Wenn man Gender-begeisterte Theologen kritisieren will…

Ich habe es getan: Ich habe mir feinschwarz.net angesehen – angeregt durch einen Link auf Facebook zu einem Artikel über Jerusalem, das aus Sicht dieses „Theologischen Feuilletons“ selbstverständlich nicht Hauptstadt Israels sein darf, weil, Zionisten sind böse, und der Trump, der Trump, der hat immer Unrecht. Aber der Jerusalem-Artikel (http://www.feinschwarz.net/jerusalem-heiligkeit-jenseits-von-machtbehauptung/) enthält wenigstens noch ein paar Argumente, auf die man eingehen könnte (werde ich in den nächsten Tagen auch noch mal tun), was man von einem der anderen Artikel, die ich dort noch gelesen habe, nicht behaupten kann. Der trägt den Titel Gender-Forschung. Umkämpfte Normalität in der Katholischen Theologie (http://www.feinschwarz.net/gender-forschung-umkaempfte-normalitaet-in-der-katholischen-theologie/) und ist von vier Theologieprofessoren (genauer: zwei Professoren und zwei Professorinnen) aus Tübingen verfasst worden. Nach der Lektüre kann ich nur sagen: Bin ich froh, dass ich nicht in Tübingen studiere!

Tja, und jetzt will ich irgendetwas auf diesen Artikel entgegnen. Aber das ist, wenn ich ehrlich sein soll, gar nicht so leicht. Es gibt dort nicht viel, auf das man etwas entgegnen könnte.

Der Artikel beginnt mit der Feststellung, dass es Widerstand gegen Gender-Ideen gäbe und beschreibt, wo dieser sich findet – kath.net, Demo für alle, Amoris Laetitia, etc. Dann geht es um vier Normalitätsannahmen“ der Gesellschaft, die die Gender-Forschung ablehne: Dass erstens jeder Mensch genau ein unabänderliches Geschlecht habe, dass es zweitens genau zwei Geschlechter, nichts anderes und nichts dazwischen, gebe, dass das Geschlecht drittens unabänderlich von der Natur vorgegeben und eindeutig bestimmbar sei, und dass das Geschlecht viertens mit bestimmten Rollen, Tugenden und Orten in dieser Welt“ verbunden sei. Weiter heißt es:

Das Konzept ›gender‹ problematisiert diese Normalitätskonzepte. Geschlecht wird als soziale Konstruktion begriffen. Geschlecht ist ein bedeutungsvoller Sachverhalt – eine Zuweisung von Eigenschaften mit der gleichzeitigen Zuschreibung der Bedeutung dieser Eigenschaften, der Zuschreibung von »Sinn«. Das heißt nicht, dass es keine Biologie mehr gibt; aber der Wert, der den vielfältigen (auch biologischen) Ausformungen dessen, was wir „Geschlecht“ nennen, zugemessen wird, ist weder an Chromosomen oder an Hormonen noch an Körpern ablesbar. Er wird gemacht. Wir „erschaffen“ und verändern Geschlechter kontinuierlich durch Bedeutungszuschreibungen, sie sind ein sozialer und kommunikativer Tatbestand, eben ein soziales Konstrukt.

Erst einmal frage ich mich hier: Wieso keine einheitliche Gestaltung der Anführungszeichen? Wäre das zu normativ?

Und dann sage ich mir: Okay. Und wieso?

Der Text leidet an einem großen Problem: Die Autoren haben offenbar die Deutschstunde verpasst, in der einem erklärt worden ist, dass man in einem Aufsatz für jede Behauptung auch eine Begründung und am besten noch ein Beispiel zu bringen hat, bevor das Ganze zusammen dann ein Argument ergibt. Kann ja passieren. Manchmal hat man einen Termin beim Kieferorthopäden und der Banknachbar vergisst, einem das Heft zu leihen, damit man den Eintrag nachtragen kann. Aber bevor man Professor an der Uni wird, sollte man solche Defizite dann doch aufgeholt haben.

Ihr seid der Meinung, dass Geschlechter ein soziales Konstrukt sind? Okay, dann beweist mir das. Geht auf Argumente und Gegenargumente ein. (Die einzige Erwähnung eines Gegenarguments findet sich übrigens ein Stück weiter unten: „Es ist demgegenüber bedrückend zu sehen, wie in der allgemeinen Diskussion um Genderfragen ein einzelner Satz wie Gen 1,27 aus seinem literarischen, historischen und kulturellen Kontext gelöst und in biblizistischer Manier zur überzeitlichen Norm gemacht wird.“ Inwiefern ist die gängige Interpretation von Gen 1,27 denn falsch und „biblizistisch“? Und was soll dieser „Kontext“ sein?) Erklärt genauer, welchen Wert ihr der Biologie zugesteht, was für euch sozial konstruierte Geschlechterrollen sind, was für euch an diesen Rollen gut oder schlecht ist, und was genau ihr überhaupt unter „sozial konstruiert“ versteht (die Definition von Begriffen ist auch ein wichtiger Bestandteil von Argumenten). Redet über Mütterrollen und Väterrollen, über Heterosexualität und Homosexualität, über Geschlechtsumwandlungen und Hormonbehandlungen, über Berufe und Hobbies, über was auch immer, aber sagt irgendetwas Konkretes und begründet es. Was soll es z. B. heißen, dass es die Biologie schon noch gibt, das Geschlecht aber nicht an Chromosomen, Hormonen oder Körpern ablesbar ist?

Der Text ist typisch dafür, wie Debatten heutzutage geführt werden. Die Autoren bleiben im Vagen, tragen undefinierte Schlagworte vor sich her, lenken die Leser mit nichtssagenden vielsilbigen Worten wie „Analysekategorie“ und „Solidaritätsagentur“ ab, und greifen teilweise auch Positionen an, die niemand genau in dieser Weise vertritt; mir wäre z. B. niemand bekannt, der das gelegentliche Auftreten von Intersexualität (biologisch uneindeutigen Zwischenformen zwischen männlich und weiblich) leugnet, also „Normalitätsannahme“ Nummer 2 uneingeschränkt zustimmt. Und was mich angeht, ich als brave Katholikin bin z. B. auch nicht der Meinung, dass alle Mädchen in rosa Rüschenröcken herumzulaufen hätten.

(Hl. Jeanne d’Arc, Miniatur aus dem 15. Jahrhundert, Quelle: Wikimedia Commons)

Aber was genau greifen die Herren und Damen Professoren denn hier an? Die Ansicht, dass alle Mädchen in rosa Rüschenröcken herumzulaufen hätten, um ihrer gottgegebenen Weiblichkeit zu entsprechen – oder die Ansicht, dass die allermeisten Menschen eindeutig Mann oder Frau sind, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die sich durch geänderte soziale Konstruktionen nicht einfach wegkonstruieren lassen (anders gesagt: die sich nicht vollkommen aberziehen lassen), dass es Dinge gibt, die nur Männer (z. B. Kinder zeugen), und Dinge, die nur Frauen (z. B. Kinder austragen und gebären) tun können?

Der weitere Artikel gibt darüber keinen eindeutigen Aufschluss. Er geht erst einmal mit einer großzügigen Dosis Eigenlob weiter:

In der Gender-Forschung (»gender studies«) wird diesen und ähnlichen Fragen wissenschaftlich nachgegangen – und dies mit großem Erfolg. Die Gender-Konzeption gehört damit zu den gegenwärtig produktivsten Impulsen wissenschaftlicher Forschung – und dies über die unterschiedlichen Wissenschaftsfächer und ihre Disziplinen hinweg.

Auch in der Theologie, auch in der katholischen Theologie, wurde der Impuls des Gender-Konzeptes aufgenommen und Gender als ein Analyseinstrument in der theologischen Forschung etabliert.

Ich würde mal einfach behaupten, dass in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Forschung etwa die Genforschung (z. B. in Bezug auf genetisch veränderte Lebensmittel oder die Heilung genetisch bedingter Krankheiten), die Krebsforschung, die Forschung zu umweltfreundlicher Energieproduktion oder auch die zu autonomem Fahren produktivere und bedeutendere Impulse zu bieten haben (ob man die nun alle in der Praxis angewendet sehen will oder nicht). Ich würde sogar behaupten, dass die altorientalische Archäologie bedeutendere Impulse zu bieten hat. Aber gut, streiten wir uns mal nicht darüber, wer an den Unis am wichtigsten ist.

Ich will gar nicht behaupten, dass die Gender-Forschung nicht manchmal interessante Fragen stellt. Das tut sie gelegentlich schon. Nur wie genau geht sie ihnen wissenschaftlich nach?

Abschließend geht es um die angeblichen Erfolge der Gender-Forschung in der katholischen Theologie:

Dort, wo in der Moraltheologie die Natur der Geschlechter als ein traditioneller Rechtfertigungsgrund ausgehebelt wird, werden nicht nur vernünftigere Rechtfertigungen angestoßen, sondern auch bislang unsichtbare Fragen von Menschen, die ihre Sexualität leben und um ihre Identität ringen, sichtbar und stereotype Antworten darauf unplausibel gemacht.

[…]

„Gender“ ist nicht nur eine Analysekategorie, sondern auch eine Verunsicherungskategorie. Mit dem Gender-Konzept wird einer der dominanten Rechtfertigungsgründe für die Verteilung von Macht und Ämtern, für die Ordnung von Beziehungen sowie für die Steuerung von Körper- und Sexualitätsschemata, nämlich die Natur der Geschlechter, in Zweifel gezogen. Die Folgen dieses Zweifels sind tiefgreifend: Kein Argument dieser Welt kann die einfach vorgegebene Natur der Geschlechter in ihrer ursprünglichen Fraglosigkeit wieder zurückbringen.

Aha, jetzt kommen wir so ein bisschen zum Punkt.

Das Problem hier ist natürlich: Die Autoren gehen unhinterfragt davon aus, dass ihre Argumente ganz offensichtlich allen einsichtig sind und traditionelle Rechtfertigungsgründe wirklich ausgehebelt haben. Dabei warte ich immer noch auf irgendein echtes Argument. Vielleicht gelingt es ja wirklich, Menschen zu verunsichern, indem man einfach „Geschlecht ist bloß ein soziales Konstrukt!“ in den Raum ruft, ebenso wie man sie neuerdings anscheinend damit verunsichern kann, „Die Erde ist flach!“ zu rufen. Aber die Debatte hat man damit nicht gewonnen. Und wenn alles mit rechten Dingen zugeht, werden die meisten Menschen die Augen verdrehen, mit den Schultern zucken und den Rufer nicht weiter beachten – außer vielleicht, er zieht ihnen bei der Hausarbeit Punkte ab, wenn sie vergessen, „Christ*innen“ und „Studierende“ statt „Christen“ und „Studenten“ zu schreiben.

Zugegeben, dieser Text hier hat eher den Charakter eines Manifests als den einer „Einführung in die Gender-Forschung“. Aber es wird aus diesem Manifest nicht einmal ganz eindeutig, was die genderbegeisterten Theologen nun eigentlich wollen. Sie wollen verunsichern, verunklaren und hinterfragen. Okay. Aber wozu? Was wollen sie erreichen? Um ergebnisoffene wissenschaftliche Forschung scheint es ihnen ja nicht so sehr zu gehen.

Die letzten zitierten Absätze sagen es, wenn auch nicht gerade klar und deutlich: Sie wollen irgendwelche Machtstrukturen verändern, die sie in der Welt, und vor allem der Kirche, wahrnehmen. Sie sehen im Verhältnis der Geschlechter zueinander zwangsläufig Machtstrukturen am Werk, die ausgehebelt werden müssen. Die traditionelle Moraltheologie muss untergraben werden, weil sie auch nur Machtstrukturen rechtfertigt. Diese Theologen sehen sich als die mutigen Revolutionäre, die den Tyrannen von seinem Thron stürzen. Nur tendieren Revolutionäre dann leider oft dazu, ihre eigene Tyrannei zu erschaffen.

(Und natürlich ist die alte Moraltheologie keine Tyrannei.)

Man würde sich wünschen, dass die Leute einfach sagen könnten: „Wir sind davon überzeugt, dass es Geschlechter nicht wirklich gibt, weil […], und wir wollen deshalb erreichen, dass die Personen, die man nach den alten Kategorien dem Geschlecht der ‚Frauen‘ zugeordnet hat, die Priesterweihe empfangen und mit einer lesbischen Partnerin im Pfarrhaus leben dürfen“. Oder so was. Aber anscheinend ist das zu viel verlangt.