Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (kleine Auswahl):

AT: Dtn 30,15-20; Sir 15,11-20; Sir 17; Ez 18.

NT: Joh 3; Mt 7,21-23; Jak 2; Mt 25,31-46; Mt 13; Mk 16,16; Lk 15; Joh 12,44-50; Tit 3,3-8; Röm 1-8; Gal 3; 1 Kor 9,23-27; 1 Tim 6,12.

Heute also der zweite Artikel zum Thema Rechtfertigungslehre (mit den Theologen aus dem späteren 2. Jh.: Irenäus von Lyon, Tatian, Theophilus von Antiochia, Athenagoras, dem Märtyrerbericht über den hl. Apollonius und Minucius Felix); Teil 1 mit den früheren Schriften hier. Auch in Teil 2 wird wieder deutlich: Selbsterlösung ist unmöglich, das Heil kommt von Gott, aber der Mensch kann es ablehnen oder annehmen, es gibt einen freien Willen, Glaube und Werke sind beide zur Rechtfertigung nötig.

Irenäus von Lyon, der um 180 n. Chr. schreibt, hat einiges zu diesem Thema zu sagen.

Sehr schön ist eine Stelle, an der er sowohl sagt, dass der Glaube rechtfertigt, als auch, dass die guten Taten rechtfertigen, und, dass das Mosaische Gesetz zeitgebunden, aber das Naturrecht (also die universalen Regeln von Gut und Böse) immer gilt:

Da nun im Gesetz und im Evangelium das erste und größte Gebot ist, Gott den Herrn aus ganzem Herzen zu lieben, und das zweite, diesem ähnlich, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, so ist offenkundig der Urheber des Gesetzes und der Urheber des Evangeliums ein und derselbe. Die Übereinstimmung der Gebote für das vollkommene Leben in beiden Testamenten weist auf denselben Gott hin. Die besonderen Gebote passte er den besonderen Umständen an; die wichtigsten und höchsten Gebote aber, ohne die man nicht gerettet werden kann, sind in beiden Testamenten dieselben. […]

Die Naturgebote des Gesetzes aber, durch die der Mensch gerechtfertigt wird, und welche schon vor der Gesetzgebung diejenigen beobachteten, die durch den Glauben gerechtfertigt wurden und Gott gefielen, die hat der Herr nicht aufgehoben, sondern ausgedehnt und erfüllt, wie aus seinen Reden offenbar ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,12,3 u. IV,13,1)

Allgemeiner Heilswille Gottes (auch in Bezug auf die Menschen, die vor Christus lebten), das Heil kommt von Gott, aber der Mensch muss auch daran mitarbeiten:

„Denn nicht allein wegen derjenigen, die zu der Zeit des Kaisers Tiberius an ihn glaubten, kam Christus, noch allein wegen der Menschen, die jetzt leben, traf der Vater seine Fürsorge, sondern wegen aller Menschen ohne Ausnahme, die von Anfang an, jeder gemäß seinen Kräften in seiner Art, Gott fürchteten und liebten, in Gerechtigkeit und Frömmigkeit gegen den Nächsten wandelten und begehrten, Christus zu sehen und seine Stimme zu hören. Deshalb wird er diese alle bei seiner zweiten Ankunft vom Schlafe auferwecken und sie aufrichten, ebenso wie die übrigen, die gerichtet werden sollen, und sie einsetzen in sein Reich.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,22,2)

„Aber nicht wegen des eigenen Bedürfnisses nahm das Wort Gottes die Freundschaft Abrahams an, war es doch von Anfang an vollkommen: ‚Ehe denn Abraham war, bin ich‘, sagte es, sondern weil es dem Abraham in seiner Güte das ewige Leben schenken wollte. Denn Unsterblichkeit schenkt die Freundschaft Gottes denen, die sich darum bemühen. (Irenäus, Gegen die Häresien IV,13,4)

„Und wiederum spricht Moses: ‚Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott von dir, als daß du den Herrn deinen Gott fürchtest, auf allen seinen Wegen wandelst, und ihn liebst und dem Herrn deinem Gott dienest aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele?‘ Dies machte den Menschen herrlich und verlieh ihm das, was ihm fehlte, d. h, die Freundschaft Gottes; Gott aber gab es nichts, denn Gott gebrauchte nicht die Liebe des Menschen. Dem Menschen aber fehlte die Herrlichkeit Gottes, die er auf keine andere Weise erreichen konnte als durch den Gehorsam gegen Gott. Und deswegen spricht Moses abermals: ‚Erwähle das Leben, damit du lebest, du und dein Same; zu lieben den Herrn, deinen Gott, auf seine Stimme zu hören, und ihn zu ergreifen, das ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage.‘ Um für dieses Leben den Menschen zu erziehen, sprach der Herr durch sich selber die Worte des Dekalogs zu allen in gleicher Weise, und darum dauern sie gleicher Weise auch bei uns fort, indem sie Ausdehnung und Erweiterung, nicht aber Aufhebung durch seine Ankunft empfangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,16,4)

„Durch ihn erlöst, preisen wir unaufhörlich Gott, welcher in seiner großen, unerforschlichen und abgründigen Weisheit uns gerettet hat und das Heil vom Himmel her verkündigt hat, die sichtbare Ankunft unseres Herrn, d. h, seinen Wandel als Mensch. Wir hätten dies für uns nicht erlangen können. Doch was unmöglich ist bei den Menschen, das ist möglich vor Gott. (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 97)

Gott macht den Anstoß, dann muss der Mensch mitwirken:

„So sollten wir zum Frieden mit Gott gelangen, indem wir das ihm Gefällige tun, nachdem die Feindschaft gegen Gott, welche die Ungerechtigkeit ist, aufgehoben ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 86)

Rechtfertigung durch Glaube (der sich auch in Werken zeigt):

„Also war dem Abraham der Herr nicht unbekannt, dessen Tag er zu sehen wünschte, noch der Vater des Herrn. Denn er hatte es von dem Worte des Herrn gehört und glaubte ihm, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit vom Herrn angerechnet. Denn der Glaube an den höchsten Gott rechtfertigt den Menschen, und deswegen sprach er: ‚Ich will ausstrecken meine Hand zu dem höchsten Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,5,5)

„Das Versprechen, welches einst Gott dem Abraham gegeben hatte, sein Geschlecht [zahlreich und herrlich] zu machen wie die Sterne des Himmels, hat Christus nun auch erfüllt. Er tat das dadurch, daß er selbst aus dem Geschlechte Abrahams seinen Ausgang nahm in der Jungfrau, von der er geboren wurde, und dadurch, daß er in jenen, die an ihn glaubten, der Welt Leuchten aufstellte und durch denselben Glauben mit Abraham die Heiden rechtfertigte, ‚denn es glaubte Abraham Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet‘. In gleicher Weise werden auch wir durch den Glauben an Gott gerechtfertigt, denn ‚der Gerechte lebt aus dem Glauben‘. ‚So ist nun nicht durch das Gesetz die Verheißung dem Abraham geworden, sondern durch den Glauben.‘ Denn Abraham wurde durch den Glauben gerechtfertigt und für den Gerechten besteht das Gesetz nicht. In gleicher Weise werden auch wir nicht durch das Gesetz gerechtfertigt, sondern durch den Glauben, welcher vom Gesetz und von den Propheten bezeugt wird, die uns das Wort Gottes bestellt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 35) (Gemeint ist hier das Mosaische Gesetz.)

„Dazu aber hat der Vater den Sohn offenbart, damit er durch ihn allen bekannt werde und er die Gerechten, welche an ihn glauben, in die Unvergänglichkeit und ewige Ruhe aufnehmen kann — ihm glauben heißt nämlich seinen Willen tun — die aber, welche ihm nicht glauben und somit sein Licht fliehen, in die selbsterwählte Finsternis verdientermaßen verbanne. Allen also hat sich der Vater offenbart, indem er allen sein Wort sichtbar machte; und das Wort wiederum zeigte allen den Vater und den Sohn, da er von allen gesehen wurde. Darum ergeht das gerechte Gericht Gottes über alle, die ihm, obwohl sie ihn ebenso wie die andern sahen, nicht ebenso glaubten.

Denn durch die Schöpfung selber offenbart das Wort Gott als den Schöpfer und durch die Welt den Herrn als den Schöpfer der Welt und durch das Geschöpf, das er geschaffen hat, den Künstler, und durch den Sohn als Vater den, der den Sohn erzeugt hat. So ähnlich sind auch die Worte aller, aber verschieden ist ihr Glaube. Doch auch durch Gesetz und Propheten hat das Wort in ähnlicher Weise sich und den Vater verkündet — und obwohl das gesamte Volk es in gleicher Weise hörte, glaubten nicht alle in gleicher Weise. Auch wurde durch das sichtbar und greifbar gewordene Wort der Vater allen gezeigt. Es glaubten nicht alle ihm gleichmäßig, und doch sahen alle in dem Sohne den Vater, denn das Unsichtbare an dem Sohne ist der Vater, und das Sichtbare des Vaters ist der Sohn. […]

Es mußte nämlich die Wahrheit von allen Zeugnis empfangen und ein Gericht sein zum Heile der Gläubigen und zur Verdammnis der Ungläubigen, damit alle gerecht gerichtet würden und der Glaube an den Vater und den Sohn von allen bestätigt, d. h. von allen bekräftigt werde, indem er von allen das Zeugnis empfing, von den Hausgenossen als ihren Freunden und von den Fremden als ihren Feinden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,5-7)

Werke sind nötig (Auslegung des Gleichnisses vom königlichen Hochzeitsmahl):

„Weiter tat der Herr kund, daß wir, abgesehen von der Berufung, uns auch mit den Werken der Gerechtigkeit schmücken müssen, damit über uns der Geist Gottes ruhe. Das ist das hochzeitliche Kleid […]. Die aber zu dem Mahle Gottes berufen sind, wegen ihres schlechten Wandels jedoch den Hl. Geist nicht empfangen haben, die werden nach seinem Worte ‚in die äußerste Finsternis hinausgeworfen werden‘. Es ist also offenbar derselbe König, der die Gläubigen von allen Seiten zu der Hochzeit seines Sohnes berufen hat und das unvergängliche Gastmahl ihnen schenkte, und andererseits in die äußerste Finsternis den werfen läßt, der kein hochzeitliches Kleid an hat, d. h. ihn verachtet. Denn wie in dem Alten Testamente er ‚an vielen von ihnen kein Wohlgefallen hatte‘, so sind auch hier ‚viele berufen, wenige auserwählt‘. Derselbe Gott also, der richtet, ist auch der Vater, der zum Heile beruft, er schenkt den einen das ewige Licht und läßt die, welche kein hochzeitliches Kleid anhaben, in die äußerste Finsternis hinauswerfen. Derselbe Herr, der Vater unseres Herrn, der die Propheten gesandt hat, beruft wegen seiner unendlichen Güte zwar Unwürdige, sieht aber darauf, ob die Berufenen auch ein geziemendes Kleid anhaben, wie es sich schickt für die Hochzeit seines Sohnes. Denn nichts Unpassendes oder Schlechtes kann ihm gefallen. So sagt ja auch der Herr zu dem, den er geheilt hatte: ‚Siehe, du bist gesund geworden, sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres geschehe.‘ Denn der Gute, Gerechte, Reine und Unbefleckte wird nichts Böses, Ungerechtes oder Abscheuliches in seinem Brautgemache dulden. Das ist aber der Vater unseres Herrn, durch dessen Vorsehung alles besteht, und auf dessen Befehl alles gelenkt wird. Unverdienterweise gibt er seine Geschenke, denen es zukommt; nach Verdienst aber vergilt er ganz geziemend den Undankbaren, die seine Güte nicht erkennen wollen, als gerechtester Vergelter, und deswegen heißt es: Er sandte seine Heere aus und vernichtete jene Mörder und zündete ihre Stadt an.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,36,6)

„Durch ihn und von ihm erlangen die, welche Gott glauben und seinem Worte folgen, ihr Heil; die aber von ihm sich abwenden und seine Gebote verachten und durch ihre Werke den verunehren, der sie geschaffen hat, und in ihrem Herzen den lästern, der sie ernährt, die beschworen auf sich sein gerechtes Gericht.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,33,15)

Taufe auf den dreifaltigen Gott zur Nachlassung der Sünden, dann Glaube und Werke:

„Wohlan, um nicht von ihr [der Irrlehre] zu kosten, müssen wir treu an der Regel des Glaubens festhalten und die Gebote Gottes erfüllen, vom Glauben an Gott geleitet und aus Furcht vor ihm, weil er der Herr ist, zugleich aus Liebe zu ihm, weil er ein Vater ist. Das Vollbringen kommt aus dem Glauben, wie Isaias sagt: ‚Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht verstehen‘, und zum Glauben führt die Wahrheit, denn der Glaube ruht auf wahrhaften Tatsachen. Das Tatsächliche werden wir glauben, wie es ist, und im Glauben an das Tatsächliche, wie es immer ist, auch in fester Zustimmung zu demselben verharren. Da der Glaube die Bürgschaft für unser Heil ist, so ist es unsere ehrenvolle Pflicht, auf dieses Heilmittel viele Sorgfalt zu verwenden, um die wahre Einsicht in die Dinge zu erlangen. Der Glaube bewirkt dies in uns, wie uns die Alten, die Schüler der Apostel, überliefert haben. Zuvörderst mahnt er uns zu gedenken, daß wir die Taufe zur Nachlassung der Sünden im Namen Gottes des Vaters empfangen haben, und im Namen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, der einen Leib angenommen hat, gestorben und von den Toten auferstanden ist, und im heiligen Geist Gottes, und daß diese Taufe das Siegel des ewigen Lebens und der Wiedergeburt in Gott ist, so daß wir nicht mehr Kinder der sterblichen Menschen, sondern des ewigen, immerwährenden Gottes sind.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung, Einleitung 3)

„Das ist das Betragen der Gläubigen, da der Hl. Geist in ihnen ist und dauernd weilt, der in und mit der Taufe gegeben wird und vom Empfänger bewahrt wird, wenn er in Wahrheit, Heiligkeit, Gerechtigkeit und Beharrlichkeit wandelt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 42)

Nicht das alttestamentliche Gesetz, sondern der Glaube und die Gottes- und Nächstenliebe führen zum Heil:

Und daß die Menschen nicht nach den vielen Verordnungen des Gesetzes, sondern gemäß der Einfalt des Glaubens und der Liebe zum Heil gelangen sollten, spricht Isaias so aus: ‚Ein kurzes und bündiges Wort mit Gerechtigkeit. Denn ein kurzes Wort wird der Herr vollführen auf der ganzen Erde.‘ Deswegen sagt der Apostel Paulus: ‚Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe‘, denn derjenige, welcher Gott liebt, hat auch das Gesetz erfüllt. Ja als der Herr gefragt worden war, welches das erste Gebot sei, hat auch er gesagt: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen und aus allen Kräften; und das zweite ist diesem gleich, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten‘, sagt er, ‚hängt das ganze Gesetz und die Propheten‘. Er hat nun durch den Glauben an ihn die Liebe zu Gott und zum Nächsten großgezogen, indem er uns fromm, gerecht und gut macht, und in diesem Sinn hat er ein kurzes Wort auf der ganzen Erde durchgeführt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 87)

Irenäus beschreibt die falsche Lehre der Gnostiker, die Simon Magus eingeführt habe, der in der Apostelgeschichte den Aposteln die Gabe des Heiligen Geistes abkaufen wollte, folgendermaßen (die Gnostiker glaubten generell an verschiedene jenseitige Wesen, dass ein schlechter Untergott die materielle Welt erschaffen hatte, und dass man aus dieser Welt durch Erkenntnis entkommen musste):

„Dieser Mann nun [Simon Magus], der von vielen wie ein Gott verherrlicht wurde, lehrte von sich selbst, er sei unter den Juden als Sohn erschienen, in Samaria als Vater herabgestiegen und bei den übrigen Völkern als der Heilige Geist angekommen. Er sei die allerhöchste Kraft, d. h. der über alles erhabene Vater, and lasse es sich gefallen, unter jedem beliebigen Namen von den Menschen angerufen zu werden.

Dieser Simon von Samaria, von dem sämtliche Sekten abstammen, trägt folgende Irrlehre vor: Mit einer gewissen Helena, die er zu Tyrus in Phönizien als Lohndirne erstand, zog er herum und sagte, dies sei die erste Vorstellung seines Geistes, die Mutter aller, durch die er im Anfang gedachte, Engel und Erzengel zu erschaffen. Indem diese Ennoia von ihm ausging und erkannte, was der Vater wollte, stieg sie in die unteren Regionen hinab und zeugte die Engel und Mächte, von denen diese Welt gemacht worden sein soll. Dann aber wurde sie aus Neid von ihren eigenen Kindern zurückgehalten, da diese nicht für die Kinder irgend jemandes gehalten werden wollten. Er selbst blieb ihnen gänzlich unbekannt, die Ennoia aber hielten die Engel und Mächte zurück, die sie selbst geboren hatte, und jegliche Schmach mußte sie von ihnen erleiden, so daß sie nicht zu ihrem Vater zurückkehren konnte und sogar in menschlichem Körper eingeschlossen, in Ewigkeit wie von einem Gefäß in das andere in weibliche Körper überging. So war sie auch in dem Leib der Helena, deretwegen der trojanische Krieg unternommen wurde. Stesichorus, der auf sie Schmählieder dichtete, wurde deswegen geblendet, und erst als er reuevoll durch Gegenlieder Abbitte leistete, bekam er das Augenlicht wieder. Bei ihrer Wanderung von Körper zu Körper erlitt sie in jedem immer neue Schmach und landete zuletzt in einem öffentlichen Hause — sie ist das verlorene Schaf.

Da kam er nun selber, um sie zunächst zu erheben und von ihren Fesseln zu befreien, aber auch den Menschen durch die eigene Erkenntnis das Heil zu bringen. Die Engel nämlich regierten die Welt schlecht, weil jeder von ihnen der erste sein wollte. Deshalb kam er, um die Welt aufzurichten, wurde umgestaltet und ähnlich den Mächten, Kräften und Engeln, so daß er wie ein Mensch aussah und doch keiner war, in Judäa gelitten zu haben schien und doch nicht gelitten hatte. Die Propheten haben gesprochen, indem sie von den Engeln inspiriert wurden, welche die Welt gemacht hatten. Wer darum an ihn und an seine Helena glaube, der braucht sich um sie nicht weiter zu kümmern, sondern kann als Freier tun, was ihm beliebt. Durch seine Gnade werden die Menschen gerettet und nicht durch die Werke ihrer Gerechtigkeit. Die Werke sind nicht gut per se, sondern nur per Akzidens. Die entgegengesetzte Lehre haben die Engel, die die Welt gemacht haben, erfunden, um durch solche Vorschriften die Menschen zu knechten. Wenn aber die Welt aufgelöst werde, dann versprach er ihnen, sollten sie von der Herrschaft jener Engel befreit werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, I,23,1.3)

Noch etwas über die Gnostiker:

„Doch zu den andern Punkten ihrer Lehre müssen wir noch zurückkehren. Sie sagten nämlich, daß beim Weltenende ihre Mutter in das Pleroma zurückkomme und als Bräutigam den Erlöser empfange; daß sie als die Geistigen, nachdem sie ihrer Seelen entkleidet wären, zu Bräuten der geistigen Engel würden, und dass der Demiurg, der ja nur seelisch sei, an den Platz der Mutter trete, die Seelen der Gerechten aber an dem Ort der Mitte ausruhten, weil ja das Seelische zu dem Seelischen, das Geistige zu dem Geistigen sich hinziehen, das Materielle aber im Materiellen verbleiben müsse. Doch widersprechen sie sich damit selber. Es sollen ja die Seelen nicht wegen ihrer Natur an den Ort der Mitte zu ihresgleichen gehen, sondern wegen ihrer Werke, die gerechten nämlich dorthin und die gottlosen in das Feuer. Kommen nämlich alle Seelen an den Ort der Ruhe und der Mitte, eben weil sie Seelen von der gleichen Wesenheit sind, dann wäre der Glaube überflüssig und überflüssig die Herabkunft des Heilands. Geschieht es aber wegen ihrer Gerechtigkeit, dann ist der Grund der Rettung nicht mehr ihre Wesenheit. (Irenäus, Gegen die Häresien II,29,1)

Freier Wille:

„Wenn aber einige mit Rücksicht auf die ungehorsamen und verlorenen Israeliten sagen wollten, daß der Lehrer des Gesetzes also schwach war, so werden sie auch in dem Ruf, der an uns ergangen ist, viele Berufene, aber wenige Auserwählte finden und solche, die inwendig Wölfe, von außen aber mit Schaffellen bekleidet sind. Denn immer hat Gott und seine Ermahnung den freien Willen und das Selbstbestimmungsrecht im Menschen gewahrt, damit die Ungehorsamen gerechterweise verurteilt werden, deshalb weil sie nicht gehorchten. Die aber ihm gehorchten und glaubten, die sollten mit der Unvergänglichkeit geehrt werden. (Irenäus, Gegen die Häresien IV,15,2)

„Jenes Wort: ‚Wie oft wollte ich versammeln deine Söhne, und du hast nicht gewollt‘, weist auf das alte Gesetz von der Freiheit des Menschen hin. Denn frei hat ihn Gott im Anfang erschaffen, mit eigener Macht wie mit eigener Seele, sodaß er mit freiem Willen ohne Zwang von Seiten Gottes Gottes Einsicht folgen sollte. Denn bei Gott ist kein Zwang; gute Erkenntnis aber ist bei ihm immerzu, und deswegen gibt er auch allen guten Rat. Er legte aber in den Menschen wie in die Engel die Gewalt zu wählen, denn auch die Engel sind mit Vernunft begabt, damit die, welche ihm gehorchen würden, mit Recht das Gute besäßen, von Gott verliehen, aber von ihnen bewahrt. Die aber ihm nicht gehorchten, die werden gerechterweise nicht bei dem Guten gefunden und empfangen die verdiente Strafe. Gab ihnen doch Gott in seiner Güte das Gute; sie aber bewahrten es nicht sorgfältig, noch erachteten sie es als wertvoll, sondern verachteten die überaus große Güte. Die also das Gute fortwerfen und es gleichsam ausspeien, die werden alle verdientermaßen dem gerechten Gerichte Gottes verfallen, wie der Apostel Paulus im Römerbriefe mit den Worten bezeugt: ‚Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte und Geduld und Langmut, ohne zu wissen, daß die Güte Gottes zur Buße dich hinführt? Aber gemäß deiner Härte und deinem unbußfertigen Herzen häufst du dir den Zorn Gottes auf an dem Tage des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes. Ehre aber und Ruhm jedem, der Gutes tut.‘ Gott also gab das Gute, wie auch der Apostel in diesem Briefe bezeugt, und die es tun, die werden Ehre und Ruhm erlangen, da sie das Gute getan haben, wo sie es auch nicht tun konnten; die es aber nicht tun, die werden das gerechte Gericht Gottes erdulden, weil sie das Gute nicht getan haben, wo sie es doch tun konnten.

Wären von Natur die einen gut, die anderen schlecht geworden, dann wären die Guten nicht lobenswert, da sie ja so gemacht worden sind, noch jene tadelnswert, da von ihnen das Gleiche gilt. Da aber alle von der gleichen Natur und imstande sind, das Gutes sowohl an sich zu ziehen und zu tun, als auch von sich zu stoßen und nicht zu tun, so werden mit Recht bei verständigen Menschen, also vielmehr noch bei Gott, die einen gelobt und empfangen das ihrer guten Wahl und Ausdauer gebührende Zeugnis; die anderen aber werden getadelt und empfangen die gebührende Strafe, weil sie das Schöne und Gute von sich gewiesen haben. Und deshalb ermahnten auch die Propheten die Menschen, gerecht zu handeln und das Gute zu tun, wie wir vielfach gezeigt haben, weil dies in unserer Kraft steht, und weil wir durch vielfache Nachlässigkeit vergeßlich geworden sind und uns die Erkenntnis des Rechten fehlt, die uns der gute Gott durch die Propheten geben wollte.

Deshalb sagte auch der Herr: ‚Es leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater verherrlichen, der im Himmel ist. Habet acht auf euch, daß nicht vielleicht eure Herzen beschwert werden in Rausch und Trunkenheit und weltlichen Sorgen.‘ Und: ‚Eure Lenden seien umgürtet und eure Lampen brennend, und ihr ähnlich den Leuten, die ihren Herrn erwarten, wann er zurückkommt von der Hochzeit, damit, wann er kommt und klopft, sie ihm öffnen. Glücklich jener Knecht, den sein Herr, wann er kommt, so tun findet.‘ Und andererseits: ‚Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt und nicht tut, wird viele Streiche bekommen.‘ Und: ‚Was sagt ihr zu mir: ‚Herr, Herr‘, und tut nicht, was ich sage?‘ Und abermals: ‚Wenn aber der Knecht in seinem Herzen spricht: Es zögert mein Herr, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, so wird sein Herr an dem Tage kommen, wo er nicht hofft, und er wird ihn absondern und ihm seinen Teil mit den Heuchlern geben.‘ All dies beweist, daß der Mensch frei und selbständig ist, und Gott uns mit seinem Rate nur leitet, indem er uns zum Gehorsam ermahnt und vom Unglauben hinwegführt, nicht aber mit Gewalt uns zwingt.

Wenn also jemand dem Evangelium nicht folgen will, so steht es ihm frei, aber es nützt ihm nicht. Der Mensch kann sich für den Ungehorsam gegen Gott entscheiden und für den Verlust des Guten, zieht sich aber dadurch einen gewaltigen Nachteil und Schaden zu. Darum sagt Paulus: ‚Alles steht mir frei, aber nicht alles bringt Nutzen.‘ ‚Alles ist erlaubt‘, weist hin auf die Freiheit des Menschen, die keinem Zwange Gottes unterliegt, ‚es nützt aber nichts‘, warnt uns, die ‚Freiheit zum Deckmantel der Bosheit zu mißbrauchen‘, was nichts nützt. […] Läge es also nicht in unserer Hand, dies zu tun oder nicht zu tun, welchen Grund hätte dann der Apostel und noch viel mehr der Herr selbst gehabt, uns den Rat zu geben, daß wir einiges tun, von anderem aber uns enthalten sollen? Weil jedoch der Mensch von Anfang an einen freien Willen hat, wie Gott einen freien Willen hat, nach dessen Ebenbild er erschaffen worden ist, so gibt er ihm immer den Rat, das Gute festzuhalten, welches im Gehorsam gegen Gott vollendet wird.

Aber nicht nur in den Werken, sondern sogar im Glauben hat Gott die Freiheit und Selbstentscheidung des Menschen beachtet, indem er spricht: ‚Nach deinem Glauben möge dir geschehen‘, womit gesagt ist, daß der Glaube ebenso Eigentum des Menschen ist wie sein freier Wille. Und abermals heißt es: ‚Alles ist möglich dem, der da glaubt‘, und: ‚Gehe, wie du geglaubt hast, soll dir geschehen!‘ Alle derartigen Stellen lehren, daß der Glaube von der freien Zustimmung des Menschen abhängt. Deswegen hat auch ‚der, welcher ihm glaubt, das ewige Leben; wer aber dem Sohne nicht glaubt, der hat nicht das ewige Leben, sondern der Zorn Gottes wird über ihm bleiben‘. In dem Sinne also erklärt der Herr das Gute für sein Eigentum und beläßt dem Menschen den freien Willen und die Selbstentscheidung, wenn er zu Jerusalem spricht: ‚Wie oft wollte ich deine Söhne versammeln, wie die Henne ihre Küchlein unter den Flügeln, und du hast nicht gewollt. Deshalb wird euch euer Haus öde gelassen werden.‘

Die aber die gegenteilige Ansicht vertreten, stellen sich den Herrn als zu schwach vor, so daß er das nicht durchsetzen konnte, was er wollte, oder als einen, der die Natur der von ihnen sogenannten Choiker nicht kannte, da diese ja seine Unsterblichkeit nicht annehmen konnten. Aber dann hätte er weder die Engel so schaffen dürfen, daß sie sündigen konnten, noch solche Menschen, die sogleich gegen ihn undankbar wurden. Wurden diese doch mit Verstand, Unterscheidungs- und Urteilskraft begabt und waren keineswegs wie die unverständigen und leblosen Geschöpfe, die nach eigenem Willen nichts tun können, sondern mit Zwang und Notwendigkeit zum Guten gezogen werden, so daß in ihnen ein Sinn und eine Sitte ist, so daß sie, unveränderlich und urteilslos, nichts anders sein können als das, wozu sie erschaffen wurden. Dann aber wäre ihnen das Gute nicht angenehm, noch wertvoll die Gemeinschaft mit Gott, noch das Gute sehr begehrenswert, wenn es ihnen ohne eigene Tätigkeit, Sorge und Eifer zufallen, sowie ohne eigenes Zutun und mühelos verliehen würde. Dann hätten auch die Guten nichts zu bedeuten, weil sie mehr von Natur als aus eigenem Willen so geworden wären und das Gute von selbst, aber nicht aus eigener Wahl hätten, und folglich würden sie auch nicht einmal einsehen, wie schön das Gute ist, noch könnten sie es genießen; denn nur das kann man als ein Gut genießen, was man als ein Gut kennt. Welchen Ruhm aber würden sie haben, wenn sie sich darum nicht bemüht haben, und welche Krone sollte ihnen werden, wenn sie sie nicht wie die Sieger im Kampfe erlangt haben?

[…] Und deswegen sagt auch Paulus im Korintherbriefe: ‚Wisset ihr nicht, daß die, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, daß aber nur einer den Preis erhält? So laufet, daß ihr ihn erlanget. Jeder aber, der da kämpft, ist in allem enthaltsam, jene, damit sie eine vergängliche Krone empfangen, wir aber eine unvergängliche. Ich aber laufe so, nicht auf ein Ungewisses; ich kämpfe so, nicht als ob ich die Luft schlage, sondern ich züchtige meinen Körper und bringe ihn in Knechtschaft, damit ich nicht vielleicht, andern predigend, selbst verworfen werde.‘ Als guter Streiter also ermahnt er uns zum Kampfe um die Unvergänglichkeit, damit wir gekrönt werden und die Krone als wertvoll schätzen, da sie nur durch Kampf erworben wird und nicht von selbst uns zufällt. Und je mehr sie uns durch Kampf zuteil wird, um so wertvoller ist sie; je wertvoller aber sie uns ist, um so mehr sollen wir sie immer lieben. Auf verschiedene Weise lieben wir das, was uns von selbst kommt, und das, was mit vieler Sorgfalt erst errungen wird. Weil es aber bei uns stand, Gott mehr zu lieben, hat uns der Herr gelehrt und der Apostel gezeigt, dies mit Anstrengung zu finden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,37,1-7)

„Wäre unser Lehrer, das Wort, nicht Mensch geworden, so hätten wir auf keine andere Weise lernen können, was Gottes ist. Denn kein anderer konnte uns vom Vater erzählen als sein eigenes Wort. ‚Wer hat nämlich sonst den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sonst sein Ratgeber geworden?‘ Auch konnten wir es nicht anders lernen, als indem wir unsern Lehrer sahen und mit unsern Ohren seine Stimme hörten, auf daß wir ‚die Nachahmer seiner Werke und die Vollbringer seiner Worte geworden‘, die Gemeinschaft mit ihm hätten, indem wir von dem Vollkommenen und dem, der vor aller Schöpfung da war, den Zuwachs empfingen. Wir sind ja eben erst geworden, von dem allein Guten und sehr Guten und dem, der Unvergänglichkeit schenken kann, nach seinem Ebenbild erschaffen, vorausbestimmt, zu sein, als wir noch nicht waren, nach dem Vorauswissen des Vaters, ‚zum Anfang der Schöpfung‘ gemacht. So haben wir zur vorherbestimmten Zeit durch Vermittlung des Wortes, das in allem vollkommen ist, empfangen, daß er als das allmächtige Wort und wahrer Mensch mit seinem Blute uns rechtmäßig erlöst und sich zum Lösegeld für die hingegeben hat, die in die Gefangenschaft geführt waren. Da also die Herrschaft der Apostasie über uns nicht zu Recht bestand und wir von Natur des allmächtigen Gottes Eigentum waren, er also wider die Natur uns ihm entriß, indem er uns zu seinen Jüngern machte, so hat sich das in allem mächtige Wort Gottes, dessen Gerechtigkeit nicht nachläßt, mit Recht auch gegen die Apostasie erhoben und sein Eigentum davon erlöst. Aber nicht Gewalt wandte er an, wie sie im Anfang über uns herrschte, indem jener fremdes Eigentum unersättlich an sich riß, sondern bloßen Rat, wie es sich für Gott geziemt, der da rät, aber nicht zwängt, ihm zu folgen, damit das Recht nicht gebeugt würde und das Urgeschöpf Gottes nicht zugrunde ging. Da also mit seinem Blute der Herr uns erlöste und seine Seele für uns hingab und sein Fleisch für unser Fleisch, und da er den Geist des Vaters ausgoß, um den Menschen mit Gott auf das innigste zu verbinden, indem er in dem Menschen durch den Geist Gott niederlegte und durch seine Menschwerdung den Menschen in Gott hineinlegte, und da er wahrhaft und wirklich in seiner Ankunft durch die Gemeinschaft mit ihm Unvergänglichkeit schenkte — so sind verloren alle Lehren der Häretiker.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,1,1)

„In den vorausgegangenen Büchern haben wir die Gründe dargelegt, warum Gott solches geschehen läßt, und wir haben gezeigt, daß dies alles dem Menschen dient, der gerettet wird, weil es den mit Wahl- und Willensfreiheit begabten Menschen zur Unsterblichkeit heranreifen läßt und ihn zum ewigen Gehorsam gegen Gott anpaßt und vorbereitet. Deshalb dient auch die Schöpfung dem Menschen. Denn der Mensch ist nicht wegen der Schöpfung, sondern die Schöpfung wegen des Menschen geworden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, V,29,1)

Reprobation? Über „Gott verhärtete das Herz des Pharao“ u. Ä.:

Da nun Gott alles vorausweiß, so überläßt er die, von denen er weiß, daß sie nicht glauben werden ihrem Unglauben, wendet sein Angesicht von solchen ab und läßt sie in der Finsternis zurück, die sie sich selbst erwählt haben. Was Wunder also, wenn er den Pharao, der ja niemals geglaubt hätte, samt seinem Anhang dem Unglauben preisgab? So spricht das Wort aus dem Dornbusche zu Moses: ‚Ich aber weiß, daß Pharao, der König von Ägypten, euch nicht wird fortziehen lassen, wenn nicht in meiner starken Hand.‘ Und geradeso wie der Herr in Gleichnissen redete und Israel verblendete, damit sie sehen sollten und nicht sehen, da er ihren Unglauben kannte, geradeso verhärtete er auch das Herz des Pharao, damit er sah, daß es der Finger Gottes ist, der das Volk herausführt, und doch nicht glaubte, sondern sich in das Meer des Unglaubens stürzte, weil er wähnte, daß ihr Auszug durch eine Zauberkraft geschähe, und daß das Rote Meer nicht infolge göttlicher Kraft dem Volk den Durchgang gewähre, sondern daß es so natürlich zugehe.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,29,2)

Die Menschen sind selbst schuld, wenn sie verloren gehen:

Wer deshalb das Geschenk des Lebens bewahrt und dankbar ist gegen den Geber, der wird in Ewigkeit die Länge der Tage empfangen. Wer es aber von sich wirft und seinem Schöpfer undankbar wird, keinen Dank dafür weiß, daß er geworden, und den Geber nicht erkennt, der beraubt sich selbst der Fortdauer in Ewigkeit. Deshalb spricht der Herr zu solchen Undankbaren: ‚Wenn ihr im Kleinen nicht getreu gewesen, was Großes wird man euch geben können?‘ Das soll heißen: Wer in dem kurzen zeitlichen Leben undankbar gewesen ist gegen den, der es gab, wird gerechterweise von ihm in Ewigkeit die Länge der Tage nicht empfangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,34,3)

„Denn der Tag des Herrn ist wie eine glühende Esse, und Stroh werden sein alle Sünder, die Unrecht tun, und der kommende Tag wird sie verbrennen. Wer aber der Herr ist, der solchen Tag hereinbringt, das verkündet Johannes der Täufer, indem er von Christus sagt: ‚Er wird euch mit dem Hl. Geiste und Feuer taufen, indem er die Wurfschaufel in seiner Hand hat, um seine Tenne zu reinigen, und die Frucht wird er sammeln in die Scheune, die Spreu aber verbrennen in unauslöschlichem Feuer.‘ Nicht also macht einer den Weizen, ein anderer die Spreu, sondern ein und derselbe, der sie auch richten wird, d. h. trennen. Weizen und Spreu aber, die ohne Leben und Verstand sind, wurden von Natur aus so; der vernünftige Mensch jedoch, hierdurch das Ebenbild Gottes, daß er frei wählen und sich selbst bestimmen kann, trägt in sich die Ursache, wenn er einmal Weizen, das anderemal Spreu wird. Deshalb wird er auch mit Recht verdammt werden, wenn er trotz seines Verstandes den wahren Verstand verloren hat, und unverständig lebend, die Gerechtigkeit Gottes herausforderte, indem er sich allem Erdengeiste ergab und allen Lüsten diente, nach dem Worte des Propheten, der da sagt: ‚Da der Mensch in Ehre war, hat er es nicht verstanden; er ist gleich geworden den unverständigen Tieren und ihnen ähnlich geworden.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,4,3)

„Wo aber der Prophet sagt: ‚In Demut ward sein Gericht hinweggenommen‘, so schildert er damit die Erscheinung seiner Demut. Infolge der Erscheinung seiner Niedrigkeit geschah die Wegnahme des Gerichts. Und die Wegnahme des Gerichts gereicht manchem zur Erlösung, manchem zum Verhängnis voll Qualen. Denn wo etwas weggenommen wird, da geschieht es zu des einen Gunsten und zu des andern Nachteil. So ist es auch beim Gericht. Diejenigen, über die es ergeht, diese müssen es tragen im Verhängnis ihrer Qualen, die aber, die mit ihm verschont wurden, sind dadurch erlöst worden. Somit haben diejenigen das Gericht auf sich geladen, welche ihn kreuzigten und, indem sie das taten, nicht an ihn glaubten. Denn durch dieses Gericht, das an ihnen genommen wurde, wurden sie von den Qualen ergriffen. Von denjenigen aber, welche an ihn glaubten, wurde das Gericht abgewälzt und sie unterliegen ihm nicht mehr.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 69)

Gott richtet unparteiisch:

„Denn Gott läßt sich von niemand beeinflussen noch rühren, als allein vom Gerechten. Und sich zu erbarmen, ist ganz besonders Gott eigen“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verküdigung 60)

Ursache der Schlechtigkeit eines Teils der Geschöpfe:

„Ähnlich verhält es sich mit der Frage, warum einige Geschöpfe, wo doch alle von Gott erschaffen sind, seinen Willen übertraten und sich gegen ihn auflehnten, andere aber und bei weitem die meisten ihm treu blieben und im Gehorsam gegen ihren Schöpfer verharren, welcher Natur jene und welcher Natur diese sind. Das muß man Gott und seinem Worte überlassen, zu dem allein er gesprochen hat: ‚Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße.‘ Wir aber, die wir auf Erden weilen, sitzen noch nicht neben seinem Throne, Der Geist des Erlösers, der in ihm ist, durchforscht freilich alles, auch die Tiefen Gottes. Bei uns aber sind die Gnadengaben verschieden, und die geistlichen Verrichtungen und die Wunderkräfte, und solange wir auf Erden sind, ist, wie der hl. Paulus sagt, Stückwerk unser Erkennen und Stückwerk unser Prophezeien. Wie also unser Erkennen beschränkt ist, so müssen wir uns auch in den verschiedenen Fragen dem anvertrauen, der uns stückweise seine Gnade schenkt. Daß den Ungehorsamen das ewige Feuer zubereitet ist, hat der Herr ausdrücklich gelehrt, und bekunden auch die übrigen Schriften; daß er dies als zukünftig voraus gewußt hat, lehrt ebenfalls die Schrift, wie er auch, das ewige Feuer denen zubereitet hat, die ungehorsam sein würden, aber die Ursache ihrer Natur hat keine Schrift berichtet, noch ein Apostel benannt, noch der Herr gelehrt. Also müssen wir auch diese Kenntnis Gott überlassen, wie die Kenntnis des Tages und der Stunde.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,28,7)

Bzgl. früherer Generationen:

„Denn jene, welche entschlafen waren, ehe Christus erschien, hatten Hoffnung, im Gerichte des Auferstandenen Heil zu finden, sofern sie Gott fürchteten, in Gerechtigkeit entschlafen waren und den Geist Gottes in sich getragen hatten wie die Patriarchen, die Propheten und die Gerechten. Jenen aber, die nach der Erscheinung Christi nicht an ihn geglaubt haben, droht beim Gerichte unbarmherzige Rache.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 56)

Gott hatte nach dem Sündenfall wieder Erbarmen:

„Für uns also hat der Herr alles so eingerichtet, damit wir, in allem unterrichtet, in Zukunft in allem vorsichtig seien und in aller Liebe zu ihm verharren, durch unsere Vernunft belehrt, Gott zu lieben. Denn Gott war großmütig bei dem Falle des Menschen, der Mensch aber sollte dadurch belehrt werden, wie der Prophet sagt: ‚Bessern soll dich dein Abfall.‘ Denn alles hat Gott zur Vollendung des Menschen bestimmt und zur Durchführung und Offenbarung der Heilsordnung. So soll seine Güte sich zeigen, die Gerechtigkeit sich vollenden, die Kirche dem Bilde seines Sohnes angepaßt und der Mensch endlich einmal reif werden, indem er auf solchem Wege heranreift zur Anschauung und zum Besitz Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,37,7)

Wieso hat Gott die Menschen nicht sündenlos gemacht?

„Sollte aber jemand sagen: ‚Wie denn? Konnte Gott nicht von Anfang an den Menschen vollkommen machen?‘ so soll er wissen, daß Gott, der Unveränderliche und Unerschaffene, an und für sich alles vermag, das Erschaffene aber, eben weil es seinen Anfang erst später genommen hat, deshalb auch seinem Schöpfer nachstehen muß. Was eben geworden ist, kann nicht unerschaffen sein. Weil sie nicht unerschaffen sind, daher bleiben sie hinter dem Vollkommenen zurück. […]

In Gott aber offenbart sich Macht und Weisheit und Güte zugleich: Seine Macht und Güte darin, daß er aus freiem Willen das, was noch nicht war, gründete und schuf; seine Weisheit aber darin, daß er alles, was ist, so zweckmäßig und harmonisch gestaltet hat. Einige Wesen aber empfangen wegen seiner unendlichen Güte Wachstum, dauern fort für die Länge der Zeit und nehmen teil an der Herrlichkeit des Unerschaffenen, indem Gott ihnen neidlos das Gute schenkt. Insofern sie gemacht sind, sind sie nicht unerschaffen; insofern sie aber fortdauern in langen Ewigkeiten, nehmen sie die Kraft des Unerschaffenen an, da ihnen Gott in Gnaden ewige Fortdauer schenkt. Und auf diese Weise bewahrt Gott in allem den Vorrang, da er allein der Unerschaffene, eher als alles andere und die Ursache von allem anderen ist. Das übrige also bleibt alles Gott untertan. Der Gehorsam gegen Gott bedeutet Fortdauer und Unvergänglichkeit; die Unvergänglichkeit aber ist der Ruhm des Unerschaffenen. Durch solche Ordnung, Harmonie und Führung wird der erschaffene Mensch zum Bild und Gleichnis des unerschaffenen Gottes, indem der Vater es will und beschließt, der Sohn es bewirkt und bildet, der Geist Nahrung und Wachstum gewährt, der Mensch aber allmählich vorwärts kommt und zur Vollkommenheit gelangt, d. h. dem Unerschaffenen ganz nahe kommt. Vollkommen nämlich ist nur der Unerschaffene, d. i. Gott. Der Mensch aber mußte zuerst werden, dann wachsen, dann erstarken, dann sich vervielfältigen, dann genesen, dann verherrlicht werden und schließlich seinen Gott schauen. Die Anschauung Gottes nämlich ist unser Ziel und die Ursache der Unvergänglichkeit; die Unvergänglichkeit aber führt uns in die Nähe von Gott.

Unvernünftig also in jeder Hinsicht sind die, welche die Zeit des Wachstums nicht abwarten und die Schwäche ihrer Natur Gott zuschreiben. Diese Unersättlichen und Undankbaren kennen weder Gott noch sich, wenn sie das nicht sein wollen, was sie doch zuerst geworden sind: leidensfähige Menschen; und das Gesetz des menschlichen Geschlechtes übertretend, wollen sie, noch bevor sie Menschen geworden sind, dem Schöpfergott ähnlich sein und keinen Unterschied zulassen zwischen dem unerschaffenen Gott und dem jetzt entstandenen Menschen. Unverständiger sind sie als die stummen Tiere. Denn diese machen Gott keinen Vorwurf daraus, daß er sie nicht zu Menschen gemacht hat, sondern jedes von ihnen dankt mit dem, was es geworden ist, dafür, daß es geworden ist. Wir werfen ihm nämlich vor, daß wir nicht von Anfang an Götter geworden sind, sondern zunächst Menschen und dann erst Götter. Ist doch Gott in seiner einzigartigen Güte, damit niemand ihn für neidisch oder geizig halte, so weit gegangen, daß er spricht: ‚Ich habe gesagt: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten allesamt.‘ Von uns aber, die wir die Macht seiner Gottheit nicht zu tragen vermochten, sagt er: ‚Ihr aber werdet wie Menschen sterben.‘ So hebt er beides hervor: seine Güte im Schenken und unsere Schwäche samt dem freien Willen. Denn gemäß seiner Güte gab er uns gütig das Gute und machte die Menschen sich ähnlich durch den freien Willen, gemäß seiner Vorsehung aber kannte er die Schwäche der Menschen, und was daraus folgen würde. Gemäß seiner Liebe und Kraft jedoch wird er das Wesen der erschaffenen Natur überwinden. Zuerst aber mußte die Natur erscheinen, dann das Sterbliche von dem Unsterblichen besiegt und verschlungen werden und das Vergängliche von dem Unvergänglichen, und der Mensch nach dem Bild und Gleichnis Gottes werden, nachdem er die Kenntnis des Guten und Bösen erlangt hatte. […]

Denn du machst Gott nicht, sondern Gott macht dich. Wenn du also ein Werk Gottes bist, so erwarte die Hand deines Künstlers, die alles zur rechten Zeit macht, zur rechten Zeit nämlich für dich, der du gemacht wirst! Bringe ihm aber ein weiches und williges Herz entgegen und bewahre die Gestalt, die dir der Künstler gegeben, und halte die Feuchtigkeit in dir fest, damit du nicht verhärtest und die Spur seiner Finger verlierest! Wenn du so das Gefüge behütest, so wirst du zur Vollkommenheit emporsteigen, denn durch die Kunst Gottes wird der Lehm in dir verborgen. Gemacht hat den Stoff in dir seine Hand, umgeben wird sie dich von innen und außen mit reinem Gold und Silber und wird so sehr dich schmücken, daß sogar ‚der König nach deiner Schönheit verlangt‘. Wenn du jedoch sogleich verhärtest und seine Kunst verwischst und undankbar gegen ihn wirst, weil du nur ein Mensch geworden bist, so hast du durch deine Undankbarkeit gegen Gott mit einem Schlag seine Kunst und das Leben verloren. Das Schaffen nämlich kommt der Güte Gottes zu, geschaffen zu werden ist die Eigentümlichkeit der menschlichen Natur. Wenn du ihm also das Deinige gibst, d. h. den Glauben an ihn und den Gehorsam gegen ihn, dann wirst du seine Kunst an dir erfahren und ein vollkommenes Werk Gottes sein.

Wenn du ihm aber nicht glaubst und seinen Händen entfliehst, so ist die Ursache der Unvollkommenheit in dir, der du nicht geglaubt hast, aber nicht in dem, der dich berufen hat. Denn ‚er sandte seine Boten aus, dich zur Hochzeit zu rufen‘; die aber ihm nicht gehorchten, haben sich selbst vom königlichen Mahle ausgeschlossen. Also fehlt es nicht an der Kunst Gottes, denn er vermag ‚aus Steinen Abraham Söhne zu erwecken‘; vielmehr wird der, welcher sie nicht annimmt, sich selbst die Ursache seiner Unvollkommenheit. Wird doch auch das Licht nicht schwächer durch die, welche sich selbst blenden, es bleibt wie es ist; die, welche sich selbst blendeten, sitzen durch ihre Schuld in der Finsternis. Und wie das Licht keinen mit Zwang unter seine Gewalt bringt, so zwingt auch Gott niemand, seine Kunst anzunehmen, wenn er nicht will. Die sich also von dem Lichte des Vaters abwenden und das Gesetz der Freiheit übertreten, die fielen ab durch eigene Schuld, da sie freien Willen und Selbstenscheidung erhalten hatten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,38,1.3-4 u. IV,39,2-3)

Abstieg Christi ins Totenreich zur Erlösung der Gerechten, die vor Seiner Ankunft gelebt hatten:

„Von einem Priester, der es von Schülern und Hörern der Apostel gehört hatte, hörte ich, daß für die Alten wegen der Taten, die sie ohne den Rat des Geistes begangen hatten, die Strafe genüge, welche die Schriften androhen. Da ‚bei Gott kein Ansehen der Person gilt‘, so verhängt er für die Taten, die nicht seinem Willen entsprechen, eine geziemende Strafe. [Gute Taten und Sünden Davids & Salomos werden aufgezählt] Genugsam hat die Schrift ihn [Salomo] getadelt, sagt ein Priester, damit gar kein Fleisch sich rühme im Angesichte Gottes.

Deswegen sei der Herr in die Unterwelt hinabgestiegen und habe jenen seine Ankunft verkündet, indem es Nachlassung der Sünden für die gab, die an ihn glaubten. Es glaubten aber an ihn alle, die auf ihn hofften, d. h. die seine Ankunft vorher verkündigten und seinen Anordnungen Folge leisteten, die Gerechten, die Patriarchen und Propheten. Ihnen erließ er ähnlich wie uns ihre Sünden, die wir ihnen nicht weiter anrechnen dürfen, wofern wir nicht die Gnade Gottes verachten. Denn wie jene uns nicht unsere Unenthaltsamkeit anrechneten, die wir begangen haben, bevor Christus in uns sich offenbarte, so dürfen auch wir gerechterweise ihnen das nicht anrechnen, was sie vor der Ankunft Christi sündigten. Denn ‚alle Menschen entbehren des Ruhmes Gottes‘; sie werden aber nicht durch sich selbst gerechtfertigt, sondern durch die Ankunft des Herrn, wenn sie auf sein Licht achten. Zu unserer Besserung aber seien ihre Taten aufgeschrieben, damit wir wüßten, daß erstlich ihr und unser Gott ein und derselbe ist, dem die Sünden nicht gefallen, auch wenn sie von Hochgestellten getan werden, und zweitens, daß wir uns von dem Bösen enthalten. Denn wenn schon die Alten, die uns in den Charismen vorausgingen, und wegen deren der Sohn Gottes noch nicht gelitten hatte, wofern sie irgendwie sündigten und den Lüsten des Fleisches dienten, so große Schmach erlitten haben, was werden dann die erdulden, die jetzt leben und die Ankunft des Herrn verachten und ihren Lüsten dienen? Für jene war der Tod des Herrn Heilung und Erlösung, für die aber, welche jetzt sündigen, wird ‚Christus schon nicht mehr sterben, denn der Tod wird schon nicht mehr über ihn herrschen‘, sondern es wird kommen der Sohn in der Herrlichkeit des Vaters und verlangen von seinen Verwaltern und Haushaltern das Geld, das er ihnen anvertraut hat, mit Zinsen, und denen er sehr viel gegeben hat, von denen wird er auch viel verlangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,27,1-2)

„Bei Jeremias verkündet er seinen Tod und sein Absteigen zur Hölle mit den Worten: ‚Und es gedachte der Herr, der Heilige Israels, seiner Toten, der zuvor im Staub der Erde Schlafenden; und er stieg zu ihnen hinab, um ihnen sein Heil zu verkünden und sie zu retten.‘ Hierselbst erfüllt er auch die Ursachen seines Todes. Denn sein Niedersteigen zur Hölle war das Heil der Abgeschiedenen.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 78)

Der Mensch wird ganz wiederhergestellt:

„Das Wort Gottes, das alles erschaffen und im Anfang den Menschen gebildet hat, heilte sein Geschöpf von Grund aus, da es fand, daß es durch Arglist zu Fall gebracht war. Und zwar erneuerte er jedes einzelne Glied an seinem Gebilde und stellte auch den Menschen als Ganzes wieder heil und unversehrt her, indem er ihn für die Auferstehung vollkommen vorbereitete.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,12,6)

Über Gottes Geduld, wieso Er die Sünde zuließ und dann den Menschen wieder erlöste:

„Langmütig also war Gott, als der Mensch fehlte, und sah jenen Sieg voraus, den das Wort für ihn davontragen würde. Denn da die Kraft in der Schwachheit vollendet wurde, zeigte es die Güte Gottes und seine allgewaltige Kraft. Wie er nämlich geduldig hinnahm, daß Jonas von dem Walfisch verschlungen wurde, nicht um verschlungen zu werden und gänzlich zugrunde zu gehen, sondern damit er ausgespieen wurde und Gott besser gehorchte und den mehr verherrlichte, der ihm das unerwartete Heil geschenkt hatte, und zu rechter Buße die Niniviten führte, damit sie sich zu Gott, der sie vom Tode errettet hatte, bekehrten, da sie durch das Zeichen erschreckt worden waren, das er an Jonas getan hatte, gemäß dem Worte der Schrift: ‚Und sie bekehrten sich ein jeder von seinem bösen Wege und von der Ungerechtigkeit, die an ihren Händen war, indem sie sagten: Wer weiß, ob Gott nicht Mitleid haben und seinen Zorn von uns abwenden wird, und wir nicht untergehen werden‘: so ließ Gott auch im Anfang zu, daß der Mensch von dem großen Walfisch, welcher der Urheber der Übertretung war, verschlungen wurde, aber nicht um verschlungen zu werden und gänzlich unterzugehen. Vielmehr bereitete Gott die Annahme des Heils sorgfältig vor, die durch das Wort in dem Zeichen des Jonas geschehen sollte für die, welche dieselbe Gesinnung wie Jonas in Betreff Gottes haben und wie jener bekennen and sprechen würden: ‚Ein Knecht des Herrn bin ich und ich verehre den Herrgott des Himmels, der das Meer und die Erde geschaffen hat.‘ Denn indem der Mensch wider alle Hoffnung von Gott das Heil empfing, sollte er von den Toten auferstehen und Gott preisen und mit dem Propheten Jonas bekennen: ‚Ich habe gerufen zu dem Herrn, meinem Gott, in meiner Betrübnis, und er hat mich erhört aus dem Bauche der Unterwelt.‘ Und immer sollte er verharren in der Lobpreisung Gottes und ohne Unterlaß Dank sagen für das Heil, das er von ihm erlangt hatte, damit kein Fleisch vor dem Herrn sich rühme, noch jemals von Gott die irrige Meinung erhalte, daß eine Unsterblichkeit ihm von Natur aus zukomme, oder von der Wahrheit abweichend, sich in eitlem Stolze brüste, als ob er von Natur Gott gleich wäre. Das wäre ein noch größerer Undank gegen den Schöpfer und würde die Liebe Gottes zu den Menschen verdunkeln und den Sinn des Menschen verblenden, daß er nicht mehr fühlte, was Gottes würdig ist, wenn er sich mit Gott vergliche und sich ihm gleich hielte.

Das war also die Langmut Gottes, daß der Mensch, durch alles hindurchgehend und seine sittliche Aufgabe erkennend, schließlich zur Auferstehung von den Toten gelangte und aus Erfahrung lernte, woher er erlöst wurde, und immer dankbar gegen Gott war, weil er von ihm das Geschenk der Unvergänglichkeit erlangt hatte und ihn deswegen mehr liebte — wem nämlich viel vergeben wird, der liebt mehr —, sich selbst aber als sterblich und schwach erkannt hatte. Auch sollte er verstehen, daß Gottes Unsterblichkeit und Macht sich so weit erstreckt, daß er auch dem Sterblichen Unsterblichkeit und dem Zeitlichen Ewigkeit verleiht, und alle übrigen Gnadenerweise Gottes begreifen, die sich an ihm offenbarten, und daraus lernen und fühlen, wie groß Gott ist. Denn des Menschen Ruhm ist Gott, das Werk Gottes und das Gefäß seiner Weisheit und Kraft ist der Mensch. Wie der Arzt an den Kranken sich als tüchtig erweist, so offenbart sich Gott an den Menschen. Deswegen sagt auch Paulus: ‚Es verschloß aber Gott alles im Unglauben, um sich aller zu erbarmen.‘ Das sagte er nicht von den geistigen Äonen, sondern von dem Menschen, der gegen Gott ungehorsam gewesen und von der Unsterblichkeit ausgeschlossen war, dann aber Barmherzigkeit erlangte, indem er durch den Sohn Gottes allein an Kindesstatt angenommen wurde. Wer nämlich ohne Prahlerei und Aufgeblasenheit die wahre Ehre der Geschöpfe und des Schöpfers, d. h. des allmächtigen Gottes, der allen das Dasein verleiht, im Auge behält, und in der Liebe, Demut und Dankbarkeit verharrt, der wird noch größere Herrlichkeit von ihm empfangen und fortfahrend dem ganz ähnlich werden, der für ihn gestorben ist. Nahm doch auch er die Ähnlichkeit des sündigen Fleisches an, um die Sünde zu verurteilen und sie gleichsam aus dem Leibe zu verbannen, den Menschen aber zu seiner Nachfolge aufzurufen, indem er ihn zur Nachahmung Gottes bestimmte und ihm Gott als Richtschnur vorhielt, damit er ihn schaue. So machte das Wort Gottes, das im Menschen wohnte, den Menschen fähig, den Vater zu begreifen, und wurde zum Menschensohne, damit der Mensch sich gewöhne, Gott aufzunehmen, und Gott sich gewöhne, im Menschen zu wohnen nach dem Wohlgefallen des Vaters.

Demgemäß ist der Herr selbst jener als Zeichen unseres Heils aus der Jungfrau verheißene Emmanuel. Er war es, der da die erlöste, die aus sich selbst nicht erlöst werden konnten. Auf diese Schwäche des Menschen weist Paulus hin, wenn er sagt: ‚Ich weiß ja, dass in meinem Fleische nicht das Gute wohnt.‘ Oder mit anderen Worten: Nicht aus uns, sondern aus Gott ist das Gut unseres Heils. Und wiederum spricht er: ‚Ich armer Mensch, wer wird mich erlösen von dem Körper dieses Todes?‘ Dann nennt er als Erlöser: ‚Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi.‘ Dasselbe lehrt auch Isaias: ‚Werdet stark, ihr müden Hände und ihr schwankenden Knie, ermuntert euch, ihr Kleinmütigen, werdet stark und fürchtet euch nicht: Siehe, unser Gott wird Gericht abhalten und vergelten, er selbst wird kommen und uns erlösen.‘ Also nicht aus uns, sondern durch Gottes Hilfe sollen wir gerettet werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,20,1-3)


(Gustave Doré, Darstellung des Himmels (Illustration zu Dantes „Paradiso“).)

Tatian, ein Schüler von Justin dem Märtyrer (s. Teil 1), schreibt ca. in den 170ern folgendes.

Er richtet sich gegen den heidnischen Schicksalsglauben und die Astrologie:

„Wir aber sind über das Fatum [=Schicksal] erhaben und kennen statt der irrenden Dämonen nur den einen, nicht irrenden Herrn: darum haben wir, frei von der Herrschaft des Fatums, diejenigen verworfen, die es zum Gesetze gemacht haben.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 9)

Der freie Wille des Menschen hat die Sünde und den Tod hervorgebracht:

„Stirb der Welt, indem du der Tollheit ihres Treibens entsagst; lebe für Gott, indem du dich durch Erkenntnis seines Wesens des alten Menschen entledigst. Wir sind nicht zum Sterben geboren: wir sterben durch eigene Schuld. Zugrunde gerichtet hat uns die Freiheit unseres Willens: Sklaven sind wir geworden, die wir frei waren, und durch die Sünde sind wir verkauft. Nichts Böses ist von Gott geschaffen, die Bosheit haben erst wir hervorgebracht: aber die sie hervorgebracht, können sie auch wieder abtun.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 11,5f.)

Anders als andere Theologen war Tatian der Ansicht, dass die Seele nicht an sich unsterblich wäre und die Seelen der Sünder zuerst sterben, am Jüngsten Tag wieder entstehen und dann erst bestraft werden würden; außerdem macht er deutlich, dass die Erlösung von Gott kommt, aber der Mensch mitarbeiten muss:

„Nicht unsterblich, ihr Bekenner des Griechentums, ist unsere ‚Seele‘ an sich, sondern sterblich: sie kann aber trotzdem dem Tode entrinnen. Denn sie stirbt und erfährt zusammen mit dem Körper ihre Auflösung,  wenn sie die Wahrheit nicht erkannt hat; später, am Ende des Weltlaufs, steht sie freilich mit dem Körper auf, aber nur, um als Strafe den Tod in der Unsterblichkeit zu empfangen: dagegen stirbt sie überhaupt nicht, mag auch ihre zeitweilige Auflösung erfolgen, wenn sie mit der Erkenntnis Gottes ausgerüstet ist. An und für sich ist sie Finsternis und kein Licht ist in ihr und hierauf eben bezieht sich das Wort: ‚Die Finsternis fasset nicht das Licht‘. Denn nicht die Seele ist es, die den Geist rettet, sondern sie wird von ihm gerettet und ‚das Licht fasset die Finsternis‘, wobei der Logos als das von Gott ausgehende ‚Licht‘, als ‚Finsternis‘ aber die unkundige Seele zu verstehen ist. Wenn sie daher allein für sich lebt, so neigt sie sich niederwärts zur Materie und stirbt zugleich mit dem Fleische; hat sie aber Gemeinschaft mit dem göttlichen Geiste, so ist sie nicht hilflos, sondern steigt hinauf in jene Lande, zu denen sie der Geist führt: denn seine Wohnung ist in der Höhe, ihr Ursprung dagegen in der Tiefe. Im Anfang also wohnte der Geist mit der Seele zusammen; der Geist aber hat sie verlassen, als sie ihm nicht folgen wollte. Doch da sie gleichsam einen Funken seiner Kraft behielt und nur infolge der Scheidung das Vollkommene nicht erschauen konnte, suchte sie Gott in der Irre und bildete sich viele Götter, indem sie den streitsüchtigen Dämonen folgte. Der Geist Gottes ist nun nicht mehr bei allen Menschen; bei einigen aber, deren Wandel gerecht war, ist er eingekehrt und vermählte sich mit ihrer Seele, um durch Weissagungen den übrigen Seelen das Verborgene kundzutun: und die Seelen, die der Weisheit folgten, zogen den verwandten Geist an sich, die aber nicht folgten und den Boten des Gottes, der gelitten hat, verschmähten, die zeigten sich mehr als Gottesfeinde, denn als Gottesdiener.

Etwas Ähnliches seid auch ihr Bekenner des Griechentums: in Worten großmäulig, aber im Erkennen schwachsinnig, habt ihr sogar die Vielherrschaft statt der Alleinherrschaft ins Werk gesetzt, um den vermeintlich mächtigen Dämonen zu folgen. Aber wie die Räuber in ihrer Unmenschlichkeit ihresgleichen frech zu überwältigen pflegen, so haben auch die Dämonen euere vereinsamten Seelen in den Pfuhl der Bosheit geführt und mit Lügen und Gaukeleien getäuscht. Da sie nicht leicht den (physischen Tod) sterben, zumal sie ohne Fleisch sind, so können sie zwar fortlebend Werke des (Sünden-) Todes verrichten, sterben aber trotzdem (obwohl sie fortleben) gerade so oft (den Sündentod), als sie ihre Anhänger im Sündigen unterrichten; was sie also derzeit vor den Menschen voraushaben: nicht wie die Menschen (den physischen Tod) sterben zu müssen, das (der ewige Tod der Verdammten) wird sie einst treffen, wenn sie gerichtet werden, indem sie dann keinen Anteil haben werden am ewigen Leben, das sie etwa (wie die Gerechten) statt ewigen Todes gewinnen könnten. Wie vielmehr wir, denen jetzo das Sterben leicht fällt, nachher entweder die ewige Glückseligkeit oder die ewige Verdammnis erlangen werden, so werden auch die Dämonen, die das jetzige Leben immerdar zu Freveln mißbrauchen und so schon während ihres Lebens sterben, dereinst derselben ewigen Verdammnis (wie die Ungerechten) anheim fallen gemäß ihrer Beschaffenheit, die fürwahr keine andere ist als bei jenen Menschen, die aus freien Stücken vollbrachten, was ihnen die Dämonen zu ihren Lebzeiten vorgeschrieben haben, ganz zu schweigen davon, daß sich natürlich bei den Menschen, die ihnen folgen, weniger Arten von Sünden entwickeln, da ihr Leben nur kurz ist, jene Dämonen aber die Frevel häufen, weil ihr Leben unbegrenzte Dauer hat.

So bleibt uns nichts übrig, als nach dem, was wir besaßen und verloren haben, jetzt zu suchen: die Seele mit dem heiligen Geist zu verbinden und die gottgewollte Vermählung mit ihm zu bewirken.

[…] Unvergleichbar ist nur das absolut Seiende (d.i. Gott), vergleichbar nur das Ebenbildliche (d.i. der Mensch). Unfleischlich ferner ist der vollkommene Gott, der Mensch aber ist Fleisch: das Band seines Fleisches ist die Seele, Träger seiner Seele das Fleisch. Nehmen wir nun an, dieser so gestaltete (aus Fleisch und Seele bestehende) Organismus gleiche einem Tempel, so will Gott in ihm wohnen durch den Geist, seinen Abgesandten; ist er aber kein solches Heiligtum, so ist der Mensch den Tieren nur durch seine artikulierte Stimme überlegen und, da seine anderen Lebensäußerungen durchaus den tierischen gleichen, auch kein ‚Gleichnis Gottes‘. […] Doch die Menschen haben nach dem Verlust der Unsterblichkeit durch die im Glauben vollzogene Selbstabtötung den Tod besiegt und mittels der Buße ward ihnen Berufung zuteil gemäß dem Worte: ’nachdem sie nur eine kurze Zeit unter die Engel erniedrigt worden waren‘. Jeder Besiegte kann eben wiederum siegen, wenn er den Zustand des Todes abtut. Was darunter zu verstehen sei, werden die Menschen, die nach der Unsterblichkeit streben, leicht erkennen. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 13-15)

„Daher müssen wir in dem sehnsüchtigen Streben nach dem ursprünglichen Zustande alles abwerfen, was uns hindern kann. […] Möglich aber ist es für jeden, der entblößt ist, jenes Kleinod (den himmlischen Harnisch) zu erlangen und so zur ursprünglichen Gemeinschaft (der Seele mit dem Geiste) zurückzukehren. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 20,3.7)

„Denn wir wissen, daß die Natur des Bösen der des kleinsten Samenkornes gleicht, das ja schon bei geringer Veranlassung Wurzel faßt, aber wiederum ausgerodet werden wird, wenn wir dem Worte Gottes gehorchen und uns nicht selbst aus seinem Schutz verjagen. Durch einen verborgenen Schatz nämlich ist das Wort Herr über all das Unsrige geworden, einen Schatz, bei dessen Ausgrabung wir zwar mit Staub bedeckt werden, dem Worte aber erst die Möglichkeit bieten, bei uns zu sein. Denn wer des Wortes ganzen Besitz erringt, der hat damit die Macht über den kostbareren Reichtum empfangen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 30,2f.)

Theophilus von Antiochia schreibt um 180 n. Chr. folgendes.

Über Glaube und Werke:

„Sei also nicht ungläubig, sondern gläubig, denn auch ich habe einst nicht geglaubt, daß es also sein wird. Jetzt aber habe ich die Sache erwogen und glaube, weil mir zugleich auch die hl. Schriften der hl. Propheten in die Hände kamen, die da im Geiste Gottes voraussagten die Vergangenheit, wie sie war, die Gegenwart, wie sie ist, und die Zukunft, wie sie sein wird. Da ich nun die Gegenwart und die Weissagungen derselben als Zeugnis habe, bin ich nicht mehr ungläubig, sondern glaube, gehorsam gegen Gott. Und diesem gehorche doch auch du im Glauben, damit du nicht, jetzt ungläubig, einst zu deinem Schmerze, in den ewigen Strafen nämlich, glauben mußt! […] So nimm denn auch du mit gutem Willen und ehrfurchtsvoll die prophetischen Schriften zur Hand, und sie werden dir deutlicher den Weg zeigen, wie du den ewigen Strafen entfliehen und die ewigen Güter Gottes erlangen kannst. Denn derjenige, der den Mund gegeben zum Sprechen, der die Ohren gebildet zum Hören und die Augen erschaffen hat zum Sehen, wird alles zur Rechenschaft ziehen und ein gerechtes Urteil fällen und jedem nach Verdienst seinen Lohn geben. Denen, die mit Beharrlichkeit in guten Werken die Unsterblichkeit suchen, wird er geben ewiges Leben, Freude, Friede, Ruhe und eine Fülle von Gütern, wie sie kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, noch in eines Menschen Herz gekommen; den Ungläubigen aber, den Verächtern, die der Wahrheit nicht beipflichten, sondern der Ungerechtigkeit sich hingeben, indem sie sich wälzen im Ehebruch, Hurerei, Knabenschändung, Übervorteilung anderer, in lasterhaftem Götzendienst: Zorn, Ungnade, Trübsal und Angst; und zuletzt wird solchen das ewige Feuer zuteil werden.“ (Theophilus, An Autolykus I,14)

Freier Wille:

„Der Mensch ist also von Natur weder sterblich noch unsterblich erschaffen. Denn hätte ihn Gott von Anfang an unsterblich erschaffen, so hätte er ihn zum Gotte gemacht; hinwiederum, wenn er ihn sterblich erschaffen hätte, so würde es scheinen, als ob Gott an seinem Tode schuld sei. Weder unsterblich also noch auch sterblich hat er ihn erschaffen, sondern, wie gesagt, fähig für beides, daß er, wenn er durch die Beobachtung des göttlichen Gebotes der Unsterblichkeit sich zuwendete, die Unsterblichkeit als Lohn von Gott empfing und ein Gott würde, hinwiederum aber, wenn er durch Ungehorsam gegen Gott sich auf Seite des Todes stellte, selbst die Ursache seines Todes würde. Denn Gott hat den Menschen mit Freiheit und Selbstbestimmung begabt erschaffen. Was er sich nun durch seinen Leichtsinn und Ungehorsam zugezogen, das gibt ihm Gott jetzt seinerseits als Geschenk aus Liebe und Erbarmung, wenn sich der Mensch gehorsam unterwirft. Denn gleichwie der Mensch durch seinen Ungehorsam dem Tode hörig geworden ist, so kann durch Gehorsam gegen den Willen Gottes jeder, der will, sich das ewige Leben erwerben. Gott hat uns nämlich sein Gesetz und heiligen Gebote gegeben, auf daß durch deren Erfüllung ein jeder das Heil erlangen, zur Auferstehung gelangen und die Unverweslichkeit erben kann.(Theophilus, An Autolykus II,27)

Da wäre Athenagoras, der ca. 176/177 n. Chr. schrieb.

Himmel als Lohn:

„Würden wir uns nun solcher Reinheit befleißen, wenn wir nicht glaubten, daß Gott über der Menschheit walte? Gewiß nicht; sondern weil wir überzeugt sind, daß wir Gott, der uns und die Welt erschaffen hat, über unser ganzes Erdenleben einst Rechenschaft geben müssen, deshalb entscheiden wir uns für das maßvolle, menschenfreundliche und unscheinbare Leben, im Glauben, daß uns hier auf Erden, selbst wenn man uns das Leben nimmt, kein Übel zustoßen wird, das so groß ist wie die Güter, die wir im Jenseits aus der Hand des erhabenen Richters für unser sanftmütiges, menschenfreundliches und anständiges Leben erhalten werden.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 12) (Hier verteidigt er die Christen gegen den Vorwurf des Atheismus)

Freier Wille bei Menschen und Engeln:

„Wie aber nun unter den Menschen, deren Tugend und Schlechtigkeit freier Willensentscheidung entspringen (Ihr würdet ja sonst die Guten nicht auszeichnen und die Bösen nicht strafen, wenn Tugend und Schlechtigkeit nicht von ihnen selbst abhinge), die einen in dem ihnen von Euch anvertrauten Amte als eifrig, die andern als unzuverlässig befunden werden, so steht es auch bei den Engeln.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24)

In einem Märtyrerbericht über das Martyrium des hl. Apollonius (Mitte der 180er) wird der Himmel als Lohn für die Guten beschrieben:

„Dieser unser Erlöser Jesus Christus, als Mensch geboren in Judäa, in allem gerecht und erfüllt mit göttlicher Weisheit, lehrte uns menschenfreundlich, wer der Gott des Weltalls und welches der Endzweck der Tugend zu einem heiligen Leben ist, in Anpassung an die Seelen der Menschen. Durch sein Leiden hat er der Herrschaft der Sünden ein Ende gemacht. Er lehrte nämlich, den Zorn zu bändigen, die Begierde zu mäßigen, die Gelüste zu zügeln, die Traurigkeit zu bannen, verträglich zu sein, die Liebe zu mehren, die Eitelkeit abzulegen, sich nicht zur Rache gegen Beleidiger hinreißen zu lassen, den Tod auf Grund eines Richterspruches zu verachten, nicht weil man Unrecht getan hat, sondern indem man es geduldig erträgt, ferner dem von ihm gegebenen Gesetze zu gehorchen, den Kaiser zu ehren, Gott aber, der allein unsterblich ist, anzubeten, an die Unsterblichkeit der Seele und eine Vergeltung nach dem Tode zu glauben, einen Lohn für die Tugendbestrebungen zu erhoffen nach der Auferstehung, die von Gott denen zuteil werden soll, die fromm gelebt haben. Indem er dieses uns nachdrücklich lehrte und durch viele Beweise uns davon überzeugte, erwarb er sich selbst großen Ruhm der Tugend, wurde aber auch von den Ungelehrigen beneidet, wie schon die Gerechten und Philosophen vor ihm; denn die Gerechten sind den Ungerechten verhaßt. […]

Und wenn das ein Irrglaube ist, wie ihr meint, die Ansicht, die Seele sei unsterblich und es gebe nach dem Tode ein Gericht und eine Belohnung der Tugend in der Auferstehung und Gott sei der Richter, so werden wir gerne diese Täuschung hinnehmen, durch die wir am meisten das tugendhafte Leben kennen gelernt haben in der Erwartung der zukünftigen Hoffnung, wenn wir auch das Gegenteilige leiden. (Martyrium des hl. Apollonius 36-38.42)

Minucius Felix schreibt um 200 n. Chr. in einem Werk, das den Dialog eines Christen mit einem Heiden wiedergibt, über den freien Willen; Gott wisse die Handlungen des Menschen vorher, bestimme sie aber nicht vorher:

„Suche sich niemand mit einem Verhängnis zu trösten oder sein Endschicksal zu entschuldigen. Angenommen, das Lebensgeschick hänge vom Zufall ab, so ist doch der Geist frei und deshalb bildet die Handlungsweise des Menschen, nicht seine Stellung, den Gegenstand des Urteils. Was ist denn das Verhängnis anderes, als was Gott über einen jeden von uns bestimmt hat. Da er unseren Charakter zum voraus kennt, bestimmt er entsprechend den Verdiensten und Eigenschaften der einzelnen auch ihre Geschicke. So wird an uns nicht unser angeborenes Naturell bestraft, sondern unsere Geistesrichtung. Doch genug vom Verhängnis, wenn es auch wenig ist für jetzt; wir wollen ein anderes Mal ausführlicher und erschöpfender darüber handeln.“ (Minucius Felix, Octavius 36,1f.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (kleine Auswahl):

AT: Dtn 30,15-20; Sir 15,11-20; Sir 17; Ez 18.

NT: Joh 3; Mt 7,21-23; Jak 2; Mt 25,31-46; Mt 13; Mk 16,16; Lk 15; Joh 12,44-50; Tit 3,3-8; Röm 1-8; Gal 3; 1 Kor 9,23-27; 1 Tim 6,12.

Weil sehr viele Stellen zusammengekommen sind, die irgendwie dieses Thema behandeln, und ich ein wirklich umfassendes Bild präsentieren will, damit gerade Protestanten sich überzeugen können, dass ich hier kein „cherry-picking“ betreibe, habe ich Teil 8 auf zwei Artikel aufgeteilt. Bei diesen Stellen wird folgendes immer wieder deutlich:

  • die Rettung hängt von Gott ab, der Mensch kann seine Gnade nur annehmen, aus eigener Kraft könnte er sich nicht retten
  • diese Gnade wird allen angeboten – allgemeiner Heilswille Gottes
  • der Mensch antwortet auf Gottes Gnade mit dem Glauben, der sich auch in den Werken zeigen muss; die Werke sind heilsrelevant
  • der freie Wille der Menschen; der heidnische (stoische) Schicksalsglaube wird klar abgelehnt (besonders z. B. bei Justin dem Märtyrer und Minucius Felix)
  • das einmal empfangene Heil kann verloren gehen, wenn jemand wieder schwere Sünden begeht (und dann durch Reue und Buße wiedererlangt werden)
  • wer in die Hölle kommt, ist selbst schuld; die Gebote sind erfüllbar
  • die Verdienstlichkeit der Werke
  • die Tatsache, dass Sünden verschieden schwer sind

Die Stellen sind grob chronologisch geordnet, nicht thematisch. Im 1. Teil kommt alles bis etwa zur Mitte des 2. Jahrhunderts (Didache, 1. Clemensbrief, Ignatiusbriefe, Brief des Polykarp von Smyrna, Barnabasbrief, Hirte des Hermas, Werke von Justin dem Märtyrer, Apologie des Aristides, 2. Clemensbrief und noch der schwer zu datierende Diognetbrief, die Epistula Apostolorum und die christlichen Sibyllinen), im 2. alles aus dem späteren 2. Jahrhundert (hauptsächlich Aussagen aus dem umfangreichen Werk des Irenäus von Lyon, außerdem Justins Schüler Tatian, Theophilus von Antiochia, Athenagoras und Minucius Felix, und ein Märtyrerbericht).

Speziell zum Sündenfall und der Erbsünde, die ja auch mit der Rechtfertigungslehre zusammenhängen, s. Teil 7.

Hervorhebungen alle von mir.

In der Didache (ca. 100 n. Chr), einer Gemeindeordnung, heißt es über den Weg des Lebens und den Weg des Todes:

„Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode; der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß.

Der Weg des Lebens nun ist dieser: ‚erstens du sollst deinen Gott lieben, der dich erschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst‘; ‚alles aber, von dem du willst, daß man es dir nicht tue, das tue auch du keinem anderen.'“ (Didache 1,1f.)

„Der Weg des Todes aber ist dieser: vor allem ist er schlecht und voll von Fluch: ‚Mord, Ehebruch, Leidenschaft, Unzucht, Diebstahl, Götzendienst, Zauberei, Giftmischerei, Raub, falsches Zeugnis, Heuchelei, Falschheit, Hinterlist, Stolz, Bosheit, Anmaßung, Habsucht, üble Nachrede, Missgunst, Frechheit, Hoffart, Prahlerei, Vermessenheit‘. Leute, die das Gute verfolgen, die Wahrheit hassen, die Lüge lieben, den Lohn der Gerechtigkeit nicht kennen, ‚dem Guten nicht nachstreben‘ und nicht dem gerechten Urteil, die ein wachsames Auge haben nicht für das Gute, sondern für das Schlechte; Leute, die weit entfernt sind von Sanftmut und Geduld, ‚die Eitles lieben, nach Lohn trachten‘, die kein Mitleid haben mit den Armen, sich nicht annehmen um den Bedrückten, die ihren Schöpfer nicht kennen, ‚ihre Kinder töten‘, das Gebilde Gottes (im Mutterleibe) umbringen, vom Bedürftigen sich abkehren, den Elenden unterdrücken, den Reichen beistehen, die Armen gegen das Gesetz richten, in allem sündigen; reißet euch los, Kinder, von allen diesen.“ (Didache 5)

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt in einem Brief an die Korinther ca. im Jahr 95 n. Chr. folgendes.

Rettung aus Gnade durch Glaube:

„Suchen wir uns also seinen Segen und schauen wir, welches die Wege seines Segens sind! Lasset uns die Geschichte von Anfang an betrachten! Weswegen wurde unser Vater Abraham gesegnet? Nicht deshalb, weil er Gerechtigkeit und Wahrheit übte durch Glauben? Isaak ließ sich voll Vertrauen, da er die Zukunft kannte, freudig zum Opfer bringen. Jakob verließ demütigen Sinnes seine Heimat wegen des Bruders, ging zu Laban und diente ihm, und ihm wurden verliehen die zwölf Stämme Israels.“ (1. Clemensbrief 31)

Alle haben demnach Ehre und Herrlichkeit erlangt nicht durch sich selbst oder durch ihre Werke oder wegen ihrer Gerechtigkeit, die sie übten, sondern durch seinen Willen. Und auch wir, die wir durch seinen Willen in Christus Jesus berufen sind, werden nicht durch uns selbst gerechtfertigt noch durch unsere Weisheit oder Einsicht oder Frömmigkeit oder durch die Werke, die wir vollbracht haben in der Heiligkeit des Herzens, sondern durch den Glauben, durch den alle von Anbeginn an der allmächtige Gott gerechtfertigt hat. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Was sollen wir demnach tun, Brüder? Sollen wir ablassen von guten Werken und die Liebe aufgeben? Möge es der Herr niemals zugeben, dass dies bei uns geschehe, sondern beeilen wir uns, mit Beharrlichkeit und Bereitwilligkeit jedes gute Werk zu vollbringen. Denn der Schöpfer und Herr des Weltalls frohlockt über seine Werke. […] Beachten wir, dass alle Gerechte mit guten Werken verherrlicht waren und dass der Herr selbst, nachdem er sich selbst durch gute Werke verherrlicht hatte, darüber erfreut war. Da wir nun ein solches Vorbild haben, wollen wir unverzüglich seinem Willen nachkommen; mit all unserer Kraft wollen wir Werke der Gerechtigkeit tun.

Der gute Arbeiter nimmt freimütig das Brot für seine Arbeit, der faule und untätige aber wagt nicht, dem Blicke seines Arbeitgebers zu begegnen. Daher ist es nötig, dass wir bereit sind zu guten Werken; von ihm kommt ja alles. Er sagt nämlich zu uns: ‚Siehe, hier ist der Herr und sein Lohn ist vor ihm, damit er jedem gebe nach seinem Werke.‘ Deshalb ermahnt er uns, die wir aus ganzem Herzen ihm vertrauen, weder träge noch nachlässig zu sein ‚in jeglichem guten Werke‘. Unser Ruhm und unsere Zuversicht sei in ihm; seinem Willen wollen wir uns fügen; denken wir an die ganze Schar seiner Engel, wie sie bereit stehen, seinen Willen zu erfüllen. Denn die Schrift sagt: ‚Zehntausendmal zehntausend standen vor ihm, und tausendmal tausend dienten ihm und riefen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Sabaoth, die ganze Schöpfung ist voll seiner Herrlichkeit.‘ Auch wir, in Eintracht versammelt, einmütigen Sinnes, wollen wie aus einem Munde anhaltend zu ihm rufen, damit wir teilhaftig werden seiner großen und herrlichen Verheißungen. Er sagt ja: ‚Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die auf ihn harren.‘ […]

Was nun fürwahr ist denen bereitet, die ausharren? Der Schöpfer und Vater der Ewigkeit, der Allheilige selbst kennt die Größe und Schönheit dieser Güter. Wir nun wollen kämpfen, damit wir erfunden werden in der Zahl derer, die ausharren, auf dass wir teilhaben an den versprochenen Gütern. Wie aber wird das geschehen, Geliebte? Wenn unsere Gesinnung in Treue gefestigt ist gegen Gott, wenn wir nachstreben dem, was ihm angenehm und wohlgefällig ist, wenn wir tun, was seinem heiligen Willen entspricht, wenn wir gehen auf dem Wege der Wahrheit, wenn wir wegwerfen von uns alles Unrecht und alle Schlechtigkeit, Habsucht, Streit, Bosheit und Hinterlist, Verleumdung und üble Nachrede, Hass gegen Gott, Aufgeblasenheit und Prahlerei, Eitelkeit und ungastliches Wesen. Denn wer solches tut, ist bei Gott verhasst; aber nicht allein die solches tun, sondern auch die, welche ihnen zustimmen. Es sagt nämlich die Schrift: ‚Zu dem Sünder aber sprach Gott: Warum zählst du meine Satzungen auf und warum nimmst du meinen Bund in deinen Mund? Du hast die Zucht gehasst und hast meine Worte verworfen. Wenn du einen Dieb sähest, gingst du mit ihm, bei den Ehebrechern hattest du Anteil. Dein Mund ging über von Schlechtigkeit, und deine Zunge spann trügerische Tücke. Du setztest dich hin und sprachest gegen deinen Bruder, und dem Sohn deiner Mutter stelltest du eine Falle. Das tatest du, und ich habe geschwiegen. Du nahmst an, Gottloser, dass ich dir gleich sei. Ich werde dich überführen und dein Antlitz gegen dich kehren. Beherziget dies, ihr Gottvergessenen, damit er euch nicht wegschleppe wie ein Löwe und niemand da sei, der rettet; ein Lobopfer wird mich ehren, und dort ist der Weg, den ich ihm zeigen will, das Heil Gottes.‘

Das ist der Weg, Geliebte, auf dem wir unser Heil finden, Jesus Christus, den Hohenpriester unserer Opfergaben, den Anwalt und Helfer in unserer Schwäche. Durch ihn streben wir standhaft nach den Höhen des Himmels, durch ihn schauen wir sein heiliges und erhabenes Antlitz, durch ihn wurden die Augen unseres Herzens geöffnet, durch ihn ringt sich unser unweiser und dunkler Verstand durch zum Licht, durch ihn wollte der Herr uns kosten lassen von dem unsterblichen Wissen, der, ‚da er der Abglanz ist seiner Majestät, um soviel größer ist als die Engel, um wieviel sein Name sich unterscheidet, den er erhalten hat‘. Es steht nämlich also geschrieben: ‚Der Geister zu seinen Boten macht und Feuerflammen zu seinen Dienern‘. Zu seinem Sohne aber sprach der Herr also: ‚Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt; verlange von mir, und ich will dir Völker geben zum Erbe und zu deinem Besitze die Enden der Erde.‘ Und wiederum sagt er zu ihm: ‚Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege.‘ Welches sind aber die Feinde? Die Schlechten, die Gottes Willen sich widersetzen.

Lasset uns also kämpfen, Männer, Brüder, mit aller Ausdauer unter seinen untadeligen Gesetzen. […]

Wie denn? Soll denn ein Sterblicher rein sein vor Gott?(1. Clemensbrief 32,3-39,2)

Schön ausgedrückt finde ich es in dem kurzen Halbsatz: Durch ihn streben wir – alles Streben geht nur durch Ihn, aber es ist ein wirkliches Streben, das wir dann tun müssen.

Werke nötig fürs Heil:

„Wir wollen daher gehorchen seinem allheiligen und herrlichen Namen, um zu entgehen den erwähnten Drohungen, die seine Weisheit gegen die Ungehorsamen gerichtet hat, damit wir wohnen im Vertrauen auf seinen heiligsten und erhabensten Namen. Nehmet an unseren Rat, und es wird euch nicht gereuen. Denn es lebt Gott und es lebt der Herr Jesus Christus und der Heilige Geist, der Glaube und die Hoffnung der Auserwählten, dass der, welcher in Demut mit beharrlichem Gehorsam ohne Wanken die von Gott gegebenen Satzungen und Gebote hält, dass dieser wird eingeordnet und eingereiht werden in die Zahl der durch Jesus Christus Geretteten, durch den ihm die Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ (1. Clemensbrief 58)

Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg nach Rom zu seinem Prozess und Martyrium folgendes.

Kein Glaube ohne Werke; man muss treu bleiben bis zum Ende:

„Davon bleibt euch nichts verborgen, wenn ihr vollkommen seid in Glaube und Liebe zu Jesus Christus; denn das ist Anfang und Ende des Lebens. Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Diese beiden, zur Einheit verbunden, sind Gott! Alles Übrige, was zum rechten Leben gehört, folgt aus diesen. Keiner, der den Glauben bekennt, sündigt, und keiner, der die Liebe besitzt, hasst. Den Baum erkennt man an seinen Früchten; so werden die, welche sich zu Christus bekennen, an ihren Werken erkannt werden. Denn jetzt kommt es nicht an auf das Bekenntnis, sondern darauf, dass einer in der Kraft des Glaubens befunden wird bis ans Ende.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 14)

„Niemand lasse sich täuschen; sogar die himmlischen Mächte und die Herrlichkeit der Engel und die sichtbaren und unsichtbaren Herrscher, auch sie müssen des Gerichtes gewärtig sein, wenn sie nicht an das Blut Jesu Christi glauben. Wer es fassen kann, der fasse es! Keinen blähe seine Stellung auf; das Ganze nämlich ist Glaube und Liebe; diese übertrifft nichts. Lernet sie kennen, die Sonderlehren aufstellen über die Gnade Jesu Christi, die zu uns gekommen ist, wie sehr sie dem Willen Gottes entgegen sind! Um die (Nächsten-) Liebe kümmern sie sich nicht, nicht um die Witwe, nicht um die Waise, nicht um den Bedrängten, nicht um den Gefangenen oder Freigegebenen, nicht um den Hungernden und Dürstenden. (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 6)

„Denn falls wir in ihm allen Übermut des Fürsten dieser Welt ertragen und meiden, werden wir Gottes teilhaftig werden.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 1)

Verdienstlichkeit der Werke:

„Gewinnet die Zufriedenheit eures Kriegsherrn, von dem ihr ja auch den Sold empfanget; keiner werde fahnenflüchtig. Eure Taufe bleibe als Rüstung, der Glaube als Helm, die Liebe als Speer, die Geduld als volle Rüstung. Eure Einlage seien eure Werke, damit ihr würdig euren Lohn empfanget.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 6,2)

Polykarp von Smyrna, einer der Empfänger von Ignatius‘ Briefen, schrieb kurze Zeit später einen Brief an die Philipper.

Erlösung durch Gnade:

„und weil gefestigt ist die Wurzel eures Glaubens, der seit ursprünglichen Zeiten verkündet wird, bis heute fortlebt und Früchte bringt für unseren Herrn Jesus Christus, der es auf sich nahm, für unsere Sünden bis in den Tod zu gehen, den Gott auferweckt hat, nachdem er die Leiden der Unterwelt gelöst hatte; an den ihr, ohne ihn gesehen zu haben, glaubet in unaussprechlicher und herrlicher Freude, in die viele einzugehen wünschen, weil sie wissen, dass ihr durch die Gnade erlöst seid nicht kraft der Werke vielmehr nach dem Willen Gottes durch Jesus Christus.“ (Brief Polykarps an die Philipper 1,2f.)

Im Barnabasbrief finden sich auch ein paar Stellen.

Werke sind nötig, um die Erlösung, die durch Jesus geschehen ist, zu bewahren:

„Der Weg des Lichtes nun ist dieser: Wenn einer seinen Weg gehen will bis zum vorgesteckten Ziele, so soll er sich beeilen durch seine Werke. Die Erkenntnis nun, die uns gegeben wurde darüber, wie wir auf diesem Wege wandeln müssen, ist also: Liebe den, der dich erschaffen, fürchte den, der dich gebildet, verherrliche den, der vom Tode dich erlöst hat! Sei geraden Herzens und reich im Geiste! Verkehre nicht mit denen, die wandeln auf dem Wege des Todes! Hasse alles, was Gott nicht gefällt, hasse jegliche Heuchelei! Versäume nichts von Gottes Geboten!“ (Barnabasbrief 19,1f.)

Wer verloren geht, ist selbst schuld:

„Es sagt aber die Schrift: ‚Nicht mit Unrecht werden Netze ausgespannt für die Vögel‘, das besagt, dass mit Recht ein Mensch zugrunde gehen wird, der sich wegbegibt auf den Weg der Finsternis, obwohl er den Weg der Gerechtigkeit kennt.“ (Barnabasbrief 5,4)

Das Heil kann also auch verloren gehen:

„Sorgfältig müssen wir also, Brüder, bedacht sein auf unser Heil, damit nicht der Böse einen Schlupfwinkel für den Irrtum in uns bereite und uns so wegschleudere von unserem Leben.“ (Barnabasbrief 2,10)

„Denn die ganze Zeit unseres Lebens und Glaubens wird uns nichts nützen, wenn wir nicht jetzt in der zuchtlosen Zeit und in den bevorstehenden Ärgernissen Widerstand leisten, wie es Kindern Gottes geziemt. Damit also der Schwarze sich nicht einschleichen könne, wollen wir vor jeglicher Eitelkeit fliehen, wollen wir ganz und gar hassen die Werke des bösen Wandels. Ziehet euch nicht auf euch selbst zurück und bleibet nicht allein, als ob ihr schon gerechtfertigt wäret, sondern kommet an einem Ort zusammen und strebet vereint dem nach, was der Gesamtheit nützlich ist. Denn die Schrift sagt: ‚Wehe denen, die sich selbst weise und die in ihren eigenen Augen verständig sind.‘ Werden wir doch Geistesmenschen, werden wir ein vollkommener Tempel für Gott! Streben wir, soviel es an uns liegt, nach der Furcht Gottes und ringen wir um die Erfüllung seiner Gebote, damit wir froh werden in seinen Satzungen. Der Herr wird die Welt richten ohne Ansehen der Person. Ein jeder wird empfangen nach seinen Werken. Wenn er gut ist, wird seine Gerechtigkeit ihm vorangehen; wenn er böse ist, wird der Lohn seiner Schlechtigkeit vor ihm her sein. (Hüten wir uns), dass wir nicht ausruhend wie Berufene einschlafen über unseren Sünden und der böse Fürst Gewalt über uns bekomme und uns hinausstoße aus dem Reiche des Herrn. Auch das bedenket noch, meine Brüder! Wenn ihr sehet, dass nach so vielen Zeichen und Wundern, die in Israel geschehen sind, sie auch so noch verlassen worden sind, dann wollen wir sorgen, dass nicht wir erfunden werden gemäß dem Worte der Schrift: ‚Viele sind berufen, aber wenige auserwählt.'“ (Barnabasbrief 4,9-14)

Über Taufe und Erbsünde:

„Als er nun uns erneuerte in der Vergebung unserer Sünden, da machte er uns zu einer anderen Art, so dass wir die Seele von Kindern haben, wie wenn er uns ein zweites Mal geschaffen hätte.“ (Barnabasbrief 6,11)

„Bevor wir nämlich unserem Gotte glaubten, war die Wohnung unseres Herzens dem Verderben zugänglich und schwach, wie ein wirklich von Händen erbauter Tempel, weil es voll war von Götzendienst und weil es war eine Behausung für Dämonen, weil wir taten, was Gott zuwider war. Er wird aber aufgebaut werden auf den Namen des Herrn. Gebet aber acht, auf dass der Tempel des Herrn prachtvoll aufgebaut werde. Wie? Das vernehmet! Da wir Verzeihung der Sünden erlangten und gehofft haben auf den Namen des Herrn, sind wir neu geboren worden, wiederum von neuem geschaffen; deshalb wohnt in uns im Gemache (unseres Herzens) Gott wahrhaftig. Wieso? Sein Wort der Treue, seine Berufung zur Verheißung, die Weisheit seiner Satzungen, die Forderungen seiner Lehre, ja er selbst, der in uns weissagt, er selbst, der in uns wohnt, der uns, dem Tode Unterworfenen, die Türe des Tempels, das ist den Mund öffnet, der uns Bußgeist verleiht, er zieht ein in den unvergänglichen Tempel.“ (Barnabasbrief 16,7-9)

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(Fra Angelico, Jüngstes Gericht.)

Im Hirten des Hermas, einer Privatoffenbarung eines römischen Laien, spätestens zwischen 140 und 155 entstanden, gibt es folgende Stellen.

Das Halten der Gebote ist nötig fürs Heil:

„‚Fürchte den Herrn‘, sprach er, ‚und halte seine Gebote; wenn du nämlich die Gebote Gottes hältst, wirst du mächtig sein in all deinem Tun, und dieses wird unvergleichlich sein. Denn in der Furcht des Herrn wirst du alles trefflich machen. Das ist die Furcht, die du haben musst, um das Heil zu erlangen. […] Fürchte also den Herrn, und du wirst ihm leben; und alle, die ihn fürchten und seine Gebote halten, werden in Gott leben.‘ ‚Warum, Herr‘, fragte ich, ’sagtest du von denen, die seine Gebote halten: Sie werden in Gott leben?‘ ‚Weil‘, entgegnete er, ‚weil jedes Geschöpf den Herrn zwar fürchtet, aber seine Gebote nicht hält. Wer aber ihn fürchtet und seine Gebote hält, der wird das Leben haben bei Gott; wer aber seine Gebote nicht hält, der wird auch das Leben nicht haben.‚“ (Hirte des Hermas II,7,1.4f.)

„‚Künde mir auch, Herr, die Bedeutung der guten Dinge, damit ich in ihnen wandle und ihnen diene und dadurch das Heil erlangen könne.‘ ‚So höre auch die guten Werke, die du tun musst und nicht unterlassen darfst. Vor allem ist es der Glaube, die Furcht des Herrn, Liebe, Eintracht, gerechte Rede, Wahrheit, Geduld; etwas Besseres als dies gibt es nicht im Leben des Menschen. Wenn einer dieses tut und nicht unterlässt, wird er glückselig in seinem Leben. Höre auch, was diese Tugenden nach sich ziehen: den Witwen beistehen, Waisen und Unglückliche besuchen, die Diener Gottes aus Bedrängnis befreien, Gastfreundschaft üben (in der Ausübung der Gastfreundschaft findet man einmal Wohltätigkeit), mit niemand Feindschaft halten, in Ruhe leben, sich kleiner machen als alle (anderen) Menschen, das Alter ehren, die Gerechtigkeit üben, die Bruderliebe pflegen, Übermut erdulden, langmütig sein, Unrecht nicht nachtragen, die Niedergeschlagenen trösten, die im Glauben Strauchelnden nicht verstoßen, sondern zurückbringen und ihnen das Gleichgewicht der Seele geben, die Fehlenden zurechtweisen, die Schuldner und die Bedürftigen nicht drängen und noch vieles dieser Art. Dünkt dich dies gut?‘ ‚Was soll es denn Besseres geben als dies, o Herr?‘ ‚So wandle denn‘, fuhr er fort, ‚in ihnen und halte dich nie fern von ihnen, dann wirst du das Leben haben in Gott.'“ (Hirte des Hermas II,8,8-11)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Gewiss, über alles, auch über alle diese Gebote kann der Mensch Herr werden, wenn er den Herrn in seinem Herzen trägt. Für diejenigen aber, die den Herrn nur auf den Lippen haben, deren Herz aber verstockt und vom Herrn weit entfernt ist, für solche sind diese Gebote schwer und nur mit Mühe zu erfüllen. Nehmet also ihr, die ihr leer seid und geringen Glaubens, den Herrn in euer Herz auf, und ihr werdet erkennen, dass nichts leichter, nichts süßer und milder ist als diese Gebote. Bekehret euch daher, die ihr in den Geboten des Teufels wandelt, von diesen schweren, bitteren, wilden und wüsten Geboten und fürchtet den Teufel nicht, weil er keine Gewalt wider euch besitzt. Denn ich, der Engel der Buße, werde mit euch sein, und ich habe Gewalt über ihn. Der Teufel flößt nur Furcht ein, aber diese Furcht ist ohne Belang; fürchtet ihn also nicht, und er wird von euch weichen.“ (Hirte des Hermas II,12,4,3-7)

Es kommen mehrere Gleichnisse vor.

In einem sehr ausführlichen Gleichnis wird die Kirche als ein Turm dargestellt, der aufgebaut wird, und die Menschen als Steine, die in ihn eingefügt werden. Manche werden eingefügt, aber später wieder entfernt, weil sie sich verfärbt und Risse bekommen haben, andere werden zunächst neben den Turm gelegt, weil sie untauglich sind, aber später behauen und doch noch eingefügt. Aber selbst die entfernten Steine können sich nochmals ändern und wieder eingefügt werden. Das soll darstellen, dass auch gute Christen das Heil verlieren und andererseits Sünder durch Buße wieder zu Gott  zurück kommen können. Das Tor zum Bauplatz und das Fundament ist Jesus; es sind die Taufe und die Tugenden nötig, um zum Bau hinzukommen. Die Steine stammen aus verschiedenen Bergen, die sämtliche Menschengruppen auf der Erde darstellen. (Hirte des Hermas III,9)

Die Sünden derer, die einmal gläubig wurden, sind schlimmer als die der Heiden, sagt der Engel zu Hermas:

„‚Wieso, Herr‘, fragte ich, ‚wurden sie schlechter, nachdem sie doch Gott erkannt hatten?‘ ‚Wer Gott nicht kennt‘, sprach er, ‚und sündigt, der wird bestraft für seine Sünde; wer aber Gott erkannt hat, darf nichts Böses mehr tun, sondern er muss recht handeln. Wenn nun der, welcher recht handeln muss, Böses tut, scheint der nicht ein größeres Unrecht zu begehen als der, welcher Gott nicht kennt? Deshalb sind die, welche ohne Gott zu kennen Böses tun, zum Tode verurteilt, und die, welche Gott kennen und seine Großtaten gesehen haben und dennoch sündigen, werden doppelt bestraft und zum ewigen Tode verurteilt werden. Auf diese Weise wird die Kirche Gottes gereinigt werden. Wie du es beim Turme sahest, dass die Steine herausgenommen, den bösen Geistern übergeben und von dort entfernt wurden, so werden die Gereinigten einen Leib bilden, und wie der Turm nach der Reinigung wie aus einem Steine geformt dastand, so wird es auch mit der Kirche Gottes sein, wenn sie gereinigt und gesäubert ist von den Bösen, den Heuchlern, den Verleumdern, den Zweiflern und von denen, die alles mögliche Unrecht tun. Nach der Entfernung dieser wird die Kirche Gottes sein wie ein Leib, eine Gesinnung, ein Geist, ein Glaube, eine Liebe. Dann wird der Sohn Gottes frohlocken und sich freuen unter ihnen, wenn er sein Volk rein bekommen hat.'“ (Hirte des Hermas III,9,18,1-4)

In einem anderen Gleichnis wird die verschiedene Schwere der Sünden dadurch dargestellt, dass die Menschen alle grüne Weidenzweige von einem Engel bekommen, die er später wieder einsammelt; manche Zweige bleiben grün oder tragen sogar noch Frucht, und die Träger dieser Zweige werden sofort belohnt. Andere werden dürr und bekommen Risse, teilweise sind sie auch von Motten angefressen, andere werden zur Hälfte dürr, oder werden nur an der Spitze dürr, oder zu zwei Dritteln, usw. in allen möglichen Variationen. Die Menschen, deren Zweige teilweise dürr sind, bekommen noch eine Chance; ihre Zweige werden bewässert und viele werden wieder ganz grün und treiben aus. Hermas bekommt auch eine Erklärung dafür:

Du siehst den Zweig von jedem einzelnen; denn die Zweige sind das Gesetz. Du siehst nun, dass viele Zweige verdorben sind; daraus wirst du jeden, der das Gesetz nicht gehalten hat, erkennen, auch wirst du sehen, wo ein jeder wohnen wird.‘ Ich fragte ihn: ‚Herr, warum schickte er die einen in den Turm und überließ dir die anderen?‘ ‚Alle, die das von ihm überkommene Gesetz übertreten haben, übergab er in meine Gewalt zur Buße; wer aber dem Gesetze bereits Genüge getan und es erfüllt hatte, den behielt er in seiner eigenen Gewalt.‘ ‚Wer sind nun, Herr, die, welche mit Kränzen geschmückt in den Turm gingen?‘ ‚[Bekränzt wurden die, welche mit dem Teufel gerungen und ihn niedergerungen haben]; das sind solche, die für das Gesetz gelitten haben [=die Märtyrer]. Die anderen aber, die zwar gleichfalls grünende Zweige mit Trieben, aber ohne Fruchtansatz übergeben haben, das sind die, welche für das Gesetz wohl Mühsal getragen, aber nicht gelitten noch ihr eigenes Gesetz verleugnet haben. Grün, wie sie dieselben bekommen hatten, gaben ihre Zweige die ab, welche heilig und gerecht in sehr großer Herzensreinheit gelebt und die Gebote des Herrn gehalten haben. Das übrige sollst du erfahren, wenn ich nach diesen eingepflanzten und begossenen Zweigen gesehen habe.'“ (Hirte des Hermas III,8,3)

Das Gleichnis geht noch ein gutes Stück weiter; einige Menschen tun Buße, andere nicht, und der Engel erläutert ihre verschiedenen Kategorien von Sünden. Der Engel sagt schließlich zu Hermas:

„Als er mit der Auslegung aller Zweige fertig war, sprach er zu mir: ‚Gehe hin und sage zu allen, sie sollen Buße tun, und sie werden in Gott leben; denn der Herr hat in seiner Erbarmung mich gesandt, allen Buße zu gewähren, auch wenn einige wegen ihrer Werke sie nicht verdienen. Aber in seiner Langmut will der Herr, dass alle das Heil erlangen, die durch seinen Sohn berufen worden sind.‘ Darauf sagte ich: ‚Herr, ich hoffe, dass alle, die es hören, Buße tun; denn ich bin überzeugt, dass ein jeder in der Erkenntnis seiner eigenen Werke und aus Furcht vor Gott Buße tun wird.‘ Da antwortete er mir: ‚Alle, die aus ganzem Herzen [Buße tun und] sich von den genannten Sünden reinigen und fernerhin keine Ungerechtigkeit mehr begehen, werden Heilung ihrer begangenen Sünden vom Herrn erhalten und werden in Gott leben, wenn sie nicht wanken in diesen Geboten. [Wer aber in seinen Sünden weiterlebt und in den Lüsten dieser Welt wandelt, der schreibt sich selbst das Todesurteil.] Und du selbst wandle in meinen Geboten, und du wirst leben [in Gott; und alle, die in ihnen wandeln und recht handeln, werden in Gott leben].'“(Hirte des Hermas III,8,11,1-4)

Laut Hermas ist die Geduld des Herrn begrenzt und die Christen haben nur noch eine begrenzte Zeit der Buße, während den Heiden länger Zeit gelassen wird (eine der Aussagen, die man als Christ nicht unbedingt übernehmen sollte):

„Wenn du ihnen diese Worte mitgeteilt hast, die mir der Herr aufgetragen hat, damit du sie offen erkennest, dann werden ihnen alle Sünden nachgelassen, die sie früher begangen haben, ebenso allen Heiligen, was sie bis auf diesen Tag gesündigt haben, wenn sie aus ganzem Herzen sich bekehren und aus ihrem Herzen den Zwiespalt nehmen. Denn der Herr hat bei seiner Herrlichkeit gegen seine Auserwählten geschworen: wenn nach diesem festgesetzten Tage noch eine Sünde geschieht, dann sollen sie das Heil nicht erlangen; denn die Bußzeit hat ein Ende für die Gerechten; die Tage der Buße sind erfüllt für alle Heiligen; für die Heiden aber gibt es eine Buße bis zum Jüngsten Tage. Sage daher den Vorstehern der Kirche, auf dass sie ihre Wege bessern in Gerechtigkeit und mit großer Herrlichkeit aus dem Vollen die Verheißungen empfangen. Fahret fort, die Gerechtigkeit zu üben und duldet keinen Zwiespalt im Herzen, damit ihr eingehen werdet zu den heiligen Engeln! Glückselig seid ihr alle, wenn ihr die kommende große Trübsal aushaltet und wenn ihr euer Leben nicht verleugnet. Denn der Herr hat durch seinen Sohn geschworen, dass denen, die ihren Herrn verleugnen, ihr Leben abgesprochen ist, nämlich denen, die in den kommenden Tagen ihn verleugnen werden; wer es früher getan, dem zeigte sich der Herr gnädig wegen seiner Barmherzigkeit.“ (Hirte des Hermas I,2,2,4-8)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 folgendes.

Das Heil kommt von Gott, aber dann hat der Mensch den freien Willen:

„Und wir sind ferner gelehrt worden, daß er im Anfange, weil er gut ist, alles aus formloser Materie der Menschen wegen erschaffen hat; wir haben die Überlieferung, daß diese, wenn sie sich nach seinem Ratschlusse in Werken dessen wert erweisen, des Umganges mit ihm gewürdigt werden und mit ihm gemeinsam herrschen, nachdem sie unvergänglich und leidenlos geworden sind. Denn so gewiß er sie im Anfange, als sie nicht waren, geschaffen hat, ebenso gewiß werden, so glauben wir, die, welche das ihm Wohlgefällige erwählen, wegen dieser Wahl der Unsterblichkeit und des Zusammenwohnens mit ihm gewürdigt werden. Denn daß wir im Anfange ins Dasein gerufen wurden, war nicht unser Verdienst; daß wir aber dem nachstreben, was ihm lieb ist, indem wir es mit Vernunftkräften, die er selbst uns schenkte, frei wählen, dazu leitet er uns an und dazu führt er uns zum Glauben.“ (Justin, 1. Apologie 10)

„Ihr habt aber in der ganzen Welt keine bessern Helfer und Verbündeten zur Aufrechthaltung der Ordnung als uns, die wir solches lehren, wie, daß ein Betrüger, Wucherer und Meuchelmörder so wenig wie ein Tugendhafter Gott verborgen bleiben könne und daß ein jeder ewiger Strafe oder ewigem Heile nach Verdienst seiner Taten entgegengehe. Denn wenn die Menschen insgesamt zu dieser Überzeugung kämen, so würde niemand für die kurze Zeit dem Laster sich hingeben, weil er wüßte, daß er der ewigen Strafe im Feuer entgegengehe, sondern man würde auf alle Weise sich zusammennehmen und mit Tugend schmücken, um der göttlichen Belohnungen teilhaftig zu werden und von den Strafen frei zu bleiben.“ (Justin, 1. Apologie 12)

Freier Wille:

Damit aber niemand aus dem vorher von uns Gesagten den Schluß ziehe, wir behaupten, daß das, was geschieht, nach der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe, weil wir ja vorhin bemerkten, es sei vorhergewußt, so wollen wir auch diese Schwierigkeit lösen. Daß die Strafen und Züchtigungen wie auch die Belohnungen nach dem Werte der Handlungen eines jeden zugeteilt werden, darüber sind wir von den Propheten belehrt worden und verkünden es als wahr. Wenn das nicht der Fall wäre, sondern alles nach einem Verhängnisse geschähe, so gäbe es gar keine Verantwortlichkeit; denn wenn es vom Schicksale bestimmt ist, daß dieser gut und jener schlecht ist, so ist der eine so wenig zu loben als der andere zu tadeln. Und wiederum: Wenn das Menschengeschlecht nicht das Vermögen hat, aus freier Wahl das Schändliche zu fliehen und sich für das Gute zu entscheiden, so ist es unschuldig an allem, was es tut. Daß es aber nach freier Wahl sowohl recht als auch verkehrt handelt, dafür führen wir folgenden Beweis. Man sieht ein und denselben Menschen den Übergang zum Entgegengesetzten machen; wenn es ihm aber vom Schicksale bestimmt wäre, daß er entweder schlecht oder gut ist, so wäre er niemals empfänglich für das Entgegengesetzte und ändert sich nicht so oft. Aber es wären auch nicht einmal die einen gut, die andern schlecht; denn wir müßten sonst erklären, daß das Verhängnis die Ursache des Guten und des Bösen sei und sich selbst widerspreche, oder wir müßten jenen früher erwähnten Satz (c. 18,4) für wahr halten, daß Tugend und Laster nichts seien, sondern nur nach der subjektiven Meinung das eine für gut, das andere für schlecht gehalten werde; das wäre aber, wie die wahre Vernunft zeigt, die größte Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Wir sehen vielmehr das unentrinnbare Verhängnis darin, daß denen, die das Gute wählen, die entsprechende Belohnung und ebenso denen, die das Gegenteil wählen, die entsprechende Strafe zuteil wird. Denn nicht wie die übrigen Wesen, z. B. die Bäume und die Vierfüßler, die nichts nach freier Wahl zu tun vermögen, hat Gott den Menschen geschaffen; auch verdiente er weder Strafe noch Lohn, wenn er nicht aus sich das Gute wählte, sondern dazu geboren wäre, und ebenso könnte ihn nicht, wenn er böse wäre, mit Recht Strafe treffen, da er nicht aus sich so wäre, sondern nichts anderes sein könnte, als wozu die Natur ihn gemacht hätte.

Es hat uns aber dieses der heilige prophetische Geist gelehrt, der durch Moses bezeugt, Gott habe zu dem ersten Menschen, den er gebildet hatte, also gesprochen: ‚Siehe, vor deinem Angesichte liegt das Gute und das Böse, wähle das Gute!‘ Und wiederum ist durch Isaias, den andern Propheten, in der Person Gottes, des Allvaters und Herrn, in gleichem Sinne folgendes gesagt worden: ‚Waschet euch, werdet rein, schaffet die Bosheiten fort aus euren Seelen, lernet Gutes tun, schaffet Recht der Waise und laßt Recht widerfahren der Witwe, und dann kommt und wir wollen miteinander verhandeln, spricht der Herr. Und wenn eure Sünden sind wie Purpur, ich werde sie weiß machen wie Wolle, und wenn sie sind wie Scharlach, ich werde sie weiß machen wie Schnee. Und wenn ihr wollt und auf mich hört, so sollt ihr das Beste des Landes essen; hört ihr aber nicht auf mich, so wird das Schwert euch verzehren; denn der Mund des Herrn hat dies gesprochen.‘ […] Demgemäß hat auch Platon seinen Ausspruch: ‚Die Schuld fällt auf den Wählenden, Gott ist ohne Schuld‘ dem Propheten Moses entnommen; denn Moses ist älter als alle griechischen Schriftsteller. […] Wenn wir also behaupten, zukünftige Begebenheiten seien geweissagt worden, so sagen wir damit nicht, daß sie mit der Notwendigkeit des Verhältnisses sich zutragen; vielmehr liegt die Sache so: Weil Gott die zukünftigen Handlungen aller Menschen vorausweiß und weil es sein Grundsatz ist, jedem der zukünftigen Menschen nach dem Verdienste seiner Taten zu vergelten, so sagt er durch den prophetischen Geist vorher, was ihnen nach dem Werte ihrer Handlungen von seiner Seite begegnen werde, und führt dadurch allezeit das Menschengeschlecht zur Überlegung und Besinnung, indem er ihm zeigt, daß er sich um die Menschen kümmert und Vorsorge für sie trifft. (Justin, 1. Apologie 43-44)

„Aber ebensowenig glauben wir, daß die Menschen nach einem Verhängnisse handeln oder leiden, was ihnen begegnet, sondern vielmehr, daß jeder nach freier Wahl recht oder unrecht tut und daß, wenn die Guten, wie Sokrates und seinesgleichen, verfolgt werden und in Banden liegen, dagegen ein Sardanapal, Epikur und ihresgleichen in Überfluß und Ruhm glücklich zu sein scheinen, dies auf Anstiften der bösen Dämonen geschieht. Das haben die Stoiker nicht bedacht, wenn sie den Satz aufstellten, daß alles mit der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe. Aber weil Gott das Geschlecht der Engel und das der Menschen ursprünglich frei erschaffen hat, werden sie mit Recht für ihre Vergehungen in ewigem Feuer gestraft werden. Alles Gewordene ist von Natur der Schlechtigkeit und der Tugend fähig; es wäre ja auch keines davon des Lobes wert, wenn es nicht auch die Fähigkeit hätte, sich dem einen wie dem anderen zuzuwenden. Das beweisen auch jene Männer, die in den verschiedenen Ländern nach der wahren Vernunft Gesetze gegeben oder Forschungen angestellt haben, indem sie das eine zu tun, das andere zu lassen gebieten. Und selbst die stoischen Philosophen vertreten in ihrer Sittenlehre entschieden dieselbe Anschauung, woraus sich ergibt, daß sie in ihrer Lehre von den Grundprinzipien und von den übersinnlichen Dingen nicht auf dem rechten Wege sind. Denn wenn sie behaupten, daß das, was menschlicherseits geschieht, nur ein Werk des Verhängnisses sei oder daß Gott nichts anderes sei als was sich beständig umwandelt, verändert und in dieselben Bestandteile wieder auflöst, dann wird es offenkundig sein, daß sie nur von vergänglichen Dingen eine Vorstellung gewonnen haben, daß ihre Gottheit selbst sowohl in ihren Teilen als auch im Ganzen mit jeder Schlechtigkeit behaftet ist; sie müßten denn lehren, daß Tugend und Laster überhaupt nichts sind, was freilich gegen alles gesunde Denken und gegen Vernunft und Verstand ist.“ (Justin, 2. Apologie 6)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„Daß jedoch diejenigen, deren Ungerechtigkeit man vorherwußte, seien sie Engel oder Menschen, nicht durch Gottes Schuld Sünder werden, sondern daß jeder durch seine eigene Schuld das ist, als was er erscheinen wird, habe ich auch schon oben dargetan. Damit ihr aber nicht einwendet: ‚Es war notwendig, daß Christus gekreuzigt wurde, oder daß in unserem Volke Sünder sind, es konnte nicht anders sein‘, habe ich zum voraus kurz bemerkt: da Gott wollte, daß Engel und Menschen seinem Willen gehorchen, wollte er dieselben, damit sie gerecht handeln, mit freiem Willen ausstatten, ihnen, damit sie wissen, wer sie erschaffen hat, und um wessen willen sie aus dem Nichts ins Dasein gerufen worden sind, Verstand geben und ein Gesetz, damit sie gerichtet werden, wenn sie gegen den gesunden Verstand handeln. Wir selbst, Menschen wie Engel, werden die Schuld an unserer Verurteilung sein, wenn wir sündigen und uns nicht rechtzeitig bekehren. Wenn der Logos Gottes die sichere Bestrafung gewisser Engel und Menschen prophezeit, so hat er es deshalb getan, weil er vorauswußte, daß sie verstockte Sünder sein werden, nicht aber deshalb, weil Gott sie zu Sündern gemacht hat. Daher können alle, wenn sie wollen, an der göttlichen Barmherzigkeit teilhaben; sie brauchen sich nur zu bekehren. Solchen prophezeit der Logos Glück mit den Worten: ‚Selig der Mann, dem Gott die Sünde nicht anrechnet‘, das heißt derjenige, welcher seine Sünden bereut und daher Nachlassung der Sünden von Gott erhält. Ihr jedoch wie noch mancher, der da eurer Gesinnung ist, belügt euch über diese Worte und legt sie also aus: mögen sie auch Sünder sein, so rechnet doch der Herr, wenn sie nur Gott kennen, ihnen ihre Sünde nicht an. Beweis für unsere Auslegung ist uns die eine Sünde Davids, in welche ihn sein Hochmut fallen ließ: die Sünde wurde dann nachgelassen, nachdem er sie so sehr beweint und beklagt hatte. So erzählt die Schrift. Wenn aber einem solchen Manne nicht, ehe er seine Sünde bereut hatte, Nachlassung gewährt wurde, sondern erst nachdem dieser große König, Gesalbter und Prophet in bekannter Weise geweint und gehandelt hatte, können dann die Unreinen und die ganz Verkommenen, ohne unter Weinen und Klagen Buße zu tun, Hoffnung haben, daß der Herr ihnen ihre Sünde nicht anrechne?“ (Justin, Dialog mit Tryphon 140,4-141,3)

Hier lehnt Justin also ganz deutlich die These ab, Gott würde die Sünden der Gläubigen nur zudecken, und sie wären nicht wirklich umgewandelt und müssten nicht weiterhin die Gebote halten, um erlöst zu werden.

Man wird von Gott erlöst; nur wenn man die Gebote hält, behält man die Erlösung:

„Wie aus einem Feuer sind wir gerettet, da wir befreit wurden sowohl von unseren früheren Sünden als auch von der Drangsal und dem Brande, welche uns der Satan und alle seine Diener bereiten. Wiederum Jesus, der Sohn Gottes rettet uns aus deren Händen. Für den Fall daß wir seine Gebote beobachten, versprach er, uns mit den bereit gehaltenen Kleidern auszustatten, und verhieß, ein ewiges Reich zu bereiten.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 116,2)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Und er hat von Anbeginn das Menschengeschlecht mit Vernunft begabt und mit der Fähigkeit geschaffen, das Wahre zu erwählen und das Gute zu tun, so daß die Menschen samt und sonders vor Gott keine Entschuldigung haben, weil sie als vernünftige und erkenntnisfähige Wesen auf die Welt gekommen sind. Wer aber glaubt, Gott kümmere sich um die Menschen nicht, der leugnet entweder indirekt sein Dasein oder er sagt, wenn er existiere, habe er Freude am Bösen oder verharre in Ruhe wie ein Stein, Tugend und Laster seien leere Begriffe und es sei nur ein Wahn, wenn die Menschen das eine für gut, das andere für bös halten; das ist freilich die größte Ruchlosigkeit, die gedacht werden kann.“ (Justin, 1. Apologie 28)

Bzgl. früherer Generationen schreibt Justin:

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

Justin schreibt auch an mehreren Stellen darüber, dass nicht mehr die Beschneidung und das Einhalten der alttestamentlichen Zeremonialgesetze nötig sind, sondern die Taufe, die jetzt im Neuen Bund von Gott angeordnet wurde:

„Wenn nämlich vor Abraham die Beschneidung und vor Moses die Sabbatfeier, die Feste und Opfer kein Bedürfnis waren, dann sind sie in gleicher Weise auch jetzt kein Bedürfnis, da nach dem Willen Gottes Jesus Christus, der Sohn Gottes, ohne Sünde durch die aus dem Volke Abrahams stammende Jungfrau geboren worden ist. Denn auch Abraham wurde, als er noch unbeschnitten war, gerechtfertigt und gesegnet, und zwar wegen seines Glaubens an Gott, wie die Schrift dartut. Die Beschneidung aber erhielt er als Zeichen, nicht jedoch um gerechtfertigt zu werden. Schrift und Geschichte zwingen uns, das anzunehmen. Mit Recht heißt es daher von jenem Volke: ‚Ausgetilgt soll werden aus seinem Stamme jener, der nicht am achten Tage beschnitten wird.‘ Auch die Unmöglichkeit, daß das weibliche Geschlecht die fleischliche Beschneidung empfängt, beweist, daß diese Beschneidung als Zeichen, nicht aber als eine Tat der Gerechtigkeit gegeben worden ist; denn Gott hat in gleicher Weise auch dem Weibe die Möglichkeit verschafft, all das zu tun, was gerecht und tugendhaft ist. Wir wissen doch, daß nicht wegen des Körperbaues, der, wie wir sehen, bei Mann und Weib verschieden ist, dieselben gerecht oder ungerecht sind, sondern daß Frömmigkeit und Gerechtigkeit entscheiden.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 23,3-5)

Und hierfür haben wir von den Aposteln folgende Begründung überkommen. Da wir bei unserer ersten Entstehung ohne unser Wissen nach Naturzwang aus feuchtem Samen infolge gegenseitiger Begattung unserer Eltern gezeugt wurden und in schlechten Sitten und üblen Grundsätzen aufgewachsen sind, so wird, damit wir nicht Kinder der Notwendigkeit und der Unwissenheit bleiben, sondern Kinder der freien Wahl und der Einsicht, auch der Vergebung unserer früheren Sünden teilhaftig werden, im Wasser über dem, der nach der Wiedergeburt Verlangen trägt und seine Vergehen bereut hat, der Name Gottes, des Allvaters und Herrn, ausgesprochen, wobei der, welcher den Täufling zum Bade führt, nur eben diese Bezeichnung gebraucht. Denn einen Namen für den unnennbaren Gott vermag niemand anzugeben, und sollte jemand behaupten wollen, es gebe einen solchen, so wäre er mit unheilbarem Wahnsinn behaftet. Es heißt aber dieses Bad Erleuchtung, weil diejenigen, die das an sich erfahren, im Geiste erleuchtet werden. Aber auch im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, und im Namen des Heiligen Geistes, der durch die Propheten alles auf Jesus Bezügliche vorherverkündigt hat, wird der, welcher die Erleuchtung empfängt, abgewaschen. […] Wir aber führen nach diesem Bade den, der gläubig geworden und uns beigetreten ist, zu denen, die wir Brüder nennen, dorthin, wo sie versammelt sind, um gemeinschaftlich für uns, für den, der erleuchtet worden ist, und für alle andern auf der ganzen Welt inbrünstig zu beten, damit wir, nachdem wir die Wahrheit erkannt haben, gewürdigt werden, auch in Werken als tüchtige Mitglieder der Gemeinde und als Beobachter der Gebote erfunden zu werden, und so die ewige Seligkeit zu erlangen“ (Justin, 1. Apologie 61.65)

„Daher müßt ihr diese Hoffnung eurer Seele beschneiden und euch bemühen um die Erkenntnis des Weges, auf welchem euch die Sünden werden nachgelassen werden und ihr das Erbe der verheißenen Güter erhoffen dürft. Diesen Weg geht ihr aber nur dann, wenn ihr unseren Christus anerkennt, euch in dem durch Isaias verkündeten, der Nachlassung der Sünden dienenden Bade reinigt und dann ohne Sünden lebt.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 44,4)

Über Jesu Erlösungstat schreibt er:

„er wollte ja auch nicht deshalb, weil er es notwendig gehabt hätte, geboren werden und am Kreuze sterben. Es war ihm vielmehr um das Menschengeschlecht zu tun, welches seit Adam dem Tode und dem Truge der Schlange verfallen war, da jeder sich selbst mit Schuld belud und sündigte. Gott hat nämlich bei Erschaffung der Engel und Menschen gewollt, daß sie, ausgestattet mit freiem Willen und dem Selbstbestimmungsrecht, das tun, wozu er jeden einzelnen befähigt hat; er wollte sie, wenn sie sich für Gottes Willen entscheiden, vor Vergänglichkeit und Strafe bewahren, jedem dagegen nach seinem Gutdünken bestrafen, wenn sie sündigten. (Justin, Dialog mit Tryphon 88,4f.)

„Da er es jedoch so für gut hielt, stattete er Engel und Menschen mit freiem Willen aus, damit sie gerecht handelten, und bis zu einer von ihm bestimmten Zeit sah er, daß der freie Wille für sie gut war. Und wiederum weil er es für gut erachtete, hielt er allgemeine und besondere Gerichte ab, aber den freien Willen ließ er.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 102,4)

Aristides von Athen schreibt irgendwann zwischen 138 und 161 in einer Verteidigungsschrift der Christen gegenüber den Heiden folgendes:

„Sie [die Christen] bemühen sich gerecht zu sein, erwarten sie ja in großer Herrlichkeit ihren Christus zu sehen und die ihnen gemachten Verheißungen von ihm zu empfangen. Ihre Sprüche und Gebote aber, o Kaiser, den Ruhm ihres (Gottes-) Dienstes und den Lohn [der Vergeltung], den sie entsprechend dem Tun eines jeden einzelnen von ihnen in der andern Welt erwarten, magst du aus ihren Schriften kennen lernen. […]

Kommt es indes vor, daß einer von ihnen [den Heiden] sich bekehrt, so schämt er sich vor den Christen seiner begangenen Missetaten, bekennt (sie) Gott und spricht: ‚Aus Unwissenheit habe ich diese begangen.‘ Und er reinigt sein Herz, und seine Sünden werden ihm nachgelassen, weil er sie aus Unwissenheit in der früheren Zeit beging, wo er (noch) die wahre Erkenntnis der Christen lästerte und schmähte. Ja wahrhaft selig ist das Geschlecht der Christen vor allen Menschen auf der Erdoberfläche. […] Und wahrhaft ist Gottes, was durch der Christen Mund geredet wird, und ihre Lehre ist die Pforte des Lichts. Es sollen sich ihr nun alle die nahen, die Gott (noch) nicht erkannt haben, und sollen die unvergänglichen Worte aufnehmen, die von jeher sind und von Ewigkeit. Mögen sie also zuvorkommen dem furchtbaren Gericht, das durch Jesus Christus über das ganze Menschengeschlecht kommen soll.“ (Aristides von Athen, Apologie 16,2-17,8)

Eine Stelle bzgl. der verstorbenen Kinder ist interessant:

„Und wenn ein Gerechter von ihnen aus der Welt scheidet, so freuen sie sich und danken Gott und geben seiner Leiche das Geleite, gleich als zöge er (nur) von einem Ort zum andern. Und wenn einem von ihnen ein Kind geboren worden, so preisen sie Gott; und sollte es dann (schon) in seiner Kindheit sterben, so preisen sie Gott überaus, ist es doch ohne Sünde aus der Welt geschieden. Müssen sie hinwiederum sehen, wie einer von ihnen in seiner Gottlosigkeit und seinen Sünden stirbt, so weinen sie über diesen bitterlich und seufzen, soll er ja zur Strafe hingehen.“ (Aristides von Athen, Apologie 15,11)

Im 2. Clemensbrief, der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern etwas später entstanden ist, heißt es:

„Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.

‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst, jauchze auf und rufe, die du keine Wehen hast; denn die Kinder der Alleinstehenden sind zahlreicher als die Kinder derer, die den Mann hat.‘ Mit den Worten: ‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst‘, meint er uns; denn unsere Kirche war unfruchtbar, bevor ihr Kinder geschenkt waren. […] Eine andere Schriftstelle sagt: ‚Ich bin nicht gekommen, Gerechte, sondern Sünder zu berufen.‘ Dies sagte er, weil man die Untergehenden retten muss. Denn das ist groß und bewunderungswürdig, nicht das Stehende zu stützen, sondern das Fallende. So wollte auch Jesus Christus das Untergehende retten, und er hat viele gerettet, da er erschienen ist und uns berufen hat, die wir schon am Verderben waren.

Da er nun uns gegenüber soviel Erbarmen geübt hat, so ist es das erste, dass wir, die Lebenden, den toten Göttern nicht opfern und sie nicht verehren; vielmehr haben wir durch ihn den Vater der Wahrheit erkannt; worin besteht die zu ihm (= Gott) führende Erkenntnis anders als im Bekenntnis dessen, durch den wir ihn erkannt haben? Auch er selbst sagt: ‚Wer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich auch vor meinem Vater bekennen.‘ Dies also ist unser Lohn (für ihn), wenn wir den bekennen, durch den wir erlöst worden sind. Wodurch sollen wir ihn aber bekennen? Wenn wir tun, was er sagt, und seine Gebote nicht überhören und ihn nicht bloß mit den Lippen ehren, sondern aus ganzer Seele und aus ganzer Gesinnung. Es heißt nämlich bei Isaias: ‚Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit weg von mir.‘

Wir wollen ihn daher nicht Herr nennen; denn das wird uns nicht retten. Er sagt nämlich: ‚Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird gerettet werden, sondern wer die Gerechtigkeit übt.‘ Deshalb, Brüder, wollen wir ihn bekennen durch die Werke, dadurch, dass wir einander lieben, die Ehe nicht brechen, nichts Böses über den anderen reden, nicht eifersüchtig sind, vielmehr enthaltsam, barmherzig und gütig sind; auch müssen wir Mitleid miteinander haben und dürfen nicht geldgierig sein. Durch diese und nicht durch die entgegengesetzten Werke wollen wir ihn bekennen; auch müssen wir Gott mehr fürchten als die Menschen. […]

Auch wollet ihr bedenken, Brüder, dass der Aufenthalt in dieser Welt des Fleisches kurz und von geringer Dauer, die Verheißung Christi aber groß und wunderbar ist und Ruhe im künftigen Reiche und im ewigen Leben. Was müssen wir nun tun, um diese Güter zu erlangen? Nichts als heilig und gerecht wandeln, die Dinge dieser Welt für feindlich halten und ihrer nicht begehren. Denn wenn wir nach ihrem Besitze verlangen, verlieren wir den Weg der Gerechtigkeit. […]

Wenn wir nämlich den Willen Christi erfüllen, werden wir Ruhe finden; wo nicht, wird nichts uns vor der ewigen Strafe erretten, wenn wir nämlich auf seine Gebote nicht hören. Die Schrift sagt auch bei Ezechiel: ‚Wenn Noë und Job und Daniel aufstehen, so werden sie ihre Kinder nicht befreien, die in der Gefangenschaft sind.‘ Wenn aber selbst solche Gerechte es mit ihrer Gerechtigkeit nicht vermögen, ihre eigenen Kinder zu befreien, worauf können dann wir bauen, dass wir eingehen dürfen in das Reich Gottes, wenn wir die Taufe nicht rein und unbefleckt bewahren? Oder wer wird unser Beistand sein, wenn wir nicht erfunden werden mit heiligen und gerechten Werken?

So lasst uns denn kämpfen, meine Brüder; denn wir wissen ja, dass der Kampf uns vorgelegt ist und dass zu den vergänglichen Kämpfen viele herbeisegeln, aber nicht alle gekrönt werden, wenn sie nicht vieles auf sich genommen und rühmlich gekämpft haben. Wir also wollen kämpfen, damit wir alle gekrönt werden. […]

Solange wir also auf Erden sind, geschehe unsere Sinnesänderung. Denn wir sind Lehm in des Meisters Hand; wie nämlich der Töpfer, wenn er ein Gefäß fertigt, es in seinen Händen umbiegt und zusammendrückt und dann es wieder neugestaltet, wenn er es aber einmal in den Brennofen gebracht hat, ihm nicht mehr nachhelfen kann, so wollen auch wir, solange wir in dieser Welt sind, was wir im Fleische Böses getan, aus ganzem Herzen bereuen, damit wir vom Herrn gerettet werden, solange wir noch Zeit zur Umkehr haben.“ (2. Clemensbrief 1,2-8,2)

Im Diogenetbrief heißt es:

„Als er nun bereits alles bei sich mit seinem Sohne geordnet hatte, liess er uns bis zu der nun abgelaufenen Zeit, wie wir es wollten, von ungeordneten Trieben geleitet werden, von Lüsten und Begierden fortgerissen; durchaus nicht etwa aus Freude an unseren Sünden, sondern in Langmut, auch nicht, als hätte er Wohlgefallen an der damaligen Zeit der Ungerechtigkeit, sondern zur Vorbereitung auf die jetzige Zeit der Gerechtigkeit, damit wir, in der damaligen Zeit durch unsere eigenen Werke überführt, dass wir des Lebens unwürdig seien, jetzt durch die Güte Gottes würdig gemacht würden und, nachdem wir den Beweis von unserer eigenen Ohnmacht, in das Reich Gottes einzugehen, geliefert hätten, durch die Kraft Gottes dazu befähigt würden. Als aber das Mass unserer Ungerechtigkeit voll und es völlig klar geworden war, dass als ihr Lohn Strafe und Tod uns erwarte, und als der Zeitpunkt gekommen war, den Gott vorausbestimmt hatte, um fortan seine Güte und Macht zu offenbaren, – o überschwengliche Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes! – da hasste und verstiess er uns nicht und gedachte nicht des Bösen, sondern war langmütig und geduldig und nahm aus Erbarmen selbst unsere Sünden auf sich; er selbst gab den eigenen Sohn als Lösepreis für uns, den Heiligen für die Unheiligen, den Unschuldigen für die Sünder, den Gerechten für die Ungerechten, den Unvergänglichen für die Vergänglichen, den Unsterblichen für die Sterblichen. Denn was anders war imstande, unsere Sünden zu verdecken als seine Gerechtigkeit? In wem konnten wir Missetäter und Gottlose gerechtfertigt werden, wenn nicht allein im Sohne Gottes? Welch süsser Tausch, welch unerforschliches Walten, welch unverhoffte Wohltat, dass die Ungerechtigkeit vieler in einem Gerechten verborgen würde und die Gerechtigkeit eines einzigen viele Sünder rechtfertige! Nachdem er also in der früheren Zeit die Ohnmacht unserer Natur, zum Leben zu gelangen, dargetan hatte, zeigte er jetzt, dass der Erlöser Macht habe, auch das Ohnmächtige zu retten; durch beides aber wollte er uns zum Glauben an seine Güte bringen, ihn anzusehen als Ernährer, Vater, Lehrer, Ratgeber, Arzt, Geist, Licht, Ehre, Ruhm, Kraft und Leben, und für Kleidung und Nahrung nicht ängstlich zu sorgen.

[…] Von welcher Freude aber glaubst du wohl erfüllt zu werden, wenn du ihn erkannt hast? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Liebst du ihn aber, so wirst du auch ein Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er kann es, weil er Gott es will. […]

Wenn ihr darauf achtet und es mit Eifer anhöret, werdet ihr inne werden, was Gott denen bietet, die ihn in rechter Weise lieben, die ihr geworden seid ein Paradies der Wonne und in euch aufsprossen lasset einen herrlich blühenden, fruchtbeladenen Baum, mit allerlei Früchten geschmückt.“ (Diognetbrief 9-10.12)

Dann wäre da Epistula Apostolorum, die sich als Brief der 12 Apostel ausgibt.

In diesem Werk spricht Jesus zu den Aposteln davon, dass die Werke wichtig sind:

„Wer aber an mich glaubt und mein Gebot nicht tut, hat, obwohl er an meinen Namen glaubt, keinen Nutzen davon. Vergeblich ist er einen Lauf gelaufen. Sein Ende ist für das Verderben und für die Strafe großen Schmerzes bestimmt, denn er hat gesündigt gegen mein Gebot.“ (Epistula Apostolorum 27(38), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 141)

Freier Wille:

„Und wir sprachen zu ihm ‚Wird man an jenem Tage nicht zu dir sagen: Du hast führen lassen zu Gerechtigkeit und Sünde und hast geschieden Finsternis und Licht, Böses und Gutes?‘ Und er sprach zu uns: ‚Adam ist die Macht gegeben worden, daß er von den zweien, was er wollte, erwähle, und er wählte das Licht und streckte seine Hände aus und nahm (es) und ließ die Finsternis und entfernte sich von ihr. Ebenso ist jeder Mensch ermächtigt, zu glauben an das Licht, dies ist das Leben des Vaters, der mich gesandt hat. Und wer an mich geglaubt hat, wird leben, wenn er das Werk des Lichtes getan hat. Wenn er aber bekennt, daß das Licht ist, und tut das der Finsternis (Eigentümliche), so hat er weder etwas, was er zur Verteidigung wird sagen können, noch wird er das Antlitz erheben können und anblicken den Sohn, der ich bin. Und ich werde zu ihm sagen: Du hast gesucht und gefunden, hast gebeten und empfangen. Was tadelst du uns? Weshalb hast du dich von mir und meinem Reiche entfernt? Du hast mich bekannt und (dann doch) verleugnet. Nun also sehet, daß jeder ermächtigt ist, sowohl zu leben als zu sterben. Und wer mein Gebot tut und bewahrt, wird ein Sohn des Lichtes, d. h. meines Vaters, sein. Und denen, die bewahren und tun, um des willen ich herabgestiegen vom Himmel, ich, das Wort, bin Fleisch geworden und bin gestorben, indem ich lehrte und überführte, daß die einen gerettet werden, die andern aber ewiglich zugrundegehen werden, indem sie im Feuer gestraft werden am Fleisch und am Geist.'“ (Epistula Apostolorum 39(50), in: Ebd., S. 147-149)

In den christlichen Sibyllinen, Weissagungen über das Weltende in Gedichtform, heißt es:

„Hab‘ ich doch selbst zwei Wege gesetzt, den des Lebens und Todes,
Und ihren Willen empfohlen, das gute Leben zu wählen;
Sie aber sind in den Tod und das ewige Feuer gestürzet.
Abbild von mir ist der Mensch, mit rechter Vernunft ausgestattet.
Diesem stell‘ einen reinen und unbefleckten Tisch hin,
Füll‘ ihn mit Gütern voll und gib dem Hungernden Brot und
Reiche dem Durstigen Trank und Kleider dem nacketen Leibe,
Aus dem eigenen Kummer gewährend mit heiligen Händen!
Der Bedrückten nimm stets dich an und hilf dem Erschöpften,
Bring dieses lebende Opfer doch mir, dem lebendigen Gotte,
Jetzt nur säend ins Wasser, damit auch ich dir einst gebe
Unvergängliche Früchte; das ewige Licht sollst du haben,
Unverwesliches Leben, wenn alle ich prüfe im Feuer.
Alles werde ich schmelzen und wieder zur Läuterung scheiden,
Werde den Himmel erschüttern, die Schlünde der Erde eröffnen,
Und dann will ich die Toten erwecken, das Schicksal lösend
Und den Stachel des Todes, und alsbald komm‘ ich zum Gerichte,
Um zu richten das Leben der frommen und gottlosen Menschen“ (Christliche Sibyllinen VIII,399-416, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 523)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 7: Sündenfall und Erbsünde

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (u. a.): Gen 3, Röm 5,12-19, 1 Kor 15,21f., Sir 25,24.

 

Heute geht es darum, was die Christen im 2. Jahrhundert über den Sündenfall und die Folgen von Adams und Evas Sünde lehrten.

 

Bischof Irenäus von Lyon schreibt ausführlich über Erschaffung und Fall des Menschen:

„Den Menschen aber bildete er mit eigener Hand. Er verwandte dazu den feineren und zarteren Stoff der Erde und verband in [weisem] Maße miteinander die Erde und seine Macht. Denn er hat dem Geschöpfe seine Form gegeben, damit es in seiner Erscheinung Gottes Bild sei. Als Abbild Gottes setzte er den von ihm erschaffenen Menschen auf die Erde. Damit er Leben empfange, hauchte er in sein Angesicht den Lebensodem, auf daß der Mensch sowohl seiner ihm eingehauchten Seele nach und in seiner Leibesbildung Gott ähnlich sei. Er war folglich frei und Herr über sich selbst durch Gottes Macht, damit er über alles, was auf Erden ist, herrsche. Und dieses große Schöpfungswerk der Welt, das alles in sich barg, von Gott schon vor der Schöpfung des Menschen zubereitet, wurde dem Menschen zum Wohnsitz gegeben. Und es fanden sich an ihrer Stelle und mit ihren Arbeitsleistungen die Diener dieses Gottes, der alles schuf. Und ein Hauswalter hatte als Schützer dieses Gebiet inne, der über die Mitknechte gesetzt war. Die Knechte waren die Engel, der Walter und Schützer aber der Fürst der Engel [ein Erzengel].

Indem Gott so den Menschen als Herrn der Erde und alles dessen, was auf ihr ist, erschaffen hatte, hat er ihn auch zum Herrn derer, welche als Diener auf ihr sind, erhoben. Jedoch erfreuten sich jene der Reife ihrer Natur, während der Herr, d. h. der Mensch, klein war; war er doch ein Kind, noch des Wachstums bedürftig, um zu seiner Vollreife zu gelangen. Seine Ernährung und sein Wachstum sollte dabei voll Freude und Wonne sein. So ward für ihn dieser Ort schöner bereitet als diese Welt; [er ward ausgestattet mit Vorzügen] der Luft, Schönheit, des Lichtes, der Nahrung, der Pflanzen, Früchte und der Wasser und mit allem anderen, was zum angenehmen Leben nötig war. Sein Name war Paradies. Herrlich und schön war das Paradies; da wandelte das Wort Gottes immer in demselben umher, es verkehrte und sprach mit dem Menschen über die Zukunft und belehrte ihn zum voraus über das, was kommen wird. So wollte es bei ihm wohnen, mit den Menschen reden und weilen und sie in der Gerechtigkeit unterweisen. Allein der Mensch war ein Kind, seine Gedanken waren noch nicht vollkommen geklärt, daher wurde er auch leicht vom Verführer betrogen.

Bei seinem Verweilen im Paradies führte nun Gott dem Menschen, während dieser darin umherging, alles Lebende vor und befahl, es ihm zu benennen. Wie immer Adam ein Lebewesen bezeichnete, so wurde es nunmehr benannt. So war der Augenblick gekommen, da Gott Adam auch eine Gehilfin schaffen wollte. ‚Denn‘, so sprach Gott, ‚es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein. Laßt uns ihm eine Gehilfin machen nach seinen Verhältnissen.‘ Denn unter den andern Lebewesen hatte sich keine Adam nach Natur und Wert gleiche und zu ihm passende Gehilfin gefunden. So ließ Gott selbst über Adam eine Verzückung kommen und ihn in Schlaf sinken. Weil es noch keinen Schlaf im Paradiese gab und doch die Erfüllung eines Werkes auf dem früheren beruhen soll, so ist dieser durch Gottes Willen über Adam gekommen. Es nahm nun Gott eine von den Rippen Adams und ersetzte sie durch Fleisch. Die Rippe selbst aber, die er ihm entnommen hatte, bildete er zum Weibe um und führte es so vor Adam. Als dieser dasselbe sah, sprach er: ‚Das ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleische. Sie soll Weib heißen, denn von ihrem Manne ward sie genommen.‘

Und Adam und Eva — denn das ist der Name des Weibes — waren nackt und schämten sich nicht. Denn sie waren ohne Sünde und kindlichen Sinnes. Ihr Geist war frei von Vorstellungen und Gedanken, wie sie seither aus Bosheit durch sinnliche Begierde und schändliche Gelüste in der Seele entstehen. Noch hatten sie ja ihre Natur unversehrt bewahrt, denn vom Schöpfer war der Hauch des Lebens ihnen eingehaucht worden. So lange dieser Hauch unentweiht und unversehrt bleibt, ist er ohne Empfänglichkeit und Sinn für das Schlechte. Deswegen nun schämten sie sich nicht bei ihren Küssen und Umarmungen in Reinheit nach Kinderart.

Doch sollte der Mensch sich nicht zu hoch dünken und sich nicht hoffärtig erheben, gleich als habe er, da ihm Macht und Freiheit verliehen sind, keinen Herrn über sich; er sollte bewahrt werden davor, sich gegen seinen Gott, seinen Schöpfer, zu verfehlen durch Überschreitung des ihm gesetzten Maßes und durch stolze selbstgefällige Willkürhandlungen gegenüber Gott. Deshalb wurden ihm von Gott Gesetze gegeben; sie sollten ihm zeigen, daß er einen Herrn habe, den Herrn aller Dinge. Auch traf Gott bestimmte Verfügungen, wie die, daß er [der Mensch] in seinem Sein verharren sollte, wie er war, d. h. daß er unsterblich sein sollte, wenn er das Gebot Gottes beobachtete. Der Sterblichkeit aber sollte er verfallen und zur Erde aufgelöst werden, aus welcher er bei der Schöpfung genommen worden war, wenn er dasselbe nicht beobachtete. Das Gebot aber war dieses: ‚Von allen Bäumen, welche im Innern des Gartens sind, sollst du essen dürfen, aber von dem einen Baum, von welchem die Erkenntnis des Guten und des Bösen kommt, sollt ihr nicht essen, denn an dem Tage, an welchem ihr davon esset, sollt ihr dem Tode verfallen.‘

Dieses Gebot hat der Mensch nicht gehalten, sondern er wurde ungehorsam gegen Gott, mißleitet vom Engel. Dieser letztere war wegen der vielen Gaben, die Gott dem Menschen verliehen hatte, von bitterem Neid erfüllt. In diesem richtete er sich selbst zu Grund und machte den Menschen zum Sünder, indem er ihn zum Ungehorsam gegen das Gebot Gottes verleitete. Durch die Lüge zum Anstifter und Urheber der Sünde geworden, verfiel er zwar selbst dem göttlichen Strafgerichte im Abfall von Gott; aber er hatte auch bewirkt, daß der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde. Weil der Engel nach einem aus sich selbst gefaßten Entschluß von Gott abgefallen ist, wurde er in hebräischer Sprache Satan genannt, was so viel ist als Widersacher. Doch wird er auch noch Verleumder [Teufel] genannt. — Die Schlange, welche den Teufel in sich trug, verfluchte also Gott. Sein Fluch traf das Tier, aber er ging auch über auf den in ihm listig verborgenen Teufel. Den Menschen verwies er von seinem Angesichte und gab ihm seinen Wohnsitz vor den Toren des Paradieses. Denn das Paradies nimmt die Sünder nicht in sich auf.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 11-16)

Über die Notwendigkeit der Erlösung, darüber, dass auch Adam persönlich erlöst wurde, und darüber, wieso Gott die Menschen zu ihrem eigenen Nutzen nicht mehr im Paradies leben lassen konnte, schreibt er:

„Da nun der Herr zu seinem verlorenen Schaf kam und eine so große Heilsordnung rekapitulierte und sein Geschöpf aufsuchte, so mußte er gerade jenen Menschen retten, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes gemacht war, d. h, Adam, indem er die wegen seines Ungehorsams festgesetzte Zeit der Verdammnis erfüllte, ‚die der Vater kraft seiner Macht festgesetzt hatte‘. Denn die gesamte Heilsordnung hinsichtlich des Menschen vollzog sich nach dem Wohlgefallen des Vaters, damit Gott nicht unterliege, noch besiegt werde seine Kunst. Der Mensch nämlich war von Gott zum Leben erschaffen, verlor aber, verwundet von der Schlange, die ihn verführt hatte, das Leben. Wäre er nun zum Leben nicht zurückgekehrt, sondern völlig dem Tode preisgegeben worden, dann wäre ja Gott besiegt worden, und die Bosheit der Schlange hätte den göttlichen Willen überwunden. Da aber Gott unbesiegbar und langmütig ist, so zeigte er sich auch langmütig in der Besserung Adams und der Prüfung aller Menschen, wie wir gesagt haben, band durch den zweiten Menschen den Starken und zerbrach seine Gefäße und vernichtete den Tod, indem er den Menschen lebendig machte, der getötet war. Das erste Gefäß, das ihm gehörte, war Adam geworden, den er in seiner Gewalt hielt, d. h. ungerechterweise zur Übertretung verleitete, und an dem er unter dem Vorwand der Unsterblichkeit zum Mörder wurde. Indem er ihnen nämlich versprach, daß sie sein würden wie die Götter, was doch schlechthin unmöglich ist, brachte er den Tod über sie. Darum ward mit Recht von Gott gefangen genommen, der den Menschen gefangen genommen hatte, und von den Banden der Verdammnis wurde gelöst der Mensch, der als Gefangener fortgeführt worden war.

Das ist aber Adam, wenn man die Wahrheit sagen soll, jener erstgebildete Mensch, von dem nach der Schrift der Herr sprach: ‚Lasset uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis.‘ Aus ihm sind wir alle, und weil wir aus ihm sind, haben wir auch seinen Namen geerbt. Wenn aber der Mensch gerettet wird, dann muß auch der Mensch gerettet werden, der zuerst gebildet wurde. Denn es wäre doch sehr unvernünftig, wenn jener, der von dem Feinde heftig verwundet war und zuerst in die Gefangenschaft geführt worden war, von dem, der den Feind besiegte, nicht gerettet sein sollte, wohl aber seine Söhne, die er in derselben Gefangenschaft gezeugt hat. Dann wird der Feind nicht in Wahrheit besiegt erscheinen, wenn in seinen Händen noch die alten Beutestücke zurückbleiben. Wenn Feinde einige überwinden und gebunden in die Gefangenschaft abführen und lange Zeit in Knechtschaft halten, sodaß sie bei ihnen Kinder erzeugen, und jemand aus Mitleid mit denen, die Sklaven geworden sind, eben jene Feinde besiegen würde, dann würde er keineswegs gerecht handeln, wenn er die Söhne jener, die in die Gefangenschaft geführt worden waren, aus der Gewalt derer, die ihre Väter gefangen genommen hatten, befreien wollte, aber jene, welche in die Gefangenschaft geführt wurden, in der Gewalt der Feinde belassen wollte, derentwegen er den Rachezug unternahm. Haben aber die Kinder aus diesem Anlaß die Freiheit erlangt, dann durften die Väter nicht zurückbleiben, die in die Gefangenschaft geführt waren. So ist auch Gott, der dem Menschen zu Hilfe kam und ihn in seine Freiheit wieder einsetzte, weder schwach noch ungerecht.

Deswegen hat er auch gleich zu Beginn der Übertretung des Adam nicht diesen verflucht, sondern die Erde in ihren Werken nach dem Berichte der Schrift, wie auch einer von den Alten sagt: ‚Es übertrug Gott den Fluch auf die Erde, damit er nicht auf dem Menschen verbleibe.‘ Als Strafe aber für seine Übertretung empfing der Mann Mühe und irdische Arbeit und mußte das Brot essen im Schweiße seines Angesichtes und zur Erde zurückkehren, von der er genommen war. In ähnlicher Weise auch das Weib Mühen und Plagen und Seufzer und Traurigkeit bei der Geburt und die Pflicht des Gehorsams gegen den Mann. So sollten sie weder als von Gott Verfluchte gänzlich untergehen, noch straflos Gott verachten dürfen. Der ganze Fluch aber ging auf die Schlange über, die sie verführt hatte, wie geschrieben steht: ‚Und es sprach Gott zur Schlange: Weil du dies getan hast, bist du verflucht von allen großen und kleinen Tieren der Erde.‘ Dasselbe sagt auch der Herr im Evangelium zu denen, die auf seiner linken Seite gefunden werden: ‚Gehet weg, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitete.‘ Damit tut er kund, daß das Feuer nicht hauptsächlich für den Menschen, sondern ewiglich dem bereitet ist, der ihn verführte und sündigen ließ und, sage ich, dem Fürsten des Abfalls, wie den Engeln, die mit ihm abtrünnig wurden. Dieselbe Strafe werden mit Recht auch die empfangen, die ähnlich wie er ohne Buße und Besserung in ihren bösen Werken verharren.

Dem Kain z. B. riet Gott, er möge sein verkehrtes Betragen gegen seinen Bruder ändern und davon ablassen; jener war aber der Meinung, daß er mit Neid und Bosheit ihn unterbekommen werde, und hörte nicht nur nicht auf den Herrn, sondern fügte Sünde auf Sünde, indem er durch sein Werk seine Gesinnung kundtat. Was er nämlich dachte, das tat er auch, erhob sich wider ihn und tötete ihn. So ließ Gott den Gerechten dem Ungerechten unterliegen, damit jener in seinen Leiden als der Gerechte, dieser in seinen Taten als der Ungerechte offenbar werde. Aber auch nicht einmal dann kam jener zur Einsicht und hörte auf, verkehrt zu handeln, sondern antwortete auf die Frage, wo sein Bruder wäre: ‚Ich weiß es nicht, bin ich denn der Wächter meines Bruders?‘ So erweiterte und vermehrte er noch durch seine Antwort seine Sünde. Denn wenn es schon Sünde ist, den Bruder zu töten, so ist es noch viel schlimmer, dem allwissenden Gott so frech und respektlos zu antworten, gleich als ob er ihn hintergehen könnte. Deswegen traf ihn auch der Fluch, weil er die Sünde ableugnete, ohne Ehrfurcht vor Gott und ohne Reue über den Brudermord.

Bei Adam aber ist nichts Derartiges geschehen, sondern alles verhielt sich umgekehrt. Von einem andern war er verführt unter dem Vorwand der Unsterblichkeit. Sogleich wird er von Furcht ergriffen und verbirgt sich, nicht als ob er Gott entfliehen könnte, sondern beschämt, weil er das Gebot übertreten hatte und unwürdig war, vor dem Angesicht Gottes zu einer Unterredung zu erscheinen. ‚Die Furcht Gottes aber ist der Anfang der Weisheit.‘ Die Erkenntnis seiner Übertretung aber bewirkte die Reue, und den Reumütigen schenkt Gott seine Gnade. Nämlich gleich bei der Tat zeigt er durch die Schürze seine Reue, indem er sich mit Feigenblättern bedeckte. Es gab ja auch viele andere Blätter, die seinen Körper weniger gestochen hätten. Dennoch machte er sich gerade ein Kleid, das seinem Ungehorsam angepaßt war. Da er durch die Furcht Gottes erschüttert war und den ungestümen Angriff des Fleisches zurückdrängen wollte — denn nun hatte er seinen kindlichen Charakter und Sinn verloren und war auf bösere Gedanken gekommen — so legte er sich und seiner Frau den Zügel der Enthaltsamkeit an, weil er Gott fürchtete und seine Ankunft erwartete. Damit wollte er gleichsam kundtun: Das Gewand der Heiligkeit, das ich vom Geiste hatte, habe ich verloren, und erkenne nun, daß ich ein solches Kleid verdiene, das keinerlei Ergötzung bietet, sondern das Fleisch beißt und kratzt. Und dieses Kleid hätte er, um sich zu demütigen, fortan getragen, wenn nicht Gott in seiner Barmherzigkeit sie mit Tierröcken statt der Feigenblätter bekleidet hätte. Deshalb richtet er auch an sie die Frage, damit die Klage auf das Weib falle, und dann wiederum an das Weib, damit sie die Schuld auf die Schlange schieben könne. Sie sagte nämlich, was geschehen war: ‚Die Schlange verführte mich, und ich aß.‘ Die Schlange aber fragte er nicht, denn er wußte, daß sie die Ursache der Übertretung geworden war; so sandte er zuerst auf sie den Fluch, und dann traf den Menschen der Tadel. Den nämlich, der den Menschen verführt hatte, haßte Gott; über den aber, der verführt worden ist, erbarmte er sich ganz allmählich.

Deswegen warf er ihn auch aus dem Paradiese hinaus und entfernte ihn von dem Baume des Lebens, nicht als ob er ihm diesen nicht gegönnt hätte, wie einige sich erkühnen zu behaupten, sondern aus Erbarmen, damit er nicht für immer der Sünder bliebe und die Sünde an ihm nicht unsterblich wäre oder das Übel unendlich und unheilbar. So setzte er der Übertretung einen Damm, indem er den Tod dazwischen legte und der Sünde ein Ende machte durch die Auflösung des Fleisches in Erde, damit endlich einmal der Mensch aufhöre, der Sünde zu leben, und sterbend anfange, für Gott zu leben.

Deswegen setzte er Feindschaft zwischen die Schlange und das Weib und ihren Samen, die sich gegenseitig nachstellen. Der eine sollte in die Fußsohle gebissen werden und über das Haupt des Feindes dahinschreiten, der andere sollte beißen und töten und den Schritt des Menschen aufhalten, bis der verheißene Same käme, sein Haupt zu zertreten, der Sprössling Mariens, von dem der Prophet sagt: ‚Über die Natter und den Basilisken wirst du gehen, und du wirst zertreten den Löwen und den Drachen.‘ Die Sünde also, die sich wider den Menschen erhob und ausdehnte und ihn kalt machte, die sollte mit der Herrschaft des Todes ausgetrieben werden, und zertreten werden von ihm in den letzten Zeiten der gegen das Menschengeschlecht anspringende Löwe, d. h. der Antichrist, indem er jenen Drachen, die alte Schlange, anband und der Macht des Menschen, der besiegt worden war, unterwarf, um alle seine Kraft zu zertreten. Adam war aber besiegt worden, indem von ihm alles Leben hinweggenommen worden war; nachdem also der Feind besiegt war, empfing Adam das Leben wieder. Als letzter Feind aber wird der Tod vernichtet, der zuerst vom Menschen Besitz ergriffen hatte. Deshalb wird, nachdem der Mensch befreit worden ist, geschehen, was geschrieben steht: ‚Verschlungen ist der Tod im Siege; wo ist, Tod, dein Sieg? Wo ist, Tod, dein Stachel?‘ Das könnte aber nicht rechtmäßig gesagt werden, wenn nicht jener befreit worden wäre, über den der Tod zuerst herrschte. Seine Rettung nämlich ist die Vernichtung des Todes. Indem also der Herr den Menschen, d. h. den Adam, lebendig machte, wurde der Tod vernichtet.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,23,1-7)

Er schreibt über Adams Sünde und Jesu Erlösungstat:

„Denn das ist das Ende des menschlichen Geschlechtes, das Gott zum Erbe hat, daß, wie im Anfang wir durch die ersten Menschen alle in die Knechtschaft gebracht wurden durch die Schuld des Todes, so jetzt am Ende der Zeit durch den letzten Menschen alle, die von Anfang an seine Schüler waren, gereinigt und abgewaschen von der Todesschuld, in das Leben Gottes eintreten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,22,1)

„Auf diese Weise hat er also unsere Erlösung als herrlicher Sieger vollendet, hat die Verheißungen an die Vorväter erfüllt und die alte Auflehnung getilgt und ausgeschaltet. Der Sohn Gottes wurde zum Sohne Davids, zum Sohne Abrahams; diese vollendend und in sich erneuernd und zusammenfassend, um uns in den Besitz des Lebens zu setzen, ist das Wort Gottes geheimnisvoll in der Jungfrau Fleisch geworden, den Tod zu vernichten und den Menschen mit dem Leben zu begaben. Wir lagen ja in den Banden der Sünde, die wir in Sünden geboren sind und unter der Herrschaft des Todes leben.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 37)

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Mittelalterliche Buchmalerei. Oben: Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies. Unten: Adams und Evas Leben nach dem Sündenfall.

 

Theophilus von Antiochia schreibt über den Sündenfall:

„Als nun Gott den Menschen, wie gesagt, ins Paradies gesetzt, um es zu bebauen und zu bewachen, gebot er ihm von allen Früchten zu essen, offenbar auch vorn Baume des Lebens; nur vom Baume der Erkenntnis gebot er ihm, nicht zu kosten. Gott versetzte ihn aber von der Erde weg, aus der er war gemacht worden, ins Paradies und gab ihm den Antrieb zur Weiterbildung, damit er dort fortschreite und vollkommen werde, ja sogar als Gott bezeichnet und im Besitz ewigen Lebens zum Himmel hinaufsteige. Der Mensch war nämlich als Mittelding erschaffen, weder als bestimmt sterblich noch als bestimmt unsterblich, sondern fähig für beides. So stand auch sein Wohnort, das Paradies, in Bezug auf Schönheit, zwischen Himmel und Erde in der Mitte. Der Ausdruck ‚um es zu bebauen‘ aber bedeutet keine andere Tätigkeit als die, das Gebot Gottes zu beobachten, damit er nicht durch Ungehorsam sich ins Verderben stürze, wie er es wirklich durch die Sünde getan hat.

Der Baum der Erkenntnis selbst war gut, und auch seine Frucht war gut. Es brachte nämlich nicht, wie einige meinen, der Baum den Tod, sondern der Ungehorsam. Denn in der Frucht war nichts anderes, als nur die Erkenntnis. Die Erkenntnis aber ist gut, wenn man sie auf rechte Weise benützt. Adam dort aber war seinem dermaligen Alter nach noch ein Kind, deswegen konnte er die Erkenntnis noch nicht nach Gebühr fassen. Denn auch jetzt ist es so: wenn das Kind geboren wird, ist es nicht sofort imstande, Brot zu essen, sondern es wird zuerst mit Milch genährt und geht erst mit fortschreitendem Alter auch zur festen Nahrung über. So war es wohl auch bei Adam. Deswegen hatte ihm Gott nicht etwa aus Neid, wie manche meinen, vom Baume der Erkenntnis zu essen verboten. Ferner wollte er ihn auch prüfen, ob er seinem Gebote gehorchen werde. Zugleich auch wollte er, daß der Mensch in seinem Kindesalter noch für längere Zeit in argloser Einfalt verbleibe. Denn es ist dies nicht bloß vor Gott, sondern auch bei den Menschen etwas Heiliges, in Einfalt und Arglosigkeit den Eltern untertan zu sein. Wenn es aber Pflicht ist, daß die Kinder den Eltern untertan sind, um wieviel mehr muß dies Gott dem Vater des Alls gegenüber geschehen? Ferner ist es auch unschön, wenn kleine Kinder über ihr Alter hinaus altklug sind. Denn wie man an Alter stufenweise wächst, so wächst man auch in der Erkenntnis. Zudem ist, wenn das Gesetz gebietet, sich eines Dinges zu enthalten, und jemand nicht gehorcht, klar, daß nicht das Gesetz an der Züchtigung Schuld ist, sondern der grobe Ungehorsam. Denn auch ein Vater befiehlt seinem Kinde manchmal, sich gewisser Dinge zu enthalten, und wenn dies dem väterlichen Gebote nicht gehorcht, so wird es derb gezüchtigt und ausgescholten wegen seines Ungehorsams. Und es sind nicht gleich die Handlungen die Ursache der Schläge, sondern der Ungehorsam ist es, der dem Ungehorsamen die empfindliche Züchtigung einbringt. So brachte auch dem Ersterschaffenen sein Ungehorsam die Strafe, daß er aus dem Paradiese vertrieben wurde. Nicht als ob der Baum der Erkenntnis etwas Böses an sich gehabt hätte, sondern durch seinen Ungehorsam hatte der Mensch nun Mühsal, Plage, Schmerz zu erdulden und fiel zuletzt dem Tode anheim.

Und zwar ist der Tod auch noch eine große Wohltat, die Gott dem Menschen erwiesen hat, auf daß er nicht in der Sünde befindlich ewig lebte; sondern er verwies ihn sozusagen in eine Art Verbannung aus dem Paradiese, damit er die Sünde in der ihm bestimmten Zeit durch die Strafe abbüße und dann gebessert später wieder zurückgerufen würde. Deswegen steht auch in der Hl. Schrift, nachdem der Mensch auf dieser Welt erschaffen war, mit geheimnisvoller Bedeutung, daß er zweimal ins Paradies versetzt worden sei; das erstemal, als er dorthin versetzt wurde, das zweite Mal soll es sich erfüllen nach der Auferstehung und dem Gerichte. Ja noch weiter! gleichwie ein Geschirr wenn es nach der ersten Verfertigung einen Fehler hat, umgegossen und umgebildet wird, so daß es wieder neu und ganz wird, so geschieht auch dem Menschen durch den Tod. Denn er wird sozusagen zerschlagen, um bei der Auferstehung wieder ganz zu erscheinen, d. h. fleckenlos, gerecht und unsterblich. Daß aber Gott sagte und rief: Adam, wo bist du? so tat er dies nicht, weil er es nicht wußte, sondern er wollte ihm in seiner Langmut damit Veranlassung zur Reue und zum Bekenntnisse geben.

Nun wird man mir aber sagen: ‚Der Mensch ist also sterblich von Natur aus erschaffen?‘ Durchaus nicht! ‚Was denn? unsterblich?‘ Auch das sagen wir nicht. ‚Also‘, wird man sagen, ‚keines von beiden?‘ Auch das sagen wir nicht. Der Mensch ist also von Natur weder sterblich noch unsterblich erschaffen. Denn hätte ihn Gott von Anfang an unsterblich erschaffen, so hätte er ihn zum Gotte gemacht; hinwiederum, wenn er ihn sterblich erschaffen hätte, so würde es scheinen, als ob Gott an seinem Tode schuld sei. Weder unsterblich also noch auch sterblich hat er ihn erschaffen, sondern, wie gesagt, fähig für beides, daß er, wenn er durch die Beobachtung des göttlichen Gebotes der Unsterblichkeit sich zuwendete, die Unsterblichkeit als Lohn von Gott empfing und ein Gott würde, hinwiederum aber, wenn er durch Ungehorsam gegen Gott sich auf Seite des Todes stellte, selbst die Ursache seines Todes würde. Denn Gott hat den Menschen mit Freiheit und Selbstbestimmung begabt erschaffen. Was er sich nun durch seinen Leichtsinn und Ungehorsam zugezogen, das gibt ihm Gott jetzt seinerseits als Geschenk aus Liebe und Erbarmung, wenn sich der Mensch gehorsam unterwirft. Denn gleichwie der Mensch durch seinen Ungehorsam dem Tode hörig geworden ist, so kann durch Gehorsam gegen den Willen Gottes jeder, der will, sich das ewige Leben erwerben. Gott hat uns nämlich sein Gesetz und heiligen Gebote gegeben, auf daß durch deren Erfüllung ein jeder das Heil erlangen, zur Auferstehung gelangen und die Unverweslichkeit erben kann. […]

Gott aber, der Vater und Schöpfer des Alls, hat das Menschengeschlecht nicht verlassen, sondern ihm sein Gesetz gegeben und heilige Propheten geschickt, um dem Menschengeschlechte Kunde und Belehrung zu bringen, auf daß ein jeder von uns sich ernüchtere und erkenne, daß nurein Gott sei. Diese lehrten auch, daß man sich enthalten müsse vom sündhaften Götzendienste, vom Ehebruch, Totschlag, Hurerei, Diebstahl, Geiz, Meineid, von aller Ausgelassenheit und Uneinigkeit; daß der Mensch alles, was er nicht will, daß es ihm geschehe, auch einem andern nicht tue, und daß so der gerecht Handelnde den ewigen Strafen entgehe und des ewigen Lebens durch Gott gewürdigt werde.“ (Theophilus, An Autolykus II,24-27.34)

 

Tatian schreibt über die Erschaffung des Menschen und der Engel durch den Sohn Gottes, und wie sie von Gott abfielen und dem Teufel folgten:

„Denn der himmlische Logos, als Geist vom Geiste und als Wort aus der Kraft des Wortes entsprungen, hat in Nachahmung des Vaters, der ihn gezeugt, zum Abbild der Unsterblichkeit den Menschen geschaffen, auf daß dieser, wie die Unvergänglichkeit bei Gott ist, ebenso, durch einen Anteil am Wesen Gottes, gleichfalls die Unsterblichkeit besitze.

Nun wurde aber der Logos vor der Erschaffung der Menschen auch der Schöpfer der Engel: beide Gattungen von Geschöpfen sind frei geschaffen und besitzen nicht von Natur aus das Gute, das ausschließlich in Gott allein ist, von den Menschen aber aus freier Wahl vollbracht wird, damit der Böse mit Recht bestraft werde, nachdem er durch seine eigene Schuld böse geworden, der Gerechte aber um seiner guten Werke willen nach Verdienst gelobt werde, weil er nach freiem Entschluß den Willen Gottes nicht übertreten hat. So verhält es sich mit den Engeln und Menschen. Da aber die Kraft des Logos die Fähigkeit an sich hat, das vorauszusehen, was in Zukunft nicht durch das Fatum, sondern durch die freie Entschließung der Wählenden geschehen werde, so sagte er den Verlauf der kommenden Ereignisse voraus, schränkte durch Verbote die Bosheit ein und lobte diejenigen, die im Guten verharren würden. Doch als die Menschen und Engel einem, der als Erstgeborener die übrigen an Verstand übertraf, scharenweise folgten und ihn, obgleich er sich wider das Gesetz Gottes aufgelehnt hatte, als einen Gott ausriefen, da stieß die Kraft des Logos sowohl den Urheber des Frevels als auch dessen Anhänger aus der Gemeinschaft mit dem Worte. Und der nach dem Bilde Gottes geschaffene Mensch wurde, da der mächtigere Geist sich von ihm trennte, sterblich; der Erstgeborene aber wurde ob seiner Übertretung und Torheit zum Dämon, und aus denen, die seine Gaukeleien nachahmten, wurde ein Heer von Dämonen, die ihrer Unverbesserlichkeit überlassen wurden, weil sie ja freie Wesen waren.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 7)

Über die Folgen der Ursünde schreibt er:

„Nachdem die Seele ihre Flugkraft, den vollkommenen Geist, durch die Sünde verwirkt hatte, flatterte sie ängstlich wie ein junger Vogel und fiel zu Boden; und da sie also die Verbindung mit dem Himmel verloren hatte, begann sie die Gemeinschaft mit den niederen Dingen zu wünschen. Verstoßen wurden die Dämonen, ausgetrieben wurden die ersten Menschen: jene wurden vom Himmel herabgestürzt, diese von der Erde vertrieben, aber nicht von der heute bestehenden, sondern aus einer, die besser eingerichtet war als die gegenwärtige.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 20,2f.)

Die ganze Schöpfung ist gut, das Böse eine Pervertierung des Guten:

„‚Alles ist von ihm und ohne ihn ist nichts gemacht.‘ Ist aber in dem Geschaffenen etwas Schädliches, so ist es durch unsere Sünde hineingekommen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 19,11f.)

 

In einem Märtyrerbericht heißt es über die Erbsünde:

„Als aber der Soldat die Holzstücke aufschichtete und anzünden wollte, sagte der heilige Karpus, während er da hing: Wir sind von derselben Mutter Eva geboren worden und haben dasselbe Fleisch, aber hinblickend auf das untrügliche Gericht erdulden wir alles. Als er dieses gesagt hatte und das Feuer brannte, betete er sprechend: Gepriesen seist du, Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, daß du auch mich Sünder deines Besitzes gewürdigt hast.“ (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 4)

 

Die Schöpfung ist auch von den Dämonen in Unordnung gebracht und der Mensch wird von ihnen zum Schlechten beeinflusst, schreibt Athenagoras von Athen:

Weil also gegen Erwartung und Recht die einen glücklich, die andern unglücklich sind, so konnte es sich Euripides nicht erklären, wer die Verwaltung der irdischen Dinge habe, bei der man ausrufen möchte:

‚Wie sollten wir beim Anblick solcher Dinge noch
An Götter glauben oder halten ein Gesetz?‘

Dies bewog auch einen Aristoteles zu dem Ausspruche, daß es für die Dinge unter dem Himmel keine Fürsorge gebe. Aber die ewige Fürsorge Gottes bleibt uns nach wie vor:

‚Ob gern, ob ungern sprießt die Erde Weide mir.
Naturnotwendig, und ernährt zur Mast mein Vieh‘

und auch die Fürsorge für die Teile erstreckt sich tatsächlich, nicht bloß vermeintlich, auf die würdigen; auch für das übrige ist, soweit es der gemeinsame Zweck der Schöpfung fordert, durch weise Einrichtung gesorgt. Weil aber die vom feindseligen Geiste ausgehenden Erregungen und Einwirkungen besagte Unordnung hineinbringen, da sie nunmehr auch die Menschen, den einen so, den andern anders, bald einzelne, bald ganze Völker durch geteilten oder gemeinschaftlichen Ansturm, je nach dem Verhältnisse eines jeden zur Materie und nach dem Grade seiner Empfänglichkeit fürs göttliche, innerlich und äußerlich in Erregung versetzen, so haben einige und zwar Autoritäten gemeint, daß das Universum nicht auf einer Ordnung beruhe, sondern der Tummelplatz blinden Zufalls sei; sie haben dabei übersehen, daß von all den Dingen, von denen eigentlich der Fortbestand der Welt abhängt, kein einziges ungeordnet und vernachlässigt ist, sondern ein jedes eine vernünftige Einrichtung zeigt, so daß sie die ihnen gesetzte Ordnung nicht überschreiten. Auch der Mensch, wie er aus des Schöpfers Hand hervorging, ist ein wohlgeordnetes Wesen, mag man nun die Art und Weise seiner Entstehung betrachten, die einen einheitlichen, für alle gültigen Plan aufweist, oder sein organisches Wachstum, welches das hiefür maßgebende Gesetz nicht überschreitet, oder das Ende des Lebens, das gleich und gemeinschaftlich bleibt für alle. Aber nach seiner eigenen individuellen Vernunft und nach der Einwirkung jenes drängenden Herrschers und seines Dämonengefolges wird der eine so, der andere anders beeinflußt und erregt, obschon die Fähigkeit vernünftigen Denkens allen in gleicher Weise innewohnt.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 25)

 

Im Diognetbrief heißt es:

„An diesem Orte nämlich ist ein Baum der Erkenntnis und ein Baum des Lebens gepflanzt; aber nicht der Baum der Erkenntnis tötet, sondern der Ungehorsam. Denn nicht ohne tiefern Sinn ist, was geschrieben steht, dass Gott am Anfange einen Baum der Erkenntnis und einen Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses pflanzte: durch ‚Erkenntnis‘ hat er das Leben angedeutet; weil die Stammeltern von ihr keinen lautem Gebrauch machten, wurden sie durch Betrug der Schlange entblösst. Denn weder gibt es Leben ohne Erkenntnis, noch sichere Erkenntnis ohne wahres Leben; deshalb sind beide nebeneinander gepflanzt worden. Im Hinblick auf die Macht dieser Verbindung tadelt der Apostel die Erkenntnis, die ohne Wahrheit der Anwendung aufs Leben geübt wird, und sagt: Die Wissenschaft bläht auf, die Liebe aber erbaut. Denn wer etwas zu wissen glaubt ohne wahre Erkenntnis, der auch das Leben Zeugnis gibt, der hat keine wirkliche Erkenntnis und wird von der Schlange irregeführt, weil er das Leben nicht liebte. Wer aber mit Furcht erkennt und Leben sucht, der pflanzt auf Hoffnung in Erwartung der Frucht.“ (Diognetbrief 12)

 

 

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 6b: Die Rolle Roms – Primat des Papstes

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (u. a.): Mt 16,18f.; Lk 22,32; Joh 1,42; Joh 21,15-19; Apg 1-5.

 

Im Neuen Testament erwählt Jesus die Apostel und gibt Simon Petrus unter ihnen eine herausgehobene Rolle; am bedeutendsten dürfte hier die Stelle in Mt 16,18f. sein, wo Er ihm zusagt: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Der dem Simon von Jesus gegebene Beiname Petros/Petrus, auf Aramäisch Kephas, bedeutet „Fels“.) Auch an anderen Stellen wird ein besonderer Auftrag, eine besondere Verantwortung für Petrus deutlich; und nach der Himmelfahrt Christi und dem Pfingstereignis leitet er die Urgemeinde in Jerusalem, das er später dann verlassen muss. Sein Martyrium in Rom unter Nero ist gut belegt; und auf dem Bischofsstuhl von Rom hatte er Nachfolger.

(Katholische Sicht ist es, dass Petrus‘ besondere Stellung auf seine Nachfolger übergehen sollte, weil Jesu Zusagen nicht plötzlich aufhören sollten; dass der römische Bischof (für den erst ein paar Jahrhunderte später die Bezeichnung Papst üblich wurde) davor geschützt ist, eine falsche Lehre als Dogma zu verkünden (wenn er auch nicht vor anderen Fehlern geschützt ist); und dass er die oberste Regierungsgewalt über die Gesamtkirche hat.)


(Petrusstatue auf dem Petersplatz.)

Unter den frühkirchlichen Zeugnissen gibt es sowohl allgemeine Texte über die Stellung des römischen Bischofs als auch konkrete Beispiele für sein Handeln und Eingreifen in der Weltkirche. Zuerst ein besonders beeindruckendes Beispiel für ersteres. Bischof Irenäus von Lyon, der noch den Apostelschüler Polykarp von Smyrna gekannt hatte, schreibt um 180 n. Chr. folgendes in einem Werk gegen die esoterischen gnostischen Sekten:

„Weil es aber zu weitläufig wäre, in einem Werke wie dem vorliegenden die apostolische Nachfolge aller Kirchen aufzuzählen, so werden wir nur die apostolische Tradition und Glaubenspredigt der größten und ältesten und allbekannten Kirche, die von den beiden ruhmreichen Aposteln Petrus und Paulus zu Rom gegründet und gebaut ist, darlegen, wie sie durch die Nachfolge ihrer Bischöfe bis auf unsere Tage gekommen ist. So widerlegen wir alle, die wie auch immer aus Eigenliebe oder Ruhmsucht oder Blindheit oder Mißverstand Konventikel gründen. Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.

Nachdem also die seligen Apostel die Kirche gegründet and eingerichtet hatten, übertrugen sie dem Linus den Episkopat zur Verwaltung der Kirche. Diesen Linus erwähnt Paulus in seinem Briefe an Timotheus. Auf ihn folgt Anacletus. Nach ihm erhält an dritter Stelle den Episkopat Klemens, der die Apostel noch sah und mit ihnen verkehrte. Er vernahm also noch mit eignen Ohren ihre Predigt und Lehre, wie überhaupt damals noch viele lebten, die von den Aposteln unterrichtet waren. Als unter seiner Regierung ein nicht unbedeutender Zwist unter den Brüdern in Korinth ausbrach, da sandte die römische Kirche ein ganz nachdrückliches Schreiben an die Korinther, riet ihnen eindringlich zum Frieden und frischte ihren Glauben auf und verkündete die Tradition, die sie unlängst von den Aposteln empfangen hatte. Es gebe einen allmächtigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen und den Menschen gebildet und die Sintflut geschickt und den Abraham berufen habe; der das Volk aus dem Lande Ägypten hinausgeführt, zum Moses gesprochen, das Gesetz gegeben, die Propheten gesandt, dem Teufel und seinen Engeln aber das ewige Feuer bereitet habe. Daß dieser als der Vater unseres Herrn Jesu Christi von den Kirchen verkündet wird und dies als apostolische Tradition aufzufassen ist, können alle, die da wollen, aus jenem Briefe entnehmen; denn der Brief ist älter als die neuen Falschlehrer, die sich über dem Weltenschöpfer und Demiurgen noch einen andern Gott zurechtlügen.

Auf genannten Klemens folgte Evaristus, auf Evaristus Alexander, als sechster von den Aposteln wurde Sixtus aufgestellt, nach diesem kam Telesphoros, der glorreiche Märtyrer, dann Hyginus, dann Pius, dann Anicetus. Nachdem dann auf Anicetus Soter gefolgt war, hat jetzt als zwölfter von den Aposteln Eleutherius den Episkopat inne. In dieser Ordnung und Reihenfolge ist die kirchliche apostolische Überlieferung auf uns gekommen, und vollkommen schlüssig ist der Beweis, daß es derselbe Leben spendende Glaube sei, den die Kirche von den Aposteln empfangen, bis jetzt bewahrt und in Wahrheit uns überliefert hat. (Irenäus, Gegen die Häresien III,3,2-3)

 

Das älteste erhaltene Zeugnis für eine besondere Autorität der Päpste in der Gesamtkirche, das Irenäus hier auch erwähnt, ist der 1. Clemensbrief, ca. aus dem Jahr 95 n. Chr., verfasst von Clemens von Rom wegen Streitigkeiten und Unruhen in der Gemeinde von Korinth.

Man beachte hier besonders das Datum: Zu diesem Zeitpunkt war wahrscheinlich sogar noch Johannes als der letzte der Apostel am Leben (und wäre von Griechenland aus vielleicht sogar leichter zu erreichen gewesen als die römische Gemeinde); sogar im Vergleich zu einem Apostel hatte Rom schon eine herausgehobene Rolle. Clemens schickte nicht nur diesen Brief, sondern auch mehrere Abgesandte, die in Korinth wieder für Ordnung sorgen sollten (s. den Schluss des Briefes unten).

Der Brief beginnt mit:

„Die Kirche Gottes, die zu Rom in der Fremde lebt, an die Kirche Gottes, die zu Korinth in der Fremde lebt, den Berufenen, nach dem Willen Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus Geheiligten, Gnade sei euch und Friede in reicher Fülle von dem allmächtigen Gott durch Jesus Christus.

Wegen der plötzlichen und einander nachfolgenden Drangsale und Leiden bei uns, Brüder, glauben wir, etwas lässig sein zu dürfen, bis wir unsere Aufmerksamkeit den bei euch lebhaft verhandelten Dingen zuwendeten; wir meinen, Geliebte, den für die Auserwählten Gottes unpassenden und fremdartigen, den ruchlosen und unseligen Streit, den einige wenige hitzige und verwegene Leute, die da sind, bis zu einem solchen Grade von Unverstand angefacht haben, dass euer ehrwürdiger, hochgerühmter und bei allen Menschen beliebter Name in hohem Grade beschimpft wurde.“ (1. Clemensbrief Vorwort-1,1)

Die römische Kirche / der römische Bischof sieht offenbar für sich eine Pflicht, in innere Konflikte anderer Gemeinden einzugreifen und sie zu befrieden. (Vielleicht hat sich auch jemand aus Korinth selbst nach Rom gewandt, weshalb sich der Verfasser wegen der verspäteten Nachricht entschuldigt.) Vor allem mahnt Clemens die Korinther zu Friedfertigkeit, Liebe, Gehorsam und Achtung gegenüber ihren Kirchenoberen und verurteilt Eifersucht, Zorn, Prahlerei, Hochmut.

Speziell über das Amt der Bischöfe sagt er an einer Stelle:

„Jeder von uns, Brüder, soll in seinem Stande Gott danken, indem er sich ein gutes Gewissen bewahrt und die für seine Verrichtung festgesetzte Regel nicht übertritt, in würdigem Wandel. Nicht an allen Orten, Brüder, werden Gott immerwährende Opfer oder Gelübdeopfer oder Sühnopfer oder Schuldopfer dargebracht, sondern nur in Jerusalem; aber auch dort wird nicht überall geopfert, sondern vor dem Heiligen am Altare, wobei die Opfergabe genau untersucht wird durch den Oberpriester und die vorerwähnten Diener des Heiligtums. Wer nun nicht seinem Willen entsprechend etwas tut, erleidet den Tod als gebührende Strafe. Ihr sehet, Brüder, je größer die Erkenntnis ist, deren wir gewürdigt worden sind, um so größer ist auch die Gefahr, der wir ausgesetzt sind.

Die Apostel haben uns das Evangelium verkündet, (das sie) vom Herrn Jesus Christus (bekommen haben), Jesus Christus aber ist gesandt von Gott. Christus ist also von Gott und die Apostel von Christus (gesandt); beides ist demnach geschehen in aller Ordnung nach dem Willen Gottes. Sie empfingen also ihre Aufträge, wurden durch die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus mit Gewissheit erfüllt, wurden im Glauben an das Wort Gottes gefestigt, und dann zogen sie voll des Heiligen Geistes hinaus zur Predigt, dass das Reich Gottes nahe sei. Indem sie nun in Ländern und Städten predigten, setzten sie die Erstlingsfrüchte ihrer (Predigt), nach vorhergegangener Prüfung im Geiste, zu Bischöfen und Diakonen der zukünftigen Gläubigen ein. Und dies war nichts Neues; denn schon seit langer Zeit war geschrieben über Bischöfe und Diakone. So nämlich sagt einmal die Schrift: „Ich will einsetzen ihre Bischöfe in Gerechtigkeit und ihre Diakone in Treue“. […]

Auch unsere Apostel wussten durch unseren Herrn Jesus Christus, dass Streit entstehen werde um die Bischofswürde. Aus diesem Grunde setzten sie auch, da sie eine genaue Kenntnis hiervon zum voraus erhalten hatten, die oben Genannten ein und gaben ihnen dazu Auftrag, dass, wenn sie entschlafen wären, andere erprobte Männer ihren Dienst übernähmen. Die also von jenen oder hernach von anderen ausgezeichneten Männern unter Zustimmung der ganzen Gemeinde eingesetzten (Bischöfe), die das Hirtenamt Christi in Demut untadelig, ruhig, uneigennützig verwaltet haben, die lange Zeit hindurch von allen ein gutes Zeugnis erhalten haben, diese von ihrem heiligen Amte abzusetzen, ist nach unserer Ansicht ein Unrecht. Denn es wird für uns keine kleine Sünde sein, wenn wir Männer, die tadellos und heiligmäßig ihre Opfer dargebracht haben, aus ihrem Bischofsamte vertreiben. Selig sind die Presbyter, die ihren Lebensweg bereits durchlaufen und eine vollkommene, an Früchten reiche Auflösung erreicht haben; denn sie müssen nicht fürchten, dass man sie verdrängt von dem für sie festbestimmten Platze. Wir müssen es nämlich erleben, dass ihr einige, die einen guten Wandel führten, vertrieben habt aus dem heiligen Dienste, dem sie durch tadellose Verwaltung alle Ehre gemacht hatten.

Streitsüchtig seid ihr, Brüder, und eifersüchtig in den Dingen, die zum Heile nötig sind. Die heiligen Schriften, die wahren, die vom Heiligen Geist eingegebenen, habt ihr genau durchforscht. Ihr wisst, dass nichts Unrechtes und nichts Verkehrtes in denselben geschrieben steht. (Da) werdet ihr nicht finden, dass Gerechte abgesetzt worden sind von heiligen Männern. Es wurden zwar Gerechte verfolgt, aber von Bösen; sie wurden eingekerkert, aber von Gottlosen, sie wurden gesteinigt von Missetätern, sie wurden getötet von solchen, die mit verruchter und sündhafter Eifersucht erfüllt waren. Solches haben sie in rühmlicher Geduld ertragen.“ (1. Clemensbrief 41-42.44-45,1-5)

Es gab also offenbar einige, die den Bischof oder vermutlich größere Teile des Klerus absetzen und sich selbst an dessen Stelle setzen wollten.

Clemens mahnt die Korinther, sich nicht diesen Spaltern anzuschließen:

„Es ist daher recht und heilig, Männer, Brüder, mehr Gott Untertan zu sein, als denen zu folgen, die in Prahlerei und Abfall Führer zu verruchter Eifersucht sind. Denn wir werden nicht in den nächsten besten (= geringen) Schaden, vielmehr in große Gefahr uns stürzen, wenn wir uns verwegen dem Willen von Leuten ausliefern, die es auf Streit und Zwist abgesehen haben, um uns von dem, was gut ist, abzubringen.“ (1. Clemensbrief 14,1f.)

Der Streit hatte offenbar größere Ausmaße; Clemens schreibt:

„Eure Spaltung hat viele verführt, viele in Mutlosigkeit versetzt, viele in Wankelmut, euch, alle in Trauer; und euer Zwist dauert noch immer fort.“ (1. Clemensbrief 46,9)

„Eine Schande, Geliebte, eine große Schande und eine Schmach für den Wandel in Christo, wenn man hören muss, wie die festgegründete und uralte Kirche von Korinth wegen einer oder zweier Personen sich empört gegen ihre Presbyter. Und diese Kunde ist nicht nur zu uns gedrungen, sondern auch zu den Andersgesinnten, so dass dem Namen des Herrn Schmach angetan wird wegen eures Unverstandes, für euch selbst aber Gefahr entsteht.“ (1. Clemensbrief 47,6f.)

Gegen Ende mahnt er:

„Ihr nun, die ihr den Grund zum Aufruhr gelegt habt, unterwerfet euch den Presbytern, lasset euch die Züchtigung dienen zur Umkehr, beuget die Knie eures Herzens. Lernet Unterwürfigkeit, leget ab die großsprecherische und hochfahrende Kühnheit eurer Zunge; es ist nämlich besser für euch, wenn ihr in der Herde Christi klein, aber ehrenhaft befunden werdet, als wenn ihr in scheinbarer Größe ausgeschlossen seid von ihrer Hoffnung.“ (1. Clemensbrief 57,1f.)

Zuletzt beschließt er den Brief folgendermaßen:

Ihr werdet uns Freude und Vergnügen bereiten, wenn ihr, gehorsam gegen das, was wir durch den Heiligen Geist (geleitet) geschrieben haben, den sündhaften Zorn eurer Erbitterung ableget, entsprechend der Mahnung, die wir euch über Frieden und Eintracht in diesem Briefe gegeben haben. Wir haben euch zuverlässige und verständige Männer geschickt, die von Jugend auf bis in ihr Alter einen tadellosen Wandel unter uns geführt haben, diese sollen auch Zeugen zwischen euch und uns sein. Dies haben wir getan, damit ihr einsehet, dass wir jede Sorgfalt angewendet haben und anwenden, damit ihr in Bälde den Weg zum Frieden findet. […]

Unsere Abgesandten Klaudius Ephebus, Valerius Biton und Fortunatus schicket uns bald und in Frieden mit Freuden zurück, damit sie recht schnell Kunde bringen, dass der von uns sehnlichst erwünschte Friede und die Eintracht hergestellt sei, auf dass auch wir uns schneller freuen können über eure wohlgeordneten Verhältnisse.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch und überall mit allen, die berufen sind von Gott und durch ihn, durch den ihm Ruhm, Ehre, Stärke und Verherrlichung, ewige Herrschaft sei von Ewigkeit in alle Ewigkeit. Amen. (1. Clemensbrief 63,2-4.65)

Man beachte: Der Verfasser schickt nicht nur Abgesandte, die die Sache regeln und dann wieder Bericht erstatten sollen, sondern nimmt auch bei seinem Brief eine Leitung durch den heiligen Geist für sich in Anspruch.

 

Zu dem Bild von einer besonderen Stellung Roms passt auch die ausführliche Anrede, die Bischof Ignatius von Antiochia (um 107 n. Chr. auf dem Weg zu seinem Prozess und Märtyrertod in Rom) in dem Brief verwendet, den er an die römische Gemeinde vorausschickt:

„Ignatius, der auch Theophorus (heißt), an die Kirche, die Gottes Barmherzigkeit erfahren in der Herrlichkeit des höchsten Vaters und Jesu Christi, seines einzigen Sohnes, die geliebt und erleuchtet ist im Willen dessen, der alles Seiende gewollt hat, gemäß der Liebe Jesu Christi, unseres Gottes, die auch den Vorsitz führt am Orte des römischen Bezirkes, die Gottes würdig, ehrwürdig, preiswürdig, lobwürdig, des Erfolges würdig, keusch und Vorsteherin ist des Liebesbundes, die das Gesetz Christi hat, des Vaters Namen führt, die ich auch grüße im Namen Jesu Christi, des Sohnes des Vaters; denen, die dem Fleische und dem Geiste nach eins sind in jeglichem Gebot desselben, die unzertrennlich erfüllt sind mit der Gnade Gottes und völlig gereinigt sind von jeglicher fremden Farbe, sage ich herzlichen, vollkommenen Gruß in Jesus Christus, unserem Gott.“ (Brief an die Römer, Anrede)

Hier werden Einzelheiten nicht deutlich, aber es ist von irgendeiner Art von besonderer Vorrangstellung Roms in der Kirche die Rede.

 

Ein weiteres konkretes Beispiel für das Eingreifen eines Papstes in der Weltkirche wäre der Osterfeststreit Ende des 2. Jahrhunderts. Es war eigentlich „nur“ ein liturgischer, kein dogmatischer Streit (in der Liturgie können unterschiedliche Traditionen an sich legitim sein), aber er erhitzte die Gemüter offenbar ziemlich. Man konnte sich nicht auf das genaue Datum des Osterfests einigen; die Gemeinden in Kleinasien feierten Ostern immer am 14. Nisan nach dem jüdischen Kalender, auch wenn der 14. auf einen Wochentag fiel, der Rest der Kirche hielt es anders und feierte es immer am Sonntag.

Um 300 n. Chr. schreibt der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea darüber und zitiert Beteiligte. Zuerst gab es wegen dieses Streits Lokalsynoden, dann griff Papst Viktor I. direkt ein, weil die kleinasiatischen Bischöfe, an ihrer Spitze ein gewisser Polykrates, sich uneinsichtig zeigten und sich weiterhin auf ihre Tradition beriefen.

„Damals war ein nicht unbedeutender Streit entstanden. Während nämlich die Gemeinden von ganz Asien [=Kleinasien] auf Grund sehr alter Überlieferung glaubten, man müsse den 14. Tag des Mondes, an welchem den Juden die Opferung des Lammes befohlen war, als Fest des Erlösungspascha feiern und auf jeden Fall an diesem Tage, gleichviel welcher Wochentag es gerade sein mochte, die Fasten beenden, war es bei den Kirchen auf dem ganzen übrigen Erdkreise nicht üblich, es auf diese Weise zu halten; man beobachtete vielmehr gemäß apostolischer Überlieferung den noch heute giltigen Brauch, daß an keinem anderen Tage als dem der Auferstehung unseres Erlösers die Fasten beendet werden dürfen.

Es fanden daher Konferenzen und gemeinsame Beratungen von Bischöfen statt, und alle gaben einstimmig durch Rundschreiben die kirchliche Verordnung hinaus, daß das Geheimnis der Auferstehung des Herrn an keinem anderen Tage als am Sonntage gefeiert werden dürfe und daß wir erst an diesem Tage das österliche Fasten beenden dürfen. Noch jetzt sind vorhanden ein Schreiben der damals in Palästina zusammengetretenen Bischöfe, von welchen Bischof Theophilus von Cäsarea und Bischof Narcissus von Jerusalem den Vorsitz führten, ein Schreiben der in Rom versammelten Bischöfe, welches die gleiche Streitfrage behandelt und den Namen des Bischofs Viktor trägt, ein Schreiben der Bischöfe des Pontus, deren Vorsitzender Palmas als der Älteste war, ein Schreiben der Gemeinden in Gallien, deren Bischof Irenäus war, ferner ein Schreiben der Bischöfe in Osroëne und in den dortigen Städten, ein Privatschreiben des Bischofs Bacchyllus von Korinth und noch Schreiben von sehr vielen anderen Bischöfen. Sie bekunden eine und dieselbe Meinung und Ansicht und geben das gleiche Urteil ab. Ihr einstimmiger Beschluß ist erwähnt.

An der Spitze der Bischöfe Asiens, welche behaupteten, man müsse an dem ihnen von alters her überlieferten Brauche festhalten, stand Polykrates. In dem Briefe, welchen er an Viktor und die römische Kirche schrieb, äußerte er sich über die Überlieferung, die auf ihn gekommen, also:

‚Unverfälscht begehen wir den Tag; wir tun nichts dazu und nichts hinweg. Denn auch in Asien haben große Sterne ihre Ruhestätte gefunden, welche am Tage der Wiederkunft des Herrn auferstehen werden. An diesem Tage wird der Herr mit Herrlichkeit vom Himmel kommen und alle Heiligen aufsuchen, nämlich: Philippus, einen der zwölf Apostel, der in Hierapolis entschlafen ist, mit seinen beiden bejahrten, im jungfräulichen Stande verbliebenen Töchtern, während eine andere Tochter, die im Heiligen Geiste wandelte, in Ephesus ruht, und Johannes, der an der Brust des Herrn lag, den Stirnschild trug, Priester, Glaubenszeuge und Lehrer war und in Ephesus zur Ruhe eingegangen ist, ferner den Bischof und Märtyrer Polykarp von Smyrna und den Bischof und Märtyrer Thraseas aus Eumenea, der in Smyrna entschlafen. Soll ich noch den Bischof und Märtyrer Sagaris, der in Laodicea entschlafen, und den seligen Papirius und Melito, den Eunuchen, anführen, welcher stets im Heiligen Geiste wandelte und nun in Sardes ruht, wartend auf die Heimsuchung vom Himmel, da er von den Toten erstehen soll? Diese alle haben gemäß dem Evangelium das Pascha am 14. Tage gefeiert; sie sind keine eigenen Wege gegangen, sondern der vom Glauben gewiesenen Richtung gefolgt. Auch ich, Polykrates, der geringste unter euch allen, halte mich an die Überlieferung meiner Verwandten, von denen einige auch meine Vorgänger waren. Sieben meiner Verwandten waren nämlich Bischöfe, und ich bin der achte. Und stets haben meine Verwandten den Tag gefeiert, an welchem das Volk den Sauerteig entfernte. Ich nun, Brüder, der 65 Jahre im Herrn zählt und mit den Brüdern der ganzen Welt verkehrt hat und die ganze Heilige Schrift gelesen hat, ich lasse mich durch Drohungen nicht in Schrecken setzen. Denn Größere als ich haben gesagt: ‚Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Dem fügt er über die Bischöfe, die bei ihm waren, als er das Schreiben abfaßte, und die seine Meinung teilten, folgendes bei: ‚Ich könnte die Bischöfe erwähnen, die bei mir waren und die ich eurem Wunsche gemäß einberufen mußte und auch einberufen habe. Wollte ich ihre Namen niederschreiben: ihre Zahl wäre groß. Obwohl diese wissen, daß ich ein unbedeutender Mensch bin, so stimmen sie doch meinem Briefe zu. Und sie wissen, daß ich nicht vergebens meine grauen Haare getragen, daß ich vielmehr stets in Christus Jesus gewandelt bin.‘

Daraufhin versuchte Viktor, der Bischof der römischen Kirche, die Gemeinden von ganz Asien sowie die angrenzenden Kirchen insgesamt als ketzerisch von der Gemeinschaft und Einheit auszuschließen, und rügte sie öffentlich in einem Schreiben, worin er alle dortigen Brüder als außerhalb der Kirchengemeinschaft stehend erklärte. Doch nicht allen Bischöfen gefiel dies Vorgehen Viktors. Sie stellten an ihn geradezu die Gegenforderung, für Friede, Einigung und Liebe einzutreten. Noch sind ihre Briefe erhalten, in denen sie Viktor ziemlich scharf angreifen.

Unter anderen richtete auch Irenäus im Namen der ihm untergebenen gallischen Brüder ein Schreiben an ihn. Darin tritt er zwar dafür ein, daß man nur am Sonntage das Geheimnis der Auferstehung des Herrn feiern dürfe, aber er mahnt auch Viktor würdig und eindringlich, er solle nicht ganze Kirchen Gottes, die an alten, überlieferten Bräuchen festhalten, ausschließen, und fährt wörtlich also fort: ‚Es handelt sich nämlich in dem Streite nicht bloß um den Tag, sondern auch um die Art des Fastens. Die einen glauben nämlich, nur einen einzigen Tag, andere zwei, andere noch mehr fasten zu sollen; wieder andere dehnen die Zeit ihres Fastens auf vierzig Stunden, Tag und Nacht, aus. Diese verschiedene Praxis im Fasten ist nicht erst jetzt in unserer Zeit aufgekommen, sondern schon viel früher, zur Zeit unserer Vorfahren, welche wohl nicht umsichtig genug waren und darum eine aus Naivität und Ungeschicklichkeit entstandene Gewohnheit auf die Folgezeit vererbten. Aber trotz dieser Verschiedenheit lebten all diese Christen in Frieden, und leben auch wir in Frieden. Die Verschiedenheit im Fasten erweist die Einheit im Glauben.‘

An diese Worte schließt Irenäus noch Bemerkungen, die ich als hierher gehörig anführen möchte. Sie lauten: ‚Auch die vor Soter lebenden Presbyter, welche der Kirche vorstanden, an deren Spitze du nunmehr stehst, nämlich Anicet, Pius, Hyginus, Telesphorus, Xystus, haben weder selbst diese Praxis beobachtet, noch sie ihren Gemeinden gestattet. Doch, trotzdem sie dieselbe nicht beobachteten, hatten sie nichtsdestoweniger Friede mit denjenigen, welche aus Gemeinden kamen, in denen die Praxis eingehalten wurde. Und doch hätte die Ausübung des Brauches denen, die ihn nicht hatten, den Gegensatz erst recht zu Bewußtsein bringen sollen. Niemals wurden aus solchem Grunde Leute ausgeschlossen, vielmehr schickten die, welche vor dir Presbyter waren, obwohl sie die Praxis nicht hatten, an die, welche sie hatten und aus solchen Gemeinden kamen, die Eucharistie. Als der selige Polykarp unter Anicet in Rom weilte und zwischen ihnen wegen einiger anderer Fragen kleine Differenzen entstanden waren, schlössen sie sogleich Frieden. Denn in dieser wichtigsten Frage kannten sie unter sich keinen Streit. Weder vermochte Anicet den Polykarp zu überreden, jenen Brauch nicht mehr festzuhalten, den dieser mit Johannes, dem Jünger unseres Herrn, und mit den übrigen Aposteln, mit denen er verkehrte, ständig beobachtet hatte; noch überredete Polykarp den Anicet, ihn zu beobachten, da dieser erklärte, er müsse an der Gewohnheit der ihm vorangegangenen Presbyter festhalten. Trotz dieser Differenzen blieben beide in Gemeinschaft. Und Anicet gestattete aus Ehrfurcht dem Polykarp in seiner Kirche die Feier der Eucharistie. Und im Frieden schieden sie voneinander. Und es hatten Frieden mit der ganzen Kirche sowohl die, welche es so hielten, als jene, welche es nicht so hielten.‘ In solcher Weise mahnte Irenäus, der seinen Namen verdiente und tatsächlich ein Friedensmann war, zum Frieden der Kirchen und trat für ihn ein. Nicht nur mit Viktor, sondern auch mit sehr vielen anderen Kirchenfürsten verhandelte Irenäus brieflich in ähnlicher Weise über die entstandene Streitfrage.

Die vor kurzem erwähnten Bischöfe von Palästina, nämlich Narcissus und Theophilus, sowie Kassius, Bischof von Tyrus, Klarus, Bischof von Ptolemais, und die mit ihnen versammelten Bischöfe, behandelten ausführlich die durch apostolische Überlieferung auf sie gekommene Erblehre bezüglich des Osterfestes und schlössen ihr Schreiben mit den Worten: ‚Sorget dafür, daß von unserem Briefe an jede Gemeinde Abschriften geschickt werden, damit wir keine Schuld denen gegenüber haben, welche leichtsinnig in die Irre gehen. Wir tun euch kund, daß man in Alexandrien das Fest am gleichen Tage begeht wie bei uns. Wir stehen nämlich miteinander im brieflichen Verkehr, so daß wir den heiligen Tag übereinstimmend und zugleich feiern.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,23-25)

Hier werden mehrere Dinge deutlich: Der Bischof von Rom hatte offenbar das Recht, andere Bischöfe zu exkommunizieren, und es gab keinen Einwand gegen dieses grundsätzliche Recht, obwohl viele andere Bischöfe fanden, dass er in diesem Fall überreagiert hätte und ein solcher Unterschied bei den Osterbräuchen es nicht rechtfertigen würde, jemanden aus der Kirche auszuschließen. Auch Irenäus, der oben mit der Aussage zitiert worden ist, bei der Lehre müsse jeder mit der römischen Kirche übereinstimmen, sah offenbar kein Problem dabei, eine aus seiner Sicht falsche praktische Entscheidung von Papst Viktor zu kritisieren – wobei er sich auch darauf beruft, dass frühere Päpste wegen dieser Unterschiede nie die Kirchengemeinschaft mit den kleinasiatischen Bischöfen aufgekündigt hatten; diese Unterschiede würden die Einheit nicht beeinträchtigen.

Eusebius berichtet nicht genau, wie der Streit beigelegt wurde, wer zuerst nachgab; aber später feierten auch die kleinasiatischen Gemeinden Ostern wie die anderen und es entstand jedenfalls keine längere Kirchenspaltung.

 

In Eusebius‘ „Kirchengeschichte“ finden sich auch immer wieder kurze Notizen über Amtsantritt und Regierungszeiten der römischen Bischöfe bis zu seiner Zeit (er identifiziert dabei die frühesten Nachfolger Petri als in den Paulusbriefen erwähnte Mitarbeiter Pauli). Bei ihm findet sich folgende Reihenfolge der Päpste (er datiert die Amtszeiten anhand der Amtszeiten der römischen Kaiser):

„Nach dem Martertod des Paulus und Petrus erhielt zuerst Linus den bischöflichen Stuhl der römischen Kirche. Paulus gedenkt seiner bei Anführung der Namen am Ende des von Rom aus an Timotheus gerichteten Briefes.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,2)

„Von den übrigen Schülern des Paulus reiste Krescens, wie der Apostel erklärt, nach Gallien, Linus aber, von dem er im zweiten Briefe an Timotheus erzählt, daß er sich bei ihm in Rom befinde, erhielt zunächst nach Petrus den bischöflichen Stuhl der Kirche in Rom, wie ich schon oben gesagt habe. Klemens, der dritte Bischof der Kirche in Rom, wird von Paulus selbst als sein Mitarbeiter und Mitkämpfer erklärt.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,4)

„Im zweiten Jahre der Regierung des Titus hinterließ Linus, Bischof der Kirche von Rom, die bischöfliche Würde dem Anenkletus, nachdem er selbst dieselbe zwölf Jahre innegehabt hatte. Dem Titus aber folgte, nachdem er zwei Jahre und ebensoviel Monate Kaiser gewesen war, sein Bruder Domitian. […]

Im zwölften Jahre der Regierung des gleichen Kaisers folgte auf Anenkletus, welcher zwölf Jahre Bischof der römischen Kirche gewesen war, Klemens, den der Apostel in seinem Briefe an die Philipper als seinen Mitarbeiter bezeichnete, da er sagt: ‚mit Klemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buche des Lebens stehen‘.

Ein echter, umfangreicher und bedeutsamer Brief des Klemens ist uns überliefert. Klemens hatte ihn im Namen der römischen Gemeinde an die Gemeinde zu Korinth geschrieben, weil damals dort Streitigkeiten ausgebrochen waren. Wie wir in Erfahrung gebracht haben, ist dieser Brief in den meisten Kirchen wie früher so auch jetzt noch in öffentlichem Gebrauch. Dafür, daß es zur erwähnten Zeit unter den Korinthern tatsächlich einen Aufstand gegeben hat, ist Hegesippus glaubwürdiger Zeuge.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,13.15-16)

„Im dritten Jahre der Regierung des oben erwähnten Kaisers starb von den römischen Bischöfen Klemens und überließ das Hirtenamt dem Evaristus. Klemens hatte im ganzen neun Jahre der Lehre des göttlichen Wortes vorgestanden.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,34)

„In Rom besteigt zu gleicher Zeit, nachdem Evaristus acht Jahre die Würde inne gehabt hatte, Alexander als fünfter Nachfolger von Petrus und Paulus den Bischofstuhl.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,1)

„Im dritten Jahre der gleichen Regierung stirbt Alexander, Bischof von Rom, nach zehnjähriger Amtstätigkeit. Sein Nachfolger war Xystus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,4)

„Im zwölften Jahre der kaiserlichen Regierung folgt auf dem bischöflichen Stuhle in Rom Telesphorus als siebter Nachfolger der Apostel dem Xystus, nachdem dieser zehn Jahre im Amte tätig gewesen war.“ (Eusebius, Kirchengeschichtet IV,5)

„Nachdem Hadrian 21 Jahre regiert hatte, zahlte er dem Tode seinen Tribut, und an seine Stelle trat in der römischen Regierung Antoninus mit dem Beinamen ‚der Fromme‘. In dem ersten Jahre seiner Regierung schied Telesphorus, nachdem er zehn Jahre die Kirche verwaltet hatte, aus dem Leben, und Hyginus erhielt die bischöfliche Würde in Rom. Irenäus erzählt, daß Telesphorus sein Lebensende durch den Martertod verherrlicht habe. […]

Nach vier Jahren bischöflichen Wirkens starb Hyginus, worauf Pius mit der kirchlichen Regierung in Rom betraut wurde. […] Nachdem in Rom Pius im 15. Jahre seines bischöflichen Wirkens verschieden war, trat Anicet dort an die Spitze.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,10-11)

„Im achten Jahre der erwähnten Regierung folgte auf Anicet, welcher volle elf Jahre die römische Kirche geleitet hatte, Soter.“ (Eusebius, Kirchengeschiche IV,19)

„Der römische Bischof Soter starb nach achtjähriger Regierung. Ihm folgte als zwölfter Bischof nach den Aposteln Eleutherus, und zwar im 17. Jahre der Regierung des Kaisers Antoninus Verus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,Vorwort)

„Im zehnten Jahre der Regierung des Kommodus folgte Viktor auf Eleutherus, welcher das bischöfliche Amt dreizehn Jahre innegehabt hatte.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,22)

„Soviel über Viktor. Nachdem dieser zehn Jahre regiert hatte, wurde Zephyrin etwa im zehnten Jahre der Regierung des Severus sein Nachfolger.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,28)

„Auf Antoninus, der sieben Jahre und sechs Monate regierte, folgte Makrinus. Nachdem dieser ein Jahr die Herrschaft innegehabt, erhielt ein zweiter Antoninus die Regierung über das römische Reich. Im ersten Jahre seiner Herrschaft starb der römische Bischof Zephyrin, nachdem er volle 18 Jahre sein Amt bekleidet hatte. Nach diesem wurde Kallistus zum Bischof erwählt.  Er lebte noch fünf Jahre und hinterließ die bischöfliche Würde dem Urbanus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,21)

„Damals folgte auf Urbanus, der acht Jahre Bischof der römischen Kirche gewesen war, Pontianus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,23)

„Als Gordianus nach Maximinus die römische Herrschaft übernommen hatte, folgte in der Kirche zu Rom auf Pontianus, der sechs Jahre Bischof gewesen war, Anteros und auf diesen nach dessen einmonatigem Wirken Fabianus. Dieser soll nach dem Tode des Anteros mit noch anderen Männern vom Lande her nach Rom gekommen sein und hier auf ganz wunderbare Weise durch die göttliche und himmlische Gnade die Würde erlangt haben. Als sämtliche Brüder zusammengekommen waren, um den zukünftigen Bischof zu wählen, waren von den Meisten schon sehr viele angesehene und berühmte Männer in Aussicht genommen; an Fabianus aber, der ebenfalls anwesend war, dachte niemand. Plötzlich soll da vom Himmel eine Taube herabgeflogen sein und sich auf das Haupt des Fabianus niedergelassen haben, gemahnend an den Heiligen Geist, der sich in Gestalt einer Taube auf den Erlöser herabgelassen hatte. Daraufhin habe das ganze Volk wie von dem einen göttlichen Geiste getrieben in aller Begeisterung und einstimmig ‚Würdig‘ gerufen und ihn ohne Zögern ergriffen und auf den bischöflichen Thron erhoben.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,29)

„Auf Philipp, der sieben Jahre regiert hatte, folgte Decius. Aus Haß gegen Philipp begann dieser eine Verfolgung gegen die Kirchen. Nachdem während derselben Fabian in Rom gemartert worden war, folgte ihm Kornelius in der bischöflichen Würde.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,39)

„Nachdem Kornelius die bischöfliche Würde in Rom ungefähr drei Jahre innegehabt, wurde Lucius sein Nachfolger, welcher nach einer Regierung von nicht ganz acht Monaten sterbend das Amt Stephanus übertrug.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,2)

„Auf Stephanus folgte, nachdem dieser zwei Jahre die Bischofswürde bekleidet hatte, Xystus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,5)

„Nachdem Xystus die römische Kirche elf Jahre regiert hatte, folgte ihm Dionysius, ein Namensvetter des Bischofs von Alexandrien.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,27)

„Kurz zuvor war auf den römischen Bischof Dionysius, der neun Jahre die Regierung innegehabt, Felix gefolgt.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,30)

„Um diese Zeit folgte auf Felix, der fünf Jahre die römische Kirche geleitet, Eutychianus. Dieser regierte nicht ganz zehn Monate und hinterließ das Amt unserem Zeitgenossen Gaius. Und nachdem dieser ungefähr fünfzehn Jahre vorgestanden, trat Marcellinus an seine Stelle, der gleiche, den die Verfolgung ereilte.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,32)

 

Wir haben also bei Eusebius wie bei Irenäus die Reihenfolge: Petrus – Linus – Anacletus – Clemens – Evaristus – Alexander – Sixtus/Xystus – Telesphorus – Hyginus – Pius – Anicetus – Soter – Eleutherus. Nach Eleutherus, den Irenäus in seiner Liste als gegenwärtigen Papst erwähnt, geht es bei Eusebius weiter mit: Viktor – Zephyrinus – Kallistus – Urbanus – Pontianus – Anterus – Fabianus – Cornelius – Lucius – Stephanus – Xystus – Dionysius – Felix – Eutychianus – Gaius – Marcellinus.

 


(Kuppel des Petersdoms, an deren Rand der Vers Mt 16,18 („Du bist Petrus“ usw.) steht. Bildquelle hier.)

 

Außerdem zitiert Eusebius an anderer Stelle Dionysius von Korinth (Bischof in Korinth um 170 n. Chr); Dionysius erwähnt u. a., dass die Römer andere Gemeinden und Verurteilte in den Bergwerken mit Almosen unterstützten, und dass ein Brief von Papst Soter in der Kirche von Korinth verlesen wurde, ebenso, wie noch immer der Clemensbrief dort verlesen wurde:

„Auch wird ein Brief des Dionysius an die Römer überliefert. Er ist an den damaligen Bischof Soter gerichtet. In demselben sind vor allem erwähnenswert die Worte, in denen Dionysius eine bis auf die Verfolgung unserer Tage von den Römern festgehaltene Sitte lobt. Er schreibt nämlich: ‚Von Anfang hattet ihr den Brauch, allen Brüdern auf mannigfache Weise zu helfen und vielen Gemeinden in allen Städten Unterstützungen zu schicken. Durch die Gaben, die ihr von jeher geschickt habt, da ihr als Römer einen überlieferten römischen Brauch festhaltet, erleichtert ihr die Armut der Dürftigen und unterstützt ihr die in den Bergwerken lebenden Brüder. Euer heiliger Bischof Soter hat diesen Brauch nicht nur festgehalten, er hat ihn auch noch erweitert, soferne er sowohl reichliche Gaben an die Heiligen spendet als auch die (nach Rom) kommenden Brüder wie ein liebender Vater seine Kinder mit frommen Worten tröstet.‘ In dem gleichen Briefe erwähnt Dionysius auch den Brief des Klemens an die Korinther und bemerkt, daß er schon von jeher nach altem Brauche verlesen wurde. Er sagt: ‚Wir feiern heute den heiligen Tag des Herrn und haben an demselben euren Brief verlesen, welchen wir gleich dem früheren durch Klemens uns zugesandten Schreiben stets zur Belehrung verlesen werden.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,23)

Eusebius erwähnt dann noch einen Brief gallischer Christen im 2. Jh. (zur Zeit Kaiser Mark Aurels), der nach Kleinasien und Rom geschickt wurde; dabei wird Papst Eleutherus als „Vater Eleutherus“ bezeichnet:

„Auch übermittelten sie von den Märtyrern, welche bei ihnen gestorben waren, verschiedene Briefe, welche diese, da sie noch in Ketten waren, an die Brüder in Asien und Phrygien und auch an Eleutherus, den damaligen römischen Bischof, im Interesse des kirchlichen Friedens geschrieben hatten.

Dieselben Märtyrer empfahlen dem erwähnten römischen Bischof auch Irenäus, der damals bereits Priester der Kirche von Lugdunum war. Sie stellten dem Manne ein sehr rühmliches Zeugnis aus, wie die folgenden Worte bekunden: ‚Wir beten für dich, Vater Eleutherus, um Freude in Gott jetzt und immer. Unseren Bruder und Genossen Irenäus haben wir beauftragt, dieses Schreiben zu überbringen, und bitten dich, daß du dich seiner annehmest wegen seines Eifers für den Bund Christi. Denn wenn wir wüßten, daß der Stand einem Manne Gerechtigkeit gebe, dann würden wir ihn vor allem als Priester, was er tatsächlich ist, empfehlen.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,3-4)

 

Es besuchten offenbar relativ viele wichtige Christen Rom; Eusebius erwähnt zum Beispiel einen gewissen Hegesippus:

„Hegesippus hat uns in den fünf Büchern ‚Erinnerungen‘, die auf uns gekommen sind, ein ganz vollständiges Bild seines eigenen Geistes hinterlassen. Darin erzählt er, daß er auf einer Reise nach Rom mit sehr vielen Bischöfen zusammengekommen sei und daß er von allen die gleiche Lehre erhalten habe. Hören wir, was er nach einigen Bemerkungen über den Brief des Klemens an die Korinther sagt! Er erklärt: ‚Die Kirche in Korinth blieb im rechten Glauben bis auf Primus, Bischof von Korinth. Auf meiner Fahrt nach Rom kam ich mit den Korinthern zusammen, mit welchen ich einige Tage verkehrte, während welcher wir uns gemeinsam des wahren Glaubens freuten. In Rom verweilte ich bei Anicet, dessen Diakon Eleutherus war. Auf Anicet folgte Soter und auf diesen Eleutherus. In jeder Stadt, wo ein Bischof auf den anderen folgte, entsprach das kirchliche Leben der Lehre des Gesetzes, der Propheten und des Herrn.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,22)

Ein anderes Beispiel wäre Bischof Aberkios von Hierapolis in Phrygien. Er schreibt in seiner Grabinschrift (die er schon vor seinem Tod in Auftrag geben ließ und die nur verschlüsselt über den christlichen Glauben spricht; sie datiert von irgendwann vor 216 n. Chr.) über seinen Besuch in Rom; die römische Kirche wird hier als Königin bezeichnet:

„Einer auserwählten Stadt Bürger habe ich dies errichtet,
da ich noch lebe, auf dass ich hätte seiner Zeit für
meinen Leib hier eine Stätte.
Aberkios bin ich mit Namen, der welcher Jünger ist
eines reinen Hirten,
der da weidet der Schafe Herden auf Bergen und Fluren,
der Augen hat gewaltig, die überall herniederschauen;
denn er hat mich gelehrt . . . untrügliche Zeichen.
Der nach Rom mich sandte, einen König zu schauen
und eine Königin zu sehen mit goldnem Gewand und
goldnen Sandalen;
einen Stein aber sah ich dort mit einem leuchtenden Gepräge.
Und Syriens Flur sah ich und seine Städte alle ; ich überschritt
den Euphrat und sah Nisibis. Überall aber gewann ich Kultgenossen;
Paulos war mein (Begleiter?). Nestis leitete mich überall
und schaffte mir Nahrung überall, einen Fisch vom Quellwasser
gar gross und rein, den gefangen hatte eine reine Jungfrau,
und den gewährte sie den Genossen immer zu essen
und spendete Wein in guter Mischung mit Brot.
Dies habe ich Aberkios unter meiner eignen Aufsicht so
zu schreiben geheissen.
Das zweiundsiebzigste Jahr hab‘ ich wirklich vollbracht.
Wer dies versteht, bitte für Aberkios, ein jeder Genosse.
Aber keiner soll in mein Grab noch einen andern oben
darauf beisetzen.
Wenn er es thut, soll er dem römischen Fiscus spenden
zweitausend Goldstücke
und der guten Vaterstadt Hierapolis tausend Goldstücke.“ (Aberkiosinschrift)

Das war gesammelt so ziemlich alles, was ich bis ca. 200 n. Chr. über das Amt des Bischofs von Rom gelesen habe.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 6a: Die Rolle Roms – Stadt des Martyriums von Petrus und Paulus

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich: Apg 28,16-31; 1 Petr 5,13; Joh 21,18f.

 

Heute geht es um Rom insofern, als die Stadt der Ort des Martyriums von Petrus und Paulus war. In der Bibel kommt beides nicht mehr vor; die Apostelgeschichte endet kurz nach der Ankunft des Apostels Paulus in Rom. Darüber, wo genau Petrus missionierte, nachdem er Jerusalem verließ, erfährt man in der Apostelgeschichte nicht viel, aber am Ende des 1. Petrusbriefs schreibt Petrus „Es grüßt euch die mitauserwählte Gemeinde in Babylon“ (1 Petr 5,13), was ein Deckname für Rom gewesen sein müsste. Aber natürlich schreibt Petrus auch nichts über sein eigenes Martyrium; nur am Ende des Johannesevangeliums wird es in einer Vorhersage Jesu angedeutet, allerdings nur das Martyrium selbst (das zur Zeit der Abfassung des letzten Evangeliums schon geschehen sein dürfte), ohne Ortsangabe (s. Joh 21,18f.). Daher jetzt zu den etwas späteren Quellen.

Der Kirchenhistoriker Eusebius berichtet um 300 n. Chr. über das Martyrium Petri; er zitiert dabei den Bericht eines Christen namens Gaius, der unter Zephyrinus, der von 198 bis 217 n. Chr. Papst war, in Rom lebte, sowie Dionysius, der um 170 n. Chr. Bischof von Korinth war:

„Da er [Nero] sich nun unter den schlimmsten Gottesfeinden besonders hervortun wollte, ließ er sich dazu verleiten, die Apostel hinzurichten. Wie berichtet wird, wurde Paulus eben in Rom unter Nero enthauptet und Petrus gekreuzigt. Dieser Bericht wird bestätigt durch die noch bis heute erhaltenen Namen Petrus und Paulus in den römischen Zömeterien [Friedhöfen, Katakomben] sowie durch einen kirchlich glaubwürdigen Mann, namens Gaius, der unter dem römischen Bischof Zephyrinus lebte und in einem schriftlich überlieferten Dialog mit Proklus, dem Haupte der phrygischen Sekte, über die Stätte, wo die heiligen Leiber der genannten Apostel ruhen, sagt: ‚Ich kann die Siegeszeichen der Apostel zeigen. Du magst auf den Vatikan gehen oder auf die Straße nach Ostia, du findest die Siegeszeichen der Apostel, welche diese Kirche gegründet haben.‘ Daß beide Apostel zu gleicher Zeit den Martertod erlitten haben, behauptet Dionysius, Bischof  von Korinth, in einem Schreiben an die Römer. Er sagt: ‚Durch eure große Sorgfalt habt ihr die von Petrus und Paulus in Rom und Korinth angelegte Pflanzung miteinander verbunden. Denn beide haben in unserer Stadt Korinth die Pflanzung begonnen und uns in gleicher Weise in Italien gelehrt und zu gleicher Zeit den Martertod erlitten.‘ Durch dieses Zeugnis möge meine Erzählung noch mehr beglaubigt werden.“ (Eusebius, Kirchengeschichte II,25)

Um 200 n. Chr. standen also schon länger Gräber, kleine Gedenkstätten, für die Apostel in Rom. („Siegeszeichen“ sagte man, da man das Martyrium als Sieg über den Teufel, als endgültiges Durchhalten, als Eintritt in den Himmel, sah.) Der Vatikan war ein Hügel, der zu dieser Zeit noch außerhalb der eigentlichen Stadt lag. Gaius‘ Bericht passt genau zu den archäologischen Funden; unter dem Petrusgrab im Petersdom wurde bei Ausgrabungen eine antike Ädikula, eine Art kleiner Schrein, aus dem 2. Jahrhundert, gefunden, und daneben eine mit christlichen Graffiti bedeckte Wand, in der in einer mit Marmor ausgekleideten Öffnung Gebeine eines alten Mannes aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. lagen. Um das Petrusgrab herum fanden sich weitere christliche Gräber. Das Petrusgrab fand also früh Verehrung und die römischen Christen bauten erste kleine Gedenkzeichen dort und begruben ihre Toten bei Petrus.


(Rekonstruktion des Bereichs um das Petrusgrab; die Ädikula steht an der roten Wand. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Mogadir.)

Auch im Paulusgrab in St. Paul vor den Mauern hat man Knochen gefunden, die ins 1. oder 2. Jahrhundert datiert wurden.

Schon ein Stück vorher berichtet Eusebius, wie Petrus nach Rom gekommen sei und was dann passiert sei:

„So sehr erleuchtete das Licht der Religion die Herzen der Zuhörer des Petrus, daß sie sich nicht damit begnügen wollten, ihn ein einziges Mal nur gehört zu haben, sie wollten von der Lehre seiner göttlichen Predigt auch Aufzeichnungen besitzen. Daher wandten sie sich mit verschiedenen Bitten an Markus, den Verfasser des Evangeliums, den Begleiter des Petrus, er möchte ihnen schriftliche Erinnerungen an die mündlich vorgetragene Lehre hinterlassen. Und sie standen nicht eher von den Bitten ab, als bis sie den Mann gewonnen hatten. So wurden sie die Veranlassung zum sog. Markusevangelium. Nachdem Petrus durch eine Offenbarung des Geistes von dem Vorfalle Kenntnis erhalten hatte, soll er sich über den Eifer der Leute gefreut und die Schrift für die Lesung in den Kirchen bestätigt haben. Klemens hat diese Tatsache im sechsten Buche seiner Hypotyposen berichtet, und mit ihm stimmt Bischof Papias von Hierapolis überein. Petrus gedenkt des Markus in seinem ersten Briefe, den er in Rom selbst verfaßt haben soll was er selbst andeutet, indem er diese Stadt bildlich Babylon nennt, wenn er sagt: ‚Es grüßt Euch die miterlesene Gemeinde in Babylon und Markus, mein Sohn.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte II,15)

Es gibt aber auch schon frühere Zeugnisse:

Bischof Ignatius von Antiochia erwähnt beide Apostel ca. 107 n. Chr. in einem Brief, den er an die römische Gemeinde vorausschickt, während er auf dem Weg zu seinem Prozess in Rom ist:

„Nicht wie Petrus und Paulus befehle ich euch. Jene waren Apostel, ich bin ein Verurteilter; jene waren frei, ich bin bis zur Stunde ein Sklave. Aber wenn ich gelitten habe, werde ich Freigelassener Jesu Christi sein und werde in ihm auferstehen, ein Freier. Jetzt lerne ich, in den Fesseln wunschlos zu sein.“ (Brief des Ignatius an die Römer 4,3)

Offensichtlich waren also die Apostel bei der römischen Gemeinde gewesen („Nicht wie Petrus und Paulus befehle ich euch“).

Der römische Bischof Clemens erwähnt Petrus und Paulus (und nur sie von den neueren Märtyrern!) in einem Brief  an die Korinther schon ca. im Jahr 95. Auch wenn er nicht direkt sagt, dass sie in Rom zu Märtyrern wurden, passt das gut dazu; sie waren offensichtlich wichtige Beispiele für die römische Gemeinde.

„Aber, um mit den alten Beispielen aufzuhören, wollen wir nun auf die Kämpfer der neuesten Zeit kommen; wir wollen die hervorstechendsten Beispiele unseres Zeitalters herausgreifen. Wegen Eifersucht und Neid haben die größten und gerechtesten Männer, Säulen waren sie, Verfolgung und Kampf bis zum Tode getragen. Stellen wir uns die guten Apostel vor Augen: einen Petrus, der wegen ungerechter Eifersucht nicht ein oder zwei, sondern vielerlei Mühseligkeiten erduldet hat und, nachdem er so sein Zeugnis (für Christus) abgelegt hatte, angelangt ist an dem ihn gebührenden Orte der Herrlichkeit. Wegen Eifersucht und Streit hat Paulus den Beweis seiner Ausdauer erbracht. Siebenmal gefesselt, vertrieben, gesteinigt, Herold (des Evangeliums) im Osten und Westen, holte er sich den herrlichen Ruhm seines Glaubens. Er hatte Gerechtigkeit der ganzen Welt gelehrt, war bis in den äußersten Westen vorgedrungen und hatte vor den Machthabern sein Zeugnis abgelegt, so wurde er weggenommen von dieser Welt und ging ein in den heiligen Ort, das größte Beispiel der Geduld.“ (1. Clemensbrief 5)

Dann gibt es noch ein paar Quellen. In der Petrusoffenbarung (einer Schrift wohl aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, die sich als von Petrus verfasste Schrift ausgab und hauptsächlich von Himmel und Hölle handelt) sagt Jesus gegen Ende zu Petrus:

„Ich habe es, Petrus, zu dir geredet und dir kundgetan. Gehe hinaus also und wandere also in die Stadt des Westens in den Weinberg, den ich dir sagen werde“ (Petrusoffenbarung 14, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 480)

Mit der „Stadt des Westens“ wird wahrscheinlich Rom gemeint gewesen sein. Der Fälscher ging also davon aus, dass die Leute wussten, dass Petrus in Rom gewesen war und fügte das ein, damit seine Schrift glaubwürdig wirken würde.

Dann berichten die Petrusakten (vor 190 n. Chr.), eine teilweise wohl eher legendarische und auch etwas seltsame Erzählung, bei der man aber davon ausgehen kann, dass sie zumindest auf gewissen Tatsachen beruht, die in der kollektiven Erinnerung der Christen präsent waren (z. B. dass Petrus in Rom war und dort hingerichtet wurde), über das Martyrium Petri:

„Petrus aber weilte in Rom und freute sich mit den Brüdern in dem Herrn und dankte Tag und Nacht für die Menge, die täglich zu dem heiligen Namen durch die Gnade des Herrn hinzugeführt wurden. Es kamen aber auch die vier Konkubinen des Präfekten Agrippa zu Petrus, Agrippina, Nikaria, Euphemia und Doris. Als diese die Predigt von der Keuschheit hörten und alle Worte des Herrn, wurden sie in ihrer Seele getroffen; sie verabredeten untereinander, keusch zu bleiben (und sich) vom Lager des Agrippa (fernzuhalten), wurden aber von diesem bedrängt. Agrippa war nun in Verlegenheit und war ungehalten über sie – denn er liebte sie sehr; darum ließ er sie beobachten und schickte (Leute, um festzustellen), wohin sie gingen und erfährt, daß sie zu Petrus (gingen). Als sie nun (wieder zurück) kamen, sagte er zu ihnen: ‚Jener Christ hat euch gelehrt, nicht mit mir zusammenzukommen; wisset, ich werde auch euch vernichten und jenen lebendig verbrennen.‘ Diese nun nahmen es auf sich, alle Übel von Agrippa zu ertragen, (sie wollten aber) sich nur nicht mehr von heftiger Leidenschaft hinreißen lassen, gestärkt durch die Kraft Jesu.

Eine Frau aber, die von besonderer Schönheit war, die Gattin des Albinus, eines Freundes des Kaisers, Xantippe mit Namen, kam zusammen mit den anderen Matronen zu Petrus und versagte sich dem Albinus. Jener nun, voller Wut und von Liebe zu Xantippe entbrannt, wunderte sich, daß sie nicht mehr mit ihm zusammen auf demselben Lager schlafen wolle, und er wurde wild wie ein Tier und wollte des Petrus habhaft werden; denn er erkannte, daß er (Petrus) schuld sei an der Trennung (der Frau) vom Bett. Aber auch viele andere Frauen wurden von der Predigt über die Keuschheit ergriffen und trennten sich von ihren Männern, und (manche) Männer trennten ihr Lager von dem der eigenen Frauen, weil sie rein und unberührt Gott dienen wollten. Es entstand nun in Rom ein gewaltiger Aufruhr und Albinus berichtete seine Erlebnisse dem Agrippa, indem er zu ihm sprach: ‚Entweder schaffe du mir Recht von Petrus, der meine Frau von mir getrennt hat oder ich werde mir selber Recht schaffen.‘ Und Agrippa erklärte, er habe dasselbe von hm erlitten, da er die Konkubinen [von ihm] getrennt habe. Und Albinus sprach zu ihm: ‚Worauf wartest du noch, Agrippa? Wir wollen ihn fangen und als unnützen Menschen töten, damit wir unsere Frauen wiederbekommen und damit wir auch jenen Recht schaffen, die ihn nicht töten können, deren Frauen er auch abspenstig gemacht hat.

Während sie so überlegten, schickte Xantippe, die die Beratung ihres Mannes mit Agrippa in Erfahrung gebracht hatte, und ließ dem Petrus sagen, er solle Rom verlassen. Und die übrigen Brüder forderten ihn gemeinsam mit Marcellus auf, wegzugehen. Petrus aber sagte zu ihnen: ‚Sollen wir entlaufen, Brüder?‘ Sie aber sagten zu ihm: ‚Nein, sondern da du noch dem Herrn dienen kannst, (sollst du weggehen).‘ Er ließ sich aber von den Brüdern überreden und verließ allein (die Stadt) und sagte dabei: ‚Keiner von euch soll mit mir hinweggehen, sondern ich will allein weggehen, nachdem ich mein Aussehen verändert habe.‘ Als er aber zum Tore hinausging, sah er den Herrn nach Rom hineinkommen. Und er sah ihn und sprach: ‚Herr, wohin (gehst) du hier?‘ Und der Herr sagte zu ihm: ‚Ich gehe nach Rom hinein, um gekreuzigt zu werden.‘ Und Petrus sprach zu ihm: ‚Herr, wiederum wirst du gekreuzigt?‘ Er sagte zu ihm: ‚Ja, Petrus, wiederum werde ich gekreuzigt.‘ Da kam Petrus zu sich und sah den Herrn in den Himmel fahren; er kehrte nach Rom zurück, freute sich und pries den Herrn, weil er selbst gesagt hatte: ‚Ich werde gekreuzigt.‘ Das sollte an Petrus geschehen.

Er ging nun wieder zu den Brüdern hinauf und erzählte ihnen, was ihm erschienen war. Sie aber trauerten in ihrer Seele, weinten und sagten: ‚Wir beschwören dich Petrus; denke an uns, die Jüngeren!‘ Und Petrus sagte zu ihnen: ‚Wenn es der Wille des Herrn ist, so geschieht es, auch wenn wir nicht wollen. Euch aber vermag der Herr im Glauben an ihn zu stärken, und er wird (euch) auf ihn gründen und in ihm ausbreiten, (euch), die er selbst gepflanzt hat, damit auch ihr andere durch ihn pflanzt. Ich aber widerstehe nicht, solange mich der Herr am Leben lassen will; und wiederum, wenn er mich hinwegnehmen will, jauchze ich und freue mich.‘ Während Petrus so redete und die Brüder alle weinten, siehe, da ergriffen ihn vier Soldaten und führten ihn vor Agrippa. Und dieser befahl in seiner Krankheit, ihn wegen Gottlosigkeit zu kreuzigen. Es lief nun die ganze Menge der Brüder zusammen, Reiche und Arme, Waisen und Witwen, Niedrige und Mächtige; sie wollten Petrus sehen und ihn hinwegreißen. Das Volk aber schrie unbändig und einstimmig: ‚Was hat Petrus Unrechtes getan, Agrippa? Was hat er Böses getan? Sage es den Römern!‘ Und andere sagten: ‚(Es ist zu fürchten,) daß der Herr auch uns verderbe, wenn dieser stirbt.‘ Und als Petrus an den Ort (der Hinrichtung) gekommen war, beruhigte er die Menge und sagte: ‚Ihr Männer, die ihr für Christus Kriegsdienst leistet, ihr Männer, die ihr auf Christus hofft, gedenket der Zeichen und Wunder, die ihr durch mich (geschehen) gesehen habt; denket an Gottes Mitleid, wie viele Heilungen er euretwegen vollbracht hat. Erwartet ihn, der kommen wird und jedem nach seinen Taten vergilt. Und nun zürnet Agrippa nicht; denn er ist ein Diener der Kraft seines Vaters. Und dieses geschieht jedenfalls, da mir der Herr offenbart hat, was geschehen soll. Aber was zögere ich und gehe nicht an das Kreuz?‘

Als er aber hinzukam und bei dem Kreuze stand, begann er zu sprechen: ‚O Name des Kreuzes, verborgenes Geheimnis; o unaussprechliche Gnade, die mit dem Namen des Kreuzes ausgesprochen ist; o Natur des Menschen, die von Gott nicht getrennt werden kann; o unsagbare und unzertrennbare Liebe, die von unreinen Lippen nicht bekannt werden kann; ich erfasse dich jetzt am Ende, da ich mich von hier löse. Ich will dich bekannt machen, wie du bist. Ich will das meiner Seele einst verschlossene und verborgene Geheimnis des Kreuzes nicht verschweigen. Das Kreuz sei euch, die ihr auf Christus hofft, nicht das, was sichtbar erscheint; denn etwas anderes als das Sichtbare ist dieses (Leiden) gemäß dem Leiden Christi. Und jetzt vor allem, da ihr, die ihr zu hören vermögt, (es hören) könnt von mir, der ich in der letzten Stunde und am Ende meines Lebens stehe, höret: von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern, von allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist. Verschließet diese eure Augen, verschließet diese eure Ohren, (haltet euch fern) von den Dingen, die sichtbar erscheinen! Und ihr werdet das, was Christus betrifft und das ganze Geheimnis eures Heils erkennen. Und dies sei euch, die ihr es hört, gesag, als wäre es nicht gesagt. Die Stunde aber (ist da) für dich, Petrus, deinen Leib denen, die ihn nehmen wollen, hinzugeben. Nehmt ihr also hin, deren Beruf es ist. Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders! Und warum, das werde ich den Hörenden sagen.‘

Als sie ihn nun in der Art, wie er es gefordert hatte, aufgehängt hatten, begann er wieder zu reden: ‚Ihr Männer, die ihr zum Hören berufen seid, vernehmt, was ich gerade jetzt, während ich (am Kreuz) hänge, euch verkündigen werde! Erkennet das Geheimnis der ganzen Schöpfung und den Anfang aller Dinge, wie er war. Denn der erste Mensch, dessen Art ich in (meiner) Gestalt trage, mit dem Kopf nach unten gestürzt, zeigte eine Entstehungsart, die ehemals nicht so war; denn sie war tot, da sie keine Bewegung hatte. Als er nun herabgezogen wurde, er, der auch seinen Ursprung auf die Erde warf, hat er das Ganze der Anordnung festgestellt, aufgehängt nach Art der Berufung, bei der er das Rechte als Linkes und das Linke als Rechtes gezeigt hat, und hat alle Zeichen der Natur geändert, (nämlich) das Nichtschöne als schön zu betrachten und das wirklich Schlechte als Gutes. Darüber sagt der Herr im Geheimnis: ‚Wenn ihr nicht das Rechte macht wie das Linke und das Linke wie das Rechte und das Obere wie das Untere und das Hintere wie das Vordere, so werdet ihr das Reich (Gottes) nicht erkennen.‘ Dieses Verständnis nun habe ich zu euch gebracht, und die Art, in der ihr mich hängen seht, ist die Abbildung jenes Menschen, der zuerst zur Entstehung kam. Ihr nun, meine Geliebten, die ihr es jetzt hört und die ihr hören werdet, müßt ablassen von dem ersten Irrtum und wieder zurückkehren. Denn es sollte sich geziemen, an das Kreuz Christi zu kommen, der da ist einzig und allein das ausgebreitete Wort, von dem der Geist sagt: ‚Denn was ist Christus anders als das Wort, der Schall Gottes?‘ damit Wort sei dieses aufrechtstehende Holz, an dem ich gekreuzigt bin; der Schall aber ist der Querbalken, (nämlich die) Natur des Menschen; der Nagel aber, der an dem geraden Holz den Querbalken in der Mitte festhält, ist die Bekehrung und Buße des Menschen.

Da du mir nun dieses kundgetan und offenbart hast, o Wort des Lebens, wie von mir jetzt das Holz genannt worden ist, so danke ich dir, nicht mit diesen Lippen, die angenagelt sind, auch nicht mit der Zunge, durch die Wahrheit und Lüge hervorgeht, auch nicht mit diesem Worte, das von der Kunst irdischer Natur hervorgebracht wird, sondern mit jener Stimme danke ich dir, o König, die durch Schweigen vernommen wird, die nicht im Offenbaren gehört wird, die nicht durch die Organe des Körpers hervorgeht, die nicht in fleischliche Ohren eingeht, die nicht vom vergänglichen Wesen gehört wird, die nicht in der Welt ist und auf der Erde ertönt, auch nicht in Büchern geschrieben wird, auch nicht dem einen gehört, dem anderen nicht, sondern mit dieser (Stimme), Jesus Christus, danke ich dir: Mit dem Schweigen der Stimme, der der Geist in mir, der dich liebt und mit dir spricht und dich sieht, begegnet. Du bist nur dem Geist erkennbar. Du bist mir Vater, du mir Mutter, du mir Bruder, du Freund, du Diener, du Haushalter. Du (bist) das All, und das All (ist) in dir; und du (bist) das Sein, und es gibt nichts anderes, was ist, außer dir allein. Zu ihm fliehet nun auch ihr, Brüder, und lernt, daß ihr euer Wesen in ihm habt, und ihr werdet dann das erlangen, von dem er zu euch sagt: ‚Was weder ein Auge gesehen hat, noch ein Ohr gehört hat, noch in ein Menschenherz gekommen ist.‘ Wir bitten nun um das, was du uns zu geben versprochen hast, unbefleckter Jesus; wir loben dich, wir danken dir und bekennen dich, indem wir – noch schwache Menschen – dich preisen. Denn du allein bist Gott und kein anderer, dem der Ruhm sei jetzt und in alle Ewigkeiten. Amen.‘

Als aber die herumstehende Menge mit lautem Schall das Amen rief, da übergab zugleich mit diesem Amen Petrus dem Herrn den Geist. Als aber Marcellus sah, daß der selige Petrus seinen Geist aufgegeben hatte, nahm er, ohne jemanden um Rat zu fragen, was auch nicht angegangen wäre, ihn mit eigenen Händen vom Kreuze herab und badete ihn in Milch und Wein. Und er zerrieb sieben Pfund Mastix und weitere fünfzig Pfund Myrrhe und Aloe und Gewürz und salbte seinen Leichnam und füllte einen sehr teuren steinernen Trog mit attischem Honig und setzte ihn in seinem eigenen Grabmal bei. Petrus aber trat zu Marcellus bei Nacht und sagte: ‚Marcellus, hast du den Herrn sagen hören: ‚Laßt die Toten von den eigenen Toten begraben werden‘?‘ Als aber Marcellus (das) bejaht hatte, sagte Petrus zu ihm: ‚Das nun, was du an den Toten gewandt hast, hast du verloren. Denn du hast, obgleich du lebendig bist, wie ein Toter für einen Toten gesorgt.‘ Marcellus aber, aus dem Schlaf erwacht, erzählte die Erscheinung des Petrus den Brüdern und war zusammen mit denen, die von Petrus im Glauben an Christus gestärkt worden waren, wodurch er auch selbst noch viel mehr Stärkung fand bis zur Wiederkunft des Paulus in Rom.

Als aber Nero später erfuhr, daß Petrus aus dem Leben geschieden war, tadelte er den Praefekten Agrippa, daß er getötet worden sei, ohne daß seine Meinung eingeholt worden wäre. Denn er hatte gewünscht, ihn mit kräftiger Strafe und härter zu züchtigen. Petrus hatte nämlich auch einige von seinen Dienern zu Jüngern und ihm abspenstig gemacht. Darum war er sehr zornig und redete einige Zeit nicht mit Agrippa. Er suchte nämlich alle Brüder, die von Petrus zu Jüngern gemacht worden waren zu vernichten. Und eines Nachts sieht er einen, der ihn schlägt und (zu ihm) sagt: ‚Nero, du kannst jetzt nicht die Diener Christi verfolgen oder verderben. Laß darum deine Hände von ihnen!‘ Und darum geriet Nero infolge eines solchen Gesichtes in große Furcht und ließ ab von den Jüngern in jener Zeit, in der auch Petrus aus dem Leben geschieden war. Und es waren im übrigen die Brüder einmütig beisammen, freuten sich und jauchzten in dem Herrn und priesen den Gott und Heiland unseres Herrn Jesu Christi mit dem Heiligen Geiste, dem die Ehre (sei) in alle Ewigkeiten. Amen.“ (Petrusakten 33(4)-41(12), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, Seite 218-221)

Ein paar Dinge fallen hier auf:

Ein Zitat, das Petrus hier Jesus zuschreibt, erinnert an eine Stelle im gnostisch beeinflussten Thomasevangelium, einer Sammlung von angeblichen Jesusworten aus dem 2. Jahrhundert, die Jesus sagen lässt:

„Wenn ihr die zwei zu einem macht und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das Untere, – und zwar damit ihr das Männliche und das Weibliche zu einem einzigen macht, auf daß das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich sein wird – wenn ihr Augen macht anstelle eines Auges und eine Hand anstelle einer Hand und einen Fuß anstelle eines Fußes, eine Gestalt anstelle einer Gestalt, dann werdet ihr eingehen in [das Königreich].“ (Thomasevangelium 22)

Man kann also auch bei den Petrusakten von einer gewissen gnostischen Beeinflussung ausgehen; dazu passen Petrus‘ teilweise sehr seltsame Rede und evtl. die Ablehnung nicht nur der Unzucht, sondern sogar der Ehe weiter vorne im Text.

Außerdem fällt auf, dass die beiden Episoden, die heute noch am bekanntesten sind, hier anders gedeutet werden als man es sonst oft hört. Die Worte Jesu an Petrus werden hier nicht als Zurechtweisung wegen seiner Flucht, sondern einfach als Voraussage seines Martyriums, bei dem Jesus in ihm leiden wird, präsentiert. (Vgl. das Wort Jesu an den Christenverfolger Saulus: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“, wo Jesus sich mit Seiner Kirche identifiziert.) Dann die Tatsache, dass Petrus kopfüber gekreuzigt wurde: Man hört gerne, er wollte kopfüber gekreuzigt werden, weil er sich nicht würdig fühlte, auf dieselbe Weise zu sterben wie sein Herr. Hier hat es einen anderen Grund.


(Filippino Lippi, Kreuzigung Petri. Gemeinfrei)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 5d: Gemeindeleben

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Apg 2,42-47; Agp 4,23-37; Apg 5; Apg 6,1-7; 2 Thess 3,6-18; 1 Kor 16; Röm 15-16; 1 Kor 1,10-16; 1 Kor 5-6; 1 Tim 5,1f.; 1 Tim 6.

In diesem Teil soll es darum gehen, welches Ideal die frühen Christen für das Gemeindeleben hatten, und auch darum, wie das dann in der Praxis aussah.

Justin der Märtyrer beschreibt um 150 n. Chr. in einer Verteidigungsschrift gegenüber den Heiden das Gemeindeleben, die Caritas und die Sonntagsmesse:

„Wir aber erinnern in der Folgezeit einander immer hieran, helfen, wenn, wir können, allen, die Mangel haben, und halten einträchtig zusammen. Bei allem aber, was wir zu uns nehmen, preisen wir den Schöpfer des Alls durch seinen Sohn Jesus Christus und durch den Heiligen Geist. An dem Tage, den man Sonntag nennt, findet eine Versammlung aller statt, die in Städten oder auf dem Lande wohnen; dabei werden die Denkwürdigkeiten der Apostel oder die Schriften der Propheten vorgelesen, solange es angeht. Hat der Vorleser aufgehört, so gibt der Vorsteher in einer Ansprache eine Ermahnung und Aufforderung zur Nachahmung all dieses Guten. Darauf erheben wir uns alle zusammen und senden Gebete empor. Und wie schon erwähnt wurde, wenn wir mit dem Gebete zu Ende sind, werden Brot, Wein und Wasser herbeigeholt, der Vorsteher spricht Gebete und Danksagungen mit aller Kraft, und das Volk stimmt ein, indem es das Amen sagt. Darauf findet die Ausspendung statt, jeder erhält seinen Teil von dem Konsekrierten; den Abwesenden aber wird er durch die Diakonen gebracht. Wer aber die Mittel und guten Willen hat, gibt nach seinem Ermessen, was er will, und das, was da zusammenkommt, wird bei dem Vorsteher hinterlegt; dieser kommt damit Waisen und Witwen zu Hilfe, solchen, die wegen Krankheit oder aus sonst einem Grunde bedürftig sind, den Gefangenen und den Fremdlingen, die in der Gemeinde anwesend sind, kurz, er ist allen, die in der Stadt sind, ein Fürsorger.“ (Justin, 1. Apologie 67)

Justin hat schon in den beiden Kapiteln zuvor eine Beschreibung der Eucharistie gegeben; in anderen frühchristlichen Schriften gibt es auch noch genauere Beschreibungen der Messe und des Glaubens an die Realpräsenz; aber darauf will ich in einem eigenen Teil eingehen und mich hier mehr auf Zusammenleben in der Gemeinde, Caritas usw. konzentrieren.

In der Didache, einer frühen Kirchenordnung (ca. 100 n. Chr.) stehen einige Anweisungen zum Gemeindeleben. Über neu in der Stadt angekommene Christen heißt es folgendes:

„Jeder aber, ‚der kommt im Namen des Herrn‘, soll aufgenommen werden; dann aber sollt ihr ihn prüfen und so kennen lernen; ihr sollet nämlich euren Verstand anwenden zur Entscheidung über rechts und links. Wenn der Ankömmling nur durchreist, helfet ihm, so viel ihr könnt; er soll aber bei euch nicht länger bleiben als zwei oder drei Tage, wenn’s nötig ist. Wenn er sich aber bei euch niederlassen will als Handwerker, dann soll er arbeiten und essen. Wenn er aber kein Handwerk versteht, dann sorget nach eurer Einsicht dafür, dass nicht ein fauler Christ unter euch lebt. Will er es aber nicht so halten, so ist er einer, der mit seinem Christentum Geschäfte macht; hütet euch vor solchen.“ (Didache 12)

Offenbar wollte man sichergehen, dass jemand nicht die karitative Hilfe der Gemeinde ausnutzte, obwohl er selbst hätte arbeiten können.

Allgemein wird das ideale Gemeindeleben so beschrieben:

„Mein Kind, Tag und Nacht sollst du dessen gedenken, der dir Gottes Wort verkündet, ehren sollst du ihn wie den Herrn; denn woher seine Herrlichkeit verkündet wird, da ist der Herr. Täglich sollst du das Antlitz der Heiligen [gemeint: Christen] suchen, damit du Ruhe findest durch ihre Worte. Du sollst keinen Zwiespalt verursachen, versöhnen sollst du Streitende. ‚Urteile gerecht‘, schau nicht auf die Person, wenn du Fehltritte zurechtweisest.“ (Didache 4,1-3)

Über Unstimmigkeiten und Verfehlungen in der Gemeinde heißt es:

„Weiset einander zurecht nicht im Zorn, sondern in Frieden, wie ihr’s im Evangelium habet; und mit jedem, der sich verfehlt hat gegen seinen Nächsten, soll keiner sprechen, und er soll von euch nichts hören, bis er sich bekehrt hat.“ (Didache 15,3)

Papst Clemens, der ca. 95 n. Chr. einen Brief an die Korinther schrieb, meint zu den größeren Spaltungen und Unstimmigkeiten, die es offenbar in der Korinther Gemeinde gab:

„Wir wollen, Geliebte, die Zurechtweisung annehmen, über die sich niemand ärgern darf. Die Ermahnungen, die wir einander gegenseitig geben, sind gut und überaus nützlich; denn sie verbinden uns mit dem Willen Gottes.“ (1. Clemensbrief 56,2)

„Schleunig wollen wir daher diesen Missstand beseitigen und niederfallen vor dem Herrn und unter Tränen ihn anflehen, dass er in Gnaden sieh versöhne mit uns und uns zurückbringe zu dem erhabenen heiligen Wandel gegenseitiger Bruderliebe. […] Mag einer gläubig sein, mag einer tüchtig sein, Weisheit zu reden, mag einer verstehen die Reden zu unterscheiden, mag einer heilig sein in (seinen) Werken, er muss eben um so demütiger sein, je mehr er sich erhaben dünkt, und er muss das suchen, was allen gemeinsam, nicht ihm allein nützlich ist.“ (1. Clemensbrief 48,1.5-6)

Außerdem ermahnt er, wie im vorigen Teil deutlich wurde, die Korinther mehrfach, ihrem Klerus zu gehorchen.

Der 2. Clemensbrief (der wahrscheinlich nicht von Clemens stammt, sondern ein paar Jahrzehnte später entstanden ist) mahnt, dass man sich gegenseitig bzgl. des Seelenheils helfen und auch im Alltag die Gebote Gottes beachten soll:

„Daher wollen wir aus ganzem Herzen Buße tun, damit keiner aus uns verloren gehe. Wenn wir nämlich Auftrag haben, auch das zu tun, nämlich von den Götzen abzulenken und (in der christlichen Lehre) zu unterrichten, um wieviel weniger darf eine Gott schon kennende Seele verloren gehen? Helfen wir also einander, auch die Schwachen an das Gute heranzubringen, damit wir alle gerettet werden, wir einander bekehren und ermuntern. Und nicht nur jetzt, da wir von den Presbytern Ermahnungen bekommen, wollen wir gläubig und aufmerksam erscheinen, sondern auch wenn wir von hier nach Hause kommen, wollen wir der Gebote des Herrn eingedenk sein und uns nicht von den weltlichen Begierden verleiten lassen, sondern, indem wir fleißiger (hierher) kommen, wollen wir versuchen, in den Geboten Gottes Fortschritte zu machen, damit wir alle eines Sinnes versammelt seien zum Leben.“ (2. Clemensbrief 17,1-3)

Aristides von Athen beschreibt in einer an Heiden gerichteten Verteidigungsschrift (irgendwann zwischen 138 und 161 verfasst) das Leben der Christen und die gegenseitige Unterstützung so:

„Die fremden Götter beten sie nicht an. Sie wandeln in aller Demut und Freundlichkeit. Lüge wird bei ihnen nicht gefunden. Sie lieben einander. Die Witwen mißachten sie nicht; die Waise befreien sie von dem, der sie mißhandelt. Wer hat, gibt neidlos dem, der nicht hat. Wenn sie einen Fremdling erblicken, führen sie ihn unter Dach und freuen sich über ihn, wie über einen wirklichen Bruder. Denn sie nennen sich nicht Brüder dem Leibe nach, sondern [Brüder] im Geiste und in Gott. Wenn aber einer von ihren Armen aus der Welt scheidet und ihn irgendeiner von ihnen sieht, so sorgt er nach Vermögen für sein Begräbnis. Und hören sie, daß einer von ihnen wegen des Namens ihres Christus gefangen oder bedrängt ist, so sorgen alle für seinen Bedarf und befreien ihn, wo möglich. Und ist unter ihnen irgendein Armer oder Dürftiger, und sie haben keinen überflüssigen Bedarf, so fasten sie zwei bis drei Tage, damit sie den Dürftigen ihren Bedarf an Nahrung decken.

Die Gebote ihres Christus halten sie [gar] gewissenhaft, indem sie rechtschaffen und ehrbar leben, so wie der Herr ihr Gott ihnen befohlen, Alle Morgen und zu allen Stunden preisen und loben sie Gott ob der ihnen gespendeten Wohltaten und danken ihm für Speise und Trank. Und wenn ein Gerechter von ihnen aus der Welt scheidet, so freuen sie sich und danken Gott und geben seiner Leiche das Geleite, gleich als zöge er (nur) von einem Ort zum andern. Und wenn einem von ihnen ein Kind geboren worden, so preisen sie Gott; und sollte es dann (schon) in seiner Kindheit sterben, so preisen sie Gott überaus, ist es doch ohne Sünde aus der Welt geschieden. Müssen sie hinwiederum sehen, wie einer von ihnen in seiner Gottlosigkeit und seinen Sünden stirbt, so weinen sie über diesen bitterlich und seufzen, soll er ja zur Strafe hingehen. Das, o Kaiser, ist das Gebot des Gesetzes der Christen und ihre Lebensführung.“ (Aristides von Athen, Apologie 15,7-12)

Es gab auch Leute, die Wunder wirken sollten; Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr. folgendes (wobei er die Kirche den gnostischen esoterischen Sekten gegenüberstellt):

„In seinem Namen wirken deshalb seine wahren Schüler, die von ihm die Gnade empfangen haben, Wunder an den übrigen Menschen, wie ein jeder von ihm die Gnade empfangen hat. Die einen treiben wahrhaft und bestimmt Geister aus, so daß oftmals die ihnen glauben, die von den bösen Geistern befreit sind, und in die Kirche eintreten. Die andern schauen in die Zukunft, haben Gesichte und weissagen. Wieder andere legen den Kranken die Hände auf und machen sie gesund. Ja sogar Tote sind auferstanden, wie wir bereits gesagt haben, und lebten unter uns noch etliche Jahre. Doch wer vermöchte alle die Gnaden aufzuzählen, welche die Kirche auf der ganzen Welt von Gott empfängt und zum Heile der Völker im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus gekreuzigten, Tag für Tag ausspendet. Und keinen verführt sie oder nimmt ihm sein Geld ab. Denn was sie umsonst von Gott empfangen hat, teilt sie umsonst auch aus.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,32,4)

Ein interessantes Detail: Es gab früh schon Bischofsstühle. Eusebius von Cäsarea schreibt um 300 n. Chr., dass die Christen in Jerusalem einen Bischofsstuhl bei sich hatten, der dem hl. Jakobus gehört haben sollte. Ob der Bischofsstuhl nun wirklich so alt war oder nicht: Er muss um 300 n. Chr. schon alt genug gewesen sein, dass es als glaubwürdig durchgehen konnte, ihn Jakobus zuzuschreiben.

„Der Bischofsstuhl des Jakobus, der als erster vom Herrn und den Aposteln das Bischofsamt der Kirche von Jerusalem erhielt und der, wie die göttlichen Bücher lehren, Bruder Christi genannt wurde, ist noch heute erhalten und wird von den Brüdern dort ständig verehrt. Damit bekunden sie allen deutlich die Ehrfurcht, welche die Christen schon in alter Zeit und noch jetzt gegen die heiligen Männer wegen ihrer Frömmigkeit hegten und hegen. Soviel hierüber.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,19)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 5c: Kirchenämter

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich: Apg 1,15-26; Apg 6,1-6; Apg 11,30; Apg 14,23; Apg 15,2-23; 1 Tim 3,1-13; 1 Tim 4,14; 1 Tim 5,17-22; 2 Tim 1,6; Tit 1,5-9; 2 Joh 1; 3 Joh 1; 1 Petr 5,1-6; Jak 5,14.

Die Kirche hatte eine dreigegliederte Hierarchie aus Bischöfen (griechisch Episkopos, wörtl. Aufseher), Priestern (griechisch Presbyteros, wörtl. Ältester) und Diakonen (griechisch Diakonos, wörtl. Diener). Jede Stadt hatte einen Bischof, dessen Helfer die Priester waren; dazu kamen die Diakonen, die v. a. für das Karitative zuständig waren.

Manchmal wird auch der Klerus verallgemeinernd als „die Presbyter“ (Priester/Ältesten) bezeichnet; das liest man z. B. im Clemensbrief (aber auch noch wesentlich später z. B. um die Mitte des 3. Jahrhunderts bei Cyprian von Karthago, der im zweiten Teil dieser langen Reihe vorkommen wird).

Schon in der Bibel werden Diakone als Helfer der Apostel erwähnt (Apg 6; einer von ihnen war Stephanus) und Bischöfe, die die Apostel in den von ihnen gegründeten Gemeinden als ihre Nachfolger eingesetzt hatten (z. B. Timotheus, Titus; s. Paulus‘ Briefe an diese beiden). Priester kamen dann hinzu als Helfer des Bischofs, die ihm untergeordnet waren, aber mehr tun konnten als die Diakonen. In Apg 14,23 heißt es, dass die Apostel in allen Gemeinden „Älteste“ (Presbyterous) einsetzten. Auch Paulus benutzt das Wort „Älteste“ (Presbyterous), wenn er Titus schreibt (Tit 1,5-9), dass er in allen Gemeinden „Älteste“ einsetzen soll, und spricht dann über die Eigenschaften, die ein Bischof haben soll. Auch im 2. und 3. Johannesbrief bezeichnet sich der Absender jeweils im 1. Vers als „Ältester“ (Presbyteros), in Apg 11,30 werden Älteste als Gemeindevorsteher erwähnt, in Jerusalem gab es laut Apg 15,2-23 „die Apostel und die Ältesten“, an die sich Paulus und Barnabas wendeten und die im Apostelkonzil zusammentraten. Auch in Jak 5,14 im Kontext der Krankensalbung werden Älteste erwähnt, und an ein paar anderen Stellen im NT.

An Stellen wie Tit 1,5-9 oder 2 Joh 1 kann man sich denken, dass Presbyter ein verallgemeinernder Ausdruck für den Klerus ist; in Apg 15, wenn vom Apostelkonzil die Rede ist, sieht es eher so aus, als wird hier von den Priestern geredet, die Helfer der Apostel (die ja bischöfliche Vollmacht haben) sind.

Schon in der Didache, einer Kirchenordnung von ca. 100 n. Chr., heißt es:

„Wählet euch Bischöfe und Diakonen, würdig des Herrn, Männer voll Milde und frei von Geldgier, voll Wahrheitsliebe, erprobte; denn sie sind es, die für euch versehen den (heiligen) Dienst der Propheten und Lehrer. Achtet sie deshalb nicht gering; denn sie sind eure Geehrten mit den Propheten und Lehrern.“ (Didache 15,1f.)

Im Clemensbrief, den Papst Clemens um 95 n. Chr. an die Gemeinde von Korinth schickte, finden sich folgende Stellen:

„Denn ohne Ansehen der Person tatet ihr alles und nach den Gesetzen des Herrn war euer Wandel, da ihr untertänig waret euren Vorgesetzten und die geziemende Ehrfurcht euren Priestern erzeigtet“ (1. Clemensbrief 1,3)

„Deshalb ist weit weg geflohen die Gerechtigkeit und der Friede, indem jeder ablegte die Furcht Gottes und in seinem Glauben an ihn erblindete, nicht mehr wandelte auf dem gesetzlichen Pfad seiner Gebote noch ein Christus würdiges Leben führte, sondern indem jeder den Leidenschaften seines bösen Herzens nachging: so nahmen sie die ungerechte und gottlose Eifersucht in sich auf, durch welche auch „der Tod in die Welt gekommen ist“2.“ (1. Clemensbrief 3,4)

„Jeder von uns, Brüder, soll in seinem Stande Gott danken, indem er sich ein gutes Gewissen bewahrt und die für seine Verrichtung festgesetzte Regel nicht übertritt, in würdigem Wandel. […] Ihr sehet, Brüder, je größer die Erkenntnis ist, deren wir gewürdigt worden sind, um so größer ist auch die Gefahr, der wir ausgesetzt sind.“ (1. Clemensbrief 41,1.4)

Auch unsere Apostel wussten durch unseren Herrn Jesus Christus, dass Streit entstehen werde um die Bischofswürde. Aus diesem Grunde setzten sie auch, da sie eine genaue Kenntnis hiervon zum voraus erhalten hatten, die oben Genannten ein und gaben ihnen dazu Auftrag, dass, wenn sie entschlafen wären, andere erprobte Männer ihren Dienst übernähmen. Die also von jenen oder hernach von anderen ausgezeichneten Männern unter Zustimmung der ganzen Gemeinde eingesetzten (Bischöfe), die das Hirtenamt Christi in Demut untadelig, ruhig, uneigennützig verwaltet haben, die lange Zeit hindurch von allen ein gutes Zeugnis erhalten haben, diese von ihrem heiligen Amte abzusetzen, ist nach unserer Ansicht ein Unrecht. Denn es wird für uns keine kleine Sünde sein, wenn wir Männer, die tadellos und heiligmäßig ihre Opfer dargebracht haben, aus ihrem Bischofsamte vertreiben. Selig sind die Presbyter, die ihren Lebensweg bereits durchlaufen und eine vollkommene, an Früchten reiche Auflösung erreicht haben; denn sie müssen nicht fürchten, dass man sie verdrängt von dem für sie festbestimmten Platze. Wir müssen es nämlich erleben, dass ihr einige, die einen guten Wandel führten, vertrieben habt aus dem heiligen Dienste, dem sie durch tadellose Verwaltung alle Ehre gemacht hatten. Streitsüchtig seid ihr, Brüder, und eifersüchtig in den Dingen, die zum Heile nötig sind. Die heiligen Schriften, die wahren, die vom Heiligen Geist eingegebenen, habt ihr genau durchforscht. Ihr wisst, dass nichts Unrechtes und nichts Verkehrtes in denselben geschrieben steht. (Da) werdet ihr nicht finden, dass Gerechte abgesetzt worden sind von heiligen Männern.“ (1. Clemensbrief 44,1-45,3)

„Ihr nun, die ihr den Grund zum Aufruhr gelegt habt, unterwerfet euch den Presbytern, lasset euch die Züchtigung dienen zur Umkehr, beuget die Knie eures Herzens. Lernet Unterwürfigkeit, leget ab die großsprecherische und hochfahrende Kühnheit eurer Zunge; es ist nämlich besser für euch, wenn ihr in der Herde Christi klein, aber ehrenhaft befunden werdet, als wenn ihr in scheinbarer Größe ausgeschlossen seid von ihrer Hoffnung.“ (1. Clemensbrief 57,1-2)


(Clemens von Rom, Mosaik aus der Sophienkathedrale in Kiew. Gemeinfrei.)

Auch in den Ignatiusbriefen (die Ignatius, der Bischof von Antiochia, ca. 107 n. Chr. auf dem Weg zu seinem Gerichtsprozess und Martyrium in Rom schrieb) gibt es einige Stellen, an denen er über den Klerus schreibt:

„Ich habe also eure ganze Gemeinde im Namen Gottes empfangen in der Person des Onesimus, eines Mannes von unbeschreiblicher Liebe, eures Bischofs im Fleische, den ihr nach Christus – das wünsche ich – (am meisten) lieben und dem ihr alle ähnlich sein sollt; denn gepriesen sei der, dessen Huld euch für würdig hielt, einen solchen Bischof zu besitzen.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 1,3)

(Das dürfte derjenige Onesimus sein, um den es in Paulus‘ Brief an Philemon geht: Philemons entlaufener Sklave, der dann Paulus getroffen hatte, Christ geworden war, den Paulus zusammen mit einem Brief zurückgeschickt hatte und der von Philemon freigelassen worden war.)

„Daher ziemt es sich für euch, dem Willen des Bischofs entsprechend zu wandeln, wie ihr es auch tut. Denn euer ehrwürdiges Presbyterium, seines Gottes wert, ist so mit dem Bischof verbunden, wie die Saiten mit der Zither. Deshalb erklingt Jesu Christi Lied in eurer Eintracht und einmütigen Liebe.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 4,1)

„Keiner lasse sich irreführen: Wer nämlich nicht innerhalb der Opferstätte ist, der kommt um das Brot Gottes. Wenn nämlich das Gebet eines einzigen oder zweier (Menschen) eine solche Kraft hat, um wieviel mehr das Gebet des Bischofs und der ganzen Gemeinde? Wer also nicht zur Versammlung kommt, der ist schon von Hochmut besessen und hat sich selbst gerichtet. Denn es steht geschrieben: ‚Den Hochmütigen widersteht Gott‘. Hüten wir uns also davor, mit dem Bischof uns zu entzweien, damit wir im Gehorsam gegen Gott verharren.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 5,2f.)

jeden nämlich, den der Herr des Hauses schickt zur Verwaltung seines Hauses, den müssen wir so aufnehmen wie den Sendenden selbst. Daher ist es klar, dass wir den Bischof so ansehen müssen wie den Herrn selbst.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 6,1)

„Da ich nun gewürdigt wurde, euch zu sehen in eurem Gottes würdigen Bischof Damas, in den ehrwürdigen Presbytern Bassus und Apollonius and in meinem Mitknechte, dem Diakon Zotion, an dem ich mich erfreuen möchte, weil er untertan ist dem Bischof, als einer Gnade Gottes und dem Presbyterium als einem Gesetz Jesu Christi.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 2)

„Es ziemt euch aber, das jugendliche Alter des Bischofs nicht auszunützen, sondern entsprechend der Macht Gottes des Vaters jegliche Ehrfurcht ihm zu erzeigen, wie ich erfahren habe, dass auch die heiligen Presbyter seine offenbar in jugendlichem Alter erfolgte Erhebung nicht missbrauchen, sondern als in Gott verständige Männer in Übereinstimmung mit ihm wandeln, doch nicht mit ihm, sondern mit dem Vater Jesu Christi, dem Bischof aller. Zur Ehre dessen nun, der uns erwählt hat, ziemt es sich, ohne jede Heuchelei gehorsam zu sein; denn man täuscht nicht diesen sichtbaren Bischof, sondern man spottet über den unsichtbaren. Ein solches Handeln aber bezieht sich nicht auf das Fleisch, sondern auf Gott, der das Verborgene weiß.

So ziemt es sich denn also, nicht bloß Christ zu heißen, sondern auch zu sein; wie es ja auch Leute gibt, welche den Bischof zwar so nennen, aber alles ohne ihn tun. Diese scheinen mir aber kein gutes Gewissen zu haben, weil sie nicht zuverlässig dem Gebote gemäß ihre Versammlungen halten.“  (Brief des Ignatius an die Magnesier 3-4)

Befleißiget euch, alles zu tun in der Eintracht Gottes, da der Bischof den Vorsitz führt an Stelle Gottes, die Presbyter an Stelle des Apostelkollegiums, und die Diakonen, die ich gar sehr liebe, mit dem Dienste Jesu Christi betraut sind, welcher von Ewigkeit beim Vater war und am Ende (der Zeiten) erschienen ist. […]

Wie nun der Herr, da er mit ihm eins ist, ohne den Vater nichts getan hat, weder durch sich selbst noch durch die Apostel, so sollt auch ihr ohne den Bischof und die Presbyter nichts tun; auch sollt ihr nicht versuchen, etwas auf eigene Faust als richtig erscheinen zu lassen, sondern bei eurer Versammlung sei ein Gebet, eine Bitte, ein Sinn, eine Hoffnung in Liebe, in untadeliger Freude, das ist Jesus Christus, im Vergleich zu dem es gar nichts Besseres gibt. Kommet alle zusammen wie in einen Tempel Gottes, wie zu einem Altare, zu dem einen Jesus Christus, welcher von einem Vater ausging und bei dem einen blieb und zu ihm zurückgekehrt ist.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 6,1. und 7)

Solange ihr nämlich eurem Bischof untertan seid wie Jesus Christus, scheint ihr mir nicht nach Menschenart zu leben, sondern nach Jesus Christus, der unseretwegen gestorben ist, damit ihr durch den Glauben an seinen Tod dem Tode entrinnet. Daher ist es notwendig – wie ihr es ja haltet – dass ihr ohne den Bischof nichts tuet, und dass ihr vielmehr auch dem Presbyterium euch füget wie den Aposteln Jesu Christi, unserer Hoffnung, in dem wandelnd wir erfunden werden sollen. Auch ist es nötig, dass die Diakonen, welche Geheimnisse Jesu Christi verwalten, auf jede Weise allen genehm seien. Denn sie sind nicht Diener für Speise und Trank, sondern Gehilfen der Kirche Gottes. Daher müssen sie sich vor Anschuldigungen hüten wie vor Feuer. 

Gleicherweise sollen alle die Diakonen achten wie Jesus Christus, wie auch den Bischof als das Abbild des Vaters, die Presbyter aber wie eine Ratsversammlung Gottes und wie einen Bund von Aposteln. Getrennt von diesen kann man von keiner Kirche reden. (Brief des Ignatius an die Trallianer, 2,1-3,1)

„Ignatius, der auch Theophorus (genannt wird), an die Kirche Gottes des Vaters und des Herrn Jesu Christi, die in Philadelphia in Asien sich befindet, begnadigt und gefestigt in Eintracht mit Gott, die ohne Aufhören frohlockt im Leiden unseres Herrn und die in seiner Auferstehung vollendet ist in jeglicher Barmherzigkeit, die ich grüße im Blute Jesu Christi, die meine ewige und bleibende Freude ist, besonders wenn sie eins ist mit ihrem Bischof und seinen Presbytern und den nach Jesu Christi Willen eingesetzten Diakonen, die er nach seinem eigenen Willen in Festigkeit gestärkt hat durch seinen Heiligen Geist.“ (Brief des Ignatius an die Philadelphier, Anrede)

„Bemühet euch, nur eine Eucharistie zu feiern; denn es ist nur ein Fleisch unseres Herrn Jesu Christi und nur ein Kelch zur Einigung mit seinem Blute, nur ein Altar, wie nur ein Bischof ist in Verbindung mit dem Presbyterium und (den) Diakonen, meinen Mitknechten, auf dass, was immer ihr tuet, ihr tuet gemäß dem Willen Gottes.“ (Brief des Ignatius an die Philadelphier 4)

„Ich schrie in ihrer Mitte, ich rief mit lauter Stimme, mit Gottes Stimme: Haltet euch an den Bischof, das Presbyterium und die Diakonen. Wenn aber einige vermuteten, ich hätte so gesprochen, weil ich vorher von der Spaltung einiger gehört hätte, so ist mir der, in dem ich die Fesseln trage, Zeuge, dass ich von menschlichem Fleische es nicht wusste. Aber der Geist hatte es mir kund getan, indem er also sprach: Ohne Bischof tuet nichts, euer Fleisch bewahret als einen Tempel Gottes, die Eintracht liebet, die Spaltungen fliehet, werdet Nachahmer Jesu Christi, wie auch er selbst seines Vaters (Nachahmer ist).

Ich habe nun das Meinige getan als ein Mensch, der zur Einheit veranlagt ist. Wo aber Spaltung herrscht und Erbitterung, da wohnt Gott nicht. Allen Reuigen jedoch vergibt der Herr, wenn sie sich bekehren zur Einheit mit Gott und zur Vereinigung mit dem Bischof. Ich vertraue der Gnade Jesu Christi, der jede Fessel von euch nehmen wird. Ich ermahne euch, nichts aus Streitsucht zu tun, sondern gemäß der Lehre Christi. Da ich einige sagen hörte: wenn ich etwas nicht in den Urkunden, in dem Evangelium finde, glaube ich nicht; und als ich ihnen erwiderte, dass es geschrieben steht, gaben sie mir zur Antwort: dies steht ja in Frage. Mir aber ist Urkunde Jesus Christus; mir sind die unversehrten Urkunden sein Kreuz, sein Tod, seine Auferstehung und der durch ihn begründete Glaube; in diesen will ich durch euer Gebet gerechtfertigt werden.“ (Brief des Ignatius an die Philadelphier 7-8)

Ignatius schreibt an einen Bischof gerichtet:

„Bei der Gnade, mit der du angetan bist, ermahne ich dich, deinen Lauf zu beschleunigen und alle zu ermuntern, dass sie gerettet werden. Verteidige deinen Posten in jeglicher Sorgfalt, fleischlicher wie geistiger; sorge für die Einheit, das Beste von allem. Alle ertrage, wie auch dich der Herr; ertrage alle in Liebe, wie du ja auch tust. Dem Gebete widme dich ohne Unterlass; bitte um größere Einsicht, als du hast. Wache, ausgerüstet mit einem schlaflosen Geiste. Mit jedem einzelnen rede nach Gottes Art; trage die Krankheiten aller als vollkommener Held. Wo größere Mühe, ist reicher Lohn.

Wenn du nur die guten Schüler lieb hast, bringt es dir keinen Dank; bringe vielmehr die Bösartigen in Sanftmut zur Unterordnung. Nicht jede Wunde wird mit dem gleichen Pflaster geheilt. Fieberanfälle stille durch feuchte Umschläge. Werde klug wie die Schlange in allen Dingen und für immer einfältig wie die Taube. Deshalb bist du fleischlich und geistig, dass du, was dir unter die Augen kommt, freundlich behandelst; bitte, dass das Unsichtbare dir offenbar werde, auf dass dir nichts fehle und du Überfluss habest an jeglicher Gnadengabe. Die Zeit verlangt nach dir, damit du zu Gott gelangest, wie der Steuermann nach dem Winde, wie der vom Sturm Bedrängte nach dem Hafen. Sei nüchtern wie ein Gottesheld; der Preis ist Unvergänglichkeit und ewiges Leben, wovon auch du überzeugt bist. In allem bin ich für dich zum Opfer bereit und meine Ketten, die du lieb gewonnen hast.

Die scheinbar Glauben verdienen und die Abweichendes lehren, sollen dich nicht einschüchtern. Stehe fest wie ein Ambos unter den Schlägen (des Hammers). Einem starken Ringkämpfer ist es eigen, dass er Streiche erhält und doch den Sieg erringt. Wir müssen in erster Linie um Gottes willen alles ertragen, damit auch er uns ertrage. Werde noch viel eifriger, als du bist. Lerne die Zeiten kennen. Den erwarte, der über der Zeit ist, den Zeitlosen, den Unsichtbaren, der unseretwegen sichtbar geworden, den Unbetastbaren, den Leidenlosen, der unseretwegen gelitten hat, der auf alle Arten unseretwegen geduldet hat.

Witwen dürfen nicht vernachlässigt werden, nach dem Herrn sollst du ihr Schutzherr sein. Nichts soll ohne deinen Willen geschehen, und du sollst nichts tun ohne Gott, wie du es ja auch nicht tust; sei standhaft! Die Versammlungen sollen häufiger stattfinden; suche alle beim Namen.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 1,2-4,2)

Der hl. Polykarp von Smyrna, an den der obige Brief von Ignatius gerichtet war, schreibt in einem Brief an die Gemeinde von Philippi über die Aufgaben der Presbyter:

„Auch die Presbyter (sollen) wohlwollend (sein), barmherzig gegen alle, (sollen) die Verirrten zurückführen, alle Kranken besuchen, voll Sorge sein für die Witwen, die Waisen und die Armen; stets (sollen) sie bedacht (sein) auf das Gute vor Gott und den Menschen, sich frei halten von jedem Zorn, von Parteilichkeit, von ungerechtem Urteil, (sollen) ferne sein von jeglicher Geldgier, Reden wider andere nicht sogleich glauben, nicht strenge im Urteil im Bewusstsein, dass wir alle der Sünde unsere Schuld bezahlen. Wenn wir nun den Herrn bitten, er möge uns vergeben, dann müssen auch wir vergeben; denn wir stehen unter den Augen des Herrn und Gottes, und wir alle müssen hintreten vor den Richterstuhl Christi, und jeder muss über sich Rechenschaft geben. So wollen wir ihm dienen mit Furcht und jeglicher Vorsicht, wie er selbst es befohlen und die Apostel, die bei uns das Evangelium gepredigt, und die Propheten, welche die Ankunft unseres Herrn vorherverkündet haben; (wir wollen) Eiferer (sein) für das Gute, uns hüten vor dem Ärgernis und vor den falschen Brüdern und vor denen, die heuchlerisch den Namen des Herrn tragen und so unbedachtsame Menschen verführen.“ (Brief Polykarps an die Philipper 6)

Und über die Diakone schreibt er:

„Desgleichen (müssen) die Diakonen untadelig (wandeln) angesichts seiner Gerechtigkeit als Diener Gottes und Christi, nicht der Menschen nicht als Verleumder, nicht doppelzüngig, nicht geldgierig, enthaltsam in allen Dingen, wohlwollend, besorgt, wandelnd nach der Wahrheit des Herrn, der aller Diener war. Wenn wir ihm wohlgefällig sind in dieser Welt, werden wir auch die zukünftige erlangen, wie er uns versprochen hat, von den Toten uns zu erwecken und ebenso (versprochen hat), dass, wenn wir seiner würdig wandeln, wir auch mit ihm herrschen werden, falls wir den Glauben haben. Desgleichen (sollen) auch die Jünglinge untadelig (sein) in allem, vor allem der Keuschheit sich befleißen und sich selbst zügeln und zurückhalten vor allem Bösen; denn es ist gut, sich loszureißen von den Begierden der Welt, weil jede Begierde ankämpft wider den Geist und weil weder Hurer noch Weichlinge noch Knabenschänder das Reich Gottes erben werden, noch die, welche Unordentliches tun. Deshalb muss man sich von all dem enthalten, im Gehorsam gegen die Presbyter und die Diakonen wie gegen Gott und Christus; die Jungfrauen sollen in untadeligem und keuschem Gewissen wandeln.“ (Brief Polykarps an die Philipper 5,2-3)

Polykarp schreibt über einen Priester, der seine Stellung missbraucht hatte:

„Ungemein betrübt bin ich wegen Valens, der einst bei euch zum Presbyter bestellt wurde, weil er die ihm übertragene Stellung so mißkannt hat. Deshalb mahne ich euch, dass ihr euch enthaltet von der Habsucht, dass ihr keusch und wahrhaftig seid. Haltet euch frei von allem Bösen. Wer aber in diesen Stücken sich selbst nicht meistern kann, wie soll er es einem andern vorschreiben? Wer sich nicht frei hält von der Habsucht, der wird vom Götzendienst befleckt und wird gleichsam unter die Heiden gerechnet werden, die das Gericht des Herrn nicht kennen. Oder wissen wir nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden, wie Paulus lehrt? Ich habe aber nichts Derartiges bemerkt oder gehört bei euch, unter denen der selige Paulus gewirkt, die ihr am Anfang seines Briefes stehet. Rühmt er sich doch eurer in allen Kirchen, soweit sie damals Gott erkannt hatten; wir hatten ihn (damals) noch nicht erkannt. Gar sehr also, Brüder, bin ich um seinetwillen betrübt und um seine Frau; möge ihnen Gott wahre Reue schenken. Seid aber auch ihr vernünftig in diesem Punkte und betrachtet solche nicht als Feinde, sondern rufet sie als leidende und irrende Glieder zurück, damit ihr den Leib von euch allen gesund machet. Wenn ihr so handelt, werdet ihr euch selbst zur Erbauung dienen.“ (Brief Polykarps an die Philipper 11)

Im Hirten des Hermas, einer Privatoffenbarung eines römischen Laien, spätestens um die Mitte des 2. Jh.s entstanden, heißt es an den Klerus gerichtet:

„Jetzt aber rede ich zu den Vorstehern der Kirche und den Inhabern der ersten Plätze; werdet den Giftmischern nicht ähnlich! Diese tragen nun zwar ihr Gift in Büchsen, ihr aber habt euer Gift und euer tötendes Mittel im Herzen. Ihr seid verhärtet und wollet euer Herz weder reinigen noch eine einmütige Gesinnung miteinander haben in einem reinen Herzen, auf dass ihr Erbarmen erlangen könntet von dem großen Könige. Sehet also zu, Kinder, dass diese Zwistigkeiten euch nicht um das Leben bringen! Wie wollt ihr die Erwählten des Herrn erziehen, wenn ihr selbst keine Zucht habet? Es erziehe also einer von euch den anderen; und haltet Friede unter euch selbst, damit auch ich frohen Herzens vor den Vater treten und eurem Herrn Rechenschaft geben könne über euch alle!“ (Hirte des Hermas I,3,9,7-10)

Bischof Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr. über das Priestertum folgendes (das stammt aus einem Werk gegen die esoterischen gnostischen Sekten):

Deswegen muß man auch den Priestern der Kirche gehorchen, die, wie wir gezeigt haben, Nachfolger der Apostel sind. Sie haben mit der Nachfolge des Episkopats das sichere Charisma der Wahrheit nach dem Wohlgefallen des Vaters empfangen. Die anderen aber, die der apostolischen Nachfolge fernstehen und irgendwo zusammenkommen, muß man als Häretiker oder Irrlehrer betrachten, die sich von der Kirche aus Stolz oder Eitelkeit trennen, oder als Heuchler, die sich um Geld oder eitlen Ruhmes wegen mühen. Sie alle sind von der Wahrheit abgefallen, und jene Häretiker, die fremdes Feuer, d. h. fremde Lehren, zum Altare Gottes bringen, werden vom himmlischen Feuer verzehrt werden wie Nadab und Abiud. Die sich aber gegen die Wahrheit erheben und andere gegen die Kirche Gottes aufhetzen, die werden von dem Abgrund der Erde verschlungen und in der Hölle bleiben wie die mit Kore, Dathan und Abiron. Die aber die Einheit der Kirche spalten und trennen, werden von Gott dieselbe Strafe empfangen wie Jeroboam.

Die aber von vielen für Priester gehalten werden, obwohl sie ihren Lüsten dienen, Gott in ihren Herzen nicht fürchten, den übrigen Schmach antun, und aufgeblasen durch den ihnen anvertrauten Vorrang, im Verborgenen Böses tun und sprechen: ‚Niemand sieht uns‘, die werden von dem Worte gerichtet werden, das nicht nach dem Ansehen urteilt, noch auf das Gesicht schaut, sondern auf das Herz. Sie werden die Worte des Propheten Daniel vernehmen: ‚Samen Davids und nicht Judas, der Schein hat dich betrogen, und die Begierde hat dein Herz verkehrt; du bist alt geworden in schlechten Tagen, Jetzt kommen heran deine Sünden, die du früher tatest, als du richtetest ungerechte Gerichte, indem du die Unschuldigen verurteiltest und die Schuldigen losließest, obwohl der Herr spricht: Den Unschuldigen und Gerechten sollst du nicht töten.‘ Von solchen hat auch der Herr gesagt: ‚Wenn aber der schlechte Knecht in seinem Herzen spricht: Es zögert mein Herr, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, so wird der Herr jenes Knechtes kommen an dem Tage, da er nicht weiß, und zu der Stunde, da er nicht hofft, und er wird ihn verteilen und ihm seinen Teil mit den Ungläubigen geben.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,26,2-3)

In den christlichen Sibyllinen werden bei der Schilderung des Weltgerichts unter den Sündern Priester und Diakone erwähnt, die ihr Amt missbrauchten:

„Auch alle, welche mit schlauem und schamlosem Mienenspiele
Einst als Presbyter und ehrwürd’ge Diakonen schauten
Auf die Person und den Reichtum der Partner und ungerecht richtend (?)
Anderen Unrecht taten, von falschen Zeugen beeinflußt …
Schlimmer als Perdel und reißende Wölfe …“ (Christliche Sibyllinen II,263-268, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 507.)

Dann gäbe es noch das Thema Diakonissen; aus späteren Zeiten in der Antike ist das Diakonissenamt bezeugt – Diakonissen hatten allerdings nicht dieselben Aufgaben und vor allem nicht dieselbe Weihe wie männliche Diakone. Sie waren eher etwas wie Pastoralreferentinnen, wenn überhaupt; sie halfen z. B. bei der Frauenseelsorge.

Es ist möglich, dass es dieses Amt auch früher schon gab. Der römische Statthalter Plinius, der in Bithynien in Kleinasien (heutige Türkei) lebte, schrieb zwischen 111 und 113 n. Chr. einen Brief über ein Gerichtsverfahren gegen Christen an Kaiser Trajan. In diesem Brief taucht nebenbei folgende Zeile auf:

„Für um so notwendiger hielt ich es, aus zwei Mägden, die Dienerinnen genannt werden, unter der Folter herauszubekommen, was wahr sei. Ich fand nichts anderes als einen wüsten, maßlosen Aberglauben.“ (Pliniusbrief)

Es ist möglich, dass diese „Dienerinnen“ (lateinisch „ministrae“) Diakonissen einer christlichen Gemeinde waren.

Zum Schluss eine Art kleiner Exkurs: In der Epistula Apostolorum, einem Werk, das sich als Brief der Apostel ausgibt, spricht Jesus nach Seiner Auferstehung zu den Aposteln darüber, dass sie „Väter“ genannt werden werden. (Man beachte: Auch in der Bibel sehen sich Apostel wie Paulus und Johannes als „Väter“ der von ihnen bekehrten Christen, die sie ihre „Kinder“ nennen, vgl. 1 Kor 4,14-17; 1 Joh 2,1; auch der Titel „Lehrer“ kommt im Neuen Testament öfter vor, s. z. B. 1 Tim 2,7 oder Jak 3,1.)

Äthiopische Version:

„Und er sprach zu uns: ‚Geht und predigt und werdet gute Diener und Knechte!‘ Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, du bist unser Vater.‘ Und er sprach zu uns: ‚Sind alle Väter und alle Diener, alle Lehrer?‘ Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, hast du nicht gesagt: Nicht nennt (jemanden) auf Erden Vater und Meister, denn einer ist euer Vater und Lehrer: der in den Himmeln? Jetzt sagst du uns, daß wir wie du vielen Kindern Väter werden sollen und auch Lehrer und Diener.‘ Und er antwortete und sprach zu uns: ‚Ihr habt recht gesagt. Wahrlich, ich sage euch: alle, die auf euch gehört und an mich geglaubt haben, werden erhalten das Licht des Siegels, das in meiner Hand ist, und durch mich werdet ihr werden Väter und Lehrer.‘

Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, wie ist es möglich, daß dies drei an Einem werde?‘ Und er antwortete und sprach zu uns: ‚Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Väter werdet ihr genannt werden, weil ihr liebreich und barmherzig ihnen offenbart habt, was im Himmelreich (ist ……, weil) sie durch meine Hand empfangen werden die Taufe des Lebens und die Vergebung der Sünde. Und Lehrer: weil ihr ihnen mein Wort überliefert ohne Schmerz und sie zurechtgewiesen habt und sie sich bekehrt haben in dem, worin ihr sie getadelt habt. Und vor ihrem Reichtum habt ihr euch nicht gescheut und habt nicht das Angesicht (= die Person) berücksichtigt, sondern ihr habt das Gebot des Vaters bewahrt und es getan. Und ihr habt Lohn bei meinem himmlischen Vater; und jenen wird Sündenvergebung und ewiges Leben und Anteil am Reich zuteil werden.'“

Koptische Version:

„Er [aber] antwortete und sprach zu uns: ‚Gehet und prediget, so werdet ihr werden Arbeiter … und Diener. Wir aber sprachen zu ihm: ‚Du bist es, der predigen wird durch uns.‘ Da antwortete er uns, indem er sagte: ‚Nicht seid Väter alle noch seid Meister alle!‘ Wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, du bist es, der zu uns gesagt hat: Nicht nennet euch (jemanden) Vater auf Erden, einer nämlich ist euer Vater, der in den Himmeln, und euer Meister – warum sagst du uns jetzt: Ihr werdet sein Väter vieler Kinder und Diener und Meister?‘ Er antwortete aber und sprach zu uns: ‚Wie ihr es gesagt habt. Wahrlich nämlich, ich sage euch: Wer auf euch hören und glauben wird an mich, der [wird empfangen von] euch das Licht des Siegels durch [mich] und die Taufe durch mich; ihr werdet [werden] Väter und Diener und auch Meister.‘

Wir aber sprachen zu ihm: ‚O Herr, wie nun (ist es möglich), daß ein jeder von uns diese drei wird?‘ Er aber sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet einmal Väter genannt werden, weil ihr mit geziemendem Herzen und in Liebe ihnen offenbart habt die Dinge des Reiches der Himmel. Und ihr werdet Diener genannt werden, weil sie die Taufe des Lebens und die Vergebung ihrer Sünden von meiner Hand durch euch empfangen werden. Und ihr werdet Meister genannt werden, weil ihr ihnen das Wort ohne Neid gegeben und sie zurechtgewiesen habt, und als ihr sie zurechtgewiesen habt, haben sie sich bekehrt. Ihr habt euch nicht gescheut vor ihrem Reichtum [und vor] ihrem Angesicht, sondern ihr habt gehalten [die Gebote] meines Vaters und sie vollbracht. Und [ein] großer Lohn wird euch zuteil werden bei meinem Vater, dem in den Himmeln, und jenen wird die Vergebung der Sünden zuteil werden und ewiges Leben und sie werden teilhaben an dem Reich der Himmel.'“

(Epistula Apostolorum 41(52)-42(53), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 149f. Englische Übersetzung hier.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 5b: Die Kirche – Ortskirchen und Weltkirche

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Apg 8-28; 1 Kor 1,1f.; 1 Kor 16; 2 Kor 1; 2 Kor 8-9; 2 Kor 11,7-10; 2 Kor 13; Röm 16; Gal 1; Phil 2,19-30; Phil 4; Kol 4; 1 Thess 1-3; 2 Thess 1,1-3; 2 Tim 4; Tit 1,5; Tit 3,12-15.

Heute nur ein kurzer Beitrag dazu, was man davon hört, wie die einzelnen Ortskirchen miteinander verbunden waren und wie weit die Kirche bereits ausgedehnt war.

Die Rolle Roms klammere ich hier wieder aus, weil dazu ein eigener Beitrag kommt.

Auch die Ortskirchen werden, wie gesagt, Kirche genannt. So schreibt beispielsweise Papst Clemens im Jahr 95 n. Chr.:

„Die Kirche Gottes, die zu Rom in der Fremde lebt, an die Kirche Gottes, die zu Korinth in der Fremde lebt, den Berufenen, nach dem Willen Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus Geheiligten, Gnade sei euch und Friede in reicher Fülle von dem allmächtigen Gott durch Jesus Christus.“ (1. Clemensbrief, Anrede)

Polykarp von Smyrna schreibt in einem Brief, der kurz nach den Ignatiusbriefen geschrieben wurde:

„Polykarp und seine Presbyter an die Kirche Gottes, die in Philippi weilt; Erbarmen und Friede sei mit euch von dem allmächtigen Gotte und unserem Erlöser Jesus Christus in reicher Fülle.“ (Brief Polykarps an die Philipper, Anrede)

Auch bei Ignatius heißt es (um ein Beispiel herauszunehmen):

„Ignatius, der auch Theophorus (heißt), der Kirche Gottes des Vaters und des geliebten Jesus Christus, die Erbarmen gefunden in jeglicher Gnadengabe, die vollendet ist in Glaube und Liebe, die keiner Gnadengabe ermangelt, der gotteswürdigen und Mutter von Heiligen, die zu Smyrna in Asien ist, herzliche Grüße in untadeligem Geiste und Werke Gottes.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer, Anrede)

Man beachte: Hier wird die Kirche auch als „Mutter“ bezeichnet.

Davon, wie die einzelnen Gemeinden durch Briefe und Gesandtschaften verbunden waren, bietet Ignatius‘ Geschichte Anschauungsmaterial. Als er von Antiochia nach Rom gebracht wurde, damit ihm dort wegen seines Christseins der Prozess gemacht wurde (römische Bürger hatten ein Recht darauf, dort vor Gericht gestellt zu werden), schickten die Gemeinden auf seinem Weg durch Kleinasien und Griechenland Gesandte zu ihm, die ihn trafen und ihn teilweise ein Stück begleiteten, und er schrieb auf späteren Stationen seines Weges Briefe zurück an die Gemeinden, durch die er gekommen war (und außerdem einen voraus nach Rom), und bat sie, auch noch Gesandte zu seiner Gemeinde in Syrien zu schicken. Er schreibt an Bischof Polykarp von Smyrna:

„Da die Kirche von Antiochien in Syrien, wie mir mitgeteilt wurde, auf euer Gebet hin Friede hat, wurde auch ich freudiger gestimmt in sorglosem Vertrauen auf Gott, wenn ich nur durch meine Leiden zu Gott gelange, damit ich bei der Auferstehung als euer Jünger erfunden werde. Es wäre angebracht, gottseliger Polykarp, dass ihr eine gottgefällige Versammlung veranstaltet und einen Mann wählet, den ihr gar sehr liebet, einen unermüdlichen, den man Gottesläufer nennen kann; dass ihr diesen beehret, nach Syrien zu reisen, damit er eure unverdrossene Liebe kund tue zur Ehre Gottes. […]

Da ich nun allen Kirchen nicht mehr schreiben konnte wegen der plötzlichen Abreise von Troas nach Neapel, wie es (Gottes) Wille gebietet, so schreibe du, da du mit Gottes Gesinnung ausgestattet bist, den vorderen Kirchen, dass auch sie das gleiche tun, dass nämlich die einen, denen es möglich ist, Gesandte, die anderen aber durch die von dir abgeordneten Boten Briefe schicken, damit ihr verherrlicht werdet durch ein bleibendes Werk, wie du es ja verdienst. Ich grüße alle bei Namen, besonders die Frau des Epitropus mit ihrem ganzen Hause und ihren Kindern. Ich grüße meinen geliebten Attalus. Ich grüße den, der die Ehre haben wird, nach Syrien zu reisen. Die Gnade soll mit ihm sein in allem und mit Polykarp, der ihn abschickt. Ich sage euch für immer Lebewohl in unserem Gott Jesus Christus, in dem ihr verharren möget, geeint mit Gott und unter seinen Augen. Ich grüße Alke, den mir lieben Namen. Lebet wohl im Herrn!“ (Brief des Ignatius an Polykarp 7-8)

Polykarp schreibt dann später an die Philipper:

„Sowohl ihr habt mir geschrieben als auch Ignatius, dass, wenn jemand nach Syrien reise, er auch euren Brief mitnehmen solle; das werde ich besorgen, wenn ich günstige Zeit habe, sei es persönlich oder durch einen Boten, den ich auch in eurem Namen abordnen werde. Die Briefe des Ignatius, die er an uns geschickt hat, und andere, die wir bei uns haben, schicken wir euch zu, wie ihr verlangt habt; sie sind diesem Briefe beigefügt; ihr werdet großen Nutzen aus ihnen ziehen können. Denn sie handeln von Glaube, Geduld und jeglicher Erbauung, die auf unseren Herrn abzielt. Auch möget ihr, was ihr über Ignatius selbst und seine Begleiter Sicheres erfahren habet, (uns) kund tun.“ (Brief Polykarps an die Philipper 13)

Aus dem kirchlichen Leben des späteren 2. Jh. findet man Zeugnisse bei dem Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea, der um 300 schreibt. Da schreibt er z. B. über den Umgang mit dem Montanismus (einer Abspaltung von der Kirche, deren Anhänger einen gewissen Montanus für einen Propheten hielten – auch zwei Frauen namens Priscilla und Maximilla traten als montanistische Prophetinnen auf – und sehr streng in ihrer Glaubenspraxis waren, z. B. die Wiederheirat von Witwen & Witwern ablehnten):

„Die Schriften des Apollinarius, die gegen die genannte Sekte gerichtet sind, werden von Serapion erwähnt, der nach der Überlieferung zu jener Zeit nach Maximinus Bischof der Kirche von Antiochien war. Er gedenkt dessen in seinem Briefe an Karikus und Pontius, worin auch er dieselbe Sekte behandelt und dabei also spricht: ‚Damit ihr aber wißt, daß das Treiben dieser lügenhaften Genossenschaft, welche sich als neue Prophetie bezeichnet, von allen Brüdern der Erde verachtet wird, übersende ich euch Briefe des Klaudius Apollinarius, des heiligen Bischofs von Hierapolis in Asien.‘ In diesem Briefe des Serapion finden sich auch Unterschriften verschiedener Bischöfe. Einer derselben unterzeichnet sich also: ‚Ich, Aurelius Quirinius, Märtyrer, bete, daß es euch gut gehe.‘ Eine andere Unterschrift lautet: ‚Älius Publius Julius aus der Kolonie Debeltus in Thrazien, Bischof: so wahr Gott im Himmel lebt, hat der selige Sotas in Anchialos1 den Dämon der Priscilla austreiben wollen, aber die Heuchler haben es nicht zugelassen.‘ Auch noch von mehreren anderen Bischöfen, welche mit diesen Männern übereinstimmten, finden sich eigenhändige Unterschriften in dem erwähnten Briefe.2 Soviel über die Frage des Montanismus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,19)

An einer anderen Stelle schreibt er:

„Was Dionysius betrifft, ist zunächst zu bemerken, daß er den bischöflichen Thron der Kirche in Korinth erhalten hatte und daß er an seinem gottbegeisterten Eifer nicht allein seine Untergebenen, sondern neidlos auch bereits fremde Diözesanen teilnehmen ließ. Besonders nützlich machte er sich allen durch seine katholischen Briefe an die Kirchen. Von diesen Briefen ist einer an die Lacedämonier gerichtet; in demselben lehrt er den rechten Glauben und mahnt zu Friede und Einigkeit. Ein anderer Brief wendet sich an die Athener. In diesem sucht er Glauben und evangelisches Leben zu wecken und macht er den Athenern den Vorwurf, daß sie dies vernachlässigt haben und fast von der Lehre abgefallen seien, seitdem ihr Bischof Publius — es war zu seiner Zeit — den Martertod erlitten hat. Er gedenkt (daselbst) des Quadratus,1 der nach dem Martyrium des Publius ihr Bischof geworden war, und stellt ihm das Zeugnis aus, daß die Athener dank seinem Eifer sich wieder gesammelt haben und zu neuem Glaubensleben erwacht seien. Ferner teilt er (daselbst) mit, daß Dionysius der Areopagite, der nach dem Berichte der Apostelgeschichte2 von dem Apostel Paulus für den Glauben gewonnen worden war, zum ersten Bischof der Kirche in Athen erwählt wurde. Ein weiterer, noch vorhandener Brief des Dionysius ist an die Bewohner von Nikomedien gerichtet. In demselben bekämpft er die Häresie des Marcion und stellt sich auf den Boden des wahren Glaubens. In einem Briefe, der an die Kirche zu Gortyna und zugleich an die übrigen Kirchen auf Kreta gerichtet ist, belobt er deren Bischof Philippus, daß sein Sprengel sich durch blühendes Tugendleben auszeichne, und warnt vor Verführung durch die Häretiker. In dem Briefe, den er an die Gemeinde in Amastris und zugleich an die Gemeinden des Pontus geschrieben, gedenkt er des Bacchylides und Elpistus, sofern sie Anlaß des Schreibens waren, und gibt darin Erklärungen zu Bibelstellen und erwähnt ihren Bischof namens Palmas. Auch richtet er an sie zahlreiche Mahnungen bezüglich der Ehe und Jungfräulichkeit und fordert sie auf, alle jene, welche sich von irgendeinem Falle, einem Irrtum oder selbst von einer Häresie bekehren, wieder aufzunehmen.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,23)

(Marcion war ein Sektengründer, der, grob gesagt, das Alte Testament ablehnte und lehrte, dass der Gott des AT und der Gott des NT verschiedene Götter seien, d. h. der Gott des AT eigentlich nur ein untergeordnetes böses Wesen.)

Über die Ausdehnung der Kirche schreibt Ignatius:

„Denn auch Jesus Christus, unser untrennbares Leben, ist der Wille des Vaters, wie auch die Bischöfe, die bis an die Grenzen der Welt aufgestellt sind, im Willen Jesu Christi sind.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 3,2)

Darüber, wie weit die Apostel herumgekommen waren, liest man etwas bei Eusebius:

„Markus soll als erster in Ägypten das von ihm niedergeschriebene Evangelium gepredigt und in Alexandrien selbst als erster Kirchen gegründet haben. […]

Im achten Jahre der Regierung Neros übernahm Annianus als erster nach dem Evangelisten Markus die Leitung der Kirche in Alexandrien.“ (Eusebius, Kirchengeschichte II,16 u. 24)

„Die heiligen Apostel und Jünger unseres Erlösers aber hatten sich über die ganze Erde zerstreut. Nach der Überlieferung hatte Thomas Parthien (als Wirkungskreis) erhalten, Andreas Scythien, Johannes Asien, wo er nach längerem Aufenthalt in Ephesus starb. Petrus hatte offenbar im Pontus, in Galatien, Bithynien, Kappadozien und Asien den Diasporajuden gepredigt;1 schließlich kam er auch noch nach Rom und wurde seinem Wunsche entsprechend mit dem Kopfe nach unten gekreuzigt. Was soll ich von Paulus sagen, der ‚von Jerusalem bis Illyrien das Evangelium Christi verkündet hatte‘2 und später in Rom unter Nero gemartert wurde? So berichtet wörtlich Origenes im dritten Buche seiner Erklärungen zur Genesis.3(Eusebius, Kirchengeschichte III,1)

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(Hier eine Karte, damit man die Namen der Regionen einigermaßen zuordnen kann; sie zeigt allerdings das Römische Reich noch ein paar Jahrzehnte v. Chr. Das Partherreich lag östlich des Römischen Reiches (hier rot) und dehnte sich weit nach Osten aus. Illyrien war auf dem Balkan, mit Asien ist immer nur Kleinasien (heutige Türkei) bzw. auch nur ein Teil davon gemeint, die Skythen lebten nördlich des Schwarzen Meeres. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Borsanova.)

Ihre Nachfolger:

„Daß Paulus durch seine Predigt an die Heiden den Grund zu den Kirchen ‚von Jerusalem und dessen Umgebung bis nach Illyrien‘1 gelegt hat, dürfte sich aus seinen eigenen Worten sowie aus dem Berichte des Lukas in der Apostelgeschichte ergeben. In wievielen Provinzen Petrus denen aus der Beschneidung die frohe Botschaft von Christus gebracht und die Lehre des Neuen Bundes überliefert hat, dürfte sich deutlich aus den Worten Petri, nämlich aus dem erwähnten, allgemein anerkannten Briefe desselben ergeben, in welchem er an die Hebräer der Diaspora im Pontus, in Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien schreibt.2 Wieviele und welche Personen zu den rechtmäßigen Nachfolgern von Paulus und Petrus gehörten, so daß sie würdig befunden wurden, die von diesen gegründeten Kirchen zu weiden, ist nicht leicht zu bestimmen, abgesehen von ausdrücklichen Angaben des Paulus. Zahlreich waren ja dessen Mitarbeiter und, wie er sie selber nannte,3 Mitstreiter. Die meisten derselben hat er eines Andenkens gewürdigt, das nicht vergessen werden wird; ein unverfängliches Zeugnis hat er über sie in seinen Briefen niedergelegt. Doch auch Lukas erwähnt in der Apostelgeschichte die Schüler des Paulus und nennt sie mit Namen. Wie berichtet wird, wurde Timotheus zum ersten Bischof der Kirche von Ephesus4 und Titus zum ersten Bischof der Kirchen von Kreta5 ernannt. Lukas, der aus Antiochien stammte und von Beruf Arzt war, lebte meist in der Gesellschaft des Paulus, verkehrte aber auch eifrig mit den übrigen Aposteln. Beweise der Seelenheilkunde, welche er von den Aposteln erlernt hatte, hinterließ er uns in zwei inspirierten Schriften. Die eine ist das Evangelium, welches er nach seiner Versicherung entsprechend den Überlieferungen ausgearbeitet hat, die ihm die ersten Augenzeugen und Diener des Wortes gegeben haben, denen er allen, wie er sagt, von Anfang an gefolgt ist.6 Die andere Schrift ist die Apostelgeschichte, in welcher er nicht mehr Gehörtes, sondern persönlich Erlebtes aufgezeichnet hat. Wenn Paulus den Ausdruck gebraucht ’nach meinem Evangelium‘7 und damit den Schein erweckt, als hätte er selbst ein Evangelium geschrieben, dann soll er auf das Evangelium nach Lukas verweisen wollen. Von den übrigen Schülern des Paulus reiste Krescens, wie der Apostel erklärt,8 nach Gallien, Linus aber, von dem er im zweiten Briefe an Timotheus erzählt,9 daß er sich bei ihm in Rom befinde, erhielt zunächst nach Petrus den bischöflichen Stuhl der Kirche in Rom, wie ich schon oben10 gesagt habe. Klemens, der dritte Bischof der Kirche in Rom, wird von Paulus selbst als sein Mitarbeiter und Mitkämpfer erklärt.11 Ferner war der bekannte Areopagite, namens Dionysius, von welchem Lukas in der Apostelgeschichte12 schrieb, daß er nach der von Paulus auf dem Areopag an die Athener gehaltenen Rede zuerst den Glauben angenommen habe, der erste Bischof der Kirche von Athen, wie einer von den Alten, ein anderer Dionysius, der Hirte der Kirche von Korinth, berichtet. Die weiteren im Laufe der Jahre sich ablösenden Nachfolger der Apostel werden wir im Verlaufe unserer Kirchengeschichte bei Gelegenheit erwähnen. Gehen wir nun auf das Folgende über!“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,4)


(Noch eine Karte, die eine späteren Zustand des Reiches zeigt. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Andrei nacu, deutsche Version von Furfur.)

„Zu gleicher Zeit machten sich noch mehrere andere einen Namen, welche den ersten Rang unter den Nachfolgern der Apostel einnahmen. Diese bauten als gottesfürchtige Schüler so großer Männer auf dem von den Aposteln überall gelegten kirchlichen Grunde weiter, mehr und mehr ihre Predigttätigkeit ausdehnend und weithin auf dem ganzen Erdkreis den heilbringenden Samen vom Reiche Gottes ausstreuend. Sehr viele von den damals lebenden Jüngern zogen nämlich, nachdem sie, vom göttlichen Worte zu heißer Liebe für Philosophie2 begeistert, in Befolgung eines Erlöserwortes3 ihr Vermögen an die Armen verschenkt hatten, in die Ferne und waren als Evangelisten tätig und eifrig bemüht, denen, die noch gar nichts von der Glaubenslehre gehört hatten, zu predigen und ihnen die Schriften der göttlichen Evangelien zu bringen. Nachdem sie auf fremdem Boden nur erst den Grund des Glaubens gelegt hatten, stellten sie andere Männer als Hirten auf, um diesen die Pflege der Neubekehrten anzuvertrauen. Sodann zogen sie wieder in andere Länder zu anderen Völkern, von Gottes Gnade und Kraft unterstützt; denn damals wirkten noch in ihnen zahlreiche Wunderkräfte des göttlichen Geistes, so daß ganze Scharen gemeinsam schon bei der ersten Predigt bereitwillig den Glauben an den Weltschöpfer von Herzen annahmen. Da es uns nicht möglich ist, alle jene Männer namentlich aufzuzählen, welche am Anfange der nachapostolischen Zeit irgendeinmal in den Kirchen des Erdkreises als Hirten oder Evangelisten aufgetreten sind, so erwähnen wir in unserer Geschichte füglich nur die Namen derer, deren apostolische Lehre uns bis auf den heutigen Tag in Denkmälern überliefert ist.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,37)

„Damals taten sich in der Kirche hervor: Hegesippus, den wir oben kennengelernt haben, Dionysius, Bischof von Korinth, Pinytus, Bischof auf Kreta, ferner Philippus, Apolinarius, Melito, Musanus, Modestus und schließlich Irenäus. Diese haben uns die wahre Lehre des gesunden, von den Aposteln gepredigten Glaubens in Schriften überliefert.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,21)

Über die Ausdehnung der Kirche im späten 2. Jahrhundert berichtet Eusebius:

„Damals leitete ein wegen seiner Gelehrsamkeit sehr berühmter Mann, namens Pantänus, die Schule der Gläubigen in Alexandrien. Alter Sitte gemäß sollte dort eine Anstalt für den Unterricht in den heiligen Wissenschaften bestehen, die bis in unsere Tage sich erhalten und, wie wir wissen, mit guten philosophischen und theologischen Kräften besetzt war. Unter diesen soll sich damals Pantänus ganz besonders hervorgetan haben. Er war aus der Philosophenschule der sog. Stoiker hervorgegangen. Wie man erzählt, zeigte er solchen Feuereifer für die göttliche Lehre, daß er als Verkünder des Evangeliums Christi unter den Völkern des Ostens auftrat und sogar bis Indien zog. Es gab nämlich tatsächlich damals noch Wortverkündiger die Menge, die das Verlangen hatten, ihren göttlichen Eifer, die Apostel nachzuahmen, in Ausbreitung und Vermehrung des göttlichen Wortes zu betätigen. Zu ihnen gehörte Pantänus, der nach Indien gekommen sein soll, wo er, wie berichtet wird, bei einigen dortigen Bewohnern, die von Christus Kenntnis hatten, das schon vor seiner Ankunft dorthin gelangte Matthäusevangelium vorgefunden habe. Bartholomäus, einer der Apostel, soll diesen gepredigt und ihnen die Schrift des Matthäus in hebräischer Sprache hinterlassen haben, die denn damals noch erhalten gewesen sei. Auf Grund zahlreicher Verdienste wurde Pantänus schließlich Vorsteher der Katechetenschule in Alexandrien,1 wo er mündlich und schriftlich2 die Schätze der göttlichen Lehren auslegte.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,10)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 4: Die Dreifaltigkeitslehre

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Von den frühchristlichen Schriftstellern selbst werden oft herangezogen: Joh 1, Joh 14, Joh 16, als Hinweise aus dem AT Spr 8,22-31, Gen 1,26, Gen 19,24, Ps 45,7, Ps 33,6, Ps 110,1, in Bezug auf den hl. Geist Apg 2. Außerdem gäbe es z. B. Mt 28,19f.

Hier seien kurz ein paar wichtige Punkte der katholischen Dreifaltigkeitslehre zusammengefasst: Gott ist ein Wesen in drei Personen; alle bestehen von Ewigkeit her. Der Sohn ist gezeugt, nicht geschaffen, vom Vater; der Heilige Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor. Es handelt sich um ewige Abhängigkeiten, ewige Hervorgänge, wie ein Arm am Körper hängt, ohne dass der Körper jemals ohne den Arm existiert hat. Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott, der Heilige Geist ist Gott; es ist nur ein Gott. Die Personen sind real unterschieden, nicht nur verschiedene Bezeichnungen für den einen Gott; trotzdem ist nur ein Gott, nicht drei Götter; Gott ist in sich Gemeinschaft, und Er ist vollkommen einfach und ungeteilt. Alle Vergleiche, die man dafür heranziehen kann, sind immer unvollständig und irgendwo falsch.


(Schaubild. Gemeinfrei.)

In den Anfangszeiten der Kirche findet man das noch stärker, was man heute auch findet: Der Heilige Geist wird gerne mal etwas vernachlässigt (trotzdem finden sich auch ein paar Stellen über Ihn); die meisten hier gesammelten Stellen befassen sich deswegen nur mit dem Verhältnis von Gott Sohn zu Gott Vater. Viele gehen von Joh 1 aus, wo Jesus als das „Wort“ / die „Vernunft“ / die „Weisheit“ (griechisch Logos) des Vaters bezeichnet wird, und zitieren auch Hinweise aus dem AT, wie etwa Spr 8,22-31.

Die Dreifaltigkeitslehre, die v. a. auf den großen Konzilien des 4., 5., 6. Jahrhunderts ausformuliert und geklärt wurde, ist hier noch etwas verschwommener und weniger genau in Worte gefasst, aber implizit findet sich derselbe Glaube und manchmal findet man ihn auch in denselben Worten ausgedrückt. Eine gewisse Unklarheit besteht allerdings bei der Frage, ob Gott der Sohn genauso ewig wie der Vater ist oder nicht; hier finden sich beide Meinungen, manche Autoren scheinen sich dessen auch nicht ganz im klaren zu sein. Daher jetzt ein paar Stellen.

Athenagoras beschreibt Gott, den Sohn, und die Dreifaltigkeit folgendermaßen; er macht auch klar, dass der Sohn keinen Anfang in der Zeit hatte:

„Denn nach unserer Lehre existiert ein Gott und ein Sohn, sein Wort, und ein Heiliger Geist, die hinsichtlich der Macht ein einziges Wesen sind, der Vater, der Sohn, der Geist; denn der Sohn ist des Vaters Verstand, Wort, Weisheit und der Geist ist Ausfluß wie Licht von Feuer“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24)

„Daß wir also keine Atheisten sind, ist von mir hinlänglich dargetan. Denn jener eine ist unser Gott, der da ungeworden und ewig ist, unsichtbar, unwandelbar, unbegreiflich, unfaßbar, nur mit Verstand und Vernunft erkennbar, von Licht und Schönheit, von Geist und Kraft in unaussprechlich hohem Grade umgeben, von dem durch sein Wort das All geschaffen und geordnet ist und regiert wird. Indes kennen wir auch einen Sohn Gottes. Halte es ja niemand für lächerlich, daß Gott einen Sohn habe! Denn unsere Gedanken über Gott Vater und Sohn weichen gar sehr von den Mythen der Dichter ab, die die Götter nicht im mindesten besser sein lassen als die Menschen; der Sohn Gottes ist das Wort (Logos) des Vaters als vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft; denn nach ihm und durch ihn ist alles gemacht; Vater und Sohn sind eins. Da der Sohn im Vater und der Vater im Sohne ist durch die Einheit und Kraft des Geistes, so ist der Sohn Gottes der Gedanke (Nus) und das Wort (Logos) des Vaters. Sollte Euch aber bei Eurer überlegenen Einsicht die Frage belieben, was der Ausdruck Sohn bedeutet, so will ich Euch in Kürze folgendes antworten: Er ist dem Vater das Erst-Erzeugte, nicht als ob er geworden wäre; denn von jeher hatte Gott als ewiger Gedanke selbst das Wort in sich, da er nie ohne das Wort ist; sondern der Sohn ist hervorgegangen, um für alles Körperliche, das anfangs noch als qualitätslose Naturmasse ohne alles Leben existierte, wobei die dichteren Teile noch mit den leichteren vermischt waren, vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft zu sein. Hiermit stimmt auch der prophetische Geist überein: ‚Der Herr‘, sagt er, ‚hat mich erzeugt im Anfang seiner Wege für seine Werke‘1). Indes ist nach unserer Lehre auch der Heilige Geist, welcher sich in den Propheten wirksam erweist, ein Ausfluß Gottes, ausfließend und zurückkehrend wie ein Sonnenstrahl. Wer sollte sich da noch auskennen, wenn er Leute, die einen Gott Vater und einen Gott Sohn und einen Heiligen Geist bekennen und nachweisen, daß dieselben mächtig sind in der Einigung und verschieden in der Ordnung, als Atheisten verschreien hört?“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 10)

„Wir hingegen, die wir uns darüber klar geworden sind, daß das Erdenleben nur weniges und geringes wert ist, die wir uns einzig von der Erkenntnis des wahren Gottes und seines Wortes leiten lassen (nämlich von der Erkenntnis, welches die Einheit des Sohnes mit dem Vater, welches die Gemeinschaft des Vaters mit dem Sohne ist, was der Geist ist, was die Einigung solcher Größen und der Unterschied der Geeinigten ist, nämlich des Geistes, des Sohnes und des Vaters)“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 12)

Botticelli, Pala della Convertite.jpg
(Dreifaltigkeit, Botticelli. Gemeinfrei.)

Bei Irenäus finden sich einige sehr schöne und klare Stellen zum Verhältnis von Gott Sohn und Gott Vater:

„Wenn aber jemand uns fragen sollte: Wie ist also der Sohn vom Vater hervorgebracht? dann antworten wir ihm: Seine Emanation oder Geburt oder Aussprechung oder Eröffnung oder, wie immer man seine unaussprechliche Geburt nennen möge, weiß niemand, weder Markion, noch Valentinus, noch Saturninus, noch Basilides, noch die Engel oder Erzengel oder Fürsten und Herrschaften, sondern nur der Vater, der hervorbrachte, und der Sohn, der gezeugt wurde. Da also seine Geburt unaussprechlich ist, so übernehmen die, welche sich bemühen, seine Geburt und Hervorbringung zu beschreiben, sich selbst, indem sie versprechen, das Unaussprechliche auszusprechen.“ (Ireäus, Gegen die Häresien II,28,6)

Irenäus nennt den Sohn und den Geist Gottes „Wort“ und „Weisheit“, die zu Ihm selbst gehören, und sagt klar, dass der Sohn gleich ewig mit dem Vater ist:

Sondern nur einer ist Gott und Schöpfer, er, der über alle Hoheit und Macht und Herrschaft und Kraft erhaben ist; er ist der Vater, er der Gott, er der Schöpfer, der Urheber, der Bildner, der durch sich selbst, d. h. durch sein Wort und durch seine Weisheit, Himmel und Erde und Meere und alles, was in ihnen ist, gemacht hat. Er ist der Gerechte und Gute, der den Menschen gebildet hat, der das Paradies gepflanzt hat, der die Welt erschaffen und die Sintflut gesandt hat, der den Noe gerettet hat. Er ist der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, der Gott der Lebenden, den das Gesetz verkündet, die Propheten verheißen, Christus offenbart, die Apostel predigen, die Kirche bekennt. Er ist durch sein Wort, welches sein Sohn ist, der Vater unsers Herrn Jesus Christus, durch ihn offenbart und zeigt er sich allen, denen er sich offenbart, denn es erkennen ihn die, denen der Sohn es offenbart hat. Indem aber der Sohn gleich ewig mit dem Vater ist, offenbart er immer und von Anbeginn den Vater den Engeln und den Erzengeln und den Mächten und Kräften und allen, denen Gott es offenbaren will.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,30,9)

Weder der Herr, noch der Heilige Geist, noch die Apostel hätten den, der nicht Gott war, jemals Gott ohne Vorbehalt und Einschränkung genannt, wenn er nicht Gott in Wahrheit wäre, noch hätten sie ihrerseits jemand als Herrn bezeichnet außer dem allerhöchsten Gott Vater und seinem Sohn, der die Herrschaft über die ganze Schöpfung von seinem Vater empfing, wie geschrieben steht: ‚Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße‘1 . D. h. der Vater sprach mit dem Sohne und gab ihm zum Erbe die Heiden und unterwarf ihm alle seine Feinde. Da nun der Vater Herr ist und der Sohn in Wahrheit Herr, so bezeichnet der Heilige Geist mit Recht beide als Herren. Und wenn die Schrift wiederum bei der Zerstörung Sodomas sagt: ‚Und es regnete der Herr über Sodoma und Gomorrha Feuer und Schwefel von dem Herrn des Himmels‘2 , so bezeichnet sie hier ebenfalls den Sohn, der mit Abraham gesprochen hat und von dem Vater die Gewalt empfangen hatte, die Sodomiter wegen ihrer Gottlosigkeit zu bestrafen. Ähnlich heißt es: ‚Dein Thron, o Gott, steht in Ewigkeit. Ein Szepter der Gerechtigkeit ist das Szepter Deines Reiches. Du liebtest die Gerechtigkeit und haßtest das Unrecht, deshalb hat Dich, o Herr, Dein Gott gesalbt‘3 . Beide nämlich bezeichnete der Heilige Geist als Gott, den Sohn, der gesalbt wird, und den Vater, der salbt. […]

Kein anderer also, wie gesagt, heißt Gott oder wird Herr genannt als jener allerhöchste Gott und Herr, der auch zu Moses sprach: ‚Ich bin, der ich bin. Sage also den Söhnen Israels: Der, welcher ist, hat mich zu euch gesandt‘1 . Sein Sohn ist Jesus Christus, unser Herr, der die zu Söhnen Gottes macht, die an seinen Namen glauben. Und abermals spricht der Sohn zu Moses, wenn es heißt: ‚Ich bin herabgestiegen, dieses Volk zu erretten‘2 . Denn er ist es, der herabstieg und hinaufstieg, die Menschen zu erlösen. Durch den Sohn also, der im Vater ist und in sich den Vater hat, der da ist, hat sich Gott geoffenbart, indem der Vater für den Sohn Zeugnis ablegt und der Sohn den Vater verkündigt. In diesem Sinne spricht Isaias: ‚Und ich bin Zeuge, spricht Gott der Herr, und der Sohn, den ich erwählt habe, damit ihr erkennet und glaubet und einsehet, daß ich es bin‘3 .“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,6,1-2)

„Denn daß überhaupt keiner aus den Söhnen Adams schlechthin Gott genannt oder Herr geheißen wird, das haben wir aus den Schriften nachgewiesen. Alle aber, die nur ein wenig um die Wahrheit sich kümmern, können sehen, daß er allein von allen Menschen, die jemals gewesen sind, im eigentlichen Sinne als Gott und Herr und ewiger König und Eingeborener und fleischgewordenes Wort von allen Propheten und Aposteln und dem Geiste selber bekannt wird. Dies Zeugnis über ihn würden die Schriften nicht ausstellen, wenn er ähnlich wie alle ein bloßer Mensch gewesen wäre. Beide göttlichen Schriften bezeugen aber seine vor allem einzige glorreiche Geburt aus dem ewigen Vater und ebenso seine glorreiche Geburt aus der Jungfrau, und daß er als Mensch ohne Schönheit6 sein und leiden werde, daß er sitzen werde auf dem Füllen der Eselin7 , daß er mit Essig getränkt werden8 ;
und im Volke verspottet werden würde9 und in den Tod hinabsteigen, und daß er zugleich der heilige Herr und wunderbare Ratgeber10 und schön von Gestalt und der starke Geist sein werde, über den Wolken kommend als erster Richter des Weltalls11 , dies alles haben von ihm die Schriften verkündet.

Wie er nämlich Mensch war, um versucht zu werden, so war er auch das Wort, um verherrlicht zu werden. Das Wort ruhte, damit er versucht, verunehrt, gekreuzigt werden und sterben konnte; es tat sich aber mit dem Menschen zusammen, damit er siegen, ausharren, sich liebreich erweisen, auferstehen und in den Himmel auffahren konnte. Dieser Sohn Gottes also ist unser Herr und das Wort des Vaters und der Sohn des Menschen. Denn insofern er aus Maria, die von Menschen abstammte und daher selbst ein Mensch war, sein Dasein empfing, ist er der Sohn des Menschen geworden. Deswegen gab auch der Herr selbst uns das Zeichen in der Tiefe und in der Höhe oben1 , das der Mensch nicht verlangt hatte, weil er gar nicht hoffte, daß eine Jungfrau, die wirklich Jungfrau war, schwanger werden und einen Sohn gebären könne. Und dieser ihr Sohn war der ‚Gott mit uns‘, stieg herunter auf die Erde2 und suchte das verlorene Schaf3 , das doch sein eigenes Geschöpf war, und stieg hinauf in die Höhe, um seinem Vater den Menschen, den er gefunden hatte, anzubieten und zu empfehlen, und stand selber als erster von den Toten auf, damit, wie das Haupt, so auch der ganze übrige Leib des Menschen, der das Leben empfangen hatte, nach der für seinen Ungehorsam festgesetzten Zeit der Verdammnis auferstehe, durch die innigste Verbindung erstarkend und gekräftigt4 durch das Zutun Gottes, indem jedes Glied seinen eigenen und passenden Platz am Körper hat. Denn viele Wohnungen sind bei dem Vater5 , wie auch viele Glieder am Körper.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,19,2-3)

„Ihm hatte der Vater alles unterworfen, und von allen empfing er das Zeugnis, daß er wahrer Mensch und wahrer Gott ist, vom Vater, von dem Geiste, von den Engeln, von dem Schöpfer selbst, von den Menschen, von den abtrünnigen Geistern, von den Dämonen, von dem Feinde und zuletzt selbst von dem Tode. So wirkt der Sohn von Anfang bis zum Ende für den Vater, und ohne ihn kann niemand Gott erkennen. Die Kenntnis des Vaters ist der Sohn, und der Sohn wird erkannt im Vater und durch den Sohn offenbart. Deswegen sprach der Herr: ‚Niemand erkennt den Sohn als der Vater, noch den Vater als der Sohn und wem immer der Sohn es offenbart haben wird.‘ […] Denn von Anfang an steht der Sohn seinem Geschöpfe bei, offenbart den Vater allen, denen er will, und der Vater offenbart, wann er will, und wie er will, und deswegen ist in allem und bei allem ein Gott Vater, ein Wort der Sohn, und ein Geist und ein Heil für alle, die an ihn glauben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,7)

„In seiner Größe also können wir Gott nicht erkennen, denn unmöglich ist es, den Vater zu messen. In seiner Liebe aber, die uns durch das Wort zu Gott hinführt, werden wir, wenn wir ihm gehorchen, immer besser verstehen, daß Gott so groß ist und durch sich selbst alles beschlossen, erwählt und ausgeschmückt hat und alles umfängt. Somit auch diese Welt hienieden. […] Auch bedurfte Gott keiner solchen Hilfe, um das zu machen, was er bei sich beschlossen hatte, gleich als ob er selbst keine Hände hätte. Denn immer ist bei ihm das Wort und die Weisheit, der Sohn und der Geist, durch die und in denen er alles aus freiem Willen und Entschluß geschaffen hat. Zu ihnen spricht er auch: ‚Laßt uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis‘2 , indem er aus sich selbst die Substanz der Geschöpfe und ihre Idee und ihre schöne reale Gestalt hernahm.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,1)

„Hierher wurden von Gott im Hl. Geist die Propheten gesandt. Sie mahnten das Volk und wandten es zum allmächtigen Gott ihrer Väter zurück. In ihnen erstanden die Herolde der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, des Sohnes Gottes. Denn sie zeigten an, daß sein Leib aus dem Geschlechte Davids sprossen werde, damit er dem Fleische nach in langer Stammfolge ein Sohn Davids sei, welcher ein Sohn Abrahams gewesen war, dem Geiste nach aber der Sohn Gottes, der aus dem Vater hervorgegangen war, gezeugt vor der Schöpfung der ganzen Welt.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 30)

„Gott alles zu glauben ist Pflicht und geziemend. Denn Gott ist wahr in allem, auch darin, daß es einen Sohn Gottes gibt und daß derselbe nicht nur existierte, bevor er in der Welt erschien, sondern auch schon, bevor die Welt wurde.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 43)

Also ist Herr der Vater und Herr der Sohn, und Gott der Vater und Gott der Sohn; denn wer von Gott erzeugt ist, ist Gott. Und in dieser Weise wird nach Dasein und Kraft seines Wesens ein Gott erwiesen, nach dem Vorgange und der Vollführung unserer Erlösung aber Sohn und Vater. Denn da der Vater für alles Gewordene unsichtbar und unnahbar ist, so bedurfte es für diejenigen, welche [künftig] zu Gott gelangen sollten, der Hinführung zur Unterwerfung vor dem Vater durch den Sohn1 . Deutlich spricht in hellerem Glanze auch David so von Vater und Sohn: ‚Dein Thron, o Gott, ist und bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du liebst die Gerechtigkeit und hassest das Unrecht. Deshalb hat dich Gott gesalbt mit dem Öle der Freude mehr als deine Genossen‘2 . Denn weil der Sohn Gott ist, empfängt er vom Vater den Thron des ewigen Reiches und das Salböl mehr als seine Genossen. Das Öl der Salbung aber ist der Geist. Mit ihm ist er gesalbt. Seine Genossen aber sind die Propheten, die Gerechten, die Apostel und alle, welche teilnehmen an seinem Reiche, d. h. seine Jünger.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 47)

Über den Heiligen Geist schreibt Irenäus:

„Diesen Geist erbat David für das menschliche Geschlecht, indem er sprach: ‚Und mit Deinem Urgeiste befestige mich!‘1 Daß dieser nach der Himmelfahrt des Herrn auf die Jünger am Pfingstfeste herabgestiegen sei2 und allen Völkern den Eintritt zum Leben eröffnete und das Neue Testament erschloß, berichtet Lukas. Deshalb lobpriesen sie auch in dem Zusammenwehen aller Sprachen Gott, indem der Geist die auseinanderwohnenden Stämme zur Einheit zurückführte und die Erstlinge aller Völker dem Vater darbot. Deshalb versprach der Herr auch, den Tröster zu senden3 , der uns an Gott anpassen sollte. Wie nämlich aus dem trockenen Weizen ein Teig nicht werden kann ohne Feuchtigkeit, noch ein Brot, so konnten wir viele nicht eins werden in Christo Jesu ohne das Wasser, das vom Himmel kommt. Und wie die trockene Erde, wenn sie keine Feuchtigkeit empfängt, auch keine Frucht bringt, so würden auch wir, die wir von Haus aus trockenes Holz sind, niemals das Leben ohne den ‚Gnadenregen‘4 von oben als Frucht bringen. Denn unsere Leiber haben durch jenes Bad, das zur Unvergänglichkeit dient, die Einheit empfangen, unsere Seelen aber durch den Geist. Daher ist auch beides nötig, da beides hinführt zum Leben in Gott. Erbarmte sich doch der Herr über jenes ehrvergessene samaritanische Weib, das bei einem Manne nicht blieb, sondern mit vielen herumbuhlte, und zeigte und versprach ihr das lebendige Wasser, damit sie fürder nicht dürste und trachte nach Anfeuchtung mit dem Mühewasser, wenn sie in sich habe den Trank, der da quillt zum ewigen Leben5 . Dieses Geschenk, das der Herr von seinem Vater empfing, gab er auch denen, die an ihm Anteil haben, indem er auf die gesamte Erde den Heiligen Geist sandte.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,17,2)

„Und daß das Wort, d. h. der Sohn, immer bei dem Vater war, haben wir vielfach dargetan. Daß aber auch die Weisheit, d. h. der Geist, bei ihm vor aller Schöpfung war, sagt er durch Salomon: ‚Gott hat durch die Weisheit die Erde gegründet, den Himmel bereitet durch die Klugheit. Durch seinen Geist brachen die Abgründe hervor und die Wolken träufelten Tau‘1 .Und wiederum; ‚Der Herr schuf mich am Anfang seiner Wege zu seinen Werken, vor der Ewigkeit gründete er mich, im Anfang, bevor er die Erde machte, bevor er die Abgründe festlegte, und bevor die Wasserquellen hervorgingen und die Berge befestigt wurden, vor allen Hügeln erzeugte er mich‘2 . Und wiederum: ‚Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm, und als er die festen Quellen des Abgrundes machte, als er die starken Fundamente der Erde legte, war ich bei ihm helfend. Ich war es, mit dem er sich freute, täglich aber freute ich mich vor seinem Angesichte zu jeder Zeit, als er sich freute über die Vollendung des Erdkreises, und er ergötzte sich unter den Menschenkindern‘3 .“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,3)

Er schreibt über die Dreifaltigkeitslehre:

„Denn der Name Christus bedeutet den, der salbt, und der gesalbt worden ist, und die Salbung selbst, in der er gesalbt wurde. Es salbte aber der Vater, gesalbt wurde der Sohn in dem Geiste, der die Salbung ist, gemäß dem Worte des Isaias, der da spricht: ‚Der Geist des Herrn ist über mir, deswegen hat er mich gesalbt‘10 . Damit weist er hin auf den Vater, der salbt, den Sohn, der gesalbt wurde und den Geist, welcher die Salbung ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,3)

„Denn Gott vermag alles. Ehemals wurde er im Geiste prophetisch geschaut, dann durch den Sohn, wie es angenommenen Kindern zukommt, schließlich wird er gesehen werden im Himmelreiche als Vater. Denn der Geist bereitet den Menschen vor im Sohne Gottes, der Sohn führt ihn hin zum Vater, der Vater aber schenkt ihm Unverweslichkeit zum ewigen Leben, das jedem deswegen zuteil wird, weil er Gott schaut. Denn wie die, welche das Licht schauen, in dem Lichte sind und an seinem Glanze teilnehmen, so sind die, welche Gott schauen, in Gott und haben teil an seiner Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit aber macht sie lebendig, denn das Leben empfangen, die Gott schauen. Und auf diese Weise macht sich der Unfaßbare und Unbegreifbare und Unsichtbare sichtbar, begreifbar und faßbar für die Gläubigen, damit er lebendig macht, die ihn durch den Glauben fassen und schauen. Denn wie seine Größe unerforschbar ist, so ist seine Güte unaussprechbar, durch die er sich sehen läßt und Leben verleiht denen, die ihn sehen. Denn zu leben ohne das Leben ist unmöglich; die Subsistenz des Lebens aber kommt her von der Teilnahme an Gott. An Gott aber teilnehmen, heißt ihn schauen und seine Güter genießen. […]

Einige nämlich von ihnen [den Propheten] sahen den prophetischen Geist [=Heiligen Geist] und seine Wirkungen, die sich in die verschiedenen Charismen ergossen. Andere die Ankunft des Herrn und sein Walten von Anbeginn, durch welches er den Willen des Vaters im Himmel und auf Erden vollzog. Andere wieder die Herrlichkeit des Vaters, wie sie den Zeiten angepaßt war und den Menschen, die sie sahen und hörten und fortan hören sollten. So also offenbarte sich Gott. Denn in all diesem offenbart sich der Vater, indem der Geist wirkt, der Sohn dient, der Vater bestätigt, der Mensch aber zum Heile vollendet wird.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,5-6)

Der Vater nämlich, der die Schöpfung und sein Wort trägt, und das Wort, das vom Vater getragen wird, gibt den Geist allen, wie der Vater es will: dem einen, das nur erschaffen ist, daß es existiert, dem andern, das aus Gott geboren ist, daß es angenommen wird an Kindesstatt. So ergibt sich ein Gott Vater, der über alles und durch alles und in allem ist. Über allem nämlich ist der Vater, und er selbst ist das Haupt Christi; durch alles ist das Wort, und dies ist das Haupt der Kirche; in uns allen aber ist der Geist, und dieser ist ‚das lebendige Wasser‘1 , das der Herr ‚allen gibt, die an ihn recht glauben‘2 und ihn lieben und wissen, daß ‚ein Vater, der da ist über allem und durch alles und in uns allen‘3 . Hierfür zeugt auch Johannes, der Schüler des Herrn, der in seinem Evangelium also spricht: ‚Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dies war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist nichts gemacht worden‘4 . […] Denn der wahre Weltenschöpfer ist das Wort Gottes, d. h. unser Herr, der in den letzten Zeiten Mensch geworden ist. Obwohl er in der Welt ist, umfaßt er unsichtbarer Weise alles, was gemacht ist, und ist eng verbunden mit der gesamten Schöpfung, da das Wort Gottes alles leitet und ordnet, und deshalb kam er sichtbarer Weise und wurde Fleisch und hing am Holze, um alles in sich zu rekapitulieren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,18,2-3)

„Der Sachverhalt, der sich ergibt, ist also folgender: [Es ist] Ein Gott, der ungewordene Vater, unsichtbar, Schöpfer von allem; kein anderer Gott steht über ihm, noch ist ein anderer Gott unter ihm. Gott ist ein vernünftiges Wesen und hat deswegen das Gewordene durch das [Vernunft-] Wort erschaffen. Auch ist Gott Geist und hat somit alles durch den Geist geordnet, wie der Prophet sagt: ‚Durch das Wort des Herrn sind die Himmelsfesten geschaffen worden1 , und durch seinen Geist all ihre Kraft‘2 . Da also das Wort schafft d. h.3 die Körper wirkt und dem Hervorgegangenen Bestand verleiht, während der Geist die Kräfte in ihrer Verschiedenheit ordnet und gestaltet, so wird mit Recht4 das Wort der Sohn, Geist aber die Weisheit Gottes genannt. Auch der Apostel desselben, Paulus, sagt darüber passend: ‚Ein Gott, der als Vater über allen ist und der mit allen und in uns allen ist‘5 . Denn über allen ist er als Vater; mit allen ist er als Wort, da durch dasselbe alles vom Vater ins Werden trat, in uns allen jedoch ist er als Geist, der da ruft: ‚Abba, Vater‘6 und den Menschen zum Ebenbild Gottes gestaltet. Nun zeigt der Geist das Wort und deswegen verkündeten die Propheten den Sohn Gottes, während das Wort den Geist wehen macht, und deshalb ist er selbst der Sprecher der Propheten und führt den Menschen zum Vater zurück.

Und das ist die rechte Ordnung unseres Glaubens, die Grundlage des Gebäudes und die Sicherung des Weges: Gott der Vater, ungeworden, unendlich, unsichtbar, ein Gott Schöpfer des Alls. Das zunächst ist das erste Hauptstück unseres Glaubens. Das zweite Hauptstück sodann ist das Wort Gottes, der Sohn Gottes, Christus Jesus unser Herr, welcher den Propheten erschienen ist gemäß der Gestalt ihrer Weissagungen1 und nach den Bestimmungen der Vorsehung des Vaters, er, durch den alles geworden ist. Derselbe wurde auch am Ende der Zeiten Mensch unter den Menschen, um alles vollkommen zu vollenden; er wurde sichtbar und körperlich, um den Tod zu besiegen und das Leben zu zeigen2 und Gemeinschaft und Frieden zwischen Gott und den Menschen zu bewirken. Das dritte Hauptstück dann ist der Hl. Geist, durch den die Propheten weissagten, und die Väter die göttlichen Dinge lernten, die Gerechten vorangingen auf dem Weg der Gerechtigkeit, und der in der Fülle der Zeiten aufs neue über die Menschheit ausgegossen ward auf der ganzen Erde, die Menschen für Gott neu zu schaffen.

Deshalb wird bei unserer Wiedergeburt die Taufe durch diese drei Stücke vollzogen, indem der Vater uns zur Wiedergeburt begnadigt durch seinen Sohn im Hl. Geiste. Denn diejenigen, welche den Hl. Geist empfangen und in sich tragen, werden zum Worte, d. h. zum Sohne geführt. Der Sohn hinwieder führt sie zum Vater und der Vater macht sie der Unvergänglichkeit teilhaft. Also kann man ohne den Geist das Wort Gottes nicht sehen und ohne den Sohn kann niemand zum Vater kommen1 . Denn das Wissen des Vaters ist der Sohn. Das Wissen vom Sohne Gottes aber [erlangt man] durch den Hl. Geist; den Geist aber gibt nach dem Wohlgefallen des Vaters der Sohn als Spender an diejenigen, welche der Vater will und wie er es will.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 5-7)

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(Die Dreifaltigkeit in einer mittelalterlichen Buchmalerei. Gemeinfrei.)

Auch bei Justin dem Märtyrer finden sich mehrere Stellen über das Verhältnis von Gott Sohn zu Gott Vater. Manche Stellen könnten so verstanden werden, als hätte die Existenz des Sohnes (des Logos) irgendwann begonnen und es habe eine Zeit gegeben, in der Er noch nicht war; andererseits sagt Justin auch, dass der Logos bereits „vor aller Schöpfung in ihm [Gott Vater] war“.

„Es ist aber der Logos die erste Kraft nach Gott, dem Vater des All, und sein Sohn; auf welche Weise er Fleisch geworden und als Mensch geboren worden ist, werden wir im folgenden zeigen.“ (Justin, 1. Apologie 32)

„Der Vater des Alls hat, weil ungezeugt, keinen ihm beigelegten Namen. Denn wenn jemand einen Namen erhält, so ist der Namengeber älter als er. Vater, Gott, Schöpfer, Herr und Gebieter sind keine Namen, sondern nur Titel, die von seinen Wohltaten und Werken hergenommen sind1. Sein Sohn aber, der allein im eigentlichen Sinne sein Sohn heißt2, der Logos, der vor aller Schöpfung in ihm war und der gezeugt wurde, als er im Anfange alles durch ihn schuf und ordnete3, wird Christus genannt, weil er gesalbt wurde und Gott durch ihn alles ordnete, ein Name, der ebenfalls einen unerkennbaren Begriff umschließt, sowie auch die Bezeichnung ‚Gott‘ kein Name, sondern nur eine der Menschennatur angeborene Vorstellung eines unerklärbaren Wesens ist. ‚Jesus‘ aber hat Namen und Begriff eines Menschen und Erlösers. Denn, wie wir schon gesagt haben (I 23), er ist Mensch geworden, nach dem Willen Gottes des Vaters zur Welt gekommen für die gläubigen Menschen und zum Sturze der Dämonen, wie ihr noch jetzt aus dem ersehen könnt, was vor euren Augen geschieht. Haben doch viele von den Unsrigen, nämlich von den Christen, eine ganze Menge von Besessenen in der ganzen Welt und auch in eurer Hauptstadt, die von allen anderen Beschwörern, Zauberern und Kräutermischern nicht geheilt worden waren, durch Beschwörung im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, geheilt und heilen sie noch, indem sie die Dämonen, welche die Menschen festhalten, außer Kraft setzen und vertreiben4.“ (Justin, 2. Apologie 5)

Im Alten Testament habe der Sohn, nicht der Vater, zu Mose und den Propheten gesprochen:

„Die Juden lehren alle heute noch, der namenlose Gott habe zu Moses geredet. Darum hat der prophetische Geist durch den früher erwähnten Propheten Isaias scheltend, wie oben gesagt (c. 37), zu ihnen gesprochen: ‚Ein Ochs kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat mich nicht erkannt und mein Volk mich nicht begriffen‘1. Und auch Jesus Christus hat, als die Juden nicht erkannten, was Vater und was Sohn sei, gleichfalls scheltend zu ihnen gesagt: ‚Niemand kennt den Vater als der Sohn und niemand den Sohn als der Vater und wem der Sohn es geoffenbart hat‘2. Gottes Logos aber ist sein Sohn, wie wir früher gesagt haben (c. 21-23). Auch Engel [Bote] und Gesandter wird er genannt; denn er verkündet, was zu wissen nottut, und wird gesandt, um alles zu melden, was von Gott geoffenbart wird, wie denn unser Herr auch selbst sagte: ‚Wer mich hört, der hört den, der mich gesandt hat‘3. Und das wird auch aus den Schriften des Moses erhellen, in denen folgendes gesagt ist: ‚Es sprach zu Moses ein Engel Gottes in einer Feuerflamme aus dem Dornbusche und erklärte: Ich bin der Seiende, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, der Gott deiner Väter. Geh hinab nach Ägypten und führe mein Volk heraus‘4. Was folgt, könnt ihr, wenn ihr wollt, aus jenen Schriften erfahren; denn es ist nicht möglich, hier alles anzuführen, Aber diese Worte dienen zum Beweise, daß Jesus Christus Gottes Sohn und Gesandter ist, der zuerst Logos war und bald in Feuersgestalt, bald ohne körperliche Gestalt5, jetzt aber, nach Gottes Willen für das Menschengeschlecht Mensch geworden, alle die Leiden auf sich genommen hat, die ihm auf Anstiften der Dämonen die verblendeten Juden angetan haben. […] Die Juden glauben, immer habe der Vater des Alls mit Moses gesprochen, während doch der Sohn Gottes, der auch sein Bote und Gesandter heißt, mit ihm sprach; mit Recht wird ihnen daher sowohl durch den prophetischen Geist [so bezeichnet Justin den Hl. Geist] als auch durch Christus selbst der Vorwurf gemacht, daß sie weder den Vater noch den Sohn erkannt haben. Denn die den Sohn zum Vater machen, laden den Vorwurf auf sich, daß sie weder den Vater kennen noch wissen, daß der Vater des Alls einen Sohn hat, der als Gottes Logos und Erstgeborener auch Gott ist. Früher ist dieser in Feuersgestalt und auch unkörperlich dem Moses und den übrigen Propheten erschienen; jetzt aber in den Zeiten eurer Herrschaft ist er, wie wir früher gesagt haben (c. 46), nach des Vaters Willen zum Heile seiner Gläubigen durch eine Jungfrau Mensch geworden und hat Verachtung und Leiden auf sich genommen, um durch sein Sterben und Auferstehen den Tod zu besiegen.“ (Justin, 1. Apologie 63)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon geht Justin genauer auf das Thema ein. An einer Stelle argumentiert er, dass klar erwiesen ist, dass Jesus der Messias ist, und Er dann auch Gottes Sohn sein muss (da Er das selbst behauptet hat und als Messias kein Lügner oder im Irrtum sein kann):

„Tryphon entgegnete: ‚[…] Deine Behauptung, der genannte Christus sei als Gott von Ewigkeit, habe aber dann sich herbeigelassen, Mensch zu werden und geboren zu werden, und er sei nicht Mensch von Menschen, scheint mir nicht nur unfaßbar, sondern geradezu töricht zu sein.‘

Ich erwiderte daraufhin: ‚Ich weiß es, daß die Lehre widersinnig zu sein scheint, vor allem eurem Volke; denn nicht die Anordnungen Gottes, sondern, wie Gott selbst laut verkündet2, die Anordnungen eurer Lehrer habt ihr stets zu verstehen und zu beobachten gewünscht. Fürwahr, Tryphon‘, sagte ich, ‚es bleibt nunmehr dabei, daß Jesus der Christus Gottes ist3, wenn ich auch nicht beweisen könnte, daß er, der Sohn des Weltschöpfers, als Gott präexistierte, und daß er durch die Jungfrau geboren und Mensch geworden ist. Da der Beweis ganz und gar gegeben ist, daß Jesus der Christus Gottes ist, wer immer er auch sein mag, so darf doch, wenn ich nicht beweisen würde, daß er präexistierte, und daß er gemäß dem Willen des Vaters gleich uns als Mensch in leidender, fleischlicher Natur geboren werden wollte, nur in diesem Punkte mir ein Irrtum nachgesagt werden. Aber nicht recht ist es, zu leugnen, daß Jesus der Christus ist, wenn es auch scheinen möchte, daß er als Mensch von Menschen geboren wurde, und wenn auch dargetan würde, daß er zum Christus (erst) erwählt wurde. Es gibt nämlich, meine Freunde‘, sagte ich, ‚unter eurem Volke Leute, welche zwar zugeben, daß Jesus der Christus ist, aber behaupten, er sei ein Mensch von Menschen gewesen. Ihre Ansicht teile ich nicht. Auch dürften die wenigsten meiner Gesinnungsgenossen so behaupten; denn eben Christus hat uns befohlen, nicht menschlichen Lehren zu folgen, sondern der Predigt der seligen Propheten und der Lehre Christi selbst.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 48)

„Nun will ich versuchen, euch zu überzeugen von meiner Behauptung, es stehe unter dem Weltschöpfer noch ein anderer Gott und Herr, von ihm werde auch Erwähnung getan, und er werde Engel genannt, weil er den Menschen verkünde, was der Weltschöpfer, über dem kein anderer Gott steht, denselben verkünden will.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 56,4)

„‚Meine Freunde!‘ fuhr ich fort, ’noch ein anderes Zeugnis will ich euch aus der Schrift geben: Vor allen Geschöpfen als Anfang hat Gott aus sich eine vernünftige Kraft1 erzeugt, welche vom Heiligen Geiste auch Herrlichkeit des Herrn2, ein andermal Sohn3, dann Weisheit4, bald Engel, bald Gott, bald Herr und Logos5 genannt wird, und welche sich selbst als ersten Feldherrn6 bezeichnet, da sie in Gestalt eines Menschen Josua, dem Sohne des Nave, erschien. Alle Attribute kommen derselben nämlich zu, weil sie dem väterlichen Willen dient, und weil sie aus dem Vater durch das Wollen erzeugt worden ist.

Doch sehen wir denn nicht ähnliche Vorgänge auch bei uns? Wenn wir nämlich ein Wort (λόγος) aussprechen, erzeugen wir ein Wort, ohne damit etwas zu verlieren, ohne daß also die Vernunft (λόγος) in uns weniger wird. So sehen wir auch, daß ein Feuer, wenn an ihm ein anderes entsteht, nicht deshalb, weil an ihm etwas entzündet worden ist, verringert wird, daß es vielmehr ein und dasselbe bleibt; das an ihm entzündete Feuer erscheint jenem gleich, und doch hat es jenes nicht verringert, an dem es entzündet wurde7.

Zeuge soll mir sein das Wort der Weisheit, welches selbst Gott ist, vom Vater des Weltalls erzeugt, welches Logos, Weisheit, Kraft und Herrlichkeit des Erzeugers ist. Durch Salomo sprach er die Worte8 : ‚Wenn ich euch das verkündet habe, was täglich geschieht, will ich daran denken, von dem Ewigen zu erzählen. Der Herr erschuf9 mich als Anfang seiner Wege für seine Werke. Vor der Zeit, im Anbeginn, ehe er die Welt erschuf und die Abgründe erschuf, ehe die Wasserquellen hervorbrachen und die Berge aufgestellt wurden, hat er mich gesetzt; vor allen Hügeln erzeugt er mich. Gott hat gemacht das Land, die unbewohnten Gegenden und die bewohnten Höhen unter dem Himmel. Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm; als er seinen Thron über den Winden errichtete, als er die oberen Wolken festigte und die Quellen der Tiefe ausglich, als er die Festigkeit gab dem Fundament der Erde, war ich bei ihm, um zu ordnen. Ich war es, mit dem er sich freute. Täglich freute ich mich zu jeder Zeit vor ihm, da er sich freute über die Vollendung des Erdkreises und sich freute an den Menschenkindern. Nun, mein Sohn, höre jetzt auf mich! Selig der Mann, der auf mich hören wird, und der Mensch, der meine Wege einhalten wird, der täglich vor meinen Toren wacht und an den Pfosten meiner Eingänge acht hat; denn meine Ausgänge sind Ausgänge des Lebens. Bereitet ist ihm Wohlgefallen beim Herrn. Wer dagegen wider mich sündigt, verfehlt sich gegen seine Seele, und wer mich haßt, liebt den Tod.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 61)

„Daß die erwähnte Kraft, welche von dem prophetischen Worte – wie oft gezeigt worden ist – Gott und Engel genannt wird, nicht gleich dem Sonnenlichte nur dem Namen nach (für sich) besteht, sondern tatsächlich für sich existiert, habe ich im vorhergehenden3 kurz auseinandergesetzt, da ich erklärte, diese Kraft sei vom Vater durch dessen Macht und Willen erzeugt worden, nicht jedoch sei sie abgetrennt worden, so daß das Wesen des Vaters geteilt worden wäre gleich allem andern, das dann, wenn es geteilt und getrennt wird, nicht dasselbe ist wie vor der Trennung. Auch hatte ich das Beispiel angeführt; wenn wir auch sehen, daß die Feuer, welche an einem andern entzündet wurden, eigene Feuer sind, so wird doch jenes Feuer, an welchem viele entzündet werden können, keineswegs weniger, es bleibt im Gegenteil dasselbe.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 128,4)

Auch bei Theophilus von Antiochia gibt es einige interessante Stellen. Bei der Auslegung der Schöpfungsgeschichte erwähnt Theophilus den Begriff „Dreieinigkeit“:

„Auf dieselbe Weise sind auch die drei Tage, welche der Schöpfung der Lichter vorangingen, ein Sinnbild der Dreieinigkeit: Gottes, seines Wortes und seiner Weisheit. Das vierte Sinnbild ist das des Menschen1, der des Lichtes bedarf, so daß nun da sind: Gott, sein Wort, seine Weisheit, der Mensch. Deswegen wurden auch am vierten Tage die Lichtgestirne erschaffen.“ (Theophilus, An Autolykus II,15)

„Und zwar lehrten sie uns erstens in voller Übereinstimmung, daß Gott das Weltall aus dem Nichts erschaffen. Denn nichts existierte neben Gott, sondern er selbst war sein Raum, war sich selbst vollkommen genug und war da vor allen Zeiten. Er wollte aber den Menschen schaffen, um von ihm erkannt zu werden; für diesen also bereitete er die Welt zu. Denn der Gewordene ist vieler Dinge bedürftig, der Ewige aber ist bedürfnislos. Es zeugte also Gott mit seiner Weisheit sein Wort, das er in seinem eigenen Innern beschlossen trug1, indem er es vor allen Dingen aus sich hervortreten ließ. Dieses Wort nun gebrauchte er als Mittel aller seiner Schöpfungen und erschuf alles durch dasselbe2. Dies Wort heißt ‚der Anfang‘, weil es das Prinzip und der Herr aller Dinge ist, die durch dasselbe sind geschaffen worden. Dies Wort also, das da ist der Geist Gottes3, das Prinzip (aller Dinge), die Weisheit und Kraft des Allerhöchsten, war es, das auf die Propheten herabkam und durch sie die Offenbarungen über die Erschaffung der Welt und die übrigen Dinge redete. Denn die Propheten waren noch nicht, als die Welt entstand, aber die Weisheit Gottes, die in ihm ist, und das hl. Wort Gottes, das ewig bei ihm wohnt, waren schon4. Eben aus diesem Grunde spricht es auch durch den Propheten Salomon: ‚Als er den Himmel zubereitete, war ich bei ihm, und als er den Grund der Erde fest machte, war ich bei ihm und ordnete mit‘5.“ (Theophilus, An Autolykus II,10)

„Du wirst mir nun einwerfen: ‚Du behauptest, es gehe nicht an, daß Gott im Raume eingeschlossen (gedacht) werde; und wie kannst du jetzt sagen, daß er im Paradiese umherwandelte?‘ Höre, was ich erwidere! Gott, der Vater aller Wesen, ist unbegrenzbar und befindet sich in keinem Raum; denn ‚es gibt keine Stätte seiner Ruhe‘1. Sein Wort aber, durch welches er alles gemacht hat, das da ist seine Kraft und seine Weisheit, übernahm die Stelle des Vaters und Herrn aller Dinge, und dieses ist es, das an der Stelle Gottes im Paradiese erschien und mit Adam redete. Denn auch die Hl. Schrift belehrt uns, daß Adam sagte, er habedie Stimme gehört. Was ist aber die Stimme anderes als das Wort Gottes, welches auch sein Sohn ist? nicht auf die Weise, wie die Dichter und Mythographen die Söhne der Götter erzeugt werden lassen, durch fleischliche Vermischung, sondern so, wie die Wahrheit das Wort darstellt, als ewig im Herzen Gottes beschlossen2. Denn bevor irgend etwas erschaffen wurde, hatte er dieses zum Ratgeber, da es sein eigener Gedanke und seine Weisheit ist. Als aber Gott die Dinge alle, die er zu erschaffen beschlossen hatte, erschaffen wollte, da erzeugte er dieses Wort als ausgesprochenes, den Erstgeborenen jeglicher Kreatur, nicht, daß er dieses Wortes verlustig wurde, sondern so, daß er es zeugte und in Ewigkeit mit seinem Worte beisammenblieb. Darauf fußt auch die Lehre der hl. Schriften und der mit dem Geist Gottes erfüllten Männer, von denen einer, Johannes, sagt: ‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott‘3, womit er ausspricht, daß im Anfang nur Gott und das Wort in ihm da war. Hierauf sagt er: ‚Und Gott war das Wort; alles ist durch ihn gemacht‘. Das Wort ist also Gott und von Gott gezeugt. Und dies Wort schickt der Vater des Alls, wenn er will, nach irgendeinem Platze im Raum, und vom Vater geschickt erscheint es dort, wird gesehen und gehört und befindet sich so im Raume.“ (Theophilus, An Autolykus II,22)

Tatian schreibt folgendes; er schreibt dem Logos offenbar einen zeitlichen Anfang zu:

„Gott war im Anfang; der Anfang aber ist nach unserer Überlieferung die Kraft des Logos (des ‚Wortes‘)1. Der Herr aller Dinge, der zugleich die Hypostase (der Urgrund) des Alls ist2, war nämlich zu der Zeit, da es noch keine Schöpfung gab, allerdings allein: insofern aber jegliche Kraft alles Sichtbaren und Unsichtbaren bei ihm war, bestanden eben auch alle Dinge schon bei ihm vermöge der Kraft des Logos3. Erst durch einen Willensakt Gottes, dessen Wesen einfach ist, trat der Logos hervor, aber nicht zwecklos ging er von ihm aus und ward des Vaters erstgeborenes Werk4: wir wissen, daß er der Anfang der Welt ist. Seine Geburt erfolgte durch Teilung, nicht durch Abtrennung; denn was man abschneidet, ist von dem Ersten, zu dem es gehörte, für immer geschieden, das aber, was man teilt, wird nur wie in einer Hauswirtschaft da und dorthin gegeben, ohne denjenigen ärmer zu machen, von dem es genommen ist. Wie nämlich von einer Fackel viele Feuer entzündet werden, das Licht der ersten Fackel aber durch das Anzünden vieler anderer Fackeln nicht vermindert wird, so hat auch das Wort, indem es aus der Kraft des Vaters hervorging, seinen Erzeuger nicht des Wortes beraubt. Denn auch ich rede und ihr hört und doch wohl werde ich, der Redende, indem mein Wort zu euch übergeht, keineswegs des Wortes beraubt, sondern indem ich meine Stimme von mir gebe, ist es mein Vorsatz, die ungeordnete Materie in euch zu ordnen. Und wie der im Anfang gezeugte Logos seinerseits unsere Welt sich selber erzeugt hat, indem er die Materie bildete, so verbessere auch ich, der ich zur Nachahmung des Logos wiedergeboren und zur Aufnahme der Wahrheit geschaffen bin, die Unordnung der mitgeborenen Materie5. Denn nicht anfangslos ist die Materie wie Gott, noch hat sie etwa ihrer Anfangslosigkeit wegen gottgleiche Macht; sie ist vielmehr geschaffen worden und von keinem anderen geschaffen, als allein von dem Schöpfer aller Dinge.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 5)

Interessant zum Vergleich mit dem, was von vielen christlichen Autoren über Jesus, den Logos, geschrieben wird, ist die Vorstellung des jüdischen Philosophen Philo von Alexandria (gest. vermutlich zwischen 40 und 50 n. Chr.) vom „Logos“, einer Kraft oder einem Mittlerwesen Gottes.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3c: Biographische Einzelheiten und heute fehlende Quellen und Überlieferungen über Jesus

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich: Evangelien.

 

Die Christen des 2. Jahrhunderts waren Jesus offensichtlich näher als wir; daher ist es durchaus interessant zu wissen, auf welche Quellen sie sich beriefen oder welche Infos sie beiläufig erwähnen, die wir heute nicht mehr haben. Wer in diesem Artikel schädigende und sensationelle Enthüllungen erhofft, ist allerdings fehl am Platz.*

 

Justin der Märtyrer, der um 150 schreibt, erwähnt heute nicht mehr vorhandene Gerichtsakten des Pilatus; ob er sie selbst gesehen hatte oder nur wusste oder davon ausging, dass sie existierten, bleibt allerdings unklar:

„Daß das so geschehen ist [die Kreuzigung], könnt ihr aus den unter Pontius Pilatus angefertigten Akten ersehen.“ (Justin, 1. Apologie 35)

„Daß ferner unser Christus alle Krankheiten heilen und Tote erwecken werde, das entnehmet folgenden Worten: ‚Bei seinem Erscheinen wird springen der Lahme wie ein Hirsch und deutlich wird reden die Zunge des Stummen. Blinde werden sehen, Aussätzige rein werden, Tote auferstehen und umhergehen‘1. Daß er das wirklich getan hat, könnt ihr aus den unter Pontius Pilatus aufgenommenen Akten ersehen.“ (Justin, 1. Apologie 48)

(Christus vor Pilatus, Mihály von Munkácsy. Gemeinfrei.)

Ebenso erwähnt er Zensuslisten zur Volkszählung bei Jesu Geburt:

„Höret nun, wie Michäas, ein anderer Prophet, seinen Geburtsort vorhergesagt hat. Er sagte nämlich1: ‚Und du Bethlehem im Lande Juda bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird ein Führer hervorgehen, der mein Volk weiden wird.‘ Es ist das eine Ortschaft im jüdischen Lande, 35 Stadien von Jerusalem entfernt, in der Jesus Christus geboren wurde, wie ihr auch aus den Zensuslisten ersehen könnt, die unter Quirinius, eurem ersten Landpfleger in Judäa2 , angefertigt worden sind.“ (Justin, 1. Apologie 34)

 

Eusebius von Cäsarea, der um 300 in seiner Kirchengeschichte auch über die beiden teilweise abweichenden Stammbäume Jesu in den Evangelien schreibt, erwähnt einen Bericht von Julius Africanus aus dem 2. Jahrhundert, der sich für eine Erklärung dafür auf Verwandte Jesu und den Brauch der Schwagerehe berief:

„Da Matthäus1 und Lukas2 uns auf verschiedene Weise in ihren Evangelien das Geschlechtsregister Christi überliefert haben und da die meisten glauben, daß sich dieselben widersprechen und alle Gläubigen sich in Unkenntnis der Wahrheit abmühen, eine Erklärung der Stellen ausfindig zu machen, darum teilen wir einen hierüber auf uns gekommenen Bericht mit, welchen der etwas weiter oben von uns erwähnte Afrikanus bezüglich der Übereinstimmung der evangelischen Geschlechtsregister in einem Briefe an Aristides gegeben hat und worin er die Anschauungen der anderen als gezwungen und unrichtig dartut. Die Erklärung, welche er selbst übernommen hat, gibt er also wieder:3

‚Die Aufzählung der Namen in den Stammtafeln war in Israel entweder physisch oder gesetzlich; physisch war sie, wenn der leibliche Sohn folgte, gesetzlich, wenn ein Fremder an Kindes Statt angenommen wurde auf den Namen des ohne Kinder gestorbenen Bruders. Da nämlich die Hoffnung auf die Auferstehung noch nicht klar war, so suchte man einen Ersatz für die künftige, verheißene Auferstehung in der sterblichen Auferstehung,4 damit der Name des Hingeschiedenen nicht ausgetilgt würde. Da nun von den in unseren Geschlechtsregistern genannten Personen die einen als leibliche Kinder den Vätern folgten, während die anderen nach Männern benannt wurden, von denen sie nicht erzeugt worden waren, so sind die aufgezählten Männer zum Teil Väter der Natur nach, zum Teil Väter der Form nach. Weil nun die Evangelien im einen Falle die natürliche Zeugung berücksichtigten, im anderen Falle eine gesetzliche Gewohnheit, so irrt sich keines der beiden. Die von Salomon und die von Nathan abstammenden Geschlechter wurden durch die Neubelebungen5 der Kinderlosen bzw. die zweiten Ehen sowie durch die natürliche Zeugung6 so sehr miteinander verkettet, daß man mit Recht behaupten kann die gleichen Personen stammen zugleich von verschiedener Seite ab, nämlich von Vätern, die es dem Scheine nach sind, und von solchen, die es in Wirklichkeit sind. Die beiden Berichte sind also vollständig richtig; wenn auch unter verschiedenen Verschlingungen, führen sie doch wahrheitsgemäß zu Joseph.

Damit das Gesagte verständlich wird, will ich die Verkettungen der Familien erklären. Zählt man die Glieder von David über Salomon, dann ist das drittletzte Matthan; denn dieser erzeugte Jakob, den Vater Josephs. Zählt man aber wie Lukas von Davids Sohn Nathan ab, dann ist das drittletzte Melchi; denn Joseph war der Sohn des Heli, des Sohnes des Melchi.7 Mit Bezug auf Joseph müssen wir nun zeigen, inwiefern sowohl Jakob in der auf Salomon zurückführenden Linie wie Heli in der auf Nathan zurückgehenden Linie als Josephs Vater erklärt wird, inwiefern beide, nämlich Jakob und Heli, Brüder waren und inwiefern deren Väter, nämlich Matthan und Melchi, obwohl sie verschiedenen Geschlechtern angehören, als Großväter Josephs bezeichnet werden, Matthan und Melchi heirateten einer nach dem anderen dasselbe Weib, und ihre Söhne wurden Brüder als Kinder der gleichen Mutter; denn das Gesetz verbot einer Witwe nicht, sich wieder zu verheiraten, mochte sie geschieden leben oder mochte ihr Mann gestorben sein. Aus Estha — nach der Überlieferung sein Weib — erzeugte zuerst Matthan, der von Salomon abstammte, den Jakob; nach seinem Tode heiratete Melchi, der sein Geschlecht auf Nathan zurückführte, also wenn auch dem gleichen Stamme, so doch, wie gesagt, einem anderen Geschlechte angehörte, die Witwe und erhielt von ihr als Sohn den Heli. Wir können also verstehen, daß Jakob und Heli, die zwei verschiedenen Geschlechtern angehören, doch als Kinder der gleichen Mutter Brüder waren. Jakob nun nahm, da sein Bruder Heli kinderlos starb, dessen Weib zu sich und erzeugte aus ihr als drittes Glied den Joseph, welcher zwar der Natur nach ihm gehörte, weshalb das Schriftwort sagt: ‚Jakob erzeugte den Joseph’, dem Gesetze nach aber ein Sohn des Heli war; denn ihm hatte Jakob, sein Bruder, den Samen erweckt. Die Stammtafeln Josephs bleiben also zu Recht bestehen. Denn im einen Falle sagt der Evangelist Matthäus in seinem Berichte: ‚Jakob aber erzeugte den Joseph’, während im anderen Falle dagegen Lukas schreibt: ‚(Jesus) war, wie man glaubte’, — so fügt er bei — ‚der Sohn des Joseph, des Sohnes des Heli, des Sohnes des Melchi.’ Lukas hätte die gesetzliche Abstammung nicht klarer andeuten können; er bediente sich bei der Eigenart seiner Genealogie bis zum Schluß nicht des Ausdruckes ‚er erzeugte’, da er allmählich bis zu ‚Adam, den Sohn Gottes’ hinaufstieg.

Dieser Bericht ist keineswegs unbegründet und aus der Luft gegriffen. Die leiblichen Verwandten des Erlösers haben auch noch, sei es rühmend, sei es einfach erzählend, auf jeden Fall wahrheitsgemäß, folgendes überliefert. Nachdem idumäische Räuber die Stadt Askalon in Palästina überfallen und aus dem Götzentempel des Apollo, welcher an der Stadtmauer lag, den Antipater, den Sohn des Götzendieners Herodes, mit der übrigen Beute in Gefangenschaft geschleppt hatten, wurde Antipater infolge der Unfähigkeit des Priesters, für seinen Sohn Lösegeld zu zahlen, in den Sitten der Idumäer erzogen und befreundete sich später mit dem jüdischen Hohenpriester Hyrkanus. Als er zu Pompeius eine Gesandtschaft für Hyrkanus übernommen und diesem das von seinem Bruder Aristobul bedrängte Reich wieder frei gemacht hatte, ward ihm das Glück, Verwaltungsbeamter in Palästina zu werden. Nachfolger des Antipater wurde, nachdem dieser aus Neid wegen seines großen Glückes hinterlistig ermordet worden war, sein Sohn Herodes, welchem später von Antonius und Augustus durch Senatsbeschluß die königliche Gewalt zuerkannt wurde. Des Herodes Söhne waren Herodes und die anderen Tetrarchen. So weit stimmt der Bericht mit der griechischen Geschichte überein. Die bis zu jener Zeit in den Archiven aufbewahrten Aufzeichnungen der Geschlechter der Hebräer und derjenigen, welche auf Proselyten wie auf Achior, den Ammoniter,8 oder auf Ruth, die Moabiterin, zurückführten, sowie derjenigen welche sich mit solchen vermischt hatten, die gleichzeitig aus Ägypten eingewandert waren, ließ Herodes verbrennen,9 da das Geschlecht der Israeliten zu ihm keinerlei Beziehung hatte und ihn das Bewußtsein seiner niederen Herkunft ärgerte. Er glaubte nämlich als Edel-geborener zu erscheinen, wenn auch andere nicht die Möglichkeit hätten, aus den öffentlichen Urkunden nachzuweisen, daß sie von den Patriarchen oder Proselyten oder den sog. Fremdlingen (γειῶραι)10, den Mischlingen, abstammen.

Einige wenige jedoch konnten, weil sie sich entweder aus dem Gedächtnis oder durch Benützung von Abschriften Privatregister besorgt hatten, sich rühmen, die Erinnerung an ihre edle Abstammung gerettet zu haben. Zu diesen gehörten die Erwähnten, welche wegen ihrer Beziehung zu dem Geschlechte des Erlösers ‚Herrenverwandte’ (δεσπόσυνοι) genannt wurden und welche sich von den jüdischen Dörfern Nazareth und Kochaba11 aus über das übrige Land ausgebreitet und die vorliegende Ahnentafel teils nach dem Gedächtnis, teils aus ihren Familienbüchern so gut wie möglich erklärt hatten. Sei dem, wie ihm wolle, niemand dürfte eine verlässigere Erklärung finden können. Da man keine bessere und verlässigere Erklärung finden kann, wollen wir uns mit der erwähnten zufriedengeben, wenn sie auch nicht mit Beweisen belegt werden kann. Auf jeden Fall sagt das Evangelium die Wahrheit.‘

Am Ende des gleichen Briefes fügt Afrikanus noch bei: ‚Matthan, der Nachkomme des Salomon, erzeugte den Jakob. Nach dem Tode des Matthan erzeugte Melchi, der Nachkomme des Nathan, aus dem gleichen Weibe den Heli. Heli und Jakob waren also Brüder als Söhne der gleichen Mutter. Da Heli ohne Kinder starb, erweckte ihm Jakob einen Samen und erzeugte ihm den Joseph, welcher also der natürliche Sohn des Jakob und der gesetzliche Sohn des Heli ist. Joseph war somit der Sohn des einen wie des anderen.‘

Soweit geht der Bericht des Afrikanus.12 Da dies die Ahnenreihe des Joseph war, so ist sie selbstverständlich auch der Stamm, aus welchem zugleich Maria hervorgegangen war; denn nach dem Gesetze des Moses war es nicht gestattet, eine Ehe mit Fremdstämmigen einzugehen. Es war Gesetz, daß die Ehe nur mit Gliedern desselben Volkes und desselben Stammes geschlossen werden dürfe, damit nicht das Familienerbteil von einem Stamm auf den anderen übergehe.13 Soviel hierüber.“ (Eusebius, Kirchengeschichte I,7)

 

Über die Lebenszeit Jesu schreibt Irenäus von Lyon:

„Denn unser Herr wurde erst um das einundvierzigste Jahr der Regierung des Augustus geboren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,21,3)

Eusebius, der sich auch hier auf ältere Quellen (speziell den jüdischen Historiker Flavius Josephus aus dem 1. Jahrhundert) beruft, hat darüber das zu sagen:

„Es war das 42, Jahr der Regierung des Augustus und das 28. Jahr seit der Unterwerfung Ägyptens und dem Tode des Antonius und der Kleopatra, womit die Herrschaft der Ptolemäer in Ägypten ihr Ende gefunden hatte,1 da wurde unser Erlöser und Herr Jesus Christus unter Quirinius,2 dem Statthalter von Syrien, zur Zeit der damaligen ersten Volkszählung gemäß den Prophezeiungen zu Bethlehem in Judäa geboren. Über diese Volkszählung unter Quirinius berichtet auch Flavius Josephus, der berühmteste Schriftsteller der Hebräer, indem er zugleich die zu derselben Zeit entstandene Sekte der Galiläer erwähnt, von der unser Lukas in der Apostelgeschichte also erzählt: ‚Hierauf erhob sich Judas, der Galiläer, in den Tagen der Volkszählung und gewann das Volk für sich; auch er kam um, und alle, welche ihm gefolgt waren, zerstreuten sich.‘3 Damit stimmt der erwähnte Josephus im 18. Buche seiner ‚Altertümer‘ überein. Er berichtet wörtlich: ‚Der Senator Quirinius, ein Mann, der schon die übrigen Ämter bekleidet hatte, durch alle Stufen bis zur höchsten Würde emporgestiegen war und auch sonst großen Einfluß besaß, kam mit einigen Begleitern nach Syrien, vom Kaiser als Richter entsandt und mit der Aufgabe der Vermögensschätzung betraut.‘4 Bald darauf schreibt er: ‚Judas, der Gaulaniter, ein Mann aus der Stadt Gamala, reizte gemeinsam mit dem Pharisäer Saddok zum Aufstande auf; sie gaben aus, daß die Schätzung nichts anderes als die volle Knechtung bezwecke, und forderten das Volk auf, für die eigene Freiheit einzutreten.‘5 Über diesen Judas bemerkt Josephus im zweiten Buche seines ‚Jüdischen Krieges‘: ‚Damals reizte ein Galiläer, namens Judas, seine Landsleute zum Aufstande auf und schalt sie, daß sie sich die Steuern an die Römer gefallen ließen und außer Gott noch sterbliche Herrscher annähmen.‘6 Soweit Josephus.7 (Eusebius, Kirchengeschichte I,5)

Eusebius gibt damit das Jahr 2 v. Chr. als Geburtsjahr Jesu an. (Unsere Zeitrechnung wurde erst im sechsten Jahrhundert berechnet, und zwar ein bisschen fehlerhaft; von heutigen Historikern wird meistens allerdings angenommen, dass die Geburt Jesu sogar schon zwischen 4 und 7 v. Chr. lag.)

 

Irenäus erwähnt an einer Stelle seines Werkes auch eine etwas seltsame (und ziemlich sicher falsche) mündliche Überlieferung, für die er sich auf kleinasiatische Priester beruft, nämlich dass Jesus jahrelang gelehrt habe und erst mit fünfzig gekreuzigt worden sei:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. […] Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte. Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten. […]

Denn als er zur Taufe kam, hatte er die Dreißig noch nicht vollendet, so nämlich gibt Lukas seine Jahre an, indem er schreibt: ‚Jesus aber war ungefähr ins dreißigste Jahr gehend‘1 . Nach der Taufe hat er nur noch ein Jahr gepredigt und gelitten, nachdem er das dreißigste Jahr vollendet hatte? Damals war er erst ein Jüngling, der das Alter der Reife noch nicht erreicht hatte. Allgemein aber gilt das dreißigste Jahr erst als der Anfang der Reife, die sich bis in das vierzigste Jahr erstreckt. Vom vierzigsten bis zum fünfzigsten Jahr reicht das Alter der Vollendung, welches unser Herr hatte, als er lehrte. Das bezeugen das Evangelium und die Priester in Kleinasien, die es so von Johannes, dem Schüler des Herrn, empfangen haben. Dieser aber blieb mit ihnen zusammen bis zu den Zeiten Trajans. Manche aber von ihnen haben nicht nur Johannes, sondern auch andere Apostel gesehen und dieses ebenso von ihnen empfangen und sind dafür Zeugen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4-5)

Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass Jesus nur ein Jahr gepredigt habe; andere, bekanntere Traditionen geben diese Zeit aber als drei Jahre an, und sehr viel mehr passt nicht in den Zeitrahmen zwischen den Daten zur Geburt Jesu und der Zeit von Pontius Pilatus als Statthalter in Judäa. Man wird also auch für diesen Zeitraum schon ein bisschen Legendenbildung annehmen dürfen.

 

* Auf die im 2. und 3. Jahrhundert entstandenen Evangelien der gnostischen Sekten oder Ansichten von Gegnern des Christentums werde ich ein andermal in eigenen Artikeln eingehen, aber auch die sind nicht gerade das, was man sich heute unter ihnen vorstellt; und hier geht es nur darum, was das Mainstream-Christentum (oder mit anderen Worten, die katholische Kirche) von Jesus dachte und wusste.