Das Gesetz: Süßer als Honig (ein Gastbeitrag von C. S. Lewis)

Eins von C. S. Lewis‘ schönsten Büchern ist „Reflections on the Psalms“, ins Deutsche übersetzt (und leider leicht gekürzt) unter dem Titel „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“. Darin schreibt er auch etwas über die Rolle des Gesetzes in den Psalmen, das das, was ich in diesem Beitrag sagen wollte, viel besser zum Ausdruck bringt, als ich es könnte. Übergebe ich das Wort also mal an ihn:

„In Racines Tragödie Athalie singt der Chor jüdischer Mädchen eine Ode über den ursprünglichen Erlaß des Gesetzes auf dem Berge Sinai, mit dem bemerkenswerten Kehrvers ô charmante loi (1. Akt, 4. Szene). Es geht natürlich nicht an – es grenzte ans Komische -, das mit ‚o reizendes Gesetz‘ wiederzugeben. ‚Reizend‘ ist im Deutschen ein lauwarmes, ja herablassendes Wort geworden; wir wenden es auf ein hübsches Wochenendhäuschen an, auf ein Buch, das nicht bedeutend ist, oder auf eine Frau, die man nicht schön nennen könnte. Ich weiß nicht, wie charmante zu übersetzen wäre; ‚bezaubernd‘? – ‚entzückend‘? – ’schön‘? Keines dieser Wörter paßt genau. Eines aber ist gewiß: Racine (ein gewaltiger Dichter und vom Geiste der Bibel erfüllt) kommt hier einem sehr bezeichnenden Empfinden mancher Psalmen näher als jeder andere mir bekannte moderne Schriftsteller. Und zwar einem Empfinden, das mich zuerst ganz verwirrt hat.

‚Köstlicher sind sie als Gold und viel Feingold und süßer als Honig, als Seim aus den Waben‘ (19,11). Man kann gut verstehen, daß so etwas von Gottes Gnadenerweisen, von Gottes Tröstungen, von Seinen Eigenschaften gesagt wird. Aber in Wirklichkeit spricht der Dichter von Gottes Gesetz, von Seinen Geboten – von Seinen ‚Bestimmungen‘ (10) (‚Gerichte‘ meint hier deutlich Entscheidungen über das Verhalten). Was mit Gold und Honig verglichen wird, sind jene ‚Vorschriften‘ (in der lateinischen Fassung, ‚Rechtsaussprüche‘), die – so wird uns gesagt – ‚das Herz erfreuen‘ (9). (…)

Das blieb mir zuerst völlig verschlossen. ‚Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen‘ – ich kann verstehen, daß ein Mensch diese ‚Bestimmungen‘ achten kann und muß, daß er versuchen muß, ihnen zu gehorchen und im Herzen zuzustimmen. Aber es ist sehr schwer einzusehen, wie sie sozusagen munden, wie sie erheitern sollen. (…)

Ein guter Christ und großer Gelehrter, dem ich diese Frage einmal vorlegte, vermutete, die Dichter dächten an die Genugtuung, die das Bewußtsein, dem Gesetz gehorcht zu haben, bereitet; mit anderen Worten, an die ‚Freuden eines guten Gewissens‘. (…) Die Schwierigkeit besteht darin, daß mir die Psalmisten nirgends etwas annähernd Ähnliches zu sagen scheinen.

In 1,2 wird uns gesagt, der Gute habe Gefallen am Gesetz des Herrn, ‚und über sein Gesetz sinnt er Tag und Nacht‘. Mit ‚Gesetz‘ sind hier natürlich nicht einfach die Zehn Gebote gemeint; gemeint ist die ganze umfassende Gesetzgebung (die religiöse, moralische, bürgerliche, strafrechtliche und sogar verfassungsmäßige), enthalten in Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Wer darüber ’sinnt‘, gehorcht Josuas Befehl (1,8): ‚Dieses Gesetzbuch komme dir nicht aus dem Munde! Tag und Nacht halte darüber Betrachtung.‘ Das bedeutet unter anderem, daß das Gesetz ein Studium oder, wie wir sagen würden, ein ‚Fach‘ war, etwas, worüber es Kommentare, Vorlesungen und Prüfungen gab. So war es auch. Wenn also ein alter Jude sagte, er ‚habe Gefallen am Gesetz‘, meinte er zum Teil (zum religiös unwichtigsten Teil) etwas Ähnliches wie wir, wenn wir von jemandem sagen, er ‚habe gern‘ Geschichte, Physik oder Archäologie. Das kann eine ganz unschuldige – wenn auch selbstverständlich bloß natürliche – Freude am Lieblingsfach bedeuten; aber auch die Freuden des Hochmuts, Stolz auf die eigene Gelahrtheit und infolgedessen Verachtung für Außenseiter, die daran keinen Anteil haben, oder sogar eine krämerhafte Bewunderung für Studien, denen man Besoldung und gesellschaftliche Stellung verdankt.

Die Gefahr einer Entwicklung im zweiten Sinne wächst natürlich aufs Zehnfache, wenn das fragliche Studium von allem Anfang an als heilig abgestempelt ist. Dann tritt die Gefahr geistlichen Stolzes zur gewöhnlichen Haarspalterei und Einbildung hinzu. Manchmal (nicht oft) ist man froh, kein großer Theologe zu sein; man könnte sich dann leicht fälschlich für einen guten Christen halten. (…) Aber nicht diese Seite der Angelegenheit möchte ich hier unterstreichen – heute bedarf es dessen nicht. Lieber möchte ich mir von den Psalmen das Gute zeigen lassen, durch dessen Verderbnis jenes Schlechte entstanden ist.

Jedermann weiß, daß Psalm 119 dem Gesetze gewidmet ist, der längste der ganzen Sammlung. Und wahrscheinlich hat jedermann bemerkt, daß er in literarischer oder technischer Hinsicht am meisten durchgeformt und der kunstvollste von allen ist. Die Technik besteht darin, eine Reihe von Wörtern zu wählen, die im Rahmen dieses Gedichts alle mehr oder weniger synonym sind (‚Worte, Satzungen, Gebote, Weisungen‘ usw.), und sie in jedem der 22 Abschnitte von je acht Versen wieder erklingen zu lassen – Abschnitte, welche ihrerseits den Buchstaben des Alphabets entsprechen. (Altjüdischen Ohren mag das ein ähnliches Vergnügen bereitet haben wie uns die italienische Strophenform der Sestine, wo statt Reimen in jeder Stanze die gleichen Wörter in wechselnder Reihenfolge wiederkehren.) Mit anderen Worten: Dieses Gedicht ist nicht wie etwa Psalm 18 ein jäher Herzenserguß und will es auch nicht sein. Es ist ein kunstvolles Muster, entstanden in langen stillen Stunden, aus Liebe zum Fach und aus Freude an zweckfreiem, zuchtvollem Handwerk, wie eine Stickerei, Stich um Stich.

Das scheint mir an sich schon sehr wichtig, denn es gewährt uns Einblick in Geist und Stimmung des Dichters. Wir ahnen sogleich, er habe für das Gesetz Ähnliches wie für die Dichtung empfunden; beide heischen genaue und liebevolle Angleichung an ein schwieriges vorgeschriebenes Muster. Das legt eine Haltung nahe, aus der sich später der Begriff des Pharisäischen entwickeln konnte, die aber an sich zwar  nicht unbedingt religiös ist, aber doch ganz harmlos. Sie sieht für den, der dabei nicht mitgeht, nach Geziertheit oder Haarspalterei aus, braucht es aber nicht zu sein. Sie ist Freude an Ordnung, Vergnügen am Präzisen – wie am Tanzen eines Menuetts. Natürlich weiß der Dichter, daß etwas unvergleichlich Ernsthafteres als ein Menuett zur Frage steht. Auch weiß er darum, daß ihm selbst so vollendete Zucht schwerlich gelingen wird: ‚Ach wären doch meine Wege beständig, indem ich deinen Satzungen folge!‘ (5). Zur Zeit sind sie es nicht. Aber seine Anstrengungen entspringen nicht sklavischer Furcht. Die Ordnung des göttlichen Geistes, verkörpert im göttlichen Gesetz, ist schön. Kann man Besseres tun als sie im täglichen Leben soweit wie möglich darstellen? ‚An deinen Satzungen habe ich meine Lust‚ (16); über sie zu sinnen, ist ‚mehr als Besitz‘ (14); sie wirken wie Musik. ‚Lieder sind mir deine Satzungen‘ (54); sie munden wie Honig (103); sie gelten mehr als Gold und Silber (72). Je weiter einem die Augen geöffnet werden, um so mehr Wunder schaut man darin (18). Das ist weder Ziererei noch Skrupelhaftigkeit; es ist die Sprache eines von moralischer Schönheit Verzückten. Zu bedauern ist, wer diese Erfahrung nicht zu teilen vermag. Aber besser als die meisten von uns – so stelle ich mir gerne vor – wüßte ein chinesischer Christ – einer, dessen angestammte Kultur ihm ‚Lehrmeisterin zu Christus hin‘ gewesen – diesen Psalm zu schätzen; denn ein alter Gedanke jener Kultur will, das Leben müsse vor allem geordnet sein, und zwar als Spiegel der göttlichen Ordnung.

Aber noch ein zweites in diesem ernsten Gedicht kann uns weiterhelfen. An drei Stellen versichert der Dichter, das Gesetz sei ‚verlässig‘ oder ‚Wahrheit‘ (86, 138, 142). (Desgleichen 111,7: ‚Verlässig sind all seine Satzungen.‘) Henne übersetzt das Wort dreimal mit ‚Wahrheit‘: ‚wahr‘ im hebräischen Sinne ist etwas, worauf Verlaß ist. Ein moderner Logiker würde einwenden, das Gesetz sei ein Befehl und es sei sinnlos, einen Befehl ‚wahr‘ zu nennen; ‚die Türe ist geschlossen‘ kann wahr oder falsch sein, nicht aber ’schließ die Tür‘. Doch ich glaube, wir verstehen alle recht gut, was die Psalmisten sagen wollen: daß man nämlich im Gesetz die ‚echten‘, ‚richtigen‘ oder unerschütterlichen und fest gegründeten Anweisungen zum Leben findet. Das Gesetz gibt Antwort auf die Frage: ‚Wie hält der Jüngling seinen Pfad rein?‘ (119,9) Es ist Leuchte und Führer (105). Viele andere Lebensanweisungen wetteifern mit ihm, wie die heidnischen Kulturen rings um uns zeigen. Der Dichter, der die Weisungen oder Vorschriften Jahwes ‚wahr‘ nennt, drückt damit die Gewißheit aus, daß diese und nicht jene anderen ‚echt‘, ‚gültig‘ oder unangreifbar seien; daß sie auf dem Wesen der Dinge und dem Wesen Gottes beruhen.

Mit dieser Gewißheit stellt er sich in einer Streitfrage, die sehr viel später unter Christen entstanden ist, auf die rechte Seite. Im achtzehnten Jahrhundert gab es schreckliche Theologen, die behaupteten: ‚Gott hat nicht darum gewisse Dinge befohlen, weil sie recht sind, sondern gewisse Dinge sind recht, weil Gott sie befohlen hat.‘ Um seinen Standpunkt ganz unmißverständlich klarzumachen, sagte einer von ihnen sogar, zwar habe Gott nun einmal befohlen, Ihn und uns zu lieben; doch hätte Er uns genausogut befehlen können, Ihn und uns zu hassen; und dann wäre eben Haß das Rechte gewesen. Anscheinend war es reiner Zufall, wofür Er sich entschied. Eine solche Ansicht macht Gott zum willkürlichen Tyrannen. Es wäre besser und verstieße weniger gegen die Religion, an keinen Gott und keine Moral zu glauben, als sich zu einer solchen Moral und einer solchen Theologie zu bekennen. Natürlich diskutierten die Juden diese Frage nie in abstrakten und philosophischen Begriffen. Aber von Anfang an und ohne Wanken vertreten sie die richtige Ansicht und wissen mehr, als sie wissen. Sie wissen, daß der Herr (nicht bloß der Gehorsam Ihm gegenüber) ‚gerecht‘ ist und daß Er ‚rechtes‘ Tun befiehlt, weil Er es liebt (11,8). Er auferlegt das Gute, weil es gut ist, weil Er gut ist. Darum haben Seine Gesetze emeth, ‚Wahrheit‘, innere Geltung, auf Fels gegründete Echtheit, da sie in Seinem Wesen wurzeln, und sind daher so dauerhaft wie die von Ihm geschaffene Natur. Aber die Psalmisten selbst wissen es am besten zu sagen: ‚Gleich Gottesbergen ist deine Gerechtigkeit, dein gerechtes Walten wie das weite Meer‘ (36,7). Ihre Lust am Gesetz ist die Lust, auf festem Grund zu stehen; gleich der Lust des Wanderers, die harte Straße unter den Füßen zu spüren, nachdem ihn eine verräterische Abkürzung über lehmige Äcker lange Zeit in die Irre geführt hat.

Es gab nämlich andere Straßen, denen es an ‚Wahrheit‘ fehlte. Zu unmittelbaren Nachbarn, ihnen nach Rasse wie nach Lage nahe, hatten die Juden Heiden von der schlimmsten Sorte, Heiden, deren Religion sich durch keine Spur jener Schönheit oder (gelegentlichen) Weisheit auszeichnete, die wir bei den Griechen finden. Ein solcher Hintergrund ließ die ‚Schönheit‘ und ‚Süße‘ des Gesetzes um so vernehmlicher hervortreten; nicht zuletzt darum, weil diese benachbarten heidnischen Kulte für den Juden eine ständige Versuchung bedeuteten und in manchen Äußerlichkeiten seiner eigenen Religion nicht unähnlich waren. Die Versuchung bestand darin, in Schreckenszeiten – wenn zum Beispiel die Assyrer vorstießen – zu solchen grauenvollen Riten Zuflucht zu nehmen. Wir, die wir vor nicht allzu langer Zeit täglich die Invasion eines Feindes erwartet haben, der ähnlich den Assyrern für systematische Grausamkeit bekannt und darin geschult war – wir wissen, wie ihnen zumute gewesen sein mag. [Das Buch wurde nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg in England geschrieben.] Sie waren versucht – da der Herr taub schien -, jene grausigen Gottheiten anzugehen, die so viel mehr forderten und daher vielleicht auch mehr gewähren mochten. Betrachtete aber ein Jude solche Kulte zu glücklicherer Stunde oder ein besserer Jude sogar zu eben jener – dachte er an Tempelprostitution, Tempelsodomie und an die Kinder, die dem Moloch ins Feuer geworfen wurden -, so mußte ihm sein eigenes ‚Gesetz‘, wenn er sich ihm wieder zuwandte, in außergewöhnlichem Glanz erstrahlen. Süßer als Honig, oder sagen wir, die wir nicht so sehr aufs Süße versessen sind wie alle alten Völker (teils weil wir reichlich Zucker haben) und denen dieses Bild daher nicht paßt – sagen wir wie Quellwasser, wie frische Luft nach einem dumpfen Verließ, wie klare Vernunft nach einem Albtraum. Aber wieder einmal finden wir das beste Bild in einem Psalm, im neunzehnten.

Ich halte ihn für das großartigste Gedicht des Psalters und für eines der großartigsten Lieder der Welt. Die meisten Leser werden sich an den Aufbau erinnern: sechs Verse über die Natur, fünf über das Gesetz und vier Verse persönlichen Gebets. Die Worte selbst stellen keinen logischen Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Teil her. Darin gleicht die Technik der modernsten Poetik. Ein moderner Dichter würde ähnlich unvermittelt von einem Motiv zum nächsten springen und es dem Leser überlassen, das Bindeglied zu finden. Aber er täte es vermutlich mit voller Überlegung; auch wo er es vorzieht, den Zusammenhang zu verbergen, dürfte er ihn klar bewußt im Sinne tragen und könnte ihn, wenn er wollte, in logischer Prosa darlegen. Ich bezweifle, daß es sich beim alten Dichter so verhielt. Ich glaube, er empfand, mühelos und ohne darüber nachzudenken, eine so enge Beziehung zwischen seinem ersten und dem zweiten Thema, ja eine solche Einheit (für die Phantasie), daß er vom einen zum andern glitt, ohne einen Übergang zu spüren. Zuerst denkt er an den Himmel: wie das prächtige Schauspiel, das er uns Tag für Tag bietet, die Herrlichkeit seines Schöpfers kündet. Dann denkt er an die Sonne, die bräutliche Freude ihres Aufgangs, die unvorstellbare Geschwindigkeit ihrer täglichen Reise von Ost nach West. Schließlich an ihre Hitze; natürlich nicht an die milde Hitze unseres Klimas, sondern an die von keiner Wolke gedämpften, blendenden, tyrannischen Strahlen, welche auf die Berge hämmern und jede Kluft ausloten. Die Angel, um die sich das ganze Gedicht dreht, ist der Satz: ‚Nichts entzieht sich ihrer Glut.‘ Diese dringt überallhin mit starkem, reinem Feuer. Dann plötzlich, in Vers 7, spricht er von etwas anderem, das ihm kaum etwas anderes scheint, so ähnlich ist es dem alles durchdringenden, alles enthüllenden Sonnenlicht. Das Gesetz ist makellos, macht hell die Augen, ist rein, hat dauernd Bestand, ist ’süß‘. Das läßt sich nicht übertreffen, und nichts kann uns mehr darüber verraten, was der Jude des Altertums vor dem Gesetz empfand: lichtvoll, streng, reinigend, triumphierend. Es bedarf kaum der Versicherung, dieser Dichter sei völlig frei von Selbstgerechtigkeit, und der letzte Abschnitt befaßt sich mit seinen ‚unbewußten Fehlern‘. Wie er es, vielleicht in der Wüste, mit der Sonne erfahren, die ihn in jedem Schattenwinkel, worin er sich vor ihr zu bergen suchte, aufgespürt hat, so erfährt er, wie das Gesetz alle Verstecke seiner Seele ausleuchtet.

Insofern diese Vorstellung von Schönheit, Süße oder Kostbarkeit des Gesetzes ihre Kraft aus dem Gegensatz zum benachbarten Heidentum schöpft, werden wir vielleicht bald Anlaß haben, sie zu erneurn. Der Christ lebt mehr und mehr auf einer geistigen Insel; neue und wetteifernde Lebensauffassungen umgeben ihn von allen Seiten, und ihre Flut gewinnt mit jedem Steigen an Boden. Noch ist keine dieser neuen Lebensweisen so schmutzig oder grausam wie manches semitische Heidentum. Aber viele von ihnen mißachten alle Rechte des einzelnen und sind schon grausam genug. Manche geben der Moral einen ganz neuen Sinn, den wir nicht übernehmen können; manche leugnen ihre Möglichkeit. Vielleicht lernen wir alle noch durch Schmerzen die klare Luft und die ’süße Vernünftigkeit‘ der christlichen Sittenlehre schätzen, welche uns in christlicheren Zeiten selbstverständlich wäre.“

Tissot Moses and Joshua in the Tabernacle.jpg

(James Tissot, Mose und Josua im Allerheiligsten. Quelle: Wikimedia Commons.)

Über schwierige Bibelstellen, Teil 11: Über das auserwählte Volk; und: „Bereut“ Gott?

[Dieser Teil wurde noch einmal überarbeitet. Alle Teile hier.]

 

Die „Auserwählung“ des Volkes Israel ist etwas, das mich als Kind beim Lesen der Kinderbibel tatsächlich stark gestört hat. Eine Religion, die einem Volk vorbehalten ist? Ein Gott nur für ein Volk? Vielleicht können Menschen, die (mir ist seit jeher schleierhaft, welchen Grund sie dafür haben könnten) Missionierung anderer Völker für grässliche Aggression halten, und meinen, am besten sollte ein jeder seine Religion für sich behalten, meine Gefühle nicht ganz nachvollziehen; aber ja, es ist im Grunde rassistisch, zu glauben, die Wahrheit gehöre einem Volk und solle ihm vorbehalten bleiben, und der wahre Gott beschränke Seine Wohltaten, Seine Liebe und Seinen Bund auf dieses Volk und ignoriere dabei die anderen.

Gut also, dass dem nicht so ist.

Israel ist das auserwählte Volk, selbstverständlich. Und im Alten Bund spielte seine Auserwählung noch eine besonders große Rolle. Aber es ist eben gerade keine Auserwählung in dem Sinne, wie ich sie damals missverstanden habe, die die anderen Völker zu Ausgestoßenen und Verdammten machen würde – ganz im Gegenteil: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Genesis 12,3), sagt Gott zu Abraham, als Er ihn, den Stammvater Israels, beruft. Israel hat eine bestimmte Rolle in der Heilsgeschichte, aber es erfährt keine ungerechte Bevorzugung – angesichts der Tatsache, dass es unter seiner Auserwählung auch öfter mal zu leiden hat (Gott erzieht sein Volk manchmal streng), wäre das sowieso ein ziemlich offensichtlicher Trugschluss. Israel ist das auserwählte Volk nicht nur für sich selbst.

Bibelstellen, die einen bezüglich der Auserwählung Israels stören können, sind z. B. solche wie diese hier:

  • „Denn du bist ein Volk, das dem HERRN, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der HERR, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört.“ (Deuteronomium 7,6)
  • Sieh, dem HERRN, deinem Gott, gehören der Himmel, der Himmel über den Himmeln, die Erde und alles, was auf ihr lebt. Doch nur deine Väter hat der HERR ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebt. Und euch, ihre Nachkommen, hat er später unter allen Völkern ausgewählt, wie es sich heute zeigt.“ (Deuteronomium 10,14f.)
  • Es gibt Stellen wie diese im Buch Esra, die die kategorische Abgrenzung von fremden Völkern fordern: Der Priester Esra stand auf und sagte zu ihnen: Ihr habt einen Treubruch begangen; ihr habt fremde Frauen genommen und so die Schuld Israels noch größer gemacht. So legt nun vor dem HERRN, dem Gott eurer Väter, ein Bekenntnis ab und tut, was er wünscht: Trennt euch von der Bevölkerung des Landes, insbesondere von den fremden Frauen! […] Alle diese hatten fremde Frauen geheiratet; und darunter gab es Frauen, mit denen sie Kinder hatten.“ (Esra 10,10f.44)
  • Und mit den Ausrottungsbefehlen bei der Landnahme wollen wir mal gar nicht erst anfangen. (Siehe dazu Teil 13.)
  • Sogar der Apostel Paulus zitiert im Römerbrief eine Stelle aus dem Buch Maleachi; bei ihm heißt es dann „wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst.“ (Römer 9,13, zu Römer 9 im Ganzen siehe Teil 18); im Original bei Maleachi steht, in den Worten der Einheitsübersetzung: Ich liebe euch, spricht der HERR. Doch ihr sagt: Wodurch zeigt sich, dass du uns liebst? – Ist nicht Esau Jakobs Bruder? – Spruch des HERRN – und doch gewann ich Jakob lieb, Esau aber hasste ich.“ (Maleachi 1,2f.)

Interessanterweise zitiert der Apostel dann im weiteren Verlauf von Römer 9 noch eine ganz anders klingende alttestamentliche Stelle: „So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie gerufen werden: Söhne des lebendigen Gottes.“ (Römer 9,25f.)

Es dürfte also nichts schaden, sich eine Auswahl an weiteren Bibelstellen anzusehen, die demonstrieren, dass einem falschen Verständnis von Auserwählung auch im Alten Testament Grenzen gesetzt werden.

Zuerst einmal finden sich zuhauf positive Stellen über Proselyten, d. h. Heiden, die sich den Juden angeschlossen haben:

  • „Der Fremde, der sich dem HERRN angeschlossen hat, soll nicht sagen: Sicher wird er mich ausschließen aus seinem Volk. […] Und die Fremden, die sich dem HERRN anschließen, um ihm zu dienen und den Namen des HERRN zu lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen und die an meinem Bund festhalten, sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets. Ihre Brandopfer und Schlachtopfer werden Gefallen auf meinem Altar finden, denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.“ (Jesaja 56,3.6f.)
  • Das ganze Buch Ruth handelt von einer vorbildlichen Moabiterin, die sich dem Volk Israel anschließt. Ruth heiratet einen Juden, der wegen einer Hungersnot mit seiner Familie ins Gebiet von Moab gezogen ist, und als ihr Mann, ihr Schwager und ihr Schwiegervater sterben, begleitet sie ihre alte Schwiegermutter Noomi in deren Heimat Bethlehem zurück: Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren! Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Ruth 1,16f.) Später heiratet sie dann einen Verwandten ihres verstorbenen Mannes namens Boas und bekommt einen Sohn namens Obed, der dann der Großvater König Davids wird.
  • Außerdem findet sich das (wahrscheinlich nicht historische, sondern allegorische) Buch Jona, in dem tatsächlich die einzige Person, die sich (noch dazu mehrmals) dem Herrn widersetzt, der Prophet Jona selbst ist, während die heidnischen Seeleute Gott fürchten und die heidnischen Einwohner Ninives sich auf seine Bußpredigt hin sofort bekehren.
  • Weitere Beispiele von positiv dargestellten Angehörigen heidnischer Völker, die sich dem Glauben Israels angeschlossen haben oder von denen dies anzunehmen ist, wären etwa: der Aramäer Naaman, den der Prophet Elischa vom Aussatz heilt und der so erkennt „Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt außer in Israel“ (2 Könige 5,15), Moses Frau Zippora, eine Midianiterin, der Hetiter Urija, ein Krieger Davids, oder der Kuschiter (Kusch ist in etwa das heutige Äthiopien) Ebed-Melech, ein Höfling des Königs Zidkija, der den Propheten Jeremia aus der Zisterne rettet (Jeremia 38,7-13); usw.
  • Solche Stellen betreffen sogar unseren Herrn selber, der sowohl ein Angehöriger des auserwählten Volkes als auch ein Nachkomme von Heiden, die sich diesem Volk angeschlossen haben, ist. In Seinem Stammbaum in Matthäus 1,1-17 werden genau vier Frauen erwähnt: Tamar, die von ihrem Schwiegervater Juda die Zwillinge Perez und Serach bekam (Genesis 38), Rahab, die Prostituierte aus Jericho (Josua 2 und 6), die oben erwähnte Ruth, die Urgroßmutter Davids, und „die Frau des Urija“, also Batseba, die König David zur Frau nahm, nachdem er ihren Mann hatte ermorden lassen, und die später die Mutter Salomos wurde (2 Samuel 11-12). Alle diese Frauen waren keine Jüdinnen. (Bei Batseba kann man es zwar nicht sicher wissen, aber vermuten, da ihr erster Mann ein Hetiter war.)

Dann gibt es zweitens natürlich die vielen Prophezeiungen für den Neuen Bund, zu denen auch die oben von Paulus zitierte Hosea-Stelle gehört.

  • „Siehe, eine Nation, die du nicht kennst, wirst du rufen und eine Nation, die dich nicht kannte, eilt zu dir, um des HERRN, deines Gottes, des Heiligen Israels willen, weil er dich herrlich gemacht hat.“ (Jesaja 55,5)
  • Ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken und komme, um alle Nationen und Sprachen zu versammeln, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den Nationen: nach Tarschisch, Pul und Lud, die den Bogen spannen, nach Tubal und Jawan, zu den fernen Inseln, die noch keine Kunde von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Nationen verkünden. Sie werden alle eure Brüder aus allen Nationen als Opfergabe für den HERRN herbeibringen auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Kamelen, zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem, spricht der HERR, so wie die Söhne Israels ihre Opfergabe in reinen Gefäßen zum Haus des HERRN bringen. Und auch aus ihnen nehme ich einige zu levitischen Priestern, spricht der HERR.“ (Jesaja 66,18-21)
  • Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen Völker. Viele Nationen gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen vielen Völkern und mächtige Nationen zurechtweisen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht mehr das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.“ (Micha 4,1-3)
  • Und sogar: An jenem Tag wird es eine Straße von Ägypten nach Assur geben, sodass Assur nach Ägypten und Ägypten nach Assur kommt. Und Ägypten wird Assur dienen. An jenem Tag wird Israel neben Ägypten und Assur der Dritte sein, ein Segen inmitten der Erde. Denn der HERR der Heerscharen hat es gesegnet, indem er sprach: Gesegnet ist mein Volk, Ägypten, und das Werk meiner Hände, Assur, und mein Erbbesitz, Israel!“ (Jesaja 19,23-25) Schon außerordentlich versöhnliche Töne gegenüber Ägypten, dem „Sklavenhaus“, und Assur, dem brutalen Eroberer des Nordreichs Israel.

Viele Stellen bei den Propheten machen deutlich, dass der Gottesbund alle Nationen umfassen wird, irgendwann einmal, wenn der Messias erscheint – und dass der Gottesbund mit Israel auch nicht bedeutet, dass die anderen Völker einfach alleingelassen wurden. (Auserwählung und Erlösung im Jenseits sind übrigens ganz grundsätzlich zwei Paar Stiefel. Letzteres Thema taucht im AT sowieso noch kaum auf.)

Weshalb wurde überhaupt Israel auserwählt? Nicht unbedingt, weil es ein bedeutendes Volk gewesen wäre. „Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der HERR ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern.“ (Deuteronomium 7,7) Nicht einmal, weil es ein außergewöhnlich tugendhaftes Volk war. „Du sollst erkennen: Du bist ein hartnäckiges Volk.“ (Deuteronomium 9,6) Israel war ein in keiner Hinsicht besonderes Volk; es war ein kleines, unbedeutendes, gewöhnliches, oft unterdrücktes Volk unter unzähligen anderen Völkern. Der Herr erwählte nicht die Ägypter, oder die Babylonier, oder die Griechen, die mächtigen Völker der sogenannten Hochkulturen. Er erwählte kein Volk, das einen bestimmten Vorzug besaß. Er lebte ja auch nicht dreißig Jahre lang in Nazareth, weil Nazareth eine bedeutende Metropole war – es war ein unbekanntes Kaff im halbheidnischen Galiläa. So handelt Gott eben. Er sucht sich das Unbedeutende aus.

Gut, jetzt also noch zu den obigen Stellen im Detail. Die Stelle mit Esra und den heidnischen Frauen lässt sich tatsächlich sehr einfach erklären: Hier handelte es sich offensichtlich nicht um Frauen, die, wie Ruth, auch Jahwe als ihren Gott angenommen hatten, sondern um solche, die die Götter ihrer eigenen Völker verehrten, ihre Religion wahrscheinlich an ihre Kinder weitergaben, und deren israelitische Männer möglicherweise auch schon ihre Götter angenommen hatten. Mischehen wurden im Alten Testament sehr ungern gesehen, da sie zum Abfall von Gott verführen könnten, und das offenbar auch nicht selten taten (ein unrühmliches Beispiel ist niemand Geringerer als der große König Salomo). Dass Esra kompromisslos die Trennung für alle diese Eheleute anordnet, kann man, wenn man will, noch unter Regel Nummer 12 verbuchen. [Diese lautet, zur Erinnerung: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Manchmal werden in der Bibel auch einfach nur Geschichten erzählt, in denen nicht jeder perfekt handelt.] Aber mögliche Probleme bei gemischtreligiösen Ehen sollte man schon zur Kenntnis nehmen – es hat einen Grund, dass die Kirche auch heutzutage nicht besonders begeistert von ihnen ist, auch wenn sie sie auf Anfrage und bei Erfüllung gewisser (inzwischen nicht mehr besonders rigoroser) Bedingungen zulässt.

Wesentlich schlimmer klingen jedoch wieder Sätze wie „Doch nur deine Väter hat der HERR ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebtoder „Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“. Hier muss man ganz einfach etwas im Gedächtnis behalten, das ich schon in Teil 2 kurz angesprochen habe: In der Bibel spricht Gott zu Menschen; und das führt dazu, dass manchmal von Ihm in anthropomorpher Weise die Rede ist – besser als dieser Begriff gefällt mir jedoch eigentlich Trent Horns passenderer Ausdruck, dass in der Bibel oft eine „language of appearances“ (etwa: „Rhetorik des Erscheinens“) verwendet wird. Gott wird so beschrieben, wie Er aus menschlicher Sicht erscheint, nicht notwendigerweise haargenau philosophisch korrekt so, wie Er ist. Wenn man seine Untaten bereut, sein Verhalten ändert und zu Gott betet, und ein von Gottes Prophet angedrohtes Unheil dann doch nicht eintrifft, dann „reut“ Gott dieses angedrohte Unheil offenbar, sodass Er es nicht ausführt – so wird es jedenfalls in der Bibel ausgedrückt. Gott bereut? Gott ändert seine Meinung? Aus menschlicher Perspektive sieht es in solchen Fällen so aus, als ob Gott seine Meinung ändern würde, aber aus göttlicher Perspektive war ein Meinungswechsel selbstverständlich nie nötig, da Gott – der sich außerhalb der Zeit befindet– von vornherein wusste, dass die Israeliten in diesem Fall auf eine eindringliche Mahnung hin doch noch umkehren würden. Aber die Israeliten wussten das vorher nicht – und aus ihrer Perspektive innerhalb der Zeit hing es dann sehr wohl noch von ihrem Willen zur Umkehr ab, ob Gott es sich mit der angedrohten Strafe vielleicht noch einmal anders überlegen würde. Gott sah diese Entscheidung natürlich vorher; Gott braucht nicht zu „bereuen“. Und das wurde auch in biblischer Zeit schon durchaus grundsätzlich erkannt: „Gott ist kein Mensch, der lügt, kein Menschenkind, das etwas bereut. Spricht er etwas und tut es dann nicht, sagt er etwas und hält es dann nicht?“ (Numeri 23,19)

Thomas von Aquin kommentiert beispielsweise diese Stellen folgendermaßen (Summa Theologiae I,19,7):

[…] b) Ich antworte, Gottes Wille ist unbedingt unveränderlich. Aber dabei ist dies zu berücksichtigen, daß es etwas Anderes ist, den Willen ändern; und etwas anderes, die Veränderung in manchen Dingen wollen. Denn es kann jemand ganz gut, trotzdem sein Wille unbeweglich bleibt, wollen, daß nun dies geschehe und später das Gegenteil davon. […] Freilich müßte in diesem Falle vorausgesetzt werden, entweder daß von seilen der Kenntnis oder von seiten der Lage der Substanz eine Änderung eingetreten sei. Denn ist der Wille auf das Gute gerichtet, so kann derselbe in doppelter Weise anfangen, etwas von neuem zu wollen. Entweder so, daß etwas von neuem anfängt, für ihn ein Gut zu sein und sich so vorzustellen; und das ist nicht der Fall ohne Veränderung in der Verfassung des Willens selber, wie z. B.; wenn der Winter kommt, das Feuer von neuem als ein Gut erscheint, was es früher nicht war. […]

c) I. Die Reue, von Gott ausgesagt, ist figürlich zu nehmen nach unserer Art und Weise. Wenn uns nämlich etwas gereut, so zerstören wir, was wir gemacht haben; obgleich auch bei uns dies sein kann ohne Änderung des Willens, wenn z. B. ein Mensch jetzt etwas thun will, was er später zu zerstören beabsichtigt. Und so wird dies von Gott gethan weil Er den Menschen, welchen Er erschaffen, durch die Überschwemmung [die Sintflut; Thomas bezieht sich hier auf Genesis 6,6] zerstörte.

II. […] Deshalb sagt Gregor der Große (Moral. 16. c. 5.): „Gott verändert den Ausspruch, aber nicht den inneren Ratschluß.“ Was also Gott sagt: „Ich werde Buße thun;“ ist figürlich zu verstehen; denn die Menschen scheinen Reue zu haben, wenn sie nicht thun, was sie gedroht haben.

 III. Gott will die Veränderung; aber sein Wille ist nicht veränderlich. […]

Und ähnlich ist es eben mit anderen biblischen Ausdrücken. Gott hat keine Emotionen wie wir; aber trotzdem ist von Seinem „Zorn“ die Rede, wenn Er straft – oder eben von seiner Liebe und Seinem Hass, wenn er Jakob auserwählt und Esau nicht. Zum Verständnis speziell dieser Stelle ist vielleicht noch eine Stelle aus dem NT interessant, die in der Einheitsübersetzung leider – mal wieder – ungenau übersetzt ist: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,26) In der Lutherbibel zum Beispiel heißt es dagegen, deutlich näher am griechischen Text: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ Man kann sagen, dass die EÜ hier schon richtig interpretiert hat – aber im Originaltext steht das Verb „hassen“. Hier wird jedoch klar, dass mit „hassen“ und „lieben“ ganz einfach gemeint sein kann, das eine im Konfliktfall vorzuziehen (denn ja, wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, das gilt immer noch!) – oder eben, auf Jakob und Esau übertragen, den einen zu wählen und den anderen nicht. Das heißt nicht, dass Esau ein ewiglich von Gott verdammter grässlicher Sünder gewesen wäre; er kommt in den Genesis-Erzählungen sogar im Großen und Ganzen nicht wirklich schlechter weg als Jakob und versöhnt sich am Ende wieder mit seinem Bruder, der ihn früher einmal betrogen hat. Aber trotzdem wird Jakob als Stammvater des auserwählten Volkes erwählt – und über Gottes Gründe dafür kann man nur mutmaßen.

Für alle, die es immer noch nicht glauben wollen, noch ein letzter Bibelvers: „Seid ihr nicht wie die Kuschiten für mich, ihr Israeliten? – Spruch des HERRN. Habe ich Israel nicht heraufgeführt aus dem Land Ägypten und ebenso die Philister aus Kaftor und Aram aus Kir?“ (Amos 9,7)

Im Alten Testament wurde ein Bund zwischen Gott und einem bestimmten kleinen Volk geschlossen und dieses Volk wurde allmählich auf die Aufgabe vorbereitet, die es übernehmen sollte. Über viele Jahrhunderte hinweg entwickelte sich das kollektive Verständnis und Wissen von Gott im Volk Israel, und darauf baute dann der durch das Kommen des Messias begründete Neue Bund auf, in den die Heiden* hineingenommen wurden, als Juden wie Paulus sie missionieren gingen.

„das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22), hat unser Herr zu der Samariterin am Jakobsbrunnen gesagt; aber es ist nicht den Juden vorbehalten.

 

* Ich verwende das Wort „Heiden“ hier im ethnischen Sinne, wie es der Bedeutung des hebräischen Wortes goyim („die Heiden“ = „die Völker“) entspricht.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 6: Das Fortschreiten der Offenbarung – Wie wir das Alte Testament lesen sollen

So, jetzt komme ich langsam zu einer der zentralen Fragen, wenn es um die schwierigen Bibelstellen geht, nämlich zur Frage nach dem Verständnis des Alten Testaments und seinem Verhältnis zum Neuen.

Ich glaube, das eigentliche Problem hier ist: Uns ist kaum jemals bewusst, wie nahe Gott uns heutzutage eigentlich ist.

Man stellt sich heutzutage gerne mal vor, dass damals, in biblischen Zeiten, Gott sich den Juden ganz offensichtlich zeigte – allerorten gab es Zeichen und Wunder, Propheten und Visionen, Straßen durchs Meer, vom Himmel fallendes Feuer oder auch Feuerzungen, Engel erschienen, himmlische Stimmen waren zu hören, Propheten wurden von einem feurigen Wagen und einem Wirbelsturm in den Himmel entrückt, Lahme gingen, Blinde sahen und Tote kehrten aus dem Grab zurück –, während heute dagegen nur noch ein paar tausende Jahre alte Berichte von alldem übrig seien, und wir daraus jetzt in diesem von Gott verlassenen Tal der Tränen irgendwie rekonstruieren müssten, was uns etwa die fünf Bücher Mose sagen sollen oder „was Jesus gewollt hätte“.

Und an diesem grundfalschen Bild ist allein die Ketzerei schuldig, deren 500. Geburtstag wir heuer beweinen müssen. Okay, vielleicht nicht ganz allein, aber jedenfalls zum allergrößten Teil.

Der Protestantismus geht davon aus, dass Jesus predigte, gekreuzigt wurde, auferstand und in den Himmel auffuhr, seine Apostel dann nach Pfingsten unter Befähigung des Heiligen Geistes eine ideale Urgemeinde aufbauten und die Bücher des Neuen Testaments verfassten, und dann – tja, dann müssen Jesus und der Heilige Geist die Menschheit irgendwie sich selbst überlassen haben. Nach und nach wurde diese ideale Welt der Urgemeinde unterwandert und zerstört durch die unbiblischen Hinzufügungen des beginnenden Katholizismus – Papsttum, Heiligenverehrung, „Werkgerechtigkeit“ und so weiter –, bis schließlich und endlich doch ein paar heldenhafte Erneuerer das Urchristentum wieder herstellten. Aber das war auch nur Menschenwerk; an sich gibt es keinen Grund, wieso das wahre Christentum nicht wieder verloren gehen sollte.

Der Katholizismus vertritt etwas vollkommen anderes. Wir glauben an einen Gott, der uns treu ist, der an seinem Bund mit uns festhält, gestern, heute und in Ewigkeit. Jason Stellman hat hier einen sehr guten Kommentar dazu: http://www.creedcodecult.com/protestantism-and-christianity/. Ich zitiere:

For us, magic is everywhere, and miracles happen all the time, especially on our altars. We live in a sacramental economy where spiritual blessings are communicated through physical things, where grace is not destroying nature but elevating it (kind of like how Christ’s divine nature did not destroy his human nature, but elevated it), where man is being divinized, and where the entire cosmos has been infused with a supernatural homesickness and longing to be liberated, along with the children of God, from its bondage to decay. We live in an age of eschatological overlap in which the Incarnation actually happened and the old world really is passing away. […] One of my former seminary profs has likened medieval Catholic Europe to the world of Harry Potter, suggesting that one of the triumphs of the Reformation was ridding the ecclesial landscape of all that blasted magical and supernatural hocus pocus. I think that is a very apt, and very sad, description of the Protestant view of the visible church and of the Christian life in general. […] In a word, it’s as if the genie is locked in the bottle, the wardrobe is bolted shut and can provide no otherworldly passage, and all those miraculous displays of divine power and love are safely quarantined to a time long past when God would indulge the superstitious desires of pre-Enlightenment peasants until the printing press would finally be invented.

 (Für uns ist Magie überall, und Wunder passieren die ganze Zeit, vor allem auf unseren Altären. Wir leben in einer sakramentalen Welt, wo geistiger Segen durch körperliche Dinge mitgeteilt wird, wo die Gnade die Natur nicht zerstört, sondern erhebt (ungefähr so, wie Christi göttliche Natur seine menschliche Natur nicht zerstörte, sondern erhob), wo der Mensch vergöttlicht wird, und wo dem ganze Kosmos ein übernatürliches Heimweh und ein Verlangen danach, zusammen mit den Kindern Gottes von seiner Gebundenheit durch den Verfall befreit zu werden, eingeflößt wurde. Wir leben in einem Zeitalter der eschatologischen Überlappung, in der die Fleischwerdung tatsächlich geschehen ist und die alte Welt wirklich vergeht. […] Einer meiner früheren Professoren im Seminar hat das mittelalterliche katholische Europa einmal mit der Welt von Harry Potter verglichen, und nahegelegt, dass es einer der Triumphe der Reformation gewesen sei, die kirchliche Landschaft von all dem verdammten magischen und übernatürlichen Hokuspokus zu reinigen. Ich denke, das ist eine sehr treffende, und sehr traurige, Beschreibung der protestantischen Sicht der sichtbaren Kirche und des christlichen Lebens im Allgemeinen. […] Mit einem Wort, es ist, wie wenn der Geist zurück in die Flasche gesperrt wird, der Wandschrank verriegelt wird und keinen Weg mehr in eine andere Welt bieten kann, und alle diese übernatürlichen Offenbarungen von göttlicher Kraft und Liebe sicher unter Quarantäne in eine längst vergangene Zeit verbannt werden, als Gott dem abergläubischen Verlangen von vor-aufklärerischen Bauern nachgab, bis endlich die Druckerpresse erfunden wurde.)

(Beim Lesen dieses Textes ist mir dieser Gedanke gekommen: Man könnte Atheisten von heute vielleicht mit den über das Land Narnia herrschenden Telmarern in „Prinz Kaspian von Narnia“ (Band 4 der „Chroniken von Narnia“) vergleichen, die auf einmal feststellen, dass es tatsächlich zu ihrer Zeit noch übrig gebliebene „Alt-Narnianen“ (sprechende Tiere, Zwerge, Zentauren usw.) gibt, die versteckt in den Wäldern leben, und Christen von heute oft genug mit diesen Alt-Narnianen, die sich selber uneins sind, was sie von den alten Erzählungen über Aslan und die Kinder aus einer anderen Welt (unserer Welt) halten sollen – schließlich ist das alles schon tausend Jahre her und niemand weiß nichts Genaues drüber -, bis die Kinder aus der anderen Welt und schließlich auch Aslan auf einmal wieder leibhaftig vor der Tür stehen, ins Geschehen eingreifen und ihnen zu Hilfe kommen.)

Wer hat Gott je gesehen? Na ja, ich habe ihn schon öfters gesehen, eigentlich jeden Sonntag seit ein paar Jahren, außer ich war mal krank, und ein großer Teil der Weltbevölkerung wohl auch, sicherlich die 1,2 Milliarden Katholiken, und dann noch einige aus dem Rest der Menschheit, die, auch wenn sie nicht katholisch sind, schon mal an einer katholischen Messe teilgenommen haben. Okay, nicht in seiner eigentlichen Gestalt, aber dennoch. Jesus Christus befindet sich im Moment in der Gestalt von einigen Brotstücken ein paar Straßen von mir entfernt in einer hässlichen Betonkirche aus den 60ern in einem freistehenden Tabernakel mit Marmorsockel. Und dann als nächstes zwei Kilometer weiter in einer schönen Barockkirche in einem mit Silber geschmückten Tabernakel, der in einen Hochaltar eingebaut ist. Und dann noch in sämtlichen anderen katholischen Kirchen auf dieser Welt – ach ja, und in den orthodoxen natürlich auch, die haben ja gültige Sakramente. Er befindet sich dort ebenso, wie er sich vor zweitausend Jahren in Jerusalem oder Nazareth befand. Wenn ich in einem Beichtstuhl knie und der Priester sagt „…so spreche ich dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen“, dann vergibt Gott mir meine Sünden. Wir haben einen Stellvertreter Christi auf Erden, der in Rom lebt, und dem wir bei seiner Generalaudienz zujubeln oder den wir in seiner Amtsführung kritisieren können. In Lourdes geschehen Wunder, in Guadeloupe geschehen Wunder, in Fatima geschehen Wunder; die für Heiligsprechungen zuständige Behörde im Vatikan hat ständig Wunder zu überprüfen, um zu beurteilen, ob anhängige Selig- und Heiligsprechungsprozesse vorangehen können. Wir haben unverweste Leichname Heiliger, unerklärliche Bilder wie das Marienbild von Guadeloupe oder das Abbild auf dem Turiner Grabtuch, weinende Statuen, und Privatoffenbarungen; aber nicht nur das; alles in dieser Welt, nicht nur wundersame Ereignisse, auch jede Kleinigkeit in der Natur verweist auf ihren Schöpfer. Jörg Lauster hat seiner vor ein paar Jahren erschienen „Kulturgeschichte des Christentums“ (Untertitel) den Titel „Die Verzauberung der Welt“ gegeben. Diesen Ausdruck finde ich sehr passend. Wir Christen glauben an einen treuen Gott, der einen bleibenden Bund mit uns geschlossen hat; als mich im Alter von zwei Monaten der Herr Stadtpfarrer mit Wasser übergossen und dazu die Taufformel gesprochen hat, wurde ich hineingenommen in diesen Bund, eingegliedert in den mystischen Leib Christi. Gott wirkt greifbar unter uns, heutzutage ebenso wie zu anderen Zeiten.

(Das alles ist irgendwie schon, wenn man es sich so überlegt… na ja, mehr, als man irgendwie begreifen kann.)

Wieso erwähne ich das alles: Weil wir ein korrektes Verständnis der Heils- und Offenbarungsgeschichte brauchen, um die Bibel richtig beurteilen zu können. Wir befinden uns heute an einer recht fortgeschrittenen Stelle der kontinuierlich voranschreitenden Heilsgeschichte. Wir können heute sehr viel mehr über Gott wissen, als Abraham wusste. Dank der Klärungen einiger wichtiger Fragen auf den Konzilien der letzten zwei Jahrtausende können wir sogar ein besseres Verständnis von Gott haben als Petrus oder Paulus. (Nebenbei: Intellektuelles Wissen ist nicht dasselbe wie Heiligkeit.) Gott ist uns heute noch immer nahe, entgegen dem, was manche glauben.

Die Kehrseite dieser Aussage ist natürlich, dass Er den Juden im Alten Testament eben gerade nicht nicht automatisch näher war als später Papst Leo X. oder Erasmus von Rotterdam oder Papst Johannes Paul II. oder Kardinal Reinhard Marx oder Schwester Anna Theresa aus der Klosterschule der Franziskanerinnen. Die Welt des Alten Testaments war nicht verzauberter als die heutige; im Gegenteil, sie war zunächst einmal eher noch gottferner. Als Gott begann, sich Abraham zu offenbaren, da hatte sich die Welt schon lange von Ihm entfernt, und die Menschen verehrten verschiedene Gottheiten, von denen sie sich vorstellten, dass sie irgendwie mit ihren Städten verbunden wären, dass man sie besänftigen oder sich ihre Gunst verdienen müsse, dass sie miteinander konkurrierten und hauptsächlich mächtiger und langlebiger als Menschen seien, aber sonst nicht viel anders als sie.

Gott begann also damals, sich den Menschen zu offenbaren. Das begann im Kleinen, und geschah nur nach und nach. Es bedurfte einer langen Vorbereitungszeit, bis es schließlich zum Höhepunkt der Offenbarung kam: Der Menschwerdung Gottes und Seiner Erlösungstat am Kreuz. Die eigentliche Offenbarung war nicht lange nach dieser Tat hauptsächlich abgeschlossen, mit dem Tod des letzten Apostels. Aber die Kirche, die Jesus Christus als Gottesvolk des Neuen Bundes aus Juden und Heiden begründet hatte, bestand weiter und bewahrt diese Offenbarung und gliedert neue Menschen in diesen Bund ein. Genuin neue Erkenntnisse kamen nicht mehr hinzu; das geschah nur bis etwa 100 n. Chr. Aber weiter entwickelt hat sich manches noch – man könnte sagen, die Pflanze war endlich gepflanzt, nachdem der Boden bereitet worden war, musste aber noch weiterhin wachsen, so dass einige Dinge (Dreifaltigkeit, Transsubstantiation, Anzahl der Sakramente, etc.) erst nach und nach genau definiert wurden.

Okay. Das heißt also, im Lauf des AT und vom AT zum NT kamen wirkliche neue Erkenntnisse hinzu, und das konnte auch ein bisschen dauern. Das heißt nicht, dass die vorigen Erkenntnisse falsch waren – aber sie waren oft noch unvollständig.

Ein einfaches Beispiel:

  • Im Alten Testament wurde den Israeliten zuerst das Gebot offenbart, nur den einen Gott, Jahwe, zu verehren. Man spricht hier von Monolatrie (altgriechisch „latreia“ = Anbetung, Gottesdienst). Einzelnen Bibelstellen kann man entnehmen, dass die Israeliten wohl in den frühen Stadien ihrer Geschichte implizit noch annahmen, dass es neben diesem einen Gott, den sie verehrten, noch andere Götter geben mochte – Götter anderer Völker, die man als Jude nicht verehren darf.
  • Schließlich kam dann aber die ausdrückliche Erkenntnis, dass tatsächlich nur dieser eine Gott existiert (Monotheismus); dass andere Götter nicht nur verboten, sondern nicht-existent sind. Das sieht man vor allem bei den Propheten: „Wer misst das Meer mit der hohlen Hand? Wer kann mit der ausgespannten Hand den Himmel vermessen? Wer misst den Staub der Erde mit einem Scheffel? Wer wiegt die Berge mit einer Waage und mit Gewichten die Hügel? Wer bestimmt den Geist des Herrn? Wer kann sein Berater sein und ihn unterrichten? Wen fragt er um Rat und wer vermittelt ihm Einsicht? Wer kann ihn über die Pfade des Rechts belehren? Wer lehrt ihn das Wissen und zeigt ihm den Weg der Erkenntnis? Seht, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer, sie gelten so viel wie ein Stäubchen auf der Waage. Ganze Inseln wiegen nicht mehr als ein Sandkorn. Der Libanon reicht nicht aus für das Brennholz, sein Wild genügt nicht für die Opfer. Alle Völker sind vor Gott wie ein Nichts, für ihn sind sie wertlos und nichtig. Mit wem wollt ihr Gott vergleichen und welches Bild an seine Stelle setzen? Der Handwerker gießt ein Götterbild, der Goldschmied überzieht es mit Gold und fertigt silberne Ketten dazu. Wer arm ist, wählt für ein Weihegeschenk ein Holz, das nicht fault; er sucht einen fähigen Meister, der ihm das Götterbild aufstellt, sodass es nicht wackelt. Wisst ihr es nicht, hört ihr es nicht, war es euch nicht von Anfang an bekannt? Habt ihr es nicht immer wieder erfahren seit der Grundlegung der Erde? Er ist es, der über dem Erdenrund thront; wie Heuschrecken sind ihre Bewohner.“ (Jesaja 40,12-22) „Hört das Wort, das der Herr zu euch spricht, ihr vom Haus Israel. So spricht der Herr: Gewöhnt euch nicht an den Weg der Völker, erschreckt nicht vor den Zeichen des Himmels, wenn auch die Völker vor ihnen erschrecken. Denn die Gebräuche der Völker sind leerer Wahn. Ihre Götzen sind nur Holz, das man im Wald schlägt, ein Werk aus der Hand des Schnitzers, mit dem Messer verfertigt. Er verziert es mit Silber und Gold, mit Nagel und Hammer macht er es fest, sodass es nicht wackelt. Sie sind wie Vogelscheuchen im Gurkenfeld. Sie können nicht reden; man muss sie tragen, weil sie nicht gehen können. Fürchtet euch nicht vor ihnen; denn sie können weder Schaden zufügen noch Gutes bewirken. Niemand, Herr, ist wie du: Groß bist du und groß an Kraft ist dein Name. Wer sollte dich nicht fürchten, du König der Völker? Ja, das steht dir zu. Denn unter allen Weisen der Völker und in jedem ihrer Reiche ist keiner wie du. Sie alle sind töricht und dumm. Was die nichtigen Götzen zu bieten haben – Holz ist es. Sie sind gehämmertes Silber aus Tarschisch und Gold aus Ofir, Arbeit des Schnitzers und Goldschmieds; violetter und roter Purpur ist ihr Gewand; sie alle sind nur das Werk kunstfertiger Männer. Der Herr aber ist in Wahrheit Gott, lebendiger Gott und ewiger König. Vor seinem Zorn erbebt die Erde, die Völker halten seinen Groll nicht aus. Von jenen dagegen sollt ihr sagen: Die Götter, die weder Himmel noch Erde erschufen, sie sollen verschwinden von der Erde und unter dem Himmel.“ (Jeremia 10,1-11)
  • Im NT dann kam die Erkenntnis, dass dieser eine Gott dreifaltig ist, sprich, es wird zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist differenziert (auch wenn in der Bibel noch nicht ganz genau definiert ist, in welchem Verhältnis genau die drei göttlichen Personen zueinander stehen).

Eins ist hier wichtig: Ein Zuwachs an Wissen bedeutet nicht, dass das frühere Wissen falsch wird. Nirgendwo in den älteren Texten heißt es ausdrücklich „Es gibt noch andere Götter, aber die dürfen wir nicht verehren“, sondern es heißt „Wir dürfen keine anderen Götter verehren“. Bald kommt dann die zusätzliche Erkenntnis hinzu „…und zwar weil es die gar nicht gibt“. Nirgendwo heißt es im AT: „Gott ist nicht drei in einem.“ Es heißt im AT: „Gott ist einer“ – und im NT kommt dann die zusätzliche Erkenntnis hinzu „…aber gleichzeitig auch noch drei“. Sicher hätten die Autoren des AT, wenn man sie gefragt hätte, verneint, dass Gott aus drei Personen bestehe; aber das hat man sie nicht gefragt und das haben sie nicht in ihre Texte geschrieben.

Es gibt ziemlich viele solcher zusätzlichen Erkenntnisse. Zum Beispiel:

  • Die Feindesliebe
  • Die Erkenntnis, dass Leid nicht notwendigerweise eine Strafe Gottes ist, sondern dass auch Unschuldige leiden können
  • Die Erkenntnis, dass es ein Leben nach dem Tod bei Gott gibt, nicht nur eine dunkle Unterwelt

Das alles sind übrigens Erkenntnisse, die nicht erst im NT als etwas völlig Neues auftauchen. Im Buch der Sprichwörter heißt es „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken“ (Sprichwörter 25,21), das ganze Buch Ijob handelt von einem „leidenden Gerechten“, und im Buch der Makkabäer sagt einer der sieben Brüder, die gemeinsam das Martyrium erleiden: „Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind“ (2 Makkabäer 7,9). Dennoch waren diese Themen zur Zeit Jesu noch irgendwie umstritten. Jesus sagt jetzt zum Thema Feindesliebe: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (Matthäus 5,43-47)* Und zum Thema Leid heißt es im Johannesevangelium: „Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ (Johannes 9,1-3; Jesus heilt dann den Blinden) Und zum Thema Leben nach dem Tod steht bei Matthäus: „Am selben Tag kamen zu Jesus einige von den Sadduzäern, die behaupten, es gebe keine Auferstehung. Sie fragten ihn: Meister, Mose hat gesagt: Wenn ein Mann stirbt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder dessen Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Bei uns lebten einmal sieben Brüder. Der erste heiratete und starb, und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder, ebenso der zweite und der dritte und so weiter bis zum siebten. Als letzte von allen starb die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Jesus antwortete ihnen: Ihr irrt euch; ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes. Denn nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel. Habt ihr im übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten mit den Worten gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs ? Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden. Als das Volk das hörte, war es über seine Lehre bestürzt.“ (Matthäus 22,23-33)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/ba/Brooklyn_Museum_-_Jesus_Teaches_in_the_Synagogues_%28J%C3%A9sus_enseigne_dans_les_synagogues%29_-_James_Tissot.jpg

(James Tissot, Jesus teaches in the Synagogue, Wikimedia Commons)

Manche Erkenntnisse kommen erst nach und nach; an manchen Stellen des AT stehen im Hintergrund noch kulturell bedingte Annahmen der Autoren – wie auch in der Schöpfungsgeschichte noch das Bild eines Himmels„gewölbes“ im Hintergrund steht (s. Teil 4: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/) -, die an späterer Stelle der Offenbarungsgeschichte dann aufgegeben werden. Peter van Briel von der Karl-Leisner-Jugend beschreibt das in dieser empfehlenswerten Katechese (http://www.k-l-j.de/055_altes_testament_gottesbild.htm), die ich am Anfang dieser Reihe schon einmal verlinkt habe (sie ist wirklich empfehlenswert, aber in einigen Dingen meiner Meinung nach auch etwas zu ungenau, daher schreibe ich noch meine ausführliche Reihe hier und begnüge mich nicht einfach damit, dorthin weiterzuverweisen), folgendermaßen:

 

Und in diesem Gedankengang (Früher war Gott präsenter – Früher müsste also alles besser gewesen sein – Das war es aber nicht, im Gegenteil! – Also ist Gott kein guter Gott – Gottseidank hält er sich heutzutage zurück!) liegt ein Fehler – bereits im ersten Satz. In den biblischen Zeiten war Gott keineswegs aktiver im Weltgeschehen und Seine Rede eben nicht klarer zu vernehmen. Im Gegenteil.

 Sorry. Tatsächlich dürfte die umgekehrte Aussage zutreffender sein: Bei den geschichtlichen Ereignissen im Alten Testament handelt es sich um die ersten Versuche, sich auf Gott einzulassen.

 „The First Contact“ mit Gott ist wie der erste Funkkontakt in den Anfängen der Radiozeit: Auch wenn Gott damals wie heute seine Sendungen in bester Qualität ausstrahlt – sogar in Stereo, Dolby und 3D – nutzt das alles nichts, wenn die Empfänger zunächst nur der einfachsten Technik, mit instabiler Frequenz und wackeliger Stromversorgung entsprachen. Mittlerweile verfügt das Volk Gottes über modernste Technik (allesamt von Gott geschenkt) – im Lehramt der Kirche, einem ganzen Volk von Propheten und Heiligen, in jedem Getauften und Gefirmten, dem allgemeinen Priestertum.

 Aber abgesehen vom heute besseren Empfang unterscheidet sich die Zeit im Alten Bunde nicht sonderlich von unserer Gegenwart. Immerhin bezeichnet sich die katholische Kirche gelegentlich als „Volk Gottes“ – als Fortsetzung des erwählten Volkes Israel, als „neues Israel“. […]

 Haben wir nun aus der Bibel ein Märchen- oder Bilderbuch gemacht?

 Nein. Denn wer einmal die richtige Frequenz gefunden hat, erkennt, dass Gott schon von Anfang an Richtiges gesendet hat, der Mensch aber damals nur unscharf verstanden hat. Was in der Bibel steht, sind aber ausschließlich die Funksprüche, denen tatsächlich und sicher das Wort Gottes zugrunde liegt, wenn auch mit Rauschen überlagert. […]

 Es gibt einen Unterschied zwischen „schlechtem Empfang“ und rosa Rauschen. Die Bibel ist verrauscht – okay. Aber der göttliche Sinn ist erkennbar – für den, der nicht (so wie z.B. Dawkins) lieber Störsingnale katalogisiert, anstatt den Sinn zu suchen.

 

Oft wird dann, wenn man diese Stellen mit anderen Stellen im AT oder im NT vergleicht, klar, wie man sie verstehen soll und wie nicht. Weitere Beispiele und verschiedene Möglichkeiten zu ihrer Auslegung in den folgenden Teilen.

Regel Nummer 13: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch mit Rauschen überlagert.

 

* In der Bibel steht nicht in diesem Wortlaut, man „soll seinen Feind hassen“. Es wurde nur (wenn ich mich recht erinnere) von den Schriftgelehrten zur Zeit Jesu eher so dargestellt: Das Gebot der Nächstenliebe ist verpflichtend, die Feindesliebe höchstens ein freiwilliges Werk der Übergebühr; seinen Feind darf man auch hassen.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 1: Die Problemstellung

Immer wieder tauchen sie auf – in Diskussionen mit Atheisten (im Internet oder in der Welt da draußen), im Religionsunterricht, im Theologiestudium – und manchmal bereiten sie einem selber Kopfschmerzen: die „schwierigen“ Bibelstellen. Ob jetzt Achtjährige, denen man von Mose erzählt hat, wissen wollen, wieso denn Gott auch die ganzen erstgeborenen Kinder der Ägypter umgebracht hat, wo doch nur der Pharao so stur war; oder Atheisten ihre Ablehnung des Christentums damit begründen, der Gott der Bibel erlaube die Sklaverei und befehle Steinigungen und Völkermorde; oder man bei der abendlichen Bibellektüre nichtsahnend auf so erbauliche Stellen wie etwa Exodus 32,26-29 stößt:

„Mose trat in das Lagertor und sagte: Wer für den HERRN ist, her zu mir! Da sammelten sich alle Leviten um ihn. Er sagte zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nachbarn. Die Leviten taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann. Dann sagte Mose: Füllt heute eure Hände für den HERRN! Denn jeder ist gegen seinen Sohn und seinen Bruder vorgegangen, damit Segen auf euch komme.“

Ähm, ja, hm. (Während Mose vierzig Tage auf dem Berg gewesen war, um mit Gott zu sprechen, hatten die Israeliten sich das goldene Kalb gegossen und es angebetet. Als er wieder heruntergekommen war, war er so wütend geworden, dass er erst einmal die Tafeln mit den zehn Geboten zerschmettert, das Kalb zerstört und seinen Bruder Aaron, der es hergestellt hatte, zur Rede gestellt hatte. Dann passierte das eben Geschilderte, was in der durchschnittlichen Kinderbibel eher ausgelassen wird.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ef/Tissot_Moses_Destroys_the_Tables_of_the_Ten_Commandments.jpg

(James Tissot, Moses destroys the Tables of the Ten Commandments. Gemeinfrei.)

Ich denke, die Frage nach den schwierigen Bibelstellen ist eine Frage, die man ernst nehmen sollte, denn sie ist eine wirkliche ernste Frage für manche Menschen, und kein so lächerliches Argument wie manche Argumente von einer gewissen Sorte von Internet-Religionskritikern („Die Religion ist für die Gewalt in der Welt verantwortlich“) es sind. Nein, es handelt sich um eine wirkliche, ehrliche Schwierigkeit. Und leider wird die katholische Antwort darauf viel zu selten deutlich vermittelt.

Ich neige sicher nicht dazu, diese Schwierigkeit kleinzureden, ich hatte sie nämlich selber mal. Hier will ich jetzt ein bisschen von meiner eigenen Entwicklung reden. Ich bin ja in einer katholischen, aber nicht besonders streng katholischen, Familie aufgewachsen. Man war an Weihnachten und Ostern, und vielleicht noch im Advent oder an Erntedank, mal im Gottesdienst, hatte zu den Feiertagen eine Krippe im Wohnzimmer stehen, und wenn meine Eltern uns als Kinder ins Bett gebracht haben, haben sie auch mit uns gebetet. Ich habe den Religionsunterricht besucht und war auch bei der Erstkommunion- und Firmvorbereitung in der Pfarrei; das alles war wahrscheinlich so schlecht wie allgemein üblich; viel Wissen über den Glauben wurde nicht vermittelt, geschweige denn über die Gründe, zu glauben.

Im Alter von ungefähr acht oder neun Jahren habe ich eine Zeitlang immer wieder relativ enthusiastisch in der Kinderbibel gelesen, die bei uns daheim stand; aber schon damals hat es mir ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet, dass es doch zum Beispiel bei der Eroberung Jerusalems durch König David doch auch recht gewaltsam zugegangen sein muss. Den Gedanken habe ich dann nicht mehr viel weiter verfolgt und der Enthusiasmus ist dann irgendwann nach meiner Erstkommunion von selber wieder abgeebbt. So im Alter von ungefähr zehn Jahren begann dann allerdings gewissermaßen meine „religionskritische Phase“, in der ich mich z. B. gefragt habe, wie Glaube und Wissenschaft zusammengehen. (Ich habe nicht in einem kreationistischen Umfeld gelebt, aber auch in keinem sehr theologisch gebildeten.) Ich war nie in meinem Leben Atheistin, es war damals eher so ein unentschlossenes, rebellisch aufgelegtes „Die Katholische Kirche ist doof“-Ding. Mit zwölf Jahren, immer noch in einer solchen Einstellung, habe ich dann wieder einmal begonnen, in der Bibel zu lesen, und zwar der richtigen Bibel, nicht der – wenn wir ehrlich sind – viele Geschichten ziemlich verharmlosenden Kinderbibel. Und da bin ich auf die ersten Kapitel des Buches Josua gestoßen, genauer gesagt, auf die Erzählung von der Eroberung Jerichos, und fand sie, kurz gesagt, grau-en-voll. „Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel.“ (Jos 6,21, zitiert nach der alten Einheitsübersetzung, die ich damals hatte.) Wie konnte das der Wille Gottes sein, ein solches Massaker? Wie konnte so etwas in der Bibel stehen! Ich sah auch irgendwo einen Widerspruch zum Neuen Testament, und ich fand das auf jeden Fall alles ganz scheußlich.

Damals dachte ich mir schon gerne Geschichten aus und machte die ersten Versuche darin, sie niederzuschreiben, und ich konzipierte dann aus meiner Empörung heraus sogar eine Geschichte, die die biblische Erzählung, na ja, sagen wir mal, aus einer etwas anderen Perspektive heraus in den Blick nahm. (Mose, der nur eine geringe Rolle spielte und während des wichtigsten Teils der Handlung schon längst tot war, kam mit der Rolle des geistesgestörten, aber wenigstens ehrlichen, religiösen Fanatikers davon (wenn ich die oben erwähnte Schilderung über das, was nach der Sache mit dem goldenen Kalb passierte, damals auch bereits gelesen gehabt hätte, wäre es für ihn vielleicht nicht so glimpflich ausgegangen), während Josua sozusagen zum Erzschurken mutierte: einem grausamen Machtmenschen, der sogar Mose ermordet hatte, um seinen Platz einzunehmen, und mit erfundenen Geschichten über den Gott Jahwe für seine Legitimation unter den Israeliten sorgte. Rahab, die Prostituierte aus Jericho, die in der Bibel den israelitischen Spionen hilft und daher bei dem Massaker zusammen mit ihrer Familie netterweise am Leben gelassen wird, wird zu einer geschickten Opportunistin, die einfach auf ihr Überleben – und, zur Ehrenrettung meiner Figur muss man das sagen, auch auf das ihrer Familie – bedacht ist. Meine Hauptfiguren waren allerdings völlig erfundene Gestalten: zum einen eine Cousine Rahabs, die eben dank dieser überlebt, dann noch ein paar Bewohner Jerichos, die in dem Massaker durch sehr viel Glück und Zufall davonkommen und im Folgenden mehr oder weniger auf der Flucht oder im Untergrund leben, wo die Israeliten ja jetzt die Gegend beherrschen, darunter ein junger Mann, der dann eine tragisch endende heimliche Liebesbeziehung zu einem jüdischen Mädchen beginnt. (Hey, ich war zwölf.) Die Geschichte kam über ein paar wenige skizzierte Szenen nicht hinaus; eine davon war die, in der Rahabs Cousine zusammen mit ihrer ganzen Verwandtschaft in Rahabs Haus sitzt und dem Schlachten draußen in den Straßen lauscht.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/59/Tissot_The_Harlot_of_Jericho_and_the_Two_Spies.jpg

(James Tissot, The harlot of Jericho and the two spies. Gemeinfrei.)

Ein Grund, warum aus der Geschichte nichts mehr wurde, war wohl, dass mir nach und nach auffiel, dass ich nicht allzu viel Ahnung vom Alten Orient hatte und man ein bisschen rudimentäre Ahnung über eine Zeit haben muss, wenn man über sie schreiben will. Dazu kam auch ein bisschen die Schwierigkeit, dass die Eroberung Jerichos laut der Bibel auf einem Wunder beruhte und meiner Handlung nach aber zwangsläufig nicht darauf beruhen konnte (s. Josua, der falsche Prophet und Oberschurke), und vor allem die ganze Exodusgeschichte bereitete mir Schwierigkeiten. Denn die Anwesenheit der Israeliten in der Gegend von Jericho beruhte ja laut der biblischen Schilderung, auf der ich meine – nennen wir mal es freundlich – Abwandlung aufbaute, gerade darauf, dass Gott selbst sie „unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken“ (Deuteronomium 4,34) aus der Sklaverei in Ägypten geführt hatte. Ich fragte mich, wie das damals eigentlich tatsächlich wohl gewesen war, recherchierte ein bisschen im Internet zu den Ausgrabungen in Jericho, kam zu keinem wirklichen Ergebnis. Irgendwann flaute mein Interesse an dem Thema einfach wieder ab.

Eins sollte ich aus dieser meiner bibelkritischen Zeit wohl noch erwähnen: Ich hatte ab der Jericho-Geschichte die feste Überzeugung gefasst, dass das Alte Testament böse sein müsse, und blätterte dann, zur Recherche und aus Neugier, noch durch die fünf Bücher Mose, besonders die darin enthaltenen Gesetzestexte. Meine Gedanken dabei lassen sich in etwa so wiedergeben: Ja, gut, ein Gesetz über Schutzgeländer an Dachterrassen hat schon irgendwo seinen Sinn, aber irgendwie ist es auch komisch, solche kleinkarierten Details unter einem angeblich göttlichen Gesetz stehen zu haben… da! Wieso um alles in der Welt verbietet dieses dämliche Buch jetzt Kleidung aus Mischgewebe? Okay, das Gesetz da klingt ganz sinnvoll… okay, das da auch… die alttestamentlichen Israeliten kannten schon das Konzept der Feindesliebe und das Verbot der Sippenhaft? Die Stelle hier klingt irgendwie richtig schön… aber hier! Schon wieder Steinigung! Das Alte Testament ist grausam und barbarisch! Kurz: im Rückblick kann ich sagen, dass ich eine Art von confirmation bias in action erlebte. Ich konzentrierte mich auf das, was ich ablehnen konnte.

Drei Jahre später (ungefähr 2011) bin ich dann zur Erzkatholikin mutiert; ich stieß auf einige Quellen zur katholischen Glaubenslehre, beschloss, mich mal etwas schlauer zu machen, was die Kirche denn eigentlich überhaupt lehrt, besorgte mir den neu erschienenen Youcat, und informierte mich noch anderswo. Schließlich kam ich zum Schluss, dass Jesus von Nazareth tatsächlich der Sohn Gottes sein musste; die Berichte über Seine Auferstehung waren historisch glaubwürdig, sie ließen sich nicht anders als durch Seine tatsächliche Auferstehung erklären, und die bestätigte wiederum Seine Göttlichkeit, deren Glaubwürdigkeit für mich überhaupt von allen Seiten her zunahm. Auch die Ansicht, Er habe die katholische Kirche ins Leben gerufen und der Unterstützung des Heiligen Geistes versichert, stellte sich als sinnvoll, logisch und durch die Geschichte bestätigt heraus.

Ich kam, kurz gesagt, zu der Überzeugung, dass die katholische Kirche tatsächlich den wahren Glauben verkündete, und dass dann auch alle Bibelstellen irgendwie erklärbar sein müssten. Aber wie genau diese schwierigen Bibelstellen sich mit meinem Glauben harmonisieren ließen, das war für mich noch eine Zeit lang ein ungelöstes – aber auch eher untergeordnetes – Problem. Ich suchte immer mal wieder, wenn ich daran dachte, nach konkreten Antworten und war oft erstaunt, wie wenig ich dazu fand. Nach und nach stieß ich aber durch Zufall auf einige Dinge: etwa einen Essay von C. S. Lewis über die Psalmen, deren Rachsucht und Selbstgerechtigkeit mir, seit ich angefangen hatte, sie gelegentlich zu lesen und zu beten, immer wieder unangenehm aufgefallen war, eine schöne Katechese bei der Karl-Leisner-Jugend zum Gottesbild des Alten Testaments, vereinzelte Bemerkungen bei verschiedenen Schriftstellern oder auf verschiedenen Internetseiten und schließlich auch ein Buch, das dieses Thema ganz systematisch anging, „Hard Sayings. A Catholic Approach to Answering Bible Difficulties“ von Trent Horn (das ich nur empfehlen kann); kurz gesagt, ich stellte fest, dass es da sehr wohl Antworten gibt, und weil diese viel zu wenig kommuniziert werden, möchte ich das Thema hier jetzt auch systematisch angehen. Ich werde mich dabei auch in vielem an Horn orientieren.

Man kann die Schwierigkeiten mit der Bibel in drei Gruppen einteilen:

  • Naturwissenschaftliche Schwierigkeiten
  • Historische Schwierigkeiten
  • Moralische/philosophische Schwierigkeiten

In die erste Kategorie gehört die Schöpfungsgeschichte, und vielleicht kann man auch das ganze Thema Wunder noch hier einordnen. Die zweite Kategorie betrifft einfach die Frage „Ist das denn alles überhaupt so passiert?“ (Zum Beispiel haben die Ausgrabungen in Jericho die oben erwähnte Erzählung des Buches Josua eher nicht bestätigt.) Diese beiden Kategorien sind relativ einfach abzuhandeln, deshalb will ich mich in dieser Reihe hauptsächlich auf die dritte Kategorie konzentrieren, aber ohne die ersten zwei ganz zu ignorieren. Mit moralischen und philosophischen Schwierigkeiten meine ich solche Schwierigkeiten, wie ich sie oben geschildert habe. Befiehlt ein guter Gott den Israeliten die Ausrottung der Kanaaniter? Tötet ein guter Gott einfach die ägyptischen Erstgeborenen? Wieso wird Gott als ein „eifersüchtiger Gott“ oder als ein Gott, der seine Meinung ändert und den sogar etwas „reut“, beschrieben? Das sind die eigentlich wichtigen Fragen hier, die man beantworten muss.

Es gibt ein paar Standardantworten, die Christen oft geben, wenn sie auf die schwierigen Bibelstellen angesprochen werden, und die oft (nicht immer) an sich richtig sind. (Dinge, die an sich richtig sind – das ist so eine Kategorie für sich.) Dazu zählen:

  • Das darf man nicht wörtlich nehmen!
  • Das muss man im Kontext lesen! (Gegebenenfalls in den Varianten: im Kontext des Abschnitts / im historischen Kontext)
  • Gelegentlich auch: Das steht im Alten Testament!

Hier muss man aufpassen. Gut aufpassen. Diese Sätze sind zwar oft ein guter Ansatzpunkt, aber es gibt da auch einige Dinge zu beachten.

Erstens sollten sie nicht zu einer raschen Ausrede werden, sondern auch genauer begründet werden.

Zweitens sollte man damit nicht einfach versuchen, etwas auf eine Art und Weise wegzuerklären, mit der man auch jede andere Bibelstelle wegerklären könnte. Das merken Diskussionspartner nämlich.

Drittens: „Das ist nicht wörtlich gemeint“ stimmt zwar gelegentlich, aber das heißt auch nicht einfach, dass es überhaupt nicht gemeint ist; „ es ist nicht wörtlich gemeint“ heißt nicht „das kann man ignorieren“. Wenn etwa Christus in seinen Gleichnissen die Hölle als einen Ort mit „Heulen und Zähneknirschen“ und in Begriffen wie Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer beschreibt, dann kann man durchaus davon ausgehen, dass das nicht im materiellen Sinne gemeint ist (wie gesagt: es sind Gleichnisse), aber die Aussage dieser Gleichnisse, dass die Hölle existiert und kein besonders schöner Ort ist, die bleibt trotzdem da stehen. Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer sind auch im übertragenen Sinne nicht so toll. C. S. Lewis hat einmal diesen Vergleich gebraucht: Wenn man sagt, „Mein Herz ist gebrochen“ meint man das nicht wörtlich im anatomischen Sinn, aber man will damit auch nicht sagen „Ich fühle mich sehr heiter“. (Ich kann das genaue Zitat gerade nicht finden.)

Ein anderer Fehler, der mit diesem Satz gemacht werden kann: Man sollte nicht einfach bei jeder unliebsamen Stelle gleich mit „Das ist doch gar nicht wörtlich gemeint!“ herausplatzen. Es gibt nämlich einerseits sehr schöne Stellen, die nicht wörtlich gemeint sind (z. B. gibt es gute Gründe, das Buch Jona als Lehrerzählung anstatt als historische Schilderung zu betrachten; und die Barmherzigkeit Gottes, die uns hier vor Augen geführt wird, ist wirklich sehr schön – zumindest solange man dem Konzept der Feindesliebe nicht derart ablehnend wie Jona selbst gegenübersteht –, aber die Geschichte ist trotzdem (wahrscheinlich) nicht historisch, sondern bildlich), und andererseits aber Stellen, die einem eher sauer aufstoßen können, die aber vonseiten der Verfasser sehr wohl vollkommen wörtlich und historisch gemeint sind. Ein Beispiel wäre diese Stelle im 1. Buch der Makkabäer, das eindeutig ein historisches Buch wie etwa die Evangelien ist: „Als Mattatias das sah, packte ihn der Eifer; seine Nieren erzitterten und er ließ seinem gerechten Zorn freien Lauf: Er sprang vor und erstach den Abtrünnigen über dem Altar. Zusammen mit ihm erschlug er auch den königlichen Beamten, der sie zum Opfer zwingen wollte, und riss den Altar nieder; der Eifer für das Gesetz hatte ihn gepackt und er tat, was einst Pinhas mit Simri, dem Sohn des Salu, gemacht hatte.“ (1 Makkabäer 2,24-26) (Zu dieser Stelle und ähnlichen in einem späteren Beitrag in dieser Reihe ausführlich.)

Viertens: Kontext. Gute Idee. Ja. Aber dann muss man auch sagen, welcher Kontext, was der bedeutet, und was die fragliche Stelle in diesem Kontext dann trotzdem noch bedeutet, denn sie steht ja trotzdem noch da.

Fünftens: Ja, das Alte Testament ist so eine Sache. Wenn einem das Fortschreiten der göttlichen Offenbarung vom Alten zum Neuen Bund klar ist, sieht man tatsächlich so einiges in der Bibel klarer. Aber: Das heißt auch nicht, dass das AT einfach irrelevant geworden wäre. Es ist immer noch Heilige Schrift.

Wie immer braucht es hier zwei Dinge: Ehrlichkeit und genaue Unterscheidung. So wie in der Scholastik.

In den nächsten Beiträgen zu dieser Reihe will ich erst einmal auf das katholische Schriftverständnis und das Thema „Irrtumslosigkeit der Schrift“ eingehen, dann auf die (sehr, sehr, sehr wichtige) Unterscheidung „Was in der Bibel steht“ vs. „Was die Bibel lehrt“, dann auf den Alten und den Neuen Bund und die Konsequenzen aus dieser Unterscheidung für die Bibelinterpretation, und dann nach und nach auf verschiedene konkrete Beispiele vor allem aus dem Alten Testament zur Anwendung der Prinzipien – die Tora, die Landnahme, ähnlich brutale Geschichten, usw. Zuletzt kommt dann noch alles „Sonstige“: Die Frage nach der Vereinbarkeit der Bibel mit Naturwissenschaft und historischer Forschung, die Frage nach bestimmten einzelnen Stellen, auch einigen im Neuen Testament (das Lästern des Heiligen Geistes, „Das Weib schweige in der Kirche“, und lauter solche Dinge), bei denen es in vielen Fällen bloß darauf ankommt, einfach zu wissen, was mit bestimmten Begriffen und Redewendungen im Original gemeint ist. Das alles wird wahrscheinlich so einige Beiträge abgeben, und hiermit spreche ich eine offizielle Einladung an alle meine Leser aus: Wenn es eine bestimmte Bibelstelle gibt, die ihr schon immer total komisch und unverständlich fandet, dann hiermit eine herzliche Einladung, mich darauf hinzuweisen, und ich werde mich bemühen, etwas zu ihrer Interpretation zu finden und im Lauf der Reihe darauf einzugehen.

Zuletzt eine Frage für den nächsten Beitrag: Wer hat eigentlich behauptet, dass die Heiligen Schriften völlig klar, offen und verständlich für jedermann sein müssten?

Die allumfassende Kirche, Teil 1: Geht zu allen Völkern

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Das griechische Wort „katholikos“, eingedeutscht katholisch, bedeutet „allumfassend“, auf Latein „universal“. Das mag seltsam erscheinen angesichts der Tatsache, dass die katholische Kirche im Allgemeinen als eine eher engstirnige Religionsgemeinschaft verschrien ist, die wiederverheiratete Geschiedene von der Kommunion ausschließt (!!!), immer noch (!!!) die Abendmahlsgemeinschaft mit den Protestanten ablehnt und im Allgemeinen kaum dem Zeitalter der Inquisition zu entkommen sein scheint, die ja nun wirklich alles abschlachtete, was nicht in ihr enges Weltbild passte. So weit, so falsch.

Kommen wir im ersten Teil dieser Reihe erst einmal zur Herkunft des Begriffs „katholisch“. Er erscheint (u. a.) schon im Glaubensbekenntnis des Konzils von Nicäa (325 n. Chr.) – das wir heute noch in jedem Gottesdienst sprechen – als Merkmal der Kirche. „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen“ usw. (Einige Protestanten haben daraus „heilige christliche Kirche“ gemacht, aber manche beten es auch noch im Original, und identifizieren dabei lediglich die katholische – universale – Kirche von damals nicht mit der katholischen Kirche von heute. Wir werden stattdessen zur „römischen Kirche“ deklariert.) In der erweiterten Version des Konzils von Konstantinopel 381 n. Chr., dem Nicäno-Konstantinopolitanum (man darf auch einfach Großes Glaubensbekenntnis dazu sagen), werden weitere Merkmale der Kirche genannt: Sie ist die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Eins: Denn Jesus hat eine einzige Kirche für die Seinen gestiftet; erst im Lauf der Zeit haben sich gegen seinen Willen einige Gruppen von ihr abgespalten, darunter z. B. Marcioniten, Arianer, Donatisten und andere verschwundene Sekten ebenso wie Kopten, Russisch-Orthodoxe, Lutheraner, Calvinisten, Baptisten oder Mennoniten. Heilig: Nicht weil alle Christen sich so vorbildlich aufführen, sondern weil die Kirche durch ihren Gründer geheiligt ist. Apostolisch: Weil sie auf die Apostel zurückgeht, deren Nachfolger die Bischöfe sind, eingesetzt durch eine unterbrochene Kette von Handauflegungen, d. h. Weihen. Katholisch, also universal: Weil sie die Gläubigen aller Völkern zusammenführt.

Das ist die ursprüngliche und hauptsächliche Bedeutung: Eine Kirche aller Völker und Nationen. Während im Alten Bund die Juden auf besondere Weise erwählt waren, wurde der neue Bund auf alle Völker ausgedehnt: Es zählte nicht mehr, ob man der Herkunft nach Jude, Grieche, Römer, Armenier, Äthiopier oder Alemanne war; was zählte, war nur die Zugehörigkeit zu Christus durch die Taufe. Das Heil kommt von den Juden, wie Jesus sagt (Johannes 4,22), aber es geht von ihnen aus zu allen Völkern. Schon im Alten Testament wurde diese Universalität von den Propheten angekündigt: „Ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken und komme, um die Völker aller Sprachen zusammenzurufen, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den übrigen Völkern: nach Tarschisch, Pul und Lud, Meschech und Rosch, Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, die noch nichts von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkünden. Sie werden aus allen Völkern eure Brüder als Opfergabe für den Herrn herbeiholen auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren, her zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem, spricht der Herr, so wie die Söhne Israels ihr Opfer in reinen Gefäßen zum Haus des Herrn bringen. Und auch aus ihnen werde ich Männer als Priester und Leviten auswählen, spricht der Herr.“ (Jesaja 66,18-21) „Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. So spricht der Herr, der Befreier Israels, sein Heiliger, zu dem tief verachteten Mann, dem Abscheu der Leute, dem Knecht der Tyrannen: Könige werden es sehen und sich erheben, Fürsten werfen sich nieder, um des Herrn willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.“ (Jesaja 49,6-7, aus dem „Zweiten Lied vom Gottesknecht“) Eine erste Erfüllung all dieser Prophezeiungen sehen wir archetypisch in den heidnischen Weisen aus dem Morgenland, die kamen, um das Jesuskind zu sehen, und die in der späteren Tradition nicht nur zu Königen, sondern auch zu Vertretern der drei bekannten Erdteile gemacht wurden: Asien, Afrika und Europa. Mit den Heiligen Drei Königen kommt die ganze Welt zum Gott Israels. Jesus trug seinen Aposteln auf: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ (Matthäus 28,19) Und Petrus erkannte: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apostelgeschichte 10,34-35)

Diese Universalität ist die ganze Kirchengeschichte über geblieben, und man sieht sie wunderbar, wenn man sich einfach mal irgendein Foto vom Weltjugendtag anschaut. Alle schwenken dort ihre Fahnen, alle kommen aus ihren Ländern und bringen ihre Kulturen mit, aber alle kommen im selben Glauben zusammen, der ihre Länder und Kulturen überschreitet. Ich konnte leider =((( nicht dabei sein und die Abschlussmesse auf dem Campus Misericordiae nur am Fernseher verfolgen, aber auch so war es ein wahnsinnig toller Eindruck: Zwei Millionen Menschen von überall auf der Welt, die in Polen unter einem in Rom residierenden Argentinier zusammenkommen, um den Glauben an den jüdischen Messias zu feiern, und sich am Ende schon auf ihr nächstes Treffen in Panama freuen. Dasselbe Mischmasch kann man auch in Rom oder Lourdes oder Santiago de Compostela sehen; eben an allen für die katholische Kirche bedeutsamen Orten. Ihr Glaube ist eben universal.

Es ist ganz logisch, dass die katholische Minderheit im Deutschen Reich des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, dieser Hochphase des Nationalismus, so unbeliebt war; sie galt vor allem Reichskanzler Bismarck als national unzuverlässig, als „ultramontan“ (lateinisch: ultra montes = über die Berge), da sie einen ausländischen Potentaten jenseits der Alpen als Oberhaupt (eigentlich stellvertretendes Oberhaupt, s. hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/die-stellvertreter-denethor-und-faramir/…) anerkannte, der sich 1870 beim Ersten Vatikanischen Konzil jetzt auch noch als unfehlbar deklarieren ließ. Bismarcks Maßnahmen (u. a.): Der Staat hat die Ausbildung der Amtsträger dieser staatsgefährdenden religiösen Fundamentalisten zu regeln und zu überwachen; der Einfluss auf die deutschen Schulen wird ihnen genommen; wer von ihren Geistlichen mit seinen Predigten die öffentliche Ordnung stört, kommt in Festungshaft. Antikatholizismus war damals in Deutschland/Preußen übrigens nicht nur eine Sache der staatlichen Obrigkeit, sondern galt beinahe als gesellschaftlicher Grundkonsens; antikatholische Vorurteile wurden nicht nur in Schauerromanen à la Dan Brown verbreitet (eine sehr schöne Erläuterung eines Beispiels findet sich hier: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2016/04/der-seltsame-fall-der-eingekerkerten.html), sondern führten in einzelnen Fällen auch zu konkreter Gewalt (https://de.wikipedia.org/wiki/Moabiter_Klostersturm). Die Jesuiten galten im Lauf ihrer Geschichte den meisten Staaten als besonders suspekt – weshalb sie auch irgendwann aus den meisten Staaten ausgewiesen wurden, nicht nur 1872 aus dem Deutschen Kaiserreich, sondern auch bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus den katholischen Königreichen Spanien, Frankreich und Portugal –, da sie als viertes Ordensgelübde besonderen Gehorsam dem Papst gegenüber schworen. Lauter ausländische Spione, nicht landestreu genug. Und was ist heute, wo der Nationalismus allgemein als iiihh-baaahh gilt? Oh, heute beschwert man sich über die indischen, afrikanischen und polnischen „Import-Priester“, die unseren Priestermangel auch nicht lösen könnten. (Klar. Wenn man nicht genügend Fachkräfte hat, kann es auf keinen Fall helfen, sie sich aus dem Ausland zu holen.) Wir brauchen schließlich keine Missionare aus solchen zurückgebliebenen Erdteilen, wir haben hier ja unser eigenes Christentum.

In ziemlich vielen christlichen Ländern – in Frankreich, im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bzw. Deutschem Reich, in Österreich, in den spanischen Niederlanden (heute Belgien), in England usw. – gab es im Lauf der Geschichte mehr oder weniger konsequent durchgezogene Versuche, die Kirche unabhängiger, nationaler zu machen. Unbewusst oder bewusst stellte man immer die eigenen Gesetze, Bräuche und Gewohnheiten über das Verbindend-Menschliche; man vergaß oder ignorierte ganz einfach, dass, wenn man die Gleichheit aller Menschen annimmt, die wahre Religion für alle Menschen dieselbe sein muss, auch wenn sie sich in jeder Kultur anders ausdrücken kann und ausdrückt.

Während Frankreich jahrhundertelang mit nationalen Sonderrechten der französischen Kirche („gallikanischen Freiheiten“) flirtete, sich aber trotzdem bis zur Revolution, in deren noch nicht dezidiert antichristlicher Frühphase die Kleriker zu Staatsdienern mit Eid auf die Verfassung gemacht werden sollten, eigentlich nicht vom Papst lossagen wollte, war England – oder zumindest die Machthaber Englands in einer bestimmten Epoche – schon früh konsequent: Die Church of England wurde gegründet; schon ihrem Namen nach eine englische Nationalkirche, keine Kirche aller Völker und Sprachen. Wie unsinnig eine solche Idee ist, erkannte u. a. auch Robert Hugh Benson (1871-1914), ein anglikanischer Kleriker und Sohn des kürzlich verstorbenen anglikanischen Erzbischofs von Canterbury, als er sich im Jahr 1896 aus gesundheitlichen Gründen auf eine Reise nach Ägypten und ins Heilige Land begab:

 

First, I believe, my contentment with the Church of England suffered a certain shock by my perceiving what a very small and unimportant affair the Anglican Communion really was. There we were, travelling through France and Italy down to Venice, seeing in passing church after church whose worshippers knew nothing of us, or of our claims. I had often been abroad before, but never since I had formally identified myself with the official side of the Church of England. Now I looked at things through more professional eyes, and behold! we were nowhere. […] We arrived at Luxor at last, and found the usual hotel chaplain in possession; and I occasionally assisted him in the services. But it was all terribly isolated and provincial. […]

 This growing discomfort was brought to a point one day when I was riding in the village by myself and went, purely by a caprice, into the little Catholic church there. It stood among the mud-houses; there was no atmosphere of any European protection about it, and it had a singularly uninviting interior. There was in it a quantity of muslin and crimped paper and spangles. But I believe now that it was in there that for the first time anything resembling explicit Catholic faith stirred itself within me. The church was so obviously a part of the village life; it was on a level with the Arab houses; it was open; it was exactly like every other Catholic church, apart from its artistic shortcomings. It was not in the least an appendage to European life, carried about (like an India rubber bath), for the sake of personal comfort and the sense of familiarity. […] A national church seemed a poor affair abroad. […]

 As I came back alone through Jerusalem and the Holy Land, my discomfort increased. Here again, in the birthplace of Christendom, we seemed less than nothing. […]

 In all the churches it was the same. Every eastern heretical and schismatical sect imaginable took its turn at the altar of the Holy Sepulchre, for each had at least the respectability of some centuries behind it, – some sort of historical continuity. I saw strange, uncough rites in Bethlehem. But the Anglican Church, which I had been accustomed to think of as the sound core of a rotten tree, this had no privileges anywhere; it was as if it did not exist; or, rather, it was recognised and treated by the rest of Christendom purely as a Protestant sect of recent origin.”

 

(Als erstes, denke ich, erlitt meine Zufriedenheit mit der Kirche von England einen gewissen Schock, als ich wahrnahm, was für eine kleine und unwichtige Sache die anglikanische Gemeinschaft wirklich war. Da waren wir, auf der Reise durch Frankreich und Italien hinunter nach Venedig, und sahen dabei Kirche um Kirche, deren Gläubige nichts von uns wussten, oder von unseren Ansprüchen. Ich war vorher oft im Ausland gewesen, aber nie, seitdem ich mich förmlich mit der offiziellen Seite der Kirche von England identifiziert hatte. Nun betrachtete ich die Dinge mit professionelleren Augen und siehe! wir waren nirgends. […] Wir kamen schließlich in Luxor an, und fanden den üblichen Hotelkaplan zur Stelle; und ich assistierte ihm gelegentlich in den Gottesdiensten. Aber es war alles furchtbar isoliert und provinziell. […]

Dieses wachsende Unbehagen wurde eines Tages zu einem Höhepunkt gebracht, als ich allein durch das Dorf ritt und, rein aus einer Laune heraus, in die kleine katholische Kirche dort ging. Sie stand zwischen den Lehmhäusern; da war keine Atmosphäre irgendeines europäischen Schutzes an ihr, und sie hatte ein einzigartiges uneinladendes Inneres. Da war eine Menge Musselin und Krüll und Flitter. Aber ich glaube jetzt, dass es dort drinnen war, dass zum ersten Mal etwas, das ausdrücklich katholischem Glauben ähnelte, sich in mir regte. Die Kirche war so offensichtlich ein Teil des Dorflebens; sie war auf einer Höhe mit den arabischen Häusern; sie war offen; sie war genau wie jede andere katholische Kirche, abgesehen von ihren künstlerischen Mängeln. Sie war nicht im geringsten ein Anhängsel an das europäische Leben, das man (wie eine ausklappbare Badewanne aus Gummi) zum Zweck des persönlichen Komforts und des Gefühls der Vertrautheit mit sich herumträgt. […] Eine Nationalkirche schien im Ausland eine armselige Sache zu sein. […]

 Als ich allein über Jerusalem und das Heilige Land zurückkehrte, wurde mein Unbehagen größer. Hier wieder, an der Geburtsstätte des Christentum, schienen wir weniger als nichts. […]

 In allen Kirchen war es das Gleiche. Jede vorstellbare östliche häretische und schismatische Sekte kam am Altar der Grabeskirche an die Reihe, denn jede hatte zumindest die Achtbarkeit einiger Jahrhunderte hinter sich – irgendeine Art von historischer Kontinuität. Ich sah seltsame, grobe Riten in Bethlehem. Aber die Anglikanische Kirche, von der ich gewohnt gewesen war, sie mir als den gesunden Kern eines verrotteten Baumes vorzustellen, diese hatte nirgendwo Privilegien; es war, als existierte sie nicht; oder, eher, sie wurde vom Rest der Christenheit erkannt als und behandelt wie eine reine protestantische Sekte neueren Ursprungs.“)

 

Diese Zeilen wurden einige Jahre nach diesen Erlebnissen in einem Buch mit dem Titel „Confessions of a convert“ (Bekenntnisse eines Konvertiten) geschrieben, nachdem Benson zur katholischen Kirche übergetreten und zum katholischen Priester geweiht worden war. (Er wurde übrigens einer der bekanntesten katholischen Schriftsteller seiner Zeit, und Papst Franziskus hat einen seiner Romane („Der Herr der Welt“) einmal in einer Predigt empfohlen. Das nur nebenbei.)

In der Tat: Eine Nationalkirche scheint im Ausland eine armselige Sache zu sein. Und doch tappen wir heutzutage oft in genau diese Falle, die Nation höher zu bewerten als die Religion; nur heißt es bei uns inzwischen nicht offiziell „unsere Nation“, sondern „unsere Grundwerte“, oder „unsere Verfassung“ oder „unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung“ oder „unsere aufgeklärte Gesellschaftsordnung“. Vor kurzem erst war ganz Deutschland geschockt darüber, dass für die Hälfte der Türken, ja, ja, Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (oder waren’s die Muslime allgemein? Ach, keine Ahnung), die Regeln der Religion über dem Grundgesetz stehen. Wieso eigentlich? Was ist schlimm daran, wenn die Gesetze des Gottes, der die ganze Welt erschaffen hat, einem Menschen mehr bedeuten als die Gesetze, die sich vor ein paar Jahrzehnten ein paar Männer in irgendeinem kleinen Teil der Erde ausgedacht haben, in dem er nun mal zufällig lebt? Auch für mich als Katholikin ist Gott wichtiger als deutsche Gesetze. Die meisten jetzigen deutschen Gesetze sind meiner Meinung nach zufällig ganz gut (offensichtliche Ausnahmen gibt es), aber spekulieren wir mal, wenn ein zukünftiges Gesetz mir verbieten wollen würde, dem Gesetz meiner Religion zu folgen, sonntags in die Messe zu gehen – na ja, dann wäre für mich ziemlich klar, welchem Gesetz ich folgen würde und welchem nicht. Wieso sollte es also eine Muslima beeindrucken, wenn ein Gesetz ihr das Tragen eines Kopftuchs oder eines Burkini verbieten will? Das Gewissen des Einzelnen darf sich gar nicht nur auf menschengemachte Gesetze berufen – und jede Verfassung ist ein menschengemachtes Gesetz – sondern es muss auf die ewiggültigen Regeln schauen, von denen die obersten (im Christentum zumindest) Gottes- und Nächstenliebe sind. Sicher hält man die Gesetze normalerweise ein, vor allem wenn sie einigermaßen im Einklang mit den moralischen Regeln stehen oder ihnen zumindest nicht völlig zuwiderlaufen, aber wenn es zu einem wirklichen Konflikt zwischen Gewissen und Gesetz kommt, dann hat man das Gewissen zu wählen. Deshalb sind Franz Jägerstätter oder Franz Reinisch in der Nazizeit als Militärdienstverweigerer hingerichtet worden: Weil diese beiden Christen (Reinisch war übrigens Priester) ihrem Gewissen, ihrer Religion mehr gehorcht haben als den staatlichen Gesetzen. Es ist wohl kein Zufall, dass die einzige christliche Gruppe der deutschen Geschichte, die sich den Titel „deutsche Christen“ gab, eine Gruppe war, die innerhalb der evangelischen Kirche die Naziideologie durchsetzen wollte.

Wir von der katholischen Kirche sind keine deutschen oder englischen oder französischen Christen. Wir sind katholische, d. h. universale, Christen. Punkt.