Ezechiel machen bei einem solchen Vergleich keine ganz überzeugende Figur. Das ist eine Empfindung, die schon die Kirchenväter beim Aufeinandertreffen von Bibel und Hellenismus bewegte. […] Den ‚Skandal‘ zu bestreiten hat hier keinen Sinn, er öffnet vielmehr erst den Zugang zum Eigentlichen. Religionsgeschichtlich gesehen, sind Abraham, Isaak und Jakob wirklich keine ‚großen religiösen Persönlichkeiten‘. Das wegzudeuten hieße genau den Anstoß wegzudeuten, der auf das Besondere und Einzigartige der biblischen Offenbarung hinführt. Dieses Besondere und Ganz-Andere liegt darin, daß Gott in der Bibel nicht wie bei den großen Mystikern geschaut, sondern als der Handelnde erfahren wird, der dabei (für das äußere und innere Auge) im Dunkeln bleibt. Und dies wiederum liegt daran, daß hier nicht der Mensch in eigener Aufstiegsbemühung durch die verschiedenen Schichten des Seins durchstößt auf die innerste und geistigste und so das göttliche an seinem eigenen Orte auffindet, sondern es gilt das Umgekehrte: daß Gott den Menschen mitten in den weltlichen und irdischen Zusammenhängen sucht, daß Gott, den von sich aus niemand entdecken kann, auch der Reinste nicht, seinerseits dem Menschen nachgeht und in Beziehung zu ihm tritt.“ (Joseph Kardinal Ratzinger, Glaube – Wahrheit – Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen, Freiburg im Breisgau 2003, S. 34-35.)

Das ist gerade der Punkt an der Bibel. Gott tritt von sich aus mit den Menschen in Kontakt, und diese Menschen sind und bleiben Sünder. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ (Matthäus 9,12). Ich habe einmal den Satz gelesen, die Geschichte der katholischen Kirche erinnere an das Alte Testament – das fand ich sehr treffend. Auch in der Geschichte der Kirche haben wir ja unsere, sagen wir mal, nicht ausschließlich ganz und gar vorbildhaften Geschehnisse; aber Gott bleibt uns trotzdem treu. Wir sind weiterhin Gottes Volk (das jetzt, im Neuen Bund, erweitert wurde auf Juden und Heiden), egal, was wir alles anstellen.

 

Teil 6: Das Fortschreiten der Offenbarung – Wie wir das Alte Testament lesen sollen

So, jetzt komme ich langsam zu einer der zentralen Fragen, wenn es um die schwierigen Bibelstellen geht, nämlich zur Frage nach dem Verständnis des Alten Testaments und seinem Verhältnis zum Neuen.

Ich glaube, das eigentliche Problem hier ist: Uns ist kaum jemals bewusst, wie nahe Gott uns heutzutage eigentlich ist.

Man stellt sich heutzutage gerne mal vor, dass damals, in biblischen Zeiten, Gott sich den Juden ganz offensichtlich zeigte – allerorten gab es Zeichen und Wunder, Propheten und Visionen, Straßen durchs Meer, vom Himmel fallendes Feuer oder auch Feuerzungen, Engel erschienen, himmlische Stimmen waren zu hören, Propheten wurden von einem feurigen Wagen und einem Wirbelsturm in den Himmel entrückt, Lahme gingen, Blinde sahen und Tote kehrten aus dem Grab zurück –, während heute dagegen nur noch ein paar tausende Jahre alte Berichte von alldem übrig seien, und wir daraus jetzt in diesem von Gott verlassenen Tal der Tränen irgendwie rekonstruieren müssten, was uns etwa die fünf Bücher Mose sagen sollen oder „was Jesus gewollt hätte“.

Und an diesem grundfalschen Bild ist allein die Ketzerei schuldig, deren 500. Geburtstag wir heuer beweinen müssen. Okay, vielleicht nicht ganz allein, aber jedenfalls zum allergrößten Teil.

Der Protestantismus geht davon aus, dass Jesus predigte, gekreuzigt wurde, auferstand und in den Himmel auffuhr, seine Apostel dann nach Pfingsten unter Befähigung des Heiligen Geistes eine ideale Urgemeinde aufbauten und die Bücher des Neuen Testaments verfassten, und dann – tja, dann müssen Jesus und der Heilige Geist die Menschheit irgendwie sich selbst überlassen haben. Nach und nach wurde diese ideale Welt der Urgemeinde unterwandert und zerstört durch die unbiblischen Hinzufügungen des beginnenden Katholizismus‘ – Papsttum, Heiligenverehrung, „Werkgerechtigkeit“ und so weiter –, bis schließlich und endlich doch ein paar heldenhafte Erneuerer das Urchristentum wieder herstellten. Aber das war auch nur Menschenwerk; an sich gibt es keinen Grund, wieso das wahre Christentum nicht wieder verloren gehen sollte.

Der Katholizismus vertritt etwas vollkommen anderes. Wir glauben an einen Gott, der uns treu ist, der an seinem Bund mit uns festhält, gestern, heute und in Ewigkeit. Jason Stellman hat hier einen sehr guten Kommentar dazu: http://www.creedcodecult.com/protestantism-and-christianity/. Ich zitiere:

For us, magic is everywhere, and miracles happen all the time, especially on our altars. We live in a sacramental economy where spiritual blessings are communicated through physical things, where grace is not destroying nature but elevating it (kind of like how Christ’s divine nature did not destroy his human nature, but elevated it), where man is being divinized, and where the entire cosmos has been infused with a supernatural homesickness and longing to be liberated, along with the children of God, from its bondage to decay. We live in an age of eschatological overlap in which the Incarnation actually happened and the old world really is passing away. […] One of my former seminary profs has likened medieval Catholic Europe to the world of Harry Potter, suggesting that one of the triumphs of the Reformation was ridding the ecclesial landscape of all that blasted magical and supernatural hocus pocus. I think that is a very apt, and very sad, description of the Protestant view of the visible church and of the Christian life in general. […] In a word, it’s as if the genie is locked in the bottle, the wardrobe is bolted shut and can provide no otherworldly passage, and all those miraculous displays of divine power and love are safely quarantined to a time long past when God would indulge the superstitious desires of pre-Enlightenment peasants until the printing press would finally be invented.

 (Für uns ist Magie überall, und Wunder passieren die ganze Zeit, vor allem auf unseren Altären. Wir leben in einer sakramentalen Welt, wo geistiger Segen durch körperliche Dinge mitgeteilt wird, wo die Gnade die Natur nicht zerstört, sondern erhebt (ungefähr so, wie Christi göttliche Natur seine menschliche Natur nicht zerstörte, sondern erhob), wo der Mensch vergöttlicht wird, und wo dem ganzen Kosmos ein übernatürliches Heimweh und ein Verlangen danach, zusammen mit den Kindern Gottes von seiner Gebundenheit durch den Verfall befreit zu werden, eingeflößt wurde. Wir leben in einem Zeitalter der eschatologischen Überlappung, in der die Fleischwerdung tatsächlich geschehen ist und die alte Welt wirklich vergeht. […] Einer meiner früheren Professoren im Seminar hat das mittelalterliche katholische Europa einmal mit der Welt von Harry Potter verglichen, und nahegelegt, dass es einer der Triumphe der Reformation gewesen sei, die kirchliche Landschaft von all dem verdammten magischen und übernatürlichen Hokuspokus zu reinigen. Ich denke, das ist eine sehr treffende, und sehr traurige, Beschreibung der protestantischen Sicht der sichtbaren Kirche und des christlichen Lebens im Allgemeinen. […] Mit einem Wort, es ist, wie wenn der Geist zurück in die Flasche gesperrt wird, der Wandschrank verriegelt wird und keinen Weg mehr in eine andere Welt bieten kann, und alle diese übernatürlichen Offenbarungen von göttlicher Kraft und Liebe sicher unter Quarantäne in eine längst vergangene Zeit verbannt werden, als Gott dem abergläubischen Verlangen von vor-aufklärerischen Bauern nachgab, bis endlich die Druckerpresse erfunden wurde.)

(Beim Lesen dieses Textes ist mir dieser Gedanke gekommen: Man könnte Atheisten von heute vielleicht mit den über das Land Narnia herrschenden Telmarern in „Prinz Kaspian von Narnia“ (Band 4 der „Chroniken von Narnia“) vergleichen, die auf einmal feststellen, dass es tatsächlich zu ihrer Zeit noch übrig gebliebene „Alt-Narnianen“ (sprechende Tiere, Zwerge, Zentauren usw.) gibt, die versteckt in den Wäldern leben, und Christen von heute oft genug mit diesen Alt-Narnianen, die sich selber uneins sind, was sie von den alten Erzählungen über Aslan und die Kinder aus einer anderen Welt (unserer Welt) halten sollen – schließlich ist das alles schon tausend Jahre her und niemand weiß nix Genaues drüber -, bis die Kinder aus der anderen Welt und schließlich auch Aslan auf einmal wieder leibhaftig vor der Tür stehen, ins Geschehen eingreifen und ihnen zu Hilfe kommen.)

Wer hat Gott je gesehen? Na ja, ich habe Ihn schon öfters gesehen, eigentlich jeden Sonntag seit ein paar Jahren, außer ich war mal krank, und ein großer Teil der Weltbevölkerung wohl auch, sicherlich die 1,2 Milliarden Katholiken, und dann noch einige aus dem Rest der Menschheit, die, auch wenn sie nicht katholisch sind, schon mal an einer katholischen Messe teilgenommen haben. Okay, nicht in seiner eigentlichen Gestalt, aber dennoch. Jesus Christus befindet sich im Moment in der Gestalt von einigen Brotstücken ein paar Straßen von mir entfernt in einer hässlichen Betonkirche aus den 60ern in einem freistehenden Tabernakel mit Marmorsockel. Und dann als nächstes zwei Kilometer weiter in einer schönen Barockkirche in einem mit Silber geschmückten Tabernakel, der in einen Hochaltar eingebaut ist. Und dann noch in sämtlichen anderen katholischen Kirchen auf dieser Welt – ach ja, und in den orthodoxen natürlich auch, die haben ja gültige Sakramente. Er befindet sich dort ebenso, wie er sich vor zweitausend Jahren in Jerusalem oder Nazareth befand. Wenn ich in einem Beichtstuhl knie und der Priester sagt „…so spreche ich dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen“, dann vergibt Gott mir meine Sünden. Wir haben einen Stellvertreter Christi auf Erden, der in Rom lebt, und dem wir bei seiner Generalaudienz zujubeln oder den wir in seiner Amtsführung kritisieren können. In Lourdes geschehen Wunder, in Guadeloupe geschehen Wunder, in Fatima geschehen Wunder; die für Heiligsprechungen zuständige Behörde im Vatikan hat ständig Wunder zu überprüfen, um zu beurteilen, ob anhängige Selig- und Heiligsprechungsprozesse vorangehen können. Wir haben unverweste Leichname Heiliger, unerklärliche Bilder wie das Marienbild von Guadeloupe oder das Abbild auf dem Turiner Grabtuch, weinende Statuen, und Privatoffenbarungen; aber nicht nur das; alles in dieser Welt, nicht nur wundersame Ereignisse, auch jede Kleinigkeit in der Natur verweist auf ihren Schöpfer. Jörg Lauster hat seiner vor ein paar Jahren erschienen „Kulturgeschichte des Christentums“ (Untertitel) den Titel „Die Verzauberung der Welt“ gegeben. Diesen Ausdruck finde ich sehr passend. Wir Christen glauben an einen treuen Gott, der einen bleibenden Bund mit uns geschlossen hat; als mich im Alter von zwei Monaten der Herr Stadtpfarrer mit Wasser übergossen und dazu die Taufformel gesprochen hat, wurde ich hineingenommen in diesen Bund, eingegliedert in den mystischen Leib Christi. Gott wirkt greifbar unter uns, heutzutage ebenso wie zu anderen Zeiten.

(Das alles ist irgendwie schon, wenn man es sich so überlegt… na ja, mehr, als man irgendwie begreifen kann.)

Wieso erwähne ich das alles: Weil wir ein korrektes Verständnis der Heils- und Offenbarungsgeschichte brauchen, um die Bibel richtig beurteilen zu können. Wir befinden uns heute an einer recht fortgeschrittenen Stelle der kontinuierlich voranschreitenden Heilsgeschichte. Wir können heute sehr viel mehr über Gott wissen, als Abraham wusste. Dank der Klärungen einiger wichtiger Fragen auf den Konzilien der letzten zwei Jahrtausende können wir sogar ein besseres Verständnis von Gott haben als Petrus oder Paulus. (Nebenbei: Intellektuelles Wissen ist nicht dasselbe wie Heiligkeit.) Gott ist uns heute noch immer nahe, entgegen dem, was manche glauben.

Die Kehrseite dieser Aussage ist natürlich, dass Er den Juden im Alten Testament eben gerade nicht nicht automatisch näher war als später Papst Leo X. oder Erasmus von Rotterdam oder Papst Johannes Paul II. oder Kardinal Reinhard Marx oder Schwester Anna Theresa aus der Klosterschule der Franziskanerinnen. Die Welt des Alten Testaments war nicht verzauberter als die heutige; im Gegenteil, sie war zunächst einmal eher noch gottferner. Als Gott begann, sich Abraham zu offenbaren, da hatte sich die Welt schon lange von Ihm entfernt, und die Menschen verehrten verschiedene Gottheiten, von denen sie sich vorstellten, dass sie irgendwie mit ihren Städten verbunden wären, dass man sie besänftigen oder sich ihre Gunst verdienen müsse, dass sie miteinander konkurrierten und hauptsächlich mächtiger und langlebiger als Menschen seien, aber sonst nicht viel anders als sie.

Gott begann also damals, sich den Menschen zu offenbaren. Das begann im Kleinen, und geschah nur nach und nach. Es bedurfte einer langen Vorbereitungszeit, bis es schließlich zum Höhepunkt der Offenbarung kam: Der Menschwerdung Gottes und Seiner Erlösungstat am Kreuz. Die eigentliche Offenbarung war nicht lange nach dieser Tat hauptsächlich abgeschlossen, mit dem Tod des letzten Apostels. Aber die Kirche, die Jesus Christus als Gottesvolk des Neuen Bundes aus Juden und Heiden begründet hatte, bestand weiter und bewahrt diese Offenbarung und gliedert neue Menschen in diesen Bund ein. Genuin neue Erkenntnisse kamen nicht mehr hinzu; das geschah nur bis etwa 100 n. Chr. Aber weiter entwickelt hat sich manches noch – man könnte sagen, die Pflanze war endlich gepflanzt, nachdem der Boden bereitet worden war, musste aber noch weiterhin wachsen, so dass einige Dinge (Dreifaltigkeit, Transsubstantiation, Anzahl der Sakramente, etc.) erst nach und nach genau definiert wurden.

Okay. Das heißt also, im Lauf des AT und vom AT zum NT kamen wirkliche neue Erkenntnisse hinzu, und das konnte auch ein bisschen dauern. Das heißt nicht, dass die vorigen Erkenntnisse falsch waren – aber sie waren oft noch unvollständig.

Ein einfaches Beispiel:

  • Im Alten Testament wurde den Israeliten zuerst das Gebot offenbart, nur den einen Gott, Jahwe, zu verehren. Man spricht hier von Monolatrie (altgriechisch „latreia“ = Anbetung, Gottesdienst). Einzelnen Bibelstellen kann man entnehmen, dass die Israeliten wohl in den frühen Stadien ihrer Geschichte implizit noch annahmen, dass es neben diesem einen Gott, den sie verehrten, noch andere Götter geben mochte – Götter anderer Völker, die man als Jude nicht verehren darf.
  • Schließlich kam dann aber die ausdrückliche Erkenntnis, dass tatsächlich nur dieser eine Gott existiert (Monotheismus); dass andere Götter nicht nur verboten, sondern nicht-existent sind. Das sieht man vor allem bei den Propheten: „Wer misst das Meer mit der hohlen Hand? Wer kann mit der ausgespannten Hand den Himmel vermessen? Wer misst den Staub der Erde mit einem Scheffel? Wer wiegt die Berge mit einer Waage und mit Gewichten die Hügel? Wer bestimmt den Geist des Herrn? Wer kann sein Berater sein und ihn unterrichten? Wen fragt er um Rat und wer vermittelt ihm Einsicht? Wer kann ihn über die Pfade des Rechts belehren? Wer lehrt ihn das Wissen und zeigt ihm den Weg der Erkenntnis? Seht, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer, sie gelten so viel wie ein Stäubchen auf der Waage. Ganze Inseln wiegen nicht mehr als ein Sandkorn. Der Libanon reicht nicht aus für das Brennholz, sein Wild genügt nicht für die Opfer. Alle Völker sind vor Gott wie ein Nichts, für ihn sind sie wertlos und nichtig. Mit wem wollt ihr Gott vergleichen und welches Bild an seine Stelle setzen? Der Handwerker gießt ein Götterbild, der Goldschmied überzieht es mit Gold und fertigt silberne Ketten dazu. Wer arm ist, wählt für ein Weihegeschenk ein Holz, das nicht fault; er sucht einen fähigen Meister, der ihm das Götterbild aufstellt, sodass es nicht wackelt. Wisst ihr es nicht, hört ihr es nicht, war es euch nicht von Anfang an bekannt? Habt ihr es nicht immer wieder erfahren seit der Grundlegung der Erde? Er ist es, der über dem Erdenrund thront; wie Heuschrecken sind ihre Bewohner.“ (Jesaja 40,12-22) „Hört das Wort, das der Herr zu euch spricht, ihr vom Haus Israel. So spricht der Herr: Gewöhnt euch nicht an den Weg der Völker, erschreckt nicht vor den Zeichen des Himmels, wenn auch die Völker vor ihnen erschrecken. Denn die Gebräuche der Völker sind leerer Wahn. Ihre Götzen sind nur Holz, das man im Wald schlägt, ein Werk aus der Hand des Schnitzers, mit dem Messer verfertigt. Er verziert es mit Silber und Gold, mit Nagel und Hammer macht er es fest, sodass es nicht wackelt. Sie sind wie Vogelscheuchen im Gurkenfeld. Sie können nicht reden; man muss sie tragen, weil sie nicht gehen können. Fürchtet euch nicht vor ihnen; denn sie können weder Schaden zufügen noch Gutes bewirken. Niemand, Herr, ist wie du: Groß bist du und groß an Kraft ist dein Name. Wer sollte dich nicht fürchten, du König der Völker? Ja, das steht dir zu. Denn unter allen Weisen der Völker und in jedem ihrer Reiche ist keiner wie du. Sie alle sind töricht und dumm. Was die nichtigen Götzen zu bieten haben – Holz ist es. Sie sind gehämmertes Silber aus Tarschisch und Gold aus Ofir, Arbeit des Schnitzers und Goldschmieds; violetter und roter Purpur ist ihr Gewand; sie alle sind nur das Werk kunstfertiger Männer. Der Herr aber ist in Wahrheit Gott, lebendiger Gott und ewiger König. Vor seinem Zorn erbebt die Erde, die Völker halten seinen Groll nicht aus. Von jenen dagegen sollt ihr sagen: Die Götter, die weder Himmel noch Erde erschufen, sie sollen verschwinden von der Erde und unter dem Himmel.“ (Jeremia 10,1-11)
  • Im NT dann kam die Erkenntnis, dass dieser eine Gott dreifaltig ist, sprich, es wird zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist differenziert (auch wenn in der Bibel noch nicht ganz genau definiert ist, in welchem Verhältnis genau die drei göttlichen Personen zueinander stehen).

Eins ist hier wichtig: Ein Zuwachs an Wissen bedeutet nicht, dass das frühere Wissen falsch wird. Nirgendwo in den älteren Texten heißt es ausdrücklich „Es gibt noch andere Götter, aber die dürfen wir nicht verehren“, sondern es heißt „Wir dürfen keine anderen Götter verehren“. Bald kommt dann die zusätzliche Erkenntnis hinzu „…und zwar weil es die gar nicht gibt“. Nirgendwo heißt es im AT: „Gott ist nicht drei in einem.“ Es heißt im AT: „Gott ist einer“ – und im NT kommt dann die zusätzliche Erkenntnis hinzu „…aber gleichzeitig auch noch drei“. Sicher hätten die Autoren des AT, wenn man sie gefragt hätte, verneint, dass Gott aus drei Personen bestehe; aber das hat man sie nicht gefragt und das haben sie nicht in ihre Texte geschrieben.

Es gibt ziemlich viele solcher zusätzlichen Erkenntnisse. Zum Beispiel:

  • Die Feindesliebe
  • Die Erkenntnis, dass Leid nicht notwendigerweise eine Strafe Gottes ist, sondern dass auch Unschuldige leiden können
  • Die Erkenntnis, dass es ein Leben nach dem Tod bei Gott gibt, nicht nur eine dunkle Unterwelt

Das alles sind übrigens Erkenntnisse, die nicht erst im NT als etwas völlig Neues auftauchen. Im Buch der Sprichwörter heißt es „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken“ (Sprichwörter 25,21), das ganze Buch Ijob handelt von einem „leidenden Gerechten“, und im Buch der Makkabäer sagt einer der sieben Brüder, die gemeinsam das Martyrium erleiden: „Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind“ (2 Makkabäer 7,9). Dennoch waren diese Themen zur Zeit Jesu noch irgendwie umstritten. Jesus sagt jetzt zum Thema Feindesliebe: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (Matthäus 5,43-47)* Und zum Thema Leid heißt es im Johannesevangelium: „Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ (Johannes 9,1-3; Jesus heilt dann den Blinden) Und zum Thema Leben nach dem Tod steht bei Matthäus: „Am selben Tag kamen zu Jesus einige von den Sadduzäern, die behaupten, es gebe keine Auferstehung. Sie fragten ihn: Meister, Mose hat gesagt: Wenn ein Mann stirbt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder dessen Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Bei uns lebten einmal sieben Brüder. Der erste heiratete und starb, und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder, ebenso der zweite und der dritte und so weiter bis zum siebten. Als letzte von allen starb die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Jesus antwortete ihnen: Ihr irrt euch; ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes. Denn nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel. Habt ihr im übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten mit den Worten gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs ? Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden. Als das Volk das hörte, war es über seine Lehre bestürzt.“ (Matthäus 22,23-33)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/ba/Brooklyn_Museum_-_Jesus_Teaches_in_the_Synagogues_%28J%C3%A9sus_enseigne_dans_les_synagogues%29_-_James_Tissot.jpg

(James Tissot, Jesus teaches in the Synagogue, Wikimedia Commons)

Manche Erkenntnisse kommen erst nach und nach; an manchen Stellen des AT stehen im Hintergrund noch kulturell bedingte Annahmen der Autoren – wie auch in der Schöpfungsgeschichte noch das Bild eines Himmels„gewölbes“ im Hintergrund steht (s. Teil 4: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/) -, die an späterer Stelle der Offenbarungsgeschichte dann aufgegeben werden. Peter van Briel von der Karl-Leisner-Jugend beschreibt das in dieser empfehlenswerten Katechese (http://www.k-l-j.de/055_altes_testament_gottesbild.htm), die ich am Anfang dieser Reihe schon einmal verlinkt habe (sie ist wirklich empfehlenswert, aber in einigen Dingen meiner Meinung nach auch etwas zu ungenau, daher schreibe ich noch meine ausführliche Reihe hier und begnüge mich nicht einfach damit, dorthin weiterzuverweisen), folgendermaßen:

Und in diesem Gedankengang (Früher war Gott präsenter – Früher müsste also alles besser gewesen sein – Das war es aber nicht, im Gegenteil! – Also ist Gott kein guter Gott – Gottseidank hält er sich heutzutage zurück!) liegt ein Fehler – bereits im ersten Satz. In den biblischen Zeiten war Gott keineswegs aktiver im Weltgeschehen und Seine Rede eben nicht klarer zu vernehmen. Im Gegenteil.

 Sorry. Tatsächlich dürfte die umgekehrte Aussage zutreffender sein: Bei den geschichtlichen Ereignissen im Alten Testament handelt es sich um die ersten Versuche, sich auf Gott einzulassen.

 „The First Contact“ mit Gott ist wie der erste Funkkontakt in den Anfängen der Radiozeit: Auch wenn Gott damals wie heute seine Sendungen in bester Qualität ausstrahlt – sogar in Stereo, Dolby und 3D – nutzt das alles nichts, wenn die Empfänger zunächst nur der einfachsten Technik, mit instabiler Frequenz und wackeliger Stromversorgung entsprachen. Mittlerweile verfügt das Volk Gottes über modernste Technik (allesamt von Gott geschenkt) – im Lehramt der Kirche, einem ganzen Volk von Propheten und Heiligen, in jedem Getauften und Gefirmten, dem allgemeinen Priestertum.

 Aber abgesehen vom heute besseren Empfang unterscheidet sich die Zeit im Alten Bunde nicht sonderlich von unserer Gegenwart. Immerhin bezeichnet sich die katholische Kirche gelegentlich als „Volk Gottes“ – als Fortsetzung des erwählten Volkes Israel, als „neues Israel“. […]

 Haben wir nun aus der Bibel ein Märchen- oder Bilderbuch gemacht?

 Nein. Denn wer einmal die richtige Frequenz gefunden hat, erkennt, dass Gott schon von Anfang an Richtiges gesendet hat, der Mensch aber damals nur unscharf verstanden hat. Was in der Bibel steht, sind aber ausschließlich die Funksprüche, denen tatsächlich und sicher das Wort Gottes zugrunde liegt, wenn auch mit Rauschen überlagert. […]

 Es gibt einen Unterschied zwischen „schlechtem Empfang“ und rosa Rauschen. Die Bibel ist verrauscht – okay. Aber der göttliche Sinn ist erkennbar – für den, der nicht (so wie z.B. Dawkins) lieber Störsingnale katalogisiert, anstatt den Sinn zu suchen.

Oft wird dann, wenn man diese Stellen mit anderen Stellen im AT oder im NT vergleicht, klar, wie man sie verstehen soll und wie nicht. Weitere Beispiele und verschiedene Möglichkeiten zu ihrer Auslegung in den folgenden Teilen.

Regel Nummer 13: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch mit Rauschen überlagert.

* In der Bibel steht nicht in diesem Wortlaut, man „soll seinen Feind hassen“. Es wurde nur (wenn ich mich recht erinnere) von den Schriftgelehrten zur Zeit Jesu eher so dargestellt: Das Gebot der Nächstenliebe ist verpflichtend, die Feindesliebe höchstens ein freiwilliges Werk der Übergebühr; seinen Feind darf man auch hassen.

 

Teil 7: Ein Beispiel – die rachsüchtigen und selbstgerechten Psalmen

Als erstes Beispiel zur Interpretation alttestamentlicher Stellen hier ein Gastbeitrag von C. S. Lewis*:

Die Psalmen

I.

Ein Merkmal der Psalmen, das mir beim Lesen besonders in die Augen springt, ist ihre Altertümlichkeit. Mir ist, als blickte ich hinab in einen tiefen Abgrund der Zeit, jedoch als schaute ich dabei durch ein Fernrohr, das die Gestalten, die dort in der Tiefe wohnen, meinem Auge nahe bringt. So nah herangeholt, sind sie mir geradezu schockierend fremd; unbeherrschte Kreaturen, die in Selbstmitleid schwelgen, schluchzen, fluchen, lautes Triumphgeschrei ausstoßen, mit ungeschlachten Waffen klirren oder zum ohrenbetäubenden Lärm fremdartiger Musikinstrumente tanzen. Doch Seite an Seite mit diesem Bild steht mir noch ein anderes vor Augen: Anglikanische Chöre, blendendweiße Chorhemden, frischgewaschene Knabengesichter, Kniekissen, eine Orgel, Gebetsbücher und vielleicht der Geruch von frischgemähtem Friedhofsgras, der mit dem Sonnenlicht durch eine offene Türe kommt. Manchmal verblasst der eine, dann wieder der andere Eindruck, doch keiner von beiden verschwindet wohl jemals ganz. Die Ironie erreicht ihren Höhepunkt, wenn einer der Chorknaben mit diesem von aller persönlichen Anteilnahme so wunderbar freien Sopran die Worte singt, mit denen einstige Krieger sich in rasende Wut gegen ihre Feinde hineinsteigerten; und singt das im Dienst des Gottes der Liebe und denkt dabei selber vielleicht weder an diesen Gott noch an einstige Kriege, sondern an Pfefferminzbonbons und Comics. Diese Ironie, diese doppelte oder dreifache Vision, gehört zum Lesevergnügen. Ich beginne zu ahnen, dass sie auch zum Gewinn gehört.

 In seinen meisten Äußerungen ist mir der Geist der Psalmen fremder als jener der ältesten griechischen Literatur. Doch das ist nicht eine Frage der Epoche. Unterschiede in der Geisteshaltung decken sich nicht immer mit zeitlichen Unterschieden. Den meisten von uns, vielleicht uns allen (außer wir wären entweder sehr ungebildet oder sehr heilig oder womöglich beides) ist die Kultur, die von den Griechen und Römern herkommt, vertrauter, geistesverwandter, als das, was wir vom alten Israel haben. Schon die Bezeichnungen und Begriffe, die wir in Wissenschaft, Philosophie, Kritik, Staatsführung, Grammatik gebrauchen, sind durchweg graeko-romanisch. Dieser Einfluss, und nicht der jüdische, hat uns im landläufigen Sinne „kultiviert“. Doch kein Christ kann die Bibel lesen, ohne zu entdecken, dass ihm diese alten, uns für gewöhnlich so fern stehenden Hebräer jederzeit auf eine Weise Brüder sein können, wie kein Grieche oder Römer es je gewesen ist. Welch eine langweilige, vage Sache scheint uns beispielsweise auf den ersten Blick das Buch der Sprüche: Bärtige Orientalen, die endlose Binsenwahrheiten von sich geben, als wollten sie Tausendundeine Nacht parodieren. Verglichen mit Plato oder Aristoteles – verglichen selbst mit Xenophon – ist das überhaupt kein Denken. Dann, plötzlich, wenn wir drauf und dran sind aufzugeben, fällt unser Blick auf die Worte: „Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, so gib ihm Wasser zu trinken“ (Spr 25,21). Wir reiben uns die Augen. So etwas war damals schon sprichwörtlich! Sie kannten das schon so lange, bevor Christus kam! Es gibt nichts Entsprechendes im Griechentum und, wenn ich mich recht erinnere, auch nicht bei Konfuzius. Und solche Überraschungen können wir in den Psalmen oft erleben. Diese sonderbaren, fremden Gestalten können uns jeden beliebigen Augenblick beweisen, dass hinsichtlich der geistlichen Abstammung (im Unterschied zur kulturellen) letztlich sie unsere Ahnen sind und die Völker des Klassischen Altertums Fremde. Umgekehrt erleben wir beim Lesen der Klassiker manchmal die entgegengesetzte Überraschung. Diese geliebten, so gebildeten, toleranten, humanen und aufgeklärten Schriftsteller geben da und dort plötzlich zu erkennen, dass uns ein Abgrund von ihnen trennt. Daher das ständige verschmitzte Gekicher Platos über die Knabenliebe oder die elitäre Haltung, die Aristoteles’ Ethik fast lächerlich macht. Wir beginnen zu zweifeln, ob auch nur einer von ihnen (und wäre es selbst Vergil), wenn wir sie von den Toten zurückrufen könnten, nicht schon in der ersten Stunde des Gesprächs etwas von sich gäbe, was uns zutiefst befremden würde.

 Ich meine keineswegs, dass die Hebräer einfach „besser“ waren als die Griechen und die Römer. Im Gegenteil, wir finden in den Psalmen Äußerungen einer Grausamkeit, die rachedurstiger, und einer Selbstgerechtigkeit, die totaler ist als irgend etwas bei den Klassikern. Wenn wir diese Abschnitte übergehen und nur ein paar ausgesuchte Lieblingspsalmen lesen, verpassen wir das Entscheidende. Denn das Entscheidende ist genau dies: dass ausgerechnet diese fanatischen und mordlustigen Hebräer, und nicht die aufgeklärteren Völker, geistlich immer wieder – für kurze Augenblicke – ein christliches Niveau erreichen; nicht dass sie besser oder schlechter wären als die Heiden, sondern dass sie besser oder schlechter zugleich sind. Wir müssen wohl oder übel anerkennen, dass diese uns so fremden Dichter, zumindest in einer Hinsicht, unsere Vorfahren waren, und zwar die einzigen Vorfahren, die wir in der ganzen antiken Welt finden können. Sie haben etwas, was die Heiden nicht haben. Sie wissen etwas, das Sokrates nicht wusste. Dieses Etwas wächst offenbar durchaus nicht natürlicherweise aus dem hervor, was wir sonst von ihrem Charakter zu sehen bekommen. Es sieht aus wie etwas, das ihnen von außen geschenkt worden ist; tatsächlich wie das, wofür es sich ausgibt: eine Offenbarung. Ihre Behauptung, das „auserwählte Volk“ zu sein, hat Hand und Fuß.

 Wir können über diese Auserwählung freilich erstaunt sein. Wenn wir die Welt hätten sehen können, wie sie, sagen wir, im fünfzehnten Jahrhundert vor Christus war, und wenn wir hätten raten müssen, welchem von den damaligen Volksstämmen einst das Wissen von Gott und die Fortpflanzung jenes Blutes, das eines Tages einen Leib für die Menschwerdung Gottes hervorbringen sollte, anvertraut würde – ich glaube nicht, dass viele von uns richtig geraten hätten. (Ich denke, meine Auserwählten wären die Ägypter gewesen.)

 […]

 Unter diesem Gesichtspunkt gibt es als Einstieg keinen besseren Psalm als Nummer 109. Er endet mit einem Vers, den jeder Christ sofort für sich in Anspruch nehmen kann: „Denn er steht dem Armen zur Rechten, um ihn zu retten vor denen, die ihn verdammen.“ Das ist eine charakteristische Tonart in den Psalmen und eine der Seiten, um derentwillen wir sie lieben. Es ist ein Vorgeschmack auf die Grundstimmung im Magnificat. Sie findet kaum eine Parallele in der heidnischen Literatur (die griechischen Götter waren zwar tatkräftig dabei, Stolze niederzuwerfen, aber selten, Niedrige zu erhöhen). Sie wird sogar einen gutgesinnten modernen Ungläubigen ansprechen; vielleicht bezeichnet er es als Wunschdenken, aber er wird den Wunsch achten. Kurz, wenn wir nur den letzten Vers läsen, wären wir in vollem Einvernehmen mit dem Psalmisten. Im Augenblick aber, wo wir zurückblicken auf das, was diesem Vers vorausgeht, merken wir, dass uns Welten von ihm trennen, oder schlimmer noch, dass er uns widerwärtig nahe verwandt ist in dem, was auszumerzen die Hauptbeschäftigung unseres Lebens ist. Psalm 109 ist ein Hasslied, wie es hemmungsloser nie geschrieben wurde. Der Dichter legt ein detailliertes Programm gegen seinen Feind vor, von dem er hofft, dass Gott es ausführen wird. Der Feind soll vor „frevelhafte Richter“ gebracht werden. „Ein Ankläger“ soll ihm dauernd zur Rechten stehen, sei es ein böser Geist, sei es bloß ein menschlicher Ankläger – ein Spion, ein agent provocateur, ein Mitglied der Geheimpolizei (V. 6). Falls dem Feind noch etwas am Glauben liegt, soll ihn das, weit davon entfernt, seine Lage zu verbessern, nur noch schlechter machen: „Sogar sein Gebet soll ihm als Sünde gelten.“ (V. 7). Und nach seinem Tode – der bitte recht bald erfolgen möge – sollen seine Witwe und seine Kinder und Kindeskinder in niemals endendem Elend leben (V. 8-13). Was uns, mehr noch als der ungezähmte Rachedurst, das Blut in den Adern stocken lässt, ist das ruhige Gewissen des Schreibers. Er hat keine Bedenken, keine Skrupel oder Vorbehalte; keine Scham. Er lässt dem Hass freien Lauf, peitscht ihn auf, feuert ihn an – in einer Art unglaublicher Naivität. Er bringt diese Gefühle, so wie sie sind, Gott dar, keine Sekunde zweifelnd, dass sie Annahme finden werden; indem er von seinen Verwünschungen unvermittelt zu den Worten findet: „Du aber, Herr, mein Gott, tritt für mich ein um deines Namens willen! Weil deine Gnade köstlich ist, errette mich“ (V. 21).**

 Gewiss, dieser Mensch selber hat vor sehr langer Zeit gelebt. Das ihm widerfahrene Unrecht war vielleicht, menschlich gesprochen, unerträglich. Er war zweifellos ein heißblütiger Barbar und glich mehr einem Kind als einem Manne unserer Zeit. Und wenn wir auch glauben (und es sogar aus dem letzten Vers sehen können), dass seinem Geschlecht eine gewisse Erkenntnis des wahren Gottes zuteil geworden war, so hat er doch in der kalten Jahreszeit, im Vorfrühling der Offenbarung, gelebt, und diese ersten Lichtblicke der Erkenntnis waren wie Schneeglöckchen im Frost. Für ihn mag es daher eine Entschuldigung gegeben haben. Wir aber – was kann es uns nützen, solches Zeug zu lesen?

 Eines auf alle Fälle: Wir haben hier einen elementaren Ausdruck jener Gefühle, die von Unterdrückung und Ungerechtigkeit natürlicherweise hervorgerufen werden. Der Psalm ist ein Portrait, unter dem geschrieben stehen sollte: „Das machst du aus einem Menschen, wenn du ihn schlecht behandelst.“ Bei einem modernen Kind oder Primitiven könnten die Reaktionen genau dieselben sein. Bei einem heutigen westeuropäischen Erwachsenen – besonders, wenn er sich zum Christentum bekennt – wären sie gesitteter; als uneigennützige Gerechtigkeitsliebe getarnt, der es angeblich ums Allgemeinwohl geht. Doch hinter der Fassade und um so schlimmer in den Augen Gottes sind die Gefühle wohl immer noch da. (Ich denke hier an eine mir völlig unbekannte Frau, die mir, weil sie es „für ihre Pflicht“ hielt, wie sie sagte, einen Brief weitergab, in dem eine andere mir völlig Unbekannte mich ihr gegenüber angeschwärzt hatte.) In einem Fall nun, den wir im landläufigen Sinn als „Verführung“ bezeichnen (nämlich dem der sexuellen Verführung) fänden wir es ungeheuerlich, auf der Schuld des einen Beteiligten zu beharren, welcher der Versuchung erlegen ist, und über die des anderen, der ihn versucht hat, hinwegzugehen. Doch genau so ist jedes Unrecht und jede Unterdrückung eine Versuchung, eine Versuchung zum Hass, und ist in diesem Sinne eine Verführung. Mit jedem Unrecht, das wir einem Mitmenschen angetan haben, haben wir ihn in die Versuchung geführt, solch ein Mensch zu sein wie der, der Psalm 109 geschrieben hat. Wir haben vielleicht über unser Unrecht Buße getan; aber ob auch er über seinen Hass Buße getan hat, das wissen wir oft nicht. Wie steht unsere Rechnung heute, falls er es nicht getan hat?

 Ich weiß keine Antwort auf diese Frage. Aber ich würde meinen, wir sollten uns lieber genau ansehen, was wir angerichtet haben; wie junge Hunde sollte man uns mit der Nase hineinstoßen. Ein Mann, auch wenn er darüber Buße getan hat, dass er einmal ein Mädchen verführt und es dann sitzengelassen und aus dem Blickfeld verloren hat, sollte seine Augen nicht einfach vor der rauen Wirklichkeit verschließen, in der sie heute vielleicht lebt. Genau darum sollten wir die Psalmen lesen, die den Unterdrücker verfluchen; sollten sie lesen mit Furcht. Wer weiß, ob nicht ähnliche Verwünschungen auch schon gegen uns ausgestoßen worden sind? Was für Gebete schwarze Menschen und rote und braune und gelbe gegen uns zu ihren Göttern oder manchmal zu Gott selbst emporgeschickt haben. Von der ganzen Erde „stinkt“ das Unrecht des Weißen Mannes zum Himmel; es stinkt nach Massakern, nach Vertragsbruch, Diebstahl, Menschenraub, Sklaverei, Deportation, Auspeitschungen, Lynchmord, Überfällen, Vergewaltigung, Raub, Beschimpfung, Hohn und widerlicher Heuchelei. Aber die Sache geht uns noch näher an. Diejenigen von uns, die wenig Macht haben, wenig Leute, die in ihrer Hand sind, können dankbar sein. Wie aber, wenn man Offizier ist (oder, vielleicht noch schlimmer, Unteroffizier)? Oberin in einem Krankenhaus? Regierungsbeamter? Gefängniswärter? Schulvorsteher? Gewerkschaftssekretär? Vorgesetzter irgendeiner Art? Kurz jemand, dem keiner „zurückgeben“ kann? Es ist, auch mit dem besten Willen, schwer genug, gerecht zu sein. Es ist schwer, unter dem Druck von Zeitnot, Unbehagen, schlechter Laune, Selbstzufriedenheit und Eitelkeit auch nur schon immer gerecht sein zu wollen. Macht verdirbt den Menschen; die „Amtsroutine“ schleicht sich ein. Wir sehen sie so deutlich bei unseren Vorgesetzten; ist es dann unwahrscheinlich, dass unsere Untergebenen sie bei uns sehen? Wie viele von denen, die über uns sind, haben nicht schon manchmal (vielleicht oft) unsere Vergebung nötig gehabt? Seien sie sicher, dass wir genauso die Vergebung derer nötig haben, die unter uns stehen.

 Sie wird uns aber nicht immer zuteil. Vielleicht sind unsere Untergebenen gar nicht gläubig. Vielleicht sind sie noch nicht weit genug gekommen auf dem Weg, dieses schwere Werk des Vergebens, das wir ihnen auferlegt haben, zu bewältigen. Vielleicht schwelt gegen uns, erfolglos bekämpft oder auch nicht, bitterer, chronischer Groll; der Geist von Psalm 109.

 Ich meine nicht, dass Gott auf Gebete, wie sie dieser Psalmist vorgebracht hat, hört und sie gutheißt. Sie sind böse. Er verurteilt sie. Alle Rachsucht ist Sünde. Wir können auch hoffen, dass das, was unsere Untergebenen uns nachtragen, in Wirklichkeit nicht halb so schlimm war, wie sie sich einbilden. Die Schroffheit war unbeabsichtigt; das anmaßende Benehmen bei Gericht hatte seinen Grund in Unwissenheit und dem unangenehmen Gefühl der eigenen Ohnmacht; die scheinbar ungerechte Verteilung der Arbeit war nicht wirklich ungerecht oder war es nicht absichtlich; die unerklärliche persönliche Abneigung gegen einen bestimmten Untergebenen, für ihn und einige seiner Kameraden so offensichtlich, ist etwas, dessen wir uns überhaupt nicht bewusst sind (sie erscheint in unserem bewussten Denken als „erziehen“ oder als die Notwendigkeit, „ein Exempel zu statuieren“). Wie dem auch sei, es ist sehr böse von ihnen, uns zu hassen. Ja, aber das Törichte ist, dass wir uns einbilden, Gott sähe ihre Bosheit losgelöst von unserer Bosheit, die den Anlass dazu gegeben hat. Sie sündigen durch ihren Hass, weil wir sie dazu versucht haben. Wir haben sie, in diesem Sinne, verführt, verdorben. Sie sind gleichsam die Mütter dieses Hasses; wir sind die Väter.

 Unter diesem Gesichtspunkt nun ist der Lobpreis der Maria erschreckend. […] Die Ähnlichkeit zwischen dem Lobgesang und der überlieferten hebräischen Dichtung der Psalmen beschränkt sich nicht auf literarische Eigentümlichkeiten. Natürlich gibt es einen Unterschied. Bei Maria finden sich keine Verwünschungen, kein Hass, keine Selbstgerechtigkeit. Statt dessen stellt sie einfach fest: Er hat die Hoffärtigen zerstreut, die Machthaber gestürzt, Reiche leer ausgehen lassen. Ich habe vorhin vom ironischen Kontrast zwischen dem wutentbrannten Psalmisten und dem Sopran des Chorknaben gesprochen. Diesen Kontrast finden wir hier auf einer höheren Ebene wieder. Einmal mehr haben wir die Sopranstimme, eine Mädchenstimme, und sie verkündet ohne Sünde, dass die sündigen Gebete ihrer Vorfahren nicht ganz unerhört bleiben; und tut das nicht etwa in wildem Triumph, sondern – wer könnte es überhören? – in ruhiger und furchtbarer Freude.***

 Hier bin ich versucht, für einen Moment abzuschweifen auf eine Spekulation, die uns in einer Hinsicht vielleicht etwas beruhigt, während sie uns in einer anderen erschreckt. Die Christen sind sich leider nicht darüber einig, auf welche Weise die Mutter Gottes verehrt werden sollte, doch es gibt eine Wahrheit, an der wohl niemand zweifeln kann. Wenn wir an die Jungfrauengeburt glauben und wenn wir an die menschliche Natur unseres Herrn glauben (denn es ist ketzerisch, sich ihn als einen Menschen vorzustellen, in dessen Körper statt einer menschlichen Seele die zweite Person der Dreieinigkeit wohnte), dann müssen wir für diese Menschennatur auch an eine menschliche Vererbung glauben. Für diese gibt es nur eine Quelle (wiewohl in dieser Quelle das ganze wahre Israel vertreten ist). Wenn in Jesus ein eiserner Zug ist – dürfen wir nicht, ohne unehrerbietig zu sein, mutmaßen, woher er stammt? Sagten wohl die Nachbarn in seiner Kindheit von ihm: „Er ist ganz der Sohn seiner Mutter?“ Das könnte die Härte mancher Dinge, die er zu oder von seiner Mutter gesagt hat, in ein neues und weniger schmerzliches Licht rücken. Wir dürfen annehmen, dass sie das sehr gut verstand.****

 Ich habe dies einen Exkurs genannt, doch ich bin nicht sicher, dass es einer ist. Zweierlei leitet von den Psalmen hinüber zu uns. Das eine ist der Lobpreis der Maria, das andere sind die wiederholten Zitate, die unser Herr gebrauchte, wenn auch – das stimmt – nicht solche wie Psalm 109. Wir können ein Buch, von dem sein Denken so durchdrungen war, nicht aus unserem Denken verbannen. Die Kirche selbst ist ihm nachgefolgt und hat auch unser Denken durch dieses Buch geprägt.

 Mit einem Wort, die Psalmisten und wir gehören beide zur Kirche. Als einzelne mögen sie – gleich wie wir – manchmal sehr schlechte Glieder dieser Kirche sein; Unkraut – aber Unkraut, das auszureißen wir nicht befugt sind. Sie – wie wir – mögen oft nicht wissen (wenn auch vielleicht anders als wir) wes Geistes Kinder sie sind. Aber die Zugehörigkeit zur Kirche können weder wir ihnen noch sie uns absprechen.

 Ich meine keineswegs (obwohl Sie, wenn Sie sich umsehen, sicher einen Kritiker finden werden, der sagt, ich meine es), dass wir ihre Grausamkeit in irgendeiner Weise gutheißen sollen. Aber wir können lernen, das Gute zu sehen, das sich in diese Grausamkeit mischt. Durch all ihre Exzesse hindurch zieht sich ein leidenschaftliches Sehnen nach Gerechtigkeit. Man ist zuerst versucht zu sagen, dass dieses Sehnen, da sie ja zu den Unterdrückten gehören, kein besonderes Verdienst ist; dass auch die schlechtesten Menschen noch aufbegehren und nach Fairness schreien, wenn ihnen unfaires Spiel geboten wird. Doch leider ist das nicht wahr. Vielmehr ist der Geist, der nach Gerechtigkeit schreit, vielleicht gerade jetzt am Aussterben.

 Dazu ein alarmierendes Beispiel: Ich hatte einen Schüler, der bestimmt Sozialist, wahrscheinlich sogar Marxist war. Für ihn war das „Kollektiv“, der Staat, alles, der einzelne nichts; Freiheit ein bourgeoiser Wahn. Er schloss dann sein Studium ab und wurde Lehrer. Ein paar Jahre später besucht er mich, als er in Oxford vorbeikam. Er sagte, er hätte den Sozialismus aufgegeben. Er war restlos enttäuscht vom totalitären Staat. Die Einmischungen des Erziehungsministeriums in die Angelegenheiten von Schule und Lehrerschaft waren, das hatte er erlebt, arrogant, inkompetent und unausstehlich; die reinste Tyrannei. Ich konnte ihn gut verstehen, und das Gespräch nahm vergnügt seinen Lauf. Dann, plötzlich, rückte er mit dem wahren Grund seines Kommens heraus: Er hatte es „so gründlich satt“, dass er den Lehrerberuf aufgeben wollte; und – könnte ich wohl – läge es wohl in meiner Macht – würde ich wohl ein paar Drähte ziehen, um ihm einen Posten zu verschaffen – im Erziehungsministerium?

 So ist der moderne Mensch. Er kann hassen, aber er dürstet nicht, wie die Psalmisten, nach Gerechtigkeit. Wenn er findet, dass er unterdrückt wird, fragt er sofort: „Wie kann ich mich auf die Seite der Unterdrücker schlagen?“ Er hat nichts gegen eine Welt, die in Tyrannen und Opfer gespalten ist; es kommt nur darauf an, zu welcher von diesen beiden Gruppen man selber gehört. (Die Moral der Geschichte bleibt dieselbe, ob Sie seine Ansichten über das Erziehungsministerium teilen oder nicht.)

 So mischt sich also in den Hass der Psalmisten ein Funke, der angefacht, nicht ausgetreten werden sollte. Diesen Funken hat Gott gesehen und angefacht, bis er im Lobpreis der Maria hell brannte. Der Schrei nach dem „Gericht“ musste erhört werden. Doch die alte jüdische Vorstellung vom „Gericht“ wird ein Essay für sich nötig machen.

II.

Das Jüngste Gericht ist uns Christen ein sehr vertrauter und sehr schrecklicher Gedanke. „In Zeiten der Drangsal, in Zeiten des Wohlergehens, in der Stunde des Todes und am Tage des Gerichts rette uns, Herr, unser Gott.“ Wenn es eine Vorstellung gibt, die durch kein Bitten und Flehen aus der Lehre unseres Herrn weggebetet werden kann, dann ist es die von der großen Scheidung: Schafe und Böcke, der breite und der schmale Weg, das Unkraut und der Weizen, die Worfschaufel, die klugen und die törichten Jungfrauen, die guten und die schlechten Fische, die verschlossene Türe bei der Hochzeit, wo manche drinnen, andere draußen in der Finsternis sind. Wir können zu hoffen wagen – manche wagen es zu hoffen –, dass das nicht die ganze Geschichte ist, dass, wie Juliana von Norwich gesagt hat, „es allen wohlergehen und mit allen Dingen zum Besten stehen wird“. Doch aus den Worten unseres Herrn selbst müssen wir diese Hoffnung nicht nehmen wollen. Von Paulus bekommen wir Andeutungen; von Jesus keine Spur. Es sind seine eigenen Worte, die das Bild vom Jüngsten Gericht ins Christentum gebracht haben.

 Eine Folge davon ist, dass wir beim Wort „Gericht“ im Zusammenhang mit dem Glauben immer gleich an ein Strafgericht denken: den Richter auf dem  Richterstuhl, der Angeklagte auf der Anklagebank, Hoffnung auf Freispruch und Angst vor dem Schuldurteil. Doch die alten Hebräer verbanden mit dem Wort „Gericht“ für gewöhnlich ganz andere Vorstellungen.

 In den Psalmen ist das Gericht nicht etwas, wovor der von Gewissensbissen verfolgte Gläubige Angst hat, sondern etwas, worauf der in den Staub getretene Gläubige hofft. Gott „wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit“ und ist „eine Burg den Bedrückten“ (9,9.10). „Schaffe mir Recht nach deiner Gerechtigkeit, Herr“, ruft der Dichter (35,24). Noch mehr überrascht uns Psalm 67, wo selbst „die Nationen“, die Heiden, „sich freuen“ und „jubeln“ sollen, weil Gott „die Völker gerecht richtet“ (V. 5). (Genau das ist doch unsere Angst, dass das Gericht vielleicht sehr viel gerechter sein wird, als wir es ertragen können.) Im Freudenpsalm 96 sollen sich sogar Himmel und Erde „freuen“, die Flur soll „jauchzen“ und alle Bäume des Waldes „frohlocken vor dem Herrn“, denn „er kommt, die Erde zu richten“. Die Aussicht auf dieses von uns so gefürchtete Gericht löst einen Jubel aus, wie ein heidnischer Dichter ihn allenfalls gebraucht hätte, um das Kommen des Dionysos anzukündigen.

 So sehr unser Herr selbst uns, wie gesagt, die heutige christliche Vorstellung vom Jüngsten Tag eingeprägt hat, so illustrieren seine Worte doch an anderen Stellen die alte hebräische Vorstellung. Ich denke an den ungerechten Richter im Gleichnis. In den meisten von uns – es sei denn wir hätten dies Gleichnis direkt vor Augen – weckt die Erwähnung eines bösen Richters auf der Stelle das Bild eines Menschen wie Richter Jeffreys: eines brüllenden, ständig unterbrechenden, blutrünstigen Rohlings, der Geschworene und Zeugen einschüchtert, fest entschlossen, den Gefangenen hängen zu sehen. Wir können nur hoffen, nicht von ihm gerichtet zu werden. Die Rolle des „ungerechten Richters“ bei Jesus ist eine ganz andere. Man will von ihm gerichtet werden, man liegt ihm in den Ohren, dass er einen richte. Die einzige Schwierigkeit ist, sich bei ihm Gehör zu verschaffen. Was unser Herr im Auge hat, ist offensichtlich gar kein Strafgericht, sondern ein Schlichtungsgericht. Nicht aus dem Blickwinkel eines Gefangenen sehen wir die Gerechtigkeit, sondern aus dem eines Antragstellers; eines Antragstellers, der eindeutig im Recht ist – wenn es ihm nur gelänge, den Angeklagten vor den Richterstuhl zu bringen.

 Dieses Bild ist uns nur darum fremd, weil wir uns in unserem Land einer ungewöhnlich guten Rechtspflege erfreuen. Wir betrachten es als selbstverständlich, dass man Richter nicht bestechen muss und nicht bestechen kann. Das ist jedoch kein Naturrecht, sondern eine hohe Errungenschaft; auch wir könnten sie einmal verlieren (und werden sie sicher verlieren, wenn wir uns nicht um ihre Erhaltung bemühen); sie geht nicht automatisch mit dem Gebrauch der englischen Sprache einher. In vielen Teilen der Welt und zu vielen Zeiten bestand die Schwierigkeit für arme und unbedeutende Leute nicht nur darin, zu erreichen, dass man ihr Anliegen unvoreingenommen anhörte, sondern darin, dass man sie überhaupt anhörte. Ihre Stimmen sind es, die aus der unentwegten Hoffnung der Hebräer auf das Gericht sprechen, dieser Hoffnung, dass irgendwann, irgendwie einmal, das Recht wiederhergestellt sein wird.

 Doch die Vorstellung kommt nicht nur aus dem Gerichtswesen. Die „Richter“, nach denen ein höchst interessantes Geschichtsbuch im Alten Testament genannt ist, hießen nämlich nicht nur deshalb so, weil sie manchmal etwas taten, was wir als Ausübung richterlicher Funktionen betrachten würden. Das Buch hat tatsächlich über das „Richten“ in diesem Sinne sehr wenig zu sagen. Seine „Richter“ sind in erster Linie Helden, Kämpfer, die Israel von fremden Tyrannen befreien: Riesentöter. Das Substantiv, das wir als „Richter“ übersetzen, ist offensichtlich mit einem Verb verwandt, das heißt: verteidigen, rächen, das Recht wiederherstellen. Man könnte sie genausogut Vorkämpfer, Rächer nennen. Der fahrende Ritter im mittelalterlichen Roman, der seine Tage damit zubrachte, bedrängte Edelfräulein zu retten und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, wäre bei den Hebräern so etwas wie ein „Richter“ gewesen.

 Ein solcher Richter – Er, der uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lässt, der Retter, der Beschützer, der Tyrannenbezwinger – ist es, dessen Bild in den Psalmen dominiert. Es gibt tatsächlich ein paar wenige Stellen, wo der Psalmist mit Zittern ans Gericht denkt: „Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht! Denn vor dir ist kein Lebender gerecht“ (143,2); oder: „Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst, o Herr, wer kann bestehen?“ (130,3). Doch die gegenteilige Haltung ist sehr viel geläufiger: „Höre, o Herr, die gerechte Sache“ (17,1); „Schaffe mir Recht, o Herr“ (26,1); „Streite, Herr, mit denen, die mich bestreiten“ (35,1); „Führe meinen Rechtsstreit“ (43,1); „Erhebe dich, Richter der Erde“ (94,2). Gerechtigkeit ist es, Gehör vor dem Richter, worum die Psalmisten ungleich häufiger beten als um Vergebung.

 Verallgemeinernd kommen wir damit zu einer sehr paradoxen Überlegung. Für gewöhnlich, und selbstverständlich zu Recht, werden Judentum und Christentum, die Herrschaft Moses und die Herrschaft Jesu, einander gegenübergestellt als Gesetz gegen Gnade, Gerechtigkeit gegen Barmherzigkeit, Härte gegen Milde. Aber offenbar hoffen die, welche unter der unerbittlicheren Verkündigung stehen, auf Gottes Gericht, während die, welche unter der milderen Botschaft leben, Angst davor haben. Woher kommt das? Die Antwort wird jedem in etwa klar sein, der die Psalmen aufmerksam gelesen hat. Die Psalmisten, mit wenigen Ausnahmen, blicken dem Gericht sehnsüchtig entgegen, weil sie glauben, dass sie völlig im Recht sind. Andere haben gegen sie gesündigt; ihr eigenes Verhalten war (wie sie uns oft genug beteuern) untadelig. Sie flehen die göttliche Untersuchung inständig herbei, gewiss, dass sie siegreich daraus hervorgehen werden. Der Gegner mag alles mögliche zu verbergen haben, aber sie nicht. Je mehr Gott ihre Sache untersucht, um so mehr wird sie sich als einwandfrei erweisen. Der Christ andererseits zittert, weil er weiß, dass er ein Sünder ist.

 Man könnte also in gewissem Sinne sagen, dass die jüdische Zuversicht im Hinblick auf das Gericht eine Begleiterscheinung der jüdischen Selbstgerechtigkeit sei. Aber das ist viel zu verallgemeinernd. Wir müssen die ganze Erfahrung mit in Betracht ziehen, aus der diese selbstgerechten Äußerungen herauswachsen; und zweitens, was diese Äußerungen, auf einer tieferen Stufe, wirklich bedeuten.

 Diese Erfahrung ist dunkel und schrecklich. Wir dürfen sie nicht „die Große Trübsal der Seele“ nennen, denn diese Bezeichnung wird schon für eine andere Trübsal und für einen anderen Schrecken gebraucht, denen wir auf einer ungleich höheren Ebene begegnen, als sie irgendeiner der Psalmisten (vermute ich) je erreicht hat. Aber wir können sie „die Große Trübsal des Fleisches“ nennen, wobei wir unter „Fleisch“ den natürlichen Menschen verstehen. […]

 Zugegeben, wir können, wenn wir wollen, all die Stellen, welche diese Trübsal schildern, als Anzeichen einer Neurose betrachten. Wenn wir unbedingt behaupten wollen, dass einige Psalmisten in einer Nervenkrise oder am Rande eines Nervenzusammenbruchs geschrieben haben, dann werden wir für unsere Theorie genug Bestätigung finden. Das heißt, die Psalmisten versuchen in genau den Dingen auf ihrem Recht zu beharren, von denen auch ein Patient in einem bestimmten neurotischen Zustand zu Unrecht meint, dass sie auf seine Situation zuträfen. Für unser Anliegen ist das im Moment jedoch nicht wichtig. Neurosen kommen vor; vielleicht sind wir selber schon durch dieses Tal hindurchgegangen oder müssen einmal hindurchgehen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wie gewisse an Gott gläubige Menschen vor uns sich darin verhalten haben. Und letzten Endes ist „Neurose“ ein relativer Begriff. Wer kann sagen, dass er ihr nie nahegekommen ist? Selbst wenn die Psalmen von Neurotikern geschrieben worden wären, so würden sie uns noch etwas angehen.

 Doch natürlich können wir keineswegs sicher sein, dass sie das sind. Der Neurotiker glaubt fälschlicherweise, dass er von gewissen Übeln bedroht werde. Ein anderer Mensch (oder der Neurotiker selbst zu einem anderen Zeitpunkt) kann jedoch tatsächlich von genau diesen Übeln bedroht sein. Es sind vielleicht nur die Nerven des Patienten, die ihm so überzeugend einreden, dass er Krebs hat oder finanziell ruiniert ist oder in die Hölle kommt; doch das beweist nicht, dass es so etwas wie Krebs oder Bankrott oder Verdammnis nicht gibt. Die Vermutung, dass die in gewissen Psalmen geschilderten Zustände Einbildung sein müssen, scheint mir auf reinem Wunschdenken zu beruhen. Es gibt diese Zustände im wirklichen Leben. Falls jemand das bezweifelt, möge er sich, während ich versuche diese Trübsal des Fleisches darzustellen, überlegen, wie leicht sie für irgendeine der folgenden Personen nicht subjektives Empfinden, sondern konkrete Wirklichkeit sein dürfte.

1. Für einen kleinen, hässlichen, unsportlichen, unbeliebten Jungen in der zweiten Klasse einer hundsmiserablen englischen Volksschule. 2. Für einen unbeliebten Rekruten in einer Militärbaracke. 3. Für einen Juden in Hitlerdeutschland. 4. Für einen Mann in einer schlechten Firma oder Staatsstelle, den eine Gruppe von Rivalen hinauszuekeln versucht. 5. Für einen Papstanhänger im England des sechzehnten Jahrhunderts. 6. Für einen Protestanten im Spanien des sechzehnten Jahrhunderts. 7. Für einen Afrikaner unter Malan. 8. Für einen amerikanischen Sozialisten in der Hand von Senator McCarthy oder einen Zulu während einer der alten, wilden Hexenverfolgungen.

 Die Finsternis des Fleisches kann objektive Tatsache sein; sie ist nicht einmal besonders selten.

 Man ist allein. Der Mit-Rekrut, der  einem am ersten Tag ein Freund zu sein schien, die Jungen, die einem in der letzten Klasse Freunde waren, die Nachbarn, mit denen man befreundet war, bevor die Judenhetze losging (oder bevor man Senator McCarthys Aufmerksamkeit auf sich zog) und sogar die eigenen Bekannten und Verwandten haben angefangen, einem aus dem Wege zu gehen. Niemand will gerne mit einem gesehen werden. Wenn man auf der Straße Bekannten begegnet, blicken sie zufällig immer auf die andere Seite. „Von meinen Nachbarn bin ich gemieden und ein Schrecken für meine Bekannten: Wer mich sieht auf der Straße, flieht scheu vor mir“ (31,12). „Meine Freunde und Genossen, … meine nächsten Verwandten halten sich fern“ (38,11). „Ein Fremdling bin ich meinen Brüdern geworden“ (69,9). „Meine Bekannten hast du mir entfremdet, hast mich ihnen zum Abscheu gemacht“ (88,9). „Blick ich nach rechts und halte Umschau: ach, da ist keiner, der mich versteht. Verschlossen ist mir jede Zuflucht“ (142,5).

 Manchmal macht nicht ein einzelner diese Erfahrung, sondern eine Gruppe (ein religiöser Orden oder sogar ein ganzes Volk). Mitglieder fallen ab; Verbündete fliehen; der gewaltige Zusammenschluss gegen uns wächst und festigt sich von Tag zu Tag. Schwerer noch als unsere schwindenden Zahlen und die zunehmende Isolation sind die wachsenden Anzeichen dafür zu ertragen, dass „unsere Seite“ nichts ausrichtet. Die Welt wird von schlechten Menschen auf den Kopf gestellt, und „was kann da der Gerechte noch leisten?“ (11,3), wo bleiben unsere Gegenmaßnahmen? „Wir sind ein Spott und Hohn“ geworden (79,4). Einst sprach so vieles zu unseren Gunsten, und große Führer waren auf unserer Seite. Doch diese Zeiten sind vorbei: „Unsere Zeichen sehen wir nicht mehr, kein Prophet ist mehr da“ (74,9). So fühlen wir Christen uns oft im heutigen Europa.

 Und rings um den vereinsamten Menschen sind tagaus, tagein die Ungläubigen. Sie wissen sehr wohl, was wir glauben oder zu glauben versuchen („hilf meinem Unglauben!“), und achten das für eine totale Illusion. „Gar viele sagen von mir: ‚Es gibt keine Rettung für ihn bei Gott’!“ (3,2). Als hätte Gott, falls es ihn gibt, nichts weiter zu tun, als sich um uns zu kümmern! (10,13); aber überhaupt: „Es gibt keinen Gott“ (14,1). Wenn es den Gott des Leidenden wirklich gibt, dann „möge er ihn retten“ (22,9), und zwar jetzt! „Wo ist nun dein Gott?“ (42,4)

 Der Mensch in der Trübsal des Fleisches ist in den Augen aller anderen äußerst komisch; die Witzfigur einer ganzen Schule oder Militärbaracke oder Arbeitsstelle. Sie können ihn nicht ansehen, ohne zu lachen; sie schneiden ihm Grimassen (22,8). Zechbrüder verulken ihn in ihren Liedern (69,13). Er wird „sprichwörtlich“ (44,15). Zu allem Unglück ist dieses ganze Gelächter keineswegs ein ehrliches, spontanes Gelächter, keines, das ein Mensch mit einer irgendwie komischen Stimme oder einem kauzigen Aussehen lernen könnte zu ertragen und in das er schließlich sogar miteinstimmen könnte. Diese Spötter lachen nicht, obwohl es ihn verletzt, und nicht einmal, ohne zu fragen, ob es ihn vielleicht verletzt; sie lachen, weil es ihn verletzt. Jede Demütigung und jedes Missgeschick, die er erleidet, ist ihnen wie Honig; sie zeigen ihm ihre Überlegenheit, wenn er am Boden liegt. „Ich spreche: Dass sie sich nur nicht freuen über mich, die wider mich grosstun, wenn mein Fuß wankt“ (38,17).

 Wenn man eine gewisse Art von aristokratischem oder stoischem Stolz hätte, so könnte man vielleicht Spott mit Spott vergelten oder sogar frohlocken, wie Coventry Patmore darüber frohlockte, dass er „in der Hochgebirgsluft öffentlichen Verrufs“ lebte. Wenn man das könnte, so wäre man der Trübsal nicht ganz preisgegeben. Aber was auch geschehe, so ist der Leidende nicht – oder nicht mehr, falls er es früher einmal war. Er ist den unaufhörlichen Neckereien, Verächtlichkeiten und Demütigungen (durch die Blume oder grausam verhohlen, je nach Milieu) wehrlos ausgeliefert, sie gehen ihm unter die Haut. Auch in seinen eigenen Augen ist er das, wozu sie ihn gemacht haben. Er kann nicht noch einmal von vorne anfangen. „Beschämung bedeckt sein Antlitz“ (69,8). Er könnte genauso gut stumm sein; in seinem Mund ist keine Widerrede (38,15). Er ist „ein Wurm und kein Mensch“ (22,7).

* Dieser Essay findet sich in: C. S. Lewis, „Gedankengänge. Essays zu Christentum, Kunst und Kultur“, Brunnen-Verlag, Basel 1986, S. 151-168. Lewis hat auch ein kleines Buch über die Psalmen geschrieben (Titel der dt. Übersetzung: „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“) – ebenfalls sehr empfehlenswert.

** Der vollständige Text von Psalm 109 lautet nach der Einheitsübersetzung: „[Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.] Gott, den ich lobe, schweig doch nicht! Denn ein Mund voll Frevel, ein Lügenmaul hat sich gegen mich aufgetan. Sie reden zu mir mit falscher Zunge, umgeben mich mit Worten voll Hass und bekämpfen mich ohne Grund. Sie befeinden mich, während ich für sie bete, sie vergelten mir Gutes mit Bösem, mit Hass meine Liebe. Sein Frevel stehe gegen ihn auf als Zeuge, ein Ankläger trete an seine Seite. Aus dem Gericht gehe er verurteilt hervor, selbst sein Gebet werde zur Sünde. Nur gering sei die Zahl seiner Tage, sein Amt soll ein andrer erhalten. Seine Kinder sollen zu Waisen werden und seine Frau zur Witwe. Unstet sollen seine Kinder umherziehen und betteln, aus den Trümmern ihres Hauses vertrieben. Sein Gläubiger reiße all seinen Besitz an sich, Fremde sollen plündern, was er erworben hat. Niemand sei da, der ihm die Gunst bewahrt, keiner, der sich der Waisen erbarmt. Seine Nachkommen soll man vernichten, im nächsten Geschlecht schon erlösche sein Name. Der Herr denke an die Schuld seiner Väter, ungetilgt bleibe die Sünde seiner Mutter. Ihre Schuld stehe dem Herrn allzeit vor Augen, ihr Andenken lösche er aus auf Erden. Denn dieser Mensch dachte nie daran, Gnade zu üben; er verfolgte den Gebeugten und Armen und wollte den Verzagten töten. Er liebte den Fluch – der komme über ihn; er verschmähte den Segen der bleibe ihm fern. Er zog den Fluch an wie ein Gewand; der dringe wie Wasser in seinen Leib, wie Öl in seine Glieder. Er werde für ihn wie das Kleid, in das er sich hüllt, wie der Gürtel, der ihn allzeit umschließt. So lohne der Herr es denen, die mich verklagen, und denen, die Böses gegen mich reden. Du aber, Herr und Gebieter, handle an mir, wie es deinem Namen entspricht, reiß mich heraus in deiner gütigen Huld! Denn ich bin arm und gebeugt, mir bebt das Herz in der Brust. Wie ein flüchtiger Schatten schwinde ich dahin; sie schütteln mich wie eine Heuschrecke ab. Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Leib nimmt ab und wird mager. Ich wurde für sie zum Spott und zum Hohn, sie schütteln den Kopf, wenn sie mich sehen. Hilf mir, Herr, mein Gott, in deiner Huld errette mich! Sie sollen erkennen, dass deine Hand dies vollbracht hat, dass du, o Herr, es getan hast. Mögen sie fluchen – du wirst segnen. Meine Gegner sollen scheitern, dein Knecht aber darf sich freuen. Meine Ankläger sollen sich bedecken mit Schmach, wie in einen Mantel sich in Schande hüllen. Ich will den Herrn preisen mit lauter Stimme, in der Menge ihn loben. Denn er steht dem Armen zur Seite, um ihn vor falschen Richtern zu retten.“

*** Das Magnificat lautet in der Einheitsübersetzung: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lukas 1,46-55)

**** Lewis meint hier wohl diese Stellen: „Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“ (Lukas 2,41-51) „Als Jesus noch mit den Leuten redete, standen seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Matthäus 12,46-50) „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“ (Johannes 2,1-12)

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(James Tissot, The Songs of Joy, Wikimedia Commons)

 

Teil 8: „Ich aber will das Herz des Pharao verhärten“

Zu den schwierigen Bibelstellen im Alten (und teilweise im Neuen) Testament gehören auch solche, die es so aussehen lassen, als ob Gott direkt verantwortlich für Böses sei, als ob er sogar in Versuchung führe oder auf den freien Willen von Menschen einwirke. Die in dieser Hinsicht problematischsten Stellen sind wahrscheinlich die folgenden aus dem Buch Exodus:

 „Der Herr sprach zu Mose: Wenn du gehst und nach Ägypten zurückkehrst, halte dir alle Wunder vor Augen, die ich in deine Hand gelegt habe, und vollbring sie vor dem Pharao! Ich will sein Herz verhärten, sodass er das Volk nicht ziehen lässt.“ (Exodus 4,21)

 „Ich aber will das Herz des Pharao verhärten und dann werde ich meine Zeichen und Wunder in Ägypten häufen. Der Pharao wird nicht auf euch hören. Deshalb werde ich meine Hand auf Ägypten legen und unter gewaltigem Strafgericht meine Scharen, mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führen. Erst wenn ich meine Hand gegen die Ägypter ausstrecke, werden sie erkennen, dass ich der Herr bin, und dann werde ich die Israeliten aus ihrer Mitte herausführen.“ (Exodus 7,3-5)

„Aber der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er nicht auf sie hörte. So hatte es der Herr dem Mose vorausgesagt.“ (Exodus 9,12)

„Der Herr sprach zu Mose: Geh zum Pharao! Ich habe sein Herz und das Herz seiner Diener verschlossen, damit ich diese Zeichen unter ihnen vollbringen konnte und damit du deinem Sohn und deinem Enkel erzählen kannst, was ich den Ägyptern angetan und welche Zeichen ich unter ihnen vollbracht habe. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.“ (Exodus 10,1f.)

„Der Herr aber verhärtete das Herz des Pharao, sodass er die Israeliten nicht ziehen ließ.“ (Exodus 10,20)

„Der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er sie nicht ziehen lassen wollte.“ (Exodus 10,27)

„Der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er sie nicht ziehen lassen wollte. Der Pharao sagte zu Mose: Weg von mir! Hüte dich, mir jemals wieder unter die Augen zu treten. Denn an dem Tag, an dem du mir unter die Augen trittst, musst du sterben.“ (Exodus 10,27f.)

„Mose und Aaron vollbrachten alle diese Wunder vor den Augen des Pharao, aber der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er die Israeliten nicht aus seinem Land fortziehen ließ.“ (Exodus 11,10)

„Ich will das Herz des Pharao verhärten, sodass er ihnen nachjagt; dann will ich am Pharao und an seiner ganzen Streitmacht meine Herrlichkeit erweisen und die Ägypter sollen erkennen, dass ich der Herr bin. […] Der Herr verhärtete das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, sodass er den Israeliten nachjagte, während sie voll Zuversicht weiterzogen.“ (Exodus 14,4.8)

Ähnlich klingt z. B. auch eine Stelle im 1. Buch Samuels: „Der Geist des Herrn war von Saul gewichen; jetzt quälte ihn ein böser Geist, der vom Herrn kam.“ (1 Samuel 16,14) [Mit dem bösen Geist wird entweder eine psychische Krankheit oder aber dämonische Besessenheit gemeint sein.] Und in den Klageliedern heißt es sogar ganz grundsätzlich: „Geht nicht hervor aus des Höchsten Mund das Gute wie auch das Böse?“ (Klagelieder 3,38) Sogar im Vaterunser (!) beten wir ja immer noch: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ (Matthäus 6,13)

Alldem entgegen stehen ziemlich deutlich der Jakobusbrief und der 1. Johannesbrief:

Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung. Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt. Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor. Lasst euch nicht irreführen, meine geliebten Brüder; jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt. Aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren, damit wir gleichsam die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien.“ (Jakobus 1,13-18)

„Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.“ (1 Johannes 1,5)

Okay, wie harmonisieren wir das jetzt?

Zunächst einmal muss ich erklären, dass ich beim obersten Beispiel, der Exodusgeschichte, ziemlich selektiv zitiert habe.

Das Thema der Sturheit des Pharao wird zum ersten Mal in Kapitel 3, am brennenden Dornbusch, aufgebracht. Dort sagt Gott zu Mose: „Ich weiß, dass euch der König von Ägypten nicht ziehen lässt, es sei denn, er würde von starker Hand dazu gezwungen. Erst wenn ich meine Hand ausstrecke und Ägypten niederschlage mit allen meinen Wundern, die ich in seiner Mitte vollbringe, wird er euch ziehen lassen.“ (Exodus 3,19f.) Die nächste Stelle ist dann die erste oben zitierte in Exodus 4 (Mose zieht in diesem Kapitel nach Ägypten zurück), in der Gott schon voraussagt, das Herz des Pharao „verhärten“ zu wollen. Die nächste Stelle, nach den ersten erfolglosen Verhandlungen zwischen Mose, Aaron und dem Pharao in Kapitel 5 und 6, ist dann die zweite oben zitierte in Kapitel 7. Im selben Kapitel heißt es aber auch: „Das Herz des Pharao aber blieb hart und er hörte nicht auf sie. So hatte es der Herr vorausgesagt. Der Herr sprach zu Mose: Das Herz des Pharao ist ungerührt und er ist nicht bereit, das Volk ziehen zu lassen. […] Sag zum Pharao: Jahwe, der Gott der Hebräer, hat mich zu dir gesandt und lässt dir sagen: Lass mein Volk ziehen, damit sie mich in der Wüste verehren können. Bis jetzt hast du nicht hören wollen.“ (Exodus 7,13-14.16) Dann kommen die ersten Plagen – das Nilwasser verwandelt sich in Blut und eine Froschplage kommt übers Land. Der Pharao bittet Mose, das Land wieder davon zu befreien, Mose betet zu Gott, und die Frösche verschwinden. „Als der Pharao sah, dass die Not vorbei war, verschloss er sein Herz wieder und hörte nicht auf sie. So hatte es der Herr vorausgesagt.“ (Exodus 8,11) Dann kommt die Stechmückenplage. „Da sagten die Wahrsager zum Pharao: Das ist der Finger Gottes. Doch das Herz des Pharao blieb hart und er hörte nicht auf sie. So hatte es der Herr vorausgesagt.“ (Exodus 8,15) Dann kommt Ungeziefer über das Land, Mose und der Pharao verhandeln noch einmal, der Pharao gibt nach, das Ungeziefer verschwindet auf Moses Gebet hin. „Der Pharao aber verschloss sein Herz auch diesmal und ließ das Volk nicht ziehen.“ (Exodus 8,28) Als nächstes kommt eine Seuche über das Vieh der Ägypter. „Doch der Pharao verschloss sein Herz und ließ das Volk nicht ziehen.“ (Exodus 9,7) Die nächste Plage sind Hautgeschwüre bei den Ägyptern. Dann ist wieder die Rede davon, dass „der Herr […] das Herz des Pharao [verhärtete]“ (Exodus 9,12, s. o.) Als nächstes kommen Unwetter und schwerer Hagel über Ägypten. „Da ließ der Pharao Mose und Aaron rufen und sagte zu ihnen: Diesmal bekenne ich mich schuldig. Jahwe ist im Recht; ich aber und mein Volk, wir sind im Unrecht. Betet zu Jahwe! Die Donnerstimme Gottes und der Hagel, das ist zu viel. Ich will euch jetzt ziehen lassen; ihr müsst nicht länger bleiben. Mose antwortete ihm: Sobald ich außerhalb der Stadt bin, werde ich meine Hände vor Jahwe ausbreiten; der Donner wird aufhören und es wird kein Hagel mehr fallen. So wirst du erkennen, dass das Land Jahwe gehört. Du und Deine Diener aber, das weiß ich, ihr fürchtet euch noch immer nicht vor dem Gott Jahwe. […] Doch als der Pharao sah, dass Regen, Hagel und Donner aufgehört hatten, blieb er bei seiner Sünde; er und seine Diener verschlossen wieder ihr Herz. Das Herz des Pharao blieb hart und er ließ die Israeliten nicht ziehen. So hatte es der Herr durch Mose vorausgesagt.“ (Exodus 9,27-30.34-35) Gleich im nächsten Vers – 10,1 – heißt es dann jedoch wieder, Gott habe das Herz des Pharao und seiner Diener verschlossen. Dann kommen noch Heuschrecken und eine dreitägige Finsternis, der Pharao ändert wieder mehrmals seine Meinung, und wieder ist zweimal die Rede davon, dass Gott sein Herz verhärtete (10,20; 10,27). Nach der Ankündigung der letzten Plage (des Todes der Erstgeborenen) heißt es noch einmal zusammenfassend: „Mose und Aaron vollbrachten alle diese Wunder vor den Augen des Pharao, aber der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er die Israeliten nicht aus seinem Land fortziehen ließ.“ (Exodus 11,10, s. o.) Dann kommt diese letzte Plage und die ganze Geschichte mit dem Passahmahl, der Pharao und die Ägypter verjagen die Israeliten schließlich sogar selber aus ihrem Land und sie ziehen bis zum Schilfmeer. Hier findet sich noch einmal die Aussage: „Als der Pharao hart blieb und uns nicht ziehen ließ, erschlug der Herr alle Erstgeborenen in Ägypten, bei Mensch und Vieh.“ (Exodus 13,15) Dann kommen die oben zitierten Stellen über die Herzensverhärtung aus Kapitel 14, in dem die ägyptische Streitmacht die Israeliten verfolgt und im Schilfmeer ertrinkt, nachdem die Israeliten trockenen Fußes hindurchgezogen sind.

Okay, langer Rede kurzer Sinn: Hier ist abwechselnd die Rede davon, dass der Pharao selbst hart bleibt oder „sein Herz verschließt“, was Gott vorausgesehen (nicht verursacht) hat, und davon, dass Gott „das Herz des Pharao verhärtet“. Das liegt daran, dass zwischen diesen beiden Aussagen, recht verstanden, kein Widerspruch besteht.

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(James Tissot, Moses speaks to Pharaoh, Wikimedia Commons)

Besonders im Alten Testament ist häufig die Rede davon, dass Gott etwas tut, wenn man genauer gesagt sagen müsste, dass Er es geschehen lässt.

Hier hilft es vielleicht weiter, sich mal den biblischen Sprachgebrauch näher anzuschauen. Eine Stelle, die hier weiterhilft, wäre 2 Samuel 12,7-12, wo der Prophet Natan zu David spricht, nachdem David mit Batseba Ehebruch begangen und den Tod ihres Mannes arrangiert hat: „Da sagte Natan zu David: Du selbst bist der Mann. So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe dich zum König von Israel gesalbt und ich habe dich aus der Hand Sauls gerettet. Ich habe dir das Haus deines Herrn und die Frauen deines Herrn in den Schoß gegeben und ich habe dir das Haus Israel und Juda gegeben, und wenn das zu wenig ist, gebe ich dir noch manches andere dazu. Aber warum hast du das Wort des Herrn verachtet und etwas getan, was ihm missfällt? Du hast den Hetiter Urija mit dem Schwert erschlagen und hast dir seine Frau zur Frau genommen; durch das Schwert der Ammoniter hast du ihn umgebracht. Darum soll jetzt das Schwert auf ewig nicht mehr von deinem Haus weichen; denn du hast mich verachtet und dir die Frau des Hetiters genommen, damit sie deine Frau werde. So spricht der Herr: Ich werde dafür sorgen, dass sich aus deinem eigenen Haus das Unheil gegen dich erhebt, und ich werde dir vor deinen Augen deine Frauen wegnehmen und sie einem andern geben; er wird am hellen Tag bei deinen Frauen liegen. Ja, du hast es heimlich getan, ich aber werde es vor ganz Israel und am hellen Tag tun. Ich denke, es ist ziemlich deutlich, dass in diesen letzten Sätzen nicht wirklich die Rede von etwas ist, was Gott selbst tun würde, sondern von etwas, was er geschehen lassen würde.

Na ja, Natan hat David mit seiner Strafpredigt tatsächlich dazu gebracht, zu bereuen, und die Geschichte geht dann erst einmal so weiter: „Darauf sagte David zu Natan: Ich habe gegen den Herrn gesündigt. Natan antwortete David: Der Herr hat dir deine Sünde vergeben; du wirst nicht sterben. Weil du aber die Feinde des Herrn durch diese Sache zum Lästern veranlasst hast, muss der Sohn, der dir geboren wird, sterben. Dann ging Natan nach Hause. Der Herr aber ließ das Kind, das die Frau des Urija dem David geboren hatte, schwer krank werden.“ (2 Samuel 12,13-15) [Zur Frage nach dem Tod von Batsebas Kind, ebenso wie zur Frage nach den ägyptischen Erstgeborenen, in einem anderen Teil dieser Reihe.] Allerdings gibt es dann im Lauf dieses Buches dennoch tatsächlich noch viele, ähem, Unstimmigkeiten in Davids Familie. Gleich im nächsten Kapitel wird geschildert, wie Amnon, einer von Davids Söhnen, seine Halbschwester Tamar vergewaltigt, woraufhin Abschalom, Tamars Bruder, Amnon tötet. Abschalom flieht dann, wird aber schließlich doch wieder von seinem Vater in Jerusalem aufgenommen. Dennoch zettelt er dann ein paar Jahre später einen Aufstand gegen David an. David flieht aus Jerusalem, wobei er seine zehn Nebenfrauen zurücklässt, und Abschalom nimmt die Stadt ein. „Ahitofel sagte zu Abschalom: Geh zu den Nebenfrauen deines Vaters, die er hiergelassen hat, um das Haus zu bewachen. So wird ganz Israel erfahren, dass du dich bei deinem Vater verhasst gemacht hast, und alle, die zu dir halten, werden ermutigt. Man errichtete für Abschalom ein Zelt auf dem Dach, und Abschalom ging vor den Augen ganz Israels zu den Nebenfrauen seines Vaters. Ein Rat, den Ahitofel gab, galt in jenen Tagen so viel, als hätte man ein Gotteswort erbeten. So viel galt jeder Rat Ahitofels, bei David wie bei Abschalom.“ (2 Samuel 16,21-23) So erfüllte sich letztendlich Natans Prophezeiung.

Davids Heer gewann dann übrigens den Bürgerkrieg, aber als David hörte, dass Abschalom im Kampf getötet worden war, trauerte er zutiefst: „Da zuckte der König zusammen, stieg in den oberen Raum des Tores hinauf und weinte. Während er hinaufging, rief er (immer wieder): Mein Sohn Abschalom, mein Sohn, mein Sohn Abschalom! Wäre ich doch an deiner Stelle gestorben, Abschalom, mein Sohn, mein Sohn!“ (2 Samuel 19,1) Wie gesagt, was Natan über das Unheil, das sich aus Davids eigenem Haus erheben würde, vorausgesagt hatte, erfüllte sich damit letztendlich, und das ist irgendwie auch kein Wunder – Davids Söhne waren offensichtlich von klein auf an Dinge wie Polygamie, Krieg und Mordkomplotte gewöhnt, ihr Vater bot ihnen nicht gerade ein gutes Beispiel. Aber man kann bei dieser ganzen Geschichte eben auch kaum behaupten, Abschaloms (oder vorher: Amnons) Taten entsprächen irgendwie Gottes Willen. Das ist eindeutig; aber sie wurden von Gott zugelassen.

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Dieses Prinzip – Gott ist nie der Verursacher von Bösem, lässt Böses aber manchmal zu, damit Gutes daraus entsteht – wird auch wunderbar deutlich im Buch Ijob. Dort gibt Gott dem Satan freie Hand, gegen Ijob vorzugehen. Ijob sagt nun zu seinem Leid, das Satan über ihn gebracht hat: Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn.“ (Ijob 1,21) Und: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Ijob 2,10) Es wird letztendlich nicht erklärt, wieso genau Gott Ijobs Leid zulässt; bei den beiden Reden Gottes in Kapitel 38-41 erklärt Gott Ijob nichts – Er sagt ihm eigentlich nur, dass Ijob nicht wissen kann und Gott ihm nicht sagen wird, weshalb er so viel leiden musste. Man könnte, anhand der Gespräche mit Satan in Kapitel 1 und 2, vermuten, dass es geschehen ist, um Ijob zu prüfen; aber auch das wird eigentlich nicht ausdrücklich gesagt. Gott gibt Satan die Erlaubnis, Ijob Leid zuzufügen, sagt dabei aber nicht, weshalb. Ijobs Leid ist jedenfalls durch Satan direkt verursacht; durch Gott nur indirekt durch Seine Erlaubnis, und für diese Erlaubnis wird Gott seine Gründe haben, worauf Ijob letztlich vertraut.

Hier helfen andere Sprachen vielleicht auch weiter: Im Französischen zum Beispiel ist „faire faire“ (wörtlich: machen machen) etwas anderes als „laisser faire“ (machen lassen). Eine Mutter, die ihre Kinder zum Fußballspielen ermuntert und sie jede Woche zum Training fährt, „macht“ sie Fußball spielen; eine Mutter, die zwar zu ihren Kindern sagt, sie sollen in ihren Zimmern Ordnung halten, aber sie seien selbst verantwortlich dafür, hinter ihnen herräumen werde sie nicht, die „lässt“ sie in ihrem Zimmer im Chaos leben. Regel Nummer 14: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes.

Die Stellen, die Gott für Schlechtes verantwortlich zu machen scheinen, wollen letztlich vor allem eins aussagen: Nichts auf der Welt kann gegen Gottes Willen geschehen. Gott ist allmächtig; Er herrscht über die ganze Welt; wenn etwas Schlechtes geschieht (z. B. dass der Pharao die Israeliten nicht freilassen will, oder dass die Babylonier Jerusalem plündern), dann muss das auch in irgendeiner Weise nach Gottes Willen geschehen sein. Gott ist kein minderer Gott, dem andere Götter oder Geister einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Diese Stellen sagen letztlich: Gott hält alles in der Hand. Wenn es Israel schlecht geht, dann nicht deshalb, weil die Götter anderer Völker mächtiger wären als Israels Gott. (Deshalb finden sich solche Stellen auch hauptsächlich im Alten Testament, wo die Propheten noch deutlich machen mussten: Es gibt nur einen Gott.) Das wird an manchen anderen Stellen noch deutlicher als hier im Buch Exodus (obwohl da ja auch immer wieder betont wird, dass die Ägypter erkennen sollen, dass Jahwe der Herr ist). Im 2. Buch der Makkabäer zum Beispiel sagt einer der sieben Bruder, die durch Antiochus Epiphanes das Martyrium erleiden: „Du aber, der sich alle diese Bosheiten gegen die Hebräer ausgedacht hat, du wirst Gottes Händen nicht entkommen. Denn wir leiden nur, weil wir gesündigt haben. Wenn auch der lebendige Herr eine kurze Zeit lang zornig auf uns ist, um uns durch Strafen zu erziehen, so wird er sich doch mit seinen Dienern wieder versöhnen. Du Ruchloser aber, du größter Verbrecher der Menschheit, überheb dich nicht und werde nicht durch falsche Hoffnungen übermütig, wenn du deine Hand gegen die Kinder des Himmels erhebst.“ (2 Makkabäer 7,31-34) Wenn Gottes Volk leidet, dann nicht, weil Gott machtlos ist.

Dieses Prinzip kann man jetzt auch auf das Buch Exodus anwenden. Der Pharao verschloss sein Herz schon selbst; Gott sah voraus, wie er sich entscheiden würde, und ließ zu, dass sein Herz immer härter wurde; aber Er wirkte nicht auf seinen freien Willen ein. (Dass man, wenn man sich immer wieder vor dem Guten verschließt, sich irgendwann fast unfähig macht, sich noch so einfach wieder zu ändern – sprich, dass man sein Herz durch Gewöhnung an das Böse verhärtet und zur Aufnahme des Guten unfähig macht –, ist wohl auch eine Erkenntnis aus dieser Geschichte, der wahrscheinlich alle Menschen zustimmen können. Jemand, der achtzig Jahre lang Rassist war, wird sich in seinem Altersstarrsinn auch nicht mehr so leicht ändern. C. S. Lewis hat das in „Das Wunder von Narnia“ einmal so ausgedrückt: „Und je länger und schöner der Löwe sang, desto mehr redete Onkel Andrew sich ein, dass es nur Gebrüll war, was er da hörte. Und wenn man versucht sich selbst dümmer zu machen, als man ist, dann gelingt einem das blöderweise auch meistens. So ging es jetzt Onkel Andrew. Schon nach kürzester Zeit hörte er tatsächlich nur noch Löwengebrüll. Ein kleines Weilchen später hätte er das Lied auch dann nicht mehr gehört, wenn er gewollt hätte.“)

Okay, soweit mal zu diesem Thema. Zuletzt, weil es gerade so gut passt, noch ein schönes Video aus einem der wenigen Bibelfilme, die ich wirklich mag. Auch wenn „Prince of Egypt“ an sich ebenso zur Verharmlosung neigt wie alle Bibelfilme für Kinder – dieses Lied hier ist schon rein musikalisch wirklich genial. Thus saith the Lord!

 

Teil 9: Gericht, Verdammnis, und: Was war so schlimm an „Götzendienst“?

A) Die fraglichen Stellen

In der Bibel gibt es verschiedene Stellen, in denen göttliches Gericht angedroht oder durchgeführt wird. Die Geschichte von Sodom und Gomorrha wäre ein bekanntes Beispiel: „Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen. […] Als die Sonne über dem Land aufgegangen und Lot in Zoar angekommen war, ließ der Herr auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen, vom Herrn, vom Himmel herab. Er vernichtete von Grund auf jene Städte und die ganze Gegend, auch alle Einwohner der Städte und alles, was auf den Feldern wuchs.“ (Genesis 18,20f.; 19,23-25)

Ein anderes Beispiel wären natürlich die im letzten Teil erwähnten ägyptischen Plagen; auch über Israels Nachbarvölker kommt später gelegentlich das göttliche Gericht oder es wird ihnen angedroht; und auch über Israel selber tatsächlich oft ebenso. „So spricht der Herr: Wegen der drei Verbrechen, die Damaskus beging, wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie Gilead mit eisernen Dreschschlitten zermalmten, darum schicke ich Feuer gegen Hasaëls Haus; es frisst Ben-Hadads Paläste. Ich zerbreche die Riegel von Damaskus, ich vernichte den Herrscher von Bikat-Awen und den Zepterträger von Bet-Eden; das Volk von Aram muss in die Verbannung nach Kir, spricht der Herr.“ (Amos 1,3.5); „So spricht der Herr: Wegen der drei Verbrechen, die Juda beging, wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie die Weisung des Herrn missachteten und seine Gesetze nicht befolgten, weil sie sich irreführen ließen von ihren Lügengöttern, denen schon ihre Väter gefolgt sind, darum schicke ich Feuer gegen Juda; es frisst Jerusalems Paläste“ (Amos 2,4f.). (Man beachte die Parallelität der Stellen! Das auserwählte Volk wird hier jedenfalls nicht bevorzugt gegenüber den anderen Völkern behandelt.)

Ein klassisches Beispiel ist auch die Geschichte vom Goldenen Kalb. „Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus Ägypten heraufgebracht hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her! Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron. Er nahm sie von ihnen entgegen, zeichnete mit einem Griffel eine Skizze und goss danach ein Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben. Als Aaron das sah, baute er vor dem Kalb einen Altar und rief aus: Morgen ist ein Fest zur Ehre des Herrn. Am folgenden Morgen standen sie zeitig auf, brachten Brandopfer dar und führten Tiere für das Heilsopfer herbei. Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken und stand auf, um sich zu vergnügen. Da sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben. Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen und werfen sich vor ihm zu Boden. Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben. […] Mose kehrte zum Herrn zurück und sagte: Ach, dieses Volk hat eine große Sünde begangen. Götter aus Gold haben sie sich gemacht. Doch jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du angelegt hast. Der Herr antwortete Mose: Nur den, der gegen mich gesündigt hat, streiche ich aus meinem Buch. Aber jetzt geh, führe das Volk, wohin ich dir gesagt habe. Mein Engel wird vor dir hergehen. Am Tag aber, an dem ich Rechenschaft verlange, werde ich über ihre Sünde mit ihnen abrechnen. Der Herr schlug das Volk mit Unheil, weil sie das Kalb gemacht hatten, das Aaron anfertigen ließ.“ (Exodus 32,1-8.31-35)

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(James Tissot, The Golden Calf, Wikimedia Commons)

Das alles sind Beispiele von innerweltlichem Gericht – Tod, Krieg, Zerstörung, Seuchen werden gesandt als göttliche Strafen für irgendwelche Vergehen. Solche Stellen finden sich hauptsächlich im Alten Testament. Im Neuen dagegen finden sich zwar ebenso Stellen, in denen es um das Gericht geht, aber hier ist dann in aller Regel von einem Gericht nach dem Tod (bzw. der Wiederkunft Christi) die Rede: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen.“ (Matthäus 16,25-27) „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde. Wehe der Welt mit ihrer Verführung! Es muss zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet. Wenn dich deine Hand oder dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben zu gelangen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden. Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.“ (Matthäus 18,6-10) „Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?“ (Matthäus 23,33) „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.“ (Matthäus 25,31f.) „Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr eingesetzt hat, damit er dem Gesinde zur rechten Zeit gibt, was sie zu essen brauchen? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Amen, das sage ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen. Wenn aber der Knecht schlecht ist und denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht!, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, wenn er mit Trinkern Gelage feiert, dann wird der Herr an einem Tag kommen, an dem der Knecht es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Heuchlern zuweisen. Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.“ (Matthäus 24,45-51)

Alles Worte Jesu. Das ist bekanntlich nicht die einzige Art von Worten, die sich in den Evangelien findet, es gibt dort natürlich auch das „wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen“ (Matthäus 10,42) oder das „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Matthäus 9,36) oder das „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen“ (Matthäus 12,20) oder das „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. […] Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11,28.30) oder das „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lukas 12,32). Aber es gibt eben auch solche Gerichtsworte im Neuen Testament, und gar nicht wenige davon finden sich in den Evangelien. (Weitere gibt es v. a. in der Offenbarung des Johannes; aber es gibt davon mehr in den Evangelien als z. B. in den Apostelbriefen – einer der Gründe, wieso ich es so lächerlich finde, wenn manche Exegeten die Gerichtsstellen als nachträglich von irgendwelchen Kirchenvorstehern eingefügt erklären wollen. Die frühen Kirchenvorsteher äußerten sich weniger zu Heulen und Zähneknirschen als der Herr, nach meinem Eindruck von der Bibel.)

Es gibt übrigens auch noch eine vereinzelte Stelle von innerweltlichem Gericht im NT: Die Geschichte mit Hananias und Sapphira, einem christliches Ehepaar, das die Apostel anlügt und dann tot umfällt; s. Apostelgeschichte 5,1-11.

In den letzten Teilen bin ich immer wieder schon auf einige Punkte zum Thema „Gericht“ in der Bibel eingegangen (v. a. im zweiten Teil von Teil 7: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/13/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-7-ein-beispiel-die-rachsuechtigen-und-selbstgerechten-psalmen/). Hier jetzt noch einmal alles systematisch.

B) Was „Gericht“ bedeuten kann: Man erntet, was man sät

„Gericht“ kann zunächst einmal einfach die natürlichen Folgen schlechten Handelns bedeuten. „Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. […] Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben.“ (Deuteronomium 30,15.19f.) Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (das Sprichwort hat seinen Ursprung übrigens in Sprichwörter 26,27); wer einmal lügt, dem glaubt man nicht; Hochmut kommt vor dem Fall (ebenfalls biblisch, Sprichwörter 16,18). Dieses Prinzip galt nicht nur in biblischen Zeiten. Wenn man die Umwelt durch Schadstoffe wie Kohlenmonoxid schädigt, entstehen damit auch gesundheitliche Probleme für den Menschen – wenn ein Staat Minderheiten ungerecht behandelt, kann irgendwann ein bewaffneter Konflikt herauskommen – wenn man eins seiner Kinder gegenüber den anderen zurücksetzt, ist es unwahrscheinlich, dass es sich um einen sorgen wird, wenn man alt und krank ist; kurz: Böses Handeln, ob aus Gleichgültigkeit, Hass, Neid oder welchen Motiven auch immer, trägt seine eigene Strafe in sich. Das liegt in der Natur der Sache.

Ein biblisches Beispiel, wo sich eine Untat von selbst rächt, wäre die Geschichte von Josephs Brüdern, die Joseph zuerst in eine Zisterne werfen und dann an Sklavenhändler verkaufen, und dem Vater, dessen Liebling er war, weismachen, er sei von einem wilden Tier getötet worden. Jahre später, in der Zeit einer Hungersnot, sind sie dann auf ihren kleinen Bruder angewiesen, der inzwischen Wesir in Ägypten geworden ist, wo sie Getreide für ihre Sippe kaufen wollen. Als der ägyptische Wesir, den sie nicht erkennen, sie mit Anschuldigungen und Drohungen („Spione seid ihr!“, Genesis 42,9) empfängt, anstatt ihnen Getreide verkaufen zu wollen, erkennen sie das als Gottes gerechte Strafe für ihr Tun an, auch wenn ihnen die ganzen Zusammenhänge noch nicht klar sind. „Sie sagten zueinander: Ach ja, wir sind an unserem Bruder schuldig geworden. Wir haben zugesehen, wie er sich um sein Leben ängstigte. Als er uns um Erbarmen anflehte, haben wir nicht auf ihn gehört. Darum ist nun diese Bedrängnis über uns gekommen. Ruben entgegnete ihnen: Habe ich euch nicht gesagt: Versündigt euch nicht an dem Kind! Ihr aber habt nicht gehört. Nun wird für sein Blut von uns Rechenschaft gefordert. Sie aber ahnten nicht, dass Josef zuhörte, denn er bediente sich im Gespräch mit ihnen eines Dolmetschers. Er wandte sich von ihnen ab und weinte.“ (Genesis 42,21-24) Na ja, Joseph zeigt sich dann ja doch noch versöhnlich, als er seine Brüder durch einen Trick auf die Probe gestellt hat und merkt, dass sein älterer Bruder Juda nun inzwischen versucht, den jüngsten (am Verkauf Josephs nicht beteiligten) Bruder Benjamin, der Josephs Platz als Lieblingssohn des Vaters eingenommen hat, zu schützen (anstatt ihn, wie den früheren Lieblingssohn des Vaters, seinem Schicksal zu überlassen). „Josef vermochte sich vor all den Leuten, die um ihn standen, nicht mehr zu halten und rief: Schafft mir alle Leute hinaus! So stand niemand bei Josef, als er sich seinen Brüdern zu erkennen gab. Er begann so laut zu weinen, dass es die Ägypter hörten; auch am Hof des Pharao hörte man davon. Josef sagte zu seinen Brüdern: Ich bin Josef. Ist mein Vater noch am Leben? Seine Brüder waren zu keiner Antwort fähig, weil sie fassungslos vor ihm standen. Josef sagte zu seinen Brüdern: Kommt doch näher zu mir her! Als sie näher herangetreten waren, sagte er: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Jetzt aber lasst es euch nicht mehr leid sein und grämt euch nicht, weil ihr mich hierher verkauft habt. Denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergeschickt.“ (Genesis 45,1-5) Das alles geht doch noch gut aus, aber es ist durchaus ein Beispiel, wie sich böse Taten rächen können. Ein anderes mögliches Beispiel aus späterer Zeit wäre: Das Königreich Israel schließt gegen den Willen Gottes ein Bündnis mit Ägypten, weil es sich davon Hilfe gegen Assur verspricht, und wird dann von Ägypten im Stich gelassen, was von vornherein vorauszusehen gewesen wäre. „Weh den trotzigen Söhnen – Spruch des Herrn -, die einen Plan ausführen, der nicht von mir ist, und ein Bündnis schließen, das nicht nach meinem Sinn ist; sie häufen Sünde auf Sünde. Sie machen sich auf den Weg nach Ägypten, ohne meinen Mund zu befragen. Sie suchen beim Pharao Zuflucht und Schutz und flüchten in den Schatten Ägyptens. Doch der Schutz des Pharao bringt euch nur Schande, die Flucht in den Schatten Ägyptens bringt euch nur Schmach. Wenn auch Israels Fürsten nach Zoan gingen und seine Boten nach Hanes: Sie werden doch alle enttäuscht von dem Volk, das nichts nützt, das niemand Nutzen und Hilfe verschafft, sondern nur Schande und Schmach bringt.“ (Jesaja 30,1-5)

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(James Tissot, Joseph sold into Egypt, Wikimedia Commons)

C) Gericht wofür überhaupt?

Wenn man manchmal den Eindruck hat, dass der Gott der Bibel irgendwie brutal zu sein scheint, dann liegt das oft genug daran, dass man den Grund für die Gerichtsankündigungen nicht ganz kennt. Oft hilft es, sich anzusehen, wofür genau denn das Gericht so angekündigt wird. Ein paar Beispielstellen aus dem AT:

  • Um das obige Zitat aus Amos 2 vollständig zu haben: „Weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen für ein Paar Sandalen, weil sie die Kleinen in den Staub treten und das Recht der Schwachen beugen. Sohn und Vater gehen zum selben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entweihen. Sie strecken sich auf gepfändeten Kleidern aus neben jedem Altar, von Bußgeldern kaufen sie Wein und trinken ihn im Haus ihres Gottes.“ (Amos 2,6-8)
  • „Wascht euch, reinigt euch! Lasst ab von eurem üblen Treiben! Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen!“ (Jesaja 1,16-17)
  • „So spricht der Herr: Was fanden eure Väter Unrechtes an mir, dass sie sich von mir entfernten, nichtigen Göttern nachliefen und so selber zunichte wurden?“ (Jeremia 2,5)
  • „Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, die das Bittere süß und das Süße bitter machen. Weh denen, die in ihren eigenen Augen weise sind und sich selbst für klug halten. Weh denen, die Helden sind, wenn es gilt, Wein zu trinken, und tapfer, wenn es gilt, starke Getränke zu brauen, die den Schuldigen für Bestechungsgeld freisprechen und dem Gerechten sein Recht vorenthalten. Darum: Wie des Feuers Zunge die Stoppeln frisst und wie das Heu in der Flamme zusammensinkt, so soll ihre Wurzel verfaulen und ihre Blüte wie Staub aufgewirbelt werden. Denn sie haben die Weisung des Herrn der Heere von sich gewiesen und über das Wort des Heiligen Israels gelästert.“ (Jesaja 5,20-24)
  • „Hört das Wort des Herrn, ihr Söhne Israels! Denn der Herr erhebt Klage gegen die Bewohner des Landes: Es gibt keine Treue und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land. Nein, Fluch und Betrug, Mord, Diebstahl und Ehebruch machen sich breit, Bluttat reiht sich an Bluttat. […] Doch nicht irgendeiner wird verklagt, nicht irgendwer wird gerügt, sondern dich, Priester, klage ich an. Am helllichten Tag kommst du zu Fall und ebenso wie du stürzt in der Nacht der Prophet. […] Mein Volk kommt um, weil ihm die Erkenntnis fehlt. Weil du die Erkenntnis verworfen hast, darum verwerfe auch ich dich als meinen Priester. […] Der Opferwein raubt meinem Volk den Verstand: Es befragt sein Götzenbild aus Holz, von seinem Stock erwartet es Auskunft. Ja, der Geist der Unzucht führt es irre. Es hat seinen Gott verlassen und ist zur Dirne geworden. Sie feiern Schlachtopfer auf den Höhen der Berge, auf den Hügeln bringen sie Rauchopfer dar, unter Eichen, Storaxbäumen und Terebinthen, deren Schatten so angenehm ist. So werden eure Töchter zu Dirnen und eure Schwiegertöchter brechen die Ehe. Aber ich strafe nicht eure Töchter dafür, dass sie zu Dirnen werden, und nicht eure Schwiegertöchter dafür, dass sie die Ehe brechen; denn sie (die Priester) selbst gehen mit den Dirnen beiseite, mit den Weihedirnen feiern sie Schlachtopfer. So kommt das unwissende Volk zu Fall.“ (Hosea 4,1f.4-6.11-14)
  • „Jetzt ergeht über euch dieser Beschluss, ihr Priester: Wenn ihr nicht hört und nicht von Herzen darauf bedacht seid, meinen Namen in Ehren zu halten – spricht der Herr der Heere -, dann schleudere ich meinen Fluch gegen euch und verfluche den Segen, der auf euch ruht, ja, ich verfluche ihn, weil ihr nicht von Herzen darauf bedacht seid. […] Denn die Lippen des Priesters bewahren die Erkenntnis und aus seinem Mund erwartet man Belehrung; denn er ist der Bote des Herrn der Heere. Ihr aber, ihr seid abgewichen vom Weg und habt viele zu Fall gebracht durch eure Belehrung; ihr habt den Bund Levis zunichte gemacht, spricht der Herr der Heere. Darum mache ich euch verächtlich und erniedrige euch vor dem ganzen Volk, weil ihr euch nicht an meine Wege haltet und auf die Person seht bei der Belehrung. […] Treulos hat Juda gehandelt und Gräueltaten sind [in Israel und] in Jerusalem geschehen: Juda hat das Heiligtum des Herrn [das er liebt] entweiht und die Tochter eines fremden Gottes zur Frau genommen. […] Außerdem bedeckt ihr den Altar des Herrn mit Tränen, ihr weint und klagt, weil er sich eurem Opfer nicht mehr zuwendet und es nicht mehr gnädig annimmt aus eurer Hand. Und wenn ihr fragt: Warum?: Weil der Herr Zeuge war zwischen dir und der Frau deiner Jugend, an der du treulos handelst, obwohl sie deine Gefährtin ist, die Frau, mit der du einen Bund geschlossen hast. […] Handle nicht treulos an der Frau deiner Jugend! Wenn einer seine Frau aus Abneigung verstößt, [spricht der Herr, Israels Gott,] dann befleckt er sich mit einer Gewalttat, spricht der Herr der Heere. Nehmt euch also um eures Lebens willen in Acht und handelt nicht treulos! Ihr ermüdet den Herrn mit euren Reden und ihr fragt: Wodurch ermüden wir ihn? Dadurch, dass ihr sagt: Jeder, der Böses tut, ist gut in den Augen des Herrn, an solchen Leuten hat er Gefallen. Oder auch: Wo ist denn Gott, der Gericht hält?“ (Maleachi 2,1f.7-9.11.13f.-16-17)

Und hier aus dem NT:

  • „Ihr aber, ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend, das euch treffen wird. Euer Reichtum verfault und eure Kleider werden von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber verrostet; ihr Rost wird als Zeuge gegen euch auftreten und euer Fleisch verzehren wie Feuer. Noch in den letzten Tagen sammelt ihr Schätze. Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere. Ihr habt auf Erden ein üppiges und ausschweifendes Leben geführt und noch am Schlachttag habt ihr euer Herz gemästet. Ihr habt den Gerechten verurteilt und umgebracht, er aber leistete euch keinen Widerstand.“ (Jakobus 5,1-6)
  • „Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier und Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke, sie verleumden und treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern, sie sind unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen. Sie erkennen, dass Gottes Rechtsordnung bestimmt: Wer so handelt, verdient den Tod. Trotzdem tun sie es nicht nur selber, sondern stimmen bereitwillig auch denen zu, die so handeln.“ (Römer 1,29f.)
  • „Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner – ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein.“ (Offenbarung 21,8)
  • Hier noch die berühmteste Stelle, aus der Rede des Herrn vom Weltgericht in Matthäus 25: „Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.“ (Matthäus 25,34-46)

Zusammenfassend: Am häufigsten verurteilt werden in der Bibel, v. a. bei den alttestamentlichen Propheten, Götzendienst, Rechtsbeugung und Unterdrückung der Armen (ggf. bei gleichzeitiger pharisäerhafter Erfüllung sämtlicher Opfervorschriften). Dann kommen solche Dinge wie Gewalttaten und Mord, Habgier, Hochmut, verschiedenes, was man unter dem Oberbegriff „Unzucht“ zusammenfassen könnte, Lügen und Betrug, Gleichgültigkeit gegenüber Gott und Verfälschung der göttlichen Botschaft (durch Priester und Propheten im Besonderen), ganz allgemein Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer (Matthäus 25!), und Ähnliches. Dann kommen noch an einzelnen Stellen solche Dinge wie Mischehen mit heidnischen Frauen, Ehescheidung, homosexuelle Handlungen, Inzest, und verschiedenes Andere.

Einige der „Verurteilungen“ oben findet der durchschnittliche postmoderne Deutsche wahrscheinlich auch noch irgendwie verständlich, ganz okay oder sogar richtig gut – die Tirade im Jakobusbrief gegen das Vorenthalten des gerechten Lohns vielleicht, oder Jesu „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan“. Größere Schwierigkeiten hätte er dagegen wohl mit den gegen Götzendienst wetternden Propheten. Okay, die Israeliten hatten irgendwelche Bildnisse anderer Götter, Kälber und was sonst noch. Und weiter? Dieser Gott, der sie dafür bestraft, wirkt irgendwie recht kleinlich und eifersüchtig hier, oder nicht?

Aber eine solche Reaktion zeigt vor allem Unwissenheit in Bezug darauf, was das so für Götter waren und wie – und wieso – sie verehrt wurden. Wenn die Israeliten andere Götter verehrten, dann nicht deshalb, weil sie sich irgendwie davon überzeugt hätten, dass diese Götter existierten anstelle ihres früheren Gottes Jahwe oder zusätzlich zu diesem, und es als ihre religiöse Gewissenspflicht empfunden hätten, (auch) zu denen zu beten.

An diese Götter wandte man sich, weil man etwas von ihnen wollte. Sicher, man hatte mit Jahwe einen Bund geschlossen, aber irgendwie war das ja doch eine recht unsichere Sache; Mose war schon so lange auf dem Berg und man hörte nichts von ihm und man befand sich jetzt mitten in der Wüste; oder die politische Situation war unsicher und die Assyrer eroberten immer mehr Gebiete; und Jahwe antwortete nicht. Er hatte nicht einmal ein Götterbild, er war ein ferner, unbegreiflicher Gott, dem Israel egal zu sein schien und der sich nicht durch Opfer zu dem bewegen ließ, was man von ihm wollte, oder er schien vielleicht auch einfach zu schwach zu sein, um dem Volk zu helfen. Man wollte etwas Greifbares, etwas worauf man sich verlassen konnte – Götter, die für Wohlstand und Macht sorgten – oder manchmal auch einfach nur dafür, dass man nicht verhungerte und von den Feinden überrannt wurde. Und dafür nahm man zu manchen Zeiten auch verschiedene Dinge in Kauf.

„Die Versuchung bestand darin, in Schreckenszeiten – wenn zum Beispiel die Assyrer vorstießen – zu solchen grauenvollen Riten Zuflucht zu nehmen. Wir [die Engländer], die wir vor nicht allzu langer Zeit [im 2. Weltkrieg, das wurde 1958 geschrieben] täglich die Invasion eines Feindes erwartet haben, der ähnlich den Assyrern für systematische Grausamkeit bekannt und darin geschult war – wir wissen, wie ihnen zumute gewesen sein mag. Sie waren versucht – da der Herr taub schien –, jene grausigen Gottheiten anzugehen, die so viel mehr forderten und daher vielleicht auch mehr gewähren mochten. Betrachtete aber ein Jude solche Kulte zu glücklicherer Stunde oder ein besserer Jude sogar zu eben jener – dachte er an Tempelprostitution, Tempelsodomie und an die Kinder, die dem Moloch ins Feuer geworfen wurden –, so musste ihm sein eigenes ‚Gesetz’, wenn er sich ihm wieder zuwandte, in außergewöhnlichem Glanz erstrahlen.“*

Man sehe sich mal die Beschreibungen der verschiedenen Kulte anderer Götter an bei den Propheten an:  „Ja, die Söhne Judas taten, was mir missfällt – Spruch des Herrn. Sie haben in dem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, ihre Scheusale aufgestellt, um es zu entweihen. Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist.“ (Jeremia 7,30f.) Noch häufiger als die Beschreibung von Menschenopfern ist die Beschreibung von Tempelprostitution; sie kam wahrscheinlich auch öfter vor als das Verbrennen von Babys, zu dem man offenbar auch damals nur Zuflucht nahm, wenn einem sonst nichts mehr einfiel und die Situation immer düsterer aussah. Für solche Stellen siehe z. B. oben in Hosea 4, oder auch in Ezechiel 16 – das ist mal wirklich ein Text, der nicht unbedingt für den Kindergottesdienst geeignet ist. Es ist kein Wunder, dass in der Bibel so oft das Bild des Ehebruchs für die Untreue gegenüber Jahwe verwendet wird; das bot sich nicht nur wegen der Natur des Gottesbundes an, sondern auch wegen der Art der anderen Kulte, zu denen die Leute abfielen.

A tophet, or infant burial ground, at Carthage.

(„Tophet“, d. h. Opferstätte, in der phönizischen Stadt Karthago, wo bei Ausgrabungen zahlreiche Säuglings- und Tierskelette gefunden wurden; Quelle: http://www.ox.ac.uk/news/2014-01-23-ancient-carthaginians-really-did-sacrifice-their-children)

Götzendienst im AT bedeutete Dienst an schrecklichen Göttern, und er bedeutete außerdem schon seiner Natur nach grundsätzlich ein Misstrauen gegenüber dem wahren Gott, Untreue ihm gegenüber, mit dem allein man einen Bund geschlossen hatte. Sicher, man verehrte ihn vielleicht auch noch nebenbei, aber man musste eben auch zu anderen Dingen greifen, wenn man für seine Sicherheit vorsorgen wollte, so genau musste man den Bund ja auch nicht nehmen.

Für uns heute ist das Niederfallen vor goldenen Kälbern und ritueller Geschlechtsverkehr unter heiligen Eichen und das Verbrennen von Babys auf Kulthöhen unverständlich, weil wir nicht an Moloch, Baal und Aschera glauben. Aber dieselbe Denkweise ist immer am Werk, wenn man irgendein Gebot Gottes bricht, weil man es nun mal für notwendig hält, um für sein Auskommen oder seine Sicherheit zu sorgen. Wenn man in einem Krieg – nehmen wir ruhig einen gerechten Krieg, sagen wir mal, England im Zweiten Weltkrieg gegen Nazideutschland, oder Ähnliches – Bomben oder Atombomben auf die Zivilbevölkerung wirft oder gefangene Feinde foltert oder tötet, um nicht von seinem grausamen Feind besiegt zu werden, dann dient man dem Moloch. Wenn man Waterboarding im Kampf gegen den Terror verwendet, dient man dem Moloch. Wenn man ein Kind abtreibt, weil man sich um seine Gesundheit, sein Leben, seine finanzielle oder soziale Zukunft (und das alles sind sehr unterschiedliche Dinge) sorgt, dient man dem Moloch. In Kolosser 3,5 nennt Paulus die Habsucht „Götzendienst“; und das ist sie auch. Wann immer man Böses tut, damit Gutes daraus entsteht, wann immer man den zwar-eigentlich-nicht-ganz-korrekten, aber dafür Erfolg versprechenden Weg nimmt, dient man dem Moloch.

(Und, na ja, wenn man ehrlich ist, ist es ja auch nicht so, dass Aberglaube, in seinen harmlosen Formen ebenso wie in seinen okkulten oder satanistischen Formen, heute überhaupt nicht mehr existieren würde.)

(Babylonische Darstellung eines Kinderopfers, Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Moloch)

Ich finde, dass G. K. Chesterton in „The everlasting man“ die Denkweise hinter der Verehrung solcher Götter oder Geister sehr gut erfasst hat.

„Der Aberglaube kehrt in jedem Zeitalter wieder, vor allem in rationalistischen. Ich erinnere mich, dass ich die religiöse Tradition gegen einen ganzen Tisch angesehener Agnostiker verteidigte; und noch vor dem Ende unserer Unterhaltung hatte jeder einzelne von ihnen aus seinen Taschen ein Amulett oder einen Talisman gezogen oder so etwas an seiner Uhrkette hergezeigt, von dem er zugab, dass er nie davon getrennt war. Ich war die einzige anwesende Person ohne einen Fetisch. Der Aberglaube kehrt in rationalistischen Zeitaltern wieder, weil er auf etwas beruht, das, wenn auch nicht identisch mit dem Rationalismus, nicht unverbunden mit dem Skeptizismus ist. Es ist jedenfalls sehr eng verbunden mit dem Agnostizismus. Es beruht auf etwas, das wirklich ein sehr menschliches und verständliches Gefühl ist, wie die lokalen Anrufungen des numen im volkstümlichen Heidentum. Aber es ist ein agnostisches Gefühl, denn es beruht auf zwei Empfindungen: erstens, dass wir die Gesetze des Universums nicht wirklich kennen; und zweitens, dass sie sehr verschieden von allem sein könnten, was wir Vernunft nennen. Solche Menschen erkennen die reale Wahrheit, dass enorme Dinge manchmal von winzigen Dingen abhängen. Und wenn ein Flüstern kommt, aus der Tradition oder von was nicht sonst, dass ein bestimmtes winziges Ding der Schlüssel ist, dann sagt ihnen etwas Tiefes und nicht völlig Unsinniges in der menschlichen Natur, dass das nicht unwahrscheinlich ist. Dieses Gefühl existiert in beiden Formen des Heidentums, die hier betrachtet werden. Aber wenn wir zu seiner zweiten Form kommen, finden wir es verändert und erfüllt mit einem anderen und schrecklicheren Geist.

[…] Ohne Zweifel ist der meiste volkstümliche Aberglaube so frivol wie alle volkstümliche Mythologie. Die Menschen glauben nicht als Dogma, dass Gott sie dafür mit einem Blitz erschlagen würde, dass sie unter einer Leiter hindurchgehen; öfter amüsieren sie sich mit der nicht sehr anstrengenden Übung, um sie herum zu gehen. Darin liegt nicht mehr als was ich schon umrissen habe; eine Art von leichtfertigem Agnostizismus über die Möglichkeiten einer so seltsamen Welt. Aber es gibt eine andere Art von Aberglauben, der definitiv nach Ergebnissen sucht; was man einen realistischen Aberglauben nennen könnte. Und damit wird die Frage, ob Geister tatsächlich antworten oder erscheinen, sehr viel ernster. […]

Am Anfang trieb eine Art Impuls, vielleicht eine Art verzweifelter Impuls, die Menschen zu den dunkleren Mächten, wenn sie mit praktischen Problemen zu tun hatten. Da war eine Art von geheimem und perversem Gefühl, dass die dunkleren Mächte die Dinge wirklich erledigen würden; dass sie keinen Nonsens an sich hatten. Und tatsächlich bringt es dieser beliebte Ausdruck genau auf den Punkt. Die Götter der reinen Mythologie hatten einiges an Nonsens an sich. Sie hatten eine große Menge von gutem Nonsens an sich; im fröhlichen und lächerlichen Sinn, in dem wir vom Nonsens des Jabberwockys oder des Landes, wo die Zwerge leben, reden. Aber der Mann, der einen Dämon konsultierte, fühlte, was viele Männer dabei gefühlt haben, einen Detektiv zu konsultieren, vor allem einen Privatdetektiv; dass es schmutzige Arbeit war, aber dass die Arbeit wirklich erledigt werden würde. Ein Mann ging nicht direkt in den Wald, um eine Nymphe zu treffen; eher ging er mit der Hoffnung, eine Nymphe zu treffen. Es war eher ein Abenteuer als eine Verabredung. Aber der Teufel hielt seine Verabredungen ein und hielt in einem Sinn sogar seine Versprechungen; auch wenn ein Mensch hinterher manchmal wünschte, wie Macbeth, dass er sie gebrochen hätte.

[…] Aber mit der Idee, die Dämonen zu beauftragen, die die Dinge erledigen, erscheint eine neue Idee, den Dämonen würdiger. Sie kann tatsächlich wahrhaft beschrieben werden als die Idee, der Dämonen würdig zu sein; sich ihrer peniblen und anspruchsvollen Gesellschaft angemessen zu zeigen. […] Früher oder später macht ein Mensch sich ganz bewusst daran, das Abscheulichste zu tun, das er sich ausdenken kann. Man fühlt, dass das Extrem des Bösen eine Art von Aufmerksamkeit oder Antwort der bösen Mächte unter der Oberfläche der Welt erzwingen wird. Das ist die Bedeutung des meisten Kannibalismus in der Welt. Denn der meiste Kannibalismus ist keine primitive oder sogar tierische Gewohnheit. […] Die Menschen tun es nicht, weil sie es nicht für schrecklich halten; sondern, im Gegenteil, weil sie es für schrecklich halten. […] Deshalb sieht man oft, dass primitive Rassen wie die australischen Eingeborenen keine Kannibalen sind; während viel kultiviertere und intelligentere Rassen, wie die Maoris von Neuseeland, es gelegentlich sind. […] Sie handeln wie ein dekadenter Pariser bei einer Schwarzen Messe. […]

Man nehme zum Beispiel die Azteken und Indianer der alten Reiche von Mexiko und Peru. Sie waren mindestens so kultiviert wie Ägypten oder China und nur weniger lebendig wie die zentrale Zivilisation, die unsere eigene ist. […] Man kann in der Mythologie dieser amerikanischen Zivilisation auch dieses Element der Verkehrung oder der Gewalt gegen den Instinkt bemerken, von dem Dante schrieb; das sich überall rückwärts durch die unnatürliche Religion der Dämonen zieht. Es ist bemerkenswert nicht nur in der Ethik, sondern auch in der Ästhetik. Ein südamerikanischer Götze wurde so hässlich wie möglich gemacht, so wie ein griechisches Bild so schön wie möglich gemacht wurde. Sie suchten das Geheimnis der Macht, indem sie rückwärts gegen ihre eigene Natur und die Natur der Dinge arbeiteten.“**

Opferung zu Ehren des Huitzilopochtli, um 1570

(Aztekische Opferzeremonie zu Ehren des Gottes Huitzilopochtli, Wikimedia Commons)

In C. S. Lewis’ Chroniken von Narnia habe ich es einmal so ausgedrückt gefunden: Hexen sind sehr praktisch veranlagt.

Sicherlich, in der Geschichte um das Goldene Kalb etwa geht es nicht gleich um Kinderopfer. Aber es geht auch hier um eine greifbare Alternative zu Jahwe, die zu essen garantieren soll; ganz nach Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Rinder galten damals als Garant von Wohlstand; die Verehrung von Stiergöttern (die Rede vom „Kalb“ ist vielleicht eine Ironisierung dieser Götter durch den Autor der Bibelstelle) war daher durchaus verbreitet. Man wollte Sicherheit – denn „dieser Mose, der Mann, der uns aus Ägypten heraufgebracht hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist“ (Exodus 32,1). Und man bedenke dabei: Hier geschieht ein Bundesbruch direkt nach dem Bundesschluss, und nicht lange nachdem der Gott, mit dem man den Bund geschlossen hatte, das eigene Volk aus der Sklaverei heraus und durchs Rote Meer geführt, sich also sehr eindeutig als ein mächtiger, ihm wohlgesonnener Gott gezeigt hatte.

Jedenfalls, wenn man auf die Tiraden der Propheten gegen die Verehrung anderer Götter nur mit einem achselzuckenden „Meine Güte, da braucht man sich so doch nicht aufregen“ reagiert, sollte man sich a) fragen, ob sein eigener moralischer Kompass evtl. ein bisschen aus dem Lot sein könnte, und b) zum Vergleich die Stellen lesen, an denen die Propheten gegen Rechtsbeugung und Ausbeutung der Armen, Fremden, Witwen und Waisen wettern, und seine eigene Reaktion beobachten. Und wenn man auf diese Stellen dann auch mit einem achselzuckenden „Meine Güte, da braucht man sich so doch nicht aufregen“ reagiert, dann sollte man feststellen, dass der eigene moralische Kompass wirklich ernsthaft aus dem Lot ist.

Ich finde es auch ganz interessant, dass viele den ultimativen Beleg für die Unmenschlichkeit der Tora (oder auch der Scharia, im Übrigen) darin sehen, dass diese die Steinigung für Ehebrecher vorgesehen hat – nebenbei, für die Frau und den Mann. Sehen sie die darin für Mord vorgesehenen Strafen als ebenso unmenschlich? Ja, man kann beides als brutal sehen (was ich tue), aber wenn man das nur tut, weil man das Verbrechen nicht so schlimm findet, hat man etwas nicht verstanden. Ein großer Teil der modernen Welt hat meiner Meinung nach ein großes Verständnisproblem mit Johannes 8,1-11, der Geschichte mit Jesus und der Ehebrecherin und den Pharisäern und dem berühmten „Wer von euch ohne Sünde ist…“. Würden sie diese Geschichte noch ebenso mögen, wenn statt der Ehebrecherin jemand hergebracht worden wäre, der einen Raubüberfall oder einen Mord begangen hätte? Ich sag’ ja nur. Jesus sieht Ehebruch nicht als Lappalie, die man einfach übergehen kann; und gerade deshalb ist sein „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ so revolutionär. Wenn man dagegen keine Sünde sieht, ist sie sehr leicht vergeben.

Empörung über das Böse ist etwas Gutes, sogar etwas Notwendiges. Wenn diese Empörung fehlt, kommt dabei so etwas heraus wie das deutsche Justizsystem, wo man für praktisch alles und jedes als Ersttäter mit guter Prognose mit Bewährung – also im Klartext ohne Strafe – davonkommt. Wer hat sich bitteschön nicht darüber aufgeregt, als vor nicht allzu langer Zeit ein Asylbewerber, der in einer Unterkunft ein sechsjähriges irakisches Mädchen sexuell missbraucht hatte, vor Gericht Bewährung bekam (während der Vater des Mädchens einige Monate zuvor von der Polizei erschossen worden war, als er den Täter hatte angreifen wollen)? Und wer hat sich bitteschön nicht gefreut, als etwas später die beiden Täter, die bei einem Autorennen in Berlin auf dem Ku’Damm mit 170 km/h ein Dutzend rote Ampeln überfahren und dabei einen unbeteiligten Autofahrer getötet hatten, wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurden? Deshalb wird man bei der Bibellektüre ja auch feststellen, dass die Autoren der biblischen Texte sich oft weniger vor dem göttlichen Gericht ängstigen und vielmehr darüber jubilieren oder es herbeisehnen (am auffälligsten in den Psalmen). Sie befinden sich auf der Seite der Unterdrückten, die darauf hoffen, dass der gerechte Weltenrichter ihnen irgendwann am Ende doch Recht gegen ihre Unterdrücker verschaffen wird.

Alle Sünden (Mord ebenso wie Ehebruch) sind wirkliche Vergehen, bei denen Schaden angerichtet wird, der nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden kann; nicht nur irgendwelche Taten, die Gott willkürlich verboten hat. Irgendetwas ist da, das bezahlt werden muss.

– Und das hat letztlich übrigens Jesus Christus am Kreuz bezahlt. –***

(Auf einige andere biblische Strafen durch Gott für irgendwelche seltsamen, für den Leser auf den ersten Blick nicht ganz verständlichen Vergehen werde ich noch in eigenen Beiträgen eingehen; Götzendienst etc. hier nur mal als ein Beispiel.)

D) Worin bestehen die biblischen Strafen, und sind sie ungerecht?

Hier muss man erst einmal deutlich zwischen einem Gericht nach dem Tod und innerweltlichem Gericht unterscheiden. Ersteres ist tatsächlich nicht allzu schwer zu erklären. Die Hölle ist einfach nur – s. Punkt B – das natürliche Resultat des Sich-von-Gott-Abwendens, und gleichzeitig das, was schwere Vergehen gerechterweise verdienen würden (s. Punkt C). Der Himmel besteht darin, Gott zu schauen; und die Hölle besteht darin, von ihm getrennt zu sein. Wenn man sich der Liebe verweigert, weigert man sich selbst, in den Himmel einzutreten. Menschen haben einen freien Willen bekommen, und wenn sich mit diesem freien Willen z. B. dafür entscheidet, sich selbst über alles andere zu stellen und das nicht bereut und sich nicht ändert, wird man in der Einsamkeit und Ruhelosigkeit des Zustands landen, den wir als die Hölle bezeichnen. (Wer immer noch Probleme mit dieser Vorstellung hat, dem empfehle ich zur weiteren Lektüre z. B. C. S. Lewis’ Buch „Über den Schmerz“ oder, deutlich kürzer, diese Katechese der Karl-Leisner-Jugend: „Erlösung – oder: Ist Hitler im Himmel?“ http://www.k-l-j.de/035_erloesung.htm Dieser Beitrag wird hier schon wieder übermäßig lang.)

Aber, wie gesagt, gerade im Alten Testament geht es oft um ein diesseitiges Gericht – wie die ägyptischen Plagen. Hier kann man den Grund an sich schon mal ganz gut nachvollziehen: Israel wird von den Ägyptern in Sklaverei gehalten, und sie lassen sie nicht ziehen. Sklaverei ist schlecht, ich denke, da sind wir uns alle einig; es wird wohl niemand ernsthaft den Pharao hier für den Guten halten wollen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cf/Tissot_Pharaoh_and_His_Dead_Son.jpg

(James Tissot, Pharao and his dead son, Wikimedia Commons)

Aber das Problem, das man dennoch mit solchen Geschichten haben kann, liegt darin: Die Plagen treffen nicht nur den Pharao, auch nicht nur alle Ägypter, die helfen, die Israeliten zu unterdrücken oder davon profitierten, sondern alle Ägypter überhaupt – auch die Kinder. Man denke gerade an die letzte Plage: den Tod der Erstgeborenen. Diese Plage ist möglicherweise wörtlich zu verstehen, und möglicherweise als poetische Beschreibung einer Seuche, die nur die Ägypter traf und nicht die Hebräer; z. B. wird in 2 Samuel 24 eine Seuche auch mit einem Engel beschrieben, der durch Israel geht und die Pest bringt; und ebenfalls im Buch Exodus, als Mose nach der Erscheinung am brennenden Dornbusch auf Gottes Befehl nach Ägypten zurückkehrt, findet sich der seltsame Satz: „Unterwegs am Rastplatz trat der Herr dem Mose entgegen und wollte ihn töten.“ (Exodus 4,24) Das klingt schon ein wenig komisch – erst schickt Gott Mose auf eine Reise, und dann tritt er ihm in den Weg, um ihn umzubringen? Es handelt sich bei dieser Stelle um die Beschreibung einer schweren Krankheit – wie im letzten Teil erklärt, die Bibel beschreibt häufig alles, was das Schicksal so mit sich bringt, als Gottes Willen, auch wenn es nur unter Gottes „zulassenden“, nicht unter seinen direkt „verursachenden“, Willen fällt (Regel Numero 14 sollte beim Thema Gericht auch immer in Erinnerung behalten werden), da klargemacht werden soll, dass nichts gegen Gottes Willen geschehen kann. Auch bei der Geschichte mit Hananias und Sapphira in der Apostelgeschichte kann man übrigens annehmen, dass die beiden z. B. einfach einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben, als Petrus sie mit ihrer Lüge konfrontierte. Aber diese Frage spielt eigentlich keine so große Rolle. Egal, wie wörtlich oder im übertragenen Sinne man die zehnte Plage versteht, egal ob ein Todesengel durch die Straßen ging oder eine Seuche in Ägypten wütete, jedenfalls litten unter diesem von Gott zugelassenen Gericht auch Unschuldige.

Manche werden es vielleicht interessant finden, dass es auch in biblischen Zeiten schon die Ansicht gab: „Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?“ (Genesis 18,25) Das sagt Abraham zu Gott, der ihm erschienen ist und ihm im Lauf ihres Gesprächs anvertraut hat, dass er über die Städte Sodom und Gomorrha wegen derer zum Himmel schreiender Verbrechen Gericht halten will. „Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?“, sagt Abraham (Genesis 18,24). Und Gott geht darauf ein – „Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.“ (Genesis 18,26) Nach und nach handelt Abraham Gott auf zehn „Gerechte“ herunter, um deretwillen Er Sodom zu verschonen bereit wäre. Allerdings sind die einzigen Gerechten, die sich dann in Sodom finden, Lot mit Frau und Töchtern. Diese vier werden also aus der Stadt gerettet (Gott ist gerecht gegenüber den Unschuldigen, auch wenn sie nur so wenige sind), und sie wird zerstört. (Selbst diese „Gerechten“ sind übrigens interessanter keineswegs völlig gerecht: in Bezug auf Lot, siehe Genesis 19,8, in Bezug auf Lots Frau, Genesis 19,26, und in Bezug auf die Töchter, Genesis 19,31-36.)

Aber hier bleibt noch immer die Schwierigkeit: Auch wenn Lots Familie gerettet wurde, in Sodom wird es, wie in jeder größeren Gemeinschaft, zumindest eine gewisse Anzahl an Säuglingen und Kleinkindern gegeben haben, die definitiv auch unschuldig gewesen sein müssen, und die nicht gerettet wurden. In Bezug auf diese spezielle Geschichte könnte man nun vielleicht noch fragen, ob sie überhaupt völlig wörtlich-historisch gemeint ist, aber das löst das Problem in Bezug auf andere Gerichtstaten, wie die ägyptischen Plagen, nicht.

Ich denke, die Antwort, die es löst, ist relativ einfach und wird vielleicht manchen zu simpel vorkommen:

Regel Nummer 15: Es macht keinen Sinn, Gott dafür zu beschuldigen, dass er einem Menschen das Leben nimmt.

„Ich denke, dass das die häufigste Beweisführung ist hinter der Behauptung, dass Gottes Tötungen in der Bibel beweisen würden, dass er böse ist:

  1. Wenn eine Person wie du oder ich plötzlich Allmacht erhielte und jedes Lebewesen auf der Erde ertränkte oder alle Erstgeborenen in einer großen Stadt tötete, würde man uns für Monster halten.
  2. Gott ist eine Person mit denselben moralischen Pflichten wie Leute wie wir.
  3. Gott hat unschuldige Männer, Frauen und Kinder getötet.
  4. Daher ist Gott ein Monster.

[…] Das Argument funktioniert noch immer nicht, weil die zweite Prämisse falsch ist – Gott ist nicht einfach ein Mensch mit Superkräften, der sich zu verhalten hat wie alle anderen Menschen auch. Selbst unter Menschen gibt es Fälle, in denen eine Person mit der Befugnis dazu etwas tun darf, was jemand unter seiner Autorität nicht tun dürfte. Zum Beispiel dürfen Polizisten die Geschwindigkeitsbegrenzung missachten, um einen Verdächtigen zu fassen, oder ein Schulleiter darf den Unterricht an einem Tag ausfallen lassen, während ein Schüler das nicht darf.

Das Töten unschuldiger Menschen mag falsch für andere Menschen sein, aber es ist nicht falsch für Gott, weil Gott die schlussendliche Autorität über menschliches Leben besitzt. Tatsächlich klagen wir Leute, die in unethischer Weise menschliches Leben erschaffen oder zerstören, oft an, ‚Gott zu spielen’. Wir erkennen, dass sie nicht die Vollmacht besitzen, in derselben Weise gegenüber menschlichem Leben zu handeln wie Gott. Aber sicherlich hat Gott die Vollmacht, ‚sich selbst zu spielen’! […]

Gottes Macht ist nicht willkürlich, sondern ist identisch zu seiner Gutheit und seinem Willen (KKK**** 271). Er verdient unsere Anbetung, weil er die vollkommene und höchste Gewalt über unser Leben hat und nicht fähig ist, seine Allmacht für Böses zu benutzen. Tatsächlich ist ein Grund, zu glauben, dass Gott Autorität über unser Leben hat, dass er uns unser Leben zuallererst gegeben hat. […]

Wenn ein größerer Unterschied zwischen dem Geber und dem Empfänger eines Geschenks in Bezug auf Reife oder Autorität besteht, besitzt der Geber generell ein größeres Recht, das Geschenk zurückzuholen.

Wenn zum Beispiel eine Mutter ihrem dreijährigen Sohn ein Geschenk gibt, dann hat sie immer noch jedes Recht, es wieder zurückzunehmen. Sie tut das vielleicht, weil das Kind das Geschenk falsch gebraucht, oder weil es nicht gut für andere um das Kind herum ist, oder weil die Mutter etwas Besseres hat, das sie dem Kind geben will. Das Kind wird vielleicht nicht immer verstehen, was seine Mutter getan hat, und es wird vielleicht sogar denken, dass sie ungerecht ist, aber das liegt daran, dass ihm das Wissen und die Reife fehlen, ihre Handlungen zu verstehen. […]

Um eine vorige Analogie weiterzuführen, wenn ein Vater seinem Sohn ein Geschenk gibt, bedeutet die Tatsache, dass der Vater das Geschenk wieder wegnehmen darf, nicht, dass der ältere Bruder des Jungen das Recht hat, dasselbe zu tun. Vielleicht könnte der Bruder das Geschenk in seltenen Fällen wegnehmen, so, wenn sein jüngerer Bruder im Begriff ist, sich damit zu verletzen, aber der Bruder hätte nicht die selbe Autorität zum ‚Geschenk-Wegnehmen’ wie sein Vater.

In ähnlicher Weise können Menschen unter bestimmten Umständen in rechtmäßiger Weise anderen Menschen das Leben nehmen – zum Beispiel in einem gerechten Krieg, oder im Fall der Selbstverteidigung – aber nur Gott hat das Recht, unser Leben zu beenden, wenn er es für richtig hält.“*****

Leid ist weder ausschließlich, noch für alle, die davon betroffen sind, Gericht, sondern hat auch andere Bedeutungen und Zwecke. Gott ließ z. B. auch zu, dass durch die Sünden eines größeren Teils des deutschen Volkes letztlich eine Art „Gericht“ über das ganze deutsche Volk in Gestalt sämtlicher Folgen des Zweiten Weltkriegs (Bomben, Besatzung, etc.) kam. Auch unschuldige Kinder verloren damals vielleicht ihren Vater im Krieg, starben in den Bombennächten oder litten in der Kriegs- und Nachkriegszeit unter Hunger und Kälte. Für diese Kinder war dieses Leid kein Gericht, denn Gott ließ es für sie aus anderen Gründen zu als vielleicht für einen überzeugten Nazi. Aber Gott ließ es zu, weil es irgendeinen Zweck hatte, auch für die davon betroffenen Unschuldigen, und man kann es insgesamt als eine Art von „Gericht“ bezeichnen, weil es das Resultat von Sünden war. Ebenso waren auch die ägyptischen Plagen nicht im strengen Sinne für alle Ägypter „Gericht“, aber in einem anderen Sinne eben schon.

Wir erinnern uns: Hier geht es nur um innerweltliches Leid. Innerweltliches Leid kann manchmal eine Strafe sein, und oft ist es das auch nicht (ich habe hier https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/08/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-6-das-fortschreiten-der-offenbarung-wie-wir-das-alte-testament-lesen-sollen/ schon erwähnt, wie im Lauf der Offenbarungsgeschichte die Erkenntnis kam, dass Leid nicht zwangsläufig eine Strafe sein muss), und es ist oft ungerecht verteilt, aber all das wird am Ende keine Rolle mehr spielen. Wieso sollten wir den ägyptischen Erstgeborenen nicht einmal im Himmel begegnen? Wer sagt denn, dass sie nicht seit ihrem Tod in unendlichem Glück leben?

Soviel allgemein hierzu. Ausführlicher als hier will ich zu einem Aspekt dieses Themas dann im folgenden Beitrag kommen, nämlich zur Frage, was die Bibel zu Bestrafung für die Sünden der Eltern sagt (speziell zur Erbsünde als Strafe für Adams und Evas Sünde), und in diesem Beitrag will ich dann auch ein wenig auf die allgemeine Frage, wieso Gott überhaupt menschliches Leid im Allgemeinen und den Tod im Speziellen zulässt, eingehen.

* C. S. Lewis, Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen, Zürich und Düsseldorf 1999, S. 87.

** G. K. Chesterton, The everlasting man, London 1963, S. 134-139, Übersetzung von mir.

*** Auch wenn weltliche Strafen für Dinge wie Mord dadurch für eine Gesellschaft selbstverständlich nicht ganz obsolet geworden sind, ebenso wenig wie andere Arten von Wiedergutmachung im menschlichen Bereich.

**** „Katechismus der Katholischen Kirche.“ Nicht: „Ku Klux Klan.“ Nur damit das klar ist.

***** Trent Horn, Hard Sayings. A Catholic Approach to Answering Bible Difficulties, El Cajon, California, 2016, S. 291-296, Übersetzung von mir.

 

Teil 10: Bestrafung für die Sünden der Eltern? Über die Erbsünde und Ähnliches

Ich erinnere mich, dass mich, als ich mich im Alter von zwölf Jahren erstmals ausführlicher mit den fünf Büchern Mose beschäftigt habe, Verse wie diese hier, die sich in ähnlichem Wortlaut an ein paar Stellen im AT finden, ziemlich entsetzt haben: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.“ (Exodus 20,5f.)

Und das taucht mitten in den zehn Geboten auf!!! (!!!!!!!!!!!!!)

Okay, beruhigen wir uns alle wieder. Ist die Bibel jetzt also für Sippenhaft?

Vielleicht hätte es mir weitergeholfen, wenn ich damals schon Ezechiel 18 gekannt hätte, ein Kapitel, über das ich erst einige Jahre später gestolpert bin. Ich zitiere es bewusst in seiner ganzen Länge:

 „Das Wort des Herrn erging an mich: Wie kommt ihr dazu, im Land Israel das Sprichwort zu gebrauchen: Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf? So wahr ich lebe – Spruch Gottes, des Herrn -, keiner von euch in Israel soll mehr dieses Sprichwort gebrauchen.

 Alle Menschenleben sind mein Eigentum, das Leben des Vaters ebenso wie das Leben des Sohnes, sie gehören mir. Nur wer sündigt, soll sterben.

 Ist jemand gerecht, so handelt er nach Recht und Gerechtigkeit. Er hält auf den Bergen keine Opfermahlzeiten ab. Er blickt nicht zu den Götzen des Hauses Israel auf. Er schändet nicht die Frau seines Nächsten. Einer Frau tritt er nicht nahe während ihrer Blutung. Er unterdrückt niemand. Er gibt dem Schuldner das Pfand zurück. Er begeht keinen Raub. Dem Hungrigen gibt er von seinem Brot und den Nackten bekleidet er. Er leiht nicht gegen Zins und treibt keinen Wucher. Er hält seine Hand vom Unrecht fern. Zwischen Streitenden fällt er ein gerechtes Urteil. Er lebt nach meinen Gesetzen, er achtet auf meine Rechtsvorschriften und befolgt sie treu. Er ist gerecht und deshalb wird er am Leben bleiben – Spruch Gottes, des Herrn.

 Angenommen aber, er zeugt einen Sohn, der gewalttätig wird, der Blut vergießt oder eine andere von diesen Sünden begeht, während er (der Vater), all das nicht getan hat, (einen Sohn,) der auf den Bergen Opfermahlzeiten abhält, der die Frau seines Nächsten schändet, der die Elenden und Armen unterdrückt, andere beraubt und dem Schuldner das Pfand nicht zurückgibt, der zu den Götzen aufblickt und Gräueltaten verübt, der gegen Zins leiht und Wucher treibt – soll der dann am Leben bleiben? Er soll nicht am Leben bleiben. Er hat alle diese Gräueltaten verübt, darum muss er sterben. Er ist selbst schuld an seinem Tod.

 Nun hat auch dieser Sohn wieder einen Sohn gezeugt und der Sohn sieht alle die Sünden, die sein Vater begeht. Er sieht sie, begeht sie aber nicht. Er hält auf den Bergen keine Opfermahlzeiten ab. Er blickt nicht zu den Götzen des Hauses Israel auf. Er schändet nicht die Frau seines Nächsten. Er unterdrückt niemand. Er fordert kein Pfand und begeht keinen Raub. Dem Hungrigen gibt er von seinem Brot und den Nackten bekleidet er. Er hält seine Hand vom Unrecht fern. Er nimmt keinen Zins und treibt keinen Wucher. Er befolgt meine Rechtsvorschriften und lebt nach meinen Gesetzen. Dieser Sohn wird nicht wegen der Schuld seines Vaters sterben; er wird bestimmt am Leben bleiben. Sein Vater aber musste wegen seiner Schuld sterben; denn er hat andere erpresst und beraubt und in seiner Familie getan, was nicht recht ist.

 Ihr aber fragt: Warum trägt der Sohn nicht mit an der Schuld seines Vaters? Weil der Sohn nach Recht und Gerechtigkeit gehandelt hat. Er hat auf alle meine Gesetze geachtet und sie befolgt. Er wird bestimmt am Leben bleiben. Nur wer sündigt, soll sterben. Ein Sohn soll nicht die Schuld seines Vaters tragen und ein Vater nicht die Schuld seines Sohnes. Die Gerechtigkeit kommt nur dem Gerechten zugute und die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen.

 Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, auf alle meine Gesetze achtet und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, dann wird er bestimmt am Leben bleiben und nicht sterben. Keines der Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, wird ihm angerechnet. Wegen seiner Gerechtigkeit wird er am Leben bleiben. Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch Gottes, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt?

 Wenn jedoch ein Gerechter sein rechtschaffenes Leben aufgibt, wenn er Unrecht tut und all die Gräueltaten begeht, die auch der Böse verübt, sollte er dann etwa am Leben bleiben? Keine seiner gerechten Taten wird ihm angerechnet. Wegen seiner Treulosigkeit und wegen der Sünde, die er begangen hat, ihretwegen muss er sterben.

 Ihr aber sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Verhalten soll nicht richtig sein? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig. Wenn der Gerechte sein rechtschaffenes Leben aufgibt und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn sich der Schuldige von dem Unrecht abwendet, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben. Das Haus Israel aber sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. Mein Verhalten soll nicht richtig sein, ihr vom Haus Israel? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig.

 Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Verhalten, ihr vom Haus Israel – Spruch Gottes, des Herrn. Kehrt um, wendet euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Sünde zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch Gottes, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt.“

File:Tissot Ezekiel.jpg

(James Tissot, Ezekiel, Wikimedia Commons)

Erwähnen könnte man auch noch Deuteronomium 24,16, eine Stelle in der Tora, die den Israeliten befiehlt, ebenso zu handeln, wie Gott es in Ezechiel 18 beschreibt: „Väter sollen nicht für ihre Söhne und Söhne nicht für ihre Väter mit dem Tod bestraft werden. Jeder soll nur für sein eigenes Verbrechen mit dem Tod bestraft werden.“ Diese Stelle wird in 2 Könige 14,6 wieder aufgegriffen: „Die Söhne der Mörder aber verschonte er [König Amazja von Juda], wie der Herr es geboten hatte und wie es im Gesetzbuch des Mose niedergeschrieben ist: Die Väter sollen nicht für ihre Söhne und die Söhne nicht für ihre Väter mit dem Tod bestraft werden, sondern jeder soll nur für sein eigenes Verbrechen sterben.“

Was sollen also, im Licht solcher deutlicher Stellen, Stellen wie die oben zitierte aus Exodus bedeuten?

Und was soll überhaupt die ganze Lehre von der Erbsünde bedeuten? Denn diese Lehre sagt doch auch, dass wir alle für die Sünden unserer Vorfahren, der ersten Menschen, mit schwerer Arbeit, Schmerzen, dem Tod, Neigung zur Sünde und Gottesferne gestraft wurden – oder nicht?

Na ja, nicht ganz. Besser ausgedrückt sagt sie, dass die ersten Menschen uns diese Dinge eingebrockt haben; bestraft werden kann man nur für etwas, das man selber verbrochen hat (ich erinnere: Ezechiel 18), und keiner aus der heutigen Menschheit hat an der Ursünde mitwirken können. Aber ja, sie sagt, dass Adams und Evas (oder wie auch immer die ersten Menschen hießen) Abwendung von Gott auch Einfluss auf uns

Ich denke, man kann es mit einer Analogie erklären. Adam und Eva (auf die ich hier schon genauer eingegangen bin: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/ , https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-exkurs-zu-teil-4-was-sagt-der-katechismus-zu-suendenfall-und-erbsuende/) erhielten von Gott sog. „übernatürliche Gnadengaben“, d. h. sie waren Tod, Schmerzen und Vergänglichkeit nicht unterworfen, das Tun des Guten fiel ihnen leicht, und sie waren Gott sehr nahe. Dann entschieden sie sich jedoch, versucht durch den Teufel (einen abgefallenen Engel – Engel sind rein geistige Wesen, die von Gott vor der Erschaffung unserer materiellen Welt ins Dasein gerufen wurden, die ebenso wie Menschen einen freien Willen haben, und von denen die einen sich daher für Gott und das Gute entschieden, und die anderen gegen ihn), Gott zu misstrauen, sein zu wollen „wie Gott“, und gegen eins seiner Gebote zu handeln, die er ihnen alle um ihretwillen, nicht um seinetwillen, gegeben hatte. Damit verspielten sie ihre Gnadengaben und diese wurden somit auch nicht mehr an die nachfolgenden Generationen weitervererbt. „In dieser Sünde zog der Mensch sich selbst Gott vor und mißachtete damit Gott: er entschied sich für sich selbst gegen Gott, gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl. In einem Zustand der Heiligkeit erschaffen, war der Mensch dazu bestimmt, von Gott in der Herrlichkeit völlig ,,vergöttlicht“ zu werden. Vom Teufel versucht, wollte er ,,wie Gott sein“ [Vgl. Gen 3,5.], aber ,,ohne Gott und vor Gott und nicht Gott gemäß“ (Maximus der Bekenner, ambig.). Die Schrift zeigt die verhängnisvollen Folgen dieses ersten Ungehorsams. Adam und Eva verlieren sogleich die Gnade der ursprünglichen Heiligkeit [Vgl. Röm 3,23]. Sie fürchten sich vor Gott [Vgl. Gen 3,9-10], von dem sie sich das Zerrbild eines Gottes gemacht haben, der auf seine Vorrechte eifersüchtig bedacht ist [Vgl. Gen 3,5.].“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 398-399)

Okay, jetzt zur Analogie: Nehmen wir mal an, ein junges Ehepaar erhält zur Hochzeit von einem reichen Onkel ein wunderschönes großes Haus geschenkt. Dann jedoch betrügen sie in ihren Geschäften und müssen hohe Geldstrafen zahlen; oder aber sie machen enorme Spielschulden; oder sie verspekulieren sich an der Börse; wie auch immer, jedenfalls müssen sie auf Grund eigener Schuld das Haus verkaufen. So können auch die Kinder, die sie später noch bekommen, nicht mehr dort aufwachsen. Hier würde man aber nun kaum dem Onkel (zu dem die Eltern im Lauf der ganzen Geschichte den Kontakt abgebrochen haben) einen Vorwurf machen, seine Großneffen und -nichten für die Verbrechen ihrer Eltern bestraft zu haben. (Und, liebender Großonkel, der er ist, ist es ihm dennoch übrigens auch weiterhin nicht egal, was aus der ganzen Familie wird.)

Adam und Eva erhielten die Gaben, die sie erhielten, nicht nur für sich selbst, sondern für sich und alle ihre Nachkommen als Erbe. Das haben sie verspielt. Wir werden nicht dafür bestraft, was Adam und Eva getan haben; aber sie wären dafür verantwortlich gewesen, uns etwas zu bewahren, das sie nicht bewahrt haben. So, denke ich, kann man die Erbsünde am besten erklären; aber es bleibt wohl immer noch dabei, dass sie, wie der Katechismus sagt, ein „Geheimnis“ ist, „das wir nicht völlig verstehen können“ (Nr. 404).

Aber dennoch, könnte man fragen – ist Gott nicht ungerecht, dass er ein solches System eingerichtet hat, in dem es möglich ist, dass die Schuld des einen Menschen auch den anderen oder sogar sehr viele andere trifft?

Nein.

Gott hat eine Welt eingerichtet, in der Menschen Einfluss auf das Leben anderer Menschen haben; im Guten wie im Bösen. In dieser Welt sind alle Menschen aufeinander angewiesen, niemand ist autark, und sehr vieles ist geschenkt und mitgegeben anstatt selbstgemacht. Ich weiß nicht, ob er diese Welt auch hätte anders machen können (oder ob er vielleicht sogar andere Welten gemacht hat, die tatsächlich anders sind); aber jedenfalls entschied er sich, diese Welt hier so zu machen und nicht anders; und ich denke, man kann sehen, dass es gute Gründe dafür gab. Wenn ein Geschöpf keinen Einfluss – überhaupt keinen Einfluss – auf andere Geschöpfe hätte – wo bliebe dann die Möglichkeit, sie lieben zu können? Das ist leider das Tragische am freien Willen, den Gott den Menschen gegeben hat: sie können selber entscheiden, zu lieben oder nicht zu lieben, und manchmal sind sie einfach so blöd, dass sie sich entscheiden, nicht zu lieben. Die Freiheit, jemandem eine Freude machen zu können, lässt auch die Freiheit, es zu lassen oder ihm stattdessen Schaden zuzufügen. Leider. Sicherlich könnte Gott jedes Mal ein Wunder geschehen lassen, wenn jemand jemand anderem schaden will, und ihn stattdessen dazu bringen, diesem etwas Gutes zu tun; aber das wäre dann keine Freiheit mehr. Wir wären Marionetten anstatt Menschen. Gott will, dass wir lieben; und lieben kann man nur in Freiheit.

Natürlich ist hier eins noch wichtig: Die Ursünde* hat der Menschheit im Ganzen zwar sehr, sehr geschadet, aber sie hat ihren Kontakt zu Gott nicht vollkommen zerstört – vor allem deshalb, weil Gott das nicht zugelassen hat. Er ist seinen Kindern, die den Kontakt abgebrochen haben, trotzdem noch nachgegangen, und zwar so lange, bis sie ihn ans Kreuz genagelt haben. Aber das war kein unvorhergesehener Unfall, es war sozusagen einkalkuliert: Denn es war der Preis, der gezahlt werden musste, um Adams Sünde und auch die Sünden aller seiner Nachkommen (die trotz aller ihrer Neigung zur Sünde noch immer deren freie Entscheidungen waren) wieder gut zu machen, zu sühnen. Nicht nur, was die Folgen der Schuld, sondern auch, was das Heil angeht, gilt im Christentum das Prinzip der Solidarität und der Stellvertretung: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. […] Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden. Anders als mit dem, was durch den einen Sünder verursacht wurde, verhält es sich mit dieser Gabe: Das Gericht führt wegen der Übertretung des einen zur Verurteilung, die Gnade führt aus vielen Übertretungen zur Gerechtsprechung. Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus. Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden. Das Gesetz aber ist hinzugekommen, damit die Übertretung mächtiger werde; wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden. Denn wie die Sünde herrschte und zum Tod führte, so soll auch die Gnade herrschen und durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben führen, durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ (Römer 5,12.15-21) Niemand ist nur für sich selbst verantwortlich; und niemand hat, was er hat, aus sich selbst. Das Menschengeschlecht ist eine große Familie – und das meine ich nicht im Friede-Freude-Eierkuchen-Sinn, denn in einer Familie ist für gewöhnlich nicht Friede-Freude-Eierkuchen; sondern ich meine es eher im Sinne von: „wir gehören nun mal alle zusammen, ob uns das jetzt recht ist oder nicht“.

Zu bedenken sind noch zwei Dinge: Erstens, in Bezug auf die Neigung zur Sünde, die durch die Ursünde in die Welt kam: Sie ist keine „absolute Verderbtheit“, wie die Reformatoren (insbesondere Calvin, aber durchaus Luther auch) meinten; der Mensch besitzt immer noch einen freien Willen. Und Gott lässt nicht zu, dass jemand ohne wirkliche eigene, frei gewählte Schuld verloren geht; und auch nicht, dass jemand, der seine eigene, frei gewählte Schuld bereut, verloren geht. Wie gesagt – Ezechiel 18. Am Ende wird Gott alles zurechtrücken; und dann gilt auch: „Nur wer sündigt, soll sterben“ – „Die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen“.

Zweitens, auch wenn Gott zulässt, dass Leid durch Menschen über andere Menschen kommt – z. B., dass Kinder drogenabhängiger Schwangerer auch drogenabhängig geboren werden, oder dass Kinder von Fanatikern auch in den Fanatismus getrieben werden (solche schicksalhaften Mechanismen beschreiben Stellen wie Exodus 20,5f.), oder dass alle Nachkommen von Adam und Eva mit der Erbsünde belastet sind –, kann aus diesem Leid noch Gutes werden, und es wird nur zugelassen, weil es irgendeinen Sinn in Gottes Schicksalsplan hat. Gott sorgt für unser ganzes Leben. „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.“ (Matthäus 10,30) So ist es; wir haben keine unbegrenzte Macht, Gott hält alles in der Hand, aber trotzdem haben wir Macht über andere – wirkliche Macht, ihr Leben besser oder schlechter zu machen.

Zuletzt noch ein kurzer Exkurs zur Bedeutung des Todes. Die bereits erwähnten Folgen der Erbsünde sind ja verschiedenartig:

  • Verlust der Nähe zu Gott; auch Verlust dieser Nähe im Jenseits („Himmel“ ist in der katholischen Theologie definiert als „Gott schauen“, als die visio beatifica)
  • Irdische Leiden und Schmerzen – schwere Arbeit, Schwierigkeiten in der Schwangerschaft, etc.
  • Irdischer Tod, d. h. Trennung von Leib und Seele
  • Neigung zur Sünde

Im vorigen Artikel habe ich gesagt, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist, dass nur er Autorität darüber hat, und dass er es einem Menschen auch wieder nehmen kann, wenn er dies als das Beste erachtet, was nicht unbedingt eine Strafe für diesen Menschen sein muss. Aber diese Aussage muss noch besser ausdifferenziert werden.

In der Bibel** heißt es: „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde; denn die Gerechtigkeit ist unsterblich. […] Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören.“ (Weisheit 1,13-15; 2,23f.)

Also: Der Tod, d. h. die Trennung von Leib und Seele, ist ein unnatürliches Auseinanderreißen von etwas, das zusammengehört; der Verfall des Leibes (Altern, Krankwerden, nach dem Tod dann der vollständige Zerfall zu Knochen und Staub) ist schlecht; er ist nichts, was eben so sein soll. Er ist eine Frucht der Sünde. Daher glauben wir auch daran, dass nicht nur die Seelen bei Gott weiterleben, sondern dass er am Ende der Zeiten auch die toten Körper wiedererwecken wird – auf welche Weise das geschehen wird, wissen wir nicht – und dass sie sich wieder mit den Seelen vereinen werden. An zwei Menschen ist das schon geschehen: An Jesus, dem Gottmenschen, der leiblich aus dem Grab auferstanden ist (wie wir in den Evangelien lesen können – hey, er hat Fisch gegessen und Thomas seine Wunden berühren lassen; wenn das keine leibliche Auferstehung ist, weiß ich auch nicht mehr), und an seiner Mutter, die durch Gottes Gnade ebenfalls mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde.

Gott lässt den Tod, wie alles Schlechte, nur zu, hat ihn aber nicht direkt gewollt. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn“ (Ijob 1,21) bedeutet ganz streng theologisch genommen eigentlich „Der Herr hat gegeben, der Herr hat zugelassen, dass genommen wurde, gelobt sei der Name des Herrn“.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/75/Tissot_God%27s_Curse.jpg

(James Tissot, God’s Curse, Wikimedia Commons)

* Zur Begriffserklärung: „Ursünde“ ist das, was Adam und Eva getan haben; „Erbsünde“ ist das, was wir geerbt haben, der Zustand, in dem wir uns jetzt befinden.

** Der katholischen Bibel zumindest. Luther hat dieses Buch aus der Bibel entfernt, zusammen mit sechs anderen.

 

Teil 11: Das auserwählte Volk

Die „Auserwählung“ des Volkes Israel ist etwas, das mich als Kind beim Lesen der Kinderbibel tatsächlich stark gestört hat. Eine Religion, die einem Volk vorbehalten ist? Ein Gott nur für ein Volk? Vielleicht können Menschen, die (mir ist seit jeher schleierhaft, welchen Grund sie dafür haben könnten) Missionierung anderer Völker für gar grässliche Aggression halten, und meinen, am besten sollte ein jeder seine Religion für sich behalten, meine Gefühle nicht ganz nachvollziehen; aber ja, es ist im Grunde rassistisch, zu glauben, die Wahrheit gehöre einem Volk und solle ihm vorbehalten bleiben, und der wahre Gott beschränke Seine Wohltaten, Seine Liebe und Seinen Bund auf dieses Volk und ignoriere dabei die anderen.

Gut also, dass dem nicht so ist.

Oh, Israel ist das auserwählte Volk, selbstverständlich. Und im Alten Bund spielte seine Auserwählung noch eine besonders große Rolle. Aber es ist eben gerade keine Auserwählung in dem Sinne, wie ich sie damals missverstanden habe, die die anderen Völker zu Ausgestoßenen und Verdammten machen würde – ganz im Gegenteil: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Genesis 12,3), sagt Gott zu Abraham, als Er ihn, den Stammvater Israels, beruft. Israel hat eine bestimmte Rolle in der Heilsgeschichte, aber es erfährt keine ungerechte Bevorzugung – angesichts der Tatsache, dass es unter seiner Auserwählung auch öfter mal zu leiden hat (Gott erzieht sein Volk manchmal streng), wäre das sowieso ein ziemlich offensichtlicher Trugschluss. Israel ist das auserwählte Volk, wie Harry Potter der „Auserwählte“ ist, um gegen Lord Voldemort zu kämpfen: nicht für sich selbst.

Bibelstellen, die einen bezüglich der Auserwählung Israels stören können, sind z. B. solche wie diese hier:

  • „Denn du bist ein Volk, das dem Herrn, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der Herr, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört.“ (Deuteronomium 7,6)
  • „Sieh, dem Herrn, deinem Gott, gehören der Himmel, der Himmel über den Himmeln, die Erde und alles, was auf ihr lebt.Doch nur deine Väter hat der Herr ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebt. Und euch, ihre Nachkommen, hat er später unter allen Völkern ausgewählt, wie es sich heute zeigt.“ (Deuteronomium 10,14f.)
  • Es gibt Stellen wie diese im Buch Esra, die die kategorische Abgrenzung von fremden Völkern fordern: „Der Priester Esra stand auf und sagte zu ihnen: Ihr habt dem Herrn die Treue gebrochen; ihr habt fremde Frauen genommen und so die Schuld Israels noch größer gemacht.So legt nun vor dem Herrn, dem Gott eurer Väter, ein Bekenntnis ab und tut, was er wünscht: Trennt euch von der Bevölkerung des Landes, insbesondere von den fremden Frauen! […]Alle diese hatten fremde Frauen geheiratet; sie trennten sich nun von ihren Frauen, auch wenn sie von ihnen Kinder hatten.“ (Esra 10,10f.44)
  • Und mit den Ausrottungsbefehlen bei der Landnahme wollen wir mal gar nicht erst anfangen. (Dazu gibt’s dann schließlich noch einen eigenen Beitrag – den übernächsten, genau genommen.)
  • Sogar der Apostel Paulus zitiert im Römerbrief eine Stelle aus dem Buch Maleachi; bei ihm heißt es dann „denn es steht in der Schrift: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“ (Römer 9,13); im Original bei Maleachi steht, in den Worten der Einheitsübersetzung: „Ich liebe euch, spricht der Herr. Doch ihr sagt: Worin zeigt sich deine Liebe? – Ist nicht Esau Jakobs Bruder? – Spruch des Herrn – und doch liebe ich Jakob,Esau aber hasse ich.“ (Maleachi 1,2f.)

Interessanterweise zitiert der Apostel dann im weiteren Verlauf von Römer 9 noch eine ganz anders klingende alttestamentliche Stelle: „So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden.“ (Römer 9,25f.)

Es dürfte also nichts schaden, sich eine Auswahl an weiteren Bibelstellen anzusehen, die demonstrieren, dass einem falschen Verständnis von Auserwählung auch im Alten Testament Grenzen gesetzt werden.

Zuerst einmal finden sich zuhauf positive Stellen über Proselyten, d. h. Heiden, die sich den Juden angeschlossen haben:

  • „Der Fremde, der sich dem Herrn angeschlossen hat, soll nicht sagen: Sicher wird der Herr mich ausschließen aus seinem Volk. […]Die Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen haben, die ihm dienen und seinen Namen lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen, die an meinem Bund fest halten, sie bringe ich zu meinem heiligen Berg und erfülle sie in meinem Bethaus mit Freude. Ihre Brandopfer und Schlachtopfer finden Gefallen auf meinem Altar, denn mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt.“ (Jesaja 56,3.6f.)
  • Das ganze Buch Ruth handelt von einer vorbildlichen Moabiterin, die sich dem Volk Israel anschließt. Ruth heiratet einen Juden, der wegen einer Hungersnot mit seiner Familie ins Gebiet von Moab gezogen ist, und als ihr Mann, ihr Schwager und ihr Schwiegervater sterben, begleitet sie ihre alte Schwiegermutter Noomi in deren Heimat Bethlehem zurück: „Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der Herr soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Ruth 1,16f.) Später heiratet sie dann einen Verwandten ihres verstorbenen Mannes namens Boas und bekommt einen Sohn namens Obed, der dann der Großvater König Davids wird.
  • Außerdem findet sich das (wahrscheinlich nicht historische, sondern allegorische) Buch Jona, in dem tatsächlich die einzige Person, die sich (noch dazu mehrmals) dem Herrn widersetzt, der Prophet Jona selbst ist, während die heidnischen Seeleute Gott fürchten und die heidnischen Einwohner Ninives sich auf seine Bußpredigt hin sofort bekehren.
  • Weitere Beispiele von positiv dargestellten Angehörigen heidnischer Völker, die sich dem Glauben Israels angeschlossen haben oder von denen dies anzunehmen ist, wären etwa: der Aramäer Naaman, den der Prophet Elischa vom Aussatz heilt und der so erkennt „Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt außer in Israel“ (2 Könige 5,15), Moses Frau Zippora, eine Midianiterin, der Hetiter Urija, ein Krieger Davids, oder der Kuschiter (Kusch ist in etwa das heutige Äthiopien) Ebed-Melech, ein Höfling des Königs Zidkija, der den Propheten Jeremia aus der Zisterne rettet (Jeremia 38,7-13); usw.
  • Solche Stellen betreffen sogar unseren Herrn selber, der sowohl ein Angehöriger des auserwählten Volkes als auch ein Nachkomme von Heiden, die sich diesem Volk angeschlossen haben, ist. In Seinem Stammbaum in Matthäus 1,1-17 werden genau vier Frauen erwähnt: Tamar, die von ihrem Schwiegervater Juda die Zwillinge Perez und Serach bekam (Genesis 38), Rahab, die Prostituierte aus Jericho (Josua 2 und 6), die oben erwähnte Ruth, die Urgroßmutter Davids, und „die Frau des Urija“, also Batseba, die König David zur Frau nahm, nachdem er ihren Mann hatte ermorden lassen, und die später die Mutter Salomos wurde (2 Samuel 11-12). Alle diese Frauen waren keine Jüdinnen. (Bei Batseba kann man es zwar nicht sicher wissen, aber vermuten, da ihr erster Mann ein Hetiter war.)

Dann gibt es zweitens natürlich die vielen Prophezeiungen für den Neuen Bund, zu denen auch die oben von Paulus zitierte Hosea-Stelle gehört.

  • „Völker, die du nicht kennst, wirst du rufen; Völker, die dich nicht kennen, eilen zu dir, um des Herrn, deines Gottes, des Heiligen Israels willen, weil er dich herrlich gemacht hat.“ (Jesaja 55,5)
  • „Ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken und komme, um die Völker aller Sprachen zusammenzurufen, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den übrigen Völkern: nach Tarschisch, Pul und Lud, Meschech und Rosch, Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, die noch nichts von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkünden.Sie werden aus allen Völkern eure Brüder als Opfergabe für den Herrn herbeiholen auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren, her zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem, spricht der Herr, so wie die Söhne Israels ihr Opfer in reinen Gefäßen zum Haus des Herrn bringen. Und auch aus ihnen werde ich Männer als Priester und Leviten auswählen, spricht der Herr.“ (Jesaja 66,18-21)
  • „Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen die Völker.Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung, aus Jerusalem kommt das Wort des Herrn. Er spricht Recht im Streit vieler Völker, er weist mächtige Nationen zurecht [bis in die Ferne]. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“ (Micha 4,1-3)
  • Und sogar: „An jenem Tag wird eine Straße von Ägypten nach Assur führen, sodass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assur ziehen können. Und Ägypten wird zusammen mit Assur (dem Herrn) dienen.An jenem Tag wird Israel als Drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten, zum Segen für die ganze Erde. Denn der Herr der Heere wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz.“ (Jesaja 19,23-25) Wenn das mal keine versöhnlichen Töne gegenüber Ägypten, dem „Sklavenhaus“, und Assur, dem brutalen Eroberer des Nordreichs Israel, sind, dann weiß ich auch nicht mehr.

Viele Stellen bei den Propheten machen deutlich, dass der Gottesbund alle Nationen umfassen wird, irgendwann einmal, wenn der Messias erscheint – und dass der Gottesbund mit Israel auch nicht bedeutet, dass die anderen Völker vollkommen alleingelassen wurden. (Auserwählung und Erlösung im Jenseits sind übrigens ganz grundsätzlich zwei Paar Stiefel. Letzteres Thema taucht im AT sowieso noch kaum auf.)

Weshalb wurde überhaupt Israel auserwählt? Nicht unbedingt, weil es ein bedeutendes Volk gewesen wäre. „Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern.“ (Deuteronomium 7,7) Nicht einmal, weil es ein außergewöhnlich tugendhaftes Volk war. „Du sollst erkennen: Du bist ein halsstarriges Volk.“ (Deuteronomium 9,6) Israel war ein in keiner Hinsicht besonderes Volk; es war ein kleines, unbedeutendes, gewöhnliches, oft unterdrücktes Volk unter unzähligen anderen Völkern. Der Herr erwählte nicht die Ägypter, oder die Babylonier, oder die Griechen, die mächtigen Völker der sogenannten Hochkulturen. Er erwählte kein Volk, das einen bestimmten Vorzug besaß. Er lebte ja auch nicht dreißig Jahre lang in Nazareth, weil Nazareth eine bedeutende Metropole war – es war ein unbekanntes Kaff im halbheidnischen Galiläa. So handelt Gott eben. Er sucht sich das Unbedeutende aus.

Gut, jetzt also noch zu den obigen Stellen im Detail. Die Stelle mit Esra und den heidnischen Frauen lässt sich tatsächlich sehr einfach erklären: Hier handelte es sich offensichtlich nicht um Frauen, die, wie Ruth, auch Jahwe als ihren Gott angenommen hatten, sondern um solche, die die Götter ihrer eigenen Völker verehrten, ihre Religion wahrscheinlich an ihre Kinder weitergaben, und deren israelitische Männer möglicherweise auch schon ihre Götter angenommen hatten. Mischehen wurden im Alten Testament sehr ungern gesehen, da sie zum Abfall von Gott verführen könnten, und das offenbar auch nicht selten taten (ein unrühmliches Beispiel ist niemand Geringerer als der große König Salomo). Dass Esra kompromisslos die Trennung für alle diese Eheleute anordnet, kann man, wenn man will, noch unter Regel Nummer 12 verbuchen. [Diese lautet, zur Erinnerung: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Manchmal werden in der Bibel auch einfach nur Geschichten erzählt, in denen nicht jeder perfekt handelt.] Aber mögliche Probleme bei gemischtreligiösen Ehen sollte man schon zur Kenntnis nehmen – es hat einen Grund, dass die Kirche auch heutzutage nicht besonders begeistert von ihnen ist, auch wenn sie sie auf Anfrage und bei Erfüllung gewisser (inzwischen nicht mehr besonders rigoroser) Bedingungen gestattet.

Wesentlich schlimmer klingen jedoch wieder Sätze wie Doch nur deine Väter hat der Herr ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebt“ oder „Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“. Hier muss man ganz einfach etwas im Gedächtnis behalten, das ich schon in Teil 2 kurz angesprochen habe: In der Bibel spricht Gott zu Menschen; und das führt dazu, dass manchmal von Ihm in anthropomorpher Weise die Rede ist – besser als dieser Begriff gefällt mir jedoch eigentlich Trent Horns passenderer Ausdruck, dass in der Bibel oft eine „language of appearances“ (etwa: „Rhetorik des Erscheinens“) verwendet wird. Gott wird so beschrieben, wie Er aus menschlicher Sicht erscheint, nicht notwendigerweise haargenau philosophisch korrekt so, wie Er ist. Wenn man seine Untaten bereut, sein Verhalten ändert und zu Gott betet, und ein von Gottes Prophet angedrohtes Unheil dann doch nicht eintrifft, dann „reut“ Gott dieses angedrohte Unheil offenbar, sodass Er es nicht ausführt – so wird es jedenfalls in der Bibel ausgedrückt. Gott bereut? Gott ändert seine Meinung? Aus menschlicher Perspektive sieht es in solchen Fällen so aus, als ob Gott seine Meinung ändern würde, aber aus göttlicher Perspektive war ein Meinungswechsel selbstverständlich nie nötig, da Gott – der in der Ewigkeit lebt – von vornherein wusste, dass die Israeliten in diesem Fall auf eine eindringliche Mahnung hin doch noch umkehren würden. Aber die Israeliten wussten das vorher nicht – und aus ihrer Perspektive innerhalb der Zeit hing es dann sehr wohl noch von ihrem Willen zur Umkehr ab, ob Gott es sich mit der angedrohten Strafe vielleicht noch einmal anders überlegen würde. Gott sah diese Entscheidung natürlich vorher; Gott braucht nicht zu „bereuen“. Und das wurde auch in biblischer Zeit schon durchaus grundsätzlich erkannt: „Gott ist kein Mensch, der lügt, kein Menschenkind, das etwas bereut. Spricht er etwas und tut es dann nicht, sagt er etwas und hält es dann nicht?“ (Numeri 23,19)

Thomas von Aquin kommentiert beispielsweise diese Stellen folgendermaßen (Summa Theologiae, Teil I, Quaestio 19,7; http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel20-7.htm):

[…] b) Ich antworte, Gottes Wille ist unbedingt unveränderlich. Aber dabei ist dies zu berücksichtigen, daß es etwas Anderes ist, den Willen ändern; und etwas anderes, die Veränderung in manchen Dingen wollen. Denn es kann jemand ganz gut, trotzdem sein Wille unbeweglich bleibt, wollen, daß nun dies geschehe und später das Gegenteil davon. […] Freilich müßte in diesem Falle vorausgesetzt werden, entweder daß von seilen der Kenntnis oder von seiten der Lage der Substanz eine Änderung eingetreten sei. Denn ist der Wille auf das Gute gerichtet, so kann derselbe in doppelter Weise anfangen, etwas von neuem zu wollen. Entweder so, daß etwas von neuem anfängt, für ihn ein Gut zu sein und sich so vorzustellen; und das ist nicht der Fall ohne Veränderung in der Verfassung des Willens selber, wie z. B.; wenn der Winter kommt, das Feuer von neuem als ein Gut erscheint, was es früher nicht war. […]

c) I. Die Reue, von Gott ausgesagt, ist figürlich zu nehmen nach unserer Art und Weise. Wenn uns nämlich etwas gereut, so zerstören wir, was wir gemacht haben; obgleich auch bei uns dies sein kann ohne Änderung des Willens, wenn z. B. ein Mensch jetzt etwas thun will, was er später zu zerstören beabsichtigt. Und so wird dies von Gott gethan weil Er den Menschen, welchen Er erschaffen, durch die Überschwemmung [die Sintflut; Thomas bezieht sich hier auf Genesis 6,6] zerstörte.

II. […] Deshalb sagt Gregor der Große (Moral. 16. c. 5.): „Gott verändert den Ausspruch, aber nicht den inneren Ratschluß.“ Was also Gott sagt: „Ich werde Buße thun;“ ist figürlich zu verstehen; denn die Menschen scheinen Reue zu haben, wenn sie nicht thun, was sie gedroht haben.

 III. Gott will die Veränderung; aber sein Wille ist nicht veränderlich. […]

Und ähnlich ist es eben mit anderen biblischen Ausdrücken. Gott hat keine Emotionen wie wir; aber trotzdem ist von Seinem „Zorn“ die Rede, wenn Er straft – oder eben von seiner Liebe und Seinem Hass, wenn er Jakob auserwählt und Esau nicht. Zum Verständnis speziell dieser Stelle ist vielleicht noch eine Stelle aus dem NT interessant, die in der Einheitsübersetzung leider – mal wieder – ungenau übersetzt ist: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,26) In der Lutherbibel zum Beispiel heißt es dagegen, deutlich näher am griechischen Text: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ Man kann sagen, dass die EÜ hier schon richtig interpretiert hat – aber im Originaltext steht das Verb „hassen“. Hier wird jedoch klar, dass mit „hassen“ und „lieben“ ganz einfach gemeint sein kann, das eine im Konfliktfall vorzuziehen (denn ja, wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, das gilt immer noch!) – oder eben, auf Jakob und Esau übertragen, den einen zu wählen und den anderen nicht. Das heißt nicht, dass Esau ein ewiglich von Gott verdammter grässlicher Sünder gewesen wäre; er kommt in den Genesis-Erzählungen sogar im Großen und Ganzen nicht wirklich schlechter weg als Jakob und versöhnt sich am Ende wieder mit seinem Bruder, der ihn früher einmal betrogen hat. Aber trotzdem wird Jakob als Stammvater des auserwählten Volkes erwählt – und über Gottes Gründe dafür kann man nur mutmaßen.

Für alle, die es immer noch nicht glauben wollen, noch ein letzter Bibelvers: „Seid ihr für mich mehr als die Kuschiter, ihr Israeliten? – Spruch des Herrn. Wohl habe ich Israel aus Ägypten heraufgeführt, aber ebenso die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir.“ (Amos 9,7)

Im Alten Testament wurde ein Bund zwischen Gott und einem bestimmten kleinen Volk geschlossen und dieses Volk wurde allmählich auf die Aufgabe vorbereitet, die es übernehmen sollte. Über viele Jahrhunderte hinweg entwickelte sich das kollektive Verständnis und Wissen von Gott im Volk Israel, und darauf baute dann der durch das Kommen des Messias begründete Neue Bund auf, in den die Heiden* hineingenommen wurden, als Juden wie Paulus sie missionieren gingen.

„Das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22), hat unser Herr zu der Samariterin am Jakobsbrunnen gesagt; aber es ist nicht den Juden vorbehalten.

 

* Ich verwende das Wort „Heiden“ hier, wie man wohl bemerkt hat, durchgängig im ethnischen Sinne, wie es der Bedeutung des hebräischen Wortes goyim („die Heiden“ = „die Völker“) entspricht.

 

 

8 Gedanken zu “Reihe: Über schwierige Bibelstellen

  1. Vielen Dank für die vielen Einblicke. Ich kann gar nicht anfangen, aufzuzählen, was mir das alles an super Argumentationslinien aufzeigt. Und super Beispiele aus dem AT gewählt. Ich war ja so ein Kind, dass das AT nie anders als in der Lutherbibel kennengelernt hat (hatte keine Kinderbibel), und ich fand das Rumschlachten total spannend und eigentlich auch fast immer total einsichtig (aber ich bin auch heute ein großer Tarantino-Fan 😉 ). Da das für mich aber so überhaupt gar kein Widerspruch ist zu einem christlichen Leben, fehlt mir da manchmal ein gewisses…Einfühlungsvermögen.

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