Wieso kein Frauenpriestertum?

Und sie können es nicht lassen: In den letzten fünfzig oder sechzig Jahren hatten wir offenbar noch nicht genug davon, also findet gerade wieder mal eine Protestaktion für Priesterinnen in der katholischen Kirche statt, die sich mit größerer Hybris als üblich „Maria 2.0“ nennt: Verbessern wir doch einfach mal die Gottesmutter. Darauf ließe sich knapp mit einem Zitat der realen Maria antworten: „Er [Gott] zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.“ Auch die Strategie ist blasphemischer als üblich: Man boykottiert Mariens Sohn und ruft zur schweren Sünde auf, nämlich dem Fernbleiben von der sonntäglichen Eucharistie und damit von Jesus. Damit zeigt man es dem bösen Klerus aber mal.

Man könnte jetzt darüber lästern, dass die Grüppchen, die sich diese Woche vor ein paar Kirchentüren im Lande versammelt haben und ihre Sonntagspflicht verletzen, hauptsächlich aus Frauen über 60 zu bestehen scheinen, aber man soll ja nicht schadenfroh sein. Und man muss zugeben, dass auch die meisten jüngeren Frauen in Deutschland, wenn man sie fragen würde, meinen würden, die Kirche sollte Priesterinnen zulassen; der Unterschied ist freilich, dass die sich nicht mehr für die Kirche und kircheninterne Streiks interessieren und auch nicht kommen würden, wenn die Kirche Priesterinnen zulassen würde – was zu einem nicht geringen Teil das Verdienst der älteren Damen (und Herren) sein könnte, die für Priesterinnen werben. Wenn etliche Katholikinnen selbst ihr Bestes dazu tun, die Kirche als völlig auf dem Holzweg darzustellen, muss man nicht damit rechnen, dass man ihr viele neue Anhängerinnen bringt.

Screenshot (143)

Aber: Wieso jetzt eigentlich keine Frauen als katholische Priesterinnen? Das Thema kommt ja immer wieder auf; und ich habe früher auch nicht verstanden, wieso eigentlich nicht. (Woran, wie gesagt, diese ältere Generation in der Kirche schuld war, die einem keinen Katholizismus beibringt.)

Die einfachste und prinzipiell ausreichende Antwort darauf ist, dass Jesus es nicht wollte. Er hat in den Kreis der Zwölf nur Männer berufen; nicht eine einzige Frau unter Zwölf, was Er gekonnt hätte (Er hielt sich nicht immer an gesellschaftliche Konventionen, und auch damals gab es in anderen Kulten Priesterinnen); auch die Apostel haben nirgendwo Frauen als ihre Nachfolger eingesetzt. Jesus ist Gott; was Gott tut, ist richtig; wir haben Gott zu folgen. Außerdem wurde von der Kirche bereits wiederholt festgestellt und bestätigt, dass die Lehre vom ausschließlich männlichen Priestertum unveränderlich und als „zum Glaubensgut gehörend“ zu betrachten ist, also von jedem Katholiken angenommen werden muss; und auf die von Jesus eingesetzte Kirche vertrauen wir.

So weit, so gut; aber alles, was Gott tut, muss auch einen Grund haben, muss aus irgendeinem Grund notwendig oder zumindest angemessen sein. Und da kann man weiter suchen.

Grundsätzlich gilt zunächst, dass Priester nach katholischer Vorstellung vom Priesteramt eben nicht nur eine Gemeinde organisieren und Predigten halten, sondern dass sie vor allem Christus, das Haupt der Kirche, in heiligen Riten (v. a. der Eucharistie) repräsentieren, in denen Er durch sie handelt. Es gab im Lauf der Geschichte viele Kulte mit Priesterinnen; aber das waren dann normalerweise Priesterinnen einer als weiblich gedachten Gottheit.

Aber wieso denn keine weiblich gedachte Gottheit?, könnte man einwenden. Gott steht über der menschlichen Geschlechterpolarität, Er ist weder männlich noch weiblich. Wieso Ihn also nicht auch „Sie“, „Göttin“, „Mutter“ nennen?

Aus einem einfachen Grund: Er hat sich in männlicher Form zu erkennen gegeben, uns angewiesen, Ihn „Vater“ (und nicht „Mutter“) zu nennen, und ist als Mann Mensch geworden – Priester handeln in persona Christi, in der Person Christi, eines Mannes. Gott wird in der Bibel an ein paar vereinzelten Stellen mit einer Mutter verglichen, aber nie so angesprochen. Das hat auch seine Gründe: Der Glaube an Muttergottheiten hat immer etwas Pantheistisches (man denkt an die Erde, die das Leben gebiert), während das Bild des Vatergottes besser zu einem außerhalb der Welt stehenden Schöpfer passt, an den Christen glauben. Es ist wichtig, in welchen Bildern und Begriffen man von Gott spricht.

Wenn das ausschließlich männliche Priestertum verteidigt wird, wird oft der Vergleich herangezogen, dass Männer auch nicht schwanger werden könnten, so wenig, wie Frauen Priester werden könnten, was auch keine Diskriminierung der Männer durch den Schöpfer von Mann und Frau sei. Dagegen könnte man einwenden, dass Männer zwar keine so zentrale Rolle beim Kinderkriegen spielen wie Frauen und keine so ursprüngliche, intime Bindung zu ihren Kindern haben wie sie, aber trotzdem eine ziemlich wichtige komplementäre Rolle: Zu jeder Mutter braucht es einen Vater. Gibt es eine ergänzende Rolle für Frauen zu den männlichen Priestern?

Es gibt tatsächlich eine: Die geweihte Jungfrau. „Die geweihte Jungfrau (virgo consecrata) ist vor allem Braut Christi (sponsa Christi). Dies ist der Kern des Weihegebetes. (…) Durch ihre Weihe wird die geweihte Jungfrau zu einem Zeichen, das auf die bräutliche und unzertrennliche Liebe der Kirche zu Christus hinweist.“ (Quelle hier.) Der Priester vertritt also Christus; die geweihte Jungfrau repräsentiert die Kirche, die Braut Christi. Geweihte Jungfrau können tatsächlich nur Frauen werden. (Auf eine gewisse Weise kann und soll natürlich jeder Christ beide Rollen verkörpern: In uns soll Christus gegenüber anderen lebendig werden und wir sagen andererseits auch alle als Glieder der Kirche zu Christus: „Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, / mein König und mein Bräutigam, / du hältst mein Herz gefangen. […] Er hat mich ganz sich angetraut, er ist nun mein, ich seine Braut; drum mich auch nichts betrübet.“)

Es ist natürlich für beide Geschlechter möglich, in einer Ordensgemeinschaft oder als Privatgelübde ein Gelübde der ehelosen Keuschheit (und evtl. die weiteren Gelübde der Armut und des Gehorsams) abzulegen; das ist aber unterschieden von der Jungfrauenweihe. Übrigens besteht ein weiterer Unterschied zwischen den Nonnen & Frauen mit Privatgelübden und den vom Bischof geweihten Jungfrauen darin, dass die geweihten Jungfrauen tatsächlich Jungfrauen sein müssen – also niemals freiwillig Sex gehabt haben oder (nach den neuen Statuten) zumindest „niemals eine Ehe eingegangen sind und auch nicht offenkundig ein dem jungfräulichen Stand widersprechendes Leben geführt haben“ (was auch immer genau das heißen soll) –  während auch Witwen oder reuige ehemals promiskuitive Frauen als Nonnen in einen Orden eintreten oder Privatgelübde ablegen können: Bei geweihten Jungfrauen steht ihre symbolische Bedeutung mehr im Vordergrund, sie repräsentieren die gesamte Kirche, von der Paulus schreibt „ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen“ (2 Korinther 11,2). „Die Lebensform der geweihten Jungfrau ist zu verstehen als Zeichen für die virgo ecclesia, die dem kommenden Herrn auf Erden betend und ihn bezeugend entgegenharrt und sich für ihren Bräutigam bewusst bereitet.“ (Quelle hier.)

(Barna da Siena, Mystische Hochzeit der hl. Katharina von Siena. Gemeinfrei.)

Witzigerweise gab es tatsächlich einmal jemanden, der es den geweihten Jungfrauen neidete, dass sie eine Position hatten, die Männern nicht offen stand: den etwas überheblichen und etwas frauenfeindlichen antiken Theologen (und gegen Ende seines Lebens zu den Montanisten übergegangenen Ketzer) Tertullian (gest. nach 220 n. Chr.), der folgendes über die in der Kirche besonders geehrten geweihten Jungfrauen schrieb (er argumentiert an dieser Stelle dafür, dass die geweihten Jungfrauen ebenso wie die anderen Frauen in der Kirche Kopftücher tragen sollen, um nicht ihre Position zur Schau zu stellen):

„Es ist schon hart genug, dass die Weibsleute, die doch in allem den Männern untergeordnet sind, ein ehrendes Kennzeichen ihrer Jungfrauschaft zur Schau tragen, um dessentwillen sie von den Brüdern hochgeachtet, geehrt und verherrlicht werden, während so viele jungfräuliche Männer, so viele freiwillig Verschnittene einhergehen, ohne dass ihr Vorzug bemerkbar wäre, indem sie nichts tragen, was sie auszeichnete. Sie sollten doch auch irgend welche Abzeichen für sich in Anspruch nehmen, entweder die Federbüsche der Garamanten, die Kopfbinden der Barbaren, die Cicaden der Athener, die Haarbüschel der Deutschen, die Tätowierungen der Bretonen, oder im Gegenteil, sie sollten sich mit verschleiertem Haupte in der Kirche verbergen. Wir sind überzeugt, dass der h. Geist den jungfräulichen Männern Zugeständnisse der Art viel eher hätte machen können, wenn er sie den Weibern gemacht hätte, da den Männern, abgesehen von dem höhern Ansehen ihres Geschlechtes, auch um der Enthaltsamkeit selbst willen höhere Ehre gebührt hätte. Je stärkere und brennendere Begierde dieses Geschlecht gegen die Weiber empfindet, desto schwieriger ist die Beherrschung des heftigeren Triebes, und desto mehr jeder Auszeichnung würdig, wenn die Schaustellung der Jungfräulichkeit überhaupt etwas würdiges ist. […] Wie wäre es also möglich, dass Gott nicht viel eher den Männern etwas derartiges als Auszeichnung zugebilligt haben sollte, schon weil sie ihm als sein Ebenbild näher stehen und weil sie sich mehr angestrengt haben. Wenn er aber dem Manne nichts zugebilligt hat, dann der Frau noch viel weniger.“ (Über die Verschleierung der Jungfrauen, 10. Kapitel)

Schön, könnte man einwenden, es gibt also eine entsprechende Position für Frauen. Aber geweihte Jungfrauen haben in der Kirche weniger Einfluss als Priester. Sie haben kein Amt, keinen bestimmten Beruf in der Kirche, arbeiten oft weiter in einem zivilen Beruf. Und auch Nonnen haben oft weniger Macht als Priester, zumindest aber weniger als Bischöfe.

Das Priesteramt beinhaltet schließlich auch nicht nur die Feier der Eucharistie in persona Christi; die Aufgabe des Klerus ist es, in persona Christi das Volk der Kirche 1) zu lehren, 2) zu leiten und 3) zu heiligen. An allen diesen Aufgaben haben Laien mehr am Rand und ausnahmsweise und dann, wenn der Klerus Aufgaben an sie delegiert, Anteil, nicht nur an Nr. 3). (Ihre eigenen Aufgaben haben sie in der Welt.)

Lehren: Offizielle Lehrentscheidungen treffen können nur die Bischöfe und v. a. der Papst, in der Messe predigen nur Bischöfe, Priester und Diakone, auch wenn Laien Religionslehrer, Theologieprofessoren oder Katecheten sein können.

Leiten: Eine Diözese wird immer vom Bischof geleitet, auch wenn er Laien als Mitarbeiter in der Verwaltung haben kann. Auch eine Pfarrei wird, außer bei extremem Priestermangel, von einem Priester geleitet.

Heiligen: Die Eucharistie feiern, die Beichte abnehmen, die Firmung spenden etc. können nur Kleriker; auch wenn Laien Nottaufen vornehmen (z. B. bei einem Todkranken), einen Wortgottesdienst leiten, beim Rosenkranz vorbeten können.

Wenn also die Priester nur aus den Männern ausgewählt werden, haben Frauen auch an Lehre & Leitung weniger Anteil. Und dass auch das Lehren & Leiten vom Klerus ausgeht, gehört zur Grundstruktur der Kirche.

Auf das Machtargument wird gerne – und völlig richtig – geantwortet, dass es in der Kirche nicht um Macht zu gehen habe, sondern ums Dienen. Wer Macht wolle, sei dafür nicht geeignet. Außerdem ist das Priesteramt nicht gedacht als vorteilhafte Stellung, sondern als aufopferungsvoller Dienst; Priestersein ist auch eine stressige und fordernde Aufgabe, und bringt vor allem viel Verantwortung mit sich. Vor dem Richterstuhl des Herrn werden Priester strenger beurteilt werden als Laien. So wie (um an einen Vergleich von oben zu erinnern) Mütter zwar eine engere Bindung zu ihren Kindern haben als Väter, haben sie es beim Kinderkriegen auch schwerer; dafür haben Priester, die in der Kirche mehr zu sagen haben, es auch schwerer als geweihte Jungfrauen.

Die Befürworter des Frauenpriestertums könnten auf dieses Argument hin sagen, dass es ihnen nicht um Macht, sondern um Gerechtigkeit ginge: Die Kirche sollte nicht einfach eine Gruppe vom Priesteramt ausschließen; sie sollte z. B. genauso wenig wie alle Frauen alle Rothaarigen vom Priesteramt ausschließen. Oder anders formuliert: Sie würden vermutlich sagen, dass der Wunsch nach einer anderen Verteilung von Macht (da Macht nun mal vorhanden ist und irgendjemand sie ausüben muss) nicht aus persönlicher Machtgier, sondern aus Gerechtigkeitssinn komme.

In dieser Argumentation liegt aber ein einfacher Denkfehler, der aus der neuzeitlichen Politik kommt: Die Vorstellung, dass Herrschaft, an der die Beherrschten nicht alle gleichen Anteil und gleiche Mitwirkungsmöglichkeiten hätten, grundsätzlich ungerecht und tyrannisch sein müsse. Wer so denkt, geht z. B. auch davon aus, dass die Erbmonarchie prinzipiell eine illegitime Regierungsform sei; was sie allerdings nach der Lehre der Kirche nicht ist (genauso wenig wie die Wahlmonarchie oder der Parlamentarismus u. Ä.).

Eine reine Demokratie ist auch in der Politik allein schon nirgends möglich. Auch da, wo Wahlen stattfinden, wird nur zwischen wenigen Kandidaten ausgewählt, von denen vielleicht alle sehr unbeliebt sind; die Ämterstruktur ist schon vorher festgelegt und wird nicht einfach verändert; nach der Wahl entscheiden die Gewählten in den nächsten Jahren allein und bieten vielleicht auch ihren Wählern böse Überraschungen; und selbst bei den seltenen Volksabstimmungen hat man nicht einfach „den Willen des Volkes“ vor sich, weil immer viele Wähler schlecht informiert sein werden, über welche konkreten Änderungen sie abstimmen, und vielleicht anders abstimmen würden, wenn sie informiert wären, und weil den Wählern auch nur wenige Möglichkeiten zur Auswahl gestellt werden. Es entscheidet auch niemand, in welchem Land mit welcher Verfassung er geboren wird. Kurz gesagt: „Alle Macht geht vom Volk aus“ ist eine Illusion.

Und sie ist eine Illusion, die man eigentlich nicht nötig hätte: Macht kann auch anständig ausgeübt werden, wenn jemand nicht den Rückhalt (einer Mehrheit) des Volkes hat oder nicht jeder die Möglichkeit hätte, ebenfalls auf seinen Posten zu gelangen. Auch in der Politik gibt es Menschen, die kein aktives und passives Wahlrecht haben (Kinder; geistig Behinderte; Demente; ansässige Ausländer) oder die keine reale Chance haben, selber auf einen mächtigen Posten zu kommen (schwer chronisch Kranke, Menschen ohne Schulabschluss, Analphabeten, Obdachlose). Der Demokratismus müsste davon ausgehen, dass alle diese Gruppen zwangsläufig unterdrückt werden müssen; das werden sie aber nicht.

Da heutzutage niemand mehr Vergleiche und Gleichsetzungen auseinander halten kann: Ich sage nicht „Frauen = Demente/Kinder“; ich mache an einem Vergleich deutlich, dass eine Gruppe nicht zwangsläufig unterdrückt sein muss, wenn sie nicht in Machtpositionen vertreten ist.

Es entspricht der Natur der Menschen, die zusammenleben, dass irgendjemand (bzw. mehrere) das Sagen haben muss; und um sicherzustellen, dass diese Macht nicht falsch verwendet wird, ist anderes entscheidend als ein allgemeines passives Wahlrecht. (Übrigens können Machthaber gerade dann, wenn sie meinen, sie hätten ihre Position nur durch ihre eigenen überlegenen Fähigkeiten erreicht, da angeblich alle anderen dieselben Chancen gehabt hätten, sie zu erreichen, sehr überheblich werden, was für ihre Untergebenen nicht angenehm ist. Das klingt vielleicht wie eine Abschweifung, aber es ist m. E. wichtig, es zu betonen: Die Kirche ist keine Meritokratie und der Bischof muss nicht der klügste Theologe oder der größte Heilige sein; dass es auch kluge Menschen und Heilige außerhalb des Klerus gibt, und man nicht so tut, als müssten alle klugen Theologen oder heiligmäßigen Christen Kleriker werden, bewahrt auch den Klerus vor Anmaßung.)

Die Kirche ist keine Demokratie; und damit ist sie keine Diktatur. Wenn Gott entschieden hätte, alle Rothaarigen vom Priesteramt auszuschließen, hätte er auch dazu das Recht gehabt. Die Kirche hat ihre Verfassung von Gott, der auch „monarchisch“ über die Welt regiert. Eine untergeordnete Position ist nichts Schlimmes, und zu gehorchen völlig in Ordnung. Darüber hat aber vor einiger Zeit Pater Edmund Waldstein OCist (hauptsächlich mit Bezug auf den politischen Bereich) besser geschrieben.

Mir ist schon klar, dass diese Argumentation von der Gegenseite vermutlich als propagandistische Rechtfertigung unterdrückerischer Machtstrukturen wahrgenommen werden wird (die bei einer Frau wie mir nur von internalisierter Misogynie (oder was auch immer) kommen kann). Aber dass das so wahrgenommen wird, liegt ja nur an der Propaganda des Liberalismus und Demokratismus, mit der die heutigen Machthaber einen zudröhnen (ich will nicht sagen, dass sie sie verwenden, um zu verschleiern, dass sie selbst Machthaber mit an sich „undemokratischer“ Legitimation sind, denn sie glauben ja i. d. R. wirklich, was sie sagen). Man sollte sich mal ernsthaft fragen: Würde eine Welt funktionieren, in der (in der Praxis, nicht in der Theorie!) von niemandem erwartet werden würde, sich Autoritäten zu unterwerfen, deren Vorhandensein und deren Regeln er nicht vorher zugestimmt hat? Natürlich würde sie das nicht. Hier sieht man schon einen Grundfehler des Liberalismus und Demokratismus.

Und sich zu beschweren, dass man nicht Priesterin werden kann ist eben letztlich genauso sinnlos wie die Beschwerde, dass man nicht englische Königin werden kann.

Vielleicht gäbe es noch weitere Angemessenheitsgründe für diese Lehre der Kirche; das hier waren nur ein paar Stichpunkte, die man nennen könnte, um auf die Vorwürfe der Gegner zu antworten.

Die Päpstin, Teil 8: Historischer Hintergrund und Fazit

Am Ende des Buches finden sich ein kurzer Text mit der Überschrift „Anmerkungen der Verfasserin: Gab es Päpstin Johanna?“ und ein paar Seiten mit FAQ von Lesern und Anregungen für Lesekreise. Dieser Anhang ist so herrlich blöd, dass ich ihn meinen Lesern nicht ganz vorenthalten wollte. In dem Nachwort bringt die Autorin es eigentlich schon so gut fertig, sich selbst zu widersprechen, dass man gar nicht mehr unbedingt eigens nach Informationen suchen muss, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass Johanna nicht existiert hat (dazu trotzdem unten noch etwas mehr). So schreibt sie zum Beispiel:

„Die katholische Kirche führt derzeit zwei grundsätzliche Argumente ins Feld, die angeblich gegen Johannas Papstamt sprechen: zum einen das Fehlen jeglicher Erwähnung Johannas in zeitgenössischen Dokumenten, zum anderen der angebliche Mangel an ausreichendem zeitlichem Spielraum, um Johannas Pontifikat zwischen dem Ende der Amtszeit ihres Vorgängers, Papst Leo IV., und dem Beginn der Amtszeit ihres Nachfolgers, Papst Benedikt III., ‚unterzubringen’.

Diese Argumente sind jedoch alles andere als schlüssig. Es kann kaum verwundern, daß Johannas Name in keinem zeitgenössischen Dokument erscheint, wenn man bedenkt, wieviel Zeit der Kirche zur Verfügung stand – und wieviel Energie sie darauf verwendet hat – jeden Hinweis auf Päpstin Johanna zu verwischen.“ (S. 556)

Okay, die böse Kirche hat also alles vertuscht, gut. Und woher wissen wir dann von Johanna? Na, von der bösen Kirche, woher sonst. Zwei Seiten später heißt es:

„Heute wird Johanna von der katholischen Kirche als ‚Erfindung’  protestantischer Reformer betrachtet, die darauf bedacht gewesen seien, die papistische Korruption zu enthüllen. Doch Johannas Geschichte wurde bereits Jahrhunderte vor Martin Luthers Geburt niedergeschrieben. Außerdem waren die meisten Chronisten Johannas Katholiken, die hohe Ämter in der kirchlichen Hierarchie innehatten. Johannas Geschichte wurde sogar in einigen ‚offiziellen’ Geschichtswerken über die Päpste aufgeführt. (…)

Ein weiteres stichhaltiges historisches Beweisstück wurde in den Akten des ausführlich dokumentierten Prozesses gefunden, der 1413 wegen Ketzerei gegen Johannes Hus geführt wurde. Hus wurde verurteilt, weil er die häretische Lehre gepredigt hatte, der Papst sei nicht unfehlbar. Zu seiner Verteidigung führte Hus eine Vielzahl von Beispielen an, da Päpste gesündigt oder Verbrechen gegen die Kirche begangen hatten. Jede dieser Klagen wurde von Hus’ Richtern – allesamt Kirchenmänner – in allen Einzelheiten beleuchtet, als unrichtig zurückgewiesen und als ketzerisch abgestempelt. Nur eine der Aussagen Hus’ wurde akzeptiert: ‚Päpste sind viele Male der Sünde und dem Irrtum anheimgefallen, so zum Beispiel, als Johanna zum Papst gewählt wurde, obwohl sie eine Frau war.’ Kein einziger der 28 Kardinäle, 4 Patriarchen, 30 Metropoliten, 206 Bischöfe und 440 Theologen hat Hus dieser Aussage wegen der Lüge oder Blasphemie beschuldigt.“ (S. 559)

Und was sagt uns das? Dass die Kirche nie einen Grund hatte, eine Päpstin Johanna vertuschen zu wollen.

Es ist ganz einfach: Wenn es jemals eine Päpstin gegeben hätte, hätten wir eben einen Gegenpapst mehr in der Liste der Gegenpäpste. Dann gäbe es eben neben den ca. 40 falschen Anwärtern auf den Papstthron, die es im Lauf der Geschichte gegeben hat, noch eine falsche Anwärterin. Ihre Weihe wäre ungültig gewesen, und der Stuhl Petri wäre während ihres Pontifikats vakant gewesen. Das ist etwas, das theoretisch durchaus vorkommen kann. Im Spätmittelalter glaubte man an die Legende, weil es keinen theologischen Grund gab, nicht an sie zu glauben; allerdings gibt es gute historische Gründe, es nicht zu tun, die wir heute besser kennen als die Leute im Spätmittelalter.

(Die Niederkunft der Päpstin in einem Holzschnitt von Jakob Kallenberg, Illustration zu einer Ausgabe von Boccaccios „De claris mulieribus“ (Über berühmte Frauen), 1353. Hinter der Säule steht der lachende Teufel.)

Dazu unten mehr; erst noch zu ein paar amüsanten oder interessanten Stellen im Nachwort. Um ihre Behauptungen zu untermauern, schreibt Donna W. Cross auch:

„Die Geschichte bietet viele weitere Beispiele einer derartigen vorsätzlichen Aktenfälschung. Die Bourbonisten datierten gar die Regierungszeit Ludwigs XVIII. schlicht und einfach vom Todestag seines Bruders an und ‚übersprangen’ dabei keinen Geringeren als Napoleon Bonaparte, der sich nun wahrhaftig nicht aus sämtlichen historischen Quellen entfernen ließ; dafür gibt es viel zu viele Chroniken, Tagebücher, Briefe und Dokumente anderer Art.“ (S. 560)

Das ist eine dieser Stellen, an denen ich keine Ahnung habe, ob die Autorin einfach lügt oder ob sie wirklich so doof ist, wie sie tut. Kein „Bourbonist“ wäre je auf die Idee gekommen, die Existenz von Napoleon Bonaparte leugnen zu wollen.  Die Monarchisten dieser Zeit erkannten die Absetzung Ludwigs XVI. einfach nicht an; sie datierten also seine Regierungszeit nicht bis zu seiner Absetzung, sondern bis zu seinem Tod durch die Guillotine kurze Zeit später, und danach war ihrer Meinung nach sein kleiner Sohn, der ein Gefangener der Revolutionsregierung war und sehr jung starb, ohne je regiert zu haben, der rechtmäßige König Frankreichs, Ludwig XVII. Danach kam dann dessen Onkel, Ludwig XVIII., der Bruder Ludwigs XVI., auch wenn der erst zwanzig Jahre später tatsächlich an die Macht kam. Hier ging es um Legitimitätsansprüche, nicht um Geschichtsfälschung.

Außerdem heißt es:

„Insofern sind die schriftlichen Hinterlassenschaften von Johannas Zeitgenossen mit Vorsicht zu genießen. Dies gilt insbesondere für die römischen Prälaten, die ein starkes persönliches Interesse daran hatten, die Wahrheit zu unterdrücken. Bei den seltenen Gelegenheiten, da ein Pontifikat für ungültig erklärt wurde – wie es bei Johanna der Fall gewesen wäre, hätte man ihre weibliche Identität entdeckt –, wurden sämtliche bereits getroffenen Anordnungen, Erlasse und Entscheidungen des betreffenden Papstes automatisch null und nichtig. Sämtlichen Kardinälen, Bischöfen, Diakonen und Priestern, die von diesem Papst die Weihe empfangen hatten, wurden ihre Titel und Ämter aberkannt. Insofern kann es nicht verwundern, daß in den Dokumenten und Akten, die von diesen Männern geführt bzw. kopiert wurden, sich nirgends eine Erwähnung Johannas findet.“

Mrs. Cross versteht wirklich nicht, wie irgendetwas funktioniert. Als ob ein Kardinal direkt im Jahr 855 (oder so), wenn bekannt geworden war, dass der Papst, der ihn ernannt hatte, eine Frau gewesen war, seine Absetzung hätte verhindern können, indem er diese Frau nicht in einer späteren Chronik erwähnte.

Die Autorin schreibt auch etwas dazu, worauf ihre Arnalda-Geschichte beruht:

„Doch ein uraltes Exemplar des Liber Pontificalis, in dem auch Johannas Pontifikat verzeichnet ist, existiert noch heute. Der Eintrag über Johanna stammt offensichtlich aus späterer Zeit und wurde unbeholfen in den Hauptteil des Textes eingefügt. Aber dies bedeutet keineswegs, dass der Bericht falsch ist; ein späterer Geschichtsschreiber, der von der Richtigkeit der Aussagen politisch weniger suspekter Chronisten überzeugt gewesen sein mag, fühlte sich möglicherweise moralisch verpflichtet, die ‚offizielle’ Akte zu korrigieren. Der protestantische Historiker Blondel, der den Text im Jahre 1647 untersuchte, gelangte zu dem Schluß, daß die Einfügung über Johanna im 14. Jahrhundert vorgenommen wurde; dabei stützte er seine Meinung jedoch ausschließlich auf die Unterschiede in Stil und Handschrift – bestenfalls subjektive Einschätzungen.“ (S. 557)

Die Paläographen werden erfreut sein über diese Einschätzung ihrer Wissenschaft als „bestenfalls subjektiv“. Ehrlich: Wer Paläographie für „bestenfalls subjektiv“ hält, soll erst mal einen Brief seines Urgroßvaters mit seinem letzten Einkaufszettel vergleichen.

Zum neunten Jahrhundert im Allgemeinen schreibt die Autorin:

„Das Leben in diesen unruhigen Zeiten war für die Frauen besonders schwer. Es war ein misogynistisches Zeitalter, das unter anderem von den frauenfeindlichen Schmähschriften solcher Kirchenväter wie Sankt Paul oder Tertullian geprägt wurde:

Und weißt du nicht, daß du die Eva bist? … Du bist das Tor des Teufels, die Schlange im Baum, die erste Abtrünnige vom göttlichen Gesetz; du bist die, welche jenen verführte, dem der Teufel sich nicht zu nähern wagte … des Todes wegen, den du verdient hast, mußte selbst der Sohn Gottes sterben.“ (S. 565)

Nix gegen den Apostel Paulus hier! Und Tertullian, den sie da zitiert, ist eh ein Ketzer.

„Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden Frauen als minderes und unterlegenes Geschlecht betrachtet – und entsprechend behandelt – ; ein Geschlecht, dem gesetzliche Rechte ebensowenig wie ein Recht auf Eigentum zustanden. Von Rechts wegen durften Männer ihre Frauen schlagen. Vergewaltigungen wurden als eine harmlosere Form des Diebstahls betrachtet. Frauen wurden von einer schulischen Ausbildung ferngehalten; denn eine gelehrte Frau wurde nicht nur als widernatürlich, sondern auch als gefährlich betrachtet.“ (S. 565f.)

Zur Bildung hab ich mich hier schon mehrfach geäußert, und es ist einfach Blödsinn, dass Frauen keine gesetzlichen Rechte gehabt hätten und kein Eigentum hätten besitzen können.

In den FAQ steht auch noch einiger Quatsch. Da kommt etwa Folgendes:

F: Sind Sie katholisch?

Nein. Seltsamerweise hat sich das wider Erwarten als Vorteil herausgestellt. Wäre ich katholisch, wäre ich in der Tradition, mit den Ritualen und der Theologie der heutigen Kirche aufgewachsen, dann wäre ich mit sehr vielen sehr falschen Vorstellungen an den christlichen Glauben des neunten Jahrhunderts herangegangen. Ich habe in meinem Roman zu zeigen versucht, in wie vielen Aspekten sich die religiöse Praxis von vor tausend Jahren von unserer heutigen unterscheidet. Wenn wir eines aus historischen Studien lernen können, dann das: Die Ketzerei von gestern ist oft die Wahrheit von heute – und umgekehrt.“ (S. 568)

Also, ich bin katholisch, und mir würde es nicht einfallen, Hochzeitsmessen und Bischofskonferenzen ins 9. Jahrhundert zu verlegen. Und tatsächlich weiß ich nicht, was genau Donna W. Cross mit der Ketzerei meint. Weder bei der Abendmahlslehre noch bei der Prädestinationslehre noch bei der Dreifaltigkeitslehre vertritt die Kirche heute etwas anderes als im 9. Jahrhundert; und was kommt sonst an theologischen Fragen in diesem Buch vor? Oder kann sie einfach unveränderliche Lehre und veränderliche Bräuche nicht unterscheiden? Bräuche wie z. B. die Anzahl der Festtage oder die Sprache der Liturgie haben mit Ketzerei (bei der es um die Lehre geht) nichts zu tun. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, sie wäre katholisch.

F: Wie hat der Vatikan auf das Buch reagiert?

Überhaupt nicht. Und das hatte ich auch nicht anders erwartet. Heutzutage treibt ja jede öffentliche Kontroverse die Verkaufszahlen in die Höhe. Hätte der Vatikan sich gegen meinen Roman ausgesprochen, dann wäre das Buch wahrscheinlich gleich am nächsten Tag auf der Bestsellerliste der New York Times aufgetaucht.

Wenn man eine Geschichte für alle Zeiten begraben will, schweigt man sie am besten tot – wie das ja auch Johannas tausend Jahre alte Geschichte beweist.“ (Ebd.)

Und nicht mal das Opus Dei hat einen Albino-Auftragsmörder zu ihr geschickt? Unsere Kirche wird aber nachlässig. – Irgendwie enttäuscht wirkt sie allerdings schon, dass der Vatikan keine kostenlose Werbung für ihr Buch gemacht hat.

F: Warum sind so viele brutale Szenen in dem Roman – zum Beispiel die Vergewaltigung Gislas während des Normannenüberfalls auf Dorstadt?

Die Frage unterstellt, daß ich im Interesse sensationslüsternen Erzählens die Brutalität im Leben des neunten Jahrhunderts übertrieben hätte. Die Wahrheit ist, daß ich diese im Gegenteil im Interesse meiner Leser eher gemildert habe; das Leben im neunten Jahrhundert war wesentlich brutaler und ungerechter als irgendetwas, das ich in meinem Roman geschildert habe.“ (S. 569)

Ach, jetzt komm. „Wesentlich brutaler als irgendetwas im Roman“? Echt jetzt?

Am Ende des Anhangs stehen noch Fragen als Anregungen für Lesekreise, „auf die nicht einmal ich eine Antwort habe, die aber stets lebhafte und produktive Diskussionen nach sich ziehen“ – hier ein paar ausgewählte Beispiele:

„4. Johanna hat aus Liebe zu Gerold viel aufgegeben. Kennen Sie Frauen, die aus Liebe zu einem Mann Gelegenheiten aufgegeben haben, ihren Verstand, ihr Herz und ihren Geist vollständig zu nutzen? Aus Liebe zu einem Kind? Sind Opfer dieser Art gerechtfertigt?“

Tatsächlich hat Johanna aus Liebe zu Gerold nichts aufgegeben. Ich will hier nicht sagen, dass sie das hätte tun sollen – sie hätte zunächst mal ihr Ordensgelübde halten sollen – aber Tatsache ist, sie hat nichts aufgegeben. Sie wollte erst mit ihm fortgehen, als sie schwanger war und ihr nichts anderes mehr übrig blieb. Und was soll es heißen, aus Liebe eine Gelegenheit aufzugeben, sein Herz zu nutzen? Sein Herz nutzen – was kann das anderes heißen, als lieben? Auch die letzte Frage macht keinen Sinn. Es macht Sinn, zu fragen, ob das Opfern eigener Interessen aus Liebe in dieser oder jener Situation unbedingt notwendig bzw. moralisch gefordert ist, aber es macht keinen Sinn, anzudeuten, das Opfern eigener Interessen aus Liebe könnte ungerechtfertigt (also direkt moralisch falsch) sein.

„8. Warum hat man wohl in der mittelalterlichen Gesellschaft so fest daran geglaubt, daß sich Bildung negativ auf die Gebärfähigkeit einer Frau auswirken könnte? Welchen Zweck hat man wohl mit einer solchen Behauptung verfolgt?“

Ja, Mrs. Cross, welchen?

Und hier die beste:

„9. Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede sehen Sie zwischen Päpstin Johanna und Johanna von Orleans? Warum wurde die eine Johanna aus den Geschichtsbüchern getilgt und die andere zu einer Heiligen gemacht?“

Äh – die eine gab es wirklich, die andere nicht? (Abgesehen davon, dass Jeanne d’Arc niemanden über ihr Geschlecht täuschte, sondern einfach nur zum Kampf passende Kleidung trug, oh, ja, und dass sie nach Gottes Willen handelte.)

(Die heilige Jeanne d’Arc in einer Miniatur aus dem 15. Jahrhundert.)

Jetzt also: Was steckt hinter dieser Legende? Wie kam sie auf?

Die ersten Erwähnungen einer Päpstin Johanna finden sich im 13. Jahrhundert, wobei sich die Geschichten teilweise erheblich widersprechen: Der Dominikanermönch Jean de Mailly berichtet von einer Frau, die um 1100 als Mann verkleidet erst Notar an der Kurie, dann Kardinal, dann Papst wurde; sie soll entlarvt worden sein, als sie bei einem Ausritt einen Sohn zur Welt brachte. Das Volk von Rom habe sie dann am Schwanz ihres Pferdes rund um die Stadt schleifen lassen und dann gesteinigt. Donna W. Cross orientiert sich dagegen offensichtlich an der Version aus der Chronik des päpstlichen Kaplans Martin von Troppau, der von einem Joannes Anglicus (Johannes der Engländer) aus Mainz berichtet, der nach Leo IV. auf den Papstthron gekommen und in Wahrheit eine Frau gewesen sei. Diese sei mit ihrem Geliebten als junge Frau nach Athen gegangen und hätte sich dort große Gelehrsamkeit erworben und sei dann nach Rom gekommen, sei aber, nachdem sie zum Papst gewählt worden war, schwanger geworden, und habe ihr Kind geboren, als sie auf dem Weg von Sankt Peter zum Lateran gewesen sei; bei der Geburt sei sie gestorben. Ein Manuskript von Martin von Troppaus Chronik enthält allerdings eine leicht veränderte Version: Die Päpstin habe überlebt, sei aus ihrem Amt entfernt worden, und habe Buße getan; ihr Sohn sei später Bischof von Ostia geworden.

Mit dem Beginn der modernen Geschichtswissenschaft wurde die Geschichte als Legende erkannt – hauptsächlich natürlich wegen des völligen Fehlens zeitgenössischer Quellen. Dazu kommt die Widersprüchlichkeit der Quellen (z. B., was die Zeit angeht, zu der die Päpstin gelebt haben soll) und die Tatsache, dass z. B. auch der byzantinische Patriarch Photios I. (ca. 820-891), ein Gegner des Papsttums, in seinen Schriften Benedikt III. als den direkten Nachfolger Leos IV. darstellt und keine Päpstin erwähnt. Und es gab eben keinen Anlass, die ganze Geschichte zu unterdrücken. Die Erzählung von der Päpstin war im Spätmittelalter eine beliebte Skandalgeschichte unter den Römern, ebenso wie die Erzählungen von anderen Ausschweifungen und Intrigen am päpstlichen Hof, von denen es ja tatsächlich genug gab, vor allem im 9. und 10. Jahrhundert und dann wieder in der Renaissance. Es gab keine theologischen Probleme damit – da war eben eine intrigante falsche „Päpstin“, die durch ihre eigene Unkeuschheit entlarvt worden war.

Die Legende wurde durch ein paar „Indizien“ gestützt, die vielleicht dazu beigetragen haben, dass sie überhaupt erst entstanden ist. Jean de Mailly berichtet zum Beispiel, dass ein Gedenkstein mit der Aufschrift „Petre, pater patrum, papisse prodito partum“ (Petrus, Vater der Väter, offenbare die Kindsgeburt der Päpstin) an der Stelle errichtet worden sei, an der die Päpstin ihr Kind geboren habe. Der berühmte Historiker Ignaz von Döllinger, der 1863 ein Buch über „Papstfabeln“ veröffentlichte, sah eine Erklärung dafür in einer antiken Frauenstatue, die in der Nähe des Kolusseums entdeckt wurde, und auf der die Abkürzung PPP steht – eine Abkürzung für die Widmungsformel „proprie pecunia posuit“ („stellte die notwendigen Mittel zur Verfügung“) – und der Name des Spenders, der offenbar mit „Pap.“ begann (Papirius?) und zu dem auch der Titel „Pater Patrum“ gehörte, ein Priestertitel im Mithraskult. Tatsächlich wurden an der Stelle, an der laut Martin von Troppau die Päpstin gestorben sein soll, Überreste eines Mithrasheiligtums entdeckt. Zu einer solchen Inschrift dachte man sich vielleicht im Mittelalter eine neue Deutung aus. Dazu kam, dass die Straße, an der Johannas Niederkunft stattgefunden haben sollte, nach einer reichen Familie, den Papes, vicus Papessa genannt wurde. Manche Historiker denken auch, dass die Legende auf mächtige Frauen im Umfeld des päpstlichen Hofes zurückgehen könnte – etwa eine Marozia, die Anfang des 10. Jahrhunderts zwei Söhne auf den Papstthron brachte, von denen übrigens einer von Papst Sergius III. (nicht der Sergius aus dem Buch) stammte. Jo, an realen Skandalen ist zu der Zeit kein Mangel.

Wie auch immer die Legende entstanden ist: Es gibt schlichtweg keine Hinweise darauf, dass sie auf etwas anderem als der Fantasie der Römer des 13. Jahrhunderts beruhen könnte.

 

Mein Fazit zu dem Roman:

Er ist erstens schlecht geschrieben und zweitens furchtbar überdreht. Die Charaktere sind oft reine Klischeebilder: Johannas Vater ist schlichtweg böse, fanatisch und hasst Frauen, Odo oder Rabanus Maurus ebenso. Johanna ist schlichtweg gut, Gerold auch. Johanna zeigt keine einzige Eigenschaft, die aus der Sicht der Autorin negativ zu bewerten wäre. Aus meiner Sicht sieht es etwas anders aus; Johanna bricht ihr Ordensgelübde und unternimmt einen (wenn auch immerhin hinterher bereuten) Versuch, ihr Kind zu töten. Auch Gerold ist eigentlich nicht wirklich perfekt; er macht sich an eine Zwölfjährige heran und betrügt seine Frau. Die Autorin stört das allerdings nicht; Gerold ist für sie eine Idealversion eines Mannes: Er ist der Liebhaber, der jahrelang an einer alten Liebe festhält, und der Ritter, der in der Not stets zu Hilfe eilt, aber gleichzeitig respektiert er Johannas Unabhängigkeit, achtet ihre Klugheit und steht ihren Zielen nie im Weg.

Zu der allgemeinen Schwarz-Weiß-Malerei kommt die häufige Gleichsetzung von „gut“ mit „klug“: Die Eigenschaft, die Johanna von der Autorin am positivsten ausgelegt wird, ist ihre Wissbegier und Bildungsbeflissenheit. Man sieht es auch bei einem Vergleich von Johannas zwei Brüdern: Matthias ist freundlich und klug, Johannes selbstsüchtig, gemein und dumm. Im Kloster Fulda ist Bruder Thomas gleichzeitig ein überfrommer Heuchler und dumm, und deshalb neidisch auf Johannas Klugheit. Gut – wir haben auch mal eine Figur, die klug und böse zugleich ist: Anastasius. Aber das war’s auch schon. Johannas fanatische, fromme, frauenfeindliche Gegner sind ansonsten alle von ihren Argumenten und vom logischen Denken an sich überfordert und wollen sich nur an alten Formeln festklammern.

Erzähltechnisch ist das Buch schlecht gemacht. Es gibt zum Beispiel keinen klaren Antagonisten; die Bösen wechseln ständig, und zudem sind sie nicht besonders interessant. Das gilt auch für Anastasius. Er und Johanna kommen einander immer nur aus der Ferne in die Quere, weil sich ihre Ziele widersprechen; da ist kein Konflikt auf einer persönlichen Ebene da, der das Ganze interessanter machen würde.

Der penetrante Feminismus nervt unsäglich. Ehrlich, wenn man sich mal richtig antifeministisch fühlen will, muss man nur lange genug in diesem scheußlichen Buch lesen. Da kommt man direkt in die Stimmung, Spitzendeckchen mit „FÜR GOTT UND STAAT UND PATRIARCHAT“ zu besticken. Und das mit Blümchen zu verzieren. Sorry. Es nervt einfach.

Dazu kommt das Klischeebild vom finsteren Mittelalter. Die wirklichen Möglichkeiten, die Frauen damals hatten, kommen einfach nicht vor – Stichwort Nonnenklöster. Nonnen scheinen fast inexistent. Dadurch, dass man eine Lüge wiederholt, wird sie nicht wahrer; und es ist eine Lüge, dass man es damals als widernatürlich betrachtet hätte, wenn Frauen lesen und schreiben lernten und in der Bibel lasen, statt möglichst viele Kinder zu bekommen. Das sah man im Gegenteil als lobenswert an. Liebe Leute: Es gab Nonnenklöster und Klosterschulen. Es gab Nonnenklöster und Klosterschulen. Es gab Nonnenklöster und Klosterschulen.

In manchen Bewertungen auf Amazon wird kritisiert, Johanna sei eine Frau des 20./21. Jahrhunderts, die man ins Mittelalter zurückversetzt habe, keine authentische mittelalterliche Frau; ich sehe das anders: Sie ist auch keine authentische Frau des 20./21. Jahrhunderts. Sie ist eine Art Idealbild mancher Feministinnen des 20./21. Jahrhunderts: Wissbegierig und hochbegabt, uninteressiert an Kleidung, Kochen, Handarbeiten, Ehe, Kindern und anderem Frauenkram, aber trotzdem leidenschaftlich und sexuell selbstbestimmt, und noch dazu hochmoralisch und empathisch, ganz anders als diese fiesen Männer, gegen die sie sich mutig und unbeirrt durchsetzt. Solche Bücher lassen Frauen sich sagen, was wir doch alle inzwischen für tolle Wesen sind, nachdem wir das finstere Mittelalter überwunden haben – zum wirklichen Selberdenken regen sie freilich nicht an, genauso wenig, wie Johannas Liebe zur klassischen Bildung irgendeine Leserin dazu anregen wird, Homer oder Hippokrates aufzuschlagen.

Ach ja, diese Vergötzung der angeblich so tollen Antike. Was für ein Scheiß. Nicht, dass es da nicht sehr Lesenswertes gäbe. Aber es gäbe auch so einiges, was Donna W. Cross gar nicht gefallen würde – und so einiges, was niemandem gefallen sollte.

Ich bilde mir nicht ein, in der Hinsicht selber sehr gebildet zu sein; das bin ich nicht; ich kenne keine einzige Zeile Homer, zum Beispiel. Aber ich habe das Kleine Graecum und habe zumindest ein wenig Platon und ein wenig Xenophon gelesen, und auch Auszüge aus anderen antiken Werken. In der Antike gab es Bücher zur professionellen Traumdeutung, es gab die widersprüchlichsten, seltsamsten Philosophien und Sekten, es gab große Brutalität und völliges Unverständnis dafür, was denn an Päderastie oder Sklaverei schlimm sein sollte; und ja, es gab Frauenfeindlichkeit, große Frauenfeindlichkeit. Aristoteles war schon frauenfeindlich.

Und, Hand aufs Herz, wer bewahrt denn das Wissen um die altgriechische Sprache und Literatur heute am ehesten? In den Griechischkursen, die ich an der Uni besucht habe, war unter dreißig oder vierzig Studenten genau einer, der nicht Theologie studiert hat. Wenn man heute in Deutschland jemanden trifft, der Altgriechisch lesen kann, ist es sehr wahrscheinlich, dass derjenige Religionslehrer oder anderweitig für die Kirche tätig ist und es gebraucht hat, um das Neue Testament im Original lesen zu können. Die säkulare Elite von heute schaut auf praktisches, möglichst modernes Wissen; die religiöse Elite von gestern hat auch altes, philosophisches Wissen ohne direkten praktischen Nutzen noch in Ehren gehalten. An welcher Schule wird heute noch Griechisch unterrichtet? Selbst Latein ist am Aussterben.

Die historischen Patzer in diesem Buch sind teilweise wirklich schlimm. Natürlich ist die Geschichte an sich unhistorisch; aber es geht mir auch um die Details. Hochzeitsmessen. „Bischofskonferenzen“. Gehörnte Wikingerhelme. Hexenprozesse. Es nervt. Aber am schlimmsten sind natürlich nicht die aus Fahrlässigkeit entstandenen Fehler, sondern die absichtliche Propaganda – etwa die offenen Lügen der Autorin über den Inhalt der Bibel.

Da ist ein letzter Kritikpunkt, bei dem ich nicht recht weiß, wie ich ihn formulieren soll. Ich versuche es mal so: In diesem Buch fehlt etwas, konkret, da fehlt eine zentrale Figur, die eigentlich vorkommen müsste – Jesus, der Herr. Oh, Sein Name wird ab und zu erwähnt, so abstrakt, am Rande, es ist klar, dass es da jemanden gibt, der so heißt. Aber Johanna beschäftigt sich nie mit Ihm als Person, wie Er ihr in den Evangelien begegnet, mit denen sie ja bei ihren Studien und Gottesdiensten ständig konfrontiert ist. Sie stellt sich im Lauf des Buches verschiedene theologische Fragen – ohne intensiv nach Antworten zu suchen, aber immerhin – , aber sie fragt nie nach Ihm, wer Er war, wer Er ist, was Er von ihren Handlungen hält… Man sieht hier eben doch die Auswirkungen, die es hat, wenn eine anscheinend einem vagen esoterisch-modernistischen Glauben anhängende Autorin ein Buch schreibt, das in einer komplett katholischen Welt spielt. Im katholischen Glauben geht es um einen persönlichen Gott, der uns begegnet, der bestimmte Dinge gesagt und getan hat, nicht nur um die vage Verehrung von irgendwas da oben. Es hätte sich ja gerade besonders angeboten, manchen Szenen in den Evangelien näher anzusehen, wenn es um das Thema Frauen & Kirche geht, z. B. die Maria-und-Marta-Geschichte oder das Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen.

Ach ja, das Fehlen einer zweiten Person ist auch auffällig – Maria. Nirgends Marienverehrung. Leute, das geht so nicht. Man kann keinen Roman über das Mittelalter schreiben, der noch dazu zum großen Teil unter Klerikern spielt, ohne Marienverehrung. Selbst, wenn wir erst im 9. Jahrhundert sind. Das geht einfach nicht.

Fazit: Eins der schlimmsten Bücher, die ich bisher gelesen habe, und definitiv das Schlimmste, das ich bisher hier rezensiert habe.

Die Päpstin, Teil 7: Mit Kind und Karriere ist das so eine Sache

Papst Leo IV. wird also krank. Er leidet unter seltsamen Symptomen (Kopfschmerzen, Zittern, brennende Schmerzen in Händen und Füßen, Magenprobleme), denen Johanna nicht abhelfen kann. Zur selben Zeit erhält Anastasius, der am Hof von Kaiser Lothar in Aachen gelebt und sich beim Kaiser und dessen Familienangehörigen und Höflingen beliebt gemacht hat, einen Brief von seinem Vater Arsenius, dass die Zeit für ihn reif sei, nach Rom zurückzukehren.

Johanna versucht alles, um Leo zu helfen und als sie ihm eine Woche lang alle feste Nahrung verbietet und ihm nur Heiltränke gibt, bessert sich sein Zustand. Doch eines Morgens hat er wieder furchtbare Schmerzen, und Johanna entdeckt einen Teller mit den Resten einer Fleischpastete neben seinem Bett. Leos Kammerdiener sagt, er hätte sie Leo gebracht, da der Haushofmeister Waldipert ihm gesagt hätte, dass sie es so angeordnet hätte; Johanna kommt ein schrecklicher Verdacht und sie schickt nach Gerold, damit er Waldipert verhaften lässt; doch der ist verschwunden und schließlich findet man seine Leiche im Tiber. Arsenius hat bei seinem Giftanschlag auf den Papst keine Mitwisser übrig gelassen. Leo stirbt.

Arsenius ist ein wenig sauer, dass Waldipert dem Papst das Gift nicht über einen noch längeren Zeitraum in kleineren Dosen verabreicht hat, sodass die Papstwahl schon stattfinden soll, ehe Anastasius in Rom ankommen kann. Aber er arbeitet schon daran, Anastasius’ Exkommunikation aufheben zu lassen und hofft, dass er ihn dennoch zum Papst machen kann. Gerold, der von Arsenius’ Bemühungen erfahren hat, schlägt Johanna jetzt, wo ein Pontifikat Anastasius’ droht, wieder vor, aus Rom zu fliehen und zu heiraten und sie stimmt zu. Doch am Tag der Wahl sind sie noch in Rom. Johanna betet an diesem Tag in einer kleinen Kirche in Rom, und hier findet sich eine interessante Stelle:

„Beim großen Feuer bis auf die Grundmauern niedergebrannt, war auch die Sankt Michael (sic) mit Baumaterial wiedererrichtet worden, das man aus antiken römischen Tempeln und Monumenten herangeschafft hatte. Als Johanna nun vor dem Hochaltar kniete, bemerkte sie, daß der marmorne Sockel das Symbol der Magna Mater trug, der uralten Erdgöttin, die in grauer Vorzeit von heidnischen Stämmen verehrt worden war. Unter dem primitiven Symbol war die lateinische Inschrift eingemeißelt: ‚Der Weihrauch, der auf diesem Marmor brennt, soll dir, Göttin, ein Opfer sein.’ Als der gewaltige Marmorblock hierher geschafft worden war, hatte offenbar niemand das Symbol deuten oder die alte Inschrift lesen können. Aber das war nicht weiter verwunderlich; viele römische Priester waren des Lesens und Schreibens nicht mächtig. Auch in diesem Fall hatten sie die uralte Inschrift nicht entziffern können, geschweige denn, ihre Bedeutung verstanden.

Der eigentümliche Kontrast zwischen dem christlichen Altar und seinem heidnischen Sockel erschien Johanna wie ein vollkommenes Abbild ihrer selbst: Obwohl christlicher Priester, träumte sie noch immer von den heidnischen Göttern ihrer Mutter; in den Augen der Welt ein Mann, mußte sie ihr Frausein und ihre weiblichen Gefühle vor eben dieser Welt verbergen; auf der Suche nach dem wahren Glauben, wurde sie hin und her gerissen zwischen dem Verlangen, Gott zu schauen und der Angst, er könne nicht existieren.“ (S. 481)

Davon, dass Johanna aktiv auf der Suche nach dem wahren Glauben wäre, habe ich noch nicht viel bemerkt. Auch der Rest dieser beiden Absätze macht nicht viel Sinn. Das Lesen war eine Fähigkeit, die jeder Priester beherrschen musste, allein schon, um die Messe lesen zu können; und selbst wenn einer nicht besonders gut Latein konnte – das damals in Rom gesprochene frühe Italienisch war immer noch relativ eng mit dem klassischen Latein verwandt. Dass Johanna die erste ist, die die Inschrift bemerkt und lesen kann, ist demnach unwahrscheinlich. Andererseits fragt man sich, woher sie das Symbol der Göttin kennt und zuordnen kann. (Die Magna Mater, auch unter dem Namen Kybele bekannt, war übrigens eine ursprünglich kleinasiatische Gottheit, deren Kult vor allem in der Kaiserzeit, als sich auch andere Mysterienkulte im Reich verbreiteten, in Rom an Beliebtheit gewann.) Und dass Johanna fürchtet, Gott könnte gar nicht existieren, passt schlecht zu ihrer Zeit. Wenn etwas für die Menschen des Mittelalters völlig selbstverständlich war, dann die Existenz Gottes und einer jenseitigen Welt. Auch in der Antike gab es praktisch niemanden, der der Ansicht war, die sichtbare Welt wäre alles, was es gäbe und sie wäre einfach aus dem Nichts entstanden oder schon immer da gewesen, ohne dass Götter hinter ihr stünden. Das hätte man als absurd betrachtet; die jenseitige Welt war für die Menschen damals die realere Welt, die wirkliche Welt, von der die sichtbare Welt ein schwaches Abbild war. Es wird auch nie ganz klar, was Johanna an den sächsischen Göttern ihrer Mutter fasziniert oder anzieht, und ob sie es für möglich hält, dass Wotan tatsächlich existiert.

Trotzdem ist dieser Abschnitt recht aufschlussreich, indem er demonstriert, dass der Glaube an weibliche Priester und der Glaube an „weiblich“ gedachte Gottheiten irgendwie immer zusammenhängen; Johanna, die sich als Priesterin sieht, hätte eigentlich lieber eine „Magna Mater“ als den christlichen Gott. Auch bei der heutigen Bewegung für weibliche Priester in der katholischen Kirche taucht ja beinahe zwangsläufig immer wieder die Vorstellung von Gott als eine Art Muttergottheit auf. Das ist natürlich eine Vorstellung, die überhaupt nicht ins Christentum passt; der Glaube an Muttergottheiten hat immer etwas Pantheistisches (die Erde, die das Leben gebiert), während das Bild des Vatergottes besser zum außerhalb der Welt stehenden Schöpfer passt, an den wir Christen glauben. (Im Protestantismus, wo die Kleriker bloß Prediger und Gemeindevorsteher sind, mag das anders sein, aber im Katholizismus, ebenso wie in heidnischen Kulten, stehen Priester eben tatsächlich in gewisser Weise stellvertretend für Gott bzw. einen Gott / eine Göttin und repräsentieren ihn oder sie vor den Gläubigen.)

(Römische Darstellung der Kybele, um 50 n. Chr.)

Johanna bittet Gott, ihr den rechten Weg zu zeigen, erhält aber keine Antwort und fühlt sich ratlos; und plötzlich wird ihr Gebet unterbrochen. Zahlreiche Würdenträger kommen herein und sagen ihr, sie sei zum Papst gewählt worden. Unter den Klerikern werden auch „Akoluthen“ erwähnt; eigentlich müsste es „Akolythen“ heißen, aber das kann auch ein Fehler des Übersetzers sein. (Es handelt sich dabei um einen der niederen Weihegrade vor der Diakonatsweihe.) Arsenius hat zwar versucht, Stimmen für Anastasius’ Wahl zu kaufen, aber das Volk war begeistert, als der Vorschlag aufkam, Johannes Anglicus zu wählen, und somit ist sie nun Papst. Anastasius, der noch bei Perugia ist, als er von der Wahl erfährt, ist wütend und verzweifelt. Er muss ins Frankenreich zurückkehren.

Im nächsten Kapitel findet die Bischofsweihe und Krönung statt. Johanna hat ein wenig Angst, dass Gott sie bestrafen wird, wenn sie zum Papst gekrönt wird; doch nichts geschieht bei der Zeremonie. Als sie hinterher von den jubelnden Menschen vor der Peterskirche (fand damals eigentlich die Papstkrönung in St. Peter oder im Lateran statt?) begrüßt wird, ist sie glücklich: „Gott hatte tatsächlich erlaubt, daß dies alles geschah, also konnte es nicht gegen seinen Willen verstoßen. Alle Zweifel und Ängste Johannas verflogen und wichen einer wunderschönen und strahlenden Gewißheit: Dies ist meine Bestimmung, und dies sind dir mir von Gott anvertrauten Menschen.“ (S. 487) Ich dachte, Johanna soll klug sein und sich mit Theologie auskennen? Ich würde ihr gerne etwas über den direkt hervorbringenden und den bloß zulassenden Willen Gottes erklären. Wie kann denn ein denkender Mensch glauben, alles, was die Menschen tun und woran Gott sie nicht durch einen Blitz vom Himmel hindert, entspräche seinem Willen, weil Er es ja zulässt?

Das Buch fährt fort:

„Sie wurde geheiligt durch die Liebe, die sie für diese Menschen empfand, denen sie an jedem Tag ihres Lebens im Namen Gottes dienen würde.

Und vielleicht würde der Allmächtige ihr am Ende vergeben.“ (Ebd.)

Hier zeigt sich eine typische moderne Verwirrung: Man kann nicht mehr unterscheiden zwischen „etwas gutheißen“, „jemandem etwas nachsehen“ und „jemandem etwas vergeben“. Vergebung kann es nur für Dinge geben, die wirklich falsch gewesen und die bereut worden sind; wenn Johanna überzeugt ist, dass sie das Richtige tut, und nicht vorhat, damit aufzuhören, ist es Unsinn, auf Gottes Vergebung zu hoffen. Sie kann höchstens hoffen, dass Gott auf ihrer Seite steht oder Nachsicht mit ihr haben wird, falls sie sich irrt.

Auch Gerold beobachtet die Zeremonie:

„Nur Gerold, der Johanna so gut kannte, konnte erahnen, was jetzt in ihr vorgehen mochte: Eine wahrhaftige Segnung des Geistes, die ungleich bedeutsamer, inniger und tiefer war als die vorausgegangene förmliche Zeremonie.“ (Ebd.)

Nun, da die Zeremonie ungültig war, mag das in diesem Fall stimmen; bei einer normalen Weihe ist natürlich das objektive Wirken Gottes durch das sakramentale Geschehen wichtiger als die Gefühle, die einer dabei hat.

„In diesen Augenblicken sprach Gott aus ihr.“ (Ebd.)

Aha.

„Gerold sah, wie Johanna den Jubel der Menge entgegennahm, und sein Herz wurde von der schmerzlichen Einsicht erfüllt, daß er diese Frau für immer verloren hatte – und daß er sie zugleich mehr liebte als je zuvor.“ (Ebd.)

Keine Angst, tatsächlich ist die Liebesgeschichte natürlich nicht zu Ende.

Nachdem Johanna Papst geworden ist, sieht sie sich erst einmal ihre Stadt an, geht dabei auch in das dreckige, von Krankheiten geplagte Armenviertel auf dem Marsfeld, und beschließt hinterher, ein Aquädukt wieder aufbauen zu lassen, damit die Armen dort nicht das verschmutzte Tiberwasser schöpfen müssen. Natürlich muss die Autorin hier wieder auf dem Frühmittelalter herumhacken, als könnten die Leute da was dafür, dass das Errichten von Bauwerken in den vorangegangenen Jahrhunderten im Chaos der Völkerwanderungszeit eher vernachlässigt worden war:

„Das Aquädukt wiederaufzubauen, wäre eine gewaltige Aufgabe, ein vielleicht sogar unmögliches Unterfangen, legte man die spärlichen architektonischen Kenntnisse der Zeit zugrunde. Die Bücher, die das gesammelte Wissen der antiken Baumeister enthielten, die derart komplizierte Konstruktionen wie das Aquädukt geschaffen hatten, waren schon Jahrhunderte zuvor verlorengegangen oder vernichtet worden; man hatte die pergamentenen Seiten mit den unersetzlichen Bauplänen sauber geschabt, um christliche Predigten und Geschichten aus dem Leben der Heiligen und Märtyrer darauf zu schreiben.“ (S. 490f.)

Dennoch wird das Projekt unter Gerolds Aufsicht in Angriff genommen, auch wenn einige Männer der Kurie finden, man sollte lieber mehr Kirchen wiederaufbauen. Tatsächlich wurden in dieser Zeit von den Päpsten sowohl einzelne Aquädukte als auch Kirchen wieder instand gesetzt. (Das erste neue Aquädukt wurde in Italien übrigens erst wieder im Hochmittelalter gebaut.)

Johanna ist derweil genervt von ihren liturgischen Pflichten:

„Nominell eine der höchsten Machtstellungen auf Erden, war dieses Amt in Wahrheit mit umfassenden priesterlichen Aufgaben verbunden. (…) Alles in allem gab es mehr als einhunderfünfundsiebzig christliche Festtage, an denen zeitraubende, bis ins kleinste festgelegte Feierlichkeiten stattfanden.

Aus diesem Grund blieb Johanna nur sehr wenig Zeit, tatsächlich zu regieren oder sich um Dinge zu kümmern, die ihr wirklich am Herzen lagen: das Los der Armen wie auch die Ausbildung des Klerus zu verbessern.“ (S. 491f.)

Wie schrecklich zeitraubend doch die Anbetung Gottes ist. Nachdem Johanna in einem Benediktinerkloster gelebt hat, wo sieben Mal am Tag gebetet wird, wundert es mich, dass sie die päpstlichen liturgischen Pflichten so schlimm findet.

Als nächstes findet eine „Bischofskonferenz“ statt. Wirklich, da steht „Bischofskonferenz“. Der Autorin (oder dem Übersetzer) hat offenbar niemand gesagt, dass wir zu dieser Zeit Bischofssynoden oder -konzilien hatten und die Bischofskonferenzen (nationale Vereinigungen der Bischöfe) erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil existieren.

Auf dieser Konferenz bzw. Synode tritt Johanna für die Kommunionspendung mit Intinctio ein, die sie damals in Fulda eingeführt hat und die sich inzwischen im Frankenreich weit verbreitet hat, und die anderen Bischöfe sind alle dagegen, weil das gegen die Tradition sei, und können Johannas Argumenten natürlich nichts anderes entgegensetzen.

„‚Sollen wir eine Idee nur deshalb ablehnen, weil sie neu ist?’ fragte Johanna.

‚Wir sollten uns in allen Dingen von der Weisheit der Alten leiten lassen’, erwiderte Pothos gewichtig. ‚Und wir können uns nur einer einzigen Wahrheit sicher sein – nämlich jener, die uns in der Vergangenheit gewährt worden ist.’

‚Alles, was alt ist, war irgendwann neu’, entgegnete Johanna, ‚und stets geht das Neue dem Alten voraus. Ist es da nicht dumm und widersinnig, auf der einen Seite alles zu verdammen, was zuerst kommt, und auf der anderen Seite alles in den Himmel zu heben, was aus zuerst Gekommenem entstanden ist?’

Pothos furchte die Brauen, als er diesen Darlegungen zu folgen versuchte. Wie die meisten seiner Amtskollegen hatte er keine Übung in gelehrten Disputen und Rededuellen; er fühlte sich nur wohl in seiner Haut, wenn er Autoritäten zitieren konnte.“ (S. 493)

Meine Güte, als ob Johannas Aussagen so „gelehrt“ gewesen wären; der zweite Satz ist auch nur eine längere Version von „Alles, was alt ist, war irgendwann neu“. Tatsächlich war die Dialektik den Theologen damals eben nicht fremd; hat die Autorin z. B. noch nie von Johannes Scotus Eriugena gehört? Johanna setzt sich jedenfalls durch; die Intinctio darf im Frankenreich beibehalten werden.

(Johannes Scotus Eriugena in einer Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert. Ich liebe seinen Gesichtsausdruck.)

Als nächstes reden die Bischöfe über Gottschalk von Orbais, der damals das Kloster Fulda verlassen hat und inzwischen Priester und Theologe geworden ist, und der von Rabanus Maurus, nun Erzbischof von Mainz, wegen Ketzerei in den Kerker geworfen wurde. Johanna fragt nach, welche Ketzerei Gottschalk vorgeworfen wird:

„‚Erstens’, entgegnete Wulfram, ‚behauptet der Mönch Gottschalk, daß Gott alle Menschen entweder zur Errettung oder zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt. Zweitens behauptet er, daß Christus nicht für alle Menschen am Kreuz gestorben ist, sondern nur für die zur Errettung Erwählten. Und drittens sagt dieser Ketzer, daß Menschen, die für die Verdammnis bestimmt sind, auch durch gute Werke nicht bewirken können, zu den Erwählten zu gehören.’“ (S. 494f.)

Da Gottschalk ja ein Sympathieträger bleiben soll, weil Rabanus Maurus der Böse war, geht es folgendermaßen weiter:

Das hört sich allerdings sehr nach Gottschalk an, ging es Johanna durch den Kopf. Ein überzeugter Pessimist wie er, ständig unglücklich und von Seelenqualen gepeinigt, mußte sich von Natur aus zu einer solchen Theorie hingezogen fühlen, die einen Teil der Menschen als von vornherein zum Untergang verurteilt deklarierte – wobei Gottschalk sich höchstwahrscheinlich selbst dazu zählte.“

Ich kenne mich mit Gottschalk von Orbais zugegebenermaßen nicht besonders gut aus; aber im Allgemeinen waren die Leute, die eine solche Prädestinationslehre in der Kirche einführen wollten, immer ziemlich überzeugt von ihrer eigenen Erwählung – Calvin oder die Jansenisten zum Beispiel. Es geht folgendermaßen weiter:

„Andererseits waren diese Gedanken ganz und gar nicht neu und erst recht nicht ketzerisch: Der heilige Augustinus hatte in seinen beiden großen Werken, Über den Gottesstaat und Über die Liebe zu Gott, ganz ähnliche Ansichten vertreten: ‚Alle Gnade’, hatte er geschrieben, ‚ist unverdiente Gnade.’“ (S. 495)

(Augustinus in einer Darstellung in der Lateranbasilika, 6. Jahrhundert)

Und wieder zeigt sich, dass die Autorin bei den theologischen Fragen einfach nicht ganz durchsteigt. Selbstverständlich ist alle Gnade unverdiente Gnade, das bestreitet kein Christ (außer den zu Augustinus’ Zeiten verurteilten Pelagianern, die meinten, der Mensch könne sich durch eigene moralische Anstrengung den Himmel verdienen); aber das heißt nicht, dass Gott nicht allen Menschen diese unverdiente Gnade anbietet und alle Menschen durch ihren freien Willen die Möglichkeit haben, sie entweder anzunehmen oder zurückzuweisen.

Aber ja, es stimmt, dass Augustinus in seinen späteren Werken auch ziemlich nahe an die Lehre von der doppelten Prädestination herankam. Da ich sehr wenig Augustinus gelesen habe (ich habe vor, das nachzuholen), weiß ich nicht genau, wie nahe, und äußere mich dazu mal lieber nicht; aber jedenfalls zählt für die Frage, was kirchliche Lehre ist, nicht die Meinung eines einzelnen Kirchenvaters, selbst wenn es Augustinus ist, sondern vielmehr die Beschlüsse von Konzilien, Synoden und Päpsten, und bei der Verurteilung des Pelagianismus wurde die Lehre von der doppelten Prädestination eben nicht angenommen. Im Buch geht es folgendermaßen weiter:

„Nirgotius, der Bischof von Anagni, erhob sich, um das Wort zu ergreifen. ‚Dies ist ein verwerflicher und sündhafter Abfall vom Glauben’, sagte er. ‚Denn es ist wohlbekannt, daß Gottes Wille die Auserwählten vorherbestimmt, nicht aber die Verdammten.’

Diese Argumentation ließ arg zu wünschen übrig; denn wenn Gott für den einen Teil der Menschen irgend etwas vorherbestimmte, galt dies zwangsläufig auch für den anderen Teil.“ (Ebd.)

Okay, hier kann man der Autorin mal irgendwo zustimmen. Eine ähnliche Kritik würde ich als Anhängerin des Molinismus auch an den Augustinismus richten. Übrigens liebe ich den Namen „Nirgotius“.

„Doch Johanna wies den Bischof nicht darauf hin, denn Gottschalks Lehren bereiteten ihr in der Tat einigen Kummer. Es war gefährlich, die Menschen zu lehren, daß ein Teil von ihnen der Verdammnis anheimfiel, mochten sie noch so viele gute Taten vollbringen und ein noch so frommes Leben führen. Denn falls dies zutraf – warum sollte sich dann überhaupt noch jemand die Mühe machen, sich nach den Geboten zu richten oder gute Werke zu tun, da Gott die Würfel ja bereits geworfen hatte?“ (Ebd.)

Schlimmer noch, was für ein Gottesbild bekämen wir dann? Die Lehre von der doppelten Prädestination stellt Gottes Liebe zu allen Seinen Geschöpfen radikal infrage.

Die „Bischofskonferenz“ verurteilt am Ende Gottschalks Lehren, tadelt aber auch Rabanus’ hartes Vorgehen gegen ihn. Tatsächlich war es so, dass Rabanus Maurus und Hinkmar von Reims auf einer fränkischen Synode die Verurteilung des historischen Gottschalks wegen Ketzerei erreichten und er in Klosterhaft kam.

Im nächsten Abschnitt bekommen wir dann wieder eine der besonderen Perlen des Romans:

„Die Sympathie, die Johanna auf der Synode erworben hatte, hielt nicht lange vor. Schon im nächsten Monat wurde die gesamte christliche Welt bis in die Grundfesten erschüttert, als Johanna die Absicht verkündete, eine Schule für Frauen zu gründen.“ (S. 496)

Man versuche mal, diesen Satz laut vorzulesen, ohne zu lachen. Wie die christliche Welt wohl erst erschüttert werden würde, wenn Johanna beschließen würde, sich beim Frühstück Butter aufs Brot zu schmieren? Der Untergang des Abendlandes droht, nein, er ist schon da!

Ich wiederhole es jetzt zum hunderttausendsten Mal: Es gab im 9. Jahrhundert Nonnenklöster und Klosterschulen. Und es gab auch außerhalb der Klöster gelehrte Frauen.

(Gründungsurkunde der Fraumünsterabtei in Zürich, 853 von Ludwig dem Deutschen gestiftet)

Die päpstlichen Beamten sind gegen Johannas Plan, da es Allgemeinwissen sei, dass das Lernen bei Frauen die Fruchtbarkeit beeinträchtige. „Je mehr ein Mädchen lernt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß es als Frau jemals Kinder bekommen wird“, behauptet einer von ihnen (ebd.). Und natürlich waren Frauen im 9. Jahrhundert nur zum Gebären da; niemand pries damals das ehelose, jungfräuliche Leben um Christi willen. Niemand! Hier gibt es nichts zu sehen!

(Die heilige Kassia, eine byzantinische Äbtissin und Komponistin, um 810 – um 865)

Johanna setzt sich durch. Gerold sagt später zu ihr, sie sollte die Leute nicht so verärgern; sie könne es sich nicht leisten, sich Feinde zu machen: „Aber du mußt den Menschen Zeit lassen. Die Welt kann nicht an einem einzigen Tag neu erschaffen werden.“ (S. 497) Johanna bemüht sich daraufhin tatsächlich, diplomatischer zu sein, aber ihren Plan mit der Schule verwirklicht sie.

(Hrotsvit von Gandersheim (um 935 – nach 973) überreicht Kaiser Otto dem Großen ihr Buch „Gesta Ottonis“, im Hintergrund Hrotsvits Äbtissin Gerberga, Holzschnitt von Albrecht Dürer, 1501)

Einige Zeit später gibt es in Rom eine Überschwemmung; der Tiber tritt über die Ufer und überflutet das Marsfeld, wodurch viele Menschen dort in den alten, noch aus der Antike stammenden Mietskasernen eingeschlossen sind. Johanna lässt kurzerhand die päpstliche Miliz zusammenrufen, requiriert so viele Boote und wie möglich und steigt selbst zusammen mit Gerold in eines, um auf das Marsfeld hinauszurudern und Menschen zu retten. Die Männer der Kurie versuchen natürlich, ihr auszureden, wegen ein paar zerlumpter Bettler ihr Leben aufs Spiel zu setzen, aber sie bleibt stur. Es könnte sein, dass die Autorin hier eine Geschichte über Papst Nikolaus I. (Papst von 858 bis 867) entfremdet, dessen tatkräftige Hilfe für das Volk von Rom nach einer Flutkatastrophe im Liber Pontificalis gerühmt wird.

(Einige Jahrhunderte später: Papst Pius XII. geht nach einem Bombenangriff in Rom zu den Menschen in das zerbombte Viertel,  Bildquelle hier.)

Zuerst klappt alles, doch als Gerold und Johanna noch ein letztes Mal zurückfahren, um einen kleinen Jungen aus einem Haus zu retten, kommt eine neue Flutwelle, die durch den Einsturz eines Teils der Aurelianischen Mauer unter dem Druck der Wassermassen ausgelöst wurde, und diese Flutwelle schleudert die beiden in eins der oberen Stockwerke eines Hauses. (Der kleine Junge stirbt.)

Gerold hat sich am Kopf verletzt und viel Wasser geschluckt und ist zunächst ohnmächtig. Johanna leistet ihm Erste Hilfe und kommt dann auf die Idee, dass sie ihn aufwärmen müsste, weil sie da irgendetwas bei Hippokrates gelesen hat, und weil sie kein Feuer entfachen kann, greift sie auf das Prinzip Körperwärme zurück, zieht ihn und sich aus und kuschelt sich an ihn. Wie manche Autoren sich doch anstrengen, ihre Figuren in passende Situationen für Sex zu bringen. Gerold wacht irgendwann auf und dann passiert, was zu erwarten war. Auch am nächsten Morgen bekommen wir noch mal ein bisschen Romantik: „Sie waren Zwillingsseelen, für immer und untrennbar verbunden; zwei Hälften eines vollkommenen Ganzen, das ohne den anderen nie mehr vollständig sein würde.“ (S. 508) Usw. usf.

Schließlich hört der Regen draußen auf und die beiden sprechen über ihre Zukunft, da sie realisieren, dass man bald nach ihnen suchen wird. Gerold schlägt Johanna vor, sich einfach verborgen zu halten, wenn Boote kommen, und später, wenn das Wasser abgelaufen ist, die Stadt zu verlassen. Niemand würde nach ihnen suchen, da man glauben würde, sie wären ertrunken. Doch Johanna lehnt das ab; sie sieht sich in der Verantwortung für die Leute von Rom.

„‚Ich verstehe’, sagte Gerold. ‚Und ich werde dich nicht mehr bedrängen. Aber eines sollst du wissen. Und ich werde es nur einmal sagen, hier und jetzt, und dann nie mehr wieder. Du bist mein wahres Leben auf Erden, und ich bin dein wahrer Gatte. Egal, was geschieht, egal, welches Schicksal uns erwartet – nichts und niemand kann je etwas daran ändern.’“ (S. 510f.)

Was für ein Blödsinn. Wir sind hier im 9. Jahrhundert, nicht im 19.; niemand vertrat damals die Ansicht, dass eine auf einer Art „Seelenverwandtschaft“ beruhende Liebe mit einer Ehe gleichzusetzen wäre.

Sie werden schließlich gefunden und gerettet und die kurze Zeit der Zweisamkeit ist vorbei.

Es geht mit Johannas Taten als Papst weiter. Sie tut Gutes und macht sich beim Volk beliebt und bei den Mächtigen, die finden, dass sie die Würde ihres Amtes nicht achtet, unbeliebt. „Zudem glaubte Papst Johannes an die Kraft der Logik und die Stichhaltigkeit von Beobachtungen; der hohe Klerus dagegen glaubte allein an die Kraft heiliger Reliquien und göttlicher Wunder. Der Papst war vorausschauend und fortschrittlich, die Würdenträger konservativ und durch Gewohnheit an Traditionen gebunden.“ (S. 512) Noch holzhammerartiger ging es nicht mehr, nehme ich an.

Johanna besetzt auch wichtige Posten mit fähigen Männern, auch wenn diese Ausländer sind, was die mächtigen römischen Familien verärgert. Arsenius versucht natürlich, sich die Situation zunutze zu machen und die Männer der Kurie noch mehr gegen den Papst einzunehmen. Anastasius schmachtet derweil im Exil im Frankenreich; er ist zwar am kaiserlichen Hof beliebt und beeindruckt die Leute, wenn er z. B. im Abendmahlsstreit argumentiert, Brot und Wein würden bloß sinnbildlich zu Leib und Blut Christi; aber er sehnt sich doch danach, dieses barbarische Land endlich verlassen und wieder nach Rom gehen zu können. (Im Abendmahlsstreit des 9. Jahrhunderts war man sich zwar einig darüber, dass Christus in Brot und Wein gegenwärtig ist, aber eine Frage war unter Theologen wie Paschasius Radbertus und Ratramnus umstritten: Ist der eucharistische Leib nun wirklich mit dem historischen Leib Jesu identisch oder ist er es nicht?) Von seinem Vater erhält Anastasius Berichte aus Rom: Papst Johannes kümmere sich zu wenig darum, den Diebstahl von Reliquien zu verhindern – „Er sagte, die Menschen wären sinnvoller damit beschäftigt, sich um die Lebenden statt um die Toten zu kümmern“ –, verschwende Geld für Schulen und Hospitäler und Armenhäuser und wende kein bisschen für die Kirchen der Stadt auf. (Ich finde ja übrigens, wer die Toten nicht achtet, achtet am Ende auch die Lebenden nicht mehr. Nicht ohne Grund ist es eins der sieben Werke der Barmherzigkeit, Tote zu begraben. Natürlich alles eine Frage des Maßes.) „Falls – nein, verbesserte Anastasius sich selbst – sobald er Papst wurde, würde sich vieles ändern. Er würde Rom wieder zu alter Größe führen. Unter seiner segensreichen Schirmherrschaft würden die Kirchen der Stadt in neuem Glanz erstrahlen, großartiger und prächtiger als die schönsten Paläste von Byzanz. Das – Anastasius wußte es genau – war die Mission, mit der Gott ihn auf Erden betraut hatte.“ (S. 522f.) Anastasius sieht einen göttlichen Auftrag für sich? Das ist interessant. Bisher ist es eher so dargestellt worden, als wäre er von rein weltlichem Ehrgeiz motiviert.

Kehren wir nach Rom zurück. Zwei oder drei Monate nach dem Hochwasser beschließt Gerold, die Stadt zu verlassen und wieder nach Benevento zu gehen, damit seine und Johannas Liebe zueinander nicht entdeckt wird. Johanna will es ihm ausreden. In diesem Augenblick wird ihr schwindelig, und er verspricht ihr, später noch einmal mit ihr darüber zu sprechen, und zumindest in Rom zu bleiben, bis sie sich wieder gesund fühlt.

Als Johanna in der Stille ihres Schlafzimmers darüber nachdenkt, dass sie sich eigentlich seit mehreren Wochen nicht besonders gut fühlt, wird ihr klar, dass auch ihre Monatsblutung seit längerem ausgeblieben ist. Sie ist schwanger.

Sie gerät in Panik und denkt nicht daran, dass sie aus Rom fliehen könnte, sondern stellt sich nur vor, was wäre, wenn ihre Schwangerschaft entdeckt würde. In ihrer Panik bereitet sie aus den Arzneien, die sie bei sich hat, rasch ein Abtreibungsmittel zu.

„In diesem Augenblick kamen ihr ungewollt die Worte des Hippokrates in den Sinn. Die Kunst der Medizin bedeutet Verantwortung und Vertrauen. Als Arzt mußt du all dein Wissen stets darauf verwenden, den Kranken zu helfen, so gut dein Können und dein Urteil es erlauben – aber niemals, unter keinen Umständen, darfst du einem Menschen Leid zufügen.“ (S. 524f.)

(Tatsächlich enthält ja der berühmte Hippokratische Eid im Original auch die Zeile: „Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben.“)

„Entschlossen schob Johanna diesen Gedanken zur Seite. Ihr Leben lang war ihr weiblicher Körper eine Quelle des Kummers und des Schmerzes für sie gewesen – Behinderung und Hindernis bei allem, was sie tun oder sein wollte. Sie würde nicht zulassen, daß dieser Frauenkörper sie nun auch noch das Leben kostete.

Johanna setzte das Fläschchen an die Lippen und trank.

Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen.

Die Worte brannten in ihrem Inneren und versengten ihr das Herz. Mit einem Schluchzer schleuderte sie das leere Fläschchen zu Boden. Es rollte davon, und die letzten Tropfen der Arznei hinterließen ein unregelmäßiges Muster auf den Holzdielen.“ (S. 525)

Doch das Mittel funktioniert nicht. Johanna bekommt zwar eine Zeitlang heftige Schmerzen, aber als diese vorbei sind, ist das Kind in ihrem Leib immer noch da.

Als Johanna sich dann später Gerold anvertraut – jedoch ohne ihm etwas von dem Abtreibungsversuch zu sagen; „nicht einmal von Gerold konnte sie in dieser Hinsicht Verständnis erwarten“ (S. 526) – will er sofort mit ihr aus der Stadt fliehen. Johanna jedoch will aus irgendeinem Grund noch bis nach dem Osterfest warten; so lange könne sie ihre Schwangerschaft noch verbergen. Gerold meint zwar, sie wäre vor Angst nicht ganz bei Sinnen, stimmt aber zu, bis Ostern zu warten.

Doch am Osterfest kommt ein Bote mit der Nachricht, dass Kaiser Lothar sich der Stadt nähere, und Anastasius, dessen Exkommunikation der Kaiser nicht anerkenne, bei ihm sei. Johanna schiebt ihren Aufbruch weiter auf.

„‚Es ist nur eine Frage von wenigen Tagen’, sagte sie in versöhnlichem Tonfall. ‚Wir wissen zwar nicht, was Lothar vorhat, aber wir können davon ausgehen, daß er die Stadt verläßt, wenn er sein Ziel erreicht hat. Und sobald er verschwunden ist, werde ich mit dir aus Rom fortgehen.’

Für einen Augenblick überdachte Gerold ihren Vorschlag. ‚Und du versprichst mir, es dann nicht noch einmal aufzuschieben, weil irgend etwas dazwischen gekommen ist?’

‚Ich verspreche es’, sagte Johanna.“ (S. 530)

Als der Kaiser sich nähert, lässt Johanna Gerold ihm entgegenreiten, um ihn zu begrüßen; aber als der Kaiser dann in die Stadt kommt (wieder wird er vor St. Peter, nicht im Lateran begrüßt), Anastasius im Kardinalsgewand an seiner Seite, hat er Gerold fesseln lassen und informiert Johanna, dass er ihn des Verrats anklagen wolle.

„Zum erstenmal meldete Anastasius sich zu Wort. ‚Der Verrat war nicht gegen den Thron des Papstes gerichtet, Heiligkeit, sondern gegen den des Kaisers. Gerold steht unter dem Verdacht, sich gegen Rom verschworen zu haben – mit dem Ziel die Stadt wieder unter griechische Herrschaft zu bringen.“ (S. 530f.)

Anastasius, Arsenius und Lothar haben einen römischen Adligen namens Daniel, der sauer ist, weil sein Sohn bei der Vergabe eines Bischofsstuhls übergangen wurde, dazu gebracht, die falsche Anklage gegen Gerold zu erheben. Johanna durchschaut die Absicht dahinter: „Sie selbst, als Papst, konnte nicht vor Gericht gestellt werden, wohl aber Gerold – und falls man ihn für schuldig befand, war sie mit betroffen, und ihr Thron geriet ins Wanken.“ (S. 531)

Der Prozess findet also statt, wobei Johanna und Lothar den Vorsitz führen. Daniel behauptet, er hätte ein Gespräch zwischen Gerold und Papst Johannes gehört, bei dem sie über ein Bündnis mit den Griechen gegen den Kaiser gesprochen hätten. Johanna, die zwar selbst nicht angeklagt werden kann, aber Gerold helfen will, schwört auf die Evangelien, dass dieses Gespräch nicht stattgefunden habe; dann jedoch beruft sich Anastasius auf die coniuratio, nach der „Schuld oder Unschuld eines Beklagten durch eine Probe bewiesen werden konnte, bei der es darauf ankam, welche der gegnerischen Parteien die größere Anzahl von sacramentales oder ‚Eideshelfern’ auf ihrer Seite  hatte, um die jeweilige Aussage zu untermauern“ (S. 534), und die kaiserliche Seite bringt mehr Eideshelfer zusammen als die päpstliche. Gerold verlangt daraufhin jedoch noch ein Gottesurteil. Johanna, die verhindern will, dass er sich einer solchen lebensgefährlichen Probe unterzieht, stellt dem Ankläger zuerst noch Fragen zu seiner Aussage und verwickelt ihn dabei in offensichtliche Widersprüche, sodass es allen deutlich wird, dass er Gerold fälschlich bezichtigt hat. Sie entzieht Daniel seine Titel und sein Vermögen und verbannt ihn aus Rom. Die Autorin stellt es bei diesem Prozess so dar, als ob es etwas völlig Neues, Unerhörtes wäre, nicht sofort zu Gottesurteilen und dergleichen zu schreiten, sondern erst Zeugenaussagen genauer anzusehen; außerdem wird ganz selbstverständlich das fränkische statt das römische Recht (das so etwas wie Eideshelfer nicht kannte) angewandt – in Rom.

Anastasius jedenfalls ist trotz dieses Rückschlags entschlossen, sich endlich den Papstthron zu erobern. Sein nächster Plan ist, seine Anhänger ganz einfach den päpstlichen Palast stürmen zu lassen, während der Papst eine Prozession durch die Stadt anführt; es wird auch geplant, wie Gerold ausgeschaltet werden soll, damit die päpstliche Miliz die Pläne nicht durchkreuzen kann. Mir kommt dieser Plan irgendwe stümperhaft vor. Wäre es nicht besser, einen Papst heimlich zu ermorden – wie Leo – und nach seinem Tod irgendwie den Anschein einer legitimen Wahl herzustellen, statt einfach nur zu versuchen, die Kontrolle über einen Palast in Rom zu bekommen? Ein Papst muss als Papst anerkannt werden.

Der Tag der Prozession kommt, und Johanna fühlt sich nicht ganz wohl, während sie durch die Straßen reitet: „offenbar war der Sattel nicht richtig aufgeschnallt, denn ihr tat schon jetzt der Rücken weh; der dumpfe, pochende Schmerz kam und verschwand in regelmäßigen Abständen.“ (S. 544) An alle Leserinnen, die Erfahrung damit haben: Sind Wehen tatsächlich dumpf und pochend?

Während der Prozession kommt eine Frau zu Johanna her und bittet sie um Vergebung für das, was sie ihr angetan habe; Johanna erkennt die stark gealterte Frau schließlich als die Kurtisane Marioza, die Benedikt einst dabei geholfen hat, sie in den Kerker zu bringen. Mariozas Gesicht ist inzwischen von Messernarben entstellt, „Die Abschiedsgeschenke eines eifersüchtigen Liebhabers“, wie sie Johanna sagt, als die danach fragt. Marioza sieht ihr Schicksal als göttliche Strafe für das, was sie Johanna angetan hat; Johanna vergibt ihr und segnet sie.

Als die Prozession noch ein Stück weiter gezogen ist, verursachen einige steinewerfende Männer einen kleinen Aufruhr; einer der Steine trifft auch Johannas Pferd. Gerold, der Johanna begleitet, reitet ihnen hinterher, als sie sich in eine Seitengasse zurückziehen; doch es ist eine Falle, und sie zerren ihn von seinem Pferd und stoßen ihm einen Dolch in den Rücken; die anderen Männer der päpstlichen Garde kommen ihm erst zu spät zu Hilfe. Johanna steigt von ihrem Pferd und rennt zu Gerold, und er stirbt in ihren Armen. Und dann spürt sie einen schrecklichen Schmerz:

„Als Johanna sich erhob, durchfuhr sie ein so schrecklicher Schmerz, daß sie sich krümmte, zu Boden fiel und keuchend nach Atem rang. Ihr Körper wand sich in schrecklichen Krämpfen, gegen die sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. (…)

Das Kind, durchfuhr es sie. Es kommt.“ (S. 548f.)

Die Menschen sind aufgebracht, meinen, der Papst sei vom Teufel besessen, ein Priester kommt rasch nach vorne geeilt und besprenkelt Johanna mit Weihwasser, doch da wird auch schon ihr Kind geboren:

„Johanna schrie, als mit einer letzten schrecklichen Schmerzwoge der Druck in ihrem Innern wich und ein gewaltiger Blutschwall aus ihrem Leib schoß.

Abrupt verstummte Aurianos’ monotone Stimme, und fassungsloses Schweigen breitete sich aus.

Unter dem Saum der weiten weißen Roben Johannas, die nun mit ihrem Blut getränkt waren, war der winzige bläuliche Körper einer Frühgeburt zu sehen.“ (S. 549)

Eine Geburt geht doch nicht so schnell?! Mir kamen die medizinischen Details ja schon öfter komisch vor, aber das hier?

In der Menge entsteht wieder ein Aufruhr, aber Johanna bekommt davon nicht mehr viel mit: „Johanna hörte dies alles wie aus weiter Ferne. Als sie auf der Straße lag, in ihrem eigenen Blut, überkam sie plötzlich ein unfaßbares, erhabenes Gefühl inneren Friedens. Die Straße, die Menschen, die farbenprächtigen Banner der Prozession erstrahlten in wundervoll leuchtenden Farben vor ihrem geistigen Auge, wie die Fäden eines riesigen Wandteppichs, dessen Muster sie allein zu erkennen vermochte.

Noch einmal wuchs ihr gewaltiger Geist heran, bis er die Leere in ihrem Innern füllte. Sie wurde in ein wundervolles, strahlendes Licht gebadet. Glaube und Zweifel, Wille und Verlangen, Herz und Verstand – endlich, am Ende ihres Weges, erkannte Johanna, daß dies alles eins war und daß dieses Eine Gott war.

Das Leuchten wurde heller. Lächelnd ging sie darauf zu, während die Lichter und Laute der irdischen Welt schwächer und schwächer wurden und schließlich erloschen, wie der Mond, wenn die Morgenröte kommt.“ (S. 549f.)

Und damit ist die Geschichte mehr oder weniger zu Ende. Johanna stirbt also kurzerhand, und die Autorin hat Gelegenheit, noch ein bisschen Esoterikblabla unterzubringen. Was genau soll mit dem Satz „Noch einmal wuchs ihr gewaltiger Geist heran, bis er die Leere in ihrem Innern füllte“ denn gemeint sein? Aus sich selber heraus kann kein Mensch die Leere in seinem Innern füllen; wenn, dann kann das Gott.

Es kommt dann noch ein Epilog, der zunächst bei Anastasius spielt, der fünfundachtzig Jahre alt geworden ist und nie sein Ziel erreicht hat, Papst zu werden. Er hat zwar nach Johannas Tod und der Entdeckung ihrer Identität den Papstthron für sich beansprucht, aber etliche Römer waren gegen ihn und der Kaiser hat ihn schließlich fallen gelassen; so wurde ein anderer gewählt und Anastasius in ein Kloster verbannt. Er hat sich später wieder zum päpstlichen Bibliothekar hochgearbeitet und ist nun für sein Werk, den Liber Pontificalis, weithin berühmt. „Der Liber Pontificalis war Anastasius’ Gewähr für die Unsterblichkeit und sein Nachlaß an die irdische Welt. Vor allem aber war dieses Werk Anastasius’ letzte Rache an seinem verhaßten Rivalen – an jenem Menschen, der ihm im Jahre 853 den Ruhm verwehrt hatte, für den das Schicksal, da war er gewiß, ihn bestimmt hatte. Anastasius hatte Päpstin Johanna aus dem offiziellen Papstregister gestrichen; im Liber Pontificalis wurde nicht einmal ihr Name erwähnt.“ (S. 553) Tatsächlich war es so, dass der historische Anastasius, der im Jahr 853 von Papst Leo IV. exkommuniziert worden war, nach dessen Tod im Jahr 855 den Papstthron für sich beanspruchen wollte, obwohl Benedikt III. gewählt worden war, und damit keinen Erfolg hatte. Er wurde später tatsächlich noch päpstlicher Bibliothekar (er ist heute unter dem Namen „Anastasius Bibliothecarius“ bekannt) und arbeitete am Liber Pontificalis weiter (nicht das ganze Buch, sondern nur einzelne Teile stammen von Anastasius, andere sind älter).

Die Perspektive wechselt dann nach Paris zu einem Erzbischof Arnaldo, der an seiner eigenen Abschrift des Liber Pontificalis arbeitet; er hat diese Arbeit selbst anstelle seiner Schreiber übernommen, um Anastasius’ Werk zu korrigieren: „Zwischen den Abschnitten, in denen das Leben der Päpste Leo und Benedikt beschrieben wurde, gab es nun einen neuen Eintrag über Päpstin Johanna – einen Abschnitt, in dem Johannas Leben und ihre Amtszeit wieder an die ihnen zustehenden Plätze in der Geschichte gerückt wurden.“ (S. 554) Denn: Arnaldo ist in Wirklichkeit Arnalda, Arns und Bonas kleine Tochter, der Johanna viele Jahre zuvor ihren Anhänger mit dem Katharinenbildnis geschenkt hat.

Wie viele andere von uns mag es wohl geben? fragte Arnalda sich nicht zum erstenmal. Wie viele andere Frauen hatten den kühnen Sprung getan und ihre weibliche Identität abgelegt? Wie viele Frauen hatten ein Leben aufgegeben, das mit Kindern und einer Familie hätte erfüllt und ausgefüllt sein können, um statt dessen Ziele anzustreben, die sie als Frau und auf andere Weise niemals hätten erreichen können? Wer konnte das sagen? Es mochte gut sein, daß Arnalda in einem Kloster oder einem Dom, ohne es zu wissen, einer Geschlechtsgenossin begegnet war, die sich in geheimer und bislang unaufgedeckter Schwesternschaft als Mann ausgab und einen ebenso beschwerlichen Weg gehen mußte wie Johanna und Arnalda. (…)

Eines Tages würde jemand diese Unterlagen finden und Johannas Geschichte erzählen.

Die Schuld ist beglichen, dachte Arnalda. Ruhe in Frieden, Päpstin Johanna.“ (S. 554)

Und damit ist dieser Roman endlich zu Ende. Im nächsten Post dann noch ein bisschen was zum Nachwort der Autorin und der ursprünglichen spätmittelalterlichen Legende von der Päpstin, und ein allgemeines Fazit, und dann haben wir’s.

Die Päpstin, Teil 4: Johannes Anglicus vs. Rabanus Maurus

(Dieser Artikel ist gar nicht so lang, wie er aussieht. Es sind bloß sehr viele Bilder dabei.)

Noch mal zur Erinnerung: Wir hatten den Normannenüberfall in Dorstadt; Johanna hat sich verkleidet nach Fulda aufgemacht; Gerold hat seine Familie verloren und glaubt, dass auch Johanna von den Normannen verschleppt wurde.

Im nächsten Kapitel wechselt der Schauplatz zum später so genannten „Lügenfeld“ bei Colmar im Jahr 833. Hier wird wieder aus Anastasius’ Sicht erzählt – wir erinnern uns: der adelige junge Römer, der in der ersten Leseetappe bereits kurz vorkam und der inzwischen neunzehn Jahre alt ist. Er hat seit dem Mord an seinem Onkel neun Jahre vorher gelernt, skrupellos und ehrgeizig nur auf seinen Vorteil zu sehen und bekleidet inzwischen ein Amt bei Papst Gregor IV., der nach Colmar gekommen ist, weil Kaiser Ludwig ihn gebeten hat, im Krieg zwischen ihm und seinen Söhnen zu vermitteln. Den Papst stellt die Autorin überraschenderweise als sehr frommen Mann dar, der von politischen Winkelzügen nichts versteht – ganz anders als Anastasius, der bereits im Vorfeld auf Anweisung seines Vaters Arsenius ganz andere geheime Verhandlungen geführt hat:

„Falls alles wie geplant verlief, würde der Kaiser morgen bei Sonnenaufgang feststellen, daß seine Truppen während der Nacht desertiert waren und ihn allein zurückgelassen hatten, verteidigungslos den Heeren seiner Söhne ausgeliefert. Alles war bereits abgesprochen, und auch die Bezahlung war schon erfolgt. Egal, was Gregor an diesem Tag sagen oder tun mochte – es spielte nicht mehr die geringste Rolle.

Doch war es wichtig, daß die päpstlichen Vermittlungsgespräche zunächst einmal geführt wurden, so, als wäre nichts geschehen. Die Verhandlungen mit Gregor würden das Mißtrauen des Kaisers weitgehend zerstreuen und seine Aufmerksamkeit genau zu dem Zeitpunkt ablenken, wenn alles darauf ankam.“ (S. 241)

Dem demütigen, tiefgläubigen und auf Frieden hoffenden Papst, den er ins Zelt des Kaisers begleitet, bringt Anastasius nur Verachtung und Unverständnis entgegen. Man ahnt schon: Er wird noch einmal der Gegenspieler der späteren Päpstin werden. Denn sein Lebensziel ist klar: „eines Tages selbst der Papst zu sein.“ (S. 241)

(Der historische Hintergrund stimmt so grob: Kaiser Ludwig der Fromme hatte sich mit seinen drei älteren Söhnen Lothar (König von Italien), Pippin (König von Aquitanien) und Ludwig dem Deutschen (König der Ostfranken) zerstritten, weil er auch seinem Sohn Karl (dem späteren Karl dem Kahlen), der aus seiner zweiten Ehe stammte und 833 erst zehn Jahre alt war, Herrschaftsgebiete überlassen wollte. Auf dem Lügenfeld konnten die Söhne die kaiserlichen Verbündeten auf ihre Seite ziehen und als Ludwig dann ohne Heer dastand, musste er nachgeben. Der Papst war auch da, im Heerlager des Kaisers, um mit den Söhnen zu verhandeln.)

In den nächsten Kapiteln befinden wir uns dann im Kloster in Fulda, wo „Bruder Johannes Anglicus“ seit einigen Jahren lebt. Johanna hat sich als ihr toter Bruder ausgegeben und hat ihren Beinamen erhalten, weil ihr Vater aus England stammt. In Fulda scheint sie in gewissem Maße ihre Bestimmung gefunden zu haben: Sie kann die Werke in der umfangreichen Klosterbibliothek studieren und wird wegen ihrer Klugheit geachtet. Das Kloster besitzt auch ein paar griechische Handschriften, darunter auch medizinische Schriften des Hippokrates, und da Johanna die einzige dort ist, die Griechisch kann, übersetzt sie diese ins Lateinische. Dieses Szenario hat etwas Unglaubwürdiges. Griechisch ist wirklich keine leichte Sprache – ich spreche aus Erfahrung – und Johanna hat in ihrem (übrigens nicht sehr lange währenden) Unterricht bei Aeskulapius nur griechische Dichtung zu lesen bekommen, noch dazu aus einer früheren Epoche als der des Hippokrates. Wie will sie medizinische Fachbegriffe in jüngeren griechischen Schriften verstehen? Sie kann schließlich kein Wörterbuch konsultieren. Wegen ihres Interesses an der Medizin wird Johanna außerdem zum Lehrling des Arztes des Klosters, Bruder Benjamin, und verbringt viele Stunden im Heilkräutergarten und im Spital.

Natürlich ist Johannas Leben nicht ganz sorgenfrei. Sie muss immer daran denken, ihr Geschlecht zu verbergen, auch wenn das mit den weiten Mönchskutten, in denen die Mönche auch schlafen, nicht allzu schwer ist: „Denn hätte man ihre wahre Identität aufgedeckt, hätte dies mit Sicherheit ihren Tod bedeutet.“ (S. 248) Kann ich mir jetzt nicht unbedingt vorstellen. Eher, dass man sie in Schimpf und Schande aus dem Kloster geworfen hätte oder so. Aber die Autorin braucht es eben dramatisch.

Funfact: Wir haben übrigens tatsächlich eine Heilige, die heilige Eugenia von Rom, die der Legende nach – die Legende ist freilich anachronistisch; im frühen 3. Jahrhundert, als sie gelebt haben soll, gab es noch keine Klöster – als Mann verkleidet in ein Mönchskloster eingetreten sein soll und eine Zeitlang dort gelebt haben und sogar zum Abt gewählt worden sein soll. Und ich bin mir fast sicher, irgendwann einmal noch von einer anderen, byzantinischen Heiligen etwa aus dem 8.-10. Jahrhundert gelesen zu haben, die ebenfalls als Mann verkleidet in ein Mönchskloster ging, in ihrem Fall, um bei ihrem Vater zu bleiben, der nach dem Tod seiner Frau dort Mönch wurde. Ihr Vater starb, sie blieb weiterhin im Kloster, wurde dort Pförtner oder etwas Ähnliches und stand im Ruf der Heiligkeit. Aber dann beschuldigte eine junge Frau, die unehelich schwanger geworden war und den wahren Vater des Kindes nicht angeben wollte, sie, sie geschwängert zu haben. Die Heilige sah das als schicksalhafte Strafe für ihre Verstellung an, gab ihre Verkleidung aber nicht auf, sondern leistete unter ihrer falschen Identität lange Jahre Kirchenbuße für ihr angebliches Vergehen. Erst bei ihrem Tod entdeckte man dann, dass sie eine Frau und somit unschuldig war. Mir fällt ihr Name beim besten Willen nicht mehr ein und vielleicht ist es auch bloß eine Variante der Eugenia-Legende, an die ich mich erinnere; aber erwähnen wollte ich diese Heilige auch noch. Jedenfalls scheint man es beiden Heiligen (vor allem Eugenia) nicht allzu sehr angekreidet zu haben, dass sie sich verkleidet hatten.

Die Angst, enttarnt zu werden, hat Johanna auch davon abgehalten, mit Gerold Kontakt aufzunehmen. („So sehr durfte sie niemandem vertrauen, daß sie ihn eine Nachricht an Gerold überbringen ließ.“ (S. 248)) Das, und die Angst, dass Richild die Wahrheit gesagt haben könnte und Gerold sie gar nicht liebt. Hier haben wir eben mal wieder eins dieser typischen konstruierten Missverständnisse, die in Liebesromanen Liebende voneinander getrennt halten und die sich sofort auflösen würden, wenn einer der beiden sich überwinden könnte, den Mund aufzumachen oder einen Brief zu schicken oder sich nach dem anderen zu erkundigen o. Ä. Ehrlich, wo soll das Risiko dabei liegen, einen versiegelten Brief an Gerold zu schicken?

Doch es sind anscheinend nicht nur diese Zweifel und Ängste, die Johanna daran hindern. Sie erinnert sich auch daran, wie sie nur wenige Monate nach ihrem Eintritt ins Kloster beobachtet hat, wie eine adelige Dame, die auf der Durchreise war, daran gehindert wurde, in der Klosterkirche eine Kerze für ihr vor kurzem totgeborenes Kind anzuzünden, da sie so kurz nach der Geburt noch unrein sei. (Tatsächlich gab es früher den Brauch der Segnung von Müttern nach einer festgelegten Anzahl von Tagen nach der Geburt, der dann so interpretiert wurde, dass sie vor dieser „Aussegnung“ unrein wären und die Kirche nicht betreten dürften. Ob das im 9. Jahrhundert schon so war, weiß ich nicht; ich finde das Buch, in dem ich darüber gelesen habe, gerade nicht; laut Wikipedia kam der Brauch erst im 11./12. Jahrhundert aus dem Osten in den Westen.) Diese Dame wurde, da sie sehr gelehrt war, bei dieser Gelegenheit zusätzlich vom Sakristan des Klosters zurechtgewiesen: „Was wider die natürliche Ordnung ist, verstößt gegen den Willen Gottes. Legt Schreibfeder und Pergament nieder und nehmt stattdessen Nadel und Zwirn, wie es einer Frau ansteht, und bereut euren Hochmut. Dann nimmt Gott vielleicht die Last von Euch, die er Euch aufgebürdet hat [sie hat noch kein lebendes Kind geboren].“ (S. 252) Auch die Novizen, die zusammen mit Johanna die Szene beobachteten, hatten schon über die Dame gelästert:

„‚Wer ist diese Frau?’ fragte Johanna fasziniert.

‚Judith, die Gattin von Baron Waifar’, antwortete Bruder Rudolph, der die Aufsicht über die Novizen führte. ‚Eine gelehrte Frau. Man sagt, daß sie Latein in Wort und Schrift so gut beherrscht wie ein Mann.’

Deus nos salva.’ Ängstlich bekreuzigte sich Bruder Gailo. ‚Ist sie eine Hexe?’

‚Ganz und gar nicht. Sie steht in dem Ruf tiefer Frömmigkeit. Sie hat sogar einen Kommentar zum Leben der Esther geschrieben.’

‚Was für eine Scheußlichkeit’, sagte Bruder Thomas, einer der anderen Novizen. Thomas – ein unscheinbarer junger Mann mit rundem, pausbäckigem Gesicht, Kinngrübchen und schwerlidrigen Augen – nutzte jede Gelegenheit, seine überlegene Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit hervorzuheben. ‚Ein schwerer Verstoß gegen die natürliche Ordnung. Was kann eine Frau von solchen Dingen schon wissen, wo sie doch von niederen Instinkten geleitet wird? Gewiß wird Gott sie für ihre Überheblichkeit bestrafen.’

‚Das hat er schon’, erwiderte Bruder Rudolph, ‚denn der Baron braucht einen Erben, doch seine Frau ist unfruchtbar. Erst letzten Monat hatte sie wieder eine Totgeburt.’“ (S. 249f.)

Seufz. Lügen werden nicht dadurch richtiger, dass man sie öfter wiederholt. Auch nicht, wenn es sich um antimittelalterliche Klischees handelt.

(Seite aus dem Liber Manualis, einem Buch, das von der fränkischen Herzogin Dhuoda von Septimanien zwischen 841 und 843 als Lehrbuch für ihre Söhne geschrieben wurde. Übrigens halte ich es für wahrscheinlich, dass Donna W. Cross Dhuoda kennt; immerhin musste sie passende historische Namen für ihre Figuren recherchieren, was man gerne anhand bekannter Persönlichkeiten einer bestimmten Zeit tut, und die jüngere von Gerolds Töchtern heißt Dhuoda.)

Jedenfalls ist dieser Vorfall ein weiterer Grund für Johanna gewesen, ihre Verkleidung beizubehalten: „Nach diesem Vorfall unternahm Johanna den entschlossenen Versuch, jeden Gedanken an Gerold aus ihrem Inneren zu verdrängen. Sie hatte erkannt, daß sie niemals glücklich sein würde, falls sie ihr Leben in der eingeengten Welt der Frauen führen mußte. Außerdem, so wurde ihr klar, war ihr Verhältnis zu Gerold nicht so beschaffen, wie sie geglaubt hatte. Damals, auf Villaris, war sie ein unerfahrenes, naives Kind gewesen, und ihre Liebe eine romantische Schwärmerei, aus Einsamkeit und Verlangen geboren.“ (S. 252f.) Ich find’s ja schön, dass sie es gemerkt hat. Die Autorin sieht das anders: „Wieder und wieder redete Johanna sich dies alles ein – so lange, bis sie es glaubte.“ (S. 253) Soll hier etwa impliziert werden, dass es nicht wahr ist?

File:14th-century unknown painters - The Annunciation - WGA23721.jpg

(Die Verkündigung, von einem unbekannten deutschen Maler, ca. 1330. Ich dachte mir, ich sammle in diesem Teil mal ein paar der mittelalterlichen Darstellungen, die Maria bei der Verkündigung mit einem Buch zeigen, in dem sie gerade gelesen hat, bevor der Engel Gabriel gekommen ist – so von wegen mittelalterlicher Einstellung zur Frauenbildung. Alle Bilder sind von Wikimedia Commons.)

Allerdings hat das Klosterleben auch seine unschönen Seiten für Johanna. Die Benediktinerregel ist streng und der Abt (eine reale historische Person: der heilige Rabanus Maurus) kann Johanna nicht leiden. Man merkt bald, dass er ihr neuer Gegenspieler wird, nachdem ihr Vater und Odo weggefallen sind.

Datei:Leonardo da Vinci - Annunciazione - Google Art Project.jpg

(Von Leonardo da Vinci, ca. 1472.)

Zunächst aber kommt ein Konflikt zwischen dem Abt und einem anderen Mönch namens Gottschalk vor, den es tatsächlich gegeben hat. Im Buch sieht die Darstellung folgendermaßen aus:

Datei:Doberan Münster - Kreuzaltar Marienseite 1 Verkündigung Maria.jpg

(Altar in Bad Doberan, ca. 1370.)

Gottschalk, ein junger Adliger, der als Kind als oblatus ins Kloster gegeben wurde, will es verlassen; Abt Rabanus Maurus ist dagegen, weil er das Versprechen der Eltern, die ihre Kinder Gott geweiht haben, für bindend für diese hält. Also lässt er Gottschalk bei der Versammlung im Kapitelsaal auspeitschen, wobei eine Rippe gebrochen wird und die Knochen durch die Haut nach außen dringen; durch diese Wunde verliert Gottschalk auch viel Blut. Als er ins Spital gebracht wird, kann Johanna ihm mithilfe der Lehren des Hippokrates gerade noch das Leben retten.

File:Diptych reverse - Annunciation - Suermondt-Ludwig Museum.jpg

(Von Albrecht Bouts, um 1500.)

Während er bewusstlos ist, taucht der auch fanatische Rabanus am Krankenbett auf:

„Plötzlich erklang eine herrische Stimme hinter ihnen. ‚Setz deine Hoffnungen nicht auf Kräuter und Tränke.‘

Johanna drehte sich um und sah den Abt, gefolgt von einer Gruppe von Brüdern. Sie stellte den Becher ab und erhob sich.

‚Gott der Herr gibt den Menschen das Leben, und er allein schenkt ihnen Gesundheit. Nur Gebete können den Sünder genesen lassen.‘ Abt Rabanus Maurus gab den Brüdern ein Zeichen, und schweigend nahmen sie um das Bett herum Aufstellung.“ (S. 264

Johanna betet mit, dankt aber eher dem Hippokrates.

File:'The Annunciation' by Jan Provost, Dickinson Gallery.jpg

(Jan Provost, um 1500. )

Als Gottschalk wieder bei Bewusstsein ist, schlägt Johanna ihm vor, sich mit einer Bittschrift an eine Synode in Mainz zu wenden. „‚Es wäre nicht das erste Mal, daß die Entscheidung eines Abtes zurückgenommen wird‘, widersprach Johanna. ‚Sogar Erzbischöfe haben sich schon beugen müssen. Es kommt hinzu, daß du ein gewichtiges Argument vorbringen kannst: Du wurdest als kleiner Junge ins Kloster gegeben, lange, bevor du ein verständiges Alter erreicht hattest. Ich habe in der Bibliothek nachgelesen und bei Geronimus mehrere Abschnitte entdeckt, die ein solches Argument stützen würden.'“ (S. 266) Bei der Mönchsregel Basilius des Großen gäb’s übrigens auch was: „Wer aber [wenn er erwachsen geworden ist] nicht jungfräulich leben möchte, weil er sich nicht ganz um die Sache des Herrn kümmern kann, soll vor diesen Zeugen entlassen werden. Wer jedoch das Gelöbnis ablegen will, soll es nach langer Prüfung und Überlegung tun, wozu ihm mehrere Tage hindurch Gelegenheit gegeben werden muß. Denn es soll nicht der Eindruck entstehen, er sei von uns geraubt worden.“ Sorry, ich hab mal eine Hausarbeit über die Waisenversorgung und den Brauch der oblatio in Klöstern des Oströmischen Reiches geschrieben und muss mein Wissen ja irgendwie mal anbringen.

Mit Geronimus wird wohl der Kirchenvater Hieronymus gemeint sein; ich schätzte, dass der Übersetzer nicht genau wusste, wie er das englische „Jerome“ übersetzen sollte. Hört sich ja auch nicht unbedingt wie „Hieronymus“ an.

Johannas Plan hat Erfolg und Gottschalk darf das Kloster verlassen; er geht zunächst zu einer verheirateten Schwester nach Speyer, ohne klaren Plan, was danach aus ihm werden soll. Johanna blickt ihm bei seinem Abschied nach und fragt sich, was aus ihm werden wird: „Doch irgendwie machte er den Eindruck eines Mannes, dem es bestimmt war, stets das zu begehren, was er nicht bekommen konnte, und der immer den steinigsten Weg für sich wählte.“ (S. 268)

File:Jan provost, annunciazione, da osp. civili di genova, 01.JPG

(Noch einmal Jan Provost.)

Ich muss sagen, ich war erstaunt, als ich das Ganze nachgeschaut habe und festgestellt habe, dass Rabanus Maurus tatsächlich der Ansicht war, dass oblati sich immer an das Versprechen ihrer Eltern halten müssten, und dass die Geschichte mit Gottschalk auf Fakten beruht. (Rabanus schrieb nach der Auseinandersetzung um Gottschalk sogar eine Abhandlung darüber: Das Liber de oblatione puerorum.) Offenbar war die Frage, wie verbindlich die oblatio ist und ob sie erst durch die eigene Profess im Erwachsenenalter gültig wird, zu dieser Zeit tatsächlich stark umstritten; eine Regionalsynode, das 4. Konzil von Toledo, hatte im Jahr 633 das Versprechen der Eltern für bindend erklärt: „Monachum aut paterna deuotio, aut propria professio facit“ (den Mönch macht entweder die väterliche Weihe oder das eigene Gelübde). Andere Entscheidungen widersprachen dem jedoch; ab dem 12. Jahrhundert verlor die oblatio dann an Bedeutung und es wurde klar, dass die eigene Profess, jedenfalls theoretisch, das Entscheidende ist. (In der Benediktsregel selbst bleibt es unklar, welche Verbindlichkeit das Versprechen der Eltern hat.)

Und tatsächlich stimmt es, dass Gottschalk von Orbais, ein oblatus in Fulda, der seine Profess nicht ablegen, das Kloster verlassen und sein Erbe, das das Kloster erhalten hatte, zurückhaben wollte, an die Synode von Mainz von 829 appellierte und Recht bekam. Es ist nicht ganz klar, was dann geschah; vielleicht wurde Gottschalk auch nur gestattet, das Kloster zu wechseln; vielleicht lebte er einige Zeit als Laie und überlegte es sich dann wieder anders; später tritt er in den Quellen jedenfalls wieder als Mönch in Erscheinung. Er wurde dann auch zum Priester geweiht, verfasste einige Schriften und ging auf Missionsreisen, und er hatte noch einen weiteren (theologischen) Konflikt mit Rabanus, der später im Buch auch noch erwähnt wird, und in dem die Sympathie wohl weniger auf seiner Seite liegt… Aber dazu dann an der passenden Stelle.

The Annunciation (c. 1430-34) - Álvaro Pires de Évora.png

(Von Álvaro Pires de Évora, ca. 1430-1434.)

Nach der Geschichte mit Gottschalk kommt eine Zeremonie im Klosterhof vor, bei der ein paar Leprakranke, die ins Leprosarium kommen sollen, öffentlich von der Gesellschaft ausgesondert werden und ihnen der Kontakt zu Gesunden verboten wird. Johanna entdeckt dabei, dass eine der Kranken, eine Frau namens Madalgis, gar kein Lepra, sondern eine andere Hautkrankheit hat, und überredet den Abt, dass sie sie noch genauer prüfen darf. (Der Bischof, der durchgesetzt hat, dass Gottschalk gehen darf, ist noch da und beobachtet den Abt, der sich daher nicht traut, Johanna einfach für ihre Auflehnung bestrafen zu lassen. Denn natürlich kann Rabanus Maurus Johanna nicht leiden und hat auch kein Mitleid für Madalgis. Natürlich.)

Da Madalgis wegen der möglichen Ansteckungsgefahr nicht ins Spital soll, begleiten Bruder Benjamin und Johanna sie zu ihrem Haus; sie ist Witwe, hat vier Kinder und lebt in ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Nachdem Johanna sie baden und ihr Haus von Ungeziefer säubern lässt, bessert sich ihre Gesundheit.

File:Annunciazione, Apollonio di Giovanni, Museo della Collegiata, Castiglione Olona.jpg

(Von Apollonio di Giovanni, ca. 1440.)

Johanna erfährt hier auch von Madalgis‘ Vergangenheit:

„Trotz ihres abgerissenen Äußeren war Madalgis keine colona, sondern eine freie Frau, deren Ehemann Freibauer auf einem großen mansus gewesen war, der zwölf Hektar Ackerland umfaßt hatte. Nach seinem Tod hatte Madalgis versucht, ihre Familie durchzubringen, indem sie das Land ganz allein bewirtschaftete, doch dieses heldenhafte Unterfangen wurde von ihrem Nachbarn, dem Grundherren Rathold, abrupt beendet, denn Rathold hatte es auf die Hufe abgesehen, die fruchtbaren Boden besaß und gute Gewinne abwarf. So hatte Rathold dem Abt Rabanus von Madalgis‘ Bemühungen berichtet, worauf der Abt ihr unter Androhung der Exkommunikation untersagte, jemals wieder mit Pflug oder Hacke den Acker zu bearbeiten. ‚Eine Frau handelt unchristlich, wenn sie die Arbeit eines Mannes tut‘, hatte er zu Madalgis gesagt.

Angesichts des drohenden Hundertods war Madalgis gezwungen gewesen, Haus und Hufe für einen Bruchteil ihres wirklichen Wertes an den Grundherren Rathold zu verkaufen; als Kaufpreis erhielt sie nur ein paar solidi, eine winzige Hütte sowie ein kleines Stück Wiese für ihre Kühe in einem Weiler unweit ihres einstigen mansus.“ (S. 274)

Wie denkt man sich so etwas nur aus? Glaubt Donna W. Cross ernsthaft, es wäre im Mittelalter nicht ständig vorgekommen, dass Frauen verwitweten und typische Männeraufgaben übernehmen mussten, bis sie einen neuen Mann fanden? Glaubt sie, damals hätte irgendjemand überwacht, ob die Bauern ihre Aufgaben auch genau nach Geschlechterrollen aufteilten? Nein, sie glaubt es nicht, sie erfindet es. (Und ja, nach der Gottschalk-Geschichte habe ich mich wirklich bemüht, hier herauszufinden, ob diese Geschichte auf irgendwelchen realen Fakten beruhen könnte. Kann sie offenbar nicht.)

Datei:Embroidered bookbinding 13th century Annunciation.jpg

(Stickerei auf einem Buchumschlag aus dem 13. Jahrhundert, vermutlich von Anne de Felbrigge, einer Nonne, der das Buch (ein Psalter) gehörte, selbst angefertigt.)

An dieser Stelle der Handlung, als Johanna eine Nachbarin von Madalgis sieht, die sich während deren Abwesenheit um die Kinder gekümmert hat, bringt die Autorin auch ein paar Betrachtungen zum Thema Kinderkriegen unter: „Die Frauen brachten ihr erstes Kind nicht selten mit dreizehn, vierzehn Jahren zur Welt, um dann in einem Zustand beinahe permanenter Schwangerschaft zu verbleiben und mit steter Regelmäßigkeit ein Kind nach dem anderen in eine triste Welt zu setzen. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, daß eine Frau im Laufe ihres Lebens zwanzigmal und öfter schwanger war, wenngleich einige dieser Schwangerschaften aufgrund von Fehl- und Frühgeburten keine neun Monate währten. Wenn eine Frau in die Wechseljahre kam – falls ihr ein so langes Leben beschieden war; denn jede Geburt war für Mutter und Kind mit einem hohen Risiko verbunden – waren ihr Körper und ihr Geist erschöpft und ausgelaugt.“ (S. 275)

Hier nur ein kurzer Kommentar zum Alter von Frauen bei der Eheschließung: Aus dem frühen Mittelalter hat man keine Daten, aus denen man irgendwelche Durchschnittswerte ermitteln könnte – Taufen, Hochzeiten etc. wurden noch nicht in Kirchenbüchern eingetragen -, aber es muss nicht sein, dass das durchschnittliche Heiratsalter besonders niedrig lag. In der frühen Neuzeit, aus der man Daten hat, heirateten die Frauen auf dem Land (je nach wirtschaftlicher Lage) im Durchschnitt mit Anfang bis Mitte zwanzig, die Männer mit Mitte bis Ende zwanzig. Ob man heiraten konnte, hing zumindest zu dieser Zeit eben davon ab, ob man einen eigenen Hausstand gründen konnte, was nicht immer einfach war. Mit der Situation bei der Familiengründung im Frühmittelalter kenne ich mich zugegebenermaßen nicht besonders gut aus, und, wie gesagt, die Quellenlage ist hier deutlich schlechter. Das Mindestheiratsalter war für Mädchen zwölf Jahre, für Jungen vierzehn; aber das sagt über das durchschnittliche Alter eben noch nichts aus. Bei uns wird ja auch nicht häufig mit achtzehn oder neunzehn geheiratet.

File:MCC-42054 Veelluik met het martelaarschap van de H. Theodosia (57).jpg

(Anonyme Darstellung aus den Niederlanden, 1545. Okay, streng genommen nicht mehr Mittelalter.)

Was später noch wichtig wird: Johanna bringt Magaldis‘ zwölfjährigem Sohn Arn das Rechnen bei und schlägt ihm vor, auf die Klosterschule zu gehen (dazu müsste er nicht Mönch werden), wenn sie es einrichten kann.

Nachdem Madalgis geheilt ist, wird Johannes Anglicus in der ganzen Gegend als Wundertäter gepriesen. Als einer der beiden Priester des Klosters stirbt (die übrigen Mönche sind Laienbrüder), wollen alle Johannes Anglicus als seinen Nachfolger sehen. Rabanus Maurus ist davon nicht begeistert: „Der Abt gab Bruder Thomas den Vorzug, der zwar nicht die überragenden Geistesgaben des Johannes Anglicus besaß, wie jedermann wußte, der aber sehr viel berechenbarer war – eine Eigenschaft, die Rabanus schätzte.“ (S. 281) (Natürlich sind die Bösen auch dumm und der religiöse Fanatiker will nur loyale Jasager.) Allerdings fürchtet Rabanus nach der Geschichte mit Gottschalk auch schon darum, welchen Ruf seine Amtsführung beim Bischof und beim König genießt – also wählt er den hochbegabten und geschätzten Johannes Anglicus als Priester für das Kloster aus.

Datei:Meister von Seitenstetten - Maria Verkündigung.JPG

(Vom Meister von Seitenstetten, um 1490.)

Diese Szene ist übrigens ziemlich seltsam. Der Abt verkündet seine Entscheidung bei der Versammlung im Kapitelsaal, und dann heißt es: „Johanna errötete vor Aufregung. Ich bin Priesterin! Sie konnte es kaum fassen, von nun an die heiligen Sakramente erteilen zu dürfen.“ (S. 281) Sie denkt daran zurück, dass dies der Traum ihres Vaters für Matthias und Johannes war, und sie ihn nun erfüllt. Der Gedanke „Ich bin Priesterin“ macht natürlich überhaupt keinen Sinn, denn es hat noch keine Weihe stattgefunden (mal ganz abgesehen davon, dass die ungültig wäre). Die Priesterweihe kommt dann auch nicht mehr vor.

Hier wird auch kurz aus Bruder Thomas‘ Sicht erzählt. Wir haben ihn ja schon als entschiedenen Frauenfeind kennengelernt; jetzt zeigt er sich auch noch als ehrgeizig, dumm und neidisch – also so, wie praktisch alle Gegner Johannas: „Doch was Thomas an geistiger Kraft fehlte, machte er durch Verbissenheit und das Bemühen wett, die äußeren Formen des Glaubens zu perfektionieren. Jedesmal, wenn Thomas seine Mahlzeiten beendete, achtete er sorgfältig darauf, sein Messer und die Gabel  als Tribut an das heilige Kreuz Christi senkrecht auf den Tisch zu legen. Und niemals trank er seinen Wein auf einen Zug, wie die anderen, sondern nippte bedächtig daran, nahm immer nur ehrfurchtsvoll drei kleine Schlucke hintereinander, als fromme Veranschaulichung des Wunders der Heiligen Dreifaltigkeit. Johannes Anglicus gab sich niemals auch nur die geringste Mühe, was solche demutsvollen Handlungen betraf.“ (S. 282) Bruder Thomas wünscht seinen Rivalen in die Hölle, scheinbar ohne alle Gewissensbisse.

Datei:AnnunciationJeanPoyer.jpg

(Von Jean Poyer, ca. 1500.)

In der nächsten Szene wird Johanna ein Besucher angekündigt – ihr Vater. Sie folgt dem Mönch, der sie zu ihrem Vater führt, weil ihr keine Ausrede einfällt, es nicht zu tun; verbirgt ihr Gesicht dabei aber nach Möglichkeit unter ihrer Mönchskapuze, und führt ihren Vater, als sie allein sind, rasch in die dunkle Kapelle. Tatsächlich hält er sie zunächst weiterhin  für Johannes. Kurz fragt er nach Johannas angeblichem Tod bei dem Normannenangriff:

„‚Ist deine Schwester gestorben, ohne daß sie… geschändet wurde?‘

Johanna hatte plötzlich das Bild Gislas vor Augen, wie sie vor Schmerz und Angst schrie, während die Normannen ihr einer nach dem anderen Gewalt antaten.

‚Sie ist unberührt gestorben.‘

Deo Gratias.‘ Der Dorfpriester bekreuzigte sich. ‚Dann war es Gottes Wille. Johanna war ein starrköpfiges und unnatürliches Kind. Nie hätte sie ihren Frieden mit der Welt gemacht. Es ist besser so.'“ (S. 288)

Als Johanna sich dann nach ihrer Mutter erkundigt, erfährt sie, dass Gudrun tot ist:

„‚Sie ist vor einem Monat gestorben‘, fuhr der Dorfpriester fort, ‚ohne sich mit Christus ausgesöhnt und die Beichte abgelegt zu haben. Nein, zu ihren heidnischen Götzen hat sie gebetet! Als die Hebamme mir sagte, dass mein Weib sterben müsse, habe ich alles getan, was ich konnte, aber sie wollte das heilige Sterbesakrament nicht empfangen. Ich habe ihr die Hostie in den Mund geschoben, aber deine Mutter hat mich damit angespuckt.‘

‚Die Hebamme war bei ihr? Du willst damit doch nicht etwa sagen…‘ Ihre Mutter war gut fünfzig Jahre und längst über das gebärfähige Alter hinaus. Nach Johanna hatte sie kein Kind mehr bekommen.

‚Man hat mir nicht einmal erlaubt, sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Nicht mit dem ungetauften Kind in ihrem Leib.‘ Er fing an zu weinen; tiefe, erstickte Schluchzer schüttelten seinen ganzen Körper.

Hat er sie doch geliebt? fragte sich Johanna. Ihr Vater hatte eine seltsame Art gehabt, seine Liebe zu zeigen – mit seinen wilden Zornesausbrüchen, seiner Grausamkeit und seiner Begierde, dieser selbstsüchtigen Begierde, die Gudrun letztendlich das Leben gekostet hatte.

Die Schluchzer des Dorfpriesters verstummten allmählich, und er begann das Totengebet zu sprechen. Diesmal fiel Johanna nicht ein. Leise, kaum zu vernehmen, sprach sie den heiligen Eid und rief den geheiligten Namen Thors des Donnerers an, genau so, wie ihre Mutter es sie vor langer Zeit gelehrt hatte.“ (S. 289f.)

Ich muss sagen, ich komme noch immer nicht so ganz dabei mit, woran Johanna nun überhaupt glaubt. Okay, sie selber vermutlich auch nicht.

File:Maria Verkündigung, Altar von Schloss Tirol.jpg

(Altar von Schloss Tirol, um 1370.)

Ihr Vater gibt im weiteren Verlauf des Gesprächs zu, dass er seine Stellung als Pfarrer in Ingelheim verloren hat, weil der Zölibat inzwischen strenger durchgesetzt wird, und bittet Johanna, bei Abt Rabanus ein gutes Wort für ihn einzulegen – vielleicht könnte man ihn bei der Sachsenmission gebrauchen? Johanna ist angewidert und unwillig, ihm zu helfen. Doch als ihr Vater sie dann festhält und sie sich losreißt, rutscht ihr die Kapuze vom Kopf, und er erkennt sie.

Wütend beschimpft er sie und will zum Abt gehen, um ihre Identität zu verraten, doch ehe er das tun kann – wird er von einem Schlaganfall getroffen. Noch in den wenigen Augenblicken, die ihm bleiben versucht er Johanna zu verraten:

„Mit lodernder Wut starrte er sie an, und mit einer letzten, explosiven Kraftanstrengung spie er ein einziges Wort hervor. ‚Mulier!‘

Weib!

Wild warf er den Kopf von einer Seite zur anderen; dann ging plötzlich ein Ruck durch seinen Körper; er lag regungslos da, und seine leeren Augen starrten ins Nichts.“ (S. 293)

Die anderen Mönche, die herbeigeeilt sind, um zu helfen, haben sein letztes Wort jedoch nicht verstanden und Johanna erzählt ihnen, er hätte die Jungfrau Maria angerufen. Sie ist sicher.

(„Mulier“ müsste man übrigens eigentlich mit „Frau“ übersetzen. Es hat nicht die negative Konnotation, die „Weib“ im Deutschen angenommen hat, sondern ist ein ganz neutraler Begriff.)

File:Bartolo di Fredi - Annunciation - WGA1323.jpg

(Von Bartolo di Fredi, ca. 1383.)

Na ja, ich schätze, jeder Schriftsteller macht sich irgendwann einmal des Gebrauchs des Deus ex machina schuldig. Man hat seine Figuren in eine ausweglose Situation hineinmanövriert, und es fällt einem keine stimmige Weise ein, sie wieder herauszuholen. Also lässt man kurzerhand einen Antagonisten aus heiterem Himmel an einem Schlaganfall sterben, oder ein reicher Onkel aus Amerika, der vorher nie erwähnt wurde, taucht auf und löst alle Probleme. Das haben schon bessere Schriftsteller so gemacht. Ein besonders tolles Stilmittel ist es trotzdem nicht.

File:Sebastiano mainardi 01.jpg  File:Sebastiano mainardi 02.jpg

(Von Sebastiano Mainardi, 1482.)

Im nächsten Kapitel bekommen wir eine kurze Szene bei Gerold. Wir schreiben inzwischen das Jahr 841, und Ludwig der Fromme ist tot und das Reich ist zwischen Lothar, der den Kaisertitel trägt (den er wohl schon als Mitregent seines Vaters im Jahr 823 erhalten hat) und seinen Brüdern Karl und Ludwig aufgeteilt worden (Pippin ist inzwischen tot). Es gab weitere Konflikte, und Karl und Ludwig kämpfen nun gegen Lothar. Gerold hat sich Lothar angeschlossen, auch wenn er ihn für keinen guten Herrscher hält:

„Die Teilung, durch die das Land im vergangenen Jahr zerstückelt worden war, hatte einen schrecklichen Tribut gefordert: Die Normannen hatten sich die Schwäche des Frankenreiches zunutze gemacht, die durch den inneren Zwist und den Bruderstreit noch verstärkt worden war; ihre Raubzüge an der fränkischen Küste wurden immer häufiger und gewalttätiger und hatten furchtbare Zerstörungen zur Folge. Falls Lothar hier, in Fontenoy, einen entscheidenden Sieg davontrug, hatten seine Brüder keine andere Wahl, als sich ihm zu unterwerfen und ihn zu unterstützen. Und ein Frankenreich, das von einem Despoten regiert wurde, war immer noch besser als gar kein Frankenreich; denn die Herrscher wechselten, das Reich aber blieb.“ (S. 295f.) Diese Einstellung kommt mir wenig zeittypisch vor. Im Frühmittelalter dachte man doch eher im Sinne von Gefolgschaftstreue zu einem Herrscher als im Sinne von Landestreue zu einem abstrakten Reich… wobei die Besorgnis wegen der Normannen natürlich Sinn macht.

Wir erleben jedenfalls die Schlacht von Fontenoy, die Lothar durch falsche Taktik verliert. Gerold wird verletzt, überlebt aber.

File:Jacopo di cione (attr.), annunciazione del 1371, da quella dell'annuzniata, 02.JPG

(Fresko in San Marco in Florenz, Jacopo di Cione zugeschrieben, 1371.)

Dann sind wir wieder in Fulda bei Johanna. In der Gegend bricht eine Hungersnot aus und dann kommt die Lungenpest. Auch Bruder Benjamin erkrankt und Johanna erteilt ihm vor seinem Tod noch die letzte Ölung und reicht ihm die Kommunion.

In dieser Krisenzeit sind Johannas seelsorgerliche Dienste auch sonst stark gefordert: Sie muss häufig Beichten abnehmen und zu ihren täglichen Messen erscheinen ungewöhnlich viele Gläubige und drängen sich zur Kommunion. Als Johanna einmal die Kommunion austeilt, kommt sie auf die Idee, statt Hostien und Wein nacheinander herumzureichen und jeden aus dem gleichen Kelch trinken zu lassen, die Hostien in den Wein einzutunken und sie so zu spenden, um die Ansteckungsgefahr bei dieser Gelegenheit zu verringern. Sie führt auch sorgfältig Buch über alle neuen Ansteckungen mit der Krankheit.

Als Abt Rabanus, der längere Zeit abwesend war, von seiner Reise zurückkehrt, wirft er ihr vor, am Messkanon herumzupfuschen und wischt alle ihre Bedenken und Studien beiseite: „Solche Beobachtungen sind nutzlos, denn sie entspringen nicht dem Glauben, sondern den Sinnen des menschlichen Körpers – und denen darf man nicht trauen. Sie sind Werkzeuge des Bösen, mit denen der Teufel die Menschen von Gott fort und in Trugbilder lockt, die der Verstand uns vorgaukelt.“ (S. 314) Johanna versucht, ihm klarzumachen, dass laut Augustinus der Verstand ein Geschenk Gottes sei, aber es nützt nichts: „Abt Rabanus blickte sie düster an. Sein Verstand war zwar scharf, doch abgestumpft durch Dogmen und Doktrinen, phantasielos und unbeweglich. Deshalb haßte er logische Dispute dieser Art. Er zog es vor, sich auf dem sicheren Boden der Autorität zu bewegen.“ (S. 315)

Scharf, doch abgestumpft? Die Autorin sollte ihren Verstand mal darauf verwenden, Ordnung in ihre Metaphern zu bringen! Na, vielleicht sollte man schon dankbar dafür sein, dass sie gemerkt hat, dass sie einem der größten Gelehrten dieser Epoche nicht einfach unterstellen kann, ein totaler Idiot gewesen zu sein, auch wenn dann bei ihrer Beschreibung nichts Kohärentes mehr herauskommt. Eins meiner Bücher zitiert Rabanus übrigens mit der Aussage, die Dialektik (d. h. die Logik) sei „die höchste aller Disziplinen, die das Lehren und Lernen lehrt“*. Hm.

Jedenfalls verbietet Rabanus die Kommunionspendung mit Intinctio und entbindet Johanna von ihren priesterlichen Aufgaben.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e5/Bayeux_Cath%C3%A9drale_Notre-Dame_Transept_du_sud_Peinture_murale_2016_08_22.jpg

(Hier kann man es nicht genau erkennen, aber wenn man auf diesen Link geht, das Bild anklickt und das linke untere Bild heranzoomt, sieht man es genauer. Die Darstellung ist aus dem 13. Jahrhundert und findet sich in der Kathedrale von Bayeux.)

Ich habe auch dazu mal weiter in meinen Büchern geschaut und habe tatsächlich noch einen Abschnitt zur Liturgie in der Karolingerzeit gefunden. Da liest sich die Sache irgendwie anders: „Für die Kommunion kommt seit dem 9. Jh. die weiße Gestalt des ungesäuerten Brotes in Gebrauch. Die Kommunion empfing man unter beiden Gestalten, wobei wohl das Brot meist in den Kelch getaucht wurde. Doch verlor diese Form an Bedeutung, da die Gläubigen trotz Ermahnungen von Kaiser und Bischöfen nur selten zur Kommunion gingen. Nicht ganz unschuldig an diesem Zustand waren vermutlich die Warnungen an die Laien, sich vor den Gefahren einer schlechten Kommunionvorbereitung zu hüten, sollten doch die heiligen Gestalten in Furcht verehrt werden. Da die Bischöfe unter diesen Voraussetzungen den sonntäglichen Kommunionempfang nicht durchsetzen konnten, verlangten sie von den Gläubigen, mindestens dreimal jährlich, an Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die Kommunion zu empfangen.“**

File:Barna Da Siena - The Annunciation - WGA01280.jpg

(Von Barna da Siena, ca. 1340)

Nur wenig später beginnt Johanna, sich ebenfalls fiebrig und schwindlig zu fühlen und einer der Brüder bringt sie ins Spital. Doch als ihr klar wird, dass er ihre Kleidung ausziehen wird, um sie mit feuchten Tüchern zu behandeln, flieht sie in einem unbeobachteten Moment aus dem Spital und aus dem Kloster. Sie geht zum nahen Fluss und legt sich in ein Fischerboot, das sie kurzerhand losmacht. So treibt sie also fiebernd den Fluss hinunter, bis das Boot irgendwann wieder ans Ufer stößt und sie von Fremden gefunden wird.

File:Mariotto Di Nardo - Annunciation - WGA14088.jpg

(Von Mariotto di Nardo, 1395.)

Und hier mache ich jetzt mal wieder einen Punkt.

 

* Jean-Marie Mayeur u. a. (Hrsg.): Die Geschichte des Christentums. Religion – Politik – Kultur. Bd. 4: Bischöfe, Mönche und Kaiser (642-1054), Freiburg i. Br. 1994, S. 754. Das Zitat stammt ursprünglich aus Rabanus‘ Schrift De Institutione clericorum.

** Ebd., S. 770.

 

Die Päpstin, Teil 2: Johanna leidet an Amnesie und Donna W. Cross kann nicht rechnen

Die erste Leseetappe von „Die Päpstin“ war ja schon nicht besonders vergnüglich. Aber die zweite war so schlimm, dass ich manchmal vor Fremdscham gar nicht mehr weiter wusste. Wie bringt ein Mensch es nur fertig, so einen Text zu produzieren? Da sind ja Bücher mit Titeln wie „Die Leidenschaft des Highlanders“ oder „Eine Liebe in Cornwall“ besser.*

Eine Ankündigung: Heute werde ich im Buch nicht so viel weiterkommen, weil ich paar Szenen im Detail ansehen will – dieser Teil gibt einfach so viel Stoff her.

Wir erinnern uns: Aeskulapius ist fort, und die hochbegabte Johanna hat wieder keine Möglichkeit, ihren Studien nachzugehen, und ist verdammt dazu, mit ihrer Mutter den Haushalt zu verrichten. Aber nun stellt sich heraus, dass Aeskulapius offenbar, bevor er das Frankenreich verlassen hat, beim Bischof von Dorstadt ein gutes Wort für sie eingelegt hat; dieser schickt Männer, die sie an seine Domschule holen sollen. (Dorstadt ist ein kleiner Ort in Niedersachsen bei Braunschweig, urkundlich erstmals 1110, also knapp dreihundert Jahre nach Johannas Leben, erwähnt, und besaß ab 1189 ein Frauenkloster, aber, soweit ich herausfinden konnte, nie einen Bischof.) Nur einer der Abgesandten kommt direkt nach Ingelheim – die anderen warten fünfzehn Meilen entfernt, aus welchem Grund auch immer, vielleicht mussten sie noch auf einem Umweg etwas erledigen – und Johannas Vater macht diesem Abgesandten weis, in dem Schreiben mit seinen Anweisungen müsse ein Fehler stecken, es könne nur „Johannes“, nicht „Johanna“, heißen, und schickt somit Johannas älteren Bruder mit ihm Der Abgesandte ist zunächst skeptisch, aber als Johannas Mutter, die ihre Tochter bei sich behalten will, bestätigt, dass nur Johannes gemeint sein könnte, glaubt er es. Die verzweifelte Johanna spricht ihn auf Latein an, um ihm zu zeigen, dass sie gemeint ist, aber er versteht es nicht und glaubt, sie spräche Sächsisch, und dann hindert ihr Vater sie daran, weiter mit ihm zu sprechen.

Der Abgesandte reitet also mit Johannes fort. An dieser Stelle wird zum ersten Mal aus Johannes’ Sicht erzählt; bisher ist er meistens als weinerlich, dumm, selbstsüchtig und nachtragend erschienen, und jetzt, wo man seine Gedanken erfährt, wird auch kein viel besseres Bild von ihm vermittelt. Er will nicht an die Domschule, sondern träumt insgeheim davon, Krieger zu werden und Heiden abzuschlachten, wie der alte Sattler Ulfert, der ihm von seiner Teilnahme an den Sachsenkriegen erzählt hat. Seltsamerweise neidet er gleichzeitig Johanna ihre enge Beziehung zu ihrer sächsisch-heidnischen Mutter und die Geheimnisse, die die beiden teilen: „Mit ihm, Johannes, hatte die Mutter nie Sächsisch gesprochen. Warum nicht? fragte er sich wohl zum tausendsten Mal voller Bitterkeit. Glaubt sie, ich würde es Vater erzählen? Das würde ich niemals tun – für nichts auf der Welt, egal, was er mit mir anstellt; nicht einmal, wenn er mich schlagen würde.“ (S. 99) Na ja, ein paar innere Widersprüche gehören vielleicht zu einer runden Figur. Nicht, dass ich Johannes als eine solche Figur bezeichnen könnte… aber er ist immerhin gelungener als seine eindimensional gute, kluge, mutige Schwester.

Bevor die beiden den Treffpunkt mit den Kameraden des Abgesandten erreichen, werden sie von einem Wegelagerer angegriffen und der Abgesandte wird getötet, was sehr schön zeigt, wieso Aeskulapius’ ständiges freiwilliges unbegleitetes Pendeln von Mainz nach Ingelheim so unhistorisch war. Johannes kann den Räuber mit einem Hirschhornmesser, das er von seinem Vater gestohlen hat, abwehren. In der Nacht läuft Johanna dann heimlich von zu Hause fort und dem Abgesandten hinterher und trifft ihren Bruder neben der Leiche auf dem Weg. Sie gehen zusammen weiter zu der übrigen Gesandtschaft, die sie dann beide mit nach Dorstadt nimmt.

Als sie Dorstadt schließlich erreichen, werden sie neu eingekleidet – wobei, damit man es sich auch sicher merkt, wenn man die bisherigen Erwähnungen dieser Tatsache vergessen hat, noch einmal erzählt wird, dass Johanna trotz ihrer schönen blonden Zöpfe ein eher jungenhaftes Gesicht hat – und dann zu dem fetten Bischof Fulgentius geführt, der gerade ein rauschendes Fest feiert und dabei seine Geliebte neben sich sitzen hat. Und wieder ein antikatholisches Klischee abgehakt! Eine kurze Kritik kann ich mir hier nicht verkneifen: Der Bischof wird mit „Eminenz“ angeredet, was die Anrede für einen Kardinal ist, während man zu einem einfachen Bischof „Exzellenz“ sagt. Nun ist es laut Wikipedia so, dass die Anrede „Eminenz“ im Frühmittelalter auch noch für Bischöfe üblich war und „Exzellenz“ erst später aufkam; angesichts der anderen historischen Patzer, die im Rest des Buches noch auftauchen, halte ich es allerdings für möglich, dass die Autorin sich einfach keine genauen Gedanken um die Anreden gemacht und irgendeine Klerikeranrede genommen hat, die ihr gerade passend erschienen ist.

Obwohl er nicht gerade ein asketischer Heiliger ist, ist der Bischof jedenfalls recht freundlich und gutmütig eingestellt – im Gegensatz zum gestrengen „schmalgesichtigen“ (S. 113) Schulmeister Odo, der ebenfalls an der Tafel sitzt und klar zu verstehen gibt, dass er es für sinnlos hält, ein Mädchen an der Domschule aufzunehmen: „Ihre [der Frauen] natürlichen Körpersäfte sind kalt und feucht“, erklärt er dem Bischof, „und von daher für eine nennenswerte Hirntätigkeit ungeeignet, zumal die brauchbaren Teile des weiblichen Hirns ohnehin winzig klein sind. Frauen sind nicht imstande, höhere Begriffe oder gar gedankliche Konzepte spiritueller und moralischer Natur zu begreifen.“ (S. 113f.)

Himmel, Odo ist ein schlimmeres wandelndes Klischee antimittelalterlicher Propaganda als Johannas Vater. Um es klar zu sagen: Ja, im Mittelalter war man der Ansicht, dass Frauen ein geringeres Maß an Verstand besäßen als Männer. Diese Ansicht hatte man übrigens direkt von Heiden wie Aristoteles übernommen (in der Bibel stehen Stellen zur Unterordnung von Ehefrauen und dergleichen, aber keine einzige zum Verstand des weiblichen Geschlechts; und wenn von „Körpersäften“ die Rede ist, kann man eigentlich schon von vornherein davon ausgehen, dass sich jemand auf Aristoteles, Hippokrates o. Ä. bezieht). Aber man glaubte keineswegs, dass es widernatürlich wäre, wenn Frauen den Verstand, den sie hatten, einsetzten. Es gab in Antike und Mittelalter gelehrte Frauen, vor allem geweihte Jungfrauen und Nonnen. Und natürlich gab es unzählige Frauen, die als Heilige verehrt wurden – die Odo in den Mund gelegten Worte, Frauen könnten keine Konzepte spiritueller oder moralischer Natur begreifen, sind also doppelt irreführend.

Fulgentius fordert Odo heraus, Johannas Wissen abzuprüfen und Odo stellt ihr theologische Fragen. Ihre Antworten sind im Großen und Ganzen nicht direkt falsch und wirken auf den ersten Blick eindrucksvoll. Die Autorin wirft hier schön mit theologischen Fachbegriffen um sich. Wenn man sie näher anschaut, merkt man aber, dass Donna W. Cross sich vielleicht doch nicht ganz so gründlich in antike und frühmittelalterliche Theologie eingelesen hat. Hier ein Beispiel; Johanna ist nach dem Begriff Quincunque vult gefragt worden. (Wer nicht an der Trinitätstheologie interessiert ist, darf die nächsten paar Absätze überspringen.)

„Vorsichtig erwiderte sie: ‚Das ist der Lehrsatz, der besagt, daß die drei Personen der Dreifaltigkeit kosubstantiell sind. Die Zweinaturenlehre. Daß Jesus Christus so vollkommen göttlich ist, wie er vollkommen menschlich gewesen ist.’“ (S. 115) Im Quincunque vult, besser bekannt als Athanasianum oder Athanasisches Glaubensbekenntnis, stehen tatsächlich beide Lehren, die über die göttliche Dreifaltigkeit (Vater, Sohn, Heiliger Geist) und die über die Zwei-Naturen-Lehre (die nur den menschgewordenen Sohn betrifft); hier lässt die Autorin es allerdings ein wenig so klingen, als wäre nur von einer Lehre die Rede.

Als Johanna dann begründen soll, wieso die Zwei-Naturen-Lehre richtig und der Adoptianismus (die Ansicht, Jesus wäre nur ein Mensch gewesen und nur in dem Sinne „Sohn Gottes“ geworden, dass Gott ihn am Beginn seines öffentlichen Auftretens sozusagen adoptiert hätte, was nicht grundsätzlich verschieden etwa von der Beauftragung eines Propheten gewesen wäre) falsch ist, kommt sie mit dem filioque an – umgekehrt würde eher ein Schuh draus, die Zwei-Naturen-Lehre als Begründung für das filioque. „‚Wenn Jesus Christus durch einen Akt der Gnade der Sohn Gottes wäre und nicht von Natur aus, müßte er sich dem Vater unterwerfen. Doch so zu denken ist Ketzerei und eine Schändlichkeit’ – Johanna zitierte genau aus dem Gedächtnis – , ‚weil der Heilige Geist nicht nur dem Vater entspringt, sondern auch dem Sohne; es gibt nur einen Sohn, und dieser ist kein angenommener Sohn, ‚in utraque natura proprium eum et non adoptivum filium dei confitemur’.’“ (S. 115) Johannas Begründung geht von der falschen Richtung an die Sache heran: Wenn wir zunächst davon ausgehen, dass der Sohn dem Vater wesensgleich (also auch Gott) ist, und dann auch noch davon ausgehen, dass der Heilige Geist, der ja auch noch zur Dreifaltigkeit gehört, aus dem Vater hervorgeht, dann können wir folgern, dass der Heilige Geist, auch aus dem Sohn (filioque, lt. „und dem Sohn“) hervorgeht. Nicht umgekehrt. So war auch die historische Lehrentwicklung: Erst einmal stellte man klar, dass Jesus kein bloßer Mensch war (und auch nicht bloß Gott, der wie bei einer Vision in Gestalt eines Menschen erschienen wäre), sondern wirklich Gott, der wirklich die menschliche Natur angenommen hatte. Danach klärte man die feineren Fragen zum Hervorgehen des Heiligen Geistes. Die Sache mit dem filioque war zu Johannas Zeiten noch umstritten und noch nicht dogmatisch geklärt; die Zwei-Naturen-Lehre war es schon längst.

Auf die Frage zur Begründung der Zwei-Naturen-Lehre muss man andere Antworten finden; verweisen könnte man auf bestimmte Bibelstellen, etwa Selbstaussagen Jesu oder einige Stellen bei Paulus; oder auch auf die Frage, ob denn ein bloßer Mensch für unsere Sünden sühnen könnte. Es gäbe sicher noch einiges mehr, was man sagen könnte, was mir gerade nicht einfällt.

Auch die Art, wie Johanna den Adoptianismus beschreibt („Wobei die Göttlichkeit Christi wiederum dadurch entstanden sein soll, daß er von seinem Vater adoptiert wurde“) ist etwas irreführend. Die Adoptianer betrachteten Christus eben nicht als göttlich, Seinen Status als „Sohn Gottes“ betrachteten sie als durch eine Art Adoption entstanden, wobei dieser Status Ihn aber nicht wirklich göttlich machte. Selbst die irgendwo zwischen Adoptianismus und Katholizismus stehenden Arianer, die Christus ebenfalls Gott unterordneten, ihn aber nicht als bloßen Menschen sahen, sondern als ein vor aller Zeit von Gott geschaffenes oberstes Wesen der jenseitigen Welt, das dann Mensch geworden war (und die dafür auch nicht den Begriff „Adoption“ verwendeten) betrachteten Christus nur als gottähnlich.

(UPDATE: Ich habe hier einen Fehler gemacht. Ich habe mich auf den antiken Adoptianismus bezogen; tatsächlich gab es aber, wie ich inzwischen festgestellt habe, im späten 8. Jahrhundert spanische Theologen, die ebenfalls den Begriff „Adoption“ verwendeten, aber eine andere Lehre vertraten als die antiken Adoptianer. Diese Adoptianer erkannten an, dass Jesus Gott und Mensch war, waren aber der Ansicht, dass er seiner göttlichen Natur nach „filius proprius“ (natürlicher/wesenhafter Sohn) und seiner menschlichen Natur nach „filius adoptivus“ (angenommer Sohn / Adoptivsohn) von Gott dem Vater sei. Die fränkischen Bischöfe verurteilten diese Lehre auf der Synode von Frankfurt von 794, auf der auch zwei päpstliche Gesandte anwesend waren, da sie fanden, dass hier die eine Person Jesu zu sehr getrennt würde. In dem Synodalbrief an die spanischen Bischöfe finden sich folgende Zeilen:

„Es verblieb aber die Person des Sohnes in der heiligen Dreifaltigkeit; zu dieser Person kam die menschliche Natur hinzu, so daß eine Person ist, Gott und Mensch, nicht gotterfüllter Mensch und vermenschlichter Gott, sondern Gott Mensch und Mensch Gott: wegen der Einheit der Person ein Sohn Gottes und derselbe Sohn des Menschen, vollkommener Gott, vollkommener Mensch.“

(Das Zitat stammt aus dem „Denzinger“ (dem von Heinrich Denzinger herausgegebenen „Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“) – der sich übrigens hier auf Google Books findet, für die, die es selbst nachlesen möchten. Da findet sich auch Johannas lateinisches Zitat, das aus dem Glaubensbekenntnis der Synode von Friaul stammt, die sich zwei oder drei Jahre später demselben Thema widmete. Dort heißt es auch: „Und die menschliche und zeitliche Geburt stand jener göttlichen und zeitlosen Geburt nicht entgegen, sondern in der einen Person Christi Jesu (ist) der wahre Gottes- und der wahre Menschensohn; es ist nicht ein anderer Menschensohn, ein anderer Gottessohn, sondern ein und derselbe ist Gottes- und Menschensohn, in beiden Naturen, nämlich der göttlichen und der menschlichen, wahrer Gott und wahrer Mensch; (er ist) nicht scheinbarer Sohn Gottes, sondern wahrer, nicht adoptierter, sondern eigener, weil er niemals wegen des Menschen, den er angenommen hat, dem Vater fremd war. (…) Und deshalb bekennen wir ihn in beiden Naturen als eigentlichen und nicht als Adoptivsohn Gottes, weil ein und derselbe nach der Annahme des Menschen unvermischbar und untrennbar Gottes- und Menschensohn ist.“)

Mit dem filioque hat das natürlich immer noch nichts zu tun, und Johannas Beschreibung des Adoptianismus ist somit erst recht grundfalsch – für die Adoptianer des 8./9. Jahrhundert bezog sich die Adoption ja nur auf die Menschheit, nicht die Gottheit Jesu; sie hätten nie gesagt, die Göttlichkeit Jesu wäre durch Adoption entstanden. UPDATE ENDE.)

Die Dreifaltigkeitslehre, die Zwei-Naturen-Lehre, und die ihnen entgegengesetzten antiken Häresien sind natürlich eine ziemlich vertrackte und nicht ganz einfach zu erklärende Sache. Was ich damit im Rahmen dieser Rezension nur sagen will: Die Autorin hat sich offenbar eher oberflächliches Wissen angelesen, bei dem sie nicht ganz durchgestiegen ist, und hat einfach gehofft, dass es nicht auffällt und Johanna als unglaublich wissend herüberkommt (welcher ihrer Leser kennt denn auch das Athanasianum oder den Adoptianismus?). So ist das in der Schule oder der Uni ja auch oft. Da verbindet man halt Fachbegriffe, die man auswendig gelernt hat, zu Sätzen, die für den Lehrer oder Dozenten eigentlich schon Sinn ergeben müssten (oder?).

Wie auch immer, weiter im Text. Odo gibt sich überzeugt, Johanna hätte hier nur etwas auswendig gelernt und würde es nachplappern (was, ähem, ja tatsächlich nicht unplausibel ist, bezogen auf die Autorin, die Johanna ihre Worte in den Mund legt).

„‚Aber diese Fähigkeit zur Nachahmung darf nicht mit der wahren Vernunft verwechselt werden, die ihrem ganzen Wesen nach eine rein männliche Eigenschaft ist. Denn, wie allgemein bekannt’, Odos Stimme wurde fester und bekam einen autoritären, herrischen Beiklang, denn nun bewegte er sich auf vertrautem Boden, ‚ist die niedere Stellung der Frau gegenüber dem Manne angeboren.’

‚Warum?’ Johanna kam das Wort über die Lippen, noch ehe ihr bewußt geworden war, überhaupt etwas gesagt zu haben.

Odos schmallippiger Mund verzog sich zu einem häßlichen Lächeln. Er sah aus wie der Fuchs, der das Kaninchen in die Enge getrieben hat. ‚Deine Unwissenheit, Kind, offenbart sich schon in dieser Frage. Denn der heilige Paulus selbst hat es als unumstößliche Wahrheit befunden, daß Frauen dem Manne unterlegen sind, was den körperlichen Entwurf, die Rangfolge und die Willenskraft anbelangt.’

‚Was den körperlichen Entwurf, die Rangfolge und die Willenskraft anbelangt?’ wiederholte Johanna.

‚Jaaa.’ Odo sprach langsam und betont, als würde er zu einem geistig zurückgebliebenen Kind reden. ‚Was den körperlichen Entwurf angeht, weil Gott den Adam zuerst schuf und die Eva später; was die Rangfolge betrifft, weil die Eva erschaffen wurde, um dem Adam als Gesellin und Gespielin zu dienen, und was die Willenskraft anbelangt, weil die Eva der Verführung durch den Teufel nicht widerstehen konnte und von dem Apfel aß.’“ (S. 116)

Johanna ist wagemutig und macht sich daran, allen drei Behauptungen ihre eigenen Argumente entgegenzusetzen:

„‚Wie kann’, sagte sie schließlich, ‚die Frau dem Mann im körperlichen Entwurf unterlegen sein? Denn weil Gott sie als zweite schuf, hat er sie aus Adams Rippe gemacht, wohingegen Adam aus feuchtem Lehm geknetet wurde.’“ (S. 116)

„‚Und was die Rangfolge angeht’, die Worte sprudelten aus Johanna hervor, während ihr der Kopf vor Gedanken schwirrte, als sie die logische Kette ihrer Argumentation zusammenfügte, ‚sollte die Frau dem Mann vorgezogen werden, weil Eva innerhalb des Paradieses erschaffen wurde, Adam aber außerhalb.’“ (S. 117)

„Johanna fand ihre Argumentationskette zu interessant, als daß sie groß darüber nachgedacht hätte, ob es besser gewesen wäre, den Mund zu halten. ‚Und was die Willenskraft betrifft, sollte die Frau als dem Mann überlegen betrachtet werden’ – das war ein starkes Stück; aber nun gab es kein Zurück mehr –, ‚denn Eva aß aus Liebe zum Wissen und zum Lernen von dem Apfel, während Adam nur davon aß, weil Eva ihn gefragt hat, ob er ein Stück haben will.’“ (S. 117)

Ach ja, kennen wir ja von sarkastischen Feministenwebsites. – Ich will nur zum letzten Punkt kurz etwas sagen: Der geht so völlig an der Bibelstelle vorbei, dass man meinen könnte, Johanna hätte sie nie gelesen. Es ging weder Adam noch Eva um ein nobles Streben nach Wissen, sondern die Schlange (d. h. der Teufel) verführte sie dazu, sein zu wollen „wie Gott“. Es ging nicht um einen allgemeinen „Baum der Erkenntnis“, sondern um den „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, d. h. um den Wunsch, selbst festzulegen, was gut und was böse ist (oder eine andere Auslegung: sie wollten auch das Böse praktisch austesten, nicht nur das Gute, weil sie meinten, Gott enthielte ihnen etwas vor, wenn Er ihnen das Böse verbat).

Im Saal herrscht nach Johannas Rede entsetztes Schweigen, aber Bischof Fulgentius bricht es mit seinem Lachen. Er scheint das Ganze für eine Art großartigen Witz zu halten. Er nimmt Johanna auf die Domschule auf, und ihren Bruder mit ihr, ohne ihn irgendwie zu prüfen. Odo ist freilich immer noch zornig und Johanna denkt wieder an etwas, das Aeskulapius ihr bei ihrem Gespräch über Hexenprozesse gesagt hat: „Manche Gedanken sind gefährlich.“ (S. 117)

Dann kommt die Frage auf, wo Johanna untergebracht werden soll; Johannes soll bei den anderen Jungen in der Schule wohnen, aber sie als Mädchen? Da bietet ein freundlicher rothaariger Ritter namens Gerold, der ebenfalls an der Tafel sitzt, an, sie bei sich aufzunehmen; sie könnte seinen Töchtern Gesellschaft leisten. Gerold ist ein junger Markgraf, der ein paar Kilometer außerhalb von Dorstadt auf einem großen Gut namens Villaris lebt. Auf dem Weg dorthin erklärt er Johanna etwas über den Bischof: „Er hat Amt und Würden von seinem Onkel geerbt, seinem Vorgänger auf dem Bischofsstuhl. Fulgentius hat nie die Priesterweihe empfangen, und er versucht auch gar nicht erst, sich den Anschein von Tugendhaftigkeit zu geben, wie du gewiß bemerkt hast. Aber du wirst schon noch erkennen, daß er ein tüchtiger Mann in seinem Amt ist und ein guter Mann dazu. Er bewundert die Gelehrsamkeit, wenngleich er selbst kein Gelehrter ist.“ (S. 121f.) Der hier getätigten Aussage, Fulgentius habe nie die Priesterweihe empfangen, steht allerdings die Tatsache entgegen, dass er in den kommenden Kapiteln mehrmals die Messe liest; die Autorin kann sich wirklich nichts merken, was sie geschrieben hat. Soweit ich weiß, kamen solche Fälle, in denen ein Adeliger sich den Titel und das Einkommen eines Bischofspostens sicherte, aber nicht Bischof wurde (oder zumindest nicht gleich Bischof wurde), auch eher in der Frühen Neuzeit als im Frühmittelalter vor.

Gerold nimmt die inzwischen zwölf Jahre alte Johanna also in seinem Haus auf, bei seiner kalten, unsympathischen Gattin Richild, mit der er seit langem nicht mehr in einem Bett schläft, und seinen beiden netten Töchtern Gisla und Dhuoda, die ein Jahr älter bzw. drei oder vier Jahre jünger als Johanna sind. Gerolds Alter wird übrigens ca. ein Jahr später, als Johanna dreizehn und Gisla vierzehn ist, mit siebenundzwanzig angegeben. Das heißt, er müsste dreizehn Jahre alt gewesen sein, als Gisla geboren wurde, und zwölf, als er sie gezeugt hat. Entweder kann die Autorin nicht rechnen oder sie hat keine Ahnung von Biologie; beide Alternativen sind wenig schmeichelhaft. Als Johanna Gerold kennenlernt, schätzt sie ihn sogar erst auf fünfundzwanzig.

Zu Gerold und der ziemlich kranken Geschichte, die sich zwischen ihm und Johanna entwickelt, dann im nächsten Teil; jetzt erst einmal dazu, wie es Johanna an der Domschule ergeht.

Kurz gesagt so, wie es zu erwarten war: Sie genießt das Lernen, die anderen Jungen ärgern sie, ihr Bruder macht dabei mit, und Odo hat es auf sie abgesehen und lässt sie für angeblich zu unrunde Buchstaben 1 Timotheus 2,11-14 fünfundzwanzigmal abschreiben: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen und danach Eva. Und nicht Adam ließ sich verführen, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“ (S. 128) Noch eine Bibelstelle abgehakt, bald sind wir wohl durch. Johanna erträgt alles standhaft, was auch sonst.

An der Schule lernen die Jungen übrigens auch den Schwertkampf, was keinen rechten Sinn macht. An Domschulen wurden Jungen dafür ausgebildet, Kleriker zu werden, und Kleriker hatten nicht mit der Waffe zu kämpfen; wer wollte, dass sein Sohn Ritter wurde, ließ ihn Page und dann Knappe an einem fremden Hof werden. (Und wer wollte, dass seine Tochter eine gute Bildung erhielt, schickte sie in ein Nonnenkloster oder holte ihr einen Hauslehrer; Domschulen waren keine Orte der allgemeinen kostenlosen Talentförderung.)

Gerold wird weiterhin als sehr freundlich dargestellt, und einmal beschützt er Johanna vor ihren Mitschülern. Ein anderes Mal unterhält er sich mit ihr über ihre Studien, und diese Szene möchte ich näher anschauen, da sie das Absurdeste ist, was die Autorin bisher geschrieben hat.

Johanna erzählt ihm von einem Vorfall an der Domschule. In der Gegend wurde eine trächtige weiße Wölfin gesichtet, die im Winter zuvor Reisende angegriffen und ein kleines Kind getötet hat; nun soll eine Jagd auf sie stattfinden. Odo jedoch sei gegen diese Jagd, weil ein weißer Wolf ein heiliges Tier, eine „lebendige Manifestation der Auferstehung Christi“ (S. 135) sei. Diese Darstellung ist gar nicht mal abwegig; im Mittelalter betrachtete man so manche seltenen Tiere, auch etwa weiße Hirsche, als wundersame Wesen und Zeichen für Christus und dichtete ihnen alle möglichen fantastischen Verhaltensweisen an:

„Johanna fuhr fort: ‚Die Jungen eines weißen Wolfes werden tot geboren, hat Odo gesagt. Der Vater muß die Kleinen binnen dreier Tage zum Leben erwecken, indem er sie ableckt. Es ist ein so seltenes und heiliges Wunder, sagte Odo, daß kein Mensch es je gesehen hat.’

‚Und was hast du dazu gesagt?’ fragte Gerold. Er kannte Johanna inzwischen gut genug, um zu wissen, wann sie sich zu Wort gemeldet hatte und wann nicht.

‚Ich habe ihn gefragt, wie man von diesem Wunder wissen kann, wenn es noch nie jemand gesehen hat.’

Gerold lachte laut auf. ‚Ich gehe jede Wette ein, daß unserem braven Schulmeister diese Frage ganz und gar nicht gefallen hat.’

‚Stimmt. Sie ist nicht statthaft hat er gesagt. Und unlogisch noch dazu. Denn obwohl kein Mensch die Auferstehung Christi mit eigenen Augen gesehen hat, zweifelt niemand daran, daß sie stattgefunden hat.’

Gerold legte Johanna die Hand auf die Schulter. ‚Mach dir nichts daraus, Kind.’

Für kurze Zeit trat Stille ein, so, als würde Johanna abwägen, ob sie noch irgend etwas sagen sollte oder nicht. Schließlich schaute sie Gerold forschend an, und auf ihrem jungen Gesicht lag ein Ausdruck von tiefem Ernst. ‚Wie können wir uns denn sicher sein, daß die Auferstehung sich tatsächlich ereignet hat? Wo doch niemand sie beobachtet hat?’“ (S. 135f.)

Doch. Doch, das steht da wirklich. Ich meine, man könnte es eventuell noch so hinbiegen, dass der weitere Text Sinn macht. Wenn es so weitergehen würde, dass Gerold, besorgt um Johannas extremen Gedächtnisverlust und ihren verwirrten Geisteszustand, sie sofort ins nächste Spital bringt oder so.

Der erste Text, den Johanna in ihrem Leben zusammen mit ihrem Bruder Matthias gelesen hat, ist das Johannesevangelium, und inzwischen sollte sie die Bibel – das Neue Testament ganz sicher – in- und auswendig kennen. Sie kennt die Texte von den Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus – wie Maria von Magdala ans leere Grab kam und Ihn dann im Garten traf, wie Er kurz darauf in die Mitte seiner ängstlichen und verwirrten Jünger trat, wie Thomas, der nicht dabei war, ihnen nicht glaubte und sagte, er würde erst glauben, wenn er Jesus selbst sehen und seine Wunden berühren könnte, wie Jesus dann wiederkam und Thomas seine Wunden berühren konnte… Johanna muss die Geschichte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus kennen, die Begegnung am See von Genezareth, wo Jesus Petrus aufträgt: „Weide meine Schafe!“, und die Stelle in 1 Korinther 15, wo Paulus von diesen Begegnungen schreibt und erwähnt, dass Jesus einmal sogar „mehr als fünfhundert Brüdern zugleich“ erschienen sei. Johanna weiß von etlichen Zeugen, die berichteten, dass ein Toter, der ins Grab gelegt worden war, wieder lebendig vor ihnen stand; aber offenbar haben wir keine Möglichkeit, daraus zu schließen, dass eine Auferstehung stattgefunden hat. What the fuck.

Hier halte ich Donna W. Cross kein Unwissen zugute: Dafür hat sie sich genug oberflächliches Bibelwissen angelesen. Sie lügt. Und das Problem ist: Sie wird mit ihren an sich sehr leicht zu durchschauenden Lügen, die einzig und allein dazu dienen, Christen als leichtgläubige Idioten und ihre Religion als widervernünftig darzustellen, bei vielen ihrer Leser durchkommen. Viele ihrer Leser haben nichts, was annähernd an die Bildung heranreicht, die Johanna besitzen soll, und haben wohl nie eine Bibel aufgeschlagen. Viele ihrer Leser sind in Bezug auf die Bibel und die Kirche so ahnungslos, dass sie ihr jedes Wort über den christlichen Glauben abnehmen werden, das in ihrem Buch steht. Es ist eine Schande, wie sie mit ihrer Propaganda auf das Unwissen der Leute zählen kann.

Die Szene geht damit weiter, dass Gerold Johanna erklärt, dass man manche Fragen eben nicht stellen dürfe. Hier wird auch seine religiöse Einstellung näher beschrieben: „Wie die meisten Adeligen in diesem nördlichen Teil des Kaiserreiches – Männer, die während der Regierungszeit des alten Kaisers Karl, der an bestimmten überkommenen Bräuchen festgehalten hatte, zu erwachsenen Männern geworden waren – war Gerold nur im weitesten Sinne ein Christ. Er besuchte die Messe, gab Almosen und achtete auf die Einhaltung der Sonntage, der kirchlichen Feste und der christlichen Gebräuche. Er befolgte jene Lehren der Kirchendoktrin, die ihm bei der Ausübung seiner herrschaftlichen Rechte und Pflichten nicht ins Gehege kamen; die übrigen aber beachtete er gar nicht erst.“ (S. 136) Nennt man so jemanden nicht Heuchler?

Johanna wird dann aus Gerolds Sicht folgendermaßen beschrieben: „Johannas große graugrüne Augen, die so viel tiefer und klüger blicken konnten als die anderer Kinder, waren forschend auf ihn gerichtet. Die Augen einer Heidin, ging es Gerold durch den Kopf. Augen, die dieses Mädchen weder vor Gott noch vor irgendeinem Menschen niederschlagen würde.“ (S. 137) Was wieder mal zeigt, dass Donna W. Cross keine Ahnung vom Heidentum hat: Den Heiden war die Tugend der pietas, der Ehrfurcht vor den Göttern, sehr wichtig; ebenso wie die Achtung vor Ahnen und Familienoberhäuptern. Sie waren keine Atheisten. Und inwiefern soll Ehrfurchtslosigkeit vor dem vollkommen guten und allwissenden Schöpfer denn etwas Positives sein? Vor dem, der mir meine ganze Existenz gegeben hat und mich besser kennt als ich mich selbst – wie könnte ich vor dem nicht die Augen niederschlagen?

Jedenfalls warnt Gerold Johanna davor, dass, wenn sie mit solchen Fragen weitermache, diese sie sogar ihr Leben kosten könnten. Er erzählt ihr von einer Gruppe langobardischer Sabellianer, die ein paar Jahre zuvor als Reisende in die Gegend kamen und die die Leute beschuldigten, einen Hagelschauer herbeigehext zu haben. „‚Fulgentius hat versucht, die Leute zu verteidigen. Doch sie wurden verhört, und man befand ihre Gedanken als ketzerisch. Gedanken, Johanna’, er schaute sie mit ruhigem Blick an, ‚die nicht allzuweit von der Frage entfernt sind, die du heute Odo gestellt hast.“ (S. 139) Zum Hexenglauben habe ich mich schon im vorigen Teil geäußert, und die Todesstrafe für Ketzerei wurde erst im Hochmittelalter eingeführt; in der Realität hätte es einem Bischof also gelingen sollen, einen solchen Gewaltausbruch zu verhindern. Und was man auch gegen die Sabellianer sagen kann, sie wären sicher nicht auf die Idee gekommen, wie Odo und Johanna zu behaupten, es gäbe keine Zeugen für die Auferstehung. Sabellius – hier als „Sabellus“ bezeichnet – vertrat schlichtweg eine Form des Modalismus; nach dieser Lehre besteht Gott nicht wirklich aus drei verschiedenen Personen, sondern Vater, Sohn und Heiliger sind nur drei Erscheinungsformen von Gott. Ja, ja, ich weiß, reale Ketzereien klingen wesentlich langweiliger, als man es beim Wort „Ketzerei“ erwartet.

That’s modalism, Patrick!

Am Ende sagt Gerold zu ihr, sie würden sich später am Abend noch über die Frage nach der Auferstehung unterhalten; aber tatsächlich kommt dieses Gespräch nicht mehr vor. Hat eigentlich niemand das Manuskript probegelesen?

Am Ende noch zu einem weiteren Punkt: In einem der oben zitierten Absätze wird ja hervorgehoben, wie erwachsen und ernst Johanna sei, wie anders als andere Kinder. Das ist nicht die erste solche Stelle. Und sie ist so typisch: Roman- und Drehbuchautoren scheinen ständig zu meinen, aus ganz normalen, durchschnittlichen Menschen, die von sich aus weder überdurchschnittliche Talente noch überdurchschnittliche Tugenden haben und auch nicht von der Gesellschaft als Außenseiter abgestempelt werden, könne man keine Helden machen. (Ein ganz wunderbares Buch, in dem das anders ist, wäre übrigens der historische Roman „Come Rack! Come Rope!“ von Robert Hugh Benson. Sehr empfehlenswert.)

Es wird auch immer wieder herausgestellt, wie anders als andere Mädchen Johanna ist. Schon die Mädchen in Ingelheim konnten nichts mit ihr anfangen, und auch die in Dorstadt gehen ihr aus dem Weg. „Sie betrachteten Johanna mit Argwohn, beteiligten sie nicht an ihren Spielen und erzählten ihr nicht den neuesten Klatsch und Tratsch.“ (S. 143) So frauenfreundlich, wie die Autorin meint, ist ihr Buch eigentlich gar nicht: Die meisten Frauen und Mädchen in der von ihr konstruierten Welt interessieren sich nur für Klatsch und Tratsch und schöne Kleider und Ehemänner, was natürlich alles unter dem Niveau der hochbegabten, außergewöhnlichen Johanna ist. Gerolds Tochter Gisla zum Beispiel wird an späteren Stellen als albern, einfältig und oberflächlich bezeichnet, weil sie jedes Mal kichert, wenn von dem Mann die Rede ist, dem sie versprochen ist, und weil sie unbedingt über ihr Hochzeitskleid reden will. Leute! Das Mädel ist vierzehn! Vierzehnjährige dürfen sich für Kleider begeistern (auch wenn das im Idealfall noch nicht die Hochzeitskleider sein sollten). Ich meine, ich war auch mal die Streberin ohne viel Modegespür (und habe mir auch bisschen was aufs Anderssein eingebildet), aber irgendwann will man dann doch auch mal zumindest ein bisschen hübsch aussehen, und daran ist nichts Schlimmes; im Gegenteil, es ist harmlos und normal. Natürlich gibt es oberflächliche Menschen, die sich fast nur für eigentlich unwichtige Dinge interessieren, und auf die ein- oder andere Weise sind wohl viele Menschen ab und an oberflächlich; trotzdem generalisiert die Autorin hier sehr.

Die anderen Mädchen in Donna W. Cross‘ Welt stellen, anders als Johanna, auch keine tiefergehenden Fragen, begehren nicht auf, und sind zufrieden mit ihrem Leben. „Die anderen Mädchen im Dorf [Ingelheim] interessierten sich nicht für solche Dinge. Sie waren es zufrieden, die Zeit durchzuhalten, die eine heilige Messe dauerte, ohne daß sie einziges Wort verstanden. Sie akzeptierten, was ihnen gesagt wurde, und schauten nicht nach vorn. Sie träumten von einem guten Ehemann – womit sie einen Mann meinten, der sie freundlich behandelte und sie nicht prügelte – , und einem kleinen Stück Ackerland; sie spürten kein inneres Verlangen, das sie über die sichere und vertraute Welt des Dorfes hinausführte. Sie waren für Johanna so unerklärlich, wie Johanna es für sie war.“ (S. 50f.) Nein: Es ist einfach falsch, zu behaupten, die meisten Menschen würden sich nie für religiöse Fragen interessieren; gerade für diese Zeit ist es falsch. Die Mädchen von Ingelheim waren mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bereits vom Tod eines Geschwisterkindes oder Elternteils betroffen, da macht man sich sehr wohl Gedanken darüber, was die Messe, die für die Toten gelesen wird, eigentlich bedeutet. Und jeder Mensch interessiert sich irgendwann einmal für andere Dinge als das Alltägliche; auch dann, wenn er oder sie die allgemein akzeptierten Antworten auf seine Fragen einfach hinnimmt. Und was hat Johanna gegen ein ruhiges Leben, die vertraute Heimat und ein kleines Stück Ackerland? Zudem sollte klar sein: Für die meisten Bauernmädchen dieser Zeit war es auch nicht besonders realistisch, über ihre nähere Umgebung hinauszukommen. Das nennt sich Armut und ist nicht moralisch verwerflich. Ein moralisch guter Mensch kann man auch in einem kleinen Dorf sein, ohne je darüber hinauszuschauen; und eine große Gelehrte zu werden, ist keine moralische Verpflichtung.

Johanna ist hier jedenfalls keine Repräsentantin ihres Geschlechts, die zeigt, dass auch Frauen denken und lernen können, sondern ein extrem seltener Ausnahmefall, eine Art Laune der Natur – wie gesagt, doch keine ganz so feministische Aussage wie beabsichtigt.

Ihre Glaubwürdigkeit als feministische Ikone muss, wie sollte es anders sein, dann auch noch dadurch herausgestellt werden, dass sie ungeschickt bei Nadelarbeiten ist. Hier folgt die Autorin nur den Konventionen des Genres; immerhin haben geschätzte 90% aller historischen Frauenromane eine Protagonistin, die nicht sticken kann. Dabei ist Sticken das einfachste von der Welt. Man zieht eine Nadel durch ein Stück Stoff und zählt dabei die Löcher ab – komplizierter wird’s nicht. Da ist ja noch Stricken schwieriger. „Mehr als einmal hatte Richild sich wegen Johannas Unbeholfenheit mit der Nagel bei ihrem Mann beklagt; Gerold selbst hatte die verzweifelten Bemühungen des Mädchens beobachtet, ihre widerspenstigen Finger zum Gehorsam zu zwingen, und er hatte die kläglichen Ergebnisse ihrer Bemühungen gesehen.“ (S. 137) Was soll dieser Unsinn? Einige Zeit vorher hat Aeskulapius Johanna noch dafür gelobt, dass ihre Buchstaben kleiner und ordentlicher sind als die ihres Bruders; hat sie also geschickte Finger oder nicht? Sticken ist sehr viel einfacher als Schönschrift.

Damit jedenfalls wäre ich am Ende der heutigen Leseetappe – beim nächsten Mal dann zu Johannas Verliebtheit in Gerold, die sich bereits zeigt…

 

* Spontan ausgedachte Titel, aber vermutlich gibt es sie wirklich irgendwo.

Immer dran denken: Du bist nur das, wozu deine Geschlechtsorgane dich machen

Jedenfalls scheint der amerikanische Pastor Hans Fiene so zu denken, der hier erklärt hat, wieso Männer und Frauen nie nur Freunde sein können: http://thefederalist.com/2017/04/04/men-women-can-never-just-friends/

Fiene betreibt den Youtube-Kanal Lutheran Satire, auf dem eigentlich einige gute Videos erschienen sind (auch wenn sie ihre Message oft ein bisschen überdeutlich herüberbringen), und in letzter Zeit erscheinen seine Beiträge auch öfter mal im Federalist, einem Onlinemagazin, das typische konservative Ideen vertritt – d. h., das, was in den USA als konservativ gilt, also Nationalismus, liberale bis libertäre Ideen zur Wirtschaft, Waffenbegeisterung und konservativ-protestantische Ansichten zu Religion und Moral; eine seltsame Mischung aus den Werten der Puritaner des 17. Jahrhunderts, der aufklärerisch geprägten amerikanischen Gründervater des 18. Jahrhunderts, und der „Fundamentalisten“ des frühen 20. Jahrhunderts. Und vielleicht noch der Eugeniker und Industriellen des 19. Jahrhunderts. Pastor Fienes neuesten Artikel zu dem neuesten Amoklauf in den USA nimmt sich übrigens Simcha Fisher hier vor (https://www.simchafisher.com/2017/11/07/the-federalist-god-is-a-psychopath/ ); durch einen Link von ihr auf Facebook bin ich auch auf diesen anderen, schon ein paar Monate älteren Artikel gestoßen. Und da dachte ich mir, hey, das gibt wirklich mal ein bisschen Stoff ab, um sich aufzuregen. Fällt mir doch wieder was für einen Blogartikel ein.

Pastor Fiene geht hier von einem gesellschaftlichen Problem aus, für das er eine Lösung haben will: „All of us need to start having more babies or else the upcoming demographic tsunami will consume our nation“ (Wir müssen alle anfangen, mehr Babies zu bekommen, sonst wird der aufkommende demographische Tsunami unsere Nation zerstören). Nun hat Amerika mit 1,9 Kindern pro Frau – Tendenz allerdings, anders als in einigen europäischen Ländern mit an sich noch niedrigerer Rate, tatsächlich sinkend – eine Geburtenrate, die noch so mehr oder weniger das Bevölkerunsniveau aufrechterhält (https://www.welt.de/politik/deutschland/article140454529/Wo-die-Welt-noch-kinderfreundlich-ist.html), aber das Sinken dieser Zahlen kann man ja tatsächlich als Problem sehen. Bei linksliberalen Amerikanern wäre das vielleicht eher ein Grund, sich zu überlegen, ob man nicht als beinahe letztes Land auf der Erde mal bezahlten Mutterschaftsurlaub einführen sollte (bis jetzt gibt es dort unter Umständen zwölf Wochen unbezahlten Urlaub), oder vielleicht sogar so etwas wie Kindergeld, aber Pastor Fiene sieht das Problem offensichtlich eher auf der individuellen Ebene – die ja sicher auch eine Rolle spielt. „One of the best ways we can do so is by reversing the trend of Americans waiting longer to get married.“ (Einer der besten Wege, auf dem wir das erreichen können, ist, den Trend umzukehren, dass die Amerikaner länger damit warten, zu heiraten.) Also, Leute, heiratet, um die Nation zu retten! Und dazu, das ist klar, muss eins geschehen: „We tear down the Friend Zone.“ (Wir zerstören die Friend Zone.)

„Every year, countless young men find themselves trapped in the Friend Zone, a prison where women place any man they deem worthy of their time but not their hearts, men they’d love to have dinner with but, for whatever reason, don’t want to kiss goodnight. Being caught in the Friend Zone is an inarguable drag on fertility rates, as a man who spends several years pledging his heart to a woman who will never have his children is also a man who most likely won’t procreate with anyone else during that time of incarceration. Free him to find a woman who actually wants to marry him, however, and he’ll have several more years to sire children who will laugh, create, sing, fill the world with love and, most importantly, pay into Social Security.“

(Jedes Jahr finden sich unzählige junge Männer gefangen in der Friend Zone, einem Gefängnis, in das Frauen jeden Mann stecken, den sie als ihrer Zeit, aber nicht ihrer Herzen für würdig befinden, Männer, mit denen sie liebend gerne zu Abend essen würden, denen sie aber, aus welchem Grund auch immer, keinen Gutenachtkuss geben wollen. In der Friend Zone gefangen zu sein ist ein unbestreitbares Hemmnis für die Fruchtbarkeitsrate, denn ein Mann, der mehrere Jahre damit verbringt, sein Herz an eine Frau zu hängen, die nie seine Kinder bekommen wird, ist auch ein Mann, der sich während dieser Zeit der Haft aller Wahrscheinlichkeit nach mit niemand anderem fortpflanzen wird. Befrei ihn allerdings, damit er eine Frau finden kann, die ihn tatsächlich heiraten will, und er wird einige Jahre mehr Zeit haben, um Kinder zu zeugen, die lachen werden, kreativ sein werden, singen werden, die Welt mit Liebe füllen werden, und, am wichtigsten, in die Sozialversicherung einzahlen werden.)

Okay… Was haben wir gelernt:

  • Der hauptsächlich Daseinszweck von Menschen ist es, in die Sozialversicherung einzuzahlen. (Ich nehme zu Pastor Fienes Gunsten mal an, dass er hier selber ein bisschen ironisch spricht.)
  • Wenn eine Frau einem Mann ihre Zeit schenkt, hat er das Recht, von ihr auch eine Beziehung zu erwarten. Wie kann sie erwarten, dass er mit ihr isst, wenn sie ihn dann nicht küssen, heiraten und seine Kinder bekommen will? (Man beachtete die Formulierung: „seine Kinder bekommen“, nicht „mit ihm Kinder bekommen“.)
  • Wenn eine Frau klar macht, dass sie nur Freundschaft will, der Mann so tut, als wäre das für ihn okay, aber insgeheim – jahrelang! – darauf hofft, sie doch noch als Partnerin zu gewinnen, dann ist das Problem nicht er, sondern sie. Bitch.
  • So viele Männer versuchen jahrelang, uninteressierte Frauen über „Freundschaft“ zu bekommen, dass die Leute im Durchschnitt so spät heiraten, dass sie kaum noch Kinder bekommen (können), weshalb die amerikanische Nation untergeht.

Pastor Fiene erklärt dem Weibsvolk, wie es aussieht: „women must accept the following truths: you don’t have any guy friends and, in fact, you can’t have any guy friends.“ (Frauen müssen die folgenden Wahrheiten akzeptieren: Ihr habt keine Männer als Freunde, und ihr könnt tatsächlich keine Männer als Freunde haben.)

Er erklärt auch, wieso Männer nur dann Zeit zu zweit mit weiblichen Freunden verbringen, wenn sie insgeheim in die verliebt sind – und das gibt interessante Einblicke in seine Einstellung zu Beziehungen im Allgemeinen:

„Imagine that friendship is a good that people acquire in exchange for the currency of their time. The average man lives in a competitive friendship market where some forms of friendship appeal to him more than others and therefore get his business.“

(Stell dir vor, dass Freundschaft ein Gut ist, das Leute im Gegenzug für die Währung ihrer Zeit erwerben. Der durchschnittliche Mann lebt in einem konkurrenzbetonten Markt der Freundschaft, wo einige Formen der Freundschaft ihn mehr als andere ansprechen und daher das Geschäft machen.)

Freundschaft ist ein Konsumgut; man geht sie nicht ein, weil man den anderen mag, sondern weil man im Austausch für seine Zeit etwas bekommt.

„What then, is the average man looking for in a friend? By and large, something along these lines:

  1. Someone who shares his interest in activities such as watching movies where things explode, playing video games where things explode, or putting fireworks in things so they’ll explode. Bonus points if you enjoy yelling at football players through the television set and laughing at noxious flatulence.
  2. Someone who won’t pressure him to open up beyond his comfort level if his girlfriend breaks up with him,he loses his job, or his mom gets eaten by a yeti.
  3. Someone who cherishes the man tradition of showing affection through insults and general jackassery.

If you are a lady who believes your dude friends are genuinely ‚just friends,‘ ask yourself this: Which of these things are you better at giving a man than another man is?“

(Nach was sucht dann der durchschnittliche Mann bei einem Freund? Im Großen und Ganzen, nach etwas in dieser Art: 1. Jemand, der sein Interesse an Aktivitäten teilt wie: Filme zu schauen, in denen Dinge explodieren, Videospiele zu spielen, in denen Dinge explodieren, oder Feuerwerk in Dinge zu stecken, sodass sie explodieren. Bonuspunkte, wenn du es genießt, Footballspieler durch den Fernseher anzuschreien und über eklige Blähungen zu lachen. 2. Jemand, der ihn nicht drängen wird, sich mehr zu öffnen, als ihm angenehm ist, wenn seine Freundin mit ihm Schluss macht, er seinen Job verliert, oder seine Mutter von einem Yeti gefressen wird. 3. Jemand, der die Männertradition in Ehren hält, Zuneigung durch Beleidigung und generelle Gemeinheit zu zeigen. Wenn du eine Lady bist, die glaubt, dass ihre männlichen Freunde ernsthaft „bloß Freunde“ sind, frag dich das: Welches von diesen Dingen kannst du einem Mann besser geben als ein anderer Mann das kann?)

Vielleicht sollte man auch sich noch etwas anderes fragen: Ist das wirklich das, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen? Oder ist das alles, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen?

„The answer is clear. None of them. You are not especially good at liking ‚Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury,‘ or informing the offensive line of the Chicago Bears, via your Samsung, that they are all false starting idiots. […] By and large, you are not very good at supplying the kind of friendship the average man demands.“

(Die Antwort ist klar. Nichts davon. Du bist nicht besonders gut dabei, „Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury“ zu mögen oder die Stürmer der Chicago Bears via dein Samsunggerät zu informieren, dass sie alle falsche verschreckte Idioten sind. […] Im Großen und Ganzen bist du nicht sehr gut dabei, die Art von Freundschaft bereitzustellen, die der durchschnittliche Mann fordert.)

Und das weiß Hans Fiene nochmal woher genau?

In der realen Welt gibt es sehr viele Interessen, die bestimmte Männer und Frauen gemeinsam haben (und bestimmte andere Männer und Frauen dann nicht): eine bestimmte Musikrichtung, Der Herr der Ringe, thomistische Theologie, Politik, Schach, lateinamerikanischer Tanz, Tennis, Leichtathletik, Blasmusik, Hundezucht, Evolutionsbiologie… Männer und Frauen sind zusammen in allen möglichen Vereinen, Kursen, Berufen. Und ja, es gibt sogar Frauen, die Videospiele spielen, Footballfans sind, Karate machen, ein Auto reparieren können, gut in Mathe sind, Informatik studieren, oder aggressiv oder vulgär oder gefühlsmäßig distanziert sind (was Fiene für notwendige Attribute der Männlichkeit zu halten scheint). Genauso, wie es Männer gibt, die gern kochen, gut mit Kindern umgehen können oder sensibel sind (was er den Frauen zugesteht).

Fienes Fazit ist jedenfalls klar: Wenn ein Mann dein Freund ist, dann sicher nicht, weil er deine Freundschaft schätzt, dafür wäre jeder Mann besser geeignet. Stell dir bloß nicht vor, deine Persönlichkeit könnte ihm gerade gefallen haben. Jeder Mann wäre besser als du. Es kann gar nicht sein, dass du persönlich und dieser Mann da zufällig mehr Gemeinsamkeiten haben als er und jeder andere Mann auf der Welt. Aber, es gibt ja Trost:

„Just because men don’t want to be your friend, however, doesn’t mean they don’t enjoy your company. They most certainly do. They love discovering how you see the world, what you think about life, the universe, and everything. They love your kindness, thoughtfulness, sensitivity, support, and your nurturing heart. They love being in your presence when you display the wonders of the feminine virtues.

But because God designed these virtues to entice men into marriage, the average man will never be content to receive those gifts in a form of companionship that doesn’t lead to marriage. Quite simply, men can’t be at peace being just friends. And there’s nothing you can do to change that.“

(Aber nur weil Männer nicht deine Freunde sein wollen, bedeutet das nicht, dass sie deine Gesellschaft nicht mögen. Das tun sie sicher. Sie lieben es, zu entdecken, wie du die Welt siehst, was du über das Leben, das Universum und alles und jedes denkst. Sie lieben deine Güte, Rücksichtnahme, Sensibilität, Unterstützung und dein sorgendes Herz. Sie lieben es, in deiner Nähe zu sein, wenn du die Wunder der weiblichen Tugenden zeigst. Aber weil Gott diese Tugenden dafür geschaffen hat, Männer in die Ehe zu locken, wird der durchschnittliche Mann nie damit zufrieden sein, diese Gaben in der Form einer Kameradschaft zu erhalten, die nicht zu einer Ehe führt. Männer können ganz einfach nicht damit zufrieden sein, nur Freunde zu sein. Und da gibt es nichts, was du tun kannst, um das zu ändern.)

Wir lernen: Es gibt keine allgemein menschlichen Tugenden, sondern Männer müssen bestimmte Tugenden zeigen und Frauen müssen bestimmte Tugenden zeigen. Männer sind von Güte, Rücksichtnahme und Sensibilität entschuldigt, und Frauen offenbar, wie ich dem verlinkten Artikel über weibliche Tugenden entnehme, von Mut und Aufopferungsbereitschaft.

Das Problem bei Leuten wie Hans Fiene – besonders ausgeprägt bei konservativen amerikanischen Protestanten, aber durchaus auch mal bei anderen konservativen Christen zu sehen – ist, dass sie politisch inkorrekt sein wollen, um dem wahren Glauben zu folgen, und dabei völlig von der Tradition des wahren Glaubens abgeschnitten sind. Die Kirchenväter zum Beispiel hielten geistliche Freundschaften zwischen Männern und Frauen sehr wohl für möglich, sogar für erstrebenswert. Laut Fiene hätte also der hl. Hieronymus nicht mit der hl. Paula oder der hl. Eustochium befreundet sein dürfen, der hl. Franz von Sales nicht mit der hl. Johanna Franziska von Chantal, und der hl. Johannes Paul II. nicht mit Anna Teresa Tymieniecka (eine verheiratete polnisch-amerikanische Philosophin, mit der der Papst dreißig Jahre lang einen regelmäßigen Briefwechsel unterhielt). Nun ist Fiene ja Lutheraner und scheint in der Tradition Luthers zu stehen, der die Enthaltsamkeit für etwas hielt, was sowieso niemand hinkriegt, weswegen die Leute alle heiraten sollen, also weiß ich nicht, ob Fiene Franz und Johanna Franziska eine unterdrückte Verliebtheit unterstellen würde oder so was, aber gut: Protestantische Irrungen halt.

Fienes Text jedenfalls klingt so, als würde jeder Mann, der eine nette Frau kennenlernt, die „weibliche Tugenden“ besitzt, von ihr auf die Weise angezogen werden, dass er sie gleich heiraten will. Dass man Menschen unterschiedlichen Geschlechts mögen kann, ohne sich in sie zu verlieben, scheint keine Möglichkeit zu sein. Leute, bitte: Als Ehepartner kommt nur ein Mensch im Leben in Frage (solange der nicht stirbt), aber man wird mit vielen Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammenkommen, und manche davon wird man vielleicht auch so gerne mögen, dass man sie etwas näher kennenlernen und mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Was ist so schlimm daran?

Natürlich kann die Situation vorkommen, dass in einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau der eine sich mehr erhofft als der andere (es kann auch mal die Frau sein, die verliebt ist!); es kann auch mal vorkommen, dass der eine sich unsicher ist, ob der andere vielleicht mehr erwartet oder ob man selber nur zu viel in normale freundschaftliche Gesten hineinliest. Und manche Freundschaften entwickeln sich zu ernsthaften Beziehungen, und andere nicht. Aber erwachsene Menschen können mit so etwas umgehen. Glaubt Fiene ernsthaft, dass es sich in der Heiratsstatistik niederschlägt, dass unzählige junge Männer jahrelang uninteressierten Frauen hinterherlaufen? Ich will hier mal ganz ehrlich sein: Ich denke, dass die meisten Männer (und Frauen) nicht auf diese Weise ihre Zeit verschwenden würden. Irgendwann merkt man, dass das nichts wird.

Fienes gesamter Artikel zeigt eigentlich eine irgendwo menschenverachtende Haltung: Wir brauchen mehr Kinder zum Nutzen der Gesellschaft. – Du bist verpflichtet, Kinder zu bekommen. – Heirate gefälligst! Und dulde ja nichts, was andere Leute eventuell vom Heiraten abhalten könnte!

Man könnte auch noch erwähnen, dass das Problem bei einer niedrigen Geburtenrate in diesem Fall sowieso nicht ein zu hohes Heiratsalter ist – so hoch liegt das durchschnittliche Heiratsalter in den USA nun wirklich nicht, und auch eine Frau, die mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig heiratet, kann auf jeden Fall noch ohne Probleme zwei oder drei Kinder bekommen.

Zuletzt will ich meinen Lesern nicht vorenthalten, was der Pastor den angesprochenen Frauen als Lösung verschlägt, wenn sie männliche Freunde haben sollten, an denen sie bei näherer Betrachtung tatsächlich kein romantisches Interesse haben:

„Call him up and tell him, ‚It’s not my fault that your facial symmetry grosses out my ovaries, but it was my fault that I got your hopes up by putting you in the Friend Zone. As restitution, please accept the phone numbers of five girls I know who find you attractive. Stop wasting your time with me and go hang out with a girl who might one day bear your children.‘

Do this now. Don’t hesitate, thinking that you don’t want to lose him as a friend.“

(Ruf ihn an und sag ihm: „Es ist nicht meine Schuld, dass deine Gesichtssymmetrie meine Eierstöcke anwidert, aber es war meine Schuld, dass ich dir Hoffnungen gemacht habe, indem ich dich in die Friend Zone gesteckt habe. Als Entschädigung nimm bitte die Telefonnummern von fünf Mädchen an, von denen ich weiß, dass sie dich attraktiv finden. Hör auf, deine Zeit mit mir zu verschwenden und häng mit einem Mädchen herum, das eines Tages deine Kinder gebären könnte.“ Tu das jetzt. Zögere nicht, weil du denkst, dass du ihn nicht als Freund verlieren willst.)

Okay. Kein Kommentar.

Der Pastor beendet seinen Artikel mit der Aufforderung an Frauen, zu heiraten, ein paar Mal schwanger zu werden und ein paar hübsche kleine zukünftige Steuerzahler in die Welt zu setzen. Achtung, Achtung! Hans Fiene hat das elfte Gebot wiederentdeckt! No, Sir. Ich habe nicht vor, in nächster Zeit zu heiraten und ein paar zukünftige kleine Steuerzahler in die Welt zu setzen.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 16: Was in den Apostelbriefen (und in der Genesis) über (Ehe)Frauen und die Rolle der Frau in der Kirche gesagt wird

[Der Artikel wurde noch einmal nachbearbeitet; Kommentare können sich auf den ursprünglichen Text beziehen.]

– Dieser Teil ist recht lang geraten, da es um mehrere zusammenhängende Themen geht und ich die wichtigsten Einwände und Argumente abhaken wollte, und darf gern in mehreren Etappen gelesen werden. –

 

„Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Eins sollte klargestellt werden, bevor ich mit meinen Exegese-Versuchen beginne: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt die Bibel selbst.

Manchmal gibt es auch mehrere mögliche Interpretationen zu seinen (und anderen biblischen) Aussagen; und manchmal ist es leichter zu sagen, welche Interpretationen falsch sind, als zu sagen, welche richtig sind.

 

(I) Die Stellen

Heute kommt einmal hauptsächlich das Neue Testament dran, nämlich diese  Stellen aus den Apostelbriefen:

  • „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. (Epheser 5,21-33)
  • „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie!“ (Kolosser 3,18f.)
  • „Ebenso seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem Verhalten, nicht verleumderisch und nicht trunksüchtig; sie müssen fähig sein, das Gute zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ (Titus 2,3-5)
  • „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit. Auch sollen die Frauen sich anständig, bescheiden und zurückhaltend kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt. (1 Timotheus 2,8-15)
  • „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. Nicht auf äußeren Schmuck sollt ihr Wert legen, auf Haartracht, Gold und prächtige Kleider, sondern was im Herzen verborgen ist, das sei euer unvergänglicher Schmuck: ein sanftes und ruhiges Wesen. Das ist wertvoll in Gottes Augen. So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. Sara gehorchte Abraham und nannte ihn ihren Herrn. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet. Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ (1 Petrus 3,1-7)
  • „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ (1 Korinther 14,33-35)
  • „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe. Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen. Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben. Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinden Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.“ (1 Korinther 11,1-16)

Ich habe hier einiges zusammengeworfen. Wenn man es auseinandersortiert, ergeben sich grob die folgenden Punkte:

  • Unterordnung der Frau in der Ehe
  • Bedeutung des Kindergebärens für die Frau
  • Stellung der Frau in der Gemeinde
  • Kopfbedeckungen beim Gottesdienst
  • Generelle Stellung der Frau (mit Bezug auf die Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte)

 

(II) Das Kindergebären: Textanalyse

Zuerst zu einer relativ einfach gelösten Stelle: „Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt.“ (1 Timotheus 2,15) Wie bitte, man kommt nur durchs Kinderkriegen in den Himmel? Natürlich nicht. Hier hilft der Urtext.

Im griechischen Original heißt der erste Teil des Satzes: „Sothesetai de dia tes teknogonias“. Wörtlich übersetzt: „Sie wird gerettet werden aber durch das Kinderkriegen“; das Wort für „durch“, „dia“, ist allerdings, wie viele griechische Präpositionen, mehrdeutig. Es kann „durch“, „mittels“, „wegen“ heißen, aber auch „um … willen“; oder sogar „während“. „Aber sie wird um des Kindergebärens willen gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“, oder „Aber sie wird, während sie Kinder gebärt, gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“ – das klingt schon ein bisschen anders, mehr so, als wäre das Kindergebären ein mögliches gutes Werk im Leben, nicht das sine qua non. Im Englischen würde man so einen Satz vielleicht ähnlich ambivalent formulieren mit „But she will be saved having children, if she…“. Ich denke, dass der Fokus hier vor allem auf dem zweiten Teil des Satzes liegt: Man soll in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führen. Und zum Weg der Heiligung kann auch das Gebären von Kindern und die Sorge für sie gehören.

Aber vor allem die Übersetzung mit „während“ bietet auch eine völlig andere Auslegung, als man zuerst annehmen würde: Laut einer Fußnote in der Einheitsübersetzung könnte Paulus sich hier gegen gnostische Lehren gewandt haben, die die Ehe und das Kinderkriegen verurteilten, da sie die irdische Welt grundsätzlich ablehnten. Da ist der christliche Weg familienfreundlicher: Kinder stehen der Heiligkeit nicht im Weg. Es ist gut, Kinder zu kriegen, weil es gut ist, mehr von Gottes Geschöpfen in die Welt zu setzen. Eine Frau, die Mutter ist/wird, kann (an die Gnostiker gerichtet: trotzdem) heilig werden, wenn sie Hoffnung, Nächstenliebe etc. zeigt.

Dann ist es, wenn man den Kontext aller Paulusbriefe kennt, sowieso von vornherein ausgeschlossen, dass Paulus das Kindergebären auf irgendeine Art und Weise als heilsnotwendig betrachten könnte. In 1 Korinther 7,25-40 wirbt er dafür, unverheiratet zu bleiben, und zwar bei Männern und Frauen; und wenn man sich an die christliche Sexualethik hält, kann man dann logischerweise auch keine Kinder bekommen.

So weit, so gut; aber was ist nun mit den anderen Aussagen, bei denen verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für Präpositionen nicht als Erklärung genügen? Können wir die als „historisch bedingt“ beiseite schieben?

 

(III) „Die Frau aber ist der Abglanz des Mannes…“

Nun ja, das kommt darauf an. Behandeln wir die Themen nacheinander, und fangen wir mit einer der nervigsten und unverständlichsten Stellen an: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. […] Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ (1 Korinther 11,3.7-9)

Diese Verse werden natürlich deutlich relativiert durch das, was dahinter kommt („Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.“ (1 Korinther 11,11f.)), aber bleiben wir erst einmal bei ihnen stehen.

Hier finden sich natürlich Anklänge an die Schöpfungsgeschichte; und eine Sache klingt schon einmal ziemlich auffällig. In Genesis 1,27 heißt es ja ausdrücklich: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Paulus aber scheint, im Gegensatz zu dieser sehr klaren Stelle (und im Gegensatz zum Katechismus, s. u.), die Frau nicht als direktes Abbild Gottes zählen lassen zu wollen.

Die Lösung für diesen scheinbaren Konflikt liegt in Vers 3 der Paulus-Stelle: Hier wird Gott (Vater) als das „Haupt Christi“ bezeichnet, und Christus wiederum als Haupt des Mannes, und der dann wiederum als Haupt der Frau. Man hat also eine solche Stufenleiter im Kopf:

Gott (Vater)

I

Christus

I

Mann

I

Frau

Und jedem, der die geringste Ahnung von Theologie hat, wird dieses Schema irgendwie schief vorkommen. Theologisch korrekt dargestellt müsste es eher so aussehen:

Gott (Vater) – Christus

____________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Mann – Frau

Oder für die ganz theologisch Korrekten unter uns:

Gott Vater – Gott Sohn (Christus) – Gott Heiliger Geist

_______________________________________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Engel

I

Menschen (Mann – Frau)

I

Tiere

I

Pflanzen

I

Leblose Materie

In der Trinitätstheologie lehnen wir den sog. „Subordinatianismus“ klar ab: Der Sohn ist nicht weniger Gott als der Vater, Er ist Ihm „wesensgleich“, nicht geringer als Er (für den Heiligen Geist gilt das Gleiche).

Aber: Trotzdem heißt es im Großen Glaubensbekenntnis, dass der Sohn vom Vater „gezeugt“ ist und der Heilige Geist aus beiden „hervorgeht“. Nun bedeutet die „Zeugung“ des Sohnes wiederum nicht, dass es einmal eine Zeit gab, in der Er nicht existierte und der Vater allein war; es handelt sich um eine „ewige Zeugung“, eine Art ewige Abhängigkeit, könnte man vielleicht sagen, des Sohnes vom Vater, oder ein ewiges Hervorgehen des einen aus dem anderen. Was genau das jetzt bedeutet – gute Frage, bitte an bessere Theologen richten. Jedenfalls nimmt der Vater trotz aller Gleichrangigkeit der drei göttlichen Personen immer noch eine Art höhere Stellung, sozusagen als „Erster unter Gleichen“, unter ihnen ein – in der Bibel ist an manchen Stellen vom Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater die Rede, aber an keiner Stelle vom Gehorsam des Vaters gegenüber dem Sohn.

In der obersten Stufenleiter, also der aus der Paulusstelle, haben wir zwischen Christus und dem Mann den Sprung von ungeschaffenem Gott zu Geschöpf. Also könnte man vielleicht sagen, dass, eine Stufe weiter oben, auch innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit im Verhältnis von Gott Vater zu Christus wiederum das Verhältnis von Gott zur Schöpfung gewissermaßen analog „nachgestellt“ ist – oder besser genau andersherum: dass das Verhältnis zwischen Gott Vater und Gott Sohn durch das Erschaffen von Geschöpfen in dem Verhältnis der „gesamten“ Dreifaltigkeit zur Schöpfung nachstellt wird. Und dann könnte man weiter sagen, dass dasselbe Verhältnis innerhalb der Schöpfung dann wieder in gewisser Weise nachgestellt wird zwischen Mann und Frau – es ist nachgestellt, nicht real. (Einer ähnlichen Interpretation folgt übrigens auch C. S. Lewis in dem sehr empfehlenswerten Buch „Was man Liebe nennt“ (Originaltitel: „The four loves“).)

Man könnte in dieser Analogie noch weitergehen und die Familie (Mann, Frau und Kinder, die aus beiden „hervorgehen“) mit der Dreifaltigkeit inklusive dem „hervorgehenden“ Heiligen Geist vergleichen, aber der Einfachheit halber lasse ich den Heiligen Geist und die Kinder hier außen vor.

Das passt natürlich auch zu der Aussage der bekanntesten Paulus-Stelle zum Thema „Haupt“ und „Unterordnung“ in der Ehe, nämlich Epheser 5: Die Ehe soll sein wie die Beziehung zwischen Christus und der Kirche – man könnte mit einer gewissen Erweiterung sagen, wie die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung.

Zu diesem Aspekt möchte ich einen Freund mit folgender Aussage zitieren, die die Angelegenheit gut zusammenfasst: „Nach den plausiblen Erklärungen der Theologen symbolisiert die Frau die Schöpfung Gottes und der Mann den Schöpfer. Das heißt aber, dass die Frau die Aufgabe hat, etwas zu symbolisieren, was sie tatsächlich ist – weswegen das Wort ‚Seele’ (und das Wort ‚Kirche’) auch in allen relevanten Sprachen weiblich ist, auch die des Mannes, und auch der Mann in unserem schönen deutschen Lied (manche Dinge konntense, die Protestanten) Christus als ‚mein Heiland und mein Bräutigam’ anspricht. Der Mann hat etwas zu symbolisieren, was er nicht ist, was merklich schwerer ist und vielleicht letztlich etwas damit zu tun hat, dass die Frauen religiöser sind.“

Paulus trifft die Aussage „Der Mann ist das Haupt der Frau“ und begründet sie mit Genesis 2: „Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ Er behandelt die Rippengeschichte hier als real; aber es ist relativ egal, ob diese Geschichte je real geschehen ist oder nicht, sie steht da und sagt irgendetwas aus, und Paulus behandelt sie erst einmal als real, um auf ihre Aussagen zu kommen. Aus der Erzählung, dass Adam zuerst geschaffen wurde und Eva aus einem seiner Körperteile (Symbolebene), schließt Paulus also, dass der Mann, in der Ehe jedenfalls, das Haupt der Frau ist (Realitätsebene). Natürlich ist damit nicht gemeint, dass Frauen nicht um ihrer selbst willen als Person geschaffen wären, sondern ausschließlich als Hilfe für einen Ehemann (diese Interpretation kann man allein schon deshalb ausschließen, weil für Frauen wie für Männer laut Paulus selbst und dementsprechend laut katholischer Kirche die höchste Berufung das ehelose Leben ist).

Ich habe übrigens einmal einen Aufsatz einer Historikerin gelesen, in dem sie die These aufstellte, dass viele junge Frauen, die in der Antike, auch gegen den Willen ihrer Eltern, zum Christentum konvertierten und sich Christus weihten, auch davon angezogen wurden, dass sie in dieser Religion und in dieser Stellung als Personen geachtet wurden, nicht nur als Anhängsel eines Ehemannes. Als ich das damals gelesen habe, habe ich mir noch gedacht: Was soll der Unsinn, Mädchen wie die heilige Agnes wollten einfach Christus dienen, nicht besonders emanzipiert sein. Grundsätzlich glaube ich auch, dass ich damit richtig lag; aber ganz Unrecht hatte diese Historikerin vielleicht auch nicht. Als Frau geachtet zu werden, obwohl man keinen Mann und keine Kinder hatte, das muss etwas Anziehendes gewesen sein; dass man für den christlichen Gott auch so wertvoll war, war etwas Besonderes.

Wenn wir übrigens die originalen Genesis-Verse ansehen, in denen davon die Rede ist, dass Gott für Adam eine „Hilfe […], die ihm entspricht“ (Genesis 2,18) machen will, dass Er eine seiner Rippen nimmt und daraus Eva formt, und dass Adam sich dann freut und spricht „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Genesis 2,23), dann können wir festhalten, dass das hier verwendete Wort für „Hilfe“ oder „Helfer“ oder „Gehilfin“, „ezer“, keinesfalls automatisch „untergeordnetes Dienstmädchen“ heißt. Dieses Wort wird in der Bibel z. B. auch verwendet, wenn davon die Rede ist, dass Gott eine Hilfe für den Menschen ist – worauf sich übrigens auch der Katechismus bezieht (s. u.). Die Genesis-Geschichte sagt vor allem aus, dass Mann und Frau aufeinander hingeordnet sind: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.

(Sie hat übrigens an anderer Stelle für die damalige Zeit auch emanzipatorische Anklänge: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Zu der Zeit, als das geschrieben wurde, verließen eben nicht Mann und Frau ihre Ursprungsfamilien und hingen einander an und bildeten eine eigene neue Familie, sondern die Frau verließ ihre Familie und schloss sich der Sippe ihres Mannes an, wo sie dann auch unter der Fuchtel der Schwiegereltern stand.)

Langer Rede, kurzer Sinn: Aus dieser Paulusstelle ergibt sich, dass der Ehemann das „Haupt“ der Ehefrau nur in dem Sinne sein kann, wie Gott der Vater das „Haupt“ Jesu Christi ist. Die Analogien mit Gott Vater, Christus, der Kirche etc. werden hier und auch in Epheser 5 allerdings so sehr betont, dass man sie wohl nicht einfach als wenig relevante, zufällige Vergleiche beiseite schieben kann. Nein, wir Christen müssen immer – bis zu einem gewissen Grad – „Gender Essentialists“ sein, d. h. wir glauben, dass das biologische Geschlecht, das unser Schöpfergott uns mitgegeben hat, etwas ist, das auch die Seele betrifft, dass es wirkliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Geschlechtsunterschiede nicht alle einfach ausschließlich gesellschaftliche Konstruktionen sind – und dass das dann auch eine Implikation für eine Art Hierarchie in der Ehe hat.

 

(IV) Ein kurzer Exkurs: Zur Erschaffung Evas aus der Rippe Adams

Die Rippengeschichte hat im Lauf der Kirchengeschichte übrigens verschiedene Auslegungen bekommen, die durchaus miteinander kompatibel sein können und denen man folgen kann oder auch nicht. Hier als Beispiele zwei Stellen von bekannten Heiligen (Hervorhebungen von mir):

Der hl. Franz von Sales liest zwei verschiedene Dinge in dieses Bild hinein: „Bewahrt also euren Frauen eine zarte, beständige und herzliche Liebe, ihr Ehemänner! Deshalb wurde ja die Frau aus nächster Herzensnähe des ersten Menschen genommen, damit sie von ihm herzlich und zärtlich geliebt werde. Die körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau darf in euch keinerlei Geringschätzung entstehen lassen, sondern ein gütiges und liebevolles Verständnis. Gott hat sie so geschaffen, dass sie von euch abhängig sei, euch Achtung und Ehrfurcht entgegenbringe, dass sie zwar eure Gefährtin sei, ihr aber zugleich ihr Haupt und Vorgesetzter. Ihr Frauen, liebt euren Mann, den Gott euch gegeben hat, zärtlich und herzlich, gleichzeitig aber voll Achtung und Hochschätzung! Gott hat ihn deswegen kräftiger und euch überlegen geschaffen; er wollte, dass die Frau vom Mann abhängig ist, als Gebein von seinem Gebein, als Fleisch aus seinem Fleisch [vgl. Gen 2,23]. Nach Gottes Plan wurde die Frau aus seinem Leib unterhalb des Armes entnommen, um damit zu zeigen, dass der Mann seine Hand über sie halten und sie führen soll.Die Heilige Schrift empfiehlt immer wieder diese Unterordnung der Frau unter den Mann, sie macht diese Unterordnung aber zu einer liebevollen; die Frau soll sich in Liebe fügen, der Mann aber seine Autorität mit inniger, zärtlicher Güte ausüben. Der hl. Petrus sagt: ‚Ihr Männer, seid verständig gegen eure Frauen; sie sind die schwächeren Geschöpfe, erweist ihnen Achtung’ [1 Petr 3,7].“ (Franz von Sales, Anleitung zum frommen Leben, 3. Teil, Kap. 38, erstmals veröffentlicht 1609)

Und der hl. Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: „1. Dies war ein äußeres Zeichen dafür, wie Mann und Weib in besonderer Weise verbunden sein sollen. Denn das Weib soll nicht den Mann beherrschen; deshalb ist sie nicht aus einem Teile des Kopfes geformt worden. Sie soll aber auch nicht vom Manne wie eine Sklavin gehalten werden; deshalb ist sie nicht aus einem Teile der Füße geformt worden. 2. Das Sakrament sollte versinnbildet werden; denn aus der Seitenwunde Christi am Kreuze flossen die Sakramente, d. h. Wasser und Blut, woraus die Kirche geformt worden.“ (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I 92/3, verfasst zwischen 1265 und 1273)

(Erschaffung Evas. Dom von Orvieto. Bildquelle hier.)

 

 

(V) „Haupt“ und „Unterordnung“: Historisch bedingt?

So, jetzt haben wir also immer noch die Aussage, der Mann sei in der Ehe auf irgendeine Weise das Haupt der Frau und sie solle sich ihm „unterordnen“.

Manche Theologen haben versucht, die Sache einfach so zu lösen, dass sie sagen, für diese Stellen gelte dasselbe wie für die Sklaverei-Stellen in den Apostelbriefen: Paulus und Petrus geben hier Anweisungen dazu, wie man sich in einer ungerechten Beziehung, die in der damaligen Gesellschaft nun mal so existierte und sich nicht so einfach ändern ließ (das Christentum war keine Religion der Mächtigen, und viele Christinnen hatten heidnische Ehemänner), verhalten soll. Sie raten sowohl Frauen als auch Sklaven, sich unterzuordnen, und mahnen die Männer und die Herren dann zu Liebe bzw. gerechter Behandlung. Diese Taktik der Apostel hat pragmatische Gründe, die in einer gerechteren Gesellschaft wegfallen sollten. (Vgl. Teil 15.) Diese Auslegung scheint besonders durch die Petrusbriefstelle nahegelegt zu werden: „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.“

Sie bietet sich auch deswegen an, weil die Anweisungen an Frauen und Sklaven oft an ein und derselben Stelle stehen. Direkt nach der berühmten Epheser-5-Stelle über das Verhältnis zwischen Eheleuten kommen die Regeln für Kinder und Sklaven, also den Rest des Haushalts: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn! Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.“ (Epheser 6,1-9)

Gerade diese Stelle zeigt aber auch schon die Begrenztheit dieses Ansatzes: Denn das Gebot für die Kinder, die Eltern zu ehren, ist ein zeitloses Gebot, das sogar in den zehn Geboten auftaucht, anders als die Anweisungen an die Sklaven – hier werden also zeitlose und zeitbedingte Gebote zusammengeworfen; sie stehen nur beieinander, weil es um die Ordnung des damaligen Haushalts geht, zu dem sowohl Kinder als auch Sklaven gehören konnten. Was gilt für die Anweisungen an Ehefrauen? Sind die zeitlos oder zeitbedingt?

Nun ja, aus den oben erklärten Stellen ergibt sich schon, dass das alles nicht nur zeitbedingt sein kann. Ich denke aber, man kann diese Frage trotzdem mit einem „teils – teils“ beantworten. Ehen hatten damals unbestreitbar etwas Ungerechtes. Die Frauen waren oft viel jünger als ihre Männer (Mädchen konnten ab einem Alter von 12 Jahren verheiratet werden) und sie hatten auch nicht viel dazu zu sagen, wen sie heirateten; vielleicht als unabhängige Witwen eher, wenn sie sich ein zweites Mal verheiraten wollen, aber für eine erste Ehe in ihrer Jugend weniger. Es ist nicht so, dass junge Männer nie von Eltern oder Vormündern in arrangierte Ehen gezwungen worden wären, aber das macht die damalige Situation auch nicht besser, und im Allgemein war sie ziemlich ungerecht gegenüber den Frauen. Dazu kam die mächtige Stellung des römischen pater familias, die grundsätzliche Erwartung an Ehefrauen, ihrem Mann zu gehorchen, die in der damaligen Kultur selbstverständlich verankert war, ebenso wie die Vorstellung, dass Frauen weniger intelligent, emotionaler, hysterischer, unbeherrschter wären als Männer (man lese Aristoteles oder andere Griechen zu diesem Thema). Also, ja, es macht schon irgendwo Sinn, zu sagen, dass Paulus hier einfach dazu rät, sich den unvollkommenen Verhältnissen, in denen man sich befindet, zu fügen, vor allem, da die Christen damals sowieso schief angesehen waren, und nicht noch mehr als Leute gelten wollten, die gesellschaftliche Regeln umwarfen.

Aber andererseits: Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war damals auch ungerecht. Harte körperliche Züchtigung, war normal; und der Familienvater hatte nach dem römischen Gesetz sogar das Recht, zu entscheiden, ob ein Neugeborenes ausgesetzt werden sollte; er konnte seine Kinder auch in die Sklaverei verkaufen; und natürlich seine zwölfjährigen Töchter verheiraten. Aber das heißt nicht, dass das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ in einer gerechten Gesellschaft bedeutungslos werden würde. Auch in einer solchen Gesellschaft sollten Kinder ihre Eltern respektieren, ihnen einen gewissen Gehorsam entgegenbringen, solange sie selber minderjährig sind, und sie versorgen, wenn sie (die Eltern) alt geworden sind. Wenn man das übertragen möchte, könnte man sagen, die Aussage, dass der Mann das „Haupt“ der Frau sein soll, bliebe auch für gerechtere Gesellschaften gültig, bloß etwas anders, und etwas abgemilderter.

Hier könnte man einwenden, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern grundsätzlich anders ist als das zwischen Eheleuten: Solange Kinder noch Kinder sind, haben sie einfach nicht die Lebenserfahrung, Kraft, Intelligenz, rechtlichen Möglichkeiten usw., um für sich selbst zu sorgen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen; und deshalb sind ihre Eltern zu ihrem eigenen Schutz für sie verantwortlich. Wenn ich erkenne, dass jemand anders es ziemlich sicher besser weiß als ich, dann folge ich dessen Entscheidungen klugerweise auch, und deswegen sollte man auch als Fünfjährige folgen, wenn die Mutter sagt, dass man zuerst links und rechts schaut, bevor man über die Straße geht, oder als Vierzehnjährige, wenn man um zwölf Uhr daheim sein und keinen Alkohol trinken soll. Kinder werden natürlich erwachsen und dann können sie ihre Entscheidungen selbst treffen; dann bleibt das vierte Gebot zwar noch in der Bedeutung bestehen, den Eltern mit Respekt und Dankbarkeit für das, was sie für einen getan haben, zu begegnen und sie zu versorgen (es ist übrigens gut möglich, dass bei diesem Gebot ursprünglich eher daran gedacht war, erwachsene Kinder zu ermahnen, sich um alte Eltern zu kümmern und sie zu achten, als minderjährigen Kindern einzuschärfen, ihren Eltern zu gehorchen), aber im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern steht man nie einfach auf ein und derselben Stufe.

Ehepartner dagegen sind meistens grob im selben Altersbereich – zumindest müssen sie beide erwachsen sein, und die Frau kann auch mal älter sein als der Mann –, ihr Verhältnis ist also ein wesentlich egalitäreres. Wir wissen spätestens seitdem Frauen dieselbe Bildung erhalten wie Männer, dass die einen nicht durchschnittlich dümmer sind als die anderen, wie Aristoteles, und sogar noch Thomas von Aquin und Franz von Sales, meinten. [Interessanterweise gibt es allerdings anscheinend tatsächlich gewisse statistische Unterschiede beim IQ: Männer sind häufiger als Frauen entweder Genies oder Idioten, während der IQ vieler Frauen sich stärker im Mittelfeld konzentriert. Irrelevanter Exkurs Ende.] Deren epochenbedingte Vorurteile kann man entschuldigen, aber man muss sie ja nicht übernehmen. Und auch die Bibel sagt nirgendwo etwas von geringerer Intelligenz.

Der erste Petrusbrief ermahnt zwar die Männer gegenüber ihren Frauen zur Rücksicht, da die „der schwächere Teil“ seien; aber was genau kann damit gemeint sein? Na ja, zum einen die simple Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt körperlich schwächer sind. Dann die gewichtige Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären und stillen und dadurch mit vielen Nachteilen klarkommen müssen, die Männer nicht haben, und deshalb auch mal Unterstützung brauchen. (Passend dazu: Das hier verwendete griechische Wort für „schwach“ kann auch die Bedeutung „krank“ haben.) Dann vielleicht auch die Tatsache, dass Frauen zu Petrus’ Zeiten weniger rechtliche und berufliche Möglichkeiten hatten als Männer. „Schwächer“ ist hier keine Beleidigung, sondern die Feststellung einer Tatsache. Und diese Tatsache bleibt zum Teil auch noch in Zeiten von rechtlicher Gleichberechtigung, allgemeiner Krankenversicherung, Elternzeit und Kinderkrippen wahr. Ja, wir Frauen haben einfach gewisse biologische Nachteile gegenüber dem anderen Geschlecht, und that sucks. Aber es ist halt so, und das kann man nicht einfach aus der Welt schaffen.

 

(VI) „Haupt“ und „Unterordnung“: Bedeutung in der Bibel

An dieser Stelle ist es vielleicht erst einmal angebracht, sich noch einmal genau anzusehen, was Paulus dem „Haupt“ in der Ehe aufträgt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.“ (Epheser 5,26-29) Liebe, Hingabe und Fürsorge nach dem Vorbild des leidenden und sterbenden Christus ist hier gemeint; das passt zu der Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse, die dieser Christus selber gepredigt hat: „Da rief Jesus sie [die Jünger] zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,25-28) Autorität soll Anlass zu Fürsorge und Aufopferung sein, nicht zum eigenen Nutzen. Am Anfang der Epheser-Stelle ist dementsprechend auch von gegenseitiger Unterordnung die Rede („Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“).

Ich möchte hier noch die Gedanken einer anderen Bloggerin anführen, die das Patriarchat (im Sinne eines schützenden, fürsorglichen Patriarchats nach dem Vorbild des heiligen Josef) hier verteidigt:

 „Denn was uns blüht, wenn dieses Prinzip völlig abgelehnt statt korrigiert wird, sehen wir in der nordwesteuropäischen Gesellschaft: Eine vaterlose Gesellschaft, in der die Frau tatsächlich kaum weniger zum Objekt degradiert wird, als in einer, die das Patriarchat in erster Linie als Herrschaft des Mannes definiert, eine Gesellschaft, in der die Verantwortung füreinander nicht mehr gelehrt und nicht mehr praktiziert wird, in der die Partnerschaft zwischen Mann und Frau nur mehr ein Pakt zur eigennützigen Bereicherung am jeweils Anderen gerät, und in der Tugenden wie Ritterlichkeit, Zuvorkommenheit und Hingabe nicht mehr existent sind.

 Wir sehen die Konsequenzen auch konkret in den Abtreibungszahlen: Schon die Verhütungsmentalität lädt letztendlich die Verantwortung bei der Frau ab, die sich entweder schädliche und gesundheitsgefährdende Substanzen zuführen muss, um bloß immer verfügbar zu sein, oder aber sich bei Versagen anderer Verhütungsmethoden dem ‚Schlamassel’ nicht selten allein stellen soll, inklusive der schweren psychischen und körperlichen Folgen, die eine Abtreibung mit sich bringt. Dementsprechend sind die meisten Abtreibungen nicht Resultat eines Verbrechens oder einer medizinischen Indikation, sondern der schlichten Verweigerung des Mannes, Verantwortung zu übernehmen und Stabilität zu bieten, was der Frau erlauben würde, ihrer Mutterschaft ohne existenzielle Ängste entgegenzusehen, auch, wenn es nicht dem ursprünglich angepeilten ‚Lebensplan’ entspricht. Während die Frau also chronisch überbelastet wird, weil kein positiv konnotiertes Vaterbild tradiert wird, wird der Mann zur Taten- und Bedeutungslosigkeit verdammt: Er darf nicht schützen noch sorgen, nicht die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen. Dass er dann nicht einsieht, anderweitig Verantwortung zu übernehmen, verwundert nicht.

 Ich möchte noch weiter gehen, auch, wenn ich den folgenden Punkt nicht erschöpfend behandeln kann: In einer nicht patriarchalen Gesellschaft (oder einer, die es werden will), tritt Machtmissbrauch seitens des Mannes ebenso zum Nachteil der Frau auf, wie in einer einseitig patriarchalen – er kann aber nun nicht mehr als missbräuchlich gekennzeichnet werden und wird lediglich als Macht’gebrauch’ charakterisiert werden können, da es ja eine positive Formulierung von Pflichten, die das Patriarchat dem Mann auferlegt, nicht mehr gibt! […]

 In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Festtag des Heiligen Josef, den die katholische Kirche u.a. mit dem Titel ‚Zierde des häuslichen Lebens’ ehrt – klingt nicht gerade männlich-brutal-patriarchal, sondern vielmehr zart und liebevoll.“

Diese Verteidigung baut auf dem Prinzip aus dem Petrusbrief auf: Die Frau ist einfach in manchen Situationen schwächer, besonders aber, wenn es ums Kinderkriegen geht: Da braucht man oft Unterstützung und Fürsorge durch einen Mann.

An dieser Stelle: Was ist denn mit einer weiteren Stelle in der Bibel, in der von der „Herrschaft“ des Mannes über die Frau die Rede ist? „Zur Frau sprach er [Gott]: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.“ (Genesis 3,16) Die hier angesprochene Herrschaft ist ganz offensichtlich ein Teil des Fluchs, der als Folge der Erbsünde über die Menschheit kam. Rein vom Text her betrachtet ist es kein Befehl, sondern eine Vorhersage. Hier ist von ungerechter Herrschaft die Rede: Man kann sich im zweiten Teil des Satzes die von sie misshandelnden Männern abhängigen Frauen direkt vorstellen. Die Herrschaft aus Genesis 3,16 ist etwas, das es in der Welt nicht geben sollte, und das man bekämpfen darf und sollte, genauso wie Schmerzen, Dornen und Disteln (vgl. Vers 17, die Worte an Adam). Wenn das nicht so wäre, müssten wir auch alle unsere Schmerzmittel, Unkrautvernichter und Traktoren wegwerfen. Die Bibel erkennt also an, dass es eine schlechte Art der Herrschaft von Männern über Frauen gibt – und die gab und gibt es in der Welt leider zuhauf.

Kommen wir daher wieder zu den anderen Stellen und der Ausgangsthese zurück: Das Neue Testament definiert die Aufgabe eines „Hauptes“ als Dienst und Verantwortung.

Was ist denn ein Familienoberhaupt? Jemand, der diktatorisch alle Entscheidungen trifft, ohne jemanden zu fragen, oder jemand, der die Verantwortung für die äußeren Angelegenheiten übernimmt, während die Frau schon genug mit Schwangerschaften und kleinen Kindern zu tun hat? (Zur Klarstellung: Ja, ich weiß, dass manche Ehepaare unfruchtbar sind. Und, dass die Phase der Schwangerschaften und Kleinkindbetreuung, für die nun mal von Natur aus (auch für letztere: Stillen) eher die Frau verantwortlich ist, nicht ewig dauert. Aber für die meisten Ehepaare, vor allem für katholische Ehepaare, für die gewollte Kinderlosigkeit keine Option ist, ist sie doch da, und sie war vor zweitausend Jahren noch belastender als heute.)

Irgendwie will man als Frau doch auch gern, dass der Mann Verantwortung und, ja, auch mal Führung übernehmen kann, wenn nötig. Ich denke, das kann schon darauf hindeuten, dass die Bibel hier nicht ganz falsch liegt. Das heißt nicht, dass Respekt, Kompromisse und Kommunikation deswegen ausfallen sollten.

File:Brooklyn Museum - The Betrothal of the Holy Virgin and Saint Joseph (Fiançailles de la sainte vierge et de saint Joseph) - James Tissot - overall.jpg

(James Tissot, Verlobung der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Joseph. Gemeinfrei.)

 

(VII) Aber ist ein „Haupt“ jetzt wirklich notwendig?

Okay, aber man könnte wieder einwenden: Wieso eine Verpflichtung zur Unterstützung und Fürsorge mit der Vorstellung eines Familienoberhaupts, dem man sich unterordnen muss, koppeln? Alle diese Prinzipien dazu, was Autorität bedeuten soll, kann man sehr gut auf notwendige Autorität anwenden – die Autorität eines Staates, die Autorität in einer Firma, die Autorität von Eltern; aber ist denn in einer Ehe irgendeine Art von Autorität überhaupt notwendig? Funktioniert es nicht wunderbar, wenn zwei erwachsene Menschen einfach eine gleichrangige Partnerschaft eingehen, in der sie Kompromisse eingehen, bedeutende Entscheidungen nur gemeinsam treffen und keiner sich irgendwie unterordnen muss – oder in der sich beide mal den Bedürfnissen des jeweils anderen unterordnen?

Nun ja: Eine solche Partnerschaft kann lange gut funktionieren. Es ist auch gut, wenn eine Ehe so funktioniert. Die Frage ist dann nur: Was tun, wenn doch einmal eine Meinungsverschiedenheit auftritt, in der man einfach zu keinem Kompromiss findet? Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, sich nicht verschieben lässt, und sich Mann und Frau nicht einigen können?

C. S. Lewis schreibt in „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“):

 „Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muss es überhaupt ein ‚Haupt’ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muss der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, dass dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

 Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muss mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muss einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

 Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren lässt!’ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, dass sie ja auch die Hosen anhat. Irgendetwas Unnatürliches muss an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen lässt.

 Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, dass der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewusst als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muss letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im Allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, dass diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

 Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, dass er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Dass er immer beschwichtigen muss?“

Man könnte also in Lewis’ Sinne für eine Art „Minimallösung“ plädieren: Ja, es sollte ein Oberhaupt geben, für den Zweifelsfall, aber das ist im Alltag gar nicht so wichtig. Auch die bekannte katholische Bloggerin Simcha Fisher plädiert für eine ähnliche „Minimallösung“ (Übersetzung und Hervorhebungen von mir; man beachte bei der Lektüre, dass christliche Kreise in Amerika im Allgemeinen, auch geprägt durch den dort weit verbreiteten protestantischen Fundamentalismus, sehr viel extremere Einstellungen haben können als die in Europa):

 „Epheser 5,22! Epheser 5,22! Lasst uns alle in Panik ausbrechen über Epheser 5,22!

 Ne. Ich habe keine Angst mehr davor. Aber es ist auch keine so große Sache, wie ich dachte. […]

 Am Anfang, als ich geheiratet hatte, wollte ich unbedingt in die perfekte katholische Beziehung eintauchen. […] Er würde mir befehlen, etwas zu tun, und ich würde ihm gehorchen, und wie. […] Also wartete ich. Und verflucht noch mal, er erwartete nie von mir, ihm zu gehorchen. Sicher, er erwartete Dinge von mir – manche vernünftig, andere unvernünftig. Wir waren gerade erst verheiratet, und wir hatten vieles herauszufinden. Aber im Allgemeinen kam die Angelegenheit des Gehorsams einfach nicht auf. Ich hatte Angst, dass das bedeutete, dass wir eine geistlich minderwertige Ehe führten – dass wir uns mit einer Art zweitklassigem modernen System behalfen, das uns durch die Jahre bringen würde, aber das uns von… irgendetwas abhielt. Ich weiß nicht mal, was.

 Woher kam diese Vorstellung? […] In vielen katholischen Kreisen wird der Gehorsam der Ehefrau als das zentrale Merkmal der Ehe dargestellt – wichtiger als das Gebet, wichtiger als persönliche Entwicklung irgendeiner Art, wichtiger als die Sorge um die Kinder, wichtiger als alles. […] Ohne den Gehorsam der Ehefrau haben wir Chaos, haben wir die Verweiblichung der Männer, haben wir Scheidungen und Bitterkeit und Elend jeder Art. […]

 Als mein Mann und ich geheiratet haben, waren wir beide jung, und er hätte bereitwillig zugegeben, dass er nicht mehr Lebenserfahrung oder Weisheit oder Insiderwissen über irgendetwas hatte als ich. Er ist besser bei manchen Dingen; ich bin besser bei anderen. Es gibt Dinge, bei denen wir beide schlecht sind, und uns gegenseitig zur Rechenschaft ziehen müssen. […]

 Wir haben viel gestritten, und tun das manchmal immer noch; aber allmählich haben wir angefangen zu begreifen, dass, wenn wir uns über etwas uneinig sind, es normalerweise daran liegt, dass wir einander nicht zuhören, oder noch nicht glauben, dass der jeweils andere wirklich etwas verstanden hat, das wir nicht verstanden haben. Normalerweise, wenn wir wirklich anfangen, zuzuhören (und manchmal müssen wir denselben Streit immer wieder durchmachen, bevor wir uns wirklich gegenseitig hören können), wird es tatsächlich sehr offensichtlich, dass einer von uns Recht hat und der andere falsch liegt. Und dann wird es sehr einfach, zu wissen, was zu tun ist: Man tut das Richtige. Wir haben zusammen genug Mist durchgemacht, um zu wissen, dass keiner von uns sich wirklich angestrengt um etwas bemühen wird, das schlecht für die Familie wäre. Wenn er etwas wirklich, wirklich will, vertraue ich darauf, dass er einen Grund hat; und umgekehrt genauso. […]

 Autoritäre Ehemänner weisen oft auf Maria und Joseph hin, um ‚Er entscheidet, sie fügt sich’ als das wahre katholische Modell hinzustellen. Aber was wissen wir tatsächlich über den heiligen Joseph? Hauptsächlich, dass a) er komplett dabei versagt hat, seine Rechte durchzusetzen und diese scheinbar ungehorsame, scheinbar sündhafte, scheinbar rebellische Göre von einem Mädchen loszuwerden, die plötzlich ohne seine Genehmigung schwanger war, und sich stattdessen b) um Frau und Kind gekümmert hat.

 Und was ist mit der Idee, dass ein Mann seine Frau lieben sollte, wie Christus die Kirche liebt? Was wissen wir über Christus? Hauptsächlich, dass er gedient und gegeben und gedient und gegeben hat, und dass er für sie gestorben ist, und dass er dann ins Leben zurückgekehrt ist, sodass er noch mehr dienen und geben konnte. Das wissen wir.

 In unserer Ehe ist Gehorsam ein Notfallwerkzeug. Mein Mann gebraucht es, wenn ich wirklich verrückt bin: wenn ich außer mir bin, oder erschöpft, oder zu überwältigt von Schuld und Selbstzweifeln, um klar zu denken. Dann beansprucht er seine Autorität und besteht darauf… sich um mich zu kümmern. […]

 Rigide Geschlechterrollen sind dem Gesetz der Liebe untergeordnet. […]“

Ein weiterer Gedanke von C. S. Lewis könnte auch weiterhelfen. An einer Stelle in „Was man Liebe nennt“ schreibt er: „Die wirkliche Gefahr liegt nicht darin, dass die Männer zu eifrig nach [der „Dornenkrone“ in der Ehe] greifen, sondern dass sie es zulassen oder fördern, wenn ihre Frauen sie sich anmaßen.“ Ich weiß nicht, ob dieser Satz außerhalb des Kontextes vielleicht frauenfeindlich klingt; aber was Lewis’ Vorstellung hier ist, erschließt sich besser, wenn man das ganze Buch und auch seine anderen Werke (z. B. den Science-Fiction-Roman „Perelandra“) gelesen hat: Mit Frauen, die sich in dieser Hinsicht falsch verhalten, meint er Frauen, die der Versuchung (ich glaube, das ist eine, die für unser Geschlecht gar nicht mal so untypisch ist – nach meinem persönlichen Bekanntenkreis zu schließen) verfallen, für ihre Familie die gesamte Verantwortung übernehmen zu wollen; alle Pflichten, alle Verantwortung dafür, dass für die Kinder und die Zukunft und den Haushalt gesorgt ist (und und und), und die sich dabei unnötig und zum Unbehagen aller Angehörigen aufreiben, und diese Angehörigen „zu ihrem eigenen Besten“ herumkommandieren oder immer wieder in eine bestimmte Richtung stupsen; alles in dem behaglichen Bewusstsein, dass sie nur für die anderen leben, und ohne ihre Mühe gar nichts laufen würde, und die dann unzufrieden werden, weil andere ihre Mühen nicht so zu schätzen wissen, wie sie es ihrer Meinung nach sollten. Man könnte argumentieren, dass Männer sich genauso verhalten könnten; richtig, aber meiner Erfahrung nach ist das zumindest seltener der Fall. Männer sind gemütlicher veranlagt (und das meine ich sowohl im positiven Sinne von „unkomplizierter“ als auch im negativen Sinne von „fauler“).

Ich möchte an dieser Stelle zuletzt noch einmal einen Gedanken eines Freundes zum Thema „Ihr Männer, liebt eure Frauen! Ihr Frauen, ehrt eure Männer!“ zitieren: „Genau. Denn ehren tun die Männer, wenn sie nicht ganz degeneriert sind oder ausnahmsweise aus der Art schlagen, ihre Frauen sowieso; und manchmal auch andere Frauen. An das Lieben muß man sie vielleicht erinnern. Die Frauen – nun, ich bin keine Frau, aber vielleicht lieben sie die Männer in den meisten Fällen ohne große Mühe? Aber daß die Frau für ihren Mann außer Liebe auch Respekt übrig hat, das ist vielleicht nicht so selbstverständlich.“ In diesem Sinne könnte man auch sagen, die Bibel erinnert die Leute an das, was sie eher vernachlässigen.

 

 

(VIII) Noch etwas zum Thema Gehorsam und Unterordnung an sich

Ich glaube, die größte Schwierigkeit für heutige Christ(inn)en bei diesen Stellen liegt darin, dass man Konzepte wie Gehorsam, Unterordnung, Hierarchie prinzipiell als etwas moralisch Anrüchiges wahrnimmt. Dass man meint, wer untergeordnet sei, müsse auch unterdrückt sein; wer Macht habe, müsse diese Macht auch missbrauchen. Das ist, das muss man klar sagen, der katholischen Religion entgegengesetzt. Bei uns geht es ständig um Dienen, Gehorsam und Unterordnung, und das ist grundsätzlich nichts Degradierendes. Priester versprechen Bischöfen Gehorsam, auch Laien müssen ihren Bischöfen in einigen Dingen gehorchen, Nonnen und Mönche versprechen Äbtissinnen und Äbten Gehorsam, und der Papst hat Autorität über die ganze Kirche, kann von niemandem kirchenrechtlich belangt werden, und über ihm steht nur noch Gott. (Umgekehrt wird er allerdings auch „Diener der Diener Gottes“ genannt, und am Gründonnerstag waschen die in der Hierarchie Höherstehenden unter ihnen Stehenden die Füße – was zu der oben angesprochenen Umkehr der Bedeutung von Hierarchien durch Jesus gehört.)

Nichtkatholiken oder liberale Katholiken würden darauf antworten, dass sie dann eben dieses grundsätzliche katholische Konzept ablehnen. Aber damit hätten sie schlicht Unrecht. Eine herrschaftsfreie Welt kann es gar nicht geben, und sie ist nicht einmal erstrebenswert. Wenn man versucht, Hierarchien abzuschaffen, entstehen immer informelle Hierarchien, die, gerade weil sie undefiniert und nicht offiziell anerkannt sind, viel unterdrückerischer sein können. Anarchie führt zur willkürlichen Herrschaft derer, die sich durchsetzen wollen und können; bestes Beispiel sind anarchistische Kommunen.

Ich muss zugeben, manchmal kommt mir das Wort „Unterordnung“ selbst noch ein bisschen beängstigend vor. Aber wenn es einem beängstigend vorkommt, liegt das wohl einfach daran, dass man mit einer „untergeordneten“ Position in irgendeiner Hinsicht reflexhaft Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Entrechtung, Sklaverei verbindet – lustigerweise, weil einem das von unserer heutigen Obrigkeit in Schulen, Unis, Medien usw., die sich selbst nicht Obrigkeit nennen will, so eingeredet worden ist.

Jetzt mal ernsthaft: So sieht nicht einmal ein vertraglich geregeltes Arbeitsverhältnis zwischen Abteilungsleiter und normalem Angestellten aus (und wenn, dann sollte der Abteilungsleiter schnellstens gefeuert werden), geschweige denn eine irgendwie normal geartete lebenslange Verbindung zu einem geliebten Partner, mit dem man „ein Fleisch“ sein soll. Stellt man sich unter einem „Oberhaupt“eher einen gierigen Sklavenhalter mit absoluter Macht vor, oder so etwas wie den Vereinsvorstand des Schützenvereins, der sich mit den Mitgliedern arrangieren muss, und hauptsächlich dafür zuständig ist, die Ansprache am Weihnachtsfest zu halten, zu allen wöchentlichen Treffen zu erscheinen, und die älteren Mitglieder zu ihren 80. Geburtstagen zu besuchen, weswegen keiner das Amt übernehmen will?

Hierarchie bedeutet übersetzt nicht „Unterdrückung“, sondern „heilige Ordnung“. Wie unterdrückt fühlt man sich z. B. vom eigenen Ortsbischof? Hierarchie sorgt auch für Sicherheit; für klar verteilte Verantwortung. In einer hierarchisch geordneten Gesellschaft ist klar, wer das letzte Wort hat und damit Uneinigkeiten beenden kann, und dann auch Verantwortung für das Ergebnis trägt; an wen sich jemand wenden kann, der sein Recht haben will oder dem jemand anderes Unrecht tut; usw. Unterordnung bedeutet auch nie bedingungslose Unterordnung.

Es ist auch in keiner Weise etwas Ehrenrühriges, zu gehorchen und seine eigenen Vorstellungen unterordnen zu können. Mönche und Nonnen legen nicht ohne Grund ein Gehorsamsgelübde ab: Es hilft einem, Christus ähnlicher zu werden und nicht so sehr auf den eigenen Willen fokussiert zu sein.

Zu diesem ganzen Thema hat Pater Edmund Waldstein OCist einmal sehr Erhellendes geschrieben (hier eher auf die staatliche Sphäre bezogen).

 

(IX) Das Thema Kopfbedeckungen, und: Was sagt die Kirche zu all diesen Stellen?

Als Katholiken interpretieren wir die Bibel bekanntlich im Rahmen des kirchlichen Lehramtes; also hier endlich ein Blick darauf, was die Kirche zu alldem geäußert hat.

Beim Beispiel der Kopfbedeckungen kann man sofort sehen, dass diese Stelle in gewissem Sinne „historisch bedingt“ gewesen sein muss: Die Kirche verlangt keine Kopfbedeckungen für Frauen während der Messe mehr, also kann es sich nicht um ein völlig unumstößliches göttliches Gesetz gehandelt haben. Allerdings war es bis etwa zum 2. Vatikanum für Frauen allgemein üblich, zum Kirchgang Hut, Kopftuch oder – in Südeuropa – Mantilla zu tragen, und manche (v. a. in Tradikreisen) tun es auch heute wieder, und für Männer ist es jetzt noch eine Sache der Höflichkeit, beim Betreten einer Kirche Hut oder eine Mütze abzunehmen – obwohl beides seit dem neuen CIC von 1983 nicht mehr vorgeschrieben ist. Hier handelt es sich offensichtlich um ein sinnvolles, aber nicht in Stein gemeißeltes Symbol, wie Händeschütteln zur Begrüßung oder Essen mit Messer und Gabel. Zu Paulus’ Zeiten war es auch eine Sache der Schicklichkeit für Frauen, außerhalb des Hauses eine Kopfbedeckung zu tragen; und im Kontext der Liturgie hat das für ihn auch eine symbolische Bedeutung.

Auch zu den anderen Punkten hat das kirchliche Lehramt etwas zu sagen, zum Beispiel hier im Katechismus zur Schöpfungsgeschichte, zur Gleichheit von Mann und Frau und zur Ehe im Allgemeinen:

369 Mann und Frau sind erschaffen, das heißt gottgewollt in vollkommener Gleichheit einerseits als menschliche Personen, andererseits in ihrem Mannsein und Frausein. ‚Mann sein’ und ‚Frau sein’ ist etwas Gutes und Gottgewolltes: beide, der Mann und die Frau, haben eine unverlierbare Würde, die ihnen unmittelbar von Gott, ihrem Schöpfer zukommt [Vgl. Gen 2,7.22.]. Beide, der Mann und die Frau, sind in gleicher Würde ‚nach Gottes Bild’. In ihrem Mannsein und ihrem Frausein spiegeln sie die Weisheit und Güte des Schöpfers wider.

 370 Gott ist keineswegs nach dem Bild des Menschen. Er ist weder Mann noch Frau. Gott ist reiner Geist, in dem es keinen Geschlechtsunterschied geben kann. In den ‚,Vollkommenheiten’ des Mannes und der Frau spiegelt sich jedoch etwas von der unendlichen Vollkommenheit Gottes wider: die Züge einer Mutter [Vgl. Jes 49,14-15; 66,13; Ps 131,2-3.]und diejenigen eines Vaters und Gatten [Vgl. Hos 11,1-4; Jer 3,4-19.].

 371 Miteinander erschaffen, sind der Mann und die Frau von Gott auch füreinander gewollt. Das Wort Gottes gibt uns das durch verschiedene Stellen der Heiligen Schrift zu verstehen: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch alleinbleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht’ (Gen 2, 18). Keines der Tiere kann für den Menschen eine solche Entsprechung sein (Gen 2,19-20). Die Frau, die Gott aus einer Rippe des Mannes ‚baut’ und dem Mann zuführt, läßt diesen, über die Gemeinschaft mit ihr beglückt, voll Bewunderung und Liebe ausrufen: ‚Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!’ (Gen 2,23). Der Mann entdeckt die Frau als ein anderes Ich, als Mitmenschen.

 372 Der Mann und die Frau sind ‚füreinander’ geschaffen, nicht als ob Gott sie nur je zu einem halben, unvollständigen Menschen gemacht hätte. Vielmehr hat er sie zu einer personalen Gemeinschaft geschaffen, in der die beiden Personen füreinander eine ‚Hilfe’ sein können, weil sie einerseits als Personen einander gleich sind (‚Bein von meinem Bein’) und andererseits in ihrem Mannsein und Frausein einander ergänzen. In der Ehe vereint Gott sie so eng miteinander, daß sie, ‚nur ein Fleisch bildend’ (Gen 2,24), das menschliche Leben weitergeben können: ‚Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde!’ (Gen 1,28). Indem sie das menschliche Leben ihren Kindern weitergeben, wirken Mann und Frau als Gatten und Eltern auf einzigartige Weise am Werk des Schöpfers mit [Vgl. GS 50,1.].(Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 369-372.)

„1605 Die Heilige Schrift sagt, daß Mann und Frau füreinander geschaffen sind: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt’ (Gen 2,18). Die Frau ist ‚Fleisch von seinem Fleisch’ [Vgl. Gn 2,23], das heißt: sie ist sein Gegenüber, ihm ebenbürtig und ganz nahestehend. Sie wird ihm von Gott als eine Hilfe [Vgl. Gn 2,18. 20] gegeben und vertritt somit Gott, in dem unsere Hilfe ist [Vgl. Ps 121,2]. ‚Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch’ (Gen 2,24). Daß dies eine unauflösliche Einheit des Lebens beider bedeutet, zeigt Jesus selbst, denn er erinnert daran, was ‚am Anfang’ der Plan Gottes war: ‚Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins’ (Mt 19,6). (KKK, Nr. 1605.)

„2333 […] Die leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von Mann und Frau gelebt werden.(KKK, Nr. 2333.)

Zum Thema Unterordnung in der Ehe muss man in spezielleren Texten suchen; der Katechismus als Zusammenfassung der Kirchenlehre schweigt sich dazu leider aus (es sei denn, man zählt knappe Hinweise auf die Gleichrangigkeit und Verschiedenheit von Mann und Frau).

In einer älteren Enzyklika von Pius XI. findet sich diese Stelle:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.’

 Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

 Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.

 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau drückt Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., mit folgenden Worten tiefer Weisheit aus: ‚Der Mann ist der Herr in der Familie und das Haupt der Frau. Sie aber, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein ist, soll dem Mann untertan sein und gehorchen, nicht nach Art einer Dienerin, sondern einer Gefährtin. Dann wird die Leistung des Gehorsams weder ihrer Ehre noch ihrer Würde zu nahe treten. In dem aber, der befiehlt, wie in der, die gehorcht, in ihm als dem Abbild Christi, in ihr als dem der Kirche, soll die Gottesliebe Maß und Art von Amt und Pflicht beider bestimmen.’“ (Pius XI., Casti Connubii, 1930)

Bei Pius wird auch klar: Es handelt sich hier um gegenseitige Pflichten: Jeder hat seine Verantwortung zu erfüllen, und wenn das in der Praxis dann mal anders verteilt werden muss als im Modell, weil einer seinen Teil nicht erfüllen will oder auch nicht erfüllen kann (z. B. aufgrund schwerer Krankheit), dann muss man sich anders behelfen.

Ich habe auf amerikanischen feministischen Seiten, die ich ab und zu (teils aus Gründen der Feindbeobachtung, teils aus Interesse) lese, einmal eine bestimmte Kritik an der Lehre von „Frau bringt Unterordnung, Mann bringt Liebe“ gelesen: Das würde die Pflichten ungleich verteilen; wenn die Frau ihren Teil nicht erfüllt, aber der Mann sie immer noch lieben soll, wäre das keine so große Belastung für ihn, wie es für die Frau wäre, wenn er sie nicht liebt, sie sich ihm aber immer noch unterordnen soll. Aber hier wird das fundamentalistisch-evangelikale Modell „Du musst immer sofort und ohne Widerspruch gehorchen, wenn dein Mann dir etwas befiehlt, auch wenn er dich nicht liebt, dich schlecht behandelt oder völlig verrückt ist, dann wird am Ende alles gut, Gott will es so!“, wie es die Christian Patriarchy-Bewegung vertritt, kritisiert. Nein, wir Katholiken glauben eben ganz klar nicht daran, dass Unterordnung oder Gehorsam unabhängig davon sein sollten, ob der Mann die Frau liebt, ob er sie gut oder schlecht behandelt – oder, ganz allgemein gesprochen, ob eine Autorität ihre jeweiligen Pflichten erfüllt oder nicht.

Man sollte, alles in allem, auch nicht vergessen, dass die Analogie zu der Christus-Kirche-Beziehung nur das ist: Eine Analogie. Der Mann ist nicht Christus und die Frau nicht die Kirche. Sie sind zwei normale menschliche Personen.

Der heilige Johannes Paul II. hebt in einer Enzyklika etwas mehr hervor, was an dieser Stelle historisch bedingt ist, und ist darauf bedacht, sie in den rechten Kontext zu setzen:

„Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung [der Erklärung dazu, dass und wie genau die Männer ihre Frauen lieben sollen] und der Feststellung, daß ‚sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau’ (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein ‚gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann ‚Haupt’ der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um ‚sich für sie’ hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus – Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese ‚Unterordnung’ in der Beziehung Gatte – Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum ‚Alten’ ganz offensichtlich ein ‚Neues’ dar: Es ist das ‚Neue’ des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses ‚Neue’ zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das ‚Alte’, das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.

 Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das ‚Neue’, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige ‚Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: ‚In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (…)’, sondern auch: ‚Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie’ (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?

 Die Herausforderung des ‚Ethos’ der Erlösung hingegen ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die ‚Unterordnung’ der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung’ beider ‚in der Ehrfurcht vor Christus’ gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.“ (Mulieris Dignitatem 24)

Aber letztlich setzt er diese Stelle eben auch nur in den rechten Kontext und sagt nicht, jedenfalls nicht deutlich, die Frauen müssten sich eigentlich überhaupt nicht unterordnen; und letztlich kann ja auch eine bisherige Lehre der Kirche (die nicht nur von Pius XI., sondern auch den Päpsten vor ihm, vertreten wurde) nicht einfach umgekehrt werden.

 

Also, zusammengefasst: Ja, es ergibt sich offensichtlich aus den Bibeltexten, den lehramtlichen Schreiben und der dahinterstehenden Theologie, dass die Männer in der Ehe eine gewisse Autorität als Familienoberhaupt haben, und dass die Frauen – im Normalfall – nicht die Leitung der Familie übernehmen sollten. Ich denke allerdings auch nicht, dass das Thema für die durchschnittliche christliche Familie im Alltag eine große Rolle spielen wird (oder sollte). Eine Frau muss ihrem Mann außerdem offensichtlich nicht gehorchen, wenn er etwas absolut Unvernünftiges, Ruinöses, Missbräuchliches oder Sündhaftes von ihr verlangen sollte.

 

(X) Frauen in der Kirche

Kommen wir jetzt von der Ehe zur Rolle der Frauen in der Kirche. Da hätten wir diese berühmte Stelle aus 1 Korinther 14: „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ Nun ist es so, dass im NT schon Frauen erwähnt werden, die öffentlich beten oder prophetisch reden: In 1 Korinther 11,5, also im selben Brief, eben an der Stelle, wo Paulus über die Schicklichkeit von Kopftüchern redet, heißt es: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt.“ Dabei geht es offensichtlich um den Kontext der Liturgie; Frauen mussten also nicht zwangsläufig die ganze Zeit über in der Gemeinde still sein; hier wird unterschieden. Und in der Apostelgeschichte heißt es über einen Diakon namens Philippus: „Er hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen.“ (Apostelgeschichte 21,9.) Hier wird der genaue Kontext nicht angegeben, aber jedenfalls waren diese Mädchen auch in der Öffentlichkeit nicht immer still, sondern es war ihnen erlaubt, prophetisch zu reden.

Der gesamte Kontext für solche Stellen ist folgender: Wir reden von einer Zeit, in der auch Laien oft noch – auch im Gottesdienst – spontan laut beteten, in Zungen redeten oder prophezeiten. (Ich könnte jetzt darüber reden, dass ich ganz froh bin, dass das inzwischen, jedenfalls in der Liturgie, eingeschränkt ist, da ich nicht so ganz überzeugt bin, dass an den meisten solchen Phänomenen, zumindest den heutigen nach der apostolischen Zeit, etwas dran ist, aber meine Skepsis gegenüber der Charismatischen Bewegung ist hier nicht das Thema.) Aber was Paulus in 1 Korinther 14 bemängelt, geht offenbar darüber hinaus: Vielleicht gab es speziell in dieser Gemeinde Probleme mit speziellen Frauen, die in der Liturgie dazwischenriefen, es besser wissen wollten als der Bischof, wenn der predigte, o. Ä. Und wenn es dann ganz allgemein heißt, dass es den Frauen „in allen Gemeinden der Heiligen“ nicht gestattet ist, „zu reden“, dann ist hier offensichtlich das offizielle Lehren im Auftrag der Kirche, das Predigen, gemeint: Also ein Dienst des geweihten Priesters. Hier geht es um den Unterschied zwischen Laien und Priestern. Und Priester können eben nur Männer sein. Frauen dürfen nicht in der Liturgie predigen, da sie keine Priester sein können.

Dafür gibt es verschiedene Begründungen, die die meisten Katholiken vermutlich kennen. Hier die zwei wichtigsten:

1) Jesus will es halt so. Jesus hat nur Männer in den Kreis der Zwölf berufen; deren Nachfolger sind die Bischöfe, und deren Helfer sind die Priester und Diakone. Wenn Jesus einen Sinn dahinter gesehen hat, keine Frauen zu berufen, nicht einmal eine unter zwölf (und in anderen Dingen hielt er sich nicht immer an die Konventionen seiner Zeit, z. B., als er sich mit Samariterinnen und Prostituierten abgab, also können wir nicht argumentieren, dass er keine Frau hätte berufen können), dann können wir darauf vertrauen, dass es da einen Sinn gibt.

2) Priester sind bei uns nicht nur Prediger, wie bei den Protestanten, sondern eben Priester, d. h. sie repräsentieren Gott in heiligen Riten. Christus handelt durch sie, wenn sie in persona Christi bei der Eucharistie die Wandlung vollziehen oder in der Beichte Sünden vergeben. Christus war ein Mann und wir haben ein männliches Gottesbild (auch wenn Gott natürlich weder Mann noch Frau ist); das liegt daran, dass ein männliches Gottesbild („Vater unser“) eher dazu geeignet ist, den über der Welt stehenden Schöpfergott zu symbolisieren, während Religionen mit weiblichen Göttern und Priesterinnen eher zu einer Art Naturanbetung der „Mutter Erde“ tendieren (s. auch die obige Erklärung zu „Der Mann ist das Haupt der Frau“). Der Priester repräsentiert Christus als den Bräutigam, das bei der Eucharistie anwesende Volk die Kirche als Seine Braut.

Und auch das Predigen, im Sinne der offiziellen Verkündigung der Kirchenlehre, gehört zunächst zum Dienst des Christus vertretenden Priesters. Nicht so ausschließlich wie z. B. die Feier der Eucharistie; aber auch die Verkündigung geht eben letztlich von der Christus vertretenden Kirchenhierarchie aus, auch wenn auch Laien als Katecheten, Religionslehrer oder Theologieprofessoren beauftragt werden können (und hier auch Frauen eingesetzt werden können); und daher ist die Verkündigung im Kontext der Liturgie ausschließlich dem Klerus vorbehalten.

Tendenziell noch härter klingt zu diesem Thema die Stelle aus dem 1. Timotheusbrief: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“

Einige Christen von der protestantischen Christian-Patriarchy-Bewegung legen diese Stelle tatsächlich so aus, dass Frauen generell keine Männer irgendetwas (Theologisches) lehren dürfen; also dürfen Frauen ihrer Meinung nach z. B. auch keine Vorträge vor einem gemischten Publikum in der Gemeinde halten. Sonntagsschullehrerinnen gehen gerade noch, denn die lehren nur Kinder, aber sobald die Jungs über achtzehn sind, ist definitiv Schluss. Jüngere Frauen dürfen natürlich von älteren Frauen etwas gelehrt werden, weil, Titus 2,3-5, aber Männer lehren, das geht nicht. (Das habe ich mir nicht ausgedacht. Man lese zum Beispiel diesen interessanten Artikel einer Bloggerin dieser Bewegung, in dem sie vehement erklärt, dass sie mit ihrem Blog keine Männer lehre. Solche Ansichten sind in freikirchlich-evangelikalen Kreisen einflussreicher, als man manchmal erwarten würde; vgl. auch hier auf einer deutschen Seite: Frauen sollen keine Art von geistiger/geistlicher (der Autor des Textes scheint diese beiden Begriff nicht auseinanderhalten zu können) Autorität über irgendwelche Männer ausüben.)

Gut: Wir Katholiken können das Lehren jetzt wieder auf den Klerus beziehen und damit Theologieprofessorinnen, Kirchenlehrerinnen und dergleichen erlauben; dass Frauen in der Ehe nicht über ihre Männer herrschen sollten und wie das zu verstehen ist, wurde oben schon erklärt – dann fragt sich an dieser Stelle noch, wie war das noch gleich mit Adam und Eva?

 

(XI) Ist Eva die Hauptschuldige am Sündenfall?

Paulus’ Interpretationen des Alten Testaments wirken manchmal tatsächlich ein bisschen schwerer verständlich als das AT selbst. Am Genesis-Bericht über den Sündenfall wäre eigentlich selbst aus Sicht von Feministinnen an sich nicht so viel auszusetzen: Ja, Eva ist die erste, die von der Frucht isst, aber Adam tut im Endeffekt dasselbe, und seine Entschuldigung, bloß von Eva verführt worden zu sein, hat doch etwas von einer Ausrede, ebenso wie Evas Entschuldigung, bloß von der Schlange verführt worden zu sein. Trotzdem präzisiert der Bericht hier, wer zuerst von der Schlange angesprochen wurde: Vielleicht wurde Eva wirklich überredet und wollte das mit der Erkenntnis von Gut und Böse unbedingt ausprobieren, und Adam machte wider besseres Wissen auf ihr Drängen hin einfach mit? Oder so ähnlich. Über Adam heißt es nur: „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Genesis 3,6) – sein Problem scheint eher zu sein, dass er einfach Eva nachgibt, als dass er sich von den falschen Versprechungen der Schlange einlullen hat lassen. Vielleicht wird das so dargestellt, weil der Verfasser beobachtet hat, dass Frauen im Allgemeinen, wenn sie etwas Falsches tun, sich eher vorher einreden müssen, dass es notwendig oder gut ist – und dabei auch sehr kreativ werden können und leichter falsche Erklärungen annehmen. Ich spekuliere ja nur. Beides falsch, aber auf unterschiedliche Weise.

Oder vielleicht war es eben einfach historisch so, dass in diesem Fall die eine angefangen und der andere dann erst mitgemacht hat, und der Verfasser der Genesis wusste das durch Gottes spezielle Offenbarung. (Ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass der Sündenfall ein reales Ereignis irgendwann in der Menschheitsgeschichte war – auch wenn wir nicht denken, dass sich im Jahr 4004 v. Chr. zwei Menschen im Gebiet des heutigen Irak mit einer Schlange unterhalten und einen Apfel gegessen haben.)

Interessanterweise wird übrigens – bei Paulus an anderer Stelle und bei Theologen wie Thomas von Aquin – immer Adam als der eigentlich Verantwortliche für den Sündenfall genannt, wenn es darum geht, wer der Menschheit nun die Erbsünde vererbt hat: Eva hat mit der Sache angefangen, aber letztlich trug die eigentliche Verantwortung ihr Mann. Allerdings spricht das wohl eher für die Überzeugung besagter Theologen, dass Adam – der erste Mann – einfach das Oberhaupt des Menschengeschlechts war, und Eva eben nicht.

Na ja. Zurück zu „Nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot“. Wie gesagt, da kann man eigentlich zur Erklärung ganz einfach sagen „War da halt so“, und Paulus zieht diese historische Tatsache (oder diese symbolische Geschichte, wenn jemand Genesis anders interpretieren möchte) dann offenbar als historische / symbolische Begründung dafür heran, dass Frauen nicht zum Klerus gehören oder ihre Männer unter dem Pantoffel haben sollten. Die Formulierungen hier klingen für unsere Ohren nicht so schön, das stimmt, aber zum Glück wissen wir Katholiken dank unserem Lehramt, wie wir das nicht verstehen sollen. Also, ja, es ist okay, wenn irgendein Mann von einer Frau mal etwas lernt. Und ein Geschlecht ist auch nicht an sich sündhafter als das andere oder so etwas – beide haben den gleichen freien Willen und die gleichen Gebote bekommen. Oder haben wir weniger weibliche Heiligen als männliche? So etwas wäre ein Hinweis darauf, dass Frauen eher zur Sünde neigen würden als Männer, nicht eine obskure Paulusstelle. Ich denke, auch dieses Thema ist wieder einmal wunderbar dazu geeignet, zu demonstrieren, wieso wir ein Lehramt brauchen, das falschen Bibelinterpretationen einen Riegel vorschiebt.

Klimkovics Adam and Eve.jpg

(Vojtech Klimkovic, Adam und Eva. Gemeinfrei.)

 

Das war es wohl. Ja, unsere Religion hat etwas Patriarchales an sich; aber das sollten wir nie in einem falschen Sinn verstehen; genauso, wie wir die Tatsache, dass es in der Kirche eine Hierarchie gibt, nicht falsch verstehen sollten.

Ach ja, und, Gratulation an alle, die bis hierher gelesen haben! (Hier noch ein Link für alle, die noch mehr lesen wollen.)

Das so ziemlich nervigste Klischee über Frauen, das es gibt

Ich bekenne, dass ich nicht in die Köpfe sämtlicher weiblicher Wesen auf dieser Welt blicken kann. Es mag also Frauen geben, die auf die Frage „Sehe ich damit gut aus?“ tatsächlich keine andere Antwort als ein enthusiastisches „Absolut toll!“ hören wollen. Aber ich gehöre definitiv nicht dazu, und ich glaube auch nicht, dass ich damit ein absoluter Freak innerhalb meines Geschlechts bin.

Wenn man etwas fragt, dann normalerweise deshalb, weil man eine ehrliche Antwort hören will, die die objektive Wirklichkeit wiedergibt. Also, wenn die neue Hose dämlich aussieht, darf der Angesprochene auf die entsprechende Frage gerne antworten „Ich würde an deiner Stelle eher eine andere anziehen, die sieht nicht so gut aus“, oder wenn man weiß, dass es die entsprechende Frau nicht übel nimmt, auch gerne „Dämlich“. Klar soweit? Ja, liebe Männerwelt, auch Menschenwesen mit zwei X-Chromosomen sind fähig, ehrliche Antworten zu ertragen. Und sie wollen die vielleicht sogar, weil sie nicht unbedingt in einer dämlich aussehenden Hose aus dem Haus gehen wollen. Deshalb fragen sie vielleicht überhaupt erst.

Just sayin’.

(Ich halte die Wahrhaftigkeit übrigens für eine der wichtigsten und am meisten vernachlässigten Tugenden, die es überhaupt gibt. Dazu mal eigens noch.)