Wieso kein Frauenpriestertum?

Und sie können es nicht lassen: In den letzten fünfzig oder sechzig Jahren hatten wir offenbar noch nicht genug davon, also findet gerade wieder mal eine Protestaktion für Priesterinnen in der katholischen Kirche statt, die sich mit größerer Hybris als üblich „Maria 2.0“ nennt: Verbessern wir doch einfach mal die Gottesmutter. Darauf ließe sich knapp mit einem Zitat der realen Maria antworten: „Er [Gott] zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.“ Auch die Strategie ist blasphemischer als üblich: Man boykottiert Mariens Sohn und ruft zur schweren Sünde auf, nämlich dem Fernbleiben von der sonntäglichen Eucharistie und damit von Jesus. Damit zeigt man es dem bösen Klerus aber mal.

Man könnte jetzt darüber lästern, dass die Grüppchen, die sich diese Woche vor ein paar Kirchentüren im Lande versammelt haben und ihre Sonntagspflicht verletzen, hauptsächlich aus Frauen über 60 zu bestehen scheinen, aber man soll ja nicht schadenfroh sein. Und man muss zugeben, dass auch die meisten jüngeren Frauen in Deutschland, wenn man sie fragen würde, meinen würden, die Kirche sollte Priesterinnen zulassen; der Unterschied ist freilich, dass die sich nicht mehr für die Kirche und kircheninterne Streiks interessieren und auch nicht kommen würden, wenn die Kirche Priesterinnen zulassen würde – was zu einem nicht geringen Teil das Verdienst der älteren Damen (und Herren) sein könnte, die für Priesterinnen werben. Wenn etliche Katholikinnen selbst ihr Bestes dazu tun, die Kirche als völlig auf dem Holzweg darzustellen, muss man nicht damit rechnen, dass man ihr viele neue Anhängerinnen bringt.

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Aber: Wieso jetzt eigentlich keine Frauen als katholische Priesterinnen? Das Thema kommt ja immer wieder auf; und ich habe früher auch nicht verstanden, wieso eigentlich nicht. (Woran, wie gesagt, diese ältere Generation in der Kirche schuld war, die einem keinen Katholizismus beibringt.)

Die einfachste und prinzipiell ausreichende Antwort darauf ist, dass Jesus es nicht wollte. Er hat in den Kreis der Zwölf nur Männer berufen; nicht eine einzige Frau unter Zwölf, was Er gekonnt hätte (Er hielt sich nicht immer an gesellschaftliche Konventionen, und auch damals gab es in anderen Kulten Priesterinnen); auch die Apostel haben nirgendwo Frauen als ihre Nachfolger eingesetzt. Jesus ist Gott; was Gott tut, ist richtig; wir haben Gott zu folgen. Außerdem wurde von der Kirche bereits wiederholt festgestellt und bestätigt, dass die Lehre vom ausschließlich männlichen Priestertum unveränderlich und als „zum Glaubensgut gehörend“ zu betrachten ist, also von jedem Katholiken angenommen werden muss; und auf die von Jesus eingesetzte Kirche vertrauen wir.

So weit, so gut; aber alles, was Gott tut, muss auch einen Grund haben, muss aus irgendeinem Grund notwendig oder zumindest angemessen sein. Und da kann man weiter suchen.

Grundsätzlich gilt zunächst, dass Priester nach katholischer Vorstellung vom Priesteramt eben nicht nur eine Gemeinde organisieren und Predigten halten, sondern dass sie vor allem Christus, das Haupt der Kirche, in heiligen Riten (v. a. der Eucharistie) repräsentieren, in denen Er durch sie handelt. Es gab im Lauf der Geschichte viele Kulte mit Priesterinnen; aber das waren dann normalerweise Priesterinnen einer als weiblich gedachten Gottheit.

Aber wieso denn keine weiblich gedachte Gottheit?, könnte man einwenden. Gott steht über der menschlichen Geschlechterpolarität, Er ist weder männlich noch weiblich. Wieso Ihn also nicht auch „Sie“, „Göttin“, „Mutter“ nennen?

Aus einem einfachen Grund: Er hat sich in männlicher Form zu erkennen gegeben, uns angewiesen, Ihn „Vater“ (und nicht „Mutter“) zu nennen, und ist als Mann Mensch geworden – Priester handeln in persona Christi, in der Person Christi, eines Mannes. Gott wird in der Bibel an ein paar vereinzelten Stellen mit einer Mutter verglichen, aber nie so angesprochen. Das hat auch seine Gründe: Der Glaube an Muttergottheiten hat immer etwas Pantheistisches (man denkt an die Erde, die das Leben gebiert), während das Bild des Vatergottes besser zu einem außerhalb der Welt stehenden Schöpfer passt, an den Christen glauben. Es ist wichtig, in welchen Bildern und Begriffen man von Gott spricht.

Wenn das ausschließlich männliche Priestertum verteidigt wird, wird oft der Vergleich herangezogen, dass Männer auch nicht schwanger werden könnten, so wenig, wie Frauen Priester werden könnten, was auch keine Diskriminierung der Männer durch den Schöpfer von Mann und Frau sei. Dagegen könnte man einwenden, dass Männer zwar keine so zentrale Rolle beim Kinderkriegen spielen wie Frauen und keine so ursprüngliche, intime Bindung zu ihren Kindern haben wie sie, aber trotzdem eine ziemlich wichtige komplementäre Rolle: Zu jeder Mutter braucht es einen Vater. Gibt es eine ergänzende Rolle für Frauen zu den männlichen Priestern?

Es gibt tatsächlich eine: Die geweihte Jungfrau. „Die geweihte Jungfrau (virgo consecrata) ist vor allem Braut Christi (sponsa Christi). Dies ist der Kern des Weihegebetes. (…) Durch ihre Weihe wird die geweihte Jungfrau zu einem Zeichen, das auf die bräutliche und unzertrennliche Liebe der Kirche zu Christus hinweist.“ (Quelle hier.) Der Priester vertritt also Christus; die geweihte Jungfrau repräsentiert die Kirche, die Braut Christi. Geweihte Jungfrau können tatsächlich nur Frauen werden. (Auf eine gewisse Weise kann und soll natürlich jeder Christ beide Rollen verkörpern: In uns soll Christus gegenüber anderen lebendig werden und wir sagen andererseits auch alle als Glieder der Kirche zu Christus: „Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, / mein König und mein Bräutigam, / du hältst mein Herz gefangen. […] Er hat mich ganz sich angetraut, er ist nun mein, ich seine Braut; drum mich auch nichts betrübet.“)

Es ist natürlich für beide Geschlechter möglich, in einer Ordensgemeinschaft oder als Privatgelübde ein Gelübde der ehelosen Keuschheit (und evtl. die weiteren Gelübde der Armut und des Gehorsams) abzulegen; das ist aber unterschieden von der Jungfrauenweihe. Übrigens besteht ein weiterer Unterschied zwischen den Nonnen & Frauen mit Privatgelübden und den vom Bischof geweihten Jungfrauen darin, dass die geweihten Jungfrauen tatsächlich Jungfrauen sein müssen – also niemals freiwillig Sex gehabt haben oder (nach den neuen Statuten) zumindest „niemals eine Ehe eingegangen sind und auch nicht offenkundig ein dem jungfräulichen Stand widersprechendes Leben geführt haben“ (was auch immer genau das heißen soll) –  während auch Witwen oder reuige ehemals promiskuitive Frauen als Nonnen in einen Orden eintreten oder Privatgelübde ablegen können: Bei geweihten Jungfrauen steht ihre symbolische Bedeutung mehr im Vordergrund, sie repräsentieren die gesamte Kirche, von der Paulus schreibt „ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen“ (2 Korinther 11,2). „Die Lebensform der geweihten Jungfrau ist zu verstehen als Zeichen für die virgo ecclesia, die dem kommenden Herrn auf Erden betend und ihn bezeugend entgegenharrt und sich für ihren Bräutigam bewusst bereitet.“ (Quelle hier.)

(Barna da Siena, Mystische Hochzeit der hl. Katharina von Siena. Gemeinfrei.)

Witzigerweise gab es tatsächlich einmal jemanden, der es den geweihten Jungfrauen neidete, dass sie eine Position hatten, die Männern nicht offen stand: den etwas überheblichen und etwas frauenfeindlichen antiken Theologen (und gegen Ende seines Lebens zu den Montanisten übergegangenen Ketzer) Tertullian (gest. nach 220 n. Chr.), der folgendes über die in der Kirche besonders geehrten geweihten Jungfrauen schrieb (er argumentiert an dieser Stelle dafür, dass die geweihten Jungfrauen ebenso wie die anderen Frauen in der Kirche Kopftücher tragen sollen, um nicht ihre Position zur Schau zu stellen):

„Es ist schon hart genug, dass die Weibsleute, die doch in allem den Männern untergeordnet sind, ein ehrendes Kennzeichen ihrer Jungfrauschaft zur Schau tragen, um dessentwillen sie von den Brüdern hochgeachtet, geehrt und verherrlicht werden, während so viele jungfräuliche Männer, so viele freiwillig Verschnittene einhergehen, ohne dass ihr Vorzug bemerkbar wäre, indem sie nichts tragen, was sie auszeichnete. Sie sollten doch auch irgend welche Abzeichen für sich in Anspruch nehmen, entweder die Federbüsche der Garamanten, die Kopfbinden der Barbaren, die Cicaden der Athener, die Haarbüschel der Deutschen, die Tätowierungen der Bretonen, oder im Gegenteil, sie sollten sich mit verschleiertem Haupte in der Kirche verbergen. Wir sind überzeugt, dass der h. Geist den jungfräulichen Männern Zugeständnisse der Art viel eher hätte machen können, wenn er sie den Weibern gemacht hätte, da den Männern, abgesehen von dem höhern Ansehen ihres Geschlechtes, auch um der Enthaltsamkeit selbst willen höhere Ehre gebührt hätte. Je stärkere und brennendere Begierde dieses Geschlecht gegen die Weiber empfindet, desto schwieriger ist die Beherrschung des heftigeren Triebes, und desto mehr jeder Auszeichnung würdig, wenn die Schaustellung der Jungfräulichkeit überhaupt etwas würdiges ist. […] Wie wäre es also möglich, dass Gott nicht viel eher den Männern etwas derartiges als Auszeichnung zugebilligt haben sollte, schon weil sie ihm als sein Ebenbild näher stehen und weil sie sich mehr angestrengt haben. Wenn er aber dem Manne nichts zugebilligt hat, dann der Frau noch viel weniger.“ (Über die Verschleierung der Jungfrauen, 10. Kapitel)

Schön, könnte man einwenden, es gibt also eine entsprechende Position für Frauen. Aber geweihte Jungfrauen haben in der Kirche weniger Einfluss als Priester. Sie haben kein Amt, keinen bestimmten Beruf in der Kirche, arbeiten oft weiter in einem zivilen Beruf. Und auch Nonnen haben oft weniger Macht als Priester, zumindest aber weniger als Bischöfe.

Das Priesteramt beinhaltet schließlich auch nicht nur die Feier der Eucharistie in persona Christi; die Aufgabe des Klerus ist es, in persona Christi das Volk der Kirche 1) zu lehren, 2) zu leiten und 3) zu heiligen. An allen diesen Aufgaben haben Laien mehr am Rand und ausnahmsweise und dann, wenn der Klerus Aufgaben an sie delegiert, Anteil, nicht nur an Nr. 3). (Ihre eigenen Aufgaben haben sie in der Welt.)

Lehren: Offizielle Lehrentscheidungen treffen können nur die Bischöfe und v. a. der Papst, in der Messe predigen nur Bischöfe, Priester und Diakone, auch wenn Laien Religionslehrer, Theologieprofessoren oder Katecheten sein können.

Leiten: Eine Diözese wird immer vom Bischof geleitet, auch wenn er Laien als Mitarbeiter in der Verwaltung haben kann. Auch eine Pfarrei wird, außer bei extremem Priestermangel, von einem Priester geleitet.

Heiligen: Die Eucharistie feiern, die Beichte abnehmen, die Firmung spenden etc. können nur Kleriker; auch wenn Laien Nottaufen vornehmen (z. B. bei einem Todkranken), einen Wortgottesdienst leiten, beim Rosenkranz vorbeten können.

Wenn also die Priester nur aus den Männern ausgewählt werden, haben Frauen auch an Lehre & Leitung weniger Anteil. Und dass auch das Lehren & Leiten vom Klerus ausgeht, gehört zur Grundstruktur der Kirche.

Auf das Machtargument wird gerne – und völlig richtig – geantwortet, dass es in der Kirche nicht um Macht zu gehen habe, sondern ums Dienen. Wer Macht wolle, sei dafür nicht geeignet. Außerdem ist das Priesteramt nicht gedacht als vorteilhafte Stellung, sondern als aufopferungsvoller Dienst; Priestersein ist auch eine stressige und fordernde Aufgabe, und bringt vor allem viel Verantwortung mit sich. Vor dem Richterstuhl des Herrn werden Priester strenger beurteilt werden als Laien. So wie (um an einen Vergleich von oben zu erinnern) Mütter zwar eine engere Bindung zu ihren Kindern haben als Väter, haben sie es beim Kinderkriegen auch schwerer; dafür haben Priester, die in der Kirche mehr zu sagen haben, es auch schwerer als geweihte Jungfrauen.

Die Befürworter des Frauenpriestertums könnten auf dieses Argument hin sagen, dass es ihnen nicht um Macht, sondern um Gerechtigkeit ginge: Die Kirche sollte nicht einfach eine Gruppe vom Priesteramt ausschließen; sie sollte z. B. genauso wenig wie alle Frauen alle Rothaarigen vom Priesteramt ausschließen. Oder anders formuliert: Sie würden vermutlich sagen, dass der Wunsch nach einer anderen Verteilung von Macht (da Macht nun mal vorhanden ist und irgendjemand sie ausüben muss) nicht aus persönlicher Machtgier, sondern aus Gerechtigkeitssinn komme.

In dieser Argumentation liegt aber ein einfacher Denkfehler, der aus der neuzeitlichen Politik kommt: Die Vorstellung, dass Herrschaft, an der die Beherrschten nicht alle gleichen Anteil und gleiche Mitwirkungsmöglichkeiten hätten, grundsätzlich ungerecht und tyrannisch sein müsse. Wer so denkt, geht z. B. auch davon aus, dass die Erbmonarchie prinzipiell eine illegitime Regierungsform sei; was sie allerdings nach der Lehre der Kirche nicht ist (genauso wenig wie die Wahlmonarchie oder der Parlamentarismus u. Ä.).

Eine reine Demokratie ist auch in der Politik allein schon nirgends möglich. Auch da, wo Wahlen stattfinden, wird nur zwischen wenigen Kandidaten ausgewählt, von denen vielleicht alle sehr unbeliebt sind; die Ämterstruktur ist schon vorher festgelegt und wird nicht einfach verändert; nach der Wahl entscheiden die Gewählten in den nächsten Jahren allein und bieten vielleicht auch ihren Wählern böse Überraschungen; und selbst bei den seltenen Volksabstimmungen hat man nicht einfach „den Willen des Volkes“ vor sich, weil immer viele Wähler schlecht informiert sein werden, über welche konkreten Änderungen sie abstimmen, und vielleicht anders abstimmen würden, wenn sie informiert wären, und weil den Wählern auch nur wenige Möglichkeiten zur Auswahl gestellt werden. Es entscheidet auch niemand, in welchem Land mit welcher Verfassung er geboren wird. Kurz gesagt: „Alle Macht geht vom Volk aus“ ist eine Illusion.

Und sie ist eine Illusion, die man eigentlich nicht nötig hätte: Macht kann auch anständig ausgeübt werden, wenn jemand nicht den Rückhalt (einer Mehrheit) des Volkes hat oder nicht jeder die Möglichkeit hätte, ebenfalls auf seinen Posten zu gelangen. Auch in der Politik gibt es Menschen, die kein aktives und passives Wahlrecht haben (Kinder; geistig Behinderte; Demente; ansässige Ausländer) oder die keine reale Chance haben, selber auf einen mächtigen Posten zu kommen (schwer chronisch Kranke, Menschen ohne Schulabschluss, Analphabeten, Obdachlose). Der Demokratismus müsste davon ausgehen, dass alle diese Gruppen zwangsläufig unterdrückt werden müssen; das werden sie aber nicht.

Da heutzutage niemand mehr Vergleiche und Gleichsetzungen auseinander halten kann: Ich sage nicht „Frauen = Demente/Kinder“; ich mache an einem Vergleich deutlich, dass eine Gruppe nicht zwangsläufig unterdrückt sein muss, wenn sie nicht in Machtpositionen vertreten ist.

Es entspricht der Natur der Menschen, die zusammenleben, dass irgendjemand (bzw. mehrere) das Sagen haben muss; und um sicherzustellen, dass diese Macht nicht falsch verwendet wird, ist anderes entscheidend als ein allgemeines passives Wahlrecht. (Übrigens können Machthaber gerade dann, wenn sie meinen, sie hätten ihre Position nur durch ihre eigenen überlegenen Fähigkeiten erreicht, da angeblich alle anderen dieselben Chancen gehabt hätten, sie zu erreichen, sehr überheblich werden, was für ihre Untergebenen nicht angenehm ist. Das klingt vielleicht wie eine Abschweifung, aber es ist m. E. wichtig, es zu betonen: Die Kirche ist keine Meritokratie und der Bischof muss nicht der klügste Theologe oder der größte Heilige sein; dass es auch kluge Menschen und Heilige außerhalb des Klerus gibt, und man nicht so tut, als müssten alle klugen Theologen oder heiligmäßigen Christen Kleriker werden, bewahrt auch den Klerus vor Anmaßung.)

Die Kirche ist keine Demokratie; und damit ist sie keine Diktatur. Wenn Gott entschieden hätte, alle Rothaarigen vom Priesteramt auszuschließen, hätte er auch dazu das Recht gehabt. Die Kirche hat ihre Verfassung von Gott, der auch „monarchisch“ über die Welt regiert. Eine untergeordnete Position ist nichts Schlimmes, und zu gehorchen völlig in Ordnung. Darüber hat aber vor einiger Zeit Pater Edmund Waldstein OCist (hauptsächlich mit Bezug auf den politischen Bereich) besser geschrieben.

Mir ist schon klar, dass diese Argumentation von der Gegenseite vermutlich als propagandistische Rechtfertigung unterdrückerischer Machtstrukturen wahrgenommen werden wird (die bei einer Frau wie mir nur von internalisierter Misogynie (oder was auch immer) kommen kann). Aber dass das so wahrgenommen wird, liegt ja nur an der Propaganda des Liberalismus und Demokratismus, mit der die heutigen Machthaber einen zudröhnen (ich will nicht sagen, dass sie sie verwenden, um zu verschleiern, dass sie selbst Machthaber mit an sich „undemokratischer“ Legitimation sind, denn sie glauben ja i. d. R. wirklich, was sie sagen). Man sollte sich mal ernsthaft fragen: Würde eine Welt funktionieren, in der (in der Praxis, nicht in der Theorie!) von niemandem erwartet werden würde, sich Autoritäten zu unterwerfen, deren Vorhandensein und deren Regeln er nicht vorher zugestimmt hat? Natürlich würde sie das nicht. Hier sieht man schon einen Grundfehler des Liberalismus und Demokratismus.

Und sich zu beschweren, dass man nicht Priesterin werden kann ist eben letztlich genauso sinnlos wie die Beschwerde, dass man nicht englische Königin werden kann.

Vielleicht gäbe es noch weitere Angemessenheitsgründe für diese Lehre der Kirche; das hier waren nur ein paar Stichpunkte, die man nennen könnte, um auf die Vorwürfe der Gegner zu antworten.

Die Päpstin, Teil 1: Der böse Patriarch, die schöne Heidin, die weise Kräuterfrau und der tolerante Philosoph

Ich hatte hier ja angekündigt, mal wieder einen (pseudo-)historischen Roman mit Kirchenbezug anzuschauen und eine gewisse Auswahl zur Verfügung gestellt; entschieden habe ich mich jetzt sowohl für „Die Päpstin“ (bitteschön, Ulrich) als auch für die „Die Ikone des Kaisers“ (bitteschön, Nepomuk); heute erst mal zur Päpstin.

Donna Woolfolk Cross‘ Roman mit dem Originaltitel „Pope Joan“ wurde 1996 veröffentlicht und 2009 verfilmt. Er beruht auf der Legende von einer „Päpstin Johanna“, die aus dem 13. Jahrhundert stammt; diese Päpstin sollte im 9. Jahrhundert gelebt haben und wurde i. d. R. mit Johannes VIII. identifiziert. (Dass sich hinter der Legende keine historische Wahrheit verbirgt, sollte bekannt sein. Vielleicht schreibe ich am Ende meiner Rezension noch etwas über die ursprüngliche mittelalterliche Legende, die ja eigentlich nicht so feministisch gemeint war wie der Roman.)

(Darstellung der Päpstin Johanna, hier als „Johannes der sibend“, d. h. „der siebente“ bezeichnet, in der Schedelschen Weltchronik von 1493; Quelle: Wikimedia Commons.)

Das Buch beginnt bei Johannas Geburt in einem kleinen Ort namens Ingelheim im Frankenreich im Jahr 814. Der Prolog wird aus der Sicht der Hebamme Hrotrud geschildert, die an einem kalten Wintertag zum Haus des Dorfpriesters gerufen wird, dessen Frau einen Monat zu früh mit ihrem dritten Kind in den Wehen liegt. (Im Frühmittelalter gab es tatsächlich häufiger verheiratete Priester und sogar Bischöfe, obwohl es schon in der Antike Beschlüsse zum Klerikerzölibat gegeben hatte; erst im Zuge der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts setzte  man den Zölibat wieder strenger durch. Das Thema wird auch im Prolog kurz erörtert: „Zuerst hatte es für ziemlichen Wirbel gesorgt, daß ein Priester sich eine Frau genommen hatte. Einige Leute sagten, es würde gegen das Gesetz verstoßen; denn der Kaiser habe eine Verordnung erlassen, die es Männern der Kirche untersagte, sich Frauen zu nehmen. Andere jedoch erklärten, so könne es nicht sein; denn es liege ja auf der Hand, daß ein Mann ohne Frau allen Arten sündhafter Verlockungen und verderbten Lastern ausgesetzt wäre.“ (S. 8.)) Der Priester wird als „ein dunkelhaariger Mann mit dichten, buschigen Augenbrauen, die ihm einen ständigen Ausdruck von Strenge verliehen“ beschrieben – und es wird gleich klar, dass er der Böse ist. Als Hrotrud seiner Frau Gudrun ein Schmerzmittel geben will, damit sie sich entspannen kann, wirft er es ins Feuer:

„Der Dorfpriester machte ein düsteres Gesicht. Er nahm Hrotrud das Bilsenkraut aus der Hand, umrundete die Trennwand und warf das  Kraut ins Herdfeuer, wo es zischend verbrannte. ‚Du versündigst dich gegen Gott, Weib.‘

Hrotrud konnte  es nicht fassen. Da hatte es sie Wochen anstrengender Suche gekostet, um diese kleine Menge der kostbaren Medizin zu sammeln, und nun so etwas! Sie wandte sich dem Dorfpriester zu und wollte ihrem Zorn Luft machen, hielt dann aber inne, als sie den harten, kalten Blick in seinen Augen sah.

‚Zur Frau sprach der Herr: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären‘, sagte er und klopfte zur Bekräftigung seiner Worte mit der Hand auf den Einband des Buches [seiner Bibel]. ‚So steht es geschrieben. Eine solche Medizin ist gottlos!'“ (S. 10)

Ich warte schon gespannt auf die Szene, in der der Dorfpriester den Ingelheimer Bauern unter Berufung auf den anderen Teil des Fluches aus dem Buch Genesis den Gebrauch von Pflügen und anderem den Ackerbau erleichternden Gerät verbietet. (Zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes wirst du essen. Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst; denn von ihm bist du genommen, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ (Genesis 3,17-19)) Vermutlich warte ich vergeblich. Ernsthaft, wie kommt die Autorin auf solche Ideen?

Im Prolog erfährt man auch schon etwas über Johannas familiären Hintergrund. Ihr Vater ist ein ursprünglich aus England stammender Missionar, und auch ihre Mutter kommt von weit her:

„Wie lange war es jetzt her, dass der Dorfpriester diese sächsische Frau mit nach Ingelheim gebracht hatte? Zehn Winter? Elf? Nach fränkischen Maßstäben war Gudrun schon damals nicht mehr jung gewesen – sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig vielleicht – ; aber wunderschön mit ihrem langen, weißgoldenen Haar und den blauen Augen der alienigenae [lateinisch für „Ausländer“, „Fremde“]. Gudrun hatte ihre ganze Familie bei dem Massaker in Verden an der Aller verloren. Tausende von Sachsen waren an jenem Tag lieber gestorben, als die Wahrheit Unseres Herrn Jesus Christus als ihren Glauben anzunehmen. Verrückte Barbaren, dachte Hrotrud. Das wäre mir nicht passiert. Sie hätte auf alles geschworen, auf das zu schwören man von ihr verlangt hätte – und so würde sie auch heute noch halten, sollten die Barbaren jemals wieder über das Frankenreich hinwegfegen. Sie würde auf sämtliche fremden und schrecklichen Götter schwören, die von diesen Schlächtern angebetet wurden. Was machte das schon aus? Wer wusste denn, was im Innern eines Menschen wirklich vor sich ging? Eine Hebamme und Kräuterfrau behielt nicht nur ihre Geheimnisse, sondern auch ihre Meinung für sich.“ (S. 11f.)

Okay, Hrotrud ist mir schon mal genauso unsympathisch wie Hernando aus „Die Pfeiler des Glaubens“. Sie bezieht sich übrigens auf die Sachsenkriege unter Karl dem Großen.

Wie auch immer, das Kind wird trotz einiger Komplikationen schließlich geboren, und zur großen Enttäuschung des Vaters ist es ein Mädchen. Er geht sogar so weit, es „eine Strafe Gottes. Eine Strafe für meine Sünden – und die ihren [Gudruns]“ (S. 15) zu nennen. Am Ende des Prologs kann die Autorin es nicht lassen, ihn auch noch „Durch eine Frau entstand die Sünde“ (S. 16; nach Sirach 25,24) zitieren zu lassen. So, nachdem wir Genesis und Sirach hatten, fehlen jetzt nur noch 1 Timotheus 2,11-15, 1 Korinther 14,33-35, und vielleicht Epheser 5,22-33, 1 Korinther 11,3-16 und 1 Petrus 3,1-7. Das sollte doch bald abzuhandeln sein.

Es geht dann weiter, als Johanna fünf Jahre alt ist; die nächsten paar Kapitel folgen ihr über die nächsten Jahre ihrer Kindheit. Gleich das erste Kapitel zeigt erneut die Brutalität ihres Vaters: Als er mitbekommt, wie ihre Mutter Johanna heimlich Geschichten über die sächsischen Götter – Wotan usw. – erzählt, schlägt er Gudrun, beschimpft sie und bedroht sie, zwingt sie, auf Sächsisch zu sagen, dass sie dem Teufel und den sächsischen Göttern widersagt, und schneidet ihr langes blondes Haar ab, weil sie es gerade offen getragen hat, was er sonst nicht erlaubt. („Das Haar einer Frau, sagte der Dorfpriester, ist das Netz, in dem der Teufel die Seele eines Mannes fängt.“, S. 19.)

Johanna hat bereits zwei ältere Brüder, Matthias und Johannes, und der ältere, Matthias, erklärt ihr nach diesem Vorfall, dass ihre Mutter früher eine Heidin gewesen sei und man nicht an fremde Götter glauben und auch nicht von ihnen sprechen dürfe, weil es sie gar nicht gebe.

„‚Ja‘, unterbrach Matthias die kleine Schwester. ‚Mama mußte zum Wohl ihrer Seele bestraft werden. Und sie hat ihrem Ehemann nicht gehorcht, und auch das ist ein Verstoß gegen Gottes Gesetz.‘

‚Warum?‘

‚Weil es so in der Heiligen Schrift steht‘, erwiderte Matthias und zitierte: ‚Denn der Gatte ist der Beherrscher des Weibes; deshalb sollen die Weiber sich in allen Dingen dem Manne unterwerfen.‘

‚Warum?‘

‚Wa-warum?‘ Matthias war perplex. Diese Frage hatte ihm noch niemand gestellt. ‚Na ja, ich nehme an, weil… weil Frauen von Natur aus den Männern unterlegen sind. Männer sind größer, stärker und klüger.'“ (S. 24)

Okay, Epheser 5,23f. hätten wir damit. Um ein bisschen pingelig zu sein: In der Vulgata steht „caput“, was besser mit „Haupt“ als mit „Beherrscher“ übersetzt wird, und der Mittelteil dieser Verse wird von Matthias ausgelassen, („denn der Mann ist das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen.“) (ganz abgesehen von den Versen drumherum).

Matthias ist allgemein sehr freundlich zu seiner Schwester und die wissbegierige Johanna kann ihn etwas später dazu überreden (obwohl er zuerst auch der Meinung ist, dass das für Mädchen nichts sei), ihr im Geheimen Lesen, Schreiben und Latein beizubringen, was er von seinem Vater lernt. Sie überzeugt ihn mithilfe der Legende von der heiligen Katharina von Alexandria, die sehr gelehrt gewesen und 50 heidnische Philosophen in einem Disput besiegt haben soll, bevor sie das Martyrium erlitt, dass daran nichts Schlimmes sein könne, wenn ein Mädchen etwas lernt. Als Johanna rasche Fortschritte bei ihren geheimen Studien macht, schenkt Matthias ihr einen selbstgeschnitzten Anhänger an einer Halskette, der die heilige Katharina darstellt.

Doch dann erkrankt Matthias an einem Fieber und stirbt nach kurzer Zeit. Die hochfliegenden Pläne des Priesters für seinen älteren Sohn (er wollte ihn an die Palastschule in Aachen schicken, damit er dort ausgebildet und später auch Kleriker werden könnte) werden nun auf den nächsten Sohn, Johannes übertragen, der sich mit dem Lesen und dem Latein allerdings deutlich schwerer tut und Angst davor hat, dorthin geschickt zu werden. Als Johanna auf die Idee kommt, ihrem Vater vorzuschlagen, dass sie in Matthias‘ Fußstapfen treten könnte und ihm zeigt, dass sie in der Bibel lesen kann,  rastet er aus, schlägt sie und wirft ihr vor, an Matthias‘ Tod schuld zu sein; Gott hat seiner Meinung nach ihren Bruder für ihre für ein Mädchen widernatürliche Wissbegier bestraft.

Eine Stelle hier ist vielleicht noch interessant: Kurz nach Matthias‘ Tod zwingt der Vater die beiden Kinder, stundenlang auf der Gebetbank zu knien, um Buße zu tun, und Johanna betrachtet dabei das Kruzifix, das ihr Vater aus England mitgebracht hat:

„Doch trotz aller Ausdruckskraft war die Gestalt grotesk. Johanna wußte, dass sie angesichts des Opfers Christi von Liebe und Ehrfurcht erfüllt sein sollte; statt dessen fühlte sie sich von dem Anblick abgestoßen. Verglichen mit den schönen und starken Göttern ihrer Mutter sah diese Gestalt häßlich, zerbrochen und besiegt aus.“

Und das ist der Punkt, liebe Johanna. Ein Opfer sieht nicht schön aus.

(Vielleicht interessiert es auch jemanden, dass ihre Mutter ihr unter anderem davon erzählt hat, wie Wotan eins seiner Augen opferte, um aus der Quelle der Weisheit trinken zu dürfen, das nur am Rande.)

Einige Zeit später kommt ein Gelehrter, der auf dem Weg zur Domschule von Mainz ist, in Ingelheim vorbei und kehrt als Gast im Haus des Priesters ein. Aeskulapius ist Grieche und musste wegen der Auseinandersetzungen um den Ikonoklasmus aus Konstantinopel fliehen. Als Johanna ihn bei einem Gespräch mit ihrem Vater sagen hört, dass das logische Nachdenken von Gott gewollt sei und nicht von ihm fortführen könne („Ein fester Glaube braucht keine Furcht; denn falls es Gott gibt, kann die Vernunft uns nur zu ihm führen. Cogito, ergo Deus est, sagte der heilige Augustin. Ich denke, also gibt es Gott.„, S. 46) ist sie sehr erleichtert, weil sie das als Beweis dafür nimmt, dass sie nicht an Matthias‘ Tod schuld gewesen sein könne. „Heute Abend, als sie Aeskulapius zuhörte, hatte Johanna entdeckt, daß ihre Liebe zum Wissen weder sündhaft noch wider die Natur war, sondern eine unmittelbare Folge der dem Menschen von Gott geschenkten Fähigkeit, logisch und vernunftbestimmt zu denken. Ich denke, also gibt es Gott. Im Herzen spürte Johanna die Wahrheit, die in diesem Zitat lag.“ (S. 47) Gut; ihr Vater wollte ihr ja nur einreden, dass es für Frauen widernatürlich sei, zu viel zu lernen, was sie schon lange durch die Geschichte von der heiligen Katharina widerlegt hätte – aber egal. Aeskulapius wirkt jedenfalls recht sympathisch. Im Gespräch wendet er offenbar gern die sokratische Methode der Maieutik („Hebammenkunst“) an, um den Gesprächspartner durch gezieltes Nachfragen dazu zu bringen, selbst die Wahrheit zu erkennen.

Bevor der Gast wieder geht, will der Priester ihm noch seinen Sohn präsentieren, in der Hoffnung, dass Johannes an der Domschule in Mainz aufgenommen werden könnte. Aber Johannes versagt kläglich, als er über die lateinische Grammatik des Donatus ausgefragt wird und verhaspelt sich, als er aus dem Rätselkatechismus des Alkuin aufsagen soll. Als Johannes bei einer Frage einfach nicht mehr weiterweiß, platzt Johanna schließlich mit der Antwort heraus. Ihr Vater ist wütend, aber Aeskulapius befragt sie weiter, lässt sie aus der Bibel vorlesen und sie erklären, was das Gleichnis vom Senfkorn bedeuten könnte. Er ist beeindruckt von ihrer Intelligenz. Er erklärt ihrem Vater, dass Johannes es vielleicht zu einem Geistlichen niederen Ranges bringen könnte, aber nicht weiter, dass Johanna aber außergewöhnlich begabt sei und er ihr Tutor werden möchte.

„‚Natürlich nicht an der scola‘, fuhr Aeskulapius fort, ‚denn das würde man ihr nicht gestatten. Aber ich werde es so einrichten, daß ich alle zwei Wochen hierherkommen kann. Und ich werde ihr Bücher besorgen, damit sie in der Zwischenzeit ihren Studien nachgehen kann.'“ (S. 53)

Das ist natürlich völliger Unsinn. Im 9. Jahrhundert pendelte man nicht einfach mal so regelmäßig allein von Mainz nach Ingelheim, wenn man nicht musste. Laut Google Maps sind das zwar bloß 15km, was man damals in ein paar Stunden schaffte, aber hatte Aeskulapius auf seinen langen Reisen denn nie Probleme mit Wegelagerern und dergleichen? Und wie kommt er auf die Idee, dass er einfach Bücher aus der Dombibliothek in irgendein Dorf mitnehmen und an ein Kind verleihen dürfte? Noch Jahrhunderte später waren Bücher so teuer, dass sie in Bibliotheken angekettet wurden, damit sie nicht gestohlen werden konnten; erst recht während der Karolingischen Renaissance, wo sich die Kultur (im Westen) gerade erst von den Wirren der Völkerwanderungszeit erholte. Realistisch wäre es gewesen, wenn Aeskulapius Johannas Vater vorgeschlagen hätte, sie zur Erziehung in ein Nonnenkloster zu geben, vielleicht in eins der Benediktinerinnen. Nun waren die meisten Nonnen im Frankenreich vielleicht nicht so gelehrt wie ein Philosoph aus Konstantinopel; aber sie hätten Johanna durchaus einiges beibringen können, die Bildungsreform Karls des Großen hatte auch Einfluss auf die Frauenklöster. Das Buch hätte so weitergehen können, dass Johanna Nonne wird, später mal Novizenmeisterin oder Äbtissin, seltene Handschriften sammelt, Mädchen in Latein und den sieben freien Künsten unterrichtet, Heilkräuter züchtet, medizinische, theologische und philosophische Werke verfasst, und zur Ratgeberin eines Fürsten wird. Oder so. Solche Frauen gab es im Mittelalter tatsächlich (im Gegensatz zu Päpstinnen).

(Die hl. Hildegard von Bingen diktiert ihrem Schreiber Vollmar eine göttliche Eingebung; Miniatur aus dem Rupertsberger Codex; Quelle: Wikimedia Commons)

Wie auch immer. Ihr Vater will nur zulassen, dass Aeskulapius sie unterrichtet, wenn er auch Johannes unterrichtet, und Aeskulapius gibt schließlich nach.

An dieser Stelle wird ein kurzes Kapitel eingeschoben, das in Rom am päpstlichen Hof spielt und wohl die Intrigen und die Korruption dort illustrieren soll. Ein adeliger römischer Junge namens Anastasius bekommt mit, wie sein Onkel Theodorus, einer der Würdenträger des Papstes, von der päpstlichen Miliz ermordet wird. (Erwähnenswert ist hier auch folgende Stelle, die vermutlich die Rückständigkeit des Mittelalters zeigen soll, aber eher das oberflächliche Geschichtswissen der Autorin zeigt: „Vor Anastasius, an einer Wand der Großen Halle, hing eine riesige mappa mundi, eine mit Anmerkungen versehene Wandkarte, auf der die ganze Welt abgebildet war, und zwar in ihrer tatsächlichen Form: als flache Scheibe, die von den Meeren umgeben war.“ (S. 56f.) Tatsächlich wusste man das ganze Mittelalter über, dass die Erde eine Kugel war; die Existenz flacher Weltkarten widerlegt das ebensowenig, wie flache Karten in unseren Atlanten zeigen, dass wir an eine flache Erde glauben. Inwiefern einem zehnjährigen Jungen die Gestalt der Erde damals bewusst war, weiß ich natürlich nicht; aber dennoch ist diese Stelle irreführend.)

(Schematische Darstellung des Weltalls, mit der Erdkugel in der Mitte und den Himmelssphären um sie herum, im Hildegardis-Codex)

Nach diesem kurzen Einschub geht es bei Johanna weiter. Aeskulapius kommt wie versprochen alle zwei Wochen, um die Kinder zu unterrichten. Aber hier zeichnet sich schon ein neuer Konflikt ab: Johannas Mutter ist ganz und gar nicht begeistert davon, was da geschieht.

„Offensichtlich entging Gudruns Haltung auch Aeskulapius nicht; doch führte er ihre Ablehnung darauf zurück, daß der Unterricht Johanna davon abhielt, ihren häuslichen Arbeiten nachzukommen. Johanna aber kannte den wirklichen Grund für Gudruns Unmut: Ihre Studien waren ein Verrat an jener Welt, die sie allein mit der Mutter teilte – die Welt der Sachsengötter und der uralten Geheimnisse dieses Volkes. Indem Johanna die lateinische Sprache lernte und christliche Texte studierte, entfremdete sie sich der einen Hälfte ihres Selbst, ihrer Herkunft, und verbündete sich mit jenen Dingen, die ihre Mutter haßte wie sonst nichts auf der Welt: dem christlichen Gott, der ihre Heimat und ihre Familie zerstört hatte. Und – was noch wichtiger war -, Johanna verbündete sich mit dem Dorfpriester, der für dies alles stand.

In Wahrheit aber beschäftigte Johanna sich vor allem mit vorchristlichen, klassischen Texten. Aeskulapius bewunderte und schätzte die ‚heidnischen‘ Schriften des Cicero, Seneca, Lucanus und Ovid, die von den meisten Gelehrten seiner Zeit als Irrlehren und Ketzerei betrachtet wurden. Er lehrte Johanna, Griechisch zu lesen und sich mit den uralten Texten des Menander und Homer zu beschäftigen, deren Dichtkunst der Dorfpriester schlichtweg als ‚heidnische Blasphemie‘ betrachtete. Johanna dagegen hatte sich noch nie die Frage gestellt, ob Homers Texte  mit den Grundsätzen der christlichen Lehre vereinbar waren oder nicht. Aeskulapius hatte sie gelehrt, die gedankliche Klarheit und den Stil zu schätzen – und eben darin zeigte sich Gott; denn Homers Werke waren von göttlicher Schönheit.“ (S. 64)

Das halte ich für unglaubwürdig, mit Verlaub. Ein Kind – gerade ein kluges Kind – würde einem Lehrer sehr wohl die Frage stellen: Ist das denn jetzt wirklich passiert? Oder sind das bloß Märchen? Dürfen wir die lesen? Oder dienen wir damit den heidnischen  Göttern, um die es da geht? Aeskulapius würde ihr wohl mit Nein, ja, ja, nein antworten (bzw. sie zu diesen Antworten hinführen), und die Sache wäre erledigt, aber es ist unglaubwürdig, dass sie die Fragen nicht stellt.

Ein weiterer Kritikpunkt: Es wird nie so ganz klar, was genau Johanna an ihrem Unterricht fasziniert. Sicher, viele verschiedene Fächer und Werke können faszinieren, aber man wüsste doch gern Genaueres darüber, was sie am liebsten lernt. Die meisten Leute interessieren sich weniger für Wissen und Bücher im Allgemeinen, sondern mehr für dieses Thema oder dieses Buch. Ich war auch immer wissbegierig und besserwisserisch und konnte mit der Schule mehr anfangen als andere Kinder, und als ich ein Kind war, habe ich mich mal für Dinosaurier begeistert, dann für Vulkane, dann für die Kinderbibel, aber eben immer eher für konkretes Wissen als für Wissen an sich. Und  als in der sechsten Klasse die griechischen Sagen durchgenommen wurden, habe ich sie daheim auch mal in einer relativ ausführlichen Version gelesen, und fand sie ganz in Ordnung, wenn auch nicht so spannend wie andere Bücher, und mochte dabei Hektor und Kassandra besonders, und Penelope und Telemachos eigentlich auch, und konnte Paris und Helena nicht leiden. Was fasziniert Johanna denn an der Ilias oder der Odyssee?, frage ich mich. Mit welcher Seite im Trojanischen Krieg fiebert sie mit? Ist sie auch gespannt, ob es Penelope gelingen wird, die Freier hinzuhalten, bis ihr verschollener Mann zurückkehrt? Was hält sie von all den Göttern, die sich in den Krieg einmischen? Ist sie manchmal gelangweilt, wenn sie zur griechischen Grammatik mit ihren hunderttausend Zeitformen zurückkehren soll, statt zu erfahren, wie es mit Odysseus‘ Irrfahrten weitergeht? Hat sie um ihn gebangt, als die Zyklopen vorkamen? Gibt es Stellen bei Cicero oder Lucanus, die ihr weniger gefallen als andere? Mag sie Ovids Metamorphosen? Wenn sie mit Matthias die Bibel gelesen hat, was hat ihr daran gefallen? Wollte sie den Herrn Jesus kennenlernen? Seine Gleichnisse und Reden ergründen? Wollte sie wissen, wie die Apostel lebten und den Glauben verbreiteten? War sie vielleicht fasziniert von Martha und Maria aus Betanien, da Jesus Maria in Schutz nahm, als sie lieber Ihm zuhörte, statt mit ihrer Schwester die Hausarbeit zu tun? Oder fühlte sie mit Jairus mit, als dessen kleine Tochter im Sterben lag und dann tatsächlich starb, als er noch dabei war, Jesus zu holen, der sie dann aber sogar von den Toten auferweckte? Grauste es sie, als sie von den Leiden Jesu las? Was fasziniert Johanna? Will sie mehr über Gott erfahren? Über den Aufbau der Welt? Über die Heiligen? Mag sie Geschichten lieber, oder eher Rätsel, oder logische Disputationen? An diesem Punkt der Handlung erfährt man darüber gar nichts.

Dann noch ein Wort zum Thema Ketzerei, Heidentum und Blasphemie. Zunächst mal nehme ich nicht an, dass die meisten Gelehrten dieser Zeit tatsächlich die heidnischen Schriftsteller verachteten. Laut Wikipedia (ja, ja, ich weiß, es ist Wikipedia) waren während der Karolingischen Bildungsreform besonders nachgefragt „Ovid und Vergil, daneben wurden unter anderem Sallust, Quintus Curtius Rufus, Sueton und Horaz wieder zunehmend gelesen“; und in Aeskulapius‘ Heimat, dem Byzantinischen Reich, gehörten die Werke Homers ganz selbstverständlich zu einer anständigen Bildung. Man schätzte antike Autoren, auch wenn diese Christus noch nicht gekannt hatten. Natürlich gab es auch Christen, die alles Heidnische ablehnten; aber nicht so viele, wie es hier dargestellt wird.

Im Übrigen sind Ketzerei, Heidentum und Blasphemie ganz unterschiedliche Dinge, auch wenn manche Leute, wie Donna Woolfolk Cross, diese Begriffe nie auseinanderhalten können:

Ketzerei / Irrlehre / Häresie: Ein Ketzer / Irrlehrer / Häretiker ist ein Christ, der einzelne christliche Lehren verdreht. Wenn ein getaufter Christ leugnet, dass Gott dreifaltig ist, wird er zum Ketzer; die Leugnung der Dreifaltigkeit ist Ketzerei. Die meisten Ketzer in der Geschichte waren Theologen, so etwa Luther. Homer konnte noch gar kein Ketzer sein, weil er kein Christ war, ebenso Cicero.

Heidentum: Sammelbegriff für alle vorchristlichen Religionen außer dem Judentum. Heidnisch sind etwa die römische, griechische, sächsische, hinduistische, aztekische, oder keltische Mythologie.

Blasphemie: Gotteslästerung. Eine Sünde, aber keine, die unbedingt eine falsche Lehre über Gott beinhaltet.

Und noch eine Sache: Könnten wir bitte endlich den Namen von Johannas Vater erfahren? Es nervt, ihn immer bloß „der Dorfpriester“ nennen zu müssen.

Jetzt aber weiter im Text. An einem der Tage, an denen Aeskulapius kommt, findet im Dorf eine Hexenprobe statt: Hrotrud, die Hebamme, die inzwischen alt und steif geworden ist und sich ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit dem Verkauf von Heilkräutern verdient, wird verdächtigt, dem Müller Arno eine Krankheit angehext zu haben. Sie wird daher von den Dorfleuten, die der Priester anführt, in den Dorfteich geworfen:

„Falls die gefesselte Hrotrud zur Oberfläche des Teiches aufstieg und auf ihm trieb, hatte das vom Dorfpriester gesegnete Wasser sie zurückgewiesen, womit Hrotrud als Zauberin und Hexe entlarvt und auf der Stelle verbrannt wurde. Ging sie jedoch unter, war ihre Unschuld bewiesen, und sie war gerettet.“ (S. 69)

Hrotrud geht natürlich unter; aber als man sie wieder herauszieht, ist sie schon tot und hat nichts mehr davon. Johanna hat den Eindruck, dass ihr Vater direkt enttäuscht ist, dass Hrotruds Unschuld bewiesen wurde. Später bei ihrem Unterricht spricht sie mit Aeskulapius über die Hexenprobe, und er bringt sie darauf, dass man mit einem Prozess mit Beweisen, Zeugenbefragungen und einer nach logischen Prinzipien durchgeführten Untersuchung ohne eine solche Probe Hrotruds Unschuld hätte beweisen können.

Nun stimmt es, dass Hexenprozesse nicht erst zur Zeit des Hexenwahns in der Frühen Neuzeit neu erfunden wurden; es ist auch nicht unglaubwürdig, dass es sie in der karolingischen Zeit gelegentlich gab, angesichts der Tatsache, dass sich die Bischöfe auf der Synode von Paderborn im Jahr 785 dazu gedrängt sahen, zu beschließen, dass, wer vom Teufel verleitet nach Art der Heiden behaupte, dass es Hexen gäbe, und diese verbrenne, selbst mit dem Tod bestraft werden sollte. (Auch den Sachsen wurde übrigens von Karl dem Großen die Hexenverfolgung untersagt.) Was somit allerdings unglaubwürdig ist, ist, dass ausgerechnet Johannas Vater diese Hexenprobe anführt. Er ist kein ungebildeter fränkischer Bauernsohn, der ein paar Worte Latein gelernt hat und schnell mal geweiht wurde; er ist extra als Missionar von England gekommen und war auf weiten Missionsreisen unterwegs; er war auch schon in dem berühmten Kloster Lindisfarne und besitzt selbst mindestens drei Bücher (Bibel, Rätselkatechismus des Alkuin, lateinische Grammatik des Donatus); sprich, er hat offenbar eine gewisse theologische Bildung, und hat Kontakte zu Bischöfen; er müsste also schon einmal von der Synode von Paderborn gehört haben, und er ist schließlich entschieden gegen alles Heidnische; wieso also nicht gegen den Hexenglauben?

Und was tut eigentlich der Bischof von Ingelheim, während das Ganze sich abspielt? Es gibt ein paar merkwürdige Andeutungen im Buch, die auf die Existenz eines Bischofs von Ingelheim hinweisen. Johanna hat ihr Wissen über die heilige Katharina aus einer Predigt des Bischofs; und schon im Prolog heißt es: „Vom Bischof abgesehen, dessen Haus aus Stein errichtet war, besaß niemand in Ingelheim ein schöneres Zuhause.“ (S. 9) Und an einer einzigen Stelle wird Johannas Vater nicht als „der Dorfpriester“, sondern „der Domherr“ (S. 48) bezeichnet.

Was kann nun dahinter stecken? Laut Wikipedia war Ingelheim zwar Königspfalz und Karl der Große kam drei- oder viermal dorthin; davon, dass es auch Bischofssitz gewesen wäre, steht in der Internetenzyklopädie allerdings nichts, und die Handlung macht insgesamt mehr Sinn, wenn man davon ausgeht, dass der nächste Bischof erst in Mainz sitzt. Der Bischof taucht weiter nirgends auf, obwohl man diese Figur gut hätte verwenden können, um entweder einen Kontrast zu Johannas Vater aufzubauen (was sich dank der Katharina-Geschichte angeboten hätte) oder den Eindruck vom Klerus als dem bösen Patriarchat zu verstärken. Ich vermute, dass die Autorin zunächst einen Bischof in Ingelheim haben wollte, bevor ihr dann aufgefallen ist, dass es da keinen gab (oder dass er doch nicht in ihr Schema passte), und dass sie vergessen hat, ihn an allen Stellen aus dem Manuskript zu tilgen. Gerade die Bezeichnung des Priesters als „Domherr“ macht eben gar keinen Sinn – wo ein Domherr ist, da sind mehrere, und dieser Priester wird offensichtlich als der einzige Dorfpfarrer, nicht als einer von mehreren Priestern an einer Bischofskirche gezeigt. Angesichts der Formulierungen im Buch macht auch die mögliche Deutung, dass er Pfarrer in einem Dorf nahe bei dem Bischofssitz Ingelheim sein könnte, keinen Sinn. Alles in allem sehen wir hier also wohl einfach schlampige Arbeit der Autorin. (Jeder Bibelexeget, der was auf sich hält, würde diese Widersprüche freilich so deuten, dass dem Buch zwei verschiedene Texte von verschiedenen Autoren zugrundeliegen müssen, die in einem jahrhundertelangen komplizierten Redaktionsprozess zusammengefügt und mehr oder weniger harmonisiert wurden. Sorry, ich muss gerade eine Exegese-Hausarbeit schreiben und bin genervt über die Spekulationen in der Sekundärliteratur.)

Aeskulapius wird schließlich vom Bischof von Mainz entlassen und beschließt, nach Athen zu gehen, wo er eine Stelle als Hauslehrer bei einem befreundeten Händler annehmen soll. Beim Abschied schenkt er Johanna eine von ihm selbst geschriebene Abschrift von Homers Werken auf Griechisch und in lateinischer Übersetzung. Als ihr Vater das Buch, in dem sie nachts liest, einige Zeit später entdeckt, hält er die für ihn unlesbaren griechischen Buchstaben zunächst für Hexenwerk, und obwohl Johanna ihm klarmachen kann, dass die zweite Hälfte auf Latein ist und er somit sehen kann, dass es nur Dichtkunst ist, verlangt er, dass sie – weil der Text heidnisch sei – das Pergament freischabt. Als sie sich weigert, gerät er in Rage und schlägt sie fast tot.

„Tagelang war die Geschichte von Johannas Prügelstrafe im Dorf in aller Munde. Der Dorfpriester hatte die eigene Tochter mit der Gerte so schrecklich zugerichtet, daß es sie um ein Haar das Leben gekostet hätte, erzählte man sich; der Dorfpriester hätte das Mädchen tatsächlich totgeschlagen, hätten die Schreie seiner Frau nicht die Aufmerksamkeit einiger Dorfbewohner erregt. Es hatte dreier kräftiger Männer bedurft, um den Dorfpriester von dem Kind fortzuzerren.

Doch es lag nicht an der Grausamkeit der Schläge, daß die Leute über diese Sache redeten. Solche Dinge waren an der Tagesordnung. Hatte der Hufschmied nicht seine Frau zu Boden geschlagen und ihr so lange ins Gesicht getreten, bis sämtliche Knochen gebrochen waren, weil er ihre Nörgeleien satt hatte? Das arme Wesen war für den Rest seines Lebens entstellt; aber dagegen konnte man nun mal nichts machen. Ein Mann war Herr im eigenen Hause, und niemand stellte diese Tatsache in Frage. […]

Nein, was die Bürger Ingelheims viel mehr interessierte, war die Tatsache, dass der Dorfpriester die Beherrschung verloren hatte. Ein derart gewalttätiger Ausbruch war bei einem Mann Gottes etwas Unerwartetes, ja, Unziemliches, und deshalb – was Wunder – zerrissen die Leute sich die Mäuler darüber. […] Es war schon eine seltsame, lustige Sache.“ (S. 85)

Johanna ist einige Zeit ohne Bewusstsein, ihre Wunden entzünden sich und sie leidet an einem Fieber; aber schließlich wacht sie wieder auf und wird gesund. Ihre Mutter, die irgendwo stolz auf sie ist, pflegt sie gesund und will sie wieder für sich gewinnen: „Überlasse Dinge wie Bücher der Dummheit der Priester. Wir haben unsere eigenen Geheimnisse, nicht wahr, meine kleine Wachtel? Wir werden sie wieder miteinander teilen, so, wie es früher gewesen ist.“ (S. 87f.) Ihr Vater hat inzwischen selbst die Pergamentseiten leergeschabt.

Johanna baut nun tatsächlich wieder ein engeres Verhältnis zu ihrer Mutter auf, und bringt sie schließlich dazu, ihr zu erzählen, wie es gekommen ist, dass sie ihren Vater geheiratet hat. Gudrun erzählt von der Hungersnot nach den Sachsenkriegen, und davon, wie dann die Missionare kamen:

„‚Sie waren anders als die anderen; sie trugen keine Schwerter oder sonstige Waffen, und sie behandelten uns wie Menschen, nicht wie Vieh. Sie gaben uns Nahrungsmittel als Gegenleistung für unser Versprechen, ihnen zuzuhören, wenn sie das Wort des christlichen Gottes predigten.‘

‚Sie haben Nahrung gegen den Glauben eingetauscht?‘ sagte Johanna. ‚Das ist aber eine jämmerliche Art und Weise, die Seelen der Menschen zu gewinnen.‘

‚Ich war jung und für Eindrücke empfänglich. Vor allem aber war ich halb tot vor Hunger, Elend und Angst. Ihr christlicher Gott muß größer und stärker sein als alle unsere Götter zusammen, dachte ich. Wie sonst hätten die Franken uns besiegen können? Dein Vater hat sich meiner ganz besonders angenommen. Er habe große Hoffnungen, was mich angeht, sagte er; denn obwohl ich als Heidin geboren sei, besäße ich die Fähigkeit, den wahren Glauben zu begreifen. Aber so, wie er mich anschaute, wußte ich, daß er mich begehrte. Als er mich dann fragte, ob ich mit ihm fortgehen wollte, habe ich ja gesagt. Für mich war es die einzige Hoffnung auf ein Weiterleben in einer Welt, die gestorben war.‘ Ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab. ‚Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, was für einen schrecklichen Fehler ich begangen hatte.'“ (S. 89)

Gudrun warnt Johanna davor, dieselben Fehler zu machen wie sie: „Falls du jemals glücklich sein möchtest, dann merk dir meine Worte, Tochter: Gib dich niemals einem Mann hin.“ (S. 90) Und Johanna verspricht es: „‚Das werde ich nicht tun, Mama‘, versprach sie feierlich, ‚das werde ich niemals tun.'“ (Ebd.)

Wer schon mal von der Legende der Päpstin gehört hat, weiß vielleicht, dass es anders kommen wird; aber hier mache ich jetzt erst einmal einen Punkt. Im nächsten Teil dann dazu, wie es kommt, dass Johanna Ingelheim verlässt!

Vaterunser auf Feministisch

Ich schätze, ich muss nicht viel dazu sagen, was ich davon halte, wenn die Worte unseres Herrn willkürlich abgeändert werden, weil irgendwer meint, es besser zu wissen als der Gottmensch Jesus Christus. Wer eine Idee zu  einem Gebet hat, die er ganz toll findet, soll ein neues Gebet schreiben, nicht am Vaterunser herumdoktern. Aber wenn solche Texte umgedichtet werden, ist es schon ganz interessant, welche Stellen dabei umformuliert oder ausgelassen werden.

Eine anglikanische („episcopalian“: der amerikanische Zweig der Anglikaner) Kirche in San Francisco hat am 25. April eine „Beyoncé-Messe“ abgehalten, d. h. eine Messe begleitet von Liedern von Beyoncé, da man die dort offenbar sehr inspirierend fand. Der verlinkte Artikel zeigt auch ein Foto von den Zetteln, die dabei an die ca. 900 Besucher ausgeteilt wurden, und auf diesen Zetteln ist das Vaterunser in zwei Versionen abgedruckt, wobei darüber noch der Hinweis steht, dass man es „in den unten stehenden Worten, oder in den Worten Ihres Herzens“ mitbeten könnte. Die Version auf der rechten Seite ist die traditionelle englische Übersetzung des Bibeltextes („Traditional English Lord’s Prayer“), die linke eine, na ja, etwas freiere Umdichtung unter dem Titel „Womanist Lord’s Prayer“:

 

„Our Mother,

who is in heavan and within us,

We call upon your names.

Your wisdom come.

Your will be done,

In all the spaces in which You dwell.

Give us each day

sustenance and perseverance.

Remind us of our limits as

we give grace to the limits of others.

Seperate us from the temptation of empire,

But deliver us into community.

For you are the dwelling place within us

the empowerment around us

and the celebretation among us

now and for ever.

Amen.“

 

(Unsere Muter,

die im Himmel und in uns ist,

wir rufen deine Namen an.

Deine Weisheit komme.

Dein Wille geschehe,

An all den Orten, an denen du wohnst.

Gib uns jeden Tag

Lebensunterhalt und Ausdauer.

Erinnere uns an unsere Grenzen so wie

wir Rücksicht auf die Grenzen anderer nehmen.

Scheide uns von der Versuchung der Herrschaft,

Und führe uns stattdessen in die Erlösung zur Gemeinschaft.

Denn du bist die Wohnung in uns

die Emanzipation um uns herum

und die Feier unter uns

jetzt und in alle Ewigkeit.

Amen.)

 

Die feministische Umdichtung eines nun mal leider so eindeutig ein männliches Gottesbild vermittelnden Gebets wie des Vaterunsers zu einem Mutterunser ist ja nun leider nichts Neues. Aber die restlichen Umdichtungen sind schon interessant.

Vor allem fällt auf: Das Böse darf nicht wirklich vorkommen. Es wird keine Schuld vergeben, sondern es wird nur anerkannt, dass Menschen „Grenzen“ haben: Eine völlig blödsinnige Formulierung. Rücksicht auf die Grenzen anderer nehmen heißt z. B., dass ich es nachsehe, wenn meine vergessliche Großmutter ständig Schlüssel und Geldbeutel vergisst, und mich im Voraus darauf einstelle, damit ich darauf achten kann. Schuld vergeben bedeutet dagegen, dass ich es vergebe, dass meine leicht beleidigte Großmutter nach einer geringfügigen Meinungsverschiedenheit wochenlang nicht mit mir geredet hat. Schwächen und Sünden sind nicht einfach ein- und dasselbe. Als nächstes wird die Versuchung, in die man nicht geraten will, eingeschränkt auf eine ganz bestimmte Art der Versuchung, nämlich die zur Herrschsucht; als wäre das die einzige Form des Bösen, die es gäbe. (Auch Gleichgültigkeit, Vernachlässigung, unterlassene Hilfeleistung o. Ä. können Sünden sein, um nur ein paar offensichtliche Beispiele zu nennen, die mit Herrschen nichts zu tun haben.) Aber das passt eben zum feministischen Konzept: Die einzige bewusst wahrgenommene Form des Bösen ist die Unterdrückung, also ist die „Emanzipation“ („empowerment“) und die gleichberechtigte „Gemeinschaft“ die einzige bewusst wahrgenommene Form des Guten. (Sicher ist das eine wichtige Form des Guten, aber eben nicht die einzige.)

Dazu kommt noch die grässlich formulierte Bitte um „Lebensunterhalt und Ausdauer“, die das wunderbar konkrete „unser täglich Brot gib uns heute“ ersetzt, und dann so völlig blödsinnige Sätze wie „du bist die Wohnung in uns“ (wenn schon, dann bitte „du wohnst in uns“, aber – du „bist“ die Wohnung in uns?).

An letzterer Stelle und auch weiter oben fällt auch auf: Das „Reich“ (in der traditionellen englischen Übersetzung „kingdom“) Gottes darf nicht vorkommen; auch nicht „Macht“ („power“) und „Herrlichkeit“ („glory“). Wäre ja alles zu, äh, herrschaftlich. Auch ein guter Herrscher wie Gott bzw. die hier angebetete Muttergöttin darf nicht herrschen, sondern bloß seine/ihre „Weisheit“ spenden und in den Leuten Wohnung nehmen (oder so ähnlich). Aber ich glaube, es ist nicht nur diese Abneigung gegenüber allem, was an Macht oder Herrschaft erinnert: Nein, solche Leute glauben auch nicht, dass Jesus jemals wirklich am Ende der Zeiten zurückkehren wird und wirklich endgültig Gottes Reich aufgerichtet werden wird; also können sie auch schlecht um die Ankunft dieses Reiches beten. Es muss reichen, wenn ein bisschen göttliche Weisheit aus den höheren Sphären zu uns in den Alltag hinabsickert.

Auch die Diversität muss natürlich kurz vorkommen: Die Göttin hat nicht nur einen Namen, sondern viele („wir rufen deine Namen an“). Sie ist vielseitig, da ist für alle was dabei.

Insgesamt ist das Gebet vor allem eins: langweilig und harmlos. Das langweilige, harmlose Thesenpapier netter engagierter Pfarrer*innen und Lai*innen, die beim Kirchenkaffee und beim Vortragsabend im Pfarrheim von Machtstrukturen und ihrer Bekämpfung durch Gendersternchen reden, und keine Ahnung haben von wirklicher Schuld, wirklichem Bösen, oder der wirklichen Herrlichkeit des Reiches des wirklichen Gottes, und die es verachten, um das täglich Brot zu bitten, wenn man stattdessen „Lebensunterhalt“ sagen kann.

Haltet euch von den fiesen Weibern fern!

Es gibt im Katholizismus ein Prinzip, das man früher „Die Ägypter ausplündern“ (frei nach Exodus 11,35f.) nannte; gemeint ist, Dinge, die an sich gut oder zumindest teilweise gut sind, aus nichtchristlichen Kulturen aufzunehmen und sie im christlichen Sinne zu adaptieren. Diesem Prinzip sind z. B. Weihnachtsbäume, die scholastische Philosophie oder christliche Rockmusik zu verdanken. Wie man an letzterem Beispiel sieht, kann die christliche Adaption auch schiefgehen und zu einer lahmen Nachahmung werden; das Prinzip wird nicht immer richtig angewandt.

Und dann gibt es auch wieder Fälle, in denen es gar nicht angewandt werden sollte. Manchmal können die Ägypter ihren Scheiß auch behalten.

Die MGTOW-Bewegung (Men going their own way), über die der Cathwalk hier berichtet (https://www.thecathwalk.de/2018/03/08/mgtow-geschlecht-charakter/) wäre ein solcher Fall. André Thiele, der Autor dieses Artikels, möchte offensichtlich Impulse aus dieser säkularen Männerbewegung aufnehmen und im christlichen Sinne umdeuten. Leider funktioniert das nicht so ganz.

Die MGTOW-Bewegung stellt fest: Der Feminismus hat gesiegt, Frauen beherrschen die Welt, Männer werden unterdrückt, sind überall in der Gesellschaft benachteiligt, dürfen sich nicht mehr äußern, und werden für jedes Kompliment zu Vergewaltigern erklärt. André Thiele stellt fest: „Der Mann ist das Schlachtvieh der Moderne.“ Er fährt fort: „Die MGTOW-Männer reden von ‚Schlampen‘ und Schlimmerem, und das soll man nicht lieben – aber soll man es tadeln?“ Nun ist ein solcher Satz nicht gerade logisch. Wenn man etwas nicht lieben „soll“, folgt daraus, dass es nicht gut ist, und was nicht gut ist, „soll man […] tadeln“. Aber Thiele arbeitet offensichtlich nach dem Prinzip Wie du mir, so ich dir: „Ausgerechnet in einer Zeit, die kein Wort kennt, das zu brutal und zu vulgär wäre, wenn es nur gegen Männer geht?“ Die Frauen unterdrücken die Männer, die Männer dürfen sich das nicht mehr gefallen lassen. Also sollen sie sich einfach einer Welt entziehen, in der Männer und Frauen zusammenleben.

„Am schnellsten wächst die ‚going monk‘-Gruppe. Diese Männer gehen keinerlei sexuelle Beziehungen zu Frauen mehr ein und vermeiden auch zunehmend jeden gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Ein Teil radikalisiert sich weiter und verbindet sich mit der ‚NoFap‘-Gruppe, die ursprünglich nicht zu MGTOW gehört, und meidet auch Pornographie und Onanie.“

Na, da sind wir Frauen aber enttäuscht. Ich weiß ja nicht, wie es anderen Frauen geht, aber ich kann doch ganz gut damit leben, wenn Männer keine Pornos schauen. (Das als Radikalisierung zu bezeichnen, ist freilich etwas tragikomisch, und sagt einiges über die Normalität von Pornographie in unserer Gesellschaft aus.) Aber MGTOW ist eben eine Verschwörungstheorie: „Die“ Frau kontrolliert „den“ Mann, indem sie sich seine sexuellen Triebe zunutze macht. Sie macht ihn von sich abhängig und damit zu ihrem Sklaven. Also muss er sich von seinen Trieben lösen und kann somit endlich frei leben. Es gibt keine individuellen Menschen, sondern finstere, alles durchdringende Herrschaftstrukturen. Auf die Idee, dass Pornographie ganz im Gegenteil zum Nachteil von Frauen wirken könnte – z. B. indem Männer sich an Frauen degradierende Hardcore-Pornos gewöhnen und von ihren Freundinnen verlangen, dasselbe, was die Porno-Darstellerinnen tun, im Schlafzimmer nachzustellen – , kommt man hier offenbar gar nicht. Ebenso wenig, wie ein MGTOW-ler auf die Idee kommen würde, dass eine Frau vielleicht Besseres zu tun haben könnte, als sich ihn zu unterwerfen. Frauen sind einfach herrschsüchtige Biester, die kann man auch nicht ändern. Da kann man nur drauf hoffen, dass der technische Fortschritt sie überflüssig macht: „Wie die Mönche-Gruppe sich nach der Einführung der sog. ‚FemBots‘ genannten Gynoiden verhalten wird, die für die kommenden 10 bis 20 Jahre zu erwarten ist, wird man abwarten müssen.“ Würg.

Die MGTOW-Bewegung baut auf einem Körnchen Wahrheit auf: Es gibt tatsächlich männerfeindliche Feministinnen (auch wenn der Mainstream-Feminismus eher der Ansicht ist, dass „patriarchale Strukturen“ beiden Geschlechtern schaden, und man einfach Gleichberechtigung – oder Gleichstellung, was nicht dasselbe ist – erreichen sollte, die für alle am Ende am besten sei). Es gibt auch Frauen wie Sawsan Chebli, die es für Sexismus halten, wenn man ihnen sagt, sie seien „schön“. Aber die Männer, die durch die Metoo-Bewegung wirklich zu Fall kamen, sind eben keine Männer, die bloß einer Frau gesagt haben, sie sei schön, sondern Männer wie Harvey Weinstein, die sich in Sachen sexueller Belästigung und womöglich auch Vergewaltigung offensichtlich einiges haben zuschulden kommen lassen. Es gibt auch Bereiche der Gesellschaft, in denen Männer tatsächlich den Kürzeren ziehen – der Text erwähnt die Selbstmordrate als Beispiel (80% der Selbstmorde betreffen Männer), und die Tatsache, dass Männer wesentlich häufiger als Frauen von schweren Arbeitsunfällen betroffen sind. Aber das zweite Beispiel ist freilich ebenso lächerlich wie das Jammern auf Feministinnen-Seite über die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen – die Lohnlücke entsteht dadurch, dass Frauen sich häufiger für schlechter bezahlte Berufe, etwa im sozialen Bereich, oder für Teilzeitjobs entscheiden, und das ist ihre freie Entscheidung; und ebenso entsteht das Ungleichgewicht bei den Arbeitsunfällen dadurch, dass Männer sich häufiger für anstrengende und gefährliche Berufe entscheiden, und es ist die freie Entscheidung eines jeden Mannes, ob er Dachdecker oder doch lieber Erzieher werden will. Hier zeigen sich nur die Nebenwirkungen natürlicher Präferenzen. Der Text erwähnt auch Selbstmorde nach Scheidung oder Trennung – und es stimmt, dass etwa in Sorgerechtsstreitigkeiten nach Scheidungen im Regelfall den Frauen das Sorgerecht zugesprochen wird. Aber andererseits stimmt es eben auch, dass z. B. Frauen, die unehelich schwanger werden, sehr leicht vom Vater des Kindes im Stich gelassen werden und oft keinen Unterhalt erhalten. Hier sind wieder die Frauen deutlich schlechter dran. Worauf ich hinaus will: Wir haben in Deutschland eine relativ gleichberechtigte Gesellschaft – anders sieht es in anderen Gesellschaften aus, wo noch Zwangsehen, Kinderehen und Genitalverstümmelung existieren – , aber auch in dieser Gesellschaft kommt es an verschiedenen Stellen mal zur Benachteiligung von Männern, mal zur Benachteiligung von Frauen. Manchen dieser Benachteiligungen lässt sich abhelfen, anderen nicht. Die Tatsache, dass Frauen mit der Fortpflanzung wesentlich mehr Mühe haben, ist biologisch gegeben und lässt sich nicht ändern. Die Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen, entsteht durch ihre eigenen Präferenzen. Die Tatsache, dass Frauen häufiger unter sexueller Belästigung leiden als Männer, entsteht nur durch das Belästigen, das die Täter auch bleiben lassen könnten. Ähnlich bei den Männern: Männer neigen von Natur aus mehr zu Extremen, also ist es vielleicht nicht allzu verwunderlich, dass sie häufiger Selbstmord begehen oder auch obdachlos sind; aber manchen Ursachen dafür könnte man vielleicht trotzdem abhelfen, ebenso, wie man drauf schauen könnte, ob in unserem Schulsystem Mädchen und Jungen pädagogisch passend gefördert werden. Die MGTOW-Bewegung sieht einige reale Nachteile von Männern, ohne sich um deren Ursachen zu kümmern, bauscht sie zu lächerlicher Größe auf, und übersieht die Nachteile der Frauen. Dass da beim ein oder anderen Anhänger der Bewegung eine Enttäuschung, dass eine Frau nichts von ihm wissen wollte, mitspielen könnte, kann man sich gut vorstellen.

Man fragt sich doch, was für eine Vorstellung haben solche Leute von funktionierenden Beziehungen (auch wenn sie meinen, heutzutage könnte man keine Frau mehr für eine solche finden)? Wie würde ihre ideale Frau, ihre ideale Beziehung aussehen? Sollte es nicht ideal sein, dass in einer Beziehung beide Partner gleichzeitig daran arbeiten, für den anderen ein guter Partner zu sein und auf ihn einzugehen, sich dabei aber auch nicht verbiegen? Wieso sollte es schlecht sein, wenn man mal was für seinen Partner tut?

Am Ende kommt Thiele darauf, was das alles nun für Katholiken heißen soll. Hier zitiere ich einen längeren Abschnitt:

„Aber vielleicht geht dieser Vorgang Katholiken einfach gar nichts an? Haben wir nicht eine klare Dogmatik, was das Verhältnis von Männern und Frauen betrifft? Sind katholische Frauen nicht immun gegen die Versuchungen der feministischen Welt?

Katholische Frauen in der Moderne sind vor allem zunächst einmal moderne Frauen und verhalten sich weit überwiegend keinesfalls anders als nichtkatholische Frauen. Vor allem aber werden katholische Männer von ihrer Kirche und ihren Gemeinden weitgehend alleingelassen bei der Wahl ihrer Partnerinnen: die Frage nach der Tugendhaftigkeit einer Frau, mit der ein seinen Glauben lebender Mann sein gesamtes Leben verbringen soll, ist ein Tabu. Wer sie stellt, ist ein Erststeinwerfer, was neben dem Pharisäer und dem Sexisten das Schlimmste ist, was ein katholischer Mann heutzutage sein kann. Der Teufel selbst genösse in der Kirche von heute hohes Ansehen, wenn er sich Frauen verstehend, sie empowernd und ihnen gegenüber ‚vorurteilsfrei‘ äußern würde, wobei ‚vorurteilsfrei‘ dasjenige Vorurteil meint, das Frauen genehm ist, während ‚vorverurteilend‘ dasjenige Urteil ist, das ihnen nicht genehm ist. Unehelich schwangere Katholikinnen erfahren genau dieselbe Vorzugsbehandlung wie Heidinnen auch, eine im Stuhlkreis sozialisierte Priesterschaft winkt das ängstlich durch und eine Armee von unverheirateten Gemeindereferentinnen erklärt sie zu weltlichen Heiligen, denen jeder katholische Mann sein Glück zu opfern hat – denn genau darin besteht nach Ansicht dieser Frauen sein Glück.

Im Zeichen von ‚Weiberaufstand‘ und hoch promiskuitiven Frauen, die sich via McBeichte und Drive-Through-Katholizismus für ihren Fall das katholische Sahnehäubchen als Distinktionsmerkmal verschaffen, kann kein Mann ‚vertrauen‘.

Richtig aber ist, daß katholische MGTOW-Männer eine andere Perspektive haben als andere: sie haben eine jahrtausendealte Tradition der innerweltlichen Keuschheit, der sie sich überantworten können. Sie müssen nicht auf den sentimentalen Quatsch des ‚white knightings‘ hereinfallen, um einen historisch erprobten Begriff von Ritterlichkeit zu haben. Und sie können ihr Geschick eben vertrauensvoll ihrem Herrn anvertrauen, in dessen Hand sie geborgener sind als selbst die Gemeindereferentinnen in denen ihrer steuersubventionierten Diözese.“

Ich muss sagen, ich finde diese Abschnitte gruselig.

Zunächst mal zu den Versuchungen der feministischen Welt, denen die katholischen Frauen angeblich verfallen: Welche genau sollen das sein? Der Feminismus kann vor allem zwei wirkliche Errungenschaften vorweisen: Erstens, dass es normal für Frauen geworden ist, einen Beruf zu lernen, und damit im Leben nicht darauf angewiesen zu sein, dass sie einen Ehemann finden; zweitens, dass Frauen in der Gesellschaft mehr Gehör finden und Einfluss nehmen – z. B. durch das aktive und passive Wahlrecht, oder dadurch, dass sie jetzt auch an Universitäten repräsentiert sind. Es ist nicht gut, wenn jeder Frau, egal, wie ihre Lebensumstände und ihre Persönlichkeit aussehen, nur die Ehe als wirklich anerkannter Lebensweg offensteht; es ist auch nicht gut, wenn die Hälfte der Bevölkerung von öffentlichen Debatten ausgeschlossen bleibt. Natürlich kamen mit einer späteren Welle des Feminismus auch andere Forderungen auf, die die ersten Feministinnen abgelehnt hätten – sexuelle Befreiung, Recht auf Abtreibung, usw. Aber was genau davon lehnt André Thiele nun als Versuchungen ab?

Anscheinend vor allem die Promuiskuität; seine Angst ist, dass katholische Männer keine angemessen tugendhafte Frau mehr finden könnten. Was er unter „Tugendhaftigkeit“ versteht, wird gleich klar: Jungfräulichkeit. Unverheiratete Mütter etwa fallen von vornherein raus. Dass das nicht mehr viel mit dem Christentum zu tun hat, sondern eher mit außerchristlichen Vorstellungen von Ehre und Unversehrtheit, ist klar; im Christentum sind Sünden erledigt, wenn man sie gebeichtet hat. Wir haben genügend bekehrte Prostituierte in unserem Heiligenkalender (z. B. die hl. Afra). Aber André Thiele sieht das offenbar anders. Er ist auch der Meinung, dass wir unverheirateten Müttern deutlicher klarmachen sollten, dass sie unerwünscht sind; eine Sache wie „Frauen, die sich für ihr Kind entscheiden, unterstützen“ oder „Alle Menschen freundlich behandeln“ mag zwar ganz nett sein, aber man muss den Weibern ja schließlich auch klarmachen, wie sie sich zu verhalten haben und wann sie nichts mehr wert sind. Etwas lächerlich auch die Klage darüber, dass die Kirche die Männer im Stich ließe; sollten die Pfarreien vielleicht Tugendhafte-Jungfrauen-Vermittlungsstellen einrichten, damit kein Mann ohne passende Gattin bleiben muss?

Aber vor allem wird hier klar: Es geht um den Mann, der wählt. Bei der Ehe geht es für Thiele nicht um Gegenseitigkeit, nicht um zwei Menschen, die schauen, ob der jeweils andere ein guter Partner ist (also auch irgendwo „tugendhaft“) und zu ihnen passt, und sich dann für ein Leben mit ihm entscheiden. Die Frage nach der Tugendhaftigkeit des Mannes wird gar nicht erst gestellt. Männer brauchen ja schließlich keinen „sentimentalen Quatsch“, keine „Ritterlichkeit“, sie müssen sich anscheinend nicht anständig verhalten, um ihrer Partnerin würdig zu sein; Frauen dagegen müssen gucken, dass sie auch ja tugendhaft und unterwürfig genug sind.

Thiele geht weit, sehr weit über den handelsüblichen katholischen Antifeminismus hinaus, der hauptsächlich darin besteht, sich (zu Recht) über die Forderung nach einem „Recht auf Abtreibung“ oder die Herabwürdigung von Hausfrauen und Müttern aufzuregen. Er postuliert eine Konkurrenz, einen unvermeidbaren Kampf zwischen den Geschlechtern. Was soll das? Wir sind keine Feinde. Männer und Frauen sind aufeinander hingeordnet und beide nach dem Abbild Gottes geschaffen – so sieht nämlich die „klare Dogmatik“ der Kirche aus. Unsere großen Heiligen hatten kein Problem mit der Ehe oder auch mit Freundschaften zwischen Männern und Frauen (man denke an Franziskus und Klara von Assisi, Franz von Sales und Johanna Franziska von Chantal, oder Hieronymus und Paula und Eustochium (ja, das ist ein Frauenname)). Wenn sie auf die Ehe verzichteten, dann nicht, weil sie dem ach so fiesen Weibsvolk entkommen wollten, sondern weil es etwas Großes ist, „um des Himmelreiches willen“ auf gute Dinge zu verzichten. Von dieser Perspektive auf das Mönchtum scheint André Thiele keine Ahnung zu haben.

Was macht feministische Theologie manchmal so nervig?

Vor kurzem habe ich fürs Studium einen Aufsatz mit dem Titel „Maria von Magdala – erste Apostolin?“ von der Theologin Andrea Taschl-Erber gelesen*. Ja, ganz stereotyp, der Doppelname und die Fixierung auf Maria von Magdala. Man erlaube mir an dieser Stelle übrigens die Bemerkung, dass „Apostolin“ irgendwie doof klingt, und „Apostelin“ auch nicht besser wäre.

Aber komisch klingende Wörter machen einen Aufsatz ja nicht falsch, auch wenn das nicht das einzige komisch klingende Wort bleibt. (Im Text kriegen wir noch „ZeugInnenschaft“, was ungefähr so viel Sinn macht wie „ÄrztInnenkammer“ oder „FremdInnenzimmer“.) Der Aufsatz beginnt folgendermaßen: „Maria von Magdala zählt zu den meistgenannten AnhängerInnen Jesu in den Evangelien. Allerdings verdunkelte eine von androzentrischen Mechanismen und patriarchalen Projektionen bestimmte Auslegungsgeschichte die Bedeutung der engagierten Jüngerin und prophetischen Apostolin. So gilt es, ihre spezifische literarische wie historische Rolle von den Schatten der Rezeptionsgeschichte zu befreien.“ Die Bedeutung der „engagierten Jüngerin“. Ich liebe es, wie Frau Taschl-Erber ihre Beschreibung der Heiligen so klingen lässt wie eine Dankesrede bei der Verabschiedung einer scheidenden Elternbeiratsvorsitzenden. („Frau Plötzenthaler hat sich jahrelang als engagiertes Mitglied unseres Gremiums erwiesen…“)

Sie fährt fort: „Grundsätzlich ist das literarische Porträt einer Erzählfigur als ein narratives Konstrukt zu verstehen, anhand dessen nicht unmittelbar, gleichsam spiegelbildlich, ein historisches Profil der namentlich identifizierten Person gezeichnet werden kann. Um dennoch mit aller methodischen Vorsicht historische Informationen ableiten zu können, bedarf es vor allem auch einer kritischen Reflexion des ideologischen Horizonts der jeweiligen Erzählwelt und ihrer androzentrischen Dynamik gemäß den Prinzipien einer ‚Hermeneutik des Verdachts‘.“ Der Begriff „Hermeneutik des Verdachts“ ist sehr treffend gewählt. Frau Taschl-Erber bleibt noch den ganzen Text über in diesem Dilemma stecken: Eigentlich können wir ja nichts Genaues, historisch Glaubwürdiges aus den biblischen Texten wissen, aber dass wir alle biblischen Darstellungen von Frauen unter Verdacht stellen müssen, das wissen wir auf jeden Fall.

Zunächst geht die Autorin darauf ein, wo überall in den Evangelien Maria von Magdala erwähnt wird: Sie gehört zu einer größeren Gruppe von Frauen um Jesus und wird zusammen mit anderen dieser Frauen Zeugin der Kreuzigung, der Grablegung und dann der Auferstehung. Aus Mk 15,41, wo es heißt, dass diese Frauen Jesus schon in Galiläa „nachgefolgt“ waren und ihm „gedient“ hatten (hier wird das griechische Verb „diakoneo“ verwendet), leitet Frau Taschl-Erber ab, dass sie nicht bloß für die Brotzeit auf dem Weg gesorgt hätten (wer hat das denn gesagt?), sondern Beauftragte Jesu (als seine Zeuginnen und Verkündigerinnen oder so) gewesen wären; immerhin leitet sich auch das Wort „Diakon“ vom selben Verb ab, das ja z. B. bei Paulus ein Amt in der Gemeinde bezeichnet. (Witzigerweise wurden zwar gerade die ersten Diakone laut Apostelgeschichte vor allem für den „Dienst an den Tischen“ bestellt, damit die Apostel sich ungestört der Verkündigung widmen konnten (Apg 6,2)… aber lassen wir das. Ich will ja auch nicht behaupten, dass die Jüngerinnen bloß für die Brotzeit und nichts weiter zuständig gewesen wären. Ich weiß nichts drüber, was genau sie so gemacht haben.) Frau Taschl-Erber betont dann noch, dass die Frauen die nach Markus „echte Nachfolge“, die „Kreuzesnachfolge“, durch ihre Anwesenheit bei der Kreuzigung verwirklichen, während die Zwölf verschwinden. Das stimmt ja auch, und es wurde von der patriarchalischen, androzentrischen Christenheit übrigens nie geleugnet. Mir fällt spontan eine Stelle aus einer Schrift über Lourdes von 1907 ein, in der der Priester Robert Hugh Benson über eine große Gruppe von in den vergangenen Jahren an diesem Wallfahrtsort Geheilten, die zu einer Dankesprozession zusammengekommen sind, schreibt: „I had looked at their faces: there were many more women than men (as there were upon Calvary).“ (http://www.gutenberg.org/files/18729/18729-h/18729-h.htm ; Ausgabe von 1914)

Nach der markinischen geht die Autorin auf die lukanische Darstellung der Jüngerinnen Jesu ein, wo es u. a. heißt, dass aus Maria von Magdala, dank Jesus, „sieben Dämonen ausgefahren waren“ (Lk 8,2). Ich schätze, es ist nicht erstaunlich, dass Frau Taschl-Erber nicht an dämonische Besessenheit glaubt, aber es ist erstaunlich, welchen Vorwurf gegen den Evangelisten Lukas sie aufgrund dieser Stelle konstruiert: „Dämonische Besessenheit fungiert in bestimmten soziokulturellen Kontexten als personifizierte Ursache für (insbesondere psychische, von Kontrollverlust und Selbstentfremdung gekennzeichnete) Krankheitszustände sowieso vom Normencodex abweichende Verhaltensweisen […]. Ob sich die Information auf eine tatsächliche Krankheit bezieht oder nicht, mit ihrer Wiedergabe erzielt Lk eine bestimmte Wirkung. Entsprechend führte die lk Darstellung, welche die Phantasie späterer RezipientInnen anregte, zu beträchtlichen Verzerrungen im Bild der Jüngerin.“ Auch wenn die Information wahr ist, verzerrt sie das Bild? Die Logik erschließt sich mir nicht. Und was ist denn so schlimm daran, dass eine geheilte Besessene / Kranke / psychisch Kranke zu den Jüngerinnen Jesu gehörte? Paulus war ein bekehrter Christenverfolger. Normalerweise glorifiziert man im Christentum die Geheilten und die Bekehrten eher besonders, als dass man sie herabsetzt; und bei Lukas scheint das meinem Eindruck nach nicht anders zu sein. Inwiefern macht er Maria von Magdala hier schlecht?

Als nächstes geht es um den Auferstandenen und seine in Joh 20 ausführlich beschriebene Erscheinung vor Maria. „So verweist die mehrfache Bezeugung der Protophanie [Ersterscheinung] vor Maria von Magdala auf Alter und Bedeutung der Tradition, welche in den Ostererzählungen der Evangelien Spuren hinterließ, obwohl sie innerhalb patriarchaler Kontexte Widerständen begegnete.“ An dieser Stelle wird u. a. Paulus ein Vorwurf gemacht, weil der in 1 Kor 15 unter den Zeugen der Auferstehung Maria von Magdala nicht namentlich erwähnt, sondern nur die beiden männlichen Autoritäten Petrus und Jakobus, was eine „Marginalisierung der Zeuginnen“ sei. Das ist kein ganz aus der Luft gegriffenes Argument; tatsächlich mussten die ersten Christen ja damit rechnen, dass in einer patriarchalen Umwelt das Zeugnis von Frauen bei der Verkündigung nicht sehr viel zählen würde**, und es ist immerhin möglich, dass Paulus hier absichtlich nur auf das Zeugnis der für sein Publikum „maßgeblichen Jerusalemer Autorität“ mit Namensnennungen verweist. Aber kann man es den Evangelisten dann nicht wenigstens danken, dass sie gerade trotzdem – und zwar alle vier – davon berichten, dass die Frauen die ersten am Grab waren und / oder Erscheinungen des Auferstandenen erlebten? Nö, offensichtlich kann man das nicht. Dem Evangelisten Lukas werden gleich noch mal Vorwürfe gemacht – die Relevanz der Ostererfahrungen der Frauen werde in seinem Evangelium „heruntergespielt“, und zwar u. a. dadurch, dass die Apostel deren Botschaft als „leeres Geschwätz“ „disqualifizieren“ und Petrus „den Bericht der Frauen erst bestätigen muss“. Kann man einen Text deutlicher missverstehen? In Lukas 24 behalten die Frauen Recht. Die Apostel sind im Unrecht, als sie ihren Bericht zuerst für „Geschwätz“ halten, und werden am Ende eines Besseren belehrt. Da könnte ich genausogut „Hakuna Matata“ als die Aussage von „Der König der Löwen“ hinstellen.

Der Text schließt mit einem Flirt mit der Gnosis: „Vermutlich existierte in Bezug auf Maria von Magdala eine breitere Überlieferung, von welcher sich im NT nur einige Reflexe finden, der bedeutendste in Joh 20,1-18. […] Demgegenüber tritt sie in gnostischen und gnosisnahen Texten auch im Zuge des Lehrens und Wirkens Jesu als seine Dialogpartnerin auf. Auf der Basis des Traditionswissens um ihren Primat als Erstzeugin des Auferstandenen avancierte sie  zu einer der bedeutendsten apostolischen TraditionsträgerInnen in christlich-gnostischen Zirkeln. Am deutlichsten knüpft das Evangelium nach Maria an Joh 20 an, das Jesu (Wieder-)Aufstieg zum Vater in Joh 20,17 zu einem großen Visionsbericht des (Wieder-)Aufstiegs der Seele in die himmlische Sphäre entfaltet und explizit Marias apostolische Konkurrenz zu Petrus thematisiert. Hier wie in anderen apokryph gewordenen Schriften wird der geisterfüllten Lieblingsjüngerin der eifersüchtige Vertreter des männlichen Primats gegenübergestellt, der ihre Leitungsposition, die Legitimität ihrer Verkündigung, ihr Rederecht sowie überhaupt ihre Zugehörigkeit zum JüngerInnenkreis bestreitet, wohingegen Maria von Magdala als Repräsentantin der Frauen in der Nachfolgegemeinschaft Jesu wie auch der Frauen in den Gemeinden die weiblichen Autoritätsansprüche verkörpert. Vielleicht fanden gerade viele ihrer AnhängerInnen im Gefolge einer allgemeinen Marginalisierung frauenzentrierter Traditionen sowie einer zunehmenden Zurückdrängung von Frauen aus Leitungsfunktionen (vgl. 1 Tim 2,11f.) eine neue Heimat in ‚gnostisch‘ kategorisierten frühchristlichen Gruppierungen, welche die ursprüngliche Bedeutung der Magdalenerin als Zeugin und Offenbarungsempfängerin des Auferstandenen rezipierten? Doch es bleibt die grundsätzliche hermeneutische Frage, inwieweit sich die Leerstellen im ntl. Porträt Marias von Magdala aus den späteren gnostisch-apokryphen Texten füllen lassen, um die historische Figur zurückzugewinnen.“

Da das Evangelium der Maria erst von ca. 160 n. Chr. stammt, während die kanonischen Texte deutlich älter sind, erscheint es mir als eher zweifelhaft, dass sich die historische Figur hier zurückgewinnen lässt. Übrigens ist Frau Taschl-Erbers Deutung dieses Textes doch etwas gewollt; im 2. Teil des Evangeliums der Maria (es lässt sich im Internet finden) sagt Petrus zu Maria zunächst ganz respektvoll: „Schwester, wir wissen, dass der Retter dich mehr liebte als alle anderen Frauen. Berichte uns von den Worten des Retters, die du erinnerst – die du kennst und wir nicht oder von denen wir noch nie gehört haben.“ Als sie dann eine lange, etwas seltsame Vision vom Aufstieg der Seele aus der materiellen Welt heraus erzählt hat (hier fehlen Teile des Textes), reagieren die Jünger folgendermaßen:

„Doch Andreas antwortete und sagte zu den Jüngern: ‚Sprecht, was sagt ihr darüber, was sie eben erzählt hat? Ich bin der letzte der glaubt, dass dies der Erlöser gesagt hat. Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung.‘

Petrus antwortete und sprach die gleichen Dinge betreffend. Er befragte sie nach dem Retter: ‚Sprach Er wirklich ohne unser Wissen mit einer Frau und das nicht öffentlich? Sollen wir uns ihr nun zuwenden und ihr künftig zuhören? Hat er sie uns vorgezogen?‘

Dann weinte Maria und sagte zu Petrus: ‚Mein Bruder Petrus, was denkst du denn? Denkst du, dass ich mir all dies in meinem Herzen ausgedacht habe oder dass ich über unseren Retter Lügen erzähle?‘

Levi (Matthäus) antwortete und sagte zu Petrus: ‚Petrus, du warst schon immer temperamentvoll. Nun sehe ich, wie du dich gegen diese Frau aufbäumst als wäre sie dein Gegner. Denn wenn der Retter sie als wertvoll erachtete, wieso möchtest du sie dann ablehnen? Der Retter kennt sie sicherlich sehr gut. Das ist der Grund, wieso er sie mehr liebte als uns. Wir sollten uns besser schämen und lieber dafür sorgen, den perfekten Menschen in uns und für uns zu leben, so wie Er es uns aufgetragen hat. Lasst uns das Evangelium predigen und nicht Gesetze aufstellen, die jenseits dessen stehen, die uns der Retter mitgeteilt hat.‘ Danach begonnen sie zu verkünden und zu predigen.“

Nach einem grundsätzlich Konflikt zwischen Männern und Frauen sieht das weniger aus; eher habe ich den Verdacht, dass sich hier die Situation der gnostischen Gemeinden des 2. Jahrhunderts spiegelt, deren neu aufgetauchte Geheimlehren andere christliche Gemeinden nicht als ursprüngliche Worte Jesu anerkennen wollten („Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung“). Die Gnostiker legen also in ihrem angeblichen Evangelium ihre Sichtweise Maria und Levi/Matthäus in den Mund, und die ihrer Gegner Andreas und Petrus. Maria kommt mir zudem nicht mal besonders sympathisch vor; anstatt zu erklären, wieso Jesus nur ihr solche wichtigen Dinge mitgeteilt haben soll, die den anderen Jüngern offenbar ganz fremd sind, reagiert sie passiv-aggressiv und heult. (Okay, ich heule auch schnell mal. Das kann schon passieren. Trotzdem.)

Es sind jedenfalls im Großen und Ganzen zwei Hauptprobleme, die sich bei Frau Taschl-Erber zeigen und die ihren Text so nervig machen:

Erstens, feministische Theologie dieser Art (es wird sicher auch anders geartete feministische Theologie geben, ich will hier mal nicht die feministische Theologie als Ganzes attackieren) geht mit einem bestimmten Anliegen, mit einer vorher beschlossenen Agenda an die Bibel heran. Man liest nicht den Text und überlegt dann, was er einem sagen will, sondern man liest ihn schon mit einer bestimmten Zielvorstellung. Natürlich kann man gar nicht anders, als Texte durch eine bestimmte Brille zu lesen; die Lektüre wird immer auc durch eigene subjektive Erfahrungen gefärbt sein. Aber man sollte sich zumindest bemühen, einen Text an sich erst einmal auf sich wirken zu lassen. Wenn man das nicht tut, schaut man am Ende, wie Andrea Taschl-Erber zuerst darauf, welche Texte einem besser gefallen, und nicht darauf, welche näher am Geschehen sind und damit eher die historische Realität wiedergeben.

Zweitens, hier wird die Bibel nicht als ein heiliger Text behandelt, sondern als etwas, das kritisiert und dekonstruiert werden muss, als ein Teil der großen bösen androzentrischen und patriarchalen Welt. Es ist eben eine, wie Frau Taschl-Erber sagt, „Hermeneutik des Verdachts“, eine grundsätzliche Voreingenommenheit gegenüber den menschlichen (männlichen) Autoren der Heiligen Schrift, unter deren verzerrten Darstellungen sich noch die feministische Wahrheit verbergen soll. Dabei wird ihnen z. T. Frauenfeindlichkeit unterstellt, wo sie einfach nicht da ist. Das soll christliche Theologie sein?

Die Titelfrage beantwortet die Autorin übrigens auf den letzten Seiten noch so nebenher, und auf sehr vorhersehbare Weise: Nach einem erweiterten Apostelbegriff, wie er in der Bibel teilweise verwendet wird, würde sie als „Apostolin“ zählen (und immerhin wurde sie in Antike und Mittelalter auch manchmal tatsächlich als „apostola“ bezeichnet), nach der lukanischen „Verengung“ des Begriffs auf die Zwölf jedoch nicht. Also, das wusste ich auch vorher schon.

 

* Veröffentlicht in: Mercedes Navarro Puerto u. Marinella Perroni [Hrsg.]: Evangelien. Erzählungen und Geschichte (Irmtraud Fischer u. a. [Hrsg.]: Die Bibel und die Frauen. Eine exegetisch-kulturgeschichtliche Enzyklopädie. Neues Testament, Bd. 2.1).

** Frau Taschl-Erber zitiert an einer Stelle einen Vorwurf antiker antichristlicher Polemik, den der christliche Theologe Origines (3. Jh.) in seiner Schrift „Contra Celsum“ zitiert: „Wer hat dies gesehen? Eine wahnsinnige Frau, wie ihr sagt…“

Wenn man Gender-begeisterte Theologen kritisieren will…

Ich habe es getan: Ich habe mir feinschwarz.net angesehen – angeregt durch einen Link auf Facebook zu einem Artikel über Jerusalem, das aus Sicht dieses „Theologischen Feuilletons“ selbstverständlich nicht Hauptstadt Israels sein darf, weil, Zionisten sind böse, und der Trump, der Trump, der hat immer Unrecht. Aber der Jerusalem-Artikel (http://www.feinschwarz.net/jerusalem-heiligkeit-jenseits-von-machtbehauptung/) enthält wenigstens noch ein paar Argumente, auf die man eingehen könnte (werde ich in den nächsten Tagen auch noch mal tun), was man von einem der anderen Artikel, die ich dort noch gelesen habe, nicht behaupten kann. Der trägt den Titel Gender-Forschung. Umkämpfte Normalität in der Katholischen Theologie (http://www.feinschwarz.net/gender-forschung-umkaempfte-normalitaet-in-der-katholischen-theologie/) und ist von vier Theologieprofessoren (genauer: zwei Professoren und zwei Professorinnen) aus Tübingen verfasst worden. Nach der Lektüre kann ich nur sagen: Bin ich froh, dass ich nicht in Tübingen studiere!

Tja, und jetzt will ich irgendetwas auf diesen Artikel entgegnen. Aber das ist, wenn ich ehrlich sein soll, gar nicht so leicht. Es gibt dort nicht viel, auf das man etwas entgegnen könnte.

Der Artikel beginnt mit der Feststellung, dass es Widerstand gegen Gender-Ideen gäbe und beschreibt, wo dieser sich findet – kath.net, Demo für alle, Amoris Laetitia, etc. Dann geht es um vier Normalitätsannahmen“ der Gesellschaft, die die Gender-Forschung ablehne: Dass erstens jeder Mensch genau ein unabänderliches Geschlecht habe, dass es zweitens genau zwei Geschlechter, nichts anderes und nichts dazwischen, gebe, dass das Geschlecht drittens unabänderlich von der Natur vorgegeben und eindeutig bestimmbar sei, und dass das Geschlecht viertens mit bestimmten Rollen, Tugenden und Orten in dieser Welt“ verbunden sei. Weiter heißt es:

Das Konzept ›gender‹ problematisiert diese Normalitätskonzepte. Geschlecht wird als soziale Konstruktion begriffen. Geschlecht ist ein bedeutungsvoller Sachverhalt – eine Zuweisung von Eigenschaften mit der gleichzeitigen Zuschreibung der Bedeutung dieser Eigenschaften, der Zuschreibung von »Sinn«. Das heißt nicht, dass es keine Biologie mehr gibt; aber der Wert, der den vielfältigen (auch biologischen) Ausformungen dessen, was wir „Geschlecht“ nennen, zugemessen wird, ist weder an Chromosomen oder an Hormonen noch an Körpern ablesbar. Er wird gemacht. Wir „erschaffen“ und verändern Geschlechter kontinuierlich durch Bedeutungszuschreibungen, sie sind ein sozialer und kommunikativer Tatbestand, eben ein soziales Konstrukt.

Erst einmal frage ich mich hier: Wieso keine einheitliche Gestaltung der Anführungszeichen? Wäre das zu normativ?

Und dann sage ich mir: Okay. Und wieso?

Der Text leidet an einem großen Problem: Die Autoren haben offenbar die Deutschstunde verpasst, in der einem erklärt worden ist, dass man in einem Aufsatz für jede Behauptung auch eine Begründung und am besten noch ein Beispiel zu bringen hat, bevor das Ganze zusammen dann ein Argument ergibt. Kann ja passieren. Manchmal hat man einen Termin beim Kieferorthopäden und der Banknachbar vergisst, einem das Heft zu leihen, damit man den Eintrag nachtragen kann. Aber bevor man Professor an der Uni wird, sollte man solche Defizite dann doch aufgeholt haben.

Ihr seid der Meinung, dass Geschlechter ein soziales Konstrukt sind? Okay, dann beweist mir das. Geht auf Argumente und Gegenargumente ein. (Die einzige Erwähnung eines Gegenarguments findet sich übrigens ein Stück weiter unten: „Es ist demgegenüber bedrückend zu sehen, wie in der allgemeinen Diskussion um Genderfragen ein einzelner Satz wie Gen 1,27 aus seinem literarischen, historischen und kulturellen Kontext gelöst und in biblizistischer Manier zur überzeitlichen Norm gemacht wird.“ Inwiefern ist die gängige Interpretation von Gen 1,27 denn falsch und „biblizistisch“? Und was soll dieser „Kontext“ sein?) Erklärt genauer, welchen Wert ihr der Biologie zugesteht, was für euch sozial konstruierte Geschlechterrollen sind, was für euch an diesen Rollen gut oder schlecht ist, und was genau ihr überhaupt unter „sozial konstruiert“ versteht (die Definition von Begriffen ist auch ein wichtiger Bestandteil von Argumenten). Redet über Mütterrollen und Väterrollen, über Heterosexualität und Homosexualität, über Geschlechtsumwandlungen und Hormonbehandlungen, über Berufe und Hobbies, über was auch immer, aber sagt irgendetwas Konkretes und begründet es. Was soll es z. B. heißen, dass es die Biologie schon noch gibt, das Geschlecht aber nicht an Chromosomen, Hormonen oder Körpern ablesbar ist?

Der Text ist typisch dafür, wie Debatten heutzutage geführt werden. Die Autoren bleiben im Vagen, tragen undefinierte Schlagworte vor sich her, lenken die Leser mit nichtssagenden vielsilbigen Worten wie „Analysekategorie“ und „Solidaritätsagentur“ ab, und greifen teilweise auch Positionen an, die niemand genau in dieser Weise vertritt; mir wäre z. B. niemand bekannt, der das gelegentliche Auftreten von Intersexualität (biologisch uneindeutigen Zwischenformen zwischen männlich und weiblich) leugnet, also „Normalitätsannahme“ Nummer 2 uneingeschränkt zustimmt. Und was mich angeht, ich als brave Katholikin bin z. B. auch nicht der Meinung, dass alle Mädchen in rosa Rüschenröcken herumzulaufen hätten.

(Hl. Jeanne d’Arc, Miniatur aus dem 15. Jahrhundert, Quelle: Wikimedia Commons)

Aber was genau greifen die Herren und Damen Professoren denn hier an? Die Ansicht, dass alle Mädchen in rosa Rüschenröcken herumzulaufen hätten, um ihrer gottgegebenen Weiblichkeit zu entsprechen – oder die Ansicht, dass die allermeisten Menschen eindeutig Mann oder Frau sind, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die sich durch geänderte soziale Konstruktionen nicht einfach wegkonstruieren lassen (anders gesagt: die sich nicht vollkommen aberziehen lassen), dass es Dinge gibt, die nur Männer (z. B. Kinder zeugen), und Dinge, die nur Frauen (z. B. Kinder austragen und gebären) tun können?

Der weitere Artikel gibt darüber keinen eindeutigen Aufschluss. Er geht erst einmal mit einer großzügigen Dosis Eigenlob weiter:

In der Gender-Forschung (»gender studies«) wird diesen und ähnlichen Fragen wissenschaftlich nachgegangen – und dies mit großem Erfolg. Die Gender-Konzeption gehört damit zu den gegenwärtig produktivsten Impulsen wissenschaftlicher Forschung – und dies über die unterschiedlichen Wissenschaftsfächer und ihre Disziplinen hinweg.

Auch in der Theologie, auch in der katholischen Theologie, wurde der Impuls des Gender-Konzeptes aufgenommen und Gender als ein Analyseinstrument in der theologischen Forschung etabliert.

Ich würde mal einfach behaupten, dass in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Forschung etwa die Genforschung (z. B. in Bezug auf genetisch veränderte Lebensmittel oder die Heilung genetisch bedingter Krankheiten), die Krebsforschung, die Forschung zu umweltfreundlicher Energieproduktion oder auch die zu autonomem Fahren produktivere und bedeutendere Impulse zu bieten haben (ob man die nun alle in der Praxis angewendet sehen will oder nicht). Ich würde sogar behaupten, dass die altorientalische Archäologie bedeutendere Impulse zu bieten hat. Aber gut, streiten wir uns mal nicht darüber, wer an den Unis am wichtigsten ist.

Ich will gar nicht behaupten, dass die Gender-Forschung nicht manchmal interessante Fragen stellt. Das tut sie gelegentlich schon. Nur wie genau geht sie ihnen wissenschaftlich nach?

Abschließend geht es um die angeblichen Erfolge der Gender-Forschung in der katholischen Theologie:

Dort, wo in der Moraltheologie die Natur der Geschlechter als ein traditioneller Rechtfertigungsgrund ausgehebelt wird, werden nicht nur vernünftigere Rechtfertigungen angestoßen, sondern auch bislang unsichtbare Fragen von Menschen, die ihre Sexualität leben und um ihre Identität ringen, sichtbar und stereotype Antworten darauf unplausibel gemacht.

[…]

„Gender“ ist nicht nur eine Analysekategorie, sondern auch eine Verunsicherungskategorie. Mit dem Gender-Konzept wird einer der dominanten Rechtfertigungsgründe für die Verteilung von Macht und Ämtern, für die Ordnung von Beziehungen sowie für die Steuerung von Körper- und Sexualitätsschemata, nämlich die Natur der Geschlechter, in Zweifel gezogen. Die Folgen dieses Zweifels sind tiefgreifend: Kein Argument dieser Welt kann die einfach vorgegebene Natur der Geschlechter in ihrer ursprünglichen Fraglosigkeit wieder zurückbringen.

Aha, jetzt kommen wir so ein bisschen zum Punkt.

Das Problem hier ist natürlich: Die Autoren gehen unhinterfragt davon aus, dass ihre Argumente ganz offensichtlich allen einsichtig sind und traditionelle Rechtfertigungsgründe wirklich ausgehebelt haben. Dabei warte ich immer noch auf irgendein echtes Argument. Vielleicht gelingt es ja wirklich, Menschen zu verunsichern, indem man einfach „Geschlecht ist bloß ein soziales Konstrukt!“ in den Raum ruft, ebenso wie man sie neuerdings anscheinend damit verunsichern kann, „Die Erde ist flach!“ zu rufen. Aber die Debatte hat man damit nicht gewonnen. Und wenn alles mit rechten Dingen zugeht, werden die meisten Menschen die Augen verdrehen, mit den Schultern zucken und den Rufer nicht weiter beachten – außer vielleicht, er zieht ihnen bei der Hausarbeit Punkte ab, wenn sie vergessen, „Christ*innen“ und „Studierende“ statt „Christen“ und „Studenten“ zu schreiben.

Zugegeben, dieser Text hier hat eher den Charakter eines Manifests als den einer „Einführung in die Gender-Forschung“. Aber es wird aus diesem Manifest nicht einmal ganz eindeutig, was die genderbegeisterten Theologen nun eigentlich wollen. Sie wollen verunsichern, verunklaren und hinterfragen. Okay. Aber wozu? Was wollen sie erreichen? Um ergebnisoffene wissenschaftliche Forschung scheint es ihnen ja nicht so sehr zu gehen.

Die letzten zitierten Absätze sagen es, wenn auch nicht gerade klar und deutlich: Sie wollen irgendwelche Machtstrukturen verändern, die sie in der Welt, und vor allem der Kirche, wahrnehmen. Sie sehen im Verhältnis der Geschlechter zueinander zwangsläufig Machtstrukturen am Werk, die ausgehebelt werden müssen. Die traditionelle Moraltheologie muss untergraben werden, weil sie auch nur Machtstrukturen rechtfertigt. Diese Theologen sehen sich als die mutigen Revolutionäre, die den Tyrannen von seinem Thron stürzen. Nur tendieren Revolutionäre dann leider oft dazu, ihre eigene Tyrannei zu erschaffen.

(Und natürlich ist die alte Moraltheologie keine Tyrannei.)

Man würde sich wünschen, dass die Leute einfach sagen könnten: „Wir sind davon überzeugt, dass es Geschlechter nicht wirklich gibt, weil […], und wir wollen deshalb erreichen, dass die Personen, die man nach den alten Kategorien dem Geschlecht der ‚Frauen‘ zugeordnet hat, die Priesterweihe empfangen und mit einer lesbischen Partnerin im Pfarrhaus leben dürfen“. Oder so was. Aber anscheinend ist das zu viel verlangt.

Über blinde Flecke und säkulare Dogmen

Gelegentlich hat man auch von seinen katholischen Glaubensgenossen mal genug. Nicht von allen vielleicht; aber wenn man in seinen Facebookgruppen irgendwann zu viele Aufrufe, zur Rettung des Abendlandes täglich den Rosenkranz zu beten, und kitschige Heiligenbilder, unter denen jeweils drei bis fünf Leute mit „Amen!!!“ und ❤ ❤ ❤ kommentiert haben,  kriegt, nervt es schließlich. Dazu kommen dann immer wieder reflexhaft-antifeministische Wortmeldungen, das ewig gleiche Gemecker über EKD, DBK und das deutsche Kirchensteuersystem (was haben da alle dagegen?? Also gegen Letzteres), mir persönlich etwas zu große ökumenische Nähe zu gewissen Freikirchen, die grausige Worship-Songs singen, pausenlos davon reden, sich in Jesus zu verlieben und manchmal dazu neigen, Katholiken nicht für Christen zu halten, oder auch diese unerträgliche Franziskus-Fanbegeisterung, die aus mir unbekannten Gründen immer noch anhält. Kurz gesagt: Manchmal fühlt man sich aus den verschiedensten Gründen, als bräuchte man ein bisschen Abstand.

Die eigenen Leute nerven manchmal; aber dann, so habe ich gemerkt, muss man nur lange genug beim ideologischen Gegner herumhängen, um zu merken, wieso man trotz pseudo-inspirierender Sprüche, trotz Glaubensgeschwistern, die die falsche Partei wählen, oder trotz in neongrün leuchtender Herz-Jesu-Bilder katholisch ist.

Ich habe in letzter Zeit öfter amerikanische Blogs gelesen, die das evangelikale / konservative / fundamentalistische Christentum von einem atheistischen oder liberal-christlichen Standpunkt aus kritisieren und die allgemein feministische und „linke“ (für amerikanische Verhältnisse) Meinungen vertreten. (Weder „links“ noch „feministisch“ widersprechen natürlich an sich schon dem katholischen Glauben – es kommt darauf an, wie man beides definiert.) Und da liest man oft Interessantes; auch mal Interessantes über Fehlentwicklungen in bestimmten Gemeinden / Kirchen, die wir in unserer am besten vermeiden sollten. Der beliebte Blog „Love, Joy, Feminism“ (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/ ) wäre ein gutes Beispiel: Bloggerin Libby Anne ist in einer evangelikalen Familie mit einem Dutzend Kindern aufgewachsen, in der man an das Patriarchat glaubte und in der die Kinder zuhause unterrichtet und körperlich gezüchtigt wurden, wenn sie nicht sofort und ohne Widerspruch gehorchten. Inzwischen ist sie Atheistin (dem Christentum gegenüber aber nicht grundsätzlich feindselig eingestellt) und erzieht ihre eigenen Kinder auf andere Weise. Sie schreibt sowohl über ihre eigenen Erfahrungen als auch über allgemeine Entwicklungen im amerikanischen Christentum und der amerikanischen Politik; am interessantesten finde ich persönlich ihre detaillierten Besprechungen von Büchern wie „Created to be his helpmeet“ von Debi Pearl (wage es nicht, deinem Mann nicht zu gehorchen, solange er von dir nicht gerade verlangt, ihm bei einem Bankraub zu helfen), „To train up a child“ von Michael Pearl (gute Christen müssen fünf Monate alte Babys mit Gummischläuchen schlagen, um ihnen Gehorsam beizubringen), oder „A voice in the wind“ von Francine Rivers (ein historischer Liebesroman, der im alten Rom spielt, mehr oder weniger „Twilight“ für christliche Teenager). Andere Beispiele wären Samantha Fields Blog (http://samanthapfield.com/ ) – Field ist eine sehr liberale Christin, die ebenfalls aus konservativeren Kreisen kommt – oder das Gemeinschafts-Blogprojekt „No longer quivering“ (http://www.patheos.com/blogs/nolongerquivering/ ), das vor allem das randständige, extrem konservative Quiverfull Movement kritisiert.

Wie gesagt: Ich habe auf solchen Blogs manche interessante Sachen gelesen. Besonders zum Thema „geistlicher Missbrauch“, also dem Missbrauch von religiöser Autorität, um Anhängern zum Beispiel Angst davor zu machen, einem Pastor oder einem Familienmitglied nicht zu gehorchen, um sie dazu zu bringen, Probleme in der Gemeinde unter den Teppich zu kehren, o. Ä., wird hier immer wieder Interessantes geschrieben (es gibt übrigens auf der interreligiösen Plattform Patheos auch einige katholische Blogger, die das Thema öfter mal ansprechen, vor allem Mary Pezzulo: http://www.patheos.com/blogs/steelmagnificat/ ). Oder auch die Auswüchse dessen, was in den USA als „purity culture“ bezeichnet wird – wozu gehören kann, Mädchen, die vor der Ehe Sex gehabt haben, mit angebissenen Schokoriegeln zu vergleichen, oder nicht nur sexuelle „Reinheit“ (wozu für manche Christen kein Körperkontakt vor der Hochzeit gehört… kein Kommentar), sondern auch emotionale Reinheit zu verlangen, weshalb man bitteschön darauf aufpassen soll, mit jemandem, mit dem man noch nicht verheiratet ist, eine zu tiefe emotionale Verbindung aufzubauen, schließlich wäre es schrecklich, wenn man einen Teil seines Herzens an jemanden weggegeben hätte, den man am Ende nicht heiratet. Während das noch irgendwie lachhaft wirkt, ist es schlimm, zu lesen, wie zum Beispiel die Beratungsstelle ihrer christlichen Universität reagierte, als Samantha Field versuchte, darüber zu sprechen, dass ihr Ex-Verlobter sie vergewaltigt hatte (https://www.xojane.com/issues/samantha-field-pensacola-christian-college-rape-stalking ) – welchen Anteil sie denn an der Sünde gehabt hätte? Und außerdem sollte sie ihrem Ex vergeben, sonst würde sie „bitter“ werden und ihre Beziehung zu Gott schädigen. Ähm… ja.

Ich habe auch Interessantes über feministische Theorien im Allgemeinen oder politische Debatten in den USA um Waffengesetze, Naturschutz oder Krankenversicherung erfahren. Konservative, die Republikanische Partei wählende Christen tendieren dort ja oft dazu, alle staatlichen Vorschriften und Einschränkungen für Tyrannei zu halten, während Liberale für mehr Regulierung und Sozialstaat sind. Und hier ist die liberale Position aus unserer europäischen Sicht ja oft die einzig vernünftige – wie kann man nur dagegen sein, eine allgemeine Krankenversicherung oder bezahlten Mutterschaftsurlaub einzuführen oder zu kontrollieren, ob jemand ein Krimineller ist, bevor man dem eine Waffe verkauft? Dann gibt es zum Beispiel auch Artikel, die kreationistische Behauptungen widerlegen; auch spannend. Der Kreationismus ist ja eine dieser theologischen Ideen, die ich besonders hasse, weil sie unseren Glauben bescheuert aussehen lassen und im Grunde genommen Fideismus propagieren.

Aber dann dauert es auch wieder nicht lange, bis man sich fragt: Wie kann das sein? Eben noch redet ihr von Respekt vor allen Menschen und Mitgefühl mit den an den Rand Gedrängten und jetzt… das?

Geschenkt, dass einige als „non-religious“ deklarierte Blogs sich hauptsächlich damit beschäftigen, Dinge aus der christlichen Welt herauszusuchen, über die sie sich aufregen können, statt eine eigene Botschaft zu verkünden, und sich dabei auch nicht immer Mühe geben, zu verstehen, was dieser und jener Christ eigentlich gemeint hat. Geschenkt, dass das wohlige Gefühl, besser zu sein als diese heuchlerischen, legalistischen Fundamentalisten, sich in den Kommentarspalten gelegentlich deutlich zeigt. Geschenkt, dass manchmal so getan wird, als wären alle, die anderer Meinung sind, entweder böse oder Idioten. Das alles ist alles andere als ideal (es kann leicht in die Wurzelsünde Hochmut übergehen), aber Zorn über das Böse ist ja an sich nicht von Grund auf schlecht. Auch geschenkt, dass Mrs. Field zum Beispiel sehr kreativ in ihrer Bibelinterpretation werden kann (Orpah, die unwichtige, nicht wirklich schlechte, vor allem aber an ihre eigenen Interessen denkende Nebenfigur aus dem Buch Ruth soll eine Heldin sein? Bitte? (http://samanthapfield.com/2017/09/25/finding-new-meaning-in-familiar-characters/ )).

Seltsamer wird es zum Beispiel, wenn Leute sich nicht sicher zu sein scheinen, was sie als Feministinnen von (freiwilliger) Prostitution, (freiwilliger) Produktion von Pornographie, dem Konsum von Pornographie, Sadomasochismus oder offenen Beziehungen halten sollen. Das Prinzip der „consenting adults“ wird in der liberalen Sexualethik ständig betont; ein Lehrer, der sich an eine Fünfzehnjährige heranmacht, oder ein Mann, der seiner Freundin Druck macht, Sexpraktiken auszuprobieren, die sie nicht ausprobieren möchte – solche Leute sind klar die Bösen. Aber wenn eine Frau sich ganz frei und emanzipiert für „Sexarbeit“ entscheiden möchte, kann das dann falsch sein? Facepalm. (Genau diese Einstellung hat Deutschland durch die Legalisierung der Prostitution übrigens zum Paradies für Menschenhändler gemacht, just saying. Ich sage ja nicht, dass es nie freiwillige Prostitution gibt, aber seien wir mal realistisch.) Dass es Dinge gibt, die in sich erniedrigend sind, die man einfach nicht mit sich machen lassen sollte, diese Vorstellung erscheint gar nicht auf dem Radar. Dass „consent“ eine unabdingbare Mindestvoraussetzung, aber kein allein ausreichendes Kriterium ist: Das kommt diesen Leuten nicht in den Sinn. Ein meiner Meinung nach ziemlich ironisches Beispiel bietet Libby Anne von „Love, Joy, Feminism“ hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2013/10/ctbhhm-dont-talk-to-me-about-pain.html ), wo sie die Vorstellung einer Debi Pearl (einer Vertreterin des Christian Patriarchy Movement), dass Frauen ihren Ehemännern grundsätzlich und immer, wenn die es wollten, Sex zu liefern hätten, kritisiert – und dann sagt, dass, wenn zwei Partner unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse hätten, sie zuallererst miteinander kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen sollten, dass aber, wenn das nicht helfe „einige Optionen eine offene Ehe oder sogar Scheidung einschließen“. Aha. Heißt das jetzt, etwas auf die Spitze getrieben, dein Mann darf dich zwar nicht vergewaltigen, aber dafür betrügen oder verlassen?

Aber das schlimmste Beispiel ist natürlich eins, das nicht in den Bereich des sechsten, sondern des fünften Gebotes fällt: Abtreibung. Ich kann nicht verstehen – und habe nie verstanden, auch nicht, als ich noch nicht besonders religiös war – wie man der Meinung sein kann, eine Abtreibung könnte in Ordnung oder sogar etwas Gutes sein. [Note: Ich will mit alldem, was ich jetzt sagen werde, nicht leugnen oder ignorieren, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine Belastung, in manchen Fällen eine sehr schwere Belastung, sein kann. Auch ein geborenes Kind kann eine schwere, für manche Menschen eine sehr schwere Belastung sein – und es ist nicht recht, es zu töten. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen, die Abtreibungen hinter sich haben, manchmal sicher dachten, sie tun für alle das Beste. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen es sich für gewöhnlich nicht leicht machen, wenn sie sich für eine Abtreibung entscheiden. Das alles ist wahr. Und natürlich kann es immer Heilung und Vergebung geben. Aber das macht die Sache an sich nicht besser. Für Frauen in schwierigen Situationen gibt es andere, bessere Hilfe als Abtreibungen – zum Beispiel hier: https://www.profemina.org/ ]

Abtreibung: Man reißt einen kleinen Menschen mit Metallinstrumenten oder Saugluft auseinander oder gibt ihm eine Giftspritze ins Herz; wie kann das, egal aus welchem Grund, etwas Gutes oder auch nur ein notwendiges Übel sein, das man um des größeren Wohls – oder des Wohls größerer Menschen – willen in Kauf nehmen müsste? Wir wissen, dass es ein kleiner Mensch ist; wir wissen, dass ein Embryo nach der Befruchtung sich nur noch weiterentwickeln muss, ebenso, wie er sich nach der Geburt noch weiterentwickeln muss; wenn ein Embryo in der zehnten Woche weniger wert ist als ein Neugeborenes, muss logischerweise auch ein Neugeborenes weniger wert sein als ein Dreijähriger und ein Dreijähriger weniger als ein Achtzehnjähriger. Wir treiben manche Menschen (vor allem behinderte Menschen) inzwischen im selben Lebensstadium ab, in dem wir andere Menschen in Brutkästen am Leben erhalten. Das sind biologische Tatsachen. Noch sind natürlich wenige Abtreibungsbefürworter so konsequent, diese Tatsachen anzuerkennen, aber das werden sie wahrscheinlich noch irgendwann tun (Peter Singer zum Beispiel ist einer, der es bereits tut); wir sind mit der allmählichen Legalisierung der Euthanasie auf dem besten Weg dazu, die letzten Reste des Lebensrechts auch noch für geborene Menschen auszuhöhlen. Man kann Abtreibung natürlich auch mit dem Argument verteidigen, dass das Baby sich nicht einfach im Körper der Mutter einnisten dürfte, wenn sie das nicht wollte, weil es schließlich ihrer sei – wobei sie ja in den allermeisten Fällen nicht ganz unschuldig daran ist, dass es da gelandet ist; wer Sex hat muss immer mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft rechnen – ; damit würde man natürlich ganz elegant auch ein Argument dafür liefern, dass einer von zwei siamesischen Zwillingen den anderen umbringen darf. Wer hat das Recht, Platz in meinem Körper für sich zu beanspruchen? Wenn einer das wagt, bringe ich ihn um. Genau dieses Argument bringt beispielsweise Libby Anne hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2012/12/the-anti-abortion-movement-erasing-women-edition.html ): Die Lebensrechtsbewegung lösche in ihrer Propaganda die Frauen und deren Rechte aus und spreche nur über die Rechte von Zygoten, Embryonen, Föten. Nicht völlig falsch, würde ich sagen, denn darum geht es: die Zygoten, Embryonen, Föten sind die, die getötet werden sollen; sollte man also nicht über sie sprechen? Libby Anne ihrerseits erwähnt in ihrem Artikel kein einziges Mal die Rechte der Zygoten, Embryonen, Föten als irgendwie relevanten Faktor. (Sie erwähnt allerdings, dass die Lebensrechtsbewegung die Frauen doch nicht ganz ignoriere – aber wenn die Frauen von Lebensrechtlern als „hilflose ausgebeutete Opfer“ dargestellt würden, ist ihr das offensichtlich auch nicht recht. Es geht ja nicht an, dass eine Frau, die verzweifelt genug ist, ihr Kind töten zu lassen, (auch) ein Opfer sein könnte.)

Die meisten Argumente für ein Recht auf Abtreibung, die man heutzutage liest, versuchen natürlich, neben dem Fokus auf „körperlicher Selbstbestimmung“, auch, irgendwie eine Minderwertigkeit des ungeborenen Kindes zu konstruieren, weil es für die meisten Leute einfach nicht machbar wäre, klar zu sagen „Ja, eine Mutter darf ihr Kind töten lassen, solange es noch in ihrem Bauch ist, wenn sie das will“, wenn sie das Kind als gleichwertige Person anerkennen müssten. Es ist das klassische „Nicht alle Wesen, die biologisch Menschen sind, sind Personen„-Argument: Menschen im frühesten Lebensstadium – in dem sie übrigens nicht abgetrieben werden, da die Schwangerschaft in diesem Stadium noch nicht erkannt ist – sehen wie kleine Klümpchen aus und man kann sie zum Teil erst unter dem Mikroskop erkennen, und deshalb scheinen manche Leute geneigt zu sein, sie als „Nicht-Personen“ abzustempeln; aber ob ein Mensch ein Mensch ist, hängt nicht davon ab, ob er so aussieht, wie ich mir einen Menschen vorstelle (und auch nicht davon, ob er sich jemals so weit entwickeln wird, dass er so aussehen wird). Es gab Zeiten (frühe Neuzeit – 20. Jahrhundert), da stellten manche Leute sich vor, dass ein vollwertiger Mensch, eine menschliche Person, eine weiße Hautfarbe zu haben hatte. Wie muss eine „Person“ aussehen? Was sind denn „Personen“? Sind Neugeborene, Demente, geistig Behinderte „Personen“? Bei dem Nicht-Personen-Argument wird zwangsläufig auch oft mit Verdrehungen gearbeitet und vom Thema abgelenkt. Man nehme zum Beispiel das altbekannte Gedankenspiel: „Wenn du aus einem brennenden Gebäude eine Petrischale mit mehreren Zygoten oder ein neugeborenes Baby retten könntest, würdest du doch sicher das neugeborene Baby nehmen, oder???? Also sind Zygoten keine lebenswerten Personen.“ Ähm, hm, weiß nicht, wen ich retten würde. Bin ich als Elternteil o. Ä. für das Baby oder die Zygoten verantwortlich? Würde das Baby unter Schmerzen sterben? Wie viele Zygoten sind es? Würden die Zygoten später einer Frau eingesetzt oder wahrscheinlich sowieso für die medizinische Forschung getötet werden? Hätte ich in so einer Situation überhaupt die Ruhe, vernünftig zu durchdenken, wen ich rette? Aber, am wichtigsten: In einer Situation, in der es darum geht, die eine oder die andere(n) Person(en) vor dem Tod zu retten, gibt es nur zwei richtige Möglichkeiten; in einer Situation, in der es dagegen darum ginge, die eine oder die andere(n) Person(en) aktiv zu töten [Notwehr und Nothilfe ausgenommen] gäbe es nur zwei falsche Möglichkeiten. Wenn ich ein neugeborenes Kind und eine alte Frau mit derselben potenziell tödlichen Krankheit vor mir habe, aber nur Medizin genug für einen von ihnen, wen rette ich dann? Egal, wie ich antworte: Die Antwort impliziert nicht, dass dann logischerweise auch Infantizid oder Euthanasie an Alten gerechtfertigt wäre, weil ich entweder das Kind oder die alte Frau sterben lassen würde. So kann man eine Debatte verunklaren und vom eigentlichen Thema – gibt es ein unveräußerliches Lebensrecht für alle Menschen oder nicht? – ablenken.

Ein anderer blinder Fleck bei solchen Leuten ist beispielsweise auch der Islam. Man ist anti-rassistisch und diese Religion wird irgendwie mit Ausländern in Verbindung gebracht, die eine dunklere Hautfarbe haben und aus eher ärmeren Ländern stammen (obwohl – Saudi-Arabien?). Außerdem ist man gegen die Konservativen, die sich vor dem Islam ängstigen, und der Feind meines Feindes ist mein Freund: Also muss der Islam zumindest an sich harmlos sein, oder jedenfalls „auch nicht schlimmer“ als das Christentum. Muslime sind die Unterdrückten und wir stehen auf der Seite der Unterdrückten. Die lange Geschichte islamischer Reiche als mächtige, versklavende, kolonialisierende Imperien (genau das, was man eigentlich so ausdrücklich verabscheut), die Sklavenjagden im Sudan, die Harems, die Judenpogrome (oder der heutige islamische Antisemitismus), das alles ist wieder nicht auf dem Schirm.

Ähnliches gilt für den Kommunismus. Man leugnet Stalins Verbrechen nicht unbedingt, aber irgendwie… sympathisiert man ein bisschen mit dieser Bewegung, unterschwellig zumindest. Feind-meines-Feindes. Waren die Kommunisten nicht wenigstens auf der Seite der Armen? Ja, genauso, wie der IS auf der Seite Gottes ist.

Und so häufen sich die Ungereimtheiten und die Widersprüche und man fragt sich: Wo habt ihr eigentlich eure Weltanschauung her? Auf welchen Prinzipien beruht sie? Wie begründet ihr die?

Ich habe den Verdacht, dass liberale Christen und Atheisten / Agnostiker / säkulare Menschen nicht deshalb für ein Recht auf Abtreibung – oder für legale Prostitution, oder für eine Akzeptanz von Polyamorie – sind, weil sie sich selbst davon überzeugt haben; sondern weil sie ein Glaubenssystem (vielleicht zu Recht? Je nachdem, welcher Kirche oder Religion sie angehört haben) abgelehnt und dafür ein anderes angenommen haben – mit all seinen unerklärlichen Dogmen. Und da diese Dogmen ganz relativistisch nicht durch Traditionen oder heilige Schriften begründet, sondern durch die gegenwärtige öffentliche Meinung bestimmt sind, können sie sich leider auch jederzeit ändern und machen nicht unbedingt in sich Sinn. Die „Person“-Definition der säkularen öffentlichen Meinung zum Beispiel ist nicht durchdacht; entweder sind alle Mitglieder der biologischen Spezies Mensch Personen, oder wir haben außer Ungeborenen noch weitere Ausnahmen. Trotzdem reagiert man empört auf jeden, der das eine oder das andere behauptet.

Die liberalen Christen und Atheisten aus meinen Beispielen sind nicht böswillig; sie sind sogar idealistisch. Sie sind auch nicht dumm. Aber sie haben so offensichtliche blinde Flecke, deren Existenz ich einfach nicht begreife. Es gibt ein paar Punkte unter meinen Überzeugungen, bei denen ich es verstehen könnte, wenn ein nichtgläubiger Mensch sie nicht einfach so nachvollziehen könnte – ein absolut geltendes Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung, zum Beispiel. Aber wie kann ein normaler Mensch bei Dingen wie Pornographie, Ehebruch, Abtreibung nicht instinktiv mit Abscheu reagieren? Hier werden doch natürliche Reaktionen durch die Richtinstanz über das Dogma – die öffentliche Meinung oder die Meinung der vorrangigen Intellektuellen der eigenen Seite – abgewürgt. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Also gebt mir ruhig die zeternden Rosenkranzbeter, die von Fatima und dem Erzengel Michael reden, oder die Charismatiker mit ihren in die Luft gestreckten Händen und ihren Gitarren, oder die Tradis, die über weibliche Ministranten die Nase rümpfen. Lasst uns über die EKD meckern, so viel wir wollen! Das hat im Grunde schon seine Berechtigung. Ich nehme gerne die Unvollkommenheiten in der Umsetzung des katholischen Glaubens bei den Menschen, die wie ich katholisch sind, in Kauf, wenn ich dafür nur den katholischen Glauben habe.

Der katholische Glaube macht Sinn. Er ist ein logisches System, in dem sich alles zusammenfügt. Ich weiß, was ich denke, und ich weiß, wie es sich begründet. Ich weiß, wieso ich alle Menschen für wertvolle Personen halte – weil sie alle von Gott geliebt und mit einer unsterblichen Seele ausgestattet sind. Das ist mein Dogma, für das ich wiederum Gründe habe. Atheisten wissen letztlich nicht, wieso sie an eine Menschenwürde für alle (oder fast alle) Menschen glauben, wenn sie es tun; es handelt sich um einen Glauben, der auf Sand gebaut ist.

Zwangsprostitution und Teilzeitarbeitsquote

Auf katholisch.de ist heute ein Artikel von Andrea Hoffmeier zum Thema Benachteiligung von Frauen erschienen: http://www.katholisch.de/aktuelles/standpunkt/lippenbekenntnis-zur-geschlechtergerechtigkeit Ich habe ihn mal mangels besserer Beschäftigung angeklickt und war bei den ersten paar Sätzen zuerst genervt: „In der Regel merke ich es nicht. Doch dann wird es mir wieder mit voller Wucht vor Augen geführt, sei es in einer Konferenz nur unter Männern oder wie diese Woche durch Zeitungsmeldungen: Von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sind wir noch weit entfernt. Das gilt auch für Deutschland und die ‚fortschrittlichen‘ westlichen Staaten.“ Wo haben wir hier in Deutschland bitte noch fehlende Gleichberechtigung?, habe ich mich gefragt. Was soll das? Ich bin halt in einer Zeit aufgewachsen, in der in Schule und Uni die Gleichberechtigung für mich Normalität war/ist, etwas, das ich als selbstverständlich erwarte, und auch Aktionen wie der Girl’s Day längst etabliert waren. Weiß nicht, wie das für die Autorin des Artikels in ihrer Kindheit, Jugend und ihrer Zeit als junge Erwachsene war. Sie wirkt auf ihrem Foto ein paar Jahrzehnte älter als ich; vielleicht ist ihr deshalb das Thema wichtiger als mir.

Aber dann habe ich weitergelesen und sie macht mit dem Thema Zwangsprostitution weiter: „Deutschland ist eines der Hauptabnahmeländer für Zwangsprostituierte in Europa.“ Und ich denke mir: Oh ja, da hat sie Recht! Wir denken, wir wären so fortschrittlich, aber da, wo wir nicht hinschauen (wollen), geschieht immer noch schlimmes Unrecht, Menschenhandel, Ausbeutung. Es geht dann im Artikel weiter mit dem Weinstein-Skandal und Belästigung am Arbeitsplatz, und ja, es ist ja auch wichtig, sicherzustellen, dass Chefs mit sexueller Belästigung nicht einfach davonkommen, da gibt es wohl an manchen Stellen auch bei uns noch was zu tun. Zustimmung hier, auch wenn das kein so schlimmes Problem ist wie Zwangsprostitution.

Und dann… leitet sie zu den „weniger extreme[n] Themen“ über wie zum Beispiel „hohe Teilzeitarbeitsquote und daraus folgende Altersarmut“; und ich denke mir: What the fuck.

Nicht deshalb, weil ich eine hohe Teilzeitarbeitsquote für ein Luxusproblem halten würde, so à la „Was beschwert ihr euch, schaut mal, wie es Frauen in Afghanistan und Saudi-Arabien geht“. Nein, ich halte eine hohe Teilzeitarbeitsquote für überhaupt kein Problem. Viele Frauen wollen in Teilzeit arbeiten – meine Mutter zum Beispiel auch. Ich kenne einen Personalchef einer Behörde, der einige Schwierigkeiten damit hat, ausreichend Teilzeitarbeitsplätze für die vielen weiblichen Angestellten zu schaffen, die nach ein paar Jahren beim Kind zu Hause wieder in den Job zurückkehren möchten, aber eben erst mal nur mit 20 oder auch bloß 15 Wochenarbeitsstunden. Und ja, das ist oft ein Luxus; meine Mutter zum Beispiel kann sich Teilzeitarbeit (und davor ein langes Hausfrauendasein) leisten, weil mein Vater gut verdient und eine gute Rente bekommen wird. Aber wenn aus Teilzeitarbeit in anderen Fällen oft Altersarmut resultiert, dann ist das ein Problem mit dem deutschen Rentensystem, und nicht mit der Teilzeitarbeit. Frauen wollen Teilzeitarbeit, weil sie z. B. (kleine) Kinder haben, viel Arbeit mit dem Haushalt (vor allem, wenn mehrere Kinder da sind – eine große Familie macht auch dann noch viel Arbeit, wenn die Kinder in der Schule sind) oder pflegebedürftige ältere Angehörige. Frau Hoffmeiers Antwort wäre, Kinder und Alte auszulagern und bei der Hausarbeit mit den Achseln zu zucken, ohne die Frauen zu fragen, ob sie das wollen. Ich halte Teilzeit für eine gute Lösung gerade für Frauen mit Kindern im Schulalter; während die Kinder aus dem Haus sind, verdient man etwas dazu, und trotzdem wächst einem der Haushalt nicht über den Kopf und man kann noch etwas Zeit mit den Kindern verbringen und sie am Nachmittag zum Fußballtraining, zum Pfadfindertreffen, zur besten Freundin oder zur Flötenstunde fahren. Es wäre etwas Gutes für Frauen, wenn es mehr Teilzeitarbeitsplätze gäbe und dafür Erziehungs- oder Pflegearbeit in der Familie stärker für die Rente angerechnet würden.

Es gäbe auch so viele andere Probleme, die man in einem solchen Artikel noch hätte ansprechen können – auch Probleme, die mit anderen Kulturen nach Deutschland gekommen sind. Wenn Mädchen in den Sommerferien in die Türkei geflogen und mit ihrem Cousin zwangsverheiratet werden, ist das ein Problem, gegen das man etwas tun müsste. Es gibt auch eine wachsende Anzahl von Genitalverstümmelungen hierzulande. Aber natürlich haben wir auch unsere hausgemachten Probleme: Immer weniger Leute sehen es zum Beispiel als irgendwie anrüchig oder problematisch, wenn kinderlose Paare eine thailändische Leihmutter anheuern – ohne sich zu fragen, ob das nicht vielleicht irgendwie Ausbeutung sein könnte. Man könnte hier noch etliche wirkliche Probleme ansprechen.

Aber wenn man zwei Sätze über Zwangsprostitution schreibt und sich dann ausführlich darüber auslässt, dass Frauen immer noch zu wenig arbeiten und zu wenige Führungspositionen besetzen, was „aus einer nach wie vor tiefsitzenden diskriminierenden Haltung und dem Erhalt männlicher Machtstrukturen“ resultiere, dann ist das einfach, sagen wir mal kontraproduktiv. Wie viele Leute lesen diesen Artikel und denken sich „tiefsitzende Haltung… männliche Machstrukturen… bla… bla… interessiert mich nicht“, und denken dann auch nicht mehr an Zwangsprostitution?

Und wieso sind mir diese Machtstrukturen eigentlich noch nie aufgefallen? Let’s face it: An den deutschen Unis zum Beispiel sind die Bedingungen für Frauen wunderbar, und viele Personalabteilungen stellen Frauen „bei gleicher Eignung bevorzugt“ ein. (Zum Beispiel auch die der oben erwähnten Behörde, wo man sich auch um Teilzeitarbeitsplätze bemüht.) Wo sind hier die Machtstrukturen? Die meisten Frauen leben hierzulande völlig gleichberechtigt; wir haben Bildung, politische Teilhaberechte, freie Berufswahl, in der Öffentlichkeit werden Frauen gehört… was genau ist hier das Problem?

Wenn man Zwangsprostitution schlimm findet, sollte man über Zwangsprostitution schreiben und dann was gegen Zwangsprostitution tun; man könnte zum Beispiel Solwodi (https://www.solwodi.de/791.0.html ) unterstützen. Man sollte nicht anfangen, stattdessen von allgegenwärtigen Machtstrukturen zu reden, die sich in einem bloß 30-prozentigen Frauenanteil im Bundestag und einer hohen Teilzeitarbeitsquote ausdrücken. Das hilft keinem Opfer von Menschenhandel in irgendeinem deutschen Bordell.