Reihe: Skrupulosität

Teil 1: Was Skrupulosität ist

Ein Thema, um das es in diesem Blog wie angekündigt häufiger gehen soll, ist Skrupulosität. Das ist ein Thema, das in der Kirche relativ selten zur Sprache kommt, und vielleicht nicht ohne Grund: Ein skrupulöses Gewissen ist kein Problem, das viele Katholiken betrifft. Aber für den geringen Prozentsatz der Betroffenen ist es ein sehr großes Problem, eins, das das Glaubensleben zur Qual machen kann.

Was versteht man unter dem Begriff? Der Theologe Adolphe Tanquerey (1854-1932) nennt die Skrupulosität „eine übertriebene Unruhe, Gott beleidigt zu haben, die von manchen Gewissen aus den nichtigsten Beweggründen empfunden wird“ (Adolphe Tanquerey, Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie). Skrupulanten sind Menschen, die dort Sünde sehen, wo keine Sünde ist, und dort schwere Schuld, wo man allerhöchstens von lässlicher reden kann. Immer wieder zweifeln sie, grübeln über vergangene Handlungen nach und ängstigen sich wegen möglicher Verfehlungen, die sie begangen haben könnten oder im Begriff sind, zu begehen. Überall sehen sie Verpflichtungen und die Gefahr der Todsünde. Besonders häufig tritt diese Angst bei zwei Gebieten der Sünde auf, Unkeuschheit und Blasphemie, wobei letzteres meist die quälendsten Sorgen für Skrupulanten mit sich bringt.

Habe ich mich anständig genug angezogen – was, wenn ich eine Versuchung für Männer in der Straßenbahn war? War dieser gehässige Gedanke eine schwere Sünde? Vielleicht sollte ich deshalb lieber nicht zur Kommunion gehen. War ich beim Gebet unaufmerksam? Ich sollte es wiederholen. War ich bei der Beichte genau genug? Habe ich etwas vergessen oder ein entscheidendes Detail ausgelassen? Vielleicht habe ich genuschelt, weil ich dieses und jenes unbewusst nicht zugeben wollte, und der Priester hat mich nicht genau verstanden? Als ich gesagt habe, dass ich dies und jenes „einige Male“ getan habe, hätte ich da nicht lieber „viele Male“ sagen sollen? Oder versuchen sollen, mich an die genaue Zahl zu erinnern? Vielleicht war die Beichte ungültig. Ich sollte noch einmal beichten. Habe ich das Fasten vor der Kommunion eingehalten? Was, wenn ich vielleicht auf dem Weg zur Kirche eine Schneeflocke verschluckt habe? Auch bei der Kommunion selbst stellen sich Fragen: Was, wenn ein winziger Krümel der Hostie zwischen meinen Zähnen hängen geblieben ist, und beim Zähneputzen in der Zahnbürste und dann im Waschbecken gelandet ist? Was soll ich jetzt nur tun?

Vor allem Beichte und Kommunion sind sowohl im Vorfeld als auch im Rückblick eine Qual für Skrupulanten. Skrupel können aber auch auf anderen Gebieten auftreten: War ich in diesem Gespräch zu rechthaberisch oder nicht höflich genug und habe meinen Gesprächspartner deshalb für immer von der Kirche weggetrieben? Sollte ich meine ungläubige Cousine darauf hinweisen, dass es falsch ist, vor der Ehe zusammenzuleben? Könnten mir auf irgendeine Weise Glassplitter in den Tomaten-Eintopf gekommen sein, woran meine Kinder sterben könnten, wenn sie ihn essen? Schließlich habe ich vor zwei Tagen hier auf diesem Regal ein Glas zerbrochen, und wenn ich einzelne Splitter beim Aufwischen übersehen habe, und diese inzwischen ins untere Fach in die Kiste mit den Tomaten gefallen sind, die ich gestern dort hingestellt habe…

Nicht-skrupulöse Leser fühlen inzwischen möglicherweise eine Mischung aus Mitleid und dem Drang, zu lachen. Skrupulosität hat von außen betrachtet tatsächlich etwas Lächerliches an sich, aber für die Betroffenen ist sie leider alles andere als komisch. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Man muss nicht meinen, wir Skrupulanten würden nicht bemerken, dass etwas an unseren Zweifeln und Ängsten eher ungewöhnlich ist. Das merken wir schon. Oft ist einem auch bewusst, dass diese Sorgen völlig unsinnig sind. Aber dann taucht wieder die Frage auf, was wenn doch…? Schließlich kann die Welt irren. Vielleicht sind alle meine Bekannten nur nicht katholisch genug! Und auch, wenn man letzten Endes überzeugt ist, dass eine Befürchtung unsinnig ist, ist sie manchmal so laut und drängend im Kopf geworden, dass es schwer wird, ihr zu widerstehen.

Leider ist auch nicht alles so eindeutig. Es gibt durchaus Fälle, in denen sich Katholiken (gute Katholiken) uneins sind, ob schwere oder leichte Sünde vorliegt, oder ob etwas überhaupt Sünde ist. Skrupulanten wählen in all diesen Fällen automatisch die rigideste Ansicht – vorsichtshalber, man will kein Risiko eingehen. Man fühlt sich für alles und jeden verantwortlich; jede Sünde beurteilt man als Todsünde.

Teil 2: Wieso Skrupulosität nicht gut ist

Im gegenwärtigen Katholizismus gibt es eine gewisse Tendenz, zu betonen, dass Gott nicht einfach nur „nett“ ist, nicht bloß ein harmloser Opa in den Wolken, dass das Christentum mehr ist als „moralistic therapeutic deism“. Diese Aussagen sind nicht falsch. Aber Skrupulanten verzerren sie dahingehend, dass die Vorstellungen von Gottes bedingungsloser Liebe und einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus beiseite gedrängt werden. Man macht es sich nicht so einfach wie die liberalen Wohlfühl-Katholiken mit ihren Gitarren und ihrer „Gradualität“. Man übergeht die harten, anspruchsvollen Aussagen seiner Religion nicht einfach, sagt man sich. Man will es sich auf keinen Fall zu leicht machen.

Aber auf diese Weise gerät man in Gefahr, das Eigentlich des Christentums zu verlieren. Man sieht Gottes Ansprüche, aber nicht die gewichtigere Tatsache der Erlösung, die zuerst kommen muss.

Man muss hier die Gefahr beachten, etwas für „traditionellen Katholizismus“ zu halten, das in Wahrheit nicht der Tradition entspricht. Derartige Rigidität entspricht ihr in keiner Weise. Im 17. und 18. Jahrhundert, als verschiedene „Moralsysteme“ debattiert wurden, wurden vonseiten des Lehramts sowohl gewisse Ansichten der „Laxisten“ als auch der rigoristischen Jansenisten abgelehnt. Beispielsweise wurde der jansenistische Satz „Es ist nicht erlaubt, einer [wahrscheinlichen] Meinung oder unter wahrscheinlichen der wahrscheinlichsten zu folgen“ im Jahr 1690 vom Heiligen Offizium verurteilt. (Das heißt: Es ist erlaubt, einer wahrscheinlichen Meinung zu einem moralischen Gebot zu folgen, auch wenn das nicht die strengstmögliche Meinung ist.)

Man sehe sich alte Kirchenlieder an: „Dich will ich lieben, o mein Leben, als meinen allerbesten Freund…“ , „mein König und mein Bräutigam, du hältst mein Herz gefangen…“, „Von Gott kommt mir ein Freudenschein / wenn du mich mit den Augen dein / gar freundlich tust anblicken. / Herr Jesus, du mein trautes Gut, / dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut / mich innerlich erquicken…“, und so weiter und so fort. – „Jesus liebt dich“ ist eben nicht die einfache Teddybären-Theologie von 80er-Charismatikern, sondern die christliche Lehre zweier Jahrtausende. (Auch wenn man sich über den Stil streiten kann, in dem sie verkündigt werden sollte.)

Alle Theologen vergangener Jahrhunderte betrachteten ein skrupulöses Gewissen als eine Krankheit, ein Hindernis, eine Versuchung. Skrupulosität ist ein Problem, das auch einige Heilige erlebt und zu dem sie Ratschläge erteilt haben; Ignatius von Loyola (1491-1556) und Alfons von Liguori (1696-1787) sind die bekanntesten Beispiele. Ignatius erlebte eine Phase schlimmer Skrupel, die schließlich sogar zu Selbstmordgedanken führten, die er aber dann besiegte. Während dieser Zeit erschien es ihm sogar als eine Sünde, auf zwei Strohhalme zu treten, die zufällig in der Form eines Kreuzes auf der Erde lagen. Später schrieb er in seinen Anleitungen zur Unterscheidung der Geister:

Nachdem ich auf jenes Kreuz getreten bin und unterdessen irgend etwas anderes gedacht oder gesagt oder getan habe, kommt mir von außen her der Gedanke, ich hätte gesündigt. Anderseits scheint es mir, ich hätte nicht gesündigt, und doch fühle ich mich dabei verwirrt, sofern ich nämlich zweifle und zugleich auch nicht zweifle. Dies nun ist ein eigentlicher Skrupel und eine Versuchung, die der Feind setzt. […]

 Der Feind achtet sehr darauf, ob eine Seele grob oder fein ist. Und ist sie fein, so besorgt er, sie je mehr ins Äußerste zu verfeinern, um sie je mehr zu verwirren und zugrunde zu richten. Wenn er zum Beispiel sieht, dass eine Seele keine tödlichen oder lässlichen Sünden in sich einlässt, noch irgend einen Schein überlegter Sünde, dann besorgt der Feind, wenn er nicht zuwege bringt, sie in etwas fallen zu lassen, was Sünde scheint, sie [wenigstens] eine Sünde sich einbilden zu lassen, dort, wo keine ist; wie etwa bei einen Wort oder einem geringsten Gedanken. Ist die Seele grob, so besorgt der Feind, sie je mehr zu vergröbern […].

 Die Seele, die im geistlichen Leben voranzukommen wünscht, muss immerdar in der dem Feind entgegen gesetzten Weise verfahren. Das heißt: versucht der Feind die Seele zu vergröbern, so besorge die Seele, sich zu verfeinern. Sucht der Feind sie entsprechend bis ins Äußerste zu verfeinern, so besorge sie, sich in der Mitte zu festigen, um in allem ruhig zu werden. […]

 Wenn eine solche Seele den guten Willen hat, etwas zu reden oder zu tun, was im Bereich der Kirche, im Bereich der Meinung unserer Obern liegt und zur Ehre Gottes Unseres Herrn gereicht, und es kommt ein Gedanke oder eine Versuchung von außen, jene Sache nicht zu sagen oder zu tun, Scheingründe vorstellend wie eiteln Ruhm oder irgend etwas anderes usf., dann soll sie ihren Verstand zu Gott ihrem Schöpfer und Herrn erheben, und wenn sie sieht, dass es Sein schuldiger Dienst ist oder wenigstens nicht dagegen verstößt, dann soll sie geradenwegs jener Versuchung entgegenhandeln, und ihr wie Bernhard antworten: ‚Weder fing ich deinetwegen an, noch höre ich deinetwegen auf.’“

Der Kirchenlehrer, Ordensgründer und Bischof Alfons von Liguori hatte sogar sein ganzes Leben lang mit schlimmen Skrupeln zu kämpfen. Aber auch er bemühte sich, sie zu besiegen. Er wandte sich in seinen Schriften gegen den moralischen Rigorismus der Jansenisten und predigte Gottesliebe und hoffnungsvolles Gebet. Niemand in der ganzen Kirchengeschichte – ich wiederhole, niemand – hat diesen Zustand jemals für wünschenswert gehalten.

Skrupulosität gibt es nicht nur unter traditionellen Katholiken, sondern unter Menschen aller Weltanschauungen (dazu in den folgenden Beiträgen mehr), und den meisten Lesern ist sie sicher fremd. Es geht mir hier nur darum, spezielle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, die gerade lehramtstreue, zu Skrupeln neigende Katholiken in dieser Frage vielleicht haben.

Teil 3: Zwei Arten von Skrupulosität

Man kann zwei Arten von Skrupulosität unterscheiden. Die leichtere Form ist ganz einfach Übereifer, der auf fehlerhaften Ansichten beruht. Sie kann besonders bei Gläubigen entstehen, die vor kurzem erst begonnen haben, ihren Glauben ernst zu nehmen. Diese Art von Skrupeln entsteht, wenn jemand zum Beispiel gehört hat, dass es auch Gedankensünden gibt, das Unterhalten von hasserfüllten oder unkeuschen Fantasien zum Beispiel. Nun unterscheidet er nicht zwischen Sünde und Versuchung und hält jeden unpassenden Gedanken, der ihm in den Kopf kommt, für Sünde. Natürlich kann niemand verhindern, dass ihm einmal der Gedanke ins Gehirn kommt „Ich wünschte, der würde tot umfallen!“ (oder so ähnlich); und ohne Einwilligung gibt es keine Schuld, ohne Schuld keine Sünde. Die Sünde bestünde darin, solchen Gedanken zuzustimmen, sich mit Freuden vorzustellen, was dem Betreffenden passieren könnte. Oder nehmen wir an, jemand spürt in der ersten Phase seiner Bekehrung häufig die Anwesenheit Gottes im Gebet; dann auf einmal nichts mehr, wochenlang. Er kann sich auf seine Gebete nicht konzentrieren, und Gott scheint nicht zu antworten. Was macht er bloß falsch? Betet er nicht ernsthaft genug? Er weiß nicht, dass solche Phasen eine Erfahrung sind, die viele Heilige erlebt und beschrieben haben, eine notwendige Prüfungszeit, in der es darauf ankommt, trotzdem im Gebet zu verharren, und dass Gefühle nicht immer das Entscheidende sind. Wenn man solchen Katholiken die Situation auseinandersetzt, lassen sich ihre Probleme relativ einfach lösen. Es handelt sich um ein falsches Verständnis, das sich mit neuen Informationen korrigieren lässt.

Schwieriger sieht es aus bei der zweiten Form aus, der Skrupulosität im eigentlichen Sinne, die man auch als religiöse Zwangsstörung bezeichnen kann. Wieso Zwangsstörung? Nun, der Betroffene erlebt Zwangsgedanken, und er führt Zwangshandlungen aus, um sich davon zu befreien. Die Zwangsgedanken gaukeln einem eine (schwere) Sünde vor. Sie können aus sich aufdrängenden blasphemischen Gedanken bestehen, aus der Vorstellung, anderen etwas antun zu können, zum Beispiel sein Kind aus dem Fenster zu werfen oder seine Arbeitskollegin sexuell zu belästigen. Sofort hält man diese Gedanken, die man nicht haben wollte, und gegen die man nichts tun kann, für Sünde. Zwangsgedanken können auch plötzliche Sorgen sein, schlecht gebeichtet oder die Kommunion unwürdig empfangen zu haben, oder sonst irgendetwas falsch gemacht zu haben. Man wird unruhig, die Gedanken verstärken sich nur; sofort fühlt man den Drang, seine angeblichen oder tatsächlichen Sünden zu beichten oder bestimmte Gebete zu verrichten (Zwangshandlung), um sich wieder davon zu reinigen. Die Zwangshandlungen bringen zwar eine Beruhigung – aber nur eine vorübergehende. Mit der Zeit reißt der Zwang die Kontrolle über das eigene Leben an sich, und die Sorgen werden immer nur mehr und mehr und mehr und mehr.

Unter einer Zwangsstörung stellt man sich spontan so etwas wie einen Waschzwang vor. Und die Symptome sind hier tatsächlich genau dieselben: belastende Zwangsgedanken (was, wenn an der Türklinke Viren waren?) und kompensierende Zwangshandlungen (Desinfizieren, Händewaschen), die aber nur kurzfristig helfen und den Alltag letztendlich zur Belastung werden lassen. Skrupulosität schließt andere Zwangsstörungen übrigens nicht aus: Zwanghaftes Desinfizierung und zwanghaftes Beichten können Hand in Hand gehen.

Skrupel sind keine „katholische Krankheit“. Angehörige anderer Religionen erleben sie ebenso wie Nichtgläubige. Jeder kann eine Zwangsstörung in Bezug auf seine moralischen Grundsätze entwickeln – der Katholik examiniert seine Hände eine halbe Stunde lang nach Bröseln der Hostie, der evangelikale Protestant fragt sich, ob seine Bekehrung tatsächlich echt war, der Muslim beunruhigt sich wegen der rituellen Waschungen vor dem Gebet, der überbesorgte Nichtgläubige fährt zwei Stunden lang seinen Weg zur Arbeit hin und her, um sicherzugehen, dass er niemanden überfahren hat.

Es sollte klar sein, dass die Existenz krankhafter Skrupel nicht gegen die normale katholische Moral spricht. Jeder normale Mensch befürwortet Hygiene, wozu regelmäßiges Händewaschen und in bestimmten Situationen das Benutzen von Desinfektionsmitteln gehört, aber es ist diesen normalen Menschen auch bewusst, dass zwanghafte und übertriebene Hygiene nicht zur Verhinderung von Krankheiten beiträgt. Im Gegenteil, wenn die Haut vom vielen Händewaschen rau ist, dringen Krankheitserreger leichter ein. Skrupulanten sind nicht automatisch die authentischeren Katholiken, ebenso wenig wie Menschen mit einem Waschzwang automatisch gesünder sind.

Es ist auch wissenswert, dass nicht alle Skrupulanten dieselben Skrupel haben. Ich persönlich kann die ganze Messe über nachgrübeln, ob ich im Stand der Gnade bin und zur Kommunion gehen darf – zwar sagt die Kirche, wenn man sich unsicher ist, soll  man zur Kommunion gehen, aber vielleicht rede ich mir ja nur ein, ich sei mir unsicher, um es mir leichter zu machen, und so weiter und so fort – und es gleichzeitig völlig abwegig finden, zu meinen, eine verschluckte Schneeflocke bräche das Fastengebot.

Auch für diese Art von Skrupulanten ist es wichtig, die Lehre der Kirche genau zu kennen, ebenso wie Hygienefanatiker die Wahrheit über die Gefährlichkeit von Bakterien kennen müssen. Man muss z. B. wissen, dass keine Pflicht besteht, zweifelhaft schwere Sünden zu beichten – eine der wichtigsten Regeln für Skrupulanten überhaupt: nur sicher begangene, sicher schwere Sünden, die man sicher noch nie gebeichtet hat, müssen gebeichtet werden. Manchmal hilft es auch, Handlungen, vor deren Folgen man sich fürchtet, einfach mal genau zu durchdenken: Wenn man etwa eine Erkältung hat und sich endlos darüber Gedanken macht, ob man anderen Menschen die Hand zum Friedensgruß reichen sollte oder nicht – wenn man es tut, könnte man sie anstecken, aber wenn nicht, wären sie vielleicht verletzt! – sollte man sich einfach mal fragen, was denn schlimmstenfalls passieren könnte. Diese anderen Menschen könnten sich ebenfalls eine Erkältung einfangen. Vielleicht müssten sie zwei Tage von der Arbeit zu Hause bleiben. Klingt das nach Weltuntergang?

Aber mit Informationen und Nachdenken ist es noch nicht getan. Diese Art von Skrupeln basiert nämlich nicht auf Vernunft, sondern auf Gefühlen. Man ist sich eigentlich sicher, dass dieses oder jenes keine Sünde war… das heißt, man denkt es wenigstens… und dennoch… was wenn… man möchte nichts riskieren. Schließlich fürchtet man nichts Geringeres als die ewige Verdammnis.

Richtige Skrupulosität beruht auf Ängsten und Zweifeln, nie auf  der Gewissheit, etwas falsch gemacht zu haben. Gewissheit ist das, was ein Betroffener sucht. Er ist getrieben von der Sehnsucht nach Sicherheit – der Sicherheit, ein hundertprozentig reines Gewissen haben zu können, niemandem geschadet und Gott nicht verärgert zu haben, nicht in der Hölle zu landen.

Teil 4: Was Skrupulosität nicht ist

Aber ist es nicht besser, denken sich manche Skrupulanten (oder auch manche Nicht-Skrupulanten) vielleicht, strenger mit sich zu sein, genauer auf Gottes Gebote zu achten? Ist die Krankheit unserer Zeit nicht vielmehr die Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde, sodass wir lieber mehr Skrupel als weniger bräuchten? Ist die Alternative zu dem, was ich als Skrupulantentum beschreibe, ein „laues“ Christentum, „weder kalt noch heiß“ (Offb 3,15)? Wie die meisten sich schon denken werden, lautet die Antwort nein.

Skrupulosität ist nicht einfach nur eine besonders genaue, besonders sorgfältige Beachtung der christlichen Gebote; tatsächlich steht sie einem christlichen Leben im Weg.

Es ist hilfreich, die auf Aristoteles zurückgehende Lehre von den Komplementärtugenden zu kennen. Jede Tugend kann, wenn sie allein in jeder Situation geübt wird, völlig entarten, und ist dann keine Tugend mehr. Alle Tugenden brauchen die Ergänzung durch andere Tugenden. Neben der Vorsicht braucht es die Tapferkeit, neben der Barmherzigkeit die Gerechtigkeit. Höchste Vorsicht in jeder Situation führt zu Feigheit, reine Tapferkeit zu unvernünftiger Waghalsigkeit. Die Forderungen der Gerechtigkeit im Namen der Barmherzigkeit zu missachten, führt zu Ungerechtigkeit (wenn z. B. Täter der Nazizeit nicht zur Verantwortung gezogen wurden, war das nicht Barmherzigkeit, sondern Ungerechtigkeit gegenüber den Opfern); die Barmherzigkeit dagegen völlig außer acht zu lassen, zu Grausamkeit und Unversöhntheit. Die eine Tugend ist in dieser Situation stärker gefragt, die andere in jener. Manchmal braucht es beide zugleich. Polizisten, die einen Terroristen fassen müssen, müssen zum Beispiel gleichzeitig vorsichtig sein, indem sie alle nötigen Maßnahmen treffen, um die Bevölkerung zu schützen und auch sich selbst nicht unnötig zu gefährden, und tapfer, indem sie, wenn es wirklich notwendig ist, auch ihr Leben riskieren.

Deshalb darf man sich die Tugend nicht als eine Linie vorstellen – links zum Beispiel die Gerechtigkeit, rechts die Barmherzigkeit, die Goldene Mitte irgendwo dazwischen –, sondern man muss an ein Dreieck denken: An der Grundlinie sind links unten an der Ecke die reine Gerechtigkeit, die zur unbeugsamen Grausamkeit entartet ist, rechts unten an der Ecke die reine Barmherzigkeit, die Anarchie und Ungerechtigkeit geworden ist, und in der Mitte der Linie vielleicht ein laues Mischmasch daraus. Oben an der Spitze dagegen findet man die Vereinigung beider Tugenden auf höchstem Niveau. Nichts darf im christlichen Leben absolut gesetzt werden außer der Liebe zu Gott und dem Nächsten, die der Maßstab für alles ist. Damit die Liebe in jeder Situation verwirklicht werden kann, braucht es in allen anderen Dingen Maß und Ausgewogenheit und Ergänzung.

Und maßlose Skrupulosität geht auf Kosten ganz bestimmter sehr wichtiger Dinge: Glaube, Hoffnung und letztendlich der Liebe. Der Skrupulant reibt sich wegen der geringsten Dinge auf und übersieht das ganze Bild, manchmal „siebt er Mücken aus und schluckt Kamele“ (Mt 23,24) – nicht in pharisäerhafter Selbstgerechtigkeit, sondern in krampfhafter Ängstlichkeit. Es gelingt ihm nicht mehr, Gott zu lieben – wie denn auch? Die meiste Zeit fürchtet er Gottes Strafe. Seine Liebe, Seine Gnade: das sind Dinge, an die er theoretisch glaubt, die aber mit seinem Leben in keinem Zusammenhang stehen.

Das ist kein schönes Gottesbild, nicht wahr? Tatsächlich ist es das Bild eines Tyrannen, den man besänftigen muss, nicht das eines liebenden Vaters. Der skrupulöse Katholik würde es so nicht ausdrücken. Aber sein Verhalten spricht eine andere Sprache: Er ist peinlich darauf bedacht, nicht unehrerbietig zu erscheinen; es kommt ihm zu anbiedernd, zu wenig ehrfurchtsvoll vor, seinen Herrn mit Ausdrücken wie „Liebster Jesus“ anzusprechen; er macht Gott eilfertige Versprechungen für die Ableistung von Gebeten oder Ähnlichem, um für seine vermeintlichen oder tatsächlichen Vergehen zu sühnen; er muss Ihn sofort um Verzeihung bitten, wenn ihm auch nur der Gedanke in den Kopf kommt, dieser oder jener Heilige sei ihm nicht sympathisch. Und zuletzt macht er sich schließlich Vorwürfe für sein mangelndes Vertrauen und seine Ängstlichkeit. Er fühlt beständig den Druck, seine Existenz vor Gott rechtfertigen zu müssen.

Das Problem ist, dass er im tiefsten Inneren nicht an Gottes Liebe zu ihm glaubt. Er hält sich selbst nicht für liebenswert, und er glaubt nicht, dass Gott das anders sehen könnte; das heißt, er glaubt in der Praxis nicht, was er in der Theorie glaubt.

Diese Art der Religiosität ist zutiefst ungesund; und sie lässt sich auf Dauer nicht durchhalten, jedenfalls dann nicht, wenn sie entsprechend extrem ausgeprägt ist. Irgendwann erfüllt man zwar noch seine Sonntagspflicht, aber man würde die Messe am liebsten meiden, wenn man die Wahl hätte. Man betritt eine Kirche nur noch dann, wenn man fühlt, dass man es muss. Man betet nur noch dann, wenn man fühlt, dass man es muss. Man ist nicht mehr gern bei Gott, wie am Anfang seines Glaubensweges. Es gibt Menschen, die sich deshalb am Ende nicht von ihrem Zerrbild des Glaubens, sondern vom Glauben selbst abgewandt haben. Man will nur noch raus, man kann es nicht mehr ertragen.

Wenn noch einer zweifelt, ob dieser Zustand denn so schlimm ist, dann möchte ich ihm den berühmtesten aller Skrupulanten vorstellen: Martin Luther, gewissenhafter und frommer Augustinermönch, Doktor der Theologie zu Wittenberg.

Für Dr. Luther waren nicht irgendwelche kritischen Thesen zum Ablasswesen, sondern die Doktrinen „sola fide!“ (allein durch den Glauben!) und „sola gratia!“ (allein durch die Gnade!) die zentralen Punkte seiner Lehre. Er entwickelte sie deshalb, weil er den Gedanken nicht mehr ertragen konnte, dass seine guten Werke Gott nicht genügten. Er suchte aus dieser grauenvollen Aussicht einen Ausweg, und den fand er in seiner Irrlehre, der gläubige Christ könne sich seiner Erlösung völlig unabhängig von seinen Werken sicher sein. Er könne gar nichts dazu beitragen – so entledigte er sich des Drucks, genügend beitragen zu müssen, den er auf sich geladen hatte.

Nun macht Skrupulosität einen noch nicht gleich sofort zum Ketzer. Aber wenn sie nicht bekämpft wird, ist die wirkliche Gefahr da, den Glauben aufzugeben. Denn was ist das schon für ein Glaube, den man noch hat? Liebe Skrupulanten, ihr wisst selbst, wie sehr euer Glaube sich von dem Glauben der Menschen unterscheidet, die, sagen wir mal, auf dem Weltjugendtag feiern und beten.

Wir brauchen uns zwar wegen unseres Zustandes nicht auch noch ein schlechtes Gewissen zu machen. Skrupel sind eine Krankheit. Sie sind keine Sünde. Aber Gott will nicht, dass wir krank bleiben. Er will, dass wir gesund und glücklich werden, und er will uns dabei helfen.

Teil 5: Was man gegen Skrupulosität tun soll – Ratschläge der Theologen und Kirchenlehrer

Da wir nun geklärt haben, was Skrupulosität ist, was sie nicht ist und wieso sie nicht gut ist: Was soll man gegen sie tun?

Nun, zuallererst muss man sich wirklich vornehmen, etwas gegen sie zu tun. Realisiert zu haben, dass etwas nicht stimmt, ist schon mal die halbe Miete. Skrupulosität ist grundsätzlich heilbar, aber nicht immer heilt sie ganz, dessen muss man sich auch bewusst sein. Es kann Phasen der Besserung und Phasen des Rückfalls geben, meistens wird es das geben. Das muss man einkalkulieren. Deshalb: Nicht verzagen! Der heilige Ignatius besiegte die Skrupulosität; der heilige Alfons hatte sein Leben lang mit ihr zu kämpfen; aber beide wurden zu Heiligen. Letztendlich haben sie beide gesiegt.

Wie lässt sich Skrupulosität nun konkret besiegen? Der erste Ratschlag, den alle mir bekannten Heiligen und mit diesem Thema beschäftigten Theologen, von Ignatius von Loyola und Alfons von Liguori bis Adolphe Tanquerey und Thomas Santa, geben, ist: Gehorsam gegenüber einem Beichtvater.

Das Gewissen eines Skrupulanten, sagen alle diese erfahrenen Männer, funktioniert nicht mehr, wie es sollte. Es irrt. Daher muss sich ein solcher Mensch auf das Gewissen eines anderen verlassen. Er muss sich einen Beichtvater suchen, dem er vertraut, und dann dessen Entscheidungen bedingungslos akzeptieren. Ja, bedingungslos, ohne Debatten, ohne Anzweifeln. Wenn der Beichtvater sagt, etwas ist keine Sünde, dann ist es keine Sünde. Was, wenn er irrt? Egal. Diese Möglichkeit muss man vorab berücksichtigen. Es ist wahrscheinlich eher nicht anzuraten, sich einem Priester anzuvertrauen, der jeden Sonntag in der Predigt seine Hoffnung verkündet, Papst Franziskus werde nun endlich das Frauenpriestertum einführen und homosexuelle Partnerschaften erlauben. Man sollte schon mit jemandem sprechen, auf dessen Urteil man sich verlassen kann. Aber dann muss man sich darauf verlassen.

Und wenn er sich trotzdem einmal irrt? Dann ist es sein Problem, nicht unseres. Gott wird uns dafür nicht zur Rechenschaft ziehen. Gott will von uns im Moment, dass wir unsere Skrupel überwinden; wenn wir dabei ohne Absicht einem fehlerhaften Urteil vertrauen, wird er es uns nachsehen. (Wussten Sie übrigens, dass es Heilige gab, die während des Großen Abendländischen Schismas eine Zeitlang auf der Seite eines Gegenpapstes standen, den sie für den legitimen hielten?) Gott verlangt von uns nicht Allwissenheit, sondern redliches Bemühen. In diesem Fall redliches Bemühen, sich von den Skrupeln zu lösen, und deshalb ist es absolut keine gute Idee, sich vorsichtshalber eine zweite Meinung bei einem anderen Priester einzuholen. Wenn man das zur Gewohnheit macht, wird man jedes Mal die strikteste Ansicht anwenden, die man zu hören bekommt – auch wenn gerade diese vielleicht irrig ist. Wenn Priester A sagt, X ist erlaubt, und Priester B sagt, X ist nicht erlaubt, wird man X für nicht erlaubt halten. Wenn Priester A sagt, Y ist nicht erlaubt, und Priester B sagt, Y ist erlaubt, wird man auch Y für nicht erlaubt halten. Damit hat die Skrupulosität wieder gewonnen, und man hätte sich die Ratsuche gleich sparen können.

Der bereits erwähnte Tanquerey gibt in seinem Werk Ratschläge für Priester, die mit Skrupulanten zu tun haben. „Der Seelenführer“, schreibt er, „muss daher zunächst das Vertrauen des Skrupulanten gewinnen, dann aber auch seine Autorität über ihn auszuüben verstehen, um ihn zu heilen. […] Skrupulanten fühlen zwar instinktiv das Bedürfnis nach einer Leitung. Einige jedoch wagen sich ihr nicht vollständig auszuliefern. Sie wollen sich zwar Rat holen, aber auch ihre Gründe auseinandersetzen. Mit einem Skrupulanten darf man sich jedoch nicht in Streitereien einlassen. […] Er lasse zuerst das Beichtkind sich ganz aussprechen und zeige nur hie und da durch Bemerkungen, er habe alles gut verstanden. Darauf stelle er einige Fragen, auf die der Skrupulant nur mit ja oder nein zu antworten braucht und leite so selbst eine methodische Gewissenserforschung. Dann füge er hinzu: ‚Ich verstehe ihren Fall. Sie leiden in dieser oder jener Hinsicht.’ – Für das Beichtkind ist es schon eine sehr große Erleichterung, sich gut verstanden zu wissen. […] Mit dem Gutverstehen muss Hingabe verbunden werden. Der Seelenführer zeige sich daher geduldig. Anfangs wenigstens höre er, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken, die langatmigen Auseinandersetzungen des Skrupulanten an. Er zeige sich gütig, nehme Anteil am Ergehen dieser Seele und äußere den Wunsch und die Hoffnung, sie zu heilen. Sanft. Er spreche nicht in strengem und barschem Tone, sondern mit Güte, selbst wenn er etwas befehlen muss. Nichts ist so sehr geeignet, das Vertrauen zu gewinnen, als Festigkeit mit Güte vermischt. Ist das Vertrauen gewonnen, so muss man seine Autorität zur Geltung bringen und Gehorsam verlangen. Man sage dem Skrupulanten: ‚Wollen Sie geheilt werden, so müssen Sie blind gehorchen. Gehorchen Sie, so sind Sie in größter Sicherheit, selbst wenn sich Ihr Seelenführer irren sollte; denn Gott verlangt gegenwärtig nur eines von Ihnen, den Gehorsam. […]’“

Tanquerey gibt auch einen weiteren Ratschlag: „Ist der geeignete Augenblick gekommen, so soll der Seelenführer den Allgemeingrundsatz einprägen, demzufolge der Skrupulant alle Zweifel verachten muss. Nötigenfalls lasse man ihn in irgend einer Form aufschreiben, etwa wie folgt: ‚Was mich betrifft, gilt als Gewissenspflicht nur die Evidenz, d. h. eine jeden Zweifel ausschließende Gewissheit, ruhige und volle Sicherheit, so klar wie zwei und zwei vier ist. Ich kann daher nur dann eine Todsünde oder lässliche Sünde begehen, wenn ich absolut sicher bin, die betreffende Handlung ist mir unter schwerer oder lässlicher Sünde verboten, und obwohl ich es weiß, sie doch vollziehen will. Ich werde deshalb die Wahrscheinlichkeiten, mögen sie auch noch so stark sein, nicht beachten und mich nur durch klare und sichere Evidenz für gebunden erachten. Ist diese nicht vorhanden, so handelt es sich nicht um Sünde.’“

Die Beziehung zu einem Beichtvater sollte, wie Tanquerey schon andeutet, nicht zu einer Abhängigkeit werden, d. h. man sollte nicht bei jeder kleinsten Entscheidung vorsichtshalber beim Pfarrer nachfragen müssen, ob dieses und jenes erlaubt ist. Das würde nicht helfen. Stattdessen soll man lernen, zu wagen, eigene Entscheidungen zu treffen, und sich dabei an diesen Grundsatz halten. Das Ziel ist, das kaputte Gewissen zu richten, sodass es wieder von selbst funktioniert. Wie in der Schule arbeitet man auf den Tag hin, an dem man den Lehrer nicht mehr brauchen wird.

Man muss sich im Alltag an den Grundsatz halten, Zweifel zu missachten. Das ist das Allerwichtigste. Die Ängste werden nur dadurch verschwinden, dass man sie konfrontiert. Ja, das macht zuerst noch mehr Angst. Ja, es ist scheußlich. Ja, man will es nicht wagen. Ja, es wird nicht immer gelingen. Aber es wird besser, wenn man durchhält.

Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, absolute vollkommene Sicherheit haben zu können, wenn wir nur dieses oder jenes tun. Die wird es nicht geben. Aber die größte Sicherheit gibt es, wenn wir uns an diese Dinge halten. Und wir haben die Barmherzigkeit Gottes, auf die wir vertrauen können.

Es ist übrigens wichtig, die Skrupel auch dann zu bekämpfen, wenn man meint, so schlimm ist es bei mir ja noch nicht. Skrupulosität ist anfangs nie gleich so schlimm; oft tritt sie phasenweise auf. Auch wenn man sich immer noch zum Vertrauen auf Gott aufraffen kann und immer noch irgendwie Freude an Messe und Anbetung hat, zumindest meistens oder, na ja, relativ oft, sollte man die Angelegenheit ernst nehmen. Wenn ich bei einer Krankheit erst dann Medizin nehme oder zum Arzt gehe, wenn es richtig schlimm geworden ist, wird auch die Heilung länger dauern.

Teil 6: Skrupulosität aus psychologischer Sicht

Auch die Psychologie hat sich des Themas Skrupulosität inzwischen angenommen. Man hüte sich vor der Annahme, Psychologen seien immer noch auf dem Stand Sigmund Freuds, was ihre Ansichten zur Religion angeht. Tatsächlich hat die Psychologie der letzten Jahre und Jahrzehnte das Thema Zwangsstörungen eingehend wissenschaftlich erforscht und dabei festgestellt, dass die Seelenführer der alten Zeiten gar nicht mal daneben lagen mit ihren Einsichten. Die Wissenschaft ist auf unserer Seite. Das ist richtige Wissenschaft doch sowieso.

Heutige Therapeuten respektieren die Religion ihrer Klienten in aller Regel, oder sie sollten es wenigstens tun. Seriöse Publikationen behaupten nicht, dass Religion oder Moral Zwangsstörungen auslöse (außer, in einem bestimmten religiösen Umfeld herrscht eine ängstliche Überbetonung des absolut korrekten Einhaltens der Gebote), und es ist anerkanntermaßen nicht Aufgabe eines Therapeuten, Wertmaßstäbe für eine andere Person festzulegen. Derer muss sich der Klient selbst – evtl. in Absprache mit einem Geistlichen seiner Religion – klar werden. Aufgabe eines Therapeuten ist es dann, dabei zu helfen, die Skrupel loszuwerden, da sie eben gerade nicht den eigenen Wertmaßstäben entsprechen. Skrupulosität ist eine psychische Krankheit, und wenn eine Krankheit entsprechend belastend wird, geht man zum Arzt. Eine Psychotherapie kann deshalb in einigen Fällen sehr hilfreich sein. Es gibt übrigens auch hilfreiche Anleitungen zur Selbsthilfe bei Zwangsstörungen zu kaufen.

Man sollte, wenn nötig, jedenfalls keine Angst davor haben, sich auch einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. Weder wird ein guter Therapeut einem einreden wollen, die Kirche zu verlassen, noch wird er durch die Schilderung der Skrupel einen schlechten Eindruck von der Kirche bekommen, an dem man dann schuld wäre. (Er sollte im Studium schon von religiösen Neurosen gehört haben. Und seinen eigenen möglichen Einfluss zum Schaden seiner Mitmenschen muss man auch nicht immer gar so hoch einschätzen. Die anderen Leute können selber denken und an die denkt Gott auch. (Das ist eine allgemeine Regel, die Skrupulanten vor allem dann beherzigen sollten, wenn es um die „correctio fraterna“, die brüderliche Zurechtweisung geht. Wenn wir denken, andere kommen sicher in die Hölle, weil wir sie nicht auf dieses oder jenes hingewiesen haben, überschätzen wir uns.))

Es ist erwiesen, dass bei Zwangsstörungen eine Verhaltenstherapie am besten hilft. Das heißt, es wird nicht analysiert, woher Ängste und Zwänge kommen, sondern es wird einfach daran gearbeitet, das tägliche Verhalten zu ändern. Dabei muss man üben, seine Ängste zu konfrontieren, ohne dann zu einer Zwangshandlung Zuflucht zu nehmen. Das heißt, man muss, wenn man zum Beispiel fürchtet, durch Händeschütteln gefährliche Bakterien an andere zu übertragen und hier die Möglichkeit einer Todsünde sieht, gerade mit Absicht möglichst vielen Menschen in der Kirche die Hand zum Friedensgruß reichen und danach zur Kommunion gehen, auch wenn das skrupulöse Gewissen einem einreden will, man sei nun nicht mehr im Stand der Gnade. Und dann darf man hinterher nicht zur Beichte gehen oder irgendwelche Gebete verrichten, um die doppelte Sünde (Bakterienübertragung und sakrilegische Kommunion), die man sich nun einbildet, wieder loszuwerden. Stattdessen wartet man einige Wochen bis zur nächsten Beichte und erwähnt dann nur die sicheren Sünden – und die beiden eingebildeten nicht.

Das kostet Überwindung. Skrupulosität ist schwieriger zu besiegen als andere Zwangsstörungen, glaube ich – erstens, weil man nicht irgendein Unglück, sondern ein moralisches Fehlverhalten fürchtet, und zweitens, weil die möglichen Konsequenzen (Hölle) so schlimm sind, dass man sich sagt, man geht lieber auf Nummer sicher, egal was ein Therapeut oder ein Familienmitglied oder auch der Pfarrer sagt. Es schadet doch nichts, wenn man zur Beichte geht… nur… nur vorsichtshalber; lieber kommt man mit der Skrupulosität aus, als dass man die ewige Verdammnis riskiert. Sagt man sich. Aber das ist Unsinn. Und Skrupulosität schadet sehr wohl. Man muss sich das klarmachen, sich Ziele setzen, und konkrete Übungen angehen. Regelmäßig. Immer wieder. Am besten mit jemandem, der es einem nicht durchgehen lässt, sich gehen zu lassen. Dabei wird man entdecken, dass die Angst und Unruhe, die man bei den Übungen erlebt und die einen zu Zwangshandlungen drängt, nicht ewig dauert. Wenn man sie lange genug aushält, verschwindet sie von selbst. Das ist das Erfolgsrezept der Verhaltenstherapie.

Teil 7: Zusammenfassung und Tipps

Es ist wichtig, sich mit seinem Problem jemandem anzuvertrauen. Wenn man auf einen Priester stößt, der sich mit Skrupeln überhaupt nicht auskennt – nicht so schlimm, wir haben keinen so schlimmen Priestermangel, dass man nicht auch in die Nachbarpfarrei ausweichen könnte. Einfach eine E-Mail schreiben oder anrufen, das Problem erklären und um ein Gespräch bitten. Auch Psychotherapeuten gibt es hierzulande genug.

Und wenn man sich im Moment noch zu sehr scheut, um mit jemand Professionellem zu sprechen: Vielleicht gibt es andere Menschen, die man ins Vertrauen ziehen kann, Familienmitglieder oder Freunde. Menschen, denen man vertraut und auf deren Ratschläge man sich verlassen kann.

Man braucht Modelle normalen Verhaltens; wenn man sich keine Ratschläge holen will, muss man sich wenigstens am Verhalten vertrauenswürdiger Personen orientieren, das man beobachtet. Es gibt einiges, was man selbst tun kann, wenn man sich schwer tut, eine Vertrauensperson zu finden. Die eigentliche Arbeit muss man sowieso immer selbst machen, das können andere einem nicht abnehmen. Aber wenn man ganz allein ist, wird es doch schwieriger. Dann kann einen niemand anspornen, wenn man sich wieder mal von seinen Ängsten kontrollieren lässt.

Allerdings sollte man sich auch davor hüten, andere über Gebühr zu beanspruchen. Irgendwann könnten die genervt reagieren, wenn man zum zehnten Mal mit der Frage kommt „Meinst du wirklich, dass das so in Ordnung geht, wenn…?“. Und das Ziel ist schließlich, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Daher: Wenn man zweifelt, ob es okay ist, ist es okay! Ja, das gilt auch in diesem Fall. Ja, auch in diesem. Nein, du musst nicht ausreden, in diesem Fall gilt es auch.

Das Wichtigste noch einmal:

  • Skrupulosität ist eine Krankheit. Sie ist selbst keine Sünde, aber wir müssen sie bekämpfen, und wir können sie bekämpfen. Gott will nicht, dass wir in diesem Zustand bleiben.
  • Es ist wichtig, sich Hilfe zu suchen.
  • Irrtum ist nicht Sünde. Wenn wir wegen eines Irrtums einen Fehler begehen, wird Gott ihn uns nicht anrechnen.
  • Zweifel zählen nicht. Ausreden wie „Vielleicht rede ich mir nur ein, dass ich zweifle“ zählen nicht.
  • Was der Beichtvater sagt, gilt. Punkt, aus, Ende. Nein, dein Fall ist keine Ausnahme. Nein, ganz sicher nicht. Ja, wirklich ganz sicher!
  • Gott will einem helfen. Daher: Beten, beten, beten. Beten darum, dass dieser Zustand geheilt wird.

Teil 8: Skrupulosität und Gott

Entscheidend ist immer, den Mut nicht zu verlieren, und vor allem: Sich immer neu zum Vertrauen auf Gott aufzuraffen. Lest die Bibel: Besonders die Evangelien. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, vom verlorenen Schaf, die Abschiedsreden bei Johannes. Auch der erste Johannesbrief oder einige Kapitel bei Propheten wie Hosea (Kapitel 11!) können sehr hilfreich sein. Betrachtet das Kreuz, verbringt Zeit vor dem Tabernakel, wo Gott selbst in ein paar Stückchen Brot da ist.

Bei solchen Beschäftigungen kann man zu der Einsicht gelangen, dass Gott irgendwie ein anderes Wesen zu haben scheint, als man es sich unterbewusst wohl vorgestellt hat. Versucht, das Wesen des menschgewordenen Gottes zu entdecken, aus der Art, wie Er spricht und sich verhält. Betrachtet die Art, wie Er in die Welt gekommen ist: In einem Stall geboren, in einer Zimmermannsfamilie aufgewachsen. Die Wunder, die Er vollbrachte, waren Heilungen und Totenerweckungen – nie ließ Er Feuer und Schwefel vom Himmel regnen. Er weinte um seinen Freund Lazarus. Hört euch an, wie Er mit den Menschen sprach, die zu Ihm kamen: mit Maria und Marta, mit Petrus, Zachäus oder den Blinden und Gelähmten, und stellt euch vor, dass Er dieselben Worte zu euch sagt. „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“ (Joh 11,25-26) Glauben wir Ihm doch!

Betrachtet euren König: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.“ (Mt 21,5) Müssen wir vor diesem König wirklich Angst haben? Wird er nicht mehr Geduld mit uns haben, als wir ihm vielleicht zutrauen? Wie stellen wir uns unseren König vor: wie Aragorn aus „Der Herr der Ringe“, oder wie Sultan Schahriyar aus „Tausendundeine Nacht“? „Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch Gottes des Herrn.“ (Ezechiel 18,32)

Sehr hilfreich ist für mich persönlich das Stundengebet. Die vorgegebenen Texte, die man z. B. morgens und abends beten kann, führen einem immer wieder die Liebe Gottes vor Augen. (Es gibt das Stundenbuch übrigens als App!)

Wir Skrupulanten müssen es uns immer wieder in Erinnerung rufen: Gott ist nicht unser Feind. Gott ist nicht darauf aus, uns in die Hölle zu werfen. Er will uns bei sich haben, und er wird uns nicht so einfach verloren geben. Sicher sollen wir nicht einfach passiv dasitzen. Aber wir wissen, dass wir seinen Geboten nie vollkommen genügen werden. Die Sache mit der Rechtfertigung durch Werke des Gesetzes hat noch nie funktioniert, soweit hatte Luther Recht. Es geht immer nur durch Gottes Gnade (auch wenn gewisse Werke dazu kommen sollten), und Er ist jederzeit bereit, sie uns zu schenken. Wenn wir ihn darum bitten, herrscht „bei den Engeln Gottes Freude“ (Lukas 15,10). Der ganze Himmel jubelt über die Rettung einer Seele.

Gott ist gütig und barmherzig, langmütig und reich an Huld und Treue. Er ist gütig und von Herzen demütig.

Haben wir Vertrauen darauf. Wir können wieder Freude am Glauben finden, es geht. Konzentrieren wir uns auf Gott und auf das, was er Großes an uns getan hat. Fürchtet euch nicht, wie Gottes Wort es an so vielen Stellen sagt. „Furcht“, so sagt uns Johannes, „gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht.“ (1 Joh 4,18)

Anmerkung: Keins der Beispiele, die ich erwähnt habe, ist erfunden. Einige habe ich selbst erlebt, von anderen habe ich gelesen. Teilweise habe ich Details geändert oder ausgestaltet. Ausgedacht habe ich mir keins.

Tipps für weitere Lektüre:

  • Raphael Bonelli: „Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss wird“
  • Susanne Fricke u. Iver Hand: „Zwangsstörungen verstehen und bewältigen. Hilfe zur Selbsthilfe“
  • Thomas Santa CSSR: „Understanding Scrupulosity. Questions, Helps, and Encouragement“
  • Joseph W. Ciarrocchi: „The Doubting Disease. Help for Scrupulosity and Religious Compulsions“
  • William van Ornum: „A Thousand Frightening Fantasies. Understanding and Healing Scrupulosity and Obsessive Compulsive Disorder“
  • www.scrupulousanonymous.org Auf dieser Webseite finden sich u. a. die sehr hilfreichen „Ten Commandments for the Scrupulous“ (10 Gebote für Skrupulanten).
  • https://thescrupulouscatholic.wordpress.com/blog/
  • http://www.rhondaortiz.com/

5 Gedanken zu “Reihe: Skrupulosität

  1. Hallo Crescentia, danke für deinen Beitrag zur Skrupulosität (den Ausdruck kannte ich bisher auch nicht). Ich bin eigentlich ein ganz ’normaler‘ Mensch und wahrscheinlich würde es niemand vermuten, aber ich bin davon auch recht stark betroffen, jedenfalls konnte ich mich in einem Teil deiner Beschreibung wiederfinden. Leider finde ich den genauen Beleg nicht, jedoch steht in der Bibel auch, dass es nur auf den Glauben ankommt und dass Rituale und Opfer unerheblich sind. Denn ich beschäftige mich auch oft mit der Frage, wie viel oder lang oder ausführlich man beten muss und finde auch in vielerlei Hinsicht kein Maß, kein Ende, keine Antwort. Manchmal jedoch kann ich mich leichter wehren mit dem Gedanken, dass ich ja – außer zu glauben und so gut ich kann Gott zu folgen – gar nichts machen ‚muss‘. Was denkst du dazu?

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    1. Danke für deinen Kommentar – ja, das ist öfters so, dass man es nach außen hin nicht vermuten lässt. Man redet nicht drüber und oft ist man nach außen hin ganz normal und fröhlich und lächelt.
      Ich denke dazu: An sich hast du es schon gut ausgedrückt. Es ist erstmal wichtig, daran zu denken, dass man nie alles vollkommen machen können wird. Wir sind alle völlig auf Gottes Gnade angewiesen und darauf können wir vertrauen. Egal, was wir leisten – ob gute Werke oder starker Glaube -, es kann uns nicht den Himmel verdienen. Es ist aber andererseits natürlich nicht so, dass es gar nichts zählt, die Gebote zu halten (zu glauben, Gutes zu tun, Schlechtes nicht zu tun), das hat Gott in der Bibel schließlich auch vorgeschrieben. Aber ich denke auch, es ist wichtig, zu wissen, was durch die Gebote überhaupt verpflichtend ist, und was nicht. Zum Beispiel: Als Katholiken haben wir das Gebot (ein kirchliches Gebot, kein „direktes“ göttliches, aber trotzdem verpflichtend, da der Gehorsam gegenüber den Geboten der Kirche ja göttliches Gebot ist), sonntags in die Messe zu gehen. Über das tägliche Gebet zum Beispiel haben wir dagegen kein konkretes Gebot – da sind wir also völlig frei, zu entscheiden, wie viel wir machen wollen. Und es ist eine WIRKLICHE Freiheit – wir können selber entscheiden, ob wir morgens fünf oder fünfzehn Minuten beten wollen, oder ob wir vor dem Essen beten wollen oder nicht, etc. Empfohlen werden für den „Durchschnittslaien“ kurze Gebete morgens und abends und vor dem Essen. Aber das sind Empfehlungen für eine gute Beziehung zu Gott; wir haben eine wirkliche Freiheit in dem Bereich, und Gott wird uns NICHT dafür strafen, dass wir sie so oder so nutzen, Er hat sie uns schließlich gelassen. Ich hatte letztens eine interessante Diskussion im Kommentarbereich dieses Artikels auf einem anderen Blog dazu: https://maryofmagdala.wordpress.com/2017/03/28/das-gesetz-lieben/ (s. insbesondere die Kommentare von mir und dem Kommentator „Nepomuk“). Ich denke, es ist allgemein wichtig, zu lernen, nicht aus Angst zu beten (oder anderes zu tun, was sozusagen über das Gesetz hinaus geht), sondern aus Liebe – in Freiheit, weil wir die Freiheit haben. Auch das Halten der verpflichtenden Gebote soll man natürlich lernen, aus Liebe zu tun, nicht aus Furcht, weil Gott sie uns ja nicht gegeben hat, um uns zu gängeln, sondern weil sie für UNS gut sind. (Aber: Diese Furcht, wenn sie hat, ist KEINE Sünde. Da könnte ich jetzt das entsprechende Dekret des Konzils von Trient heraussuchen, das hat die Kirche gegenüber den in vielerlei Hinsicht rigoristischen Reformatoren nämlich ausdrücklich klargestellt.)
      Ansonsten, ganz allgemein, was wir tun „müssen“, um unsere Beziehung zu Gott, die Er uns geschenkt hat, nicht zu ruinieren: 1. Nicht sündigen, d. h., die Gebote halten. 2. Wenn doch, die Sünden bereuen. (Anmerkung: Die Reue liegt im Willen, nicht in den Emotionen. Wenn man bereuen will, aber keine Reue fühlt, ist sie trotzdem real.) Bei sicheren Todsünden (Betonung liegt auf: „sicheren“ und „Todsünden“) dann auch zur Beichte gehen. Vorgeschrieben ist: im Lauf eines Jahres einmal seine Todsünden beichten. (Der Rest liegt dann bei Gottes Gnade. Reue und der Vorsatz, es besser zu machen, sind zwar notwendig (man kann niemandem vergeben, der nicht bereut), aber mehr muss nicht da sein, damit Gott vergibt. Er will uns vergeben, noch viel mehr, als wir uns Vergebung wünschen. Er will uns bei sich haben.) 3. Wenn man will, kann man dann auch noch mehr machen, als durch die Gebote vorgeschrieben (um bei den obigen Beispielen zu bleiben: in die Werktagsmesse gehen, täglich den Rosenkranz oder das Stundengebet beten, o. Ä.), aber das MUSS man nicht.
      Mit der Formulierung „man muss sich nur anstrengen, so gut man es kann“ würde ich persönlich daher vorsichtig sein, denke ich mir seit einiger Zeit, wenn ich anderen (z. B. auf diesem Blog) Rat geben will, nicht, weil das zu wenig fordert, sondern weil es, falsch verstanden, zu viel fordert – weil es z. B. den Eindruck vermitteln kann, wenn man sich im Tagesablauf irgendwie noch Zeit für einen Rosenkranz freischaufeln könnte, müsste man das auch tun, und es wäre eine Sünde, wenn man es nicht täte – weil man es ja KÖNNTE. Soweit mal meine Gedanken dazu 🙂

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      1. Nachtrag: Natürlich sind die Gebote, die eine bestimmte Handlung verpflichtend machen (z. B. das Sonntagsgebot), auch nur dann verpflichtend, wenn man physisch und moralisch dazu fähig ist, diese Handlungen auszuführen. Unmögliches verlangt Gott nicht; das geht gar nicht. Wenn man also z. B. die Grippe hat, muss man auch nicht zur Sonntagsmesse gehen – egal, ob man nun zu krank ist, um sich aus dem Haus zu bewegen (physische Unmöglichkeit), oder ob man es zwar körperlich noch irgendwie schaffen könnte, aber die anderen Messbesucher nicht anstecken will (moralische Unmöglichkeit). Die sog. „Unterlassungspflichten“ sind dagegen immer erfüllbar (einfaches Beispiel: Einen unschuldigen Menschen direkt zu töten ist durch das 5. Gebot verboten. Das kann man immer unterlassen. Robert Spaemann hat dazu mal was Interessantes geschrieben – das ist ein sehr langer Aufsatz und hat nicht so direkt was mit dem Thema Skrupulosität zu tun, aber es geht eben auch darum, wofür der einzelne Mensch überhaupt Verantwortung trägt, ich verlinke ihn also mal: http://www.kath-info.de/verantwortungsethik.html ) Ich verlinke hier auch noch mal ein paar andere Artikel von mir, die dir vielleicht auch noch helfen könnten: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/einige-praktische-regeln-fuer-skrupulanten/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/04/kasuistik-ist-etwas-gutes/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/10/21/beten-ohne-zu-beten/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/17/macht-man-was-falsch-wenn-es-einem-gut-geht/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/wenn-man-nichts-richtig-machen-kann/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/04/13/siehe-dein-koenig-kommt-zu-dir-lassen-wir-uns-doch-von-ihm-lieben/. [Ach ja, und weil ich vorhin dieses eine Urteil des Trienter Konzils erwähnt hatte: „Wer sagt, die Furcht vor der Hölle, durch die wir unsere Zuflucht zur Barmherzigkeit Gottes nehmen, indem wir über die Sünden Schmerz empfinden, oder uns vom Sündigen enthalten, sei Sünde oder mache die Sünder noch schlechter: der sei mit dem Anathema belegt“ (Kanon 8 aus dem Dekret über die Rechtfertigung)] Und es ist natürlich auch immer wichtig, daran zu denken, dass Gott es uns nicht als Sünde anrechnen wird, wenn wir uns in irgendeiner Situation einfach GEIRRT haben, oder nicht wussten, dass xyz Sünde ist.

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