Sexueller Anarchokapitalismus

Es ist mal wieder an der Zeit für einen kurzen Rant.

Der Anspruch der Sexuellen Revolution soll ja damals vor ca. 50 Jahren, wie man so hört, im Grunde genommen peace, love and harmony gewesen sein. Sex = Liebe, und man soll ja jeden lieben, nicht? Wenn sich erst mal alle balgen wie die Bonobo-Äffchen, haben sich auch alle lieb, so der einfache Syllogismus.

Dahinter stand natürlich eine selbstgeschaffene Blindheit, die ableugnete, dass Sex eben nicht einfach immer Liebe bedeutet – Vergewaltigungsopfer und Prostituierte können ein Lied davon singen, aber auf niedrigerer Stufe auch sämtliche verführten und dann sitzengelassenen unverheirateten Mütter der Weltgeschichte usw. – und dass Sex etwas ist, das enorme Konsequenzen haben kann, u. a. das Entstehen neuer Menschen, aber auch viele Bindungen und Verletzungen usw. usf.; aber die Theorie mal beiseite; jetzt befinden wir uns ja ein paar Jahrzehnte nach dem Beginn besagter Revolution, und können einen Blick auf ihre realen Folgen werfen.

Ihre realen Folgen waren folgende:

  • Die sexuelle Liberalisierung hat natürlich nicht dafür gesorgt, dass Sex gleich verteilt wäre; und anstatt dass alle zufrieden und glücklich in allgemeiner Liebe vereint wären, haben wir daher also Pick-up-artists, die mit Seminaren zur Manipulation von Frauen Geld machen, und Incels, die, weil sie deren Ratschläge nicht umgesetzt bekommen und keine rumkriegen, aus Hass auf die Welt auch mal zu Terrorismus greifen. Beiden gemeinsam: Ihre fixe Idee, Anspruch auf die Körper anderer Menschen zu haben. Aber das ist eben eine natürliche Folge davon, wenn sich die Einstellung verbreitet, dass jeder Sex brauche und es ohne nicht ginge. Irgendjemand muss den Sex liefern. (Und wenn niemand sonst bereit ist, müssen es dann auch mal rumänische Zwangsprostituierte sein.)
  • Grausamkeit und Gewalt als Teil von Sex: Strangulierung, Schläge, Fisting (nicht googeln, wenn man nicht kotzen will); was auch immer kranken Gehirnen einfallen kann, wird ausprobiert. Freie Liebe, tatsächlich. In der Pornographie sind sadistische Praktiken inzwischen Mainstream, weil Pornoabhängige immer mehr und immer extremere Dosen ihrer Droge benötigen (und dank frei verfügbarer Internetpornographie werden ja schon elf- und zwölfjährige Kinder davon abhängig gemacht), und das schwappt so sehr in reale Beziehungen über, dass es von einigen Männern als völlig normal erwartet wird, dass ihre Partnerinnen sich beim Sex würgen und strangulieren lassen. Früher war selbst Oralsex für viele undenkbar (und ehrlich gesagt wird mir als vergleichsweise abgeschirmter Tradikatholikin schon beim Gedanken an so was schlecht); was haben wir heute? Normaler Sex wurde irgendwann als „bürgerlich“ aka schlecht dargestellt, und die Jagd nach dem noch als besonders Anerkannten (denn in einer so depperten Gesellschaft wie dieser ist ja nur das „Besondere“ gut) führt dann in extrem ekelhafte und brutale Gefilde, weil die destruktive Tendenz des Menschen seit der Erbsünde ja auch noch da ist. Natürlich ist das (davon gehe ich mal aus) bei vielen Paaren nicht so, weil auch die normale, natürliche Tendenz zur Liebe und Zärtlichkeit noch da ist, aber es hat anscheinend epidemische Ausmaße angenommen.
  • Der Erwartungsdruck ist ein ganz anderer – auch bzgl. der Treue des Partners. Es wird von manchen schon absurd gefunden, wenn Frauen – diese Kampfemanzen! – von ihren Freunden doch tatsächlich erwarten, keine Pornographie zu konsumieren. Wenn ein Partner eine offene Beziehung will, scheint allmählich auch erwartet zu werden, dass der andere sich nicht quer stellt. Davon, dass auf Leute, die mit dem Sex gar bis zur Ehe warten wollen, schon länger enorm viel mehr gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird, brauchen wir da gar nicht zu reden. Die Sexuelle Revolution hat das Fenster der Möglichkeiten eben nicht erweitert, sondern verschoben.

Aber am schlimmsten waren die Folgen natürlich nicht für die selber beteiligten Erwachsenen, sondern für die Kinder, die dann irgendwie unter die Räder gerieten.

Zuerst das Offensichtliche: Die Sexuelle Revolution sorgte für viel mehr Kinder, die in zerbrochenen Familien aufwachsen. Scheidungsraten von 30-50% tun Kindern nicht gut. „Die Kinder werden es schon aushalten“, wird dazu vermittelt. Fragt sich nur, wie. „Leben in einer kaputten Familie mit zerstrittenen Eltern tut Kindern auch nicht gut.“ Man kann mir nicht erzählen, dass über 30% aller Ehen zum Scheitern verurteilt wären und Streit ein Fall von höherer Gewalt ist, bei dem nichts zu machen ist. Klar, in manchen Fällen ist eine Trennung auch für die Kinder besser – z. B. wenn ein Elternteil sie oder das andere Elternteil misshandelt. Aber das ist nicht bei über 30% aller Ehen der Fall, und wenn eine Gesellschaft nicht vermitteln würde, dass man sich trennen soll, sobald man nicht mehr dasselbe fühlt wie vorher, oder „sich selbst finden“ will, würden viele ihre Ehen nicht so schnell aufgeben. Und dann muss man sich mal ansehen, wie es dann weitergeht: Irgendwann nach der Trennung zieht der nächste und dann vielleicht der übernächste Freund der Mutter ein; und wenn Kinder mit nicht verwandten Erwachsenen zusammenleben, ist z. B. das Risiko von sexuellem Missbrauch schon einmal gesteigert; ganz zu schweigen von der Instabilität, die das mit sich bringt. Kinder werden hin und her geschoben, geraten zwischen die Fronten, lieben beide Elternteile und sollen gleichzeitig neue Stiefeltern annehmen, die vielleicht gar nicht viel mit ihnen anfangen können.

Die Frage ist eigentlich ganz einfach: Wenn ein Kind die Wahl hätte zwischen den bestmöglichen Situationen in beiden Fällen, also zwischen zwei es liebenden, sich wieder zusammenraufenden und gut miteinander klar kommenden, zusammenlebenden Eltern und zwei es liebenden, sich verhältnismäßig gut miteinander arrangierenden, getrennten und sich neue nette Partner suchenden Eltern: Was würde es wählen?

Eben.

Trotzdem ist schon der Gedanke, hier auf die Kinder Rücksicht nehmen zu sollen, für viele unerträglich. Wieso eigentlich? Die einzige Erklärung: Weil sie es einfach nicht wollen.

Dazu kam dann die Sexualisierung von Kindern und Jugendlichen: Die Behauptung ist, dass viel Sex nur gut tut, und wer das so lebt, will auch die Kinder möglichst früh davon überzeugen und in diesen Lebensstil hineinnehmen. In den 70ern wollte man wirklich Pädophilie legalisieren und war der Ansicht, dass „einvernehmlicher“ Sex zwischen Kindern und Erwachsenen den Kindern nur gut tun könne; dann kam eine Zeit, in der es wieder weniger schlimm war; inzwischen geht es wieder darum, Erstklässler über homosexuelle Sexualpraktiken und Selbstbefriedigung zu unterrichten (und wer dagegen protestiert, ist ein gefährlicher Reaktionärer), Kinder mit Geschlechtsdysmorphie zu bestärken, sie keine normale Pubertät erleben zu lassen und sie möglichst bald unfruchtbar zu machen und zu verstümmeln (und wer dagegen protestiert, ist ein gefährlicher Reaktionärer), und elfjährige Jungen als „Drag Kids“ in Schwulenbars tanzen zu lassen (und wer dagegen protestiert, ist ein gefährlicher Reaktionärer). Feministinnen tragen Schülerinnen beim Sexualkundeunterricht Masturbieren als Hausaufgabe auf, was man nicht anders als als Missbrauch Schutzbefohlener bezeichnen kann; übergriffiger geht es kaum. Wer es nicht so toll findet, wenn zwölfjährige Jungen regelmäßig Pornographie konsumieren, der ist auch ein gefährlicher Reaktionärer und gefährdet die freiheitliche Gesellschaft.

Aber viele Kinder überlebten seit der Sexuellen Revolution ja gar nicht lange genug, um das alles zu erleben. Die Legalisierung der Abtreibung aus jedem beliebigen Grund war praktisch eine notwendige Konsequenz der zentralen Lehren der Sexuellen Revolution: Bei Sex können Kinder herauskommen, auch wenn man verhütet, und wenn man diese Möglichkeit von vornherein ausschließen wollte, weil man meint, ein Recht zu haben, Sex in jeder Konstellation zu haben, in der man für Kinder vielleicht gar nicht vorbereitet ist, muss man das Unglück eben hinterher beseitigen. Inzwischen werden ungeborene Kinder von feministischer Seite als Parasiten bezeichnet.

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Kinder stören bei der Sexuellen Revolution. Sie passen einfach nicht hin, sie müssen zerstört, abgeschoben, zurechtgebogen werden.

Es ist immer Wunschdenken gewesen, zu meinen, beim Bereich Sex käme man ohne Regeln aus. „Keine Regeln“ bedeutet nur das Recht des Stärkeren, oder, wie es Chesterton gesagt hat: „If you will not have rules, you will have rulers“ – wenn ihr keine Gebote haben wollt, werdet ihr Gebieter haben. Und die „consenting-adults“-Regel genügt eben nicht. Menschen können auch – aus Geldnot, Unsicherheit, Angst, Liebesbedürfnis oder emotionaler Abhängigkeit heraus – zustimmen, sich selber ungerecht behandeln zu lassen. Gerade wenn es um wichtige, kostbare Dinge geht, kommt man nicht ohne Regeln aus.

Tatsächlich ist das Denken, dem die meisten Leute im Bereich Sex verfallen sind, einer politisch-wirtschaftlichen Ideologie ähnlich, die glücklicherweise weniger weit verbreitet ist: Dem Anarchokapitalismus. Das einzige Gebot, das der Anarchokapitalismus anerkennt, ist das Nicht-Schadens-Prinzip (Non-aggression-principle): Jeder darf alles tun, solange er einen anderen nicht direkt angreift, und ist nicht verpflichtet, irgendetwas für irgendeinen anderen zu tun. Wenn alle tun, was sie wollen, pendelt sich dann das richtige Gleichgewicht ein. Dass sich kein Gleichgewicht einpendelt, sondern im Gegenteil eine Tyrannei (zur Zeit der Industrialisierung z. B., als es teilweise ziemlich anarchokapitalistisch zuging, wurde nicht ohne Grund von der „Lohnsklaverei“ vieler Arbeiter gesprochen), wird ignoriert; dass man sich oft nicht einmal darauf einigen kann, was „schadet“, auch. Aber am deutlichsten sieht man, in welcher Fantasiewelt Anarchokapitalisten leben, wenn es um das Thema Kinder geht.

Der Anarchokapitalismus geht ja von lauter autonomen, nach ihrem eigenen Interesse handelnden Einzelwesen aus. Nun kommt allerdings niemand als autonomes Einzelwesen zur Welt (und ist es eigentlich sein Leben lang nicht). Dass der Anarchokapitalismus auf nicht ganz korrekten Grundlagen beruhen könnte, sieht man nun daran, welche Schlussfolgerungen die konsequenten Anarchokapitalisten aus ihrer Ideologie ziehen:

Ein Staat dürfe Eltern niemals zwingen, ihre Kinder zu ernähren und zu pflegen und Eltern dürften das Sorgerecht für ihre Kinder auf dem freien Markt verkaufen.

Klingt so abstoßend, dass es schon abstrus ist? Klar. Aber wieso ist es dann nicht abstrus, ein Recht für Mütter zu proklamieren, ihre Kinder zu ermorden, solange es nur bis kurz vor der Geburt geht? Wieso ist es dann nicht abstoßend, ein Leben als Prostituierte für befreiend zu erklären, und Gewaltpornographie für so harmlos wie Asterix-Comics?

Kann mir das irgendjemand mal erklären?

Die 68er-Bewegung: Am Ende nur Fehler und Verbrechen

Eine Rezension zu Bettina Röhls Buch „‚Die RAF hat euch lieb‘: Die Bundesrepublik im Rausch von 68 – eine Familie im Zentrum der Bewegung“.*

 

Über die 68er, die RAF/“Baader-Meinhof-Gruppe“ und von der RAF besonders über Ulrike Meinhof wurden ja schon einige Bücher geschrieben; das Buch der Journalistin Bettina Röhl ist in zweierlei Weise besonders: Erstens, sie war als Ulrike Meinhofs Tochter als Kind von der Gründung der RAF persönlich betroffen; zweitens, sie nimmt eine grundsätzlich kritische Haltung zur 68er-Bewegung ein. Letzteres unterscheidet sie von Autoren wie Stefan Aust („Der Baader-Meinhof-Komplex“) oder gar Jutta Ditfurth („Ulrike Meinhof. Die Biographie“), die ja aus einer sehr linken Perspektive schreibt und Ulrike Meinhof schon mal öffentlich unter feministischen Vorbildern erwähnt:

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Zurück zu diesem Buch: „Die RAF hat euch lieb“ ist eigentlich die Fortsetzung zu Frau Röhls „So macht Kommunismus Spaß! – Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte konkret“ und beginnt im Frühling 1968, als Ulrike Meinhof, zu dieser Zeit eine relativ bekannte und engagierte linke Journalistin Mitte dreißig, sich von ihrem notorisch untreuen Mann Klaus Rainer Röhl (dem Herausgeber der linken Zeitschrift konkret) scheiden lässt und mit ihren fünfeinhalbjährigen Zwillingstöchtern Bettina und Regine vom Hamburg nach Westberlin zieht, und endet 1974 bei ihrer Zeit in der Untersuchungshaft, bevor sie aus der Einzelhaft in Köln-Ossendorf nach Stuttgart-Stammheim verlegt wird, wo sie wieder mit den anderen RAF-Terroristen zusammenkommen, wo der Prozess gegen sie geführt werden, und wo sie 1976 Selbstmord begehen wird.

 

Auf ungefähr 600 Seiten wird Meinhofs Leben in Berlin 1968-1970 beschrieben, wo sie sich weiter radikalisiert, ihr Gang in den Untergrund anlässlich der Baader-Befreiung 1970, die Ausbildung in einem palästinensischen Terrorcamp, der RAF-Terror bis 1972, und die erste Zeit der Haft bis 1974. Es hilft vielleicht, wenn man sich schon ein bisschen mit Meinhofs früherem Leben auskennt; wie sie sich von der evangelischen Christin zur Kommunistin wandelte, wie sie Klaus Rainer Röhl heiratete, wer ihre Pflegemutter Renate Riemeck war usw.; und damit, was überhaupt so die politischen Debatten dieser Zeit waren – aber ich glaube, man wird auch so keine großen Schwierigkeiten haben (ich habe vor mehreren Jahren Alois Prinz‘ Biographie „Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof“ in der 9.oder 10. Klasse als Schullektüre gelesen, was ganz hilfreich war).

Das Buch ist keine Meinhof-Biographie; eher geht es um den Kontext von 1968 und den linken Terrorismus, und in diesem Kontext um Ulrike Meinhof und ihre Familie. In den Text sind drei Essays von Bettina Röhl eingebettet: einer am Anfang über die Bundesrepublik vor 1968, einer in der Mitte über den Erfolg der 68er und einer etwas weiter hinten über Meinhof als linke Ikone.

Im ersten Essay macht die Autorin deutlich, wie gut der Zustand der BRD in den 50ern und 60ern tatsächlich war – vor allem in Bezug auf die Wirtschaft und den weit verbreiteten Wohlstand, aber auch in Bezug auf Sicherheit, Sozialstaat, Rechtsstaat, Kultur; sie bemerkt auch eine gewisse Liberalisierung schon ohne 68. (Wie man die bewertet, ist freilich Ansichtssache.)

Danach, im langen Teil I („Auf dem Höhepunkt von 68″), schreibt sie über Ulrike Meinhofs Zeit in Westberlin ab März 1968, wo Meinhof Anschluss an die Neue Linke dort – die sog. Außerparlamentarische Opposition (APO), den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) – suchte; es geht um die großen Demonstrationen und Kongresse mit Leuten wie Rudi Dutschke, wo es z. B. gegen das militärische Eingreifen der USA im Vietnamkrieg oder den persischen Schah oder den Springer-Verlag („BILD“, „Welt“) und ähnliche Themen ging. Wobei, so groß waren sie im Vergleich nicht: Eine große Demonstration in Berlin fand 12.000 Teilnehmer, und ein paar Tage später gingen 80.000 Berliner gegen die Neue Linke auf die Straße. Es handelte sich, wie Frau Röhl deutlich macht, um eine kleine Minderheit, die aber eine ziemliche Medienpräsenz fand und bald ziemlich ernst genommen wurde.

Die Autorin dokumentiert an dieser Stelle sehr gut die Seiten der 68er, die heute nicht mehr so sehr betont werden: Vor allem die riesige Begeisterung für Mao Zedong, dessen Rote Garden die Bevölkerung in China damals auf unglaubliche Weise terrorisierten (diese Passagen sind besonders interessant), die Begeisterung für weitere Diktatoren und Terrorgruppen der Dritten Welt, außerdem die völlig fehlenden konkreten Vorstellungen davon, was man denn in der Bundesrepublik revolutionieren müsse (irgendwie müsse es mit Enteignungen und Sozialismus funktionieren), und ihr nebulöses Geschwafel von der Schaffung eines „Neuen Menschen“; oder auch die Tatsache, dass die Aufarbeitung der Naziverbrechen gar nicht wirklich in ihrem Fokus war, wie später oft behauptet. Außerdem geht sie z. B. auf ihren – noch immer nachwirkenden – doch sehr einseitigen Blick auf den Vietnamkrieg ein, wo sie sich einfach auf die Seite des grausamen Aggressors Nordvietnam stellten. Sie zeigt sehr gut, wie sich die Neue Linke weigerte, das zu sehen, was sie nicht sehen wollte (v. a. das Elend in China unter Mao).

Sie macht auch deutlich, wie hilflos und milde der westdeutsche Staat von da an immer öfter gegenüber linker Gewalt reagierte: Etwa bei einer Massenamnestie von 1970 für Verbrechen, die mit unter acht Monaten Haft bestraft worden waren, und die speziell für die oft ziemlich randalierenden Studenten geschaffen worden war. Linke Gewalt wurde zur kleingeredeten und für viele zur gerechtfertigten Gewalt; das zeigte sich auch bei den Bombenanschlägen der „Tupamaros West-Berlin“ um Dieter Kunzelmann aus der Kommune 1 (z. B. einem versuchten Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin; aus dem sog. Antizionismus der Neuen Linken wurde schon bald tätlicher Antisemitismus), und der Kaufhausbrandstiftung durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein, die später zu zentralen Figuren der RAF wurden.

In dieser Zeit wollte Meinhof auch ihre Töchter im revolutionären Sinn umerziehen. Frau Röhls Schilderungen haben hier etwas sehr Ironisches:

„Niemand sollte uns mehr zwingen, ins Bett zu gehen. Eine gewisse Verdrecktheit war angesagt. Wir sollten laut, rücksichtslos, aggressiv auftreten, Nachbarn stören und auf keinen Fall ‚Bitte‘ oder ‚Danke‘ sagen.
 Ich sollte nicht mehr mit Puppen spielen, was mir ganz und gar missfiel. […]
 Das war jetzt das Diktat der Mutter im Befreiungskampf. Ich war, obschon noch keine sechs Jahre alt, auch wenn ich nicht alles verstand oder, besser gesagt, gar nichts verstand, fassungslos. Ich kämpfte plötzlich um meine Kleider, ich kämpfte um meine Haare, ich kämpfte um mein früheres kleines Leben, das mir sehr gut gefallen hatte. Und ich bekam einen Wutanfall nach dem anderen, die einen irrsinnig heftigen Widerstand bei ihr erzeugten und ein endloses, erschöpfendes und ziemlich autoritäres Diskutieren und Erklären, bis ich vor Erschöpfung umfiel. Ob ich es nun wohl endlich verstanden hätte, dass Kleider und Schmuck repressiv seien und Mädchen zu Puppen machten!“ (S. 121)

Ulrike Meinhof zeigte sich auch sonst nicht als die beste Mutter; ihre Kinder waren z. B. ständig zu spät und ohne Pausenbrot und anständige Ausstattung in der Schule, nachdem sie im Herbst 1968 in einer Privatschule eingeschult worden waren. In dieser Zeit lernte sie auch einen neuen Partner kennen, Peter Homann, ein ehemaliger Kunststudent, der ebenfalls zur sozialistischen Szene in Berlin gehörte, der zu ihr zog und sich besser um die Zwillinge kümmerte, und von dem Frau Röhl viele Aussagen in ihr Buch aufgenommen hat. (Sie bringt etliche lange Zitate aus Interviews mit Zeitzeugen, was sehr interessant ist.)

Während sie in Berlin lebte, schrieb Ulrike Meinhof außerdem weiter für konkret und startete auch einige Versuche, die Zeitschrift ihres Exmannes mit ihren Leuten zu übernehmen; als das nicht gelang, kündigte sie und organisierte dann noch eine Besetzung des Verlags und einen Überfall ihrer Leute auf das Wohnhaus von Klaus Rainer Röhl. Ihre Beziehung zu ihrem Exmann war überhaupt nicht die beste: ihrem Scheidungsanwalt gegenüber verbreitete sie Lügen über Klaus Rainer Röhl, sie hetzte Bettina und Regine gegen ihn auf, verhinderte seine Besuche und fing schließlich seine Briefe an die Kinder ab. Auch wenn Röhl durchaus nicht immer sympathisch und oft etwas eigen wirkt: Meinhof macht hier erst recht nicht den besten Eindruck.

Zudem schrieb sie in dieser Zeit das Drehbuch für ein Fernsehspiel über Heimkinder, und verschiedene Linke aus APO-Kreisen – u. a. Baader; die Kaufhausbrandstifter waren auf freiem Fuß, während ihre Revision lief – aus Frankfurt und aus Berlin fuhren auch tatsächlich zu Heimen für schwer erziehbare Jugendliche und brachten einige dazu, aus dem Heimen zu fliehen, woraufhin sie in deren WGs aufgenommen wurden. Besonders gut durchdacht war das nicht; Frau Röhl zitiert die spätere RAF-Terroristin Astrid Proll: „Und in allen Wohngemeinschaften gab es Streit mit den zum Teil kriminellen Jugendlichen, die alles klauten, asozial waren und nicht mehr wussten, wo es langging. Eine Diskussion lief an. Die Frage wurde diskutiert, ob man die Jugendlichen zu Revolutionären erziehen oder sie für ein normales Leben fit machen sollte. Baader wollte sie kriminalisieren. Gudrun und Andreas waren die ‚Stars‘, sie fuhren mit einem dicken Mercedes herum, nahmen reichlich Drogen, vor allem Haschisch und LSD.“ (S. 212f.) Trotzdem schafften die Leute um Baader es sogar, für ihre ‚Lehrlingskollektive‘ Subventionen vom Jugendamt zu bekommen.

An diesem Buch zeigt sich beispielhaft, wie die totale linke Politisierung ein Familienleben ruinieren konnte (alles war für Meinhof in dieser Zeit politisch und sie muss dabei anscheinend ziemlich unglücklich gewesen sein; es ist krass, wie sie z. B. in ihrem Osterurlaub 1969 Peter Homann als Faschist beschimpfte, weil er mit ihren Kindern Sheriff und Banditen spielte); und wie die versuchte Auflösung aller Strukturen durch die 68er oft einfach nicht funktionierte (z. B. bei den Heimkindern um Baader).

Dann kommt Frau Röhls zweiter Essay: „Der Triumph von 68“. Sie dokumentiert hier, wie Ende 1968, nach dem Attentat auf Dutschke, bei der engagierten Minderheit der neulinken Dauerprotestierer irgendwie „die Luft raus“ war und sie sich weiter zersplitterten, obwohl sie sich gerade da in der Gesellschaft durchzusetzen begannen und ihre Ideen sich weiter verbreiteten, v. a. nachdem Willy Brandt 1969 Kanzler wurde. Sie schreibt:

„Fast alle wollten nun mitmachen, wollten jetzt links sein, bald wollte jeder in der Gesellschaft beweisen, dass er irgendwie auch etwas links war und jedenfalls ‚Verständnis‘ für die guten Ziele der APO hatte. In einer Umfrage des Allensbacher Instituts erklärten zwischen 60 und 70 Prozent der Schüler und Studenten, dass sie Rudi Dutschke, der immerhin das System, die Bundesrepublik Deutschland, abschaffen wollte und von ‚Stadtguerilla‘ gesprochen hatte, gut fänden.
[…]
Der Staat, was immer das im 68er-Verständnis, in den nebulösen Abstrakta von ‚Repression‘, ‚Imperialismus‘ und dergleichen gewesen sein mag, hat damals verloren, das ist meine These. Er ist seither ein verdächtiger Staat, und das alleine ist bereits die Niederlage: Der Staat ist seit dem Paradigmenwechsel von 68 ein zutiefst im Kern bemakelter, ein im Mark erschütterter Staat. Ihm wurde damals eine enorme Bringschuld au
fgebürdet und nur eine extrem eingeschränkte Grundlegitimation zugestanden.“ (S. 249f.)

Es wird hier auch deutlich, wie diese linken Studenten eigentlich wenig wirklich (selbst aus ihrer Sicht) Konstruktives machen wollten, wie es ihnen langweilig wurde, als sie bei der Mehrheit beliebter wurden und nicht mehr so sehr Avantgarde spielen konnten. Sie hatten sich auf Revolution festgelegt; und jetzt sollte es plötzlich ohne Revolution gehen?!

Die Bewegung zersplitterte sich zwar, wurde aber zahlenmäßig groß und erlangte die Deutungshoheit; ihr wurde wenig entgegengesetzt. Über die Protestmode schreibt Frau Röhl:

„68, das heißt: Protestkultur statt Kultur. Protestpolitik statt Politik, heißt Protestjournalismus statt Journalismus, heißt Protestjustiz statt Justiz. Nur dass, wenn Protest Mainstream ist, wenn Protest Regierung und Opposition gleichzeitig ist, Subkultur und Hochkultur, vom Protest nichts übrig bleibt; dass dann linker Protest der aalglatteste, angepassteste, opportunistischste Mainstream und kein echter Protest mehr, nur noch Attitüde ist.“ (S. 255)

Nach diesem Essay kommt Teil II: „Die Entstehung der RAF“. Interessanterweise schreibt Frau Röhl hier zunächst wenig über Andreas Baader und Gudrun Ensslin und mehr über Horst Mahler, einen Berliner Anwalt und Begründer des „Sozialistischen Anwaltskollektivs“ (zusammen mit u. a. dem späteren Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele). Mahler wollte eine Stadtguerilla aufbauen, sprach dafür einige Leute im SDS-Umfeld an und war zentral an der Gründung der RAF beteiligt, wurde aber dann später früh festgenommen.

Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren inzwischen abgetaucht, um ihre Haftstrafe nach der erfolglosen Revision nicht absitzen zu müssen, und zogen im Februar 1970 zu Ulrike Meinhof und ihren Kindern. Frau Röhl beschreibt sie: „Er schrie und pöbelte herum. Baader benahm sich, wie man sich vielleicht den Zuhälterkönig einer kleineren deutschen Großstadt vorstellt. […] Ensslin machte hier und da ihre Statements und war ähnlich aufgekratzt wie Baader, was vermutlich an den Aufputschmitteln und sonstigen Drogen lag, die sie nahmen. […] Auch sie sah und hörte uns Kinder nicht. Das war neu. Alle anderen Genossen, die wir bis dahin gekannt hatten, hatten sich mindestens den Anschein einer gewissen Kinderfreundlichkeit gegeben.“ (S. 276-278) Meinhof fand Baader offenbar sehr interessant; die Beziehung zu Homann ging zu Ende. Die Meinhofsche Wohnung wurde zum Treffpunkt der Linksradikalen, die von der „Stadtguerilla“ redeten; Meinhof war die Agitation durch Journalismus und Film jetzt zu wenig geworden, zu einer Art Heuchelei: Es musste etwas Richtiges passieren – aka Gewalt.

Dann wurde Andreas Baader doch noch festgenommen und hätte seine – ziemliche kurze – restliche Strafe absitzen müssen. Aus irgendeinem Grund wollte man ihn befreien, wofür ein fingierter Vertrag mit einem linken Verlag für ein Buchprojekt mit Baader und der Journalistin Meinhof abgeschlossen wurde, wegen dem Baader Ausgang für die Recherche in einer Bibliothek bewilligt wurde. (Das Ganze war im Mai 1970.) In dieser Bibliothek setzten die bewaffneten Befreierinnen Gudrun Ensslin, Irene G., Ingrid Schubert und ein Helfer namens Jürgen B. die Baader begleitenden Polizisten außer Gefecht und ein Angestellter namens Georg Linke wurde lebensgefährlich angeschossen, bevor sie mit Baader aus dem Fenster sprangen – Ulrike Meinhof hinterher – und in bereitgestellten Fluchtautos, von zwei Frauen namens Astrid Proll und Hanna K. gefahren, flüchteten.

Frau Röhl vertritt hier die von ihr gut begründete These, dass Meinhofs Mitabtauchen von ihr geplant war; dass sie nicht, wie manche meinten, nur quasi aus Versehen oder in einer Augenblicksentscheidung mitkam, statt, wie es ursprünglich gedacht gewesen wäre, scheinbar verdattert zurückzubleiben.

„Alles spricht dafür, dass Meinhof selber ganz dringend gemeinsam mit der Gruppe in den gemeinsamen Untergrund abtauchen wollte, dass sie in einem effektvollen Sprung die Welten wechseln wollte. […] Etliche Terroristen haben mir von diesem Reiz erzählt, von dieser Flucht vor den Sachzwängen des Lebens. Und die große Revolution, das große Ziel, das Phantasma, das alles legitimiert, verdrängt die eigenen täglichen Probleme, die allerdings, wer hätte das gedacht, im Untergrund binnen kürzester Zeit wie ein Bumerang doppelt und zehnfach zurückkehren. […]
In ihrem solidarischen Abtauchen in den Untergrund lag wahrscheinlich auch etwas Anbiederndes, sie wollte die Wärme einer Gruppe, ein Gruppengefühl, die Solidarität einer Familie, das Ideal, durch die Illegalität zusammengeschweißt zu werden. Und ganz wichtig für
Meinhof, dass sie, wie sie es oft zum Ausdruck brachte, sich selber immer wieder durch gemeinsame Taten revolutionieren konnte und nicht heimlich doch verbürgerlichte.“ (S. 310f.)

Die werdenden Terroristen verbargen sich zuerst bei Freunden und reisten dann mit gefälschten Pässen über Ostberlin nach Jordanien in ein Ausbildungslager der Fatah, die sich in ihrem Kampf gegen Israel mit vielen Linken weltweit verbündete. Auch Homann, der sich geweigert hatte, sich bei der Baader-Befreiung zu beteiligen, und noch versuchte, Ulrike Meinhof zu überreden, sich der Polizei zu stellen (aber nicht selbst die Polizei rief) ging mit, weil er fälschlicherweise statt Jürgen B. gesucht wurde und vielleicht auch, weil er sich irgendwie für Meinhof verantwortlich fühlte; auch Horst Mahler und andere kamen. Bevor sie nach Jordanien ging, sprach Ulrike Meinhof eine Art Manifest der RAF auf Tonband, das dem Spiegel zugespielt wurde und das er tatsächlich veröffentlichte; der Anfang einer Gier der Medien nach RAF-Geschichten. So erreichte die RAF die „intellektuellen Linken“, an die sie sich wenden wollte: Die müssten endlich etwas tun, sich bewaffnen, statt nur reden, proklamierte Meinhof. Dabei betrieb sie die totale Entmenschlichung der Gegner, d. h. der Polizisten. („Das ist ein Problem, und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“) Viele Kampfgenossen bekam sie dadurch zwar nicht; aber berühmt wurde sie allerdings.

Und da waren dann noch Meinhofs Töchter, die jetzt gerade erst sieben Jahre alt waren. Da sie auf ihren Exmann einen extremen Hass hegte und sich auch mit ihrer Pflegemutter zerstritten hatte, fragte Meinhof, bevor sie in den Untergrund ging, eine Zeitlang im Bekanntenkreis herum, wer vielleicht ihre Kinder nehmen könnte; am Tag der Baaderbefreiung ließ sie ihre Kinder zunächst von ihren Verbündeten Jan-Carl Raspe und Marianne Herzog bei einem befreundeten Ehepaar, den Holtkamps, in Hannover unterbringen. Als ein Gericht eilig Klaus Rainer Röhl das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die verschwundenen Kinder zusprach und Holtkamps merkten, dass er bemerkt hatte, wo sie waren, ließ die RAF sie von Marianne Herzog, Monika Berberich und Hanna K. nach Sizilien verschleppen, in ein Barackenlager für Erdbebenopfer, wo einige kommunistische Genossen aktiv waren. (Röhl hatte seinen Bruder nach Hannover geschickt, um die Kinder zu finden, der zu spät ankam.) Herzog und Berberich fuhren abrupt wieder aus Sizilien ab; die zurückgelassene Hanna K., die eigentlich nur als Fahrerin hatte fungieren sollen, blieb eine Zeitlang mit den Zwillingen dort und wurde nach sechs Wochen von vier Hippies abgelöst; dann ging sie kurz nach Jordanien, reiste aber schnell entsetzt wieder ab und seilte sich von der entstehenden RAF ab. Regine und Bettina blieben insgesamt mehrere Monate in Sizilien, den ganzen Sommer über (eine Erklärung erhielten sie nicht), während ihre Mutter und deren Freunde bei der Fatah das Schießen und Handgranatenwerfen lernten.

In diesem Ausbildungslager wurden Baader und Ensslin, die sich auf brutale Weise durchsetzen konnten, zu den Anführern der RAF.

Peter Homann, der von Anfang an nicht richtig dazugehört hatte, wurde bald verdächtigt, möglicherweise zum Verräter werden zu können und die ganze Gruppe, inklusive Meinhof, beschloss ihn zu liquidieren; nur die Palästinenser schützten ihn vor den eigenen Genossen. Er konnte im Gegenzug für Versprechen gegenüber den Palästinensern getrennt von den anderen nach Deutschland zurückreisen. Er hatte auch gehört, wie die Gruppe einen Plan geschmiedet hatte, Meinhofs Kinder in ein Waisenlager der Fatah zu geben; in Deutschland, wo er sich bei palästinensischen Kontaktleuten melden sollte, erfuhr er, dass Bettina und Regine tatsächlich dorthin kommen sollten, sprach dann mit dem jungen Journalisten Stefan Aust, den er von konkret kannte, und nahm Kontakt zu Hanna K. auf, durch die er den Kontakt nach Sizilien bekam. Aust fuhr dorthin (Homann wurde immer noch polizeilich gesucht), um die Kinder zu holen und brachte sie ihrem Vater zurück. Kurze Zeit später traf Ulrike Meinhof – allein, mit gefälschtem syrischem Pass – in  dem sizilianischen Barackenlager ein; ihre Kinder waren weg. Für Regine und Bettina, die einem ziemlich entsetzlichen Schicksal gerade noch entkommen waren, ging in Hamburg eine anscheinend ziemlich unbeschwerte Kindheit weiter, in der ihre Mutter praktisch keine Rolle spielte.

Die Autorin erwähnt noch die ersten Banküberfälle der RAF und die Festnahme der ersten Mitglieder – darunter Mahler –; dann beginnt Teil III: „Mythos Meinhof“, der sich mit der Zeit nach 1970 befasst.

Die Taten der RAF – die Bombenanschläge auf amerikanische Soldaten, die Morde an Polizisten usw. – werden nicht im Detail beschrieben, auch wenn die Autorin Wert darauf legt, kurz auf die einzelnen Todesopfer einzugehen. „Die Taten der RAF“, schreibt Frau Röhl, „also der von den Beamten gemeinte Baader-Meinhof-Komplex, ist dagegen nur eine mittelinteressante Story, ein mittelinteressanter Krimi mit unheimlichen Längen. Die Reaktion der Gesellschaft und der Politik auf die RAF – das ist das spannende Thema.“ (S. 464) Es geht also hier mehr um Leute wie den zuständigen BKA-Kommissar Alfred Klaus, der sich bemühte, sich in das Denken der Terroristen hineinzuversetzen und psychologische Gründe für ihre Taten zu finden; Klaus Rainer Röhl, der fest überzeugt war, dass seine Exfrau, an der er irgendwie noch hing, von anderen in den Terrorismus hineingezogen worden war und diese Sicht weithin propagierte; Renate Riemeck, die in konkret empathisch und ganz auf kommunistischer Basis an ihre Ziehtochter appellierte, vernünftig zu werden; Heinrich Böll, der im Spiegel die Gewalttaten der RAF herunterspielte und Gnade für Meinhof forderte; oder auch um die ganze lächerliche Diskussion in der Bundesrepublik darüber, ob man in diesem Fall von Bandenkriminalität denn wirklich von der „Baader-Meinhof-Bande“ sprechen dürfte oder nicht eher „Gruppe“ sagen müsse.

In Teil III ist auch der dritte Essay der Autorin eingebettet, über die Ikone Meinhof, die wesentlich bekannter wurde als andere linksextreme Terroristen. Frau Röhl schreibt: „Meinhof besetzt viel zu singulär das Terrorfeld in den Köpfen vieler Menschen, und dies, ohne dass sie als echte ‚Terroristin‘ empfunden wird. So wie sie in den Köpfen vorkommt, verdrängt sie jedoch vor allem ihre Opfer regelrecht aus dem öffentlichen Bewusstsein.“ (S. 501)

Auf den letzten hundert Seiten wird Meinhofs erste Zeit im Gefängnis, in Isolationshaft, beschrieben, es wird beschrieben, wie Angehörige und Anwälte erfolglos versuchten, sie zu deradikalisieren. Jetzt entstand wieder ein kleiner Briefwechsel mit ihren Töchtern, und es gab ein paar wenige Besuche im Gefängnis; aber dann bricht Meinhof den Kontakt wieder ab, auch zu ihren anderen Verwandten. (Der Titel des Buches, „Die RAF hat euch lieb“, stammt aus einem von Meinhofs Briefen an Bettina und Regine.) Im Gefängnis schrieb Ulrike Meinhof auch eine jubelnde Erklärung zum Mord an den israelischen Sportlern durch palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München 1972, die sie ihrem Anwalt schickte, und veranstaltete, wie andere RAF-ler, Hungerstreiks, um gegen die Isolationshaft zu protestieren, womit sie in der Gesellschaft einiges an Sympathie einheimsen konnten. Frau Röhl wertet hier die Akte von Meinhofs Anwalt Heinrich Hannover detailliert aus, was ziemlich spannend ist; interessant ist dabei auch, wie Meinhofs Briefe an ihren Anwalt immer verworrener werden.

Das Buch endet, wie gesagt, 1974; eine Fortsetzung wäre sicher ebenfalls noch lesenswert.

 

Ulrike Meinhof kommt in diesem Buch negativer herüber als in Prinz‘ „Lieber wütend als traurig“ (mit anderen Büchern kann ich es ja nicht direkt vergleichen). Ihre Rachsucht gegenüber ihrem Exmann, ihr oft unverschämtes und immer forderndes Verhalten z. B. gegenüber ihren Anwälten (bei ihrer Scheidung wie nach ihrer Festnahme als Terroristin) oder gegenüber Klaus Rainer Röhl bei den Verhandlungen über ihre Honorare und Vertragsbedingungen bei konkret, ihr mangelndes Interesse an ihren Kindern, ihre (mindestens passive, vielleicht aber auch sehr aktive) Beteiligung am Mordplan gegenüber Peter Homann, ihr völlig fehlendes Unrechtsbewusstsein wegen der Morde an Polizisten und amerikanischen Soldaten; alle diese unsympathischen Seiten werden hier deutlicher. Erschreckend war eine Stelle in einem Interview mit Peter Homann, in dem Homann erzählt (das war vor der Gründung der RAF):

„In dieser Zeit bat sie mich, während wir am Abend wieder mal viel zu viel Wein getrunken hatten, nach Hamburg zu fahren und heimlich nachts die Schrauben der Autoreifen an Klaus Röhls Auto, ein weißer Mercedes, zu lockern, damit er sich am nächsten Tag totfahren würde. Sie meinte das ganz im Ernst. Sie bat mich, das für sie zu tun. Und ich erschrak unheimlich.
 Ich sagte zu ihr: Also jetzt, Ulrike, bist du verrückt geworden, das mache ich nicht, das geht zu weit. Da sagte sie: Ach so, und ich dachte, das würdest du für mich tun. Ich habe lange überlegt, ob ich das irgendjemandem erzähle, aber es zeigt, wie weit damals ihr Hass ging.“ (S. 234)

Mir ist außerdem aufgefallen, dass Frau Röhl ab und zu Hintergrundinfos bringt, die Aussagen der RAF-Terroristen, die bei Alois Prinz unhinterfragt dastehen, als falsch entlarven. Z. B. schrieb Meinhof in einem Brief Ende 1968 an Freunde über die Zwillinge: „In den Herbstferien waren sie bei ihrem Pappi in Hamburg und haben Terror gemacht. Da standen 6 Marmeladen auf dem Tisch, ‚alle zu 6 Mark‘ – und dann ist meine Schwiegermutter fast in Ohnmacht gefallen, weil sie erklärten, sechs genügten nicht, unter acht fingen sie nicht an zu essen. Ich habe denen gesagt, wenn ihr nichts anderes anzubieten habt als Marmeladen, dürft ihr euch nicht wundern – wenn ihr Konsumterror macht, dürft ihr euch nicht wundern, wenn die Kinder auch Konsumterror machen.“ Prinz erwähnt diese Aussage in seiner Biographie. Frau Röhl schreibt, dass ihre Mutter sich die Geschichte schlichtweg zusammenfantasiert hatte, nachdem die Zwillinge ihr erzählt hatten, dass ihr Vater (der gern einen großen Wirbel veranstaltete und seine Kinder verwöhnte) mit ihnen zu einem Feinkostgeschäft gefahren war und acht oder zehn Marmeladensorten für sie ausgesucht hatte (was ihnen gefallen hatte).

Es kommen praktisch unglaubliche Details aus der RAF-Geschichte zutage: Frau Röhl hat z. B. recherchiert, wie sich Meinhofs Anwälte in Berlin tatsächlich noch einen Sorgerechtsstreit mit Klaus Rainer Röhl um die Zwillinge lieferten, nachdem Meinhof schon abgetaucht war und die Kinder in Sizilien waren: Meinhof beabsichtige, ihre Kinder zu ihrer Schwester zu geben „bis die gegen sie angeblich vorliegenden Verdachtsmomente der Begehung strafbarer Handlungen entkräftet sind und sie in ihre Wohnung nach Berlin zurückkehren kann“, hieß es in einem von Hans-Christian Ströbele unterzeichneten Antrag (S. 396), also solle man ihr das Sorgerecht, das sie seit der Scheidung hatte, doch bitte lassen.

Dass Meinhof ihre Mutterrolle schon vor der RAF-Zeit nicht allzu gut ausfüllte, wird deutlich. Die Autorin erwähnt auch dieses Videointerview, das Meinhof kurz vor ihrem Gang in den Untergrund gab und in dem sie traurig darüber redet, wie schwer es sei, alleinerziehend und gleichzeitig politisch aktiv zu sein, und am Ende ein bisschen kryptisch über das Verlassen der Familie redet:

Frau Röhl urteilt:

„Meinhof fabuliert über die klugen alleinerziehenden Frauen, zu denen sie sich selber zählt, die es unheimlich schwer hätten, politisch zu arbeiten, der Kinder wegen. Sie verschweigt, dass sie neben unserer Schule einen Kinderladen in Anspruch nahm, dass sie ganz viele dienstbare Geister um sich hatte, an die sie ihre Mutteraufgaben delegierte. Und sie verschweigt, dass sie seit der Geburt von uns Zwillingen immer Hauspersonal beschäftigt hatte, was sie jetzt aus ideologischen, nicht etwa aus finanziellen Gründen ablehnte. […]
 Und die erfahrene Journalistin, die schon mehrfach im Fernsehen aufgetreten war, also wusste, wie man auftritt und wie man wirkt, inszenierte sich für diese Filmsequenz ganz bewusst als eine Frau, die droht kaputtzugehen. Der 68-Revoluzzer mit Weltgeltungsanspruch wollte das Bild des an der Welt Verzweifelnden abgeben, der sich für die Menschheit opfert, Äußerlichkeiten nicht mehr wahrnimmt und so sensibel ist, dass man ihm das ‚Nicht-mehr-aushalten-Können‘, das ‚innere Weinen und Schreien‘ sofort und unmittelbar ansieht. […]
 Das Video ist ein mittelmäßig gelungenes Buhlen um Sympathie und Verständnis un gleichzeitig auch eine Abschiedsbotschaft.“ (S. 289f.)

Über das Problem von Meinhof mit ihren Kindern urteilt Frau Röhl schlicht:

„Eine Mutter ist Mutter, weil sie Kinder hat. Das ist die Definition. Wenn eine Mutter mit ihren Kindern Probleme hat, dann hat sie Probleme, die Kinder haben originär keins. Wenn eine Mutter ihre Kinder loswerden will, ist das ihr Problem, nicht das Problem der Kinder. Und vor allem: Die Kinder an sich sind kein Problem. Sie haben vielleicht eins mit ihrer Mutter, die ein Mutterproblem hat, mit einer Mutter, die eine Problemmutter ist. […]
Fakt ist:  Meinhof war eine Frau, die ihre Mutterrolle nie gefunde
n hat; zwischen partiellem Überengagement und aversivster Ablehnung schwankte sie hin und her und wusste nicht, wie sie es ihrer Umwelt verkaufen sollte, dass sie sich ihrer Kinder entledigen wollte. Vermutlich wusste sie auch vor sich selbst nicht, wie sie ihre Abstoßungsreaktionen erklären sollte.
Die Idee, dass Kinder ihre Mütter am Leben hinderten, am Beruf, an der Selbstverwirklichung, an der sexuellen Erfüllung oder eben auch an der revolutionären Selbstverwirklichung, lag damals schwer im Trend, ein Trend, der sich in den extremen Kommunen wie zum Beispiel der Otto-Mühl-Kommune, aber auch bei den Sannyasins fortsetzte. Auch dort war es Programm, dass Kinder für die Selbstverwirklichung vor allem der Frau gezielt und bewusst von ihren Müttern getrennt, verlassen, zurückgelassen oder sogar weggegeben wurden. Es galt teilweise als fortschrittlich, die überkommene Mutterbindung brutal zu brechen und zu überwinden, um auch die Kinder zu selbstständigen neuen Menschen zu erziehen.“
(S. 291f.)

Dass sich Meinhof immer weniger für ihre Kinder interessierte, wird immer wieder an Details deutlich; am entsetzlichsten zu lesen sind aber die Passagen über die Pläne der RAF, sie in dem Waisenlager der Fatah unterzubringen. Es ist krass, wie auch mehrere ehemalige RAF-ler sich der Autorin gegenüber über dieses Thema äußerten; wie z. B. Monika Berberich in einem Interview aus dem Jahr 1995 gegenüber Bettina Röhl versuchte, Meinhofs Taten herunterzuspielen und zu rechtfertigen:

„Monika Berberich: Ja, sie ist davon ausgegangen, dass ihr ’ne Menge Positives in eurem Leben schon mitgekriegt habt, und dass ihr zu zweit wart, war auch total wichtig. Und es war zuerst nicht die Überlegung, dass sie euch gleich gar nicht mehr sieht. Erst in dem Moment ist das eine Überlegung geworden, wo klar war, dass euer Vater versucht mit allen Mitteln, euch zu kriegen, denn – das vergess ich nicht…
Bettina Röhl: Was meinst du?
Monika Berberich: Willst du das wirklich genau wissen? Weil sie ihn für ein Schwein gehalten hat, und zwar im buchstäblichen Sinne.
Bettina Röhl: Ein bisschen genauer bitte.
Monika Berberich: Sie meinte, er wird sich auf die eine oder andere Weise irgendwie an euch vergreifen, und es gab schon Zeichen dafür.
Bettina Röhl: Also sexueller Missbrauch?
Monika Berberich: Ja – ja, jetzt vielleicht nicht im allerschlimmsten Sinne, aber..
Bettina Röhl: Hm.“ (S.379)

Oder wie Horst Mahler ihr gegenüber sagte „Sie wollte nicht, dass ihr in einem bürgerlichen Leben bei eurem Vater verkommt“ (S. 378).

Oder Manfred Grashof in einem Interview von 1999:

„Manfred Grashof: […] da kann ich sagen, ich hab dafür plädiert, dass ihr in ein Camp kommt, da kannst du mich jetzt hassen […], weil, das war für mich die einfachste und die plausibelste und die richtigste Lösung. […] es gab da auch Schulen, die hatten dann auch so eine Jugendorganisation, das war dann natürlich total militärisch, die jungen Löwen, na ja, Jungs und Mädchen zusammen, ab einem gewissen Alter, also es gab da soziale Strukturen, die nicht irgendwie behauptet waren, sondern die real existierten. […]
[…]
Bettina Röhl: Und hattest du auch die Idee, eventuell deine Tochter……?
Manfred Grashof: Na ja, die ging zur Schule, die war zu dem Zeitpunkt […] schon längst bei meinen Eltern und, also ich hatte ja eigentlich nicht so die Veranlassung, da das Mädchen zu kidnappen, um es dann in den Libanon oder sonst wohin […] zu bringen.“ (S. 383-385)

Nochmal im Klartext: Es ging darum, zwei siebenjährige Mädchen bei Fremden aus einer Terrororganisation in einem arabischen Kriegsgebiet zurückzulassen.

(Im selben Interview erzählt Grashof auf Nachfrage noch, wie das Camp mit den Waisenlagern kurze Zeit später bei einem Bombenangriff des israelischen und jordanischen Militärs zerstört wurde.)

Die Autorin urteilt: „Auch Mahler, Baader, Ensslin hatten Kinder in unserem Alter, und auch sie sahen ‚eigentlich nicht so die Veranlassung‘, ihre Kinder zu ‚kidnappen‘ und in ein Waisenlager in den Nahen Osten zu bringen. Der Kinderirrsinn, der tätliche Hass auf ihren Exmann sowie die Tatsache, dass sie dem Plan, Peter Homann zu liquidieren, schweigend zugestimmt hatte oder gar diejenige war, die den Liquidierungsplan durch ihren Verdacht befördert hatte, war ganz offenkundig eine Meinhof’sche Besonderheit.“ (S. 385)

Frau Röhl berichtet in diesem Zusammhang auch, wie Mahler und Baader später, als die Zwillinge wieder bei ihrem Vater waren, noch bei Hanna K. mit Pistolen auftauchten, sie bedrohten und erfahren wollten, wo die Kinder waren, wie sie auch bereit gewesen wären, Homann und Aust zu erschießen, und dann doch von ihren Plänen abließen, wie ernst es mit der Verschleppung der Mädchen also war und was ihre Befreier riskierten; und sie berichtet, wie RAF-Apologeten später oft versuchten, die Pläne mit der Verschleppung nach Jordanien herunterzuspielen (z. B. Jutta Ditfurth in ihrer Meinhof-Biographie), oder sie zumindest rasch übergingen.

„Meinhof hat ihre Kinder nicht ‚verlassen‘, wie es immer so schön traurig heißt“, urteilt Frau Röhl. „Im Gegenteil, sie hat ihre Kinder mit in ihren Abgrund reißen wollen. […]
 Ich begreife Meinhofs sogenannten Sprung aus dem Fenster des Instituts für Sozialforschung am 14. Mai 1970 als den ersten Akt ihres sich lang hinziehenden Selbstmords.“ (S. 456f.)

Ulrike Meinhof muss offenbar ein sehr unglücklicher Mensch gewesen sein, mit dem Wunsch, so radikal wie nur möglich zu sein, aber gleichzeitig auch mit sehr unangenehmen Seiten und absurden Rationalisierungsstrategien.

Weitere interessante Punkte:

Es tauchen immer wieder bekannte Namen im linksextremen Umfeld, aus dem die RAF entstand, auf: Hans Magnus Enzensberger, Johannes Rau, Heinrich Böll, und viele mehr. Die Anwälte der RAF, wie Otto Schily und Hans-Christian Ströbele waren deutliche Sympathisanten und Helfer ihrer Mandanten, oft Freunde, die sie von früher kannten, und sie wurden später erfolgreich in der deutschen Gesellschaft. Es wird dokumentiert, wie viele der RAF in den frühen 70ern halfen, wie gut gerade Ulrike Meinhof in der Gesellschaft vernetzt war, bei wie vielen Leuten sie, während sie im „Untergrund“ war, auftauchen und Unterkunft, Geld und sogar Pässe bekommen konnte, ohne dass jemand die Polizei rief. Man bekommt eine Ahnung, wie weit der absurde Hass der Linken auf die Polizei ging; lieber half man Terroristen, als die Polizei zu holen.

Man merkt Frau Röhl immer wieder einen gerechtfertigten Ärger über die selektive Geschichtsrezeption der Alt-68er an, aber dabei bleibt sie gerecht und klar. Sie schreibt ziemlich pragmatisch; manchmal vielleicht etwas sehr pragmatisch. Wo man vielleicht noch mehr ideologische Kritik an  den theoretischen Prinzipien des Linksextremismus üben könnte, und andererseits deutlicher anerkennen könnte, dass der Wunsch nach Radikalität, den damals so viele irgendwie romantisch fanden, doch auf irgendeiner guten Wurzel basieren musste (ich meine hier weniger die Terroristen als vielmehr ihre Fans – wie sehr fehlten vielen Leuten Radikalität und Prinzipientreue, wenn sie meinten, wenigstens das bei der blödsinnigen Zerstörungswut dieser Terroristen zu finden?) kanzelt sie das Ganze ab und zu einfach mit dem Hinweis auf den fehlenden wirtschaftlichen Sachverstand der Neuen Linken ab (was ja auch berechtigt ist).

Sie hat übrigens auch ein paar klare Worte übrig für das ideologiegeleitete Interesse mancher Journalisten usw. an ihrem Leben und dem ihrer Schwester:

Was für ein Roman, was für eine schöne dramatische Geschichte: zwei blonde Mädchen mit der Kalaschnikow in der Hand, das war das Bild, das sich viele Menschen von meiner Schwester und mir machten. In etlichen Theaterstücken und Filmen wurden meine Schwester und ich tatsächlich so dargestellt. Dass wir längst wieder ein normales Leben führten und mit dem Terror von Meinhof gar nicht in Berührung kamen, ja, dass es uns gut, sogar ganz hervorragend ging, dass wir unser eigenes Leben fröhlich und interessiert lebten, passte nicht in die gierigen Journalistengeschichten der Tragödie von den ‚armen Kinder‘, die von der guten, armen tollen Terroristin für die Revolution geopfert worden wären. Es nervt, kann ich nur sagen! […] Und wenn man nicht dem Bild entsprach, waren viele beleidigt oder etwas böse. Haben die Kinder denn gar keine Gefühle für ihre Mutter? Dann sind sie eiskalt und gefühlsmäßig abgestumpft, wie eigentlich doch alle Nachgeborenen nach 68, oberflächlich und vielleicht auch etwas dumm und ohne Empathie für die große Revolutionsidee.“ (S. 493f.)

„Ulrike Meinhof hat vor 42 Jahren entschieden, ohne Reue und ohne Versöhnung mit der Gesellschaft aus dem Leben zu gehen. Und doch wünschen sich immer wieder so viele Menschen eine große Versöhnungsgeschichte: Die Opfer der RAF sollen den RAF-Tätern vergeben, der Staat soll sich mit der RAF aussöhnen, und immer wieder riefen mich Filmleute an, sie wollten so gerne die Geschichte schreiben, wie sich eine Ulrike Meinhof, die doch irgendwie heimlich überlebt hätte, nun – so der Plot – mit ihrer Tochter, einer fiktiven Bettina Röhl, träfe, auseinandersetzte und schließlich versöhnte. Die ‚Tochter‘ sollte der Mutter ganz fürchterliche Vorwürfe machen und mindestens genauso schlimm oder noch schlimmer sein als ihre Mutter. Ich habe diese Filmanliegen, bei denen ich auch noch am Drehbuch mitwirken sollte, abgelehnt, aber dann erschien tatsächlich im Jahr 2009, ohne mein Mittun, der grässliche Kitsch ‚Es kommt der Tag‘ mit Iris Berben als leidende, uneinsichtige RAF-Mutti und Katharina Schüttler in der Rolle der unversöhnlichen, rachsüchtigen erwachsenen Tochter. So viel zur Fiktion!
 Die Wirklichkeit ist doch viel besser.“

(Im Anschluss beschreibt sie, wie Hanna K., die an ihrer Rettung aus Sizilien beteiligt war und deren Nachnamen sie bisher nicht gekannt hatte, ihr 2007 eine E-Mail schrieb und wie sie und Hanna einander kennenlernten und Hanna die Patentante ihrer Tochter wurde; womit sie das Buch abschließt.)

Bettina Röhl hat eine einfache These: Die Neue Linke hatte sich verrannt, es wäre besser, wenn es diese Bewegung nie gegeben hätte, und Ulrike Meinhof war auf einem zerstörerischen und selbstzerstörerischen Trip. Dass sie damit bei den Nachfolgern der 68er – die, wie sie es gut beschreibt, immer noch höchstens Detailkritik aus den eigenen Reihen zulassen wollen, nie grundsätzliche Kritik von außen – nicht gut ankommt, ist nicht erstaunlich.

Fazit: Ein sehr informatives und empfehlenswertes Buch.

Wer noch ein paar Infos will, hier ein interessantes Interview mit Bettina Röhl:

 

* Alle Zitate aus der 3. Auflage, Heyne-Verlag 2018.