Dumm, dümmer, Materialismus

Es gibt falsche Ansichten, die eine gewisse Plausibilität für sich beanspuchen können, auch wenn es letztlich starke Gründe gegen sie gibt; darunter wären z. B. der Stoizismus oder der Islam. Dann gibt es Ansichten, die so dumm und abwegig sind, dass es der Menschheit kein gutes Zeugnis ausstellt, dass sie tatsächlich Anhänger haben; so etwas wie die Flache-Erde-Theorie, die Christian-Science-Sekte, das Mormonentum, oder auch der Materialismus.

Ich war ja nicht immer streng katholisch; aber den Materialismus fand ich nie auch nur annähernd überzeugend. Der Materialismus gibt vor, Dinge zu erklären, indem er sie einfach leugnet. Ach, du hast Gedanken? Nein, hast du gar nicht. Wie östliche Religionen die Welt für eine Illusion erklären, erklären Materialisten alles Nichtmaterielle einfach für eine Illusion.

Materialisten scheinen unfähig, die einfachen Tatsachen zu bemerken, die jeder sonst kennt – z. B. dass Materie und Geist – beim Menschen – selbstverständlich zusammenhängen, voneinander abhängen. Ein Gedanke äußert sich durch Neuronen im Gehirn – ach ne, echt. Dass das Denken seinen Sitz im Kopf hat und irgendwie mit dem Gehirn zusammenhängt, ist ja eine Erkenntnis, auf die die Menschheit bisher nie gekommen ist.

Materialisten verhalten sich wie jemand, der proklamiert „ein Gerichtsurteil besteht ja nur aus ausgestoßenen Lauten und Klecksen auf Papier“. Natürlich ist das offensichtlicher Blödsinn; es besteht in dem Richterspruch, der eine rechtliche Folge hat (z. B. dass der Verurteilte für ein Jahr ins Gefängnis muss). Selbstverständlich muss sich das Urteil auch durch die Worte des Richters, und dadurch, dass es aufgeschrieben wird, ausdrücken. So hängt auch die Denktätigkeit vom Gehirn ab; dadurch wird sie nicht mit ihm identisch.

Da nützt auch das viel gebrauchte Argument nichts, dass Medikamente, Drogen u. Ä. das Denken beeinflussen oder ausschalten können. Wenn der Richter von einem Verbrecher als Geisel genommen und geknebelt wird, oder wenn er schon zu Beginn des Gerichtsprozesses krank zusammenbricht (das Gehirn unter Drogen gesetzt wird), kann er auch kein Urteil sprechen und die rechtliche Folge tritt nicht ein (man kann nicht normal denken); die Schlussfolgerung „also ist das Gerichtsurteil nur irgendwelche Laute“ („also ist Denken nur Neuronen“) wäre trotzdem komplett widersinnig.

Gehen wir das Ganze noch einmal von vorn an. Es gibt einen Unterschied zwischen Lebewesen und nicht lebenden Dingen; das dürfte schwer zu leugnen sein. Alles, was lebt, ist nun, solange es lebt, zusammengesetzt aus dem (sozusagen) „Lebensprinzip“, das wir Seele nennen, und dem Körper. Erst wenn das Leben weg ist, ist nur noch die Materie, nur noch der Körper da; dann haben wir eben einen Leichnam. Auch der strengste Materialist behauptet nun kaum, dass Leben nicht existiert (obwohl er sich schon allein, wenn er das anerkennt, genau genommen nicht mehr „Materialist“ nennen dürfte); wenn es sich bei Gedanken nur um elektrische Blitze im Gehirn handeln würde, würde es aber kein Leben geben. Solche elektrischen Blitze gibt es auch in der unbelebten Natur ohne die typischen Merkmale von Leben wie Empfindungen, evtl. Bewusstsein, und dergleichen.

Soweit zu Leben/Seele an sich; jetzt zur Art von Seelen. Wir unterscheiden vegetative Seelen (bei Pflanzen), Tierseelen und rationale Seelen. Zu beweisen, dass Menschen Vernunft und nicht nur Empfindungen (wie etwa Tiere) besitzen, ist nicht schwer; wir ziehen logische Schlussfolgerungen (wie hier gerade), und wir erfassen nicht nur Partikularien, sondern auch Universalien. (Partikularien sind z. B. dieses Dreieck oder dieser Mensch hier; Universalien wären Dreieckigkeit und Menschlichkeit; wir schließen von Einzelexemplaren darauf, was objektiv das Wesen einer Kategorie ausmacht. Tiere dagegen erleben immer nur gerade ein konkretes Ding. Zur tatsächlichen Realität dieser Kategorien, also zur Frage, ob sie nicht nur willkürliche Konstrukte sind, kommt noch mal ein eigener Beitag, da das ein Thema ist, das gesonderte Behandlung verdient.)

Der Materialismus ist nicht nur falsch, er ist sogar in sich widersprüchlich. Wenn jemand annehmen will, dass alle seine Gedanken unzuverlässige Erzeugnisse von Materie sind, dann auch sein Gedanke, dass alle Gedanken unzuverlässige Erzeugnisse von Materie sind. Also beißt sich die Katze in den Schwanz und der Materialismus führt sich selbst ad absurdum.

Das ist ein ganz zentrales Argument gegen den Materialismus, und sehr einfach einzusehen. Wenn derjenige will, kann er den Materialismus natürlich immer noch „einfach so“ postulieren und jedes Denken aufgeben; aber das ist dann eben weder falsifizierbar noch belegbar. Und für gewöhnlich reden Atheisten ja so gern von Falsifizierbarkeit. Die einzige Alternative dazu ist, davon auszugehen, dass nicht alles hier Illusion ist, sondern dass Vernunft/Geist/Denken tatsächlich existiert und, wie von der Erfahrung bestätigt, zu richtigen Ergebnissen führen kann. Es macht auch keinen Sinn, zu sagen „eigentlich glaube ich nicht an das Denken, aber ich mache trotzdem einfach mal das Beste daraus und benutze es, wenn ich z. B. naturwissenschaftliche Tatsachen herausfinden will“; wenn es etwas nicht gibt, kann man daraus gar nichts machen.

Tatsache ist, wir leben nicht in einer Welt, die es wahrscheinlich machen würde, dass alles oder vieles, was man erfährt und zu wissen meint, nur Illusion ist. Wir erleben nicht wie in einem Albtraum plötzlich willkürliche und abstruse Dinge, die wir nicht begreifen könnten. Das Denken funktioniert. Dinge fallen herunter, man leitet daraus das Gesetz der Schwerkraft ab, und kann sich darauf verlassen, dass sie diesem Gesetz auch in Zukunft folgen werden. Sicher gibt es immer wieder Illusionen (z. B. optische Täuschungen) und schwer verständliche Dinge; aber allein die Tatsache, dass sich diese Illusionen oft aufdecken lassen, indem man genau hinsieht, Informationen sammelt und ordentlich nachdenkt, zeigt doch, dass Sinnen und Verstand eine gewisse Verlässlichkeit innewohnt.

Natürlich ist unser Verstand alles andere als perfekt; wir sind ja nur Geschöpfe, und gefallene und verdorbene noch dazu. Aber wenn manche aus seiner Beschränktheit auf seine Nichtexistenz schließen wollen, deutet das höchstens darauf hin, dass sie ihren gerade nicht nutzen wollen.

Auch zu sagen, dass es das Immaterielle zwar gäbe, es aber nur aus dem Materiellen komme, ist unlogisch, da es gegen das „Prinzip vom zureichenden Grund“ verstößt. Etwas, das etwas anderes verursacht, muss dieses Ding auf irgendeine Weise selbst haben – entweder formell (jemand mit einer Fackel hat Hitze real da und kann sie weitergeben), oder zumindest virtuell oder eminent (jemand mit Streichhölzern, Zeitungspapier und Feuerholz kann Hitze generieren und sie dann weitergeben). Das gilt auch für Leben und Geist.

Ach, und noch etwas. Der Materialismus ist keine moderne Erfindung, für die irgendwelche Viehhirten in der Eisenzeit einfach zu dumm gewesen wären. Gottesleugner waren schon immer gern Materialisten. Der folgende Text, der die Ansichten der „Gottlosen“ beschreibt, findet sich in der Bibel, im Alten Testament:

Sie tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen: Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Heilung und man kennt keinen, der aus der Unterwelt befreit. Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen. Rauch ist der Atem in unserer Nase und das Denken ein Funke beim Schlag unseres Herzens; verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche und der Geist verweht wie dünne Luft.

Unser Name wird mit der Zeit vergessen, niemand erinnert sich unserer Werke. Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird. Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten, unser Ende wiederholt sich nicht; es ist versiegelt und keiner kommt zurück.

Auf, lasst uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten, wie es der Jugend zusteht! Erlesener Wein und Salböl sollen uns reichlich fließen, keine Blume des Frühlings darf uns entgehen. Bekränzen wir uns mit Rosen, ehe sie verwelken. Keine Wiese bleibe unberührt von unserem Treiben, überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen; denn dies ist unser Anteil und dies das Erbe.

Lasst uns den Gerechten unterdrücken, der in Armut lebt, die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen! Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz.

Lasst uns dem Gerechten auflauern! Er ist uns unbequem und steht unserem Tun im Weg. Er wirft uns Vergehen gegen das Gesetz vor und beschuldigt uns des Verrats an unserer Erziehung. Er rühmt sich, die Erkenntnis Gottes zu besitzen, und nennt sich einen Knecht des Herrn. Er ist unserer Gesinnung ein Vorwurf, schon sein Anblick ist uns lästig; denn er führt ein Leben, das dem der andern nicht gleicht, und seine Wege sind grundverschieden. Als falsche Münze gelten wir ihm; von unseren Wegen hält er sich fern wie von Unrat. Das Ende der Gerechten preist er glücklich und prahlt, Gott sei sein Vater.

Wir wollen sehen, ob seine Worte wahr sind, und prüfen, wie es mit ihm ausgeht. Ist der Gerechte wirklich Sohn Gottes, dann nimmt sich Gott seiner an und entreißt ihn der Hand seiner Gegner. Durch Erniedrigung und Folter wollen wir ihn prüfen, um seinen Gleichmut kennenzulernen und seine Widerstandskraft auf die Probe zu stellen. Zu einem ehrlosen Tod wollen wir ihn verurteilen; er behauptet ja, es werde ihm Hilfe gewährt.

So denken sie, aber sie irren sich; denn ihre Schlechtigkeit macht sie blind. Sie verstehen von Gottes Geheimnissen nichts, sie hoffen nicht auf Lohn für Heiligkeit und erwarten keine Auszeichnung für untadelige Seelen. Denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören.“ (Weisheit 2)

Über blinde Flecke und säkulare Dogmen

Gelegentlich hat man auch von seinen katholischen Glaubensgenossen mal genug. Nicht von allen vielleicht; aber wenn man in seinen Facebookgruppen irgendwann zu viele Aufrufe, zur Rettung des Abendlandes täglich den Rosenkranz zu beten, und kitschige Heiligenbilder, unter denen jeweils drei bis fünf Leute mit „Amen!!!“ und ❤ ❤ ❤ kommentiert haben,  kriegt, nervt es schließlich. Dazu kommen dann immer wieder reflexhaft-antifeministische Wortmeldungen, das ewig gleiche Gemecker über EKD, DBK und das deutsche Kirchensteuersystem (was haben da alle dagegen?? Also gegen Letzteres), mir persönlich etwas zu große ökumenische Nähe zu gewissen Freikirchen, die grausige Worship-Songs singen, pausenlos davon reden, sich in Jesus zu verlieben und manchmal dazu neigen, Katholiken nicht für Christen zu halten, oder auch diese unerträgliche Franziskus-Fanbegeisterung, die aus mir unbekannten Gründen immer noch anhält. Kurz gesagt: Manchmal fühlt man sich aus den verschiedensten Gründen, als bräuchte man ein bisschen Abstand.

Die eigenen Leute nerven manchmal; aber dann, so habe ich gemerkt, muss man nur lange genug beim ideologischen Gegner herumhängen, um zu merken, wieso man trotz pseudo-inspirierender Sprüche, trotz Glaubensgeschwistern, die die falsche Partei wählen, oder trotz in neongrün leuchtender Herz-Jesu-Bilder katholisch ist.

Ich habe in letzter Zeit öfter amerikanische Blogs gelesen, die das evangelikale / konservative / fundamentalistische Christentum von einem atheistischen oder liberal-christlichen Standpunkt aus kritisieren und die allgemein feministische und „linke“ (für amerikanische Verhältnisse) Meinungen vertreten. (Weder „links“ noch „feministisch“ widersprechen natürlich an sich schon dem katholischen Glauben – es kommt darauf an, wie man beides definiert.) Und da liest man oft Interessantes; auch mal Interessantes über Fehlentwicklungen in bestimmten Gemeinden / Kirchen, die wir in unserer am besten vermeiden sollten. Der beliebte Blog „Love, Joy, Feminism“ (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/ ) wäre ein gutes Beispiel: Bloggerin Libby Anne ist in einer evangelikalen Familie mit einem Dutzend Kindern aufgewachsen, in der man an das Patriarchat glaubte und in der die Kinder zuhause unterrichtet und körperlich gezüchtigt wurden, wenn sie nicht sofort und ohne Widerspruch gehorchten. Inzwischen ist sie Atheistin (dem Christentum gegenüber aber nicht grundsätzlich feindselig eingestellt) und erzieht ihre eigenen Kinder auf andere Weise. Sie schreibt sowohl über ihre eigenen Erfahrungen als auch über allgemeine Entwicklungen im amerikanischen Christentum und der amerikanischen Politik; am interessantesten finde ich persönlich ihre detaillierten Besprechungen von Büchern wie „Created to be his helpmeet“ von Debi Pearl (wage es nicht, deinem Mann nicht zu gehorchen, solange er von dir nicht gerade verlangt, ihm bei einem Bankraub zu helfen), „To train up a child“ von Michael Pearl (gute Christen müssen fünf Monate alte Babys mit Gummischläuchen schlagen, um ihnen Gehorsam beizubringen), oder „A voice in the wind“ von Francine Rivers (ein historischer Liebesroman, der im alten Rom spielt, mehr oder weniger „Twilight“ für christliche Teenager). Andere Beispiele wären Samantha Fields Blog (http://samanthapfield.com/ ) – Field ist eine sehr liberale Christin, die ebenfalls aus konservativeren Kreisen kommt – oder das Gemeinschafts-Blogprojekt „No longer quivering“ (http://www.patheos.com/blogs/nolongerquivering/ ), das vor allem das randständige, extrem konservative Quiverfull Movement kritisiert.

Wie gesagt: Ich habe auf solchen Blogs manche interessante Sachen gelesen. Besonders zum Thema „geistlicher Missbrauch“, also dem Missbrauch von religiöser Autorität, um Anhängern zum Beispiel Angst davor zu machen, einem Pastor oder einem Familienmitglied nicht zu gehorchen, um sie dazu zu bringen, Probleme in der Gemeinde unter den Teppich zu kehren, o. Ä., wird hier immer wieder Interessantes geschrieben (es gibt übrigens auf der interreligiösen Plattform Patheos auch einige katholische Blogger, die das Thema öfter mal ansprechen, vor allem Mary Pezzulo: http://www.patheos.com/blogs/steelmagnificat/ ). Oder auch die Auswüchse dessen, was in den USA als „purity culture“ bezeichnet wird – wozu gehören kann, Mädchen, die vor der Ehe Sex gehabt haben, mit angebissenen Schokoriegeln zu vergleichen, oder nicht nur sexuelle „Reinheit“ (wozu für manche Christen kein Körperkontakt vor der Hochzeit gehört… kein Kommentar), sondern auch emotionale Reinheit zu verlangen, weshalb man bitteschön darauf aufpassen soll, mit jemandem, mit dem man noch nicht verheiratet ist, eine zu tiefe emotionale Verbindung aufzubauen, schließlich wäre es schrecklich, wenn man einen Teil seines Herzens an jemanden weggegeben hätte, den man am Ende nicht heiratet. Während das noch irgendwie lachhaft wirkt, ist es schlimm, zu lesen, wie zum Beispiel die Beratungsstelle ihrer christlichen Universität reagierte, als Samantha Field versuchte, darüber zu sprechen, dass ihr Ex-Verlobter sie vergewaltigt hatte (https://www.xojane.com/issues/samantha-field-pensacola-christian-college-rape-stalking ) – welchen Anteil sie denn an der Sünde gehabt hätte? Und außerdem sollte sie ihrem Ex vergeben, sonst würde sie „bitter“ werden und ihre Beziehung zu Gott schädigen. Ähm… ja.

Ich habe auch Interessantes über feministische Theorien im Allgemeinen oder politische Debatten in den USA um Waffengesetze, Naturschutz oder Krankenversicherung erfahren. Konservative, die Republikanische Partei wählende Christen tendieren dort ja oft dazu, alle staatlichen Vorschriften und Einschränkungen für Tyrannei zu halten, während Liberale für mehr Regulierung und Sozialstaat sind. Und hier ist die liberale Position aus unserer europäischen Sicht ja oft die einzig vernünftige – wie kann man nur dagegen sein, eine allgemeine Krankenversicherung oder bezahlten Mutterschaftsurlaub einzuführen oder zu kontrollieren, ob jemand ein Krimineller ist, bevor man dem eine Waffe verkauft? Dann gibt es zum Beispiel auch Artikel, die kreationistische Behauptungen widerlegen; auch spannend. Der Kreationismus ist ja eine dieser theologischen Ideen, die ich besonders hasse, weil sie unseren Glauben bescheuert aussehen lassen und im Grunde genommen Fideismus propagieren.

Aber dann dauert es auch wieder nicht lange, bis man sich fragt: Wie kann das sein? Eben noch redet ihr von Respekt vor allen Menschen und Mitgefühl mit den an den Rand Gedrängten und jetzt… das?

Geschenkt, dass einige als „non-religious“ deklarierte Blogs sich hauptsächlich damit beschäftigen, Dinge aus der christlichen Welt herauszusuchen, über die sie sich aufregen können, statt eine eigene Botschaft zu verkünden, und sich dabei auch nicht immer Mühe geben, zu verstehen, was dieser und jener Christ eigentlich gemeint hat. Geschenkt, dass das wohlige Gefühl, besser zu sein als diese heuchlerischen, legalistischen Fundamentalisten, sich in den Kommentarspalten gelegentlich deutlich zeigt. Geschenkt, dass manchmal so getan wird, als wären alle, die anderer Meinung sind, entweder böse oder Idioten. Das alles ist alles andere als ideal (es kann leicht in die Wurzelsünde Hochmut übergehen), aber Zorn über das Böse ist ja an sich nicht von Grund auf schlecht. Auch geschenkt, dass Mrs. Field zum Beispiel sehr kreativ in ihrer Bibelinterpretation werden kann (Orpah, die unwichtige, nicht wirklich schlechte, vor allem aber an ihre eigenen Interessen denkende Nebenfigur aus dem Buch Ruth soll eine Heldin sein? Bitte? (http://samanthapfield.com/2017/09/25/finding-new-meaning-in-familiar-characters/ )).

Seltsamer wird es zum Beispiel, wenn Leute sich nicht sicher zu sein scheinen, was sie als Feministinnen von (freiwilliger) Prostitution, (freiwilliger) Produktion von Pornographie, dem Konsum von Pornographie, Sadomasochismus oder offenen Beziehungen halten sollen. Das Prinzip der „consenting adults“ wird in der liberalen Sexualethik ständig betont; ein Lehrer, der sich an eine Fünfzehnjährige heranmacht, oder ein Mann, der seiner Freundin Druck macht, Sexpraktiken auszuprobieren, die sie nicht ausprobieren möchte – solche Leute sind klar die Bösen. Aber wenn eine Frau sich ganz frei und emanzipiert für „Sexarbeit“ entscheiden möchte, kann das dann falsch sein? Facepalm. (Genau diese Einstellung hat Deutschland durch die Legalisierung der Prostitution übrigens zum Paradies für Menschenhändler gemacht, just saying. Ich sage ja nicht, dass es nie freiwillige Prostitution gibt, aber seien wir mal realistisch.) Dass es Dinge gibt, die in sich erniedrigend sind, die man einfach nicht mit sich machen lassen sollte, diese Vorstellung erscheint gar nicht auf dem Radar. Dass „consent“ eine unabdingbare Mindestvoraussetzung, aber kein allein ausreichendes Kriterium ist: Das kommt diesen Leuten nicht in den Sinn. Ein meiner Meinung nach ziemlich ironisches Beispiel bietet Libby Anne von „Love, Joy, Feminism“ hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2013/10/ctbhhm-dont-talk-to-me-about-pain.html ), wo sie die Vorstellung einer Debi Pearl (einer Vertreterin des Christian Patriarchy Movement), dass Frauen ihren Ehemännern grundsätzlich und immer, wenn die es wollten, Sex zu liefern hätten, kritisiert – und dann sagt, dass, wenn zwei Partner unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse hätten, sie zuallererst miteinander kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen sollten, dass aber, wenn das nicht helfe „einige Optionen eine offene Ehe oder sogar Scheidung einschließen“. Aha. Heißt das jetzt, etwas auf die Spitze getrieben, dein Mann darf dich zwar nicht vergewaltigen, aber dafür betrügen oder verlassen?

Aber das schlimmste Beispiel ist natürlich eins, das nicht in den Bereich des sechsten, sondern des fünften Gebotes fällt: Abtreibung. Ich kann nicht verstehen – und habe nie verstanden, auch nicht, als ich noch nicht besonders religiös war – wie man der Meinung sein kann, eine Abtreibung könnte in Ordnung oder sogar etwas Gutes sein. [Note: Ich will mit alldem, was ich jetzt sagen werde, nicht leugnen oder ignorieren, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine Belastung, in manchen Fällen eine sehr schwere Belastung, sein kann. Auch ein geborenes Kind kann eine schwere, für manche Menschen eine sehr schwere Belastung sein – und es ist nicht recht, es zu töten. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen, die Abtreibungen hinter sich haben, manchmal sicher dachten, sie tun für alle das Beste. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen es sich für gewöhnlich nicht leicht machen, wenn sie sich für eine Abtreibung entscheiden. Das alles ist wahr. Und natürlich kann es immer Heilung und Vergebung geben. Aber das macht die Sache an sich nicht besser. Für Frauen in schwierigen Situationen gibt es andere, bessere Hilfe als Abtreibungen – zum Beispiel hier: https://www.profemina.org/ ]

Abtreibung: Man reißt einen kleinen Menschen mit Metallinstrumenten oder Saugluft auseinander oder gibt ihm eine Giftspritze ins Herz; wie kann das, egal aus welchem Grund, etwas Gutes oder auch nur ein notwendiges Übel sein, das man um des größeren Wohls – oder des Wohls größerer Menschen – willen in Kauf nehmen müsste? Wir wissen, dass es ein kleiner Mensch ist; wir wissen, dass ein Embryo nach der Befruchtung sich nur noch weiterentwickeln muss, ebenso, wie er sich nach der Geburt noch weiterentwickeln muss; wenn ein Embryo in der zehnten Woche weniger wert ist als ein Neugeborenes, muss logischerweise auch ein Neugeborenes weniger wert sein als ein Dreijähriger und ein Dreijähriger weniger als ein Achtzehnjähriger. Wir treiben manche Menschen (vor allem behinderte Menschen) inzwischen im selben Lebensstadium ab, in dem wir andere Menschen in Brutkästen am Leben erhalten. Das sind biologische Tatsachen. Noch sind natürlich wenige Abtreibungsbefürworter so konsequent, diese Tatsachen anzuerkennen, aber das werden sie wahrscheinlich noch irgendwann tun (Peter Singer zum Beispiel ist einer, der es bereits tut); wir sind mit der allmählichen Legalisierung der Euthanasie auf dem besten Weg dazu, die letzten Reste des Lebensrechts auch noch für geborene Menschen auszuhöhlen. Man kann Abtreibung natürlich auch mit dem Argument verteidigen, dass das Baby sich nicht einfach im Körper der Mutter einnisten dürfte, wenn sie das nicht wollte, weil es schließlich ihrer sei – wobei sie ja in den allermeisten Fällen nicht ganz unschuldig daran ist, dass es da gelandet ist; wer Sex hat muss immer mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft rechnen – ; damit würde man natürlich ganz elegant auch ein Argument dafür liefern, dass einer von zwei siamesischen Zwillingen den anderen umbringen darf. Wer hat das Recht, Platz in meinem Körper für sich zu beanspruchen? Wenn einer das wagt, bringe ich ihn um. Genau dieses Argument bringt beispielsweise Libby Anne hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2012/12/the-anti-abortion-movement-erasing-women-edition.html ): Die Lebensrechtsbewegung lösche in ihrer Propaganda die Frauen und deren Rechte aus und spreche nur über die Rechte von Zygoten, Embryonen, Föten. Nicht völlig falsch, würde ich sagen, denn darum geht es: die Zygoten, Embryonen, Föten sind die, die getötet werden sollen; sollte man also nicht über sie sprechen? Libby Anne ihrerseits erwähnt in ihrem Artikel kein einziges Mal die Rechte der Zygoten, Embryonen, Föten als irgendwie relevanten Faktor. (Sie erwähnt allerdings, dass die Lebensrechtsbewegung die Frauen doch nicht ganz ignoriere – aber wenn die Frauen von Lebensrechtlern als „hilflose ausgebeutete Opfer“ dargestellt würden, ist ihr das offensichtlich auch nicht recht. Es geht ja nicht an, dass eine Frau, die verzweifelt genug ist, ihr Kind töten zu lassen, (auch) ein Opfer sein könnte.)

Die meisten Argumente für ein Recht auf Abtreibung, die man heutzutage liest, versuchen natürlich, neben dem Fokus auf „körperlicher Selbstbestimmung“, auch, irgendwie eine Minderwertigkeit des ungeborenen Kindes zu konstruieren, weil es für die meisten Leute einfach nicht machbar wäre, klar zu sagen „Ja, eine Mutter darf ihr Kind töten lassen, solange es noch in ihrem Bauch ist, wenn sie das will“, wenn sie das Kind als gleichwertige Person anerkennen müssten. Es ist das klassische „Nicht alle Wesen, die biologisch Menschen sind, sind Personen„-Argument: Menschen im frühesten Lebensstadium – in dem sie übrigens nicht abgetrieben werden, da die Schwangerschaft in diesem Stadium noch nicht erkannt ist – sehen wie kleine Klümpchen aus und man kann sie zum Teil erst unter dem Mikroskop erkennen, und deshalb scheinen manche Leute geneigt zu sein, sie als „Nicht-Personen“ abzustempeln; aber ob ein Mensch ein Mensch ist, hängt nicht davon ab, ob er so aussieht, wie ich mir einen Menschen vorstelle (und auch nicht davon, ob er sich jemals so weit entwickeln wird, dass er so aussehen wird). Es gab Zeiten (frühe Neuzeit – 20. Jahrhundert), da stellten manche Leute sich vor, dass ein vollwertiger Mensch, eine menschliche Person, eine weiße Hautfarbe zu haben hatte. Wie muss eine „Person“ aussehen? Was sind denn „Personen“? Sind Neugeborene, Demente, geistig Behinderte „Personen“? Bei dem Nicht-Personen-Argument wird zwangsläufig auch oft mit Verdrehungen gearbeitet und vom Thema abgelenkt. Man nehme zum Beispiel das altbekannte Gedankenspiel: „Wenn du aus einem brennenden Gebäude eine Petrischale mit mehreren Zygoten oder ein neugeborenes Baby retten könntest, würdest du doch sicher das neugeborene Baby nehmen, oder???? Also sind Zygoten keine lebenswerten Personen.“ Ähm, hm, weiß nicht, wen ich retten würde. Bin ich als Elternteil o. Ä. für das Baby oder die Zygoten verantwortlich? Würde das Baby unter Schmerzen sterben? Wie viele Zygoten sind es? Würden die Zygoten später einer Frau eingesetzt oder wahrscheinlich sowieso für die medizinische Forschung getötet werden? Hätte ich in so einer Situation überhaupt die Ruhe, vernünftig zu durchdenken, wen ich rette? Aber, am wichtigsten: In einer Situation, in der es darum geht, die eine oder die andere(n) Person(en) vor dem Tod zu retten, gibt es nur zwei richtige Möglichkeiten; in einer Situation, in der es dagegen darum ginge, die eine oder die andere(n) Person(en) aktiv zu töten [Notwehr und Nothilfe ausgenommen] gäbe es nur zwei falsche Möglichkeiten. Wenn ich ein neugeborenes Kind und eine alte Frau mit derselben potenziell tödlichen Krankheit vor mir habe, aber nur Medizin genug für einen von ihnen, wen rette ich dann? Egal, wie ich antworte: Die Antwort impliziert nicht, dass dann logischerweise auch Infantizid oder Euthanasie an Alten gerechtfertigt wäre, weil ich entweder das Kind oder die alte Frau sterben lassen würde. So kann man eine Debatte verunklaren und vom eigentlichen Thema – gibt es ein unveräußerliches Lebensrecht für alle Menschen oder nicht? – ablenken.

Ein anderer blinder Fleck bei solchen Leuten ist beispielsweise auch der Islam. Man ist anti-rassistisch und diese Religion wird irgendwie mit Ausländern in Verbindung gebracht, die eine dunklere Hautfarbe haben und aus eher ärmeren Ländern stammen (obwohl – Saudi-Arabien?). Außerdem ist man gegen die Konservativen, die sich vor dem Islam ängstigen, und der Feind meines Feindes ist mein Freund: Also muss der Islam zumindest an sich harmlos sein, oder jedenfalls „auch nicht schlimmer“ als das Christentum. Muslime sind die Unterdrückten und wir stehen auf der Seite der Unterdrückten. Die lange Geschichte islamischer Reiche als mächtige, versklavende, kolonialisierende Imperien (genau das, was man eigentlich so ausdrücklich verabscheut), die Sklavenjagden im Sudan, die Harems, die Judenpogrome (oder der heutige islamische Antisemitismus), das alles ist wieder nicht auf dem Schirm.

Ähnliches gilt für den Kommunismus. Man leugnet Stalins Verbrechen nicht unbedingt, aber irgendwie… sympathisiert man ein bisschen mit dieser Bewegung, unterschwellig zumindest. Feind-meines-Feindes. Waren die Kommunisten nicht wenigstens auf der Seite der Armen? Ja, genauso, wie der IS auf der Seite Gottes ist.

Und so häufen sich die Ungereimtheiten und die Widersprüche und man fragt sich: Wo habt ihr eigentlich eure Weltanschauung her? Auf welchen Prinzipien beruht sie? Wie begründet ihr die?

Ich habe den Verdacht, dass liberale Christen und Atheisten / Agnostiker / säkulare Menschen nicht deshalb für ein Recht auf Abtreibung – oder für legale Prostitution, oder für eine Akzeptanz von Polyamorie – sind, weil sie sich selbst davon überzeugt haben; sondern weil sie ein Glaubenssystem (vielleicht zu Recht? Je nachdem, welcher Kirche oder Religion sie angehört haben) abgelehnt und dafür ein anderes angenommen haben – mit all seinen unerklärlichen Dogmen. Und da diese Dogmen ganz relativistisch nicht durch Traditionen oder heilige Schriften begründet, sondern durch die gegenwärtige öffentliche Meinung bestimmt sind, können sie sich leider auch jederzeit ändern und machen nicht unbedingt in sich Sinn. Die „Person“-Definition der säkularen öffentlichen Meinung zum Beispiel ist nicht durchdacht; entweder sind alle Mitglieder der biologischen Spezies Mensch Personen, oder wir haben außer Ungeborenen noch weitere Ausnahmen. Trotzdem reagiert man empört auf jeden, der das eine oder das andere behauptet.

Die liberalen Christen und Atheisten aus meinen Beispielen sind nicht böswillig; sie sind sogar idealistisch. Sie sind auch nicht dumm. Aber sie haben so offensichtliche blinde Flecke, deren Existenz ich einfach nicht begreife. Es gibt ein paar Punkte unter meinen Überzeugungen, bei denen ich es verstehen könnte, wenn ein nichtgläubiger Mensch sie nicht einfach so nachvollziehen könnte – ein absolut geltendes Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung, zum Beispiel. Aber wie kann ein normaler Mensch bei Dingen wie Pornographie, Ehebruch, Abtreibung nicht instinktiv mit Abscheu reagieren? Hier werden doch natürliche Reaktionen durch die Richtinstanz über das Dogma – die öffentliche Meinung oder die Meinung der vorrangigen Intellektuellen der eigenen Seite – abgewürgt. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Also gebt mir ruhig die zeternden Rosenkranzbeter, die von Fatima und dem Erzengel Michael reden, oder die Charismatiker mit ihren in die Luft gestreckten Händen und ihren Gitarren, oder die Tradis, die über weibliche Ministranten die Nase rümpfen. Lasst uns über die EKD meckern, so viel wir wollen! Das hat im Grunde schon seine Berechtigung. Ich nehme gerne die Unvollkommenheiten in der Umsetzung des katholischen Glaubens bei den Menschen, die wie ich katholisch sind, in Kauf, wenn ich dafür nur den katholischen Glauben habe.

Der katholische Glaube macht Sinn. Er ist ein logisches System, in dem sich alles zusammenfügt. Ich weiß, was ich denke, und ich weiß, wie es sich begründet. Ich weiß, wieso ich alle Menschen für wertvolle Personen halte – weil sie alle von Gott geliebt und mit einer unsterblichen Seele ausgestattet sind. Das ist mein Dogma, für das ich wiederum Gründe habe. Atheisten wissen letztlich nicht, wieso sie an eine Menschenwürde für alle (oder fast alle) Menschen glauben, wenn sie es tun; es handelt sich um einen Glauben, der auf Sand gebaut ist.

Glauben, meinen, wissen und nicht-interessiert-sein

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich auf Facebook ein Meme irgendeiner atheistischen Gruppe gesehen; ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut des Spruchs darauf, aber die Aussage jedenfalls war irgendetwas in der Art, dass es eine Ansicht kein bisschen wahrer oder wahrscheinlicher mache, dass man dran „glaube“. Dazu dachte ich mir hinterher: „Hm, ist ja schön, wenn ihr ein fideistisches Glaubensverständnis attackiert, aber könntet ihr bitte so nett sein, dabei zu erwähnen, dass das nicht das Glaubensverständnis aller gottesgläubigen Menschen ist, da z. B. die katholische Kirche ein solches Glaubensverständnis ausdrücklich ablehnt?“

Jeder informierte Katholik sollte der Aussage dieses Memes ohne Probleme zustimmen können.

Man könnte nun sagen, ehe man Memes auf Facebook verbreitet, sollte man sich erst einmal informieren. Aber das Missverständnis, dem diese Atheisten-Gruppe aufgesessen ist, ist ja weit verbreitet, und zugegebenermaßen ist das nicht nur die Schuld von Atheisten, die sich nicht ordentlich über das informieren, was sie angreifen, sondern auch die von Christen, die ihren eigenen Glauben oft nicht mehr wirklich kennen und vermitteln können, und selten klarmachen, was der Unterschied zwischen „glauben“ und „meinen“ ist, und dass „glauben“ im christlichen Sinne eben nicht ein „nicht-wissen“ bedeutet.

Ich bin hier schon einmal darauf eingegangen https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/wie-man-zum-glauben-kommt/, wiederhole es aber gerne noch einmal:

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

Diese Thesen musste der des Fideismus verdächtigte Theologe Louis-Eugène-Marie Bautain im Jahr 1840 auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben, damit sein Werk nicht kirchlich verurteilt wurde.

Louis Eugène Marie Bautain

(Louis-Eugène-Marie Bautain, Wikimedia Commons)

Die Kirche beschäftigte sich zu dieser Zeit dann auch noch weiter mit solchen in manchen traditionalistischen Kreisen verbreiteten fideistischen Thesen. 1844 musste Bautain wieder eine Erklärung unterschreiben, und 1855 erließ die Indexkongregation ein Dekret gegen die Ansichten eines anderen Theologen namens Augustin Bonnetty. Dessen Text lautet:

  1. Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit, eine Gegensätzlichkeit zwischen ihnen angetroffen werden; denn beide stammen von ein und derselben unveränderlichen Quelle der Wahrheit, dem unendlich guten und großen Gott, und leisten sich so wechselseitig Hilfe.
  2. Schlussfolgerndes Denken kann die Existenz Gottes, die Geistigkeit der Seele und die Freiheit des Menschen mit Gewissheit beweisen. Der Glaube ist später als die Offenbarung und kann daher nicht in angemessener Weise zum Beweis der Existenz Gottes gegenüber dem Atheisten oder zum Beweis der Geistigkeit der vernunftbegabten Seele und der Freiheit gegenüber dem Anhänger des Naturalismus und Fatalismus angeführt werden.
  3. Der Gebrauch der Vernunft geht dem Glauben voran und führt den Menschen mit Hilfe der Offenbarung und der Gnade zu ihm hin.
  4. Die Methode, derer sich der heilige Thomas, der heilige Bonaventura und andere Scholastiker nach ihnen bedienten, führt nicht zum Rationalismus und war nicht der Grund dafür, dass bei den heutigen Schulen die Philosophie zum Naturalismus und Pantheismus neigt. Daher darf man jenen Lehrern und Magistern nicht zum Vorwurf machen, dass sie diese Methode – zumal mit Zustimmung oder wenigstens stillschweigender [Duldung] der Kirche – benutzten.

Das ist das Glaubensverständnis der katholischen Kirche. Alles klar? An Gott zu glauben, obwohl man nicht genau weiß, ob es ihn überhaupt gibt, oder gar wider die Vernunft an Gott zu glauben – das wäre Fideismus, ein von der Kirche verurteiltes Glaubensverständnis.

„Glaube“ (fides) meint „Vertrauen“, „Treuebindung“ – nicht „meinen“. Ehe man an den dreifaltigen Gott „glauben“ (d. h. auf ihn vertrauen, sich an ihn binden) kann, muss man durch Vernunftgründe davon überzeugt sein, dass Er überhaupt existiert und sich in Jesus Christus offenbart hat. Intellektuelle Überzeugung von der Wahrheit des Christentums geht dem „Glauben“ voraus.

Sicher ist das in der Praxis nicht immer der Fall – wenn man z. B. katholisch aufgezogen wird, wird man erst einmal seinen Eltern einfach abnehmen, dass es den lieben Gott gibt und idealerweise durch Gebet, Empfang der Sakramente etc. eine Beziehung zu Ihm aufbauen, und später dann erst Argumente für diese Überzeugung kennenlernen; aber das ist ja bei allem, was man als Kind lernt, der Fall; erst einmal wird man seinen Eltern auch ohne Beweise abnehmen, dass die Erde rund ist, man von zu viel Süßigkeiten Bauchweh kriegt, man die Katze nicht am Schwanz ziehen sollte und es in Afrika Löwen und Giraffen gibt. Aber das alles sind Überzeugungen, für die es durchaus logische Begründungen und Beweise gibt, und an die man nicht glauben sollte, wenn sie den Tatsachen oder der Vernunft widersprächen, und an die man auch als Kind aus einem recht vernünftigen Grund heraus glaubt (aus der Erfahrung, dass das, was die Eltern sagen, vertrauenswürdig ist). Dasselbe gilt für die Überzeugung von der Existenz Gottes.

Dass die Bedeutung des Wortes „glauben“ oft nicht recht vermittelt bzw. verstanden wird, ist mir z. B. auch bei dem Projekt „Valerie und der Priester“ (https://valerieundderpriester.de/) schon öfter aufgefallen, das ich in den letzten Monaten regelmäßig verfolgt habe. Dabei begleitet eine eher kirchenferne junge Journalistin ein Jahr lang einen Priester und berichtet dann auf einem Blog und über die sozialen Medien darüber. Sehr oft, wenn auch nicht immer, bewegt sich das, was Valerie hier über den Glauben von Kaplan Franziskus von Boeselager und auch den anderer Menschen, die sie in der katholischen Welt so trifft, schreibt (oder auch, was diese selbst direkt von sich sagen), eher auf der Ebene von „Beten hilft mir, die christliche Nächstenliebe ist mir wichtig, die Kirche ist Heimat für mich, der Glaube gibt mir Halt“ – was ja alles wahr ist, aber auch etwas Wichtiges, Grundsätzliches ausklammert.

Der Glaube ist nicht nur eine Lebenshilfe. Bevor er das sein kann, muss er erst einmal wahr sein. (Wobei natürlich auch Erfahrungsargumente („Ich habe im Gebet Gottes Nähe erfahren“) als Gründe für den Glauben nicht völlig ausgeklammert werden sollten, das sage ich gar nicht. Aber es braucht auch die äußeren, intellektuellen Argumente. Erfahrung allein reicht nicht.) Ich habe manchmal das Gefühl, Valerie betrachtet das Ganze eher so mit einem distanzierten „Aha, interessant, dass es Leute gibt, denen diese Idee von Gott so viel bedeutet und hilft“; aber hat sie sich dabei schon einmal die Frage gestellt: „Könnte es denn sein, dass es wahr ist, woran diese Leute glauben?“?

Ich weiß es nicht. Sie wird auch wahrscheinlich bei diesem Projekt nicht sämtliche ihrer innersten Gedanken ausschütten (täte ich auch nicht); aber manchmal habe ich den Eindruck, sie sieht den Katholizismus als etwas so Exotisches und ihre eigene Weltanschauung (die ich unter die Kategorie „individualistischer Säkularismus“ einordnen würde, und die man noch konkreter als links-feministisch beschreiben könnte – wobei letzteres ja eigentlich nur die politische Seite bezeichnet, und man auch als Katholik gewisse linke oder feministische Positionen teilen kann, wenn man will – dazu vielleicht ein andermal) als so selbstverständlich, dass ihr der Gedanke gar nicht kommt, dass der Katholizismus etwas sein könnte, das wahr sein und eine Bedeutung auch für sie haben könnte, anstatt etwas, das man von außen studiert, wie ein überzeugter Christ einen antiken babylonischen Kult studieren würde. Dabei habe ich aber eben gerade nicht den Eindruck, dass sie schon längst aus bestimmten, durchdachten Gründen von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt ist (dann wäre eine solche Distanz zu der Welt, über die sie berichtet, völlig logisch), sondern eher den, dass Gott für sie etwas ist, das einfach keine Rolle spielt.

Das ist allgemein, habe ich so das Gefühl, viel häufiger der Grund, wieso Menschen nicht an Gott glauben, als überzeugter Atheismus. Sie sind an dem Thema nicht interessiert.

Und Desinteresse an der Wahrheit ist, finde ich, nun wirklich ein Gegensatz sowohl zum Wissen als auch zum Glauben als auch zum bloßen Meinen. Das ist eine Kategorie, mit der man sich ganz außerhalb der Frage nach der Wahrheit stellt.

 

(Beide oben zitierten Texte finden sich im „Denzinger“, dem von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann herausgegebenen „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009.)

Einfältige, Sklaven, Weiber und Kinder

Ich bin ja immer für Ehrlichkeit in der Apologetik. Auch unsere Gegner und Kritiker haben nicht immer Unrecht, und wenn sie einmal Recht haben, muss man es auch ganz offen und ehrlich zugeben. Da darf man die Tatsachen nicht verdrehen.

In diesem konkreten Fall: Der antike Kirchenkritiker Kelsos (2. Hälfte 2. Jh.) warf den Christen seiner Zeit an einer Stelle seiner antichristlichen Polemik „Wahre Lehre“ (Alethes logos) vor, sie wollten „offenbar nur die einfältigen, gemeinen und stumpfsinnigen Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden, und vermögen dies auch“. Wir wollen daher einmal ganz ehrlich und unvoreingenommen prüfen, anhand einiger Vorbilder im Glauben, die unsere Kirche uns präsentiert, ob er denn Recht hat mit seinem Vorwurf, unsere Religion sei eine Religion nur für „einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, […] Sklaven, Weiber und Kinder.“

Fangen wir da beim Thema Sklaven an:

  • St. Onesimus: Ihn finden wir in der Bibel. Er war seinem Herrn Philemon, einem Christen, davongelaufen und traf Paulus in Rom. Paulus schickte ihn zu Philemon zurück und gab ihm einen Brief mit (eben den „Brief an Philemon“ im Neuen Testament), in dem er für Onesimus Fürsprache einlegte und um seine Freilassung bat. „Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. Früher konntest du ihn zu nichts gebrauchen, doch jetzt ist er dir und mir recht nützlich. Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz. […] Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst! Wenn er dich aber geschädigt hat oder dir etwas schuldet, setz das auf meine Rechnung! Ich, Paulus, schreibe mit eigener Hand: Ich werde es bezahlen – um nicht davon zu reden, dass du dich selbst mir schuldest. Ja, Bruder, um des Herrn willen möchte ich von dir einen Nutzen haben. Erfreue mein Herz; wir gehören beide zu Christus. Ich schreibe dir im Vertrauen auf deinen Gehorsam und weiß, dass du noch mehr tun wirst, als ich gesagt habe.“ (Phlm 8-12.15-21) Der Überlieferung nach wurde Onesimus tatsächlich freigelassen und wurde später als Nachfolger des Timotheus Bischof von Ephesus, und schließlich Märtyrer.
  • St. Anakletus: Der dritte Papst nach St. Petrus und St. Linus war wahrscheinlich ein Sklave oder ein Freigelassener. Er soll etwa von 76 bis 88 n. Chr. Bischof von Rom gewesen sein. Der Überlieferung nach ebenfalls Märtyrer.
  • St. Felicitas: Sie war eine Sklavin der reichen Römerin St. Perpetua; beide erlitten im Jahr 203 in Karthago zusammen das Martyrium. Ihre Geschichte ist sehr gut überliefert; Perpetua selbst schrieb im Gefängnis ihre Erlebnisse auf.
  • St. Benedikt „der Mohr“, auch Benedikt von San Fratello (1526-1589): Er war ein äthiopischstämmiger Sklave und wurde auf Sizilien geboren. Mit 18 Jahren wurde er aufgrund der treuen Dienste seiner Eltern freigelassen; ein paar Jahre später wurde er zuerst Eremit und schloss sich dann den Franziskanern an, wo er als Koch des Klosters fungierte. Gegen seinen Willen und obwohl er Analphabet war (wir erinnern uns: „einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen“), wählten seine Mitbrüder ihn später zum Oberen. Er stand im Ruf großer Heiligkeit und wurde während seines Lebens von Massen von ratsuchenden Menschen aus dem ganzen Land aufgesucht. Er soll seinen Todeszeitpunkt selbst vorhergesagt und noch andere Wunder vollbracht haben und wurde schon gleich nach seinem Tod sehr verehrt; seliggesprochen wurde er 1743 und heiliggesprochen 1807.
  • St. Josefine Bakhita (1869-1947): Sie wurde in einem Dorf im Sudan geboren und als Kind von Sklavenjägern verschleppt und in El Obeid und Khartoum mehrmals weiterverkauft. Durch das Trauma der Entführung vergaß sie ihren ursprünglichen Namen; „Bakhita“ (die Glückliche) ist der Name, den ihre Entführer ihr in einem Anflug von Zynismus gaben. In dieser Zeit erlebte sie bei verschiedenen Besitzern furchtbar brutale Behandlungen. Schließlich wurde sie von einem italienischen Konsul gekauft, der sie gut behandelte und schließlich nach Italien mitnahm. Dort gab er sie zur Familie eines Freundes, den Michielis, für deren Tochter sie als Kindermädchen diente. Zusammen mit dem Kind kam sie dann zeitweise in die Obhut eines Konvents der Canossianerinnen, wo sie den Glauben kennenlernte. 1890 ließ sie sich taufen. Als die Michielis sie wieder zu sich holen wollten, konnte sie durchsetzen, im Kloster zu bleiben (ein Gericht erklärte sie schließlich für frei); sie trat in den Orden ein, wobei sie den Namen Guiseppina annahm, und legte 1895 die ewige Profess ab. Sie war Pförtnerin im Kloster. Später wurde sie von ihrem Orden angeregt, ihre Erinnerungen aufzuschreiben und in den 30ern sprach sie in verschiedenen Klöstern in Italien über ihr Leben, um junge Ordensschwestern auf die Mission in Afrika vorzubereiten. Bei der Bevölkerung war sie bekannt als die „Santa madre moretta“ (heilige braune Mutter); 1992 wurde sie selig- und 2000 heiliggesprochen.
  • Ehrwürdiger Diener Gottes Augustine Tolton (1854-1897): Er wurde als Sklave in Missouri geboren. Sein Vater floh während des Bürgerkrieges, um sich den Truppen der Nordstaaten anzuschließen; auch seine Mutter floh ein wenig später mit ihren drei Kindern nach Quincy, Illinois. Der Vater starb noch vor dem Ende des Krieges an einer Krankheit und kehrte nie zu der Familie zurück. Augustine arbeitete in einer Tabakwarenfabrik in Quincy und ging im Winter in die Schule seiner Pfarrei. Sein Pfarrer Peter McGirr förderte seinen Wunsch, Priester zu werden; kein amerikanisches Seminar nahm ihn auf, aber schließlich konnte er stattdessen in Rom studieren. 1886 wurde er zum Priester geweiht; damit der erste schwarze Priester der USA. (James Augustine Healy, der später auch Bischof wurde, wurde zwar schon 1854 geweiht, aber Healy war „gemischtrassig“, und seine Abstammung war zwar seinen Vorgesetzten, aber nicht der Öffentlichkeit, bekannt, da er äußerlich als weiß durchgehen konnte.) Zuerst sollte Tolton in die Mission nach Afrika gehen, aber dann wurde er doch in die USA zurück geschickt. (Hier findet sich ein Bericht aus einer deutschen Missionszeitschrift von damals über seine Primiz in Quincy: http://die-missionen.blogspot.de/2011/12/primizfeier-des-ersten-schwarzen.html) Zuerst blieb er in Quincy, wo er aber bald mit Schwierigkeiten und Ablehnung zu kämpfen hatte; später wurde er nach Chicago versetzt, wo er eine Pfarrkirche für afroamerikanische Katholiken bauen ließ. Er starb mit nur 43 Jahren überraschend an einer Krankheit. Sein Seligsprechungsverfahren läuft derzeit. (Nähere Informationen dazu hier: http://www.toltoncanonization.org/default.htm)
  • St. Petrus Claver (1580-1654): Er war ein Apostel von Sklaven – ein spanischer Jesuit, der nach Cartagena, das Zentrum des südamerikanischen Sklavenhandels, ging, mit dem Schwur „allezeit Sklave der Negersklaven“ zu sein. Er ging auf die neu ankommenden Schiffe aus Afrika, sorgte für die Gefangenen dort mit Essen und Kleidung, pflegte die Kranken, predigte das Evangelium. 300.000 Menschen soll er in seinen vierzig Jahren dort getauft haben. Jedes Jahr um Ostern durchwanderte er die unwegsame Gegend, um die Sklaven auf dem Land aufzusuchen und ihnen die Sakramente zu spenden; er schlief dabei immer in ihren Hütten, und in Cartagena bestand er gegenüber den feinen spanischen Herrschaften darauf, dass eine Messe für Herren wie Sklaven gemeinsam gefeiert wurde; als ein paar Damen sich über den Gestank der Afrikaner in der Kirche beschwerten, erwiderte er, Gott müsse auch den Gestank der Sünden dieser Damen aushalten.
  • St. Petrus Nolascus (um 1182-1249/1256) und St. Raimund Nonnatus (1202-1240): Ersterer gründete den Orden der Mercedarier, der sich zur Aufgabe setzte, verschleppte Christen aus der Sklaverei von Muslimen loszukaufen, letzterer war sein wahrscheinlich bedeutendster Ordensbruder. Raimund legte, wie alle Mercedarier, den Schwur ab, notfalls als Geisel in der Hand der Muslime zu bleiben, wenn es zur Befreiung der Christen notwendig sei, und er war dann tatsächlich zeitweise in muslimischer Gefangenschaft. Dort predigte er allerdings fröhlich weiter das Evangelium, sodass man ihm mit einem Eisenpfahl die Lippen durchbohrt und seinen Mund mit einem Vorhängeschloss verschlossen haben soll. Schließlich konnte er von seinem Orden noch freigekauft werden, starb aber kurze Zeit später.
  • Wen gäbe es noch zu erwähnen? St. Serapion natürlich, einen Märtyrer der Mercedarier, und St. Patrick von Irland fiele mir ein, oh, ja, und Papst Calixt I., vielleicht könnte man noch die ehrwürdige Dienerin Gottes Henriette de Lille und St. Martin de Porres zählen…

Kommen wir nach den Sklaven zu den Kindern:

  • Heilige Unschuldige Kinder: Die dürfen natürlich nicht fehlen. Unsere allerjüngsten Heiligen.
  • St. Tarcisius: Der Patron der Ministranten. Er lebte in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts in Rom und war damit beauftragt, die Eucharistie zu den Kranken zu bringen. Als eine Gruppe heidnischer Jugendlicher ihn zwingen wollte, herzuzeigen und herauszugeben, was er da bei sich hatte, weigerte er sich; daraufhin wurde er zusammengeschlagen und getötet.
  • St. Agnes von Rom (gest. ca. 250): Agnes war erst 12 Jahre alt, als sie zur Märtyrerin wurde. Der Überlieferung nach weigerte sie sich, zu heiraten, da sie Jungfräulichkeit gelobt hatte; ziemlich viele Legenden ranken sich um ihr Martyrium. Sie ist sicherlich historisch (sie wurde schon im 4. Jahrhundert verehrt), aber wie viel Wahres an den Details ihrer Geschichte ist, weiß man nicht.
  • St. Maria Goretti (1890-1902): Sie war ein italienisches Bauernmädchen, das sich nach dem Tod ihres Vaters um den Haushalt und ihre jüngeren Geschwister kümmern musste, während ihre Mutter arbeitete. Als sie elf Jahre alt war, stellte Alessandro Serenelli, der Sohn ihres Nachbarn, ihr immer wieder nach und versuchte sie schließlich zu vergewaltigen; da sie sich heftig wehrte, stach er auf sie ein, sodass sie einen Tag später im Krankenhaus starb. Ehe sie starb, vergab sie ihrem Mörder, und sechs Jahre später, während er eine 30-jährige Zuchthausstrafe verbüßte, erschien sie ihm im Traum, woraufhin er bereute und sich bekehrte. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis bat er ihre Mutter um Vergebung und wurde Laienbruder in einem Franziskanerkloster. Maria Goretti ist übrigens die einzige mir bekannte Heilige, bei deren Heiligsprechung noch ein Elternteil dabei war. (Das war 1950.)
  • St. José Luis Sánchez del Rio (1913-1928): Er ist einer unserer wenigen Heiligen, die direkt an militärischen Auseinandersetzungen beteiligt waren – in seinem Fall am Cristero-Aufstand gegen die die Kirche verfolgende Regierung in Mexiko. Er war erst vierzehn, als er getötet wurde, und man hatte ihm daher nicht erlaubt, wirklich mitzukämpfen, aber schließlich hatte einer der Anführer der Cristeros ihn als Bannerträger aufgenommen. Er wurde in einem Kampf von den Regierungstruppen gefangen genommen und schließlich gefoltert und getötet, weil er sich weigerte, seinen Glauben abzulegen. (Man schlitzte ihm die Fußsohlen auf und ließ ihn auf ausgestreutem Salz hin und her laufen. Seine Peiniger boten ihm an, ihn zu verschonen, wenn er rufe: Tod, Christus dem König! Aber er rief den Ruf der Cristeros: „Viva Cristo Rey!“ – Es lebe Christus, der König! Am Ende wurde er dann per Kopfschuss getötet.) Am 16. Oktober 2016 erst wurde er heiliggesprochen.
  • Sel. Jacinta Marto (1910-1920) und sel. Francisco Marto (1908-1919): Den beiden Geschwistern erschien, zusammen mit ihrer Cousine Lucia dos Santos (die sehr lange lebte und erst 2005 starb; ihr Seligsprechungsverfahren läuft), im Jahr 1917 bei ihrem portugiesischen Heimatdorf Fatima die Gottesmutter, als sie gerade Schafe hüteten. Sie starben sehr jung an der Spanischen Grippe.
  • Ansonsten gäbe es noch St. Domenico Savio (1842-1857), oder die sel. Laura Vicuna (1891-1904), oder die sel. Imelda Lambertini (1321/22-1333)…

Zu den Weibern muss ich wahrscheinlich nichts sagen, oder? Ich meine, so angesichts der Tatsache, dass unsere allerhöchste Heilige eine Frau ist („gebenedeit unter den Frauen“), unser Herr nach seiner Auferstehung zuerst Frauen erschien, und auch fast nur Frauen bei Ihm unter dem Kreuz ausgeharrt hatten… (Nebenbei: Ich vermute mal, dass die Anzahl der kanonisierten Heiligen sich relativ geschlechtergerecht aufteilt, aber es war übrigens auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein Vorwurf der fortschrittlichen Denker gegen die katholische Kirche, dass ja eh bloß Weiber dahin gingen.)

Noch allgemein etwas zu den einfältigen, gemeinen und stumpfsinnigen Menschen? Na ja, da könnte man St. Jean-Marie Vianney, auch bekannt als Pfarrer von Ars, nennen, der während seiner Seminarzeit mit großen Lernschwierigkeiten – besonders in Bezug auf die lateinische Sprache – zu kämpfen hatte, oder auch „ungelehrte und einfache Leute“ (Apg 4,13) wie St. Petrus, den Apostelfürsten und ersten Papst…

Ist der Katholizismus also eine Religion nur für „einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, […] Sklaven, Weiber und Kinder“? Nun, ich würde behaupten, sicher nicht „nur“, aber definitiv „auch“!

Okay. Das war nun eine recht ausführliche Darlegung hierzu, aber ich will nun doch auch einmal wieder ernst sein. Der arme Kelsos verdient es ja schließlich, dass man ihm eine ernsthafte Antwort gibt. Das hat damals in der Antike Origenes getan – Kelsos’ Aussagen sind uns übrigens ausschließlich in Zitaten seiner christlichen Gegner wie Origenes überliefert. Daher hier einmal, für alle, die es noch interessiert, das, was Origenes in seinem Werk Contra Celsum dazu sagt (falls jemand jetzt verwirrt ist: Auf Griechisch nennt man ihn Kelsos, latinisiert ist das Celsus, und da die Titel sämtlicher antiker Werke bei uns im vom Mittelalter her lateinisch geprägten Westen im Allgemeinen auf Latein angegeben werden, wird auch Origenes’ ursprünglich auf Griechisch geschriebenes Werk mit dem lateinischen Contra Celsum betitelt):

„Celsus führt dann im folgenden die im Widerspruche zu der Lehre Jesu stehenden Äußerungen von einige wenigen Personen an, die zwar den christlichen Namen tragen, aber nicht zu „den Verständigeren“ wie er meint, sondern zu den Ungebildetsten zu zählen sind. Er sagt, „dass solche Anordnungen von ihnen getroffen würden: Kein Gebildeter komme heran, kein Weiser, kein Verständiger“; denn „solche Eigenschaften würden bei uns für übel angesehen. Sondern wenn einer ungelehrt, wenn einer unvernünftig, wenn einer ungebildet, wenn einer töricht ist, der solle getrost kommen. Indem sie solche Leute von vornherein als würdig ihres Gottes bezeichnen, wollen sie offenbar nur die einfältigen, gemeinen und stumpfsinnigen Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden, und vermögen dies auch.“ Darauf gebe ich zur Antwort: Jesus macht die Enthaltsamkeit zur Pflicht, indem er sagt: „Wer ein Weib ansieht mit Begierde nach ihr, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen“. Wenn man nun von so vielen Christen einige wenige, die für Christen angesehen werden, ein unsittliches Leben führen sähe, dann würde man ihnen mit vollstem Rechte den Vorwurf machen, dass ihr Leben der Lehre Jesu widerspricht, höchst unvernünftig würde man dagegen handeln, wenn man den Vorwurf, den diese verdienen, der Lehre Jesu machen wollte. Ebenso wird man, wenn sich findet, dass die Lehre der Christen so gut wie irgendeine zur Weisheit ermahnt, diejenigen tadeln müssen, die ihre eigene Unwissenheit verteidigen, und zwar nicht solche Dinge vorbringen, wie Celsus sie ihnen zuschreibt – denn wenn einige auch einfältig und unwissend sind, eine solche schamlose Sprache führen sie doch nicht -, sondern weit geringere Dinge, die aber immerhin geeignet sind, die Menschen von der Übung der Weisheit abwendig zu machen.

Dass es aber der Absicht unserer Lehre entspricht, wenn wir nach Weisheit streben, lässt sich aus den alten jüdischen Schriften nachweisen, die bei uns wie bei den Juden in Geltung sind, ebenso sehr aber auch aus jenen Schriften, die nach Jesus verfaßt sind und in den Gemeinden als göttliche anerkannt werden. [Alttestamentliche Stellen werden angeführt]

Unserer Lehre ist so sehr daran gelegen, Weise unter der Zahl ihrer Bekenner zu haben, dass sie, um den Verstand der Zuhörer zu üben, einige ihrer Wahrheiten in Rätseln, andere in den sogenannten dunklen Worten, und wieder andere durch Gleichnisse und andere durch gestellte Aufgaben verkündet. So spricht Hosea, einer der Propheten am Schlusse seiner Reden: „Wer ist weise und wird dieses verstehen? oder verständig und wird es erkennen?“. Daniel und die Männer, die mit ihm in der Gefangenschaft waren, machten auch in den Wissenschaften, denen zu Babylon die Gelehrten am Hofe des Königs oblagen, solche Fortschritte, dass sie sich anerkanntermaßen vor allen diesen „zehnfach“ auszeichneten. Auch bei Ezechiel wird dem Herrscher von Tyros, der auf seine Weisheit stolz war, gesagt: „Bist du weiser als Daniel? Ist dir nicht alles Verborgene gezeigt worden?“

[Weitere Bibelstellen]

Wahrscheinlich haben die Worte des Paulus im ersten Briefe an die Korinther, gerichtet an Griechen, die auf ihre griechische Weisheit sehr stolz waren, einige auf die Meinung gebracht, als ob unser Glaube von gebildeten Personen nichts wissen wollte. Wer solcher Meinung ist, der mag hören, dass der Apostel an jener Stelle niedrig gesinnte Menschen tadelt, die nicht für die geistigen, unsichtbaren und ewigen Dinge „weise“ seien, sondern sich nur mit dem Sinnlichen beschäftigten und darauf allen Wert legten; deshalb nennt er sie „Weise der Welt“. Nun gibt es aber viele Lehrmeinungen; die einen nehmen nur Stoff und Körper an und erklären auch alle die Wesen, denen ein höheres Sein zukommt, für Körper und leugnen, dass es außer diesen Körpern etwas anderes gäbe, mag man es nun „unsichtbar“ nennen oder als „unkörperlich“ bezeichnen. Diese Anschauungen nennt Paulus „Weisheit der Welt“, die zunichte und zur Torheit gemacht wird, und „Weisheit dieser Zeit“. Es gibt aber auch andere Lehrmeinungen, die die Seele von dem Streben nach dem Irdischen abziehen und zur Seligkeit bei Gott und zu seinem Reich erheben; sie wollen, dass der Mensch alles Sinnliche und Sichtbare als vergänglich verachte, aber zu dem Unsichtbaren hineile und das Nichtsinnliche zum Ziele nehme; diese bezeichnet er als „Weisheit Gottes“. In seiner Wahrheitsliebe aber sagt Paulus von einigen griechischen Weltweisen, dass sie da, wo sie der Wahrheit gemäß reden, „Gott erkannt, ihn aber nicht als Gott gepriesen, noch ihm gedankt haben“. Er gibt ihnen das Zeugnis, dass sie „Gott erkannt haben“ und erklärt zugleich, dass ihnen dies ohne göttliche Hilfe nicht möglich gewesen wäre, wenn er sagt: „Denn Gott hat es ihnen offenbart“. Wenn ich nicht irre, redet er hier geheimnisvoll von den Personen, die von den sichtbaren Dingen zu den geistigen emporsteigen, wenn er schreibt; „Das unsichtbare Wesen wird von Erschaffung der Welt her an seinen Werken durch das Denken gesehen, nämlich seine ewige Macht und Göttlichkeit, damit sie ohne Entschuldigung seien, weil sie Gott zwar erkannt, ihn aber nicht als Gott gepriesen, noch ihm gedankt haben“.

Der Apostel schreibt an einer anderen Stelle: „Sehet aber auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viel Weise nach dem Fleische, nicht viel Mächtige, nicht viel angesehene Leute. Sondern was vor der Welt töricht ist, hat Gott auserwählt, um die Weisen zu beschämen, und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt, und das, was nichts ist, um zunichte zu machen, was etwas ist, damit allem Fleische der Ruhm vor ihm benommen sei“. Es ist möglich, dass auch durch diese Worte einige zu der Meinung veranlasst worden sind, dass „kein Gebildeter, kein Weiser, kein Verständiger“ zu unserem Glauben komme. Einer solchen Meinung müssen wir entgegenhalten, dass der Apostel nicht schreibt: „Kein Weiser nach dem Fleische“, sondern: „Nicht viel Weise nach dem Fleische.“ Und wenn Paulus anderswo in der Charakteristik der Bischöfe die Eigenschaften aufzählt, die ein Bischof haben soll, so rechnet er bekanntlich dazu auch die Fähigkeit zur Verwaltung des Lehramtes.

Er sagt nämlich, „der Bischof müsse imstande sein, auch die Widersprechenden zu widerlegen“, damit er durch die Weisheit, die in ihm ist, die hohlen Schwätzer und Seelenverführer zum Schweigen bringe“. Und wie er zum Bischofsamt den nur einmal Verheirateten lieber wählt als denjenigen, der eine zweite Ehe geschlossen hat, und den Mann „ohne Tadel“ dazu für tauglicher hält als den, dessen Wandel nicht tadellos ist, und wie er den „Nüchternen“ dem Unmäßigen, den „Keuschen“ dem Unkeuschen und den „unbescholtenen“ Mann demjenigen vorzieht, an dem ein wenn auch noch so kleiner Makel haftet, so verlangt er, dass der zum bischöflichen Amte besonders Berufene „zum Lehren geschickt und imstande sei, die Widersprechenden zu widerlegen“. Wie kann uns also Celsus mit Recht vorwerfen, dass wir sagten: „Kein Gebildeter komme heran, kein Weiser, kein Verständiger“? Nein, vielmehr soll jeder Gebildete und Weise und Verständige“, der es nur will, zu uns kommen; aber ebensogut soll auch zu uns kommen, „wenn einer ungelehrt und unvernünftig und ungebildet und töricht ist“. Denn unsere Lehre, die alle Menschen zum Dienste Gottes würdig zubereitet, verspricht auch für solche Menschen, wenn sie ihr beitreten, sorgen zu wollen.

Unwahr ist auch die Behauptung, dass die Lehrer des göttlichen Wortes „nur einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden wollen“. Es ist wahr, unsere Lehre wendet sich an solche Personen, um sie zu bessern; sie will aber auch die gewinnen, die von diesen sehr verschieden sind. Denn Christus ist „ein Heiland aller Menschen“ und „besonders der gläubigen“, mögen sie nun scharfsinnige Geister oder einfache Leute sein, und er ist „eine Sühne“ „bei dem Vater“ „für unsere Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern auch für die ganze Welt“. Es erübrigt sich also für uns auf die folgenden Einwürfe des Celsus zu antworten, die so lauten: „Was ist denn sonst Schlimmes dabei, gebildet zu sein und sich um die besten Lehren zu bemühen und verständig zu sein und auch verständig zu scheinen? Ist dies ein Hindernis für die Gotteserkenntnis? Ist es nicht vielmehr förderlich und von der Art, dass man dadurch eher in den Besitz der Wahrheit gelangen kann?“ Wahrhaft „gebildet zu sein“ ist freilich „nichts Schlimmes“, denn der Weg zur Tugend ist die wissenschaftliche Ausbildung. Freilich werden auch die griechischen Weisen nicht sagen, dass man diejenigen unter die Gebildeten“ rechnen solle, die falschen Lehren anhangen. Wer wollte dagegen bestreiten, dass es gut sei „sich um die besten Lehren zu bemühen“? Doch welche „Lehren“ werden wir als „die besten“ bezeichnen?, welche anders als die wahren, die uns zur Tugend ermuntern? „Verständig sein“ ist gleichfalls eine gute Sache, aber nicht, es zu „scheinen“, was ja Celsus sagt. „Gebildet zu sein und sich um die besten Lehren zu bemühen und verständig zu sein“, das sind Dinge, durch welche die Erkenntnis Gottes“ nicht „gehindert“, sondern im Gegenteil gefördert wird. Und zu dieser Behauptung sind wir mehr berechtigt als Celsus, besonders wenn es sich herausstellt, dass er ein Epikureer ist.“ (Origenes, Contra Celsum, 3,44-49)

Origenes geht übrigens bereits im ersten Buch seiner Widerlegung schon einmal auf Kelsos’ philosophische Überheblichkeit ein:

„Wir antworten darauf: Wenn es möglich wäre, dass alle Menschen sich von den Geschäften des Lebens freimachen und ihre ganze Zeit auf das Studium der Philosophie verwendeten, so dürften sie keinen anderen Weg einschlagen als diesen allein. Denn im Christentum wird sich, damit ich mich nicht zu derb ausdrücke, keine geringere Prüfung der Glaubenslehren, keine geringere Auslegung der dunklen Stellen in den Propheten und der Gleichnisse in den Evangelien und von tausend anderen symbolischen Tatsachen oder gesetzlichen Anordnungen finden lassen als anderswo. Wenn aber dies nicht möglich ist, wenn wegen der Sorgen und Mühen, die das Leben mit sich bringt, und wegen mangelnder geistiger Begabung sich nur wenige der Wissenschaft widmen, welcher andere Weg, um der großen Menge zu helfen, dürfte wohl gefunden werden, der besser wäre, als der Weg, den Jesus den Völkern überliefert hat? Wir fragen hinsichtlich der Menge der Gläubigen, die sich von der großen Flut des Lasters, in der sie früher sich wälzten, frei gemacht haben, ob es für sie besser ist, dass sie, ohne die Vernunft zu befragen, geglaubt und ihr sittliches Leben in Ordnung gebracht, und wegen ihres Glaubens, dass die Sünden bestraft, die guten Werke aber belohnt werden, geistlichen Nutzen erfahren haben, oder dass ihre mit einfachem Glauben verbundene sittliche Besserung nicht eher anerkannt wird, als bis sie die Glaubenslehren gründlich geprüft hätten? Offenbar nämlich würde diese Prüfung der Gesamtheit mit ganz wenigen Ausnahmen nicht einmal das gewähren, was der einfache Glaube verleiht; die Mehrzahl würde ihr lasterhaftes Leben fortsetzen. Wenn es nun irgendeinen anderen Beweis dafür gibt, dass „die Menschenliebe“ des Wortes nach Gottes Absicht in das Leben der Menschen eingetreten ist, so muss man auch diesen Beweis mit dazu rechnen.“ (Origenes, Contra Celsum, 1,9)

Kurz gesagt: Gott ist nicht nur für brillante Philosophen da.

Ich habe noch nicht viel von den Kirchenvätern gelesen, aber ich finde es ziemlich spannend, damit anzufangen. Vieles von dem, was Origenes im Allgemeinen schreibt, kann man nämlich heute noch ganz genauso in Debatten mit Atheisten gebrauchen – er schreibt über das Naturrecht, das Zeugnis der Apostel und ziemlich viele andere Dinge noch. Wirklich interessant. Interessant ist auch, dass Kelsos es an einigen Stellen genau so zu machen scheint wie zahlreiche moderne Kritiker des Christentums – sprich, er reimt sich aus einzelnen Stellen der Evangelien seine eigene Version der Geschichte von Jesus von Nazareth zusammen, und ignoriert dann alles, was da nicht hinein passt. Ich bin noch nicht mit Contra Celsum fertig und habe manche Stellen eher überflogen, aber es ist wirklich interessant. (Es findet sich übrigens hier:  http://www.unifr.ch/bkv/buch46-82.htm) Irgendwie kommen mir unsere Zeit und die Antike immer ähnlicher vor, je mehr ich über letztere erfahre. Okay, ein paar Unterschiede gibt es, so etwa, um bei diesem Beispiel hier zu bleiben, hält Kelsos die Wunder, die durch Jesus und auch noch die späteren Christen geschahen, nicht für unmöglich, sondern für Beispiele von Zauberei, die man erlernen könnte. Aber insgesamt gibt es auch viele Gemeinsamkeiten, habe ich so allgemein den Eindruck. Ermutigend, oder? Schließlich setzte sich in der Antike die Überzeugungskraft des Christentums am Ende durch.

Eins vielleicht noch: Als ich diesen Text beendete, musste ich auf einmal an Björn Odendahls Kritik an der afrikanischen Kirche auf katholisch.de denken, die vor ein paar Monaten bekanntlich für so heftige Empörung im katholischen Teil des Internets gesorgt hat. Der Tenor von dessen Artikel war ja: Die Afrikaner sind bloß gläubig, weil sie so blöd sind; die Kirche in Afrika wachse, weil „der Bildungsstand durchschnittlich auf einem niedrigeren Niveau ist und die Menschen einfache Antworten auf schwierige (Glaubens)fragen akzeptieren“, wie sie zum Beispiel Kardinal Sarah aus Guinea gebe und so weiter – also, kurz gesagt, wenn sie treu katholisch sind, dann bloß, weil sie zu ungebildet dafür sind, den katholischen Glauben abzulehnen. So eine Behauptung hätte einem Kelsos doch alle Ehre gemacht.