Das Märchen von den drei Brüdern

Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich ein sehr, sehr großer Harry-Potter-Fan bin?

Jedenfalls wollte ich eine so gelungene musikalische Interpretation des Märchens von den drei Brüdern wie diese hier nicht unerwähnt lassen, wenn ich schon mal so etwas finde und einen eigenen Blog besitze:

 

 

Die Versuchung, den Tod besiegen zu wollen, ist in den Harry-Potter-Büchern eine, der sogar Albus Dumbledore vor langer Zeit einmal erlegen ist – mit nicht so guten Folgen für ihn. Und auch in J. K. Rowlings Zaubererwelt funktionieren die verschiedenen Versuche dazu im Endeffekt nie. Oder, um es mit Dumbledores eigenen späteren Worten in seinen Anmerkungen zu den Märchen von Beedle dem Barden auszudrücken: „Wie der berühmte Zaubereiphilosoph Bertrand de Pensées-Profondes in seinem gefeierten Werk Eine Studie über die Möglichkeit einer Umkehr der konkreten und metaphysischen Auswirkungen des natürlichen Todes, mit besonderer Berücksichtigung der Reintegration von Wesen und Materie schreibt: ‚Lasst es bleiben. Es wird nie klappen.'“.*

Ich musste beim Anschauen des Videos auf einmal auch an die Szene in Band 7 denken, als Harry und Hermine am Heiligabend auf dem Friedhof von Godric’s Hollow vor dem Grab von Harrys Eltern stehen:

 

„Der Grabstein stand nur zwei Reihen hinter dem von Kendra und Ariana. Er war aus weißem Marmor, genau wie Dumbledores Grabmal, und so war er leicht zu lesen, denn er schien in der Dunkelheit zu leuchten. Harry musste sich nicht hinknien und nicht einmal ganz nahe herantreten, um die Worte zu erkennen, die darin eingemeißelt waren:

James Potter

geboren am 27. März 1960, gestorben am 31. Oktober 1981

Lily Potter

geboren am 30. Januar 1960, gestorben am 31. Oktober 1981

Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod.

Harry las die Inschrift langsam, als ob er nur eine einzige Gelegenheit hätte, ihren Sinn zu begreifen, und er las die letzten Worte laut.

Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod…‚ Ein schrecklicher Gedanke kam ihm, in einem Anflug von Panik. ‚Ist das nicht eine Vorstellung von den Todessern? Was hat das hier zu suchen?‘

‚Es bedeutet nicht, dass der Tod so besiegt wird, wie die Todesser es meinen, Harry‘, sagte Hermine mit sanfter Stimme. ‚Es bedeutet… du weißt schon… über den Tod hinaus leben. Leben nach dem Tod.'“**

 

„Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod“ (im engl. Original: „The last enemy that shall be destroyed is death“) – das ist ein Zitat aus der Bibel. 1 Korinther 15,26.

 

* J. K. Rowling: Die Märchen von Beedle dem Barden, S. 78. (Sehr empfehlenswertes Buch, wenn ich hier mal ein bisschen Werbung machen darf.)

** J. K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, S. 336f.

Werbeanzeigen

Die allumfassende Kirche, Teil 3: Die Kulturen und das Gute und das Böse

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Allumfassend – griechisch katholikos –  ist die Kirche nicht nur in Bezug auf Raum und Zeit, sondern auch in noch anderer Hinsicht. Man könnte sie mit dem koboldgearbeiteten und basiliskengiftgetränkten Schwert Godric Gryffindors in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ vergleichen: Sie nimmt nur auf, was sie stärkt.

Goethe hat in „Faust I“ seinen Mephistopheles (also den Teufel) etwas polemisch über die Kirche sagen lassen (Mephisto paraphrasiert hier einen Pfarrer) „Die Kirche hat einen guten Magen, / Hat ganze Länder aufgefressen, / Und doch noch nie sich übergessen; / Die Kirch allein, meine lieben Frauen, / Kann ungerechtes Gut verdauen.“, und hat das auf ihre große Bereitschaft zur Annahme von Spenden bezogen, um es höflich zu formulieren. Aber in einer anderen Hinsicht ist dieser Satz ganz passend. Die Kirche kann aus jedem Land, aus jeder Kultur, aus jeder Kunst und jeder Wissenschaft alles aufnehmen, was gut und wahr und schön ist, so wie sie während der Völkerwanderung die Werke der antiken heidnischen Autoren wie Vergil, Cicero oder Homer in ihren Klöstern bewahrte und im Mittelalter die Philosophie des Aristoteles in die scholastische Theologie aufnahm. Sie wird ablehnen, was das Gute und Wahre und Schöne beeinträchtigt; die Kindesaussetzung bei den Römern und die Polygamie in Afrika ebenso wie die Blutrache bei den Germanen oder die Verheiratung von Kindern unter den Japanern oder die zweiten und dritten und vierten Ehen nach einer Scheidung bei den heutigen Europäern.

Viele Christen sahen in den vorchristlichen Mythen eine praeparatio evangelii, eine Vorbereitung für das Evangelium, weil darin schon gewisse Einsichten enthalten waren, und ebenso auch in der vorchristlichen Philosophie. Sokrates, Platon, Aristoteles, die Stoiker, Vergil, Cicero, Homer: Die Werke all dieser sind uns erhalten und bekannt und haben unsere Kultur beeinflusst, weil Kirchenväter wie Augustinus (Anhänger des Neuplatonismus), Scholastiker wie Thomas von Aquin (Aristoteles) oder die christlichen Humanisten und Künstler der Renaissance darin Gutes und Bewahrenswertes fanden, das in einer christlichen Kultur seinen Platz finden kann – vor allem in den Werken Vergils. Natürlich nicht alles. Es gibt z. B. auch bei Platons Sokrates-Dialogen manches, wo man sich denken kann, also ja, hm, das ist jetzt, ähm, eher nicht so toll (ich denke da z. B. an die leicht totalitären Elemente in der Politeia). Im 16. Jahrhundert waren die Jesuiten-Missionare in China ganz begeistert von Konfuzius.

Kurz gesagt: Die Kirche nimmt alle guten Früchte und entfernt nur die verfaulten Stellen.

Denn das Böse ist immer nur eine Verderbnis des Guten; es hat in sich keine eigenständige Existenz, kein eigenes Wesen.

„Man kann allein um der Güte willen gut sein“, schreibt C. S. Lewis in „Mere Christianity“, „aber beim Bösen geht das nicht. Wir können etwas Gutes tun, auch wenn uns nicht danach zumute ist und wir keinen Nutzen davon haben; einfach weil das Gute recht ist. Aber niemand hat je eine Grausamkeit begangen, einfach weil Grausamkeit schlecht ist, sondern vielmehr weil sie Vergnügen bereitet oder Nutzen bringt. Mit anderen Worten: Dem Bösen gelingt es nicht einmal, auf die gleiche Weise böse zu sein, wie das Gute gut ist. Das Gute ist sozusagen ‚es selbst’. Das Böse ist nur das verdorbene Gute. Und es muss zuerst etwas Gutes geben, ehe es verdorben werden kann. […]

 Noch einfacher ausgedrückt: Um schlecht zu sein, muss die Macht des Bösen existieren, muss sie Verstand und Willen besitzen. Existenz, Verstand und Wille aber sind an sich gut. Also muss sie diese von der Macht des Guten empfangen haben. Um überhaupt schlecht sein zu können, muss sie bei ihrem Widersacher borgen oder ihn sogar bestehlen.

 Verstehen wir jetzt, warum das Christentum schon immer behauptet hat, der Teufel sei ein gefallener Engel? Das ist kein Ammenmärchen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass das Böse ein Schmarotzer, nicht etwas Ursprüngliches ist.“

Das ist keine Verharmlosung des Bösen, ganz im Gegenteil: Zu behaupten, dass das Böse in sich eine Existenz hätte, hieße, es zu verharmlosen, indem man ihm einen legitimen Platz zugesteht. Das ist das Problem mit manchen Philosophien, die Gut und Böse als sich gegenseitig ergänzende notwendige Seiten des Lebens, als Yin und Yang sehen. Das Christentum ist da ganz anders. Das Böse ist einfach nur eine Perversion, das heißt wörtlich übersetzt eine Verdrehung des Guten, es ist eine Verschmutzung also muss es beseitigt werden, restlos, damit das Gute wieder in seinem Glanz erstrahlen kann.

Harry Potter und Jesus Christus

An alle, die Harry Potter noch nicht gelesen haben: SPOILER ALERT. Nicht weiterlesen. Besorgt euch die Harry-Potter-Bücher und lest sie. Lest sie unbedingt, und dann lest meinetwegen diesen Artikel. Oder lest Harry Potter dann einfach noch mal von vorne, das ist wahrscheinlich noch besser.

 Außerdem noch einmal der Verweis auf „Allegorie und Anwendbarkeit“: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/allegorie-und-anwendbarkeit/ . Nur damit mir niemand vorwirft, willkürlich in ein Buch hineinzuinterpretieren, was mir gerade einfällt; schließlich gebe ich zu, dass ich genau das tue.

 

Über die Harry-Potter-Romane gibt es in christlichen Kreisen ja sehr geteilte Meinungen. Es gibt Christen – wie Gabriele Kuby – die daraus, dass in diesen Werken Zauberei vorkommt, schließen, dass sie ohne Zweifel Teufelswerk sein müssen.* Dann gibt es Christen, die J. K. Rowlings Romane einfach für absolut großartig halten, und zu denen zähle ich mich. Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der sie unvoreingenommen liest, zu einem anderen Ergebnis kommen kann.

Es sind schon viele Artikel online über den Wert der Bücher als „praeparatio Evangelii“, über Freundschaft und Mut der Hauptfiguren, und all das. J. K. Rowling zeigt – sie redet nicht darüber, sie zeigt – auch das Böse: seine hässliche, selbstzerstörerische Fratze in Voldemort oder Bellatrix Lestrange, seine schwächliche, feige, selbstsüchtige Seite in Peter Pettigrew, seine dumpfe, brutale in Dudley Dursley, seine überhebliche, tyrannische in Draco Malfoy und seine banale, gehässige, spießige in Dudleys Eltern oder Dolores Umbridge. Sie zeigt letzlich seine Sinnlosigkeit, seine Leblosigkeit. Und sie zeigt das Gegenteil in Harry, Ron und Hermine, den Weasleys, Albus Dumbledore, Sirius Black, Neville Longbottom, Luna Lovegood, Remus Lupin, Nymphadora Tonks, Rubeus Hagrid, Dobby dem Hauself. Sie zeigt, wie viele Gestalten des Guten es gibt, und was diese Gestalten alle verbindet. Sie zeigt die Macht der Liebe.

Besonders viel ist natürlich gesagt worden über die Botschaft, dass die Liebe den Tod überwindet. Ich möchte hier eine Szene in den Blick nehmen, die bisher, da viel geschrieben wurde, bevor alle Bücher veröffentlicht waren, noch wenig beachtet worden ist (zumindest in den Beiträgen zur Debatte, die ich kenne): Nämlich Harrys Gang in den Verbotenen Wald am Ende des siebten Bandes und seine so auffällige Ähnlichkeit mit dem Kreuzweg Jesu.

Wir erinnern uns: Als Harry noch ein Baby war, wollte Voldemort ihn töten, wegen einer Prophezeiung, die ihn glauben ließ, dass ihm dieser Junge gefährlich werden könnte. Harrys Mutter starb, um ihn zu beschützen, und deshalb konnte Voldemort Harry nicht töten – der Todesfluch prallte auf ihn zurück. Die Liebe besiegt den Tod. Da Voldemort seine Horkruxe (also in Gegenstände bzw. Tiere ausgelagerte Seelenteile) hatte, konnte er jedoch nicht völlig sterben, und musste nur einige Jahre ohne einen menschlichen Körper auskommen, den er sich in Band 4 durch dunkle Magie wieder neu erschafft, wofür er auch „Blut des Feindes“ braucht. In Band 6 erfahren Harry und Dumbledore von den Horkruxen, und arbeiten daran, sie zu zerstören; Harry führt diese Aufgabe mit Ron und Hermine fort, nachdem Dumbledore tot ist und Voldemort zu Beginn von Band 7 verdeckt die Macht in der Zaubererwelt übernommen hat. Dann, am Ende von Band 7, nachdem die meisten Horkruxe bereits zerstört sind, kommt es zur Schlacht von Hogwarts. Während einer Feuerpause sieht Harry in Dumbledores Denkarium Snapes Erinnerungen an, die der ihm eben gegeben hat, bevor er gestorben ist, und sieht darin ein Gespräch zwischen Dumbledore und Snape, das kurz vor Dumbledores Tod stattgefunden hat:

 

„[…] dann, denke ich, wird es angeraten sein, es Harry zu sagen.“

„Ihm was zu sagen?“

 Dumbledore holte tief Luft und schloss die Augen.

 „Sagen Sie ihm, dass in der Nacht, als Lord Voldemort versucht hat ihn zu töten, als Lily ihr eigenes Leben wie einen Schutz zwischen sie warf, dass in dieser Nacht der Todesfluch auf Lord Voldemort zurückprallte und ein Bruchstück von Voldemorts Seele vom Ganzen abgesprengt wurde und sich an die einzige lebendige Seele klammerte, die in jenem einstürzenden Gebäude noch übrig war. Ein Teil von Lord Voldemort lebt in Harry, und dies gibt ihm die Macht, mit Schlangen zu sprechen, und eine Verbindung zu Lord Voldemorts Geist, die er nie begriffen hat. Und solange dieses Seelenbruchstück, das von Voldemort nicht vermisst wird, mit Harry verknüpft ist und von ihm geschützt wird, kann Lord Voldemort nicht sterben.“

 Harry schien die beiden Männer durch das Ende eines langen Tunnels zu beobachten, so weit entfernt von ihm waren sie, so fremd klangen ihre Stimmen in seinen Ohren.

 „Also muss der Junge… muss der Junge sterben?“, fragte Snape ganz ruhig.

 „Und Voldemort selbst muss es tun, Severus. Das ist entscheidend.“

 

Zu dieser Zeit hat sich Voldemort mit seinen Anhängern in den Verbotenen Wald zurückgezogen, aber er hat verkündet, wieder anzugreifen, wenn Harry sich ihm nicht innerhalb einer Stunde ausliefert. Der Zeitpunkt für diese Information aus Snapes Erinnerungen könnte sozusagen nicht passender sein.

Harry erfährt sie durch die Erinnerungen eines Toten, er als einziger. Niemand ist bei ihm, niemand sonst ahnt etwas, niemand drängt ihn, irgendetwas zu tun, und er erzählt es niemandem. Er selbst entscheidet, in den Verbotenen Wald zu gehen und sein Leben hinzugeben. „Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin.“ Das hat Christus gesagt (Joh 10,18), aber es gilt ebenso für Harry. Es fällt ihm nicht leicht – ganz im Gegenteil –, aber er weiß, was er zu tun hat.

 

Er beneidete nun sogar seine Eltern um ihren Tod. Dieser kaltblütige Gang zu seiner eigenen Vernichtung würde eine andere Art von Tapferkeit erfordern. Er spürte, dass seine Finger leicht zitterten, und bemühte sich, sie unter Kontrolle zu bringen, obwohl ihn niemand sehen konnte; die Porträts an den Wänden waren alle leer.

 Langsam, ganz langsam, setzte er sich auf, und dabei fühlte er sich lebendiger, sich seines eigenen lebenden Körpers bewusster als je zuvor. Warum hatte er nie zu schätzen gewusst, was für ein Wunder er war, sein Gehirn, seine Nerven, sein hüpfendes Herz? All das würde nicht mehr sein… oder zumindest würde er nicht mehr darin sein. […]

 Und Dumbledore hatte gewusst, dass Harry sich nicht drücken würde, dass er bis zum Ende weitergehen würde, auch wenn es sein Ende war, denn er hatte sich Mühe gegeben, ihn kennen zu lernen, oder etwa nicht?

 

Er verlässt also das Schloss, allein. Auf dem Weg trifft er Neville Longbottom, den er in das Geheimnis einweiht, dass die Schlange Nagini (Voldemorts letzter verbliebener Horkrux) noch getötet werden muss; er überträgt seine Aufgabe einem anderen, ehe er in den Tod geht – wie Christus Stellvertreter eingesetzt hat für die Zeit bis zu seiner Wiederkehr. Neville geht ins Schloss zurück, ohne Bescheid zu wissen, was Harry vorhat, und Harry geht weiter. Am Rand des Waldes wird ihm klar, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, an dem der Schnatz, den er von Dumbledore geerbt hat, sich öffnen wird, und darin findet er den Stein der Auferstehung. Harry dreht ihn, und seine Eltern, sein Pate Sirius Black und Remus Lupin, der in der Schlacht um Hogwarts getötet wurde, erscheinen ihm. Sie helfen ihm und begleiten ihn in den Wald, wie Simon von Cyrene; dann verschwinden sie wieder. Er kommt zu Voldemorts Lager. Dort ist auch Hagrid, den die Todesser gefangen genommen und gefesselt haben, und der mit ansehen muss, wie Voldemort Harry tötet, wie Johannes oder Maria unter dem Kreuz.

Voldemort trifft Harry mit dem Todesfluch, und Harry erwacht in einer seltsamen Zwischenwelt, in der er Dumbledore begegnet.

 

„Aber Sie sind tot“, sagte Harry.

 „O ja“, erwiderte Dumbledore nüchtern.

 „Dann… bin ich auch tot?“

 „Ah“, sagte Dumbledore und lächelte noch breiter. „Das ist die Frage, nicht wahr? Im Großen und Ganzen, mein lieber Junge, glaube ich das nicht.“

 Sie sahen sich an, der alte Mann immer noch strahlend.

 „Nicht?“, wiederholte Harry.

 „Nein“, sagte Dumbledore.

 „Aber…“ Harry hob unwillkürlich die Hand zu seiner Blitznarbe. Sie war anscheinend nicht da. „Aber ich hätte sterben müssen – ich habe mich nicht verteidigt! Ich wollte mich von ihm töten lassen!“

 „Und das“, sagte Dumbledore, „wird, denke ich, das alles Entscheidende gewesen sein.“

 Dumbledore schien Glück auszustrahlen wie Licht, wie Feuer: Harry hatte den Mann noch nie so vollkommen, so offensichtlich zufrieden erlebt.

 „Erklären Sie“, sagte Harry.

 „Aber du weißt es schon“, sagte Dumbledore. Er drehte Däumchen.

 „Ich habe mich von ihm töten lassen“, sagte Harry. „Oder nicht?“

 „Doch“, sagte Dumbledore und nickte. „Fahr fort!“

 „Also ist der Teil seiner Seele, der in mir war…“

 Dumbledore nickte noch begeisterter und drängte Harry weiter, mit einem breiten ermutigenden Lächeln im Gesicht.

 „…ist er weg?“

 „O ja!“, sagte Dumbledore. „Ja, er hat ihn zerstört. Deine Seele ist ganz, und ganz deine eigene, Harry.“

 „Aber dann…“

 Harry blickte über seine Schulter, dorthin, wo das kleine verstümmelte Wesen unter dem Stuhl zitterte.

 „Was ist das, Professor?“

 „Etwas, dem wir beide nicht helfen können“, sagte Dumbledore.

 „Aber wenn Voldemort den Todesfluch eingesetzt hat“, begann Harry erneut, „und diesmal niemand für mich gestorben ist – wie kann ich dann am Leben sein?“

 „Ich glaube, du weißt es“, sagte Dumbledore. „Denk zurück. Erinnere dich an das, was er getan hat, in seiner Unwissenheit, in seiner Gier und seiner Grausamkeit.“

 Harry dachte nach. Er ließ den Blick über seine Umgebung schweifen. Wenn es tatsächlich ein Palast war, in dem sie saßen, dann war es ein merkwürdiger, mit Stühlen, die in kurzen Reihen aufgestellt waren, und hie und da einem Stück Geländer, und doch waren er und Dumbledore und das verkümmerte Geschöpf unter dem Stuhl die einzigen Lebewesen hier. Dann kam ihm die Antwort leicht und mühelos über die Lippen.

 „Er hat Blut von mir genommen“, sagte Harry.

 „Genau!“, sagte Dumbledore. „Er hat Blut von dir genommen und seinen lebenden Körper damit neu erschaffen! Dein Blut in seinen Adern, Harry, Lilys Schutz in euch beiden! Er hat dich ans Leben gebunden, solange er lebt!“

 „Ich lebe… solange er lebt? Aber ich dachte… ich dachte, es war umgekehrt! Ich dachte, wir müssten beide sterben? Oder ist das dasselbe?“

 Er war abgelenkt von dem Wimmern und Patschen des gequälten Geschöpfes hinter ihnen und warf erneut einen Blick darauf.

 „Sind Sie sicher, dass wir nichts tun können?“

 „Es gibt keine Hilfe.“

 „Dann erklären Sie… mehr“, sagte Harry und Dumbledore lächelte.

 „Du warst der siebte Horkrux, Harry, der Horkrux, den er nie erzeugen wollte. Er hatte seine Seele so instabil gemacht, dass sie zerbrach, als er diese unsagbar bösen Taten beging, den Mord an deinen Eltern, die versuchte Tötung eines Kindes. Aber was aus jenem Zimmer floh, war sogar noch weniger, als er wusste. Er ließ mehr zurück als seinen Körper. Er ließ einen Teil von sich selbst zurück, an dich festgeklammert, an das ausersehene Opfer, das überlebt hatte.

 Und sein Wissen blieb weiterhin jämmerlich unvollständig, Harry! Wenn etwas für Voldemort nicht wertvoll ist, macht er sich auch nicht die Mühe, es zu begreifen. Von Hauselfen und Kindermärchen, von Liebe, Treue und Unschuld weiß und versteht Voldemort nichts. Nichts. Dass sie alle eine Macht haben, die seine eigene übertrifft, eine Macht, die weiter reicht als jede Magie, das ist eine Wahrheit, die er nie erfasst hat.

 Er nahm Blut von dir in dem Glauben, dass es ihn stärken würde. Er nahm einen winzigen Teil jenes Zaubers in seinen Körper auf, den deine Mutter auf dich legte, als sie für dich starb. Voldemorts Körper hält ihr Opfer lebendig, und solange dieser Zauber überlebt, überlebst auch du, und damit Voldemorts letzte Hoffnung für sich selbst.“

 Dumbledore lächelte Harry zu und Harry starrte ihn an.

 „Und Sie wussten das? Sie wussten das – die ganze Zeit?“

 „Ich habe es vermutet. Aber meine Vermutungen erwiesen sich meistens als richtig“, sagte Dumbledore zufrieden […].

 

Harry kehrt zurück vom Tod – er kann sich entscheiden, zurückzugehen oder nicht, wie Dumbledore ihm noch sagt. Er entscheidet sich, zurückzukehren, und wieder kommt es zu einer Schlacht, Neville tötet Nagini, und Harry trifft auf Voldemort.

 

„Du wirst heute Nacht niemanden mehr töten“, sagte Harry, während sie weiter im Kreis gingen und sich in die Augen starrten, Grün in Rot. „Du wirst nicht in der Lage sein, je wieder irgendeinen von ihnen zu töten. Begreifst du es nicht? Ich war bereit zu sterben, um dich daran zu hindern, diesen Menschen etwas anzutun – “

 „Aber du bist nicht gestorben!“

 „ – ich wollte es und das war entscheidend. Ich habe getan, was meine Mutter getan hat. Sie sind vor dir geschützt. Hast du nicht bemerkt, dass keiner der Zauber, die du auf sie gelegt hast, bindende Kraft hat? Du kannst sie nicht foltern. Du kannst ihnen nichts anhaben. Du lernst nicht aus deinen Fehlern, Riddle, oder?“

 „Du wagst es – “

„Ja, ich wage es“, sagte Harry. „Ich weiß Dinge, die du nicht weißt, Tom Riddle. Ich weiß viele wichtige Dinge, die du nicht weißt. Willst du welche hören, ehe du einen weiteren großen Fehler machst?“

 […]

 „Jaah, allerdings“, sagte Harry. „Du hast Recht. Aber bevor du versuchst, mich zu töten, würde ich dir raten, darüber nachzudenken, was du getan hast… denk nach, und versuch ein wenig zu bereuen, Riddle…“

 „Was soll das heißen?“

 Nichts, was Harry zu ihm gesagt hatte, keine Enthüllung und kein Spott, hatte Voldemort so heftig schockiert wie dies. Harry sah, wie sich seine Pupillen zu schmalen Schlitzen verengten, sah die Haut um seine Augen weiß werden.

 „Das ist deine letzte Chance“, sagte Harry, „das ist alles, was dir noch bleibt… ich habe gesehen, was du andernfalls sein wirst… sei ein Mann… versuch es… versuch ein wenig zu bereuen…“

 „Du wagst es – ?“, sagte Voldemort erneut.

 „Ja, ich wage es“, erwiderte Harry, „weil Dumbledores letzter Plan zwar nach hinten losging, aber nicht gegen mich. Sondern gegen dich, Riddle.“

 

Wir wissen, wie es ausgeht: Voldemort will Harry erneut töten, der sich mit dem Entwaffnungszauber verteidigt, und er wird von seinem eigenen zurückprallenden Fluch getroffen (wir kennen die ganze Geschichte um den Elderstab und Dumbledores Plan damit); und er stirbt.

Nach Harrys Rückkehr vom Tod – der Morgen nach der Nacht der Schlacht bricht gerade an – scheint alles seltsam mühelos, auf eigenartige Weise von selbst zu gehen. Das Eigentliche ist schon getan. Das Böse ist mehr oder weniger schon besiegt; alles, was noch passiert, ist nur eine Konsequenz aus den Entscheidungen, die schon getroffen wurden. Voldemort hat noch seine Anhänger, und er kämpft noch; aber er kämpft auf verlorenem Posten. Er hat verloren und schließlich zerstört er sich selbst.

In derselben Situation sind wir – seit zweitausend Jahren sind wir Christen in der Situation nach der Auferstehung, aber vor dem endgültigen Sieg. Der Feind hat schon verloren, Christus hat mit seinem Tod am Kreuz seine Macht gebrochen und uns den Weg zu Gott gebahnt. Der Feind hat keine Macht mehr über uns, wenn wir uns nur Christus anschließen. (Für alle Leser, die mit der katholischen Sprache nicht so vertraut sind: Ja, ich meine den Teufel. Diese Figur, die sich blöderweise als rot-schwarzes Männchen mit Hörnern und Ziegenfüßen in die Vorstellung eingebrannt hat, aber eigentlich ein von Gott abgefallener Engel ist, der uns Menschen nicht leiden kann und der uns nicht gönnen will, wogegen er sich selber entschieden hat, nämlich die Gemeinschaft mit Gott.) Er kämpft noch, wütend und verzweifelt, er schart noch seine Anhänger um sich, und wir müssen auch noch kämpfen, aber wir brauchen uns nicht zu beunruhigen – eigentlich kann er uns nichts mehr antun.

Ich weiß nicht, ob irgendein Leser jetzt auf die Idee kommen könnte, ein solcher Vergleich sei irgendwie blasphemisch. Das ist er sicher ebenso wenig, wie es Blasphemie ist, Moses, Josua oder David als Präfigurationen Christi zu bezeichnen (was, na ja, seit so ungefähr zweitausend Jahren in der Theologie üblich ist), oder Frodo, Aragorn und Gandalf mit ihm zu vergleichen (was auch keine Erfindung meinerseits ist). Es gibt Erlösergestalten in vielen Romanen, Erzählungen und Mythen. C. S. Lewis betrachtete auch die heidnischen Götter – Baldur, Amor in der Sage von Amor und Psyche, usw. – als Präfigurationen des Gottessohnes. Sie deuten auf etwas hin, das größer ist als sie selbst. Natürlich tun sie das. Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes und nach Seinem Abbild geschaffen; natürlich deutet dieses Geschöpf, und was es sich ausdenken kann, auf seinen Schöpfer hin. Harry Potter befreite die Zaubererwelt aus der Tyrannei von Lord Voldemort und seiner rassistischen und brutalen Ideologie; Jesus von Nazareth befreite uns alle aus der Tyrannei Satans und der Sünde.

 

 

* Diesen Schluss ziehen sie, weil sie unter Zauberei / Hexerei das verstehen, was traditionell darunter verstanden wurde, nämlich Geisterbeschwörung, Okkultismus, der bis hin zu Satanismus gehen kann. Das entspricht aber nicht dem, was in den HP-Büchern unter Zauberei läuft. Diese Art von Zauberei ist keine schwarze Magie, einfach nur eine Art Technik. Bestimmte Menschen haben das angeborene Talent zum Zaubern, und ihre Zauber bestehen darin, dass sie Holzstäbe schwingen und dazu Worte sagen, nicht darin, dass sie Zirkel ziehen und Tote oder Dämonen anrufen. Positiv konnotierte Magie gibt es übrigens auch in den Werken christlicher Fantasy-Autoren; bei C. S. Lewis (Narnia) oder J. R. R. Tolkien (Der Herr der Ringe); oder in Grimms Märchen. Das ist in allen diesen Geschichten kein Aufruf, sich jetzt der nächsten okkulten Sekte anzuschließen. Hier übrigens noch ein weiterer Artikel zum Hintergrund: http://www.k-l-j.de/Potter4.htm