Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4a: Das 1. Gebot – was die Tugend des Glaubens praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Anmerkung: Ab diesem Teil beginne ich mit der kleinteiligen Kasuistik. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich generell auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Adolphe Tanquerey (1854-1932) und Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im 3. Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

Eins ist beim 1. Gebot (ebenso wie beim 2. und 3.) zu beachten: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.

 

Erst einmal zur göttlichen Tugend des Glaubens. Sie erfordert manchmal das, was in der Moraltheologie als „Akt des Glaubens“ bezeichnet wird: Damit, einen „Akt des Glaubens zu setzen“ ist einfach gemeint, die Willensentscheidung für den Glauben zu treffen, sich bewusstzumachen, sich zu sagen: Gott, ich glaube an dich, du bist vertrauenswürdig; ich glaube dir das und das, was du offenbart hast.* Das ist immer mal wieder im Leben als Katholik nötig, weil der Glaube die Basis des Lebens und Handelns ist; oft tut man es schon automatisch einschlussweise (z. B. wenn man das Glaubensbekenntnis in der Sonntagsmesse spricht, oder überhaupt, wenn man zu Gott betet). Insbesondere ist es nötig, diese bewusste Zustimmung zu Gottes Offenbarung zu erwecken: Wenn man als Ungetaufter erstmals zum Glauben kommt; wenn man als Getaufter allmählich alt genug wird, bewusste Entscheidungen zu treffen (die Kirche setzt dieses Alter etwa bei sieben Jahren an; der Glaube an sich wird einem schon bei der Taufe vom Hl. Geist „eingegossen“, aber auch wenn man das Glück hat, getauft zu sein, muss man später auch dazu ja sagen); wenn einem eine Glaubenslehre, die man vorher nicht kannte, bewusst wird und man sie annehmen muss; wenn man wieder zum Glauben zurückkommt, nachdem man eine Glaubenslehre geleugnet hat (Sünde der Häresie oder Apostasie, s. u.). Wie gesagt: Das tut man in der Regel schon automatisch.

Zum Glauben gehört es außerdem:

1) Den Glauben zu kennen. Es ist keine Pflicht für jeden Katholiken, ein gebildeter Theologe zu werden; es geht hier darum, grob zu wissen, was das eigentlich ist, woran man glaubt; was der Inhalt von Gottes Offenbarung, die man annimmt, ist. Die zentralsten Glaubensinhalte sind: Die Tatsache, dass es einen Gott gibt, der das Gute belohnt und das Böse bestraft; die Dreifaltigkeit; die Menschwerdung in Jesus. (Ein Erwachsener, der diese Glaubensinhalte nicht kennt, kann z. B. auf keinen Fall getauft werden.) Außerdem gibt es für den Katholiken die schwerwiegende Pflicht, sich einigermaßen zu informieren über (auch wenn es keine schwere Sünde ist, sie nicht perfekt auswendig zu kennen): das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, die Zehn Gebote, die fünf Kirchengebote, die Sakramente (zumindest Taufe, Beichte, Eucharistie, die zu empfangen manchmal vorgeschrieben ist; die anderen, wenn es daran geht, sie zu empfangen). Soweit das absolute Mindestmaß. Außerdem besteht die Pflicht, sich näher über den Glauben zu informieren, wenn man in der Gefahr ist, den Glauben zu verlieren.

2) Den Glauben zu bekennen. Das Bekenntnis des Glaubens ist prinzipiell dann verpflichtend, wenn das Schweigen oder eine ausweichende Antwort als Ableugnen des Glaubens verstanden werden würde; wenn man also z. B. vor einem Gericht gefragt werden würde, ob man katholisch ist, muss man eine klare Antwort geben. Die Verleugnung des Glaubens (durch Worte, Gesten, Handlungen, was auch immer, die einer Leugnung des Glaubens oder auch dem Bekenntnis eines falschen Glaubens gleichkommen würden) ist an sich eine schwere Sünde und niemals erlaubt – wirklich niemals. (Dem verdanken wir unsere ganzen heiligen Märtyrer.) Auch eine indirekte Verleugnung des Glaubens, durch Dinge, die nicht in sich selbst eine Ableugnung des Glaubens bedeuten würden, aber aufgrund der Umstände wie eine solche wahrgenommen werden, ist nie erlaubt.

Außerdem ist das Bekenntnis des Glaubens dann nötig, wenn die Ehre Gottes oder das Heil des Nächsten es dringend erforderlich machen. Ein Beispiel für eine Situation, in der es darum ging, durch das offene Bekenntnis des Glaubens ein „Ärgernis“ (s. dazu Teil 2) für den Nächsten zu vermeiden, bietet eine Geschichte aus dem 2. Buch der Makkabäer, das die religiöse Verfolgung der Israeliten durch die Griechen schildert, die sie zu Opfermahlzeiten mit Schweinefleisch zwingen wollten:

„Unter den angesehensten Schriftgelehrten war Eleasar, ein Mann von schon hohem Alter und sehr edlen Gesichtszügen. Man sperrte ihm den Mund auf und wollte ihn zwingen, Schweinefleisch zu essen. Er aber zog den ehrenvollen Tod einem Leben voll Schande vor, ging freiwillig auf die Folterbank zu und spuckte das Fleisch wieder aus, wie es jemand tun musste, der sich standhaft wehrte zu essen, was man nicht essen darf, auch nicht aus Liebe zum Leben. Die Leute, die mit dem gesetzwidrigen Opfermahl beauftragt waren und den Mann von früher her kannten, nahmen ihn heimlich beiseite und redeten ihm zu, er solle sich doch Fleisch holen lassen, das er essen dürfe, und es selbst zubereiten. Dann solle er tun, als ob er von dem Opferfleisch esse, wie es der König befohlen habe. Wenn er es so mache, entgehe er dem Tod; weil sie alte Freunde seien, würden sie ihn menschlich behandeln. Er aber fasste einen edlen Entschluss, wie es sich gehörte für einen Mann, der so alt und wegen seines Alters angesehen war, in lange bewährter Würde ergraut, der von Jugend an aufs Vorbildlichste gelebt und – was noch wichtiger ist – den heiligen, von Gott gegebenen Gesetzen gehorcht hatte. So erklärte er ohne Umschweife, man solle ihn ruhig zur Unterwelt schicken. Wer so alt ist wie ich, soll sich nicht verstellen. Viele junge Leute könnten sonst glauben, Eleasar sei mit seinen neunzig Jahren noch zu der fremden Lebensart übergegangen. Wenn ich jetzt heuchelte, um eine geringe, kurze Zeit länger zu leben, leitete ich sie irre, brächte meinem Alter aber Schimpf und Schande. Vielleicht könnte ich mich für den Augenblick einer Strafe von Menschen entziehen; doch nie, weder lebendig noch tot, werde ich den Händen des Allherrschers entfliehen. Darum will ich jetzt wie ein Mann sterben und mich so meines Alters würdig zeigen. Der Jugend aber hinterlasse ich ein edles Beispiel, wie man mutig und in edler Haltung für die ehrwürdigen und heiligen Gesetze eines guten Todes stirbt. Nach diesen Worten ging er geradewegs zur Folterbank.“ (2 Makk 6,18-28)

Eleasar ging es also darum, andere nicht dazu zu verleiten die Gebote der Tora zu verletzen, indem er ihnen den Eindruck gab, sich nicht dazu bekannt zu haben. (Übrigens ging es für ihn folgendermaßen weiter: „Da schlug die Freundlichkeit, die ihm seine Begleiter eben noch erwiesen hatten, in Feindschaft um; denn was er gesagt hatte, hielten sie für Wahnsinn. Als er unter Schlägen in den Tod ging, sagte er stöhnend: Der Herr weiß in seiner heiligen Erkenntnis, dass ich dem Tod hätte entrinnen können. Mein Körper leidet Qualen unter den Schlägen, meine Seele aber erträgt sie mit Freuden, weil ich ihn fürchte. Auf solche Weise starb er; durch seinen Tod hinterließ er nicht nur der Jugend, sondern den meisten aus dem Volk ein Beispiel für edle Gesinnung und ein Denkmal der Tugend.“ (2 Makk 6,29-31))

In so einer Situation hätten, wenn sie gemeint hätten, dass selbst ein Eleasar nicht am Glauben festhält, viele sich dazu verleiten lassen können, auch vom Glauben abzufallen; so etwas ist mit einer dringenden Gefahr für das Heil des Nächsten gemeint.

149.The Martyrdom of Eleazar the Scribe.jpg

(Gustave Doré, Das Martyrium des Schriftgelehrten Eleasar. Gemeinfrei.)

Hier in Europa werden die meisten Katholiken nicht in Gefahr sein, für ihren Glauben ermordet zu werden (wobei es auch da Ausnahmen geben kann, z. B. bei ex-muslimischen Konvertiten); Situationen, in denen sich die Frage stellt, ob/wie man zum Glauben stehen sollte, werden eher so aussehen wie: Man sitzt mit anderen zusammen, die nicht besonders kirchenfreundlich sind und mit denen man es sich eigentlich nicht verderben will; sie fangen an, sich darüber zu unterhalten, wie schlimm und mittelalterlich die katholische Kirche sei, da sie „immer noch“ keine Frauen weihe oder homosexuelle Paare traue, und überhaupt wisse man ja nicht mal, ob Jesus jemals gelebt habe. Sagt man etwas dazu oder schweigt man? Ganz so schwarz-weiß ist es hier nicht. Grundsätzlich ist es so, dass es erlaubt sein kann, nichts dazu zu sagen, wenn das Schweigen nicht als Zustimmung gewertet würde und wenn es z. B. kontraproduktiv wäre, etwas zu sagen (z. B. weil man sich selbst mit einer bestimmten Glaubensfrage nicht gut genug auskennt, um die Kirche zu verteidigen, oder  weil man schon oft darüber geredet hat und weiß, dass diese anderen einem nicht zuhören wollen und eher noch abweisender reagieren würden, wenn man etwas sagen würde). In solchen Situationen kann man abwägen, was das Praktischste und Zielführendste ist; wenn aber z. B. einer, der dabei ist, und bisher noch katholisch ist, dabei wäre, sich von einem anderen vom Glauben abbringen zu lassen, müsste man schon etwas sagen. Und natürlich ist es oft das Bessere, auch wenn es nicht streng geboten sein sollte, den Glauben zu verteidigen. Völliges Schweigen wäre in vielen solchen Situationen (schätze ich einmal) eine lässliche Sünde.

Wenn man nach einzelnen Lehren der Kirche gefragt wird, kann aus einem guten Grund Schweigen oder ausweichendes Antworten erlaubt sein, wenn das nicht so verstanden werden würde, als würde man den Glauben verleugnen oder sich des Glaubens schämen; man muss nicht in jeder Situation ganz genau erklären, was eine Lehre bedeutet, wenn das z. B. jemanden dazu bringen würde, die Kirche noch weniger zu mögen. Besser ist allerdings oft Klarheit. Wenn man in solchen Situationen zu halbherzig dabei ist, zum Glauben zu stehen, wären wir vermutlich auch wieder im Bereich der lässlichen Sünde.

Zu verbergen, dass man katholisch ist, solange man nicht direkt danach gefragt wird, oder zu verbergen, was genau man als Katholik glaubt, ist erlaubt, wenn man einen drängenden Grund dafür hat – also z. B. in Zeiten der Verfolgung. In so einem Fall wäre es auch erlaubt, Dinge zu tun, die nicht in sich schlecht sind, wie etwa, an einem Fastentag Fleisch zu essen, um nicht preiszugeben, dass man katholisch ist. Die Teilnahme an andersreligiösen Riten und ähnlichem wäre natürlich nicht erlaubt. Die Flucht aus Ländern, in denen Christen verfolgt werden, ist grundsätzlich auch erlaubt, außer für die Hirten der Kirche, wenn sie dringend von den Gläubigen dort benötigt werden. Wenn man neu konvertiert ist, muss man sich für gewöhnlich irgendwann als Katholik „outen“; wobei es schon erlaubt ist, einen passenden Zeitpunkt abzuwarten, um so eine Nachricht z. B. einer ungläubigen Familie beizubringen (wenn man z. B. fürchten müsste, von der Familie ermordet oder vom Staat ins Gefängnis gesteckt zu werden, gilt natürlich das Gesagte über das Verbergen des Glaubens).

Außerdem schreibt die Kirche manchmal ein ausdrückliches Bekenntnis des Glaubens vor; grundsätzlich natürlich bei Erwachsenentaufe/Konversion/Rekonziliation; ansonsten z. B. bevor jemand von ihr einen Lehrauftrag an einer Theologischen Fakultät erhält.

3) Die Pflicht, den Glauben zu verbreiten betrifft vor allem die kirchliche Hierarchie. Man könnte die Frage stellen, ob es nicht auch für Laien eine Sünde wäre, nie irgendetwas, weder durch Gebet noch Spenden noch aktive Mitarbeit, für die Verbreitung des Glaubens beizutragen; aber vorrangig ist das nur eine Pflicht für die Kirchenhierarchie. (Eltern haben natürlich die Pflicht, ihre Kinder zum Glauben zu führen, und auch Paten haben eine gewisse Pflicht, zur religiösen Erziehung ihrer Patenkinder etwas beizutragen. Aber dazu im Detail in einem späteren Teil.)

Weitere Sünden gegen den Glauben wären:

1) Unglaube: So bezeichnet man das Fehlen des Glaubens bei einem Ungetauften. Der Unglaube ist in dem Maß eine Sünde, wie jemand persönlich dafür verantwortlich ist; schon der hl. Thomas unterscheidet zwischen einer bloßen Abwesenheit des Glaubens, bei denen, die ihn nicht kennen, und einer bewussten Ablehnung bei denen, die ihn kennen würden; nur letztere ist Sünde. Für meine überzeugt katholischen Leser könnte ich es bei dieser kurzen Erklärung belassen, aber unter denen fragen sich vermutlich auch viele: Wie „schuldfähig“ sind eigentlich meine ungläubigen Familienmitglieder/Freunde/Mitschüler/Arbeitskollegen/Nachbarn? Fallen die in die Kategorie der in „unüberwindlicher Unwissenheit“ befindlichen Ungläubigen? Daher noch eine kurze Erklärung, wann es eigentlich eine persönlich zurechenbare Sünde ist, den wahren Gott nicht zu kennen, und wann nicht: Wenn jemand in einer anderen Religion, sagen wir mal, dem Islam, aufwächst, und ihm keine besonderen Zweifel daran kommen, hat er auch an sich nicht die schwere Gewissensverpflichtung, weiter danach zu suchen, was die Wahrheit ist. Jemand, der Zweifel an seinem falschen Glauben hat, aber aus Nachlässigkeit nicht weiter nach der Wahrheit forscht, sündigt schwer oder lässlich, je nachdem, wie stark die Zweifel sind und wie groß die Nachlässigkeit ist. Jemand, der wirklich ausreichend über den katholischen Glauben und über die Gründe dafür Bescheid weiß, hat die schwere Gewissensverpflichtung, ihn anzunehmen; wer entschlossen ist, nicht katholisch zu werden, selbst wenn der Katholizismus wahr sein sollte, z. B. weil er dann irgendetwas aufgeben oder sich mit seiner Familie überwerfen müsste, sündigt schwer. (Wann das allerdings der Fall ist, kann ein Außenstehender natürlich schwer beurteilen; wer nicht katholisch ist, hat sicher oft noch alle möglichen persönlichen Zweifel und Gründe, an seinem alten Glauben zu hängen, die ihm größer vorkommen als jemandem, der schon katholisch ist.) „Unüberwindliche Unwissenheit“ bedeutet jedenfalls nicht, dass jeder, für den es nicht völlig hundertprozentig unmöglich gewesen wäre, irgendetwas vom Glauben zu erfahren, verdammt ist.

2) Apostasie: So nennt man es, wenn ein Getaufter vom christlichen Glauben abfällt, also wenn z. B. ein Katholik Atheist oder Buddhist wird. Die Apostasie ist an sich eine schwerere Sünde als der einfache Unglaube (Der hl. Thomas vergleicht das damit, dass es eine schwerere Sünde ist, ein gegebenes Versprechen zu brechen, als es nie gegeben zu haben), aber auch hier können natürlich wieder mildernde Umstände ins Spiel kommen – wenn jemand z. B. als Kind einmal getauft wurde, dann aber nie gelernt hat, wieso man eigentlich katholisch sein sollte.

3) Häresie: So nennt man es, wenn ein Christ zwar noch Christ bleibt, also an den dreifaltigen Gott und die Menschwerdung glaubt, aber eine oder mehrere andere Glaubenslehren, die von der Kirche unfehlbar definiert sind, leugnet oder hartnäckig in Zweifel zieht. Mit „hartnäckig“ ist hier so etwas wie „unbelehrbar“ gemeint – wenn jemand nicht ganz versteht, ob/wieso die Kirche etwas lehrt und vielleicht auch kurz daran zweifelt, dann aber ihre Erklärungen dazu akzeptiert, ist er kein Häretiker. Der sel. John Henry Newman hat zudem einmal die Unterscheidung zwischen „Schwierigkeiten“ und „Zweifeln“ getroffen: „Zehntausend Schwierigkeiten machen noch keinen Zweifel.“ („Ten thousand difficulties do not make one doubt.“) Ein Vergleich: Auch ein Wissenschaftler kann alle möglichen Fragen haben und Schwierigkeiten sehen, wenn er z. B. den Aufbau eines Atoms untersucht, aber er wird deshalb nie daran zweifeln, ob Naturgesetze existieren, nach denen das alles funktioniert; sonst könnte er kein Wissenschaftler mehr sein. Auch ein Katholik darf Fragen dazu haben, wieso die Kirchenlehre so ist, wie sie ist, und sie herumwälzen und nach verschiedenen Antworten suchen (das macht sogar Sinn; man soll den Glauben mit dem Verstand durchdringen), aber deshalb muss er noch lange nicht daran zweifeln, ob die Kirche mit ihrer Lehre Recht hat.

Wenn jemand dazu gekommen ist, zu glauben, dass Jesus von Nazareth von Gott gesandt war und die Kirche gegründet hat, und ihr die Garantie gegeben hat, dass sie nicht in Irrtum verfallen kann, ist die Pflicht da, auch alles anzunehmen, was sie als Glaubenslehre vorlegt. Es ist falsch, sich aus Gottes Offenbarung nur die Teile herauspicken zu wollen, die einem angenehm sind, und andere zu verwerfen; genau das ist Häresie (von gr. hairein = wählen, auswählen); hierin liegt der Grund, warum Häresie Sünde ist. Die meisten Häretiker, die die Kirche im Lauf ihrer Geschichte als solche verurteilt hat, waren katholische Theologen, die irgendwann begannen, etwas anderes zu lehren, als die Kirche lehrt; ein Beispiel wäre Martin Luther. Wer schon in einer häretischen Religionsgemeinschaft aufwächst (also z. B. als Lutheraner), begeht erst einmal nicht die Sünde der Häresie, weil ihm die Autorität der katholischen Kirche gar nicht bewusst ist (und er es sogar für falsch hält, sich einer Kirche zu unterwerfen, erst recht dieser römischen). Die eigentliche Häresie, die der abweichenden Theologen, selbsternannten Propheten und Sektengründer, ging vermutlich oft vor allem aus dem Hochmut hervor, daraus, sich für das einsame, von Gott begnadete Genie halten zu wollen – oder einfach dem Wunsch, sich die Lehre so zurechtzulegen, dass man irgendetwas tun durfte, das die Kirche bisher untersagt hatte (z. B. bei Huldrych Zwingli: die Geliebte heiraten; bei Heinrich VIII. von England: die Ehefrau loswerden und die Geliebte heiraten). (Einige Sektengründer hatten auch sehr praktische weltliche Vorteile von ihrer neuen Position, etwa die Landesherren zur Zeit der Reformation, die in ihren Gebieten den protestantischen Glauben einführten, sich zu Herren über die Kirche machten und den Besitz der Klöster einzogen.)

Man muss unterscheiden zwischen „formeller“ und „materieller“ Häresie (erst die formelle Häresie ist Sünde; und zwar an sich prinzipiell schwere Sünde). Wenn ein Katholik sich mit der Lehre der Kirche nicht genau auskennt und etwas glaubt, von dem er meint, es stimme mit der katholischen Lehre überein, obwohl es in Wirklichkeit einmal von einem Konzil verurteilt worden ist, ist er materieller Häretiker (ebenso wie z. B. der als Protestant aufgewachsene Protestant), aber nicht formeller; formeller Häretiker wird er erst, wenn er weiß, dass die Kirche das verurteilt hat (und zwar wirklich definitiv verurteilt hat; nicht alle Verlautbarungen des Lehramts haben die Form eines Dogmas; und manche betreffen auch nur die kirchliche Disziplin statt die Lehre), und immer noch daran festhalten will, weil er sich damit bewusst außerhalb der Kirche stellt.

Wenn jemand eine Lehre leugnet, die von der Kirche schon ziemlich klar verurteilt wurde, aber noch nicht mit völliger dogmatischer Sicherheit, ist er kein Häretiker, sündigt aber gegen den praktischen Gehorsam, den man der Kirche schuldet. Manchmal hat die Kirche im Lauf ihrer Geschichte Lehren auch nicht definitiv verurteilt, sondern zu Theologen eher gesagt, sie sollten vorläufig aufhören, das und das in dieser und jener Form zu verkünden, weil es in einer konkreten Situation falsch verstanden werden könnte; hier geht es ebenfalls einfach um Gehorsam.

Es kann eine mehr oder weniger schwere Sünde sein, wenn jemand aus schuldbarer Nachlässigkeit über eine wichtige Lehre der Kirche nicht Bescheid weiß, aber es ist nicht die Sünde der Häresie.

4) Auch die Gefährdung des eigenen Glaubens ist eine Sünde (die lässlich oder schwer sein kann, je nachdem, wie akut es wird). Wenn sich jemand z. B. oft mit evangelikalen Freunden in einer Freikirche trifft, und merkt, dass er durch sie so langsam vom katholischen Glauben abkommt, weil sie sich besser mit ihrer Theologie auskennen als er sich mit der katholischen und er ihrem Einfluss wenig entgegensetzen kann, muss er etwas dagegen tun: entweder, weniger Kontakt zu diesen Freunden haben, oder, sich gründlicher über den eigenen Glauben informieren, sich mehr damit beschäftigen, und auch mehr Kontakt zu Katholiken haben; oder das alles zusammen. Man wird nun einmal von Menschen und Ansichten beeinflusst, mit denen man oft zu tun hat; das passiert automatisch, auch ohne dass man es bewusst will. „Aus den Augen, aus dem Sinn“; was man sich nicht immer wieder vor Augen führt, kommt einem irgendwann weniger real vor. Daher sollte man auch hier aufpassen, welchen Einflüssen man sich aussetzt. Natürlich kann man Kontakte zu Nichtkatholiken nicht immer einfach sein lassen (das geht allein praktisch heutzutage nicht und wäre oft auch nicht sinnvoll); das Wichtigere ist, die Kontakte zu Katholiken und das Kennenlernen des katholischen Glaubens nicht zu vernachlässigen. Man sollte auch vorsichtig mit nichtkatholischen Büchern usw. sein; es ist nichts dagegen einzuwenden, ab und zu auch Bücher von z. B. guten orthodoxen oder protestantischen Theologen zu lesen, aber das sollte eher eine Ergänzung der eigenen Lektüre sein und man sollte genug über den eigenen Glauben Bescheid wissen, um zu merken, wo sich bei ihnen Denkfehler, Missverständnisse und Irrlehren finden. Wenn jemand merken würde, dass er sich allmählich ganz vom Glauben wegziehen lässt und dem gar nichts entgegensetzt, wäre das jedenfalls eine schwere Sünde.

5) Auch eine Art „Exzess“ im Glauben wäre möglich, nämlich eine übertriebene Leichtgläubigkeit gegenüber Dingen, die nicht zur Offenbarung gehören und nicht auf eine Stufe mit ihr gestellt werden dürfen, wie Privatoffenbarungen, eigenen „Eingebungen“, die man für vom Hl. Geist inspiriert hält usw. Aber das wird wohl nicht so schlimm, solange man sich noch dem Urteil der Kirche unterwirft, also es akzeptiert, wenn die Kirche eine Privatoffenbarung für nicht authentisch erklärt, oder nicht an einer mutmaßlichen Eingebung festhält, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen würde.

 

Zusammenfassung: Man muss an Gott glauben; den Glauben kennen und bekennen; und ihn unverfälscht bewahren.

Beim nächsten Mal genauer zur Hoffnung und den Sünden gegen sie.

 

* Dabei kann auch ein Gebet wie dieses helfen: „Herr und Gott, ich glaube fest und bekenne alles und jedes, was die heilige katholische Kirche zu glauben lehrt. Denn du, o Gott, hast das alles geoffenbart, der du die ewige Wahrheit und Weisheit bist, die weder täuschen noch getäuscht werden kann. In diesem Glauben will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)

Werbeanzeigen

Ratschläge für Neulinge in der katholischen Kirche (und solche, die es werden wollen)

Ich möchte mich heute mal an alle wenden, die mit dem Gedanken spielen, sich katholisch taufen zu lassen, oder in die katholische Kirche überzutreten, oder diesen Schritt gerade eben hinter sich haben, oder die anfangen, den katholischen Glauben, zu dem sie offiziell schon gehören, erstmals näher anzuschauen (so wie ich vor sieben Jahren). Es gibt nämlich ein paar Sachen, auf die es ganz gut ist, zu achten, wenn man sich an diesen Schritt wagt. Hier also ein paar Tipps, die vielleicht hilfreich sind:

1) Konzentriert euch, bevor ihr eine Entscheidung für oder gegen den Katholizismus trefft, auf die zentralen Fragen. Diese lauten: Ist der historische Jesus von Nazareth wirklich der Sohn Gottes, des allmächtigen, allgütigen und allwissenden Schöpfers und Erhalters der Welt, der vom Himmel herabgekommen ist, nicht nur, um uns eine Offenbarung zu bringen, sondern auch, um uns zu erlösen und einen Bund mit uns einzugehen? Ist die katholische Kirche wirklich die von Ihm begründete Kirche, deren Haupt Er noch immer ist und die den Beistand des Heiligen Geistes hat und daher nicht in Irrtum verfallen kann? Sobald man diese beiden Fragen eindeutig mit Ja beantworten kann, ist die Sache klar: Man wird katholisch. Man hat eine Pflicht, die Wahrheit zu suchen und zu der Kirche Gottes zu gehören und sich an ihre Gebote zu halten, wenn Gott eine solche Kirche gestiftet hat.

2) Geht aber auch untergeordneten Fragen und Zweifeln nach. Wenn ihr etwas in der Lehre der Kirche nicht versteht, sucht nach Antworten! Die gibt es nämlich. Seid nicht entmutigt, wenn ihr nicht gleich welche findet; etliche Christen sind schlecht über ihren Glauben informiert, und auch Pfarrer wissen nicht alles und erzählen manchmal den reinsten Blödsinn. Unten an diesem Post füge ich noch eine Liste mit hilfreichen Quellen und Links für diese Suche an. Man kann zwar auch katholisch sein, wenn man einfach von dem Prinzip überzeugt ist, dass etwas, das die Kirche (als unfehlbares Dogma) lehrt, verlässlich sein muss, und sich dann darauf verlässt, ohne die Gründe für dieses spezielle Dogma zu kennen; prinzipiell genügt das; aber langfristig ist es doch besser, auch die Gründe zu kennen. Fragen zu haben ist absolut in Ordnung; Gott ist logos, die Vernunft in Person; die Lehre Seiner Kirche muss also Sinn machen. Es ist manchmal nötig, auch seine eigenen unbewussten Vorannahmen im Lauf dieser Suche nach der Wahrheit zu hinterfragen (weil sie vielleicht von unlogischen Vorurteilen des 21. Jahrhunderts geprägt sind), aber grundsätzlich ist es wichtig, sich seine Schwierigkeiten einzugestehen und Antworten zu suchen, die man akzeptieren kann.

3) Besorgt euch Ludwig Otts „Grundriss der Dogmatik“, um zu lernen, die Gewissheitsgrade bei den verschiedenen Lehren der Kirche zu unterscheiden. Ist etwas „De fide“, also eine mit voller Unfehlbarkeit ausgestattete offizielle Lehre? Oder vielleicht nur „sentitia communis“, eine von der Mehrheit der Theologen der Kirchengeschichte vertretene Ansicht, der man als Katholik aber auch widersprechen darf? (Oh, und wenn ihr die Lehren in Otts Dogmatik kennenlernen wollt, dann lest auch das Kleingedruckte – sonst kann es u. U. missverständlich werden.)

4) Erwartet nicht zu viel von Klerikern und anderen Katholiken. Ich habe in den letzten paar Jahre zwar einige unglaublich nette, fromme, geniale oder witzige Katholiken kennengelernt – aber es gibt auch in der Kirche immer wieder die Idioten, die Zicken, die Unzuverlässigen, die Selbstsüchtigen, die Halbherzigen, die Arroganten, die Ahnungslosen… Dass jemand durch diese oder jene Fügung des Schicksals von der richtigen Weltanschauung überzeugt ist, sagt noch nicht viel über ihn aus. Und dass er sich entschieden hat, Priester zu werden, und später vielleicht auf einen Bischofsstuhl gekommen ist, auch nicht. Ach ja, und stellt euch schon mal auf innerkatholische Grabenkämpfe ein.

5) Idealisiert nicht irgendein Vorbild zu sehr. Klar kennt man oft mal einen begeisternden Bischof, einen genialen Theologen, eine hilfsbereite Nonne voller toller Einsichten, die einen zum Glauben gebracht haben – aber verlasst euch nicht zu sehr auf solche Vorbilder im Glauben. Sie sind auch nur Menschen; wahrscheinlich werden sie irgendwann Fehler machen und einen enttäuschen. In einzelnen Fällen kann es sogar sein, dass man sich sehr gewaltig in einem Menschen täuscht. So ging es den Mitgliedern der Legionäre Christi und von Regnum Christi, als sie erkennen mussten, dass ihr Gründer ein Kinderschänder war, der seine Taten hinter seiner heiligen Fassade versteckt hatte. Aber ob es jetzt nur um gewöhnliche Fehler oder um schlimme Verbrechen geht: Wir sind nicht wegen irgendeines Menschen katholisch, sondern wegen Gott.

6) Glaubt nicht, man dürfte als braver Katholik nichts mehr in der Kirche kritisieren – im Gegenteil, gerade weil wir zur Kirche gehören und die Kirche lieben, dürfen wir da, wo die Leute in ihr nicht Gott folgen, Kritik üben.

7) Lasst euch nicht diesen Unsinn einreden, nach dem Glaube und Vernunft (oder Glaube und Wissenschaft) zueinander im Widerspruch stünden. Es gibt zwar sogar Christen, die meinen, „Glaube“ hieße, etwas nicht genau wissen zu können oder etwas Widervernünftiges zu akzeptieren; aber das ist falsch. Die Kirche hat dieses Glaubensverständnis immer klar zurückgewiesen, siehe z. B. hier oder hier.

8) Erwartet niemals, dass Gott, wenn ihr brave Christen seid und zu Ihm betet, alle eure Probleme lösen, alle eure Bitten erhören, alles Leid von euch fernhalten wird. Gott ist kein Automat, und so funktioniert das nicht. Erwartet auch nicht, dass es immer einfach sein wird, Seine Stimme zu hören oder Seine Gegenwart zu spüren. Wird es nicht.

9) Passt darauf auf, dass ihr euch nicht eigene Gottesbilder konstruiert und die für Gott haltet. Man kann sich alle möglichen falschen Gottesbilder machen – Gott als unerbittlicher Richter, vor dem man keine Chance hat, zu bestehen; Gott als desinteressiert und fern; Gott als willkürlicher Herrscher; Gott als gleichmütiger Typ, dem es egal ist, ob wir gut sind oder nicht… Wenn man dann irgendwann Gott ablehnt, muss man sich fragen: Lehne ich Gott ab oder nur mein eigenes Gottesbild? Gott ist der „Ich bin“. Er ist, der Er in sich ist, nicht der, als den wir Ihn uns vorstellen.

10) Wenn sich andere Katholiken auf Privatoffenbarungen berufen, um euch zu irgendwelchen speziellen Andachten oder Sühnegebeten oder Weltuntergangspanik zu überreden: Nichts davon müsst ihr glauben, selbst dann nicht, wenn die Privatoffenbarung kirchlich erlaubt (anerkannt) sein sollte, und oft sind diese Offenbarungen nicht mal das.

11) Geht zur Sonntagsmesse, wenn ihr nicht gerade krank seid oder arbeiten müsst oder so. Auch wenn ihr noch nicht katholisch seid und es somit nicht tun müsst, und auch noch nicht die Kommunion empfangen könnt: Es ist unglaublich hilfreich, in Jesu Gegenwart zu sein. Und sucht am besten auch sonst den Kontakt zur Ortspfarrei – vielleicht findet da ja mal ein Alphakurs/Jugendalphakurs statt, oder es gibt einen Gebets- oder Bibelkreis, dem man sich anschließen kann, oder es wird eine Wallfahrt ins Heilige Land oder zum nächsten Marienwallfahrtsort veranstaltet, bei der man mitkommen möchte, oder man kann bei einem sozialen Projekt helfen – oder was auch immer. Auf jeden Fall ist es gut, andere Katholiken kennenzulernen und in der Kirche dabei zu sein. (Auch wenn in der Pfarrei nicht alles ideal laufen sollte.)

12) Haltet euch, wenn ihr der Kirche näherkommt, schon mal an die allgemeinen Gebote Gottes – auch in Bezug auf solche unbeliebten Dinge wie „keine Lügen“ oder „kein Sex außerhalb der Ehe“. Das hat noch keinem geschadet. (Ich finde ja, dass es, selbst wenn man sich noch überhaupt nicht sicher sein sollte, wie sich das mit Gott verhält, mehr Sinn macht, so zu leben, als ob es Gott gäbe und das Leben einen Sinn und eine Ordnung hätte, anstatt so, als ob ihn nicht gäbe.)

13) Lest in der Bibel, um Gott kennenzulernen. (Und wenn da was unklar ist, hab ich hier ein paar Artikel über die „schwierigen“ Bibelstellen, die vielleicht ein paar Fragen klären könnten.)

14) Ohne regelmäßiges Gebet (am besten morgens, abends & vor dem Essen) geht gar nichts.

 

Hilfreiche Quellen:

Links (deutsch) :

Links (englisch) :

  • Die „Catholic Encyclopedia“ ist ein absolut großartiges Lexikon aus dem frühen 20. Jahrhundert.
  • „The Papal Encyclicals Online“ hat Lehrschreiben aus mehreren Jahrhunderten Kirchengeschichte, die man sonst oft schwer findet.
  • „The belief of Catholics“ ist ein Buch des ziemlich genialen englischen Konvertiten, Priesters, Schriftstellers und Bibelübersetzers Ronald Knox aus dem Jahr 1927, das es leider nicht in deutscher Übersetzung, dafür aber gratis online gibt.
  • „Word on Fire“ ist ein Medienapostolat des US-amerikanischen Bischofs Robert Barron – da findet man etliche Artikel oder Videos zum Glauben. Etwas Ähnliches bietet Ascension Press – Videos, Artikel, Podcasts. „Catholic Answers“ ist eine von professionellen Laien betriebene Seite – umfangreich, hilfreich, beantwortet unzählige praktische Fragen zum katholischen Leben.
  • Dieser Blog eines ehemaligen Seminaristen bietet besonders gute Informationen über die Geschichte der Kirche, die Unterschiede zwischen Katholizismus & Protestantismus, aber auch etliche andere Themen, etwa, warum der Atheismus falsch liegt.
  • Über in den Kreisen der „New Atheists“ geläufige Geschichtsmythen über das Christentum informiert dieser (von einem Atheisten betriebene) Blog. Sehr spannend.

Bücher (deutsch) :

  • „Youcat. Jugendkatechismus der katholischen Kirche“ / „Youcat for kids“ (plus: „Youcat. Update! Beichten!“, „Youcat. Jugendgebetbuch“, „Docat. Was tun?“, „Youcat. Firmbuch“)
  • Den „Katechismus der katholischen Kirche“ sowie das „Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche“ gibt es natürlich auch in Buchform. (Der „Katholische Erwachsenenkatechismus“, den nicht Rom, sondern die deutsche Bischofskonferenz herausgegeben hat, ist allerdings absolut nicht zu empfehlen.)
  • Alles von Joseph Ratzinger, besonders aber „Jesus von Nazareth“ (3 Bände) und „Einführung in das Christentum“
  • Josef Bordat: „Von Ablasshandel bis Zölibat. Das ‚Sündenregister‘ der katholischen Kirche“
  • Michael Hesemann: „Die Dunkelmänner. Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte“
  • Ludwig Ott: „Grundriss der Dogmatik“
  • Heinrich Denzinger und Peter Hünermann (Herausgeber) : „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ (Anders als auf der Webseite des Vatikans, die nur die neueren Dokumente (so ab dem späten 19. Jh.) hat, findet man in diesem Buch Lehrschreiben aus 2000 Jahren Kirchengeschichte. Wenn man durch die Lehrdokumente blättert, muss man aber drauf aufpassen, eine Liste verurteilter Ketzereien nicht aus Versehen für eine Liste kirchlicher Dogmen zu hälten, und vice versa…)
  • Alles von Gilbert Keith Chesterton, besonders „Orthodoxie“
  • Alles von C. S. Lewis, besonders „Pardon, ich bin Christ“ – unter dem Vorbehalt, dass sich bei dem Anglikaner Lewis einige protestantische Fehler einschleichen.
  • Ich fühle mich zwar nicht ganz wohl dabei, Bücher zu empfehlen, die ich selbst noch nicht gelesen habe, aber Frank Sheeds „Theologie für Anfänger“ und Josef Bordats „Credo. Wissen, was man glaubt“, sollen sehr gut sein.

Bücher (englisch) :

  • Fulton Sheen: „Life of Christ“ (Es gäbe eine ältere deutsche Übersetzung des Buches, aber die ist sehr frei und damit furchtbar – der Übersetzer formuliert Sätze oft beliebig um.)
  • Trent Horn: „Hard sayings. A Catholic approach to answering Bible difficulties“
  • Peter Kreeft: „You can understand the Bible“

Glauben, meinen, wissen und nicht-interessiert-sein

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich auf Facebook ein Meme irgendeiner atheistischen Gruppe gesehen; ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut des Spruchs darauf, aber die Aussage jedenfalls war irgendetwas in der Art, dass es eine Ansicht kein bisschen wahrer oder wahrscheinlicher mache, dass man dran „glaube“. Dazu dachte ich mir hinterher: „Hm, ist ja schön, wenn ihr ein fideistisches Glaubensverständnis attackiert, aber könntet ihr bitte so nett sein, dabei zu erwähnen, dass das nicht das Glaubensverständnis aller gottesgläubigen Menschen ist, da z. B. die katholische Kirche ein solches Glaubensverständnis ausdrücklich ablehnt?“

Jeder informierte Katholik sollte der Aussage dieses Memes ohne Probleme zustimmen können.

Man könnte nun sagen, ehe man Memes auf Facebook verbreitet, sollte man sich erst einmal informieren. Aber das Missverständnis, dem diese Atheisten-Gruppe aufgesessen ist, ist ja weit verbreitet, und zugegebenermaßen ist das nicht nur die Schuld von Atheisten, die sich nicht ordentlich über das informieren, was sie angreifen, sondern auch die von Christen, die ihren eigenen Glauben oft nicht mehr wirklich kennen und vermitteln können, und selten klarmachen, was der Unterschied zwischen „glauben“ und „meinen“ ist, und dass „glauben“ im christlichen Sinne eben nicht ein „nicht-wissen“ bedeutet.

Ich bin hier schon einmal darauf eingegangen https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/wie-man-zum-glauben-kommt/, wiederhole es aber gerne noch einmal:

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

Diese Thesen musste der des Fideismus verdächtigte Theologe Louis-Eugène-Marie Bautain im Jahr 1840 auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben, damit sein Werk nicht kirchlich verurteilt wurde.

Louis Eugène Marie Bautain

(Louis-Eugène-Marie Bautain, Wikimedia Commons)

Die Kirche beschäftigte sich zu dieser Zeit dann auch noch weiter mit solchen in manchen traditionalistischen Kreisen verbreiteten fideistischen Thesen. 1844 musste Bautain wieder eine Erklärung unterschreiben, und 1855 erließ die Indexkongregation ein Dekret gegen die Ansichten eines anderen Theologen namens Augustin Bonnetty. Dessen Text lautet:

  1. Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit, eine Gegensätzlichkeit zwischen ihnen angetroffen werden; denn beide stammen von ein und derselben unveränderlichen Quelle der Wahrheit, dem unendlich guten und großen Gott, und leisten sich so wechselseitig Hilfe.
  2. Schlussfolgerndes Denken kann die Existenz Gottes, die Geistigkeit der Seele und die Freiheit des Menschen mit Gewissheit beweisen. Der Glaube ist später als die Offenbarung und kann daher nicht in angemessener Weise zum Beweis der Existenz Gottes gegenüber dem Atheisten oder zum Beweis der Geistigkeit der vernunftbegabten Seele und der Freiheit gegenüber dem Anhänger des Naturalismus und Fatalismus angeführt werden.
  3. Der Gebrauch der Vernunft geht dem Glauben voran und führt den Menschen mit Hilfe der Offenbarung und der Gnade zu ihm hin.
  4. Die Methode, derer sich der heilige Thomas, der heilige Bonaventura und andere Scholastiker nach ihnen bedienten, führt nicht zum Rationalismus und war nicht der Grund dafür, dass bei den heutigen Schulen die Philosophie zum Naturalismus und Pantheismus neigt. Daher darf man jenen Lehrern und Magistern nicht zum Vorwurf machen, dass sie diese Methode – zumal mit Zustimmung oder wenigstens stillschweigender [Duldung] der Kirche – benutzten.

Das ist das Glaubensverständnis der katholischen Kirche. Alles klar? An Gott zu glauben, obwohl man nicht genau weiß, ob es ihn überhaupt gibt, oder gar wider die Vernunft an Gott zu glauben – das wäre Fideismus, ein von der Kirche verurteiltes Glaubensverständnis.

„Glaube“ (fides) meint „Vertrauen“, „Treuebindung“ – nicht „meinen“. Ehe man an den dreifaltigen Gott „glauben“ (d. h. auf ihn vertrauen, sich an ihn binden) kann, muss man durch Vernunftgründe davon überzeugt sein, dass Er überhaupt existiert und sich in Jesus Christus offenbart hat. Intellektuelle Überzeugung von der Wahrheit des Christentums geht dem „Glauben“ voraus.

Sicher ist das in der Praxis nicht immer der Fall – wenn man z. B. katholisch aufgezogen wird, wird man erst einmal seinen Eltern einfach abnehmen, dass es den lieben Gott gibt und idealerweise durch Gebet, Empfang der Sakramente etc. eine Beziehung zu Ihm aufbauen, und später dann erst Argumente für diese Überzeugung kennenlernen; aber das ist ja bei allem, was man als Kind lernt, der Fall; erst einmal wird man seinen Eltern auch ohne Beweise abnehmen, dass die Erde rund ist, man von zu viel Süßigkeiten Bauchweh kriegt, man die Katze nicht am Schwanz ziehen sollte und es in Afrika Löwen und Giraffen gibt. Aber das alles sind Überzeugungen, für die es durchaus logische Begründungen und Beweise gibt, und an die man nicht glauben sollte, wenn sie den Tatsachen oder der Vernunft widersprächen, und an die man auch als Kind aus einem recht vernünftigen Grund heraus glaubt (aus der Erfahrung, dass das, was die Eltern sagen, vertrauenswürdig ist). Dasselbe gilt für die Überzeugung von der Existenz Gottes.

Dass die Bedeutung des Wortes „glauben“ oft nicht recht vermittelt bzw. verstanden wird, ist mir z. B. auch bei dem Projekt „Valerie und der Priester“ (https://valerieundderpriester.de/) schon öfter aufgefallen, das ich in den letzten Monaten regelmäßig verfolgt habe. Dabei begleitet eine eher kirchenferne junge Journalistin ein Jahr lang einen Priester und berichtet dann auf einem Blog und über die sozialen Medien darüber. Sehr oft, wenn auch nicht immer, bewegt sich das, was Valerie hier über den Glauben von Kaplan Franziskus von Boeselager und auch den anderer Menschen, die sie in der katholischen Welt so trifft, schreibt (oder auch, was diese selbst direkt von sich sagen), eher auf der Ebene von „Beten hilft mir, die christliche Nächstenliebe ist mir wichtig, die Kirche ist Heimat für mich, der Glaube gibt mir Halt“ – was ja alles wahr ist, aber auch etwas Wichtiges, Grundsätzliches ausklammert.

Der Glaube ist nicht nur eine Lebenshilfe. Bevor er das sein kann, muss er erst einmal wahr sein. (Wobei natürlich auch Erfahrungsargumente („Ich habe im Gebet Gottes Nähe erfahren“) als Gründe für den Glauben nicht völlig ausgeklammert werden sollten, das sage ich gar nicht. Aber es braucht auch die äußeren, intellektuellen Argumente. Erfahrung allein reicht nicht.) Ich habe manchmal das Gefühl, Valerie betrachtet das Ganze eher so mit einem distanzierten „Aha, interessant, dass es Leute gibt, denen diese Idee von Gott so viel bedeutet und hilft“; aber hat sie sich dabei schon einmal die Frage gestellt: „Könnte es denn sein, dass es wahr ist, woran diese Leute glauben?“?

Ich weiß es nicht. Sie wird auch wahrscheinlich bei diesem Projekt nicht sämtliche ihrer innersten Gedanken ausschütten (täte ich auch nicht); aber manchmal habe ich den Eindruck, sie sieht den Katholizismus als etwas so Exotisches und ihre eigene Weltanschauung (die ich unter die Kategorie „individualistischer Säkularismus“ einordnen würde, und die man noch konkreter als links-feministisch beschreiben könnte – wobei letzteres ja eigentlich nur die politische Seite bezeichnet, und man auch als Katholik gewisse linke oder feministische Positionen teilen kann, wenn man will – dazu vielleicht ein andermal) als so selbstverständlich, dass ihr der Gedanke gar nicht kommt, dass der Katholizismus etwas sein könnte, das wahr sein und eine Bedeutung auch für sie haben könnte, anstatt etwas, das man von außen studiert, wie ein überzeugter Christ einen antiken babylonischen Kult studieren würde. Dabei habe ich aber eben gerade nicht den Eindruck, dass sie schon längst aus bestimmten, durchdachten Gründen von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt ist (dann wäre eine solche Distanz zu der Welt, über die sie berichtet, völlig logisch), sondern eher den, dass Gott für sie etwas ist, das einfach keine Rolle spielt.

Das ist allgemein, habe ich so das Gefühl, viel häufiger der Grund, wieso Menschen nicht an Gott glauben, als überzeugter Atheismus. Sie sind an dem Thema nicht interessiert.

Und Desinteresse an der Wahrheit ist, finde ich, nun wirklich ein Gegensatz sowohl zum Wissen als auch zum Glauben als auch zum bloßen Meinen. Das ist eine Kategorie, mit der man sich ganz außerhalb der Frage nach der Wahrheit stellt.

 

(Beide oben zitierten Texte finden sich im „Denzinger“, dem von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann herausgegebenen „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009.)

„Schweigen“, die makkabäischen Märtyrer und die Perfidie des Vaters der Lüge

In Kürze wird ein neuer Film von Martin Scorsese herauskommen: „Silence“. In Deutschland wird er wohl im März 2017 in den Kinos anlaufen; hier der englische Trailer:

Der Film ist nach dem Buch „Schweigen“ von Shusaku Endo, einem japanischen Katholiken, von 1966 gedreht; es ist unter Katholiken recht bekannt und auch der Film wird in der katholischen „Subkultur“ schon mit einer gewissen Spannung erwartet: https://thecathwalk.net/2016/11/26/neuer-film-von-martin-scorsese-ueber-jesuiten/#more-8821 , http://taylormarshall.com/2016/11/silence-japanese-catholic-martyrs-film-scorsese.html. Ich habe das Buch vor einiger Zeit gelesen, und lege meine Karten gleich auf den Tisch: Ich bin kein Fan. Es ist unglaublich gut geschrieben, aber es gibt etwas daran, das ich nicht mag. Gar nicht mag.

Den historischen Hintergrund des Romans bildet die Christenverfolgung in Japan im 17. Jahrhundert. Erst einmal also ein bisschen was dazu: Im 16. Jahrhundert kamen die ersten Jesuiten nach Japan und begannen dort zu missionieren (der allererste war der legendäre Heilige Franz Xaver, einer der ersten Gefährten des hl. Ignatius von Loyola; später baute vor allem der Italiener Allesandro Valignano die japanische Kirche auf), zuerst mit großem Erfolg, und auch mit Duldung oder sogar Unterstützung der lokalen japanischen Feudalherren. Mehrere hunderttausend Japaner ließen sich im Lauf der Jahre taufen und es wurden von Valignano sogar Priesterseminare eingerichtet, um einen einheimischen Klerus heranzubilden. In dieser Zeit hatten die Herrscher Japans auch Interesse am Seidenhandel mit Spanien, Portugal und anderen europäischen Mächten, und zeigten sich auch aus diesem Grund den Missionaren freundlich gesonnen.

Ab 1587 allerdings, verstärkt ab 1597, und so richtig dann ab 1614, begannen die Verfolgungen. Christen wurden gefoltert und getötet; die Missionare wurden ausgewiesen oder erlitten dasselbe Schicksal, wenn sie im Land blieben und entdeckt wurden. Die Gründe dafür? Die japanischen Herrscher hatten beschlossen, ihr Reich stärker abzuschotten und sahen die Jesuiten als Vertreter fremder Mächte, als gefährlichen ausländischen Einfluss. Japan sollte japanisch bleiben. Und das Intrigieren von protestantischen englischen und holländischen Händlern gegen die katholischen Portugiesen, Spanier und Italiener machte es nicht besser.

Damals gab es etwa 300.000 Katholiken in Japan bei 20 Millionen Einwohnern; gegen sie wurde nun erbarmungslos vorgegangen. 1638 kam auch noch die Shimabara-Rebellion hinzu; ein Aufstand katholischer japanischer Bauern gegen ihre Herren. Sie wurde niedergeschlagen, und die Situation für die japanische Kirche wurde noch schlimmer. Die japanischen Behörden versuchten vor allem, die Christen und die noch heimlich im Land verbliebenen Missionare zum Abfall von ihrem Glauben zu bringen; von ihnen wurde verlangt, auf ein Kruzifix oder ein Bildnis Jesu zu treten; und um das zu erreichen, wurden sie der grausamsten Folter unterzogen; eine Art davon war die Grubenfolter: Die Opfer wurden stunden- oder tagelang kopfüber über eine Jauchegrube gehängt.

Das wurde 1632 auch mit Christovao Ferreira, dem portugiesischen Leiter der Mission, getan – und er gab schließlich auf und verleugnete den Glauben. Aber das eigentlich Erschreckende an seiner Geschichte ist: Er verbrachte danach noch ein langes Leben in Japan und kollaborierte mit seinen Peinigern bei der Verfolgung der Christen. Damit beginnt Endos Buch:

„Eine Nachricht erreichte die Kirche zu Rom. Pater Christovao Ferreira, den die portugiesische Gesellschaft Jesu nach Japan gesandt hatte, war in Nagasaki der Grubenfolter unterzogen worden und hatte dem Glauben abgeschworen. Ein altgedienter Missionar, der dreiunddreißig Jahre in Japan verbracht und dort als Provinzial die Priester und Gläubigen geleitet hatte.

Die Briefe des Paters, der theologisch sehr gebildet war und der auch während der Verfolgung die Mission fortgesetzt hatte, indem er sich im Gebiet um Kyoto verborgen hielt, waren voll unbeugsamen Mutes gewesen. Dass dieser Mensch in irgendeiner Situation Verrat üben könnte, schien unglaubhaft zu sein. Daher gab es in der Kirche und auch in der Gesellschaft Jesu viele, die diese Nachricht für eine Falschmeldung hielten, erfunden von Holländern oder den Japanern.“

Die Hauptfigur des Romans ist allerdings nicht Ferreira, sondern Sebastian Rodrigo, ein junger portugiesischer Jesuit, dessen Lehrer im Seminar Ferreira einmal gewesen war. Rodrigo will zusammen mit zwei anderen jungen Patres nach Japan gehen – um herauszufinden, was mit Ferreira tatsächlich geschehen ist, und um die japanischen Gläubigen zu stärken. Sie fahren zuerst nach Goa und Makao, wo sie auch Valignano treffen und vom Shimabara-Aufstand erfahren und davon, dass es wahnsinnig schwierig ist, überhaupt nach Japan zu gelangen. Valignano rät ihnen davon ab, es überhaupt zu versuchen. Die drei bleiben aber entschlossen; einer von ihnen wird zwar schwer krank und muss in Makao zurückbleiben, aber Rodrigo und sein Gefährte Francisco Garpe finden schließlich einen Weg, heimlich nach Japan überzusetzen.

Die nächsten paar Kapitel bestehen aus langen Briefen Rodrigos; es wird im Buch nicht klar, ob sie jemals irgendjemanden erreichten, oder ob er sie einfach so schreibt; danach geht es im normalen Erzählfluss weiter. Rodrigo und Garpe gelangen nach Japan und finden Dörfer, in denen die Bauern so gut wie alle heimlich katholisch sind. Sie verstecken sich in einer Hütte im Wald, spenden den Japanern die Sakramente. Und dann beginnt alles schief zu gehen.

Die Behörden werden misstrauisch, drei der Bauern werden vorgeladen, unter dem Verdacht, Christen zu sein – und zwei von ihnen, Mokichi und Ichizo, weigern sich, ein Bild der heiligen Jungfrau anzuspucken, und werden auf brutale Weise hingerichtet, durch die Wasserkreuzigung – man sieht im Trailer, wie sie funktioniert. Rodrigo und Garpe, die noch nicht entdeckt wurden, trennen sich schließlich und verlassen dieses Dorf, Rodrigo will Christen in einem anderen Dorf aufsuchen. Hier muss ich nun noch eine Figur erwähnen: Kichijiro, ein japanischer Christ, der den Patres am Anfang hilft, nach Japan zu gelangen, der aber während einer Verfolgung einige Zeit vorher bereits einmal dem Glauben abgeschworen hatte; und der auch nun wieder, als er mit Mokichi und Ichizo vorgeladen wird, aus Furcht vor Folter und Tod Gott verleugnet und schließlich mit den Behörden kollaboriert und ihnen auch Rodrigo ausliefert.

Rodrigo wird also gefangen genommen und in ein Gefängnis in Nagasaki gebracht, zusammen mit einigen japanischen Christen. Er wird längere Zeit gefangen gehalten, auch mal verhört, aber ohne dass man ihn foltern würde. Schließlich bringt man ihn zu Ferreira, der in relativ komfortablem Hausarrest in Nagasaki lebt.

„Ferreira schritt hinter einem älteren buddhistischen Priester; er trug einen dunklen Kimono, und sein Blick war auf den Boden geheftet. Da der kleine Mönch vor ihm selbstbewusst dahinstolzierte, schien Ferreiras ganze Gestalt Unterwerfung auszustrahlen. Es sah nicht anders aus, als ob der Mönch ein großes Haustier an einem um den Kopf gebundenen Strick hinter sich herzerrte, ob es nun wollte oder nicht. […] ‚Padre’, sagte Rodrigo endlich mit zitternder Stimme. ‚Padre.’“

Ferreira arbeitet inzwischen für die Japaner an Astronomie; und an einem Buch gegen das Christentum. Und ihm wurde aufgetragen, Rodrigo vom Glauben abzubringen.

„‚Sie’, flüsterte der Priester, ‚Sie sind nicht mehr Ferreira, den ich gekannt habe.’

‚Du hast recht. Ich bin nicht Ferreira. Ich bin der Mann, dem der Gouverneur den Namen Chuan Sawano gab’, antwortete Ferreira mit niedergeschlagenen Augen. ‚Und er gab mir nicht nur den Namen, er gab mir auch Frau und Kinder eines hingerichteten Mannes.’“

Rodrigo wird schließlich in ein Gefängnis in der Innenstadt von Nagasaki gebracht. Und dort muss er von seiner Zelle aus anhören, wie japanische Christen im Hof gefoltert werden. Ferreira kommt auch dorthin. Er und die japanischen Verfolger sagen Rodrigo, die Christen würden heruntergelassen, sobald er auf das Christusbild trete. Und so tut er es schließlich.

„Der Priester hob den Fuß. Er fühlte in den Beinen einen dumpfen, schweren Schmerz. Das war nicht nur eine Geste. Er selbst trat jetzt auf das, was er in seinem Leben für das Schönste gehalten und an das er als an das Reinste geglaubt hatte, auf das, was alle Träume und Ideale der Menschen erfüllt. Wie dieser Fuß schmerzte! Tritt nur auf mich! sagte der Herr auf der Kupferplatte zum Priester. Tritt nur auf mich! Ich kenne die Schmerzen deiner Füße. Tritt nur! Um von euch getreten zu werden, wurde ich in diese Welt geboren, um eure Schmerzen zu teilen, nahm ich das Kreuz auf die Schultern.

Der Priester setzte seinen Fuß auf das Bild. Es dämmerte. Und in der Ferne krähte ein Hahn.“

Dieser Satz ist noch nicht ganz das Ende des Buches. Es geht noch ein wenig weiter. Damit, dass Rodrigo, wie Ferreira, den japanischen Behörden helfen muss. Sein Leben wird ganz und gar in dieselben Bahnen gelenkt wie das Ferreiras. Und obwohl er leidet, lässt er es geschehen. Obwohl er innerlich noch irgendwie glaubt, lässt er es geschehen. Er sagt sich, dass es Christi Wille sei, was er tue; dass es Christi Wille gewesen sei, dass er Ihn verleugnete – denn er tat es ja, um andere vor der Folter zu retten.

Ich habe hier eine kurze Rezension des Romans von Daniel McInerny gelesen, die ich sehr treffend finde: https://www.thecatholicthing.org/2014/07/14/the-sinister-theology-of-endos-silence/ „Is this really the voice of Christ as he passes by the scene?“ fragt McInerny hier über die Szene, die ich oben zitiert habe. „I cannot think so. I believe it is the voice of Satan tempting Rodrigues to imagine that by betraying his Lord he will be serving him.“ Und das denke ich auch. Es ist eine Lüge Satans, der wieder einmal versucht, als ein Engel des Lichts zu erscheinen, nicht die Stimme Christi.

Ein gewisser Konflikt im Roman beginnt schon lange vor diesem Geschehen. Noch relativ am Anfang des Romans berichtet Mokichi Rodrigo, dass die Behörden sie vorgeladen haben und von ihnen verlangen werden, auf das Christusbild zu treten:

„In meiner Brust regte sich Mitleid. Ohne zu denken gab ich eine Antwort, die Sie wahrscheinlich gegeben hätten. Ich dachte an Pater Gabriel, der während der Verfolgung in Unzen vor dem Bild erklärt hatte: ‚Lieber lasse ich mir diesen Fuß abschneiden, als dass ich darauf trete.’ Ich weiß, dass viele japanische Christen und Patres in dem Augenblick, in dem man ihnen das Christusbild vor die Füße legte, das gleiche empfunden haben. Aber wie konnte ich solchen Opfermut von diesen drei bemitleidenswerten Kreaturen verlangen?

‚Tretet nur darauf! Tretet nur darauf!’ Kaum hatte ich dies hervorgestoßen, begriff ich, dass ich dies nie hätte sagen dürfen. Voll Tadel starrte mich Garpe an.“

Tatsächlich treten die drei, als sie vorgeladen werden, wie Rodrigo ihnen geraten hat, zunächst aus Furcht auf das Christusbild; aber als man dann auch noch von ihnen verlangt, ein Bild der Jungfrau Maria anzuspucken, bringen Mokichi und Ichizo es nicht über sich. Also werden die beiden auf grausame Weise getötet, um alle übrigen Dorfbewohner endgültig vom Christentum abzuschrecken:

„Die Nacht sank herab. Von unserer Hütte aus konnten wir schemenhaft die roten Flammen des Feuers erkennen, das die Wachen angezündet hatten. Dort am Meeresufer standen die Leute von Tomogi und starrten hinaus auf das dunkle Wasser. Meer und Himmel waren so schwarz, dass niemand mehr wusste, wo Mokichi und Ichizo waren. Auch ob sie noch lebten, wusste niemand zu sagen. Weinend sprachen sie Gebete in ihren Herzen.

Da klang mit dem Rauschen der Wellen eine Stimme an ihre Ohren, die Mokichi zu gehören schien. Ob er nun den Dorfbewohnern vermitteln wollte, dass sein Leben noch nicht verlöscht war, oder ob er versuchte, sich selbst so Mut einzuflößen –, der junge Mann sang, um Atem ringend, ein christliches Lied:

‚Lasset uns wandern, lasset uns wandern,

zum Tempel des Paradieses lasset uns wandern!

Wenn wir vom Tempel des Paradieses sprechen,

wenn wir vom großen Tempel des Paradieses sprechen…’

Alle lauschten Mokichis Stimme, auch die Wachen lauschten. Immer wieder brandete seine Stimme, unterbrochen vom Rauschen des Regens und der Wellen, an das Ufer.“

Zu diesem Zeitpunkt beginnt Rodrigo, sich mit der Frage zu quälen, die für den Titel des Romans verantwortlich ist:

„Sie waren Märtyrer. Aber was für ein Märtyrertum war das! Ich hatte viel über Märtyrertum im Leben der Heiligen gelesen – so zum Beispiel hatte ich davon geträumt, dass im Augenblick der Heimkehr ihrer Seelen Strahlen der göttlichen Gnade das Firmament erfüllen und Engel mit ihren Trompeten sie willkommen heißen. Das Martyrium der japanischen Christen, das ich Ihnen eben geschildert habe, glich keinem solch strahlenden Bild. Wie überaus elend, wie schmerzerfüllt hatten die beiden sterben müssen. Unaufhörlich fällt der Regen ins Meer. Und das Meer, das sie getötet hat, verharrt ungerührt in Schweigen. […] Was will ich damit sagen? Ich weiß es selbst nicht genau. Ich weiß nur, dass ich es nicht ertrage, dass auch am heutigen Tag, an dem Mokichi und Ichizo ihr Leben unter Leiden für die Ehre des Herrn gegeben haben, dass auch heute das Meer dunkel und eintönig ans Ufer schlägt. Hinter der ungerührten Ruhe dieses Meeres ahne ich das Schweigen Gottes; Gott, der, die klagenden Stimmen der Menschen im Ohr, mit verschränkten Armen sein Schweigen bewahrt…“ Immer wieder quält er sich mit dieser Frage: „Obwohl doch in den zwanzig Jahren seit dem Ausbruch der Verfolgung über diese schwarze Erde von Japan das Stöhnen unzähliger Christen hallt, das rote Blut der Priester in ihr versickert und die Türme der Kirche niedergerissen wurden, schweigt Gott, schweigt im Angesicht dieser Opfer, die für ihn dargebracht werden.“

Und dann ist da noch eines: Immer wieder stellt Rodrigo sich, zunächst scheinbar zusammenhanglos, eine Frage nach dem Schicksal des Judas – fragt er sich, wieso Christus beim Letzten Abendmahl zu Judas sagte: „Was du tun willst, tue bald!“ Er fragt sich, ob Christus diese Worte im Zorn sagte; ob Er Judas nicht mehr liebte, nicht mehr versuchte, ihn von seiner Tat zurückzuhalten. Schließlich legt er sich die Erklärung zurecht, dass auch Judas einen Teil des Planes Gottes zu erfüllen hatte; ganz am Ende des Romans, glaubt er, dass Christus zu ihm selber spricht: „Wie ich jetzt zu dir sage: Tritt nur auf das Tretbild, sagte ich zu Judas: Führe aus, was du vorhast! Denn sein Herz schmerzte wie jetzt dein Fuß.“

Und ich denke, hier irrt Rodrigo. Wenn es das ist, was Endo mit dem Roman sagen will, dann irrt auch er hier. Judas als Identifikationsfigur? Handelte Judas denn bitte schön, im Übrigen, aus guten Motiven?

Ich bin überzeugt davon, dass Christus zu Judas letztlich sagte: Entscheide dich! Natürlich wollte Er nicht, dass Judas zum Verräter wurde. Er sprach nicht im Zorn, und Er sprach keine Worte der Verdammnis. Er sprach: Was immer du tun willst, das tue bald – du musst jetzt wählen.

Diese Zweifel, die ich beschrieben habe, sind nicht die einzigen, die zu dem beitragen, was Rodrigo am Ende tut. Als er zum ersten Mal mit Ferreira spricht, versucht dieser – und das Gleiche versucht in anderen Gesprächen der japanische Machthaber Inoue – ihm einzureden, dass das Christentum im fremden Japan keine Wurzeln schlagen könne; dass die japanischen Christen nicht wirklich denselben Glauben angenommen hätten, an dem die europäischen Christen festhielten; dass Japan ein Sumpf sei, in dem der dorthin verpflanzte christliche Baum verfaulen müsse.

Nun, ich nehme mal an, es ist kein Wunder, dass Endos Roman seinerzeit besonders von seinen japanischen Mitchristen heftig kritisiert wurde. (Endo selber betonte übrigens dann allerdings auch, dass Romane keine theologischen Werke seien.) Ich kann mich ihrer Kritik nur anschließen.

Wie oben schon deutlich wurde, was Rodrigos Festigkeit am Ende wirklich zerstört, ist die Folter anderer. An einer Stelle des Romans muss er dem Tod Garpes und anderer japanischer Christen zusehen (sie werden im Meer ertränkt); ein Dolmetscher versucht auch an dieser Stelle wieder, seinen Glauben ins Wanken zu bringen: „‚Wie oft ich das auch mitansehe, immer wieder finde ich es abscheulich!’ Der Dolmetscher erhob sich vom Hocker. Er schaute den Priester nun hasserfüllt an. ‚Padre, habt ihr schon einmal daran gedacht, welches Unheil euer Traum über diese Bauern bringt? Dieser selbstsüchtige Traum, den ihr Japan aufzwingen wollt? Wieder ist Blut geflossen! Das Blut dieser ahnungslosen Bauern hat wieder fließen müssen.“ Ja, richtig: Die Mörder sagen hier – und an anderen Stellen – zu einem anderen: Du bist schuld, wenn wir sie töten.

Das ist die Perfidie des Teufels, das ist seine List, das ist die Übelkeit erregende Lüge der Hölle, eine der vielen großen Lügen des Vaters der Lüge. Das ist eine Lüge, die gerade jetzt in so vielen Filmen und Romanen wiederholt wird: Töte einen, sonst töte ich mehrere, dann bist du schuld an ihrem Tod – leg dort eine Bombe, sonst töte ich dein Kind, dann bist du schuld an seinem Tod – bring diese Leute um, sonst foltere ich deine Frau, dann bist du schuld an ihrem Schmerz – das ist die Lüge Satans. Und das ist eine Art der Gewalt, die nicht nur für Horrorfilme typisch ist, sondern auch für satanistische Sekten – kein Wunder! Und sie beruht auf einer Lüge.

Der, der das Messer führt, ist der Mörder; der, der tötet, ist schuld am Tod des Getöteten. „Du bist schuld“, sagt der Mörder in diesem Roman, und in so vielen anderen Romanen und Filmen, und so etwas ist eine so unglaublich widerwärtige, ekelerregende Verdrehung und Versuchung, und doch kann Sebastian Rodrigo sich gegen diese Verdrehung und Versuchung nicht wehren. Er glaubt die Lüge. Ihm wird eingetrichtert, er wolle sich ja bloß den Ruhm des unbeugsamen Bekenners erhalten, für sein persönliches reines Gewissen nehme er das Leid anderer in Kauf, kurz: Moralisches Handeln wird als Luxus dargestellt, der im Endeffekt auf Unmoral hinausliefe. Und das ist wiederum eine völlig pervertierte Vorstellung dessen, was Moral eigentlich ist. Ich fürchte jedoch, sie ist nur allzu weit verbreitet. Aber Moral ist kein Luxus. Nie. Das ist eine Lüge.

Ich bin hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/10/23/leben-retten-leben-nehmen/) schon einmal ziemlich ausführlich auf dieses Thema eingegangen; da speziell auf die Tatsache: Wenn Terroristen Unschuldige als menschliche Schutzschilde verwenden oder als Geiseln nehmen, dann ist der, der sich von den Terroristen nicht erpressen lässt, nicht schuld am Tod dieser Unschuldigen. Ich habe auch hier schon Robert Spaemann zitiert; einen Teil dieses Zitats möchte ich hier noch einmal wiederholen: „Jener Polizist, dem befohlen wurde, ein 12jähriges Judenmädchen zu erschießen, das ihn um sein Leben anflehte, hat wirklich geschossen. Sein sadistischer Vorgesetzter hatte ihm eine Alternative vor Augen gestellt: die Erschießung von 12 anderen unschuldigen und wehrlosen Personen. Der Polizist schoß und wurde wahnsinnig. Er tat, was er nicht mußte, weil er es nicht hätte können müssen. Jeder Mensch muß einmal sterben. Den Tod jener 12 Menschen hätte der Polizist sowenig zu verantworten gehabt, als wenn er keine Hände gehabt hätte. Hätte er nicht auch im Besitz von Händen sagen können: ‚Ich kann nicht’?“ Ja, es kann Situationen geben, wo es besser ist, auf Forderungen von Erpressern einzugehen, um den Tod Unschuldiger zu verhindern. Wenn etwa ein Verbrecher mein Kind entführt hat und von mir 100.000 Euro Lösegeld fordert, ansonsten würde er es töten – natürlich, zahlen. (Es sei denn, die Polizei hätte die Möglichkeit, es zu befreien, ohne dass es dabei wahrscheinlich umgebracht wird.) Aber was, wenn ein Verbrecher mein Kind entführt hat und von mir verlangt, eine Bombe zu platzieren, durch die zahlreiche Unschuldige sterben würden, ansonsten würde er es töten – was dann? Nein: Dann darf man das Verlangte nicht tun. Ist das schlimm, ist das tragisch? Natürlich ist es das! Aber es die Tat dieses Verbrechers, die tragisch ist!

Es gibt bestimmte Dinge, die zu tun immer falsch ist. Zählt hierzu auch das Verleugnen des Glaubens? Ich denke, dass es so ist. Die antiken Christen hätten wohl ja gesagt. Die Apostel und die Bischöfe und Priester der alten Kirche ermutigten die Christen zum Martyrium, sie forderten sie auf, alles zu ertragen, was man ihnen antun möchte, eher Folter und Scheiterhaufen und Kreuzigung auf sich zu nehmen, als dem Kaiser auch nur offiziellerweise ein paar Weihrauchkügelchen hinzuwerfen, und sie ertrugen das auch selbst. Sie handelten dabei nach den Worten Jesu: „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“ (Mt 10,32-33)

Als ich darüber nachdachte, was Rodrigo in der oben zitierten Stelle zu Mokichi und Ichizo sagt, musste ich auf einmal an eine Geschichte aus dem 2. Buch der Makkabäer denken. Man vergleiche Rodrigos Verhalten mit dem der Mutter der sieben Brüder, die von Antiochus Epiphanes auf grausamste Weise getötet werden, weil sie sich weigern, Schweinefleisch zu essen:

„Ein andermal geschah es, dass man sieben Brüder mit ihrer Mutter festnahm. Der König wollte sie zwingen, entgegen dem göttlichen Gesetz Schweinefleisch zu essen, und ließ sie darum mit Geißeln und Riemen peitschen. Einer von ihnen ergriff für die andern das Wort und sagte: Was willst du uns fragen und von uns wissen? Eher sterben wir, als dass wir die Gesetze unserer Väter übertreten. Da wurde der König zornig und befahl, Pfannen und Kessel heiß zu machen. Kaum waren sie heiß geworden, ließ er ihrem Sprecher die Zunge abschneiden, ihm nach Skythenart die Kopfhaut abziehen und Nase, Ohren, Hände und Füße stückweise abhacken. Dabei mussten die anderen Brüder und die Mutter zuschauen. Den grässlich Verstümmelten, der noch atmete, ließ er ans Feuer bringen und in der Pfanne braten. Während sich der Dunst aus der Pfanne nach allen Seiten verbreitete, sprachen sie und ihre Mutter einander Mut zu, in edler Haltung zu sterben. […] Auch die Mutter war überaus bewundernswert und sie hat es verdient, dass man sich an sie mit Hochachtung erinnert. An einem einzigen Tag sah sie nacheinander ihre sieben Söhne sterben und ertrug es tapfer, weil sie dem Herrn vertraute. In edler Gesinnung stärkte sie ihr weibliches Gemüt mit männlichem Mut, redete jedem von ihnen in ihrer Muttersprache zu und sagte: Ich weiß nicht, wie ihr in meinem Leib entstanden seid, noch habe ich euch Atem und Leben geschenkt; auch habe ich keinen von euch aus den Grundstoffen zusammengefügt. Nein, der Schöpfer der Welt hat den werdenden Menschen geformt, als er entstand; er kennt die Entstehung aller Dinge. Er gibt euch gnädig Atem und Leben wieder, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen nicht auf euch achtet. Antiochus aber glaubte, sie verachte ihn, und er hatte den Verdacht, sie wolle ihn beschimpfen. Nun war nur noch der Jüngste übrig. Auf ihn redete der König nicht nur mit guten Worten ein, sondern versprach ihm unter vielen Eiden, ihn reich und sehr glücklich zu machen, wenn er von der Lebensart seiner Väter abfalle; auch wolle er ihn zu seinem Freund machen und ihn mit hohen Staatsämtern betrauen. Als der Junge nicht darauf einging, rief der König die Mutter und redete ihr zu, sie solle dem Knaben doch raten, sich zu retten. Erst nach langem Zureden willigte sie ein, ihren Sohn zu überreden. Sie beugte sich zu ihm nieder, und den grausamen Tyrannen verspottend, sagte sie in ihrer Muttersprache: Mein Sohn, hab Mitleid mit mir! Neun Monate habe ich dich in meinem Leib getragen, ich habe dich drei Jahre gestillt, dich ernährt, erzogen und für dich gesorgt, bis du nun so groß geworden bist. Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat das aus dem Nichts erschaffen und so entstehen auch die Menschen. Hab keine Angst vor diesem Henker, sei deiner Brüder würdig und nimm den Tod an! Dann werde ich dich zur Zeit der Gnade mit deinen Brüdern wiederbekommen. Kaum hatte sie aufgehört, da sagte der Junge: Auf wen wartet ihr? Dem Befehl des Königs gehorche ich nicht; ich höre auf den Befehl des Gesetzes, das unseren Vätern durch Mose gegeben wurde. Du aber, der sich alle diese Bosheiten gegen die Hebräer ausgedacht hat, du wirst Gottes Händen nicht entkommen. Denn wir leiden nur, weil wir gesündigt haben. Wenn auch der lebendige Herr eine kurze Zeit lang zornig auf uns ist, um uns durch Strafen zu erziehen, so wird er sich doch mit seinen Dienern wieder versöhnen. Du Ruchloser aber, du größter Verbrecher der Menschheit, überheb dich nicht und werde nicht durch falsche Hoffnungen übermütig, wenn du deine Hand gegen die Kinder des Himmels erhebst. Denn noch bist du dem Gericht des allmächtigen Gottes, der alles sieht, nicht entronnen. Unsere Brüder sind nach kurzem Leiden mit der göttlichen Zusicherung ewigen Lebens gestorben; du jedoch wirst beim Gericht Gottes die gerechte Strafe für deinen Übermut zahlen. Ich gebe wie meine Brüder Leib und Leben hin für die Gesetze unserer Väter und rufe zu Gott, er möge seinem Volk bald wieder gnädig sein; du aber sollst unter Qualen und Schlägen bekennen müssen, dass nur er Gott ist. Bei mir und meinen Brüdern möge der Zorn des Allherrschers aufhören, der sich zu Recht über unser ganzes Volk ergossen hat. Da wurde der König zornig und verfuhr mit ihm noch schlimmer als mit den anderen – so sehr hatte ihn der Hohn verletzt. Auch der Jüngste starb also mit reinem Herzen und vollendetem Gottvertrauen. Zuletzt starb nach ihren Söhnen die Mutter.“ (2 Makk 7,1-5.20-41)

Diese acht Menschen starben wirklich auf schlimmste Weise; wer mag, kann die vollständige Geschichte hier nachlesen: http://www.bibleserver.com/text/EU/2.Makkab%C3%A4er7 Sie starben bloß für die Weigerung, Schweinefleisch zu essen – ein rein äußerliches Gebot Gottes, ein bloßes Zeichen der Treue zu Gott im Alten Bund. Sie waren nicht bereit, dieses Gebot zu brechen, weil es ein Ausweis der Verleugnung ihres Glaubens gewesen wäre. Und sie versuchten auch nicht, einander vom Martyrium abzuhalten. Die Hoffnung auf ewiges Leben hielt sie aufrecht, und zwar, obwohl auch bei ihrem Martyrium keine himmlischen Erscheinungen und Wunder auftauchen; wenn man so will, Gott zu schweigen schien.

An manchen Stellen des Romans zeigt Rodrigo noch große, nachdenklich machende Einsichten. Nach dem ersten Zusammentreffen mit Ferreira denkt er sich Folgendes: „Ferreiras Traurigkeit fiel dem Priester ein. Ferreira vermied es, in jenem Gespräch über die japanischen Märtyrer zu sprechen. Er versuchte bewusst, diesem Thema aus dem Weg zu gehen. Menschen, die im Unterschied zu ihm stark geblieben waren, sogar die Grubenfolter durchgestanden hatten, solche Menschen trachtete er zu vergessen.“ Aber als Rodrigo selbst in Ferreiras Fußstapfen getreten ist… scheint er sich genauso zu verhalten. Er sagt sich, dass er im Endeffekt Gottes Willen erfüllt habe, auch wenn die Kirche ihn jetzt als Apostaten betrachten möge: „Was wisst denn ihr! Ihr Vorgesetzten in Europa, in Makao! Und in der Dunkelheit verteidigte er sich vor ihnen. Ihr lebt euer behagliches Leben, die Religion verbreitet ihr an friedlichen und sicheren Orten!“ Den Gedanken an die Patres und die Christen, die nicht im behaglichen Europa lebten und tatsächlich zu Märtyrern wurden, scheint er ganz einfach nicht mehr in seinen Kopf zu lassen. Er muss sich versichern, dass er richtig gehandelt hat.

Ich glaube, dass seine Apostasie letztlich auch ein bisschen mit der Tatsache zusammenhängt, dass er nicht sehr viel an das ewige Leben zu denken scheint, dass ihm der Tod als etwas sehr Schlimmes zu erscheinen scheint. Ein bisschen anders die japanischen Katholiken, die im Lauf des Romans zu Märtyrern werden: Lasset uns wandern, lasset uns wandern, zum Tempel des Paradieses lasset uns wandern! Immer wieder einmal kommt es ihm in den Sinn, das ja, auch noch, kurz bevor er auf das Bild tritt, aber er wankt in seinem Glauben:

„Als ob er dadurch diese Vision vertreiben könnte, schlug er immer wieder mit seinem Kopf an die Wand.

‚Diese Leute werden für ihre irdischen Schmerzen mit der ewigen Seligkeit belohnt.’

‚Betrüge dich nicht selbst!’ sagte Ferreira ruhig. ‚Mit schönen Worten suchst du Ausflüchte für deine Schwäche.’

‚Meine Schwäche!’ Der Priester schüttelte ohne Überzeugung den Kopf. ‚Das stimmt nicht. Ich glaube an die Erlösung dieser Leute.’

‚Aber du machst dich selbst wichtiger als die anderen, weil dir am meisten an deiner eigenen Erlösung liegt. Wenn du sagst, dass du den Glauben aufgeben willst, zieht man sie aus der Grube. Ihre Qualen haben ein Ende. Aber du willst nicht abschwören. Denn du willst die Kirche nicht verraten. Du willst kein Schandfleck werden wie ich.’ Ferreiras Stimme, die zornig geklungen hatte, wurde allmählich leiser. ‚Auch ich habe das erlebt. Auch ich fühlte in jener finsteren und eiskalten Nacht das gleiche wie du jetzt. Aber wo bleibt die Liebe? Ein Priester sollte dem Beispiel Christi folgen. Wenn Christus hier wäre…’“

Das ist wieder diese Perfidie: Opfere dein Gewissen, vergiss den Luxus der Moral, tu es „für das größere Wohl“ (die Inschrift über dem Tor von Nurmengard, für alle, die Harry Potter kennen).

Ich glaube, zum christlichen Glauben gehört es auch, darauf zu vertrauen, dass letztendlich dann alles gut werden wird, wenn man auf Christi Gebote hört – auch, wenn es zunächst genau nach dem Gegenteil aussieht, und wenn einem eine perfide Versuchung die Hoffnung nehmen will. Und eins von Christi klarsten Geboten war, Ihn nicht vor den Menschen zu verleugnen. Rodrigos Aufgabe wäre es gewesen, darauf zu vertrauen, dass auch für die Gefolterten alles, alles gut werden würde.

Aber wie alldem auch sei; selbst wenn man meinen will, dass Rodrigo in diesem Moment richtig handelte – und auch wenn man meint, dass es falsch war, kann man ihn nicht einfach so verurteilen; er tritt auf das Bild in einem Augenblick größten Schmerzes und größter Verwirrung, bedrängt von perfiden Psychotricks seiner Verfolger, schon völlig entmutigt durch Ferreiras Vorbild, weil er nicht glaubt, dass er die Fähigkeit haben wird, standhaft zu bleiben, wenn schon dieser Mann abgefallen ist; und er tut es nicht um seines eigenen Lebens willen –, selbst dann kann man sagen: Wie er dann weiterlebt, ist eindeutig nicht richtig. Dieser eine Moment, das kann man nachvollziehen, auch wenn man es nicht gutheißt – aber die folgenden Monate und Jahre? Denn obwohl er den Glauben innerlich irgendwie bewahren will, verleugnet er ihn tagtäglich. Er arbeitet wie Ferreira mit seinen Verfolgern zusammen. „Bei solchen Gelegenheiten zeigte man ihm irgendwelche Dinge, die die Japaner nicht kannten, und er hatte zu erklären, ob sie etwas mit dem Christentum zu tun hatten oder nicht. Nur er oder Ferreira vermochten sofort zu bestimmen, was von den vielen fremdartigen Gütern, die die Ausländer aus Makao mitbrachten, dem Christentum diente. Hatte er diese Arbeit beendet, so überreichte man ihm Geld oder Kuchen als Dank des Magistrats für die geleisteten Dienste. Die Beamten im Magistrat in Motohakatamachi und auch jener Dolmetscher begegneten ihm stets mit Höflichkeit. Niemals wurde er demütigend oder als Verbrecher behandelt.“ Hat er einmal darüber nachgedacht, was er mit seiner Apostasie den japanischen Gläubigen antut? Was er ihnen dann nicht nur direkt durch diese seine Mitarbeit beim Magistrat, sondern indirekt, geistlich durch seine Apostasie und sein weiteres Handeln antut? In ganz Nagasaki nennt man ihn den „abgefallenen Paulus“ und Ferreira den „abgefallenen Petrus“. Er weiß, dass dort noch Menschen leben müssen, die heimlich Christen sind; und doch gibt er weiter allem nach, was die japanischen Beamten von ihm fordern. Was tut er damit den Christen an, denen zu dienen er gekommen ist? Er ist ihnen das, was Ferreira ihm war; er nimmt ihnen Hoffnung.

Es scheint ihm so oft, als ob Gott schweigt. Aber tut Er das denn? Tut Er das aus Sicht der japanischen Gläubigen? Ein Priester, ein alter Christus (lt. „zweiter Christus“, „anderer Christus“) kommt in ihr Land, trotz der Gefahr, die ihm dort droht – ist das ein Schweigen Gottes? Die Kirche wird der Leib Christi genannt; Christen, und Priester in ganz besonderer Weise, sind in Christus eingegliedert, sie sind Teil seines mystischen Leibes. Er will durch sie handeln, Er will gerade durch sie sprechen. Er spricht durch Märtyrer wie Mokichi und Ichizo (gerade in der Erbärmlichkeit ihres Todes, den sie auf sich nehmen! Was Rodrigo einfach nicht sieht), Er spricht auch anfangs durch Rodrigo, als er nach Japan kommt – aber dann verleugnet dieser Ihn. „Christ is silent as he passes by”, schließt McInerny bei seiner Rezension, „because Rodrigues won’t open up his mouth to give him voice.“

Ich frage mich auch, ob Rodrigo wirklich (wenn er ernsthaft darüber nachdenken würde) eine glorreiche Märtyrerkirche voller Wunder und offensichtlicher Manifestationen des Göttlichen erwartet, als er nach Japan geht. Gleichzeitig frage ich mich – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen seltsam – welche Vorstellung Endo vom christlichen Portugal hat? Ich frage mich, ob er diese christliche Kultur nicht vielleicht unbewusst ein bisschen idealisiert. Ist Gott den Priestern in diesem christlichen Portugal stets so offensichtlich und klar und nahe gewesen, dass sie Ihn im heidnischen Japan nicht mehr sehen zu können scheinen?

Dieses Buch schildert den langsamen Niedergang eines Priesters, der schließlich seinen Glauben verleugnet. Vielleicht hat er sich anfangs zuviel zugetraut. Vielleicht hat er tatsächlich zuerst geglaubt, mehr oder weniger aus eigener Kraft das Martyrium bestehen zu können und sich darauf etwas eingebildet. Aber am Ende verliert er auch den Glauben, es mit Gottes Hilfe schaffen zu können. Am Ende könnte man heulen, so sehr tut er einem leid – man möchte ihm zurufen, dass er mit diesem scheußlichen, grauenvollen, einsamen, erstarrten Leben, das ihn selbst so zutiefst unglücklich macht und leiden lässt, doch nicht weitermachen muss, dass er doch wieder umkehren könnte. Ja, wenn er nur umkehren würde! In den letzten Kapiteln beginnt man etwas von der Hölle auf Erden zu ahnen, die Rodrigos Leben geworden ist. Und Ferreira erst… er ist noch schlimmer. Was muss in einem Priester vorgehen, der einen anderen Priester zur Verleugnung des Glaubens bewegt hat? Der weiterhin bei der Verfolgung von Christen hilft? Der öffentlich gegen das Christentum zu argumentieren hat? Wie sollte ein Priester, der Christus die Treue geschworen hat, diesen Schmerz aushalten können, der da in ihm sein muss?

Mein persönliches Fazit also: Ich mag das Buch nicht, obwohl es gut geschrieben ist (was heißt gut – der Schreibstil ist unglaublich gut), weil es zu schlecht ausgeht. Ja, es gibt Menschen, die falsche Entscheidungen treffen und deren Leben furchtbar tragisch ausgeht; aber dennoch: Ich lese einfach nicht gerne Romane, die mich auf diese Art und Weise deprimieren, deswegen würde ich dieses Buch Leuten, denen es ähnlich geht, nicht unbedingt empfehlen. Es bewegt – es lässt einem eine Zeitlang gar keine Ruhe –, es bringt einen zum Nachdenken und zum Trauern, aber es belebt nicht, es zeigt kein überwundenes, sondern finster und einsam triumphierendes Leid. Natürlich, Tragik kann man nie ganz eliminieren; und andere Menschen lassen sich von schlecht endenden Büchern oder Filmen vielleicht nicht so deprimieren (auch Hamlet und Macbeth etwa sind tragisch…); aber ich persönlich eben leicht, und mir fehlt hier völlig die christliche Hoffnung, der feste Glaube. Ich glaube, an Sebastian Rodrigo wird auf negative Weise das deutlich, was „Glaube“ als Tugend wirklich ist. Rodrigo und Ferreira (und sogar einige der japanischen Verfolger, wie Inoue, der das Christentum gut kennt; er lehnt es bloß als unjapanisch ab) zweifeln nicht wirklich intellektuell an der christlichen Lehre; aber festzuhalten am praktischen Vertrauen auf Gott, wenn er zu schweigen scheint… man weiß zwar rein rational ganz genau, dass er Gründe haben muss, aber diesem überwältigenden Eindruck von Verlassenheit und Ausweglosigkeit zu widerstehen, und darauf zu vertrauen, dass Gottes Gebote sich unzweifelhaft als der richtige Weg erweisen werden – das ist Glaube, fides, Treue, im christlichen Sinn. Und das Buch lässt die Hoffnung darauf zu sehr untergehen, dass in einer anderen Welt alles Unrecht zurechtgerückt werden wird, dass alle Tränen abgewischt werden, dass alles, alles gut werden wird. Diese christliche Hoffnung, die die Makkabäer und die römischen Märtyrer und die japanischen Märtyrer, die tatsächlich unter der Grubenfolter starben, unter allen ihren furchtbaren Schmerzen aufrechterhielt.

Ich weiß noch nicht, ob ich mir den Film ansehen werde.

Man kann an dem Buch vielleicht noch kritisieren, dass es wohl (nach den Informationen, die ich habe), einen historischen Fehler enthält; die (wenigen) Priester, die in der Verfolgung abfielen, fielen wohl tatsächlich ab, nachdem sie selbst gefoltert wurden, nicht nachdem andere gefoltert wurden. Aber gut; der Konflikt, der in diesem Buch geschildert wird, ist dennoch ein möglicher Konflikt in einer Verfolgung, die geschilderte Versuchung ist eine, die im menschlichen Leben in verschiedenen Situationen auftreten kann; und so etwas kann man ja auch dann in einem Roman verarbeiten, wenn es nicht streng historisch sein sollte. Ach ja: Über das Ende des historischen Ferreira weiß man übrigens sehr wenig. Es gibt auch Gerüchte, dass er schließlich nach Jahrzehnten doch als Märtyrer gestorben sei. Es ist nicht geklärt. Rodrigo ist nicht historisch, aber nach einer historischen Person geformt. Und was die japanischen Christen angeht… nun einige von ihnen bewahrten über Jahrhunderte hinweg heimlich den Glauben, ohne Priester, und kamen schließlich, als Japan sich im 19. Jahrhundert wieder öffnete und neue Missionare ins Land durften, wieder mit ihrem Glauben hervor. Der Baum verfaulte doch nicht.

Eins noch: Vielleicht haben die Leser dieser Rezension den Eindruck, ich würde mit einem gewissen Hochmut aus meiner bequemen Position in einem christenverfolgungsfreien Land über Rodrigo und Ferreira urteilen. Das tue ich sicher nicht. Ich habe nie behauptet, dass ich mich in einer solchen Situation irgendwie besser verhalten hätte; auch wenn ich hier proklamiere, wie man sich richtigerweise verhalten müsste. Also noch fürs Protokoll: Ich würde mich wahrscheinlich niemals freiwillig in ein Land wagen, wo Christen verfolgt werden, eben aus der Angst heraus, dass ich einer Verfolgung nicht standhalten könnte. Angenommen nun, die Verfolgung käme aber zu mir – etwa in Form einer islamistischen Geiselnahme wie bei Abbé Jacques Hamel –; dazu, so denke ich, kann ich Folgendes behaupten: Ich glaube, ich hätte kein großes Problem mit einem schnellen Märtyrertod, Köpfen oder Erschießen oder so etwas; Angst vor dem Tod habe ich nämlich eigentlich weniger (wobei man das auch leicht sagen kann, solange man nicht in Todesgefahr ist); sehr wohl aber habe ich Angst vor der Folter. Folter, und ebenso Psychofolter, ist genau genommen eine furchtbare Horrorvorstellung für mich, und ich denke, ich kann nur unseren Herrn Jesus Christus bitten, dass ich niemals in eine Situation komme, die Folter beinhaltet. (Wofür die Chancen ja zum Glück ganz gut stehen…)

Nun also: Was denkt ihr über dieses Buch? Irgendwelche Anmerkungen?

[Update: Hier noch ein paar Informationen über den tatsächlichen historischen Hintergrund: http://die-missionen.blogspot.de/2017/01/silence-martin-scorsese-und-der.html ]

Die allumfassende Kirche, Teil 9: Alles hat seine Stunde

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Im Katholizismus gibt es gelegentlich mal gruselige, harte oder traurige Dinge. Wir haben Reliquiare mit Knochenstückchen auf Seitenaltären stehen und es gibt in Europa Kapellen voller aufgetürmter Schädel und mit Wänden, die mit Knochen behangen sind [hier ein paar Fotos… https://churchpop.com/2014/10/28/inside-europes-creepy-bone-churches/ ]. Unsere Heiligen werden dargestellt mit Sägen und Äxten und siedendem Öl, weil sie dadurch zu Tode kamen, und von Johannes dem Täufer sieht man auf zahlreichen Darstellungen nur seinen Kopf auf einer silbernen Schale. Sogar die Patronate dieser Heiligen zeigen einen ziemlichen Galgenhumor – St. Sebastian beispielsweise ist der Patron der Bogenschützen, weil er mit Pfeilen getötet wurde. Wir glauben an Fegefeuer, Hölle und Endgericht, es gibt das Dies Irae und den Dia de los muertos; auch Halloween hat bekanntlich katholische Wurzeln. Wir haben sogar Exorzismen.* Es gibt im Kirchenjahr Zeiten der Trauer und des Fastens. Und dann gibt es – natürlich – den Karfreitag. Das zentrale Symbol unseres Glaubens ist ein grausames Hinrichtungsgerät. Das Kreuz muss damals in der Antike ein noch abwegigeres Symbol gewesen sein, als wenn heutzutage Galgen oder Guillotine oder Elektrischer Stuhl oder Waterboardinginstrumente als Symbole einer neuen Sekte auserkoren würden.

Trotzdem sind diese dunklen Dinge nicht das eigentliche Wesen des Katholizismus. Das Wesen des Katholizismus, wie ich es erfahren habe, ist Klarheit, Freude, Friede, Licht und Hoffnung – zu seinem Wesen gehört der Sieg über das Leid durch dessen Annahme.

In dieser Religion wurde das Leid nie ignoriert. Vergänglichkeit, Tod und Krankheit, die Ungerechtigkeit der Welt und zwischenmenschliche Bosheit galten in der Geschichte der katholischen Religion immer als Grundkonstante des Lebens aller Menschen, was sie ja sind; ein paar YOLO- oder Prosperity-Gospel-Philosophien versuchen diese offensichtliche Tatsache zwar heutzutage zu ignorieren, aber ich denke, dass sich alle vernünftigen Menschen darüber einig sind, dass es so ist. (Dass der Versuch von Ideologien wie dem Kommunismus, eine vollkommen leidlose Welt zu schaffen, grandios gescheitert ist, darüber sind wir uns auch einig, oder?) Die menschlichen Abgründe wurden in der Kirche nie ignoriert. Wir haben Heilige, die zuerst einmal Mörder, Räuber, Prostituierte oder Christenverfolger waren. (St. Moses der Äthiopier, St. Afra, St. Maria von Ägypten, St. Paulus…) Die Kirche ist dazu da, Heilung zu bringen – Leben nach dem Tod, Vergebung aller Verbrechen.

Es gibt im Kirchenjahr Zeiten des Fastens, der Trauer und des Entsetzens über das Böse. Der Karfreitag ist ein dunkler Tag. Aber er hat nicht das letzte Wort. Am Ostersonntag triumphiert das Licht wieder.

Im Buch Koholet gibt es eine sehr schöne Stelle: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“ (Kohelet 3,1-8) Eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg? Das habe ich mich früher bei dieser Stelle gefragt. Aber ja, auch die gibt es – man denke nur an die fehlgeleitete britische Appeasement-Politik gegenüber Hitler, und, im Kontrast dazu, die spätere richtige Entscheidung zum Kriegseintritt nach dem Angriff auf Polen. Es gibt eine Zeit zum Krieg.

Aber das gilt für diese Welt, für diese gefallene Welt. In der kommenden wird das alles überwunden werden; das Böse ist stark, aber das Gute ist stärker, und es wird am Ende siegen. Das ist genau der Unterschied zwischen der katholischen Weltsicht und nihilistischer Verzweiflung. Die Kirche gibt nie die Hoffnung und den Glauben auf. Es geht immer weiter, es ist nie zu spät, es gibt immer noch Hoffnung, am Ende wird alles gut werden. Deshalb ist auch der Glaube in dieser Religion eine so wichtige Tugend – denn er bedeutet nicht ein Nicht-Genau-Wissen, sondern das feste und unwandelbare Vertrauen auf eine Person. Andere Religionen, etwa die antike römische, definierten sich nicht als Glauben, sondern als Kulte; es ging um die richtigen Rituale zur Verehrung der Götter. Ebenso definiert sich der Buddhismus nicht als Glaube, sondern als Weg der Erkenntnis und Selbsterlösung. Der Katholizismus dagegen ist ein Weg des vertrauenden, hoffenden Glaubens auf die Macht und die Liebe Gottes, die am Ende siegen wird.

*Zur Beruhigung aller Leser, die sich nicht damit auskennen, was die katholische Kirche unter „Exorzismus“ versteht: Nein, das ist nichts Brutales oder so, hier wird einfach nur mit Gebet und Weihwasser und so gearbeitet. Exorzisten sind erfahrene Priester, die vom Bischof für diese Aufgabe bestellt werden müssen, und alle Exorzisten sagen, dass sie die meisten Menschen, die zu ihnen kommen, weil sie sich von Dämonen bedrängt fühlen, einfach zum Psychiater weiterschicken können; hier wird nämlich genau geprüft. Aber es gibt gelegentlich auch Phänomene, die sich auf diese Weise nicht erklären lassen, sondern bei denen die logischste Erklärung wirklich das Bedrängtwerden oder die Besessenheit von einer fremden Macht ist. Nähere Informationen vielleicht hier: https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2016/07/01/as-a-psychiatrist-i-diagnose-mental-illness-and-sometimes-demonic-possession/?postshare=5241467379040029&tid=ss_tw&utm_term=.7fad181a9d55 oder hier: http://www.strangenotions.com/demons-playing-cards-and-telescopes/  Und diese Phänomene treten auch nicht einfach so auf, sondern meistens dann, wenn Leute sich auf satanistische Sekten eingelassen haben oder so – „die Geister, die ich rief“ und so. Und ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass es böse Geister gibt. Wir glauben, da uns Gottes Offenbarung das sagt, dass Gott nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen geschaffen hat, sondern zu allem Anfang auch rein geistige Wesen, die wir Engel nennen, und dass die ebenso einen freien Willen haben wie die Menschen, woraus logisch folgt, dass es unter ihnen ebenso gute wie böse geben muss. Die bösen Engel nennt man die gefallenen Engel oder Dämonen. Zu den guten Engeln zählen beispielsweise die Schutzengel, oder auch die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael.

Ach ja: Wer konkrete Beispiele dafür haben will, wie Exorzismen funktionieren, kann auch einfach die Evangelien aufschlagen – Jesus hat nämlich auch Dämonen ausgetrieben.