Zeitgenössische Wunder als Indizien für Jesus: Berichte von Juden und Heiden

Das 1. Jahrhundert nach Christus war eine ganz faszinierende Zeit, und aus dieser Zeit gibt es einige seltsame Berichte, und zwar nicht nur von den damaligen Christen. Hier habe ich mal ein paar zusammengestellt, die aus christlicher Perspektive interessant sind, aber nicht von Christen stammen.

Ich beanspruche alle diese Berichte nicht als Beweise, sondern als Indizien. Wer will, kann natürlich annehmen, hier handle es sich ganz oder teilweise um Hörensagen und Gerüchte; aber wer Wunder nicht a priori ausschließt (was ein vernünftiger Mensch ja nicht tun sollte, wenn er nicht zirkulär argumentieren will), muss sie zumindest als möglich gelten lassen, und schauen, ob sie sich in ein Gesamtbild fügen könnten.

Fangen wir gleich mal an:

1) Das rote Band:

Im jüdischen Talmud, einer über mehrere Jahrhunderte entstandenen und ziemlich umfangreichen Sammlung von Aussagen von Rabbinern (abgeschlossen wohl irgendwann in der Spätantike), heißt es, dass in den letzten 40 Jahren vor der Zerstörung des Tempels die Riten des Alten Bundes, die Tempelzeremonien, nicht mehr richtig funktionierten. Erst einmal die Stelle: In Joma 39b heißt es (ich habe im Internet nur eine englische Übersetzung der kompletten Originalstelle gefunden; unten meine ungefähre Übersetzung daraus ins Deutsche):

„The Sages taught: During the tenure of Shimon HaTzaddik, the lot for God always arose in the High Priest’s right hand; after his death, it occurred only occasionally; but during the forty years prior to the destruction of the Second Temple, the lot for God did not arise in the High Priest’s right hand at all. So too, the strip of crimson wool that was tied to the head of the goat that was sent to Azazel did not turn white, and the westernmost lamp of the candelabrum did not burn continually.

And the doors of the Sanctuary opened by themselves as a sign that they would soon be opened by enemies, until Rabban Yoḥanan ben Zakkai scolded them. He said to the Sanctuary: Sanctuary, Sanctuary, why do you frighten yourself with these signs? I know about you that you will ultimately be destroyed, and Zechariah, son of Ido, has already prophesied concerning you: ‚Open your doors, O Lebanon, that the fire may devour your cedars‘ (Zechariah 11:1), Lebanon being an appellation for the Temple“

Übersetzung:

„Die Weisen lehrten: Während der Zeit von Shimon HaTzaddik [als Hoherpriester] fiel das Los für Gott immer in die rechte Hand des Hohenpriesters; nach seinem Tod geschah das nur gelegentlich; aber während der vierzig Jahre vor der Zerstörung des Zweiten Tempels fiel das Los für Gott überhaupt nicht in die rechte Hand des Hohenpriesters. Ebenso wurde das Band aus roter Wolle, das an den Kopf der Ziege gebunden wurde, die nach Azazel geschickt wurde, nicht weiß, und die westliche Lampe am Kandelaber brannte nicht die ganze Zeit über.

Und die Türen des Allerheiligsten öffneten sich von selbst als Zeichen, dass sie bald von Feinden geöffnet werden würden, bis Rabban Yohanan ben Zakkai sie schimpfte. Er sagte zum Allerheiligsten: Allerheiligstes, Allerheiligstes, wieso erschreckst du dich selbst mit diesen Zeichen? Ich weiß von dir, dass du schließlich zerstört werden wirst, und Zachariah, der Sohn des Ido, hat über dich schon prophezeiht: ‚Öffne deine Türen, o Libanon, dass das Feuer deine Zedern fresse‘ (Zachariah 11,1); Libanon ist ein Name für den Tempel.“

40 Jahre vor der Zerstörung des Tempels: Das ist genau zu der Zeit, als Jesus gekreuzigt wurde und auferstand (wahrscheinlich im Jahr 30, da hier die Festtage wie in den Evangelien beschrieben fielen; der Tempel wurde im Jahr 70 zerstört). Ab Seiner Kreuzigung funktionierten also die Tempelzeremonien nicht mehr, wie sie sollten, und es gab Vorzeichen der Zerstörung des Tempels.

Die Ziege ist hier wichtig: Denn diese Ziege war der „Sündenbock“, dem symbolisch die Sünden der Menschen aufgelastet wurden und der dann in die Wüste geschickt wurde. Diese Form der symbolischen Sühnung scheint Gott nicht mehr wohlgefällig gewesen zu sein, nachdem Jesus die Sünden am Kreuz tatsächlich gesühnt hatte. Das rote Band, das die Sünden anzeigte, wurde nicht mehr weiß als Zeichen der Vergebung.

Tatsächlich bin ich über den Text eines Rabbiners, der gegen die Verwendung von Joma 39b durch christlich gewordene Juden argumentiert, auf diese Talmudstelle gestoßen. Es lohnt sich, die bei ihm angeführten jüdischen Gegenargumente anzuschauen:

  • Sein erstes Argument ist: Hier würden die Christen dem Talmud Autorität zugestehen, den sie sonst ablehnen. Das ist auch das schlechteste Argument: Das christliche Argument ist „sogar ihr selber gebt in euren Schriften, die teilweise ziemlich antichristlich sind, zu, dass die Tempelzeremonien nicht mehr funktionierten“, und nicht „das ist wahr, weil der Talmud so wunderbar ist“.
  • Das Hauptargument ist, dass das Wunder auch vorher schon öfter ausgeblieben war und generell als Strafe für die Sünden des jüdischen Volkes manchmal ausblieb: Das wäre in den letzten vierzig Jahren nichts Besonderes gewesen, da hätte es eben besonders viele innere Kämpfe, Anarchie, Mord und Totschlag gegeben. Da macht man es sich etwas sehr einfach: Denn das Wunder blieb hier eben endgültig aus; nicht als vorübergehende Strafe. Entweder wollte Gott eine sehr deutliche Strafe zeigen, die in der Zerstörung des Tempels kulminierte, oder Er wollte einfach zeigen, dass die alten Riten nicht mehr sein sollten (theoretisch wäre ja auch beides möglich). Das ist kein abschließender Beweis; es bleibt die theoretische Möglichkeit einer Strafe für etwas anderes; aber der Hinweis ist doch sehr deutlich und das Ganze einfach mit „Das kann doch genauso gut wegen etwas anderem gewesen sein“ wegzuwischen ist doch etwas zu einfach. Und wieso soll nicht beides zusammengekommen? Ein völlig zerstrittenes Volk, in dem Recht und Gesetz nicht mehr herrschen, und ein Volk, von dem Teile ihren eigenen Messias ablehnen, weil sie sich vor Ihm schämen müssten und Ihn nicht ertragen, und Er ihnen nicht die gewünschte weltliche Herrschaft gebracht hat – das passt schon zusammen. (Und nur um das klarzustellen, ich beziehe mich hier auf die damaligen Juden, die Jesus kannten und vor eine Entscheidung gestellt waren, nicht auf die heutigen, die Ihn meistens eben nicht kennen.)
  • Außerdem wird gesagt, dass man das Vorkommnis genauso gut so interpretieren könnte, dass Gott nicht die Juden, die Jesus nicht als Messias angenommen hatten, bestrafen wollte, sondern die Juden, die diesen falschen Propheten Jesus angenommen hatten. Eine ziemlich unlogische Argumentation: Denn dann hätte Gott doch gerade den Juden den Rücken gestärkt, die noch den Tempelzeremonien anhingen, indem er sie gut funktionieren ließe, statt denen, die in die Kirche gingen.
  • Dann heißt es noch: Wenn Tieropfer nicht mehr sein sollten, wieso würden diese Tieropfer dann im messianischen Zeitalter, in der Endzeit, zurückkehren, wie die Bibel (v. a. die letzten neun Kapitel von Ezechiel, z. B. Ez 43-44) sagen würde? Es ist seltsam, dass er das für ein totales „Gotcha!“ für Christen hält, die diese Kapitel bekanntlich nie so interpretiert haben.

So weit mal dazu; dazu passen außerdem:

2) Die Wunder vor der Eroberung Jerusalems:

In den Evangelien sagt Jesus mehrmals die Zerstörung des Tempels von Jerusalem voraus, die dann eben im Jahr 70 n. Chr. geschah. Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet von zahlreichen Zeichen vor der Zerstörung Jerusalems und des Tempels; auch er berichtet von den sich selbst öffnenden Türen und von weiteren sehr außergewöhnlichen Vorzeichen:

„Auf solche Art ließ sich damals das unglückliche Volk von seinen Verführern und falschen Gottesgesandten gängeln, während es andererseits die Erscheinungen, welche die kommende Verödung prophezeiten, weder beachtete noch an ihre Bedeutung glaubte, sondern ganz so, als hätte ihm der Donner das Gehör verschlagen, und als wäre es ohne Augen und ohne Leben, die feierlichen Weisungen Gottes vollständig ignorierte. So erschien einmal über der Stadt ein Gestirn, das viele Aehnlichkeit mit einem großen Schwerte hatte, wie auch ein Komet, der ein ganzes Jahr hindurch am Himmel verblieb. Ein anderesmal – es war noch vor dem Abfall von Rom und vor dem Ausbruch der ersten kriegerischen Bewegung – als das Volk sich eben am achten des Monates Xanthikus zur Feier des Festes der ungesäuerten Brote versammelt hatte, da umfloss um die neunte Stunde der Nacht ein so gewaltiger Lichtglanz Altar und Tempelhaus, dass es heller Tag zu sein schien, was etwa eine halbe Stunde währte. Obwohl die Erscheinung in den Augen der Unkundigen als eine gute Vorbedeutung galt, so gaben ihr doch die Schriftkundigen sofort jene Erklärung, die durch die folgenden traurigen Ereignisse bestätigt worden ist. Bei demselben Feste geschah es, dass die von einer Person zur Opferung geführte Kuh mitten im Tempel ein Widderböcklein gebar.

 Auch die östliche Pforte des inneren Heiligthums, die ganz von Erz und von so enormer Schwere war, dass sie am Abend von zwanzig Männern nur mit Mühe zugemacht werden konnte, und die sowohl mit eisenbeschlagenen Querpfosten gesperrt, als auch noch mit senkrechten Riegeln versehen war, welche man in die aus einem einzigen Steine bestehende Schwelle sehr tief hineinstecken konnte, diese Pforte sah man auf einmal um die sechste Stunde der Nacht ganz von selbst sich öffnen. Die Wächter des Heiligthums liefen nun schnell mit der Meldung zum Tempelhauptmann, der sofort sich zur Pforte hinausbegab und erst mit vieler Mühe dieselbe wieder schließen konnte. Auch dieses hielten die Unerfahrenen für ein ganz herrliches Vorzeichen, da es nach ihnen nichts geringeres bedeutete, als dass Gott ihnen das Thor zu allen Gütern jetzt aufgesperrt habe. Die Einsichtigen jedoch fanden darin die Andeutung, dass Gott selbst nunmehr seinen Schutz vom Heiligthum zurückziehe und den Feinden zuliebe seine Thore aufmache, und stellten in ihren Kreisen das als bestimmtes Anzeichen der nahenden Verwüstung hin.

 Erst wenige Tage waren seit diesem Feste verstrichen, als sich am 21. des Monates Artemisius eine geisterhafte Erscheinung zeigte, die ganz unglaublich klingt. Wenn das, was ich erzählen werde, nicht in Kreisen von Augenzeugen seine Bestätigung hätte, und die Drangsale, die diesen Zeichen auf dem Fuße gefolgt sind, eine solche Vorbedeutung nicht geradezu herausfordern würden, könnte wohl das Ganze, wie ich fürchte, nur für eine abenteuerliche Fabel gehalten werden. Vor Sonnenuntergang wurden nämlich hoch in der Luft über dem ganzen Lande hin Kriegswagen und Heeresmassen sichtbar, welche durch die Wolken stürmten und die einzelnen Städte umschlossen. Weiter geschah es am sogenannten Pfingstfeste, dass die Priester, als sie nach ihrer Gewohnheit noch im nächtlichen Dunkel ins innere Heiligthum giengen, um ihren heiligen Dienst zu verrichten, zunächst ein Getrabe und Stampfen, wie sie erzählten, dann aber auch die Stimmen einer großen Menge vernommen, die da riefen: ‚Lasset uns von dannen ziehen!‘

 Noch schreckhafter, als die angeführten Zeichen, war das folgende: Vier Jahre vor dem Ausbruch des Krieges, zu einer Zeit, wo die Stadt noch im tiefsten Frieden und Glücke lebte, kam ein gewisser Jesus, ein Sohn des Ananus, von gemeiner Herkunft und seiner Beschäftigung nach ein Bauer, auf das Fest, an dem alle Juden nach alter Sitte zur Verherrlichung Gottes in Laubhütten wohnen, und begann urplötzlich im Heiligthum laut aufzuschreien: ‚Eine Stimme vom Aufgang, eine Stimme vom Niedergang, eine Stimme von den vier Winden, eine Stimme über Jerusalem und den Tempel, eine Stimme über Bräutigam und Braut, eine Stimme über das ganze Volk!‘ Diese Worte schrie er bei Tag und bei Nacht, in allen Straßen Jerusalems herumgehend. Einige angesehene Bürgersleute, erbost über das Geschrei des Unglücksraben, ließen den Mann aufgreifen und ihm eine starke Tracht Prügel verabreichen. Der Mensch verlor aber dabei weder ein Wort zu seiner Vertheidigung noch beschimpfte er die Personen, die ihn schlugen, sondern immer wieder kam nur derselbe Ruf über seine Lippen. Die obersten geistlichen Behörden, welche hinter der seltsamen Unruhe des Menschen eine höhere Macht zu erblicken glaubten, worin sie gewiss das Rechte trafen, stellten den Mann vor das Gericht des damaligen römischen Landpflegers, der ihn mit Geißelstreichen solange peitschen ließ, bis man auf seine Gebeine sehen konnte. Aber er flehte nicht, er weinte nicht, sondern in dem jämmerlichsten Tone, den er nur seiner Stimme geben konnte, begleitete er jeden Streich bloß mit den Worten: ‚Wehe, wehe Jerusalem!‘ Auf alle Fragen des Albinus – so hieß der damalige Landpfleger – wer er sei, und woher er stamme, und warum er denn immer so schreie, hatte er gar keine Antwort, dafür aber wiederholte er unausgesetzt den Klageruf über die Stadt, bis endlich Albinus auf Narrheit erkannte und den Mann entließ. Die folgende Zeit über bis zum Kriege näherte er sich weder einem Bürger, noch sah man ihn mit Jemand sprechen, sondern Tag für Tag, wie einem, der ein Gebet eingelernt hat, entquoll ihm nur die Klage: ‚Wehe, wehe Jerusalem!‘ Obwohl täglich von den Leuten geschlagen, hatte er nie einen Fluch für den, der ihn schlug, aber auch keinen Segen für den, der ihm zu essen gab: für alle hatte er immer nur dieselbe unheimliche, ominöse Antwort. Am lautesten erscholl sein Klagegeschrei an den Festtagen, und trotzdem er durch sieben Jahre und fünf Monate so schrie, ward er niemals heiser und niemals müde, bis er endlich die Belagerung Jerusalems und damit die Erfüllung seiner verhängnisvollen Prophezeiungen schaute. Jetzt erst kam er zur Ruhe und zwar so: Er gieng eben auf der Mauer herum und schrie mit einer mark- und beindurchdringenden Stimme sein ‚Wehe, wehe‘ über die Stadt und das Volk und den Tempel, als er zuletzt auf einmal hinzusetzte: ‚Wehe, wehe auch mir!‘ In demselben Augenblicke schnellte aus einer Balliste ein Stein auf, gerade auf ihn zu, und zerschmetterte ihn auf der Stelle, so dass sein Weheruf schon im Todesröcheln verhallte.“ (Jüdischer Krieg VI,5,3)

Das Ganze ist besonders interessant, da auch der römische Historiker Tacitus es in seinen fragmentarisch erhaltenen „Historien“ erwähnt:

„Prodigies had occurred, which this nation, prone to superstition, but hating all religious rites, did not deem it lawful to expiate by offering and sacrifice. There had been seen hosts joining battle in the skies, the fiery gleam of arms, the temple illuminated by a sudden radiance from the clouds. The doors of the inner shrine were suddenly thrown open, and a voice of more than mortal tone was heard to cry that the Gods were departing. At the same instant there was a mighty stir as of departure. Some few put a fearful meaning on these events, but in most there was a firm persuasion, that in the ancient records of their priests was contained a prediction of how at this very time the East was to grow powerful, and rulers, coming from Judaea, were to acquire universal empire. These mysterious prophecies had pointed to Vespasian and Titus, but the common people, with the usual blindness of ambition, had interpreted these mighty destinies of themselves, and could not be brought even by disasters to believe the truth.’“ (Historien, 5, 13)

Meine Übersetzung:

„Zeichen waren geschehen, bei denen dieses Volk, zum Aberglauben geneigt, aber alle religiösen Riten hassend, es nicht für gesetzmäßig hielt, sie durch Gaben und Opfer zu sühnen. Heerscharen, die in der Schlacht aufeinander trafen, waren am Himmel gesehen worden, der feurige Glanz von Waffen, der Tempel erleuchtet durch einen plötzlichen Glanz von den Wolken. Die Türen des inneren Schreins sprangen plötzlich auf, und eine Stimme von mehr als menschlicher Zunge wurde gehört, die rief, dass die Götter [sic] abzogen. Im selben Augenblick gab es eine mächtige Bewegung der Luft wie von einem Abzug. Einige wenige schrieben diesen Ereignissen eine schreckliche Bedeutung zu, aber die meisten waren fest davon überzeugt, dass in den alten Schriften ihrer Priester eine Vorhersage enthalten war, dass zu genau dieser Zeit der Osten mächtig werden sollte, und Herrscher, die aus Judäa kamen, ein universales Reich erhalten sollten. Diese geheimnisvollen Prophezeiungen hatten Vespasian und Titus gemeint, aber das gemeine Volk, mit der üblichen Blindheit der Ruhmsucht, hatte diese machtvollen Schicksale auf sich selbst bezogen, und konnten selbst durch Katastrophen nicht dazu gebracht werden, die Wahrheit zu glauben.“

Der Römer Tacitus, der als wahrer Polytheist auch den Göttern anderer Völker eine Wirksamkeit zuschreibt, ohne so ganz alles ernst zu nehmen, was diese anderen Völker glauben und tun, hielt also die Messias-Prophezeiungen für Vorhersagen über die römischen Kaiser Vespasian und Titus. In Wahrheit betrafen sie natürlich Jesus, und sein universales Reich ist die weltumspannende Kirche, und der Teil des jüdischen Volkes, der nach Ihm noch einen anderen Messias erwartete, betrog sich selbst. Aber jedenfalls erwarteten sie im 1. Jahrhundert noch die baldige Ankunft des Messias.

Die einzelnen Zeichen sind sehr interessant. Kriegswagen und Heeresmassen in der Luft: Das erinnert doch stark an den Ausspruch Jesu vor dem Hohenpriester: „Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (Mt 26,64) Natürlich bezieht sich das einerseits auf die Endzeit und das Jüngste Gericht, aber es könnte sich möglicherweise auch auf die Zeit der Zerstörung des Tempels beziehen; sicher waren auch einige Mitglieder des Hohen Rats, zu denen Jesus sprach, im Jahr 70 persönlich noch am Leben. Sie sahen dann solche Vorboten der Zerstörung – möglicherweise Jesus mit Engelscharen – am Himmel. Und alle drei Quellen – Talmud, Josephus und Tacitus – berichten davon, dass die Türen des Allerheiligsten sich von selbst öffneten, wodurch Gott wohl zeigte, dass Er den Tempel endgültig verließ, dass der Alte Bund ein Ende hatte.

Es ist auch interessant, was weiter mit dem zerstörten Tempel geschah.

3) Scheitern des Wiederaufbaus des Tempels unter Julian Apostata

Um 360 n. Chr., nachdem das Römische Reich zum großen Teil christlich geworden war, herrschte für kurze Zeit ein Kaiser, der als Christ aufgewachsen war, sich aber dann wieder dem Heidentum zugewandt hatte – eine ziemlich ungewöhnliche Konstellation in der damaligen Zeit. Julian Apostata („Julian der Abtrünnige“) verhängte ein paar Maßnahmen gegen Christen, förderte innerchristliche Streitigkeiten und versuchte die heidnischen Opfer wiederzubeleben, aber hatte insgesamt wenig Erfolg und starb früh bei einem Feldzug gegen die Perser.

Ein Projekt, an dem er sich versuchte, war der Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem, wohl einfach als Attacke gegen die Christen, die meinten, dass Gott die Opfer im Tempel nicht mehr wolle und deshalb seine Zerstörung zugelassen hatte. Der heidnische Historiker Ammianus Marcellinus, der Julian sehr wohlgesonnen war, schreibt:

„And although he weighed every possible variety of events with anxious thought, and pushed on with burning zeal the many preparations for his campaign, yet turning his activity to every part, and eager to extend the memory of his reign by great works, he planned at vast cost to restore the once splendid temple at Jerusalem, which after many mortal combats during the siege by Vespasian and later by Titus, had barely been stormed. He had entrusted the speedy performance of this work to Alypius of Antioch, who had once been vice-prefect of Britain.

But, though this Alypius pushed the work on with vigour, aided by the governor of the province, terrifying balls of flame kept bursting forth near the foundations of the temple, and made the place inaccessible to the workmen, some of whom were burned to death; and since in this way the element persistently repelled them, the enterprise halted.“ (Ammianus Marcellinus, Res Gestae XXIII,1,2-3)

Meine Übersetzung:

„Und obwohl er jede mögliche Art von Ereignissen mit besorgten Gedanken abwog, und mit brennendem Eifer die vielen Vorbereitungen für seinen Feldzug vorantrieb, wandte er seine Aktivität allem zu, und eifrig darauf bedacht, das Gedenken an seine Herrschaft durch große Werke zu erhalten, plante er, mit hohen Kosten den einst prachtvollen Tempel in Jerusalem wiederherzustellen, der nach vielen tödlichen Kämpfen während der Belagerung durch Vespasian und später durch Titus gerade erstürmt worden war. Er hatte die schnelle Erledigung dieses Werks Alypius von Antiochia anvertraut, der einmal Vizepräfekt von Britannien gewesen war.

Aber obwohl dieser Alypius das Werk mit der Hilfe des Gouverneurs der Provinz mit Nachdruck vorantrieb, brachen immer wieder schreckliche Feuerbälle bei den Fundamenten des Tempels hervor und machten den Ort unzugänglich für die Arbeiter, von denen manche in den Flammen starben, und da auf diese Weise die Elemente sie beharrlich hinderten, kam das Unterfangen zum Stillstand.“

Der Tempelneubau wurde also durch besonders heftige Naturgewalten, die sich keiner so recht erklären konnte, behindert. (Wenn man sich noch fragt, wieso Gott den Tod unschuldiger Bauarbeiter dabei zuließ, statt sie einfach nur mit den Flammen zu erschrecken: Jedem ist seine jeweilige Lebenszeit zugewiesen, und wenn die Bauarbeiter nicht dabei gestorben wären, dann vielleicht in der Nacht darauf bei einem Hausbrand. Ihr Tod an der Baustelle muss überhaupt keine Strafe für sie persönlich gewesen sein, es war vielleicht einfach nur an der Zeit für sie.)

So weit zu möglichen göttlichen Zeichen, die darauf hindeuten könnten, dass Gott die Riten des Alten Bundes nicht mehr wollte; jetzt zu einem anderen Thema.

4) Das Verschwinden der Orakel – „Der große Gott Pan ist tot“

Im Römischen Reich gab es zahlreiche Orakelstätten, bei denen ein Seher oder eine Seherin mit Göttern oder etwas niedrigeren übersinnlichen Wesen, daimones genannt, in Kontakt treten sollte, und von den Menschen über die Zukunft befragt werden konnte. Die antiken Christen waren überzeugt, dass hier gefallene Engel (reine Geistwesen, ursprünglich gut erschaffen), die sie dann auch als Dämonen bezeichneten, am Werk waren, die sich verehren ließen und dabei oft die Menschen in die Irre führten, oder dem Seher nur einen Teil der Wahrheit erzählten (wobei sie kein wirkliches Wissen über die Zukunft hatten, aber vieles gut im voraus schätzen konnten, weil sie eine größere Intelligenz und größeres Wissen als Menschen besitzen).

Zur Zeit Jesu schienen jedoch die Orakelstätten weniger und die Orakel weniger mächtig zu werden. Der griechische Schriftsteller Plutarch (ca. 45-125 n. Chr.) schrieb ein ganzes Buch über das Verschwinden der Orakel. Darin heißt es u. a.:

„Unto which Cleombrotus making no answer, but looking down to the ground, Demetrius took up the discourse, saying: You need not busy yourself in enquiries after the oracles in those parts, seeing we find the oracles in these parts to fail or (to speak better) to be totally silenced, except two or three; so that it would be more to the purpose to search into the cause of this silence. But we are more concerned in Boeotia, which, although formerly famous throughout all the world for oracles, is now like a fountain dried up, so that at present we find them dumb. For at this day there is no place in all Boeotia, unless in the town of Lebadea, where one can draw out any divination, all other parts being become silent and forsaken.“ (Plutarch, De defectu oraculorum 5)

Meine Übersetzung:

„Als darauf Cleombrotus keine Antwort gab, sondern zu Boden blickte, nahm Demetrius die Frage auf und sagte: ‚Du musst dich nicht damit beschäftigen, nach den Orakeln in diesen Gegenden nachzuforschen, da wir sehen, dass die Orakel in diesen Gegenden versagen oder (besser gesagt) vollkommen stumm geworden sind, außer zwei oder drei; sodass es eher Sinn macht, nach dem Grund für diese Stummheit zu suchen. Aber besonders betrifft das Boeotia, das, obwohl es früher in aller Welt berühmt für seine Orakel war, jetzt wie eine versiegte Quelle ist, sodass wir sie gegenwärtig stumm sehen. Denn dieser Tage gibt es keinen Ort in ganz Boeotia, außer in der Stadt Lebadea, wo man irgendeine Weissagung bekommt, all die anderen Gegenden sind still und verlassen geworden.“

In der Diskussion zwischen den anwesenden Philosophen wird vorgeschlagen, es liege an den Menschen, die die Götter mit unwürdigen Fragen nerven, oder einfach am Bevölkerungsrückgang, der nicht mehr so viele Orakel nötig mache, oder auch, die Orakel seien die Sache der daimones, nicht der Götter, und diese lebten nicht ewig wie die Götter und seien menschlichen Emotionen unterworfen, würden die Orakel manchmal verlassen.

Einer erzählt als Beweis für die Sterblichkeit der daimones dann folgende Geschichte, die sich zur Zeit des Tiberius zutrug, der zur Zeit der Kreuzigung Jesu Kaiser war:

„And as to their mortality, I have heard it reported from a person that was neither fool nor knave, being Epitherses, the father of Aemilianus the orator, whom some of you have heard declaim. This Epitherses was my townsman and a school-master, who told me that, designing a voyage to Italy, he embarked himself on a vessel well laden both with goods and passengers. About the evening the vessel was becalmed about the Isles Echinades, whereupon their ship drove with the tide till it was carried near the Isles of Paxi; when immediately a voice was heard by most of the passengers (who were then awake, and taking a cup after supper) calling unto one Thamus, and that with so loud a voice as made all the company amazed; which Thamus was a mariner of Egypt, whose name was scarcely known in the ship. He returned no answer to the first calls; but at the third he replied, Here ! here! I am the man. Then the voice said aloud to him, When you are arrived at Palodes, take care to make it known that the great God Pan is dead. Epitherses told us, this voice did much astonish all that heard it, and caused much arguing whether this voice was to be obeyed or slighted. Thamus, for his part, was resolved, if the wind permitted, to sail by the place without saying a word; but if the wind ceased and there ensued a calm, to speak and cry out as loud as he was able what he was enjoined. Being come to Palodes, there was no wind stirring, and the sea was as smooth as glass. Whereupon Thamus standing on the deck, with his face towards the land, uttered with a loud voice his message, saying, The great Pan is dead. He had no sooner said this, but they heard a dreadful noise, not only of one, but of several, who, to their thinking, groaned and lamented with a kind of astonishment. And there being many persons in the ship, an account of this was soon spread over Rome, which made Tiberius the Emperor send for Thamus; and he seemed to give such heed to what he told him, that he earnestly enquired who this Pan was; and the learned men about him gave in their judgments, that it was the son of Mercury by Penelope.“ (Plutarch, De defectu oraculorum 17)

Übersetzung:

„Und was ihre Sterblichkeit angeht, habe ich einen Bericht von einer Person gehört, die weder Dummkopf noch Gauner war, Epitherses, dem Vater von Aemilianus dem Redner, den einige von euch haben reden hören. Dieser Epitherses war mein Mitbürger und ein Schulmeister, der mir erzählte, dass er auf einer Reise nach Italien ein Schiff bestieg, das stark beladen war mit Gütern und Passagieren. Gegen Abend geriet das Schiff in eine Flaute bei der Inselgruppe der Echinaden, woraufhin ihr Schiff mit der Strömung fuhr, bis es in die Nähe der Paxi-Inseln getragen wurde; als plötzlich eine Stimme von den meisten Passagieren gehört wurde (die wach waren und nach dem Abendessen etwas tranken), die nach einem gewissen Thamus rief, und das mit so lauter Stimme, dass die ganze Gruppe erstaunt war; dieser Thamus war ein Seemann aus Ägypten, dessen Name auf dem Schiff kaum jemandem bekannt war. Er gab keine Antwort auf die ersten Rufe; aber nach dem dritten antwortete er: Hier! Hier! Ich bin es. Dann sagte die Stimme laut zu ihm: Wenn du in Palodes ankommst, mach es bekannt, dass der große Gott Pan tot ist. Epitherses sagte uns, dass diese Stimme alle, die sie hörten, sehr erstaunte, und viel Streit verursachte, ob diese Stimme befolgt oder ignoriert werden sollte. Thamus, was ihn anging, war entschlossen, wenn es der Wind erlaubte, an dem Ort vorbei zu segeln, ohne ein Wort zu sagen; aber wenn der Wind nachließ und Ruhe herrschte, zu sprechen und so laut er konnte zu rufen, was ihm aufgetragen war. Als sie nach Palodes kamen, wehte kein Wind, und das Meer war so ruhig wie Glas. Woraufhin Thamus, der auf dem Deck stand, mit seinem Gesicht zum Land, mit lauter Stimme seine Botschaft rief: Der große Pan ist tot. Kaum hatte er das gesagt, als sie einen schrecklichen Lärm hörten, nicht von einem, sondern von mehreren, die, so schien es ihnen, stöhnten und klagten mit einer Art von Erstaunen. Und da viele Leute auf dem Schiff waren, wurde bald die Nachricht davon in Rom verbreitet, was den Kaiser Tiberius nach Thamus schicken ließ; und er schien so ernst zu nehmen, was er ihm sagte, dass er ernsthaft nachforschte, wer dieser Pan war; und die gelehrten Männer in seinem Umfeld meinten in ihren Urteilen, dass er der Sohn Merkurs von Penelope war.“

Eine christliche Interpretation wäre, dass hier zwar niemand gestorben ist, aber der Dämon, der sich bisher als „Pan“ gezeigt hatte, machtlos geworden war, und dass er selbst in seiner Wut, oder dass ein guter Engel das Ende des Orakels verkündet hatte. Selbst wenn man diese spezielle Geschichte mit Thamus nicht ernst nehmen will, bliebe die Tatsache, dass die Wesen hinter den Orakeln generell an Macht verloren.

(Noch eine Anmerkung: Aus der Antike gibt es allgemein mehr Berichte als von heute darüber, dass Dämonen sich relativ offen zeigten. Der logischste Grund dafür wird – neben ihrem allgemeinen Machtverlust – die Taktik der Dämonen sein, die im einen Zeitalter die Leute eher zu Aberglauben und Satanismus, im anderen eher zu naiver Diesseitigkeit und Leugnung alles Übernatürlichen verleiten wollen. Freilich gibt es auch heute noch sehr schwer erklärbare Phänomene, die auf Dämonen hindeuten; aber das wäre ein Thema für ein anderes Mal.)

Wie gesagt: Das alles sind Indizien, keine Beweise. Nichtchristen werden sie wahrscheinlich als Mischung aus interessanten Zufällen, Hörensagen und Erfindungen wegwischen; wer schon vom Christentum überzeugt ist, wird entweder sein Urteil zurückhalten oder sie als zusätzliche Bestätigung sehen. Interessant zu kennen ist das alles aber allemal.

Von Gott und Götzen

Alle Götter der Heiden sind Dämonen, so sagt es der Psalm (96(95),5); unsere Kirchenväter sahen dementsprechend in den Kulten ihrer römischen, griechischen, ägyptischen Umgebung vor allem die Dämonen, also die von Gott abgefallenen Engel, am Werk, die sich den Menschen gezeigt und sich als Götter ausgegeben hätten, um sie auf falsche Bahnen zu lenken (manchmal bemerkten sie außerdem, dass hier einfach historische Gestalten göttergleiche Ehren erhielten – wenn zum Beispiel noch das Grab eines Zeus bekannt war -, was sie aber letztlich auch als Werk der Dämonen erklärten). Der Götzendienst jedenfalls, bei dem irgendetwas Geschaffenes, das nicht Gott ist, angebetet wird, so sagen es die Bibel und die Kirche, ist Sünde, was auch immer genau dahintersteckt. (Die Einheitsübersetzung übersetzt statt „Dämonen“ in diesem Psalm, anders als Septuaginta und Vulgata, übrigens „Nichtse“; ich kann das mangels Hebräischkenntnissen nicht beurteilen.) Schon die Sache mit dem Goldenen Kalb nahm der Herr ja nicht so locker.

Soweit, sogut; heißt das nun, dass jede vor- oder nichtchristliche Religion einfach nur Idolatrie ist?

Kurz gesagt, nein, heißt es nicht. Die Kirche lehrt auch, dass der Mensch prinzipiell allein mit seiner Vernunft, noch vor der göttlichen Offenbarung, die Existenz eines einzigen, absoluten, hinter der Welt stehenden Schöpfers erkennen kann, und in manchen Religionen oder Philosophien wurde dieser Schöpfer wirklich erkannt; oft wandte man sich zwar zusätzlich noch an eine bunte Welt von Göttern, Halbgöttern, Geistern, personifizierten Naturkräften und Ahnen, die man sich als übermenschliche Wesen innerhalb der Welt dachte, und solchen Wesen göttliche Ehren zukommen zu lassen, war bzw. ist freilich Götzendienst, wenn auch unter Umständen gutgläubiger Götzendienst; aber das macht die wahre Gottesverehrung, die manchmal gleichzeitig da war/ist, nicht inexistent.

Die antiken Platoniker beispielsweise waren philosophische Monotheisten, und übrigens auch gute Kandidaten für eine Bekehrung zum Christentum; ein Beispiel ist der hl. Justin der Märtyrer / der Philosoph (hingerichtet ca. 165 n. Chr.), der erzählt, dass er noch als Platoniker Gott folgendermaßen definierte, als er in einen Dialog mit einem Christen geriet:

„‚Das Wesen, welches immer in gleicher Weise dasselbe ist, und welches die Ursache des Seins für alles übrige bildet, das ist Gott.‘ So lautete meine Antwort. Er aber hatte seine Freude an meinen Worten und stellte von neuem an mich eine Frage.“

Griechische Philosophen waren aber nicht die einzigen, die Gott erkannten; die nordamerikanischen Indianer kannten den „Großen Geist“ – und auch katholisch gewordene Indianer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die andere Praktiken ihrer Religion aufgegeben hatten und nicht mehr an andere untergeordnete Geister glaubten, bezeichneten Gott manchmal noch immer mit dem Titel „der große Geist“, wie man in damaligen Missionszeitschriften schön nachlesen kann; so sagte ein Kongress der katholischen Sioux zur Ehe:

„Wir glauben an die Lehre Jesu Christi bezüglich der heiligen Ehe: Was der große Geist vereint hat, soll der Mensch nicht trennen. Deshalb verabscheuen wir von ganzem Herzen den Missbrauch, das Band der Ehe zu lösen, und betrachten ihn als einen großen Schandfleck unserer Zeit.“

Die Missionare bauten auf ihrer Gotteserkenntnis auf, und brachten ihnen die Botschaft, dass der große Geist, von dem sie schon wussten, sich auch offenbart hatte und sogar Mensch geworden war.

Ein anderes Beispiel: Kardinal Robert Sarah aus Guinea (Westafrika) erzählt in dem Interview-Buch „Gott oder nichts“, das der Journalist Nicolas Diat mit ihm gemacht hat, im ersten Kapitel auch von seiner Kindheit im ländlichen Guinea; und über die Religion seiner Vorfahren (er selbst wurde schon 1947 als Zweijähriger getauft, hat aber als Kind und Jugendlicher in seiner Umgebung offensichtlich noch einiges von der traditionellen Religion mitbekommen) berichtet er folgendes:

„Das Volk der Coniagui ist sehr religiös, es hängt an Gott, der Ounou genannt wird. Doch es kann mit ihm nur durch die Ahnen in Kontakt treten.

Der Gott meiner Vorfahren ist der Schöpfer des Universums und von allem, was existiert. Er ist ein höchstes Wesen, unaussprechlich, unbegreiflich, unsichtbar und unergründlich. Dennoch ist er im Zentrum unserer Leben und durchdringt unsere ganze Existenz.“ (Eigene Übersetzung aus der französischen Originalausgabe „Dieu ou rien“.)

Seine Eminenz hat über die Religion seiner Vorfahren durchaus nicht nur Positives zu sagen; die Initiationsriten für Jugendliche greift er kurz darauf mit den schärfsten Worten an. Aber dieser grundsätzliche Gottesglaube ist ganz offensichtlich etwas Positives.

(Kardinal Sarah, 2015. Gemeinfrei.)

Dann gibt es da ja noch Religionen, die den Monotheismus vermittelt über Leute, die von der Offenbarung Gottes an das Volk Israel und in Jesus von Nazareth bereits wussten, kennenlernten, aber ihr eigenes Spin-off kreierten, wobei sie eine neue Offenbarung beanspruchten und  die alte für verfälscht oder eine minderwertige Vorstufe erklärten; Beispiele wären die Moslems im 7. oder die Bahai im 19. Jahrhundert.

Natürlich sind das falsche Religionen; und solche Verfälschungen haben irgendwo noch etwas Schlimmeres als vor der Offenbarung vorhandene, sich selbst (natürlich auch mit Gottes versteckt wirkender Gnade) nach der Wahrheit vortastende Philosophien und Religionen. Götzendienst sind sie allerdings auch nicht.

Um einen Freund (dankeschön, Nepomuk!) zu zitieren:

„Begründung, kurzgefaßt: Wer ‚Gott‘ sagt und dabei auch tatsächlich ‚Gott‘ meint – d. h. ein einziges höchstes Wesen, das nicht, wie die vorgestellten Götzen, der Welt angehört, sondern die Welt erschaffen hat – der meint eben per tautologiam auch Gott damit, und Schluß.

Ob man Seinen Sohn ignoriert (wie die heutigen Juden), ihm rabiate Leugnung der Wahrheit Seiner Dreifaltigkeit (wie die Moslems) unterstellt oder geradezu teuflische Züge (um mit Chesterton zu sprechen) bei [der] schuldlosen ewigen Verdammnis von Menschen wie die Kalvinisten, ist natürlich auf je eigene Art und Weise schlecht (vor allem Begriffe wie ‚Apostasie‘ und ‚Häresie‘ fallen da ein), ändert aber an der Tautologie nichts, daß wer Gott verehrt, Gott verehrt.

(Folglich muß ein Katholik, der zum Islam abgefallen ist, beichten ‚ich habe Apostasie begangen‘; er muß aber in der Tat nicht beichten ‚ich habe Götzendienst begangen‘.)“

Die Hindugötter beispielsweise sind tatsächlich Götzen; „Allah“ (das arabische Wort für „Gott“, das, nebenbei bemerkt, auch arabische Christen gebrauchen) ist tatsächlich kein Götze. Es wäre daher nett, wenn christliche Angriffe auf den Islam mit korrekten Begriffen operieren könnten, statt „Allah ist ein Götze“ o. Ä. zu proklamieren, was nun mal leider falsch ist. Anderweitige Angriffsfläche bietet ein gewisser falscher Prophet bekanntlich genug.

(Diese Tatsache, dass Gott nun mal Gott ist, schließt übrigens nicht aus, dass falsche Propheten und Sektenführer, die immerhin noch an Gott glaub(t)en, letztlich auf direkte oder indirekte Weise  von den Dämonen inspiriert waren; selbst immerhin noch christliche Irrlehrer, die sich von der Kirche abspalteten und der vollständigen Wahrheit Adieu sagten, wie beispielsweise Calvin, waren ja vermutlich irgendwie von den Dämonen inspiriert (wie auch sonst viele beim Tun von irgendwelchem Bösem).)

Holman The Golden Calf.jpg Pilgrims worship beside the Ka'bah01.jpg

(Links: Götzendienst; rechts: nicht Götzendienst. (Gemeinfrei.))

 

PS: Anlass für diesen Artikel war, dass man ja schon mal für eine modernistische Götzendienstverharmloserin gehalten wird, wenn man in sozialen Medien die unbestreitbare Tatsache erwähnt, dass Muslime wenigstens Gott ehren.

PPS: Eine interessante Beobachtung, die mir noch in den Sinn gekommen ist: Nicht nur Tradikatholiken, die den Islam angreifen wollen, sondern auch Fundiprotestanten, die den Katholizismus angreifen wollen, haben ja öfter Schwierigkeiten mit der korrekten Definition von „Götzendienst“: Einerseits, was altbekannt ist, werfen sie uns wegen der Heiligenverehrung Götzendienst vor; da können wir noch so oft erklären, dass wir die Heiligen verehren und nicht anbeten; aber komischerweise haben sie mit der tatsächlichen Anbetung der eucharistischen Gestalten (d. h. der gewandelten Hostie und des Weins, die in der Messe zu Leib und Blut Christi werden) durch Katholiken wesentlich weniger Probleme, obwohl das ihrer Lehre nach wirklicher Götzendienst sein müsste, da sie die Hostie für bloßes Brot halten und man Brot ja doch nicht anbeten sollte.