Die Piusbruderschaft und Corona

Pater Davide Pagliarani, der Generalobere der Piusbruderschaft, hat im Dezember nach einem Vortrag in den USA auf Nachfragen spontan einiges zum Umgang mit Corona gesagt, speziell dazu, wieso die Piusbruderschaft so vorsichtig dabei ist, sich hier zu positionieren. An meiner Kapelle hat heute der Priester ein wenig darüber gepredigt, und den Text am Eingang ausgelegt. Ich dachte, das könnte für einige Leser ganz interessant sein – vielleicht gehen ja auch ein paar meiner Leser wie ich zu Pius-Kapellen, oder interessieren sich einfach nur dafür, was die Piusbrüder dazu zu sagen haben, auch wenn es nur ein paar spontane Gedanken des Generaloberen waren. Von der Seite des Papstes und der meisten deutschen Bischöfe hört man ja zurzeit immer nur: „Impfenlassen! Impfenlassen!“ Und das fast schon mit Höllendrohungen gegen Ungeimpfte.

Die Piusbruderschaft hat sich ja schon länger einmal zur moralischen Seite der Corona-Impfungen geäußert: Die Testungen an Zelllinien von abgetriebenen Kindern waren absolut illegitim und unmenschlich, aber es ist aus einem ernsthaften Grund erlaubt, an solchen Zelllinien getestete Medikamente zu nehmen. (Um das vielleicht für zweifelnde Leser noch einmal deutlicher zu machen: Man stelle sich vor, China entwickelt ein Medikament und testet es dabei an politischen Gefangenen und macht auch Experimente mit deren Leichen. Nun ist das Medikament bereits auf dem Markt, und es gibt einen ernsthaften Grund, es zu nehmen (z. B. dass man sonst einem großen medizinischen Risiko ausgesetzt ist, aber z. B. auch, dass man wegen einer staatlichen Vorgabe seinen Job verlieren würde, wenn man es nicht nimmt). Darf man es nehmen? Ja. Man war nicht beteiligt an diesen Grausamkeiten und dieser Leichenschändung, man hätte sie verhindert, wenn man es könnte. Aber nun ist das Medikament nun mal da, man kann nichts an der Situation ändern. Manchmal darf man es in Kauf nehmen, von den Schandtaten anderer Menschen zu profitieren – das kann man auch nicht immer ganz verhindern.) Es wäre freilich etwas anderes, sich direkt mit embryonalen Stammzellen, also Leichenteilen, behandeln zu lassen – das wäre quasi Kannibalismus. Hier wäre man selbst es, der etwas Böses täte. Natürlich darf man es aber auch bei diesen Impfungen weiterhin ablehnen, sich auf irgendeine Verbindung zu dieser Leichenschändung einzulassen. Aber eine Sünde ist das Impfen nicht. (Auch wenn ich einen einzelnen FSSPX-Priester an einer Nachbarkapelle schon mal in dieser Weise habe predigen hören. Der Pater an meiner Kapelle hat heute noch einmal betont, Jesus werde uns nicht nach dem Impfstatus beurteilen.)

Aber zur medizinischen Seite und zur Frage nach einer Impfpflicht war von offizieller Seite der FSSPX bisher nicht viel zu hören. Daher jetzt zu Pater Pagliaranis Antwort.

Er erkennt einige Probleme ausdrücklich an:

„Dahinter steckt ein großes Geschäft. Die Nebenwirkungen einer noch nicht genügend erforschten Impfung sind nicht ausreichend bekannt. Das ist ein Problem. Aber es gibt ein weiteres. Es scheint, dass die Impfung nicht lang genug wirkt, nicht ausreichend schützt. Wir haben also hier eine medizinische Seite des Problems und damit verbunden eine politische Seite. […]

Man spricht ja jetzt schon viel über die dritte Impfung und dann über eine jährliche Booster-Impfung. Wie lange wird das Problem dauern? Ist das alles kompliziert? Ja! Ist das alles etwas verrückt? Ja! Ist der Stress, der auf der ganzen Menschheit lastet, verständlich? Ja! Ist es erlaubt, über all diese Probleme Fragen zu stellen? Ja! Ist es legitim, gegen verpflichtende Impfungen zu sein? Ja! Aber …!

Aber dieses große Problem ist mit einem medizinischen Thema verbunden. Das ist der Hauptgrund, warum die Bruderschaft sich nicht direkt zu diesem Thema äußert. Natürlich kann jeder Priester einen Rat geben. Aber die Priesterbruderschaft St. Pius X. als solche wird sich auf diese Debatte nicht einlassen. Die Mission der Bruderschaft liegt nicht in der Behandlung medizinischer Fragen, nicht darin, Antworten zu geben zu den möglichen gesundheitlichen Folgen der Impfung. Das gilt nicht nur für Covid, sondern für alle anderen Arten von Medikamenten. […] Nehmen wir an, es wäre ein Medikament gegen Erkältung entwickelt worden, das anscheinend kein Problem darstellte. Stellen wir uns vor, die Bruderschaft würde dieses Medikament empfehlen und man würde anschließend feststellen, dass dieses Medikament allergische Reaktionen hervorriefe – in diesem Fall wäre die Bruderschaft verpflichtet, Antworten zu diesen Allergien zu geben. Was wäre der Fehler hier gewesen? Die Bruderschaft hätte sich selbst in eine drückende Situation gebracht und müsste auf eine Frage antworten, die nicht zu ihrer Mission gehört. Das ist der Hauptgrund, warum wir uns nicht direkt äußern.“

Das ist ja tatsächlich eine gut verständliche Vorgehensweise; erhält sicher auch leichter einen gewissen Frieden.

Dann geht er darauf ein, dass manche Leute jetzt hier kritischer gegenüber der Politik geworden sind, geeinte Kräfte am Werk sehen, die weltweit dieselbe Impfung verpflichtend machen wollen. Und hier sagt er interessanterweise nicht „alles Quatsch“ – sondern weist darauf hin, „dass die Verschwörung gegen die Kirche schon vor dreihundert Jahren begann. Was ist denn der Globalismus? Es ist die Idee, das Projekt, die Absicht, die katholische Kirche durch eine andere universale Autorität zu ersetzen. Sie wissen alle sehr gut, wovon ich spreche. Wir dürfen nicht vergessen, wo der Ursprung dieser Verschwörung gegen die Kirche liegt, die die ganze Menschheit betrifft. Wir müssen diese aktuellen Probleme in diesem größeren Rahmen sehen. Wir können das ganze Bild aber nicht sehen, wenn wir uns auf das aktuelle Problem fokussieren.“

Hier werden sich jetzt einige wahrscheinlich abwenden, weil es so „verschwörungstheoretisch“ klingt. Aber ich denke nicht, dass hier unbedingt ein Geheimclub aus Bill Gates und Xi Jinping gemeint sein muss, sondern es ist einfach eine (mehr oder weniger) geeinte, „verschworene“ Bewegung gemeint, die seit dem 18. Jahrhundert die Kirche bekämpft, Gottesleugnung oder Gotteshass verbreitet, für eine angebliche Autonomie der menschlichen Welt von Gott eintritt, für eine selbergemachte Moral. Und diese Bewegung hat immer und immer wieder in der Praxis für wahnsinniges Unrecht gesorgt („der Zweck heiligt die Mittel“), und für das Auftauchen von geld- und machtgierigen Eliten, die nicht viele Skrupel hatten, weil sie nicht mehr an Gott glaubten. Natürlich gab es auch Spaltungen in dieser Bewegung – z. B. von Liberalismus und Kommunismus. Aber eine solche Bewegung gab und gibt es, diesen grundsätzlichen Wunsch, autonom sein zu wollen von Gott.

Und heute hat man es hier auch nicht mehr nötig, allzu viel geheim zu halten, auch wenn politische Eliten natürlich immer ihre vertraulichen Absprachen und kleinen Geheimnisse haben, und es solche geheimniskrämerischen liberalen Karrierenetzwerke wie die Freimaurer auch immer noch irgendwo gibt. Der Liberalismus und seine Tochterideologien sind tonangebend genug geworden, um ziemlich offen operieren zu können. (Und auch wenn die einzelnen Menschen sich nicht absprechen, sprechen die Dämonen, die sie zu beeinflussen versuchen, sich sicherlich auch ab, sodass auch Leute, die einander nicht kennen, in ähnliche falsche Richtungen gelenkt werden. Satan will ja lieber eine geeinte Attacke führen als viele widersprüchliche.)

Politiker wie Klaus Schwab („The Great Reset“), die davon träumen, die Welt umzuformen, muss man jedenfalls nicht toll finden, um kein „Verschwörungstheoretiker“ zu sein. Dass Politiker sich an massenhafte Kontrollmaßnahmen gewöhnen und sie auch nach dieser Pandemie wohl noch weiter einsetzen wollen könnten (dann mit dem Vorwand „des Klimas“ o. Ä.), sogar in Richtung eines chinesischen Social-Credit-Systems gehen wollen könnten, damit man Bürger aus unliebsamen politischen Richtungen und mit unliebsamen Verhaltensweisen von vornherein klein hält, ist auch nicht gerade weit hergeholt. Menschen, die Macht haben, werden von Macht korrumpiert, und vor allem korrumpierte Menschen suchen nach Macht und arbeiten sich in Parteienintrigen hoch. Und diese Menschen verhalten sich entsprechend, wollen die Macht für sich sichern. Und das alles passt schon auch in deren politische Agenden, die sie seit langem verfolgen. Dazu müssen sie keine übermächtigen, dämonenhaften James-Bond-Schurken sein.

Weiter meint Pater Pagliarani dazu interessanterweise:

„In diesem Jahr konnten – da die Aufmerksamkeit aus verschiedenen Gründen auf der ganzen Welt auf das Impfthema gerichtet war – in sehr, sehr vielen Ländern die schlimmsten Gesetze gegen die sittliche Ordnung erlassen werden. In Westeuropa ist jetzt fast überall die ‚Ehe‘ unter Personen gleichen Geschlechts eingeführt. In einem Land wird darüber noch ‚debattiert‘. Aber unser Fokus liegt nicht darauf, sondern woanders. Daher ist es viel einfacher, solche staatlichen Gesetze einzuführen und voranzutreiben. Der Hauptausdruck des Globalismus, nämlich die Zerstörung des natürlichen Sittengesetzes und der Ordnung, die die Kirche bewahrt und geschützt hat, ist die Schaffung einer neuen ‚Welt‘ mit neuen ‚Gesetzen‘, mit einer neuen Autorität. Mit oder ohne Covid, mit oder ohne Impfung. Dieser Globalismus begann nicht erst vor einem Jahr. Er ist viel älter.“

Das ist sicher auch bedenkenswert. In Deutschland z. B. soll ja jetzt ein „Selbstbestimmungsgesetz“ durchgepeitscht werden, das es jedem jederzeit erlauben wird, sein Geschlecht ohne irgendwelche Vorgaben rechtlich zu ändern (was heißt, dass wir uns, wie schon in England, auch hier auf Männer mit speziellen sexuellen Vorlieben in Frauenkrankenzimmern, auf Frauentoiletten und in Frauengefängnissen gefasst machen dürfen). Eine weitere Lockerung des Abtreibungsrechts steht uns auch bevor. Ich kann mir schon vorstellen, dass das unter normalen Umständen evtl. mehr Aufmerksamkeit bekommen und mehr Widerstand erzeugen hätte können (soweit die Deutschen eben zu Widerstand fähig sind). Da ist Corona eine willkommene Ablenkung für die Politiker.

Außerdem betont Pater Pagliarani aber, dass man auch die übernatürliche Seite des Geschehens sehen müsse. Und hier spricht er ein von anderen Theologen selten angesprochenes Thema an: Leid als Strafe.

„Ein anderer Punkt, der sehr wichtig ist: Bewahren wir einen übernatürlichen Blick auf die Realität. Man wird einwenden: ‚Ja, ihr Priester sprecht ständig über die Übernatur, aber hier geht es um die Impfung. Hier geht es um eine Flüssigkeit, nicht um das Übernatürliche.‘ Vorsicht, so antworte ich: Covid ist wie jede andere Krankheit in der Geschichte eine Strafe, die durch die göttliche Vorsehung erlaubt wird, um uns zu reinigen. Es gibt eine Gefahr, die ich in meinem Vortrag vorhin erwähnt habe. Wir haben zwar die Tradition bewahrt, wir sind aber deshalb noch keine besseren Menschen als die anderen. Wir sind nur arme Sünder. Wenn es eine universale Züchtigung gibt, dann auch für uns. Wenn Gott Covid erlaubt hat, dann nicht nur wegen der Sünden der anderen, sondern auch wegen unserer Sünden. Auch Traditionalisten und traditionstreue Katholiken sterben an Covid!“

Natürlich ist es so, dass irdisches Unglück oft auch mehr und anderes ist als eine Strafe. Aber Gott kann es – zumindest für viele Menschen – auch als Strafe nutzen, die sie natürlich auch bessern und zur Einsicht bringen soll. Und wer es annimmt, für den wird es zur Sühne, die reinigt. Ich finde es gar nicht schlecht, dass das auch mal gesagt wird.

Dann spricht Pater Pagliarani noch einen anderen Punkt an, nämlich dass die FSSPX sich auch wegen der Allianz der Impfgegner zurückhalte, unter denen in einigen Ländern auch Linksextreme seien. Und bei seinen Ausführungen hier kann ich ihm teilweise nicht zustimmen. Er sagt:

„Wenn solche gegen die Impfung sind, dann in welchem Namen? Im Namen von individueller Freiheit, von Menschenwürde und Menschenrechten. In einem Satz: ‚Mein Körper gehört mir!‘ Mit meinem Leben mache ich, was ich will. Deshalb entscheide ich selbst, ob ich mich impfen lassen will oder nicht. Wir finden dieselben Slogans der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts – ‚Mein Bauch gehört mir‘ – bei einer gewissen ‚Frauenbewegung‘. Die Prinzipien der ’neuen Weltordnung‘ finden wir aber schon 300 Jahre vorher im Namen der ‚Menschenrechte‘ und ‚Menschenwürde‘. Seien wir vorsichtig! Auf der anderen Seite des Spektrums, bei den Impfbefürwortern, finden wir sie aber auch. Ich glaube, es ist nicht schlecht, wenn wir auf diesen Punkt hinweisen. Es scheint paradox, aber sie kämpfen im Namen der gleichen Prinzipien, im Namen der ‚Menschenrechte‘ und im Namen der ‚Freiheit‘. Die Prinzipien sind die gleichen, aber nicht die Schlussfolgerungen. Sie wollen eine Impfflicht, um zur ‚Normalität‘ zurückzukehren. Die Impfbefürworter fühlen sich durch die Impfgegner in ihrer Freiheit verletzt und eingeschränkt. Durch diese Leute werde man jetzt am Reisen und am Urlaub, am Geldverdienen und am Genuss des Lebens gehindert.  Wegen ‚der anderen‘ müsse man noch Maske tragen oder vielerlei Einschränkungen auf sich nehmen. Deshalb fordert man im Namen der ‚Menschenrechte‘ die Zwangsimpfung. Keine Einschränkung meiner Freiheit durch andere! Deshalb müssen wir alle geimpft werden. Es ist, wie gesagt, ein scheinbares Paradox: Im Namen der gleichen Prinzipien steht man auf der einen oder der anderen Seite.“

Hier muss man m. E. unterscheiden. Es gibt eine grundfalsche Idee von Freiheit, die etwa so aussieht: „Die Menschheit soll selber entscheiden, was sie tun will und welche Rechte und Freiheiten Menschen haben sollen, von Gott kommt da nichts, sondern wir erklären zu Recht und Gerechtigkeit, was wir wollen. Und vor allem darf jeder alles tun, womit er nicht diese vereinbarten Freiheiten anderer verletzt, er darf sich auch selbst zerstören, oder jemand anderen zur Selbstzerstörung überreden, alles in Ordnung – es ist ja sein Problem. Überhaupt sind wir keine Gemeinschaft, sondern navigieren eben so aneinander vorbei und maximieren unsere jeweilige Freiheit.“ Das ist die falsche Idee des Liberalismus, die die Kirche immer verurteilt hat.

Aber es gibt auch viel ältere, kirchliche Ideen von Rechten und Freiheiten, von „natürlichen Rechten“, die Gott in unsere Natur gelegt hat, weil wir als Menschen eine hohe Würde haben. Dass die Begriffe „Menschenrechte“ und „Menschenwürde“ von eingebildeten Libertins des 18. Jahrhunderts gekapert wurden, sollte uns als Tradis nicht dazu bringen, sie ihnen kampflos zu überlassen; sie gehören eigentlich uns. Und im Bereich der Medizin sieht es jetzt mit Rechten und Pflichten erst mal so aus:

Jeder Mensch hat sein Leben von Gott erhalten und soll normale, vernünftige Sorgfalt darauf anwenden, es zu erhalten – er darf sich z. B. nicht selber umbringen, auch nicht durch einen Hungerstreik o. Ä., oder durch Russian Roulette sein Leben riskieren, oder sich seine Gesundheit total mit Drogen ruinieren. Er hat auch die Pflicht, anderen gegenüber Rücksicht zu nehmen, sie nicht auf unvernünftige, unnötige Weise in Gefahr zu bringen. Diese Pflichten können es in einigen Fällen zumindest sehr empfehlenswert, vielleicht auch moralisch verpflichtend machen, sich sichere Impfungen geben zu lassen. Aus katholischer Sicht kann man sogar sagen, dass ein Staat aus gewichtigen Gründen theoretisch eine Impfpflicht einführen könnte – aber eben doch nur aus wirklich gewichtigen Gründen, bei Abwägung aller Risiken und mit wirklichen Ausnahmen für Gefährdete. Bei einer so unwirksamen und nebenwirkungsreichen Impfung wie der Coronaimpfung ist es angesichts der vergleichsweise geringen Gefahr durch Corona natürlich auf den ersten Blick ersichtlich, dass keine staatliche Impfpflicht in Frage kommen könnte.

Denn eins muss man eben doch sagen: Es ist im Normalfall der einzelne, der abwägen muss, was vernünftige Sorge für seinen Körper ist, und welche unter den übermäßig gefährlichen oder anstrengenden oder nicht unbedingt notwendigen Maßnahmen er auf sich nehmen oder ablehnen will. Auch wenn sein Leben ihm nur anvertraut ist, es ist eben vorrangig ihm anvertraut, nicht anderen oder dem Staat. Nur in sehr ernsten Fällen sollten andere eingreifen. Dass für medizinische Eingriffe die informierte Zustimmung des Patienten nötig ist – außer in sehr seltenen Fällen, sagen wir mal, er ist schwer depressiv, hat versucht, sich umzubringen, und will lieber sterben, als sich eine Bluttransfusion geben zu lassen – gehört auch zur katholischen Medizinethik; erst recht, wenn es um Menschenversuche mit einem unerprobten Medikament geht, wo keiner eine Pflicht zur Teilnahme hat. Man hat eben eine Freiheit, besonders eine Freiheit gegenüber dem Staat. (Es wäre auch da, wo es nicht an sich falsch wäre, doch für gewöhnlich sehr gefährlich, medizinische Entscheidungen, die Menschen zutiefst betreffen, dem Staat zu überlassen.)

Und was das schlechte Gefühl bei dem Slogan „Mein Körper gehört mir“ angeht: Die Abtreibungsbefürworter, die damit argumentieren, lügen ja gerade, weil sie eben nicht über ihren, sondern vor allem über den Körper des Kindes entscheiden. Natürlich könnte man auch in ähnlichen Zusammenhängen „Mein Körper gehört mir“ falsch verwenden – z. B. wenn man für Sterilisation oder Kondome argumentieren würde, was die Kirche ja auch ablehnt [Operationen, die als Nebeneffekt die Sterilisation haben, z. B. eine medizinisch notwendige Entfernung einer von Krebs befallenen Gebärmutter, sind nicht mitgemeint]. Hier kommt natürlich wieder das Prinzip ins Spiel: Für seinen Körper soll man sorgen, ihn nicht verstümmeln; die natürlichen Kräfte seines Körpers soll man nicht künstlich kaputt machen. Mit seinem Körper darf man auch nicht alles machen. Insofern verstehe ich schon, wenn man als Katholik diesen Slogan nicht mag. Er wäre aber an sich zumindest keine Werbung für Abtreibungen, sondern zeigt eher auf, wie heuchlerisch und verlogen Abtreibungsbefürworter sind.

Das Bestehen auf der eigenen Freiheit und Selbstbestimmung muss jedenfalls nicht egoistisch und liberal sein; das ist es, was ich damit sagen will, und ich finde, man sollte darauf achten, es nicht so klingen zu lassen.

Zuletzt: Ich fände es tatsächlich besser, wenn die FSSPX sich wegen dieser medizinethischen Abwägungen ein bisschen eindeutiger auch offiziell als Gemeinschaft gegen die Impfpflicht (nicht gegen die Impfung selbst) positionieren würde, und auch gegen solche sicher unverhältnismäßigen und schädlichen Maßnahmen wie weitgehende Besuchsverbote in Krankenhäusern oder die Kündigung ungeimpfter Pflegekräfte. Sich in allen politischen Fragen, wo Katholiken theoretisch unterschiedlicher Meinung sein können, auch wenn die in der Praxis korrekte Meinung sich einem sehr deutlich zeigt, irgendwie durchzuwurschteln und auf Neutralität zu machen ist gute kirchliche Tradition – so scheint sich die Kirche z. B. bei den meisten Kriegen zwischen christlichen Ländern verhalten zu haben -, aber vielleicht kann man es mit dieser Tradition auch mal übertreiben.

Andererseits, als Laiin hat man da leicht reden. Ich muss ja keine Priesterbruderschaft leiten. Und diese Neutralität hat auch ihre definitiven Vorteile, z. B. erlaubt sie einen gewissen Frieden zwischen Laien, die unterschiedliche Meinungen haben, und man verketzert andere nicht zu schnell.

[Kleines Update: In einem Kommentar hat mich jemand gefragt, ob ich in derselben Kapelle war wie er/sie (?) heute. Ich habe den Kommentar nicht freigeschaltet, weil er ein bisschen verklausuliert den Ortsnamen enthielt, und ich in diesem Internet vielleicht etwas übertrieben auf Anonymität bedacht bin. Aber ja, lieber/liebe L. S.: Das war dieselbe Kapelle. In Zukunft würde ich mich über so was aber lieber über die Contact-Seite austauschen 🙂 ]

„Wächter der Tradition“ oder auch nicht

Am 16. Juli ist ein neues Motu Proprio von Papst Franziskus erschienen, und wer sich denkt, das lässt schon das Schlimmste vermuten, dem sei gesagt: Ja.

„Traditionis Custodes“, „Wächter der Tradition“ sind die ersten Worte des Textes, und der ganze Text bleibt ein zynisches Reinwürgen, ein einziger Schlag in die Magengrube. (Allerdings ist es auch bisher ein Reinwürgen mit begrenztem Erfolg geblieben, aber dazu nachher).

Erst mal zum Inhalt. Franziskus nimmt hier Summorum Pontificum zurück, das Motu Proprio von Benedikt XVI. aus dem Jahr 2007, mit dem die Zelebration der alten Messe allen Priestern erlaubt wurde, und geht eigentlich noch ein gutes Stück dahinter zurück. Der instabile liturgische Friede der letzten Jahre, der darin bestand, von der „ordentlichen“ und der „außerordentlichen“ Form des römischen Ritus zu reden, die beide Ausdrucksformen desselben Glaubens seien und nebeneinander bestehen sollten, wird gleich in Art. 1. aufgekündigt:

„Die von den heiligen Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. in Übereinstimmung mit den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils promulgierten liturgischen Bücher sind die einzige Ausdrucksform der Lex orandi des Römischen Ritus.“

Eigentlich erstaunlich: Hier wird gesagt, dass etwas, das jahrtausendelang ziemlich unverändert den Glauben ausgedrückt hat (die alte Messe), ihn jetzt nicht mehr ausdrücken dürfe. (Im Begleitbrief zum Motu Proprio heißt es dazu „Als die zum Ökumenischen Konzil versammelten Bischöfe eine Erneuerung dieses Ritus gefordert haben, wollten sie nicht seine Würde und seine Größe in Abrede stellen. Ihre Absicht war, dass die ‚Gläubigen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysteriums wohl verstehen lernen und so die heilige Handlung bewusst, fromm und tätig mitfeiern‘.“ Wirklich ein erstaunlicher Zynismus gegenüber den Gläubigen, die die heilige Handlung in der alten Messe viel bewusster mitfeiern können, und eine erstaunliche Frechheit, zu behaupten, die Gläubigen hätten zuvor in der Messe alle Außenstehende sein müssen.) Es war zwar immer ein bisschen gekünstelt, die neue Messe als eine legitime, einfach etwas andere Form zu sehen – sie war immer nur eine zusammengestutzte, aufs Allernötigste begrenzte Form der alten Messe, weder ketzerisch noch besonders ausdrucksvoll und gut -, aber es ist schon ein bisschen lächerlich, sie als die Form zu bezeichnen, die die größere Andacht bewirkt, angesichts dessen, wie viel herausgestrichen und banalisiert wurde.

In Art. 2 wird dann wieder dem Diözesanbischof die Zuständigkeit dafür zugewiesen, die Feier der alten Messe zu regeln. Dabei freilich soll er auch gewisse römische Vorgaben aus Art. 3 beachten. Er habe:

„sicherzustellen, dass diese Gruppen [die die alte Messe feiern] nicht die Gültigkeit und die Legitimität der Liturgiereform, der Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Lehramtes der Päpste ausschließen“

In diesem eigentlich (für Franziskus‘ Verhältnisse) erstaunlich klar und knapp formulierten Dokument ein recht schwammiger Absatz. Wenn jemand sagt „akzeptierst du das Konzil und das Lehramt der letzten Päpste?“ kann erstens gemeint sein „hältst du es für ein gültiges Konzil und diese Päpste für legitime Päpste?“. Diese Frage sollte m. W. jeder Katholik bejahen. Die Gültigkeit von Konzilien und Pontifikaten sind mit der Lehre eng verbundene Tatsachen, und Gott gibt uns auch die Sicherheit, dass allgemein anerkannte Päpste und Konzilien gültig sind. (Zum Thema Sicherheit bei der Gültigkeit von Pontifikaten mehr hier.) Aber wie auch immer: Die allermeisten Tradis werden diese Frage ohne große Probleme eindeutig mit „Ja“ beantworten. Es könnte aber zweitens gemeint sein „hältst du jedes Wort, jeden Halbsatz und jede Fußnote in den Dokumenten des Konzils und der letzten Päpste für wahr?“. Auf diese Frage muss man nun nicht mit einem uneingeschränkten Ja antworten. Man kann die Dinge nicht einfach in Bausch und Bogen verurteilen, aber man kann sehr wohl der Meinung sein, dass in den nicht unfehlbaren Teilen Dinge falsch formuliert, missverständlich, zweideutig oder auch mal einfach falsch sein könnten – zumindest da, wo sie früheren Dokumenten des Lehramts widersprechen, denn ganz ohne Grund sollte man diese Dokumente auch nicht angreifen. Diese Meinung vertrete z. B. ich, die Piusbruderschaft, zumindest große Teile der „gemäßigteren“ Tradis in FSSP-Richtung, und auch manche konservative Novus-Ordo-Katholiken. Selbst wer noch die Konzilsdokumente verteidigt, was viele Konservative tun, wird zumindest mit einer gewissen Fußnote in Amoris Laetitia seine Probleme haben. Es könnte aber auch noch drittens gemeint sein „hältst du alle Neuerungen, die sich auf die Stoßrichtung des Konzils und der neueren Päpste berufen, für ganz toll?“ und hier kann jeder Katholik getrost „nein“ sagen, und alle Tradis und konservative Novus-Ordo-Katholiken werden das tun. Im Zuge der nachkonziliaren Reformen wurde bekanntlich auch vieles in einer Weise umgesetzt, die den zurückhaltend formulierten Konzilsdokumenten eindeutig widerspricht. (Aber als ob es etwas bringen würde, darauf hinzuweisen!)

Ähnlich sieht es mit der Frage nach der Legitimität der Liturgiereform aus. Sie ist eine rein gesetzliche Änderung und damit nicht unfehlbar. Und was soll man jetzt akzeptieren? Dass in der neuen Messe keine Häresie ausgedrückt wird? Das akzeptiert auch die Piusbruderschaft. Soll man sie für genauso gut wie die alte Messe halten, nur eben nicht nach dem eigenen Geschmack, soll man finden, dass die Reform eine gute Idee war und den Menschen geholfen hat? Das muss kein Katholik finden. Jeder Katholik kann z. B. der Meinung sein, dass hier eine Verstümmelung der Liturgie passiert ist, die dazu beigetragen hat, die Leute aus den Kirchen zu treiben, indem sie ihnen den Eindruck gab, jetzt werde hier ein anderer Glaube verkündet und es wäre eh nichts, was die Kirche verkünde, fest und sicher. Dafür kann man nicht zum Häretiker erklärt werden.

Und dieser Art. 3 § 1 bietet jetzt eine leichte Handhabe dafür, gegen Tradis vorzugehen, die solche für Katholiken völlig erlaubten Meinungen vertreten.

Außerdem hat der Bischof nach Art. 3 § 2:

„einen oder mehrere Orte zu bestimmen, wo die Gläubigen, die zu diesen Gruppen gehören, sich zur Eucharistiefeier versammeln können (jedoch nicht in den Pfarrkirchen und ohne neue Personalpfarreien zu errichten)“

Mit anderen Worten, wenn die FSSP bisher in der Pfarrkirche zelebriert hat, soll sie daraus vertrieben werden und sich irgendwo eine andere Bleibe suchen. So verringert man natürlich auch die „Gefahr“, dass neugierige Gläubige aus der Novus-Ordo-Pfarrei einfach mal reinschauen. Kirchliche Einheit? Nein, man sperrt die eine Gruppe eben aus. Neue Personalpfarreien sollen die Tradis auch nicht bekommen; sie sollen also ausnahmsweise schon mal die Messe für Leute feiern dürfen, die dazu kommen, aber ihre Gläubigen nicht in der Form eigener Pfarreien organisieren dürfen. (Eine Personalpfarrei ist eine Pfarrei, in der die Zugehörigkeit nicht über den Wohnort bestimmt ist wie bei einer Territorialpfarrei, sondern über Merkmale der Personen.)

Der Bischof habe außerdem:

„am angegebenen Ort die Tage zu bestimmen, an denen die Feier der Eucharistie unter Verwendung des vom heiligen Johannes XXIII. 1962 promulgierten Römischen Messbuchs möglich ist. Bei diesen Feiern sollen die Lesungen in der Volkssprache vorgetragen werden, wobei die Übersetzungen der Heiligen Schrift zu verwenden sind, die von den jeweiligen Bischofskonferenzen für den liturgischen Gebrauch approbiert wurden“

Der Bischof könnte also nach diesem Motu Proprio auch bestimmen, dass die alte Messe z. B. nicht sonntags gefeiert werden dürfe und die Gläubigen damit nach Möglichkeit an den Sonntagen in den Novus Ordo zwingen. Was die Lesungen angeht: Ich finde es tatsächlich am besten, wie ich es bei der alten Messe bisher immer erlebt habe: Der Priester trägt zuerst feierlich gegenüber Gott die heiligen Worte aus der Schrift auf Latein am Altar vor, und dann werden sie noch einmal auf der Landessprache (in einer älteren Übersetzung) von der Kanzel aus vorgelesen, bevor die Predigt kommt. So leidet weder die Heiligkeit noch die Verständlichkeit. Jetzt soll die Lesung sofort in der Landessprache vorgetragen werden, und das in manchmal neueren, zweifelhaften Übersetzungen.

Dann habe der Bischof:

„einen Priester zu ernennen, der als Beauftragter des Bischofs mit der Zelebration und der pastoralen Sorge für diese Gruppen von Gläubigen betraut wird. Der Priester soll für diese Aufgabe geeignet sein, eine Kompetenz im Hinblick auf den Gebrauch des Missale Romanum vor der Reform von 1970 besitzen, eine derartige Kenntnis der lateinischen Sprache haben, die es ihm erlaubt, die Rubriken und die liturgischen Texte vollständig zu verstehen, von einer lebendigen pastoralen Liebe und einem Sinn für die kirchliche Gemeinschaft beseelt sein. Es ist nämlich erforderlich, dass dem beauftragten Priester nicht nur die würdige Feier der Liturgie, sondern auch die pastorale und spirituelle Sorge um die Gläubigen am Herzen liegt

Mit anderen Worten, die Tradis sollen einen Aufpasser bekommen, der schaut, dass sie nicht zu aufsässig werden, und darum wird ein gewisses Blabla mit Schlagworten von wegen „würdig“, „pastoral“ usw. gemacht.

Der Bischof habe auch:

„in den Personalpfarreien, die zum Wohl dieser Gläubigen kanonisch errichtet worden sind, eine entsprechende Überprüfung in Bezug auf deren tatsächliche Nützlichkeit für das geistliche Wachstum durchzuführen und zu bewerten, ob sie beizubehalten sind oder nicht“

„deren tatsächliche Nützlichkeit für das geistliche Wachstum“ – so etwas zu hören, während Tradipfarreien wachsen und gedeihen und in Novus-Ordo-Pfarreien der Altersdurchschnitt bei ca. 75 liegt, ist schon etwas zynisch. Hier wird eben ein leichter Vorwand geschaffen, unliebsame Personalpfarreien loszuwerden.

Zuletzt habe der Bischof:

„dafür Sorge zu tragen, die Bildung neuer Gruppen nicht zu genehmigen“

Spätestens hier wird es klar: Der Papst ist erschrocken über das Wachstum der Tradis und will sie jetzt so lange im Würgegriff halten, bis sie ausgestorben sind. Noch ein paar Ausnahmeerlaubnisse für die alte Messe, vorübergehend, am Ende soll nur der Novus Ordo übrig bleiben.

Artikel 4 geht in dieselbe Richtung:

„Die Priester, die nach der Veröffentlichung dieses Motu Proprio geweiht werden und beabsichtigen, nach dem Missale Romanum von 1962 zu zelebrieren, müssen eine formale Anfrage an den Diözesanbischof richten, der vor der Erteilung der Genehmigung den Apostolischen Stuhl konsultiert.“

Also doch keine so vollkommene Zuständigkeit des Diözesanbischofs; Rom kann neugeweihten Priestern einfach verweigern, die alte Messe zu feiern, selbst wenn der Bischof es erlauben würde. Aber auch für bereits geweihte Priester gibt es gemäß Art. 5 keine so wirkliche Sicherheit:

„Die Priester, die schon nach dem Missale Romanum von 1962 zelebrieren, sollen vom Diözesanbischof die Genehmigung erbitten, weiterhin von dieser Befugnis Gebrauch zu machen.“

Art. 6 legt fest:

„Die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens, die seinerzeit von der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei errichtet wurden, gehen in die Zuständigkeit der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und der Gesellschaften apostolischen Lebens über.“

Man will keine dauerhaft neben den Novus-Ordo-Gemeinschaften bestehenden traditionellen Orden, sie sollen eingegliedert werden und wahrscheinlich in absehbarer Zeit die neue Messe übernehmen. Nicht nur Summorum Pontificum wird zurückgenommen, nicht einmal mehr die Garantien von Ecclesia Dei von 1988 sollen gelten.

Hostilevado (Schumacher, Katholisches Religionsbüchlein) 001.jpg
Elevation der Hostie, aus einem Volkschullehrbuch von 1920.

In einem Begleitbrief erklärt Franziskus seine Gründe für das Motu Proprio. Die Erlaubnis zur Feier der alten Messe sei bisher nur gegeben worden, um denen, die noch an der alten Messe hingen, die Einheit mit der Kirche zu erleichtern, aber die Tradis hätten sich als Spalter, die das 2. Vatikanum ablehnten und damit am Heiligen Geist zweifelten, gezeigt. Gründe, die alte Messe vorzuziehen, werden nicht anerkannt: „Wer mit Andacht nach der vorherigen Form der Liturgie zelebrieren möchte, wird keine Schwierigkeiten haben, im gemäß der Absicht des Zweiten Vatikanischen Konzils erneuerten Römischen Messbuch alle Elemente des Römischen Ritus zu finden, besonders den Römischen Kanon, der eines der charakteristischsten Elemente darstellt.“

Eine Stelle klingt schon extrem zynisch: „Bei dieser Entscheidung ermutigt mich die Tatsache, dass auch der heilige Pius V. nach dem Konzil von Trient alle Riten außer Kraft gesetzt hat, die nicht ein nachgewiesenes Alter für sich in Anspruch nehmen konnten, und für die ganze lateinische Kirche ein einziges Missale Romanum vorgeschrieben hat.“ Pius V. hat kleine Neuerungen abgeschafft, also muss man jetzt eine extreme Neuerung zur einzig gültigen Form erheben?

Dass die neue Messe bald die einzige Messe sein soll, wird hier sehr deutlich gemacht:

„Es ist vor allem Eure Aufgabe, darauf hinzuarbeiten, dass man zu einer einheitlichen Zelebrationsform zurückkehrt, und in jedem einzelnen Fall die Realitäten der Gruppen zu überprüfen, die nach diesem Missale Romanum zelebrieren.

Die Anweisungen, wie in den Diözesen vorzugehen ist, werden hauptsächlich von zwei Grundsätzen geleitet: Einerseits gilt es, für das Wohl derer zu sorgen, die in der vorhergehenden Zelebrationsform verwurzelt sind und Zeit brauchen, um zum Römischen Ritus zurückzukehren, wie er von den Heiligen Paul VI. und Johannes Paul II promulgiert wurde.“

Man erlaubt ein wenig Zeit, um zum neuen Ritus „zurückzukehren“ – und das war es dann schon. „Traditionis Custodis“ ist eine Regelung, die das kontrollierte Aussterben der Tradis einleiten soll. Aber eine Regelung, die zu spät kommt.

Da wäre erst einmal die erstaunlich postive Reaktion der Bischöfe zu nennen: Bis jetzt hört man vor allem, dass die Bischöfe bisher bestehende Gemeinschaften bestehen lassen wollen (und das sogar aus so absolut verlotterten Diözesen wie Rottenburg-Stuttgart!), oder dass sie das Motu Proprio erst noch studieren müssten. Auch in solchen Hochburgen der Tradition wie Frankreich und den USA sieht es zumindest nach Bestandsschutz aus und zumindest einige Bischöfe unterstützen die Tradis sogar aus offensichtlicher Sympathie. Natürlich gibt es auch ein paar andere Reaktionen – die Bischöfe Costa Ricas verbieten schon mal im Vorhinein alle Bemühungen um die alte Messe, die es bei ihnen vielleicht geben könnte -, aber diese Reaktionen sind nicht so häufig, wie man zuerst erwartet haben könnte.

Die alte Messe ist inzwischen normalisierter geworden, und hat sich weiter verbreitet. Vielleicht wollen manche Bischöfe einfach keinen Wirbel und lassen die Dinge deshalb wenigstens erst mal so, wie sie sind. Vielleicht wollen sie auch nicht, dass frustierte FSSP-Messbesucher zur FSSPX abwandern. Es fragt sich, mit wie vielen Bischöfen Franziskus sich tatsächlich beraten hat, wie er in der Einleitung seines Motu Proprio behauptet.

Bzgl. der alten Messe gab es ja seit der Liturgiereform mehrere Perioden in der Kirche:

1970-1988: Die neue Messe ist eingeführt worden; die alte nicht so wirklich offiziell abgeschafft, aber gilt als abgeschafft. Pfarrer, Ordensgemeinschaften und die neu gegründete Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX), die die alte Messe feiern, werden teilweise zuerst toleriert, dann mit Sanktionen belegt, und machen oft einfach unerlaubterweise weiter. Es gibt aber erst einmal relativ wenige von ihnen.

1988-2007: Nachdem Erzbischof Lefebvre, der Gründer der Piusbruderschaft, zusammen mit einem brasilianischen Bischof unerlaubterweise vier Weihbischöfe geweiht hat, werden die sechs Bischöfe für automatisch exkommuniziert erklärt und den Gläubigen wird noch strikter als bisher verboten, an den Messen der FSSPX teilzunehmen. Dafür gibt es ein leichtes Entgegenkommen gegenüber einigen Priestern, die Lefebvres Schritt nicht mitgehen wollen und die Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) gründen, und ein paar kleineren Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften bekommen gemäß Ecclesia Dei die beschränkte Erlaubnis, die alte Messe zu feiern (wobei die Diözesanbischöfe sie noch behindern können), halten sich mit Kritik an der nachkonziliaren Entwicklung mehr zurück und beharren auf der „Hermeneutik der Kontinuität“. Sie sind jetzt der vatikanischen Kommission Ecclesia Dei unterstellt.

2007-2021: Benedikt XVI. erklärt in Summorum Pontificum, dass die alte Messe nie verboten war und neben der neuen Messe bestehen soll; grundsätzlich hat jeder Priester die Erlaubnis, sie zu feiern; die FSSP wächst, und auch mehr Diözesanpriester feiern zumindest neben der neuen auch die alte Messe.

Es ist für einen Bischof jetzt nicht mehr so leicht, die alte Messe zu behindern wie, sagen wir, 1980; das macht die Reaktion der Bischöfe verständlich. Trotzdem; mit einigen Schwierigkeiten mehr werden viele zu rechnen haben, zumindest wenn bisher unentschlossene Bischöfe das Motu Proprio ausreichend „studiert“ haben, oder es darum geht, für neugeweihte Priester eine Zelebrationserlaubnis zu bekommen.

Und die sonstigen Reaktionen? Ich habe von Freunden gehört, dass sie jetzt entschlossener sind, immer zur alten Messe zu gehen, oder dass sie jetzt die FSSPX besser verstehen – also das Gegenteil von dem, was Franziskus bewirken wollte. Man ist schon lange genug teilweise am Rand gestanden und jetzt bereit für ein bisschen mehr Gegenwind von einem Papst, zumindest von diesem Papst, der schon lange gezeigt hat, dass er uns hasst, während man Benedikt und Johannes Paul II. noch einiges zugute halten musste. Man lässt sich nicht mehr so leicht einschüchtern, weil man mittlerweile gewöhnt ist, sowieso nur noch ärgerlich auf Pius XIII. zu warten.

Die FSSPX selber fühlt sich bestätigt und fordert die Gläubigen, die die alte Messe entdeckt haben, auf, sich klarzumachen, wie wichtig sie ist. Papst Franziskus vertritt eigentlich aufs Klarste das, was sie von Rom immer wieder befürchtet hat und weswegen sie sich den Anweisungen der Päpste verweigert hat, nämlich das Ziel, die alte Messe ganz zu unterdrücken. Jetzt zeigt sich: Diese Einstellung war zwar bei Benedikt XVI. irgendwann nicht mehr da, aber auf jeden Fall ist sie bei Franziskus wieder aufgetaucht.

Die FSSP verhehlt ihre Empörung darüber, dass sie, obwohl sie immer die „Hermeneutik der Kontinuität“ vertreten hat und den Bischöfen gehorsam war, jetzt angegriffen wird, nicht sehr. („Die Petrusbruderschaft erkennt sich in keiner Weise in den vorgebrachten Kritikpunkten wieder. […] In diesem Zusammenhang möchten wir einerseits unsere unerschütterliche Treue zum Nachfolger Petri bekräftigen und andererseits zum Ausdruck bringen, dass wir unseren Konstitutionen und unserem Charisma treu bleiben und den Gläubigen weiterhin dienen wollen, wie wir es seit unserer Gründung getan haben. Wir hoffen, auf das Verständnis der Bischöfe zählen zu können, deren Autorität wir immer respektiert und denen gegenüber wir uns stets loyal verhalten haben.„) Wobei hier auch nicht ganz klar wird, zu wie viel Gehorsam sie weiterhin bereit ist, wenn Bischöfe sie jetzt behindern wollen.

(Ich weiß ja nicht, wie es kommen wird, aber es wäre schön, wenn sich angesichts dessen, dass man jetzt gemeinsam an den Rand gedrängt wird, FSSPX und FSSP wieder annähern würden.)

Denn eins ist ja klar: Dieses Motu Proprio ist absolut illegal. Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz; ein Gesetz, das dem Gemeinwohl widerspricht, hat keine Gesetzeskraft, und das hier widerspricht ihm eindeutig, indem es die Messe abschaffen will, die Gott objektiv mehr ehrt und vielen Gläubigen hilft, und indem es die anständig ausgebildeten Priester in ihrer Seelsorge behindern will.

Da muss man sich auch keine Sorgen machen, zum Schismatiker zu werden. Ungehorsam ist etwas anderes als Schisma; wenn der Papst einem sagt „hol meine Schuhe“, und man gehorcht nicht, ist man auch noch kein Schismatiker, sondern einfach ungehorsam. Schismatiker ist man, wenn man sich grundsätzlich vom Papst trennen will, grundsätzlich seine Autorität nicht anerkennt. Und bloßer Ungehorsam kann manchmal gerechtfertigt sein. (Das Gegenargument „wenn du selber entscheidest, wann du gehorchen willst, gehorchst du ja nicht wirklich“ ist Unsinn. Im Normalfall zu gehorchen und in Ausnahmefällen nicht, ist natürlich Gehorsam, es ist nur kein blinder Gehorsam. Wenn jemand, der keine Befehlsgewalt hat, mir etwas sagt, das gut und nützlich wäre, muss ich nicht auf ihn hören, weil ich meine Freiheit habe; beim Papst muss ich es grundsätzlich, auch wenn ich etwas anderes vielleicht für nützlicher halten würde oder gerade keine Lust darauf habe. Aber wenn ich einen guten Grund habe, darf ich ungehorsam sein.) Wenn etwas Schädliches, Lächerliches, Entwürdigendes oder Sündhaftes befohlen wird, überschreitet der Papst schlichtweg seine Befehlsgewalt. Man sagt auch nicht, Kinder dürften einem Vater, der sie misshandelt, nie ungehorsam sein. Von einem solchen Vater muss man sich auch manchmal ein Stück weitentfernen, ohne dabei zu leugnen, dass er der eigene Vater ist. Und genau das ist die Situation, in der wir uns jetzt befinden, und man muss sich auch nicht Leuten unterwerfen, die diese Misshandlungen ermöglichen oder schönreden.

Der Papst kann jemanden nicht gegen seinen Willen zum Schismatiker machen. Wenn er sagen würde, „Zenzi, mach jetzt 50 Liegestütze, sonst bist du nicht mehr katholisch“, könnte ich ihm den Vogel zeigen und weggehen, und wäre noch genauso katholisch wie vorher. (Wobei ich dem Papst vermutlich nicht den Vogel zeigen würde, sondern etwas respektvoller Nein sagen würde.)

Es kann sein, dass es sich manchmal als taktisch klüger erweise, in einzelnen Dingen zu gehorchen (z. B. gegenüber einem Bischof, der einem gegenüber halbwegs freundlich eingestellt ist), aber das ist eine Frage der Taktik, nicht der moralischen Verpflichtung.

Eins zeigt dieses Motu Proprio aber auch: Benedikts Rücktritt war ein Fehler. Auch wenn er meinte, es wäre das Richtige, er hätte uns nicht verlassen dürfen mit der Aussicht darauf, einen möglicherweise schlechten Papst zu bekommen. Jede Art von Häme wäre hier furchtbar; mir tut Benedikt einfach nur leid, wenn er jetzt hören muss, wie Franziskus sein Werk zerstört.

Aber wir werden das überleben. Es werden sich Möglichkeiten finden. Und irgendwann vielleicht doch noch Pius XIII.