Abtreibung nach Vergewaltigung: Wenn zwei Opfer gegeneinander ausgespielt werden

Bolivien: Im sechsten Monat ist eine Elfjährige schon schwanger, als entdeckt wird, dass sie von ihrem Stiefgroßvater, bei dem sie lebte, vergewaltigt wurde. Das Mädchen und ihre Mutter wollen zunächst eine Abtreibung, dann bietet die Kirche Hilfe an, und sie entscheiden sich um. Das Mädchen, das offenbar aus ziemlich schwierigen Familienverhältnissen kommt, wird in einer kirchlichen Unterkunft untergebracht. Feministen protestieren.

Die FAZ berichtet:

„‚Die einzige Lösung ist es, die beiden Leben mit Liebe zu retten, zu schützen und zu unterstützen‘, sagen sie [Kirchenvertreter]. Niemand dürfe zu einer Abtreibung gezwungen werden, auch nicht angesichts des Missbrauchs, lässt die bolivianische Bischofskonferenz mitteilen. Aktivistinnen sind da anderer Meinung.“

Nur ein Formulierungsfehler der FAZ oder wollen die Aktivistinnen wirklich sagen, dass jemand zu einer Abtreibung gezwungen werden darf, wenn andere entscheiden, es wäre das Beste für sie? Vermutlich wollen sie das, weil sie denken, dass eine Elfjährige nicht reif genug ist, zu entscheiden, ihr Kind nicht zu töten; aber in ihrem Denken ist es sowieso Gewalt und kann nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn es jemandem gelingt, jemanden (ob das Mädchen in diesem Fall oder eine erwachsene Frau im Normalfall) zu überreden, nicht abzutreiben. In England hat man gesehen, wohin das führt, als Gerichte einer lernbehinderten Nigerianerin, die schwanger geworden war, eine Abtreibung vorschreiben wollten, die sie selbst ablehnte. (Am Ende entschied ein anderes Gericht noch zu ihren Gunsten.)

Abtreibung nach einer Vergewaltigung wird generell als human gesehen, als etwas, das vielleicht nicht schön ist, das man aber nicht ohne Grausamkeit verweigern könnte, als die einzige Lösung, um einer noch schlimmeren Traumatisierung des Opfers entgegenzuwirken. Das ist falsch. Man kann nicht genug betonen, dass das falsch ist.

Eine der Grundannahmen ist schon, dass Vergewaltigungsopfer in dieser Situation fast immer abtreiben würden. Laut einer US-amerikanischen Studie entscheiden sich allerdings 50% in dieser Situation gegen eine Abtreibung. (Ein paar davon hatten dann eine Fehlgeburt, ein paar gaben das Kind später zur Adoption frei, aber die Mehrheit behielt es sogar selbst.) Und das alles, obwohl sie dann als verrückt gelten und evtl. infrage gestellt wird, ob es überhaupt eine wirkliche Vergewaltigung war. Auch die Behauptung, dass eine Abtreibung bei der Heilung von dem Trauma der Vergewaltigung helfe, ist sehr fraglich; manche Frauen und Mädchen berichten, dass eine Abtreibung sie nur noch mehr traumatisiert hat.

Man muss es sich mal vorstellen: An dem Kind aus Bolivien wird eine Abtreibung – im 6. Monat wohlgemerkt – vorgenommen; sie erwacht vielleicht etwas früher aus der Narkose und sieht die halb zerstückelte Leiche eines Kindes, das groß genug war, dass es mit etwas Glück und der modernen Medizin schon außerhalb ihres Körpers hätte überleben können. Wie sehr wird ihr DAS helfen, jemals über die Sache hinwegzukommen? Und ein „aber das kann man ja normalerweise vor ihr verstecken“ ist nicht hilfreich; die Wahrheit ist ja trotzdem da, und eine Elfjährige ist keine Fünfjährige; sie weiß, was eine Schwangerschaft ist, hat sicher schon Bilder von ungeborenen Kindern gesehen, und hat wahrscheinlich schon öfter ihr ungeborenes Kind sich bewegen gefühlt.

Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es ist, vergewaltigt zu werden, vor allem, wenn man selber erst ein Kind ist. Aber ich will mir auch nicht vorstellen, wie man sich dann fühlt, wenn man das resultierende Kind hat beseitigen lassen, wenn der Täter es auch noch geschafft hat, dass man selber aus Verzweiflung und Verwirrung und weil alle meinten, das wäre das Beste für einen, zur Täterin geworden ist.

Man muss auch immer betonen: Die moderne Medizin existiert, und ein Mädchen, das mit elf schwanger werden kann, ist wahrscheinlich rein körperlich schon weiter entwickelt als die allermeisten anderen Elfjährigen. (Ich wurde mit elf auch schon mehrere Jahre älter geschätzt.) Eine Schwangerschaft stellt hier keine Lebensgefahr dar; bei Problemen wie Beckenenge usw. kann man ohne Probleme einen Kaiserschnitt durchführen. Und umgekehrt wäre auch eine Spätabtreibung – nicht nur in diesem Fall, sondern auch in vielen anderen liefe es auf Spätabtreibungen hinaus, weil Schwangerschaften in solchen Fällen oft erst spät entdeckt werden – nicht ohne medizinische Risiken. Die wenigsten Schwangerschaften sind besonders angenehm, aber die allerwenigsten sind lebensgefährlich.

Das ungeborene Kind ist hier nun mal kein Angreifer. Es ist da; es ist selber ein Opfer und wurde durch jemand anderen gewaltsam in dieser Situation in die Welt gesetzt. Eine Mutter kann ihr Kind – es ist ja IHR Kind – als ein zweites Opfer sehen, das zu ihr gehört, und mit ihr zusammen gegen den Vergewaltiger steht. Das ist nicht hypothetisch; gerade erst gab es einen Fall in den USA, in dem eine Frau, die schon vor einigen Jahrzehnten durch Vergewaltigung gezeugt wurde, dafür gesorgt hat, dass der Vergewaltiger ihrer Mutter – die damals erst 13 war und ihre Tochter zur Adoption freigab – vor Gericht und ins Gefängnis kam. Vergewaltiger von jungen Mädchen wollen ja normalerweise – wenn sie vor anderen von der Schwangerschaft ihrer Opfer erfahren – schnell für eine Abtreibung sorgen, damit kein Kind geboren wird, das ein wandelnder Beweis für den Missbrauch ist. Und Vergewaltigungskinder sind keine Monster, sie sind Menschen. Wenn ein solches Kind erst mal geboren ist, haben sogar Prochoicer – die es vorgeburtlich schon mal als Verbrecherbrut bezeichnen – Schwierigkeiten dabei, es nicht als Mensch zu sehen. Irgendwie steckt die alttestamentliche Erkenntnis, dass die Söhne nicht für die Verbrechen ihrer Väter bestraft werden sollen, doch noch in den Leuten drin, zum Glück.

Man muss es sich z. B. mal vorstellen: Eine Schwangerschaft bei einem missbrauchten Mädchen bleibt unentdeckt bis in den 7. Monat o. Ä. (solche Fälle kommen vor, wenn einfach keiner mit einer Schwangerschaft rechnet, und sie z. B. schon etwas übergewichtig ist und unregelmäßige Perioden hat), dann hat das Mädchen plötzlich Wehen, und das Kind kommt bei einer Frühgeburt zur Welt, kaum, dass sie überhaupt realisiert hat, dass da ein Kind da ist. Wer würde sagen, das Kind darf jetzt noch getötet werden? Selbst wenn niemand anderer da wäre, um sich um es zu kümmern, wenn es keine Kinderheime und Adoptivfamilien gäbe, selbst wenn das missbrauchte Mädchen sich selber kümmern müsste, würden die wenigsten sagen, sie darf es zerstückeln oder in einen Fluss werfen. Und das nicht aus Mitleidlosigkeit mit dem Mädchen, sondern weil manche Mittel zum Zweck einfach undenkbar sind.

Man könnte hier jetzt noch langwierig darauf eingehen, dass bei dem Fall in Bolivien die Kirche nicht die Macht gehabt hätte, das Mädchen und ihre Familie zu zwingen, keine Abtreibung vornehmen zu lassen; sie konnten nur Hilfe anbieten und Überredungskünste aufwenden. Und offensichtlich war es für das Mädchen so, dass sie, als sie Hilfe hatte, nicht mehr den einzigen Ausweg in der Abtreibung sah. Aber diese Argumentation ist nicht völlig zielführend. Denn in einem katholischen Staat wäre es ja wirklich verboten, eine Abtreibung auch nach einer Vergewaltigung durchzuführen. Natürlich würde kein Staat ein solches Kind bestrafen, das sowieso für kein Verbrechen strafmündig ist, aber den Abtreiber würde man wohl bestrafen, auch in diesem Fall. Aber das ist nicht anders, als wenn man einem Kind nicht nur gut zureden würde, damit es nicht Selbstmord begeht, sondern es auch wirklich daran hindern würde, und jemanden bestrafen würde, der ihm Gift zur Verfügung stellt. Jemanden davon abzuhalten, sich selbst und andere zu schädigen, ist legitim, ohne Frage. Natürlich würde man gleichzeitig auf jede mögliche Weise helfen, aber wir kommen hier nicht drum herum. Und bei der Argumentation sollte man sich nicht verstellen.

Ich habe nie Missbrauch erlebt, ich weiß nicht, wie das ist. Aber wenn ich jetzt als erwachsene Frau vergewaltigt werden und schwanger werden würde, ich könnte mein Kind nicht abtreiben. Kinder aus einer Vergewaltigung sind Menschen.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 11b: Das 5. Gebot – Pflichten gegen fremdes Leben

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

In Teil 11a ging es um allgemeine Prinzipien bzgl. Leben und körperlicher Unversehrtheit, und Pflichten gegen das eigene Leben; jetzt zu Pflichten gegen fremdes Leben.

Dass Mord schlecht ist, gilt als Binsenweisheit; aber in manchen Fällen dann doch nicht mehr (s. Abtreibung). Und es gibt ja auch alle möglichen denkbaren Dilemmasituationen, z. B. in Kriegen. Daher zuerst einige Prinzipien; der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

„I. Allgemeine Prinzipien. 1. Direkte Tötung eines Unschuldigen ist immer unerlaubt.

Es ist deshalb verboten, Kranke zu töten, damit sie nicht länger leiden; den Tod der Mutter, die sicher sterben muß, zu beschleunigen, um das Kind, das sie unter dem Herzen trägt, taufen zu können. – Ärzten ist es verboten, den Kranken zu Versuchszwecken eine gefährliche Medizin zu geben, die auch den Tod zur Folge haben kann. Eine Ausnahme besteht nur, wenn der Kranke durch kein anderes Mittel mehr zu retten ist und irgendwie seine Zustimmung zur Anwendung dieses Mittels gibt. Ähnliches gilt von chirurgischen Operationen. – Herzstich oder Öffnung der Pulsader vornehmen, damit jemand nicht scheintot begraben werde, ist unter schwerer Sünde verboten. […]

Auch im Interesse des Staates darf man niemals einen Unschuldigen direkt töten. Wenn nämlich auch die einzelnen Menschen ‚Glieder‘ des Staates sind, so darf man mit ihnen doch nicht verfahren, wie man mit den Gliedern des eigenen Körpers verfahren darf, die man im Notfall zur Heilung des Körpers amputieren darf Vgl. n. 209. Die Glieder des menschlichen Körpers, z. B. Hand und Auge, sind nämlich nur da im Interesse des Ganzen (des menschlichen Körpers). Losgetrennt von ihm haben sie keinen besonderen, eigenen Zweck. Der Einzelmensch aber hat, auch wenn er vom Staate losgetrennt ist, seiner Natur nach einen eigenen, besonderen Zweck, er hat ein persönliches Endziel. (Vgl. n. 212.) Der Einzelmensch ist nicht auf das Wohl des Staates hingeordnet, wie die Glieder des Körpers auf das Wohl des Ganzen hingeordnet sind. Während die Glieder für den Körper da sind, ist der Mensch nicht für den Staat da, sondern der Staat ist für den Menschen da.

2. Indirekte Tötung eines Unschuldigen ist an sich ebenfalls unerlaubt, kann aber aus einem entsprechenden Grunde erlaubt sein.

Über den Begriff der indirekten Tötung vgl. Nr. 207.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl., Paderborn 1961, S. 171f., Nr. 211)

Es ist, wie schon in Teil 11a gesagt, keine Sünde, Schwerkranken nicht mehr alle vielleicht sehr anstrengenden und aufwendigen Behandlungen zuzumuten; wenn sie diese Behandlungen aber wollen, sollen sie sie auch bekommen; Nahrung, Wasser und Atemluft darf man niemandem verweigern; Euthanasie, Sterbehilfe, Selbstmordbeihilfe sind schwere Sünde. Aber siehe dazu (und zu den Themen Organspende, Risikoverhalten, Gesundheitsschädigung, Schönheitsoperationen, Sterilisation etc.) eben Teil 11a.

Bzgl. der indirekten Tötung (vgl. auch hier Teil 11a): Es ist z. B. erlaubt, im Krieg Rüstungsbetriebe, Eisenbahnlinien etc. zu bombardieren, auch wenn man voraussieht (aber nicht will), dass dabei auch Unschuldige sterben können. Es ist aber falsch, gezielt Wohnviertel zu bombardieren, mit dem Ziel, möglichst viele Zivilisten zu töten, damit der Feind schneller den Mut verliert und aufgibt. Es ist erlaubt, ein Flugzeug abzuschießen, das Terroristen entführt haben und in ein Gebäude lenken wollen; denn hier will man den Tod der Menschen im Flugzeug nicht, hofft, dass sie vielleicht den Absturz überleben, und würde das Flugzeug auch abschießen, wenn nur die Terroristen darin säßen. Es ist erlaubt, auf Terroristen zu schießen, die sich hinter menschlichen Schutzschilden verstecken und einen von da aus angreifen, auch wenn man Gefahr läuft, diese Menschen zu treffen; denn deren Tod ist dann die Schuld der Terroristen, von denen man sich nicht erpressen lässt. So ist es z. B. erlaubt, das Feuer zu erwidern, wenn Terroristen ihre Raketen aus einem Wohnhaus heraus abschießen. Es ist erlaubt, um ein bekanntes Gedankenspiel aufzunehmen, einen Zug, der auf eine Gruppe Menschen (die nicht wegrennen können) zurast, auf ein anderes Gleis zu lenken, auf dem sich nur ein Mensch befindet, auch wenn der dann sterben muss, denn man wollte einfach den Zug von der größeren Gruppe weglenken und hätte das auch getan, wenn sich kein Mensch auf dem anderen Gleis befunden hätte. Es wäre aber falsch, wenn es kein zweites Gleis gäbe, einen dicken Mann auf das Gleis zu stoßen, damit sein Körper den Zug aufhält und er die anderen Menschen nicht mehr überfährt, denn hier wäre sein Tod gezielt als Mittel zum Zweck eingesetzt.

Es kommt letztlich immer darauf an: Würde man die Handlung auch vollziehen, wenn niemand dadurch sterben würde, und gibt es einen verhältnismäßigen Grund, um diesen ungewollten Tod in Kauf zu nehmen (z. B. dass sonst mehrere andere sterben würden)? Zu Handlungen mit Doppelwirkungen habe ich hier allgemein etwas geschrieben.

Jede direkte Tötung eines unschuldigen Menschen – d. h. eines lebenden Exemplars unserer Spezies – ist immer schwere Sünde. Dafür ist es völlig gleichgültig, wie alt dieser Mensch ist, wie er aussieht, ob er Bewusstsein und Verstand hat oder nicht. Denn jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele, die ewig leben soll, und spätestens dann in der Ewigkeit wird er seine Fähigkeiten (Vernunft, Wille) auch entfalten können, auch wenn sie im irdischen Leben durch ein krankes oder unterentwickeltes Gehirn gehemmt waren. Und Gott hat als Vorbereitungszeit auf das ewige Leben jedem Menschen seine genaue Lebenszeit bemessen. Das Dasein jedes Menschen hat auch noch einen Zweck, auch wenn er selbst nichts mehr tun kann und z. B. nur noch im Koma liegt oder sehr schwer behindert ist. Auf jeden Fall kann sein Dasein andere zu Mitgefühl und Hilfe bringen, und wenn jemand noch bei Bewusstsein leidet, kann sein Leiden sehr verdienstvoll für ihn sein.

Wegen alldem ist es auch immer falsch, ein ungeborenes Kind zu töten. Das gilt auch schon, wenn es erst aus ein paar Zellen besteht; denn auch diese Zellen stellen einen zusammengehörigen, lebendigen Organismus mit allen seinen volllständigen Genen dar, einen Organismus, der belebt ist, also eine Seele hat, auch wenn sie ihre Fähigkeiten noch nicht entfalten kann. Wenn ein Kind schon einige Wochen alt ist, das Herz schlägt, die Organe angelegt sind, es möglicherweise Schmerzen spürt, ist das ein erschwerender Umstand, aber Abtreibung ist nicht erst dann falsch.

Das gilt, egal welche Gründe es für die Abtreibung gibt. Man muss nur mal alle Fälle durchspielen, mit dem einzigen Unterschied, dass das Kind schon geboren wäre: Würde man ein geborenes Kind töten, weil seine Mutter erst 15 ist und mit ihm nicht zurechtkommt? Würde man ein geborenes Kind töten, weil seine Mutter psychisch krank ist? Würde man ein geborenes Kind töten, weil es durch eine Vergewaltigung gezeugt worden wäre? Aber mehr Argumente zum Thema Abtreibung hier.

(Anmerkung am Rande: In früheren Zeiten war man sich in der Kirche zwar einig, dass Abtreibung in jedem Stadium eine schwere Sünde ist und ein Leben verhindert, von dem Gott will, dass es eine Zukunft hat, aber in einem späteren Stadium der Schwangerschaft standen härtere kirchenrechtliche Strafen darauf (interessanterweise übrigens mehr für die Abtreiber als die Schwangere selbst). Der Grund dafür war, dass man kein genaues Wissen über die Entstehung des Lebens hatte und teilweise der Theorie des Aristoteles folgte, nach der die Beseelung des Kindes nach 40 oder 80 Tagen stattfinde; dahinter stand so ungefähr die Vorstellung, dass sich erst langsam das Menstruationsblut mit dem Samen vermischt und ein Kind geformt wird, und dann die Seele hinzukommt, was dann dafür sorgt, dass die Mutter es sich auch bewegen spürt usw. Inzwischen weiß man dagegen, dass schon am ersten Tag ein lebender Organismus da ist, d. h. dass dieser Organismus ein Lebensprinzip, eine Seele hat, die ihn zusammenhält. Aber selbst wenn man es nicht genau wüsste, wäre im Zweifelsfall davon auszugehen, dass da ein vollwertiger Mensch ist; so wie man auch nicht in die Büsche schießen darf, wenn dort nur vielleicht ein Mensch steht, dürfte man auch nicht ein Kind töten, wenn es nur vielleicht ein Mensch wäre.)

Es ist daher ein Verbrechen gegen das 5. Gebot:

  • Die Pille oder die Pille danach oder andere hormonelle Verhütungsmittel (Spirale, Hormonpflaster, Drei-Monats-Spritze etc.) zu nehmen/anzuwenden, die nicht nur den Eisprung verhindern/verzögern, sondern auch, wenn das nicht geklappt hat, die Einnistung (Nidation) eines schon existierenden Embryos in der Gebärmutter verhindern könnte; das ist zumindest fahrlässige Tötung (Verhütungsmittel, die sicher nicht frühabtreibend sind, z. B. Kondome, sind auch falsch, aber aus anderen Gründen; hier wird zumindest niemand getötet).
  • das gilt eigentlich auch für frühabtreibende (nidationshemmende) Medikamente, z. B. wenn eine die Pille nimmt, nicht um zu verhüten, sondern um eine Endometriose zu behandeln (die sich ja übrigens zum Glück manchmal durch eine Schwangerschaft bessert); freilich nur dann, wenn man schwanger werden/sein könnte, weil man verheiratet ist und regelmäßig Sex hat. Man kann sich fragen: Würde ich dasselbe Risiko in Kauf nehmen, wenn es um ein schon geborenes Kind geht, das z. B. über das Stillen durch meine Medikamente geschädigt werden könnte, oder um das Risiko einer Fehlgeburt in einem späteren Stadium? Ich bin keine Medizinerin; aber es scheint unter Wissenschaftlern unterschiedliche Schätzungen zur Größenordnung dieses Effekts (also, wie oft es passiert, dass ein Kind entsteht, sich aber nicht einnisten kann) zu geben; generell jedenfalls ist das Risiko wohl bei regelgerechter Einnahme der Pille geringer, und bei unregelmäßiger Einnahme, Wirkungsstörung wegen Durchfall, Wechselwirkung mit anderen Medikamenten (Antibiotika, Johanneskraut…) etc. erhöht. Ich (als unverheiratete Frau, die tatsächlich selber Endometriose hat und deswegen aktuell die Pille nimmt) halte das Risiko generell, auch bei ordentlicher Einnahme, für nicht vertretbar und würde deswegen mit der Pille aufhören, wenn ich heiraten würde, auch wenn ich dann wahrscheinlich mehr Probleme hätte und man öfter die Endometrioseherde mittels Bauchspiegelung entfernen müsste. Als Frau, die keinen Sex hat, darf man natürlich solche Medikamente ohne Bedenken nehmen, aber man sollte, wenn man dann heiratet, schon zwei bis drei Monate vor der Hochzeit damit aufhören, weil der Eisprung nach Absetzen schnell wieder stattfindet, aber die nidationshemmende Wirkung noch zwei Monate anhalten kann. Tatsächlich wäre bei einer Frau, deren Endometriose sich nicht bessert und viele Probleme macht, übrigens auch die Gebärmutterentfernung gerechtfertigt.
  • künstliche Befruchtung machen zu lassen, bei der in der Regel mehrere Embryonen kreiert und die überflüssigen weggeworfen oder länger eingefroren, zur Forschung verwendet und dann weggeworfen werden
  • als Forscher mit Embryonen oder deren Zellen zu forschen – ja, auch mit Zelllinien, die ursprünglich von Kindern stammen, die schon vor Jahrzehnten getötet wurden, und weitergezüchtet wurden. Hier handelt es sich nicht nur um Mord, sondern auch um Leichenschändung. (Es ist allerdings aus einem ernsthaften Grund erlaubt, als Patient Medikamente/Impfungen zu nehmen, die in solchen Zellen herangezüchtet oder an solchen Zellen getestet wurden; sie sind nun mal da und man konnte die Leichenschändung nicht verhindern. Es wäre freilich andauernde Leichenschändung und quasi Kannibalismus, Medikamente zu nehmen, deren Wirkstoff direkt diese Zellen wären, d. h. sich mit embryonalen Stammzellen behandeln zu lassen. Interessanterweise sind allerdings Stammzellen, die von erwachsenen Menschen gewonnen werden, mittlerweile vielversprechender und embryonale bieten auch ein Krebsrisiko und werden eher vom Körper abgestoßen; mit beidem wird erst geforscht.)
  • ein Kind abtreiben zu lassen, egal in welchem Stadium der Schwangerschaft, und egal aus welchem Grund, oder dazu zu raten oder zu helfen. Auch die Ausstellung eines Beratungsscheins, der zur Abtreibung berechtigt, ist falsch; Katholiken, die Schwangeren durch Beratung helfen wollen, können daher nur in Beratungsstellen ohne Scheinausstellung arbeiten (z. B. Pro Femina, Caritas). Es ist allerdings keine Sünde, in einem normalen Krankenhaus zu arbeiten, wo auch Abtreibungen stattfinden, oder in einem Gesundheitsamt, das Beratungsscheine ausstellt, wenn man nicht z. B. als Krankenschwester selbst bei Abtreibungen assistieren muss.
  • ohne verhältnismäßigen Grund etwas zu tun, das dem Kind schaden könnte (z. B. in der Schwangerschaft regelmäßig zu rauchen und zu trinken, oder ohne dringende Notwendigkeit Medikamente zu nehmen, die dem Kind schaden könnten). Frauen, die nicht schon schwanger sind, sondern nur schwanger sein könnten, weil sie verheiratet sind und den Sex nicht auf die unfruchtbaren Zeiten beschränken und man eine Schwangerschaft ja nicht sofort bemerkt, sollten mit solchen Medikamenten, Alkohol usw. auch vorsichtig sein.

Noch einmal Jone:

„II. Tötung des Fötus 1. Direkte Tötung des Fötus ist immer schwer sündhaft (ein Mord).

Selbst um das Leben der Mutter zu retten, ist es deshalb nicht erlaubt, das lebende Kind zu zerkleinern, z. B. durch Kraniotomie, Embryotomie usw. – Ebenso ist Abtreibung der Leibesfrucht immer unter schwerer Sünde verboten, auch wenn sonst Kind und Mutter sterben müssen. […] Übrigens kann in den meisten Fällen erlaubterweise durch den Kaiserschnitt und ähnliche Operationen geholfen werden. – Schwer sündhaft ist auch alles, was geschieht in der Absicht, eine Abtreibung zu erreichen, selbst wenn diese Wirkung nicht eintritt. – Das Verbot, ein Kind im Mutterschoß direkt zu töten, beruht auf denselben Gründen, wie das Verbot, irgendeinen andern unschuldigen Menschen direkt zu töten. Jeder Mensch hat nämlich ein persönliches, ewiges Endziel: das ewige Glück in der Anschauung Gottes. Jeder Mensch hat auch die Pflicht, nach diesem Endziel zu streben während der ganzen ihm von Gott geschenkten Lebenszeit. Damit der Mensch diese Pflicht erfüllen kann, hat ihm Gott ein Recht auf sein Leben gegeben. Auf dieses Recht kann der Mensch nicht verzichten. Da ferner dieses Recht nicht von den Eltern ist, nicht vom Staate, noch von irgendeiner anderen menschlichen Autorität, deshalb kann auch niemand in dieses Recht eingreifen und einem Unschuldigen das Leben direkt nehmen zur Erreichung seiner Zwecke. Folglich kann auch kein Mensch und keine menschliche Autorität jemandem ein Recht auf die direkte Tötung eines Unschuldigen geben. Auch kein ärztlicher, eugenischer, sozialer, ökonomischer Gesichtspunkt kann die direkte Vernichtung des Lebens eines Unschuldigen rechtfertigen. Auch der beste Zweck (z. B. die Rettung der Mutter) heiligt die schlechten Mittel nicht. Wer ferner behauptet, daß man zur Rettung der Mutter (also im Interesse des Privatwohls) das Kind im Mutterschoße direkt töten darf, der muß auch – wenn er konsequent sein will – sagen, daß man auch im Interesse des Gemeinwohls einen unschuldigen Menschen direkt töten darf. Die Lehre von der Erlaubtheit der Vernichtung eines ‚unwerten Lebens‘ ist nur die logische Konsequenz von der Lehre, es sei erlaubt, das Kind im Mutterschoß zu töten. Es ist nur eine glückliche Inkonsequenz, wenn viele von denjenigen, die es für erlaubt halten, im Interesse des Privatwohls (der Mutter) einen Unschuldigen direkt zu töten, es nicht für erlaubt halten, im Interesse des Allgemeinwohls (des Staates) ein ‚unwertes Leben‘ direkt zu vernichten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 172f., Nr. 212)

Indirekte Tötung ist gewöhnlich verboten, kann aber aus schwerwiegenden Gründen erlaubt sein.

Frauen in anderen Umständen sündigen schwer, wenn sie ohne hinreichenden Grund etwas tun, das voraussichtlich Abtreibung verursacht. – Bei tödlicher Krankheit aber darf eine Mutter eine Arznei nehmen, auch wenn diese Arznei nicht nur Genesung bewirkt, sondern auch Abtreibung. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß es gegen diese Krankheit keine andere Arznei gibt, und daß die Genesung nicht erst aus der Abtreibung folgt. – Ebenso ist es erlaubt, eine kranke Gebärmutter zu entfernen, auch wenn damit zugleich der Fötus entfernt wird, vorausgesetzt, daß dies das einzige Mittel ist, um das Leben der Mutter zu retten. [Hier ist z. B. ein Fall von Gebärmutterkrebs gemeint.] Unter denselben Bedingungen scheint man durch Eihautstich das Fruchtwasser ablassen zu dürfen, wenn der schwangere Uterus irreponibel im kleinen Becken eingeklemmt ist, um so die Möglichkeit der Reposition zu schaffen. Dies scheint erlaubt, weil hier die Rettung der Mutter nicht folgt aus der Abtreibung, sondern aus der Reposition des Uterus; in anderen Fällen ist deshalb der Eihautstich zur Rettung der Mutter nicht gestattet. – Ebenso scheint man bei extrauteriner Schwangerschaft das krankhafte Gebilde entfernen zu dürfen, das für die Mutter lebensgefährlich ist, auch wenn der Fötus mitentfernt wird, vorausgesetzt, daß man die Mutter nicht mehr anders retten und nicht länger mit einem Eingriff warten kann. Ähnlich scheint man handeln zu dürfen im Zweifel, ob es sich um eine Geschwulst oder extrauterine Schwangerschaft handelt, und wenn man ohne Lebensgefahr der Mutter nicht länger warten kann. Nie aber ist es erlaubt, z. B. durch Elektrizität einen etwa vorhandenen Fötus zu töten. – Arzneien, die nur selten eine Abtreibung bewirken, darf man nehmen, auch wenn keine dringende Lebensgefahr vorhanden ist.

3. Herbeiführung einer Frühgeburt ist aus einem entsprechenden Grunde erlaubt, weil bei einer Frühgeburt das Kind auch getrennt von der Mutter lebensfähig ist.

Wenn es ohne große Gefahr für die Mutter geschehen kann, muß man mit der Einleitung der Frühgeburt warten, bis es moralisch sicher ist, daß das Kind außerhalb des Mutterschoßes leben kann. Wenn aber das Leben der Mutter in großer Gefahr steht, darf mit der Einleitung der Frühgeburt begonnen werden, sobald es wahrscheinlich ist, daß das Kind lebensfähig ist.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 173f., Nr. 213)

Eine extrauterine Schwangerschaft meint eine Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter. Hier muss man unterscheiden: Bei Fällen von Bauchhöhlenschwangerschaft gab es tatsächlich schon Kinder, die überlebt haben. Bei einer Eileiterschwangerschaft dagegen ist es nicht möglich, dass das Kind überlebt, weil der Eileiter reißen würde, was auch für die Mutter lebensgefährlich wäre. Auch hier ist es nicht erlaubt, das Kind direkt zu töten, aber den Eileiter mit ihm zu entfernen wäre erlaubt, denn hier wird ein krankes Organ entfernt, das das Leben der Mutter gefährdet, und der Tod des Kindes nur in Kauf genommen. Der rechtfertigende Grund ist vorhanden, da man auf der einen Seite den natürlichen Tod des Kindes und Lebensgefahr für die Mutter hat und auf der anderen Seite die indirekte Tötung des Kindes.

(Wenn man in irgendeiner Situation auf der einen Seite nur Lebensgefahr für A und auf der anderen Seite die indirekte Tötung von B hätte, dürfte man die indirekte Tötung von B nicht vornehmen, sondern müsste den möglichen natürlichen Tod von A in Kauf nehmen. Nur wenn die Schäden, wenn man die indirekte Tötung nicht vornimmt, überwiegen (oder wenn sie zumindest gleich groß sind), also z. B. weil beide sterben würden, dürfte man sie vornehmen.)

Eine Frage ist noch, ob es erlaubt wäre, das Kind selbst aus dem Eileiter zu entfernen und den Eileiter im Körper der Mutter zu lassen, ohne das Kind dabei z. B. zu zerstückeln oder mit Methotrexat zu töten, auch wenn es außerhalb des Körpers der Mutter sterben wird. An sich wäre das zwar eine Tötung (wie eine normale Abtreibung), denn jemanden in eine Umgebung zu versetzen, in der er unmöglich leben kann, ist Töten, auch dann, wenn man ihn aus einer Umgebung holt, in der er aller Voraussicht nach bald gestorben wäre. Aber man kann dagegen sagen: Aber wenn es möglich wäre, würde man das Kind ja in die Gebärmutter setzen oder z. B. in eine künstliche Gebärmutter, sobald diese entwickelt sind, also will man seinen Tod eigentlich nicht, und man löst hier eine krankhafte Verbindung, die eigentlich an dieser Stelle nicht da sein sollte. Es würde dementsprechend eher unter indirekte Tötung fallen, wie z. B. der in Teil 11a erwähnte Fall, wenn sich jemand aus einem hohen Fenster eines brennenden Gebäudes stürzt, und den einen sicheren Tod dem anderen sicheren Tod vorzieht. Wahrscheinlich also erlaubt. (Und in diesem Fall darf man sich auf diese Wahrscheinlichkeit verlassen, s. die Regeln zur Gewissensbildung.)

Andere Situationen mit Lebensgefahr der Mutter treten zum Glück fast immer in späten Stadien der Schwangerschaft auf, wenn das Kind außerhalb des Mutterleibes mit der modernen Medizin überleben kann. Wenn aber doch in einer solchen Situation einmal die Mutter sterben würde, oder beide sterben würden, weil man nicht bereit war, ein nicht lebensfähiges Kind herauszuholen, wäre niemand schuld daran, denn es wäre schlicht und einfach ein natürlicher Tod, den man nicht verhindern konnte. Mutter und Kind haben beide genau dasselbe Lebensrecht; man darf nicht den einen töten oder auch nur indirekt seinen sicheren Tod verursachen, um den nur möglichen natürlichen Tod des anderen zu verhindern. (Das sieht man klar, wenn man Gedankenspiele mit geborenen Menschen anstellt: Wäre es erlaubt, einen Ebola-Kranken im Dschungel auszusetzen, wo er sicher sterben wird, weil man dadurch den möglichen Tod anderer Menschen, die er anstecken könnte, verhindern könnte? Natürlich nicht.) Es gab auch schon immer wieder Situationen, in denen eine Mutter in einer solchen Situation nicht abtreiben wollte, und entgegen der Prognosen überlebt hat; Ärzte sind eben auch nicht unfehlbar.

Ein totes Kind aus dem Körper der Mutter herauszuholen ist offensichtlich erlaubt; hier nur ein kurzer praktischer Hinweis, dass es manchmal vorkommen kann, dass Ärzte vorschnell meinen, keinen Herzschlag zu hören und gleich zur Geburtseinleitung raten, und man in einem solchen Fall meistens noch lieber eine zweite Untersuchung machen lassen oder eine zweite Meinung einholen sollte.

Fehlgeborene Kinder verdienen ebenso Respekt vor ihrem Leichnam und eine Bestattung wie jeder andere Tote.

Soweit zur Tötung von Unschuldigen; jetzt zu Verletzung & Verstümmelung:

„III. Verstümmelung eines Unschuldigen ist in ähnlicher Weise unerlaubt, wie die Selbstverstümmelung unerlaubt ist (Vgl. n. 209). […]

Mit Zustimmung des Patienten aber kann man bei Krebs usw. auch eine Amputation vornehmen. Dagegen kann jemand seine Zustimmung für eine Verstümmlung nicht geben zur Förderung des wissenschaftlichen Fortschrittes. Vgl. auch die Ausführungen oben I n. 1 über die Medizin zu Versuchszwecken.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 174, Nr. 213)

Was die medizinische Forschung angeht, ist es natürlich erlaubt, an normalen Studien unter den üblichen Sicherheitsvorkehrungen teilzunehmen.

Was Körperverletzung angeht: Wenn z. B. streitende Kinder sich gegenseitig ein bisschen schubsen oder hauen, wäre man im Bereich der lässlichen Sünde; wenn es um ständiges Mobbing, Zusammenschlagen, häusliche Gewalt oder Ähnliches geht, wäre es ziemlich sicher schon Todsünde. Erst recht Todsünde wäre es, wenn der mögliche Tod des Opfers in Kauf genommen wird (z. B. bei Tritten gegen den Kopf).

Was ist mit dem Thema Körperstrafen, die ja früher üblich waren? (Ich meine hier Körperstrafen, die Schmerzen zufügen, aber keinen bleibenden Schaden hinterlassen, z. B. Schläge auf den Hintern.) Hier gilt, dass Eltern/Vormünder und der Staat das Recht, solche Strafen anzuwenden, grundsätzlich haben, aber genauso gut auch andere Strafen anwenden können; an staatliche Verbote dieser Strafen wie in Deutschland sollte man sich allerdings halten. (Übrigens wird staatlicherseits z. B. in Singapur die Prügelstrafe noch angewendet – meiner Ansicht nach wahrscheinlich sogar eine angenehmere Strafe als Gefängnis, da schnell erledigt.) Menschen, auch Kinder und Jugendliche, können nun mal auch einiges ziemlich Falsches tun; was wäre mit einem 13jährigen, der ein kleineres Kind mobbt, einen Hund zu Tode quält, ein Familienerbstück der Eltern ins Klo wirft, um ihnen etwas heimzuzahlen, oder seine Lehrerin mit einem Messer bedroht? Strafe muss nun mal sein, damit er überhaupt wieder ein Gespür dafür bekommt, was richtig und was falsch ist, und ich halte das Argument, Körperstrafen würden Kinder nur daran gewöhnen, Gewalt als akzeptabel zu sehen, für ungefähr so stichhaltig wie das Argument, wenn man ihnen das Handy wegnimmt und ihnen Hausarrest erteilt, würde sie das nur daran gewöhnen, dass Stehlen und Freiheitsberaubung okay wären. Man kann allerdings auch als Katholik der Meinung sein, solche Strafen sollten in der Praxis nicht angewandt werden / verboten sein, z. B. weil Eltern die Verletzlichkeit ihrer Kinder unterschätzen könnten.

Was ist mit Triage, d. h. damit, dass man, wenn man nur begrenzte Ressourcen hat, manche Kranke oder Verletzte nicht behandelt? Das kann manchmal eine Unvermeidlichkeit sein – z. B. wenn nur ein Krankenwagen an einem Unfallort mit vielen Verletzten ist. In einem solchen Fall muss man sich den schwerer Verletzten zuerst widmen (offensichtlich ist eine offene Wunde wichtiger als ein paar Kratzer), aber wenn man zwei Schwerverletzte hat, von denen einer bei Behandlung gute Überlebenschancen und der andere geringe hat, ist es klüger, zuerst den mit den besseren Chancen zu behandeln. Hier wird aber in jedem Fall niemand getötet; man wählt zwischen zwei guten Handlungen (den einen oder den anderen behandeln), von denen man nicht beide gleichzeitig tun kann. Das ist dann eine tragische Situation, aber es ist eigentlich kein moralisches Dilemma.

Es wäre ganz offensichtlich falsch, wenn man z. B. sagen würde, „wer selber schuld an einer Verletzung/Krankheit ist, bekommt keine Behandlung“, auch wenn man ihn behandeln könnte.

Soweit also zur Tötung von Unschuldigen. Dann schreibt Jone folgendes über die Tötung eines Schuldigen:

„I. Ein Verbrecher darf getötet werden, wenn gerichtlich der Beweis erbracht wurde, daß es moralisch sicher ist, er habe ein schweres Vergehen begangen, auf das vom Staate im Interesse des Allgemeinwohls die Todesstrafe gesetzt ist, und wenn dann jemandem vom Staate der Auftrag gegeben wurde, das Todesurteil zu vollstrecken.

Lynchjustiz ist deshalb verboten. – Polizisten usw. dürfen einen zum Tode verurteilten Verbrecher, der flieht, nur dann erschießen, wenn sie dazu den Auftrag haben. – Ein Soldat auf Posten darf auf Befehl des Staates auf jemanden schießen, der trotz der Warnung nicht stehen bleibt; er muß aber darauf sehen, daß er ihn nur verwundet, nicht tötet. – Ähnliches gilt von Grenzbeamten, wenn Schmuggler trotz der erfolgten Warnung fliehen. – Vor der Hinrichtung muß dem Verbrecher Zeit gegeben werden, die heiligen Sakramente zu empfangen. Will er sie nicht empfangen, so darf er doch hingerichtet werden.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 175, Nr. 214)

Die Todesstrafe ist ja inzwischen in der Kirche sehr umstritten. Papst Johannes Paul II. meinte, man solle sie nur anwenden, wenn der Staat sich nicht auf andere Weise vor Verbrechern schützen könnte, und Papst Franziskus ist (wenn auch oft vage formuliert) noch stärker dagegen. Historisch hat die Kirche allerdings immer gesagt, dass die Todesstrafe rechtmäßig sein kann, und zwar nicht nur als gemeinschaftliche Selbstverteidigung, sondern einfach auch als Strafe (auch früher gab es ja sichere Gefängnisse/Kerker, sodass die damaligen Staaten zumindest in einigen Fällen nicht auf die Todesstrafe angewiesen gewesen wären); sie hat auch von Häretikern wie den Waldensern verlangt, die Legitimität von Todesstrafe und gerechtem Krieg anzuerkennen und den totalen Pazifismus abzulehnen, wenn sie wieder zur Kirche zurückkehren wollten. Hier sind die nicht auf unfehlbare Weise (d. h. nicht ex cathedra) getätigten Äußerungen von zwei oder drei neueren Päpsten also nicht ausschlaggebend.

Der Punkt an einer Strafe ist ja, dass dem Verbrecher in verhältnismäßiger Weise etwas zugefügt werden soll, was in etwa seinem Verbrechen entspricht, damit die Gerechtigkeit wiederhergestellt ist. Z. B. wäre eine Geldstrafe für Ladendiebstahl, eine Gefängnisstrafe für Entführung verdient. Eine Strafe ist dann gut, wenn sie verdient ist; nicht nur zur Abschreckung oder zur Besserung des Täters. Abschreckung und Besserung sind legitime Nebenzwecke, aber sie dürfen nicht die Hauptzwecke werden. Denn wenn man die Wiederherstellung der Gerechtigkeit als Hauptzweck ganz abschaffen würde und nur noch auf Abschreckung und Besserung schauen würde, könnte das zu so einigen Ungerechtigkeiten führen. Nicht nur in dem Sinn, dass man manche Verbrecher, die eine schwere Strafe verdient hätten, nur kurz zum Psychologen schicken könnte, sondern auch in dem Sinn, dass man Kleinkriminelle ewig einsperren könnte, bis der zuständige Psychologe sie für ausreichend gebessert hält, oder dass man jemanden auf härtere Weise als verdient bestrafen könnte, um andere abzuschrecken. Man darf nur dann und höchstens in dem Maß strafen, wie jemand es verdient hat, und dann ist Strafe auch etwas Gutes, und sollte in etwa dem entsprechen, was derjenige eben durch die Tat verdient hat. Über diese Strafzwecke heißt es übrigens auch im Katechismus der Katholischen Kirche: „Die Strafe soll in erster Linie die durch das Vergehen herbeigeführte Unordnung wiedergutmachen. Wird sie vom Schuldigen willig angenommen, gilt sie als Sühne. Zudem hat die Strafe die Wirkung, die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Personen zu schützen. Schließlich hat die Strafe auch eine heilende Wirkung: sie soll möglichst dazu beitragen, daß sich der Schuldige bessert.“ (KKK, Nr. 2266)

Und weil die Schwere der Todesstrafe in etwa der Schwere mancher Verbrechen – insbesondere des Mordes, aber auch der Vergewaltigung, der schweren Verstümmelung, des Kindesmissbrauchs o. Ä. – entspricht, ist sie gerechtfertigt. Das ist nicht Rache, sondern Gerechtigkeit.

Das entspricht auch dem Zeugnis der Bibel. Beim Bund mit Noah heißt es: „Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht.“ (Gen 9,6) Hier wird also die Todesstrafe für Mörder gerade mit der Menschenwürde der Opfer begründet. Auch Paulus schreibt im Neuen Testament, dass der Staat durch Gottes Willen „das Schwert trägt“ (Röm 13,4), d. h. von Gott die Autorität erhalten hat, Strafen wie die Todesstrafe an Verbrechern zu vollstrecken, und Jesus zitiert in positiver Weise gegenüber den Pharisäern ein Beispiel für die Todesstrafe aus dem Mosaischen Gesetz (nämlich für schwere Misshandlung der Eltern).

Das Recht auf Leben ist ein Recht, das (wie z. B. das Recht auf Freiheit) verwirkt werden kann, und die Todesstrafe widerspricht auch nicht der Menschenwürde; es entspricht gerade der Menschenwürde, dass ein Verbrecher die volle Verantwortung für seine Taten, die er aus freiem Willen getan hat, akzeptiert und Sühne leistet.

Selbstverständlich muss ein Verbrechen klar bewiesen sein, dem Verurteilten Gelegenheit zur Beichte gegeben werden usw. Dass er, wenn er sich nicht bekehrt, trotzdem hingerichtet werden darf, liegt einfach daran, dass jemand, der sich sogar im Angesicht des Todes nicht bekehrt, sich wahrscheinlich auch in vierzig Jahren im Gefängnis nicht bekehren würde, und dass sonst jeder Verbrecher der Todesstrafe entgehen könnte, indem er Reuelosigkeit demonstriert. Wenn er wirklich nicht bereuen will, ist er selbst dafür verantwortlich.

Man muss als Katholik nicht für die praktische Anwendung der Todesstrafe sein (ich persönlich halte ihre Anwendung allerdings aus diversen praktischen Gründen für gar keine schlechte Idee), man muss sich auch nicht dafür einsetzen, sie in seinem jeweiligen Land wieder einzuführen oder beizubehalten, aber sie völlig verdammen darf man nicht. Wer sich für dieses Thema genauer interessiert und sich sicher sein will, dass die Kirche das wirklich so lehrt, dem sei das Buch „By man shall his blood be shed. A Catholic defense of capital punishment“ von Edward Feser und Joseph Bessette empfohlen.

Lynchjustiz (egal, ob die Täter so weit gehen, den mutmaßlichen Verbrecher zu töten, oder ihn nur anderweitig bestrafen, z. B. verprügeln) ist Sünde, weil ein Verbrecher ein Recht auf einen anständigen Prozess hat und nur die staatliche Autorität von Gott ermächtigt ist, nachträglich zu strafen (während Notwehr gegen eine gegenwärtige Gefahr jedem erlaubt ist). Es fragt sich allerdings, ob, wenn es keine Regierung mehr gibt, in einem Zustand der Anarchie, auch die Bürger selber ein Gericht einrichten und einen Prozess abhalten könnten. Das muss man wahrscheinlich bejahen, denn wenn kein Staat da ist, fällt die Souveränität wieder an das Volk zurück. In dem Fall sollte freilich nicht gerade der Geschädigte den Richter stellen, es müsste auch einen fairen Prozess geben etc.

Dann zum Thema Notwehr:

„II. Ein ungerechter Angreifer darf getötet werden, wenn sämtliche im folgenden aufgezählte Voraussetzungen gegeben sind.

1. Die Güter, die verteidigt werden, müssen einen großen Wert haben.

Als solche Güter gelten: Das Leben, die Unversehrtheit der Glieder, die Keuschheit, auch zeitliche Gütr von großem Wert. – Bei der Verteidigung zeitlicher Güter von geringem Wert kann der Angreifer nur dann getötet werden, wenn er dem Eigentümer, der sie verteidigt, nach dem Leben strebt. – Wie das eigene Leben und die eigenen Glücksgüter, so darf man auch das Leben und die Güter anderer verteidigen.

2. Der Angreifer muss ein actualis und iniustus aggressor sein. [D. h. ein gegenwärtiger und ungerechter Angreifer. Ein nachträglicher Racheakt ist nicht erlaubt, auch nicht die Verteidigung gegen jemanden, der sich z. B. nur seinen rechtmäßigen Besitz zurückholen will, oder dessen bloße Anwesenheit einen gefährdet (z. B. bei einem ansteckenden Kranken), ohne dass er einen irgendwie angreift. Deshalb ist es auch keine Notwehr, wenn man bei Lebensgefahr für die Mutter ein ungeborenes Kind tötet, denn das Kind ist ohne eigene Schuld einfach da und tut nichts, um jemanden anzugreifen.]

Trifft dies zu, dann ist die erwähnte Verteidigung auch gestattet gegen Eltern, Vorgesetzte, Kleriker.

a) Actualis aggressor ist vorhanden, wenn es sich um einen augenblicklichen oder unvermeidlich bevorstehenden Angriff handelt.

Die Verteidigung ist also erlaubt, wenn der andere den Dolch oder Revolver zielt, das Gewehr anlegt, den Hund auf jemanden hetzt, seinen Helfershelfer herbeiruft, nicht aber, wenn es sich nur um einen drohenden oder befürchteten Angriff handelt. – Ist der Angriff bereits vorüber, dann wäre die Tötung nicht mehr Notwehr, sondern Rache. […] Aus demselben Grunde ist es auch verboten, nachträglich seine Ehre gegen vorhergegangene Real- oder Verbalinjurien durch Tötung des Beleidigers zu verteidigen. – Anders ist es selbstverständlich, wenn ein Dieb mit einer großen Summe Geldes flieht.

b) Aggressor iniustus ist vorhanden, wenn der Angriff wenigstens materiell ungerecht ist.

Deshalb darf man in der Notwehr auch einen Irrsinnigen oder Betrunkenen töten.

3. Die Verteidigung muß geschehen cum moderamine inculpatae tutelae, d. h. man darf den Angreifer nicht mehr schädigen, als es unbedingt zur Verteidigung nötig ist.

[…] Kann der Angreifer durch Verwundung unschädlich gemacht werden, so darf man ihn nicht töten. Wegen der großen Aufregung, in der sich der Angegriffene befindet, wird er aber nur selten schwer sündigen durch Überschreiten der Grenzen einer gerechten Notwehr.

Anmerkung. Eine Pflicht, auf diese Weise sein eigenes Leben zu verteidigen, besteht für gewöhnlich nicht.

Eine Ausnahme besteht nur, wenn der Angegriffene entweder für das allgemeine Wohl notwendig ist oder im Stande der Todsünde sich befindet, so daß er im Falle des Todes ewig verlorengeht. – Andere (Gattin, Kinder, Eltern, Geschwister) kann man aus Pietät gegen einen ungerechten Angriff verteidigen müssen. Von Amts wegen können Polizeidiener usw. zur Verteidigung anderer verpflichtet sein.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 175f., Nr. 215)

Dass nicht nur gegen jemanden, der einen ermorden, sondern auch gegen jemanden, der einen vergewaltigen, entführen, versklaven oder verstümmeln will, im Notfall tödliche Notwehr erlaubt ist, sollte relativ unumstritten sein; aber manche werden vielleicht Anstoß daran nehmen, dass sie auch bei einem Einbrecher/Dieb erlaubt sein soll, der etwas Wertvolles stiehlt. „Sollte man das Leben eines anderen für weniger wert erachten als den eigenen Besitz?“ könnte jemand fragen. Aber das trifft den Sachverhalt nicht ganz. Erstens können auch Besitztümer eben sehr wichtig für jemanden sein; nehmen wir mal an, einem Armen in einem Dritte-Welt-Land werden alle seine Ersparnisse gestohlen. Außerdem kann man einfach den Spieß umdrehen und sagen: Einem Dieb, der sein Diebesgut nicht fallen lässt, auch wenn er mit einer Waffe bedroht wird, ist offensichtlich das Diebesgut mehr wert als sein eigenes Leben. Da ist er selbst schuld. Einen Taschendieb, der einem zwanzig Euro geklaut hat, darf man freilich nicht erschießen.

Austin Fagothey schreibt dazu:

„Der Mensch hat ein Recht nicht nur auf das Leben selbst, sondern auf ein menschliches Leben, ein normales und anständiges Leben, das zu einem rationalen Wesen passt. Das Recht des Menschen auf Leben wäre wenig wert, wenn er nicht auch sein Recht verteidigen dürfte, dieses Leben auf eine Weise zu leben, die einem Menschen zukommt. Dieses Recht beinhaltet den Besitz gewisser Güter, die das Leben lebenswert machen, Güter, die manche Autoren dem Leben gleichwertig nennen. Gewalt darf angewendet werden, um diese Güter zu verteidigen, auch bis hin zur Tötung des ungerechten Angreifers, unter denselben Bedingungen, die auf die Verteidigung des Lebens selbst zutreffen. Solche Güter, die dem Leben gleichstehen, sind:

(1) Glieder und Sinne

(2) Freiheit

(3) Keuschheit

(4) Materielle Güter von großem Wert

Die ersten drei sollten offensichtlich sein wegen ihrer persönlichen Natur. Viele würden lieber sterben, als sich solchen Übeln wie Vergewaltigung, Geisteskrankheit, Blindheit oder Versklavung zu unterwerfen, und, ob sie das würden oder nicht, wieso sollte irgendjemand einem Unmenschen nachgeben müssen, der versucht, sie einem aufzuzwingen? Materielle Güter, selbst von großem Wert, können zuerst unverhältnismäßig im Vergleich zum Nehmen von menschlichem Leben wirken, aber der soziale wie auch der persönliche Aspekt müssen beachtet werden, und das Wohl der Gesellschaft verlangt, dass die Menschen sicher im Besitz ihres Eigentums sind. Gewaltakte, ob gegen jemandes Person oder gegen jemandes Eigentum, können nicht ungehindert in der Gesellschaft zugelassen werden, und als letzter Ausweg können sie nur durch Gegengewalt gehindert werden. Der Angreifer kann sein Leben leicht retten, indem er seine Aggression aufgibt.“ (Austin Fagothey, Right and Reason, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 293)

Selbstverteidigung ist auch gegenüber einem Verrückten erlaubt, der nicht realisiert, was er tut, denn der andere ist nicht verpflichtet, seine Rechte verletzen und sich töten zu lassen, weil der Angreifer verrückt ist; das Lebensrecht des Angreifers tritt hier zurück, auch wenn er wenig dafür kann.

Polizisten haben die Pflicht, andere auf eine solche Weise zu verteidigen, wenn nötig; Väter haben diese Pflicht gegenüber ihren Kindern, etc., aber der durchschnittliche Mensch hat diese Pflicht nicht gegenüber jedem Fremden. Wenn man auf der Straße einen Messerangriff sieht, hat man die Pflicht, die Polizei zu rufen, aber nicht, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, indem man eingreift – auch wenn es sehr heldenhaft wäre und man vielleicht auch andere dazu bringen könnte, mit einem zusammen einzugreifen.

„Selbstverteidigung“ eines Verbrechers gegen Gefängniswärter, die ihn einsperren wollen, ist natürlich nicht erlaubt; denn diese Wärter sind keine ungerechten Angreifer.

Wenn man sicher wüsste, dass jemand einen Mordplan gegen einen schmiedet und ausführen will, und man keine andere Verteidigungsmöglichkeit hat (z. B. indem man die Polizei ruft), wäre es auch erlaubt, demjenigen zuvorzukommen; allerdings nicht, wenn er nur gedroht hat oder man etwas vermutet, denn Drohungen werden oft nicht ausgeführt und Vermutungen können falsch sein. Wenn man aus bloßem Verdacht jemanden töten dürfte, hätten wir bald eine unschöne Gesellschaft, so hart es auch ist, wenn jemand z. B. unter Drohungen eines Stalkers leben muss und ständig Vorkehrungen für mögliche Notwehrsituationen treffen muss.

Dann zu einem anderen Thema, dem Duell, das heute eigentlich nur noch die schlagenden Studentenverbindungen betrifft:

„I. Begriff. Unter Duell versteht man einen Einzelkampf, der auf Verabredung unternommen wurde mit Waffen, die geeignet sind, jemanden zu töten oder schwer zu verwunden.

Ein Einzelkampf ist vorhanden, wenn einer gegen einen oder wenige gegen wenige kämpfen. – Die Verabredung bezieht sich auf Zeit, Ort und Waffen. – Demnach liegt kein Duell vor, wenn zwei im augenblicklichen Zorn sich an einen bestimmten Platz begeben und dort schlagen. Eine schwere Verwundung ist eine schwer sündhafte Verwundung. Ein Kampf mit Stöcken oder Ruten ist demnach kein Duell. Wohl aber fallen die studentischen Mensuren unter den Begriff eines Duells (S. C. C. 13. (20.) Juni 1925).

II. Erlaubtheit des Duells. 1. Auf öffentliche Autorität hin ist das Duell erlaubt im Interesse des Allgemeinwohls, das durch einen Krieg großen Schaden leiden würde. [Hier ist gemeint, dass zwei Kriegsparteien sich einigen, statt einer Schlacht ein Duell zwischen zwei Kämpfern austragen zu lassen, und das Ergebnis dann als Kriegsergebnis zu akzeptieren, wie es im Mittelalter vorkommen konnte.]

Zur Sühne für eine Beleidigung, zur Beilegung von privaten Streitigkeiten usw. ist das Duell auch auf öffentliche Autorität hin nicht erlaubt.

2. Auf private Autorität hin ist das Duell schwer sündhaft.

Dies gilt auch, wenn sich jemand nur duelliert, um den größten Übeln zu entgehen, z. B. Verlust seiner Stellung und seines Lebensunterhaltes.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 177, Nr. 216; es geht dann noch weiter mit den kirchenrechtlichen Strafen für Duellanten, aber das bezieht sich auf das alte Kirchenrecht.)

D. h. im Endeffekt für heutige Katholiken vor allem, dass sie nicht Mitglied in einer schlagenden Studentenverbindung sein können, denn hier wird mit scharfen Waffen gekämpft, die auch Verletzungen verursachen können, unabhängig davon, wie viel Schaden genau die Duellanten anrichten wollen. Das wäre schwere Sünde. Der sportliche Fechtkampf ist unbedenklich; hier sind erstens die Waffen weniger gefährlich, zweitens die Sportler besser geschützt und drittens die Intention eine andere.

Duelle wegen Ehrverletzungen sind eben auch deshalb verboten, weil sie keine geeignete Verteidigung sind, sondern eher Rache; die Unwahrheit einer Verleumdung wird nicht dadurch erwiesen, dass der Verleumdete den Verleumder im Duell tötet.

Auch der hl. Alphons schreibt übrigens über Duelle, dass sie weder als Gottesurteile bei Gerichtsverfahren erlaubt sind noch aus persönlicher Feindschaft oder sonstigen Gründen:

„1. Ein Duell ist nicht erlaubt, um Wahrheit oder Gerechtigkeit zu erkunden, oder zur Reinigung vom Objekt eines Verbrechens, oder um ein Gerichtsverfahren zu beenden, weil es trügerisch ist, ja ein abergläubisches Mittel zu diesem Zweck, da selbst einer, der unschuldig an einem Mord ist, es tun und leiden könnte […]

2. Auch nicht aufgrund von Feindschaft oder um eine Verletzung zu rächen oder um seine Mannhaftigkeit zu zeigen oder aus Vergnügen.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, Band II, aus dem Lateinischen übersetzt von Ryan Grant, Post Falls 2017, S. 447. Meine Übersetzung aus dem Englischen.)

Außerdem schreibt er, dass es auch Sünde wäre, ein Schein-Duell auszufechten, wegen des Ärgernisses (d. h. des schlechten Beispiels) für andere, und ebenso, einen Verleumder, der einen eines Verbrechens beschuldigen will, zu einem Duell herauszufordern, und erwähnt noch einen Sonderfall: „Es ist auch erlaubt, [ein Duell] zu akzeptieren, wenn jemand einen sowieso töten will, aber einem eine Waffe zugesteht, so dass man das Schicksal testen kann. Das ist nur eine Verteidigung, angenommen dass man es nicht auf andere Weise vermeiden kann.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, S. 448)

Dann schreibt Jone über den Krieg:

„I. Erlaubtheit des Krieges. Sowohl der Verteidigungs- als auch der Angriffskrieg kann erlaubt sein, wenn ein gerechter Grund da ist, der wichtig genug ist, so große Übel zuzulassen, wie sie mit dem Kriege verbunden sind.

Die Erlaubtheit des Krieges überhaupt ergibt sich aus der Tatsache, daß es gestattet ist, sich gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen oder seine Rechte auch mit Gewalt geltend zu machen, wenn keine höhere Autorität da ist, welche sie schützt. Vorausgesetzt ist aber immer, daß man auf andere Weise (z. B. durch Verhandlungen) sein Recht nicht erhalten kann.

[Anmerkung: Ein Angriffskrieg könnte z. B. erlaubt sein, um einem sicheren Angriff des anderen Staates zuvorzukommen, oder weil der andere Staat eindeutig Terrorgruppen Unterschlupf gewährt, die einen angreifen wollen, oder weil in diesem Staat ein Völkermord passiert und eine humanitäre Intervention nötig ist, oder weil er vor zwei Jahren ein Gebiet widerrechtlich an sich gerissen hat, das man ihm wieder nehmen will o. Ä. An sich kann man einfach sagen, dass immer eine bedeutende Verletzung der Gerechtigkeit durch die Gegenseite nötig ist, um einen Krieg zu rechtfertigen, ob er dann am Ende direkt wie ein Verteidigungs- oder wie ein Angriffskrieg aussieht.]

II. Teilnahme am Krieg. Ist der Krieg sicher erlaubt, dann kann jedermann am Kriege als Soldat teilnehmen. – Besteht Zweifel an der Gerechtigkeit des Krieges und kann der Zweifel nicht gelöst werden, dann dürfen die schon vorher angeworbenen Soldaten kämpfen, ebenso die Untertanen, die vom Staate zur Teilnahme verpflichtet werden. [Der Grund dafür ist, dass es vorrangig Aufgabe des Staates ist, der auch alle Informationen von Geheimdiensten usw. hat, die Gerechtigkeit des Krieges festzustellen.] – An einem offenbar ungerechten Krieg darf sich niemand beteiligen.

Einem Privatmann wird es unter den modernen Verhältnissen praktisch fast immer unmöglich sein, einen etwaigen Zweifel über die Gerechtigkeit des Krieges zu lösen. – Wer gezwungen an einem offenbar ungerechten Kriege teilnimmt, darf den Feind weder verwunden noch töten, außer derselbe wollte ihn töten, obwohl er sich ergibt.

III. Bei der Kriegsführung ist alles erlaubt, was zur Erreichung des Zieles notwendig oder nützlich ist, vorausgesetzt, daß es nicht durch göttliches Recht oder durch das Völkerrecht verboten ist.

Es ist deshalb erlaubt, einen Hinterhalt zu legen oder sonst eine Kriegslist zu gebrauchen. Das Völkerrecht verbietet, daß solche, die nicht Soldaten sind, sich irgendwie an den Kämpfen beteiligen; daß gefangene Soldaten nur deshalb getötet werden, weil sie Feinde sind; daß Privateigentum geplündert werde. Die Wertsachen, welche die Gefallenen bei sich haben, gehören den Erben, wenn sie ermittelt werden können. Kontributionen, um sich zu bereichern, sind unerlaubt. Gestattet aber ist es, Kriegsleistungen zu fordern, wie sie auch die Landesregierung fordern könnte. Mit Erlaubnis des Vorgesetzten dürfen daher die Soldaten derartige Dinge auch Privatleuten wegnehmen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 178f., Nr. 218f.) (Hier ist gemeint: Wenn man ein feindliches Gebiet besetzt hat, darf man von der Bevölkerung dort etwas für den Unterhalt der Armee fordern, damit ihr nicht die Lebensmittel ausgehen o. Ä., so wie der Staat, dessen Gebiet man besetzt hat, von seinen Bürgern Steuern verlangen könnte.)

Krieg ist generell deswegen nicht an sich schlecht, weil Staaten das Recht auf Selbsterhaltung haben, und daher Verletzungen ihrer Rechte abwehren dürfen. Wenn der Pazifismus korrekt wäre, hieße das, dass sich ein Staat seinen Aggressoren einfach beugen müsste und nicht einmal Druckmittel gegen sie hätte.

Um die Kriterien für den gerechten Krieg noch einmal zusammenzufassen:

  • Gerechter Grund (z. B. ungerechter Angriff des anderen Staates)
  • Gerechte Absicht (z. B. nur den Angriff abzuwehren und zukünftige Angriffe zu verhindern, nicht auch noch das andere Volk auszurotten; Gerechtigkeit, nicht Rache oder Hass)
  • Gerechte Kriegsführung (keine Kriegsverbrechen)
  • Kriegserklärung durch die gerechte Autorität

Was das letzte Kriterium angeht: Ein General darf z. B. nicht selber einfach zum Krieg aufbrechen und Fakten schaffen, wenn das Staatsoberhaupt es noch mit Diplomatie richten will. Es fragt sich aber, ob in Abwesenheit einer funktionierenden Regierung auch der von den Kämpfern selbst begonnene Partisanenkrieg o. Ä. rechtmäßig wäre. Austin Fagothey schreibt dazu:

„Guerillakrieg im Sinn von Überfällen, die von keiner rechtmäßigen Regierung autorisiert wurden, kann nicht gerechtfertigt werden. Aber Guerillataktiken können in einem von der legitimen Autorität erklärten Krieg verwendet werden, insbesondere in vom Feind besetzten Regionen. Sogar die Tatsache, dass eine Regierung sich einem ungerechten Angreifer ergeben hat, bedeutet nicht, dass alle Widerstandsbewegungen im Untergrund aufhören müssen, weil sie keine richtige Berechtigung haben, denn sie haben legitimerweise begonnen und können mit der Hoffnung auf ausländische Hilfe weitermachen. Als die Regierung abgetreten ist, ist die Souveränität wieder dem Volk zugefallen, das nun implizit die Widerstandsführer als seine zeitweiligen Anführer anerkennt. Aber wenn jede Erfolgschance verloren ist und das Volk seine Unterstützung zurückgezogen hat, würden Guerillakämpfer Banditen werden.“ (Austin Fagothey, Right and Reason, S. 563) M. E. müsste man dann auch sagen, wenn der Widerstand noch nicht begonnen hat, bevor die Regierung kapituliert hat, dürfte er trotzdem hinterher beginnen, weil die Souveränität auch da wieder dem Volk zugefallen ist, das den Guerillakrieg autorisieren kann. Anders sieht es aus mit Guerillakrieg, wenn noch eine funktioniernde Regierung da ist, die z. B. mit dem Feind Frieden schließen will, während die Guerillakrieger das für ein schändliches Nachgeben halten und einfach weiterkämpfen.

Es wurde gesagt, dass für den Krieg ein gerechter Grund nötig ist, z. B., dass der andere Staat sich gerade Gebiete unter den Nagel gerissen hat, die man wieder zurückholen und deren Bevölkerung man befreien will, oder dass der andere Staat einen direkt angreift. Mittelalterliche Theologen nennen manchmal auch den strafenden Krieg einen gerechten Krieg; evtl. könnte es laut dieser Theorie gerechtfertigt sein, einen Angriff zu führen, weil man z. B. Kriegsverbrecher (aus einem vorigen Krieg) der anderen Seite fassen und bestrafen will. Angesichts der großen Übel jedes Krieges dürfte es aber heutzutage wohl kaum je klug oder verhältnismäßig sein, allein aus diesem Grund einen neuen Krieg zu beginnen. (Man könnte unter mittelalterlichen Verhältnissen z. B. an einen kleinen Feldzug denken, um einen Raubritter endlich zu fassen und vor Gericht zu stellen. Das wäre dann ja allerdings auch ein Verteidigungskrieg gegen noch weitere zu erwartende Angriffe, nur mit dem zusätzlichen Zweck der Bestrafung.)

Der Grund für den Krieg muss immer ein verhältnismäßiger sein, d. h. die Übel des Krieges müssen die ohne Krieg erwartbaren Übel aufwiegen, und der Krieg muss das letzte Mittel sein.

Dann stellt sich noch die Frage nach den Mitteln. Besondere Schwierigkeiten bereitet hier die Atombombe, die immer ein riesiges Gebiet zerstört und mit der man nicht wirklich auf militärische Ziele zielen und Wohngebiete in Ruhe lassen kann. Deswegen kann sie eigentlich kaum gerechtfertigt werden, auch nicht zu Abschreckungszwecken, denn abschrecken kann man nur mit etwas, das man im Notfall auch einsetzen würde; kein Staat reagiert auf bekanntermaßen leere Drohungen. Ein bedrohter Staat müsste eher stattdessen besonders stark in konventionelle Waffen und Abwehrsysteme investieren. Man kann ein paar Gedankenspiele durchgehen (könnte man eine Atombombe verwenden, wenn der Feind seine wichtigsten Zentren der Waffenherstellung in einem bestimmten Gebiet hat, und man mit der Atombombe alle diese Zentren auf einmal zerstören könnte?), aber am Ende spricht doch das meiste dafür, dass es immer falsch ist, sich Atombomben anzuschaffen. Ähnlich sieht es bei der biologischen Kriegsführung aus, d. h. wenn man neue Krankheiten in die Welt setzt. Diese Krankheiten lassen sich  nicht kontrollieren und treffen Soldaten und Zivilisten gleichermaßen, ergo Kriegsverbrechen.

Staatslenker sind damit beauftragt, den Frieden zu wahren, der nicht nur Abwesenheit bewaffneter Auseinandersetzungen, sondern die „Ruhe in der Ordnung“ ist.

Für Soldaten in einem gerechten Krieg wäre die Desertation eine Sünde, es sei denn, es ist klar, dass jede Hoffnung, noch zu siegen, vergebens ist.

Wie sieht es zuletzt mit dem Tyrannenmord aus? Der wäre, ähnlich wie ein Putschversuch, eine Rebellion allgemein wohl nur im schlimmsten Notfall erlaubt. Siehe dazu auch Teil 10b.

Dann das Thema Hass und Zorn: Dazu, inwiefern die Nächstenliebe den Hass verbietet und was das praktisch bedeutet, habe ich hier schon geschrieben. Ein gewisses Grundmaß an Wohlwollen und Vergebungsbereitschaft ist jedem gegenüber Pflicht; auch wenn sich das gut damit verträgt, z. B. einen Verbrecher in verhältnismäßiger Weise bestraft sehen zu wollen oder mit jemandem, dem man nicht vertrauen kann, nichts mehr zu tun haben zu wollen. Der Zorn ist dann schlecht, wenn er ungerechtfertigt oder unverhältnismäßig ist; und dann gut (nicht nur neutral, sondern gut), wenn er gerechtfertigt und verhältnismäßig ist. Wenn große Ungerechtigkeiten einen gar nicht stören würden, wäre das schlecht. Freilich ist es keine Sünde, wenn man nicht wegen jeder Ungerechtigkeit, von der man in der Zeitung liest, ständig aufgebracht ist; man kann sich nicht auf alles Unrecht in der Welt konzentrieren und muss sich auch über das Gute freuen. Aber einen gewissen Zorn sollte jeder normale Mensch kennen.

Was Beleidigungen, Verleumdungen etc. angeht: Dazu beim 8. Gebot.

Zuletzt noch bzgl. der Achtung vor Sterbenden und Toten: Sterbenden muss Gelegenheit zum Empfang der Sterbesakramente gegeben werden. Tote Körper müssen ehrfürchtig behandelt und angemessen bestattet werden. Eine Autopsie ist allerdings zulässig und jemand darf auch seine Einwilligung geben, seinen Körper nach seinem Tod der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen; diejenigen, die ihn sezieren, müssen seinen Körper freilich so würdevoll wie möglich behandeln. Es stellt sich auch die Frage, ob man Leichen (z. B. Moorleichen, Mumien etc.) in Museen ausstellen darf; wie lange die Betreffenden schon tot sind, spielt keine Rolle, und sie hatten sich nicht vorgestellt, dass Archäologen später ihr Grab öffnen. Besser wäre es sicher, sie nach der Erforschung wieder zu bestatten und nur Nachbildungen ins Museum zu stellen. Die traditionelle christliche Weise der Bestattung ist die Erdbestattung; die Feuerbestattung wurde ursprünglich von Säkularisten eingeführt, die damit auch dem Glauben an die Auferstehung des Leibes widersprechen wollten. (Natürlich wird auch ein verbrannter Leib auferstehen; es geht um Symbolik.) Inzwischen hat die Kirche die Feuerbestattung allerdings auch erlaubt, wenn man sie nicht aus einem solchen Grund durchführt. Allerdings ist eine Erdbestattung zweifellos angemessener, und es ist nicht gut, wenn jemand sich z. B. aus Geldnot für eine Feuerbestattung entscheiden muss. Erlaubt ist es aber.

Pro-Life aus Sicht von Pro-Choice

Wenn Pro-Choicer (der beliebte Euphemismus für Abtreibungsbefürworter) versuchen, die Argumente von uns Abtreibungsgegnern in ihren eigenen Worten wiederzugeben, kommt da manchmal etwa das heraus:

„Ihr wollt doch nur Frauen dafür bestrafen, dass sie Sex haben – wenn sie Sex haben, müssen sie damit gestraft werden, dass ihr Leben zerstört wird und sie neun Monate lang ihre komplette körperliche Autonomie verlieren.“

Aus Pro-Life-Sicht wäre das etwa so, als würde man sagen „Wer will, dass Männer den Unterhalt für ihre Kinder zahlen, will sie doch nur dafür bestrafen, dass sie Sex hatten und ihre ganze finanzielle Unabhängigkeit ruinieren“ – völliger Blödsinn. (Wobei Väter unter normalen Umständen mehr Pflichten und auch mehr Rechte haben als bloß den Unterhalt zu zahlen, aber belassen wir es mal bei dem Beispiel.) Pro-Choicer versuchen so krampfhaft, das Kind, um dessen Beseitigung es hier eigentlich geht, zu vergessen, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, dass andere an es denken. Nein, natürlich muss es darum gehen, die Frau zu bestrafen.

Aber ein Kind ist keine Strafe für eine Frau – die Existenz keines Menschen ist die Strafe für einen anderen. Es ist ein Mensch mit seinem eigenen Leben und seinen eigenen Rechten. Ein Kind ist einfach da, und verdient Fürsorge und Liebe statt Tötung. Wenn die Frau es beseitigen will, obwohl sie selber das Risiko in Kauf genommen hat, dass es überhaupt entsteht, ist das ein Umstand, der die Sache verschlimmert, aber nichts grundsätzlich ändert. Es gibt auch Fälle, in denen die Frau überhaupt nichts dafür kann. In der Serie „Jane the Virgin“ (von der ich nur die Vorschau gesehen habe und zu der ich weiter nichts sagen kann, das soll keine Schleichwerbung sein) wird eine junge Frau aus Versehen von ihrem Frauenarzt künstlich befruchtet und schwanger. In dieser Situation war sie überhaupt nicht verantwortungslos, hat nichts Falsches getan, aber trotzdem ist ihr Kind jetzt da und hat ein Recht auf Leben. (In der Serie bekommt sie es auch.)

Anderes Beispiel: Man hat einen Autounfall auf einer einsamen Straße, der andere Fahrer wird schwer verletzt, einem selbst passiert nichts. Jetzt ist man verpflichtet, dem anderen zu helfen und den Rettungsdienst zu rufen, egal, ob man schuld war. Wenn man Fahrerflucht begeht, nachdem man den Unfall fahrlässig verursacht hat, ist das noch schlimmer, aber man dürfte auch keine Fahrerflucht begehen, wenn nur unvorhersehbare Umstände (z. B. ein aus dem Wald herausstürmendes Reh) verantwortlich waren und man selbst nichts dafür kann.

Bei der Frage, ob man einen Menschen, der sich nichts zu Schulden kommen hat lassen, sondern einfach da ist (Notwehr ist etwas anderes), gezielt töten darf, ist es völlig gleichgültig, wie seine Existenz andere Menschen betrifft und ob die Umstände banal oder tragisch sind. Es spielt schlichtweg keine Rolle. Man kann darüber debattieren, wie man über mildernde und verschlimmernde Umstände debattiert, aber es lenkt eher von der eigentlichen Frage ab.

Menschen haben nicht Gott zu spielen und anderen ihr Leben zu stehlen, und Punkt.

8 Wochen altes Kind.

Abtreibung: Eine Sammlung von Diskussionsstrategien

Gelegentlich gerät man ja in Diskussionen mit Abtreibungsbefürwortern; da kann es sinnvoll sein, sich im Voraus seine Strategie zu überlegen. Deswegen habe ich mal zusammengetragen, was meiner Meinung nach am effektivsten funktioniert, um deren talking points zu kontern, und vielleicht doch mal zumindest den ein oder anderen Zuhörer/Mitleser zu überzeugen.

Die Pro-Choice-Position beruht hauptsächlich auf drei Argumenten, zwischen denen Pro-Choicer hin- und herwechseln:

  1. „Das Kind ist noch kein vollwertiger Mensch. Wenn es einer wäre, dürfte man es nicht töten, es ist aber keiner.“
  2. „Selbst wenn es ein Mensch ist, wenn ein Mensch mit deinem Körper verbunden ist, darfst du ihn töten, weil es dein Körper ist und er dich einschränkt, deine Gesundheit gefährdet, o. Ä.“
  3. „Abtreibung ist zwar nicht gut, weil das Kind ein Mensch ist und auch nicht getötet werden sollte, nur weil es im Körper der Frau ist, aber ein staatliches Verbot wäre kontraproduktiv. Es würde a) Abtreibungen nicht verhindern und b) abtreibende Frauen gefährden. Außerdem kann man Abtreibungen nicht verbieten, wenn es dann keine guten Zustände für die geborenen Kinder und ihre Mütter gäbe.“

Wichtig ist es deswegen erst mal, den Diskussionsgegner darauf festzunageln, was davon er denkt, oder ob er eine Kombination daraus denkt („einen nicht vollwertigen Menschen darf man erst recht dann töten, wenn er mit deinem Körper verbunden ist, und das sollte erst recht legal sein, wenn man es eh nicht verhindern könnte“).

Dann würde ich folgende Standardargumente vorschlagen, die man einsetzen kann (erst Antworten auf die grundlegenden Punkte, dann weitere Denkanstöße).

Ad 1 („kein vollwertiger Mensch“):

Das Kind ist ab der Vereinigung von Ei- und Samenzelle ein lebendes Wesen der Spezies homo sapiens. Es hat alle seine Gene und alle Merkmale, mit denen Biologen „Leben“ definieren: Stoffwechsel, Wachstum und Entwicklung, Homöostase (Organisiertheit und Selbstregulation), Bewegung, Reizbarkeit (Reaktion auf Umwelteinflüsse), es besteht aus Zellen (der Begriff „Zellklumpen“, um das Kind zu entmenschlichen, ist eigentlich ironisch, denn nur Lebewesen bestehen aus Zellen; Dinge, die nicht selbst Lebewesen sind, aber aus Zellen bestehen, wie z. B. eine abgehackte Hand, stammen von einem Lebewesen und waren mal ein Teil von ihm; das Kind ist allerdings ein eigenständiges Lebewesen, das andere Gene als die Mutter hat). Wenn ein Lebewesen stirbt, zerfallen die Zellen, das gleiche gilt bei der abgehackten Hand (auch Haare und Fingernägel bestehen aus bereits abgestorbenen Zellen).

(Prochoicer kommen gerne mit einer versuchten reductio ad absurdum: „Wenn Abtreibung Mord ist, ist dann Masturbation Massenmord, weil dabei die Samenzellen verlorengehen???“ – gerade so, als hätte irgendwer behauptet, Samenzellen wären lebende Menschen. Samenzellen sind Zellen des männlichen Körpers, die die Hälfte der DNA für einen neuen Menschen enthalten, und die nicht selbst lebendig sind, und eben keine Merkmale wie Homöostase zeigen. Sobald sie sich mit der Eizelle vereinigen, entsteht ein neuer Mensch. Das ist der zentrale Punkt, die zentrale Veränderung; dieser Mensch muss dann nur noch in die richtige Umgebung – die Gebärmutter – gelangen und wachsen und sich aus sich heraus entwickeln.)

Wenn man nun sagt, dass nicht jeder lebende homo sapiens ein „Mensch“ im Sinne von „jemand, der Menschenwürde hat und Menschenrechte verdient“ ist – nun, wer ist dann noch kein „Mensch“? Wem kann man noch seine Menschenrechte nehmen? Wer sagt, ein Embryo sei kein „Mensch“ oder keine „Person“ in diesem Sinne, muss definieren, was ein Mensch oder eine Person ist.

Wenn Prochoicer sich an dieser Definition versuchen, zeigen sich verschiedene vage Ideen:

  • „Eine Person soll Bewusstsein haben.“ Das würde Schlafende und Komapatienten ausschließen. Schlafende sind des Bewusstseins nur für ziemlich kurze Zeit beraubt und Komapatienten hatten es zumindest mal; aber auch in Embryonen ist die Fähigkeit dazu grundlegend angelegt und sie würden es später erlangen, tatsächlich erlangen sie es im Lauf der Schwangerschaft. Dass jemand, der an sich Bewusstsein haben kann, es im Augenblick nicht hat, sagt offensichtlich nicht viel aus.
  • „Eine Person soll zu vernünftigem Denken fähig sein.“ Das würde nicht nur Schlafende und Komapatienten, sondern auch Neugeborene, Kleinkinder und bestimmte Behinderte ausschließen. Wie Bewusstsein ist Vernunft eine im Menschen angelegte, ihm seinem Wesen nach innewohnende Fähigkeit, deren Ausübung aber durch verschiedene Gründe (noch nicht weit genug entwickeltes Gehirn, krankhaft verändertes Gehirn, ausruhendes Gehirn) gehemmt sein kann. Der Körper, der das Instrument für die Ausübung der seelischen Fähigkeiten ist, ist auch ein fehleranfälliges Instrument, das sie behindern kann. Diese grundsätzlich angelegte Fähigkeit gehört tatsächlich zur Würde des Menschen, nicht aber ihre Ausübung. (Wenn jemand diese Fähigkeit im Leben nie ausüben konnte, kann er es nach dem Tod, wenn die Einschränkung durch den fehlerhaften Körper wegfällt.)
  • „Eine Person muss eine bestimmte Größe oder körperliche Entwicklung/Ausdifferenzierung haben“. (Das „Zellklumpen“-Argument.) Dahinter steht im Grunde die Vorstellung einer gestaffelten Menschenwürde: Eine Frühabtreibung über Präparate der Pille danach, die nicht nur die Vereinigung von Ei- und Samenzelle, sondern auch die Einnistung des bereits existierenden Embryos in der Gebärmutter verhindern, sehen solche Leute oft als völlig unproblematisch an; mit einer Abtreibung in den ersten 12 Wochen haben sie ziemlich wenige Probleme, wobei sie vielleicht finden, dass sie nicht aus ganz frivolen Gründen stattfinden sollte („keine Frau treibt gerne ab!“), eine spätere Abtreibung, z. B. in der 20. oder 24. Woche sehen sie nur in Ausnahmefällen als gerechtfertigt an, z. B. bei einem Kind mit Downsyndrom (von denen ja 90-95% in Deutschland abgetrieben werden). Da „Embryo“ und „Fötus“ aber nur die ersten Entwicklungsstufen eines Menschen sind, und seine Entwicklung auch nach der Geburt noch mit Stufen wie „Baby“, „Kleinkind“, „Kind“, „pubertärer Jugendlicher“, „Erwachsener“ weitergeht, müsste man auch hier eine Staffelung annehmen: Selbst wenn man einem Baby bereits ein ausreichendes Maß an Menschenwürde zugestehen würde, dass seine Tötung nicht legal sein sollte, müsste man sie als weniger schlimm sehen und weniger hart bestrafen als die eines Erwachsenen, wenn man der Theorie von der nach Alter, Größe und Entwicklungsstand gestaffelten Menschenwürde konsequent folgen würde. Die von Pro-Choicern aufgestellten Grenzen sind offensichtlich willkürlich: Wenn Abtreibung bis zur 14. statt bis zur 12. Woche straffrei wäre, wäre es dann in Ordnung, Kinder in der 14. Woche zu töten, aber jetzt ist es das nicht? Manchmal kann es auch helfen, darauf hinzuweisen, wie schnell Kinder sich schon entwickeln; z. B. dass der Herzschlag bereits ab dem 22. Tag (!), d. h. nach knapp über 3 Wochen, beginnt. In der 12. Woche ist das Kind mehrere Zentimeter groß und hat alle Organe.

Wer über Leben und Tod von Menschen entscheiden will, muss das wenigstens konsequent tun und Gründ dafür angeben, dass einer keine Menschenrechte haben soll; Gründe, die dann allgemein gelten müssen.

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10 Wochen altes Kind.

Tatsächlich ist das hier der Knackpunkt: Denn Pro-Choicer gehen oft genug von der nominalistischen Idee aus, dass es keine genau abgrenzbaren Kategorien von Wesen gibt und alle Label nur menschliche Festlegungen sind, dass also auch der Unterschied zwischen Menschen und Tieren z. B. fließend ist, und es eine rein pragmatische Festlegung ist, wann man die Tötung eines wenig entwickelten Menschen erlaubt; außerdem glauben sie nicht so wirklich an eine besondere Menschenwürde, die dem Menschen als Menschen zukommt.

Instinktiv lehnen viele das jetzt noch ab: Sie wissen, dass es nicht dasselbe ist, ob man einen Schweineschinken isst oder sich eine Suppe aus einem im 6. Monat abgetriebenen Kind kocht. Aber man sollte es auch begründen können. Dafür muss man zunächst den Nominalismus widerlegen (dazu bald ein eigener Artikel), und dann belegen, dass die abgrenzbare Kategorie Mensch eine besondere Würde hat. Das ergibt schon die Feststellung, dass in Menschen grundsätzlich die Fähigkeit zur Vernunft und zum Guten angelegt ist; auch Menschen, bei denen ihre Ausübung gehemmt ist, gehören eben zur Kategorie Mensch, sie teilen eine Wesenhaftigkeit mit anderen Menschen. Und zu diesem Wesen gehört es, Gutes oder Böses tun zu können, seinem Gewissen folgen zu können, andere Menschen lieben zu können, über sich selbst hinausdenken zu können, bewusst und frei handeln zu können statt nur Instinkten zu folgen; Tiere können das nicht, sie können weder so gut noch so böse sein wie Menschen. Aber die tiefste Begründung geht eigentlich nur mit dem Christentum, damit, dass wir wirklich nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und für das ewige Leben bestimmt sind, dass alle Menschen spätestens nach dem Tod uneingeschränkt ihr eigentliches Selbst sein werden und diejenigen unter ihnen, die das Richtige draus gemacht haben, Gott schauen werden. Menschen sind sehr viel wert, und zwar jeder einzelne. Es ist kein Wunder, dass in sämtlichen heidnischen Gesellschaften, auch den hoch entwickelten wie Indien, China, Rom, das menschliche Leben wenig wert war, dass Abtreibung und auch Kindesaussetzung und in manchen Gesellschaften auch die Aussetzung von Alten und Kranken gang und gäbe war.

Hier muss man evtl. tiefer in die Grundlagen einsteigen. Am Ende kann man Menschenwürde und Lebensrecht nur mit dem Christentum haben; aber vorerst müssen wir uns damit begnügen, Leute, die gefühlsmäßig noch an diesen Konzepten hängen, ohne Christen zu sein, ein wenig zum Nachdenken zu bringen und sie dazu zu bringen, dass sie wenigstens merken, dass entweder alle Menschen Menschenwürde haben müssen oder man sie allen möglichen Gruppen nehmen kann.

Manchmal kommen Prochoicer auch damit, es würden doch sowieso soundsoviel Prozent der Embryonen von selbst abgehen. Das ist in etwa das Argument: Je höher dein Risiko, auf natürliche Weise zu sterben, desto eher darf man dich töten. Menschen über 80 haben auch ein hohes Risiko, bald auf natürliche Weise zu sterben; früher hatten Babys und Kleinkinder ein hohes Risiko, bald auf natürliche Weise zu sterben. Und eigentlich hat sowieso jeder Mensch ein 100%iges Risiko, irgendwann zu sterben.

Zuletzt: Angenommen, der Prochoicer meint, man könnte ja nicht wissen, ab wann genau ein Embryo wirklich weit genug entwickelt sei, um als Mensch zu zählen; in dem Fall kann man ihn fragen: Wäre es dann nicht angebracht, auf Nummer sicher zu gehen und ihn nicht zu töten, weil er möglicherweise ein Mensch sein könnte? Wenn ein Jäger eine sich bewegende Figur hinter einem Busch ausmachen kann, aber sich nicht sicher ist, ob es ein Reh oder ein Mensch ist, darf er dann auch darauf schießen, weil es ja nur vielleicht ein Mensch ist? Natürlich nicht.

Ad 2 („mit dem Körper der Frau verbunden und ihre Gesundheit gefährdend“):

  • Das offensichtlichste Gegenargument dagegen, dass man jemanden töten dürfe, der mit dem eigenen Körper verbunden ist, ist: Darf dann auch ein siamesischer Zwilling den anderen töten? Nehmen wir einfach mal an, einer könnte eine Trennung leicht überleben, aber der andere würde dabei sterben. Darf der erste gegen den Willen des zweiten einen Arzt zu der Trennung beauftragen? Welcher siamesische Zwilling hat hier das höhere Lebensrecht und darf bestimmen? Wenn man hier sagt „Keiner darf den anderen töten!“, wieso sagt man das nicht bei Menschen, die auf andere Weise verbunden sind, d. h. einer Schwangeren und ihrem Kind? Wieso macht man hier einen Unterschied in der Menschenwürde? Um es noch stärker ad absurdum zu führen: Wird ein Zahnarzt Teil meines Körpers, sobald sein Finger in meinem Mund ist, und darf ich ihm diesen Finger deswegen abbeißen? Wo ein Mensch sich befindet, ändert nichts an seinem Lebensrecht.
  • Es geht nicht nur darum, dass die Schwangere einem Kind das „Gastrecht“ in ihrem Körper verweigert, es ist eine aktive Tötung. Bei einer Frühabtreibung wird ein Kind i. d. R. durch Saugluft in Stücke gerissen und abgesaugt, bei einer Spätabtreibung wird einem Kind häufig Gift ins Herz gespritzt und dann eine Frühgeburt eingeleitet. Die „Komplikation“ des Überlebens soll so verhindert werden; denn früher, als man nur eine Frühgeburt einleitete, ohne Gift, kam es öfter vor, dass das Kind lebend geboren wurde und noch einige Zeit unversorgt liegen gelassen werden musste, damit es auch starb. Wenn es nur darum ginge, ein Kind aus dem Körper zu entfernen, könnte man zunächst schon mal aus Spätabtreibungen normale Geburten/Kaiserschnitte machen, bei denen man versuchen würde, das Leben des Kindes zu retten, und das Kind dann weggeben würde.
  • Tatsächlich gibt es Menschen, die eine Spätabtreibung überlebt haben und dann doch noch versorgt wurden; z. B. Gianna Jessen. Seit wann hat Gianna Jessen ein Recht auf Leben? Bei vielen Spätabtreibungen lebt das Kind noch kurze Zei außerhalb des Mutterleibs; ist es unterlassene Hilfeleistung, es zum Sterben liegenzulassen, sobald es draußen ist, aber war völlig unbedenklich, sich daran zu machen, es zu töten, während es drinnen war? Ein anderer Überlebender einer Spätabtreibung, Tim, das „Oldenburger Baby“ wurde 11 Stunden unversorgt liegengelassen. Ab wann war das ein Verbrechen, und was wäre gewesen, wenn er nach diesen 11 Stunden still und heimlich gestorben wäre?
  • Selbst wenn es nur um ein „verweigertes Gastrecht“ ginge, hätten dann auch Eltern von geborenen Kindern das Recht, diesen Kindern das Gastrecht in ihrem Haus zu verweigern? Auch geborene Kinder hängen von ihren Eltern ab, um auch nur kurze Zeit zu überleben. Natürlich kann man geborene Kinder zur Adoption freigeben, aber nehmen wir mal an, das ginge nicht; nehmen wir an, eine Mutter wäre allein mit ihrem neugeborenen Kind auf einer einsamen Insel gestrandet; es ist vollkommen angewiesen auf sie, sogar angewiesen auf ihren Körper, weil sie es stillen muss. Darf sie es einfach irgendwo liegen lassen, damit es stirbt, oder hat sie eine Verantwortung für es? Eltern haben eine ganz besondere Verantwortung gegenüber ihren Kindern, und jeder Mensch hat eine besondere Verantwortung gegenüber einem hilflosen anderen Menschen, um den sich sonst niemand kümmern kann, er aber schon.
  • Das Kind hat sich nicht selbst entschieden, in den Körper der Schwangeren einzudringen; in aller Regel ist sie selbst wissentlich das Risiko eingangen, schwanger zu werden, was auch trotz Verhütung passieren kann. Im Fall einer Vergewaltigung (was glücklicherweise die allerwenigsten Fälle von Abtreibungen betrifft; weit unter 1%) sind weder die Mutter noch das Kind verantwortlich; auch hier ist das Kind kein böswilliger Angreifer. (Unten noch einmal zu diesem Härtefallthema.) Aber es sei nochmal wiederholt: In der Regel ist die Mutter wissentlich das Risiko eingegangen, dass ein neuer Mensch entsteht, der ihr im Weg wäre, damit sie ein paar Minuten Spaß hat.
  • Auch wenn eine Schwangerschaft für die Mutter lebensgefährlich wird (was heute sehr selten der Fall ist und meistens ist dann ein verfrühter Notkaiserschnitt oder eine Einleitung der Geburt sowieso besser als eine Abtreibung, da man bei einer Abtreibung erst noch das Kind vergiften und einige Zeit abwarten müsste), oder zumindest ihre Gesundheit gefährdet, tut das Kind nichts, um sie anzugreifen; Notwehr ist nur gegen einen schuldigen Menschen erlaubt, der aktiv etwas tut, um einen anzugreifen. Wenn jemandes bloße Existenz oder Anwesenheit für mich lebensgefährlich wird, darf ich ihn deswegen nicht töten. Sagen wir, mein kleines Kind, mit dem ich mich an einem einsamen Ort ohne andere Menschen befinde, hat eine schwere ansteckende Krankheit, die mir gefährlich werden könnte, darf ich es schnell erschießen und die Leiche wegschaffen, damit ich mich nicht anstecke, wenn ich es pflege? Sagen wir, ich renne auf einem schmalen Weg neben einem Abgrund vor einem Mörder weg; ein kleines Kind, das nicht begreift, was da passiert, steht mir im Weg; darf ich es in den Abgrund stoßen, um weiterrennen zu können? Ich verstecke mich vor Polizeispitzeln eines Diktators und habe mein kleines Kind dabei; ich habe Angst, dass es schreien und mich verraten könnte; darf ich es schnell im Schlaf mit einem Kissen ersticken, solange die Spitzel noch fern sind?
  • Manchmal liest man, Abtreibung sollte ab dann verboten sein, wenn das Kind eigenständig überleben könnte. Das ist völlig absurd. Es heißt im Endeffekt: Je hilfloser und bedürftiger du bist, desto eher darf man dich töten. Und auch ein in der 28. Woche verfrüht auf die Welt geholtes Kind kann eben nicht alleine überleben; auch ein normal geborenes Baby kann das nicht, ein dreijähriges Kind kann es nicht, und es gäbe sicher auch genug Erwachsene, die nicht überleben würden, wenn sie plötzlich völlig auf sich gestellt und alle anderen Menschen von der Erde verschwunden wären. Dass geborene Menschen (meistens) selbstständig atmen können und Nahrung durch den Mund statt die Nabelschnur aufnehmen: Was bedeutet das groß? Wieso soll das einen Unterschied für ihr Lebensrecht machen?

Ad 3 („Kriminalisierung kontraproduktiv“):

Die erste Behauptung ist, dass man Abtreibungen nicht verhindern könnte; Frauen würden sowieso abtreiben. Diese Behauptung ist schlicht falsch. Dafür kann man sich ansehen, ob es irgendein Land gibt, in dem nach der Legalisierung die Zahl der Abtreibungen gleich blieb oder nach unten ging; das ist nicht der Fall. In den USA beispielsweise ging die jährliche Zahl der Abtreibungen erst einmal um das 15fache (!) nach oben (von 100.000 im Jahr auf 1,5 Millionen). Wo es stärkere Einschränkungen von Abtreibungen gibt (z. B. Pflichtberatung und Wartezeit vor der Abtreibung; Zustimmung der Eltern bei Minderjährigen nötig; Abtreibung nur innerhalb bestimmter Fristen oder bei bestimmten Indikationen legal) sind die Zahlen, wenn andere Umstände (z. B. Armut) vergleichbar sind, niedriger als dort, wo es sie nicht gibt. Strenge Gesetze verhindern Abtreibungen; das ist durch viele Studien nachgewiesen.

(Wichtig ist es hier, dieselben Länder vor und nach Gesetzesänderungen zu vergleichen, und nicht nur Länder miteinander, in denen andere Umstände sehr unterschiedlich sein können.)

Es ist auch leicht einzusehen, wieso:

  • Viele Menschen haben ein „Wenn das Gesetz es erlaubt, kann es ja nicht so schlimm sein“-Denken verinnerlicht; Menschen müssen bewusst inneren Widerstand leisten, um die Überzeugung beizubehalten, dass etwas, das das Gesetz zulässt und das viele ihrer Mitbürger tun, falsch ist. Wenn Abtreibung dagegen illegal ist, ist sie mehr tabu. Das Gesetz ist ein Lehrer.
  • Es gibt mehr Hindernisse auf dem Weg zu einer Abtreibung; es ist schwieriger, einen Arzt zu finden, der bereit ist, eine vorzunehmen, für eine Abtreibung ins Ausland zu reisen, o. Ä. Viele Frauen, die heute ein Kind abtreiben lassen, sind sich davor unsicher bei der Entscheidung und schwanken hin und her. Wenn es leichter ist, eine Abtreibung zu bekommen, werden unsichere Frauen eher in diese Richtung gelenkt.
  • Wenn Abtreibung legal ist, ist es für den Kindsvater, die Familie, die Freunde leichter, Druck auf die Schwangere auszuüben und sie kann dem weniger entgegensetzen. Ein mittelmäßig gewissenhafter Kindsvater hätte mehr Hemmungen, seine Freundin zu einer illegalen Abtreibung zu drängen als zu einer legalen; selbst wenn ein wenig gewissenhafter es tut, wird sie eher noch sagen können „wegen dir mache ich doch nichts Illegales!“. Auch der Druck der Gesellschaft – „wie kannst du daran denken, so etwas zu tun“ – kann viel ausrichten.

Manchmal kommen Abtreibungsbefürworter in diesem Zusammenhang auch mit „Wenn man Abtreibung verbieten will, muss man erst mal dafür sorgen, dass Müttern in Not genug geholfen wird, aber das wollt ihr mal wieder nicht!“ Der letzte Halbsatz ist nur eine beliebig wiederholte Verleumdung (genau so könnten wir einfach mal sagen „ihr redet, als würden euch kranke Schwangere interessieren, aber ihr seid ja gegen jede medizinische Forschung, weil ihr Menschen verrecken sehen wollt!!!11“, weil es auch irgendwelche Prochoicer geben wird, die medizinische Tierversuche verbieten wollen); und der erste Teil des Arguments hat etwa den Wert, den das Argument „Es reicht nicht, die Sklaven nur freizulassen, man muss auch dafür sorgen, dass sie dann einen besseren Platz in der Gesellschaft finden und z. B. zu guten Löhnen angestellt werden statt zu Hungerlöhnen wieder als Quasi-Sklaven, dass sie auch Bildung und Wohlstand erlangen können etc.“ hätte – ja, genau, und das heißt jetzt wohl, wir sollen lieber gleich auf absehbare Zeit die Sklaverei beibehalten?

Abgesehen davon geht das Argument von falschen Voraussetzungen aus: In Deutschland jedenfalls endet ganz sicher keine alleinerziehende Mutter auf der Straße, und für die wenigen Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, stehen sofort mehr als genug Adoptiveltern bereit. Auch in Ländern mit strengem Abtreibungsrecht wie Polen oder (früher) Irland gibt es Sozialhilfe und natürlich auch z. B. Hilfen für Behinderte, auch wenn etwa der polnische Staat nicht so viel Geld hat wie der deutsche. Die USA sind eine Ausnahme, sowohl als 1.-Welt-Staat mit schlechtem Sozialsystem als auch darin, dass es dort viele Prolifer gibt, die gleichzeitig relativ wirtschaftsliberal/anti-Sozialstaat gesonnen sind. Das ist eine US-amerikanische (meiner Meinung nach) Fehlentwicklung; aber auch diese liberal Gesonnenen muss man nicht für persönlich schlechte Menschen halten: Republikanerwähler spenden privat durchschnittlich mehr als Demokratenwähler. Ich halte ihre Sicht, dass private Hilfe bei diesem Thema immer besser ist als staatliche, für falsch, aber es ist nicht so, dass sie nichts täten, z. B. bei der Unterstützung von Crisis Pregnancy Centers oder als Pflege- oder Adoptiveltern. Von diesen Crisis Pregnancy Centers, die Beratung, Babyausstattung und dergleichen bieten, werden tatsächlich sehr viele betrieben; das ist eine Haupttätigkeit der Prolifebewegung. Und wenn Prolifer Kinder adoptieren, wie die katholische US-Supreme-Court-Richterin Amy Coney Barrett, die zusätzlich zu ihren fünf eigenen Kindern zwei Kinder aus Haiti adoptiert hat, ist das Prochoicern seltsamerweise auch nicht recht. Und nochmal: Das macht in etwa den Sinn, den es machen würde, Prochoicer würden Leute sterben sehen wollen, weil unter ihnen auch militante Veganer sein werden, die medizinische Tierversuche verbieten wollen.

Auch in Deutschland gibt es übrigens Pro-Life-Organisationen, die Schwangerenberatung und praktische Hilfe bieten. Das ist Prochoicern natürlich auch wieder nicht recht; da wird schon mal Vandalismus betrieben und eine Kleiderkammer mit Babyausstattung unbrauchbar gemacht, weil sie von Prolifern betrieben wird.

Aber wenn man als Prolifer als „Heuchler“ o. Ä. beschimpft wird, muss man eigentlich gar nicht so weit ausholen. Ein Heuchler ist, wer heimlich etwas anderes tut, als was er predigt und wie er sich selbst darstellt. Wir nun verlangen von anderen Menschen einfach nur, dass sie ihre Kinder nicht töten. Und wir selber töten unsere Kinder dementsprechend auch nicht.

Ja, auch Prolifer haben die Fähigkeit, schwanger zu werden. Auch christliche Ehepaare können ein Kind haben, bei dem in der Schwangerschaft Downsyndrom diagnostiziert wird, oder ungeplanterweise noch ein Kind bekommen, nachdem sie sich eigentlich schon dachten, jetzt reicht es, oder wenn es der Frau gesundheitlich schlecht geht. Unverheiratete Prolifer hätten genauso wie andere Menschen die Möglichkeit, Sex zu haben, und tun das für gewöhnlich aus Verantwortungsgefühl etc. eben nicht. Und um wieder einen Extremfall zu nehmen: Auch Frauen, die prolife sind, können vergewaltigt und davon schwanger werden.

Wenn eine Frau sich als prolife geben würde, aber dann sagen würde „in meinem Fall ist das eben anders, es passt gerade so dermaßen nicht, außerdem geht es mir nicht gut, ich treibe ab, das ist was anderes als sonst!“, dann wäre die eine Heuchlerin. Wenn ein Mann sich als prolife geben würde, aber dann mit Frauen schlafen würde, die er wenig kennt, und sie zur Abtreibung drängen würde, damit er keine Scherereien hat, dann wäre er ein Heuchler. Vermutlich wird es in Gottes weiter Welt sogar irgendwo solche Menschen geben; aber bei den Prolifern, die ich kenne, trifft das auf keinen zu.

So weit, so gut. Und es ist wichtig, auch das zu betonen: Selbst ein bettelarmer Staat, in dem es Familien wirklich schlecht gehen kann, dürfte trotzdem diesen Familien verbieten, ihre Kinder zu töten. Das ist bei ungeborenen Kindern nicht anders als bei geborenen. Und ein Staat, der es sich leisten kann, hat die Pflicht, Familien zu helfen; aber selbst wenn er dieser Pflicht nicht nachkommen würde, wäre es noch schlimmer, wenn er zusätzlich auch seiner anderen Pflicht, das Lebensrecht der Kinder hochzuhalten, nicht nachkommen würde.

Die zweite Behauptung ist, dass bei illegalen Abtreibungen Frauen verletzt werden oder sterben. Zunächst könnte man dazu sagen, dass die Zahlen solcher Todesfälle sehr gering waren im Verhältnis zu den illegalen Abtreibungen, dass vor der Legalisierung (in vielen Ländern in den 60ern, 70ern) illegale Abtreibungen inzwischen viel eher von Ärzten vorgenommen wurden als von Engelmacherinnen oder Frauen selbst (von wegen Kleiderbügel), und dass auch bei legalen Abtreibungen Frauen manchmal verletzt werden oder sterben; es ist wie jede Operation ein Eingriff mit Risiko, wenn auch mit geringem. Man kann auch auf andere Länder mit restriktivem Abtreibungsrecht hinweisen: Wie viele Frauen sterben heute in Polen bei illegalen Abtreibungen? Eben. Selbst wenn eine sich mal verletzen sollte, ist ein Krankenhaus gleich erreicht.

Aber vor allem muss man sagen, dass es darauf nicht ankommt. Das tut es wirklich nicht. Es ist nicht schön, wenn so etwas passiert (vor allem, wenn eine sterben sollte, bevor sie ihre Tat bereut). Aber Tötungsdelikte sicher für die Täter zu machen ist nicht das Ziel; das Ziel ist, Tötungsdelikte zu verhindern und die Würde der Opfer aufrechtzuerhalten. Eine „sichere“ Abtreibung gibt es nicht; immer wird ein Mensch dabei getötet.

Wenn bei einem Amoklauf eines psychisch gestörten Jugendlichen der Täter von der Polizei erschossen wird, ist das auch nicht schön, aber deswegen ist es nicht das zentrale Ziel, diese Taten für die Täter sicherer zu machen. Sicher wird man ein bisschen darauf schauen, z. B. werden die Polizisten ihn erst auffordern, sich zu ergeben (und ebenso wird ein Krankenhaus eine bei einer illegalen Abtreibung verletzte Frau versorgen), aber es ist nicht das eigentliche Problem. Was denkt man über einen Amokläufer, der stirbt, weil seine eigene Pistole unverhofft losgegangen ist und ihn verwundet hat?

Hier muss man sich klar ausdrücken und hart bleiben. Ungeborene Opfer von Tötungsdelikten sind nicht weniger wert als geborene. Das ist keine Aussage über das Ausmaß an Schuld der Mütter oder der Ärzte (aber beide tragen Schuld, wie viel, das hängt vom Fall ab), sondern eine über die Würde der Opfer.

Und es bringt auch nichts, hier nicht konsequent und klar zu sein: Denn wenn wir diese massenhaften Kindertötungen nicht als massenhafte Kindertötungen behandeln, dann geben wir Pro-Choicern nur einen Grund, zu sagen, „aha, die behandeln diese Zellklumpen auch nicht als richtige Menschen, die glauben auch nicht, dass es hier um Morde von einem genozidartigen Ausmaß geht, sie wollen eben nur Frauen kontrollieren und dafür bestrafen, dass sie Sex haben!“ (wie man sie manchmal argumentieren sieht, wenn Pro-Lifer sich zu „kompromissbereit“ zeigen).

Sonstiges / Allgemeine Gedankenanstöße:

Um Prochoicer zum Nachdenken zu bringen, kann man z. B. fragen:

a) Wie viele Frauen, die sich fast für eine Abtreibung entschieden hätten, es aber dann doch nicht getan haben, bereuen es sieben Jahre später, wenn ihr Kind in der 1. Klasse ist, und würden wünschen, dass es nicht existiert? Umgekehrt, wie viele Frauen, die abgetrieben haben, bereuen es später, wenn sie daran denken, dass sie jetzt ein sechs- oder siebenjähriges Kind hätten?

b) Diejenigen, die finden, dass Abtreibung aus jedem Grund erlaubt sein sollte, finden die auch die gezielte Abtreibung von Mädchen in Indien und China gut? (Ein entschlossener Abtreibungsbefürworter könnte darauf vielleicht sagen „an sich ist die nicht schlimm, die abgetriebenen weiblichen Embryonen hatten ja kein Recht auf Leben, sie ist nur schlecht als Zeichen, das anzeigt, dass diese Gesellschaften Mädchen nicht wollen“, aber Mithörer wären vielleicht von dieser Argumentation, zu der er gezwungen wäre, abgestoßen.)

c) Wenn ein Prochoicer mit den „Härtefällen“ (Vergewaltigung, Lebensgefahr) kommt, kann man erstens einfach antworten: „Also wärst du dafür, Abtreibung nur noch in diesen Fällen zu erlauben? Okay, ich bin zwar nicht einverstanden, aber als Verbesserung der jetzigen Gesetzeslage können wir das gerne beschließen und so über 99% der 100.000 jährlichen Abtreibungen in Deutschland verhindern.“ Bald wird sich zeigen, ob derjenige nicht eher sichergehen will, dass gewöhnliche ungeplante Schwangerschaften noch „abgebrochen“ werden dürfen.

Außerdem ist es hilfreich, auf konkrete Beispiele von vergewaltigten Frauen zu verweisen, die ein aus einer Vergewaltigung entstandenes Kind wollen und lieben, oder auf Frauen, die auch ein hohes Risiko eingegangen sind, um lange genug zu warten, bis ein Kaiserschnitt möglich war.

Aber am besten nicht nur auf Einzelbeispiele, sondern auf Daten und Statistiken!

Beim Thema Vergewaltigung etwa wird immer davon ausgegangen, dass die Opfer annähernd alle abtreiben wollen und auch unter den schlimmsten Risiken abtreiben werden. Dazu einige Zahlen: In den USA, wo Abtreibung legal ist (und zwar in vielen Staaten bis spät in die Schwangerschaft hinein), hat eine Studie von 1996 ergeben, dass 50% der Betroffenen nicht abtreiben, in anderen Studien findet man das Ergebnis, dass dort 38% ihre Kinder nicht abtreiben. Da muss man nicht auf obskure Seiten schauen, das gibt Wikipedia selbst zu. (Andere Studien zeigen noch höhere Zahlen.)

Wirklich interessant ist, wie viele Kinder dann zur Adoption freigegeben wurden; denn man kann sich ja denken, dass es passieren kann, dass eine es nicht über sich bringt, das Kind abzutreiben, aber dann später nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Wieder laut Wikipedia ergaben Studien Werte von 6% oder von 26% – das zeigt sehr gut, dass diese Mütter es aus vielen Gründen schwerer haben, ihr Kind aufzuziehen, aber dass auch eine Mutter, die vergewaltigt worden ist, ihr Kind lieben kann, und es nicht nur als Hinterlassenschaft seines Vaters sehen muss – wie auch andere Mütter, die von den Vätern ihrer Kinder schwer misshandelt wurden o. Ä., und diese Kinder trotzdem genauso lieben.

Und man sollte hier nicht verschweigen, dass Vergewaltigungsopfer, die nicht abgetrieben haben, oft von der Pro-Choice-Seite angegriffen werden, weil sie nicht mehr nützlich sind und nicht mehr als menschliche Schutzschilde für ein Recht auf Abtreibung gebraucht werden können – „viel Spaß mit deinem Vergewaltiger-Baby, mal sehen, ob es nach seinem Vater schlägt“; so etwas sieht man in dem Fall häufig.

Auch Vergewaltiger selbst profitieren von Abtreibung, v. a. im Fall von Inzest. Wenn die 13-jährige plötzlich schwanger ist, könnten Fragen gestellt werden, also fährt der Stiefvater oder Onkel, der sie missbraucht hat, sie eben schnell zu einer Abtreibungsklinik, damit die Beweise verschwinden. Von der amerikanischen Abtreibungsorganisation Planned Parenthood sind immer wieder Fälle bekannt geworden, in denen sie wegen schwangeren Mädchen unterhalb des Schutzalters die Behörden hätten informieren müssen und es nicht getan haben. Auch Fälle von brutal durch den Missbrauchstäter erzwungenen Abtreibungen gibt es. Vergewaltigungsopfern, die durch eine Abtreibung nur noch mehr traumatisiert wurden, wird nicht zugehört; Vergewaltigungsopfern wird Druck gemacht, abzutreiben, weil das doch das einzig Normale sein kann, und wenn eine nicht will, gilt sie als verrückt oder es wird bezweifelt, ob sie dann wirklich vergewaltigt worden sein kann.

Auch Menschen, die selbst durch eine Vergewaltigung gezeugt wurden, wird nicht zugehört. Ihnen wird im Endeffekt gesagt: Ihr seid etwas Ekliges, ihr solltet nicht da sein, man hätte euch töten sollen, jedenfalls habt ihr nicht dieselben Rechte wie andere Menschen, ihr seid nur Hinterlassenschaften eurer Väter.

Was ist mit sehr jungen Mädchen, die schwanger geworden sind? Bei diesen Mädchen wird eine Schwangerschaft oft erst spät durch Zufall entdeckt, und ein solches Mädchen wird dann wissen und spüren, was eine Abtreibung ist und dass hier ein kleines Baby getötet wird. Eine solche Spätabtreibung hat viele gesundheitliche Risiken und wird normalerweise wieder für ein neues Trauma sorgen. Und vor allem mit der modernen Medizin ist eine sichere Geburt über einen Kaiserschnitt sehr gut möglich – auch bei einer 12- oder 13jährigen.

Der Wikipediaartikel über die jüngsten bekannten Mütter der Weltgeschichte enthält viele gruselige Geschichten von Mädchen, die enorm frühzeitig in die Pubertät gekommen, sexuell missbraucht und schwanger geworden waren; die jüngste davon war eine 5-jährige, die 1939 in Peru von ihren Eltern in ein Krankenhaus gebracht wurde, weil sie meinten, sie hätte einen Tumor im Bauch; eineinhalb Monate später wurde sie per Kaiserschnitt von einem Jungen entbunden. Lina Medina lebt heute noch in Peru. Ihr Vater wurde vorübergehend wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch festgenommen, aber wegen Mangel an Beweisen freigelassen. In den 2 Fällen von 6jährigen Müttern (ebenfalls aus den 1930ern) überstanden die Mütter die Geburt; in den 10 Fällen von 8jährigen starb eine (1933 in Indien); in den 27 Fällen von 9jährigen wird von keiner berichtet, dass sie starb; in den 70 Fällen von 10jährigen wird auch in keinem Fall berichtet, dass die Mutter starb. Das sind gerade die absolut extremsten bekannten Fälle, viele aus Entwicklungsländern oder schon länger zurückliegend: Und selbst in diesen bekannten Fällen überlebten so gut wie alle der Mädchen. (Man muss vielleicht in Diskussionen nicht gleich mit 6jährigen Müttern herausplatzen; aber das als Hintergrundwissen.)

Eine Gesellschaft, die pro-life wäre, wäre für jeden pro-life. Sie würde auch dafür sorgen, dass Vergewaltiger die Todesstrafe erhalten oder wenigstens den Rest ihres Lebens im Gefängnis verschwinden, dass die betroffenen Frauen jede Unterstützung bekommen, und dass es Schutz davor gibt, dass die Täter das Sorge- oder Umgangsrecht einklagen, auch, wenn die Vergewaltigung nicht 100% bewiesen ist. Kein Sorge- oder Umgangsrecht für den unehelichen Vater selbst bei nur berechtigtem Verdacht auf Vergewaltigung wäre definitiv machbar.

Soweit zu Vergewaltigungen. Was dann Kinder angeht, bei denen man weiß, dass sie nach der Geburt nicht lange überleben werden: Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich hier nicht einmal die Versuchung zur Abtreibung verstehe. Was ist schlimmer, sein Kind vorzeitig gewaltsam töten (und bei einer Spätabtreibung wird ein Kind grausamste Schmerzen erleben) oder warten, bis es auf die Welt kommt und man es in den Armen halten kann, während sein Leben auf natürliche Weise zu seiner Zeit endet? Vielleicht werden manche Eltern sich denken „lieber ist es gleich vorbei“, aber das ist selbstsüchtig und grausam gegenüber dem Kind. Dabei denkt man auch nicht daran, dass Testergebnisse manchmal falsch sind und es sein kann, dass das Kind gesund ist.

Man hört auch von Fällen, in denen Eltern von Ärzten gedrängt oder gezwungen wurden, ein solches Baby abtreiben zu lassen; in diesem Fall sind natürlich vor allem, wenn auch nicht nur, die Ärzte schuld.

Und behinderte Kinder, die länger leben? Nun, da sollte man vielleicht erst mal Menschen mit diesen Behinderungen fragen, ob sie nicht leben wollten. Behinderungen können für riesige Schwierigkeiten sorgen, manchmal mehr für die Behinderten und manchmal mehr für die Familien als für die Behinderten selbst. Gewisse Krankheiten sind nicht angenehm, da muss man gar nichts schönreden. Aber das heißt nicht, dass solche Behinderten „lebensunwertes Leben“ wären – ja, ab und zu kann es auch nützlich sein, Abtreibungsbefürwortern Nazianspielungen unter die Nase zu reiben, wenn sie nun mal passen. (Gut, manchmal muss man aufpassen, weil dann die ganze Diskussion auf Abwege gelenkt wird und sich nur noch darum dreht, ob man Nazivergleiche bringen darf.)

Selbst wer dafür ist, Behinderten die Selbsttötung zu erlauben, muss zugeben, dass hier einem Kind jede Chance auf ein Leben genommen wird, ohne dass es gefragt wird. Auch wer behindert oder krank ist, kann trotzdem leben wollen. Jemandem das Leben zu nehmen nimmt ihm gleichzeitig mit dem Schlechten auch das Schöne.

Was ist mit einer Eileiterschwangerschaft? In diesem Fall, wo sich ein Kind im Eileiter eingenistet hat statt in der Gebärmutter, würde der Eileiter irgendwann reißen, das Kind sowieso sterben, und die Mutter eventuell auch. Die Lösung besteht einfach darin, den Eileiter mit dem Kind zu entfernen. Hier entfernt man ein Organ, das lebensgefährliche Probleme machen wird, und will dabei den Tod des Kindes nicht, auch wenn man ihn voraussieht und in Kauf nimmt. Wenn es möglich wäre, das Kind in die Gebärmutter zu versetzen, oder bereits künstliche Gebärmütter fertig entwickelt wären (woran die Forschung arbeitet), wo man es hineinsetzen könnte, würde man das tun. Hier gilt das Prinzip der Handlung mit Doppelwirkung: Wenn ich etwas tue, das indirekt etwas Schlechtes verursacht, ich aber nicht auf diese schlechte Wirkung abziele, sondern auf eine andere, und das nur eine Nebenwirkung ist – wenn ich die Handlung auch tun würde, wenn die Nebenwirkung nicht auftreten würde und sie wirklich ungewollt ist -, dann ist das aus einem verhältnismäßigen Grund erlaubt. Der verhältnismäßige Grund ist hier vorhanden: Die Mutter könnte sterben und das Leben des Kindes ist sowieso nicht zu retten. Und was ich tue, ist, den Eileiter zu entfernen, wobei ich voraussehe, aber nicht will, dass das Kind dann außerhalb des Körpers der Mutter nicht überleben wird.

Ähnliches gilt für die Entfernung einer mit Krebs befallenen Gebärmutter bei einer Schwangeren; wobei es hier generell machbar ist, mit der Entfernung zu warten, und das Kind überleben kann und nicht zwangsläufig stirbt wie bei einer Eileiterschwangerschaft. Eine solche OP wäre erlaubt, aber eine Mutter könnte sich auch entscheiden, mehr zu tun, als sie muss, und es riskieren, sie zu verschieben, wenn sie dieses Opfer bringen will.

Ein Kind verfrüht auf die Welt zu holen ist auch aus einem proportionalen Grund erlaubt. D. h. man darf nicht wegen einem geringen Risiko für die Mutter den sicheren Tod des Kindes verursachen, aber man darf wegen einem hohen Risiko für die Mutter ein Kind auf die Welt holen, das vielleicht nicht überleben wird, aber schon eine gute Chance hat. Beide Leben sind genau gleich viel wert, also muss man hier dieselben Prinzipien anwenden wie sonst, wenn man eine Lebensgefahr für einen Menschen nur abwenden kann, indem man etwas tut, was einen anderen in Lebensgefahr bringt.

Manchmal wird dann so etwas gesagt wie: „Aber soll das Kind damit leben, dass es seine Mutter getötet hat??“ Zu der Abwegigkeit dieses Arguments habe ich mich hier schon mal geäußert.

d) Es gibt unterschiedliche Ansichten unter Pro-Lifern dazu, ob man Bilder abgetriebener Kinder herzeigen sollte. Ich bin der Ansicht, dass es manchmal gut ist; nicht so in der Öffentlichkeit, dass Kinder o. Ä. ungewollt darüber stolpern, aber es kann hilfreich sein, z. B. dazu zu verlinken; auch über die genaue Art und Weise der Abtreibungsmethoden zu informieren kann sinnvoll sein. Es macht die Brutalität der Sache deutlich; und es hat seinen Grund, wieso Abtreibungsbefürworter diese Bilder nicht ansehen wollen.

Es sollte aber nicht das zentrale Argument sein: Die Tötung eines unschuldigen Menschen wäre auch dann böse, wenn sie ganz schmerzlos und unblutig erfolgen und die Leiche nicht zerstückelt werden würde (was freilich hier nicht der Fall ist; die Methoden sind extrem grausam).

e) Manche Pro-Lifer in Deutschland verweisen gerne darauf, dass das Grundgesetz nach Auslegung des Bundesverfassungsgerichts Abtreibungen eigentlich verbietet, weil das Recht auf Leben auch für Ungeborene gilt, sodass man sie nur durch Kniffe wie „illegal, aber straffrei“ bekommt. Kann man machen; aber man sollte sich nicht zu sehr darauf verlassen. Selbst Leute, die sich sonst manchmal als totale Grundgesetzanbeter aufführen, werden sich dann eben nur denken „ja, das ist halt trotzdem von bösen alten weißen Männern geschrieben worden, in der Hinsicht ist es halt falsch“. Im Grunde genommen weiß jeder, dass das, was richtig oder falsch ist, nicht auf einem 1949 verfassten und nur in Deutschland geltenden Gesetzestext basiert. Diese Argumentation zieht vielleicht ein bisschen bei gefühlsmäßig konservativen CDU-Wählern.

f) Ich habe ja den Vorteil, weiblich zu sein; wenn Männer gegen Abtreibung argumentieren, werden sie gerne mit „no uterus, no opinion“ angegangen. Auf dieses Argument kann man einfach antworten „Was würdest du sagen, wenn dir jemand sagen würde ‚Es sollte legal sein, geborene behinderte Kinder zu töten, wenn man einfach nicht mehr mit ihnen zurecht kommt, und wenn du keine behinderten Kinder hast, hast du dabei nicht mitzureden‘?“ Andere Vergleiche bieten sich auch an: Dürfen nur Soldaten ihr Urteil darüber abgeben, was ein Kriegsverbrechen ist, weil nur sie an der Front sind und sich vielleicht gegen brutale Terrorgruppen wehren müssen?

Dazu kommt, dass auch Männer manchmal von Abtreibung profitieren und auf Abtreibung drängen; das ist nicht einfach immer etwas, das nur Frauen wollen. Oft sind die Kindsväter für Abtreibung, weil sie keine Lust auf Verantwortung oder Unterhaltszahlung haben. Freilich ist sie böse unabhängig davon, wer sie will.

(Öfter wird es sich auch lohnen, weibliche Abtreibungsgegner hinzuzuziehen, Bilder und Videos vom Marsch für das Leben mit etlichen Mädchen und Frauen zu zeigen, o. Ä., um zu zeigen, dass es hier eben nicht darum geht, dass nur Männer „die Körper von Frauen kontrollieren wollen“, aber man sollte den Gegnern gar nicht erst zugestehen, dass nur eine bestimmte Gruppe mit den Opfern mitfühlen darf.)

g) Manchmal kommen Prochoicer mit dem Argument „Würdest du aus einer brennenden Klinik lieber eine Petrischale mit mehreren Embryonen oder ein Baby retten?“. Das ist gezielte Irreführung: Denn bei Abtreibung geht es nicht darum, ob man diesen Menschen rettet und jenen nicht, oder jenen rettet und diesen nicht, sondern es geht um nur einen Menschen, den man entweder aktiv tötet oder nicht. Wenn man von zwei Menschen nur einen retten kann, ist beides gut, den einen zu retten oder den anderen; den Tod desjenigen, der dann stirbt, konnte man nur nicht verhindern, wollte ihn aber nicht und hat ihn erst recht nicht herbeigeführt.

(Und was sollte die Antwort auf die Frage sein? Nun, keine Ahnung. Beides zu tun wäre gut. Viele würden wahrscheinlich das Baby retten: Weil es unter Schmerzen sterben würde; weil es sicher eine Chance auf ein längeres Leben hätte, während die im Labor geschaffenen Embryonen vielleicht bald weggeworfen worden wären – so, wie viele vielleicht auch lieber ein Baby als drei hundertjährige Komapatienten, die im Schlaf sterben würden, retten würden. Dabei wird kein Unterschied bzgl. ihrer Menschenwürde gemacht. Aber egal wie man sich entscheiden würde, jede Entscheidung wäre richtig, denn man hätte Menschen gerettet.)

h) Man muss es wirklich einfach sagen: Kinder entstehen nicht durch Zauberei. Nun ist es nicht sehr aussichtsreich, Leute gleich mal schnell zu überzeugen, dass Sex außerhalb der Ehe immer falsch ist, aber vielleicht bekommt man sie wenigstens dazu, zu verstehen, dass man vor dem Sex darüber nachdenken kann: Was wäre denn, wenn? Und wenn man in extreme Panik geraten würde beim Gedanken an eine Schwangerschaft, dann ist es sehr wohl möglich, auf Nummer sicher zu gehen und keinen Sex zu haben. Es gibt keine allgemeine Pflicht für Frauen im gebärfähigen Alter, Sex zu haben.

i) Über den Begriff „Mord“ zu debattieren bringt indessen nicht viel. Zu oft wird zwischen dem moralphilosophischen Gebrauch („direkte Tötung eines unschuldigen Menschen“) und dem juristischen Gebrauch (wo niedere Beweggründe etc. nötig sind) nicht unterschieden. Im juristischen Sinn kann eine Abtreibung von den Motiven her auch genausogut Totschlag sein: darauf kommt es aber nicht an.

j) Auch auf „Wo sagt die Bibel, dass Abtreibungen falsch sind“-Diskussionen sollte man sich gar nicht erst einlassen: Denn unsere Argumentation ist nicht, dass Abtreibung falsch ist, weil es die Bibel sagt. Wir gehen von dem biologischen Fakt aus, dass das Kind ein Mensch ist, und von den Überzeugungen, dass jeder Mensch eine hohe Würde hat und kein unschuldiger Mensch direkt getötet werden darf.

Es gibt tatsächlich Abtreibungsbefürworter, die mit „Die Bibel ist gar nicht gegen Abtreibung“ argumentieren, und dafür vor allem zwei Stellen heranziehen:

  • Zunächst Exodus 21,22: „Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, sodass ihre Kinder abgehen, ohne dass ein weiterer Schaden entsteht, dann muss der Täter eine Buße zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er muss die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten.“ Hier wird dieser Fall von Mord und Totschlag unterschieden, weshalb Abtreibungsbefürworter argumentieren, das Leben des ungeborenen Kindes wäre also weniger wert gewesen als das geborener Menschen. Das ist völlig abwegig. Zunächst einmal wird die Tat hier ja bestraft; das Leben des Kindes wird durch das Gesetz geschützt. Zweitens ist eine aus Fahrlässigkeit verursachte Verletzung einer schwangeren Frau, die leicht eine Fehlgeburt haben kann, nun einmal etwas anderes, als jemanden totzuschlagen – zwar nicht, was das Resultat, einen toten Menschen, angeht, aber sehr wohl, was die Schuld des Täters angeht. Übrigens: Das Mosaische Gesetz unterscheidet hier, wie gesagt, auch Mord und Totschlag voneinander, und im Fall von Totschlag bleibt dem Totschläger die Möglichkeit, in eine Asylstadt zu fliehen, wo er dann unbehelligt wäre; er muss also nur das Exil in der Asylstadt auf sich nehmen. Das Gesetz unterscheidet hier nach der Schuld des Täters, nach seinem Vorsatz oder seiner Fahrlässigkeit, nicht nach dem Wert des Opfers. (Vgl. auch Numeri 35)
  • Dann wäre da Numeri 5,11-31: „Der HERR sprach zu Mose: Rede zu den Israeliten und sag ihnen: Angenommen, eine Frau gerät auf Abwege, sie wird ihrem Mann untreu, und ein anderer Mann liegt bei ihr im Beischlaf, ohne dass ihr Mann es merkt, angenommen also, sie ist unrein geworden, ohne dass es entdeckt wird, und es gibt keine Zeugen, weil sie nicht ertappt worden ist, im Mann aber wird Eifersucht wach und er wird eifersüchtig auf seine Frau, die wirklich unrein geworden ist; angenommen aber auch, er wird auf seine Frau eifersüchtig, obwohl sie in Wirklichkeit nicht unrein geworden ist: In einem solchen Fall soll der Mann seine Frau zum Priester bringen und soll zugleich die für sie vorgesehene Opfergabe mitbringen: ein Zehntel Efa Gerstenmehl. Er darf kein Öl darauf gießen und keinen Weihrauch darauf streuen; denn es ist ein Eifersuchtsspeiseopfer, ein Speiseopfer zur Ermittlung der Schuld. Der Priester führt die Frau hinein und stellt sie vor den HERRN. Er nimmt heiliges Wasser in einem Tongefäß; dann nimmt er etwas Staub vom Fußboden der Wohnung und streut ihn in das Wasser. Dann stellt der Priester die Frau vor den HERRN, löst ihr Haar und legt ihr das Ermittlungsspeiseopfer, das heißt das Eifersuchtsspeiseopfer, in die Hände; der Priester aber hält das bittere, fluchbringende Wasser in der Hand. Dann beschwört der Priester die Frau und sagt zu ihr: Wenn kein Mann mit dir geschlafen hat, wenn du deinem Mann nicht untreu gewesen, also nicht unrein geworden bist, dann wird sich deine Unschuld durch dieses bittere, fluchbringende Wasser erweisen. Wenn du aber deinem Mann untreu gewesen, wenn du unrein geworden bist und wenn ein anderer als dein eigener Mann mit dir geschlafen hat – und nun soll der Priester die Frau mit einem Fluch beschwören und zu ihr sprechen – , dann wird der HERR dich zum Fluch und zum Schwur in deinem Volk machen. Der HERR wird deine Hüften einfallen und deinen Bauch anschwellen lassen. Dieses fluchbringende Wasser wird in deine Eingeweide eindringen, sodass dein Bauch anschwillt und deine Hüften einfallen. Darauf soll die Frau antworten: Amen, amen. Der Priester aber schreibt diese Flüche auf und wischt die Schrift sodann in das bittere Wasser. Dann gibt er der Frau das bittere, fluchbringende Wasser zu trinken, damit dieses fluchbringende Wasser in sie eindringt und Bitternis bewirkt. Der Priester nimmt aus der Hand der Frau das Eifersuchtsspeiseopfer, erhebt das Speiseopfer vor dem HERRN und bringt es auf dem Altar dar. Der Priester nimmt von dem Speiseopfer eine Handvoll als Gedächtnisanteil weg und lässt ihn auf dem Altar in Rauch aufgehen. Dann erst lässt er die Frau das Wasser trinken. Sobald er sie das Wasser hat trinken lassen, wird das fluchbringende Wasser in sie eindringen und Bitternis bewirken, falls sie unrein und ihrem Mann untreu geworden ist: Es wird ihren Bauch anschwellen und ihre Hüften einfallen lassen, sodass die Frau in ihrem Volk zum Fluch wird. Wenn sie aber nicht unrein geworden, sondern rein ist, dann wird sich zeigen, dass sie unschuldig ist, und sie kann Kinder bekommen. Das ist die Eifersuchtsweisung für den Fall, dass eine Frau ihren Mann betrügt und unrein geworden ist, oder dass in einem Mann Eifersucht wach wird, er auf sie eifersüchtig wird und sie vor den HERRN treten lässt. Wenn der Priester diese Weisung auf sie anwendet, dann ist der Mann von Schuld frei, die Frau aber muss die Folgen ihrer Schuld tragen.“ Abtreibungsbefürworter lesen das so, dass das bittere Wasser ein Abtreibungsmittel wäre und das Kind abgehen soll, falls sie aus einem Ehebruch schwanger ist. Aber hier lesen sie einfach ihre Annahmen in den Text hinein. Zunächst einmal ist Wasser mit ein klein wenig Staub kein Gift; es ist nicht unbedingt gesund, aber es hat an sich keine schlimmen Folgen. Hier geht es also um eine Prüfung, die normalerweise nicht schadet, außer, wenn Gott ein Wunder wirkt, sodass sie schadet. Und worin besteht dieser Schaden? Offensichtlich in zukünftiger Unfruchtbarkeit. Bei einer Fehlgeburt ist es nicht so, dass der Bauch anschwillt und die Hüften einfallen. Hier ist nirgends die Rede von einer bereits bestehenden Schwangerschaft der Frau. (Vielleicht kommt diese Vorstellung aber auch daher, dass in einer englischen Übersetzung – der New International Version – heißt: „he makes your womb miscarry and your abdomen swell“. In den deutschen und den anderen englischen Übersetzungen, die ich zu rate gezogen habe, ist allerdings überall die Rede davon, dass der Bauch anschwillt und die Hüften oder Oberschenkel einfallen.)

Man kann auch von der Prolifeseite aus auf die Stelle im Neuen Testament hinzuweisen, wo die gerade erst schwanger gewordene Maria die im sechsten Monat schwangere Elisabeth besucht: „Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.“ (Lk 1,41-44) Der ungeborene Jesus ist hier bereits da, und Er wird bereits „Herr“ genannt („Mutter meines Herrn“), obwohl er nur ein wenige Tage alter Embryo ist; und der ungeborene Johannes der Täufer erkennt Seine Anwesenheit.

Aber wie gesagt: Solche Diskussionen sind nicht zielführend und lenken nur ab.

Ein letzter Punkt: Meines Erachtens sollte man Abtreibungsbefürwortern nicht zu viel guten Willen unterstellen. Sie wissen oft genug selbst, dass sie sich etwas vorlügen. Jeder normale Mensch hat im Gespür, dass es böse wäre, z. B. ein Baby im 9. Monat umzubringen; und jeder Mensch kann sehr leicht in Erfahrung bringen oder weiß es eigentlich schon, dass es keinen kategorischen Unterschied zwischen dem Baby in diesem Stadium und dem, was es ein paar Monate vorher war, gibt. Es gibt viele Leute (Frauen und Männer), die es zwar nicht so richtig schaffen, Abtreibung ganz zu „verurteilen“, weil sie heute einfach so normalisiert worden ist, die aber selber abgestoßen genug davon sind, dass sie ein eigenes Kind nicht abtreiben würden, auch wenn es „ungeplant käme“. Vor allem wer Abtreibung in jedem Stadium der Schwangerschaft aus jedem Grund, vehement verteidigt, Kinder als Parasiten bezeichnet usw. usf., ist einfach ein schlechter Mensch. Klar kann er sich ändern, aber im Moment ist er ein schlechter Mensch. Und in letzter Zeit sieht man immer häufiger Leute mit solchen Äußerungen. (Wer Abtreibung nur in „Härtefällen“ als notwendiges Übel sieht, ist inkonsequent und denkt nicht an die Opfer, aber es steht nicht so schlimm mit ihm.)

Abtreibungsbefürworter sind auch nicht fähig, unsere Argumentation, unsere Sichtweise in eigenen Worten wiederzugeben; sie müssen sie immer irgendwie entstellen. „Ihr seid einfach gegen Sex“ (Hm, vielleicht glauben viele Prolifer auch an „Kein Sex außerhalb der Ehe“, u. a. weil Sex außerhalb der Ehe nun mal schnell zu Situationen führt, in denen Abtreibung in Erwägung gezogen wird? Aber man muss das nicht glauben, um zu sehen, dass die Tötung eines Kindes immer falsch ist; Abtreibung ist keine Sünde gegen das sechste, sondern eine gegen das fünfte Gebot: Du sollst nicht morden. Ich z. B. war gegen Abtreibung, bevor ich gegen Sex vor der Ehe war.) „Ihr seid nicht pro-life, sondern nur pro-birth“ (Welchen Sinn soll das überhaupt ergeben?) „Ihr wollt Frauen kontrollieren“ (Weil es eine so furchtbare Kontrolle ist, einer zu verbieten, ihr Kind zu töten.) Sie müssen sich immer Karikaturen schaffen, die nicht einmal Sinn ergeben, weil sie sich selbst belügen müssen.

Wenn man merkt, dass Abtreibungsbefürworter aggressiver und irrationaler werden, als sie für gewöhnlich sowieso schon sind, bringt es auch manchmal nichts, weiterzureden. Sollen sie sich selbst überlassen werden, wie sie mit ihrem Gekreisch (im realen oder übertragenen Sinn) ihr eigenes Gewissen und unsere Argumente übertönen wollen.

An die ungeplant Schwangere: Ein offener Brief

Du bist schwanger, und das war nicht geplant. Vielleicht hat die Pille versagt – oder was auch immer. Und jetzt weißt du nicht, wie du mit deinen Problemen umgehen sollst. Vielleicht drängt dein Partner dich zu einer Abtreibung, oder du hast keinen Partner, oder du hast dich noch nicht getraut, es ihm zu sagen, oder er weiß nicht, was er dir raten soll und fühlt sich genauso hilflos wie du. Vielleicht sagen dir Freunde und Familie auch nur, du müsstest das selber lösen.

File:Human Embryo - Approximately 8 weeks estimated gestational age.jpg

(Ca. 6 Wochen alter Embryo. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von lunar caustic.)

Aber du kannst das schaffen. Natürlich kannst du das schaffen. Unzählige Frauen haben Kinder schon unter den schwierigsten Umständen zur Welt gebracht – auch wenn sie genauso gezweifelt haben und Angst hatten wie du jetzt. Es gibt Informations-, Beratungs- und Hilfsangebote: Bei ProFemina. Bei der Caritas. Bei etlichen anderen kleinen und großen Adressen. Selbst eine anonyme Geburt ist möglich, wenn du gar nicht weiter weißt.

File:Human fetus 10 weeks - therapeutic abortion.jpg

(8 Wochen alter Embryo. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von drsuparna.)

Du hast Ansprüche gegenüber dem Vater – im Notfall zahlt auch das Jugendamt Unterhaltsvorschuss – und du hast Ansprüche auf staatliche Hilfeleistungen. Du hast Rechte gegenüber deinem Arbeitgeber. An Unis gibt es Hilfen für Eltern – Urlaubssemester, Betreuungsangebote usw. Du kannst auch trotz Kind deinen Schulabschluss machen. Es gibt Hilfe bei medizinisch schwierigen Schwangerschaften.

Vielleicht heißt es, dein Kind könnte behindert sein. Aber solche Diagnosen sind alles andere als sicher. Falsche Diagnosen oder Risikoeinschätzungen sind sehr viel häufiger, als man meint. (Das kennt meine Familie beispielsweise aus eigener Erfahrung.)

Und selbst wenn es behindert ist: Sollte man denn alle Behinderten töten? Geh mal zu einem Behinderten – z. B. zu jemandem mit Downsyndrom – hin und frag ihn: „Wäre es dir lieber, weiterzuleben oder soll ich dich töten?“ Und dein Kind wird hier nicht einmal gefragt. Selbst wenn es heißt „dein Kind wird wahrscheinlich schon kurz nach der Geburt sterben, weil es eine so schlimme Fehlbildung hat“, was ist besser: es gleich gewaltsam zu töten oder zu warten und es vielleicht – denn noch mal: sicher ist bei diesen Diagnosen nichts – einen natürlichen Tod zu seiner Zeit sterben zu lassen?

Denk dran: Niemand kann dich zu einer Abtreibung zwingen. Weder deine Eltern noch dein Freund noch dein Ehemann noch ein Arzt, der meint, zu wissen, was das Beste ist.

File:Embryo at 12 weeks.JPG

(Zwölf Wochen alter Embryo, Ultraschallbild. Gemeinfrei.)

Es ist dein Kind. Es ist auf dich angewiesen. Du wirst nicht erst Mutter, du bist schon eine.

Und du hast nicht das Recht, dein Kind zu töten. Dein Kind hat eine Zukunft, die ihm gehört.

Von dir wird nicht verlangt, dich „für dein Kind zu entscheiden“. Von dir wird verlangt, dich nicht dafür zu entscheiden, dein Kind zu töten. Was du nach seiner Geburt machst – ob du es behältst oder zur Adoption freigibst (auch das ist möglich), welche Beziehung du weiterhin zu seinem Vater hast, ob du bald wieder arbeiten gehst oder erst einmal zu Hause bleibst – das alles musst du selber entscheiden, wie es für dich am besten ist. Aber es ist nicht in Ordnung, zu einem Arzt zu gehen, der einen Schlauch in deine Gebärmutter einführen soll, um dein Kind durch Saugluft in Stücke zu reißen und seine einzelnen Gliedmaßen herauszusaugen. So sieht eine Abtreibung im ersten Trimester aus. Im späteren Verlauf einer Schwangerschaft wird das Kind meistens mit einer Giftspritze ins Herz getötet und dann eine Frühgeburt eingeleitet.

„Mein Körper gehört mir.“ Da ist aber noch ein Körper in deinem Körper  – einer, der dir nicht gehört. Stell dir vor, da wären zwei siamesische Zwillinge, und die eine von beiden würde sagen: „Herr Doktor, trennen Sie uns, ich weiß, dass meine Zwillingsschwester dabei sterben wird, aber das ist mir egal, mein Körper gehört mir.“

Du kannst dieses Kind bekommen. Du bist stark genug dafür. Schwangerschaft sind schwierig, ja – aber die Alternative ist nicht so leicht, wie es manchmal heißt.

Du wirst eine Abtreibung vielleicht nicht so schnell vergessen. Viele Frauen haben jahrelang Albträume und Flashbacks. Es ist eine brutale Sache, die übrigens auch für dich gesundheitliche Risiken hat.

Lass dein Leben nicht von einer Kurzschlussreaktion bestimmen, die du hinterher vielleicht bereust. Hol dir erst einmal Vomex gegen die Morgenübelkeit und heul dich ordentlich bei jemandem aus, der dir helfen will, vielleicht kannst du dann schon wieder klarer denken. Es ist ja eine unglaublich stressige Situation. Ruf bei einer Beratungsstelle an oder geh direkt dorthin oder nimm ein Onlineberatungsangebot in Anspruch und informier dich, bevor du irgendetwas tust, über alle deine Möglichkeiten und alle angebotenen Hilfen.

Und dann stell dir die Frage: Angenommen, ich treibe nicht ab – würde ich mir dann vielleicht in zehn Jahren, wenn mein Kind also etwa in der 3. oder 4. Klasse wäre, wünschen, ich hätte es getan? Und angenommen, ich treibe ab – würde ich mir dann vielleicht wünschen, ich hätte es nicht getan?

File:Baby from Nepal 01.JPG

(Neugeborenes Baby. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Krish Dulal.)

 

PS: Wenn du bereits eine Abtreibung hattest und mit den psychischen Folgen zu kämpfen hast, auch da gibt es Menschen, die dir helfen wollen.

PPS: Und wenn du als Mann erfahren hast, dass du Papa wirst: Bitte unterstütz die Mutter deines Kindes. Viele Frauen fühlen sich in einer solchen Situation hilflos – plötzlich ist da ein Kind im eigenen Körper, kannst du dir das vorstellen? (Und dann sämtliche gesundheitlichen Probleme einer Schwangerschaft…) Sei für sie da, und für dein Kind.

Man soll nicht alles glauben, was in der Zeitung steht

…hat man mir beigebracht, vor allem bezogen auf die Lokalnachrichten im örtlichen Käseblatt. Insbesondere aber sollte man nicht glauben, dass alles, was man wissen muss, in der Zeitung steht. Bei einem Thema ist das besonders auffällig.

Gerade berichten Medien (und zwar private wie die Welt ebenso wie öffentlich-rechtliche wie die Tagesschau) über eine Demonstration in Polen gegen die strengen Abtreibungsgesetze des Landes. Wenn man dagegen von einer Demonstration in Irland mit etwa doppelt so vielen Teilnehmern für die Beibehaltung der strengen Abtreibungsgesetze (genauer: des 8. Verfassungszusatzes, der Ungeborene schützt und zu dem bald eine Volksabstimmung stattfinden soll), erfahren will, muss man schon die Irish Times oder andere irische/englischsprachige Medien konsultieren. Auch der „Marsch für das Leben“ in Berlin mit ca. 7000 Teilnehmern wird von den meisten Medien jedes Jahr wieder konsequent ignoriert; ebenso ergeht es dem „March for Life“ in Washington D. C. mit jährlich etwa einer halben Million. Gleichzeitig wird ausgiebig über den „Women’s March“ oder den „March for our lives“, der sich für strengere Waffengesetze einsetzt, berichtet; Desinteresse an der amerikanischen Politik kann’s also nicht sein.

Dass die Medien, na ja, nicht immer vollkommen ausgewogen berichten oder ihre Informationen auf dem neuesten Stand haben, ist zwar nichts Neues. Katholiken wissen seit langem, dass die Kirchenfeindlichkeit vieler Journalisten nur durch ihre Ahnungslosigkeit übertroffen wird. Die Tagesschau redet, wenn sie anlässlich des Reformationsjubiläums erklären will, was der Ablass ist, schon mal von „Sündenvergebung gegen Geld“, während selbst Wikipedia weiß, dass es sich dabei um den „Erlass zeitlicher Sündenstrafen“, nicht die Vergebung der Sünden, handelt. Wikipedia. Auch Wissenschaftsartikel in sämtlichen nicht-wissenschaftlichen Publikationen sind so eine Sache – man müsste mal eine Studie darüber erstellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Studie zu den Ursachen von Krebs oder dick machenden Lebensmitteln, über die ein Artikel berichtet, a) eigentlich etwas anderes aussagt als der Artikel suggeriert, b) gar nicht ausreicht, um abschließende Aussagen zu machen, c) inzwischen in Fachkreisen als methodisch unzulänglich erwiesen wurde, oder d) durch die Ergebnisse einer Metastudie widerlegt wurde. Jedenfalls sind weder weltanschauliche Vorurteile noch Ahnungslosigkeit, Übertreibungen und Clickbaiting im Journalismus etwas Ungewohntes.

Aber besonders beim Thema Abtreibung ist das Verhalten der Medien schon auffällig. Meistens redet man einfach nicht drüber. Sogar Pegida oder „Kandel ist überall“ wird deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet als etwa dem „Marsch für das Leben“. Und wenn sich das Thema Abtreibung mal doch nicht vermeiden lässt, redet man eben über Frauenrechte und Selbstbestimmung, versichert sich, dass man auf der Seite des Fortschritts steht, und vermeidet es, den eigentlichen Vorgang einer Abtreibung anzusprechen. Die Lebensrechtsbewegung taucht eventuell mal in einem Nebensatz auf, wenn man Artikel über Pro-Choice-Demos schreibt; ihre Argumente behandelt man lieber überhaupt nicht erst. Erst recht gibt man nicht zu, dass Lebensrechtler selber davon überzeugt sein könnten, unschuldiges Leben zu verteidigen, sondern unterstellt ihnen grundsätzlich sinistre Motive, meistens Frauenhass. Man kann sie nicht als fehlgeleitete Idealisten behandeln, die man nur auf die Fakten hinweisen müsste, weil gerade die Fakten für sie sprechen würden, wenn man sich trauen würde, die anzusehen. Also redet man ihre Motive schlecht, um sie zu diskreditieren. Man fühlt sich unbehaglich und meidet das Thema oder zumindest seinen zentralen Punkt. Es wird nicht viel darüber gesprochen, ab wann der Mensch ein Lebensrecht haben soll; dieser Frage wird mit lauter Scheinargumenten ausgewichen. Sollen Kinder in Armut oder mit Behinderungen aufwachen? – Wenn sie schon ein Lebensrecht haben, darf man sie nicht töten, auch wenn sie mit Armut oder Behinderungen leben. Was ist mit der Selbstbestimmung der Mutter? – Wenn ihr Kind schon ein Lebensrecht hat, darf sie es nicht töten. Männer sollen sich aus der Diskussion heraushalten!* – Wenn das Kind schon ein Lebensrecht hat, ist es egal, welches Geschlecht derjenige hat, der sich für dieses Lebensrecht ausspricht. Um kein Lebensrecht zugeben zu müssen, faselt man vielleicht noch von Zellklumpen, die tatsächliche embryonale Entwicklung (Herzschlag ab der 6. Woche usw.) verschleiernd und nicht definierend, ab wann ein Mensch dann kein Zellklumpen ohne Lebensrecht mehr sein soll. Wie eine Abtreibung funktioniert, erfährt man bei solchen Leuten nie. Ich erinnere mich immer noch an mein Biologiebuch aus der 8. Klasse, das eine Abtreibung mit dem bemerkenswerten Satz beschrieb: „Die Frucht stirbt dabei ab.“ Nix von durch Saugluft ausgerissenen Armen und Beinen.

Wegen alldem ist es so wichtig, dass die Lebensrechtsbewegung dafür sorgt, dass über das Thema gesprochen wird. Jeder, der ehrlich ansieht, was bei Abtreibungen geschieht, muss sich eingestehen, dass da ein Mensch getötet wird, und mit etwas Glück wird er gegen die Tötung eines Menschen noch gewisse ethische Bedenken haben. Aber in einer Gesellschaft, die Abtreibungen seit Jahrzehnten normalisiert hat, will man sich das eben nicht eingestehen.

* Als ob Frauen – wie ich – nicht pro-life sein könnten. Als ob auch nur eine deutliche Mehrzahl der Pro-Lifer Männer wären.

Nein, es ist nicht „okay, egal was du machst“: Über Abtreibung

Ich bin heute durch Zufall auf einen Erfahrungsbericht zu einem Thema gestoßen, über das im Allgemeinen wenig geredet wird – ja, Abtreibung. Geschrieben von einer jungen Frau, 27 Jahre alt, die, es wird nicht gesagt, vor wie langer Zeit genau, ihr ungeplantes Kind abgetrieben hat, wohl in der 5.-6. Schwangerschaftswoche (sie schreibt, dass sie die Abtreibung drei Wochen nach einem Schwangerschaftstest, der „2.-3. Woche“ angab, vornehmen ließ).

[Gleich mal von vornherein Karten auf den Tisch für alle neuen Leser hier: Ja, ich gehöre zu diesen gestörten dogmatischen radikal religiösen Abtreibungsgegnerinnen, die Abtreibung für die immer ungerechtfertigte Tötung eines unschuldigen Menschen halten. Wenn Sie von diesem Thema selber betroffen sein sollten: Nein ich verurteile hier niemanden. Ich kenne Ihre Gründe nicht, und urteile nicht über den Seelenzustand von irgendjemandem. Ich sage, es ist falsch – und damit, dass man sagt, dass irgendetwas Falsches falsch ist, hat man noch keinen moralischen Blumentopf gewonnen. Man wird auch nicht dadurch ein besserer Mensch, dass man Diebstahl, Lügen oder Völkermord als falsch deklariert. Die Tatsachen bleiben dennoch, dass durch Diebstahl, Lügen und Völkermord Schaden angerichtet und anderen Menschen Unrecht angetan wird. Und durch Abtreibung. Wenn Sie das anders sehen – nun, dann werden Sie sich doch von einer religiösen Fundamentalistin keine Schuldgefühle einreden lassen, wenn sie diesen Text lesen, oder? Und wenn Sie das nicht anders sehen und selber schon Schuldgefühle haben: Es gibt keinen Grund, zu verzweifeln. Es gibt im Leben aller Menschen vieles, was man wider besseres Wissen getan hat und bereuen muss. Es gibt Heilung für Schuld.]

Das Erschreckende an ihrem Bericht ist, wie wenig erschreckend die geschilderte Situation dem Leser erscheint. Es geht hier nicht um die in theoretischen Diskussionen gerne mal herangezogene vergewaltigte Elfjährige, auch nicht um eine Frau, deren Leben durch eine Schwangerschaft gefährdet ist, nicht um eine Achtzehnjährige ohne Schulabschluss, deren Freund droht, mit ihr Schluss zu machen, wenn sie „es nicht wegmachen lässt“ und deren Eltern sie zu derselben Entscheidung drängen. Die Autorin war nicht psychisch krank, erwartete kein schwerstbehindertes Kind mit einer Lebenserwartung von sechs Monaten. Die Gründe waren… na ja: „Der Klassiker: prekäre Arbeitsverhältnisse, nicht abgeschlossenes Studium, kein fester Job in Sicht, Angst vor schwieriger Wohnungssuche, Fernbeziehung, Selbstfindungsstruggle, unklare Einstellung zum Konzept Familie, der ganze Generation-Y-Shit halt.“

Das alles sind Probleme, die man angehen kann, und die (abgesehen von der unklaren Einstellung) gelegentlich auch mal junge Paare haben, die gewollt Kinder bekommen. Es gibt Möglichkeiten, ein Studium mit Kind fortzusetzen, man kann auch ein paar Monate oder ein, zwei oder mehr Jahre aussetzen und sich dann einen Job suchen, prekäre Arbeitsverhältnisse hat praktisch jeder in den ersten Jahren nach dem Studium, ob mit oder ohne Kind, und finanziell ist das mit Unterstützung des Staates in Deutschland durchaus zu überbrücken. An einer Fernbeziehung lässt sich im Lauf von neun Monaten in der Regel auch etwas ändern; auch bei schwieriger Wohnungssuche muss man hierzulande keine Obdachlosigkeit fürchten. Die Autorin steht nicht alleine da. Es würde irgendwie gehen, wie sie selbst, und wie auch ihr Umfeld – inklusive des Vaters ihres Kindes – ihr mitteilt: „Erst als mir mein komplettes Umfeld, also Freundinnen, mein Freund und meine Familie versichern, dass es bestimmt – irgendwie – ginge, wenn ich es wollte, stelle ich fest: Ich will es nicht. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht irgendwie. Ein bisschen fühlt es sich an, wie eine Liebesabfuhr zu bekommen. Es erinnert an ein ‚Ich liebe dich, aber ich kann das gerade nicht‘. Obwohl ich diejenige mit der Abfuhr sein würde, denn ich würde mich ja dagegen entscheiden. Das traurige daran ist, dass es auch eine Entscheidung des Nichtkönnens ist. ‚Ich kann das gerade nicht‘.“

Sie schreibt weiter: „Das Gute aber ist die Erkenntnis, dass ich es eben in der Hand habe. Dass ich den Zeitpunkt bestimmen kann. Dass es ein anderer werden kann – oder auch nie. Aber dass ein Nein jetzt kein Nein für immer ist. Ich muss mich keinem Schicksal ergeben, nein, ich kann mein Leben für den Moment gestalten, ohne es entwerfen zu müssen. […] Wir müssen noch ein paar Dinge machen, bevor wir Eltern werden. Unter anderem herausfinden, ob wir Eltern sein wollen. […] Mir dämmert, dass trotz aller Liebe, aller Unterstützung, allen ‚Es ist okay’s, ich mit der endgültigen Entscheidung allein bin. My body, my choice. Juhu! Und: Oh Gott! Beantworte ich die Frage nach dem ‚Kann ich es wirklich wegmachen?‘ mit ‚Nein‘, dann trage ich die Verantwortung für drei Lebensläufe. Beantworte ich sie mit ‚Ja‘, dann ist es, wie es ist. […] Man muss das Thema nicht über das Individuelle hinaus emotional aufladen und man darf aus der eigenen Betroffenheit keine Moral für andere ableiten. Aber man soll damit umgehen können, wie man möchte. Die Entscheidung für einen Abbruch kann ganz leichtfallen, das ist in Ordnung. Sie kann aber auch schwerfallen und das ist ebenso okay. Das heißt nicht, dass ein Abbruch falsch ist. Das soll jede schwangere Person für sich klären können.“

Es gibt durchaus Dinge, bei denen eine solche Herangehensweise angemessen sein wird. Die Frage, ob man Abi machen will oder ob einem der Hauptschulabschluss reicht; ob man jemals heiraten will oder nicht; ob man diesen oder jenen Beruf ergreifen will; ob man sein Übergewicht unbedingt loswerden will oder ob einem ein paar Pfunde zu viel völlig egal sind. Da kann man nicht verallgemeinern und jeder sollte danach entscheiden, womit er sich wohlfühlt. Aber es gibt auf der Welt leider nun mal auch andere Entscheidungen, bei denen es eindeutig nicht hilft, zu sagen: „Das soll jeder für sich selbst klären“, oder: „Egal was du tust, es ist okay“. Manche Entscheidungen sind nicht ebenso gut wie andere; manche Entscheidungen sind objektiv gesehen falsch; manche Entscheidungen haben schwerwiegende Konsequenzen – für einen selber, und für andere Menschen. Manche Dinge gehen nicht nur einen selbst was an.

Newsflash, Leute: Die Welt ist ungerecht, und manchmal scheiße. Man kann sein „Schicksal“ nicht frei wählen, man hat sein Leben nicht immer „in der Hand“, und man kann nicht für alles „den Zeitpunkt bestimmen“, den man gern hätte. Ich hätte es auch gerne so, aber so ist es nicht. Wenn man sein Leben auf Teufel komm raus genau so einrichten will, wie man es jetzt im Moment haben will, übergeht man im Zweifelsfall das Leben anderer Menschen, insbesondere solcher, die hilflos und einem völlig ausgeliefert sind.

(Im Übrigen: Bin ich eigentlich die einzige, die den Eindruck hat, dass der Satz „Ich unterstütze dich, egal wofür du dich entscheidest“ im Allgemeinen oft bloß eine billige Ausrede ist, um keinen richtigen Rat geben zu müssen?)

Die Autorin schreibt auch über ihre Internetrecherchen vor ihrer Entscheidung (die nicht von Anfang an feststand; sie war offensichtlich sehr hin- und hergerissen) und über andere Wahrnehmungen in dieser Zeit: „Das Internet ist die Hölle. Zum Thema Abtreibungserfahrungen finde ich fast ausschließlich Horrorgeschichten von Abtreibungsgegnern und -gegnerinnen, moralisch-durchtränkte Märchen, Dogmamantren und antiwissenschaftliche Lügen. Zum Thema Babys nur Glückseligkeit und ‚Wird schon und alles!‘, supidupi, ‚Sinn des Lebens‘, ‚Wunder‘. […] Während der Schwangerschaft bin ich oft im Kino. Es ist eine Unternehmung ohne unmittelbare Kommunikation, es ist Alleinsein ohne Einsamkeit. Es ist eine Möglichkeit, nachzudenken, aber dank Ablenkung ohne ständiges Kopfrodeo. Dort: Werbung. Strahlende Kinder, als Symbol. Die Gleichung: Kind = Glück. Die absolute Lebensfreude ist ein Kind. Das Ultimo an Schönheit ist Kinderlachen. Meine Mutter sagt: ‚Ein Kind kann ein Leuchtturm im Leben sein‘. Ich denke über meine Momente absoluter Lebensfreude nach, über meine Leuchttürme. Es sind Konzerte, bei denen ich mit einem Bier in der Menge stehe, es sind Songs auf meinem Kopfhörer im Bett, es ist Sex mit dem besten Menschen der Welt, es ist das Gröhlen von Trashpop nachts um fünf in irgendeiner WG, es ist das stundenlange Sitzen im Fernbus und Freuen auf Neues. Es ist nie ein Kind. Es war nie die Vorstellung von einem Kind. Ich sehe auf der Straße Menschen mit Babys. Ich versuche, mir ihr Glück abzugucken. Ich verstehe es. Ich verstehe sie. Aber ich bin nicht sie. Ihr Leben ist ein anderes.“

Oh, sie hat hier in manchen Dingen recht. Kinder sind nicht einfach das größte Glück im Leben, das einem passieren kann. Sind sie nicht. (Musik und Partys und Reisen sind das zwar auch nicht zwangsläufig für immer, aber darum geht es hier nicht.) Sie bedeuten absolut nicht die pure Glückseligkeit, und es ist nicht immer einfach, sie sein ganzes weiteres Leben lang am Hals zu haben. Ich bin noch selber nah genug an dem Alter dran und habe ein ausreichendes Gedächtnis und außerdem auch noch genügend Geschwister, um das aus eigener Erfahrung zu wissen. Eltern, inklusive meine Eltern, haben es mit Kindern nicht immer einfach. Erst einmal muss man vollgeschissene Windeln wechseln, und das oft genug nachts um halb drei, dann muss man sie ständig im Blick haben und hat keine freie Minute, während sie in Windeseile vom Wohnzimmer ins Bad krabbeln, und es fällt einem erst auf, wie viele Kanten in Kniehöhe es eigentlich in der Wohnung gibt, dann kommt ihre Trotzphase und sie beginnen, wie am Spieß zu brüllen, wenn man im Supermarkt an der Kasse steht und EINFACH NUR NOCH NACH HAUSE WILL. Später wird es auch nicht immer einfacher; sie entwickeln ADHS oder sind gemein zu ihren Mitschülern, sie haben Lernschwierigkeiten, schreien einen an, wenn sie den Fernseher ausschalten sollen, wollen nicht mit ihren Geschwistern teilen und waschen sich nicht die Hände vor dem Essen, egal wie oft man es ihnen sagt. Dann werden sie mit 17 magersüchtig oder depressiv oder entwickeln eine Nahrungsmittelunverträglichkeit und man muss mit ihnen von Arzt zu Arzt tingeln, bis man endlich herausfindet, was los ist; oder vielleicht werden sie auch so komisch religiös, fiebern enthusiastisch dem nächsten Weltjugendtag oder der Ministrantenwallfahrt nach Rom entgegen, kleben sich Jesus-Bilder in ihr Zimmer und schlafen auch nach drei Monaten Beziehung nicht mit ihrem Freund. Sie brechen bei der Weihnachtsfeier mit der Verwandtschaft Diskussionen über verschiedene Formen des Feminismus oder das Reformationsjubiläum vom Zaun. Sie gehen zur Uni und haben keinen rechten Plan für ihr Leben und stellen sich vor, dass man ihnen ihr Leben finanziert, bis sie sich mit Ende 20 irgendwann mal entscheiden, dass der Studiengang doch nicht das Richtige für sie war. Sie beteiligen sich bei der Antifa oder wählen die AfD. Sie bringen Partner mit heim, die man einfach nur grässlich findet und reagieren zickig bis zum Geht-nicht-mehr, wenn man sie darauf anspricht, ob der denn wirklich der Richtige für sie ist; dann werden sie selber ungeplant schwanger und kommen heulend bei einem an und in Zukunft muss man dem Enkelkind die vollgeschissenen Windeln wechseln…

Wenn ich mal von mir selber als potentieller Mutter ausgehe: Ich könnte mir im Moment absolut nicht vorstellen, ein Kind zu haben. Ich bin jetzt zwar schon Anfang zwanzig und habe eine tolle Familie, die mich sicherlich unterstützen würde, aber ich habe auch eine chronische körperliche Krankheit, die mich derzeit schlaucht, und dazu geht es mir auch psychisch gesehen, na ja, nicht so ganz optimal. Ich wäre mit einem Kind entsetzlich überfordert – mit Vorsorgeterminen, an die gedacht werden muss, mit zu wenig Schlaf, mit dem Einkaufen von altersgerechtem Spielzeug und dem Zubereiten von drei gesunden Mahlzeiten am Tag, mit der Fahrt zum Fußballtraining und der Tatsache, dass sie unbedingt, unbedingt noch ein neues Faschingskostüm brauchen, und zwar jetzt noch, bevor der ALDI zumacht, weil Lisa hat sie für morgen zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen und da sollen alle verkleidet kommen, weil Fasching ist, und nein, das konnten sie nicht früher sagen, weil sie haben die Einladung gerade erst gekriegt, und außerdem hast du versprochen, dass ich noch ein neues Kostüme kriege, die alten passen alle nicht mehr und außerdem sind sie scheiße!!! Es heißt ja, man wächst an seinen Aufgaben, aber ohne die großzügige Unterstützung liebender Großeltern ginge bei mir, falls ich durch irgendeine Fügung des Schicksals von jetzt auf gleich schwanger wäre, sicherlich überhaupt nichts. Wahrscheinlich würde ich kaum eine Schwangerschaft ohne fünf oder sechs Nervenzusammenbrüche überstehen.

Aber, ob ihr’s glaubt oder nicht: Kinder sind Personen. Sie sind nicht das Glück auf Erden, weil sie Personen sind – Personen mit ihren schlechten Seiten und ihrer Selbstsucht und ihren Bedürfnissen und ihren Ausscheidungen und ihrem Hunger und ihren Krankheiten und ihrem Kummer oder Zorn wegen ihres Übergewichts oder dem Mobbing auf dem Schulhof.

Sie sind Personen, und deshalb haben sie Rechte.

Die Autorin erwähnt im Lauf des Textes (s. o.) „antiwissenschaftliche Lügen“ (aus dem Kontext: von Abtreibungsgegnern und -gegnerinnen) im Internet und nennt das, was sie ambulant von einer freundlichen, verständnisvollen Ärztin entfernen hat lassen, ein paar Mal einen „Zellklumpen“. Nun, ich weiß ja nicht, welches Biologiebuch zu ihrer Zeit im Aufklärungsunterricht verwendet wurde; aber ich bin natürlich gern bereit, eventuelle Wissenslücken aufzufüllen: In der 5. bis 6. Woche sieht ein Baby eher aus wie eine Kaulquappe als wie ein „Klumpen“; man sieht sein Rückenmark und seine sich entwickelnden Augen; Organe wie Nieren, Leber, Darm bilden sich; in der 6. Woche sieht man die Ansätze von Armen und Beinen. (Für genauere Infos und Bilder siehe zum Beispiel hier eine Seite für werdende Mütter – mir nicht bekannt, dass sie irgendeinen Bezug zur Lebensrechtsbewegung hätte) Mit zwölf Wochen – der Grenze für straffreie (nicht legale) Abtreibungen nach der Beratungsregelung – sieht ein Embryo wie ein ganz normaler kleiner Mensch mit übergroßem Kopf und mickrigen Gliedmaßen aus. Aber ja, er ist auch davor – auch, wenn sein Herz noch nicht schlägt, auch, wenn er in Woche 1 oder 2 noch wie ein „Klumpen“ aussieht, kurz gesagt ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle – ein einmaliges menschliches Wesen mit einer einmaligen DNA, das sich nur noch weiter entwickeln muss – so, wie sich auch geborene Babys noch weiterentwickeln und erst noch Zähne bekommen und sprechen und laufen lernen müssen. Man sage mir, wo hier in diesem Absatz eine Lüge liegt.

Im Endeffekt ist jeder Mensch ein großer Klumpen aus Zellen in einem bestimmten Entwicklungsstadium, so wie jeder Text aus schwarzen Zeichen auf weißem Grund besteht (oder im Fall von panikgetriebenen Internetseiten über den nahenden Weltuntergang wegen eines Maya-Kalenders oder sonst was: aus neongelben Zeichen auf schwarzem Grund); aber er ist gleichzeitig auch noch mehr. Man kann nun natürlich Lebensrecht über „Personsein“ definieren und „Personsein“ über Denkfähigkeit und Bewusstsein; dann haben aber logischerweise folglich auch Babys weniger Rechte als Dreijährige, und Dreijährige weniger Rechte als Erwachsene, man bräuchte also eine Art gestuftes Lebensrecht – so wie beispielsweise im Alten Rom, wo es legal war, Neugeborene auszusetzen, wenn man sie nicht haben wollte. Es gibt Leute, die das tatsächlich so definieren – Peter Singer ist das bekannteste Beispiel – ; ich als Christin tue es nicht. Man kann auch definieren, dass jemand, der auf einen anderen angewiesen oder mit dessen Körper verbunden ist, ohne dessen Zustimmung kein Recht auf Leben hat und getötet werden darf; damit stellt sich zwar evtl. das Problem, wer von zwei siamesischen Zwillingen jetzt der mit dem Lebensrecht ist, oder, wenn man diesen Spezialfall mal beseite lässt, wie groß eine Abhängigkeit sein muss, ehe das Lebensrecht verloren geht (wiederum: normale Neugeborene, die ohne Eltern nicht überleben können? Schwerstbehinderte oder Komapatienten, die gepflegt werden müssen?). Aber diese Schwierigkeiten überlasse ich mal den Abtreibungsbefürwortern. Ich gehöre ja zu den fundamentalistischen unaufgeklärten im Mittelalter zurückgebliebenen Dogmatikern, die eine Menschenwürde für jeden Menschen, unabhängig von Entwicklungsstand oder Abhängigkeit von anderen Menschen, annehmen.

In der Lebensschutzbewegung wird tatsächlich sehr viel davon geredet, dass Abtreibung auch den Frauen schadet, dass das Leben mit einem Kind schön ist, dass viele Frauen eine Abtreibung bereuen, dass sie sich oft nur unter Druck und in Notsituationen dafür entscheiden, weshalb die Väter ihre Partnerinnen unterstützen müssten und man Notsituationen abhelfen müsste, anstatt das Kind loszuwerden. Das stimmt an sich, und sollte beachtet werden. Aber es gibt eben auch die andere Seite, von der dieser Artikel zeugt: Dass eine Abtreibung medizinisch ohne jede Komplikation verlaufen und psychisch eine Erleichterung sein kann; dass das Leben mit Kindern nicht immer besonders schön ist und dass manche Frauen es überhaupt nicht bereuen, ihr Kind abgetrieben zu haben, auch wenn sie in keiner sozialen oder medizinischen oder psychologischen Notsituation waren, sondern es nur gerade irgendwie ungelegen kam und sie noch nicht gleich ihr ungebundenes Leben aufgeben wollten. Das gibt es auch.

Aber das macht es eben nicht besser; ganz im Gegenteil. Eine Abtreibung ist immer die Tötung eines kleinen Kindes; manchmal geschieht sie aus subjektiv nachvollziehbaren, schrecklichen Gründen, und manchmal aus – na ja, nicht so schrecklichen Gründen. Eine Abtreibung in einem solchen Fall – weil es eigentlich ungelegen kommt, weil man lieber noch ein paar Jahre warten würde, weil man jetzt auf die Schnelle seinen Lebensplan umstellen müsste – ist einfach eine Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, eine Weigerung, ein Kind anzunehmen, das schon da ist. Wenn man schwanger ist, kann man ganz einfach nicht mehr sagen „Ich bin erst in ein paar Jahren wirklich bereit für ein Kind“. Das Kind ist da. Wenn man schwanger ist, ist man schon Mutter; dann ist es zu spät, zu überlegen, ob man es werden will. Und man wird bis in alle Zukunft entweder die Mutter eines lebenden oder die Mutter eines toten Kindes sein.

Ja, man sollte planen, wann man Kinder bekommen will, aber das sollte man vorher überlegen; wenn man Sex hat, geht man immer das, wenn auch noch so geringe, Risiko ein, dass ein Kind dabei raus kommt – egal, welche Verhütungsmethode(n) man verwendet. Wenn man dieses Risiko unter keinen Umständen eingehen kann, sollte man dementsprechend handeln. Das nervt einen vielleicht, aber das ist die Realität. Ich habe das System der Fortpflanzung der Säugetiere nicht erfunden, da muss man sich anderswo beschweren.

Der Autorin dieses Textes kann man vielleicht nicht allein den Vorwurf für die Traumwelt machen, in der sie lebt. Viele Menschen leben darin, und Menschen meiner und ihrer Generation sind irgendwie schon darin aufgewachsen. Es wird ja überall von „Selbstverwirklichung“ geredet und davon, dass man, wenn man logisch gesehen verantwortungslos handelt, doch „nur das Beste für alle“ tue; dass man sich kein schlechtes Gewissen machen solle; dass gut sei, wofür auch immer man sich entscheide; dass nur religiöse Fanatiker wie die Verfasserin dieser Zeilen etwas anderes denken könnten und aufgeklärte Menschen sich von denen keine Schuldgefühle einreden lassen sollten. So wie die Autorin des Artikels redet – ruhig, locker, neutral, tolerant, mit sich selbst im Reinen -, kann man nur reden, wenn man die Tatsache leugnet oder ignoriert, dass die eigenen Handlungen ein anderes Wesen mit eigenen Rechten getroffen haben, das gelebt hat und eine eigene Zukunft gehabt hätte. (Nicht dass es jetzt außerhalb dieser Welt keine Zukunft mehr hätte; ich gehe mal davon aus, dass es sich jetzt wohl in der ewigen Herrlichkeit befinden wird und vielleicht gerade mit seinem vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt verstorbenen Urgroßonkel oder mit dem heiligen Thomas von Aquin oder dem heiligen Moses dem Äthiopier oder der heiligen Afra von Augsburg Bekanntschaft schließt. Aber darum geht es hier nicht. Und in jedem Fall hätte es auch noch eine Aufgabe hier auf Erden gehabt.)

Das Leben ist nun mal manchmal scheiße, und manchmal schwierig, und manchmal ungerecht. Manchmal ist es auch gewöhnlich und spießig und langweilig. Man kann sich nicht immer selbst verwirklichen, und man hasst sein Leben manchmal, und manchmal muss man einfach das Richtige tun. Oft wird es dann schon irgendwie, manchmal wird es besser als gedacht, manchmal kann man noch das „Beste aus beiden Welten“ haben, und manchmal geht das nicht und nichts scheint mehr zu funktionieren. So funktioniert das Leben eben leider. Es ist kein Selbstbedienungsladen, sondern eher „wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt“.

Eins noch: In dem ganzen Text wurde übrigens kein einziges Mal die Möglichkeit erwähnt, das Kind auszutragen und zur Adoption freizugeben. Ich weiß nicht, ob die Autorin nicht an diese Möglichkeit gedacht hat, ob sie auch in der Schwangerschaftskonfliktberatung vielleicht gar nicht erwähnt wurde, oder ob sie sie bewusst verworfen hat, weil sie z. B. fürchtete, es wäre vielleicht „zu schmerzhaft“ für sie, ein Kind erst auszutragen und es dann abzugeben. (Was aus Sicht des Kindes wiederum wohl anders aussähe.)

 

PS: Ein kurzer Gedanke noch: Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Welt sich vielleicht auch deshalb so schwer tut, anzuerkennen, dass es vielleicht doch falsche Entscheidungen und reale Schuld geben könnte, weil sie nicht glaubt, dass es einen wirklichen Ausweg aus realer, großer Schuld geben kann… Aber den gibt es.

PPS: Falls eine Leserin dieser Zeilen sich selbst in der Situation befinden sollte, ungewollt schwanger zu sein und nicht weiter zu wissen, z. B. hier auf dieser Seite von Pro Femina gibt es Informationen und Beratung – E-Mail, kostenlose Hotline, Forum, etc. – zu allen Fragen und so zeitintensiv wie nötig. Auch bei der Caritas gibt es natürlich ebenso Beratung; hier zur Onlineberatung. Ich möchte an dieser Stelle ein bisschen Mut machen: Ich kenne ein paar Mädchen (flüchtig), die im späten Teenageralter ungewollt schwanger geworden sind und deren Kinder inzwischen so zwischen einem und drei Jahren alt sind. Es ist hinzukriegen. Ja, manches muss zurückstehen; ja, das Leben ändert sich radikal, wenn ein Kind da ist. Aber es ist normalerweise nicht der absolute Horror und nicht das Ende des Lebens. Man wird Probleme haben und man wird wahrscheinlich nicht alles perfekt machen und manchmal wird man wahrscheinlich unzufrieden sein. Das ist in jedem Menschenleben der Fall; auch ohne Kinder ist selten alles perfekt und genau so, wie man es haben möchte. Ja, vielleicht muss man manches aufgeben, aus Verantwortung gegenüber dem Kind, was man sonst hätte machen können. Eine meiner Bekannten war eine Zeitlang bei ihrem Kind daheim und macht jetzt mit ihrer Ausbildung weiter, eine andere holt etwas unmotiviert ihren Hauptschulabschluss nach, weil sie schon vor ihrer Schwangerschaft die Schule abgebrochen hatte, eine andere ist noch bei dem Kind zu Hause, während ihr Mann arbeiten geht – sie hat ihren Freund geheiratet und es ist offenbar eine gute Beziehung; andere dagegen sind aus Gründen nicht mehr mit den Väter ihrer Kinder zusammen. Sie alle kriegen es hin, sich um ihre Kinder zu kümmern. Bevor man beim Gedanken an eine Schwangerschaft in totale Panik ausbricht: Erst einmal tief durchatmen. Sich etwas Zeit nehmen, um sich zu informieren und einfach mal ruhig nachdenken. Überlegen, wen man um Unterstützung bitten könnte und was für konkrete Probleme oder Aufgaben auf einen zukommen würden (wenn man Angst hat, steigert man sich manchmal zu sehr in Vorstellungen von scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten hinein; ich tue das jedenfalls). Sich vielleicht vorstellen, wie es sein könnte, in etwa fünf oder zehn oder fünfzehn Jahren, mit dem Kind, was man für es fühlen und wie man mit ihm leben würde. Ich weiß nicht, ob das hilft, aber vielleicht könnte es helfen.