Beziehungstipps für Christen (oder so)

Gelegentlich einmal stellt man fest, dass Freunde oder Bekannte Beziehungsstress haben, der vermeidbar gewesen wäre, oder dass allgemein Leute sich im Unklaren sind, was sie selbst von einer guten Beziehung erwarten oder wie sie eine finden sollten. Und da macht man sich doch mal Gedanken über das Thema, auch anhand von eigenen vergangenen Erfahrungen. Also, hier ein paar Tipps, die vielleicht manchen ein bisschen helfen könnten. Diesen Text habe ich mit einem männlichen Freund abgesprochen, um nicht nur meine weibliche Perspektive hineinzubringen. Ergänzungen/Korrekturen in den Kommentaren zu dieser persönlichen Ideensammlung sind sehr willkommen!

Ich beziehe mich hier auf Dating unter ernsthaften Christen, speziell Katholiken. Ich will nicht wissen, wie es auf Tinder aussieht, und das muss uns alle auch nicht interessieren.

Im Vorfeld:

Man kann nicht immer kontrollieren, welche Menschen man trifft und wie sie auf einen reagieren. Aber man kann sich selbst zu einer Person machen, die eine gute Ehe führen kann. Und das sollte man auch tun, bevor man mit dem Dating beginnt; ein gewisses Maß an Reife ist sinnvoll.

Es ist z. B. gut, wenn man chronische Sünden im Bereich des 6. Gebots (zumindest solche wie Pornographie und Selbstbefriedigung) einigermaßen überwunden hat (womit ich nicht sagen will, man dürfe nicht heiraten, wenn man das noch nicht geschafft hat). Seien wir realistisch: Die wenigsten Männer heutzutage werden niemals solche Sünden begangen haben, schon zwölfjährige Jungs werden durch ihre Smartphones leicht zu so etwas verführt und stecken dann bald in einer Sucht fest, und auch manche Frauen sind davon betroffen. (Es ist aber im Gegensatz dazu schon realistisch, jemanden zu finden, der/die noch Jungfrau ist, was nicht als Verurteilung für die gemeint ist, die es nicht mehr sind.) Aber diese Sünden lassen sich überwinden. Die Ehe macht die Keuschheit sicher etwas leichter, sonst hätte der hl. Paulus sie nicht dafür empfohlen, aber auch in der Ehe kann es gezwungenermaßen längere Phasen der Abstinenz geben, z. B. während einer Krankheit oder nach der Geburt eines Kindes, und es ist gut, wenn man damit umgehen kann.

Wenn man jemanden kennenlernen will, muss man sich auch Gelegenheiten verschaffen. Nach der Kirche oder beim Gemeindefest mit Leuten reden, auf einen Ausflug der Jugendgruppe mitgehen, im Internet Kontakte knüpfen… Man kann nicht abwarten und davon ausgehen, dass die Leute an der Haustür klopfen.

Natürlich sollte man von vornherein nur ernsthafte Katholiken in Betracht ziehen; wenn man merkt, dass man einen Atheisten etwas zu attraktiv findet, kann man den Kontakt minimieren und sich diese Probleme ersparen. Und noch ein Hinweis aus persönlicher Erfahrung: Beziehungen werden generell schwierig, wenn man zu wenig gemeinsam hat; das gilt, wie gesagt, vor allem für die Religion, aber auch für solche untergeordneten Dinge wie Herkunft und Kultur. Wenn man eine Beziehung mit einem Inder oder Südamerikaner eingeht, können die verschiedenen Kulturen auch dann für einige Reibereien sorgen, wenn der katholisch ist. Und auch in Ländern, die noch katholischer sind als Deutschland, z. B. den Philippinen oder Polen, gibt es genug Leute, die schon noch irgendwie gläubig sind, aber z. B. ganz selbstverständlich die Pille nehmen. Und generell: Dass jemand katholisch ist, ist notwendig, aber nicht ausreichend; nicht alle halbwegs ernsthaften Katholiken sind auch schon gute Menschen oder für einen persönlich geeignet.

Am Anfang, wenn man jemanden erst kennenlernt und noch nicht einmal das erste Date hatte, muss man alles noch nicht so ernst nehmen. Man tastet sich heran; kein Grund, gleich den Hochzeitskuchen zu bestellen. Natürlich ist Dating auf die Ehe ausgerichtet, aber es ist ein längerer Weg. Man kann es ruhig angehen lassen, mehrere Leute kennenlernen und sich nett unterhalten, bis es dann mit einer Person ernster wird.

Was man generell tun sollte:

Das Allerwichtigste in Beziehungsdingen ist dann, immer offen, direkt und ehrlich zu sein. Damit erspart man sich sehr viele Verletzungen.

Wenn ein Mann offensichtlich Interesse an einer engeren Freundschaft mit einer Frau hat, aber sie nicht weiß, ob er jetzt noch mehr will, verunsichert sie das. Manchmal verhalten Männer sich so, weil sie erst noch abwarten wollen, sich nicht zu früh verletzbar machen wollen, und es noch so aussehen lassen wollen, dass sie es plausibel leugnen könnten, verliebt zu sein. Ein bisschen abwarten ist auch in Ordnung, aber irgendwann kommt die Zeit, wo ein Mann sagen sollte „hey, ich finde dich toll, wollen wir mal ein richtiges Date haben und schauen, ob mehr draus werden könnte?“. Ja, es kann sein, dass sie dann Nein sagt. Aber das ist immer noch besser, als wenn sie ein halbes Jahr später den Mut aufbringt, zu fragen, ob er irgendwie in sie verliebt ist, und verschämt erklärt, dass sie ihn eigentlich einfach nicht attraktiv findet… Man spart sich die Zeit. Der Mann kann sich gleich nach einer anderen Frau umschauen, und sie muss nicht das Gefühl haben, dass sie mit ihm spielt. Die beiden können Freunde bleiben (ja, manchmal geht das) oder einfach auseinander driften; man beendet die Sache im Guten. Und vielleicht sagt sie ja auch: Ja. Und drei Jahre später bringt man dann das erste Kind zur Taufe. Zu langes Zögern hätte ihn unattraktiv gemacht.

Auch die Frauen sollten ehrlich und offen sein. Eine Frau sollte z. B., wenn sie einen Mann attraktiv und nett und interessant findet, nicht darauf warten, dass er ihre Gedanken liest. Nicht nur zu ihm hingehen und Andeutungen machen, sondern ihn einfach mal direkt fragen! „Hey, wollen wir uns mal treffen?“ ist nicht so schwer – oder meinetwegen auch „Hey, willst du mich nicht mal bitten, mit dir auszugehen?“. Männer können einfach begriffsstutzig sein und gar nicht merken, dass sie bei einer Frau eine Chance hätten, auch wenn die mit dem Zaunpfahl winkt. Ja, ein bisschen Eigeninitiative ist erlaubt, auch wenn man keine Feministin ist. (Aber wenn man dafür zu schüchtern ist, ist es immerhin besser, zu flirten und Andeutungen zu machen, als gar nichts zu tun; das macht es ihm leichter, den ersten Schritt zu wagen. Ach ja, und ein Tipp an die Jungs: Wenn sie oft von sich aus schreibt oder einen anspricht, dann ist das schon mal ein gutes Zeichen – kein unfehlbares Zeichen, aber ein gutes Zeichen.)

Wie es nicht sein sollte.

Das gilt auch im Gegenzug bei Ablehnungen. Wenn eine Frau einen Mann – obwohl er vielleicht nett ist und ok aussieht – einfach nicht attraktiv findet, oder sich nicht vorstellen kann, mit ihm zusammenzuleben, weil sie einfach seine ganze Art irritiert, sollte sie ihn nicht hinhalten à la „vielleicht verliebe ich mich im Lauf der Zeit noch in dich“, weil sie ihn nicht verletzen will. Sie sollte auch nicht früher Gefühle zeigen, als sie eigentlich fühlt, sondern z. B. einfach sagen, wenn sie sich unsicher ist. Lange gehegte enttäuschte Hoffnungen können viel verletzender sein als ein frühes „Nein“ oder „ich weiß noch nicht“.

Wenn man jemanden nicht mag, sollte man ihn das freilich niemals in demütigender Weise spüren lassen. Es ist ihm vielleicht schon schwer genug gefallen, einen überhaupt anzusprechen.

Man hat auch ehrlich zu meinen, was man zu jemandem sagt, mit dem man schon zusammen ist. Wenn man sagt „nein, du brauchst mir nichts zum Geburtstag zu schenken, ich weiß, dass du gerade nicht viel Geld hast“, darf man dann nicht beleidigt sein, wenn der Freund einem tatsächlich nichts schenkt. Hey, er hat darauf vertraut, dass man ehrlich ist und aus Liebe auf ein Geschenk verzichten will. (Allerdings, Tipp an die Jungs: In einem solchen Fall wird es von dem Mädchen trotzdem geschätzt, wenn man vielleicht eine kleine Geburtstagsüberraschung hat, die nichts kostet.)

Wenn man sich zu Priesterberuf oder Ordensleben hingezogen fühlt und ernsthaft anfängt, sich darauf vorzubereiten, sollte man sich nicht gleichzeitig noch die Option offenhalten, eine Beziehung zu beginnen. Ein Seminarist sollte sich auf seine priesterliche Berufung konzentrieren und nicht nebenbei schauen, ob die Mädchen, die er im Kirchenchor kennenlernt, vielleicht doch ganz attraktiv wären. Wenn das Priesteramt sich doch nicht als seine Berufung herausstellt, kann er sich dann noch nach einem Mädchen umsehen; aber man sollte nicht zweigleisig fahren. So wie man ja auch nicht die Augen nach anderen Mädchen offenhält, wenn man mit einer fest zusammen und evtl. schon verlobt ist; auch wenn es im Einzelfall schon ok sein kann, wenn man die Beziehung abbricht, weil man sich unerwarteterweise total in eine andere verliebt hat. Im Gegenzug sollten auch die Mädchen sich von den Seminaristen fernhalten und sich nicht damit herausreden, dass der, für den sie schwärmen, ja noch kein Zölibatsversprechen abgelegt hat. Auch was keine offensichtliche Sünde ist, muss nicht sinnvoll sein.

Bevor man überhaupt mit Leuten ausgeht, sollte man geprüft haben: Bin ich zu Priestertum oder Ordensleben berufen, oder will ich eine Ehe führen? Es ist nicht hilfreich, wenn man sich total verliebt, und sich dann erst denkt: Hm, aber vielleicht sollte ich doch noch eine Berufung prüfen.

Außerdem sollten beide Seiten nicht zu anspruchsvoll, aber auch nicht zu anspruchslos sein.

Man sollte nicht mit dem Gedanken „Ich kann ihn/sie ändern“ eine Beziehung anfangen. Menschen ändern sich oft nicht, man muss sie nehmen, wie sie kommen, und bei ihren Fehlern davon ausgehen, dass es keinen grundlegenden Wandel geben wird. Und man ist nicht verpflichtet, eine Beziehung mit jemandem anzufangen, um ihn dazu zu bringen, ein besserer Mensch zu werden, sich für Gott zu interessieren und dergleichen. Flirt to convert ist eine ganz schlechte Idee. Dabei sollte man auch beachten: Der Partner soll irgendwann Vater/Mutter der eigenen Kinder sein, und die brauchen ein gutes Vorbild, nicht jemanden, der noch zu bekehren ist. Sie sollen auch ein gutes Verhältnis ihrer Eltern zueinander erleben.

Man sollte sich auch nicht zwingen wollen, sich in jemanden zu verlieben, weil man sich irgendwie denkt, dass der theoretisch so ein guter Partner wäre.

Man sollte aber auch nicht erwarten, dass man jemanden finden wird, der absolut perfekt ist und dessen Eigenschaften einen nie irritieren. Menschen sind nicht perfekt. Wenn der andere ein guter Katholik ist, man gut zusammenpasst, sich gut vorstellen kann, zusammenzuleben und gemeinsam Kinder großzuziehen, sich auch lange genug kennt, und etwas gegenseitige Anziehung da ist, ist es genug.

Und man sollte sich dabei keine Sorgen machen, „ob ich meine Berufung verfehle“, wenn man den einen heiratet statt den anderen. Gott legt uns öfter verschiedene gute Möglichkeiten vor, aus denen wir auch frei wählen können, und wenn wir dann etwas Gutes wählen und etwas noch Besseres verfehlen, hält Er uns das nicht vor und lenkt trotzdem unser Schicksal in gute Bahnen. Man muss nicht zwanghaft auf Zeichen und Hinweise achten, ob Gott will, dass man genau mit dem und dem zusammenkommt. Es ist wirklich eine freie Entscheidung, die Gott einem überlässt; man muss sich selbst entscheiden, ob man jemanden heiratet oder das vielleicht einfach nicht will.

Bevor man sich aber wirklich auf Verlobung und Hochzeit einlässt, sollte man auf Warnhinweise achten, die vielleicht erst nach einiger Zeit auftauchen, z. B.:

  • Stimmen ihre Handlungen nicht mit ihren Worten überein? Ist sie unzuverlässig, launisch, unberechenbar?
  • Ist sie manipulativ, lügt sie häufiger?
  • Ist er kriminell?
  • Verlangt er von einem, schlimme Geheimnisse zu bewahren?
  • Behandelt sie ihre Familie oder auch einfach die Bedienung im Restaurant herablassend und arrogant?
  • Ist er extrem eifersüchtig, kontrollierend, jähzornig, hat man Angst vor ihm oder ist während des Zusammenseins mit ihm ständig auf der Hut? Greift er im Extremfall sogar zu körperlicher Gewalt? Wer einmal dazu fähig war, dem sollte man so schnell nicht wieder trauen.
  • Hat sie einen betrogen? Untreuen Leuten sollte man normalerweise keine zweite Chance geben, auch wenn sie Besserung versprechen.

Jemand kann in anderen Dingen sehr anziehend sein, vielleicht ist er liebevoll, macht sich Sorgen, überrascht einen immer wieder mit netten Dingen, aber wenn er so extrem eifersüchtig ist, dass er Wutausbrüche hat, wenn man mit anderen Männern auch nur redet, macht das alles zunichte. Einen vergifteten Apfel isst man nicht, auch wenn das Gift nur ein geringer Bestandteil des Apfels ist.

Wenn man erst einmal verheiratet ist, kann man die Beziehung nicht mehr so einfach beenden und neu anfangen. Eine Trennung ist im Extremfall natürlich möglich, aber man bleibt trotzdem an denjenigen gebunden. Aber wenn man es noch nicht ist, hat man sich noch nicht verpflichtet und kann die Sache beenden, auch aus wesentlich banaleren Gründen, z. B. weil man wenig Gemeinsamkeiten hat oder sich gegenseitig auf die Nerven geht.

Hilfreich ist hier auch der Rat von Familie und Freunden. Wenn man selbst zu verliebt ist, um Warnhinweise deutlich genug zu sehen, können sie einem die Augen öffnen. Dabei sollte man ehrlich mit ihnen sein, und die Dinge nicht schönreden.

Man sollte sich zum Zeitpunkt der Hochzeit lange genug kennen; man muss den Partner nicht fünf Jahre lang hinhalten, aber eine Verlobung nach zwei Monaten und Hochzeit noch mal zwei Monate später wäre doch ein bisschen schnell.

Unter Christen sollte es selbstverständlich sein, dass Sex vor der Ehe nicht geht. Aber (und das ist auch vielen Katholiken nicht bewusst): Nach der Lehre der katholischen Kirche sollte man auch andere Handlungen meiden, die auf sexuelle Erregung ausgerichtet sind, also z. B. langwieriges Herummachen – das macht es einem auch leichter, weitergehende Sünden zu vermeiden. Kurze Küsse auf die geschlossenen Lippen, Umarmungen, Händchenhalten, also Berührungen, die einfach nur Zärtlichkeit und Zuneigung zeigen, sind dagegen gut und erlaubt, solange sie bei einem oder beiden nicht regelmäßig zu sexueller Erregung führen (was ungewollt selten mal dazu führt, ist erlaubt). Man sollte sich auch von Gelegenheiten zu Sünden fernhalten, also z. B. möglichst nicht zu zweit allein an Orten sein, an denen man nicht von anderen überrascht werden könnte.

Außerdem: Lieben heißt grundsätzlich: Jemandem Gutes wollen. Man sollte fähig sein, dem anderen wirklich Gutes zu wollen, auch wenn das heißt, dass man nicht zusammenkommt, und sich jemanden suchen, der ebenfalls dazu fähig ist.

Was Frauen brauchen/wollen:

Frauen tut es wirklich gut, einen starken Mann zu haben – das ist einfach so. Körperliche Stärke ist gut und nett, aber es braucht mehr: Ein selbstbewusster Mann, der ihr auch sagt, wenn sie Schmarrn macht, gemein ist oder eine falsche Meinung hat. Ein ruhiger, gefestigter Mann, der sich nicht von allem aus der Ruhe bringen lässt. Ein belastbarer Mann, der ihr gut helfen kann, wenn sie krank ist oder gerade ein Kind bekommen hat. Ein mutiger Mann, der sie verteidigen würde, wenn ein anderer Mann sie auf der Straße begrapschen würde. Ein Mann, der wüsste, was zu tun ist, wenn eine Überschwemmung oder ein Stromausfall passiert. Ein Mann, der ihre Kinder beschützen würde, ihnen aber auch Grenzen setzen würde, der zu ihr stehen würde, wenn sie den Kindern etwas verbieten müsste.

Er muss nicht immer stark sein. Eine anständige Frau wird ihrem Mann auch helfen wollen, wenn es ihm gerade mal schlecht geht, und ihm auch heraushelfen, wenn er wegen einer Depression oder Krankheit oder Sucht in ein tiefes Loch fällt. Aber eine gewisse grundsätzliche Stärke zum Zeitpunkt der Hochzeit sollte er haben.

Es ist nun mal so: Frauen wollen gerne einen Mann, zu dem sie aufsehen können, und der ein wenig klüger oder talentierter oder erfahrener ist als sie. Es muss nicht viel sein; man soll ja auch noch Gemeinsamkeiten haben. Aber es ist gut, wenn es da ist.

Manchmal fühlen sich Frauen leider zu einem Mann hingezogen, der etwas „Gefährliches“ hat, weil sie das unterbewusst mit Stärke assoziieren. Das ist nicht besonders klug, und von zwielichtigen und unberechenbaren Typen sollte man sich wirklich fernhalten. Kein „er ist bestimmt nur missverstanden und ich kann seine gute Seite zum Vorschein bringen“. Einfach nein.

Was Männer brauchen/wollen:

Männern tut es gut, wenn sie eine Frau haben, die sie respektiert, der sie vollkommen vertrauen können, die liebevoll ist und die keine Spielchen mit ihnen spielt. Eine treue Frau, bei der einer nicht damit rechnen muss, dass sie mit anderen Männern flirtet, weil sie sich rächen will. Eine Frau, die einfach liebevoll und zärtlich sein kann, ihm zuhört, ihm helfen will, und deutlich macht, dass sie nie über ihn lachen oder seine Geheimnisse herumerzählen wird. Eine Frau, die nicht ständig genervt ist oder ihn herumkommandieren will. Eine Frau, die es respektiert, wenn er etwas besser weiß, und die auch mal interessiert zuhören kann, wenn er sich Spezialwissen angeeignet hat, das sie nicht hat. Eine verantwortungsbewusste Frau, die ohne langwieriges Herumgerede eigene Fehler zugeben kann. Es ist leider so, dass der Feminismus ziemlich die Einstellung verbreitet hat, dass Frauen ständig irgendwie über Männer auftrumpfen sollen und Männer ständig armselig oder lächerlich sind. Von dieser Vergiftung durch den Feminismus muss man sich lösen. Es tut einer Beziehung wirklich gut, wenn man jemanden einfach unironisch liebt und respektiert.

Außerdem: Eine Dramaqueen geht nicht. Wenn sie herumschreit und ihn heruntermacht, wenn sie sich gerade ärgert, oder wenn sie passiv-aggressiv und manipulativ wird, ist sie nicht verlässlich.

Beidseitiges:

Natürlich sollten auch Frauen eine gewisse Stärke entwickeln, und auch Männer treu, liebevoll und respektvoll sein. Ich habe gerade nur davon geredet, wonach sich beide manchmal besonders sehnen und was besonders nötig ist. Rücksichtnahme, Wahrhaftigkeit, eigenständiges Denken, Gerechtigkeit und Bereitschaft zum Verzeihen und dazu, die eigenen Fehler und Sünden zuzugeben, tut den Rest. Und vielleicht ein bisschen Humor.

Unter- und Überordnung:

Nach der katholischen Lehre (die einfach aus der Bibel folgt) ist es eine Tatsache, dass der Mann das Familienoberhaupt ist und die Frau ihm eine gewisse Unterordnung und einen gewissen Gehorsam schuldet. Das gilt nicht bei missbräuchlichen, völlig blödsinnigen, klar schädlichen oder sündhaften Befehlen (wie immer); aber grundsätzlich gilt es schon. Häufig wird man Kompromisse finden, aber im Zweifelsfall hat der Mann das letzte Wort, und er trägt die Gesamtverantwortung für die Familie.

Dein Freund oder Verlobter ist noch nicht dein Mann; ihm schuldest du noch keinen Gehorsam. Aber jetzt ist die Zeit, auszutesten, ob er jemand ist, dem du genug vertrauen könntest, um ihm für die Zukunft Gehorsam zu versprechen. Gehorsam bei wichtigeren Dingen könnte z. B. in solchen Fällen ins Spiel kommen:

  • „Auch wenn du meinst, dass du dich bei einer Hausgeburt wohler fühlen würdest und du zu Recht Vorbehalte gegen manche Ärzte hast, ich erlaube dir das nicht: Du gehst zur Geburt ins Krankenhaus. Wenn etwas schief geht und es für dich und unser Kind um Leben und Tod geht, muss sofort ein Arzt da sein. Ich versuche trotzdem, dir das so angenehm wie möglich zu machen.“
  • „Ich weiß, du würdest lieber hier wohnen bleiben, weil deine Familie in der Nähe ist, aber hier wird es mit der Kriminalität wirklich zu schlimm, und da und da haben wir eine gute katholische Schule, wenn unser Kind nächstes Jahr eingeschult wird. Das ist für unsere Kinder jetzt wichtiger, also werden wir umziehen.“
  • „Deine Mutter behandelt dich ständig schlecht, mischt sich in alle unsere Angelegenheiten ein und ist auch kein guter Einfluss für unsere Kinder. Beschränke den Kontakt mit ihr endlich auf das Nötigste. Wenn du ihr nicht sagst, dass sie uns nicht mehr jedes Wochenende besuchen soll, sage ich es ihr.“

Könnte ich ihm vertrauen, dass er genug gesunden Menschenverstand hat? Meine Belange und Einwände ausreichend in Betracht zieht? Feste Entscheidungen treffen kann, statt ständig in seinen Meinungen zu schwanken? Das Beste für mich will und Gott an die erste Stelle setzt? Er muss nicht perfekt sein, aber im Großen und Ganzen sollte er vernünftig und gerecht sein.

Umgekehrt darf auch der Mann schauen: Kann sie kluge Ratschläge geben? Mir sagen, wenn ich etwas falsch mache? Aber auch Kompromisse eingehen, und im Zweifelsfall mal meine Meinung akzeptieren? Kaum ein Mann wird eine Frau ohne eigene Meinung wollen, aber es ist legitim, eine haben zu wollen, die nicht immer Recht behalten muss.

Attraktivität:

Oberflächliche Attraktivität ist nicht alles – ja, es kommt tatsächlich auf die inneren Werte an. Aber wir alle finden es leichter, jemanden und dessen innere Werte näher kennenzulernen, wenn er oder sie auf den ersten Blick attraktiv wirkt. Sowohl Männer als auch Frauen haben sowohl ihre ererbten Instinkte als auch die Fähigkeit zum vernünftigen Denken und dazu, mal über diese Instinkte hinwegzusehen; beides muss man in Betracht ziehen.

Übergewicht, vor allem starkes Übergewicht, ist das Unattraktivste, und das kann fast jeder verlieren, der nicht gerade spezielle Medikamente nimmt oder Krankheiten hat. (Und wenn letzteres auf jemanden zutrifft, ist es gut, wenn er offen damit umgeht.) Dann noch ein anständiger Haarschnitt, normale ordentliche Kleidung und gute Körperhygiene, und die meisten Leute werden zumindest durchschnittlich und ok aussehen. Auch schlechte Zähne und schlechte Haut lassen sich zumindest meistens bis zu einem gewissen Grad verbessern. Und ein solches durchschnittliches, gepflegtes, normales Aussehen sollte für andere Leute, die nicht zu oberflächlich sind, auch genügen. Bonus: Vor allem Männer sehen noch besser aus, wenn sie öfter Sport machen (das zeigt sich nicht nur an den Armmuskeln, sondern auch am Gesicht), und bei Frauen dürfte Weiblichkeit attraktiv sein, also z. B. lange Haare oder Flechtfrisur und Röcke, aber kein trashiges Aussehen – er sollte nicht das Gefühl haben, dass sie allen Männern ihre Reize präsentiert. Und in gewisser Weise zeigt das auch ein paar innere Werte, zumindest Sekundärtugenden – dass man sich anstrengen kann, dass man sich nicht gehen lässt, dass man es mit der Eitelkeit aber nicht übertreibt.

Freilich: Gerade wenn man selber eher durchschnittlich oder unterdurchschnittlich attraktiv ist, braucht man auch beim Partner nicht übermäßig anspruchsvoll zu sein. Man wünscht sich, dass der andere einen so akzeptiert, wie man ist; also sollte man mit gutem Beispiel vorangehen. Es ist auch ok, wenn man sich in dieser Hinsicht mit jemandem „zufrieden gibt“, wenn die Freunde einem sagen, dass man vielleicht „noch was Besseres hätte finden können“. (Das ist auch keine Beleidigung des anderen, wenn man sich selber denkt, dass man sich mit ihm zufrieden gibt, obwohl man noch was Besseres hätte finden können. Vielleicht denkt sich der andere auch, er gibt sich mit einem zufrieden – und ein bisschen Demut schadet keinem.)

Auch durch seine Handlungen und Leistungen wirkt man attraktiv. Die Männer legen anscheinend gar nicht so viel Wert auf erfolgreiche Frauen; aber christliche Frauen werden sich eher zu Männern hingezogen fühlen, die schon einen guten Job haben oder in absehbarer Zeit einen haben werden, als zu solchen, die schon das dritte Studium abgebrochen haben und ihr Leben einfach nicht auf die Reihe bekommen. Es ist nun mal unser Ideal, dass der Mann die Familie versorgt, und die Frau sich um Haushalt und mehrere Kinder kümmern kann; da ist es normal, dass man jemanden mag, mit dem dieses Ideal leichter möglich ist. Natürlich: Man sollte als Frau auch nicht Männer ausschließen, die vielleicht einen schlechter bezahlten Job haben, sodass man selber noch Teilzeit arbeiten müsste oder sich kein eigenes Haus leisten könnte und Wohngeld beantragen müsste o. Ä. Wir sind auch nicht zu erhaben für einen Müllmann oder eine Putzkraft. Und es wird nun mal zurzeit schwieriger, eine große Familie mit einem Gehalt zu ernähren, dafür können die Männer nichts. Man sollte als Frau auch auf seinen Teil vorbereitet sein, und zu einem selbstständigen und verantwortungsbewussten Menschen werden – sich mit Haushalt und Finanzen auskennen, eine sinnvolle Ausbildung machen, mit der man zum Familieneinkommen beitragen könnte, sich ein bisschen mit Babies auskennen, vielleicht schon wissen, wie NFP geht, o. Ä.

Tipps für Männer: Aufmerksam sein! Wenn man sie fragt „wie geht es dir“ und sie antwortet „na ja, passt schon“ – lieber noch mal nachfragen, ob das denn heißt, dass es ihr nicht so wirklich gut geht. Und wenn sie in der Woche zuvor erzählt hat, womit sie beschäftigt ist, ruhig noch mal fragen, wie es inzwischen damit läuft. Frauen schätzen Aufmerksamkeit. Sie schätzen es auch, wenn ein Mann besonders zuvorkommend ist und z. B. die Tür aufhält. Sie erwarten solche Gesten nicht mehr unbedingt – was logisch ist, da Feministinnen Männer dafür anzicken -, und wenn es jemand dann trotzdem tut, sind sie freudig überrascht. Außerdem: Am Anfang Geduld für Small Talk haben. Und noch ein Tipp: Frauen unterschätzen manchmal, dass auch Männer, die 1,75 m groß und nicht arg trainiert sind, merklich stärker sind als sie, weil sie das letzte Mal in der Grundschule mit vorpubertären Jungs ihre Kräfte gemessen haben. Wenn man ein Mädchen beeindrucken will, kann man ihr z. B. mal spaßeshalber anbieten, mit ihr Armdrücken zu machen. (Aber nicht auf allzu angeberische Weise!) Es ist gut möglich, dass sie einen dann gleich ein gutes Stück attraktiver findet, weil sie plötzlich den Eindruck hat, dass der sie wirklich beschützen könnte.

Tipps für Frauen: Männer bekommen oft nicht viele Komplimente und auch nicht immer viel Bestärkung. Starke Männerfreundschaften sind seltener geworden, weil irgendwie des Schwulseins verdächtig, und weil es nicht mehr so viele reine Männergruppen gibt, in denen sie sich entwickeln können. Ein ehrliches Kompliment kann einem Mann wirklich guttun. Wichtig: Ehrliche Komplimente, die man hundertprozentig unterschreiben kann, keine netten Worte, die man nicht so meint. Es kann ihm auch sehr guttun, wenn man ihm einfach mal zuhört, wenn er über seine Interessen redet, Männer fachsimpeln gern – und ein halbstündiger Vortrag über mittelalterlichen Burgenbau kann sehr interessant sein.

Es gibt diesen Dating-„Markt“, auf dem man seine Chancen maximieren kann, das ist eben so. Aber das ist zumindest nicht allzu schlimm, solange gewisse Regeln gelten – vor allem, dass mit offenen Karten gespielt wird, jeder nur einen Partner bekommt, und man den später nicht mehr eintauschen kann.

Nicht verzagen:

Man muss nicht gleich mit 20 heiraten, auch wenn das schön ist. Mit 27 reicht es auch noch, oder mit 32. Es ist auch nicht schlimm, wenn man schon 39 ist; auch wenn man seinen Stammbaum durchgeht, wird man die ein oder andere Ururgroßmutter finden, die das getan hat. Und wenn man gar keinen findet – na ja, schon ziemlich viele einsame Junggesellen und alte Jungfern sind uns in den Himmel vorausgegangen, wo es kein Heiraten mehr geben wird. Am Ende ist doch Gott allein das Wichtigste. (Das ist so, auch wenn es klischeehaft klingt.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12d: Das 6. & 9. Gebot – Fragen zur Ehe

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Anmerkung: Das hier sind wahrscheinlich die Teile aus dieser Reihe, bei denen am meisten kritische Kommentare von wegen komisch und kleinkariert kommen könnten. Aber das hier ist eben Kasuistik, und die ist dazu da, peinliche Einzelfragen zu beantworten, die die Leute nicht gerne groß diskutieren. Ich werde mich bemühen, es so trocken und klar wie möglich zu halten. Dumme Kommentare und Kommentare, die sich über andere lustig machen, werden gelöscht. Wenn Fragen länger diskutiert werden, liegt das eher daran, dass sie besonders umstritten sind, und nicht zwangsläufig daran, dass sie besonders wichtig sind.

In diesem Teil soll es um Einzelfragen zur Ehe gehen, sowohl um sexuelle Fragen als auch um andere. Manches, was hier diskutiert wird, ist vermutlich in der Ehe im Alltag nicht sehr oft relevant, aber es kann eben doch mal relevant werden. Am wichtigsten ist es natürlich, die konkrete Ehe gut und liebend zu leben.

Erst einmal ist die Frage: Was macht eine Ehe, wie kommt sie zustande? Die Antwort ist einfach: Durch den Ehekonsens, d. h. den übereinstimmenden Willen von Mann und Frau, eine Ehe zu schließen.

Zwangsehen und Scheinehen sind aus sich heraus ungültig. Nicht per se ungültig sind Vernunftehen, arrangierte Ehen oder Ehen aus nicht idealen Motiven, wie Geldgier oder Torschlusspanik. Wenn jemand sich von seinen Eltern einen Ehepartner vermitteln lässt und dieser Ehe zustimmt, ist die Ehe gültig; genauso ist es gültig, wenn eine Frau einen Mann nur deswegen heiratet, weil sie fürchtet, sonst keinen mehr zu finden. Freilich sind Liebesehen das Ideal.

Hier stellt sich die (wenn auch eher theoretische) Frage: Welche Motive für eine Ehe oder Herangehensweisen an eine Ehe könnten Sünde sein? Zunächst einmal wäre es eine Sünde gegen die Klugheit, z. B. jemanden zu heiraten, den man kaum kennt, oder von dem man weiß, dass er schwerwiegende Charakterfehler hat, oder von dem man sich körperlich abgestoßen fühlt, oder mit dem man es nicht länger in einem Raum aushält. In der Ehe hat man, egal, wie sie zustande gekommen ist, die Pflicht, dem anderen Liebe zu zeigen und mit ihm sein Leben zu teilen, und das würde man sich extrem erschweren, wenn man z. B. einen unsympathischen Millionär nur wegen seiner Millionen heiraten würde. Außerdem wäre es falsch, jemanden aus einem Motiv zu heiraten, das sich auf etwas Falsches richtet, z. B. wenn die Frau den Millionär auch u. a. deswegen heiratet, damit für seinen Sohn aus erster Ehe, den sie hasst, weniger vom Erbe übrig bleibt. Jemanden nur aus oberflächlichen Gründen zu heiraten, z. B. weil er attraktiv ist, wäre nicht an sich falsch (weil Attraktivität nichts Falsches ist), aber normalerweise auch wieder eine Sünde gegen die Klugheit, weil man dabei z. B. jemanden heiraten könnte, bei dem man bald feststellt, dass man nicht richtig zusammenpasst, und jemanden übersehen könnte, mit dem man gut zusammengepasst hätte. Vernunftehen, die es v. a. früher gab, wenn z. B. ein Witwer eine Witwe heiratete, damit sie einander mit ihren Kindern aus erster Ehe helfen konnten, sind nicht falsch, könnten manchmal auch wieder unklug sein, müssen es aber nicht sein. Auch der hl. Thomas More z. B. ging eine solche Vernunftehe ein.

Besser sind natürlich Ehen, die geschlossen werden, weil man einfach richtig zusammenpasst, am liebsten seine ganze Zeit miteinander verbringt, usw. Aber eine Beziehung muss nicht absolut ideal romantisch sein, manchmal muss man sich auch damit zufriedengeben, dass der andere auch seine Fehler hat, und die Verpflichtungen aus der Ehe gelten auch dann weiter, wenn man sich vielleicht irgendwann auseinandergelebt hat. Mit der Eheschließung gründet man eine neue Familie, und bindet sich aneinander. Man kann den anderen dann so wenig wieder zum Nicht-Ehepartner machen, wie man sein Kind zum Nicht-Verwandten machen kann. Man gehört dann einfach zusammen, und es stellt sich gar nicht mehr die Frage, ob man vielleicht so ideal zueinander passt oder auch jemand Besseren hätte finden können.

Wenn man ältere Bücher von Priestern zu diesem Thema liest, wird auch immer davor gewarnt, vorschnell und unüberlegt zu heiraten. Man sollte jemanden natürlich nicht fünf Jahre lang hinhalten; aber eine Verlobung nach zwei Monaten wäre normalerweise auch nicht sinnvoll. Papst Pius XI. schreibt in Casti Connubii über die Partnerwahl (Hervorhebung von mir):

„Zu der näheren Vorbereitung auf eine gute Ehe gehört sodann die Sorgfalt in der Wahl des Gatten; denn von ihr hängt es zum guten Teil ab, ob die künftige Ehe glücklich sein wird oder nicht, und zwar deshalb, weil der eine Gatte dem andern eine starke Hilfe, aber auch eine schwere Gefahr und ein Hindernis für die christliche Lebensführung in der Ehe sein kann. Wollen darum die Brautleute nicht ihr ganzes Leben unter den Folgen einer unüberlegten Wahl leiden, so mögen sie zuerst reiflich überlegen, bevor sie sich für jemanden entscheiden, mit dem sie nachher auf Lebenszeit zusammen sein müssen. Bei dieser Überlegung mögen sie vor allem auf Gott schauen und der wahren Religion Jesu Christi Rechnung tragen, sodann an sich selbst denken, an ihren Ehegatten, an die zukünftige Nachkommenschaft, sowie an die bürgerliche und menschliche Gesellschaft, deren Quelle die Ehe ist. Inbrünstig sollen sie zu Gott um Hilfe beten, daß sie ihre Wahl nach christlicher Klugheit treffen und sich nicht von dem blinden Drängen der Leidenschaft leiten lassen. Ihre Wahl soll auch nicht ausschließlich von der Sucht nach materiellem Gewinn oder anderen weniger edlen Beweggründen bestimmt werden, sondern von wahrer, echter Liebe und aufrichtiger Zuneigung zum künftigen Gatten. Sie mögen jene Ziele und Zwecke in der Ehe suchen, um derentwillen sie von Gott eingesetzt worden ist. Sie sollen es endlich nicht unterlassen, bei der Wahl des Lebensgefährten den Rat der Eltern einzuholen; sie sollen diesen Rat nicht gering anschlagen, um durch der Eltern reifes Urteil und Lebenserfahrung vor verhängnisvollem Fehlgriff bewahrt zu bleiben und sich beim Eintritt in die Ehe den Gottessegen des vierten Gebots zu sichern: ‚Ehre Vater und Mutter,‘ – was das erste Gebot mit einer Verheißung ist – ‚damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.'“

Ehen gegen den Willen der Eltern sind natürlich erlaubt; aber es ist eine Sache der Klugheit und Angemessenheit, sie um ihren Rat zu fragen, wenn man weiß, dass ihr Urteil generell vertrauenswürdig ist. „Vor der Heirat sollen die Kinder den Rat der Eltern einholen. Wenn sie aber selbst auf einen vernünftigen Rat nicht hören, begehen sie gewöhnlich nur eine läßliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 199, S. 162)

Hier noch kurz eine kurze Anmerkung: Katholiken fragen sich manchmal: Beruft Gott mich vielleicht zur Ehe mit genau dem-und-dem? Hier ist es wie bei anderen Berufungen: Gott kann einem auch einfach Freiheiten lassen, sich zwischen verschiedenen guten Möglichkeiten zu entscheiden; man ist nicht verpflichtet, jemanden zu heiraten, weil man meint, schicksalhafte Hinweise zu erkennen. Gott hat einem den Verstand gegeben und einem nicht das Rätselraten überlassen. Und die beste Entscheidung ist hier, jemanden zu heiraten, mit dem man das Zusammensein wirklich genießt und dem man blind vertrauen kann; man muss es ja auch voraussichtlich noch einige Jahrzehnte mit ihm aushalten.

Eine andere Frage: Wie sieht es damit aus, eine Beziehung mit einem Nichtkatholiken einzugehen? Papst Pius XI. schreibt in Casti Connubii:

„Schwer und oft nicht ohne Gefahr für ihr ewiges Heil fehlen hierin jene, die leichtsinnig eine Mischehe eingehen, von der die mütterliche Liebe und Vorsicht der Kirche ihre Kinder aus den gewichtigsten Gründen abhält. Das zeigt sich an der großen Zahl von Äußerungen, die in dem Kanon des kirchlichen Rechtsbuches zusammengefaßt sind, der bestimmt: ‚Aufs strengste verbietet die Kirche die Eingehung einer Ehe zwischen zwei Getauften, von denen der eine katholisch, der andere irrgläubig oder schismatisch ist. Falls bei einer solchen Ehe die Gefahr des Abfalls für den katholischen Eheteil und die Nachkommenschaft besteht, ist sie auch durch göttliches Gesetz verboten.‘ Wenn auch die Kirche zuweilen mit Rücksicht auf die Zeiten, Verhältnisse und Personen eine Dispens von diesen strengen Vorschriften nicht verweigert (unbeschadet jedoch des göttlichen Rechts, und unter möglichstem Ausschluß einer Gefahr des Abfalls durch Aufstellen geeigneter Sicherungen), so läßt sich doch nur schwer ein ernster Schaden des katholischen Teiles aus solcher Ehe vermeiden.

Nicht selten kommt es bei Mischehen dazu, daß sich die Kinder in beklagenswerter Weise von der Religion abwenden oder wenigstens, und zwar überraschend schnell, dem sogenannten religiösen Indifferentismus verfallen, der der Religionslosigkeit und völligen Gottentfremdung sehr nahesteht. Außerdem gestaltet sich in den Mischehen jene lebendige Harmonie der Seelen viel schwieriger, die das erwähnte große Geheimnis, die geheimnisvolle Verbindung der Kirche mit Christus nachahmt.

Nur zu leicht wird auch die Einheit und Einigkeit der Herzen versagen, die, wie sie Kennzeichen und Merkmal der Kirche Christi sind, so auch Kennzeichen, Zierde und Schmuck der christlichen Ehe sein sollen. Denn das Band, das die Herzen aneinander fügt, löst sich ganz oder lockert sich wenigstens, wenn in dem Letzten und Höchsten, was dem Menschen heilig ist, nämlich in den religiösen Wahrheiten und Anschauungen, sich Ungleichheit der Ansichten und Verschiedenheit der Bestrebungen geltend machen. Daraus entsteht die Gefahr, daß die Liebe zwischen den Gatten erkaltet, der häusliche Friede und das Familienglück erschüttert werden, die ja in erster Linie aus der Herzenseinheit hervorwachsen. Denn wie schon vor vielen Jahrhunderten das alte römische Recht gesagt hat, ‚ist die Ehe die Vereinigung von Mann und Frau, völlige Lebensgemeinschaft und Gemeinschaft göttlichen wie menschlichen Rechts.'“

Eine Mischehe ist nicht zwangsläufig eine Sünde; es kann sein, dass man in einer Gegend lebt, wo kaum andere Katholiken leben, und jemanden kennenlernt, der den katholischen Glauben respektiert (inklusive Vorschriften zu Themen wie Verhütung und Scheidung) und ohne weiteres zustimmt, die Kinder katholisch zu erziehen. Aber das wäre doch eher selten der Fall. Die Gefahren sind nun mal da:

  • Wenn der andere nicht religiös ist, kann man in Gefahr kommen, die Religion selber weniger ernst zu nehmen; man lässt sich nun mal stark beeinflussen von Leuten, die man liebt
  • Wenn die Kinder sehen, dass die Eltern in so etwas Wichtigem nicht einig sind, werden sie ganz automatisch eher denken, dass das doch nicht so wichtig ist; und auch der andere Ehepartner ist ganz automatisch ihr Vorbild, auch wenn er sich nicht bemüht, sie in seiner Religion zu erziehen
  • Wenn man vor irgendwelche neuen Entscheidungen gestellt wird, wird man sich nach den Prinzipien des Glaubens richten wollen, die der Ehepartner aber vielleicht nicht versteht und nicht anerkennt
  • Wenn der andere zu einer anderen Kirche gehört und Gott ihm wichtig ist, wird er natürlich auch wollen, dass die Kinder zu seiner Kirche gehören; aber wenn er zu keiner Kirche gehört und die Religion nicht ernst nimmt, ist das u. U. noch schlimmer

Es kann natürlich sein, dass man jemanden Tollen kennenlernt, der bisher nicht viel mit der Kirche zu tun hatte, aber offen dafür ist und sich vom Katholizismus überzeugen lässt. Wenn er aber nicht bis zur Verlobung wirklich bekehrt ist (und das möglichst schon eine gewisse Zeit lang, und ein bisschen gefestigt ist, also nicht bloß aus Gefälligkeit erst mal mit in die Kirche geht), sollte man auch nicht damit rechnen, dass er sich später noch ändert.

Also: Von einer solchen Ehe ist sehr abzuraten; und wenn man in die Gefahr kommt, sich gegen den Glauben beeinflussen zu lassen (z. B. auch, weil man weiß, dass der andere versuchen wird, einen vom Besuch der Messe abzuhalten o. Ä.), oder wenn der andere nicht zustimmt, die Kinder katholisch zu erziehen, ist sie sicher eine Sünde; wenn beide Gefahren nicht da sind, dürfte sie moralisch erlaubt sein, ist aber trotzdem nicht ideal – man lädt sich selbst einfach unnötige Schwierigkeiten auf, die man sich auch ersparen könnte. Dazu kommt, dass man, wenn man verliebt ist, sich leichter einredet, dass die Gefahren nicht da sind, obwohl sie es vielleicht sind. Das gilt auch, obwohl die Kirche mittlerweile laxer mit ihren Vorschriften geworden ist. (Früher mussten beide versprechen, die Kinder katholisch zu erziehen, heute muss der katholische Partner nur versprechen, „nach Kräften alles zu tun, daß alle seine Kinder in der katholischen Kirche getauft und erzogen werden“ und der nichtkatholische Partner ist von diesem Versprechen zu unterrichten (Can 1125 im CIC). Das ist natürlich eine sehr unpraktische Neuerung; denn so kann sich der katholische Partner nicht mehr darauf berufen, dass der nichtkatholische Partner der katholischen Erziehung der Kinder ausdrücklich zugestimmt hat, der nichtkatholische Partner muss sich nicht wirklich verpflichtet fühlen. Freilich könnte man dem Partner noch persönlich dieses Versprechen abnehmen.) Die einfachste Lösung ist es, sich gar nicht erst auf Dates mit Nichtkatholiken einzulassen; wenn man sich nicht so gut kennenlernt und gar nicht erst offen für etwas Zukünftiges ist, ist man auch weniger in Gefahr, sich zu verlieben. Soweit hierzu.

Der Ehekonsens muss sich natürlich darauf beziehen, eine Ehe zu schließen. Wenn jemand vorhat, eine Bindung einzugehen, die er wieder aufkündigen kann, sobald es ihm passt, und aus der auf keinen Fall Kinder entstehen dürfen sollen, und trotzdem den Vermählungsspruch aufsagt, schließt er keine Ehe. Gewisse Wesenseigenschaften der Ehe dürfen bei der Eheschließung zumindest nicht bewusst ausgeschlossen werden. (Wenn allerdings ein Protestant oder Moslem z. B. allgemein im Glauben ist, Ehen könnten aufgelöst werden, aber er selber bei seiner Eheschließung nicht ausdrücklich beabsichtigt, nur eine auflösbare Verbindung einzugehen, sondern einfach eine Ehe eingehen will, ist die Ehe gültig. Auch wenn jemand eigentlich die vage Absicht hat, für immer zusammen zu bleiben, es sich aber irgendwann später doch anders überlegt und sich scheiden lässt, war die Ehe gültig.) Diese Wesenseigenschaften sind: Einheit (im Unterschied zur Polygamie), Unauflöslichkeit (im Unterschied zu Scheidung und Wiederheirat), Offenheit für Kinder.

Damit jemand eine Ehe schließen kann, muss er zumindest eine gewisse Vorstellung, eine gewisse Kenntnis davon haben, was das ist.

„§ 1. Damit der Ehekonsens geleistet werden kann, ist erforderlich, daß die Eheschließenden zumindest nicht in Unkenntnis darüber sind, daß die Ehe eine zwischen einem Mann und einer Frau auf Dauer angelegte Gemeinschaft ist, darauf hingeordnet, durch geschlechtliches Zusammenwirken Nachkommenschaft zu zeugen.

§ 2. Diese Unkenntnis wird nach der Pubertät nicht vermutet.“ (Can. 1096 im CIC)

Man muss sich nicht besonders gut mit philosophischen oder rechtlichen Fragen zur Ehe auskennen, um eine Ehe eingehen zu können, aber muss eine grobe Vorstellung haben. Das gilt ja für alle Verträge; ein achtjähriges Kind, das sich von seinem Taschengeld eine Puppe kauft, kann einen gültigen Kaufvertrag schließen, auch ohne jemals ins BGB gesehen zu haben oder zu wissen, was beschränkte Geschäftsfähigkeit oder der Taschengeldparagraph ist; es muss nur eine ungefähr Ahnung haben, dass Kaufen Ware gegen Geld bedeutet. Wenn es meinen würde, in einem Geschäft könnte man alles mitnehmen, wenn man es nur zur Kasse bringt, hätte es dagegen nicht den Willen, einen Kaufvertrag einzugehen, wenn es die Puppe zur Kasse bringt.

Es gibt ein paar speziellere Gründe, die von der Kirche festgelegt sind und eine Ehe zwischen Katholiken ungültig machen können und von denen es teilweise Ausnahmegenehmigungen geben kann (Mindestalter, zu nahe Verwandtschaft, Religionsverschiedenheit usw.), aber dazu evtl. eigens noch. Katholiken sind verpflichtet, in der Kirche zu heiraten, sonst sind ihre Ehen ungültig; aber wenn Nichtkatholiken standesamtlich oder in einer sonstigen Zeremonie heiraten, heiraten sie gültig. Von Natur aus ungültig ist eine Ehe bei dauerhafter Impotenz, die der Eheschließung vorausgeht (nicht bei bloßer Unfruchtbarkeit, auch nicht bei nach der Eheschließung eintretender oder heilbarer Impotenz), wenn jemand sich in der Person irrt (z. B. auf einmal der böse Zwilling am Altar steht), wenn jemand keinen hinreichenden Vernunftgebrauch hat (z. B. psychisch schwer gestört ist, oder bei der Eheschließung betrunken ist), wenn jemand schon verheiratet ist, oder bei besonders naher Verwandtschaft (z. B. direkte Vorfahren/Nachkommen).

(Eine Frage würde sich hier noch stellen: Können Intersexuelle gültig heiraten? Grundsätzlich ja, wenn sie entsprechend ihrem Geschlecht – denn auch Intersexuelle haben Körper, die entweder darauf angelegt sind, Spermien, oder darauf angelegt sind, Eizellen zu produzieren, sprich, sie haben ein bestimmtes Geschlecht – die Ehe vollziehen können. Frauen mit Turnersyndrom oder Männer mit Klinefelter-Syndrom zum Beispiel könnten wohl im Normalfall heiraten. Aber für sehr spezielle Krankheitsbilder (z. B. Swyer-Syndrom, wo sich bei einem genetisch männlichen Embryo keine männlichen Organe bilden und der Körper dann eher weiblich gebildet wird) müsste man Experten fragen.)

Wenn jemand vermutet, dass seine Ehe ungültig ist, lässt sie sich gültig machen; man muss sich einfach bei der Kirche für eine Gültigmachung (eigentlich einfach eine neue Heirat unter jetzt den richtigen Voraussetzungen) melden. Das geht natürlich nur, wenn beide Partner das wollen und jetzt keine Wesenseigenschaft der Ehe mehr ausschließen und keine sonstigen Ungültigkeitsgründe mehr bestehen (oder die Kirche dafür Dispens – eine Ausnahmegenehmigung – erteilt; Dispens kann nur erteilt werden bei Gründen, die von der Kirche festgelegt sind, nicht bei Gründen, die die Ehe von Natur aus ungültig machen; z. B. kann die Kirche erlauben, dass einer seine Cousine heiratet, auch wenn das eigentlich nach dem Kirchenrecht verboten ist, aber nicht, dass einer seine Mutter heiratet). Wenn man diese möglicherweise ungültige Ehe jetzt nicht mehr will, kann man bei einem Kirchengericht die Gültigkeit überprüfen lassen, sodass sie ggf. annulliert wird. Im Zweifelsfall ist sie allerdings gültig; die Ungültigkeit muss bewiesen sein. Und wenn jemand sagt „wir haben zum Zeitpunkt der Hochzeit Kinder komplett ausgeschlossen“ und aus der Ehe sind mittlerweile vier Kinder entstanden, das erste zehn Monate nach der Hochzeit geboren, wird das Kirchengericht wohl kaum darauf eingehen.

Eine offizielle Bestätigung der Nichtigkeit ist nötig, damit man erlaubt jemand anderen heiraten darf. Wenn man sicher weiß, dass die Ehe nichtig ist, kann man theoretisch gültig eine neue Ehe schließen, auch bevor ein Kirchengericht das festgestellt hat, aber es ist eben unerlaubt. In manchen Fällen ist die Nichtigkeit offensichtlich (z. B. wenn es eine reine Scheinehe war, oder wenn ein Katholik nur standesamtlich geheiratet hat (die standesamtlichen Ehen von Nichtkatholiken sind aber gültig; aber Katholiken unterliegen der Formpflicht, die die Kirche festgelegt hat)); in vielen anderen Fällen aber nicht so offensichtlich (z. B. wenn einer psychische Probleme zum Zeitpunkt der Heirat hatte; psychische Probleme machen einen nicht automatisch komplett unfähig, einen Vertrag einzugehen, es kommt auf den Fall an). Aber in jedem Fall muss die Nichtigkeit zuerst bestätigt werden.

Auch die Ehen von Nichtchristen sind gültige Ehen. Wenn zwei Getaufte (auch zwei Evangelische) heiraten, ist das ein Sakrament; wenn zumindest ein Partner ungetauft ist, ist es eine bloße Naturehe. Naturehen sind auch gültig, aber nicht so völlig unauflöslich wie sakramentale Ehen. Dasselbe gilt für Ehen, die gültig geschlossen, aber nicht vollzogen worden sind; aus einem wichtigen Grund können sie aufgelöst werden. Die gültige, sakramentale und vollzogene Ehe wird aber nur durch den Tod aufgelöst. Dass die Ehe ein Sakrament ist, bedeutet, dass sie auch ein Gnadenmittel ist, eine zusätzliche Weise, durch die Christus den Eheleuten beisteht.

Die Ehe ist außerdem ein Band, das für gegenseitige Rechte und Pflichten zwischen den Eheleuten sorgt; daher jetzt zu Pflichten, Rechten und möglichen Sünden in der Ehe:

Der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

III. Die gegenseitigen Pflichten der Ehegatten

1. Gemeinsame Pflichten. Die Ehegatten müssen einander lieben, einander helfen, einander die eheliche Pflicht leisten, die eheliche Treue halten und miteinander zusammenleben.

Gegen den Willen des Ehegatten sich lange Zeit von ihm trennen, ist schwere Sünde, außer es liegt ein wichtiger Entschuldigungsgrund vor. Näheres vgl. Nr. 747. Über die Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft vgl. Nr. 764.

2. Die Pflichten des Mannes sind hauptsächlich: Leitung des Hauswesens und der Familie, Sorge für Nahrung, Kleidung und Wohnung.

Der Mann sündigt, wenn er nicht dafür sorgt, daß die Frau standesgemäß leben kann, oder wenn er ihr Arbeiten aufbürdet, die Frauen in ihrer Stellung nicht verrichten.

3. Die Pflichten der Gattin ergeben sich hauptsächlich aus ihrer Stellung als Gefährtin des Mannes: sie hat in Unterordnung unter den Mann das Hauswesen zu besorgen.

Sie sündigt, wenn sie ihre häuslichen Arbeiten nicht besorgt oder ohne den Willen des Mannes von den Familiengütern größere Ausgaben macht, als dies bei anderen Frauen in derselben Lage Gewohnheit ist. Vgl. auch Nr. 253. – Sie kann aber unabhängig vom Mann das Haus leiten, wenn der Mann sich darum nicht kümmert oder dazu unfähig ist.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 201, S. 163f.)

Gehen wir das alles mal nacheinander durch:

Zusammen zu bleiben, zusammen zu wohnen ist also an sich Pflicht für die Eheleute.

Gegenüber Geschieden-Wiederverheirateten wird von katholischer Seite öfter gesagt, dass das Problem ja nicht die Scheidung, sondern die Wiederheirat sei. Das ist halb richtig. Tatsache ist, dass es Gründe geben kann, aus denen eine Trennung und möglicherweise eine zivilrechtliche Scheidung gerechtfertigt ist. Diese Gründe können sein:

  • Der andere Partner hat einen betrogen.
  • Der andere Partner macht das Leben für einen und/oder die Kinder unerträglich, z. B. durch körperliche Misshandlungen, ständige Kontrolle, Manipulation, Bedrohung, oder sorgt für größeren Schaden für einen oder die Kinder, z. B. indem er die Kinder zu einer kriminellen Karriere anleitet. (Nicht nur Schläge, sondern auch Psychofolter und Ähnliches sind Grund genug. Wenn man sich nicht sicher ist, ob es „schlimm genug“ ist, am besten Leute von außerhalb zu Rate ziehen. Manchmal ist man manipuliert genug, dass man sich nicht mehr sicher ist, ob es wirklich so verkehrt läuft oder man sich alles nur einbildet. Umgekehrt können andere einem aber vielleicht auch sagen, wenn man ein Problem über alle Maßen aufbauscht. Mit kleineren Fehlern des Partners – z. B. die Frau gibt zu viel Geld aus, der Mann ist griesgrämig – muss man leben.)

Natürlich kann auch jemand, der vom anderen Partner einfach verlassen wird, nichts dafür; bei diesen Gründen ging es gerade darum, was es rechtfertigt, selber der zu sein, der sich trennt.

Gründe wie „wir haben uns auseinandergelebt“, „wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven“ oder „unsere Ehe ist zur Gewohnheit erstarrt“ sind keine ausreichenden Gründe, den Partner zu verlassen. Ein Ehepaar ist eine Familie; und so wie man sein minderjähriges Kind nur in einem wirklichen Notfall in eine Pflegefamilie oder Einrichtung geben würde, wäre auch hier eine Trennung nur in einem Notfall in Ordnung. Idealerweise wäre sie auch zeitlich begrenzt. Freilich: In vielen Fällen wird man bei einem, der z. B. fremdgeht, erwarten können, dass er es immer wieder tun wird, und man kann vom unschuldigen Partner nicht erwarten, dass er alle Beteuerungen für bare Münze nimmt. Prinzipiell wäre hier aber eine Versöhnung, eine wirkliche Änderung vorausgesetzt, gut.

Laut Jone hat man bei Ehebruch des anderen Partners grundsätzlich das Recht, auf unbegrenzte Zeit getrennt zu bleiben, und bei den anderen Gründen kommt es darauf an, ob der Grund weiter besteht (was man aber z. B. bei einem gewalttätigen Partner i. d. R. erwarten kann.)

Zwei einfache Kriterien dafür, ob eine Trennung moralisch erlaubt ist, sind: 1) Würde ich mich auch trennen, wenn ich dann nie mehr mit jemand anderem zusammen sein könnte? Ist die Ehe so unerträglich, dass ich einfach weg muss, auch wenn ich dann einsam sein werde – oder will ich eher weg, um zu schauen, ob ich auf dem Datingmarkt nicht noch was Besseres finde? 2) Leiden die Kinder so unter der Situation, dass man sie von dem anderen Elternteil so gut wie möglich fernhalten muss?

Eine Trennung ist also unter diesen Umständen möglich. Scheidung ist eigentlich etwas, das nicht existiert – man kann eine gültige, vollzogene, sakramentale Ehe nicht wieder auflösen. Wenn man das mit einer Scheidung bezwecken würde, wäre sie falsch. Wenn man sie aber nur als zivilrechtliche Formalität behandeln würde, und sie aus irgendwelchen rechtlichen Gründen notwendig wäre (z. B. zur Aufteilung des Eigentums), wäre sie erlaubt. (Wenn sie unnötig wäre, nicht, weil man damit nur dem anderen Teil Gelegenheit zu einer Zweit“ehe“ gibt. Aber natürlich kann man nichts dafür, wenn der andere die Scheidung beantragt und der Richter, der an das Gesetz gebunden ist, die Ehe für geschieden erklärt.) Besser wäre aber eine Trennung ohne Scheidung, weil man damit auch nach außen hin eher zu erkennen gibt, dass man die Ehe weiterhin als gültig betrachtet.

Wenn man nach einer Trennung oder Scheidung wieder einen neuen Partner hat, ist das Ehebruch (ob man ihn schon „heiratet“ oder noch nicht), und zwar in jedem Fall; hier gibt es keine Ausnahmen.

Wenn man schon geschieden-wiederverheiratet ist, und dann erst gläubig wird, kann es sein, dass eine Trennung vom neuen Partner schwer machbar ist (z. B. weil man inzwischen gemeinsame Kinder hat). In diesem Fall müsste man zumindest „wie Bruder und Schwester“ zusammenleben, und anerkennen, dass man nicht verheiratet ist; das wäre ausreichend. (Man müsste es sich auch einigermaßen leicht machen, nicht in Sünden zu fallen, z. B. in getrennten Schlafzimmern schlafen, nicht in Unterwäsche durch die Wohnung laufen usw.) Es kann aber (wenn auch vielleicht nicht sehr oft) auch Fälle geben, in denen eine Trennung und vielleicht sogar eine Wiederversöhnung mit dem eigentlichen Partner möglich und sinnvoll wäre. Wie beim doppelten Lottchen.

Bei der Trennung/Scheidung ist auch immer zu beachten, wie sie den Kindern schaden kann (was sie außer bei solchen oben genannten Fällen, in denen es schlimmer für die Familie wäre, zusammenzubleiben, normalerweise sehr stark tun wird). Ich habe mal die bemerkenswerte Beobachtung gehört, dass die Stelle, an der Jesus die Kinder segnet, direkt nach der kommt, an der Er mit schärfsten Worten Ehescheidung und Wiederheirat verurteilt: Bevor Jesus die Kinder segnet, erteilt Er den Leuten, die ihre Familien auseinanderreißen und ihnen neue Partner ihrer Eltern vor die Nase setzen wollen, eine Absage. (Hier braucht man auch keine Sprüche wie „Aber wären liebende Stiefeltern nicht besser als schlechte Eltern“ zu bringen, denn sowohl Eltern als auch Stiefeltern können gut oder schlecht sein, und gute Eltern sind besser als gute Stiefeltern, und selbst schlechte Eltern sind besser als schlechte Stiefeltern. Kinder werden immer wollen, dass ihre Eltern auch untereinander eine Familie bilden.)

Wenn beide Partner sich einig sind, dass Scheidung gar nicht geht, ist das auch selbst ein Schutz für die Ehe; es ist weniger Druck da, sich dem Partner beweisen zu müssen, weniger Misstrauen, ob der Partner vielleicht genug von einem haben könnte, und mehr Motivation, an der Beziehung zu arbeiten und das Beste draus zu machen, weil man es nun mal miteinander aushalten muss.

Die Eheleute haben also generell die Pflicht, zusammenzuleben. Das schließt auch aus, dass z. B. ein Mann einfach gegen den Willen seiner Frau beschließt, mehrere Jahre als Gastarbeiter ins Ausland zu gehen, wohin die Familie nicht mitkommen könnte, weil er da mehr verdient – außer er hat einen sehr wichtigen Grund, z. B. dass er sonst überhaupt keinen Job findet und die Familie nicht versorgen kann. Für eine längere Trennung aus solchen Gründen müsste man normalerweise die Zustimmung des anderen Ehepartners haben, wobei der Mann, der als Familienoberhaupt die Gesamtverantwortung trägt, noch eher entscheiden kann, dass ein sehr wichtiger Grund vorliegt und er die Einwände seiner Frau nicht gelten lassen kann. (Das galt übrigens auch schon im Mittelalter: Wenn ein Mann sich freiwillig für einen Kreuzzug melden wollte, brauchte er die Zustimmung seiner Frau, aber nicht, wenn er verpflichtet wurde, sich an einem Krieg zu beteiligen.)

Hier stellt sich noch die Frage: Wie sähe es aus, wenn ein Mann und seine Frau sich z. B. gegenseitig total auf die Nerven gehen (schlimmere Probleme sind allerdings nicht da) und im gegenseitigen Einvernehmen beschließen, sich zu trennen, aber keine neuen Partner zu suchen? Wäre das erlaubt? Es wäre sicherlich eher zu rechtfertigen, als den anderen gegen seinen Willen zu verlassen; aber trotzdem wollte man eigentlich zusammengehören und die Ehe ist heilig. Ideal ist es nicht, aber es könnte wohl erlaubt sein. Jone schreibt dazu: „Mit gegenseitiger Übereinstimmung kann die eheliche Gemeinschaft aus einem vernünftigen Grunde aufgehoben werden. […] Ein solcher Grund ist gegenseitige unüberwindliche Abneigung. Ebenso kann aus höheren Beweggründen [hier wird z. B. gemeint sein: wenn einer ins Kloster gehen will, für einen wichtigen Auftrag ins Ausland gehen will…] die eheliche Gemeinschaft ganz oder teilweise, für immer oder für eine Zeitlang aufgehoben werden. Dabei muß man Rücksicht nehmen auf die Erziehung der Kinder sowie auf die Gefahr der Unenthaltsamkeit.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 764, S. 626f.) Eben sehr wichtig hier: Welche Auswirkung hat es auf die Kinder? Für sie ist ja die Ehe auch da.

Sie haben auch die Pflicht, einander zu lieben und einander zu helfen. Schwere Sünde dagegen wäre z. B., wenn ein Mann sich nicht um seine kranke Frau kümmert und ihr ständig Vorwürfe wegen ihrer Krankheit macht, oder wenn eine Frau ihren Mann bei jeder sich bietenden Gelegenheit heruntermacht und ihm ihre Verachtung zeigt; lässliche Sünden wären solche alltäglichen Sachen wie gelegentlicher Streit und Gemecker. Zur gegenseitigen Liebe gehört auch der gegenseitige Respekt, und es gehört dazu, einander zu helfen, Gott zu lieben und in den Himmel zu kommen, gemeinsam zu beten usw. Viel mehr muss hier eigentlich nicht gesagt werden, auch wenn das ein ziemlich essentieller Teil der Ehe ist; das ergibt sich in der Praxis.

Die eheliche Treue erklärt sich von selbst; auch „Ehebruch im Herzen“, wie Jesus es nennt, ist Sünde. Ich wiederhole noch mal, was ich im vorletzten Teil gesagt habe:

Ehebruch ist auch schlimmer als normale Unzucht, wie hier wohl nicht weiter ausgeführt werden muss; hier wird Vertrauen missbraucht und ein vor Gott geschlossener Bund gebrochen. (Auch unvollendete Sünden mit einem Verheirateten sind schwere Sünden und ehebrecherisch.) Wer als Verheirateter mit einer anderen verheirateten Person schläft, begeht einen doppelten Ehebruch (und muss das auch so in der Beichte angeben, weil es ein Verrat an zwei anderen Menschen ist).

Ehebruch ist auch dann Ehebruch, wenn der andere Ehepartner in  eine „offene  Ehe“ eingewilligt hat. So, wie ein Arbeiter nicht gültig einem Arbeitsvertrag zustimmen kann, der ihn extrem ungerechten Bedingungen unterwirft, kann auch niemand gültig zustimmen, dass sein Ehepartner ihn betrügt; dass der andere ihn zu dieser Zustimmung gebracht hat oder dass er das sogar von vornherein wollte oder auch die Ehe bricht, lässt ihm keine freie Bahn. Das zerstört eine Ehe ziemlich bald; letzten Endes lässt es niemanden kalt, dass der geliebte Partner jetzt andere hat, und die ganze Vertrautheit, die sich aus der Exklusivität ergibt, ist dahin.

Die Ehe ist etwas Heiliges, das die Eheleute sich nicht nach Belieben zusammenkonstruieren dürfen; besonders die sakramentale Ehe, d. h. die Ehe zwischen Getauften, die ein Abbild des Bundes Christi mit der Kirche ist.“

Man sollte gar nicht erst mit dem Gedanken an andere flirten – man hat den eigenen Partner und Punkt.

Der Heiligkeit der Ehe steht auch die (gewohnheits-)rechtlich anerkannte Polygamie entgegen, auch wenn sie nicht ganz so schlimm ist wie Wiederheirat nach Scheidung; sie ist eine Ungerechtigkeit gegenüber den (für gewöhnlich) Frauen, die ihren Mann teilen sollen, und auch gegenüber den Kindern, und sorgt für gestörte Familienverhältnisse – was sie übrigens auch schon im Alten Testament getan hat, z. B. bei Jakob und seinen beiden Frauen, oder Salomo und seinem Harem.

„Es kann keine Gleichheit zwischen Mann und Frau geben, wenn sie nur eine unter mehreren ist, und man muss sich nicht wundern, dass in polygamen Ländern die Stellung der Frau nicht weit über der einer Sklavin ist. Eifersucht unter den Frauen kann kaum vermieden werden, wenn jede um die Aufmerksamkeit des Mannes buhlt und jede Ehrgeiz für ihre eigenen Kinder hat. Fast übermenschlicher Einfallsreichtum wird vom Ehemann gefordert, damit er vollkommen gerecht zu den Frauen und Kindern sein kann, und diese Art von Gesellschaft scheint nur möglich, wenn die Stellung der Frau so degradiert ist, dass ihr Wille nicht zählt. All das hat Einfluss auf die Kinder, die in einer solchen Atmosphäre aufwachsen. […]

Die Ausrede für Polygynie [= ein Mann, mehrere Frauen], schnellere Vermehrung der menschlichen Rasse, ist nicht vorhanden bei der Polyandrie [= eine Frau, mehrere Männer], denn eine Frau kann nicht mehreren Männern mehr Kinder gebären als einem. Das Großziehen der Kinder, wie die Natur es beabsichtigt, wird unmöglich, da der Vater nicht mit Sicherheit festgestellt werden kann und so unfähig ist, die Funktion auszufüllen, die er dem Naturrecht nach hat. Auch das Kind, unfähig, seinen Vater zu kennen, kann sich nicht um Hilfe und Anleitung an ihn wenden. Die Kinder würden natürlicherweise darüber streiten, welcher Mann der Vater welches Kindes ist. Alle Väter würden vielleicht versuchen, diese Funktion für alle Kinder zu erfüllen, oder sie willkürlich aufteilen, aber das kann keine wirkliche elterliche Beziehung sein.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason. Ethics in Theory and Practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 369f.)

(Hier würde sich die Frage stellen, wieso dann Scheidung und Polygamie durch das Gesetz des Mose erlaubt waren. Diese Frage beantwortet Jesus ganz einfach: „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen? Damit wollten sie ihn versuchen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ (Mk 10,2-12) Das Mosaische Gesetz hat manches toleriert und kontrolliert, das schwer so schnell ganz abzuschaffen war. Unter den Theologen wurde manchmal diskutiert, ob Polygamie auch so schlimm wie Scheidung ist und genauso sehr gegen das Naturrecht verstößt, und ob sie manchmal keine Sünde sein könnte, wenn Gott sie gestattet, aber diese Diskussion ist hier nicht weiter relevant; im Neuen Bund ist auch die Polygamie in jedem Fall verboten.)

Dann gibt es auch noch das Konzept der „ehelichen Pflicht“ im Sinne von 1 Kor 7. „Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt.“ (1 Kor 7,3-5)

Das Konzept kann einem erst einmal sehr komisch vorkommen; Sex als eine Art Pflicht zu sehen, ist absolut nicht mehr üblich. Ich habe es hier schon einmal bei der Reihe zu den schwierigen Bibelstellen erwähnt. Ich zitiere einfach noch mal mich selber:

„Wenn der Partner weiß, dass man für seine Liebesbedürfnisse da ist (außer, wenn es einem z. B. gerade schlecht geht), und er oder sie nicht ewig verhandeln muss, dann lässt sich viel Frustration vermeiden, man fühlt sich stärker aneinander gebunden; und der oder die andere versucht dann auch nicht, einen zum Sex zu überreden, wenn es eben doch mal wirklich nicht passt, weil er oder sie weiß, dass man normalerweise für ihn da ist. Es geht ja hier auch nicht nur um Körperliches, sondern auch um emotionale Bedürfnisse.

(Freilich ist auch das Ziel, dass derjenige, der den größeren Sexualtrieb hat, nicht zum Ersatz in Sünden wie Selbstbefriedigung verfällt, legitim. Natürlich wäre das keine Entschuldigung für Selbstbefriedigung, aber viele Menschen sind nun mal gerade in diesem Bereich ziemlich anfällig, das Falsche zu tun.)

Und dann sollte man die grundsätzliche Vorstellung loswerden, dass Liebe und Pflicht miteinander unvereinbar wären. Wir sollen Gott lieben: Trotzdem redet man beim Besuch der Messe von der ‚Sonntagspflicht‘. Natürlich geht man idealerweise nicht nur deshalb zur Sonntagsmesse, weil es Pflicht ist; aber manchmal, wenn man sich am Sonntagmorgen eher nach Ausschlafen fühlt, bietet der Gedanke an die von der Kirche festgeschriebene Sonntagspflicht die restliche benötigte Motivation. Und wenn man dann da ist, ist die Messe jedes Mal – na ja, einfach die Messe, wunderschön. Auch in einer Beziehung geht es nicht immer ohne Pflichten – ganz allgemein gesprochen. Natürlich liebt man sich, aber manchmal tut man etwas für den Partner auch eher deshalb, weil es so ausgemacht war und man in einer Beziehung eben etwas füreinander tut, als weil man sich gerade so liebevoll fühlt. Und oft bringt gerade das dann wieder stärkere Liebe hervor.“

Man gehört in der Ehe eben wirklich nicht mehr nur sich selber; das ist eine ganz praktische Realität. Bei der Eheschließung überträgt man quasi dem anderen ein gewisses Recht auf den eigenen Körper; kein bedingungsloses Recht, aber doch ein Recht, sodass man selber auch dieses Recht keinem anderen mehr übertragen kann. Und dieses Recht bedeutet ein gewisses Recht, dass der andere einem Zärtlichkeit und Liebe zeigt, einem bei sexueller Erfüllung hilft, und mit einem zusammenwirkt, dass man Kinder bekommt; es wäre auch eine Sünde gegen den anderen, ihm Kinder zu verweigern, die für ihn vielleicht eine wichtige Erfüllung bedeuten und ihn später mal unterstützen.

Wenn also Sex in der Ehe eine Pflicht sein kann, ist dann Vergewaltigung innerhalb der Ehe keine Sünde mehr, weil sich jemand da nur sein Recht nimmt? Natürlich nicht.

Auch wenn jemand eine Pflicht einem gegenüber hat, ist es nicht automatisch erlaubt, diese Pflicht mit Gewalt durchzusetzen. Wenn jemand die Freundschaftspflicht hätte, einem beim Umzug zu helfen, da man sonst niemanden hat und er es einem versprochen hat, aber sich herausredet, dürfte man ihn trotzdem nicht entführen und mit Gewalt zur Arbeit antreiben. Ein anderes Bsp. bzgl. der Ehe macht das auch deutlich: Zu den Pflichten von Eheleuten gehört es (s. o.) ja auch, zusammenzuwohnen. Jetzt kann es sein, dass

  • eine Frau ihren Mann kurzfristig gerechtfertigterweise verlässt, weil sie sich für ein paar Wochen um ihre kranke Mutter kümmern muss, die sonst niemanden hat
  • eine Frau ihren Mann kurzfristig ungerechtfertigterweise verlässt, weil sie nach einem harmlosen Streit die Beleidigte spielen will und zwei Tage im Hotel verbringt
  • eine Frau ihren Mann langfristig gerechtfertigterweise verlässt, weil er sie betrügt oder schlägt oder ihr seine sexuellen Fetische aufzwingt oder ihre Kinder misshandelt
  • eine Frau ihren Mann langfristig ungerechtfertigterweise verlässt, weil sie mit ihrem Liebhaber durchbrennt.

In keinem dieser Fälle würde man es ok finden, dass der Mann die Frau auf dem Dachboden einsperrt, um sie daran zu hindern, wegzugehen. Genauso ist es bei den anderen „ehelichen Pflichten“. Wenn der eine sie – kurzfristig oder langfristig, gerechtfertigterweise oder ungerechtfertigterweise – nicht erfüllt, darf der andere ihn nicht mit Gewalt dazu zwingen.

Auch eine Stelle aus der Enzyklika Humanae Vitae, die ja eigentlich das Thema Empfängnisverhütung behandelt, macht das deutlich: „Man weist ja mit Recht darauf hin, daß ein dem Partner aufgenötigter Verkehr, der weder auf sein Befinden noch auf seine berechtigten Wünsche Rücksicht nimmt, kein wahrer Akt der Liebe ist, daß solche Handlungsweise vielmehr dem widerspricht, was mit Recht die sittliche Ordnung für das Verhältnis der beiden Gatten zueinander verlangt.“ Soll heißen: Vergewaltigung in der Ehe ist ähnlich widernatürlich, wie auch Empfängnisverhütung widernatürlich ist. (Wobei Papst Paul VI. ja nicht von richtigem Zwang spricht, sondern nur von „aufgenötigt“.) Sex ist für Liebesausdruck & Kindermachen da und darf weder direkt gezielt die Offenheit für Kinder ausschließen noch schwer gegen Liebe oder Gerechtigkeit verstoßen. Es ist an sich keine Sünde (wenn auch nicht ideal), wenn ein Ehepaar mal nur deswegen Sex hat, weil sie ihre biologischen Bedürfnisse haben – solange sie dabei eben nicht die Liebe durch Gewalt, Zwang, Nötigung ausschließen oder die Kinder durch künstliche Verhütungsmittel.

Einen Unterschied gibt es freilich zwischen ehelichen und unehelichen Beziehungen: Man muss nicht auf gleiche Weise für alles um Erlaubnis fragen. Wenn ein Mann seine Frau überraschend zu sich herzieht und küsst, wird keiner das schlimm finden; wenn er das beim ersten Date mit einem Mädchen tut, wäre es ein bisschen unverschämt; da fragt man zuerst „Darf ich dich küssen?“. In der Ehe wird quasi erst mal angenommen, dass der andere zustimmt, wenn er nicht das Gegenteil zu erkennen gibt, weil man schon zusammengehört.

Übrigens: Es wird ja immer mal wieder verbreitet, Vergewaltigung innerhalb der Ehe wäre in Deutschland erst seit 1997 strafbar. Das ist falsch. Vergewaltigung war rechtlich vorher als erzwungene Unzucht, nicht erzwungener Sex definiert, aber das hieß nicht, dass man Gewalt gegenüber der Ehefrau für total in Ordnung gehalten hätte. 1996 fiel so etwas einfach unter den Paragraphen zur Nötigung, ggf. auch der Körperverletzung. Die Gesetzesänderung war eher Symbolpolitik durch die politisch linke Seite (und genau diese Parteien haben auch wieder dafür gesorgt, dass Vergewaltiger mittlerweile mit Bewährung davonkommen, aber ich will mich hier nicht zu sehr über Winkelzüge in der Politik aufregen).

Wie gesagt gibt es auch Entschuldigungen von den „ehelichen Pflichten“; auch, wenn man merkt, dass es dem anderen eigentlich wichtig wäre, gibt es kurzfristige oder langfristige Entschuldigungsgründe. Es gibt manche Fälle, in denen es bloß keine Verpflichtung ist, einzuwilligen, und andere, in denen es eine schon eine Sünde ist, wenn der eine den anderen bittet. Keine Verpflichtung besteht z. B.:

  • wenn der andere Ehebruch begangen hat (und man sich (noch) nicht versöhnt hat; wenn das drei Jahre zurückliegt und man sich schon lange wieder versöhnt hat, ist es nicht schön, es wieder als Ausrede zu nehmen, um ihm die kalte Schulter zu zeigen).
  • wenn man schon aus einem anderen guten Grund (z. B. häusliche Gewalt, s. o.) von ihm getrennt lebt.
  • wenn der andere eine Geschlechtskrankheit hat (man kann hier selbst entscheiden, ob man u. U. das Risiko eingehen will, z. B. wenn es keine schwere Krankheit ist oder es gute Medikamente dagegen gibt; dieser Grund gilt übrigens auch, wenn der andere die Geschlechtskrankheit nicht durch Ehebruch, sondern auf andere Weise (verunreinigte Blutkonserve o. Ä.) bekommen hat)
  • wenn der andere die Sorge für die Familie vernachlässigt, so dass für ein evtl. entstehendes Kind wegen seiner Schuld nicht gut genug gesorgt wäre. „Vertrinkt der Mann seinen Verdienst und überläßt der Frau die Sorge für den Unterhalt, so braucht diese ihm die eheliche Pflicht nicht zu leisten. Muß aber die Familie ohne Schuld des Mannes in Armut leben, so ist dies kein Grund, die eheliche Pflicht zu verweigern; ebenso nicht der Umstand, daß bei größerer Kinderzahl die Familie sich noch mehr einschränken muß.“ (Jone, Nr. 755, S. 619f.)
  • wenn der andere keinen wirklichen Vernunftgebrauch hat (geistesgestört, betrunken)
  • wenn der andere ganz übermäßige Forderungen stellt (zweimal in der Woche ist aber nicht „ganz übermäßig“)
  • „bei großer Gefahr für Gesundheit oder Leben. Derartige Gründe können sein z. B. eine schwere ansteckende Krankheit, schwerer Herzfehler u. dgl. Keine Entschuldigung aber bilden die gewöhnlichen Beschwerden, die mit der Schwangerschaft, Geburt oder Ernährung des Kindes verbunden sind, z. B. große, aber kurze Schmerzen oder langdauerndes, aber nicht zu heftiges Kopfweh. Keine Entschuldigung ist die durch die Erfahrung bestätigte Furcht, daß die Frau, falls sie empfängt, das Kind nicht austragen, sondern einen Abortus [Fehlgeburt] oder eine Totgeburt haben werde.“ (Jone, Nr. 756, S. 620) Ein solcher Grund, sich zu verweigern, wäre also auch vorhanden, wenn eine Frau weiß, dass sie (z. B. nach mehreren Kaiserschnitten) ein Risiko hätte, eine neue Schwangerschaft nicht zu überleben, oder aus Erfahrung weiß, dass sie immer eine Wochenbettdepression bekommt und deswegen schon ernsthaft selbstmordgefährdet war, oder wenn eine Schwangerschaft die ganzen Monate über außergewöhnlich hart für sie ist. In dem Fall hätte sie das Recht, zumindest auf den Verkehr in den fruchtbaren Zeiten zu verzichten, oder, wenn die z. B. nicht genau feststellbar sind, ganz darauf zu verzichten.

Der Frau wird ein neues Kind natürlich immer mehr Probleme und Schwierigkeiten bereiten als dem Mann, aber nun ja, wie soll man es sagen, das ist leider der Fluch, für den wir uns bei Eva bedanken können, und einer gewissen Offenheit für Kinder – inklusive normale Schwangerschaftsübelkeit und normale Geburtsschmerzen – stimmt man nun mal zu, wenn man die Ehe eingeht. Das ist einfach so.

Es kann auch schon eine Sünde sein, den anderen darum zu bitten, z. B. eben auch der Gesundheit wegen. Eine Frau kann schon, weil sie sich selber unbedingt noch ein Kind wünscht, in eine außergewöhnlich beschwerliche oder gefährliche Schwangerschaft einwilligen, aber wenn sie z. B. im Augenblick irgendeine Krankheit hat, die Sex wirklich gefährlich für sie macht, wäre es unverantwortlich von der Seite ihres Mannes aus, dabei mitzumachen, wer auch immer die Sache initiiert. „Nach einer Geburt ist der eheliche Verkehr im allgemeinen unter schwerer Sünde verboten in den zwei ersten Wochen, unter läßlicher Sünde in den folgenden vier Wochen; erlaubt ist er zur Zeit, in der die Mutter das Kind noch stillt. – Bei Schwangerschaft ist der eheliche Verkehr erlaubt, ausgenommen, wenn die Gefahr eines Abortus [Fehlgeburt] besteht.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 750, S. 616)

Außerdem gilt: Bei Ungültigkeit der Ehe ist der eheliche Verkehr unter schwerer Sünde verboten, auch wenn nur ein Teil Kenntnis von der Ungültigkeit hat. – Bei ernstem Zweifel an der Gültigkeit der Ehe muß man sich durch Nachforschung Gewißheit zu verschaffen suchen. Während dieser Zeit darf man nicht um den ehelichen Verkehr bitten, muß aber auf Ersuchen des anderen Teiles, der keinen Zweifel hat, die eheliche Pflicht leisten. Kann der Zweifel nicht gelöst werden, so ist die Ehe als gültig zu betrachten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 751, S. 617) (Natürlich geht es hier nur um ernsthafte, vernünftige Zweifel; wenn jemand, der zu Ängstlichkeit und ständigen Zweifeln neigt, sich plötzlich fragt, ob er seinen Ehekonsens ernst genug gemeint hat, ist der Zweifel einfach zu missachten.)

Auf sämtliche komischen sexuellen Vorlieben muss man allerdings nicht eingehen; erst recht nicht auf irgendwelche perversen Fetische. Ein bisschen Rücksichtnahme auf normale Vorlieben (z. B. Länge des Vorspiels) sollte normal sein. Zu diversen Sexualpraktiken siehe den vorletzten Teil.

Allgemein zur „ehelichen Pflicht“ schreibt Jone noch:

„Zur Leistung der ehelichen Pflicht ist man an sich unter schwerer Sünde gehalten, wenn der andere Teil ernstlich darum bittet, besonders wenn er noch in Gefahr der Unenthaltsamkeit wäre oder doch bei Überwindung der Versuchung ein großes Opfer bringen müsste.

Die Bitte um Leistung der ehelichen Pflicht wird gewöhnlich von seiten des Mannes ausdrücklich gestellt werden, von seiten der Frau aber nur stillschweigend, z. B. durch Zärtlichkeiten. – Nur eine läßliche Sünde ist die Verweigerung der ehelichen Pflicht (vorausgesetzt, daß der andere Teil nicht in Gefahr kommt, schwer zu sündigen), wenn der andere Teil von seiner Forderung leicht absteht oder wenn die Leistung nur auf kurze Zeit verschoben wird, oder wenn bei häufigem Verkehr die Leistung nur selten, z. B. einmal im Monat verweigert wird. – In bona fide [im guten Glauben] aber soll man gewöhnlich ältere Frauen lassen oder Frauen mit vielen Kindern, wenn sie meinen, sie würden nur dann schwer sündigen, wenn sie dem Manne die eheliche Pflicht fast immer verweigern, oder derselbe in große Gefahr komme, schwer zu sündigen. – Im allgemeinen wird man wohl gewöhnlich die Frauen auf die Schwere ihrer Verpflichtung aufmerksam machen, die Männer aber zur Mäßigkeit anhalten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 754, S. 619)

Ein einfaches „heute bin ich so extrem müde, Schatz, wäre morgen auch ok?“ – „ja, klar“ ist natürlich kein Problem – man kann sich ja absprechen, wenn es gerade ungelegen kommt, sollte aber eben den anderen nicht ohne Grund vertrösten und abwimmeln.

John C. Ford und Gerald Kelly schreiben in einem Buch über die Ehe:

„Als eher allgemeine Prinzipien, die eheliche Intimitäten und ihre Relation zu Gerechtigkeit und Liebe ordnen, könnten wir aufstellen: 1) dass jeder verpflichtet ist, den vernünftigen und ernsthaften Bitten des anderen nachzukommen; und 2) dass jeder verpflichtet ist, Verhalten zu vermeiden, das dem anderen unnötige Schmerzen oder Widerwillen bereitet. […]

Daher, obwohl eine Ehefrau nicht vollkommen im Recht sein mag, wenn sie Verkehr oder Mitwirkung an vorbereitenden Intimitäten verweigert, weil sie ’nicht in der Stimmung‘ ist, wäre ein Ehemann auch kaum im Recht, wenn er einfach auf seinem Recht besteht ohne Rücksicht auf ihre Gefühle. […] Ein Ehemann, dessen Begierde so dominant ist, dass er sich weigern würde, sich Zeit zu nehmen und zu versuchen, seine Frau zu einer freudigen Einwilligung zu bringen, wäre hedonistisch; und die Frau, die sich weigern würde, sich überreden zu lassen, würde durch das gegenteilige Laster der Gefühllosigkeit sündigen.

Ein kurzes Wort zu unserem zweiten Prinzip: dass keiner dem anderen unnötige Schmerzen oder Widerwillen bereiten sollte. Es ist möglich, dass der Verkehr für eine kurze Zeit nach der Heirat schmerzhaft ist, vor allem für die Braut. Die voreheliche Konsultation mit einem guten Arzt kann das bis zu einem gewissen Ausmaß verhindern, wenn nicht ganz. Und wenn es nicht ganz verhindert werden kann, kann gegenseitige Rücksichtnahme es vermindern, bis die nötige Anpassung geschehen ist. Außerdem können zu Beginn der Ehe, und besonders bei denen, die sehr keusche Leben geführt haben, selbst gewöhnliche Intimitäten etwas Widerwillen verursachen. Auch hier sollten Pönitenten dahingehend beraten werden, dass gegenseitige Rücksichtnahme das Problem lösen wird und dazu beitragen wird, dass der Widerwille verschwindet. Aber manchmal brauchen sie einen Eheberater.

In Situationen wie diesen, unter der Voraussetzung der richtigen verständnisvollen Einstellung, wird weder Schmerz noch Widerwille unnötigerweise verursacht. Aber abgesehen von diesen gewöhnlichen Problemen ist es manchmal notwendig, verheiratete Personen daran zu erinnern, dass die Menschen sich sehr in ihrer Weise, Liebe auszudrücken, unterscheiden, und dass, was dem einen gefällt, vielleicht ekelerregend für einen anderen sein könnte; außerdem, dass Männer sich sehr von Frauen unterscheiden in ihren sexuellen Reaktionen und körperlichen Wünschen. Wegen der Verschiedenheit der Wünsche muss es einen beiderseitigen Kompromiss geben. Einer, der sich weigert, einen solchen Kompromiss einzugehen, und der dadurch, dass er eher physische Befriedigung als den Wunsch, wirkliche Zuneigung auszudrücken, sucht, auf Methoden des Liebesspiels besteht, die die vernünftigen Gefühle des anderen verletzen, wäre lieblos und würde die ehelichen Intimitäten entgegen ihrem Zweck, die gegenseitige Liebe zu fördern, benutzen. Es ist möglich, auf diese Weise schwer gegen die eheliche Liebe zu sündigen.“ (John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ, Contemporary Moral Theology. Volume II. Marriage Questions, Westminster, Maryland, 1964, S. 198-200. Meine Übersetzung.)

Hier sollte man noch NFP (Natürliche Familienplanung) erwähnen, also dass die Eheleute sich entscheiden, zeitweise nur in den unfruchtbaren Zeiten miteinander zu schlafen (die man ja heute mit diversen Messungen meistens ganz gut feststellen kann, wofür es Kurse für Frauen gibt). Das ist grundsätzlich erlaubt, denn hier nutzt man die unfruchtbaren Zeiten, die Gott selber geschaffen hat, und macht sich nicht selber unfruchtbar. Wichtig ist allerdings das gegenseitige Einverständnis, und dass es die Ehe nicht zu sehr belastet, also dass man es will und es kann. Es wäre z. B. falsch, wenn der Mann nach drei Kindern auf NFP besteht, obwohl die Frau unbedingt noch ein viertes Kind will. (Unter der Voraussetzung, dass keine speziellen Umstände vorliegen, wegen denen ein Kind gar nicht ginge, die sie aber einfach nicht anerkennen will. Aus einem wirklich gewichtigen Grund könnte man auch darauf bestehen, wenn der Partner es nicht will – s. u.) Oder ein anderes Beispiel: Er hat nach drei Kindern genug, aber wegen ihrem unregelmäßigen Zyklus müssten sie fast ganz auf Sex verzichten, was sie einfach nicht will, oder sie wissen, dass sie, wenn sie länger fast ganz enthaltsam leben, öfter Sünden wie Selbstbefriedigung begehen. Das wäre auch nicht in Ordnung. Natürlich kann man sich an Dinge gewöhnen, manche Dinge, die erst hart sind, werden später leichter und es kann auch die Liebe verstärken, wenn man zusammen auf etwas verzichtet; aber es sollte keine zu große Belastung sein und vor allem eben im gegenseitigen Einverständnis geschehen. Es kann ja auch sein, dass es einfach für Spannungen sorgt, wenn man sich ständig zurückhalten muss und nicht mehr so ungezwungen mit seiner Liebe umgehen kann wie vorher.

Außerdem braucht man normalerweise einen vernünftigen Grund; es muss kein extrem schwerwiegender Grund sein, aber doch ein vernünftiger Grund, z. B.:

  • mit noch mehr Kindern wäre man überfordert und hätte zu wenig Zeit für die einzelnen oder würde zu sehr unter Schlafmangel leiden
  • einer der Eheleute ist chronisch krank und könnte sich nicht gut kümmern
  • man hat gerade vor ein paar Monaten ein Kind bekommen, und die Frau soll sich vor dem nächsten erst einmal erholen (wobei in dem Fall praktischerweise schon das Stillen oft, wenn auch nicht immer, natürlicherweise für vorübergehende Unfruchtbarkeit sorgt)
  • die Frau hat nach ihren bisherigen Schwangerschaften immer an Wochenbettdepressionen gelitten
  • man hat zu wenig Geld, könnte sich z. B. keine Wohnung leisten, die groß genug ist
  • eins der bisherigen Kinder ist behindert und erfordert viel Aufmerksamkeit
  • die Frau hat einfach ziemlich Angst vor einer neuen Schwangerschaft
  • man hatte bisher lauter Fehlgeburten und hält es einfach nicht mehr aus, ständig Kinder zu verlieren

Es dürfte allerdings nur eine lässliche Sünde sein, NFP aus einem nicht ganz zureichenden Grund zu nutzen. Schwerwiegender wäre es schon, es dem anderen aufzuzwingen, oder es komplett ohne Grund zu praktizieren, oder aus einem unwichtigen Grund die ganze Ehe über zu praktizieren. Aber bei katholischen Paaren, die diese Dinge einigermaßen ernst nehmen, sollten schwere Sünden hier sehr selten vorkommen; normalerweise hätten sie wohl zumindest einen so halb zureichenden Grund, wenn sie NFP praktizieren. Und gerade dafür, die Kinder einfach in angemessenem Abstand statt direkt hintereinander zu bekommen, dürfte praktisch immer ein Grund vorhanden sein. (Auch wenn es natürlich jedem freisteht, die Kinder direkt hintereinander zu bekommen, wenn man einfach so viele Kinder wie möglich haben will, oder die Phase des Kinderkriegens schnell hinter sich bringen will, oder nicht will, dass zwischen den Kindern ein zu großer Altersunterschied ist, oder was auch immer.)

Je gravierender der Grund für NFP (z. B. schwere gesundheitliche Probleme), desto eher wäre es auch gerechtfertigt, Belastungen der Ehe zu riskieren, oder gegenüber dem unwilligen Partner darauf zu bestehen. Wenn es Gründe gibt, die „ehelichen Pflichten“ ganz zu verweigern, gibt es sie erst recht dafür, sie nur während der fruchtbaren Zeit zu verweigern.

Ford und Kelly schreiben über Belastungen der Ehe durch periodische Enthaltsamkeit:

„Leider ist in der gefallenen Natur der Sexualtrieb oft alles andere als vernünftig. Wenn angesichts starker Gründe dafür, Abstände zwischen den Kindern einzuhalten oder die Zahl der Kinder zu begrenzen, einer der Beteiligten die Einstellung annimmt: ‚Ich muss sexuelle Befriedigung haben und ich werde sie auf die eine oder andere Weise bekommen, ganz gleich, was die Gründe für zeitweilige Enthaltsamkeit sind‘, können seine oder ihre Sünden kaum dem vernünftigen Bestehen des anderen Beteiligten auf periodischer Enthaltsamkeit zugerechnet werden. Das wäre umso wahrer, wo auf eine Art spirituelle Erpressung zurückgegriffen wird: ‚Entweder gibst du mir jetzt Geschlechtsverkehr oder ich werde anderswohin gehen, und du wirst verantwortlich für meine Sünde sein.‘ In solchen Fällen, in denen kein ehrliches Bemühen stattfindet, die Selbstkontrolle auszuüben, die die Situation erfordert, ist die ‚Gelegenheit zur Sünde‘ eher die eigene Einstellung der Person als die Praxis der periodischen Enthaltsamkeit.“ (Ford und Kelly, Contemporary Moral Theology. Volume II. Marriage Questions, S. 444)

Natürlich ist gegenseitige Rücksichtnahme hier immer notwendig; wenn es dem anderen einfach schwerfällt, sollte man versuchen, es ihm leichter zu machen, ggf. auch, indem man auf „unvollständige“ Zärtlichkeiten verzichtet, die ihn nur frustriert darüber zurücklassen, dass jetzt nicht mehr möglich ist, o. Ä. – je nach den Umständen eben.

Eine Frage stellt sich hier: Kann es erlaubt sein, Kinder vollständig zu vermeiden, solange man nur NFP dafür nutzt? Mit einem entsprechenden Grund, ja. Gott hat Eheleuten den Auftrag gegeben: Seid fruchtbar und vermehrt euch; und wer verheiratet ist, sollte normalerweise zumindest einen gewissen Beitrag dazu leisten, dass mehr Menschen in die Welt gesetzt werden und die Menschheit fortbesteht. Aber wenn schon zu Beginn der Ehe ein schwerwiegender Grund vorhanden ist, keine Kinder zu bekommen, kann man natürlich warten, auch sehr lange, mit der Offenheit, dass man Kinder nicht mehr vermeidet, wenn sich die Umstände ändern, aber diese geänderten Umstände werden vielleicht nie eintreten. Man könnte an ein Paar denken, das heiratet, wenn die Frau schon schwer chronisch krank ist und es kaum eine Chance auf Besserung gibt. Man kann allerdings sagen, dass der Grund, Kinder ganz zu vermeiden, zumindest ein bisschen schwerwiegender sein sollte, als z. B. der Grund, kein drittes oder viertes Kind mehr zu bekommen. Papst Pius XII. hat in einer Rede vor Hebammen im Jahr 1951 ausdrücklich erwähnt, dass ein schwerwiegender Grund „sogar für die ganze Dauer der Ehe“ von der Verpflichtung, Kinder zu bekommen, entschuldigen kann (zitiert in: Ford und Kelly, Contemporary Moral Theology, Volume II: Marriage Questions, S. 400).

Eine andere Frage: Ist die Verpflichtung, Kinder zu bekommen, irgendwann einfach erfüllt, sodass man überhaupt nicht mehr verpflichtet wäre, noch ein Kind zu bekommen, auch ohne Grund? Ford & Kelly bejahen das, v. a. mit der Begründung, dass man ja durch das Kinderkriegen u. a. für das Fortbestehen der Familie, der Nation und der Menschheit sorgen soll, und es der mit einem leichten Bevölkerungsanstieg normalerweise am besten geht (dann ist die Zahl der Jungen größer als die Zahl der Alten, die sie versorgen müssen, die Bevölkerung wächst aber auch nicht so schnell, dass man kaum damit hinterher kommt, genug Wohnraum und Arbeitsplätze für die nachwachsenden Generation bereitzustellen). Demnach wäre bei der heutigen niedrigen Kindersterblichkeit nach 3-4 Kindern die Pflicht erfüllt, und alles übrige ein lobenswertes Werk der Übergebühr.

In neuerer Zeit – Fords und Kellys Buch ist aus den frühen 60ern – haben die kirchentreuen Moraltheologen immer eher den vernünftigen Grund betont; ich weiß nicht genau, wie viele hier heute welche Position einnehmen würden. Viele Theologen würden wohl eher sagen, dass man grundsätzlich so viele Kinder in die Welt setzen soll, so viele neue Seelen schaffen soll, wie Gott einem schenken will, außer es bestehen eben Gründe, neue Kinder zu vermeiden. Dazu würde auch passen, dass die Brautleute ja beim Trauritus gefragt werden, ob sie die Kinder annehmen wollen, die Gott ihnen schenken will, nicht, ob sie eine begrenzte Zahl annehmen wollen.

Vielleicht ist diese Frage aber auch eher akademisch; denn in der Praxis wird es zumindest nach den ersten vier Kindern oft vernünftige Gründe geben, aufzuhören (z. B. Mangel an genug Zeit und Energie für die einzelnen Kinder), auch wenn sie oft nicht schwerwiegend sein werden.

Bei der Kinderzahl ist freilich auch zu beachten, dass es normalerweise auch etwas Gutes für die anderen Kinder ist, wenn man ihnen ein Geschwisterchen schenkt; auch später als Erwachsene, wenn die Eltern vielleicht schon tot oder bettlägerig sind, werden sie wahrscheinlich froh sein, noch Familie zu haben. Dafür, nur ein oder zwei Kinder zu bekommen, sollte man schon einen guten Grund haben. (Und natürlich wird es immer wieder Paare geben, die solche guten Gründe haben.)

In diesem Zusammenhang stellt sich noch eine Frage, nämlich: Könnte es Umstände geben, in denen es sogar eine Sünde wäre, noch ein Kind in die Welt zu setzen?

Generell hat die Kirche das nie als Sünde behandelt – nach allem, was ich gelesen habe, zumindest. Außerdem ist es enorm wertvoll, einen neuen Menschen in die Welt zu setzen, der sonst nicht existiert hätte. Auch ein Leben in Armut zum Beispiel ist wertvoller als kein Leben, und jedes Kind wird irgendwann in der Ewigkeit weiterleben und könnte Gott schauen. Dagegen könnte man sagen, dass man sich nicht eine Verantwortung aufladen sollte, die man nicht tragen kann, dass die Klugheit auch eine Tugend ist, dass es bei allem das rechte Maß braucht, und dass ein nicht existierender Mensch auch keinen Nachteil davon hat, nicht zu existieren, was durchaus Sinn macht. Dennoch: Könnte man sagen, dass ein armes Ehepaar eine Sünde begeht, wenn sie noch ein fünfzehntes Kind bekommen? Früher hätte man das wohl kaum bejaht, weil sie sonst langfristig ganz darauf verzichten hätten müssen, ein normales Eheleben zu führen und miteinander zu schlafen; sähe es jetzt anders aus, zumindest bei Paaren, denen die periodische Enthaltsamkeit leicht fällt? Ich würde tendenziell sagen, dass es keine Sünde wäre, aber eine Diskussion hierzu im Kommentarbereich ist herzlich willkommen. („Volkswirtschaftliche“ Argumente sind hier übrigens u. U. von vornherein nicht stichhaltig; auch wenn man für ein Kind Sozialhilfe braucht, wird es später in der Regel der Gesellschaft nützen und dann die Renten derer zahlen, die vorher seine Sozialhilfe gezahlt haben.)

(Noch heikler wäre die Frage nach dem staatlichen Umgang mit „Überbevölkerung“. Nun ist es natürlich so, dass die Erde – v. a. spärlich besiedelte Gebiete wie Afrika – noch ziemlich viele Menschen beherbergen und auch ernähren könnte, aber es kann ja schon vorkommen, dass in einem Land die Bevölkerung schneller wächst als die Wirtschaft, und man deswegen zeitweise Probleme mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, Teuerung o. Ä. bekommen könnte. Wäre es da gerechtfertigt, dass der Staat z. B. Paare mit weniger als 5 Kindern bevorzugt behandelt, Paare mit mehr Kindern benachteiligt (z. B. steuerlich), um sie zu „motivieren“, sich durch NFP und Enthaltsamkeit mit bloß 3 oder 4 Kindern zu begnügen? Dass solche Praktiken wie bei der chinesischen Ein-Kind-Politik niemals legitim wären (und für China auch sehr kontraproduktiv waren), versteht sich von selbst, aber wie sähe es mit milderen Maßnahmen oder bloßer Werbung aus?)

Noch eine Frage: Sündigt einer, der mit dem Ehepartner schläft, im Wissen, dass der Partner gegen seinen Willen verhütet? Die Kurie hat früher manchmal auf solche Fragen geantwortet (wobei es damals vor allem um coitus interruptus ging und die Pille noch nicht erfunden war), was in etwa in die Richtung ging: An sich ist man durch die Liebe verpflichtet, den anderen davon abzubringen und nicht mitzumachen; aber aus einem einigermaßen ernsthaften Grund, z. B. wenn es sonst ziemlich großen häuslichen Unfrieden gibt oder die Frau fürchtet, dass der Mann sie sonst mit Prostituierten betrügt, darf man mitmachen, solange das, was man selber tut, nicht naturwidrig ist (materielle, nicht formelle Mitwirkung). Laut diesen Urteilen der Kurie dürfte eine Frau mit ihrem Mann schlafen (und auch dem entstehenden körperlichen Genuss innerlich zustimmen), wenn sie weiß, dass er coitus interruptus machen wird, weil sie hier nichts Falsches macht, nur er, aber dürfte auch dann nicht bei Analverkehr oder Geschlechtsverkehr mit Kondomen mitmachen, weil das hier schon von Anfang an etwas Falsches ist. (Wir reden natürlich von einigermaßen normalen Situationen und vom Mitwirken; wenn eine Frau sich z. B. nicht aktiv gegen Sex mit Kondom wehrt, sondern passiv bleibt, weil ihr Mann droht, sie umzubringen, das wäre auch verständlich.) Ähnliches könnte man wahrscheinlich an sich sagen, wenn die Frau gegen den Willen des Mannes die Pille nimmt – aber hier kommt die mögliche frühabtreibende Wirkung der Pille hinzu, sodass ich es nicht für erlaubt halten würde, dass der Mann dabei mitmacht. Auch wenn beim einzelnen Akt nur ein sehr geringes Risiko für die Zeugung und die folgende fahrlässige Tötung eines Kindes besteht, summiert sich bei häufigerem Sex das Risiko auf, dass es irgendwann passiert.

In solchen Fällen besteht jedenfalls auch definitiv keine „eheliche Pflicht“ – man darf auch einfach sagen „nein, solange du deine Einstellung nicht änderst, mach ich nicht mit“.

Meiner Einschätzung nach dürfte man vermutlich ganz normal mitmachen, wenn der andere sich endgültig (also so, dass es auch nicht mehr rückgängig gemacht werden kann) sterilisieren hat lassen; denn hier geht es um eine Sünde in der Vergangenheit, die derjenige einfach bereuen müsste, und nicht um die Teilnahme an einer gegenwärtigen Sünde, und man tut hier nichts Unnatürliches. (Zur Reue kann man ihm hoffentlich irgendwann verhelfen, aber man kann ihm auch klarmachen, dass man dagegen ist, dass er sich auf diese Weise gegen Kinder gewandt hat, wenn man trotzdem noch mit ihm schläft.)

Künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft sind immer unerlaubt, wie schon im vorletzten Teil genauer ausformuliert; auch sie trennen die Liebe von der Fortpflanzung. (Erlaubt wären bloß Praktiken, die den normalen Geschlechtsverkehr so erleichtern, dass leichter eine Empfängnis stattfinden kann, z. B. das Sperma nach dem Verkehr mit einer Spritze tiefer in die Vagina zu befördern.)

Der hl. Paulus erwähnt auch, dass es manchmal sinnvoll sein kann, eine begrenzte Zeit im gegenseitigen Einvernehmen auf Sex zu verzichten, um sich dem Gebet zu widmen. Das heißt nicht, dass man nicht beten kann, wenn man in der Nacht davor miteinander geschlafen hat. Aber so ein Verzicht ist wie Fasten; man verzichtet eine begrenzte Zeit auf etwas Gutes, um sich daran zu gewöhnen, dass man auch mal verzichten muss, und um etwas für Gott zu „opfern“. Das kann auch dabei helfen, sich gegenseitig zu zeigen, dass man sich nicht nur körperlich liebt. Es gibt aber keine Pflicht, z. B. in der Fastenzeit oder zu besonderen Festzeiten auf Sex zu verzichten.

Josephsehen (also Ehen, in denen man von vornherein übereinkommt, nicht miteinander zu schlafen) sind übrigens gültige Ehen; man übergibt einander hier auch die üblichen ehelichen Rechte, aber vereinbart, gewisse Rechte nicht zu nutzen. Maria und Joseph waren gültig verheiratet, haben einander geliebt und ihr Leben geteilt, waren einander besonders verpflichtet, aber haben ansonsten wie Bruder und Schwester gelebt. So etwas nachzuahmen ist an sich legitim (wir haben Heilige, die das getan haben), und auch ein Rechtfertigungsgrund, um keine Kinder zu haben, aber es ist nicht der Normalfall und soll auch gar nicht der Normalfall sein. Für die allermeisten Menschen wird ihre Berufung entweder normale Ehe oder Ehelosigkeit sein, keine „Mischung“.

Jetzt zur ehelichen Rollenverteilung. Wie genau man die anfallenden Aufgaben aufteilt, kann natürlich ganz unterschiedlich ausfallen je nach Kultur und je nach Familie. Es gibt keine göttliche Offenbarung dazu, wer den Abwasch und wer das Rasenmähen zu übernehmen hat. Grundsätzlich gilt aber, dass der Mann das Familienoberhaupt ist. Nur wenn er unfähig oder nicht willens ist, diese Verantwortung zu tragen, kann die Frau das übernehmen; das ist aber an sich so unschön, wie wenn minderjährige Kinder aufpassen müssen, dass ihre Eltern keinen Blödsinn anstellen (und nein, das soll keine Gleichsetzung von erwachsenen Ehefrauen mit Kindern sein, sondern schlicht und einfach ein Vergleich), oder wie wenn der 2. Vorsitzende im Verein die ganzen Pflichten des 1. Vorsitzenden übernehmen muss (was vielleicht der bessere Vergleich ist). Auch als Frau wird man keinen Mann mögen, der sich ständig herumkommandieren lässt und der nicht auch mal, wenn nötig, ein Machtwort sprechen kann. Das heißt nicht, dass man nicht im Normalfall einfach Dinge ausdiskutieren und dann gemeinsam entscheiden würde; aber irgendwer muss im Konfliktfall das letzte Wort und die Gesamtverantwortung haben. Und die Bibel ist hierzu sehr klar:

„Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Furcht Christi! Ihr Frauen euren Männern wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort! So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Indessen sollt auch ihr, jeder Einzelne, seine Frau lieben wie sich selbst, die Frau aber ehre ihren Mann.“ (Epheser 5,21-33) Die Beziehung zwischen Mann und Frau soll also so sein wie die zwischen Christus und der Kirche.

Wer das Familienoberhaupt ist, muss nicht zwangsläufig damit zusammenhängen, wer dafür verantwortlich ist, das Einkommen heranzuschaffen. Wenn der Mann z. B. arbeitsunfähig ist, kann die Frau Hauptverdienerin sein und er trotzdem das Familienoberhaupt. Ideal ist das aber tatsächlich nicht; die klassische Rollenverteilung, nach der die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmert und höchstens nebenbei ein bisschen arbeitet, und der Mann der Allein- oder Hauptverdiener ist, bietet sich einfach praktischerweise an. (Und übrigens sind laut Umfragen Paare damit sogar am glücklichsten.) Katholische Frauen werden öfter schwanger sein als säkulare mit ihren 1,5 Kindern und deswegen eine Zeitlang gar nicht arbeiten können; kleine Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit, und wenn das gut machbar ist, ist die Frau verpflichtet, sie zu stillen, weil das gesundheitlich besser für sie ist. Das kann der Mann schlecht übernehmen. Dazu kommt, dass Frauen es meistens mögen, ihr Zuhause schön herzurichten, während Männer es mögen, das Gefühl zu haben, ihre Familie materiell versorgen zu können. Auf jeden Fall ist es aber schlecht, Kinder schon früh und lange in Fremdbetreuung zu geben; irgendeiner von beiden sollte zumindest daheim sein, solange die Kinder noch klein sind, wenn es machbar ist.

Was genau bedeutet es, dass der Mann das Familienoberhaupt ist, welche Pflichten ergeben sich dadurch für die Eheleute?

Erst einmal für die Frau: Jone schreibt: „Sie ist auch verpflichtet, dem Manne zu gehorchen, hat aber auch das Recht auf Schutz und standesgemäßen Unterhalt.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 748, S. 614) Die Gehorsamspflicht ist natürlich nicht unbegrenzt. Prinzipiell darf man jemandem nicht gehorchen, wenn er eine Sünde befiehlt, und man muss ihm nicht gehorchen, wenn er etwas klar Schädliches oder Lächerliches oder Entwürdigendes befiehlt, mit seinem Befehl die Rechte von einem verletzt, oder über den Bereich hinausgeht, bzgl. dem er befehlen kann. Die Befehlsgewalt betrifft in diesem Fall die Angelegenheiten der Familie, das Zusammenleben, was ein ziemlich großer, aber nicht unbegrenzter Bereich ist; ich würde also schätzen, dass die Frau z. B. nicht gehorchen muss, wenn der Mann ihr befiehlt, einen anderen Beichtvater zu wählen (außer, sagen wir, die Ratschläge ihres sehr seltsamen Beichtvaters sorgen für familiären Unfrieden). Manchmal muss die Frau auch klar ihre Zustimmung verweigern, wenn ihr Mann völlig unrealistische, schädliche Pläne für die Familie hat. Der normale Zustand sollte sowieso so aussehen, dass man nach einer Entscheidung sucht, mit der alle leben können. Aber der Gehorsam ist eben trotzdem manchmal eine Pflicht; und am Ende, nachdem man alles ausdiskutiert und nach Kompromissen gesucht hat, muss man als Frau schon mal die Entscheidungen des Mannes einfach respektieren, und dabei auch ihn selber respektieren.

Der Mann ist verpflichtet, die Gesamtverantwortung zu tragen und die Familie zu schützen, also z. B. auch vorauszuplanen, ob man wegen drohender politischer Verfolgung das Land verlassen muss (um jetzt ein Extrembeispiel zu nehmen) oder dafür zu sorgen, dass man in einer einigermaßen sicheren Gegend wohnt oder zumindest das Haus vor Einbrechern schützt, dass man finanziell abgesichert ist, auch im Alter, und dergleichen. (Natürlich kann er auch manches an die Frau delegieren, wenn sie sich z. B. besser mit Finanzen auskennt.) Insgesamt hat die Familie jedenfalls ein Recht darauf, dass der Familienvater den Gesamtüberblick über ihre Versorgung und ihre Sicherheit behält.

Jone bringt noch ein paar Beispiele:

„Aus äußerst wichtigen Gründen (z. B. zum Wohle des Staates oder zur Besorgung wichtiger Familienangelegenheiten) aber darf der Mann auch gegen den Willen der Frau längere Zeit abwesend sein; auf Bitten der Frau aber muß er dieselbe mit sich nehmen, wenn es gut geschehen kann. Für kurze Zeit darf er auch ohne wichtigen Grund gegen den Willen der Frau abwesend sein. – Da der Mann das Haupt der Familie ist, kann sich die Frau gegen seinen Willen nicht entfernen, außer es würde ihr sonst ein großes Ungemach drohen. – […] Die Wahl des Wohnsitzes steht dem Manne zu, und die Frau muß ihm an denselben folgen. Eine Ausnahme besteht nur, wenn im Ehevertrag ein bestimmter Wohnsitz festgesetzt ist und eine Abweichung von dieser Abmachung nicht durch einen neuen, schwerwiegenden Grund nahegelegt wird; ferner wenn der Mann aus böswilliger Absicht den Wohnsitz ändern wollte; ebenso wenn die Frau ihm nicht folgen könnte ohne schweren leiblichen oder seelischen Schaden; endlich wenn der Mann wohnsitzlos überall umherzieht, außer die Frau hätte dies beim Eheabschluß bereits gewusst. – Die Frau kann eine Änderung des Wohnsitzes verlangen, wenn der gegenwärtige Wohnsitz ihr großen körperlichen oder seelischen Schaden brächte.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 747, S. 613f.)

C. S. Lewis schreibt zur Erklärung dieser Lehre:

„Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muß es überhaupt ein ‚Haupt‘ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muß der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, daß dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muß mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muß einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren läßt.‘ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, daß sie ja auch die Hosen anhat. Irgend etwas Unnatürliches muß an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen läßt.

Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, daß der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewußt als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muß letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, daß diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, daß er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Daß er immer beschwichtigen muß?“ (C. S. Lewis, Pardon, ich bin Christ, 9. Taschenbuchauflage, Basel 1977)

Papst Pius XI. schreibt darüber in Casti Connubii:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.‘

Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.“

Soweit hierzu. Wenn ich vergessen habe, etwas anzusprechen, bitte in den Kommentaren darauf aufmerksam machen.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12a: Das 6. & 9. Gebot – Allgemeine Prinzipien

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

[Hier noch eine kleine Korrektur zum vorletzten Teil bzgl. Verhältnismäßigkeit: Ein verhältnismäßiger Grund dafür, eine Handlung zu setzen, bei der man einen Schaden in Kauf nimmt, dürfte wahrscheinlich auch vorhanden sein, wenn die Risiken auf beiden Seiten (nichts tun bringt ungewollten Schaden für A / etwas tun bringt ungewollten Schaden für B) gleich hoch sind, nicht nur, wenn sie auf der Nichts-Tun-Seite überwiegen.]

Unter dem 6. Gebot – „Du sollst nicht die Ehe brechen“ – und dem 9. Gebot – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau“ – fasst man mehr oder weniger alles, was Ehe & Sexualität angeht, zusammen. Die Tugend der Keuschheit bedeutet, knapp gesagt, die vernünftige, gottgewollte Ordnung in sexuellen Dingen einzuhalten. In diesem Artikel soll es erst einmal um Begründungen dafür gehen, wieso die Keuschheit gut und notwendig ist, und was genau sie bedeutet.

Zuerst ein paar Begriffsabgrenzungen: Keuschheit =/= Jungfräulichkeit =/= Zölibat. Jungfräulichkeit ist der Zustand des „Nie-Sex-gehabt-habens“ (Anmerkung: eine Vergewaltigung verletzt die formelle Jungfräulichkeit nicht, nur die materielle), Zölibat ist das Leben ohne Ehe und Sex für Gott. Wer zölibatär lebt, muss nicht zwangsläufig jungfräulich sein, er kann auch Sünden in der Vergangenheit haben oder verwitwet sein; wer jungfräulich ist, muss nicht zwangsläufig im gottgeweihten Zölibat leben, er kann einfach noch niemanden zum Heiraten gefunden haben; wer verheiratet ist und ganz normal mit seinem Ehepartner schläft, lebt keusch, aber weder jungfräulich noch zölibatär. Jungfräulichkeit und Zölibat sind gute Dinge, aber keine Verpflichtungen für jeden; im Unterschied zur Keuschheit.

Für Keuschheit hat man früher auch oft den Begriff Reinheit verwendet, was mir früher komisch vorkam, aber jetzt nicht mehr komisch vorkommt. Hier ist nicht mal gemeint, dass Sex an sich unrein sei, sondern einfach die sexuelle Unordnung. Und man ist nun mal freier, gelöster und „reiner“, wenn man sich nicht von seiner Sexualität kontrollieren lässt und fähig ist, sich auf alle möglichen anderen Dinge zu konzentrieren, und nicht gleich schmutzige Gedanken bei allem und jedem hat.

Zur Keuschheit kommt auch noch die Schamhaftigkeit hinzu, die quasi zum Schutz der Keuschheit dient. Zur Schamhaftigkeit gehört es, intime Dinge nicht überall auszubreiten.

Halten wir bzgl. der Keuschheit am Anfang erstmal als Faustregel fest: So ziemlich alles außerhalb der Ehe ist schwere Sünde, und innerhalb manches. Wir sind ja katholisch hier. (Bzgl. der Schamhaftigkeit ist es nicht so schlimm; da gibt es auch viele lässliche Sünden.)

Es ist so ziemlich Konsens unter den klassischen Moraltheologen, dass es im 6.-Gebot-Bereich keine „materielle Geringfügigkeit“ gibt, dass es also (wenn Wissen & Wille auch voll da sind) keine lässlichen Sünden gibt, sondern nur schwere. Lässliche Sünden in diesem Bereich wären also dann da, wenn jemand etwas mit eingeschränktem Wissen um die Schwere (was oft bei den gewöhnlichen Nichtchristen der Fall ist) oder eingeschränkter Willenszustimmung (z. B. unter Alkoholeinfluss, im Halbschlaf, unter Drohungen/Druck von anderen, oder bei bestimmten spontanen Gedankensünden, wo der Wille nicht voll da ist (dazu später mehr)), tut.

Das heißt nicht, dass alle diese schweren Sünden gleich schwer wären – Petting mit der Verlobten ist offensichtlich deutlich weniger schwer, als die Ehefrau serienmäßig zu betrügen, und dafür käme man bei fehlender Reue auch in unterschiedliche Höllenkreise. Aber beides eben schwere Sünde.

Das klingt jetzt hart, und die Vorstellung war für mich auch ungewohnt. Aber es hat seine Gründe, dass Sex besondere moralische Bedeutung besitzt. Das ergibt sich daraus, was Sex in seiner eigentlichen Form ist.

Die katholische Ethik ist, wie in Teil 2 schon gesagt, eine Ethik des Naturrechts – gemeint ist nicht „Natur“ im Sinne von „Wildnis“, sondern „Natur“ im Sinne von „Wesen, innerer Zweck der Dinge“. Auch Tiere können im philosophischen Sinn „Widernatürliches“ tun, das ihrem eigenen inneren Zweck zuwiderläuft (wenn z. B. ein Muttertier die eigenen Jungen tötet), weil auch der Rest der Schöpfung nicht unberührt vom Bösen ist; auch wenn sie  dafür natürlich keine Schuld tragen können, weil sie nicht bewusst und willentlich handeln. Der Mensch dagegen kann sich bewusst entscheiden, im Einklang mit seiner Natur oder gegen seine Natur zu handeln.

Sex ist an sich eine intime Vereinigung eines Mannes und einer Frau, bei der möglicherweise Kinder entstehen können (und auch oft entstehen, selbst wenn Leute das verhindern wollen). Natürlich stellen die Menschen noch anderes mit ihren Geschlechtsorganen an, aber das ist das, was ihr biologischer Zweck in ihrer gesunden Form, ihre eigentliche Funktion ist (wie der Mund zum Reden und Essen da ist, oder das Atmen für die Versorgung mit Sauerstoff) und für die Erhaltung der menschlichen Art sorgt, das, was man Kindern erklärt, wenn sie wissen wollen, wo die Babys herkommen. Daraus folgen jetzt verschiedene  Dinge:

  • Da kann, wie gesagt, ein Kind entstehen; und Kinder brauchen eine Familie, Vater und Mutter, die sich lieben und zusammenleben. Wenn das nicht da ist, fehlt immer etwas, sogar wenn es fehlt, ohne dass jemand Schuld hat (z. B. wenn ein Elternteil stirbt, als Gastarbeiter ins Ausland gehen muss…); wobei es natürlich schlimmer für das Kind ist, wenn Eltern nicht zusammenleben, weil sie sich zerstritten haben. Und Kinder brauchen diese Familie nicht nur kurzfristig; sie sind lange völlig abhängig von Erwachsenen. Wer sich also noch nicht sicher ist, ob er mit der und der eine Familie haben will, sollte mit ihr auch keinen Sex haben und riskieren, ein Kind zu zeugen, das ohne Vater aufwachsen muss (oder vielleicht sogar abgetrieben werden wird, weil es gerade nicht hinpasst). Und gerade weil hier ein Menschenwesen entstehen kann, eine neue unsterbliche Seele, sollte man das Ganze doch mit einiger Ehrfurcht behandeln.
  • Das Ganze drückt Vereinigung und Hingabe aus. Die kann ihrem Wesen nach nur exklusiv und unauflöslich sein. Außerdem haben hier Brutalität, Nötigung und Zwang keinen Platz.
  • Es ist eine Ergänzung von Mann und Frau, die aufeinander hingeordnet sind (nicht nur, aber auch in körperlicher Hinsicht; Körper und Seele gehören zusammen und machen beide den ganzen Menschen als Mann oder Frau): homosexuelle Handlungen beispielsweise sind eigentlich nur eine schlechte Nachahmung von Sex, ein Missbrauch der Geschlechtsorgane; vergleichbar der Masturbation, wo jemand aus etwas, das als Ausdruck gegenseitiger Liebe, als Geschenk an jemand anderen, gedacht ist, eine egoistische, in sich verschlossene Handlung macht.

Sex im eigentlichen Sinn ist also Ausdruck von treuer Liebe, aus der neues menschliches Leben entstehen kann.

Das ist er eigentlich; aber in der Praxis ist der Sexualtrieb eben nicht nur Liebesbedürftigkeit, sondern seit dem Sündenfall auch ein starker biologischer Trieb, der einen dazu führen kann, einiges Blödsinniges oder Schlechtes zu tun. Das ist auch bei anderen biologischen Trieben der Fall; aber die geraten oft nicht ganz so leicht außer Kontrolle. C. S. Lewis beschreibt es passend:

„Der biologische Zweck der Sexualität ist die Erhaltung der Art, wie der biologische Zweck des Essens die Erhaltung des Körpers ist. Wenn wir nun essen, wann immer uns die Lust ankommt und soviel wir wollen, werden sicher die meisten von uns zuviel essen, aber doch nicht ganz unmäßig. Ein Mann ißt vielleicht für zwei, aber nicht für zehn. Sein Appetit übersteigt ein wenig das biologisch Notwendige, geht aber nicht ins Maßlose. Würde dagegen ein gesunder junger Mensch seiner sexuellen Begierde nachgeben, sooft ihn die Lust ankommt, und dabei jedesmal ein Kind in die Welt setzen, so könnte er in zehn Jahren leicht ein kleines Dorf bevölkern. Dieser Appetit steht in einem lächerlichen und widersinnigen Verhältnis zu seinem biologischen Zweck.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Mit Striptease-Vorstellungen, also damit, daß sich ein Mädchen auf der Bühne auszieht, kann man eine Menge Publikum anlocken. Nehmen wir aber einmal an, wir kämen in ein Land, wo man ein Theater damit füllen könnte, daß jemand eine zugedeckte Platte auf die Bühne trägt und dann langsam den Deckel abnimmt, so daß jedermann – kurz bevor das Licht ausgeht – sehen kann, daß ein Hammelkotelett oder ein Stück Speck auf der Platte liegt. Würden wir nicht annehmen, daß in diesem Land mit dem Appetit der Leute etwas nicht in Ordnung ist? Und würde nicht jemand aus einer anderen Welt von uns annehmen müssen, daß es um unseren Geschlechtstrieb nicht sehr viel anders bestellt ist?

Ein Kritiker wandte ein, wenn in einem Land solche Striptease-Vorstellungen mit Hammelkoteletts üblich wären, so würde er daraus schließen, daß die Leute dort am Verhungern sind. Er wollte damit natürlich sagen, daß solche Dinge wie Striptease-Darbietungen nicht von sexueller Verdorbenheit, sondern von sexuellem Ausgehungertsein herrühren. In gewissem Sinne stimme ich ihm zu. Wenn wir in einem Land ‚Hammelkotelett-Entkleidungsszenen‘ vorfinden, so könnte eine der möglichen Erklärungen natürlich eine Hungersnot sein. Der nächste Schritt wäre dann allerdings, die Ernährungslage jenes Landes zu untersuchen. Sollte sich dabei herausstellen, daß sie gut ist, so würde die Hungersnot als Begründung ausscheiden, und wir müßten nach einer anderen Erklärung suchen.

Das gleiche gilt für die Stripteaseszenen auf unseren Bühnen: Bevor wir annehmen, daß sie durch eine sexuelle Hungersnot bedingt sind, müßten wir nachweisen, daß die geschlechtliche Enthaltsamkeit heute wirklich größer ist als zu Zeiten, in denen man vom Striptease nichts wußte. Dieser Beweis läßt sich nicht erbringen. Verhütungsmittel haben die Befriedigung geschlechtlichen Verlangens innerhalb der Ehe viel billiger und außerhalb viel sicherer werden lassen als je zuvor, und die öffentliche Meinung zeigt gegenüber außerehelichen Verbindungen und sogar sexuellen Verirrungen mehr Nachsicht, als es seit heidnischer Zeit jemals der Fall war.

Außerdem ist die These von der Hungersnot nur eine von mehreren möglichen Erklärungen. Jeder weiß, daß die sexuelle Begierde, wie jede andere Begierde auch, mit ihrer Befriedigung zunimmt. Der Hungrige träumt von gedeckten Tischen, aber ein Vielfraß tut dasselbe. Die Satten wie die Hungrigen erfreuen sich am Gaumenkitzel.

Ein weiteres Beispiel: Wir werden nur wenige Menschen finden, die etwas verzehren möchten, was nicht eßbar ist, oder die Nahrungsmittel nicht zum Essen benutzen wollen. Verirrungen der Eßlust sind selten, Verirrungen des Geschlechtstriebs dagegen sehr häufig. Sie sind furchtbar und sehr schwer zu heilen. […]

Uns wird gesagt, die Sexualität sei in Unordnung geraten, weil sie vertuscht und verheimlicht wurde. Aber in den letzten zwanzig Jahren wird sie nicht mehr totgeschwiegen. Man hat Tag und Nacht über sie geredet, und doch ist sie immer noch in Unordnung. Wäre Heimlichtuerei die Quelle allen Übels, so hätten die unzähligen Diskussionen über diese Fragen Abhilfe schaffen müssen. Aber das ist nicht geschehen.

Ich glaube, es ist genau umgekehrt. Ich glaube, die Menschen haben den Sex ursprünglich deswegen totgeschwiegen, weil er in solche Unordnung geraten war.“ (C. S. Lewis, Pardon, ich bin Christ, 9. Aufl., Basel 1977, S. 92-94. (Original: Mere Christianity, erschienen 1955))

Insofern ist das also auch ein Trieb, bei dem man besonders gut aufpassen muss.

Edward Feser schreibt zu diesem Thema auch sehr passend (meine Übersetzung):

„Es gibt mindestens drei Gesichtspunkte, unter denen Sex eine spezielle moralische Bedeutung hat, und das eindeutig:

1. Sex ist das Mittel, mit dem neue Menschen gemacht werden. Nun hat es offensichtlich moralische Bedeutung, wie wir Menschen behandeln, besonders in Angelegenheiten von Leben und Tod. […] Außerdem leugnet niemand, dass wir spezielle moralische Pflichten gegenüber unseren engsten Verwandten und vor allem Kindern haben. Aber die neuen Menschen, die wir durch Sex in die Welt setzen, sind natürlich gerade unsere Kinder. Daher ist Sex tatsächlich moralisch sehr bedeutsam. […]

2. Sex ist die Weise, auf die wir als Männer und Frauen vervollständigt werden. Es ist unnötig zu erwähnen, dass die sexuellen Organe einer Person die eines anderen Menschen des anderen Geschlechts erfordern, wenn sie ihre biologische Funktion erfüllen sollen. […] Aber es ist mehr als bloße Klempnerei oder Biologie. Die meisten Menschen werden sich zumindest für einen bedeutenden Teil ihres Lebens frustriert und unerfüllt fühlen, wenn sie unfähig sind, die Art romantische Beziehung mit einer anderen Person zu haben, die Sex als natürliche Begleiterscheinung hat. […]

Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt Menschen, die auf solche Beziehungen verzichten, weil sie zu einem höheren Stand der Art berufen sind, die vom Priestertum oder Ordensleben verkörpert wird. Gerade weil dieses Gut ein höheres Gut ist, kann die so berufene Person die Frustration überwinden, die ansonsten einen solchen Verzicht begleiten würde. Es gibt auch manche Menschen, denen signifikante sexuelle oder romantische Wünsche von Anfang an fehlen. Aber im typischen Fall werden Menschen durch das Fehlen einer sexuellen Beziehung mit einem anderen Menschen frustriert sein.

Nun denken natürlich wir traditionellen Naturrechtler, dass eine solche Beziehung nur im Kontext der Ehe existieren sollte, und auch […] dass das natürliche Ziel, auf das die menschliche Sexualpsychologie ausgerichtet ist, ein Mensch des anderen Geschlechts ist statt nur ‚eine Person‘ im Abstrakten. Aber noch einmal, vorerst müssen Sie nicht alldem zustimmen. Das Buch Genesis beschreibt unsere sexuelle Unvollständigkeit in klar heterosexuellen Begriffen. Der Mythos des Aristophanes in Platos Symposium beschreibt sie bekanntermaßen auf sehr viel freiere Weise. Aber beide bezeugen das Alter der Vorstellung, dass ein Mensch einen anderen Menschen auf sexuelle Weise für seine vollständige Erfüllung braucht. Befürworter der ‚gleichgeschlechtlichen Ehe‘ bezeugen dieses Bedürfnis ebenso, insofern sie die ‚gleichgeschlechtliche Ehe‘ im Namen von romantischer Liebe und persönlicher Erfüllung verteidigen.

Das Scheitern an romantischen Beziehungen kann nicht nur an sich frustrierend sein, sondern das Selbstwertgefühl einer Person beeinträchtigen, wie das auch jeder Hinweis kann, dass einem einfach die Fähigkeit fehlt, einen Geliebten anzuziehen oder zufriedenzustellen. Daher wird es als besonders gemein und demütigend empfunden, die romantischen Gefühle oder sexuellen Avancen einer Person lächerlich zu machen, oder seine oder ihre sexuelle Performance oder Attraktivität für das andere Geschlecht zu verspotten. Die Präsenz eines sexuellen Aspekts bei anderen Schäden und Unglücksfällen macht sie auch viel härter zu ertragen. Ehebruch wird als viel tieferer Verrat empfunden als irgendein bloßer Vertragsbruch. Vergewaltigung und Kindesmissbrauch sind viel grausamer und psychologisch schädlicher als ein nicht-sexueller Angriff. Die öffentliche Aufdeckung von privaten sexuellen Eskapaden wird als viel demütigender gesehen als die Aufdeckung von finanziellen Vergehen oder anderen Verbrechen. […]

3. Sex ist der Bereich des menschlichen Lebens, in dem die tierische Seite unserer Natur am stärksten gegen die rationale Seite unserer Natur kämpft. Sexuelle Lust ist die intensivste Lust. Die Gründe dafür haben mit den Erwägungen, die bei den ersten beiden Punkten aufgebracht wurden, zu tun. Sex ist notwendig für die Entstehung neuer Menschen, aber neue Menschen zu machen legt uns enorme Kosten und Verantwortlichkeiten auf, die zu übernehmen wir sehr widerwillig sind. Die Natur hat Sex so extrem angenehm gemacht, dass die Leute ihn trotzdem haben werden, trotz seiner Neigung dazu, neue Menschen zu machen, für die sie Verantwortung übernehmen müssen. Sex ist auch die Handlung, die auf die körperlich und emotional intimste oder innigste Weise jene romantischen Beziehungen vollendet, in denen wir unserem Gefühl der Unvollständigkeit abzuhelfen suchen. Das fügt eine weitere, psychologisch bedeutsame Ebene des Genusses zu der Handlung hinzu, die das, was bloß auf einem rohen animalischen Level schon immens angenehm ist, noch einmal stark steigert.

Es ist daher nicht überraschend, dass die Befriedigung, die diese Art der Lust uns verspricht, uns dazu führen kann, jede Art zutiefst irrationaler Dinge zu tun. Für ein paar Momente sexueller Lust werden viele Menschen eine Schädigung ihres Rufs und das Auseinanderbrechen von Ehen und Familien, ihrer eigenen wie der anderer, riskieren. Sexuelle oder romantische Leidenschaft kann Menschen daran hindern, zu sehen, dass eine bestimmte Person einfach kein passender Ehepartner oder jemand, mit dem man Kinder haben sollte, ist. Romantische und sexuelle Eifersucht kann Leute dazu versuchen, das Objekt ihrer Zuneigung auszuspionieren und zu stalken, oder sogar dazu, einen Mord zu begehen. Die Suche nach romantischer und sexueller Lust kann einen zwanghaften Charakter annehmen. Daher werden Leute promiskuitiv, oder süchtig nach Pornographie, oder geneigt zu exzessivem romantischen Fantasieren und ver- und entlieben sich ständig. Und natürlich gibt es verschiedene weniger schwerwiegende Weisen, auf die romantische Liebe oder der Wunsch nach Sex uns dazu führen kann, auf Weisen zu handeln, die wir sonst als offensichtlich töricht sehen würden (schlecht geplante Versuche, jemanden zu beeindrucken, von dem man angezogen ist, plumpe sexuelle Avancen etc.). […]

Tatsächlich bieten Leute, die angesichts all der offensichtlichen Beweise sagen, dass Sex ‚keine große Sache‘ ist, nur ein weiteres Beispiel für die Irrationalität, zu der wir in sexuellen Angelegenheiten neigen. Denn diese Art von Bemerkung ist natürlich typischerweise ein Versuch, sexuelle Verhaltensweisen zu rationalisieren oder zu entschuldigen, die weitgehend als moralisch fragwürdig betrachtet werden, aber auf die der, der das sagt, sich trotzdem einlassen möchte.“

Auf rein biologischer Ebene sorgt Sex übrigens dafür, dass das „Bindungshormon“ Oxytocin ausgeschüttet wird. Das ist noch ein Grund, mit dem Sex erst mal zu warten: Wenn man Sex mit jemandem hat, bei dem man später feststellt, dass man nicht zusammenpasst, fühlt man sich trotzdem aneinander gebunden und tut sich schwer damit, diese Bindung wieder auseinanderzureißen.

Um zusammenzufassen: Sex macht Kinder, drückt Vereinigung und Liebe aus und lässt Leute sich aneinander gebunden fühlen, der Sexualtrieb ist aber auch ein starker biologischer Trieb, der relativ leicht entarten kann. Das alles passt damit zusammen, wofür die Ehe nach traditioneller katholischer Vorstellung von Gott eingesetzt wurde (sog. Ehezwecke):

  • Sie ist dafür da, Kinder zu machen, aber nicht nur das, sondern sie auch großzuziehen, auf die Welt vorzubereiten, in Kontakt mit Gott zu bringen. Es hat mehrere Gründe, dass das gut und notwendig ist. Erstens einmal ist jedes Lebewesen, besonders jedes menschliche Wesen, schlicht und einfach an sich sehr wertvoll; und Menschen werden ewig leben, im Idealfall bei Gott. Zweitens ist auch die „Erhaltung der Art“ einfach gut und notwendig – die Menschheit soll weiterbestehen, die erreichten Werke sollen erhalten und weitergeführt werden, die Jüngeren sollen sich um die Älteren kümmern. Das ist keine rein pragmatische oder biologische Sache. Auch für die Eltern ist es eine Art Erfüllung, wenn sie ihren Kindern etwas weitergeben, wenn ihr Erbe in ihren Kindern weiterlebt.
  • Sie ist dafür da, dass Mann und Frau einander lieben, helfen und ergänzen.
  • Sie ist da als „remedium concupiscentiae“, „Heilmittel für die Begierlichkeit“, d. h. sie soll einen Trieb, der an sich nicht schlimm ist, aber auch viel Schaden anrichten könnte, in geordnete Bahnen lenken, wie man eine Pflanze anbindet und stutzt, damit sie gerade und schön wächst. Das ist ein legitimer Zweck. Wir sind nun mal nicht perfekt, und unsere Neigungen und Wünsche auch nicht. Diesen Zweck kann man auch in „optimistischerer“ Weise als „sexuelle Erfüllung“ deuten, aber ich belasse es mal bei dem klassischen Begriff.

Heilige Zélie & Louis Martin | PureWomanhood
(Die Heiligen Zélie und Louis Martin; sie sind gute Patrone für Ehepaare.)

Grundsätzlich kann man dann sagen, es gibt drei verschiedene Komponenten, die eine sexuelle Handlung moralisch falsch werden lassen: 1) außerhalb der gültigen Ehe 2) nicht im Rahmen der natürlichen Ordnung, 3) Verstöße gegen Gerechtigkeit und Liebe (wie etwa: keine Zustimmung der (dazu fähigen!) anderen Person, Anwendung von Gewalt). Unter diese Kriterien fallen z. B.:

  1. Jeder Geschlechtsverkehr vor der Ehe (darunter fallen Konkubinat, also eheähnliches Zusammenleben, und Prostitution), unkeusche Berührungen, Ehebruch (auch Sex mit einem neuen Partner nach einer zivilrechtlichen Scheidung vom eigentlichen Partner, ob man mit dem neuen Partner in Zivilehe zusammenlebt oder nicht, ist Ehebruch; und auch offene Ehen sind Ehebruch), Polygamie, unkeusche Blicke, Lektüre, Phantasien, Pornographiekonsum, Voyeurismus, Inzest, Gruppensex.
  2. Masturbation, künstliche Empfängnisverhütung, coitus interruptus, [Anmerkung: NFP (Natürliche Familienplanung, auch periodische Enthaltsamkeit oder Natürliche Empfängnisregelung genannt), ist nicht naturwidrig], Sexualpraktiken mit nicht dafür gedachten Körperöffnungen, homosexuelle Handlungen, Bestialität (Sex mit Tieren).
  3. Brutale/erniedrigende Sexualpraktiken (Sadismus und Masochismus), sexuelle Belästigung, Vergewaltigung,  Zwangsverheiratung, Frauenraub, Kindesmissbrauch.

(Freilich gibt es Grenzfälle; Kindesmissbrauch z. B. kann man unter 1) (mit Kindern ist keine gültige Ehe möglich), 2) (Sex mit jemandem, der nicht mal voll entwickelt ist, ist offensichtlich naturwidrig) oder unter 3) (Kinder können Sex nicht zustimmen, und oft wird hier Gewalt angewandt) verbuchen. In der Praxis gibt es außerdem oft Fälle, wo Handlungen aus mehreren Kategorien zusammenkommen (z. B. voreheliche Unzucht gekoppelt mit Gebrauch von Kondomen und Sadomasopraktiken). Ein interessanter Fall sind auch künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft, die ich oben in der Liste noch nicht aufgeführt habe; beide trennen die Fortpflanzung von der Liebe und dem Sex und sind deswegen sowohl naturwidrig (2) als auch ein Verstoß gegen die Liebe (3).

Manches fällt eigentlich auch schon unter die Überschrift „Gewalt“ beim 5. Gebot, aber so, wie man gewaltsamen Raub nochmal unterm 7. Gebot bei Eigentumsdelikten behandelt, behandelt man auch Gewalt im sexuellen Kontext  normalerweise nochmal gesondert unter dem 6. Gebot.)

Das Thema „außerhalb der natürlichen Ordnung“ ist besonders gewöhnungsbedürftig aus säkularer Sicht. Aber aus katholischer Sicht geht man eben davon aus, dass Gott, der uns geschaffen hat, uns so geschaffen hat, dass jeder Antrieb, jedes Organ, jede natürliche menschliche Institution ihren Zweck hat, den man an ihrem Wesen sehen kann, und dass wir im Einklang mit diesem Zweck handeln müssen, wenn wir nicht auf Dauer einigen Schaden anrichten wollen. U. a. hat er eben dafür gesorgt, dass Sex für Liebe und Kinder da ist, und deshalb ist es naturwidrig, einen der beiden Zwecke direkt auszuschließen, wenn man Sex genießen will. (Naturwidriges ist allein wegen der Naturwidrigkeit schon falsch, aber es richtet immer auch irgendwann Schaden an.)

Dann zum Thema „außerhalb der Ehe“: Manche würden vielleicht sagen, gut, One-Night-Stands seien nicht schön, aber in langfristigen Beziehungen könnte man doch wohl miteinander schlafen. Das ist allerdings nicht konsequent; denn auch langfristige Beziehungen sind ganz bewusst Beziehungen, in denen man gewohnheitsmäßig zusammen ist, aber sich nicht gebunden hat. Und damit Liebe gefestigt werden kann, muss auch eine wirkliche Bindung dazukommen. Ehen sind auch rein statistisch, selbst bei den jetzigen Scheidungsraten, stabiler als eheähnliche Lebensgemeinschaften und bieten eine bessere Basis für Kinder. Kinder, die bei ihren verheirateten Eltern aufwachsen, haben im Durchschnitt weniger schulische Schwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten, psychische Probleme usw., als Kinder, die bei nur einem Elternteil oder bei ihren nicht verheirateten Eltern aufwachsen. (Hier einige Links zu Studien.)

Die katholische Sexualethik geht, entgegen der modernen Welt, davon aus,

  • dass Sex kein Grundrecht und keine unbedingte Notwendigkeit ist. Das entschuldigt eigentlich sowieso Sexualstraftäter (die Armen bräuchten ja irgendwoher Sex und könnten nicht anders). Es ist sehr gut möglich, ohne Sex glücklich und gesund zu leben, und es ist auch nicht verpflichtend, jede sexuelle Phantasie auszuleben. Niemand hat ein Recht auf Sex und jeder kann ohne auskommen. (Das ist auch Gewöhnungssache: Wer seinen Trieben ständig nachgibt, kommt nicht mehr so leicht davon los und braucht immer mehr, wer das Umgekehrte tut, dem geht es umgekehrt.) Die Ehe ist ein wichtiger Teil des normalen Lebens für die meisten (und das nicht nur wegen dem Sex); aber im Notfall muss es auch ohne gehen, und Gott wird dabei helfen. Die Welt geht davon aus, dass der Sextrieb wie ein Kochtopf wäre, der irgendwann überkocht; das ist Blödsinn. Er ist eher wie eine Pflanze, die man festbindet, damit sie nicht auf falsche Weise wuchert, und die dann schön gerade wächst (Ehe = remedium concupiscentiae), oder wie der Appetit auf irgendein besonderes Essen; wenn man lange genug darauf verzichtet hat (= nicht verheiratet ist und keusch lebt), vermisst man es gar nicht mehr. Das ist Sex bei Mäßigung oder Verzicht; aber wenn man sich nicht mäßigt und nicht verzichtet, ist er eher wie eine Droge, von der man immer mehr braucht.
  • dass der Körper ein „Tempel des Heiligen Geistes“ ist. Wie der hl. Paulus sagt: „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1 Kor 6,13-20) Man kann Körper und Seele auch nicht einfach trennen; was der Körper tut, hat Auswirkungen auf die Seele. „Es war ja nur Sex und hat nichts bedeutet“ ist völliger Blödsinn, auf einer Stufe mit „Ich habe ihm zwar ein Messer in den Rücken gerammt, aber es war nicht feindselig gemeint“.
  • dass Kinderkriegen etwas Normales, Natürliches und Gutes ist, nichts Absonderliches oder Minderwertiges oder etwas, für das man sich erst rechtfertigen muss (aus Klimaschutzgründen oder warum auch immer). Jede neue Seele ist unendlich viel wert. Niemand muss heiraten und Kinder bekommen; und Verheiratete müssen nicht die höchstmögliche Anzahl an Kindern bekommen; aber jedes Kind, das sie bekommen, ist wertvoll.

Die moderne Argumentation „es schadet doch niemandem, was Erwachsene im gegenseitigen Einverständnis tun“ ist erstens von vornherein nicht stichhaltig (Schaden und Nutzen sind nicht die einzigen Kriterien der Moral) und zweitens sowieso falsch. Unkeuschheit schadet am Ende sehr wohl, wie alles, was der Natur des Menschen widerspricht.

  • Die Normalisierung von Unzucht schadet den Kindern, die hier – trotz aller Verhütungsmittel – gezeugt werden und dann, weil ungeplant, abgetrieben werden, oder, wenn wenigstens das nicht passiert, oft mit nur einem Elternteil aufwachsen; denen, die sich auf diese Weise mit Geschlechtskrankheiten anstecken (man stelle sich mal vor, was mit Geschlechtskrankheiten wäre, wenn niemand gegen die katholische Sexualmoral verstieße – eben); denen, die keusch leben wollen, und auf die durch Partner oder Gesellschaft Druck ausgeübt wird, sich „normal“ zu verhalten, und und und.
  • Die Normalisierung von Pornographie schadet den Konsumenten selbst; die Wirkung auf das Gehirn ist wie die einer Droge. Sie schadet Frauen, auf die Druck ausgeübt wird, den Pornographiekonsum ihres Partners zu tolerieren oder sogar Sachen aus (gewalt)pornographischen Videos selber nachzuspielen. Außerdem schadet die Normalisierung von Pornographie und Prostitution (beides letztlich zwei Varianten derselben Sache) natürlich den in diesen Branchen Beschäftigten langfristig extrem, selbst, wenn sie sich ursprünglich freiwillig darauf eingelassen haben, was oft nicht der Fall ist. Zwangsprostitution und Menschenhandel sind eine furchtbare Realität, die viele nicht gern zur Kenntnis nehmen.
  • Die Normalisierung von offenen Beziehungen, Polyamorie und Ehescheidung schadet denen, die in einer Ehe/Beziehung sind und deren Partner plötzlich entscheidet, dass sie (allein) nicht mehr genügen – die Gesellschaft schlägt sich auf dessen Seite, man müsse ihn schließlich ausleben lassen, was er will usw. Außerdem schadet das alles den Kindern in solchen Beziehungen natürlich auch wieder am meisten.
  • Die Normalisierung von Empfängnisverhütung sorgt dafür, dass Staaten wie China sich ermächtigt sehen, den Menschen das Kinderkriegen zu verbieten, und dafür, dass in sehr vielen Staaten (inklusive China inzwischen) nicht genug junge Menschen mehr da sind, um die Alten zu versorgen.

Man könnte zu alldem noch mehr sagen (in den nächsten Artikeln kommt auch noch ein bisschen), aber wer noch tiefere Begründungen für die Keuschheit an sich haben will, kann woanders nachsehen, z. B. bei dieser Zusammenstellung einiger guter Texte von Edward Feser oder in dem kleinen Heftchen „Keuschheit“ von Pater Martin Ramm FSSP, das man sich von der Petrusbruderschaft kostenlos / gegen Spende zuschicken lassen kann. Grundsätzlich wissen Katholiken ja: Wenn es die Kirche lehrt, kann man sich allein deshalb schon darauf verlassen. Gott will es so, was Gott will, ist eh gut, weil Er nur das Gute wollen kann.

Zu den Einzelsünden gegen die Keuschheit und die Schamhaftigkeit und ihrer Bewertung sowie zu einigen Fragen bzgl. der Ehe dann in den nächsten drei Teilen.

PS: Falls sich jemand fragt, wieso ich hier nicht auf die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. eingehe: Ich teile die Meinung eines Freundes, der sie mal mit einem „Liebesroman, geschrieben von einem Zölibatären“ verglichen hat. Man kann die Dinge auch zu sehr romantisieren. Außerdem sehe ich einfach keinen Grund, vom lange bewährten praktischen Jargon der „Vorkonzilszeit“ abzuweichen.

Was ist meine Berufung?

Berufungen. Ach ja. Es wird bei uns in der Kirche gerne um welche gebetet, und viel über sie geredet, aber was das eigentlich ist – eine Berufung -, das wird auch gerne missverstanden. Und das kann dann für einigen unnötigen Stress sorgen. Bin ich zum Ordensleben oder Priestertum berufen? Oder will Gott mich vielleicht doch lieber in der Ehe sehen? Soll ich das Studium machen, oder die Ausbildung hier? Was, wenn ich den falschen Weg einschlage? Woran erkennt man eine Berufung? Es gibt vielleicht junge Männer, die sich fragen, ob sie Priester werden können, auch wenn sie nicht diese anscheinend manchmal erwartete innerliche Gewissheit verspüren, dass Gott sie beruft; oder junge Frauen, die sowohl den Gedanken daran, verheiratet und Mutter von drei, vier, fünf Kindern zu sein, als auch die Vorstellung, als Franziskanerin in einem Kloster zu leben, attraktiv finden und nicht wissen, wo Gott sie jetzt eigentlich haben will. Hinter manchen unnötigen Sorgen steckt auch der Gedankengang: Gott hat genau einen bestimmten Weg für mein Leben vorgesehen und wenn ich diesen Weg nicht finde, sündige ich und verpasse außerdem den ganzen Sinn und Zweck meines Daseins.

(Ewige Profess in einem Benediktinerinnenkloster, 2006, Quelle: Bischöfliche Pressestelle Hildesheim.)

Hauptsächlich und klassischerweise geht es bei der Frage nach einer „Berufung“ um die Wahl zwischen der Ehe und einem gottgeweihtem Leben gemäß den evangelischen Räten (Ratschlägen aus dem Evangelium, mit einer gewissen häretischen Konfession hat das nichts zu tun), also Armut, eheloser Keuschheit und Gehorsam. Dazu hat der hl. Paulus eigentlich alles Entscheidende schon im 1. Korintherbrief gesagt:

„Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser.“ (1 Kor 7,7-9.25-38)

Zu dieser Stelle habe ich hier schon mal etwas geschrieben; ich zitiere der Einfachheit halber mal mich selber:

„Dann ist es wichtig, zu sehen, dass Paulus hier keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will, à la ‚Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…‘. Nein, wenn er sagt, ‚Heiratest du aber, so sündigst du nicht‘ oder ‚Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut‘ oder ‚Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat‘, dann meint er das auch. Was nicht Sünde ist, darf man machen; hier lässt Gott uns jede Freiheit, und er nimmt es uns nicht übel, wenn wir uns für das an sich ‚Minderwertigere‘ entscheiden. Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht ’schlecht‘, wie wir das Wort oft verwenden, sondern ‚wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem‘. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.“

Diese Lehre hat übrigens sogar den Rang eines Dogmas; beim Konzil von Trient heißt es: „Wer sagt, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden: der sei mit dem Anathema belegt.“ Ja, das heißt, wenn jemand dir sagt, dass Ehe und Jungfräulichkeit genau gleich viel wert sind, ist er streng genommen zumindest ein materieller Häretiker.*

Also, zwei Sachen werden hier ganz deutlich: 1) Eine der beiden Berufungen ist objektiv höherwertig. Das nur auf Gott ausgerichtete Leben ist etwas ganz Besonderes, das es in der Kirche auf jeden Fall braucht – übrigens auch, um der Welt klarzumachen, dass unsere Hoffnung nicht in dieser Welt liegt, sondern bei Gott. 2) Es ist keine Sünde, nicht das Höherwertige zu wählen. Ich glaube, es ist nötig, es immer und immer wieder zu sagen: Das Bessere ist nicht der Feind des Guten. Und Gott liebt einen nicht weniger, wenn man das weniger Gute wählt.

Interessant ist auch: Paulus sagt zwar: „Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ Aber dann sagt er doch allgemein: Wer nicht heiratet, handelt besser; nur, wenn das zu schwierig für ihn ist, dann soll er halt heiraten und muss sich deswegen kein schlechtes Gewissen machen. Mit den Gnadengaben scheint er eher die Fähigkeit als die gefühlsmäßig empfundene persönliche Beauftragung zu einem Leben allein zu meinen. (Nur mal so: bei einem Verzicht auf die Ehe geht es ja nicht nur um einen Verzicht auf Sex, das zwar auch, aber auch um einen Verzicht auf Partnerschaft, auf Kinder, usw. Das muss man auch aushalten können.)

Auch zwei Stellen in den Evangelien sind hier wichtig. Als Jesus klargestellt hat, dass Ehescheidung nicht geht, geht es so weiter: „Da sagten seine Jünger zu ihm: Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19,10-12) Manchen ist es also gegeben, auf die Ehe zu verzichten – und wenn einer sich dafür geeignet sieht, ist es auch gut, wenn er es tut.

Dann kommt die Geschichte von dem reichen Jüngling: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.“ (Mt 19,16-22) Als der reiche junge Mann fragt, was er tun muss, nennt Jesus ihm einfach die allgemeinen Gebote; als er noch mehr tun will, lädt Jesus ihn ein, auch auf seinen Besitz zu verzichten.

Der hl. Thomas nennt das Leben nach den evangelischen Räten den „Stand der Vollkommenheit“. Wir verwenden das Wort „vollkommen“ ja eigentlich mit zwei Bedeutungen: 1) „makellos“, d. h. ohne Fehler oder Verunreinigungen, 2) am höchsten, das Bestmögliche. Nach Vollkommenheit im ersten Sinne soll jeder Christ streben (d. h. jeder soll keine Sünden begehen – klar wird man sie nicht alle vermeiden können, aber man muss es sich als Ziel setzen und versuchen), Vollkommenheit im zweiten Sinne ist etwas Freiwilliges für die, die sie auf sich nehmen wollen, dafür geeignet und nicht durch irgendwelche äußeren Umstände daran gehindert sind. Und zu dieser zweiten Vollkommenheit gehören die evangelischen Räte. (Hier noch mehr zum Thema Gutsein & Vollkommenheit.) „Da jedoch die Vorschrift des Gesetzes in verschiedener Weise erfüllt werden kann, so ist deshalb noch nicht jemand ein Gesetzesübertreter, wenn er nicht auf die beste Weise es erfüllt; vielmehr genügt es, wenn er irgendwie dies thut.“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3, Antwort auf den zweiten Einwand.)

Laut Thomas ist das Leben nach den Räten ein besonders gut geeignetes Mittel, um zur Heiligkeit zu gelangen – aber eben kein Endzweck in sich selbst. Der Endzweck ist die Gottes- und Nächstenliebe. „In untergeordneter Weise und wie in einem Werkzeuge aber besteht die Vollkommenheit in den Räten, welche alle, aber anders wie die Gebote, zur heiligen Liebe in Beziehung stehen. Denn die Gebote entfernen Alles, was zur Liebe selbst im Gegensatze steht, womit die Liebe also nicht bestehen kann; die Räte aber entfernen Hindernisse für die thatsächliche Äußerung oder Bethätigung der Liebe, welche jedoch zur Liebe selber nicht im Gegensatze stehen, wie z. B. die Ehe, die Beschäftigung mit Weltlichem. Deshalb sagt Augustin (Enchir. 121.): ‚Was auch immer geboten ist, wie z. B.: du sollst nicht ehebrechen; oder was auch immer geraten ist, wie z. B.: Gut ist es für den Menschen, ein Weib nicht zu berühren; — dies Alles geschieht dann recht, wenn es bezogen wird auf Gott und um Gottes willen auf den Nächsten.‘ Und in den collat. Patr. (1, 7.) heißt es: ‚Fasten, Nachtwachen, Betrachten der Schrift, Entblößung und Verzicht auf allen Besitz bilden nicht die Vollkommenheit, sondern sind deren Werkzeuge; denn nicht dies Alles ist der Zweck, sondern vermittelst dessen gelangt man zum Zwecke, … auf diesen Stufen steigen wir zur heiligen Liebe empor.'“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3)

Thomas schreibt interessanterweise auch, dass es nicht nötig sei, sich um einen Ordenseintritt ewig Gedanken zu machen: „Ich antworte, in großen Zweifeln bedürfe man langer Beratung mit vielen Zweifeln. In zuverlässig gewissen Dingen bedarf es keiner Beratung. (3 Ethic. 3.) Nun kann rücksichtlich des Eintritts in den Ordensstand dreierlei berücksichtigt werden: 1. Der Eintritt selber; da liegt an und für sich ein besseres Gut vor, und wer daran zweifelt, der fehlt gegen Christum selber, welcher diesen Rat gegeben. Deshalb sagt Augustin (de verb. Dom. serm. 7. c. 2.): ‚Die aufgehende Sonne, d. i. Christus, ruft dich und du willst auf den Untergang achten d. i. auf einen sterblichen, des Irrtums fähigen Menschen!‘ 2. Der Eintritt mit Rücksicht auf die Kräfte des eintretenden; da aber vertrauen die eintretenden nicht auf ihre Kräfte, sondern auf den Beistand Gottes, nach Is. 40.: ‚Die auf den Herrn hoffen, wechseln ihre Stärke, sie werden Flügel annehmen wie die Adler; fliegen werden sie und nicht schwach werden.‘ Besteht jedoch nach dieser Seite hin ein besonderes Hindernis, wie körperliche Schwäche, Schuldenlast etc.; darüber muß man Rats pflegen mit verständigen Personen, die nicht gegen den Eintritt sind und selben hindern wollen, nach Ekkli. 37, 12. Ein langes Beraten ist jedoch auch da nicht nötig; wie Hieronymus sagt (ad Paulinum): ‚Eile, ich bitte dich, haue vielmehr das Seil durch, welches das Schifflein am Ufer festhält, anstatt es zu lösen.‘ 3. Der bestimmte Orden, in den man eintreten will und die Art und Weise des Eintretens; darüber kann man ebenfalls Rats pflegen mit denen, die nicht hindern wollen.“ (Summa Theologiae II/II 189,10)

Die Ehe, ein normales Leben in der Welt mit einer Familie, ist eher der Standard – das, was man eben normalerweise so macht, sobald man einen netten Partner findet. Dazu braucht es eigentlich keine besondere „Berufung“. Aber dann gibt es eben den allgemeinen Ratschlag an alle Christen: Es ist auch gut, auf Ehe, Besitz und Unabhängigkeit zu verzichten, das macht es einfacher, heilig zu werden. Das ist kein total seltener Ruf an nur ganz vereinzelte herausgehobene Christen, sondern ein allgemeiner, mit Gottes Gnade auch erfüllbarer Rat. (Wer durch äußere Umstände statt durch die eigene Wahl arm oder ehelos ist, muss das ja auch aushalten können.)

Das Gefühl, sowohl gerne heiraten als auch gerne im Kloster leben zu wollen, ist übrigens normal. Der Wunsch zur Ehe ist ganz natürlich, und der Verzicht auf die Aussicht darauf tut fast jedem weh. Okay, es gibt sicher den ein oder anderen asexuellen introvertierten Einzelgänger oder so. Aber für gewöhnlich ist ein Verzicht eben ein Verzicht. Die Frage stellt sich dann: Kann und will ich diesen Verzicht auf mich nehmen?

Für eine Berufung entscheidet man sich übrigens auch nicht allein: Bei der Ehe muss natürlich der andere Partner ja sagen, und beim Priestertum eben der Bischof, beim Ordensleben der Abt oder die Äbtissin. Das macht auch Sinn: Andere sehen vielleicht Umstände, die eine Berufung behindern. Das können Dinge sein, für die man nichts kann, aber auch bestimmte eigene Sünden. Vielleicht ist jemand nicht intelligent genug oder gesundheitlich zu angeschlagen, um Priester zu werden, und deshalb muss der Bischof ihm leider nein sagen; oder jemand ist zu rechthaberisch und eingebildet, um sich in eine Ordensgemeinschaft einzufügen, und deshalb muss der Abt ihn wegschicken.

Und was, wenn man keinen der beiden klassischen Wege gehen kann – also z. B. weder von einem Orden genommen wird noch einen Partner findet? Na ja, das ist eben einfach eins dieser Kreuze, die einem manchmal im Leben begegnen. Die hl. Anna Schäffer wollte Missionsschwester werden, hatte aber mit 18 Jahren, als sie als Dienstmädchen arbeitete, um sich ihre Mitgift für ein Kloster zu verdienen, einen so schweren Unfall, dass sie für die restlichen 24 Jahre ihres Lebens bettlägerig wurde. Ja, sie wurde trotzdem eine Heilige.

(Die hl. Anna Schäffer, um 1920, Quelle: Wikimedia Commons.)

Aber beim Thema Berufung geht es ja oft nicht nur um Ehe vs. Jungfräulichkeit. Dann gibt es auch noch Fragen wie: Will Gott, dass ich genau diese Person heirate? In diesen Orden hier eintrete? Diesen Beruf lerne? In diese Stadt ziehe? Bei dieser kirchlichen Bewegung mitmache? Und auch da findet sich oft diese Denkweise: Ich muss irgendwie ganz genau herausfinden, was Gott in jedem einzelnen Punkt von mir will.

Ich kenne das übrigens. Ich habe mich z. B. vor ein paar Jahren mit der Vorstellung herumgequält, Gott könnte von mir verlangen, Religionslehrerin (oder irgendetwas Ähnliches) zu werden. Ist ja ein wichtiger Job, wo lehramtstreue Leute benötigt würden. Nun wollte (und will) ich auf keinen Fall Lehrerin werden – ich käme mit dem Stress nicht klar und könnte keine Klasse unter Kontrolle halten, auch wenn ich noch so viel Ahnung von der Materie hätte und gute Vorträge über die Auferstehung Jesu halten könnte. Ein Priester hat mir damals mit dem Hinweis geholfen, dass Gott von uns nicht etwas verlangt, für das wir nicht wirklich geeignet sind und das uns überfordern würde.

Wir haben auch hier oft die Vorstellung: Gott hat nur genau einen bestimmten Weg für uns vorgesehen, und den dürfen wir nicht verpassen. Woher kommt diese Vorstellung? Wieso sollte es nicht so sein, dass Gott uns verschiedene gute Möglichkeiten vorlegt, und uns dann auch die Freiheit lässt, zwischen diesen zu wählen? In der Welt gibt es so unendlich viele Wege. Wir Tradi-Katholiken schauen ja gerne – zu Recht – etwas auf diese Vorstellung hinunter, es gäbe den einen Seelenverwandten, den man finden müsste, um glücklich zu werden; nö, auf der großen weiten Welt gäbe es sicher einige Menschen, die gut genug zu einem bestimmten Menschen passen würden, um eine glückliche Partnerschaft hinzukriegen. Dann seien wir doch mal konsequent und dehnen wir das Prinzip auf das Feld der Berufung allgemein aus.

Natürlich gibt es Wege, für die man eher geeignet oder weniger geeignet wäre. Es wird wohl Möglichkeiten geben, von denen es Gott lieber wäre, dass wir sie wählen würden. Vielleicht gibt es ein Feld, wo dringend Leute gebraucht werden und wo Er uns am liebsten haben möchte. Und da können wir erstmal unseren von Ihm gegebenen Verstand anwenden und schauen: Was sind meine Neigungen? (Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen, und einen Job, den man absolut hasst, macht man oft auch nicht gut.) Was sind meine Talente? (Logisch.) Bei welchem Weg gäbe es vielleicht praktische Hindernisse? (Was nicht praktikabel ist, kann in der Theorie noch so toll ausschauen.) Was denken andere, wofür ich geeignet wäre? (Andere sehen einen manchmal klarer als man sich selbst.) Vielleicht gibt Gott einem wirklich auch mal einen Wink, ein Zeichen, eine Eingebung. Ein anderes Hilfsmittel, um zu einer Entscheidung zu finden, wäre auch, sich vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf eine lange Ehe und Kinder und Enkelkinder zurück; sich dann vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf ein langes Leben im Kloster zurück; und dann zu schauen, welche Vorstellung einem eigentlich besser gefallen hat. Eine absolute Sicherheit, das gefunden zu haben, was Gottes idealer Wille für uns ist, wird es dann aber nicht geben – man kann sich dem nur annähern. Aber die braucht es auch nicht. Gott verlangt gar nicht, dass wir uns endlos unentschlossen herumquälen und auf ein Zeichen warten, sondern dass wir uns, nach einem vernünftigen Maß an Nachdenken und Prüfen, für irgendeinen sinnvollen Weg entscheiden.

Eine gute Methode ist es auch, sich eine Liste der jeweiligen Vor- und Nachteile beider möglicher Wege aufzuschreiben – und zwar vor allem auch der Vor- und Nachteile in Bezug auf das Seelenheil, denn wir sind ja auf der Erde, um das Heil unserer Seele zu wirken.

Und selbst, wenn wir mal etwas gewählt haben, das wir lieber nicht hätten wählen sollen – weil wir persönlich dafür gar nicht geeignet waren, oder weil es vielleicht tatsächlich etwas objektiv Sündhaftes war -, kann Gott die Situation immer wieder noch zum Guten wenden – nur eben auf andere Weise, als es sonst passiert wäre. Case in point: Der Sündenfall. Wenn die ersten Menschen nicht von Gott abgefallen wären, wäre uns vieles erspart geblieben, aber auch so hat Gott uns nicht verlassen. Schon gewusst, dass Adam und Eva als Heilige verehrt werden, also jetzt im Himmel sind?

Wir werden nie wissen, was gewesen wäre. Und das ist auch nicht so wichtig. Man muss sich auch nicht endlos mit Entscheidungen herumquälen. Wieso nicht einfach etwas ausprobieren? Mit jemandem ausgehen, den man sympathisch findet, eine Beziehung eingehen. Oder sich über die unterschiedlichen Orden informieren, bei einem Infotag vorbeischauen, Postulantin werden. Das ist besser, als ewig in sich hineinzuhorchen, auf eine göttliche Stimme zu warten und nie eine Entscheidung zu fällen. Bis man eine endgültige Entscheidung treffen muss, hat man noch Zeit, und wenn sich einem bis dahin ernsthafte Hindernisse in den Weg stellen sollten, kann man sehen, dass es vielleicht doch keine gute Idee war. Und wenn das nicht der Fall ist, und man diesen Weg immer noch einschlagen will: Na dann, wieso nicht?

Wenn man sich dann allerdings einmal endgültig festgelegt hat (also ab der Eheschießung, der Diakonatsweihe, den Ewigen Gelübden), muss man auch dabei bleiben. Gelübde sind einzuhalten, das ist einfach eine Frage der allgemeinen Moral – da hilft auch kein „vielleicht war das doch nicht Gottes Wille für mich“ mehr. Gott wird dann die nötige Gnade geben, dem eingeschlagenen Weg zu folgen.**

* Vermutlich kein formeller, d. h. kein „richtiger“ Häretiker, weil auch viele Leute, die lehramtstreu sein wollen, diese Ansicht aus Unwissenheit vertreten und sie ändern würden, wenn sie von dem Dogma wüssten.

** Freilich ist bei der Ehe eine Trennung möglich, wenn der andere Partner einen z. B. verlässt, betrügt, misshandelt o. Ä. – allerdings (wenn es um eine sakramentale & vollzogene Ehe geht) keine Auflösung der Ehe, die eine erneute Heirat möglich machen würde. Und auch das ist eben ein der Sünde geschuldeter Ausnahmefall. Bei den Ewigen Gelübden oder dem einfachen Zölibatsversprechen, das ein Weltpriester ablegt, kann die Kirche einen unter bestimmten Umständen ausnahmsweise davon entbinden (sie sind kein Sakrament wie die Ehe), aber das ist auch kein sehr empfehlenswerter Weg, und, wieder, eine Ausnahme. Ein ganz anderer Fall wären von vornherein ungültige Ehe- oder Ordensgelübde, die für nichtig erklärt werden können (also z. B. solche, die unter Zwang abgelegt worden waren).

Aus dem Denzinger: Das Konzil von Trient über die Ehe

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach verschiedene Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

Das Konzil von Trient (1545-1563) richtete sich gegen die Lehren der Reformatoren; und da vor allem Luther neue Lehren über die Ehe eingeführt hatte, gab es auch ein Dekret über dieses Thema. Da Luther die Ehe als eine weltliche Angelegenheit bezeichnet, die Scheidung und sogar (auf Anfrage des Landgrafen Philipp von Hessen) die Polygamie erlaubt hatte, stellte das Konzil hier klar: Die Ehe ist (zwischen Getauften) ein Sakrament; die sakramentale, vollzogene Ehe ist unauflöslich (höchstens eine Trennung bei bleibend gültigem Eheband ist möglich); die Ehe wird nur zwischen genau einem Mann und einer Frau geschlossen. Während sie so die Heiligkeit der Ehe herausstellte, musste die Kirche aber gleichzeitig klarstellen, dass die Jungfräulichkeit trotzdem noch an sich die höhere Berufung war, wie z. B. der Beruf eines Arztes „höher“ ist als der einer Krankenschwester – denn Luther war auch der Ansicht, dass die Leute lieber heiraten sollten, als ins Kloster zu gehen, da eh niemand enthaltsam bleiben könnte. Hier sieht man, dass Luther im Grunde beides herunterzog, Ehe und Zölibat, und die Kirche die Wichtigkeit und Größe von beidem festhielt. (Dass etwas besser ist als etwas anderes Gutes, heißt ja nicht, dass man nicht mehr vollkommen frei wäre, auch das weniger Gute zu wählen.)

In den Kanones des Dekrets werden bestimmte Lehren mit dogmatischer Autorität mit sogenannten „Anathemata“ verurteilt – d. h., wer solche Lehren vertritt, vertritt Häresie und schließt sich damit aus der Kirche aus; die Formel „der sei anathema“ bedeutet, „der sei ausgeschlossen“.

(Sitzung des Konzils, Quelle: Wikimedia Commons.)

Hier also das Dekret über die Ehe:

 

„Das immerwährende und unauflösliche Band der Ehe hat der erste Vater des Menschengeschlechtes auf Antrieb des göttlichen Geistes verkündet, als er sagte: ‚Dies (ist) nun Bein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch. Deshalb wird der Mann seinen Vater und die Mutter verlassen und wird seiner Frau anhangen, und sie werden zwei in einem Fleische sein’ [Gen 2,23f; vgl. Mt 19,5; Eph 5,31].

Daß durch dieses Band aber lediglich zwei verknüpft und verbunden werden, lehrte Christus, der Herr, noch klarer, als er jene letzten Worte als von Gott verkündet wiederholte und sagte: ‚Deshalb sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch’ [Mt 19,6], und sogleich die von Adam schon so lange zuvor verkündete Festigkeit dieses Bandes mit folgenden Worten bekräftigte: ‚Was also Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen’ [Mt 19,6; Mk 10,9].

Die Gnade aber, die jene natürliche Liebe vervollkommnen, die unauflösliche Einheit festigen und die Gatten heiligen sollte, hat Christus selbst, der Stifter und Vollender der ehrwürdigen Sakramente, durch sein Leiden für uns verdient. Dies deutet der Apostel Paulus an, wenn er sagt: ‚Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat’ [Eph 5,25], und alsbald anschließt: ‚Dieses Geheimnis ist groß: ich rede aber im Hinblick auf Christus und im Hinblick auf die Kirche’ [Eph 5,32].

Da also die Ehe im Gesetz des Evangeliums durch Christus die alten ehelichen Verbindungen an Gnade übertrifft, haben unsere heiligen Väter, die Konzilien und die gesamte Überlieferung der Kirche zurecht immer gelehrt, daß sie unter die Sakramente des Neuen Bundes zu zählen sei; entgegen dieser Überlieferung haben gottlose Menschen dieser Zeit in ihrem Unverstand nicht nur eine falsche Auffassung von diesem ehrwürdigen Sakrament vertreten, sondern, nach ihrer Art unter dem Vorwand des Evangeliums die Freiheit des Fleisches einführend, nicht ohne großen Schaden für die Christgläubigen vieles schriftlich und mündlich behauptet, was der Auffassung der katholischen Kirche und dem seit den Zeiten der Apostel bewährten Brauch fremd ist.

In der Absicht, ihrer Leichtfertigkeit entgegenzutreten, meinte das heilige und allgemeine Konzil, die wichtigeren Häresien und Irrtümer der vorher genannten Schismatiker, damit ihr verderblicher Einfluß nicht noch mehr (Leute) an sich ziehe, aus dem Wege räumen zu sollen, indem sie diese Anathematismen gegen die Häretiker selbst und ihre Irrtümer beschließt.

Kanones über das Sakrament der Ehe

Kan. 1. Wer sagt, die Ehe sei nicht wahrhaft und im eigentlichen Sinne eines von den sieben Sakramenten des Gesetzes des Evangeliums, das von Christus, dem Herrn, eingesetzt wurde, sondern es sei von Menschen in der Kirche erfunden worden und verleihe keine Gnade: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 2. Wer sagt, den Christen sei es erlaubt, mehrere Frauen zugleich zu haben, und dies sei durch kein göttliches Gesetz verboten [vgl. Mt 19,9]: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 3. Wer sagt, nur diejenigen Grade an Verwandtschaft und Schwägerschaft, die im (Buche) Levitikus [18,6–18] ausdrücklich erwähnt werden, könnten die Eheschließung hindern und die geschlossene [Ehe] trennen; auch könne die Kirche nicht bei einigen von ihnen eine besondere Erlaubnis erteilen oder festlegen, daß noch mehr (Grade) hindern und trennen: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 4.Wer sagt, die Kirche habe keine trennenden Ehehindernisse festlegen können oder habe sich bei ihrer Festlegung geirrt: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 5. Wer sagt, das Band der Ehe könne wegen Häresie, Schwierigkeiten im Zusammenleben oder vorsätzlicher Abwesenheit vom Gatten aufgelöst werden: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 6. Wer sagt, eine gültige, nicht vollzogene Ehe werde durch das feierliche Ordensgelübde eines der beiden Gatten nicht getrennt: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 7. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie lehrte und lehrt, gemäß der Lehre des Evangeliums und des Apostels [vgl. Mt 5,32; 19,9; Mk 10,11f; Lk 16,18; 1 Kor 7,11] könne das Band der Ehe wegen Ehebruchs eines der beiden Gatten nicht aufgelöst werden, und keiner von beiden, nicht einmal der Unschuldige, der keinen Anlaß zum Ehebruch gegeben hat, könne, solange der andere Gatte lebt, eine andere Ehe schließen, und derjenige, der eine Ehebrecherin entläßt und eine andere heiratet, und diejenige, die einen Ehebrecher entläßt und einen anderen heiratet, begingen Ehebruch: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 8. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie erklärt, eine Trennung zwischen den Gatten in bezug auf Bett bzw. in bezug auf Zusammenwohnen, auf bestimmte oder unbestimmte Zeit, sei aus vielen Gründen möglich: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 9. Wer sagt, Kleriker, die in den heiligen Weihen stehen, oder Ordensleute, die feierlich Keuschheit gelobt haben, könnten eine Ehe schließen, und der Vertrag sei gültig, trotz Kirchengesetz oder Gelübde, und der entgegengesetzte Standpunkt sei nichts anderes, als die Ehe zu verurteilen; und alle könnten eine Ehe schließen, die nicht fühlen, daß sie die Gabe der Keuschheit (auch wenn sie diese gelobt haben) besitzen: der sei mit dem Anathema belegt. Denn Gott verweigert (sie) denen nicht, die recht darum bitten, und duldet nicht, daß wir über das hinaus versucht werden, was wir können [vgl. 1 Kor 10,13].

Kan. 10. Wer sagt, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden [vgl. Mt 19,11f; 1 Kor 7,25f.38.40]: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 11. Wer sagt, das Verbot einer feierlichen Hochzeit zu bestimmten Zeiten des Jahres sei tyrannischer Aberglaube, der vom Aberglauben der Heiden herrühre; oder die Segnungen und anderen Zeremonien, die die Kirche dabei gebraucht, verurteilt: der sei mit dem Anathema belegt.

Kan. 12. Wer sagt, Eheangelegenheiten gehörten nicht vor kirchliche Richter: der sei mit dem Anathema belegt.“

Die Päpstin, Teil 3: „Liebe“, Naturwissenschaft und Aberglaube

Ich hatte ja schon angekündigt, dass sich zwischen Johanna und Gerold eine Liebesgeschichte entwickelt. Johanna ist an dieser Stelle zwölf bzw. dreizehn Jahre alt und kommt allmählich in die Pubertät; Gerold ist Mitte bis Ende zwanzig.

Zum ersten Mal wird Johanna ihre Verliebtheit bewusst, als Gerold sie einmal vor ihren mobbenden Mitschülern beschützt. Die Autorin gibt sich an dieser Stelle ganz besondere Mühe, poetisch zu sein:

„Wieder spürte Johanna, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Bis auf Aeskulapius hatte sich niemand so für sie eingesetzt und so nette Dinge über sie gesagt.

Gerold war… anders.

Die Knospe einer Rose wächst im Dunkeln. Sie weiß nichts von der Sonne, doch sie reckt sich furchtlos in die Finsternis, die sie umgibt, bis die Hülle schließlich birst, bis die Rose erblüht und ihre Blätter im Licht entfaltet.

Ich liebe ihn.“ (S. 131)

Na ja.

Mit anderen Worten: Hier bildet ein Mädchen, das sich nach emotionaler Zuwendung sehnt, sich ein, seine Schwärmerei für einen älteren Mann sei wahre Liebe. Das ist gar nicht mal unrealistisch; das kann passieren.

Gerold nimmt sich weiter ihrer an und zeigt auch Interesse an ihren Studiengebieten. Er besorgt ihr sogar eine Abschrift des seltenen Werkes De rerum natura des antiken epikureischen Philosophen Lucretius, die sie dann gemeinsam studieren. An dieser Stelle erfährt man auch, dass Gerold ein paar Jahre in der Palastschule in Aachen verbracht hat. Außerdem wird erwähnt, dass Johanna sich besonders über diese Schrift freut, weil sie an der Domschule keinen Zugang zu heidnischen Werken hat: „Odo gestattete ihr keinerlei Zugang zu den großen klassischen Werken, die in der Dombibliothek aufbewahrt wurden; Johanna durfte lediglich die geistlichen Schriften studieren – die einzigen Texte, die für ihren ‚schwachen und leicht zu beeindruckenden weiblichen Verstand geeignet’ seien, wie Odo sich ausdrückte.“ (S. 144) Ich dachte, Odo sollte ein christlicher Fanatiker sein? Wieso genau hält er die christlichen Texte nun für minderwertig und anspruchslos? Gut, man könnte diese Formulierung auch so interpretieren, dass Odo meint, Johanna würde durch heidnische Texte nur fehlgeleitet werden, weil sie das Wahre und das Falsche darin nicht unterscheiden könnte.

Aber weiter mit Lucretius. Es ist interessant, dass die Autorin ausgerechnet ihn ausgewählt hat; er ist tatsächlich einer der sehr wenigen unter den antiken Intellektuellen, den man mehr oder weniger als Atheisten bezeichnen kann. Er war der Ansicht, dass die Götter die menschliche Welt nicht beeinflussen, dass die Seele sterblich sei und dass der Mensch sich somit nicht vor den Göttern und dem, was nach dem Tod kommt, fürchten sollte. Außerdem vertrat er die Atomlehre des Demokrit. De rerum natura ist eher ein philosophisches als ein naturwissenschaftliches Werk (Naturwissenschaft im strengen Sinn gab es in der Antike sowieso nicht), aber gerade im 6. Band widmet Lucretius sich auch ausführlich bestimmten Naturphänomenen: Zum Beispiel erklärt er, dass Blitze dadurch entstünden, dass Wolken Feueratome enthielten, die vom Wind herausgepresst würden (oder so ähnlich). Johanna ist ganz begeistert von dem Werk: „Um die Wahrheit zu entdecken, hatte Lukretius an einer Stelle geschrieben, müsse man lediglich die Welt der Natur beobachten. Dieser Gedanke war zu Lukretius’ Zeiten vollkommen vernünftig gewesen, doch Anno Domini 827 war er ungewöhnlich, ja, sogar revolutionär.“ (S. 146) Nun ja. In der Antike gab es zwar Naturbeobachtung und Naturphilosophie, aber keine Naturwissenschaft im modernen Sinne mit wiederholten, falsifizierbaren Experimenten (die einzige wirkliche, auf genauen Beobachtungen beruhende Naturwissenschaft war höchstens die Astronomie, die auch im Mittelalter weiterbetrieben wurde) und auch im Mittelalter betrachtete man weiterhin die Natur und erwartete übrigens auch, darin etwas von Gottes Wesen zu sehen. Tatsächlich bildete der christliche Monotheismus eine wesentlich bessere Grundlage für Naturwissenschaft als der heidnische Polytheismus: Während Griechen und Römer in Gewässern, Blitzen oder Vulkanen direkte Manifestationen einzelner Götter sahen (die somit nicht so einfach vorsehbar oder für Menschen verständlich waren), sah man diese im Christentum alle bloß als Schöpfung des einen Gottes, die dieser auch mit Regeln versehen hatte. Nun glaube Lucretius, wie gesagt, nicht an solche Götter; aber er war ein Ausnahmefall; und solcher Quasi-Atheismus war in der Antike sehr schief angesehen.

File:God the Geometer.jpg

(Deus Geometres, Buchmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Gott wird hier mit einem Zirkel als eine Art Architekt des Universums dargestellt, der es nach mathematischen Prinzipien aufbaut. Quelle: Wikimedia Commons.)

Johanna bieten sich dann auch Gelegenheiten, ihre neue naturwissenschaftliche Einstellung – Wahrheit entdeckt man durch genaue Beobachtung und Vernunftschlüsse, nicht durch Offenbarung oder bestimmte Autoritäten oder Legenden – in der Praxis zu testen: So fängt Gerold die im letzten Teil erwähnte weiße Wölfin und sie beide stellen fest, dass ihre Jungen entgegen der Legende lebend geboren werden. Gerold tötet später die aggressive Wölfin, aber eins der Jungen bleibt auf Villaris und wird zu Ehren des Lucretius Lukas genannt, was wieder mal Unsinn ist. Die Kurzform von „Lucretius“ ist „Lukrez“; der Name „Lukas“ ist nicht damit verwandt. Etwas später reisen die Bewohner von Villaris nach St. Denis zu einem großen Jahrmarkt; und dort entdeckt Johanna nach genauer Beobachtung, dass ein Reliquienhändler, der ihr ein Fläschchen mit ein paar Tropfen Milch von der Muttergottes anpreist, ihr in Wirklichkeit Ziegenmilch andrehen will, die noch warm ist vom Melken.

Dann kommt eine wirklich interessante Stelle. Gerolds Tochter Gisla und Johanna gehen gemeinsam auf dem Markt umher und stoßen auf die Bude einer Wahrsagerin, und Gisla bezahlt diese dafür, dass sie ihnen beiden aus der Hand liest. Gisla wird vorausgesagt, dass sie (die ganz aufgeregt wegen ihrer Verlobung ist und auf dem Markt Stoff für ihr Hochzeitskleid gekauft hat) zwar Ehefrau, aber niemals Mutter werden würde, und dass ihr in ihrem Leben Schmerzen, Angst und Verzweiflung bevorstünden. Die Weissagung für Johanna lautet folgendermaßen: „Du bist, was du nicht sein wirst, Wechselbalg; was du werden wirst ist anders, als du bist. […] Du strebst nach dem Verbotenen. […] Du wirst nicht enttäuscht. Macht und Größe werden dein – viel mehr, als du’s dir erträumen kannst. Doch auch Schmerz und Kummer werden dir zuteil – schlimmer, als du’s dir vorzustellen vermagst.“ (S. 175) Johanna versucht zwar hinterher, die entsetzte Gisla damit zu trösten, dass es sowieso nicht stimme, was Wahrsager prophezeien, aber „ein Teil von ihr wollte an Balthilds wahrsagerische Kräfte glauben“ (S. 176), und vor allem gehen diese Weissagungen tatsächlich in Erfüllung. Mit anderen Worten, eine Autorin, die gerade noch ganz begeistert von der Wissenschaft war und die christliche Religion verachtet hat, stellt hier Aberglauben als glaubwürdig und effektiv dar. Was soll man dazu sagen? Vielleicht war es zu erwarten. Dass sie sich für besonders aufgeklärt halten, hält Leute ja auch nicht davon ab, ihr Horoskop zu lesen, homöopathische Medizin zu nehmen oder sich Heilkristalle in die Wohnung zu stellen. Wie Chesterton einmal gesagt hat: Wenn die Leute nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sondern an alles mögliche.

Gisla wird nicht lange darauf mit ihrem Grafen Hugo verheiratet, und an dieser Stelle schwört Johanna sich, dass sie niemals heiraten wird. „Doch in Johannas Augen war es unverständlich, ja, unglaublich, daß Mädchen in ihrem Alter [sie ist dreizehneinhalb, Gisla vierzehn] so versessen aufs Heiraten waren; denn mit der Ehe ging eine Frau eine unauflösliche Bindung ein, die sie von einem Tag auf den anderen praktisch zur Leibeigenen machte. Ein Ehemann hatte die vollkommene Herrschaftsgewalt über seine Frau und ihre Kinder, ihren Besitz, ja, ihr Leben.“ (S. 178) Das ist falsch. In der römischen Antike hatte der paterfamilias das Recht über Leben und Tod von Frau, Kindern und Sklaven; mit dem Christentum wurde das abgeschafft (ja, auch in Bezug auf Kinder und Sklaven). Und kann Johanna es denn wirklich nicht verstehen, wenn jemand sein Leben mit einem Partner verbringen will? Würde sie denn genauso denken, wenn Gerold nicht verheiratet wäre?

Bischof Fulgentius hält die Hochzeitsmesse ab, und auch hier fallen wieder die Anachronismen auf: Im Frühmittelalter fanden Eheschließungen nicht im Rahmen einer Messe statt, sie mussten nicht einmal in der Kirche stattfinden; erst im Hochmittelalter schrieb die Kirche die Anwesenheit eines Klerikers und zweier Zeugen beim Eheversprechen vor, damit alles klar dokumentiert werden konnte und damit sichergestellt war, dass es sich um keine Zwangsehe handelte oder andere Ehehindernisse (zu nahe Verwandtschaft, frühere Ehe eines Partners, früheres Keuschheitsgelübde eines Partners, o. Ä.) bestanden. Dabei wurde meistens an der Kirchenpforte geheiratet, nicht vor dem Altar.

Als die lateinische Zeremonie vorbei ist, spricht Fulgentius noch einen deutschen Hochzeitssegen, den ich hier einfach mal in Auszügen dokumentieren muss, weil er so herrlich bescheuert und absurd ist. „Möge sie [die Braut] das Verhalten eines Hundes annehmen, der sein Herz und sein Auge stets bei seinem Herrn hat; und selbst wenn sein Herr ihn schlägt oder mit Steinen nach ihm wirft, folgt der Hund ihm nach und wackelt freudig mit dem Schwanze. […] Möge er [der Bräutigam] seiner Frau ein gerechter Herr sein und ihr nie eine härtere Strafe zukommen lassen, als ihr zusteht.“ (S. 179) Wo nimmt die Autorin nur ihre Ideen her?

Kurz nach Gislas Hochzeit geht es dann mit Johannas und Gerolds „Liebesgeschichte“ weiter. Sie sind einmal zusammen im Wald bei Villaris und küssen sich dort. Groß inszenierte Romantik, blablabla. Gerold will dann, anders als die leidenschaftlich verliebte Johanna, jedoch nicht weitergehen: „Was möchtest du denn, Johanna? Daß ich dich zu meiner Geliebten mache? Ich würde dich hier und jetzt lieben, wenn ich wüßte, daß es dich glücklich macht… und daß es dir Glück bringt. Aber es würde deinen Untergang heraufbeschwören. Siehst du das denn nicht?“ (S. 185)

Dummerweise hat Odo die beiden gesehen und erzählt Gerolds Frau Richild davon. Als Gerold kurz darauf auf Reisen geht, um als kaiserlicher Gesandter Rechtsstreitigkeiten in einem anderen Teil des Landes zu klären (er hat diesen Auftrag auch angenommen, um eine Weile von Johanna fort zu sein), schmiedet Richild einen Plan, um Johanna loszuwerden: Sie will sie mit dem Sohn des Hufschmieds von Dorstadt verheiraten. Sie spricht mit Fulgentius darüber, dass er sie von der Schule nehmen soll; als der zunächst warten will, was Gerold dazu sagt, und Johannas Einwilligung einholen will, droht Richild ihm, seinen lockeren Umgang mit dem Zölibat ihrem Vetter, dem Bischof von Utrecht, zu melden, der sich dieses Themas auf einer geplanten Synode in Aachen annehmen will. Fulgentius gibt nach.

Schließlich teilt Richild Johanna die Pläne für die Heirat mit – und stellt sie als Gerolds eigene Idee dar: „Gerold ist zu weichherzig. Das war immer schon sein Fehler. Er brachte es nicht über sich, es dir zu sagen. Ich habe so etwas schon des öfteren erlebt… mit deinen Vorgängerinnen. Jedesmal hat Gerold mich gebeten, die Sache in die Hand zu nehmen. Und das habe ich auch in deinem Fall getan.“ (S. 194) Sie räumt offen ein, dass sie Gerold nicht liebt, als Johanna ihr dies vorwirft, stellt aber klar, dass sie vor allem nicht von „der nichtsnutzigen Tochter eines colonus“ (S. 194) beschämt werden möchte. (Die coloni waren halbfreie Bauern.) Interessant ist hier vielleicht, dass Johanna, obwohl sie sich, als ihr ihre „Liebe“ zum ersten Mal klar geworden ist, gesagt hat, dass sie sich nicht in Gerold verlieben dürfe, weder bei dem Kuss noch bei der Szene mit Richild ein schlechtes Gewissen gegenüber Gerolds Frau zu haben scheint.

Johanna will Richild nicht glauben, dass die Heirat Gerolds Plan sei. Verzweifelt versucht sie, nach einer Prozession in Dorstadt Fulgentius abzufangen, um das Ganze noch zu verhindern; der sagt ihr jedoch nur, er könne ihr nicht helfen, aber ihr Bräutigam sei „ein netter und stattlicher Bursche“ (S. 197). Die Autorin beschreibt ihn hier folgendermaßen: „Fulgentius war ein Mann mit vielen Fehlern und Schwächen, doch hartherzig war er nicht. Der Ausdruck seiner Augen wurde weich, als Mitleid in ihm aufkeimte.“ (S. 197) Sorry, aber einem Mädchen, das zwangsverheiratet werden soll, kann es gleichgültig sein, ob die, die es zur Ehe zwingen wollen, das ungern tun und dabei Mitleid empfinden. Als Johanna bei der Prozession auch ihren Bruder trifft, ist er wütend auf sie, weil er, der nur wegen seiner Schwester auf der Domschule bleiben durfte, diese jetzt verlassen soll. „Ich soll ins Kloster nach Fulda gehen! Vater hat dem Bischof die entsprechende Bitte geschickt, als wir hierher an die Domschule kamen. Falls ich auf der scola versage, sollte ich ins Kloster zu Fulda geschickt werden!“ Und ins Kloster will Johannes definitiv nicht. Er schleudert seiner Schwester noch ein „Ich… ich wünschte, du wärst nie geboren!“ (S. 199) entgegen, bevor er davonrennt. Statt verständlicherweise wütend zu sein, ist Johanna nur „[n]iedergeschlagen“ (S. 199).

Sie plant dann, in der Nacht wegzulaufen, aber Richild mischt ihr ein Schlafmittel in ein Getränk, das sie außer Gefecht setzt; außerdem vergiftet sie den Wolf Lukas, den Johanna hatte mitnehmen wollen. Am nächsten Morgen wird Johanna also nach Dorstadt gebracht, um verheiratet zu werden. Dort sieht sie auch zum ersten Mal ihren Bräutigam Iso: „Vorn in der Menge erblickte Johanna einen hochgewachsenen, rotgesichtigen, starkknochigen Jungen, der verlegen neben seinen Eltern stand. Der Sohn des Hufschmieds. Johanna erkannte seinen mißmutigen Gesichtsausdruck und sah, daß der Junge niedergeschlagen den Kopf gesenkt hielt.“ (S. 206) Das ist ja eine der Stellen, an denen ich mir gerne ausmale, wie der Roman auf andere Weise weitergehen könnte. Eine schöne Möglichkeit wäre, dass Iso sich bei der Zeremonie lautstark weigert, sie zu heiraten – immerhin hat Richild in ihrem Gespräch mit Fulgentius erwähnt, dass Iso zwar ein Auge auf ein Mädchen aus dem Ort geworfen habe, aber sie seinem Vater eine hohe Mitgift für Johanna angeboten habe (s. S. 188). Isos Eltern lenken ein, Iso heiratet seine Liebste, die wütende Richild wirft Johanna aus dem Haus, Fulgentius nimmt sie übergangsweise heimlich bei sich auf, um wiedergutzumachen, dass er sich von Richild hat erpressen lassen, und schickt sie dann an den Hof seines Bruders, eines Adeligen aus Westfalen. Johanna verliebt sich in dessen Sohn und verschwendet keinen Gedanken mehr an Gerold; ihr Liebster darf sie heiraten, weil Fulgentius ihr eine Mitgift stiftet; und sie lebt glücklich bis an ihr Lebensende. Oder so.

Leider hat Donna W. Cross ein anderes Schicksal für alle Beteiligten in petto als mir lieb wäre. Noch während der Festtagsmesse (es ist das Fest der ersten Märtyrer Roms), die vor der geplanten Hochzeitsmesse stattfindet, dringen Normannen in die Kirche ein, schlachten alle dort ab und plündern das Kirchengerät. (Kurze Kritik hier: Die Normannen hatten keine Hörner an den Helmen, wie hier dargestellt. Das wäre auch sehr unpraktisch gewesen, hätte doch ein Gegner im Kampf danach greifen können und ihnen den Helm vom Kopf ziehen können. Gehörnte Helme sind eine Legende aus dem 19. Jahrhundert.)

File:Wikingerhelm (02).jpg

(So sah ein realer Wikingerhelm aus (Nachbildung). Quelle: Wikimedia Commons.)

Johanna kann sich während des Kampfes hinter einem Altaraufsatz verstecken – aber Johannes, Fulgentius, Odo, Richild, Dhuoda, Iso, und so gut wie alle anderen in der Kirche werden getötet. Gisla, die zu Johannas Hochzeit nach Dorstadt gekommen ist, überlebt, wird aber von den Normannen vergewaltigt und weggeschleppt.

Als die Normannen alles geplündert haben und wieder verschwunden sind, überlegt sich Johanna kurz, in Dorstadt zu warten, bis Gerold zurückkehrt; aber dann fürchtet sie, dass auch die Normannen noch einmal wiederkehren könnten und sie dasselbe Schicksal treffen könnte wie Gisla: „Sie hatte erlebt, dass eine schutzlose Frau keine Gnade von ihnen erwarten durfte.“ (S. 216) Schließlich nimmt sie die Kleider ihres toten Bruders, schneidet sich die Haare ab und macht sich als Junge verkleidet auf den Weg zum Kloster von Fulda.

Dann wechselt die Perspektive zu Gerold. Der Leser wird zunächst mit ein paar frühmittelalterlichen Gerichtsbräuchen unterhalten – Schwören auf Reliquien, ein Gottesurteil, das Zahlen von wergeld als Entschädigung für Mord. Auf dem Heimweg von seiner Mission denkt Gerold dann an Johanna, und an seine Frau Richild:

„Ihre Hochzeit war nichts anderes als das sorgsam ausgehandelte Geschäft zweier einflußreicher Familien gewesen, eine Ehe zwischen Geld und Macht. So war es nun mal üblich, und bis vor kurzem hatte zumindest Gerold auch nicht mehr verlangt. Als Richild nach Dhuodas Geburt erklärt hatte, keine Kinder mehr zu wollen, hatte er diesen Wunsch akzeptiert – ohne das Gefühl, irgend etwas Wertvolles unwiederbringlich verloren zu haben. Es war für Gerold nicht schwierig gewesen, willige Gefährtinnen zu finden, mit denen er seine sexuelle Lust auch außerhalb des Ehebetts befriedigen konnte.

Jetzt aber hatte sich das alles verändert. Wegen Johanna. Er stellte sie sich vor: ihr dichtes, weißgoldenes Haar, das ihr Gesicht umrahmte; ihre klugen, wissenden graugrünen Augen, die ihr wahres Alter Lügen straften. Die Sehnsucht nach ihr, die noch stärker war als sein Begehren, ließ ihm das Herz in der Brust schmerzen. Einen Menschen wie Johanna hatte er nie zuvor gekannt. Ihr scharfer Verstand faszinierte ihn, und ihre Bereitschaft, Gedanken und Ideen in Frage zu stellen, die andere Menschen als selbstverständliche und unerschütterliche Wahrheiten betrachteten, erfüllte ihn beinahe mit Ehrfurcht. Mit Johanna konnte er reden wie mit niemandem sonst. Ihr konnte er alles anvertrauen, sogar sein Leben.

Es wäre ihm ein leichtes gewesen, sie zu seiner Geliebten zu machen – ihre letzte Begegnung am Flußufer hatte keine Zweifel daran gelassen. Untypischerweise hatte er seinem Verlangen nicht nachgegeben. Er wollte mehr als die bloße körperliche Vereinigung. Was dieses ‚mehr’ war, hatte er damals nicht gewußt.

Jetzt wußte er es.

Ich möchte, daß sie meine Frau wird.

Es würde schwierig sein – und zweifellos kostspielig –, sich von Richild zu trennen; aber das spielte keine Rolle für ihn.

Johanna soll meine Frau werden, wenn sie mich haben möchte.“ (S. 230f.)

Irgendwie gibt dieser Teil des Buches viel mehr Sinn, wenn man davon ausgeht, dass er eine Fantasie ist, die Donna W. Cross schon als einsame Siebtklässlerin aufgeschrieben hat, die unsterblich in ihren Volleyballtrainer oder Englischlehrer verliebt war. Er liebt mich bestimmt auch! Und seine Frau liebt ihn bestimmt gar nicht! Er wird mich lieben, wenn er erst einmal sieht, wie erwachsen ich schon bin. Oder wenn der Volleyballtrainer oder Englischlehrer ein Faible für junge Mädchen hatte und tatsächlich eine Beziehung zu ihr wollte, sahen die Gedanken vielleicht auch so aus: Es ist eine wirkliche Liebe! Er hat mir versprochen, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, das tut er bestimmt noch. Andere Leute würden das nicht verstehen, aber er liebt mich wirklich. (Liebe verliebte Siebtklässlerinnen: Ein normaler erwachsener Mann interessiert sich für erwachsene Frauen, die sich im selben Lebensabschnitt befinden wie er und für eine ernsthafte Beziehung bereit sind. Wenn ein erwachsener Mann sich für junge Mädchen interessiert, die gerade erst ihre erste Periode bekommen haben, dann nicht wegen ihrer besonderen Persönlichkeit.) Ehrlich gesagt finde ich es doch ein bisschen bescheuert, wie oft in Romanen Beziehungen zwischen sehr jungen Mädchen und deutlich älteren Männern inszeniert und idealisiert werden: Johanna und Gerold hier, Daenerys und Khal Drogo in „Game of Thrones“; Raphaela und Hernando in „Die Pfeiler des Glaubens“… um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Was wäre sonst noch an diesem Abschnitt auffällig? Da wäre zum einen die Kaltschnäuzigkeit, mit der Gerold an seine früheren Geliebten denkt. Wer waren diese Frauen? Prostituierte? Bauernmädchen von seinem Land oder Bedienstete auf seinem Gut, die gegenüber dem Markgrafen nicht Nein zu sagen wagten? Was war mit denen, wenn eine zum Beispiel ein uneheliches Kind von ihm bekam oder seine Frau ihre Beziehung zu ihm entdeckte? Wieso zählten sie weniger als Johanna?

Dann wäre da das Thema Scheidung. Tatsächlich konnte die kirchliche Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe, soweit ich weiß, im Frühmittelalter noch nicht so streng durchgesetzt werden wie später; aber ein paar Probleme mit der Kirche hätten Gerold wohl doch erwartet. Immerhin legte Papst Nikolaus I. (Papst von 858 bis 867) sich nur wenige Jahrzehnte später mit dem fränkischen König Lothar II. an, der sich scheiden lassen und seine Mätresse heiraten wollte, und gab nicht einmal nach, als Lothar Rom belagern ließ. Aber gut; Gerold denkt sich ja selbst, dass eine Scheidung „schwierig“ werden wird.

Jedenfalls wird aus Gerolds Plänen nichts. Als er heimkehrt, ist Villaris niedergebrannt und seine Frau und seine jüngere Tochter liegen tot zwischen den Leichenbergen in der geplünderten Kathedrale von Dorstadt.

Als er dort die Kathedrale noch nach Johanna durchsucht, melden ihm seine Männer, dass an der Küste Normannen gesichtet wurden und er reitet sofort mit ihnen hin. Das ist wieder mal Unsinn: Dorstadt liegt etwa 250 km von der Nordsee und ebenso weit von der Ostsee entfernt, da ist man nicht nach einem kurzen Ritt.

Sie kommen gerade zur Küste, als die Normannen dabei sind, an Bord ihres Schiffes zu gehen. Es gibt einen kurzen Kampf; aber die Normannen fliehen rasch auf das Schiff und legen ab. Als sie davonfahren, sieht der entsetzte Gerold seine Tochter Gisla an Bord, von der er gar nicht wusste, dass sie bei dem Überfall in der Kathedrale war (er hätte sie in ihrem neuen Zuhause bei ihrem Mann vermutet). Das Schiff der Normannen entfernt sich rasch, und die Franken besitzen keine eigenen Schiffe, um sie zu verfolgen. Gerold vermutet nun, dass auch Johanna, deren Leiche nicht in der Kathedrale lag, schon unter Deck war.

Ich hasse diese Wendung mit den Normannen, muss ich sagen. Und wenn man im Lauf des Buches nichts mehr weiter von Gisla erfährt, bin ich echt sauer.

Aber jetzt mache ich erst einmal einen Punkt. Beim nächsten Mal geht es einige Jahre später weiter…

Aus dem Denzinger: Die mittelalterliche Kirche über den Ehekonsens und heimliche Ehen (und Luthers Ansichten dazu)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

 

Nach katholischer Lehre kommt die Ehe (die zwischen Getauften ein Sakrament ist) durch den Konsens, d. h. die freie Willensbekundung von Braut und Bräutigam, und durch nichts anderes, zustande. Auf dieser Lehre bestand die Kirche im Mittelalter sehr klar: Nicht die Einwilligung der Familien sorgte für eine gültige Ehe, auch nicht der Vollzug der Ehe, sondern allein der Konsens; Zwangsehen waren ungültig und konnten annulliert werden, und Ehen ohne die Zustimmung der Eltern oder heimlich geschlossene Ehen waren gültig.

Im Jahr 866 schrieb Papst Nikolaus I. (den ich in dieser Reihe schon öfter zitiert habe) an die Bulgaren, die mit verschiedenen Fragen an ihn herangetreten waren:

 

„Kap. 3. … Nach den Gesetzen soll allein die Einwilligung derer genügen, um deren Verbindung es sich handelt; wenn bei Hochzeiten allein diese Einwilligung fehlen sollte, so ist alles übrige, auch wenn es mit dem Beischlaf selbst begangen wurde, vergebens, wie der große Lehrer Johannes Chrysostomus bezeugt, der sagt: ‚Die Ehe macht nicht der Beischlaf, sondern der Wille’.“

(Nikolaus I., Brief „Ad consulta vestra“ an die Bulgaren, 13.11.866; in: DH 643)

 

Zu dieser Zeit war es noch möglich, dass ein Mann und eine Frau ohne irgendwelche weiteren Anwesende eine Ehe schlossen, indem sie einfach voreinander das Ehegelübde ablegten. Solche heimlichen Ehen kamen gelegentlich vor, sorgten dann aber auch für Probleme; z. B. konnte ein Mann eine Frau heimlich heiraten, und, wenn er ihrer überdrüssig war, sie verlassen, eine andere heiraten und behaupten, nie mit der ersten verheiratet gewesen zu sein. Die erste Frau hatte in diesem Fall kaum eine Chance vor einem Kirchengericht, da dieses ohne äußere Belege natürlich nicht feststellen konnte, ob sie die Wahrheit sagte oder vielleicht nur behauptete, mit ihm verheiratet zu sein, weil sie in ihn verliebt war und er sie verschmäht hatte.

Zudem konnten bei heimlichen Ehen die sog. Ehehindernisse nicht immer vorher entdeckt werden. Zu den Ehehindernissen, die eine Ehe ungültig machten, gehörte z. B. zu nahe Verwandtschaft der Brautleute, weshalb man, wenn man seine Cousine – oder auch seine Cousine zweiten Grades, die Tochter seines Taufpaten, oder seine verwitwete Schwägerin (damals war die Kirche in dieser Hinsicht noch strenger als heute) – heiraten wollte, erst einmal eine Sondergenehmigung (Dispens) vom Bischof beantragen musste. Wenn jemandem ein trennendes Ehehindernis nicht bewusst war und er dann heiratete, ohne einen Priester hinzuziehen, der ihn darauf hätte hinweisen können, war seine Ehe natürlich ungültig. Auch so ernste Dinge wie Frauenraub oder Gattenmord waren Ehehindernisse, d. h. ein Mann konnte nicht gültig eine Frau heiraten, die er zu diesem Zweck entführt hatte oder deren ersten Mann er zu diesem Zweck ermordet hatte. Oder auch ein früheres Keuschheitsgelübde verhinderte eine gültige Ehe; wer z. B. in einem Orden die ewigen Gelübde abgelegt hatte und dann das Kloster verlassen und sich an einem anderen Ort niedergelassen hatte, konnte nicht gültig heiraten. Ehen sollten also öffentlich geschlossen werden, damit vorher bekannt werden konnte, falls, sagen wir mal, der Bräutigam ein paar Jahre vorher ein Kloster verlassen hatte, und damit alles mit rechten Dingen zuging (kein Zwang o. Ä.), und für die Nachwelt dokumentiert wurde.

Es gab schließlich kirchliche Beschlüsse dazu, dass ein Kleriker und/oder weitere Zeugen bei einer Eheschließung anwesend sein mussten, und dass die Hochzeit vorher angekündigt werden musste (= das Aufgebot bestellt werden musste), damit jemand, der von einem möglichen Ehehindernis wusste, den Priester vorher darauf hinweisen konnte.

Zu diesen Beschlüssen gehört diese Vorschrift des 4. Laterankonzils von 1215:

 

„In die Fußstapfen Unserer Vorgänger tretend, verbieten Wir heimliche Eheschließungen völlig; Wir verbieten auch, daß sich ein Priester unterstehe, an solchen [Eheschließungen] teilzunehmen. Deshalb weiten wir die besondere Gewohnheit bestimmter Gegenden allgemein auf die anderen aus und bestimmen, daß, wenn Ehen geschlossen werden sollen, sie in den Kirchen durch die Priester öffentlich angekündigt werden sollen; dabei soll ein angemessener Termin festgesetzt werden, bis zu dem, wer will und kann, ein rechtmäßiges Hindernis entgegenstellen soll. Nichtsdestoweniger sollen auch die Priester selbst nachforschen, ob sich ein Hindernis entgegenstellt. […]“

(4. Konzil im Lateran, Kap. 51, 1215; in: DH 817)

 

Damit hatte das 4. Laterankonzil die heimlichen Ehen jedoch nicht ungültig, sondern nur unerlaubt gemacht – d. h., wer heimlich heiratete, hatte zwar gegen eine Vorschrift verstoßen und sich evtl. Kirchenstrafen zugezogen, war aber trotzdem gültig verheiratet (wenn kein Ehehindernis gegeben war). Das Konzil von Trient, das im 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation einberufen wurde, ging einen Schritt weiter:

 

„Kap. 1. [Beweggrund und Inhalt des Gesetzes] Auch wenn nicht daran zu zweifeln ist, daß heimliche Ehen, die in freiem Einverständnis der Partner geschlossen wurden, gültige und wahre Ehen sind, solange die Kirche sie nicht ungültig gemacht hat, und daher zurecht jene zu verurteilen sind, wie sie das heilige Konzil mit dem Anathema verurteilt, die leugnen, daß sie wahr und gültig sind, und die fälschlicherweise behaupten, Ehen, die von den Kindern ohne die Zustimmung der Familien geschlossen wurden, seien ungültig, und die Eltern könnten sie gültig oder ungültig machen: so hat die heilige Kirche Gottes sie nichtsdestoweniger aus äußerst triftigen Gründen immer verabscheut und verboten.

Da aber das heilige Konzil feststellt, daß jene Verbote wegen des Ungehorsams der Menschen nichts mehr nützen, und die schweren Sünden erwägt, die in ebendiesen heimlichen Ehen ihren Ursprung haben, vor allem aber [die Sünden] derer, die im Zustand der Verurteilung bleiben, wenn sie, nachdem sie ihre frühere Frau, mit der sie heimlich [die Ehe] geschlossen hatten, verlassen haben, mit einer anderen öffentlich [die Ehe] schließen und mit dieser in fortwährendem Ehebruch leben; da diesem Übel von der Kirche, die über Verborgenes nicht urteilt, ohne Anwendung eines wirksameren Heilmittels nicht Abhilfe geschaffen werden kann, tritt es in die Fußstapfen des unter Innozenz III. gefeierten [4.] heiligen Konzils im Lateran und gebietet, daß künftig, bevor die Ehe geschlossen wird, dreimal vom eigenen Pfarrer der [Ehe]schließenden an drei aufeinanderfolgenden Festtagen in der Kirche während der Meßfeier öffentlich verkündet werde, von wem die Ehe geschlossen werden soll; sind diese Verkündigungen erfolgt, schreite man, wenn sich kein rechtmäßiges Hindernis entgegenstellt, im Angesicht der Kirche zur Feier der Ehe, wo der Pfarrer, nachdem er Mann und Frau gefragt und sich ihres gegenseitigen Einverständnisses vergewissert hat, entweder sage: ‚Ich verbinde euch zur Ehe, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes’, oder andere Worte gebrauche, entsprechend dem üblichen Ritus einer jeden Provinz.

[Einschränkung des Gesetzes] Sollte aber einmal begründeter Verdacht bestehen, eine Ehe könne in böser Absicht verhindert werden, wenn so viele Verkündigungen vorausgegangen sind: dann soll entweder nur eine Verkündigung erfolgen oder die Ehe wenigstens in Gegenwart des Priesters und zweier oder dreier Zeugen gefeiert werden; danach sollen vor ihrem Vollzug die Verkündigungen in der Kirche erfolgen, damit, wenn irgendwelche Hindernisse vorliegen, sie leichter aufgedeckt werden, es sei denn, der Ordinarius selbst erachtet es für zweckmäßig, daß die eben genannten Verkündigungen erlassen werden, was das heilige Konzil seiner Klugheit und seinem Urteil überläßt.

[Sanktion] Diejenigen, die versuchen werden, eine Ehe anders zu schließen als in Gegenwart des Pfarrers oder – mit Erlaubnis des Pfarrers bzw. des Ordinarius – eines anderen Priesters und zweier oder dreier Zeugen: die erklärt das heilige Konzil für völlig [rechts]unfähig, auf diese Weise [eine Ehe] zu schließen, und es erklärt, daß solche [Ehe]schlüsse ungültig und nichtig sind, wie es sie im vorliegenden Dekret ungültig macht und für nichtig erklärt.“

(Konzil von Trient, Dekret „Tametsi“, 11.11.1563; in: DH 1813-1816)

 

Das Konzil von Trient verurteilte in seinen Beschlüssen verschiedene Ansichten der Reformatoren, insbesondere Luther, zur Ehe, u. a. auch die, dass die Polygamie oder die Scheidung möglich wären, oder dass die Ehe kein Sakrament, sondern nur „ein weltlich Ding“ wäre, und in diesem Dekret bezog es sich, was die Ehen ohne elterliches Einverständnis angeht, auf folgenden Abschnitt in Luthers Schrift „De abroganda missa privata“, Teil III, in der Luther sich gegen die „Erfindungen“ des Papstes wendet:

 

„Hierher gehört, dass er, was als Fallstrick für die Seelen gestellt ist, heimliche Ehen untersagt & trotzdem geschlossene dennoch stützt, gegen den Willen der Eltern, so die Söhne & Töchter gegen ihre Eltern rebellieren und die Ehe gegen ihren Willen bewahren lehrt, so dass, selbst wenn er das Recht der Eltern unberührt gelassen hätte, & die Kinder gelehrt hätte, ihren Eltern zu gehorchen, das Werk nichtig gewesen wäre durch sein törichtes und unwirksames Gesetz über die heimlichen Ehen. […] So sollen die Eltern wissen, dass es ihr Recht ist, die Ehen ihrer Kinder ungültig zu machen, & die Kinder sollen wissen, dass sie in diesen Dingen und in allem, was nicht gegen Gott geht, ihren Eltern gehorchen müssen, & dass ihre geheimen Ehen nichtig sind, wenn sie nicht schließlich durch demütige Bitten von ihren Eltern erreichen, dass sie als gültig anerkannt werden & verwünscht sei dieser Papst, der gegen Gott steht mit seinen Gesetzen.“

(„Huc pertinet, quod laqueo animabus posito, prohibet clandestina matrimonia & tamen contracta confirmat, inuitis parentibus, ita filios & filias parentibus rebellare, & contra eorum uoluntatem matrimonium seruare docens, qui si dimitteret ius parentum intactum, & obedire doceret filios parentibus, nihil opus foret sua stulta & stolida lege de clandestinis matrimoniis. […]Sciant itaque parentes sibi ius esse, matrimonia filiorum irrata faciendi, & filii sciant sese obedire debere in his & in omnibus, quae contra deum non sunt, parentibus suis, & matrimonia sua occulta nihil esse, nisi ea demum impetrent humili prece a parentibus rata haberi & execretur Papam istum aduersarium dei cum suis legibus.“ Quelle hier, Übersetzung von mir.)

 

Vermutlich liegt es an dieser theologischen Tradition der Reformation, dass es bei protestantischen Hochzeiten üblich ist, dass der Vater die Braut zum Altar führt, was in katholischen Traugottesdiensten nicht Tradition ist, oder dass sogar gefragt wird „Wer gibt diese Frau in die Ehe?“. (Gerade im englischen Sprachraum scheint es noch weiter verbreitet zu sein, dass der Pfarrer fragt: „Who gives this woman to be married to this man?“, worauf der Vater der Braut antwortet: „I do“.)

Und wieder ein Grund mehr, den Protestantismus nicht zu mögen!

 

PS: Auch der hl. Thomas äußert sich übrigens in der Summa zum Ehekonsens und zu Zwangsehen.

 

Einzelfälle, alles Einzelfälle

Ich bin gerade etwas sauer auf Kardinal Marx und so weiter.

Wiederverheiratet-Geschiedene sollen „in Einzelfällen“ zur Kommunion zugelassen werden. Homosexuelle Paare sollen „in Einzelfällen“ eine Segnung ihrer Partnerschaft erhalten können. Evangelische Ehepartner von Katholiken sollen „in Einzelfällen“ (und wenn sie in Bezug auf die Eucharistie dasselbe glauben wie die Katholiken) zusammen mit ihrem Ehepartner zur Kommunion gehen können. (Dass sie ganz zur katholischen Kirche kommen, muss aber nun wirklich nicht sein: „Den Vorwurf, es handele sich um eine ‚Rückkehr-Ökumene‘ wies Marx zurück. Es werde gerade nicht gesagt, dass Protestanten nur die Kommunion empfangen könnten, wenn sie konvertierten.“ Wir wollen der lieben EKD ja nun nicht die Leute wegnehmen, das schadet bloß der Nicht-Rückkehr-Ökumene, die ja schließlich sehr wichtig ist.)

Alles in Einzelfällen. Wir wollen ja nicht generell was ändern, nein, habt keine Angst, liebe konservative Katholiken, wir tun ja hier nicht die Dogmen ändern; aber es braucht eben seelsorgerliche Begleitung und pastorale Wege und Gewissensurteile und so Zeugs.

Ist Kardinal Marx bzw. der Bischofskonferenz eigentlich klar, wie solche vorsichtigen Kompromissformulierungen bei den Leuten ankommen? Endlich bewegt sich in der katholischen Kirche mal was, was tut die jetzt immer noch so von wegen „Ausnahmen in Einzelfällen“ herum, die ist immer noch total diskriminierend und schlimm, aber früher oder später wird sie schon noch weiter nachgeben, jetzt geht es grundsätzlich, es wird schon nicht bei Einzelfällen bleiben. („Die katholische Kirche“ wird hier zudem wahrgenommen als eine deutsche Institution unter Marx & Co., die irgendwie noch mit einer Weltkirche und einem Papst verbunden ist, aber ihre Reformen für sich macht.) Und genau diesen Eindruck befördern die Bischöfe gerade nach Kräften.

Es ist sicher nicht schön, wenn man mit seinem Ehepartner den Glauben nicht teilt. Aber was ist die Lösung dafür? Ich sag’s euch: Den katholischen Glauben annehmen und zur katholischen Kirche konvertieren! Wenn man den Glauben – den Glauben als Ganzes – nicht teilt, aber bei den Sakramenten so tut, was bringt das dann? Da hält man die Differenzen lieber offen aus, wenn man zu keiner gemeinsamen Überzeugung findet; das ist jedenfalls ehrlicher.

Und was sagen eigentlich die Evangelischen zu der letzten Entscheidung? Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm verkündet auf Facebook:

„Das ist ein wichtiges Zeichen der Deutschen Bischofskonferenz! Dass konfessionsverbindenden Ehepaaren nunmehr ein Weg eröffnet wurde, gemeinsam an der Eucharistiefeier teilzunehmen, markiert nicht nur einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg der Ökumene. Für Menschen, die nicht nur ihren Glauben an Jesus Christus, sondern auch ihr Leben miteinander teilen, stellt das eine echte Erleichterung dar. Die Entscheidung macht deutlich, dass das Bedürfnis konfessionsverbindender Ehepaare, gemeinsam an den Tisch des Herrn treten zu können, von der Bischofskonferenz gehört und gewürdigt wird. Als evangelische Kirche hoffen wir weiterhin darauf, dass eine Teilnahme konfessionsverbindender Ehepartner auch am evangelischen Abendmahl möglich gemacht wird. Die heutige Richtungsentscheidung ist – bei allen noch zu klärenden Punkten – zuallererst eine Ermutigung für viele Millionen Christen, die in ihren Lebensbezügen ökumenisch eng miteinander verbunden sind.“

Bedford-Strohm verhält sich wie meine Oma, wenn ich ihr erzähle, dass ich mit meiner Psychotherapie Fortschritte mache: Na, hoffen wir mal, dass das dann in Zukunft noch besser wird.

Endlich hören und würdigen die katholischen Bischöfe mal ein wenig die armen, geplagten Leute; aber natürlich ist das nur ein „wichtige[r] Schritt auf dem Weg der Ökumene“ (an dessen Ende idealerweise die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zu stehen hat), eine „Richtungsentscheidung“ „bei allen noch zu klärenden Punkten“. Immerhin sollten bald auch die katholischen Ehepartner am evangelischen Abendmahl teilnehmen dürfen, das fordern wir schon. Dass die katholische Kirche das evangelische Abendmahl nicht als sakramental (also nicht als wirkliches Abendmahl) anerkennen kann, ist dem Landesbischof keine Zeile wert; der katholische Glaube ist nicht erwähnenswert. Ökumene in deutschen Landen ist halt immer noch von einer extremen Anspruchshaltung der EKD geprägt, dass die katholische Kirche sich endlich mal an sie anpassen soll. Klar, wenn man schon die Abendmahlsgemeinschaft mit reformierten Kirchen hat, die nicht an die Realpräsenz glauben, obwohl man selber irgendwie noch eine Art Realpräsenz lehrt, erwartet man wohl auch von anderen nicht mehr, das Sakrament heilig zu halten. Es ist wichtiger, dass wir so tun, als wären wir eine Gemeinschaft, als dass wir wirklich eine sind. Dabei könnte man viel ehrlicher zusammenarbeiten, wenn man anerkennen würde, wo man sich unterscheidet.

Herumgedruckse von Bischöfen über „Einzelfälle“, „keine generellen Regelungen“, „pastorale Begleitung“, „Gewissensentscheidungen“ und solches Zeug führt ganz einfach dazu, dass die Entscheidungen auf die nächstuntere Ebene verlagert werden: Zu den Pfarrern. Und jetzt versuchen Sie mal als Pfarrer, dem evangelischen Ehemann Ihrer Pfarrgemeinderatsvorsitzenden zu erklären: „Nein, tut mir leid, damit teilen Sie nicht wirklich den Glauben der katholischen Kirche, ich kann Ihnen die Kommunion nicht geben.“ Versuchen Sie mal, zu einem lesbischen Paar, das frisch standesamtlich verheiratet ins Pfarrbüro kommt und noch eine romantische kirchliche Feier verlangt, eine der beiden jungen Frauen noch dazu eine ehemalige Ministrantin, zu sagen: „Nein, Ihre Beziehung ist keine sakramentale Ehe, die Kirche kann so eine Beziehung nicht segnen“. Denken Sie immer dran: Sie sind der Unbarmherzige, der noch unbarmherziger ist als die unbarmherzigen bischöflichen Kirchenfürsten. Von denen brauchen Sie auch gar keinen Rückhalt mehr zu erwarten.

Und zu noch etwas führt es: Immer weniger Leute werden der Kirche glauben, dass sie manche Dinge tatsächlich nicht ändern kann. Nein, die deutschen Bischöfe haben nicht erklärt, dass Dogmen wie die Unauflöslichkeit der Ehe (siehe die schon ewig schwärende Angelegenheit um die Wiederverheirat-Geschiedenen), die Identität der Ehe als Bund zwischen Mann und Frau, oder die Lehre über das Sakrament der Eucharistie sich irgendwie geändert hätten. Aber sie haben dafür gesorgt, dass sie das Handeln in der Praxis weniger und weniger beeinflussen. Und in der Kirche gilt nun einmal, dass lex orandi, lex credendi und lex agendi (das Gesetz des Betens, das Gesetz des Glaubens und das Gesetz des Handelns) eng zusammenhängen. Und die meisten Leute, die in der Tageszeitung oder der Rundschau von einer Entscheidung der Bischofskonferenz erfahren, haben eben keine theologische Ausbildung und können nicht so einfach unterscheiden, was Dogmen sind und was nicht. Es ist ja nicht so, dass die Rundschau es erklären (oder auch bloß selber verstehen) würde. Sie haben also den Eindruck, etwas ändert sich, das man früher nicht ändern wollte; also, wieso sollte sich nicht auch noch etwas anderes ändern, das man zurzeit nicht ändern will?

Ich gebe hier mal eine Unterhaltung zwischen mir und meiner Mutter vor einigen Wochen wieder; zuerst ging es um Luther, den Ablasshandel und die Reformation, dann kam die Rede irgendwie auf das Konzil von Trient und ich habe allgemein erklärt, was Dogmen sind und dass sie unveränderlich sind:

Sie: Aber blöd wäre es dann halt, wenn ein Papst sagt, das ist Dogma, und der nächste sagt dann, das Gegenteil davon ist jetzt Dogma.

Ich: Das ist nie passiert.

Sie: Ach, das ist nie passiert?

Ich: Nein, das ist nie passiert.

(Es folgte ein Gespräch darüber, dass der Heilige Geist die Kirche vor Irrtum bei Dogmen bewahrt und dass z. B. der Zölibat kein Dogma ist, die Dreifaltigkeit aber schon, und die Tatsache, dass Frauen keine Priester werden können, so quasi ein Dogma.)

Der Punkt ist: Meine Mutter ist nicht besonders kirchenfern. Sie geht zwar nicht regelmäßig sonntags zur Messe, betet aber jeden Tag. Einmal im Jahr nimmt sie an einer kleinen Wallfahrt teil. Als ich ihr einmal erzählt habe, dass es bei einem Vortrag in der Pfarrei darum gegangen sei, dass Jesus gestorben ist, um die Welt zu erlösen, meinte sie „Also, das weiß doch eh jeder“. Wenn eine Messe für verstorbene Großeltern oder andere Verwandte gehalten wird, geht sie selbstverständlich hin. Aber ihr war nicht bewusst, dass nie ein Dogma von der Kirche verändert wurde.

Die meisten Leute haben gar kein Bewusstsein für die Geschichte der Kirche, dafür, was sie all die Jahrhunderte hindurch bewahrt hat. Wie sollten sie auch? Niemand hat es ihnen je gesagt.

Ein weiterer Punkt: Wenn es (ob jetzt bei der Kommunionzulassung von Evangelischen, oder auch von Wiederverheirateten, oder bei der Segnung homosexueller Partnerschaften) um Einzelfälle gehen soll, die tatsächlich Einzelfälle bleiben sollen (tun wir mal so, als wäre es so), würde, statt dass jeder Katholik wüsste, woran er aufgrund einer klaren Regel ist, der einzelne Pfarrer willkürliche Entscheidungen treffen können. Der eine würde die Kommunion erhalten, der andere nicht, und aufgrund welcher Kriterien? Weil sein Gewissen sich so oder so anfühlt, weil sein Pfarrer liberaler oder konservativer ist? Das Ganze erinnert mich an meine erste Kirchenrechtsvorlesung: Der Dozent betonte damals, dass das Recht gerade für die Menschen da sei, damit jeder sein Recht bekomme. Wenn es klare Regeln gibt, kann jeder sein Recht bekommen, und weiß auch, mit welchem Recht er das und das, was er gern hätte, gerade nicht bekommt. Wenn alles nur um Einzelfälle und subjektive Entscheidungen geht, weiß das keiner mehr.

Mal abgesehen davon, dass schlechte Dinge auch im Einzelfall noch schlecht sind. Zweitehen nach Scheidung kann man nicht segnen, unabhängig vom subjektiven Gewissen der Beteiligten, weil sie an sich falsch sind, in jedem Fall.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 17: 1 Korinther 7 – von den ehelichen Pflichten und dem Vorrang der Jungfräulichkeit

[Dieser Artikel wurde nach der Veröffentlichung noch einmal überarbeitet. Kommentare können sich auf die ursprüngliche Version beziehen.]

Und wieder zur Erinnerung: „Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber.

Im 1. Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus:

„Nun zu dem aber, was ihr geschrieben habt: Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt. 

Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot. Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! 

Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser. (1 Korinther 7,1-9.25-38)

Hier gibt es zwei Aussagen, die den heutigen Leser stören könnten:

  • Die Ehe ist nur ein Zugeständnis für die, die nicht enthaltsam leben können und ist minderwertig gegenüber der Jungfräulichkeit?
  • Das mit den, wie man so sagte, „ehelichen Pflichten“ – Sex als „Pflicht“?

Zum ersten Thema: Es ist wichtig, genau zu lesen, was Paulus schreibt.

Zunächst einmal spricht in einigen seiner Briefe – der 2. Korintherbrief ist das beste Beispiel – sehr persönlich zu seinen Gemeinden; auch hier spricht er wieder darüber, was seine persönliche Idealvorstellung wäre, was er aber nicht zu einem allgemeinen Gebot erklären kann (und auch gar nicht dazu erklären will) : „Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ 

Dann ist es wichtig, zu sehen, dass er keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will à la „Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…“. Nein, wenn er sagt, „Heiratest du aber, so sündigst du nicht“ oder „Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut“ oder „Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat“, dann meint er es. Was nicht Sünde ist, darf man tun; hier lässt Gott einem jede Freiheit, und nimmt es nicht übel, wenn man sich für das an sich „Minderwertigere“ entscheidet.

Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht „schlecht“, wie das Wort heute oft verwendet wird, sondern „wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem“. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.

Und was ist mit den Versen Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.“? Heißt das, man kann als Verheirateter nicht so gut dem Herrn dienen wie als Unverheirateter?

Man kann als Verheirateter sehr gut dem Herrn dienen, manchmal wohl auch besser als mancher Unverheiratete; vor allem natürlich indirekt, indem man sich um die einem anvertrauten Menschen und seine anderen weltlichen Aufgaben kümmert. Aber ja, das gottgeweihte Leben ist an sich ein direkterer Dienst; und man hat ohne Familie allein schon mehr Zeit für Gebet, karitative Aufgaben etc. (Allerdings ist das gottgeweihte Leben auch die Berufung, die zu allen Zeiten weniger Christen betraf als die typischen Laienberufungen. So, wie es mehr Hausärzte als Neurochirurgen braucht, braucht es in der Kirche auch mehr Laien.)

Und Paulus spricht auch die ganzen Alltagssorgen an, die mit einer Familie kommen, und den Wunsch, dem Partner zu gefallen, was alles (z. B. auch bei Menschen mit nichtchristlichen Partnern) vielleicht dazu führen kann, dass jemand den Glauben vernachlässigt. Der Apostel meint hier schlicht und einfach, dass es mit weniger weltlichen Sorgen einfacher ist, sich auf Gott zu konzentrieren – was auch Jesus im Gleichnis vom Sämann in gewisser Weise anspricht: „In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken es und es bleibt ohne Frucht.“ (Matthäus 13,22). Das ist eine Erkenntnis, die nicht dazu führen muss, dass jeder Christ sich sämtliche weltlichen Sorgen sparen soll – das wäre weder möglich noch sinnvoll –, sondern dazu, dass die, die aufgrund ihrer Lebensumstände viele weltliche Sorgen haben, besonders darauf achten sollten, Gott im Alltag nicht zu vergessen.

Sowohl die Ehe als auch das gottgeweihte Leben haben ihre eigenen Schwierigkeiten, aber sie haben eben beide auch ihre ganz praktischen Vorteile; in der Ehe ist es leichter, sich an das sechste Gebot zu halten, wie Paulus hier erwähnt, im gottgeweihten Leben ist es leichter, sich auf Gott zu konzentrieren. (Das gilt wohl vor allem, seitdem wir Klostergemeinschaften mit festem Tagesablauf aus Gebet und Arbeit haben.)

Dann zum zweiten Thema: Die ehelichen Pflichten. Nun könnte man es hier einfach komisch finden, ehelichen Sex im Sinne gegenseitiger Pflichten regeln zu wollen; man könnte in der Kritik aber auch noch weitergehen und sagen (was manche Kritiker des Christentums tun), dass, wenn man ein solches Konzept annehmen würde, man Vergewaltigung in der Ehe nicht mehr wirklich verurteilen könnte. Wenn die Frau ihre Pflicht gegenüber dem Mann erfüllen muss, na…

Dieser Kritik liegt allerdings eine grundsätzlich falsche Vorstellung von dem Begriff „Pflicht“ zugrunde. Wenn jemand eine Pflicht mir gegenüber hat, dann heißt das eben nicht, dass ich ihn automatisch dazu zwingen darf, sie zu erfüllen. Im Kirchenrecht (in Canon 1151 des Codex des Kanonischen Rechts) heißt es zum Beispiel auch: „Die Ehegatten haben die Pflicht und das Recht, das eheliche Zusammenleben zu wahren“; aber das bedeutet nicht, dass eine Frau, deren Mann sie verlassen will, das Recht hat, ihn in der Wohnung einzusperren. Er tut in diesem Beispiel vielleicht etwas Falsches (wobei er auch zulässige Gründe haben kann); aber das heißt nicht, dass sie mit Gewalt und Zwang reagieren darf. Im Bereich der Sexualität, der Menschen noch persönlicher betrifft und wo Gewalt, Zwang und Manipulation noch mehr verletzen, gilt das umso mehr.

Dann sollte man beachten, dass der katholischen Moraltheologie nach grundsätzlich keine positive Pflicht vollkommen ausnahmslos gilt. Positive Pflichten (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, im Unterschied zu Geboten wie „Du sollst nicht morden“, die eine Unterlassung befehlen) müssen für den jeweiligen Menschen erst einmal erfüllbar sein; und auch dann, wenn sie theoretisch erfüllbar sind, kann es der Situation angemessene Entschuldigungsgründe geben. Wenn man z. B. beim oben erwähnten Canon bleibt, heißt der zweite Teil des Satzes: „…außer ein rechtmäßiger Grund entschuldigt sie davon“. (Mögliche rechtmäßige Gründe für eine Trennung vom Ehepartner werden dann in den nächsten Canones aufgeführt (Ehebruch, oder „Wenn einer der Gatten eine schwere Gefahr für Seele oder Leib des anderen Gatten oder der Kinder herbeiführt oder auf andere Weise das gemeinschaftliche Leben unerträglich macht“).) Genauso kann es auch einige legitime Gründe geben, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen. Die Forderung oder sogar die Bitte, der andere solle diese Pflichten erfüllen, kann sogar selbst Sünde, im Extremfall sogar schwere Sünde sein.*

Übrigens war es in der Antike tatsächlich nicht so, dass mit der Vorstellung von den ehelichen Pflichten hauptsächlich die Frauen auf Linie gebracht werden sollten – eher war die Vorstellung verbreiteter, Frauen bräuchten Sex und die Männer müssten ihnen gegenüber die Pflicht erfüllen (einerseits wegen der biologischen Triebe, aber andererseits auch, weil sie ein Recht auf Kinder hätten, die sie im Alter versorgen konnten). Daher zum Beispiel die alttestamentliche Regelung „Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie [eine erste Frau, die ursprünglich als Sklavin gekauft wurde] in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen“ (Exodus 21,10). Die Vorstellung drehte sich eher in der Neuzeit, wo die Ansicht populärer wurde, dass hauptsächlich die Männer von den Frauen die Erfüllung der ehelichen Pflichten bräuchten. Paulus hält offensichtlich beide Ansichten für zu einseitig; jedenfalls ist der Text hier geprägt von Gegenseitigkeit: „Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.“

Die schlimmsten Einwände wären damit abgehakt. Aber trotzdem bleibt noch das Argument: Was soll diese Vorstellung überhaupt? Wieso Pflicht? Sollte es hier nicht um Liebe gehen?

Die Art, wie Paulus sich ausdrückt, ist natürlich heute sehr ungewohnt. Man könnte die Aussage des Apostels aber auch ganz einfach verstehen als „bestraf deinen Partner nicht ohne Grund mit Liebesentzug“. Ihm geht es hier auch um so etwas wie normale Beziehungspflege und Rücksichtnahme (er redet ja auch von Dingen wie „gegenseitige[m] Einverständnis“) – und natürlich sorgt er sich um die „Gefahr der Unzucht“. Und dann spielt da natürlich die Vorstellung hinein, dass man in der Ehe, wo man „ein Fleisch“ ist, in gewissem Sinne nicht mehr „sich selbst gehört“ – diese Vorstellung von „Ich bin jetzt dein“ ins Praktische übersetzt. Das gilt auch für andere Situationen: Wenn man verheiratet ist, lebt man eben nicht nur für sich selbst, sondern wenn der Partner z. B. Probleme hat, unterstützt man ihn, wenn er Erfolg hat, freut man sich mit ihm, etc. Man nimmt an ihm Anteil und geht auf seine Gefühle ein.

Wenn der Partner weiß, dass man für seine Liebesbedürfnisse da ist (außer, wenn es einem z. B. gerade schlecht geht), und er oder sie nicht ewig verhandeln muss, dann lässt sich viel Frustration vermeiden, man fühlt sich stärker aneinander gebunden; und der oder die andere versucht dann auch nicht, einen zum Sex zu überreden, wenn es eben doch mal wirklich nicht passt, weil er oder sie weiß, dass man normalerweise für ihn da ist. Es geht ja hier auch nicht nur um Körperliches, sondern auch um emotionale Bedürfnisse.

(Freilich ist auch das Ziel, dass derjenige, der den größeren Sexualtrieb hat, nicht zum Ersatz in Sünden wie Selbstbefriedigung verfällt, legitim. Natürlich wäre das keine Entschuldigung für Selbstbefriedigung, aber viele Menschen sind nun mal gerade in diesem Bereich ziemlich anfällig, das Falsche zu tun.)

Und dann sollte man die grundsätzliche Vorstellung loswerden, dass Liebe und Pflicht miteinander unvereinbar wären. Wir sollen Gott lieben: Trotzdem redet man beim Besuch der Messe von der „Sonntagspflicht“. Natürlich geht man idealerweise nicht nur deshalb zur Sonntagsmesse, weil es Pflicht ist; aber manchmal, wenn man sich am Sonntagmorgen eher nach Ausschlafen fühlt, bietet der Gedanke an die von der Kirche festgeschriebene Sonntagspflicht die restliche benötigte Motivation. Und wenn man dann da ist, ist die Messe jedes Mal – na ja, einfach die Messe, wunderschön. Auch in einer Beziehung geht es nicht immer ohne Pflichten – ganz allgemein gesprochen. Natürlich liebt man sich, aber manchmal tut man etwas für den Partner auch eher deshalb, weil es so ausgemacht war und man in einer Beziehung eben etwas füreinander tut, als weil man sich gerade so liebevoll fühlt. Und oft bringt gerade das dann wieder stärkere Liebe hervor.

Pater Martin Ramm FSSP erklärt bezüglich der katholischen Liturgie: „Durch die äußeren Formen werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“; und das gilt nicht nur für die Liturgie, sondern für das ganze Leben. Auch andere Gesten der Dankbarkeit, Freundschaft, familiären oder ehelichen Liebe drücken die innere Disposition aus, helfen aber oft auch, sie zu bewirken, sie zu verstärken oder sie zu erneuern. Wenn man jemandem dankt, jemandem ein Geschenk macht, jemandem freundliche Gesten entgegenbringt, wird man merken, dass man denjenigen mit der Zeit mehr mag oder liebt als vorher. Wenn ein Mann aus Pflichtgefühl heraus seiner Frau Rosen zum Hochzeitstag kauft und sie ihm aus Pflichtgefühl an diesem Tag sein Lieblingsessen kocht**, macht das beiden ihre Liebe wieder neu bewusst. Wenn die Frau zu ihm im Vorhinein sagen würde „du sollst mir nur ein Geschenk machen, wenn du es auch wirklich willst, nicht, weil du dich verpflichtet fühlst!“ ist das, na ja, meistens nicht übermäßig hilfreich. Er fühlt sich vermutlich indirekt unter Druck gesetzt, und wenn er unsensibel ist und sich gerade nicht besonders liebevoll fühlt und es unterlässt, wird sie sich vermutlich ziemlich beleidigt fühlen. Klarheit bei den gegenseitigen Ansprüchen ist meistens besser – und etwas „nur“ aus Pflichtgefühl zu tun, ohne aktuell viele Emotionen aufzubringen, ist auch nichts Anrüchiges.

Langer Rede, kurzer Sinn: Pflicht und Pflichtgefühl sind nichts Schlechtes; und sie können die innere Liebe bewahren und stärken helfen. Die Annahme, dass Liebe und Pflicht Gegensätze wären, ist schlicht falsch.

* Ein Handbuch der katholischen Moraltheologie von 1930 beispielsweise gibt als mögliche Entschuldigungsgründe dafür, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen, an: Der andere Partner hat Ehebruch begangen; der Mann vernachlässigt schuldhaft seine Pflicht, für den Lebensunterhalt der Familie (und damit auch möglicher neu entstehender Kinder) zu sorgen; der andere Partner ermangelt gerade des Vernunftgebrauchs (Trunkenheit, ernsthafte psychische Krankheit); oder stellt völlig unmäßig häufige Forderungen; oder es besteht eine schwere Gefahr für Gesundheit oder Leben (z. B. wenn die Frau krank ist und sich schonen muss, oder vor relativ kurzer Zeit erst geboren hat, oder wenn der andere Partner eine ansteckende Geschlechtskrankheit hat, die übertragen werden könnte); oder man tut es im Interesse des Seelenheils des anderen (womit v. a. gemeint ist, dass man weiß, dass derjenige künstliche Verhütungsmethoden verwendet). Dasselbe Buch urteilt, schon die Forderung oder Bitte an den anderen Partner, die „ehelichen Pflichten“ zu erfüllen, sei schwere Sünde bei direkter Lebensgefahr oder sehr kurz nach einer Geburt; und bei entfernter Lebensgefahr oder Gesundheitsschädigung bräuchte es einen guten Grund, damit sie keine Sünde sei. (Vgl.: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.)

** Heteronormativität und Romantisierung der Vergangenheit auf immer.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 16: Was in den Apostelbriefen (und in der Genesis) über (Ehe)Frauen und die Rolle der Frau in der Kirche gesagt wird

[Der Artikel wurde noch mehrmals nachbearbeitet; Kommentare können sich auf den ursprünglichen Text beziehen.]

– Dieser Teil ist recht lang geraten, da es um mehrere zusammenhängende Themen geht und ich die wichtigsten Einwände und Argumente abhaken wollte, und darf gern in mehreren Etappen gelesen werden. –

 

„Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Ich wiederhole noch mal: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt die Bibel selbst.

 

(I) Die Stellen

Heute kommt einmal hauptsächlich das Neue Testament dran, nämlich diese  Stellen aus den Apostelbriefen:

  • „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. (Epheser 5,21-33)
  • „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie!“ (Kolosser 3,18f.)
  • „Ebenso seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem Verhalten, nicht verleumderisch und nicht trunksüchtig; sie müssen fähig sein, das Gute zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ (Titus 2,3-5)
  • „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit. Auch sollen die Frauen sich anständig, bescheiden und zurückhaltend kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt. (1 Timotheus 2,8-15)
  • „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. Nicht auf äußeren Schmuck sollt ihr Wert legen, auf Haartracht, Gold und prächtige Kleider, sondern was im Herzen verborgen ist, das sei euer unvergänglicher Schmuck: ein sanftes und ruhiges Wesen. Das ist wertvoll in Gottes Augen. So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. Sara gehorchte Abraham und nannte ihn ihren Herrn. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet. Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ (1 Petrus 3,1-7)
  • „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ (1 Korinther 14,33-35)
  • „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe. Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen. Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben. Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinden Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.“ (1 Korinther 11,1-16)

Ich habe hier einiges zusammengeworfen. Wenn man es auseinandersortiert, ergeben sich grob die folgenden Punkte:

  • Unterordnung der Frau in der Ehe
  • Bedeutung des Kindergebärens für die Frau
  • Stellung der Frau in der Gemeinde
  • Kopfbedeckungen beim Gottesdienst
  • Generelle Stellung der Frau (mit Bezug auf die Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte)

(II) Das Kindergebären: Textanalyse

Zuerst zu einer relativ einfach gelösten Stelle: „Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt.“ (1 Timotheus 2,15) Wie bitte, man kommt nur durchs Kinderkriegen in den Himmel? Natürlich nicht. Hier hilft der Urtext.

Im griechischen Original heißt der erste Teil des Satzes: „Sothesetai de dia tes teknogonias“. Wörtlich übersetzt: „Sie wird gerettet werden aber durch das Kinderkriegen“; das Wort für „durch“, „dia“, ist allerdings, wie viele griechische Präpositionen, mehrdeutig. Es kann „durch“, „mittels“, „wegen“ heißen, aber auch „um … willen“; oder sogar „während“. „Aber sie wird um des Kindergebärens willen gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“, oder „Aber sie wird, während sie Kinder gebärt, gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“ – das klingt schon ein bisschen anders, mehr so, als wäre das Kindergebären ein wichtiges mögliches gutes Werk im Leben, nicht das einzige, ohne das man nicht in den Himmel kommt. Im Englischen würde man so einen Satz vielleicht ähnlich ambivalent formulieren mit „But she will be saved having children, if she…“. Man soll in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führen, und zum Weg der Heiligung kann auch das Gebären von Kindern und die Sorge für sie gehören. Das ist ja immerhin für die Mehrheit der Menschen ein ziemlich wichtiger Teil ihres Lebens und ihrer Verantwortlichkeiten, und kann einen wirklich zu einem besseren Menschen machen.

Die Übersetzung mit „während“ bietet allerdings auch eine völlig andere Auslegung, als man zuerst annehmen würde: Möglicherweise könnte Paulus sich hier gegen gnostische Lehren gewandt haben, die die Ehe und das Kinderkriegen verurteilten, da sie die irdische Welt grundsätzlich ablehnten. Da ist der christliche Weg familienfreundlicher: Kinder stehen der Heiligkeit nicht im Weg. Es ist gut, Kinder zu kriegen, weil es gut ist, mehr von Gottes Geschöpfen in die Welt zu setzen. Eine Frau, die Mutter ist/wird, kann (an die Gnostiker gerichtet: trotzdem) heilig werden, wenn sie Hoffnung, Nächstenliebe etc. zeigt.

Dann ist es, wenn man den Kontext aller Paulusbriefe kennt, sowieso von vornherein ausgeschlossen, dass Paulus das Kindergebären als heilsnotwendig betrachten könnte. In 1 Korinther 7,25-40 wirbt er dafür, unverheiratet zu bleiben, und zwar bei Männern und Frauen; und wenn man sich an die christliche Sexualethik hält, kann man dann logischerweise auch keine Kinder bekommen.

So weit, so gut; aber was ist nun mit den anderen Aussagen, bei denen verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für Präpositionen nicht als Erklärung genügen? Können wir die als „historisch bedingt“ beiseite schieben?

Spoiler: Eigentlich nein. Es kommt eben darauf an, sie zu verstehen – und ein bisschen offen für sie zu sein und sie zu akzeptieren. Ich muss sagen, dass ich damit auch größere Probleme hatte, bis ich mehr verinnerlicht hatte, dass heutige Maßstäbe manchmal einfach falsch sein können, und es sinnvoll ist, sich etwas erst mal genau anzusehen, statt es beleidigt zu ignorieren.

 

(III) „Die Frau aber ist der Abglanz des Mannes…“

Behandeln wir die Themen nacheinander, und fangen wir mit einer der für neue Bibelleser unverständlichsten Stellen an: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. […] Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ (1 Korinther 11,3.7-9)

Diese Verse werden natürlich relativiert durch das, was dahinter kommt („Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.“ (1 Korinther 11,11f.)), aber bleiben wir erst einmal bei ihnen stehen.

Hier finden sich natürlich Anklänge an die Schöpfungsgeschichte; und eine Sache klingt schon einmal ziemlich auffällig. In Genesis 1,27 heißt es ja ausdrücklich: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Will Paulus jetzt im Gegensatz dazu die Frau nicht als direktes Abbild Gottes zählen lassen?

Die Lösung für diesen scheinbaren Konflikt liegt in Vers 3 der Paulus-Stelle: Hier wird Gott (Vater) als das „Haupt Christi“ bezeichnet, und Christus wiederum als Haupt des Mannes, und der dann wiederum als Haupt der Frau. Man hat also eine solche Stufenleiter im Kopf:

Gott (Vater)

I

Christus

I

Mann

I

Frau

Und wenn man Ahnung von Theologie hat, wird einem dieses Schema irgendwie schief vorkommen. Theologisch korrekt dargestellt müsste es eher so aussehen:

Gott (Vater) – Christus

____________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Mann – Frau

Oder für die ganz theologisch Korrekten unter uns:

Gott Vater – Gott Sohn (Christus) – Gott Heiliger Geist

_______________________________________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Engel

I

Menschen (Mann – Frau)

I

Tiere

I

Pflanzen

I

Leblose Materie

In der Trinitätstheologie lehnen wir den sog. „Subordinatianismus“ klar ab: Der Sohn ist nicht weniger Gott als der Vater, Er ist Ihm „wesensgleich“, nicht geringer als Er (für den Heiligen Geist gilt das Gleiche).

Aber: Trotzdem heißt es im Großen Glaubensbekenntnis, dass der Sohn vom Vater „gezeugt“ ist und der Heilige Geist aus beiden „hervorgeht“. Nun bedeutet die „Zeugung“ des Sohnes wiederum nicht, dass es einmal eine Zeit gab, in der Er nicht existierte und der Vater allein war; es handelt sich um eine „ewige Zeugung“, eine Art ewige Abhängigkeit, könnte man vielleicht sagen, des Sohnes vom Vater, oder ein ewiges Hervorgehen des einen aus dem anderen. Was genau das jetzt bedeutet – gute Frage, bitte an bessere Theologen richten. Jedenfalls nimmt der Vater trotz aller Gleichrangigkeit der drei göttlichen Personen immer noch eine Art höhere Stellung, sozusagen als „Erster unter Gleichen“, unter ihnen ein – in der Bibel ist an manchen Stellen vom Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater die Rede, aber an keiner Stelle vom Gehorsam des Vaters gegenüber dem Sohn.

In der obersten Stufenleiter, also der aus der Paulusstelle, haben wir zwischen Christus und dem Mann den Sprung von ungeschaffenem Gott zu Geschöpf. Also könnte man vielleicht sagen, dass, eine Stufe weiter oben, auch innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit im Verhältnis von Gott Vater zu Christus wiederum das Verhältnis von Gott zur Schöpfung gewissermaßen analog „nachgestellt“ ist – oder besser genau andersherum: dass das Verhältnis zwischen Gott Vater und Gott Sohn durch das Erschaffen von Geschöpfen in dem Verhältnis der „gesamten“ Dreifaltigkeit zur Schöpfung nachstellt wird. Und dann könnte man weiter sagen, dass dasselbe Verhältnis innerhalb der Schöpfung dann wieder in gewisser Weise nachgestellt wird zwischen Mann und Frau – es ist nachgestellt, nicht real, aber diese Nachstellung ist auch nicht unwichtig. (Einer ähnlichen Interpretation folgt übrigens auch C. S. Lewis in dem sehr empfehlenswerten Buch „Was man Liebe nennt“ (Originaltitel: „The four loves“).)

Man könnte in dieser Analogie noch weitergehen und die Familie (Mann, Frau und Kinder, die aus beiden „hervorgehen“) mit der Dreifaltigkeit inklusive dem „hervorgehenden“ Heiligen Geist vergleichen, aber der Einfachheit halber lasse ich den Heiligen Geist und die Kinder hier außen vor.

Das passt natürlich auch zu der Aussage der bekanntesten Paulus-Stelle zum Thema „Haupt“ und „Unterordnung“ in der Ehe, nämlich Epheser 5: Die Ehe soll sein wie die Beziehung zwischen Christus und der Kirche – man könnte mit einer gewissen Erweiterung sagen, wie die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung.

Zu diesem Aspekt möchte ich einen Freund mit folgender Aussage zitieren, die die Angelegenheit gut zusammenfasst: „Nach den plausiblen Erklärungen der Theologen symbolisiert die Frau die Schöpfung Gottes und der Mann den Schöpfer. Das heißt aber, dass die Frau die Aufgabe hat, etwas zu symbolisieren, was sie tatsächlich ist – weswegen das Wort ‚Seele’ (und das Wort ‚Kirche’) auch in allen relevanten Sprachen weiblich ist, auch die des Mannes, und auch der Mann in unserem schönen deutschen Lied (manche Dinge konntense, die Protestanten) Christus als ‚mein Heiland und mein Bräutigam’ anspricht. Der Mann hat etwas zu symbolisieren, was er nicht ist, was merklich schwerer ist und vielleicht letztlich etwas damit zu tun hat, dass die Frauen religiöser sind.“

Paulus trifft die Aussage „Der Mann ist das Haupt der Frau“ und begründet sie mit Genesis 2: „Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ Er behandelt die Rippengeschichte hier als real; aber es ist relativ egal, ob diese Geschichte je real geschehen ist oder nicht, sie steht da und sagt irgendetwas aus, und Paulus behandelt sie erst einmal als real, um auf ihre Aussagen zu kommen. Aus der Erzählung, dass Adam zuerst geschaffen wurde und Eva aus einem seiner Körperteile (Symbolebene), schließt Paulus also, dass der Mann, in der Ehe jedenfalls, das Haupt der Frau ist (Realitätsebene). Natürlich ist damit nicht gemeint, dass Frauen nicht um ihrer selbst willen als Person geschaffen wären, sondern ausschließlich als Hilfe für einen Ehemann (diese Interpretation kann man allein schon deshalb ausschließen, weil für Frauen wie für Männer laut Paulus selbst und dementsprechend laut katholischer Kirche die höchste Berufung das ehelose Leben ist; das Christentum hat von Anfang an auch in einer Kultur, in der unverheiratete oder unfruchtbare Frauen wenig galten, gerade solche Frauen geachtet und viele davon zu Heiligen erhoben). Aber es bedeutet eben schon, dass die Frau in der Menschheitsgeschichte von Anfang an in einem stärkeren Abhängigkeits- und Unterordnungsverhältnis zum Mann ist als er zu ihr. (Und das ist von Gott gewollt. Mehr unten dazu, was das bedeutet.)

Wenn in Genesis davon die Rede ist, dass Gott für Adam eine „Hilfe […], die ihm entspricht“ (Genesis 2,18) machen will, dass Er eine seiner Rippen nimmt und daraus Eva formt, und dass Adam sich dann freut und spricht „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Genesis 2,23), dann muss das hier verwendete Wort für „Hilfe“/„Helfer“/„Gehilfin“, „ezer“, auch nicht „Dienstmädchen“ heißen. Dieses Wort wird in der Bibel z. B. auch verwendet, wenn davon die Rede ist, dass Gott eine Hilfe für den Menschen ist. Natürlich stehen Frauen ziemlich weit unter Gott; aber es geht darum, dass eine Hilfe für jemand anderen etwas Wichtiges und Gutes ist.

(Sie hat übrigens an anderer Stelle für die damalige Zeit ungewohnte Anklänge: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Zu der Zeit, als das geschrieben wurde, verließen eben nicht Mann und Frau ihre Ursprungsfamilien und hingen einander an und bildeten eine eigene neue Familie, sondern die Frau verließ ihre Familie und schloss sich der Sippe ihres Mannes an, wo sie dann auch unter der Fuchtel der Schwiegereltern stand.)

Langer Rede, kurzer Sinn: Aus dieser Paulusstelle ergibt sich, dass der Ehemann das „Haupt“ der Ehefrau in dem Sinne ist, wie Gott der Vater das „Haupt“ Jesu Christi ist. Die Analogien mit Gott Vater, Christus, der Kirche etc. werden hier und auch in Epheser 5 allerdings so sehr betont, dass man sie nicht einfach als wenig relevante, zufällige Vergleiche beiseite schieben kann. Nein, wir Christen müssen immer – bis zu einem gewissen Grad – „Gender Essentialists“ sein, d. h. wir glauben, dass das biologische Geschlecht, das der Schöpfergott uns mitgegeben hat, etwas ist, das auch die Seele betrifft, dass es wirkliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Geschlechtsunterschiede nicht alle einfach nur gesellschaftliche Konstrukte sind (oft ergeben sich gesellschaftliche Konstrukte auch aus grundlegenden Unterschieden) – und dass das dann auch eine Implikation für eine Art Hierarchie in der Ehe hat. Und das Christentum ist letzten Endes eben doch eine patriarchalische Religion.

(IV) Ein kurzer Exkurs: Zur Erschaffung Evas aus der Rippe Adams

Die Rippengeschichte hat im Lauf der Kirchengeschichte übrigens verschiedene Auslegungen bekommen, die durchaus miteinander kompatibel sein können und denen man folgen kann oder auch nicht. Hier als Beispiele zwei Stellen von bekannten Heiligen (Hervorhebungen von mir):

Der hl. Franz von Sales liest zwei verschiedene Dinge in dieses Bild hinein: „Bewahrt also euren Frauen eine zarte, beständige und herzliche Liebe, ihr Ehemänner! Deshalb wurde ja die Frau aus nächster Herzensnähe des ersten Menschen genommen, damit sie von ihm herzlich und zärtlich geliebt werde. Die körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau darf in euch keinerlei Geringschätzung entstehen lassen, sondern ein gütiges und liebevolles Verständnis. Gott hat sie so geschaffen, dass sie von euch abhängig sei, euch Achtung und Ehrfurcht entgegenbringe, dass sie zwar eure Gefährtin sei, ihr aber zugleich ihr Haupt und Vorgesetzter. Ihr Frauen, liebt euren Mann, den Gott euch gegeben hat, zärtlich und herzlich, gleichzeitig aber voll Achtung und Hochschätzung! Gott hat ihn deswegen kräftiger und euch überlegen geschaffen; er wollte, dass die Frau vom Mann abhängig ist, als Gebein von seinem Gebein, als Fleisch aus seinem Fleisch [vgl. Gen 2,23]. Nach Gottes Plan wurde die Frau aus seinem Leib unterhalb des Armes entnommen, um damit zu zeigen, dass der Mann seine Hand über sie halten und sie führen soll.Die Heilige Schrift empfiehlt immer wieder diese Unterordnung der Frau unter den Mann, sie macht diese Unterordnung aber zu einer liebevollen; die Frau soll sich in Liebe fügen, der Mann aber seine Autorität mit inniger, zärtlicher Güte ausüben. Der hl. Petrus sagt: ‚Ihr Männer, seid verständig gegen eure Frauen; sie sind die schwächeren Geschöpfe, erweist ihnen Achtung’ [1 Petr 3,7].“ (Franz von Sales, Anleitung zum frommen Leben, 3. Teil, Kap. 38, erstmals veröffentlicht 1609)

Und der hl. Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: „1. Dies war ein äußeres Zeichen dafür, wie Mann und Weib in besonderer Weise verbunden sein sollen. Denn das Weib soll nicht den Mann beherrschen; deshalb ist sie nicht aus einem Teile des Kopfes geformt worden. Sie soll aber auch nicht vom Manne wie eine Sklavin gehalten werden; deshalb ist sie nicht aus einem Teile der Füße geformt worden. 2. Das Sakrament sollte versinnbildet werden; denn aus der Seitenwunde Christi am Kreuze flossen die Sakramente, d. h. Wasser und Blut, woraus die Kirche geformt worden.“ (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I 92/3, verfasst zwischen 1265 und 1273)

Cpg16 Blatt 11v - ATGenesis - Erschaffung Evas.jpg
(Erschaffung Evas aus der Rippe Adams. Bildquelle hier.)

(V) „Haupt“ und „Unterordnung“: Historisch bedingt?

So, jetzt haben wir also immer noch die Aussage, der Mann sei in der Ehe auf irgendeine Weise das Haupt der Frau und sie solle sich ihm „unterordnen“.

Manche Theologen haben versucht, die Sache einfach so zu lösen, dass sie sagen, für diese Stellen gelte dasselbe wie für die Sklaverei-Stellen in den Apostelbriefen: Paulus und Petrus geben hier Anweisungen dazu, wie man sich in einer ungerechten Beziehung, die in der damaligen Gesellschaft nun mal so existierte und sich nicht so einfach ändern ließ (das Christentum war keine Religion der Mächtigen, und viele Christinnen hatten heidnische Ehemänner), verhalten soll. (Vgl. Teil 15.) Diese Auslegung scheint sich mit der Petrusbriefstelle vereinbaren zu lassen: „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.“

Sie scheint sich auch deswegen anzubieten, weil die Anweisungen an Frauen und Sklaven oft an ein und derselben Stelle stehen. Direkt nach der berühmten Epheser-5-Stelle über das Verhältnis zwischen Eheleuten kommen die Regeln für Kinder und Sklaven, also den Rest des Haushalts: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn! Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.“ (Epheser 6,1-9)

Gerade diese Stelle zeigt aber auch die Begrenztheit dieses Ansatzes: Denn das Gebot für die Kinder, die Eltern zu ehren, ist ein zeitloses Gebot, das sogar in den zehn Geboten auftaucht, anders als die Anweisungen an die Sklaven – hier werden also zeitlose und zeitbedingte Gebote zusammengeworfen; sie stehen nur beieinander, weil es um die Ordnung des damaligen Haushalts geht, zu dem sowohl Kinder als auch Sklaven gehören konnten. Was gilt für die Anweisungen an Ehefrauen? Sind die zeitlos oder zeitbedingt?

Nun ja, aus den oben erklärten Stellen ergibt sich schon, dass das alles nicht nur zeitbedingt sein kann. Bestenfalls kann man diese Frage mit einem „teils – teils“ beantworten. Ehen hatten damals unbestreitbar manchmal etwas Ungerechtes. Die Frauen waren oft viel jünger als ihre Männer (Mädchen konnten ab einem Alter von 12 Jahren verheiratet werden) und sie hatten auch nicht viel dazu zu sagen, wen sie heirateten; vielleicht als unabhängige Witwen eher, wenn sie sich ein zweites Mal verheiraten wollen, aber für eine erste Ehe in ihrer Jugend weniger. Es ist nicht so, dass junge Männer nie von Eltern oder Vormündern in arrangierte Ehen gezwungen worden wären, aber das macht die damalige Situation auch nicht besser, und im Allgemein war sie ungerecht gegenüber den Frauen. Dazu kam die sehr mächtige Stellung des römischen pater familias. Also, ja, es macht schon irgendwo Sinn, zu sagen, dass die Apostel hier auch dazu raten, sich den Verhältnissen, in denen man sich befindet, zu fügen, vor allem, da die Christen damals sowieso schief angesehen waren, und nicht noch mehr als Leute gelten wollten, die gesellschaftliche Regeln umwarfen.

Dagegen kann man aber wieder einwenden: Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war damals auch ungerecht. Der Familienvater hatte nach dem römischen Gesetz sogar das Recht, zu entscheiden, ob ein Neugeborenes ausgesetzt werden sollte; er konnte seine Kinder auch in die Sklaverei verkaufen; und natürlich seine zwölfjährigen Töchter verheiraten. Aber das heißt nicht, dass das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ in einer gerechten Gesellschaft bedeutungslos werden würde. Auch in einer solchen Gesellschaft sollten Kinder ihre Eltern respektieren, ihnen einen gewissen Gehorsam entgegenbringen, solange sie selber minderjährig sind, und sie versorgen, wenn sie (die Eltern) alt geworden sind. Wenn man das übertragen möchte, könnte man sagen, die Aussage, dass der Mann das „Haupt“ der Frau sein soll, bliebe auch für gerechtere Gesellschaften gültig – vielleicht etwas anders und etwas abgemilderter.

Hier könnte man einwenden, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern grundsätzlich anders ist als das zwischen Eheleuten: Solange Kinder noch Kinder sind, haben sie einfach nicht die Lebenserfahrung, Kraft, Intelligenz, rechtlichen Möglichkeiten usw., um für sich selbst zu sorgen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen; und deshalb sind ihre Eltern zu ihrem eigenen Schutz für sie verantwortlich. Kinder werden natürlich erwachsen und dann können sie ihre Entscheidungen selbst treffen; dann bleibt das vierte Gebot zwar noch in der Bedeutung bestehen, den Eltern mit Respekt und Dankbarkeit für das, was sie für einen getan haben, zu begegnen und sie zu versorgen (bei diesem Gebot ist nicht nur daran gedacht, minderjährigen Kindern Gehorsam einzuschärfen, sondern auch erwachsene Kinder zu ermahnen, sich um alte Eltern zu kümmern und sie zu achten), aber im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern steht man nie einfach auf ein und derselben Stufe.

Ehepartner sind meistens grob im selben Altersbereich – zumindest müssen sie beide erwachsen sein, und die Frau kann auch mal älter sein als der Mann –, ihr Verhältnis ist also ein wesentlich egalitäreres. Frauen haben auch durchschnittlich etwa denselben IQ als Männer, anders als griechische Philosophen wie Aristoteles und auch christliche Theologen wie Thomas von Aquin und Franz von Sales noch meinten. [Interessanterweise gibt es allerdings tatsächlich gewisse statistische Unterschiede beim IQ: Männer sind häufiger als Frauen entweder Genies oder Idioten, während sich die Frauen stärker im Mittelfeld drängen. Das erklärt freilich den Eindruck früherer Generationen, dass Männer gescheiter wären, weil die gescheitesten Personen dann eben häufiger Männer sind.]

Der erste Petrusbrief ermahnt die Männer gegenüber ihren Frauen zur Rücksicht, da die „der schwächere Teil“ seien; was genau kann damit gemeint sein? Na ja, zum ersten die simple Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt körperlich schwächer sind (und zwar sind fast alle Frauen schwächer als fast alle Männer). Dann die gewichtige Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären und stillen und dadurch mit vielen Nachteilen klarkommen müssen, die Männer nicht haben, und deshalb auch mal Unterstützung brauchen. (Passend dazu: Das hier verwendete griechische Wort für „schwach“ kann auch die Bedeutung „krank“ haben.) „Schwächer“ ist hier keine Beleidigung, sondern die Feststellung einer Tatsache. Und diese Tatsache bleibt auch noch in Zeiten von rechtlicher Gleichberechtigung, allgemeiner Krankenversicherung, Elternzeit und Kinderkrippen wahr. Ja, wir Frauen haben einfach gewisse biologische Nachteile gegenüber dem anderen Geschlecht. Das ist so, und das kann man nicht einfach aus der Welt schaffen.

 

(VI) „Haupt“ und „Unterordnung“: Bedeutung in der Bibel

An dieser Stelle ist es vielleicht erst einmal angebracht, sich noch einmal genau anzusehen, was Paulus dem „Haupt“ in der Ehe aufträgt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.“ (Epheser 5,26-29) Liebe, Hingabe und Fürsorge nach dem Vorbild des leidenden und sterbenden Christus ist hier gemeint; das passt zu der Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse, die dieser Christus selber gepredigt hat: „Da rief Jesus sie [die Jünger] zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,25-28) Autorität soll Anlass zu Fürsorge und Aufopferung sein, nicht zum eigenen Nutzen.

Ich möchte hier noch die Gedanken einer anderen Bloggerin anführen, die das Patriarchat (im Sinne eines schützenden, fürsorglichen Patriarchats nach dem Vorbild des heiligen Josef) hier verteidigt:

 „Denn was uns blüht, wenn dieses Prinzip völlig abgelehnt statt korrigiert wird, sehen wir in der nordwesteuropäischen Gesellschaft: Eine vaterlose Gesellschaft, in der die Frau tatsächlich kaum weniger zum Objekt degradiert wird, als in einer, die das Patriarchat in erster Linie als Herrschaft des Mannes definiert, eine Gesellschaft, in der die Verantwortung füreinander nicht mehr gelehrt und nicht mehr praktiziert wird, in der die Partnerschaft zwischen Mann und Frau nur mehr ein Pakt zur eigennützigen Bereicherung am jeweils Anderen gerät, und in der Tugenden wie Ritterlichkeit, Zuvorkommenheit und Hingabe nicht mehr existent sind.

 Wir sehen die Konsequenzen auch konkret in den Abtreibungszahlen: Schon die Verhütungsmentalität lädt letztendlich die Verantwortung bei der Frau ab, die sich entweder schädliche und gesundheitsgefährdende Substanzen zuführen muss, um bloß immer verfügbar zu sein, oder aber sich bei Versagen anderer Verhütungsmethoden dem ‚Schlamassel’ nicht selten allein stellen soll, inklusive der schweren psychischen und körperlichen Folgen, die eine Abtreibung mit sich bringt. Dementsprechend sind die meisten Abtreibungen nicht Resultat eines Verbrechens oder einer medizinischen Indikation, sondern der schlichten Verweigerung des Mannes, Verantwortung zu übernehmen und Stabilität zu bieten, was der Frau erlauben würde, ihrer Mutterschaft ohne existenzielle Ängste entgegenzusehen, auch, wenn es nicht dem ursprünglich angepeilten ‚Lebensplan’ entspricht. Während die Frau also chronisch überbelastet wird, weil kein positiv konnotiertes Vaterbild tradiert wird, wird der Mann zur Taten- und Bedeutungslosigkeit verdammt: Er darf nicht schützen noch sorgen, nicht die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen. Dass er dann nicht einsieht, anderweitig Verantwortung zu übernehmen, verwundert nicht.

 Ich möchte noch weiter gehen, auch, wenn ich den folgenden Punkt nicht erschöpfend behandeln kann: In einer nicht patriarchalen Gesellschaft (oder einer, die es werden will), tritt Machtmissbrauch seitens des Mannes ebenso zum Nachteil der Frau auf, wie in einer einseitig patriarchalen – er kann aber nun nicht mehr als missbräuchlich gekennzeichnet werden und wird lediglich als Macht’gebrauch’ charakterisiert werden können, da es ja eine positive Formulierung von Pflichten, die das Patriarchat dem Mann auferlegt, nicht mehr gibt! […]

 In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Festtag des Heiligen Josef, den die katholische Kirche u.a. mit dem Titel ‚Zierde des häuslichen Lebens’ ehrt – klingt nicht gerade männlich-brutal-patriarchal, sondern vielmehr zart und liebevoll.“

Diese Verteidigung baut auf dem Prinzip aus dem Petrusbrief auf: Die Frau ist einfach in manchen Situationen schwächer, besonders aber, wenn es ums Kinderkriegen geht: Da braucht man oft Unterstützung und Fürsorge durch einen Mann.

Das Neue Testament definiert die Aufgabe eines „Hauptes“ als Dienst und Verantwortung. Ein solches „Haupt“ zu haben heißt aber auch, dass man auch bereit sein muss, Leitung anzunehmen und nicht alles selber regeln zu wollen.

Was ist denn ein Familienoberhaupt? Jemand, der diktatorisch alle Entscheidungen trifft, ohne jemanden zu fragen, oder jemand, der die Gesamtverantwortung, die Verantwortung für die äußeren Angelegenheiten übernimmt, während die Frau schon genug mit Schwangerschaften und kleinen Kindern zu tun hat? (Zur Klarstellung: Ja, ich weiß, dass manche Ehepaare unfruchtbar sind. Und, dass die Phase der Schwangerschaften und Kleinkindbetreuung, für die nun mal von Natur aus (auch für letztere: Stillen) eher die Frau verantwortlich ist, nicht ewig dauert. Aber für die meisten Ehepaare, vor allem für katholische Ehepaare, für die gewollte Kinderlosigkeit keine Option ist, ist sie doch da, und sie war vor zweitausend Jahren noch belastender als heute.)

Irgendwie will man als Frau doch auch gern, dass der Mann Verantwortung und, ja, Führung übernehmen kann, wenn nötig. Ich denke, das kann schon darauf hindeuten, dass die Bibel hier nicht ganz falsch liegt. Das heißt nicht, dass Respekt, Kompromisse und Kommunikation deswegen ausfallen sollten.

File:Brooklyn Museum - The Betrothal of the Holy Virgin and Saint Joseph (Fiançailles de la sainte vierge et de saint Joseph) - James Tissot - overall.jpg
(James Tissot, Verlobung der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Joseph. Gemeinfrei.)

 

(VII) Aber ist ein „Haupt“ jetzt wirklich notwendig?

Feministinnen würden hier natürlich einwenden: Wieso eine Verpflichtung zur Unterstützung und Fürsorge mit der Vorstellung eines Familienoberhaupts, dem man sich unterordnen muss, koppeln? Alle diese Prinzipien dazu, was Autorität bedeuten soll, kann man sehr gut auf notwendige Autorität anwenden – die Autorität eines Staates, die Autorität in einer Firma, die Autorität von Eltern; aber ist denn in einer Ehe irgendeine Art von Autorität überhaupt notwendig? Funktioniert es nicht wunderbar, wenn zwei erwachsene Menschen einfach eine gleichrangige Partnerschaft eingehen, in der sie Kompromisse eingehen, bedeutende Entscheidungen nur gemeinsam treffen und keiner sich irgendwie unterordnen muss – oder in der sich beide mal den Bedürfnissen des jeweils anderen unterordnen?

Nun ja: Eine solche Partnerschaft kann lange funktionieren. Eine Frage ist dann freilich: Was tun, wenn doch einmal eine Meinungsverschiedenheit auftritt, in der man einfach zu keinem Kompromiss findet? Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, sich nicht verschieben lässt, und sich Mann und Frau nicht einigen können?

C. S. Lewis schreibt in „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“):

 „Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muss es überhaupt ein ‚Haupt’ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muss der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, dass dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

 Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muss mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muss einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

 Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren lässt!’ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, dass sie ja auch die Hosen anhat. Irgendetwas Unnatürliches muss an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen lässt.

 Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, dass der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewusst als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muss letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im Allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, dass diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

 Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, dass er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Dass er immer beschwichtigen muss?“

Ja, es sollte ein Oberhaupt geben. Das ist einerseits in Konfliktsituationen wichtig; oft wird man zwar einfach alles durchsprechen, die Argumente des anderen anhören, und dann sehen, wer Recht hatte oder wo man Kompromisse eingehen kann, aber es kann eben auch sein, dass einer ein Machtwort sprechen muss. Aber es ist nicht nur für Konfliktsituationen da. Es ist generell dafür da, dass einer die äußere Verantwortung, die Gesamtverantwortung hat. 

(Das kann sich auch auf die praktische Rollenverteilung auswirken. Auch wenn es der Ordnung in der Ehe nicht grundsätzlich widerspricht, wenn Männer Hausmänner sind und Frauen arbeiten gehen, sind statistisch gesehen tatsächlich die Ehen mit der „klassischen Rollenverteilung“ (Hausfrau + Alleinverdiener) am glücklichsten. Frauen haben es nun mal lieber als Männer, sich das Zuhause schön einzurichten, während Männer lieber das Gefühl haben, für ihre Familie zu sorgen.)

Ein weiterer Gedanke von C. S. Lewis könnte auch weiterhelfen. An einer Stelle in „Was man Liebe nennt“ schreibt er: „Die wirkliche Gefahr liegt nicht darin, dass die Männer zu eifrig nach [der „Dornenkrone“ in der Ehe] greifen, sondern dass sie es zulassen oder fördern, wenn ihre Frauen sie sich anmaßen.“ Ich weiß nicht, ob dieser Satz außerhalb des Kontextes vielleicht frauenfeindlich klingt; aber was Lewis’ Vorstellung hier ist, erschließt sich besser, wenn man das ganze Buch und auch seine anderen Werke (z. B. den Science-Fiction-Roman „Perelandra“) gelesen hat: Mit Frauen, die sich in dieser Hinsicht falsch verhalten, meint er Frauen, die der Versuchung (ich glaube, das ist eine, die für unser Geschlecht gar nicht mal so untypisch ist – nach meinem persönlichen Bekanntenkreis zu schließen) verfallen, für ihre Familie die gesamte Verantwortung übernehmen zu wollen; alle Pflichten, alle Verantwortung dafür, dass für die Kinder und die Zukunft und den Haushalt gesorgt ist (und und und), und die sich dabei unnötig und zum Unbehagen aller Angehörigen aufreiben, und diese Angehörigen „zu ihrem eigenen Besten“ herumkommandieren oder immer wieder in eine bestimmte Richtung stupsen; alles in dem behaglichen Bewusstsein, dass sie nur für die anderen leben, und ohne ihre Mühe gar nichts laufen würde, und die dann unzufrieden werden, weil andere ihre Mühen nicht so zu schätzen wissen, wie sie es ihrer Meinung nach sollten. Man könnte argumentieren, dass Männer sich genauso verhalten könnten; richtig, aber meiner Erfahrung nach ist das wesentlich seltener der Fall. Männer sind gemütlicher veranlagt und machen die Dinge nicht unnötig kompliziert.

Ich möchte an dieser Stelle zuletzt noch einmal einen Gedanken eines Freundes zum Thema „Ihr Männer, liebt eure Frauen! Ihr Frauen, ehrt eure Männer!“ zitieren: „Genau. Denn ehren tun die Männer, wenn sie nicht ganz degeneriert sind oder ausnahmsweise aus der Art schlagen, ihre Frauen sowieso; und manchmal auch andere Frauen. An das Lieben muß man sie vielleicht erinnern. Die Frauen – nun, ich bin keine Frau, aber vielleicht lieben sie die Männer in den meisten Fällen ohne große Mühe? Aber daß die Frau für ihren Mann außer Liebe auch Respekt übrig hat, das ist vielleicht nicht so selbstverständlich.“ In diesem Sinne könnte man auch sagen, die Bibel erinnert die Leute hier auch an das, was sie eher vernachlässigen.

(VIII) Noch etwas zum Thema Gehorsam und Unterordnung an sich

Ich glaube, die größte Schwierigkeit für heutige Christinnen bei diesen Stellen liegt darin, dass man Konzepte wie Gehorsam, Unterordnung, Hierarchie prinzipiell als etwas moralisch Anrüchiges wahrnimmt. Dass man meint, wer untergeordnet sei, müsse auch unterdrückt sein; wer Macht habe, müsse diese Macht auch missbrauchen. Das ist, das muss man klar sagen, der katholischen Religion entgegengesetzt. Bei uns geht es ständig um Dienen, Gehorsam und Unterordnung, und das ist grundsätzlich nichts Degradierendes. Priester versprechen Bischöfen Gehorsam, auch Laien müssen ihren Bischöfen in einigen Dingen gehorchen, Nonnen und Mönche versprechen Äbtissinnen und Äbten Gehorsam, und der Papst hat Autorität über die ganze Kirche, kann von niemandem kirchenrechtlich belangt werden, und über ihm steht nur noch Gott. (Umgekehrt wird er allerdings auch „Diener der Diener Gottes“ genannt, und am Gründonnerstag waschen die in der Hierarchie Höherstehenden unter ihnen Stehenden die Füße – was zu der oben angesprochenen Umkehr der Bedeutung von Hierarchien durch Jesus gehört.)

Nichtkatholiken oder liberale Katholiken würden darauf antworten, dass sie dann eben dieses grundsätzliche katholische Konzept ablehnen. Aber damit hätten sie schlicht Unrecht. Eine herrschaftsfreie Welt kann es gar nicht geben, und sie ist nicht einmal erstrebenswert. Wenn man versucht, Hierarchien abzuschaffen, entstehen immer informelle Hierarchien, die, gerade weil sie undefiniert und nicht offiziell anerkannt sind, viel unterdrückerischer sein können. Anarchie führt zur willkürlichen Herrschaft derer, die sich durchsetzen wollen und können; bestes Beispiel sind anarchistische Kommunen.

Gerade früher kam mir das Wort „Unterordnung“ selber ein bisschen beängstigend vor. Aber wenn es einem beängstigend vorkommt, liegt das einfach daran, dass man mit einer „untergeordneten“ Position in irgendeiner Hinsicht reflexhaft Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Entrechtung, Sklaverei verbindet – lustigerweise, weil einem das von unserer heutigen Obrigkeit in Schulen, Unis, Medien usw., die sich selbst nicht Obrigkeit nennen will, so eingeredet worden ist.

Jetzt mal ernsthaft: So sieht nicht einmal ein vertraglich geregeltes Arbeitsverhältnis zwischen Abteilungsleiter und normalem Angestellten aus (und wenn, dann sollte der Abteilungsleiter schnellstens gefeuert werden), geschweige denn eine irgendwie normal geartete lebenslange Verbindung zu einem geliebten Partner, mit dem man „ein Fleisch“ sein soll. Stellt man sich unter einem „Oberhaupt“eher einen gierigen Sklavenhalter mit absoluter Macht vor, oder so etwas wie den Vereinsvorstand des Schützenvereins, der sich mit den Mitgliedern arrangieren muss, und hauptsächlich dafür zuständig ist, die Ansprache am Weihnachtsfest zu halten, zu allen wöchentlichen Treffen zu erscheinen, und die älteren Mitglieder zu ihren 80. Geburtstagen zu besuchen, weswegen keiner das Amt übernehmen will?

Hierarchie bedeutet übersetzt nicht „Unterdrückung“, sondern „heilige Ordnung“. Wie unterdrückt fühlt man sich z. B. vom eigenen Ortsbischof? Hierarchie sorgt auch für Sicherheit; für klar verteilte Verantwortung. In einer hierarchisch geordneten Gesellschaft ist klar, wer das letzte Wort hat und damit Uneinigkeiten beenden kann, und dann auch Verantwortung für das Ergebnis trägt; an wen sich jemand wenden kann, der sein Recht haben will oder dem jemand anderes Unrecht tut; usw. Unterordnung bedeutet auch nie bedingungslose Unterordnung. Sie bedeutet auch Schutz, und dass man sich einer Leitung anvertrauen kann.

Es ist auch in keiner Weise etwas Ehrenrühriges, zu gehorchen und seine eigenen Vorstellungen unterordnen zu können. Mönche und Nonnen legen nicht ohne Grund ein Gehorsamsgelübde ab: Es hilft einem, Christus ähnlicher zu werden und nicht so sehr auf den eigenen Willen fokussiert zu sein.

Zu diesem ganzen Thema hat Pater Edmund Waldstein OCist einmal sehr Erhellendes geschrieben (hier eher auf die staatliche Sphäre bezogen).

[An dieser Stelle: Was ist denn mit einer weiteren Stelle in der Bibel, in der von der „Herrschaft“ des Mannes über die Frau die Rede ist? „Zur Frau sprach er [Gott]: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.“ (Genesis 3,16) Die hier angesprochene Herrschaft kann man entweder so verstehen, dass ein Herrschaftsverhältnis, das nun mal gerade in der gefallenen Welt nötig ist, vorausgesagt wird, oder als Teil des Fluchs, der als Folge der Erbsünde über die Menschheit kam. Rein vom Text her betrachtet ist es kein Befehl, sondern eine Vorhersage. Man kann es auch als ungerechte Herrschaft verstehen, die ebenso wenig schön ist wie Schmerzen beim Gebären, als etwas, das man bekämpfen darf, wie auch die Dornen und Disteln aus der Vorhersage an Adam (Vers 17); man kann hier z. B. an von sie misshandelnden Männern abhängige Frauen denken. Man kann es allerdings auch als Herrschaft im positiven Sinne verstehen, als etwas manchmal Anstrengendes, aber auch Gutes und Heilsames, wie die Arbeit, die Adam tun müssen wird.]

(IX) Das Thema Kopfbedeckungen, und: Was sagt die Kirche zu all diesen Stellen?

Als Katholiken interpretieren wir die Bibel bekanntlich im Rahmen des kirchlichen Lehramtes; also hier endlich ein Blick darauf, was die Kirche zu alldem geäußert hat.

Beim Beispiel der Kopfbedeckungen kann man sehen, dass diese Stelle wohl in gewissem Sinne „historisch bedingt“ ist: Die Kirche verlangt keine Kopfbedeckungen für Frauen während der Messe mehr, also kann es sich nicht um ein völlig unumstößliches göttliches Gesetz gehandelt haben. Allerdings war es bis etwa zum 2. Vatikanum für Frauen allgemein üblich, zum Kirchgang Hut, Kopftuch oder – in Südeuropa – Mantilla zu tragen, und manche (v. a. in Tradikreisen) tun es auch heute wieder, und für Männer ist es jetzt noch eine Sache der Höflichkeit, beim Betreten einer Kirche Hut oder eine Mütze abzunehmen – obwohl beides seit dem neuen CIC von 1983 nicht mehr vorgeschrieben ist. Hier handelt es sich offensichtlich um ein sinnvolles, aber nicht in Stein gemeißeltes Symbol, wie Händeschütteln zur Begrüßung oder Essen mit Messer und Gabel. Zu Paulus’ Zeiten war es auch eine Sache der Schicklichkeit für Frauen, außerhalb des Hauses eine Kopfbedeckung zu tragen; und im Kontext der Liturgie hat das für ihn auch eine symbolische Bedeutung.

Und was sagt das Lehramt zu den anderen Punkten? Der Katechismus der Katholischen Kirche hat hier oder hier etwa Allgemeines zum Verhältnis von Mann und Frau zu sagen, schweigt aber dezent zum biblischen Thema „Unterordnung“. Zu den Geschlechterrollen in der Ehe sagt er etwa nur:

„2333 […] Die leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von Mann und Frau gelebt werden.(KKK, Nr. 2333.)

Zu diesem Thema muss man in spezielleren Texten suchen. In einer älteren Enzyklika von Pius XI. findet sich diese erhellende Stelle:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.’

 Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

 Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.

 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau drückt Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., mit folgenden Worten tiefer Weisheit aus: ‚Der Mann ist der Herr in der Familie und das Haupt der Frau. Sie aber, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein ist, soll dem Mann untertan sein und gehorchen, nicht nach Art einer Dienerin, sondern einer Gefährtin. Dann wird die Leistung des Gehorsams weder ihrer Ehre noch ihrer Würde zu nahe treten. In dem aber, der befiehlt, wie in der, die gehorcht, in ihm als dem Abbild Christi, in ihr als dem der Kirche, soll die Gottesliebe Maß und Art von Amt und Pflicht beider bestimmen.’“ (Pius XI., Casti Connubii, 1930)

Bei Pius wird auch klar: Es handelt sich hier um gegenseitige Pflichten: Jeder hat seine Verantwortung zu erfüllen, und wenn das in der Praxis dann mal anders verteilt werden muss als im Modell, weil einer seinen Teil nicht erfüllen will oder auch nicht erfüllen kann (z. B. aufgrund schwerer Krankheit), dann muss man sich anders behelfen. Aber es sind trotzdem reale, wichtige Rollen, die normalerweise so und so verteilt sein sollen.

Ich habe auf amerikanischen feministischen Seiten, die ich früher ab und zu (teils aus Gründen der Feindbeobachtung) gelesen habe, einmal eine bestimmte Kritik an der Lehre von „Frau bringt Unterordnung, Mann bringt Liebe“ gelesen: Das würde die Pflichten ungleich verteilen; wenn die Frau ihren Teil nicht erfüllt, aber der Mann sie immer noch lieben soll, wäre das keine so große Belastung für ihn, wie es für die Frau wäre, wenn er sie nicht liebt, sie sich ihm aber immer noch unterordnen soll. Aber hier wird das fundamentalistisch-evangelikale Modell „Du musst immer sofort und ohne Widerspruch gehorchen, wenn dein Mann dir etwas befiehlt, auch wenn er dich nicht liebt, dich schlecht behandelt oder völlig verrückt ist, dann wird am Ende alles gut, Gott will es so!“, wie es die Christian Patriarchy-Bewegung vertritt, kritisiert. Nein, wir Katholiken glauben eben ganz klar nicht daran, dass Unterordnung oder Gehorsam unabhängig davon sein sollten, ob der Mann die Frau liebt, ob er sie gut oder schlecht behandelt – oder, ganz allgemein gesprochen, ob eine Autorität ihre jeweiligen Pflichten erfüllt oder nicht. Eine Autorität kann ihr Recht auf Gehorsam auch verlieren.

Man sollte, alles in allem, auch nicht vergessen, dass die Analogie zu der Christus-Kirche-Beziehung nur das ist: Eine Analogie. Der Mann ist nicht Christus und die Frau nicht die Kirche. Sie sind zwei normale menschliche Personen.

Johannes Paul II. spielt dieses Thema in einer neueren Enzyklika eher etwas herunter:

„Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung [der Erklärung dazu, dass und wie genau die Männer ihre Frauen lieben sollen] und der Feststellung, daß ‚sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau’ (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein ‚gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann ‚Haupt’ der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um ‚sich für sie’ hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus – Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese ‚Unterordnung’ in der Beziehung Gatte – Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum ‚Alten’ ganz offensichtlich ein ‚Neues’ dar: Es ist das ‚Neue’ des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses ‚Neue’ zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das ‚Alte’, das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.

 Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das ‚Neue’, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige ‚Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: ‚In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (…)’, sondern auch: ‚Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie’ (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?

 Die Herausforderung des ‚Ethos’ der Erlösung hingegen ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die ‚Unterordnung’ der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung’ beider ‚in der Ehrfurcht vor Christus’ gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.“ (Mulieris Dignitatem 24)

Auch er sagt allerdings nicht, dass die Unterordnung der Frau gar nicht da sein soll, und dass der Mann nicht das Haupt wäre, sondern betont eher die dienende Funktion eines Oberhauptes. Und letztlich muss man leider schon sagen, dass auch eine Enzyklika etwas zu sehr herunterspielen kann, um gewissen Sensibilitäten so weit wie irgend möglich entgegenzukommen; und von der Kirche wurde die weiter oben von Pius XI. erklärte Lehre eben konstant über 2000 Jahre hinweg gelehrt.

Also, zusammengefasst: Ja, es ergibt sich offensichtlich aus den Bibeltexten, den lehramtlichen Schreiben und der dahinterstehenden Theologie, dass die Männer in der Ehe eine gewisse Autorität als Familienoberhaupt haben, und dass die Frauen – im Normalfall – nicht die Leitung der Familie übernehmen sollten. Wie sich das im Alltag zeigt, kann unterschiedlich aussehen. Eine Frau muss ihrem Mann allerdings nicht gehorchen, wenn er etwas absolut Unvernünftiges, Ruinöses, Missbräuchliches oder Sündhaftes von ihr verlangen sollte.

 

(X) Frauen in der Kirche

Kommen wir jetzt von der Ehe zur Rolle der Frauen in der Kirche. Da hätten wir diese berühmte Stelle aus 1 Korinther 14: „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“

Nun ist es so, dass im NT schon Frauen erwähnt werden, die öffentlich beten oder prophetisch reden: In 1 Korinther 11,5, also im selben Brief, eben an der Stelle, wo Paulus über die Schicklichkeit von Kopftüchern redet, heißt es: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt.“ Und in der Apostelgeschichte heißt es über einen Diakon namens Philippus: „Er hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen.“ (Apostelgeschichte 21,9.) Hier wird der genaue Kontext nicht angegeben, aber jedenfalls redeten diese Jungfrauen offenbar auch zu einer gewissen Öffentlichkeit.

(Der gesamte Kontext für solche Stellen ist folgender: Wir reden von einer Zeit, in der auch Laien oft noch  spontan laut beteten, in Zungen redeten oder prophezeiten. (Ich könnte jetzt darüber reden, dass ich ganz froh bin, dass das inzwischen, jedenfalls in der Liturgie, eingeschränkt ist, da ich nicht so ganz überzeugt bin, dass an den meisten solchen Phänomenen, zumindest den heutigen nach der apostolischen Zeit, etwas dran ist, aber meine Skepsis gegenüber der Charismatischen Bewegung ist hier nicht das Thema.)) 

Wenn es dann ganz allgemein heißt, dass es den Frauen „in allen Gemeinden der Heiligen“ nicht gestattet ist, „zu reden“, dann ist hier wohl einerseits mal das offizielle Lehren im Auftrag der Kirche, das Predigen, gemeint: Also ein Dienst des geweihten Priesters.

Hier geht es teilweise einfach um den Unterschied zwischen Laien und Priestern.  (Dafür, dass nur Männer Priester sein können, gibt es verschiedene Begründungen, die die meisten Katholiken vermutlich kennen. Hier die zwei wichtigsten: 1) Jesus will es halt so. Jesus hat nur Männer in den Kreis der Zwölf berufen; deren Nachfolger sind die Bischöfe, und deren Helfer sind die Priester und Diakone. Wenn Jesus einen Sinn dahinter gesehen hat, keine Frauen zu berufen, nicht einmal eine unter zwölf (und in anderen Dingen hielt er sich nicht immer an die Konventionen seiner Zeit, z. B., als er sich mit Samariterinnen und Prostituierten abgab, also können wir nicht argumentieren, dass er keine Frau hätte berufen können), dann können wir darauf vertrauen, dass es da einen Sinn gibt. 2) Priester sind bei uns nicht nur Prediger, wie bei den Protestanten, sondern eben Priester, d. h. sie repräsentieren Gott in heiligen Riten. Christus handelt durch sie, wenn sie in persona Christi bei der Eucharistie die Wandlung vollziehen oder in der Beichte Sünden vergeben. Christus war ein Mann und wir haben ein männliches Gottesbild (auch wenn Gott natürlich weder Mann noch Frau ist); das liegt daran, dass ein männliches Gottesbild („Vater unser“) eher dazu geeignet ist, den über der Welt stehenden Schöpfergott zu symbolisieren, während Religionen mit weiblichen Göttern und Priesterinnen eher zu einer Art Naturanbetung der „Mutter Erde“ tendieren (s. auch die obige Erklärung zu „Der Mann ist das Haupt der Frau“). Der Priester repräsentiert Christus als den Bräutigam, das bei der Eucharistie anwesende Volk die Kirche als Seine Braut.)

Auch das Predigen, im Sinne der offiziellen Verkündigung der Kirchenlehre, gehört zunächst zum Dienst des Christus vertretenden Priesters. Nicht so ausschließlich wie z. B. die Feier der Eucharistie; aber auch die Verkündigung geht eben letztlich von der Christus vertretenden Kirchenhierarchie aus, auch wenn auch Laien als Katecheten, Religionslehrer oder Theologieprofessoren beauftragt werden können (und hier auch Frauen eingesetzt werden können); und daher ist die Verkündigung im Kontext der Liturgie ausschließlich dem Klerus vorbehalten.

Aber dennoch: Macht Paulus nicht noch einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Laien?

(XI) Eva und der Sündenfall

Da wäre ja auch noch die Stelle aus dem 1. Timotheusbrief: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“

Einfach ignorieren kann man das nicht; das ist Heilige Schrift. Und der Sündenfall lief nun mal so ab, dass zuerst Eva verführt wurde. Und Paulus sagt hier offensichtlich, dass Frauen demnach generell leichter zu verführen wären und sich deshalb eher unterordnen müssten.

Und wenn man „verführen“ im Sinn von täuschen versteht, stimmt das nun mal einfach. Frauen neigen mehr zur Verträglichkeit und dazu, Konflikte zu vermeiden, während Männer sich weniger leicht beeindrucken lassen und öfter gerade bewusst dagegen sind. Beide Eigenschaften können sich positiv oder negativ auswirken; mit beiden Eigenschaften kann man zu unterschiedlichen Sünden verführt werden und sich unterschiedlichen Sünden entgegenstellen, aber auf Führungspositionen wirken sich die weiblichen Eigenschaften tendentiell schlechter aus. Weil man, auch wenn man ursprünglich weiß, dass jemand nicht vertrauenswürdig ist, dem vielleicht doch mal zuhören will, „auch die andere Seite sehen“ will, und sich nicht so leicht damit tut, etwas als Unsinn oder Lüge zu verlachen und lieber doch sagt „irgendeinen Punkt hat der ja“. Es hat schon seinen Grund, wieso eher Frauen zu Esoterik und „Alternativmedizin“ neigen als Männer. (Dazu passt auch die oben erwähnte Petrusstelle: Frauen können auch in diesem Sinne „schwächer“ sein als Männer.)

Beim Sündenfall war es wohl so, dass Eva, die sich dazu bringen ließ, der Schlange zuzuhören, wirklich überredet wurde; Adam machte dann wohl wider besseres Wissen mit, weil seine Frau es wollte. Über ihn heißt es nur: „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Genesis 3,6) – sein Problem scheint eher zu sein, dass er einfach Eva nachgibt, als dass er sich von den falschen Versprechungen der Schlange einlullen hat lassen. Ich denke, es ist so, dass Frauen im Allgemeinen, wenn sie etwas Falsches tun, sich eher vorher einreden müssen, dass es notwendig oder gut ist, und dabei auch sehr kreativ werden können und leichter falsche Erklärungen annehmen. Beides falsch, aber auf unterschiedliche Weise.

Interessanterweise wird übrigens – bei Paulus an anderer Stelle und bei Theologen wie Thomas von Aquin – immer Adam als der eigentlich Verantwortliche für den Sündenfall genannt, wenn es darum geht, wer der Menschheit nun die Erbsünde vererbt hat: Eva hat mit der Sache angefangen, aber letztlich trug die eigentliche Verantwortung ihr Mann. Das spricht freilich einfach für die Überzeugung besagter Theologen, dass Adam – der erste Mann – einfach das Oberhaupt des Menschengeschlechts war, und Eva eben nicht.

Und das zeigt eben, was beim Sündenfall auch noch falsch lief: Eine Verkehrung der Geschlechterrollen. Adam wird passiv, versucht nicht, seine Frau vor der Schlange zu warnen oder zu schützen oder ihr etwas entgegenzusetzen, und damit handelt er falsch, gibt seine Rolle als Oberhaupt ab.

Schon Aristoteles (der freilich auch frauenfeindliche Äußerungen getätigt hat, die man nicht übernehmen muss) hat Männern den öffentlichen und Frauen den privaten Raum zugeordnet. Das passt auch: Verträglichkeit und der Wunsch nach Harmonie tun der Familie gut, wo man miteinander auskommen muss, und Prinzipienfestigkeit und Dagegensein sind eher in der Öffentlichkeit mal nötig, wo man mit Fremden oder fremden Gruppen zu tun hat, die einen nicht unbedingt so respektieren, wie es Familienmitglieder immerhin meistens noch tun.

Das heißt nicht, dass es keine Frauen gäbe, die für Führungsrollen geeignet wären; es handelt sich hier um Tendenzen. Außerdem gibt es auch so etwas wie delegierte Führungsrollen. In der Kirche geht die grundsätzliche Macht vom rein männlichen Klerus aus und muss das auch, aber der kann auch Aufgaben an Laien delegieren, auch an Frauen – z. B. das Lehren als Religionslehrerin oder Theologieprofessorin. Die brauchen freilich weiterhin den Klerus als Orientierungspunkt. Was das öffentliche Beten, prophetische Reden etc. angeht, so sollte es auch eher die Ausnahme als die Regel sein, wie aus der Zusammenschau der Paulusstellen klar wird – und vor allem sollte es im Einklang mit dem Klerus erfolgen, nicht gegen ihn. Auch in der Familie hat nicht nur der Vater die Führungsrolle, sondern die Mutter hat auch eine eigenständige Autorität gegenüber den Kindern, freilich dem Vater untergeordnet, wie z. B. eine Gemeinde in vielen Dingen eigenständig, aber auch in gewissem Maß der Landesregierung untergeordnet ist. Was ist mit der Politik? Nun, ich denke, hier sollte es tatsächlich auch so sein, dass tendentiell die meisten Ämter von Männern eingenommen werden. (Dafür kann man nicht nur christliche Prinzipien anführen, sondern auch die einfache Tatsache, dass es keine anständigen politischen Debatten mehr im Bundestag gibt, und z. B. die bisherigen Verteidigungsministerinnen eher suboptimal waren. (Entschuldigung.)) Aber hier kann es sicher auch Frauen geben, die eben doch für die Politik geeignet ist; ich denke an Frauen wie Ellen Ammann. In Kirche und Familie, wo es darum geht, dass Männer Christus nachstellen sollen, können Frauen nie einfach die Aufgaben von Männern übernehmen (sondern höchstens eine Art Ersatz sein, wenn z. B. eine Frau nach dem Tod ihres Mannes als Familienoberhaupt fungieren muss, oder Frauen Gebet und Caritas in Gemeinden organisieren, in die kaum je ein Priester kommen kann), aber in der Politik sind Staatsoberhäupter und Abgeordnete nicht „in persona Christi“; daher kann es hier einige Ausnahmen geben.

Einige Christen von der protestantischen Christian-Patriarchy-Bewegung legen die Timotheus-Stelle tatsächlich so aus, dass Frauen generell keine Männer irgendetwas (Theologisches) lehren dürfen; also dürfen Frauen ihrer Meinung nach z. B. auch keine Vorträge vor einem gemischten Publikum in der Gemeinde halten. Sonntagsschullehrerinnen gehen gerade noch, denn die lehren nur Kinder, aber sobald die Jungs über achtzehn sind, ist definitiv Schluss. Jüngere Frauen dürfen natürlich von älteren Frauen etwas gelehrt werden, weil, Titus 2,3-5, aber Männer lehren, das geht nicht. (Man lese zum Beispiel diesen interessanten Artikel einer Bloggerin dieser Bewegung, in dem sie vehement erklärt, dass sie mit ihrem Blog keine Männer lehre. Solche Ansichten sind in freikirchlich-evangelikalen Kreisen einflussreicher, als man manchmal erwarten würde; vgl. auch hier auf einer deutschen Seite.) Das entspricht nicht der katholischen Lehre.

Also: Ja, es ist okay, wenn irgendein Mann von einer Frau mal etwas lernt, ja, auch Frauen können gut dazu geeignet sein, zu lehren, Vorträge zu halten, Führungspositionen einzunehmen, etc., aber wenn zu viele Frauen auf höheren Positionen sind und die allgemeine Meinung prägen können, ist das nicht gut.

Ein Geschlecht ist nicht an sich sündhafter als das andere oder so etwas – beide haben den gleichen freien Willen und die gleichen Gebote bekommen. Wir haben nicht weniger weibliche als männliche Heilige. Aber die Geschlechter sind auf unterschiedliche Weise sündhaft, und es ist leider eine Tatsache, dass Frauen leichter zu täuschen sind.

Da muss man nicht geschockt oder beleidigt reagieren. Es ist doch so: Über typische Männerfehler zu reden ist völlig normal. Wieso sollte man also nicht auch über typische Frauenfehler reden dürfen?

Das war es wohl. Ja, unsere Religion ist patriarchal; das sollten wir nie in einem falschen Sinn verstehen, genauso, wie wir die Tatsache, dass es in der Kirche eine Hierarchie gibt, nicht falsch verstehen sollten; aber das Christentum ist und bleibt eine patriarchale Religion, und das ist gut so.

Ach ja, und, Gratulation an alle, die bis hierher gelesen haben! (Hier noch ein Link für alle, die noch mehr lesen wollen.)