Heilsmöglichkeit für Nichtkatholiken: Kirchliche Aussagen vor dem 2. Vatikanum

Kommt der-und-der Nichtkatholik in den Himmel? Darüber beunruhigen sich Katholiken öfter. Eine genaue, sichere Antwort gibt es hier natürlich nicht; die Kirche hat nur von vergleichsweise wenigen Menschen durch die Heiligsprechung festgestellt, dass sie sicher im Himmel sind; sie behauptet nicht, jedem Menschen ins Herz schauen zu können. Aber worüber wir reden können, sind die Möglichkeiten des Heils für Nichtkatholiken (wie auch für Katholiken). Erst einmal deswegen eine kurze Zusammenfassung, wieso die Erlösung nötig ist und wie sie im Allgemeinen funktioniert:

Grundsätzlich ist die Lage der Menschheit folgende: Durch die Ursünde haben unsere Stammeltern, Adam und Eva (wann auch immer sie gelebt haben, ob vor ein 6.000 oder vor 200.000 Jahren), ihre übernatürlichen Gnadengaben, ihre besondere Nähe zu Gott verspielt, die Er ihnen geschenkt hatte, weil sie selbst sein wollten wie Gott. Das war ein Erbe, das sie uns hätten erhalten sollen; und so werden auch wir jetzt in diesem Zustand der Feindschaft mit Gott geboren, mit schlechten Neigungen, verletzlich, sterblich, und ohne selbstverständliche Nähe zu Gott, d. h. mit der Erbsünde. Das ist keine persönliche Schuld, aber es ist trotzdem ein Zustand des Verletztseins, oder auch eine Art geistlicher Tod. Außerdem häuft aber so ziemlich jeder Mensch im Lauf seines Lebens nun auch persönliche Schuld an, mal mehr, mal weniger; es gibt enorm viele große Verletzungen, die Menschen sich gegenseitig zufügen. Und was einmal geschehen ist, kann nicht einfach ungeschehen gemacht werden, dafür muss Sühne geleistet werden. Weil aber die schwereren Sünden auch ein Nein zu Gott (der das Gute selbst ist), bedeuten, bedeuten sie auch eine solche Trennung, einen solchen geistlichen Tod, eine in gewissem Sinn unendliche Schuld. Das kann der Mensch aus eigener Kraft nicht wieder gut machen. Daher ist Gott selber Mensch geworden und hat als Gottmensch an unserer Stelle mit seiner Liebestat, Seinem Tod am Kreuz, vollkommene, unendliche Sühne geleistet, die uns zugerechnet wird, und durch die wir geheiligt werden. Auf diese Weise steht der Weg zu Gott uns wieder offen. Dadurch können unsere Schulden weggenommen und das Verhältnis zu Gott repariert werden; und so werden wir Ihn nach unserem Tod von Angesicht zu Angesicht sehen können.

Nun ist es aber so, dass die Erlösung nicht automatisch passiert; eine gewisse Mitwirkung des freien Willens des einzelnen Menschen ist auch nötig. Gott bietet die Gnade allen Menschen an, und zwar in jedem Fall genug Gnade, um in den Himmel (= zur Anschauung Gottes) zu kommen. „Er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Tim 2,4) Der einzelne Mensch muss deswegen seine schweren Sünden bereuen, und dem Willen Gottes gehorsam sein und in Zukunft keine schweren Sünden mehr begehen (bzw. diese dann wieder bereuen, wieder von neuem anfangen, usw.). Unbereute schwere Sünden trennen von Gott.

Gott hat auch wahrnehmbare Zeichen als Mittel eingesetzt, um uns Seine Gnade mitzuteilen, nämlich die Sakramente (und sie der Kirche anvertraut, durch die Er handeln will); hier sind besonders die Taufe und die Beichte wichtig. Gott hat befohlen, dass, wer seine Sünden bereut, sich taufen lassen soll, und dadurch wird ihm die Heiligungsgnade mitgeteilt, die Erbsünde und die persönlichen Sünden werden weggenommen. Die Beichte ist eine Art „zweite Taufe“ für diejenigen, die nach der Taufe wieder in schwere Sünden gefallen sind. Auch kleine Kinder, die keine persönlichen Sünden haben, können getauft und damit von der Erbsünde befreit werden.

Man kann hier folgende Gruppen von Menschen unterscheiden, denen prinzipiell die Möglichkeit der Erlösung auf verschiedene Weise offensteht:

  1. Die standardmäßig, wie von Gott vorgesehen, mit der Wassertaufe getauften Katholiken. Getaufte Kleinkinder, die sterben, kommen auf jeden Fall in den Himmel (Erbsünde weg, keine persönlichen schweren Sünden), bei älteren Getauften kommt es darauf an, ob sie weiterhin unbereute schwere Sünden begehen oder nicht. Wenn nicht, dann Himmel.
  2. Die mit der Wassertaufe getauften Nichtkatholiken, die sich in unüberwindlicher Unwissenheit über die Wahrheit des Katholizismus befinden (z. B. ein gutgläubiger Evangelikaler, Orthodoxer oder Lutheraner). Auch bei nichtkatholischen Christen nimmt die gültige Taufe (also die Taufe mit Wasser im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes) die Erbsünde und die persönliche Schuld weg. Allerdings hat jeder Mensch die Pflicht, sich nach der Wahrheit auszurichten, wie er sie erkennt, und wenn z. B. ein Lutheraner erkennen würde, dass die katholische Kirche eigentlich die von Gott gewollte Kirche ist, wäre es eine schwere Sünde, wenn er trotzdem nicht in sie eintreten wollen würde, weil sie ihm in diesem oder jenem Punkt nicht passt. Wenn er sich allerdings mit der katholischen Kirche kaum auskennt und keinen Grund sieht, an seiner Konfession zu zweifeln, ist er in sog. „unüberwindlicher Unwissenheit“, die Gott ihm nicht als Sünde anrechnet. Dann kommt es eben wieder darauf an, ob er sonst noch unbereute schwere Sünden auf dem Gewissen hat oder nicht, wie bei dem Katholiken oben.
  3. Die mit der bewussten Begierdetaufe oder der Bluttaufe Getauften: Hier sind Katechumenen gemeint, die sich taufen lassen wollten, sich schon darauf vorbereitet haben, aber vorher gestorben sind. (Die Bluttaufe ist eine Unterart der Begierdetaufe; damit ist gemeint, dass ein Katechumene das Martyrium erleidet und durch sein eigenes Blut seinen Bund mit Christus besiegelt.) Bei ihnen zählt der Wille für das Werk. Sie wollten sich taufen lassen; also rechnet ihnen Gott im Augenblick ihres Todes die Wirkungen der Taufe zu (auch hier natürlich unter der Voraussetzung der allgemeinen Reue und des guten Willens).
  4. Die Nichtchristen, die sich in unüberwindlicher Unwissenheit befinden, und denen u. U. eine Art implizite Begierdetaufe zugerechnet werden kann (z. B. ein gutgläubiger Muslim oder Jude). Wenn jemand grundsätzlich bereit ist, Gott zu gehorchen, und seinem Gewissen zu folgen, würde er sich auch taufen lassen, wenn er von der Notwendigkeit der Taufe wüsste, also kann Gott auch ihm im Augenblick des Todes die Wirkungen der Taufe zurechnen, wenn er eben auch ansonsten Reue und guten Willen hat. Viele Theologen sagen, dass es aber jedenfalls absolut notwendig sei, anzuerkennen, dass es einen Gott gibt, der über Gut und Böse richtet, auf Gottes Gnade in der Hinsicht zu reagieren, dass man Ihm diese Wahrheiten glaubt. Vgl. Hebr 11,6.

Die ungetauften kleinen Kinder, die vor dem Erreichen des Vernunftalters, d. h. des Alters, in dem sie die Vernunft erlangen und schwere Sünden begehen könnten, sterben (verallgemeinernd setzt man dieses Alter bei ca. 7 Jahren an) sind ein Sonderfall. Sie haben keine persönliche Schuld auf sich geladen, aber auch nicht durch irgendwelche persönlichen Verdienste auf Gottes Gnade reagiert, wie die anständigen erwachsenen Ungetauften. Eine gewöhnliche implizite Begierdetaufe kann man ihnen also nicht zurechnen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie sind im „limbus puerorum“ („Vorhölle der Kinder“, Limbus bedeutet genau genommen „Rand“), also einem Ort, wo sie Gott nicht schauen können (d. h. technisch gesehen Hölle), weil sie mit der Erbsünde belastet sind, also keine übernatürliche Glückseligkeit haben, wo es aber keine Strafen für sie gibt und Gott ihnen rein natürliche Glückseligkeit bereitet. Oder sie sind auf unbekannten Wegen doch noch in den Himmel gekommen (z. B. wäre es denkbar, dass Gott ihnen im Augenblick des Todes die Klarheit des Verstandes gibt, um sich für oder gegen Ihn zu entscheiden). Da Gott das Heil aller Menschen will, ist das durchaus möglich. Aber das können wir nicht so genau wissen. Aber egal, welche Möglichkeit die richtige ist: Es geht ihnen uneingeschränkt gut und sie leiden nicht; auch rein natürliche Glückseligkeit ist Glückseligkeit, und sie werden nicht wissen, was sie noch Größeres verpassen. Die Erbsünde bedeutet eben auch, dass der Seele die Fähigkeiten für den Himmel fehlen, die übernatürlichen Fähigkeiten zu größerer Erkenntnis und Liebe, als wir unserer Natur nach besitzen. Die Erbsünde muss auf irgendeine Weise weggenommen werden, mit ihr belastet kommt man nicht in den Himmel.

Man sollte vielleicht erwähnen, dass (so wird es z. B. in Dantes „Divina Comedia“ Anfang des 14. Jahrhunderts dargestellt) die anständigen Ungläubigen mit unüberwindlicher Unwissenheit auch manchmal in einem ähnlichen Limbus verortet wurden wie die ungetauften Kinder, statt ihnen eine implizite Begierdetaufe zuzuschreiben. Die Höllenstrafen sind ja generell unterschiedlich für die Verdammten; wem man noch die Trennung von Gott durch die Erbsünde zuschrieb, wer sich aber sonst nicht besonders im Hass auf Gott verhärtet hatte o. Ä., dem wurde also eher das Dasein an einem Ort mit wenigen oder keinen speziellen Strafen, möglicherweise mit natürlichem Glück, ohne Anschauung Gottes, zugeschrieben.

Grundsätzlich ist es also so, dass es Heilsmöglichkeiten für Nichtkatholiken gibt, und keiner ohne persönliche Sünde ewige Strafen erleidet. Allerdings ist es auch so, dass, je weiter man von der Wahrheit entfernt ist, es einem desto schwerer fällt, zu Gott zu kommen und das Richtige zu tun. Jemand, der in einer tiefgläubigen russisch-orthodoxen Familie aufwächst, hat es viel leichter, das Gute zu erkennen und auch zu tun, als jemand, der in einer atheistischen oder hinduistischen Familie aufwächst, auch wenn sie alle nicht in der vollkommenen Wahrheit stehen. Die Sakramente des Russisch-Orthodoxen, das Gebet, usw. machen es auch leichter, das, was man als gut erkannt hat, zu tun, dem Drängen des Gewissens zu folgen, während Gottesleugnung und Götzendienst Hindernisse sind. Und auch jemand, der noch nicht von Christus gehört hat, hat die Pflicht, seinen Schöpfer anzuerkennen, den er schon allein durch die Vernunft erkennen kann, und der sich ihm auch in gewisser Weise zeigen wird.

Man kann sich jetzt fragen: Wieso bekommen manche Menschen mehr Gnade von Gott als andere? Auch wenn Gott jedem hinreichende Gnade gibt, dass er in den Himmel kommen könnte, wieso gibt er manchen Leuten (z. B. solchen, die in liebenden katholischen Familien aufwachsen) mehr Gnade als anderen, sodass sie eine größere Wahrscheinlichkeit haben, in den Himmel zu kommen? Da kann man jetzt spekulieren. Vielleicht weiß Gott, dass manche Menschen auch eine größere Gnade verwerfen würden und sich damit umso mehr Schuld zuziehen würden, als wenn sie eine geringere verwerfen, und gibt ihnen deshalb von vornherein nur geringere Gnaden. Vielleicht ist es auch einfach wirklich so, dass Gott uns Einfluss geben will, dass wir durch Liebe zu anderen Menschen (Gebet, Evangelisierung usw.) deren Chancen auf den Himmel wirklich erhöhen können. Das Zusammenwirken von Vorsehung und freiem Willen ist ein tiefes Geheimnis. Aber am Ende ist es ja auch so, dass Gott uns nicht mal die hinreichende Gnade schuldet; Er gibt jedem immer mehr, als er verdient. Und wenn manche noch mehr bekommen – z. B. auch, weil Gott sie für eine besondere Aufgabe erwählt, für die sie auch leiden müssen, wie der Apostel Paulus, der eine besondere Gnade der plötzlichen Bekehrung bekam – dann muss man nicht neidisch sein. Keiner kommt zu kurz, für jeden ist die Gnade wirklich hinreichend.

Tortosa catedral Huguet Transfiguracio JudiciFinal 0006.jpg
Jüngstes Gericht.

So weit mal meine Darstellung der katholischen Lehre, aber weil es ja immer mal wieder bezweifelt wird, wie es mit der Lehre der Kirche früher aussah, ob sie auch da schon lehrte, dass Nichtchristen in den Himmel kommen können, habe ich dazu mal ein paar Texte gesammelt (es gäbe sicher einige mehr; das sind nur einige, die ich zufällig gerade kenne).

Der Basler Katechismus von 1947 sagt folgendes:

120. Wer gehört zur katholischen Kirche?
Zur katholischen Kirche gehört jeder Getaufte, der sich nicht freiwillig von ihr getrennt hat. Es gibt nur eine Taufe. Die gültige Taufe ist der Eintritt in die Kirche. Gültig ist eine Taufe, wenn das Wasser über die Stirn fließt und die Taufformel verwendet wird: «Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.» Darum ist auch ein Kind zur katholischen Kirche gehörig, das z.B. in der Gemeinschaft der Lutheraner getauft wird. Wer aber aus eigener Schuld wissentlich eine Irrlehre annimmt oder an ihr festhält, zerstört seine lebendige Verbindung mit der Kirche. Wer ohne eigene Schuld in einer nichtkatholischen kirchenähnlichen Gemeinschaft lebt (und also in der Irrlehre), jedoch zur Gnade Gottes gelangt ist, gehört zwar (noch) nicht zum sichtbaren «Leib» der katholischen Kirche, wohl aber zur «Seele» der Kirche, weil er innerlich mit ihr durch das Leben der Gnade verbunden ist.

121. Was heißt: Die katholische Kirche ist alleinseligmachend?
Die katholische Kirche ist alleinseligmachend heißt: Sie allein ist von Christus gestiftet als Arche des Heiles für alle Menschen, und sie allein hat alle Mittel, um heilig zu machen. Christus hat nur eine Kirche gestiftet. Dieser und keiner anderen hat er alle Gnadenmittel zur Heiligung und Erlangung des ewigen Heiles gegeben. Gnadenmittel, welche sich bei anderen Religionsgemeinschaften vorfinden, sind hinübergenommen aus der katholischen Kirche, von der sie sich getrennt haben.

122.Ist es gleichgültig, welcher Kirche man angehört?
Es ist notwendig und Gottes Wille, daß man der katholischen Kirche angehört. Wer erkennt und überzeugt ist, daß die katholische Kirche die wahre Kirche ist und trotzdem nicht in sie eintritt, kann nicht selig werden.

123.Können Andersgläubige auch selig werden?
Andersgläubige können auch selig werden, wenn sie in der heiligmachenden Gnade sterben.
Menschen, die unschuldigerweise die Kirche noch nicht kennen bzw. noch nicht zu ihr gehören, können durchaus auch im Stand der heiligmachenden Gnade sein. Um in dieser Gnade zu sterben, muß man den Willen Gottes erfüllen, wenn man ihn erkennt.
Erklärung: Wenn sie Gott grundsätzlich in allem gehorchen wollen und annehmen, was ihnen das Naturgesetz und das Gewissen als objektiv gut vorstellen, so ist in dieser Haltung unausgesprochen der Wunsch nach dem Empfang der Taufe enthalten, da es der allgemeine Wille Gottes ist, daß man sie empfängt. Es ist möglich, daß Gott ihnen ihre gute Seelenhaltung als implizite Begierdetaufe anrechnet, wenn sie keine Anhänglichkeit an die schwere Sünde pflegen bzw. diese durch eine Liebesreue getilgt haben. (vgl. hierzu auch Frage 176)
Solche Menschen werden nicht durch ihre Irrlehre selig, sondern allein durch die Gnade Christi. Doch fehlen ihnen viele Gnadenmittel, weshalb es für sie schwerer ist, sich zu retten. Darum muß sich die Kirche mit aller Kraft bemühen, alle Menschen zur Wassertaufe zu führen, um ihnen die Tür zu allen Gnadenmitteln zu eröffnen und ihr Heil sicherzustellen.

Hebr 11,6: „Wer Gott nahen will, muß glauben, daß er ist und daß er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist.”
Auch Katholiken können nur selig werden, wenn sie im Stand der Gnade als gehorsame Kinder der Kirche sterben.
Mahnung: «Nichts Ehrenvolleres, nichts Erhabeneres, nichts Ruhmreicheres kann je erdacht werden, als anzugehören der heiligen katholischen römischen Kirche» (Papst Pius XII.).
Schön und wahr sagt der heilige Cyprian (gest. 258): «Der kann Gott nicht zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat.»

Papst Pius IX. schreibt in der Enzyklika „Quanto conficiamur moerore“ von 1863 (hier eine englische Übersetzung, das Zitat ist aus Nr. 7):

Uns und Euch ist bekannt, daß diejenigen, die an unüberwindlicher Unkenntnis in bezug auf unsere heiligste Religion leiden und die, indem sie das natürliche Gesetz und seine Gebote, die von Gott in die Herzen aller eingemeißelt wurden, gewissenhaft beachten und bereit sind, Gott zu gehorchen, ein sittlich gutes und rechtes Leben führen, durch das Wirken der Kraft des göttlichen Lichtes und der göttlichen Gnade das ewige Leben erlangen können, da Gott, der die Gesinnungen, Herzen, Gedanken und Eigenschaften aller völlig durchschaut, erforscht und erkennt, in seiner höchsten Güte und Milde keineswegs duldet, daß irgendjemand mit ewigen Qualen bestraft werde, der nicht die Strafwürdigkeit einer willentlichen Schuld besitzt.

Heribert Jone schreibt in „Katholische Moraltheologie“:

Wer es schuldbarerweise vernachlässigt, den wahren Glauben kennenzulernen, sündigt leicht oder schwer, je nachdem seine Nachlässigkeit leicht oder schwer ist. – Solange aber jemand an seiner bisherigen Religion noch keinen vernünftigen Zweifel hat, besteht auch keine schwere Pflicht, weiter nachzuforschen. – Sind jemand die Glaubenswahrheiten hinreichend zu glauben vorgestellt, so ist Unglaube immer eine schwere Sünde. (Heribert Jone OFMCap, Katholische Moraltheologie auf das Leben angewandt unter kurzer Andeutung ihrer Grundlagen und unter Berücksichtigung des CIC sowie des deutschen, österreichischen und schweizerischen Rechtes, 17. Aufl., Paderborn 1961, Nr. 121, S. 93.)

„Vincibilis [überwindlich] wird die Unwissenheit genannt, wenn sie abgelegt werden könnte unter Anwendung der moralischen Sorgfalt, entsprechend den näheren Umständen der Person und der Sache. Kann sie mit Anwendung einer solchen Sorgfalt nicht abgelegt werden, dann heißt sie invicibilis [unüberwindlich], auch wenn sie bei noch größerer Sorgfalt abgelegt werden könnte.“ (Ebd., Nr. 16, S. 27)

Auch Ludwig Ott schreibt in „Grundriss der Dogmatik“ (11. Auflage) über dieses Thema. Um ihn zu verstehen, ist es notwendig, die theologischen Gewissheitsgrade zu verstehen, die die verschiedenen Lehren der Kirche haben. Ott definiert am Beginn seines Buches u. a. folgendes (Hinzufügungen in eckigen Klammern von mir):

1. Den höchsten Gewißheitsgrad besitzen die unmittelbar geoffenbarten Wahrheiten. Der ihnen gebührende Glaubensassens [Zustimmung] stützt sich auf die Autorität des offenbarenden Gottes (fides divina [göttlicher Glaube]) und, wenn die Kirche durch ihre Vorlage das Enthaltensein in der Offenbarung verbürgt, auch auf die Autorität des unfehlbaren Lehramtes der Kirche (fides catholica [katholischer Glaube]). Wenn sie durch ein feierliches Glaubensurteil (Definition) des Papstes oder eines allgemeinen Konzils vorgelegt werden, sind sie de fide definita [definierten Glaubens].
2. Die katholischen Wahrheiten oder kirchlichen Lehre, über die das unfehlbare Lehramt der Kirche endgültig entschieden hat, sind mit einem Glaubensassens anzunehmen, der sich auf die Autorität der Kirche allein stützt (fides ecclesiastica [kirchlicher Glaube]). Die Gewißheit dieser Wahrheiten ist unfehlbar wie bei den eigentlichen Dogmen.
3. Sententia fidei proxima [dem Glauben nahe, zugehörige Lehre] ist eine Lehre, die von den Theologen fast allgemein als Offenbarungswahrheit angesehen wird, von der Kirche aber noch nicht endgültig als solche verkündet worden ist.
4. Sententia ad fidem pertinens oder theologia certa [Lehre, die sich auf den Glauben bezieht, oder theologisch sichere Lehre] ist eine Lehre, über die sich das kirchliche Lehramt noch nicht endgültig geäußert hat, deren Wahrheit aber durch ihren inneren Zusammehang mit der Offenbarungslehre verbürgt ist (theologische Konklusionen).
5. Sententia communis [allgemein vertretene Lehre] ist eine Lehre, die an sich in das Gebiet der freien Meinungen gehört, von den Theologen aber allgemein vertreten wird.
6. Theologische Meinungen von geringerem Gewißheitsgrad sind die sententia probabilis [wahrscheinliche Meinung], probabilior [wahrscheinlichere], bene fundata [gut fundierte] und die mit Rücksicht auf ihre Übereinstimmung mit dem Glaubensbewußtsein der Kirche sog. sententia pia [fromme Meinung]. Den geringsten Gewißheitsgrad besitzt die opinio tolerata [geduldete Meinung], die nur schwach begründet ist, aber von der Kirche geduldet wird. (Ludwig Ott, Grundriß der katholischen Dogmatik, Neudruck der 11. Auflage mit Literaturnachträgen, Bonn 2005, S. 35)

Dann zum eigentlichen Thema. Darüber schreibt er:

Gott will auch unter der Voraussetzung des Sündenfalles und der Erbsünde wahrhaftig und aufrichtig das Heil aller Menschen. Sent. fidei proxima.
Daß Gott das Heil nicht bloß der Prädestinierten [derer, die am Ende im Himmel enden], sondern wenigstens aller Gläubigen will, ist formelles Dogma.
[…] Der göttliche Heilswille umfaßt wenigstens alle Gläubigen, wie aus dem amtlichen Glaubensbekenntnis der Kirche hervorgeht, in dem die Gläubigen beten: qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de coelis [der für uns Menschen und zu unserem Heil vom Himmel herabgekommen ist]. Daß er sich über den Kreis der Gläubigen hinaus erstreckt, ergibt sich aus der Verurteilung zweier gegenteiliger Sätze durch Alexander VIII. […]

Gott gibt allen schuldlos Ungläubigen (infideles negativi) hinreichende Gnade zur Erlangung des ewigen Heiles. Sent. certa.
Alexander VIII. verurteilte 1690 die jansenistischen Sätze, daß Christus bloß für die Gläubigen gestorben sei und daß die Heiden, Juden und Häretiker keinen Gnadeneinfluß von ihm empfangen.
Die Hl. Schrift bezeugt die Allgemeinheit des göttlichen Heilswillens (1 Tim 2,4; 2 Petr 3,9) und die Allgemeinheit der Erlösungstat Christi (1 Jo 2,2; 2 Kor 5,15; 1 Tim 2,6; Röm 5,18). Damit läßt sich nicht vereinbaren, daß einem großen Teil der Menschheit die zum Heile notwendige und hinreichende Gnade vorenthalten bleibt.
Die Väter deuten Jo 1,9 (illuminat omnem hominem [erleuchtet jeden Menschen]) gerne auf die Erleuchtung aller Menschen, auch der Ungläubigen, durch die göttliche Gnade. Vgl. Johannes Chrysostomus, In Ioan. hom.8,1. Eine patristische Monographie über die allgemeine gnadenspendende Tätigkeit Gottes ist die wahrscheinlich von Prosper von Aquitanien stammende anonyme Schrift De vocatione omnium gentium [Von der Berufung aller Völker] (um 450), die zwischen den Semipelagianern und den Anhängern der augustinischen Gnadenlehre zu vermitteln sucht und mit Entschiedenheit für die Universalität des göttlichen Heilswillens und der Gnadenmitteilung eintritt.
Da der Glaube „der Anfang des Heiles, die Grundlage und Wurzel aller Rechtfertigung ist“ (DH 1532), so ist auch für die Rechtfertigung der Heiden der Glaube unerläßlich. Hebr 11,6: „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Wer zu Gott hinzutritt, muß glauben, daß er ist ist und daß er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist.“ […] Was den Inhalt dieses Glaubens betrifft, so muß nach Hebr 11,6 wenigstens die Existenz Gottes und die Vergeltung im Jenseits necessitate medii [mit der Notwendigkeit des Mittels] mit der fides explicita [mit explizitem Glauben] festgehalten werden. […] Der zur Rechtfertigung erforderliche übernatürliche Glaube kommt dadurch zustande, daß Gott dem Ungläubigen durch äußere oder innere Belehrung die Offenbarungswahrheit zur Kenntnis bringt und ihn durch die aktuelle Gnade zum übernatürlichen Glaubensakt befähigt.
Einwand. Gegen die Allgemeinheit des göttlichen Heilswillens wird eingewendet, daß Gott das Heil der ohne Taufe sterbenden Kinder nicht ernst und aufrichtig will. Darauf ist zu erwidern: Gott ist auf Grund seines Heilswillens nicht verpflichtet, durch ein wunderbares Eingreifen alle einzelnen Hindernisse zu beseitigen, die sich in der von ihm geschaffenen Weltordnung aus dem Zusammenwirken geschöpflicher Zweitursachen mit der göttlichen Erstursache ergeben und in vielen Fällen die Durchführung des göttlichen Heilswillens vereiteln. Es besteht auch die Möglichkeit, daß Gott den ohne Taufe sterbenden Kindern auf außerordentlichem Wege die Erbsünde nachläßt und die Gnade mitteilt, da seine Kraft nicht an die Gnadenmittel der Kirche gebunden ist. Die Wirklichkeit einer derartigen außersakramentalen Gnadenmitteilung läßt sich jedoch nicht positiv beweisen.“ (Ebd., S. 342-346)

An anderer Stelle schreibt er noch:

Die Seelen, die im Stande der Erbsünde aus dem Leben scheiden, sind von der beseligenden Anschauung Gottes ausgeschlossen. De fide.
[…] Das Dogma stützt sich auf das Wort des Herrn: „Wenn jemand nicht (wieder)geboren wird aus dem Wasser und dem (Hl.) Geist kann er nicht in das Reich Gottes eingehen“ (Jo 3,5).
Auf außersakramentale Weise kann die Wiedergeburt der Unmündigen durch die Bluttaufe erfolgen (vgl. die Opfer des bethlehemitischen Kindermordes). Im Hinblick auf den allgemeinen Heilswillen Gottes (1 Tim 2,4) nehmen viele Theologen der Neuzeit und insbesondere der Gegenwart noch andere Ersatzmittel der Taufe für die ohne sakramentale Taufe sterbenden Kinder an, wie Gebet und Verlangen der Eltern oder der Kirche (stellvertretende Begierdetaufe – Cajetan) oder Erlangung des Vernunftgebrauchs im Augenblick des Todes, so daß das sterbende Kind sich für oder gegen Gott entscheiden könne (Begierdetaufe – H. Klee) oder Leiden und Tod des Kindes als Quasi-Sakrament (Leidenstaufe – H. Schell). Diese und andere Ersatzmittel der sakramentalen Taufe sind wohl möglich, doch kann ihre Tatsächlichkeit aus der Offenbarung nicht bewiesen werden. (Ebd., S. 178)

Erzbischof Marcel Lefebvre, der Gründer der traditionalistischen Piusbruderschaft, schreibt 1984 in „Offener Brief an die ratlosen Katholiken“:

Und doch hat sich in diesem Punkt nichts geändert und kann sich auch nichts ändern. Unser Herr hat nicht mehrere Kirchen gegründet, Er hat nur eine einzige gegründet. Es gibt nur ein einziges Kreuz, durch das man sich retten kann, und dieses Kreuz ist der katholischen Kirche anvertraut, nicht auch den anderen.
Christus hat alle Seine Gnaden der Kirche gegeben die Seine mystische Braut ist. Keine einzige Gnade auf der Welt, nicht eine einzige Gnade in der Geschichte der Menschheit wird gewährt werden außer über die Kirche.

Soll das heißen, daß kein Protestant, kein Moslem, kein Buddhist, kein Animist gerettet wird? Nein! So zu denken ist ein zweiter Irrtum. Jene, die bei den Worten des hl. Cyprian „Außerhalb der Kirche kein Heil“ nach Intoleranz schreien, verwerfen das Credo: „Ich glaube an die eine Taufe zur Vergebung der Sünden“ und sind ungenügend über das belehrt, was die Taufe wirklich ist. Es gibt drei Arten, die Taufe zu empfangen: die Taufe mit Wasser, die Bluttaufe (das ist die Taufe der Märtyrer, die ihren Glauben bekannt haben, während sie noch Katechumenen waren) und die Begierdetaufe.
Die Begierdetaufe kann explizit (ausdrücklich ausgesprochen) sein. Oft hat in Afrika ein Katechumene zu uns gesagt: „Pater, taufen Sie mich jetzt gleich, denn wenn ich vor Ihrem nächsten Besuch sterbe, komme ich in die Hölle.“ Wir haben ihm geantwortet: „Nein, wenn Du keine schwere Sünde auf dem Gewissen hast und wenn Du den Wunsch hast, getauft zu werden, hast Du schon die Gnade in Dir“.
So lautet die Lehre der Kirche, die auch die implizite (stillschweigende) Begierdetaufe anerkennt. Sie beruht auf dem Entschluß, den Willen Gottes erfüllen zu wollen. Gott kennt alle Seelen und weiß daher, daß es bei den Protestanten, den Moslems, den Buddhisten und in der ganzen Menschheit Seelen gibt, die guten Willens sind. Sie empfangen die Taufgnade, ohne es zu wissen, aber auf wirksame Weise. Dadurch vereinigen sie sich mit der Kirche.
Der Irrtum besteht in dem Glauben, daß sie sich durch ihre Religion retten. Sie retten sich in ihrer Religion, aber nicht durch ihre Religion. Man rettet sich nicht durch den Islam oder durch den Shintoismus. Es gibt im Himmel keine buddhistische Kirche; auch keine protestantische Kirche. Das mag, wenn man es hört, hart erscheinen, aber es ist die Wahrheit. Nicht ich habe die Kirche gegründet, unser Herr hat sie gegründet, der Sohn Gottes, und wir Priester sind verpflichtet, die Wahrheit zu sagen.
Aber wie groß sind die Schwierigkeiten, die die Menschen der nicht vom Christentum durchdrungenen Länder überwinden müssen, um die Gnade der Begierdetaufe zu erlangen! Der Irrtum ist eine Abschirmung gegen den Heiligen Geist. Das ist der Grund, warum die Kirche immer in alle Länder der Erde Missionare gesandt hat und daß so viele von ihnen dort das Martyrium erlitten haben. Wenn man das Heil in jeder beliebigen Religion erlangen könnte, wozu sollte man dann die Meere überqueren und sich unter gesundheitsschädigendem Klima einem harten Leben, Krankheit und frühem Tod aussetzen? (Marcel Lefebvre, Offener Brief an die ratlosen Katholiken, 3. Aufl., Stuttgart 2012, S. 92f.)

Dazu kommt natürlich, dass es auch schon viel nützt und viel Glück bringt, wenn man im jetzigen Leben die Wahrheit kennt, auch wenn Gott es einem im kommenden Leben nachsehen würde, sie nicht gekannt zu haben. Gottes Liebe kann man nie zu früh kennenlernen.

Um das Ganze zusammenzufassen: Die Erlösung geht nur durch Jesus; aber nicht zwangsläufig nur durch bewusste Kenntnis von Jesus. Extra ecclesiam nulla salus, außerhalb der Kirche kein Heil, aber man kann schon unbewussterweise zur Seele der Kirche gehören.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (kleine Auswahl):

AT: Dtn 30,15-20; Sir 15,11-20; Sir 17; Ez 18.

NT: Joh 3; Mt 7,21-23; Jak 2; Mt 25,31-46; Mt 13; Mk 16,16; Lk 15; Joh 12,44-50; Tit 3,3-8; Röm 1-8; Gal 3; 1 Kor 9,23-27; 1 Tim 6,12.

Heute also der zweite Artikel zum Thema Rechtfertigungslehre (mit den Theologen aus dem späteren 2. Jh.: Irenäus von Lyon, Tatian, Theophilus von Antiochia, Athenagoras, dem Märtyrerbericht über den hl. Apollonius und Minucius Felix); Teil 1 mit den früheren Schriften hier. Auch in Teil 2 wird wieder deutlich: Selbsterlösung ist unmöglich, das Heil kommt von Gott, aber der Mensch kann es ablehnen oder annehmen, es gibt einen freien Willen, Glaube und Werke sind beide zur Rechtfertigung nötig.

Irenäus von Lyon, der um 180 n. Chr. schreibt, hat einiges zu diesem Thema zu sagen.

Sehr schön ist eine Stelle, an der er sowohl sagt, dass der Glaube rechtfertigt, als auch, dass die guten Taten rechtfertigen, und, dass das Mosaische Gesetz zeitgebunden, aber das Naturrecht (also die universalen Regeln von Gut und Böse) immer gilt:

Da nun im Gesetz und im Evangelium das erste und größte Gebot ist, Gott den Herrn aus ganzem Herzen zu lieben, und das zweite, diesem ähnlich, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, so ist offenkundig der Urheber des Gesetzes und der Urheber des Evangeliums ein und derselbe. Die Übereinstimmung der Gebote für das vollkommene Leben in beiden Testamenten weist auf denselben Gott hin. Die besonderen Gebote passte er den besonderen Umständen an; die wichtigsten und höchsten Gebote aber, ohne die man nicht gerettet werden kann, sind in beiden Testamenten dieselben. […]

Die Naturgebote des Gesetzes aber, durch die der Mensch gerechtfertigt wird, und welche schon vor der Gesetzgebung diejenigen beobachteten, die durch den Glauben gerechtfertigt wurden und Gott gefielen, die hat der Herr nicht aufgehoben, sondern ausgedehnt und erfüllt, wie aus seinen Reden offenbar ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,12,3 u. IV,13,1)

Allgemeiner Heilswille Gottes (auch in Bezug auf die Menschen, die vor Christus lebten), das Heil kommt von Gott, aber der Mensch muss auch daran mitarbeiten:

„Denn nicht allein wegen derjenigen, die zu der Zeit des Kaisers Tiberius an ihn glaubten, kam Christus, noch allein wegen der Menschen, die jetzt leben, traf der Vater seine Fürsorge, sondern wegen aller Menschen ohne Ausnahme, die von Anfang an, jeder gemäß seinen Kräften in seiner Art, Gott fürchteten und liebten, in Gerechtigkeit und Frömmigkeit gegen den Nächsten wandelten und begehrten, Christus zu sehen und seine Stimme zu hören. Deshalb wird er diese alle bei seiner zweiten Ankunft vom Schlafe auferwecken und sie aufrichten, ebenso wie die übrigen, die gerichtet werden sollen, und sie einsetzen in sein Reich.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,22,2)

„Aber nicht wegen des eigenen Bedürfnisses nahm das Wort Gottes die Freundschaft Abrahams an, war es doch von Anfang an vollkommen: ‚Ehe denn Abraham war, bin ich‘, sagte es, sondern weil es dem Abraham in seiner Güte das ewige Leben schenken wollte. Denn Unsterblichkeit schenkt die Freundschaft Gottes denen, die sich darum bemühen. (Irenäus, Gegen die Häresien IV,13,4)

„Und wiederum spricht Moses: ‚Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott von dir, als daß du den Herrn deinen Gott fürchtest, auf allen seinen Wegen wandelst, und ihn liebst und dem Herrn deinem Gott dienest aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele?‘ Dies machte den Menschen herrlich und verlieh ihm das, was ihm fehlte, d. h, die Freundschaft Gottes; Gott aber gab es nichts, denn Gott gebrauchte nicht die Liebe des Menschen. Dem Menschen aber fehlte die Herrlichkeit Gottes, die er auf keine andere Weise erreichen konnte als durch den Gehorsam gegen Gott. Und deswegen spricht Moses abermals: ‚Erwähle das Leben, damit du lebest, du und dein Same; zu lieben den Herrn, deinen Gott, auf seine Stimme zu hören, und ihn zu ergreifen, das ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage.‘ Um für dieses Leben den Menschen zu erziehen, sprach der Herr durch sich selber die Worte des Dekalogs zu allen in gleicher Weise, und darum dauern sie gleicher Weise auch bei uns fort, indem sie Ausdehnung und Erweiterung, nicht aber Aufhebung durch seine Ankunft empfangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,16,4)

„Durch ihn erlöst, preisen wir unaufhörlich Gott, welcher in seiner großen, unerforschlichen und abgründigen Weisheit uns gerettet hat und das Heil vom Himmel her verkündigt hat, die sichtbare Ankunft unseres Herrn, d. h, seinen Wandel als Mensch. Wir hätten dies für uns nicht erlangen können. Doch was unmöglich ist bei den Menschen, das ist möglich vor Gott. (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 97)

Gott macht den Anstoß, dann muss der Mensch mitwirken:

„So sollten wir zum Frieden mit Gott gelangen, indem wir das ihm Gefällige tun, nachdem die Feindschaft gegen Gott, welche die Ungerechtigkeit ist, aufgehoben ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 86)

Rechtfertigung durch Glaube (der sich auch in Werken zeigt):

„Also war dem Abraham der Herr nicht unbekannt, dessen Tag er zu sehen wünschte, noch der Vater des Herrn. Denn er hatte es von dem Worte des Herrn gehört und glaubte ihm, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit vom Herrn angerechnet. Denn der Glaube an den höchsten Gott rechtfertigt den Menschen, und deswegen sprach er: ‚Ich will ausstrecken meine Hand zu dem höchsten Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,5,5)

„Das Versprechen, welches einst Gott dem Abraham gegeben hatte, sein Geschlecht [zahlreich und herrlich] zu machen wie die Sterne des Himmels, hat Christus nun auch erfüllt. Er tat das dadurch, daß er selbst aus dem Geschlechte Abrahams seinen Ausgang nahm in der Jungfrau, von der er geboren wurde, und dadurch, daß er in jenen, die an ihn glaubten, der Welt Leuchten aufstellte und durch denselben Glauben mit Abraham die Heiden rechtfertigte, ‚denn es glaubte Abraham Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet‘. In gleicher Weise werden auch wir durch den Glauben an Gott gerechtfertigt, denn ‚der Gerechte lebt aus dem Glauben‘. ‚So ist nun nicht durch das Gesetz die Verheißung dem Abraham geworden, sondern durch den Glauben.‘ Denn Abraham wurde durch den Glauben gerechtfertigt und für den Gerechten besteht das Gesetz nicht. In gleicher Weise werden auch wir nicht durch das Gesetz gerechtfertigt, sondern durch den Glauben, welcher vom Gesetz und von den Propheten bezeugt wird, die uns das Wort Gottes bestellt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 35) (Gemeint ist hier das Mosaische Gesetz.)

„Dazu aber hat der Vater den Sohn offenbart, damit er durch ihn allen bekannt werde und er die Gerechten, welche an ihn glauben, in die Unvergänglichkeit und ewige Ruhe aufnehmen kann — ihm glauben heißt nämlich seinen Willen tun — die aber, welche ihm nicht glauben und somit sein Licht fliehen, in die selbsterwählte Finsternis verdientermaßen verbanne. Allen also hat sich der Vater offenbart, indem er allen sein Wort sichtbar machte; und das Wort wiederum zeigte allen den Vater und den Sohn, da er von allen gesehen wurde. Darum ergeht das gerechte Gericht Gottes über alle, die ihm, obwohl sie ihn ebenso wie die andern sahen, nicht ebenso glaubten.

Denn durch die Schöpfung selber offenbart das Wort Gott als den Schöpfer und durch die Welt den Herrn als den Schöpfer der Welt und durch das Geschöpf, das er geschaffen hat, den Künstler, und durch den Sohn als Vater den, der den Sohn erzeugt hat. So ähnlich sind auch die Worte aller, aber verschieden ist ihr Glaube. Doch auch durch Gesetz und Propheten hat das Wort in ähnlicher Weise sich und den Vater verkündet — und obwohl das gesamte Volk es in gleicher Weise hörte, glaubten nicht alle in gleicher Weise. Auch wurde durch das sichtbar und greifbar gewordene Wort der Vater allen gezeigt. Es glaubten nicht alle ihm gleichmäßig, und doch sahen alle in dem Sohne den Vater, denn das Unsichtbare an dem Sohne ist der Vater, und das Sichtbare des Vaters ist der Sohn. […]

Es mußte nämlich die Wahrheit von allen Zeugnis empfangen und ein Gericht sein zum Heile der Gläubigen und zur Verdammnis der Ungläubigen, damit alle gerecht gerichtet würden und der Glaube an den Vater und den Sohn von allen bestätigt, d. h. von allen bekräftigt werde, indem er von allen das Zeugnis empfing, von den Hausgenossen als ihren Freunden und von den Fremden als ihren Feinden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,5-7)

Werke sind nötig (Auslegung des Gleichnisses vom königlichen Hochzeitsmahl):

„Weiter tat der Herr kund, daß wir, abgesehen von der Berufung, uns auch mit den Werken der Gerechtigkeit schmücken müssen, damit über uns der Geist Gottes ruhe. Das ist das hochzeitliche Kleid […]. Die aber zu dem Mahle Gottes berufen sind, wegen ihres schlechten Wandels jedoch den Hl. Geist nicht empfangen haben, die werden nach seinem Worte ‚in die äußerste Finsternis hinausgeworfen werden‘. Es ist also offenbar derselbe König, der die Gläubigen von allen Seiten zu der Hochzeit seines Sohnes berufen hat und das unvergängliche Gastmahl ihnen schenkte, und andererseits in die äußerste Finsternis den werfen läßt, der kein hochzeitliches Kleid an hat, d. h. ihn verachtet. Denn wie in dem Alten Testamente er ‚an vielen von ihnen kein Wohlgefallen hatte‘, so sind auch hier ‚viele berufen, wenige auserwählt‘. Derselbe Gott also, der richtet, ist auch der Vater, der zum Heile beruft, er schenkt den einen das ewige Licht und läßt die, welche kein hochzeitliches Kleid anhaben, in die äußerste Finsternis hinauswerfen. Derselbe Herr, der Vater unseres Herrn, der die Propheten gesandt hat, beruft wegen seiner unendlichen Güte zwar Unwürdige, sieht aber darauf, ob die Berufenen auch ein geziemendes Kleid anhaben, wie es sich schickt für die Hochzeit seines Sohnes. Denn nichts Unpassendes oder Schlechtes kann ihm gefallen. So sagt ja auch der Herr zu dem, den er geheilt hatte: ‚Siehe, du bist gesund geworden, sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres geschehe.‘ Denn der Gute, Gerechte, Reine und Unbefleckte wird nichts Böses, Ungerechtes oder Abscheuliches in seinem Brautgemache dulden. Das ist aber der Vater unseres Herrn, durch dessen Vorsehung alles besteht, und auf dessen Befehl alles gelenkt wird. Unverdienterweise gibt er seine Geschenke, denen es zukommt; nach Verdienst aber vergilt er ganz geziemend den Undankbaren, die seine Güte nicht erkennen wollen, als gerechtester Vergelter, und deswegen heißt es: Er sandte seine Heere aus und vernichtete jene Mörder und zündete ihre Stadt an.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,36,6)

„Durch ihn und von ihm erlangen die, welche Gott glauben und seinem Worte folgen, ihr Heil; die aber von ihm sich abwenden und seine Gebote verachten und durch ihre Werke den verunehren, der sie geschaffen hat, und in ihrem Herzen den lästern, der sie ernährt, die beschworen auf sich sein gerechtes Gericht.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,33,15)

Taufe auf den dreifaltigen Gott zur Nachlassung der Sünden, dann Glaube und Werke:

„Wohlan, um nicht von ihr [der Irrlehre] zu kosten, müssen wir treu an der Regel des Glaubens festhalten und die Gebote Gottes erfüllen, vom Glauben an Gott geleitet und aus Furcht vor ihm, weil er der Herr ist, zugleich aus Liebe zu ihm, weil er ein Vater ist. Das Vollbringen kommt aus dem Glauben, wie Isaias sagt: ‚Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht verstehen‘, und zum Glauben führt die Wahrheit, denn der Glaube ruht auf wahrhaften Tatsachen. Das Tatsächliche werden wir glauben, wie es ist, und im Glauben an das Tatsächliche, wie es immer ist, auch in fester Zustimmung zu demselben verharren. Da der Glaube die Bürgschaft für unser Heil ist, so ist es unsere ehrenvolle Pflicht, auf dieses Heilmittel viele Sorgfalt zu verwenden, um die wahre Einsicht in die Dinge zu erlangen. Der Glaube bewirkt dies in uns, wie uns die Alten, die Schüler der Apostel, überliefert haben. Zuvörderst mahnt er uns zu gedenken, daß wir die Taufe zur Nachlassung der Sünden im Namen Gottes des Vaters empfangen haben, und im Namen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, der einen Leib angenommen hat, gestorben und von den Toten auferstanden ist, und im heiligen Geist Gottes, und daß diese Taufe das Siegel des ewigen Lebens und der Wiedergeburt in Gott ist, so daß wir nicht mehr Kinder der sterblichen Menschen, sondern des ewigen, immerwährenden Gottes sind.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung, Einleitung 3)

„Das ist das Betragen der Gläubigen, da der Hl. Geist in ihnen ist und dauernd weilt, der in und mit der Taufe gegeben wird und vom Empfänger bewahrt wird, wenn er in Wahrheit, Heiligkeit, Gerechtigkeit und Beharrlichkeit wandelt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 42)

Nicht das alttestamentliche Gesetz, sondern der Glaube und die Gottes- und Nächstenliebe führen zum Heil:

Und daß die Menschen nicht nach den vielen Verordnungen des Gesetzes, sondern gemäß der Einfalt des Glaubens und der Liebe zum Heil gelangen sollten, spricht Isaias so aus: ‚Ein kurzes und bündiges Wort mit Gerechtigkeit. Denn ein kurzes Wort wird der Herr vollführen auf der ganzen Erde.‘ Deswegen sagt der Apostel Paulus: ‚Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe‘, denn derjenige, welcher Gott liebt, hat auch das Gesetz erfüllt. Ja als der Herr gefragt worden war, welches das erste Gebot sei, hat auch er gesagt: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen und aus allen Kräften; und das zweite ist diesem gleich, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten‘, sagt er, ‚hängt das ganze Gesetz und die Propheten‘. Er hat nun durch den Glauben an ihn die Liebe zu Gott und zum Nächsten großgezogen, indem er uns fromm, gerecht und gut macht, und in diesem Sinn hat er ein kurzes Wort auf der ganzen Erde durchgeführt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 87)

Irenäus beschreibt die falsche Lehre der Gnostiker, die Simon Magus eingeführt habe, der in der Apostelgeschichte den Aposteln die Gabe des Heiligen Geistes abkaufen wollte, folgendermaßen (die Gnostiker glaubten generell an verschiedene jenseitige Wesen, dass ein schlechter Untergott die materielle Welt erschaffen hatte, und dass man aus dieser Welt durch Erkenntnis entkommen musste):

„Dieser Mann nun [Simon Magus], der von vielen wie ein Gott verherrlicht wurde, lehrte von sich selbst, er sei unter den Juden als Sohn erschienen, in Samaria als Vater herabgestiegen und bei den übrigen Völkern als der Heilige Geist angekommen. Er sei die allerhöchste Kraft, d. h. der über alles erhabene Vater, and lasse es sich gefallen, unter jedem beliebigen Namen von den Menschen angerufen zu werden.

Dieser Simon von Samaria, von dem sämtliche Sekten abstammen, trägt folgende Irrlehre vor: Mit einer gewissen Helena, die er zu Tyrus in Phönizien als Lohndirne erstand, zog er herum und sagte, dies sei die erste Vorstellung seines Geistes, die Mutter aller, durch die er im Anfang gedachte, Engel und Erzengel zu erschaffen. Indem diese Ennoia von ihm ausging und erkannte, was der Vater wollte, stieg sie in die unteren Regionen hinab und zeugte die Engel und Mächte, von denen diese Welt gemacht worden sein soll. Dann aber wurde sie aus Neid von ihren eigenen Kindern zurückgehalten, da diese nicht für die Kinder irgend jemandes gehalten werden wollten. Er selbst blieb ihnen gänzlich unbekannt, die Ennoia aber hielten die Engel und Mächte zurück, die sie selbst geboren hatte, und jegliche Schmach mußte sie von ihnen erleiden, so daß sie nicht zu ihrem Vater zurückkehren konnte und sogar in menschlichem Körper eingeschlossen, in Ewigkeit wie von einem Gefäß in das andere in weibliche Körper überging. So war sie auch in dem Leib der Helena, deretwegen der trojanische Krieg unternommen wurde. Stesichorus, der auf sie Schmählieder dichtete, wurde deswegen geblendet, und erst als er reuevoll durch Gegenlieder Abbitte leistete, bekam er das Augenlicht wieder. Bei ihrer Wanderung von Körper zu Körper erlitt sie in jedem immer neue Schmach und landete zuletzt in einem öffentlichen Hause — sie ist das verlorene Schaf.

Da kam er nun selber, um sie zunächst zu erheben und von ihren Fesseln zu befreien, aber auch den Menschen durch die eigene Erkenntnis das Heil zu bringen. Die Engel nämlich regierten die Welt schlecht, weil jeder von ihnen der erste sein wollte. Deshalb kam er, um die Welt aufzurichten, wurde umgestaltet und ähnlich den Mächten, Kräften und Engeln, so daß er wie ein Mensch aussah und doch keiner war, in Judäa gelitten zu haben schien und doch nicht gelitten hatte. Die Propheten haben gesprochen, indem sie von den Engeln inspiriert wurden, welche die Welt gemacht hatten. Wer darum an ihn und an seine Helena glaube, der braucht sich um sie nicht weiter zu kümmern, sondern kann als Freier tun, was ihm beliebt. Durch seine Gnade werden die Menschen gerettet und nicht durch die Werke ihrer Gerechtigkeit. Die Werke sind nicht gut per se, sondern nur per Akzidens. Die entgegengesetzte Lehre haben die Engel, die die Welt gemacht haben, erfunden, um durch solche Vorschriften die Menschen zu knechten. Wenn aber die Welt aufgelöst werde, dann versprach er ihnen, sollten sie von der Herrschaft jener Engel befreit werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, I,23,1.3)

Noch etwas über die Gnostiker:

„Doch zu den andern Punkten ihrer Lehre müssen wir noch zurückkehren. Sie sagten nämlich, daß beim Weltenende ihre Mutter in das Pleroma zurückkomme und als Bräutigam den Erlöser empfange; daß sie als die Geistigen, nachdem sie ihrer Seelen entkleidet wären, zu Bräuten der geistigen Engel würden, und dass der Demiurg, der ja nur seelisch sei, an den Platz der Mutter trete, die Seelen der Gerechten aber an dem Ort der Mitte ausruhten, weil ja das Seelische zu dem Seelischen, das Geistige zu dem Geistigen sich hinziehen, das Materielle aber im Materiellen verbleiben müsse. Doch widersprechen sie sich damit selber. Es sollen ja die Seelen nicht wegen ihrer Natur an den Ort der Mitte zu ihresgleichen gehen, sondern wegen ihrer Werke, die gerechten nämlich dorthin und die gottlosen in das Feuer. Kommen nämlich alle Seelen an den Ort der Ruhe und der Mitte, eben weil sie Seelen von der gleichen Wesenheit sind, dann wäre der Glaube überflüssig und überflüssig die Herabkunft des Heilands. Geschieht es aber wegen ihrer Gerechtigkeit, dann ist der Grund der Rettung nicht mehr ihre Wesenheit. (Irenäus, Gegen die Häresien II,29,1)

Freier Wille:

„Wenn aber einige mit Rücksicht auf die ungehorsamen und verlorenen Israeliten sagen wollten, daß der Lehrer des Gesetzes also schwach war, so werden sie auch in dem Ruf, der an uns ergangen ist, viele Berufene, aber wenige Auserwählte finden und solche, die inwendig Wölfe, von außen aber mit Schaffellen bekleidet sind. Denn immer hat Gott und seine Ermahnung den freien Willen und das Selbstbestimmungsrecht im Menschen gewahrt, damit die Ungehorsamen gerechterweise verurteilt werden, deshalb weil sie nicht gehorchten. Die aber ihm gehorchten und glaubten, die sollten mit der Unvergänglichkeit geehrt werden. (Irenäus, Gegen die Häresien IV,15,2)

„Jenes Wort: ‚Wie oft wollte ich versammeln deine Söhne, und du hast nicht gewollt‘, weist auf das alte Gesetz von der Freiheit des Menschen hin. Denn frei hat ihn Gott im Anfang erschaffen, mit eigener Macht wie mit eigener Seele, sodaß er mit freiem Willen ohne Zwang von Seiten Gottes Gottes Einsicht folgen sollte. Denn bei Gott ist kein Zwang; gute Erkenntnis aber ist bei ihm immerzu, und deswegen gibt er auch allen guten Rat. Er legte aber in den Menschen wie in die Engel die Gewalt zu wählen, denn auch die Engel sind mit Vernunft begabt, damit die, welche ihm gehorchen würden, mit Recht das Gute besäßen, von Gott verliehen, aber von ihnen bewahrt. Die aber ihm nicht gehorchten, die werden gerechterweise nicht bei dem Guten gefunden und empfangen die verdiente Strafe. Gab ihnen doch Gott in seiner Güte das Gute; sie aber bewahrten es nicht sorgfältig, noch erachteten sie es als wertvoll, sondern verachteten die überaus große Güte. Die also das Gute fortwerfen und es gleichsam ausspeien, die werden alle verdientermaßen dem gerechten Gerichte Gottes verfallen, wie der Apostel Paulus im Römerbriefe mit den Worten bezeugt: ‚Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte und Geduld und Langmut, ohne zu wissen, daß die Güte Gottes zur Buße dich hinführt? Aber gemäß deiner Härte und deinem unbußfertigen Herzen häufst du dir den Zorn Gottes auf an dem Tage des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes. Ehre aber und Ruhm jedem, der Gutes tut.‘ Gott also gab das Gute, wie auch der Apostel in diesem Briefe bezeugt, und die es tun, die werden Ehre und Ruhm erlangen, da sie das Gute getan haben, wo sie es auch nicht tun konnten; die es aber nicht tun, die werden das gerechte Gericht Gottes erdulden, weil sie das Gute nicht getan haben, wo sie es doch tun konnten.

Wären von Natur die einen gut, die anderen schlecht geworden, dann wären die Guten nicht lobenswert, da sie ja so gemacht worden sind, noch jene tadelnswert, da von ihnen das Gleiche gilt. Da aber alle von der gleichen Natur und imstande sind, das Gutes sowohl an sich zu ziehen und zu tun, als auch von sich zu stoßen und nicht zu tun, so werden mit Recht bei verständigen Menschen, also vielmehr noch bei Gott, die einen gelobt und empfangen das ihrer guten Wahl und Ausdauer gebührende Zeugnis; die anderen aber werden getadelt und empfangen die gebührende Strafe, weil sie das Schöne und Gute von sich gewiesen haben. Und deshalb ermahnten auch die Propheten die Menschen, gerecht zu handeln und das Gute zu tun, wie wir vielfach gezeigt haben, weil dies in unserer Kraft steht, und weil wir durch vielfache Nachlässigkeit vergeßlich geworden sind und uns die Erkenntnis des Rechten fehlt, die uns der gute Gott durch die Propheten geben wollte.

Deshalb sagte auch der Herr: ‚Es leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater verherrlichen, der im Himmel ist. Habet acht auf euch, daß nicht vielleicht eure Herzen beschwert werden in Rausch und Trunkenheit und weltlichen Sorgen.‘ Und: ‚Eure Lenden seien umgürtet und eure Lampen brennend, und ihr ähnlich den Leuten, die ihren Herrn erwarten, wann er zurückkommt von der Hochzeit, damit, wann er kommt und klopft, sie ihm öffnen. Glücklich jener Knecht, den sein Herr, wann er kommt, so tun findet.‘ Und andererseits: ‚Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt und nicht tut, wird viele Streiche bekommen.‘ Und: ‚Was sagt ihr zu mir: ‚Herr, Herr‘, und tut nicht, was ich sage?‘ Und abermals: ‚Wenn aber der Knecht in seinem Herzen spricht: Es zögert mein Herr, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, so wird sein Herr an dem Tage kommen, wo er nicht hofft, und er wird ihn absondern und ihm seinen Teil mit den Heuchlern geben.‘ All dies beweist, daß der Mensch frei und selbständig ist, und Gott uns mit seinem Rate nur leitet, indem er uns zum Gehorsam ermahnt und vom Unglauben hinwegführt, nicht aber mit Gewalt uns zwingt.

Wenn also jemand dem Evangelium nicht folgen will, so steht es ihm frei, aber es nützt ihm nicht. Der Mensch kann sich für den Ungehorsam gegen Gott entscheiden und für den Verlust des Guten, zieht sich aber dadurch einen gewaltigen Nachteil und Schaden zu. Darum sagt Paulus: ‚Alles steht mir frei, aber nicht alles bringt Nutzen.‘ ‚Alles ist erlaubt‘, weist hin auf die Freiheit des Menschen, die keinem Zwange Gottes unterliegt, ‚es nützt aber nichts‘, warnt uns, die ‚Freiheit zum Deckmantel der Bosheit zu mißbrauchen‘, was nichts nützt. […] Läge es also nicht in unserer Hand, dies zu tun oder nicht zu tun, welchen Grund hätte dann der Apostel und noch viel mehr der Herr selbst gehabt, uns den Rat zu geben, daß wir einiges tun, von anderem aber uns enthalten sollen? Weil jedoch der Mensch von Anfang an einen freien Willen hat, wie Gott einen freien Willen hat, nach dessen Ebenbild er erschaffen worden ist, so gibt er ihm immer den Rat, das Gute festzuhalten, welches im Gehorsam gegen Gott vollendet wird.

Aber nicht nur in den Werken, sondern sogar im Glauben hat Gott die Freiheit und Selbstentscheidung des Menschen beachtet, indem er spricht: ‚Nach deinem Glauben möge dir geschehen‘, womit gesagt ist, daß der Glaube ebenso Eigentum des Menschen ist wie sein freier Wille. Und abermals heißt es: ‚Alles ist möglich dem, der da glaubt‘, und: ‚Gehe, wie du geglaubt hast, soll dir geschehen!‘ Alle derartigen Stellen lehren, daß der Glaube von der freien Zustimmung des Menschen abhängt. Deswegen hat auch ‚der, welcher ihm glaubt, das ewige Leben; wer aber dem Sohne nicht glaubt, der hat nicht das ewige Leben, sondern der Zorn Gottes wird über ihm bleiben‘. In dem Sinne also erklärt der Herr das Gute für sein Eigentum und beläßt dem Menschen den freien Willen und die Selbstentscheidung, wenn er zu Jerusalem spricht: ‚Wie oft wollte ich deine Söhne versammeln, wie die Henne ihre Küchlein unter den Flügeln, und du hast nicht gewollt. Deshalb wird euch euer Haus öde gelassen werden.‘

Die aber die gegenteilige Ansicht vertreten, stellen sich den Herrn als zu schwach vor, so daß er das nicht durchsetzen konnte, was er wollte, oder als einen, der die Natur der von ihnen sogenannten Choiker nicht kannte, da diese ja seine Unsterblichkeit nicht annehmen konnten. Aber dann hätte er weder die Engel so schaffen dürfen, daß sie sündigen konnten, noch solche Menschen, die sogleich gegen ihn undankbar wurden. Wurden diese doch mit Verstand, Unterscheidungs- und Urteilskraft begabt und waren keineswegs wie die unverständigen und leblosen Geschöpfe, die nach eigenem Willen nichts tun können, sondern mit Zwang und Notwendigkeit zum Guten gezogen werden, so daß in ihnen ein Sinn und eine Sitte ist, so daß sie, unveränderlich und urteilslos, nichts anders sein können als das, wozu sie erschaffen wurden. Dann aber wäre ihnen das Gute nicht angenehm, noch wertvoll die Gemeinschaft mit Gott, noch das Gute sehr begehrenswert, wenn es ihnen ohne eigene Tätigkeit, Sorge und Eifer zufallen, sowie ohne eigenes Zutun und mühelos verliehen würde. Dann hätten auch die Guten nichts zu bedeuten, weil sie mehr von Natur als aus eigenem Willen so geworden wären und das Gute von selbst, aber nicht aus eigener Wahl hätten, und folglich würden sie auch nicht einmal einsehen, wie schön das Gute ist, noch könnten sie es genießen; denn nur das kann man als ein Gut genießen, was man als ein Gut kennt. Welchen Ruhm aber würden sie haben, wenn sie sich darum nicht bemüht haben, und welche Krone sollte ihnen werden, wenn sie sie nicht wie die Sieger im Kampfe erlangt haben?

[…] Und deswegen sagt auch Paulus im Korintherbriefe: ‚Wisset ihr nicht, daß die, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, daß aber nur einer den Preis erhält? So laufet, daß ihr ihn erlanget. Jeder aber, der da kämpft, ist in allem enthaltsam, jene, damit sie eine vergängliche Krone empfangen, wir aber eine unvergängliche. Ich aber laufe so, nicht auf ein Ungewisses; ich kämpfe so, nicht als ob ich die Luft schlage, sondern ich züchtige meinen Körper und bringe ihn in Knechtschaft, damit ich nicht vielleicht, andern predigend, selbst verworfen werde.‘ Als guter Streiter also ermahnt er uns zum Kampfe um die Unvergänglichkeit, damit wir gekrönt werden und die Krone als wertvoll schätzen, da sie nur durch Kampf erworben wird und nicht von selbst uns zufällt. Und je mehr sie uns durch Kampf zuteil wird, um so wertvoller ist sie; je wertvoller aber sie uns ist, um so mehr sollen wir sie immer lieben. Auf verschiedene Weise lieben wir das, was uns von selbst kommt, und das, was mit vieler Sorgfalt erst errungen wird. Weil es aber bei uns stand, Gott mehr zu lieben, hat uns der Herr gelehrt und der Apostel gezeigt, dies mit Anstrengung zu finden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,37,1-7)

„Wäre unser Lehrer, das Wort, nicht Mensch geworden, so hätten wir auf keine andere Weise lernen können, was Gottes ist. Denn kein anderer konnte uns vom Vater erzählen als sein eigenes Wort. ‚Wer hat nämlich sonst den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sonst sein Ratgeber geworden?‘ Auch konnten wir es nicht anders lernen, als indem wir unsern Lehrer sahen und mit unsern Ohren seine Stimme hörten, auf daß wir ‚die Nachahmer seiner Werke und die Vollbringer seiner Worte geworden‘, die Gemeinschaft mit ihm hätten, indem wir von dem Vollkommenen und dem, der vor aller Schöpfung da war, den Zuwachs empfingen. Wir sind ja eben erst geworden, von dem allein Guten und sehr Guten und dem, der Unvergänglichkeit schenken kann, nach seinem Ebenbild erschaffen, vorausbestimmt, zu sein, als wir noch nicht waren, nach dem Vorauswissen des Vaters, ‚zum Anfang der Schöpfung‘ gemacht. So haben wir zur vorherbestimmten Zeit durch Vermittlung des Wortes, das in allem vollkommen ist, empfangen, daß er als das allmächtige Wort und wahrer Mensch mit seinem Blute uns rechtmäßig erlöst und sich zum Lösegeld für die hingegeben hat, die in die Gefangenschaft geführt waren. Da also die Herrschaft der Apostasie über uns nicht zu Recht bestand und wir von Natur des allmächtigen Gottes Eigentum waren, er also wider die Natur uns ihm entriß, indem er uns zu seinen Jüngern machte, so hat sich das in allem mächtige Wort Gottes, dessen Gerechtigkeit nicht nachläßt, mit Recht auch gegen die Apostasie erhoben und sein Eigentum davon erlöst. Aber nicht Gewalt wandte er an, wie sie im Anfang über uns herrschte, indem jener fremdes Eigentum unersättlich an sich riß, sondern bloßen Rat, wie es sich für Gott geziemt, der da rät, aber nicht zwängt, ihm zu folgen, damit das Recht nicht gebeugt würde und das Urgeschöpf Gottes nicht zugrunde ging. Da also mit seinem Blute der Herr uns erlöste und seine Seele für uns hingab und sein Fleisch für unser Fleisch, und da er den Geist des Vaters ausgoß, um den Menschen mit Gott auf das innigste zu verbinden, indem er in dem Menschen durch den Geist Gott niederlegte und durch seine Menschwerdung den Menschen in Gott hineinlegte, und da er wahrhaft und wirklich in seiner Ankunft durch die Gemeinschaft mit ihm Unvergänglichkeit schenkte — so sind verloren alle Lehren der Häretiker.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,1,1)

„In den vorausgegangenen Büchern haben wir die Gründe dargelegt, warum Gott solches geschehen läßt, und wir haben gezeigt, daß dies alles dem Menschen dient, der gerettet wird, weil es den mit Wahl- und Willensfreiheit begabten Menschen zur Unsterblichkeit heranreifen läßt und ihn zum ewigen Gehorsam gegen Gott anpaßt und vorbereitet. Deshalb dient auch die Schöpfung dem Menschen. Denn der Mensch ist nicht wegen der Schöpfung, sondern die Schöpfung wegen des Menschen geworden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, V,29,1)

Reprobation? Über „Gott verhärtete das Herz des Pharao“ u. Ä.:

Da nun Gott alles vorausweiß, so überläßt er die, von denen er weiß, daß sie nicht glauben werden ihrem Unglauben, wendet sein Angesicht von solchen ab und läßt sie in der Finsternis zurück, die sie sich selbst erwählt haben. Was Wunder also, wenn er den Pharao, der ja niemals geglaubt hätte, samt seinem Anhang dem Unglauben preisgab? So spricht das Wort aus dem Dornbusche zu Moses: ‚Ich aber weiß, daß Pharao, der König von Ägypten, euch nicht wird fortziehen lassen, wenn nicht in meiner starken Hand.‘ Und geradeso wie der Herr in Gleichnissen redete und Israel verblendete, damit sie sehen sollten und nicht sehen, da er ihren Unglauben kannte, geradeso verhärtete er auch das Herz des Pharao, damit er sah, daß es der Finger Gottes ist, der das Volk herausführt, und doch nicht glaubte, sondern sich in das Meer des Unglaubens stürzte, weil er wähnte, daß ihr Auszug durch eine Zauberkraft geschähe, und daß das Rote Meer nicht infolge göttlicher Kraft dem Volk den Durchgang gewähre, sondern daß es so natürlich zugehe.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,29,2)

Die Menschen sind selbst schuld, wenn sie verloren gehen:

Wer deshalb das Geschenk des Lebens bewahrt und dankbar ist gegen den Geber, der wird in Ewigkeit die Länge der Tage empfangen. Wer es aber von sich wirft und seinem Schöpfer undankbar wird, keinen Dank dafür weiß, daß er geworden, und den Geber nicht erkennt, der beraubt sich selbst der Fortdauer in Ewigkeit. Deshalb spricht der Herr zu solchen Undankbaren: ‚Wenn ihr im Kleinen nicht getreu gewesen, was Großes wird man euch geben können?‘ Das soll heißen: Wer in dem kurzen zeitlichen Leben undankbar gewesen ist gegen den, der es gab, wird gerechterweise von ihm in Ewigkeit die Länge der Tage nicht empfangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,34,3)

„Denn der Tag des Herrn ist wie eine glühende Esse, und Stroh werden sein alle Sünder, die Unrecht tun, und der kommende Tag wird sie verbrennen. Wer aber der Herr ist, der solchen Tag hereinbringt, das verkündet Johannes der Täufer, indem er von Christus sagt: ‚Er wird euch mit dem Hl. Geiste und Feuer taufen, indem er die Wurfschaufel in seiner Hand hat, um seine Tenne zu reinigen, und die Frucht wird er sammeln in die Scheune, die Spreu aber verbrennen in unauslöschlichem Feuer.‘ Nicht also macht einer den Weizen, ein anderer die Spreu, sondern ein und derselbe, der sie auch richten wird, d. h. trennen. Weizen und Spreu aber, die ohne Leben und Verstand sind, wurden von Natur aus so; der vernünftige Mensch jedoch, hierdurch das Ebenbild Gottes, daß er frei wählen und sich selbst bestimmen kann, trägt in sich die Ursache, wenn er einmal Weizen, das anderemal Spreu wird. Deshalb wird er auch mit Recht verdammt werden, wenn er trotz seines Verstandes den wahren Verstand verloren hat, und unverständig lebend, die Gerechtigkeit Gottes herausforderte, indem er sich allem Erdengeiste ergab und allen Lüsten diente, nach dem Worte des Propheten, der da sagt: ‚Da der Mensch in Ehre war, hat er es nicht verstanden; er ist gleich geworden den unverständigen Tieren und ihnen ähnlich geworden.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,4,3)

„Wo aber der Prophet sagt: ‚In Demut ward sein Gericht hinweggenommen‘, so schildert er damit die Erscheinung seiner Demut. Infolge der Erscheinung seiner Niedrigkeit geschah die Wegnahme des Gerichts. Und die Wegnahme des Gerichts gereicht manchem zur Erlösung, manchem zum Verhängnis voll Qualen. Denn wo etwas weggenommen wird, da geschieht es zu des einen Gunsten und zu des andern Nachteil. So ist es auch beim Gericht. Diejenigen, über die es ergeht, diese müssen es tragen im Verhängnis ihrer Qualen, die aber, die mit ihm verschont wurden, sind dadurch erlöst worden. Somit haben diejenigen das Gericht auf sich geladen, welche ihn kreuzigten und, indem sie das taten, nicht an ihn glaubten. Denn durch dieses Gericht, das an ihnen genommen wurde, wurden sie von den Qualen ergriffen. Von denjenigen aber, welche an ihn glaubten, wurde das Gericht abgewälzt und sie unterliegen ihm nicht mehr.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 69)

Gott richtet unparteiisch:

„Denn Gott läßt sich von niemand beeinflussen noch rühren, als allein vom Gerechten. Und sich zu erbarmen, ist ganz besonders Gott eigen“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verküdigung 60)

Ursache der Schlechtigkeit eines Teils der Geschöpfe:

„Ähnlich verhält es sich mit der Frage, warum einige Geschöpfe, wo doch alle von Gott erschaffen sind, seinen Willen übertraten und sich gegen ihn auflehnten, andere aber und bei weitem die meisten ihm treu blieben und im Gehorsam gegen ihren Schöpfer verharren, welcher Natur jene und welcher Natur diese sind. Das muß man Gott und seinem Worte überlassen, zu dem allein er gesprochen hat: ‚Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße.‘ Wir aber, die wir auf Erden weilen, sitzen noch nicht neben seinem Throne, Der Geist des Erlösers, der in ihm ist, durchforscht freilich alles, auch die Tiefen Gottes. Bei uns aber sind die Gnadengaben verschieden, und die geistlichen Verrichtungen und die Wunderkräfte, und solange wir auf Erden sind, ist, wie der hl. Paulus sagt, Stückwerk unser Erkennen und Stückwerk unser Prophezeien. Wie also unser Erkennen beschränkt ist, so müssen wir uns auch in den verschiedenen Fragen dem anvertrauen, der uns stückweise seine Gnade schenkt. Daß den Ungehorsamen das ewige Feuer zubereitet ist, hat der Herr ausdrücklich gelehrt, und bekunden auch die übrigen Schriften; daß er dies als zukünftig voraus gewußt hat, lehrt ebenfalls die Schrift, wie er auch, das ewige Feuer denen zubereitet hat, die ungehorsam sein würden, aber die Ursache ihrer Natur hat keine Schrift berichtet, noch ein Apostel benannt, noch der Herr gelehrt. Also müssen wir auch diese Kenntnis Gott überlassen, wie die Kenntnis des Tages und der Stunde.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,28,7)

Bzgl. früherer Generationen:

„Denn jene, welche entschlafen waren, ehe Christus erschien, hatten Hoffnung, im Gerichte des Auferstandenen Heil zu finden, sofern sie Gott fürchteten, in Gerechtigkeit entschlafen waren und den Geist Gottes in sich getragen hatten wie die Patriarchen, die Propheten und die Gerechten. Jenen aber, die nach der Erscheinung Christi nicht an ihn geglaubt haben, droht beim Gerichte unbarmherzige Rache.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 56)

Gott hatte nach dem Sündenfall wieder Erbarmen:

„Für uns also hat der Herr alles so eingerichtet, damit wir, in allem unterrichtet, in Zukunft in allem vorsichtig seien und in aller Liebe zu ihm verharren, durch unsere Vernunft belehrt, Gott zu lieben. Denn Gott war großmütig bei dem Falle des Menschen, der Mensch aber sollte dadurch belehrt werden, wie der Prophet sagt: ‚Bessern soll dich dein Abfall.‘ Denn alles hat Gott zur Vollendung des Menschen bestimmt und zur Durchführung und Offenbarung der Heilsordnung. So soll seine Güte sich zeigen, die Gerechtigkeit sich vollenden, die Kirche dem Bilde seines Sohnes angepaßt und der Mensch endlich einmal reif werden, indem er auf solchem Wege heranreift zur Anschauung und zum Besitz Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,37,7)

Wieso hat Gott die Menschen nicht sündenlos gemacht?

„Sollte aber jemand sagen: ‚Wie denn? Konnte Gott nicht von Anfang an den Menschen vollkommen machen?‘ so soll er wissen, daß Gott, der Unveränderliche und Unerschaffene, an und für sich alles vermag, das Erschaffene aber, eben weil es seinen Anfang erst später genommen hat, deshalb auch seinem Schöpfer nachstehen muß. Was eben geworden ist, kann nicht unerschaffen sein. Weil sie nicht unerschaffen sind, daher bleiben sie hinter dem Vollkommenen zurück. […]

In Gott aber offenbart sich Macht und Weisheit und Güte zugleich: Seine Macht und Güte darin, daß er aus freiem Willen das, was noch nicht war, gründete und schuf; seine Weisheit aber darin, daß er alles, was ist, so zweckmäßig und harmonisch gestaltet hat. Einige Wesen aber empfangen wegen seiner unendlichen Güte Wachstum, dauern fort für die Länge der Zeit und nehmen teil an der Herrlichkeit des Unerschaffenen, indem Gott ihnen neidlos das Gute schenkt. Insofern sie gemacht sind, sind sie nicht unerschaffen; insofern sie aber fortdauern in langen Ewigkeiten, nehmen sie die Kraft des Unerschaffenen an, da ihnen Gott in Gnaden ewige Fortdauer schenkt. Und auf diese Weise bewahrt Gott in allem den Vorrang, da er allein der Unerschaffene, eher als alles andere und die Ursache von allem anderen ist. Das übrige also bleibt alles Gott untertan. Der Gehorsam gegen Gott bedeutet Fortdauer und Unvergänglichkeit; die Unvergänglichkeit aber ist der Ruhm des Unerschaffenen. Durch solche Ordnung, Harmonie und Führung wird der erschaffene Mensch zum Bild und Gleichnis des unerschaffenen Gottes, indem der Vater es will und beschließt, der Sohn es bewirkt und bildet, der Geist Nahrung und Wachstum gewährt, der Mensch aber allmählich vorwärts kommt und zur Vollkommenheit gelangt, d. h. dem Unerschaffenen ganz nahe kommt. Vollkommen nämlich ist nur der Unerschaffene, d. i. Gott. Der Mensch aber mußte zuerst werden, dann wachsen, dann erstarken, dann sich vervielfältigen, dann genesen, dann verherrlicht werden und schließlich seinen Gott schauen. Die Anschauung Gottes nämlich ist unser Ziel und die Ursache der Unvergänglichkeit; die Unvergänglichkeit aber führt uns in die Nähe von Gott.

Unvernünftig also in jeder Hinsicht sind die, welche die Zeit des Wachstums nicht abwarten und die Schwäche ihrer Natur Gott zuschreiben. Diese Unersättlichen und Undankbaren kennen weder Gott noch sich, wenn sie das nicht sein wollen, was sie doch zuerst geworden sind: leidensfähige Menschen; und das Gesetz des menschlichen Geschlechtes übertretend, wollen sie, noch bevor sie Menschen geworden sind, dem Schöpfergott ähnlich sein und keinen Unterschied zulassen zwischen dem unerschaffenen Gott und dem jetzt entstandenen Menschen. Unverständiger sind sie als die stummen Tiere. Denn diese machen Gott keinen Vorwurf daraus, daß er sie nicht zu Menschen gemacht hat, sondern jedes von ihnen dankt mit dem, was es geworden ist, dafür, daß es geworden ist. Wir werfen ihm nämlich vor, daß wir nicht von Anfang an Götter geworden sind, sondern zunächst Menschen und dann erst Götter. Ist doch Gott in seiner einzigartigen Güte, damit niemand ihn für neidisch oder geizig halte, so weit gegangen, daß er spricht: ‚Ich habe gesagt: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten allesamt.‘ Von uns aber, die wir die Macht seiner Gottheit nicht zu tragen vermochten, sagt er: ‚Ihr aber werdet wie Menschen sterben.‘ So hebt er beides hervor: seine Güte im Schenken und unsere Schwäche samt dem freien Willen. Denn gemäß seiner Güte gab er uns gütig das Gute und machte die Menschen sich ähnlich durch den freien Willen, gemäß seiner Vorsehung aber kannte er die Schwäche der Menschen, und was daraus folgen würde. Gemäß seiner Liebe und Kraft jedoch wird er das Wesen der erschaffenen Natur überwinden. Zuerst aber mußte die Natur erscheinen, dann das Sterbliche von dem Unsterblichen besiegt und verschlungen werden und das Vergängliche von dem Unvergänglichen, und der Mensch nach dem Bild und Gleichnis Gottes werden, nachdem er die Kenntnis des Guten und Bösen erlangt hatte. […]

Denn du machst Gott nicht, sondern Gott macht dich. Wenn du also ein Werk Gottes bist, so erwarte die Hand deines Künstlers, die alles zur rechten Zeit macht, zur rechten Zeit nämlich für dich, der du gemacht wirst! Bringe ihm aber ein weiches und williges Herz entgegen und bewahre die Gestalt, die dir der Künstler gegeben, und halte die Feuchtigkeit in dir fest, damit du nicht verhärtest und die Spur seiner Finger verlierest! Wenn du so das Gefüge behütest, so wirst du zur Vollkommenheit emporsteigen, denn durch die Kunst Gottes wird der Lehm in dir verborgen. Gemacht hat den Stoff in dir seine Hand, umgeben wird sie dich von innen und außen mit reinem Gold und Silber und wird so sehr dich schmücken, daß sogar ‚der König nach deiner Schönheit verlangt‘. Wenn du jedoch sogleich verhärtest und seine Kunst verwischst und undankbar gegen ihn wirst, weil du nur ein Mensch geworden bist, so hast du durch deine Undankbarkeit gegen Gott mit einem Schlag seine Kunst und das Leben verloren. Das Schaffen nämlich kommt der Güte Gottes zu, geschaffen zu werden ist die Eigentümlichkeit der menschlichen Natur. Wenn du ihm also das Deinige gibst, d. h. den Glauben an ihn und den Gehorsam gegen ihn, dann wirst du seine Kunst an dir erfahren und ein vollkommenes Werk Gottes sein.

Wenn du ihm aber nicht glaubst und seinen Händen entfliehst, so ist die Ursache der Unvollkommenheit in dir, der du nicht geglaubt hast, aber nicht in dem, der dich berufen hat. Denn ‚er sandte seine Boten aus, dich zur Hochzeit zu rufen‘; die aber ihm nicht gehorchten, haben sich selbst vom königlichen Mahle ausgeschlossen. Also fehlt es nicht an der Kunst Gottes, denn er vermag ‚aus Steinen Abraham Söhne zu erwecken‘; vielmehr wird der, welcher sie nicht annimmt, sich selbst die Ursache seiner Unvollkommenheit. Wird doch auch das Licht nicht schwächer durch die, welche sich selbst blenden, es bleibt wie es ist; die, welche sich selbst blendeten, sitzen durch ihre Schuld in der Finsternis. Und wie das Licht keinen mit Zwang unter seine Gewalt bringt, so zwingt auch Gott niemand, seine Kunst anzunehmen, wenn er nicht will. Die sich also von dem Lichte des Vaters abwenden und das Gesetz der Freiheit übertreten, die fielen ab durch eigene Schuld, da sie freien Willen und Selbstenscheidung erhalten hatten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,38,1.3-4 u. IV,39,2-3)

Abstieg Christi ins Totenreich zur Erlösung der Gerechten, die vor Seiner Ankunft gelebt hatten:

„Von einem Priester, der es von Schülern und Hörern der Apostel gehört hatte, hörte ich, daß für die Alten wegen der Taten, die sie ohne den Rat des Geistes begangen hatten, die Strafe genüge, welche die Schriften androhen. Da ‚bei Gott kein Ansehen der Person gilt‘, so verhängt er für die Taten, die nicht seinem Willen entsprechen, eine geziemende Strafe. [Gute Taten und Sünden Davids & Salomos werden aufgezählt] Genugsam hat die Schrift ihn [Salomo] getadelt, sagt ein Priester, damit gar kein Fleisch sich rühme im Angesichte Gottes.

Deswegen sei der Herr in die Unterwelt hinabgestiegen und habe jenen seine Ankunft verkündet, indem es Nachlassung der Sünden für die gab, die an ihn glaubten. Es glaubten aber an ihn alle, die auf ihn hofften, d. h. die seine Ankunft vorher verkündigten und seinen Anordnungen Folge leisteten, die Gerechten, die Patriarchen und Propheten. Ihnen erließ er ähnlich wie uns ihre Sünden, die wir ihnen nicht weiter anrechnen dürfen, wofern wir nicht die Gnade Gottes verachten. Denn wie jene uns nicht unsere Unenthaltsamkeit anrechneten, die wir begangen haben, bevor Christus in uns sich offenbarte, so dürfen auch wir gerechterweise ihnen das nicht anrechnen, was sie vor der Ankunft Christi sündigten. Denn ‚alle Menschen entbehren des Ruhmes Gottes‘; sie werden aber nicht durch sich selbst gerechtfertigt, sondern durch die Ankunft des Herrn, wenn sie auf sein Licht achten. Zu unserer Besserung aber seien ihre Taten aufgeschrieben, damit wir wüßten, daß erstlich ihr und unser Gott ein und derselbe ist, dem die Sünden nicht gefallen, auch wenn sie von Hochgestellten getan werden, und zweitens, daß wir uns von dem Bösen enthalten. Denn wenn schon die Alten, die uns in den Charismen vorausgingen, und wegen deren der Sohn Gottes noch nicht gelitten hatte, wofern sie irgendwie sündigten und den Lüsten des Fleisches dienten, so große Schmach erlitten haben, was werden dann die erdulden, die jetzt leben und die Ankunft des Herrn verachten und ihren Lüsten dienen? Für jene war der Tod des Herrn Heilung und Erlösung, für die aber, welche jetzt sündigen, wird ‚Christus schon nicht mehr sterben, denn der Tod wird schon nicht mehr über ihn herrschen‘, sondern es wird kommen der Sohn in der Herrlichkeit des Vaters und verlangen von seinen Verwaltern und Haushaltern das Geld, das er ihnen anvertraut hat, mit Zinsen, und denen er sehr viel gegeben hat, von denen wird er auch viel verlangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,27,1-2)

„Bei Jeremias verkündet er seinen Tod und sein Absteigen zur Hölle mit den Worten: ‚Und es gedachte der Herr, der Heilige Israels, seiner Toten, der zuvor im Staub der Erde Schlafenden; und er stieg zu ihnen hinab, um ihnen sein Heil zu verkünden und sie zu retten.‘ Hierselbst erfüllt er auch die Ursachen seines Todes. Denn sein Niedersteigen zur Hölle war das Heil der Abgeschiedenen.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 78)

Der Mensch wird ganz wiederhergestellt:

„Das Wort Gottes, das alles erschaffen und im Anfang den Menschen gebildet hat, heilte sein Geschöpf von Grund aus, da es fand, daß es durch Arglist zu Fall gebracht war. Und zwar erneuerte er jedes einzelne Glied an seinem Gebilde und stellte auch den Menschen als Ganzes wieder heil und unversehrt her, indem er ihn für die Auferstehung vollkommen vorbereitete.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,12,6)

Über Gottes Geduld, wieso Er die Sünde zuließ und dann den Menschen wieder erlöste:

„Langmütig also war Gott, als der Mensch fehlte, und sah jenen Sieg voraus, den das Wort für ihn davontragen würde. Denn da die Kraft in der Schwachheit vollendet wurde, zeigte es die Güte Gottes und seine allgewaltige Kraft. Wie er nämlich geduldig hinnahm, daß Jonas von dem Walfisch verschlungen wurde, nicht um verschlungen zu werden und gänzlich zugrunde zu gehen, sondern damit er ausgespieen wurde und Gott besser gehorchte und den mehr verherrlichte, der ihm das unerwartete Heil geschenkt hatte, und zu rechter Buße die Niniviten führte, damit sie sich zu Gott, der sie vom Tode errettet hatte, bekehrten, da sie durch das Zeichen erschreckt worden waren, das er an Jonas getan hatte, gemäß dem Worte der Schrift: ‚Und sie bekehrten sich ein jeder von seinem bösen Wege und von der Ungerechtigkeit, die an ihren Händen war, indem sie sagten: Wer weiß, ob Gott nicht Mitleid haben und seinen Zorn von uns abwenden wird, und wir nicht untergehen werden‘: so ließ Gott auch im Anfang zu, daß der Mensch von dem großen Walfisch, welcher der Urheber der Übertretung war, verschlungen wurde, aber nicht um verschlungen zu werden und gänzlich unterzugehen. Vielmehr bereitete Gott die Annahme des Heils sorgfältig vor, die durch das Wort in dem Zeichen des Jonas geschehen sollte für die, welche dieselbe Gesinnung wie Jonas in Betreff Gottes haben und wie jener bekennen and sprechen würden: ‚Ein Knecht des Herrn bin ich und ich verehre den Herrgott des Himmels, der das Meer und die Erde geschaffen hat.‘ Denn indem der Mensch wider alle Hoffnung von Gott das Heil empfing, sollte er von den Toten auferstehen und Gott preisen und mit dem Propheten Jonas bekennen: ‚Ich habe gerufen zu dem Herrn, meinem Gott, in meiner Betrübnis, und er hat mich erhört aus dem Bauche der Unterwelt.‘ Und immer sollte er verharren in der Lobpreisung Gottes und ohne Unterlaß Dank sagen für das Heil, das er von ihm erlangt hatte, damit kein Fleisch vor dem Herrn sich rühme, noch jemals von Gott die irrige Meinung erhalte, daß eine Unsterblichkeit ihm von Natur aus zukomme, oder von der Wahrheit abweichend, sich in eitlem Stolze brüste, als ob er von Natur Gott gleich wäre. Das wäre ein noch größerer Undank gegen den Schöpfer und würde die Liebe Gottes zu den Menschen verdunkeln und den Sinn des Menschen verblenden, daß er nicht mehr fühlte, was Gottes würdig ist, wenn er sich mit Gott vergliche und sich ihm gleich hielte.

Das war also die Langmut Gottes, daß der Mensch, durch alles hindurchgehend und seine sittliche Aufgabe erkennend, schließlich zur Auferstehung von den Toten gelangte und aus Erfahrung lernte, woher er erlöst wurde, und immer dankbar gegen Gott war, weil er von ihm das Geschenk der Unvergänglichkeit erlangt hatte und ihn deswegen mehr liebte — wem nämlich viel vergeben wird, der liebt mehr —, sich selbst aber als sterblich und schwach erkannt hatte. Auch sollte er verstehen, daß Gottes Unsterblichkeit und Macht sich so weit erstreckt, daß er auch dem Sterblichen Unsterblichkeit und dem Zeitlichen Ewigkeit verleiht, und alle übrigen Gnadenerweise Gottes begreifen, die sich an ihm offenbarten, und daraus lernen und fühlen, wie groß Gott ist. Denn des Menschen Ruhm ist Gott, das Werk Gottes und das Gefäß seiner Weisheit und Kraft ist der Mensch. Wie der Arzt an den Kranken sich als tüchtig erweist, so offenbart sich Gott an den Menschen. Deswegen sagt auch Paulus: ‚Es verschloß aber Gott alles im Unglauben, um sich aller zu erbarmen.‘ Das sagte er nicht von den geistigen Äonen, sondern von dem Menschen, der gegen Gott ungehorsam gewesen und von der Unsterblichkeit ausgeschlossen war, dann aber Barmherzigkeit erlangte, indem er durch den Sohn Gottes allein an Kindesstatt angenommen wurde. Wer nämlich ohne Prahlerei und Aufgeblasenheit die wahre Ehre der Geschöpfe und des Schöpfers, d. h. des allmächtigen Gottes, der allen das Dasein verleiht, im Auge behält, und in der Liebe, Demut und Dankbarkeit verharrt, der wird noch größere Herrlichkeit von ihm empfangen und fortfahrend dem ganz ähnlich werden, der für ihn gestorben ist. Nahm doch auch er die Ähnlichkeit des sündigen Fleisches an, um die Sünde zu verurteilen und sie gleichsam aus dem Leibe zu verbannen, den Menschen aber zu seiner Nachfolge aufzurufen, indem er ihn zur Nachahmung Gottes bestimmte und ihm Gott als Richtschnur vorhielt, damit er ihn schaue. So machte das Wort Gottes, das im Menschen wohnte, den Menschen fähig, den Vater zu begreifen, und wurde zum Menschensohne, damit der Mensch sich gewöhne, Gott aufzunehmen, und Gott sich gewöhne, im Menschen zu wohnen nach dem Wohlgefallen des Vaters.

Demgemäß ist der Herr selbst jener als Zeichen unseres Heils aus der Jungfrau verheißene Emmanuel. Er war es, der da die erlöste, die aus sich selbst nicht erlöst werden konnten. Auf diese Schwäche des Menschen weist Paulus hin, wenn er sagt: ‚Ich weiß ja, dass in meinem Fleische nicht das Gute wohnt.‘ Oder mit anderen Worten: Nicht aus uns, sondern aus Gott ist das Gut unseres Heils. Und wiederum spricht er: ‚Ich armer Mensch, wer wird mich erlösen von dem Körper dieses Todes?‘ Dann nennt er als Erlöser: ‚Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi.‘ Dasselbe lehrt auch Isaias: ‚Werdet stark, ihr müden Hände und ihr schwankenden Knie, ermuntert euch, ihr Kleinmütigen, werdet stark und fürchtet euch nicht: Siehe, unser Gott wird Gericht abhalten und vergelten, er selbst wird kommen und uns erlösen.‘ Also nicht aus uns, sondern durch Gottes Hilfe sollen wir gerettet werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,20,1-3)


(Gustave Doré, Darstellung des Himmels (Illustration zu Dantes „Paradiso“).)

Tatian, ein Schüler von Justin dem Märtyrer (s. Teil 1), schreibt ca. in den 170ern folgendes.

Er richtet sich gegen den heidnischen Schicksalsglauben und die Astrologie:

„Wir aber sind über das Fatum [=Schicksal] erhaben und kennen statt der irrenden Dämonen nur den einen, nicht irrenden Herrn: darum haben wir, frei von der Herrschaft des Fatums, diejenigen verworfen, die es zum Gesetze gemacht haben.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 9)

Der freie Wille des Menschen hat die Sünde und den Tod hervorgebracht:

„Stirb der Welt, indem du der Tollheit ihres Treibens entsagst; lebe für Gott, indem du dich durch Erkenntnis seines Wesens des alten Menschen entledigst. Wir sind nicht zum Sterben geboren: wir sterben durch eigene Schuld. Zugrunde gerichtet hat uns die Freiheit unseres Willens: Sklaven sind wir geworden, die wir frei waren, und durch die Sünde sind wir verkauft. Nichts Böses ist von Gott geschaffen, die Bosheit haben erst wir hervorgebracht: aber die sie hervorgebracht, können sie auch wieder abtun.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 11,5f.)

Anders als andere Theologen war Tatian der Ansicht, dass die Seele nicht an sich unsterblich wäre und die Seelen der Sünder zuerst sterben, am Jüngsten Tag wieder entstehen und dann erst bestraft werden würden; außerdem macht er deutlich, dass die Erlösung von Gott kommt, aber der Mensch mitarbeiten muss:

„Nicht unsterblich, ihr Bekenner des Griechentums, ist unsere ‚Seele‘ an sich, sondern sterblich: sie kann aber trotzdem dem Tode entrinnen. Denn sie stirbt und erfährt zusammen mit dem Körper ihre Auflösung,  wenn sie die Wahrheit nicht erkannt hat; später, am Ende des Weltlaufs, steht sie freilich mit dem Körper auf, aber nur, um als Strafe den Tod in der Unsterblichkeit zu empfangen: dagegen stirbt sie überhaupt nicht, mag auch ihre zeitweilige Auflösung erfolgen, wenn sie mit der Erkenntnis Gottes ausgerüstet ist. An und für sich ist sie Finsternis und kein Licht ist in ihr und hierauf eben bezieht sich das Wort: ‚Die Finsternis fasset nicht das Licht‘. Denn nicht die Seele ist es, die den Geist rettet, sondern sie wird von ihm gerettet und ‚das Licht fasset die Finsternis‘, wobei der Logos als das von Gott ausgehende ‚Licht‘, als ‚Finsternis‘ aber die unkundige Seele zu verstehen ist. Wenn sie daher allein für sich lebt, so neigt sie sich niederwärts zur Materie und stirbt zugleich mit dem Fleische; hat sie aber Gemeinschaft mit dem göttlichen Geiste, so ist sie nicht hilflos, sondern steigt hinauf in jene Lande, zu denen sie der Geist führt: denn seine Wohnung ist in der Höhe, ihr Ursprung dagegen in der Tiefe. Im Anfang also wohnte der Geist mit der Seele zusammen; der Geist aber hat sie verlassen, als sie ihm nicht folgen wollte. Doch da sie gleichsam einen Funken seiner Kraft behielt und nur infolge der Scheidung das Vollkommene nicht erschauen konnte, suchte sie Gott in der Irre und bildete sich viele Götter, indem sie den streitsüchtigen Dämonen folgte. Der Geist Gottes ist nun nicht mehr bei allen Menschen; bei einigen aber, deren Wandel gerecht war, ist er eingekehrt und vermählte sich mit ihrer Seele, um durch Weissagungen den übrigen Seelen das Verborgene kundzutun: und die Seelen, die der Weisheit folgten, zogen den verwandten Geist an sich, die aber nicht folgten und den Boten des Gottes, der gelitten hat, verschmähten, die zeigten sich mehr als Gottesfeinde, denn als Gottesdiener.

Etwas Ähnliches seid auch ihr Bekenner des Griechentums: in Worten großmäulig, aber im Erkennen schwachsinnig, habt ihr sogar die Vielherrschaft statt der Alleinherrschaft ins Werk gesetzt, um den vermeintlich mächtigen Dämonen zu folgen. Aber wie die Räuber in ihrer Unmenschlichkeit ihresgleichen frech zu überwältigen pflegen, so haben auch die Dämonen euere vereinsamten Seelen in den Pfuhl der Bosheit geführt und mit Lügen und Gaukeleien getäuscht. Da sie nicht leicht den (physischen Tod) sterben, zumal sie ohne Fleisch sind, so können sie zwar fortlebend Werke des (Sünden-) Todes verrichten, sterben aber trotzdem (obwohl sie fortleben) gerade so oft (den Sündentod), als sie ihre Anhänger im Sündigen unterrichten; was sie also derzeit vor den Menschen voraushaben: nicht wie die Menschen (den physischen Tod) sterben zu müssen, das (der ewige Tod der Verdammten) wird sie einst treffen, wenn sie gerichtet werden, indem sie dann keinen Anteil haben werden am ewigen Leben, das sie etwa (wie die Gerechten) statt ewigen Todes gewinnen könnten. Wie vielmehr wir, denen jetzo das Sterben leicht fällt, nachher entweder die ewige Glückseligkeit oder die ewige Verdammnis erlangen werden, so werden auch die Dämonen, die das jetzige Leben immerdar zu Freveln mißbrauchen und so schon während ihres Lebens sterben, dereinst derselben ewigen Verdammnis (wie die Ungerechten) anheim fallen gemäß ihrer Beschaffenheit, die fürwahr keine andere ist als bei jenen Menschen, die aus freien Stücken vollbrachten, was ihnen die Dämonen zu ihren Lebzeiten vorgeschrieben haben, ganz zu schweigen davon, daß sich natürlich bei den Menschen, die ihnen folgen, weniger Arten von Sünden entwickeln, da ihr Leben nur kurz ist, jene Dämonen aber die Frevel häufen, weil ihr Leben unbegrenzte Dauer hat.

So bleibt uns nichts übrig, als nach dem, was wir besaßen und verloren haben, jetzt zu suchen: die Seele mit dem heiligen Geist zu verbinden und die gottgewollte Vermählung mit ihm zu bewirken.

[…] Unvergleichbar ist nur das absolut Seiende (d.i. Gott), vergleichbar nur das Ebenbildliche (d.i. der Mensch). Unfleischlich ferner ist der vollkommene Gott, der Mensch aber ist Fleisch: das Band seines Fleisches ist die Seele, Träger seiner Seele das Fleisch. Nehmen wir nun an, dieser so gestaltete (aus Fleisch und Seele bestehende) Organismus gleiche einem Tempel, so will Gott in ihm wohnen durch den Geist, seinen Abgesandten; ist er aber kein solches Heiligtum, so ist der Mensch den Tieren nur durch seine artikulierte Stimme überlegen und, da seine anderen Lebensäußerungen durchaus den tierischen gleichen, auch kein ‚Gleichnis Gottes‘. […] Doch die Menschen haben nach dem Verlust der Unsterblichkeit durch die im Glauben vollzogene Selbstabtötung den Tod besiegt und mittels der Buße ward ihnen Berufung zuteil gemäß dem Worte: ’nachdem sie nur eine kurze Zeit unter die Engel erniedrigt worden waren‘. Jeder Besiegte kann eben wiederum siegen, wenn er den Zustand des Todes abtut. Was darunter zu verstehen sei, werden die Menschen, die nach der Unsterblichkeit streben, leicht erkennen. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 13-15)

„Daher müssen wir in dem sehnsüchtigen Streben nach dem ursprünglichen Zustande alles abwerfen, was uns hindern kann. […] Möglich aber ist es für jeden, der entblößt ist, jenes Kleinod (den himmlischen Harnisch) zu erlangen und so zur ursprünglichen Gemeinschaft (der Seele mit dem Geiste) zurückzukehren. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 20,3.7)

„Denn wir wissen, daß die Natur des Bösen der des kleinsten Samenkornes gleicht, das ja schon bei geringer Veranlassung Wurzel faßt, aber wiederum ausgerodet werden wird, wenn wir dem Worte Gottes gehorchen und uns nicht selbst aus seinem Schutz verjagen. Durch einen verborgenen Schatz nämlich ist das Wort Herr über all das Unsrige geworden, einen Schatz, bei dessen Ausgrabung wir zwar mit Staub bedeckt werden, dem Worte aber erst die Möglichkeit bieten, bei uns zu sein. Denn wer des Wortes ganzen Besitz erringt, der hat damit die Macht über den kostbareren Reichtum empfangen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 30,2f.)

Theophilus von Antiochia schreibt um 180 n. Chr. folgendes.

Über Glaube und Werke:

„Sei also nicht ungläubig, sondern gläubig, denn auch ich habe einst nicht geglaubt, daß es also sein wird. Jetzt aber habe ich die Sache erwogen und glaube, weil mir zugleich auch die hl. Schriften der hl. Propheten in die Hände kamen, die da im Geiste Gottes voraussagten die Vergangenheit, wie sie war, die Gegenwart, wie sie ist, und die Zukunft, wie sie sein wird. Da ich nun die Gegenwart und die Weissagungen derselben als Zeugnis habe, bin ich nicht mehr ungläubig, sondern glaube, gehorsam gegen Gott. Und diesem gehorche doch auch du im Glauben, damit du nicht, jetzt ungläubig, einst zu deinem Schmerze, in den ewigen Strafen nämlich, glauben mußt! […] So nimm denn auch du mit gutem Willen und ehrfurchtsvoll die prophetischen Schriften zur Hand, und sie werden dir deutlicher den Weg zeigen, wie du den ewigen Strafen entfliehen und die ewigen Güter Gottes erlangen kannst. Denn derjenige, der den Mund gegeben zum Sprechen, der die Ohren gebildet zum Hören und die Augen erschaffen hat zum Sehen, wird alles zur Rechenschaft ziehen und ein gerechtes Urteil fällen und jedem nach Verdienst seinen Lohn geben. Denen, die mit Beharrlichkeit in guten Werken die Unsterblichkeit suchen, wird er geben ewiges Leben, Freude, Friede, Ruhe und eine Fülle von Gütern, wie sie kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, noch in eines Menschen Herz gekommen; den Ungläubigen aber, den Verächtern, die der Wahrheit nicht beipflichten, sondern der Ungerechtigkeit sich hingeben, indem sie sich wälzen im Ehebruch, Hurerei, Knabenschändung, Übervorteilung anderer, in lasterhaftem Götzendienst: Zorn, Ungnade, Trübsal und Angst; und zuletzt wird solchen das ewige Feuer zuteil werden.“ (Theophilus, An Autolykus I,14)

Freier Wille:

„Der Mensch ist also von Natur weder sterblich noch unsterblich erschaffen. Denn hätte ihn Gott von Anfang an unsterblich erschaffen, so hätte er ihn zum Gotte gemacht; hinwiederum, wenn er ihn sterblich erschaffen hätte, so würde es scheinen, als ob Gott an seinem Tode schuld sei. Weder unsterblich also noch auch sterblich hat er ihn erschaffen, sondern, wie gesagt, fähig für beides, daß er, wenn er durch die Beobachtung des göttlichen Gebotes der Unsterblichkeit sich zuwendete, die Unsterblichkeit als Lohn von Gott empfing und ein Gott würde, hinwiederum aber, wenn er durch Ungehorsam gegen Gott sich auf Seite des Todes stellte, selbst die Ursache seines Todes würde. Denn Gott hat den Menschen mit Freiheit und Selbstbestimmung begabt erschaffen. Was er sich nun durch seinen Leichtsinn und Ungehorsam zugezogen, das gibt ihm Gott jetzt seinerseits als Geschenk aus Liebe und Erbarmung, wenn sich der Mensch gehorsam unterwirft. Denn gleichwie der Mensch durch seinen Ungehorsam dem Tode hörig geworden ist, so kann durch Gehorsam gegen den Willen Gottes jeder, der will, sich das ewige Leben erwerben. Gott hat uns nämlich sein Gesetz und heiligen Gebote gegeben, auf daß durch deren Erfüllung ein jeder das Heil erlangen, zur Auferstehung gelangen und die Unverweslichkeit erben kann.(Theophilus, An Autolykus II,27)

Da wäre Athenagoras, der ca. 176/177 n. Chr. schrieb.

Himmel als Lohn:

„Würden wir uns nun solcher Reinheit befleißen, wenn wir nicht glaubten, daß Gott über der Menschheit walte? Gewiß nicht; sondern weil wir überzeugt sind, daß wir Gott, der uns und die Welt erschaffen hat, über unser ganzes Erdenleben einst Rechenschaft geben müssen, deshalb entscheiden wir uns für das maßvolle, menschenfreundliche und unscheinbare Leben, im Glauben, daß uns hier auf Erden, selbst wenn man uns das Leben nimmt, kein Übel zustoßen wird, das so groß ist wie die Güter, die wir im Jenseits aus der Hand des erhabenen Richters für unser sanftmütiges, menschenfreundliches und anständiges Leben erhalten werden.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 12) (Hier verteidigt er die Christen gegen den Vorwurf des Atheismus)

Freier Wille bei Menschen und Engeln:

„Wie aber nun unter den Menschen, deren Tugend und Schlechtigkeit freier Willensentscheidung entspringen (Ihr würdet ja sonst die Guten nicht auszeichnen und die Bösen nicht strafen, wenn Tugend und Schlechtigkeit nicht von ihnen selbst abhinge), die einen in dem ihnen von Euch anvertrauten Amte als eifrig, die andern als unzuverlässig befunden werden, so steht es auch bei den Engeln.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24)

In einem Märtyrerbericht über das Martyrium des hl. Apollonius (Mitte der 180er) wird der Himmel als Lohn für die Guten beschrieben:

„Dieser unser Erlöser Jesus Christus, als Mensch geboren in Judäa, in allem gerecht und erfüllt mit göttlicher Weisheit, lehrte uns menschenfreundlich, wer der Gott des Weltalls und welches der Endzweck der Tugend zu einem heiligen Leben ist, in Anpassung an die Seelen der Menschen. Durch sein Leiden hat er der Herrschaft der Sünden ein Ende gemacht. Er lehrte nämlich, den Zorn zu bändigen, die Begierde zu mäßigen, die Gelüste zu zügeln, die Traurigkeit zu bannen, verträglich zu sein, die Liebe zu mehren, die Eitelkeit abzulegen, sich nicht zur Rache gegen Beleidiger hinreißen zu lassen, den Tod auf Grund eines Richterspruches zu verachten, nicht weil man Unrecht getan hat, sondern indem man es geduldig erträgt, ferner dem von ihm gegebenen Gesetze zu gehorchen, den Kaiser zu ehren, Gott aber, der allein unsterblich ist, anzubeten, an die Unsterblichkeit der Seele und eine Vergeltung nach dem Tode zu glauben, einen Lohn für die Tugendbestrebungen zu erhoffen nach der Auferstehung, die von Gott denen zuteil werden soll, die fromm gelebt haben. Indem er dieses uns nachdrücklich lehrte und durch viele Beweise uns davon überzeugte, erwarb er sich selbst großen Ruhm der Tugend, wurde aber auch von den Ungelehrigen beneidet, wie schon die Gerechten und Philosophen vor ihm; denn die Gerechten sind den Ungerechten verhaßt. […]

Und wenn das ein Irrglaube ist, wie ihr meint, die Ansicht, die Seele sei unsterblich und es gebe nach dem Tode ein Gericht und eine Belohnung der Tugend in der Auferstehung und Gott sei der Richter, so werden wir gerne diese Täuschung hinnehmen, durch die wir am meisten das tugendhafte Leben kennen gelernt haben in der Erwartung der zukünftigen Hoffnung, wenn wir auch das Gegenteilige leiden. (Martyrium des hl. Apollonius 36-38.42)

Minucius Felix schreibt um 200 n. Chr. in einem Werk, das den Dialog eines Christen mit einem Heiden wiedergibt, über den freien Willen; Gott wisse die Handlungen des Menschen vorher, bestimme sie aber nicht vorher:

„Suche sich niemand mit einem Verhängnis zu trösten oder sein Endschicksal zu entschuldigen. Angenommen, das Lebensgeschick hänge vom Zufall ab, so ist doch der Geist frei und deshalb bildet die Handlungsweise des Menschen, nicht seine Stellung, den Gegenstand des Urteils. Was ist denn das Verhängnis anderes, als was Gott über einen jeden von uns bestimmt hat. Da er unseren Charakter zum voraus kennt, bestimmt er entsprechend den Verdiensten und Eigenschaften der einzelnen auch ihre Geschicke. So wird an uns nicht unser angeborenes Naturell bestraft, sondern unsere Geistesrichtung. Doch genug vom Verhängnis, wenn es auch wenig ist für jetzt; wir wollen ein anderes Mal ausführlicher und erschöpfender darüber handeln.“ (Minucius Felix, Octavius 36,1f.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (kleine Auswahl):

AT: Dtn 30,15-20; Sir 15,11-20; Sir 17; Ez 18.

NT: Joh 3; Mt 7,21-23; Jak 2; Mt 25,31-46; Mt 13; Mk 16,16; Lk 15; Joh 12,44-50; Tit 3,3-8; Röm 1-8; Gal 3; 1 Kor 9,23-27; 1 Tim 6,12.

Weil sehr viele Stellen zusammengekommen sind, die irgendwie dieses Thema behandeln, und ich ein wirklich umfassendes Bild präsentieren will, damit gerade Protestanten sich überzeugen können, dass ich hier kein „cherry-picking“ betreibe, habe ich Teil 8 auf zwei Artikel aufgeteilt. Bei diesen Stellen wird folgendes immer wieder deutlich:

  • die Rettung hängt von Gott ab, der Mensch kann seine Gnade nur annehmen, aus eigener Kraft könnte er sich nicht retten
  • diese Gnade wird allen angeboten – allgemeiner Heilswille Gottes
  • der Mensch antwortet auf Gottes Gnade mit dem Glauben, der sich auch in den Werken zeigen muss; die Werke sind heilsrelevant
  • der freie Wille der Menschen; der heidnische (stoische) Schicksalsglaube wird klar abgelehnt (besonders z. B. bei Justin dem Märtyrer und Minucius Felix)
  • das einmal empfangene Heil kann verloren gehen, wenn jemand wieder schwere Sünden begeht (und dann durch Reue und Buße wiedererlangt werden)
  • wer in die Hölle kommt, ist selbst schuld; die Gebote sind erfüllbar
  • die Verdienstlichkeit der Werke
  • die Tatsache, dass Sünden verschieden schwer sind

Die Stellen sind grob chronologisch geordnet, nicht thematisch. Im 1. Teil kommt alles bis etwa zur Mitte des 2. Jahrhunderts (Didache, 1. Clemensbrief, Ignatiusbriefe, Brief des Polykarp von Smyrna, Barnabasbrief, Hirte des Hermas, Werke von Justin dem Märtyrer, Apologie des Aristides, 2. Clemensbrief und noch der schwer zu datierende Diognetbrief, die Epistula Apostolorum und die christlichen Sibyllinen), im 2. alles aus dem späteren 2. Jahrhundert (hauptsächlich Aussagen aus dem umfangreichen Werk des Irenäus von Lyon, außerdem Justins Schüler Tatian, Theophilus von Antiochia, Athenagoras und Minucius Felix, und ein Märtyrerbericht).

Speziell zum Sündenfall und der Erbsünde, die ja auch mit der Rechtfertigungslehre zusammenhängen, s. Teil 7.

Hervorhebungen alle von mir.

In der Didache (ca. 100 n. Chr), einer Gemeindeordnung, heißt es über den Weg des Lebens und den Weg des Todes:

„Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode; der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß.

Der Weg des Lebens nun ist dieser: ‚erstens du sollst deinen Gott lieben, der dich erschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst‘; ‚alles aber, von dem du willst, daß man es dir nicht tue, das tue auch du keinem anderen.'“ (Didache 1,1f.)

„Der Weg des Todes aber ist dieser: vor allem ist er schlecht und voll von Fluch: ‚Mord, Ehebruch, Leidenschaft, Unzucht, Diebstahl, Götzendienst, Zauberei, Giftmischerei, Raub, falsches Zeugnis, Heuchelei, Falschheit, Hinterlist, Stolz, Bosheit, Anmaßung, Habsucht, üble Nachrede, Missgunst, Frechheit, Hoffart, Prahlerei, Vermessenheit‘. Leute, die das Gute verfolgen, die Wahrheit hassen, die Lüge lieben, den Lohn der Gerechtigkeit nicht kennen, ‚dem Guten nicht nachstreben‘ und nicht dem gerechten Urteil, die ein wachsames Auge haben nicht für das Gute, sondern für das Schlechte; Leute, die weit entfernt sind von Sanftmut und Geduld, ‚die Eitles lieben, nach Lohn trachten‘, die kein Mitleid haben mit den Armen, sich nicht annehmen um den Bedrückten, die ihren Schöpfer nicht kennen, ‚ihre Kinder töten‘, das Gebilde Gottes (im Mutterleibe) umbringen, vom Bedürftigen sich abkehren, den Elenden unterdrücken, den Reichen beistehen, die Armen gegen das Gesetz richten, in allem sündigen; reißet euch los, Kinder, von allen diesen.“ (Didache 5)

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt in einem Brief an die Korinther ca. im Jahr 95 n. Chr. folgendes.

Rettung aus Gnade durch Glaube:

„Suchen wir uns also seinen Segen und schauen wir, welches die Wege seines Segens sind! Lasset uns die Geschichte von Anfang an betrachten! Weswegen wurde unser Vater Abraham gesegnet? Nicht deshalb, weil er Gerechtigkeit und Wahrheit übte durch Glauben? Isaak ließ sich voll Vertrauen, da er die Zukunft kannte, freudig zum Opfer bringen. Jakob verließ demütigen Sinnes seine Heimat wegen des Bruders, ging zu Laban und diente ihm, und ihm wurden verliehen die zwölf Stämme Israels.“ (1. Clemensbrief 31)

Alle haben demnach Ehre und Herrlichkeit erlangt nicht durch sich selbst oder durch ihre Werke oder wegen ihrer Gerechtigkeit, die sie übten, sondern durch seinen Willen. Und auch wir, die wir durch seinen Willen in Christus Jesus berufen sind, werden nicht durch uns selbst gerechtfertigt noch durch unsere Weisheit oder Einsicht oder Frömmigkeit oder durch die Werke, die wir vollbracht haben in der Heiligkeit des Herzens, sondern durch den Glauben, durch den alle von Anbeginn an der allmächtige Gott gerechtfertigt hat. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Was sollen wir demnach tun, Brüder? Sollen wir ablassen von guten Werken und die Liebe aufgeben? Möge es der Herr niemals zugeben, dass dies bei uns geschehe, sondern beeilen wir uns, mit Beharrlichkeit und Bereitwilligkeit jedes gute Werk zu vollbringen. Denn der Schöpfer und Herr des Weltalls frohlockt über seine Werke. […] Beachten wir, dass alle Gerechte mit guten Werken verherrlicht waren und dass der Herr selbst, nachdem er sich selbst durch gute Werke verherrlicht hatte, darüber erfreut war. Da wir nun ein solches Vorbild haben, wollen wir unverzüglich seinem Willen nachkommen; mit all unserer Kraft wollen wir Werke der Gerechtigkeit tun.

Der gute Arbeiter nimmt freimütig das Brot für seine Arbeit, der faule und untätige aber wagt nicht, dem Blicke seines Arbeitgebers zu begegnen. Daher ist es nötig, dass wir bereit sind zu guten Werken; von ihm kommt ja alles. Er sagt nämlich zu uns: ‚Siehe, hier ist der Herr und sein Lohn ist vor ihm, damit er jedem gebe nach seinem Werke.‘ Deshalb ermahnt er uns, die wir aus ganzem Herzen ihm vertrauen, weder träge noch nachlässig zu sein ‚in jeglichem guten Werke‘. Unser Ruhm und unsere Zuversicht sei in ihm; seinem Willen wollen wir uns fügen; denken wir an die ganze Schar seiner Engel, wie sie bereit stehen, seinen Willen zu erfüllen. Denn die Schrift sagt: ‚Zehntausendmal zehntausend standen vor ihm, und tausendmal tausend dienten ihm und riefen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Sabaoth, die ganze Schöpfung ist voll seiner Herrlichkeit.‘ Auch wir, in Eintracht versammelt, einmütigen Sinnes, wollen wie aus einem Munde anhaltend zu ihm rufen, damit wir teilhaftig werden seiner großen und herrlichen Verheißungen. Er sagt ja: ‚Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die auf ihn harren.‘ […]

Was nun fürwahr ist denen bereitet, die ausharren? Der Schöpfer und Vater der Ewigkeit, der Allheilige selbst kennt die Größe und Schönheit dieser Güter. Wir nun wollen kämpfen, damit wir erfunden werden in der Zahl derer, die ausharren, auf dass wir teilhaben an den versprochenen Gütern. Wie aber wird das geschehen, Geliebte? Wenn unsere Gesinnung in Treue gefestigt ist gegen Gott, wenn wir nachstreben dem, was ihm angenehm und wohlgefällig ist, wenn wir tun, was seinem heiligen Willen entspricht, wenn wir gehen auf dem Wege der Wahrheit, wenn wir wegwerfen von uns alles Unrecht und alle Schlechtigkeit, Habsucht, Streit, Bosheit und Hinterlist, Verleumdung und üble Nachrede, Hass gegen Gott, Aufgeblasenheit und Prahlerei, Eitelkeit und ungastliches Wesen. Denn wer solches tut, ist bei Gott verhasst; aber nicht allein die solches tun, sondern auch die, welche ihnen zustimmen. Es sagt nämlich die Schrift: ‚Zu dem Sünder aber sprach Gott: Warum zählst du meine Satzungen auf und warum nimmst du meinen Bund in deinen Mund? Du hast die Zucht gehasst und hast meine Worte verworfen. Wenn du einen Dieb sähest, gingst du mit ihm, bei den Ehebrechern hattest du Anteil. Dein Mund ging über von Schlechtigkeit, und deine Zunge spann trügerische Tücke. Du setztest dich hin und sprachest gegen deinen Bruder, und dem Sohn deiner Mutter stelltest du eine Falle. Das tatest du, und ich habe geschwiegen. Du nahmst an, Gottloser, dass ich dir gleich sei. Ich werde dich überführen und dein Antlitz gegen dich kehren. Beherziget dies, ihr Gottvergessenen, damit er euch nicht wegschleppe wie ein Löwe und niemand da sei, der rettet; ein Lobopfer wird mich ehren, und dort ist der Weg, den ich ihm zeigen will, das Heil Gottes.‘

Das ist der Weg, Geliebte, auf dem wir unser Heil finden, Jesus Christus, den Hohenpriester unserer Opfergaben, den Anwalt und Helfer in unserer Schwäche. Durch ihn streben wir standhaft nach den Höhen des Himmels, durch ihn schauen wir sein heiliges und erhabenes Antlitz, durch ihn wurden die Augen unseres Herzens geöffnet, durch ihn ringt sich unser unweiser und dunkler Verstand durch zum Licht, durch ihn wollte der Herr uns kosten lassen von dem unsterblichen Wissen, der, ‚da er der Abglanz ist seiner Majestät, um soviel größer ist als die Engel, um wieviel sein Name sich unterscheidet, den er erhalten hat‘. Es steht nämlich also geschrieben: ‚Der Geister zu seinen Boten macht und Feuerflammen zu seinen Dienern‘. Zu seinem Sohne aber sprach der Herr also: ‚Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt; verlange von mir, und ich will dir Völker geben zum Erbe und zu deinem Besitze die Enden der Erde.‘ Und wiederum sagt er zu ihm: ‚Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege.‘ Welches sind aber die Feinde? Die Schlechten, die Gottes Willen sich widersetzen.

Lasset uns also kämpfen, Männer, Brüder, mit aller Ausdauer unter seinen untadeligen Gesetzen. […]

Wie denn? Soll denn ein Sterblicher rein sein vor Gott?(1. Clemensbrief 32,3-39,2)

Schön ausgedrückt finde ich es in dem kurzen Halbsatz: Durch ihn streben wir – alles Streben geht nur durch Ihn, aber es ist ein wirkliches Streben, das wir dann tun müssen.

Werke nötig fürs Heil:

„Wir wollen daher gehorchen seinem allheiligen und herrlichen Namen, um zu entgehen den erwähnten Drohungen, die seine Weisheit gegen die Ungehorsamen gerichtet hat, damit wir wohnen im Vertrauen auf seinen heiligsten und erhabensten Namen. Nehmet an unseren Rat, und es wird euch nicht gereuen. Denn es lebt Gott und es lebt der Herr Jesus Christus und der Heilige Geist, der Glaube und die Hoffnung der Auserwählten, dass der, welcher in Demut mit beharrlichem Gehorsam ohne Wanken die von Gott gegebenen Satzungen und Gebote hält, dass dieser wird eingeordnet und eingereiht werden in die Zahl der durch Jesus Christus Geretteten, durch den ihm die Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ (1. Clemensbrief 58)

Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg nach Rom zu seinem Prozess und Martyrium folgendes.

Kein Glaube ohne Werke; man muss treu bleiben bis zum Ende:

„Davon bleibt euch nichts verborgen, wenn ihr vollkommen seid in Glaube und Liebe zu Jesus Christus; denn das ist Anfang und Ende des Lebens. Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Diese beiden, zur Einheit verbunden, sind Gott! Alles Übrige, was zum rechten Leben gehört, folgt aus diesen. Keiner, der den Glauben bekennt, sündigt, und keiner, der die Liebe besitzt, hasst. Den Baum erkennt man an seinen Früchten; so werden die, welche sich zu Christus bekennen, an ihren Werken erkannt werden. Denn jetzt kommt es nicht an auf das Bekenntnis, sondern darauf, dass einer in der Kraft des Glaubens befunden wird bis ans Ende.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 14)

„Niemand lasse sich täuschen; sogar die himmlischen Mächte und die Herrlichkeit der Engel und die sichtbaren und unsichtbaren Herrscher, auch sie müssen des Gerichtes gewärtig sein, wenn sie nicht an das Blut Jesu Christi glauben. Wer es fassen kann, der fasse es! Keinen blähe seine Stellung auf; das Ganze nämlich ist Glaube und Liebe; diese übertrifft nichts. Lernet sie kennen, die Sonderlehren aufstellen über die Gnade Jesu Christi, die zu uns gekommen ist, wie sehr sie dem Willen Gottes entgegen sind! Um die (Nächsten-) Liebe kümmern sie sich nicht, nicht um die Witwe, nicht um die Waise, nicht um den Bedrängten, nicht um den Gefangenen oder Freigegebenen, nicht um den Hungernden und Dürstenden. (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 6)

„Denn falls wir in ihm allen Übermut des Fürsten dieser Welt ertragen und meiden, werden wir Gottes teilhaftig werden.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 1)

Verdienstlichkeit der Werke:

„Gewinnet die Zufriedenheit eures Kriegsherrn, von dem ihr ja auch den Sold empfanget; keiner werde fahnenflüchtig. Eure Taufe bleibe als Rüstung, der Glaube als Helm, die Liebe als Speer, die Geduld als volle Rüstung. Eure Einlage seien eure Werke, damit ihr würdig euren Lohn empfanget.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 6,2)

Polykarp von Smyrna, einer der Empfänger von Ignatius‘ Briefen, schrieb kurze Zeit später einen Brief an die Philipper.

Erlösung durch Gnade:

„und weil gefestigt ist die Wurzel eures Glaubens, der seit ursprünglichen Zeiten verkündet wird, bis heute fortlebt und Früchte bringt für unseren Herrn Jesus Christus, der es auf sich nahm, für unsere Sünden bis in den Tod zu gehen, den Gott auferweckt hat, nachdem er die Leiden der Unterwelt gelöst hatte; an den ihr, ohne ihn gesehen zu haben, glaubet in unaussprechlicher und herrlicher Freude, in die viele einzugehen wünschen, weil sie wissen, dass ihr durch die Gnade erlöst seid nicht kraft der Werke vielmehr nach dem Willen Gottes durch Jesus Christus.“ (Brief Polykarps an die Philipper 1,2f.)

Im Barnabasbrief finden sich auch ein paar Stellen.

Werke sind nötig, um die Erlösung, die durch Jesus geschehen ist, zu bewahren:

„Der Weg des Lichtes nun ist dieser: Wenn einer seinen Weg gehen will bis zum vorgesteckten Ziele, so soll er sich beeilen durch seine Werke. Die Erkenntnis nun, die uns gegeben wurde darüber, wie wir auf diesem Wege wandeln müssen, ist also: Liebe den, der dich erschaffen, fürchte den, der dich gebildet, verherrliche den, der vom Tode dich erlöst hat! Sei geraden Herzens und reich im Geiste! Verkehre nicht mit denen, die wandeln auf dem Wege des Todes! Hasse alles, was Gott nicht gefällt, hasse jegliche Heuchelei! Versäume nichts von Gottes Geboten!“ (Barnabasbrief 19,1f.)

Wer verloren geht, ist selbst schuld:

„Es sagt aber die Schrift: ‚Nicht mit Unrecht werden Netze ausgespannt für die Vögel‘, das besagt, dass mit Recht ein Mensch zugrunde gehen wird, der sich wegbegibt auf den Weg der Finsternis, obwohl er den Weg der Gerechtigkeit kennt.“ (Barnabasbrief 5,4)

Das Heil kann also auch verloren gehen:

„Sorgfältig müssen wir also, Brüder, bedacht sein auf unser Heil, damit nicht der Böse einen Schlupfwinkel für den Irrtum in uns bereite und uns so wegschleudere von unserem Leben.“ (Barnabasbrief 2,10)

„Denn die ganze Zeit unseres Lebens und Glaubens wird uns nichts nützen, wenn wir nicht jetzt in der zuchtlosen Zeit und in den bevorstehenden Ärgernissen Widerstand leisten, wie es Kindern Gottes geziemt. Damit also der Schwarze sich nicht einschleichen könne, wollen wir vor jeglicher Eitelkeit fliehen, wollen wir ganz und gar hassen die Werke des bösen Wandels. Ziehet euch nicht auf euch selbst zurück und bleibet nicht allein, als ob ihr schon gerechtfertigt wäret, sondern kommet an einem Ort zusammen und strebet vereint dem nach, was der Gesamtheit nützlich ist. Denn die Schrift sagt: ‚Wehe denen, die sich selbst weise und die in ihren eigenen Augen verständig sind.‘ Werden wir doch Geistesmenschen, werden wir ein vollkommener Tempel für Gott! Streben wir, soviel es an uns liegt, nach der Furcht Gottes und ringen wir um die Erfüllung seiner Gebote, damit wir froh werden in seinen Satzungen. Der Herr wird die Welt richten ohne Ansehen der Person. Ein jeder wird empfangen nach seinen Werken. Wenn er gut ist, wird seine Gerechtigkeit ihm vorangehen; wenn er böse ist, wird der Lohn seiner Schlechtigkeit vor ihm her sein. (Hüten wir uns), dass wir nicht ausruhend wie Berufene einschlafen über unseren Sünden und der böse Fürst Gewalt über uns bekomme und uns hinausstoße aus dem Reiche des Herrn. Auch das bedenket noch, meine Brüder! Wenn ihr sehet, dass nach so vielen Zeichen und Wundern, die in Israel geschehen sind, sie auch so noch verlassen worden sind, dann wollen wir sorgen, dass nicht wir erfunden werden gemäß dem Worte der Schrift: ‚Viele sind berufen, aber wenige auserwählt.'“ (Barnabasbrief 4,9-14)

Über Taufe und Erbsünde:

„Als er nun uns erneuerte in der Vergebung unserer Sünden, da machte er uns zu einer anderen Art, so dass wir die Seele von Kindern haben, wie wenn er uns ein zweites Mal geschaffen hätte.“ (Barnabasbrief 6,11)

„Bevor wir nämlich unserem Gotte glaubten, war die Wohnung unseres Herzens dem Verderben zugänglich und schwach, wie ein wirklich von Händen erbauter Tempel, weil es voll war von Götzendienst und weil es war eine Behausung für Dämonen, weil wir taten, was Gott zuwider war. Er wird aber aufgebaut werden auf den Namen des Herrn. Gebet aber acht, auf dass der Tempel des Herrn prachtvoll aufgebaut werde. Wie? Das vernehmet! Da wir Verzeihung der Sünden erlangten und gehofft haben auf den Namen des Herrn, sind wir neu geboren worden, wiederum von neuem geschaffen; deshalb wohnt in uns im Gemache (unseres Herzens) Gott wahrhaftig. Wieso? Sein Wort der Treue, seine Berufung zur Verheißung, die Weisheit seiner Satzungen, die Forderungen seiner Lehre, ja er selbst, der in uns weissagt, er selbst, der in uns wohnt, der uns, dem Tode Unterworfenen, die Türe des Tempels, das ist den Mund öffnet, der uns Bußgeist verleiht, er zieht ein in den unvergänglichen Tempel.“ (Barnabasbrief 16,7-9)

Angelico, giudizio universale di berlino.jpg
(Fra Angelico, Jüngstes Gericht.)

Im Hirten des Hermas, einer Privatoffenbarung eines römischen Laien, spätestens zwischen 140 und 155 entstanden, gibt es folgende Stellen.

Das Halten der Gebote ist nötig fürs Heil:

„‚Fürchte den Herrn‘, sprach er, ‚und halte seine Gebote; wenn du nämlich die Gebote Gottes hältst, wirst du mächtig sein in all deinem Tun, und dieses wird unvergleichlich sein. Denn in der Furcht des Herrn wirst du alles trefflich machen. Das ist die Furcht, die du haben musst, um das Heil zu erlangen. […] Fürchte also den Herrn, und du wirst ihm leben; und alle, die ihn fürchten und seine Gebote halten, werden in Gott leben.‘ ‚Warum, Herr‘, fragte ich, ’sagtest du von denen, die seine Gebote halten: Sie werden in Gott leben?‘ ‚Weil‘, entgegnete er, ‚weil jedes Geschöpf den Herrn zwar fürchtet, aber seine Gebote nicht hält. Wer aber ihn fürchtet und seine Gebote hält, der wird das Leben haben bei Gott; wer aber seine Gebote nicht hält, der wird auch das Leben nicht haben.‚“ (Hirte des Hermas II,7,1.4f.)

„‚Künde mir auch, Herr, die Bedeutung der guten Dinge, damit ich in ihnen wandle und ihnen diene und dadurch das Heil erlangen könne.‘ ‚So höre auch die guten Werke, die du tun musst und nicht unterlassen darfst. Vor allem ist es der Glaube, die Furcht des Herrn, Liebe, Eintracht, gerechte Rede, Wahrheit, Geduld; etwas Besseres als dies gibt es nicht im Leben des Menschen. Wenn einer dieses tut und nicht unterlässt, wird er glückselig in seinem Leben. Höre auch, was diese Tugenden nach sich ziehen: den Witwen beistehen, Waisen und Unglückliche besuchen, die Diener Gottes aus Bedrängnis befreien, Gastfreundschaft üben (in der Ausübung der Gastfreundschaft findet man einmal Wohltätigkeit), mit niemand Feindschaft halten, in Ruhe leben, sich kleiner machen als alle (anderen) Menschen, das Alter ehren, die Gerechtigkeit üben, die Bruderliebe pflegen, Übermut erdulden, langmütig sein, Unrecht nicht nachtragen, die Niedergeschlagenen trösten, die im Glauben Strauchelnden nicht verstoßen, sondern zurückbringen und ihnen das Gleichgewicht der Seele geben, die Fehlenden zurechtweisen, die Schuldner und die Bedürftigen nicht drängen und noch vieles dieser Art. Dünkt dich dies gut?‘ ‚Was soll es denn Besseres geben als dies, o Herr?‘ ‚So wandle denn‘, fuhr er fort, ‚in ihnen und halte dich nie fern von ihnen, dann wirst du das Leben haben in Gott.'“ (Hirte des Hermas II,8,8-11)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Gewiss, über alles, auch über alle diese Gebote kann der Mensch Herr werden, wenn er den Herrn in seinem Herzen trägt. Für diejenigen aber, die den Herrn nur auf den Lippen haben, deren Herz aber verstockt und vom Herrn weit entfernt ist, für solche sind diese Gebote schwer und nur mit Mühe zu erfüllen. Nehmet also ihr, die ihr leer seid und geringen Glaubens, den Herrn in euer Herz auf, und ihr werdet erkennen, dass nichts leichter, nichts süßer und milder ist als diese Gebote. Bekehret euch daher, die ihr in den Geboten des Teufels wandelt, von diesen schweren, bitteren, wilden und wüsten Geboten und fürchtet den Teufel nicht, weil er keine Gewalt wider euch besitzt. Denn ich, der Engel der Buße, werde mit euch sein, und ich habe Gewalt über ihn. Der Teufel flößt nur Furcht ein, aber diese Furcht ist ohne Belang; fürchtet ihn also nicht, und er wird von euch weichen.“ (Hirte des Hermas II,12,4,3-7)

Es kommen mehrere Gleichnisse vor.

In einem sehr ausführlichen Gleichnis wird die Kirche als ein Turm dargestellt, der aufgebaut wird, und die Menschen als Steine, die in ihn eingefügt werden. Manche werden eingefügt, aber später wieder entfernt, weil sie sich verfärbt und Risse bekommen haben, andere werden zunächst neben den Turm gelegt, weil sie untauglich sind, aber später behauen und doch noch eingefügt. Aber selbst die entfernten Steine können sich nochmals ändern und wieder eingefügt werden. Das soll darstellen, dass auch gute Christen das Heil verlieren und andererseits Sünder durch Buße wieder zu Gott  zurück kommen können. Das Tor zum Bauplatz und das Fundament ist Jesus; es sind die Taufe und die Tugenden nötig, um zum Bau hinzukommen. Die Steine stammen aus verschiedenen Bergen, die sämtliche Menschengruppen auf der Erde darstellen. (Hirte des Hermas III,9)

Die Sünden derer, die einmal gläubig wurden, sind schlimmer als die der Heiden, sagt der Engel zu Hermas:

„‚Wieso, Herr‘, fragte ich, ‚wurden sie schlechter, nachdem sie doch Gott erkannt hatten?‘ ‚Wer Gott nicht kennt‘, sprach er, ‚und sündigt, der wird bestraft für seine Sünde; wer aber Gott erkannt hat, darf nichts Böses mehr tun, sondern er muss recht handeln. Wenn nun der, welcher recht handeln muss, Böses tut, scheint der nicht ein größeres Unrecht zu begehen als der, welcher Gott nicht kennt? Deshalb sind die, welche ohne Gott zu kennen Böses tun, zum Tode verurteilt, und die, welche Gott kennen und seine Großtaten gesehen haben und dennoch sündigen, werden doppelt bestraft und zum ewigen Tode verurteilt werden. Auf diese Weise wird die Kirche Gottes gereinigt werden. Wie du es beim Turme sahest, dass die Steine herausgenommen, den bösen Geistern übergeben und von dort entfernt wurden, so werden die Gereinigten einen Leib bilden, und wie der Turm nach der Reinigung wie aus einem Steine geformt dastand, so wird es auch mit der Kirche Gottes sein, wenn sie gereinigt und gesäubert ist von den Bösen, den Heuchlern, den Verleumdern, den Zweiflern und von denen, die alles mögliche Unrecht tun. Nach der Entfernung dieser wird die Kirche Gottes sein wie ein Leib, eine Gesinnung, ein Geist, ein Glaube, eine Liebe. Dann wird der Sohn Gottes frohlocken und sich freuen unter ihnen, wenn er sein Volk rein bekommen hat.'“ (Hirte des Hermas III,9,18,1-4)

In einem anderen Gleichnis wird die verschiedene Schwere der Sünden dadurch dargestellt, dass die Menschen alle grüne Weidenzweige von einem Engel bekommen, die er später wieder einsammelt; manche Zweige bleiben grün oder tragen sogar noch Frucht, und die Träger dieser Zweige werden sofort belohnt. Andere werden dürr und bekommen Risse, teilweise sind sie auch von Motten angefressen, andere werden zur Hälfte dürr, oder werden nur an der Spitze dürr, oder zu zwei Dritteln, usw. in allen möglichen Variationen. Die Menschen, deren Zweige teilweise dürr sind, bekommen noch eine Chance; ihre Zweige werden bewässert und viele werden wieder ganz grün und treiben aus. Hermas bekommt auch eine Erklärung dafür:

Du siehst den Zweig von jedem einzelnen; denn die Zweige sind das Gesetz. Du siehst nun, dass viele Zweige verdorben sind; daraus wirst du jeden, der das Gesetz nicht gehalten hat, erkennen, auch wirst du sehen, wo ein jeder wohnen wird.‘ Ich fragte ihn: ‚Herr, warum schickte er die einen in den Turm und überließ dir die anderen?‘ ‚Alle, die das von ihm überkommene Gesetz übertreten haben, übergab er in meine Gewalt zur Buße; wer aber dem Gesetze bereits Genüge getan und es erfüllt hatte, den behielt er in seiner eigenen Gewalt.‘ ‚Wer sind nun, Herr, die, welche mit Kränzen geschmückt in den Turm gingen?‘ ‚[Bekränzt wurden die, welche mit dem Teufel gerungen und ihn niedergerungen haben]; das sind solche, die für das Gesetz gelitten haben [=die Märtyrer]. Die anderen aber, die zwar gleichfalls grünende Zweige mit Trieben, aber ohne Fruchtansatz übergeben haben, das sind die, welche für das Gesetz wohl Mühsal getragen, aber nicht gelitten noch ihr eigenes Gesetz verleugnet haben. Grün, wie sie dieselben bekommen hatten, gaben ihre Zweige die ab, welche heilig und gerecht in sehr großer Herzensreinheit gelebt und die Gebote des Herrn gehalten haben. Das übrige sollst du erfahren, wenn ich nach diesen eingepflanzten und begossenen Zweigen gesehen habe.'“ (Hirte des Hermas III,8,3)

Das Gleichnis geht noch ein gutes Stück weiter; einige Menschen tun Buße, andere nicht, und der Engel erläutert ihre verschiedenen Kategorien von Sünden. Der Engel sagt schließlich zu Hermas:

„Als er mit der Auslegung aller Zweige fertig war, sprach er zu mir: ‚Gehe hin und sage zu allen, sie sollen Buße tun, und sie werden in Gott leben; denn der Herr hat in seiner Erbarmung mich gesandt, allen Buße zu gewähren, auch wenn einige wegen ihrer Werke sie nicht verdienen. Aber in seiner Langmut will der Herr, dass alle das Heil erlangen, die durch seinen Sohn berufen worden sind.‘ Darauf sagte ich: ‚Herr, ich hoffe, dass alle, die es hören, Buße tun; denn ich bin überzeugt, dass ein jeder in der Erkenntnis seiner eigenen Werke und aus Furcht vor Gott Buße tun wird.‘ Da antwortete er mir: ‚Alle, die aus ganzem Herzen [Buße tun und] sich von den genannten Sünden reinigen und fernerhin keine Ungerechtigkeit mehr begehen, werden Heilung ihrer begangenen Sünden vom Herrn erhalten und werden in Gott leben, wenn sie nicht wanken in diesen Geboten. [Wer aber in seinen Sünden weiterlebt und in den Lüsten dieser Welt wandelt, der schreibt sich selbst das Todesurteil.] Und du selbst wandle in meinen Geboten, und du wirst leben [in Gott; und alle, die in ihnen wandeln und recht handeln, werden in Gott leben].'“(Hirte des Hermas III,8,11,1-4)

Laut Hermas ist die Geduld des Herrn begrenzt und die Christen haben nur noch eine begrenzte Zeit der Buße, während den Heiden länger Zeit gelassen wird (eine der Aussagen, die man als Christ nicht unbedingt übernehmen sollte):

„Wenn du ihnen diese Worte mitgeteilt hast, die mir der Herr aufgetragen hat, damit du sie offen erkennest, dann werden ihnen alle Sünden nachgelassen, die sie früher begangen haben, ebenso allen Heiligen, was sie bis auf diesen Tag gesündigt haben, wenn sie aus ganzem Herzen sich bekehren und aus ihrem Herzen den Zwiespalt nehmen. Denn der Herr hat bei seiner Herrlichkeit gegen seine Auserwählten geschworen: wenn nach diesem festgesetzten Tage noch eine Sünde geschieht, dann sollen sie das Heil nicht erlangen; denn die Bußzeit hat ein Ende für die Gerechten; die Tage der Buße sind erfüllt für alle Heiligen; für die Heiden aber gibt es eine Buße bis zum Jüngsten Tage. Sage daher den Vorstehern der Kirche, auf dass sie ihre Wege bessern in Gerechtigkeit und mit großer Herrlichkeit aus dem Vollen die Verheißungen empfangen. Fahret fort, die Gerechtigkeit zu üben und duldet keinen Zwiespalt im Herzen, damit ihr eingehen werdet zu den heiligen Engeln! Glückselig seid ihr alle, wenn ihr die kommende große Trübsal aushaltet und wenn ihr euer Leben nicht verleugnet. Denn der Herr hat durch seinen Sohn geschworen, dass denen, die ihren Herrn verleugnen, ihr Leben abgesprochen ist, nämlich denen, die in den kommenden Tagen ihn verleugnen werden; wer es früher getan, dem zeigte sich der Herr gnädig wegen seiner Barmherzigkeit.“ (Hirte des Hermas I,2,2,4-8)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 folgendes.

Das Heil kommt von Gott, aber dann hat der Mensch den freien Willen:

„Und wir sind ferner gelehrt worden, daß er im Anfange, weil er gut ist, alles aus formloser Materie der Menschen wegen erschaffen hat; wir haben die Überlieferung, daß diese, wenn sie sich nach seinem Ratschlusse in Werken dessen wert erweisen, des Umganges mit ihm gewürdigt werden und mit ihm gemeinsam herrschen, nachdem sie unvergänglich und leidenlos geworden sind. Denn so gewiß er sie im Anfange, als sie nicht waren, geschaffen hat, ebenso gewiß werden, so glauben wir, die, welche das ihm Wohlgefällige erwählen, wegen dieser Wahl der Unsterblichkeit und des Zusammenwohnens mit ihm gewürdigt werden. Denn daß wir im Anfange ins Dasein gerufen wurden, war nicht unser Verdienst; daß wir aber dem nachstreben, was ihm lieb ist, indem wir es mit Vernunftkräften, die er selbst uns schenkte, frei wählen, dazu leitet er uns an und dazu führt er uns zum Glauben.“ (Justin, 1. Apologie 10)

„Ihr habt aber in der ganzen Welt keine bessern Helfer und Verbündeten zur Aufrechthaltung der Ordnung als uns, die wir solches lehren, wie, daß ein Betrüger, Wucherer und Meuchelmörder so wenig wie ein Tugendhafter Gott verborgen bleiben könne und daß ein jeder ewiger Strafe oder ewigem Heile nach Verdienst seiner Taten entgegengehe. Denn wenn die Menschen insgesamt zu dieser Überzeugung kämen, so würde niemand für die kurze Zeit dem Laster sich hingeben, weil er wüßte, daß er der ewigen Strafe im Feuer entgegengehe, sondern man würde auf alle Weise sich zusammennehmen und mit Tugend schmücken, um der göttlichen Belohnungen teilhaftig zu werden und von den Strafen frei zu bleiben.“ (Justin, 1. Apologie 12)

Freier Wille:

Damit aber niemand aus dem vorher von uns Gesagten den Schluß ziehe, wir behaupten, daß das, was geschieht, nach der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe, weil wir ja vorhin bemerkten, es sei vorhergewußt, so wollen wir auch diese Schwierigkeit lösen. Daß die Strafen und Züchtigungen wie auch die Belohnungen nach dem Werte der Handlungen eines jeden zugeteilt werden, darüber sind wir von den Propheten belehrt worden und verkünden es als wahr. Wenn das nicht der Fall wäre, sondern alles nach einem Verhängnisse geschähe, so gäbe es gar keine Verantwortlichkeit; denn wenn es vom Schicksale bestimmt ist, daß dieser gut und jener schlecht ist, so ist der eine so wenig zu loben als der andere zu tadeln. Und wiederum: Wenn das Menschengeschlecht nicht das Vermögen hat, aus freier Wahl das Schändliche zu fliehen und sich für das Gute zu entscheiden, so ist es unschuldig an allem, was es tut. Daß es aber nach freier Wahl sowohl recht als auch verkehrt handelt, dafür führen wir folgenden Beweis. Man sieht ein und denselben Menschen den Übergang zum Entgegengesetzten machen; wenn es ihm aber vom Schicksale bestimmt wäre, daß er entweder schlecht oder gut ist, so wäre er niemals empfänglich für das Entgegengesetzte und ändert sich nicht so oft. Aber es wären auch nicht einmal die einen gut, die andern schlecht; denn wir müßten sonst erklären, daß das Verhängnis die Ursache des Guten und des Bösen sei und sich selbst widerspreche, oder wir müßten jenen früher erwähnten Satz (c. 18,4) für wahr halten, daß Tugend und Laster nichts seien, sondern nur nach der subjektiven Meinung das eine für gut, das andere für schlecht gehalten werde; das wäre aber, wie die wahre Vernunft zeigt, die größte Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Wir sehen vielmehr das unentrinnbare Verhängnis darin, daß denen, die das Gute wählen, die entsprechende Belohnung und ebenso denen, die das Gegenteil wählen, die entsprechende Strafe zuteil wird. Denn nicht wie die übrigen Wesen, z. B. die Bäume und die Vierfüßler, die nichts nach freier Wahl zu tun vermögen, hat Gott den Menschen geschaffen; auch verdiente er weder Strafe noch Lohn, wenn er nicht aus sich das Gute wählte, sondern dazu geboren wäre, und ebenso könnte ihn nicht, wenn er böse wäre, mit Recht Strafe treffen, da er nicht aus sich so wäre, sondern nichts anderes sein könnte, als wozu die Natur ihn gemacht hätte.

Es hat uns aber dieses der heilige prophetische Geist gelehrt, der durch Moses bezeugt, Gott habe zu dem ersten Menschen, den er gebildet hatte, also gesprochen: ‚Siehe, vor deinem Angesichte liegt das Gute und das Böse, wähle das Gute!‘ Und wiederum ist durch Isaias, den andern Propheten, in der Person Gottes, des Allvaters und Herrn, in gleichem Sinne folgendes gesagt worden: ‚Waschet euch, werdet rein, schaffet die Bosheiten fort aus euren Seelen, lernet Gutes tun, schaffet Recht der Waise und laßt Recht widerfahren der Witwe, und dann kommt und wir wollen miteinander verhandeln, spricht der Herr. Und wenn eure Sünden sind wie Purpur, ich werde sie weiß machen wie Wolle, und wenn sie sind wie Scharlach, ich werde sie weiß machen wie Schnee. Und wenn ihr wollt und auf mich hört, so sollt ihr das Beste des Landes essen; hört ihr aber nicht auf mich, so wird das Schwert euch verzehren; denn der Mund des Herrn hat dies gesprochen.‘ […] Demgemäß hat auch Platon seinen Ausspruch: ‚Die Schuld fällt auf den Wählenden, Gott ist ohne Schuld‘ dem Propheten Moses entnommen; denn Moses ist älter als alle griechischen Schriftsteller. […] Wenn wir also behaupten, zukünftige Begebenheiten seien geweissagt worden, so sagen wir damit nicht, daß sie mit der Notwendigkeit des Verhältnisses sich zutragen; vielmehr liegt die Sache so: Weil Gott die zukünftigen Handlungen aller Menschen vorausweiß und weil es sein Grundsatz ist, jedem der zukünftigen Menschen nach dem Verdienste seiner Taten zu vergelten, so sagt er durch den prophetischen Geist vorher, was ihnen nach dem Werte ihrer Handlungen von seiner Seite begegnen werde, und führt dadurch allezeit das Menschengeschlecht zur Überlegung und Besinnung, indem er ihm zeigt, daß er sich um die Menschen kümmert und Vorsorge für sie trifft. (Justin, 1. Apologie 43-44)

„Aber ebensowenig glauben wir, daß die Menschen nach einem Verhängnisse handeln oder leiden, was ihnen begegnet, sondern vielmehr, daß jeder nach freier Wahl recht oder unrecht tut und daß, wenn die Guten, wie Sokrates und seinesgleichen, verfolgt werden und in Banden liegen, dagegen ein Sardanapal, Epikur und ihresgleichen in Überfluß und Ruhm glücklich zu sein scheinen, dies auf Anstiften der bösen Dämonen geschieht. Das haben die Stoiker nicht bedacht, wenn sie den Satz aufstellten, daß alles mit der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe. Aber weil Gott das Geschlecht der Engel und das der Menschen ursprünglich frei erschaffen hat, werden sie mit Recht für ihre Vergehungen in ewigem Feuer gestraft werden. Alles Gewordene ist von Natur der Schlechtigkeit und der Tugend fähig; es wäre ja auch keines davon des Lobes wert, wenn es nicht auch die Fähigkeit hätte, sich dem einen wie dem anderen zuzuwenden. Das beweisen auch jene Männer, die in den verschiedenen Ländern nach der wahren Vernunft Gesetze gegeben oder Forschungen angestellt haben, indem sie das eine zu tun, das andere zu lassen gebieten. Und selbst die stoischen Philosophen vertreten in ihrer Sittenlehre entschieden dieselbe Anschauung, woraus sich ergibt, daß sie in ihrer Lehre von den Grundprinzipien und von den übersinnlichen Dingen nicht auf dem rechten Wege sind. Denn wenn sie behaupten, daß das, was menschlicherseits geschieht, nur ein Werk des Verhängnisses sei oder daß Gott nichts anderes sei als was sich beständig umwandelt, verändert und in dieselben Bestandteile wieder auflöst, dann wird es offenkundig sein, daß sie nur von vergänglichen Dingen eine Vorstellung gewonnen haben, daß ihre Gottheit selbst sowohl in ihren Teilen als auch im Ganzen mit jeder Schlechtigkeit behaftet ist; sie müßten denn lehren, daß Tugend und Laster überhaupt nichts sind, was freilich gegen alles gesunde Denken und gegen Vernunft und Verstand ist.“ (Justin, 2. Apologie 6)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„Daß jedoch diejenigen, deren Ungerechtigkeit man vorherwußte, seien sie Engel oder Menschen, nicht durch Gottes Schuld Sünder werden, sondern daß jeder durch seine eigene Schuld das ist, als was er erscheinen wird, habe ich auch schon oben dargetan. Damit ihr aber nicht einwendet: ‚Es war notwendig, daß Christus gekreuzigt wurde, oder daß in unserem Volke Sünder sind, es konnte nicht anders sein‘, habe ich zum voraus kurz bemerkt: da Gott wollte, daß Engel und Menschen seinem Willen gehorchen, wollte er dieselben, damit sie gerecht handeln, mit freiem Willen ausstatten, ihnen, damit sie wissen, wer sie erschaffen hat, und um wessen willen sie aus dem Nichts ins Dasein gerufen worden sind, Verstand geben und ein Gesetz, damit sie gerichtet werden, wenn sie gegen den gesunden Verstand handeln. Wir selbst, Menschen wie Engel, werden die Schuld an unserer Verurteilung sein, wenn wir sündigen und uns nicht rechtzeitig bekehren. Wenn der Logos Gottes die sichere Bestrafung gewisser Engel und Menschen prophezeit, so hat er es deshalb getan, weil er vorauswußte, daß sie verstockte Sünder sein werden, nicht aber deshalb, weil Gott sie zu Sündern gemacht hat. Daher können alle, wenn sie wollen, an der göttlichen Barmherzigkeit teilhaben; sie brauchen sich nur zu bekehren. Solchen prophezeit der Logos Glück mit den Worten: ‚Selig der Mann, dem Gott die Sünde nicht anrechnet‘, das heißt derjenige, welcher seine Sünden bereut und daher Nachlassung der Sünden von Gott erhält. Ihr jedoch wie noch mancher, der da eurer Gesinnung ist, belügt euch über diese Worte und legt sie also aus: mögen sie auch Sünder sein, so rechnet doch der Herr, wenn sie nur Gott kennen, ihnen ihre Sünde nicht an. Beweis für unsere Auslegung ist uns die eine Sünde Davids, in welche ihn sein Hochmut fallen ließ: die Sünde wurde dann nachgelassen, nachdem er sie so sehr beweint und beklagt hatte. So erzählt die Schrift. Wenn aber einem solchen Manne nicht, ehe er seine Sünde bereut hatte, Nachlassung gewährt wurde, sondern erst nachdem dieser große König, Gesalbter und Prophet in bekannter Weise geweint und gehandelt hatte, können dann die Unreinen und die ganz Verkommenen, ohne unter Weinen und Klagen Buße zu tun, Hoffnung haben, daß der Herr ihnen ihre Sünde nicht anrechne?“ (Justin, Dialog mit Tryphon 140,4-141,3)

Hier lehnt Justin also ganz deutlich die These ab, Gott würde die Sünden der Gläubigen nur zudecken, und sie wären nicht wirklich umgewandelt und müssten nicht weiterhin die Gebote halten, um erlöst zu werden.

Man wird von Gott erlöst; nur wenn man die Gebote hält, behält man die Erlösung:

„Wie aus einem Feuer sind wir gerettet, da wir befreit wurden sowohl von unseren früheren Sünden als auch von der Drangsal und dem Brande, welche uns der Satan und alle seine Diener bereiten. Wiederum Jesus, der Sohn Gottes rettet uns aus deren Händen. Für den Fall daß wir seine Gebote beobachten, versprach er, uns mit den bereit gehaltenen Kleidern auszustatten, und verhieß, ein ewiges Reich zu bereiten.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 116,2)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Und er hat von Anbeginn das Menschengeschlecht mit Vernunft begabt und mit der Fähigkeit geschaffen, das Wahre zu erwählen und das Gute zu tun, so daß die Menschen samt und sonders vor Gott keine Entschuldigung haben, weil sie als vernünftige und erkenntnisfähige Wesen auf die Welt gekommen sind. Wer aber glaubt, Gott kümmere sich um die Menschen nicht, der leugnet entweder indirekt sein Dasein oder er sagt, wenn er existiere, habe er Freude am Bösen oder verharre in Ruhe wie ein Stein, Tugend und Laster seien leere Begriffe und es sei nur ein Wahn, wenn die Menschen das eine für gut, das andere für bös halten; das ist freilich die größte Ruchlosigkeit, die gedacht werden kann.“ (Justin, 1. Apologie 28)

Bzgl. früherer Generationen schreibt Justin:

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

Justin schreibt auch an mehreren Stellen darüber, dass nicht mehr die Beschneidung und das Einhalten der alttestamentlichen Zeremonialgesetze nötig sind, sondern die Taufe, die jetzt im Neuen Bund von Gott angeordnet wurde:

„Wenn nämlich vor Abraham die Beschneidung und vor Moses die Sabbatfeier, die Feste und Opfer kein Bedürfnis waren, dann sind sie in gleicher Weise auch jetzt kein Bedürfnis, da nach dem Willen Gottes Jesus Christus, der Sohn Gottes, ohne Sünde durch die aus dem Volke Abrahams stammende Jungfrau geboren worden ist. Denn auch Abraham wurde, als er noch unbeschnitten war, gerechtfertigt und gesegnet, und zwar wegen seines Glaubens an Gott, wie die Schrift dartut. Die Beschneidung aber erhielt er als Zeichen, nicht jedoch um gerechtfertigt zu werden. Schrift und Geschichte zwingen uns, das anzunehmen. Mit Recht heißt es daher von jenem Volke: ‚Ausgetilgt soll werden aus seinem Stamme jener, der nicht am achten Tage beschnitten wird.‘ Auch die Unmöglichkeit, daß das weibliche Geschlecht die fleischliche Beschneidung empfängt, beweist, daß diese Beschneidung als Zeichen, nicht aber als eine Tat der Gerechtigkeit gegeben worden ist; denn Gott hat in gleicher Weise auch dem Weibe die Möglichkeit verschafft, all das zu tun, was gerecht und tugendhaft ist. Wir wissen doch, daß nicht wegen des Körperbaues, der, wie wir sehen, bei Mann und Weib verschieden ist, dieselben gerecht oder ungerecht sind, sondern daß Frömmigkeit und Gerechtigkeit entscheiden.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 23,3-5)

Und hierfür haben wir von den Aposteln folgende Begründung überkommen. Da wir bei unserer ersten Entstehung ohne unser Wissen nach Naturzwang aus feuchtem Samen infolge gegenseitiger Begattung unserer Eltern gezeugt wurden und in schlechten Sitten und üblen Grundsätzen aufgewachsen sind, so wird, damit wir nicht Kinder der Notwendigkeit und der Unwissenheit bleiben, sondern Kinder der freien Wahl und der Einsicht, auch der Vergebung unserer früheren Sünden teilhaftig werden, im Wasser über dem, der nach der Wiedergeburt Verlangen trägt und seine Vergehen bereut hat, der Name Gottes, des Allvaters und Herrn, ausgesprochen, wobei der, welcher den Täufling zum Bade führt, nur eben diese Bezeichnung gebraucht. Denn einen Namen für den unnennbaren Gott vermag niemand anzugeben, und sollte jemand behaupten wollen, es gebe einen solchen, so wäre er mit unheilbarem Wahnsinn behaftet. Es heißt aber dieses Bad Erleuchtung, weil diejenigen, die das an sich erfahren, im Geiste erleuchtet werden. Aber auch im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, und im Namen des Heiligen Geistes, der durch die Propheten alles auf Jesus Bezügliche vorherverkündigt hat, wird der, welcher die Erleuchtung empfängt, abgewaschen. […] Wir aber führen nach diesem Bade den, der gläubig geworden und uns beigetreten ist, zu denen, die wir Brüder nennen, dorthin, wo sie versammelt sind, um gemeinschaftlich für uns, für den, der erleuchtet worden ist, und für alle andern auf der ganzen Welt inbrünstig zu beten, damit wir, nachdem wir die Wahrheit erkannt haben, gewürdigt werden, auch in Werken als tüchtige Mitglieder der Gemeinde und als Beobachter der Gebote erfunden zu werden, und so die ewige Seligkeit zu erlangen“ (Justin, 1. Apologie 61.65)

„Daher müßt ihr diese Hoffnung eurer Seele beschneiden und euch bemühen um die Erkenntnis des Weges, auf welchem euch die Sünden werden nachgelassen werden und ihr das Erbe der verheißenen Güter erhoffen dürft. Diesen Weg geht ihr aber nur dann, wenn ihr unseren Christus anerkennt, euch in dem durch Isaias verkündeten, der Nachlassung der Sünden dienenden Bade reinigt und dann ohne Sünden lebt.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 44,4)

Über Jesu Erlösungstat schreibt er:

„er wollte ja auch nicht deshalb, weil er es notwendig gehabt hätte, geboren werden und am Kreuze sterben. Es war ihm vielmehr um das Menschengeschlecht zu tun, welches seit Adam dem Tode und dem Truge der Schlange verfallen war, da jeder sich selbst mit Schuld belud und sündigte. Gott hat nämlich bei Erschaffung der Engel und Menschen gewollt, daß sie, ausgestattet mit freiem Willen und dem Selbstbestimmungsrecht, das tun, wozu er jeden einzelnen befähigt hat; er wollte sie, wenn sie sich für Gottes Willen entscheiden, vor Vergänglichkeit und Strafe bewahren, jedem dagegen nach seinem Gutdünken bestrafen, wenn sie sündigten. (Justin, Dialog mit Tryphon 88,4f.)

„Da er es jedoch so für gut hielt, stattete er Engel und Menschen mit freiem Willen aus, damit sie gerecht handelten, und bis zu einer von ihm bestimmten Zeit sah er, daß der freie Wille für sie gut war. Und wiederum weil er es für gut erachtete, hielt er allgemeine und besondere Gerichte ab, aber den freien Willen ließ er.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 102,4)

Aristides von Athen schreibt irgendwann zwischen 138 und 161 in einer Verteidigungsschrift der Christen gegenüber den Heiden folgendes:

„Sie [die Christen] bemühen sich gerecht zu sein, erwarten sie ja in großer Herrlichkeit ihren Christus zu sehen und die ihnen gemachten Verheißungen von ihm zu empfangen. Ihre Sprüche und Gebote aber, o Kaiser, den Ruhm ihres (Gottes-) Dienstes und den Lohn [der Vergeltung], den sie entsprechend dem Tun eines jeden einzelnen von ihnen in der andern Welt erwarten, magst du aus ihren Schriften kennen lernen. […]

Kommt es indes vor, daß einer von ihnen [den Heiden] sich bekehrt, so schämt er sich vor den Christen seiner begangenen Missetaten, bekennt (sie) Gott und spricht: ‚Aus Unwissenheit habe ich diese begangen.‘ Und er reinigt sein Herz, und seine Sünden werden ihm nachgelassen, weil er sie aus Unwissenheit in der früheren Zeit beging, wo er (noch) die wahre Erkenntnis der Christen lästerte und schmähte. Ja wahrhaft selig ist das Geschlecht der Christen vor allen Menschen auf der Erdoberfläche. […] Und wahrhaft ist Gottes, was durch der Christen Mund geredet wird, und ihre Lehre ist die Pforte des Lichts. Es sollen sich ihr nun alle die nahen, die Gott (noch) nicht erkannt haben, und sollen die unvergänglichen Worte aufnehmen, die von jeher sind und von Ewigkeit. Mögen sie also zuvorkommen dem furchtbaren Gericht, das durch Jesus Christus über das ganze Menschengeschlecht kommen soll.“ (Aristides von Athen, Apologie 16,2-17,8)

Eine Stelle bzgl. der verstorbenen Kinder ist interessant:

„Und wenn ein Gerechter von ihnen aus der Welt scheidet, so freuen sie sich und danken Gott und geben seiner Leiche das Geleite, gleich als zöge er (nur) von einem Ort zum andern. Und wenn einem von ihnen ein Kind geboren worden, so preisen sie Gott; und sollte es dann (schon) in seiner Kindheit sterben, so preisen sie Gott überaus, ist es doch ohne Sünde aus der Welt geschieden. Müssen sie hinwiederum sehen, wie einer von ihnen in seiner Gottlosigkeit und seinen Sünden stirbt, so weinen sie über diesen bitterlich und seufzen, soll er ja zur Strafe hingehen.“ (Aristides von Athen, Apologie 15,11)

Im 2. Clemensbrief, der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern etwas später entstanden ist, heißt es:

„Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.

‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst, jauchze auf und rufe, die du keine Wehen hast; denn die Kinder der Alleinstehenden sind zahlreicher als die Kinder derer, die den Mann hat.‘ Mit den Worten: ‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst‘, meint er uns; denn unsere Kirche war unfruchtbar, bevor ihr Kinder geschenkt waren. […] Eine andere Schriftstelle sagt: ‚Ich bin nicht gekommen, Gerechte, sondern Sünder zu berufen.‘ Dies sagte er, weil man die Untergehenden retten muss. Denn das ist groß und bewunderungswürdig, nicht das Stehende zu stützen, sondern das Fallende. So wollte auch Jesus Christus das Untergehende retten, und er hat viele gerettet, da er erschienen ist und uns berufen hat, die wir schon am Verderben waren.

Da er nun uns gegenüber soviel Erbarmen geübt hat, so ist es das erste, dass wir, die Lebenden, den toten Göttern nicht opfern und sie nicht verehren; vielmehr haben wir durch ihn den Vater der Wahrheit erkannt; worin besteht die zu ihm (= Gott) führende Erkenntnis anders als im Bekenntnis dessen, durch den wir ihn erkannt haben? Auch er selbst sagt: ‚Wer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich auch vor meinem Vater bekennen.‘ Dies also ist unser Lohn (für ihn), wenn wir den bekennen, durch den wir erlöst worden sind. Wodurch sollen wir ihn aber bekennen? Wenn wir tun, was er sagt, und seine Gebote nicht überhören und ihn nicht bloß mit den Lippen ehren, sondern aus ganzer Seele und aus ganzer Gesinnung. Es heißt nämlich bei Isaias: ‚Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit weg von mir.‘

Wir wollen ihn daher nicht Herr nennen; denn das wird uns nicht retten. Er sagt nämlich: ‚Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird gerettet werden, sondern wer die Gerechtigkeit übt.‘ Deshalb, Brüder, wollen wir ihn bekennen durch die Werke, dadurch, dass wir einander lieben, die Ehe nicht brechen, nichts Böses über den anderen reden, nicht eifersüchtig sind, vielmehr enthaltsam, barmherzig und gütig sind; auch müssen wir Mitleid miteinander haben und dürfen nicht geldgierig sein. Durch diese und nicht durch die entgegengesetzten Werke wollen wir ihn bekennen; auch müssen wir Gott mehr fürchten als die Menschen. […]

Auch wollet ihr bedenken, Brüder, dass der Aufenthalt in dieser Welt des Fleisches kurz und von geringer Dauer, die Verheißung Christi aber groß und wunderbar ist und Ruhe im künftigen Reiche und im ewigen Leben. Was müssen wir nun tun, um diese Güter zu erlangen? Nichts als heilig und gerecht wandeln, die Dinge dieser Welt für feindlich halten und ihrer nicht begehren. Denn wenn wir nach ihrem Besitze verlangen, verlieren wir den Weg der Gerechtigkeit. […]

Wenn wir nämlich den Willen Christi erfüllen, werden wir Ruhe finden; wo nicht, wird nichts uns vor der ewigen Strafe erretten, wenn wir nämlich auf seine Gebote nicht hören. Die Schrift sagt auch bei Ezechiel: ‚Wenn Noë und Job und Daniel aufstehen, so werden sie ihre Kinder nicht befreien, die in der Gefangenschaft sind.‘ Wenn aber selbst solche Gerechte es mit ihrer Gerechtigkeit nicht vermögen, ihre eigenen Kinder zu befreien, worauf können dann wir bauen, dass wir eingehen dürfen in das Reich Gottes, wenn wir die Taufe nicht rein und unbefleckt bewahren? Oder wer wird unser Beistand sein, wenn wir nicht erfunden werden mit heiligen und gerechten Werken?

So lasst uns denn kämpfen, meine Brüder; denn wir wissen ja, dass der Kampf uns vorgelegt ist und dass zu den vergänglichen Kämpfen viele herbeisegeln, aber nicht alle gekrönt werden, wenn sie nicht vieles auf sich genommen und rühmlich gekämpft haben. Wir also wollen kämpfen, damit wir alle gekrönt werden. […]

Solange wir also auf Erden sind, geschehe unsere Sinnesänderung. Denn wir sind Lehm in des Meisters Hand; wie nämlich der Töpfer, wenn er ein Gefäß fertigt, es in seinen Händen umbiegt und zusammendrückt und dann es wieder neugestaltet, wenn er es aber einmal in den Brennofen gebracht hat, ihm nicht mehr nachhelfen kann, so wollen auch wir, solange wir in dieser Welt sind, was wir im Fleische Böses getan, aus ganzem Herzen bereuen, damit wir vom Herrn gerettet werden, solange wir noch Zeit zur Umkehr haben.“ (2. Clemensbrief 1,2-8,2)

Im Diogenetbrief heißt es:

„Als er nun bereits alles bei sich mit seinem Sohne geordnet hatte, liess er uns bis zu der nun abgelaufenen Zeit, wie wir es wollten, von ungeordneten Trieben geleitet werden, von Lüsten und Begierden fortgerissen; durchaus nicht etwa aus Freude an unseren Sünden, sondern in Langmut, auch nicht, als hätte er Wohlgefallen an der damaligen Zeit der Ungerechtigkeit, sondern zur Vorbereitung auf die jetzige Zeit der Gerechtigkeit, damit wir, in der damaligen Zeit durch unsere eigenen Werke überführt, dass wir des Lebens unwürdig seien, jetzt durch die Güte Gottes würdig gemacht würden und, nachdem wir den Beweis von unserer eigenen Ohnmacht, in das Reich Gottes einzugehen, geliefert hätten, durch die Kraft Gottes dazu befähigt würden. Als aber das Mass unserer Ungerechtigkeit voll und es völlig klar geworden war, dass als ihr Lohn Strafe und Tod uns erwarte, und als der Zeitpunkt gekommen war, den Gott vorausbestimmt hatte, um fortan seine Güte und Macht zu offenbaren, – o überschwengliche Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes! – da hasste und verstiess er uns nicht und gedachte nicht des Bösen, sondern war langmütig und geduldig und nahm aus Erbarmen selbst unsere Sünden auf sich; er selbst gab den eigenen Sohn als Lösepreis für uns, den Heiligen für die Unheiligen, den Unschuldigen für die Sünder, den Gerechten für die Ungerechten, den Unvergänglichen für die Vergänglichen, den Unsterblichen für die Sterblichen. Denn was anders war imstande, unsere Sünden zu verdecken als seine Gerechtigkeit? In wem konnten wir Missetäter und Gottlose gerechtfertigt werden, wenn nicht allein im Sohne Gottes? Welch süsser Tausch, welch unerforschliches Walten, welch unverhoffte Wohltat, dass die Ungerechtigkeit vieler in einem Gerechten verborgen würde und die Gerechtigkeit eines einzigen viele Sünder rechtfertige! Nachdem er also in der früheren Zeit die Ohnmacht unserer Natur, zum Leben zu gelangen, dargetan hatte, zeigte er jetzt, dass der Erlöser Macht habe, auch das Ohnmächtige zu retten; durch beides aber wollte er uns zum Glauben an seine Güte bringen, ihn anzusehen als Ernährer, Vater, Lehrer, Ratgeber, Arzt, Geist, Licht, Ehre, Ruhm, Kraft und Leben, und für Kleidung und Nahrung nicht ängstlich zu sorgen.

[…] Von welcher Freude aber glaubst du wohl erfüllt zu werden, wenn du ihn erkannt hast? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Liebst du ihn aber, so wirst du auch ein Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er kann es, weil er Gott es will. […]

Wenn ihr darauf achtet und es mit Eifer anhöret, werdet ihr inne werden, was Gott denen bietet, die ihn in rechter Weise lieben, die ihr geworden seid ein Paradies der Wonne und in euch aufsprossen lasset einen herrlich blühenden, fruchtbeladenen Baum, mit allerlei Früchten geschmückt.“ (Diognetbrief 9-10.12)

Dann wäre da Epistula Apostolorum, die sich als Brief der 12 Apostel ausgibt.

In diesem Werk spricht Jesus zu den Aposteln davon, dass die Werke wichtig sind:

„Wer aber an mich glaubt und mein Gebot nicht tut, hat, obwohl er an meinen Namen glaubt, keinen Nutzen davon. Vergeblich ist er einen Lauf gelaufen. Sein Ende ist für das Verderben und für die Strafe großen Schmerzes bestimmt, denn er hat gesündigt gegen mein Gebot.“ (Epistula Apostolorum 27(38), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 141)

Freier Wille:

„Und wir sprachen zu ihm ‚Wird man an jenem Tage nicht zu dir sagen: Du hast führen lassen zu Gerechtigkeit und Sünde und hast geschieden Finsternis und Licht, Böses und Gutes?‘ Und er sprach zu uns: ‚Adam ist die Macht gegeben worden, daß er von den zweien, was er wollte, erwähle, und er wählte das Licht und streckte seine Hände aus und nahm (es) und ließ die Finsternis und entfernte sich von ihr. Ebenso ist jeder Mensch ermächtigt, zu glauben an das Licht, dies ist das Leben des Vaters, der mich gesandt hat. Und wer an mich geglaubt hat, wird leben, wenn er das Werk des Lichtes getan hat. Wenn er aber bekennt, daß das Licht ist, und tut das der Finsternis (Eigentümliche), so hat er weder etwas, was er zur Verteidigung wird sagen können, noch wird er das Antlitz erheben können und anblicken den Sohn, der ich bin. Und ich werde zu ihm sagen: Du hast gesucht und gefunden, hast gebeten und empfangen. Was tadelst du uns? Weshalb hast du dich von mir und meinem Reiche entfernt? Du hast mich bekannt und (dann doch) verleugnet. Nun also sehet, daß jeder ermächtigt ist, sowohl zu leben als zu sterben. Und wer mein Gebot tut und bewahrt, wird ein Sohn des Lichtes, d. h. meines Vaters, sein. Und denen, die bewahren und tun, um des willen ich herabgestiegen vom Himmel, ich, das Wort, bin Fleisch geworden und bin gestorben, indem ich lehrte und überführte, daß die einen gerettet werden, die andern aber ewiglich zugrundegehen werden, indem sie im Feuer gestraft werden am Fleisch und am Geist.'“ (Epistula Apostolorum 39(50), in: Ebd., S. 147-149)

In den christlichen Sibyllinen, Weissagungen über das Weltende in Gedichtform, heißt es:

„Hab‘ ich doch selbst zwei Wege gesetzt, den des Lebens und Todes,
Und ihren Willen empfohlen, das gute Leben zu wählen;
Sie aber sind in den Tod und das ewige Feuer gestürzet.
Abbild von mir ist der Mensch, mit rechter Vernunft ausgestattet.
Diesem stell‘ einen reinen und unbefleckten Tisch hin,
Füll‘ ihn mit Gütern voll und gib dem Hungernden Brot und
Reiche dem Durstigen Trank und Kleider dem nacketen Leibe,
Aus dem eigenen Kummer gewährend mit heiligen Händen!
Der Bedrückten nimm stets dich an und hilf dem Erschöpften,
Bring dieses lebende Opfer doch mir, dem lebendigen Gotte,
Jetzt nur säend ins Wasser, damit auch ich dir einst gebe
Unvergängliche Früchte; das ewige Licht sollst du haben,
Unverwesliches Leben, wenn alle ich prüfe im Feuer.
Alles werde ich schmelzen und wieder zur Läuterung scheiden,
Werde den Himmel erschüttern, die Schlünde der Erde eröffnen,
Und dann will ich die Toten erwecken, das Schicksal lösend
Und den Stachel des Todes, und alsbald komm‘ ich zum Gerichte,
Um zu richten das Leben der frommen und gottlosen Menschen“ (Christliche Sibyllinen VIII,399-416, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 523)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier Teil 2.

Распятый Иисус Христос.jpg

(Viktor Vasnetsov, Gekreuzigter Christus. Gemeinfrei.)

 

So beschreiben also verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Im apokryphen, dem Apostel Barnabas zugeschriebenen (aber ziemlich sicher nicht authentischen, wenn auch wohl immerhin schon vor 130 n. Chr. entstandenen) Barnabasbrief heißt es:

Denn dazu hat es der Herr auf sich genommen, hinzugeben sein Fleisch zum Verderben, damit wir durch die Nachlassung der Sünden geheiligt werden in der Aussprengung seines Blutes. […]

Auch das noch (muss ich sagen), meine Brüder: wenn der Herr es auf sich nahm, für unsere Seele zu leiden, obwohl er der Herr der ganzen Welt ist, zu dem Gott bei der Grundlegung der Welt sprach: ‚Lasset uns den Menschen schaffen nach unserem Bild und Gleichnis‘3, wie nun hat er es auf sich genommen, von Menschenhand zu leiden? Verstehet! Die Propheten, welche von ihm die Gnade hatten, weissagten auf ihn hin; weil er aber im Fleische sich offenbaren musste, damit er den Tod entkräfte und die Auferstehung von den Toten zeige, nahm er (das Leiden) auf sich, damit er den Vätern die Verheißung einlöse und sich selbst das neue Volk bereite und auf Erden wandelnd nachweise, dass er die Auferstehung bewirken und dann richten werde. Überdies lehrte er Israel, und indem er solche Zeichen und Wunder tat, trat er als (Gottes) Herold auf, und gar sehr liebte er es (das Volk Israel). Als er aber seine eigenen Apostel, die sein Evangelium verkünden sollten, Leute, die über alles Sündenmaß ungerecht waren, auserwählt hatte, um zu zeigen, dass er nicht gekommen ist, die Gerechten, sondern die Sünder zu berufen4, da offenbarte es sich, dass er der Sohn Gottes ist. Wenn er nämlich nicht im Fleische erschienen wäre, wie wären die Menschen am Leben geblieben bei seinem Anblick, die es nicht aushalten können, in die Sonne zu sehen, seiner Hände Werk, das jetzt noch besteht, einmal aber nicht mehr sein wird, und in ihre Strahlen ihr Auge zu richten? (Barnabasbrief 5,1.5-10)

 

Im 2. Clemensbrief (der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern eine einige Jahrzehnte später, in der Mitte des 2. Jahrhunderts, entstandene Fälschung ist), heißt es:

Brüder, wir müssen von Jesus Christus so denken wie von Gott, wie von einem Richter über Lebende und Tote1; und wir dürfen nicht gering denken über unser Heil. Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.“ (2. Clemensbrief 1)

 

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift aus dem 2. Jahrhundert, die sich als Brief der zwölf Apostel ausgibt und einen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung berichtet, heißt es:

„Das wissen wir: unser Herr und Heiland Jesus Christus (ist) Gott, Sohn Gottes, der gesandt worden ist von Gott, dem Herrscher der ganzen Welt, dem Schaffer und Schöpfer dessen, was mit jedem Namen benannt wird, der über allen Herrschaften ist, (als) Herr der Herren und König der Könige, der Gewaltige der Gewaltigen, der Himmlische, der über Cherubim und Seraphim ist und zur Rechten des Thrones des Vaters sitzt, der durch sein Wort den Himmeln gebot und die Erde und, was auf ihr ist, erbaute und das Meer begrenzte, daß es nicht seine Grenze überschreite, und (machte, daß) Tiefen und Quellen sprudeln und auf der Erde fließen Tag und Nacht; der die Sonne, den Mond und die Sterne am Himmel gründete und der Licht und Finsternis schied, der der Hölle gebot und im Augenblick entbietet den Regen zur Winterszeit und Nebel, Reif und Hagel und die Tage (?) zu ihrer Zeit; der erschüttert und festigt; der den Menschen nach seiner Gestalt und seinem Bilde geschaffen hat; der durch die Patriarchen und Propheten in Bildern geredet hat und in Wahrheit durch den, den die Apostel verkündigt und die Jünger betastet haben. Und Gott, der Herr, der Sohn Gottes – wir glauben: das Wort, welches aus der heiligen Jungfrau Maria Fleisch wurde, wurde in ihrem Schoße getragen (verursacht) vom heiligen Geiste, und nicht durch Lust des Fleisches, sondern durch den Willen Gottes wurde es geboren und wurde in Bethlehem (in Windeln) gewickelt und offenbart und daß es großgezogen wurde und heranwuchs, indem wir es sahen. […]

Und dies offenbarte und zeigte uns unser Herr und Heiland und wir euch gleicherweise, damit ihr Genossen an der Gnade des Herrn und unseres Dienstes und an unserer Herrlichkeit seid, indem ihr auf das ewige Leben sinnt. Seid, ohne zu wanken, fest in der Erkenntnis und Erforschung unseres Herrn Jesu Christi, und er wird sich gnädig erweisen und retten immerdar und in alle niemals endende Ewigkeit.“ (Epistula Apostolorum 3(14) u. 6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 128f.)

Jesus sagt in dieser Schrift:

Und deshalb habe ich alle Barmherzigkeit vollendet: ohne gezeugt zu werden, bin ich von Menschen geboren (oder: gezeugt) und, ohne Fleisch zu haben, habe ich Fleisch angezogen und bin aufgewachsen, damit (ich) euch, die ihr im Fleisch gezeugt werdet, (wiedergebäre) und ihr in der Wiedergeburt die Auferstehung in eurem Fleisch erhaltet, einem Gewande, das nicht vergehen wird, mit allen, die hoffen und glauben an den, der mich gesandt hat; denn so hat mein Vater an euch Wohlgefallen gefunden, und denen, welchen ich will, gebe ich die Hoffnung des Reiches.‘ Darauf sprachen wir zu ihm: ‚Groß ist, wie du hoffen läßt und redest.‘ Er antwortete und sprach zu uns: ‚Glaubet (richtig müßte es heißen: Glaubt ihr), daß alles, was ich euch sage, geschehen wird!‘ Und wir antworteten ihm und sprachen zu ihm: ‚Ja, o Herr.'“ Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, daß ich alle Gewalt von meinem Vater empfangen habe, damit ich die in Finsternis Befindlichen ins Licht zurückführe und die in Vergänglichkeit Befindlichen in die Unvergänglichkeit und die im Irrtum Befindlichen in die Gerechtigkeit und die im Tode Befindlichen ins Leben und damit die in Gefangenschaft Befindlichen entfesselt werde, wie das, was von seiten der Menschen unmöglich ist, von seiten des Vaters möglich ist. Ich bin die Hoffnung der Hoffnungslosen, der Helfer derer, die keinen Helfer haben, der Schatz der Bedürftigen, der Arzt der Kranken, die Auferstehung der Toten.‘ (Epistula Apostolorum 21(32), in: ebd., S. 138 (äthiopische Fassung).)

 

In einem Bericht über das Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike (irgendwann zwischen 161 und 180) sagt Karpus vor Gericht folgendes:

„Karpus entgegnete: Ich bin ein Christ und verehre Christus, den Sohn Gottes, der in den letzten Zeiten zu unserm Heile gekommen ist und uns von dem Truge des Teufels befreit hat; diesen Götzenbildern da aber opfere ich nicht. Tu, was du willst; denn mir ist es unmöglich, Truggestalten der Dämonen zu opfern; sind doch die, welche diesen opfern, ihnen gleich. Wie nämlich die wahren Verehrer – nach der göttlichen Erzählung des Herrn die, welche Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten1 – der Herrlichkeit Gottes ähnlich werden und mit ihm unsterblich sind, teilhaftig des ewigen Lebens durch den Logos, so werden auch die, welche diesen2 dienen, ähnlich der Eitelkeit der Dämonen und gehen mit ihnen in der Hölle unter; sie teilen die gerechte Strafe mit demjenigen, der den Menschen, das auserwählte Geschöpf Gottes, hintergangen hat, ich meine mit dem Teufel, der in seiner Schlechtigkeit den Menschen beneidet hat. Darum wisse, Prokonsul, daß ich diesen nicht opfere. (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 1)

 

Dann gäbe es die Petrusakten (spätes 2. Jahrhundert), die Legenden über Petrus, v. a. sein Wirken in Rom und sein Martyrium, berichten. In den Petrusakten kommt zu Anfang noch eine Predigt des Paulus vor; dabei sagt er ganz deutlich: Jesus = Gott.

„Da gebot Paulus Schweigen und sagte: ‚Ihr Brüder, die ihr jetzt an Christus zu glauben begonnen habt, wenn ihr nicht in eurem früheren Wandel und in euren väterlichen Überlieferungen bleibt und euch enthaltet von allem Betrug und Jähzorn, von aller Grausamkeit und Ehebruch und Befleckung und von Hochmut und Eifersucht, Hoffart und Feindseligkeit, so wird euch Jesus, der lebendige Gott, nachlassen, was ihr in Unwissenheit getan habt. Deswegen, ihr Knechte Gottes, wappnet euch, ein jeder an seinem inwendigen Menschen, mit Frieden, Gleichmut, Milde, Glaube, Liebe, Erkenntnis, Weisheit, Bruderliebe, Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit, Güte, Gerechtigkeit! Dann werdet ihr in Ewigkeit den Erstgeborenen der gesamten Schöpfung zu eurem Führer haben und Tugend in Frieden mit unserem Herrn.‘ Als sie dieses aber von Paulus gehört hatten, baten sie ihn, er möge für sie beten. Paulus aber erhob seine Stimme und sprach: ‚Ewiger Gott, Gott der Himmel, Gott von unaussprechlicher Majestät, der du alles durch dein Wort befestigt hast, der du [die dem Menschen] angebundene Fessel [zerbrochen hast, der du das Licht] deiner Gnade aller Welt hast zuteil werden lassen, Vater deines heiligen Sohnes Jesu Christi, wir bitten dich miteinander durch deinen Sohn Jesus Christus, die Seelen zu stärken, die einst ungläubig waren, jetzt aber gläubig sind.“ (Petrusakten 1/2, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 192)

Als dann Petrus nach Rom kommt, hält er seine erste Predigt dort:

„Am ersten Tage der Woche aber kam die Menge zusammen, um den Petrus zu sehen. Daher begann Petrus mit sehr lauter Stimme zu reden: ‚Ihr hier versammelten Männer, die ihr auf Christus hofft, ihr, die ihr eine kleine Weile Versuchung erlitten habt, merket auf! Warum hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt oder warum hat er (ihn) durch die Jungfrau Maria hervorgebracht, wenn er nicht irgendeine Gnade und einen Heilsweg schaffen wollte? Denn er wollte beseitigen alles Ärgernis und alle Unwissenheit und alle Macht des Teufels, (seine) Anschläge und Kräfte unwirksam machen, durch welche er einst die Oberhand hatte, bevor unser Gott in der Welt als Licht erstrahlte. Weil sie (die Menschen) mit ihren vielen und mannigfaltigen Schwachheiten durch Unwissenheit in den Tod stürzten, hat der allmächtige Gott, von Mitleid bewegt, seinen Sohn in die Welt gesandt, wobei ich zugegen gewesen bin.“ (Petrusakten 3/7; in: ebd., S. 197)

Jesus unter uns:

„Daher wollen wir unsere Knie vor Christus beugen, der uns erhört, auch wenn wir nicht gerufen haben. Er ist es, der uns sieht, auch wenn er nicht mit diesen Augen gesehen wird; aber er ist unter uns. Wenn wir wollen, wird er nicht von uns weichen. Darum laßt uns unsere Seelen reinigen von jeder schändlichen Versuchung, dann wird Gott nicht von uns weichen; und wenn wir nur mit den Augen zuwinken, so ist er bei uns.“ (Petrusakten 6/18, in: ebd., S. 206)

Petrus sagt an späterer Stelle über die Schriften und über Jesus folgendes:

„Petrus aber ging in das Speisezimmer und sah, daß das Evangelium gelesen wurde. Er rollte es zusammen und sagte:

‚Ihr Männer, die ihr an Christus glaubt und hofft, ihr sollt erfahren, wie die heilige Schrift unseres Herrn verkündet werden muß. Was wir nach seiner Gnade, soweit wir es verstanden haben, niedergeschrieben haben, erscheint euch zwar bisher noch schwach; dennoch (haben wir es geschrieben) gemäß unseren Kräften, soweit es erträglich ist, es in menschliches Fleisch zu bringen. Wir müssen also zuerst Gottes Willen oder (seine) Güte kennenlernen, da ja einst der Betrug weit verbreitet war und viele Tausende von Menschen in das Verderben stürzten, und (darum) der Herr in seiner Barmherzigkeit veranlaßt war, sich in anderer Gestalt zu zeigen und im Bilde des Menschen zu erscheinen, bezüglich dessen weder die Juden noch wir in der Lage sind, würdig erleuchtet zu werden. Denn jeder von uns sah (ihn), wie er es zu fassen vermochte, je nachdem er es konnte.

Jetzt aber will ich euch erklären, was euch gerade vorgelesen worden ist. Unser Herr wollte mich seine Herrlichkeit auf heiligem Berge sehen lassen; als ich aber mit den Söhnen des Zebedäus den Glanz seines Lichtes sah, fiel ich wie tot nieder und schloß meine Augen und hörte seine Stimme so, wie ich es nicht beschreiben kann; ich glaubte, daß ich von seinem Glanz erblindet sei. Und als ich ein wenig aufatmete, sprach ich zu mir: ‚Vielleicht hat mein Herr mich hierher führen wollen, um mich des Augenlichts zu berauben‘. Und ich sagte: ‚Und wenn das dein Wille ist, Herr, dann widerspreche ich nicht‘. Und er gab mir die Hand und richtete mich auf. Und als ich aufstand, sah ich ihn wiederum so, wie ich ihn fassen konnte.

So also geliebteste Brüder, hat der barmherzige Gott unsere Schwachheiten getragen und unsere Sünden auf sich genommen, wie der Prophet sagt: ‚Er trägt unsere Sünden und für uns leidet er Schmerzen; wir aber glaubten, daß er in Schmerzen sei und von Wunden geplagt würde‘. Denn ‚er ist ja im Vater und der Vater in ihm‘; er selbst ist auch die Fülle aller Herrlichkeit, der uns alle seine Güte gezeigt hat. Er hat gegessen und getrunken unsertwegen, obwohl er weder hungrig noch durstig war, er hat ertragen und Beschimpfungen erduldet unsertwegen, er ist gestorben und auferstanden um unsertwillen. Er, der auch mich, als ich sündigte, verteidigt und gestärkt hat in seiner Größe, wird auch euch trösten, auf daß ihr ihn liebt, diesen Großen und ganz Kleinen, den Schönen und Häßlichen, Jüngling und Greis, in der Zeit erscheinend und (doch) in Ewigkeit gänzlich unsichtbar, den eine menschliche Hand nicht gehalten hat und der von seinen Dienern gehalten wird, den das Fleisch nicht gesehen hat und der jetzt gesehen wird, der kein Gehör gefunden hat, der aber jetzt bekannt und das gehörte Wort geworden ist; dem die Leiden fremd waren und der jetzt gleichsam wie wir gezüchtigt ist, er, der niemals gezüchtigt war, ist jetzt gezüchtigt; der vor der Welt ist und in der Zeit wahrgenommen wurde, aller Herrschaft großer Anfang und (doch) den Fürsten ausgeliefert; schön, aber unter uns niedrig und hässlich erschienen, aber voller Fürsorge: Diesen Jesus habt ihr, Brüder, die Tür, das Licht, den Weg, das Brot, das Wasser, das Lebendige, die Auferstehung, der Trost, die Perle, den Schatz, den Samen, die Sättigung, das Senfkorn, den Weinstock, den Pflug, die Gnade, den Glauben, das Wort. Dieser ist alles, und es ist kein anderer größer als er. Ihm sei Lob in alle Ewigkeit, Amen. (Petrusakten 7/20, in: ebd., S. 207f.)

Petrus sagt in den Petrusakten bei seiner eigenen Kreuzigung folgendes (teilweise ist diese Rede etwas rätselhaft, und evtl. von gnostischen Gedanken beeinflusst; an einer Stelle zitiert er einen Spruch, der so ähnlich im gnostischen Thomasevangelium vorkommt):

„Als er aber hinzukam und bei dem Kreuze stand, begann er zu sprechen: ‚O Name des Kreuzes, verborgenes Geheimnis; o unaussprechliche Gnade, die mit dem Namen des Kreuzes ausgesprochen ist; o Natur des Menschen, die von Gott nicht getrennt werden kann, o unsagbare und unzertrennbare Liebe, die von unreinen Lippen nicht bekannt werden kann; ich erfasse dich jetzt am Ende, da ich mich von hier löse. Ich will dich bekannt machen, wie du bist. Ich will das meiner Seele einst verschlossene und verborgene Geheimnis des Kreuzes nicht verschweigen. Das Kreuz sei euch, die ihr auf Christus hofft, nicht das, was sichtbar erscheint; denn etwas anderes als das Sichtbare ist dieses (Leiden) gemäß dem Leiden Christi. Und jetzt vor allem, da ihr, die ihr zu hören vermögt, (es hören) könnt von mir, der ich in der letzten Stunde und am Ende meines Lebens stehe, höret: von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern, von allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist. Verschließet diese eure Augen, verschließet diese eure Ohren, (haltet euch fern) von den Dingen, die sichtbar erscheinen! Und ihr werdet das, was Christus betrifft und das ganze Geheimnis eures Heils erkennen. Und dies sei euch, die ihr es hört, gesagt, als wäre es nicht gesagt. Die Stunde aber (ist da) für dich, Petrus, deinen Leib denen, die ihn nehmen wollen, hinzugeben. Nehmt ihr also hin, deren Beruf es ist. Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders! Und warum, das werde ich den Hörenden sagen.‘

Als sie ihn nun in der Art, wie er es gefordert hatte, aufgehängt hatten, begann er wieder zu reden: ‚Ihr Männer, die ihr zum Hören berufen seid, vernehmt, was ich gerade jetzt, während ich (am Kreuz) hänge, euch verkündigen werde! Erkennet das Geheimnis der ganzen Schöpfung und den Anfang aller Dinge, wie er war. Denn der erste Mensch, dessen Art ich in (meiner) Gestalt trage, mit dem Kopf nach unten gestürzt, zeigte eine Entstehungsart, die ehemals nicht so war; denn sie war tot, da sie keine Bewegung hatte. Als er nun herabgezogen wurde, er, der auch seinen Ursprung auf die Erde warf, hat er das Ganze der Anordnung festgestellt, aufgehängt nach Art der Berufung, bei der er das Rechte als Linkes und das Linke als Rechtes gezeigt hat, und hat alle Zeichen der Natur geändert, (nämlich) das Nichtschöne als schön zu betrachten und das wirklich Schlechte als Gutes. Darüber sagt der Herr im Geheimnis: ‚Wenn ihr nicht das Rechte macht wie das Linke und das Linke wie das Rechte und das Obere wie das Untere und das Hintere wie das Vordere, so werdet ihr das Reich (Gottes) nicht erkennen.‘ Dieses Verständnis nun habe ich zu euch gebracht, und die Art, in der ihr mich hängen seht, ist die Abbildung jenes Menschen, der zuerst zur Entstehung kam. Ihr nun, meine Geliebten, die ihr es jetzt hört und die ihr hören werdet, müßt ablassen von dem ersten Irrtum und wieder zurückkehren. Denn es sollte sich geziemen, an das Kreuz Christi zu kommen, der da ist einzig und allein das ausgebreitete Wort, von dem der Geist sagt: ‚Denn was ist Christus anders als das Wort, der Schall Gottes?‘ damit Wort sei dieses aufrechtstehende Holz, an dem ich gekreuzigt bin; der Schall aber ist der Querbalken, (nämlich) die Natur des Menschen; der Nagel aber, der an dem geraden Holz den Querbalken in der Mitte festhält, ist die Bekehrung und Buße des Menschen.

Da du mir nun dieses kundgetan und offenbart hast, o Wort des Lebens, wie von mir jetzt das Holz genannt worden ist, so danke ich dir, nicht mit diesen Lippen, die angenagelt sind, auch nicht mit der Zunge, durch die Wahrheit und Lüge hervorgeht, auch nicht mit diesem Worte, das von der Kunst irdischer Natur hervorgebracht wird, sondern mit jener Stimme danke ich dir, o König, die durch Schweigen vernommen wird, die nicht im Offenbaren gehört wird, die nicht durch die Organe des Körpers hervorgeht, die nicht in fleischliche Ohren eingeht, die nicht vom vergänglichen Wesen gehört wird, die nicht in der Welt ist und auf der Erde ertönt, auch nicht in Büchern geschrieben wird, auch nicht dem einen gehört, dem anderen nicht, sondern mit dieser (Stimme), Jesus Christus, danke ich dir: Mit dem Schweigen der Stimme, der der Geist in mir, der dich liebt und mit dir spricht und dich sieht, begegnet. Du bist nur dem Geist erkennbar. Du bist mir Vater, du mir Mutter, du mir Bruder, du Freund, du Diener, du Haushalter. Du (bist) das All, und das All (ist) in dir; und du (bist) das Sein, und es gibt nichts anderes, was ist, außer dir allein. Zu ihm fliehet nun auch ihr, Brüder, und lernt, dass ihr euer Wesen in ihm habt, und ihr werdet dann das erlangen, von dem er zu euch sagt: ‚Was weder ein Auge gesehen hat, noch ein Ohr gehört hat, noch in ein Menschenherz gekommen ist.‘ Wir bitten nun um das, was du uns zu geben versprochen hast, unbefleckter Jesus; wir loben dich, wir danken dir und bekennen dich, indem wir – noch schwache Menschen – dich preisen. Denn du allein bist Gott und kein anderer, dem der Ruhm sei jetzt und in alle Ewigkeiten Amen.'“ (Petrusakten 9/37(8)-39(10), in: ebd., S. 219f.)

 

In den christlichen Sibyllinen, prophetischen Schriften, in denen es vor allem um das Ende der Welt geht, heißt es über Christus:

„[Wenn das Mädchen den Logos des höchsten Gottes gebären,
Aber als eh’liches Weib dem Logos den Namen wird geben,
Dann wird im Osten ein Stern am hellerlichten Tage
Glanzvoll strahlend erscheinen erdwärts von himmlischer Höhe,
Kündend ein großes Zeichen den armen sterblichen Menschen.]
Ja, dann kommt zu den Menschen der Sohn des gewaltigen Gottes,
Irdischen Leibs, vom Fleische umhüllt und den Sterblichen ähnlich.
Vier Vokale er hat und zweimal den Konsonanten,
Und nun will ich dir auch die gesamte Zahl noch verkünden:
Einer sind acht vorhanden und Zehner noch ebensoviele;
Hunderter acht noch dazu verrät ungläubigen Menschen
Seines Namens Gestalt; doch du im gläubigen Herzen
Denke sofort an Christus, den Sohn des erhabenen Gottes.
Gottes Gebot erfüllet er selbst, nicht löst er die Satzung,
Bietet als Muster sich dar den Seinen und lehret sie alles.
Diesem nahen die Priester und bringen ihm reiche Geschenke:
Gold und Weihrauch und Myrrhen; denn so wird alles er fügen.
Wenn man dereinst seine Stimme vernimmt im Schweigen der Wüste,
Botschaft bringend den Menschen und alle eindringlich ermahnend,
Eben zu machen die Pfade und auszutilgen im Herzen
Bosheit jeglicher Art, im Bade des Heiles zu läutern
Ganz den sündigen Leib, auf daß sie, aufs neue geboren
Meiden die Sünde und nie des Rechtes Pfade verlassen, –
Dann ein Barbar, von der Tänzerin Kunst berückt und bezaubert,
Lohnet den Tanz mit des Rufenden Haupt, und ein plötzliches Wunder
Bietet den Menschen sich dar, wenn sicher und frei aus Ägypten
Kommt der köstliche Stein, an dem sich das Volk der Hebräer
Stößt mit strauchelndem Fuß, die heidnischen Völker dagegen
Sammeln sich freudig um ihn: des waltenden Gottes Gebote
Lernen sie kennen durch ihn und den Pfad im gemeinsamen Lichte.
[…]
Und dann heilt er die Kranken und bringt den Gequälten Erlösung,
Die an ihn glauben und froh den Namen des Höchsten bekennen.
Sehend macht er die Blinden, und hurtig laufen die Lahmen;
Taube verstehen genau, es reden der Sprache Beraubte;
Böse Dämonen vertreibt er, und Tote erweckt er zum Leben,
Wandelt zu Fuß übers Meer und in öder, verlassener Gegend
Macht er tausende satt mit fünf armseligen Broten
Und einem winzigen Fisch; die Reste des leckeren Mahles
Füllen zum Rande zwölf Körbe noch voll für die heilige Jungfrau.

[…]
Wenn seine Arme am Kreuz, weit offen, umspannen das Weltall,
Dornengekrönt sein Haupt, wenn nach dem Gesetze die Seite
Grausam geöffnet der Speer, dann wird durch volle drei Stunden
Mitten am Tage die Welt in schauriges Dunkel gehüllt sein.
Dann wird der Tempel, den Salomon schuf, ein mächtiges Wunder,
Zeigen dem Menschengeschlecht, wenn jener hinab in den Hades
Wandert, dem Volke der Toten die Auferstehung zu bringen.
Wenn er dereinst dreitägigem Schlafe des Grabes entronnen,
Wenn er ein Vorbild den Seinen gezeigt und alles gelehrt hat,
Fährt er auf Wolken empor in die Wohnung des himmlischen Vater;
Aber der Welt hinterläßt er des Evangeliums Satzung.
Und es erblüht aus heidnischem Stamm die neue Gemeinde;
Christi Geboten getreu ererbt sie den Namen des Meisters.
Aber auch dann leiten als kundige Führer des Lebens
Weise Berater das Volk anstatt der Propheten und Seher.“

(Christliche Sibyllinen I,323-386, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 502-504.)

An einer anderen Stelle heißt es:

„Singen will ich aus Herzensgrund von dem großen, berühmten
Sohn des Unsterblichen, dem seinen Thron gab der höchste Erzeuger
Vor der Geburt; denn im Fleisch, das ihm ward, trat er auf und
Ließ sich taufen im strömenden Wasser des Jordanflusses,
Der mit bläulichem Fuß seine Wogen wälzend dahinrollt:
Feurigem Glanze entsteigend er schaut Gottes lieblichen Geist, der
Kommt vom Himmel herab in der Taube weißem Gefieder.
Aufblühen wird eine reine Blüte, es springen die Quellen.
Zeigen wird er den Menschen die Wege und zeigen die Pfade
Himmelwärts und auch alle mit weisen Worten belehren,
Führt sie zum Recht und bekehrt die verstockten Herzes des Volkes,
Laut bekennend den ruhmreichen Stamm seines himmlischen Vaters,
Wandelt zu Fuß übers Meer und von Krankheit befreit er die Menschen.
Wecken wird er die Toten zum Leben, verscheuchen viel Schmerzen.
Aber aus einem Ranzen mit Brot er sättigt die Menschen,
Wenn Davids Haus seinen Schößling treibt. Aber in seiner Hand ruht
Alle Welt: die Erde sowohl wie das Meer und der Himmel.
Hinblitzen über die Erde wird er, wie ihn einstmals erscheinen
Sahen die zwei, aus den Seiten erzeugt voneinander.
Da wird die Erde sich freuen der Hoffnung aus dieses Knäblein.
[…]
O du gepriesenes Holz, auf dem ausgestreckt war der Herrgott,
Nicht mehr birgt dich die Erde, am Firmamente erscheinst du,
Wenn dein feuriges Auge, o Gott, wird erblitzen am Himmel.

(Christliche Sibyllinen VI,1-28; in: ebd., S. 509f.)

An einer weiteren Stelle:

Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.
Unsern Erlöser und Herrn, den Ewigen habe ich also

Zum Gedächtnis der Welt in Akrostichen besungen.
Er war bezeichnet, da Moses streckte die heiligen Arme
Siegend ob Amalek im Glauben, dem Volke zur Kenntnis,
Daß erwählt bei Gott dem Vater und immer geehrt sei
Davids Rute, sowie auch der Stein, den er einstens versprochen,
Dem man gläubig vertrauen soll, um ewiges Leben zu haben.
Denn nicht in Herrlichkeit, sondern als Mensch wird er kommen auf Erden,
Elend, entehrt, unansehnlich, den Elenden Hoffnung zu geben.
Er wird vergänglichem Fleische Gestalt und himmlischen Glauben
Den Ungläubigen geben und ausgestalten den Menschen,
Welchen im Anfang Gottes heilige Hände geschaffen,
Und den die Schlange betörte, daß nun er zum Schicksal des Todes
Kam und nach Wunsch die Erkenntnis gewann vom Guten und Bösen,
So daß er Gott verließ und huldigte sterblichem Wesen.
Ihn auch nahm als Berater im Anfang Gott der Allmächt’ge,
Sprechend die Worte: ‚So wollen wir beide zusammen, mein Kind, un
Sterblicher Menschen Geschlecht abbilden nach unserem Gleichnis!
Jetzt will ich mit den Händen, doch du alsdann mit dem Logos
Sorgen für unsere Gestalt und gemeinsam schaffen Erstehung!‘
Dieses Beschlusses gedenkend wird er jetzt kommen auf Erden,
Und mit Wasser taufend zugleich durch ältere Hände,
Alles bewirkend durchs Wort und heilend jegliche Krankheit.
Durch sein Wort wird er stillen die Winde und glätten die Meerflut,
Während sie tobt, sie mit Füßen des Friedens im Glauben betretend.
Mit fünf Broten zumal und einem einzigen Seefisch
Wird in der Wüste er sätt’gen fünftausend hungrige Menschen.
Und mit den übriggebliebenen Brocken allein wird er füllen
Zwölf gewaltige Körbe zur Hoffnung der schmachtenden Völker.
Und er wird rufen die Seelen der Sel’gen, die Elenden lieben,
Die zwar boshaft verspottet, doch Böses mit Gutem vergelten
Und trotz Schlägen und Peitschenhieben nach Armut sich sehnen.
Alles merken und alles erschauend und alles erhörend,
Wird er ins Herz tief blickend das Inn’re zur Prüfung enthüllen;
Denn er selber ist aller Gehör und Verstand und Gesichte.
Und das Wort, das die Welten erschuf und dem alles gehorsam,
Das sogar Tote erweckt und Heilung bringet den Siechen,
Kommt in der Bösen Gewalt, gottloser, ungläubiger Menschen.
Schläge versetzen dem Gott ruchlose, unheilige Hände,
Und aus ekelem Mund besudelt ihn giftiger Speichel.
Er aber bietet geduldig den blutigen Rücken der Geißel.
Trotz aller Schläge wird stille er schweigen, daß keiner erkenne,
Wer und wessen er sei und woher, um die Toten zu rufen.
Und von Dornen den Kranz wird er tragen; denn immerdar kommen
Wird aus den Dornen der Kranz der Heiligen, welche erwählt sind.
Auch schlägt man mit dem Rohr seine Seite nach ihrem Gesetze…
Doch wenn all dies dann sich erfüllt hat, was ich geredet,
Dann wird in ihm sich lösen jedes Gesetz, das von Anfang
Wegen des trotzigen Volkes durch menschliche Satzungen aufkam.
Doch er wird ausbreiten die Hände und messen das Weltall.
‚Und sie reichten ihm Galle zur Speise und Essig zum Trinken‘:
Solchen ungastlichen Tisch ihm werden die Gottlosen zeigen.
Und der Vorhang zerreißt im Tempel, und mitten am Tage
Wird drei Stunden hindurch ganz dunkle gewaltige Nacht sein.
Denn nicht mehr nach geheimem Gesetz noch im Tempel verborgen
Vor den Erscheinungen in dieser Welt den Gottesdienst zu halten
Wurde gezeigt, als der ewige Herrscher auf Erden herabstieg.
Und dann steigt er zur Hölle hinab, den Seelen der Frommen
Hoffnung zu künden, das Ende der Zeit und den jüngsten der Tage.
Wo ist dein Stachel, o Tod, wenn jeder drei Tage entschlafen?
Denn dann kehrt er zurück ans Licht aus dem Reiche des Hades
Auferstehung und Leben den Auserwählten zu bringen,
Tilgend im Wasser unsterblichen Quells ihrer früheren Bosheit
Schlacken und häßlichen Schmutz, auf daß sie aufs neue geboren
Nicht mehr frönen hinfort der Welt abscheulichen Bräuchen.
Seinen Erwählten zuerst erscheint der Erstandene wieder
Menschlichen Leibs, wie er ehemals war; doch Hände und Füße
Zeigen vier Male, von Nägeln gebohrt in die göttlichen Glieder:
Osten verstehe und Westen, an Mitternacht denke und Mittag;
das sind die Reiche der Erde, die Gottes erhabenen Sohn einst
Morden verblendeten Sinns, das Vorbild unseres Lebens.
Freu dich, Tochter Sion, du heil’ge, nach so vielen Leiden!
Selber dein König kommt auf zahmen Füllen geritten.
Siehe, gar sanftmütig kommt er, damit er das Sklavenjoch trage,
Das schwer tragbar auf unserm Nacken jetzt lieget und lastet,
Und uns löse die gottlose Satzung und drückende Fesseln.
Ihn erkenne als deinen Gott, der zugleich Gottes Sohn ist;
Diesen preise und trag‘ ihn in deinem Herzen und lieb‘ ihn
Aus deiner ganzen Seele und halt‘ seinen Namen in Ehren.
Alte Gesetze lasse beiseite und wasch‘ dich von Blutschuld!
Nicht durch deine Gesänge und deine Gebete wird er versöhnt, nicht
Achtet vergängliche Opfer der unvergängliche Herrscher,
Sondern stimm‘ aus verständigem Mund ein heiliges Lied an
Und erkenne sein Wesen, so wirst du dann schaun den Erzeuger.“ (Christliche Sibyllinen VIII,249-336; in: ebd. S. 519-521.)

Und:

„Selbsterzeugt und rein, beständig während und ewig
Er vermag auch den feurigen Hauch abzumerzen des Himmels (?),
Hemmet des Donners Szepter zugleich  mit dem schrecklichen Blitze
Und besänftigt das Rollen des furchtbar krachenden Donners,
Und die Erde erschütternd er hemmt das Tosen [des Meeres],
Mildert auch die feuerflammenden Geißeln der Blitze,
Und des Regens gewaltige Güsse, den Hagelschlag, den
Kalten, der Wolken Entladung, die tobenden Sturmesgewitter.
……………………………………………………………………………………………………….
Der schon vor jeglicher Schöpfung bei dir war als Sohn und Berater,
Er ist der Schöpfer der Menschen und er der Spender des Lebens.
Damals nahmst du als erster das Wort und redetest also:
‚Laß den Menschen uns machen, o Sohn, nach unserem Bilde,
Hauchen wir ihm in die Brust den lebenerhaltenden Odem;
Ist er auch sterblichen Leibs, so soll doch alles ihm dienen,
Und der aus Erde geformt, soll König und Herrscher der Welt sein.‘
Also sprachst du zum Logos, und alles geschah, wie du wolltest,
Deinem Geheiß gehorchten sofort die Weltelemente:
…………………………………………………………………………………………………………..
[…]
Alles erschuf er im Bunde mit dir nach deinem Ermessen.
Und in der Fülle der Zeit entsprang dem Schoße Marias
Gott in Kindergestalt als Licht, die Welt zu erleuchten.
Und der dem Himmel entstammt, verschmähte der Menschen Gestalt nicht.
Gabriel ward auf die Erde gesandt, vom Glanze umflossen;
Denn zu der Jungfrau sprach die Stimme des himmlischen Boten:
‚Nimm, Holdselige, Gott in deinen jungfräulichen Schoß auf.‘
Sprach’s und hauchte der Lieblichen ein die göttliche Gnade.
Sie aber faßte beim Hören Erstaunen zugleich und Verwirrung;
Zitternd stand sie vor ihm wie erstarrt, der Sprache nicht mächtig,
Klopfenden Herzens, erschreckt von der unvermuteten Botschaft.
Dann aber freute sie sich und Wärme durchströmte die Glieder;
Bräutlich lachte sie drauf, von Rot übergossen die Wange,
Höchlich entzückt, von lieblicher Scham die Sinne befangen.
Also faßte sie Mut; und das Wort, in Demut empfangen,
Wurde zu Fleisch mit der Zeit, und im Schoße der Mutter
Reift es heran zur Menschengestalt und wurde ein Knäblein
Durch einer Jungfrau Geburt: ein großes Wunder den Menschen,
Aber kein Wunder vor Gott und Gottes unsterblichem Sohne.
Kaum war geboren das Kind, so ward es mit Jubel empfangen,
Himmel und Erde frohlockten, es lachte vor Freude das Weltall,
Und ein prophetischer Stern erregte das Staunen der Weisen.
Bethlehem ward die Heimat des Logos durch göttliche Wahl.
Zahlreich wallte zur Krippe im Stall die Menge der Frommen,
Hirten der Rinder und Schafe und Hirten der meckernden Ziegen.“ (Christliche Sibyllinen VIII,429-479; in: ebd. S. 524f.)

 

In den Paulusakten, einer Schrift, die Ende des 2. Jahrhunderts, etwa um 190 entstanden sein müsste, und diverse Legenden über den heiligen Paulus und die heilige Thekla enthält (Thekla soll von Paulus bekehrt worden sein, ihre Familie gegen sich aufgebracht haben, weil sie sich als Jungfrau Gott weihte, zweimal durch ein göttliches Wunder vor dem Martyrium errettet worden sein und später noch viele Jahrzehnte als Einsiedlerin gelebt haben), heißt es:

„Und Paulus erhob seine Stimme und sprach: ‚Wenn ich heute verhört werde, was ich lehre, so höre, Prokonsul: Der lebendige Gott, der Gott der Rache, der eifrige Gott, der Gott, der kein Bedürfnis kennt, der hat, weil er das Heil der Menschen will, mich gesandt, daß ich sie der Vergänglichkeit und der Unreinigkeit entreiße und aller Lust und dem Tode, damit sie nicht mehr sündigen. Darum hat Gott seinen Sohn gesandt, den ich als die frohe Botschaft verkünde und lehre, daß in ihm die Menschen Hoffnung haben, er, der allein Mitleid hatte mit der verirrten Welt, damit die Menschen nicht mehr unter dem Gericht seien, sondern Glauben hätten und Gottesfurcht und Erkenntnis der Ehrbarkeit und Liebe zur Wahrheit. Wenn ich nun lehre, was mir von Gott offenbart ist, was tue ich dann für ein Unrecht, Prokonsul?‘ Als der Statthalter das gehört hatte, gab er Befehl, Paulus zu binden und in das Gefängnis abzuführen, bis er Muße finden werde, ihn gründlicher zu verhören.“ (Paulusakten in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 246)

Als Thekla (zum zweiten Mal) verurteilt worden ist und im Amphitheater den wilden Tieren vorgeworfen werden soll, wird sie bis zur geplanten Vollstreckung des Urteils von einer angesehenen Frau namens Tryphäna aufgenommen, die sie bittet, für ihre verstorbene Tochter zu beten. In ihrem Gebet bezeichnet Thekla Jesus als „Gott der Himmel, Sohn des Höchsten“:

„Und nach dem Umzug nahm Tryphäna sie wieder zu sich. Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!'“ (Ebd., S. 248)

Als sie dann den Tieren vorgeworfen wird, die ihr aber nichts tun, kommt diese Stelle:

„Und der Statthalter ließ Thekla mitten aus den Tieren heraus rufen und sprach zu ihr: ‚Wer bist du und was hat es mit dir auf sich, daß auch nicht eines von den Tieren dich anrührte?‘ Sie antwortete: ‚Ich bin eine Dienerin des lebendigen Gottes; was es aber mit mir auf sich hat: Ich habe an den geglaubt, an dem Gott Wohlgefallen hatte, an seinen Sohn. Um seinetwillen hat mich keines von den Tieren angerührt. Denn er allein ist das Ziel der Rettung und die Grundlage unsterblichen Lebens. Ist er doch für die, die vom Sturm geplagt sind, eine Zuflucht, für Bedrängte Erquickung, für Verzweifelte Schutz, mit einem Wort: wer nicht an ihn glaubt, wird nicht leben, sondern tot sein in Ewigkeit.“ (Ebd., S. 250)

Die Paulusakten enthalten auch einen apokryphen Briefwechsel der Korinther mit Paulus (einen Brief der Korinther an Paulus und einen, den er zurückschreibt; letzterer wird auch als 3. Korintherbrief bezeichnet). Die Korinther schreiben Paulus, weil doketistische/gnostische Irrlehrer in ihre Gemeinde gekommen sind, und Paulus schreibt in seiner Antwort gegen den Doketismus (der Verfasser der Paulusakten lehnt sich hier an den originalen 1. Korintherbrief an, insbesondere Kapitel 15):

„Ich habe euch ja im Anfang überliefert, was ich von den Aposteln vor mir empfangen habe, die allezeit mit dem Herrn Jesus Christus zusammengewesen waren, nämlich daß unser Herr Jesus Christus von Maria aus dem Samen Davids geboren ist, indem der heilige Geist aus dem Himmel vom Vater in sie herabgesandt war, damit er in die Welt käme und alles Fleisch durch sein eigenes Fleisch erlöse und damit er uns Fleischliche von den Toten auferwecke, wie er selbst sich als Urbild erwiesen hat. Und weil der Mensch von seinem Vater geschaffen ist, deswegen wurde er auch, als er verloren gegangen war, gesucht, auf daß er lebendig gemacht würde durch die Annahme zur Kindschaft. Denn der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, sandte zuerst die Propheten den Juden, daß sie ihren Sünden entrissen würden; er hatte nämlich beschlossen, das Haus Israel zu retten, deshalb sandte er einen Teil vom Geiste Christi in die Propheten, welche die irrtumslose Gottesverehrung verkündeten zu vielen Zeiten. Aber da der Fürst, der ungerecht war [d. h. der Teufel, Anmerkung von mir], selbst Gott sein wollte, legte er Hand an sie und tötete sie, und so fesselte er alles Fleisch der Menschen an die Begierden [an seinen Willen und die Vollendung der Welt trieb dem Gericht entgegen]. Aber Gott, der Allmächtige, der gerecht ist und sein eigenes Geschöpf nicht verstoßen wollte, sandte den [heiligen] Geist [durch Feuer] in Maria, die Galiläerin, die von ganzem Herzen glaubte, und sie empfing im Leibe den heiligen Geist, damit in die Welt Jesus einträte, damit der Böse, durch dasselbe Fleisch, durch das er sein Wesen trieb, besiegt, überführt wurde, daß er nicht Gott sei. Denn durch seinen eigenen Leib hat Jesus Christus alles Fleisch gerettet [und zum ewigen Leben geführt durch den Glauben], indem er den Tempel der Gerechtigkeit darstellte in seinem Leibe, durch den wir erlöst sind.(Ebd., S. 259)

An späterer Stelle sagt Paulus in den Paulusakten:

„Und jetzt, Brüder, steht eine große Versuchung bevor; wenn wir diese ertragen haben, werden wir den Zugang zum Herrn haben und werden als Zuflucht und Schild des Wohlgefallens empfangen Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, wenn ihr nun das Wort so empfanget, wie es ist. Einen Geist der Kraft hat Gott am Ende der Zeiten um unsertwillen ins Fleisch herabgesandt, das heißt in Maria die Galiläerin, gemäß dem prophetischen Worte, der als Leibesfrucht getragen und geboren wurde von ihr, bis sie entband und gebar [Jesus,] den Christus, unseren König, aus Bethlehem in Judäa, aufgezogen in Nazareth, hingehend aber nach Jerusalem und lehrend ganz Judäa: ‚Das Reich der Himmel (sc. Gottes) ist nahe herbeigekommen! Laßt ab von der Finsternis, ergreifet das Licht, die ihr im Dunkel des Todes dahinlebt. Ein Licht ist euch aufgegangen!‘ Und er tat große und wunderbare Dinge, sodaß er sich aus den Stämmen zwölf Männer erwählte, die er in Verständnis und Glauben mit sich hatte, Tote erweckend und Krankheiten heilend, Aussätzige reinigend und Blinde heilend, Krüppel gesund machend und Gelähmte gehend machend, Besessene reinigend …“ (Danach ist eine Lücke im Text.) (Ebd., S. 264)

Paulus erzählt von der Zeit seiner Bekehrung:

„In der Tat, es gibt kein Leben außer dem, das in Christus ist. Ich trat in eine große Kirche ein, bei dem seligen Judas, dem Bruder des Herrn, der mir von Anfang an die hohe Liebe des Glaubens gegeben hat. Ich führte meinen Wandel in der Gnade, bei dem seligen Propheten, und [beschäftigte mich] damit, Christus zu enthüllen, ihn, der vor [allen] Zeiten erzeugt ward.“ (Ebd., S. 269)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier der erste.

 

So beschreiben verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt um 95 n. Chr. in einem Brief an die Korinther:

„Wir wollen hinblicken auf das Blut Christi und erkennen, wie kostbar es auch Gott seinem Vater ist, weil es, wegen unseres Heiles vergossen, der ganzen Welt die Gnade der Reue gebracht hat. Lasset uns alle Geschlechter durchwandeln und erkennen, dass der Herr einem jeden Geschlechte Gelegenheit zur Buße gab, allen, die sich zu ihm bekehren wollten. Noe1 predigte Buße, und die auf ihn hörten, wurden gerettet. Jona2 kündigte den Niniviten ihren Untergang an; sie taten Buße für ihre Sünden, versöhnten durch Gebet ihren Gott und erlangten Rettung, obwohl sie nicht zum Volke Gottes gehörten.“ (1. Clemensbrief 7,4-7)

„Wer Liebe in Christus hat, der halte die Gebote Christi. Wer kann das Band der Liebe Gottes beschreiben? Wer ist imstande, seine erhabene Schönheit zu schildern? Die Höhe, zu der die Liebe emporführt, ist unbeschreiblich. Liebe verbindet uns mit Gott, ‚Liebe deckt eine Menge Sünden zu‘1, Liebe erträgt alles, Liebe ist in allem langmütig; nichts Gemeines gibt es in der Liebe, nichts Hoffärtiges; Liebe kennt keine Spaltung, Liebe lehnt sich nicht auf, Liebe tut alles in Eintracht; in der Liebe haben alle Auserwählten Gottes ihre Vollkommenheit erlangt, ohne Liebe ist Gott nichts wohlgefällig. In Liebe hat der Herr uns angenommen; wegen der Liebe, die er zu uns trug, hat unser Herr Jesus Christus sein Blut hingegeben für uns nach Gottes Willen, sein Fleisch für unser Fleisch, seine Seele für unsere Seelen.“ (1. Clemensbrief 49)

 

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. (oder wenig später) auf dem Weg zu seinem Prozess und Martyrium in Rom:

„Einer ist der Arzt, fleischlich sowohl als geistig, geboren und ungeboren, im Fleische wandelnd ein Gott, im Tode wahrhaftiges Leben, sowohl aus Maria als aus Gott, zuerst leidensfähig, dann leidensunfähig, Jesus Christus unser Herr.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 7,2)

„Ich habe aufgenommen in Gott deinen vielgeliebten Namen (= die Gemeinde Ephesus), den ihr erworben habt durch euer gerechtes Wesen gemäß eurem Glauben und eurer Liebe in Christus Jesus, unserem Erlöser; da ihr Nachahmer Gottes seid, habt ihr, im Blute Gottes zu neuem Leben gelangt, das Werk der Bruderliebe vollkommen ausgeübt.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 1,1)

„vielmehr wünsche ich euch gefestigt im Glauben an die Geburt, das Leiden und die Auferstehung, die geschah, als Pontius Pilatus Landpfleger war; wahrhaft und sicher vollbracht von Jesus Christus, unserer Hoffnung, um die keiner von euch gebracht werden möge.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 11)

„Ich preise den Gott Jesus Christus, der euch so weise gemacht hat; ich habe nämlich erkannt, dass ihr vollendet seid in unerschütterlichem Glauben, wie angenagelt mit Leib und Seele an das Kreuz des Herrn Jesus Christus, gefestigt in der Liebe im Blute Christi, vollkommen (im Glauben) an unseren Herrn, den wahrhaftigen Spross aus dem Geschlechte Davids dem Fleische nach1, den Sohn Gottes nach dem Willen und der Macht Gottes, wahrhaft geboren aus der Jungfrau und von Johannes getauft, auf dass jegliche Gerechtigkeit von ihm erfüllt würde2; wahrhaft unter Pontius Pilatus und dem Vierfürsten Herodes für uns im Fleische (ans Kreuz) genagelt, von dessen Frucht wir (stammen) von seinem gottgepriesenen Leiden, auf dass er für ewige Zeiten durch seine Auferstehung sein Banner erhebe3 für seine Heiligen und Getreuen, sei es unter den Juden oder unter den Heiden in dem einen Leibe seiner Kirche.

Dies alles hat er nämlich gelitten unseretwegen, damit wir gerettet werden; und zwar hat er wahrhaft gelitten, wie er sich auch wahrhaft auferweckt hat, nicht wie einige Ungläubige behaupten, er habe nur scheinbar gelitten, da sie selbst nur scheinbar leben; und gemäß ihren Anschauungen wird es ihnen ergehen, wenn sie körperlos und gespensterhaft sind (bei der Auferstehung).

Ich nämlich weiß und vertraue darauf, dass er auch nach der Auferstehung derselbe war im Fleische. Und als er zu Petrus und seinen Genossen kam, sprach er zu ihnen: ‚Fasset (mich) an, betastet mich und sehet, dass ich nicht ein körperloser Geist bin‘1. Und sogleich betasteten sie ihn und glaubten, da sie in Fühlung gekommen waren mit seinem Körper und seinem Geiste. Deshalb verachteten sie auch den Tod und zeigten sich stärker als der Tod. Nach der Auferstehung aß und trank er mit ihnen wie ein leibhaftiger Mensch, obwohl er dem Geiste nach vereinigt war mit dem Vater.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 1-3)

Ignatius wendet sich hier, wie gesagt, gegen die Doketisten, die meinten, dass Jesus nicht wirklich Fleisch angenommen und gelitten haben könne, sondern dass sein Leiden nur scheinbar gewesen sei, die also die Inkarnation quasi für unter der Würde Jesu hielten.

 

Bischof Polykarp von Smyrna, ein Schüler des Apostels Johannes, an den Ignatius auch einen seiner Briefe gerichtet hatte, schreibt kurz darauf in einem Brief an die Ortskirche in Philippi:

„Unablässig wollen wir festhalten an unserer Hoffnung und an dem Unterpfand unserer Gerechtigkeit, nämlich an Jesus Christus, der unsere Sünden an seinem eigenen Leibe ans Kreuz getragen, der keine Sünde getan1und in dessen Mund kein Betrug gefunden worden2; sondern unseretwegen hat er alles auf sich genommen, damit wir in ihm das Leben haben. So wollen wir also Nachahmer werden [seiner] Geduld, und wenn wir seines Namens wegen leiden, wollen wir ihn verherrlichen. Hierin hat er nämlich durch sich selbst ein Beispiel gegeben, und wir haben daran geglaubt.“ (Brief Polykarps an die Philipper 8)

 

Als ein nichtchristliches Zeugnis hätten wir das Spottkreuz vom Palatin (Rom), irgendwann aus dem 2. Jahrhundert. Hier hat jemand einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf in eine Wand geritzt (es ging das Gerücht um, dass die Christen einen Eselsgott anbeten würden), vor dem ein Mann in Gebetshaltung steht. Dabei steht: „Alexamenos betet [den/seinen] Gott an.“

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c2/Jesus_graffito.jpg

Bei den Heiden war also nicht nur das Gerücht mit dem Eselsgott ein Grund für Spott über die Christen, sondern auch ihr Glaube an einen gekreuzigten Gott.

 

Bei Bischof Irenäus von Lyon, der noch Polykarp gekannt hatte und dessen Werk ca. 180 entstanden ist, finden sich sehr viele schöne und aufschlussreiche Stellen. Er betont sehr, dass Jesus durch die Menschwerdung den Menschen in sich rekapituliert, den Menschen zu Gott herangezogen hat:

„Christus aber, unser Herr, ertrug mutvoll, ein eigentliches Leiden, durch welches er nicht nur nicht in Gefahr geriet, verloren zu gehen, sondern den verlorenen Menschen in seiner Kraft stärkte und zur Unvergänglichkeit wiederherstellte. […] Uns brachte Christus durch sein Leiden die Erlösung, indem er uns die Erkenntnis des Vaters schenkte. […] Unser Herr hat durch sein Leiden den Tod vernichtet, den Irrtum aufgehoben, die Vernichtung unschädlich gemacht und die Unwissenheit vertrieben, er hat das Leben geoffenbart und die Wahrheit gezeigt und Unvergänglichkeit geschenkt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,20,3)

„Aber darin irren sie von der Wahrheit ab, weil ihre Lehre den allein wahren Gott nicht kennt, weil sie nicht wissen, daß sein eingeborenes Wort, das immer dem menschlichen Geschlechte beisteht, vereint und eingesät in sein Geschöpf, nach dem Willen des Vaters Fleisch geworden ist, Jesus Christus, unser Herr ist, der für uns gelitten hat und unseretwegen auferstanden ist und wieder kommen wird in der Herrlichkeit des Vaters, um alles Fleisch aufzuerwecken und Rettung zu bringen and das Gesetz des gerechten Gerichtes allen zu zeigen, die ihm unterworfen sind. Es ist also ein Gott Vater, wie wir gezeigt haben, und ein Christus Jesus, unser Herr, der durch die ganze Heilsordnung hindurch ging und alles in sich selbst zusammenfaßte. Zu diesem ‚allen‘ gehört aber auch der Mensch, das Geschöpf Gottes; also faßte er auch den Menschen in sich zusammen, indem er, der Unsichtbare, sichtbar wurde, der Unbegreifbare begreifbar, der Leidensunfähige leidensfähig, das Wort Mensch. So faßte er in sich das All zusammen, damit er, wie das Wort in den überhimmlischen und geistigen Dingen Herrscher ist, ebenso in den sichtbaren und körperlichen Dingen herrsche, indem er auf sich die Herrschaft nahm und sich zum Haupte der Kirche einsetzte, und damit er alles an sich ziehe zu der passenden Zeit.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,16,6)

„Wir haben somit klar bewiesen, daß das Wort, welches im Anfang bei Gott war, und durch welches alles gemacht worden ist, und das immer bei dem menschlichen Geschlechte weilte, jetzt in den letzten Zeiten gemäß der vom Vater bestimmten Zeit mit seinem Geschöpfe sich vereinte und zum leidensfähigen. Menschen geworden ist. […] Vielmehr faßte er die lange Entwicklung der Menschen in sich zusammen, indem er durch die Inkarnation Mensch wurde, und gab uns in dieser Zusammenfassung das Heil, damit wir unser Sein nach, dem Bild und Gleichnis Gottes, das wir in Adam verloren hatten, in Christo Jesu wiedererlangen möchten.

Es war nämlich unmöglich, den einmal besiegten und durch seinen Ungehorsam gefallenen Menschen neu zu schaffen und den Siegespreis ihm zu verleihen, aber ebenso unmöglich konnte der in die Sünde gefallene Mensch das Heil erlangen. Deshalb bewirkte beides der Sohn, der das Wort Gottes war, indem er vom Vater herunterstieg, Fleisch annahm und bis zum Tode ging. So erwirkte er uns unsere Erlösung.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,1-2)

„So näherte und vereinte er, wie wir gesagt haben, den Menschen mit Gott. Wenn nämlich der Mensch nicht den Feind des Menschen besiegt hätte, so wäre nicht gerechterweise der Feind besiegt worden. Und wiederum hätte nicht Gott dem Menschen das Heil verliehen, so würden wir dessen nicht gewiß sein. Und wäre der Mensch nicht mit Gott verbunden worden, so hätte er keinen Anteil an der Unvergänglichkeit erlangen können. Es mußte nämlich der Mittler zwischen Gott und den Menschen kraft seines Verhältnisses zu beiden in Freundschaft und Eintracht beide zusammenführen und die Menschen Gott nahe bringen und die Menschen mit Gott bekannt machen.

Aus welchem Grunde könnten wir denn teilhaftig sein der Annahme an Kindesstatt, wenn wir nicht durch den Sohn diese verwandtschaftliche Beziehung zu ihm empfangen hätten; wenn nicht sein Wort, Fleisch geworden, sie uns mitgeteilt hätte? Deshalb machte er auch jede Altersstufe durch, um für alle die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen. […]

Wer also die Sünde vernichten und den Menschen von seiner Todesschuld erlösen wollte, der mußte das werden, was jener war, nämlich Mensch. Denn der Mensch war von der Sünde in die Knechtschaft geschleppt und wurde von dem Tode festgehalten. Daher mußte die Sünde von einem Menschen überwunden werden, damit der Mensch des Todes ledig würde. Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen, der zuerst von der jungen Erde gebildet war, die vielen Sünder wurden und das Leben verloren, so mußten auch durch den Gehorsam eines Menschen, der zuerst von einer Jungfrau geboren wurde, viele gerechtfertigt werden und ihr Heil erlangen.

So wurde also das Wort Gottes Mensch, wie auch Moses sagt: ‚Gott, wahrhaft sind seine Werke‘3 . Wäre er aber nicht Fleisch geworden, sondern nur als solches erschienen, so wäre sein Werk nicht wahr gewesen. Was er schien, das war er also auch: Gott faßte in sich das alte Menschengebilde zusammen, um die Sünde zu vernichten, den Tod niederzuwerfen und den Menschen lebendig zu machen. Deswegen sind auch ‚wahrhaft seine Werke‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,7)

„Von dem Abfall erlöste er uns rechtlich durch sein Blut; uns aber, den Erlösten, ward seine Güte zuteil, Denn wir gaben ihm nichts zuvor, noch begehrte er etwas von uns, als ob er es gebrauchte. Wir aber bedürfen der Gemeinschaft mit ihm und deswegen gab er sich gütig hin, um uns in den Schoß seines Vaters zu sammeln.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,2,1)

Er betont sehr die Realität der Fleischwerdung:

„Wenn aber nach einer andern Ordnung der Herr Fleisch geworden ist und er aus einer anderen Wesenheit Fleisch annahm, dann hat er den eigentlichen Menschen in sich nicht rekapituliert; ja, er kann nicht einmal Fleisch genannt werden. Denn Fleisch ist in Wahrheit nur das, was von der ersten Schöpfung aus Erde abstammt. Hätte er aus einer anderen Substanz den Stoff haben sollen, dann hätte der Vater von Anfang an dies Gebilde aus einer anderen Substanz müssen entstehen lassen. Nun aber ist das, was der gefallene Mensch war, das heilbringende Wort geworden, indem es durch sich selbst die Verbindung und Aufsuchung des Heiles herstellte. Der gefallene Mensch aber hatte Fleisch und Blut, denn aus dem Schlamm der Erde bildete Gott den Menschen, um dessentwillen der Herr auf die Erde überhaupt kommen mußte. Also hatte auch er Fleisch und Blut; indem er kein anderes als das ursprüngliche Geschöpf des Vaters rekapitulierte, suchte er das, was verloren war. Deswegen sagt auch der Apostel im Briefe an die Kolosser: ‚Da ihr einstmals entfremdet waret und feind seinem Ratschlusse in bösen Werken, seid ihr jetzt wiederversöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch seinen Tod, um euch heilig und keusch und ohne Tadel in seinem Angesichte darzustellen‘1 . In dem Fleische seines Leibes wiederversöhnt, heißt es, weil das gerechte Fleisch jenes Fleisch versöhnte, das in der Sünde niedergehalten wurde, und es in die Freundschaft mit Gott brachte.

Wenn nun jemand sagen wollte, daß das Fleisch des Herrn insofern von unserm Fleische verschieden war, als jenes nicht sündigte, noch irgend ein Arg in seiner Seele gefunden wurde, wir aber Sünder sind, so hat er recht gesprochen. Wollte er dem Herrn aber eine andere Substanz des Fleisches andichten, so würde das Wort von der Versöhnung nicht mehr bestehen. Denn wiederversöhnt war das, was einmal in Feindschaft war. Nahm aber der Herr sein Fleisch aus einer andern Substanz, dann ist das nicht mehr mit Gott versöhnt worden, was ihm durch den Ungehorsam feind geworden war. Weil nun aber zwischen ihm und uns eine Gemeinschaft besteht, versöhnte der Herr den Menschen mit Gott, indem er uns durch den Leib seines Fleisches versöhnte und durch sein Blut uns erlöste. So sagt der Apostel den Ephesern: ‚In ihm haben wir gehabt Erlösung durch sein Blut, Vergebung der Sünden‘1 . Und wiederum ebendenselben: ‚Die ihr einstmals ferne waret, seid nahe geworden in dem Blute Christi‘2 . Und wiederum: ‚Die Feindschaft hob er auf in seinem Fleische, das Gesetz der Gebote durch seine Lehren‘3 . Und so bezeugt der Apostel in seinem ganzen Briefe deutlich, daß wir durch das Fleisch unseres Herrn und durch sein Blut erlöst worden sind.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,14,2-3)

„Und deswegen brachte der Herr uns in den letzten Zeiten durch seine Menschwerdung in die Freundschaft mit ihm zurück, indem er ‚der Mittler zwischen Gott und den Menschen wurde‘1 . Für uns versöhnte er seinen Vater, gegen den wir gesündigt hatten, und machte unsern Ungehorsam durch seinen Gehorsam wieder gut; uns aber verlieh er, mit unserm Schöpfer zu verkehren und ihm zu gehorchen. Deshalb lehrte er uns in seinem Gebete zu sprechen: ‚Und erlaß uns unsere Schulden!‘2 Ist es doch unser Vater, dessen Schuldner wir geworden waren, indem wir sein Gebot übertraten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,1)

„Indem er ihm also die Sünden erließ, heilte er den Menschen und zeigte offenkundig, wer er war. Wenn nämlich nur Gott die Sünden vergeben kann und demnach der Herr sie vergab, wie er die Menschen heilte, dann ist es offenbar, daß er selbst das Wort Gottes war, das zum Menschensohne geworden war und von dem Vater die Macht der Sündenvergebung empfangen hatte, daß er Gott und Mensch war, damit er als Mensch mit uns Mitleid hätte und als Gott sich unser erbarme und uns die Schulden vergebe, welche wir Gott, unserm Schöpfer, schulden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,3)

Er schreibt über das Lebensalter Jesu:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. Denn nicht schien er ein anderer zu sein, als er war, wie es die möchten, die ihn als eine bloße Erscheinung auffassen, sondern was er war, das schien er auch. Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte.

Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4)

Über die Weisen aus dem Morgenland sagt er:

„Matthäus aber läßt die Magier, die aus dem Osten kamen, sprechen: ‚Wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten‘7 . Und von dem Stern in das Haus Jakobs zum Emmanuel geführt, haben sie durch die Darbringung ihrer Geschenke angezeigt, wer der war, den sie anbeteten: durch die Myrrhe, daß er es war, der für das sterbliche Geschlecht der Menschen sterben und begraben werden wollte; durch das Gold, daß er der König war, ‚dessen Reich kein Ende hat‘8 ; durch den Weihrauch, daß er ‚der in Judäa bekannt gewordene Gott‘9 ist, der sich denen offenbarte, die ihn suchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,9,2)

Sein Hauptwerk „Gegen die Häresien“ beendet Irenäus hiermit:

„Denn es ist ein Sohn, der den Willen des Vaters vollendete, und ein Menschengeschlecht, in welchem die Geheimnisse Gottes sich vollziehen, ‚den die Engel zu schauen begehren‘4 , und nicht vermögen sie die Weisheit Gottes ergründen, durch welche sein Geschöpf zur vollkommensten Einverleibung in seinen Sohn gelangt, so daß sein Sohn, das eingeborene Wort, hinabsteigt in das Geschöpf, d. h. in sein Gebilde, und von ihm aufgenommen wird. Und das Geschöpf hinwiederum nimmt auf das Wort und steigt zu Ihm empor, indem es über die Engel sich erhebt, und so wird es nach dem Bild und Gleichnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,36,3)

 

In seinem kleineren Werk „Erweis der apostolischen Verkündigung“ schreibt er:

„Und er erschien als Mensch in der Fülle der Zeit und faßte als Wort Gottes alles, Himmel und Erde, in sich zusammen. Er vereinigte den Menschen mit Gott und stellte zwischen Gott und dem Menschen die Gemeinschaft und Eintracht wieder her, während wir nicht imstande gewesen wären, in anderer Weise an der Unvergänglichkeit1 gesetzmäßigen Anteil zu gewinnen, wenn er nicht zu uns gekommen wäre. Denn würde die Unvergänglichkeit unsichtbar und unerkannt geblieben sein, so hätte sie uns kein Heil gebracht. So wurde sie sichtbar, damit wir in jeder Hinsicht Anteil an dem Geschenk der Unvergänglichkeit gewinnen. Der Ungehorsam des Stammvaters Adam hatte uns alle in die Bande des Todes verstrickt. Deshalb war es notwendig und recht, daß die Fesseln des Todes gebrochen wurden durch den Gehorsam dessen, der für uns Mensch ward. Weil der Tod über den Leib herrschte, so war es notwendig und recht, daß er durch den Leib unterworfen werde und so den Menschen aus seiner Sklaverei freigeben mußte. Das Wort wurde Fleisch, damit der Leib, wodurch die Sünde zur Herrschaft gelangt war, Besitz genommen und gewaltet hatte, durch ebendasselbe bezwungen, auch in uns ein anderer sei2 . Und deshalb nahm unser Herr denselben Leib, wie er in Adam war, an, damit er für die Väter kämpfe und durch Adam den besiege, der durch Adam uns getroffen hatte3 .“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 31)

„Die Übertretung, welche vermittelst des Baumes geschehen war, wurde auch getilgt durch den Baum des Gehorsams, an welchem in Unterwürfigkeit gegen Gott der Sohn des Menschen gekreuzigt wurde; da überwand er die Erkenntnis des Bösen und schaffte der Erkenntnis des Guten wieder Einlaß und befestigte sie. Böse ist es, Gott ungehorsam zu sein, wie es gut ist, Gott zu gehorchen. […] Durch den Gehorsam bis in den Tod am Kreuze tilgte er den alten, am Holz begangenen Ungehorsam. Er ist selbst das Wort des allmächtigen Gottes, welches in unsichtbarer Gegenwart uns alle zumal durchdringt, und deshalb umfaßt er alle Welt, ihre Breite und Länge, ihre Höhe und Tiefe; denn durch das Wort Gottes werden alle Dinge der Ordnung gemäß geleitet; und Gottes Sohn ist in ihnen gekreuzigt, indem er in der Form des Kreuzes allem aufgeprägt ist; war es doch recht und angemessen, daß er mit seinem eigenen Sichtbarwerden an allem Sichtbaren seine Kreuzesgemeinschaft mit allem auspräge; denn seine Wirkung sollte es an den sichtbaren Dingen und in sichtbarer Gestalt zeigen, daß er derjenige ist, welcher die Höhen, d. h. den Himmel, erhellt und hinabreicht in die Tiefen, an die Grundfesten der Erde, der die Flächen ausbreitet von Morgen bis Abend und von Norden und Süden die Weiten leitet und alles Zerstreute von überallher zusammenruft zur Erkenntnis des Vaters.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 34)

„Auf diese Weise hat er also unsere Erlösung als herrlicher Sieger vollendet, hat die Verheißungen an die Vorväter erfüllt und die alte Auflehnung getilgt und ausgeschaltet. Der Sohn Gottes wurde zum Sohne Davids, zum Sohne Abrahams; diese vollendend und in sich erneuernd und zusammenfassend, um uns in den Besitz des Lebens zu setzen, ist das Wort Gottes geheimnisvoll in der Jungfrau Fleisch geworden, den Tod zu vernichten und den Menschen mit dem Leben zu begaben. Wir lagen ja in den Banden der Sünde, die wir in Sünden geboren sind und unter der Herrschaft des Todes leben.

Gott der Vater war also voll Erbarmen. Er sandte das wunderwirkende Wort. Es kam uns zu erretten und hielt sich dazu an denselben Orten und Gegenden unter uns auf, wo wir das Leben bei unserm Verweilen verloren haben, und zerbrach die Bande der Gefangenschaft. Sein Licht leuchtete auf und zerstreute die Finsternis des Kerkers, heiligte unsere Geburt und besiegte den Tod, indem er die Fesseln löste, mit denen wir in Knechtschaft gehalten waren. Selbst zum Erstgeborenen der Toten geworden, zeigte er die Auferstehung und weckte in sich selbst den gefallenen Menschen zur Auferstehung, indem er ihn nach oben, zuhöchst in den Himmel zur Rechten des Vaters emporführte. So hatte es Gott durch den Propheten verheißen, als er sprach: ‚Ich werde wieder aufrichten das zerfallene Zelt Davids‘1 , d. h. den Leib, der von David stammt. Das hat in Wahrheit unser Herr Jesus Christus vollbracht, da er unsere Erlösung siegreich erkämpfte, um uns wahrhaft aufzuerwecken vom Tode zum Leben für den Vater. […]

Denn der erstgeborene Urausgang aus dem Gedanken des Vaters, das Wort, vollendete alles, die Welt regierend und sie ordnend. Er war der Erstgeborene der Jungfrau, gerecht, heilig als Mensch, gottergeben, gut, gottgefällig, in allem vollkommen, die Rettung aller vor der Hölle, welche ihm nachfolgten. Er war der Erstgeborene von den Toten and der Uraufgang des Lebens in Gott.

So also ist bei der abermaligen Berufung des Menschen durch Gott das Wort Gottes Führer für alle zur einträchtigen Gemeinschaft, weil es wahrhaft Mensch, wunderbarer Ratgeber und mächtiger Gott1 ist. So sollen wir durch diese Gemeinschaft teilnehmen an der Unvergänglichkeit. Er nun, der im Gesetz des Moses verkündigt worden und von den Propheten des höchsten und allmächtigen Gottes und des Sohnes des Vaters aller, er, von dem alles ist, der mit Moses geredet hat, er trat auf in Judäa, von Gott entsproßt durch den Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, welche aus dem Geschlechte Davids und Abrahams war, Jesus, der Gesalbte Gottes, mit dem Beweis, daß er der zuvor von den Propheten Verkündigte ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 37-40)

 

Justin der Märtyrer, ein Philosoph, der vom Platonismus zum Christentum konvertiert war, und in Rom im Jahr 165 hingerichtet wurde, schreibt in seiner Verteidigung („Apologia“) des Christentums (um 150):

„Wohl aber ist der in unserer Zeit gekreuzigte und gestorbene Jesus Christus wieder auferstanden, zum Himmel aufgefahren und König geworden, und über das, was in seinem Namen von den Aposteln unter allen Völkern gepredigt wurde, herrscht Freude bei denen, die der von ihm angekündigten Unvergänglichkeit entgegensehen.“ (Justin, 1. Apologie 42)

Er bezeichnet Jesus wie im Johannesprolog als den „Logos“ (das Wort, die Vernunft, der Ausspruch Gottes). Den Heiligen Geist bezeichnet er als den „prophetischen Geist“, und er sagt hier, dass die Christen Jesus sozusagen an zweiter Stelle und den heiligen Geist an dritter Stelle ehren. (Zur Dreifaltigkeitslehre, die damals ja noch nicht ganz ausformuliert war, in einem der nächsten Teile genauer.)

„Daß ihr aber mit euren Opfern kein Glück haben werdet, bezeugt der Logos, der königlichste und gerechteste Herrscher, den wir nächst Gott, seinem Erzeuger, kennen. […] Daß das alles so geschehen werde, hat, sage ich, unser Lehrer Jesus Christus, der Sohn und Gesandte Gottes, des Vaters und Herrn des Weltalls, vorhergesagt, nach dem wir den Namen Christen erhalten haben. Dadurch werden wir auch voll Zuversicht in Bezug auf alles, was er uns gelehrt hat, weil es sich herausstellt, daß tatsächlich alles eintrifft, was er als zukünftig vorausgesagt hat; denn das ist Gottes Werk, vor dem Geschehen vorherzusagen und dann es so geschehen zu lassen, wie es vorhergesagt worden ist3. […]

Daß wir nun nicht gottlos sind, da wir doch den Schöpfer dieses Alls verehren und, wie wir gelehrt worden sind, behaupten, daß er keiner Schlacht-, Trank- und Räucheropfer bedarf, und die wir ihn bei allem, was wir zu uns nehmen, durch Gebet und Danksagungswort, soviel wir können, lobpreisen, indem wir als die seiner allein würdige Ehrung nicht die kennen lernten, das von ihm zur Nahrung Geschaffene durch Feuer zu verzehren, sondern die, es uns und den Bedürftigen zugute kommen zu lassen, ihm aber zum Danke in Worten Huldigungen und Gesänge emporzusenden1 für unsere Erschaffung und für alle Mittel zu unserem Wohlsein, für die Mannigfaltigkeit der Arten und für den Wechsel der Jahreszeiten, und die wir Bitten empor senden, daß wir wieder in Unvergänglichkeit erstehen durch den Glauben an ihn – welcher Vernünftige wird das nicht einräumen? Und daß wir außerdem den, der unser Lehrer hierin gewesen und dazu geboren worden ist, Jesus Christus, der gekreuzigt wurde unter Pontius Pilatus, dem Landpfleger von Judäa zur Zeit des Kaisers Tiberius, den wir als den Sohn des wahrhaftigen Gottes erkannt haben, an die zweite Stelle setzen und daß wir den prophetischen Geist an dritter Stelle mit Fug und Recht ehren, das werden wir zeigen. Denn darin beschuldigt man uns der Torheit, indem man sagt, daß wir die zweite Stelle2 nach dem unwandelbaren und ewigen Gott, dem Weltschöpfer, einem gekreuzigten Menschen zuweisen. Das sagt man, weil man das darin eingeschlossene Geheimnis nicht kennt. Indem wir dieses erklären, bitten wir euch, recht dabei aufzumerken.“ (Justin, 1. Apologie 12-13)

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius1 geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft2 [griechisch „Logos“] lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit3 und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher4 ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

„Daß er aber auch, für uns Mensch geworden, Schmerzen und Schande ertragen wollte und wieder in Herrlichkeit erscheinen wird, darüber hört folgende Weissagungen: […] Nach seiner Kreuzigung fielen nämlich auch alle seine Vertrauten von ihm ab und verleugneten ihn3; später aber nach seiner Auferstehung, als er ihnen erschienen war und er sie in das Verständnis der Prophezeiungen, in denen das alles als zukünftig vorhergesagt war, eingeführt hatte, und als sie ihn in den Himmel hatten auffahren sehen, Glauben gewonnen, die ihnen dorther von ihm gesandte Kraft empfangen hatten und zu allen Nationen der Menschheit ausgezogen waren, da haben sie das gelehrt und sind Apostel genannt worden.“ (Justin, 1. Apologie 50)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„so sind auch wir durch die gar schweren Sünden, welche wir begangen haben, untergesunken, wurden aber von unserem Christus durch seinen Kreuzestod und durch die Reinigung mit Wasser erlöst und zu einem Hause des Gebetes und der Andacht gemacht23.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 86,6)

„Er ist ewig, wenn er auch kam, um durch die Jungfrau Maria geboren zu werden und Mensch zu sein; bei der Erneuerung von Himmel und Erde nämlich fängt der Vater bei ihm an7, und durch ihn will er die Neuschaffung bewerkstelligen. Er ist es, der in Jerusalem als ewiges Licht leuchten wird8. Er ist der König von Salem und der ewige Priester des Höchsten nach der Ordnung des Melchisedech9.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 113,4f.)

 

Bei sehr vielen Kirchenvätern findet sich die Ansicht, dass es Gott der Sohn ist, nicht Gott der Vater, der sich den Patriarchen offenbart hat; hier nur ein Beispiel bei Irenäus:

„Und wie der Sohn Gottes mit Abraham in eine Unterredung eintrat, sagt Moses wiederum: ‚Und es erschien ihm Gott bei der Terebinthe Mamres am Mittag; als er die Augen erhob und sah, siehe, da traten drei Männer vor ihn, und er neigte sich zur Erde und sprach: Herr, habe ich wirklich Gnade gefunden vor Dir‘1 . Und alles Weitere sprach er mit dem Herrn und der Herr mit ihm. Zwei von den dreien nun waren Engel, der eine aber war der Sohn Gottes, mit dem eben Abraham sprach und bei dem er Fürsprache einlegte für die Bewohner von Sodoma, daß sie nicht zugrunde gingen, wenn nur zehn Gerechte wenigstens sich fänden. Während diese miteinander redeten, gingen die Engel nach Sodoma, und Loth nahm sie auf. Hierauf sagt die Schrift: ‚Der Herr ließ über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen vom Herrn vom Himmel‘2 . Gemeint ist der Sohn, der mit Abraham redete. Als Herr empfing er die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter vom Herrn vom Himmel, von dem Vater, der über alles herrscht. Hiermit ward Abraham ein Prophet und sah das Zukünftige, welches geschehen sollte, in menschlicher Gestalt den Sohn Gottes, denn dieser sollte mit den Menschen reden, mit ihnen Nahrung genießen und hernach von dem Vater aus, der über alle herrscht, das Gericht über sie abhalten, wie er von ihm die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter erhalten hatte. […]

Und alle diese Gesichte deuten an, wie der Sohn Gottes mit den Menschen spricht und unter ihnen weilt. Denn nicht hat ehedem der Vater von allem, der von dieser Welt nicht gesehen wird, und der Schöpfer von allem, der da spricht: ‚Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße, wie wollt ihr mir ein Haus bauen, oder wo wäre der Ort meiner Ruhe‘2 , er, ‚der die Erde faßt mit seiner Faust und den Himmel ausspannt mit seiner Hand‘3 — nicht er hat, in kleinem Raum vorübergehend weilend, mit Abraham gesprochen, sondern das Wort Gottes, das immer mit der Menschheit war und das Zukünftige, welches kommen sollte, zum voraus enthüllte und die Menschen über Gott belehrte.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 44-45)

 

Von den frühen Christen wurde sehr viel Wert auf die Prophezeiungen über Jesus im Alten Testament gelegt. Justin der Märtyrer verteidigt Jesus gegen den heidnischen Vorwurf, er könne auch nur ein Zauberkünstler gewesen sein, folgendermaßen:

„Damit aber niemand uns entgegenhalte: ‚Was steht im Wege, daß nicht auch der, den wir Christus nennen, als Mensch von Menschen geboren, durch Zauberkunst die Wundertaten vollbracht hat, die wir ihm zuschreiben, und daß man deswegen geglaubt hat, er sei Gottes Sohn?‘ so wollen wir nunmehr den Beweis führen, wobei wir uns nicht auf die stützen, die es behaupten1, sondern auf die, welche von ihm vorhergesagt haben, ehe er geboren wurde, denen wir notwendigerweise glauben müssen, weil wir mit Augen die Prophezeiungen erfüllt oder sich erfüllen sehen2, eine Beweisführung, die, wie wir glauben, auch euch als die sicherste und richtigste erscheinen wird.“ (Justin, 1. Apologie 30)

Über die Jungfrauengeburt schreibt er:

„Und nun hört, wie Wort für Wort seine Geburt aus einer Jungfrau durch Isaias geweissagt worden ist. Es heißt nämlich: ‚Siehe, die Jungfrau wird im Schoße tragen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen nennen: Gott mit uns‘1. Was nämlich unglaublich war und bei den Menschen für unmöglich gehalten wurde, das hat Gott durch den prophetischen Geist als zukünftig eintretend vorhergesagt, damit es, wenn es geschähe, nicht angezweifelt, sondern geglaubt werde, eben weil es vorhergesagt war2.

Damit aber niemand aus Mißverständnis der genannten Weissagung uns vorwerfe, was wir den Dichtern vorwerfen, wenn sie erzählen, Zeus sei aus Liebeslust zu Weibern gekommen, so wollen wir die Worte zu erklären versuchen. Das ‚Siehe die Jungfrau wird im Schosse tragen‘ bedeutet, daß die Jungfrau ohne Beiwohnung empfangen werde; denn hatte irgendeiner ihr beigewohnt, dann war sie keine Jungfrau mehr; vielmehr kam die Kraft Gottes über die Jungfrau, beschattete sie und bewirkte, daß sie, obgleich sie Jungfrau war, schwanger wurde. Und der damals zu eben dieser Jungfrau gesandte Engel Gottes brachte ihr diese frohe Botschaft, indem er sprach: ‚Siehe, du wirst im Schoße vom Heiligen Geiste empfangen und einen Sohn gebären und er wird Sohn des Allerhöchsten genannt werden3, und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘4, wie die berichtet haben, welche alles auf unsern Erlöser Jesus Christus Bezügliche aufgezeichnet haben. Diesen haben wir Glauben geschenkt, weil auch der prophetische Geist durch den obengenannten Isaias verkündet hatte, daß er so werde geboren werden, wie wir oben angegeben haben. Daß man nun unter dem Geiste und der Kraft Gottes nichts anderes verstehen darf als den Logos, der Gottes Eingeborener ist, hat der vorhin genannte Prophet Moses angedeutet5. Und als dieser Geist auf die Jungfrau kam und sie überschattete, hat er nicht durch Beiwohnung, sondern durch seine Kraft bewirkt, daß sie schwanger wurde. Jesus aber, ein hebräischer Name, bedeutet im Griechischen Erlöser; darum sprach auch der Engel zur Jungfrau: ‚Du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘6.“ (Justin, 1. Apologie 33)

Über das Leiden Jesu sagt er in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon:

„Die Worte: ‚Wie Wasser ist hingegossen und zerdehnt ist all mein Gebein. Geworden ist mein Herz wie Wachs, zerfließend im Innern meines Leibes‘ waren eine Prophezeiung auf das, was Jesus in jener Nacht erfahren mußte, als man gegen ihn auf den Ölberg ausrückte, um ihn gefangenzunehmen. Denn in den Denkwürdigkeiten, deren Verfasser nach meiner Behauptung die Apostel Jesu und deren Nachfolger waren, steht geschrieben, daß Schweiß wie Blutstropfen zur Erde rann19, da er betete und sprach20 : ‚Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch vorüber‘ und da sein Herz und ebenso seine Gebeine offenbar bebten und sein Herz wie Wachs in seinem Innern zerfloß, auf daß wir erkennen, daß nach dem Willen des Vaters sein Sohn unsertwegen in der Tat21 solches erduldet hat, und wir nicht behaupten, er habe als Sohn Gottes kein Empfinden gehabt für das, was ihm geschah und begegnete.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 103,7f.)

Über die Werke Jesu sagt er:

„In der Wüste, in welcher es keine Gotteserkenntnis gab, im Lande der Heiden, quoll als Quelle lebendigen Wassers12 von Gott her unser Christus hervor, welcher auch in eurem Volke erschienen ist und die, welche von Geburt aus und dem Fleische nach blind, taub und lahm waren, heilte, indem er dem einen durch sein Wort die Möglichkeit zu springen gab, dem anderen durch dasselbe das Gehör, wieder einem anderen das Augenlicht verlieh. Aber auch Tote erweckte er zum Leben. Durch seine Werke führte er die Menschen seiner Zeit zu seiner Erkenntnis. Sie aber nahmen, obwohl sie diese Wunder sahen, in ihnen Trugbilder und Zauberei an; wagten sie es ja auch, Christus einen Zauberer13 und Volksverführer14 zu nennen. Er aber wirkte eben diese Wunder, um die, welche später an ihn glauben sollten, zu überzeugen, daß er dem, der von körperlichen Leiden heimgesucht ist, wenn er nur seine überlieferten Lehren beobachtet, bei seiner zweiten Ankunft Unsterblichkeit, Unvergänglichkeit und Leidensunfähigkeit verleihen, ihn zu einem Leben frei vom Gebrechen erwecken werde.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 69,6f.)

Ich habe ja nichts gegen Evangelikale… also, nichts Wirksames.

Kleiner Scherz. Natürlich ist die Wahrheit des katholischen Glaubens wirksam gegen evangelikale Häresien, wenn sie sich vermitteln lässt.

Wie auch immer, ich fand, es wäre mal an der Zeit für ein bisschen Evangelikalen-Bashing. Die evangelikalen Freikirchen sind in den letzten Jahren ja so ein bisschen zu den „Lieblingshäretikern“ von vielen Katholiken geworden. Sie sind wertkonservativ, glaubensstark, beten viel und lesen viel in der Bibel, wagen es, Wörter wie „Mission“ in den Mund zu nehmen und haben mit ihrer Mission oft auch Erfolg, wie man an ihren i. d. R. jungen, wachsenden Gemeinden sehen kann – sie machen vieles richtig, kurz gesagt. Und während sich die „amtskirchliche“ Ökumene in Deutschland noch vor allem auf die traditionell starken Lutheraner konzentriert, bauen erfolgreiche ökumenische „Grass-Roots“-Initiativen wie das Gebetshaus Augsburg und die MEHR-Konferenz eher auf eine Zusammenarbeit zwischen allen Jesus-begeisterten, „konservativen“, „bibeltreuen“ Christen, also hauptsächlich diversen Freikirchen und der Katholischen Kirche.

Ich will hier nicht die Glaubensstärke vieler Evangelikaler kleinreden. Und sie bekommen die Grundsätze des christlichen Glaubens tatsächlich oft gar nicht schlecht hin. Ihr Glaube ist oft mehr defizitär als irrig – aber defizitär ist er definitiv. Ihnen fehlen sieben Bücher in der Bibel, die meisten Sakramente, das Bewusstsein der Gemeinschaft mit den Heiligen im Himmel, eine geeinte Weltkirche, die von Christus die Autorität bekommen hat, in umstrittenen Glaubensfragen zu entscheiden, und noch ein paar andere Dinge. Und das, was ihnen fehlt, ist leider nicht unbedeutend, und es gibt immer noch Dinge, zu denen sie verdrehte Vorstellungen haben, und da sollten wir in der Ökumene drauf aufpassen. Ein Beispiel: Die Alphakurs-Videos vermitteln viel Richtiges und man kann sie schon in katholischen Pfarreien verwenden. Das Video darüber, ob die Auferstehung Jesu historische Wirklichkeit ist, ist zum Beispiel wirklich gut gemacht (auch wenn die deutsche Synchronisation schlecht ist). Das Video über die Bedeutung der Kirche dagegen sagt bloß ein paar nette Sachen darüber, dass wir Christen alle eine Gemeinschaft sind, und bringt dann auch an einer Stelle die Aussage, dass Protestanten, Katholiken usw. alle zusammen die Kirche bilden würden. Das ist aber falsch; Jesus Christus hat eine Kirche gegründet, die auch institutionell eins sein sollte, und die Protestanten und andere haben sich dann später von ihr abgespalten; sie gehören zwar durch die Taufe zur Christenheit, aber eben nicht wirklich zu der einen Kirche. Diese Trennung ist schade, sollte aber nicht geleugnet werden. Ein katholisches Video hätte außerdem noch zusätzliche Informationen über die Bedeutung des Lehramts, der Konzilien, der Päpste, der Bischöfe usw. enthalten und wäre vielleicht auch darauf eingegangen, dass auch die Christen im Himmel und im Fegefeuer ebenso zur Kirche gehören wie die auf der Erde.

Folgende Hauptkritikpunkte am Evangelikalismus fallen mir ansonsten noch ein (ich verallgemeinere natürlich ein bisschen; jede Freikirche ist irgendwo anders als die andere, und es gibt vermutlich wenige, auf die jeder meiner Punkte zutrifft) :

  • Eine unklare und falsche Rechtfertigungslehre. Viele Evangelikale fühlen sich heute zwar unwohl mit der klassischen Lehre der Reformatoren über die Erwählung und den freien Willen, und neigen zu der katholischen Auffassung, dass Gott allen Menschen seine Gnade anbietet und der einzelne Mensch sie dann in einer freien Entscheidung annimmt oder ablehnt, aber manche glauben auch noch ganz klassisch an eine Prädestination im Sinne Calvins. Außerdem ist die Annahme von Gottes Gnade für die meisten Evangelikalen eine einmalige Entscheidung und besteht allein im Glauben, gute Werke gehören nicht dazu (sola fide).
  • Man wird also direkt durch die eigene Entscheidung Christ, also, indem man an irgendeinem Punkt seines Lebens betet: „Jesus, ich glaube, dass du für meine Sünden gestorben bist und übergebe dir von jetzt an mein Leben“ oder so ähnlich. Die Taufe ist dann höchstens noch eine symbolische Handlung, die man vornimmt, um Gott zu zeigen, dass man sich für ihn entschieden hat, weil das anscheinend in der Schrift so vorgesehen ist. Das ist falsch: Tatsächlich sagt die Schrift sehr klar, dass die Taufe uns rettet (1 Petr 3,21; Mk 16,16; Joh 3,5; Tit 3,5…), dass in ihr Gottes Gnade an uns wirkt.* In der evangelikalen Sichtweise ist somit auch nicht vorgesehen, dass Gott auch die noch nicht des Vernunftgebrauchs mächtigen Kinder schon in seinen Bund aufnimmt. Dementsprechend lehnen viele Freikirchen die Kindertaufe ab und meinen, dass jemand, der einfach als Christ aufgewachsen ist und immer selbstverständlich geglaubt hat, nicht unbedingt ein wirklicher Christ ist, weil er ja keine bewusste Entscheidung zu einem klar bestimmbaren Zeitpunkt getroffen hat.
  • Manche Evangelikale leugnen auch, dass jemand, der keine bewusste Entscheidung für Jesus getroffen hat, auf irgendeine Weise erlöst werden kann, auch dann, wenn er nie von Jesus gehört hat. Das lässt offensichtlich Gott ungerecht erscheinen und ist einfach unsinnig (dazu habe ich mich hier auch schon mal geäußert).
  • Wenn man einmal erlöst ist, kann man nach dieser Theologie durch keine Sünde wieder verloren gehen („once saved, always saved“). Die Folge daraus: Wenn jemand, der mal ein entschiedener, gläubiger Christ war, dann ein schlimmer Sünder wird oder wieder vom Glauben abfällt, dann kann derjenige nie wirklich erlöst gewesen sein. Auch, wenn er vorher selber geglaubt hat, wirklich erlöst zu sein. Das führt natürlicht leicht dazu, dass man sich fragt: Bin ich denn wirklich erlöst? War meine Bekehrung denn echt? Wie kann ich mir da sicher sein? Das kann man in diesem theologischen System nicht, obwohl gerade diese Sicherheit, dass man, wenn man sich bekehrt hat, auf jeden Fall in den Himmel kommen würde, der ursprüngliche Hintergedanke bei der Lehre von der „Beharrlichkeit der Heiligen“ war.
  • Die meisten Evangelikalen glauben, dass das Kreuzesopfer Christi so funktioniert, dass uns nur äußerlich Christi Schuldlosigkeit zugerechnet wird, wir werden nicht wirklich innerlich geheiligt. Rechtfertigung und Heiligung hängen gemäß der katholischen Sicht enger zusammen; wir werden durch Gottes Gnade nicht nur für gerecht erklärt, wobei wir ebenso Sünder bleiben wie vorher, sondern werden auch nach und nach wirklich geheiligt; Heiligung und Erlösung sind eins, daher muss sich ja auch die Annahme von Gottes Gnade in Werken zeigen.
  • Weil die Sakramente nicht viel zählen und das sog. Abendmahl nur selten gefeiert wird und dann nur symbolische Bedeutung hat, verkommt der Sonntagsgottesdienst in vielen Freikirchen zu einer Mischung aus Vortrag und Lobpreiskonzert. Da wird nicht Gottes Handeln an uns erfahrbar, sondern Christen treffen sich, um über ihren Glauben informiert oder ermutigt zu werden und zu Gott zu beten. Das ist gut, aber eben defizitär, wie oben gesagt.
  • Weil sie keine geeinte Kirche haben, haben die Freikirchen auch keine geeinte Lehre. Sie können zwangsläufig keine geeinte Position zu kontroversen Fragen haben. Und ihre einzelnen Positionen sind oft inkonsequent und schlecht begründet. Ein Beispiel: Frauen im Klerus. Liberalere Gemeinden haben kein Problem mit Pastorinnen, was aber viele Christen, die sich als bibeltreu verstehen und Wert auf historische Kontinuität legen, stört. Konservativere Gemeinden dagegen sehen, dass es gegen die Zulassung von Frauen zu Autoritätspositionen in der Kirche gewisse neutestamentliche Einwände gibt, also lassen sie keine Pastorinnen zu; aber sie können das schlecht begründen, weil ihre Pastoren nur Gemeindeleiter und Prediger sind, keine Priester, die Christus repräsentieren – und wieso sollten Frauen nicht, zumindest als Ausnahme oder Vertretung mal, Gottesdienste organisieren, Gemeindemitglieder beraten, Vorträge über den Glauben halten dürfen etc.? Die konservativsten Gemeinden erklären dann, um konsequent zu sein, dass Frauen grundsätzlich keine Männer etwas in Glaubensdingen lehren dürften, also z. B. auch keine Bibelgruppe, zu der Männer gehören, leiten dürften; was in dieser extremen Weise unsinnig und auch biblisch wieder kaum begründbar ist (vgl. z. B. Apg 18,26).
  • Viele Freikirchen sind stolz darauf, das  zu lehren, was der historische Glaube der Christenheit sei, auch wenn sie auch Dinge lehren, die tatsächlich eher durch die moderne Kultur geprägt sind. Beispiel: Scheidung und Wiederheirat hinterher. Erlaubt, nicht erlaubt, unter bestimmten Umständen erlaubt? Fast alle Freikirchen erlauben nicht nur die Scheidung, sondern auch die Wiederheirat danach zumindest unter gewissen Umständen, auch wenn sie sie nicht für ideal halten; entgegen den Worten von Jesus und Paulus (Mk 10,2-12; Mt 19,3-12; 1 Kor 7,10f.„Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“). Anderes Beispiel: Künstliche Methoden der Empfängnisverhütung wurden bis 1930 von allen Kirchen abgelehnt und sind heutzutage für die meisten Protestanten völlig unproblematisch.
  • Manchmal stößt man unter Evangelikalen auch auf bizarre theologische Ideen, die erst in den letzten zweihundert oder hundert oder fünfzig Jahren entstanden sind. Paradebeispiel: Die Entrückung (englisch „rapture“). Der Antichrist kommt bald, aber vorher werden alle Christen plötzlich von Jesus in den Himmel entrückt, damit sie nicht wie der Rest der Menschheit die Plagen der siebenjährigen Endzeit durchmachen müssen. Ein anderes Beispiel wäre der sog. „prosperity gospel“.
  • Solche Freikirchen neigen manchmal auch zu dem, was man allgemein als „Biblizismus“ oder „Fundamentalismus“ bezeichnet, nämlich zu der Position, dass die wörtlichste Bibelauslegung immer die stimmigste Bibelauslegung wäre und die, die den größten Respekt vor Gottes Wort zeigt (na ja, außer Christus redet davon, dass Brot und Wein sein Leib und Blut sind, das ist natürlich symbolisch gemeint). Deshalb vertreten sie teilweise kreationistische Positionen, also die Ansicht, dass Gott die Welt vor ca. 6000 Jahren in genau sieben Tagen erschaffen habe. Das ist zwar auch für Katholiken eine erlaubte Interpretation von Genesis 1, aber nicht die einzig erlaubte, und man sollte Leute nicht vom Christentum wegtreiben, indem man sie als die einzig erlaubte hinstellt.
  • Viele Evangelikale vertreten die Ansicht, dass die Schrift nicht nur keine Irrtümer enthalte, sondern für alles genüge, was der Christ so wissen muss, und dabei auch ganz klar und eindeutig sei. Das ist einfach objektiv nicht der Fall; es ist nicht immer leicht, rein aus der Bibel ganz klare Imperative zu, sagen wir mal, künstlicher Befruchtung, Abschreckung durch Atomwaffen oder die Verpflichtung zu Kopfbedeckungen für Frauen im Gottesdienst abzuleiten. Deshalb haben ja auch so viele Evangelikale so viele unterschiedliche Ansichten zu allen möglichen Themen.
  • Noch eine jetzt wirklich mehr geschmackliche Sache: Ich habe den Eindruck, dass viele Freikirchler ihre Botschaft zu gefühlsbetont herüberbringen (auch wenn andere Freikirchler sich dann wieder gegen solche Gefühlsbetontheit wenden). Als Beispiel ein Auszug aus der Internetseite der International Christian Fellowship (ICF) München (aus der Rubrik „Unsere Vision“) : „Wir träumen von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht. Er entfacht in ihr eine unvergleichliche Leidenschaft, die sich in lebensverändernden Predigten, kraftvollem Worship und überfließender Kreativität entfaltet. In dieser Kirche feiern und genießen wir die Beziehung zu unserem himmlischen Vater voller Enthusiasmus und lernen ihn in all seinen Facetten immer tiefer kennen.“ Enthusiasmus und Leidenschaftlichkeit sind sicher nicht schlecht; aber Gefühle sind eben nicht das Entscheidende im christlichen Leben (entscheidender sind Vernunftüberlegungen, Entscheidungen, Taten), und manche Leute sind von ihrem Temperament her nicht besonders leidenschaftlich. Manche Leute mögen es nicht mal, bei Worship-Konzerten die Hände in die Luft zu strecken…

Ich sag’s am besten nochmal: Viele Evangelikale machen vieles richtig, und natürlich ist ökumenische Zusammenarbeit da, wo wir übereinstimmen (z. B. beim Lebensschutz oder der Hilfe für verfolgte Christen), sinnvoll. Aber wir sollten einfach nicht meinen, dass wir bis ein paar unwichtige Details denselben „historischen“, „biblischen“ Glauben teilen würden, während es mit der modernistischen EKD gar keine Gemeinsamkeiten mehr gäbe. Beim Gebetshaus Augsburg zum Beispiel, das ich an sich sehr sympathisch finde, wird oft die Botschaft vermittelt: „Wenn wir Europa wieder zum Christentum zurückführen wollen, geht das nur gemeinsam, da brauchen wir die katholische Kirche und die Freikirchen.“ Nein, nicht zwangsläufig. Um wieder christlich zu werden, müsste Europa nicht zwangsläufig zur Hälfte häretisch werden. Ich bin zwar eigentlich der Ansicht, dass fehlerhaftes Christentum immer noch besser ist als totaler Unglaube, aber idealer wäre es doch, die Anhänger eines fehlerhaften Christentums würden die Fülle der Wahrheit in der katholischen Kirche finden.

* Natürlich kann Gott auch Leute erlösen, denen die Taufe fehlt, s. das Konzept der Begierdetaufe. Aber Er hat die Taufe als den normalen Standardweg der Erlösung für uns eingerichtet. Wenn ein Verletzter sich an einem unzugänglichen Ort befindet, kann auch ein Hubschrauber kommen, um ihn zu bergen, aber das normalerweise vorgesehene Fahrzeug dafür ist und bleibt trotzdem der Krankenwagen.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Die Zeile „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ (in der früheren dt. Übersetzung: „hinabgestiegen zu der Hölle“, auf Latein „descendit ad inferos“; „inferos“ = „Totenwelt, Unterwelt, Hölle“) ist eine für viele Christen wohl schwer verständliche Zeile im Credo. Ich habe sie früher jedenfalls überhaupt nicht verstanden. Der Abstieg „in das Reich des Todes“ ist das, was Christus zwischen Seinem Tod und Seiner Auferstehung getan hat, woran wir also heute am Karsamstag denken; aber was ist dieses Reich? Und wenn es sich um die Hölle handelt, was hat Christus da gemacht?

(Abstieg Christi in die Unterwelt, Domenico Beccafumi, 1530/35; Quelle: Wikimedia Commons)

Der Katechismus der katholischen Kirche schreibt dazu:

„632 Die häufigen Aussagen des Neuen Testamentes, wonach Jesus „von den Toten auferweckt“ worden ist (Apg 3,15; Röm 8,11; 1 Kor 15,20), setzen voraus, daß er vor der Auferstehung am Aufenthaltsort der Toten geweilt hat [Vgl. Hebr 13,20.]. Das ist der erste Sinn, den die Predigt der Apostel dem Abstieg Jesu in die Unterwelt gab: Jesus erlitt wie alle Menschen den Tod und begab sich der Seele nach zum Aufenthaltsort der Toten. Aber er stieg in diesen hinab als Retter und verkündete den Seelen, die dort festgehalten wurden, die Frohbotschaft [Vgl. 1 Petr 3,18-19..].

633 Die Schrift nennt den Aufenthaltsort der Toten, zu dem Christus nach dem Tod hinabgestiegen ist, „Hölle“, „Scheol“ oder „Hades“ [Vgl. Phil 2,10; Apg 2,24; Offb 1,18; Eph 4,9.], denn diejenigen, die sich darin aufhalten, entbehren der Anschauung Gottes [Vgl. Ps 6,6; 88,11-13.]. Das war vor dem Kommen des Erlösers bei allen Toten der Fall, ob sie nun böse oder gerecht waren [Vgl. Ps 89,49; 1 Sam 28,19; Ez 32,17-32.]. Das will jedoch nicht besagen, daß alle das gleiche Los hatten. Jesus zeigt uns das im Gleichnis vom armen Lazarus, der „in den Schoß Abrahams“ aufgenommen wird [Vgl. Lk 16,22-26.]. „Die Seelen der Gerechten, die in Abrahams Schoß den Heiland erwarteten, hat Christus der Herr bei seinem Abstieg in die Hölle befreit“ (Catech. R. 1,6,3). Jesus ist nicht in die Unterwelt hinabgestiegen, um die Verdammten daraus zu befreien [Vgl. Syn. v. Rom 745: DS 587.], und auch nicht, um die Hölle, den Ort der Verdammung, aufzuheben [Vgl. DS 1011; 1077.], sondern um die Gerechten zu befreien, die vor ihm gelebt hatten [Vgl. 4. Syn. v. Toledo 625: DS 485;vgl. auch Mt 27,52-53.].

634 „Auch Toten ist das Evangelium … verkündet worden“ (1 Petr 4,6). Im Abstieg zu den Toten vollendete sich die Verkündigung der frohen Botschaft vom Heil. Er ist die letzte Phase der messianischen Sendung Jesu – eine der Zeitdauer nach sehr knappe, aber ihrer Bedeutung nach unermeßliche Phase: die Ausweitung des Erlösungswerkes auf alle Menschen aller Zeiten und aller Orte, denn allen Geretteten wurde die Erlösung zuteil.

635 Christus ist somit in die Tiefe des Todes hinabgestiegen [Vgl. Mt 12,40; Röm 10,7; Eph 4,9.], damit „die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören …; und alle, die sie hören, leben“ (Joh 5,25). Jesus, der „Urheber des Lebens“ (Apg 3,15), ist gekommen, „um den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel, und um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren“ (Hebr 2,14-15). Der auferweckte Christus hat nun „die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt“ in Händen (Offb 1,18), und „im Himmel, auf der Erde und unter der Erde“ beugen alle „ihre Knie vor dem Namen Jesu“ (Phil 2,10).

„Tiefes Schweigen herrscht heute auf Erden, tiefes Schweigen und Stille. Tiefes Schweigen, weil der König ruht. Furcht hat die Erde gepackt und sie ist verstummt, weil Gott – im Fleisch – in Schlaf gesunken ist und Menschen aufgeweckt hat, die seit unvordenklicher Zeit schliefen … Er geht auf die Suche nach Adam, unserem Stammvater, nach dem verlorenen Schaf. Besuchen will er, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes. Er kommt, um den gefangenen Adam und die mitgefangene Eva von ihren Schmerzen zu erlösen, er, der zugleich ihr Gott und ihr Sohn ist … ‚Deinetwegen wurde ich dein Sohn, ich, dein Gott … Wach auf, Schläfer… Ich habe dich nicht geschaffen, damit du im Gefängnis der Unterwelt festgehalten wirst. Steh auf von den Toten! Ich bin das Leben der Toten“ (Alte Homilie zum Karsamstag).

KURZTEXTE

636 Mit „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ bekennt das Glaubensbekenntnis, daß Jesus wirklich gestorben ist und durch seinen Tod für uns den Tod und den Teufel besiegt hat, „der die Gewalt über den Tod hat“ (Hebr 2,14). 

637 Der tote Christus ist in seiner Seele, die mit seiner göttlichen Person vereint blieb, zum Aufenthaltsort der Toten hinabgestiegen. Er hat den Gerechten, die vor ihm gelebt hatten, die Pforten des Himmels geöffnet.“

(Anastasis (Auferstehung), Fresko in der Chorakirche in Konstantinopel, um 1320. Gemeinfrei.)

Die Lehre der Kirche ist, dass durch die Sünde der ersten Menschen, unserer Stammeltern, das ganze Menschengeschlecht von Gott getrennt wurde; sie verloren durch ihre Entscheidung gegen Gott die sog. „übernatürlichen Gnadengaben“, die ihnen für sich selbst und ihre Nachkommen geschenkt worden waren; von da an waren alle Menschen der Neigung zur Sünde, irdischen Leiden und dem Tod unterworfen und auch noch nach dem Tod von Gott abgeschnitten. (Über die Erbsünde und die ersten Menschen ließe sich noch mehr sagen (Was können wir für Adams und Evas Sünde? Gab es Adam und Eva überhaupt?); dafür verweise ich mal auf zwei ältere Artikel von mir.) Hinzu kommen natürlich auch noch sämtliche persönliche Sünden der einzelnen späteren Menschen; jedenfalls hatte sich die Menschheit von Gott abgewandt und es war den Menschen an sich nicht möglich, den Abgrund zwischen ihnen und Gott wieder zu überwinden; sie waren sozusagen geistlich tot, und wenn man tot ist, kann man sich nicht mehr selber heilen. So war die Situation bis zu Jesu Erlösungstod, Seinem Sühnetod für uns. Wieso Jesus für die Erlösung der Menschen sterben musste, dazu ließe sich auch noch einiges sagen; jedenfalls hat Er unsere Sünden auf sich genommen und ist für uns gestorben und hat uns damit den Weg zu Gott wieder eröffnet.

Nach Seinem Tod ist Er dann also in das „Reich des Todes“ / die Unterwelt / den Scheol / die Hölle hinabgestiegen, wo sich bisher alle Toten befanden. Dieses Reich des Todes ist kein Ort, sondern meint den Zustand des Getrenntseins von Gott. Aus diesem Zustand hat Er die sog. „Gerechten“ befreit, d. h. alle, die nicht in unbereuter Todsünde gestorben sind, also alle, die für die Rückkehr zu Gott überhaupt offen waren. Dazu zählen wir z. B. die Patriarchen des Alten Bundes, Abraham, Isaak, Jakob, usw., und auch Eva und Adam.

Der „Aufenthaltsort“ der Gerechten des Alten Bundes wird daher auch als „limbus patrum“ bezeichnet – „Limbus der Väter“. „Limbus“ meint wörtlich „Rand“; die Bezeichnung meint also, dass es sich sozusagen um den Rand der Hölle handelt; auf Deutsch gibt es dafür auch den Begriff „Vorhölle“. Im Unterschied zur „richtigen“ Hölle der reuelosen Sünder, deren Schicksal endgültig ist, stellte man sich den Limbus generell immer als einen Ort ohne Strafen und Leid vor – einen Ort, der evtl. sogar eine natürliche Glückseligkeit einschließt, nur eben keine übernatürliche, die im Schauen Gottes besteht. Jesu Beispielgeschichte von dem Reichen und dem armen Lazarus, in der die Rede davon ist, dass Lazarus von Engeln „in Abrahams Schoß getragen“ (Lukas 16,22) wird, wurde von den Theologen i. d. R. auch auf den Limbus  der Väter bezogen; hier ist ein „ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund“ zwischen Abrahams Schoß, wo der Arme getröstet wird (dieser Interpretation nach der Limbus der Väter), und dem Ort, an dem der Reiche nach seinem Tod Qualen erleidet (die richtige Hölle).

(Den limbus patrum muss man übrigens vom limbus puerorum/infantium (Limbus der Kinder) unterscheiden. Der Limbus der Väter gehört zur offiziellen Kirchenlehre; der Limbus der Kinder gehört zu einer früher weit verbreiteten Theorie unter den Theologen, die z. B. auch vom hl. Thomas vertreten wurde. Mit dem Limbus der Kinder war eine weitere Vorhölle, ebenfalls evtl. mit rein natürlicher Glückseligkeit, gemeint. Dorthin verfrachtete man gedanklich die ungetauften Kinder, die zu jung starben, um schwere Sünden begangen zu haben. Da solche Kinder mit der Erbsünde belastet sind, und nicht durch die von Christus eingesetzte Taufe Anteil an der von Ihm gewirkten Erlösung haben, und auch nicht, wie die Gerechten des Alten Bundes, die noch keine Taufe kannten, immerhin irgendwelchen Glauben bzw. gute Taten vorzuweisen haben, war man der Ansicht, dass ihnen der Weg in den Himmel nicht offenstehen könnte; da sie allerdings auch keine persönlichen Sünden begangen hatten, wollte man sie nicht (wie der hl. Augustinus es noch tat) in die „richtige“ Hölle stecken. Heute vertritt die Kirche da eine etwas agnostischere Position; die Erlösung läuft an sich über die Taufe (und wenn jemand sich taufen lassen will, aber vorher stirbt, gilt das auch („Begierdetaufe“), und wenn jemandem nicht bewusst ist, dass er sich taufen lassen sollte, er sich aber taufen lassen würde, wenn es ihm bewusst wäre, gilt das auch); ob Gott, der das Heil aller Menschen wünscht, aber auch einen anderen Weg der Erlösung für die ungetauften Kinder, die sich weder bewusst für Ihn noch gegen Ihn entscheiden konnten, eröffnet, wissen wir nicht – wir können jedoch darauf hoffen. Sie bedürfen wegen der Erbsünde tatsächlich der Erlösung, das ja, aber Gott, der uns an die Sakramente gebunden hat, ist selber nicht unbedingt an sie gebunden (s. Begierdetaufe) und kann daher den Menschen das Heil auch ohne die Sakramente zukommen lassen. Dazu schreibt der KKK:

„1257 Der Herr selbst sagt, daß die Taufe heilsnotwendig ist [Vgl. Joh 3,5.]. Darum hat er seinen Jüngern den Auftrag gegeben, das Evangelium zu verkünden und alle Völker zu taufen [Vgl. Mt 28, 19-20; DS 1618; LO 14; AG 5]. Die Taufe ist für jene Menschen heilsnotwendig, denen das Evangelium verkündet worden ist und die Möglichkeit hatten, um dieses Sakrament zu bitten [Vgl. N4k 16,16]. Die Kirche kennt kein anderes Mittel als die Taufe, um den Eintritt in die ewige Seligkeit sicherzustellen. Darum kommt sie willig dem vom Herrn erhaltenen Auftrag nach, allen, die getauft werden können, zur „Wiedergeburt aus Wasser und Geist“ zu verhelfen. Gott hat das Heil an das Sakrament der Tauft gebunden, aber er selbst ist nicht an seine Sakramente gebunden.

1258 Die Kirche ist von jeher der festen Überzeugung, daß Menschen, die wegen des Glaubens den Tod erleiden, ohne vorher die Taufe empfangen zu haben, durch ihren Tod für und mit Christus getauft werden. Diese Bluttaufe sowie das Verlangen nach der Tauft bringen die Wirkungen der Taufe hervor, ohne selbst Sakrament zu sein.

1259 Den Katechumenen, die vor der Taufe sterben, sichert das ausdrückliche Verlangen nach der Taufe, die Reue über ihre Sünden und die Liebe jenes Heil zu, das sie nicht durch das Sakrament empfangen konnten.

1260 „Da Christus … für alle gestorben ist und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, nämlich die göttliche, müssen wir festhalten, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, sich mit diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise zu verbinden“ (GS 22) [Vgl. LG 16; AG 7.]. Jeder Mensch, der ohne das Evangelium Christi und seine Kirche zu kennen nach der Wahrheit sucht und den Willen Gottes tut, soweit er ihn kennt, kann gerettet werden. Man darf annehmen, daß solche Menschen ausdrücklich die Tauft gewünscht hätten, falls ihnen deren Notwendigkeit bewußt gewesen wäre.

1261 Was die ohne Taufe verstorbenen Kinder betrifft, kann die Kirche sie nur der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen, wie sie dies im entsprechenden Begräbnisritus tut. Das große Erbarmen Gottes, der will, daß alle Menschen gerettet werden‘, und die zärtliche Liebe Jesu zu den Kindern, die ihn sagen läßt: „Laßt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!“ (Mk 10,14), berechtigen uns zu der Hoffnung, daß es für die ohne Taufe gestorbenen Kinder einen Heilsweg gibt. Die Kirche bittet die Eltern eindringlich, die Kinder nicht daran zu hindern, durch das Geschenk der heiligen Taufe zu Christus zu kommen.“

Soweit zum Limbus der Kinder.)

Der Limbus der Väter jedenfalls ist jetzt leer; ihn gab es nur bis zum Karsamstag. Hier würde sich natürlich noch die Frage stellen: Gibt es im Leben nach dem Tod überhaupt Zeit? Kann man davon reden, dass ein Toter sich bis zu diesem Zeitpunkt in dem und dem Zustand befand, und ab jenem Zeitpunkt dann in einem anderen? Das spielt ja eine Rolle nicht nur für die Lehre vom Limbus der Väter, sondern auch für die vom Purgatorium (= Fegefeuer; Zustand der Reinigung von lässlichen Sünden vor dem „Eintritt“ in den Himmel). Befindet sich Gott nicht außerhalb der Zeit?

Hier muss man wohl unterscheiden; ich würde es so erklären: Gott befindet sich schon außerhalb der Zeit, ja, aber das muss nicht heißen, dass die Menschen nach dem Tod nicht mehr eine Art von Zeit erleben könnten. Aber wenn sie „bei Gott“ sind…? Das eine schließt das andere nicht aus. Ein Vergleich: Jemand kann gleichzeitig „in München“ sein, sich „in Wut“ befinden, „in Winterstiefeln“ stecken und „auf Facebook“ sein. Jemand anderer kann ebenfalls auf Facebook und in Wut sein und sich mit dem ersten darüber austauschen, und dass er weder in Winterstiefeln steckt noch in München ist, tut dem keinen Abbruch; oder er kann auch in München sein und dem ersten Gesellschaft leisten und mit ihm fühlen, dabei aber nicht selbst in Wut sein, noch in Winterstiefeln, noch auf Facebook. In beiden Fällen bestünde ein Kontakt und eine Gemeinschaft zwischen der ersten und der zweiten Person, auch wenn sie nicht beide genau dasselbe erleben (also der eine z. B. nicht das Gefühl von Stiefeln an den Füßen hat oder das Gefühl von Wut spürt). Ebenso kann jemand bei Gott sein, aber deshalb nicht im selben Sinne Ewigkeit erleben wie Gott. Gott ist Seinem Wesen nach ewig und unveränderlich; die Menschen sind es nicht, auch nicht automatisch nach dem Tod. (Wie genau sich das mit der Zeit nach dem Tod darstellt, können wir natürlich nicht wissen; ebensowenig, wie wir uns z. B. die leibliche Auferstehung vorstellen können. Aber davon auszugehen, dass es in einer gewissen, veränderten Weise Zeit und Veränderung geben wird, ebenso wie es nach der leiblichen Auferstehung in einer gewissen, veränderten Weise Körper geben wird, macht durchaus Sinn.)

 

PS: Interessant dazu auch die Aussagen des hl. Thomas in der Summa Theologiae zum Abstieg Christi in die Hölle.

 

Jesus Christus und der Sinn des Kreuzes

„Every other person who ever came into this world came into it to live. He came into it to die. Death was a stumbling block to Socrates – it interrupted his teaching. But to Christ, death was the goal and fulfillment of His life, the gold that He was seeking. Few of His words or actions are intelligible without references to His Cross. He presented Himself as a Savior rather than merely as a Teacher. It meant nothing to teach men to be good unless He also gave them the power to be good, after rescuing them from the frustration of guilt.“

(Jede andere Person, die jemals in diese Welt kam, kam in sie, um zu leben. Er kam in sie, um zu sterben. Der Tod war ein Hindernis für Sokrates; er unterbrach sein Lehren. Aber für Christus war der Tod das Ziel und die Erfüllung Seines Lebens, der Schatz, den er suchte. Wenige seiner Worte oder Taten sind verständlich ohne Bezugnahme auf Sein Kreuz. Er präsentierte sich eher als ein Erlöser denn bloß als ein Lehrer. Es bedeutete nichts, die Menschen zu lehren, gut zu sein, wenn Er ihnen nicht auch die Kraft gab, gut zu sein, nachdem Er sie von der Frustration der Schuld gerettet hatte.)

(Fulton Sheen, Life of Christ)

Das Kreuz scheint einerseits allgegenwärtig zu sein – in Klassenzimmern, an Straßen, auf Friedhöfen, in den Kirchen – aber gleichzeitig wird es in der Regel übersehen. Es ist so allgegenwärtig, dass man es oft kaum noch bemerkt. Und selbst wenn man es bemerkt, weiß man oft nicht mehr, was es eigentlich bedeutet. Klar, Jesus ist am Kreuz gestorben, schade, ja, aber er ist dann ja wieder auferstanden oder so… Nun, darin erschöpft sich der Sinn des Kreuzes nicht, auch wenn man, wie ich, sich beinahe ein Jahrzehnt lang katholischem Religionsunterricht unterziehen kann, ohne etwas darüber beigebracht zu bekommen, dass Jesu Tod kein bedauerlicher Unfall war.

Der Sinn des Kreuzes ist dieser: Gott (genauer: die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit) hat menschliche Natur angenommen – wirklich menschliche Natur, Körper und Seele, Er ist nicht bloß in menschlicher Gestalt erschienen, sondern Mensch geworden, ohne dabei jedoch irgendetwas von seiner göttlichen Natur zu verlieren – und hat sich von den Menschen töten lassen, um den Preis für ihre Sünden zu bezahlen.

„Sünde“ ist nicht die Übertretung irgendeines willkürlichen Kirchengebotes. Sünde meint Schuld, Verletzung, eine Verletzung, die da ist und nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Wenn man durch Lügen, Neid oder Gleichgültigkeit das Verhältnis zu Familie oder Freunden zerstört hat, dann ist das erstmal kaputt. Wenn man betrunken Auto gefahren ist und jemanden dabei totgefahren hat, ist der tot. Wenn man jemanden, den man nicht leiden kann, durch Verachtung oder Mobbing verletzt hat, ist diese Verletzung da. Da ist eine Schuld, die bezahlt, die gesühnt werden muss, und die wir aus eigener Kraft nicht sühnen können. Und deswegen hat Gott  das selbst für uns übernommen. „Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach“, schreibt Paulus, „durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat.“ (Kol 2,14)

Gott ist gerecht; Er kann Unrecht nicht einfach zulassen und schönreden. Aber Er ist auch gnädig, und liebt auch den, der Unrecht tut; an Seiner Liebe kann sich durch nichts etwas ändern. Und deshalb hat Er selbst uns eine Möglichkeit des Auswegs aus dem Kreislauf von Schuld und Sünde – denn Sünde trägt oft genug die Züge von Sucht – geebnet.

Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben.
Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.
Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt.
Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar?
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.

Diese Zeilen sind eine Prophezeiung über den Messias beim Propheten Jesaja (Jes 52,13-53,12). Man spricht hier auch vom Vierten Lied vom Gottesknecht. Dieser stellvertretend leidende Gottesknecht zeigte sich schließlich Jahrhunderte nach Jesaja in Jesus Christus.

 „Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit“, schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief.Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (1 Kor 1,22-24)
 Christus ist für uns gestorben, und durch die Taufe bekommen wir Anteil an Seinem Opfer! Durch die Taufe werden wir von aller Schuld erlöst und Ihm ähnlich gemacht und bekommen Seine Gnade, um ein neues Leben zu leben; nicht mehr nur als Geschöpf, sondern als Kind Gottes. Jesus ist der Sohn Gottes, alle Getauften Seine Adoptivgeschwister. „Wir verkündigen“, schreibt Paulus weiter hinten in diesem Brief, „wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9)

Nach seinem stellvertretenden Tod ist Christus auferstanden: Weil die Liebe den Tod besiegt.

In „Der König von Narnia“ stirbt der Löwe Aslan einen solchen stellvertretenden Tod wie Christus, und auch ihn kann der Tod nicht festhalten. „Wenn sich einer, der nichts verbrochen hat, freiwillig für einen Schuldigen opfert, dann bricht der Steintisch entzwei und der Tod weicht zurück“, sagt Aslan zu Lucy und Suse, als er vom Tod zurückgekehrt ist.

PS: Fulton Sheens Buch, aus dem ich oben zitiert habe, ist übrigens sehr, sehr, sehr empfehlenswert. Je mehr ich von Fulton Sheen lese, desto begeisterter bin ich. Es gibt es übrigens auch auf Deutsch, Titel: „Das Leben Jesu“ – die Übersetzung ist allerdings nicht sehr gut.