Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 4: Batseba

(Die bisherigen Teile hier: Teil 1, Teil 2a, Teil 2b, Teil 3.)

Mir ist aufgefallen, dass ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit meiner Rezension zu dem Sammelband „Saat des Segens“ der evangelikalen Romanautorin Francine Rivers über biblische Frauengestalten aus dem Stammbaum Jesu weitergemacht habe; jetzt also endlich zum vorletzten Roman, dem um Batseba, die Frau des Urija, König Davids Geliebte und schließliche Ehefrau, Mutter Salomos und über ihn Urahnin Jesu. (Beim nächsten Mal zum eigentlich „interessantesten“ Roman, dem um Maria.)

Dieser Roman beginnt, als Batseba noch ein Kind ist und zusammen mit ihrer Familie im Lager des von König Saul verfolgten David und seiner kleinen Anhängerschar lebt, und endet mit ihrem Tod, als schon ihr Sohn Salomo auf dem Thron Israels sitzt; er umfasst damit die Ereignisse, die in der Bibel in 1 Sam 27 – 1 Kön 2 berichtet werden.

Aus dieser langen Geschichte hätte ein George R. R. Martin* vermutlich 10 Bände zu je 1000 Seiten machen können. Hollywood würde locker Stoff für eine Serie mit 5-10 Staffeln finden. Mrs. Rivers handelt alles in 134 Seiten ab. Noch mehr als in den anderen Bänden wird deutlich, dass sie sich mit diesen Büchern einfach keine rechte Mühe machen wollte. Klar: Eine Romanreihe zu biblischen Figuren kann man in christlichen Kreisen immer verkaufen.

Außerdem merkt man, wie sehr sich ihre Protagonistinnen ähneln; eine individuelle Persönlichkeit hat keine wirklich. Sie spüren alle eine gewisse Sehnsucht nach Gott, zweifeln manchmal, treffen manchmal eine falsche Entscheidung, sind dann aber wieder mutig und treu, und, tja, mehr fällt mir zu ihnen nicht ein. Aber solche Figuren haben für Autoren etwas Praktisches: Die Leser (bzw. Leserinnen) können nach Belieben ihre eigenen Gefühle auf sie projizieren.

Der Einzelband trägt auf Deutsch den Titel „Frau die Gnade fand – Batseba“, im Sammelband lautet der Titel „Batseba – Schönheit aus der Asche“, im englischen Original „Unspoken“. Wie gesagt, das Buch beginnt noch in Batsebas Kindheit; ihr Vater Eliam und ihr Großvater Ahitofel gehören beide zu Davids Gefolgsleuten. Die biblische Batseba taucht erstmals auf, als sie schon mit Urija verheiratet ist und David sich für sie interessiert, aber hier hat die Autorin sich natürlich eine Hintergrundgeschichte ausdenken müssen, und sie hat für ihre Geschichte tatsächlich zwei Verse aus der Bibel in Verbindung gesetzt: In englischen Übersetzungen wird Batseba in 2 Sam 11,3 als Tochter Eliams bezeichnet, und in 2 Sam 23,34 taucht in einer Liste von Davids Kriegshelden ebenfalls ein Eliam auf, der als Sohn Ahitofels des Giloniters bezeichnet wird. (Die lateinische Vulgata hat auch an beiden Stellen „Eliam“, in der Einheitsübersetzung steht allerdings an der ersten Stelle „Ammiel“, an der zweiten „Eliam“.) Während man in der Bibel über Eliam (Ammiel?) nichts weiter erfährt, spielt Ahitofel eine größere Rolle in all den Intrigen und Kämpfen im 2. Buch Samuel – aber dazu später.

Das erste Kapitel erzählt also im Schnelldurchlauf die Vorgeschichte zu Davids und Batsebas Verhältnis, die Mrs. Rivers sich ausgedacht hat. Sie hat hier die biblische Geschichte in ein paar Details abgeändert: In der Bibel zieht der von Saul verfolgte David ins Gebiet der Philister, verbündet sich dort (scheinbar) mit einem Philister namens Achisch, der ihm und seinen Leuten eine kleine Stadt namens Ziklag überlässt, und führt von dort aus heimlich Überfälle auf die Geschuriter, Geresitern und Amalekiter aus, während er Achisch glauben lässt, seine Überfälle würden ihn nach Juda führen. Als ein Krieg zwischen Saul und den Philistern ausbricht, zieht David mit Achisch, um sich mit anderen Philisterfürsten zu treffen, doch die fürchten, dass David in der Schlacht gegen Saul zum Verräter werden könnte, und so schickt Achisch David zurück nach Ziklag. Die Stadt ist in der Zwischenzeit von den Amalekitern überfallen worden, die die dort zurückgebliebenen Frauen und Kinder weggeschleppt haben, aber David kann sie noch einholen und alle befreien.

In diesem Roman leben Davids Leute in einem Lager aus Zelten bei En-Gedi und Adullam, Achisch kommt nicht vor, und David und seine Krieger ziehen erst zu den Philistern, weil sie sich ihnen zum Schein anschließen und sich dann in der Schlacht gegen sie wenden wollen, als sie erfahren, dass Saul gegen sie zieht, werden aber dann wie in der Bibel von ihnen abgewiesen. Zu dieser Zeit ist Batseba acht Jahre alt und schon auf ihre kindliche Art in David verliebt, der vierzehn Jahre älter ist als sie und bereits drei Frauen hat. Wir bekommen ein paar Szenen mit David und seinen Männern, Batseba, ihren Eltern und ihrem Großvater in ihrem Lager. Davids Anhänger, allen voran Ahitofel, sind David treu ergeben, weil er dem Herrn ergeben und von Ihm erwählt ist, und sind gebannt von seinen Psalmendichtungen. Man merkt, dass die Autorin es gerne mitreißend beschreiben würde, und ein guter Autor könnte das vermutlich, aber ihre Beschreibung ist ungefähr so mitreißend wie ein Neues Geistliches Lied. Die kleine Batseba ist, wie gesagt, besonders hingerissen von David, aber ihre Mutter warnt sie schon da, dass sie sich nicht in einen polygamen König verlieben solle und es „besser ist, Gott zu verehren und nicht einen Menschen“ (S. 348). Dann ziehen also die Männer zu den Philistern, und in ihrer Abwesenheit tauchen Amalekiter auf, die die zurückgebliebenen Frauen und Kinder verschleppen; das ist eine der Stellen, an denen es hätte spannend werden können, aber nach drei Seiten sind sie auch schon wieder befreit und es ist nicht viel passiert. Die Autorin hat es eben aufgenommen, um ein bisschen Action am Anfang zu haben, und weil es in der Bibel steht.

Saul, der also den Philistern allein gegenübersteht,  begeht in der Schlacht Selbstmord, als er merkt, dass eine Niederlage unausweichlich ist, und seine Söhne, darunter Davids bester Freund Jonatan, werden im Kampf getötet. David zieht mit seinen Leuten wieder ins Gebiet von Juda, nach Hebron, Sauls Haus führt weiter Krieg gegen ihn, und er heiratet ein paar weitere Frauen. Dort leben sie alle mehrere Jahre lang und dort wird Batseba als Vierzehnjährige mit einem von Davids Kriegern, dem Hetiter Urija, verheiratet (er ist Ende zwanzig). Ihre Mutter predigt ihr, dass sie froh über den für sie ausgesuchten Mann sein sollte („Uria ist freundlich, stark und anständig, und du wirst seine einzige Frau sein. David hat dich noch nie eines Blickes gewürdigt, aber Uria sieht dich an, als ob du eine kostbare Perle wärst.“, S. 358), und Batseba fügt sich, wenn auch nicht allzu begeistert: „Ich werde Uria heiraten, Mutter, und ich werde ihm den Respekt und Gehorsam erweisen, den er verdient. Aber Liebe… die kann man nicht befehlen.“ (Ebd.).

Zu ihrer Hochzeit kommt auch David, und hier haben wir erstmals Folgendes: „Schnell blickte sie sich um und begegnete wieder Davids Blick. Was für ein Blick das war! Sie begriff instinktiv, was er bedeutete, und spürte, wie ihr Hochgefühl der Verzweiflung wich. Warum sieht er mich erst jetzt als Frau, wo es zu spät ist? Warum hat er mich nicht einen Neumond eher so ansehen können?“ (S. 359f.) David verlässt die Feier schließlich, ohne weiter mit ihr zu reden.

Über Uria erfahren die Leser nur skizzenhaft etwas – er ist ein sanfter und frommer Mann, ein guter Krieger und viel fort von zu Hause, und Batseba achtet ihn und erledigt die Hausarbeit für ihn, aber mehr nicht. Und jetzt, als sie jung verheiratet ist, wird an einer Stelle – was für die spätere Geschichte ganz interessant ist – auch schon das Thema Sittsamkeit angesprochen, und zwar in typisch (wie soll man es sagen?) orientalischer Weise:

„Manchmal brachte er [Uria] Soldaten mit nach Hause; dann musste Batseba einen Schleier vor ihr Gesicht ziehen, damit die Gäste sie nicht anstarrten, wenn sie sie bediente. Er bat sie, den Schleier auch dann zu tragen, wenn sie hinausging. ‚Es sind raue Gesellen in Davids Armee – Männer, die keinen Respekt vor Frauen haben.‘
  ‚Solche Männer kenne ich mein ganzes Leben lang, Uria. Mir hat noch nie einer etwas getan.‘
‚Damals warst du noch ein Kind, Batseba. Jetzt bist du eine schöne junge Frau. Meine Frau. Hör auf mich.‘ Er hob ihr Kinn an und sah ihr in die Augen. ‚Es ist weise, sich nicht unnötig in Gefahr zu begeben.'“ (S. 361)

Zwei Jahre vergehen, in denen Batseba kinderlos bleibt. Sauls Erbe wird ermordet, David wird von den Stämmen Israels zum König erhoben, und er erobert Jerusalem. Auch Batseba und Uria ziehen jetzt in die Stadt, wo der neue Königspalast gebaut wird, und bauen ein Haus ganz in der Nähe. Die Israeliten erringen Siege über die Philister und holen die Bundeslade nach Jerusalem. Am Ende des Kapitels gibt sich die Autorin Mühe, poetisch zu sein: „Aber vor der Tür lauerte ein größerer Feind als die Feinde Israels. Ein größerer Kampf stand kurz bevor, einer, der das Volk in Stücke reißen konnte. Und dieser Krieg würde nicht in den Bergen, Tälern oder Ebenen von Israel toben. Sondern in der unwegsamen Wüste des menschlichen Herzens.“ (S. 366)

Im 2. Kapitel geht es dann an den eigentlichen Punkt der Geschichte: Batsebas und Davids Ehebruch. Israel reagiert auf eine Provokation des Ammoniter-Königs Hanun mit einem neuen Kriegszug, und die Autorin macht klar, dass sie von Davids kriegslustigen Militärleuten (u. a. seinem Heerführer Joab) nicht viel hält, aber auch der kriegsmüde König, der in Jerusalem zurückbleibt und seine Männer allein ziehen lässt, macht nicht die beste Figur. David sehnt sich nach seinem alten Leben als Hirte zurück, wo er mehr Gelegenheit fand, Gott nahe zu sein, findet in seinem polygamen Haushalt keine Ruhe, und ihm fehlen die Worte, um Psalmen zu dichten. Batseba unterdessen ist einsam, wünscht sich, endlich ein Kind zu haben und macht sich Sorgen, dass ihr Mann nicht aus dem Krieg zurückkehren könnte.

Als sie eines Nachmittgs wegen der rituellen Reinigung nach ihrer Menstruation in ihrem Hinterhof badet, sieht der König sie vom Schlossdach aus. In der Bibel heißt es an dieser Stelle: Als David einmal zur Abendzeit von seinem Lager aufstand und auf dem Flachdach des Königspalastes hin- und herging, sah er von dort aus eine Frau, die badete. Die Frau war sehr schön anzusehen. David schickte jemand hin, erkundigte sich nach ihr und sagte: Ist das nicht Batseba, die Tochter Ammiëls, die Frau des Hetiters Urija? Darauf schickte David Boten zu ihr und ließ sie holen; sie kam zu ihm und er schlief mit ihr – sie hatte sich gerade von ihrer Unreinheit gereinigt. Dann kehrte sie in ihr Haus zurück. (2 Sam 11,2-4)

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(Batseba im Bad in einer mittelalterlichen Buchmalerei.)

Hier gibt es ja einen gewissen Interpretationsspielraum für eine Nacherzählung; man kann aus Batseba ein Opfer sexueller Gewalt durch ihren Herrscher oder auch eine willige Mittäterin machen. (In der Kunst gab es auch mal den Usus, sie auf ihrem Dach badend darzustellen, um die Aufmerksamkeit des Königs auf sich zu lenken.) Mrs. Rivers stellt die Szene folgendermaßen dar:

„Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Sie schaute nach oben. Da, auf der Mauer stand jemand. Ein Mann. Sie legte instinktiv die Arme um ihren Körper und duckte sich unter den halb durchsichtigen Baldachin. Es war mitten am Nachmittag, eine Zeit, in der die meisten Menschen vor der Hitze in den Schatten ihrer Häuser flohen. Was machte dieser Mann da oben auf dem Dach des Palastes?
  Sie merkte, dass sie wütend wurde. Sie spähte zu der Mauer hoch, um zu sehen, welcher Wächter es war, der sie da begaffte. Sie würde es Uria berichten. Und ihrem Vater und Großvater.
 Ihr Herz stolperte. Das war kein Palastwächter. Das weiße Gewand war mit Purpur verziert.
David!
Ihr Herz begann zu hämmern. […] Sie wusste, dass sie jetzt eigentlich ins Haus fliehen sollte, aber der plötzliche, wütende Schmerz war zu stark. Sollte er ruhig sehen, was er sich entgehen lassen hatte! […] Sie schaute trotzig offen zu der Palastmauer hoch. […]

 ‚Herrin?‘
 Batseba zuckte zusammen und schaute weg, die Röte schoss ihr ins Gesicht. Ihre Magd sah irritiert zur Mauer hoch. Voller Erleichterung stellte Batseba fest, dass David nicht mehr da war.“ (S. 373f.)

David, der plötzlich wie besessen von dieser Frau ist, hat sie zuerst nicht erkannt und lässt einen Wächter namens Joram nachforschen, wer in diesem Haus wohnt; als ihm klar wird, wer sie ist („die Ehefrau eines seiner besten Freunde, die Tochter eines Mannes, dem er vertraute und der ihm vertraute, die Enkelin Ahitofels, des fähigsten Militärberaters von Israel“, S. 376), ist er erst erschrocken, beschließt dann aber, zwei Palastwächter bei Einbruch der Nacht zu ihr zu schicken und sie holen zu lassen. Batseba ist zwar erschrocken, schämt sich und weiß, dass sie etwas Falsches tut, lässt sich aber trotzdem am Ende leicht verführen. Nach dieser Nacht sind beide erschrocken, David versichert Batseba, er würde dafür sorgen, dass alles geheim bleibt, und lässt sie noch vor dem Morgengrauen schnell zurückbringen.

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(Batseba erhält Davids Brief, Jan Steen. Gemeinfrei.)

Einige Wochen später merkt sie allerdings, dass sie schwanger ist, und schickt durch ihre Magd und den Wächter Joram, der sie abgeholt hat, eine Nachricht an David. David fasst den Plan, nach Uria, der noch bei der Belagerung der Stadt Rabba ist, zu schicken, damit Batseba eine Nacht mit ihm verbringen und ihm das Kind unterschieben kann.

Uria kommt also und erstattet Bericht von der Belagerung. In der Bibel heißt es: „Als Urija zu ihm kam, fragte David, ob es Joab und dem Volk gut gehe und wie es mit dem Kampf stehe. Dann sagte er zu Urija: Geh in dein Haus hinab und wasch dir die Füße! Urija verließ das Haus des Königs und es wurde ihm ein Geschenk des Königs nachgetragen. Urija aber legte sich am Tor des Königshauses bei den Knechten seines Herrn nieder und ging nicht in sein Haus hinab. Man berichtete David: Urija ist nicht in sein Haus hinabgegangen. Darauf sagte David zu Urija: Bist du nicht gerade von einer Reise gekommen? Warum bist du nicht in dein Haus hinuntergegangen? Urija antwortete David: Die Lade und Israel und Juda wohnen in Hütten und mein Herr Joab und die Knechte meines Herrn lagern auf freiem Feld; da soll ich in mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und bei meiner Frau zu liegen? So wahr du lebst und so wahr deine Seele lebt, das werde ich nicht tun.“ (2 Sam 11,7-11)

Hier wird zumindest nicht direkt gesagt, dass Uria etwas ahnen würde; bei Mrs. Rivers ist es anders; hier hat sie sich etwas dichterische Freiheit erlaubt, was aber nicht ganz schlecht wirkt. Der Ehebruch ist nicht ganz geheim geblieben – bei den Palastdienern jedenfalls – und Uria wird offenbar auch misstrauisch, weil David ihn bewusst zu seiner Frau schickt und ihm sogar noch ein Festessen in sein Haus bringen lässt. Als die Diener es dorthin bringen, ist nur Batseba da, die sich denkt: „Kannte David seine Männer so wenig? Hatte er das Gesetz vergessen? Ein Mann, der in den Krieg zog, hatte enthaltsam zu sein, um seine Kräfte für den Kampf gegen die Feinde Israels zu schonen.“ (S. 394)

Es findet sich zwar kein direktes derartiges Gesetz in der Bibel, aber diverse Hinweise darauf, dass in Israel damals Soldaten auf einem Kriegszug sich besonders heiligen sollten (Heiligkeit im Sinne von Aussonderung aus dem Alltäglichen, nicht im moralischen Sinn), und dass dazu die sexuelle Enthaltsamkeit gehörte. Unter anderem gäbe es diese Szene hier aus Davids früherer Geschichte: „Der Priester gab David Antwort und sagte: Gewöhnliches Brot habe ich nicht zur Hand, nur heiliges Brot ist da; aber dann müssen sich die jungen Männer von Frauen ferngehalten haben. David antwortete dem Priester: Wir haben uns schon gestern und vorgestern von Frauen ferngehalten. Als ich auszog, waren die Waffen der jungen Männer geheiligt; wenn dies auch ein gewöhnlicher Marsch ist, so wird er doch durch die Waffen geheiligt. Da gab ihm der Priester heiliges Brot, denn es gab dort nur die Schaubrote, die man von dem Angesicht des HERRN entfernt, um an dem Tag, an dem sie weggenommen werden, frisches Brot aufzulegen.“ (1 Sam 21,5-7)

Batseba ist von Reue ergriffen und mag Davids Plan, den sie jetzt begreift, ganz und gar nicht, sieht sich aber dennoch genötigt, mitzuspielen, um nicht für ihren Ehebruch die Todesstrafe zu erhalten. „Aber was war, wenn sie nicht auf Davids Plan einging? Dann würde sie sterben. Und das Kind, das sie in sich trug, auch.“ (S. 395) Sie geht daher (wie Joram, der das Festmahl gebracht hat, und noch einmal zurückkommt und ihr sagt, dass Uria am Palasttor ist, es ihr vorschlägt) zum Palasttor, wo sie merkt, dass die anderen Wächter inzwischen alle über sie Bescheid wissen, und Uria, der dann zu ihr herauskommt, auch.

„‚Sie erwarten von mir, dass ich dich auf der Stelle umbringe‘, sagte er rau.
 ‚Dann tu es doch.‘ Was hatte sie schon zu ihrer Verteidigung vorzubringen? Sie konnte die Schuld nicht allein David zuschieben. Schließlich hatte er sie nicht gerade zwingen müssen, zu ihm zu kommen. Jetzt sah sie, was dies den Mann kostete, der sie wirklich liebte. Sie ging auf die Knie und nahm einen Stein auf, der so groß war, dass er ihre Hand füllte. Sie hielt ihn ihm hin. ‚Du hast jedes Recht dazu.‘
Seine Kiefer mahlten. Tränen rannen seine Wangen hinunter in seinen Bart. Er nahm den Stein und schloss seine Hand darum. Sie sah, wie er mit sich kämpfte. Nach einem langen Augenblick schüttelte er den Kopf und ließ den Stein fallen. Er hob seine Hand und sie wartete auf den Schlag, aber er legte die Handfläche sehr sanft an ihre Wange. Dann wischte er mit dem Daumen ihre Tränen fort und sah ihr in die Augen, seine eigenen voll Schmerz und Vergebung. Sie legte ihre Hand über die seine und schloss die Augen.
 Er zog seine Hand weg und ging zurück – langsam, mit hängenden Schultern. […]
 Es war das letzte Mal, dass Batseba Uria sah.“ (S. 397f.)

David, der davon nichts mitbekommen hat, lässt Uria noch einen Tag bleiben, lädt ihn zum Essen ein und schickt ihn wieder zu seiner Frau, aber wieder schläft Uria im Tor. Also lässt David ihn kurzerhand einen Brief an den Kommandanten Joab mitnehmen, in dem er Joab anweist, Uria an die vorderste Front zu stellen, damit er fällt.

„David hielt ihm die kleine versiegelte Rolle hin. ‚Bring dies Joab.‘ Sein Herz machte zehn Schläge, bevor Uria vortrat, seine Hand ausstreckte und die Rolle entgegennahm. Seine Finger streiften flüchtig Davids, der schnell seine Hand zurückzog und dem Hetiter in die Augen schaute. Was er in ihnen sah, ließ sein Herz stolpern: Tiefe Traurigkeit. Und Resignation. Der Mann wusste, dass er sein eigenes Todesurteil in Empfang genommen hatte!
 Uria schob die kleine Rolle in seine Rüstung, genau über seinem Herzen. Dann drehte er sich um und verließ den Hof aufrecht wie ein Soldat, der erneut auszieht, um seine Treue zu seinem König zu beweisen.“ (S. 400f.)

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(Links: David reicht Uria den Brief; rechts: Uria zieht in den Kampf. Wandteppich, Gemeinfrei.)

Als nächstes erhält die entsetzte Batseba die Nachricht vom Tod ihres Mannes. Dann kommt ihre Mutter zu ihr und informiert sie, dass noch einige Männer mehr bei einem sehr riskanten Angriff auf die Mauern von Rabba gefallen sind. Ihre Mutter weiß auch, dass David seinem Heerführer Joab zuvor eine Nachricht geschickt hatte, dass der Bote, der nach dem misslungenen Angriff nach Jerusalem kam, David speziell berichtete, dass auch Uria gefallen sei, worauf David gar nicht traurig schien, hat gerüchteweise von Batsebas Besuch im Palast gehört, sich den Rest zusammengereimt, und ist voller Zorn: „Und was ist mit den dreißig Helden, die neben Uria für David gekämpft haben? […] Was werden sie jetzt von ihrem König denken? Ist er denn noch ihre Treue und ihr Blut wert? Was werden dein Vater und Großvater tun, wenn sie hören, dass David Uria ermordet hat, damit er dich haben kann? […] Du bist tot für mich – für mich und für uns alle!“ (S. 403f.) Für den Rest des Romans gibt es keine Versöhnung zwischen Batseba und ihrer Familie.

Batseba trauert und weint. Eine Woche später kommen Soldaten, um sie in den Palast zu holen, damit sie Davids Frau wird. „Der König würde die Witwe eines seiner gefallenen Helden zur Frau nehmen. […] Doch niemand ließ sich für dumm verkaufen. Außer vielleicht der König selbst.“ (S. 405) David ist froh, Batseba für sich zu haben, sie dagegen eher unglücklich. Sie wird in seinem Harem untergebracht, der Verachtung der meisten seiner anderen Frauen ausgesetzt.

Eine Ausnahme gibt es dabei: Abigail. Wie Abigail Davids Frau wurde, wird in 1 Samuel 25 erzählt; damals war David noch nicht König. Knapp gesagt brachte sie David und seine Männer kurz vor knapp noch davon ab, wegen einer groben Beleidigung durch ihren ersten Mann Nabal ihren Hof zu überfallen; nachdem Nabal, der erfuhr, was beinahe passiert wäre, vor Schreck einen Schlaganfall erlitt und starb, machte David Abigail ein Heiratsangebot, das sie annahm. Als Abigail und Batseba einander kennenlernen, bringt die Autorin wieder mal ihre Botschaft unter, indem sie Abigail ein unnötiges schlechtes Gewissen (naja, oder deuten wir es freundlicher, große Demut) andichtet:

„Abigail schüttelte den Kopf. ‚Wir sind alle Sünder.‘
Du hast nicht gesündigt. Du hast David vor einer großen Sünde bewahrt.‘ So ganz anders als sie selbst.
 ‚Ich habe meinen Mann vor Zeugen einen Narren genannt.‘
  ‚Aber du bist ihm treu geblieben.‘
‚Ich habe gewartet, bis Nabal wieder nüchtern war, damit ich ihm sagen konnte, was er angerichtet hatte. Ich wusste, dass er gierig war. Und arrogant. Und feige. Ich sprach und sah, wie der Schrecken über ihn kam. Ich sah, wie er starb und dankte Gott für meine Erlösung. Und als David nach mir schickte, um mich zu seiner Frau zu machen, packte ich sofort meine Siebensachen und ging zu ihm, weil ich so viel Gutes über ihn gehört hatte. Und als ich ihn sah, war es um mich geschehen.‘ Ihr Augen waren tränenfeucht. ‚Ich liebe ihn immer noch.‘
Es rührte Batseba tief, dass Abigail sich ihr so anvertraute. ‚Du hast nichts getan, was unrecht gewesen wäre. Alle haben deine Weisheit und Geistesgegenwart gerühmt. Du hast viele Menschen gerettet damals, Abigail‘, sagte Batseba. Aber sie war schuld an Urias Tod und dem vieler Männer.
‚Ach, lobe nicht mich. Gott sieht das Herz an, Batseba, und er wird uns alle einmal richten.“ (S. 414)

Dann wird Batsebas Sohn geboren, den sie sehr liebt, und wenig später kommt der Prophet Nathan in den Palast zu David und konfrontiert ihn mit seiner Sünde, die er jetzt erst wirklich anerkennt. Aus der Bibel:

„Darum schickte der HERR den Natan zu David; dieser ging zu David und sagte zu ihm: In einer Stadt lebten einst zwei Männer; der eine war reich, der andere arm. Der Reiche besaß sehr viele Schafe und Rinder, der Arme aber besaß nichts außer einem einzigen kleinen Lamm, das er gekauft hatte. Er zog es auf und es wurde bei ihm zusammen mit seinen Kindern groß. Es aß von seinem Stück Brot und es trank aus seinem Becher, in seinem Schoß lag es und war für ihn wie eine Tochter. Da kam ein Besucher zu dem reichen Mann und er brachte es nicht über sich, eines von seinen Schafen oder Rindern zu nehmen, um es für den zuzubereiten, der zu ihm gekommen war. Darum nahm er dem Armen das Lamm weg und bereitete es für den Mann zu, der zu ihm gekommen war. Da geriet David in heftigen Zorn über den Mann und sagte zu Natan: So wahr der HERR lebt: Der Mann, der das getan hat, verdient den Tod. Das Lamm soll er vierfach ersetzen, weil er das getan und kein Mitleid gehabt hat. Da sagte Natan zu David: Du selbst bist der Mann. So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König von Israel gesalbt und ich habe dich aus der Hand Sauls gerettet. Ich habe dir das Haus deines Herrn und die Frauen deines Herrn in den Schoß gegeben und ich habe dir das Haus Israel und Juda gegeben, und wenn das zu wenig ist, gebe ich dir noch manches andere dazu. Aber warum hast du das Wort des HERRN verachtet und etwas getan, was ihm missfällt? Du hast den Hetiter Urija mit dem Schwert erschlagen und hast dir seine Frau zur Frau genommen; durch das Schwert der Ammoniter hast du ihn umgebracht. Darum soll jetzt das Schwert auf ewig nicht mehr von deinem Haus weichen; denn du hast mich verachtet und dir die Frau des Hetiters genommen, damit sie deine Frau werde. So spricht der HERR: Ich werde dafür sorgen, dass sich aus deinem eigenen Haus das Unheil gegen dich erhebt, und ich werde dir vor deinen Augen deine Frauen wegnehmen und sie einem andern geben; er wird am hellen Tag bei deinen Frauen liegen. Ja, du hast es heimlich getan, ich aber werde es vor ganz Israel und am hellen Tag tun. Darauf sagte David zu Natan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt. Natan antwortete David: Der HERR hat dir deine Sünde vergeben; du wirst nicht sterben. Weil du aber durch diese Tat den HERRN verworfen hast, muss der Sohn, der dir geboren wird, sterben.“ (2 Sam 12,1-14)

Wieder eine Szene, aus der ein guter Schriftsteller einiges machen könnte, aber bei Mrs. Rivers wirkt es wie schablonenartiges Nacherzählen, ohne dass sie sich wirklich Gedanken über Davids Seelenzustand gemacht hat. („Eine tiefe Reue durchschoss David.“ (S. 419) und ähnlich originelle Formulierungen.) Man hat überhaupt oft das Gefühl, dass Mrs. Rivers den biblischen David nur oberflächlich angeschaut hat; ihre Figur wirkt zusammengestoppelt und unrund. Auch wenn sehr gute Ansätze da sind.

Das Kind stirbt also, und Batseba trauert zutiefst – „Warum hat Gott meinen Sohn für meine Sünde leiden lassen? Warum?“ (S. 421). Tatsächlich ist das ja eine Frage, die bei dieser Geschichte öfter gestellt wird, und auf die man ganz einfach antworten kann, dass der Tod eines kleinen Kindes, das dann in ungestörtem Glück sein wird, tatsächlich eher eine Strafe für die Eltern und nicht für es selber ist. Mrs. Rivers legt hier auch David die Worte in den Mund: „Gott hat unseren Sohn nicht bestraft, Batseba. Er hat ihn den Händen böser Menschen entzogen.“ (S. 423)

Die folgenden Kapitel behandeln im Schnelldurchlauf die folgenden Jahrzehnte am Königshof von Israel. Batseba und David bereuen beide ihre Sünde sehr, aber Batseba bleibt Davids Frau, wobei sie noch von vielen verachtet wird; z. B. kommt in einem Gespräch Davids mit seinen Beratern das hier:

„‚Ist eine Frau je unschuldig, mein Herr und König? War es nicht schon in Eden die Frau, die den Mann in die Sünde zog?‘
 Er musterte seine Berater. Wie unbarmherzig sie waren. Wie schnell sie dabei waren, ihn freizusprechen, weil er auf dem Thron saß, und die ganze Schuld auf eine wehrlose Frau abzuwälzen!“ (S. 422)

Sie gewöhnt sich allerdings daran und an das Leben als eine unter vielen und sucht (nachdem sie sich einige Zeit lang kaum zu Ihm zu beten getraut hat) ihren Trost bei Gott; auch mit dem Propheten Nathan befreundet sie sich. Den Rest des Buches verbringt Mrs. Rivers vor allem damit, sie etwas moralisierend als vorbildliche Ehefrau, Mutter und Büßerin in Szene zu setzen, wobei sie immer wieder indirekte Zitate aus dem Buch der Sprüche unterbringt (zugegebenermaßen nicht ganz unnaheliegend, da dieses Buch von Batsebas Sohn Salomo stammen soll und darin schon am Anfang solche Sachen stehen wie „Höre, mein Sohn, auf die Mahnung des Vaters und die Unterweisung deiner Mutter verwirf nicht!“ (Spr 1,8)). Das sieht dann etwa so aus:

„Und wenn David bei ihr war, tat sie, was sie konnte, um ihm Freude, Liebe und Trost zu schenken. Sie wusste: Eine zänkische Frau war schlimmer als ein undichtes Dach in einem Wolkenbruch. Vor allem aber hörte sie ihm zu. […]
Doch das eine wusste sie: Gott hatte ihr Leben komplett umgewandelt. Jetzt wusste sie felsenfest, wie groß seine Güte und Gnade war, und sie war ihm unendlich dankbar dafür! […]
Mit nun vier Söhnen hatte sie keine Zeit für hohle Schmeicheleien oder dafür, sich über die Ränke der übrigen Frauen im Palast oder der anderen Kinder Davids den Kopf zu zerbrechen. Ihre Pflicht war klar: Ihre Söhne zu Männern Gottes zu erziehen. […]
Sie nahm jede Gelegenheit wahr, mit ihren Kindern über Buße und Verantwortung zu reden, über die Folgen der Sünde und über Gottes Größe. Sie erzählte ihnen auch von seiner großen Güte und Gnade.
(S. 431-434.)

Batseba ist allerdings nicht ganz abgehoben von der Politik; sie fürchtet schon, was nach Davids Tod aus ihr werden wird, und zu ihrer Erleichterung verspricht David ihr schließlich, Salomo zu seinem Nachfolger zu ernennen und setzt das dann nach einigem Zögern auf ihre Bitte hin auch um.

Gerbrand van den Eeckhout - David Promises Bathsheba that Solomon will be his Successor.jpg

(David verspricht Batseba, dass Salomo sein Nachfolger sein wird, Gerbrand van den Eeckhout. Gemeinfrei.)

Aber zuerst kommen noch diverse recht brutale Familienkonflikte und Palastintrigen, u. a. der fehlgeschlagene Aufstand von Davids Sohn Absalom (der übrigens zeitweise Jerusalem einnimmt und die Nebenfrauen seines Vaters vergewaltigt, wie es zu Nathans Prophezeiung passt), bei dem Ahitofel, der nun Hass auf seine Enkelin und Davig hegt, tatkräftig hilft (am Ende wird Absalom getötet, und David, der das nicht wollte, trauert sehr; Ahitofel begeht Selbstmord). Mrs. Rivers bringt unter, was in der Bibel steht, aber nur das – sie bringt es unter, um zu zeigen, dass sich Nathans Prophezeiung bzgl. des Unheils, das sich aus Davids Haus gegen ihn erheben wird, erfüllt, und dass seine diversen Söhne von seinem schlechten Vorbild gelernt haben; sie erfüllt es nicht besonders mit Leben. Manches wird nur knapp zusammenfassend berichtet (z. B. indem einer von Batsebas Söhnen ihr berichtet, was er zuletzt von dem-und-dem gehört hat), statt direkt erzählt zu werden. Das alles hätte aber wirklich einen sehr guten und auch ziemlich langen Roman abgeben können. Schließlich stirbt David und Salomo wird König; den Anfang seiner Regierungsgzeit erlebt Batseba noch.

Das Buch endet dann mit ihrem Tod; der letzte Wunsch, den sie sich denkt, ist:

„Ich weiß, dass sie sich an meine Sünden erinnern werden, Herr, aber wenn sie mein Leben betrachten, dann lass sie auch sehen, was du getan hast. Lass sie die Hoffnung sehen, die aus der Verzweiflung kam. […] Und lass sie…
 Sie seufzte tief.
 …Mut daraus schöpfen.“ (S. 471)

Einige Einfälle der Autorin in diesem Band sind gar nicht schlecht; an der Message ist auch relativ wenig auszusetzen. Liebloses knappes Heruntererzählen und öfter falsch eingesetztes Pathos lassen den Roman allerdings ziemlich mittelmäßig werden.

Beim nächsten Mal dann also zu etwas viel Interessanterem: Was eine evangelikale Autorin aus der Allerseligsten macht.

 

* Nicht, dass ich hier Empfehlungen für George R. R. Martin aussprechen wollte – dessen Bücher haben ihre eigenen Probleme.

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Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 3: Ruth

Und weiter mit der Rezension zu Francine Rivers‘ Sammelband „Saat des Segens“. (Teil 1 hier, Teil 2a hier, Teil 2b hier.) Eine Generation nach Rahab erscheint Ruth in Jesu Stammbaum, und Band 3 handelt von ihr.

Ruths Geschichte (als Einzelband mit dem Titel „Frau der Liebe – Ruth“ (im Original: „Unshaken“) erschienen, im Sammelband: „Ruth – Dein Gott ist mein Gott“) gehört zusammen mit Rahabs Geschichte zu den – verglichen mit den übrigen drei – besseren des Sammelbandes, auch wenn sie ebenfalls unter Mrs. Rivers‘ unablässigem Predigtton, ihrer einfallslosen Sprache, arger Knappheit und Kürze, und ungeformten Charakteren leidet. In der Bibel ist diese Erzählung ein eigenes Buch, wenn auch mit 4 Kapiteln ziemlich kurz, und dieses Buch enthält eine schöne Geschichte um familiäre Liebe und Treue, die mit einer Hochzeit und einer Kindsgeburt endet – also prinzipiell ein leichter zu verwertender Stoff für einen Frauenroman als etwa das Szenario „Junge Witwe verkleidet sich als Prositituierte und trickst ihren Schwiegervater aus“ aus Band 1 (Tamar).

Die Ausgangssituation sieht bekanntlich folgendermaßen aus:

„Zu der Zeit, als die Richter regierten, kam eine Hungersnot über das Land. Da zog ein Mann mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen aus Betlehem in Juda fort, um sich als Fremder im Grünland Moabs niederzulassen. Der Mann hieß Elimelech, seine Frau Noomi und seine Söhne hießen Machlon und Kiljon; sie waren Efratiter aus Betlehem in Juda. Als sie im Grünland Moabs ankamen, blieben sie dort. Elimelech, der Mann Noomis, starb und sie blieb mit ihren beiden Söhnen zurück. Diese nahmen sich moabitische Frauen, Orpa und Rut, und so wohnten sie dort etwa zehn Jahre lang. Dann starben auch Machlon und Kiljon und Noomi blieb allein, ohne ihren Mann und ohne ihre beiden Söhne.“ (Ruth 1,1-5)

Das erste Kapitel setzt kurz vor dem Tod von Ruths Mann Machlon ein; Elimelech und Orpas Mann Kiljon sind bereits tot (seit fünfzehn Jahren bzw. einem Jahr). Die Familie lebt in einem Ort namens Kir Hareset (ein echter moabitischer Ortsname, den die Autorin aus Jes 16,7 entnommen hat); sie sind nicht besonders wohlhabend, anders als Ruths leibliche Familie, die ebenfalls dort wohnt. Das Kapitel beginnt damit, dass Ruth ihrer Mutter pflichtschuldig ihren monatlichen Besuch abstattet, wobei sie in Gedanken aber nur bei ihrem bereits lange und schwer kranken Mann und ihrer Schwiegermutter ist. Der Kontrast zwischen Noomi und Ruths Mutter wird ausführlich ausgemalt und es wird erzählt, wie Noomis Vorbild Ruth zum Glauben an den israelitischen Gott geführt hat.

„Von dem Tag an, an dem Noomi ihr zum ersten Mal von dem einen wahren Gott erzählt hatte, hatte Ruth an ihn geglaubt. Weil sie den Frieden gesehen hatte, den ihre Schwiegermutter ausstrahlte. Einen unerschütterlichen inneren Frieden, wie sie ihn noch nirgends erlebt hatte, schon gar nicht im Haus ihrer Eltern.“ (S. 227)

Christliche Leserin, du hast es gehört: Immer schön Frieden ausstrahlen, damit bekehrt man die Leute. (Das ist jetzt nicht so zynisch gemeint, wie es vielleicht klingt.) Im Kontrast dazu Ruths Elternhaus:

„Bei ihren Eltern ging es immer nur ums Haben. Nur ein paar Tage, und ihre Mutter würde ihre goldene Kette schon wieder vergessen haben und nach dem nächsten Geschenk hungern, das sie allen stolz zeigen konnte.“ (S. 231)

Ihre Mutter will mit Ruth darüber sprechen, was sein soll, wenn Machlon tot ist; sie solle dann zurück zu ihren Eltern kommen. So werde ihr Leben viel leichter sein, Noomi werde das auch wollen. Aber Ruth besteht darauf, dass sie bei Noomi bleiben und für sie sorgen werde. Ihre Mutter meint, dass Noomi vielleicht von den Göttern des Landes gestraft worden sei, weil sie sie nie verehrt habe; Ruth will davon nichts hören und verabschiedet sich bald.

Machlons Tod kommt nicht direkt vor; als nächstes haben wir eine Szene etwa drei Wochen nach seinem Tod bei der trauernden Noomi, die die Nacht durchwacht und an ihren toten Mann und ihre beiden toten Söhne zurückdenkt. Sie erinnert sich daran, wie Elimelech damals während einer Dürre aus Bethlehem fortgehen wollte und sie schließlich mit seiner Entscheidung vor vollendete Tatsachen stellte, während sie noch an ihn appellierte, auf Gott zu vertrauen (die Felder hätten immer noch genug gebracht, um zu überleben, und außerdem sei der Grund für die Dürre, dass Elimelech und andere vor dem falschen Gott Baal niederfielen). Noomi wird als eine Frau dargestellt, die nicht immer alles richtig gemacht hat, es aber auch nicht einfach hatte und eigentlich das Rechte tun wollte:

„Elimelech war so sicher gewesen,  dass seine Entscheidung richtig war! Sie hatte nicht ständig nörgeln wollen, und so hatte sie ihre Zweifel für sich behalten. Und still gebetet. (S. 234)

Während ihr Mann sich den moabitischen Bräuchen angepasst hat, ist sie dem Glauben Israels treu geblieben, hat aber nie gewusst, wie sie ihren Mann und ihre Söhne in diese Richtung beeinflussen sollte; und auch nach dem Tod Elimelechs wollten Machlon und Kiljon dann nicht mehr nach Bethlehem zurück, da die alte Heimat und der alte Glaube ihnen fremd geworden waren.

Zwischendurch wirkt die Darstellung, wie schon in den beiden ersten Büchern, arg an moderne Verhältnisse angelehnt, in denen Mrs. Rivers‘ Leserinnen sich wiederfinden könnten. „Elimelech hatte die Gesetze des Mose zu eng und intolerant gefunden“, heißt es auf S. 239 – nun ja, es mag sein, dass den Moabitern damals der kompromisslose israelitsche Monotheismus als etwas erschien, was wir heutzutage „eng und intolerant“ nennen würden, aber die Ausdrucksweise wirkt einfach falsch. Noomi sagt sich in Bezug auf ihre Söhne, sie „hätte weniger Angst davor haben dürfen, ihre Liebe zu verlieren, und mehr davor, ihre Seelen zu verlieren“ (S. 240); schön und gut, aber der Fokus aufs „Seelenheil“ ist etwas Neutestamentliches, Christliches; zur Richterzeit wusste man noch nichts von der Verheißung von einem himmlischen Leben nach dem Tod. Die Furcht, dass die Kinder in der Hölle statt im Himmel landen könnten, war damals kein motivierender Faktor, um das Gesetz zu halten – man hätte eher eine göttliche Strafe in diesem Leben befürchtet, oder eben einfach gesagt, dass man es Gott, der Israel aus Ägypten befreit hatte, schuldete, Seine Gebote zu halten. Noomi fragt sich verzweifelt, ob Gott ihre Gebete noch hört, besinnt sich schlussendlich aber auf ihr Vertrauen auf Ihn. „Was bleibt mir jetzt noch als nur du, Vater? An wen kann ich mich halten, außer nur an dich?„, denkt sie sich (S. 240). An dieser Stelle hat die Autorin offensichtlich vergessen, dass die Anrede „Vater“ für Gott ebenfalls erst ins Neue Testament gehört.

Am Ende kommt Ruth zu Noomi und sie weint in den Armen ihrer Schwiegertochter weiter – jetzt darum trauernd, dass keine Kinder da sind, die die Namen ihrer Söhne weitertragen können; wie in Tamars Geschichte ist dieses Problem ein zentraler Faktor der Handlung.

Einige Wochen später. Noomi beschließt, dass ihre Schwiegertöchter nicht ihre Zukunft für sie opfern sollen, indem sie für sie sorgen; sie selbst will zurück nach Bethlehem gehen und die beiden sollen in Moab bleiben und zu ihren Familien zurückgehen und dann wieder neue Ehemänner finden. Sie beginnt zu packen, aber Orpa und Ruth bestehen beide darauf, mit ihr zu kommen, und Noomi lässt sie erst einmal gewähren und zählt darauf, sie dazu bringen zu können, auf dem Weg umzukehren, wenn ihnen klar werden wird, was es heißt, die Heimat zu verlassen. Beim Aufbruch wird schon der Gegensatz zwischen den beiden Schwägerinnen deutlich: Orpa will alles Mögliche mitnehmen, Ruth begnügt sich mit sehr wenigen Habseligkeiten. Orpa wird zwar als recht nett dargestellt, aber sie glaubt eben nicht an Gott und hängt am Besitz. Dann kommt wieder eine dieser Stellen, an denen deutlich wird, dass die Autorin ihre Geschichte nicht besonders sorgfältig durchdacht hat. Es heißt da:

„Noomi hatte den Nachbarn erklärt, dass Orpa und Ruth in ein paar Tagen zurückkehren würden, und sie gebeten, so lange auf ihr Haus aufzupassen. Wenn die beiden Mädchen nach Kir Hareset zurückkehrten, würden sie sicher alles verkaufen, auch das Haus, und sich den Erlös teilen. Noomi war das recht. In Bethlehem könnte sie sowieso nichts damit anfangen.“ (S. 243)

Nun könnte man mit Geld (ja, auch mit moabitischem Geld) selbstverständlich auch in Bethlehem etwas anfangen; und es stellt sich die Frage, wieso Ruth und Orpa, die ja beide noch entschlossen sind, mit Noomi zu kommen, nicht zu ihr sagen, sie sollten das Haus jetzt verkaufen und solange noch mit dem Aufbruch warten, um dann in Bethlehem etwas Geld dabei zu haben.

Nach einer halben Tagesreise (Orpa macht bereits einen bedrückten Eindruck) wendet Noomi sich an die beiden jungen Frauen und sagt ihnen mit ähnlichen Worten wie im biblischen Text, sie sollten doch zurückgehen; Orpa lässt sich rasch überzeugen und verabschiedet sich, wenn auch unter Tränen, aber Ruth bleibt bei Noomi, und jetzt kommt ihr berühmtes Gespräch. In der Bibel: „Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren! Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Ruth 1,16-17)

'Ruth and Naomi' by Jan Victors, 1653.jpg

(Jan Victors, Noomi und Ruth, 1653. Gemeinfrei.)

Mrs. Rivers zerteilt Ruths biblische Proklamation und macht einen längeren Dialog zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter daraus, um zu verdeutlichen, was Ruths Versprechen bedeuten soll, was die Wirkung des Ganzen irgendwie ruiniert:

„Noomis Herz zog sich zusammen. ‚Oh meine Liebe, du weißt ja nicht, was du da sagst! Das Leben meines Volkes ist nicht so einfach wie das, was du kennst. Wir müssen den Sabbat und viele Feiertage einhalten, an denen wir nur eine kleine Strecke reisen dürfen.‘

‚Wo du hingehst, da will auch ich hingehen.‘

Noomi wusste: Sie musste die Wahrheit sagen, auch wenn sie Ruth damit verletzte. ‚Wir dürfen auch nicht die Nacht bei Heiden verbringen.‘

‚Wo du lebst, da will ich auch leben.‘

‚Über sechshundert Gebote müssen wir halten!‘

‚Was dein Volk hält, werde ich auch halten, Mutter, denn dein Volk wird mein Volk sein.‘

‚Wir dürfen keine fremden Götter anbeten. Kemosch ist für uns ein Greuel!‘

‚Dein Gott soll mein Gott sein.‘

Noomi breitete ihre Hände aus. ‚Wir haben vier Arten der Todesstrafe für Gesetzesbrüchige, Ruth: Steinigung, Feuer, den Strick und das Schwert. Überleg es dir gut!‘

Ruth antwortete nicht und Noomi fuhr fort: ‚In meinem Volk werden die Toten in Grabhöhlen beigesetzt.‘

‚Dann soll es auch bei mir so sein, Mutter.‘ Ruth fiel auf die Knie und schlang ihre Arme um Noomis Taille. ‚Ich will sterben, wo du stirbst, und auch dort begraben werden.‘ Noomi versuchte, sich von ihr freizumachen, doch Ruth umklammerte sie nur umso fester. ‚Und möge der Herr mich hart strafen, wenn ich mich durch irgendetwas von dir trennen lasse, außer durch den Tod!'“ (S. 246)

(Der letzte Satz entspricht nicht dem, was hier in der deutschen Einheitsübersetzung steht, aber der Übersetzung der englischen King James Version oder der English Standard Version.)

Noomi, die außerordentlich froh über Ruths Treue ist, und sich denkt, dass Gott endlich eins ihrer Gebete erhört hat, gibt nun doch nach und die beiden ziehen weiter. Ruth geht die Reise mit der Einstellung an, dass es besser sei, sich nicht um die Zukunft zu sorgen und einfach auf Gott zu vertrauen; ein konstantes Thema bereits in Band 2. Sie denkt daran zurück, wie Noomis stille Gebete und ihre liebevolle Art sie fasziniert haben, und wie ihr Mann Machlon sich nie für die Religion interessiert hat. Auch in Bezug auf die Erziehung zukünftiger Söhne hatte er gesagt: „Das Wichtigste ist sowieso, dass sie alle Religionen gleich gelten lassen; nur so können sie es hier in Kir Hareset zu etwas bringen.“ (S. 249) Auch hier wieder: extrem modernes Vokabular. Und bei den damaligen Moabitern hätte man es wohl am ehesten als eifriger Verehrer des Hauptgottes Kemosch zu etwas bringen können; so religiös gleichgültig waren die auch nicht.

Die beiden bringen also die lange, strapaziöse Reise – auf der sie übrigens auch die Gedenksteine am Jordan aus Band 2 sehen, was Noomi zum Anlass nimmt, Ruth vom Exodus und der Landnahme zu erzählen, die ihre Eltern noch miterlebt haben – hinter sich, wobei Ruth Noomi immer wieder Mut machen muss. Als sie in Bethlehem ankommen, erkennen einige Frauen am Brunnen Noomi wieder, aber als sie merken, dass sie eine Moabiterin bei sich hat, reagieren sie nicht mehr besonders herzlich. Niemand nimmt sie auf, in den Herbergen ist angeblich kein Platz, und so kommen sie in einer der kleinen leerstehenden Höhlen außerhalb des Dorfes unter, die immer wieder als Ställe genutzt werden. Die Anspielung auf die Weihnachtsgeschichte ist zwar nicht unbedingt subtil, aber trotzdem, diese Idee hat irgendwie was.

Anfangs verkauft Ruth ihren letzten Schmuck, um etwas zu essen kaufen zu können; dann erzählt Noomi ihr einmal davon, dass nach dem Gesetz des Mose die Besitzlosen bei der Ernte auf den Feldern Ähren aufsammeln dürften, die die Schnitter am Rand übrig lassen sollen, und dass ihr Mann Elimelech früher die Ährenleser zuerst habe gewähren lassen, sie später aber abgewiesen und sein ganzes Feld abgeerntet habe, worin sie einen möglichen Grund dafür sieht, dass Gott ihre Familie gestraft hat. Ruth sieht hier wieder eine Möglichkeit, für sich und Noomi zu sorgen, und ist dankbar für dieses Gesetz, durch das Gott für die Armen sorge. Noomi warnt sie zwar, dass nicht alle sich an das Gesetz halten und viele sie nicht gern sehen würden, muss sie aber natürlich trotzdem gehen lassen, als nun die Gerstenernte beginnt. Auf den ersten zwei Feldern, auf denen Ruth Ähren lesen will, wird sie von einigen Frauen weggejagt, auf dem dritten wollen einige Männer sie belästigen und sie rennt davon. Danach kommt sie endlich zu einem Feld, wo der Aufseher ihr das Ährenlesen erlaubt und man sie in Ruhe lässt.

Und jetzt taucht Boas in der Geschichte auf – der wohlhabende Besitzer des Feldes, der hinausreitet, um es zu inspizieren. Und an dieser Stelle hat die Autorin eine absolut dämliche Idee gehabt.

Boas ist in diesem Buch deutlich älter als Ruth; das passt durchaus mit der Bibel zusammen, auch wenn es dort nicht ganz explizit gesagt wird. (Boas sagt einmal lobend zu Ruth, sie sei „nicht den jungen Männern, ob arm oder reich, nachgelaufen“ (Ruth 3,10).) In Mrs. Rivers‘ Geschichte ist er im selben Alter wie Noomi und… wollte als junger Mann sie heiraten. Ernsthaft.

Während Boas zu seinem Feld reitet, denkt er an seinen Vetter Elimelech, der damals während der Dürre ins Gebiet von Moab weggegangen ist, obwohl Boas versucht hat, ihn dazu zu bewegen in Bethlehem zu bleiben; wenn er nur aufhöre, fremde Götter anzubeten, werde der Herr ihn wieder segnen. Elimelech hat ihm damals nur vorgeworfen, Boas würde sich für einen besseren Juden halten, obwohl er nur zufällig das bessere Land hätte und die schlechten Zeiten ihn deshalb nicht so träfen, und ist am Ende doch mit seiner Familie gegangen. Obwohl Boas die Vergangenheit eigentlich vergessen und zufrieden sein will, kommen die Erinnerungen wieder hoch, auch die an Noomi, die er zuvor, wie gesagt, hatte heiraten wollen – allerdings hatte ihre Familie keinen Halbkanaaniter wie ihn als Schwiegersohn haben wollen. (Seine Mutter ist ja Rahab aus Band 2, die bekehrte Hure aus Jericho, und sein Vater Salmon, der Kundschafter, der sie heiratete (also, in den Romanen, in der Bibel steht nichts darüber, dass Salmon einer der Kundschafter war).)

Jedenfalls ist Boas immer ledig geblieben und hat sich gewissenhaft und fleißig um seinen großen Hof gekümmert. Als er Ruth auf dem Feld sieht, weist er seinen Aufseher und seine Arbeiter an, sie nicht zu stören und für sie noch Ähren liegen zu lassen. Er spricht mit ihr, sagt ihr, sie solle während der Ernte auf seinem Feld bleiben und sich auch von dem Wasser der anderen Arbeiter etwas nehmen, lobt sie für ihren Glauben und ihre Treue zu Noomi, und lädt sie ein, mit ihm und den anderen zu essen, als sie Pause machen. Er hat Mitgefühl mit ihr und fühlt sich von ihr an seine Mutter erinnert, ebenfalls eine Fremde, die sich Israel angeschlossen hat. Ruth reagiert auf alles bescheiden und dankbar.

Barent Fabritius - Ruth and Boaz - WGA7718.jpg

(Barent Fabritius, Ruth und Boas, 1660. Gemeinfrei.)

Als Ruth zu Noomi heimkommt, ist die überrascht, wie viel Gerste sie mitbringt, und Ruth erzählt ihr von Boas. Noomi erinnerte sich, wie sie als junges, oberflächliches Mädchen in den gutaussehenden, charmanten Elimelech verliebt war und ihre Eltern mit dem Verweis auf Boas‘ Herkunft dazu brachte, Boas‘ Heiratsantrag abzulehnen, in der Hoffnung, dass Elimelech bald um sie anhalten werde, was dann ja auch geschah. Aber inzwischen ist sie weiser und weiß innere Werte wie Güte und Frömmigkeit besser zu schätzen, und ihr kommt der Gedanke, dass Boas, der ja, wie erwähnt, ein Vetter Elimelechs ist, als Ruths Löser fungieren, also die Schwagerehe mit ihr eingehen könnte (ein israelitischer Brauch, der dafür sorgte, dass kinderlose Witwen versorgt waren, indem ein Verwandter ihres verstorbenen Mannes sie heiratete, und noch einen Erben gebären konnten, der dann rechtlich als Sohn des Verstorbenen galt).

Noomi zieht in Bethlehem Erkundigungen ein und erfährt, dass Boas nie geheiratet hat; und außerdem, zu ihrem Leidwesen, dass ein anderer, näherer Verwandter ebenfalls noch im Ort lebt, den die Verpflichtung, Ruth zu heiraten, zuerst betreffen würde.

„Ein jüngerer Mann, der die Blicke der Frauen anzog.

Ein Mann wie Elimelech.“ (S. 294)

[Dramatische Musik setzt ein.]

Währenddessen liest Ruth weiter Ähren auf Boas‘ Feldern, die beiden sehen sich ab und zu, und entwickeln eine anfängliche Zuneigung zu- und Bewunderung und Mitgefühl füreinander. Ruth findet es schade, dass Boas keine Frau und keine Erben hat, ist aber zu bescheiden und sittsam, um wirklich Interesse an einem so reichen und angesehenen Mann zu zeigen; Boas beginnt, sich in Ruth zu verlieben, ist aber ebenfalls wenig selbstbewusst und sehr zurückhaltend, auch, da er sich seines Alters bewusst ist. Zeitweise vermutet er, sein Aufseher würde sich für Ruth interessieren. Noomi beschließt schließlich, etwas zu unternehmen, damit die Sache vorangeht.

„Es war überdeutlich, dass Boas sich von Ruth angezogen fühlte. Aber Noomi kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht aus sich herausgehen und um sie werben würde. Die Haare dieses Mannes würden vollends weiß werden und ausfallen, ehe er offen seine Gefühle zeigte.“ (S. 296)

Sie zweifelt zwar, ob ihr Plan wirklich Gottes Willen entspricht, will aber doch etwas tun, also spricht sie mit Ruth, die zuerst aus Bescheidenheit protestiert, sich aber dann doch für die Vorstellung gewinnen lässt, Boas‘ Frau zu werden. Noomi lässt sie sich hübsch machen und schickt sie zu der Tenne, auf der Boas und seine Knechte nach dem Ende der Ernte das Getreide dreschen und wo sie während dieser Tage auch übernachten. Als die Männer schlafen, legt sich Ruth zu Boas‘ Füßen, und als er aufwacht, spricht sie mit ihm und bittet ihn, ihr Löser zu sein. Boas zögert.

„Er wollte sie an sich ziehen, sie seiner Liebe vergewissern. […] Er wollte nichts lieber, als sie zu seiner Frau nehmen – aber war dies Gottes Wille?“ (S. 305)

Er erzählt ihr von dem anderen Verwandten, der zuerst gefragt werden müsse, und verspricht ihr, gleich am nächsten Tag mit diesem zu reden, und sie zu heiraten, wenn der sie nicht will. Bevor die Knechte aufwachen, geht Ruth wieder.

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(Ruth und Boas in einer Buchmalerei, ca. 1250. Gemeinfrei.)

Der andere Verwandte, den Boas am nächsten Tag im Stadttor vor den Stadtältesten abfängt, und der bereits eine erste Frau und eigene Kinder hat, will Ruth tatsächlich nicht heiraten, da er geizig ist und nicht einen Teil seines Erbes an einen Sohn fallen lassen möchte, der Machlon zugerechnet werden würde. Ruth und Noomi sind auch zum Tor gekommen, und Ruth ist erleichtert, als der ihr fremde und eher unsympathische Mann auf diese Weise antwortet. Also heiraten Ruth und Boas noch dort im Tor und dann wird ein großes Hochzeitsfest veranstaltet. Wir bekommen am Ende des Kapitels ein bisschen Romantik bei Ruth und Boas im Brautgemach, wo Ruth zu Boas sagt, dass sie nicht nur zu ihm gekommen sei, weil Noomi sie geschickt habe, und dass sie sehr darauf gehofft habe, dass er sie heiraten werde. Über Boas heißt es, dass er Noomi früher „nicht so tief geliebt [hatte], wie er diese junge Frau liebte“ (S. 319). Neun Monate später bekommt Ruth einen Sohn, der Obed genannt wird.

Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein, aber die Autorin wollte offenbar noch ein bisschen Spannung vor dem Abschluss hineinbringen und so bekommen wir noch ein letztes Kapitel, in dem es darum geht, dass Ruth und Boas beide sehr ineinander verliebt sind, sich aber immer noch nicht so ganz der Gefühle des jeweils anderen sicher sind; der unsichere Boas hält unnötigen Abstand von seiner Frau und ist selten zu Hause, und Ruth glaubt deshalb auch, er habe sie nur aus Pflichtgefühl geheiratet. So muss erst Noomi die beiden dazu bringen, mal ordentlich miteinander zu reden, und dann wird alles gut und ihre Ehe ganz glücklich und wir haben unser Happy End.

Etwas abschließende Kritik:

Zwischendurch bringt die Autorin kurze Dialoge zwischen Boas‘ Knechten oder Mägden oder den Leuten am Brunnen oder Stadttor von Bethlehem unter, aus denen deutlich wird, wie Ruth anfangs wegen ihrer Herkunft verachtet wird, allmählich aber den Respekt der Leute gewinnt. Dieses Stilmittel ist eine gewisse Abwechslung zu den zwei anderen Romanen, aber besonders begeistert hat es mich nicht. Auch die Leute von Bethlehem sind sehr holzschnittartig geraten.

Die Details der Geschichte würden oft eher in Jesu Zeit oder noch spätere Epochen passen als in die frühe Eisenzeit. Die Autorin hat einfach heutige jüdische Hochzeitsbräuche (Brautschleier, Brauthimmel etc.) oder solche aus Jesu Zeit (der Gastgeber stellt Festgewänder für die Gäste zur Verfügung, Brautjungfern begleiten die Braut beim Hochzeitszug, etc.) übernommen; in Bethlehem gibt es eine Synagoge (in der Richterzeit existierte noch nicht einmal der Jerusalemer Tempel); der Schmuck, den Boas Ruth zur Hochzeit gibt, wirkt viel zu üppig für diese Zeit und dieses Milieu; auf der Straße, auf der Ruth und Noomi nach Bethlehem ziehen, sind etliche Karawanen mit Reisenden und Händlern unterwegs, obwohl das 12. Jahrhundert v. Chr. tatsächlich eine Krisenzeit war, in der Städte und Handel verfielen. „Die Antike“ oder „Früher(TM)“ ist nun einmal keine einheitliche Zeit. Immer wieder fällt einem auf: Die Autorin hat einfach schlampig gearbeitet.

Sie macht mich aber auch deshalb sauer, weil viele ihrer intendierten Botschaften absolut gut und richtig sind, sie sie in diesen Büchern aber so uninspiriert und over the top herüberbringt, dass einem jede Lust vergeht, sich nach ihren Mahnungen zu richten. Ja, sich in eine glaubensferne Umgebung zu begeben, kann einen mit der Zeit ziemlich negativ beeinflussen. Ja, Gott ist wichtiger als alle Besitztümer. Ja, man soll auf Gottes Verheißungen vertrauen. Natürlich. Klar. Ich hab’s kapiert!

Die Beziehungsratschläge – es kommt auf die inneren Werte an, Verliebtheit ist noch nicht gleich Liebe, man sollte darauf achten, sich einen wirklich gläubigen Ehepartner auszusuchen – sind prinzipiell auch sehr gut, und entsprechen so ziemlich dem, was in christlichen Kreisen regelmäßig gesagt wird – wobei ich freilich gegenüber einer Beziehung mit einem solchen Altersunterschied wie hier um einiges skeptischer wäre, als es die Autorin offenbar ist.

Beim nächsten Mal zu Batseba.

Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2b: Rahab

So, jetzt weiter mit Francine Rivers‘ Roman um Rahab.

Die erste Szene des nächsten Kapitel beginnt bei Rahab in Jericho, die Vorräte für eine längere Belagerung anlegt und ihrem Vater und ihren Brüdern weiterhin predigt, nicht auf den König zu setzen, sondern auf Gott. Dann wechselt der Schauplatz und wir sind bei Salmon im Lager der Israeliten. Das Manna, das Gott regnen lässt, wird allmählich weniger, und Salmon denkt gleichzeitig mit Vorfreude an das Gelobte Land und mit Wehmut an sein bisheriges Leben in der Wüste:

„O Gott, lass uns treu bleiben!, betete er. Lass uns nicht wieder so unmündig wie quengelnde Kinder werden! Lass die Siege, die du uns schenken wirst, uns nicht zu Kopfe steigen. Die Sünden unserer Väter sind uns stets bewusst. Wenn sie nur ein für alle Mal ausgelöscht werden könnten, sodass wir so vor dir stehen können wie eins Adam und Eva, als du sie erschaffen hast…“ (S. 174f.)

Salmon ist halt der ideale Protochrist.

Nun brechen die Israeliten das Lager bei Schittim ab und ziehen zum Jordan. Dort weicht der Fluss vor der Bundeslade zurück und sie ziehen hinüber und richten zum Andenken zwei Steinmale mit Steinen aus dem Fluss auf.

Von Jericho aus sieht man die Israeliten den Fluss durchqueren; auch Rahab sieht es aus ihrem Fenster. „Angst, Begeisterung und Ehrfurcht durchfluteten sie. Sie lachte und weinte gleichzeitig, ihr Herz hämmerte, und sie lehnte sich so weit aus dem Fenster, dass sie fast hinausfiel. Ein Wunder. Sie sah ein Wunder!“ (S 178) Die Menschen, die wie Rahabs Familie vor den Stadtmauern Jerichos wohnen, kommen jetzt entsetzt zur Stadt gelaufen, und am Tor entsteht Gedränge und Panik, Rahab sieht, wie ihre Mutter sich verzweifelt abmüht, einige Bündel mitzuschleppen, und ist wütend, dass sie sie nicht einfach fallenlässt. Aber schließlich findet sich doch ihre gesamte Familie in ihrem Haus ein. Rahabs Vater ist entsetzt: „‚So etwas hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht vorstellen können.‘ Er ballte die Fäuste, sein ganzer Körper steif vor Angst. ‚Noch nie habe ich solch einen furchtbaren Gott gesehen!'“ (S. 181) Rahab beruhigt ihn wieder.

Doch noch geht es nicht mit der Eroberung los. Im Lager der Israeliten werden erst noch alle Männer und Jungen beschnitten, die während der Zeit in der Wüste geboren sind. (Vgl. Jos 5,4-6: „Josua nahm die Beschneidung vor, weil das ganze Volk, das aus Ägypten ausgezogen war, das heißt die Männer, alle Krieger, nach ihrem Auszug aus Ägypten auf dem Weg durch die Wüste gestorben waren. Als das Volk auszog, waren alle beschnitten. Alle aber, die nach dem Auszug aus Ägypten unterwegs in der Wüste geboren wurden, hatte man nicht beschnitten. Denn vierzig Jahre lang wanderten die Israeliten durch die Wüste.“) Und dann wird noch das Passahfest gefeiert; Salmon feiert mit seinen Geschwistern. Sein Bruder Aminadab erzählt den Kindern die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und daraus ergibt sich ein Streit über Rahab:

„‚Ganz Ägypten wurde schwer geschlagen, weil das Herz des Pharaos verhärtet war‘, erklärte Aminadab. ‚Er hatte weder Erbarmen mit Israel noch mit seinem eigenen Volk.‘

‚Einige von ihnen sind mit uns gezogen‘, warf Naschon ein.

Aminadabs Augen blitzten. ‚Ja, aber die meisten starben in der Wüste, weil sie ihre Götzen nicht aufgeben konnten.‘ Er sah Salmon an. ‚Sie führen unser Volk in die Irre.‘

‚Salmon errötete heftig. Alle im Raum hatten von Rahab gehört. ‚Unser eigenes Herz ist es, das uns in die Irre führt‘ sagte er leise. ‚Gott sagt: ‚Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.‘

‚Ich kenne das Gesetz‘, sagte Aminadab.

‚Rahab kennt nicht den Buchstaben des Gesetzes, aber sie gehorcht ihm dennoch, weil ihr Herz Gott erkannt hat.‘

Amindadab ließ sich nicht besänftigen. ‚Es ist nicht gut, wenn wir Fremde unter uns haben. Sie bringen ihre falschen Götter mit und verursachen Unruhe!‘

‚Das stimmt‘, sagte Salmon. ‚Aber wenn sie ihre falschen Götter ablegen und den Herrn lieben, sind sie keine Fremden mehr.‘

Aminadabs Augen blitzten wieder. ‚Und wie willst du wissen, ob sie es ehrlich meint? Wie kannst du einer Frau glauben, die sich anderen Göttern hingegeben hat – ganz zu schweigen von anderen Männern?‘

‚Wer?‘ meldete sich ein Kind, doch niemand reagierte.

‚So wie unsere Väter und Mütter sich dem Goldenen Kalb hingegeben haben?‘ Salmon hatte jetzt Mühe, seinen Zorn zu zügeln. ‚Du vergisst ja schnell unsere eigene Schwäche und siehst nur die der anderen, die nicht den Segen der Gegenwart Gottes gehabt haben!'“ (S. 191f.)

Blitzende Augen. Das ist so eine dieser Phrasen aus dem Standartrepertoire von Romanautoren, die ich gerne verschwinden lassen würde. Wie soll ’n das aussehen, Augen sind keine Blitzgeräte.

Aminadab behauptet, Rahab am Leben zu lassen wäre eine Gefahr für sie, während Salmon weiter darauf besteht, dass Gott Rahab retten wolle und auch die Israeliten Seiner Gnade und Auserwählung nicht würdig gewesen seien. Der Herr hat uns errettet. Der Herr hat uns zu seinem Volk gemacht. Unsere Erlösung gründet nicht darauf, wer wir sind, sondern darauf, wer er ist.“ (S. 193) Mrs. Rivers sollte wirklich lieber Predigten als Romane schreiben, die Rhetorik passt schon mal. (Ehrlich, für eine Sonntagspredigt in der Kirche wäre das kein schlechter Anfang.)

In der Zwischenzeit bei Rahab. Rahab zerstört eine tönerne Götterfigur, die ihre Schwester Hagri mit in ihr Haus gebracht hat und predigt ihr wütend, dass diese keine Macht habe.

„‚Wenn dieses Ding Macht hätte, hätte es sich dann von mir aus dem Fenster werfen lassen? Benutze doch mal deinen Kopf, Hagri. Glaubst du im Ernst, so ein Götze kann uns etwas antun? Das ist eine Tonfigur, sonst nichts. Es gibt nur einen Gott, und er ist der Gott des Himmels und der Erde. Der Gott, der vor ein paar Tagen den Jordan zurückgedrängt hat! Hast du das so schnell vergessen? Wirf dich vor ihm nieder!‘

Ihre Eltern und Geschwister standen da und starrten sie mit offenem Mund an. Sie war so wütend, dass sie zitterte, aber sie merkte, dass sie mit Schreien nichts erreichen würde.

 Sie zwang sich, ruhiger zu sprechen. ‚Unsere einzige Hoffnung ist der Gott der Hebräer. Wir müssen uns von allem trennen, was ihn beleidigt. Habt ihr noch andere Götzenfiguren dabei?‘ Sie sahen sie stumm an, und sie platzte fast. ‚Kommt, zeigt mir alles! Zeigt mir, was für Scheußlichkeiten ihr noch mit in mein Haus gebracht habt!‘

Sie begannen zögernd, ihre Sachen hervorzuholen. Waheb, Hagris Mann, legte einen mit Ton gefüllten Totenschädel, in dessen Augenhöhlen Muschelschalen lagen, auf den Tisch. ‚Mein Vater‘, erklärte er. ‚Er war ein weiser Mann.‘

‚Weise und tot.‘

‚Unsere Ahnen geben uns Hilfe und Rat!‘

‚Wozu? Damit wir so werden wie sie? Glaubst du, dieser Totenschädel voll Dreck kann dir sagen, wie du dem kommenden Gericht entfliehen kannst? Wirf ihn weg!‘

‚Das ist mein Vater!‘

‚Dein Vater ist tot, Waheb. Warum habt ihr seinen Kopf nicht mit ihm begraben?'“ (S. 184f.)

Rahab droht schließlich sogar, Waheb und seine Familie hinauszuwerfen, wenn sie den Schädel nicht zerstören, und weist noch einmal auf das echte göttliche Wunder am Jordan hin, das sie gesehen haben. Schließlich gibt Waheb nach, und Rahabs Vater bringt dann auch noch seine Frau dazu, den Götzenschrein und die Ahnenschädel, die sie mitgebracht hat – das war in den schweren Bündeln – auszupacken.

„Rahab schauderte. Sie erinnerte sich noch gut daran, welche Angst die Totenschädel ihrer Ahnen mit ihren leeren Augen ihr als Kind eingejagt hatten. Sie hatten einen Ehrenplatz in der Hütte ihres Vaters gehabt – gruselige Erinnerungen an vergangene Generationen.

‚Können wir nicht wenigstens den Schrein behalten?‘ fragte ihre Mutter.

‚Warum?‘, sagte Rahab.

‚Er ist kostbar. Dies ist Elfenbein, und diese Steine hier…'“ (S. 187)

Äh, was? Ich dachte, das soll eine arme Bauernfamilie sein. Rahab jedenfalls schert sich nicht um das Elfenbein, das ihre Familie unlogischerweise besitzt:

„‚Er würde uns nur an die Götzen erinnern, die darin gewesen sind.‘

Ihr Vater warf den Schrein aus dem Fenster hinaus. Er prallte auf, und die steinerne Statue in ihm rollte heraus und den Wall hinunter. Als Nächstes warf ihr Vater die Schädel hinunter. Einer nach dem anderen krachten sie auf die Steine.“ (Ebd.)

Während Rahabs Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Kostbarkeiten ja sehr lobenswert ist und Nekromantie jetzt auch nicht gerade toll ist, ist das hier trotzdem schlicht und ergreifend Leichenschändung. Wieso die Schädel nicht im Hinterhof begraben, oder so? Wahebs Instinkt, seinen toten Vater ehren zu wollen, indem er die Leiche ehrt, ist eben gerade nicht falsch, sondern sehr richtig; erst dann, wenn man Leichenteile als Glücksbringer verwendet oder Totengeister zur Zukunftsweissagung heraufbeschwören will (wie das etwa Saul in 1 Sam 28 tut), wird es falsch. Mrs. Rivers, die als Christin schon die Hoffnung auf die Auferstehung des Leibes kennen sollte, sollte das eigentlich sehr genau wissen, und selbst in alttestamentlichen Zeiten, als man diese Hoffnung noch nicht hatte, wusste man, dass ein Körper nicht einfach nur eine wertlose äußere Hülle für die Seele war (wie einige spätere griechische Philosophen glaubten), sondern wirklich zu einem Menschen gehörte und Achtung verdiente.

Aber gut. Protestanten haben ja ein seltsames Verhältnis zu den Toten. Sie halten es ja auch jetzt noch für Nekromantie, Seelen im Himmel um ihre Fürsprache bei Gott zu bitten, und das nach dem Abstieg Christi ins Totenreich und der Befreiung der Seelen aus demselben.

(Christliche Eschatologie ist ein bisschen komplizierter als „nach dem Tod ist die Seele im Himmel“, ja.)

Auch Rahab spürt, wie Salmon, eine Sehnsucht nach Reinigung von Schuld: „Was hatte sie nicht alles für unsichtbare Götzen und Talismane gehabt  ihr Streben nach Geld und Sicherheit; ihre Fähigkeit, innerlich aus ihrem Körper herauszutreten, während unzählige Männer ihn benutzten; ihre Bereitschaft, einem König zu dienen, der sein Volk als seinen persönlichen Besitz betrachtete. Oh, wenn sie nur noch einmal von vorn anfangen, ein neues Geschöpf werden könnte! Wenn sie nur gereinigt werden könnte von all dem Schmutz, sodass sie in Dankbarkeit und ohne Scham vor diesem Gott niederfallen konnte!“ (Ebd.)

Sie und ihre Familie hören die Geräusche des Festes aus dem Lager der Israeliten, und während der Angriff noch auf sich warten lässt, werden Rahabs Angehörige nervös. Ob die Israeliten überhaupt angreifen werden, nachdem sie die Mauern gesehen haben? Oder sollten sie vielleicht doch versuchen, aus der Stadt zu fliehen, bevor der Angriff kommt? Rahabs Mutter regt sich darüber auf, dass Rahab ständig über Gott redet. Alle sind eben nervös und hocken zu eng aufeinander. Spannenderes passiert bei ihnen dann auch nicht mehr. Tatsächlich hätte man in die Geschichte – deren Ende die Leserinnen ja eh schon kennen – an dieser Stelle noch ein bisschen zusätzliche Spannung bringen können, z. B. indem ein Mann der Stadtwache entdeckt, dass Rahabs Familie Götterstatuen zerstört hat und sie für diesen gefährlichen Frevel beim König anzeigt; oder der König Rahabs männliche Angehörige auf die Stadtmauern holen will, damit sie bei der Verteidigung Jerichos helfen; oder der König Rahab das Angebot schickt, während der Belagerung in seinen Palast zu kommen, damit sie dort sicherer ist; oder oder oder… Aber gut, das wäre vielleicht auch etwas viel dichterische Freiheit.

Wir bekommen noch eine kurze Szene, die auf folgender Bibelstelle beruht: „Als Josua bei Jericho war und die Augen erhob, schaute er und siehe: Ein Mann stand vor ihm, mit einem gezückten Schwert in der Hand. Josua ging auf ihn zu und fragte ihn: Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden? Er antwortete: Nein, ich bin der Anführer des Heeres des HERRN. Ich bin soeben gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, um ihm zu huldigen, und fragte ihn: Was befiehlt mein Herr seinem Knecht? Der Anführer des Heeres des HERRN antwortete Josua: Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort, wo du stehst, ist heilig. Und Josua tat es.“ (Jos 5,13-15)

Rahab sieht beim ersten Morgenlicht aus dem Fenster und sieht einen alten Mann – Josua -, der seltsamerweise „[i]n Bogenschützenreichweite von der Stadtmauer“ steht, und dann, als sie ein zweites Mal hinsieht, einen jüngeren Mann, einen Soldaten, bei ihm. Sie beobachtet, wie Josua niederfällt und seine Schuhe auszieht. Nachdem sie kurz vom Fenster weggegangen ist, um ihren Bruder Mizraim zu holen, ist der jüngere Mann wieder fort, als sie zurückkehrt, und der alte kehrt ins israelitische Lager zurück. Sie ahnt, dass es nun losgehen wird mit der Eroberung.

Im nächsten Kapitel ist es dann tatsächlich allmählich so weit. Die Israeliten ziehen, wie ihnen geboten wurde, schweigend und die sieben Widderhörner blasend mit der Bundeslade um Jericho. Rahab hat schon davon gehört, was die Bundeslade ist, und erklärt es ihrer Familie – und auch, dass man Gott nicht beherrschen könnte, indem man die Bundeslade erbeuten würde, weil Gott sich nicht darin einsperren ließe. Wie schon mal gesagt: Wenn die Leute sich öfter so akkurates theologisches Wissen durch Hörensagen erwerben würden, wäre es wirklich schön. Zum Erstaunen der Bewohner Jerichos ziehen die Israeliten wieder ab, nachdem sie die Stadt umrundet haben.

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(James Tissot, The Seven Trumpets of Jericho, Gemeinfrei.)

„‚Sie gehen wieder! Sie gehen wieder!‘, kamen die Schreie von der Mauer, als die israelitische Armee zurück in die Ebene marschierte. Die Soldaten Jerichos riefen und lachten und johlten.

Rahab zuckte zusammen, als sie die Spottrufe hörte, mit denen sie die fortmarschierende Armee und ihren Gott bedachten. Wussten diese Männer nicht, dass sie ihre Eroberer verspotteten? Sie hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Wie sie sich schämte über ihr Volk, über seinen Hochmut, über seine Verachtung vor dem allmächtigen Gott. Wenn sie nur ein bisschen Verstand gehabt hätten, sie hätten Boten mit Geschenken zu den Israeliten geschickt! Der König selbst wäre hinausgegangen, um dem Gott Israels seine Aufwartungen [sic] zu machen! Das Volk hätte die Tore Jerichos geöffnet und den Herrn des Himmels und der Welt willkommen geheißen. Doch stattdessen hatten diese stolzen, dummen Menschen die Stadt verriegelt und verrammelt und zu einem Grab gemacht.“ (S. 200)

Nun ja. Ich will jetzt wirklich nicht die Jerichoaner zu den Guten erklären – für die Gründe siehe den ersten Teil dieser Rezension – aber aus ihrer Sicht ist es doch nicht unlogisch, dass sie noch hoffen, dass ihre Götter doch noch etwas gegen diesen israelitischen Gott ausrichten werden, auch wenn der gerade erst den Jordan aufgehalten hat, und dass sie sich nicht einfach ihren Feinden ergeben wollen. Sie sind, wie gesagt, nicht die Guten der Geschichte, aber sie handeln auch nicht uneingeschränkt frei. (An dieser Stelle nochmal ein allgemeiner Aufruf zu einem Ave Maria für Jerichos Tote.)

Rahabs Familie meint zuerst wie alle anderen, die Israeliten würden nun endgültig abziehen, doch Rahab wankt nicht in ihrer Überzeugung, dass sie zurückkehren würden.

Und natürlich kehren sie an den nächsten Tagen zurück und marschieren wieder und wieder um die Stadt. Hier bekommen wir wieder Salmons Perspektive, der mitmarschiert, zu Rahabs Fenster hinaufsieht und sehnsüchtig und besorgt an sie denkt, während die Soldaten Jerichos die israelitische Armee verspotten. Und dann kommt am siebten Tag ein anderer Marschbefehl als zuvor:

„Heute also würde der Kampf beginnen. Heute würde er sich einen Weg in die Stadt bahnen, Rahab finden und sie und die Ihren in Sicherheit bringen, bevor das Gericht über sie kam.

Denn heute würde Jericho fallen!“ (S. 205)

Diesmal ziehen die Israeliten nicht nur ein, sondern sieben Mal um die Stadt. Rahab ist aufgeregt, als sie merkt, dass sie nicht nach einer Runde wieder abziehen, und fordert ihre Familie auf, sich festlich anzuziehen. „Sollten wir unsere Befreier mit staubigen Gesichtern und schmutzigen Kleidern begrüßen? […] Heute ist der Tag unserer Erlösung!“ (S. 206) Echt jetzt. Dass an diesem Tag all ihre Nachbarn der Tod erwartet, scheint Rahab inzwischen nicht mehr zu kümmern.

Es geht mir hier nicht um Schuld oder Verbrechen. Das ist – siehe Teil a – ein komplizierteres Thema. Aber sie scheint all das nicht einmal als etwas Tragisches, Betrauernswertes zu sehen. Ich nehme es den Russen, die im 2. Weltkrieg meinen Großonkel getötet haben, auch nicht übel, was sie getan haben – sie haben einen gerechten Verteidigungskrieg geführt –, aber trotzdem kann ich es schlimm finden.

Die Reaktion von Rahabs Familie? Stöhnen und genervte Hinweise darauf, dass sie das auch schon die vorigen Tage gesagt habe. Auch hier keine Trauer.

Wir sind wieder draußen bei den Israeliten. Josua befiehlt, nach der siebten Runde ein Kampfgeschrei zu erheben, die Stadt zu stürmen und als Opfer für den Herrn völlig zu zerstören, nur die metallenen Geräte in den Schatz des Herrn zu bringen und die Dirne Rahab zu verschonen. Die Mauern stürzen ein, wie wir alle wissen, nachdem sie das Kriegsgeschrei erhoben haben, und die Israeliten erstürmen die Stadt.

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(James Tissot, The Taking of Jericho, Gemeinfrei.)

Rahab verliert auch jetzt, wo ihr  halbes Haus einstürzt, nicht den Mut. „‚Stellt euch alle hinter mich, schnell!‘, schrie sie über den Lärm hinweg. ‚Habt keine Angst, steht fest!'“ (S. 208)

Josua schickt Salmon und Ephraim zu  Rahabs Haus:

„Er sprang über die Trümmer, das Schwert in der Hand, und machte einen gegnerischen Soldaten nieder, der versuchte, der entfesselten Gottesarmee zu entkommen. […] Er trat durch die Öffnung in der Mauer. Ja, da stand sie und hinter ihr über ein Dutzend weiterer Menschen. Ihre Arme waren ausgestreckt, als wolle sie ihre Familie beschirmen. Ihr schönes Gesicht war blass, aber ihre Augen leuchteten.“ (S. 208f.)

Salmon und Ephraim bringen alle schnell aus der Stadt, wobei wir einen flüchtigen Eindruck von dem Chaos bekommen, das dort herrscht. („Gegenüber auf der Straße brannte ein Haus. Die Leichen von Rahabs Nachbarn lagen in der Tür. Aus dem Stadtzentrum kamen Schreie.“ (S. 209)) Jericho geht in Flammen auf, während Rahabs Familie zu einem Platz außerhalb des israelitischen Lagers gebracht wird.

„Rahab saß zitternd da, die Knie an die Brust gezogen. Erschöpfung, Erleichterung über ihre Rettung und eine abgrundtiefe Traurigkeit stritten in ihr. All diese Menschen – tot, weil sie ihr Vertrauen auf von Menschen errichtete Mauern gesetzt hatten und nicht auf den lebendigen Gott, der die Steine geschaffen hatte. Die Geschichten über Israel hatten sie doch genauso gehört wie sie. Warum hatten sie nur nicht glauben wollen? […]

Rahab ließ ihren Kopf auf die Knie sinken. Sie wollte nicht, dass Salmon oder Ephraim ihre Tränen sahen. Womöglich würden sie sie falsch verstehen und denken, dass sie über die gefallene Stadt trauerte oder nicht dankbar war, dass sie ihren Eid gehalten hatten. Ihr Herz war voll Dankbarkeit gegenüber Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde, der diese Menschen an ihr Versprechen gebunden hatte. Sie und alle ihre Lieben waren am Leben und in Sicherheit.

Aber sie hatte auf mehr gehofft. Oh, auf so viel mehr.“ (S. 210f.)

Ihre Familie ist froh um ihre Rettung und ihr Vater dankt Rahab für ihre Weisheit, aber:

„Keiner ihrer Angehörigen würde ihren Schmerz verstehen. Selbst jetzt, nach allem, was sie gehört und gesehen hatten, teilten sie nicht ihren Glauben und die Sehnsucht ihres Herzens nach Gott. […]

Ihre Schultern bebten; sie schlug die Hände vor den Mund, um ihr Schluchzen zu unterdrücken.

‚Weinst du um die Gefallenen, Rahab?‘

‚Nein‘, sagte sie rau.

Sie weinte, weil ihr Traum, dem wahren Gott nachzufolgen, dabei war, zu Staub zu zerfallen. Sie hatten sie nicht mitgenommen in das Lager Israels.“ (S. 212)

Am nächsten Tag kommen aus dem Lager der Israeliten Josua, Salmon und Ephraim zu ihnen. Hier stellt sich heraus, dass Rahabs Vater Abjasaf Josua schon einmal gesehen hat – vor vierzig Jahre, als der in Moses‘ Auftrag das Land erkundet hat.

„‚Du und ich, wir sind uns vor vielen Jahren hier in diesem Palmenhain begegnet‘, sagte Rahabs Vater. ‚Ich wusste, dass du wiederkommen würdest.‘

‚Ich erinnere mich an dich, Abjasaf.'“ (S. 213)

Mehr erfährt man seltsamerweise nicht über diese Begegnung; man würde glauben, dass die Autorin noch die Gelegenheit nutzen möchte, mehr aus der Figur von Rahabs Vater oder der von Josua zu machen, aber das tut sie nicht.

(Ich habe keine Bibelstelle gefunden, auf der diese Geschichte beruhen könnte. In Numeri 13 steht nichts dergleichen.)

Josua garantiert für ihr Leben und fragt, wohin sie gehen wollen; Abjasaf sagt, wenn sie es sich aussuchen könnten, würden sie gern in ihr altes Haus außerhalb der zerstörten Stadt zurückkehren.

In der Bibel heißt es hier bloß: „Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, und holten Rahab, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Brüder und alles, was ihr gehörte; sie führten ihre ganze Verwandtschaft heraus und wiesen ihnen einen Platz außerhalb des Lagers Israels an. Die Stadt aber und alles, was darin war, brannte man nieder; nur das Silber und Gold und die Geräte aus Bronze und Eisen brachte man in den Schatz im Haus des HERRN. Die Dirne Rahab und die Familie ihres Vaters und alles, was ihr gehörte, ließ Josua am Leben. So wohnt ihre Familie bis heute mitten in Israel; denn Rahab hatte die Boten versteckt, die Josua ausgesandt hatte, um Jericho auskundschaften zu lassen.“ (Jos 6,23-25)

Aber weil Rahab ja mit Salmon zusammenkommen muss, lässt Mrs. Rivers sie jetzt noch Josua darum bitten, ins Volk Israel aufgenommen zu werden. Josua sagt zunächst nur „Wenn Rahab hierbleiben will, so darf sie das tun“ (S. 215), nimmt sie aber nicht ins Lager mit.

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(Illustration von 1891, die Rahab, ihre Familie, Josua und die israelitischen Krieger nach der Eroberung Jerichos zeigt. Gemeinfrei.)

Rahab streitet sich noch mit ihrer Familie, bevor diese abzieht; ihr Vater sagt, der Gott, der Jericho zerstört habe, sei nicht der ihrige, und gerade einem so mächtigen Gott gehe man lieber aus dem Weg. Hier wird es interessant. Mrs. Rivers hat sich ja bisher kaum mit der Tatsache aufgehalten, dass „dieser Gott ist ein wirklicher, mächtiger Gott, mit dem wir rechnen müssen“ für die Leute damals nicht automatisch hieß „dieser Gott ist ein guter Gott, dem wir nahe sein wollen“. Aber auch hier scheint sie keine wirkliche Antwort darauf zu haben. Rahab führt nichts in Bezug auf Gottes Güte und Gerechtigkeit an – spricht nicht über seine gerechten Gebote und Gesetze, seine Liebe zu den Armen und Versklavten (gerade die Bücher Exodus und Deuteronomium gäben da ja einiges an Stoff her) -, sondern fragt nur:

„‚Und wie willst du das machen, Vater? Wo kannst du dich vor ihm verstecken?‘

Er sah einen Augenblick unsicher aus, dann sagte er. ‚Wir werden still für uns unter den Palmen wohnen, wie Josua es uns erlaubt hat. Wir werden uns abseits halten und die Israeliten nicht stören. Auf diese Weise werden wir Frieden haben mit dem Volk Israel und mit seinem Gott.“ (S. 216f.)

Abjasaf tut mir irgendwie leid.

Während ihre Familie abzieht, lässt Josua Rahab noch einige Tage vor dem Lager warten. Als sie vier Tage lang treu dort ausharrt, darf Salmon schließlich zu ihr gehen. Er wechselt nur wenige Worte mit ihr – wobei sie ihre Entschlossenheit deutlich macht, bei den Israeliten zu bleiben -, bevor er ihr seinen  Heiratsantrag macht. Sie ist zuerst ganz verdattert: Was, dieser junge Mann will ausgerechnet eine Hure heiraten? Sie lehnt zunächst ab und sagt ihm, in ein paar Tagen werde er froh darüber sein. Aber er lässt nicht locker:

„Als ich dich das erste Mal in der Mauer von Jericho sah, sah ich nur eine Hure. Aber als ich in dein Haus kam und du mit uns geredet hast, da sah ich, was du wirklich bist – eine Frau voller Weisheit, eine Frau, die des Ruhmes würdig ist. […] Von dem Augenblick an, in dem du deinen Glauben an Gott erklärt hast, habe ich dich geliebt.“ (S. 219)

Rosamunde Pilcher auf Evangelikal. – Salmon wird sogar zum Propheten:

„Von dir werden Propheten kommen… wer weiß, vielleicht sogar der Messias.“ (S. 219f.)

Rahab ist überwältigt:„Sie schluckte, sprachlos vor der Güte Gottes. Erst hatte er ihr das Leben gerettet, und jetzt schenkte er ihr einen Mann Gottes als Ehemann. Einen Ehemann! Das hätte sie sich nie träumen lassen.“ (S. 220) Und so endet das Buch. „Salmon hob ihr Bündel auf, nahm ihre Hand und führte sie nach Hause.“ (S. 221)

Was die Botschaften des Buches angeht, so ist außer einer etwas verworrenen Vorstellung davon, was Gottvertrauen eigentlich bedeutet (wieviel Vorausplanung und Eigeninitiative ist jetzt noch gleich Sünde?) nicht viel Schlimmes dabei. Na gut: Die wirklich schlimm stereotype Liebe auf den ersten Blick. Die zwei sehen gewisse Anzeichen dafür, dass die jeweils andere Person gläubig ist, finden sie attraktiv, und mehr müssen sie nicht voneinander wissen. Es ist mir wirklich schleierhaft, wieso die Autorin sich die zwei nicht nach der Eroberung Jerichos erst mal richtig kennenlernen gelassen hat.

Im nächsten Teil zu Ruth.

Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2a: Rahab

Heute Teil 2 meiner Rezension zu dem Sammelband „Saat des Segens“ von Francine Rivers, zu Band 2, der als Einzelband unter dem Titel „Frau des Glaubens – Rahab“ (Originaltitel: „Unashamed“) erschienen ist und bei mir „Rahab – Zukunft und Hoffnung“ heißt. (Wohl eine Anspielung auf Jer 29,11 – „Denn ich, ich kenne die Gedanken, die ich für euch denke – Spruch des HERRN – , Gedanken des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“ -, ein extrem beliebter Vers für Grußkarten und Instagramposts in evangelikalen Kreisen.) Die Rezension zu diesem Band habe ich auf zwei Posts aufgeteilt, weil er so viel Stoff abgegeben hat.

Der Band ist nicht der schlechteste der Reihe. Aus der Geschichte um Rahab hätte etwas Ordentliches werden können. Wohlgemerkt: hätte.

Ich war ein wenig gespannt auf diese Geschichte, weil sie mich selber mal sehr fasziniert hat – zugegebenermaßen in meiner bibelkritischen Phase mit zwölf, als ich das Alte Testament furchtbar brutal fand. Das ist ja ein Problem, das man am besten nicht einfach ignorieren sollte, wenn man einen Roman schreibt, der zur Zeit der Landnahme spielt. Hier wird eine Stadt (Jericho) erobert und fast die ganze Bevölkerung abgeschlachtet, und die, die das tun, sind die Guten der Geschichte. Einige Leser werden Probleme damit haben.

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(Rahab und die beiden Spione, links; die einstürzenden Mauern Jerichos, rechts; franz. Buchillustration aus dem 15. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Die biblische Welt, vor allem die des Alten Testaments, ist uns ja auch erst einmal relativ fremd. Und die Aufgabe eines guten Autors wäre es jetzt, die Leser in diese Fremdheit eintauchen zu lassen, sie sie wirklich spüren zu lassen (so, wie man sie auch beim Lesen der Bibel selbst spürt), statt zu versuchen, sie zu überspielen. (Einen hervorragenden Job macht bei so einer  Aufgabe übrigens C. S. Lewis in seinem Roman „Du selbst bist die Antwort“ („Till we have faces“), der eine Nacherzählung der Sage von Amor und Psyche ist und in der vorchristlichen Antike irgendwo nördlich von Griechenland spielt. Muss man unbedingt mal gelesen haben. Werbeblock Ende.) Aber dafür muss der Autor sich erst einmal richtig in die Denkweise seiner Figuren einfühlen können, sich ihrer nie ausgesprochenen Grundannahmen bewusst werden. Mrs. Rivers kratzt hier nur an der Oberfläche.

Die Geschichte befindet sich in der Bibel in den ersten paar Kapiteln des Buches Josua; Rahab selber taucht in Kapitel 2 und dann wieder am Ende von Kapitel 6 auf. Sie ist eine Dirne aus Jericho, die zwei israelitische Spione versteckt, die Josua ausgesandt hat, und die daher zusammen mit ihrer Familie am Leben gelassen wird, als die Israeliten später Jericho erobern. Mrs. Rivers hat sich eigentlich keine schlechte Hintergrundgeschichte für sie ausgedacht. Ihre Rahab kommt aus einfachen Verhältnissen und wurde als junges Mädchen in den Harem des Stadtfürsten von Jericho gerufen, um als seine Geliebte zu dienen;  nachdem der König genug von ihr hatte, erreichte sie, da sie nicht ohne irgendetwas dastehen wollte, dass er ihr ein Haus in der Stadtmauer nahe beim Tor einrichtete, von wo aus sie seitdem die Leute beobachten und als Hure Kunden bedienen konnte (z. B. Boten aus anderen Städten), denen sie für den König nützliche Informationen entlocken konnte. So lebt sie zu Beginn des Buches seit zwölf Jahren; und obwohl sie ein bequemes Leben und bescheidenen Wohlstand erreicht hat, hasst sie ihr Leben und fühlt sich wie in einem Gefängnis.

Hier im ersten Kapitel, als die Autorin Rahabs Lebensgeschichte ausbreitet – übrigens, ohne sich die Mühe zu machen, die Informationen irgendwie in Gespräche o. Ä. einzubetten, das Ganze wird einfach rückblickend erzählt, während Rahab an ihrem Fenster sitzt und nachdenkt – findet sich übrigens eine Stelle, die ein gutes Beispiel für das ist, was ich oben gemeint habe; die Autorin bringt die Fremdheit von Rahabs Welt nicht gut herüber: „Hatte sie nicht ein gutes, ja beneidenswertes Leben? Der König achtete sie, die Männer begehrten sie, und sie konnte sich ihre Kunden aussuchen. So manche Frau in der Stadt neidete ihr ihre Unabhängigkeit. Sie wussten nicht, wie das war, benutzt und entmenschlicht zu werden.“ (S. 126) Jetzt mal abgesehen davon, dass so manche  Frau in dieser Stadt eine Sklavin oder Nebenfrau sein und ein solches Gefühl sehr wohl kennen wird: Das Wort „entmenschlicht“ passt hier nicht. Es setzt ein Konzept von Menschenwürde voraus, das die Kanaaniter noch nicht kannten. Die historische Rahab hätte vielleicht ein solches unangenehmes Gefühl gehabt, es aber nicht in diese Worte gefasst.

Doch Rahab hat auch vom Gott der Israeliten gehört, die schon auf der anderen Seite des Jordan kampieren:

„Aber sie hatte andere Pläne, andere Träume und Hoffnungen.

Und sie hingen alle an dem Gott da draußen, dem Einen, der die Macht hatte, seine Erwählten zu retten. Schon als junges Mädchen, als sie die Geschichten zum ersten Mal gehört hatte, hatte sie tief in ihrem Inneren gewusst, dass er ein wahrer Gott war, ja der einzige. Wenn er sein Volk über den Jordan brachte, würde er diese Stadt packen und zerschmettern, wie er alle seine Feinde zerschmettert hatte.

Das Ende der Welt, wie sie sie kannte, war in Sicht.

Wir werden alle sterben! Warum sieht das niemand? Sind sie denn alle blind und taub für das, was in den letzten vierzig Jahren geschehen ist? […]

Sie hatte Angst vor dem Tod – aber noch stärker war die tiefe Sehnsucht, ein Teil davon zu sein, zu diesem Gott gehören zu dürfen. Sie kam sich wie ein kleines Mädchen vor, das sich danach sehnt, von den starken Armen ihres Vaters aus Not und Gefahr gerettet zu werden.“ (S. 126f.)

Sie hat u. a. von einem Ägypter, dessen Vater noch die Zeit der Plagen erlebt hat, von der Macht des israelitischen Gottes gehört, und hat auch den König davor gewarnt, der ihr aber nicht zugehört hat und das alles für Ammenmärchen hält.

Vergleichen wir das mal mit der biblischen Darstellung. Die biblische Rahab sagt später zu den beiden Spionen:

„Ich habe erfahren, dass der HERR euch das Land gegeben hat und dass uns Furcht vor euch befallen hat und alle Bewohner des Landes aus Angst vor euch vergehen. Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser des Roten Meeres euretwegen austrocknen ließ, als ihr aus Ägypten ausgezogen seid. Wir haben auch gehört, was ihr mit Sihon und Og, den beiden Königen der Amoriter jenseits des Jordan, gemacht habt: Ihr habt den Bann an ihnen vollzogen. Als wir das hörten, zerschmolz unser Herz und jedem stockte euretwegen der Atem; denn der HERR, euer Gott, ist Gott droben im Himmel und hier unten auf der Erde. Nun schwört mir beim HERRN, dass ihr der Familie meines Vaters Gnade erweist, wie ich sie euch erwiesen habe, und gebt mir ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr meinen Vater und meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was ihnen gehört, am Leben lasst und dass ihr uns vor dem Tod bewahrt!“ (Jos 2,9-13)

In Mrs. Rivers‘ Darstellung schmilzt den Bewohnern Jerichos nicht angesichts der Macht Gottes das Herz und stockt ihnen nicht der Atem; im Gegenteil, außer Rahab sind sie alle relativ gelassen, vertrauen auf den Schutz durch ihre Stadtmauern und geben nicht viel auf den israelitischen Gott. Sie stehen hier natürlich für moderne Ungläubige. Nur leider entspricht das halt nicht der Bibel.

Außerdem lässt die Autorin Rahab ganz ähnliche Bedenken gegen die kanaanitischen Götter hegen wie Tamar in Band 1: Sie sind „von Menschenhänden gemachte Steinfiguren“ (S. 129) und sie verlangen Kinderopfer. Okay, wenn ich einen Roman über das Thema schreiben würde, würde ich wohl auch an prominenter Stelle die Kinderopfer erwähnen, um darzustellen, was für Leutet die Kanaaniter eigentlich waren. Aber auch hier wirkt Rahab irgendwie zu sehr über ihrer Kultur stehend, zu unabhängig. „Als ob ein ermordetes Kind jemals Glück bringen konnte!“ (S. 132), denkt sie sich; hat ihre Kultur ihr tatsächlich nicht mal Zweifel eingeredet, ob das nicht vielleicht doch manchmal notwendig sein oder helfen könnte, wenn man einen entsprechenden Gott besänftigen will?

Rahab bewundert Gott dafür, dass er ausgerechnet ein versklavtes Volk erwählt und befreit hat und wünscht sich, Jericho verlassen und sich den Israeliten anschließen zu können; allerdings fürchtet sie auch, dass der König dann ihre Familie bestrafen lassen könnte. Und sie hält es auch für unmöglich, dass ihre Familie mit ihr gehen würde: „Ihr Vater glaubte jedes Wort aus dem Mund des Königs; er war es nicht gewohnt, selbstständig zu denken.“ (S. 129) Höre ich hier ein mahnendes „Glaubt nicht alles, was die Regierung und die Mainstreammedien euch erzählen!“ heraus? Rahab hofft außerdem tatsächlich, dass die Israeliten Kundschafter schicken und sie sie erkennen und ihnen helfen kann. Mit ihren Vorausdeutungen ist Mrs. Rivers nicht unbedingt subtil.

In dieser ersten Szene passiert nicht mehr, als dass Rahab, wie gesagt, nachdenklich an ihrem Fenster sitzt, sich vom Hauptmann der Stadtwache verabschiedet, der die Nacht bei ihr verbracht hat, und ein paar Worte mit Männern unter ihrem Fenster wechselt.

Mrs. Rivers hat die für einen spannend sein sollenden Frauenroman naheliegende Entscheidung getroffen, Rahab mit einem der beiden Spione zusammenkommen zu lassen, was die bibelkundige Leserin weiß, sobald die nächste Szene im Lager der Israeliten beginnt. Salmon – Rahabs Zukünftiger, wie wir aus Mt 1,5 schließen können – trainiert zusammen mit seinem Freund Ephraim für den Kampf. Auch hier bekommen wir in dieser ersten Szene erst einmal einige Einblicke in Salmons Erinnerungen und Gedanken, um die Vorgeschichte zu verstehen.

Salmon denkt daran, wie die Israeliten die letzten Jahrzehnte in der Wüste umhergezogen sind, weil sie damals vor vierzig Jahren nicht darauf vertrauen wollten, dass sie das Land erobern könnten (vgl. Num 13-14):

„Salmon war noch nicht auf der Welt gewesen, als Gott das Volk in die Wüste geschickt hatte, aber er war im Schatten dieser Konsequenz aufgewachsen. Wie oft hatte er es gehört, das ‚Hätten wir nur…‘ seines Vaters. ‚Wenn wir nur Josua und Kaleb geglaubt hätten… Hätten wir Gott nur gehorcht, dann würden wir jetzt nicht wie verirrte Schafe durch die Wüste wandern…‘ Wenn es möglich gewesen wäre, Gott mit Jammern zu zermürben – Salmons Vater hätte es geschafft.

Salmon verzog unwillkürlich das Gesicht bei der Erinnerung an das Selbstmitleid seines Vaters, das so stark nach dem alten, rebellischen Unglauben roch. Barmherziger Gott, betete er, bewahre mich davor, auch so zu denken. Mache mich zu dem Mann, als den du mich gedacht hast – einen Mann voller Gehorsam und Entschlossenheit.

Aber es war einfach, über die Fehler der anderen die Nase zu rümpfen. Und hochmütig. Salmon wusste, dass er nicht besser war als der Mann, der ihn gezeugt hatte. Die große Gefahr war, zu weit nach vorne zu schauen. Er musste warten, so wie Josua wartete. Der Herr würde sprechen, wenn der rechte Zeitpunkt da war. Und wenn er redete, hatte Salmon nur die Wahl zwischen Gehorsam und Ungehorsam.“ (S. 134f.)

In der nächsten Szene kommt Josua in Salmons Zelt und fragt ihn, ob er bereit ist, einen gefährlichen Auftrag zu übernehmen. Salmon erklärt sich natürlich sofort bereit und Josua erklärt, dass es darum geht, Jerichos Verteidigungsanlagen und die Stimmung der Menschen dort auszukundschaften. Er lässt Salmon amoritische Kleider und ein Schwert da. „Die Kleider mussten von der Leiche eines getöteten Feindes stammen, denn Salmon sah einen Blutfleck. Er würde vorsichtig sein müssen, wenn er dieses Gewand trug, am besten einen Mantel darüber tragen. Jeder, der den Blutfleck sah, würde ahnen, dass der vorherige Besitzer des Gewandes eines gewaltsamen Todes gestorben war – keine gute Voraussetzung, um unauffällig zu sein.“ (S. 137) Und Kleider kann man natürlich nicht waschen. Für den Job als Spion scheint Salmon eher mäßig geeignet.

Jedenfalls schwimmen Salmon und Ephraim in der nächsten Nacht über den Jordan – d. h., schwimmen können sie als in der Wüste Aufgewachsene eigentlich nicht richtig, aber sie sagen sich, dass sie auf Gott vertrauen müssten und schaffen es irgendwie hinüber – und machen sich auf nach Jericho. Das nächste Kapitel beginnt wieder bei Rahab, die aus ihrem Fenster blickt und die beiden sich dem Stadttor nähernden scheinbaren amoritischen Soldaten beobachtet:

„Aber als sie näher kamen, sah sie, dass sie keinerlei Gepäck dabei hatten, dafür aber die Stadtmauern mit sichtlichem Interesse musterten und sich eifrig gestikulierend unterhielten. Jetzt waren sie fast unterhalb von ihr. Ihre Gesichter waren merkwürdig ernst. Aber das Auffälligste war, dass sie sich keinen Deut für sie zu interessieren schienen. Es gab keinen Soldaten, der nicht ständig Ausschau nach Frauen wie Rahab hielt. […] Vor allem die Amoriter, deren Geilheit sprichwörtlich war.

Ah, jetzt hatten sie sie doch gesehen. ‚Seid gegrüßt, hübschen Freunde!‘ rief sie, ihnen zuwinkend. Sie wandten ihre Gesichter ab. Seltsam.“ (S. 142)

Nicht, dass hier noch jemand denkt, anständige israelitische Spione wären aus gewöhnlichen Gründen bei einer Prostituierten gelandet!

Rahab jedenfalls wird misstrauisch. „Jetzt riss ein Windstoß das Obergewand des Größeren auf. Er zog es hastig wieder zu, aber nicht schnell genug für Rahab. Ein Blutfleck. Aha.“ (S. 143) Schlechteste. Spione. Ever.

Jetzt ist sie sich sicher, israelitische Kundschafter vor sich zu haben. „Ihr wurde mulmig. Wussten die beiden denn nicht, in welcher Gefahr sie waren? Bildeten sie sich wirklich ein, die Torwächter würden sich von ihrer Verkleidung täuschen lassen?“ (S. 144) Sie versucht, die Aufmerksamkeit der beiden zu erregen, und ruft ihnen schließlich zu, sie wisse, was sie wollten, und „Der Jordan ist tief um diese Jahreszeit, nicht wahr?“ (S. 144) Salmon reagiert darauf jetzt doch. Sie ruft, sie werde im Tor auf die beiden warten, rennt hinunter, und verwickelt dort unten erst einmal den Hauptmann, der in der letzten Nacht bei ihr war, einen Mann namens Kabul, in ein Gespräch. Er bemerkt schließlich dennoch, dass sie sich für die beiden amoritischen Soldaten zu interessieren scheint, die jetzt zum Tor gekommen sind, und auch er wird misstrauisch – es seien gefährliche Zeiten, sagt er zu Rahab, das könnten Spione sein, sie hätten so ungewöhnlich kurzes Haar. (Außerdem werden sie so beschrieben, dass sie „sich so auffällig darum bemühten, unauffällig zu erscheinen“ (S. 146). Allerschlechteste. Spione. Ever.) Rahab sagt ihm, er solle noch etwas warten, bevor er zum König schicken lasse, sie wolle sehen, ob sie etwas aus den beiden herausbekommen könnte, falls es Spione seien, er solle ihr eine Stunde Zeit geben; sie würde sie mit Wein abfüllen und ihnen Informationen entocken und er könne dann etwas von der Belohnung haben, die der König ihr geben würde. Er geht darauf ein.

Salmon und Ephraim gelangen also in die Stadt, gehen mit Rahab mit, und in ihrem Haus angekommen, konfrontiert sie sie sofort mit ihrem Wissen, dass sie hebräische Spione seien und lässt sie sich auf dem Dach verstecken. Ein wenig Romantik bekommen wir auch schon. „Sie sah Salmon an, und er fand, dass sie die schönsten Augen hatte, die er je gesehen hatte. Kein Wunder, dass Josua und Kaleb sie so oft vor den fremden Frauen gewarnt hatten.“ (S. 148) Hach.

In ihrem Versteck auf dem Dach streiten die zwei sich ein wenig; der nervöse Ephraim meint, sie hätten diese Hure sofort umbringen und verschwinden sollen, statt sich auf ihrem Dach zu verstecken, und äußert sich abfällig über ihre Tätigkeit. Salmon beruhigt ihn wieder. „Sei ruhig! Wir sind genau dort, wo Gott uns hingestellt hat.“ (S. 149)

Als die Soldaten wiederkommen, begrüßt Rahab sie mit einem „Wärt ihr nur eher gekommen!“ (S. 150) und sagt ihnen, die beiden Männer wären schon wieder gegangen und hätten die Stadt verlassen; sie könnten sie sicher noch erwischen. Kabul wird nicht misstrauisch und marschiert wieder ab.

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(Rahab hilft den beiden Spionen, aus einer Kinderbibel von 1897. Gemeinfrei.)

Rahab geht zu den beiden aufs Dach. Hier sagt sie jetzt doch so etwas Ähnliches, wie in der Bibel steht („Ich weiß, dass Gott der Herr euch dieses Land gegeben hat. Alle zittern vor euch“ (S. 152) usw.), und bittet sie, sie und ihre Familie bei der Eroberung Jerichos zu verschonen. Die beiden versprechen es. Die erleichterte Rahab lädt sie ein, es sich gemütlich zu machen und etwas zu essen, aber Ephraim lehnt sofort ab. Salmon dagegen ist neugierig, was es mit ihr auf sich hat, und lässt sich auf ein Gespräch darüber ein, wie es dazu kommt, dass sie an Gott glaubt. Dabei sagt Rahab auch über die anderen Bewohner Jerichos: „Ja. Sie haben Angst vor euch, wie vor jedem anderen Eroberer. Aber sie begreifen nicht, dass es euer Gott ist, der euch den Sieg gibt.“ (S. 153) Ah ja, so hat sich das vorher nicht angehört.

Zwischen Salmon und Rahab entwickelt sich schon etwas: „Es war überdeutlich, dass sie ihm gefiel. Und ihr ging es andersherum genauso.“ (S. 154) Rahab erklärt, wie gern sie zum Volk der beiden gehören würde. Doch halt! Die Israeliten haben da gewisse Gesetze.

„Salmon sah sie einen Augenblick lang an und sagte dann leise. ‚Es gibt zum Beispiel Gesetze gegen Unzucht und Ehebruch.‘

‚Ephraim fuhr fort: ‚Prostitution ist nicht erlaubt. Wer das missachtet, ist des Todes.‘

Rahab erinnerte sich, wie sie sich aus ihrem Fenster gelehnt und die beiden angesprochen hatte, wie bei Hunderten anderen schon, und die Röte schoss ihr ins Gesicht. Sie ekelte sich plötzlich vor sich selbst. Kein Wunder, dadss die Israeliten so gezögert hatten und ihr Essen nicht wollten.

‚Ich habe mir meinen Beruf nicht ausgesucht‘, sagte sie rasch. ‚Mein Vater brachte mich zum König, als ich noch ein Kind war und…‘ Sie unterbrach sich, als sie Salmons Gesichtsausdruck sah. War es wirklich so wichtig, wie sie zu dem geworden war, was sie war? Dass sie ein Mädchen gewesen war, das keine Wahl hatte – war das eine Entschuldigung dafür, dass sie als erwachsene Frau ihren Beruf beibehalten und sich damit ihre Taschen gefüllt hatte? […] ‚Wenn euer Gott es so hasst, dann höre ich auf.'“ (S. 154f.)

Dass das Gesetz des Mose (zu dessen „schwierigen“ Stellen ich übrigens hier mal was geschrieben habe, wenn es jemanden interessieren sollte) Prostitution mit der Todesstrafe belege, stimmt schlicht nicht. Darin gibt es Gesetze zu Unzucht und Ehebruch, durchaus. Das sechste Gebot lautet „Du sollst nicht die Ehe brechen“. Dann gibt es folgendes Gesetz zur Verführung eines Mädchens: „Wenn jemand ein noch nicht verlobtes Mädchen verführt und bei ihm schläft, dann soll er das Brautgeld zahlen und sie zur Frau nehmen.Weigert sich aber ihr Vater, sie ihm zu geben, dann hat er ihm so viel zu zahlen, wie der Brautpreis für eine Jungfrau beträgt.“ (Ex 22,15f.) Ähnliche Gesetze stehen in Dtr 22, wo es um Ehebruch, Unzucht mit einer bereits Verlobten (was wie Ehebruch zählt), und Vergewaltigung/Verführung einer noch nicht Verlobten geht, und eine Faustregel für die Unterscheidung von Vergewaltigung und konsensualer Unzucht gegeben wird. Es gilt: Todesstrafe für Ehebruch; keine Todesstrafe, sondern Schadensersatz des Mannes an der Frau bei vorehelicher Verführung/Vergewaltigung, entweder durch Heirat oder durch Geld. Allerdings gibt es da auch ein Gesetz, das die Todesstrafe für eine Frau festlegt, bei der der Mann erst irgendwann nach der Eheschließung gemerkt hat, dass sie nicht mehr Jungfrau war, als sie ihn geheiratet hat – vielleicht deshalb, weil er getäuscht wurde, vielleicht steht da auch die Befürchtung dahinter, sie könnte schon bei der Heirat von einem anderen schwanger gewesen sein und ihm ein Kuckuckskind ins Haus gebracht haben, grundsätzlich heißt es im Text einfach: „denn sie hat eine Schandtat in Israel begangen, indem sie in ihrem Vaterhaus Unzucht trieb.“ (Auch eine falsche Beschuldigung wegen vorehelichen Verkehrs soll hier übrigens bestraft werden.) Dann wären da die Bestimmungen von Lev 18 und 20, die Ehebruch, Inzest, homosexuelle Unzucht (interessanterweise nur unter Männern), Verkehr mit einer menstruierenden Frau (wegen der kultischen Reinheit) und Bestialität unter Todesstrafe stellen.*  Zwar heißt es in Lev 19,29 auch noch „Entweih nicht deine Tochter, indem du sie als Hure preisgibst, damit das Land nicht der Hurerei verfällt und voller Blutschande wird!“, aber hier ist keine Strafe vorgeschrieben. Die Tempelprostitution wird auch verboten. „Unter den Frauen Israels soll es keine Geheiligte geben und unter den Männern Israels soll es keinen Geheiligten geben. Du sollst weder Dirnenlohn noch Hundegeld in den Tempel des HERRN, deines Gottes, bringen. Kein Gelübde kann dazu verpflichten; denn auch diese beiden Dinge sind dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel.“ (Dtr 23,18f.) Aber Rahab ist ja keine Tempelprostituierte, und auch hier: keine konkrete Strafe. Lev 21,7 legt zwar bzgl. der Priester fest: „Sie dürfen weder eine Dirne noch eine Entweihte noch eine Frau heiraten, die ihr Mann verstoßen hat; denn der Priester ist seinem Gott geheiligt.“ Aber gerade das impliziert ja, dass Dirnen (die nicht einen Mann heirateten, dem sie vorschwindelten, Jungfrau zu sein) nicht mit dem Tod bestraft wurden, sondern relativ unbehelligt in Israel lebten.

Mrs. Rivers, das mit dem Bibellesen üben wir noch mal! Natürlich stimmt es, dass Unzucht nicht gern gesehen war, aber bei normaler, heterosexueller, nicht-ehebrecherischer, nicht-inzestuöser, nicht gegen Reinheitsbestimmungen verstoßender Unzucht/Prostitution war man mit den Strafen nicht so streng wie bei anderen Formen.

Nachdem sie noch mit Rahab verabredet haben, dass sie ein rotes Seil aus dem Fenster hängen lassen soll, damit sie erkennen können, welches Haus sie verschonen müssen, lassen Salmon und Ephraim sich an eben diesem Seil aus dem Fenster hinunter.

File:Rahab and the Emissaries of Joshua.jpg

(Rahab und die beiden Gesandten Josuas, von einem unbekannten Maler, Italien, 17. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Sie gehen dann auf Rahabs Rat hin in die nahen Berge und verstecken sich dort drei Tage, bis nicht mehr nach ihnen gesucht wird.

Rahab währenddessen schließt sich vor allen ab. „Sie erklärte ihm [Kabul], dass sie sich nicht gut fühle. Das war keine Lüge. Ihr war wirklich schlecht – wegen ihm, wegen des Lebens, das sie führte, wegen der Erkenntnis, dass bald alle in dieser Stadt tot sein würden.“ (S. 158) Der König hat sie zwar wegen der Spione befragt, ihre Lügen aber geglaubt; diese Szene bekommen wir übrigens nicht mit, sondern bloß rückblickend in zwei Sätzen zusammengefasst. Mrs. Rivers ist schon etwas faul; man erfährt auch nicht mehr viel über die Zustände in der Stadt oder irgendwelche anderen Einwohner Jerichos – abgesehen von Rahabs Familie, die sie jetzt kontaktiert.

Ihr Vater ist ein nicht besonders wohlhabender Bauer, und sie hat zwei Brüder und zwei Schwestern, die alle verheiratet sind und Kinder haben. Sie lädt zunächst ihren Vater und ihre beiden Brüder Mizraim und Jobab zu sich ein, um ihnen zu erklären, was sie getan hat. Zuerst sind vor allem ihre Brüder alles andere als erfreut. Rahab hält ihnen eine ausführliche Predigt: „‚Wir sind all die Jahre vor den Baalen niedergefallen und haben gedacht, sie seien die Herren des Landes. Aber das Land gehört dem Gott da draußen, und er wird es sich nehmen!‘ Sie lachte tonlos. ‚Bildet ihr euch ein, uns könne nichts passieren, weil wir den Götzenbildern Opfer gebracht haben, die wir uns selbst gemacht haben? […] Alles gehört ihm, und er kann dieses Land und alles, was darin ist, geben wem er will.'“ (S. 162) Ich wünschte, Andersgläubige würden öfter durch bloßes Hörensagen so akkurate theologische Kenntnisse erwerben, und dann auch noch gleich den Jargon übernehmen („Götzenbilder“). Die Autorin lässt Rahab ihre Überzeugung folgendermaßen begründen:

„‚Jedes Mal, wenn ich etwas über ihn [Gott] vernommen habe, habe ich eine… Gewissheit gespürt. Ich kann es nicht erklären, aber ich weiß, dass dies Gott ist – der einzige Gott. Und ich habe beschlossen, meinen Glauben und meine Hoffnung auf ihn zu setzen.‘ Sie lehnte sich zurück und sah die anderen an. ‚Ihr müsst selbst entscheiden, ob ihr das Leben oder den Tod wählen wollt.‘

‚Wir wählen das Leben‘, antwortete ihr Vater.“ (S. 163f.)

Die Einwände von Rahabs Brüdern in diesem Gespräch bewegen sich alle auf der Ebene von „Was, wenn der König das herausfindet“, „Unsere Mauern sind doch stark“, Woher willst du wissen, dass du diesen Spionen vertrauen kannst“ – kein einziger moralischer Einwand im Sinne von „Wir müssen für unser Volk kämpfen“ taucht auf. Das könnte zwar irgendwo Sinn machen – wenn man weiß, dass man sowieso verlieren wird, ist auch die Pflicht zum Kampf nicht mehr so wirklich da -, aber dennoch hat es etwas Unrealistisches. So ganz unproblematisch ist Rahabs Handeln ja aus kanaanitischer Sicht nicht – sehr untertrieben ausgedrückt.

Denken wir uns mal eine moderne Parallele; nehmen wir dafür einen Krieg, bei dem es für alle einsichtig und unumstritten ist, wer die Guten und wer die Bösen sind. Sagen wir, eine Deutsche hilft im Zweiten Weltkrieg englischen Spionen und erfährt durch sie von einem bevorstehenden Bombenangriff auf ihre Stadt, sodass sie und ihre Familie diese rechtzeitig verlassen und den Bomben entgehen können. (Irgendwie gefällt mir das Beispiel, denn auch hier muss der Bombenangriff speziell nicht moralisch gerechtfertigt sein, auch wenn die Kriegserklärung der Engländer an Deutschland das grundsätzlich war – genauso, wie es bei Rahabs Geschichte grundsätzlich egal ist, ob man die Bibel so interpretiert, dass Gott eindeutig direkt selber befohlen habe, alle Kanaaniter inklusive Frauen, Kinder, Alte auszurotten, oder die Israeliten das auf dieser Stufe der Offenbarung halt so verstanden hätten.**) Auch in diesem Fall würden die Angehörigen dieser „Verräterin“ ihr vermutlich erst mal vorhalten, sie habe ihr Volk verraten, und sie müssten für Deutschland kämpfen, usw.

Am Ende dieses Gesprächs kommt eine etwas lächerliche Stelle. Rahabs Bruder fragt:

„Wir sind zwanzig Menschen, Rahab. Wie willst du uns alle unterbringen – uns und den Proviant, den wir [gemeint: während der Belagerung] brauchen werden?“ (S. 164)

Weil es ja offensichtlich so schwierig ist, zwanzig Menschen in einem Haus unterzubringen! Die Antwort lautet:

„Oh, Mizraim, du sorgst dich um so viele Dinge – darum, was du essen und wo du schlafen wirst. Aber nur eins ist wirklich wichtig: Folge den Anweisungen! Wenn du überleben willst, pack deine Sachen und komm in mein Haus.“ (Ebd.)

Man könnte es auch ein bisschen unauffälliger machen, als Rahab ein zusammengestoppeltes Zitat aus der Bergpredigt (Mt 6,25.31) und der Marta-und-Maria-Geschichte (Lk 10,41f.) in den Mund zu legen. Mrs. Rivers nimmt ihren Predigtauftrag wirklich sehr ernst.

Aber zurück zu Salmon und Ephraim. Die beiden haben es zurück ins israelitische Lager geschafft und erstatten Josua und Kaleb Bericht. Sie stellen fest, dass ihr Bericht eigentlich gar nicht mehr nötig war; in der Zwischenzeit hat Gott bereits zu Josua gesprochen und alles ist entschieden; sie werden in drei Tagen den Jordan überqueren. Salmon jedoch ist nicht etwa enttäuscht deswegen: „Er hatte den Eindruck, dass er und Ephraim aus einem ganz anderen Grund nach Jericho gesandt worden waren, einem Grund, den nur der Herr selbst gekannt hatte. Vielleicht hatten sie Rahab finden und die Tür zu ihrer Rettung öffnen sollen.“ (S. 167) Als sie von Rahab erzählen, erklären sich Josua und Kaleb einverstanden mit der Abmachung.

„Josuas Augen wurden schmaler. ‚Und habt ihr diesen Eid geschworen?‘

Salmon spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Hatte er vielleicht eigenmächtig gehandelt und den Willen Gottes übertreten? ‚Wenn ich falsch gehandelt habe, bete ich darum, dass Gott, der Herr, allein mich zu Rechenschaft ziehen und diese Frau nicht bestrafen wird. Ja, wir haben vor dem Herrn, unserem Gott, geschworen, dass jeder, der in Rahabs Haus ist, verschont wird.‘

‚Dann wird es so sein‘, sagte Josua.“ (S. 166)

Schön gesagt. Kaleb trägt Salmon und Ephraim auf, bei der Eroberung für die Sicherheit von Rahab und ihrer Familie zu sorgen.

Nachdem Josua und Ephraim gegangen sind, spricht Salmon noch weiter mit Kaleb über Rahab:

„‚Sie will eine der Unseren werden.‘ Salmon überlegte kurz. Doch, es war das Beste, wenn er seine Gefühle vor Kaleb offenlegte und um Rat bat. ‚Und ich… ich möchte diese Frau in mein Zelt führen.'“ (S. 167)

Na, das geht ja mal wirklich fix.

Kaleb ist erst ein bisschen skeptisch, rät von Eile ab.

„Kaleb schüttelte den Kopf, halt amüsiert, halb sorgenvoll. ‚Es sind immer die heidnischen Frauen, die unsere Männer von Gott wegziehen.‘

‚Rahab ist keine Heidin!‘

‚Sie ist eine Kanaaniterin.‘

‚Diese Frau hat mehr Glauben an den Tag gelegt als mein Vater und meine Mutter. Aber zählen wir doch gleich alles auf, was gegen sie spricht: Sie ist älter als ich, und sie hat sich ihr Brot als Hure verdient.‘

In Kalebs Augen war ein merkwürdiges Leuchten. ‚Und eine solche Frau willst du dir zur Ehefra wählen?‘

‚Rahab ist tatsächlich etwas Besonderes.‘

Kaleb schürte das Feuer mit einem Stock. ‚Vielleicht ist sie nur eine raffinierte Lügnerin, die ihr eigenes Volk verrät, um ihre Haut zu retten.‘

‚Aber wer ist ihr Volk?‘

Kaleb hob seine Hand, wie um Salmons Worte wegzuwischen. Salmon sprach rasch weiter. ‚Du und Josua, ihr habt mich gelehrt, in allem nach Gottes Willen zu fragen. Hilf mir, ihn zu finden, was diese Frau angeht!‘

Kaleb atmete langsam aus und rieb sich mit beiden Händen über sein Gesicht. ‚Josua hat dir bereits seine Anweisungen gegeben. Du wirst für die Sicherheit dieser Frau und all derer sorgen, die zu ihr gehöre. Und wenn du willst, wird sie als Kriegsbeute dir gehören.'“ (S. 168)

Kriegsbeute? Wie kommen wir jetzt aufs Thema Kriegsbeute? Rahab ist eine Verbündete, mit der es eine friedliche Vereinbarung gab, in der nie von „Kriegsbeute“ die Rede war!

„Salmons Herz schlug heftig. Es fühlte sich an, als habe Kaleb ihm gerade ein kostbares Geschenk überreicht, so kühl seine Worte auch klangen.

Der  Ältere ließ seine Hände sinken. ‚Du solltest sie und ihre Familie allerdings zunächst draußen vor dem Lager lassen. Vielleicht will sie gehen und die Ihren mitnehmen.‘

‚Sie möchte eine von uns werden.‘

‚Wie kannst du da so sicher sein?‘

Salmon hockte sich hin. ‚Ich habe ihre Augen gesehen und ihre Worte gehört.'“ (S. 168f.)

Er erklärt seine Überzeugung, dass Gott ihn und Ephraim nach Jericho geschickt hat, damit Rahab gerettet wird. Kaleb warnt ihn davor, Gott seine eigenen Wünsche in den Mund zu legen. Aber Salmon hat noch mehr Argumente parat:

„‚Seit ich ein kleiner Junge war, hast du mich die Wahrheit gelehrt und sie vor meinen Augen ausgelebt. Eines ist mir immer ganz klar gewesen: Gott hat uns nicht aus Ägypten befreit, weil wir so gut gewesen wären oder die Freiheit verdient hätten, sondern er hat uns aus Gnade gerettet.‘ Salmon breitete seine Hände aus. ‚Und will der Herr seine Gnade nicht jedem geben, der sich danach sehnt, zu ihm zu gehören? Ich habe diese Sehnsucht in Rahabs Augen gesehen, ich habe sie davon reden gehört. Sie glaubt, dass der Herr Gott ist, und sie hat ihre Treue zu ihm darin gezeigt, dass sie uns das Leben gerettet hat.'“ (S. 169)

Denken Sie dran, meine Damen, sola gratia und sola fide!

Kaleb mahnt wieder zur Geduld. Der verliebte Salmon unterbreitet ihm noch eine ziemliche Schnapsidee: „Wenn jemand in der Stadt herausfindet, dass sie Ephraim und mir geholfen hat, bleibt sie vielleicht nicht lange genug am Leben, dass wir sie retten können. Ob ich wohl zurückgehen sollte?“ (S. 170) Jemand müsste Salmon mal erklären, dass das wohl viel eher irgendjemand herausfinden würde, wenn er noch einmal versuchen würde, in die Stadt und zu Rahab zu kommen, und sich dabei vor allem noch einmal so blöd anstellen würde. Das Spionagehandwerk hat der junge Mann echt nicht drauf. Kaleb tut das nicht, sondern sagt ihm einfach, Gott werde Rahab retten, wenn das Sein Plan sei. Salmon bittet um Vergebung für seinen Unglauben. Aber noch einmal versucht er, Kalebs Segen für seine Pläne zu bekommen:

„‚Dann wärst du also nicht dagegen, dass ich Rahab in mein Zelt führe?‘

Kaleb sah ihn halb mitleidig an. ‚Es wäre weise, wenn du erst einmal abwartest, was sie darüber denkt. Wenn Gott sie aus Jericho errettet, wird sie zu entscheiden haben, was sie mit dem Leben anfängt, dass [sic] er ihr geschenkt hat.‘ Er zwinkerte Salmon zu. ‚Wenn sie so klug ist, wie du sagst, wird sie vielleicht einem älteren Mann den Vorzug geben.

Salmon lachte, alle Anspannung auf einmal wie weggeblasen. Hatte Kaleb ihn nur testen wollen? ‚Vorhin hast du gesagt, dass sie mir als Kriegsbeute gehört.‘

Kaleb lachte mit. ‚Ja, das stimmt, aber eine Frau mit so viel Glauben und Mut wird ihren eigenen Kopf haben.'“ (S. 171)

Ähm, dann hätten wir das Thema Kriegsbeute auch einfach weglassen können.

„Er legte eine Hand auf Salmons Schulter, sein Blick wurde wieder ernst. ‚Wenn der Kampf vorbei ist, wird Josua über ihr Schicksal entscheiden, und ihre Gründe werden auf die Probe gestellt werden.‘ Er ließ ihn los. ‚Wenn sie so ist, wie du sagst, brauchst du dich nicht um das Ergebnis zu sorgen.‘

Salmon war nicht zufrieden. Er hatte eine eindeutige Antwort gewollt und stattdessen die Anweisung bekommen zu warten.

Würde Rahab sich als die Frau erweisen, für die er sie hielt? Wenn nicht, würde ihm die Aufgabe zufallen, dafür zu sorgen, dass sie sich von Israel fernhielt.“ (Ebd.)

Und damit endet das Kapitel. Hat diese Liebe eine Chance? Sie werden es erfahren…

 

* „Ihr sollt nicht tun, was man in Ägypten tut, wo ihr gewohnt habt; ihr sollt nicht tun, was man in Kanaan tut, wohin ich euch führe. Ihre Satzungen sollt ihr nicht befolgen. […] Niemand von euch darf sich einer Blutsverwandten nähern, um ihre Scham zu entblößen. Ich bin der HERR. [Bestimmungen über die Grade der Verwandtschaft, die Inzest zu einem Verbrechen machen.] Die Scham einer Frau und gleichzeitig die ihrer Tochter darfst du nicht entblößen; weder die Tochter ihres Sohnes noch die Tochter ihrer Tochter darfst du nehmen, um ihre Scham zu entblößen. Sie sind leiblich verwandt, es wäre Blutschande. Du darfst neben einer Frau nicht auch noch deren Schwester heiraten; du würdest sie zur Nebenbuhlerin machen, wenn du zu Lebzeiten der einen die Scham der anderen entblößt. Einer Frau, die wegen ihrer Regel unrein ist, darfst du dich nicht nähern, um ihre Scham zu entblößen. Mit der Frau deines Mitbürgers darfst du nicht schlafen; du würdest durch sie unrein. Von deinen Nachkommen darfst du keinen hingeben, um ihn für Moloch hinübergehen zu lassen. Du darfst den Namen deines Gottes nicht entweihen. Ich bin der HERR. Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel. Keinem Vieh darfst du beiwohnen; du würdest dadurch unrein. Keine Frau darf vor ein Vieh hintreten, um sich mit ihm zu begatten; das wäre eine schandbare Tat. Ihr sollt euch nicht durch all das verunreinigen; denn durch all das haben sich die Nationen verunreinigt, die ich vor euch vertreibe.“ (Lev 18,3.6.17-24) „Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin. Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Schläft einer mit seiner Schwiegertochter, so haben beide den Tod verdient. Sie haben eine schändliche Tat begangen, ihr Blut kommt auf sie selbst. Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Heiratet einer eine Frau und ihre Mutter, so ist das Blutschande. Ihn und die beiden Frauen soll man verbrennen, damit es keine Blutschande unter euch gibt. Ein Mann, der einem Tier beiwohnt, hat den Tod verdient und das Tier sollt ihr töten. Nähert sich eine Frau einem Tier, um sich mit ihm zu begatten, dann sollst du die Frau und das Tier töten. Sie haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Nimmt einer seine Schwester, eine Tochter seines Vaters oder eine Tochter seiner Mutter und sieht ihre Scham und sie sieht die seine, so ist es eine Schandtat. Sie sollen vor den Augen der Angehörigen ihres Volkes ausgemerzt werden. Er hat die Scham seiner Schwester entblößt; er muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit einer Frau während ihrer Regel schläft und ihre Scham entblößt, hat ihre Blutquelle aufgedeckt und sie hat ihre Blutquelle entblößt; daher sollen beide aus ihrem Volk ausgemerzt werden. Die Scham der Schwester deiner Mutter oder der Schwester deines Vaters sollst du nicht entblößen; denn wer seine eigene Verwandte entblößt, muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit seiner Tante schläft, hat die Scham seines Onkels entblößt. Sie müssen die Folgen ihrer Sünde tragen; sie sollen kinderlos sterben. Nimmt einer die Frau seines Bruders, so ist das Befleckung. Er hat die Scham seines Bruders entblößt; sie sollen kinderlos bleiben.“ (Lev 20,10-21)

** Ich habe hier mal eher für letzteres plädiert – grob gesagt, mit der „Das-ist-Altes-Testament“-Begründung – und würde das immer noch für eine mögliche Interpretation halten, neige aber selber inzwischen eher zu ersterem. Grundsätzlich gilt ja: Das Leben ist ein ungeschuldetes Geschenk von Gott, weshalb Er es uns prinzipiell nehmen kann, und prinzipiell auch andere dazu delegieren kann, es zu nehmen (selbst, wenn wir annehmen, dass Er das selten tun wird); natürlich kann Gott nichts in sich Böses tun oder befehlen – z. B. Folter oder Lüge – aber jemanden zu töten ist nichts in sich Böses, sondern nur etwas, zu dem Menschen unter normalen Umständen kein Recht haben, weil wir nicht Gott spielen dürfen. Und schließlich werden die unschuldigen Kanaaniter, die bei der Landnahme getötet wurden, inzwischen im Himmel sein. (Oder höchstens vielleicht noch im Fegefeuer. Bitte alle mal ein Ave Maria für sie beten.) Prinzipiell sah es nach dem Auszug aus Ägypten so aus: Gott wollte Seinem aus der Sklaverei befreiten heimatlosen Volk eine Heimat geben; in dem ihnen versprochenen Land saßen noch die Kanaaniter, die, nun, ein wirklich ziemlich verkommenes Volk waren, mit Kinderopfern und Tempelprostitution und Totenbeschwörung zur Wahrsagerei und was weiß ich noch allem. Gott wusste, dass die Israeliten, wenn sie z. B. nur einen Teil des Gebiets erobern, mit einigen kanaanitischen Städten Frieden schließen, Kriegsgefangene am Leben lassen und als Sklaven halten, Götzenbilder als Beute rauben würden usw., sich wohl zumindest teilweise auch von kanaanitischen religiösen Vorstellungen anstecken lassen würden („vielleicht gibt es Baal und Moloch ja doch, seien wir mal lieber vorsichtig, und bringen ihnen die Opfer dar, die sie fordern“). Deshalb befahl Er vielleicht tatsächlich direkt den „Bann“ (oder die „Vernichtungsweihe“ oder wie das in verschiedenen Bibelübersetzungen so heißt) – alle töten, auch die Frauen, auch die Kinder, selbst das Vieh, alles niederbrennen, keine Beute übrig lassen. Das führten die Israeliten übrigens laut den biblischen Schriften nicht immer so vorschriftsmäßig aus – und das Ergebnis war genau diese Ansteckung mit dem Heidentum. Ein Paradebeispiel dafür ist König Saul (vgl. 1 Sam 15, und das folgende Debakel mit seinen Taten etwa in 1 Sam 28 und 1 Sam 31). Ich will hier auch noch einen Kommentar, der hier mal bei mir von Nepomuk hinterlassen wurde, zitieren: „Ich kann natürlich nicht ausschließen, daß Gott gewissermaßen ‚Hintergedanken‘ hatte, die z. B. so gelautet hätten haben können (der Herr möge entschuldigen, daß ich das in saloppe Worte kleide): ‚Hm, Ich hab jetzt unter anderem zwei Möglichkeiten. Die Kanaaniter müssen, so wie sie jetzt sind, irgendwie weg; das steht fest. Nach Lage der Dinge wird Mein Volk hier einfallen, ein riesiges Gemetzel unter ihnen anrichten, sich mords gegen sie und gegen Mich versündigen, und ein riesiges Gemetzel unter sich selbst anrichten, der Verteilung der Beute wegen – oder Ich befehl‘ ihnen *gleich*, die Stämme und insbesondere ihren ganzen Besitz zu vernichten – *Ich* darf das ja – und das erspart zum einen die Sünden, die sie bei ihrem Gemetzel sonst begehen würden, und zum anderen den Zwist hernach wegen der Beute.‘ (Jetzt, wo ich das so formuliere, kommt mir das sogar wahrscheinlich vor.)“  Wie gesagt: Man kann diese alttestametlichen Stellen auch noch anders lesen, aber das ist so die direkte, naheliegende Lesart.

Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 1: Tamar

Man soll ja nicht immer nur die anderen kritisieren, sondern auch mal die Fehler der eigenen Seite anschauen. Also dachte ich mir, nach einer ausführlichen genervten Rezension zu einem feministisch-antichristlichen Roman könnte ich mich auch mal über einen christlich-antifeministischen lustig machen.

Ach, wem will ich hier was vormachen. Die Autorin besagten Romans ist evangelikal, und wer mich kennt, weiß, dass die Evangelikalen zu meinen Lieblingsgegnern zählen. (Nach Luther und Calvin.)

Wie auch immer, ich dachte, es könnte Spaß machen und vielleicht auch ein paar Leser interessieren, mal anzuschauen, wie ein schlechter christlicher (evangelikaler) Roman ausschauen kann. Es ist ja unter der neueren christlichen Literatur, die es so auf dem Markt gibt, gar nicht mal so wenig schlechtes Zeug dabei; Autoren in diesem Genre scheinen nicht selten entweder zu meinen, dass a) man das mit einem christlichen Publikum ja machen könne, weil das eh nicht viel Auswahl an weltanschaulich passender Unterhaltung hat und eh alles kaufen wird, was angeboten wird, oder b) es vor allem auf die transportierte Botschaft ankomme und man lieber darauf schauen anstatt an der künstlerischen Qualität arbeiten müsse.* Ausgesucht habe ich mir dafür „Saat des Segens“ von Francine Rivers: ein Sammelband aus fünf Romanen, in denen es jeweils um eine der Frauen geht, die in Jesu Stammbaum im Matthäusevangelium auftauchen – Tamar, Rahab, Ruth, Batseba, und natürlich seine Mutter Maria. Mrs. Rivers ist in amerikanischen christlichen Kreisen ziemlich bekannt; vor ihrer Bekehrung 1986 schrieb sie Liebesromane, und danach machte sie mit Liebesromanen auf Christlich weiter, von denen die meisten auch ins Deutsche übersetzt worden sind. Auf ihrer Webseite schreibt sie über ihre Ambitionen:

“Ich sehne mich danach, dass der Herr meine Geschichten benutzt, damit die Leute nach Seinem Wort, der Bibel, dürsten. Ich hoffe, dass das Lesen meiner Geschichten in dir einen Hunger auf das gelesene Wort [vielleicht ein Tippfehler auf der Webseite; statt „read Word“ könnte auch „real Word“ gemeint sein], Jesus Christus, das Brot des Lebens, erweckt. Ich bete, dass du meine Bücher beendest und dann die Bibel mit einer neuen Begeisterung und Vorfreude auf eine wirkliche Begegnung mit dem Herrn selbst aufschlägst. Mögest du die Schrift aus purer Freude, in Gottes Gegenwart zu sein, erforschen.

Geliebter, ergib dich mit ganzem Herzen Jesus Christus, der dich liebt. Wenn du aus dem tiefen Brunnen der Schrift trinkst, wird der Herr dich beleben und reinigen, dich formen und dich neu schaffen durch Sein Lebendes Wort. Denn die Bibel ist der wahrhafte Odem Gottes, der ewiges Leben denen gibt, die ihn suchen.“

Ich habe einen ihrer Romane mit dem Titel „Redeeming Love“, eine Nacherzählung der Geschichte des Propheten Hoesea, vor einigen Jahren im englischen Original gelesen und mochte ihn damals irgendwie, auch wenn mir ein Detail schon problematisch vorkam**; wieder daran erinnert habe ich mich, als ich vor einiger Zeit auf feministischen Blogs auf (nicht mal völlig zu Unrecht) sehr kritische Rezensionen gestoßen bin. „Saat des Segens“ habe ich mir dann vor kurzem bestellt, weil das Thema der Romane sehr interessant klang – und ich irgendwie gespannt war, was man bei einer evangelikalen Autorin, die über die allerseligste Jungfrau schreibt, wohl bekommen würde (ich verrate schon mal: es wird schlimmer als befürchtet). Und, wie gesagt, in der Hoffnung auf Stoff für den Blog.

Nacherzählungen biblischer Geschichten sind an sich ja etwas sehr Spannendes. Und sie sind schwierig hinzubekommen – weil man irgendwie Gott als handelnde Person hineinbringen muss; weil man dem Bibeltext treu bleiben will, aber es sich auch komisch anhört, wenn man einfach wörtlich abschreibt; weil man, wenn es um die frühen Bücher des Alten Testaments geht, so wenig über die Zeit weiß; weil man Menschen aus einer anderen Epoche der Offenbarungsgeschichte nicht einfach das eigene heutige Glaubensverständnis unterstellen darf. Spoiler: Francine Rivers bekommt diese Aufgabe nicht hin.

Wie gesagt, der Zusammenhang zwischen den fünf Büchern besteht darin, dass nur genau diese fünf Frauen in Jesu Stammbaum bei Matthäus auftauchen: „Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar. Perez zeugte den Hezron, Hezron zeugte den Aram, Aram zeugte den Amminadab, Amminadab zeugte den Nachschon, Nachschon zeugte den Salmon. Salmon zeugte den Boas mit der Rahab. Boas zeugte den Obed mit der Rut. Obed zeugte den Isai, Isai zeugte David, den König. David zeugte den Salomo mit der Frau des Urija. (…) Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird.“ (Mt 1,3-6.16) Auf Englisch sind die Bücher unter dem Titel „Lineage of Grace“ (etwa: Abstammungslinie der Gnade) erschienen.

Tamars Geschichte findet sich in der Bibel in Genesis 38. In meinem Sammelband ist dieses Buch überschrieben mit „Tamar – Der Gott, der mich segnet“; als Einzelband ist es unter dem Titel „Unveiled – Tamar“ bzw. auf Deutsch „Frau der Hoffnung – Tamar“ erschienen. Die biblische Erzählung ist relativ knapp, Mrs. Rivers hat hier also Gelegenheit, die Details relativ frei auszugestalten. (Bitte die Bibelgeschichten selber noch mal nachlesen, wenn man sie noch nicht kennt.)

File:Tammar.jpg

(Tammar, Dr. Lidia Kozenitzky.)

Das Buch beginnt, als die vierzehnjährige Tamar sieht, wie Juda sich mit einem mit Geschenken beladenen Esel ihrem Vaterhaus nähert. (Ihr Vater ist ein wohlhabender kanaanitischer Bauer.) Sie gerät in Panik, weil sie schon befürchtet, dass Juda sie als Braut für seinen ältesten Sohn Er bekommen möchte, von dem sie viel Schlechtes gehört hat – und so geschieht es auch. Tamar wird geholt und ihre Mutter und Schwestern schmücken sie, damit sie sich gut vor Juda präsentiert. Ihre Mutter predigt ihr noch, dass so nun mal der Lauf der Welt sei und sie sich einer Heirat fügen müsse, falls Juda sich mit ihrem Vater einig werden sollte. „Sie packte Tamars Schulter. ‚Sei eine gute Tochter und gehorche ohne Widerworte. Werde eine gute Ehefrau, die viele Söhne bekommt. Tu das, und du wirst Ehre ernten und wenn du Glück hast, wird dein Mann dich lieben. Und auch wenn keine Liebe zwischen euch wächst, wird deine Zukunft doch in den Händen deiner Söhne sicher sein; wenn du alt bist, werden sie für dich sorgen, so wie deine Brüder für mich sorgen werden. Die einzige Befriedigung, die eine Frau in dieser Welt bekommen kann, ist viele Söhne zu bekommen und die Familie ihres Mannes aufzubauen.’“ (S. 17) Tamar nimmt sich, wie das rechtliche Buch zeigt, diese Ermahnung zu Herzen.

Tamars Vater Zimran hat seine eigenen Gründe, seine Tochter mit Judas Sohn verheiraten zu wollen; er fühlt sich von den Hebräern bedroht, auch wenn Juda seine Leute verlassen, eine kanaanitische Frau geheiratet und sich unter Kanaanitern niedergelassen hat. Die Kanaaniter erinnern sich noch gut daran, wie Juda und seine Brüder Jahre vorher die Sichemiter überlistet und niedergemetzelt haben als Rache für die Vergewaltigung ihrer Schwester durch den Sohn des Stadtfürsten von Sichem (vgl. Gen 34). Zimran will also mit einer Heirat den Frieden zwischen seiner Sippe und der Judas sichern.

Die Geschichte wird nicht nur aus Tamars Sicht erzählt, sondern immer wieder auch aus der Judas. So auch gleich hier am Anfang. Man erfährt seine Motive, eine Braut für seinen Ältesten zu suchen:

„Ihre Augen waren dunkel, aber nicht hart, ihre Haut rein und leuchtend. Ein solches Mädchen konnte vielleicht das verbogene Herz seines Sohnes anrühren und ihn von seinen krummen Wegen abbringen. Ob sie wohl den Mut hatte, den es brauchte, um Ers Respekt zu gewinnen? (…) Sie würde stark und widerstandsfähig sein müssen.

Juda wusste, dass er selbst sein Maß Schuld daran trug, dass sein Sohn so missraten war. Er hätte seiner Frau nie freie Hand bei der Erziehung seiner Söhne geben dürfen. Er hatte gedacht, dass völlige Freiheit sie glücklich und stark machen würde. Und sie waren auch glücklich – solange alles nach ihrem Willen ging. Und stark genug, ihre Fäuste zu benutzen, wenn es nicht danach ging. Sie waren stolz und arrogant und kannten keine Grenzen. Hätte er nur öfter die Rute benutzt!“ (S. 21)

Also, kurz gesagt, Juda hatte Pech mit seinen Söhnen und seinen gewissermaßen „antiautoritären“ Erziehungsmethoden (die übrigens etwas aus der Zeit gefallen wirken), konnte sich nie durchsetzen und will jetzt die Verantwortung für seine Fehler auf ein vierzehnjähriges Mädchen abschieben. Er reflektiert an dieser Stelle auch die Fehler bei der Wahl seiner Frau:

„Es war die pure Lust gewesen, die ihn dazu gebracht hatte, die Mutter des Jungen zu heiraten. Schönheit war ein Fallstrick für einen Mann, und ungezügelte Leidenschaft verbrannte den Verstand. Der Charakter einer Frau war das Wichtigste. Juda wusste, dass er besser daran getan hätte, der Sitte zu folgen und seinen Vater die Frau für ihn aussuchen zu lassen. Jetzt zahlte er bitter für seine Eile und Starrsinnigkeit damals.“ (S. 24)

Ah… ja. Wir sollten hier nicht vergessen, dass die Autorin ihr Buch nicht nur als Geschichte, sondern – s. o. – vor allem als Predigt schreibt. Es gibt da ja durchaus so Tendenzen in gewissen amerikanischen „fundamentalistischen“ Kreisen, arrangierte Ehen zu verherrlichen und selber „parent-led courtship“ (d. h. Kennenlernen unter den Augen der Eltern, Heirat nur mit deren Zustimmung) zu praktizieren. Der Witz ist natürlich, dass Juda die Frau für seinen Sohn auch nur aufgrund eines sehr oberflächlichen Eindrucks auswählt und kaum Worte mit ihr wechselt.

„Es reichte nicht, dass eine Frau die Leidenschaft ihres Mannes anfachte. Sie musste auch stark sein, aber gleichzeitig bereit, sich zu fügen. Eine störrische Frau war ein Fluch für einen Mann.“ (S. 24.)

Okay… ist wohl mehr oder weniger Standardpredigt bei konservativen Protestanten.

Ansonsten erfährt man in diesem Kapitel auch noch, wie sehr Juda von der Erinnerung an das geplagt wird, was er und seine Brüder einst seinem jüngeren Bruder Joseph angetan haben – wie sie ihn nach Ägypten verkauft und ihrem Vater weisgemacht haben, er sei tot.

Aber weiter im Text. Juda und Zimran werden sich einig, Juda lässt die Brautgeschenke da, und Tamar muss ihn gleich zurück zu sich nach Hause begleiten. Eine Dienerin, ihre frühere Amme Aksa, kommt mit ihr. Als sie ankommen – Juda lebt hier interessanterweise in einem Steinhaus, nicht in Zelten –, ist Er mit seinen Freunden unterwegs und Judas Frau Batsuba reagiert abschätzig und wenig einladend auf ihre neue Schwiegertochter. Tamar versucht zunächst noch, sich selbst Mut zu machen: „Während sie so dasaß und wartete, befahl sie sich selbst, all das Schlimme zu vergessen, das sie über Er gehört hatte. Vielleicht hatten die Menschen, die so schlecht über ihn sprachen, unlautere Motive gehabt. Nein, sie würde ihn so achten, wie es einem Ehemann gebührte; und auf seine Wünsche eingehen. Wenn der Gott von Ers Vater gnädig auf sie herabsah, würde sie Er Söhne schenken, und dies schon bald, und sie würde sie zu starken, ehrlichen Männern erziehen, die treu und verlässlich waren. Ja, falls Er dies wünschte, würde sie sogar den Gott Judas anbeten und ihre Söhne dazu erziehen, ihn zu ehren und nicht die Götter ihres Vaters. Aber ihr Herz zitterte, und mit jeder Stunde wuchs ihre Angst.“ (S. 29) Als ihr Bräutigam schließlich, betrunken und zusammen mit seinen betrunkenen Freunden, wiederkommt, heißt auch er sie nicht gerade herzlich willkommen.

„Es lag Stolz in der Art, wie er seinen Kopf hielt, Grausamkeit im Schwung seines Mundes, Gleichgültigkeit in seinen Gesten. Er ergriff nicht ihre Hand.

‚Ist das also die Frau, die du für mich ausgesucht hast, Vater.’

Sein Tonfall ließ Tamar frösteln.“ (S. 29f.)

Ich finde es ja etwas nervig, wenn man den Bösen immer gleich ansieht, dass sie die Bösen sind. So einfach ist das im realen Leben ja nicht.

Er jedenfalls behandelt Tamar in den folgenden Monaten grausam, lässt seine Wut an ihr aus, schlägt sie, und ist nie mit ihr zufrieden. Außerdem ist er faul und nicht für die Arbeit bei Judas Herden zu gebrauchen. Tamar hat es auch sonst nicht einfach: Ihre Schwiegermutter hat es besonders auf sie abgesehen. Ständig herrscht Unfriede zwischen Er und Onan oder zwischen den Söhnen und ihrer Mutter. Juda schreitet nicht ein und flieht zu seinen Schafen und Ziegen, wenn er nur kann. Auch der schlechte Einfluss von Ers und Onans Freunden wird immer wieder ausgebreitet; auch das natürlich als Mahnung für die Mütter von Söhnen im Teenageralter, die das Buch lesen könnten.

Tamar sehnt sich danach, endlich schwanger zu werden: „Sie sehnte sich mehr nach einem Kind als alle anderen, mehr auch als ihr Mann, dessen Wunsch nach einem Sohn nur eine Erweiterung seines Stolzes war als ein echtes Bedürfnis, eine Familie zu gründen. Mit einem Sohn würde Tamar endlich etwas gelten in diesem Haus – und sie würde sich nicht mehr so grenzenlos einsam fühlen.“ (S. 35)

Mehr oder weniger als Ursache allen Übels stellt die Autorin Batsuba dar: „War Batsuba wirklich blind für das, was sie in diesem Haus anrichtete? Dauernd brachte sie den Sohn gegen den Vater und Bruder gegen Bruder auf. Über alles und jedes stritt sie mit Juda, und das vor ihren Söhnen, wie um ihnen zu demonstrieren, wie sie es sich möglichst mit allen verdarb und das Schlechteste für die Familie tat. Kein Wunder, dass ihre Schwiegermutter unglücklich war. Und der Rest des Hauses mit ihr.“  (S. 37) Also, meine Damen, streitet euch nicht vor den Kindern mit euren Männern! (An sich ja kein schlechter Ratschlag. Mrs. Rivers ist halt nur sehr überdeutlich mit ihren Predigten.) Tamar währenddessen versucht, gehorsam zu sein und sich einzufügen. Auch in religiösen Dingen wird sie als Gegenbild zu Batsuba präsentiert. Batsuba verlässt sich auf die kanaanitischen Götterbilder, während Tamar irgendwie fasziniert von Judas Gott ist, der vor wenigen Generationen die beiden Städte Sodom und Gomorra zerstört haben soll. Ihr Schwiegervater allerdings spricht nicht viel über diesen Gott. Das Problem hier ist, dass Mrs. Rivers den religiösen Konflikt sehr vereinfacht und teilweise falsch darstellt.

Als Batsuba sich darüber beschwert, dass ihr Mann immer, nachdem er seinen alten Vater besucht habe, tagelang vor sich hinbrüte, sich betränke und davon spräche, dass die Hand Gottes auf ihm läge, entwickelt sich ein Streitgespräch zwischen ihr und Tamar:

„Batsuba erhob sich und begann, hin- und herzulaufen. ‚Wie kann der Mann nur so blöd sein und an einen Gott glauben, den es gar nicht gibt?’

‚Vielleicht gibt es ihn doch.’

Batsuba warf ihr einen finsteren Blick zu. ‚Und wo ist er dann, bitte sehr? Hat dieser Gott einen Tempel, in dem er wohnt, und Priester, die ihm dienen? Er hat noch nicht einmal ein Zelt!’ Sie trat an ihren Schrein. ‚Das hier – das sind richtige Götter!’ Sie ließ die Finger über eine der Statuen gleiten. ‚Man kann sie sehen und anfassen. Diese Götter hier, die kanaanitischen, machen unser Land und unsere Frauen fruchtbar.’ Ihre Augen glitzerten kalt. ‚Wenn du mehr Ehrfurcht vor ihnen hättest, wäre dein Bauch vielleicht nicht mehr so flach!’

Tamar spürte den Stich, aber diesmal ließ sie ihn nicht tief eindringen. ‚Hat Judas Gott nicht Sodom und Gomorra zerstört?’

Batsuba lachte spöttisch auf. ‚Ja, so heißt es, aber ich glaube das nicht.’ Sie funkelte Tamar an. ‚Würdest du deine Söhne vor einem Gott knien lassen, der ganze Städte auslöscht?’

‚Wenn Juda es will.’“ (S. 37f.)

In diesem Gespräch sagt Batsuba auch noch: „Die Götter haben mich mit drei guten Söhnen gesegnet, und ich habe sie in der wahren Religion erzogen, wie jede gute Mutter es tun würde.“ (S. 39)

Tamar gibt den Versuch, mit ihrer Schwiegermutter zu streiten, schließlich auf, macht sich aber noch ihre eigenen Gedanken. Sie denkt mit Mitleid an ihre ältere Schwester, die als Tempelprostituierte in den Baalstempel in Timna gegeben wurde. „Diese Götter und der Glaube an sie machten einfach keinen Sinn. Ihre halbherzigen Versuche, sie zu verehren, erfüllten sie nur mit einer eigenartigen Mischung aus Widerwillen und Scham.“ (S. 39) Und: „Wenn die Götter der Kanaaniter so mächtig waren, warum hatten sie dann die Menschen von Sodom und Gomorra nicht beschützt? Ein Dutzend Götter musste doch wohl stärker sein als einer – wenn es denn Götter waren. Nein, sie waren nichts als Steine, Holzstücke und Tonklumpen, die Menschenhände bearbeitet hatten!“ (S. 40)

So. Jetzt erst mal stop. Von vorn:

Die Heiden unterschieden nicht zwischen „wahren“ und falschen Göttern, sondern zwischen ihren Göttern und denen anderer Völker/Städte/Sippen/Zuständigkeitsbereiche. Ihre Götter waren mehr so etwas wie bei uns Christen die Schutzengel und die Dämonen. Die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Göttern kam erst durch den Glauben Israels auf; der Ägyptologe Jan Assmann hat sie die „Mosaische Unterscheidung“ genannt. Judas kanaanitische Frau hätte nicht von den „wahren“ Göttern gesprochen.

Dementsprechend war das Problem, wenn die Israeliten sich mit Heiden vermischten und heidnische Götter verehrten, auch nicht, dass sie dann Jahwe für einen falschen Gott gehalten und ganz aufgehört hätten, Ihn zu verehren. Ne; sie wollten nur auf Nummer sicher gehen und andere Götter auch noch verehren; sie hatten nicht andere Götter statt Ihm, sondern neben Ihm. Dagegen richtet sich das Erste Gebot. Aus dem späteren Israel sind Inschriften erhalten, in denen von „Jahwe und seiner Aschera“ die Rede ist (Aschera war eine kanaanitische Fruchtbarkeitsgöttin, die auch in dem Gespräch zwischen Batsuba und Tamar erwähnt wird); hier war das Problem gerade das: Jahwe wurden Götter an die Seite gestellt. (Diese Inschriften sind Jahrhunderte bis ein Jahrtausend jünger als die Zeit, in der diese Geschichte spielt, aber für die Zeit, als Gott gerade erst begonnen hatte, sich den Patriarchen zu offenbaren, gilt das Gesagte ja noch erst recht.)

Es wirkt außerdem unglaubwürdig, dass Tamar sich schon so für den Gott ihres Schwiegervaters interessiert, obwohl sie eigentlich nichts über Ihn weiß – außer, dass Er zwei Städte zerstört hat. Sie scheint noch nicht einmal genau zu wissen, ob Er denn dafür einen gerechten Anlass hatte. Umgekehrt wirkt es nicht sehr glaubwürdig, dass Batsuba fragt: „Würdest du deine Söhne vor einem Gott knien lassen, der ganze Städte auslöscht?“ Die Kanaaniter gingen nicht davon aus, dass die Götter vollkommen gut seien. Für die Heiden machte es Sinn, gerade den Göttern Opfer zukommen zu lassen, von denen man befürchtete, dass sie nicht besonders gut waren, sondern launenhaft und gefährlich. Wesentlich realistischer wäre es gewesen, wenn Batsuba Jahwe vorsichtshalber zusammen mit ihren anderen Göttern verehrt hätte (und sich dabei vielleicht auch ein fassbares Götterbild für Ihn gemacht hätte), um nicht seinen Zorn zu erregen. Batsuba steht hier für moderne Ungläubige, die fragen: Wollt ihr echt an einen Gott glauben, der Städte zerstört und Kinder umgebracht haben soll? Aber das fragen die ja nur, weil Juden und Christen seit Jahrtausenden darauf bestehen, dass Gott vollkommen gut und gerecht ist. Und so macht es zwar auch Sinn, dass Tamar rituellen Geschlechtsverkehr im Tempel abstoßend findet, aber keinen Sinn, dass sie daraus schließt, Baal und Aschera könnte es vielleicht gar nicht geben.

Es wird noch „besser“:

„Vielleicht gab es überhaupt keinen wahren Gott.

Aber auch gegen diesen Gedanken rebellierte ihr Herz. Die ganze Welt um sie herum – der Himmel, die Erde, der Wind und der Regen – sagte ihr, dass da etwas sein musste. Vielleicht war der hebräische Gott dieses Etwas. Ein Schild gegen Feinde. Eine Zuflucht im Sturm. Eine sichere Burg… Wie sie sich danach sehnte, einen solchen Gott zu kennen.“ (S. 40)

Das sind fast wörtliche Psalmenzitate. Gleich fängt sie noch an, Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu singen.

Wenig später findet Tamar dann auch eine Gelegenheit, Juda über seinen Gott auszufragen.

„‚Und wo ist er?’

‚Wo er will. Überall.’ Juda zuckte die Achseln. ‚Ich kann dir nicht erklären, was ich selbst nicht verstehe.’ Seine Brauen zogen sich zusammen, als blickte er in eine weite Ferne. ‚Manchmal will ich nicht wissen…’

(…)

‚Und hat er je mit dir geredet?’

‚Nein, und ich hoffe, er wird es nie tun.’

‚Warum?’

‚Weil ich weiß, was er sagen würde.’ Juda seufzte schwer und warf das Brot auf das Tablett.

‚Jeder Gott verlangt Opfer. Welches Opfer verlangt deiner?’

‚Gehorsam.’ Er winkte ungeduldig mit der Hand. ‚Aber jetzt hast du genug gefragt. Gönn mir etwas Ruhe!’“ (S. 44f.)

Mrs. Rivers scheint davon auszugehen, die Kanaaniter hätten gemeint, die Götter würden nur in den Götterstatuen wohnen und seien nicht auch um sie herum (z. B. im Wind, in der Erde) präsent; so einfach war es dann doch nicht. Bei der Sache mit den Opfern spielt sie wohl auf Stellen wie 1 Sam 15,22 („Samuel aber sagte: Hat der HERR an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des HERRN? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern.“) oder Hos 6,6 („Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“) an; aber so ganz passt das irgendwie auch nicht. Erstens sind das spätere Stellen, und zweitens gab es ja trotzdem Opfer bei den Israeliten. Abraham, Isaak und Jakob errichteten Gott immer wieder Altäre und brachten auch Schlachtopfer dar; z. B. heißt es in der Bibel nur drei Kapitel weiter vorn: „Gott sprach zu Jakob: Steh auf, zieh nach Bet-El hinauf und lass dich dort nieder! Errichte dort einen Altar dem Gott, der dir auf der Flucht vor deinem Bruder Esau erschienen ist!“ (Gen 35,1) Wobei man „Gott will vor allem Gehorsam“ evtl. auch aus der Geschichte mit der Beinahe-Opferung Isaaks herauslesen könnte; oder vielleicht bezieht die Autorin sich auch auf den Bundesschluss mit Abraham in Gen 17: „Geh vor mir und sei untadelig!“ (Gen 17,1) (wo allerdings auch die Beschneidung befohlen wird).

Wieder geht es weiter mit Juda und seinen Gewissensbissen:

„Manchmal dachte er an die alten Tage mit seinen kanaanitischen Gefährten zurück. Hira, sein Freund aus Adullam, hatte die passende Lebensphilosophie parat gehabt. ‚Iss, mein Bruder, trink, und freu dich des Lebens! Und wenn die Leidenschaft brennt, dann fach die Flamme noch an.’“ (S. 47) Diese Stelle erinnert mich stark an verschiedene biblische Beschreibungen der „Frevler“, aber mir fällt gerade keine genaue Stelle ein.

„Was Juda auch tat, sein Leben stank nach kalter Asche. Er konnte den Folgen seiner Taten nicht entfliehen. Es war zu spät, um seinen Bruder zu suchen und zu retten, zu spät, ihn vor einem Leben zu bewahren, das schlimmer war als der Tod, zu spät, die Sünde ungeschehen zu machen, die Judas eigenes Leben vergiftete. Die Sünde, die er begangen hatte, war so scheußlich, so unvergebbar, dass er mit ihrer Schwärze auf seiner Seele in den Scheol hinabfahren würde.“ (S. 47f.)

Was für ein Käse. Der Glaube an eine Auferstehung der toten Gerechten kam erst deutlich später auf – das findet sich vielleicht in Büchern aus der hellenistischen Zeit wie den Makkabäerbüchern (die die Protestanten übrigens aus der Bibel geworfen haben). In den frühen Büchern des AT ist der Scheol, eine dunkle Unterwelt wie der Hades, aber nicht unbedingt ein Ort der Qualen, der Aufenthaltsort für alle Toten. Die alttestamentlichen Hebräer hatten noch keine Offenbarung über ein Gericht nach dem Tod, sondern glaubten nur daran, dass Gott im Diesseits lohnen und strafen würde.

Schließlich ordnet Juda an, ein Festmahl vorzubereiten, bei dem er mit seinen Söhnen über ihre Zukunft sprechen will. Als die Familie bei Tisch sitzt, verkündet er, dass er noch nicht entschieden habe, wer sein Erbe sein werde.

„‚Ich bin dein Erbe’ presste Er hervor. ‚Ich bin der Erstgeborene!’

Juda sah ihn ruhig an, seine Augen kühl. ‚Wer mein Erbe wird, bestimme ich. Wenn ich will, kann ich auch alles einem Diener vermachen.’

‚Wie kannst du auch nur an so etwas denken?’ kreischte Batsuba.

Juda ignorierte sie. Seine Augen waren weiter auf seinen Ältesten geheftet. ‚Die Schafe leiden unter dir, statt zu gedeihen. Und deine Frau ebenso.’“ (S. 51)

Er ist ganz und gar nicht erfreut, stößt offene Drohungen aus („Onan ist besser mit den Schafen, schön, aber ich bin besser mit dem Schwert!“, S. 52), und ruft schließlich die Götter Kanaans an, ihm zu helfen: „Ich gelobe hiermit, dass ich meine erste Tochter dem Tempel in Timna opfern werde und meinen ersten Sohn dem Feuer des Moloch!“ (Ebd.) Tamar ist entsetzt über diesen Schwur, und schreit „Nein!“ aber… im selben Moment erleidet Er einen urplötzlichen Herzanfall oder etwas in der Art und ist nach wenigen Augenblicken tot. Ein Problem gelöst, gewissermaßen.

Ach ja, zur Erinnerung, die ganze bisherige Handlung (abgesehen von der Vorgeschichte von Judas Familie) umfassen in der Bibel nur zwei Verse: „Juda nahm für seinen Erstgeborenen Er eine Frau namens Tamar. Aber Er, der Erstgeborene Judas, missfiel dem HERRN und so ließ ihn der HERR sterben.“ (Gen 38,7f.) Jetzt kann es dann langsam mit dem zentralen Konflikt der biblischen Geschichte losgehen: Tamar (die übrigens sehr beeindruckt durch den mutmaßlichen Machterweis des Hebräer-Gottes an ihrem Mann ist) steht als kinderlose Witwe nicht besonders gut da, aber damals gab es ja den Brauch der Schwagerehe, auch Leviratsehe genannt: Ein Bruder – oder evtl. ein anderweitiger Verwandter des Verstorbenen, s. das Buch Ruth – konnte dessen Witwe heiraten; der erste Sohn aus dieser Verbindung galt dann rechtlich als Sohn des Verstorbenen, damit dessen Name weiterlebte. Im nächsten Kapitel wird deutlich, dass Tamar hofft, dass Juda ihr nach der Trauerzeit seinen zweiten Sohn Onan zum Mann geben wird; und das tut Juda letztlich auch, obwohl seine Frau überzeugt ist, Tamar hätte einen bösen Zauber auf Er gelegt und wäre die Schuldige an dessen Tod.

Onan unterscheidet sich etwas von seinem Bruder, hat aber im Großen und Ganzen auch keinen besseren Charakter. Er ist klüger und ehrgeiziger, als Er es gewesen ist, und war immer neidisch auf seinen älteren Bruder – und auch begierig nach dessen Frau. Aber er will seinem Bruder ganz sicher keinen Nachkommen verschaffen, der dann dessen Erbteil bekommen würde, und greift daher in der Hochzeitsnacht auf eine Verhütungsmethode zurück, die damals schon zur Verfügung stand, nämlich den coitus interruptus. Mrs. Rivers setzt in ihrer Erzählung bei dem Streit zwischen Tamar und Onan hinterher ein:

„Sie hatte gewusst, dass er von der gierigen Sorte war, aber diese schreiende Ungerechtigkeit hatte sie nicht erwartet. ‚Du willst nicht nur deinen Erbteil, sondern Ers noch dazu!‘

‚Und warum nicht? Ich habe dafür gearbeitet.‘

‚Du hast deinen eigenen Erbteil. Du hast kein Recht auf Ers; er gehört seinem Sohn.‘

Onan grinste. ‚Welchem Sohn?‘

Wütende Tränen stiegen in ihre Augen. ‚Das kannst du nicht machen, Onan! Ich bin keine Hure!‘

‚Jetzt sei doch vernünftig, Tamar. Wer hat sich denn um die Herden gekümmert – Er oder ich? Habe ich dich geschlagen und beschimpft? War Er auch nur einmal freundlich zu dir? Was hat mein Bruder dir je Gutes getan?‘

‚Darum geht es doch gar nicht! Er war der älteste Sohn deines Vaters, der Erstgeborene. Du musst deine Pflicht gegenüber deinem Bruder erfüllen, oder seine Linie wird aussterben. Was meinst du, was Juda davon halten wird, wenn ich ihm sage, was du heute getan hast?‘

‚Dann sag’s ihm besser nicht.‘

‚Ich will bei dieser Sache nicht mitmachen! Was für eine Zukunft habe ich, wenn du deinen Kopf durchsetzt?‘

‚Die Zukunft, die ich dir biete.‘

‚Ich soll also einem Mann vertrauen, der seinem eigenen Bruder den Erben versagt?'“ (S. 65)

Ich muss sagen, ich habe Onan nicht immer so ganz verstanden – solange Tamar kein Kind für Er geboren hat, kann sie ja auch kein weiteres Kind gebären, das dann Onans Erbe wäre; und dass ein Mann dieser Zeit willentlich ganz auf eigene Kinder verzichtet, ist schwer vorstellbar. Kinder waren ja nicht nur nötig, um einen später zu versorgen, sondern waren auch ein Zeichen der Ehre, führten den eigenen Namen weiter (weshalb es ja ein schlimmes Vergehen war, sie seinem Bruder zu versagen). Aber vielleicht hoffte Onan ja darauf, später noch eine zweite Frau zu heiraten, die dann nur Kinder bekommen würde, die rechtlich auch als seine zählen würden.

Tamar wendet sich tatsächlich an ihren Schwiegervater, aber der will sich nicht einmischen und rät ihr, es bei Onan mit „den Waffen einer Frau“ (S. 69) zu versuchen. Tamar ist absolut sauer. An dieser Stelle denkt die Autorin sich einen „kanaanitischen Brauch“ aus, um den Rest der Geschichte noch etwas plausibler zu machen:

„Sie schluckte heftig, ihre Wangen brannten. ‚Wenn dir das lieber ist, kannst du auch dem kanaanitischen Brauch folgen und diese Pflicht selbst erfüllen.‘

Sein [Judas] Kopf fuhr hoch. Ihr Vorschlag widerte ihn sichtlich genauso an wie sie selbst. ‚Ich bin ein Hebräer und kein Kanaaniter.‘

‚Ich wollte dich nicht beleidigen.'“ (S. 70f.)

Das Gespräch mit Juda führt also zu nichts. In der nächsten Nacht tut Onan wieder das Gleiche – und schon am Morgen darauf ist er tot.

Wie zu erwarten schreit Batsuba Zeter und Mordio. Juda brütet einige Zeit lang stumm vor sich hin und gibt schließlich dem Drängen seiner Frau in gewisser Weise nach:

„Juda wusste, dass es Gott gewesen war, der Er und Onan getötet hatte. Wenn er Tamars Bitte erfüllt und Onan wegen seiner Sünde zur Rede gestellt hätte, vielleicht… Juda verwarf den Gedanken sofort wieder. Selbst wenn es Gott gewesen war, der seine Söhne weggenommen hatte – dieses Mädchen war ein schlechtes Omen. Seit er sie ins Haus geholt hatte, hatte er nichts als Ärger mit ihr gehabt. Vielleicht würe er endlich etwas Frieden finden, wenn er sie wieder los war.

Schela war der einzige Sohn, der ihm noch geblieben war. Batsuba hatte recht; er musste ihn schützen.“ (S. 75f.)

Er lässt Tamar schließlich rufen und sagt ihr, Schela – der zwei Jahre älter ist als sie – wäre noch zu jung zum Heiraten; sie solle ins Haus ihres Vaters zurückkehren und dort leben, bis er sie wieder holen lasse. Sie ist verzweifelt und nimmt ihm nicht wirklich ab, dass er sein Versprechen ernst meint, aber ihr bleibt nichts anderes übrig, als zusammen mit Aksa zu ihrer Familie zurückzukehren. Ihr Vater ist alles andere als begeistert, sie wiederzusehen und meint, sie würde seiner Familie Unglück bringen. In den nächsten paar Jahren hat sie es bei ihrer Familie schwer, gibt sich aber nach außen hin überzeugt, dass Juda sie noch holen lassen werde, und versucht auch, sich selbst davon zu überzeugen.

Auch Judas Familie ergeht es nicht besser: Seine Viehherden werden vom Unglück heimgesucht und seine Frau ist immer noch besessen von dem Gedanken daran, dass Tamar am Tod ihrer beiden Söhne schuld sei, betet zu ihren Göttern um Rache und liegt ihm damit in den Ohren, dass er Tamar nicht gleich noch getötet hat. Sie wird dann auch krank, was die Autorin als Resultat ihrer Sünden darstellt. „Dann wurde Batsuba krank, als die Unzufriedenheit sich wie ein Gift in ihren Körper fraß.“ (S. 85) Diese Darstellung finde ich gar nicht unproblematisch. Im evangelikalen Bereich findet sich ja die Ansicht, dass Krankheiten von Sünden wie Bitterkeit und Unzufriedenheit her kämen, gar nicht mal so selten; und auch wenn so etwas (damit kenne ich mich nicht aus) vielleicht manchmal tatsächlich zu Krankheiten beitragen könnte, ist es doch nicht so gut, Kranken das Gefühl zu geben, sie wären an ihrer Krankheit wahrscheinlich selber schuld; und das widerspräche ja auch der Bibel (Joh 9).

Sechs Jahre nach Onans Tod sieht Tamar, die mit ihrer Mutter auf dem Markt in der nahen Stadt Stoffe verkauft, zufällig Schela, der sich zusammen mit einem kanaanitischen Freund betrunken zwischen den Ständen hindurchdrängt und der sie nicht erkennt – und der inzwischen ganz deutlich erwachsen geworden ist. Endlich muss sie sich eingestehen, dass Juda tatsächlich sein Wort gebrochen hat. Kurz darauf erfährt sie auch durch Zufall, dass Batsuba gestorben ist; man hat ihr keine Nachricht geschickt und sie nicht geholt, um sie mit dem Rest der Familie zu betrauern. Ihre Mutter spricht mit ihr darüber:

„‚Hast du gar nichts dazu zu sagen? Dieser elende Kerl hat dich verraten!‘

‚Genug!‘ Tamar funkelte ihre Mutter an. ‚Ich werde nicht gegen Juda oder seine Söhne sprechen. Ich werde dem Haus meines Mannes treu bleiben, egal, wie sie mich behandeln. Oder wie ihr mich behandelt.‘ Sie wünschte sich, ihre Gedanken genauso gut zügeln zu können wie ihre Zunge.

‚Wir geben dir zu essen.‘

‚Von dem ich mir jeden Bissen verdienen muss.‘

‚Dein Vater sagt, du sollst nach Kesib gehen und im Tor ausrufen, dass dir Unrecht geschehen ist.‘

Ihr Vater wusste also alles. Die Demütigung war komplett. Tamar drückte ihre Stirn gegen die Flanke der Ziege, der Schmerz zu tief für Tränen.

‚Und das hättest du schon längst tun sollen!‘ Ihre Mutter ließ nicht locker. ‚Es ist dein gutes Recht! Willst du für den Rest deines Lebens hier sitzen und nichts tun? Wer wird für dich sorgen, wenn du alt wirst? Was soll aus dir werden, wenn du nicht mehr arbeiten kannst?‘ Sie kniete sich neben Tamar und nahm ihren Arm. ‚Sag den Stadtältesten, wie dieser Hebräer dich behandelt und uns gedemütigt hat! Sie sollen alle erfahren, dass Juda wortbrüchig ist!‘

Tamar sah sie an. ‚Ich kenne den Mann besser als du, Mutter. Er wird mich nicht segnen, wenn ich ihn vor ganz Kesib und Adullam bloßstelle! Wenn ich den Namen meines Schwiegervaters schlechtmache, wird er mir dann wohl Gnade zeigen und mir Schela geben?'“ (S. 92f.)

Die Idee davon, Juda im Tor zur Rede zu stellen, hat die Autorin wohl aus den späteren Bestimmungen des Gesetzes des Mose über die Schwagerehe: „Wenn zwei Brüder zusammenwohnen und der eine von ihnen stirbt und keinen Sohn hat, soll die Frau des Verstorbenen nicht die Frau eines fremden Mannes außerhalb der Familie werden. Ihr Schwager soll sich ihrer annehmen, sie heiraten und die Schwagerehe mit ihr vollziehen. Der erste Sohn, den sie gebiert, soll den Namen des verstorbenen Bruders weiterführen. So soll dessen Name in Israel nicht erlöschen. Wenn der Mann aber seine Schwägerin nicht heiraten will und seine Schwägerin zu den Ältesten ans Tor hinaufgeht und sagt: Mein Schwager will dem Namen seines Bruders in Israel keinen Bestand sichern und hat es deshalb abgelehnt, mit mir die Schwagerehe einzugehen!, wenn die Ältesten seiner Stadt ihn dann vorladen und zur Rede stellen, er aber bei seiner Haltung bleibt und erklärt: Ich will sie nicht heiraten!, dann soll seine Schwägerin vor den Augen der Ältesten zu ihm hintreten, ihm den Schuh vom Fuß ziehen, ihm ins Gesicht spucken und ausrufen: So behandelt man einen, der seinem Bruder das Haus nicht baut. Ihm soll man in Israel den Namen geben: Barfüßerhaus.“ (Dtr 25,5-10)

Ich muss sagen, die biblische Geschichte an sich gefällt mir besser als Mrs. Rivers‘ Interpretation von Tamars Motiven. Ich fürchte, Leserinnen, die in missbräuchlichen Beziehungen/Familien stecken, könnten bei diesem Buch genau die falschen Lektionen mitnehmen. Sei immer brav und gehorsam gegenüber deinem Mann, auch wenn er dich brutal misshandelt, so gewinnst du ihn vielleicht für dich; und auch wenn das nicht klappt, sei trotzdem brav und gehorsam. Und rede nie nach außen hin schlecht über die Familie, auch wenn sie dir Unrecht antun, das du sogar gerichtlich verfolgen lassen könntest, sonst werden sie dich erst recht nicht mehr annehmen.

Schließlich wird Tamar von ihrer Mutter, die ihr sagt, dass Juda zum Schafschurfest nach Timna gehen werde, auf eine Idee gebracht. Sie nimmt am nächsten Tag Kleider, die ihre Mutter genäht hat, um sie ihrer Schwester nach Timna in den Tempel zu schicken, verkleidet sich damit und setzt sich (während die übrige Familie denkt, sie wäre bei der Arbeit auf einem entfernten Feld) in einen kleinen Hain bei einer Wegkreuzung bei Enajim. Als sie schließlich Juda und seinen Freund Hira aus Adullam näherkommen sieht, zeigt sie sich, und tatsächlich halten die beiden die geschmückte und verschleierte Tamar für eine Prostituierte, und sie muss nicht einmal besondere Verführungskünste aufwenden, um Juda für sich zu gewinnen. Sie bringt ihn sogar dazu, ihr sein Siegel zu überlassen (als Pfand für einen jungen Ziegenbock, den er ihr als Bezahlung zu schicken verspricht). Während Hira weitergeht, geht Juda mit ihr in den Hain.

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(Jacopo da Ponte, Tamar und Juda, 2. Hälfte 16. Jh. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Als Juda hinterher schläft, verschwindet Tamar schnell und zieht sich ihre Witwenkleider wieder an; das Siegel behält sie versteckt bei sich. Juda versucht später, der Prostituierten durch Hira den Ziegenbock schicken zu lassen, um sein Siegel wiederzubekommen, aber natürlich findet der sie nicht. Tamar stellt währenddessen fest, dass sie, wie sie gehofft hat, tatsächlich schwanger geworden ist, was sie sorgfältig geheimhält.

Als sie etwa im dritten Monat ist und gerade auf dem Feld arbeitet, kommt Aksa (der sie sich schon anvertraut hat), zu ihr gelaufen und erzählt ihr panisch, ihr Vatere wüsste von ihrer Schwangerschaft; eine andere Dienerin hätte ihren Bauch gesehen und sie hätte es ihm sagen müssen. Da kommen auch schon ihre Brüder und zerren Tamar mit sich; ihr Vater ist außer sich vor Zorn und tritt auf sie ein; aber auch Tamar ist jetzt zornig und schreit, Zimran hätte kein Recht, über sie zu richten, sie würde zu Judas Haus gehören. Und tatsächlich lässt Zimran zu Juda schicken, um ihm das Urteil über Tamar zu überlassen.- und Juda reagiert nicht besonders nett:

„Wenn er jetzt gnädig war und sie am Leben ließ, würde dieses Kind – egal, wer sein Vater war – ein Mitglied seines Hauses werden! Das durfte nicht geschehen; er würde es nicht zulassen.

Doch in die Wut mischte sich auch eine hinterlistige Befriedigung. Tamar gab ihm eine Gelegenheit, sie endgültig loszuwerden! Sie hatte sich auf die schändlichste Art gegen sein Haus versündigt, und es war sein gutes Recht, sie zu richten. Schade nur, dass Batsuba das nicht mehr erleben durfte. […]

‚Verbrennt sie! Sie soll im Feuer sterben!‘ rief er.

Noch bevor Zimrans Diener wieder durch die Tür hinaus war, wusste Juda, dass das Blatt sich endlich gewendet hatte. Morgen schon könnte er eine Frau für Schela suchen. Es war Zeit, dass er für den Fortbestand seiner Familie sorgte.“ (S. 106f.)

Als Tamar den Diener zurückkommen hört und erfährt, welche Nachricht er bringt, schickt sie schnell Aksa mit dem Siegel zu Juda. Mir ist nicht ganz klar, wieso sie es nicht schon vorher getan hat; in dem Buch hat Mrs. Rivers die Entfernung bis zu Judas Haus mit immerhin einer halben Tagesreise angegeben, was in so einem Notfall ganz schön weit ist. Als ihr Vater und ihre Brüder kommen, um das Urteil auszuführen, setzt Tamar sich zur Wehr und verlangt, sie sollen sie zu Juda bringen; sollte der das Urteil selbst vollziehen! Währenddessen erreicht Aksa Juda und richtet ihm Tamars Botschaft aus: „Der Mann, dem dieses Siegel und dieser Stock gehören, ist der Vater meines Kindes. Erkennst du sie wieder?“ (S. 109) Und Juda wird klar, was passiert ist.

„Ihm wurde kalt, dann heiß. Scham überflutete ihn. Sein Abenteuer war nicht im Verborgenen geschehen. Nichts war im Verborgenen geschehen. Gott hatte alles gesehen. Seine Haut kribbelte, seine Nackenhaare standen ihm zu Berge.

‚Wann wirst du tun, was recht ist, Juda?‘

Die Worte waren wie ein Flüstern in seinen Ohren. Einst hatte Tamar sie zu ihm gesagt, aber jetzt war die Stimme eine andere – leise und schrecklich, die in die letzten Winkel seines Herzens drang.“ (S. 109)

Juda rennt los und trifft Zimran und dessen Söhne, die Tamar mitschleppen, auf dem Weg. Ihn überkommt Reue für sein Verhalten Tamar gegenüber und er gesteht, dass das Kind von ihm ist.  Hier hat Mrs. Rivers sich nicht mehr viel Mühe mit der Szene gemacht; Zimrans Reaktion wird in nur ein paar Sätzen beschrieben: „‚Ich… gut, dann… nimm sie. Mach mit ihr, was du willst.‘ Zimran drehte sich zögernd um und ging fort. Juda sah, wie er den Kopf schüttelte. Seine Söhne folgten ihm.“ (S. 111) Juda bittet Tamar um Vergebung und nimmt sie mit zu sich und ist von da an nur noch der fürsorgliche Schwiegervater für sie.

Jacopo da Ponte - Tamar led to the Stake - 1566-1567.jpg

(Jacopo da Ponte, Tamar wird zum Scheiterhaufen geführt, 1566/67. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Auch religiös kommt jetzt alles in Ordnung:

„Er ging zu seinen Herden und wählte das beste Schaf aus, das er finden konnte, ein fehlerloses männliches Lamm. Er bekannte seine Sünden vor Gott und vergoss das Blut des Tieres zur Sühne, dann fiel er vor dem Gott Abrahams Isaaks und Jakobs nieder und bat um Vergebung und Heilung.

In dieser Nacht hatte Juda keine Albträume. Zum ersten Mal seit wie vielen Jahren? Er wusste es nicht.“ (S. 112)

Tamar lässt Batsubas Götterbilder zerstören und bringt schließlich auch die abergläubische Aksa dazu, von den alten Göttern abzulassen, indem sie droht, sie ansonsten wegzuschicken. Dann werden Tamars Zwillinge Perez und Serach geboren; ein seltsames Detail, das sich nicht in der Bibel findet, ist mir bei der Szene aufgefallen:

„Aksa hatte schon viele Male bei Geburten in Zimrans Haus geholfen, doch noch nie hatte sie eine so schwere Geburt erlebt. Dass Tamar trotzdem nicht jammerte, machte ihre Liebe zu ihr noch größer. Die Stunden vergingen und Tamar schwitzte und litt. Sie biss fest auf einen Lederriemen, um nicht zu schreien.

‚Schrei ruhig, Tamar, das hilft!‘

‚Nein, dann hört es Juda und macht sich Sorgen.‘

‚Er ist doch die Ursache deiner Schmerzen! Lass es ihn hören! Batsuba hat bestimmt so laut geschrien, dass man es bis nach Jerusalem gehört hat!‘

‚Ich bin nicht Batsuba!'“ (S. 114)

Was soll dieser Unsinn? Will die Autorin tatsächlich sagen, eine Frau sollte bei einer Geburt am besten nicht schreien, weil das eine Botschaft an den Kindsvater wäre, dass sie ihm die Schhuld an ihren Schmerzen gibt? Geburten sind ja nicht eh schon schwer genug, da kann man ruhig noch zusätzlichen Druck machen, wie die Mutter am besten mit ihren Schmerzen umgehen soll.

Nach der Geburt kehrt die Familie zu den Zelten Jakobs zurück, statt weiter unter den Kanaanitern zu leben, und in einem Epilog wird noch knapp berichtet, wie Juda und seine Brüder später Joseph in Ägypten wiederbegegnen. Was ich etwas schade finde: Man erfährt nicht mehr, was aus Schela wird, sprich, ob er sich bessert oder weiterhin in die Fußstapfen seiner großen Brüder tritt. Der Epilog endet mit:

„Auf dem Sterbebett versammelte Jakob seine Söhne um sich und gab jedem von ihnen einen Segen. Den größten bekam Juda: Nie würde das Zepter aus seiner Hand weichen, und von ihm und den Söhnen, die Tamar ihm geboren hatte, würde einst der Verheißene kommen – der Messias.

Bis zu seinem letzten Erdentag blieb Juda seinem Versprechen an Tamar treu. Obwohl er sie liebte, schlief er nie wieder mit ihr.

Und auch mit keiner anderen Frau.“ (S. 117)

Das Buch ist genau wie die restlichen vier der Reihe relativ kurz; um die 100 Seiten. Immer wieder denkt man sich, es wäre interessant gewesen, ein paar mehr Details oder bessere Beschreibungen der Häuser, Städte und Landschaften zu bekommen. Trotzdem ist die Erzählgeschwindigkeit noch in Ordnung – jedenfalls im Vergleich zu einigen der anderen Bücher. Tamars Geschichte umfasst in der Bibel ja auch nur ein Kapitel. Die Nebenfiguren – wie Tamars Familienmitglieder – werden nicht wirklich lebendig und die „Bösen“ (Er, Onan, deren Freunde, Hira aus Adullam) sind deutlich zu klischeehaft geraten; gerade die Art, wie sie sprechen, wirkt oft seltsam. Die – vergleichsweise – beste Figur ist noch Juda, aber das ist nicht das Verdienst der Autorin: bei ihm hatte sie einfach am meisten Stoff zu verwerten. Die Regel „show, don’t tell“ missachtet sie gerne mal und ihr Schreibstil ist nicht gerade herausragend. Besonders, wenn sie irgendwelche religiösen Erkenntnisse Tamars oder Judas herüberbringen will, wirkt es einfach zu bemüht bedeutungsschwanger. Immerhin schafft sie es teilweise nicht schlecht, ihren Leserinnen damalige Denkweisen zu erklären – der Gedankengang „ich habe ein Recht auf Sex von meinem Schwager, damit ich ein Kind kriege, das den Namen meines Mannes weiterführt“ ist ja doch eher gewöhnungsbedürftig.

 

Im nächsten Teil dann zu Rahab und der Eroberung Jerichos!

 

* Ich schreibe ja selber hobbymäßig Romane und gelegentlich mal Kurzgeschichten und weiß sehr gut, dass es nicht so einfach ist, gut zu schreiben, aber solange man nichts Passables zustande bringt, macht man auch kein Geld damit, Leute. Solange übt man halt weiter.

** Die Ehe zwischen den beiden Hauptfiguren in diesem Buch ist eigentlich eine Zwangsehe, die nach katholischem Kirchenrecht eindeutig ungültig wäre und nicht mal besonders viel Sinn im Plot macht. (Das Ganze spielt in Kalifornien im 19. Jahrhundert. Der Protagonist, dem Gottes Stimme gesagt, hat, dass er die Protagonistin heiraten soll, nimmt sie aus dem Bordell, in dem sie arbeiten musste, mit, nachdem sie dort fast totgeschlagen wurde, und aus irgendeinem Grund lässt er dann auch noch schnell einen Prediger kommen und eine Trauungszeremonie durchführen, bei der sie kaum bei Bewusstsein ist und auch nur mit „Warum nicht?“ statt mit „ja“ antwortet, bevor er mit ihr auf seine Farm zurückkehrt. Das macht zwar aus Sicht der Autorin Sinn – dann hat sie die zwei für den Rest der Handlung aneinandergekettet – aber aus der Sicht der Figuren gibt es keine  Gründe dafür, und es lässt den Protagonisten nicht unbedingt toll aussehen. Vielleicht sehen wir hier noch ein Überbleibsel aus Mrs. Rivers‘ säkularer Schriftstellerkarriere – auch in säkularen Schundromanen finden sich die zwei füreinander Bestimmten gerne mal in irgendwelchen Zwangssituationen, aus denen sie nicht so leicht herauskönnen und in denen sie miteinander auskommen müssen -, vielleicht ist es aber auch ein Resultat falscher protestantischer Theologie über die Mensch-Gott-Beziehung (unwiderstehliche Gnade). (Den ausführlichen Exkurs dazu, was der Sündenfall in Beziehungen zwischen Mann und Frau ruiniert hat, und den dazu, was in der protestantischen Theologie alles so falsch läuft, hebe ich mir jetzt mal für ein anderes Mal auf.))