Über schwierige Bibelstellen, Teil 18: Der Töpfer und der Ton – was sagt Paulus über Prädestination?

[Dieser Teil wurde nach der ursprünglichen Veröffentlichung noch einmal generalüberholt.]

Und noch einmal die obligatorische Klarstellung: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber. („Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.))

Jetzt aber zu der fraglichen Bibelstelle. Im Römerbrief heißt es:

„Es ist aber keineswegs so, dass Gottes Wort hinfällig geworden ist. Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel; auch sind nicht alle, weil sie Nachkommen Abrahams sind, deshalb schon seine Kinder, sondern es heißt: In Isaak wird dir Nachkommenschaft berufen. Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt; denn es ist eine Verheißung, wenn gesagt wird: Um diese Zeit werde ich kommen, dann wird Sara einen Sohn haben. So war es aber nicht nur bei ihr, sondern auch bei Rebekka, die von einem einzigen Mann empfangen hatte, von unserem Vater Isaak; denn ihre Kinder waren noch nicht geboren und hatten weder Gutes noch Böses getan; damit aber Gottes freie Wahl und Vorherbestimmung gültig bleibe, nicht abhängig von Werken, sondern von ihm, der beruft, wurde ihr gesagt: Der Ältere muss dem Jüngeren dienen; wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst. Was sollen wir nun sagen? Handelt Gott ungerecht? Keineswegs! Denn zu Mose sagt er: Ich schenke Erbarmen, wem ich will, und erweise Gnade, wem ich will. Also kommt es nicht auf das Wollen und Laufen des Menschen an, sondern auf den sich erbarmenden Gott. Denn in der Schrift wird zum Pharao gesagt: Eben dazu habe ich dich bestimmt, dass ich an dir meine Macht zeige und dass auf der ganzen Erde mein Name verkündet wird. Er erbarmt sich also, wessen er will, und macht verstockt, wen er will. Nun wirst du einwenden: Wie kann er dann noch anklagen, wenn niemand seinem Willen zu widerstehen vermag? O Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es geschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht? Ist nicht vielmehr der Töpfer Herr über den Ton? Kann er nicht aus derselben Masse ein Gefäß herstellen zu ehrenhaftem, ein anderes zu unehrenhaftem Gebrauch? Wie aber, wenn Gott in der Absicht, seinen Zorn zu zeigen und seine Macht zu erweisen, die zur Vernichtung bereiteten Gefäße des Zorns mit großer Langmut ertragen hat, auch um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens zu erweisen, die er zuvor zur Herrlichkeit bestimmt hat? Sie hat er auch berufen, das sind wir, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie gerufen werden: Söhne des lebendigen Gottes. Und Jesaja ruft über Israel aus: Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer – nur der Rest wird gerettet werden. Denn der Herr wird handeln, indem er sein Wort auf der Erde erfüllt und durchsetzt. Ebenso hat Jesaja vorhergesagt: Hätte nicht der Herr Zebaoth uns Nachkommenschaft übrig gelassen, wir wären wie Sodom geworden, wir wären Gomorra gleich. Was sollen wir nun sagen? Heiden, die nicht der Gerechtigkeit nachjagten, haben Gerechtigkeit empfangen, die Gerechtigkeit aber aus Glauben. Israel aber, das dem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat das Gesetz nicht erreicht. Warum? Weil es ihm nicht um die Gerechtigkeit aus Glauben, sondern um die Gerechtigkeit aus Werken ging. Sie stießen sich am Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht: Siehe, ich richte in Zion einen Stein auf, an dem man anstößt, einen Fels, an dem man zu Fall kommt. Und wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.“ (Römer 9,6-32)

Die Lieblingsstelle aller Calvinisten.

Die interpretieren sie folgendermaßen: Gott hat die einen Menschen für den Himmel vorherbestimmt und die anderen für die Hölle (sog. „doppelte Prädestination“); er verursacht auch, dass Erstere die Gebote halten und Letztere sündigen – Gefäße des Zorns und so. Das hat keinen besonderen Grund – der Wille des Herrn ist unergründlich –, Gott will halt einfach seine Souveränität und Macht und Herrlichkeit zeigen und an irgendwem muss er ja auch seinen Zorn über die Sünde erweisen. Die Menschen sind alle vollkommen verdorben, vollkommen unfähig zum Guten, und eigentlich alle auf dem Weg in die Hölle, aber weil Gott gnädig ist, pickt er ein paar heraus, die er erlöst, deren sündigen Willen er mit seiner Gnade überwältigt und aufs Gute ausrichtet und die er für den Himmel vorherbestimmt; die anderen bekommen eben die harte Gerechtigkeit zu spüren und brauchen sich mal nicht zu beschweren, dass sie in die Hölle kommen und ewige Qualen erleiden (obwohl sie ja keinen freien Willen hatten und ihre Vergehen nicht hätten vermeiden können). (Eine mildere, eher augustinische als calvinistische Interpretation wäre, dass Gott die Sünden der Verworfenen nicht direkt verursacht, sondern eben aus den Menschen, die alle aus freiem Willen sündigen, manche entsprechend der Gerechtigkeit und andere entsprechend der Gnade behandelt.)

Nun ist an dieser Interpretation nicht alles falsch; die Menschen sind ziemlich verdorben und – auch wenn sie sehr unterschiedliche Höllenkreise verdienen würden, und das durch ihren freien Willen – können an sich nichts tun, um sich gerecht zu machen und die übernatürliche Gemeinschaft mit Gott selber zu erlangen. Auch richtig: Gott schuldet einem die Gnade nicht, Gnade ist immer ungeschuldet. Aber heißt das, Gott bestimmt manche Leute wirklich für die Hölle und gibt ihnen keine zweite Chance?

Ein erstes Problem mit dieser Interpretation ergibt sich, wenn man den Rest des Römerbriefs selbst ansieht. Nur ein paar Kapitel vor dieser Stelle verwirft Paulus die Idee, dass Gott Lieblinge habe. Nein: Er urteile über sie gemäß ihrer Taten.

„Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt? Weil du aber starrsinnig bist und dein Herz nicht umkehrt, sammelst du Zorn gegen dich für den Tag des Zornes, den Tag der Offenbarung von Gottes gerechtem Gericht. Er wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen: Denen, die beharrlich Gutes tun und Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit erstreben, gibt er ewiges Leben, denen aber, die selbstsüchtig sind und nicht der Wahrheit gehorchen, sondern der Ungerechtigkeit, widerfährt Zorn und Grimm. Not und Bedrängnis wird das Leben eines jeden Menschen treffen, der das Böse tut, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen; doch Herrlichkeit, Ehre und Friede werden jedem zuteil, der das Gute tut, zuerst dem Juden, aber ebenso dem Griechen; denn es gibt bei Gott kein Ansehen der Person.“ (Röm 2,4-11)

Das gilt nicht nur für den Römerbrief, sondern für die gesamte Bibel. So gut wie immer, wenn es da um Gottes Gericht geht, wird davon ausgegangen, dass Gott alle Menschen dazu bringen will, umzukehren, und es an ihnen ist, ob sie es tun. Sowohl Gottes allgemeiner Heilswille als auch die Abhängigkeit der Erlösung von den Entscheidungen der einzelnen Menschen werden immer wieder betont:

  • „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen […].Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Timotheus 2,1.3f.) Diese Stelle ist vom selben Paulus wie der Römerbrief.
  • Auch wieder von Paulus: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ (Titus 2,11)
  • Von Petrus: „Der Herr der Verheißung zögert nicht, wie einige meinen, die von Verzögerung reden, sondern er ist geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle zur Umkehr gelangen.“ (2 Petrus 3,9)
  • In den Evangelien gäbe es das Gleichnis vom verlorenen Schaf: „Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lukas 15,3-7)
  • Oder man nehme das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32), wo es vom Sohn abhängt, ob er zurückkehrt.
  • Oder Jesu Beschreibung des Weltgerichts: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,31-46)
  • „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Matthäus 7,21)
  • Da wäre die klassische Stelle im Johannesevangelium, die so gerne zitiert wird: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. Denn darin besteht das Gericht: Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“ (Johannes 3,16-21)
  • Auch die Offenbarung des Johannes hat etwas dazu zu sagen: „Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; und ein anderes Buch, das Buch des Lebens, wurde geöffnet. Die Toten wurden gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war, nach ihren Taten.Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Taten.“ (Offenbarung 20,12f.)
  • Bereits das Alte Testament ist wunderbar klar: „Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben. […] Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Weg, ihr vom Haus Israel – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, kehrt euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Schuld zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr denn sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt! (Ezechiel 18,26-28.30-32)

Ich denke, diese Stellen genügen fürs erste; ich könnte noch unzählige weitere anführen. Wenn man den Kontext der gesamten Bibel kennt (und einzelne Bibelstellen müssen immer in diesem Kontext gelesen werden), ist es praktisch unmöglich, an eine Prädestination im calvinistischen Sinne zu glauben. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden; wenn sie nicht gerettet werden, dann liegt das daran, dass sie selber nicht umkehren wollten. Man kann jetzt sagen, dass Gott manchen Menschen nicht die nötige Gnade gegeben hat, weil Er im Voraus wusste, dass sie sie nicht nutzen würden, o. Ä., aber eine wirkliche Prädestination zur Hölle einfach so? Weniger.

Gut. Wie sollen wir dann Römer 9 interpretieren?

Dazu muss man auf den Kontext dieser Stelle schauen: Worum geht es hier eigentlich?

Paulus behandelt in den Kapiteln 9-11 des Römerbriefs die Frage, wieso die Mehrheit der Juden zu seiner Zeit (noch) nicht Christen geworden sind. Er behandelt die Frage, wieso sie nicht zur Kirche gehören – ausdrücklich nicht die Frage ihrer Erlösung. Und hier schreibt er, dass Gott die einen Menschen dazu berufen hat, äußerlich zur Kirche zu gehören, und die anderen nicht, so, wie er im Alten Bund Jakob als Stammvater Seines auserwählten Volkes berufen hat und nicht Esau. Aber die äußere Zugehörigkeit zur Kirche ist eben nicht gleichbedeutend mit der Erlösung; erstens kann auch jemand, der in diesem Leben zur Kirche gehört, verlorengehen, zweitens kann auch jemand, der nicht zur Kirche gehört, gerettet werden. Es ist zwar nicht so, dass es da keinen Zusammenhang gäbe – wer sich sicher ist, dass der katholische Glaube wahr ist, muss schon katholisch werden, das fordert Gott allerdings -, aber es ist eben nicht dasselbe, und hier spricht Paulus nur über die Zugehörigkeit zur Kirche.

Er hält die Juden, über die er spricht, nicht für ewig verworfen, wie absolut deutlich wird, wenn man nur ein wenig weiter liest. Direkt zu Beginn von Kapitel 10 heißt es:

„Brüder und Schwestern, ich wünsche von ganzem Herzen und bete zu Gott, dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer haben für Gott, aber ohne Erkenntnis.“ (Röm 10,1f.)

Diese Juden können noch gerettet werden, und es hängt von ihnen selbst ab. Paulus sagt dann auch, dass die Erlösung durch Jesus kommt, wobei er aber auch schreibt:

„Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet? […] So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft aber im Wort Christi. Aber, so frage ich: Haben sie etwa nicht gehört? Ja doch: In die ganze Welt ist ihr Schall gedrungen und bis an die Enden der Erde ihre Worte. Aber ich frage: Hat etwa Israel nicht verstanden?“ (Röm 10,15.17-20)

D. h. er geht hier auch davon aus, dass jemand schuldlos wäre, der die Botschaft noch nicht gehört oder sie nicht verstanden hätte. Dann sagt er zwar, dass die Juden diese Botschaft eigentlich schon gehört haben, aber irgendwie verstockt und blind sind und sie nicht einsehen wollen (vgl. das Ende von Kapitel 10 und den Beginn von Kapitel 11). Am Ende aber schreibt er:

„Nun frage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs!“ (Röm 11,1)

D. h. Gott hat nicht deshalb zugelassen (es ist hier übrigens auch immer wichtig, an den Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem nur indirekt zulassenden Willen Gottes zu denken), dass sie jetzt vorläufig „verstockt“ sind, damit sie am Ende verloren gehen. Sondern:

„Vielmehr kam durch ihren Fehltritt das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. Wenn aber ihr Fehltritt Reichtum für die Welt bedeutet und ihre geringe Zahl Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr ihre Vollzahl! Euch aber, den Heiden, sage ich: Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst, weil ich hoffe, die Angehörigen meines Volkes eifersüchtig zu machen und wenigstens einige von ihnen zu retten. […] Wenn aber einige Zweige herausgebrochen wurden, du aber als Zweig vom wilden Ölbaum mitten unter ihnen eingepfropft wurdest und damit Anteil erhieltest an der kraftvollen Wurzel des edlen Ölbaums, so rühme dich nicht gegen die anderen Zweige! Wenn du dich aber rühmst, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Nun wirst du sagen: Die Zweige wurden doch herausgebrochen, damit ich eingepfropft werde. Gewiss, wegen des Unglaubens wurden sie herausgebrochen. Du aber stehst durch den Glauben. Sei daher nicht überheblich, sondern fürchte dich! Hat nämlich Gott die Zweige, die von Natur zum edlen Baum gehören, nicht verschont, so wird er auch dich nicht verschonen. Siehe nun die Güte Gottes und seine Strenge! Die Strenge gegen jene, die gefallen sind, Gottes Güte aber gegen dich, sofern du in seiner Güte bleibst; sonst wirst auch du herausgehauen werden. Ebenso werden auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, wieder eingepfropft werden; denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen. Wenn du nämlich aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest, dann werden erst recht sie als die von Natur zugehörigen Zweige ihrem eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden. Denn ich will euch, Brüder und Schwestern, nicht in Unkenntnis über dieses Geheimnis lassen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Vollzahl der Heiden hereingekommen ist, und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion der Retter, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen.“ (Röm 11-14.17-26)

D. h. im Klartext: Gott hat zugelassen, dass die Juden, nachdem sie selber durch ihren eigenen Unglauben schuldig geworden und vom richtigen Weg abgekommen sind, quasi noch blinder geworden sind und sich in ihrem Unglauben verschanzt haben, und hat dann bewirkt, dass jetzt stattdessen viele neue Bekehrte von den Heiden in die Kirche aufgenommen werden. Paulus sagt, dass Gott so handelt, damit die Juden am Ende, nachdem so viele von den Heiden zum Gott Israels kommen, doch noch sehen, dass Jesus der Messias sein muss.

(Das passt übrigens auch gut mit dem Blick der ein wenig späteren Kirche auf das Judentum zusammen: Der hl. Justin der Märtyrer (gest. ca. 165) beispielsweise argumentiert in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon wiederholt, dass Tryphon doch sehen müsste, dass die Prophezeiungen des AT, laut denen die anderen Völker durch den Messias ebenfalls zu Gott kommen sollten, sich seit dem Kommen Jesu erfüllt hätten.)

Die Juden sind der ursprüngliche, von Gott gepflanzte Ölbaum; die Judenchristen sind die Zweige, die darin bleiben, die Juden, die Jesus nicht annehmen, die aus dem Ölbaum entfernten Zweige; die Heidenchristen die wilden, aufgepfropften Zweige. Aber das alles ist noch nicht endgültig. Die entfernten Zweige können wieder aufgepfropft werden; die aufgepfropften können auch noch herausgehauen werden. Dass jemand zum Ölbaum gehört, sagt noch nichts über die letztliche Erlösung.

Das Ganze betrifft natürlich nicht nur die damalige Zeit. Wir wissen auch nicht, wieso Gott heute zulässt, dass der eine zur Kirche findet und der andere nicht. Röm 9 sagt jetzt: Der, der Christ ist, braucht sich nichts darauf einzubilden; er ist da durch Gottes Gnade; und er muss auch nicht fragen, wieso Gott es nur zugelassen hat, dass andere (noch) nicht zur Kirche gefunden haben, Gott hat schon Seine Gründe. Und das alles entscheidet noch nicht über das endgültige Schicksal im Jenseits. Die einen werden in diesem Leben zur vollen Gemeinschaft mit der Kirche berufen, die anderen nicht; na und? Sie können alle am Ende im Himmel sein.

Einen sehr interessanten ausführlicheren Kommentar zu diesem Teil des Römerbriefs und zu den paar anderen Stellen, die Calvinisten (und im Lauf der Kirchengeschichte auch manche katholische Theologen) gelegentlich noch für eine solche Prädestinationslehre angeführt haben, hat Father William Most (leider auf Englisch).

Franz von Sales, Patron der Schriftsteller

Hier ein schöner Artikel bei The Cathwalk über den hl. Franz von Sales in seiner Bedeutung als Schriftsteller.

Aber, lieber Cathwalk, einen Einwand muss ich schon noch machen: Man braucht die Bedeutung des Heiligen für die Rekatholisierung des calvinistischen Chablais nun wirklich nicht auf den Einfluss einer einzigen Schrift beschränken. Nachdem Franz von Sales 1593 zum Priester geweiht und zum Dompropst des Bischofs von Genf ernannt worden war (der in Annecy residierte, weil in Genf die Calvinisten herrschten), wurde ihm – wenn ich mich recht erinnere, nach seiner enthusiastischen Predigt zu seinem Amtsantritt („Mit der Liebe müssen wir Genf erobern!“) – 1594 die Aufgabe übertragen, im Chablais, einer calvinistischen Region in der Nähe von Genf, die der katholische Herzog von Savoyen wieder erobert hatte, den katholischen Glauben zu predigen. Die Obrigkeiten dort verboten bei Strafe, seine Predigten anzuhören, und er war einige Male auch in Gefahr, überfallen und getötet zu werden, wenn er so als einsamer Missionar durchs Land zog. Da ihn niemand anhören durfte, druckte er seine Botschaften schließlich auf Flugblätter und heftete sie an die Türen. Er kannte sich gut mit dem Calvinismus aus, und er zeigte dessen Fehler, ohne in die damals übliche Polemik zu verfallen. Durch seine Flugblätter, seine Predigten (zu denen trotz Verbot dann schließlich doch immer mehr Leute kamen) und sein persönliches Beispiel bekehrte er innerhalb von wenigen Jahren schließlich zehntausende Menschen, fast die komplette Bevölkerung des Chablais – besonders, nachdem einige prominente Calvinisten durch seinen Einfluss zum katholischen Glauben übergetreten waren, hatte er Erfolg. Die Flugblätter wurden später gesammelt unter dem Titel „Kontroversen“ veröffentlicht, und aus mehreren Treffen mit dem calvinistischen Reformator Theodor von Beza im Jahr 1597 ging schließlich seine Schrift „Verteidigung der Fahne des heiligen Kreuzes“ (1600) hervor. So. Und auch später, als Bischof, war er nicht nur als Schriftsteller bedeutend, sondern auch als geistlicher Begleiter, in seinen üblichen bischöflichen Arbeiten – er besuchte sämtliche Pfarreien seiner Diözese, hielt selbst Katechesen für Kinder, kümmerte sich um die Priesterausbildung und eine Reform der Klöster usw. -, als Ordensgründer (er gründete zusammen mit Johanna Franziska von Chantal den Orden der Schwestern von der Heimsuchung Mariens), und und und.

Über schwierige Bibelstellen, Exkurs: Etwas Grundsätzliches über Gottes Gutheit

Bevor ich mit der Erklärung verschiedener Bibelstellen weitermache, sollte ich vielleicht noch ganz kurz auf einen Einwand eingehen, der nicht von atheistischer, sondern von calvinistischer Seite gemacht werden könnte, nämlich diesen: Ist es überhaupt nötig, Rechtfertigungen und Erklärungen für Gottes Handeln in der Bibel zu suchen? Wenn Gott etwas tut – zum Beispiel die Landnahme befiehlt –, sollte uns dann nicht einfach genügen, dass es ein Befehl Gottes ist, und folglich gut? Gott steht unsagbar hoch über uns Menschen; wenn uns etwas, das Gott tut, als schlecht erscheint, dann sind wir es, die irren, und nicht Gott. Wir haben einfach Gott zu gehorchen. Was maßen wir uns an, darüber zu urteilen, was Er tun darf und was nicht?

Ich möchte auf diesen möglichen Einwand mit einem schönen Zitat von C. S. Lewis antworten:

 

In jeder Betrachtung der Gutheit Gottes droht sogleich folgendes Dilemma: Wenn einerseits Gott weiser ist als wir, so muss sein Urteil über viele Dinge sich von dem unsern unterscheiden, nicht zuletzt das über Gut und Böse. Was uns gut erscheint, muss deshalb nicht auch in Seinen Augen gut sein, und was uns böse erscheint, nicht böse. – Anderseits, wenn Gottes Urteil über das Gute sich von dem unsern so sehr unterscheidet, dass unser „Schwarz“ für Ihn „Weiß“ sein kann, dann kann es auch keinen Sinn haben, dass wir Ihn gut nennen. Denn nachdem wir doch sagen, Seine Gutheit sei völlig anders als die unsere, hat der Satz „Gott ist gut“ tatsächlich keinen andern Sinn als „Gott ist – wir wissen nicht, was“. Und eine uns völlig unbekannte Eigenschaft Gottes kann uns nicht dazu bewegen, Ihn zu lieben oder Ihm zu gehorchen. Wenn Er nicht (in unserm Sinn) „gut“ ist, so werden wir, wenn überhaupt, nur aus Furcht gehorchen und würden gleichermaßen bereit sein, einem allmächtigen Widersacher zu gehorchen. Sobald die Konsequenz lautet, dass – da wir gänzlich verderbt sind [wie der Calvinismus lehrt, Anmerkung von mir] – unsere Vorstellung vom Guten einfach nichts wert ist – könnte es geschehen, dass sich das Christentum auf Grund der Lehre von der „totalen Verderbtheit“ in eine Art Teufelsanbetung verkehrt.

 Ein Ausweg aus diesem Dilemma zeigt sich, wenn wir bedenken, was im Bereich menschlicher Beziehungen geschieht, wenn ein Mensch von niederem moralischen Niveau in die Gesellschaft von Leuten kommt, die besser und weiser sind als er, und nun allmählich lernt, ihre Maßstäbe anzuerkennen – ein Vorgang, den ich zufällig ziemlich genau beschreiben kann, da er mir widerfahren ist. Als ich zur Universität kam, hatte ich fast keine moralischen Begriffe, so wenig wie ein junger Bursche nur haben konnte. Eine milde Abneigung gegen Grausamkeit und gegen Unanständigkeit in Geldsachen waren das Äußerste; über Keuschheit, Wahrhaftigkeit und Selbstverleugnung dachte ich wie ein Pavian über klassische Musik. Durch Gottes Barmherzigkeit geriet ich in eine Gruppe junger Männer (von denen übrigens, nebenbei gesagt, keiner Christ war), die mir durch Geist und Phantasie so verwandt waren, dass sofort eine nähere Beziehung entstand. Sie nun kannten das Sittengesetz und versuchten, es zu beobachten. So war ihr Urteil über Gut und Böse sehr verschieden von dem meinen.

 Was nun in solch einem Fall geschieht, ist nicht im geringsten so etwas wie eine Aufforderung, als „weiß“ anzusehen, was man bis dahin „schwarz“ genannt hatte. Die neuen moralischen Urteile dringen in die Seele niemals als bloße Umkehrungen früherer Urteile ein (obgleich sie diese tatsächlich umkehren), sondern „als Herren, die man offenbar erwartet hatte“. Du kannst gar nicht im Zweifel darüber sein, welches die Richtung deiner Wandlung ist: Die neuen Urteile sehen dem Guten eher ähnlich als die kleinen Fetzen des Guten, die du bereits hattest: dennoch stehen sie in gewissem Sinn untereinander in Zusammenhang. Aber das eigentliche Kriterium ist, dass die Anerkennung der neuen Maßstäbe begleitet ist von dem Gefühl der Scham und der Schuld: Man hat das Gefühl, in eine Gesellschaft hineingestolpert zu sein, in die man nicht passt.

 […] Die göttliche „Gutheit“ unterscheidet sich von der unseren, aber nicht völlig; es ist nicht ein Unterschied wie der von Weiß und Schwarz, sondern wie der zwischen einem vollkommenen Kreis und dem ersten Versuch eines Kindes, ein Rad zu zeichnen. Wenn aber das Kind zeichnen gelernt hat, wird es wissen, dass der Kreis, den es nun macht, eben das ist, was es von Anfang an zu machen versucht hat.

 Diese Lehre ist auch in der Heiligen Schrift enthalten. Christus ruft die Menschen zur Buße – ein sinnloser Ruf, wäre Gottes Maßstab ganz und gar verschieden von dem, den sie bereits kannten, von dem sie aber in ihrem Tun abgewichen waren. Er beruft sich auf unser tatsächliches sittliches Urteil: „Warum denn seht ihr nicht selbst, was Recht ist?“ (Luk. 12,57). Gott weist die Menschen im Alten Testament zurecht auf Grund ihrer eigenen Vorstellungen von Dankbarkeit, Treue und Gerechtigkeit; Er stellt Sich Selber sozusagen vor den Richterstuhl Seiner eigenen Geschöpfe: „Was für eine Ungerechtigkeit haben eure Väter an Mir gefunden, dass sie Mich verlassen haben?“ (Jer. 2,5).

 

(C. S. Lewis, Über den Schmerz, S. 35-37.)

 

Also ja, wir sollten ggf. einmal prüfen, ob unsere Urteile über Gut und Böse richtig sind (oder vielleicht durch in unserer jeweiligen Kultur verbreitete Fehlurteile verfälscht), aber nein, wir glauben nicht daran, dass das Gute einfach das ist, was Gott willkürlich befiehlt. Gott befiehlt, was gut ist, weil Er gut ist; und im Licht dieses Prinzips müssen wir die Bibel auslegen.