Über schwierige Heilige

Die Heiligen sind toll. Und manche Heilige sind quasi universell beliebt – Mutter Teresa, Maximilian Kolbe oder Damian de Veuster zum Beispiel. Sich anstelle eines anderen von den Nazis umbringen lassen oder Leprakranke pflegen, bis man selber an Lepra stirbt; das passt – alles wunderbar. Aber wenn man anfängt, sich näher mit den Heiligen der Kirche zu beschäftigen, kann man früher oder später auch auf den einen oder anderen stoßen, der einem sauer aufstößt, oder bei dem man sich fragt: Ist das wirklich vorbildhaft? Soll ich den verehren? Soll ich das, was der gemacht hat, gar nachahmen?

Grundsätzlich gelten hier ein paar Dinge:

 

1) Man muß die Heiligen bewundern, aber braucht sie nicht immer in allem nachzuahmen.“ („Sancti admirandi sed non imitandi sunt semper in omnibus.“)

Das gilt auch bei an sich guten Dingen. Zunächst einmal ist nicht alles ist für jeden geeignet, manches hat Nebenwirkungen oder seine Nützlichkeit hängt vom jeweiligen Stand in der Welt (Laie mit Familie, Ordensangehöriger, Mensch mit Regierungsverantwortung, etc. pp.) ab. Aber auch bei dem, was für jeden nützlich und gut wäre, muss man nicht alles nachahmen, sondern es steht einem oft frei. Es gibt „Werke der Übergebühr“, die nicht verpflichtend sind. Man kann versuchen, gut zu sein, und gleichzeitig jemanden dafür bewundern, dass er besser ist, als man selbst es ist/anstrebt, ohne dessen überragende Heiligkeit als Vorwurf an sich zu verstehen.

Beides gilt bei Heiligen, die extreme Bußen auf sich nahmen (Eremitenleben, extremes Fasten, Schlafentzug, Schlafen auf der Erde…). Solche Dinge sind einerseits nicht verpflichtend, und zweitens sowieso ohne Rücksprache mit einem geistlichen Begleiter nie empfehlenswert, weil sie auch geistlich ihre Nebenwirkungen haben können (Möglichkeit des Stolzes auf der einen Seite, wenn man sie gut schafft, der Mutlosigkeit auf der anderen, wenn man sie nicht gut schafft, etc. pp.), und generell haben die Kirchenlehrer dabei immer zur Vorsicht und Mäßigung geraten. Trotzdem können sie ihren Wert haben.

Nicht jeder Heroismus ist verpflichtend; gerade dann kann er aber sehr bewundernswert sein – das gilt z. B. auch bei Heiligen, die alles hinter sich ließen, um in einem fernen Land unter großen Gefahren zu missionieren (wie der hl. Bonifatius bei den Deutschen), oder auch bei heiligen Frauen, die eine Krebsbehandlung verschoben, um ihr ungeborenes Kind nicht zu gefährden, und dadurch ihr Kind retteten, aber selbst starben, wie die hl. Gianna Beretta Molla (1922-1962) oder die ehrwürdige Dienerin Gottes Chiara Corbella Petrillo (1984-2012). [Eine direkte Abtreibung wäre natürlich auch in diesem Fall nicht erlaubt; hier geht es um Handlungen, die man auch vornehmen würde, wenn das ungeborene Kind nicht da wäre, die ihm aber, ohne dass das gewollt ist, schaden oder es töten könnten (Prinzip der Handlungen mit Doppelwirkung).]

Die hl. Gianna Beretta Molla

(Die hl. Gianna Beretta Molla. Bildquelle: Wikimedia Commons. Eingestellt von Nutzer José Luiz Bernardes Ribeiro.)

Es ist schon ein Problem, wenn man meint, ein Heiliger stelle mit seiner überragenden Heiligkeit einen Vorwurf an einen selber dar, wenn er eigentlich nur ein Vorbild und ein Helfer sein will, es ihm ein bisschen nachzutun. Die Heiligen verachten einen nicht, weil sie besser sind als man selber; gerade weil sie besser sind, ist jede Art von Verachtung ihnen fremd.

Und man kann wirklich lernen, es auszuhalten, dass es nun mal sehr viel bessere Christen gab und gibt.

 

2) Auch Heilige haben Fehler gemacht und Sünden begangen; sie wären die ersten, das zuzugeben. Heiligsprechungen stellen fest, dass jemand im Himmel ist, worauf man sich jedenfalls verlassen kann, und sie stellen ihn insgesamt als Vorbild heraus; was nicht heißt, dass er immer alles richtig gemacht hat. Eigentlich ist es auch ganz tröstlich, dass auch Heilige nicht perfekt waren. Wir haben nicht nur Heilige/Selige/ehrwürdige Diener Gottes, die sich nach einem sehr sündhaften Leben bekehrt haben – wie der Christenverfolger Paulus oder der Mörder Jacques Fesch -, sondern auch grundsätzlich schon bekehrte Heilige/Selige/ehrwürdige Diener Gottes, die dann noch Fehler und Sünden begangen haben.

Die Heiligen waren auch sehr unterschiedlich; zum selben Thema hatten manche sehr verschiedene Ansichten und Ratschläge. Wenige Katholiken werden den hl. Papst Pius V. und den hl. Papst Paul VI. gleichermaßen verehren. Ein paar Beispiele für Ansichten des großen Heiligen Pater Pio, die wohl eher nicht richtig waren, gäbe es z. B. hier unter Fußnote viii – und die betreffen nicht nur Rocklängen.

Öfter einmal kann man auch auf Heilige stoßen, die gegenüber Menschen, die sie schlecht behandelt haben, sehr gefügig und, wie soll man sagen, feindesliebend waren, und alles ertragen und aufgeopfert haben – etwa die hl. Elisabeth von Thüringen oder die hl. Monika. Hier gilt manchmal tatsächlich, dass sie vielleicht in dieser Hinsicht mehr Mitleid als Bewunderung verdienen. Die Verwechslung von Milde und Feindesliebe mit der Duldung von Unrecht kann ja  leicht vorkommen, trotz aller Klärungen durch die Kirchenlehrer und Theologen, und es ist nicht nur nicht jeder Heroismus verpflichtend, es ist auch nicht jeder Heroismus weise oder anzuraten – oder zumindest nicht immer.

Der hl. Augustinus schreibt beispielsweise über seine Mutter, die hl. Monika, und deren Verhältnis zu seinem Vater:

„Ebenso ertrug sie seine eheliche Untreue, so daß sie niemals deswegen mit ihrem Manne in Streit geriet; hoffte sie doch für ihn zu deiner [Gottes] Barmherzigkeit, daß er, wenn er erst an dich glaubte, auch keusch werden würde. Abgesehen hiervon, war er sonst sehr gutmütig, nur hin und wieder jähzornig. Aber sie wußte, daß man einem jähzornigen Manne nicht sich widersetzen durfte, nicht durch Worte, geschweige denn durch Handlungen. Doch wenn er sich ausgetobt und beruhigt hatte, dann ergriff sie wohl eine günstige Gelegenheit und gab ihm Rechenschaft über ihr Verhalten, wenn er sich zu unüberlegter Handlungsweise hatte hinreißen lassen. Wenn endlich viele Frauen, trotzdem sie sanftere Männer hatten, doch Spuren von Schlägen im entstellten Gesichte aufwiesen und im Gespräche mit den Freundinnen ihren Männern Schuld gaben, so gab sie Schuld ihrer Zunge und erinnerte sie, gleichsam scherzend, doch mit ernsten Worten: Seit dem Augenblicke der Vorlesung des Ehekontraktes hätten sie darauf achten müssen, daß sie gewissermaßen Dienerinnen geworden seien; eingedenk ihres Standes hätten sie also nicht gegen ihre Herren übermütig werden sollen. Da nun jene wußten, was sie für einen leidenschaftlichen Mann hatte, und mit Staunen sich erinnerten, daß man noch nie gehört oder auf andere Weise erfahren habe, daß Patricius seine Gattin geschlagen habe oder daß sie auch nur einen Tag sich in häuslichem Streite entfremdet hätten, da fragten sie wohl vertraulich nach der Ursache hiervon; dann belehrte sie Monika über die Art und Weise, die ich oben erwähnt habe. Die ihrem Beispiele folgten und die Probe machten, dankten ihr; die nicht folgten, blieben auch weiterhin schlechter Behandlung unterworfen.

Untreue und solche schlechte Behandlung einfach ertragen? Sind das nicht die klassischen von der Kirche anerkannten Trennungsgründe? Schließlich ist so etwas eine ziemlich schlimme Ungerechtigkeit, und „einfach nichts sagen“ hier als vorbildlich herauszustellen, ist vielleicht nicht immer sinnvoll. Und dann die Beschreibung von Ehefrauen als „Dienerinnen“.

Hier muss man aber auch sehen, dass die hl. Monika in einer noch kaum christlich geprägten Gesellschaft lebte, und schließlich auch einen heidnischen Ehemann hatte, der sich erst kurz vor seinem Tod taufen ließ. In dieser Gesellschaft war eine so schlechte Behandlung von Ehefrauen viel verbreiteter, und es waren nicht nur Psychopathen, die ihre Frauen schlugen und wie Dienerinnen behandelten, denen man auch keine Treue schuldete, sondern viele Männer (und auch die Frauen) waren dazu erzogen worden, das als normal zu sehen. Damals war es vielleicht wirklich erfolgversprechender, dem mit Ertragen beizukommen, als es heute bei einem prügelnden Mann wäre (zumal die hl. Monika nicht viele andere Möglichkeiten hatte). Und wir haben auch vorbildliche katholische Frauen, die eine solche Ehe tatsächlich nicht einfach ertrugen, sondern sich trennten, wie z. B. die ehrwürdige Dienerin Gottes Rose Hawthorne (1851-1926) oder Catherine Doherty (1896-1985; Seligsprechungsprozess vorbereitet).

(Die hl. Monika mit ihrem Sohn Augustinus. Gemeinfrei.)

Aber nicht nur in dieser Hinsicht gibt es Heilige, bei denen man sich leicht denkt: Das ist doch nicht mehr überragend heilig, das ist doch in dieser oder jener Hinsicht so übertrieben, dass es einfach falsch ist. Ein viel kritisierter Heiliger ist z. B. der hl. Nikolaus von der Flüe, der zum Eremiten wurde, obwohl er bereits eine Frau und zehn Kinder hatte.

(Der hl. Nikolaus von der Flüe. Gemeinfrei.)

Ist es nicht furchtbar, seine Familie zu verlassen? Ist die Ehe nicht ein heiliges Sakrament? Sagen nicht so große Heilige wie Franz von Sales, dass man seinem Stand und seinen Pflichten gefälligst treu sein sollte? („Auf keinen Fall kann ich es gutheißen, wenn Leute, die schon in einem Stand und Beruf leben, beständig nach einem anderen Leben verlangen, als ihren Pflichten entspricht, oder nach Andachtsübungen, die mit ihrem Beruf nicht vereinbar sind. Das verwirrt nur ihr Herz und hindert sie an der Erfüllung ihrer Pflichten. Wenn ich mich nach der Einsamkeit der Kartäuser sehne, verliere ich damit nur meine Zeit. Statt dieses Wunsches soll ich den hegen, meine augenblicklichen Pflichten gut zu erfüllen.“ (Einführung in das fromme Leben, 3. Teil, 37. Kapitel))

Nun, generell ist so etwas nicht sehr ratsam. Aber beim hl. Bruder Klaus ist erst einmal zu beachten: Er ließ seine Familie nicht unversorgt zurück, und seine Frau gab ihr Einverständnis, dass er ging. So etwas war grundsätzlich nur mit Einverständnis des Ehepartners möglich, wie ein Mann im Mittelalter auch nur mit Einverständnis seiner Frau auf einen Kreuzzug gehen durfte. Generell ist die Familie auch nicht immer das Höchste; auch z. B. im Zweiten Weltkrieg mussten viele Soldaten ihre Familien verlassen, um ihr Land gegen die Nazis zu verteidigen. Und vielleicht berief Gott in diesem Ausnahmefall den hl. Bruder Klaus wirklich von seiner Familie weg – vielleicht auch, um zu zeigen, dass die Familie nicht immer das Höchste ist.

Vielleicht greift hier aber auch hier das Prinzip, dass Heilige eben – aus den besten Motiven – Fehler begehen können; und trotzdem ihr weiteres Leben hindurch Gott auf großartige Weise dienen können. Ich kann z. B. auch den papa emeritus für einen lebenden Heiligen halten und es trotzdem für möglich halten, dass Benedikts Rücktritt vom Papstamt ein Fehler gewesen sein könnte (auch wenn es natürlich nicht meine Aufgabe ist, das zu beurteilen).

Der hl. Franz von Sales schreibt über die Fehler von Heiligen:

„Der hl. Augustinus sagt ganz richtig, dass Anfänger im Frömmigkeitsstreben leicht gewisse Fehler begehen, die wohl tadelnswert sind, wenn wir sie nach strengen Maßstäben der Vollkommenheit messen; sie sind aber auch lobenswert als gute Vorzeichen eines künftigen Seelenadels, den sie sogar vorbereiten. So ist eine niedrige und grobe Angst, die in der eben erst von der Sünde aufgestandenen Seele Skrupel hervorruft, für den Anfang nur zu begrüßen als sicheres Vorzeichen künftiger Gewissenszartheit. Dieselbe Angst wäre aber an Fortgeschrittenen zu tadeln; in ihrem Herzen soll die Liebe herrschen, die nach und nach diese Art knechtischer Furcht verdrängt.

Der hl. Bernhard war am Anfang ganz streng und hart gegen jene, die sich seiner Leitung unterstellten. Gleich beim Eintritt erklärte er ihnen, sie müssten ihren Leib draußen lassen und dürften zu ihm nur mit ihrer Seele kommen. Wenn er ihre Beichte hörte, verurteilte er mit unerhörter Strenge alle, auch die kleinsten Fehler und drängte seine Beichtkinder mit solchem Ungestüm zur Vollkommenheit, dass er damit gerade das Gegenteil erreichte; denn sie verloren Atem und Mut, weil er sie auf einem so steil ansteigenden Weg mit solcher Heftigkeit antrieb. Sieh, es war brennender Eifer für die vollkommene Reinheit, die diesen großen Heiligen zu solcher Handlungsweise veranlasste, und dieser Eifer war eine große Tugend; trotzdem war er tadelnswert. Deshalb wies Gott selbst in einer Erscheinung ihn zurecht und goss den Geist der Milde und Güte in seine Seele; nun änderte er sich vollständig, warf sich selbst seine Strenge vor und wurde gegen jedermann so gütig und so entgegenkommend, dass er allen alles ward, um sie alle zu gewinnen.

Der hl. Hieronymus erzählt von seiner geliebten geistlichen Tochter Paula, sie sei in der Übung von Kasteiungen nicht nur übereifrig, sondern auch so eigensinnig gewesen, dass sie den gegenteiligen Weisungen ihres Bischofs, des hl. Epiphanius, nicht gehorchen wollte. Außerdem habe sie sich von der Trauer über den Tod ihrer Angehörigen so hinreißen lassen, dass sie jedes Mal in Lebensgefahr schwebte. Er fügte hinzu: ‚Man wird mir vorwerfen, dass ich mit meinen Worten die Heilige tadle, statt sie zu loben. Ich rufe Jesus, dem sie gedient und dem ich dienen will, zum Zeugen an, dass ich weder nach der einen noch nach der anderen Seite die Unwahrheit sage, sondern nur ganz schlicht von ihr als Christ über eine Christin berichte; das heißt, ich schreibe ihre Geschichte, nicht eine Lobrede; ihre Fehler wären bei anderen Menschen Tugenden.‘ […]

Denken wir also gut von solchen, die fromm leben wollen, auch wenn wir Fehler an ihnen sehen; auch die Heiligen hatten Fehler.“ (Einführung in das fromme Leben, 3. Teil, 2. Kapitel)

 

3) Man kann auch der Ansicht sein, dass ein Heiliger für eine bestimmte Sache nicht verehrt werden sollte – nicht nur Heilige, sondern auch die Verehrung, die sie erhalten, ist nicht über jede Kritik erhaben. Manchmal haben spätere Generationen auch ein verzerrtes Bild von Heiligen und vereinnahmen sie für irgendeinen Zweck. Beim hl. Franz von Assisi ist das öfter der Fall; auch die hl. Hildegard von Bingen oder die hl. Katharina von Siena werden ja gerne mal zu Schutzheiligen des Feminismus erklärt.

Man sollte sich auch angewöhnen, mit der Hagiographie ein bisschen kritisch umzugehen – hagiographische Texte neigen dazu, Heilige zu idealisieren, zu verniedlichen, und den Idealvorstellungen der eigenen Zeit anzupassen, indem sperrige Details ausgeblendet oder nur vage angedeutet werden. Manche moderne Texte über Heilige lassen auch Wundergeschichten weg, die den Verfassern zu over the top vorkommen.

 

4) Dann muss man Heilige (klingt ausgelutscht, ist aber so) im Kontext ihrer Zeit verstehen – aber umgekehrt sollte man dann auch den Kontext seiner eigenen Zeit kritisch betrachten. Lehnt man etwas an ihnen nur ab, weil es einem ungewohnt vorkommt?

In einem anderen Kontext war einerseits manches wirklich angebracht, das es inzwischen nicht mehr wäre; und andererseits neigten die Leute zu anderen Zeiten leichter dazu, gewisse Fehler zu machen, die heute nicht mehr so häufig sind, wofür dann Verständnis (weil man selber schließlich auch zeittypische Fehler macht), wenn auch keine völlig Entschuldigung angebracht wäre; und in wieder anderen Dingen waren sie einfach besser als die meisten Christen heute, und da sollte man eher seine eigenen Urteile zurückstellen und von ihnen lernen.

 

5) Wenn die Kirche etwas ständig als vorbildlich herausstellt und Leute ständig dafür heiligspricht (also nicht nur in fünf oder zehn Fällen, sondern zu hunderten und tausenden), sollte man es in jedem Fall als einen vorbildlichen Weg des Christseins akzeptieren. Kontemplatives Leben, Martyrium, Mission, so etwas sind etwa Dinge, die bei den Heiligen ständig auftauchen.

 

6) Die Verehrung für Heilige geht oft vom Kirchenvolk aus, das dann an den Vatikan appelliert, denjenigen oder diejenige zu kanonisieren; Heiligsprechungen sind meistens weniger eine Initiative der Kirchenhierarchie als eine Anerkennung der Verehrung, die jemand schon durch die Laien genießt. Wenn man die Verehrung einer bestimmten Person nicht gutheißt, muss man sich also meistens eher beim Kirchenvolk beschweren.

 

7) Es gibt auch manche Menschen, die nie offiziell heiliggesprochen wurden, deren (evtl. lokal begrenzte) Verehrung zumindest als Selige die Kirche aber duldet – dazu gehören ein paar Herrscher, die viel für die Kirche getan haben, wie Karl der Große (dessen Verehrung als Seliger seit 1176 geduldet, aber nicht anerkannt ist), oder Kaiser Konstantin (der nur in der Ostkirche wirklich als Heiliger gilt, und im Westen selten verehrt wird). Hier gibt es keine höchstoffizielle Bestätigung, dass sie im Himmel sind, und sie waren wohl nicht die allervorbildlichsten Christen, aber man muss auch nicht gerade annehmen, dass sie in der Hölle sind, und es gibt Gründe, aus denen manche sie verehren wollen.

Aber, wie gesagt, sie werden nicht offiziell von der Kirche als Vorbilder herausgestellt.

Kaiser Konstantin und Kaiserin Helena - Germanisches Nationalmuseum - anagoria.jpg

(Östliche Ikone, die Konstantin und seine Mutter, die hl. Helena, zeigt. Gemeinfrei.)

Entfernt vergleichbar damit sind ein paar mittelalterliche Fälle von kleinen Kindern, die ermordet worden waren, und deren Tod man angeblichen Ritualmorden durch Juden zuschrieb – etwa William von Norwich, Simon von Trient oder „Little Saint Hugh of Lincoln“ – , und die, wenn auch ohne förmliche Heiligsprechung, bald vom Volk in ihrer Gegend verehrt wurden. (Ob in solchen Fällen letztlich Juden als Mörder verurteilt wurden, oder es Freisprüche oder Begnadigungen gab, oder die Morde nicht weiter verfolgt wurden, war sehr unterschiedlich.) Hier gab es (soweit ich es gefunden habe) keine offiziellen Heiligsprechungen; nachdem ich ein bisschen gesucht habe, habe ich eine einzige Seligsprechung bei Andreas Oxner, einem 1462 ermordeten dreijährigen Jungen, gefunden, der von Papst Benedikt XIV 1752 seliggesprochen wurde, der ihn dann aber doch nicht heiligsprach. Die Verehrung dieser Kinder wurde von der Kirche eher toleriert als gefördert. (Die Russisch-Orthodoxe Kirche sprach ein solches Kind 1820 heilig.)

Im übrigen handelt es sich hier um getaufte Kinder, die zum Teil noch vor, zum Teil nicht lange nach dem Erreichen des Alters des Vernunftgebrauchs starben. Wenn davor, sind sie zu hundert Prozent sicher im Himmel; wenn danach, ist es immerhin wahrscheinlich; hier bestand damals jedenfalls keine besondere Gefahr, jemanden zu verehren, der nicht im Himmel war.

Ihre Verehrung im Zuge einer antisemitischen Verschwörungstheorie muss man deshalb selbstverständlich nicht rechtfertigen oder gutheißen.

(Angeblicher Ritualmord an Simon von Trient, Darstellung in der Schedelschen Weltchronik. Gemeinfrei.)

 

Eigentlich wollte ich hier noch mehr über ein paar spezielle „problematischere“ Heilige schreiben; aber weil das zu lang geworden wäre, habe ich es auf ein paar kommende Artikel aufgeteilt. Wir haben schon einige Heilige und Selige, die man gegenüber den nicht so kirchennahen Verwandten lieber nicht erwähnt (oder bei denen man zumindest lieber nicht ausführlichst auf alle Details ihres Lebens eingeht).

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Die Pfeiler des Glaubens, Teil 4: Hernando entdeckt ein geheimes Evangelium und die Christen sind lustfeindlich

Teil 3 meiner Rezension findet sich hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/01/03/die-pfeiler-des-glaubens-teil-3-falcones-wird-voruebergehend-zum-gesinnungsethiker-und-die-inquisition-verfolgt-ketzer/

 

Teil III des Buches trägt den Titel „Im Namen des Glaubens“. Es geht im Jahr 1584 weiter; Hernando ist also dreißig Jahre alt. Er lebt als Schützling von Herzog Don Alfonso in dessen Palast in Córdoba und muss keinem Beruf mehr nachgehen. Allerdings wird er von der Gattin des Herzogs und den christlichen Höflingen verachtet und die Morisken von Córdoba sehen ihn nicht mehr als einen der Ihren an, da sie nun wissen, dass er während des Aufstands einem christlichen Granden, einem der Männer, die den Verlauf des Krieges bestimmten, zur Flucht verholfen hat. Don Julián und Jalil sind bei einer Pestepidemie zwei Jahre zuvor ums Leben gekommen und Abbas will nichts mehr mit Hernando zu tun haben. Zu seiner Mutter Aischa hat er noch ein wenig Kontakt und versorgt sie mit Geld, sieht sie aber nicht oft. Sein Leben stellt sich im Ganzen als ziel- und planlos dar und er ist noch immer von Trauer um Frau und Kinder erfüllt, die er für tot hält. Gelegentlich einmal sieht er sich Umbauarbeiten in der Tabernakelkapelle der Kathedrale an und dort freundet er sich mit einem italienischen Freskenmaler namens Cesare Arbasia an.

Um sich zu beschäftigen, beschließt er schließlich, sich in der Bibliothek des Herzogs heimlich mit arabischer Kalligraphie zu beschäftigen. Als er das Geschriebene verstecken will, geht er in einen verlassenen Turm des Palastes, ein ehemaliges Minarett (viele Gebäude Córdobas stammen noch aus maurischer Zeit), und findet neben den Treppenstufen lose Steine, hinter denen sich ein Hohlraum verbirgt. Und darin entdeckt er eine Truhe mit einer arabischen Inschrift, aus der er schließt, dass sie aus der Zeit des Umayyaden-Herrschers al-Mansur (938-1002; https://de.wikipedia.org/wiki/Almansor) stammt. Und in der Truhe befinden sich arabische Bücher.

Das nächste Kapitel beginnt nach diesem Cliffhanger mit einer Unterhaltung mit Arbasia, dem Hernando anvertraut hat, dass er Muslim ist. Zunächst spricht er den Maler darauf an, dass der in einer Abendmahlsdarstellung in einem der Fresken eine Frau gemalt habe, die von Jesus umarmt werde. Arbasia erklärt ihm, es handle sich um den heiligen Johannes – allerdings hört er sich ein bisschen ertappt an („‚Das ist der heilige Johannes.’ ‚Aber…’ ‚Glaub mir, es ist der heilige Johannes.’“ (S. 534))*. Boah, ist das Da Vinci Code! Wird man vielleicht auch noch erfahren, dass es sich bei der Frau um Maria Magdalena, Jesu Ehefrau, den wahren Heiligen Gral, handelt, und ihre gemeinsame Tochter die Urahnin der Merowingerkönige wurde?

Jedenfalls, danach kommt Hernando endlich auf das zu sprechen, was er eigentlich bereden wollte: Die Bücher, die er entdeckt hat. Zunächst erläutert er, dass Al-Mansur zahlreiche Schriften aus der Bibliothek von Córdoba, die nach seiner Auffassung nicht dem Islam entsprachen, verbrennen ließ. Natürlich zeigen beide Figuren angemessenes Entsetzen über diese Zerstörung von Kultur und Wissen, diesen „Frevel“ (S. 535), wie Arbasia es nennt.** Dann erklärt Hernando, dass der Kopist der Bücher ein Schreiben in die Truhe gelegt habe, in dem er erkläre, dass er einige Schriften vor der Verbrennung bewahren wollte und in aller Eile Abschriften angefertigt und versteckt habe. Hernando erzählt, dass darunter „wunderbare Gedichtsammlungen und Traktate“ (S. 535) seien, und… „eine alte Abschrift des Evangeliums, das dem Jünger Barnabas zugeschrieben wird“ (ebd.).

„‚Die Gelehrten, die al-Mansur mit der Auswahl der zu verbrennenden Schriften betraut hatte, waren fest davon überzeugt, dass es sich um ein rein christliches Evangelium handle. Aber dieser Barnabas-Text – so der Kopist – bestätigt den Islam. Der Kopist hielt dieses Barnabas-Evangelium für so bedeutend, dass er nicht nur eine Abschrift anfertigte, sondern sogar das Original vor dem Feuer rettete. Er schreibt zwar, dass er es in Córdoba verstecken wollte, aber nicht, ob ihm sein Vorhaben auch gelungen ist.’

‚Was steht in dem Evangelium?’

‚Im Großen und Ganzen sagt es, dass Jesus kein Gottessohn war, sondern ein Mensch – ein Prophet.’ Hernando meinte, bei seinem Gegenüber ein Zeichen der Zustimmung zu erkennen. ‚Und dass nicht Jesus, sondern Judas gekreuzigt wurde. Dort steht auch, dass Jesus nicht der Messias ist und dass sowohl die Ankunft des wahren Propheten als auch die Offenbarung noch bevorstehe. Außerdem wird die Notwendigkeit der Waschungen und der Beschneidung dargelegt. Diesen Text hat jemand verfasst, der Jesus kannte und seine Taten miterlebte. Aber im Gegensatz zu den anderen Evangelien bestätigt er die Glaubensvorstellungen meines Volkes.’

[…]

‚Es ist bekannt, dass die Päpste die Evangelien manipuliert haben’, sagte Hernando noch.“ (S. 535f.)

Ich fasse zusammen: Hernando weiß, dass die Päpste die Evangelien manipuliert haben – und zwar, weil… das unter Muslimen bekannt ist… weil der Islam das lehrt… das ist eben bekannt? Oder so. Außerdem weiß er, dass das Manuskript, das er entdeckt hat, im Gegensatz zu den anderen Evangelien die Wahrheit wiedergibt und von jemandem verfasst wurde, der Jesus kannte, weil… es den Islam bestätigt?

Hier ist es natürlich ganz sinnvoll, auf die Frage einzugehen: Gibt es dieses Barnabas-Evangelium denn wirklich? Gibt es. (Es ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem antiken Barnabasbrief.) Falcones geht in seinem Nachwort auf die historischen Hintergründe zu seinem Roman ein, und zur Herkunft des Barnabas-Evangeliums schreibt er sehr knapp: „Keine Hypothese, sondern ausschließliches Produkt der Fantasie des Autors hingegen ist der Bezug zwischen dem Evangelium und dem fiktiven Exemplar, das der Verbrennung der großartigen Bibliothek des Kalifats von Córdoba entging.“ (S. 918) Aha… Wenn man z. B. Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Barnabasevangelium) konsultiert, erfährt man Näheres: Es handelt sich beim Barnabas-Evangelium um eine Fälschung, die zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert entstanden ist, möglicherweise in Spanien, wobei der Verfasser vielleicht ein zum Islam konvertierter Christ war, der Christen vom Islam überzeugen wollte. Es finden sich ein paar Detailwidersprüche zur islamischen Lehre, die darauf hindeuten, dass er nicht vollkommen mit ihr vertraut war (z. B. wird Mohammed als Messias bezeichnet, was ein unter Christen verbreitetes Missverständnis der islamischen Lehre war, und Maria gebiert ohne Schmerzen, was eine verbreitete Ansicht unter Christen war und ist, aber nicht dem Islam entspricht), vor allem aber widerspricht das Evangelium den kanonischen (und auch den apokryphen) Evangelien der Antike und trägt die islamische Lehre über Jesus vor: Jesus sei nur ein Prophet gewesen, sei nicht gekreuzigt worden, sei nur zu den Juden gesandt gewesen, habe Mohammeds Kommen angekündigt – und zwar namentlich. Falcones setzt vor den Beginn von Teil III ein Zitat aus dem Barnabas-Evangelium: „Und obwohl ich unschuldig war in der Welt, da die Menschen mich ‚Gott’ und ‚Gottes Sohn’ nannten, hat Gott, damit ich am Tag des Gerichts nicht von den Dämonen verspottet werde, es so gewollt, dass ich von den Menschen in dieser Welt verspottet werde durch den Tod des Judas, indem er alle Menschen glauben machte, dass ich am Kreuz gestorben sei. Und dieser Spott wird andauern bis zur Ankunft Mahomets, Gottes Gesandten, der, wenn er kommen wird, diese Täuschung jenen klarmachen wird, die an Gottes Gesetze glauben.“

Falcones’ Darstellung, nach der das Barnabas-Evangelium zumindest noch vor dem 10. Jahrhundert entstanden sein müsste, ist also schlicht irreführend; zudem verschweigt er, dass, selbst wenn es schon vor dem 10. Jahrhundert entstanden wäre, sogar Hernando mit etwas Mühe herausbekommen hätte können, dass es nicht von jemandem geschrieben worden sein kann, der Jesus kannte. In diesem Evangelium fährt Jesus mit dem Schiff nach Nazareth, das im Binnenland liegt, nicht am See Genezareth, und auch nach Jerusalem, für das dasselbe gilt, und er wird geboren, während Pilatus Statthalter ist, obwohl der erst von 26 bis 36 n. Chr., also zur Zeit von Jesu Tod und Auferstehung, auf diesem Posten war. Trotz alldem und trotz der Tatsache, dass es vor dem 16. Jahrhundert keinen Beleg für diesen Text gibt, wird das Barnabas-Evangelium auch heute noch von muslimischen Apologeten als Beweis für den Islam angeführt.

Wieso stellt Falcones das Barnabas-Evangelium also als glaubwürdig dar? Weil Hernando daran glauben muss, damit die weitere Handlung schlüssig ist? Weil ein Roman, in dem ein neu entdecktes Evangelium vorkommt, das den kanonischen Schriften widerspricht, es natürlich nicht als Fälschung aus der frühen Neuzeit darstellen kann, da schließlich die Kirche entlarvt werden muss, weil es sonst langweilig wäre?

Vermutlich Letzeres, aber weiter im Text.

„‚Warum erzählst du mir das alles?’ fragte er [Arbasia] nach einer Weile barsch. ‚Wieso denkst du…?’

‚Heute’, unterbrach ihn Hernando, ‚habe ich in dem Jesus, den du gemalt hast, einen gewöhnlichen Sterblichen gesehen – ein menschliches Wesen, das eine… das jemanden zärtlich umarmt. Dieser Mensch wirkt liebenswürdig, er scheint sogar zu lächeln. Das ist nicht der ewige und allmächtige Sohn Gottes, der leidende, schmerzvolle und blutende Jesus Christus, den man überall in der Kathedrale findet.’“ (S. 536)

Headdesk. Headdesk, Headdesk, Headdesk.

Es gibt drei Probleme bei Hernandos Aussage:

Erstens, Hernando hängt einem islamischen Gottesbild an. Gott ist nicht liebenswürdig und zärtlich; seine Ewigkeit und Allmacht müssen Ihn auch zu einem Herrscher machen, der fern von Seinen Geschöpfen ist und sich nicht wirklich für sie interessiert.

Zweitens, Hernando versteht die Lehre von der Menschwerdung nicht. Die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit hat wirklich und wahrhaftig Menschennatur angenommen. Seine Mutter hat Ihm ihre Gene vererbt und musste Seine Windeln wechseln, Er hat Wein getrunken, hat Freundschaften geschlossen, hat am Grab eines Freundes geweint, hat Tische im Tempel umgeworfen und hatte panische Angst vor dem Tod am Kreuz. Kurz, Er war „in allem uns gleich außer der Sünde“. Die katholische Kirche lehrt nicht, dass Jesus Gott war und nicht Mensch, im Gegenteil, diese Lehre hat sie in der Antike verurteilt; sie lehrt, dass Er wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich war (und immer noch ist, selbstverständlich).

Ein Christus nach dem Leben (Rembrandt van Rijn)

(Rembrandt van Rijn, Ein Christus nach dem Leben, Quelle: Wikimedia Commons)

Ich geb dir zärtlich und liebenswürdig!

Drittens, und das ist nun wirklicher Blödsinn: Hernando scheint „ewig und allmächtig“ mit „leidend, schmerzvoll und blutend“ in eins zu setzen, und scheint „leidend“ irgendwie als negativ und bedrohlich zu betrachten. Zeigt nicht gerade Jesu Leiden seine Menschlichkeit und seine Liebe? Das erinnert mich an Leute, die Kruzifixe als gewaltverherrlichend kritisieren – wenn man ein Opfer von brutaler Gewalt zeigt und es auch noch als Erlöser der Welt und wahren Gott anbetet, verherrlicht man schließlich Gewalt.

(Matthias Grünewald, Isenheimer Altar, Quelle: Wikimedia Commons)

Aber keine Sorge, der Unsinn geht noch weiter.

„‚Du bist Muslim’, sagte er [Arbasia] schließlich. ‚Ich bin Christ.’

‚Aber…’

Der Meister bedeutete ihm, nicht weiterzusprechen.

‚Es ist schwer zu sagen, wer im Besitz der Wahrheit ist. Ihr? Wir? Die Juden? Oder vielleicht die Lutheraner? Sie haben sich von der kirchlichen Doktrin abgewandt. Haben sie deshalb recht? Es gibt viele Christen, die die offizielle Lehre der Kirche nicht akzeptieren.’ Arbasia hielt einen Moment inne. ‚Fest steht nur, dass wir alle an einen einzigen Gott glauben: den Gott Abrahams. Die Muslime sind in diese Gebiete hier eingefallen, weil andere Christen – die Arianer, die mittlerweile selbst zu Ketzern erklärt wurden, sie gerufen haben. Es gab auch in Nordafrika Anhänger des Arius, aber die kastilischen Arianer haben erst viel später begriffen, dass die Araber, die ihnen zu Hilfe kamen, in Wirklichkeit Muslime waren. Verstehst du? Der Arianismus, der nur eine Variante des Christentums ist, und der Islam waren sich sehr ähnlich. Für die kastilischen Arianer war der Islam eine Religion, die Gemeinsamkeiten mit ihrer Religion aufwies: Beide leugnen die Göttlichkeit von Jesus Christus. Aus diesem Grund konnten die Reiche der Hispania auch innerhalb von nur drei Jahren erobert werden. Es gibt nur einen einzigen Gott, Hernando, und zwar Abrahams Gott. Doch jeder sieht in ihm etwas anderes. Und… es ist besser, wenn wir das nicht weiter vertiefen. Die Inquisition…’“

Die Arianer wurden „mittlerweile“ zu Ketzern erklärt? Nach der Eroberung durch die Araber von 711? Also nicht vielleicht schon im Jahr 325 beim Konzil von Nizäa?

Zu der ganzen Geschichte mit den Arianern habe ich bei einer kurzen Internetrecherche nicht viel gefunden; laut Wikipedia soll ein gewisser Graf Julian von Ceuta (https://en.wikipedia.org/wiki/Julian,_Count_of_Ceuta), der aus persönlichen Gründen ein Gegner des westgotischen König Roderichs war, bei der arabischen Invasion zum Verräter geworden sein – allerdings weiß die Internetenzyklopädie auch von Arianern, die schon lange vorher Spanien verließen und ins muslimisch beherrschte Nordafrika gingen. Also, nehmen wir mal an, dass irgendeine Wahrheit hinter Falcones’ Darstellung steckt – ob diese Arianer dann wirklich so ahnungslos in Bezug auf den Islam waren? Immerhin ist auch bekannt, dass andere Häretiker, die ganz und gar nicht die Göttlichkeit Jesu leugneten, in Ägypten oder Syrien den arabischen Eroberern einfach deshalb nicht viel Widerstand entgegensetzten oder ihnen in Einzelfällen sogar halfen, weil ihnen die im Moment lieber waren als die oströmischen Kaiser, die sie unterdrückten. Im Lauf der Geschichte hat es die seltsamsten Allianzen gegeben; auch später haben sich manche christliche Fürsten mit muslimischen oder muslimische mit christlichen gegen ihre eigenen Glaubensgenossen verbündet. Aber gut, Informationen konnten im frühen 8. Jahrhundert ja wesentlich weniger schnell und sicher verbreitet werden als heute.

Und Arbasia hat natürlich Recht, der Arianismus und der Islam waren einander nicht unähnlich. Gut: Arius hielt Jesus nicht nur für einen Menschen sondern für ein Mensch gewordenes gottähnliches Wesen, eine Art obersten Engel, sozusagen – aber eben nicht für Gott selbst. Der Skandal, dass wirklich Gott wirklich Mensch geworden sein sollte, wurde von vielen Häretikern der Antike wegerklärt – die einen hielten Jesus nicht für wirklich göttlich, die anderen sagten, Gott wäre nicht wirklich Mensch geworden und hätte sicher nicht leiden können, sondern es hätte sich bei Jesus nur um eine Art Erscheinung gehandelt.

Aber das ist doch genau der Punkt: Der Islam ist im Grunde genommen eher eine christliche Häresie als eine eigenständige heidnische Religion. Mohammed übernahm die wichtigsten Grundannahmen der jüdischen und der christlichen Religionen, die er kannte, nämlich dass es einen Gott gibt, der allmächtig, allwissend und vollkommen gut ist, der die Welt erschaffen hat, und der nach dem Tod gemäß ihrer Taten über die Menschen richten wird. Alles andere, was zu kompliziert war, oder was irgendwie Gottes Souveränität und Hoheit zu schmälern schien, wie etwa die Menschwerdung, lehnte Mohammed ab, fügte dann noch einige Regeln für das praktische Leben hinzu, und machte sich dann daran, seine Religion mit dem Schwert zu verbreiten. Der Islam ist einfach eine simplifizierte, praktische und kämpferische Verdrehung des Christentums, die leider nicht der Realität entspricht.

Und hier setzt Arbasias Problem ein: Es gibt also so viele unterschiedliche Gruppen, die so viele unterschiedliche Behauptungen über diesen Gott Abrahams aufstellen, jetzt auch noch die Lutheraner. Wem sollen wir folgen? Wer hat Recht? Gute Frage, und dann könnte man sich daran machen, die Antwort zu suchen. Ich muss sagen, an dieser Stelle ist Hernando mir sympathisch, als er Arbasia antwortet „Aber wenn jene Christen, die Jesus Christus wirklich kannten, behaupten, dass er nicht Gottes Sohn war…“ (S. 537), die Frage, welche Religion die richtige ist, also zumindest rational durchdenken will. Aber Arbasia würgt ihn sofort ab: „Wir sind nur Menschen. Wir stellen Unterschiede fest, wir interpretieren, wir wählen aus. Gott ist immer der Gleiche. Ich denke, das leugnet niemand. Und jetzt lass uns essen“ (ebd.). Mit anderen Worten: Ich behaupte einfach, dass wir nichts wissen können, also lass diese Versuche, die Wahrheit herauszufinden. Einigen wir uns einfach auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Frage wäre dann natürlich noch: Was ist dieser kleinste gemeinsame Nenner? Und woher wissen wir, dass der wahr ist? Was genau ist dieser „Gott Abrahams“ und ist Er real?

Nach diesem Gespräch mit Arbasia denkt Hernando darüber nach, dass Abbas und die anderen Männer der Gemeinde für die Zukunft eher auf Gewalt und Kampf setzen und sich wahrscheinlich gar nicht erst für das Barnabas-Evangelium interessieren werden. „Hernando atmete tief durch: Seine einzige Gewissheit war, dass sich die Situation seines Volkes durch Gewalt nicht verbessern würde.“ (S. 538)

Kurz darauf wird Hernando im Auftrag von Don Alfonso, der im Finanzrat des Königs sitzt, in die Alpujarras, seine ehemalige Heimat, geschickt, um nachzuforschen, wieso die dortigen königlichen Ländereien (hauptsächlich ehemaliges Land von Morisken, das neuen Siedlern zugeteilt wurde) so wenig Profit abwerfen. Als der Herzog ihn vor der Reise fragt, ob er dort denn alte Freunde habe, die für seine christliche Loyalität bürgen könnten, falls er als Moriske angefeindet werden sollte, nennt Hernando spontan den Marquis von Los Vélez, zu dem er damals Isabel gebracht hat, und behauptet ungeniert, außer ihr noch mehr Christen das Leben gerettet zu haben. Das Gerücht von diesen Taten verbreitet sich in Córdoba und noch bevor Hernando aufbricht, erklärt Aischa ihm, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle.

Hernando reist also zusammen mit einem Verwandten des Herzogs in die Alpujarras, wo er die neuen christlichen Siedler als faul und nutzlos beurteilt, und außerdem erfährt, dass Isabel, die damals im Krieg vom (inzwischen verstorbenen) Marquis von Los Vélez als Gesellschafterin seiner Töchter aufgenommen wurde, inzwischen mit einem Richter am Obergericht von Granada verheiratet ist. Er reist weiter nach Granada, wo er Isabel trifft, die drei kleine Kinder hat, von denen das älteste nach ihrem Bruder Gonzalico benannt wurde. Ihr Ehemann, Don Ponce de Hervás, wirkt weder besonders sympathisch noch besonders unsympathisch. Hernando erstellt seinen Bericht für den Herzog mit Vorschlägen zur Verbesserung der Wirtschaft in der Gegend, und wird außerdem vom Erzbistum Granada gebeten, einen weiteren Bericht über die Märtyrer im Alpujarras-Krieg zu erstellen, da sich sein Ruhm als Retter von Christen auch hier verbreitet hat.

Wie man es bei einem 908-seitigen historischen Roman erwarten kann, darf auch Sex als Teil der Handlung nicht fehlen; was das angeht, hat Falcones schon in Teil II ausführlich die mutmaßliche Heuchelei der Christen thematisiert, zum Beispiel an dieser Stelle nicht lange nach Hernandos Ankunft in Córdoba Anfang der 1570er:

„Hernando hatte die Lebensweise der Menschen in Córdoba schnell durchschaut und hinter die schöne Fassade des Christentums geblickt, mit seinen Geistlichen und Gottesdiensten, seinen Prozessionen und Rosenkranzgebeten, seinen Laienschwestern und Bruderschaften, die in den Straßen um Almosen bettelten. Die frommen Menschen der Stadt gingen alle ihren religiösen Pflichten nach und unterstützten großzügig die Hospitäler und Klöster, sie setzten die Kirche in ihren Testamenten als Alleinerbin ein oder hinterließen ein Vermögen, mit dem die christlichen Gefangenen von den Barbaresken freigekauft werden sollten. Sobald sie aber der Kirchen gegenüber ihre Pflicht erfüllt hatten, entsprachen ihre Interessen und ihre Lebensführung absolut nicht den religiösen Vorschriften. Sogar die Priester lebten trotz aller Beschlüsse des Konzils von Trient, so sie keine Konkubine hatten, zumindest mit einer Sklavin unter einem Dach – eine Sklavin zu schwängern war schließlich keine Sünde. [Und hier bin ich mir nun wirklich sicher, dass alle Kasuisten des 16. Jahrhunderts „FALSCH!!!“ gebrüllt hätten.] […] Und erst die Bemühungen der Kirchenbehörden, wollüstige Beichtväter davon abzuhalten, Frauen zum Beischlaf zu zwingen, führten dazu, dass Geistliche und Sünder in den Beichtstühlen durch Gitter getrennt wurden. Doch nicht einmal die Vertreter dieser Behörden waren ein Vorbild, was Keuschheit und Sittsamkeit anging. […] Hinter der makellosen Oberfläche des christlichen Ehesakraments verbarg sich eine Welt der Ausschweifungen, und aufsehenerregende Skandale waren ebenso an der Tagesordnung wie das blutige Ende der entlarvten Ehebrecher. Die Mehrzahl der Nonnen war von ihren Familien aus rein wirtschaftlichen Gründen in die Obhut der Kirche gegeben worden […], so war es nicht verwunderlich, dass diesen jungen Frauen meist jegliche echte religiöse Berufung fehlte.“ (S. 287f.)

Und schon kurz vorher hat Hamid mit Hernando über die Lustfeindlichkeit und die gleichzeitigen Ausschweifungen der Christen gesprochen:

„‚Die Frauen wissen, dass ihre Männer ins Freudenhaus gehen’, unterbrach ihn Hamid […]

‚Die Christen suchen die Lust nicht bei ihren eigenen Frauen’, flüsterte der Alfaquí […]. ‚Lust ist für sie eine Sünde, genauso wie Berührungen und Zärtlichkeiten. Selbst eine ungewöhnliche Stellung beim Akt ist Sünde. Man darf keine Sinnlichkeit suchen…’

‚…denn sie ist Sünde!’ vervollständigte Hernando den angefangenen Satz und lächelte.

‚Genau’, bestätigte ihn Hamid und hielt den Zeigefinger an die Lippen. ‚Deshalb gestehen die Christinnen ihren Männern zu, Sinnlichkeit und Lust im Freudenhaus zu suchen. […]’

[…] ‚Und…’, begann Hernando nach einer Weile nachdenklich. ‚Und die Frauen suchen ihrerseits die Lust bei anderen Männern. Nicht wahr?’“ (S. 278f.)

Ach mei. Ich finde es zunächst ja mal… interessant… dass „Moral“ in Falcones’ Augen nur „Sexualmoral“ zu bedeuten scheint. Großzügige Spenden für Spitäler oder zum Freikauf von Sklaven oder auch die Tätigkeit einer Laienschwester beispielsweise sind die unaufrichtige Erfüllung äußerer Vorschriften, während es tatsächlich nur darauf ankommt, ob man eine Geliebte hat oder nicht. Vermutlich liegt diese falsche Interpretation daran, dass Falcones ernsthaft meint, die Katholiken würden unter „Moral“ nur „Sexualmoral“ verstehen. Aber gut, sie gehört immerhin zur Moral.

Dann ist das eine dieser Stellen, an denen ich es wirklich bedaure, dass Zeitreisen unmöglich sind. Ich würde zu gern mal ins Córdoba der 1570er hinein schauen, um zu wissen, wie ausschweifend die Leute denn damals tatsächlich waren und wie viel von dieser Darstellung der Fantasie eines Autors, der seine Leser schließlich irgendwie fesseln muss, entsprungen ist. So ganz kann ich mir nämlich nicht vorstellen, dass das überfromme Córdoba in Bezug auf das 6. Gebot so viel verdorbener war als etwa ein Dorf in den Alpujarras. (Dass die Sexualmoral überall nicht einwandfrei eingehalten wurde, ist eh klar. Bei den Christen gab es dafür dann das Beichtsakrament. Sogar mit Gittern zur Wahrung einer gewissen Anonymität. Aber ganz abgesehen davon halte ich es für logischer, dass eher diejenigen Männer, die das, was die Pfaffen sagten, eh nicht so wichtig nahmen (und von solchen Leuten gibt es auch in der allerkatholischsten Gesellschaft genug, u. U. auch unter den Pfaffen selber), öfter mal eine Prostituierte aufsuchten, als skrupulösen Frommen, die sich schon Sorgen machten, ob sie vielleicht den Verkehr mit der Ehefrau zu sehr genossen hatten.)

Und glaubten die frommen Christen denn wirklich, was Falcones (bzw. Hamid) hier behauptet, dass sie glaubten? „Lust ist für sie eine Sünde“? Na ja, ich kann nicht mit Sicherheit sagen, welche populärtheologischen Ideen bei spanischen Laien des späten 16. Jahrhunderts möglicherweise in Umlauf waren; ich kann allerdings die Gedanken eines bekannten französischen Bischofs und Ordensgründers aus etwa derselben Zeit zitieren. Der heilige Franz von Sales schreibt in seiner „Einführung ins fromme Leben“, erstmals veröffentlicht 1609, in einem Kapitel über die eheliche Keuschheit:

„Es besteht einige Ähnlichkeit zwischen der Befriedigung des Geschlechtstriebes und der Esslust; beide beziehen sich auf den Leib; wenn auch nur die erste wegen ihrer elementaren Gewalt Begierde des Fleisches genannt wird. Was ich also von dieser nicht gut sagen kann, will ich durch die andere andeuten.

  1. Wir müssen essen, um unseren Leib zu erhalten. Das Essen ist also gut, heilig und geboten, um uns zu ernähren und bei Kräften zu erhalten. Ebenso ist auch in der Ehe alles gut und heilig, was zur Kinderzeugung und zur Erhaltung des Menschengeschlechtes notwendig ist; das ist ja der Hauptzweck der Ehe.
  2. Man kommt zum Essen zusammen, nicht nur um das Leben zu erhalten, sondern auch um die Geselligkeit und die menschlichen Beziehungen zu pflegen; das ist durchaus in Ordnung. Ebenso in Ordnung ist die rechtmäßige gegenseitige Befriedigung der Gatten in der Ehe, die der hl. Paulus eine Pflicht nennt (1 Kor 7,3), und zwar eine so ernste Pflicht, dass er die Enthaltsamkeit eines Gatten nicht ohne freie und gern gewährte Zustimmung des anderen billigt, nicht einmal, um Übungen der Frömmigkeit zu obliegen (darüber habe ich im Kapitel über die heilige Kommunion schon die entsprechenden Bemerkungen gemacht), ganz zu schweigen von Gründen launenhafter Tugendanwandlungen oder von Zorn und Verachtung.
  3. Kommt man aus Geselligkeit zum Essen zusammen, dann soll man essen, ohne sich zu zieren oder den Eindruck eines Zwanges zu erwecken, sondern ruhig seinem Appetit folgen. Ebenso soll auch die eheliche Pflicht treu und ungezwungen geleistet werden und so, als sei Nachkommenschaft zu erwarten, auch wenn diese Möglichkeit aus irgendeinem Grund nicht besteht.
  4. Isst man aus keinem der beiden Gründe, sondern einzig um die Esslust zu befriedigen, so geht das noch an, wenn es auch nicht gerade lobenswert ist. Die Befriedigung der sinnlichen Lust allein lässt eine Handlung noch nicht lobenswert erscheinen, sondern höchstens erlaubt.
  5. Nicht nur mit Appetit, sondern über alles Maß und jede Ordnung hinaus zu essen, ist umso verwerflicher, je größer die Maßlosigkeit ist.
  6. Die Maßlosigkeit im Essen zeigt sich nicht nur in der Menge der Speisen, sondern auch in der Art und Weise zu essen. Der Honig ist für die Bienen so gut, er kann ihnen aber auch schaden, wenn sie im Frühling zu viel davon aufnehmen, ja sie können daran zugrunde gehen, wenn Kopf und Flügel mit Honig verklebt sind. Ebenso ist der eheliche Verkehr, sonst so heilig, gerecht, empfehlenswert und der Gesellschaft nützlich, in bestimmten Fällen gefährlich. Durch Übertreibung können die Seelen der Gatten erkranken an lässlicher Sünde, ja sie können dadurch sogar sterben an der Todsünde, wenn die von Gott bestimmte Ordnung des Kindersegens verletzt oder in das Gegenteil verkehrt wird. […] [Franz von Sales spricht hier von Praktiken wie coitus interruptus]
  7. Es zeugt von einem niedrigen, hässlichen, gemeinen und hemmungslosen Charakter, wenn man schon vor der Mahlzeit sich in Gedanken mit dem Essen und seinen verschiedenen Gängen beschäftigt; noch gemeiner ist es, nach dem Essen alle Gedanken und Worte darauf gerichtet zu halten und sich in der Erinnerung an den Genuss zu ergehen, den man beim Schmausen der Leckerbissen empfand. So handeln Leute, deren Gott ihr Bauch ist, wie Paulus sagt (Phil 3,19). Vornehme Menschen denken an die Tafel erst, wenn sie sich niedersetzen; nachher waschen sie Hände und Mund, damit an ihnen nicht Geschmack und Geruch der Speisen haften bleiben. – So sollen auch Eheleute nach Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten ihre Gedanken von jeder sinnlichen Lust lösen, Herz und Seele sogleich davon reinigen, um sich in voller Freiheit des Geistes Reinerem und Höherem zuzuwenden. Wer so handelt, befolgt die Lehre, die der hl. Paulus den Korinthern gab: ’Die Zeit ist kurz; wer ein Weib hat, handle, als hätte er keines’ (1 Kor 7,29). Wie der hl. Gregor sagt, besitzt jener eine Frau, als hätte er keine, der die sinnlichen Freuden mit ihr so genießt, dass sie ihn in seinen geistigen Bestrebungen nicht behindern. Dasselbe gilt auch von der Frau. Wieder sagt der hl. Paulus: ’Die von dieser Welt Gebrauch machen, mögen so handeln, als machten sie davon keinen Gebrauch’ (1 Kor 7,31). Es mache also jeder von dieser Welt Gebrauch je nach seinem Beruf, ohne jedoch seine Liebe daran zu hängen, damit er frei und bereit ist, Gott zu dienen, als machte er keinen Gebrauch von der Welt.“ (http://www.philothea.de/teil03/3_39.htm)

Franz von Sales sieht also ganz im Sinn der kontinuierlichen kirchlichen Lehrtradition sexuelle Lust – ebenso wie etwa Essensgenuss oder materiellen Besitz oder Ehre oder irdische Macht – als etwas Gutes, Erlaubtes, und von Gott Eingesetztes, das auch unmäßig oder in falscher Weise gesucht werden kann und an dem man nicht zu sehr hängen sollte. Der streng logische Scholastiker Thomas von Aquin, der bedeutendste Theologe des Mittelalters, lehrte das Gleiche. Tatsächlich scheint Falcones nicht bewusst zu sein, dass die Kirche in Antike und Mittelalter mit Häretikern zu tun hatte, die sexuelle Lust tatsächlich für grundsätzlich sündhaft hielten (Gnostiker, Manichäer, Katharer), weil sie die ganze materielle Welt für schlecht, nicht für Gottes gute Schöpfung hielten, und dass sie diese Häretiker deshalb verurteilte. Unter den katholischen Theologen ist mir lediglich von dem spät bekehrten Playboy und Ex-Manichäer Augustinus bekannt, dass er Lust auch in der Ehe zumindest für eine lässliche Sünde hielt. Alles in allem halte ich es für unwahrscheinlich, dass die frommen Bewohner Córdobas der Meinung waren, sie müssten es beichten, wenn ihnen der eheliche Verkehr mit ihren Gattinnen und Gatten gefallen hatte.

Aber, zugegeben: Irgendwo hat Falcones ein bisschen Recht. Die katholische Kirche hat die Sexualität tendenziell immer als problematischer behandelt als der Islam das tut. Die Enthaltsamkeit schätzen wir mehr, bei der Ehe sind wir deutlich strenger, und die frommen Muslime werden in ihrem Paradies immerhin von „großäugigen huris“ (Sure 52,20) erwartet, während wir Christen uns damit begnügen müssen, das Angesicht Gottes zu schauen.

File:Francois Boucher - The Pasha in His Harem, c. 1735-1739 - Google Art Project.jpg     

Francois Boucher, Der Pascha in seinem Harem  –   Sel. Karl I. mit seiner Braut Zita

Ich meine ja nur.

Okay, zurück zu Falcones. Der hat für seine Ansichten natürlich auch Anschauungsmaterial bereit; in Teil I und II kommen Abschnitte zu Hernandos und Fatimas Sexleben vor, und es wird erklärt, dass es ihnen wichtig ist, einander Lust zu bereiten usw. Und jetzt, in Teil III, beginnt Hernando eine Affäre mit Isabel – an der sich zeigt, dass Falcones nicht mal die islamische Sexualethik kapiert.

Isabel initiiert die Affäre, schämt sich deshalb aber gleichzeitig, und Hernando versucht – schließlich mit Erfolg –, ihr ihre Scham und ihre Schuldgefühle zu nehmen:

„‚Du musst lernen, deinen Körper zu genießen’, flüsterte er und bemerkte, wie sie bei seinen Worten zusammenzuckte und errötete.

Isabel schwieg und ließ sich zum zweiten Mal in Hernandos Schlafzimmer führen.

Am liebsten hätte er ihr davon erzählt, wie sie sich Gott durch die fleischliche Lust annähern konnte […].“ (S. 589)

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dem Autor klar ist, dass Hernando nach islamischem Recht für diese Art der Annäherung an Gott die Steinigung verdient hätte. (Entgegen dem Eindruck, den Europäer manchmal zu haben scheinen, trifft diese Strafe nach der Scharia durchaus auch Männer.) Dass ein – ja durchaus religiöser – Mann des 16. Jahrhunderts so gedacht hätte, ist jedenfalls schwer vorstellbar. Bei Falcones sieht man Sex entweder als grundsätzlich gut oder als grundsätzlich sündhaft an; für differenziertere Positionen wie „Sex mit deinem Ehepartner ist gut, Untreue ist schlecht“ gibt es keinen Platz.

Das Traurige ist, dass Falcones nicht mal diese Affäre so darstellt, wie es noch vor einiger Zeit in Romanen üblich war. (1. Die beiden Beteiligten empfinden eine unbezwingbare Leidenschaft füreinander, die sie trotz aller Bemühungen nicht aus ihren Herzen reißen können. 2. Sie schwören einander ewige Verbundenheit. 3. Sie fliehen gemeinsam vor ihrem, am besten lieblosen und grausamen, Ehemann und bauen sich irgendwo ein neues gemeinsames Leben auf. 4. Entweder leben sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage, oder aber es kommt vor dem Ende noch ein bisschen Spannung auf, weil „ihre Vergangenheit sie wieder einholt“.) Isabel und Hernando reden nicht viel miteinander, bevor sie beginnen, miteinander zu schlafen; und sie reden auch danach kaum über ihre Gefühle füreinander – auch wenn Isabel offensichtlich eine gewisse Verehrung für Hernando empfindet, der sie damals gerettet hat. Hernando wird, kurz bevor er Granada wieder verlässt, klar, dass er immer noch nur Fatima liebt. „Nein, er empfand für Isabel keine Liebe!“ (S. 606) Sie finden sich gegenseitig attraktiv, das ist im Grunde alles.

Ja, Falcones’ Darstellung von Ehebruch ist natürlich die realistische. Aber wieso verteidigt er die dann noch?

Don Ponce, der gehörnte Ehemann, dient übrigens dazu, die Haltung der christlichen Männer, die weiter vorn beschrieben wurde, eins zu eins zu demonstrieren:

„‚Hure!’ flüsterte Don Ponce in die Dunkelheit hinein.

Seine Ehefrau benahm sich wie eine gewöhnliche Dirne im Freudenhaus! Er wusste, wovon der Diener gesprochen hatte: Es ging hier um die verbotene sinnliche Lust, die er selbst immer wieder im Bordell suchte. Noch stundenlang zermarterte er sich den Kopf. Er sah Isabel vor sich: eine obszöne, grell geschminkte und stark parfümierte Frau, die ihren Körper diesem verdammten Schurken hingab, der ihn mit Küssen und Liebkosungen bedeckte. Im Hurenhaus hatte er wegen der Ähnlichkeit mit Isabel ein blondes Mädchen für den Zweck gewählt, und nun erlebte ausgerechnet ein Moriske genau die Lust mit seiner Gattin, die er nicht mit ihr erfuhr.“ (S. 601)

(Daran musste ich nur gerade denken. Guter Film übrigens.)

Nachdem Don Ponce durch seine Diener von der Affäre erfahren hat, entscheidet er sich dafür, ihr ein Ende zu setzen, ohne dass ein Skandal entsteht, und lässt eine gestrenge Verwandte kommen, die Isabel bewacht und dafür sorgt, dass sie keinen Kontakt mehr zu Hernando hat. Hernando reist rasch ab, nachdem ihm klar geworden ist, dass der Ehemann Bescheid weiß; ein letztes geheimes Treffen mit Isabel gibt es noch, und dann nehmen sie voneinander Abschied.

Zuvor allerdings ist noch etwas anderes passiert, das ich erwähnen muss: Hernando hat in Granada drei niedere Adlige namens Don Pedro de Granada Venegas, Don Miguel de Luna und Don Alonso del Castillo kennen gelernt (die letzteren beiden sind auch Ärzte und Übersetzer für Arabisch), die als gute Christen gelten und sogar für die Inquisition arbeiten, ihm aber anvertrauen, dass sie ebenfalls muslimische Vorfahren haben, selbst muslimischen Glaubens sind und Don Julián kannten. (Da ihre Familien schon vor längerer Zeit geadelt wurden, haben sie es leichter als die normalen „Neuchristen“ und man begegnet ihnen nicht mit Misstrauen.) Die drei sehen wie Hernando keine Lösung im bewaffneten Aufstand gegen die Christen, sondern wollen diese stattdessen dazu bewegen, ihre Vorurteile gegenüber den Morisken aufzugeben. Luna schreibt an einem Buch über die arabische Invasion und den Westgotenkönig Roderich: „Ausgehend von Erzählungen einer erfundenen arabischen Handschrift aus der Bibliothek des Escorial stellte er darin die Eroberung Spaniens durch die Muslime aus den Barbareskenstaaten als eine Befreiung der Christen dar, die unter der Tyrannei ihrer westgotischen Könige litten. Immerhin hatte es nach dieser Eroberung achthundert Jahre lang Frieden und ein gütliches Zusammenleben der beiden Religionen gegeben.“ (S. 599) Diese achthundertjährige Friedensperiode fand vermutlich in einem Paralleluniversum statt.

Die drei jedenfalls wollen Hernando dazu bewegen, ihnen zu helfen, und den Lügen über die Morisken in christlichen Pamphleten ihre eigenen Lügen entgegenzusetzen. „Wir müssen mit den gleichen Waffen kämpfen“ (so Don Pedro auf S. 599); „Und für diesen Kampf brauchen wir Menschen wie dich: kluge Köpfe, die lesen und schreiben können“ (Don Alonso auf S. 600). Hernando stimmt nach einigem Zögern zu, kurz bevor er Granada verlässt.

Er kehrt zurück nach Córdoba, hält seine neuen Pläne allerdings vor seiner Mutter und allen anderen Morisken geheim, da man ihn um Stillschweigen gebeten hat, und wird von ihnen daher weiter für einen Verräter gehalten. Er verfasst seinen Bericht für den Erzbischof von Granada, in dem er die Geschehnisse im Krieg möglichst geschönt darstellt, und schickt ihn nach Granada. Außerdem kommt ihm die Idee, die Jungfrau Maria zu benutzen, die sowohl von Christen als auch von Muslimen verehrt wird, um die beiden Religionen einander anzunähern, und er macht Don Alonso in einem Brief diesen Vorschlag:

„Wir alle wissen, dass die Päpste die göttliche Wesenheit von Jesus dreihundert Jahre nach seinem Tod verändert haben. Er selbst, Isa, hat sich niemals Gott oder Gottessohn genannt, er hat nichts anderes getan als wir: Er hat die Existenz eines einmaligen und einzigen Gottes verteidigt. Doch wenn die Päpste die göttliche Wesenheit von Jesus auch verfälscht haben, so widerfuhr seiner Mutter nicht das gleiche Schicksal. […] Es ist also Maryam, in der unsere beiden Religionen nach wie vor übereinstimmen […] Wenn die Priester und das gemeine Volk, die uns derzeit für Ketzer halten, begreifen, dass wir ihre Mutter Gottes genauso verehren wie sie, überdenken sie vielleicht ihr Verhalten uns gegenüber.“ (S. 634f.)

Ich schätze, man kann es Hernando nicht übel nehmen, dass zu seiner Zeit noch keine (oder jedenfalls nicht so viele wie heute) Abschriften der kanonischen Evangelien, die vor dem Jahr 300 entstanden waren, gefunden waren, geschweige denn naturwissenschaftlich datiert werden konnten. Trotzdem nervt es ein bisschen, dass er zu keiner Zeit auf die Idee kommt, sich zu fragen, wieso eine solche päpstliche Verschwörung erstens begonnen worden sein und zweitens dann Erfolg gehabt haben soll. Er schreibt in seinem Brief weiter über das Barnabas-Evangelium:

„Bestimmt wird man eine Schrift wie dieses Evangelium sogleich als apokryph, ketzerisch und den Grundsätzen der Heiligen Mutter Kirche widersprechend bewerten. Lasst uns damit beginnen, die Christen von unseren Glaubensgrundsätzen zu überzeugen. […] Lasst uns zumindest erste Zweifel säen, um eine gütigere und barmherzigere Behandlung erfahren zu können.“ (S. 635)

Don Alonso zeigt sich in seiner Antwort gespannt auf das Barnabas-Evangelium und stimmt Hernando in Bezug auf Maria zu, weist aber auch darauf hin, dass man auch den hl. Caecilius, den ersten Bischof und Stadtpatron von Granada, dessen Reliquien noch nicht entdeckt sind, nicht vergessen sollte, da dieser Araber gewesen sei. (Keine Ahnung, woher diese Behauptung stammt.) Don Alonso erwähnt auch ein Dekret des spätantiken Papstes Gelasius, in dem ein Barnabas-Evangelium unter apokryphen Schriften aufgeführt werde.  Dieses Dekret existiert tatsächlich; über den Inhalt des antiken Barnabas-Evangeliums weiß man allerdings leider nichts. Es ist durchaus möglich, dass die spätmittelalterliche/frühneuzeitliche Schrift, um die es hier geht, unter Rückgriff auf dieses Dekret als Evangelium des Apostels Barnabas ausgegeben wurde.

Hernando macht sich also daran, eine erste Handschrift zu fälschen. Auf einem alten Pergamentstück schreibt er auf Arabisch eine rätselhafte Prophezeiung auf, die angeblich von Dionysios, Bischof von Athen stamme, und von Caecilius in diese Sprache übertragen worden sei. „Darin wird die Ankunft des Islam vorausgesagt, die Abspaltung der Protestanten und all das übrige Leid, das das Christentum schwächen wird, wie der Zerfall in viele Sekten. Aber aus dem Osten wird ein König kommen, der die Welt beherrschen wird, der eine einzige Religion einführen und all diejenigen bestrafen wird, die lasterhaft lebten“ (S. 640), erklärt Hernando seinen Mitverschwörern, als er wieder nach Granada reisen kann. Er sei dabei aber uneindeutig geblieben, damit die Schrift nicht sofort als Ketzerei eingestuft werden würde. Er gibt den dreien außerdem ein paar Dinge, die sie als Reliquien ausgeben können, z. B. ein auf alt gemachtes Tuch und ein aus einem Armengrab ausgegrabener Knochen. Die Leichenschändung finde ich wesentlich abstoßender als die Fälschungen.

Ein allgemeiner Gedanke zu den Fälschungen: Es war früher™ gar nicht mal selten, dass man angeblich alte oder geheime Dokumente fälschte, auch wenn manche Leute es gelegentlich so klingen lassen, als wären ideologische Fakenews eine Sache der letzten paar Jahre. Zahlreiche apokryphe Evangelien aus dem 2. oder 3. Jahrhundert geben sich als Werke von Aposteln aus (z. B. das Thomas-Evangelium); eine andere bekannte Fälschung wäre auch die Urkunde über die konstantinische Schenkung aus dem 8. Jahrhundert, die im 15. Jahrhundert von Bischof Nikolaus Cusanus als solche erkannt wurde. Sicher stellten solche Fälscher manchmal, wie Hernando und seine Verbündeten, mit guten Absichten die Geschichte zwar nicht so dar, wie sie stattgefunden hatte, aber wie sie ihrer Meinung nach stattgefunden haben sollte. Der Fälscher der Monita Secreta zum Beispiel wusste sehr gut, dass die Jesuiten nicht die geheimen Regeln hatten, die er ihnen zuschrieb, nahm aber in seinem Verschwörungsdenken vermutlich an, dass sie ähnliche haben müssten.

Das Pergament und die „Reliquien“ werden in einem alten Minarett versteckt, das gerade abgerissen wird, und werden wie geplant von den Arbeitern bei den Abrissarbeiten entdeckt, und die Christen reagieren begeistert auf die Heiligtümer; die Behauptungen in dem Pergament scheinen zunächst keinen Einfluss auf irgendjemanden zu haben. Kurz bevor Hernando nach Córdoba zurückkehrt, begegnet er Isabel noch einmal auf der Straße und sie bittet ihn, sie in Ruhe zu lassen. „Ich musste erst krank werden, um dich zu vergessen. Ich will nicht noch einmal leiden. Lass mich, ich flehe dich an.“ (S. 645) Offenbar hat sie also eine Krankheit als göttliche Strafe interpretiert. Danach sieht Hernando sie nicht wieder.

Dafür Fatima kommt wieder vor. Nachdem sie den tyrannischen Ibrahim lange Jahre ertragen und mit ihm zwei Töchter bekommen hat, ersticht sie ihn schließlich, und sein Sohn Shamir und ihr Sohn Francisco, der inzwischen Abdul heißt, helfen ihr. Beide hassen Ibrahim noch immer, auch wenn er Shamir als seinen bevorzugten Erben behandelt hat. Niemand in der Piratenstadt Tetuan versucht, Näheres über Ibrahims Tod herauszufinden und sie zur Rechenschaft zu ziehen, und kurz darauf schickt Fatima einen jungen jüdischen Kaufmann namens Ephraim mit einem Brief an Hernando nach Córdoba, um ihm mitzuteilen, dass sie alle noch leben. Die Morisken in Córdoba, an die Ephraim sich wendet, um Hernando zu finden, verhalten sich jedoch abweisend und Ephraim erwischt schließlich nur Aischa, die ihm sagt, Hernando sei ein Verräter geworden, und den Brief zerreißt. Ephraim kehrt nach Tetuan zurück.

Inzwischen schreibt man das Jahr 1588 und die spanische Armada greift England an; auch Don Alfonso und sein ältester Sohn ziehen in den Krieg. Als sie nach dem misslungenen Angriff verschollen sind, wird im Palast in Córdoba für sie gebetet, und zwar mit den Worten „Maria, mater gratiae, mater misericordiae…“ (S. 661), d. h. „Maria, Mutter der Gnade, Mutter der Barmherzigkeit“, was im nächsten Satz als „Rosenkranzgebet“ bezeichnet wird, wobei sich wieder mal zeigt, dass Falcones sich bei den liturgischen Details etwas mehr Mühe hätte geben können.*** Mir tut es leid um Don Alfonso. Ich war zwar enttäuscht – sehr enttäuscht -, dass der namenlose Gefangene aus Teil I, als man ihn wiedertrifft, nur eine solche Nebenrolle spielt und kaum bei Gesprächen mit Hernando o. Ä. gezeigt wird, aber trotzdem mochte ich ihn.

An dieser Stelle eine kurze Stilkritik an Falcones‘ Roman: Der Autor ist schlecht darin, Vorausdeutungen zu erfüllen. Er baut Details in den Roman ein, die ominös wirken und auf ihre Auflösung zu warten scheinen, aber am Ende zu nichts führen. Ein Beispiel: Im ersten Teil des Buches ist Hernando ein paar Wochen in König Aben Humeyas Auftrag unterwegs, und währenddessen macht Ibrahim sich an Fatima heran. Als Hernando dann eines späten Abends nach Ugijar zurückkehrt, ist der König gerade zu Gast bei einer Hochzeit. Detailliert wird die Feier beschrieben; die verhüllte Braut, deren Name nicht genannt wird, wird zum Haus ihres Bräutigams, dessen Name ebenfalls nicht genannt wird, und dann hinauf ins Brautgemach geführt; als Hernando ankommt, entdeckt er Ibrahim, der bester Laune zu sein scheint, unter den Gästen im Garten des Anwesens – und man macht sich die ganze Zeit Sorgen, dass Hernando zu spät ist und Ibrahim Fatima schon dazu gebracht hat, ihn zu heiraten – aber nö, da findet nur gerade zufällig eine Hochzeit anonymer Nebenfiguren statt, die dann keine weitere Rolle mehr steht. Später, in Córdoba, stehen nach einem traurigen Gespräch zwischen Fatima und Hernando (inzwischen ist sie mit Ibrahim verheiratet) am Ende eines Kapitels folgende Sätze: „In einiger Entfernung stand eine in Schwarz gekleidete junge Adlige auf dem Balkon eines kleinen Palastes und beobachtete das Spektakel unter sich: Die fünf jungen Edelleute machten ihr den Hof, indem sie dem Stier tödliche Stöße versetzten, während das einfache Volk im Schutz der angrenzenden Sackgassen vor Begeisterung tobte und applaudierte.“ (S. 276) Wer ist diese Adlige? Wieso trägt sie Schwarz? Wann werden sich ihre Wege mit Hernandos kreuzen? Falcones baut solche Details sicher mit voller Absicht ein, damit es lebendiger wird und man sich die Atmosphäre in der Geschichte besser vorstellen kann, aber ich halte es für schlechten Stil; es ist frustrierend für den Leser und hält bloß bei der Lektüre der eigentlichen Geschichte auf. Auch bei dem Herzog hätte ich mir mehr erwartet, nachdem er so vielversprechend eingeführt wurde.

Bittprozessionen für die verschollenen Soldaten werden in Córdoba abgehalten, und bei einer solchen Prozession nimmt der Haushalt des Herzogs teil und Hernando schultert eins der Holzkreuze. Als Aischa ihn so auf der Straße sieht, beginnt sie das islamische Glaubensbekenntnis zu schreien und wird von einem Büttel festgenommen. Ihr Sohn sieht und hört sie in dem Trubel nicht.

Nicht lange darauf wird der Tod des Herzogs und seines Sohnes vermeldet, und Don Alfonsos Witwe wirft Hernando aus dem Palast. Eine Zeitlang verdient er sich mithilfe eines Freundes aus alten Tagen, der inzwischen eine illegale Spielhölle betreibt, mit Taschenspielertricks Geld, um sein Gasthauszimmer bezahlen zu können. An dieser Stelle lernt er auch einen verkrüppelten Straßenjungen namens Miguel kennen, der gerne Geschichten erzählt und gut mit Tieren kann, und trägt diesem auf, sich um sein Pferd zu kümmern. Außerdem erfährt er, dass seine Mutter ins Gefängnis der Inquisition gebracht wurde und versucht mehrmals vergeblich, sie zu besuchen. Aischa weigert sich indessen, zu essen, und wird immer schwächer und gilt außerdem als irgendwie verrückt. Schließlich erfährt Hernando, dass sie offiziell zum Büßerhemd verurteilt wurde, aber die Strafe nicht antreten kann, und dass er sie mitnehmen kann. Sie ist sehr krank, und obwohl Hernando und Miguel sie pflegen, stirbt sie bald, ohne Hernando noch von Fatimas Brief erzählt zu haben. Kurz vor ihrem Tod hat Hernando allerdings erfahren, dass Don Alfonso ihm in seinem Testament ein Haus in der Stadt, einen Hof außerhalb und etwas verpachtetes Land vermacht hat. Er zieht in das neue Haus und nimmt Miguel als Diener zu sich.

Unterdessen erfährt Fatima durch Ephraim, was Aischa ihm berichtet hat. Sie ist entsetzt und will es zunächst nicht glauben, akzeptiert die Informationen dann aber doch als Tatsachen. In den Jahren darauf kümmert sie sich hauptsächlich um die Mehrung des Vermögens ihrer Familie, Shamir und Abdul führen Ibrahims Kaperfahrten fort und Inés (jetzt Maryam) wird gut verheiratet. Fatima wird eine mächtige, geachtete Frau in Tetuan, aber auch eine kalte, trauernde und zornige.

Teil IV, „Im Namen unseres Herrn“, setzt dann nach einem Zeitsprung im Jahr 1595 ein, und da geht es mit den Fälschungen weiter.

 

[Update: Weiter geht’s hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/01/19/die-pfeiler-des-glaubens-teil-5-die-bleibuecher-vom-sacromonte-unbeabsichtigte-bigamie-und-ein-wenig-zufriedenstellendes-ende/ ]

 

* Der hl. Johannes, der „Lieblingsjünger“ Jesu, wurde in der Kunst oft als bartloser Jüngling mit langen Haaren dargestellt (er muss zu Jesu Lebenszeit noch relativ jung gewesen sein, da er erst um 100 n. Chr. in hohem Alter starb), und Abendmahlsdarstellungen zeigen ihn oft an die Brust des Herrn gelehnt, was auf folgende Bibelstelle zurückgeht: „Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern. Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?“ (Johannes 13,21-25) Zum Kontext: In der Antike lag man zum Essen auf Bänken oder Polstern, statt zu sitzen, wobei man sich mit dem Ellbogen aufstützte. Klingt unbequem, war aber so.

** Ich fühle mich an dieser Stelle erinnert an Emanuel Geibels Ballade Omar, die freilich von der Eroberung Alexandrias und der Zerstörung der dortigen Bibliothek handelt. Geibel jedenfalls erfasst wesentlich besser als Falcones die Einstellung eines Omar oder Al-Mansur; er bringt herüber, was einen Menschen an fanatischer, sagen wir mal, „Kulturfeindlichkeit“ faszinieren kann:

Inmitten seiner Turbankrieger,
Die Stirne voll Gewitterschein,
Zog Omar, der Kalif, als Sieger
Ins Tor der Ptolemäer ein.
Umrauscht von Mekkas Halbmondbannern,
Ritt langsam er dahin im Zug,
Ihm folgte mit den Bogenspannern
Ein Negerschwarm, der Fackeln trug.

Sie zogen durch die öden Gassen,
Durch Siegestor und Säulengang,
Drin klirrend nur der Schritt der Massen,
Der Hengste Stampfen widerklang;
Schon lenkte zu den Porphyrstufen
Der alten Hofburg der Kalif,
Da warf vor seines Rosses Hufen
Ein Greis sich in den Staub und rief:

„O Herr, der Sieger warst du heute,
Und diese Stadt des Nils ist dein,
So nimm als reiche Schlachtenbeute
Ihr Gold und Erz und Elfenbein.
Die Türme stürz in Schutt zusammen,
Zerbrich den Bilderschmuck des Hains,
Die Tempel selber gib den Flammen!
Nur eins verschone, Herr, nur eins;

Sieh hin! Wo dort die Sphinxe grollen
Am Tor, die Hüter unsres Ruhms,
Da schläft in hunderttausend Rollen
Der Geisterhort des Altertums.
Was, seit der Erdkreis aufgerichtet,
In Tat und Wort sich offenbart,
Was je gedacht ward und gedichtet,
Dort liegt‘ s der Nachwelt aufbewahrt.

O gib den Schatz, aus allen Reichen
Der Welt gehäuft mit treuem Fleiss,
Gib dies Vermächtnis ohnegleichen,
Der Menschheit Erbteil gib nicht preis!
Nein, heilig sei auch dir die Stätte,
Die jede Muse fromm geweiht,
Streck drüber deine Hand und rette
Der Zukunft die Vergangenheit!“

Doch Omar zieht die Stirn in Falten
Und spricht, indem sein Auge flammt:
„Ich bin genaht, Gericht zu halten,
Was drängst du, Tor, dich in mein Amt?
Hinweg, dass meines Zorns Geloder
Nicht dich samt deinen Rollen trifft!
Die Schätze, die du rühmst, sind Moder
Und was du Weisheit nennst, ist Gift.

Schon allzulang am unfruchtbaren
Vielwissen siecht die Welt erschlafft;
Der Staub von mehr als tausend Jahren
Liegt wie ein Alp auf jeder Kraft.
Des Lebens Baum liess ab zu lauben,
Seit dran der Wurm des Zweifels zehrt:
Wo ist ein Herz noch, frisch zum Glauben!
Wo ist ein Arm noch, stark zum Schwert!

Dass endlich diese Dumpfheit ende,
Bin ich gesandt, vom Herrn ein Blitz.
Auf! Schleudert denn die Feuerbrände
In der verjährten Krankheit Sitz!
Und wenn, umwogt vom Flammenmeere,
Der aufgetürmte Wust zergeht,
Ruft: Gott ist gross! Ihm sei die Ehre!
Und Mahomed ist sein Prophet!“

*** Für alle Nichtkatholiken: Zum Rosenkranz gehört neben Glaubensbekenntnis, Vaterunser und Ehre sei dem Vater das immer wieder wiederholte Ave Maria, welches lautet: „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus [an dieser Stelle werden im Rosenkranz unterschiedliche Nebensätze eingefügt, z. B. „den du, oh Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast“]. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen.“

Über schwierige Bibelstellen, Teil 16: Was in den Apostelbriefen (und in der Genesis) über (Ehe)Frauen und die Rolle der Frau in der Kirche gesagt wird

[Der Artikel wurde noch einmal nachbearbeitet; Kommentare können sich auf den ursprünglichen Text beziehen.]

– Dieser Teil ist recht lang geraten, da es um mehrere zusammenhängende Themen geht und ich die wichtigsten Einwände und Argumente abhaken wollte, und darf gern in mehreren Etappen gelesen werden. –

 

„Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Eins sollte klargestellt werden, bevor ich mit meinen Exegese-Versuchen beginne: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt die Bibel selbst.

Manchmal gibt es auch mehrere mögliche Interpretationen zu seinen (und anderen biblischen) Aussagen; und manchmal ist es leichter zu sagen, welche Interpretationen falsch sind, als zu sagen, welche richtig sind.

 

(I) Die Stellen

Heute kommt einmal hauptsächlich das Neue Testament dran, nämlich diese  Stellen aus den Apostelbriefen:

  • „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. (Epheser 5,21-33)
  • „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie!“ (Kolosser 3,18f.)
  • „Ebenso seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem Verhalten, nicht verleumderisch und nicht trunksüchtig; sie müssen fähig sein, das Gute zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ (Titus 2,3-5)
  • „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit. Auch sollen die Frauen sich anständig, bescheiden und zurückhaltend kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt. (1 Timotheus 2,8-15)
  • „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. Nicht auf äußeren Schmuck sollt ihr Wert legen, auf Haartracht, Gold und prächtige Kleider, sondern was im Herzen verborgen ist, das sei euer unvergänglicher Schmuck: ein sanftes und ruhiges Wesen. Das ist wertvoll in Gottes Augen. So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. Sara gehorchte Abraham und nannte ihn ihren Herrn. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet. Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ (1 Petrus 3,1-7)
  • „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ (1 Korinther 14,33-35)
  • „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe. Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen. Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben. Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinden Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.“ (1 Korinther 11,1-16)

Ich habe hier einiges zusammengeworfen. Wenn man es auseinandersortiert, ergeben sich grob die folgenden Punkte:

  • Unterordnung der Frau in der Ehe
  • Bedeutung des Kindergebärens für die Frau
  • Stellung der Frau in der Gemeinde
  • Kopfbedeckungen beim Gottesdienst
  • Generelle Stellung der Frau (mit Bezug auf die Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte)

 

(II) Das Kindergebären: Textanalyse

Zuerst zu einer relativ einfach gelösten Stelle: „Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt.“ (1 Timotheus 2,15) Wie bitte, man kommt nur durchs Kinderkriegen in den Himmel? Natürlich nicht. Hier hilft der Urtext.

Im griechischen Original heißt der erste Teil des Satzes: „Sothesetai de dia tes teknogonias“. Wörtlich übersetzt: „Sie wird gerettet werden aber durch das Kinderkriegen“; das Wort für „durch“, „dia“, ist allerdings, wie viele griechische Präpositionen, mehrdeutig. Es kann „durch“, „mittels“, „wegen“ heißen, aber auch „um … willen“; oder sogar „während“. „Aber sie wird um des Kindergebärens willen gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“, oder „Aber sie wird, während sie Kinder gebärt, gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“ – das klingt schon ein bisschen anders, mehr so, als wäre das Kindergebären ein mögliches gutes Werk im Leben, nicht das sine qua non. Im Englischen würde man so einen Satz vielleicht ähnlich ambivalent formulieren mit „But she will be saved having children, if she…“. Ich denke, dass der Fokus hier vor allem auf dem zweiten Teil des Satzes liegt: Man soll in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führen. Und zum Weg der Heiligung kann auch das Gebären von Kindern und die Sorge für sie gehören.

Aber vor allem die Übersetzung mit „während“ bietet auch eine völlig andere Auslegung, als man zuerst annehmen würde: Laut einer Fußnote in der Einheitsübersetzung könnte Paulus sich hier gegen gnostische Lehren gewandt haben, die die Ehe und das Kinderkriegen verurteilten, da sie die irdische Welt grundsätzlich ablehnten. Da ist der christliche Weg familienfreundlicher: Kinder stehen der Heiligkeit nicht im Weg. Es ist gut, Kinder zu kriegen, weil es gut ist, mehr von Gottes Geschöpfen in die Welt zu setzen. Eine Frau, die Mutter ist/wird, kann (an die Gnostiker gerichtet: trotzdem) heilig werden, wenn sie Hoffnung, Nächstenliebe etc. zeigt.

Dann ist es, wenn man den Kontext aller Paulusbriefe kennt, sowieso von vornherein ausgeschlossen, dass Paulus das Kindergebären auf irgendeine Art und Weise als heilsnotwendig betrachten könnte. In 1 Korinther 7,25-40 wirbt er dafür, unverheiratet zu bleiben, und zwar bei Männern und Frauen; und wenn man sich an die christliche Sexualethik hält, kann man dann logischerweise auch keine Kinder bekommen.

So weit, so gut; aber was ist nun mit den anderen Aussagen, bei denen verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für Präpositionen nicht als Erklärung genügen? Können wir die als „historisch bedingt“ beiseite schieben?

 

(III) „Die Frau aber ist der Abglanz des Mannes…“

Nun ja, das kommt darauf an. Behandeln wir die Themen nacheinander, und fangen wir mit einer der nervigsten und unverständlichsten Stellen an: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. […] Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ (1 Korinther 11,3.7-9)

Diese Verse werden natürlich deutlich relativiert durch das, was dahinter kommt („Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.“ (1 Korinther 11,11f.)), aber bleiben wir erst einmal bei ihnen stehen.

Hier finden sich natürlich Anklänge an die Schöpfungsgeschichte; und eine Sache klingt schon einmal ziemlich auffällig. In Genesis 1,27 heißt es ja ausdrücklich: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Paulus aber scheint, im Gegensatz zu dieser sehr klaren Stelle (und im Gegensatz zum Katechismus, s. u.), die Frau nicht als direktes Abbild Gottes zählen lassen zu wollen.

Die Lösung für diesen scheinbaren Konflikt liegt in Vers 3 der Paulus-Stelle: Hier wird Gott (Vater) als das „Haupt Christi“ bezeichnet, und Christus wiederum als Haupt des Mannes, und der dann wiederum als Haupt der Frau. Man hat also eine solche Stufenleiter im Kopf:

Gott (Vater)

I

Christus

I

Mann

I

Frau

Und jedem, der die geringste Ahnung von Theologie hat, wird dieses Schema irgendwie schief vorkommen. Theologisch korrekt dargestellt müsste es eher so aussehen:

Gott (Vater) – Christus

____________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Mann – Frau

Oder für die ganz theologisch Korrekten unter uns:

Gott Vater – Gott Sohn (Christus) – Gott Heiliger Geist

_______________________________________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Engel

I

Menschen (Mann – Frau)

I

Tiere

I

Pflanzen

I

Leblose Materie

In der Trinitätstheologie lehnen wir den sog. „Subordinatianismus“ klar ab: Der Sohn ist nicht weniger Gott als der Vater, Er ist Ihm „wesensgleich“, nicht geringer als Er (für den Heiligen Geist gilt das Gleiche).

Aber: Trotzdem heißt es im Großen Glaubensbekenntnis, dass der Sohn vom Vater „gezeugt“ ist und der Heilige Geist aus beiden „hervorgeht“. Nun bedeutet die „Zeugung“ des Sohnes wiederum nicht, dass es einmal eine Zeit gab, in der Er nicht existierte und der Vater allein war; es handelt sich um eine „ewige Zeugung“, eine Art ewige Abhängigkeit, könnte man vielleicht sagen, des Sohnes vom Vater, oder ein ewiges Hervorgehen des einen aus dem anderen. Was genau das jetzt bedeutet – gute Frage, bitte an bessere Theologen richten. Jedenfalls nimmt der Vater trotz aller Gleichrangigkeit der drei göttlichen Personen immer noch eine Art höhere Stellung, sozusagen als „Erster unter Gleichen“, unter ihnen ein – in der Bibel ist an manchen Stellen vom Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater die Rede, aber an keiner Stelle vom Gehorsam des Vaters gegenüber dem Sohn.

In der obersten Stufenleiter, also der aus der Paulusstelle, haben wir zwischen Christus und dem Mann den Sprung von ungeschaffenem Gott zu Geschöpf. Also könnte man vielleicht sagen, dass, eine Stufe weiter oben, auch innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit im Verhältnis von Gott Vater zu Christus wiederum das Verhältnis von Gott zur Schöpfung gewissermaßen analog „nachgestellt“ ist – oder besser genau andersherum: dass das Verhältnis zwischen Gott Vater und Gott Sohn durch das Erschaffen von Geschöpfen in dem Verhältnis der „gesamten“ Dreifaltigkeit zur Schöpfung nachstellt wird. Und dann könnte man weiter sagen, dass dasselbe Verhältnis innerhalb der Schöpfung dann wieder in gewisser Weise nachgestellt wird zwischen Mann und Frau – es ist nachgestellt, nicht real. (Einer ähnlichen Interpretation folgt übrigens auch C. S. Lewis in dem sehr empfehlenswerten Buch „Was man Liebe nennt“ (Originaltitel: „The four loves“).)

Man könnte in dieser Analogie noch weitergehen und die Familie (Mann, Frau und Kinder, die aus beiden „hervorgehen“) mit der Dreifaltigkeit inklusive dem „hervorgehenden“ Heiligen Geist vergleichen, aber der Einfachheit halber lasse ich den Heiligen Geist und die Kinder hier außen vor.

Das passt natürlich auch zu der Aussage der bekanntesten Paulus-Stelle zum Thema „Haupt“ und „Unterordnung“ in der Ehe, nämlich Epheser 5: Die Ehe soll sein wie die Beziehung zwischen Christus und der Kirche – man könnte mit einer gewissen Erweiterung sagen, wie die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung.

Zu diesem Aspekt möchte ich einen Freund mit folgender Aussage zitieren, die die Angelegenheit gut zusammenfasst: „Nach den plausiblen Erklärungen der Theologen symbolisiert die Frau die Schöpfung Gottes und der Mann den Schöpfer. Das heißt aber, dass die Frau die Aufgabe hat, etwas zu symbolisieren, was sie tatsächlich ist – weswegen das Wort ‚Seele’ (und das Wort ‚Kirche’) auch in allen relevanten Sprachen weiblich ist, auch die des Mannes, und auch der Mann in unserem schönen deutschen Lied (manche Dinge konntense, die Protestanten) Christus als ‚mein Heiland und mein Bräutigam’ anspricht. Der Mann hat etwas zu symbolisieren, was er nicht ist, was merklich schwerer ist und vielleicht letztlich etwas damit zu tun hat, dass die Frauen religiöser sind.“

Paulus trifft die Aussage „Der Mann ist das Haupt der Frau“ und begründet sie mit Genesis 2: „Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ Er behandelt die Rippengeschichte hier als real; aber es ist relativ egal, ob diese Geschichte je real geschehen ist oder nicht, sie steht da und sagt irgendetwas aus, und Paulus behandelt sie erst einmal als real, um auf ihre Aussagen zu kommen. Aus der Erzählung, dass Adam zuerst geschaffen wurde und Eva aus einem seiner Körperteile (Symbolebene), schließt Paulus also, dass der Mann, in der Ehe jedenfalls, das Haupt der Frau ist (Realitätsebene). Natürlich ist damit nicht gemeint, dass Frauen nicht um ihrer selbst willen als Person geschaffen wären, sondern ausschließlich als Hilfe für einen Ehemann (diese Interpretation kann man allein schon deshalb ausschließen, weil für Frauen wie für Männer laut Paulus selbst und dementsprechend laut katholischer Kirche die höchste Berufung das ehelose Leben ist).

Ich habe übrigens einmal einen Aufsatz einer Historikerin gelesen, in dem sie die These aufstellte, dass viele junge Frauen, die in der Antike, auch gegen den Willen ihrer Eltern, zum Christentum konvertierten und sich Christus weihten, auch davon angezogen wurden, dass sie in dieser Religion und in dieser Stellung als Personen geachtet wurden, nicht nur als Anhängsel eines Ehemannes. Als ich das damals gelesen habe, habe ich mir noch gedacht: Was soll der Unsinn, Mädchen wie die heilige Agnes wollten einfach Christus dienen, nicht besonders emanzipiert sein. Grundsätzlich glaube ich auch, dass ich damit richtig lag; aber ganz Unrecht hatte diese Historikerin vielleicht auch nicht. Als Frau geachtet zu werden, obwohl man keinen Mann und keine Kinder hatte, das muss etwas Anziehendes gewesen sein; dass man für den christlichen Gott auch so wertvoll war, war etwas Besonderes.

Wenn wir übrigens die originalen Genesis-Verse ansehen, in denen davon die Rede ist, dass Gott für Adam eine „Hilfe […], die ihm entspricht“ (Genesis 2,18) machen will, dass Er eine seiner Rippen nimmt und daraus Eva formt, und dass Adam sich dann freut und spricht „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Genesis 2,23), dann können wir festhalten, dass das hier verwendete Wort für „Hilfe“ oder „Helfer“ oder „Gehilfin“, „ezer“, keinesfalls automatisch „untergeordnetes Dienstmädchen“ heißt. Dieses Wort wird in der Bibel z. B. auch verwendet, wenn davon die Rede ist, dass Gott eine Hilfe für den Menschen ist – worauf sich übrigens auch der Katechismus bezieht (s. u.). Die Genesis-Geschichte sagt vor allem aus, dass Mann und Frau aufeinander hingeordnet sind: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.

(Sie hat übrigens an anderer Stelle für die damalige Zeit auch emanzipatorische Anklänge: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Zu der Zeit, als das geschrieben wurde, verließen eben nicht Mann und Frau ihre Ursprungsfamilien und hingen einander an und bildeten eine eigene neue Familie, sondern die Frau verließ ihre Familie und schloss sich der Sippe ihres Mannes an, wo sie dann auch unter der Fuchtel der Schwiegereltern stand.)

Langer Rede, kurzer Sinn: Aus dieser Paulusstelle ergibt sich, dass der Ehemann das „Haupt“ der Ehefrau nur in dem Sinne sein kann, wie Gott der Vater das „Haupt“ Jesu Christi ist. Die Analogien mit Gott Vater, Christus, der Kirche etc. werden hier und auch in Epheser 5 allerdings so sehr betont, dass man sie wohl nicht einfach als wenig relevante, zufällige Vergleiche beiseite schieben kann. Nein, wir Christen müssen immer – bis zu einem gewissen Grad – „Gender Essentialists“ sein, d. h. wir glauben, dass das biologische Geschlecht, das unser Schöpfergott uns mitgegeben hat, etwas ist, das auch die Seele betrifft, dass es wirkliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Geschlechtsunterschiede nicht alle einfach ausschließlich gesellschaftliche Konstruktionen sind – und dass das dann auch eine Implikation für eine Art Hierarchie in der Ehe hat.

 

(IV) Ein kurzer Exkurs: Zur Erschaffung Evas aus der Rippe Adams

Die Rippengeschichte hat im Lauf der Kirchengeschichte übrigens verschiedene Auslegungen bekommen, die durchaus miteinander kompatibel sein können und denen man folgen kann oder auch nicht. Hier als Beispiele zwei Stellen von bekannten Heiligen (Hervorhebungen von mir):

Der hl. Franz von Sales liest zwei verschiedene Dinge in dieses Bild hinein: „Bewahrt also euren Frauen eine zarte, beständige und herzliche Liebe, ihr Ehemänner! Deshalb wurde ja die Frau aus nächster Herzensnähe des ersten Menschen genommen, damit sie von ihm herzlich und zärtlich geliebt werde. Die körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau darf in euch keinerlei Geringschätzung entstehen lassen, sondern ein gütiges und liebevolles Verständnis. Gott hat sie so geschaffen, dass sie von euch abhängig sei, euch Achtung und Ehrfurcht entgegenbringe, dass sie zwar eure Gefährtin sei, ihr aber zugleich ihr Haupt und Vorgesetzter. Ihr Frauen, liebt euren Mann, den Gott euch gegeben hat, zärtlich und herzlich, gleichzeitig aber voll Achtung und Hochschätzung! Gott hat ihn deswegen kräftiger und euch überlegen geschaffen; er wollte, dass die Frau vom Mann abhängig ist, als Gebein von seinem Gebein, als Fleisch aus seinem Fleisch [vgl. Gen 2,23]. Nach Gottes Plan wurde die Frau aus seinem Leib unterhalb des Armes entnommen, um damit zu zeigen, dass der Mann seine Hand über sie halten und sie führen soll.Die Heilige Schrift empfiehlt immer wieder diese Unterordnung der Frau unter den Mann, sie macht diese Unterordnung aber zu einer liebevollen; die Frau soll sich in Liebe fügen, der Mann aber seine Autorität mit inniger, zärtlicher Güte ausüben. Der hl. Petrus sagt: ‚Ihr Männer, seid verständig gegen eure Frauen; sie sind die schwächeren Geschöpfe, erweist ihnen Achtung’ [1 Petr 3,7].“ (Franz von Sales, Anleitung zum frommen Leben, 3. Teil, Kap. 38, erstmals veröffentlicht 1609)

Und der hl. Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: „1. Dies war ein äußeres Zeichen dafür, wie Mann und Weib in besonderer Weise verbunden sein sollen. Denn das Weib soll nicht den Mann beherrschen; deshalb ist sie nicht aus einem Teile des Kopfes geformt worden. Sie soll aber auch nicht vom Manne wie eine Sklavin gehalten werden; deshalb ist sie nicht aus einem Teile der Füße geformt worden. 2. Das Sakrament sollte versinnbildet werden; denn aus der Seitenwunde Christi am Kreuze flossen die Sakramente, d. h. Wasser und Blut, woraus die Kirche geformt worden.“ (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I 92/3, verfasst zwischen 1265 und 1273)

(Erschaffung Evas. Dom von Orvieto. Bildquelle hier.)

 

 

(V) „Haupt“ und „Unterordnung“: Historisch bedingt?

So, jetzt haben wir also immer noch die Aussage, der Mann sei in der Ehe auf irgendeine Weise das Haupt der Frau und sie solle sich ihm „unterordnen“.

Manche Theologen haben versucht, die Sache einfach so zu lösen, dass sie sagen, für diese Stellen gelte dasselbe wie für die Sklaverei-Stellen in den Apostelbriefen: Paulus und Petrus geben hier Anweisungen dazu, wie man sich in einer ungerechten Beziehung, die in der damaligen Gesellschaft nun mal so existierte und sich nicht so einfach ändern ließ (das Christentum war keine Religion der Mächtigen, und viele Christinnen hatten heidnische Ehemänner), verhalten soll. Sie raten sowohl Frauen als auch Sklaven, sich unterzuordnen, und mahnen die Männer und die Herren dann zu Liebe bzw. gerechter Behandlung. Diese Taktik der Apostel hat pragmatische Gründe, die in einer gerechteren Gesellschaft wegfallen sollten. (Vgl. Teil 15.) Diese Auslegung scheint besonders durch die Petrusbriefstelle nahegelegt zu werden: „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.“

Sie bietet sich auch deswegen an, weil die Anweisungen an Frauen und Sklaven oft an ein und derselben Stelle stehen. Direkt nach der berühmten Epheser-5-Stelle über das Verhältnis zwischen Eheleuten kommen die Regeln für Kinder und Sklaven, also den Rest des Haushalts: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn! Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.“ (Epheser 6,1-9)

Gerade diese Stelle zeigt aber auch schon die Begrenztheit dieses Ansatzes: Denn das Gebot für die Kinder, die Eltern zu ehren, ist ein zeitloses Gebot, das sogar in den zehn Geboten auftaucht, anders als die Anweisungen an die Sklaven – hier werden also zeitlose und zeitbedingte Gebote zusammengeworfen; sie stehen nur beieinander, weil es um die Ordnung des damaligen Haushalts geht, zu dem sowohl Kinder als auch Sklaven gehören konnten. Was gilt für die Anweisungen an Ehefrauen? Sind die zeitlos oder zeitbedingt?

Nun ja, aus den oben erklärten Stellen ergibt sich schon, dass das alles nicht nur zeitbedingt sein kann. Ich denke aber, man kann diese Frage trotzdem mit einem „teils – teils“ beantworten. Ehen hatten damals unbestreitbar etwas Ungerechtes. Die Frauen waren oft viel jünger als ihre Männer (Mädchen konnten ab einem Alter von 12 Jahren verheiratet werden) und sie hatten auch nicht viel dazu zu sagen, wen sie heirateten; vielleicht als unabhängige Witwen eher, wenn sie sich ein zweites Mal verheiraten wollen, aber für eine erste Ehe in ihrer Jugend weniger. Es ist nicht so, dass junge Männer nie von Eltern oder Vormündern in arrangierte Ehen gezwungen worden wären, aber das macht die damalige Situation auch nicht besser, und im Allgemein war sie ziemlich ungerecht gegenüber den Frauen. Dazu kam die mächtige Stellung des römischen pater familias, die grundsätzliche Erwartung an Ehefrauen, ihrem Mann zu gehorchen, die in der damaligen Kultur selbstverständlich verankert war, ebenso wie die Vorstellung, dass Frauen weniger intelligent, emotionaler, hysterischer, unbeherrschter wären als Männer (man lese Aristoteles oder andere Griechen zu diesem Thema). Also, ja, es macht schon irgendwo Sinn, zu sagen, dass Paulus hier einfach dazu rät, sich den unvollkommenen Verhältnissen, in denen man sich befindet, zu fügen, vor allem, da die Christen damals sowieso schief angesehen waren, und nicht noch mehr als Leute gelten wollten, die gesellschaftliche Regeln umwarfen.

Aber andererseits: Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war damals auch ungerecht. Harte körperliche Züchtigung, war normal; und der Familienvater hatte nach dem römischen Gesetz sogar das Recht, zu entscheiden, ob ein Neugeborenes ausgesetzt werden sollte; er konnte seine Kinder auch in die Sklaverei verkaufen; und natürlich seine zwölfjährigen Töchter verheiraten. Aber das heißt nicht, dass das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ in einer gerechten Gesellschaft bedeutungslos werden würde. Auch in einer solchen Gesellschaft sollten Kinder ihre Eltern respektieren, ihnen einen gewissen Gehorsam entgegenbringen, solange sie selber minderjährig sind, und sie versorgen, wenn sie (die Eltern) alt geworden sind. Wenn man das übertragen möchte, könnte man sagen, die Aussage, dass der Mann das „Haupt“ der Frau sein soll, bliebe auch für gerechtere Gesellschaften gültig, bloß etwas anders, und etwas abgemilderter.

Hier könnte man einwenden, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern grundsätzlich anders ist als das zwischen Eheleuten: Solange Kinder noch Kinder sind, haben sie einfach nicht die Lebenserfahrung, Kraft, Intelligenz, rechtlichen Möglichkeiten usw., um für sich selbst zu sorgen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen; und deshalb sind ihre Eltern zu ihrem eigenen Schutz für sie verantwortlich. Wenn ich erkenne, dass jemand anders es ziemlich sicher besser weiß als ich, dann folge ich dessen Entscheidungen klugerweise auch, und deswegen sollte man auch als Fünfjährige folgen, wenn die Mutter sagt, dass man zuerst links und rechts schaut, bevor man über die Straße geht, oder als Vierzehnjährige, wenn man um zwölf Uhr daheim sein und keinen Alkohol trinken soll. Kinder werden natürlich erwachsen und dann können sie ihre Entscheidungen selbst treffen; dann bleibt das vierte Gebot zwar noch in der Bedeutung bestehen, den Eltern mit Respekt und Dankbarkeit für das, was sie für einen getan haben, zu begegnen und sie zu versorgen (es ist übrigens gut möglich, dass bei diesem Gebot ursprünglich eher daran gedacht war, erwachsene Kinder zu ermahnen, sich um alte Eltern zu kümmern und sie zu achten, als minderjährigen Kindern einzuschärfen, ihren Eltern zu gehorchen), aber im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern steht man nie einfach auf ein und derselben Stufe.

Ehepartner dagegen sind meistens grob im selben Altersbereich – zumindest müssen sie beide erwachsen sein, und die Frau kann auch mal älter sein als der Mann –, ihr Verhältnis ist also ein wesentlich egalitäreres. Wir wissen spätestens seitdem Frauen dieselbe Bildung erhalten wie Männer, dass die einen nicht durchschnittlich dümmer sind als die anderen, wie Aristoteles, und sogar noch Thomas von Aquin und Franz von Sales, meinten. [Interessanterweise gibt es allerdings anscheinend tatsächlich gewisse statistische Unterschiede beim IQ: Männer sind häufiger als Frauen entweder Genies oder Idioten, während der IQ vieler Frauen sich stärker im Mittelfeld konzentriert. Irrelevanter Exkurs Ende.] Deren epochenbedingte Vorurteile kann man entschuldigen, aber man muss sie ja nicht übernehmen. Und auch die Bibel sagt nirgendwo etwas von geringerer Intelligenz.

Der erste Petrusbrief ermahnt zwar die Männer gegenüber ihren Frauen zur Rücksicht, da die „der schwächere Teil“ seien; aber was genau kann damit gemeint sein? Na ja, zum einen die simple Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt körperlich schwächer sind. Dann die gewichtige Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären und stillen und dadurch mit vielen Nachteilen klarkommen müssen, die Männer nicht haben, und deshalb auch mal Unterstützung brauchen. (Passend dazu: Das hier verwendete griechische Wort für „schwach“ kann auch die Bedeutung „krank“ haben.) Dann vielleicht auch die Tatsache, dass Frauen zu Petrus’ Zeiten weniger rechtliche und berufliche Möglichkeiten hatten als Männer. „Schwächer“ ist hier keine Beleidigung, sondern die Feststellung einer Tatsache. Und diese Tatsache bleibt zum Teil auch noch in Zeiten von rechtlicher Gleichberechtigung, allgemeiner Krankenversicherung, Elternzeit und Kinderkrippen wahr. Ja, wir Frauen haben einfach gewisse biologische Nachteile gegenüber dem anderen Geschlecht, und that sucks. Aber es ist halt so, und das kann man nicht einfach aus der Welt schaffen.

 

(VI) „Haupt“ und „Unterordnung“: Bedeutung in der Bibel

An dieser Stelle ist es vielleicht erst einmal angebracht, sich noch einmal genau anzusehen, was Paulus dem „Haupt“ in der Ehe aufträgt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.“ (Epheser 5,26-29) Liebe, Hingabe und Fürsorge nach dem Vorbild des leidenden und sterbenden Christus ist hier gemeint; das passt zu der Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse, die dieser Christus selber gepredigt hat: „Da rief Jesus sie [die Jünger] zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,25-28) Autorität soll Anlass zu Fürsorge und Aufopferung sein, nicht zum eigenen Nutzen. Am Anfang der Epheser-Stelle ist dementsprechend auch von gegenseitiger Unterordnung die Rede („Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“).

Ich möchte hier noch die Gedanken einer anderen Bloggerin anführen, die das Patriarchat (im Sinne eines schützenden, fürsorglichen Patriarchats nach dem Vorbild des heiligen Josef) hier verteidigt:

 „Denn was uns blüht, wenn dieses Prinzip völlig abgelehnt statt korrigiert wird, sehen wir in der nordwesteuropäischen Gesellschaft: Eine vaterlose Gesellschaft, in der die Frau tatsächlich kaum weniger zum Objekt degradiert wird, als in einer, die das Patriarchat in erster Linie als Herrschaft des Mannes definiert, eine Gesellschaft, in der die Verantwortung füreinander nicht mehr gelehrt und nicht mehr praktiziert wird, in der die Partnerschaft zwischen Mann und Frau nur mehr ein Pakt zur eigennützigen Bereicherung am jeweils Anderen gerät, und in der Tugenden wie Ritterlichkeit, Zuvorkommenheit und Hingabe nicht mehr existent sind.

 Wir sehen die Konsequenzen auch konkret in den Abtreibungszahlen: Schon die Verhütungsmentalität lädt letztendlich die Verantwortung bei der Frau ab, die sich entweder schädliche und gesundheitsgefährdende Substanzen zuführen muss, um bloß immer verfügbar zu sein, oder aber sich bei Versagen anderer Verhütungsmethoden dem ‚Schlamassel’ nicht selten allein stellen soll, inklusive der schweren psychischen und körperlichen Folgen, die eine Abtreibung mit sich bringt. Dementsprechend sind die meisten Abtreibungen nicht Resultat eines Verbrechens oder einer medizinischen Indikation, sondern der schlichten Verweigerung des Mannes, Verantwortung zu übernehmen und Stabilität zu bieten, was der Frau erlauben würde, ihrer Mutterschaft ohne existenzielle Ängste entgegenzusehen, auch, wenn es nicht dem ursprünglich angepeilten ‚Lebensplan’ entspricht. Während die Frau also chronisch überbelastet wird, weil kein positiv konnotiertes Vaterbild tradiert wird, wird der Mann zur Taten- und Bedeutungslosigkeit verdammt: Er darf nicht schützen noch sorgen, nicht die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen. Dass er dann nicht einsieht, anderweitig Verantwortung zu übernehmen, verwundert nicht.

 Ich möchte noch weiter gehen, auch, wenn ich den folgenden Punkt nicht erschöpfend behandeln kann: In einer nicht patriarchalen Gesellschaft (oder einer, die es werden will), tritt Machtmissbrauch seitens des Mannes ebenso zum Nachteil der Frau auf, wie in einer einseitig patriarchalen – er kann aber nun nicht mehr als missbräuchlich gekennzeichnet werden und wird lediglich als Macht’gebrauch’ charakterisiert werden können, da es ja eine positive Formulierung von Pflichten, die das Patriarchat dem Mann auferlegt, nicht mehr gibt! […]

 In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Festtag des Heiligen Josef, den die katholische Kirche u.a. mit dem Titel ‚Zierde des häuslichen Lebens’ ehrt – klingt nicht gerade männlich-brutal-patriarchal, sondern vielmehr zart und liebevoll.“

Diese Verteidigung baut auf dem Prinzip aus dem Petrusbrief auf: Die Frau ist einfach in manchen Situationen schwächer, besonders aber, wenn es ums Kinderkriegen geht: Da braucht man oft Unterstützung und Fürsorge durch einen Mann.

An dieser Stelle: Was ist denn mit einer weiteren Stelle in der Bibel, in der von der „Herrschaft“ des Mannes über die Frau die Rede ist? „Zur Frau sprach er [Gott]: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.“ (Genesis 3,16) Die hier angesprochene Herrschaft ist ganz offensichtlich ein Teil des Fluchs, der als Folge der Erbsünde über die Menschheit kam. Rein vom Text her betrachtet ist es kein Befehl, sondern eine Vorhersage. Hier ist von ungerechter Herrschaft die Rede: Man kann sich im zweiten Teil des Satzes die von sie misshandelnden Männern abhängigen Frauen direkt vorstellen. Die Herrschaft aus Genesis 3,16 ist etwas, das es in der Welt nicht geben sollte, und das man bekämpfen darf und sollte, genauso wie Schmerzen, Dornen und Disteln (vgl. Vers 17, die Worte an Adam). Wenn das nicht so wäre, müssten wir auch alle unsere Schmerzmittel, Unkrautvernichter und Traktoren wegwerfen. Die Bibel erkennt also an, dass es eine schlechte Art der Herrschaft von Männern über Frauen gibt – und die gab und gibt es in der Welt leider zuhauf.

Kommen wir daher wieder zu den anderen Stellen und der Ausgangsthese zurück: Das Neue Testament definiert die Aufgabe eines „Hauptes“ als Dienst und Verantwortung.

Was ist denn ein Familienoberhaupt? Jemand, der diktatorisch alle Entscheidungen trifft, ohne jemanden zu fragen, oder jemand, der die Verantwortung für die äußeren Angelegenheiten übernimmt, während die Frau schon genug mit Schwangerschaften und kleinen Kindern zu tun hat? (Zur Klarstellung: Ja, ich weiß, dass manche Ehepaare unfruchtbar sind. Und, dass die Phase der Schwangerschaften und Kleinkindbetreuung, für die nun mal von Natur aus (auch für letztere: Stillen) eher die Frau verantwortlich ist, nicht ewig dauert. Aber für die meisten Ehepaare, vor allem für katholische Ehepaare, für die gewollte Kinderlosigkeit keine Option ist, ist sie doch da, und sie war vor zweitausend Jahren noch belastender als heute.)

Irgendwie will man als Frau doch auch gern, dass der Mann Verantwortung und, ja, auch mal Führung übernehmen kann, wenn nötig. Ich denke, das kann schon darauf hindeuten, dass die Bibel hier nicht ganz falsch liegt. Das heißt nicht, dass Respekt, Kompromisse und Kommunikation deswegen ausfallen sollten.

File:Brooklyn Museum - The Betrothal of the Holy Virgin and Saint Joseph (Fiançailles de la sainte vierge et de saint Joseph) - James Tissot - overall.jpg

(James Tissot, Verlobung der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Joseph. Gemeinfrei.)

 

(VII) Aber ist ein „Haupt“ jetzt wirklich notwendig?

Okay, aber man könnte wieder einwenden: Wieso eine Verpflichtung zur Unterstützung und Fürsorge mit der Vorstellung eines Familienoberhaupts, dem man sich unterordnen muss, koppeln? Alle diese Prinzipien dazu, was Autorität bedeuten soll, kann man sehr gut auf notwendige Autorität anwenden – die Autorität eines Staates, die Autorität in einer Firma, die Autorität von Eltern; aber ist denn in einer Ehe irgendeine Art von Autorität überhaupt notwendig? Funktioniert es nicht wunderbar, wenn zwei erwachsene Menschen einfach eine gleichrangige Partnerschaft eingehen, in der sie Kompromisse eingehen, bedeutende Entscheidungen nur gemeinsam treffen und keiner sich irgendwie unterordnen muss – oder in der sich beide mal den Bedürfnissen des jeweils anderen unterordnen?

Nun ja: Eine solche Partnerschaft kann lange gut funktionieren. Es ist auch gut, wenn eine Ehe so funktioniert. Die Frage ist dann nur: Was tun, wenn doch einmal eine Meinungsverschiedenheit auftritt, in der man einfach zu keinem Kompromiss findet? Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, sich nicht verschieben lässt, und sich Mann und Frau nicht einigen können?

C. S. Lewis schreibt in „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“):

 „Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muss es überhaupt ein ‚Haupt’ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muss der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, dass dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

 Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muss mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muss einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

 Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren lässt!’ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, dass sie ja auch die Hosen anhat. Irgendetwas Unnatürliches muss an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen lässt.

 Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, dass der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewusst als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muss letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im Allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, dass diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

 Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, dass er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Dass er immer beschwichtigen muss?“

Man könnte also in Lewis’ Sinne für eine Art „Minimallösung“ plädieren: Ja, es sollte ein Oberhaupt geben, für den Zweifelsfall, aber das ist im Alltag gar nicht so wichtig. Auch die bekannte katholische Bloggerin Simcha Fisher plädiert für eine ähnliche „Minimallösung“ (Übersetzung und Hervorhebungen von mir; man beachte bei der Lektüre, dass christliche Kreise in Amerika im Allgemeinen, auch geprägt durch den dort weit verbreiteten protestantischen Fundamentalismus, sehr viel extremere Einstellungen haben können als die in Europa):

 „Epheser 5,22! Epheser 5,22! Lasst uns alle in Panik ausbrechen über Epheser 5,22!

 Ne. Ich habe keine Angst mehr davor. Aber es ist auch keine so große Sache, wie ich dachte. […]

 Am Anfang, als ich geheiratet hatte, wollte ich unbedingt in die perfekte katholische Beziehung eintauchen. […] Er würde mir befehlen, etwas zu tun, und ich würde ihm gehorchen, und wie. […] Also wartete ich. Und verflucht noch mal, er erwartete nie von mir, ihm zu gehorchen. Sicher, er erwartete Dinge von mir – manche vernünftig, andere unvernünftig. Wir waren gerade erst verheiratet, und wir hatten vieles herauszufinden. Aber im Allgemeinen kam die Angelegenheit des Gehorsams einfach nicht auf. Ich hatte Angst, dass das bedeutete, dass wir eine geistlich minderwertige Ehe führten – dass wir uns mit einer Art zweitklassigem modernen System behalfen, das uns durch die Jahre bringen würde, aber das uns von… irgendetwas abhielt. Ich weiß nicht mal, was.

 Woher kam diese Vorstellung? […] In vielen katholischen Kreisen wird der Gehorsam der Ehefrau als das zentrale Merkmal der Ehe dargestellt – wichtiger als das Gebet, wichtiger als persönliche Entwicklung irgendeiner Art, wichtiger als die Sorge um die Kinder, wichtiger als alles. […] Ohne den Gehorsam der Ehefrau haben wir Chaos, haben wir die Verweiblichung der Männer, haben wir Scheidungen und Bitterkeit und Elend jeder Art. […]

 Als mein Mann und ich geheiratet haben, waren wir beide jung, und er hätte bereitwillig zugegeben, dass er nicht mehr Lebenserfahrung oder Weisheit oder Insiderwissen über irgendetwas hatte als ich. Er ist besser bei manchen Dingen; ich bin besser bei anderen. Es gibt Dinge, bei denen wir beide schlecht sind, und uns gegenseitig zur Rechenschaft ziehen müssen. […]

 Wir haben viel gestritten, und tun das manchmal immer noch; aber allmählich haben wir angefangen zu begreifen, dass, wenn wir uns über etwas uneinig sind, es normalerweise daran liegt, dass wir einander nicht zuhören, oder noch nicht glauben, dass der jeweils andere wirklich etwas verstanden hat, das wir nicht verstanden haben. Normalerweise, wenn wir wirklich anfangen, zuzuhören (und manchmal müssen wir denselben Streit immer wieder durchmachen, bevor wir uns wirklich gegenseitig hören können), wird es tatsächlich sehr offensichtlich, dass einer von uns Recht hat und der andere falsch liegt. Und dann wird es sehr einfach, zu wissen, was zu tun ist: Man tut das Richtige. Wir haben zusammen genug Mist durchgemacht, um zu wissen, dass keiner von uns sich wirklich angestrengt um etwas bemühen wird, das schlecht für die Familie wäre. Wenn er etwas wirklich, wirklich will, vertraue ich darauf, dass er einen Grund hat; und umgekehrt genauso. […]

 Autoritäre Ehemänner weisen oft auf Maria und Joseph hin, um ‚Er entscheidet, sie fügt sich’ als das wahre katholische Modell hinzustellen. Aber was wissen wir tatsächlich über den heiligen Joseph? Hauptsächlich, dass a) er komplett dabei versagt hat, seine Rechte durchzusetzen und diese scheinbar ungehorsame, scheinbar sündhafte, scheinbar rebellische Göre von einem Mädchen loszuwerden, die plötzlich ohne seine Genehmigung schwanger war, und sich stattdessen b) um Frau und Kind gekümmert hat.

 Und was ist mit der Idee, dass ein Mann seine Frau lieben sollte, wie Christus die Kirche liebt? Was wissen wir über Christus? Hauptsächlich, dass er gedient und gegeben und gedient und gegeben hat, und dass er für sie gestorben ist, und dass er dann ins Leben zurückgekehrt ist, sodass er noch mehr dienen und geben konnte. Das wissen wir.

 In unserer Ehe ist Gehorsam ein Notfallwerkzeug. Mein Mann gebraucht es, wenn ich wirklich verrückt bin: wenn ich außer mir bin, oder erschöpft, oder zu überwältigt von Schuld und Selbstzweifeln, um klar zu denken. Dann beansprucht er seine Autorität und besteht darauf… sich um mich zu kümmern. […]

 Rigide Geschlechterrollen sind dem Gesetz der Liebe untergeordnet. […]“

Ein weiterer Gedanke von C. S. Lewis könnte auch weiterhelfen. An einer Stelle in „Was man Liebe nennt“ schreibt er: „Die wirkliche Gefahr liegt nicht darin, dass die Männer zu eifrig nach [der „Dornenkrone“ in der Ehe] greifen, sondern dass sie es zulassen oder fördern, wenn ihre Frauen sie sich anmaßen.“ Ich weiß nicht, ob dieser Satz außerhalb des Kontextes vielleicht frauenfeindlich klingt; aber was Lewis’ Vorstellung hier ist, erschließt sich besser, wenn man das ganze Buch und auch seine anderen Werke (z. B. den Science-Fiction-Roman „Perelandra“) gelesen hat: Mit Frauen, die sich in dieser Hinsicht falsch verhalten, meint er Frauen, die der Versuchung (ich glaube, das ist eine, die für unser Geschlecht gar nicht mal so untypisch ist – nach meinem persönlichen Bekanntenkreis zu schließen) verfallen, für ihre Familie die gesamte Verantwortung übernehmen zu wollen; alle Pflichten, alle Verantwortung dafür, dass für die Kinder und die Zukunft und den Haushalt gesorgt ist (und und und), und die sich dabei unnötig und zum Unbehagen aller Angehörigen aufreiben, und diese Angehörigen „zu ihrem eigenen Besten“ herumkommandieren oder immer wieder in eine bestimmte Richtung stupsen; alles in dem behaglichen Bewusstsein, dass sie nur für die anderen leben, und ohne ihre Mühe gar nichts laufen würde, und die dann unzufrieden werden, weil andere ihre Mühen nicht so zu schätzen wissen, wie sie es ihrer Meinung nach sollten. Man könnte argumentieren, dass Männer sich genauso verhalten könnten; richtig, aber meiner Erfahrung nach ist das zumindest seltener der Fall. Männer sind gemütlicher veranlagt (und das meine ich sowohl im positiven Sinne von „unkomplizierter“ als auch im negativen Sinne von „fauler“).

Ich möchte an dieser Stelle zuletzt noch einmal einen Gedanken eines Freundes zum Thema „Ihr Männer, liebt eure Frauen! Ihr Frauen, ehrt eure Männer!“ zitieren: „Genau. Denn ehren tun die Männer, wenn sie nicht ganz degeneriert sind oder ausnahmsweise aus der Art schlagen, ihre Frauen sowieso; und manchmal auch andere Frauen. An das Lieben muß man sie vielleicht erinnern. Die Frauen – nun, ich bin keine Frau, aber vielleicht lieben sie die Männer in den meisten Fällen ohne große Mühe? Aber daß die Frau für ihren Mann außer Liebe auch Respekt übrig hat, das ist vielleicht nicht so selbstverständlich.“ In diesem Sinne könnte man auch sagen, die Bibel erinnert die Leute an das, was sie eher vernachlässigen.

 

 

(VIII) Noch etwas zum Thema Gehorsam und Unterordnung an sich

Ich glaube, die größte Schwierigkeit für heutige Christ(inn)en bei diesen Stellen liegt darin, dass man Konzepte wie Gehorsam, Unterordnung, Hierarchie prinzipiell als etwas moralisch Anrüchiges wahrnimmt. Dass man meint, wer untergeordnet sei, müsse auch unterdrückt sein; wer Macht habe, müsse diese Macht auch missbrauchen. Das ist, das muss man klar sagen, der katholischen Religion entgegengesetzt. Bei uns geht es ständig um Dienen, Gehorsam und Unterordnung, und das ist grundsätzlich nichts Degradierendes. Priester versprechen Bischöfen Gehorsam, auch Laien müssen ihren Bischöfen in einigen Dingen gehorchen, Nonnen und Mönche versprechen Äbtissinnen und Äbten Gehorsam, und der Papst hat Autorität über die ganze Kirche, kann von niemandem kirchenrechtlich belangt werden, und über ihm steht nur noch Gott. (Umgekehrt wird er allerdings auch „Diener der Diener Gottes“ genannt, und am Gründonnerstag waschen die in der Hierarchie Höherstehenden unter ihnen Stehenden die Füße – was zu der oben angesprochenen Umkehr der Bedeutung von Hierarchien durch Jesus gehört.)

Nichtkatholiken oder liberale Katholiken würden darauf antworten, dass sie dann eben dieses grundsätzliche katholische Konzept ablehnen. Aber damit hätten sie schlicht Unrecht. Eine herrschaftsfreie Welt kann es gar nicht geben, und sie ist nicht einmal erstrebenswert. Wenn man versucht, Hierarchien abzuschaffen, entstehen immer informelle Hierarchien, die, gerade weil sie undefiniert und nicht offiziell anerkannt sind, viel unterdrückerischer sein können. Anarchie führt zur willkürlichen Herrschaft derer, die sich durchsetzen wollen und können; bestes Beispiel sind anarchistische Kommunen.

Ich muss zugeben, manchmal kommt mir das Wort „Unterordnung“ selbst noch ein bisschen beängstigend vor. Aber wenn es einem beängstigend vorkommt, liegt das wohl einfach daran, dass man mit einer „untergeordneten“ Position in irgendeiner Hinsicht reflexhaft Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Entrechtung, Sklaverei verbindet – lustigerweise, weil einem das von unserer heutigen Obrigkeit in Schulen, Unis, Medien usw., die sich selbst nicht Obrigkeit nennen will, so eingeredet worden ist.

Jetzt mal ernsthaft: So sieht nicht einmal ein vertraglich geregeltes Arbeitsverhältnis zwischen Abteilungsleiter und normalem Angestellten aus (und wenn, dann sollte der Abteilungsleiter schnellstens gefeuert werden), geschweige denn eine irgendwie normal geartete lebenslange Verbindung zu einem geliebten Partner, mit dem man „ein Fleisch“ sein soll. Stellt man sich unter einem „Oberhaupt“eher einen gierigen Sklavenhalter mit absoluter Macht vor, oder so etwas wie den Vereinsvorstand des Schützenvereins, der sich mit den Mitgliedern arrangieren muss, und hauptsächlich dafür zuständig ist, die Ansprache am Weihnachtsfest zu halten, zu allen wöchentlichen Treffen zu erscheinen, und die älteren Mitglieder zu ihren 80. Geburtstagen zu besuchen, weswegen keiner das Amt übernehmen will?

Hierarchie bedeutet übersetzt nicht „Unterdrückung“, sondern „heilige Ordnung“. Wie unterdrückt fühlt man sich z. B. vom eigenen Ortsbischof? Hierarchie sorgt auch für Sicherheit; für klar verteilte Verantwortung. In einer hierarchisch geordneten Gesellschaft ist klar, wer das letzte Wort hat und damit Uneinigkeiten beenden kann, und dann auch Verantwortung für das Ergebnis trägt; an wen sich jemand wenden kann, der sein Recht haben will oder dem jemand anderes Unrecht tut; usw. Unterordnung bedeutet auch nie bedingungslose Unterordnung.

Es ist auch in keiner Weise etwas Ehrenrühriges, zu gehorchen und seine eigenen Vorstellungen unterordnen zu können. Mönche und Nonnen legen nicht ohne Grund ein Gehorsamsgelübde ab: Es hilft einem, Christus ähnlicher zu werden und nicht so sehr auf den eigenen Willen fokussiert zu sein.

Zu diesem ganzen Thema hat Pater Edmund Waldstein OCist einmal sehr Erhellendes geschrieben (hier eher auf die staatliche Sphäre bezogen).

 

(IX) Das Thema Kopfbedeckungen, und: Was sagt die Kirche zu all diesen Stellen?

Als Katholiken interpretieren wir die Bibel bekanntlich im Rahmen des kirchlichen Lehramtes; also hier endlich ein Blick darauf, was die Kirche zu alldem geäußert hat.

Beim Beispiel der Kopfbedeckungen kann man sofort sehen, dass diese Stelle in gewissem Sinne „historisch bedingt“ gewesen sein muss: Die Kirche verlangt keine Kopfbedeckungen für Frauen während der Messe mehr, also kann es sich nicht um ein völlig unumstößliches göttliches Gesetz gehandelt haben. Allerdings war es bis etwa zum 2. Vatikanum für Frauen allgemein üblich, zum Kirchgang Hut, Kopftuch oder – in Südeuropa – Mantilla zu tragen, und manche (v. a. in Tradikreisen) tun es auch heute wieder, und für Männer ist es jetzt noch eine Sache der Höflichkeit, beim Betreten einer Kirche Hut oder eine Mütze abzunehmen – obwohl beides seit dem neuen CIC von 1983 nicht mehr vorgeschrieben ist. Hier handelt es sich offensichtlich um ein sinnvolles, aber nicht in Stein gemeißeltes Symbol, wie Händeschütteln zur Begrüßung oder Essen mit Messer und Gabel. Zu Paulus’ Zeiten war es auch eine Sache der Schicklichkeit für Frauen, außerhalb des Hauses eine Kopfbedeckung zu tragen; und im Kontext der Liturgie hat das für ihn auch eine symbolische Bedeutung.

Auch zu den anderen Punkten hat das kirchliche Lehramt etwas zu sagen, zum Beispiel hier im Katechismus zur Schöpfungsgeschichte, zur Gleichheit von Mann und Frau und zur Ehe im Allgemeinen:

369 Mann und Frau sind erschaffen, das heißt gottgewollt in vollkommener Gleichheit einerseits als menschliche Personen, andererseits in ihrem Mannsein und Frausein. ‚Mann sein’ und ‚Frau sein’ ist etwas Gutes und Gottgewolltes: beide, der Mann und die Frau, haben eine unverlierbare Würde, die ihnen unmittelbar von Gott, ihrem Schöpfer zukommt [Vgl. Gen 2,7.22.]. Beide, der Mann und die Frau, sind in gleicher Würde ‚nach Gottes Bild’. In ihrem Mannsein und ihrem Frausein spiegeln sie die Weisheit und Güte des Schöpfers wider.

 370 Gott ist keineswegs nach dem Bild des Menschen. Er ist weder Mann noch Frau. Gott ist reiner Geist, in dem es keinen Geschlechtsunterschied geben kann. In den ‚,Vollkommenheiten’ des Mannes und der Frau spiegelt sich jedoch etwas von der unendlichen Vollkommenheit Gottes wider: die Züge einer Mutter [Vgl. Jes 49,14-15; 66,13; Ps 131,2-3.]und diejenigen eines Vaters und Gatten [Vgl. Hos 11,1-4; Jer 3,4-19.].

 371 Miteinander erschaffen, sind der Mann und die Frau von Gott auch füreinander gewollt. Das Wort Gottes gibt uns das durch verschiedene Stellen der Heiligen Schrift zu verstehen: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch alleinbleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht’ (Gen 2, 18). Keines der Tiere kann für den Menschen eine solche Entsprechung sein (Gen 2,19-20). Die Frau, die Gott aus einer Rippe des Mannes ‚baut’ und dem Mann zuführt, läßt diesen, über die Gemeinschaft mit ihr beglückt, voll Bewunderung und Liebe ausrufen: ‚Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!’ (Gen 2,23). Der Mann entdeckt die Frau als ein anderes Ich, als Mitmenschen.

 372 Der Mann und die Frau sind ‚füreinander’ geschaffen, nicht als ob Gott sie nur je zu einem halben, unvollständigen Menschen gemacht hätte. Vielmehr hat er sie zu einer personalen Gemeinschaft geschaffen, in der die beiden Personen füreinander eine ‚Hilfe’ sein können, weil sie einerseits als Personen einander gleich sind (‚Bein von meinem Bein’) und andererseits in ihrem Mannsein und Frausein einander ergänzen. In der Ehe vereint Gott sie so eng miteinander, daß sie, ‚nur ein Fleisch bildend’ (Gen 2,24), das menschliche Leben weitergeben können: ‚Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde!’ (Gen 1,28). Indem sie das menschliche Leben ihren Kindern weitergeben, wirken Mann und Frau als Gatten und Eltern auf einzigartige Weise am Werk des Schöpfers mit [Vgl. GS 50,1.].(Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 369-372.)

„1605 Die Heilige Schrift sagt, daß Mann und Frau füreinander geschaffen sind: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt’ (Gen 2,18). Die Frau ist ‚Fleisch von seinem Fleisch’ [Vgl. Gn 2,23], das heißt: sie ist sein Gegenüber, ihm ebenbürtig und ganz nahestehend. Sie wird ihm von Gott als eine Hilfe [Vgl. Gn 2,18. 20] gegeben und vertritt somit Gott, in dem unsere Hilfe ist [Vgl. Ps 121,2]. ‚Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch’ (Gen 2,24). Daß dies eine unauflösliche Einheit des Lebens beider bedeutet, zeigt Jesus selbst, denn er erinnert daran, was ‚am Anfang’ der Plan Gottes war: ‚Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins’ (Mt 19,6). (KKK, Nr. 1605.)

„2333 […] Die leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von Mann und Frau gelebt werden.(KKK, Nr. 2333.)

Zum Thema Unterordnung in der Ehe muss man in spezielleren Texten suchen; der Katechismus als Zusammenfassung der Kirchenlehre schweigt sich dazu leider aus (es sei denn, man zählt knappe Hinweise auf die Gleichrangigkeit und Verschiedenheit von Mann und Frau).

In einer älteren Enzyklika von Pius XI. findet sich diese Stelle:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.’

 Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

 Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.

 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau drückt Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., mit folgenden Worten tiefer Weisheit aus: ‚Der Mann ist der Herr in der Familie und das Haupt der Frau. Sie aber, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein ist, soll dem Mann untertan sein und gehorchen, nicht nach Art einer Dienerin, sondern einer Gefährtin. Dann wird die Leistung des Gehorsams weder ihrer Ehre noch ihrer Würde zu nahe treten. In dem aber, der befiehlt, wie in der, die gehorcht, in ihm als dem Abbild Christi, in ihr als dem der Kirche, soll die Gottesliebe Maß und Art von Amt und Pflicht beider bestimmen.’“ (Pius XI., Casti Connubii, 1930)

Bei Pius wird auch klar: Es handelt sich hier um gegenseitige Pflichten: Jeder hat seine Verantwortung zu erfüllen, und wenn das in der Praxis dann mal anders verteilt werden muss als im Modell, weil einer seinen Teil nicht erfüllen will oder auch nicht erfüllen kann (z. B. aufgrund schwerer Krankheit), dann muss man sich anders behelfen.

Ich habe auf amerikanischen feministischen Seiten, die ich ab und zu (teils aus Gründen der Feindbeobachtung, teils aus Interesse) lese, einmal eine bestimmte Kritik an der Lehre von „Frau bringt Unterordnung, Mann bringt Liebe“ gelesen: Das würde die Pflichten ungleich verteilen; wenn die Frau ihren Teil nicht erfüllt, aber der Mann sie immer noch lieben soll, wäre das keine so große Belastung für ihn, wie es für die Frau wäre, wenn er sie nicht liebt, sie sich ihm aber immer noch unterordnen soll. Aber hier wird das fundamentalistisch-evangelikale Modell „Du musst immer sofort und ohne Widerspruch gehorchen, wenn dein Mann dir etwas befiehlt, auch wenn er dich nicht liebt, dich schlecht behandelt oder völlig verrückt ist, dann wird am Ende alles gut, Gott will es so!“, wie es die Christian Patriarchy-Bewegung vertritt, kritisiert. Nein, wir Katholiken glauben eben ganz klar nicht daran, dass Unterordnung oder Gehorsam unabhängig davon sein sollten, ob der Mann die Frau liebt, ob er sie gut oder schlecht behandelt – oder, ganz allgemein gesprochen, ob eine Autorität ihre jeweiligen Pflichten erfüllt oder nicht.

Man sollte, alles in allem, auch nicht vergessen, dass die Analogie zu der Christus-Kirche-Beziehung nur das ist: Eine Analogie. Der Mann ist nicht Christus und die Frau nicht die Kirche. Sie sind zwei normale menschliche Personen.

Der heilige Johannes Paul II. hebt in einer Enzyklika etwas mehr hervor, was an dieser Stelle historisch bedingt ist, und ist darauf bedacht, sie in den rechten Kontext zu setzen:

„Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung [der Erklärung dazu, dass und wie genau die Männer ihre Frauen lieben sollen] und der Feststellung, daß ‚sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau’ (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein ‚gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann ‚Haupt’ der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um ‚sich für sie’ hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus – Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese ‚Unterordnung’ in der Beziehung Gatte – Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum ‚Alten’ ganz offensichtlich ein ‚Neues’ dar: Es ist das ‚Neue’ des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses ‚Neue’ zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das ‚Alte’, das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.

 Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das ‚Neue’, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige ‚Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: ‚In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (…)’, sondern auch: ‚Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie’ (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?

 Die Herausforderung des ‚Ethos’ der Erlösung hingegen ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die ‚Unterordnung’ der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung’ beider ‚in der Ehrfurcht vor Christus’ gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.“ (Mulieris Dignitatem 24)

Aber letztlich setzt er diese Stelle eben auch nur in den rechten Kontext und sagt nicht, jedenfalls nicht deutlich, die Frauen müssten sich eigentlich überhaupt nicht unterordnen; und letztlich kann ja auch eine bisherige Lehre der Kirche (die nicht nur von Pius XI., sondern auch den Päpsten vor ihm, vertreten wurde) nicht einfach umgekehrt werden.

 

Also, zusammengefasst: Ja, es ergibt sich offensichtlich aus den Bibeltexten, den lehramtlichen Schreiben und der dahinterstehenden Theologie, dass die Männer in der Ehe eine gewisse Autorität als Familienoberhaupt haben, und dass die Frauen – im Normalfall – nicht die Leitung der Familie übernehmen sollten. Ich denke allerdings auch nicht, dass das Thema für die durchschnittliche christliche Familie im Alltag eine große Rolle spielen wird (oder sollte). Eine Frau muss ihrem Mann außerdem offensichtlich nicht gehorchen, wenn er etwas absolut Unvernünftiges, Ruinöses, Missbräuchliches oder Sündhaftes von ihr verlangen sollte.

 

(X) Frauen in der Kirche

Kommen wir jetzt von der Ehe zur Rolle der Frauen in der Kirche. Da hätten wir diese berühmte Stelle aus 1 Korinther 14: „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ Nun ist es so, dass im NT schon Frauen erwähnt werden, die öffentlich beten oder prophetisch reden: In 1 Korinther 11,5, also im selben Brief, eben an der Stelle, wo Paulus über die Schicklichkeit von Kopftüchern redet, heißt es: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt.“ Dabei geht es offensichtlich um den Kontext der Liturgie; Frauen mussten also nicht zwangsläufig die ganze Zeit über in der Gemeinde still sein; hier wird unterschieden. Und in der Apostelgeschichte heißt es über einen Diakon namens Philippus: „Er hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen.“ (Apostelgeschichte 21,9.) Hier wird der genaue Kontext nicht angegeben, aber jedenfalls waren diese Mädchen auch in der Öffentlichkeit nicht immer still, sondern es war ihnen erlaubt, prophetisch zu reden.

Der gesamte Kontext für solche Stellen ist folgender: Wir reden von einer Zeit, in der auch Laien oft noch – auch im Gottesdienst – spontan laut beteten, in Zungen redeten oder prophezeiten. (Ich könnte jetzt darüber reden, dass ich ganz froh bin, dass das inzwischen, jedenfalls in der Liturgie, eingeschränkt ist, da ich nicht so ganz überzeugt bin, dass an den meisten solchen Phänomenen, zumindest den heutigen nach der apostolischen Zeit, etwas dran ist, aber meine Skepsis gegenüber der Charismatischen Bewegung ist hier nicht das Thema.) Aber was Paulus in 1 Korinther 14 bemängelt, geht offenbar darüber hinaus: Vielleicht gab es speziell in dieser Gemeinde Probleme mit speziellen Frauen, die in der Liturgie dazwischenriefen, es besser wissen wollten als der Bischof, wenn der predigte, o. Ä. Und wenn es dann ganz allgemein heißt, dass es den Frauen „in allen Gemeinden der Heiligen“ nicht gestattet ist, „zu reden“, dann ist hier offensichtlich das offizielle Lehren im Auftrag der Kirche, das Predigen, gemeint: Also ein Dienst des geweihten Priesters. Hier geht es um den Unterschied zwischen Laien und Priestern. Und Priester können eben nur Männer sein. Frauen dürfen nicht in der Liturgie predigen, da sie keine Priester sein können.

Dafür gibt es verschiedene Begründungen, die die meisten Katholiken vermutlich kennen. Hier die zwei wichtigsten:

1) Jesus will es halt so. Jesus hat nur Männer in den Kreis der Zwölf berufen; deren Nachfolger sind die Bischöfe, und deren Helfer sind die Priester und Diakone. Wenn Jesus einen Sinn dahinter gesehen hat, keine Frauen zu berufen, nicht einmal eine unter zwölf (und in anderen Dingen hielt er sich nicht immer an die Konventionen seiner Zeit, z. B., als er sich mit Samariterinnen und Prostituierten abgab, also können wir nicht argumentieren, dass er keine Frau hätte berufen können), dann können wir darauf vertrauen, dass es da einen Sinn gibt.

2) Priester sind bei uns nicht nur Prediger, wie bei den Protestanten, sondern eben Priester, d. h. sie repräsentieren Gott in heiligen Riten. Christus handelt durch sie, wenn sie in persona Christi bei der Eucharistie die Wandlung vollziehen oder in der Beichte Sünden vergeben. Christus war ein Mann und wir haben ein männliches Gottesbild (auch wenn Gott natürlich weder Mann noch Frau ist); das liegt daran, dass ein männliches Gottesbild („Vater unser“) eher dazu geeignet ist, den über der Welt stehenden Schöpfergott zu symbolisieren, während Religionen mit weiblichen Göttern und Priesterinnen eher zu einer Art Naturanbetung der „Mutter Erde“ tendieren (s. auch die obige Erklärung zu „Der Mann ist das Haupt der Frau“). Der Priester repräsentiert Christus als den Bräutigam, das bei der Eucharistie anwesende Volk die Kirche als Seine Braut.

Und auch das Predigen, im Sinne der offiziellen Verkündigung der Kirchenlehre, gehört zunächst zum Dienst des Christus vertretenden Priesters. Nicht so ausschließlich wie z. B. die Feier der Eucharistie; aber auch die Verkündigung geht eben letztlich von der Christus vertretenden Kirchenhierarchie aus, auch wenn auch Laien als Katecheten, Religionslehrer oder Theologieprofessoren beauftragt werden können (und hier auch Frauen eingesetzt werden können); und daher ist die Verkündigung im Kontext der Liturgie ausschließlich dem Klerus vorbehalten.

Tendenziell noch härter klingt zu diesem Thema die Stelle aus dem 1. Timotheusbrief: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“

Einige Christen von der protestantischen Christian-Patriarchy-Bewegung legen diese Stelle tatsächlich so aus, dass Frauen generell keine Männer irgendetwas (Theologisches) lehren dürfen; also dürfen Frauen ihrer Meinung nach z. B. auch keine Vorträge vor einem gemischten Publikum in der Gemeinde halten. Sonntagsschullehrerinnen gehen gerade noch, denn die lehren nur Kinder, aber sobald die Jungs über achtzehn sind, ist definitiv Schluss. Jüngere Frauen dürfen natürlich von älteren Frauen etwas gelehrt werden, weil, Titus 2,3-5, aber Männer lehren, das geht nicht. (Das habe ich mir nicht ausgedacht. Man lese zum Beispiel diesen interessanten Artikel einer Bloggerin dieser Bewegung, in dem sie vehement erklärt, dass sie mit ihrem Blog keine Männer lehre. Solche Ansichten sind in freikirchlich-evangelikalen Kreisen einflussreicher, als man manchmal erwarten würde; vgl. auch hier auf einer deutschen Seite: Frauen sollen keine Art von geistiger/geistlicher (der Autor des Textes scheint diese beiden Begriff nicht auseinanderhalten zu können) Autorität über irgendwelche Männer ausüben.)

Gut: Wir Katholiken können das Lehren jetzt wieder auf den Klerus beziehen und damit Theologieprofessorinnen, Kirchenlehrerinnen und dergleichen erlauben; dass Frauen in der Ehe nicht über ihre Männer herrschen sollten und wie das zu verstehen ist, wurde oben schon erklärt – dann fragt sich an dieser Stelle noch, wie war das noch gleich mit Adam und Eva?

 

(XI) Ist Eva die Hauptschuldige am Sündenfall?

Paulus’ Interpretationen des Alten Testaments wirken manchmal tatsächlich ein bisschen schwerer verständlich als das AT selbst. Am Genesis-Bericht über den Sündenfall wäre eigentlich selbst aus Sicht von Feministinnen an sich nicht so viel auszusetzen: Ja, Eva ist die erste, die von der Frucht isst, aber Adam tut im Endeffekt dasselbe, und seine Entschuldigung, bloß von Eva verführt worden zu sein, hat doch etwas von einer Ausrede, ebenso wie Evas Entschuldigung, bloß von der Schlange verführt worden zu sein. Trotzdem präzisiert der Bericht hier, wer zuerst von der Schlange angesprochen wurde: Vielleicht wurde Eva wirklich überredet und wollte das mit der Erkenntnis von Gut und Böse unbedingt ausprobieren, und Adam machte wider besseres Wissen auf ihr Drängen hin einfach mit? Oder so ähnlich. Über Adam heißt es nur: „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Genesis 3,6) – sein Problem scheint eher zu sein, dass er einfach Eva nachgibt, als dass er sich von den falschen Versprechungen der Schlange einlullen hat lassen. Vielleicht wird das so dargestellt, weil der Verfasser beobachtet hat, dass Frauen im Allgemeinen, wenn sie etwas Falsches tun, sich eher vorher einreden müssen, dass es notwendig oder gut ist – und dabei auch sehr kreativ werden können und leichter falsche Erklärungen annehmen. Ich spekuliere ja nur. Beides falsch, aber auf unterschiedliche Weise.

Oder vielleicht war es eben einfach historisch so, dass in diesem Fall die eine angefangen und der andere dann erst mitgemacht hat, und der Verfasser der Genesis wusste das durch Gottes spezielle Offenbarung. (Ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass der Sündenfall ein reales Ereignis irgendwann in der Menschheitsgeschichte war – auch wenn wir nicht denken, dass sich im Jahr 4004 v. Chr. zwei Menschen im Gebiet des heutigen Irak mit einer Schlange unterhalten und einen Apfel gegessen haben.)

Interessanterweise wird übrigens – bei Paulus an anderer Stelle und bei Theologen wie Thomas von Aquin – immer Adam als der eigentlich Verantwortliche für den Sündenfall genannt, wenn es darum geht, wer der Menschheit nun die Erbsünde vererbt hat: Eva hat mit der Sache angefangen, aber letztlich trug die eigentliche Verantwortung ihr Mann. Allerdings spricht das wohl eher für die Überzeugung besagter Theologen, dass Adam – der erste Mann – einfach das Oberhaupt des Menschengeschlechts war, und Eva eben nicht.

Na ja. Zurück zu „Nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot“. Wie gesagt, da kann man eigentlich zur Erklärung ganz einfach sagen „War da halt so“, und Paulus zieht diese historische Tatsache (oder diese symbolische Geschichte, wenn jemand Genesis anders interpretieren möchte) dann offenbar als historische / symbolische Begründung dafür heran, dass Frauen nicht zum Klerus gehören oder ihre Männer unter dem Pantoffel haben sollten. Die Formulierungen hier klingen für unsere Ohren nicht so schön, das stimmt, aber zum Glück wissen wir Katholiken dank unserem Lehramt, wie wir das nicht verstehen sollen. Also, ja, es ist okay, wenn irgendein Mann von einer Frau mal etwas lernt. Und ein Geschlecht ist auch nicht an sich sündhafter als das andere oder so etwas – beide haben den gleichen freien Willen und die gleichen Gebote bekommen. Oder haben wir weniger weibliche Heiligen als männliche? So etwas wäre ein Hinweis darauf, dass Frauen eher zur Sünde neigen würden als Männer, nicht eine obskure Paulusstelle. Ich denke, auch dieses Thema ist wieder einmal wunderbar dazu geeignet, zu demonstrieren, wieso wir ein Lehramt brauchen, das falschen Bibelinterpretationen einen Riegel vorschiebt.

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(Vojtech Klimkovic, Adam und Eva. Gemeinfrei.)

 

Das war es wohl. Ja, unsere Religion hat etwas Patriarchales an sich; aber das sollten wir nie in einem falschen Sinn verstehen; genauso, wie wir die Tatsache, dass es in der Kirche eine Hierarchie gibt, nicht falsch verstehen sollten.

Ach ja, und, Gratulation an alle, die bis hierher gelesen haben! (Hier noch ein Link für alle, die noch mehr lesen wollen.)

Ein Rat für Perfektionisten

Wieder einmal möchte ich Franz von Sales (aus der „Philothea“) zu Wort kommen lassen:

 

„So sehr das Licht unseren Augen schön erscheint und so sehr sie sich danach sehnen, es blendet sie doch, wenn wir lang im Dunkeln waren. Wenn man in ein fremdes Land kommt, brauchen wir einige Zeit, bis wir uns an sein Volk gewöhnt haben, so höflich und freundlich es auch sein mag. So ist es auch im geistlichen Leben. […]

 Glaube mir: Wenn du fest bleibst, wirst du bald so viele Freuden des Herzens, ein so tiefes Glück empfinden, dass du bekennen musst: die Welt ist Bitterkeit im Vergleich mit diesen süßen Freuden und ein Tag des frommen Lebens ist mehr wert als tausend Jahre verweltlichten Lebens (Ps 84,11).

 Der Berg der christlichen Vollkommenheit kommt dir aber so hoch vor. ‚Mein Gott’, sagst du, ‚wie kann ich denn da hinaufsteigen?’ Mut! Wenn die Bienlein Gestalt anzunehmen beginnen, können sie noch nicht zu den Blumen fliegen, um Honig zu sammeln; während sie sich aber vom Honig ernähren, den die großen Bienen gesammelt haben, bekommen sie allmählich Flügel, werden kräftig und können über Land fliegen. So sind auch wir noch klein in der Frömmigkeit, wir vermögen noch nicht unserem Wunsch zu folgen und zum Gipfel der christlichen Vollkommenheit zu fliegen, aber wir beginnen, uns allmählich umzuformen durch unsere Wünsche und Entschlüsse, die Flügel beginnen zu wachsen und es ist zu hoffen, dass auch wir eines Tages fliegen können wie die Bienen. Bis dahin leben wir vom Honig der Lehren, die fromme Menschen uns überliefert haben. Beten wir zu Gott, dass er uns Schwingen gebe gleich denen der Tauben, damit wir nicht nur fliegen können in diesem zeitlichen Leben, sondern auch Ruhe finden im künftigen Leben der Ewigkeit.“

Franz von Sales, Patron der Schriftsteller

Hier ein schöner Artikel bei The Cathwalk über den hl. Franz von Sales in seiner Bedeutung als Schriftsteller: https://thecathwalk.net/2017/01/24/franz-von-sales-anleitung-zum-frommen-schreiben/

Lesen!

Aber, lieber Cathwalk, einen Einwand muss ich schon noch machen: Man braucht die Bedeutung des Heiligen für die Rekatholisierung des calvinistischen Chablais nun wirklich nicht auf den Einfluss einer einzigen Schrift beschränken. Nachdem Franz von Sales 1593 zum Priester geweiht und zum Dompropst des Bischofs von Genf ernannt worden war (der in Annecy residierte, weil in Genf die Calvinisten herrschten), wurde ihm – wenn ich mich recht erinnere, nach seiner enthusiastischen Predigt zu seinem Amtsantritt („Mit der Liebe müssen wir Genf erobern!“) – 1594 die Aufgabe übertragen, im Chablais, einer calvinistischen Region in der Nähe von Genf, die der katholische Herzog von Savoyen wieder erobert hatte, den katholischen Glauben zu predigen. Die Obrigkeiten dort verboten bei Strafe, seine Predigten anzuhören, und er war einige Male auch in Gefahr, überfallen und getötet zu werden, wenn er so als einsamer Missionar durchs Land zog. Da ihn niemand anhören durfte, druckte er seine Botschaften schließlich auf Flugblätter und heftete sie an die Türen. Er kannte sich gut mit dem Calvinismus aus, und er zeigte dessen Fehler, ohne in die damals übliche Polemik zu verfallen. Durch seine Flugblätter, seine Predigten (zu denen trotz Verbot dann schließlich doch immer mehr Leute kamen) und sein persönliches Beispiel bekehrte er innerhalb von wenigen Jahren schließlich zehntausende Menschen, fast die komplette Bevölkerung des Chablais – besonders, nachdem einige prominente Calvinisten durch seinen Einfluss zum katholischen Glauben übergetreten waren, hatte er Erfolg. Die Flugblätter wurden später gesammelt unter dem Titel „Kontroversen“ veröffentlicht, und aus mehreren Treffen mit dem calvinistischen Reformator Theodor von Beza im Jahr 1597 ging schließlich seine Schrift „Verteidigung der Fahne des heiligen Kreuzes“ (1600) hervor. So. Und auch später, als Bischof, war er nicht nur als Schriftsteller bedeutend, sondern auch als geistlicher Begleiter, in seinen üblichen bischöflichen Arbeiten – er besuchte sämtliche Pfarreien seiner Diözese, hielt selbst Katechesen für Kinder, kümmerte sich um die Priesterausbildung und eine Reform der Klöster usw. -, als Ordensgründer (er gründete zusammen mit Johanna Franziska von Chantal den Orden der Schwestern von der Heimsuchung Mariens), und und und.

Franz von Sales über geduldige Bekehrung

Hier mal wieder ein Tipp vom hl. Franz von Sales aus dem Kapitel über die Läuterung der Seele in der „Philothea“ (Hervorhebungen von mir):

 

Der hl. Paulus wurde in einem Augenblick und vollständig geläutert; ebenso die hl. Katharina von Genua, Magdalena, Pelagia und einige andere. Eine derart plötzliche Läuterung ist ein Wunder und in der Gnadenordnung so außergewöhnlich, wie etwa die Erweckung eines Toten in der Ordnung der Natur; wir dürfen sie also nicht anstreben. Gewöhnlich geschieht die Genesung des Leibes wie der Seele nur allmählich, Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe, mit großem Aufwand an Mühe und Zeit.

 Die Engel auf der Jakobsleiter haben Flügel, sie fliegen aber nicht, sondern steigen die Stufen auf und ab, eine nach der anderen. Eine Seele, die von der Sünde zur Frömmigkeit emporsteigt, wird mit der Morgenröte verglichen (Spr 4,18), die nicht plötzlich, sondern nur allmählich die Finsternis vertreibt. Eine Heilung, die nur langsam vor sich geht, bezeichnet der Volksmund als die sicherste. Die Krankheiten der Seele wie des Leibes kommen wie zu Pferd im Galopp, ziehen aber zu Fuß und im Schritt ab.

 Bei diesem Beginnen musst du also Mut und Geduld haben. Wie bedauernswert sind doch Menschen, die nach anfänglichem Bemühen um die Frömmigkeit merken, dass sie noch mit verschiedenen Unvollkommenheiten behaftet sind, darüber unruhig, verwirrt und mutlos werden und nahe daran sind, alles aufzugeben und sich wieder der Sünde zu überlassen!

 Andererseits ist für manche Menschen eine entgegengesetzte Versuchung gefährlich; sie reden sich selbst ein, dass sie schon vom ersten Tag an von allen Unvollkommenheiten frei seien; sie glauben fertig zu sein, ehe sie richtig angefangen haben; sie setzen zum Flug an, bevor ihnen Flügel gewachsen sind. In welcher Gefahr eines Rückfalls schweben doch solche Menschen, weil sie sich zu früh den Händen des Arztes entzogen haben! „Steh nicht auf, bevor es Tag geworden“, sagt der Prophet; „steh erst auf, nachdem du ausgeruht“ (Ps 127,2). Er hielt sich selbst daran; da er schon gewaschen und gereinigt war, betete er darum, es noch mehr zu werden (Ps 51,4).

 Das Bemühen um die Reinigung unserer Seele kann und soll nur mit unserem Leben ein Ende finden. Regen wir uns also nicht auf über unsere Unvollkommenheiten: unsere Vollkommenheit besteht eben darin, dass wir die Unvollkommenheiten bekämpfen. Wir können sie aber nicht bekämpfen, wenn wir sie nicht sehen; wir können sie nicht überwinden, wenn wir ihnen nicht begegnen. Unser Sieg besteht nicht darin, dass wir sie nicht wahrnehmen, sondern darin, dass wir uns ihnen nicht beugen. Der aber beugt sich ihnen nicht, der sie unangenehm empfindet. Zur Übung der Demut müssen wir wohl manchmal in diesem geistlichen Kampf verwundet werden; besiegt wären wir aber erst dann, wenn wir das Leben oder den Mut verloren hätten. Unvollkommenheiten und lässliche Sünden zerstören nicht das geistliche Leben; es geht nur durch die Todsünde verloren. Eines ist also notwendig: den Mut nicht verlieren! „Befreie mich, Herr, von Feigheit und Mutlosigkeit“ (Ps 55,17f), betete David. Es ist ein Glück für uns, dass wir in diesem Krieg immer Sieger sind, solange wir nur kämpfen wollen.

Franz von Sales über Sanftmut gegen sich selbst

Heute mal ein Auszug aus Franz von Sales’ „Einführung in das fromme Leben“, auch unter dem Titel „Philothea“ bekannt:

 

Die Sanftmut können wir gut an uns selbst üben, indem wir über uns oder unsere Fehler niemals in Zorn geraten. Gewiss verlangt die Vernunft, dass uns die Fehler missfallen und leid tun, aber dieses Missfallen darf nicht bitter, ärgerlich und zornig sein. Darin fehlen viele, die nach einem Zornausbruch in Zorn geraten, weil sie zornig waren; sie ärgern sich über ihren Ärger und dadurch sind sie die Ursache, dass ihr Herz immer von Zorn wie durchtränkt ist. Wenn es auch scheint, als ob der zweite Zorn den ersten aus der Welt schaffen sollte, in Wirklichkeit bahnt er doch schon einen neuen Zornausbruch für die nächste Gelegenheit an. Übrigens laufen dieser Zorn und Ärger, diese Erbitterung über sich selbst auf den Stolz hinaus, ihre Wurzel ist die Eigenliebe, die sich aufregt und in Unruhe gerät, weil sie uns noch unvollkommen findet.

Die gewiss notwendige Abscheu vor unseren Fehlern muss also ruhig, ernst und fest sein. Das Strafurteil des Richters über den Verbrecher ist wirkungsvoller, wenn der Richter sein Urteil ruhig und mit Vernunftgründen fällt, als wenn er es heftig und leidenschaftlich tut. Denn urteilt er leidenschaftlich, dann bestraft er die Fehler nicht nach der Schwere des Vergehens, sondern nach der Stärke seiner Leidenschaft. So strafen wir uns selbst auch wirksamer durch eine ruhige und beharrliche Reue als durch eine verbitterte, aufgeregte und zornige. Für eine heftige und ungestüme Reue ist der Maßstab nicht die Größe der Sünde, sondern die Heftigkeit unserer Neigungen. Wer z. B. die Keuschheit liebt, wird über den geringsten Fehler gegen diese Tugend mit beispielloser Bitterkeit aufgebracht sein, über eine schwere Verleumdung dagegen, die er begangen hat, nur lachen. Ein anderer wieder hasst die üble Nachrede und wird sich wegen einer geringfügigen Nörgelei abquälen, eine schwere Sünde gegen die Keuschheit aber nicht einmal beachten, usw. Das alles kommt davon, dass das Gewissen nicht nach der Vernunft, sondern aus Leidenschaft urteilt.

Glaube mir, ruhige und herzliche Ermahnungen des Vaters vermögen ein Kind viel eher zu bessern als Zorn und Wutausbrüche. So ist es auch bei uns. Haben wir einen Fehler begangen, dann mahnen wir unser Herz ruhig und liebevoll, mehr aus Mitleid als in leidenschaftlichem Unwillen; reden wir ihm zu, sich zu bessern, dann wird die Reue viel tiefer ins Herz eindringen und es nachhaltiger beeinflussen als eine verärgerte, zornige und stürmische Reue. Wäre mir z. B. viel daran gelegen, ja nicht durch Eitelkeit zu sündigen, und ich beginge trotzdem einen schweren Fehler dagegen, so würde ich mein Herz nicht etwa so tadeln: „Was bist du doch abscheulich und erbärmlich, dass du dich nach vielen Vorsätzen wieder der Eitelkeit ergeben hast! Stirb vor Scham! Erhebe mir nie mehr die Augen zum Himmel, du blindes, schamloses, verräterisches, gegen deinen Gott treuloses Herz …“ Ich würde ihm vielmehr vernünftig und voll Mitleid zureden: „Mein armes Herz, jetzt bist du wieder in die Grube gefallen, die wir zu meiden so entschlossen waren. Lass uns wieder aufstehen und ein für allemal der Eitelkeit entsagen! Rufen wir die Barmherzigkeit Gottes an, vertrauen wir auf sie; sie wird uns helfen, in Zukunft tapferer zu sein. Kehren wir wieder auf den Weg der Demut zurück. Mut! Seien wir von jetzt an recht auf der Hut; mit Gottes Hilfe wird es gehen.“ Auf dieser Selbstermahnung würde ich dann einen festen, kräftigen Entschluss aufbauen, nicht mehr in den Fehler zu fallen und alle Mittel dagegen anzuwenden, besonders den Rat meines Seelenführers.

Wer aber findet, dass durch diese milde Zurechtweisung sein Herz nicht genug erschüttert wird, der mag es auch ernst und schwer tadeln, um sich zu einer tiefen Herzenszerknirschung anzuregen. Nachdem er aber gegen sich gezürnt und sich abgekanzelt hat, soll er seine Reue durch einen friedlichen Akt heiligen Vertrauens auf Gott beschließen nach dem Vorbild des großen Büßers, der seiner betrübten Seele wieder Mut macht mit dem Gebet: „Warum bist du so traurig, meine Seele, warum erregt? Hoffe auf Gott, denn ich werde ihn preisen als meines Antlitzes Heil und meinen wahren Gott“ (Ps 43,5).

Erhebe also dein Herz ganz sanft, wenn es gefallen ist, und demütige dich tief vor Gott in der Erkenntnis deines Elends, ohne jemals über deinen Fall erstaunt zu sein. Es ist ja kein Wunder, wenn die Schwäche schwach, die Kraftlosigkeit kraftlos, das Elend armselig ist. Verabscheue aber trotzdem von ganzem Herzen die Beleidigung, die du Gott zugefügt hast, und kehre mit großem Mut und Vertrauen auf seine Barmherzigkeit zurück auf den Weg der Tugend, von dem du abgewichen bist.

5 Arten von Predigten, die ich nicht leiden kann

1) Predigten, die eine halbe Stunde dauern und deren Kernaussage sich nicht wirklich erfassen lässt.

 

Und zwar deshalb, weil der Herr Pfarrer nicht über ein Thema predigt, sondern über ungefähr zehn. Erst einmal geht er vielleicht vom Evangeliumstext aus, dann kommt ein nicht sehr aussagekräftiges Zitat von irgendjemandem, dessen Namen man noch nie gehört hat, dann wird zur aktuellen Flüchtlingspolitik übergeleitet. „Und das Zweite Vatikanische Konzil hat betont… es gibt drei Möglichkeiten, so könnte man sagen, das in die Tat umzusetzen… so schreibt Papst Franziskus auch, dass… der Dichter X hat einmal gesagt… dann könnte man die folgenden vier Punkte betrachten… Der Philosoph Y hat einmal gesagt…“

Man würde ja gerne abschalten und sich auf irgendein Gebet konzentrieren – Zeit dazu wäre ja –, aber leider kann man das nicht so einfach.

Liebe Priester: Wir sind hier nicht bei den Protestanten. Die Predigt ist nicht der Kern des Gottesdienstes! Und selbst wenn sie es wäre, wäre es ganz sinnvoll, wenn man hinterher irgendeine konkrete Aussage mitnehmen könnte.

 

2) Wissenschaftlich-objektiv klingen sollende Lebensbeschreibungen von Heiligen

 

Kennen Sie das auch? Sie gehen immer nach St. Kolumban, und irgendwann im Jahr kommt nun einmal der Festtag des heiligen Kolumban, also beschließt der Herr Pfarrer, dass doch etwas über den heiligen Kolumban gesagt werden muss, und in der Messe verkündet er dann nach dem Evangelium vom Ambo, dass er die liebe Frau Pastoralreferentin gebeten habe, etwas zum Leben des heiligen Kolumban herauszusuchen und winkt sie an den Ambo. Man erwartet bei der Frau Pastoralreferentin eh schon keinen wirklich fesselnden Predigtstil, und erwartungsgemäß verläuft die Predigt dann ungefähr so:

„Kolumban ist der Name zweier Heiliger des frühen Mittelalters. Unsere Pfarrkirche ist Kolumban dem Jüngeren geweiht. Kolumban wurde um das Jahr 540 in Irland geboren und gilt als wichtiger Glaubensbote der Franken und auch der Alemannen in der heutigen Schweiz und am Bodensee… kam es zu einem Konflikt mit den fränkischen Bischöfen um den Termin des Osterfestes… zog er mit seinen Gefährten in Richtung… gründete er ein Kloster in… starb er am 23. November 615… Mönchsregel gab prägende Impulse für das entstehende westliche Mönchtum… dargestellt wird er oft mit…“ Man merkt sehr deutlich, was die Frau Pastoralreferentin vermitteln will: Sie gibt hier nicht irgendwelche hagiographischen Legenden wieder, sondern wirklich nur historisch gesicherte Tatsachen, wir sind ja hier wohl nicht mehr im Mittelalter, also bitte.

Bitte: Wenn man über Heilige predigt, dann sollte es darum gehen, inwiefern diese Heiligen ein Vorbild für die Leute sein können, die dieser Predigt zuhören. Es gibt einen Platz für wissenschaftliche Darstellungen, und der ist zum Beispiel in einem universitären Seminar über den Einfluss irischer Wandermönche auf die frühmittelalterliche Kirche in Westeuropa. Da gibt es dann nämlich auch tatsächliche wissenschaftliche Darstellungen und nicht dieses bemüht hochgestochen-objektive Geschwafel, das ziemlich deutlich von Wikipedia abgeschrieben wirkt und uns über das, was dem Heiligen wichtig war, wie er dachte, was er tatsächlich bewirkte und was er uns noch angeht, sehr wenig sagt. Es wäre, kurz gesagt, ganz sinnvoll, sich erst zu überlegen, ob die Leute sich dafür interessieren könnten, was man predigt, ehe man predigt.

Die Frau Pastoralreferentin tritt ab. Der Herr Pfarrer kommt wieder zum Ambo, sagt ein herzliches Vergelt’s Gott für diese schöne Darstellung des Lebens und Wirkens des heiligen Kolumban, fügt ein paar Worte hinzu, die auch nichts wirklich Interessantes mehr hinzufügen, und leitet dann – endlich! – zum Credo und den Fürbitten über.

 

3) Gewollt pädagogisch-lebensnahe Predigten mit Hilfsmittel

 

Solche Predigten können einem besonders in Kinder- oder Jugendgottesdiensten unterkommen. Bereits wenn man die Kirche betritt, sieht man, dass im Alterraum eine Art Matte oder Wolldecke liegt, vorzugsweise in scheußlichem Orange, das so wunderbar mit der betongrauen Sechziger-Jahre-Architektur des Kirchengebäudes harmonisiert. Darauf befindet sich dann das besagte Hilfsmittel: Vielleicht ein paar aufgetürmte Ziegelsteine oder eine Topfpflanze oder ein Stock oder eine Nachttischlampe oder ein paar Pappschilder, die sehr nach selbst gebastelt aussehen.

Nach den Lesungen und dem Evangelium (in dem dann oft irgendein Gleichnis vorkommt, etwa vom Senfkorn oder dem guten Hirten, oder vom „Licht der Welt“ o. Ä. die Rede ist) beginnt dann nicht gleich die Predigt, sondern stattdessen kommen eine Dame und ein Herr vom Kindergottesdienstvorbereitungsteam zusammen mit drei oder vier Kindern im Grundschulalter nach vorn. Erneut wünscht man sich, die Gabe zu besitzen, einfach seine Ohren zumachen zu können – so wie man das mit den Augen tun kann, wenn man die orangefarbene Wolldecke nicht sehen will. Die Dame nimmt sich das Mikrofon und beginnt langsam und überdeutlich zu sprechen. „Heute spricht Paulus in seinem Brief von der Kirche. Und wisst ihr, wer damit gemeint ist? Wir alle! Wir alle gehören da dazu! Und da sagt Paulus, dass jeder von uns so ist wie ein Stein – wie so ein Ziegelstein wie die, die wir da hinten aufgebaut haben. Und wer weiß, was man aus so Ziegelsteinen so bauen kann?“ Die Kinder in den vorderen Reihen zögern; aber irgendwann meldet sich eins, weil es sich wohl denkt, irgendwer muss ja doch, und die Dame läuft rasch hin. „Eine Mauer!“ sagt das Kind ins Mikrofon. Das war es nicht, worauf die Dame hinaus wollte. „Äh, ja, und was kann man denn sonst vielleicht noch bauen?“ beginnt sie wieder. Irgendwann meldet sich ein zweites Kind. „Ein Haus“, heißt es diesmal, und nun ist die Dame zufrieden. „Genau! Ein Haus! Und in so einem Haus, da ist jeder Stein wichtig!“ Nun sind die mitgebrachten Kinder an der Reihe. Der Herr reicht jedem von ihnen einen Ziegelstein von der orangefarbenen Wolldecke und sie dürfen nach vorn treten und leise und etwas steif in das Mikrofon sagen, das die Dame ihnen unter die Nase hält, was sie vorher auswendig gelernt haben. („Mein Stein steht für X.“, „Mein Stein steht für Y.“, „Mein Stein steht für Z.“)

Die ganze Gruppe setzt sich wieder, der Priester kommt nach vorn und übernimmt das Mikro. Er fügt noch einige Erläuterungen hinzu, während denen er auch immer wieder auf den wieder aufgetürmten Ziegelsteinhaufen deutet und den Ziegelsteinvergleich schließlich bis ins Letzte ausreizt. Schließlich ist es vorbei, und man fragt sich vage, ob sich Kinder eigentlich ernst genommener fühlen, wenn man sie in eine richtige Erwachsenenmesse mitnimmt oder wenn man sie mit Ziegelsteinen Theaterstückchen aufführen lässt.

 

4) Predigten zum Bibeltext, die den Bibeltext wegerklären wollen

 

Der Satz, der mich in einer Predigt bisher am meisten aufgeregt hat, war: „…können wir vielleicht annehmen, dass diese Stelle eher sekundär dazu gekommen ist…“

Auf Deutsch übersetzt heißt das: „Mir passt diese Aussage nicht, also gehe ich mal davon aus, dass Jesus das nicht so gesagt hat und irgendjemand das eben irgendwann einmal in den Bibeltext eingefügt hat.“

Okay: Es gibt – auch in den Evangelien – Stellen, die auf den ersten Blick unverständlich oder seltsam erscheinen. Aber deshalb muss jeder Mann, der zum Priester geweiht werden möchte, auch zuerst einmal 10 Semester Theologie studieren. Da sollte er zumindest mitbekommen haben, dass es hilfreiche Bibelkommentare, die Catena Aurea und ähnliche Quellen gibt, aus denen man sich über den Urtext, den historischen Hintergrund und mögliche Interpretationen informieren kann, wenn man eine Bibelstelle nicht versteht. Ein Priester ist dafür ausgebildet, den Leuten, die diese Ausbildung nicht haben, die Heilige Schrift zu erklären. Nicht dafür, sie wegzuerklären.

Wenn ich als Katholikin in eine katholische Messe gehe, habe ich den Anspruch, dass der katholische Priester die Lesungen aus katholischer Sicht auslegt (oder meinetwegen aus katholischer Sicht etwas zum Festtag sagt, oder beides verbindet). Und ein katholischer Priester sollte nicht – übrigens ohne jede Begründung – erklären, dass Jesus das da vielleicht ja so gar nicht gesagt habe, sondern er sollte die Heilige Schrift als Heilige Schrift annehmen, die nicht er nach seinen Maßstäben zu beurteilen hat, sondern die ihm seine Maßstäbe vorgibt. Wenn er das nicht tun will, schön, aber dann befindet er sich in der falschen Kirche.

 

5) Predigten, deren Kernaussage darauf hinausläuft: „Wir müssen die Gebote halten, damit wir nicht in die Hölle kommen.“

 

Das sind – anders als die oben genannten Beispiele – Predigten, die man eher von den konservativeren Priestern zu hören bekommt. Die laufen dann ungefähr so ab: „An dieser Stelle spricht unser Herr vom Gericht, das… Christus sagt klar und deutlich, dass es wichtig ist, die Gebote zu halten, ja: unbedingt notwendig… das Ziel, das Gott uns verheißt, ist der Himmel… um dieses Ziel zu erlangen, müssen wir standhaft bleiben und Seinen Willen erfüllen… wir müssen unsere Sünden anerkennen und umkehren… das ist nicht immer einfach, aber sehr wichtig… achten wir darauf, unser ewiges Ziel nicht zu verfehlen… denken wir daran, wir werden eines Tages vor Gott Rechenschaft ablegen müssen… die Sünde muss man ernst nehmen…“ Zu guter Letzt wird am Ende auf die vermehrten Beichtgelegenheiten hingewiesen, die es jetzt in der Fastenzeit gibt.

Ich weiß: Es ist gut gemeint. Es ist absolut gut gemeint. Und hier wird auch nicht mit der Hölle gedroht, hier wird gewarnt. Der junge Kaplan, der hier kein besonderes Talent zum Predigen hat, meint es wirklich gut; er denkt sich einfach, dass es wichtig ist, auch einmal die Sünde und das Gericht anzusprechen, weil ja jeder Mensch damit konfrontiert ist und sein wird, und dass es in diesen Dingen Ehrlichkeit statt schönfärberischem Selbstbetrug braucht. Im Übrigen bezieht er sich selbst in den Adressatenkreis seiner Mahnungen mit ein. Er sagt auch an sich nichts Falsches. Aber: Besondere Bekehrungserfolge würde ich ihm nicht voraussagen.

Denn es gibt viele Leute, die zwar ab und zu mal in die Kirche kommen, oder gerade jetzt an diesem Sonntag eben zufällig da sind, weil die Messe für den vor einem Jahr verstorbenen Großvater gefeiert wird und es sich irgendwie gehört, hinzugehen, die aber vom katholischen Konzept von Sünde, Hölle und Himmel nicht wirklich viel Ahnung haben. Und deshalb sollte man vielleicht zuerst einmal deutlich machen, dass der Himmel ganz einfach die Gemeinschaft mit Gott bedeutet und die Hölle das Fernsein von ihm; dass Sünde Beziehungsabbruch ist; dass Lügen, Neid, Geiz oder Gleichgültigkeit Beziehungen zerstören, zu anderen Menschen und damit auch zu Gott, dass sie immer Schaden anrichten, den ein guter Gott nicht einfach gutheißen kann, dass die Sünde den Menschen von Gott, dem Nächsten und sich selbst entfremdet, dass Gott unser wahres Glück will und seine Gebote nicht willkürliche Anweisungen sind, denen wir einfach zu folgen haben, sondern dass sie Wege zu diesem Glück sind, dass Gott alle Menschen bei sich haben will, aber der freie Wille des Menschen aus dummer Selbstsucht und Stolz nein zu Gott sagen kann und der Mensch sich damit selbst unglücklich machen wird, etc. etc.

Sonst gehen diese Menschen, denen diese Hintergrundinformationen nicht präsent sind, weil sie sich einfach nicht regelmäßig in katholischen Kreisen bewegen, nämlich wieder mit einer Bestätigung ihres Kirchenbildes weg: Die Kirche droht eben wie immer mit einem strafenden Gott, der die Leute, die ihren kleinlichen Geboten nicht Genüge tun, in seinen Feuerofen wirft. Diese Kirche kann man offensichtlich abhaken. Ein solches Vorurteil wollen wir doch nicht auch noch fördern, oder?

Noch für eine andere Gruppe von Menschen sind solche Predigten eher ungeeignet, nämlich für Skrupulanten wie mich. Die denken nämlich eh schon genug an die Notwendigkeit von Gottesfurcht und Gehorsam und Bekehrung und Beichte und an das Gericht und Gottes Ansprüche und dass man es sich nicht zu einfach machen dürfe. Und den gesunden, gut informierten Gläubigen wird eine solche Predigt zwar nicht besonders stören, aber wahrscheinlich auch nicht besonders inspirieren.

Der hl. Franz von Sales hat einmal gesagt: „Man fängt mehr Fliegen mit einem Löffel voll Honig als mit einem Fass voll Essig.“ Und der muss es wissen, er hat immerhin eine ganze calvinistische Region bekehrt. Also bitte lieber etwas positivere Predigten.

 

Wenn die geschätzten Leser noch weitere nervige Predigtarten kennen, immer her damit! 😉

Einige Worte zu Beginn

So, das ist nun mein allererster Blogeintrag, und mir ist erst nicht recht eingefallen, was ich hier schreiben soll. Nun habe ich schließlich den Entschluss gefasst, nicht mit einem eigenen Beitrag, sondern mit einem Zitat zu beginnen, nämlich dem Weihegebet, das der hl. Franz von Sales seinem Werk „Einführung in das fromme Leben“ (in Deutschland unter dem Titel Philothea bekannt) voranstellt. Und ja, ich weiß, dass die Sprache komisch und gewöhnungsbedürftig ist. Aber das, was er für sein Buch wünscht, wäre auch ein (ja, recht ehrgeiziges) Ziel für einen katholischen Blog, und Franz von Sales ist nun mal einfach mein allerliebster Lieblingsheiliger.

Beginnen wir also im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Gütiger Jesus, mein Herr, mein Heiland und mein Gott! Ich lege dieses Werk zu Deinen Füßen nieder und weihe es Deiner Ehre.
Belebe seine Worte durch Deinen Segen, damit die Seelen, für die ich es verfasst habe, daraus die heiligen Eingebungen empfangen, die ich ihnen wünsche.
Mögen sie vor allem Dein unendliches Erbarmen auf mich herabrufen, dass ich nicht anderen den Weg zur Frömmigkeit hienieden zeige und selbst im anderen Leben verworfen und auf ewig zu Schanden werde.
Lass mich mit ihnen ohne Ende den Triumphgesang singen, dieses herrliche Wort, das ich von ganzem Herzen als Treuegelöbnis inmitten dieses unsteten Lebens ausspreche:
Es lebe Jesus! Es lebe Jesus!
Ja, Herr Jesus, lebe und herrsche in unseren Herzen von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.