Moraltheologie und Kasuistik, Teil 7a: Sakramente und Kirchengebote – Grundsätzliches & alles rund um die Beichte

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Im letzten Teil, der das 3.  Gebot betrifft, habe ich schon eins der Kirchengebote erwähnt, nämlich die Sonntagspflicht; in diesem Teil und den beiden nächsten soll es um die übrigen gehen. Die Kirchengebote helfen, dabei, die Gottesliebe, die die ersten drei der 10. Gebote vorschreiben, zu leben. (Nach den Kirchengeboten geht es mit den übrigen sieben Geboten und der Nächstenliebe weiter.)

 

Ein paar Grundsätze zu Kirchengeboten:

(Hier wiederhole ich noch einmal ein paar Dinge aus dem letzten Teil.)

Es gibt fünf hauptsächliche Kirchengebote, die der Katechismus hier darstellt. Dabei heißt es: „Der verpflichtende Charakter dieser von den Hirten der Kirche erlassenen positiven Gesetze will den Gläubigen das unerläßliche Minimum an Gebetsgeist und an sittlichem Streben, im Wachstum der Liebe zu Gott und zum Nächsten sichern.“ Diese fünf Gebote, die die Kirche entsprechend wichtig nimmt, verpflichten unter schwerer Sünde.

Als Katholik hat man erkannt, dass Jesus, Gottes Sohn, die Kirche eingesetzt und ihr Autorität über und Verantwortung für uns verliehen hat. Die Hirten der Kirche, d. h. die Bischöfe, sind in direkter Linie die Nachfolger der Apostel und können uns als solche Befehle erteilen. Natürlich können sie nicht alles Mögliche befehlen – vor allem dürfen sie nichts Unzumutbares und nichts moralisch Falsches befehlen. Aber grundsätzlich sind wir Laien ihnen Gehorsam und Respekt schuldig. Und, wie der Katechismus sagt: Dass z. B. der Messbesuch, die Beichte oder das Fasten hin und wieder verpflichtend sind, hilft einem, das Minimum an Pflege der Gottesbeziehung nicht zu vernachlässigen. Wenn man zur Messe gehen muss, hat man keine andere Wahl, als es zu überwinden, dass man sich dabei komisch vorkommt oder lieber ausschlafen würde, und kann dann von der Nähe zu Gott dort profitieren.

(Zu dieser Begründung ließe sich noch mehr sagen, aber hier ist nicht die passende Gelegenheit; hier soll es vor allem darum gehen, was diese Gebote praktisch im Einzelnen bedeuten.)

Die Kirchengebote gelten nur für Katholiken, d. h. für jeden, der irgendwann einmal katholisch getauft oder nach der Taufe in die katholische Kirche aufgenommen wurde; i. d. R. gelten sie ab 7 Jahren, da man davon ausgeht, dass Kinder ab  diesem Alter  den Vernunftgebrauch besitzen (außer, wenn das Gegenteil feststeht, z. B. bei einer geistigen Behinderung). S. dazu im CIC:

„Can. 11 — Durch rein kirchliche Gesetze werden diejenigen verpflichtet, die in der katholischen Kirche getauft oder in diese aufgenommen worden sind, hinreichenden Vernunftgebrauch besitzen und, falls nicht ausdrücklich etwas anderes im Recht vorgesehen ist, das siebente Lebensjahr vollendet haben.“

Ein Kirchenaustritt vor dem Staat ändert nichts an dieser Verpflichtung; er ist einfach eine schwere Sünde, da er ein öffentlich erklärter Abfall von der katholischen Kirche und von den Bischöfen verboten ist. (Er wäre auch dann eine objektiv schwere Sünde, wenn man nur austreten würde, um die Kirchensteuer zu sparen, und auch dann, wenn man die Kirchensteuer nicht zahlen will, da man meint, die Bischöfe würden sie falsch verwenden, und stattdessen dieselbe Summe an eine katholische Organisation seiner Wahl spenden will. Dazu mehr in Teil 7c.) Ein Kirchenaustritt macht eine Wiederversöhnung mit der Kirche nötig, aber er macht einen eigentlich nicht zum Nichtkatholiken. Semel catholicus, semper catholicus; einmal katholisch, immer katholisch.

Die Kirchengebote gelten für vom Prinzip her noch nicht für Nichtkatholiken, die sich darauf vorbereiten, katholisch zu werden.

Bei Kirchengeboten werden im Kirchenrecht manchmal Gründe genannt, die von einer Verpflichtung entbinden. Dabei ist zu beachten: Ein „gerechter Grund“ ist relativ einfach zu finden („nur mit gerechtem Grund“ heißt so viel wie „nicht ohne Grund“), ein „schwerwiegender Grund“ gelegentlich und ein „sehr schwerwiegender Grund“ nur selten.

 

Es gibt, wie gesagt, 5 hauptsächliche Kirchengebote für Laien (Priester haben noch mehr Vorschriften zu befolgen, die Laien gar nicht betreffen). Heute zum zweiten Kirchengebot, das die Beichte betrifft. Der CIC definiert dieses Sakrament folgendermaßen:

„Can. 959 — Im Sakrament der Buße erlangen die Gläubigen, die ihre Sünden bereuen und mit dem Vorsatz zur Besserung dem rechtmäßigen Spender bekennen, durch die von diesem erteilte Absolution von Gott die Verzeihung ihrer Sünden, die sie nach der Taufe begangen haben; zugleich werden sie mit der Kirche versöhnt, die sie durch ihr Sündigen verletzt haben.“

Und:

„Can. 960 — Das persönliche und vollständige Bekenntnis und die Absolution bilden den einzigen ordentlichen Weg, auf dem ein Gläubiger, der sich einer schweren Sünde bewußt ist, mit Gott und der Kirche versöhnt wird; allein physische oder moralische Unmöglichkeit entschuldigt von einem solchen Bekenntnis; in diesem Fall kann die Versöhnung auch auf andere Weisen erlangt werden.“

Erst einmal: Wieso ist die Beichte überhaupt nötig? Reicht es nicht, dass jemand Gott liebt und ihm die Sünde leid tut; heißt es nicht in der Bibel, dass die Liebe Sünden zudeckt? Nun; der hl. Thomas schreibt dazu:

„Fällt jemand in Sünden, so ist die erste Voraussetzung die Reue oder Buße, damit Liebe, Barmherzigkeit, Glaube ihn von der Sünde lösen. Die Liebe nämlich verlangt, daß man das Gegenteil vom geliebten Gegenstande haßt und über die diesem zugefügte Beleidigung Schmerz empfindet. Der Glaube fordert, daß der Sünder danach verlangt, durch die Kraft des Leidens Christi, welche in den Sakramenten wirkt, gerechtfertigt zu werden von seinen Sünden. Die Barmherzigkeit legt auf, daß der Mensch seinem eigenen Sündenelende durch die Reue oder Buße abhelfe; denn ‚elend macht die Menschen die Sünde‘, heißt es Prov. 14.; und: ‚Erbarme dich deiner Seele und gefalle Gott‘ (Ekkli. 30.).“ (Summa Theologiae III,84,5)

Die Liebe zu Gott ist es, die es fordert, seine Sünden zu bekennen und Buße zu tun, und sich dabei, auf welche Weise man das tut, nach Gottes (und Seiner Kirche) Anordnungen zu richten. Jesus hat die Beichte mit klaren Worten eingesetzt: „Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. (Joh 20,19-23) Auch der Apostel Jakobus schreibt dementsprechend: „Darum bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet!“ (Jak 5,16) Und der Apostel Johannes: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht.“ (1 Joh 1,9)

 

Nun also das Kirchengebot:

Gebeichtet werden müssen schwere Sünden (nach Art und Zahl) wenigstens einmal im Jahr (und bevor man wieder die hl. Kommunion empfängt).

Dazu  heißt es im Katechismus: „Das zweite Gebot (‚Du sollst deine Sünden jährlich wenigstens einmal beichten‘) sichert die Vorbereitung auf die Eucharistie durch den Empfang des Sakramentes der Versöhnung, das die in der Taufe erfolgte Umkehr und Vergebung weiterführt [Vgl. CIC, can. 989; CCEO, can. 719]“

Und im CIC wird das Ganze genauer ausgeführt:

 „Can. 988 — § 1. Der Gläubige ist verpflichtet, alle nach der Taufe begangenen schweren Sünden, deren er sich nach einer sorgfältigen Gewissenserforschung bewußt ist, nach Art und Zahl zu bekennen, sofern sie noch nicht durch die Schlüsselgewalt der Kirche direkt nachgelassen sind und er sich ihrer noch nicht in einem persönlichen Bekenntnis angeklagt hat.

2. Den Gläubigen wird empfohlen, auch ihre läßlichen Sünden zu bekennen.

 Can. 989 — Jeder Gläubige ist nach Erreichen des Unterscheidungsalters verpflichtet, seine schweren Sünden wenigstens einmal im Jahr aufrichtig zu bekennen.“

Jetzt dazu, was dieses Kirchengebot im Einzelnen bedeutet:

In der Taufe werden alle Sünden vergeben, die Beichte ist nur dafür da, wenn jemand nach der Taufe, nachdem er also schon ein Kind Gottes und der Kirche geworden ist, wieder sündigt; vorherige Sünden müssen also nicht gebeichtet werden.

Zur Beichte gehören 1) die Reue (die den guten Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, einschließt, sich aber nicht darin erschöpft; ihm geht der Schmerz über die Sünde, die bewusste Verabscheuung der Sünde voraus), 2) das Bekenntnis, das die Reue nach außen trägt, und 3) die Buße/Genugtuung, die eine gewisse Wiedergutmachung (gemäß der eigenen Fähigkeit) ist.

Man muss nur die schweren Sünden beichten; wenn man keine schweren Sünden begangen hat, muss man prinzipiell gar nicht beichten gehen. (Empfehlenswert ist es trotzdem.)

Verpflichtend ist die Beichte der schweren Sünden, die man auf dem Gewissen hat, einmal im Jahr. Ja, wirklich nur einmal im Jahr. Freilich ist es sehr empfehlenswert, schwere Sünden nicht ewig mit sich herumzuschleppen, vor allem, da man solange nicht zur Kommunion gehen kann, aber man ist nicht verpflichtet, sie gleich zu beichten, geschweige denn, in den nächsten zwei Tagen irgendwo einen Priester abzupassen, der einem die Beichte abnehmen kann. (Empfehlenswert ist es, nach einer schweren Sünde zur nächsten, oft wöchentlich stattfindenden Beichtgelegenheit in der Pfarrei zu gehen oder, wenn die Pfarrei so etwas nicht anbieten sollte, bald einen Termin mit einem Priester auszumachen. Auch die regelmäßige Beichte ungefähr einmal im Monat, auch wenn man sich keiner schweren Sünden schuldig gemacht hat, ist sehr zu empfehlen. Aber das ist nicht verpflichtend.)

Freilich sollte man, wenn man denn in den Himmel kommen will, nach einer schweren Sünde vollkommene Reue erwecken – die wird, zusammen mit dem Vorsatz, die Sünde noch zu beichten, solange genügen; wenn man durch einen unglücklichen Zufall vorher stirbt, gilt das auch. (Ach ja: Man hat manchmal das vage Gefühl, sich nach einer schweren Sünde nicht sofort zu Gott zurückwagen, sondern noch ein wenig abwarten zu sollen; das ist eine Falle des Teufels. Gott will einen sofort zurück, also Reue gleich nach der Sünde erwecken.)

Vollkommene Reue (Liebesreue, lat. contritio) meint eine Reue, die aus der Liebe zu Gott und dem Wissen, ihn mit einer schlechten Tat beleidigt zu haben, hervorgeht (nicht eine, die dabei so vollkommen ist, dass es nicht mehr besser geht). Unvollkommene Reue (Furchtreue, lat. attritio) geht aus Furcht vor Gottes strafender Gerechtigkeit hervor, aus dem Wissen, dass Er das Gute belohnt und das Böse straft und man wirklich Böses getan hat. („Wenn es die Hölle nicht gäbe, würde ich natürlich wieder sündigen“ genügt allerdings nicht.) Die Furchtreue ist schon mal ein Anfang, auf jeden Fall keine Sünde und genügt in der Beichte für die Vergebung der Sünden. (Wieso genügt in der Beichte etwas, das sonst nicht genügt? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht, weil Gott es uns anrechnen will, wenn wir uns immerhin überwinden müssen, die Sünden laut zu bekennen, oder einfach, weil Er sich nun mal entschieden hat, die Sakramente in der Gemeinschaft der Kirche zu Seinen Gnadenmitteln zu machen?) Liebesreue kann aber auch zusammen mit einer gewissen Restfurcht vor der Hölle existieren, letztere wird einem vielleicht immer bleiben. Liebesreue ist eine Sache des Willens, nicht des Gefühls; man muss keine starken Gefühle haben, um wirklich zu bereuen, man muss es nur ehrlich meinen und sich ehrlich Besserung vornehmen. (Siehe zu diesem Thema auch Teil 2.) Auch in der Beichte nicht genügen würde die sog. eitle Reue / Strohreue, die nur darin besteht, sich wegen einer Sünde vor den Menschen zu schämen, weil sie dem  eigenen Ansehen schadet.

Dabei, einen Akt der Liebesreue zu setzen, kann dieses Gebet aus dem Anhang zum Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche behilflich sein: „Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“

Auch Gebete wie die vor und nach der Gewissenserforschung in diesem hier herunterzuladenden Beichtspiegel aufgeführten können helfen.

Zur vollkommenen Reue gehört, wie gesagt, der Vorsatz, die Sünden zu beichten; aber das muss kein Vorsatz sein, sie sobald wie möglich zu beichten; prinzipiell genügt die nächste kirchenrechtlich vorgeschriebene Beichte.

Üblich ist die Beichte, wenn jemand nur jährlich beichtet, in jeder Fastenzeit vor Ostern (da die Kommunion in der Osterzeit verplichtend ist, s. den nächsten Artikel); aber wenn jemand z. B. schon vor der Fastenzeit gebeichtet und seitdem keine schweren Sünden mehr begangen hat, genügt auch das.

Man muss alle schweren Sünden nach Art und Zahl bekennen, was als „materielle Vollständigkeit“ der Beichte bezeichnet wird. Der hl. Thomas sagt zu dem Grund dazu:

„Ich antworte, dass der Arzt, der Medizin für den Körper verschreibt, nicht nur die Krankheit kennen sollte, für die er verschreibt, sondern auch den allgemeinen Zustand des Kranken, da eine Krankheit durch eine zusätzliche verschlimmert wird, und eine Medizin, die zu einer Krankheit passen würde, mit Bezug auf eine andere schädlich wäre. Dasselbe kann mit Bezug auf Sünden gesagt werden..“ (Summa Theologiae, Suppl. 9,2, übersetzt aus der englischen Übersetzung)

Eine schwere Sünde ist eine wissentlich und willentlich in einer wichtigen Sache begangene Sünde; nur diese Sünden zu beichten ist, wie gesagt, verpflichtend. Lässliche Sünden muss man nicht beichten, auch wenn es sehr hilfreich sein kann, zumindest die wichtigsten unter ihnen zu erwähnen; zweifelhaft schwere müssen prinzipiell nicht gebeichtet werden (egal, ob jemand zweifelt, ob er etwas getan hat; ob etwas, das er getan hat, eine schwere Sünde war; oder ob er zweifelt, ob er etwas, das er getan hat und das eine schwere Sünde war, schon einmal gebeichtet hat); hier helfen aber vielleicht auch die Regeln zur Abwägung in Zweifelsfällen. Zweifelhaft schwere Sünden zu beichten ist grundsätzlich sehr zu empfehlen. Katholiken, die wissen, dass sie zur Laxheit neigen, sollten sie eher beichten, Skrupulanten sollten das u. U. eher unterlassen oder  sich jedenfalls nicht dazu gedrängt sehen, weil sie bei fast allen Sünden zweifeln und nur ganz eindeutig schwere bekennen müssen, um die Skrupulosität loszuwerden. Man kann den Beichtvater auch fragen, ob eine Sünde schwer war, dann weiß man es für die Zukunft. (Wir kommen ja alle meistens mit immer denselben Sünden wieder in den Beichtstuhl.)

Gedacht ist die Beichte für Sünden, nicht für bloße Unvollkommenheiten: „Für das Zustandekommen des Bußsakraments reicht das Bekenntnis bloßer Unvollkommenheiten (unbewußter Übertretungen sittlicher Gebote oder Nichtbeachtung nicht verpflichtender Räte) nicht hin (materia non sufficiens). Sie dürfen jedoch in der Beichte gesagt werden, da ihre Kenntnis dem Beichtvater ein bessere Seelenführung ermöglicht.“ (Karl Hörmann, Lexikon der christlichen Moral, Stichwort „Bußsakrament“)

Schon einmal gebeichtete Sünden dürfen nochmals gebeichtet werden, wenn jemand das will, aber verpflichtend ist das nie. Skrupulanten ist von der Wiederholungsbeichte abzuraten.

Man muss die Sünden nach ihrer Art beichten – und zwar so, wie man sich ihrer zur Zeit des Begehens der Sünden bewusst war – man muss sog. „artverändernde Umstände“ angeben. Das heißt eigentlich nur, dass man klar sagen muss, was für eine Kategorie Sünde es war. Sagen wir, jemand sagt „Ich habe mit einer Person geschlafen, mit der ich nicht verheiratet bin“, verschweigt dabei aber den „artverändernden Umstand“, dass diese andere Person ihrerseits verheiratet ist; dann lässt er den Priester glauben, es habe sich um einfache Unkeuschheit gehandelt, während es in Wirklichkeit um Ehebruch geht. Oder sagen wir, jemand sagt „Ich habe eine Lüge erzählt“, während er in Wahrheit einen Meineid vor Gericht abgelegt hat, der einen Unschuldigen belastet hat. Das geht nicht. Man muss nicht ins Detail gehen – „Ich habe einmal mit meinem Freund geschlafen“ genügt dem Priester; der muss nicht wissen, dass man ja eigentlich geplant hatte, da stark zu bleiben, aber dann war man am letzten Samstagabend alleine bei ihm zu Hause und hat sich überreden lassen, weil usw. – aber man muss sagen, was für eine Sünde es eigentlich war.

Man muss die schweren Sünden nach ihrer Zahl angeben. Das muss nicht  zwangsläufig die genaue Zahl sein – vielleicht weiß man die nicht mehr. Aber eine ungefähre Angabe muss da sein. Es macht eben einen Unterschied, ob man eine Sünde etwa 100-150 Mal im Lauf der letzten drei Jahre, ungefähr fünf oder sechs Mal, oder nur ein einziges Mal begangen hat. (Wenn man länger in einer Art Zustand der Sünde gelebt hat, also wenn man z. B. in den letzten vier Jahren nur an Weihnachten und Ostern in der Kirche war, kann man auch sagen, dass man in den letzten vier Jahren nur an Weihnachten und Ostern in der Kirche war, und muss sich nicht ausrechnen, an wie vielen Sonntagen und gebotenen Feiertagen exakt man die Messe versäumt hat; aber der Umfang der Sünde muss jedenfalls für den Beichtvater klar werden.)

Besonders, wenn es um Art und Zahl der Sünden geht, muss man daher auch dem Priester antworten, wenn er nachfragt (was er vielleicht tut, weil man sich etwas vage angehört hat, oder weil er nicht weiß, ob man Bescheid weiß, dass man diese oder jene artverändernden Umstände, die vielleicht noch da sein könnten, noch angeben müsste; oder auch, weil er wissen will, ob man bereit ist, Schaden wiedergutzumachen und sicherstellen will, dass man bereut; oder einfach, weil er einem mit seinem Rat helfen will, eine Sünde in Zukunft zu meiden…). Wenn er nach Mitschuldigen fragt, muss man ihm nicht antworten.

Can. 979 — Der Priester hat, sofern Fragen zu stellen sind, mit Klugheit und Behutsamkeit vorzugehen, dabei sind Verfassung und Alter des Pönitenten zu berücksichtigen, nach dem Namen eines Mitschuldigen darf er nicht fragen.

Es ist eine schwere Sünde, bei einer wichtigen Sache zu lügen, nach der man legitimerweise gefragt wird; in diesem Fall wäre die Beichte genauso ungültig, wie wenn man Art oder Zahl der Sünden in dem Wissen, dass man sie beichten muss, von vornherein verschwiegen hat.  Auch wenn man eine schwere Sünde absichtlich ganz verschwiegen hat, wäre die Beichte natürlich ungültig. Die gebeichteten Sünden sind in so einem Fall also nicht vergeben, und man hat eine neue schwere Sünde begangen. Das wäre eine sakrilegische Beichte. Wenn man bei einem schwerhörigen Priester beichtet, speziell aus dem Grund, dass man hofft, dass er eine schwere Sünde nicht verstehen wird, gilt dasselbe.

Wichtig für Skrupulanten: Das gilt nur bei einer bewussten Täuschung betreffs Art und Zahl der schweren Sünden! Es war keine ungültige Beichte, wenn man sich hinterher denkt, dass man eine Zahl vielleicht zu niedrig  geschätzt hat, oder irgendeinen Nebenumstand oder eine Folge nicht erzählt hat, von denen man nicht eindeutig wusste, dass sie zur Bestimmung der Art der Sünde gehören, oder sich aus Aufregung verhaspelt hat und sich hinterher denkt, dass der Priester einen dann vielleicht nicht verstanden haben könnte und man sich nochmal hätte wiederholen müssen, o. Ä.

Wenn man eine schwere Sünde unabsichtlich vergessen hat, war die Beichte gültig, die Sünden sind vergeben (auch die vergessene), und man darf zur Kommunion gehen, aber man muss die vergessene Sünde in der nächsten Beichte (also spätestens in einem Jahr; man muss dann nicht so schnell wie möglich wieder beichten) dann noch erwähnen.

In der Beichte geht es eben darum, einfach klar auszusprechen, was man getan hat, ohne es entweder zu verharmlosen oder zu dramatisieren – das hilft auch, sich den Zustand der eigenen Seele  klar vor Augen zu führen.

Ach ja: „Das Bußsakrament kann nur auf Grund einer Selbstanklage, die der Sünder vor dem bevollmächtigten Priester zum Zweck der Lossprechung macht, zustandekommen. Wenn er seine Sünden dem Priester zu einem anderen Zweck erzählt, könnte ein solcher Bericht nachher durch einen entsprechenden Zusatz zur sakramentalen Beichte gemacht werden.“  (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Eine Beichte ist auch sakrilegisch und ungültig, wenn man gar keine Reue oder keinen Vorsatz hat, eine Sünde in Zukunft bleiben zu lassen. Sicher kann es mal sein, dass man sich zu 98% sicher ist, dass man einer Versuchung in absehbarer Zukunft wieder auf den Leim gehen wird, aber solange man zum Zeitpunkt der Beichte den Vorsatz hat, sie zu meiden, genügt das. Wenn man nur beichtet, weil man eben vor der kirchlichen Trauung noch mal beichten soll und dabei irgendetwas aufzählt, was einem gerade einfällt, und das man morgen wieder zu tun beabsichtigt, ist das etwas ganz anderes – das ist eine ungültige, sakrilegische Beichte.

Can. 987 — Damit ein Gläubiger die heilbringende Hilfe des Bußsakraments empfängt, muß er so disponiert sein, daß er sich unter Reue über seine begangenen Sünden und mit dem Vorsatz zur Besserung Gott zuwendet.“

Die Reue muss sich zumindest auf die Gesamtheit der noch nicht in früheren Beichten bekannten schweren Sünden beziehen (wobei einem nicht jede einzeln in dem Moment, wo man sich bemüht, die Reue zu erwecken, explizit vor Augen  stehen muss). Der Vorsatz zur Besserung muss ernsthaft sein und einschließen, dass man angerichteten Schaden wiedergutmacht, die wirklich notwendigen Mittel anwendet, um schwere Sünden in Zukunft zu meiden, und die nächste Gelegenheit zur schweren Sünde (das meint Gelegenheiten, bei denen man realistischerweise davon ausgehen muss, dass man wieder sündigen wird; eine entferntere Gelegenheit ist hier nicht gemeint) meidet (soweit es einem möglich ist und wenn es nicht unvermeidbar notwendig ist, eine solche Gelegenheit zu riskieren). Wenn jemand es nicht schafft, alle lässlichen Sünden wirklich zu bereuen, sich nicht eingestehen will, dass etwas Lässliches eine Sünde war, o. Ä., tut das der bloßen Gültigkeit der Beichte keinen Abbruch. Die lässlichen Sünden stören zwar die Beziehung zu Gott, trennen aber nicht von ihm,  und solange nur die schweren weg sind, die wirklich von ihm trennten, genügt das erst einmal. Für die Beichte muss man erst einmal nur die schweren überhaupt beachten. Aber natürlich ist es auch gut, auf die lässlichen zu schauen und sich hier um Besserung zu bemühen.

Die Gültigkeit der Beichte hängt nicht davon ab, ob man hinterher ein Gefühl von Ruhe und Frieden hat oder nicht.

Von der Pflicht zur materiellen Vollständigkeit der Beichte, also der vollständigen Aufzählung aller schweren Sünden nach Art und Zahl, entschuldigt (was nur in seltenen Notfällen gegeben ist) physische oder moralische Unmöglichkeit; wenn diese Unmöglichkeit nicht mehr besteht, muss man das Bekenntnis  bei der nächsten Beichte nachholen.

Physische Unmöglichkeit kann z. B. sein: Jemand ist sehr krank / steht kurz vor einer OP / liegt im Sterben und es ist nicht mehr genug Zeit, alle Sünden zu beichten oder er ist nicht mehr fähig, zu sprechen, sodass der  Priester ihm gleich die Lossprechung gibt, nachdem er seine Reue irgendwie deutlich gemacht hat (wenn er dazu noch fähig ist, sonst eben auch so).

Moralische (praktische) Unmöglichkeit ist gegeben, wenn das Bekenntnis mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden ist, die nicht an der Beichte selbst hängen. Und: „Moralische Unmöglichkeit berechtigt zum Auslassen nur der Sünden, die nicht ohne diesen Nachteil gebeichtet werden können, und zwar dann, wenn ein triftiger Grund zur Beichte drängt und der Beichtende nicht einen anderen Beichtvater finden kann, dem er die Sünden ohne Nachteil bekennen kann.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral) Eine übergroße Scham vor der Beichte o. Ä. entschuldigt also nicht; aber zum Beispiel eine Gefahr der Verletzung des Beichtgeheimnisses /  der Rufschädigung (wenn man also z. B. beim Beichten merkt, dass noch jemand mithören kann und man daran nichts ändern kann, muss man nicht mehr weiter alle Sünden vollständig aufzählen). Auch Gefahr von Ärgernis oder neuer Sünde entschuldigt; bei 6.-Gebot-Sünden darf man nach Ansicht einiger Theologen zu große Genauigkeit vermeiden, um sich nicht wieder alles vor Augen zu rufen und wieder in unkeusche Gedanken zu geraten (wobei eine Aufzählung nach Art und Zahl normalerweise machbar sein sollte). Ein anderer Fall: „Für den Priester ist die Vollständigkeit seiner eigenen Beichte nicht notwendig, ja sogar verboten, wenn er sie nur unter Angabe von Dingen leisten könnte, die er unter Beichtgeheimnis halten muß.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral) Großer geistlicher oder zeitlicher Schaden gilt auch; ein Beichtvater kann z. B. schwer leidende Skrupulanten von der Pflicht zur materiellen Vollständigkeit entbinden, wenn die Gewissenserforschung für sie psychisch sehr schädlich ist und sie sich endlos damit quälen. Adolphe Tanquerey schreibt dazu: „In gewissen Fällen hochgradiger Skrupulosität befehle man den Beichtkindern, sich mit dieser allgemeinen Anklage zu begnügen: ‚Ich klage mich aller seit meiner letzten Beichte begangenen Sünden und aller jener meines vergangenen Lebens an.'“

Für eine materiell vollständige Beichte muss man gewöhnliche Mittel zur Gewissenserforschung anwenden; eine außerordentliche Anstrengung ist nicht verpflichtend. Ein ordentliches Mittel wäre z. B. der Gebrauch irgendeines gut katholischen Beichtspiegels. Wenn man aus schwerwiegend schuldbarer Nachlässigkeit eine schwere Sünde nicht erwähnt hat – also eine, die einem, wenn man kurz überlegt hätte, sofort eingefallen wäre, wobei man z. B. vor der Beichte sein Gewissen gar nicht oder fast gar nicht erforscht hat und sich gedacht hat, es würde einem schon auf  die Schnelle das Wichtigste einfallen, sobald man im Beichtstuhl ist – war  die Beichte ungültig. Wenn man aus leichter Nachlässigkeit schwere Sünden vergessen hat, also z. B. kurz über den Beichtspiegel drüber gegangen ist und dabei nicht allzu intensiv sein Gedächtnis durchforscht hat, war sie gültig. Wenn jemand sich schon praktisch sicher  ist, keine Todsünden seit der letzten Beichte begangen zu haben, ist er streng genommmen gar nicht zu einer ausführlichen Gewissenserforschung verplichtet. „Die Sorgfalt bei der Gewissenserforschung muß nicht die überhaupt menschenmögliche sein (man könnte immer noch genauer fragen), wohl aber jene, die kluge Menschen auch sonst in wichtigen Dingen aufzuwenden pflegen. Sie richtet sich nach dem Bildungsgrad, der seelischen Verfassung und dem Gesundheitszustand des Beichtenden, nach den Gefahren und Versuchungen, denen er ausgesetzt ist, nach der Zeit seit seiner letzten Beichte.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Streng genommen ist niemand verpflichtet, eine Liste seiner Sünden  aufzuschreiben,  auch wenn er weiß, dass er, wenn er es nicht tut, welche vergessen wird (wegen der Gefahr, dass er eventuell den Zettel verlieren und andere ihn finden könnten => Beichtgeheimnis). Natürlich kann ein Beichtzettel sehr hilfreich sein, wenn man ihn benutzen will.

Tanquerey gibt speziell Skrupulanten zur Beichtvorbereitung diesen Rat: „Die hl. Beichte wird ihnen oft zu noch größerer Qual. Es ist demnach von Wichtigkeit, sie ihnen leicht zu machen. Man [gemeint ist der Beichtvater] erkläre ihnen deshalb: ‚1) Sie sind nur zur Anklage der sicher begangenen Todsünden verpflichtet. 2) Von den lässlichen Sünden nennen Sie nur jene, die Ihnen nach fünf Minuten langer Erforschung einfallen werden. 3) Auf die Reue verwenden Sie sieben Minuten. Während dieser Zeit bitten Sie Gott darum und erwecken dieselbe im Herzen, und Sie werden sie haben.‘ Sie wenden dagegen ein: ‚Aber ich fühle sie doch nicht!‘ – Antwort: ‚Das ist nicht nötig. Die Reue ist ein Akt des Willens, gehört somit nicht dem Gefühlsleben an.'“

Nach der Beichte muss man die aufgetragene Buße verrichten, die sowohl eine gewisse Wiedergutmachung für die Vergangenheit als auch ein Heilmittel für die Zukunft sein soll.

„Can. 981 — Je nach Art und Zahl der Sünden hat der Beichtvater unter Berücksichtigung der Verfassung des Pönitenten heilsame und angemessene Bußen aufzuerlegen; der Pönitent ist verpflichtet, diese persönlich zu verrichten.“

Die Buße soll sich nach der Schuld, aber auch der Fähigeit des Pönitenten, und danach, wozu er schon bereit ist, richten.

Heribert Jone schreibt über das Verrichten der Buße (rückübersetzt aus der französischen Übersetzung seiner „Katholischen Moraltheologie“):

„Es ist eine schwere Sünde, eine schwerwiegende Buße, die sub gravi [unter schwerer Sünde verpflichtend] für schwere Sünden auferlegt wurde, nicht zu erfüllen; wenn der Pönitent diese schlechte Absicht schon vor der Absolution hatte, ist die Beichte ungültig. – Es ist eine lässliche Sünde, eine leichte Buße, die für schwere oder lässliche Sünden auferlegt wurde, nicht zu erfüllen. – Wenn die Buße nicht vollständig oder nicht genau so, wie sie auferlegt wurde, erfüllt wird, begeht man nur dann eine schwere Sünde, wenn man etwas Wichtiges auslässt. Dementsprechend begeht jener, der als Buße einen Rosenkranz auf Knien zu beten hatte, nur eine lässliche Sünde, wenn er ihn im Stehen betet, oder auch, wenn er willentlich einige Aves übergeht. – Man begeht keine Sünde, wenn man eine Buße nicht erfüllt, die nicht mehr der aktuellen Praxis entspricht oder die ungerechtermaßen hart ist. In diesem Fall ist es das Beste, diese Buße in der folgenden Beichte von einem Beichtvater abändern zu lassen. [Mit der aktuellen Praxis ist gemeint, dass die Bußpraxis früher härter war; heute muss man z. B. für eine schwere Sünde nicht mehr fünf Jahre Kirchenbuße verrichten oder eine Wallfahrt ins Heilige Land machen, wie das vor 1000 Jahren noch vorkommen konnte.]   

Wenn er (ob schuldhaft oder nicht) vergessen hat, welche Buße man ihm auferlegt hat, ist der Pönitent an sich zu nichts verpflichtet. Man muss ihm allerdings raten, zurückzukommen und seinen Beichtvater aufzusuchen, um ihn zu fragen, welche Buße er ihm auferlegt hat. Wenn man glaubt, dass der Beichtvater sich nicht mehr daran erinnern wird, kann man in der nächsten Beichte seinen allgemeinen Seelenzustand irgendeinem Beichtvater enthüllen und von ihm eine neue Buße erbitten.“

Wenn die Buße in etwas besteht, das man auch sonst schon macht (z. B. wenn einem aufgetragen wird, den Rosenkranz beten, und man ihn sowieso wöchentlich betet), kann man sie bei dieser Gelegenheit erfüllen, wo man dasselbe sowieso getan hätte. Das gilt  aber nicht, wenn es um kirchlich vorgeschriebene Dinge geht; wenn der Beichtvater einem den Besuch einer Messe aufträgt, genügt  nicht die nächste verplichtende Sonntagsmesse, sondern man muss zu einer zusätzlichen gehen.

Ablenkung bei einem Bußgebet ist nur lässliche Sünde.

Solange der Beichtvater keinen Zeitpunkt für die Buße festgelegt hat, ist kein bestimmter Zeitpunkt verpflichtend und man kann sie, ohne damit eine Sünde zu begehen, auch etwas länger aufschieben; außer wenn man ernsthaft Gefahr läuft, sie zu vergessen, sie nicht mehr erfüllen zu können, oder dass sich ihr Wert bedeutend verringert.

Man kann seine Buße nicht durch etwas anderes ersetzen, auch nicht durch etwas  Besseres (man soll sich hier schließlich danach richten, was der Beichtvater für das Heilsamste hält); aber man kann einen Beichtvater bitten,  sie einen ersetzen zu lassen.

Hörmann schreibt über die Buße (nicht nur im Kontext der Beichte, sondern ganz allgemein): „Der Mensch kann zwar von sich aus das Unrecht, das er durch die Sünde gegen Gott begeht, nicht sühnen und gutmachen. Einzig Christus konnte dafür Sühne leisten und durch Zuwendung seiner Verdienste Schuld und ewige Strafe tilgen. In der Kraft der Gnade kann der Mensch aber durch Sühnewerke eine tiefere Teilhabe am sündenüberwindenden Leiden Christi suchen. Das ist der Sinn der Bußwerke des Christen, der frei gewählten und der bei der Spendung des Bußsakraments auferlegten“ (Lexikon der christlichen Moral)

Wenn man sich schwerer Sünden schuldig gemacht hat, muss man, wie gesagt, vor dem Kommunionempfang beichten.

„Can. 916 — Wer sich einer schweren Sünde bewußt ist, darf ohne vorherige sakramentale Beichte die Messe nicht feiern und nicht den Leib des Herrn empfangen, außer es liegt ein schwerwiegender Grund vor und es besteht keine Gelegenheit zur Beichte; in diesem Fall muß er sich der Verpflichtung bewußt sein, einen Akt der vollkommenen Reue zu erwecken, der den Vorsatz miteinschließt, sobald wie möglich zu beichten.“

D. h. etwa, ein Priester, der die Messe feiern muss, aber vorher nicht zur Beichte gehen kann, darf die Messe feiern und kommunizieren, muss aber vorher vollkommene Reue erwecken und hinterher dann möglichst bald beichten, also z. B. wenn er dann zwei Tage später Gelegenheit hat, zur Beichtgelegenheit in der Nachbarpfarrei zu gehen oder dort einen Termin auszumachen.

Was genau heißt „sobald wie möglich“? Jone sagt dazu, dass es innerhalb von drei Tagen sein muss, sofern das ohne größere Schwierigkeiten (wie z. B. langer Anfahrtsweg zur nächsten Beichtgelegenheit) möglich ist.

Aber wie gesagt, das gilt nur, wenn man aus schwerwiegendem Grund schon kommuniziert hat.

(Ein schwerwiegender Grund für Laien könnte z. B. sein, wenn jemand, der zur katholischen Kirche konvertiert, aber schon gültig getauft ist (z. B. in der evangelischen Kirche), zu dessen Konversion also eine Beichte, nicht die Taufe, gehört, zum ersten Mal zur Beichte geht, wobei dann wenige Tage später der Gottesdienst für seine Aufnahme in die Kirche und seine Erstkommunion angesetzt ist, und zwischendrin eine schwere Sünde begeht, aber vor dem Gottesdienst keine Gelegenheit mehr zu einer weiteren Beichte hat. In diesem Fall darf er bei seiner Erstkommunion auch zur Kommunion gehen.)

Wenn man eine Generalabsolution empfangen hat (also wenn z. B. eine Gruppe Menschen bei einer Flutkatastrophe oder einem Schiffsuntergang in Todesgefahr war und ein anwesender Priester die Generalabsolution erteilt hat, weil keine Zeit für einzelne Bekenntnisse war) gilt dieselbe Regel, wie wenn man Sünden vergessen hat zu beichten; die Vergebung ist da, aber das Bekenntnis muss bei Gelegenheit nachgeholt werden. Im CIC heißt es über die Generalabsolution:

„Can. 961 — § 1. Mehreren Pönitenten gleichzeitig kann ohne vorangegangenes persönliches Bekenntnis die Absolution in allgemeiner Weise nur erteilt werden:

1° wenn Todesgefahr besteht und für den oder die Priester die Zeit, die Bekenntnisse der einzelnen Pönitenten zu hören, nicht ausreicht;

2° wenn eine schwere Notlage besteht, das heißt, wenn unter Berücksichtigung der Zahl der Pönitenten nicht genügend Beichtväter vorhanden sind, um die Bekenntnisse der einzelnen innerhalb einer angemessenen Zeit ordnungsgemäß zu hören, so daß die Pönitenten ohne eigene Schuld gezwungen wären, die sakramentale Gnade oder die heilige Kommunion längere Zeit zu entbehren; als ausreichend begründete Notlage gilt aber nicht, wenn allein aufgrund eines großen Andrangs von Pönitenten, wie er bei einem großen Fest oder einer Wallfahrt vorkommen kann, nicht genügend Beichtväter zur Verfügung stehen können.

§ 2. Das Urteil darüber, ob die gemäß § 1, n. 2 erforderlichen Voraussetzungen gegeben sind, steht dem Diözesanbischof zu; dieser kann unter Berücksichtigung der Kriterien, die mit den übrigen Mitgliedern der Bischofskonferenz abgestimmt sind, feststellen, wann solche Notfälle gegeben sind.

Can. 962 — § 1. Damit ein Gläubiger die sakramentale Absolution, die gleichzeitig mehreren erteilt wird, gültig empfängt, ist nicht nur erforderlich, daß er recht disponiert ist; er muß sich vielmehr gleichzeitig auch vornehmen, seine schweren Sünden, die er gegenwärtig nicht auf diese Weise bekennen kann, zu gebotener Zeit einzeln zu beichten.

§ 2. Die Gläubigen sind, soweit möglich auch beim Empfang der Generalabsolution, über die Erfordernisse gemäß § 1 zu belehren; der Generalabsolution ist, selbst bei Todesgefahr, wenn die Zeit dafür ausreicht, die Aufforderung voranzuschicken, daß sich jeder bemüht, einen Akt der Reue zu erwekken.

Can. 963 — Unbeschadet der Verpflichtung nach can. 989 hat der, dem durch Generalabsolution schwere Sünden vergeben werden, bei nächstmöglicher Gelegenheit, sofern nicht ein gerechter Grund dem entgegensteht, ein persönliches Bekenntnis abzulegen, bevor er eine weitere Generalabsolution empfängt.“

Man kann sich den Beichtvater prinzipiell frei wählen; aber wenn man sonst ohne Beichte sterben oder lange im Stand der Todsünde bleiben müsste, muss man bei dem beichten, der gerade da ist.

Als Ort der Beichte ist normalerweise der  Beichtstuhl gedacht, aber aus einem gerechten Grund (wie „der Pönitent  fühlt sich wohler dabei“ oder „es ist gerade kein Beichtstuhl da“) geht es auch außerhalb. Für die Gültigkeit der Beichte spielt der Ort keine Rolle.

Der Priester ist bei der Beichte an das Beichtgeheimnis gebunden; dessen Bruch ist aus keinem denkbaren Grund erlaubt und wäre eine sehr schwere Sünde. Der hl. Thomas sagt dazu:

„Ich antworte, dass jene Dinge, die in den Sakramenten äußerlich getan werden, die bezeichnen, die innerlich geschehen: womit die Beichte, bei der ein Mensch sich einem Priester unterwirft, ein Zeichen der inneren Hingabe ist, mit der er sich Gott unterwirft. Nun verbirgt Gott die Sünden derer, die sich Ihm durch die Buße unterwerfen; weshalb das auch im Sakrament der Buße dargestellt sein sollte, und dementsprechend verlangt das Sakrament, dass das Bekenntnis verborgen bleibt, und wer ein Bekenntnis bekanntmacht, sündigt durch die Verletzung des Sakraments. Außerdem gibt es andere Vorteile bei dieser Geheimhaltung, da hierdurch die Menschen mehr zur Beichte hingezogen werden, und ihre Sünden mit größerer Einfachheit bekennen. (Summa Theologiae, Suppl. 11,1, übersetzt aus der englischen Übersetzung) Außerdem sagt er, dass „das, was man durch die Beichte weiß, ist, als ob man es nicht wisse, da ein Mensch es nicht als Mensch weiß, sondern so, wie Gott es weiß“.

Das Beichtgeheimnis gilt wirklich in allen Fällen; der Beichtvater darf z. B. bei einem selbstmordgefährdeten Pönitenten niemandem von dieser Gefahr erzählen, er darf einen Mörder nicht der Polizei ausliefern. Auch ein indirekter Bruch (d. h. Worte oder Handlungen, aus denen andere auf den Inhalt einer Beichte schließen können) ist Sünde (die in einzelnen Fällen, wenn es sehr indirekt und unbeabsichtigt passiert ist, nur lässlich sein kann, sonst aber auch schwer ist). Auch vor Gericht darf ein Priester deswegen nichts über etwas sagen, von dem er nur aus der Beichte weiß, und darf, wenn er als Zeuge befragt wird, sagen „Dazu kann ich nichts sagen“ oder sogar „Dazu weiß ich nichts“ (mit dem mentalen Vorbehalt „…was ich sagen dürfte“).

Can. 983 — § 1. Das Beichtgeheimnis ist unverletzlich, dem Beichtvater ist es daher streng verboten, den Pönitenten durch Worte oder auf irgendeine andere Weise und aus irgendeinem Grund irgendwie zu verraten.

2. Zur Wahrung des Geheimnisses sind auch, falls beteiligt, der Dolmetscher und alle anderen verpflichtet, die auf irgendeine Weise aus der Beichte zur Kenntnis von Sünden gelangt sind.

Und:

„Can. 1388 — § 1. Ein Beichtvater, der das Beichtgeheimnis direkt verletzt, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu; verletzt er es aber nur indirekt, so soll er je nach Schwere der Straftat bestraft werden.

§ 2. Dolmetscher und andere in can.983, § 2 genannte Personen, die das Geheimnis verletzen, sollen mit einer gerechten Strafe belegt werden, die Exkommunikation nicht ausgenommen.“

Das alles gilt auch bei einer nur begonnenen und dann abgebrochenen Beichte, bei einer sakrilegischen Beichte, oder einer mit verweigerter Absolution (aber nicht, wenn einer  bloß in den Beichtstuhl gekommen ist, um sich über den Priester lustigzumachen und gar nicht wirklich beichtet, und auch nicht bei einem normalen seelsorgerlichen Gespräch, wobei das natürlich im Normalfall auch vertraulich ist). Ein Beichtvater muss also z. B. einem Pönitenten, dem er die Absolution verweigern musste, und der danach gleich in der Messe zur Kommunion nach vorn kommt, die Kommunion spenden, um nicht zu enthüllen, dass ihm die Absolution verweigert wurde (für die unwürdige Kommunion ist allein der Pönitent verantwortlich). Das Beichtgeheimnis gilt weiterhin nach dem Tod des Pönitenten.

Der Priester darf nicht einmal den Pönitenten selber hinterher wieder auf etwas ansprechen, das er in der Beichte erfahren hat, wenn der das nicht ausdrücklich und aus freiem Willen erlaubt. Mit dessen Erlaubnis darf er Wissen aus der Beichte aber sogar weitergeben (z. B. wäre es denkbar, dass ein Pönitent einen Priester bittet, an seiner Stelle mit jemandem zu reden, von dem er gestohlen hat, und das Gestohlene zurückzugeben).

(Der Pönitent selbst ist gar nicht an das Beichtgeheimnis gebunden.)

Das alles gilt für Wissen, das einer nur aus der Beichte hat; wenn er auch aus einer anderen Quelle von einer Sünde weiß (z. B. den Pönitenten bei seinem Diebstahl zuvor schon beobachtet hat), gilt das Beichtgeheimnis dafür streng genommen nicht (wobei hier auch normale Erwägungen bzgl. Diskretion ins Spiel kommen); allerdings darf er nie preisgeben, dass er die Sünde auch noch gebeichtet bekommen hat, sondern muss so handeln, als wüsste er nur auf die andere Weise davon.

Nicht nur das Weitergeben des Wissens aus der Beichte ohne ausdrückliche Erlaubnis des Pönitenten ist verboten, auch der Gebrauch desselben ist strengen Regeln unterworfen:

Can. 984 — § 1. Ein Gebrauch des aus der Beichte gewonnenen Wissens, der für den Pönitenten belastend wäre, ist dem Beichtvater streng verboten, auch wenn jede Gefahr, daß etwas bekannt werden könnte, ausgeschlossen ist.

(Ein bloßer Gebrauch ohne jede Weitergabe des Wissens, der dem Pönitenten angenehm wäre, ist erlaubt; z. B. darf der Beichtvater aufgrund von Wissen aus der Beichte in Zukunft freundlicher zu ihm sein oder besonders für ihn beten; wobei man hier natürlich auch vorsichtig sein sollte, damit nicht irgendwie noch indirekt das Beichtgeheimnis verletzt wird.)

Außerdem:

§ 2. Wer eine leitende Stellung einnimmt, darf die Kenntnis von Sünden, die er zu irgendeiner Zeit aus der Entgegennahme einer Beichte erlangte, auf keine Weise bei der äußeren Leitung gebrauchen.

Außerdem gibt es noch eine Regelung für Klöster und Priesterseminare:

Can. 985 — Der Novizenmeister und sein Gehilfe sowie der Rektor eines Seminars oder einer anderen Erziehungseinrichtung dürfen sakramentale Beichten ihrer Alumnen, die sich im selben Haus aufhalten, nur hören, wenn die Alumnen in Einzelfällen von sich aus darum bitten.

Damit soll verhindert werden, dass etwa der Rektor eines Priesterseminars zu viel persönliches Wissen über die Seminaristen bekommt, für die er verantwortlich ist und über die er Autorität ausübt, und in Versuchung gerät, gegen Can. 984 § 2 zu verstoßen. Die Beichte ist etwas Intimes, Persönliches; hier lädt man seine Sünden gegenüber Jesus ab; das ist nichts, worauf einen eine Autoritätsperson später wieder ansprechen oder wonach sie einen bewerten darf. (Das gilt ausnahmlos, egal bei welcher Sünde.)

Wenn ein Priester, der oft Beichten hört, vage erählt, dass man in der Beichte öfter mal Sündenkategorie X zu hören bekommt, ist das kein Bruch des Beichtgeheimnisses; hier kann schließlich unmöglich auf individuelle Beichten geschlossen werden.

Eine Beichte mithilfe eines Dolmetschers oder Gebärdendolmetschers ist möglich, oder anstatt eines Gebärdendolmetschers für Stumme auch eine Beichte über das Aufschreiben der Sünden. Allerdings ist niemand verpflichtet, einen Dolmetscher heranzuziehen oder in so einem Fall seine Sünden aufzuschreiben (wegen der größeren Gefahr des Bruchs des Beichtgeheimisses); wenn er keinen Priester findet, der seine Sprache/Gebärdensprache versteht, darf er die Beichte aufschieben. Diese Lösungen sind auch nur für Ausnahmefälle gedacht. Im CIC  heißt es:

„Can. 990 — Niemand darf daran gehindert werden, mit Hilfe eines Dolmetschers zu beichten; dabei sind aber Mißbräuche und Ärgernisse zu vermeiden und die Vorschrift des can. 983, § 2 zu beachten.“

Hörmann meint: „Fremdsprachige, die keinen Beichtvater finden können, der sie versteht, brauchen in Todesgefahr, bei der jährl. Beichte und bei sonstigen ihnen notwendig scheinenden Beichten nur durch Zeichen zu bekennen, daß sie Sünder sind.“ (Lexikon der christlichen Moral)

Eine Beichte aus der Ferne – über Telefon oder Internet – ist nicht möglich. Man muss am selben Ort wie der Beichtvater sein und ihm sein Bekenntnis ablegen. (Wobei manche Theologen spekuliert haben, ob eine Beichte übers Telefon im Notfall, wenn z. B. der Priester nicht rechtzeitig zu einem Sterbenden gelangen kann, möglicherweise gültig sein könnte, aber das ist wohl eher nicht der Fall; erlaubt ist das jedenfalls nicht.)

Für eine gültige Absolution ist auf der Seite des Beichtvaters Folgendes nötig: Er muss gültig geweiht sein, von der Kirche die Beichtvollmacht haben, die Intention haben, einen loszusprechen, und etwa die richtigen Worte verwenden.

Es genügt nicht, einfach nur gültig geweiht zu sein, er muss auch die ausdrückliche Beichtvollmacht von der Kirche erhalten haben (nähere Erklärungen hier). Wenn ein katholischer Priester, der nicht mit Kirchenstrafen belegt ist, irgendwo anbietet, Beichte zu hören, wird man davon ausgehen können, dass er diese Befugnis hat. Seit dem Jahr der Barmherzigkeit haben sie auch die Piusbrüder (ob ihre Beichten vorher gültig waren, ist eine schwierige Frage); schismatische Priester (orthodoxe Priester, Sedisvakantisten usw.) haben sie nicht.

(Wenn Priester die Beichtvollmacht nicht haben,  greift in manchen Fällen das Prinzip „supplet ecclesia“ – die Kirche ersetzt die im Einzelfall fehlende Vollmacht. Das gilt z. B., wenn ein frisch für einen Posten ernannter Priester meint, seine Beichtvollmacht gelte schon ab dem 1.8., aber wegen irgendeines Missverständnisses gilt sie erst ab dem 1.9. Wenn er also im August guten Glaubens Beichten hört, sind die gültig. Das gilt z. B. nicht, wenn einem Priester die Beichtvollmacht bekanntermaßen entzogen wurde und er und der Pönitent das wissen.

Can. 144 — § 1. Bei einem tatsächlich vorliegenden oder rechtlich anzunehmenden allgemeinen Irrtum und ebenfalls bei einem positiven und begründeten Rechts- oder Tatsachenzweifel ersetzt die Kirche für den äußeren wie für den inneren Bereich fehlende ausführende Leitungsgewalt.

§ 2. Dieselbe Norm wird auf die in cann. 882, 883, 966 und 1111, § 1 genannten Befugnisse angewandt.)

Eine Ausnahme gibt es, wenn nämlich jemand in Todesgefahr (also todkrank, tödlich verwundet, Soldat in einem Kriegsgebiet o. Ä.) ist:

Can. 976 — Jeder Priester absolviert, auch wenn er die Befugnis zur Entgegennahme von Beichten nicht besitzt, jegliche Pönitenten, die sich in Todesgefahr befinden, gültig und erlaubt von jedweden Beugestrafen und Sünden, auch wenn ein Priester mit entsprechender Befugnis zugegen ist.

Das gilt also für jeden gültig geweihten Priester (also auch z. B. für koptische oder  orthodoxe Priester, oder für laisierte katholische Priester; allerdings natürlich nicht für evangelische oder anglikanische Pfarrer, und auch nicht für Frauen in schismatischen Gruppierungen, die sich als „Priesterinnen“ bezeichnen, da die nicht gültig geweiht sind).

Die Intention ist praktisch immer gegeben. Der Priester muss nur die Intention haben, „das zu tun, was die Kirche tut, wenn sie losspricht“ – er muss nicht an das richtige Konzept davon glauben, was die Kirche hier tut oder was genau überhaupt die Kirche ist. Wenn ein Priester seinen Glauben innerlich aufgegeben hat, und nur auf seinem Posten bleibt, weil er nicht arbeitslos werden will, und meint, in der Beichte passiere real überhaupt nichts, hat er normalerweise trotzdem die Intention, das zu tun, was die Kirche tut, wenn sie losspricht, wenn er im Beichtstuhl sitzt und die Lossprechung erteilt – was seiner Meinung nach nichts ist, aber darauf kommt es nicht an. Dass die Intention gegeben sein muss, heißt eigentlich nur, dass die Lossprechungsformel nicht von selber magisch wirkt.

Bei den richtigen Worten wird es kniffliger. Die Formel an sich lautet (ohne das  einleitende Gebet, das der Priester auch sprechen sollte): „So spreche ich dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“  (Ego te absolvo a peccatis tuis in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti.) Es gibt ja ab und zu – glücklicherweise selten – Priester, die da kreativ werden. „Also darf ich Ihnen jetzt versichern, dass Gott mit Barmherzigkeit auf alles schaut, was Sie belastet“ oder „Also darf ich dich jetzt lossprechen von deinen Sünden“ oder „Gott vergibt Ihnen Ihre Sünden“ wäre etwa keine gültige Absolution. Was vorhanden sein muss:

  • Sicher muss „ich spreche dich/Sie/euch los“ (ego te absolvo) vorhanden sein – nicht „so darf ich dich nun lossprechen“ oder „ich kann dich lossprechen“ oder „fühlen Sie sich jetzt frei von allem Schlechten“ oder „Jesus spricht dich los“. „Ich löse dich/Sie/euch“ oder „ich spreche dich/Sie/euch frei“ wäre gültig, weil man „absolvo“ ebenso damit übersetzen kann; die Bedeutung ist die gleiche. Er muss jedenfalls sagen, dass er selbst, dem diese Aufgabe von Gott und der Kirche übertragen ist, losspricht.
  • Möglicherweise muss „von deinen/Ihren/euren Sünden“ (a peccatis tuis) – nicht „von Ihren Schwächen und Fehlern“ oder „von dem, was Sie hier vor Gott gebracht haben“ oder „von allem, was nicht so gut gelaufen ist“ – zur Gültigkeit auch vorhanden sein.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (in Nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti)  ist für die bloße Gültigkeit nicht nötig.

Wenn ein liberal eingestellter – oder vielleicht ein alter und sehr vergesslicher – Priester eine ungültige Formel verwendet, ist es am besten, ihn höflich zu fragen, ob er das bitte noch einmal in den vorgegebenen Worten sagen könnte, das sei einem wichtig (oder so). Wenn man dafür nicht schlagfertig genug war oder er sich einfach geweigert hat? Dann bleibt einem nichts anderes übrig als Liebesreue und beizeiten eine andere Beichte bei einem anderen  Priester. Der Priester wird sich vor Gott verantworten müssen, und am besten sollte man seinen Vorgesetzten (Pfarrer, Bischof, Generalvikar, Ordensoberer…) informieren, weil er nicht das Recht hat, auf diese Weise willkürlich mit Gläubigen umzuspringen.

Was ist, wenn einem einfällt, dass eine Beichte vor Jahren ungültig gewesen ist oder gewesen sein könnte? Keine Panik. Die Sünden sind spätestens bei der darauffolgenden gültigen Beichte automatisch mitvergeben worden – das zählt wie vergessene Sünden. Wenn man noch im Einzelnen weiß, was sie waren, und sich sicher ist, dass die Beichte ungültig war, muss man sie in der nächsten Beichte noch einmal bekennen. Ansonsten darf man es lassen. „Wer einmal ungültig gebeichtet, dies aber vergessen und später guten Glaubens andere Beichten abgelegt hat, muß nach Entdeckung des Sachverhalts nur die bei der ungültigen Beichte bekannten Sünden ausdrückl. der Schlüsselgewalt der Kirche unterwerfen. […] Wenn die Wiederholungsbeichte beim selben Beichtvater abgelegt wird wie die ungültige und sich der Beichtvater an das frühere Bekenntnis erinnert, genügt der Hinweis auf dieses mit den etwa notwendigen Ergänzungen. Jedenfalls muß ein formal vollständiges Bekenntnis abgelegt werden.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Bitte keine Panik wegen möglicherweise ungültiger Beichten. Gott lässt uns ja nicht fallen, weil wir an einen idiotischen Beichtvater geraten.

Priester sind verplichtet, den Gläubigen die Beichte zu ermöglichen:

„Can. 986 — § 1. Jeder, dem von Amts wegen die Seelsorge aufgetragen ist, ist zur Vorsorge dafür verpflichtet, daß die Beichten der ihm anvertrauten Gläubigen gehört werden, die in vernünftiger Weise darum bitten; des weiteren, daß ihnen an festgesetzten Tagen und Stunden, die ihnen genehm sind, Gelegenheit geboten wird, zu einer persönlichen Beichte zu kommen.

§ 2. In einer dringenden Notlage ist jeder Beichtvater verpflichtet, die Beichten von Gläubigen entgegenzunehmen, und in Todesgefahr jeder Priester.“

Wenn ein Priester gerade keine Zeit hat und es nicht dringend ist, ist er nicht streng verpflichtet, die Beichte eines Gläubigen zu hören; aber es ist auf jeden Fall wichtig, dass er dafür sorgt, dass jeder mal Gelegenheit zur Beichte hat.

Darf ein Priester die Absolution verweigern? So einfach nicht. Aber das kann dann erlaubt oder sogar nötig sein, wenn für ihn klar ist, dass der Pönitent nicht bereut, oder er deutliche Zweifel an der Reue hat.

„Can. 980 — Wenn der Beichtvater keinen Zweifel an der Disposition des Pönitenten hat und dieser um die Absolution bittet, darf diese weder verweigert noch aufgeschoben werden.“

Darf der Priester z. B. von einem Bankräuber oder Mörder verlangen, sich der Polizei zu stellen, bevor er ihn losspricht? Prinzipiell nicht. Er kann ihm sagen, wenn er wirklich bereut, soll er das tun, und ihm dementsprechend zureden, aber zur Bedingung für die Lossprechung machen kann er es nicht einfach.

Es gibt einzelne Sünden, von denen ein normaler Priester (außer, wenn der Pönitent in Todesgefahr ist) nicht lossprechen kann, sondern nur ein Bischof oder sogar nur der Heilige Stuhl; wenn ein Pönitent so etwas beichten würde, würde der Priester also einen Brief an die zuständige Stelle schreiben. Zu diesen Sünden, die dem Heiligen Stuhl  vorbehalten sind, gehören Hostienschändung oder ein körperlicher Angriff auf den Papst – also nichts, wovon der Durchschnittskatholik betroffen sein wird. Die Vornahme einer Abtreibung wird mit der automatisch durch die Tat eintretenden Exkommunikation bestraft, aber davon darf in diesem Fall in den meisten Ländern jeder Beichtvater lossprechen.

Außerdem gibt es einen Sonderfall:

„Can. 977 — Die Absolution des Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs ist ungültig, außer in Todesgefahr.“

Das 6. Gebot betrifft Unkeuschheitssünden; d. h. etwa, ein Priester kann eine Frau, mit der er eine Affäre gehabt hat, nicht lossprechen  (außer sie liegt im Sterben); dafür muss sie bei jemand anderem beichten.

Vielleicht sollte man im Zusammenhang mit der Beichte auch noch einen weiteren Sonderfall, das Verbrechen der sollicitatio in confessione, erwähnen:

„Can. 1387 — Ein Priester, der bei der Spendung des Bußsakramentes oder bei Gelegenheit oder unter dem Vorwand der Beichte einen Pönitenten zu einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs zu verführen versucht, soll, je nach Schwere der Straftat, mit Suspension, mit Verboten, mit Entzug von Rechten und, in schwereren Fällen, mit der Entlassung aus dem Klerikerstand bestraft werden.“

Früher machte es das Kirchenrecht sogar zu einer strengen Verpflichtung für den Pönitenten, einen solchen Beichtvater innerhalb eines Monats beim Bischof oder beim Heiligen Stuhl anzuzeigen, wenn irgend möglich; diese Verplichtung ist inzwischen weggefallen, vermutlich, weil man Opfer nicht zusätzlich dadurch unter Druck setzen wollte; aber natürlich ist es immer noch wichtig, dass ein Priester, der zu so etwas fähig ist, angezeigt wird.

Weil das ein ziemlich schwerwiegendes Verbrechen ist, gelten allerdings auch strenge Gesetze für verleumderische Anklagen:

„Can. 1390 — § 1. Wer einen Beichtvater wegen der in can. 1387 genannten Straftat fälschlich bei einem kirchlichen Oberen anzeigt, zieht sich die Tatstrafe des Interdiktes zu, und, wenn es sich um einen Kleriker handelt, auch die Suspension.“

„Can. 982 — Wer bekennt, fälschlich einen unschuldigen Beichtvater bei der kirchlichen Autorität des Vergehens der im Zusammenhang mit der Beichte geschehenen Verführung zu einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs bezichtigt zu haben, darf erst absolviert werden, wenn er vorher in aller Form die falsche Anzeige zurückgezogen hat und bereit ist, angerichteten Schaden wiedergutzumachen.“

Und das war es soweit; man könnte noch mehr über die Pflichten von Beichtvätern bei diesem Sakrament sagen, aber dieser Artikel war ja hauptsächlich zur Info für Laien gedacht. Beim nächsten Mal zu ein paar Dingen bzgl. der hl. Kommunion.

Werbeanzeigen

Was tun als Skrupulant ohne regelmäßigen, vertrauenswürdigen Beichtvater?

Der klassische Rat der Kirchenlehrer und Theologen für Skrupulanten ist bekanntlich: sich einen Beichtvater suchen und dem gehorchen. Wenn der Beichtvater einem sagt, man hat keine Sünde begangen, dann akzeptiert man das Urteil unhinterfragt und sucht nicht zur Sicherheit noch einen zweiten Priester auf, den man fragen kann. Man ersetzt das eigene, gestörte Urteil, zumindest für einige Zeit, durch das Urteil eines anderen und übt sich in Demut und Gehorsam.

Das ist so weit ein guter Rat; aber leider nicht immer einer, der so leicht umgesetzt werden kann, jedenfalls heute nicht mehr so leicht wie früher. Wenn man zur Beichte zu einem „liberalen“ Priester gehen muss, bei dem man froh sein kann, wenn er die Absolutionsformel ohne Änderungen spricht, wird man den nach der Aufzählung der Sünden nicht um weiteren Rat bitten, geschweige denn, seinen Ratschlägen gehorchen wollen, sondern sich lieber nur schnell die Lossprechung holen und wieder aus dem Beichtstuhl verschwinden. Und mit gutem Grund.

Jetzt könnte man natürlich sagen „such dir doch einen guten Beichtvater“. Aber das ist manchmal nicht so einfach, und manchmal geht es fürs erste gar nicht. Vielleicht lebt man in der Diaspora auf dem platten Land ohne Auto und hat in der näheren Umgebung keinen Priester, dem man so weit vertrauen würde und der Zeit für einen hat, vielleicht wird der bisherige Beichtvater in eine weiter entfernte Pfarrei versetzt, oder man hat einfach noch zu viel Angst, um irgendeinen Priester zu fragen. Aus welchem Grund auch immer: Manchmal muss man sich fürs erste auf andere Weise behelfen.

Zudem kann man nicht ständig, wenn man wegen irgendetwas in Panik ist, den Beichtvater nerven; es ist auch dann, wenn man einen Beichtvater hat, gut, wenn man selbst daran arbeitet, die Skrupulosität zu überwinden. Was also tun?

In diesem Fall muss man sich zunächst mal konsequent selbst dazu zwingen, die allgemeinen Regeln für Skrupulanten einzuhalten. Vor allem (ich wiederhole hier auch einiges, was ich in diesem alten Post vom Beginn meiner Bloggerzeit schon gesagt habe):

  • Zweifel verachten. Das ist die wichtigste Regel für Skrupulanten überhaupt: Wenn man zweifelt, ob man eine schwere Sünde begangen hat, wird sie nicht als schwere Sünde gezählt; wenn man Zweifel hat, ob eine Beichte gültig war, wird sie als gültig gezählt; wenn man Zweifel hat, ob man verpflichtet ist, etwas zu tun, muss man sich nicht verpflichtet fühlen. Punkt.
  • Der Gedanke „Aber vielleicht betrüge ich mich selbst und bin gar nicht skrupulös / es ist nicht wirklich zweifelhaft, ob diese Sünde schwer war / in meinem Fall gelten diese Regeln nicht, weil es da ganz besondere Umstände gibt, an die die, die diese Regeln aufgestellt haben, vielleicht nicht gedacht haben“ ist typisch für alle Skrupulanten. Ignorieren. Nein, man ist kein Sonderfall. Die Kirchenlehrer wussten schon Bescheid.

Betreffs Beichte und Kommunion:

  • Die Kirche schreibt nur vor, einmal im Jahr die schweren Sünden zu beichten. Ja, tatsächlich, nur einmal im Jahr. Wenn man eine (mutmaßlich) schwere Sünde begangen hat, muss man nicht schauen, dass man in den nächsten zwei Tagen zur Beichte kommt; nein, man begeht keine weitere Sünde, wenn man länger wartet. Sinnvoll ist es, in regelmäßigen Abständen zu beichten (z. B. einmal im Monat).
  • Man muss nur die Sünden, bei denen man schwören könnte, dass sie schwer sind, beichten. Wenn man zweifelt, ob man eine Tat begangen hat, oder ob eine begangene Tat eine Sünde war, muss sie nicht gebeichtet werden.
  • In der Beichte sind nicht sämtliche Details notwendig; man muss nur das nennen, was die Art und (so weit man sie weiß, eine ungefähre Schätzung genügt) Zahl der schweren Sünden betrifft.
  • Bereits gebeichtete Sünden werden nicht noch einmal gebeichtet.
  • Eine Beichte ist nur dann ungültig, wenn man eine sicher schwere Sünde absichtlich und bewusst verschwiegen hat, oder vorhatte, eine sicher schwere Sünde weiterhin zu begehen. „Ich habe eine Sünde vergessen, weil ich mich nicht gut genug vorbereitet habe“ oder „Ich glaube, meine Reue war nicht stark genug“ ist kein Grund, an der Gültigkeit der Beiche zu zweifeln.
  • Man sollte sich immer wieder daran erinnern, dass Liebesreue genügt, um in den Himmel zu kommen, solange man noch nicht zur Beichte gekommen ist. Man sollte auch nicht zögern, sie zu erwecken, weil man sich z. B. unwürdig fühlt, gleich wieder Gottes Vergebung zu erlangen. Gott will einen sofort zurück bei sich haben. (Bei der Erweckung der Liebesreue hilft z. B. ein Gebet wie der Akt der Reue aus dem Kompendium des Katechismus: „Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“)
  • Das Bußgebet nach der Beichte wird nicht wiederholt, auch wenn man glaubt, dass man beim ersten Mal nicht andächtig genug war. Es wird aus keinem Grund wiederholt. (Die Sünde ist im Übrigen schon mit der Absolution weg.)
  • (Die Nicht-Wiederholungs-Regel gilt auch sonst für alle Gebete, die man verrichtet.)
  • Keine Generalbeichten ablegen. Wenn es unbedingt sein muss, dann einmal und nie wieder. Auch nicht bei einem anderen Beichtvater. Nie wieder.
  • Wenn man in der Stunde vor der Kommunion (vor der Kommunion, nicht vor Beginn der Messe) nicht mit voller Absicht Essen in den Mund steckt und es kaut und schluckt, oder mit voller Absicht etwas trinkt (was nicht Wasser und Medizin ist, das ist erlaubt), indem man eine Flasche oder ein Glas an die Lippen nimmt und schluckt, kann man das Fasten vor der Kommunion nicht brechen. Eine verschluckte Schneeflocke oder ein verschluckter Krümel, den man schon länger zwischen den Zähnen hatte, zählen zum Beispiel nicht. Das Fastengebot gilt im Übrigen für ältere Menschen und für Kranke (nicht nur für akut, sondern auch für chronisch Kranke) nicht.
  • Wenn man sich nicht so sicher ist, dass man darauf schwören könnte, dass man eine noch nicht gebeichtete schwere Sünde auf dem Gewissen hat: zur Kommunion gehen. Nicht vorsichtshalber wegbleiben; man braucht die Nähe zu Jesus.
  • Wegen möglichen Hostienbröseln an den Händen oder Lippen sollte man sich nicht zu viele Gedanken machen. Zunächst mal: Das tut Jesus selbst nichts. Natürlich müssen wir das Allerheiligste ehrfürchtig behandeln, aber nicht deshalb, weil wir Jesus schaden könnten, wenn wir es nicht tun. Und wenn trotz aller Sorgfalt (und Gott verlangt keine übermenschliche, sondern praktisch leistbare, menschliche Sorgfalt) doch einmal ein winziger Krümel unbemerkt auf den Boden fällt o. Ä., ist das kein Sakrileg.
  • Als Laie ist man nicht dafür zuständig, zu überwachen, dass der Priester sorgfältig genug mit dem Allerheiligsten umgeht. Wenn man eindeutig sieht, dass ihm eine Hostie auf den Boden fällt und er nicht reagiert – natürlich, dann muss jemand eingreifen. Aber wenn man meint, aus dem Augenwinkel gesehen zu haben, dass er am Altar mit dem Ärmel über die Hostien gestreift sein und jetzt vielleicht einen Krümel am Ärmel hängen haben könnte: Nein, man ist nicht zuständig, ihn nach der Messe darauf anzusprechen.
  • Manchmal hat man als Skrupulant Angst davor, dass irgendjemand anders bei der Kommunion eine Hostie nicht essen, sondern in die Tasche stecken und mitnehmen könnte, o. Ä. Am klügsten ist es, wenn diese Angst einen plagt, bei der Kommunion gar nicht umherzuschauen und, sobald man wieder in der Bank ist, die Augen zu schließen, um sich auf die eigene Begegnung mit Jesus konzentrieren zu können.
  • Ein Sakrileg gemäß Can. 1367 („Wer die eucharistischen Gestalten wegwirft oder in sakrilegischer Absicht entwendet oder zurückbehält, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu“) meint eine absichtliche, schwere Verunrehrung des Allerheiligsten. Damit sind solche Verbrechen gemeint, wie hier von Einbrechern in eine Kirche aus Nîmes berichtet. Wer – zum Beispiel – nach der Messe irgendwo auf dem Kirchenboden einen kleinen weißen Punkt sieht, sich fragt, ob das ein Hostienkrümel sein könnte, sich aber nicht sicher ist, weil es auch ein Steinchen sein könnte, und dann heimgeht und nichts tut, hat kein solches Sakrileg begangen und ist nicht exkommuniziert.

Außerdem ist zu beachten:

  • Das Beste ist nicht immer das einzig Richtige. Im Bereich des Erlaubten gibt es oft mehrere Optionen, und auch wenn eine besser ist als andere, heißt das nicht, dass man eine Sünde begeht, wenn man eine andere wählt. Nur das Verbotene ist verboten; nur das Verpflichtende ist verpflichtend. Man sollte sich vor der „Aber-ich-könnte-ja-noch-mehr-tun“-Falle hüten.
  • Das Unmögliche ist grundsätzlich nicht verpflichtend. Es gibt zudem nicht nur „physische Unmöglichkeit“ (also absolute Unmöglichkeit), sondern auch „moralische Unmöglichkeit“, d. h. etwas kann praktisch unzumutbar sein. Bsp.: Jemand mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, der furchtbar in Panik gerät, wenn er eine Kirche betritt, wäre genauso von der Sonntagspflicht entschuldigt, wie jemand, der physisch nicht aus dem Haus kommt, weil er krank ist. Natürlich gibt es auch gewisse Unterschiede: Von manchen Pflichten kann man sich wegen weniger schlimmer Dinge entbunden sehen (z. B. von der Pflicht, zur Sonntagsmesse oder zur Arbeit zu gehen), von manchen nicht so leicht (z. B. von der Pflicht, sein eigenes Kind zu versorgen). Aber das Prinzip bleibt. (Das heißt nicht, dass es keine Regeln geben würde, die immer und überall gelten – aber diese völlig ausnahmslos immer und überall geltenden Regeln sind dann Regeln, die sich auf in sich schlechte Handlungen beziehen, also Unterlassungspflichten festlegen. Die Unterlassung einer in sich schlechten Handlung (wie z. B. Mord, Glaubensverleugnung, Ehebruch…) ist immer möglich, die Erfüllung einer Handlung dagegen nicht immer.)

Betreffs anderer spezieller Fragen:

  • Intrusive blasphemische Gedanken ignorieren, oder es gleich Jesus anvertrauen, wie sehr sie einen belasten. Die sind keine Sünde (Sünde liegt im Willen), sondern eine unfreiwillige Belastung.
  • Gedanken, Wünsche und Fantasien, die man nicht mit voller Absicht herbeiholt / da behält, können keine Sünde sein. Gefühle, die man nicht mit voller Absicht herbeiholt / da behält, können keine Sünde sein.
  • Man hat nicht darüber nachzugrübeln, ob man Gedanken, Wünschen, Fantasien oder Gefühlen innerlich zugestimmt hat. Wenn man grübeln muss, zweifelt man; und Zweifel zählen bekanntlich nicht. Außerdem würden die belastenden Gedanken durch das ganze Grübeln erst recht wieder hochkommen. Und im Übrigen sind Gedanken und Gefühle etwas, das jeder Mensch hat; sie werden auch nicht leicht schwere Sünde.
  • Es ist besser, sich nicht zu viele Gedanken um die eigene Berufung machen und darum, ob man Gottes Willen in der Hinsicht verpassen könnte. Es muss nicht immer nur einen Weg geben; oft legt Gott einem auch mehrere vor und lässt einem die freie Auswahl. Es ist auch nicht schlimm, wenn man einen Beruf hat, bei dem man das Gefühl hat, nichts Nützliches für Gott / die Kirche zu tun. Auch diese Art von Berufen muss auf der Welt gemacht werden und damit leistet man etwas Gutes für die Welt. Man sollte sich auch nicht zu viele Gedanken darüber machen, ob man seine Talente dabei vergeudet. Und man sollte, wenn man wegen bestimmten äußeren Umständen (z. B. gesundheitlichen Problemen) ein Berufsziel oder eine Berufung nicht erreichen kann, auch wenn man meint, das wäre das, wofür man ansonsten am besten geeignet gewesen wäre, sich darum erst recht keine Gedanken machen. Und man sollte im Gedächtnis behalten: Gott kann immer noch andere Wege finden, auch wenn man einen guten Weg bereits verpasst hat.
  • Es ist nötig, sich klarzumachen, dass der eigene Einfluss auf andere begrenzt ist. Man fühlt sich als Skrupulant oft gedrängt, andere auf ihre (möglichen) Sünden hinzuweisen, um ihnen zu helfen. Bevor man das tut, sollte man sich aber klar machen, dass die allermeisten Menschen auf Ermahnungen, jedenfalls von Leuten, die ihnen nicht sowohl nahestehen als auch ihre wichtigsten Überzeugungen teilen, nicht besonders aufnahmebereit reagieren, und vielleicht eher genervt sein und noch weniger auf einen hören werden, wenn man das zu oft versucht. Jemandem, der nicht vom Katholizismus überzeugt ist, braucht man mit Dingen, die er nicht nachvollziehen kann, oft gar nicht erst zu kommen. Außerdem: Jeder hat einen freien Willen. Letztlich ist es zwar möglich, anderen Leuten dabei zu helfen, in den Himmel zu kommen, ihnen diesen Weg ein wenig leichter zu machen, aber sie sind letztlich selbst dafür verantwortlich, wo sie am Ende landen; Gott gibt allen eine reale Chance und sie müssen sie selbst ergreifen; das kann ihnen niemand abnehmen.
  • In Panik gemachte Versprechungen/Gelübde gegenüber Gott binden nicht.

Wenn man einzelne Gewissensfragen selbst, ohne Beichtvater, bewerten muss, hilft evtl. Folgendes:

  • Generell wird das erste, was man tut, sein, Bücher/Internetseiten, von denen man weiß oder meint, dass sie nicht im Konflikt mit der kirchlichen Lehre stehen, zu Rate zu ziehen. Manchmal braucht man einfach Antworten auf konkrete Fragen, und das ist auch normal und gut so; aber das sollte kein endloses, panisches Suchen werden; irgendwann muss einfach Schluss sein. Genau dieses endlose, panische Suchen soll die Beichtvater-Regel eigentlich verhindern; und wenn man keinen Beichtvater hat, muss man sich selbst irgendein Limit setzen. Gott verlangt von uns nicht mehr als normales, angemessenes Forschen danach, was das Richtige ist (man muss schließlich auch noch Energie dafür haben, es zu tun). Man sollte es daher gut sein lassen, nachdem man eine oder zwei vertrauenswürdige Quellen zu Rate gezogen hat; man hat keine Verpflichtung, weiterzusuchen.
  • Die Fragen sollte man so bewerten, wie man sie bewerten würde, wenn jemand anderer sie einem unterbreiten und einen um Rat fragen würde. Das hilft einem, wieder zu einem objektiveren Urteil zu finden. Wenn eine Freundin einem dieselbe Situation unterbreiten würde, was würde man ihr dann sagen?
  • Es kann auch helfen, vertrauenswürdige Freunde um Rat zu fragen. Wenn man alles laut erklären muss, sieht man die Situation vielleicht dadurch schon klarer; und sie wissen vielleicht mehr und können einem weiter helfen. Sie stecken nicht so tief drin und und blicken objektiver darauf.
  • Entscheidungen sollte man treffen, während man klar denken kann, nicht während man gerade in Panik ist, und sich dann später, wenn man in Panik gerät, daran halten.

Und immer dran denken: Wenn man sich dann trotzdem einmal irrt, rechnet Gott einem das nicht als Schuld an.

 

Ein paar weitere Ratschläge, die bei der Besserung der allgemeinen Situation helfen könnten:

  • Leiden kann man aufopfern, auch psychisches Leiden (und zwar egal, wie schlimm oder wie trivial es einem vorkommt). Dann wird daraus noch etwas Gutes, und so trickst man den Teufel aus.
  • Kurze Stoßgebete im Lauf des Tages beten.
  • Sich ab und zu in eine Kirche vor den Tabernakel setzen und einfach eine Zeit lang bei Jesus sein, ohne etwas zu tun. Nach der Sonntagsmesse, vor der Sonntagsmesse, am Werktag, wenn die Kirche leer ist… irgendwann eben, wann man gerade Zeit hat.
  • In der Bibel lesen. Gottes Wort hilft und tröstet.
  • Das Stundengebet oder zumindest einen kleinen Teil davon beten. Auch das hilft und tröstet. (Das gibt es als App, im Internet sowie in Buchform.)
  • Sich kleine Vorsätze machen, wenn man etwas ändern will, vor allem, wenn man im Moment nicht die Kraft für große Veränderungen hat. „Ich will jeden Samstagabend die Vesper beten“ hält man eher ein als „ich will jeden Tag Laudes, Vesper und Komplet beten“, und dann ist man auch nicht entmutigt. Kleine Fortschritte sind wesentlich besser als gar keine. Es kommt einem trivial und lächerlich vor, was man sich vornimmt? Na und? Soll man lieber nichts verändern? Außerdem: Sich konkrete Vorsätze machen. Also statt „ich will mehr in der Bibel lesen“ lieber „ich will jeden Sonntag, bevor ich ins Bett gehe, ein Kapitel in der Bibel lesen“.
  • Geduld haben. Gott arbeitet an einem ein Leben lang.
  • Sich einen oder mehrere Heilige suchen, vor denen man keine Angst hat – solche, bei denen man das Gefühl hat: die wären freundlich und gut zu mir. Ich hätte z. B. vor dem hl. Padre Pio eher Angst als vor dem hl. Franz von Sales, dem hl. Johannes Paul II., dem hl. Joseph, dem hl. Petrus, oder dem hl. Thomas. Natürlich müsste man eigentlich vor keinem Heiligen Angst haben; aber wenn man sie doch hat, sucht man sich eben erst einmal andere Patrone; die Auswahl ist schließlich groß genug. Übrigens ist der hl. Aphons von Liguori der Patron der Skrupulanten und die hl. Dymphna die Patronin der psychisch Kranken im Allgemeinen; der hl. Ignatius von Loyola könnte auch helfen. Fürsprecher sind gut.
  • Zum eigenen Schutzengel beten. Gott hat einen eigenen Engel abgestellt, um einen zu beschützen; wieso sich nicht mal an den wenden?
  • Es mit der Herz-Jesu-Verehrung probieren.
  • Sich der eigenen Würde als Christ bewusst werden. Wir sind Kinder Gottes, Tempel des Heiligen Geistes, Glieder des Leibes Christi, der durch uns handeln will. Wir sind getauft und „besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist“ in der Firmung. Gott ist mit uns.
  • Wenn man Angst vor der Beichte entwickelt: Sich ein wenig „Auszeit“ nehmen, in der man versucht, zur Ruhe zu kommen, und sich dann ruhig auf die Beichte vorbereiten. Sich einen festen Termin setzen, und sich, wenn möglich, mit einem Freund oder Familienmitglied verabreden, um gemeinsam hinzugehen – da ist die Hemmschwelle größer, es wieder abzusagen, wieder zurückzuschrecken. Oder einen Beichttermin mit dem Priester ausmachen, dafür gilt das Gleiche. Wenn man niemanden hat, mit dem man sich dazu verabreden kann, oder sich nicht traut, extra einen Termin auszumachen – nicht so schlimm, dann versucht man es eben auf andere Weise. Sich deswegen weiter zu stressen, hilft nicht. Dann: Versuchen, überpünktlich zu sein, wenn es so weit ist; vielleicht schon eine halbe Stunde vorher in die Kirche zu kommen und noch vor dem Tabernakel zu sitzen. Wenn man dann vor Angst Bauchschmerzen bekommt und sich der Aufbruch verzögert, hat man damit immer noch einen zeitlichen Puffer. Und wenn es wieder einmal nicht geklappt hat: Nicht verzweifeln. Es ist nie zu spät. Gott gibt uns nie auf.

Käthe Kollwitz, Betende Frau (Femme en prière).jpg

(Käthe Kollwitz, Betende Frau. Gemeinfrei.)

Father William Doyle: Skrupel und ihre Behandlung

Aus: Father William Doyle SJ (1873-1917), „Scruples and their treatment“. Übersetzung von mir. Der zitierte Text ist nur ein kleiner Auszug aus Father Doyles Werk, das man hier (https://fatherdoyle.com/writings/) herunterladen kann. Sehr zu empfehlen!

 

„Generelle Überlegungen

Definition.

Skrupulosität ist generell eine unbegründete Angst davor, Sünden zu begehen.

Es gibt zwei Arten von Skrupeln: solche, die nur den Intellekt betreffen; solche, die auch die Empfindungen betreffen.

Rein intellektuelle Skrupel sind wirklich nur Zweifel. Man trifft sie vor allem bei aufrichtigen Seelen, die Selbstkontrolle ausüben und nicht gewohnheitsmäßig skrupulös sind. Sobald diese Seelen sich also moralisch sicher sind, dass der fragliche Akt nicht sündhaft ist, verschwindet der Skrupel. Diese Art von Skrupel ist harmlos,und muss nicht behandelt werden.

Das Gegenteil ist der Fall bei Skrupeln, die den niedrigeren Teil der Seele befallen (die Empfindungen). Durch den starken Eindruck auf die Sinne üben diese eine Macht aus, die der reinen Feststellung von Tatsachen widersteht. Solche Skrupel betreffen vor allem leicht beeindruckbare Seelen; tatsächlich ist es ihre emotionale Natur, die Skrupulosität erzeugt. Eine praktische Definition dieser Art von Skrupel wäre: eine unruhige, unbegründete Furcht, Sünde zu begehen, gesteigert durch die Eindrücke auf den niedrigeren Teil der Seele.

Ein Beispiel mag helfen, diese unterschiedlichen Arten von Skrupeln klar zu machen. Zwei Personen verlassen am Sonntagmorgen die Kirche, wobei sie fürchten, dass sie wegen ihrer vielen Ablenkungen nicht ihrer Verpflichtung nachgekommen sind, die Messe zu hören. Nachdem er ihre Zweifel angehört hat, beruhigt ihr Beichtvater sie beide. Allerdings ist nur eine gänzlich zufrieden. Die andere wird bald wieder unruhig, wird nervös, und fühlt einen fast unwiderstehlichen Drang, sich ganz sicher zu sein, entweder durch eine vollständigere Erklärung, oder dadurch, eine weitere Messe zu hören. Die erste dieser Personen hatte nur einen intellektuellen Skrupel, die harmlose Furcht einer treuen Seele; die zweite leidet an nervöser Furcht, die den empfindenden Teil der Seele aufwühlt, und einen wirklichen Skrupel verursacht.

[…]

 

Tödliche Effekte der Skrupulosität.

Skrupulosität deformiert das moralische Urteil vollkommen. Sie nimmt einem den gesunden Menschenverstand.

Sie hält ein Vergrößerungsglas vor das Auge des Gewissens, das den kleinsten Anlass zur Sorge groß macht, und lässt eine furchtsame Seele tausend Phantomsünden sehen, während sie sie durch falsche Schlussfolgerungen davon zu überzeugen versucht, dass diese unzweifelhafte Fehler sind.

Skrupulosität blockiert allen Fortschritt hin zur Vollkommenheit

Es ist eine fundamentale Wahrheit, dass wir Gott nicht lieben können, wenn wir nicht an Seine Liebe zu uns glauben. Skrupulosität unterdrückt einen solchen Glauben vollständig, und lähmt daher jede großzügige Anstrengung. Zu jedem Moment schafft sie Probleme zwischen der Seele und ihrem Schöpfer durch pessimistische Gefühle in Bezug auf die Vergangenheit und die gegenwärtigen Dispositionen und Handlungen [der Seele]. […]

Bald wird die Seele, die sich ernsthaft in einem schlechten Zustand glaubt, entmutigt, und beginnt oft, wirkliche Sünde zu begehen.

Auch wenn aus Skrupeln keine Sünde folgt, hemmt die Skrupulosität dennoch den Fortschritt der Seele auf verschiedenen anderen Wegen. Sie lässt das Gebet als voll von Schwierigkeiten erscheinen. Sie macht die Ohren der armen niedergedrückten Seele taub für die tröstende Stimme des Heiligen Geistes. Sie zerstört die Zuversicht. Sie verhindert den häufigen Empfang der Sakramente, und blockiert so ihre stärkenden Effekte. Sie nimmt fast die Kraft weg, Versuchungen zu widerstehen. Sie verursacht Entmutigung, und mag sogar zur Verzweiflung führen.

[…]

 

Spezielle Heilmittel

[…]

1. Zweifel dürfen nicht beachtet werden.

Die skrupulöse Seele darf keine Notiz von ihren Zweifeln nehmen, das heißt, sie muss alle zweifelhaften Gebote, Verbote oder Verpflichtungen, oder Ängste, gesündigt zu haben, bei denen der Grund der Angst zweifelhaft ist, als absolut null und nichtig ansehen.

Mehr als das. Sie muss alle Gebote, Verpflichtungen oder Ängste, gesündigt zu haben, die nicht absolut sicher sind, d. h. so offensichtlich, wie dass zwei und zwei vier ergeben, als zweifelhaft und somit als nicht bindend ansehen.

Wiederum muss sich eine solche Seele in der Beichte als frei ansehen, sich wegen in irgendeiner Weise zweifelhaften schweren Sünde anzuklagen oder nicht anzuklagen.

Auf dieselbe Weise darf sie sich die Anklage wegen schweren Sünden, die vielleicht schon einmal gebeichtet wurden, nicht als eine Verpflichtung aufbürden. Im Gegenteil, sie sollte sich mutig gegen eine solche Beichte stellen.

Des weiteren muss sie davon absehen, eine Beichte zu wiederholen, die vielleicht gut war, oder vielleicht schlecht, welchen Grund auch immer sie haben mag, daran zu zweifeln, dass sie in Ordnung war. Sie soll kein Unbehagen dabei haben, so zu handeln, da die Verpflichtung, diese zweifelhaften Beichten zu wiederholen, in sich selbst zweifelhaft und damit nicht bindend ist.

2. Glaube an die Leichtigkeit der Vergebung

Die skrupulöse Seele muss glauben, dass alle ihre Sünden jedes Mal sofort vergeben werden, wenn sie vollkommene Reue erweckt, oder die Absolution empfängt, selbst mit unvollkommener Reue. ‚Aber‘, mag gefragt werden, ‚wie soll ich sicher sein, dass ich diese Reue habe?‘

Skrupulanten sollen glauben, dass sie die notwendige Reue haben, wenn die Reue aufrichtig erweckt wird. Diese Aufrichtigkeit ist sicher, wenn der feste Vorsatz, nie mehr Todsünden zu begehen, selbst aufrichtig oder frei von Täuschung ist.

Gott wünscht so sehr um die Bekehrung der Sünder, dass Er die Bedingungen, die notwendig zur Vergebung sind, auf ein Minimum reduziert.

Er fragt nur nach dem gewöhnlichsten guten Willen, das heißt, dem einfachsten festen Vorsatz, keine Todsünden zu begehen.“

 

Original:

 

„General Considerations

Definition.

Scrupulosity, in general, is an ill-founded fear of committing sin.

There are two kinds of scruples: those which affect only the intelligence; those which affect also the sensitive will.

– Purely intellectual scruples are really only doubts. They are most frequently met with in straightforward souls, who exercise self-control and are not habitually scrupulous. As soon, therefore, as these souls become morally certain that the act in question is not sinful, the scruple vanishes. This kind of scruple is harmless, and needs no treatment.

– The contrary is the case with scruples which affect the inferior part of the soul (sensitive will). From the strong impression produced on the senses these draw a force which resists the mere statement of facts. Such scruples chiefly afflict impressionable souls; in fact, it is their emotional nature which engenders scrupulosity. A practical definition of this kind of scruple would be: an uneasy, ill-founded fear of committing sin, increased by the impressions made on the inferior part of the soul.

An example may help to make clearer these different kinds of scruples. Two persons leave the church on a Sunday morning, fearing that, owing to their many distractions, they have not complied with their obligation of hearing Mass. Having listened to their doubts, their confessor reassures both. However, one only is entirely satisfied. The other soon becomes troubled again, gets nervous, and feels an almost irresistible longing to be quite sure, either by fuller explanation or by hearing another Mass. The first of these persons had only an intellectual scruple, the harmless fear of a loyal soul; the second suffers from nervous fear, which stirs the sensitive part of the soul, and causes a real scruple.

[…]

 

 

Deadly Effects of Scrupulosity.

Scrupulosity completely deforms the judgment in moral matters. It takes away one’s common sense.

It places before the eye of conscience a magnifying glass, which enlarges the slightest cause of alarm, and makes a timid soul see a thousand phantom sins, whilst by false reasoning it seeks to persuade it that these are undoubted faults.

Scrupulosity stops all progress in perfection.

It is a fundamental truth that we cannot love God unless we believe in His love for us. Scrupulosity completely represses such a belief, and thus paralyses all generous effort.
At every moment it creates trouble between the soul and its Creator by pessimistic feelings about the past, and about its present dispositions and actions. […]

Soon the soul, seriously believing itself to be in a bad way, becomes discouraged, and often begins to commit real sin.

Even though sin does not follow from scruples, scrupulosity, nevertheless, retards the soul’s progress in several other ways. It represents prayer as full of difficulties. It stops the ears of the poor downcast soul to the consoling voice of the Holy Ghost. It destroys confidence. It prevents the frequentation of the Sacraments, and thus stops their strengthening effects. It almost takes away the power of resisting temptation. It causes discouragement, and may even lead to despair.

[…]

 

Particular Remedies.

[…]

1. Doubts must be Ignored.

The scrupulous soul must take no notice of his doubts, that is to say, he must regard as absolutely null and void all doubtful laws, prohibitions or obligations, or any fear of sin, if the motive of the fear be doubtful.

More than this. He must consider as doubtful, and consequently as not binding, all laws, obligations, or fears of having sinned, which are not absolute certainties, i.e., as self-evident as that two and two make four.

Again, in confession, such a soul must consider himself free to accuse or not accuse himself of mortal sin in any way doubtful.

In the same manner he must not impose on himself, as an obligation, the. accusation of mortal sins perhaps already confessed. On the contrary, he should boldly set his face against such a confession.

Furthermore, he must abstain from making a confession over again, which, perhaps, was good, or perhaps bad, whatever reason he may have to doubt of its being all right. Let him have no uneasiness in acting thus, since the obligation of making these doubtful confessions over again is in itself doubtful, and consequently not binding.

2. Belief in the Easiness of Forgiveness.

The scrupulous soul must believe that all his sins are forgiven immediately each time he makes an act of perfect contrition, or receives absolution, even with imperfect contrition.
‚But,‘ it may be asked, ‚how am I to be sure that I have this contrition?‘

The scrupulous may believe they have the necessary contrition when the act of contrition is made with sinerity. This sincerity is assured when the firm purpose of never sinning again mortally is itself sincere or free from deceit.

God so desires the conversion of sinners that He reduces to a minimum the conditions necessary for pardon.

He asks only the most ordinary good will, that is to say, the simplest firm purpose of not sinning mortally.“

 

 

Aufhebung des Beichtgeheimnisses im Fall von sexuellem Missbrauch?

In Australien, wo in den letzten Jahren nicht wenige Missbrauchsfälle durch Kleriker publik geworden sind, steht der Vorschlag im Raum, ein Gesetz einzuführen, das Beichtväter verpflichten würde, Kindesmissbrauch, der ihnen gebeichtet wird, der Polizei zu melden. Ich verstehe die Argumente dafür: die Beichte sollte kein „rechtsfreier Raum“ sein, Kinder sollten vor einem Täter, der vielleicht weitere Taten begehen würde, geschützt werden, ein Priester kann es doch nicht einfach unter den Tisch kehren, wenn er von einem gefährlichen Straftäter weiß, usw. usf.

Trotzdem halte ich diesen Vorschlag für falsch.

Da gibt es natürlich einerseits die religiösen Begründungen für uns Katholiken: Das Beichtgeheimnis ist etwas absolut Heiliges. Eine staatliche Regierung hat nichts darüber zu sagen. Ein Priester darf das Beichtgeheimnis unter keinen Umständen brechen. Er ist nur das Sprachrohr zu Gott, er nimmt keine Informationen aus der Beichte mit, sondern wirkt bloß als Mittelsmann der göttlichen Vergebung. Das Beichtgeheimnis ist heilig.

Ich verstehe, dass Nichtkatholiken für diese Begründungen nicht viel übrig haben werden. Hier könnte man jetzt noch mit der Religionsfreiheit argumentieren – achtet, was anderen heilig ist, auch wenn ihr es nicht versteht. Aber wir wissen ja eigentlich alle, dass die Menschen im Allgemeinen nicht so freiheitlich eingestellt sind, dass sie etwas, das sie selbst für schrecklich halten, mit der Begründung „Uns ist das eben heilig“ automatisch dulden würden (und ich sage nicht, dass ich diese ihre Einstellung generell für ganz furchtbar falsch halte).

Aber dann sind da ja auch noch die praktischen Gründe: Wenn ein solches Gesetz eingeführt wäre, welcher Kinderschänder würde seine Taten denn dann noch beichten? Eben. Und nach dem status quo gibt es ja die Möglichkeit für einen Priester, die Absolution so lange zu verweigern, bis sich der Täter der Polizei gestellt hat. Er kann nach dem Kirchenrecht die Tat zwar nicht selbst anzeigen, aber er kann sehr wohl Druck ausüben. Und das hat er natürlich in jedem Fall zu tun! Nach der Einführung eines solchen Gesetzes dagegen würde er wahrscheinlich überhaupt nichts mehr von den Taten erfahren. Das Beichtgeheimnis kann also gerade dafür sorgen, dass Kinder besser geschützt werden.

Ich glaube, das hier könnte ein Beispiel für das Prinzip sein, dass „Der Zweck heiligt die Mittel“ oft nach hinten losgeht. Entscheidender für die Prävention von Missbrauch als ein eh schwer durchsetzbares symbolpolitisches Gesetz (wie will man es denn herausfinden, wenn ein Priester ihm gebeichteten Missbrauch nicht angezeigt hat?) ist, denke ich, das Vorgehen gegen das Wegschauen außerhalb der Beichte, und die Schulung für das Erkennen der Anzeichen von Missbrauch. Was den ganzen Schaden angerichtet bzw. verschlimmert hat, war ja nicht ein zu großer Respekt gegenüber der Heiligkeit des Bußsakramentes, sondern die Einstellung, den Opfern erst einmal nicht zu glauben oder sie gar nicht anhören zu wollen, keinen Skandal entstehen lassen zu wollen, das Wohl der Institution über das Wohl der Opfer zu stellen; die Naivität, Tätern gleich mal zu vertrauen, dass sie sich gebessert hätten und sie einfach zu versetzen statt zu belangen; der fehlgeleitete Respekt gegenüber den Tätern, der Opfer und deren Familien daran hinderte, Anzeige zu erstatten; allgemein das Darüber-wird-nicht-geredet (viele der Taten in Australien geschahen ja vor Jahrzehnten).

 

„Siehe, dein König kommt zu dir“: Lassen wir uns doch von Ihm lieben

(Ein etwas verspäteter Palmsonntagsbeitrag. Sorry, ich hatte in den letzten Tagen viel um die Ohren und habe diesen Beitrag daher länger halb fertig liegen lassen.)

„Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.“ (Matthäus 21,1-11)

„Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde. Auch deine Gefangenen werde ich um des Blutes deines Bundes willen freilassen aus ihrem Kerker, der wasserlosen Zisterne.“ (Sacharja 9,9-11)

Vergangenes Wochenende war ich seit längerem einmal wieder beichten (Fastenzeit und so); und es war ein außergewöhnlich schönes Erlebnis. Ich gehe jedes Mal in der Kirche in meiner Nachbarschaft bei dem Priester, der an dem Tag, an dem ich mir das Beichten vorgenommen habe, gerade im Beichtstuhl sitzt; meistens ist das der Stadtpfarrer. An diesem Wochenende erwischte ich erstmals den neuen Kaplan. Ich bin vom Pfarrer her eher die Art Beichte gewohnt, bei der man seine Sünden aufzählt, dann einen kurzen, eher allgemeinen Zuspruch erhält, und dann gleich die Absolution; alles in fünf Minuten vorbei. Diesmal merkte ich schon während des Schlangestehens vor dem Beichtstuhl (in der Karwoche muss man manchmal tatsächlich mal länger Schlange stehen, in meiner Pfarrei jedenfalls), dass die Leute vor mir schon etwas länger dort drin waren als für gewöhnlich, so eine Viertelstunde konnte es schon dauern. Als ich dann an die Reihe kam und schließlich mit meiner Sündenaufzählung fertig war, unterhielt sich der neue Kaplan auch mit mir noch länger als für gewöhnlich, offensichtlich, um das Ganze persönlicher zu machen anstatt mehr oder weniger als Blockabfertigung. Er begann einfach damit, nachzufragen, welche der Sünden, die ich genannt hatte, ich denn als am schwerwiegendsten bewerten würde. Ich stotterte erst einmal herum und entschuldigte mich dafür dann wiederum mehrmals; jedenfalls fragte er noch manches andere nach und ich konnte noch manches erzählen und manche Fragen stellen, und es ergab sich am Ende ein gutes Gespräch über mein neurotisches Gewissen. (Über das ich schon mehrfach geschrieben habe; siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/ und hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/category/skrupulositat/)

Wie gesagt, ich bin so etwas in der Beichte bisher eigentlich nicht gewohnt gewesen. Mit meinen religiösen Zwängen und Ängsten versuche ich meistens eher selber fertigzuwerden, anhand von Internet, Büchern, und eigenen Überlegungen. Zum Beichten bin ich immer gegangen, um Sachen bei Gott abzuladen, nicht, um persönlichen Trost und Tipps zu erhalten – ersteres geschieht natürlich immer und ist auch tatsächlich der eigentliche Zweck dieses Sakraments, aber er sollte letzteres nicht ausschließen; es muss schließlich Gründe geben, wieso Gott die Sündenvergebung in ein Zweiergespräch mit einem Seelsorger eingebunden hat. Einmal erst habe ich bisher außerhalb der Beichte mit einem Priester über meine religiöse Zwangsgestörtheit gesprochen (außerdem habe ich vor kurzem eine Psychotherapie begonnen; was natürlich nicht ganz dasselbe ist, aber trotzdem sehr notwendig); in der Beichte nie. Dabei ist sie eigentlich ein sehr geschützter Raum – schon allein durch die Architektur des Beichtstuhls mit seiner Abgeschlossenheit von der Außenwelt, seiner Dunkelheit, dem Gitter zwischen Priester und Pönitent, aber noch mehr natürlich durch das Wissen um das absolut ausnahmslos in jedem Fall geltende Beichtgeheimnis -, aber trotzdem ist es auch in so einem geschützten Raum nicht immer ganz einfach, dem Beichtvater, ob er nun ein Fremder oder ein guter Bekannter ist, mehr zu erzählen als unbedingt für eine gültige Beichte notwendig, und ihn noch um Rat für konkrete Situationen zu bitten, gerade, wenn vielleicht draußen noch andere Pönitenten warten, die sich eventuell noch fragen könnten, was man so lange da drin macht. Da kann es manchmal hilfreich sein, wenn der Priester von sich aus die Sache etwas persönlicher gestaltet. (Natürlich: Wenn es einem Pönitenten unangenehm ist, manche Dinge genauer zu besprechen und er gerade nicht sein ganzes Seelenleben diskutieren möchte, sollte er das auch sagen können. Es haben ja nicht alle Leute so viel Gesprächsbedarf wie ich.) Aber in meinem Fall jedenfalls war es sehr tröstlich: Einfach einmal wieder mit einem aufmerksam zuhörenden Menschen reden zu können; laut aussprechen zu können, was mich manchmal fertigmacht. Die Beichte bei einem guten Seelsorger bietet einen Raum unglaublicher Freiheit. In diesem Raum kann man Sätze aussprechen wie: „Ich habe Angst vor der Hölle.“ Es mag vielleicht lächerlich klingen, das zu sagen, aber lächerliche Dinge aussprechen zu können, befreit eben. Ich stelle mir den Himmel als einen Ort vor, an dem niemand mehr die lächerlichen und dummen Dinge, die er gedacht und gesagt und getan hat, verstecken muss; überhaupt als einen Ort, an dem man keine Angst mehr haben muss. Wie schön wäre so ein Ort.

Der Herr Kaplan brauchte bei mir wohl ein wenig, bis er aus meinem Gestotter ganz klug wurde, jedenfalls verstand er dann irgendwann, dass ich mir oft nicht sicher bin, wie schwer meine Sünden sind; dass ich lange über derartige Fragen nachgrüble; dass ich z. B. Angst habe, dass es eine Sünde ist, wenn ich etwas nicht gleich und sofort beichten gehe und mich dann vor dem Beichten wiederum verkrampfe und Bauchschmerzen bekomme; dass ich Angst habe, Dinge falsch zu machen, nicht genug zu tun, vor Gott nicht zu genügen; dass ich manchmal Angst habe, in die Hölle zu kommen.

Zuerst sagte er mir dann eine sehr wichtige Sache, die ich eigentlich schon oft genug gehört und über die ich selber schon öfter geschrieben habe (das täglich Darandenken ist so eine Sache) : Wir werden nie genügen können; wir können nie genug leisten; wir können uns nicht den Himmel erarbeiten. Alles ist Gnade. Auch die Beichte, d. h. die Absolution in der Beichte (die theoretisch vom Priester übrigens sogar verweigert werden könnte, unter gewissen, seltenen Umständen). Gott schuldet uns keine Vergebung, wenn wir diese und jene Regeln genau erfüllen (Vergebung, auch menschliche Vergebung, ist immer etwas Ungeschuldetes); Er will sie uns schenken und hat uns dafür einen Weg gezeigt. Es ist schon vom Ansatz her völlig falsch, mit diesem Leistungsdenken an die Sache heranzugehen. Wir müssen nicht denken „Wenn ich das und das tue, muss Gott mich doch mögen“; nein – Gott liebt uns, ohne dass wir irgendetwas getan hätten, und trotz allem, was wir tun.* Ja, wir sollen auch auf Seine Liebe antworten, aber wir müssen weg von diesem Leistungsdenken. Wir werden niemals vollkommen sein, und man kann Liebe nicht verdienen. Gott stellt uns auch keine unerfüllbaren Aufgaben; einfach mal platt gesagt, es genügt, ein gewisses Mindestmaß an Reue für seine Sünden zu haben (was für uns Katholiken bei Gelegenheit dann auch einschließt, sie zu beichten), und sich nicht mehr durch eine schwere Sünde von Gott abzuschneiden, um zu Ihm zu kommen (bzw. wenn doch, diese dann wieder zu bereuen, etc. etc.).

Nebenbei machte er mir dann noch klar, dass vorgeschrieben nur die einmal jährliche Beichte sei, es also keine Sünde wäre, nur so oft beichten zu gehen (meine letzte Beichte ist übrigens noch lange kein Jahr her; ach ja, noch eine Anmerkung für alle eventuell hier mitlesenden Skrupulaten: Der Vorsatz, beichten zu gehen, ist vor Gott übrigens auch was wert; Er wird uns nicht böse sein, wenn wir z. B. zufällig sterben sollten, ehe wir die Gelegenheit hatten, eine schwere Sünde (falls wir denn schwere Sünden auf dem Gewissen haben) zu beichten – gilt ja analog z. B. auch für die sog. „Begierdetaufe“). Etwas anderes, was ich noch sehr gut fand, war, dass er auch kurz das Thema Psychotherapie ansprach, in Bezug auf das es ja in Deutschland immer noch viele Vorurteile gebe.

Dann fragte er mich noch etwas: Wie es denn bei mir mit dem Beten so gehe? Na ja, ich würde eben so das Vaterunser beten, und für meine Familie etc. beten, und so. Daraufhin riet er mir, im Gebet auch mal etwas anderes zu versuchen: Mich einfach von Gott lieben zu lassen. Einfach vor Gott da zu sein, jeden Tag eine Viertelstunde lang, mir vorzustellen, bei Ihm zu sein; und mich von Ihm lieben zu lassen.

Gefühlsmäßig… kommt mir so etwas manchmal beinahe anmaßend vor. Einfach davon auszugehen, dass Gott mich liebt? Dass ich bei Ihm sein kann, ruhig eine Viertelstunde vor Ihm sitzen kann, ohne etwas beteuern oder bereuen oder erbitten oder bedanken zu müssen, ohne Angst zu haben, sondern einfach nur bei Ihm sein und von Ihm geliebt werden könnte? Einfach nur ruhig da sein könnte, ohne viel zu besprechen, oder auch, Ihm auf ehrliche Weise meine Ängste und meine Bitterkeit anzuvertrauen könnte? Was, wenn… ich weiß nicht, wenn da irgendeine unerkannte Schuld noch da ist, wenn ich eigentlich noch so vieles andere falsch gemacht habe und es mir vielleicht unbewusst nicht eingestehen will, ein verkleideter innerlicher Hochmut oder etwas in der Art, und ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass Gott einfach so mit mir zufrieden ist…

Stop jetzt.

Gott liebt uns; wir sind doch Seine Kinder. Paulus schreibt: „Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden.“ (Römer 8,15-17)

Am Palmsonntag haben wir unseren König in Seiner Stadt begrüßt. Aber wir sind nicht eigentlich die Untertanen oder Dienstboten dieses Königs; nein, wir sind Seine Kinder, Königskinder. Gott liebt mich; ich bin Seine Tochter, Seine Prinzessin.

Jesu Einzug in Jerusalem und Sein Leiden einige Tage später lesen sich in gewissem Sinne wie eine durchgängige Parodie auf die Zeremonien von Königen und Kaisern (man denke gerade an die römischen Kaiser dieser Zeit) : Der Einzug auf einem Esel, einem dreckigen Lasttier der Armen, statt auf einem Streitross, mit einem Gefolge von Gruppen seiner Jünger, unter dem Jubel der Stadtbevölkerung, aber ohne Kriegsmacht, ohne Soldaten, Sklaven und Gefangene, und unter den missbilligenden Blicken der Obrigkeit und der intellektuellen Eliten (vgl. Lukas 19,39). Als König verworfen, verspottet, und zum Tod verurteilt. „Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf.“ (Matthäus 27,27-30)

Ein König mit Dornenkrone und Kreuzesthron, über dessen Kopf bei Seinem Tod eine Tafel proklamiert: Jesus von Nazareth, der König der Juden. „Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ (Johannes 19,21f.)

Dieser König ist ein wahrer König, aber ein König des Leidens, ein König der Liebe; Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist ein König des Friedens, der auf einem Esel und mit Palmzweigen zu Seiner Begrüßung in Jerusalem, der Stadt des Friedens, einzieht; kein Fürst, vor dem wir uns fürchten müssten.

 

* (Ja, liebe Lutheraner, wir brauchen keinen Luther, um „Werkgerechtigkeit“ anzuprangern. Das können konservativ-katholische Kleriker ganz genauso; das ist der Standard dessen, was in den Dogmatiklehrbüchern steht und was man einer Skrupulantin predigt.)

 

Kasuistik ist etwas Gutes

Die Kasuistik hat ja im Moment keinen allzu guten Ruf. Zu ihren Kritikern gehört nicht zuletzt der gegenwärtige Papst (http://www.kath.net/news/58626), der sie vor kurzem sogar als „krank“ klassifiziert hat: „Die Kasuistik ist heuchlerisch. Sie ist ein heuchlerisches Denken. ‚Man darf – man darf nicht’… was dann subtiler, diabolischer wird: ‚bis zu welchem Punkt darf ich? Aber von hier nach da darf ich nicht’. Das ist der Trug der Kasuistik.“

Ich will nicht leugnen, dass der Papst da einen gewissen Fallstrick angesprochen hat, auf den man bei der Kasuistik achten muss – dass man nicht nur fragt: Wie weit darf ich noch gehen, ohne in die Hölle zu kommen? Ich täte ja gerne dieses und jenes, aber ich will jetzt auch nicht die Strafe dafür kriegen, also, ist das noch im Rahmen? Darum geht es bei der Moral ja wirklich nicht; es geht grundsätzlich darum, das Gute zu suchen, zu lieben.

Aber diese Art von Kasuistik ist nicht die eigentliche Kasuistik. Was Franziskus – und andere Kritiker der Kasuistik; der Papst ist ja nur deren prominentester, sie hat allgemein seit einigen Jahrzehnten keinen guten Ruf – überhaupt nicht sieht, ist der eigentliche Grund, wieso es Kasuistik gibt bzw. früher gegeben hat.

Der Zweck von Kasuistik ist, in konkreten Dilemmata und Gewissenskonflikten konkrete Wege zu finden, die innerhalb der katholischen Moral gangbar sind. Kasuistik ist etwas Gutes – sie ist dazu da, in Gewissenskonflikten ganz konkret zu helfen.

„Kasuistik“ kommt von „casus“, „Fall“, d. h., die Kunst der Kasuistik besteht einfach darin, allgemeine Prinzipien der Moral, die sich alle vom obersten Gebot (Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst) herleiten, auf konkrete Fälle anzuwenden. Sie besteht darin, Gläubigen, die sich in diesen Prinzipien und ihrer Anwendung nicht so genau auskennen (und schließlich auch nicht sämtliche Werke der Moraltheologie genauestens studiert und durchdacht haben können), und die nicht wissen, was sie nun tun sollen, zu helfen. Wenn im 19. oder frühen 20. Jahrhundert ein Gläubiger zu seinem Pfarrer in den Beichtstuhl kam und ihm seine Gewissenskonflikte unterbreitete, konnte der Beichtvater in seinem Nachschlagewerk – einem Werk des als etwas lax verschrienen hl. Alfons von Liguori zum Beispiel, oder im 20. Jahrhundert vor dem Konzil häufig „dem Jone“ („Katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone, 1885-1967) – nachsehen, oder auch selber anhand seiner Kenntnisse die Situation moraltheologisch durchdenken, und seinem Beichtkind dann raten, wie es sich am besten verhalten sollte.

Was konnten das für Gewissenskonflikte sein? Na, z. B. folgende:

  • Ich arbeite als Kutscher / Droschkenkutscher / Chauffeur und mein Arbeitgeber / meine Kunden verlangen manchmal von mir, sie ins Rotlichtviertel zu fahren. Kann ich dem Folge leisten? Ich will Gottes Gebote nicht verletzen, aber ich kann es mir auch nicht leisten, meine Arbeit zu verlieren.
  • Ich arbeite sechs Tage die Woche von morgens bis abends in der Fabrik, möchte aber etwas Gemüse in meinem Garten anbauen, um mehr zu essen für meine Familie zu haben. Darf ich sonntags im Garten arbeiten, oder würde das gegen das dritte Gebot verstoßen?
  • Ich arbeite als Dienstmädchen, und mein Dienstherr gibt mir sonntags nicht frei. Verstoße ich gegen das Sonntagsgebot, weil ich die Sonntagsmesse nicht besuchen kann?

Kasuistik gab/gibt es nicht deshalb (jedenfalls nicht vorrangig), weil die Leute nach moralischen Schlupflöchern suchten oder suchen. Es gab/gibt sie, weil Leute sich manchmal in schwierigen Situation befinden, und weil moralisch wache, gläubige Menschen dann vielleicht einen sinnvoll scheinenden Ausweg sehen, ihn aber nicht nehmen wollen würden, falls er gegen Gottes Gebote verstoßen sollte, worin sie sich aber nicht sicher sind. Also brauchen sie Rat vom Kasuisten. Und nicht allzu selten war dieser Rat: Go ahead, der leichte Weg ist in Ordnung! In bestimmten Fällen gibt es Entschuldigungsgründe, einem sonst geltenden Gebot nicht zu folgen (Tötung im Fall von Notwehr; Diebstahl im Fall von Mundraub; Verpassen der Sonntagsmesse im Fall von Krankheit, wichtigen familiären oder beruflichen Verpflichtungen oder anderweitiger Verhinderung); in bestimmten Fällen ist „materielle Mitwirkung“ an einer Sünde erlaubt (anders als die sog. „formelle Mitwirkung“). (Ein Beispiel: der Kutscher im oben genannten Beispiel leistet materielle Mitwirkung zur Prostitution, die aus einem entsprechend gewichtigen Grund (seinen Job nicht zu verlieren) erlaubt ist; ein Zuhälter würde formelle Mitwirkung, also Mitwirkung im eigentlichen Sinne, ohne die die genannte Sünde nicht zustande käme, leisten.) Aber natürlich musste andererseits eben manchmal auch klargemacht werden, in welchen Fällen ein Christ keine Kompromisse eingehen konnte.

Auch die heilige Pönitentiarie in Rom antwortete früher übrigens häufig auf solche kasuistischen Anfragen, die Beichtväter, Bischöfe und Theologen aus aller Welt ihr unterbreiten konnten, wenn sie sich nicht sicher waren, wie man bestimmte Fälle generell behandeln sollte. (Fragen an den Heiligen Stuhl zu stellen war nichts Besonderes.) Einige Beispiele davon finden sich z. B. im „Denzinger“ („Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, hrsg. von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann). Damit es sich alle merken, hier etwa mal gleich ein Beispiel aus dem Bereich des sechsten Gebotes:

 

Frage: Kann eine fromme Ehefrau zulassen, dass ihr Ehemann sich ihr nähert, nachdem sie aus Erfahrung weiß, daß er sich in der ruchlosen Weise des Onan verhält…, zumal wenn die Ehefrau, falls sie [sich] weigert, sich der Gefahr von Mißhandlungen aussetzt oder fürchtet, daß der Ehemann zu Dirnen geht?

Antwort: Da im vorliegenden Fall die Frau zwar von ihrer Seite aus nichts Widernatürliches tut und eine erlaubte Sache betreibt, die ganze Fehlausrichtung des Aktes aber aus der Bosheit des Mannes hervorgeht, der, anstatt [den Akt] zu vollenden, sich zurückzieht und [den Samen] außerhalb des Gefäßes vergießt, so wird die Frau, wenn sie nach den gebührenden Ermahnungen nichts ausrichtet, der Mann aber darauf besteht, indem er Schläge, den Tod oder andere schwere Mißhandlungen androht, sich (wie bewährte Theologen lehren) ohne Sünde passiv preisgeben können, weil sie unter diesen Umständen die Sünde ihres Mannes einfach zuläßt, und zwar aus einem gewichtigen Grund, der sie entschuldigt; denn die Liebe, durch die sie gehalten wäre, dies zu verhindern, verpflichtet nicht [, wenn sie] mit so großem Nachteil [verbunden ist].

(Antwort der hl. Pönitentiarie, 1822; die eckigen Klammern kommen daher, dass das eine Übersetzung aus dem Lateinischen ist; mit dem letzten Satz ist gemeint, dass die christliche Nächstenliebe für gewöhnlich verpflichtet, andere Menschen vom Sündigen abzuhalten, falls das möglich und sinnvoll ist)

 

Das ist eigentlich ein wunderbares Beispiel, denn hieran sieht man schon: Es geht bei der Kasuistik nicht darum, wie eine ideale Welt ausschauen würde, in der jeder Mensch nach Heiligkeit streben würde, sondern es geht darum, wie sich ein Christ – oder eine Christin – in einer schwierigen Situation, umgeben von Leuten (z. B. Ehemännern), die sich gerade nicht an die christliche Moral halten, verhalten kann, ohne selbst schuldig zu werden. Natürlich ist es am besten, wenn man aus solchen Situationen herauskommt, oder von Anfang an gar nicht in solche Situationen hineinkommt. Aber manchmal ist man in solchen Situationen, und weiß nicht, was man tun soll.

Eine Standardfrage, bei der es ebenso ist, ist z. B. die Frage: Darf man seinen Glauben in Zeiten der Verfolgung verheimlichen? Oder gar verleugnen? (Die katholische Antwort darauf ist: Verheimlichen ja, verleugnen nie. Man darf verheimlichen, dass man Christ ist, aber wenn man gefragt werden sollte „Bist du Christ?“, dann darf man nicht mit „Nein“ antworten, auch wenn darauf Folter oder Hinrichtung folgen sollte; man darf Christus nicht verleugnen.) Natürlich ist es z. B. noch besser, wenn man aus einem Land, in dem Christenverfolgung herrscht, fliehen kann, oder so. Aber manchmal findet man sich eben in der Situation, wo sich jetzt konkret ganz einfach die Frage stellt: Verheimlichen oder nicht? Verleugnen oder nicht?

Oder hier noch ein allgemeineres Beispiel aus dem Denzinger zur Autorität von Moraltheologen und zum Amt eines Beichtvaters, damit man mal einen Eindruck davon bekommt, in welchem Rahmen die Kasuistik früher auch unterschiedliche Herangehensweisen zuließ:

 

Frage: Louis François Auguste Kard. de Rohan- Chabot, Erzbischof von Besançon, bemüht sich, bei allen, die in seiner Diözese Sorge um die Seelen tragen, die Weisheit und Einheit in der Lehre zu fördern; da von ihnen einige die Moraltheologie des sel. Alfons M. von Liguori als allzu lax, für das Heil gefährlich und einer gesunden Moral entgegengesetzt bekämpfen und verbieten, erbittet er demütig den Spruch der Hl. Pönitentiarie und legt ihr folgende Fragen eines Theologieprofessors [nämlich Th. Goussets] zum Lösen vor:

1. Kann ein Professor der heiligen Theologie die Auffassungen, die der sel. Alfons von Liguori in seiner Moraltheologie lehrt, sicher vertreten und lehren?

2. Oder ist ein Beichtvater zu behelligen, der bei der Ausübung des hl. Bußgerichts allein aus dem Grund alle Auffassungen des sel. Alfons von Liguori vertritt, weil vom Apostolischen Stuhl in seinen Werken nichts gefunden wurde, was einer Zensur würdig wäre? Der Beichtvater, um den [es] in der Frage [geht], liest die Werke des sel. Lehrers nur, um seine Lehre genau kennenzulernen, ohne die Ursachen oder Gründe zu erwägen, auf die sich die verschiedenen Auffassungen stützen; vielmehr meint er, er handle schon deshalb sicher, weil er einsichtig beurteilen könne, dass eine Lehre, die nichts enthält, was einer Zensur würdig wäre, gesund, sicher und keinesfalls der Heiligkeit des Evangeliums entgegengesetzt ist.

Antwort (vom Papst am 22. Juli 1831 bestätigt):

Zu 1. Ja, ohne daß deswegen jedoch für tadelnswert erachtet würden, die von anderen gebilligten Autoren überlieferte Auffassungen vertreten.

Zu 2. Nein, unter Berücksichtigung der Absicht des Hl. Stuhles in bezug auf die Billigung der Schriften der Diener Gottes zur Erzielung der Kanonisation.

(Antwort der hl. Pönitentiarie, 1831)

 

Es gibt auch heute noch Gewissenskonflikte – und wenn der Klerus sich dem nicht mehr annimmt, quälen die Leute sich damit weiter selbst herum und kommen evtl. zu den falschen Ergebnissen; evtl. kommen sie auch mal zu dem Ergebnis, etwas sei sündhaft, obwohl es das nicht ist, tun es dann aber trotzdem, weil sie keinen anderen Ausweg sehen, und fühlen sich dann miserabel, obwohl sie es eigentlich hätten tun dürfen. Im Glücksfall noch, aber das ist auch nicht ideal, nehmen andere sich solcher Fragen an – Internetforen wie Catholic Answers (https://www.catholic.com/qa) zum Beispiel (wobei in diesem Forum ja auch Priester Antworten geben). Die kriegen tatsächlich unzählige Fragen, weil die Leute sich an irgendjemanden wenden wollen, wenn sie Gewissensfragen haben.

Wie genau muss ich in der Beichte sein? Ein Cousin hat mich zu einer Schwulenhochzeit eingeladen, kann ich als Katholik da hingehen (ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen oder unhöflich sein, aber auch nicht den Eindruck geben, dass ich für die Homoehe bin)? Darf ich aus medizinischen Gründen die Anti-Baby-Pille nehmen, z. B. um Endometriose oder hormonelle Störungen zu behandeln? (Die Antwort hierauf ist übrigens: Ja, darf man. Ein Medikament, das zufälligerweise die Nebenwirkung Unfruchtbarkeit hat, ist etwas anderes als gewollte Empfängnisverhütung. Sagt der sel. Paul VI. in Humanae Vitae auch ausdrücklich.) Ist es in Ordnung, mit jemandem auszugehen oder jemanden zu heiraten, der einer anderen Konfession oder Religion angehört? Ist es eine Sünde, brutale Filme anzusehen oder Videospiele zu spielen? Ist es eine Sünde der Eitelkeit, sich zu schminken? Darf ein Katholik Yoga machen (https://www.catholic.com/qa/what-does-the-church-say-about-yoga)? Darf ein Katholik in einem Krankenhaus arbeiten, das auch Abtreibungen durchführt (https://www.catholic.com/qa/can-a-catholic-work-in-a-hospital-that-does-abortions)?

Sicher kann Kasuistik manchmal fehlgehen. Sie kann mal zu streng sein und vorsichtshalber alles verbieten, was nicht ganz sicher der tiefsten Frömmigkeit entspringt, und mal zu lax sein und nach moralischen Schlupflöchern suchen, wo es nur geht. Aber das ist doch kein Grund, sie gleich ganz sein zu lassen. (Catholic Answers ist übrigens meinem Eindruck nach so ziemlich immer im Rahmen der rechtgläubigen katholischen Moral, eher auf der strengen Seite vielleicht, aber mir ist dort bis jetzt noch nie etwas eindeutig Blödsinniges aufgefallen. Oft genug beruhigen sie dort Leute, die sich mit unnötigen Skrupeln quälen (siehe z. B. hier https://www.catholic.com/qa/is-it-vanity-to-get-dental-braces oder hier https://www.catholic.com/qa/is-reading-comics-a-sin für extreme Beispiele); in anderen Fällen reden sie dagegen auch Klartext und sagen: So und so ist es nach der katholischen Lehre, etwas anderes als das und das darf man nicht tun.)

Natürlich gibt es bei der Kasuistik auch die Gefahr, dass sie alles bis ins Kleinste regeln und dem Einzelnen die ganze Verantwortung abnehmen will und zu zu großer Bevormundung führt; diese Gefahr gibt es. Aber wenn man sich einer Gefahr bewusst ist, kann man sie umgehen. Gute Kasuistik sagt auch, wann der Beichtvater keine allgemeine Regel aufstellen kann, sondern jeder einzelne Gläubige selber seine Situation anschauen und selber nach seinen Umständen entscheiden muss, wobei es nicht zwangsläufig die eine richtige Lösung geben muss – anbei, ich kann mir vorstellen, dass es für Beichtväter hier vielleicht (gerade bei skrupulösen Beichtkindern) auch nicht immer einfach sein wird, sagen zu müssen, „Das müssen Sie selbst entscheiden, da kann ich ihnen leider nicht weiterhelfen“; aber gute Beichtväter wissen wohl auch, wann sie ihre Pönitenten zur Eigenständigkeit mahnen müssen. (Ein klassisches Beispiel wäre die Entscheidung, wie viele Kinder ein katholisches Ehepaar bekommt. Diese Entscheidung kann, je nach finanzieller, emotionaler, gesundheitlicher etc. Situation, völlig unterschiedlich ausfallen, und es gibt kein Patentrezept dafür, und kein Kleriker hat in diesem Fall seine Pfarrkinder zu bevormunden, wann sie das Kinderkriegen lassen oder noch ein Kind kriegen sollten. Ein Ehepaar hat vielleicht nur ein oder zwei Kinder, ein anderes vier oder fünf oder sechs, oder auch fünfzehn. Muss jeder selber schauen, wie es für seine Familie am besten ist.)

Grundsätzlich jedenfalls ist Kasuistik etwas Gutes.

 

Eins noch: Papst Franziskus hat sich in der oben zitierten Predigt ja übrigens auf die Unterhaltung Jesu mit den Pharisäern über die Ehescheidung im Markusevangelium bezogen: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? (In der Parallelstelle bei Matthäus übrigens nicht einmal ganz allgemein „Darf man seine Frau aus der Ehe entlassen?“, sondern „Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen?“ Hier scheint es für die Pharisäer sogar klar zu sein, dass man es grundsätzlich darf, und die Frage ist für sie nur, unter welchen Umständen.) „Jesus antwortet nicht, ob es erlaubt ist oder nicht. Er lässt sich nicht auf deren kasuistische Logik ein“, sagt Franziskus dazu. „Und der Weg Jesu – das ist deutlich zu sehen – ist der Weg von der Kasuistik hin zur Wahrheit und zur Barmherzigkeit. Jesus lässt die Kasuistik außen vor. Jene, die ihn auf die Probe stellen wollten, jene, die mit dieser Logik des ‚man darf’ dachten, qualifiziert er – nicht hier, sondern an einer anderen Stelle des Evangeliums – als Heuchler.“

Dieser Bibelauslegung des Papstes möchte ich widersprechen, bei allem Respekt. Jesus beantwortet die Frage der Pharisäer sehr wohl – Er beantwortet sie nur wesentlich strenger und grundlegender, als sie erwartet hätten. „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“ (Markus 10,2-12)

Das ist doch eine sehr klare Antwort. „Das darf der Mensch nicht trennen“ – das ist sehr wohl eine Antwort darauf, ob es erlaubt ist oder nicht. Natürlich geht Jesus nicht nur auf die Frage „Erlaubt oder nicht?“ ein, sondern begründet auch ganz grundsätzlich, wieso es nicht erlaubt ist. Er geht über die Kasuistik hinaus; aber ganz umgehen oder gar grundsätzlich ablehnen tut Er sie doch offensichtlich nicht.

Und das, obwohl die Pharisäer hier nur fragen, um Ihm eine Falle zu stellen.

Etwas übers Beten im Stand der Todsünde

Ein paar sehr schöne Worte von Father Mike Schmitz über das Gebet im Stand der schweren Sünde:

Ein kurzes Zitat:

„In fact, the Catholic theology on this is this: Every time you and I go to pray, it’s always gonna be a response. None of us are ever initiators of prayer to God. It’s always God who initiates and invites us to pray, and if you ever pray, ever, it’s always a response to God. Which means a couple of things: One is, you never have to fight to get God’s attention. If you want His attention, that’s because He’s inviting you to give Him your attention. Secondly, when we go to confession, I think sometimes we have this image that when we go to confession, we go before the Lord and say to God: ‚Please please please give me another chance, I promise I’ll – you know – be good, give me another chance.‘ The exact opposite is true. When you go to confession, it’s actually God saying to you: ‚Please, give me another chance. Give me another chance to love you, give me another chance to have mercy on you, give me another chance to bring you into right relationship with me.‘ Why? Because the number one thing God wants with us is, He wants to be in relationship with us.“

(„Tatsächlich ist die katholische Lehre darüber das: Jedes Mal, wenn du und ich beten, wird es eine Antwort sein. Keiner von uns ist jemals Initiator eines Gebets zu Gott. Es ist immer Gott, der die Initiative ergreift und uns zum Gebet einlädt, und wenn du jemals betest, jemals, dann ist es immer eine Antwort an Gott. Was mehrere Sachen bedeutet: Das Erste ist, du musst dich niemals anstrengen, um Gottes Aufmerksamkeit zu erhalten. Wenn du Seine Aufmerksamkeit willst, ist das, weil Er dich einlädt, Ihm deine Aufmerksamkeit zu schenken. Zweitens, wenn wir zur Beichte gehen, ich glaube, dann haben wir manchmal dieses Bild, dass, wenn wir zur Beichte gehen, wir vor den Herrn hintreten und zu Gott sagen: ‚Bitte bitte bitte gib mir noch eine Chance, ich verspreche, ich werde – du weißt schon – brav sein, gib mir noch eine Chance.‘ Das genaue Gegenteil ist wahr. Wenn du zur Beichte gehst, ist es tatsächlich Gott, der zu dir sagt: ‚Bitte, gib mir noch eine Chance. Gib mir noch eine Chance, dich zu lieben, gib mir noch eine Chance, Gnade mit dir zu haben, gib mir noch eine Chance, dich in die richtige Beziehung zu mir zu bringen.‘ Wieso? Weil das Allererste, was Gott mit uns will, ist, Er will mit uns in Beziehung sein.“)

Psychologie der Beichte

Der katholische Psychiater Raphael Bonelli über Psychologie und Beichte: Was sind Unterschiede, was Gemeinsamkeiten, wofür ist das eine da, wofür das andere, welche psychologische Wirkung hat die Beichte? Sehr Interessantes über das Gleichnis vom Verlorenen Sohn, Selbstbetrug und Selbsterkenntnis, usw.

Ein paar Zitate:

„Die Psyche ist das, was zwischen dem Körper und der Seele ist. […] Und die Psyche ist abhängig vom Körper, im Sinn, dass sie abhängig ist vom Gehirn. Die Psyche hat Depressionen; das hat nicht die Seele, das ist eine psychische Funktion. Das ist sozusagen die Befindlichkeit. […] in der Seele, oder auch im Herzen, entscheidet sich der Mensch dazu, eine gute oder eine schlechte Tat zu tun. Aber mit der Psyche ist er depressiv, oder manisch, oder schizophren, oder sonst irgendwas. […] Es gibt depressive Heilige. Und es gibt glückliche Verbrecher. Ja, die gibt’s. Es muss nicht jeder, der was Schlechtes macht, gleich auch unglücklich sein. […] Das Seelenheil ist nicht die Befindlichkeit.“

„Und da fällt mir auf, dass dieses schwindende Selbstvertrauen der Priester […] auch damit zusammenhängt, dass sie diese Würde nicht mehr ausstrahlen können, diese Väterlichkeit. […] Ein Priester muss ein Auftreten haben, dass man normalerweise den Affekt hat, ‚Wow, bei dem würd ich gerne beichten‘. […] Und das kriegt der originelle Messgestalter nicht hin, oder der coole Junggeselle, oder der, der sich bemüht, dass alle wissen, dass er eh ganz normal ist. Der ist dann so normal, dass man sagt, also, das wär mir peinlich, wenn der jetzt meine Sünden erfährt. […] Wenn der Priester krampfhaft versucht, ganz normal zu sein, dann nimmt er sich, was er eigentlich hat.“

„Eltern sind super. Eltern sind an allem schuld. […] Ein Drama ist zum Beispiel diese schizophrenogene Mutter, die die Psychoanalytiker erfunden haben, also d. h. die Mutter, die schuld ist an der Schizophrenie des Kindes. Ich hab Mütter schon so heulen sehen […] Da gibt’s Selbstmorde deswegen, wegen der schizophrenogenen Mutter. Gott sei dank haben die Analytiker in der Zwischenzeit diese Hypothese wieder fallen lassen.  Aber in den Köpfen vieler Leute spukt das noch herum, dass die Eltern an allem Möglichen schuld sind. […] Dieses Wort ‚ekklesiogene Neurose‘ sagt ja auch, ich kann nichts dafür, die böse Kirche macht mich kaputt. Diese Fremdbeschuldigung […] ist etwas, was die Menschen extrem unfrei macht, weil dadurch kommst du ja gar nicht mehr raus.“

„Und dann gibt’s noch etwas, das in der Gesellschaft, und besonders in der Psychotherapie sehr präsent ist, und zwar das Selbstwertgefühl. Jeder von ihnen hat eins und alle sind zu weit unten. […] Ich hör das ständig, in allen psychologischen Gutachten steht ‚Patient hat eine Selbstwertproblematik‘, das klingt besonders g’scheit, und das stimmt auch manchmal, aber das stimmt nicht immer. […] In vielen Psychotherapien – jetzt nicht in der Verhaltenstherapie, aber in vielen Psychotherapieformen – ist die Hebung des Selbstwertgefühls die Lösung für alles. Und eigentlich muss man sich ja auch fragen: ‚tschuldigung, es muss ja auch noch was mit der Wahrheit zu tun haben. […] Wir bewegen uns genau in die Richtung einer Gesellschaft, die sich für extrem super hält, und alle, die sich nicht für extrem super halten, die sind schon krank. Die brauchen mehr Selbstwertgefühl. Und gesund sind sie, wenn sie sich super finden. […] Was die Kirche da anzubieten hat, das nennt man Gotteskindschaft. Das ist eine Stabilität zwischen: Ich bin zwar nicht der Allerbeste […] aber andererseits bin ich nicht der letzte Dreck. Weil die Alternative für ein agnostisches Wesen ist: entweder ich bin der Beste oder ich bin gar nichts.“

„Dann schafft man es [durch regelmäßiges Beichten], dass die eigene Tat nicht mehr schicksalhaft erlebt wird, also als etwas, das einfach so passiert, sondern dass eine rationale Steuerung und Beurteilung möglich ist. Und das macht dann ein gesundes Selbstbewusstsein. Also nicht ein übersteigertes, narzisstisches, sondern ein gesundes Bewusstsein der Gotteskindschaft. Und dadurch wird man auch dankbar gegenüber einem großen Gott, der verzeiht. Der muss nicht verzeihen, weil ich so super bin […], sondern der verzeiht, weil er so gütig ist. Dann versteht man auch erst die Barmherzigkeit Gottes so richtig. Und dann kommt eine echte Freude auf.“

Einige praktische Regeln für Skrupulanten

Anmerkung: Diese Regeln gelten für Menschen mit einem skrupulösen Gewissen. Was das ist: siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-1-was-skrupulositaet-ist/ Menschen mit einem normalen oder laxen Gewissen müssen vielleicht in anderer Weise an sich arbeiten. Aber, liebe Skrupulanten: bitte redet euch nach dieser Anmerkung jetzt nicht ein, dass ihr ein laxes Gewissen habt! Das gilt nicht!

 

Meine Reihe von Artikeln über Skrupulosität war eher allgemein ausgerichtet; deshalb möchte ich jetzt noch ein paar praktische Regeln nicht unerwähnt lassen, die wir Skrupulanten immer (!) beherzigen sollten. Die sind übrigens nicht meine Erfindung, sondern stammen größtenteils von Thomas Santa, dem Gründer von Scrupulous Anonymous [http://scrupulousanonymous.org/], und der hat sie sich natürlich auch nicht aus den Fingern gesaugt, sondern altbewährte Regeln nur zusammengefasst. Die obersten Regeln sind natürlich, wie erwähnt [https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-5-was-man-gegen-skrupulositaet-tun-soll-ratschlaege-der-theologen-und-kirchenlehrer/], der Gehorsam gegenüber dem Beichtvater, und das Ignorieren von Zweifeln (d. h. wenn man zweifelt, ob etwas, das man tun oder unterlassen will, erlaubt ist, ist es erlaubt; wenn man zweifelt, ob etwas, das man getan oder unterlassen hat, Sünde war, war es keine Sünde). Weiter sollte man beachten:

 

  1. Wegen lässlichen Sünden muss man nicht zur Beichte gehen, nur wegen schweren. (Das gilt für alle Katholiken und sollte bekannt sein.)
  2. Als schwer gilt eine Sünde für uns Skrupulanten nur dann, wenn wir auf einen Stapel Bibeln schwören könnten, dass es an sich eine schwere Sünde ist, dass wir uns dessen im Voraus bewusst waren, und dass wir aus freiem Willen gehandelt haben. Wenn wir das nicht könnten, müssen wir nicht zur Beichte gehen und können (sollen!) die Kommunion empfangen.
  3. Sünden, die man schon einmal gebeichtet hat, werden nicht erneut gebeichtet, auch wenn man zweifelt, ob man genau und ausführlich genug war. Sie werden nicht erneut gebeichtet.
  4. Nur klare und sicher feststehende Sünden werden gebeichtet. Wenn man zweifelt, ob man eine Tat begangen hat, oder ob eine begangene Tat eine Sünde war, wird sie nicht gebeichtet.
  5. In der Beichte sind nicht sämtliche Details notwendig; man muss nur das nennen, was die Art der Sünde betrifft.
  6. Das Bußgebet nach der Beichte wird nicht wiederholt, auch wenn man glaubt, man war beim ersten Mal nicht andächtig genug. Es wird aus überhaupt keinem Grund wiederholt. (Die Sünde ist im Übrigen schon mit der Absolution weg. Die Buße ist eine fast schon mehr symbolische Wiedergutmachung.) Das Nicht-Wiederholungs-Gebot gilt zudem für alle Gebete, die man verrichtet.
  7. Wenn man nicht mit voller Absicht Essen in den Mund steckt und es kaut und schluckt, oder mit voller Absicht etwas trinkt (was nicht Wasser und Medizin ist, das ist erlaubt), indem man eine Flasche oder ein Glas an die Lippen nimmt und schluckt, kann man das Fasten vor der Kommunion nicht brechen. Das Fastengebot gilt im Übrigen für ältere Menschen und für Kranke NICHT.
  8. Gedanken, Wünsche und Fantasien, die man nicht mit voller Absicht herbeiholt, können keine Sünde sein. Gefühle, die man nicht mit voller Absicht herbeiholt, können keine Sünde sein.
  9. Man hat sich keine Gedanken darüber zu machen, ob man Gedanken, Wünschen, Fantasien oder Gefühlen innerlich zugestimmt hat. Wenn man sich Gedanken machen muss, zweifelt man; und Zweifel zählen bekanntlich nicht. Außerdem würden die belastenden Gedanken durch das ganze Grübeln erst recht wieder hochkommen. Und im Übrigen sind Gedanken und Gefühle ganz normal und kein grauenvoller Kontrollverlust, der uns sicher in die Hölle führen wird. Sie werden auch nicht leicht schwere Sünde.
  10. Generalbeichten werden nicht abgelegt. Wenn es unbedingt sein muss, dann einmal und dann absolut nie wieder. Auch nicht bei einem anderen Beichtvater. Nie wieder.
  11. Das, was immer nötig ist, ist absolutes Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, Güte und Liebe. Er liebt uns mehr, als wir es uns vorstellen könnten. Er will uns bei sich haben. Wieso sollte er so einfach zulassen, dass wir von ihm getrennt werden?

 

Einige weitere Tipps aus meiner persönlichen Erfahrung wären:

  1. Wenn man glaubt, man muss beichten gehen, genügt es bei der nächsten wöchentlichen Beichtgelegenheit in der Pfarrei. Man muss nicht schnellstmöglichst den nächsten Priester abpassen.
  2. Wenn man gebeichtet hat, ist der Beichtstuhl für die nächsten sieben Tage absolut tabu.
  3. Wenn man keine sicher schwere Sünde begeht, ist er auch noch für die darauf folgenden drei Wochen absolut tabu. Regelmäßige Beichte ist gut, aber ein Abstand von vier Wochen reicht völlig.
  4. Regelmäßig beten (das ist sowieso wichtig), und zwar zu festgesetzten Zeiten. Eine Viertelstunde morgens, eine Viertelstunde abends, zum Beispiel. Ich weise noch einmal auf das Stundenbuch hin, das es auch als App im Playstore gibt, und dessen Texte wirklich wunderbar dafür geeignet sind, uns Gottes Liebe vor Augen zu führen.
  5. Wenn bestimmte Eingebungen, Gedanken, Bücher etc. uns unruhig und verängstigt zurücklassen und uns fast an der Möglichkeit, jemals in den Himmel zu kommen, verzweifeln lassen, dann sollten wir sie meiden. Das ist kein billiger Ausweg. Jeder muss die Medizin nehmen, die zu seiner Krankheit passt, und unsere Krankheit ist nicht moralische Gleichgültigkeit, also werden uns manche aufrüttelnden Texte und Ideen eher in Verwirrung, Mutlosigkeit und Verzweiflung treiben, als dass sie uns anspornen. Wenn uns ein Gedanke kommt, der nur diese Gefühle in uns hervorruft – zum Beispiel „Ich kann Gott nicht wirklich lieben, also nützt doch alles nichts, was ich tue, schließlich halte ich Seine Gebote nur aus Furcht, wenn ich es überhaupt tue“ – dann kann er nicht von Gott kommen. (Das ist übrigens nicht meine Idee; dasselbe sagt z. B. Giovanni Battista Scaramelli SJ (1687-1752), wenn er von der Unterscheidung der Geister spricht.) Gott bringt uns Licht, Klarheit, Frieden und Hoffnung; also beschäftigen wir uns mit den Ideen und Texten, die in uns diese Dinge hervorrufen. [Ach ja: Eine Antwort auf diesen speziellen Gedanken von oben wäre übrigens: Man will Gott lieben und das ist schon der Anfang der Gottesliebe; außerdem ist es kein Wunder, dass man keine oder wenig Liebe zu Gott spürt, wenn man von einem von Furcht überlagerten Gottesbild geplagt wird. Wenn man sich erst einmal klar gemacht hat, was Gott für einen getan hat, wird das schon noch kommen (wobei die Stärke der Gefühlsregungen auch dann nicht unbedingt ein Indikator für die Stärke der Liebe ist; Gefühle kommen und gehen).]
  6. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden. Daran muss man immer denken; es braucht kleine Schritte. Gott hat Geduld mit uns und wird uns nach und nach zu einer größeren Liebe führen. Daher nie ungeduldig und mutlos werden.
  7. Wenn einem der Gedanke kommt, man müsse andere vor irgendetwas warnen oder sie auf eine mögliche Sünde hinweisen, dann sollte man die Situation erst einmal durchdenken. Angenommen, man möchte zum Beispiel seinen Bruder davor warnen, dass auf diesem Apfel da Bakterien sein könnten, obwohl man weiß, dass der Bruder diese Phobie vor Bakterien für völlig bescheuert hält und noch nie auf einen gehört hat, wenn man meinte, auf diesen oder jenen Lebensmitteln seien vielleicht Bakterien (und dass er trotzdem noch nie von den entsprechenden Lebensmitteln krank geworden ist). In diesem Fall kann man sich sagen, es wäre sinn- und aussichtslos, die Warnung auszusprechen – selbst wenn da schädliche Bakterien wären, würde der Bruder nicht darauf hören. Oder man bekommt mit, dass eine Bekannte die Pille nimmt oder mit ihrem Freund zusammenziehen will. Nun ist sie vielleicht nicht einmal katholisch (oder jedenfalls nicht überzeugt katholisch), und wenn man nun versucht, sie auf dieses Thema anzusprechen und ihr die katholische Sexualmoral näherzubringen, wird sie das wahrscheinlich einfach als nervige und unangebrachte Einmischung in ihr Privatleben empfinden und dem Katholizismus dadurch nicht einen Schritt näher kommen. Sicher, man tut so etwas nur, weil das falsche Gewissen einen dazu drängt und man glaubt, dass es eine Pflicht der Nächstenliebe sei. Klingt erstmal gut. Aber man sollte durchdenken, wie solche Ermahnungen wahrscheinlich aufgenommen werden und ob sie überhaupt Erfolgsaussichten haben. Es ist für uns Skrupulanten, die wir eher zu viel tun als zu wenig und dabei einen falschen Eindruck hinterlassen können (nämlich den von Besserwisserei und Intoleranz), besser, im Bekanntenkreis hauptsächlich dann Zeugnis für Christus abzulegen, wenn man gefragt wird oder andere ein mit dem Glauben zusammenhängendes Thema aufbringen; vielleicht auch mal zu Nightfever einzuladen oder zu ähnlichen Veranstaltungen, auf denen es um Gott selber geht, nicht um ein bestimmtes katholisches Aufregerthema; und sich im Allgemeinen mehr durch sein Verhalten als durch seine Worte als Christ zu zeigen. Das zeigt langfristig eher Wirkung. (Allerdings ist es illusorisch, zu erwarten, dass man Menschen mit der richtigen Methode immer und überall einfach und schnell zu Christus bekehren könne. Da müssen die erstens selber nämlich auch mitmachen, und zweitens braucht so etwas immer Zeit. Wir haben jedenfalls nicht für alles und jeden Verantwortung.)