Der heilige Antonius über die Unterscheidung der Geister

Ich bin gerade dabei, ein paar Arbeiten für die Uni zu schreiben, für die ich u. a. die Vita Antonii gelesen habe, die Biographie des heiligen Antonius (251-356 n. Chr.), die der heilige Athanasius von Alexandria (ca. 300-373 n. Chr.), der Antonius noch persönlich kannte, verfasst hat (hier online). Und was soll ich sagen: Dieses kurze Buch ist wirklich spannend. Und kann einem auch im eigenen geistlichen Leben weiterhelfen.

In einer längeren Rede, mit der Antonius, der ja einer der allerersten ägyptischen Wüstenmönche war, sich an andere Mönche richtet, um ihnen zu erklären, wie man den geistlichen Kampf gegen die Dämonen kämpft, findet sich eine Stelle, an der er erklärt, wie man dämonische Erscheinungen von Erscheinungen unterscheidet, die von Gott, den Engeln oder den Heiligen stammen. Jetzt ist es zwar bei uns weniger wahrscheinlich als bei einem Heiligen, dass wir es mit Visionen zu tun bekommen; aber man kann das, was er sagt, auch gut auf die alltäglichen Gedanken/Eingebungen anwenden, die einem z. B. beim Gebet kommen.

Also übergebe ich das Wort jetzt mal ohne weiteres Drumherumgerede an den heiligen Antonius bzw. seinen Biographen:

 

„[D]enn es ist leicht und gar wohl möglich, die Anwesenheit der Guten und Bösen zu unterscheiden, da Gott diese Gabe verleiht. Denn der Anblick der Heiligen bringt keine Verwirrung mit sich: ‚Nicht wird er streiten noch schreien noch wird jemand hören seine Stimme‘. Ihre Erscheinung erfolgt so ruhig und sanft, daß sogleich Freude und Fröhlichkeit und Mut in die Seele kommt. Denn mit ihnen ist der Herr, der unsere Freude ist, die Kraft aber ist die Gottes, des Vaters, die Gedanken der Seele aber sind ohne Verwirrung und Erregung; daher erblickt sie, von jener erleuchtet, die Erscheinungen. Sehnsucht nach dem Göttlichen und Zukünftigen überkommt sie, und sie will sich durchaus mit ihnen vereinigen, um mit ihnen von hier zu gehen. Wenn aber manche als schwache Menschen sich vor dem Gericht der Guten fürchten, dann nehmen die Erscheinenden rasch die Angst von ihnen durch ihre Liebe. So machte es Gabriel mit Zacharias, und der Engel, der am göttlichen Grabe den Frauen sich zeigte, und jener, der im Evangelium zu den Hirten sprach: ‚Fürchtet euch nicht!‘ Denn die Furcht vor ihnen entsteht nicht aus der Mutlosigkeit der Seele, sondern aus der Erkenntnis von der Gegenwart der Besseren. So verhält es sich mit der Erscheinung der Heiligen.

Der Ansturm und das Gesicht der Bösen aber ist voll Verwirrung, er erfolgt unter Getöse, Lärm und Geschrei wie das Getümmel von ungezogenen Jungen und Räubern. Daraus entsteht sogleich Furcht in der Seele, Verwirrung und Unordnung in den Gedanken, Scham, Hass gegen die Asketen, Sorglosigkeit, Schmerz, Erinnerung an die Verwandten, Furcht vor dem Tode; und dann Begierde nach dem Schlechten, Nachlässigkeit in der Tugend und Verschlechterung des Charakters. Wenn ihr ein Gesicht habt und euch fürchtet, die Furcht aber sogleich schwindet und dafür unaussprechliche Freude entsteht, Wohlbehagen und Mut und Erquickung, Ordnung in Gedanken und all das andere, von dem ich eben sprach, Mannhaftigkeit und Liebe zu Gott, dann seid frohen Mutes und betet; denn die Freude und der ruhige Zustand der Seele zeigen die Heiligkeit des Anwesenden. So frohlockte Abraham, als er den Herrn sah, und Johannes hüpfte vor Freude, als die Stimme der Gottesgebärerin Maria ertönte. Wenn aber bei manchen Erscheinungen Verwirrung entsteht, Lärm von außen, weltlicher Trug, Drohung mit dem Tode und dergleichen, was ich vorher nannte, so erkennt daran, daß der Angriff von Bösen kommt.

Auch dies soll euch ein Kennzeichen sein: wenn die Seele in Furcht verharrt, so ist das ein Beweis für die Gegenwart der Feinde. Denn die Dämonen nehmen die Furcht davor nicht weg, wie es der große Erzengel Gabriel bei Maria und Zacharias tat, und der, welcher in dem Grabe den Frauen erschien.“

(Vita Antonii, aus Kapitel 35-37)

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Die halten sich wohl für besonders fromm!

(Eine vielleicht notwendige Ergänzung zu Posts wie diesem, diesem und diesem.)

Ein heutzutage beliebter Vorwurf gegenüber gläubigen Menschen ist der der Überheblichkeit: Sie würden sich für besonders großartige Menschen und Gottes Lieblinge halten, ihre Frömmigkeit zur Schau stellen und so weiter und so fort. Oft trifft dieser Vorwurf Gläubige, die eigentlich nur das Minimum dessen tun, was von ihrer Religion gefordert wird (also bei Christen z. B.: sonntags in die Kirche gehen, keinen Sex vor der Ehe haben; oder bei Muslimen: im Ramadan fasten, Kopftuch tragen), und das nicht mal an die große Glocke hängen. Aber das wird eben trotzdem gelegentlich als Überheblichkeit und als Vorwurf an andere empfunden: Weil der Christ tatsächlich glaubt, dass alle sonntags in die Kirche gehen sollten, macht er uns Kirchenfernen einen Vorwurf, beleidigt uns, stellt uns als Sünder hin. Weil die Muslima tatsächlich glaubt, dass alle Frauen Kopftuch tragen sollten, erklärt sie uns westliche Frauen alle zu Schlampen. Nun könnte  man sich denken, wer sich seiner Sache sicher ist, dass der Kirchgang nicht notwendig oder das Kopftuch kein verpflichtendes Kleidungsstück für eine anständige Frau sei, könnte da drüber stehen und es aushalten. Aber anscheinend wird schon die bloße Religionsausübung (nicht erst wirkliche Überheblichkeit, die es natürlich auch gibt) von vielen trotzdem als  Vorwurf an Religionslose/Andersreligiöse empfunden.

(Dass „Frömmigkeit“ auch nicht mehr unbedingt als etwas an sich Positives gesehen wird, kommt natürlich noch hinzu: Wieso bildet die sich überhaupt was drauf ein, in der Kirche zu sitzen? Das ist doch sinnlos, sie sollte lieber was Vernünftiges tun. (Dass sie, wenn sie nicht in der Kirche sitzen würde, vermutlich stattdessen in dieser Zeit eher ausschlafen würde, als, sagen wir, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, wird gerne übersehen.))

Manchmal wird der Vorwurf, besonders fromm sein zu wollen, aber auch nur an die tatsächlich besonders eifrigen Gläubigen gerichtet: Was muss die jeden Tag in die Werktagsmesse springen und jeden Samstag zum Rosenkranz? Bildet die sich ein, sie wäre eine bessere Christin als wir, die wir bloß am Sonntag auftauchen?

Das ist sozusagen das Gegenstück zur „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle, die ich hier beklagt habe: Der, der mehr tun will als die anderen, wird als der Feind gesehen, der sich über die anderen Christen erheben will, auch wenn er selbst nie angedeutet hat, dass er sich als den tollsten Christen ever sieht oder dass alle das tun müssen, was er tut.

Mein Bekannter und Stammleser Nepomuk hat vor längerer Zeit einmal einen Artikel über die Heiligen geschrieben, aus dem ich, weil genau dieses Problem darin so schön ausgedrückt wird, einen längeren Abschnitt zitieren möchte:

Ist daraus nun zu folgern, wie z. B. Joseph Roth es übrigens tutiv, daß die Kirche dadurch, daß sie die paar Perfekten kanonisiere, implizit die Sündhaftigkeit der Restmenschen gestatte? Oder sollen wir sagen, ja die anderen seien halt im verborgenen heilig gewesen, hätten aber deshalb nicht weniger gelitten, sich nicht weniger aufgeopfert etc.? Zumal es diese Art Heilige ja auch tatsächlich geben wird: aber auch das sind doch, mal ehrlich, nur ein paar. Das Leben hat seine schönen Seiten, und wir, die wir keine Ordensgelübde abgelegt haben, die wir ‚wenn wir ehrlich sein wollen, gern einen Fuß in beiden Welten haben wollen; deren Ehrgeiz ist, zu bestehen, nicht zu glänzen‘v, wollten uns ehrlich gesagt nicht vom Glanz, der Gelassenheit, der Ruhe und der Anstrengung eines Ordenslebens gerade die Anstrengung herauszusuchen.

Die erfreuliche Nachricht: das fordert die Kirche tatsächlich nicht.

Die Moral, wie sie uns die Kirche lehrt, fordert ’nichts weiter‘ als nicht zu sündigen. ‚Du kennst doch die Gebote.‘ (Mk 10,19) Die Kirche hilft dabeivi – der Patron ihrer Moraltheologen war bezeichnenderweise nicht Staatsanwalt, sondern Strafverteidiger gewesen, eben der erwähnte hl. Alfons – immer bemüht, genau darzulegen, was zu tun ist und was nicht.vii (Auf einige typische Einwände hierzu soll im nächsten Artikel eingegangen werden.)

Und das Vorbild der Heiligen? Der modernen Welt, die nicht gelassen, aber dafür perfektionistisch ist (deshalb schimpft sie auch alleweil auf den Perfektionismus) mag der Gedanke fremd sein; aber in den Katholiken hat sich der gesunde menschliche Instinkt bewahrt. Wer gut ist, der verehre als Helden einen, der besser ist. Bezeichnenderweise können wir das auch heute noch überall da nachvollziehen, wo wir nicht auf den Gedanken kommen, uns Vorwürfe zu machen. So bei den dilettierenden Freizeitmusikern: Gerade die hören doch mit besonderer Freude und Gewinn die Titel der herausragenden Interpreten. So bei den Fußballspielern der Dorfvereine in der A-Klasse. Gerade die schauen doch mit noch mehr Begeisterung als der Rest der Bevölkerung das Finale der Champions-Leauge im Fernsehen an.viii

So ist es auch bei den Heiligen (also den Christen). Gerade die können von den Heiligen (im landläufigen Sinn) gar nicht genug bekommen. Die Büßer von einem, der ganz übermenschliche Bußwerke geleistet hat wie der hl. Pedro von Alcantara. Die Gastwirte, die mit ihrer Gastfreundschaft Geld verdienen, von einem hl. Julianus, der beim Bewirten auf den Verdienst verzichtet hat. Die Mönche, die den Psalter jede Woche beten, von einem hl. Patrick, der ihn jeden Tag betete. Und so weiter – nur drei Beispiele von vielen, die man aufzählen könnte.“

(Es lohnt sich, den Artikel im Ganzen zu lesen; und hier wird er noch fortgesetzt.)

Der Punkt ist: Wenn uns bewusst ist, dass das Gute gut ist, und das Bessere besser, und das Bessere kein Feind des Guten, dann löst sich das ganze Problem auf. Wenn einer mehr tun will als andere und besonders eifrig ist, ist das gut; es ist lobenswert; solche Leute braucht es. Auch im weltlichen Leben braucht es die anstrengenden Berufe wie Chirurgen und Soldaten. Aber dass manche Leute Chirurgen und Soldaten werden, ist eben kein Vorwurf an diejenigen, die sich den leichten Job des Steuerbeamten oder der Bürokauffrau suchen. Wenn einer, der gesund ist und arbeiten könnte, gar nicht arbeiten wollte, dann könnte man ihm daraus einen Vorwurf machen. Das Gleiche gilt auch für die Gemeinschaften innerhalb der Kirche, wie etwa die neuen geistlichen Bewegungen: Wenn einer sich darin engagieren will und viel Zeit und Einsatz dafür aufwendet, ist das gut – solange er nicht glaubt, allein so könne man ein richtiger Christ sein und die anderen Christen, die nicht so engagiert sind, seien gar keine richtigen Christen wie er. Und man sollte jemandem eben auch nicht vorwerfen, allein deshalb, weil er mehr tut als andere, verachte oder verurteile er sie und halte sie für keine richtigen Christen. Vielleicht ist er wirklich ein besserer Christ als sie; vielleicht auch nicht; jedenfalls können sie trotzdem gute Christen sein.

Auch im Himmel wird es übrigens noch die besonders großartigen Heiligen geben, die besondere Ehre erhalten (wie die allerseligste Gottesmutter, oder etwas darunter vielleicht solche wie den heiligen Franziskus), und die, die, na, eben ein bisschen drunter stehen. Dante beschreibt in der Göttlichen Komödie den Himmel als einen Ort aus mehreren konzentrischen Sphären, in denen die verschiedenen Heiligen leben (so wie auch seine Hölle aus verschiedenen Kreisen für verschieden schwere Sünden aufgebaut ist). Aber es braucht weder Neid auf die einen noch Verachtung der anderen, weil sie alle in übergroßer Seligkeit leben und Gottes Herrlichkeit schauen.

Verratet unsere Märtyrer nicht!

In der Diskussion darum, ob Wiederverheiratet-Geschiedene nun zur Kommunion gehen dürften oder nicht, erhält eine Bibelstelle, die das Thema Wiederheirat betrifft, überraschend wenig Beachtung. Der letzte Prophet des Alten Bundes, der Vorläufer des Herrn, über den dieser sagt „Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer“ (Matthäus 11,11), wurde ins Gefängnis geworfen und schließlich getötet, weil er seinem König gesagt hatte, dass dieser seine geschiedene Schwägerin nicht heiraten dürfte: „Herodes hatte nämlich Johannes festnehmen und in Ketten ins Gefängnis werfen lassen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu ihm gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, sie zur Frau zu haben. Dieser wollte ihn töten lassen, fürchtete sich aber vor dem Volk; denn man hielt Johannes für einen Propheten. Als aber der Geburtstag des Herodes war, tanzte die Tochter der Herodias vor ihnen. Und sie gefiel Herodes, sodass er mit einem Eid zusagte, ihr zu geben, was immer sie sich wünschte. Sie aber, angestiftet von ihrer Mutter, sagte: Gib mir hier auf einer Schale den Kopf Johannes’ des Täufers! Und der König, der traurig wurde wegen der Eide und wegen der Gäste, befahl, den Kopf zu bringen. Und er schickte und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten. Man brachte seinen Kopf auf einer Schale und gab ihn dem Mädchen und sie brachte ihn ihrer Mutter. Und seine Jünger kamen, holten den Leichnam und begruben ihn. Dann gingen sie und berichteten es Jesus.“ (Matthäus 14,3-12) In der Bibel scheinen Patchworkfamilien irgendwie nicht so gut zu funktionieren.

(Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers in einem Gemälde von Carlo Dolci, Wikimedia Commons)

Etwa fünfzehn Jahrhunderte später war wieder ein König unzufrieden damit, dass „bis dass der Tod uns scheidet“ wirklich „bis dass der Tod uns scheidet“ heißen sollte, und wieder mussten andere dafür mit dem Leben bezahlen. Heinrich VIII. erklärte sich 1534 zum Oberhaupt der Kirche von England, damit er seine Ehe mit Katharina von Aragon, die der Papst für gültig und damit unauflöslich befunden hatte, für ungültig erklären und Anne Boleyn heiraten konnte. Sein Lordkanzler Thomas Morus trat von seinem Amt zurück und zog sich in sein Privatleben zurück, weil er diese Entscheidungen nicht mittragen konnte; aber Heinrich war nicht damit zufrieden: Thomas sollte einen Eid auf ihn als Oberhaupt der Kirche leisten. Da Thomas Morus dazu nicht bereit war und immer noch nur den Papst als Kirchenoberhaupt anerkennen wollte, wurde er in den Tower gesperrt und 1535 schließlich geköpft. Ebenso erging es Kardinal John Fisher, dem einzigen der englischen Bischöfe, der den Suprematseid auf Heinrich nicht leistete.

  

(Thomas Morus, links, und John Fisher, rechts, beide Darstellungen von Hans Holbein dem Jüngeren, Wikimedia Commons)

Weitere dreihunderfünfzig Jahre später konvertierten einige Pagen am Hof eines anderen Königs, Mwanga II. von Bugunda (heutiges Uganda), zum Christentum – einige zur katholischen, andere zur anglikanischen Kirche. Mwanga fielen sie bald negativ auf: Plötzlich waren sie nicht mehr bereit, als seine Geliebten zu dienen. Die christlichen Pagen wurden also im Jahr 1886 hingerichtet, die meisten von ihnen in Namugongo auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

(Die Märtyrer von Uganda, in der Mitte Charles Lwanga, Darstellung von Albert Wider)

Mit anderen Worten: Wir haben Heilige, die umgebracht wurden, weil sie nicht bereit waren, die Wahrheit über die Unauflöslichkeit der Ehe, die Autorität des Papstes oder die Tatsache, dass homosexuelle Handlungen gegen Gottes Gebote sind, preiszugeben. Können diejenigen Christen, die solche Überzeugungen am liebsten aus der Lehre der Kirche tilgen würden, diese Heiligen noch verehren? Oder würden sie Johannes den Täufer, Thomas Morus und Charles Lwanga lieber als bigotte / diskriminierende / ultramontane / homophobe Fanatiker aus dem Heiligenkalender werfen? Wenn wir „barmherzig“ gegenüber (bestimmten) Sünden sein wollen (womit meistens gemeint ist, sie zu Nichtsünden zu erklären, was dann auch keine Barmherzigkeit mehr nötig machen würde), dann vergessen wir bitte nicht, wofür einige unserer Märtyrer ihr Leben gegeben haben. Wenn John Fishers Sturheit nicht in das ökumenische Konzept zu passen scheint, das man sich für die Zusammenarbeit mit den Anglikanern zurechtgelegt hat, ist vielleicht an diesem Konzept etwas falsch. Die Unauflöslichkeit der Ehe ist nicht vernachlässigbar, nicht verhandelbar, nicht unwichtig; genausowenig die Einheit der Kirche unter dem Bischof von Rom. Bitte verraten wir unsere Märtyrer nicht. Kein weltlicher Herrscher ist unser Kirchenoberhaupt und hat uns was zu unserem Glauben zu sagen.

(Nicht mal, wenn derjenige so höfliche Worte findet wie Herr Steinmeier auf dem Katholikentag für seine Bitte, dass wir doch unseren Eucharistieglauben aufgeben sollten, um mit den Lutherischen besser auszukommen.)

Einfältige, Sklaven, Weiber und Kinder

Ich bin ja immer für Ehrlichkeit in der Apologetik. Auch unsere Gegner und Kritiker haben nicht immer Unrecht, und wenn sie einmal Recht haben, muss man es auch ganz offen und ehrlich zugeben. Da darf man die Tatsachen nicht verdrehen.

In diesem konkreten Fall: Der antike Kirchenkritiker Kelsos (2. Hälfte 2. Jh.) warf den Christen seiner Zeit an einer Stelle seiner antichristlichen Polemik „Wahre Lehre“ (Alethes logos) vor, sie wollten „offenbar nur die einfältigen, gemeinen und stumpfsinnigen Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden, und vermögen dies auch“. Wir wollen daher einmal ganz ehrlich und unvoreingenommen prüfen, anhand einiger Vorbilder im Glauben, die unsere Kirche uns präsentiert, ob er denn Recht hat mit seinem Vorwurf, unsere Religion sei eine Religion nur für „einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, […] Sklaven, Weiber und Kinder.“

Fangen wir da beim Thema Sklaven an:

  • St. Onesimus: Ihn finden wir in der Bibel. Er war seinem Herrn Philemon, einem Christen, davongelaufen und traf Paulus in Rom. Paulus schickte ihn zu Philemon zurück und gab ihm einen Brief mit (eben den „Brief an Philemon“ im Neuen Testament), in dem er für Onesimus Fürsprache einlegte und um seine Freilassung bat. „Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. Früher konntest du ihn zu nichts gebrauchen, doch jetzt ist er dir und mir recht nützlich. Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz. […] Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst! Wenn er dich aber geschädigt hat oder dir etwas schuldet, setz das auf meine Rechnung! Ich, Paulus, schreibe mit eigener Hand: Ich werde es bezahlen – um nicht davon zu reden, dass du dich selbst mir schuldest. Ja, Bruder, um des Herrn willen möchte ich von dir einen Nutzen haben. Erfreue mein Herz; wir gehören beide zu Christus. Ich schreibe dir im Vertrauen auf deinen Gehorsam und weiß, dass du noch mehr tun wirst, als ich gesagt habe.“ (Phlm 8-12.15-21) Der Überlieferung nach wurde Onesimus tatsächlich freigelassen und wurde später als Nachfolger des Timotheus Bischof von Ephesus, und schließlich Märtyrer.
  • St. Anakletus: Der dritte Papst nach St. Petrus und St. Linus war wahrscheinlich ein Sklave oder ein Freigelassener. Er soll etwa von 76 bis 88 n. Chr. Bischof von Rom gewesen sein. Der Überlieferung nach ebenfalls Märtyrer.
  • St. Felicitas: Sie war eine Sklavin der reichen Römerin St. Perpetua; beide erlitten im Jahr 203 in Karthago zusammen das Martyrium. Ihre Geschichte ist sehr gut überliefert; Perpetua selbst schrieb im Gefängnis ihre Erlebnisse auf.
  • St. Benedikt „der Mohr“, auch Benedikt von San Fratello (1526-1589): Er war ein äthiopischstämmiger Sklave und wurde auf Sizilien geboren. Mit 18 Jahren wurde er aufgrund der treuen Dienste seiner Eltern freigelassen; ein paar Jahre später wurde er zuerst Eremit und schloss sich dann den Franziskanern an, wo er als Koch des Klosters fungierte. Gegen seinen Willen und obwohl er Analphabet war (wir erinnern uns: „einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen“), wählten seine Mitbrüder ihn später zum Oberen. Er stand im Ruf großer Heiligkeit und wurde während seines Lebens von Massen von ratsuchenden Menschen aus dem ganzen Land aufgesucht. Er soll seinen Todeszeitpunkt selbst vorhergesagt und noch andere Wunder vollbracht haben und wurde schon gleich nach seinem Tod sehr verehrt; seliggesprochen wurde er 1743 und heiliggesprochen 1807.
  • St. Josefine Bakhita (1869-1947): Sie wurde in einem Dorf im Sudan geboren und als Kind von Sklavenjägern verschleppt und in El Obeid und Khartoum mehrmals weiterverkauft. Durch das Trauma der Entführung vergaß sie ihren ursprünglichen Namen; „Bakhita“ (die Glückliche) ist der Name, den ihre Entführer ihr in einem Anflug von Zynismus gaben. In dieser Zeit erlebte sie bei verschiedenen Besitzern furchtbar brutale Behandlungen. Schließlich wurde sie von einem italienischen Konsul gekauft, der sie gut behandelte und schließlich nach Italien mitnahm. Dort gab er sie zur Familie eines Freundes, den Michielis, für deren Tochter sie als Kindermädchen diente. Zusammen mit dem Kind kam sie dann zeitweise in die Obhut eines Konvents der Canossianerinnen, wo sie den Glauben kennenlernte. 1890 ließ sie sich taufen. Als die Michielis sie wieder zu sich holen wollten, konnte sie durchsetzen, im Kloster zu bleiben (ein Gericht erklärte sie schließlich für frei); sie trat in den Orden ein, wobei sie den Namen Guiseppina annahm, und legte 1895 die ewige Profess ab. Sie war Pförtnerin im Kloster. Später wurde sie von ihrem Orden angeregt, ihre Erinnerungen aufzuschreiben und in den 30ern sprach sie in verschiedenen Klöstern in Italien über ihr Leben, um junge Ordensschwestern auf die Mission in Afrika vorzubereiten. Bei der Bevölkerung war sie bekannt als die „Santa madre moretta“ (heilige braune Mutter); 1992 wurde sie selig- und 2000 heiliggesprochen.
  • Ehrwürdiger Diener Gottes Augustine Tolton (1854-1897): Er wurde als Sklave in Missouri geboren. Sein Vater floh während des Bürgerkrieges, um sich den Truppen der Nordstaaten anzuschließen; auch seine Mutter floh ein wenig später mit ihren drei Kindern nach Quincy, Illinois. Der Vater starb noch vor dem Ende des Krieges an einer Krankheit und kehrte nie zu der Familie zurück. Augustine arbeitete in einer Tabakwarenfabrik in Quincy und ging im Winter in die Schule seiner Pfarrei. Sein Pfarrer Peter McGirr förderte seinen Wunsch, Priester zu werden; kein amerikanisches Seminar nahm ihn auf, aber schließlich konnte er stattdessen in Rom studieren. 1886 wurde er zum Priester geweiht; damit der erste schwarze Priester der USA. (James Augustine Healy, der später auch Bischof wurde, wurde zwar schon 1854 geweiht, aber Healy war „gemischtrassig“, und seine Abstammung war zwar seinen Vorgesetzten, aber nicht der Öffentlichkeit, bekannt, da er äußerlich als weiß durchgehen konnte.) Zuerst sollte Tolton in die Mission nach Afrika gehen, aber dann wurde er doch in die USA zurück geschickt. (Hier findet sich ein Bericht aus einer deutschen Missionszeitschrift von damals über seine Primiz in Quincy: http://die-missionen.blogspot.de/2011/12/primizfeier-des-ersten-schwarzen.html) Zuerst blieb er in Quincy, wo er aber bald mit Schwierigkeiten und Ablehnung zu kämpfen hatte; später wurde er nach Chicago versetzt, wo er eine Pfarrkirche für afroamerikanische Katholiken bauen ließ. Er starb mit nur 43 Jahren überraschend an einer Krankheit. Sein Seligsprechungsverfahren läuft derzeit. (Nähere Informationen dazu hier: http://www.toltoncanonization.org/default.htm)
  • St. Petrus Claver (1580-1654): Er war ein Apostel von Sklaven – ein spanischer Jesuit, der nach Cartagena, das Zentrum des südamerikanischen Sklavenhandels, ging, mit dem Schwur „allezeit Sklave der Negersklaven“ zu sein. Er ging auf die neu ankommenden Schiffe aus Afrika, sorgte für die Gefangenen dort mit Essen und Kleidung, pflegte die Kranken, predigte das Evangelium. 300.000 Menschen soll er in seinen vierzig Jahren dort getauft haben. Jedes Jahr um Ostern durchwanderte er die unwegsame Gegend, um die Sklaven auf dem Land aufzusuchen und ihnen die Sakramente zu spenden; er schlief dabei immer in ihren Hütten, und in Cartagena bestand er gegenüber den feinen spanischen Herrschaften darauf, dass eine Messe für Herren wie Sklaven gemeinsam gefeiert wurde; als ein paar Damen sich über den Gestank der Afrikaner in der Kirche beschwerten, erwiderte er, Gott müsse auch den Gestank der Sünden dieser Damen aushalten.
  • St. Petrus Nolascus (um 1182-1249/1256) und St. Raimund Nonnatus (1202-1240): Ersterer gründete den Orden der Mercedarier, der sich zur Aufgabe setzte, verschleppte Christen aus der Sklaverei von Muslimen loszukaufen, letzterer war sein wahrscheinlich bedeutendster Ordensbruder. Raimund legte, wie alle Mercedarier, den Schwur ab, notfalls als Geisel in der Hand der Muslime zu bleiben, wenn es zur Befreiung der Christen notwendig sei, und er war dann tatsächlich zeitweise in muslimischer Gefangenschaft. Dort predigte er allerdings fröhlich weiter das Evangelium, sodass man ihm mit einem Eisenpfahl die Lippen durchbohrt und seinen Mund mit einem Vorhängeschloss verschlossen haben soll. Schließlich konnte er von seinem Orden noch freigekauft werden, starb aber kurze Zeit später.
  • Wen gäbe es noch zu erwähnen? St. Serapion natürlich, einen Märtyrer der Mercedarier, und St. Patrick von Irland fiele mir ein, oh, ja, und Papst Calixt I., vielleicht könnte man noch die ehrwürdige Dienerin Gottes Henriette de Lille und St. Martin de Porres zählen…

Kommen wir nach den Sklaven zu den Kindern:

  • Heilige Unschuldige Kinder: Die dürfen natürlich nicht fehlen. Unsere allerjüngsten Heiligen.
  • St. Tarcisius: Der Patron der Ministranten. Er lebte in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts in Rom und war damit beauftragt, die Eucharistie zu den Kranken zu bringen. Als eine Gruppe heidnischer Jugendlicher ihn zwingen wollte, herzuzeigen und herauszugeben, was er da bei sich hatte, weigerte er sich; daraufhin wurde er zusammengeschlagen und getötet.
  • St. Agnes von Rom (gest. ca. 250): Agnes war erst 12 Jahre alt, als sie zur Märtyrerin wurde. Der Überlieferung nach weigerte sie sich, zu heiraten, da sie Jungfräulichkeit gelobt hatte; ziemlich viele Legenden ranken sich um ihr Martyrium. Sie ist sicherlich historisch (sie wurde schon im 4. Jahrhundert verehrt), aber wie viel Wahres an den Details ihrer Geschichte ist, weiß man nicht.
  • St. Maria Goretti (1890-1902): Sie war ein italienisches Bauernmädchen, das sich nach dem Tod ihres Vaters um den Haushalt und ihre jüngeren Geschwister kümmern musste, während ihre Mutter arbeitete. Als sie elf Jahre alt war, stellte Alessandro Serenelli, der Sohn ihres Nachbarn, ihr immer wieder nach und versuchte sie schließlich zu vergewaltigen; da sie sich heftig wehrte, stach er auf sie ein, sodass sie einen Tag später im Krankenhaus starb. Ehe sie starb, vergab sie ihrem Mörder, und sechs Jahre später, während er eine 30-jährige Zuchthausstrafe verbüßte, erschien sie ihm im Traum, woraufhin er bereute und sich bekehrte. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis bat er ihre Mutter um Vergebung und wurde Laienbruder in einem Franziskanerkloster. Maria Goretti ist übrigens die einzige mir bekannte Heilige, bei deren Heiligsprechung noch ein Elternteil dabei war. (Das war 1950.)
  • St. José Luis Sánchez del Rio (1913-1928): Er ist einer unserer wenigen Heiligen, die direkt an militärischen Auseinandersetzungen beteiligt waren – in seinem Fall am Cristero-Aufstand gegen die die Kirche verfolgende Regierung in Mexiko. Er war erst vierzehn, als er getötet wurde, und man hatte ihm daher nicht erlaubt, wirklich mitzukämpfen, aber schließlich hatte einer der Anführer der Cristeros ihn als Bannerträger aufgenommen. Er wurde in einem Kampf von den Regierungstruppen gefangen genommen und schließlich gefoltert und getötet, weil er sich weigerte, seinen Glauben abzulegen. (Man schlitzte ihm die Fußsohlen auf und ließ ihn auf ausgestreutem Salz hin und her laufen. Seine Peiniger boten ihm an, ihn zu verschonen, wenn er rufe: Tod, Christus dem König! Aber er rief den Ruf der Cristeros: „Viva Cristo Rey!“ – Es lebe Christus, der König! Am Ende wurde er dann per Kopfschuss getötet.) Am 16. Oktober 2016 erst wurde er heiliggesprochen.
  • Sel. Jacinta Marto (1910-1920) und sel. Francisco Marto (1908-1919): Den beiden Geschwistern erschien, zusammen mit ihrer Cousine Lucia dos Santos (die sehr lange lebte und erst 2005 starb; ihr Seligsprechungsverfahren läuft), im Jahr 1917 bei ihrem portugiesischen Heimatdorf Fatima die Gottesmutter, als sie gerade Schafe hüteten. Sie starben sehr jung an der Spanischen Grippe.
  • Ansonsten gäbe es noch St. Domenico Savio (1842-1857), oder die sel. Laura Vicuna (1891-1904), oder die sel. Imelda Lambertini (1321/22-1333)…

Zu den Weibern muss ich wahrscheinlich nichts sagen, oder? Ich meine, so angesichts der Tatsache, dass unsere allerhöchste Heilige eine Frau ist („gebenedeit unter den Frauen“), unser Herr nach seiner Auferstehung zuerst Frauen erschien, und auch fast nur Frauen bei Ihm unter dem Kreuz ausgeharrt hatten… (Nebenbei: Ich vermute mal, dass die Anzahl der kanonisierten Heiligen sich relativ geschlechtergerecht aufteilt, aber es war übrigens auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein Vorwurf der fortschrittlichen Denker gegen die katholische Kirche, dass ja eh bloß Weiber dahin gingen.)

Noch allgemein etwas zu den einfältigen, gemeinen und stumpfsinnigen Menschen? Na ja, da könnte man St. Jean-Marie Vianney, auch bekannt als Pfarrer von Ars, nennen, der während seiner Seminarzeit mit großen Lernschwierigkeiten – besonders in Bezug auf die lateinische Sprache – zu kämpfen hatte, oder auch „ungelehrte und einfache Leute“ (Apg 4,13) wie St. Petrus, den Apostelfürsten und ersten Papst…

Ist der Katholizismus also eine Religion nur für „einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, […] Sklaven, Weiber und Kinder“? Nun, ich würde behaupten, sicher nicht „nur“, aber definitiv „auch“!

Okay. Das war nun eine recht ausführliche Darlegung hierzu, aber ich will nun doch auch einmal wieder ernst sein. Der arme Kelsos verdient es ja schließlich, dass man ihm eine ernsthafte Antwort gibt. Das hat damals in der Antike Origenes getan – Kelsos’ Aussagen sind uns übrigens ausschließlich in Zitaten seiner christlichen Gegner wie Origenes überliefert. Daher hier einmal, für alle, die es noch interessiert, das, was Origenes in seinem Werk Contra Celsum dazu sagt (falls jemand jetzt verwirrt ist: Auf Griechisch nennt man ihn Kelsos, latinisiert ist das Celsus, und da die Titel sämtlicher antiker Werke bei uns im vom Mittelalter her lateinisch geprägten Westen im Allgemeinen auf Latein angegeben werden, wird auch Origenes’ ursprünglich auf Griechisch geschriebenes Werk mit dem lateinischen Contra Celsum betitelt):

„Celsus führt dann im folgenden die im Widerspruche zu der Lehre Jesu stehenden Äußerungen von einige wenigen Personen an, die zwar den christlichen Namen tragen, aber nicht zu „den Verständigeren“ wie er meint, sondern zu den Ungebildetsten zu zählen sind. Er sagt, „dass solche Anordnungen von ihnen getroffen würden: Kein Gebildeter komme heran, kein Weiser, kein Verständiger“; denn „solche Eigenschaften würden bei uns für übel angesehen. Sondern wenn einer ungelehrt, wenn einer unvernünftig, wenn einer ungebildet, wenn einer töricht ist, der solle getrost kommen. Indem sie solche Leute von vornherein als würdig ihres Gottes bezeichnen, wollen sie offenbar nur die einfältigen, gemeinen und stumpfsinnigen Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden, und vermögen dies auch.“ Darauf gebe ich zur Antwort: Jesus macht die Enthaltsamkeit zur Pflicht, indem er sagt: „Wer ein Weib ansieht mit Begierde nach ihr, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen“. Wenn man nun von so vielen Christen einige wenige, die für Christen angesehen werden, ein unsittliches Leben führen sähe, dann würde man ihnen mit vollstem Rechte den Vorwurf machen, dass ihr Leben der Lehre Jesu widerspricht, höchst unvernünftig würde man dagegen handeln, wenn man den Vorwurf, den diese verdienen, der Lehre Jesu machen wollte. Ebenso wird man, wenn sich findet, dass die Lehre der Christen so gut wie irgendeine zur Weisheit ermahnt, diejenigen tadeln müssen, die ihre eigene Unwissenheit verteidigen, und zwar nicht solche Dinge vorbringen, wie Celsus sie ihnen zuschreibt – denn wenn einige auch einfältig und unwissend sind, eine solche schamlose Sprache führen sie doch nicht -, sondern weit geringere Dinge, die aber immerhin geeignet sind, die Menschen von der Übung der Weisheit abwendig zu machen.

Dass es aber der Absicht unserer Lehre entspricht, wenn wir nach Weisheit streben, lässt sich aus den alten jüdischen Schriften nachweisen, die bei uns wie bei den Juden in Geltung sind, ebenso sehr aber auch aus jenen Schriften, die nach Jesus verfaßt sind und in den Gemeinden als göttliche anerkannt werden. [Alttestamentliche Stellen werden angeführt]

Unserer Lehre ist so sehr daran gelegen, Weise unter der Zahl ihrer Bekenner zu haben, dass sie, um den Verstand der Zuhörer zu üben, einige ihrer Wahrheiten in Rätseln, andere in den sogenannten dunklen Worten, und wieder andere durch Gleichnisse und andere durch gestellte Aufgaben verkündet. So spricht Hosea, einer der Propheten am Schlusse seiner Reden: „Wer ist weise und wird dieses verstehen? oder verständig und wird es erkennen?“. Daniel und die Männer, die mit ihm in der Gefangenschaft waren, machten auch in den Wissenschaften, denen zu Babylon die Gelehrten am Hofe des Königs oblagen, solche Fortschritte, dass sie sich anerkanntermaßen vor allen diesen „zehnfach“ auszeichneten. Auch bei Ezechiel wird dem Herrscher von Tyros, der auf seine Weisheit stolz war, gesagt: „Bist du weiser als Daniel? Ist dir nicht alles Verborgene gezeigt worden?“

[Weitere Bibelstellen]

Wahrscheinlich haben die Worte des Paulus im ersten Briefe an die Korinther, gerichtet an Griechen, die auf ihre griechische Weisheit sehr stolz waren, einige auf die Meinung gebracht, als ob unser Glaube von gebildeten Personen nichts wissen wollte. Wer solcher Meinung ist, der mag hören, dass der Apostel an jener Stelle niedrig gesinnte Menschen tadelt, die nicht für die geistigen, unsichtbaren und ewigen Dinge „weise“ seien, sondern sich nur mit dem Sinnlichen beschäftigten und darauf allen Wert legten; deshalb nennt er sie „Weise der Welt“. Nun gibt es aber viele Lehrmeinungen; die einen nehmen nur Stoff und Körper an und erklären auch alle die Wesen, denen ein höheres Sein zukommt, für Körper und leugnen, dass es außer diesen Körpern etwas anderes gäbe, mag man es nun „unsichtbar“ nennen oder als „unkörperlich“ bezeichnen. Diese Anschauungen nennt Paulus „Weisheit der Welt“, die zunichte und zur Torheit gemacht wird, und „Weisheit dieser Zeit“. Es gibt aber auch andere Lehrmeinungen, die die Seele von dem Streben nach dem Irdischen abziehen und zur Seligkeit bei Gott und zu seinem Reich erheben; sie wollen, dass der Mensch alles Sinnliche und Sichtbare als vergänglich verachte, aber zu dem Unsichtbaren hineile und das Nichtsinnliche zum Ziele nehme; diese bezeichnet er als „Weisheit Gottes“. In seiner Wahrheitsliebe aber sagt Paulus von einigen griechischen Weltweisen, dass sie da, wo sie der Wahrheit gemäß reden, „Gott erkannt, ihn aber nicht als Gott gepriesen, noch ihm gedankt haben“. Er gibt ihnen das Zeugnis, dass sie „Gott erkannt haben“ und erklärt zugleich, dass ihnen dies ohne göttliche Hilfe nicht möglich gewesen wäre, wenn er sagt: „Denn Gott hat es ihnen offenbart“. Wenn ich nicht irre, redet er hier geheimnisvoll von den Personen, die von den sichtbaren Dingen zu den geistigen emporsteigen, wenn er schreibt; „Das unsichtbare Wesen wird von Erschaffung der Welt her an seinen Werken durch das Denken gesehen, nämlich seine ewige Macht und Göttlichkeit, damit sie ohne Entschuldigung seien, weil sie Gott zwar erkannt, ihn aber nicht als Gott gepriesen, noch ihm gedankt haben“.

Der Apostel schreibt an einer anderen Stelle: „Sehet aber auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viel Weise nach dem Fleische, nicht viel Mächtige, nicht viel angesehene Leute. Sondern was vor der Welt töricht ist, hat Gott auserwählt, um die Weisen zu beschämen, und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt, und das, was nichts ist, um zunichte zu machen, was etwas ist, damit allem Fleische der Ruhm vor ihm benommen sei“. Es ist möglich, dass auch durch diese Worte einige zu der Meinung veranlasst worden sind, dass „kein Gebildeter, kein Weiser, kein Verständiger“ zu unserem Glauben komme. Einer solchen Meinung müssen wir entgegenhalten, dass der Apostel nicht schreibt: „Kein Weiser nach dem Fleische“, sondern: „Nicht viel Weise nach dem Fleische.“ Und wenn Paulus anderswo in der Charakteristik der Bischöfe die Eigenschaften aufzählt, die ein Bischof haben soll, so rechnet er bekanntlich dazu auch die Fähigkeit zur Verwaltung des Lehramtes.

Er sagt nämlich, „der Bischof müsse imstande sein, auch die Widersprechenden zu widerlegen“, damit er durch die Weisheit, die in ihm ist, die hohlen Schwätzer und Seelenverführer zum Schweigen bringe“. Und wie er zum Bischofsamt den nur einmal Verheirateten lieber wählt als denjenigen, der eine zweite Ehe geschlossen hat, und den Mann „ohne Tadel“ dazu für tauglicher hält als den, dessen Wandel nicht tadellos ist, und wie er den „Nüchternen“ dem Unmäßigen, den „Keuschen“ dem Unkeuschen und den „unbescholtenen“ Mann demjenigen vorzieht, an dem ein wenn auch noch so kleiner Makel haftet, so verlangt er, dass der zum bischöflichen Amte besonders Berufene „zum Lehren geschickt und imstande sei, die Widersprechenden zu widerlegen“. Wie kann uns also Celsus mit Recht vorwerfen, dass wir sagten: „Kein Gebildeter komme heran, kein Weiser, kein Verständiger“? Nein, vielmehr soll jeder Gebildete und Weise und Verständige“, der es nur will, zu uns kommen; aber ebensogut soll auch zu uns kommen, „wenn einer ungelehrt und unvernünftig und ungebildet und töricht ist“. Denn unsere Lehre, die alle Menschen zum Dienste Gottes würdig zubereitet, verspricht auch für solche Menschen, wenn sie ihr beitreten, sorgen zu wollen.

Unwahr ist auch die Behauptung, dass die Lehrer des göttlichen Wortes „nur einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden wollen“. Es ist wahr, unsere Lehre wendet sich an solche Personen, um sie zu bessern; sie will aber auch die gewinnen, die von diesen sehr verschieden sind. Denn Christus ist „ein Heiland aller Menschen“ und „besonders der gläubigen“, mögen sie nun scharfsinnige Geister oder einfache Leute sein, und er ist „eine Sühne“ „bei dem Vater“ „für unsere Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern auch für die ganze Welt“. Es erübrigt sich also für uns auf die folgenden Einwürfe des Celsus zu antworten, die so lauten: „Was ist denn sonst Schlimmes dabei, gebildet zu sein und sich um die besten Lehren zu bemühen und verständig zu sein und auch verständig zu scheinen? Ist dies ein Hindernis für die Gotteserkenntnis? Ist es nicht vielmehr förderlich und von der Art, dass man dadurch eher in den Besitz der Wahrheit gelangen kann?“ Wahrhaft „gebildet zu sein“ ist freilich „nichts Schlimmes“, denn der Weg zur Tugend ist die wissenschaftliche Ausbildung. Freilich werden auch die griechischen Weisen nicht sagen, dass man diejenigen unter die Gebildeten“ rechnen solle, die falschen Lehren anhangen. Wer wollte dagegen bestreiten, dass es gut sei „sich um die besten Lehren zu bemühen“? Doch welche „Lehren“ werden wir als „die besten“ bezeichnen?, welche anders als die wahren, die uns zur Tugend ermuntern? „Verständig sein“ ist gleichfalls eine gute Sache, aber nicht, es zu „scheinen“, was ja Celsus sagt. „Gebildet zu sein und sich um die besten Lehren zu bemühen und verständig zu sein“, das sind Dinge, durch welche die Erkenntnis Gottes“ nicht „gehindert“, sondern im Gegenteil gefördert wird. Und zu dieser Behauptung sind wir mehr berechtigt als Celsus, besonders wenn es sich herausstellt, dass er ein Epikureer ist.“ (Origenes, Contra Celsum, 3,44-49)

Origenes geht übrigens bereits im ersten Buch seiner Widerlegung schon einmal auf Kelsos’ philosophische Überheblichkeit ein:

„Wir antworten darauf: Wenn es möglich wäre, dass alle Menschen sich von den Geschäften des Lebens freimachen und ihre ganze Zeit auf das Studium der Philosophie verwendeten, so dürften sie keinen anderen Weg einschlagen als diesen allein. Denn im Christentum wird sich, damit ich mich nicht zu derb ausdrücke, keine geringere Prüfung der Glaubenslehren, keine geringere Auslegung der dunklen Stellen in den Propheten und der Gleichnisse in den Evangelien und von tausend anderen symbolischen Tatsachen oder gesetzlichen Anordnungen finden lassen als anderswo. Wenn aber dies nicht möglich ist, wenn wegen der Sorgen und Mühen, die das Leben mit sich bringt, und wegen mangelnder geistiger Begabung sich nur wenige der Wissenschaft widmen, welcher andere Weg, um der großen Menge zu helfen, dürfte wohl gefunden werden, der besser wäre, als der Weg, den Jesus den Völkern überliefert hat? Wir fragen hinsichtlich der Menge der Gläubigen, die sich von der großen Flut des Lasters, in der sie früher sich wälzten, frei gemacht haben, ob es für sie besser ist, dass sie, ohne die Vernunft zu befragen, geglaubt und ihr sittliches Leben in Ordnung gebracht, und wegen ihres Glaubens, dass die Sünden bestraft, die guten Werke aber belohnt werden, geistlichen Nutzen erfahren haben, oder dass ihre mit einfachem Glauben verbundene sittliche Besserung nicht eher anerkannt wird, als bis sie die Glaubenslehren gründlich geprüft hätten? Offenbar nämlich würde diese Prüfung der Gesamtheit mit ganz wenigen Ausnahmen nicht einmal das gewähren, was der einfache Glaube verleiht; die Mehrzahl würde ihr lasterhaftes Leben fortsetzen. Wenn es nun irgendeinen anderen Beweis dafür gibt, dass „die Menschenliebe“ des Wortes nach Gottes Absicht in das Leben der Menschen eingetreten ist, so muss man auch diesen Beweis mit dazu rechnen.“ (Origenes, Contra Celsum, 1,9)

Kurz gesagt: Gott ist nicht nur für brillante Philosophen da.

Ich habe noch nicht viel von den Kirchenvätern gelesen, aber ich finde es ziemlich spannend, damit anzufangen. Vieles von dem, was Origenes im Allgemeinen schreibt, kann man nämlich heute noch ganz genauso in Debatten mit Atheisten gebrauchen – er schreibt über das Naturrecht, das Zeugnis der Apostel und ziemlich viele andere Dinge noch. Wirklich interessant. Interessant ist auch, dass Kelsos es an einigen Stellen genau so zu machen scheint wie zahlreiche moderne Kritiker des Christentums – sprich, er reimt sich aus einzelnen Stellen der Evangelien seine eigene Version der Geschichte von Jesus von Nazareth zusammen, und ignoriert dann alles, was da nicht hinein passt. Ich bin noch nicht mit Contra Celsum fertig und habe manche Stellen eher überflogen, aber es ist wirklich interessant. (Es findet sich übrigens hier:  http://www.unifr.ch/bkv/buch46-82.htm) Irgendwie kommen mir unsere Zeit und die Antike immer ähnlicher vor, je mehr ich über letztere erfahre. Okay, ein paar Unterschiede gibt es, so etwa, um bei diesem Beispiel hier zu bleiben, hält Kelsos die Wunder, die durch Jesus und auch noch die späteren Christen geschahen, nicht für unmöglich, sondern für Beispiele von Zauberei, die man erlernen könnte. Aber insgesamt gibt es auch viele Gemeinsamkeiten, habe ich so allgemein den Eindruck. Ermutigend, oder? Schließlich setzte sich in der Antike die Überzeugungskraft des Christentums am Ende durch.

Eins vielleicht noch: Als ich diesen Text beendete, musste ich auf einmal an Björn Odendahls Kritik an der afrikanischen Kirche auf katholisch.de denken, die vor ein paar Monaten bekanntlich für so heftige Empörung im katholischen Teil des Internets gesorgt hat. Der Tenor von dessen Artikel war ja: Die Afrikaner sind bloß gläubig, weil sie so blöd sind; die Kirche in Afrika wachse, weil „der Bildungsstand durchschnittlich auf einem niedrigeren Niveau ist und die Menschen einfache Antworten auf schwierige (Glaubens)fragen akzeptieren“, wie sie zum Beispiel Kardinal Sarah aus Guinea gebe und so weiter – also, kurz gesagt, wenn sie treu katholisch sind, dann bloß, weil sie zu ungebildet dafür sind, den katholischen Glauben abzulehnen. So eine Behauptung hätte einem Kelsos doch alle Ehre gemacht.

Das schlechte Gefühl, wenn man sich gut fühlt

Wer die Überschrift aufmerksam gelesen hat, wird sie wohl eines sehr eindeutigen inneren Widerspruchs bezichtigen. Aber dieses schlechte Gefühl, wenn man sich gut fühlt, gibt es tatsächlich, nämlich bei Skrupulanten wie mir. (Was Skrupulosität ist, siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/)

Es sieht kurz gesagt so aus: Wenn man sich gerade gut fühlt – wenn man stolz ist auf etwas, das man erreicht hat, oder sich bei Gott geborgen fühlt, oder das Gefühl hat, dass dieser über etwas erfreut sein könnte, das man getan hat – taucht prompt, wie ein falsch programmiertes rotes Warnblinklicht im Gehirn die gestrenge Mahnung auf, sich bitte schön des geistlichen Hochmuts und der Selbstgefälligkeit zu enthalten oder jedenfalls streng darauf zu achten, ihnen nicht zu nahe zu kommen.

[Sidenote: Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass dieser Mechanismus durch die in unseren Breitengraden recht häufige Anklage gegenüber religiösen, insbesondere christlichen, Menschen, sie würden sich für irgendwie besser als andere halten und diese anderen „verurteilen“, verstärkt wird, denn ein an sich ja gar nicht so schlimmes Resultat dieser Anklage ist, dass gerade in religiösen, insbesondere christlichen, Kreisen viel Sensibilisierung für die Gefahr da ist, sich für besser als andere zu halten und andere zu verurteilen. Man verrate mir, wie lange man eine Diskussion mit Katholiken über, sagen wir mal, Abtreibung oder Sterbehilfe, führen kann, ehe aufseiten der Katholiken die Worte „Wir wollen niemanden verurteilen“ oder „Es geht nicht darum, Menschen in schwierigen Situationen zu verurteilen“ oder „Ich würde natürlich niemals jemanden in der Situation verurteilen“ fallen. Das Thema „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ ist als Predigtthema doch ziemlich beliebt. Ich will mit diesen Anmerkungen nicht behaupten, dass mir in christlichen Kreisen noch nie Selbstgerechtigkeit untergekommen sei, aber in anderen Kreisen habe ich sie tatsächlich wesentlich häufiger bemerkt – weil da die Sensibilisierung nicht da ist. Es ist manchmal regelrecht witzig, welche Beleidigungen manche Leute Katholiken an den Kopf werfen können, wenn sie Aussagen von ihnen beleidigend finden, ohne dass ihnen ihr eigenes Verhalten dabei auch nur bewusst wird. Da kann man etwa in der Abtreibungsdebatte noch so sehr „Wir verurteilen niemanden“ wiederholen, man wird trotzdem ganz offen als dumm und verblendet betitelt bzw. – na ja – verurteilt. Und hier übertreibe ich nicht, sondern ich zitiere. Das ist kein allgemeines Phänomen; die meisten Diskussionen, die ich mit Nichtgläubigen erlebt habe, liefen entspannt und respektvoll ab; aber es gibt dieses Phänomen tatsächlich.]

Jedenfalls, um wieder zum eigentlichen Punkt zurück zu kommen: Dieses Gefühl, irgendwie ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, wenn man sich gut fühlt, ist nach meinem Erleben ganz typisch für Skrupulosität. Es ist eine Ausprägung dieser skrupulösen Angst, es sich zu leicht zu machen.

Das beste Kennzeichen dafür, dass dieses Gefühl ungesund ist, ist, dass die typischen Heiligen es nicht kannten. Bei ihnen sieht man oft einerseits eine erstaunliche Selbstsicherheit und andererseits eine extreme Demut, deren seltsame Verflechtungen einen durchaus verwirren können, wenn man mit seinen weltlichen Maßstäben, was ordentliches Selbstbewusstsein und ordentliche Bescheidenheit seien und wo sie am Platz seien, an sie herangeht. „Als Letztem von allen“, schreibt Paulus im 1. Korintherbrief, „erschien er [Christus] auch mir, dem Unerwarteten, der Missgeburt. Denn ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir.“ (1 Kor 15,8-10) „Paulus, durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu, und der Bruder Sosthenes an die Kirche Gottes, die in Korinth ist, – an die Geheiligten in Christus Jesus“ – so beginnt dieser Brief schon.

Der Heilige ist sich seiner Sache vollkommen sicher. Er ist sich auch seines Platzes in Gottes Volk völlig bewusst. Er ist sich gleichzeitig ebenso bewusst, dass er kein „guter Mensch“ ist und Gottes Liebe nicht verdienen kann. Er kommt damit absolut klar. Wir sollten eigentlich auch wissen, dass Gott uns liebt, egal wie wir sind. An dieser Liebe wird sich nie etwas ändern, weil sie nicht von uns abhängt. Unser erster Papst schreibt in einem seiner Briefe: „Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1 Petr 2,9)

Die Heiligen und genauso Jesus selber sprechen völlig ohne Zögern oder Zurückhaltung von dem hohen Rang, zu dem wir erhoben sind, und ebenso völlig offen, ungeniert und unverfroren von den Freuden, die unserer im Himmel harren, von dem übergroßen Lohn im nächsten Leben für nur einen Becher Wasser.

 „Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“ (Mt 10,29-31)

 „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mt 10,40-42)

 „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht.“ (Offb 2,7)

 „Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem kann der zweite Tod nichts anhaben.“ (Offb 2,10f.)

 „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben. Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt.“ (Offb 2,17)

 „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir. Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron sitzen, so wie auch ich gesiegt habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ (Offb 3,20-22)

 „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“ (Offb 21,1-5)

Wir reden vielleicht nicht mehr so gerne von diesem Thema, weil es dann immer gleich „Opium des Volkes“ und so heißt, aber wieso sollten wir etwas verschweigen, das wahr ist? Wir dürfen grenzenloses Vertrauen auf Gott haben. Gott hat das und das zugesagt, und für Geschenke, die man erhält, muss man sich nicht schämen. Man freut sich einfach über sie.

Im Christentum geht es eben nicht einfach darum, sich gefälligst gut zu verhalten. Es geht darum, durch Gottes Liebe erlöst, und dazu befreit zu werden, zu lieben, und Gottes Liebe hat etwas an sich, das der Liebe einfach eigen ist: Überfluss, Maßlosigkeit im Schenken. Liebe geht über jede Art von gewöhnlicher Gerechtigkeit und Angemessenheit hinaus. Und darüber darf man sich ruhig mal freuen. „Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens.“ (Offb 22,17)