Christliche Kultur am Sonntag: „Eines Tages“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

Heute: „Eines Tages“ (Corinna Turner)

Corinna Turners kurzer Roman „Eines Tages“ (geeignet ca. ab 16 Jahre) beginnt irgendwo im ländlichen England, im methodistischen Mädcheninternat Chisbrook Hall. In der Nacht ertönt der Feueralarm, und fremde Männer in Uniform drängen die Schülerinnen nach draußen. Bald wird ihnen klar, dass es keine Soldaten sind. Die Männer geben sich als Mitglieder einer islamischen Terrormiliz zu erkennen, treiben die Mädchen in LKWs und Pferdeanhänger und fahren mit ihnen davon. Später werden sie im Wald in andere Fahrzeuge umgeladen, und noch ein wenig später bei Nacht und Nebel auf ein Schiff gebracht, das England schnell hinter sich lässt.

„Eines Tages“ erzählt die Entführung der 276 nigerianischen Schülerinnen aus Chibok im Jahr 2014 durch die Terrorgruppe Boko Haram nach, versetzt sie aber nach England. Die Geschichte wird aus häufig wechselnder Sichtweise erzählt; aus der Sicht verschiedener Schülerinnen und aus der Sicht von Leuten, die nach ihnen suchen. Da wäre Ruth, die wegen ihres christlichen Glaubens entschlossen ist, sich nicht zwingen zu lassen, das islamische Glaubensbekenntnis aufzusagen, obwohl die anderen sie anflehen, es zu tun, um nicht getötet zu werden; Alleluia, die es schafft, andere Mädchen zu einem riskanten Fluchtversuch zu bewegen, als sich ihnen, während sie noch in England sind, eine Gelegenheit bietet; Daniyah, die muslimische Schülerin, die versucht, den anderen Schülerinnen zu helfen, da sie weiß, was von ihnen erwartet wird; Yoko, die japanische Austauschschülerin, die wenig Englisch spricht und die ihre shintoistischen Talismane aus ihrem Schlafsaal mitgenommen hat, was dann von einem der Entführer entdeckt wird; Sam, Isaar und Rishad, Offizierskadetten, die bei der Suche nach den Mädchen helfen und zwei im Wald zurückgelassene vergewaltigte Mädchen finden.

Es wird nichts beschönigt; manche Mädchen werden vergewaltigt, manche werden getötet. Die Terroristen wollen schließlich aussortieren, wer als „Ehefrau“ taugt und wer nur als Sklavin, was sich bei ihnen kaum voneinander unterscheidet, und wollen sie zur Konversion zum Islam zwingen. Bei vielen einzelnen Punkten der Handlung hat die Autorin sich an Berichte von Mädchen aus Chibok angelehnt, die fliehen konnten.

Die Handlung wirkt an manchen Stellen nicht so glaubwürdig, wie wenn es in Nigeria spielen würde; man würde einen größeren Einsatz der Sicherheitsbehörden erwarten, und dass Flucht und Untertauchen im dichter besiedelten Europa nicht so einfach wären. (Andererseits stellt die Autorin dieses England als mit ständigen weiteren Terrorakten überfordert dar.) Aber es bringt das Ganze eben auch näher. Corinna Turner ist keine brillante, aber eine gute Autorin; und die Geschichte selber fesselt genug. Die schlimmsten Szenen werden nicht direkt geschildert – was eine gewisse Achtung vor den Opfern ausdrückt, meiner Meinung nach; denn es geht hier auch nicht nur um Buchfiguren, sondern auch um die realen Vorbilder.

Das letzte Kapitel endet damit, wie man in England Monate nach der Entführung erfährt, dass vier weitere Mädchen von einer Farm in Albanien geflohen sind, wo sie zuletzt gefangen gehalten wurden, und dass diese Mädchen vom Tod von ein paar weiteren Mädchen berichten konnten. Die anderen – über 200 – werden nicht gefunden; die Terrorgruppe ist weitergezogen.

Es gibt kein wirkliches Ende, keine zufriedenstellende Auflösung, eigentlich überhaupt keine Auflösung. Auch hier hat sich die Autorin an die Realität gehalten. (Das Buch wurde 2016 geschrieben; jetzt, Stand 2021, sind immer noch über 100 der Mädchen aus Chibok in der Gewalt von Boko Haram.) Man erfährt nicht einmal, ob ein paar der Figuren in England, bei denen man es hätte erwarten können, noch irgendwann zusammenfinden; und es wird nichts mehr aus der Sicht der Mädchen erzählt, die noch in Gefangenschaft geblieben sind. Sie sind verschwunden, fort aus der Geschichte, irgendwo verschollen. Man weiß nur von Vergewaltigung, Sklaverei und Elend.

Das Buch enthält ein Vorwort eines nigerianischen Bischofs und im Anhang Berichte realer Opfer von Boko Haram; der Erlös geht an die Hilfsorganisation Kirche in Not, die auch in Nigeria aktiv ist. Es ist über den Verlag Petra Kehl oder den Sarto-Verlag erhältlich.

Christliche Kultur am Sonntag: „Trotz Folter und Strick“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Robert Hugh Benson: „Trotz Folter und Strick“ (Originaltitel: „Come rack! Come rope!“)

Robert Hugh Benson (1871-1914), Konvertit vom Anglikanismus und katholischer Priester, war seinerzeit ein ziemlich bekannter Schriftsteller, der heute leider oft mehr oder weniger vergessen scheint; sein noch bekanntester Roman ist „Der Herr der Welt“, ein apokalyptischer Zukunftsroman (auf den ich übrigens aufmerksam geworden bin, weil der Papst ihn vor Jahren einmal in einer Predigt empfohlen hat – unironisch eins der sehr wenigen Dinge, für die ich Papst Franziskus dankbar bin).

Monsignor R. H. Benson in Oct. 1912, Aged 40.jpg

(Msgr. Robert Hugh Benson. Gemeinfrei.)

Mein (bisher; ich habe noch zu wenig von ihm gelesen) liebstes Buch von ihm ist allerdings der historische Roman „Come rack! Come rope!“, der im 16. Jahrhundert spielt. Es gibt eine deutsche Übersetzung von 1926 dazu, die den Titel „Trotz Folter und Strick“ trägt, die ich aber nicht bewerten kann, weil ich ihn im Original gelesen habe; und wer genug Englisch versteht, dem kann ich das nur empfehlen, denn die Sprache in Msgr. Bensons Buch ist wunderschön. Der Titel ist ein Zitat vom hl. Edmund Campion, der eine Nebenrolle im Buch spielt.

Der Roman beginnt Ende des Jahres 1577 im Norden Englands. Der siebzehnjährige Katholik Robin Audrey, der einzige Sohn eines verwitweten niederen Adeligen, reitet zu der gleichaltrigen Marjorie, mit der er sich vor kurzem verlobt hat (noch ohne ihren jeweiligen Eltern etwas davon zu sagen). Unter Elisabeth I. ist die anglikanische Kirche seit langem Staatskirche, und alle, die nicht am anglikanischen Gottesdienst teilnehmen wollen, also insbesondere die Katholiken, müssen hohe Geldstrafen zahlen; Priester reisen verkleidet umher, um den Katholiken hin und wieder heimliche Messen bieten zu können, und wenn sie gefasst werden, werden sie gehängt, ausgeweidet und gevierteilt (so beispielsweise – Spoiler – mit dem hl. Edmund Campion geschehen); Katholiken, die Priester verstecken, werden ebenfalls manchmal hingerichtet. Nun hat Robins Vater beschlossen, dass er genug davon hat, und an Ostern zur anglikanischen Kirche übertreten wird. Als Robin sich mit Marjorie bespricht, sind sie sich einig, dass Robin dabei nicht mitmachen kann, wissen aber noch nicht, wie es dann weitergehen soll…

Auf eines muss man sich bei diesem Buch einstellen: Es geht nicht so weiter, wie die meisten modernen Leser erwarten würden. Die Gnade/Übernatur zählt hier letztlich mehr als die Natur, und das Ende ist für Katholiken ein Happy End, für andere aber vermutlich weniger.

Robert Hugh Bensons feinsinniger Humor ist wunderschön. Eine Kostprobe aus dem ersten Kapitel:

„Robin Audrey was no more religious than a boy of seventeen should be. Yet he had had as few doubts about the matter as if he had been a monk. His mother had taught him well, up to the time of her death ten years ago; and he had learned from her, as well as from his father when that professor spoke of it at all, that there were two kinds of religion in the world, the true and the false—that is to say, the Catholic religion and the other one. Certainly there were shades of differences in the other one; the Turk did not believe precisely as the ancient Roman, nor yet as the modern Protestant—yet these distinctions were subtle and negligible; they were all swallowed up in an unity of falsehood.“

(Meine Übersetzung: „Robin Audrey war nicht religiöser als ein siebzehnjähriger Junge sein sollte. Aber er hatte so wenige Zweifel in Bezug auf diese Angelegenheit, als ob er ein Mönch gewesen wäre. Seine Mutter hatte ihn gut unterrichtet, bis zum Zeitpunkt ihres Todes vor zehn Jahren; und er hatte von ihr gelernt, wie auch von seinem Vater, wenn dieser Bekenner überhaupt davon sprach, dass es zwei Arten von Religion in der Welt gab, die wahre und die falsche – das hieß, die katholische Religion und die andere. Sicherlich gab es Nuancen von Unterschieden bei der anderen; der Türke glaubte nicht genau dasselbe wie der antike Römer, noch wie der moderne Protestant – aber diese Unterschiede waren subtil und vernachlässigbar; sie gingen alle in einer Einheit des Irrtums unter.“)

Außer dem hl. Edmund Campion kommen noch mehr historische Figuren vor – u. a. Maria Stuart, Anthony Babington, der hl. Nicholas Owen – und es ist sehr schön, wie gut recherchiert der Roman ist, und wie die Figuren tatsächlich wie Menschen des 16. Jahrhunderts wirken.

Die allumfassende Kirche, Teil 8 – Kirche der Sünder und Heiligen

Alle Teile hier.

Die Kirche hat immer klargestellt, dass Kirchenmitgliedschaft nicht automatisch gleichbedeutend ist mit ewigem Heil. Das heißt, auch ein Katholik kann ein schlechter Mensch sein und, ähm, letztlich gegebenenfalls in die Hölle kommen. Diese Lehre ist aber irgendwie ganz tröstlich. Denn sie bedeutet, dass die Kirche keine Kirche der Reinen sein will, sondern eine Kirche der Sünder, die immer und immer wieder der Umkehr bedürfen; kein Hochbegabtenprogramm, sondern ein Krankenhaus. Sünde schmeißt einen noch nicht aus der Kirche raus; wenn man sich im Krankenhaus eine neue Infektion einfängt, ist man ja auch immer noch drin und bekommt dort seine neuen Medikamente. Was sind die Sakramente wohl sonst?

Damit wandte sich die Kirche schon in der Antike gegen verschiedene Sekten, die meinten, eine Kirche der Reinen aufbauen zu müssen; gegen Hippolyt, Novatian, die Montanisten oder die Donatisten. In dieser Zeit stellte sich nämlich immer wieder die Frage: Was machen wir mit Christen, die in einer der immer wieder aufbrandenden Verfolgungswellen nachgegeben und dem Kaiser geopfert haben? Sie stellte sich besonders während der letzten Verfolgungen ab Mitte des 3. Jahrhunderts (die letzte und größte Verfolgung fand ca. 304/305 unter Kaiser Diokletian statt). Denn in dieser Zeit war die Kirche schon groß genug geworden, um als wirkliche Bedrohung wahrgenommen zu werden; also erließen die Kaiser reichsweite Opferbefehle. Jeder im Reich hatte sich vor den entsprechenden Staatsbeamten einzufinden und vor der Statue des als divus, Vergöttlichtem, verehrten Kaiser ein Opfer darzubringen, wer es nicht tat, konnte mit dem Tod bestraft werden. Man tat diesem Befehl Genüge, indem man ein paar Körnerchen Weihrauch in die Schale vor dem Kaiserbild warf; das war alles. Aber natürlich widersprach das dem Bekenntnis des christlichen Glaubens: Nur einer ist Gott, und einem falschen Gott huldigt man nicht. In dieser Zeit wurden einige der bekanntesten antiken Heiligen zu Märtyrern. Andere entkamen der Verfolgung – durch Flucht, oder vielleicht weil die Beamten das Edikt nicht mit dem größten Eifer durchsetzten, oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Aber natürlich bestand die Kirche auch damals nicht nur aus Heiligen, und viele Christen opferten, um dem Tod zu entgehen. Wenn sie hinterher, sobald die Verfolgung abgeebbt war (nur wenige Jahre nach der letzten Verfolgung kam dann ja auch schließlich die endgültige staatliche Toleranz durch Konstantin), bereuten und wieder in die Kirche aufgenommen werden wollten, stellte sich natürlich die Frage, wie die in der Verfolgungszeit treu gebliebene Kirche damit umgehen sollte. Das gleiche Problem stellte sich übrigens nicht nur bei der Sünde der Glaubensverleugnung; Mord und Ehebruch wurden als ebenso schwere Sünden betrachtet, und es ist Unsinn zu meinen, dass sie bei den frühen Christen im Allgemeinen nie vorgekommen wären – vor allem wohl in Bezug auf Ehebruch. Die Kirche ging dann mit solchen besonders schweren Sünden folgendermaßen um: Der reuige Christ hatte eine Zeit der Buße vor sich, in der er nicht zur Kommunion treten durfte und gewisse Auflagen zu erfüllen hatte, z. B. bei der Messe nur ganz hinten stehen oder gar nicht oder nur in spezieller Bußkleidung teilnehmen durfte oder ein bestimmtes Fasten einhalten musste. (So genau kenne ich mich mit der antiken Bußpraxis nicht aus, aber ungefähr so lief es ab.) Diese Bußzeit konnte sogar mehrere Jahre dauern. Dann beichtete der Büßer seine Sünde, der Bischof sprach ihn los, und er wurde wieder zur Kommunion zugelassen. Nun ist das schon ein sehr strenges Vorgehen, verglichen mit unserer heutigen Disziplin, aber manchen der antiken Christen war auch das noch nicht streng genug.

Die Donatisten etwa spalteten sich im 4. Jahrhundert in Nordafrika genau wegen dieser Frage von der Kirche ab. Nach dem Ende der Verfolgungen wurde dort ein neuer Bischof geweiht und eine Gruppe um einen gewissen Donatus hielt seine Weihe für ungültig, weil einer der Konsekratoren während der Verfolgung abgefallen sei. Sie meinten, ein abgefallener Christ müsse neu getauft und, wenn es ein Kleriker sei, neu geweiht werden; er könne nicht einfach so wieder eingegliedert werden, er habe sein Christsein und, als Kleriker, seine Vollmacht, Sakramente zu spenden, verloren. Die Kirche dagegen hielt daran fest, dass Taufe und Weihe den Menschen unauslöschlich prägen; ein sündiger Christ oder Bischof war trotzdem noch Christ oder Bischof.

Während sie Apostaten zumindest nach einer Wiedertaufe wieder zulassen wollten, gab es, noch früher in der Geschichte der Kirche, auch Christen, die meinten, eine so schwere Sünde, die nach der Taufe begangen worden sei, könne überhaupt nicht mehr vergeben werden – oder sie könne zumindest nicht von der Kirche, sondern nur von Gott nach dem Tod vergeben werden, oder wenn von der Kirche, dann erst am Totenbett, das heißt, ein Büßer müsse bis zu seinem Tod im Stand der Buße verbleiben. (Es gab da verschiedene Gruppierungen.)

Eine davon, die Montanisten, denen sich Tertullian gegen Ende seines Lebens anschloss, waren eine dieser Bewegungen, die direkte Inspiration durch den Heiligen Geist für ihre Propheten beanspruchen und das nahe Weltende ankündigen; die Bewegung entstand so ungefähr um 170 n. Chr. Die Montanisten verlangten nicht nur allgemein eine sehr strenge Moral (z. B. keine Wiederheirat nach dem Tod des Ehepartners), sondern auch den endgültigen Ausschluss von Mördern, Ehebrechern und Apostaten aus der kirchlichen Gemeinschaft; diese Sünden seien zu schwer, als dass die Kirche sie vergeben könne. Auch die frühesten Gegenpäpste kamen aus dieser Richtung – St. Hippolyt von Rom (ca. 170-235) beispielsweise; er überwarf sich mit Papst St. Calixt I. wegen der Frage, ob Unzuchtsünden vergeben werden könnten, und wurde der erste Gegenbischof von Rom. (Er ist der einzige heilige Gegenpapst, denn er sah seinen Fehler nach Jahren schließlich ein und versöhnte sich wieder mit dem späteren rechtmäßigen Papst, St. Pontianus, nachdem beide gemeinsam von Kaiser Maximinus Thrax zur Zwangsarbeit in ein Bergwerk geschickt worden waren.) Nur wenige Jahre später, 251, gab es in Rom dann schon den nächsten Gegenbischof, der für eine Abspaltung von der Kirche sorgte, nämlich Novatian; auch er lehnte die Wiederaufnahme schwerer Sünder, besonders der Apostaten, ab. Seine Anhänger nannten sich die „Katharoi“, die „Reinen“. (Nicht mit den mittelalterlichen Katharern verwechseln!)

Sehr viele Häretiker, die sich im Lauf der Geschichte von der Kirche abspalteten, störten sich an ihrer Sündhaftigkeit. Auch die Reformation beispielsweise wollte zur „reinen Urkirche“ – oder dem, was sie darunter verstand – zurückkehren (für die Reformatoren war die Kirche auch nicht die sichtbare Gemeinschaft aller Getauften, sondern nur die unsichtbare Gemeinschaft der Geretteten). Und das hat nie funktioniert, und es ist Unsinn, und es ist falsch. Joseph Ratzinger hat es in „Einführung in das Christentum“ sehr gut ausgedrückt:

„‚Heilig’ wird die Kirche im Symbolum [=Glaubensbekenntnis] nicht deshalb genannt, weil ihre Glieder samt und sonders heilige, sündenlose Menschen wären – dieser Traum, der in allen Jahrhunderten von neuem auftaucht, hat in der wachen Welt unseres Textes keinen Platz, so bewegend er eine Sehnsucht des Menschen ausdrückt, die ihn nicht verlassen kann, bis nicht wirklich ein neuer Himmel und eine neue Erde ihm schenken, was ihm diese Zeit niemals geben wird. Schon hier werden wir sagen können, dass die härtesten Kritiker der Kirche in unserer Zeit verborgenerweise ebenfalls von jenem Traum leben und, da sie ihn enttäuscht finden, die Türe des Hauses krachend ins Schloss schlagen und es als lügnerisch denunzieren. Aber kehren wir zurück: Die Heiligkeit der Kirche besteht in jener Macht der Heiligung, die Gott in ihr trotz der menschlichen Sündhaftigkeit ausübt. Wir stoßen hier auf das eigentliche Kennzeichen des ‚Neuen Bundes’: In Christus hat sich Gott selbst an die Menschen gebunden, sich binden lassen durch sie. […]

 Die Kirche lebt ja nicht anders als in uns, sie lebt vom Kampf der Unheiligen um die Heiligkeit, so wie freilich dieser Kampf von der Gabe Gottes lebt, ohne die er nicht sein könnte. […] Eine Bitterkeit, die nur destruiert, richtet sich selbst. Eine zugeschlagene Tür kann zwar zum Zeichen werden, das die aufrüttelt, die drinnen sind. Aber die Illusion, als ob man in der Isolierung mehr aufbauen könnte als im Miteinander, ist eben eine Illusion genau wie die Vorstellung einer Kirche der ‚Heiligen’ anstatt einer ‚heiligen Kirche’, die heilig ist, weil der Herr in ihr die Gabe der Heiligkeit schenkt ohne Verdienst.“

Das alles hängt natürlich auch damit zusammen, dass der Mensch nicht richten darf. Die irdische Kirche wurde immer als Acker mit „Unkraut und Weizen“ gesehen, weil eben erst Gott wirklich hinter die Fassade sehen wird, wie es im Gleichnis beschrieben ist:

„Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune. […] Dann verließ er die Menge und ging nach Hause. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. Er antwortete: Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel. Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!“ (Mt 13,24-30.36-43)

Irgendwann einmal wird der Patient im Krankenhaus entweder sterben (und in diesem Krankenhaus kann er nur sterben, wenn er sich weigert, seine Medikamente zu nehmen), oder er wird geheilt entlassen werden. Das Krankenhaus ist etwas Vorläufiges; und darin befinden sich solche, die sterben werden und solche, die geheilt werden werden, und der Chefarzt darf bestimmten Patienten nicht weniger Sorge zukommen lassen, weil er ihre Heilungschancen als zu gering einschätzt. Sünder gehören zur Kirche, und die Kirche muss sie zur Umkehr rufen, und was daraus wird, wird man erst am Ende sehen.

Ich bin ganz froh, dass ich von Kindheit an zumindest halbwegs katholisch sozialisiert bin. Das schützt vor falschen Kirchenbildern. Einerseits ist man so schon mal davor gefeit, in der Kirche finster vor sich hin mordende Opus-Dei-Mönche wie bei Dan Brown zu vermuten (selbst wenn man noch nicht weiß, dass es beim Opus Dei gar keine Mönche gibt, weil die nämlich kein Orden sind), oder auch in jeder Sakristei Kinderschänder zu wittern, andererseits wird man auch sehr effektiv daran gehindert, sich eine idealisierte Vorstellung von einer heiligen Gemeinschaft voller inniger Nächstenliebe, Frömmigkeit, Freundlichkeit und Klugheit zu machen. Stattdessen erwartet man langweilige Pfarrgemeinderäte, sehr schlecht singende Kinderchöre, rechthaberische Pfarrer, einfach nur unfähige Religionslehrer, arrogante ältere Damen, Bischöfe, die es allen recht machen wollen, Theologen, die mit Absicht so zu schreiben scheinen, dass es möglichst kryptisch bleibt, was sie einem eigentlich sagen wollen, und Oberministranten ohne logisches Denkvermögen oder Organisationstalent ebenso wie starke Anteilnahme und Hilfsbereitschaft in der Seelsorge, Ehrfurcht und Schönheit in der Liturgie, klare, geniale Gedanken in der Predigt oder der Theologie, nette Feiern und bewegende, gut geplante Fahrten nach Rom oder Jerusalem. Katholiken sind halt auch Menschen, und Menschen sind öfters mal schlecht und gelegentlich auch gut; sie sind Sünder. [Aber sie sind nicht nur Sünder, sondern alle auch einfach in nicht schuldhafter Weise unvollkommen: dumm, ungebildet oder hässlich, psychisch krank, physisch krank, unsportlich, schüchtern, ungeschickt, übergewichtig, alt, erfolglos, geistig behindert, körperlich behindert, unbeliebt, arbeitslos, arm… Wie viele Menschen wären nicht zumindest eins der Dinge aus dieser Liste? Die Heiligen, das ist sehr tröstlich, waren durchaus nicht alle strahlende, überirdische Lichtgestalten. Der hl. Alphons von Liguori war Skrupulant, die hl. Teresa von Kalkutta litt unter starken Depressionen, die hl. Anna Schäffer war gelähmt und bettlägerig, der hl. Pfarrer von Ars hatte große Lernschwierigkeiten, der hl. Thomas von Aquin war stark übergewichtig, der sel. Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn hatte keinen Erfolg mit seinen Friedensbemühungen im 1. Weltkrieg…]

Die Kirche ist keine Elitegesellschaft. Sie stellt ein paar Mindestanforderungen; solange man katholisch getauft ist, den katholischen Glauben hat und in Gemeinschaft mit dem Papst steht, ist man drin. Das kann durchaus heißen, dass man noch kein besonders guter Mensch ist und noch einen weiten Weg mit Gott vor sich hat. Aber deswegen gehört man trotzdem dazu. Natürlich; es gibt solche Dinge wie die Exkommunikation. Exkommuniziert wird man aber entweder, weil man den katholischen Glauben aufgegeben hat (Apostasie, Häresie), oder weil man sich von der Kirche abgespalten hat (Schisma), oder weil man bestimmte sehr schwerwiegende, im Kirchenrecht klar bestimmte Sünden begangen hat – Bruch des Beichtgeheimnisses, Hostienschändung, Abtreibung, Attentat auf den Papst, solche Sachen. (Auch das geduldigste Krankenhaus steckt einen in strenge Quarantäne, wenn man auf die Idee kommt, sich selber im Labor Pesterreger zu spritzen, und dann noch mit der Spritze herumzulaufen, um auch andere Patienten zu infizieren.) Aber selbst die Exkommunikation ist klar definiert als eine Beugestrafe, die den damit Belegten dazu führen soll, wieder in die volle Gemeinschaft der Kirche zurückzukommen. Und eigentlich gehört man, kirchenrechtlich gesehen, immer irgendwie noch zu ihr, sobald man getauft ist, auch wenn man nicht mehr in der vollen Gemeinschaft mit ihr steht; da kann man so ketzerisch und sündhaft sein wie man will. (Auch die Quarantänestation ist noch ans Krankenhaus angeschlossen.) Die Verbindung mit der Kirche lässt sich für einen gültig Getauften nie ganz zerreißen.

Nebenbei: Das oben Gesagte über Kirchenmitgliedschaft und ewiges Heil gilt auch umgekehrt: Auch jemand, der offiziell nicht der katholischen Kirche angehört, kann seinem Gewissen folgen und zumindest schon auf dem richtigen Weg zu Gott sein, auch wenn er die wahre Religion noch nicht erkannt hat; wobei er dabei mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen haben wird, um das Richtige zu erkennen und es dann auch zu tun.