Was macht feministische Theologie manchmal so nervig?

Vor kurzem habe ich fürs Studium einen Aufsatz mit dem Titel „Maria von Magdala – erste Apostolin?“ von der Theologin Andrea Taschl-Erber gelesen*. Ja, ganz stereotyp, der Doppelname und die Fixierung auf Maria von Magdala. Man erlaube mir an dieser Stelle übrigens die Bemerkung, dass „Apostolin“ irgendwie doof klingt, und „Apostelin“ auch nicht besser wäre.

Aber komisch klingende Wörter machen einen Aufsatz ja nicht falsch, auch wenn das nicht das einzige komisch klingende Wort bleibt. (Im Text kriegen wir noch „ZeugInnenschaft“, was ungefähr so viel Sinn macht wie „ÄrztInnenkammer“ oder „FremdInnenzimmer“.) Der Aufsatz beginnt folgendermaßen: „Maria von Magdala zählt zu den meistgenannten AnhängerInnen Jesu in den Evangelien. Allerdings verdunkelte eine von androzentrischen Mechanismen und patriarchalen Projektionen bestimmte Auslegungsgeschichte die Bedeutung der engagierten Jüngerin und prophetischen Apostolin. So gilt es, ihre spezifische literarische wie historische Rolle von den Schatten der Rezeptionsgeschichte zu befreien.“ Die Bedeutung der „engagierten Jüngerin“. Ich liebe es, wie Frau Taschl-Erber ihre Beschreibung der Heiligen so klingen lässt wie eine Dankesrede bei der Verabschiedung einer scheidenden Elternbeiratsvorsitzenden. („Frau Plötzenthaler hat sich jahrelang als engagiertes Mitglied unseres Gremiums erwiesen…“)

Sie fährt fort: „Grundsätzlich ist das literarische Porträt einer Erzählfigur als ein narratives Konstrukt zu verstehen, anhand dessen nicht unmittelbar, gleichsam spiegelbildlich, ein historisches Profil der namentlich identifizierten Person gezeichnet werden kann. Um dennoch mit aller methodischen Vorsicht historische Informationen ableiten zu können, bedarf es vor allem auch einer kritischen Reflexion des ideologischen Horizonts der jeweiligen Erzählwelt und ihrer androzentrischen Dynamik gemäß den Prinzipien einer ‚Hermeneutik des Verdachts‘.“ Der Begriff „Hermeneutik des Verdachts“ ist sehr treffend gewählt. Frau Taschl-Erber bleibt noch den ganzen Text über in diesem Dilemma stecken: Eigentlich können wir ja nichts Genaues, historisch Glaubwürdiges aus den biblischen Texten wissen, aber dass wir alle biblischen Darstellungen von Frauen unter Verdacht stellen müssen, das wissen wir auf jeden Fall.

Zunächst geht die Autorin darauf ein, wo überall in den Evangelien Maria von Magdala erwähnt wird: Sie gehört zu einer größeren Gruppe von Frauen um Jesus und wird zusammen mit anderen dieser Frauen Zeugin der Kreuzigung, der Grablegung und dann der Auferstehung. Aus Mk 15,41, wo es heißt, dass diese Frauen Jesus schon in Galiläa „nachgefolgt“ waren und ihm „gedient“ hatten (hier wird das griechische Verb „diakoneo“ verwendet), leitet Frau Taschl-Erber ab, dass sie nicht bloß für die Brotzeit auf dem Weg gesorgt hätten (wer hat das denn gesagt?), sondern Beauftragte Jesu (als seine Zeuginnen und Verkündigerinnen oder so) gewesen wären; immerhin leitet sich auch das Wort „Diakon“ vom selben Verb ab, das ja z. B. bei Paulus ein Amt in der Gemeinde bezeichnet. (Witzigerweise wurden zwar gerade die ersten Diakone laut Apostelgeschichte vor allem für den „Dienst an den Tischen“ bestellt, damit die Apostel sich ungestört der Verkündigung widmen konnten (Apg 6,2)… aber lassen wir das. Ich will ja auch nicht behaupten, dass die Jüngerinnen bloß für die Brotzeit und nichts weiter zuständig gewesen wären. Ich weiß nichts drüber, was genau sie so gemacht haben.) Frau Taschl-Erber betont dann noch, dass die Frauen die nach Markus „echte Nachfolge“, die „Kreuzesnachfolge“, durch ihre Anwesenheit bei der Kreuzigung verwirklichen, während die Zwölf verschwinden. Das stimmt ja auch, und es wurde von der patriarchalischen, androzentrischen Christenheit übrigens nie geleugnet. Mir fällt spontan eine Stelle aus einer Schrift über Lourdes von 1907 ein, in der der Priester Robert Hugh Benson über eine große Gruppe von in den vergangenen Jahren an diesem Wallfahrtsort Geheilten, die zu einer Dankesprozession zusammengekommen sind, schreibt: „I had looked at their faces: there were many more women than men (as there were upon Calvary).“ (http://www.gutenberg.org/files/18729/18729-h/18729-h.htm ; Ausgabe von 1914)

Nach der markinischen geht die Autorin auf die lukanische Darstellung der Jüngerinnen Jesu ein, wo es u. a. heißt, dass aus Maria von Magdala, dank Jesus, „sieben Dämonen ausgefahren waren“ (Lk 8,2). Ich schätze, es ist nicht erstaunlich, dass Frau Taschl-Erber nicht an dämonische Besessenheit glaubt, aber es ist erstaunlich, welchen Vorwurf gegen den Evangelisten Lukas sie aufgrund dieser Stelle konstruiert: „Dämonische Besessenheit fungiert in bestimmten soziokulturellen Kontexten als personifizierte Ursache für (insbesondere psychische, von Kontrollverlust und Selbstentfremdung gekennzeichnete) Krankheitszustände sowieso vom Normencodex abweichende Verhaltensweisen […]. Ob sich die Information auf eine tatsächliche Krankheit bezieht oder nicht, mit ihrer Wiedergabe erzielt Lk eine bestimmte Wirkung. Entsprechend führte die lk Darstellung, welche die Phantasie späterer RezipientInnen anregte, zu beträchtlichen Verzerrungen im Bild der Jüngerin.“ Auch wenn die Information wahr ist, verzerrt sie das Bild? Die Logik erschließt sich mir nicht. Und was ist denn so schlimm daran, dass eine geheilte Besessene / Kranke / psychisch Kranke zu den Jüngerinnen Jesu gehörte? Paulus war ein bekehrter Christenverfolger. Normalerweise glorifiziert man im Christentum die Geheilten und die Bekehrten eher besonders, als dass man sie herabsetzt; und bei Lukas scheint das meinem Eindruck nach nicht anders zu sein. Inwiefern macht er Maria von Magdala hier schlecht?

Als nächstes geht es um den Auferstandenen und seine in Joh 20 ausführlich beschriebene Erscheinung vor Maria. „So verweist die mehrfache Bezeugung der Protophanie [Ersterscheinung] vor Maria von Magdala auf Alter und Bedeutung der Tradition, welche in den Ostererzählungen der Evangelien Spuren hinterließ, obwohl sie innerhalb patriarchaler Kontexte Widerständen begegnete.“ An dieser Stelle wird u. a. Paulus ein Vorwurf gemacht, weil der in 1 Kor 15 unter den Zeugen der Auferstehung Maria von Magdala nicht namentlich erwähnt, sondern nur die beiden männlichen Autoritäten Petrus und Jakobus, was eine „Marginalisierung der Zeuginnen“ sei. Das ist kein ganz aus der Luft gegriffenes Argument; tatsächlich mussten die ersten Christen ja damit rechnen, dass in einer patriarchalen Umwelt das Zeugnis von Frauen bei der Verkündigung nicht sehr viel zählen würde**, und es ist immerhin möglich, dass Paulus hier absichtlich nur auf das Zeugnis der für sein Publikum „maßgeblichen Jerusalemer Autorität“ mit Namensnennungen verweist. Aber kann man es den Evangelisten dann nicht wenigstens danken, dass sie gerade trotzdem – und zwar alle vier – davon berichten, dass die Frauen die ersten am Grab waren und / oder Erscheinungen des Auferstandenen erlebten? Nö, offensichtlich kann man das nicht. Dem Evangelisten Lukas werden gleich noch mal Vorwürfe gemacht – die Relevanz der Ostererfahrungen der Frauen werde in seinem Evangelium „heruntergespielt“, und zwar u. a. dadurch, dass die Apostel deren Botschaft als „leeres Geschwätz“ „disqualifizieren“ und Petrus „den Bericht der Frauen erst bestätigen muss“. Kann man einen Text deutlicher missverstehen? In Lukas 24 behalten die Frauen Recht. Die Apostel sind im Unrecht, als sie ihren Bericht zuerst für „Geschwätz“ halten, und werden am Ende eines Besseren belehrt. Da könnte ich genausogut „Hakuna Matata“ als die Aussage von „Der König der Löwen“ hinstellen.

Der Text schließt mit einem Flirt mit der Gnosis: „Vermutlich existierte in Bezug auf Maria von Magdala eine breitere Überlieferung, von welcher sich im NT nur einige Reflexe finden, der bedeutendste in Joh 20,1-18. […] Demgegenüber tritt sie in gnostischen und gnosisnahen Texten auch im Zuge des Lehrens und Wirkens Jesu als seine Dialogpartnerin auf. Auf der Basis des Traditionswissens um ihren Primat als Erstzeugin des Auferstandenen avancierte sie  zu einer der bedeutendsten apostolischen TraditionsträgerInnen in christlich-gnostischen Zirkeln. Am deutlichsten knüpft das Evangelium nach Maria an Joh 20 an, das Jesu (Wieder-)Aufstieg zum Vater in Joh 20,17 zu einem großen Visionsbericht des (Wieder-)Aufstiegs der Seele in die himmlische Sphäre entfaltet und explizit Marias apostolische Konkurrenz zu Petrus thematisiert. Hier wie in anderen apokryph gewordenen Schriften wird der geisterfüllten Lieblingsjüngerin der eifersüchtige Vertreter des männlichen Primats gegenübergestellt, der ihre Leitungsposition, die Legitimität ihrer Verkündigung, ihr Rederecht sowie überhaupt ihre Zugehörigkeit zum JüngerInnenkreis bestreitet, wohingegen Maria von Magdala als Repräsentantin der Frauen in der Nachfolgegemeinschaft Jesu wie auch der Frauen in den Gemeinden die weiblichen Autoritätsansprüche verkörpert. Vielleicht fanden gerade viele ihrer AnhängerInnen im Gefolge einer allgemeinen Marginalisierung frauenzentrierter Traditionen sowie einer zunehmenden Zurückdrängung von Frauen aus Leitungsfunktionen (vgl. 1 Tim 2,11f.) eine neue Heimat in ‚gnostisch‘ kategorisierten frühchristlichen Gruppierungen, welche die ursprüngliche Bedeutung der Magdalenerin als Zeugin und Offenbarungsempfängerin des Auferstandenen rezipierten? Doch es bleibt die grundsätzliche hermeneutische Frage, inwieweit sich die Leerstellen im ntl. Porträt Marias von Magdala aus den späteren gnostisch-apokryphen Texten füllen lassen, um die historische Figur zurückzugewinnen.“

Da das Evangelium der Maria erst von ca. 160 n. Chr. stammt, während die kanonischen Texte deutlich älter sind, erscheint es mir als eher zweifelhaft, dass sich die historische Figur hier zurückgewinnen lässt. Übrigens ist Frau Taschl-Erbers Deutung dieses Textes doch etwas gewollt; im 2. Teil des Evangeliums der Maria (es lässt sich im Internet finden) sagt Petrus zu Maria zunächst ganz respektvoll: „Schwester, wir wissen, dass der Retter dich mehr liebte als alle anderen Frauen. Berichte uns von den Worten des Retters, die du erinnerst – die du kennst und wir nicht oder von denen wir noch nie gehört haben.“ Als sie dann eine lange, etwas seltsame Vision vom Aufstieg der Seele aus der materiellen Welt heraus erzählt hat (hier fehlen Teile des Textes), reagieren die Jünger folgendermaßen:

„Doch Andreas antwortete und sagte zu den Jüngern: ‚Sprecht, was sagt ihr darüber, was sie eben erzählt hat? Ich bin der letzte der glaubt, dass dies der Erlöser gesagt hat. Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung.‘

Petrus antwortete und sprach die gleichen Dinge betreffend. Er befragte sie nach dem Retter: ‚Sprach Er wirklich ohne unser Wissen mit einer Frau und das nicht öffentlich? Sollen wir uns ihr nun zuwenden und ihr künftig zuhören? Hat er sie uns vorgezogen?‘

Dann weinte Maria und sagte zu Petrus: ‚Mein Bruder Petrus, was denkst du denn? Denkst du, dass ich mir all dies in meinem Herzen ausgedacht habe oder dass ich über unseren Retter Lügen erzähle?‘

Levi (Matthäus) antwortete und sagte zu Petrus: ‚Petrus, du warst schon immer temperamentvoll. Nun sehe ich, wie du dich gegen diese Frau aufbäumst als wäre sie dein Gegner. Denn wenn der Retter sie als wertvoll erachtete, wieso möchtest du sie dann ablehnen? Der Retter kennt sie sicherlich sehr gut. Das ist der Grund, wieso er sie mehr liebte als uns. Wir sollten uns besser schämen und lieber dafür sorgen, den perfekten Menschen in uns und für uns zu leben, so wie Er es uns aufgetragen hat. Lasst uns das Evangelium predigen und nicht Gesetze aufstellen, die jenseits dessen stehen, die uns der Retter mitgeteilt hat.‘ Danach begonnen sie zu verkünden und zu predigen.“

Nach einem grundsätzlich Konflikt zwischen Männern und Frauen sieht das weniger aus; eher habe ich den Verdacht, dass sich hier die Situation der gnostischen Gemeinden des 2. Jahrhunderts spiegelt, deren neu aufgetauchte Geheimlehren andere christliche Gemeinden nicht als ursprüngliche Worte Jesu anerkennen wollten („Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung“). Die Gnostiker legen also in ihrem angeblichen Evangelium ihre Sichtweise Maria und Levi/Matthäus in den Mund, und die ihrer Gegner Andreas und Petrus. Maria kommt mir zudem nicht mal besonders sympathisch vor; anstatt zu erklären, wieso Jesus nur ihr solche wichtigen Dinge mitgeteilt haben soll, die den anderen Jüngern offenbar ganz fremd sind, reagiert sie passiv-aggressiv und heult. (Okay, ich heule auch schnell mal. Das kann schon passieren. Trotzdem.)

Es sind jedenfalls im Großen und Ganzen zwei Hauptprobleme, die sich bei Frau Taschl-Erber zeigen und die ihren Text so nervig machen:

Erstens, feministische Theologie dieser Art (es wird sicher auch anders geartete feministische Theologie geben, ich will hier mal nicht die feministische Theologie als Ganzes attackieren) geht mit einem bestimmten Anliegen, mit einer vorher beschlossenen Agenda an die Bibel heran. Man liest nicht den Text und überlegt dann, was er einem sagen will, sondern man liest ihn schon mit einer bestimmten Zielvorstellung. Natürlich kann man gar nicht anders, als Texte durch eine bestimmte Brille zu lesen; die Lektüre wird immer auc durch eigene subjektive Erfahrungen gefärbt sein. Aber man sollte sich zumindest bemühen, einen Text an sich erst einmal auf sich wirken zu lassen. Wenn man das nicht tut, schaut man am Ende, wie Andrea Taschl-Erber zuerst darauf, welche Texte einem besser gefallen, und nicht darauf, welche näher am Geschehen sind und damit eher die historische Realität wiedergeben.

Zweitens, hier wird die Bibel nicht als ein heiliger Text behandelt, sondern als etwas, das kritisiert und dekonstruiert werden muss, als ein Teil der großen bösen androzentrischen und patriarchalen Welt. Es ist eben eine, wie Frau Taschl-Erber sagt, „Hermeneutik des Verdachts“, eine grundsätzliche Voreingenommenheit gegenüber den menschlichen (männlichen) Autoren der Heiligen Schrift, unter deren verzerrten Darstellungen sich noch die feministische Wahrheit verbergen soll. Dabei wird ihnen z. T. Frauenfeindlichkeit unterstellt, wo sie einfach nicht da ist. Das soll christliche Theologie sein?

Die Titelfrage beantwortet die Autorin übrigens auf den letzten Seiten noch so nebenher, und auf sehr vorhersehbare Weise: Nach einem erweiterten Apostelbegriff, wie er in der Bibel teilweise verwendet wird, würde sie als „Apostolin“ zählen (und immerhin wurde sie in Antike und Mittelalter auch manchmal tatsächlich als „apostola“ bezeichnet), nach der lukanischen „Verengung“ des Begriffs auf die Zwölf jedoch nicht. Also, das wusste ich auch vorher schon.

 

* Veröffentlicht in: Mercedes Navarro Puerto u. Marinella Perroni [Hrsg.]: Evangelien. Erzählungen und Geschichte (Irmtraud Fischer u. a. [Hrsg.]: Die Bibel und die Frauen. Eine exegetisch-kulturgeschichtliche Enzyklopädie. Neues Testament, Bd. 2.1).

** Frau Taschl-Erber zitiert an einer Stelle einen Vorwurf antiker antichristlicher Polemik, den der christliche Theologe Origines (3. Jh.) in seiner Schrift „Contra Celsum“ zitiert: „Wer hat dies gesehen? Eine wahnsinnige Frau, wie ihr sagt…“

Die Pfeiler des Glaubens, Teil 5: Die Bleibücher vom Sacromonte, unbeabsichtigte Bigamie und ein wenig zufriedenstellendes Ende

Teil 4 findet sich hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/01/08/die-pfeiler-des-glaubens-teil-4-hernando-entdeckt-ein-geheimes-evangelium-und-die-christen-sind-lustfeindlich/

 

„Ich sage euch, die Araber sind eines der erhabensten Völker, und ihre Sprache ist eine der erhabensten Sprachen. Gott wählte sie aus, um sein Gesetz in der letzten Zeit auf sie zu stützen. […] Wie mir Jesus sagte, der schon über den Söhnen Israels Vorrang hatte, wird jenen von ihnen, die ihm untreu waren […], niemals die Herrschaft gegeben. Aber die Araber und ihre Sprache werden zu Gott und zu seinem rechten Gesetz zurückkehren, und zu seinem ruhmreichen Evangelium und zu seiner heiligen Kirche in der Zeit, die da kommen wird.“ (S. 721)

Dieses Zitat aus der „Geschichte der Wahrheit des Evangeliums“, das zu den sog. Bleibüchern vom Sacromonte gehört, setzt Falcones vor den Beginn von Teil IV, der den Titel „Im Namen unseres Herrn“ trägt. Die Auslassungen stammen übrigens von ihm, nicht von mir. Leider kann man die Bleibücher, anders als bekanntere apokryphe Schriften wie das Thomas-Evangelium, nicht in deutscher Übersetzung im Internet finden, also kann ich nicht herausfinden, was genau an diesen Stellen steht.

Teil IV setzt im Januar 1595 ein. Hernando hat in den vergangenen Jahren intensiv an den Schriften gearbeitet, die später zu den „Bleibüchern vom Sacromonte“ werden sollen. Die gibt es, ebenso wie das Barnabas-Evangelium und die gefälschte Prophezeiung aus der Torre Turpiana, um die es im letzten Teil ging, tatsächlich, und sie wurden wahrscheinlich von Don Alonso del Castillo und Don Miguel de Luna, die hier als Hernandos Mitstreiter erscheinen, geschaffen. (Hernando selbst ist keine historische Figur.) Hernando hat in diesen Jahren u. a. Latein gelernt und hat in den Texten verschiedene christliche Legenden über die Heiligen, die das Christentum nach Spanien gebracht haben sollen, miteinander verbunden; jetzt ist er mit den Entwürfen fertig. Bei seinem letzten Besuch bei seinen Verbündeten in Granada ist besprochen worden, dass sie für die neuen Fälschungen Bleiplatten statt Pergament verwenden werden, weil ihre erste Fälschung schon unter Verdacht steht, da das Pergament nicht alt genug ist. Also reist Hernando jetzt zu einem Silberschmied namens Binilit, der in einer mehrheitlich von Morisken bewohnten Gegend von Valencia in einem Dorf namens Jarafuel lebt, um ihn mit der Herstellung der Platten zu beauftragen. An dieser Stelle wird auch der Inhalt der insgesamt zweiundzwanzig Texte erklärt, von denen einer bewusst unverständlich ist:

„Die Schriften stellten ein vielschichtiges Rätsel dar, das um eine einzige Hauptfigur kreiste: die Jungfrau Maria. Die einzelnen Teile führten unweigerlich auf ein Ziel zu: das Stumme Buch, das in einer unverständlichen Sprache geschrieben war, vor der alle, die sich damit beschäftigten, kapitulieren würden. Aber wie er Binilit soeben erklärt hatte, kündigte eine der Schriften die Ankunft eines Textes an, der das Geheimnis lüften würde. Dieser Text war das Barnabas-Evangelium, das er so gut versteckt hielt. Sobald die Bleibücher akzeptiert würden, und damit auch dieses rätselhafte Stumme Buch, würde das Barnabas-Evangelium mit seiner geistigen Nähe zum Islam als die alleinige, über jeden Zweifel erhabene Wahrheit erscheinen.“ (S. 735) An späterer Stelle erklärt Hernando noch einem Gelehrten aus Jarafuel, Munir, Marias Rolle in den Schriften: „Sie überträgt Jakobus die Aufgabe, das Christentum nach Spanien zu bringen, und sie ist es, die ihm das unverständliche Stumme Buch überreicht, das sich offenbaren wird, sobald die Christen begreifen, dass ihre Päpste Gottes Wort verfälscht haben. Und das wird durch einen König der Araber geschehen.“ (S. 738) Der Plan ist es, dem Sultan das Barnabas-Evangelium zukommen zu lassen, damit dieser es „offenbaren“ kann. Hernando rechnet damit, dass die Christen die mehrdeutigen Bleiplatten zunächst in ihrem Sinn deuten würden, aber vielleicht schon mehr Respekt für die Morisken entwickeln könnten, da laut den Platten ihre ersten Apostel angeblich auch Arabisch gesprochen hätten usw., und dass sie die Texte nach der „Entschlüsselung“ des Stummen Buches durch das Barnabas-Evangelium dann im islamischen Sinn verstehen müssten.

„‚Aber wie kann denn der Inhalt eines unlesbaren Buches bekannt werden?’, hakte der alte Meister nach. ‚Es wird sich niemals ganz entschlüsseln lassen’, erläuterte Hernando seine Strategie. ‚Für unsere Zwecke ist es ausreichend, dass es zunächst überhaupt als das Evangelium der Jungfrau anerkannt wird. Wenn die Christen die Bleibücher akzeptieren, müssen sie auch die darin verkündete Ankunft des Königs der Araber akzeptieren, der das wahre Evangelium bekanntmachen wird, die Schrift, die kein Papst oder Evangelist fälschen konnte.’“ (S. 739f.)

Ich muss sagen, dass mir dieser Plan verschwommen und wenig vielversprechend erscheint (wie will Hernando beweisen, dass der Sultan und das Barnabas-Evangelium tatsächlich der angekündigte König und das angekündigte Evangelium sind?); Falcones’ Darstellung beruht aber, wie er im Nachwort schreibt, immerhin auf der Hypothese eines Wissenschaftlers: „Luis F. Bernabé stellt in seinen Veröffentlichungen […] eine Beziehung zwischen den Bleibüchern und dem Barnabas-Evangelium her. […] Der Gedanke liegt nahe, dass die Verfasser des Stummen Buchs – dessen Inhalt dem Prolog und einem anderen, durchaus erschließbaren Text der Bleibücher zufolge von einem König der Araber bekanntgemacht werden sollte – das Erscheinen einer weiteren Schrift beabsichtigten. Allerdings ist nicht bekannt, ob es jemals dazu kam. Dass diese Schrift nun das Barnabas-Evangelium ist, das beträchtliche Gemeinsamkeiten mit den Bleibüchern aufweist, ist nur eine Hypothese.“ (S. 917f.) (Der Wissenschaftler heißt eigentlich Luis F. Bernabé Pons, lehrt an der Universidad de Alicante Islamwissenschaft (https://dfint.ua.es/es/estudios-arabes-e-islamicos/profesorado/luis-f-bernabe-pons.html) und eine von ihm herausgegebene spanische Ausgabe des Barnabasevangeliums ist online zu finden: https://archive.org/details/EvangelioDeBernabe Das nur am Rande, falls jemand unter meinen Lesern Spanisch können und sich für das Barnabas-Evangelium interessieren sollte.)

Binilit erklärt sich bereit, die Texte auf Bleiplatten zu prägen und Hernando reist nach deren Fertigstellung wieder ab. Auf der Rückreise kommt er durch Granada, wo er ins Nachdenken über sein Leben und seine Vergangenheit gerät:

„Wie war es Isabel wohl ergangen? Ihre letzte Begegnung lag nun bereits mehr als sieben Jahre zurück.

 Hernado trieb Estudiante [sein Pferd] an. Sieben Jahre! Ja, im Hurenhaus gab es diese Rothaarige und manchmal auch eine andere Dirne, aber die letzte Nacht mit Isabel konnte er einfach nicht vergessen […] Ja, er hatte hart für seinen Gott gearbeitet. Aber was hatte er selbst davon? Nur Erinnerungen. An die sinnliche, schöne Isabel und an seine Lieben, die allesamt gestorben waren: seine Mutter, Hamid… Fatima und die Kinder. Jetzt kreiste sein Leben nur noch um einen einzigen Traum: die Versöhnung der beiden verfeindeten Religionen und den Beweis für die Überlegenheit des Propheten. […] Und jetzt? Was geschah, wenn all seine Anstrengungen ins Leere liefen?“ (S. 742)

„Versöhnung der beiden Religionen“ = „Beweis für die Überlegenheit des Propheten“. Wenn ich beweisen will, dass meine Religion die einzig richtige ist, sage ich es wenigstens.

Hernandos Mitverschwörer sind von den Bleiplatten begeistert und planen, sie zusammen mit weiteren „antiken Reliquien“ zu verstecken und finden zu lassen. Hernando ist erschöpft, zweifelt am Sinn der ganzen Unternehmung, und reitet bald nach Córdoba zurück. Dort angekommen besucht er die Mezquita/Kathedrale und beim Anblick der nur übertünchten islamischen Inschriften im Inneren kommt ihm der folgende ermutigende Gedanke: „Nun, beim Beten, wurde ihm alles klar, als wollte Gott seine Hingabe belohnen: Die Wahrheit, die Offenbarung, war hier in den edlen, harten Marmor gemeißelt und lag unter einem simplen Gipsputz, der bei der leichtesten Berührung zerfiel! […] Die Macht Gottes erreichte die Gläubigen unmittelbar, anders als bei den Christen, die stets auf die Sicherheit fester Fundamente angewiesen waren. Die Kraft des göttlichen Willens berührte auch so einfache Gläubige wie ihn!“ (S. 750f.) Den Punkt mit den festen Fundamenten finde ich… interessant. Was genau ist damit gemeint? Ist Hernando davon überzeugt, dass man die Wahrheit nicht durch äußere Beweise kennenlernt, sondern dass ein reines Gefühl, eine innerliche Überzeugung genügt? Klingt sehr mormonisch. Aber es gibt ja durchaus einige Ähnlichkeiten zwischen Mormonentum und Islam.

In Granada werden unterdessen die vorher versteckten Bleiplatten und „Reliquien“ in einer Höhle auf einem Berg nahe der Stadt entdeckt. Die Kirche erhält den Fund, der Erzbischof beschließt, ihn näher untersuchen zu lassen, und „[g]anz Granada fiel in einen einzigen religiösen Freudentaumel“ (S. 752) über die Reliquien, vor allem über die angeblich vom Stadtpatron Caecilius stammenden Knochen. (Darf ich noch mal erwähnen, wie abstoßend ich Hernandos Leichenschänderei finde?)

Zurück zum einsamen Hernando in Córdoba, und zu seinem verkrüppelten jungen Diener Miguel, der inzwischen neunzehn Jahre alt ist. Der hat, während Hernando mit seinen Fälschungen beschäftigt war, das sechzehnjährige Nachbarsmädchen Rafaela kennengelernt, das mangels Mitgift in ein Kloster gesteckt werden soll. Miguel spricht schließlich seinen Herrn auf sie an:

 „‚Sie heißt Rafaela’, begann Miguel. ‚Sie ist verzweifelt, Senor. Ihr Vater, der Jurado, will sie ins Kloster stecken.’

 Hernando zuckte die Achseln.

 ‚Viele Töchter von Christen werden Nonnen.’

 ‚Aber sie will das nicht’, erwiderte Miguel. ‚Der Jurado möchte dem Kloster kein Geld geben, und das bedeutet, dass sie dort nur die Dienerin einer reichen Nonne sein wird.’ [In den strengen spanischen Klöstern des 16. Jahrhunderts? War die Klosterreform wohl weniger erfolgreich, als ich gedacht hatte.]

 ‚Was habe ich damit zu tun? Ich sehe keine Möglichkeit…’

 ‚Du kannst sie heiraten!’, schlug Miguel vor, ohne ihn anzusehen.

 ‚Wie bitte?’ Hernando wusste nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte. Doch als er bemerkte, dass Miguel mit den Tränen kämpfte, entschied er sich für keines von beidem.

 ‚Doch, das ist eine gute Lösung, Senor! Du bist einsam, und sie muss heiraten, wenn sie nicht in ein Kloster gesperrt werden will… Damit wäre allen geholfen.’“ (S. 753)

Hernando ist zuerst sehr skeptisch gegenüber diesem Vorschlag, nicht zuletzt, weil er bemerkt, dass Miguel selbst etwas für Rafaela empfindet, die er nicht haben kann. Schließlich erklärt er sich jedoch zu einem kurzen Treffen mit ihr bereit und entscheidet sich dann auf Miguels eindringliche Bitten doch, sie zu heiraten. Rafaela wird dabei als ein schüchternes, ernstes, verletzliches Mädchen gezeigt, das bereits vor ihrem Kennenlernen große Bewunderung für Hernando hegt, da Miguel ihr in den vergangenen Wochen Heldengeschichten von seinem Herrn erzählt hat, damit sie ihn mag. Sie ist Hernando dankbar für das, was er für sie tun will, und man merkt auch, dass sie unglücklich ist und in ihrer Familie oft zurückgesetzt wurde.

Hernando stimmt der Heirat auch aufgrund seiner Einsamkeit zu; er hofft darauf, wieder eine Familie, wieder Kinder zu haben. Zuerst muss nur noch Rafaelas Vater dazu überredet werden, seine Tochter ausgerechnet einem Morisken zu überlassen; das sorgt allerdings für keine unüberwindbaren Schwierigkeiten, da Miguel beobachtet hat, dass der korrupte Jurado, der dafür zuständig ist, die Findelkinder der Stadt an Ammen zu vermitteln, gegen eine gewisse Bezahlung duldet, dass diese tagsüber an Bettlerinnen verliehen werden, die die Kinder hungern und somit dünn aussehen lassen, um mit ihnen Mitleid zu erregen. Hernando droht Rafaelas Vater also, wenn er nicht erstens mit diesem Geschäft aufhören und Hernando nicht zweitens seine Tochter als Ehefrau überlassen würde, würde er ihn an die Behörden verraten. Der Jurado ist wütend, muss sich der Erpressung aber beugen und befiehlt seiner Tochter (er weiß nichts von der schon heimlich bestehenden Abmachung mit ihr), den Morisken von nebenan zu heiraten. Aus irgendeinem Grund stellt Rafaela sich vor ihrem Vater so, als würde sie das nicht wollen, lässt sich dann aber doch dazu „überreden“. Die Hochzeit findet statt und Rafaela ist vor dem Kloster bewahrt. Miguel beschließt dann, auf Hernandos Hof außerhalb von Córdoba zu ziehen und sich dort um die Pferdezucht zu kümmern. Blöde Geschichte, alles in allem. Hätte es nicht einen Weg gegeben, dass Rafaela und Miguel hätten zusammenkommen können?

Ich muss zugeben, dass ich mich mit Rafaela nicht so recht identifizieren kann. Ich weiß ja nicht, ob ich eine Ehe im 16. Jahrhundert (mit der Aussicht auf ein rundes Dutzend Schwangerschaften ohne Vomex oder PDA, dafür eventuell mit plötzlichem Kindstod oder Kindbettfieber hinterher) einem ruhigen, geordneten, sorgenfreien Klosterleben vorgezogen hätte – insbesondere eine Ehe mit einem 25 Jahre älteren Fremden. Aber gut; es wird deutlich, dass Rafaela sich eine eigene Familie, eigene Kinder wünscht, da ist das Klosterleben wohl nichts für sie.

File:Adan En son honneur.jpg

(Émile Adan, En son honneur (Zu seiner Ehre), vor 1900, Wikimedia Commons)

Dennoch erscheint die Situation hier grundsätzlich unlogisch: Wenn Rafaela, wie sie es befürchtet, nur als Dienerin ins Kloster gekommen wäre, statt als Nonne, hätte sie doch in etwa dieselbe Stellung gehabt wie die Kammerzofe einer Adligen – sprich, sie hätte arbeiten müssen, wäre versorgt gewesen, und hätte kündigen können, wenn sie einen netten jungen Mann kennengelernt hätte, der bereit gewesen wäre, sie ohne Mitgift zu heiraten, wie Hernando es jetzt tut. Und selbst als Nonne hätte sie erst nach einigen Jahren die ewigen Gelübde abgelegt. Es besteht also nicht zwangsläufig die Notwendigkeit, so schnell wie möglich irgendeinen Ehemann als Ausweg zu finden.

Es ist auch interessant, zu beobachten, mit welchen Formulierungen hier über das Schicksal geredet wird, das für sie vorgesehen ist: „Wenn du Rafaela nicht […] vor dem Kloster bewahrst“ (S. 762) „wenn sie nicht in ein Kloster gesperrt werden will“ (S. 753) – das Kloster als finsteres, seine Insassen jeder Freiheit beraubendes Gefängnis hinter hohen Mauern (in dem die Nonnen dem Zweck, den die Natur für sie vorgesehen hat vorenthalten werden); hier werden die alten Klischees wieder aufgebrüht, die die Streitschriften der Reformation, der Aufklärung und der Kulturkampfzeit massenweise verbreitet haben.

File:Paul Hoecker-Nonne im Laubgang-1897.jpg

(Paul Hoecker, Nonne im Laubgang von Dachau, 1897, Wikimedia Commons)

Egal. Weiter im Text. Hernando ist ein rücksichtsvoller Ehemann und lässt sich Zeit damit, die Ehe zu vollziehen; in den nächsten Jahren bekommen die beiden dann mehrere Kinder, von denen eins im Kleinkindalter stirbt. Die Eheleute entwickeln Zuneigung füreinander, und vor allem die Kinder schweißen sie zusammen. Von ihrer eigenen Familie hat Rafaela sich inzwischen losgesagt.

Auf der politischen Bühne: In Granada werden die Reliquien verehrt und die Schriften unter Verschluss gehalten und die arabischen Texte darunter werden im Auftrag des Erzbischofs von Luna und Castillo übersetzt. Rom verlangt die Platten ebenfalls, um die Authentizität selbst zu prüfen, was der Bischof allerdings verweigert. In ganz Spanien kursieren radikale Ideen von Gegnern der Morisken – man solle sie alle umbringen oder kastrieren lassen –, diese werden aber erst einmal nicht in die Tat umgesetzt. Die Morisken tragen sich wieder einmal mit Aufstandsgedanken, und wollen sich wieder einmal ausländische Unterstützung holen, diesmal auch bei den Engländern und Franzosen. Hernando nimmt schließlich zusammen mit Munir, dem Gelehrten aus Jarafuel, an einem konspirativen Treffen in einem Wald in Valencia teil, bei dem der Aufstand beschlossen und ein neuer König gewählt wird; er ist alles andere als begeistert von den Plänen, aber natürlich hat niemand die Geduld, sich seine friedlichen Alternativvorschläge (wie zum Beispiel, dem Sultan endlich das Barnabas-Evangelium zu schicken) anzuhören. Hernando zweifelt daran, ob ein neuer Krieg Erfolg haben wird, und sieht nur noch mehr Tod und Gewalt auf sein Volk zukommen. Falcones macht seine Message mehr als deutlich: Gewalt ist keine Lösung! Aber, wie gesagt, das will sich niemand anhören.

An diesem nächtlichen Treffen nehmen nicht nur spanische Morisken und ein französischer Gesandter teil, sondern auch Männer aus den Barbareskenstaaten – und ein paar davon zerren Hernando plötzlich zwischen die Bäume und zwei von ihnen geben sich als Abdul bzw. Francisco (Hernandos Sohn) und Shamir (Hernandos jüngster Halbbruder) zu erkennen. Hernando ist überwältigt davon, zu erfahren, dass sie noch am Leben sind; die beiden wollen sich allerdings seine Erklärungen dafür, dass er ihnen nie zu Hilfe gekommen ist, nicht anhören, und ihn stattdessen einfach umbringen. Munir, der zu Hilfe geeilt kommt, kann sie davon abhalten, indem er auf seine Autorität verweist („Nach unseren Gesetzen bekleide ich hier den zweithöchsten Rang und kann in Rechtsangelegenheiten urteilen“, S. 803) – auch ihm hören sie jedoch nicht zu, als er versucht, ihnen zu beweisen, dass Hernando ein treuer Muslim sei.

Shamir und Abdul sind Korsaren, wie sie im Buche stehen; man könnte auch sagen, dass sie an IS- oder Taliban-Kämpfer erinnern. Sie schreien Hernando an, beleidigen ihn als Feigling, Hund und Verräter und spucken ihm vor die Füße; Gewalt ist ihr Alltag. „Er [Munir] verstand, dass sie daran gewohnt waren, über Leben und Tod von Menschen zu entscheiden.’“ (S. 803) Mehr noch als ihre – aus ihrer Sicht irgendwo begreifliche – Rachsucht gegenüber ihrem Vater bzw. Halbbruder erschreckt vielleicht ihre allgemeine gleichgültige Grausamkeit („Ach, Tausende solcher wertloser Christen tummeln sich in den Verliesen von Tetuan.“, Shamir, ebenfalls auf S. 803). Schließlich verschwinden sie jedoch – und Abdul schwört zuletzt „bei Allah“ (S. 804), dass er Hernando töten würde, wenn der ihm noch einmal über den Weg liefe. Zurück in Tetuan erzählen die beiden Fatima von der Begegnung. Die hört heraus, dass ihr Mann nicht von seinem Glauben abgefallen ist, wie sie gedacht hat; aber die beiden jungen Männer schwören ihr, dass sie Hernando umbringen werden und sperren sie von da an in ihrem Palast ein, damit sie nicht versuchen kann, Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Den Aufstandsplänen kommt wieder einmal etwas in die Quere; diesmal der Tod Elizabeths I. von England (1603). Ihr Nachfolger will mit den Spaniern Frieden schließen und lässt ihnen daher Dokumente aus den Akten der verstorbenen Königin zukommen, aus denen die Aufstandspläne in Valencia hervorgehen. Diese werden vereitelt und zahlreiche Morisken hingerichtet.

Hernando, der zurück in Córdoba ist, versucht erfolglos, einen Brief an Fatima zu schicken; dafür gelingt es ihr allerdings, den jüdischen Händler Ephraim nach Spanien zu senden. Ephraim spricht mit Hernando über die Vergangenheit und erklärt ihm auch, dass Fatima wisse, und Verständnis dafür habe, dass Hernando wieder geheiratet hat. Hernando söhnt sich mit der Situation aus; allerdings nimmt er von dieser Zeit an seinen eigenen Glauben und die Unterweisung seiner Kinder in diesen Glauben ernster als zuvor, kurz, seine Identität als Muslim wird ihm wieder wichtiger. Rafaela ist zunächst nicht begeistert, aber zu einem ernsten Konflikt kommt es nicht, denn schließlich war eine gewissermaßen interreligiöse Erziehung schon ausgemacht:

 „‚Du hast es gewusst’, sagte er schließlich. ‚Miguel hat es dir vor unserer Heirat gesagt. Er hat dir gesagt, dass ich ein gläubiger Muslim bin.’ Rafaela nickte. ‚Also hast du bei der Hochzeit gewusst, dass wir unsere Kinder nach den Traditionen beider Kulturen und in beiden Religionen erziehen werden. Ich verlange ja nicht von dir, dass du meinen Glauben teilst, aber meine Kinder…’

 ‚Unsere Kinder’, sagte sie schnell.

 Rafaela griff nicht mehr in den Unterricht der Kinder ein. Doch abends vor dem Schlafengehen betete sie wie immer mit ihnen, und Hernando ließ sie gewähren.“ (S. 822)

Die Aussage, „dass wir unsere Kinder nach den Traditionen beider Kulturen und in beiden Religionen erziehen werden“ klingt nicht unbedingt nach etwas, das jemand im frühen 17. Jahrhundert gesagt hätte, sondern eher wie aus einem modernen Ratgeber entnommen. Hier fragt man sich natürlich: Wie war es denn in echt bei solchen Ehen, damals? Miguel sagt an einer Stelle, als er Hernando zu der Eheschließung überreden will: „In Córdoba gibt es viele Ehen zwischen Morisken und Christinnen.“ (S. 762) Nun gelten im Islam Kinder eines muslimischen Elternteils automatisch als Muslime; was es schwer vorstellbar macht, dass ein realer mit einer Christin verheirateter Moriske dieser Zeit ergebnisoffen abgewartet hätte, für welche Religion seine Kinder sich entschieden hätten.

Nicht, dass Hernando das hier täte; ab diesem Zeitpunkt zumindest hat er bei der Erziehung der Kinder die Hosen an. Beispielsweise befiehlt er nach der Geburt seines vierten Kindes einfach, dass die Kinder zu Hause von jetzt an mit arabischen Namen angeredet werden: „‚Er wird Muqla heißen, zu Ehren des großen Kalligraphen’, verkündete Hernando seiner Frau und Miguel noch am Tag der Taufe […]. ‚Zu Hause müsst ihr ihn so nennen.’ Rafaela sah zu Boden und nickte.“ (S. 821) Rafaela, das mit dieser Ehe hättest du dir zweimal überlegen sollen. Die beiden älteren Kinder – das dritte ist ja gestorben – heißen jetzt Amin und Laila.

Mit den Bleiplatten geht gar nichts voran. Bei Hernandos nächstem Besuch in Granada:

 „‚Es ist sinnlos, dem Sultan jetzt das Barnabas-Evangeliu zukommen zu lassen’, meinte Don Pedro. ‚Die Kirche muss vorher unbedingt noch die Echtheit der Bücher anerkennen. […]’ […]

 ‚Der Erzbischof’, erläuterte diesmal Luna, ‚lässt niemanden die Platten sehen. Obwohl er selbst kein Arabisch kann, beaufsichtigt er höchstpersönlich ihre Übersetzung, und wenn ihm etwas nicht passt, veranlasst er einfach entsprechende Korrekturen oder sucht sich einen anderen Übersetzer. Ich habe es selbst erlebt. Sowohl der Heilige Stuhl als auch der König fordern, dass er die Bücher freigibt, aber er weigert sich. Er behält sie für sich, als wären sie sein Eigentum.’“ (S. 829)

Im Nachwort erklärt der Autor, dass die Bleibücher und das zuvor entdeckte Pergament aus der Torre Turpiana schließlich 1682 von Rom als Fälschungen beurteilt wurden, während man sich zur Authentizität der Reliquien, die das Erzbistum von Granada anerkannt hatte, nicht äußerte.

Hernando und Rafaela bekommen noch zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, und jetzt sind wir im Jahr 1608 angekommen. Die Hardliner gegen die Morisken haben sich in gewisser Weise durchgesetzt und das erste der spanischen Königreiche, Valencia, ordnet ihre Ausweisung an. Es wird erwartet, dass die übrigen Teilreiche, darunter Andalusien, wo Córdoba liegt, bald folgen werden. Rafaela ist verzweifelt, als sie davon hört, und spricht ihren Mann darauf an: „‚Ich habe auf dem Markt gehört, dass der König Sonderregelungen für Mischehen von Altchristen und Neuchristen getroffen hat.’ Hernando rutschte auf seinem Stuhl weiter nach vorn. Davon wusste er nichts. ‚Moriskinnen, die mit Altchristen verheiratet sind, dürfen in Spanien bleiben, und auch ihre Kinder. Aber die Morisken, deren Frauen Altchristinnen sind, müssen Spanien verlassen… und ihre Kinder mitnehmen, die älter als sechs Jahre sind. Die jüngeren Kinder bleiben hier, bei ihren Müttern.’ Bei den letzten Worten zitterte ihre Stimme.“ (S.  836) Kurz gesagt, der spanische König ist entschlossen, alle Neuchristen, die insgeheim muslimischen Glaubens sind, loszuwerden. Für die ersten ausgewiesenen Morisken geht die Sache alles andere als gut aus: In Algier etwa stehen sie bloß mittellos da, da sie keinen wertvollen Besitz aus Spanien mitnehmen durften, aber anderswo in Nordafrika bringen die Berber die neu angekommenen Morisken einfach um, weil diese in Spanien die Taufe angenommen haben.

Hernando macht einen verzweifelten Versuch, von der Ausweisung verschont zu bleiben, und legt auf das Anraten seiner Freunde aus Granada am dortigen Gericht einen Antrag auf die Zuerkennung eines Adelstitels ein. Man könne sich heutzutage alles erkaufen, auch einen Adelsbrief, erklärt Don Pedro ihm. Für einen Adelstitel war an sich der Nachweis christlicher Vorfahren erforderlich, weshalb Hernando dann als Altchrist zählen würde und nicht von der Ausweisung betroffen wäre. Aber es kommt, wie es kommen muss: Der Richter, der über den Antrag entscheidet, ist niemand anderer als Don Ponce de Hervás, Isabels Ehemann, der seine Chance gekommen sieht, sich an dem früheren Liebhaber seiner Frau zu rächen, und den Antrag ablehnt. In der Urteilsschrift, die Hernando nach Córdoba übermittelt wird, wird auch der Bericht, den er vor Jahren für den Erzbischof von Granada verfasst und in dem er die Taten der Morisken im Alpujarras-Krieg relativiert hat, als „ein Beweis für seine Zugehörigkeit zu Mohammeds Sekte“ (S. 841f.) angeführt.

Schließlich wird die Ausweisung der andalusischen Morisken angeordnet. Sie sollen nach Sevilla gebracht werden und dort in See stechen. Hernando, Amin und Laila müssen gehen; Rafaela mit den drei jüngeren Kindern – Muqla, Musa und Salma – zurückbleiben. Hernando versteckt vor dem Aufbruch noch eine Abschrift des Korans in der Mezquita – im heiligsten Teil der ehemaligen Moschee, wo sich jetzt ein Grabmal befindet – und bittet Rafaela, Muqla später einmal das Versteck zu zeigen. Sie willigt ein, und der Tag der Abreise kommt. Hernando und die beiden älteren Kinder müssen mit den übrigen Morisken der Stadt Richtung Sevilla ziehen. Miguel begleitet sie.

File:L'expulsió dels moriscos (1894), Gabriel Puig Roda, Museu de Belles Arts de Castelló (detall).JPG

(Die Ausweisung der Morisken, Gabriel Puig Roda, 1894, Wikimedia Commons)

Unterdessen in Tetuan: Fatima hat erfahren, dass Shamir und Abdul bei einer ihrer Kaperfahrten entweder gefangen genommen oder getötet worden sind; sie spürt Trauer, aber keine allzu tiefe.

Ich muss sagen, Shamir und Abdul tun mir sehr leid; ich habe ja schon mal erwähnt, dass Gonzalico und Don Alfonso meine Lieblingsfiguren in dieser Geschichte sind, aber ich denke, ich füge Shamir und Abdul noch hinzu. An einer Stelle zuvor wird gesagt, dass Fatima „in Shamirs wilden Drohungen“ (S. 804) seinen Vater Ibrahim wieder erkennt; aber Shamir hat auch all die Jahre über zu seinem Kindheitsgefährten Abdul gehalten und sich nicht von Ibrahim vereinnahmen lassen, der ihn als seinen Sohn und Erben bevorzugt und Hernandos Kinder schlecht behandelt hat. Die beiden tun das, woran sie gewohnt sind, weil man sie daran gewöhnt hat, morden, versklaven und rauben, aber sie kennen gleichzeitig einander gegenüber auch Freundschaft und Treue; kurz gesagt, sie sind tragische Figuren, vor allem, wenn man sie mit den Kindern vergleicht, die sie einmal waren, und ich finde es mehr als schade, dass man nicht erfährt, was genau mit ihnen passiert ist. Zu einigen Nebenfiguren könnte Falcones deutlich mehr schreiben, z. B. auch zu Hernandos anderen Halbgeschwistern, zu Isabel, zu Hernandos Tochter Inés/Maryam, oder Fatimas zwei Töchtern mit Ibrahim, deren Existenz nur ein einziges Mal erwähnt wird.

Fatima hat außerdem von der Ausweisung der Morisken aus Andalusien erfahren, und so besorgt sie sich, nun, da sie unabhängig ist und über eine Menge Geld verfügt, ein Schiff und macht sich auf Richtung Sevilla. Da ist sie allerdings nicht die einzige; auch Rafaela entscheidet sich in ihrer Verzweiflung, zusammen mit den Kindern ihrem Mann hinterher zu ziehen. Sie reiht sich unter eine Gruppe von Morisken ein und gelangt auf das bewachte Gelände am Hafen von Sevilla, wo tausende von Menschen, die auf die Schiffe warten, gesammelt werden.

Fatima findet Hernando auf diesem Gelände zuerst. Sie ist voll Wiedersehensfreude, Hernando ist überwältigt, Amin und Laila erschrocken. Fatima will, dass die drei auf ihr Schiff kommen und mit ihr nach Konstantinopel fahren. (Sie will nicht mehr in Tetuan leben.) Doch da erscheint auch Rafaela, die entsetzt ist, zu erfahren, dass Hernandos erste Frau noch am Leben ist – und dass er bereits vorher davon erfahren hat.

„Hernando ging zu Rafaela. Was sollte er ihr sagen? Was sollte er tun?

 ‚Rafaela, ich…’, begann er schließlich.

 ‚Sie  kann auch mitkommen’, unterbrach ihn Fatima mit kräftiger Stimme. Was hatte diese Christin hier zu suchen? Fatima war keineswegs bereit, ihre Hoffnungen aufzugeben, selbst wenn das mit sich brachte, dass…

 […]

 ‚Hernando’, Rafaelas Tonfall klang hart. ‚Ich habe dir mein Leben gewidmet. Ich… ich bin bereit, auf die Glaubensgrundsätze meiner Kirche zu verzichten und deinen Glauben an Maria zu teilen und das Schicksal, das sie für dich bereithält, aber niemals’, murmelte sie, ‚hast du mich verstanden: Niemals werde ich dich mit einer anderen Frau teilen.’“ (S. 882f.)

Hernando entscheidet sich für Rafaela. Er übergibt seiner ersten Frau noch die Fatimahand, die ihr einmal gehört hat, und das Manuskript des Barnabas-Evangeliums, das er heimlich bei sich getragen hat, und bittet sie, Letzteres dem Sultan zu überbringen. Fatima fährt ab.

Tja. Was soll man dazu nun sagen? Fatima ist Hernandos erste Frau, und dass er sie für tot gehalten hat, macht die Tatsache, dass sie nicht tot und dass sie seine Frau ist, nicht ungeschehen. Sicher, Hernando glaubt als Muslim an sich an die Erlaubtheit der Polygamie, aber Rafaela tut das schließlich nicht, und… na ja, muss ihr nicht bewusst sein, dass ihr Mann eigentlich nicht ihr Mann sein kann, solange da schon eine andere Frau ist, die noch lebt? So löblich es ist, dass sie ihrem Mann mal eine klare Ansage macht, es ist nicht einfach eine Frage von „Entscheide dich, welche von uns zwei du haben willst“.

Keine schöne Situation, alles in allem.

Hernando, Rafaela und ihren Kindern gelingt es dann, aus dem bewachten Gelände zu entkommen, und sie flüchten zusammen mit Miguel Richtung Granada. Die Familie versteckt sich zunächst in einem verlassenen Dorf im nahen Gebirge – den Alpujarras, wo Hernando aufgewachsen ist –, während Miguel zu Hernandos Freunden in Granada geht, um sie um Hilfe zu bitten. Eines Nachts gräbt Hernando zusammen mit seinen Söhnen Hamids alten Säbel aus, der angeblich Mohammed gehört haben soll, und den Hernando nach dem Alpujarras-Krieg in den Bergen vergraben hat.

Don Pedro verschafft ihnen schließlich gefälschte Papiere, die sie als Altchristen ausweisen, und lässt sie auf sein Lehen ziehen. Am Ende ihres kurzen Treffens fragt Hernando ihn noch nach den Bleibüchern. Don Pedros Fazit: „Wir sind gescheitert.“ (S. 898) Und: „Selbst wenn es uns gelingen würde und der Sultan oder ein anderer König der Araber das Barnabas-Evangelium bekanntmachen würde, in Spanien leben keine Muslime mehr. Es wäre bedeutungslos.“ (Ebd.)

Weiter heißt es: „Hernando wollte widersprechen, doch er hielt sich zurück. War es für Don Pedro nicht mehr wichtig, dass die Wahrheit ans Licht kam, ganz unabhängig von den Morisken in Spanien?“ Doch, das mit der Wahrheit steht da wirklich.

Nach dieser Szene kommt nur noch der Epilog, der zwei Jahre später spielt. Diesmal kommt Don Pedro zusammen mit einem Franzosen mit einer noch besseren Nachricht zu Hernandos Familie, genauer mit zwei: Erstens, der König gewährt ihnen offiziell eine Ausnahme von dem Ausweisungserlass und sie erhalten ihren Besitz in Córdoba zurück (Falcones informiert die Leser, dass es mehrere Fälle von solchen „Härtefall“-Ausnahmen gab), zweitens, der Franzose bringt einen Brief vom Sultan an Hernando. Darin heißt es u. a.:

„Es ist mein ausdrücklicher Wunsch und der aller Muslime, dass du weiterhin in den Mauern der bedeutendsten Moschee im Westen den Schöpfer ohnegleichen lobst und preist. Auch wenn es nur im Verborgenen geschehen kann, wünsche ich mir, dass dort weiterhin aus deinem Munde die ewigen Gebete zum einzigen Gott zu hören sein mögen, und wenn du nicht mehr bist, sollen deine Söhne und die Söhne deiner Söhne diese Aufgabe übernehmen. […]

 Unsere Religionsgelehrten halten es für unerlässlich, das Original des Evangeliums zu finden, welches der Kopist zu Zeiten al-Mansurs versteckt haben will. Sei es der Wille Gottes, dass wir es eines Tages entdecken! Wir würden alles dafür geben, denn eine Kopie werden die Christen niemals anerkennen.

 Deine Gattin übermittelt dir alle Glückwünsche, und sie ermutigt dich, den Kampf fortzusetzen, den ihr gemeinsam begonnen habt. Wir werden sie behüten, bis der Tod euch einst wieder vereint.“ (S. 907f.)

Immerhin eine originelle Lösung für die Sache mit dem Barnabas-Evangelium.

Hernando ist erleichtert, und das Buch endet damit, wie er hoffnungsvoll seine glückliche Familie betrachtet.

 

Was kann man jetzt abschließend dazu sagen?

Das Ende ist wenig befriedigend. Falcones erzählt die Geschichte eines Mannes, der zu moralisch fragwürdigen Methoden (Betrug, Leichenraub) greift, um für sein Volk eine bessere Zukunft zu schaffen, und damit keinen Erfolg hat. Nicht, dass vordergründige Erfolglosigkeit immer schlimm wäre; eins meiner Lieblingsbücher endet mit dem Martyrium der Hauptfigur, und dass, ohne dass er zuvor nach außen hin viel erreicht hätte. Aber das christliche Martyrium ist ja nicht schlimm; das genaue Gegenteil ist der Fall. Hier hat Hernandos zentralstes Streben keine Früchte getragen, und die allermeisten seiner Glaubensgenossen mussten Spanien verlassen.

Aber vielleicht tue ich Falcones hier ja Unrecht. Vielleicht will er nur darstellen, dass man mit Lügen und anderen falschen Mitteln am Ende nichts Gutes bewirken kann.

Die Bemühungen des Autors, Hernando irgendwo zwischen Christentum und Islam stehen zu lassen, wirken mal mehr, mal weniger gekünstelt. Dass er im Alpujarras-Krieg zwei Christen rettet, später fälschlich als Apostat gilt und noch später eine Christin heiratet – okay. Aber dass Falcones ihn auch schon deshalb als zwischen den Religionen stehend präsentieren will, weil sein Vater ein katholischer Priester war, ist doch ein bisschen bemüht; dass seine Mutter von diesem Priester vergewaltigt wurde, lässt Hernando schließlich keine Sympathie für das Christentum empfinden; wieso sollte er sich also als Junge in seiner Identität unsicher sein? Aber okay, dass die anderen Morisken ihn deshalb schief ansahen, kann man sich vorstellen; Kindern, die z. B. gegen Ende des 2. Weltkriegs durch Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten entstanden waren, ging es in Deutschland und Österreich ja häufig ähnlich. (Ich gehe davon aus, dass das auch für andere historische Beispiele gilt, kenne mich damit konkret aber nicht aus.)

Und das führt mich auch schon zu zwei weiteren Dingen:

Erstens: Dass Hernando trotz leichter synkretistischer Tendenzen Muslim und nichts anderes ist, ist das ganze Buch über klar. Er will kein Mischmasch zu gleichen Teilen aus den zwei Religionen herstellen (nicht, dass ich das empfehlen würde… *schüttel*), er will einfach beweisen, dass die islamische Lehre, und dazu gehört zufällig eine Lehre über die ursprünglich christlichen Gestalten Jesus und Maria, die richtige, die überlegene ist. „Versöhnung der Religionen“ bedeutet für ihn „Durchsetzung des Islam“ – und das auch in seiner eigenen Familie. Ist ja okay, wenn er als Muslim das so sieht. Das würde ich gar nicht anders erwarten, nur sollte er bzw. sein Erfinder uns nicht was anderes vorzumachen versuchen.

An dieser Stelle sollte man neben dem Verwirrspiel um das Barnabas-Evangelium, das der Autor als ältere Schrift darstellt, während es in Wahrheit etwa in derselben Zeit wie Hernandos Fälschungen entstanden ist (was im Nachwort nur mit einer sehr vagen Formulierung richtiggestellt wird; https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/01/08/die-pfeiler-des-glaubens-teil-4-hernando-entdeckt-ein-geheimes-evangelium-und-die-christen-sind-lustfeindlich/), auch die Beschönigung der muslimischen Herrschaft über Spanien erwähnen. Immer wieder vermittelt Falcones den Eindruck, dass die maurische Zeit deutlich besser als die Epoche nach der Reconquista gewesen wäre, weil, äh… schöne Säulen… und Minarette… und Bücher über Kalligraphie und… Kulturzeugs… Alles in allem wird dem Leser nahe gelegt, zu denken, Okay, die Muslime haben schon auch ihre Fehler, aber es wäre vermutlich besser, wenn die herrschen würden als diese inquisitorischen Christen. Immerhin wird auch Tetuan näher gezeigt, das diesem Eindruck für mich sehr effektiv entgegenarbeitet.

Manchmal jedenfalls muss ich bei diesem Buch an die geniale Zeile aus G. K. Chestertons Ballade „Lepanto“ denken, die er Mohammed in den Mund legt:

„Put down your feet upon him, that our peace be on the earth.“

Gut, dass die Spanier nach 711 diese Art von Frieden nicht akzeptieren wollten.

File:15th century depiction of Battle of Teba 1330.jpg

(Darstellung einer Schlacht der Reconquista (Schlacht von Teba, 1330), 15. Jahrhundert, Wikimedia Commons)

Zweitens: Ach ja, und dann der vergewaltigende Priester. „Die Pfeiler des Glaubens“ kommt wie so gut wie alle Romane über Kirchengeschichte nicht ohne eine gewisse Dosis Antiklerikalismus aus. Ausnahmslos alle Priester, die nur nebenbei auftauchen, wirken kalt, unfreundlich und fanatisch. Sie sagen Dinge wie „Ketzer! Wir müssen ihn bei der Inquisition anklagen“ (S. 241), „Ich kann leider weder Reue noch Bußfertigkeit erkennen“ (wozu „bösartig“ gelächelt wird, S. 248), „Der Verfolgung der Ketzerei und der Verteidigung der Christenheit ist jedwede andere Tätigkeit unterzuordnen!“ (S. 441) „Vermaledeiter Ketzer!“ (S. 444) „Warum bittest du nicht deinen falschen Propheten um Hilfe?“ (S. 848) „Gottverdammte Ketzer!“ (ebd.; Verstoß gegen das zweite Gebot!) Für eine etwas wichtigere Figur, Don Martin, den Pfarrer aus Hernandos Heimatdorf, gilt genau dasselbe; sogar während der Wandlung (!) dreht der sich bei der Sonntagsmesse um, um seine unruhigen Pfarrkinder zu beschimpfen („‚Hunde!’, schrie er. ‚Haltet den Mund, ihr Häretiker! […]’“ (S. 16)). Der junge Sakristan in Juviles wirkt ein wenig freundlicher, ist nach dem Krieg aber ebenfalls sehr feindlich gegenüber den Morisken gesonnen. Ein weiterer, ein wenig anders dargestellter Priester in diesem Buch ist Don Álvaro, ein Pfarrer aus Córdoba, der Hernandos Familie, als der noch mit Fatima, Francisco, Inés, Aischa, Shamir und Hamid zusammenlebt, regelmäßig die bei Neuchristen vorgeschriebenen Besuche abstattet. Der passt zwar nicht so sehr ins Bild des asketischen Fanatikers, dafür aber ganz gut in das des „Wasser predigenden, Wein trinkenden“ Geistlichen (wer übrigens meint, unsere Religion würde Wasser predigen und Wein verbieten, sollte 1 Timotheus 5,23 oder Johannes 2,1-12 konsultieren, aber ich schweife ab). Er lässt sich ausgiebig mit Wein und Gebäck bewirten und ist dann zufrieden, wenn er die Kinder ein wenig Glaubenswissen abgefragt hat und sich bei Hernando noch über „die Lutheraner und ihre Angriffe auf den Lebenswandel des katholischen Klerus“ (S. 427) auslassen kann. Impliziert wird natürlich, dass getroffene Hunde bellen und sich an Don Álvaro etwas findet, das die Lutheraner kritisieren könnten. Auch an anderen Stellen redet Falcones ja z. B. allgemein davon, wie viele Priester den Zölibat nicht halten würden o. Ä.

File:Die Gartenlaube (1874) b 151.jpg

(„Am Beichstuhl“, Karikatur aus der Zeitschrift „Die Gartenlaube“, 1874, Wikimedia Commons)

Sagen wir’s so: Wenn in einem Jugendbuch, in dem Szenen in einer Schule vorkommen, mal ein türkischer Schüler auftaucht, der häufig schwänzt, nie seine Hausaufgaben erledigt und in jeder Pause „Deine-Mudda“-Witze reißt – okay. Aber wenn praktisch alle Türken in allen solchen Büchern so dargestellt werden würden, würde ich mich doch fragen, was mit den Autoren abgeht.

Wie wäre es z. B. mal mit solchen Priester-Figuren:

Der junge Kaplan Manuel kommt frisch aus dem Priesterseminar, hat die Texte des Trienter Konzils und diverse gegenreformatorische Schriften dort begeistert studiert, ist ein glühender Marienverehrer, hat schon mehrere Petitionen für die Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis unterschrieben, gibt sich große Mühe, bei seinen neuen Aufgaben alles richtig zu machen, und predigt stets in ausgesprochen ergriffenem Ton, der den Gemeindemitgliedern übertrieben vorkommt. Allerdings gerät er öfter mal in Streit mit seinem Vorgesetzten Don Jerónimo, der für den Enthusiasmus der Jugend nicht viel übrig hat, für neue theologische Ideen auch nichts, und der es ganz und gar nicht leiden kann, wenn er den Eindruck hat, ein junger Priester protze mit seiner Bildung aus dem Seminar. Don Jerónimo ist schon älter und sein Rücken macht ihm Probleme und sein Magen auch, aber er gibt sich Mühe, die Alten und Kranken der Pfarrei häufig zu besuchen, und er predigt oft ernst über die Sterblichkeit allen Fleisches und die Vorbereitung auf einen guten Tod. Dann wäre da Don Felipe, der Pfarrer aus der Nachbarpfarrei, der stottert und deshalb das Predigen nicht leiden kann, und der jeden Abend an seinem Schreibpult sitzt und an einem Werk über die sieben Sakramente arbeitet. Allerdings ist er nie zufrieden damit, wie er seine Gedanken zu Papier gebracht hat, schämt sich halb für seine Entwürfe, und träumt gleichzeitig insgeheim davon, einmal als großer Theologe anerkannt zu werden. Das beichtet er ab und zu als eine Sünde der Eitelkeit. Don Gil, der mit Manuel im Priesterseminar war, sollte den Priesterberuf ergreifen, weil sein Vater, ein niederer Adliger, das für seinen vierten Sohn so vorgesehen hatte; er hatte auch nicht direkt was dagegen, allerdings hatte er schon so seine liebe Mühe mit dem Latein und den anderen Fächern, und es wäre ihm schon lieber gewesen, zur Jagd zu reiten und Pferde zu züchten, als Messen zu lesen – aber da kann man eben nichts machen, und jetzt hat er halt seine Aufgaben als einer der vielen Priester an der Kathedrale, die er erfüllen muss, und das ist schon in Ordnung so, denn das ist ja auch eine ehrenvolle Aufgabe für den Herrgott und die Kirche und so. Das sind keine ausgeformten Figuren, und die haben schon viel mehr Persönlichkeit als irgendein Priester in „Die Pfeiler des Glaubens“.

Langer Rede, kurzer Sinn: Es kostet wirklich keine Mühe, sich ab und zu mal einen Kleriker auszudenken, der nicht ununterbrochen „Ketzer!“ keift oder Jungfrauen schändet.

File:Edouard Moyse - Inquisition - Google Art Project.jpg

(Edouard Moyse, Inquisition, nach 1872, Wikimedia Commons)

Falcones bildet eine spannende Epoche ab, und er stellt an manchen Stellen gar nicht schlecht dar, wie beide Seiten, Christen und Muslime, sich in einem Kampf befinden, den sie nicht aufgeben können. Die Christen wollen nicht wieder von den Muslimen unterdrückt werden. Die Muslime wollen sich aus der Unterdrückung durch die Christen befreien. Die Christen werden immer inquisitorischer, um herauszufinden, ob die Muslime heimlich ihren Glauben praktizieren oder sich mit ausländischen Fürsten verbünden, um Spanien zurückzuerobern. Die Muslime halten erst recht an ihrem Glauben fest und versuchen so viele Kontakte ins Ausland wie nur möglich zu knüpfen. Eine Ausweglosigkeit, gegenüber der Hernandos gefälschte arabische Heiligentexte, mit denen er eine gewaltlose Versöhnung bewirken will, hilflos und lächerlich wirken.

Vielleicht wäre die Situation, wie sie sich im späten 16. Jahrhundert darstellt, in einigen Punkten vermeidbar gewesen, wenn die christlichen Herrscher nicht bald nach der Reconquista „Taufe oder Auswanderung!“ gesagt hätten; aber natürlich waren die Morisken auch zu diesem Zeitpunkt schon genau das, für was man sie hielt: Eine Fünfte Kolonne des Feindes. Natürlich hofften sie, dass ihre Fürsten das Land zurückerobern würden, was denn sonst? So war die Situation.

Aber Falcones schreibt natürlich nicht nur über die Situation damals. An manchen Stellen erzählt er zwar einfach eine Geschichte und stellt unvollkommene Situationen dar, die eben so gewesen sein könnten, z. B. wenn es um Shamirs und Abduls Ende geht, aber insgesamt wird seine didaktische Absicht doch deutlich: Gewalt ist keine Lösung, die Religionen müssen sich versöhnen, wir glauben doch alle an den Gott Abrahams, religiöse Fanatiker sind alle so brutal, jetzt versöhnt euch doch endlich mal, ihr glaubt immerhin beide an Maria, oder? Ich habe ja nichts gegen Bücher mit einer Message, einige meiner Lieblingsbücher haben eine Message… aber gelegentlich ginge es auch weniger überdeutlich.

Alles in allem: Spannende Zeit, mittelmäßiges Buch, in dem die Nebenfiguren teilweise interessant sind und man über sie zu wenig erfährt. Nervige Begünstigung einer Verschwörungstheorie um das Barnabas-Evangelium, das von Muslimen immerhin immer noch für echt gehalten wird.

Die Pfeiler des Glaubens, Teil 4: Hernando entdeckt ein geheimes Evangelium und die Christen sind lustfeindlich

Teil 3 meiner Rezension findet sich hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/01/03/die-pfeiler-des-glaubens-teil-3-falcones-wird-voruebergehend-zum-gesinnungsethiker-und-die-inquisition-verfolgt-ketzer/

 

Teil III des Buches trägt den Titel „Im Namen des Glaubens“. Es geht im Jahr 1584 weiter; Hernando ist also dreißig Jahre alt. Er lebt als Schützling von Herzog Don Alfonso in dessen Palast in Córdoba und muss keinem Beruf mehr nachgehen. Allerdings wird er von der Gattin des Herzogs und den christlichen Höflingen verachtet und die Morisken von Córdoba sehen ihn nicht mehr als einen der Ihren an, da sie nun wissen, dass er während des Aufstands einem christlichen Granden, einem der Männer, die den Verlauf des Krieges bestimmten, zur Flucht verholfen hat. Don Julián und Jalil sind bei einer Pestepidemie zwei Jahre zuvor ums Leben gekommen und Abbas will nichts mehr mit Hernando zu tun haben. Zu seiner Mutter Aischa hat er noch ein wenig Kontakt und versorgt sie mit Geld, sieht sie aber nicht oft. Sein Leben stellt sich im Ganzen als ziel- und planlos dar und er ist noch immer von Trauer um Frau und Kinder erfüllt, die er für tot hält. Gelegentlich einmal sieht er sich Umbauarbeiten in der Tabernakelkapelle der Kathedrale an und dort freundet er sich mit einem italienischen Freskenmaler namens Cesare Arbasia an.

Um sich zu beschäftigen, beschließt er schließlich, sich in der Bibliothek des Herzogs heimlich mit arabischer Kalligraphie zu beschäftigen. Als er das Geschriebene verstecken will, geht er in einen verlassenen Turm des Palastes, ein ehemaliges Minarett (viele Gebäude Córdobas stammen noch aus maurischer Zeit), und findet neben den Treppenstufen lose Steine, hinter denen sich ein Hohlraum verbirgt. Und darin entdeckt er eine Truhe mit einer arabischen Inschrift, aus der er schließt, dass sie aus der Zeit des Umayyaden-Herrschers al-Mansur (938-1002; https://de.wikipedia.org/wiki/Almansor) stammt. Und in der Truhe befinden sich arabische Bücher.

Das nächste Kapitel beginnt nach diesem Cliffhanger mit einer Unterhaltung mit Arbasia, dem Hernando anvertraut hat, dass er Muslim ist. Zunächst spricht er den Maler darauf an, dass der in einer Abendmahlsdarstellung in einem der Fresken eine Frau gemalt habe, die von Jesus umarmt werde. Arbasia erklärt ihm, es handle sich um den heiligen Johannes – allerdings hört er sich ein bisschen ertappt an („‚Das ist der heilige Johannes.’ ‚Aber…’ ‚Glaub mir, es ist der heilige Johannes.’“ (S. 534))*. Boah, ist das Da Vinci Code! Wird man vielleicht auch noch erfahren, dass es sich bei der Frau um Maria Magdalena, Jesu Ehefrau, den wahren Heiligen Gral, handelt, und ihre gemeinsame Tochter die Urahnin der Merowingerkönige wurde?

Jedenfalls, danach kommt Hernando endlich auf das zu sprechen, was er eigentlich bereden wollte: Die Bücher, die er entdeckt hat. Zunächst erläutert er, dass Al-Mansur zahlreiche Schriften aus der Bibliothek von Córdoba, die nach seiner Auffassung nicht dem Islam entsprachen, verbrennen ließ. Natürlich zeigen beide Figuren angemessenes Entsetzen über diese Zerstörung von Kultur und Wissen, diesen „Frevel“ (S. 535), wie Arbasia es nennt.** Dann erklärt Hernando, dass der Kopist der Bücher ein Schreiben in die Truhe gelegt habe, in dem er erkläre, dass er einige Schriften vor der Verbrennung bewahren wollte und in aller Eile Abschriften angefertigt und versteckt habe. Hernando erzählt, dass darunter „wunderbare Gedichtsammlungen und Traktate“ (S. 535) seien, und… „eine alte Abschrift des Evangeliums, das dem Jünger Barnabas zugeschrieben wird“ (ebd.).

„‚Die Gelehrten, die al-Mansur mit der Auswahl der zu verbrennenden Schriften betraut hatte, waren fest davon überzeugt, dass es sich um ein rein christliches Evangelium handle. Aber dieser Barnabas-Text – so der Kopist – bestätigt den Islam. Der Kopist hielt dieses Barnabas-Evangelium für so bedeutend, dass er nicht nur eine Abschrift anfertigte, sondern sogar das Original vor dem Feuer rettete. Er schreibt zwar, dass er es in Córdoba verstecken wollte, aber nicht, ob ihm sein Vorhaben auch gelungen ist.’

‚Was steht in dem Evangelium?’

‚Im Großen und Ganzen sagt es, dass Jesus kein Gottessohn war, sondern ein Mensch – ein Prophet.’ Hernando meinte, bei seinem Gegenüber ein Zeichen der Zustimmung zu erkennen. ‚Und dass nicht Jesus, sondern Judas gekreuzigt wurde. Dort steht auch, dass Jesus nicht der Messias ist und dass sowohl die Ankunft des wahren Propheten als auch die Offenbarung noch bevorstehe. Außerdem wird die Notwendigkeit der Waschungen und der Beschneidung dargelegt. Diesen Text hat jemand verfasst, der Jesus kannte und seine Taten miterlebte. Aber im Gegensatz zu den anderen Evangelien bestätigt er die Glaubensvorstellungen meines Volkes.’

[…]

‚Es ist bekannt, dass die Päpste die Evangelien manipuliert haben’, sagte Hernando noch.“ (S. 535f.)

Ich fasse zusammen: Hernando weiß, dass die Päpste die Evangelien manipuliert haben – und zwar, weil… das unter Muslimen bekannt ist… weil der Islam das lehrt… das ist eben bekannt? Oder so. Außerdem weiß er, dass das Manuskript, das er entdeckt hat, im Gegensatz zu den anderen Evangelien die Wahrheit wiedergibt und von jemandem verfasst wurde, der Jesus kannte, weil… es den Islam bestätigt?

Hier ist es natürlich ganz sinnvoll, auf die Frage einzugehen: Gibt es dieses Barnabas-Evangelium denn wirklich? Gibt es. (Es ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem antiken Barnabasbrief.) Falcones geht in seinem Nachwort auf die historischen Hintergründe zu seinem Roman ein, und zur Herkunft des Barnabas-Evangeliums schreibt er sehr knapp: „Keine Hypothese, sondern ausschließliches Produkt der Fantasie des Autors hingegen ist der Bezug zwischen dem Evangelium und dem fiktiven Exemplar, das der Verbrennung der großartigen Bibliothek des Kalifats von Córdoba entging.“ (S. 918) Aha… Wenn man z. B. Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Barnabasevangelium) konsultiert, erfährt man Näheres: Es handelt sich beim Barnabas-Evangelium um eine Fälschung, die zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert entstanden ist, möglicherweise in Spanien, wobei der Verfasser vielleicht ein zum Islam konvertierter Christ war, der Christen vom Islam überzeugen wollte. Es finden sich ein paar Detailwidersprüche zur islamischen Lehre, die darauf hindeuten, dass er nicht vollkommen mit ihr vertraut war (z. B. wird Mohammed als Messias bezeichnet, was ein unter Christen verbreitetes Missverständnis der islamischen Lehre war, und Maria gebiert ohne Schmerzen, was eine verbreitete Ansicht unter Christen war und ist, aber nicht dem Islam entspricht), vor allem aber widerspricht das Evangelium den kanonischen (und auch den apokryphen) Evangelien der Antike und trägt die islamische Lehre über Jesus vor: Jesus sei nur ein Prophet gewesen, sei nicht gekreuzigt worden, sei nur zu den Juden gesandt gewesen, habe Mohammeds Kommen angekündigt – und zwar namentlich. Falcones setzt vor den Beginn von Teil III ein Zitat aus dem Barnabas-Evangelium: „Und obwohl ich unschuldig war in der Welt, da die Menschen mich ‚Gott’ und ‚Gottes Sohn’ nannten, hat Gott, damit ich am Tag des Gerichts nicht von den Dämonen verspottet werde, es so gewollt, dass ich von den Menschen in dieser Welt verspottet werde durch den Tod des Judas, indem er alle Menschen glauben machte, dass ich am Kreuz gestorben sei. Und dieser Spott wird andauern bis zur Ankunft Mahomets, Gottes Gesandten, der, wenn er kommen wird, diese Täuschung jenen klarmachen wird, die an Gottes Gesetze glauben.“

Falcones’ Darstellung, nach der das Barnabas-Evangelium zumindest noch vor dem 10. Jahrhundert entstanden sein müsste, ist also schlicht irreführend; zudem verschweigt er, dass, selbst wenn es schon vor dem 10. Jahrhundert entstanden wäre, sogar Hernando mit etwas Mühe herausbekommen hätte können, dass es nicht von jemandem geschrieben worden sein kann, der Jesus kannte. In diesem Evangelium fährt Jesus mit dem Schiff nach Nazareth, das im Binnenland liegt, nicht am See Genezareth, und auch nach Jerusalem, für das dasselbe gilt, und er wird geboren, während Pilatus Statthalter ist, obwohl der erst von 26 bis 36 n. Chr., also zur Zeit von Jesu Tod und Auferstehung, auf diesem Posten war. Trotz alldem und trotz der Tatsache, dass es vor dem 16. Jahrhundert keinen Beleg für diesen Text gibt, wird das Barnabas-Evangelium auch heute noch von muslimischen Apologeten als Beweis für den Islam angeführt.

Wieso stellt Falcones das Barnabas-Evangelium also als glaubwürdig dar? Weil Hernando daran glauben muss, damit die weitere Handlung schlüssig ist? Weil ein Roman, in dem ein neu entdecktes Evangelium vorkommt, das den kanonischen Schriften widerspricht, es natürlich nicht als Fälschung aus der frühen Neuzeit darstellen kann, da schließlich die Kirche entlarvt werden muss, weil es sonst langweilig wäre?

Vermutlich Letzeres, aber weiter im Text.

„‚Warum erzählst du mir das alles?’ fragte er [Arbasia] nach einer Weile barsch. ‚Wieso denkst du…?’

‚Heute’, unterbrach ihn Hernando, ‚habe ich in dem Jesus, den du gemalt hast, einen gewöhnlichen Sterblichen gesehen – ein menschliches Wesen, das eine… das jemanden zärtlich umarmt. Dieser Mensch wirkt liebenswürdig, er scheint sogar zu lächeln. Das ist nicht der ewige und allmächtige Sohn Gottes, der leidende, schmerzvolle und blutende Jesus Christus, den man überall in der Kathedrale findet.’“ (S. 536)

Headdesk. Headdesk, Headdesk, Headdesk.

Es gibt drei Probleme bei Hernandos Aussage:

Erstens, Hernando hängt einem islamischen Gottesbild an. Gott ist nicht liebenswürdig und zärtlich; seine Ewigkeit und Allmacht müssen Ihn auch zu einem Herrscher machen, der fern von Seinen Geschöpfen ist und sich nicht wirklich für sie interessiert.

Zweitens, Hernando versteht die Lehre von der Menschwerdung nicht. Die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit hat wirklich und wahrhaftig Menschennatur angenommen. Seine Mutter hat Ihm ihre Gene vererbt und musste Seine Windeln wechseln, Er hat Wein getrunken, hat Freundschaften geschlossen, hat am Grab eines Freundes geweint, hat Tische im Tempel umgeworfen und hatte panische Angst vor dem Tod am Kreuz. Kurz, Er war „in allem uns gleich außer der Sünde“. Die katholische Kirche lehrt nicht, dass Jesus Gott war und nicht Mensch, im Gegenteil, diese Lehre hat sie in der Antike verurteilt; sie lehrt, dass Er wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich war (und immer noch ist, selbstverständlich).

Ein Christus nach dem Leben (Rembrandt van Rijn)

(Rembrandt van Rijn, Ein Christus nach dem Leben, Quelle: Wikimedia Commons)

Ich geb dir zärtlich und liebenswürdig!

Drittens, und das ist nun wirklicher Blödsinn: Hernando scheint „ewig und allmächtig“ mit „leidend, schmerzvoll und blutend“ in eins zu setzen, und scheint „leidend“ irgendwie als negativ und bedrohlich zu betrachten. Zeigt nicht gerade Jesu Leiden seine Menschlichkeit und seine Liebe? Das erinnert mich an Leute, die Kruzifixe als gewaltverherrlichend kritisieren – wenn man ein Opfer von brutaler Gewalt zeigt und es auch noch als Erlöser der Welt und wahren Gott anbetet, verherrlicht man schließlich Gewalt.

(Matthias Grünewald, Isenheimer Altar, Quelle: Wikimedia Commons)

Aber keine Sorge, der Unsinn geht noch weiter.

„‚Du bist Muslim’, sagte er [Arbasia] schließlich. ‚Ich bin Christ.’

‚Aber…’

Der Meister bedeutete ihm, nicht weiterzusprechen.

‚Es ist schwer zu sagen, wer im Besitz der Wahrheit ist. Ihr? Wir? Die Juden? Oder vielleicht die Lutheraner? Sie haben sich von der kirchlichen Doktrin abgewandt. Haben sie deshalb recht? Es gibt viele Christen, die die offizielle Lehre der Kirche nicht akzeptieren.’ Arbasia hielt einen Moment inne. ‚Fest steht nur, dass wir alle an einen einzigen Gott glauben: den Gott Abrahams. Die Muslime sind in diese Gebiete hier eingefallen, weil andere Christen – die Arianer, die mittlerweile selbst zu Ketzern erklärt wurden, sie gerufen haben. Es gab auch in Nordafrika Anhänger des Arius, aber die kastilischen Arianer haben erst viel später begriffen, dass die Araber, die ihnen zu Hilfe kamen, in Wirklichkeit Muslime waren. Verstehst du? Der Arianismus, der nur eine Variante des Christentums ist, und der Islam waren sich sehr ähnlich. Für die kastilischen Arianer war der Islam eine Religion, die Gemeinsamkeiten mit ihrer Religion aufwies: Beide leugnen die Göttlichkeit von Jesus Christus. Aus diesem Grund konnten die Reiche der Hispania auch innerhalb von nur drei Jahren erobert werden. Es gibt nur einen einzigen Gott, Hernando, und zwar Abrahams Gott. Doch jeder sieht in ihm etwas anderes. Und… es ist besser, wenn wir das nicht weiter vertiefen. Die Inquisition…’“

Die Arianer wurden „mittlerweile“ zu Ketzern erklärt? Nach der Eroberung durch die Araber von 711? Also nicht vielleicht schon im Jahr 325 beim Konzil von Nizäa?

Zu der ganzen Geschichte mit den Arianern habe ich bei einer kurzen Internetrecherche nicht viel gefunden; laut Wikipedia soll ein gewisser Graf Julian von Ceuta (https://en.wikipedia.org/wiki/Julian,_Count_of_Ceuta), der aus persönlichen Gründen ein Gegner des westgotischen König Roderichs war, bei der arabischen Invasion zum Verräter geworden sein – allerdings weiß die Internetenzyklopädie auch von Arianern, die schon lange vorher Spanien verließen und ins muslimisch beherrschte Nordafrika gingen. Also, nehmen wir mal an, dass irgendeine Wahrheit hinter Falcones’ Darstellung steckt – ob diese Arianer dann wirklich so ahnungslos in Bezug auf den Islam waren? Immerhin ist auch bekannt, dass andere Häretiker, die ganz und gar nicht die Göttlichkeit Jesu leugneten, in Ägypten oder Syrien den arabischen Eroberern einfach deshalb nicht viel Widerstand entgegensetzten oder ihnen in Einzelfällen sogar halfen, weil ihnen die im Moment lieber waren als die oströmischen Kaiser, die sie unterdrückten. Im Lauf der Geschichte hat es die seltsamsten Allianzen gegeben; auch später haben sich manche christliche Fürsten mit muslimischen oder muslimische mit christlichen gegen ihre eigenen Glaubensgenossen verbündet. Aber gut, Informationen konnten im frühen 8. Jahrhundert ja wesentlich weniger schnell und sicher verbreitet werden als heute.

Und Arbasia hat natürlich Recht, der Arianismus und der Islam waren einander nicht unähnlich. Gut: Arius hielt Jesus nicht nur für einen Menschen sondern für ein Mensch gewordenes gottähnliches Wesen, eine Art obersten Engel, sozusagen – aber eben nicht für Gott selbst. Der Skandal, dass wirklich Gott wirklich Mensch geworden sein sollte, wurde von vielen Häretikern der Antike wegerklärt – die einen hielten Jesus nicht für wirklich göttlich, die anderen sagten, Gott wäre nicht wirklich Mensch geworden und hätte sicher nicht leiden können, sondern es hätte sich bei Jesus nur um eine Art Erscheinung gehandelt.

Aber das ist doch genau der Punkt: Der Islam ist im Grunde genommen eher eine christliche Häresie als eine eigenständige heidnische Religion. Mohammed übernahm die wichtigsten Grundannahmen der jüdischen und der christlichen Religionen, die er kannte, nämlich dass es einen Gott gibt, der allmächtig, allwissend und vollkommen gut ist, der die Welt erschaffen hat, und der nach dem Tod gemäß ihrer Taten über die Menschen richten wird. Alles andere, was zu kompliziert war, oder was irgendwie Gottes Souveränität und Hoheit zu schmälern schien, wie etwa die Menschwerdung, lehnte Mohammed ab, fügte dann noch einige Regeln für das praktische Leben hinzu, und machte sich dann daran, seine Religion mit dem Schwert zu verbreiten. Der Islam ist einfach eine simplifizierte, praktische und kämpferische Verdrehung des Christentums, die leider nicht der Realität entspricht.

Und hier setzt Arbasias Problem ein: Es gibt also so viele unterschiedliche Gruppen, die so viele unterschiedliche Behauptungen über diesen Gott Abrahams aufstellen, jetzt auch noch die Lutheraner. Wem sollen wir folgen? Wer hat Recht? Gute Frage, und dann könnte man sich daran machen, die Antwort zu suchen. Ich muss sagen, an dieser Stelle ist Hernando mir sympathisch, als er Arbasia antwortet „Aber wenn jene Christen, die Jesus Christus wirklich kannten, behaupten, dass er nicht Gottes Sohn war…“ (S. 537), die Frage, welche Religion die richtige ist, also zumindest rational durchdenken will. Aber Arbasia würgt ihn sofort ab: „Wir sind nur Menschen. Wir stellen Unterschiede fest, wir interpretieren, wir wählen aus. Gott ist immer der Gleiche. Ich denke, das leugnet niemand. Und jetzt lass uns essen“ (ebd.). Mit anderen Worten: Ich behaupte einfach, dass wir nichts wissen können, also lass diese Versuche, die Wahrheit herauszufinden. Einigen wir uns einfach auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Frage wäre dann natürlich noch: Was ist dieser kleinste gemeinsame Nenner? Und woher wissen wir, dass der wahr ist? Was genau ist dieser „Gott Abrahams“ und ist Er real?

Nach diesem Gespräch mit Arbasia denkt Hernando darüber nach, dass Abbas und die anderen Männer der Gemeinde für die Zukunft eher auf Gewalt und Kampf setzen und sich wahrscheinlich gar nicht erst für das Barnabas-Evangelium interessieren werden. „Hernando atmete tief durch: Seine einzige Gewissheit war, dass sich die Situation seines Volkes durch Gewalt nicht verbessern würde.“ (S. 538)

Kurz darauf wird Hernando im Auftrag von Don Alfonso, der im Finanzrat des Königs sitzt, in die Alpujarras, seine ehemalige Heimat, geschickt, um nachzuforschen, wieso die dortigen königlichen Ländereien (hauptsächlich ehemaliges Land von Morisken, das neuen Siedlern zugeteilt wurde) so wenig Profit abwerfen. Als der Herzog ihn vor der Reise fragt, ob er dort denn alte Freunde habe, die für seine christliche Loyalität bürgen könnten, falls er als Moriske angefeindet werden sollte, nennt Hernando spontan den Marquis von Los Vélez, zu dem er damals Isabel gebracht hat, und behauptet ungeniert, außer ihr noch mehr Christen das Leben gerettet zu haben. Das Gerücht von diesen Taten verbreitet sich in Córdoba und noch bevor Hernando aufbricht, erklärt Aischa ihm, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle.

Hernando reist also zusammen mit einem Verwandten des Herzogs in die Alpujarras, wo er die neuen christlichen Siedler als faul und nutzlos beurteilt, und außerdem erfährt, dass Isabel, die damals im Krieg vom (inzwischen verstorbenen) Marquis von Los Vélez als Gesellschafterin seiner Töchter aufgenommen wurde, inzwischen mit einem Richter am Obergericht von Granada verheiratet ist. Er reist weiter nach Granada, wo er Isabel trifft, die drei kleine Kinder hat, von denen das älteste nach ihrem Bruder Gonzalico benannt wurde. Ihr Ehemann, Don Ponce de Hervás, wirkt weder besonders sympathisch noch besonders unsympathisch. Hernando erstellt seinen Bericht für den Herzog mit Vorschlägen zur Verbesserung der Wirtschaft in der Gegend, und wird außerdem vom Erzbistum Granada gebeten, einen weiteren Bericht über die Märtyrer im Alpujarras-Krieg zu erstellen, da sich sein Ruhm als Retter von Christen auch hier verbreitet hat.

Wie man es bei einem 908-seitigen historischen Roman erwarten kann, darf auch Sex als Teil der Handlung nicht fehlen; was das angeht, hat Falcones schon in Teil II ausführlich die mutmaßliche Heuchelei der Christen thematisiert, zum Beispiel an dieser Stelle nicht lange nach Hernandos Ankunft in Córdoba Anfang der 1570er:

„Hernando hatte die Lebensweise der Menschen in Córdoba schnell durchschaut und hinter die schöne Fassade des Christentums geblickt, mit seinen Geistlichen und Gottesdiensten, seinen Prozessionen und Rosenkranzgebeten, seinen Laienschwestern und Bruderschaften, die in den Straßen um Almosen bettelten. Die frommen Menschen der Stadt gingen alle ihren religiösen Pflichten nach und unterstützten großzügig die Hospitäler und Klöster, sie setzten die Kirche in ihren Testamenten als Alleinerbin ein oder hinterließen ein Vermögen, mit dem die christlichen Gefangenen von den Barbaresken freigekauft werden sollten. Sobald sie aber der Kirchen gegenüber ihre Pflicht erfüllt hatten, entsprachen ihre Interessen und ihre Lebensführung absolut nicht den religiösen Vorschriften. Sogar die Priester lebten trotz aller Beschlüsse des Konzils von Trient, so sie keine Konkubine hatten, zumindest mit einer Sklavin unter einem Dach – eine Sklavin zu schwängern war schließlich keine Sünde. [Und hier bin ich mir nun wirklich sicher, dass alle Kasuisten des 16. Jahrhunderts „FALSCH!!!“ gebrüllt hätten.] […] Und erst die Bemühungen der Kirchenbehörden, wollüstige Beichtväter davon abzuhalten, Frauen zum Beischlaf zu zwingen, führten dazu, dass Geistliche und Sünder in den Beichtstühlen durch Gitter getrennt wurden. Doch nicht einmal die Vertreter dieser Behörden waren ein Vorbild, was Keuschheit und Sittsamkeit anging. […] Hinter der makellosen Oberfläche des christlichen Ehesakraments verbarg sich eine Welt der Ausschweifungen, und aufsehenerregende Skandale waren ebenso an der Tagesordnung wie das blutige Ende der entlarvten Ehebrecher. Die Mehrzahl der Nonnen war von ihren Familien aus rein wirtschaftlichen Gründen in die Obhut der Kirche gegeben worden […], so war es nicht verwunderlich, dass diesen jungen Frauen meist jegliche echte religiöse Berufung fehlte.“ (S. 287f.)

Und schon kurz vorher hat Hamid mit Hernando über die Lustfeindlichkeit und die gleichzeitigen Ausschweifungen der Christen gesprochen:

„‚Die Frauen wissen, dass ihre Männer ins Freudenhaus gehen’, unterbrach ihn Hamid […]

‚Die Christen suchen die Lust nicht bei ihren eigenen Frauen’, flüsterte der Alfaquí […]. ‚Lust ist für sie eine Sünde, genauso wie Berührungen und Zärtlichkeiten. Selbst eine ungewöhnliche Stellung beim Akt ist Sünde. Man darf keine Sinnlichkeit suchen…’

‚…denn sie ist Sünde!’ vervollständigte Hernando den angefangenen Satz und lächelte.

‚Genau’, bestätigte ihn Hamid und hielt den Zeigefinger an die Lippen. ‚Deshalb gestehen die Christinnen ihren Männern zu, Sinnlichkeit und Lust im Freudenhaus zu suchen. […]’

[…] ‚Und…’, begann Hernando nach einer Weile nachdenklich. ‚Und die Frauen suchen ihrerseits die Lust bei anderen Männern. Nicht wahr?’“ (S. 278f.)

Ach mei. Ich finde es zunächst ja mal… interessant… dass „Moral“ in Falcones’ Augen nur „Sexualmoral“ zu bedeuten scheint. Großzügige Spenden für Spitäler oder zum Freikauf von Sklaven oder auch die Tätigkeit einer Laienschwester beispielsweise sind die unaufrichtige Erfüllung äußerer Vorschriften, während es tatsächlich nur darauf ankommt, ob man eine Geliebte hat oder nicht. Vermutlich liegt diese falsche Interpretation daran, dass Falcones ernsthaft meint, die Katholiken würden unter „Moral“ nur „Sexualmoral“ verstehen. Aber gut, sie gehört immerhin zur Moral.

Dann ist das eine dieser Stellen, an denen ich es wirklich bedaure, dass Zeitreisen unmöglich sind. Ich würde zu gern mal ins Córdoba der 1570er hinein schauen, um zu wissen, wie ausschweifend die Leute denn damals tatsächlich waren und wie viel von dieser Darstellung der Fantasie eines Autors, der seine Leser schließlich irgendwie fesseln muss, entsprungen ist. So ganz kann ich mir nämlich nicht vorstellen, dass das überfromme Córdoba in Bezug auf das 6. Gebot so viel verdorbener war als etwa ein Dorf in den Alpujarras. (Dass die Sexualmoral überall nicht einwandfrei eingehalten wurde, ist eh klar. Bei den Christen gab es dafür dann das Beichtsakrament. Sogar mit Gittern zur Wahrung einer gewissen Anonymität. Aber ganz abgesehen davon halte ich es für logischer, dass eher diejenigen Männer, die das, was die Pfaffen sagten, eh nicht so wichtig nahmen (und von solchen Leuten gibt es auch in der allerkatholischsten Gesellschaft genug, u. U. auch unter den Pfaffen selber), öfter mal eine Prostituierte aufsuchten, als skrupulösen Frommen, die sich schon Sorgen machten, ob sie vielleicht den Verkehr mit der Ehefrau zu sehr genossen hatten.)

Und glaubten die frommen Christen denn wirklich, was Falcones (bzw. Hamid) hier behauptet, dass sie glaubten? „Lust ist für sie eine Sünde“? Na ja, ich kann nicht mit Sicherheit sagen, welche populärtheologischen Ideen bei spanischen Laien des späten 16. Jahrhunderts möglicherweise in Umlauf waren; ich kann allerdings die Gedanken eines bekannten französischen Bischofs und Ordensgründers aus etwa derselben Zeit zitieren. Der heilige Franz von Sales schreibt in seiner „Einführung ins fromme Leben“, erstmals veröffentlicht 1609, in einem Kapitel über die eheliche Keuschheit:

„Es besteht einige Ähnlichkeit zwischen der Befriedigung des Geschlechtstriebes und der Esslust; beide beziehen sich auf den Leib; wenn auch nur die erste wegen ihrer elementaren Gewalt Begierde des Fleisches genannt wird. Was ich also von dieser nicht gut sagen kann, will ich durch die andere andeuten.

  1. Wir müssen essen, um unseren Leib zu erhalten. Das Essen ist also gut, heilig und geboten, um uns zu ernähren und bei Kräften zu erhalten. Ebenso ist auch in der Ehe alles gut und heilig, was zur Kinderzeugung und zur Erhaltung des Menschengeschlechtes notwendig ist; das ist ja der Hauptzweck der Ehe.
  2. Man kommt zum Essen zusammen, nicht nur um das Leben zu erhalten, sondern auch um die Geselligkeit und die menschlichen Beziehungen zu pflegen; das ist durchaus in Ordnung. Ebenso in Ordnung ist die rechtmäßige gegenseitige Befriedigung der Gatten in der Ehe, die der hl. Paulus eine Pflicht nennt (1 Kor 7,3), und zwar eine so ernste Pflicht, dass er die Enthaltsamkeit eines Gatten nicht ohne freie und gern gewährte Zustimmung des anderen billigt, nicht einmal, um Übungen der Frömmigkeit zu obliegen (darüber habe ich im Kapitel über die heilige Kommunion schon die entsprechenden Bemerkungen gemacht), ganz zu schweigen von Gründen launenhafter Tugendanwandlungen oder von Zorn und Verachtung.
  3. Kommt man aus Geselligkeit zum Essen zusammen, dann soll man essen, ohne sich zu zieren oder den Eindruck eines Zwanges zu erwecken, sondern ruhig seinem Appetit folgen. Ebenso soll auch die eheliche Pflicht treu und ungezwungen geleistet werden und so, als sei Nachkommenschaft zu erwarten, auch wenn diese Möglichkeit aus irgendeinem Grund nicht besteht.
  4. Isst man aus keinem der beiden Gründe, sondern einzig um die Esslust zu befriedigen, so geht das noch an, wenn es auch nicht gerade lobenswert ist. Die Befriedigung der sinnlichen Lust allein lässt eine Handlung noch nicht lobenswert erscheinen, sondern höchstens erlaubt.
  5. Nicht nur mit Appetit, sondern über alles Maß und jede Ordnung hinaus zu essen, ist umso verwerflicher, je größer die Maßlosigkeit ist.
  6. Die Maßlosigkeit im Essen zeigt sich nicht nur in der Menge der Speisen, sondern auch in der Art und Weise zu essen. Der Honig ist für die Bienen so gut, er kann ihnen aber auch schaden, wenn sie im Frühling zu viel davon aufnehmen, ja sie können daran zugrunde gehen, wenn Kopf und Flügel mit Honig verklebt sind. Ebenso ist der eheliche Verkehr, sonst so heilig, gerecht, empfehlenswert und der Gesellschaft nützlich, in bestimmten Fällen gefährlich. Durch Übertreibung können die Seelen der Gatten erkranken an lässlicher Sünde, ja sie können dadurch sogar sterben an der Todsünde, wenn die von Gott bestimmte Ordnung des Kindersegens verletzt oder in das Gegenteil verkehrt wird. […] [Franz von Sales spricht hier von Praktiken wie coitus interruptus]
  7. Es zeugt von einem niedrigen, hässlichen, gemeinen und hemmungslosen Charakter, wenn man schon vor der Mahlzeit sich in Gedanken mit dem Essen und seinen verschiedenen Gängen beschäftigt; noch gemeiner ist es, nach dem Essen alle Gedanken und Worte darauf gerichtet zu halten und sich in der Erinnerung an den Genuss zu ergehen, den man beim Schmausen der Leckerbissen empfand. So handeln Leute, deren Gott ihr Bauch ist, wie Paulus sagt (Phil 3,19). Vornehme Menschen denken an die Tafel erst, wenn sie sich niedersetzen; nachher waschen sie Hände und Mund, damit an ihnen nicht Geschmack und Geruch der Speisen haften bleiben. – So sollen auch Eheleute nach Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten ihre Gedanken von jeder sinnlichen Lust lösen, Herz und Seele sogleich davon reinigen, um sich in voller Freiheit des Geistes Reinerem und Höherem zuzuwenden. Wer so handelt, befolgt die Lehre, die der hl. Paulus den Korinthern gab: ’Die Zeit ist kurz; wer ein Weib hat, handle, als hätte er keines’ (1 Kor 7,29). Wie der hl. Gregor sagt, besitzt jener eine Frau, als hätte er keine, der die sinnlichen Freuden mit ihr so genießt, dass sie ihn in seinen geistigen Bestrebungen nicht behindern. Dasselbe gilt auch von der Frau. Wieder sagt der hl. Paulus: ’Die von dieser Welt Gebrauch machen, mögen so handeln, als machten sie davon keinen Gebrauch’ (1 Kor 7,31). Es mache also jeder von dieser Welt Gebrauch je nach seinem Beruf, ohne jedoch seine Liebe daran zu hängen, damit er frei und bereit ist, Gott zu dienen, als machte er keinen Gebrauch von der Welt.“ (http://www.philothea.de/teil03/3_39.htm)

Franz von Sales sieht also ganz im Sinn der kontinuierlichen kirchlichen Lehrtradition sexuelle Lust – ebenso wie etwa Essensgenuss oder materiellen Besitz oder Ehre oder irdische Macht – als etwas Gutes, Erlaubtes, und von Gott Eingesetztes, das auch unmäßig oder in falscher Weise gesucht werden kann und an dem man nicht zu sehr hängen sollte. Der streng logische Scholastiker Thomas von Aquin, der bedeutendste Theologe des Mittelalters, lehrte das Gleiche. Tatsächlich scheint Falcones nicht bewusst zu sein, dass die Kirche in Antike und Mittelalter mit Häretikern zu tun hatte, die sexuelle Lust tatsächlich für grundsätzlich sündhaft hielten (Gnostiker, Manichäer, Katharer), weil sie die ganze materielle Welt für schlecht, nicht für Gottes gute Schöpfung hielten, und dass sie diese Häretiker deshalb verurteilte. Unter den katholischen Theologen ist mir lediglich von dem spät bekehrten Playboy und Ex-Manichäer Augustinus bekannt, dass er Lust auch in der Ehe zumindest für eine lässliche Sünde hielt. Alles in allem halte ich es für unwahrscheinlich, dass die frommen Bewohner Córdobas der Meinung waren, sie müssten es beichten, wenn ihnen der eheliche Verkehr mit ihren Gattinnen und Gatten gefallen hatte.

Aber, zugegeben: Irgendwo hat Falcones ein bisschen Recht. Die katholische Kirche hat die Sexualität tendenziell immer als problematischer behandelt als der Islam das tut. Die Enthaltsamkeit schätzen wir mehr, bei der Ehe sind wir deutlich strenger, und die frommen Muslime werden in ihrem Paradies immerhin von „großäugigen huris“ (Sure 52,20) erwartet, während wir Christen uns damit begnügen müssen, das Angesicht Gottes zu schauen.

File:Francois Boucher - The Pasha in His Harem, c. 1735-1739 - Google Art Project.jpg     

Francois Boucher, Der Pascha in seinem Harem  –   Sel. Karl I. mit seiner Braut Zita

Ich meine ja nur.

Okay, zurück zu Falcones. Der hat für seine Ansichten natürlich auch Anschauungsmaterial bereit; in Teil I und II kommen Abschnitte zu Hernandos und Fatimas Sexleben vor, und es wird erklärt, dass es ihnen wichtig ist, einander Lust zu bereiten usw. Und jetzt, in Teil III, beginnt Hernando eine Affäre mit Isabel – an der sich zeigt, dass Falcones nicht mal die islamische Sexualethik kapiert.

Isabel initiiert die Affäre, schämt sich deshalb aber gleichzeitig, und Hernando versucht – schließlich mit Erfolg –, ihr ihre Scham und ihre Schuldgefühle zu nehmen:

„‚Du musst lernen, deinen Körper zu genießen’, flüsterte er und bemerkte, wie sie bei seinen Worten zusammenzuckte und errötete.

Isabel schwieg und ließ sich zum zweiten Mal in Hernandos Schlafzimmer führen.

Am liebsten hätte er ihr davon erzählt, wie sie sich Gott durch die fleischliche Lust annähern konnte […].“ (S. 589)

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dem Autor klar ist, dass Hernando nach islamischem Recht für diese Art der Annäherung an Gott die Steinigung verdient hätte. (Entgegen dem Eindruck, den Europäer manchmal zu haben scheinen, trifft diese Strafe nach der Scharia durchaus auch Männer.) Dass ein – ja durchaus religiöser – Mann des 16. Jahrhunderts so gedacht hätte, ist jedenfalls schwer vorstellbar. Bei Falcones sieht man Sex entweder als grundsätzlich gut oder als grundsätzlich sündhaft an; für differenziertere Positionen wie „Sex mit deinem Ehepartner ist gut, Untreue ist schlecht“ gibt es keinen Platz.

Das Traurige ist, dass Falcones nicht mal diese Affäre so darstellt, wie es noch vor einiger Zeit in Romanen üblich war. (1. Die beiden Beteiligten empfinden eine unbezwingbare Leidenschaft füreinander, die sie trotz aller Bemühungen nicht aus ihren Herzen reißen können. 2. Sie schwören einander ewige Verbundenheit. 3. Sie fliehen gemeinsam vor ihrem, am besten lieblosen und grausamen, Ehemann und bauen sich irgendwo ein neues gemeinsames Leben auf. 4. Entweder leben sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage, oder aber es kommt vor dem Ende noch ein bisschen Spannung auf, weil „ihre Vergangenheit sie wieder einholt“.) Isabel und Hernando reden nicht viel miteinander, bevor sie beginnen, miteinander zu schlafen; und sie reden auch danach kaum über ihre Gefühle füreinander – auch wenn Isabel offensichtlich eine gewisse Verehrung für Hernando empfindet, der sie damals gerettet hat. Hernando wird, kurz bevor er Granada wieder verlässt, klar, dass er immer noch nur Fatima liebt. „Nein, er empfand für Isabel keine Liebe!“ (S. 606) Sie finden sich gegenseitig attraktiv, das ist im Grunde alles.

Ja, Falcones’ Darstellung von Ehebruch ist natürlich die realistische. Aber wieso verteidigt er die dann noch?

Don Ponce, der gehörnte Ehemann, dient übrigens dazu, die Haltung der christlichen Männer, die weiter vorn beschrieben wurde, eins zu eins zu demonstrieren:

„‚Hure!’ flüsterte Don Ponce in die Dunkelheit hinein.

Seine Ehefrau benahm sich wie eine gewöhnliche Dirne im Freudenhaus! Er wusste, wovon der Diener gesprochen hatte: Es ging hier um die verbotene sinnliche Lust, die er selbst immer wieder im Bordell suchte. Noch stundenlang zermarterte er sich den Kopf. Er sah Isabel vor sich: eine obszöne, grell geschminkte und stark parfümierte Frau, die ihren Körper diesem verdammten Schurken hingab, der ihn mit Küssen und Liebkosungen bedeckte. Im Hurenhaus hatte er wegen der Ähnlichkeit mit Isabel ein blondes Mädchen für den Zweck gewählt, und nun erlebte ausgerechnet ein Moriske genau die Lust mit seiner Gattin, die er nicht mit ihr erfuhr.“ (S. 601)

(Daran musste ich nur gerade denken. Guter Film übrigens.)

Nachdem Don Ponce durch seine Diener von der Affäre erfahren hat, entscheidet er sich dafür, ihr ein Ende zu setzen, ohne dass ein Skandal entsteht, und lässt eine gestrenge Verwandte kommen, die Isabel bewacht und dafür sorgt, dass sie keinen Kontakt mehr zu Hernando hat. Hernando reist rasch ab, nachdem ihm klar geworden ist, dass der Ehemann Bescheid weiß; ein letztes geheimes Treffen mit Isabel gibt es noch, und dann nehmen sie voneinander Abschied.

Zuvor allerdings ist noch etwas anderes passiert, das ich erwähnen muss: Hernando hat in Granada drei niedere Adlige namens Don Pedro de Granada Venegas, Don Miguel de Luna und Don Alonso del Castillo kennen gelernt (die letzteren beiden sind auch Ärzte und Übersetzer für Arabisch), die als gute Christen gelten und sogar für die Inquisition arbeiten, ihm aber anvertrauen, dass sie ebenfalls muslimische Vorfahren haben, selbst muslimischen Glaubens sind und Don Julián kannten. (Da ihre Familien schon vor längerer Zeit geadelt wurden, haben sie es leichter als die normalen „Neuchristen“ und man begegnet ihnen nicht mit Misstrauen.) Die drei sehen wie Hernando keine Lösung im bewaffneten Aufstand gegen die Christen, sondern wollen diese stattdessen dazu bewegen, ihre Vorurteile gegenüber den Morisken aufzugeben. Luna schreibt an einem Buch über die arabische Invasion und den Westgotenkönig Roderich: „Ausgehend von Erzählungen einer erfundenen arabischen Handschrift aus der Bibliothek des Escorial stellte er darin die Eroberung Spaniens durch die Muslime aus den Barbareskenstaaten als eine Befreiung der Christen dar, die unter der Tyrannei ihrer westgotischen Könige litten. Immerhin hatte es nach dieser Eroberung achthundert Jahre lang Frieden und ein gütliches Zusammenleben der beiden Religionen gegeben.“ (S. 599) Diese achthundertjährige Friedensperiode fand vermutlich in einem Paralleluniversum statt.

Die drei jedenfalls wollen Hernando dazu bewegen, ihnen zu helfen, und den Lügen über die Morisken in christlichen Pamphleten ihre eigenen Lügen entgegenzusetzen. „Wir müssen mit den gleichen Waffen kämpfen“ (so Don Pedro auf S. 599); „Und für diesen Kampf brauchen wir Menschen wie dich: kluge Köpfe, die lesen und schreiben können“ (Don Alonso auf S. 600). Hernando stimmt nach einigem Zögern zu, kurz bevor er Granada verlässt.

Er kehrt zurück nach Córdoba, hält seine neuen Pläne allerdings vor seiner Mutter und allen anderen Morisken geheim, da man ihn um Stillschweigen gebeten hat, und wird von ihnen daher weiter für einen Verräter gehalten. Er verfasst seinen Bericht für den Erzbischof von Granada, in dem er die Geschehnisse im Krieg möglichst geschönt darstellt, und schickt ihn nach Granada. Außerdem kommt ihm die Idee, die Jungfrau Maria zu benutzen, die sowohl von Christen als auch von Muslimen verehrt wird, um die beiden Religionen einander anzunähern, und er macht Don Alonso in einem Brief diesen Vorschlag:

„Wir alle wissen, dass die Päpste die göttliche Wesenheit von Jesus dreihundert Jahre nach seinem Tod verändert haben. Er selbst, Isa, hat sich niemals Gott oder Gottessohn genannt, er hat nichts anderes getan als wir: Er hat die Existenz eines einmaligen und einzigen Gottes verteidigt. Doch wenn die Päpste die göttliche Wesenheit von Jesus auch verfälscht haben, so widerfuhr seiner Mutter nicht das gleiche Schicksal. […] Es ist also Maryam, in der unsere beiden Religionen nach wie vor übereinstimmen […] Wenn die Priester und das gemeine Volk, die uns derzeit für Ketzer halten, begreifen, dass wir ihre Mutter Gottes genauso verehren wie sie, überdenken sie vielleicht ihr Verhalten uns gegenüber.“ (S. 634f.)

Ich schätze, man kann es Hernando nicht übel nehmen, dass zu seiner Zeit noch keine (oder jedenfalls nicht so viele wie heute) Abschriften der kanonischen Evangelien, die vor dem Jahr 300 entstanden waren, gefunden waren, geschweige denn naturwissenschaftlich datiert werden konnten. Trotzdem nervt es ein bisschen, dass er zu keiner Zeit auf die Idee kommt, sich zu fragen, wieso eine solche päpstliche Verschwörung erstens begonnen worden sein und zweitens dann Erfolg gehabt haben soll. Er schreibt in seinem Brief weiter über das Barnabas-Evangelium:

„Bestimmt wird man eine Schrift wie dieses Evangelium sogleich als apokryph, ketzerisch und den Grundsätzen der Heiligen Mutter Kirche widersprechend bewerten. Lasst uns damit beginnen, die Christen von unseren Glaubensgrundsätzen zu überzeugen. […] Lasst uns zumindest erste Zweifel säen, um eine gütigere und barmherzigere Behandlung erfahren zu können.“ (S. 635)

Don Alonso zeigt sich in seiner Antwort gespannt auf das Barnabas-Evangelium und stimmt Hernando in Bezug auf Maria zu, weist aber auch darauf hin, dass man auch den hl. Caecilius, den ersten Bischof und Stadtpatron von Granada, dessen Reliquien noch nicht entdeckt sind, nicht vergessen sollte, da dieser Araber gewesen sei. (Keine Ahnung, woher diese Behauptung stammt.) Don Alonso erwähnt auch ein Dekret des spätantiken Papstes Gelasius, in dem ein Barnabas-Evangelium unter apokryphen Schriften aufgeführt werde.  Dieses Dekret existiert tatsächlich; über den Inhalt des antiken Barnabas-Evangeliums weiß man allerdings leider nichts. Es ist durchaus möglich, dass die spätmittelalterliche/frühneuzeitliche Schrift, um die es hier geht, unter Rückgriff auf dieses Dekret als Evangelium des Apostels Barnabas ausgegeben wurde.

Hernando macht sich also daran, eine erste Handschrift zu fälschen. Auf einem alten Pergamentstück schreibt er auf Arabisch eine rätselhafte Prophezeiung auf, die angeblich von Dionysios, Bischof von Athen stamme, und von Caecilius in diese Sprache übertragen worden sei. „Darin wird die Ankunft des Islam vorausgesagt, die Abspaltung der Protestanten und all das übrige Leid, das das Christentum schwächen wird, wie der Zerfall in viele Sekten. Aber aus dem Osten wird ein König kommen, der die Welt beherrschen wird, der eine einzige Religion einführen und all diejenigen bestrafen wird, die lasterhaft lebten“ (S. 640), erklärt Hernando seinen Mitverschwörern, als er wieder nach Granada reisen kann. Er sei dabei aber uneindeutig geblieben, damit die Schrift nicht sofort als Ketzerei eingestuft werden würde. Er gibt den dreien außerdem ein paar Dinge, die sie als Reliquien ausgeben können, z. B. ein auf alt gemachtes Tuch und ein aus einem Armengrab ausgegrabener Knochen. Die Leichenschändung finde ich wesentlich abstoßender als die Fälschungen.

Ein allgemeiner Gedanke zu den Fälschungen: Es war früher™ gar nicht mal selten, dass man angeblich alte oder geheime Dokumente fälschte, auch wenn manche Leute es gelegentlich so klingen lassen, als wären ideologische Fakenews eine Sache der letzten paar Jahre. Zahlreiche apokryphe Evangelien aus dem 2. oder 3. Jahrhundert geben sich als Werke von Aposteln aus (z. B. das Thomas-Evangelium); eine andere bekannte Fälschung wäre auch die Urkunde über die konstantinische Schenkung aus dem 8. Jahrhundert, die im 15. Jahrhundert von Bischof Nikolaus Cusanus als solche erkannt wurde. Sicher stellten solche Fälscher manchmal, wie Hernando und seine Verbündeten, mit guten Absichten die Geschichte zwar nicht so dar, wie sie stattgefunden hatte, aber wie sie ihrer Meinung nach stattgefunden haben sollte. Der Fälscher der Monita Secreta zum Beispiel wusste sehr gut, dass die Jesuiten nicht die geheimen Regeln hatten, die er ihnen zuschrieb, nahm aber in seinem Verschwörungsdenken vermutlich an, dass sie ähnliche haben müssten.

Das Pergament und die „Reliquien“ werden in einem alten Minarett versteckt, das gerade abgerissen wird, und werden wie geplant von den Arbeitern bei den Abrissarbeiten entdeckt, und die Christen reagieren begeistert auf die Heiligtümer; die Behauptungen in dem Pergament scheinen zunächst keinen Einfluss auf irgendjemanden zu haben. Kurz bevor Hernando nach Córdoba zurückkehrt, begegnet er Isabel noch einmal auf der Straße und sie bittet ihn, sie in Ruhe zu lassen. „Ich musste erst krank werden, um dich zu vergessen. Ich will nicht noch einmal leiden. Lass mich, ich flehe dich an.“ (S. 645) Offenbar hat sie also eine Krankheit als göttliche Strafe interpretiert. Danach sieht Hernando sie nicht wieder.

Dafür Fatima kommt wieder vor. Nachdem sie den tyrannischen Ibrahim lange Jahre ertragen und mit ihm zwei Töchter bekommen hat, ersticht sie ihn schließlich, und sein Sohn Shamir und ihr Sohn Francisco, der inzwischen Abdul heißt, helfen ihr. Beide hassen Ibrahim noch immer, auch wenn er Shamir als seinen bevorzugten Erben behandelt hat. Niemand in der Piratenstadt Tetuan versucht, Näheres über Ibrahims Tod herauszufinden und sie zur Rechenschaft zu ziehen, und kurz darauf schickt Fatima einen jungen jüdischen Kaufmann namens Ephraim mit einem Brief an Hernando nach Córdoba, um ihm mitzuteilen, dass sie alle noch leben. Die Morisken in Córdoba, an die Ephraim sich wendet, um Hernando zu finden, verhalten sich jedoch abweisend und Ephraim erwischt schließlich nur Aischa, die ihm sagt, Hernando sei ein Verräter geworden, und den Brief zerreißt. Ephraim kehrt nach Tetuan zurück.

Inzwischen schreibt man das Jahr 1588 und die spanische Armada greift England an; auch Don Alfonso und sein ältester Sohn ziehen in den Krieg. Als sie nach dem misslungenen Angriff verschollen sind, wird im Palast in Córdoba für sie gebetet, und zwar mit den Worten „Maria, mater gratiae, mater misericordiae…“ (S. 661), d. h. „Maria, Mutter der Gnade, Mutter der Barmherzigkeit“, was im nächsten Satz als „Rosenkranzgebet“ bezeichnet wird, wobei sich wieder mal zeigt, dass Falcones sich bei den liturgischen Details etwas mehr Mühe hätte geben können.*** Mir tut es leid um Don Alfonso. Ich war zwar enttäuscht – sehr enttäuscht -, dass der namenlose Gefangene aus Teil I, als man ihn wiedertrifft, nur eine solche Nebenrolle spielt und kaum bei Gesprächen mit Hernando o. Ä. gezeigt wird, aber trotzdem mochte ich ihn.

An dieser Stelle eine kurze Stilkritik an Falcones‘ Roman: Der Autor ist schlecht darin, Vorausdeutungen zu erfüllen. Er baut Details in den Roman ein, die ominös wirken und auf ihre Auflösung zu warten scheinen, aber am Ende zu nichts führen. Ein Beispiel: Im ersten Teil des Buches ist Hernando ein paar Wochen in König Aben Humeyas Auftrag unterwegs, und währenddessen macht Ibrahim sich an Fatima heran. Als Hernando dann eines späten Abends nach Ugijar zurückkehrt, ist der König gerade zu Gast bei einer Hochzeit. Detailliert wird die Feier beschrieben; die verhüllte Braut, deren Name nicht genannt wird, wird zum Haus ihres Bräutigams, dessen Name ebenfalls nicht genannt wird, und dann hinauf ins Brautgemach geführt; als Hernando ankommt, entdeckt er Ibrahim, der bester Laune zu sein scheint, unter den Gästen im Garten des Anwesens – und man macht sich die ganze Zeit Sorgen, dass Hernando zu spät ist und Ibrahim Fatima schon dazu gebracht hat, ihn zu heiraten – aber nö, da findet nur gerade zufällig eine Hochzeit anonymer Nebenfiguren statt, die dann keine weitere Rolle mehr steht. Später, in Córdoba, stehen nach einem traurigen Gespräch zwischen Fatima und Hernando (inzwischen ist sie mit Ibrahim verheiratet) am Ende eines Kapitels folgende Sätze: „In einiger Entfernung stand eine in Schwarz gekleidete junge Adlige auf dem Balkon eines kleinen Palastes und beobachtete das Spektakel unter sich: Die fünf jungen Edelleute machten ihr den Hof, indem sie dem Stier tödliche Stöße versetzten, während das einfache Volk im Schutz der angrenzenden Sackgassen vor Begeisterung tobte und applaudierte.“ (S. 276) Wer ist diese Adlige? Wieso trägt sie Schwarz? Wann werden sich ihre Wege mit Hernandos kreuzen? Falcones baut solche Details sicher mit voller Absicht ein, damit es lebendiger wird und man sich die Atmosphäre in der Geschichte besser vorstellen kann, aber ich halte es für schlechten Stil; es ist frustrierend für den Leser und hält bloß bei der Lektüre der eigentlichen Geschichte auf. Auch bei dem Herzog hätte ich mir mehr erwartet, nachdem er so vielversprechend eingeführt wurde.

Bittprozessionen für die verschollenen Soldaten werden in Córdoba abgehalten, und bei einer solchen Prozession nimmt der Haushalt des Herzogs teil und Hernando schultert eins der Holzkreuze. Als Aischa ihn so auf der Straße sieht, beginnt sie das islamische Glaubensbekenntnis zu schreien und wird von einem Büttel festgenommen. Ihr Sohn sieht und hört sie in dem Trubel nicht.

Nicht lange darauf wird der Tod des Herzogs und seines Sohnes vermeldet, und Don Alfonsos Witwe wirft Hernando aus dem Palast. Eine Zeitlang verdient er sich mithilfe eines Freundes aus alten Tagen, der inzwischen eine illegale Spielhölle betreibt, mit Taschenspielertricks Geld, um sein Gasthauszimmer bezahlen zu können. An dieser Stelle lernt er auch einen verkrüppelten Straßenjungen namens Miguel kennen, der gerne Geschichten erzählt und gut mit Tieren kann, und trägt diesem auf, sich um sein Pferd zu kümmern. Außerdem erfährt er, dass seine Mutter ins Gefängnis der Inquisition gebracht wurde und versucht mehrmals vergeblich, sie zu besuchen. Aischa weigert sich indessen, zu essen, und wird immer schwächer und gilt außerdem als irgendwie verrückt. Schließlich erfährt Hernando, dass sie offiziell zum Büßerhemd verurteilt wurde, aber die Strafe nicht antreten kann, und dass er sie mitnehmen kann. Sie ist sehr krank, und obwohl Hernando und Miguel sie pflegen, stirbt sie bald, ohne Hernando noch von Fatimas Brief erzählt zu haben. Kurz vor ihrem Tod hat Hernando allerdings erfahren, dass Don Alfonso ihm in seinem Testament ein Haus in der Stadt, einen Hof außerhalb und etwas verpachtetes Land vermacht hat. Er zieht in das neue Haus und nimmt Miguel als Diener zu sich.

Unterdessen erfährt Fatima durch Ephraim, was Aischa ihm berichtet hat. Sie ist entsetzt und will es zunächst nicht glauben, akzeptiert die Informationen dann aber doch als Tatsachen. In den Jahren darauf kümmert sie sich hauptsächlich um die Mehrung des Vermögens ihrer Familie, Shamir und Abdul führen Ibrahims Kaperfahrten fort und Inés (jetzt Maryam) wird gut verheiratet. Fatima wird eine mächtige, geachtete Frau in Tetuan, aber auch eine kalte, trauernde und zornige.

Teil IV, „Im Namen unseres Herrn“, setzt dann nach einem Zeitsprung im Jahr 1595 ein, und da geht es mit den Fälschungen weiter.

 

[Update: Weiter geht’s hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/01/19/die-pfeiler-des-glaubens-teil-5-die-bleibuecher-vom-sacromonte-unbeabsichtigte-bigamie-und-ein-wenig-zufriedenstellendes-ende/ ]

 

* Der hl. Johannes, der „Lieblingsjünger“ Jesu, wurde in der Kunst oft als bartloser Jüngling mit langen Haaren dargestellt (er muss zu Jesu Lebenszeit noch relativ jung gewesen sein, da er erst um 100 n. Chr. in hohem Alter starb), und Abendmahlsdarstellungen zeigen ihn oft an die Brust des Herrn gelehnt, was auf folgende Bibelstelle zurückgeht: „Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern. Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?“ (Johannes 13,21-25) Zum Kontext: In der Antike lag man zum Essen auf Bänken oder Polstern, statt zu sitzen, wobei man sich mit dem Ellbogen aufstützte. Klingt unbequem, war aber so.

** Ich fühle mich an dieser Stelle erinnert an Emanuel Geibels Ballade Omar, die freilich von der Eroberung Alexandrias und der Zerstörung der dortigen Bibliothek handelt. Geibel jedenfalls erfasst wesentlich besser als Falcones die Einstellung eines Omar oder Al-Mansur; er bringt herüber, was einen Menschen an fanatischer, sagen wir mal, „Kulturfeindlichkeit“ faszinieren kann:

Inmitten seiner Turbankrieger,
Die Stirne voll Gewitterschein,
Zog Omar, der Kalif, als Sieger
Ins Tor der Ptolemäer ein.
Umrauscht von Mekkas Halbmondbannern,
Ritt langsam er dahin im Zug,
Ihm folgte mit den Bogenspannern
Ein Negerschwarm, der Fackeln trug.

Sie zogen durch die öden Gassen,
Durch Siegestor und Säulengang,
Drin klirrend nur der Schritt der Massen,
Der Hengste Stampfen widerklang;
Schon lenkte zu den Porphyrstufen
Der alten Hofburg der Kalif,
Da warf vor seines Rosses Hufen
Ein Greis sich in den Staub und rief:

„O Herr, der Sieger warst du heute,
Und diese Stadt des Nils ist dein,
So nimm als reiche Schlachtenbeute
Ihr Gold und Erz und Elfenbein.
Die Türme stürz in Schutt zusammen,
Zerbrich den Bilderschmuck des Hains,
Die Tempel selber gib den Flammen!
Nur eins verschone, Herr, nur eins;

Sieh hin! Wo dort die Sphinxe grollen
Am Tor, die Hüter unsres Ruhms,
Da schläft in hunderttausend Rollen
Der Geisterhort des Altertums.
Was, seit der Erdkreis aufgerichtet,
In Tat und Wort sich offenbart,
Was je gedacht ward und gedichtet,
Dort liegt‘ s der Nachwelt aufbewahrt.

O gib den Schatz, aus allen Reichen
Der Welt gehäuft mit treuem Fleiss,
Gib dies Vermächtnis ohnegleichen,
Der Menschheit Erbteil gib nicht preis!
Nein, heilig sei auch dir die Stätte,
Die jede Muse fromm geweiht,
Streck drüber deine Hand und rette
Der Zukunft die Vergangenheit!“

Doch Omar zieht die Stirn in Falten
Und spricht, indem sein Auge flammt:
„Ich bin genaht, Gericht zu halten,
Was drängst du, Tor, dich in mein Amt?
Hinweg, dass meines Zorns Geloder
Nicht dich samt deinen Rollen trifft!
Die Schätze, die du rühmst, sind Moder
Und was du Weisheit nennst, ist Gift.

Schon allzulang am unfruchtbaren
Vielwissen siecht die Welt erschlafft;
Der Staub von mehr als tausend Jahren
Liegt wie ein Alp auf jeder Kraft.
Des Lebens Baum liess ab zu lauben,
Seit dran der Wurm des Zweifels zehrt:
Wo ist ein Herz noch, frisch zum Glauben!
Wo ist ein Arm noch, stark zum Schwert!

Dass endlich diese Dumpfheit ende,
Bin ich gesandt, vom Herrn ein Blitz.
Auf! Schleudert denn die Feuerbrände
In der verjährten Krankheit Sitz!
Und wenn, umwogt vom Flammenmeere,
Der aufgetürmte Wust zergeht,
Ruft: Gott ist gross! Ihm sei die Ehre!
Und Mahomed ist sein Prophet!“

*** Für alle Nichtkatholiken: Zum Rosenkranz gehört neben Glaubensbekenntnis, Vaterunser und Ehre sei dem Vater das immer wieder wiederholte Ave Maria, welches lautet: „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus [an dieser Stelle werden im Rosenkranz unterschiedliche Nebensätze eingefügt, z. B. „den du, oh Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast“]. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen.“