Skrupulosität: Besser Vorsicht als Nachsicht?

Ich habe hier schon öfter über Skrupulosität, also eine zwanghafte, übertriebene Angst, zu sündigen, die ich gut kenne und mittlerweile zumindest, na ja, so einigermaßen halbwegs überwunden habe, geschrieben. Eine Falle, in die man als Skrupulant tappen kann, wenn man eigentlich schon eingesehen hat, dass man es übertreibt und dass das nicht mehr gesund ist, ist folgender Gedanke:

„Ja, gut, höchstwahrscheinlich war das und das keine schwere Sünde, höchstwahrscheinlich war meine letzte Beichte schon gültig, höchstwahrscheinlich muss ich mir wegen dieser und jener Situation keine Gedanken machen. Ja, gut, ich bin ständig in Panik und das beeinträchtigt mein Leben. Aber wenn ich dafür nicht in die Hölle komme, nehme ich die Panik und die zusätzlichen Absicherungen und Vorsichtsmaßnahmen lieber in Kauf. Lieber auf Nummer sicher gehen. Wenn ich mich jetzt beruhige, schön, dann habe ich es vielleicht kurzfristig leichter, aber wenn dann der unwahrscheinliche Fall, den ich gefürchtet habe, doch eintritt und ich dann mal in der Hölle bin, hilft mir das auch nicht mehr.“

Der Gedanke scheint was für sich zu haben, oder? Aber hier übersieht man die negativen geistlichen Folgen, die die Skrupulosität selbst haben kann. Der Theologe Adolphe Tanquerey (1854-1932) schreibt in seinem Werk „Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie“ über Skrupel, die er zwar nicht bei den Sünden, aber bei den Versuchungen, die zu Sünden führen können, einreiht, Folgendes:

„Lässt man sich unglücklicherweise von den Skrupeln beherrschen, so bringen sie an Leib und Seele die schlimmsten Wirkungen hervor:

a. Allmählich führen sie Schwächung und gewissermaßen Zerrüttung des Nervensystems herbei. Beständige Furcht und Angst wirken niederdrückend auf die Gesundheit des Leibes. Sie können zu einer wahren Besessenheit werden und in eine fixe Idee ausarten, die an Irrsinn grenzt.

b. Sie verblenden den Geist und fälschen das Urteil . Nach und nach verliert man die Fähigkeit zu unterscheiden, was Sünde ist und was nicht, was schwer und was lässlich ist. Die Seele wird ein Schiff ohne Steuer.

c. Oft ist Mangel an Andacht des Herzens deren Folge. Da man nämlich immer in Aufregung lebt und in Verwirrung, wird man schrecklich egoistisch, misstraut aller Welt, selbst Gott, den man zu streng findet. Man klagt darüber, dass er uns in diesem unglücklichen Zustande lässt und ist ungerecht in der Klage gegen ihn. Dabei kann von wahrer Andacht natürlich keine Rede sein.

d. Endlich kommen Schwächen und Niederlagen. Der Skrupulant verbraucht in nutzlosen Anstrengungen bei Kleinlichkeiten seine Kräfte und hat dann deren nicht mehr genug zum Kampfe an den wichtigsten Punkten. Die Aufmerksamkeit nämlich kann sich nicht über die ganze Linie erstrecken. Daher Überrumpelung, Niederlagen und manchmal schwere Vergehen. Übrigens sucht man instinktiv Erleichterung der Qualen und da man sie in der Frömmigkeit nicht findet, sucht man sie anderswo, in Büchern, gefährlichen Bekanntschaften. Diese sind zuweilen Ursache bedauernswerter Fehltritte, und man verfällt der Entmutigung.“

(Den Abschnitt über Skrupel gibt es hier auf Deutsch als PDF, das ganze Buch gibt es auf Englisch als Digitalisat bzw. auch als PDF.)

Ich kenne das selbst, diese Verwirrung und Erschöpfung. Trost im Gebet? Weniger. Öfter hat man das Gefühl, unter den anklagenden Augen Gottes zu stehen und sich irgendwie rechtfertigen zu müssen. Wenn man sich ruhig und getröstet und geliebt fühlen könnte, hinterfragt man es oft gleich – vielleicht will man es sich bloß selbst einreden, dass Gott nicht wütend auf einen ist, während Er es tatsächlich noch ist. Also betet man am Ende weniger, weil es mehr anstrengend als schön ist. Nicht das gewünschte Resultat.

Die Art von Erleichterung, die man dann sucht, kann schlimmstenfalls nicht nur in den gängigen Sünden enden, sondern auch in der Häresie. Martin Luther war Skrupulant. Dieser Augustinermönch fragte sich ständig, ob er gesündigt hatte, wollte seinem Beichtvater nicht glauben, dass seine Sünden nicht schwer seien, und das machte ihn verrückt. Und irgendwann sagte er sich: Ich kann gar nicht genügen, ich kann auch mit Gottes Gnade die Todsünden nicht meiden, ich habe keinen freien Willen, an mir hängt es nicht, Gott wird mich retten, egal, was ich noch tue, ich kann durch irgendwelche Sünden mein Heil nicht verlieren. Simul iustus et peccator. Gott soll mit mir tun, was Er will, ich ertrage keine Verantwortung, keinen freien Willen. Ich gebe auf, und kann endlich aufatmen.* Diese Mischung aus Verzweiflung und Vermessenheit war tatsächlich eine Sünde, und führte ihn noch zu weiteren Sünden. Nun weiß ich natürlich nicht, wo Luther jetzt ist, aber seine skrupelinspirierten Ideen brachten ihn jeden Fall dazu, sich seine eigene Theologie nach Wunsch zurechtzulegen, sich von der Kirche abzuspalten, und seine Ordensgelübde zu brechen; und auch, wenn er nicht voll schuldfähig gewesen sein sollte, ein guter Start in die Ewigkeit ist das nicht.

Kurz gesagt: Skrupulosität kann einen auf einen Weg bringen, der auch in der Hölle enden kann. Hundertprozentige Sicherheit gibt es auf keinem Weg, egal, wie gern man sie hätte, man kann immer höchstens eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit haben.

Skrupulosität ist ja nicht Heiligkeit. Die meisten Skrupulanten haben wohl keine überdurchschnittlich schlimmen Sünden im Vergleich zu nichtskrupulösen Christen, sind aber auch nicht die allerbesten und vorbildlichsten Menschen. Heiligkeit bedeutet auch Vertrauen in Gott, Zuversicht – besser ausgedrückt, Glaube und Hoffnung. Es wird einem leichter fallen, in den Himmel zu kommen, wenn man die Skrupel bekämpft.

ABER WAS, WENN DOCH…

Ja. Dieses ABER WAS, WENN DOCH ist furchtbar. Egal, was einem die Vernunft oder ein Priester bei der Beichte oder ein Handbuch der Moraltheologie sagen: Gleich drängt sich wieder der Gedanke dazwischen: MEINETWEGEN, DAS MAG ALLGEMEIN SO SEIN, ABER WAS, WENN ES DOCH IN DIESEM EINEN SPEZIELLEN FALL BEI MIR ANDERS IST???

Das ist die typische ängstliche Skrupulanten-Sturheit. Die muss man überwinden. Sie ist nicht gut. Und ja, da kann man sich jetzt denken „Das schreibt sich so leicht“. Hey, ich krieg’s ja auch nicht immer besonders gut hin. Aber Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

Aber was, wenn doch? Was, wenn man sich doch einmal geirrt hat?

Ganz einfach: Dann ist Gott gerecht. Gott ist gerecht. Und Gott will, dass wir uns auf unsere Vernunft und auf die Autorität der Kirche verlassen, nicht auf irrationale Ängste, und wenn wir dann doch mal fehlgehen, während wir versucht haben, diesem Prinzip zu folgen, wird Er wissen, dass das keine Absicht war. Gott ist gerecht. Und nicht nur gerecht, sondern auch gnädig und geduldig.

Jesus nennt den Heiligen Geist im Johannesevangelium den „Paraklet“. Das wird oft mit „Beistand“ übersetzt und heißt wörtlich auch so etwas wie „Anwalt, Gerichtsbeistand“. Der Heilige Geist selber ist unser Beistand im Gericht (während der „Ankläger“ der Satan ist – vgl. Offb 12,10). Der Anwalt sieht sämtliche mildernden Umstände und Intentionen, und der gerechte Richter, der Herr Jesus, zieht sie in Betracht.

„Was sollen wir nun dazu sagen? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht.Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat.Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten,weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,31-39)

Abschließende Gedanken: Zwei Dinge, die mir helfen, und die ich viel öfter tun sollte, sind das Lesen in der Bibel und das Beten des Stundengebets. Das nimmt einen aus den eigenen kreisenden Gedanken heraus und man hört Gottes Wort; oft ein sehr tröstendes Wort.

 

* An mitlesende Protestanten:

1) Das soll keine Beleidigung sein. Ich kann diese Versuchung sehr gut nachvollziehen.

2) Wieso Luthers Theologie trotzdem nicht zutreffend ist: Es gibt hier nur vier Möglichkeiten, wie die Erlösung funktioniert (den Pelagianismus, die Erlösung durch die eigenen Werke ohne Notwendigkeit der Gnade, den wir alle ablehnen, einmal ausgeklammert):

a) Die Menschen können nichts zu ihrer Erlösung beitragen bzw. sie durch ihre Sünden nicht verhindern und Gott rettet sie alle.

b) Die Menschen können nichts zu ihrer Erlösung beitragen bzw. sie durch ihre Sünden nicht verhindern, und Gott rettet nur einige von ihnen.

c) Die Menschen können und müssen etwas zu ihrer Erlösung beitragen, wenn sie Gottes allen angebotene Gnade annehmen, aber ihr Beitrag besteht nur im Fudizialglauben, die Werke sind egal.

d) Die Menschen können und müssen etwas zu ihrer Erlösung beitragen, wenn sie Gottes allen angebotene Gnade annehmen, und dazu gehören Reue über die vergangenen Sünden und das Halten der Gebote (Meiden schwerer Sünden) in der Zukunft.

Möglichkeit a), die Allerlösung, ist angesichts von Jesu drastischen Warnungen vor der Hölle nicht unbedingt naheliegend; Möglichkeit b), der Calvinismus, würde bedeuten, dass Gott einige Menschen nicht liebt und fällt daher raus; Möglichkeit c), die viele Evangelikale wählen, liefe auf eine „Erlösung durch Autosuggestion“ (Paul Hacker) hinaus; man könnte es auch einen Tinkerbellglauben nennen. Wenn einer glaubt, er kommt in den Himmel, kommt er auch in den Himmel. Und wer leider nicht so gut bei der Autosuggestion ist – ups, Pech gehabt. Außerdem wäre diese Möglichkeit einfach so offensichtlich ungerecht – jemand könnte ein Mörder und Kinderschänder sein; wenn er nur fest von seiner eigenen Erlösung überzeugt wäre (und Psychopathen können sehr von ihren Grundüberzeugungen überzeugt sein, besonders, wenn es darum geht, sich selbst als irgendwie auserwählt zu sehen), würde er in den Himmel kommen. „Sündige tapfer, doch tapferer glaube!“, wie Luther es formuliert hat. Zudem steht diese Lehre in krassem Gegensatz zur Schrift.

„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21)

„Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung sind und ohne das tägliche Brotund einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das?So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.Aber es könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben.Du glaubst: Es gibt nur einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern.Willst du also einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus den Werken als gerecht anerkannt, als er seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar legte?Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und dass der Glaube aus den Werken zur Vollendung kam.So hat sich das Wort der Schrift erfüllt: Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet und er wurde Freund Gottes genannt.Ihr seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.Wurde nicht ebenso auch die Dirne Rahab durch ihre Werke als gerecht anerkannt, weil sie die Boten bei sich aufnahm und dann auf einem anderen Weg entkommen ließ?Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“ (Jak 2,14-26)

Bleibt also noch d).

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Kurze Verteidigung des Bittgebets

Eine Ankündigung in eigener Sache: Ich habe mehrere Beiträge zur Moraltheologie & Kasuistik-Reihe sowie zu den frühen Christen in Vorbereitung; aber die wollen gründlich vorbereitet sein, und ich habe gerade überhaupt viel zu tun; daher muss ich die Leser, die hier auf die Fortsetzungen warten, noch um etwas Geduld bitten. (Mit den Rezensionen zu Francine Rivers‘ Bibelromanen wird es auch bald weitergehen.) Aber jetzt zum Thema für heute.

 

Gegen das christliche Konzept des Bittgebets werden für gewöhnlich vier Einwände (von ganz unterschiedlichen Seiten; teilweise von theologisch unsicheren Christen, teilweise von Atheisten) vorgebracht. Nehmen wir den stärksten zuerst:

 

1) Macht es überhaupt Sinn, Gott um etwas zu bitten? Weiß Er nicht selbst, was wir brauchen, und wird es uns sowieso geben? Wir können doch nicht Gottes Meinung ändern. Aber wieso dann bitten, wenn es nichts bringt?

Dieser Gedankengang wirkt auf den ersten Blick logisch – ist es aber tatsächlich nicht. Doch, Bittgebete bringen etwas.

Natürlich ändert der unveränderliche und allwissende Gott Seine Meinung nicht. Aber das muss er nicht, um Gebete zu erhören. Ein Vergleich: Ein Vater kann unveränderlich der Meinung sein, dass seine Kinder (wenn nicht in der ein oder anderen Situation etwas dagegen sprechen sollte) ein Eis bekommen sollen, wenn sie darum bitten; und es Ihnen dann geben, wenn sie bitten, und nichts tun, wenn sie nicht bitten. Er wartet ab, Meinung unverändert.

Wir glauben an einen persönlichen Gott, der ansprechbar ist, der Dinge tut – nicht nur an irgendeine die Welt durchwaltende Kraft. Dieser Gott will eine Beziehung mit uns haben; und dazu gehört auch, dass wir Ihn um Dinge bitten dürfen.

(Worum? Prinzipiell um alles, das gut oder moralisch neutral ist. Ja, auch um so banale Sachen wie „bitte lass in der Deutschklausur das Thema drankommen, über das ich am meisten weiß“ oder „bitte lass den FSV Unterhausen nächsten Sonntag besser spielen und nicht in die Kreisklasse absteigen“. Auch wenn das Gebet idealerweise nicht nur aus solchen Bitten bestehen sollte. (Natürlich sollte man Gott außerdem auch darum bitten, seinen Willen annehmen zu können, ob Er entscheidet, ein Gebet zu erhören oder nicht.))

Gott ist kein Gott, den es nicht kümmert, was wir zu Ihm sagen. Bittgebete sind ein unverzichtbarer Bestandteil der christlichen Religion; von Anfang an. Abraham, Mose, David, Salomo, Ester, die Propheten, die Apostel; sie alle haben Bittgebete an Gott gerichtet. Jesus hat Bitten an den Vater gerichtet. Maria hat sich an ihren Sohn gewandt, als auf der Hochzeit zu Kana kein Wein mehr da war, und obwohl Er zuerst abweisend war, sagte sie zu den Dienern einfach „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5), darauf vertrauend, dass Er etwas sagen würde, wenn es Seinem Willen nicht entgegenginge – und dann sagte Er den Dienern tatsächlich etwas.

Bittgebete können einiges ausmachen, wie man an Abrahams Bitte für Sodom (Gen 18) oder Moses Bitte für die Israeliten, die sich gerade das goldene Kalb gemacht hatten (Ex 32), sieht. Gott wird nie ungerecht sein und wird uns auch immer mehr Gnade geben, als wir verdienen; aber ja, Bitten und Fürbitten können Ihn tatsächlich dazu bringen, noch mehr Nachsicht mit uns zu üben, als Er sonst üben würde. Aber wieso? Wäre das nicht Seiner unwürdig? Oder ungerecht gegenüber den Menschen, für die keiner bittet? Nein. Gott wollte uns Menschen so weit erheben, dass Er uns eine reale (wenn auch immer noch sehr begrenzte Rolle!) im Weltgeschehen geschenkt hat; wir können, ob durch Gebete oder Werke, tatsächlich etwas bewirken; etwas besser machen, als es sonst wäre. Und ja, das hat Konsequenzen. (Mindestens einen Fürsprecher hat übrigens jeder Mensch, nämlich den eigenen Schutzengel.)

An einer Stelle im 1. Clemensbrief (einem Brief eines frühen römischen Bischofs, ca. 95 n. Chr. geschrieben) heißt es über Mose, der für Israel Fürsprache einlegte:

„Die heiligen Schriften kennet ihr, Geliebte, und zwar gut, und ihr habt euch vertieft in die Worte Gottes; deshalb schreiben wir euch dies als Erinnerung. Als Moses auf den Berg gestiegen war und vierzig Tage und vierzig Nächte in Entbehrung und Fasten zugebracht hatte, da sprach Gott zu ihm: ‚Moses, Moses, steige eilends hinab von hier, denn dein Volk, das du aus Ägypten geführt, hat gesündigt; gar schnell hat es den Weg verlassen, den du ihnen vorgeschrieben hattest; sie haben sich Bilder gegossen‘. Und der Herr sprach zu ihm: ‚Einmal und zweimal habe ich zu dir also geredet: Ich habe dieses Volk mir angeschaut, und siehe, es ist halsstarrig; lass mich sie ausrotten, und ich will ihren Namen auslöschen unter dem Himmel, und ich will dich zu einem großen, wunderbaren Volke machen, viel größer als dieses‘. Und Moses erwiderte: ‚Niemals, Herr! Verzeihe diesem Volk seine Sünde oder tilge auch mich aus dem Buche der Lebenden‘. O große Liebe, o unübertreffliche Vollkommenheit! Voll Freimut redet der Diener zum Herrn, er bittet um Verzeihung für das Volk, oder er verlangt, dass er selbst mit ihnen ausgetilgt werde.“ (1. Clemensbrief 53)

„Voll Freimut redet der Diener zum Herrn.“ Gott ist es recht, wenn Seine Gläubigen offen sind und ihn mit Bitten bestürmen. Ich persönlich kann nicht besonders gut freimütig mit Gott reden; das ist ein Punkt, an dem ich meine Skrupulosität nicht so ganz überwunden habe. Man kommt sich vor, als könnte man bei jeder Gelegenheit etwas falsch machen – ehrfurchtslos sein, innerlich hochmütig, weinerlich, nur selbst plappern, statt darauf zu hören, was Er einem vielleicht sagen will, oder andererseits meinen, Er würde einem etwas sagen wollen, das nur eine Idee aus dem eigenen Gehirn ist -, aber Gott will sicher nicht, dass man sich damit herumquält, zu ihm zu reden. „Voll Freimut redet der Diener zum Herrn.“ Klar wird man immer wieder etwas falsch machen. Aber Gott ist nachsichtig und geduldig. Und am meisten macht man falsch, wenn man nicht betet. Wie gesagt: Gott will, dass Seine Menschen mit Ihm reden.

Und wie der Herr Jesus gesagt hat: „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.“ (Matthäus 7,7-11) (Der letzte Vers ist für mich übrigens einer der tröstlichsten in der ganzen Bibel.)

Freilich kann man nicht von Gott erwarten, genau das zu bekommen, was man will, wenn man nur lange genug betet, selbst dann nicht, wenn man einen guten Grund für die Bitte hat und meint, es dringend zu brauchen. Gott ist keine Maschine, bei der man Gebete einwirft und die gewünschten Ergebnisse herauskommen; und nur Er weiß, was langfristig für uns am besten ist. Das sollte sowieso klar sein.

Drei Frauen in der Kirche (Wilhelm Leibl)

(Wilhelm Leibl, Drei Frauen in der Kirche. Gemeinfrei.)

 

2) Aber wie sollen Bittgebete wirken? Wenn z. B. ein Landwirt um gutes Wetter für seine Maisernte bittet: Wie sollte das funktionieren? Der Verlauf des Wetters ist durch die in der Natur wirkenden Kräfte, die z. B. die Sonnenaktivität und die Winde bestimmen, schon lange vorherbestimmt.

Die Antwort darauf ist ganz einfach: Gott hat, als er die Welt erschuf, schon alle zukünftigen Gebete der Menschen einkalkuliert und schon den Zustand beim Urknall dementsprechend eingerichtet. Er steht über der Zeit.

Natürlich kann es theoretisch auch vorkommen, dass Gott einmal kurzfristig die Naturgesetze außer Kraft setzt, z. B. weil Er den Menschen etwas Bestimmtes demonstrieren will und Ihnen zeigen will, dass nur Er es sein kann, mit dem sie hier zu tun haben; daher z. B. die Krankenheilungen und Totenerweckungen und sonstigen Wunder, die Jesus gewirkt hat. Die Naturgesetze sind von Gott eingesetzt und gelten nur, solange der Gesetzgeber will, dass sie gelten. (Damit unterscheiden sie sich übrigens von den moralischen Gesetzen, d. h. den Gesetzen, die Gut und Böse betreffen, und den Gesetzen der Logik; diese wurzeln in Gottes Wesen, der das Gute und die Vernunft selbst ist, und können sich nicht ändern. Aber es gibt keinen Grund, aus dem die Erdbeschleunigung immer genau 9,81m/s2 betragen sollte – eine Welt, in der das nicht so wäre, wäre denkbar; dagegen wäre keine Welt denkbar, in der grundlose Grausamkeit gut wäre oder 1 und 1 nicht mehr 2 ergäbe.) Gott wird die Naturgesetze zwar nicht ständig außer Kraft setzen, da Ordnung etwas Gutes ist, aber wie jeder gute Gesetzgeber kann er in seltenen Ausnahmefällen die ein oder andere Begnadigung erteilen.

Außerdem betreffen Bittgebete auch nicht nur die unbelebte Natur. Sagen wir, jemand bittet darum, dass Gott seinen Chef weniger unangenehm sein lässt. Wie sich der Chef verhält, ist nicht durch Naturgesetze determiniert, sondern von dessen freier Entscheidung abhängig. Nun wird Gott nicht den freien Willen eines Menschen brechen; aber Er wird vielleicht dem Chef besondere Gnaden geben und ihn geneigter machen, freundlicher zu sein, worauf dieser sich einlassen kann oder was er zurückweisen kann. Dasselbe gilt natürlich, wenn man für sich selbst bittet; wenn man Gott bittet, einem zu helfen, sich in dieser und jener Hinsicht zu bessern. Gott wird einem helfen, aber man muss auch selbst mittun.

File:Felix Freiherr von Ende Ministranten beim Gebet.jpg

(Felix Freiherr von Ende, Ministranten beim Gebet. Gemeinfrei.)

 

3) Gebete sind doch nur ein billiger Ersatz dafür, etwas tatsächlich Wirksames zu tun. Statt für Leute in Katastrophengebieten zu beten, sollte man bitteschön etwas spenden!

Das, mit Verlaub, ist blanker Unsinn.

Erstens: Gebete wirken nun einmal. Klar, Atheisten wollen das nicht gelten lassen; aber wer zum Schluss gekommen ist, dass der christliche Glaube wahr ist, kann nicht anders, als anzunehmen, dass Gebete wirken. Und gerade wer nichts anderes tun kann, kann immer noch beten.

Zweitens: Kein Mensch sagt, man sollte beten und dafür die guten Werke unterlassen. Es braucht immer beides. Das Motto der Benediktiner lautet: ora et labora, bete und arbeite; d. h.: Wirke auf die beiden Weisen, die Gott dir ermöglicht hat. [Nicht, dass das Bittgebet die einzige Sorte Gebet wäre. Auch die zweckfreie Anbetung des Herrn und der Dank müssen sein.] Und tatsächlich sieht man ja, dass diejenigen, die beten, auch sonst am meisten bewirken. Wer ist an vorderster Stelle zugegen, wenn Not da ist? Kirchen und christliche Hilfsorganisationen. Humanistenverbände verlegen sich in der Zwischenzeit darauf, im Internet zu erklären, wieso die Religion die Menschheit zurückhält und es keine städtischen Zuschüsse für den nächsten Kirchentag geben sollte.

Beten gibt Kraft. Beten stärkt den Glauben an den Gott, der will, dass wir neben dem Beten auch gute Werke tun. Und dann ist es doch sinnvoller, wenn Gläubige spenden und beten, als wenn Atheisten spenden und sich darüber aufregen, dass Gläubige beten. (Das müsste übrigens selbst aus der Sicht dessen gelten, der dem Gebet an sich keine Wirkung zuschreibt: Der Betende versetzt sich in eine empathische Stimmung, der übers Beten Motzende in eine arrogante und verurteilende. Welcher von beiden wird der angenehmere Mensch werden?)

Christen, die die atheistische Kritik halb internalisiert haben, verteidigen das Bittgebet manchmal mit dem Argument, dass es hier nicht darum ginge, von Gott wirklich etwas zu bekommen, sondern nur darum, dass wir durch das Gebet, durch das Sprechen mit Gott, zu anderen Menschen gemacht würden, die dann besser dabei wären, gute Werke zu tun; das Beten würde nicht Gott, sondern die Menschen verändern.* Es ist tatsächlich ein Zweck des Betens, von Gott zu einem anderen Menschen gemacht zu werden; aber dieser Zweck schließt den anderen Zweck nicht aus. Doch, es geht beim Bittgebet schon darum, etwas von Gott zu bekommen.

Datei:Albrecht Dürer Betende Hände.jpg

(Albrecht Dürer, Betende Hände.)

 

4) Dass Bittgebete wirken, kann man nicht nachweisen. Wenn etwas passiert, dann war es eine Gebetserhörung, wenn nichts passiert, dann lassen das die Gläubigen trotzdem nicht als Argument gegen Gott gelten, denn „die Wege des Herrn sind unergründlich“. Pff.

In etwa so ist es.

Der Punkt ist nur: Wir behaupten nicht, erhörte Gebete wären ein Gottesbeweis. Gut, es gibt ab und zu diese spektakulären Gebetserhörungen, bei denen Gott sehr Unwahrscheinliches geschehen lässt oder sogar ab und zu, wie oben beschrieben, die Naturgesetze außer Kraft setzt; es gibt neben Jesu Wundern z. B. die in Lourdes geschehenen Krankenheilungen, für die die zuständige Ärztekommission keine wissenschaftliche Erklärung gefunden hat. Die sind tatsächlich zumindest ein Hinweis auf Gott. Aber was die ganz normalen, alltäglichen Gebetserhörungen angeht: Die sind in der Tat kein Gottesbeweis, jedenfalls taugen sie nicht unbedingt zur Demonstration des Glaubens gegenüber anderen. (Auch persönliche Gotteserfahrungen im Gebet kann man anderen nicht direkt vermitteln.)  Aber dafür, dass Gott existiert und sich in Jesus Christus offenbart hat, gibt es andere Argumente.

Allen Christen ist von vornherein klar, dass der Ausgang bei Bittgebeten offen ist; dass es aus unserer begrenzten Sicht sogar sehr willkürlich wirken kann, wieso Gott das eine Gebet erhört und das andere nicht. Er weiß eben, wenn die Erhörung einer bestimmten Bitte uns auf lange Sicht nicht guttun würde, auch wenn wir das meinen. Manchmal kann es sein, dass einem der Grund ein wenig später selbst klar wird; aber wir erwarten nicht, auf Erden schon tiefe Einblicke in Gottes Denken zu bekommen. Er weiß, was das Beste ist; wir dürfen fragen, ob wir etwas bekommen, aber es ist einzig und allein Seine Sache, ob Er es uns gibt.

Bittgebete sind kein Experiment, das falsifizierbar sein müsste. Wir beten nicht zu Gott, um Atheisten etwas zu beweisen. Was bilden die sich denn ein?

Datei:Oppler beim-gebet.jpg

(Ernst Oppler, Beim Gebet. Gemeinfrei.)

 

* Diese internalisierte Kirchenkritik bewirkt z. B. auch, dass in den Fürbitten in manchen Pfarreien nur noch gesagt wird „Sende den Kranken Menschen, die ihnen beistehen“ o. Ä., statt einfach „Steh den Kranken bei“. Letztlich ist das ein Zeichen einer gewissen Ängstlichkeit, Gott wirkliches Handeln zuzutrauen.

Der heilige Antonius über die Unterscheidung der Geister

Ich bin gerade dabei, ein paar Arbeiten für die Uni zu schreiben, für die ich u. a. die Vita Antonii gelesen habe, die Biographie des heiligen Antonius (251-356 n. Chr.), die der heilige Athanasius von Alexandria (ca. 300-373 n. Chr.), der Antonius noch persönlich kannte, verfasst hat (hier online). Und was soll ich sagen: Dieses kurze Buch ist wirklich spannend. Und kann einem auch im eigenen geistlichen Leben weiterhelfen.

In einer längeren Rede, mit der Antonius, der ja einer der allerersten ägyptischen Wüstenmönche war, sich an andere Mönche richtet, um ihnen zu erklären, wie man den geistlichen Kampf gegen die Dämonen kämpft, findet sich eine Stelle, an der er erklärt, wie man dämonische Erscheinungen von Erscheinungen unterscheidet, die von Gott, den Engeln oder den Heiligen stammen. Jetzt ist es zwar bei uns weniger wahrscheinlich als bei einem Heiligen, dass wir es mit Visionen zu tun bekommen; aber man kann das, was er sagt, auch gut auf die alltäglichen Gedanken/Eingebungen anwenden, die einem z. B. beim Gebet kommen.

Also übergebe ich das Wort jetzt mal ohne weiteres Drumherumgerede an den heiligen Antonius bzw. seinen Biographen:

 

„[D]enn es ist leicht und gar wohl möglich, die Anwesenheit der Guten und Bösen zu unterscheiden, da Gott diese Gabe verleiht. Denn der Anblick der Heiligen bringt keine Verwirrung mit sich: ‚Nicht wird er streiten noch schreien noch wird jemand hören seine Stimme‘. Ihre Erscheinung erfolgt so ruhig und sanft, daß sogleich Freude und Fröhlichkeit und Mut in die Seele kommt. Denn mit ihnen ist der Herr, der unsere Freude ist, die Kraft aber ist die Gottes, des Vaters, die Gedanken der Seele aber sind ohne Verwirrung und Erregung; daher erblickt sie, von jener erleuchtet, die Erscheinungen. Sehnsucht nach dem Göttlichen und Zukünftigen überkommt sie, und sie will sich durchaus mit ihnen vereinigen, um mit ihnen von hier zu gehen. Wenn aber manche als schwache Menschen sich vor dem Gericht der Guten fürchten, dann nehmen die Erscheinenden rasch die Angst von ihnen durch ihre Liebe. So machte es Gabriel mit Zacharias, und der Engel, der am göttlichen Grabe den Frauen sich zeigte, und jener, der im Evangelium zu den Hirten sprach: ‚Fürchtet euch nicht!‘ Denn die Furcht vor ihnen entsteht nicht aus der Mutlosigkeit der Seele, sondern aus der Erkenntnis von der Gegenwart der Besseren. So verhält es sich mit der Erscheinung der Heiligen.

Der Ansturm und das Gesicht der Bösen aber ist voll Verwirrung, er erfolgt unter Getöse, Lärm und Geschrei wie das Getümmel von ungezogenen Jungen und Räubern. Daraus entsteht sogleich Furcht in der Seele, Verwirrung und Unordnung in den Gedanken, Scham, Hass gegen die Asketen, Sorglosigkeit, Schmerz, Erinnerung an die Verwandten, Furcht vor dem Tode; und dann Begierde nach dem Schlechten, Nachlässigkeit in der Tugend und Verschlechterung des Charakters. Wenn ihr ein Gesicht habt und euch fürchtet, die Furcht aber sogleich schwindet und dafür unaussprechliche Freude entsteht, Wohlbehagen und Mut und Erquickung, Ordnung in Gedanken und all das andere, von dem ich eben sprach, Mannhaftigkeit und Liebe zu Gott, dann seid frohen Mutes und betet; denn die Freude und der ruhige Zustand der Seele zeigen die Heiligkeit des Anwesenden. So frohlockte Abraham, als er den Herrn sah, und Johannes hüpfte vor Freude, als die Stimme der Gottesgebärerin Maria ertönte. Wenn aber bei manchen Erscheinungen Verwirrung entsteht, Lärm von außen, weltlicher Trug, Drohung mit dem Tode und dergleichen, was ich vorher nannte, so erkennt daran, daß der Angriff von Bösen kommt.

Auch dies soll euch ein Kennzeichen sein: wenn die Seele in Furcht verharrt, so ist das ein Beweis für die Gegenwart der Feinde. Denn die Dämonen nehmen die Furcht davor nicht weg, wie es der große Erzengel Gabriel bei Maria und Zacharias tat, und der, welcher in dem Grabe den Frauen erschien.“

(Vita Antonii, aus Kapitel 35-37)

Und ebenso bin ich in deiner Nähe gewesen

Der Engel aber nahm die beiden beiseite und sagte zu ihnen: Preist Gott und lobt ihn! Gebt ihm die Ehre und bezeugt vor allen Menschen, was er für euch getan hat. Es ist gut, Gott zu preisen und seinen Namen zu verherrlichen und voll Ehrfurcht seine Taten zu verkünden. Hört nie auf, ihn zu preisen.

 Es ist gut, das Geheimnis eines Königs zu wahren; die Taten Gottes aber soll man offen rühmen. Tut Gutes, dann wird euch kein Unglück treffen.

 Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein. Lieber wenig, aber gerecht, als viel und ungerecht. Besser barmherzig sein als Gold aufhäufen.

 Denn Barmherzigkeit rettet vor dem Tod und reinigt von jeder Sünde. Wer barmherzig und gerecht ist, wird lange leben.

 Wer aber sündigt, ist der Feind seines eigenen Lebens.

 Ich will euch nichts verheimlichen; ich habe gesagt: Es ist gut, das Geheimnis eines Königs zu wahren; die Taten Gottes aber soll man offen rühmen.

 Darum sollt ihr wissen: Als ihr zu Gott flehtet, du und deine Schwiegertochter Sara, da habe ich euer Gebet vor den heiligen Gott gebracht. Und ebenso bin ich in deiner Nähe gewesen, als du die Toten begraben hast.

 Auch als du ohne zu zögern vom Tisch aufgestanden bist und dein Essen stehen gelassen hast, um einem Toten den letzten Dienst zu erweisen, blieb mir deine gute Tat nicht verborgen, sondern ich war bei dir.

 Nun hat mich Gott auch gesandt, um dich und deine Schwiegertochter Sara zu heilen.

 Ich bin Rafael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten.

 Da erschraken die beiden und fielen voller Furcht vor ihm nieder.

 Er aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Friede sei mit euch. Preist Gott in Ewigkeit!

 Nicht weil ich euch eine Gunst erweisen wollte, sondern weil unser Gott es wollte, bin ich zu euch gekommen. Darum preist ihn in Ewigkeit!

 Während der ganzen Zeit, in der ihr mich gesehen habt, habe ich nichts gegessen und getrunken; ihr habt nur eine Erscheinung gesehen.

 Jetzt aber dankt Gott! Ich steige wieder auf zu dem, der mich gesandt hat. Doch ihr sollt alles, was geschehen ist, in einem Buch aufschreiben.“

(Tobit 12,6-20)

 

Ich mag das Buch Tobit sehr. Es beginnt mit Menschen, die schon selbstmordgefährdet sind, und es endet mit Hilfe durch einen Engel.

Eine der tröstlichsten katholischen Lehren ist für mich die Lehre von den Schutzengeln. Es ist offizielle Lehre der katholischen Kirche, dass jeder Mensch einen eigenen Schutzengel hat, einen mächtigen unsterblichen Geist, der von Gott extra dafür bestellt ist, sich um diesen einen Menschen zu kümmern. Dem lieben Gott sind wir wichtig, ja, kostbar.

Wenn es einem schlecht geht, ist es nie verkehrt, zum Schutzengel zu beten. Ja, man muss nicht unbedingt Erscheinungen und Wunder wie im Buch Tobit erwarten (obwohl man die streng genommen auch nicht ausschließen muss), aber hören wird der Schutzengel einen immer, und helfen wird er auf die eine oder die andere Weise.

 

(Bildquelle hier: http://brautdeslammes.blogspot.de/2011/07/der-engel-des-herrn.html)

 

PS: Dieses Buch wurde übrigens von Martin Luther aus der Bibel entfernt. Happy 2017!

 

 

 

Etwas übers Beten im Stand der Todsünde

Ein paar sehr schöne Worte von Father Mike Schmitz über das Gebet im Stand der schweren Sünde:

Ein kurzes Zitat:

„In fact, the Catholic theology on this is this: Every time you and I go to pray, it’s always gonna be a response. None of us are ever initiators of prayer to God. It’s always God who initiates and invites us to pray, and if you ever pray, ever, it’s always a response to God. Which means a couple of things: One is, you never have to fight to get God’s attention. If you want His attention, that’s because He’s inviting you to give Him your attention. Secondly, when we go to confession, I think sometimes we have this image that when we go to confession, we go before the Lord and say to God: ‚Please please please give me another chance, I promise I’ll – you know – be good, give me another chance.‘ The exact opposite is true. When you go to confession, it’s actually God saying to you: ‚Please, give me another chance. Give me another chance to love you, give me another chance to have mercy on you, give me another chance to bring you into right relationship with me.‘ Why? Because the number one thing God wants with us is, He wants to be in relationship with us.“

(„Tatsächlich ist die katholische Lehre darüber das: Jedes Mal, wenn du und ich beten, wird es eine Antwort sein. Keiner von uns ist jemals Initiator eines Gebets zu Gott. Es ist immer Gott, der die Initiative ergreift und uns zum Gebet einlädt, und wenn du jemals betest, jemals, dann ist es immer eine Antwort an Gott. Was mehrere Sachen bedeutet: Das Erste ist, du musst dich niemals anstrengen, um Gottes Aufmerksamkeit zu erhalten. Wenn du Seine Aufmerksamkeit willst, ist das, weil Er dich einlädt, Ihm deine Aufmerksamkeit zu schenken. Zweitens, wenn wir zur Beichte gehen, ich glaube, dann haben wir manchmal dieses Bild, dass, wenn wir zur Beichte gehen, wir vor den Herrn hintreten und zu Gott sagen: ‚Bitte bitte bitte gib mir noch eine Chance, ich verspreche, ich werde – du weißt schon – brav sein, gib mir noch eine Chance.‘ Das genaue Gegenteil ist wahr. Wenn du zur Beichte gehst, ist es tatsächlich Gott, der zu dir sagt: ‚Bitte, gib mir noch eine Chance. Gib mir noch eine Chance, dich zu lieben, gib mir noch eine Chance, Gnade mit dir zu haben, gib mir noch eine Chance, dich in die richtige Beziehung zu mir zu bringen.‘ Wieso? Weil das Allererste, was Gott mit uns will, ist, Er will mit uns in Beziehung sein.“)

Beten, ohne zu beten

Ich möchte mal wieder etwas zum Thema Skrupulosität schreiben. Für alle neuen Leser: Das ist eine Zwangsstörung im religiösen Bereich, von der ich selber betroffen bin (wenn auch nicht in allzu schlimmer Weise, und es, glaube ich, langsam besser wird). Wer genauer wissen möchte, was es damit grundsätzlich auf sich hat, den verweise ich mal hierhin: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/

Heute möchte ich darüber schreiben, welche Schwierigkeiten beim Gebet ich schon kennengelernt habe und für typisch für Skrupulanten halte.

 

1) Unterwürfige Unehrlichkeit:

Skrupulosität ist bekanntlich zuallererst von Angst geprägt, vor allem Angst vor der Hölle, und damit verbunden natürlich Angst vor Gott als Richter. Das ist so ziemlich das, was Skrupulanten ausmacht: Das immer wiederkehrende nagende Gefühl im Hinterkopf, dass man vielleicht nicht genug tut oder hier etwas falsch macht oder da nicht streng genug mit sich war, und dass das irgendwann zu den besagten ewigen Konsequenzen führen wird. Das größte Problem für Skrupulanten ist es, wenn sie nicht eindeutig wissen, ob etwas eine Sünde ist, oder, wenn ja, ob schwere oder leichte Sünde (letztere Unterscheidung ist dafür wichtig, ob man sie beichten muss). Die eigene Einschätzung variiert da stark; mir ist es einerseits schon passiert, dass ich das ständige Grübeln so satt hatte, dass ich Sachen eher zu locker eingeschätzt habe, als auch, dass ich ewig lang in mein Kopfkissen geheult habe, nicht schlafen konnte und in scheußliche Gewissenskonflikte gestürzt wurde, weil ich mich fragte, ob ich wegen einer eingebildeten schweren Sünde jetzt möglichst am nächsten Tag sofort versuchen sollte, irgendwo in der Stadt einen Priester wegen der Beichte aufzusuchen oder ob es genügen würde, mich bei der nächsten wöchentlichen Beichtgelegenheit meiner Pfarrei einzufinden. Ich wartete – soviel gesunden Menschenverstand besaß ich dann doch noch – und musste dann sogar noch länger warten, weil ich mir eine Krankheit einfing und länger zu Hause bleiben musste, und als ich danach das nächste Mal mit einem – übrigens sehr streng traditionell eingestellten – Priester sprach, erklärte er mir, besagte Sünde sei überhaupt keine Sünde gewesen, geschweige denn eine schwere. Hm. So kann man sich irren.

Okay, wieder zum Kernpunkt zurück: Zweifel sind eine schwierige Sache. Und da die Kirche nicht bis aufs i-Tüpfelchen genau offiziell definiert, was unter welchen Umständen Todsünde, leichte Sünde und keine Sünde ist (wie sollte sie auch), treten sie recht oft auf. Nun sagt die Kirche auch, wenn eine Sünde nicht sicher Todsünde war, kann man erstmal davon ausgehen, dass sie eine leichte war. Und Skrupulanten speziell wird immer der Grundsatz eingeschärft, im Zweifelsfall ganz grundsätzlich nicht von Todsünde auszugehen. Das ist prinzipiell ein guter Grundsatz, aber es erfordert Disziplin, sich daran zu halten. Und eine Falle lauert da immer, nämlich der Gedanke: „Vielleicht täusche ich mich unterbewusst selbst und rede mir nur ein, dass ich in dieser oder jener Hinsicht zweifle und wenn ich ehrlich mit mir wäre, müsste ich wissen, dass es Sünde / Todsünde ist.“ Dieser Gedanke ist (bei Skrupulanten), vielleicht nicht in 100% der Fälle, aber doch bestimmt in den allermeisten Fällen, vollkommener Unsinn.

Jetzt komme ich zum Gebet: Man will also sein Abendgebet verrichten und als guter Katholik hält man seine tägliche Gewissenserforschung. Dann kommt da eine gewisse Unsicherheit auf in Bezug auf irgendein Vorkommnis im Verlauf des Tages. Irgendwie ist man sich nicht sicher – war das so in Ordnung oder eher nicht? War das vielleicht sogar ein eklatanter Verstoß gegen die Nächstenliebe, von außen betrachtet vielleicht nicht so gravierend, aber innerlich vielleicht… Man hat irgendwie das Gefühl, Gott um Verzeihung bitten zu müssen dafür. Andererseits erinnert man sich an besagte Grundregel für Skrupulanten, zweifelhafte Sünden nicht zu beachten. Aber ganz vorbildlich war besagtes Verhalten vielleicht doch nicht. Jedenfalls hätte man sich allgemein den ganzen Tag über besser verhalten können. Wenn das auch nicht direkt Sünde war, dann doch auch nicht so toll. Und vielleicht war es ja tatsächlich Sünde. Vielleicht ist man nur die strengen Maßstäbe des Himmels in dieser Hinsicht nicht gewöhnt. Vorsichtshalber sollte man vielleicht doch Gottes Verzeihung erflehen. Man bemüht sich, vollkommene Reue zu erwecken (falls schwere Sünde, weil solange man nicht zur Beichte kann…), wiederholt mehrmals in Gedanken, wie leid es einem wirklich tut etc., damit Gott auch merkt, dass es einem damit ernst ist. Das Gebet beendet man dann missgelaunt und ohne große Lust auf das nächste Mal Beten am Morgen. Typisch Skrupulosität eben.

Das meine ich mit unterwürfiger Unehrlichkeit: Man wüsste eigentlich, dass man nicht so streng mit sich sein soll, weil man eher in dieser Richtung zum Irrtum neigt, aber man geht lieber auf Nummer Sicher und zeigt sich einigermaßen unterwürfig gegenüber Gott im Himmel. Und diese Art von Gebet wird Gott eindeutig nicht gerecht. Wir machen ihn unterbewusst zu jemandem, der es nicht aushalten könnte, wenn wir einen ehrlichen Irrtum begingen. Zu einem strengen, unerbittlichen Herrscher, vor dem man sich möglichst unterwürfig zu zeigen hat, auch wenn man eigentlich wüsste, dass man in dieser oder jener Hinsicht nichts falsch gemacht hat oder zumindest nichts allzu Schlimmes getan hat. Das ist so was von ungerecht ihm gegenüber. Viel sinnvoller wäre es, einfach ehrlich zu sagen: Gott, ich bin mir hier nicht sicher, ich dachte mir das so und so, vielleicht frage ich mal jemand anderen, was in dieser Art von Situation sinnvoll sein könnte oder so. Oder: Gott, ich habe das nach bestem Wissen und Gewissen gemacht, ich hoffe, das wird was. Fertig.

Ich sage nicht, dass Skrupulanten keine Sünden mehr begehen können, oder dass wir Gott nicht, wenn wir wirklich etwas getan haben, von dem wir wissen, dass es schlecht ist, um Verzeihung bitten sollten, aber es braucht hier einfach Ehrlichkeit. Und Vertrauen auf Gott, dass er mit Ehrlichkeit schon klarkommt – bzw. sie eigentlich viel lieber mag als die beschriebene unterwürfige Unehrlichkeit.

Es gibt noch andere Ausdrucksweisen dieser falschen Unterwürfigkeit. Zum Beispiel, dass man sich grundsätzlich schon nicht recht traut, mit Gott wirklich zu reden, d. h. mit ihm über das zu reden, was einen wirklich selbst beschäftigt; über seine Zweifel und Ängste und Sorgen. Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt.

 

2) Rede statt Gespräch:

Damit meine ich eine Art des Redens ohne wirklich etwas zu kommunizieren, ohne den Gesprächspartner anzusehen oder ihm zuzuhören. Das Gebet soll ein Gespräch mit Gott sein. Es geht darum, ihm zu erzählen, was einen bewegt und dabei darauf zu lauschen, was er einem vielleicht mitteilen möchte. Man soll dabei wirklich mit ihm reden, kein Selbstgespräch führen; man soll ihn, seinen Schöpfer und Erlöser ansprechen.

Manchmal bete ich abends rasch so ins Blaue hinein ein Vaterunser, dann noch „Danke für diesen Tag, es tut mir leid, was ich heute falsch gemacht habe, bitte beschütze mich und meine Familie, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen“, so, erledigt, ich habe den Anspruch des täglichen Gebetes hinter mir und kann ins Bett gehen. Das ist nicht wirklich eine besonders tolle Form des Abendgebets.

Es gibt mehrere Gründe, wieso man so betet. Vielleicht will man sich nicht schon wieder zu sehr in die Nähe dieses gestrengen Herrschers und Richters begeben; man geht nur so weit, wie man unbedingt muss, und dann reicht es ihm hoffentlich. Es ist nicht schön, also drückt man sich so bald wie möglich.

Dann fürchtet man vielleicht ganz einfach, speziell das auszusprechen, was man aussprechen müsste, wenn man wirklich ganz persönlich darüber reden müsste, was einen momentan wirklich beschäftigt. Zum Beispiel, dass man mutlos ist und wenig Vertrauen darauf hat, dass das Leben mit Gottes Hilfe schon klappen wird. In so einer Situation käme es eigentlich gerade erst recht darauf an, Gott um Hilfe zu bitten, aber das tut man nicht, weil man sich schämt; weil man Angst davor hat, dass Gott unzufrieden mit einem ist; dass man nicht genügt. Das ist noch so ein vollkommen verdrehter Gedanke; als ob Gott sich nicht gerade dann freuen würde, wenn wir ihm unser Innerstes mitteilen.

Man fürchtet natürlich auch, was man von diesem Gott gesagt bekommen könnte, wenn man sich wirklich auf den Versuch des Gebetes einließe; man kann es ja nicht vorhersehen, er ist leider nun mal nicht kontrollierbar. Und wenn er einem jetzt vielleicht zu verstehen geben würde, dass man sich da und da schon wieder völlig falsch verhalten hat, wo man es vielleicht gar nicht gedacht hat, und gefälligst umkehren soll… das will man einfach nicht haben, nicht schon wieder, wenn man es sich gerade erst selbst eingebläut hat. Man weicht Gottes Blick aus, weil man nicht erwartet, dass er einen freundlich anschauen könnte. Das kann ein ganz reales Ausweichen sein. Zum Beispiel in der Hinsicht, dass man in der Kirche nicht den Tabernakel anschaut, sondern sich möglichst unauffällig in die hinterste Reihe setzt und auf das Gotteslob in der Hand oder die eigenen Schuhe starrt – fast so, als könnte Jesus einen da hinten nicht genau erkennen.

Es ist eine gute Übung, sich mal vorzustellen, Jesus, er, der Gott und Mensch zugleich ist (denn er ist ja auch jetzt, nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt immer noch wahrer Mensch), sei wirklich in seiner menschlichen Gestalt bei einem daheim im Schlafzimmer. Oder man sei 30 n. Chr. in Jerusalem oder Kafarnaum und würde ihm dort begegnen. Wie würde man dann reagieren?

Wenn ich ehrlich bin, manchmal (nicht immer – ich habe auch gesunde Phasen) habe ich das Gefühl, ich würde dann am liebsten weglaufen und mich irgendwo verbergen, wo er mich nicht sehen könnte. Solange bis er wieder weg wäre, und ich herauskommen könnte ohne Angst zu haben, jemandem gegenüberstehen zu müssen, der alle meine Gedanken kennt und… wie soll ich es nur ausdrücken… zu mir sagen und tun könnte und würde, was immer ihm gerade richtig erschiene, ohne jede Rücksicht auf irgendwelche gesellschaftlichen Regeln der Höflichkeit und Zurückhaltung und ohne jedes Hindernis dadurch, dass ich ihm etwas vormachen könnte. Ich habe Angst vor seinem Urteil über mich, anders ausgedrückt.

Es ist irgendwie lächerlich angesichts der Tatsache, dass Gott – der mich ja wohl gemacht hat – mich schließlich eh vollkommen kennt und dass ich ihm irgendwann nicht mehr ausweichen können werde (und das ist auch gut so), aber wann habe ich je behauptet, Skrupulosität wäre nicht irgendwie lächerlich? Lächerlich hier allerdings nicht immer im Sinne von: zum Lachen.

 

3) Plappern wie die Heiden:

Hier geht es mir um eine gewisse abergläubische Tendenz bei Skrupulanten. Ich habe mal erwähnt, dass Skrupulosität, wie alle solchen Störungen, von quälenden Zwangsgedanken geprägt ist. Das können ganz konkrete Vorstellungen oder „Eingebungen“ sein, zum Beispiel: Wenn ich jetzt nicht den Rosenkranz bete, könnten meine Eltern auf der Heimfahrt von den Verwandten in Köln einen Unfall haben und sterben. Ja, das klingt lächerlich, und natürlich ist es das. Darum geht es ja gerade. Das hängt auch mit dieser Erledigungs-Mentalität zusammen, die ich oben schon beschrieben habe: Genau so und so viele Gebete verrichten, damit man selber oder andere Leute geschützt sind. „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen“, hat Jesus in der Bergpredigt gesagt. „Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6,7-8) Aber genau so machen es Skrupulanten manchmal.

Ich sage ja nicht, dass es keinen Wert hat, häufig zu beten oder einen ganzen Rosenkranz zu beten (ich mag den Rosenkranz an sich übrigens sehr, wirklich sehr); überhaupt haben mündliche Gebete einen riesengroßen Wert, auch das Stundengebet beispielsweise ist einfach nur absolut toll, schließlich geben sie eine großartige Hilfestellung beim eigenen Beten und führen einen in die Welt Gottes und der Engel und Heiligen ein, es ist nur… na ja, wie so oft ist es wohl einerseits eine Frage des Maßes und andererseits eine Frage des Motivs. Der erwähnte Grund (abergläubische Angst, dass Familienmitglieder auf der Autobahn verunglücken, wenn man nicht ausreichend Ave Marias für sie betet) ist jedenfalls kein passendes Motiv. Aberglaube ist nicht christlich. (Deswegen ist die kichliche Autorität ja auch immer wieder gegen Aberglauben eingeschritten.)

Dieses „magische“ Denken ist für alle Zwangsstörungen typisch. Auch Nichtgläubige können Angst haben, dass Verwandte verunglücken, wenn sie nicht irgendein Ritual getreu ausführen. Diese Denkweise ist auch deshalb so gefährlich, weil es mit ihrer Überprüfung nicht ganz einfach ist. Wenn man das entsprechende Ritual durchführt und es passiert nichts, ist man bestätigt. Und zu wagen, es nicht zu tun, erfordert Überwindung, denn schließlich könnte dann ja etwas sein… Und dann wäre man schuld daran.

Das ist vollkommen unlogisch, natürlich. Das weiß man selber genauso. Deshalb heißt das ja auch nicht „logisches Denken“, sondern „Zwangsgedanke“.

Das kann man aber auch überwinden. Wenn man den Zwangsgedanken nicht folgt und es sich mit der Zeit auch in der Praxis beweist, dass sie unsinnig sind, ist es gleich mal viel leichter. Bei mir spielen solche abergläubischen Zwangsgedanken inzwischen keine große Rolle mehr. Mehr Probleme habe ich mit Punkt 1) und vor allem 2).

 

4) Andere Zwangsgedanken…

(Mir ist hier keine Überschrift dafür eingefallen, die nicht blöd klang.)

Ich meine folgendes Phänomen: Man betet, z. B. vor einem Heiligenbild, einer Christusstatue, oder, worst of all, Jesus im Tabernakel selbst, und dann tauchen – plopp – gewisse Arten von quälenden Zwangsgedanken im Gehirn auf; obszöne oder blasphemische Vorstellungen von der Art, wie sie sonst vielleicht eher Linksradikalen einfallen würden, die sich überlegen, was man denn beim nächsten Berliner Marsch fürs Leben so für Parolen schreien könnte, um die blöden Christen da vielleicht noch mehr zu stören als beim letzten Mal.

Diese Gedanken quälen einen wirklich – wie soll man denn irgendwie gottgefällig beten, wenn der eigene Kopf von solchen Scheußlichkeiten voll ist? Also vermeidet man es irgendwann, länger zu beten, Statuen anzuschauen oder in Kirchen zu gehen (außer zur Erfüllung der Sonntagspflicht), kurz gesagt, man vermeidet alles, was diese Zwangsgedanken auslösen könnte und so… entfernt man sich von Gott.

Das ist wirklich ein ganz, ganz typisches Zwangsstörungsphänomen, das ebenfalls nicht nur bei religiösen Menschen vorkommt. Zum Beispiel könnte ein zwangskranker Familienvater an dem Zwangsgedanken leiden, er könnte seine Tochter sexuell missbrauchen, und dann vermeidet er es vielleicht von da an, mit ihr allein zu sein, weshalb sein Verhalten bald allen in der Familie auffällt und die Tochter sich vernachlässigt vorkommt und die Ehefrau ihm Vorwürfe deswegen macht. Wichtig: Zwangskranke würden nie das machen, was ihnen ihre Zwangsgedanken vorspielen. Deshalb werden die Zwangsgedanken ja gerade als so quälend erlebt: Weil sie in allem dem widersprechen, was zu den Grundbausteinen der eigenen Existenz gehört. Ein wirklicher Pädophiler würde nicht so denken wie oben beschrieben.

Der hl. Ignatius von Loyola hat zum Thema Skrupel einmal Folgendes geschrieben, was ich hier sehr treffend finde: Wenn er zum Beispiel sieht, dass eine Seele keine tödlichen oder lässlichen Sünden in sich einlässt, noch irgend einen Schein überlegter Sünde, dann besorgt der Feind, wenn er nicht zuwege bringt, sie in etwas fallen zu lassen, was Sünde scheint, sie [wenigstens] eine Sünde sich einbilden zu lassen, dort, wo keine ist; wie etwa bei einen Wort oder einem geringsten Gedanken. Mit „dem Feind“ ist hier bekanntlich der Teufel gemeint. Die Einbildung von Sünde stammt nicht von Gott, sondern von einem, der uns übel will, der uns ungestörtes, vertrauensvolles Glück mit Gott im Gebet nicht gönnen will.

Die richtige Strategie wäre, gerade diese Gedanken im Gebet vor Gott zu bringen. Mit ihm darüber zu reden, dass man sie hat und dass sie einen so quälen. Ich denke mal, über dieses Vertrauen freut er sich und dann kann er uns auch besser helfen. Solche Gedanken können nämlich gar keine Sünden sein, da ungewollt. Sünde heißt Schuld, Schuld setzt einen Willensakt, eine Entscheidungsmöglichkeit voraus. Ich tue oder unterlasse x, obwohl ich es nicht tun oder unterlassen müsste. Wenn x einfach da ist, kann von Schuld gar keine Rede sein. Und jeder normale Mensch erlebt es, dass er Gedanken im Kopf hat, die einfach da sind, ohne dass irgendeine Art von Schuld vorliegen kann. Schon mal von Ohrwürmern gehört?

 

Alle diese Arten von Gebetsschwierigkeiten haben eben eines gemeinsam: Dass sie einen an einem wirklichen Beten hindern (oder fast schon am Beten überhaupt). Man kann sozusagen beten, ohne zu beten.

 

[Anmerkung: Vielleicht kennen auch nicht-skrupulöse Leser andere Formen von hier beschriebenen Gebetsschwierigkeiten – vor allem das Ausweichen vor Gott im Gebet ist wahrscheinlich eine allgemein-menschliche Erfahrung, und wird allgemein durch so ein Ding namens „Erbsünde“ bedingt, nicht nur speziell durch Skrupulosität. Bloß, dass es nicht immer gleich aussieht; ich habe hier eben konkret das Ausweichen aufgrund von Skrupulosität beschrieben. Nur, damit es hier nicht zu Missverständnissen kommt.]

Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 8: Skrupulosität und Gott

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/

 

Entscheidend ist immer, den Mut nicht zu verlieren, und vor allem: Sich immer neu zum Vertrauen auf Gott aufzuraffen. Lest die Bibel: Besonders die Evangelien. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, vom verlorenen Schaf, die Abschiedsreden bei Johannes. Auch der erste Johannesbrief oder einige Kapitel bei Propheten wie Hosea (Kapitel 11!) können sehr hilfreich sein. Betrachtet das Kreuz, verbringt Zeit vor dem Tabernakel, wo Gott selbst in ein paar Stückchen Brot da ist.

Bei solchen Beschäftigungen kann man zu der Einsicht gelangen, dass Gott irgendwie ein anderes Wesen zu haben scheint, als man es sich unterbewusst wohl vorgestellt hat. Versucht, das Wesen des menschgewordenen Gottes zu entdecken, aus der Art, wie Er spricht und sich verhält. Betrachtet die Art, wie Er in die Welt gekommen ist: In einem Stall geboren, in einer Zimmermannsfamilie aufgewachsen. Die Wunder, die Er vollbrachte, waren Heilungen und Totenerweckungen – nie ließ Er Feuer und Schwefel vom Himmel regnen. Er weinte um seinen Freund Lazarus. Hört euch an, wie Er mit den Menschen sprach, die zu Ihm kamen: mit Maria und Marta, mit Petrus, Zachäus oder den Blinden und Gelähmten, und stellt euch vor, dass Er dieselben Worte zu euch sagt. „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“ (Joh 11,25-26) Glauben wir Ihm doch!

Betrachtet euren König: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.“ (Mt 21,5) Müssen wir vor diesem König wirklich Angst haben? Wird er nicht mehr Geduld mit uns haben, als wir ihm vielleicht zutrauen? Wie stellen wir uns unseren König vor: wie Aragorn aus „Der Herr der Ringe“, oder wie Sultan Schahriyar aus „Tausendundeine Nacht“? „Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch Gottes des Herrn.“ (Ezechiel 18,32)

Sehr hilfreich ist für mich persönlich das Stundengebet. Die vorgegebenen Texte, die man z. B. morgens und abends beten kann, führen einem immer wieder die Liebe Gottes vor Augen. (Es gibt das Stundenbuch übrigens als App!)

Wir Skrupulanten müssen es uns immer wieder in Erinnerung rufen: Gott ist nicht unser Feind. Gott ist nicht darauf aus, uns in die Hölle zu werfen. Er will uns bei sich haben, und er wird uns nicht so einfach verloren geben. Sicher sollen wir nicht einfach passiv dasitzen. Aber wir wissen, dass wir seinen Geboten nie vollkommen genügen werden. Die Sache mit der Rechtfertigung durch Werke des Gesetzes hat noch nie funktioniert, soweit hatte Luther Recht. Es geht immer nur durch Gottes Gnade (auch wenn gewisse Werke dazu kommen sollten), und Er ist jederzeit bereit, sie uns zu schenken. Wenn wir ihn darum bitten, herrscht „bei den Engeln Gottes Freude“ (Lukas 15,10). Der ganze Himmel jubelt über die Rettung einer Seele.

Gott ist gütig und barmherzig, langmütig und reich an Huld und Treue. Er ist gütig und von Herzen demütig.

Haben wir Vertrauen darauf. Wir können wieder Freude am Glauben finden, es geht. Konzentrieren wir uns auf Gott und auf das, was er Großes an uns getan hat. Fürchtet euch nicht, wie Gottes Wort es an so vielen Stellen sagt. „Furcht“, so sagt uns Johannes, „gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht.“ (1 Joh 4,18)

Anmerkung: Keins der Beispiele, die ich erwähnt habe, ist erfunden. Einige habe ich selbst erlebt, von anderen habe ich gelesen. Teilweise habe ich Details geändert oder ausgestaltet. Ausgedacht habe ich mir keins.

Tipps für weitere Lektüre:

  • Raphael Bonelli: „Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss wird“
  • Susanne Fricke u. Iver Hand: „Zwangsstörungen verstehen und bewältigen. Hilfe zur Selbsthilfe“
  • Thomas Santa CSSR: „Understanding Scrupulosity. Questions, Helps, and Encouragement“
  • Joseph W. Ciarrocchi: „The Doubting Disease. Help for Scrupulosity and Religious Compulsions“
  • William van Ornum: „A Thousand Frightening Fantasies. Understanding and Healing Scrupulosity and Obsessive Compulsive Disorder“
  • www.scrupulousanonymous.org Auf dieser Webseite finden sich u. a. die sehr hilfreichen „Ten Commandments for the Scrupulous“ (10 Gebote für Skrupulanten).
  • https://thescrupulouscatholic.wordpress.com/blog/
  • http://www.rhondaortiz.com/