Christliche Kultur am Sonntag: „Du selbst bist die Antwort“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Erst einmal: Entschuldigung, dass in den letzten Wochen keine Beiträge gekommen sind – manchmal ist man ein bisschen im Stress. Jetzt sollte es wieder normal weitergehen.

 

Heute: C. S. Lewis: „Du selbst bist die Antwort“ (Originaltitel: „Till we have faces“)

Dieser Roman ist meiner Meinung nach eins von Lewis‘ besten Werken (auf jeden Fall besser als die Perelandra-Trilogie, und sogar besser als Narnia), und komischerweise eins der am wenigsten bekannten. (Der deutsche Titel gibt übrigens einen falschen ersten Eindruck; er klingt sehr nach „Selbstfindung“, dabei ist es ein Satz, den die Ich-Erzählerin am Ende an jemand anderen richtet.)

Der Autor beschreibt die Geschichte vor dem Beginn des Buches so:

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Es handelt sich bei dem Roman um eine Nacherzählung der griechischen Sage von Amor und Psyche, und zwar aus der Sicht von Psyches ältester Schwester. Das Ganze spielt in der Antike, in einem kleinen Fürstentum irgendwo nördlich von Griechenland. Die Ich-Erzählerin Orual beginnt ihre Geschichte aufzuschreiben, als sie alt ist und auf ihr Leben zurückblickt, und zwar als Anklage gegen die Götter. Das erste Kapitel beginnt so:

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Orual erzählt  zuerst von ihrer Kindheit als älteste Tochter des Königs von Glome, mit ihrem jähzornigen Vater, ihrer hübschen flatterhaften jüngeren Schwester Redival und dann ihrer jüngsten Halbschwester Istra, die auf Griechisch, das ihnen ihr Erzieher, ein griechischer Sklave und Philosoph, den alle wegen seiner roten Haare nur den Fuchs nennen, beibringt, Psyche genannt wird. Istra/Psyche (um die sich vor allem Orual und der Fuchs kümmern, da ihre Mutter schon im Kindbett gestorben ist, und ihr Vater, freundlich ausgedrückt, nicht begeistert davon ist, nur Töchter zu haben), ist von Anfang an ein besonderes Kind, und als sie älter wird, beginnen die Menschen von Glome, sie zu verehren und kommen mit Krankheiten zu ihr, damit sie ihnen die Hände auflegt. Aber als dann einiges Unglück auf einmal Glome trifft, und die Priester der Göttin Ungit ein Menschenopfer verlangen und darauf kommen, dass Psyche die Götter beleidigt haben könnte, wendet sich das Blatt. Der höchste Priester setzt tatsächlich durch, dass Psyche in ein nahes Gebirge gebracht und dort als Opfer für den Gott des Berges an einen Baum gekettet zurückgelassen wird. Orual ist völlig verzweifelt, Psyche dagegen, die immer schon eine seltsame Sehnsucht nach der Welt der Götter gespürt hat, deutlich gefasster.

Ihre trauernde ältere Schwester geht einige Zeit später ins Gebirge, um zu sehen, ob sie wenigstens Überreste ihrer Schwester begraben kann. Aber sie trifft Psyche sehr lebendig an, und die erzählt ihr, dass sie mit dem Gott des Berges vermählt worden sei, und will ihr ihren Palast zeigen – den Orual nicht sehen kann. Sie sagt ihr auch, ihr Gemahl käme nur nachts zu ihr und sie dürfe ihn nicht sehen und keine Lampe in ihr Schlafgemach bringen. Orual will alles nicht glauben und kehrt schließlich nach Hause zurück. Sie überzeugt sich selbst, dass etwas Finsteres dahinterstecken müsse und schließlich kommt sie ein zweites Mal zu Psyche und droht ihr, sich selbst zu töten, wenn Psyche nicht eine Lampe, die sie ihr mitgebracht hat, nachts anzündet, um den Gott anzusehen…

In dem Buch geht es um einen gewissen Konflikt zwischen dem Kult des Priesters, für den heilige Orte dunkle Orte sind und Religion im Kern irrational ist, und den rationalen Maximen des griechischen Philosophen von der göttlichen Natur, und letzten Endes darum, wo beide Unrecht haben, aber Orual will eigentlich gar nichts mit der Welt des Göttlichen zu tun haben, und darum geht es ganz zentral.

Lewis hat ja auch in seinen theologischen Werken einiges dazu geschrieben, inwiefern es in den Legenden und Kulten des Heidentums schon Ahnungen von der wahren Religion gab, und dieser Roman führt das in einer mythologischen Weise aus, was ihn teilweise etwas seltsam macht (v. a. gegen Ende), aber letztlich passt das alles zusammen. Zwischendurch ist der Roman dunkel und traurig und hart, und das Ende ist dann wahnsinnig schön. Tatsächlich ist das eins der wenigen Bücher, bei denen ich an manchen Stellen jedes Mal heulen muss.

 

Christliche Kultur am Sonntag: „Die Chroniken von Narnia“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: C. S. Lewis: „Die Chroniken von Narnia“

Lewis‘ nicht nur für Kinder geeignete Kinderbücher gehören ja zu den bekanntesten Klassikern der christlichen Literatur. Der erste Band mit dem englischen Titel „The Lion, the Witch and the Wardrobe“ (erschienen 1950), auf Deutsch unter dem etwas unscheinbareren Titel „Der König von Narnia“ herausgekommen, handelt von den vier Geschwistern Peter, Suse, Edmund und Lucy, die während des 2. Weltkriegs aufs Land ins Haus eines alten Professors geschickt werden, um vor den Bombenangriffen auf England sicher zu sein, und da einen Zugang zu einem magischen Land namens Narnia entdecken, wo eine Hexe herrscht, die macht, dass es immer Winter, aber niemals Weihnachten ist. Die Ankunft der vier Geschwister erfüllt eine Prophezeiung, und jetzt kehrt auch der Löwe Aslan zurück, mit dem zusammen sie die Hexe bekämpfen sollen. Ein Problem: Edmund ist einmal allein in Narnia gewesen, hat die Hexe getroffen, und sich von ihr einwickeln lassen.

Als nächster Band der Reihe erschien „Prinz Kaspian von Narnia“, in dem die vier ein zweites Mal nach Narnia kommen, wo inzwischen hunderte von Jahren vergangen sind und das meiste aus den alten Zeiten vergessen oder nur noch Mythos ist; dann kamen „Die Reise auf der Morgenröte“ und „Der silberne Sessel“, die weitere Abenteuer in Narnia erzählen (jetzt kommen auch zwei weitere Kinder aus unserer Welt vor). Danach brachte Lewis eine Geschichte heraus, die nur in Narnia, d. h. hauptsächlich in den Nachbarländern von Narnia, spielt (mit dem sehr hübschen englischen Titel „The horse and his boy“ – dt. „Der Ritt nach Narnia“; sie beginnt mit einer Flucht von zwei sprechenden Pferden und zwei Kindern aus dem Reich der Kalormenen nach Narnia), als vorletztes eine Vorgeschichte, in der Narnia erschaffen wird (hier taucht der alte Professor Kirk als Kind auf, und man erfährt, woher die Hexe kam; engl. Titel „The Magician’s Nephew“, dt. „Das Wunder von Narnia“); und als letztes „Der letzte Kampf“ – und hier geht es um das Ende der narnianischen Welt. Meiner bescheidenen Meinung nach werden ja besonders „Der Ritt nach Narnia“, „Der silberne Sessel“ und „Der letzte Kampf“ deutlich zu wenig geschätzt.

Lewis ist für seine relativ offene Symbolik in den Büchern von manchen kritisiert worden (Aslan steht für Jesus, was nicht schwer zu erraten ist, wenn man die christliche Religion kennt); aber die Symbolik passt einfach, und Aslan und andere Figuren sind keine bloßen Nacherzählungen, sondern völlig authentische Teile dieser Geschichten.

Was die Verfilmungen angeht, die Walden Media zu den ersten drei Bänden produziert hat, ist „Der König von Narnia“ ziemlich gut geraten, „Prinz Kaspian von Narnia“ immerhin nicht schlecht, und „Die Reise auf der Morgenröte“ hat mit dem Buch nur noch wenig zu tun.

(Karte der Welt von Narnia von David Bedell.)

Das Gesetz: Süßer als Honig (ein Gastbeitrag von C. S. Lewis)

Eins von C. S. Lewis‘ schönsten Büchern ist „Reflections on the Psalms“, ins Deutsche übersetzt (und leider leicht gekürzt) unter dem Titel „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“. Darin schreibt er auch etwas über die Rolle des Gesetzes in den Psalmen, das das, was ich in diesem Beitrag sagen wollte, viel besser zum Ausdruck bringt, als ich es könnte. Übergebe ich das Wort also mal an ihn:

„In Racines Tragödie Athalie singt der Chor jüdischer Mädchen eine Ode über den ursprünglichen Erlaß des Gesetzes auf dem Berge Sinai, mit dem bemerkenswerten Kehrvers ô charmante loi (1. Akt, 4. Szene). Es geht natürlich nicht an – es grenzte ans Komische -, das mit ‚o reizendes Gesetz‘ wiederzugeben. ‚Reizend‘ ist im Deutschen ein lauwarmes, ja herablassendes Wort geworden; wir wenden es auf ein hübsches Wochenendhäuschen an, auf ein Buch, das nicht bedeutend ist, oder auf eine Frau, die man nicht schön nennen könnte. Ich weiß nicht, wie charmante zu übersetzen wäre; ‚bezaubernd‘? – ‚entzückend‘? – ’schön‘? Keines dieser Wörter paßt genau. Eines aber ist gewiß: Racine (ein gewaltiger Dichter und vom Geiste der Bibel erfüllt) kommt hier einem sehr bezeichnenden Empfinden mancher Psalmen näher als jeder andere mir bekannte moderne Schriftsteller. Und zwar einem Empfinden, das mich zuerst ganz verwirrt hat.

‚Köstlicher sind sie als Gold und viel Feingold und süßer als Honig, als Seim aus den Waben‘ (19,11). Man kann gut verstehen, daß so etwas von Gottes Gnadenerweisen, von Gottes Tröstungen, von Seinen Eigenschaften gesagt wird. Aber in Wirklichkeit spricht der Dichter von Gottes Gesetz, von Seinen Geboten – von Seinen ‚Bestimmungen‘ (10) (‚Gerichte‘ meint hier deutlich Entscheidungen über das Verhalten). Was mit Gold und Honig verglichen wird, sind jene ‚Vorschriften‘ (in der lateinischen Fassung, ‚Rechtsaussprüche‘), die – so wird uns gesagt – ‚das Herz erfreuen‘ (9). (…)

Das blieb mir zuerst völlig verschlossen. ‚Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen‘ – ich kann verstehen, daß ein Mensch diese ‚Bestimmungen‘ achten kann und muß, daß er versuchen muß, ihnen zu gehorchen und im Herzen zuzustimmen. Aber es ist sehr schwer einzusehen, wie sie sozusagen munden, wie sie erheitern sollen. (…)

Ein guter Christ und großer Gelehrter, dem ich diese Frage einmal vorlegte, vermutete, die Dichter dächten an die Genugtuung, die das Bewußtsein, dem Gesetz gehorcht zu haben, bereitet; mit anderen Worten, an die ‚Freuden eines guten Gewissens‘. (…) Die Schwierigkeit besteht darin, daß mir die Psalmisten nirgends etwas annähernd Ähnliches zu sagen scheinen.

In 1,2 wird uns gesagt, der Gute habe Gefallen am Gesetz des Herrn, ‚und über sein Gesetz sinnt er Tag und Nacht‘. Mit ‚Gesetz‘ sind hier natürlich nicht einfach die Zehn Gebote gemeint; gemeint ist die ganze umfassende Gesetzgebung (die religiöse, moralische, bürgerliche, strafrechtliche und sogar verfassungsmäßige), enthalten in Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Wer darüber ’sinnt‘, gehorcht Josuas Befehl (1,8): ‚Dieses Gesetzbuch komme dir nicht aus dem Munde! Tag und Nacht halte darüber Betrachtung.‘ Das bedeutet unter anderem, daß das Gesetz ein Studium oder, wie wir sagen würden, ein ‚Fach‘ war, etwas, worüber es Kommentare, Vorlesungen und Prüfungen gab. So war es auch. Wenn also ein alter Jude sagte, er ‚habe Gefallen am Gesetz‘, meinte er zum Teil (zum religiös unwichtigsten Teil) etwas Ähnliches wie wir, wenn wir von jemandem sagen, er ‚habe gern‘ Geschichte, Physik oder Archäologie. Das kann eine ganz unschuldige – wenn auch selbstverständlich bloß natürliche – Freude am Lieblingsfach bedeuten; aber auch die Freuden des Hochmuts, Stolz auf die eigene Gelahrtheit und infolgedessen Verachtung für Außenseiter, die daran keinen Anteil haben, oder sogar eine krämerhafte Bewunderung für Studien, denen man Besoldung und gesellschaftliche Stellung verdankt.

Die Gefahr einer Entwicklung im zweiten Sinne wächst natürlich aufs Zehnfache, wenn das fragliche Studium von allem Anfang an als heilig abgestempelt ist. Dann tritt die Gefahr geistlichen Stolzes zur gewöhnlichen Haarspalterei und Einbildung hinzu. Manchmal (nicht oft) ist man froh, kein großer Theologe zu sein; man könnte sich dann leicht fälschlich für einen guten Christen halten. (…) Aber nicht diese Seite der Angelegenheit möchte ich hier unterstreichen – heute bedarf es dessen nicht. Lieber möchte ich mir von den Psalmen das Gute zeigen lassen, durch dessen Verderbnis jenes Schlechte entstanden ist.

Jedermann weiß, daß Psalm 119 dem Gesetze gewidmet ist, der längste der ganzen Sammlung. Und wahrscheinlich hat jedermann bemerkt, daß er in literarischer oder technischer Hinsicht am meisten durchgeformt und der kunstvollste von allen ist. Die Technik besteht darin, eine Reihe von Wörtern zu wählen, die im Rahmen dieses Gedichts alle mehr oder weniger synonym sind (‚Worte, Satzungen, Gebote, Weisungen‘ usw.), und sie in jedem der 22 Abschnitte von je acht Versen wieder erklingen zu lassen – Abschnitte, welche ihrerseits den Buchstaben des Alphabets entsprechen. (Altjüdischen Ohren mag das ein ähnliches Vergnügen bereitet haben wie uns die italienische Strophenform der Sestine, wo statt Reimen in jeder Stanze die gleichen Wörter in wechselnder Reihenfolge wiederkehren.) Mit anderen Worten: Dieses Gedicht ist nicht wie etwa Psalm 18 ein jäher Herzenserguß und will es auch nicht sein. Es ist ein kunstvolles Muster, entstanden in langen stillen Stunden, aus Liebe zum Fach und aus Freude an zweckfreiem, zuchtvollem Handwerk, wie eine Stickerei, Stich um Stich.

Das scheint mir an sich schon sehr wichtig, denn es gewährt uns Einblick in Geist und Stimmung des Dichters. Wir ahnen sogleich, er habe für das Gesetz Ähnliches wie für die Dichtung empfunden; beide heischen genaue und liebevolle Angleichung an ein schwieriges vorgeschriebenes Muster. Das legt eine Haltung nahe, aus der sich später der Begriff des Pharisäischen entwickeln konnte, die aber an sich zwar  nicht unbedingt religiös ist, aber doch ganz harmlos. Sie sieht für den, der dabei nicht mitgeht, nach Geziertheit oder Haarspalterei aus, braucht es aber nicht zu sein. Sie ist Freude an Ordnung, Vergnügen am Präzisen – wie am Tanzen eines Menuetts. Natürlich weiß der Dichter, daß etwas unvergleichlich Ernsthafteres als ein Menuett zur Frage steht. Auch weiß er darum, daß ihm selbst so vollendete Zucht schwerlich gelingen wird: ‚Ach wären doch meine Wege beständig, indem ich deinen Satzungen folge!‘ (5). Zur Zeit sind sie es nicht. Aber seine Anstrengungen entspringen nicht sklavischer Furcht. Die Ordnung des göttlichen Geistes, verkörpert im göttlichen Gesetz, ist schön. Kann man Besseres tun als sie im täglichen Leben soweit wie möglich darstellen? ‚An deinen Satzungen habe ich meine Lust‚ (16); über sie zu sinnen, ist ‚mehr als Besitz‘ (14); sie wirken wie Musik. ‚Lieder sind mir deine Satzungen‘ (54); sie munden wie Honig (103); sie gelten mehr als Gold und Silber (72). Je weiter einem die Augen geöffnet werden, um so mehr Wunder schaut man darin (18). Das ist weder Ziererei noch Skrupelhaftigkeit; es ist die Sprache eines von moralischer Schönheit Verzückten. Zu bedauern ist, wer diese Erfahrung nicht zu teilen vermag. Aber besser als die meisten von uns – so stelle ich mir gerne vor – wüßte ein chinesischer Christ – einer, dessen angestammte Kultur ihm ‚Lehrmeisterin zu Christus hin‘ gewesen – diesen Psalm zu schätzen; denn ein alter Gedanke jener Kultur will, das Leben müsse vor allem geordnet sein, und zwar als Spiegel der göttlichen Ordnung.

Aber noch ein zweites in diesem ernsten Gedicht kann uns weiterhelfen. An drei Stellen versichert der Dichter, das Gesetz sei ‚verlässig‘ oder ‚Wahrheit‘ (86, 138, 142). (Desgleichen 111,7: ‚Verlässig sind all seine Satzungen.‘) Henne übersetzt das Wort dreimal mit ‚Wahrheit‘: ‚wahr‘ im hebräischen Sinne ist etwas, worauf Verlaß ist. Ein moderner Logiker würde einwenden, das Gesetz sei ein Befehl und es sei sinnlos, einen Befehl ‚wahr‘ zu nennen; ‚die Türe ist geschlossen‘ kann wahr oder falsch sein, nicht aber ’schließ die Tür‘. Doch ich glaube, wir verstehen alle recht gut, was die Psalmisten sagen wollen: daß man nämlich im Gesetz die ‚echten‘, ‚richtigen‘ oder unerschütterlichen und fest gegründeten Anweisungen zum Leben findet. Das Gesetz gibt Antwort auf die Frage: ‚Wie hält der Jüngling seinen Pfad rein?‘ (119,9) Es ist Leuchte und Führer (105). Viele andere Lebensanweisungen wetteifern mit ihm, wie die heidnischen Kulturen rings um uns zeigen. Der Dichter, der die Weisungen oder Vorschriften Jahwes ‚wahr‘ nennt, drückt damit die Gewißheit aus, daß diese und nicht jene anderen ‚echt‘, ‚gültig‘ oder unangreifbar seien; daß sie auf dem Wesen der Dinge und dem Wesen Gottes beruhen.

Mit dieser Gewißheit stellt er sich in einer Streitfrage, die sehr viel später unter Christen entstanden ist, auf die rechte Seite. Im achtzehnten Jahrhundert gab es schreckliche Theologen, die behaupteten: ‚Gott hat nicht darum gewisse Dinge befohlen, weil sie recht sind, sondern gewisse Dinge sind recht, weil Gott sie befohlen hat.‘ Um seinen Standpunkt ganz unmißverständlich klarzumachen, sagte einer von ihnen sogar, zwar habe Gott nun einmal befohlen, Ihn und uns zu lieben; doch hätte Er uns genausogut befehlen können, Ihn und uns zu hassen; und dann wäre eben Haß das Rechte gewesen. Anscheinend war es reiner Zufall, wofür Er sich entschied. Eine solche Ansicht macht Gott zum willkürlichen Tyrannen. Es wäre besser und verstieße weniger gegen die Religion, an keinen Gott und keine Moral zu glauben, als sich zu einer solchen Moral und einer solchen Theologie zu bekennen. Natürlich diskutierten die Juden diese Frage nie in abstrakten und philosophischen Begriffen. Aber von Anfang an und ohne Wanken vertreten sie die richtige Ansicht und wissen mehr, als sie wissen. Sie wissen, daß der Herr (nicht bloß der Gehorsam Ihm gegenüber) ‚gerecht‘ ist und daß Er ‚rechtes‘ Tun befiehlt, weil Er es liebt (11,8). Er auferlegt das Gute, weil es gut ist, weil Er gut ist. Darum haben Seine Gesetze emeth, ‚Wahrheit‘, innere Geltung, auf Fels gegründete Echtheit, da sie in Seinem Wesen wurzeln, und sind daher so dauerhaft wie die von Ihm geschaffene Natur. Aber die Psalmisten selbst wissen es am besten zu sagen: ‚Gleich Gottesbergen ist deine Gerechtigkeit, dein gerechtes Walten wie das weite Meer‘ (36,7). Ihre Lust am Gesetz ist die Lust, auf festem Grund zu stehen; gleich der Lust des Wanderers, die harte Straße unter den Füßen zu spüren, nachdem ihn eine verräterische Abkürzung über lehmige Äcker lange Zeit in die Irre geführt hat.

Es gab nämlich andere Straßen, denen es an ‚Wahrheit‘ fehlte. Zu unmittelbaren Nachbarn, ihnen nach Rasse wie nach Lage nahe, hatten die Juden Heiden von der schlimmsten Sorte, Heiden, deren Religion sich durch keine Spur jener Schönheit oder (gelegentlichen) Weisheit auszeichnete, die wir bei den Griechen finden. Ein solcher Hintergrund ließ die ‚Schönheit‘ und ‚Süße‘ des Gesetzes um so vernehmlicher hervortreten; nicht zuletzt darum, weil diese benachbarten heidnischen Kulte für den Juden eine ständige Versuchung bedeuteten und in manchen Äußerlichkeiten seiner eigenen Religion nicht unähnlich waren. Die Versuchung bestand darin, in Schreckenszeiten – wenn zum Beispiel die Assyrer vorstießen – zu solchen grauenvollen Riten Zuflucht zu nehmen. Wir, die wir vor nicht allzu langer Zeit täglich die Invasion eines Feindes erwartet haben, der ähnlich den Assyrern für systematische Grausamkeit bekannt und darin geschult war – wir wissen, wie ihnen zumute gewesen sein mag. [Das Buch wurde nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg in England geschrieben.] Sie waren versucht – da der Herr taub schien -, jene grausigen Gottheiten anzugehen, die so viel mehr forderten und daher vielleicht auch mehr gewähren mochten. Betrachtete aber ein Jude solche Kulte zu glücklicherer Stunde oder ein besserer Jude sogar zu eben jener – dachte er an Tempelprostitution, Tempelsodomie und an die Kinder, die dem Moloch ins Feuer geworfen wurden -, so mußte ihm sein eigenes ‚Gesetz‘, wenn er sich ihm wieder zuwandte, in außergewöhnlichem Glanz erstrahlen. Süßer als Honig, oder sagen wir, die wir nicht so sehr aufs Süße versessen sind wie alle alten Völker (teils weil wir reichlich Zucker haben) und denen dieses Bild daher nicht paßt – sagen wir wie Quellwasser, wie frische Luft nach einem dumpfen Verließ, wie klare Vernunft nach einem Albtraum. Aber wieder einmal finden wir das beste Bild in einem Psalm, im neunzehnten.

Ich halte ihn für das großartigste Gedicht des Psalters und für eines der großartigsten Lieder der Welt. Die meisten Leser werden sich an den Aufbau erinnern: sechs Verse über die Natur, fünf über das Gesetz und vier Verse persönlichen Gebets. Die Worte selbst stellen keinen logischen Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Teil her. Darin gleicht die Technik der modernsten Poetik. Ein moderner Dichter würde ähnlich unvermittelt von einem Motiv zum nächsten springen und es dem Leser überlassen, das Bindeglied zu finden. Aber er täte es vermutlich mit voller Überlegung; auch wo er es vorzieht, den Zusammenhang zu verbergen, dürfte er ihn klar bewußt im Sinne tragen und könnte ihn, wenn er wollte, in logischer Prosa darlegen. Ich bezweifle, daß es sich beim alten Dichter so verhielt. Ich glaube, er empfand, mühelos und ohne darüber nachzudenken, eine so enge Beziehung zwischen seinem ersten und dem zweiten Thema, ja eine solche Einheit (für die Phantasie), daß er vom einen zum andern glitt, ohne einen Übergang zu spüren. Zuerst denkt er an den Himmel: wie das prächtige Schauspiel, das er uns Tag für Tag bietet, die Herrlichkeit seines Schöpfers kündet. Dann denkt er an die Sonne, die bräutliche Freude ihres Aufgangs, die unvorstellbare Geschwindigkeit ihrer täglichen Reise von Ost nach West. Schließlich an ihre Hitze; natürlich nicht an die milde Hitze unseres Klimas, sondern an die von keiner Wolke gedämpften, blendenden, tyrannischen Strahlen, welche auf die Berge hämmern und jede Kluft ausloten. Die Angel, um die sich das ganze Gedicht dreht, ist der Satz: ‚Nichts entzieht sich ihrer Glut.‘ Diese dringt überallhin mit starkem, reinem Feuer. Dann plötzlich, in Vers 7, spricht er von etwas anderem, das ihm kaum etwas anderes scheint, so ähnlich ist es dem alles durchdringenden, alles enthüllenden Sonnenlicht. Das Gesetz ist makellos, macht hell die Augen, ist rein, hat dauernd Bestand, ist ’süß‘. Das läßt sich nicht übertreffen, und nichts kann uns mehr darüber verraten, was der Jude des Altertums vor dem Gesetz empfand: lichtvoll, streng, reinigend, triumphierend. Es bedarf kaum der Versicherung, dieser Dichter sei völlig frei von Selbstgerechtigkeit, und der letzte Abschnitt befaßt sich mit seinen ‚unbewußten Fehlern‘. Wie er es, vielleicht in der Wüste, mit der Sonne erfahren, die ihn in jedem Schattenwinkel, worin er sich vor ihr zu bergen suchte, aufgespürt hat, so erfährt er, wie das Gesetz alle Verstecke seiner Seele ausleuchtet.

Insofern diese Vorstellung von Schönheit, Süße oder Kostbarkeit des Gesetzes ihre Kraft aus dem Gegensatz zum benachbarten Heidentum schöpft, werden wir vielleicht bald Anlaß haben, sie zu erneurn. Der Christ lebt mehr und mehr auf einer geistigen Insel; neue und wetteifernde Lebensauffassungen umgeben ihn von allen Seiten, und ihre Flut gewinnt mit jedem Steigen an Boden. Noch ist keine dieser neuen Lebensweisen so schmutzig oder grausam wie manches semitische Heidentum. Aber viele von ihnen mißachten alle Rechte des einzelnen und sind schon grausam genug. Manche geben der Moral einen ganz neuen Sinn, den wir nicht übernehmen können; manche leugnen ihre Möglichkeit. Vielleicht lernen wir alle noch durch Schmerzen die klare Luft und die ’süße Vernünftigkeit‘ der christlichen Sittenlehre schätzen, welche uns in christlicheren Zeiten selbstverständlich wäre.“

Tissot Moses and Joshua in the Tabernacle.jpg

(James Tissot, Mose und Josua im Allerheiligsten. Quelle: Wikimedia Commons.)

Wenn wir alle an denselben Gott glauben

„Nein, nein, nein!“, heulten die Tiere. „Das kann nicht wahr sein. Aslan verkauft uns nicht als Sklaven an den König von Kalormen.“

„Was soll denn das? Hört auf zu jammern!“, knurrte der Affe. „Wer hat etwas von Sklaven gesagt.ß Ihr werdet keine Sklaven sein. Ihr werdet bezahlt. Ihr bekommt sogar einen sehr guten Lohn. Das heißt, euer Geld wird in Aslans Schatzkasse wandern und er wird alles für jedermanns Wohl verwenden.“ Dann sah er den Befehlshaber der Kalormenen an und zwinkerte ihm zu.

[…]

„Aber diese Dinge brauchen wir doch nicht“, murrte ein alter Bär. „Wir wollen frei sein. Und wir wollen Aslan selbst sprechen hören.“

„Nun fangt nicht an, misstrauisch zu werden“, schalt der Affe aufgebracht. „Das lasse ich nicht zu. Ich bin ein Mensch. Du aber bist nur ein fetter, törichter alter Bär. Was weißt du schon von Freiheit? Du denkst, Freiheit heißt, du kannst alles tun, was du willst. Da hast du dich aber geschnitten. Das ist keine wirkliche Freiheit. Wahre Freiheit heißt: Ihr müsst tun, was ich euch befehle.“

„H-n-n-ch“, grunzte der Bär und ließ seinen Kopf hängen. Die Dinge so zu sehen, verstand er nicht.

„Bitte, bitte“, sagte die hohe Stimme eines wolligen Lämmchens. Jeder staunte, dass ein so junges Tier überhaupt zu reden wagte.

„Was ist denn noch?“ fragte der Affe. „Fass dich kurz.“

„Bitte“, erklärte das Lämmchen, „ich verstehe das nicht. Was haben wir eigentlich mit den Leuten aus Kalormen zu tun? Wir gehören zu Aslan, die anderen gehören zu Tash. Dieser Gott Tash hat vier Arme und einen Geierkopf. Auf seinem Altar werden Menschen getötet. Wie kann der edle und freundliche Aslan mit dem bösen Tash befreundet sein?“

Da wandten alle Tiere ihre Köpfe und ihre hellen Augen funkelten den Affen an. Sie wussten, das war die beste Antwort, die der Affe bisher bekommen hatte.

Wütend sprang Listig auf und bespuckte das Lämmchen. „Kindskopf!“, zischte er. „Dummer kleiner Blöker! Geh heim zu deiner Mutter und trink deine Milch. Was verstehst du schon von solchen Dingen? Hört zu, hört alle zu! Tash ist nur ein anderer Name für Aslan. Die alte Meinung, dass wir Narnianen im Recht sind und die Kalormenen Unrecht haben, ist töricht. Jetzt wissen wir es besser. Die Kalormenen gebrauchen andere Wörter, aber wir meinen alle dasselbe. Tash und Aslan sind nur zwei verschiedene Namen für… ihr wisst, wen ich meine. Deshalb können sie auch nie Streit miteinander haben. Prägt euch das ein, ihr dummes Viehzeug: Tash ist Aslan und Aslan ist Tash.“

Ihr wisst doch, wie traurig ein Hund einen manchmal anschaut. Die Gesichter jener Sprechenden Tiere aber – all dieser redlichen, bescheidenen, verwirrten Vögel, Bären, Dachse, Kaninchen, Maulwürfe und Mäuse – sie waren noch viel trauriger. Jeder Schwanz wurde eingezogen, jedes Schnurrhaar sträubte sich. Es hätte dir das Herz gebrochen, zu sehen, wie unglücklich sie alle waren.

(C. S. Lewis, Die Chroniken von Narnia, Band 7 – Der letzte Kampf)

Über schwierige Bibelstellen, Teil 16: Was in den Apostelbriefen (und in der Genesis) über (Ehe)Frauen und die Rolle der Frau in der Kirche gesagt wird

[Der Artikel wurde noch einmal nachbearbeitet; Kommentare können sich auf den ursprünglichen Text beziehen.]

– Dieser Teil ist recht lang geraten, da es um mehrere zusammenhängende Themen geht und ich die wichtigsten Einwände und Argumente abhaken wollte, und darf gern in mehreren Etappen gelesen werden. –

 

„Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Eins sollte klargestellt werden, bevor ich mit meinen Exegese-Versuchen beginne: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt die Bibel selbst.

Manchmal gibt es auch mehrere mögliche Interpretationen zu seinen (und anderen biblischen) Aussagen; und manchmal ist es leichter zu sagen, welche Interpretationen falsch sind, als zu sagen, welche richtig sind.

 

(I) Die Stellen

Heute kommt einmal hauptsächlich das Neue Testament dran, nämlich diese  Stellen aus den Apostelbriefen:

  • „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. (Epheser 5,21-33)
  • „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie!“ (Kolosser 3,18f.)
  • „Ebenso seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem Verhalten, nicht verleumderisch und nicht trunksüchtig; sie müssen fähig sein, das Gute zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ (Titus 2,3-5)
  • „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit. Auch sollen die Frauen sich anständig, bescheiden und zurückhaltend kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt. (1 Timotheus 2,8-15)
  • „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. Nicht auf äußeren Schmuck sollt ihr Wert legen, auf Haartracht, Gold und prächtige Kleider, sondern was im Herzen verborgen ist, das sei euer unvergänglicher Schmuck: ein sanftes und ruhiges Wesen. Das ist wertvoll in Gottes Augen. So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. Sara gehorchte Abraham und nannte ihn ihren Herrn. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet. Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ (1 Petrus 3,1-7)
  • „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ (1 Korinther 14,33-35)
  • „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe. Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen. Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben. Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinden Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.“ (1 Korinther 11,1-16)

Ich habe hier einiges zusammengeworfen. Wenn man es auseinandersortiert, ergeben sich grob die folgenden Punkte:

  • Unterordnung der Frau in der Ehe
  • Bedeutung des Kindergebärens für die Frau
  • Stellung der Frau in der Gemeinde
  • Kopfbedeckungen beim Gottesdienst
  • Generelle Stellung der Frau (mit Bezug auf die Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte)

 

(II) Das Kindergebären: Textanalyse

Zuerst zu einer relativ einfach gelösten Stelle: „Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt.“ (1 Timotheus 2,15) Wie bitte, man kommt nur durchs Kinderkriegen in den Himmel? Natürlich nicht. Hier hilft der Urtext.

Im griechischen Original heißt der erste Teil des Satzes: „Sothesetai de dia tes teknogonias“. Wörtlich übersetzt: „Sie wird gerettet werden aber durch das Kinderkriegen“; das Wort für „durch“, „dia“, ist allerdings, wie viele griechische Präpositionen, mehrdeutig. Es kann „durch“, „mittels“, „wegen“ heißen, aber auch „um … willen“; oder sogar „während“. „Aber sie wird um des Kindergebärens willen gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“, oder „Aber sie wird, während sie Kinder gebärt, gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“ – das klingt schon ein bisschen anders, mehr so, als wäre das Kindergebären ein mögliches gutes Werk im Leben, nicht das sine qua non. Im Englischen würde man so einen Satz vielleicht ähnlich ambivalent formulieren mit „But she will be saved having children, if she…“. Ich denke, dass der Fokus hier vor allem auf dem zweiten Teil des Satzes liegt: Man soll in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führen. Und zum Weg der Heiligung kann auch das Gebären von Kindern und die Sorge für sie gehören.

Aber vor allem die Übersetzung mit „während“ bietet auch eine völlig andere Auslegung, als man zuerst annehmen würde: Laut einer Fußnote in der Einheitsübersetzung könnte Paulus sich hier gegen gnostische Lehren gewandt haben, die die Ehe und das Kinderkriegen verurteilten, da sie die irdische Welt grundsätzlich ablehnten. Da ist der christliche Weg familienfreundlicher: Kinder stehen der Heiligkeit nicht im Weg. Es ist gut, Kinder zu kriegen, weil es gut ist, mehr von Gottes Geschöpfen in die Welt zu setzen. Eine Frau, die Mutter ist/wird, kann (an die Gnostiker gerichtet: trotzdem) heilig werden, wenn sie Hoffnung, Nächstenliebe etc. zeigt.

Dann ist es, wenn man den Kontext aller Paulusbriefe kennt, sowieso von vornherein ausgeschlossen, dass Paulus das Kindergebären auf irgendeine Art und Weise als heilsnotwendig betrachten könnte. In 1 Korinther 7,25-40 wirbt er dafür, unverheiratet zu bleiben, und zwar bei Männern und Frauen; und wenn man sich an die christliche Sexualethik hält, kann man dann logischerweise auch keine Kinder bekommen.

So weit, so gut; aber was ist nun mit den anderen Aussagen, bei denen verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für Präpositionen nicht als Erklärung genügen? Können wir die als „historisch bedingt“ beiseite schieben?

 

(III) „Die Frau aber ist der Abglanz des Mannes…“

Nun ja, das kommt darauf an. Behandeln wir die Themen nacheinander, und fangen wir mit einer der nervigsten und unverständlichsten Stellen an: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. […] Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ (1 Korinther 11,3.7-9)

Diese Verse werden natürlich deutlich relativiert durch das, was dahinter kommt („Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.“ (1 Korinther 11,11f.)), aber bleiben wir erst einmal bei ihnen stehen.

Hier finden sich natürlich Anklänge an die Schöpfungsgeschichte; und eine Sache klingt schon einmal ziemlich auffällig. In Genesis 1,27 heißt es ja ausdrücklich: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Paulus aber scheint, im Gegensatz zu dieser sehr klaren Stelle (und im Gegensatz zum Katechismus, s. u.), die Frau nicht als direktes Abbild Gottes zählen lassen zu wollen.

Die Lösung für diesen scheinbaren Konflikt liegt in Vers 3 der Paulus-Stelle: Hier wird Gott (Vater) als das „Haupt Christi“ bezeichnet, und Christus wiederum als Haupt des Mannes, und der dann wiederum als Haupt der Frau. Man hat also eine solche Stufenleiter im Kopf:

Gott (Vater)

I

Christus

I

Mann

I

Frau

Und jedem, der die geringste Ahnung von Theologie hat, wird dieses Schema irgendwie schief vorkommen. Theologisch korrekt dargestellt müsste es eher so aussehen:

Gott (Vater) – Christus

____________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Mann – Frau

Oder für die ganz theologisch Korrekten unter uns:

Gott Vater – Gott Sohn (Christus) – Gott Heiliger Geist

_______________________________________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Engel

I

Menschen (Mann – Frau)

I

Tiere

I

Pflanzen

I

Leblose Materie

In der Trinitätstheologie lehnen wir den sog. „Subordinatianismus“ klar ab: Der Sohn ist nicht weniger Gott als der Vater, Er ist Ihm „wesensgleich“, nicht geringer als Er (für den Heiligen Geist gilt das Gleiche).

Aber: Trotzdem heißt es im Großen Glaubensbekenntnis, dass der Sohn vom Vater „gezeugt“ ist und der Heilige Geist aus beiden „hervorgeht“. Nun bedeutet die „Zeugung“ des Sohnes wiederum nicht, dass es einmal eine Zeit gab, in der Er nicht existierte und der Vater allein war; es handelt sich um eine „ewige Zeugung“, eine Art ewige Abhängigkeit, könnte man vielleicht sagen, des Sohnes vom Vater, oder ein ewiges Hervorgehen des einen aus dem anderen. Was genau das jetzt bedeutet – gute Frage, bitte an bessere Theologen richten. Jedenfalls nimmt der Vater trotz aller Gleichrangigkeit der drei göttlichen Personen immer noch eine Art höhere Stellung, sozusagen als „Erster unter Gleichen“, unter ihnen ein – in der Bibel ist an manchen Stellen vom Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater die Rede, aber an keiner Stelle vom Gehorsam des Vaters gegenüber dem Sohn.

In der obersten Stufenleiter, also der aus der Paulusstelle, haben wir zwischen Christus und dem Mann den Sprung von ungeschaffenem Gott zu Geschöpf. Also könnte man vielleicht sagen, dass, eine Stufe weiter oben, auch innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit im Verhältnis von Gott Vater zu Christus wiederum das Verhältnis von Gott zur Schöpfung gewissermaßen analog „nachgestellt“ ist – oder besser genau andersherum: dass das Verhältnis zwischen Gott Vater und Gott Sohn durch das Erschaffen von Geschöpfen in dem Verhältnis der „gesamten“ Dreifaltigkeit zur Schöpfung nachstellt wird. Und dann könnte man weiter sagen, dass dasselbe Verhältnis innerhalb der Schöpfung dann wieder in gewisser Weise nachgestellt wird zwischen Mann und Frau – es ist nachgestellt, nicht real. (Einer ähnlichen Interpretation folgt übrigens auch C. S. Lewis in dem sehr empfehlenswerten Buch „Was man Liebe nennt“ (Originaltitel: „The four loves“).)

Man könnte in dieser Analogie noch weitergehen und die Familie (Mann, Frau und Kinder, die aus beiden „hervorgehen“) mit der Dreifaltigkeit inklusive dem „hervorgehenden“ Heiligen Geist vergleichen, aber der Einfachheit halber lasse ich den Heiligen Geist und die Kinder hier außen vor.

Das passt natürlich auch zu der Aussage der bekanntesten Paulus-Stelle zum Thema „Haupt“ und „Unterordnung“ in der Ehe, nämlich Epheser 5: Die Ehe soll sein wie die Beziehung zwischen Christus und der Kirche – man könnte mit einer gewissen Erweiterung sagen, wie die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung.

Zu diesem Aspekt möchte ich einen Freund mit folgender Aussage zitieren, die die Angelegenheit gut zusammenfasst: „Nach den plausiblen Erklärungen der Theologen symbolisiert die Frau die Schöpfung Gottes und der Mann den Schöpfer. Das heißt aber, dass die Frau die Aufgabe hat, etwas zu symbolisieren, was sie tatsächlich ist – weswegen das Wort ‚Seele’ (und das Wort ‚Kirche’) auch in allen relevanten Sprachen weiblich ist, auch die des Mannes, und auch der Mann in unserem schönen deutschen Lied (manche Dinge konntense, die Protestanten) Christus als ‚mein Heiland und mein Bräutigam’ anspricht. Der Mann hat etwas zu symbolisieren, was er nicht ist, was merklich schwerer ist und vielleicht letztlich etwas damit zu tun hat, dass die Frauen religiöser sind.“

Paulus trifft die Aussage „Der Mann ist das Haupt der Frau“ und begründet sie mit Genesis 2: „Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ Er behandelt die Rippengeschichte hier als real; aber es ist relativ egal, ob diese Geschichte je real geschehen ist oder nicht, sie steht da und sagt irgendetwas aus, und Paulus behandelt sie erst einmal als real, um auf ihre Aussagen zu kommen. Aus der Erzählung, dass Adam zuerst geschaffen wurde und Eva aus einem seiner Körperteile (Symbolebene), schließt Paulus also, dass der Mann, in der Ehe jedenfalls, das Haupt der Frau ist (Realitätsebene). Natürlich ist damit nicht gemeint, dass Frauen nicht um ihrer selbst willen als Person geschaffen wären, sondern ausschließlich als Hilfe für einen Ehemann (diese Interpretation kann man allein schon deshalb ausschließen, weil für Frauen wie für Männer laut Paulus selbst und dementsprechend laut katholischer Kirche die höchste Berufung das ehelose Leben ist).

Ich habe übrigens einmal einen Aufsatz einer Historikerin gelesen, in dem sie die These aufstellte, dass viele junge Frauen, die in der Antike, auch gegen den Willen ihrer Eltern, zum Christentum konvertierten und sich Christus weihten, auch davon angezogen wurden, dass sie in dieser Religion und in dieser Stellung als Personen geachtet wurden, nicht nur als Anhängsel eines Ehemannes. Als ich das damals gelesen habe, habe ich mir noch gedacht: Was soll der Unsinn, Mädchen wie die heilige Agnes wollten einfach Christus dienen, nicht besonders emanzipiert sein. Grundsätzlich glaube ich auch, dass ich damit richtig lag; aber ganz Unrecht hatte diese Historikerin vielleicht auch nicht. Als Frau geachtet zu werden, obwohl man keinen Mann und keine Kinder hatte, das muss etwas Anziehendes gewesen sein; dass man für den christlichen Gott auch so wertvoll war, war etwas Besonderes.

Wenn wir übrigens die originalen Genesis-Verse ansehen, in denen davon die Rede ist, dass Gott für Adam eine „Hilfe […], die ihm entspricht“ (Genesis 2,18) machen will, dass Er eine seiner Rippen nimmt und daraus Eva formt, und dass Adam sich dann freut und spricht „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Genesis 2,23), dann können wir festhalten, dass das hier verwendete Wort für „Hilfe“ oder „Helfer“ oder „Gehilfin“, „ezer“, keinesfalls automatisch „untergeordnetes Dienstmädchen“ heißt. Dieses Wort wird in der Bibel z. B. auch verwendet, wenn davon die Rede ist, dass Gott eine Hilfe für den Menschen ist – worauf sich übrigens auch der Katechismus bezieht (s. u.). Die Genesis-Geschichte sagt vor allem aus, dass Mann und Frau aufeinander hingeordnet sind: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.

(Sie hat übrigens an anderer Stelle für die damalige Zeit auch emanzipatorische Anklänge: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Zu der Zeit, als das geschrieben wurde, verließen eben nicht Mann und Frau ihre Ursprungsfamilien und hingen einander an und bildeten eine eigene neue Familie, sondern die Frau verließ ihre Familie und schloss sich der Sippe ihres Mannes an, wo sie dann auch unter der Fuchtel der Schwiegereltern stand.)

Langer Rede, kurzer Sinn: Aus dieser Paulusstelle ergibt sich, dass der Ehemann das „Haupt“ der Ehefrau nur in dem Sinne sein kann, wie Gott der Vater das „Haupt“ Jesu Christi ist. Die Analogien mit Gott Vater, Christus, der Kirche etc. werden hier und auch in Epheser 5 allerdings so sehr betont, dass man sie wohl nicht einfach als wenig relevante, zufällige Vergleiche beiseite schieben kann. Nein, wir Christen müssen immer – bis zu einem gewissen Grad – „Gender Essentialists“ sein, d. h. wir glauben, dass das biologische Geschlecht, das unser Schöpfergott uns mitgegeben hat, etwas ist, das auch die Seele betrifft, dass es wirkliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Geschlechtsunterschiede nicht alle einfach ausschließlich gesellschaftliche Konstruktionen sind – und dass das dann auch eine Implikation für eine Art Hierarchie in der Ehe hat.

 

(IV) Ein kurzer Exkurs: Zur Erschaffung Evas aus der Rippe Adams

Die Rippengeschichte hat im Lauf der Kirchengeschichte übrigens verschiedene Auslegungen bekommen, die durchaus miteinander kompatibel sein können und denen man folgen kann oder auch nicht. Hier als Beispiele zwei Stellen von bekannten Heiligen (Hervorhebungen von mir):

Der hl. Franz von Sales liest zwei verschiedene Dinge in dieses Bild hinein: „Bewahrt also euren Frauen eine zarte, beständige und herzliche Liebe, ihr Ehemänner! Deshalb wurde ja die Frau aus nächster Herzensnähe des ersten Menschen genommen, damit sie von ihm herzlich und zärtlich geliebt werde. Die körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau darf in euch keinerlei Geringschätzung entstehen lassen, sondern ein gütiges und liebevolles Verständnis. Gott hat sie so geschaffen, dass sie von euch abhängig sei, euch Achtung und Ehrfurcht entgegenbringe, dass sie zwar eure Gefährtin sei, ihr aber zugleich ihr Haupt und Vorgesetzter. Ihr Frauen, liebt euren Mann, den Gott euch gegeben hat, zärtlich und herzlich, gleichzeitig aber voll Achtung und Hochschätzung! Gott hat ihn deswegen kräftiger und euch überlegen geschaffen; er wollte, dass die Frau vom Mann abhängig ist, als Gebein von seinem Gebein, als Fleisch aus seinem Fleisch [vgl. Gen 2,23]. Nach Gottes Plan wurde die Frau aus seinem Leib unterhalb des Armes entnommen, um damit zu zeigen, dass der Mann seine Hand über sie halten und sie führen soll.Die Heilige Schrift empfiehlt immer wieder diese Unterordnung der Frau unter den Mann, sie macht diese Unterordnung aber zu einer liebevollen; die Frau soll sich in Liebe fügen, der Mann aber seine Autorität mit inniger, zärtlicher Güte ausüben. Der hl. Petrus sagt: ‚Ihr Männer, seid verständig gegen eure Frauen; sie sind die schwächeren Geschöpfe, erweist ihnen Achtung’ [1 Petr 3,7].“ (Franz von Sales, Anleitung zum frommen Leben, 3. Teil, Kap. 38, erstmals veröffentlicht 1609)

Und der hl. Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: „1. Dies war ein äußeres Zeichen dafür, wie Mann und Weib in besonderer Weise verbunden sein sollen. Denn das Weib soll nicht den Mann beherrschen; deshalb ist sie nicht aus einem Teile des Kopfes geformt worden. Sie soll aber auch nicht vom Manne wie eine Sklavin gehalten werden; deshalb ist sie nicht aus einem Teile der Füße geformt worden. 2. Das Sakrament sollte versinnbildet werden; denn aus der Seitenwunde Christi am Kreuze flossen die Sakramente, d. h. Wasser und Blut, woraus die Kirche geformt worden.“ (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I 92/3, verfasst zwischen 1265 und 1273)

(Erschaffung Evas. Dom von Orvieto. Bildquelle hier.)

 

 

(V) „Haupt“ und „Unterordnung“: Historisch bedingt?

So, jetzt haben wir also immer noch die Aussage, der Mann sei in der Ehe auf irgendeine Weise das Haupt der Frau und sie solle sich ihm „unterordnen“.

Manche Theologen haben versucht, die Sache einfach so zu lösen, dass sie sagen, für diese Stellen gelte dasselbe wie für die Sklaverei-Stellen in den Apostelbriefen: Paulus und Petrus geben hier Anweisungen dazu, wie man sich in einer ungerechten Beziehung, die in der damaligen Gesellschaft nun mal so existierte und sich nicht so einfach ändern ließ (das Christentum war keine Religion der Mächtigen, und viele Christinnen hatten heidnische Ehemänner), verhalten soll. Sie raten sowohl Frauen als auch Sklaven, sich unterzuordnen, und mahnen die Männer und die Herren dann zu Liebe bzw. gerechter Behandlung. Diese Taktik der Apostel hat pragmatische Gründe, die in einer gerechteren Gesellschaft wegfallen sollten. (Vgl. Teil 15.) Diese Auslegung scheint besonders durch die Petrusbriefstelle nahegelegt zu werden: „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.“

Sie bietet sich auch deswegen an, weil die Anweisungen an Frauen und Sklaven oft an ein und derselben Stelle stehen. Direkt nach der berühmten Epheser-5-Stelle über das Verhältnis zwischen Eheleuten kommen die Regeln für Kinder und Sklaven, also den Rest des Haushalts: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn! Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.“ (Epheser 6,1-9)

Gerade diese Stelle zeigt aber auch schon die Begrenztheit dieses Ansatzes: Denn das Gebot für die Kinder, die Eltern zu ehren, ist ein zeitloses Gebot, das sogar in den zehn Geboten auftaucht, anders als die Anweisungen an die Sklaven – hier werden also zeitlose und zeitbedingte Gebote zusammengeworfen; sie stehen nur beieinander, weil es um die Ordnung des damaligen Haushalts geht, zu dem sowohl Kinder als auch Sklaven gehören konnten. Was gilt für die Anweisungen an Ehefrauen? Sind die zeitlos oder zeitbedingt?

Nun ja, aus den oben erklärten Stellen ergibt sich schon, dass das alles nicht nur zeitbedingt sein kann. Ich denke aber, man kann diese Frage trotzdem mit einem „teils – teils“ beantworten. Ehen hatten damals unbestreitbar etwas Ungerechtes. Die Frauen waren oft viel jünger als ihre Männer (Mädchen konnten ab einem Alter von 12 Jahren verheiratet werden) und sie hatten auch nicht viel dazu zu sagen, wen sie heirateten; vielleicht als unabhängige Witwen eher, wenn sie sich ein zweites Mal verheiraten wollen, aber für eine erste Ehe in ihrer Jugend weniger. Es ist nicht so, dass junge Männer nie von Eltern oder Vormündern in arrangierte Ehen gezwungen worden wären, aber das macht die damalige Situation auch nicht besser, und im Allgemein war sie ziemlich ungerecht gegenüber den Frauen. Dazu kam die mächtige Stellung des römischen pater familias, die grundsätzliche Erwartung an Ehefrauen, ihrem Mann zu gehorchen, die in der damaligen Kultur selbstverständlich verankert war, ebenso wie die Vorstellung, dass Frauen weniger intelligent, emotionaler, hysterischer, unbeherrschter wären als Männer (man lese Aristoteles oder andere Griechen zu diesem Thema). Also, ja, es macht schon irgendwo Sinn, zu sagen, dass Paulus hier einfach dazu rät, sich den unvollkommenen Verhältnissen, in denen man sich befindet, zu fügen, vor allem, da die Christen damals sowieso schief angesehen waren, und nicht noch mehr als Leute gelten wollten, die gesellschaftliche Regeln umwarfen.

Aber andererseits: Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war damals auch ungerecht. Harte körperliche Züchtigung, war normal; und der Familienvater hatte nach dem römischen Gesetz sogar das Recht, zu entscheiden, ob ein Neugeborenes ausgesetzt werden sollte; er konnte seine Kinder auch in die Sklaverei verkaufen; und natürlich seine zwölfjährigen Töchter verheiraten. Aber das heißt nicht, dass das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ in einer gerechten Gesellschaft bedeutungslos werden würde. Auch in einer solchen Gesellschaft sollten Kinder ihre Eltern respektieren, ihnen einen gewissen Gehorsam entgegenbringen, solange sie selber minderjährig sind, und sie versorgen, wenn sie (die Eltern) alt geworden sind. Wenn man das übertragen möchte, könnte man sagen, die Aussage, dass der Mann das „Haupt“ der Frau sein soll, bliebe auch für gerechtere Gesellschaften gültig, bloß etwas anders, und etwas abgemilderter.

Hier könnte man einwenden, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern grundsätzlich anders ist als das zwischen Eheleuten: Solange Kinder noch Kinder sind, haben sie einfach nicht die Lebenserfahrung, Kraft, Intelligenz, rechtlichen Möglichkeiten usw., um für sich selbst zu sorgen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen; und deshalb sind ihre Eltern zu ihrem eigenen Schutz für sie verantwortlich. Wenn ich erkenne, dass jemand anders es ziemlich sicher besser weiß als ich, dann folge ich dessen Entscheidungen klugerweise auch, und deswegen sollte man auch als Fünfjährige folgen, wenn die Mutter sagt, dass man zuerst links und rechts schaut, bevor man über die Straße geht, oder als Vierzehnjährige, wenn man um zwölf Uhr daheim sein und keinen Alkohol trinken soll. Kinder werden natürlich erwachsen und dann können sie ihre Entscheidungen selbst treffen; dann bleibt das vierte Gebot zwar noch in der Bedeutung bestehen, den Eltern mit Respekt und Dankbarkeit für das, was sie für einen getan haben, zu begegnen und sie zu versorgen (es ist übrigens gut möglich, dass bei diesem Gebot ursprünglich eher daran gedacht war, erwachsene Kinder zu ermahnen, sich um alte Eltern zu kümmern und sie zu achten, als minderjährigen Kindern einzuschärfen, ihren Eltern zu gehorchen), aber im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern steht man nie einfach auf ein und derselben Stufe.

Ehepartner dagegen sind meistens grob im selben Altersbereich – zumindest müssen sie beide erwachsen sein, und die Frau kann auch mal älter sein als der Mann –, ihr Verhältnis ist also ein wesentlich egalitäreres. Wir wissen spätestens seitdem Frauen dieselbe Bildung erhalten wie Männer, dass die einen nicht durchschnittlich dümmer sind als die anderen, wie Aristoteles, und sogar noch Thomas von Aquin und Franz von Sales, meinten. [Interessanterweise gibt es allerdings anscheinend tatsächlich gewisse statistische Unterschiede beim IQ: Männer sind häufiger als Frauen entweder Genies oder Idioten, während der IQ vieler Frauen sich stärker im Mittelfeld konzentriert. Irrelevanter Exkurs Ende.] Deren epochenbedingte Vorurteile kann man entschuldigen, aber man muss sie ja nicht übernehmen. Und auch die Bibel sagt nirgendwo etwas von geringerer Intelligenz.

Der erste Petrusbrief ermahnt zwar die Männer gegenüber ihren Frauen zur Rücksicht, da die „der schwächere Teil“ seien; aber was genau kann damit gemeint sein? Na ja, zum einen die simple Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt körperlich schwächer sind. Dann die gewichtige Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären und stillen und dadurch mit vielen Nachteilen klarkommen müssen, die Männer nicht haben, und deshalb auch mal Unterstützung brauchen. (Passend dazu: Das hier verwendete griechische Wort für „schwach“ kann auch die Bedeutung „krank“ haben.) Dann vielleicht auch die Tatsache, dass Frauen zu Petrus’ Zeiten weniger rechtliche und berufliche Möglichkeiten hatten als Männer. „Schwächer“ ist hier keine Beleidigung, sondern die Feststellung einer Tatsache. Und diese Tatsache bleibt zum Teil auch noch in Zeiten von rechtlicher Gleichberechtigung, allgemeiner Krankenversicherung, Elternzeit und Kinderkrippen wahr. Ja, wir Frauen haben einfach gewisse biologische Nachteile gegenüber dem anderen Geschlecht, und that sucks. Aber es ist halt so, und das kann man nicht einfach aus der Welt schaffen.

 

(VI) „Haupt“ und „Unterordnung“: Bedeutung in der Bibel

An dieser Stelle ist es vielleicht erst einmal angebracht, sich noch einmal genau anzusehen, was Paulus dem „Haupt“ in der Ehe aufträgt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.“ (Epheser 5,26-29) Liebe, Hingabe und Fürsorge nach dem Vorbild des leidenden und sterbenden Christus ist hier gemeint; das passt zu der Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse, die dieser Christus selber gepredigt hat: „Da rief Jesus sie [die Jünger] zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,25-28) Autorität soll Anlass zu Fürsorge und Aufopferung sein, nicht zum eigenen Nutzen. Am Anfang der Epheser-Stelle ist dementsprechend auch von gegenseitiger Unterordnung die Rede („Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“).

Ich möchte hier noch die Gedanken einer anderen Bloggerin anführen, die das Patriarchat (im Sinne eines schützenden, fürsorglichen Patriarchats nach dem Vorbild des heiligen Josef) hier verteidigt:

 „Denn was uns blüht, wenn dieses Prinzip völlig abgelehnt statt korrigiert wird, sehen wir in der nordwesteuropäischen Gesellschaft: Eine vaterlose Gesellschaft, in der die Frau tatsächlich kaum weniger zum Objekt degradiert wird, als in einer, die das Patriarchat in erster Linie als Herrschaft des Mannes definiert, eine Gesellschaft, in der die Verantwortung füreinander nicht mehr gelehrt und nicht mehr praktiziert wird, in der die Partnerschaft zwischen Mann und Frau nur mehr ein Pakt zur eigennützigen Bereicherung am jeweils Anderen gerät, und in der Tugenden wie Ritterlichkeit, Zuvorkommenheit und Hingabe nicht mehr existent sind.

 Wir sehen die Konsequenzen auch konkret in den Abtreibungszahlen: Schon die Verhütungsmentalität lädt letztendlich die Verantwortung bei der Frau ab, die sich entweder schädliche und gesundheitsgefährdende Substanzen zuführen muss, um bloß immer verfügbar zu sein, oder aber sich bei Versagen anderer Verhütungsmethoden dem ‚Schlamassel’ nicht selten allein stellen soll, inklusive der schweren psychischen und körperlichen Folgen, die eine Abtreibung mit sich bringt. Dementsprechend sind die meisten Abtreibungen nicht Resultat eines Verbrechens oder einer medizinischen Indikation, sondern der schlichten Verweigerung des Mannes, Verantwortung zu übernehmen und Stabilität zu bieten, was der Frau erlauben würde, ihrer Mutterschaft ohne existenzielle Ängste entgegenzusehen, auch, wenn es nicht dem ursprünglich angepeilten ‚Lebensplan’ entspricht. Während die Frau also chronisch überbelastet wird, weil kein positiv konnotiertes Vaterbild tradiert wird, wird der Mann zur Taten- und Bedeutungslosigkeit verdammt: Er darf nicht schützen noch sorgen, nicht die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen. Dass er dann nicht einsieht, anderweitig Verantwortung zu übernehmen, verwundert nicht.

 Ich möchte noch weiter gehen, auch, wenn ich den folgenden Punkt nicht erschöpfend behandeln kann: In einer nicht patriarchalen Gesellschaft (oder einer, die es werden will), tritt Machtmissbrauch seitens des Mannes ebenso zum Nachteil der Frau auf, wie in einer einseitig patriarchalen – er kann aber nun nicht mehr als missbräuchlich gekennzeichnet werden und wird lediglich als Macht’gebrauch’ charakterisiert werden können, da es ja eine positive Formulierung von Pflichten, die das Patriarchat dem Mann auferlegt, nicht mehr gibt! […]

 In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Festtag des Heiligen Josef, den die katholische Kirche u.a. mit dem Titel ‚Zierde des häuslichen Lebens’ ehrt – klingt nicht gerade männlich-brutal-patriarchal, sondern vielmehr zart und liebevoll.“

Diese Verteidigung baut auf dem Prinzip aus dem Petrusbrief auf: Die Frau ist einfach in manchen Situationen schwächer, besonders aber, wenn es ums Kinderkriegen geht: Da braucht man oft Unterstützung und Fürsorge durch einen Mann.

An dieser Stelle: Was ist denn mit einer weiteren Stelle in der Bibel, in der von der „Herrschaft“ des Mannes über die Frau die Rede ist? „Zur Frau sprach er [Gott]: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.“ (Genesis 3,16) Die hier angesprochene Herrschaft ist ganz offensichtlich ein Teil des Fluchs, der als Folge der Erbsünde über die Menschheit kam. Rein vom Text her betrachtet ist es kein Befehl, sondern eine Vorhersage. Hier ist von ungerechter Herrschaft die Rede: Man kann sich im zweiten Teil des Satzes die von sie misshandelnden Männern abhängigen Frauen direkt vorstellen. Die Herrschaft aus Genesis 3,16 ist etwas, das es in der Welt nicht geben sollte, und das man bekämpfen darf und sollte, genauso wie Schmerzen, Dornen und Disteln (vgl. Vers 17, die Worte an Adam). Wenn das nicht so wäre, müssten wir auch alle unsere Schmerzmittel, Unkrautvernichter und Traktoren wegwerfen. Die Bibel erkennt also an, dass es eine schlechte Art der Herrschaft von Männern über Frauen gibt – und die gab und gibt es in der Welt leider zuhauf.

Kommen wir daher wieder zu den anderen Stellen und der Ausgangsthese zurück: Das Neue Testament definiert die Aufgabe eines „Hauptes“ als Dienst und Verantwortung.

Was ist denn ein Familienoberhaupt? Jemand, der diktatorisch alle Entscheidungen trifft, ohne jemanden zu fragen, oder jemand, der die Verantwortung für die äußeren Angelegenheiten übernimmt, während die Frau schon genug mit Schwangerschaften und kleinen Kindern zu tun hat? (Zur Klarstellung: Ja, ich weiß, dass manche Ehepaare unfruchtbar sind. Und, dass die Phase der Schwangerschaften und Kleinkindbetreuung, für die nun mal von Natur aus (auch für letztere: Stillen) eher die Frau verantwortlich ist, nicht ewig dauert. Aber für die meisten Ehepaare, vor allem für katholische Ehepaare, für die gewollte Kinderlosigkeit keine Option ist, ist sie doch da, und sie war vor zweitausend Jahren noch belastender als heute.)

Irgendwie will man als Frau doch auch gern, dass der Mann Verantwortung und, ja, auch mal Führung übernehmen kann, wenn nötig. Ich denke, das kann schon darauf hindeuten, dass die Bibel hier nicht ganz falsch liegt. Das heißt nicht, dass Respekt, Kompromisse und Kommunikation deswegen ausfallen sollten.

File:Brooklyn Museum - The Betrothal of the Holy Virgin and Saint Joseph (Fiançailles de la sainte vierge et de saint Joseph) - James Tissot - overall.jpg

(James Tissot, Verlobung der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Joseph. Gemeinfrei.)

 

(VII) Aber ist ein „Haupt“ jetzt wirklich notwendig?

Okay, aber man könnte wieder einwenden: Wieso eine Verpflichtung zur Unterstützung und Fürsorge mit der Vorstellung eines Familienoberhaupts, dem man sich unterordnen muss, koppeln? Alle diese Prinzipien dazu, was Autorität bedeuten soll, kann man sehr gut auf notwendige Autorität anwenden – die Autorität eines Staates, die Autorität in einer Firma, die Autorität von Eltern; aber ist denn in einer Ehe irgendeine Art von Autorität überhaupt notwendig? Funktioniert es nicht wunderbar, wenn zwei erwachsene Menschen einfach eine gleichrangige Partnerschaft eingehen, in der sie Kompromisse eingehen, bedeutende Entscheidungen nur gemeinsam treffen und keiner sich irgendwie unterordnen muss – oder in der sich beide mal den Bedürfnissen des jeweils anderen unterordnen?

Nun ja: Eine solche Partnerschaft kann lange gut funktionieren. Es ist auch gut, wenn eine Ehe so funktioniert. Die Frage ist dann nur: Was tun, wenn doch einmal eine Meinungsverschiedenheit auftritt, in der man einfach zu keinem Kompromiss findet? Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, sich nicht verschieben lässt, und sich Mann und Frau nicht einigen können?

C. S. Lewis schreibt in „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“):

 „Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muss es überhaupt ein ‚Haupt’ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muss der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, dass dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

 Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muss mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muss einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

 Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren lässt!’ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, dass sie ja auch die Hosen anhat. Irgendetwas Unnatürliches muss an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen lässt.

 Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, dass der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewusst als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muss letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im Allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, dass diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

 Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, dass er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Dass er immer beschwichtigen muss?“

Man könnte also in Lewis’ Sinne für eine Art „Minimallösung“ plädieren: Ja, es sollte ein Oberhaupt geben, für den Zweifelsfall, aber das ist im Alltag gar nicht so wichtig. Auch die bekannte katholische Bloggerin Simcha Fisher plädiert für eine ähnliche „Minimallösung“ (Übersetzung und Hervorhebungen von mir; man beachte bei der Lektüre, dass christliche Kreise in Amerika im Allgemeinen, auch geprägt durch den dort weit verbreiteten protestantischen Fundamentalismus, sehr viel extremere Einstellungen haben können als die in Europa):

 „Epheser 5,22! Epheser 5,22! Lasst uns alle in Panik ausbrechen über Epheser 5,22!

 Ne. Ich habe keine Angst mehr davor. Aber es ist auch keine so große Sache, wie ich dachte. […]

 Am Anfang, als ich geheiratet hatte, wollte ich unbedingt in die perfekte katholische Beziehung eintauchen. […] Er würde mir befehlen, etwas zu tun, und ich würde ihm gehorchen, und wie. […] Also wartete ich. Und verflucht noch mal, er erwartete nie von mir, ihm zu gehorchen. Sicher, er erwartete Dinge von mir – manche vernünftig, andere unvernünftig. Wir waren gerade erst verheiratet, und wir hatten vieles herauszufinden. Aber im Allgemeinen kam die Angelegenheit des Gehorsams einfach nicht auf. Ich hatte Angst, dass das bedeutete, dass wir eine geistlich minderwertige Ehe führten – dass wir uns mit einer Art zweitklassigem modernen System behalfen, das uns durch die Jahre bringen würde, aber das uns von… irgendetwas abhielt. Ich weiß nicht mal, was.

 Woher kam diese Vorstellung? […] In vielen katholischen Kreisen wird der Gehorsam der Ehefrau als das zentrale Merkmal der Ehe dargestellt – wichtiger als das Gebet, wichtiger als persönliche Entwicklung irgendeiner Art, wichtiger als die Sorge um die Kinder, wichtiger als alles. […] Ohne den Gehorsam der Ehefrau haben wir Chaos, haben wir die Verweiblichung der Männer, haben wir Scheidungen und Bitterkeit und Elend jeder Art. […]

 Als mein Mann und ich geheiratet haben, waren wir beide jung, und er hätte bereitwillig zugegeben, dass er nicht mehr Lebenserfahrung oder Weisheit oder Insiderwissen über irgendetwas hatte als ich. Er ist besser bei manchen Dingen; ich bin besser bei anderen. Es gibt Dinge, bei denen wir beide schlecht sind, und uns gegenseitig zur Rechenschaft ziehen müssen. […]

 Wir haben viel gestritten, und tun das manchmal immer noch; aber allmählich haben wir angefangen zu begreifen, dass, wenn wir uns über etwas uneinig sind, es normalerweise daran liegt, dass wir einander nicht zuhören, oder noch nicht glauben, dass der jeweils andere wirklich etwas verstanden hat, das wir nicht verstanden haben. Normalerweise, wenn wir wirklich anfangen, zuzuhören (und manchmal müssen wir denselben Streit immer wieder durchmachen, bevor wir uns wirklich gegenseitig hören können), wird es tatsächlich sehr offensichtlich, dass einer von uns Recht hat und der andere falsch liegt. Und dann wird es sehr einfach, zu wissen, was zu tun ist: Man tut das Richtige. Wir haben zusammen genug Mist durchgemacht, um zu wissen, dass keiner von uns sich wirklich angestrengt um etwas bemühen wird, das schlecht für die Familie wäre. Wenn er etwas wirklich, wirklich will, vertraue ich darauf, dass er einen Grund hat; und umgekehrt genauso. […]

 Autoritäre Ehemänner weisen oft auf Maria und Joseph hin, um ‚Er entscheidet, sie fügt sich’ als das wahre katholische Modell hinzustellen. Aber was wissen wir tatsächlich über den heiligen Joseph? Hauptsächlich, dass a) er komplett dabei versagt hat, seine Rechte durchzusetzen und diese scheinbar ungehorsame, scheinbar sündhafte, scheinbar rebellische Göre von einem Mädchen loszuwerden, die plötzlich ohne seine Genehmigung schwanger war, und sich stattdessen b) um Frau und Kind gekümmert hat.

 Und was ist mit der Idee, dass ein Mann seine Frau lieben sollte, wie Christus die Kirche liebt? Was wissen wir über Christus? Hauptsächlich, dass er gedient und gegeben und gedient und gegeben hat, und dass er für sie gestorben ist, und dass er dann ins Leben zurückgekehrt ist, sodass er noch mehr dienen und geben konnte. Das wissen wir.

 In unserer Ehe ist Gehorsam ein Notfallwerkzeug. Mein Mann gebraucht es, wenn ich wirklich verrückt bin: wenn ich außer mir bin, oder erschöpft, oder zu überwältigt von Schuld und Selbstzweifeln, um klar zu denken. Dann beansprucht er seine Autorität und besteht darauf… sich um mich zu kümmern. […]

 Rigide Geschlechterrollen sind dem Gesetz der Liebe untergeordnet. […]“

Ein weiterer Gedanke von C. S. Lewis könnte auch weiterhelfen. An einer Stelle in „Was man Liebe nennt“ schreibt er: „Die wirkliche Gefahr liegt nicht darin, dass die Männer zu eifrig nach [der „Dornenkrone“ in der Ehe] greifen, sondern dass sie es zulassen oder fördern, wenn ihre Frauen sie sich anmaßen.“ Ich weiß nicht, ob dieser Satz außerhalb des Kontextes vielleicht frauenfeindlich klingt; aber was Lewis’ Vorstellung hier ist, erschließt sich besser, wenn man das ganze Buch und auch seine anderen Werke (z. B. den Science-Fiction-Roman „Perelandra“) gelesen hat: Mit Frauen, die sich in dieser Hinsicht falsch verhalten, meint er Frauen, die der Versuchung (ich glaube, das ist eine, die für unser Geschlecht gar nicht mal so untypisch ist – nach meinem persönlichen Bekanntenkreis zu schließen) verfallen, für ihre Familie die gesamte Verantwortung übernehmen zu wollen; alle Pflichten, alle Verantwortung dafür, dass für die Kinder und die Zukunft und den Haushalt gesorgt ist (und und und), und die sich dabei unnötig und zum Unbehagen aller Angehörigen aufreiben, und diese Angehörigen „zu ihrem eigenen Besten“ herumkommandieren oder immer wieder in eine bestimmte Richtung stupsen; alles in dem behaglichen Bewusstsein, dass sie nur für die anderen leben, und ohne ihre Mühe gar nichts laufen würde, und die dann unzufrieden werden, weil andere ihre Mühen nicht so zu schätzen wissen, wie sie es ihrer Meinung nach sollten. Man könnte argumentieren, dass Männer sich genauso verhalten könnten; richtig, aber meiner Erfahrung nach ist das zumindest seltener der Fall. Männer sind gemütlicher veranlagt (und das meine ich sowohl im positiven Sinne von „unkomplizierter“ als auch im negativen Sinne von „fauler“).

Ich möchte an dieser Stelle zuletzt noch einmal einen Gedanken eines Freundes zum Thema „Ihr Männer, liebt eure Frauen! Ihr Frauen, ehrt eure Männer!“ zitieren: „Genau. Denn ehren tun die Männer, wenn sie nicht ganz degeneriert sind oder ausnahmsweise aus der Art schlagen, ihre Frauen sowieso; und manchmal auch andere Frauen. An das Lieben muß man sie vielleicht erinnern. Die Frauen – nun, ich bin keine Frau, aber vielleicht lieben sie die Männer in den meisten Fällen ohne große Mühe? Aber daß die Frau für ihren Mann außer Liebe auch Respekt übrig hat, das ist vielleicht nicht so selbstverständlich.“ In diesem Sinne könnte man auch sagen, die Bibel erinnert die Leute an das, was sie eher vernachlässigen.

 

 

(VIII) Noch etwas zum Thema Gehorsam und Unterordnung an sich

Ich glaube, die größte Schwierigkeit für heutige Christ(inn)en bei diesen Stellen liegt darin, dass man Konzepte wie Gehorsam, Unterordnung, Hierarchie prinzipiell als etwas moralisch Anrüchiges wahrnimmt. Dass man meint, wer untergeordnet sei, müsse auch unterdrückt sein; wer Macht habe, müsse diese Macht auch missbrauchen. Das ist, das muss man klar sagen, der katholischen Religion entgegengesetzt. Bei uns geht es ständig um Dienen, Gehorsam und Unterordnung, und das ist grundsätzlich nichts Degradierendes. Priester versprechen Bischöfen Gehorsam, auch Laien müssen ihren Bischöfen in einigen Dingen gehorchen, Nonnen und Mönche versprechen Äbtissinnen und Äbten Gehorsam, und der Papst hat Autorität über die ganze Kirche, kann von niemandem kirchenrechtlich belangt werden, und über ihm steht nur noch Gott. (Umgekehrt wird er allerdings auch „Diener der Diener Gottes“ genannt, und am Gründonnerstag waschen die in der Hierarchie Höherstehenden unter ihnen Stehenden die Füße – was zu der oben angesprochenen Umkehr der Bedeutung von Hierarchien durch Jesus gehört.)

Nichtkatholiken oder liberale Katholiken würden darauf antworten, dass sie dann eben dieses grundsätzliche katholische Konzept ablehnen. Aber damit hätten sie schlicht Unrecht. Eine herrschaftsfreie Welt kann es gar nicht geben, und sie ist nicht einmal erstrebenswert. Wenn man versucht, Hierarchien abzuschaffen, entstehen immer informelle Hierarchien, die, gerade weil sie undefiniert und nicht offiziell anerkannt sind, viel unterdrückerischer sein können. Anarchie führt zur willkürlichen Herrschaft derer, die sich durchsetzen wollen und können; bestes Beispiel sind anarchistische Kommunen.

Ich muss zugeben, manchmal kommt mir das Wort „Unterordnung“ selbst noch ein bisschen beängstigend vor. Aber wenn es einem beängstigend vorkommt, liegt das wohl einfach daran, dass man mit einer „untergeordneten“ Position in irgendeiner Hinsicht reflexhaft Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Entrechtung, Sklaverei verbindet – lustigerweise, weil einem das von unserer heutigen Obrigkeit in Schulen, Unis, Medien usw., die sich selbst nicht Obrigkeit nennen will, so eingeredet worden ist.

Jetzt mal ernsthaft: So sieht nicht einmal ein vertraglich geregeltes Arbeitsverhältnis zwischen Abteilungsleiter und normalem Angestellten aus (und wenn, dann sollte der Abteilungsleiter schnellstens gefeuert werden), geschweige denn eine irgendwie normal geartete lebenslange Verbindung zu einem geliebten Partner, mit dem man „ein Fleisch“ sein soll. Stellt man sich unter einem „Oberhaupt“eher einen gierigen Sklavenhalter mit absoluter Macht vor, oder so etwas wie den Vereinsvorstand des Schützenvereins, der sich mit den Mitgliedern arrangieren muss, und hauptsächlich dafür zuständig ist, die Ansprache am Weihnachtsfest zu halten, zu allen wöchentlichen Treffen zu erscheinen, und die älteren Mitglieder zu ihren 80. Geburtstagen zu besuchen, weswegen keiner das Amt übernehmen will?

Hierarchie bedeutet übersetzt nicht „Unterdrückung“, sondern „heilige Ordnung“. Wie unterdrückt fühlt man sich z. B. vom eigenen Ortsbischof? Hierarchie sorgt auch für Sicherheit; für klar verteilte Verantwortung. In einer hierarchisch geordneten Gesellschaft ist klar, wer das letzte Wort hat und damit Uneinigkeiten beenden kann, und dann auch Verantwortung für das Ergebnis trägt; an wen sich jemand wenden kann, der sein Recht haben will oder dem jemand anderes Unrecht tut; usw. Unterordnung bedeutet auch nie bedingungslose Unterordnung.

Es ist auch in keiner Weise etwas Ehrenrühriges, zu gehorchen und seine eigenen Vorstellungen unterordnen zu können. Mönche und Nonnen legen nicht ohne Grund ein Gehorsamsgelübde ab: Es hilft einem, Christus ähnlicher zu werden und nicht so sehr auf den eigenen Willen fokussiert zu sein.

Zu diesem ganzen Thema hat Pater Edmund Waldstein OCist einmal sehr Erhellendes geschrieben (hier eher auf die staatliche Sphäre bezogen).

 

(IX) Das Thema Kopfbedeckungen, und: Was sagt die Kirche zu all diesen Stellen?

Als Katholiken interpretieren wir die Bibel bekanntlich im Rahmen des kirchlichen Lehramtes; also hier endlich ein Blick darauf, was die Kirche zu alldem geäußert hat.

Beim Beispiel der Kopfbedeckungen kann man sofort sehen, dass diese Stelle in gewissem Sinne „historisch bedingt“ gewesen sein muss: Die Kirche verlangt keine Kopfbedeckungen für Frauen während der Messe mehr, also kann es sich nicht um ein völlig unumstößliches göttliches Gesetz gehandelt haben. Allerdings war es bis etwa zum 2. Vatikanum für Frauen allgemein üblich, zum Kirchgang Hut, Kopftuch oder – in Südeuropa – Mantilla zu tragen, und manche (v. a. in Tradikreisen) tun es auch heute wieder, und für Männer ist es jetzt noch eine Sache der Höflichkeit, beim Betreten einer Kirche Hut oder eine Mütze abzunehmen – obwohl beides seit dem neuen CIC von 1983 nicht mehr vorgeschrieben ist. Hier handelt es sich offensichtlich um ein sinnvolles, aber nicht in Stein gemeißeltes Symbol, wie Händeschütteln zur Begrüßung oder Essen mit Messer und Gabel. Zu Paulus’ Zeiten war es auch eine Sache der Schicklichkeit für Frauen, außerhalb des Hauses eine Kopfbedeckung zu tragen; und im Kontext der Liturgie hat das für ihn auch eine symbolische Bedeutung.

Auch zu den anderen Punkten hat das kirchliche Lehramt etwas zu sagen, zum Beispiel hier im Katechismus zur Schöpfungsgeschichte, zur Gleichheit von Mann und Frau und zur Ehe im Allgemeinen:

369 Mann und Frau sind erschaffen, das heißt gottgewollt in vollkommener Gleichheit einerseits als menschliche Personen, andererseits in ihrem Mannsein und Frausein. ‚Mann sein’ und ‚Frau sein’ ist etwas Gutes und Gottgewolltes: beide, der Mann und die Frau, haben eine unverlierbare Würde, die ihnen unmittelbar von Gott, ihrem Schöpfer zukommt [Vgl. Gen 2,7.22.]. Beide, der Mann und die Frau, sind in gleicher Würde ‚nach Gottes Bild’. In ihrem Mannsein und ihrem Frausein spiegeln sie die Weisheit und Güte des Schöpfers wider.

 370 Gott ist keineswegs nach dem Bild des Menschen. Er ist weder Mann noch Frau. Gott ist reiner Geist, in dem es keinen Geschlechtsunterschied geben kann. In den ‚,Vollkommenheiten’ des Mannes und der Frau spiegelt sich jedoch etwas von der unendlichen Vollkommenheit Gottes wider: die Züge einer Mutter [Vgl. Jes 49,14-15; 66,13; Ps 131,2-3.]und diejenigen eines Vaters und Gatten [Vgl. Hos 11,1-4; Jer 3,4-19.].

 371 Miteinander erschaffen, sind der Mann und die Frau von Gott auch füreinander gewollt. Das Wort Gottes gibt uns das durch verschiedene Stellen der Heiligen Schrift zu verstehen: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch alleinbleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht’ (Gen 2, 18). Keines der Tiere kann für den Menschen eine solche Entsprechung sein (Gen 2,19-20). Die Frau, die Gott aus einer Rippe des Mannes ‚baut’ und dem Mann zuführt, läßt diesen, über die Gemeinschaft mit ihr beglückt, voll Bewunderung und Liebe ausrufen: ‚Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!’ (Gen 2,23). Der Mann entdeckt die Frau als ein anderes Ich, als Mitmenschen.

 372 Der Mann und die Frau sind ‚füreinander’ geschaffen, nicht als ob Gott sie nur je zu einem halben, unvollständigen Menschen gemacht hätte. Vielmehr hat er sie zu einer personalen Gemeinschaft geschaffen, in der die beiden Personen füreinander eine ‚Hilfe’ sein können, weil sie einerseits als Personen einander gleich sind (‚Bein von meinem Bein’) und andererseits in ihrem Mannsein und Frausein einander ergänzen. In der Ehe vereint Gott sie so eng miteinander, daß sie, ‚nur ein Fleisch bildend’ (Gen 2,24), das menschliche Leben weitergeben können: ‚Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde!’ (Gen 1,28). Indem sie das menschliche Leben ihren Kindern weitergeben, wirken Mann und Frau als Gatten und Eltern auf einzigartige Weise am Werk des Schöpfers mit [Vgl. GS 50,1.].(Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 369-372.)

„1605 Die Heilige Schrift sagt, daß Mann und Frau füreinander geschaffen sind: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt’ (Gen 2,18). Die Frau ist ‚Fleisch von seinem Fleisch’ [Vgl. Gn 2,23], das heißt: sie ist sein Gegenüber, ihm ebenbürtig und ganz nahestehend. Sie wird ihm von Gott als eine Hilfe [Vgl. Gn 2,18. 20] gegeben und vertritt somit Gott, in dem unsere Hilfe ist [Vgl. Ps 121,2]. ‚Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch’ (Gen 2,24). Daß dies eine unauflösliche Einheit des Lebens beider bedeutet, zeigt Jesus selbst, denn er erinnert daran, was ‚am Anfang’ der Plan Gottes war: ‚Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins’ (Mt 19,6). (KKK, Nr. 1605.)

„2333 […] Die leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von Mann und Frau gelebt werden.(KKK, Nr. 2333.)

Zum Thema Unterordnung in der Ehe muss man in spezielleren Texten suchen; der Katechismus als Zusammenfassung der Kirchenlehre schweigt sich dazu leider aus (es sei denn, man zählt knappe Hinweise auf die Gleichrangigkeit und Verschiedenheit von Mann und Frau).

In einer älteren Enzyklika von Pius XI. findet sich diese Stelle:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.’

 Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

 Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.

 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau drückt Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., mit folgenden Worten tiefer Weisheit aus: ‚Der Mann ist der Herr in der Familie und das Haupt der Frau. Sie aber, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein ist, soll dem Mann untertan sein und gehorchen, nicht nach Art einer Dienerin, sondern einer Gefährtin. Dann wird die Leistung des Gehorsams weder ihrer Ehre noch ihrer Würde zu nahe treten. In dem aber, der befiehlt, wie in der, die gehorcht, in ihm als dem Abbild Christi, in ihr als dem der Kirche, soll die Gottesliebe Maß und Art von Amt und Pflicht beider bestimmen.’“ (Pius XI., Casti Connubii, 1930)

Bei Pius wird auch klar: Es handelt sich hier um gegenseitige Pflichten: Jeder hat seine Verantwortung zu erfüllen, und wenn das in der Praxis dann mal anders verteilt werden muss als im Modell, weil einer seinen Teil nicht erfüllen will oder auch nicht erfüllen kann (z. B. aufgrund schwerer Krankheit), dann muss man sich anders behelfen.

Ich habe auf amerikanischen feministischen Seiten, die ich ab und zu (teils aus Gründen der Feindbeobachtung, teils aus Interesse) lese, einmal eine bestimmte Kritik an der Lehre von „Frau bringt Unterordnung, Mann bringt Liebe“ gelesen: Das würde die Pflichten ungleich verteilen; wenn die Frau ihren Teil nicht erfüllt, aber der Mann sie immer noch lieben soll, wäre das keine so große Belastung für ihn, wie es für die Frau wäre, wenn er sie nicht liebt, sie sich ihm aber immer noch unterordnen soll. Aber hier wird das fundamentalistisch-evangelikale Modell „Du musst immer sofort und ohne Widerspruch gehorchen, wenn dein Mann dir etwas befiehlt, auch wenn er dich nicht liebt, dich schlecht behandelt oder völlig verrückt ist, dann wird am Ende alles gut, Gott will es so!“, wie es die Christian Patriarchy-Bewegung vertritt, kritisiert. Nein, wir Katholiken glauben eben ganz klar nicht daran, dass Unterordnung oder Gehorsam unabhängig davon sein sollten, ob der Mann die Frau liebt, ob er sie gut oder schlecht behandelt – oder, ganz allgemein gesprochen, ob eine Autorität ihre jeweiligen Pflichten erfüllt oder nicht.

Man sollte, alles in allem, auch nicht vergessen, dass die Analogie zu der Christus-Kirche-Beziehung nur das ist: Eine Analogie. Der Mann ist nicht Christus und die Frau nicht die Kirche. Sie sind zwei normale menschliche Personen.

Der heilige Johannes Paul II. hebt in einer Enzyklika etwas mehr hervor, was an dieser Stelle historisch bedingt ist, und ist darauf bedacht, sie in den rechten Kontext zu setzen:

„Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung [der Erklärung dazu, dass und wie genau die Männer ihre Frauen lieben sollen] und der Feststellung, daß ‚sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau’ (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein ‚gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann ‚Haupt’ der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um ‚sich für sie’ hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus – Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese ‚Unterordnung’ in der Beziehung Gatte – Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum ‚Alten’ ganz offensichtlich ein ‚Neues’ dar: Es ist das ‚Neue’ des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses ‚Neue’ zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das ‚Alte’, das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.

 Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das ‚Neue’, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige ‚Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: ‚In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (…)’, sondern auch: ‚Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie’ (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?

 Die Herausforderung des ‚Ethos’ der Erlösung hingegen ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die ‚Unterordnung’ der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung’ beider ‚in der Ehrfurcht vor Christus’ gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.“ (Mulieris Dignitatem 24)

Aber letztlich setzt er diese Stelle eben auch nur in den rechten Kontext und sagt nicht, jedenfalls nicht deutlich, die Frauen müssten sich eigentlich überhaupt nicht unterordnen; und letztlich kann ja auch eine bisherige Lehre der Kirche (die nicht nur von Pius XI., sondern auch den Päpsten vor ihm, vertreten wurde) nicht einfach umgekehrt werden.

 

Also, zusammengefasst: Ja, es ergibt sich offensichtlich aus den Bibeltexten, den lehramtlichen Schreiben und der dahinterstehenden Theologie, dass die Männer in der Ehe eine gewisse Autorität als Familienoberhaupt haben, und dass die Frauen – im Normalfall – nicht die Leitung der Familie übernehmen sollten. Ich denke allerdings auch nicht, dass das Thema für die durchschnittliche christliche Familie im Alltag eine große Rolle spielen wird (oder sollte). Eine Frau muss ihrem Mann außerdem offensichtlich nicht gehorchen, wenn er etwas absolut Unvernünftiges, Ruinöses, Missbräuchliches oder Sündhaftes von ihr verlangen sollte.

 

(X) Frauen in der Kirche

Kommen wir jetzt von der Ehe zur Rolle der Frauen in der Kirche. Da hätten wir diese berühmte Stelle aus 1 Korinther 14: „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ Nun ist es so, dass im NT schon Frauen erwähnt werden, die öffentlich beten oder prophetisch reden: In 1 Korinther 11,5, also im selben Brief, eben an der Stelle, wo Paulus über die Schicklichkeit von Kopftüchern redet, heißt es: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt.“ Dabei geht es offensichtlich um den Kontext der Liturgie; Frauen mussten also nicht zwangsläufig die ganze Zeit über in der Gemeinde still sein; hier wird unterschieden. Und in der Apostelgeschichte heißt es über einen Diakon namens Philippus: „Er hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen.“ (Apostelgeschichte 21,9.) Hier wird der genaue Kontext nicht angegeben, aber jedenfalls waren diese Mädchen auch in der Öffentlichkeit nicht immer still, sondern es war ihnen erlaubt, prophetisch zu reden.

Der gesamte Kontext für solche Stellen ist folgender: Wir reden von einer Zeit, in der auch Laien oft noch – auch im Gottesdienst – spontan laut beteten, in Zungen redeten oder prophezeiten. (Ich könnte jetzt darüber reden, dass ich ganz froh bin, dass das inzwischen, jedenfalls in der Liturgie, eingeschränkt ist, da ich nicht so ganz überzeugt bin, dass an den meisten solchen Phänomenen, zumindest den heutigen nach der apostolischen Zeit, etwas dran ist, aber meine Skepsis gegenüber der Charismatischen Bewegung ist hier nicht das Thema.) Aber was Paulus in 1 Korinther 14 bemängelt, geht offenbar darüber hinaus: Vielleicht gab es speziell in dieser Gemeinde Probleme mit speziellen Frauen, die in der Liturgie dazwischenriefen, es besser wissen wollten als der Bischof, wenn der predigte, o. Ä. Und wenn es dann ganz allgemein heißt, dass es den Frauen „in allen Gemeinden der Heiligen“ nicht gestattet ist, „zu reden“, dann ist hier offensichtlich das offizielle Lehren im Auftrag der Kirche, das Predigen, gemeint: Also ein Dienst des geweihten Priesters. Hier geht es um den Unterschied zwischen Laien und Priestern. Und Priester können eben nur Männer sein. Frauen dürfen nicht in der Liturgie predigen, da sie keine Priester sein können.

Dafür gibt es verschiedene Begründungen, die die meisten Katholiken vermutlich kennen. Hier die zwei wichtigsten:

1) Jesus will es halt so. Jesus hat nur Männer in den Kreis der Zwölf berufen; deren Nachfolger sind die Bischöfe, und deren Helfer sind die Priester und Diakone. Wenn Jesus einen Sinn dahinter gesehen hat, keine Frauen zu berufen, nicht einmal eine unter zwölf (und in anderen Dingen hielt er sich nicht immer an die Konventionen seiner Zeit, z. B., als er sich mit Samariterinnen und Prostituierten abgab, also können wir nicht argumentieren, dass er keine Frau hätte berufen können), dann können wir darauf vertrauen, dass es da einen Sinn gibt.

2) Priester sind bei uns nicht nur Prediger, wie bei den Protestanten, sondern eben Priester, d. h. sie repräsentieren Gott in heiligen Riten. Christus handelt durch sie, wenn sie in persona Christi bei der Eucharistie die Wandlung vollziehen oder in der Beichte Sünden vergeben. Christus war ein Mann und wir haben ein männliches Gottesbild (auch wenn Gott natürlich weder Mann noch Frau ist); das liegt daran, dass ein männliches Gottesbild („Vater unser“) eher dazu geeignet ist, den über der Welt stehenden Schöpfergott zu symbolisieren, während Religionen mit weiblichen Göttern und Priesterinnen eher zu einer Art Naturanbetung der „Mutter Erde“ tendieren (s. auch die obige Erklärung zu „Der Mann ist das Haupt der Frau“). Der Priester repräsentiert Christus als den Bräutigam, das bei der Eucharistie anwesende Volk die Kirche als Seine Braut.

Und auch das Predigen, im Sinne der offiziellen Verkündigung der Kirchenlehre, gehört zunächst zum Dienst des Christus vertretenden Priesters. Nicht so ausschließlich wie z. B. die Feier der Eucharistie; aber auch die Verkündigung geht eben letztlich von der Christus vertretenden Kirchenhierarchie aus, auch wenn auch Laien als Katecheten, Religionslehrer oder Theologieprofessoren beauftragt werden können (und hier auch Frauen eingesetzt werden können); und daher ist die Verkündigung im Kontext der Liturgie ausschließlich dem Klerus vorbehalten.

Tendenziell noch härter klingt zu diesem Thema die Stelle aus dem 1. Timotheusbrief: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“

Einige Christen von der protestantischen Christian-Patriarchy-Bewegung legen diese Stelle tatsächlich so aus, dass Frauen generell keine Männer irgendetwas (Theologisches) lehren dürfen; also dürfen Frauen ihrer Meinung nach z. B. auch keine Vorträge vor einem gemischten Publikum in der Gemeinde halten. Sonntagsschullehrerinnen gehen gerade noch, denn die lehren nur Kinder, aber sobald die Jungs über achtzehn sind, ist definitiv Schluss. Jüngere Frauen dürfen natürlich von älteren Frauen etwas gelehrt werden, weil, Titus 2,3-5, aber Männer lehren, das geht nicht. (Das habe ich mir nicht ausgedacht. Man lese zum Beispiel diesen interessanten Artikel einer Bloggerin dieser Bewegung, in dem sie vehement erklärt, dass sie mit ihrem Blog keine Männer lehre. Solche Ansichten sind in freikirchlich-evangelikalen Kreisen einflussreicher, als man manchmal erwarten würde; vgl. auch hier auf einer deutschen Seite: Frauen sollen keine Art von geistiger/geistlicher (der Autor des Textes scheint diese beiden Begriff nicht auseinanderhalten zu können) Autorität über irgendwelche Männer ausüben.)

Gut: Wir Katholiken können das Lehren jetzt wieder auf den Klerus beziehen und damit Theologieprofessorinnen, Kirchenlehrerinnen und dergleichen erlauben; dass Frauen in der Ehe nicht über ihre Männer herrschen sollten und wie das zu verstehen ist, wurde oben schon erklärt – dann fragt sich an dieser Stelle noch, wie war das noch gleich mit Adam und Eva?

 

(XI) Ist Eva die Hauptschuldige am Sündenfall?

Paulus’ Interpretationen des Alten Testaments wirken manchmal tatsächlich ein bisschen schwerer verständlich als das AT selbst. Am Genesis-Bericht über den Sündenfall wäre eigentlich selbst aus Sicht von Feministinnen an sich nicht so viel auszusetzen: Ja, Eva ist die erste, die von der Frucht isst, aber Adam tut im Endeffekt dasselbe, und seine Entschuldigung, bloß von Eva verführt worden zu sein, hat doch etwas von einer Ausrede, ebenso wie Evas Entschuldigung, bloß von der Schlange verführt worden zu sein. Trotzdem präzisiert der Bericht hier, wer zuerst von der Schlange angesprochen wurde: Vielleicht wurde Eva wirklich überredet und wollte das mit der Erkenntnis von Gut und Böse unbedingt ausprobieren, und Adam machte wider besseres Wissen auf ihr Drängen hin einfach mit? Oder so ähnlich. Über Adam heißt es nur: „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Genesis 3,6) – sein Problem scheint eher zu sein, dass er einfach Eva nachgibt, als dass er sich von den falschen Versprechungen der Schlange einlullen hat lassen. Vielleicht wird das so dargestellt, weil der Verfasser beobachtet hat, dass Frauen im Allgemeinen, wenn sie etwas Falsches tun, sich eher vorher einreden müssen, dass es notwendig oder gut ist – und dabei auch sehr kreativ werden können und leichter falsche Erklärungen annehmen. Ich spekuliere ja nur. Beides falsch, aber auf unterschiedliche Weise.

Oder vielleicht war es eben einfach historisch so, dass in diesem Fall die eine angefangen und der andere dann erst mitgemacht hat, und der Verfasser der Genesis wusste das durch Gottes spezielle Offenbarung. (Ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass der Sündenfall ein reales Ereignis irgendwann in der Menschheitsgeschichte war – auch wenn wir nicht denken, dass sich im Jahr 4004 v. Chr. zwei Menschen im Gebiet des heutigen Irak mit einer Schlange unterhalten und einen Apfel gegessen haben.)

Interessanterweise wird übrigens – bei Paulus an anderer Stelle und bei Theologen wie Thomas von Aquin – immer Adam als der eigentlich Verantwortliche für den Sündenfall genannt, wenn es darum geht, wer der Menschheit nun die Erbsünde vererbt hat: Eva hat mit der Sache angefangen, aber letztlich trug die eigentliche Verantwortung ihr Mann. Allerdings spricht das wohl eher für die Überzeugung besagter Theologen, dass Adam – der erste Mann – einfach das Oberhaupt des Menschengeschlechts war, und Eva eben nicht.

Na ja. Zurück zu „Nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot“. Wie gesagt, da kann man eigentlich zur Erklärung ganz einfach sagen „War da halt so“, und Paulus zieht diese historische Tatsache (oder diese symbolische Geschichte, wenn jemand Genesis anders interpretieren möchte) dann offenbar als historische / symbolische Begründung dafür heran, dass Frauen nicht zum Klerus gehören oder ihre Männer unter dem Pantoffel haben sollten. Die Formulierungen hier klingen für unsere Ohren nicht so schön, das stimmt, aber zum Glück wissen wir Katholiken dank unserem Lehramt, wie wir das nicht verstehen sollen. Also, ja, es ist okay, wenn irgendein Mann von einer Frau mal etwas lernt. Und ein Geschlecht ist auch nicht an sich sündhafter als das andere oder so etwas – beide haben den gleichen freien Willen und die gleichen Gebote bekommen. Oder haben wir weniger weibliche Heiligen als männliche? So etwas wäre ein Hinweis darauf, dass Frauen eher zur Sünde neigen würden als Männer, nicht eine obskure Paulusstelle. Ich denke, auch dieses Thema ist wieder einmal wunderbar dazu geeignet, zu demonstrieren, wieso wir ein Lehramt brauchen, das falschen Bibelinterpretationen einen Riegel vorschiebt.

Klimkovics Adam and Eve.jpg

(Vojtech Klimkovic, Adam und Eva. Gemeinfrei.)

 

Das war es wohl. Ja, unsere Religion hat etwas Patriarchales an sich; aber das sollten wir nie in einem falschen Sinn verstehen; genauso, wie wir die Tatsache, dass es in der Kirche eine Hierarchie gibt, nicht falsch verstehen sollten.

Ach ja, und, Gratulation an alle, die bis hierher gelesen haben! (Hier noch ein Link für alle, die noch mehr lesen wollen.)

Über schwierige Bibelstellen, Teil 7: Ein Beispiel – die rachsüchtigen und selbstgerechten Psalmen

Als erstes Beispiel zur Interpretation alttestamentlicher Stellen hier ein Gastbeitrag von C. S. Lewis*:

Die Psalmen

I.

Ein Merkmal der Psalmen, das mir beim Lesen besonders in die Augen springt, ist ihre Altertümlichkeit. Mir ist, als blickte ich hinab in einen tiefen Abgrund der Zeit, jedoch als schaute ich dabei durch ein Fernrohr, das die Gestalten, die dort in der Tiefe wohnen, meinem Auge nahe bringt. So nah herangeholt, sind sie mir geradezu schockierend fremd; unbeherrschte Kreaturen, die in Selbstmitleid schwelgen, schluchzen, fluchen, lautes Triumphgeschrei ausstoßen, mit ungeschlachten Waffen klirren oder zum ohrenbetäubenden Lärm fremdartiger Musikinstrumente tanzen. Doch Seite an Seite mit diesem Bild steht mir noch ein anderes vor Augen: Anglikanische Chöre, blendendweiße Chorhemden, frischgewaschene Knabengesichter, Kniekissen, eine Orgel, Gebetsbücher und vielleicht der Geruch von frischgemähtem Friedhofsgras, der mit dem Sonnenlicht durch eine offene Türe kommt. Manchmal verblasst der eine, dann wieder der andere Eindruck, doch keiner von beiden verschwindet wohl jemals ganz. Die Ironie erreicht ihren Höhepunkt, wenn einer der Chorknaben mit diesem von aller persönlichen Anteilnahme so wunderbar freien Sopran die Worte singt, mit denen einstige Krieger sich in rasende Wut gegen ihre Feinde hineinsteigerten; und singt das im Dienst des Gottes der Liebe und denkt dabei selber vielleicht weder an diesen Gott noch an einstige Kriege, sondern an Pfefferminzbonbons und Comics. Diese Ironie, diese doppelte oder dreifache Vision, gehört zum Lesevergnügen. Ich beginne zu ahnen, dass sie auch zum Gewinn gehört.

 In seinen meisten Äußerungen ist mir der Geist der Psalmen fremder als jener der ältesten griechischen Literatur. Doch das ist nicht eine Frage der Epoche. Unterschiede in der Geisteshaltung decken sich nicht immer mit zeitlichen Unterschieden. Den meisten von uns, vielleicht uns allen (außer wir wären entweder sehr ungebildet oder sehr heilig oder womöglich beides) ist die Kultur, die von den Griechen und Römern herkommt, vertrauter, geistesverwandter, als das, was wir vom alten Israel haben. Schon die Bezeichnungen und Begriffe, die wir in Wissenschaft, Philosophie, Kritik, Staatsführung, Grammatik gebrauchen, sind durchweg graeko-romanisch. Dieser Einfluss, und nicht der jüdische, hat uns im landläufigen Sinne „kultiviert“. Doch kein Christ kann die Bibel lesen, ohne zu entdecken, dass ihm diese alten, uns für gewöhnlich so fern stehenden Hebräer jederzeit auf eine Weise Brüder sein können, wie kein Grieche oder Römer es je gewesen ist. Welch eine langweilige, vage Sache scheint uns beispielsweise auf den ersten Blick das Buch der Sprüche: Bärtige Orientalen, die endlose Binsenwahrheiten von sich geben, als wollten sie Tausendundeine Nacht parodieren. Verglichen mit Plato oder Aristoteles – verglichen selbst mit Xenophon – ist das überhaupt kein Denken. Dann, plötzlich, wenn wir drauf und dran sind aufzugeben, fällt unser Blick auf die Worte: „Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, so gib ihm Wasser zu trinken“ (Spr 25,21). Wir reiben uns die Augen. So etwas war damals schon sprichwörtlich! Sie kannten das schon so lange, bevor Christus kam! Es gibt nichts Entsprechendes im Griechentum und, wenn ich mich recht erinnere, auch nicht bei Konfuzius. Und solche Überraschungen können wir in den Psalmen oft erleben. Diese sonderbaren, fremden Gestalten können uns jeden beliebigen Augenblick beweisen, dass hinsichtlich der geistlichen Abstammung (im Unterschied zur kulturellen) letztlich sie unsere Ahnen sind und die Völker des Klassischen Altertums Fremde. Umgekehrt erleben wir beim Lesen der Klassiker manchmal die entgegengesetzte Überraschung. Diese geliebten, so gebildeten, toleranten, humanen und aufgeklärten Schriftsteller geben da und dort plötzlich zu erkennen, dass uns ein Abgrund von ihnen trennt. Daher das ständige verschmitzte Gekicher Platos über die Knabenliebe oder die elitäre Haltung, die Aristoteles’ Ethik fast lächerlich macht. Wir beginnen zu zweifeln, ob auch nur einer von ihnen (und wäre es selbst Vergil), wenn wir sie von den Toten zurückrufen könnten, nicht schon in der ersten Stunde des Gesprächs etwas von sich gäbe, was uns zutiefst befremden würde.

 Ich meine keineswegs, dass die Hebräer einfach „besser“ waren als die Griechen und die Römer. Im Gegenteil, wir finden in den Psalmen Äußerungen einer Grausamkeit, die rachedurstiger, und einer Selbstgerechtigkeit, die totaler ist als irgend etwas bei den Klassikern. Wenn wir diese Abschnitte übergehen und nur ein paar ausgesuchte Lieblingspsalmen lesen, verpassen wir das Entscheidende. Denn das Entscheidende ist genau dies: dass ausgerechnet diese fanatischen und mordlustigen Hebräer, und nicht die aufgeklärteren Völker, geistlich immer wieder – für kurze Augenblicke – ein christliches Niveau erreichen; nicht dass sie besser oder schlechter wären als die Heiden, sondern dass sie besser oder schlechter zugleich sind. Wir müssen wohl oder übel anerkennen, dass diese uns so fremden Dichter, zumindest in einer Hinsicht, unsere Vorfahren waren, und zwar die einzigen Vorfahren, die wir in der ganzen antiken Welt finden können. Sie haben etwas, was die Heiden nicht haben. Sie wissen etwas, das Sokrates nicht wusste. Dieses Etwas wächst offenbar durchaus nicht natürlicherweise aus dem hervor, was wir sonst von ihrem Charakter zu sehen bekommen. Es sieht aus wie etwas, das ihnen von außen geschenkt worden ist; tatsächlich wie das, wofür es sich ausgibt: eine Offenbarung. Ihre Behauptung, das „auserwählte Volk“ zu sein, hat Hand und Fuß.

 Wir können über diese Auserwählung freilich erstaunt sein. Wenn wir die Welt hätten sehen können, wie sie, sagen wir, im fünfzehnten Jahrhundert vor Christus war, und wenn wir hätten raten müssen, welchem von den damaligen Volksstämmen einst das Wissen von Gott und die Fortpflanzung jenes Blutes, das eines Tages einen Leib für die Menschwerdung Gottes hervorbringen sollte, anvertraut würde – ich glaube nicht, dass viele von uns richtig geraten hätten. (Ich denke, meine Auserwählten wären die Ägypter gewesen.)

 […]

 Unter diesem Gesichtspunkt gibt es als Einstieg keinen besseren Psalm als Nummer 109. Er endet mit einem Vers, den jeder Christ sofort für sich in Anspruch nehmen kann: „Denn er steht dem Armen zur Rechten, um ihn zu retten vor denen, die ihn verdammen.“ Das ist eine charakteristische Tonart in den Psalmen und eine der Seiten, um derentwillen wir sie lieben. Es ist ein Vorgeschmack auf die Grundstimmung im Magnificat. Sie findet kaum eine Parallele in der heidnischen Literatur (die griechischen Götter waren zwar tatkräftig dabei, Stolze niederzuwerfen, aber selten, Niedrige zu erhöhen). Sie wird sogar einen gutgesinnten modernen Ungläubigen ansprechen; vielleicht bezeichnet er es als Wunschdenken, aber er wird den Wunsch achten. Kurz, wenn wir nur den letzten Vers läsen, wären wir in vollem Einvernehmen mit dem Psalmisten. Im Augenblick aber, wo wir zurückblicken auf das, was diesem Vers vorausgeht, merken wir, dass uns Welten von ihm trennen, oder schlimmer noch, dass er uns widerwärtig nahe verwandt ist in dem, was auszumerzen die Hauptbeschäftigung unseres Lebens ist. Psalm 109 ist ein Hasslied, wie es hemmungsloser nie geschrieben wurde. Der Dichter legt ein detailliertes Programm gegen seinen Feind vor, von dem er hofft, dass Gott es ausführen wird. Der Feind soll vor „frevelhafte Richter“ gebracht werden. „Ein Ankläger“ soll ihm dauernd zur Rechten stehen, sei es ein böser Geist, sei es bloß ein menschlicher Ankläger – ein Spion, ein agent provocateur, ein Mitglied der Geheimpolizei (V. 6). Falls dem Feind noch etwas am Glauben liegt, soll ihn das, weit davon entfernt, seine Lage zu verbessern, nur noch schlechter machen: „Sogar sein Gebet soll ihm als Sünde gelten.“ (V. 7). Und nach seinem Tode – der bitte recht bald erfolgen möge – sollen seine Witwe und seine Kinder und Kindeskinder in niemals endendem Elend leben (V. 8-13). Was uns, mehr noch als der ungezähmte Rachedurst, das Blut in den Adern stocken lässt, ist das ruhige Gewissen des Schreibers. Er hat keine Bedenken, keine Skrupel oder Vorbehalte; keine Scham. Er lässt dem Hass freien Lauf, peitscht ihn auf, feuert ihn an – in einer Art unglaublicher Naivität. Er bringt diese Gefühle, so wie sie sind, Gott dar, keine Sekunde zweifelnd, dass sie Annahme finden werden; indem er von seinen Verwünschungen unvermittelt zu den Worten findet: „Du aber, Herr, mein Gott, tritt für mich ein um deines Namens willen! Weil deine Gnade köstlich ist, errette mich“ (V. 21).**

 Gewiss, dieser Mensch selber hat vor sehr langer Zeit gelebt. Das ihm widerfahrene Unrecht war vielleicht, menschlich gesprochen, unerträglich. Er war zweifellos ein heißblütiger Barbar und glich mehr einem Kind als einem Manne unserer Zeit. Und wenn wir auch glauben (und es sogar aus dem letzten Vers sehen können), dass seinem Geschlecht eine gewisse Erkenntnis des wahren Gottes zuteil geworden war, so hat er doch in der kalten Jahreszeit, im Vorfrühling der Offenbarung, gelebt, und diese ersten Lichtblicke der Erkenntnis waren wie Schneeglöckchen im Frost. Für ihn mag es daher eine Entschuldigung gegeben haben. Wir aber – was kann es uns nützen, solches Zeug zu lesen?

 Eines auf alle Fälle: Wir haben hier einen elementaren Ausdruck jener Gefühle, die von Unterdrückung und Ungerechtigkeit natürlicherweise hervorgerufen werden. Der Psalm ist ein Portrait, unter dem geschrieben stehen sollte: „Das machst du aus einem Menschen, wenn du ihn schlecht behandelst.“ Bei einem modernen Kind oder Primitiven könnten die Reaktionen genau dieselben sein. Bei einem heutigen westeuropäischen Erwachsenen – besonders, wenn er sich zum Christentum bekennt – wären sie gesitteter; als uneigennützige Gerechtigkeitsliebe getarnt, der es angeblich ums Allgemeinwohl geht. Doch hinter der Fassade und um so schlimmer in den Augen Gottes sind die Gefühle wohl immer noch da. (Ich denke hier an eine mir völlig unbekannte Frau, die mir, weil sie es „für ihre Pflicht“ hielt, wie sie sagte, einen Brief weitergab, in dem eine andere mir völlig Unbekannte mich ihr gegenüber angeschwärzt hatte.) In einem Fall nun, den wir im landläufigen Sinn als „Verführung“ bezeichnen (nämlich dem der sexuellen Verführung) fänden wir es ungeheuerlich, auf der Schuld des einen Beteiligten zu beharren, welcher der Versuchung erlegen ist, und über die des anderen, der ihn versucht hat, hinwegzugehen. Doch genau so ist jedes Unrecht und jede Unterdrückung eine Versuchung, eine Versuchung zum Hass, und ist in diesem Sinne eine Verführung. Mit jedem Unrecht, das wir einem Mitmenschen angetan haben, haben wir ihn in die Versuchung geführt, solch ein Mensch zu sein wie der, der Psalm 109 geschrieben hat. Wir haben vielleicht über unser Unrecht Buße getan; aber ob auch er über seinen Hass Buße getan hat, das wissen wir oft nicht. Wie steht unsere Rechnung heute, falls er es nicht getan hat?

 Ich weiß keine Antwort auf diese Frage. Aber ich würde meinen, wir sollten uns lieber genau ansehen, was wir angerichtet haben; wie junge Hunde sollte man uns mit der Nase hineinstoßen. Ein Mann, auch wenn er darüber Buße getan hat, dass er einmal ein Mädchen verführt und es dann sitzengelassen und aus dem Blickfeld verloren hat, sollte seine Augen nicht einfach vor der rauen Wirklichkeit verschließen, in der sie heute vielleicht lebt. Genau darum sollten wir die Psalmen lesen, die den Unterdrücker verfluchen; sollten sie lesen mit Furcht. Wer weiß, ob nicht ähnliche Verwünschungen auch schon gegen uns ausgestoßen worden sind? Was für Gebete schwarze Menschen und rote und braune und gelbe gegen uns zu ihren Göttern oder manchmal zu Gott selbst emporgeschickt haben. Von der ganzen Erde „stinkt“ das Unrecht des Weißen Mannes zum Himmel; es stinkt nach Massakern, nach Vertragsbruch, Diebstahl, Menschenraub, Sklaverei, Deportation, Auspeitschungen, Lynchmord, Überfällen, Vergewaltigung, Raub, Beschimpfung, Hohn und widerlicher Heuchelei. Aber die Sache geht uns noch näher an. Diejenigen von uns, die wenig Macht haben, wenig Leute, die in ihrer Hand sind, können dankbar sein. Wie aber, wenn man Offizier ist (oder, vielleicht noch schlimmer, Unteroffizier)? Oberin in einem Krankenhaus? Regierungsbeamter? Gefängniswärter? Schulvorsteher? Gewerkschaftssekretär? Vorgesetzter irgendeiner Art? Kurz jemand, dem keiner „zurückgeben“ kann? Es ist, auch mit dem besten Willen, schwer genug, gerecht zu sein. Es ist schwer, unter dem Druck von Zeitnot, Unbehagen, schlechter Laune, Selbstzufriedenheit und Eitelkeit auch nur schon immer gerecht sein zu wollen. Macht verdirbt den Menschen; die „Amtsroutine“ schleicht sich ein. Wir sehen sie so deutlich bei unseren Vorgesetzten; ist es dann unwahrscheinlich, dass unsere Untergebenen sie bei uns sehen? Wie viele von denen, die über uns sind, haben nicht schon manchmal (vielleicht oft) unsere Vergebung nötig gehabt? Seien sie sicher, dass wir genauso die Vergebung derer nötig haben, die unter uns stehen.

 Sie wird uns aber nicht immer zuteil. Vielleicht sind unsere Untergebenen gar nicht gläubig. Vielleicht sind sie noch nicht weit genug gekommen auf dem Weg, dieses schwere Werk des Vergebens, das wir ihnen auferlegt haben, zu bewältigen. Vielleicht schwelt gegen uns, erfolglos bekämpft oder auch nicht, bitterer, chronischer Groll; der Geist von Psalm 109.

 Ich meine nicht, dass Gott auf Gebete, wie sie dieser Psalmist vorgebracht hat, hört und sie gutheißt. Sie sind böse. Er verurteilt sie. Alle Rachsucht ist Sünde. Wir können auch hoffen, dass das, was unsere Untergebenen uns nachtragen, in Wirklichkeit nicht halb so schlimm war, wie sie sich einbilden. Die Schroffheit war unbeabsichtigt; das anmaßende Benehmen bei Gericht hatte seinen Grund in Unwissenheit und dem unangenehmen Gefühl der eigenen Ohnmacht; die scheinbar ungerechte Verteilung der Arbeit war nicht wirklich ungerecht oder war es nicht absichtlich; die unerklärliche persönliche Abneigung gegen einen bestimmten Untergebenen, für ihn und einige seiner Kameraden so offensichtlich, ist etwas, dessen wir uns überhaupt nicht bewusst sind (sie erscheint in unserem bewussten Denken als „erziehen“ oder als die Notwendigkeit, „ein Exempel zu statuieren“). Wie dem auch sei, es ist sehr böse von ihnen, uns zu hassen. Ja, aber das Törichte ist, dass wir uns einbilden, Gott sähe ihre Bosheit losgelöst von unserer Bosheit, die den Anlass dazu gegeben hat. Sie sündigen durch ihren Hass, weil wir sie dazu versucht haben. Wir haben sie, in diesem Sinne, verführt, verdorben. Sie sind gleichsam die Mütter dieses Hasses; wir sind die Väter.

 Unter diesem Gesichtspunkt nun ist der Lobpreis der Maria erschreckend. […] Die Ähnlichkeit zwischen dem Lobgesang und der überlieferten hebräischen Dichtung der Psalmen beschränkt sich nicht auf literarische Eigentümlichkeiten. Natürlich gibt es einen Unterschied. Bei Maria finden sich keine Verwünschungen, kein Hass, keine Selbstgerechtigkeit. Statt dessen stellt sie einfach fest: Er hat die Hoffärtigen zerstreut, die Machthaber gestürzt, Reiche leer ausgehen lassen. Ich habe vorhin vom ironischen Kontrast zwischen dem wutentbrannten Psalmisten und dem Sopran des Chorknaben gesprochen. Diesen Kontrast finden wir hier auf einer höheren Ebene wieder. Einmal mehr haben wir die Sopranstimme, eine Mädchenstimme, und sie verkündet ohne Sünde, dass die sündigen Gebete ihrer Vorfahren nicht ganz unerhört bleiben; und tut das nicht etwa in wildem Triumph, sondern – wer könnte es überhören? – in ruhiger und furchtbarer Freude.***

 Hier bin ich versucht, für einen Moment abzuschweifen auf eine Spekulation, die uns in einer Hinsicht vielleicht etwas beruhigt, während sie uns in einer anderen erschreckt. Die Christen sind sich leider nicht darüber einig, auf welche Weise die Mutter Gottes verehrt werden sollte, doch es gibt eine Wahrheit, an der wohl niemand zweifeln kann. Wenn wir an die Jungfrauengeburt glauben und wenn wir an die menschliche Natur unseres Herrn glauben (denn es ist ketzerisch, sich ihn als einen Menschen vorzustellen, in dessen Körper statt einer menschlichen Seele die zweite Person der Dreieinigkeit wohnte), dann müssen wir für diese Menschennatur auch an eine menschliche Vererbung glauben. Für diese gibt es nur eine Quelle (wiewohl in dieser Quelle das ganze wahre Israel vertreten ist). Wenn in Jesus ein eiserner Zug ist – dürfen wir nicht, ohne unehrerbietig zu sein, mutmaßen, woher er stammt? Sagten wohl die Nachbarn in seiner Kindheit von ihm: „Er ist ganz der Sohn seiner Mutter?“ Das könnte die Härte mancher Dinge, die er zu oder von seiner Mutter gesagt hat, in ein neues und weniger schmerzliches Licht rücken. Wir dürfen annehmen, dass sie das sehr gut verstand.****

 Ich habe dies einen Exkurs genannt, doch ich bin nicht sicher, dass es einer ist. Zweierlei leitet von den Psalmen hinüber zu uns. Das eine ist der Lobpreis der Maria, das andere sind die wiederholten Zitate, die unser Herr gebrauchte, wenn auch – das stimmt – nicht solche wie Psalm 109. Wir können ein Buch, von dem sein Denken so durchdrungen war, nicht aus unserem Denken verbannen. Die Kirche selbst ist ihm nachgefolgt und hat auch unser Denken durch dieses Buch geprägt.

 Mit einem Wort, die Psalmisten und wir gehören beide zur Kirche. Als einzelne mögen sie – gleich wie wir – manchmal sehr schlechte Glieder dieser Kirche sein; Unkraut – aber Unkraut, das auszureißen wir nicht befugt sind. Sie – wie wir – mögen oft nicht wissen (wenn auch vielleicht anders als wir) wes Geistes Kinder sie sind. Aber die Zugehörigkeit zur Kirche können weder wir ihnen noch sie uns absprechen.

 Ich meine keineswegs (obwohl Sie, wenn Sie sich umsehen, sicher einen Kritiker finden werden, der sagt, ich meine es), dass wir ihre Grausamkeit in irgendeiner Weise gutheißen sollen. Aber wir können lernen, das Gute zu sehen, das sich in diese Grausamkeit mischt. Durch all ihre Exzesse hindurch zieht sich ein leidenschaftliches Sehnen nach Gerechtigkeit. Man ist zuerst versucht zu sagen, dass dieses Sehnen, da sie ja zu den Unterdrückten gehören, kein besonderes Verdienst ist; dass auch die schlechtesten Menschen noch aufbegehren und nach Fairness schreien, wenn ihnen unfaires Spiel geboten wird. Doch leider ist das nicht wahr. Vielmehr ist der Geist, der nach Gerechtigkeit schreit, vielleicht gerade jetzt am Aussterben.

 Dazu ein alarmierendes Beispiel: Ich hatte einen Schüler, der bestimmt Sozialist, wahrscheinlich sogar Marxist war. Für ihn war das „Kollektiv“, der Staat, alles, der einzelne nichts; Freiheit ein bourgeoiser Wahn. Er schloss dann sein Studium ab und wurde Lehrer. Ein paar Jahre später besucht er mich, als er in Oxford vorbeikam. Er sagte, er hätte den Sozialismus aufgegeben. Er war restlos enttäuscht vom totalitären Staat. Die Einmischungen des Erziehungsministeriums in die Angelegenheiten von Schule und Lehrerschaft waren, das hatte er erlebt, arrogant, inkompetent und unausstehlich; die reinste Tyrannei. Ich konnte ihn gut verstehen, und das Gespräch nahm vergnügt seinen Lauf. Dann, plötzlich, rückte er mit dem wahren Grund seines Kommens heraus: Er hatte es „so gründlich satt“, dass er den Lehrerberuf aufgeben wollte; und – könnte ich wohl – läge es wohl in meiner Macht – würde ich wohl ein paar Drähte ziehen, um ihm einen Posten zu verschaffen – im Erziehungsministerium?

 So ist der moderne Mensch. Er kann hassen, aber er dürstet nicht, wie die Psalmisten, nach Gerechtigkeit. Wenn er findet, dass er unterdrückt wird, fragt er sofort: „Wie kann ich mich auf die Seite der Unterdrücker schlagen?“ Er hat nichts gegen eine Welt, die in Tyrannen und Opfer gespalten ist; es kommt nur darauf an, zu welcher von diesen beiden Gruppen man selber gehört. (Die Moral der Geschichte bleibt dieselbe, ob Sie seine Ansichten über das Erziehungsministerium teilen oder nicht.)

 So mischt sich also in den Hass der Psalmisten ein Funke, der angefacht, nicht ausgetreten werden sollte. Diesen Funken hat Gott gesehen und angefacht, bis er im Lobpreis der Maria hell brannte. Der Schrei nach dem „Gericht“ musste erhört werden. Doch die alte jüdische Vorstellung vom „Gericht“ wird ein Essay für sich nötig machen.

 

II.

Das Jüngste Gericht ist uns Christen ein sehr vertrauter und sehr schrecklicher Gedanke. „In Zeiten der Drangsal, in Zeiten des Wohlergehens, in der Stunde des Todes und am Tage des Gerichts rette uns, Herr, unser Gott.“ Wenn es eine Vorstellung gibt, die durch kein Bitten und Flehen aus der Lehre unseres Herrn weggebetet werden kann, dann ist es die von der großen Scheidung: Schafe und Böcke, der breite und der schmale Weg, das Unkraut und der Weizen, die Worfschaufel, die klugen und die törichten Jungfrauen, die guten und die schlechten Fische, die verschlossene Türe bei der Hochzeit, wo manche drinnen, andere draußen in der Finsternis sind. Wir können zu hoffen wagen – manche wagen es zu hoffen –, dass das nicht die ganze Geschichte ist, dass, wie Juliana von Norwich gesagt hat, „es allen wohlergehen und mit allen Dingen zum Besten stehen wird“. Doch aus den Worten unseres Herrn selbst müssen wir diese Hoffnung nicht nehmen wollen. Von Paulus bekommen wir Andeutungen; von Jesus keine Spur. Es sind seine eigenen Worte, die das Bild vom Jüngsten Gericht ins Christentum gebracht haben.

 Eine Folge davon ist, dass wir beim Wort „Gericht“ im Zusammenhang mit dem Glauben immer gleich an ein Strafgericht denken: den Richter auf dem  Richterstuhl, der Angeklagte auf der Anklagebank, Hoffnung auf Freispruch und Angst vor dem Schuldurteil. Doch die alten Hebräer verbanden mit dem Wort „Gericht“ für gewöhnlich ganz andere Vorstellungen.

 In den Psalmen ist das Gericht nicht etwas, wovor der von Gewissensbissen verfolgte Gläubige Angst hat, sondern etwas, worauf der in den Staub getretene Gläubige hofft. Gott „wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit“ und ist „eine Burg den Bedrückten“ (9,9.10). „Schaffe mir Recht nach deiner Gerechtigkeit, Herr“, ruft der Dichter (35,24). Noch mehr überrascht uns Psalm 67, wo selbst „die Nationen“, die Heiden, „sich freuen“ und „jubeln“ sollen, weil Gott „die Völker gerecht richtet“ (V. 5). (Genau das ist doch unsere Angst, dass das Gericht vielleicht sehr viel gerechter sein wird, als wir es ertragen können.) Im Freudenpsalm 96 sollen sich sogar Himmel und Erde „freuen“, die Flur soll „jauchzen“ und alle Bäume des Waldes „frohlocken vor dem Herrn“, denn „er kommt, die Erde zu richten“. Die Aussicht auf dieses von uns so gefürchtete Gericht löst einen Jubel aus, wie ein heidnischer Dichter ihn allenfalls gebraucht hätte, um das Kommen des Dionysos anzukündigen.

 So sehr unser Herr selbst uns, wie gesagt, die heutige christliche Vorstellung vom Jüngsten Tag eingeprägt hat, so illustrieren seine Worte doch an anderen Stellen die alte hebräische Vorstellung. Ich denke an den ungerechten Richter im Gleichnis. In den meisten von uns – es sei denn wir hätten dies Gleichnis direkt vor Augen – weckt die Erwähnung eines bösen Richters auf der Stelle das Bild eines Menschen wie Richter Jeffreys: eines brüllenden, ständig unterbrechenden, blutrünstigen Rohlings, der Geschworene und Zeugen einschüchtert, fest entschlossen, den Gefangenen hängen zu sehen. Wir können nur hoffen, nicht von ihm gerichtet zu werden. Die Rolle des „ungerechten Richters“ bei Jesus ist eine ganz andere. Man will von ihm gerichtet werden, man liegt ihm in den Ohren, dass er einen richte. Die einzige Schwierigkeit ist, sich bei ihm Gehör zu verschaffen. Was unser Herr im Auge hat, ist offensichtlich gar kein Strafgericht, sondern ein Schlichtungsgericht. Nicht aus dem Blickwinkel eines Gefangenen sehen wir die Gerechtigkeit, sondern aus dem eines Antragstellers; eines Antragstellers, der eindeutig im Recht ist – wenn es ihm nur gelänge, den Angeklagten vor den Richterstuhl zu bringen.

 Dieses Bild ist uns nur darum fremd, weil wir uns in unserem Land einer ungewöhnlich guten Rechtspflege erfreuen. Wir betrachten es als selbstverständlich, dass man Richter nicht bestechen muss und nicht bestechen kann. Das ist jedoch kein Naturrecht, sondern eine hohe Errungenschaft; auch wir könnten sie einmal verlieren (und werden sie sicher verlieren, wenn wir uns nicht um ihre Erhaltung bemühen); sie geht nicht automatisch mit dem Gebrauch der englischen Sprache einher. In vielen Teilen der Welt und zu vielen Zeiten bestand die Schwierigkeit für arme und unbedeutende Leute nicht nur darin, zu erreichen, dass man ihr Anliegen unvoreingenommen anhörte, sondern darin, dass man sie überhaupt anhörte. Ihre Stimmen sind es, die aus der unentwegten Hoffnung der Hebräer auf das Gericht sprechen, dieser Hoffnung, dass irgendwann, irgendwie einmal, das Recht wiederhergestellt sein wird.

 Doch die Vorstellung kommt nicht nur aus dem Gerichtswesen. Die „Richter“, nach denen ein höchst interessantes Geschichtsbuch im Alten Testament genannt ist, hießen nämlich nicht nur deshalb so, weil sie manchmal etwas taten, was wir als Ausübung richterlicher Funktionen betrachten würden. Das Buch hat tatsächlich über das „Richten“ in diesem Sinne sehr wenig zu sagen. Seine „Richter“ sind in erster Linie Helden, Kämpfer, die Israel von fremden Tyrannen befreien: Riesentöter. Das Substantiv, das wir als „Richter“ übersetzen, ist offensichtlich mit einem Verb verwandt, das heißt: verteidigen, rächen, das Recht wiederherstellen. Man könnte sie genausogut Vorkämpfer, Rächer nennen. Der fahrende Ritter im mittelalterlichen Roman, der seine Tage damit zubrachte, bedrängte Edelfräulein zu retten und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, wäre bei den Hebräern so etwas wie ein „Richter“ gewesen.

 Ein solcher Richter – Er, der uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lässt, der Retter, der Beschützer, der Tyrannenbezwinger – ist es, dessen Bild in den Psalmen dominiert. Es gibt tatsächlich ein paar wenige Stellen, wo der Psalmist mit Zittern ans Gericht denkt: „Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht! Denn vor dir ist kein Lebender gerecht“ (143,2); oder: „Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst, o Herr, wer kann bestehen?“ (130,3). Doch die gegenteilige Haltung ist sehr viel geläufiger: „Höre, o Herr, die gerechte Sache“ (17,1); „Schaffe mir Recht, o Herr“ (26,1); „Streite, Herr, mit denen, die mich bestreiten“ (35,1); „Führe meinen Rechtsstreit“ (43,1); „Erhebe dich, Richter der Erde“ (94,2). Gerechtigkeit ist es, Gehör vor dem Richter, worum die Psalmisten ungleich häufiger beten als um Vergebung.

 Verallgemeinernd kommen wir damit zu einer sehr paradoxen Überlegung. Für gewöhnlich, und selbstverständlich zu Recht, werden Judentum und Christentum, die Herrschaft Moses und die Herrschaft Jesu, einander gegenübergestellt als Gesetz gegen Gnade, Gerechtigkeit gegen Barmherzigkeit, Härte gegen Milde. Aber offenbar hoffen die, welche unter der unerbittlicheren Verkündigung stehen, auf Gottes Gericht, während die, welche unter der milderen Botschaft leben, Angst davor haben. Woher kommt das? Die Antwort wird jedem in etwa klar sein, der die Psalmen aufmerksam gelesen hat. Die Psalmisten, mit wenigen Ausnahmen, blicken dem Gericht sehnsüchtig entgegen, weil sie glauben, dass sie völlig im Recht sind. Andere haben gegen sie gesündigt; ihr eigenes Verhalten war (wie sie uns oft genug beteuern) untadelig. Sie flehen die göttliche Untersuchung inständig herbei, gewiss, dass sie siegreich daraus hervorgehen werden. Der Gegner mag alles mögliche zu verbergen haben, aber sie nicht. Je mehr Gott ihre Sache untersucht, um so mehr wird sie sich als einwandfrei erweisen. Der Christ andererseits zittert, weil er weiß, dass er ein Sünder ist.

 Man könnte also in gewissem Sinne sagen, dass die jüdische Zuversicht im Hinblick auf das Gericht eine Begleiterscheinung der jüdischen Selbstgerechtigkeit sei. Aber das ist viel zu verallgemeinernd. Wir müssen die ganze Erfahrung mit in Betracht ziehen, aus der diese selbstgerechten Äußerungen herauswachsen; und zweitens, was diese Äußerungen, auf einer tieferen Stufe, wirklich bedeuten.

 Diese Erfahrung ist dunkel und schrecklich. Wir dürfen sie nicht „die Große Trübsal der Seele“ nennen, denn diese Bezeichnung wird schon für eine andere Trübsal und für einen anderen Schrecken gebraucht, denen wir auf einer ungleich höheren Ebene begegnen, als sie irgendeiner der Psalmisten (vermute ich) je erreicht hat. Aber wir können sie „die Große Trübsal des Fleisches“ nennen, wobei wir unter „Fleisch“ den natürlichen Menschen verstehen. […]

 Zugegeben, wir können, wenn wir wollen, all die Stellen, welche diese Trübsal schildern, als Anzeichen einer Neurose betrachten. Wenn wir unbedingt behaupten wollen, dass einige Psalmisten in einer Nervenkrise oder am Rande eines Nervenzusammenbruchs geschrieben haben, dann werden wir für unsere Theorie genug Bestätigung finden. Das heißt, die Psalmisten versuchen in genau den Dingen auf ihrem Recht zu beharren, von denen auch ein Patient in einem bestimmten neurotischen Zustand zu Unrecht meint, dass sie auf seine Situation zuträfen. Für unser Anliegen ist das im Moment jedoch nicht wichtig. Neurosen kommen vor; vielleicht sind wir selber schon durch dieses Tal hindurchgegangen oder müssen einmal hindurchgehen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wie gewisse an Gott gläubige Menschen vor uns sich darin verhalten haben. Und letzten Endes ist „Neurose“ ein relativer Begriff. Wer kann sagen, dass er ihr nie nahegekommen ist? Selbst wenn die Psalmen von Neurotikern geschrieben worden wären, so würden sie uns noch etwas angehen.

 Doch natürlich können wir keineswegs sicher sein, dass sie das sind. Der Neurotiker glaubt fälschlicherweise, dass er von gewissen Übeln bedroht werde. Ein anderer Mensch (oder der Neurotiker selbst zu einem anderen Zeitpunkt) kann jedoch tatsächlich von genau diesen Übeln bedroht sein. Es sind vielleicht nur die Nerven des Patienten, die ihm so überzeugend einreden, dass er Krebs hat oder finanziell ruiniert ist oder in die Hölle kommt; doch das beweist nicht, dass es so etwas wie Krebs oder Bankrott oder Verdammnis nicht gibt. Die Vermutung, dass die in gewissen Psalmen geschilderten Zustände Einbildung sein müssen, scheint mir auf reinem Wunschdenken zu beruhen. Es gibt diese Zustände im wirklichen Leben. Falls jemand das bezweifelt, möge er sich, während ich versuche diese Trübsal des Fleisches darzustellen, überlegen, wie leicht sie für irgendeine der folgenden Personen nicht subjektives Empfinden, sondern konkrete Wirklichkeit sein dürfte.

1. Für einen kleinen, hässlichen, unsportlichen, unbeliebten Jungen in der zweiten Klasse einer hundsmiserablen englischen Volksschule. 2. Für einen unbeliebten Rekruten in einer Militärbaracke. 3. Für einen Juden in Hitlerdeutschland. 4. Für einen Mann in einer schlechten Firma oder Staatsstelle, den eine Gruppe von Rivalen hinauszuekeln versucht. 5. Für einen Papstanhänger im England des sechzehnten Jahrhunderts. 6. Für einen Protestanten im Spanien des sechzehnten Jahrhunderts. 7. Für einen Afrikaner unter Malan. 8. Für einen amerikanischen Sozialisten in der Hand von Senator McCarthy oder einen Zulu während einer der alten, wilden Hexenverfolgungen.

 Die Finsternis des Fleisches kann objektive Tatsache sein; sie ist nicht einmal besonders selten.

 Man ist allein. Der Mit-Rekrut, der  einem am ersten Tag ein Freund zu sein schien, die Jungen, die einem in der letzten Klasse Freunde waren, die Nachbarn, mit denen man befreundet war, bevor die Judenhetze losging (oder bevor man Senator McCarthys Aufmerksamkeit auf sich zog) und sogar die eigenen Bekannten und Verwandten haben angefangen, einem aus dem Wege zu gehen. Niemand will gerne mit einem gesehen werden. Wenn man auf der Straße Bekannten begegnet, blicken sie zufällig immer auf die andere Seite. „Von meinen Nachbarn bin ich gemieden und ein Schrecken für meine Bekannten: Wer mich sieht auf der Straße, flieht scheu vor mir“ (31,12). „Meine Freunde und Genossen, … meine nächsten Verwandten halten sich fern“ (38,11). „Ein Fremdling bin ich meinen Brüdern geworden“ (69,9). „Meine Bekannten hast du mir entfremdet, hast mich ihnen zum Abscheu gemacht“ (88,9). „Blick ich nach rechts und halte Umschau: ach, da ist keiner, der mich versteht. Verschlossen ist mir jede Zuflucht“ (142,5).

 Manchmal macht nicht ein einzelner diese Erfahrung, sondern eine Gruppe (ein religiöser Orden oder sogar ein ganzes Volk). Mitglieder fallen ab; Verbündete fliehen; der gewaltige Zusammenschluss gegen uns wächst und festigt sich von Tag zu Tag. Schwerer noch als unsere schwindenden Zahlen und die zunehmende Isolation sind die wachsenden Anzeichen dafür zu ertragen, dass „unsere Seite“ nichts ausrichtet. Die Welt wird von schlechten Menschen auf den Kopf gestellt, und „was kann da der Gerechte noch leisten?“ (11,3), wo bleiben unsere Gegenmaßnahmen? „Wir sind ein Spott und Hohn“ geworden (79,4). Einst sprach so vieles zu unseren Gunsten, und große Führer waren auf unserer Seite. Doch diese Zeiten sind vorbei: „Unsere Zeichen sehen wir nicht mehr, kein Prophet ist mehr da“ (74,9). So fühlen wir Christen uns oft im heutigen Europa.

 Und rings um den vereinsamten Menschen sind tagaus, tagein die Ungläubigen. Sie wissen sehr wohl, was wir glauben oder zu glauben versuchen („hilf meinem Unglauben!“), und achten das für eine totale Illusion. „Gar viele sagen von mir: ‚Es gibt keine Rettung für ihn bei Gott’!“ (3,2). Als hätte Gott, falls es ihn gibt, nichts weiter zu tun, als sich um uns zu kümmern! (10,13); aber überhaupt: „Es gibt keinen Gott“ (14,1). Wenn es den Gott des Leidenden wirklich gibt, dann „möge er ihn retten“ (22,9), und zwar jetzt! „Wo ist nun dein Gott?“ (42,4)

 Der Mensch in der Trübsal des Fleisches ist in den Augen aller anderen äußerst komisch; die Witzfigur einer ganzen Schule oder Militärbaracke oder Arbeitsstelle. Sie können ihn nicht ansehen, ohne zu lachen; sie schneiden ihm Grimassen (22,8). Zechbrüder verulken ihn in ihren Liedern (69,13). Er wird „sprichwörtlich“ (44,15). Zu allem Unglück ist dieses ganze Gelächter keineswegs ein ehrliches, spontanes Gelächter, keines, das ein Mensch mit einer irgendwie komischen Stimme oder einem kauzigen Aussehen lernen könnte zu ertragen und in das er schließlich sogar miteinstimmen könnte. Diese Spötter lachen nicht, obwohl es ihn verletzt, und nicht einmal, ohne zu fragen, ob es ihn vielleicht verletzt; sie lachen, weil es ihn verletzt. Jede Demütigung und jedes Missgeschick, die er erleidet, ist ihnen wie Honig; sie zeigen ihm ihre Überlegenheit, wenn er am Boden liegt. „Ich spreche: Dass sie sich nur nicht freuen über mich, die wider mich grosstun, wenn mein Fuß wankt“ (38,17).

 Wenn man eine gewisse Art von aristokratischem oder stoischem Stolz hätte, so könnte man vielleicht Spott mit Spott vergelten oder sogar frohlocken, wie Coventry Patmore darüber frohlockte, dass er „in der Hochgebirgsluft öffentlichen Verrufs“ lebte. Wenn man das könnte, so wäre man der Trübsal nicht ganz preisgegeben. Aber was auch geschehe, so ist der Leidende nicht – oder nicht mehr, falls er es früher einmal war. Er ist den unaufhörlichen Neckereien, Verächtlichkeiten und Demütigungen (durch die Blume oder grausam verhohlen, je nach Milieu) wehrlos ausgeliefert, sie gehen ihm unter die Haut. Auch in seinen eigenen Augen ist er das, wozu sie ihn gemacht haben. Er kann nicht noch einmal von vorne anfangen. „Beschämung bedeckt sein Antlitz“ (69,8). Er könnte genauso gut stumm sein; in seinem Mund ist keine Widerrede (38,15). Er ist „ein Wurm und kein Mensch“ (22,7).

 

* Dieser Essay findet sich in: C. S. Lewis, „Gedankengänge. Essays zu Christentum, Kunst und Kultur“, Brunnen-Verlag, Basel 1986, S. 151-168. Lewis hat auch ein kleines Buch über die Psalmen geschrieben (Titel der dt. Übersetzung: „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“) – ebenfalls sehr empfehlenswert.

** Der vollständige Text von Psalm 109 lautet nach der Einheitsübersetzung: „[Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.] Gott, den ich lobe, schweig doch nicht! Denn ein Mund voll Frevel, ein Lügenmaul hat sich gegen mich aufgetan. Sie reden zu mir mit falscher Zunge, umgeben mich mit Worten voll Hass und bekämpfen mich ohne Grund. Sie befeinden mich, während ich für sie bete, sie vergelten mir Gutes mit Bösem, mit Hass meine Liebe. Sein Frevel stehe gegen ihn auf als Zeuge, ein Ankläger trete an seine Seite. Aus dem Gericht gehe er verurteilt hervor, selbst sein Gebet werde zur Sünde. Nur gering sei die Zahl seiner Tage, sein Amt soll ein andrer erhalten. Seine Kinder sollen zu Waisen werden und seine Frau zur Witwe. Unstet sollen seine Kinder umherziehen und betteln, aus den Trümmern ihres Hauses vertrieben. Sein Gläubiger reiße all seinen Besitz an sich, Fremde sollen plündern, was er erworben hat. Niemand sei da, der ihm die Gunst bewahrt, keiner, der sich der Waisen erbarmt. Seine Nachkommen soll man vernichten, im nächsten Geschlecht schon erlösche sein Name. Der Herr denke an die Schuld seiner Väter, ungetilgt bleibe die Sünde seiner Mutter. Ihre Schuld stehe dem Herrn allzeit vor Augen, ihr Andenken lösche er aus auf Erden. Denn dieser Mensch dachte nie daran, Gnade zu üben; er verfolgte den Gebeugten und Armen und wollte den Verzagten töten. Er liebte den Fluch – der komme über ihn; er verschmähte den Segen der bleibe ihm fern. Er zog den Fluch an wie ein Gewand; der dringe wie Wasser in seinen Leib, wie Öl in seine Glieder. Er werde für ihn wie das Kleid, in das er sich hüllt, wie der Gürtel, der ihn allzeit umschließt. So lohne der Herr es denen, die mich verklagen, und denen, die Böses gegen mich reden. Du aber, Herr und Gebieter, handle an mir, wie es deinem Namen entspricht, reiß mich heraus in deiner gütigen Huld! Denn ich bin arm und gebeugt, mir bebt das Herz in der Brust. Wie ein flüchtiger Schatten schwinde ich dahin; sie schütteln mich wie eine Heuschrecke ab. Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Leib nimmt ab und wird mager. Ich wurde für sie zum Spott und zum Hohn, sie schütteln den Kopf, wenn sie mich sehen. Hilf mir, Herr, mein Gott, in deiner Huld errette mich! Sie sollen erkennen, dass deine Hand dies vollbracht hat, dass du, o Herr, es getan hast. Mögen sie fluchen – du wirst segnen. Meine Gegner sollen scheitern, dein Knecht aber darf sich freuen. Meine Ankläger sollen sich bedecken mit Schmach, wie in einen Mantel sich in Schande hüllen. Ich will den Herrn preisen mit lauter Stimme, in der Menge ihn loben. Denn er steht dem Armen zur Seite, um ihn vor falschen Richtern zu retten.“

*** Das Magnificat lautet in der Einheitsübersetzung: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lukas 1,46-55)

**** Lewis meint hier wohl diese Stellen: „Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“ (Lukas 2,41-51) „Als Jesus noch mit den Leuten redete, standen seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Matthäus 12,46-50) „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“ (Johannes 2,1-12)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Tissot_The_Songs_of_Joy.jpg

(James Tissot, The Songs of Joy, Wikimedia Commons)

Über schwierige Bibelstellen, Exkurs: Etwas Grundsätzliches über Gottes Gutheit

Bevor ich mit der Erklärung verschiedener Bibelstellen weitermache, sollte ich vielleicht noch ganz kurz auf einen Einwand eingehen, der nicht von atheistischer, sondern von calvinistischer Seite gemacht werden könnte, nämlich diesen: Ist es überhaupt nötig, Rechtfertigungen und Erklärungen für Gottes Handeln in der Bibel zu suchen? Wenn Gott etwas tut – zum Beispiel die Landnahme befiehlt –, sollte uns dann nicht einfach genügen, dass es ein Befehl Gottes ist, und folglich gut? Gott steht unsagbar hoch über uns Menschen; wenn uns etwas, das Gott tut, als schlecht erscheint, dann sind wir es, die irren, und nicht Gott. Wir haben einfach Gott zu gehorchen. Was maßen wir uns an, darüber zu urteilen, was Er tun darf und was nicht?

Ich möchte auf diesen möglichen Einwand mit einem schönen Zitat von C. S. Lewis antworten:

 

In jeder Betrachtung der Gutheit Gottes droht sogleich folgendes Dilemma: Wenn einerseits Gott weiser ist als wir, so muss sein Urteil über viele Dinge sich von dem unsern unterscheiden, nicht zuletzt das über Gut und Böse. Was uns gut erscheint, muss deshalb nicht auch in Seinen Augen gut sein, und was uns böse erscheint, nicht böse. – Anderseits, wenn Gottes Urteil über das Gute sich von dem unsern so sehr unterscheidet, dass unser „Schwarz“ für Ihn „Weiß“ sein kann, dann kann es auch keinen Sinn haben, dass wir Ihn gut nennen. Denn nachdem wir doch sagen, Seine Gutheit sei völlig anders als die unsere, hat der Satz „Gott ist gut“ tatsächlich keinen andern Sinn als „Gott ist – wir wissen nicht, was“. Und eine uns völlig unbekannte Eigenschaft Gottes kann uns nicht dazu bewegen, Ihn zu lieben oder Ihm zu gehorchen. Wenn Er nicht (in unserm Sinn) „gut“ ist, so werden wir, wenn überhaupt, nur aus Furcht gehorchen und würden gleichermaßen bereit sein, einem allmächtigen Widersacher zu gehorchen. Sobald die Konsequenz lautet, dass – da wir gänzlich verderbt sind [wie der Calvinismus lehrt, Anmerkung von mir] – unsere Vorstellung vom Guten einfach nichts wert ist – könnte es geschehen, dass sich das Christentum auf Grund der Lehre von der „totalen Verderbtheit“ in eine Art Teufelsanbetung verkehrt.

 Ein Ausweg aus diesem Dilemma zeigt sich, wenn wir bedenken, was im Bereich menschlicher Beziehungen geschieht, wenn ein Mensch von niederem moralischen Niveau in die Gesellschaft von Leuten kommt, die besser und weiser sind als er, und nun allmählich lernt, ihre Maßstäbe anzuerkennen – ein Vorgang, den ich zufällig ziemlich genau beschreiben kann, da er mir widerfahren ist. Als ich zur Universität kam, hatte ich fast keine moralischen Begriffe, so wenig wie ein junger Bursche nur haben konnte. Eine milde Abneigung gegen Grausamkeit und gegen Unanständigkeit in Geldsachen waren das Äußerste; über Keuschheit, Wahrhaftigkeit und Selbstverleugnung dachte ich wie ein Pavian über klassische Musik. Durch Gottes Barmherzigkeit geriet ich in eine Gruppe junger Männer (von denen übrigens, nebenbei gesagt, keiner Christ war), die mir durch Geist und Phantasie so verwandt waren, dass sofort eine nähere Beziehung entstand. Sie nun kannten das Sittengesetz und versuchten, es zu beobachten. So war ihr Urteil über Gut und Böse sehr verschieden von dem meinen.

 Was nun in solch einem Fall geschieht, ist nicht im geringsten so etwas wie eine Aufforderung, als „weiß“ anzusehen, was man bis dahin „schwarz“ genannt hatte. Die neuen moralischen Urteile dringen in die Seele niemals als bloße Umkehrungen früherer Urteile ein (obgleich sie diese tatsächlich umkehren), sondern „als Herren, die man offenbar erwartet hatte“. Du kannst gar nicht im Zweifel darüber sein, welches die Richtung deiner Wandlung ist: Die neuen Urteile sehen dem Guten eher ähnlich als die kleinen Fetzen des Guten, die du bereits hattest: dennoch stehen sie in gewissem Sinn untereinander in Zusammenhang. Aber das eigentliche Kriterium ist, dass die Anerkennung der neuen Maßstäbe begleitet ist von dem Gefühl der Scham und der Schuld: Man hat das Gefühl, in eine Gesellschaft hineingestolpert zu sein, in die man nicht passt.

 […] Die göttliche „Gutheit“ unterscheidet sich von der unseren, aber nicht völlig; es ist nicht ein Unterschied wie der von Weiß und Schwarz, sondern wie der zwischen einem vollkommenen Kreis und dem ersten Versuch eines Kindes, ein Rad zu zeichnen. Wenn aber das Kind zeichnen gelernt hat, wird es wissen, dass der Kreis, den es nun macht, eben das ist, was es von Anfang an zu machen versucht hat.

 Diese Lehre ist auch in der Heiligen Schrift enthalten. Christus ruft die Menschen zur Buße – ein sinnloser Ruf, wäre Gottes Maßstab ganz und gar verschieden von dem, den sie bereits kannten, von dem sie aber in ihrem Tun abgewichen waren. Er beruft sich auf unser tatsächliches sittliches Urteil: „Warum denn seht ihr nicht selbst, was Recht ist?“ (Luk. 12,57). Gott weist die Menschen im Alten Testament zurecht auf Grund ihrer eigenen Vorstellungen von Dankbarkeit, Treue und Gerechtigkeit; Er stellt Sich Selber sozusagen vor den Richterstuhl Seiner eigenen Geschöpfe: „Was für eine Ungerechtigkeit haben eure Väter an Mir gefunden, dass sie Mich verlassen haben?“ (Jer. 2,5).

 

(C. S. Lewis, Über den Schmerz, S. 35-37.)

 

Also ja, wir sollten ggf. einmal prüfen, ob unsere Urteile über Gut und Böse richtig sind (oder vielleicht durch in unserer jeweiligen Kultur verbreitete Fehlurteile verfälscht), aber nein, wir glauben nicht daran, dass das Gute einfach das ist, was Gott willkürlich befiehlt. Gott befiehlt, was gut ist, weil Er gut ist; und im Licht dieses Prinzips müssen wir die Bibel auslegen.

Komm, Herr Jesus!

Advent heißt Ankunft. Und in der Adventszeit denken wir nicht nur an die Ankunft Jesu vor zweitausend Jahren, sondern auch daran, dass er genau jetzt in unsere Zeit, in unser Leben kommen will, aber ebenso auch an seine bevorstehende Ankunft am Ende aller Zeiten, von der wir in den Lesungen der Adventssonntage hören.

Das ist durchaus kein Randthema. Die letzten Sätze der Bibel, mit denen dieses Buch seine Botschaft abschließt, lauten:

„Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. – Amen. Komm, Herr Jesus! Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (Offb 22,20f.)

Komm, Herr Jesus! Diese tiefe, hoffnungsvolle Sehnsucht, diese frohe Erwartung… ich muss zugeben, dass ich mir damit oft schwer tue. Ich meine, da werde ich wahrscheinlich nicht die einzige sein: Wer von uns Christen wünscht sich denn wirklich im tiefsten Inneren, wenn er einmal ganz ehrlich mit sich selbst ist, dass der Herr endlich wiederkehren möge, so bald wie möglich, am besten gleich sofort? Ich jedenfalls… meistens nicht. Man fühlt sich nicht bereit. Lieber jetzt noch nicht gleich. Lieber irgendwann später einmal. (Ob man jetzt an die Wiederkunft Christi im Großen, d. h. die sog. Parusie, oder einfach an den eigenen Tod denkt.) Da sind Skrupulanten wie ich wahrscheinlich keineswegs die Einzigen, denen diese Sehnsucht der ersten Christen so fremd ist. (In einem schönen Beitrag zum Blogoezesanen Adventskalender beispielsweise geht es ebenfalls um dieses Thema: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2016/12/worauf-warten-wir-eigentlich.html)

Aber wieso eigentlich? Wie ist das so gekommen? Wenn wir in die Bibel schauen: Die Menschen, die diese Texte geschrieben haben, sehnten sich nach Gott, liebten ihn, wollten endlich, endlich sein Angesicht schauen. Man lese die Psalmen, die Propheten, die Evangelien (die ersten Kapitel des Lukasevangeliums allein!), die Apostelbriefe, die Offenbarung… Diese Menschen sehnten sich nach Gott. Und dafür hatten sie ja auch guten Grund, denn sie kannten Ihn.

Auch wenn ich mir dank meiner neurotisch geprägten Gottesvorstellung nicht immer so leicht mit dem Gedanken an die nächste Ankunft Jesu tue: Ich mag Weihnachten sehr. Weihnachten ist ein so schönes Fest, so ziemlich mein liebstes im Kirchenjahr. Es ist schön, die Krippe anzuschauen. Es klingt vielleicht blöd, das so zu sagen, aber: Das Jesuskind hat etwas so… Un-Bedrohliches an sich. Es ist so hilflos, liebenswert und kann einem nichts tun, es kann nicht einmal reden; es macht es einem leicht, es lieb zu haben. Ja, ich weiß, gerade in meinen erzkatholischen Kreisen redet man gerne davon, dass Gott kein braver, zahmer Gott ist, den wir uns nach unseren Vorstellungen zurechtmodellieren könnten, und wendet sich gegen eine die Ansprüche des Christentums fallen lassende, verwässerte Wir-kommen-eh-alle-in-den-Himmel-Theologie. Hat ja auch irgendwo seinen Sinn. Aber dieses Verhalten ist bloß eine Reaktion auf eine Übertonung eines Aspekts des Christentums – nicht das Christentum selbst. Wir müssen von der Barmherzigkeit, Güte und Zärtlichkeit Gottes sprechen (ja, auch nachdem das Jahr der Barmherzigkeit vorbei ist!), und uns selber klar werden, uns wirklich bewusst werden, wie groß Seine Liebe zu uns eigentlich ist. Gerade Weihnachten führt uns diese Liebe ja wieder so eindringlich vor Augen.

Ich liebe C. S. Lewis’ „Chroniken von Narnia“, ich habe alle sieben Bücher viele Male gelesen. Das siebte davon, „Der letzte Kampf“, lohnt sich besonders. (Okay, alle lohnen sich, eigentlich ist es unmöglich, eins davon auf diese Weise herauszustellen.) Dieses Buch beginnt damit, dass in Narnia ein machtgieriger, verschlagener Affe einen Esel mit einer Löwenhaut verkleidet und ihn als den wiedergekehrten Aslan ausgibt. Er ist kein zahmer Löwe, das ist der Satz, den der Affe und seine Helfer – und er selbst wird bald nur noch zu einem untergeordneten Helfer der mächtigen Kalormenen, die seinen Betrug für sich zu nutzen wissen – immer wieder im Lauf des Buches wiederholen, um die Tyrannei, die sie mithilfe des falschen Aslan aufzubauen versuchen, gegenüber den Narnianen durchzusetzen. Perfiderweise ist das ein Satz, der schon in den früheren Büchern gelegentlich vorgekommen ist und bei dem alle Narnianen wissen, dass er wahr ist. Viele glauben dem Affen, und auch einige der Hauptfiguren zweifeln anfangs, ob es nicht tatsächlich Aslan sein könnte, der da gekommen ist, als sie zuerst von ihm hören, so etwa König Tirian von Narnia und sein Freund, das Einhorn Kleinod:

„Noch etwas“, sprach der König, „das Pferd meinte, alles sei Aslans Befehl. Von der Ratte hörten wir dasselbe. Alle sagen, Aslan ist hier. Wenn das nun wahr ist?“

 „Aber, Majestät, wie könnte Aslan solche entsetzlichen Dinge anordnen?“

 „Er ist kein zahmer Löwe“, gab Tirian zu bedenken. „Wie sollen wir wissen, was er täte, wir, die wir Mörder sind? [Die beiden haben im Affekt zwei Kalormenen getötet, um ein sprechendes Pferd zu befreien.] Kleinod, ich will umkehren. Ich will mein Schwert ablegen und mich selbst in die Hände dieser Kalormenen begeben. Sie sollen mich vor Aslan bringen und er soll über mich Recht sprechen.“

 „Das wird Euer Tod sein!“, sagte Kleinod.

 „Glaubst du, ich frage danach, wenn Aslan mich zum Tode verurteilt?“, erwiderte der König. „Das macht mir nichts aus. Wäre es nicht besser, tot zu sein, als diese schreckliche Angst zu haben, dass Aslan zwar gekommen ist, aber nicht als der, an den wir geglaubt haben? Es ist, als ginge plötzlich eine schwarze Sonne auf.“

 „Ich weiß“, erwiderte Kleinod. „Oder als ob man Wasser trinken will und das Wasser ist vertrocknet. Ihr habt Recht, Majestät. Das ist das Ende aller Dinge. Wir sollten gehen und uns Aslan ausliefern.“

 „Beide müssen wir nicht gehen.“

 „Wenn wir jemals Freunde waren, dann lasst mich jetzt mit Euch kommen“, sagte das Einhorn. „Wenn Ihr tot seid, was bliebe mir vom Leben?“

Sie liefern sich also den Kalormenen aus und werden vor den Affen gebracht, der den verkleideten Esel in einem Stall verborgen hält und bloß abends bei Dunkelheit kurz herauskommen lässt, damit er sich den Narnianen und Kalormenen zeigt. Als sie dort ankommen, ist der Affe erst einmal damit beschäftigt, die Eichhörnchen herumzukommandieren, damit sie ihm ihre letzten Vorräte an Nüssen bringen:

Ein bestürztes Murmeln kam aus der Reihe der Eichhörnchen. Ihr Anführer sagte mutig: „Bitte, könnte nicht Aslan selbst mit uns darüber sprechen? Oder dürfen wir ihn nicht sehen?“

 „Nein, das wird euch nicht erlaubt“, kreischte der Affe. „Er wird so gnädig sein und heute Abend ein paar Minuten herauskommen. Das ist schon mehr, als die meisten von euch verdienen. […]“

 […]

 Plötzlich hörte man die tiefe Stimme eines zottigen Bären. „Aber warum können wir Aslan jetzt nicht sehen? Wenn er früher in Narnia erschien, konnte jeder mit ihm sprechen, von Angesicht zu Angesicht.“

 „Das glaubst du doch wohl selbst nicht“, entgegnete der Affe. „Aber, selbst wenn es so war, die Zeiten haben sich geändert. Aslan sagt, er sei früher viel zu sanft mit euch gewesen, versteht ihr? Sanft wird er nicht mehr sein. Diesmal wird er euch gehörig zurechtstutzen. Er wird euch den Gedanken, er sei ein zahmer Löwe, schon austreiben!“

Nun, wie genau es weitergeht, will ich jetzt hier nicht verraten, aber vor dem Ende des Buches kehrt dann jedenfalls noch der wahre Aslan zurück: ein ziemlicher Kontrast zu dem Schauspiel des Affen.

Als er noch sprach, erzitterte die Erde. Die milde Luft wurde plötzlich noch milder. Etwas Helles leuchtete hinter ihnen auf. Alle wandten sich um, Tirian zuletzt, weil er Angst hatte. Da stand die Sehnsucht seines Herzens groß und wirklich vor ihm: der Goldene Löwe, Aslan selbst. Schon knieten die anderen im Kreis um seine Vorderpfoten und vergruben ihre Hände und Gesichter in seiner Mähne. Aslan aber beugte sein großes Haupt und streichelte sie mit seiner Zunge. Dann fasste er Tirian scharf ins Auge, und Tirian kam zitternd näher und warf sich dem Löwen zu Füßen. Der Löwe küsste ihn und sagte: „Du hast gute Arbeit geleistet, letzter König von Narnia, der standhielt in seiner dunkelsten Stunde.“

Den Rest bitte selber lesen. Dieses Buch ist so schön.

Es stimmt: Zahm ist Gott tatsächlich nicht – aber Er ist gut. Er lässt sich nicht von uns kontrollieren – aber Er liebt uns mit inniger, zärtlicher Liebe.

„Der Geliebte spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Auf der Flur erscheinen die Blumen; die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land. Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte; die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Meine Taube im Felsennest, versteckt an der Steilwand, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.“ (Hohelied 2,10-14)

„Alles an dir ist schön, meine Freundin; kein Makel haftet dir an. Komm doch mit mir, meine Braut, vom Libanon, weg vom Libanon komm du mit mir! Weg vom Gipfel des Amana, von den Höhen des Senir und Hermon; weg von den Lagern der Löwen, den Bergen der Panther. Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut; ja verzaubert mit einem (Blick) deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette. Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester Braut; wie viel süßer ist deine Liebe als Wein, der Duft deiner Salben köstlicher als alle Balsamdüfte.“ (Hohelied 4,7-10)

Ich denke, vielleicht ist Weihnachten gerade das Fest für Skrupulanten und andere, die sich schwer damit tun, Gott zu lieben. Es macht einem irgendwie deutlich, dass Gott es nicht darauf abgesehen hat, uns dranzukriegen, sondern dass Gott auf unserer Seite ist – Er ist gekommen, um uns zu retten.

Hier noch zuletzt ein wunderbares Lied zum Advent, der Zeit, in der wir lernen können, uns auf die Ankunft des Herrn zu freuen:

 

O come, O come, Emmanuel

And ransom captive Israel

That mourns in lonely exile here

Until the Son of God appear

Rejoice! Rejoice! Emmanuel

Shall come to thee, O Israel.

 

O come, O come, Thou Lord of might,

Who to Thy tribes, on Sinai’s height,

In ancient times did’st give the Law,

In cloud, and majesty and awe.

Rejoice! Rejoice! Emmanuel

Shall come to thee, O Israel.

 

O come, Thou Rod of Jesse, free

Thine own from Satan’s tyranny

From depths of Hell Thy people save

And give them victory o’er the grave

Rejoice! Rejoice! Emmanuel

Shall come to thee, O Israel.

 

O come, Thou Day-Spring, come and cheer

Our spirits by Thine advent here

Disperse the gloomy clouds of night

And death’s dark shadows put to flight.

Rejoice! Rejoice! Emmanuel

Shall come to thee, O Israel.

Die allumfassende Kirche, Teil 7 – Die Unvollständigkeiten der Ketzer

[Ach ja: Für diese Reihe sind nach diesem noch ca. drei Beiträge geplant, und dann werde ich endlich mal mit meiner schon lange geplanten Reihe über die „schwierigen“ Bibelstellen beginnen. Irgendwie gibt diese Reihe hier mehr her, als ich mir vorgenommen hatte. Ich warne die Leser vor: Die Bibel-Reihe wird dem Anschein nach wahrscheinlich noch länger werden…]

 

Bei den allermeisten Ketzern der Geschichte ist das Problem nicht das, was sie positiv lehren, sondern das, was sie ablehnen; das Problem ist, dass sie sich aus dem katholischen (=allumfassenden) Glauben einzelnes herauspicken und anderes liegen lassen. Schon das griechische Wort für Ketzerei, Häresie, heißt nichts anderes als „Wahl“, „Auswahl“. Sie behandelten bzw. behandeln den Glauben wie ein Büffet, aus dem man sich nimmt, was man mag, und liegen lässt, was einem nicht so zusagt. In Wahrheit ist er jedoch ein Mosaik, das durch das Fehlen jedes einzelnen Steines kaputt gemacht wird. Und ein weiteres Problem ist: wenn ein Stein fehlt, fallen auch bald andere heraus, oft auch solche, die man eigentlich behalten wollte.

Als Beispiel wollen wir zuerst einmal die Ketzerei ansehen, deren 500-jähriges Jubiläum zu feiern ich mich weigere. Luther sprach immer von „allein die Gnade“ und „allein der Glaube“. Die katholische Antwort darauf war nicht: Quatsch, bloß die guten Werke zählen! Sondern: Sicher, ohne Gnade und Glaube geht gar nichts, aber die guten Werke zählen auch. Die Ansicht, dass nur die Werke zählten, hatte die Kirche nämlich schon im 5. Jahrhundert verworfen – man nennt sie Pelagianismus (nach dem Mönch Pelagius, der sie propagierte). Die Protestanten sagen: „sola“ – allein. Die Katholiken sagen: „et – et“ – sowohl als auch. Das gilt in Bezug auf mehrere Dinge: Allein die Schrift – Sowohl die Schrift als auch die Tradition. Allein Christus – Sowohl Christus als auch die Heiligen als auch die sichtbare Kirche.

Leider führt die alleinige Betonung einer bestimmten Sache nicht immer dazu, dass selbst sie besonders in Ehren gehalten wird. Luther pickte sich aus dem katholischen Glauben das heraus, was ihm passte; die Kirche hatte die Bibel zusammengestellt und die Jahrhunderte hindurch bewahrt und ihm überliefert und er entschied nun: Die Bibel allein zählt, die Kirche nicht! Aber dann traf seine Häresie, seine Auswahl, selbst die Bibel, die er vorher so herausgestellt hatte: Aus dem Alten Testament schmiss er die sieben deuterokanonischen Bücher und den Jakobusbrief schimpfte er eine „Strohepistel“. Ein anderes Beispiel: Die Kirche hält die Ehe in großen Ehren – sie ist eins der sieben Sakramente, unauflöslich, Ehe und Familie gelten als Kirche im Kleinen und Kern einer jeden Gesellschaft. Gleichzeitig sagt sie aber auch, dass der Verzicht auf die Ehe, der Verzicht auf ein Gut um eines höheren Gutes willen, also gottgeweihte Jungfräulichkeit (bzw. Enthaltsamkeit), noch höher steht (wie es Christus gesagt hat – „wer das erfassen kann, der erfasse es“; Mt 19,12). Aber beides hat seinen Platz, beides ist unersetzlich. Luther verwarf nun Zölibat und Ordenswesen; er wurde seinem Mönchsgelübde untreu und heiratete eine abgefallene Nonne, und in den Landen, in denen seine Lehre sich durchsetzte, lösten die Fürsten die Klöster auf und rissen ihren Besitz an sich. Aber das führte nicht dazu, dass er die Ehe dann besonders in Ehren gehalten hätte – im Gegenteil; sie sei ein „weltlich Ding“. Ihre Unauflöslichkeit sah er nicht ganz so streng, und Philipp von Hessen erlaubte er die Bigamie. Das kommt davon, wenn man meint, eins der vielen Dinge, die im Katholizismus wichtig sind, aus dem System herausziehen und allein auf ein Podest stellen zu müssen; es verliert ebenfalls seinen Wert, den es nur im Zusammenspiel mit all den anderen Dingen bewahren könnte. Ich bin hier https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-4-was-skrupulositaet-nicht-ist/ schon einmal auf Aristoteles’ Lehre der Komplementärtugenden, die Eingang in die katholische Theologie gefunden hat, eingegangen: Jede Tugend braucht die Ergänzung durch andere Tugenden. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Vorsicht und Tapferkeit, usw. brauchen sich gegenseitig. Mal ist die eine Tugend nötig, mal die andere. Wenn die eine ganz verloren geht, wird auch die andere verzerrt. Ebenso ist es mit sämtlichen Glaubenslehren.

C. S. Lewis hat in einem Essay namens „Gültiges und Endgültiges“ aus dem Jahr 1942 ein paar schöne Beispiele aus anderen Bereichen für dieses Prinzip angeführt:

 

„Als ich am 6. Juni in der Time and Tide las, dass die Deutschen Hagen statt Siegfried zu ihrem Nationalhelden auserkoren haben, hätte ich vor Vergnügen laut lachen können. Denn ich bin ein romantischer Mensch, und seit ich eines goldenen Sommers in meiner Jugend zum ersten Mal den ‚Walkürenritt’ auf einem Grammophon gehört und Arthur Rackhams Illustrationen zum Ring des Nibelungen gesehen habe, liebe ich das Nibelungenlied, und ganz besonders die Wagnersche Fassung, über alles. Es kann mir noch heute passieren, dass beim bloßen Geruch dieser Bücher die ganze Inbrunst meiner alten Jugendliebe wieder über mich kommt. Darum war es ein bitterer Augenblick, als sich die Nazis meines Schatzes bemächtigten und ihn ihrer Ideologie einverleibten. Doch nun ist alles wieder gut. Offensichtlich ist die Geschichte für sie unverdaulich. Sie wäre ihnen schon längst wieder hochgekommen, wenn sie sie nicht auf den Kopf gestellt und einen der kleineren Bösewichte zum Helden gemacht hätten. Der nächste logische Schritt wird zweifellos sein, dass sie Alberich als die wahre Verkörperung des nordischen Geistes ausrufen. Aber mir haben sie wieder zurückgegeben, was sie mir gestohlen hatten.

 Das Stichwort ‚nordischer Geist’ bringt mich darauf, dass ihr Versuch, sich den Ring des Nibelungen anzueignen, nur ein Aspekt ihres Versuches ist, ‚das Nordische’ überhaupt für sich zu pachten, und das ist ein nicht minder lächerliches Unterfangen. Wie können Leute, die Macht mit ‚Recht’ gleichsetzen, sich Verehrer Odins nennen? Das Problem bei Odin war ja doch, dass er das Recht, aber nicht die Macht, für sich hatte. Das Problem der altisländischen Religion ist es ja gerade, dass sie – als einzige von allen Mythologien – den Menschen dazu aufforderte, Göttern zu dienen, die mit dem Rücken zur Wand kämpfen und am Ende mit Sicherheit unterliegen. ‚Ich gehe mit Odin in den Tod’, sagt der Wanderer in Stevensons Fabel und beweist damit, dass Stevenson etwas vom nordischen Geist begriffen hat, was Deutschland nie und nimmer begreifen kann. Die Götter werden fallen. Odins Weisheit, Thors derbes Draufgängertum (er war wohl eine Art Yorkshireman), Baldurs Schönheit – sie werden einst an der Realpolitik der stumpfsinnigen Riesen und ungeschlachten Trolle zerbrechen. Doch das kann keinen freien Menschen daran hindern, ihnen die Treue zu halten. Es muss uns daher nicht verwundern, dass alle echte germanische Dichtung von Heldentum und Kampf auf verlorenem Posten handelt.

 […] Wie kommt es, dass ausgerechnet das Volk, das als einziges in Europa versucht, seine vorchristliche Mythologie wieder zu beleben, sich als unfähig erweist, diese Mythologie überhaupt schon im Ansatz zu verstehen? […] Das Bessere dem weniger Guten opfern und dann nicht einmal fähig sein, mit dem weniger Guten etwas anzufangen – das ist doch völlig unbegreiflich. Das Erstgeburtsrecht für ein mythologisches ‚Linsengericht’ verkaufen und dann diese Mythologie noch völlig verdrehen – wie kann man nur! Denn soviel ist sicher: Mir (der ich mir eher das Gesicht mit Farbe blau malen würde, als an einen wirklichen Odin zu glauben) gibt die Beschäftigung mit Odin alle Befriedigung und Freude, die er zu geben hat, während die Nazi-Odinisten überhaupt nichts davon haben.

 Und doch ist der Widerspruch, wenn ich es recht überlege, vielleicht gar nicht so groß, wie er aussieht. […] Mir fielen noch andere Beispiele dafür ein. Bis in die neuere Zeit – bis etwa zur Romantik – wäre es niemandem in den Sinn gekommen, Literatur und Kunst als Selbstzweck zu betrachten. Sie waren zur ‚Verschönerung des Lebens’ da, zur ‚harmlosen Zerstreuung’ oder aber zur ‚Verfeinerung der Sitten’, als ‚Ansporn zur Tugend’ oder zur Verherrlichung der Götter. Die großen Werke der Musik wurden für die Messe geschrieben, die großen Gemälde gemalt, um im Speisesaal irgendeines vornehmen Gönners eine leere Wand zu füllen oder um in der Kirche zur Andacht anzuregen; die großen Tragödien wurden entweder von religiösen Dichtern zu Ehren des Dionysos geschrieben, oder sie entstanden als Lohnaufträge zur Unterhaltung der Londoner an ihren freien Nachmittagen. Erst im neunzehnten Jahrhundert sind wir uns der vollen Würde der Kunst bewusst geworden. Erst da haben wir begonnen, sie ‚ernst zu nehmen’, so wie die Nazis die Mythologie ernst nehmen. Doch die Folge ist offenbar, dass das Ästhetische die Beziehung zum Leben verloren hat und nicht viel mehr davon übrig geblieben ist als Werke, die entweder so ‚hoch’ sind, dass immer weniger Leute sie lesen, hören oder sich ansehen mögen, oder so ‚populär’, dass sich sowohl die Schreiber als auch die Leser ihrer beinah schämen. […]

 Eine Frau, die ihren Hund zum Lebensinhalt macht, verliert letztlich nicht nur Lebenssinn und Menschenwürde, sondern auch die Freude an ihrem Hund selbst. Ein Mann, dem der Alkohol das Wichtigste ist, verliert nicht nur seine Arbeitsstelle, sondern auch die Freude an einem guten Tropfen und die Fähigkeit, die ersten leichten (und durchaus angenehmen) Stadien eines Rauschs zu genießen. Es ist wunderbar, einen Augenblick lang (oder auch zwei) das Gefühl zu haben, der ganze Sinn und Zweck des Lebens sei in einer Frau zu finden – doch nur, solange andere Pflichten und Freuden uns immer wieder von ihr wegreißen. Aber räumen Sie alles aus dem Weg und richten Sie Ihr Leben so ein (manchmal lässt sich das machen), dass Sie nichts anderes mehr zu tun haben, als für sie da zu sein – und was geschieht? […] Jede Bevorzugung eines geringeren Gutes vor dem höheren oder eines Teils vor dem Ganzen führt zum Verlust des geringeren Guts oder des Teils, um deswillen das Opfer gebracht wurde. […]“

(Nebenbei: Lewis war zwar kein Katholik, sondern Anglikaner, aber z. B. in Bezug auf das oben genannte Thema Glaube & Werke vertrat er sehr eindeutig die katholische Position; er schreibt in „Mere Christianity“, die Frage, was davon wichtiger sei, sei wie die Frage, welche Schneide einer Schere wichtiger sei als die andere – ganz genau die katholische Lehre gegenüber Protestantismus und Pelagianismus.)

 

Ein klassisches Beispiel für die Unvollständigkeiten der Ketzer wären natürlich auch die christologischen Streitereien der Antike. Die katholische Lehre ist: Christus ist die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit, wahrer Gott, ganz Gott, ewig, ungeschaffen, eins mit dem Vater und dem Heiligen Geist – und gleichzeitig ist er wahrer Mensch geworden, mit einem menschlichen Leib und einer menschlichen Seele und einem menschlichen Willen, er war zuerst ein Embryo und später ein Kleinkind, er hat sprechen und gehen gelernt und hatte Zehennägel und ein Verdauungssystem und ein bestimmtes Aussehen und hat geschlafen und gegessen und Gefühle erlebt wie jeder einzelne Mensch; „in allem uns gleich außer der Sünde“; und er ist sogar jetzt, nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt, immer noch gleichzeitig Gott und Mensch, er hat seine verherrlichte Menschennatur mit in den Himmel genommen. Diese Lehre wurde auf den frühen Konzilien definiert, gegen alle die Häretiker, die den Skandal der göttlichen Liebe, den Skandal des wirklichen Gottes, des unfassbar fernen, unbegreiflichen, allwissenden und allmächtigen Schöpfers der Welt, der gleichzeitig ein Geschöpf in seiner eigenen Welt wird, verwässern wollten.

Es gab Häretiker auf beiden Seiten: Die Doketisten (doxa = Schein) meinten, Christus sei nur Gott, der eine menschliche Erscheinungsform angenommen habe; natürlich habe er aber nicht wirklich leiden oder sterben oder essen können, sondern es habe eben nur so ausgesehen. Dann gab es die Adoptianisten, die meinten, Gott habe einfach einen besonderen Menschen, Jesus, als seinen Sohn angenommen (sozusagen adoptiert); der erhabene Gott und selber Mensch werden, also, aber wirklich! Dann gab es die gemäßigteren Häretiker der zwei Seiten, die Arianer, die Monophysiten und die Monotheleten zum Beispiel. Die Arianer sind benannt nach Arius, einem Bischof des 4. Jahrhunderts, der diese Ketzerei aufbrachte und der übrigens – interessante Anekdote – beim Konzil von Nicäa von einem anderen Bischof, St. Nikolaus von Myra, geohrfeigt worden sein soll. Sie lehrten, dass Christus zwar nicht einfach nur ein Mensch sei, aber trotzdem ein Geschöpf und nicht Gott; eine Art oberster Engel, geschaffen von Gott vor der Schöpfung aller anderen Geschöpfe; durch ihn sei dann unsere Welt geschaffen worden und er sei Mensch geworden und habe die Welt erlöst. Auch wieder hier: Nicht wirklich der richtige Gott, sondern ein Geschöpf (und der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf ist größer, als der zwischen einem Erzengel und einem Bakterium je sein könnte) ist am Kreuz gestorben, um die Menschen zu erlösen; der richtige Gott kann das doch nicht gemacht haben. Die Monophysiten auf der anderen Seite (monos = eins, einzig, physis = Natur) lehrten dagegen, dass Christus nur eine einzige Natur, die göttliche, gehabt habe. Er sei zwar wirklich Gott, ja, Gott sei wirklich auf die Erde gekommen, aber er habe nicht wirklich die menschliche Natur angenommen – einen menschlichen Leib, ja, gut, aber dass die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit auch eine menschliche Seele haben soll, menschliche Gefühle, den Beschränkungen des menschlichen Gehirns unterworfen gewesen sein soll… das wäre doch etwas unpassend. Der Monotheletismus lehrte ganz ähnlich, dass Jesus nur einen einzigen Willen (thelos) gehabt habe, den göttlichen, nicht einen göttlichen und einen menschlichen zugleich, wie es die Kirche dann definierte. Es gibt noch zahlreiche andere Varianten dieser Häresien beider Seiten, aber ihnen allen ist eines gemeinsam: Entweder sagen sie, der Erlöser sei nur ein Geschöpf und nicht Gott, oder sie sagen, er sei nur Gott und nicht so ganz wirklich richtig Mensch geworden. Sie sind alle wohlmeinend auf Gottes Erhabenheit und Ehre bedacht; es käme ihnen nicht ganz richtig vor, dass er sich so erniedrigt. Und das ist ja verständlich; man muss sich das wirklich mal vor Augen führen, an was wir Katholiken eigentlich glauben – einen Gott, dem mal die Windeln gewechselt werden mussten.

Aber Gott ist eben so, auch wenn es Adoptianisten, Arianern, Doketisten, Gnostikern, Monophysiten, Monotheleten und Nestorianern komisch vorkommt. Er ist einfach so, und wir Katholiken sind dankbar dafür, und akzeptieren fröhlich beide Seiten – wahrer Gott und wahrer Mensch. Wir stimmen den Adoptianisten zu, wenn sie sagen, dass Jesus ein Mensch war, wie wir alle, und den Doketisten, wenn sie sagen, dass er Gott war, ganz anders als wir. Er ist beides. (Hier lohnt es sich vielleicht, den Begriff der Perichorese zu erwähnen; er bedeutet: völlige gegenseitige Durchdringung ohne Vermischung. Er wird in der Trinitätstheologie für das Verhältnis der drei göttlichen Personen – Vater, Sohn, Heiliger Geist – verwendet, und in der Christologie für das Verhältnis der zwei Naturen – göttliche und menschliche – in der zweiten Person der göttlichen Dreieinigkeit.)

Oder nehmen wir ein Beispiel aus modernen Zeiten: Individualismus vs. Kollektivismus/Totalitarismus. Im Individualismus wird nur auf den Einzelnen geschaut, im Kollektivismus nur auf die Gemeinschaft, aber beide halten Individuum und Gemeinschaft nicht wirklich in Ehren. Der Individualismus vergisst eigentlich die Würde des Einzelnen, zu der gerade seine Beziehungsfähigkeit, sein Vermögen, andere zu kennen und zu lieben und über sich selbst hinaus zu schauen, gehört. Egoistisches Schauen auf reine „Selbstverwirklichung“ wird weder dem Individuum noch der Gemeinschaft gerecht. Der Kollektivismus gleichzeitig vergisst nicht nur den Wert des Individuums, sondern auch das wahre Wesen der Gemeinschaft, die doch ihren Wert gerade dadurch erweist, dass sie für jedes einzelne ihrer Mitglieder einsteht. (Noch dazu propagiert er die völlig falsche Vorstellung von einer formlosen Masse gleichgeschalteter Wesen anstelle einer Gemeinschaft ganz unterschiedlicher Menschen, die jeweils das Ihre beitragen und einander ergänzen wie die verschiedenen Organe eines Körpers.) Die katholische Sicht, wie sie etwa in der kirchlichen Soziallehre zum Tragen kommt, wäre dagegen: Einer für alle und alle für einen. Weder Individualismus noch Kollektivismus erfassen dieses Konzept.

Ich glaube, der Satz, dass die Leute oft „right in what they affirm, but wrong in what they deny“ sind, stammt ursprünglich von John Henry Newman. Das trifft das Phänomen der Ketzerei sehr gut. Protestanten sind Jesus und die Bibel und der Glaube wichtig, und da können wir Katholiken nur aus vollem Herzen zustimmen! Aber wieso lehnen sie dann die Eucharistie ab, in der Jesus selbst gegenwärtig wird? Wieso lehnen sie die Kirche ab, von deren Einsetzung durch Jesus uns die Bibel ebenfalls berichtet? Wieso lehnen sie es ab, alle die Christen zu ehren, die Ihm im Lauf der Geschichte besonders nachfolgten, d. h. die Heiligen? Das ist doch unverständlich.

Sie besitzen immer noch einzelne Wahrheiten; aber nicht mehr die Fülle der Wahrheit. Die gibt es eben nur in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche.

Philosophie und Offenbarung, Teil 2

Jetzt habe ich den ersten Teil (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/09/25/philosophie-und-offenbarung-teil-1/) schon vor Wochen gepostet und liefere erst jetzt den zweiten nach – aber besser spät als nie, denke ich mir.

Im ersten Teil ging es um das Allgemeine zum Thema philosophische Gotteserkenntnis und Gotteserkenntnis durch Offenbarung und die wichtigsten philosophischen Argumente für Gott wurden kurz angerissen; jetzt also speziell zu den Argumenten für die christliche/katholische Offenbarung.

Mir ist in letzter Zeit ein bestimmter Fehler in der typischen atheistischen Argumentation gegen die christliche Offenbarung aufgefallen. Da wird nämlich gelegentlich gefragt: Wieso hätte Gott sich so und so offenbaren sollen und nicht deutlicher? Wieso hätte er zu irgendwelchen „rückständigen Nomaden“ am Arsch der Welt reden sollen? Wieso damals und nicht heutzutage, wo es viel bessere Möglichkeiten zur Verbreitung der Botschaft gäbe? Usw.

Nun kann man sicher interessante Spekulationen darüber aufstellen, was die Antworten auf diese Fragen wären, aber für unser Thema sind sie eigentlich vollkommen falsch gestellt. Denn die Frage ist doch gar nicht, wieso, sondern ob Gott das gemacht hat. Argumentiert man mit „Wieso hätte Hannibal mit Elefanten über die Alpen laufen sollen, das wäre doch total umständlich gewesen“ dafür, dass Hannibal niemals mit Elefanten die Alpen überquert habe, oder damit, dass wohl kaum ein Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU den Untergang des Kommunismus eingeläutet haben könne, dafür, dass es Gorbatschows „Glasnost & Perestroika“-Programm nie gegeben habe? Eben.

Man muss an die Frage anders herangehen: Man sieht sich einfach die Quellen an und fragt nach ihrer Glaubwürdigkeit – was nicht gleichbedeutend ist mit der Wahrscheinlichkeit der Ereignisse, die sie beschreiben, denn es ist in der Weltgeschichte viel Unwahrscheinliches geschehen. Wie viele Quellen haben wir für Hannibals Alpenüberquerung? Aus welcher Zeit stammen sie? Von wem stammen sie? Haben wir andere Quellen des Autors, von denen wir wissen können, dass sie Unwahres berichten, oder umgekehrt, dass sie zuverlässig sind? Werden die Quellen durch andere Quellen bestätigt? Oder stehen andere Quellen ihnen entgegen? Wenn ja, wie könnte sich das erklären lassen? Und so weiter. Und so muss man es eben auch mit Lehren, die von sich behaupten, göttliche Offenbarung zu sein, machen. Offenbarung – zumindest die christliche Offenbarung – ist bekanntlich ein grundlegend historischer Vorgang; sie hängt davon ab, dass zu dem und dem Zeitpunkt das und das wirklich geschehen ist. „Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten…“ Die nächsten Fragen sind also: Woher wissen wir von der christlichen Offenbarung? Durch die Kirche und durch ihre Heiligen Schriften. Woher stammen diese Schriften? Wie alt sind sie? Kann das stimmen, was darin steht?

Hier sollte man übrigens auf einen weiteren logischen Fehlschluss aufpassen. Oftmals wird nämlich, wenn in einem historischen Text von einem Wunder berichtet wird – z. B. von der Auferstehung – sofort darauf geschlossen, dass das dann ja gar nicht historisch sein könne. Die Ansicht, dass Wunder gar nicht passieren könnten, bringt man aber von außen als philosophisches Vorurteil an diesen Text heran. Und dieses Vorurteil ist durchaus zu hinterfragen. Denn wenn man (auch nur hypothetisch) davon ausgeht, dass es einen allmächtigen Gott außerhalb der Welt gibt, der diese geschaffen hat, sollte man auch davon ausgehen können, dass er abseits der von ihm eingerichteten normalen Naturgesetze zumindest theoretisch in das Weltgeschehen eingreifen kann – so, wie Eltern auf das Taschengeldkonto ihrer Kinder zugreifen können. Und das wird er vielleicht auch tatsächlich einmal tun, um den Leuten zu zeigen, dass es auch wirklich er ist, der sich ihnen da zeigt.

Einer der wichtigsten Punkte in der Frage nach der Wahrheit des Christentums ist natürlich die Auferstehung Jesu. Keiner, der auch nur die geringste Ahnung von Geschichte hat, leugnet, dass Jesus von Nazareth gelebt hat und unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, dafür bräuchten wir nicht einmal die christlichen Quellen, sondern Tacitus und Flavius Josephus würden schon genügen, aber die Frage ist ja: War er wirklich Gott? Wurde er sozusagen von Gott bestätigt dadurch, dass er während seines Lebens Wunder wirken konnte und vor allem dadurch, dass er nach seinem Tod auferstanden ist? Ist dieser Bericht glaubhaft?

Kurz gesagt: Ja, ist er.

Zunächst einmal muss man auch hier den Fallstrick eines Fehlschlusses beachten, der darin besteht, biblische/christliche Quellen von vorn herein nicht als Beweismittel für in der Bibel erzählte Vorgänge anzunehmen, da sie ja irgendwie parteiisch oder so wären. Das ist Unsinn. Auf diese Weise könnte ich alle Quellen der gesamten Geschichte aus der Geschichtsschreibung hinauswerfen. Jede Quelle ist parteiisch; kein Geschichtsschreiber war je neutral. Man sage mir, wie viele unparteiische Quellen es über Julian Apostata, Napoleon Bonaparte oder Adolf Hitler gibt – ich nehme mal an, gar keine. Ich nehme alle vorhandenen Quellen, sehe mir ihre Berichte an und frage mich, wieso der Schreiber wohl für diese Seite und der Schreiber wohl für jene Seite Partei ergriffen hat, welcher Schreiber eher die Wahrheit berichtet oder welcher Schreiber vielleicht welchen Teil der Wahrheit berichtet. Wenn ich etwas über Sokrates wissen will, sehe ich mir Platons und Xenophons Sokrates-Dialoge ebenso an wie Aristophanes satirische Komödie „Die Wolken“. (Das ist übrigens ein ganz interessantes Beispiel, denn: „Die Wolken“ ist die einzige Quelle über Sokrates, die noch zu seinen Lebzeiten verfasst wurde, und trotzdem scheinen die meisten Historiker ziemlich deutlich der Meinung zu sein, dass sie bei Platon mehr vom historischen Sokrates finden als bei Aristophanes. (In dieser Hinsicht gibt es jetzt zwar keine Parallele zur Frage nach der Auferstehung, ich will nur deutlich machen, dass man sich bei Quelleninterpretation immer in vielerlei Hinsicht vor voreiligen Schlüssen hüten muss.))

Die Texte des Neuen Testaments stammen aus dem 1. Jahrhundert; als die ältesten unter ihnen werden in der Forschung meistens die Paulusbriefe aus den 50ern und frühen 60ern angenommen, aber auch die späte Datierung der Evangelien in die 70er, 80er und 90er wird in letzter Zeit immer wieder hinterfragt. (Wobei natürlich auch das immer noch eine relativ nahe Zeit wäre – wenn ein Evangelist in den 80ern über Geschehnisse aus dem Jahr 30 berichtet, wäre das nicht anders, als wenn heute jemand über die 68er-Bewegung oder das Zweite Vatikanum oder die Zeit des Wirtschaftswunders spricht. Die Forschungskontroversen lasse ich hier jetzt also mal aus, weil sie für das Thema eigentlich nicht so bedeutend sind.) Diese Texte sind, nebenbei bemerkt, wahnsinnig gut überliefert, was die Handschriften angeht. Von den allermeisten antiken Quellen haben wir bloß Abschriften aus dem Mittelalter; beim Neuen Testament dagegen sehr viele aus der Antike. Die älteste komplette Handschrift (Codex Sinaiticus) stammt von ca. 350 n. Chr., der früheste erhaltene Papyrusfetzen des Johannesevangeliums (P52) von ca. 100-125 n. Chr. (Eine fast komplette Ausgabe des Johannesevangeliums, P66, stammt ebenfalls noch aus dem 2. Jahrhunderts; zahlreiche weitere Einzeltexte aus diesen ersten Jahrhunderten kommen hinzu.) Für antike Quellen ist das wahnsinnig gut; die Bibel ist der am besten belegte Text der antiken Literatur überhaupt; und diese antiken Papyri und Codices stimmen mit unseren heutigen Texten überein.

Natürlich – siehe das Beispiel mit Sokrates – ist die Tatsache, dass eine Quelle erwiesenermaßen aus der Zeit stammt, von der sie berichtet, noch kein Beleg für ihre Richtigkeit; diese Fakten zur Überlieferung müssen zwar klargestellt werden angesichts von noch immer herumgeisternden Bibelverschwörungtheorien (die Bibel sei von Konstantin oder sonst wem nach seinem Belieben zusammengestellt / geändert worden o. Ä.); aber sie reichen natürlich noch nicht aus.  Aber: Wenn nun im Jahr 55 n. Chr., d. h. 25 Jahre nach der Kreuzigung, ein ehemaliger ultrajüdischer Christenverfolger Folgendes schreibt, dann muss man sich doch fragen, wie er dazu gekommen ist: „Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als Letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der ‚Missgeburt’. Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben.“ [„Kephas“, nebenbei, ist aramäisch für gr. „Petros“, lt. „Petrus“, dt. „der Fels“, also der Beiname des Simon Petrus.] Wie gesagt: Paulus, früher Saulus, war jemand, der diesem neuen Messias erst einmal nicht nur skeptisch, sondern ganz klar feindlich gegenüberstand. Er muss einen Grund gehabt haben, ihm dann auf einmal nachzufolgen; er muss tatsächlich etwas erlebt haben. Und wenn er seiner Gemeinde in Korinth von fünfhundert weiteren Zeugen für die Auferstehung berichtet, von denen die meisten noch am Leben sind und also befragt werden können, dann fragt sich doch, ob man da so einfach eine Massenhalluzination annehmen kann.

Ähnliches wie für Paulus gilt für die ursprünglichen elf Apostel (Judas hatte sich dann ja erhängt) und die übrigen Jünger: Ihr Meister war hingerichtet worden, er war tot, sie hatten ihn in ein Grab gelegt. Sie waren eine zerschlagene, mutlose Gemeinschaft, deren Ankerpunkt weggenommen worden war. Dann begannen sie auf einmal voller Überzeugung und Eifer von seiner Auferstehung zu verkünden. Nun gibt es drei Möglichkeiten: Entweder haben sie alle zusammen sich auf einmal eingebildet, er sei auferstanden, oder sie haben es erfunden, oder er ist wirklich auferstanden. Die Möglichkeit der Erfindung ist so lächerlich, dass es sich eigentlich nicht wirklich lohnt, weiter auf sie einzugehen. Denn: Was hatten sie davon? Erst einmal wurden sie verhaftet und ausgepeitscht (Apg 5,17-42), dann wurde einer von ihnen, der Diakon Stephanus, gesteinigt (Apg 7,54-60), das war der Ausgangspunkt für eine noch schlimmere Verfolgung (Apg 8,1-3); kurz gesagt: Flucht, Gefängnis und Tod waren Dinge, die man in den ersten Zeiten vom christlichen Bekenntnis hatte. „Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe“, schreibt Paulus, „dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder.“ (2 Kor 11,24-26) Nicht nur der Hohe Rat, sondern bald auch die Römer wurden auf diese neue Sekte da aufmerksam, und bereits in den 60ern hatte man die erste richtige Christenverfolgung unter Nero. Sorry, aber: wer lässt sich für etwas foltern und hinrichten, das er selber erfunden hat? Denn das hätten Petrus und die übrigen Apostel laut dieser Theorie getan. (Und laut Überlieferung wurde Petrus immerhin kopfüber gekreuzigt, was jetzt auch nicht sooo wahnsinnig angenehm ist.) Wenn man dazu mal Tacitus liest: „Doch nicht durch menschliche Hilfe, noch durch des Kaisers Spendungen oder durch Sühnungen der Götter ließ sich das Gerücht bannen, dass man glaubte, es sei die Feuersbrunst befohlen worden. Um daher dieses Gerede zu vernichten, gab Nero denen, welche wegen ihrer Schandtaten verhasst waren und welche das Volk Christen [wörtlich: Chrestianer] nannte, die Schuld und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. Derjenige, von welchem dieser Name ausgegangen war, Christus [Chrestus], war unter des Tiberius Regierung vom Procurator Pontius Pilatus hingerichtet worden; und der für den Augenblick unterdrückte verderbliche Aberglaube brach wieder aus, nicht nur in Judäa, dem Vaterlande dieses Unwesens, sondern auch in der Hauptstadt, wo von allen Seiten alle nur denkbaren Gräuel und Abscheulichkeiten zusammenströmen und Anhang finden. Die erste Zeit also wurden solche ergriffen, welche sich dazu bekannten, und dann auf deren Anzeige eine ungeheure Menge nicht sowohl der Brandstiftung als des allgemeinen Menschenhasses überwiesen. Und bei ihrem Tode ward auch noch Spott mit ihnen getrieben, dass sie mit Häuten wilder Tiere bedeckt durch Zerfleischung durch Hunde oder an Kreuze geheftet oder im Feuerkleid ihren Tod fanden, und wenn sich der Tag geneigt hatte, zur nächtlichen Erleuchtung verbrannt wurden. Seinen Park hatte Nero zu diesem Schauspiel geöffnet und gab ein Circusspiel, wobei er sich im Aufzug eines Wagenlenkers oder auf dem Wagen stehend sich unter das Volk mischte. Daher wurde, wenn auch für noch so Schuldige, welche die härtesten Strafen verdient hatten, Mitleid rege, als würden sie nicht dem allgemeinen Besten, sondern der Mordlust eines Einzigen geopfert.“ Das klingt jetzt alles nicht so toll. Und auch in den nächsten 250 Jahren noch hatte man Glück, wenn man als Christ halbwegs unbehelligt durchs Leben kam, ohne Gewalt oder Flucht oder Verhaftung erleben zu müssen; Vorteile hatte man vom Christsein gleich null. (Zum Märtyrer wurde man nicht zwangsläufig, weil die Verfolgung nur mal hier und da ausbrach, aber sicher war man eigentlich nie.) Natürlich könnte man nun annehmen, dass die Apostel und übrigen Anhänger Jesu (davon gab es ja wesentlich mehr als zwölf) einfach unterirdisch dumm gewesen wären oder sehr verkappte Selbstmordabsichten gehabt hätten, aber wirklichen Erklärungswert hat diese These eher nicht so, finde ich. Und auch die These der Massenhalluzination ist, na ja, nicht sehr schlüssig. Welche Parallelen gäbe es denn für so etwas?

Es gibt natürlich noch weitere Argumente. Zum Beispiel, wenn man sich diesen Mann, von dem das alles ausgeht, diesen Jesus von Nazareth selbst, ansieht. Es gibt dieses Argument, das man klassischerweise mit den Worten „Aut Deus aut homo malus“ zusammenfasst: Jesus muss entweder Gott oder ein schlechter Mensch (oder ein Verrückter) gewesen sein, denn er behauptete, Gott zu sein, was kein guter Mensch tut. Er war aber, nach allem, was wir in den Evangelien über ihn lesen, kein schlechter Mensch und kein Verrückter, also bleibt nur die Möglichkeit: Er hat ganz einfach die Wahrheit gesagt und war Gott. Ich will mal wieder C. S. Lewis zitieren:

„Unter diesen Juden taucht plötzlich ein Mensch auf, der redet, als wäre er Gott. Er behauptet, Sünden vergeben zu können. Er sagt, er sei von Ewigkeit an gewesen. Er sagt, er werde am Ende der Zeiten kommen, um die Welt zu richten. Überlegen wir einmal, was das heißt: Unter Pantheisten, etwa den Indern, könnte jeder sagen, er sei ein Teil Gottes oder er sei eins mit Gott; das wäre nichts Besonderes. Aber da dieser Mann Jude war, konnte er einen solchen Gott nicht meinen. In seiner Sprache bedeutete Gott jenes Wesen außerhalb der Welt, das die Welt erschaffen hat und mit nichts anderem zu vergleichen ist. Haben wir begriffen, was das heißt, dann wird klar: Was dieser Mann sagte, war schlechthin das Schockierendste, was je über menschliche Lippen gekommen ist.

Dabei entgeht uns oft ein gewisser Aspekt seiner Behauptung. Wir haben ihn schon so oft gehört, dass wir gar nicht mehr wissen, was damit eigentlich gesagt wird. Ich meine den Anspruch, Sünden zu vergeben. Diese Behauptung ist wirklich so ungeheuerlich, dass sie komisch wirken muss, solange sie nicht von Gott selbst kommt. Wir alle wissen, wie ein Mensch ihm angetanes Unrecht vergibt. Jemand tritt mir auf den Fuß, und ich verzeihe ihm; jemand stiehlt mir mein Geld, und ich vergebe ihm. Was aber würden wir von einem Menschen halten, der – selber unberaubt und unbehelligt – verkündet, er vergebe allen, die anderen Leuten auf die Füße treten und anderer Leute Geld stehlen? Eselsdumme Albernheit wäre noch die zarteste Umschreibung für ein derartiges Verhalten.

Und doch hat Jesus eben dies getan. Er sagte den Menschen, ihre Sünden seien ihnen vergeben, ohne erst alle die anderen zu fragen, denen sie mit ihren Sünden Unrecht getan hatten. Er verhielt sich einfach so, als sei er der am meisten Betroffene, als sei er derjenige, demgegenüber man sich am meisten vergangen habe. Das ist jedoch nur dann verständlich, wenn er wirklich der Gott ist, dessen Gesetze gebrochen und dessen Liebe durch jede Sünde verletzt wird. Im Mund jedes anderen, der nicht Gott ist, würden diese Worte doch wohl ein Maß von Einfältigkeit und Einbildung zum Ausdruck bringen, das in der Geschichte seinesgleichen suchen müsste.

Dennoch (und das ist ebenso eigenartig wie bedeutsam) gewinnen nicht einmal seine Feinde, wenn sie die Evangelien lesen, den Eindruck von Einfältigkeit und Einbildung. Viel weniger noch die vorurteilsfreien Leser. […]

Ich möchte damit jedermann vor dem wirklich dummen Einwand bewahren, er sei zwar bereit, Jesus als großen Morallehrer anzuerkennen, nicht aber seinen Anspruch, Gott zu sein. Denn gerade das können wir nicht sagen. Ein Mensch, der solche Dinge sagen würde, wie Jesus sie gesagt hat, wäre kein großer Morallehrer. Er wäre entweder ein Irrer – oder der Satan in Person. Wir müssen uns deshalb entscheiden: Entweder war – und ist – dieser Mensch Gottes Sohn, oder er war ein Narr oder Schlimmeres. Wir können ihn als Geisteskranken einsperren, wir können ihn verachten oder als Dämon töten. Oder wir können ihm zu Füßen fallen und ihn Herr und Gott nennen. Aber wir können ihn nicht mit gönnerhafter Herablassung als einen großen Lehrer der Menschheit bezeichnen. Das war nie seine Absicht; diese Möglichkeit hat er uns nicht offengelassen.“

Ich habe mal einen Theologen sagen hören, es sei eigentlich kein Wunder, dass man Jesus hingerichtet habe, erstaunlich sei es eher, dass man ihn nicht schon früher hingerichtet habe. Ich finde, das trifft es ganz gut. „Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes? Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört. Was ist eure Meinung? Sie antworteten: Er ist schuldig und muss sterben.“ (Mt 26,63-67) Und doch – obwohl er solche Dinge sagte, die ihn in den Augen mancher zum frevelhaftesten aller Gotteslästerer machten – folgten ihm andere voller Überzeugung, Hoffnung, Vertrauen und Liebe. „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ sagte Petrus. „Du hast Worte ewigen Lebens.“ (Joh 6,68) Und, später, zum Auferstandenen: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebe.“ (Joh 21,17) „Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“, sagte der Aussätzige (Mt 8,2). „Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund“, sagte selbst der römische Hauptmann von Kafarnaum, der Jesus um die Heilung seines Dieners bat. „Auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.“ (Mt 8,8-9) Ich glaube, dass es einen Grund für diese Berichte der Evangelisten geben muss. Wieso erzählten sie von solchen Dingen? Wieso glaubten sie so unbeugsam an die Macht und Liebe Jesu? Die logischste Erklärung ist, dass sie Wahres berichten.

Es gibt in der ganzen Geschichte der Menschheit keinen Menschen, der Jesus von Nazareth gleicht. Wer die Bergpredigt oder ähnliche seiner Worte liest, wird ihn gern als einen großen Weisheitslehrer bezeichnen; aber er ist nicht wie Sokrates oder Konfuzius, die wirklich Weisheitslehrer, und einfach nur Weisheitslehrer, waren. Sie lehrten Moral und Philosophie; und sie sagten dabei viele gute Dinge und waren sich dennoch bewusst, dass sie nur Menschen waren, die nach dem richtigen Weg suchten. Er dagegen sprach von der Erlösung durch seinen Tod; er sprach: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) Es ist lächerlich, ihn mit anderen Religionsgründern auf eine Stufe stellen zu wollen; keiner von denen behauptete jemals, was er behauptete. Viele Menschen sagten im Lauf der Geschichte, sie seien von Gott gesandt; aber wie viele behaupteten, Gott zu sein? Gegen Mohammed lässt sich viel sagen; er hat sich ziemlich viele Frauen genommen, darunter eine Neunjährige, und viel Zeit damit verbracht, Kriege zu führen, und duldete nicht, wenn irgendjemand seine göttliche Sendung hinterfragte. Aber auch er hat niemals die Anmaßung besessen, sich selbst mit Gott gleichzusetzen. Selbst die römischen Kaiser nannten sich nur „divus“, „vergöttlicht“; sie setzten sich nicht mit dem Schöpfer der Welt gleich. Jesus von Nazareth dagegen, dessen gewalttätigste Tat wohl war, dass er die Händler aus dem Tempel trieb, und gegen den kaum jemals der Vorwurf laut wird, er sei ein schlechter Mensch gewesen, hat sich mit Gott gleichgesetzt.

Man wird Christ, indem man Christus kennenlernt und ihm folgt; nicht, indem man eine Lehre annimmt. Und der Christus aus den Evangelien… wer würde diesem Mann nicht folgen wollen? Man kann nicht Christ sein, wenn man Christus nicht kennt, wenn man nicht weiß, wie er war, was er tat, was er litt. Darum würde ich jeden, der das Christentum ablehnt, erst einmal fragen, ob er die Evangelien gelesen hat.

Ein weiteres Argument: Die christliche Offenbarung schließt zunächst einmal die jüdische im Alten Testament mit ein; und die Einzigartigkeit der Juden im Alten Orient (ach was, die Einzigartigkeit der Juden zu allen Zeiten) ist etwas, was leicht ins Auge fällt. Sie lässt sich nicht so einfach erklären. Das auserwählte Volk ist das einzige Volk der Welt, das einen derartig klaren Monotheismus entwickelte, aber den einen Gott nicht nur als fernen obersten Gott über irgendwelchen der Menschenwelt näher stehenden Göttern und Geistern verehrte, sondern wirklich auch als den ihnen nahen, persönlichen Gott ihres Volkes, der es auserwählt hatte und beschützte, der zu Abraham, Isaak und Jakob gesprochen und die Israeliten unter Mose aus Ägypten herausgeführt hatte. Ein Gott, der nicht ist wie die Götter der anderen Völker, sondern der gut ist, dem es unmöglich ist, schlecht zu sein. Die Einzigkeit des auserwählten Volkes (auch in der Hinsicht, dass es, anders als Moabiter, Ammoniter oder Jebusiter trotz seiner ständigen Bedrohung und Unterdrückung einfach noch nach über 3000 Jahren existiert) ist eine Tatsache. Und sie lässt sich am besten damit erklären, dass es wirklich von Gott auserwählt wurde, dass er es führte und sich ihm zeigte.

Und in dieser Einzigkeit ist ihm die Kirche Gottes, das aus Juden und Heiden zusammengesetzte neue Israel, ähnlich: die einzige Institution der Geschichte, die 2000 Jahre überlebt hat, Verfolgungen und Vereinnahmungen gleichermaßen, und sich in ihrem Kern dabei nicht gewandelt hat. Sie hat die römischen Kaiser ebenso überlebt wie die französische Schreckensherrschaft, den Arianismus ebenso wie den Protestantismus oder den Kommunismus. Ich habe mal für ein Seminar über die Propaganda der französischen Revolutionsregierung gegen das Christentum recherchiert. Es ist schon ganz interessant, wenn man liest, dass es 1793 oder ’94 Leute gab, die die katholische Kirche für größtenteils erledigt hielten und ihr vielleicht noch ein paar Jahre gaben, und Pius VI. spaßeshalber „Pius den Letzten“ nannten. (Inzwischen haben wir übrigens zwölf Piusse auf dem Papstthron gehabt.) Es ist schon ganz witzig, wenn man in einer Zeit, in der es weltweit 1,2 Milliarden Katholiken gibt und mindestens 1,6 Millionen davon zu einem Treffen mit dem Papst nach Krakau pilgern, so etwas liest. Es ist ebenso witzig, wenn Leute heutzutage dann auf einmal ganz verwundert feststellen, dass Religion ja seltsamerweise immer noch nicht ausgestorben ist, nicht mal diese katholische Kirche da. Die katholische Kirche wird nicht untergehen. Das hat Christus, ihr Oberhaupt, ihr fest zugesagt. „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,18-19) Inzwischen hat Simon Petrus, das erste stellvertretende Oberhaupt der katholischen Kirche, immerhin 265 Nachfolger gehabt, die diese Schlüsselgewalt ausübten und ausüben.

Es gibt noch vieles, was man anführen könnte. Zum Beispiel die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen durch Christus. Schon mal Psalm 22 oder Jesaja 53 gelesen? (Nebenbei: Vom Buch Jesaja haben wir eine vollständige Handschrift von ca. 200 v. Chr. aus Qumran.) „Sie durchbohren mir Hände und Füße. Man kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und weiden sich an mir. Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.“ (Ps 22,17-19) „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab.“ (Jes 53,5-10) „Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“ (Sach 12,10)

Erwähnenswert wäre auch die interessante Tatsache, dass es in der katholischen Kirche recht häufig Wunder gibt (vor allem Heilungswunder), die von unabhängigen Ärzten nachgeprüft werden und für die keine wissenschaftliche Erklärung gefunden werden kann – für jede Selig- und Heiligsprechung sind sie beispielsweise nötig. In welcher anderen Religion ist das der Fall? Man könnte auch auf das Sonnenwunder von Fatima 1917, das Grabtuch von Turin, das Marienbild von Guadeloupe, die Heilungen in Lourdes, auf unverweste Leichname Heiliger oder Hostienwunder wie in Lanciano, Liegnitz (2013) und Buenos Aires (1996) hinweisen. Jede einzelne dieser Sachen könnte einem erst einmal einfach komisch und unerklärlich vorkommen, aber irgendwie wird sich das ja wohl erklären lassen… – aber ihre Summe ist doch irgendwie seltsam, oder? Vor allem angesichts der Tatsache, dass alle genannten Vorkommnisse von wissenschaftlicher Seite aus untersucht sind und bisher nicht zufriedenstellend erklärt werden konnten. (Natürlich gibt es auch Fälle, wo angebliche Wunder sich als keine Wunder herausstellten. Die sind sogar zahlreicher. Aber genau deshalb ist der Kirche da ja eine genaue Prüfung so wichtig.)

Man könnte auch auf die innere Logik der katholischen Lehre hinweisen. Hier gibt es keine inneren Widersprüche; auch nichts, was der grundlegenden menschlichen Erfahrung widerspricht. Ein beliebiges Beispiel: Erbsünde. Die katholische Ansicht (der Mensch hat einen freien Willen und kann zwischen Gut und Böse wählen, aber er neigt zum Bösen und kein Mensch wird immer nur das Gute wählen) entspricht ganz genau der alltäglichen Erfahrung. Determinismus oder Calvinismus, die dem Menschen den freien Willen absprechen, widersprechen ihr dagegen ebenso wie die Philosophie Rousseaus oder der Pelagianismus, die den Menschen beide für grundsätzlich gut und bloß ein bisschen erziehungsbedürftig erklärten.

Ich habe alle diese Argumente hier nun eher angerissen; natürlich müsste man sie genauer erläutern. Ich wollte eben einfach einen Überblick über ein paar der wichtigsten Gründe bieten, die katholische Offenbarung für eine wirkliche Offenbarung Gottes zu halten.