Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit & Liberalismus, Kommunismus, Nationalismus

Vor ein paar Tagen war wieder mal französischer Nationalfeiertag mit den obligatorischen Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestags der Erstürmung eines fast leeren Gefängnisses, nach der die Köpfe von Männern, die sich ergeben hatten, auf Piken durch Paris getragen wurden: aber hey, darauf kann ein Land wohl stolz sein. Aber gut: Am 14. Juli wird ja in Frankreich nicht nur ein sinnloser Gewaltausbruch gefeiert, sondern die ganze Revolution mit ihren vielen weiteren noch stärker ideologisch motivierten Gewaltausbrüchen; und diese Revolution hat die letzten 230 Jahre doch ziemlich geprägt, wenn auch leider meistens nicht zum Guten.

Der Spruch aus der Revolutionszeit, der heute noch am bekanntesten ist, lautet bekanntlich: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und anhand dieses Spruchs kann man, wie ich finde, eigentlich ganz gut die verschiedenen falschen, und auch untereinander widersprüchlichen Ideologien aufzählen, die in dieser Zeit (und schon in der die Revolution vorbereitenden Zeit der sog. Aufklärung) ihren Anfang nahmen.

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(„Einheit und Unteilbarkeit der Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder der Tod.“ Druck von 1793. Gemeinfrei.)

Da wäre zuerst das Schlagwort der Freiheit und die entsprechende Ideologie des Liberalismus.

Es kursierte ja damals schon längere Zeit unter den Intellektuellen Frankreichs und Europas die Idee von größerer Freiheit – Freiheit von der Macht des Königs und der Macht der Kirche, Freiheit, veröffentlichen zu dürfen, was man wollte, ohne zensiert oder bestraft zu werden. Darüber wurde auch relativ frei in gewissen Salons geredet; so ganz entsetzlich unterdrückerisch war das Ancien Régime dann wieder nicht. Die Adligen ließen sich auch mal durch provokante neue Ideen unterhalten, solange es nicht zu provokant wurde oder zu sehr damit ernst gemacht wurde. Die Vorstellung der Freidenker war, dass sich auf dem freien Markt der Ideen die besten durchsetzen würden, und alle mit denselben Voraussetzungen starten sollten.

Ein Grund für die Ausbreitung liberaler Ideen war das Schachmatt, zu dem die religiösen Debatten und auch die Religionskriege der Frühen Neuzeit geführt hatten: Von Protestanten und Katholiken hatte sich keine Seite endgültig durchgesetzt, und jetzt meinten einige, die den Streit müde waren, dass vielleicht einfach beide im Unrecht gewesen waren, und/oder der Streit nicht so wichtig war, und/oder man einfach jedem seine persönliche Wahrheit lassen müsste; im Bereich der Religion breitete sich eine gewisse Gleichgültigkeit und eine Abwendung von der tradierten Offenbarungsreligion aus.

Oft wollten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts auch größere wirtschaftliche Freiheit; Freiheit von den alten Zünften und Handwerksordnungen und den merkantilistischen Gesetzen der Fürsten, die Industrie, Handel und Innovation einschränkten: Es braucht keine Gesetze zur Lenkung der Wirtschaft; wenn jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, gleicht sich das am Ende von selbst aus und alle haben was davon; auch hier der freie Markt. Einige libertins waren natürlich auch moralisch „liberaler“ eingestellt als z. B. die katholische Kirche.

Die Grundidee der Liberalen war: Der Staat (und andere Institutionen mit öffentlicher Macht) sollte sich auf ein Minimum beschränken, um dem Individuum Raum zu geben, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden. Sie waren dabei nicht immer konsequent; da sie ein klösterliches Leben beispielsweise für unfrei hielten, wollten sie es staatlich verbieten lassen und setzten das auch öfter in einigen Ländern um – vor, während und nach der besagten Revolution. Aber von den Inkonsequenzen zurück zu den Prinzipien des Liberalismus: „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet“, heißt es in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789.

Die Frage, die bleibt, ist nur: was schadet einem anderen Menschen, was schadet vielleicht der gesamten Gesellschaft?

Um eher aktuelle Beispiel zu nehmen: Schadet es anderen, wenn einige Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen? Schadet es dem Familienleben, wenn Inzest unter Erwachsenen legalisiert wird? Schadet es einer Gesellschaft, wenn Pornographie frei verbreitet werden kann? Besonders bei einem besonderen Anliegen der sog. Aufklärer und der Revolutionäre wird diese Frage akut: Bei der Meinungs- und Pressefreiheit. Schadet die Verbreitung aller möglichen Ansichten wirklich nicht? Was ist mit Ansichten wie… Angehörige bestimmter „Rassen“ wären weniger wert und sollten rechtlich benachteiligt sein? Behinderte würden eine Gesellschaft nur belasten und sollten getötet werden? Soll auch für solche Ansichten Meinungsfreiheit gelten? Die christlichen Staaten der Vormoderne hatten oft Gesetze gegen die Verbreitung von Häresie, also die Verfälschung der christlichen Glaubenslehre; heute wird das als entsetzlich freiheitsfeindlich abgelehnt, aber andererseits gibt es den Straftatbestand der Volksverhetzung – ist das mit der Theorie des Liberalismus vereinbar? Oft sind Liberale sogar dafür, Dinge zu legalisieren, die sehr eindeutig anderen schaden; z. B. die Abtreibung, die ja dem getöteten Kind nicht unbedingt gut tut.

Und dann ist da noch die grundsätzliche Frage: Darf denn jeder sich selbst schaden, wie er will? Die klassische katholische Lehre würde dazu nein sagen: Auch sich selbst schuldet man Wohlwollen, Liebe, und sein eigenes Leben hat man sowieso nur von Gott erhalten und soll es gut verwalten. Der Liberalismus erkennt dem eigenen Leben dagegen keinen klaren Wert zu; laut dieser Ansicht gäbe es keine Rechtfertigung dafür, zu sagen, man müsse es besonders schützen oder achten.

Aber wenn jemand etwas zustimmt, das ihm schadet, ist das wirklich in Ordnung? Unter Druck oder aus Selbsthass können Menschen vielem zustimmen, das ihnen selbst schadet. Das Opfer des Kannibalen von Rotenburg hat dem Mord an ihm auch zugestimmt; der zuständige Gerichtshof ließ das nicht als Verteidigung gelten. Darf jemand sich selbst in die Sklaverei verkaufen, oder einem Arbeitsvertrag, der ihn ungerechten Bedingungen unterwirft, zustimmen? Ist es in Ordnung, wenn Menschen zustimmen, in der Prostitution oder der Pornoindustrie zu arbeiten und an den Arbeitsbedingungen dort kaputtgehen? Ist es in Ordnung, wenn alte oder kranke Menschen aus Angst vor Abhängigkeit, Einsamkeit oder Schmerzen, oder unter Druck von Verwandten, denen sie nicht auf der Tasche liegen wollen, zustimmen, sich töten zu lassen? Was schadet, ist eben Definitionssache; hier müssen Fragen von Gut und Böse, Richtig und Falsch entschieden werden, die der Liberalismus am liebsten ausklammern oder offen lassen würde.

Der zu Ende gedachte Liberalismus führt in die Anarchie, die einfach nur das Recht des Stärkeren bedeutet; den Vorteil dessen, der andere am besten manipulieren und überreden kann und durch irgendwelche Zufälle am meisten Gehör findet oder Macht ausüben kann. Wie gesagt, der zu Ende gedachte: In der Praxis bleibt der Liberalismus pragmatischerweise irgendwo auf dem Weg dahin stehen.

Letztlich waren aber auch viele Liberale im Lauf der Geschichte nicht ohne eigene konkrete Vorstellungen von Gut und Böse; „Jetzt lass mich, ich schade dir doch nicht!!“ ist halt nur eine passable Argumentation, wenn man nach und nach die Maßstäbe von Gut und Böse verschieben will. Um einen Kommentar von Erzbischof Charles Chaput aus den USA zum Thema Abtreibung zu zitieren: „Das Böse redet nur von Toleranz, wenn es schwach ist. Wenn es die Oberhand gewinnt, erfordert seine Eitelkeit immer die Zerstörung des Guten und Unschuldigen, weil das Beispiel guter und unschuldiger Leben ein andauernder Zeuge gegen es ist. So war es immer. So wird es immer sein.“ Wenn zuerst nur gefordert wurde, andere Leute bei XYZ in Ruhe zu lassen, soll man bald ausdrücklich gutheißen und unterstützen, was sie tun; statt Toleranz wird Akzeptanz verlangt. (Die LGTBQ-Bewegung ist ein aktuelles Beispiel.)

Man kann (wie andere das schon besser dargelegt haben) einen harten Liberalismus (es gebe wirklich keine Wahrheit) und einen weichen Liberalismus (die Wahrheit muss eben individuell freiheitlich auf dem freien Markt der Ideen erkannt werden) unterscheiden, die aber am Ende in der Praxis oft auf dasselbe hinauslaufen. Als geradezu prototypisch für die liberale Einstellung wird besonders in liberalismuskritischen amerikanischen Kreisen oft ein Satz aus dem Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA im Fall Casey vs. Planned Parenthood von 1992 zitiert:

„Im Herzen der Freiheit liegt das Recht, sein eigenes Konzept der Existenz, des Sinns, des Universums, und des Mysteriums des menschlichen Lebens zu definieren. Überzeugungen zu diesen Angelegenheiten könnten nicht die Attribute des Personsein definieren, wenn sie unter dem Zwang des Staates geformt würden.“

(„At the heart of liberty is the right to define one’s own concept of existence, of meaning, of the universe, and of the mystery of human life. Beliefs about these matters could not define the attributes of personhood were they formed under compulsion of the State.“)

Hier ging es natürlich um das Thema Abtreibung – weil jeder seine eigenen Ansichten haben soll, darf der Staat nicht definieren, ob ein ungeborenes Kind eine Person ist. Damit wird natürlich die Ansicht der Partei, die findet, dass es keine Person ist, ermächtigt; während scheinbar keine Entscheidung getroffen wird, wird eine getroffen.

Der Liberalismus vertritt in der Theorie einen unhaltbaren moralischen Relativismus (Wenn es keine Wahrheit gibt, ist es dann wahr, dass es keine Wahrheit gibt? Wenn für jeden seine eigene Wahrheit gelten soll, was genau ist das dann, das für ihn gilt und woher hat er es?), und ignoriert, dass Menschen von Anfang an nur in Gemeinschaft existieren, nicht als Einzelwesen, deren einziges Ziel die Maximierung von Freiheit und Eigentum ist; in der Praxis ist er dagegen oft nur ein Feigenblatt für welche (guten oder schlechten) Ideen auch immer jemand gerade durchbringen will.

Dann wäre da das Schlagwort Gleichheit; und aus einem gewissen in manchen Strömungen der Aufklärung grundgelegten Egalitarismus entstand im frühen 19. Jahrhundert die Idee des Kommunismus.

Die Gleichheit war zum Teil schon eine Forderung von Montesquieu, Voltaire, Diderot und ihresgleichen; vor allem Gleichheit vor dem Gesetz, Abschaffung der Privilegien des Adels: Gleichheit vor allem als Vorbedingung der Freiheit. Auch hier hilft ein Blick in die Menschenrechtserklärung von 1789: „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten.“ „Diese Rechte sind Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung.“

Aber als die Revolution dann so richtig losbrach, war sie bald nicht mehr nur eine politische Revolte von Abgeordneten, sondern auch das Volk meldete sich und randalierte und verlangte nach Brot. Hier meldeten sich Leute, die den Begriff der Gleichheit aufgeschnappt hatten und wirtschaftliche Gleichheit wollten, weil sie Not litten. Hier kann man die Sansculotten (die Pariser Kleinbürger und Arbeiter, die die Revolution unterstützten) und Hébert einordnen; es gab auch schon ein paar utopistische Vordenker im 18. Jahrhundert und früher. Die sozialrevolutionären Kreise konnten zwar zwischendurch ein paar Dinge durchsetzen, erlangten allerdings in der Revolutionszeit keinen nachhaltigen Einfluss; Hébert zum Beispiel wurde 1794 während Robespierres Schreckensherrschaft hingerichtet. Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis sich der Frühkommunismus voll entwickelt hatte, aber hier hat er – u. a. – seine Wurzeln.

Zunächst setzten sich, als in den 1790ern in Frankreich und dann zu Napoleons Zeiten u. a. auch in den deutschen Fürstentümern die Gesetze nachhaltig geändert wurden, die schon länger propagierten, gewohnten Ideen der Aufklärer durch: Abschaffung der letzten Reste der Leibeigenschaft und gewisser Adelsprivilegien, Aufhebung der Zünfte, stärkere Unterdrückung der Kirche. Keine Versuche, wirtschaftliche Gleichheit herzustellen, eher das Gegenteil. Die rechtliche sollte genügen, die rechtliche Gleichheit als Voraussetzung der allgemeinen, möglichst großen Freiheit. In dieser Zeit, als die wirtschaftliche Ungleichheit durch diese Laissez-Faire-Politik und durch die rapide Industrialisierung weiter zunahm, der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gingen die Liberalen und die Frühkommunisten getrennte Wege.

Die rechtliche Gleichheit hatte sicher ihre sehr guten Seiten; auch wenn beileibe nicht bei allen Bürgern die Abschaffung ihrer Partikular- und Gewohnheitsrechte beliebt war. Aber die Gleichheit, die die Kommunisten jetzt forderten, war sehr viel totaler. Wenn nur einzelne das Eigentum an den Produktionsmitteln besitzen und ihre Rechte nicht eingeschränkt sind, üben sie eine ungerechte Herrschaft über die Masse aus, sahen die Kommunisten, als während der Industiellen Revolution die Masse der Bevölkerung zu rechtlosen und überarbeiteten Fabrikarbeitern wurde, sehr richtig; also müsse die Gemeinschaft – was in der Praxis natürlich heißt: der Staat – alles besitzen und allen das gleiche zuteilen. Das führte, als es umgesetzt wurde, natürlich nur zu einer noch stärkeren Machtkonzentration und schlimmen Unterdrückung. Reguliertes, auf viele einzelne verteiltes Privateigentum wie zuvor stand für viele gar nicht mehr zur Debatte; die Idee des Distributismus konnte sich nicht viel Gehör verschaffen.

Typisch für das, was ich hier mal Egalitarismus nennen will, da es nicht nur den wirtschaftlichen Kommunismus umfasst, ist die Ansicht, dass jede Ungleichheit ungerecht und unterdrückerisch sei und mit Zwangsmitteln abgeschafft werden müsse; dass es in allem möglichen Ergebnisgleichheit geben müsse. Diese Denkweise findet man z. B. auch in der heutigen Debatte um frühkindliche Betreuung: Wenn einige Kinder Eltern haben, die sie besonders fördern, und andere solche, die sie eher vernachlässigen oder ihnen einfach nicht viel bieten können, muss der Staat für „Chancengleichheit“ sorgen und also alle Kinder möglichst früh aus ihren Familien reißen und den gleichen überforderten Erzieherinnen übergeben. (Dass natürlich staatliche Erzieherinnen auch individuelle Personen sind und gut oder schlecht in ihrem Beruf sein können, wird hier gerne übersehen.) Die Leute dürfen sich auch nicht mehr selbst für Ungleiches entscheiden; wenn z. B. Frauen freiwillig tendenziell andere Berufe als Männer wählen, muss man sie dazu nötigen, sich anders zu entscheiden.  Individuelle Freiheiten, die der Liberalismus übertreibt, werden hier zum totalen Feind, zur bloßen Gefahr; man darf sie nicht riskieren, egal, was daraus Gutes kommen könnte; der Staat über alles. Der historische Kommunismus war ja extrem feindlich gegenüber allem, was dem Totalitätsanspruch des Staates gegenüberstand, v. a. der Familie und der Kirche; daher z. B. die Wochenkrippen in der DDR, die Massenorganisationen für die Jugend, die Benachteiligung derer, die sich diesen Organisationen entziehen wollten, usw.

Der Kommunismus – und auch andere von Linken aufgegriffene Ideen wie die heutigen extremeren intersektionell-feministischen oder massenmigrationsbefürwortenden (mir fällt gerade kein besserer Begriff ein) Ideen – kam nicht mehr mit einem resignierten „Ach mei, die Wahrheit können wir eh nicht wissen, machen wir uns ein schönes Leben und seien wir tolerant“ daher wie der (theoretische) Liberalismus, sondern mit einem inhaltlichen Wahrheitsanspruch, und noch mehr, mit einem Weltrettungsanspruch. Entschlossenheit, wirklicher Einsatz war hier da, wenn auch leider oft fehlgeleiteter Einsatz, Sehnsucht nach einem Ende des Bösen. Sicher, das Böse wird hier ausschließlich materialistisch begriffen, man meint, in einer Welt mit gerechter Güterverteilung oder mit Frauenquoten und allgemeiner staatlicher Kinderbetreuung oder ohne Staatsgrenzen und Nationen gäbe es keine Probleme mehr, und für den Einsatz dafür gelten oft alle Mittel als gerechtfertigt, auch RAF-Terror, sowjetische Gulags, Antifa-Gewalt; aber dennoch, auf eine Weise hat es was Sympathischeres als der Liberalismus.

Aber eine perfekte Welt zu schaffen klappt hier unten eben nicht. Den Gedanken an eine andere perfekte Welt hatten die Egalitaristen ja schon lange als bloße Ablenkung von den „wichtigen“ Fragen beiseitegeschoben – obwohl sie selber am Ende auch alle mit dem Tod klarkommen mussten -, also setzten sie alle ihre Hoffnungen auf diese und wurden zwangsläufig enttäuscht.

Noch eine dritte moderne Bewegung findet sich in ihren Grundzügen schon in der Zeit der Französischen Revolution: Der Nationalismus, entsprechend dem Schlagwort der „Brüderlichkeit“ aller Franzosen, oder auch dem damals auch oft verwendeten, aber nicht mehr gleich bekannten Schlagwort der „Einheit und Unteilbarkeit der Nation / der Republik“.

Nun war Frankreich schon länger ein für die damalige Zeit vergleichsweise zentralistischer Staat, aber die unterschiedlichen Revolutionsregierungen und dann Napoleon machten schließlich Nägel mit Köpfen und zentralisierten das Land vollständig; auch regionale Sprachen beispielsweise waren jetzt nicht mehr gern gesehen. Während der 1790er wurde ständig die Nation als der neue Ankerpunkt betont; nun sollte es nicht mehr darauf ankommen, welchem Stand oder welcher Kirche man angehörte, sondern darauf, dass man Bürger Frankreichs war. Dieses neue Ideal von Bürgertum und Nation wurde mit religiöser Inbrunst hochgehalten: Es wurden „Bürgermessen“ als Ersatz für die alten religiösen Zeremonien erfunden und Revolutionsmärtyrer wurden verehrt. Alle Franzosen sollten zusammenstehen, und zwar zusammenstehen gegen den gemeinsamen Feind – die Könige, die Adligen, die Pfaffen, und die Ausländer, die das Land bedrohten; irgendwo schaffte die neue Einheit also auch automatisch eine neue Exklusivität.

Auch in den deutschen Gebieten war die liberale Bewegung des 19. Jahrhunderts die national-liberale Bewegung: die Studenten, die sich diese neuen Ideen aneigneten, träumten nicht nur von einem Deutschland ohne Zensurgesetze, sondern vor allem von einem Deutschland, das alle Deutschen, die bis dahin verteilt in einem Staatenbund aus vielen kleinen Fürstentümern lebten, in einem einheitlichen Reich vereinigte („Deutschland, Deutschland, über alles!“ – ein geeintes Deutschland ist unser wichtigstes Ziel, meinte das damals, und zwar eins „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, also vom Elsass bis Ostpreußen, von Südtirol bis ins heutige südliche Dänemark). Die (an sich nicht arg schlimme, aber in ihrer überhöhten Form doch praktisch ziemlich gefährliche) Idee, dass alle Menschen, die sprachlich, ethnisch, kulturell einem Volk angehörten, in einem einzigen eigenen Staat zusammengeschlossen sein müssten, prägte das ganze 19. Jahrhundert, sorgte für diverse Kriege, vereinte das gespaltene Deutschland (leider) zu einem Reich unter preußischem Kommando, schaffte ein geeintes Königreich Italien, das auch den Kirchenstaat mit Gewalt eroberte, zerstörte das multikulturelle Riesenreich der Habsburger und sorgte für endlose Konflikte auf dem ethnisch durchmischten Balkan.

Die Überhöhung der Nation, die Tatsache, dass sie die sinn- und einheitsstiftende Rolle übernehmen sollte, die früher eher die Kirche, zusätzlich zu Familie, Dorf, Zunft, Stadt, Fürstentum etc., eingenommen hatte, trug im frühen 20. Jahrhundert dann schließlich zur noch viel stärker nationalistischen Ideologie des Faschismus bei: Die Nation, das Volk als Ganzes, stand jetzt endgültig an höchster, quasi vergöttlichter, Stelle, alle Volksangehörigen hatten sich seinen Belangen unterzuordnen und als homogene Einheit zusammenzustehen, und es sollte einen starken Führer geben, der an seiner Spitze stand und es in die Zukunft führte. Der Faschismus war freilich auch von der inzwischen aufgetauchten Idee vom Übermenschen geprägt, von der Verherrlichung der Macht und des Kampfes, die man z. B. im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert noch nicht so findet, sondern die erst nach dem Aufkommen des Darwinismus in der Naturwissenschaft, der dann einen Sozialdarwinismus in der Philosophie nach sich zog, stärker aufkam. Ab dem späten 19. Jahrhundert kursierten militaristische Ideen vom Wettstreit der Nationen, die sich im 1. Weltkrieg entluden, aber damit eben bei weitem noch nicht ihr Ende fanden; dann redeten Leute wie Mussolini und Hitler vom Willen zur Macht und dem Kampf um Lebensraum und der Überlegenheit bestimmter Rassen.

Nationalisten und Faschisten suchten auch nach einem höheren Sinn, einem Zweck, einem Ziel des Schicksals, etwas, das über das materielle Leben des Einzelnen hinausging; leider war ihre Lösung von vornherein nicht besonders sinnvoll. Eine durch ein gemeinsames durch historische Zufälle entstandenes Vaterland definierte Gemeinschaft konnte die frühere durch einen gemeinsamen Vater im Himmel definierte eben nicht glaubwürdig ersetzen; vor allem war sie doch ziemlich exklusiv.

Der Fehler der Liberalen war, dass sie jede Beschränkung und jeden Wahrheitsanspruch für Unterdrückung hielten (im Gegensatz z. B. zum Herrn Jesus, der verkündete, dass die Wahrheit es ist, die frei macht); der Fehler der Egalitaristen/Kommunisten, dass sie jede Ungleichheit auch für Ungerechtigkeit hielten; der Fehler der Nationalisten, dass sie die Nation für die wichtigste Gemeinschaft überhaupt statt für eine unter anderen hielten. Und alle drei Bewegungen machten den Fehler, für die Durchsetzung ihrer Ideologie so ziemlich alle Mittel für gerechtfertigt zu halten; der Kommunismus wegen seiner hohen Ansprüche vielleicht am meisten, aber auch der Liberalismus war davon nicht frei. (1793/94, in der Hochphase der Revolution, wurden in Frankreich alle nur vermuteten Feinde der „Freiheit“ guillotiniert; der Aufstand der Bauern in der Vendée gegen die revolutionäre Regierung wurde mit an Völkermord grenzender Gewalt niedergemacht.) Der Liberalismus leugnete, dass eine Gesellschaft auf konkreten Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch basieren musste; in das entstandene Vakuum grätschten Sozialismus und Nationalismus und Faschismus mit falschen Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch hinein.

Die katholische Kirche stand während all dieser Umbrüche im 18., 19., 20. Jahrhundert meistens auf einer ziemlich trotzigen, mal nicht zu viel verdammenden und dann immer wieder sehr deutlich verdammenden und den allgemeinen Verfall beklagenden Position. Auch wenn sie beileibe nicht alle einzelnen praktischen Neuerungen, die zufällig aus dem Geist dieser Ideologien entstanden, als unvereinbar mit der Wahrheit ablehnen musste: Zu Ende gedacht widersprachen alle drei diametral der katholischen Lehre, was die Päpste immer wieder deutlich machten, v. a. solche wie der sel. Pius IX., der im Syllabus Errorum unter anderem diese drei Ideologien verurteilte.

Letztendlich ist es ja doch so, dass nur eine Rückkehr zur tatsächlichen Wahrheit – was heißt, zu Gott, der die Wahrheit selbst ist – gegen sie helfen würde.

Was habe ich eigentlich gegen die sog. Aufklärung? Teil 1: Zu Menschenwürde und Vernunft

In meinem letzten Artikel habe ich ein bekanntes Werk der sog. Aufklärung kritisiert – Lessings Ringparabel – und mich dabei auch allgemein kritisch zu dieser Bewegung geäußert. Unter diesem Artikel wurde ein Kommentar hinterlassen, in dem es heißt:

„Die meisten Menschen haben positive Assoziationen zu dem Begriff ‚Aufklärung‘ wie Freiheit, Vernunft oder Gleichheit.

Die Argumente lauten dabei meist wie folgt: […]

Was sagst du zu diesen Argumenten, die in der öffentlichen Meinung weit verbreitet sind?“

Das war eine sehr gute Frage und der nötige Anstoß zu ein paar Artikeln, die ich schon lange einmal schreiben wollte. Der Kommentar fasst gängige Argumente für die Aufklärung gut zusammen, deshalb hier jetzt ausführliche Antworten auf sie. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass:

  • die Aufklärer sich für ein paar gute Ziele einsetzen, für die sich aber auch schon vor ihnen rechtgläubige Christen eingesetzt hatten; sie werden extrem überbewertet.
  • die Aufklärer gleichzeitig mehrere falsche und z. T. absolut toxische neue Ideen aufbrachten.

Heute erst einmal zu den ersten zwei mutmaßlichen Errungenschaften der Aufklärung, die der Kommentar nennt; zu den übrigen zwei im nächsten Beitrag; und im übernächsten dann noch ein paar weitere eigene Gedanken.

 

1) Menschenwürde und Menschenrechte

„1) Die Aufklärung ist die Grundlage für die heutigen Menschenrechte. Die Intellektuellen der Aufklärung haben immer wieder betont, dass alle Menschen frei und gleich sein sollen. Ebenso wurde die Humanitätsidee, die besagt, dass alle Menschen eine Würde haben und entsprechend behandelt werden sollen, entwickelt. Auf der Grundlage dieser aufklärerischen Prinzipien wurden Folter und Leibeigenschaft abgeschafft. Religiöse Toleranz und Religionsfreiheit wurden eingeführt, sodass ab dem Zeitalter der Aufklärung erste Ansätze zur Judenemanzipation sichtbar wurden.“

Gehen wir das Ganze nacheinander durch.

Die Idee der Menschenwürde ist eine christliche Idee. Sie beruht darauf, dass Gott alle Menschen mit einer unsterblichen Seele ausgestattet und nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Sie ist eine Kirchenlehre, die sich aus atheistischer, agnostischer oder heidnischer Sicht nicht begründen lässt. Es ist kein Wunder, dass es sie in vorchristlicher Zeit nicht gab und auch die großen Philosophen der Antike auf Sklaven, Frauen, Ungebildete, geistig Behinderte etc. herabsahen. Nun waren viele der Aufklärer des 18. Jahrhunderts immerhin noch Deisten (d. h. sie glaubten an einen Gott, der die Welt irgendwann einmal gemacht, geordnet, mit Gesetzen ausgestattet, dann aber sich selbst überlassen hatte), oder manchmal auch noch Theisten (d. h. sie glaubten an einen Gott, der auch noch persönlich ansprechbar war), aber auch gemäß einem solchen Weltbild ist es, wenn man den christlichen Glauben abgelegt hat, nicht so einfach, abzuleiten, wieso z. B. ein schwer geistig Behinderter dieselbe Menschenwürde haben soll wie alle anderen Menschen.

Mit anderen Worten: die Aufklärer redeten zwar von Menschenrechten, hatten aber oft keine theoretische Grundlage, auf der sie diese Menschenrechte aufbauen konnten, sondern zehrten von einem christlichen Weltbild, das viele von ihnen (nicht alle – es gab auch christliche Aufklärer) gleichzeitig ablehnten; und sie waren definitiv nicht die Erfinder der Idee der Menschenwürde.

Gutes Anschauungsmaterial für die Entwicklung der Ideen von Menschenwürde und Menschenrechten – und für deren Umsetzung – bietet die Entwicklung der Sklaverei. Um Christi Geburt war sie auf der ganzen Welt eine normale Gegebenheit. Im Christentum wurde sie zu einer Folge der Sünde erklärt und es fanden sich schon in Antike und Frühmittelalter vereinzelte Stimmen, die sie für grundsätzlich unrechtmäßig hielten und ihre Abschaffung forderten, etwa im 4. Jahrhundert Gregor von Nyssa („Wenn ein Mensch das ‚Eigentum‘ Gottes zu seinem eigenen Eigentum macht und sich die Herrschaft über seine eigene Gattung anmaßt, so daß er sich für den Herrn von Männern oder Frauen hält, was macht er dann anderes als hochmütig die Natur überschreiten, indem er sich für etwas anderes als die Beherrschten hält?“*) und Johannes Chrysostomus; die Synode von Chalons um 650; oder etwas später Atto von Vercelli (885-960). Papst Gregor der Große erklärte in einer Freilassungsurkunde im Jahr 595, es sei heilsam gehandelt, „wenn Menschen, welche die Natur als Freie hervorbrachte und die vom Recht der Völker unters Joch der Sklaverei gezwängt wurden, durch die Wohltat eines Freilassers in jene Freiheit zurückversetzt werden, in der sie geboren wurden“**. In Nordwesteuropa wurde aus der Sklaverei allmählich die Leibeigenschaft, wo der Leibeigene zumindest einige Rechte hatte (dieser Prozess geschah etwa in England zwischen 1066 und ca. 1120); und Städte führten das Recht „Stadtluft macht frei“ ein. Der Sachsenspiegel von 1235 erklärt die Unfreiheit grundsätzlich für Unrecht und begründet das mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Der französische König Philipp der Schöne erklärte 1299 alle Leibeigenen auf seinen Krongütern für frei, und seine Ordonnanz beginnt mit „Berücksichtigend, daß jegliches menschliche Geschöpf, welches nach dem Bild unseres Herrn geformt ist, kraft des natürlichen Rechts im allgemein frei sein muß“***. Wir sehen also: die Begriffe und Argumente zur Menschenwürde sind da, auch wenn sich – was nicht verwunderlich ist – nicht alle Herrscher bequemen, sich in der Praxis danach zu richten. Das ist ja heute nicht anders; in wie vielen Staaten, die die ein oder andere Menschenrechtserklärung unterschrieben haben, gelten denn die Menschenrechte tatsächlich?

Als die Portugiesen und Spanier dann die „Neue Welt“ entdeckten und gleich mal zu erobern begannen, geschah wieder ein Rückschritt: So legten sie dort auch Plantagen an, wofür sie Arbeitskräfte brauchten; also wurden in Südamerika und der Karabik die Einheimischen unterjocht und an der westafrikanischen Küste afrikanischen Fürsten Sklaven abgekauft und nach Amerika importiert (weil die Indios zu schnell wegstarben). In Europa brachen kirchliche und juristische Dispute darüber aus; 1537 schrieb Papst Paul III. folgende Enzyklika:

„Der höchste Gott hat das Menschengeschlecht so sehr geliebt, dass Er den Menschen in einer solchen Weise geschaffen hat, dass er nicht nur an den Gütern, an denen sich andere Geschöpfe erfreuen, teilhaben sollte, sondern ihn mit der Möglichkeit ausgestattet hat, das unzugängliche und unsichtbare Höchste Gut [= Gott] zu erreichen und von Angesicht zu Angesicht zu sehen […]

Der Feind des Menschengeschlechts [= der Teufel], der sich allen guten Werken entgegenstellt, um den Menschen zu zerstören, hat, da er dies sah und neidisch war, ein Mittel erfunden, von dem nie zuvor gehört wurde, durch das er die Verkündigung von Gottes rettendem Wort zu den Menschen verhindern könnte: er stiftete seine Anhänger an, die, um ihm zu Gefallen zu sein, nicht zögerten, in der Fremde verlauten zu lassen, dass die Indianer des Westens und Südens und andere Völker, von denen wir vor kurzem erfahren haben, wie stumpfsinnige Tiere behandelt werden sollten, die zu unserem Dienst geschaffen wären, wobei sie vorgaben, diese wären unfähig, den katholischen Glauben zu empfangen.

Wir, die wir, obgleich unwürdig, auf Erden die Macht unseres Herrn ausüben und mit all unserer Kraft versuchen, die Schafe seiner Herde, die draußen sind, in den Pferch zu bringen, der unserer Verantwortung untersteht, sagen allerdings, dass die Indianer wirklich Menschen sind und dass sie nicht nur fähig sind, den katholischen Glauben zu verstehen, sondern dass sie sich laut unseren Informationen auch außerordentlich nach ihm sehnen. Da wir wünschen, diesen Übeln abzuhelfen, bestimmen und erklären wir mit diesen unseren Briefen, oder mit jeglicher Übersetzung derselben, die von irgendeinem öffentlichen Notar unterschrieben und mit dem Siegel irgendeines Würdenträgers der Kirche versiegelt sind, welche genauso angesehen werden sollen wie die Originale, dass, gleich, was Gegenteiliges gesagt worden sein mag oder gesagt werden möge, die besagten Indianer und alle anderen Völker, die vielleicht später von Christen entdeckt werden mögen, auf keine Weise ihrer Freiheit oder ihres Besitzes beraubt werden sollen, selbst wenn sie sich außerhalb des Glaubens Jesu Christi befinden; und dass sie frei und rechtmäßig ihre Freiheit und ihre Besitztümer genießen sollen, und nicht auf irgendeine Weise versklavt werden sollen; sollte das Gegenteil passieren, soll es nichtig sein und keine Wirkung haben.“

(Paul III., Sublimus Dei, Übersetzung von mir aus der englischen Übersetzung.)

Der spanische König war gar nicht erfreut und untersagte die Verbreitung dieser Enzyklika, aber 1550 befahl er doch ein vorläufiges Ende der Eroberungen und ließ eine Disputation stattfinden, in der der Humanist Juan Ginés de Sepúlveda, der sich auf Aristoteles berief, um zu begründen, dass die Indios von Natur aus minderwertig und damit zur Sklaverei bestimmt seien, gegen Bischof Bartolomé de las Casas antrat, der sich jahrzehntelang für die Indios eingesetzt hatte. In Spanien wurde die Versklavung der Indios schließlich verboten; afrikanische Sklaven wurden allerdings in begrenztem Maß noch importiert (wenn auch weniger als bei den Portugiesen in Brasilien). Auch der französische Staatstheoretiker Jean Bodin, obwohl einer der Vordenker des Absolutismus, forderte schon 1570, man solle die Sklaverei völlig abschaffen und den ehemaligen Sklaven das Bürgerrecht geben. Und auch wenn die Sklaverei in den Kolonien noch weiter bestand, wurde sie in den europäischen Mutterländern – außer in Portugal und einigen italienischen Städten – nicht mehr geduldet; wer als Sklave dorthin kam, wurde frei.

Die Idee natürlicher Rechte, die allen Menschen zustehen, war also definitiv nichts, auf das erst im 18. Jahrhundert jemand gekommen wäre.

Das Thema Sklaverei bietet übrigens auch ein gutes Beispiel für die Zwiespältigkeit der Aufklärung: Es waren gar nicht alle Aufklärer gegen die Sklaverei und Unterdrückung der Einheimischen in den Kolonien (bzw. besonders engagiert dagegen). Thomas Jefferson etwa hielt selbst Sklaven – jawohl, Thomas Jefferson, Mitautor einer gewissen Unabhängigkeitserklärung, in der es heißt: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ Oder sehen wir die sog. „Jesuitenreduktionen“ an. In Südamerika bauten die Jesuiten, die als Missionare zu einigen entlegenen Stämmen gingen, eigene kleine selbstverwaltete Quasi-Staaten auf, zu denen Weiße keinen Zutritt hatten und in denen die Indios vor Sklavenjägern geschützt waren. Unter den Kolonialisten gingen bald Gerüchte um, diese seien unheimlich reich; und überhaupt wurden die Jesuiten zu dieser Zeit ziemlich angefeindet. Was geschah? 1750 ging das Gebiet, auf dem einige dieser Reduktionen lagen, von Spanien an Portugal, Portugal ließ die Reduktionen auflösen, ein Aufstand der Indios dagegen wurde niedergeschlagen, und 1759 wurden die Jesuiten aus den portugiesischen Gebieten ausgewiesen. Verantwortlich für all das war der Erste Minister Portugals, der Marques de Pombal – ein besonders überzeugter Aufklärer und Kirchenfeind.

(Louis-Michel van Loo und Claude Joseph Vernet, Darstellung der Ausweisung der Jesuiten durch den Marques de Pombal. Gemeinfrei.)

Der Abolitionismus des 18. und 19. Jahrhunderts dann war eine Bewegung, die vor allem von englischen und nordamerikanischen Evangelikalen und Quäkern geprägt war; einer der wichtigsten englischen Abolitionisten, John Newton, ein bekehrter Sklavenhändler, ist der Autor des berühmten Kirchenliedes „Amazing Grace“; William Wilberforce, der nach endlosen Bemühungen in England das Verbot des Sklavenhandels erreichte, war ein Erweckungsprediger. Unter den Rationalisten kamen im 19. Jahrhundert unterdessen auch Rassentheorien auf, die die Unterlegenheit z. B. von Schwarzen wissenschaftlich begründen wollten.

Natürlich waren auch einige Aufklärer gegen die Sklaverei und die Leibeigenschaft. Sie erreichten manchmal auch etwas; die Leibeigenschaft in Frankreich wurde, wo sie noch bestand, zu Beginn der Französischen Revolution abgeschafft; in den deutschen Gebieten geschah das zu Napoleonischer Zeit ebenfalls unter französischem Einfluss. Aber prinzipiell hätte es keine „Aufklärung“ gebraucht, um beides abzuschaffen (mancherorts war die Leibeigenschaft damals auch schon fast verschwunden), und ob der Beitrag von Aufklärern in der Praxis entscheidend war, oder ob dasselbe auch ohne sie geschehen wäre, ist fraglich. Tatsache ist, dass die sog. Aufklärung keine neuen Argumente auf den Tisch gebracht hat, die man vorher nie gehört gehabt hätte.

Was die Folter angeht, gegen die sprach sich schon Papst Nikolaus I. im 9. Jahrhundert aus. Ja, ich weiß; viele Gerichte in Europa wendeten sie noch lange Zeit weiter an, weil sie Angeklagte nur nach einem Geständnis, nicht aufgrund von Indizien verurteilen wollten; also mussten Geständnisse eben erzwungen werden. Für einige Zeit (zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert) übernahmen auch Kirchengerichte die Folter hin und wieder in begrenztem Maß. Die Römische Inquisition stellte ihre Anwendung allerdings schon im frühen 17. Jahrhundert ganz ein; und jemand, der sich besonders gegen sie einsetzte, war auch der Autor der Cautio Criminalis – der Jesuit Friedrich Spee. (Weier unten mehr zu ihm.) Ja: Auch Aufklärer setzten sich gegen die Folter ein, und ich meine (ich müsste das genauer recherchieren), dass ihr Beitrag hier auch bedeutender war als bei der Sklaverei. Aber auch hier hätte es sie nicht gebraucht, und sie brachten keine prinzipiell neuen Argumente.

Zur Judenemanzipation und zur Religionsfreiheit im Allgemeinen unter Punkt 3 (Meinungsfreiheit) im nächsten Post.

 

2) „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – Die Aufklärer und die Vernunft

„2) Philosophen der Aufklärung wie Immanuel Kant haben immer wieder darauf hingewiesen, dass wir unseren Verstand benutzen und kritisches Denken üben sollen. Aufgrund dieses wichtigen Prinzips der Aufklärung wurde Schulbildung gefördert und Aberglauben eingedämmt, sodass ab dem 18. Jahrhundert keine Hexen mehr in Europa verbrannt wurden. Rationale Instrumente der Beweisführung wurden nun eingeführt und auf Aberglauben basierende Praktiken wie die Wasserprobe wurden dafür eingestellt.“

Den eigenen Verstand benutzen ist etwas sehr Gutes. Das sollten die Leute tatsächlich öfter tun. Freilich ist es auch manchmal nötig, anzuerkennen, dass der eigene Verstand und das eigene Wissen begrenzt sind und andere vielleicht klüger sein oder mehr Ahnung haben könnten als man selber, aber ja: Natürlich sollten die Leute prinzipiell öfter selber denken. Aber nicht jeder, der mal gesagt hat „Denkt selber!“ oder, etwas fancier, „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, hat sich selber auch gute Gedanken gemacht, wenn er selber gedacht hat. Auch jeder Verschwörungstheoretik fordert zum Selberdenken auf.

Zudem ist es ja nicht so, dass die Kirche eine Feindin des vernünftigen Denkens wäre – das genaue Gegenteil ist der Fall. Man lese mal Thomas von Aquin und behaupte, der habe nicht selber gedacht. Wir brauchen die Vernunft – sie ist uns von Gott gegeben; wieso sollte sie also von Ihm wegführen? Die Kirche hat die Vernunft immer als eine der höchsten Fähigkeiten des Menschen betrachtet und ihr z. B. auch zugetraut, Gottes Existenz und das Naturrecht zu erkennen.

Freilich kann man es mit dem Rationalismus auch mal übertreiben. Wenn man meint, es gäbe nichts in der Welt, was der Vernunft widersprichen kann, dann hat man Recht; aber wenn man meint, es gäbe überhaupt nichts, was die begrenzte Vernunft des Menschen übersteigen kann, keine Mysterien, denen er sich mit ihr nur annähern kann, dann hat man Unrecht.

Die Aufklärer hatten ein sehr simples Weltbild. Man hat ihren deistischen Gott zu Recht als „Uhrmachergott“ bezeichnet: Er richtet eine simple mechanische Welt ein, in der alles nach ganz einfachen Regeln funktioniert. Das Weltbild der Aufklärer passt gut zum Universum von Newton – allerdings weniger zum wirklichen Universum, dem komplizierteren Universum, das die Quantenphysik erforscht. Und ihre Theologie passt eben auch nicht zum wirklichen Gott, der ebenfalls etwas komplizierter ist, als sie Ihn sich vorstellten – in einem Wesen drei Personen, und eine der drei Personen noch dazu aus Liebe zu den Menschen Mensch geworden. Die Newtonschen Gesetze sind nicht falsch, sie sind nur nicht alles; ebenso ist die deistische Gottesvorstellung nicht direkt falsch, aber sie ist defizitär.

Auch die Bildung fördern kann man ohne die Ideen der Aufklärer. Im Mittelalter wurden in Europa zahlreiche Universitäten gegründet, während der Reformation und der Gegenreformation förderte man die Schulbildung weiter. Der Fortschritt der Bildung war eher eine Sache des technologischen Fortschritts – z. B. konnten ab 1450 Bücher mit der Druckerpresse leichter produziert werden – als geänderter Weltanschauungen. Aber ja, auch einige Aufklärer machten sich darum verdient, Schulbildung für breitere Schichten des Volkes zugänglich zu machen. Freilich taucht hier auch das Problem auf, dass sie die Schulen unter der Kontrolle des Staates haben und vor allem treue und nützliche Staatsdiener heranziehen wollten und z. B. von Ordensgemeinschaften geführte Schulen am liebsten aufgelöst sehen wollten…

Was die Hexenverfolgungen angeht, so endeten sie nicht unbedingt wegen irgendwelcher Aufklärer. In den deutschen Gebieten war der oben bereits erwähnte Jesuit Friedrich Spee besonders einflussreich, der 1631 sein Buch „Cautio Criminalis oder Rechtliche Bedenken wegen der Hexenprozesse“ veröffentlichte. Darin argumentiert er übrigens wie folgt gegen die Folter:

„27. Ist die Folter ein geeignetes Mittel zur Enthüllung der Wahrheit?

Bei der Folter ist alles voll von Unsicherheit und Dunkel […]; ein Unschuldiger muß für ein unsicheres Verbrechen die sichersten Qualen erdulden.

28. Welches sind die Beweise derer, die sofort die auf der Folter erpressten Geständnisse für wahr halten?

Auf diese Geständnisse haben alle Gelehrten fast ihre ganze Hexenlehre gegründet, und die Welt hat’s ihnen, wie es scheint, geglaubt. Die Gewalt der Schmerzen erzwingt alles, auch das, was man für Sünde hält, wie lügen und andere in üblen Ruf bringen. Die dann einmal angefangen haben, auf der Folter gegen sich auszusagen, geben später nach der Folter alles zu, was man von ihnen verlangt, damit sie nicht der Unbeständigkeit geziehen werden. […] Und die Kriminalrichter glauben dann diese Possen und bestärken sich in ihrem Tun. Ich aber verlache diese Einfältigkeit. […]

29: Muss die so gefährliche Folter abgeschafft werden?

Ich antworte: entweder ist die Folter gänzlich abzuschaffen oder so umzugestalten, dass sie nicht mit moralischer Sicherheit Unschuldigen Gefahr bringt. […] Man darf mit Menschenblut nicht spielen, und unsere Köpfe sind keine Bälle, die man nur so hin und her wirft. Wenn vor dem Gericht der Ewigkeit Rechenschaft für jedes müßige Wort abgelegt werden muss, wie steht’s dann mit der Verantwortung für das vergossene Menschenblut? […]“

(Titelblatt des Erstdrucks der Cautio Criminalis, 1631. Gemeinfrei.)

Auch um Hexenproben abzulehnen braucht es keine Aufklärer: Die Kirche erklärte schon im Mittelalter sog. Gottesurteile (bei Prozessen im Allgemeinen, nicht nur bei Hexenprozessen) für unzulässig, da man hier Gott zwingen wollte, ein Wunder zu wirken – und es gilt ja: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“

Auch andere wichtige Gegner der Hexenprozesse waren Theologen, etwa der reformierte Geistliche Anton Praetorius, der schon 1598 ein Buch gegen die Verfolgungen veröffentlichte, und der ebenfalls die Folter ablehnte. Die Argumentation christlicher Gegner der Hexenprozesse lautete meist, dass es gar nicht möglich sei, durch einen Pakt mit Dämonen wirkliche Macht z. B. für Wetterzauber zu erhalten, weil Gott in seiner Allmacht den Dämonen keine solche Macht einräume.

Das war übrigens in der Frühen Neuzeit nichts Neues. Schon in der Antike glaubten die Leute an Schwarze (und Weiße) Magie, fürchteten sich vor ihr und praktizierten sie selber; und die Kirchenväter sagten dazu: Christus hat die Dämonen besiegt, sie können euch nichts mehr anhaben, wenn ihr Ihm vertraut. (Ich schreibe gerade eine Arbeit zu diesem Thema und werde hier sicher auch noch einmal etwas zu Magie in der griechisch-römischen Antike veröffentlichen. Sehr spannendes Thema.) Im Frühmittelalter unterband die Kirche Hexenverfolgungen direkt – die Synode von Paderborn im Jahr 785 legte fest, dass, wer vom Teufel verleitet nach Art der Heiden behaupte, dass es Hexen gäbe, und diese verbrenne, selbst mit dem Tod bestraft werden sollte; auch den noch mehr oder weniger heidnischen Sachsen wurde von Kaiser Karl dem Großen die Hexenverfolgung untersagt.

Gegen Aberglauben – die Verwendung von Talismanen, den Glauben an den bösen Blick und Ähnliches – war die Kirche schon immer. Das wurde den Leuten auch immer gepredigt. Freilich hielten sie sich nicht immer daran – auch wenn ich mich frage, ob sie sich zumindest mehr daran hielten als heutzutage, wo sie ja auch ziemlich gerne Traumfänger und Heilkristalle im Wohnzimmer deponieren und zum Warzenabbeten und Pendeln gehen.

Die moderne wissenschaftliche Methode – wiederholbare Experimente, Falsifizierbarkeit usw. – stammt übrigens schon spätestens aus dem 17. Jahrhundert und von Leuten wie Galilei oder Newton, die ohne Zweifel fromme Christen waren (auch wenn Galilei sich mal ein wenig mit seinem Gönner, dem Papst, überwarf, weil er die heliozentrische Theorie nicht als Hypothese, sondern als bereits bewiesen dargestellt hatte; zur Galilei-Angelegenheit ausführlicher hier, wenn es jemanden interessiert). Natürlich prägte die neue Wissenschaft auch die Aufklärung – aber die Aufklärung erfand nicht diese Wissenschaft.

Zuletzt eine Frage: Haben die Leute denn inzwischen gelernt, wirklich kritisch zu denken? Hinterfragen sie denn immer das, was in den Schulbüchern oder der Bravo Girl! steht, was in der Tagesschau oder bei RTL News gesagt wird, was die gute Bekannte oder der Heilpraktiker oder die Sozialberatungsstelle erzählt oder die Leute, denen man auf Twitter folgt, schreiben, usw.?

Nun ja, sagen wir mal so. Es gibt sehr viele Leute, die homöopathische Medikamente – also Zuckerkügelchen – nehmen. Eine gar nicht so geringe Anzahl an Menschen lässt ihre Kinder nicht gegen potentiell tödliche Krankheiten impfen, weil sie meinen, das verursache Autismus. Manche meinen, man solle Kinder um der „frühkindlichen Bildung“ willen im Alter von einem Jahr von den Eltern trennen. Es gibt sogar Leute, die an eine flache Erde glauben. Und eine Mehrheit der Leute in Deutschland ist nicht katholisch. Nein, ich meine tatsächlich, dass die Menschheit allgemein nicht sehr viel besser im kritischen Denken geworden ist.

Die Aufklärung hat eher für ein zusätzliches Problem gesorgt: Die Leute meinen, sie wären besser im kritischen Denken, weil sie ja schließlich nach dem 18. Jahrhundert geboren sind und deshalb aufgeklärt sein müssen – oder so. Das macht sie erst recht blind für ihre Vorurteile, z. B. auch derer zugunsten der Meinungen der sog. Aufklärer.

 

* zitiert nach: Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, 3. Aufl., C. H. Beck 2018, S. 81.

** Ebd., S. 82.

*** Ebd., S. 159.

Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen

„Das haben zweihundert Päpste vor mir nicht geschafft. Warum sollte es ausgerechnet Ihnen gelingen?“

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Das soll laut einer Anekdote die Antwort Papst Pius‘ VII. gewesen sein, als Napoleon Bonaporte zu ihm sagte, er habe die Macht, die Kirche zu zerstören. (Das war zu der Zeit, als Napoleon den Papst gefangen nehmen und in Frankreich hatte einsperren lassen.) Es ist nur eine Anekdote, von der nicht geklärt ist, ob sie stimmt, klar, aber es ist trotzdem irgendwie eine seeehr coole Antwort.

(Ein bisschen was zum historischen Hintergrund: 1789 begann bekanntlich die Französische Revolution. Zuerst fing es recht harmlos mit der Einberufung der Generalstände an, die sich um die Finanznot des Königreichs kümmern sollten, dann kamen bald stärkere Forderungen nach größeren Rechten auf, man strebte eine Verfassung an und proklamierte die Menschenrechte, es kam dann auch zu Gewaltausbrüchen wie dem Sturm auf die Bastille, König Ludwig XVI. war nachgiebig und um Frieden bemüht und hatte gleichzeitig keinen rechten Plan, was zu tun war. Anfangs war die Revolution noch nicht wirklich gegen die Kirche gerichtet; aber es gab doch schon seit längerem kirchenfeindliche Strömungen im Land, unter anderem unter den sich als aufklärerisch verstehenden Intellektuellen. Es war im späten 18. Jahrhundert in der feinen Gesellschaft Frankreichs ebenso Mode, die christliche Religion als „Aberglaube“ und „Fanatismus“ zu bezeichnen, wie einen gewissen Antiklerikalismus zur Schau zu tragen und Ordenswesen und Zölibat abzulehnen. Auch der politische Einfluss der Kirche ging vielen zu weit; sie sollte lieber klar dem Staat untergeordnet werden. (Ein Anliegen, das in Frankreich lange Tradition hatte.) 1790 wurden dann, zur Behebung der finanziellen Nöte, die Kirchengüter eingezogen, und da dann natürlich die Besoldung der Kleriker irgendwie geregelt werden musste, beschloss man, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Zivilkonstitution des Klerus wurde beschlossen; d. h. Kleriker sollten vom Staat besoldet und von allen Bürgern gewählt werden und einen Eid auf die noch auszuarbeitende Verfassung ablegen. Der damalige Papst, Pius VI., betrachtete diese Entwicklung wohl mit Sorge, zögerte aber mit einer Reaktion. (Ich habe einmal von einem Historiker gehört, dass er ein Papst war, der sich am liebsten zurückzog, um sich mit seiner Sammlung antiker Statuen zu beschäftigen, also kein sehr machtpolitisch und diplomatisch gewandter Fürst.) 1792 verurteilte er die Zivilkonstitution schließlich. Die Revolution hatte sich unterdessen sowieso radikalisiert (Septembermassaker im selben Jahr), und nun wurden auch die eidverweigernden Priester verfolgt und sämtliche noch übrigen Orden aufgehoben. Die Monarchie wurde abgeschafft, der König Anfang 1793 hingerichtet, und Robespierre, der Vorsitzende des Wohlfahrtsausschusses, übernahm die Macht; die Abschaffung des Christentums wurde nun ein Staatsziel, ein neuer Kalender (beginnend mit der Gründung der Republik), neue Feiertage, eine Zehn-Tage-Woche, Revolutionsheilige und Revolutionskulte wurden eingeführt. Zahlreiche Priester (jetzt nicht mehr nur die Eidverweigerer) wurden hingerichtet oder in die südamerikanischen Kolonien deportiert; auch die Nonnen von Compiègne kamen damals unter die Guillotine. Die Revolution fraß bekanntlich auch ihre eigenen Kinder; nicht nur die gemäßigten Girondisten, sondern auch radikalere Revolutionäre wie Danton wurden wegen angeblicher Verschwörung gegen die Revolution hingerichtet. Ein Aufstand gegen die Revolutionsregierung in der Vendée wurde brutal niedergeschlagen. 1794 wurde Robespierre gestürzt und die Situation wurde ein bisschen weniger schlimm; 1799 übernahm Napoleon schließlich die Macht, brachte wieder ein bisschen Ordnung nach Frankreich, und überzog Europa mit Krieg.

Die Revolutionskriege begannen an sich schon 1792; der Kirchenstaat wurde erstmals 1796 besetzt, 1798 dann erneut; die Franzosen riefen in Rom die Republik aus und verschleppten den alten Papst nach Frankreich, wo er 1799 starb. Man nannte ihn spöttisch Pius den Letzten.

Dank österreichischer Hilfe konnte dennoch in Venedig ein Konklave zusammentreten, das 1800 einen Nachfolger, eben Pius VII., wählte. Barnaba Chiaramonti, wie er vorher hieß, war ein italienischer Benediktiner, Theologe und Bischof und galt als neutraler Kompromisskandidat. Beim französischen Italienfeldzug von 1797 hatte er die Italiener von nutzlosem Widerstand abhalten und die Franzosen an der Plünderung einer Stadt hindern können. In seiner Weihnachtspredigt im selben Jahr hatte er gesagt, dass die Demokratie mit dem Christentum vereinbar sei.

Natürlich hatte Pius VII. ebenso wie sein Vorgänger weiter mit der Bedrohung durch Napoleon zu kämpfen; zwar konnte er nach Rom kommen, aber mit der Wiederherstellung des Kirchenstaates sah es nicht so gut aus. Er versuchte, mit dem französischen Herrscher zurande zu kommen, schloß 1801 ein Konkordat mit ihm ab und kam 1804 zu seiner Kaiserkrönung. Aber schließlich, 1809, wurde auch er aus Rom entführt und zuerst nach Savona, dann nach Frankreich gebracht; auch in Gefangenschaft blieb er jedoch gegenüber Forderungen Napoleons fest. Erst 1814 konnte er nach Rom zurückkehren und nach dem Wiener Kongress 1815 wurde der Kirchenstaat wiederhergestellt. Pius gewährte Napoleons Familie dann übrigens Asyl in Rom. Sonst ist er z. B. noch dafür bekannt, dass er die Künste und die Archäologie förderte, den Sklavenhandel verurteilte, und vor allem natürlich dafür, dass er 1814 den 1773 aufgehobenen Jesuitenorden wieder zuließ. Er starb 1823; sein Seligsprechungsprozess läuft seit 2007; inzwischen hat er immerhin schon den Titel „Diener Gottes“ erhalten.)

 

Ich glaube fast, ich habe mit Pius VII. einen neuen Lieblingspapst – d. h. natürlich, neben Benedikt XVI., St. Johannes Paul II., Pius XII., Pius XI., Benedikt XV., St. Pius X., Leo XIII., St. Gregor dem Großen, St. Leo dem Großen, St. Petrus… äh, ja, also ich habe viele Lieblingspäpste. Pius VII. ist mir jedenfalls irgendwie echt sympathisch. Ach ja: Das Internet schreibt ihm übrigens auch noch das Zitat „We are prepared to go to the gates of hell – but no further“ (Wir sind bereit, bis zu den Pforten der Hölle zu gehen – aber nicht weiter) zu. Klingt doch auch passend! Ich hoffe, dass seine Heiligsprechung rasch vorankommt 😉

Die allumfassende Kirche, Teil 1: Geht zu allen Völkern

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Das griechische Wort „katholikos“, eingedeutscht katholisch, bedeutet „allumfassend“, auf Latein „universal“. Das mag seltsam erscheinen angesichts der Tatsache, dass die katholische Kirche im Allgemeinen als eine eher engstirnige Religionsgemeinschaft verschrien ist, die wiederverheiratete Geschiedene von der Kommunion ausschließt (!!!), immer noch (!!!) die Abendmahlsgemeinschaft mit den Protestanten ablehnt und im Allgemeinen kaum dem Zeitalter der Inquisition zu entkommen sein scheint, die ja nun wirklich alles abschlachtete, was nicht in ihr enges Weltbild passte. So weit, so falsch.

Kommen wir im ersten Teil dieser Reihe erst einmal zur Herkunft des Begriffs „katholisch“. Er erscheint (u. a.) schon im Glaubensbekenntnis des Konzils von Nicäa (325 n. Chr.) – das wir heute noch in jedem Gottesdienst sprechen – als Merkmal der Kirche. „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen“ usw. (Einige Protestanten haben daraus „heilige christliche Kirche“ gemacht, aber manche beten es auch noch im Original, und identifizieren dabei lediglich die katholische – universale – Kirche von damals nicht mit der katholischen Kirche von heute. Wir werden stattdessen zur „römischen Kirche“ deklariert.) In der erweiterten Version des Konzils von Konstantinopel 381 n. Chr., dem Nicäno-Konstantinopolitanum (man darf auch einfach Großes Glaubensbekenntnis dazu sagen), werden weitere Merkmale der Kirche genannt: Sie ist die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Eins: Denn Jesus hat eine einzige Kirche für die Seinen gestiftet; erst im Lauf der Zeit haben sich gegen seinen Willen einige Gruppen von ihr abgespalten, darunter z. B. Marcioniten, Arianer, Donatisten und andere verschwundene Sekten ebenso wie Kopten, Russisch-Orthodoxe, Lutheraner, Calvinisten, Baptisten oder Mennoniten. Heilig: Nicht weil alle Christen sich so vorbildlich aufführen, sondern weil die Kirche durch ihren Gründer geheiligt ist. Apostolisch: Weil sie auf die Apostel zurückgeht, deren Nachfolger die Bischöfe sind, eingesetzt durch eine unterbrochene Kette von Handauflegungen, d. h. Weihen. Katholisch, also universal: Weil sie die Gläubigen aller Völkern zusammenführt.

Das ist die ursprüngliche und hauptsächliche Bedeutung: Eine Kirche aller Völker und Nationen. Während im Alten Bund die Juden auf besondere Weise erwählt waren, wurde der neue Bund auf alle Völker ausgedehnt: Es zählte nicht mehr, ob man der Herkunft nach Jude, Grieche, Römer, Armenier, Äthiopier oder Alemanne war; was zählte, war nur die Zugehörigkeit zu Christus durch die Taufe. Das Heil kommt von den Juden, wie Jesus sagt (Johannes 4,22), aber es geht von ihnen aus zu allen Völkern. Schon im Alten Testament wurde diese Universalität von den Propheten angekündigt: „Ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken und komme, um die Völker aller Sprachen zusammenzurufen, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den übrigen Völkern: nach Tarschisch, Pul und Lud, Meschech und Rosch, Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, die noch nichts von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkünden. Sie werden aus allen Völkern eure Brüder als Opfergabe für den Herrn herbeiholen auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren, her zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem, spricht der Herr, so wie die Söhne Israels ihr Opfer in reinen Gefäßen zum Haus des Herrn bringen. Und auch aus ihnen werde ich Männer als Priester und Leviten auswählen, spricht der Herr.“ (Jesaja 66,18-21) „Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. So spricht der Herr, der Befreier Israels, sein Heiliger, zu dem tief verachteten Mann, dem Abscheu der Leute, dem Knecht der Tyrannen: Könige werden es sehen und sich erheben, Fürsten werfen sich nieder, um des Herrn willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.“ (Jesaja 49,6-7, aus dem „Zweiten Lied vom Gottesknecht“) Eine erste Erfüllung all dieser Prophezeiungen sehen wir archetypisch in den heidnischen Weisen aus dem Morgenland, die kamen, um das Jesuskind zu sehen, und die in der späteren Tradition nicht nur zu Königen, sondern auch zu Vertretern der drei bekannten Erdteile gemacht wurden: Asien, Afrika und Europa. Mit den Heiligen Drei Königen kommt die ganze Welt zum Gott Israels. Jesus trug seinen Aposteln auf: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ (Matthäus 28,19) Und Petrus erkannte: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apostelgeschichte 10,34-35)

Diese Universalität ist die ganze Kirchengeschichte über geblieben, und man sieht sie wunderbar, wenn man sich einfach mal irgendein Foto vom Weltjugendtag anschaut. Alle schwenken dort ihre Fahnen, alle kommen aus ihren Ländern und bringen ihre Kulturen mit, aber alle kommen im selben Glauben zusammen, der ihre Länder und Kulturen überschreitet. Ich konnte leider =((( nicht dabei sein und die Abschlussmesse auf dem Campus Misericordiae nur am Fernseher verfolgen, aber auch so war es ein wahnsinnig toller Eindruck: Zwei Millionen Menschen von überall auf der Welt, die in Polen unter einem in Rom residierenden Argentinier zusammenkommen, um den Glauben an den jüdischen Messias zu feiern, und sich am Ende schon auf ihr nächstes Treffen in Panama freuen. Dasselbe Mischmasch kann man auch in Rom oder Lourdes oder Santiago de Compostela sehen; eben an allen für die katholische Kirche bedeutsamen Orten. Ihr Glaube ist eben universal.

Es ist ganz logisch, dass die katholische Minderheit im Deutschen Reich des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, dieser Hochphase des Nationalismus, so unbeliebt war; sie galt vor allem Reichskanzler Bismarck als national unzuverlässig, als „ultramontan“ (lateinisch: ultra montes = über die Berge), da sie einen ausländischen Potentaten jenseits der Alpen als Oberhaupt (eigentlich stellvertretendes Oberhaupt, s. hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/die-stellvertreter-denethor-und-faramir/…) anerkannte, der sich 1870 beim Ersten Vatikanischen Konzil jetzt auch noch als unfehlbar deklarieren ließ. Bismarcks Maßnahmen (u. a.): Der Staat hat die Ausbildung der Amtsträger dieser staatsgefährdenden religiösen Fundamentalisten zu regeln und zu überwachen; der Einfluss auf die deutschen Schulen wird ihnen genommen; wer von ihren Geistlichen mit seinen Predigten die öffentliche Ordnung stört, kommt in Festungshaft. Antikatholizismus war damals in Deutschland/Preußen übrigens nicht nur eine Sache der staatlichen Obrigkeit, sondern galt beinahe als gesellschaftlicher Grundkonsens; antikatholische Vorurteile wurden nicht nur in Schauerromanen à la Dan Brown verbreitet (eine sehr schöne Erläuterung eines Beispiels findet sich hier: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2016/04/der-seltsame-fall-der-eingekerkerten.html), sondern führten in einzelnen Fällen auch zu konkreter Gewalt (https://de.wikipedia.org/wiki/Moabiter_Klostersturm). Die Jesuiten galten im Lauf ihrer Geschichte den meisten Staaten als besonders suspekt – weshalb sie auch irgendwann aus den meisten Staaten ausgewiesen wurden, nicht nur 1872 aus dem Deutschen Kaiserreich, sondern auch bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus den katholischen Königreichen Spanien, Frankreich und Portugal –, da sie als viertes Ordensgelübde besonderen Gehorsam dem Papst gegenüber schworen. Lauter ausländische Spione, nicht landestreu genug. Und was ist heute, wo der Nationalismus allgemein als iiihh-baaahh gilt? Oh, heute beschwert man sich über die indischen, afrikanischen und polnischen „Import-Priester“, die unseren Priestermangel auch nicht lösen könnten. (Klar. Wenn man nicht genügend Fachkräfte hat, kann es auf keinen Fall helfen, sie sich aus dem Ausland zu holen.) Wir brauchen schließlich keine Missionare aus solchen zurückgebliebenen Erdteilen, wir haben hier ja unser eigenes Christentum.

In ziemlich vielen christlichen Ländern – in Frankreich, im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bzw. Deutschem Reich, in Österreich, in den spanischen Niederlanden (heute Belgien), in England usw. – gab es im Lauf der Geschichte mehr oder weniger konsequent durchgezogene Versuche, die Kirche unabhängiger, nationaler zu machen. Unbewusst oder bewusst stellte man immer die eigenen Gesetze, Bräuche und Gewohnheiten über das Verbindend-Menschliche; man vergaß oder ignorierte ganz einfach, dass, wenn man die Gleichheit aller Menschen annimmt, die wahre Religion für alle Menschen dieselbe sein muss, auch wenn sie sich in jeder Kultur anders ausdrücken kann und ausdrückt.

Während Frankreich jahrhundertelang mit nationalen Sonderrechten der französischen Kirche („gallikanischen Freiheiten“) flirtete, sich aber trotzdem bis zur Revolution, in deren noch nicht dezidiert antichristlicher Frühphase die Kleriker zu Staatsdienern mit Eid auf die Verfassung gemacht werden sollten, eigentlich nicht vom Papst lossagen wollte, war England – oder zumindest die Machthaber Englands in einer bestimmten Epoche – schon früh konsequent: Die Church of England wurde gegründet; schon ihrem Namen nach eine englische Nationalkirche, keine Kirche aller Völker und Sprachen. Wie unsinnig eine solche Idee ist, erkannte u. a. auch Robert Hugh Benson (1871-1914), ein anglikanischer Kleriker und Sohn des kürzlich verstorbenen anglikanischen Erzbischofs von Canterbury, als er sich im Jahr 1896 aus gesundheitlichen Gründen auf eine Reise nach Ägypten und ins Heilige Land begab:

 

First, I believe, my contentment with the Church of England suffered a certain shock by my perceiving what a very small and unimportant affair the Anglican Communion really was. There we were, travelling through France and Italy down to Venice, seeing in passing church after church whose worshippers knew nothing of us, or of our claims. I had often been abroad before, but never since I had formally identified myself with the official side of the Church of England. Now I looked at things through more professional eyes, and behold! we were nowhere. […] We arrived at Luxor at last, and found the usual hotel chaplain in possession; and I occasionally assisted him in the services. But it was all terribly isolated and provincial. […]

 This growing discomfort was brought to a point one day when I was riding in the village by myself and went, purely by a caprice, into the little Catholic church there. It stood among the mud-houses; there was no atmosphere of any European protection about it, and it had a singularly uninviting interior. There was in it a quantity of muslin and crimped paper and spangles. But I believe now that it was in there that for the first time anything resembling explicit Catholic faith stirred itself within me. The church was so obviously a part of the village life; it was on a level with the Arab houses; it was open; it was exactly like every other Catholic church, apart from its artistic shortcomings. It was not in the least an appendage to European life, carried about (like an India rubber bath), for the sake of personal comfort and the sense of familiarity. […] A national church seemed a poor affair abroad. […]

 As I came back alone through Jerusalem and the Holy Land, my discomfort increased. Here again, in the birthplace of Christendom, we seemed less than nothing. […]

 In all the churches it was the same. Every eastern heretical and schismatical sect imaginable took its turn at the altar of the Holy Sepulchre, for each had at least the respectability of some centuries behind it, – some sort of historical continuity. I saw strange, uncough rites in Bethlehem. But the Anglican Church, which I had been accustomed to think of as the sound core of a rotten tree, this had no privileges anywhere; it was as if it did not exist; or, rather, it was recognised and treated by the rest of Christendom purely as a Protestant sect of recent origin.”

 

(Als erstes, denke ich, erlitt meine Zufriedenheit mit der Kirche von England einen gewissen Schock, als ich wahrnahm, was für eine kleine und unwichtige Sache die anglikanische Gemeinschaft wirklich war. Da waren wir, auf der Reise durch Frankreich und Italien hinunter nach Venedig, und sahen dabei Kirche um Kirche, deren Gläubige nichts von uns wussten, oder von unseren Ansprüchen. Ich war vorher oft im Ausland gewesen, aber nie, seitdem ich mich förmlich mit der offiziellen Seite der Kirche von England identifiziert hatte. Nun betrachtete ich die Dinge mit professionelleren Augen und siehe! wir waren nirgends. […] Wir kamen schließlich in Luxor an, und fanden den üblichen Hotelkaplan zur Stelle; und ich assistierte ihm gelegentlich in den Gottesdiensten. Aber es war alles furchtbar isoliert und provinziell. […]

Dieses wachsende Unbehagen wurde eines Tages zu einem Höhepunkt gebracht, als ich allein durch das Dorf ritt und, rein aus einer Laune heraus, in die kleine katholische Kirche dort ging. Sie stand zwischen den Lehmhäusern; da war keine Atmosphäre irgendeines europäischen Schutzes an ihr, und sie hatte ein einzigartiges uneinladendes Inneres. Da war eine Menge Musselin und Krüll und Flitter. Aber ich glaube jetzt, dass es dort drinnen war, dass zum ersten Mal etwas, das ausdrücklich katholischem Glauben ähnelte, sich in mir regte. Die Kirche war so offensichtlich ein Teil des Dorflebens; sie war auf einer Höhe mit den arabischen Häusern; sie war offen; sie war genau wie jede andere katholische Kirche, abgesehen von ihren künstlerischen Mängeln. Sie war nicht im geringsten ein Anhängsel an das europäische Leben, das man (wie eine ausklappbare Badewanne aus Gummi) zum Zweck des persönlichen Komforts und des Gefühls der Vertrautheit mit sich herumträgt. […] Eine Nationalkirche schien im Ausland eine armselige Sache zu sein. […]

 Als ich allein über Jerusalem und das Heilige Land zurückkehrte, wurde mein Unbehagen größer. Hier wieder, an der Geburtsstätte des Christentum, schienen wir weniger als nichts. […]

 In allen Kirchen war es das Gleiche. Jede vorstellbare östliche häretische und schismatische Sekte kam am Altar der Grabeskirche an die Reihe, denn jede hatte zumindest die Achtbarkeit einiger Jahrhunderte hinter sich – irgendeine Art von historischer Kontinuität. Ich sah seltsame, grobe Riten in Bethlehem. Aber die Anglikanische Kirche, von der ich gewohnt gewesen war, sie mir als den gesunden Kern eines verrotteten Baumes vorzustellen, diese hatte nirgendwo Privilegien; es war, als existierte sie nicht; oder, eher, sie wurde vom Rest der Christenheit erkannt als und behandelt wie eine reine protestantische Sekte neueren Ursprungs.“)

 

Diese Zeilen wurden einige Jahre nach diesen Erlebnissen in einem Buch mit dem Titel „Confessions of a convert“ (Bekenntnisse eines Konvertiten) geschrieben, nachdem Benson zur katholischen Kirche übergetreten und zum katholischen Priester geweiht worden war. (Er wurde übrigens einer der bekanntesten katholischen Schriftsteller seiner Zeit, und Papst Franziskus hat einen seiner Romane („Der Herr der Welt“) einmal in einer Predigt empfohlen. Das nur nebenbei.)

In der Tat: Eine Nationalkirche scheint im Ausland eine armselige Sache zu sein. Und doch tappen wir heutzutage oft in genau diese Falle, die Nation höher zu bewerten als die Religion; nur heißt es bei uns inzwischen nicht offiziell „unsere Nation“, sondern „unsere Grundwerte“, oder „unsere Verfassung“ oder „unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung“ oder „unsere aufgeklärte Gesellschaftsordnung“. Vor kurzem erst war ganz Deutschland geschockt darüber, dass für die Hälfte der Türken, ja, ja, Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (oder waren’s die Muslime allgemein? Ach, keine Ahnung), die Regeln der Religion über dem Grundgesetz stehen. Wieso eigentlich? Was ist schlimm daran, wenn die Gesetze des Gottes, der die ganze Welt erschaffen hat, einem Menschen mehr bedeuten als die Gesetze, die sich vor ein paar Jahrzehnten ein paar Männer in irgendeinem kleinen Teil der Erde ausgedacht haben, in dem er nun mal zufällig lebt? Auch für mich als Katholikin ist Gott wichtiger als deutsche Gesetze. Die meisten jetzigen deutschen Gesetze sind meiner Meinung nach zufällig ganz gut (offensichtliche Ausnahmen gibt es), aber spekulieren wir mal, wenn ein zukünftiges Gesetz mir verbieten wollen würde, dem Gesetz meiner Religion zu folgen, sonntags in die Messe zu gehen – na ja, dann wäre für mich ziemlich klar, welchem Gesetz ich folgen würde und welchem nicht. Wieso sollte es also eine Muslima beeindrucken, wenn ein Gesetz ihr das Tragen eines Kopftuchs oder eines Burkini verbieten will? Das Gewissen des Einzelnen darf sich gar nicht nur auf menschengemachte Gesetze berufen – und jede Verfassung ist ein menschengemachtes Gesetz – sondern es muss auf die ewiggültigen Regeln schauen, von denen die obersten (im Christentum zumindest) Gottes- und Nächstenliebe sind. Sicher hält man die Gesetze normalerweise ein, vor allem wenn sie einigermaßen im Einklang mit den moralischen Regeln stehen oder ihnen zumindest nicht völlig zuwiderlaufen, aber wenn es zu einem wirklichen Konflikt zwischen Gewissen und Gesetz kommt, dann hat man das Gewissen zu wählen. Deshalb sind Franz Jägerstätter oder Franz Reinisch in der Nazizeit als Militärdienstverweigerer hingerichtet worden: Weil diese beiden Christen (Reinisch war übrigens Priester) ihrem Gewissen, ihrer Religion mehr gehorcht haben als den staatlichen Gesetzen. Es ist wohl kein Zufall, dass die einzige christliche Gruppe der deutschen Geschichte, die sich den Titel „deutsche Christen“ gab, eine Gruppe war, die innerhalb der evangelischen Kirche die Naziideologie durchsetzen wollte.

Wir von der katholischen Kirche sind keine deutschen oder englischen oder französischen Christen. Wir sind katholische, d. h. universale, Christen. Punkt.