Über schwierige Heilige: Von Inquisitoren, Kreuzfahrern, Krieger(inne)n

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier; hier ein Teil zu anderen schwierigen Heiligen.)

Zu den problematischeren Heiligen, die man oft erst einmal lieber nicht als Auhängeschilder der Kirche benutzt, gehören auch einige, die manche heute als brutale religiöse Fanatiker sehen würden. Wir haben da etwa Heilige, die das Amt eines Inquisitors oder sogar Großinquisitors bekleideten – Kardinal Robert Bellarmin und Papst Pius V. vor seiner Papstwahl etwa.

Jetzt zucken vielleicht manche zusammen: Heilige Großinquisitoren. Oh.

 

Deswegen ist vielleicht ein genauerer Blick auf das Leben solcher Heiliger angebracht. Erst einmal Pius V. (1504-1572, Papst ab 1566):

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(Pius V., Porträt von El Greco. Gemeinfrei.)

Dieser Heilige, der den Taufnamen Antonio Michele Ghislieri trug und als Bauernsohn in einem kleinen italienischen Dorf geboren wurde, wegen seiner Begabung in den Dominikanerorden eintreten konnte, dann Theologe, Inquisitor, Bischof, Großinquisitor Kardinal und Papst wurde, war gleichzeitig in mancher Hinsicht als sehr gütig, und in anderer als sehr streng bekannt – auf jeden Fall aber als persönlich sehr fromm und demütig; praktisch das exakte Gegenbild zum Klischeebild des opulenten, korrupten und es mit den kirchlichen Regeln nicht so genau nehmenden Renaissancepapstes.

Er verbrachte viel Zeit im Gebet, fastete streng, schaffte immer noch ein großes Arbeitspensum, als er schon schwer krebskrank war, ging als Papst barfuß in den Prozessionen in Rom mit, besuchte Kranke, gab viele Almosen, ließ während einer Hungersnot 1566 große Mengen Lebensmittel importieren und in Rom verteilen, umarmte Leprakranke und wusch Armen die Füße, lebte als Papst ohne Luxus und verkleinerte den römischen Hofstaat deutlich. Ein protestantischer Engländer, der gerade in Rom war, soll sich angeblich bekehrt haben, als er den Papst die Füße eines Bettlers küssen sah. Er verbesserte Wasserversorgung und Abwassersystem in Rom, gründete zwei Krankenhäuser und ein Leihhaus, bei dem Arme günstige Kredite erhalten konnten, und ließ die Wälder um Rom herum abholzen, die bisher Räubern Unterschlupf geboten hatten.

Er setzte die Reformen des kurz vor seiner Amtszeit zu Ende gegangenen Konzils von Trient durch, sorgte dafür, dass die Bischöfe ihre Residenzpflicht in ihren Diözesen einhielten, und verbot den Ablasshandel bei Strafe der Exkommunikation. Er war ein unbestechlicher Feind des kirchlichen Nepotismus; er stellte sich, als noch Pius IV. Papst war, diesem entgegen, als er den erst dreizehnjährigen Ferdinand de Medici zum Kardinal machen wollte, und ließ als Papst einen anderen jungen Kardinal (Innocenzo Ciocchi del Monte), der seinen Kardinalshut angeblich als Geliebter von Papst Julius III. erhalten haben sollte, und sich inzwischen sexueller Übergriffe auf Frauen, Gewalttätigkeiten und sogar Morden schuldig gemacht hatte, gefangensetzen und verbannen. Er reformierte Priesterseminare und Klöster und setzte in den klausurierten Klöstern die Klausur streng durch.

Er ernannte den hl. Thomas von Aquin zum Kirchenlehrer und ließ dessen Werke neu herausgeben. Von ihm stammen der Römische Katechismus, das Brevier und das Missale, die jahrhundertelang in mehr oder weniger gleicher Form in der Kirche im Gebrauch waren. [An dieser Stelle eine kurze Anmerkung zu einer Sedisvakantistentheorie: Es gibt Leute, die meinen, mit der Einführung des Novus Ordo sei quasi eine neue schismatische Kirche gegründet worden, weil Paul VI. hier gegen Quo Primum verstoßen habe, wo Pius V. Änderungen am Ritus für die Zukunft verbietet. Tatsächlich bezieht sich ein solches Verbot (wie sich auch aus Quo Primum selbst ergibt) selbstverständlich nur auf Kleriker unterhalb des Papstes; was in der Kirche nicht prinzipiell unveränderlich ist, und was ein Papst verändert hat, kann der nächste wieder verändern. Und auch zwischen Pius V. und Paul VI. gab es zahlreiche kleine Änderungen am Ritus, die sich nur graduell, nicht prinzipiell von der Liturgiereform Pauls VI. unterscheiden.]

Er erreichte mit viel Mühe und trotz der Nichtbeteiligung des Kaisers und des französischen Königs die Gründung der Heiligen Liga zur Verteidigung Europas gegen das Osmanische Reich, das die christlichen Länder am Mittelmeer immer aggressiver angriff, und rief vor der Seeschlacht von Lepanto die Christenheit zum Rosenkranzgebet auf, und als die Heilige Liga unter Don Juan de Austrias Kommando die Osmanen hier noch einmal zurückschlagen konnte, führte er zum Dank das Fest Unserer Lieben Frau vom Siege (von seinem Nachfolger in Rosenkranzfest umbenannt) ein. (Den Sieg sah er übrigens in einer Vision, noch bevor jemand in Rom davon Bericht erstatten konnte.) Er half der schon lange unter osmanischen Angriffen leidenden Insel Malta beim Aufbau der Hauptstadt Valletta, indem er Geld und einen Architekten zum Aufbau der Verteidigungsanlagen schickte.

Er exkommunizierte die protestantische Königin Elisabeth I. von England, die die Katholiken in England verfolgen ließ, und erklärte sie für abgesetzt und ihre Untertanen von ihren Verpflichtungen ihr gegenüber entbunden (was allerdings eher dafür sorgte, dass die englischen Katholiken es von da an noch schwerer hatten), unterstützte den französischen König in den Bürgerkriegen mit den Hugenotten, und er war auch im Kirchenstaat unduldsam gegen Häretiker. Das Übergreifen des Protestantismus auf Italien zu verhindern war eins seiner wichtigsten Anliegen – und ja, er ließ auch ein paar Häretiker hinrichten.

Die Juden wurden zwar nicht so sehr bekämpft wie die Häretiker, hatten aber trotzdem wieder mit verschärften Repressionen zu leben (z.B. Verbot, Grundbesitz zu haben, Erlaubnis nur einer Synagoge, Vertreibung aus manchen Gebieten des Kirchenstaates). Einige wanderten aus dem Kirchenstaat aus, wohin manche von ihnen übrigens erst unter dem leichtlebigen Renaissancepapst Alexander VI. gekommen waren, der ihnen Zuflucht gewährt hatte, als sie im erzkatholischen Spanien nicht mehr willkommen gewesen waren.

Verbrecher – wozu er z. B. auch Gotteslästerer und Ehebrecher zählte – ließ Pius V. hart bestrafen; für Ehebruch wollte er zuerst sogar die Todesstrafe einführen (wovon man ihn dann doch abbringen konnte). Er ließ Prostituierte in einige abgelegene Gassen verbannen, verbot verheirateten Männern den Wirtshausbesuch (!), verbot Pferderennen auf dem Petersplatz und Stierkämpfe generell (nicht nur im Kirchenstaat, sondern in der Weltkirche). Er sorgte für Ordnung in den Finanzen des Vatikans und schickte den bisherigen Schatzmeister lebenslang auf die Galeere.

Seine Härte war schon damals nicht bei allen beliebt; angeblich soll er nach seiner Papstwahl gesagt haben: „Ich hoffe, so zu regieren, dass die Trauer bei meinem Tode größer sein wird, als die bei meiner Wahl.“ Tatsächlich war sie es am Ende; so unbeliebt einige der Reformen des Papstes gewesen waren, schließlich liebten ihn die Römer trotz allem.

 

Zum zweiten heiligen Chef der Römischen Inquisition: Dem hl. Robert Bellarmin (1542-1621).

(Robert Bellarmin. Gemeinfrei.)

Bellarmin, ein gebildeter adliger italienischer Jesuit, der in den Spanischen Niederlanden studiert hatte, war im Vergleich zu Pius V. weniger radikal, war vorsichtiger und humaner im Urteil, versöhnlich und bescheiden. Er ist nicht nur als großer Heiliger, sondern auch als wichtiger katholischer Theologe der Gegenreformation bekannt. Seine Verteidigungsschriften gegen die Protestanten, mit deren Theologie er sich bestens auskannte, waren in protestantischen Ländern verboten. Witzigerweise gingen seine Ansichten über das Papsttum (konkret: über die indirekte weltliche Macht des Papstes) einem Papst nicht weit genug, weshalb es kurz so aussah, als würde das erste Buch seiner „Kontroversen“ auf den Index kommen (das war vor seiner eigenen Zeit als Inquisitor). Er war auch ein geistlicher Vater für den hl. Aloisius von Gonzaga.

Und er wurde dann eben doch irgendwann mit dem Inquisitorenamt betraut; er war verantwortlich für die Hinrichtung des abgefallen Priesters und wandernden exzentrischen wie egozentrischen Philosophen Giardano Bruno, der schon alle möglichen katholischen und protestantischen Länder hatte verlassen müssen, und der übrigens nicht für wissenschaftliche Theorien, sondern für seine pantheistischen und okkulten Lehren und die Leugnung von katholischen Dogmen wie der Dreifaltigkeit und der Transsubstantiation verurteilt wurde.

Außerdem war Bellarmin verantwortlich für die erste, noch ausgesprochen freundliche Auseinandersetzung mit Galileo Galilei (vor der zweiten starb er), dem er mitteilte, er solle das kopernikanische System nur als Hypothese, nicht als Tatsache vertreten, solange es noch nicht bewiesen sei. Bellarmin war selbst ebenfalls gebildet in der Astronomie; und obwohl er das kopernikanische System nicht direkt ablehnte, wollte er es nicht als bewiesen vertreten sehen, solange es das nicht war, weil es für Unruhe unter den Gläubigen sorgte. (Hauptsächlich aufgrund von zwei Bibelstellen: Jos 10,12f., wo Josua die Sonne still stehen lässt – nicht die Erde – und Ps 19,6f.: „Sie [die Sonne] tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.“ Auch die Reformatoren, wie Luther, Calvin und Melanchthon hatten das kopernikanische System scharf als unbiblisch abgelehnt, und auf katholischer Seite wollte man auch nicht als unbiblischer dastehen als die Protestanten. Bellarmin schrieb über die Auslegung dieser Stellen in einem Brief: „Drittens sage ich, wenn es wirklich einen Beweis dafür [für das kopernikanische System] gäbe, dann müssten wir bei der Auslegung von Stellen der Heiligen Schrift, die das Gegenteil zu lehren scheinen, die größte Umsicht walten lassen und lieber sagen, wir verständen sie nicht, als eine Anschauung für falsch erklären, die als wahr bewiesen wurde. Ich bin indessen der Meinung, es gebe keine solchen Beweise, da mir keiner vorgelegt wurde.“*)

Aber was auch immer sonst über diese Männer zu sagen ist: Es bleibt dabei, sie ließen Häretiker hinrichten (und noch mehr zu Kirchenbußen, kurzen Gefängnisstrafen oder Hausarrest verurteilen); zwar nicht arg viele (die Römische Inquisition, für die beide tätig waren, ließ zwischen 1542 und 1761, also im Lauf von 200 Jahren, genau 97 Häretiker hinrichten); zwar nach fairen Prozessen (die Vorstellung vieler heutiger Menschen beim Begriff „Inquisition“ stammt aus frühneuzeitlicher englischer Propaganda und ist lächerlich falsch); aber sie ließen Häretiker hinrichten.

Und diese beiden waren nicht die einzigen heilig- oder seliggesprochenen Inquisitoren: wir haben z. B. mehrere Inquistoren-Märtyrer: den hl. Petrus von Verona, der von Katharern ermordet wurde, den hl. Petrus von Castelnau, der ebenfalls von Katharern ermordet wurde, was der Auslöser für den Kreuzzug gegen diese Katharer war, oder den sel. Antonio Pavoni und den sel. Pietro Cambiani da Ruffia, die von Waldensern ermordet wurden. Dann wären da noch ein paar weitere Heilige oder Selige, die zeitweilig das Amt eines Inquisitors innehatten und dabei nicht zu Märtyrern wurden – der sel. Folquet de Marselha, der hl. Giacomo della Marca, David von Augsburg (nicht förmlich kanonisiert, aber vom Volk verehrt), der sel. Aimone Taparelli, der sel. Guido Maramaldi, der hl. Toribio Alfonso de Mogrovejo.

Und auch sonst waren Heilige, wenn nicht an der weltlichen Strafverfolgung von Häresie beteiligt, doch zumindest öfter dafür. Der berühmteste Kirchenlehrer, der hl. Thomas von Aquin, argumentiert, wenn man schon Falschmünzer mit dem Tod bestrafe, dann doch erst recht die Verfälscher des christlichen Glaubens. Über die Zweckmäßigkeit der Hinrichtung von Häretikern gibt es unter den Heiligen der Kirche zwar keine völlige Überstimmung; als der römische Staat in der Spätantike die erste Häretikerhinrichtung der Geschichte durchführte, waren Papst und Bischöfe (inklusive des hl. Martin von Tours – ja, der mit dem Mantel) entsetzt; aber auch damals waren schon Verbannungen von Anstiftern der Ketzerei gelegentlich üblich; und so einige Heilige und Kirchenlehrer aus den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte lehnten es ganz und gar nicht ab, wenn christliche Staaten Sektenführer oder -anhänger, die die Kirche als Häretiker beurteilte, auch auf die ein oder andere weltliche Weise bestraften oder zumindest die Ausbreitung der Häresie oder die öffentliche Religionsausübung der Häretiker be- oder verhinderten.

Was sollen wir nun dazu sagen?

Nun, zunächst, dass Irrtümer ganz und gar nicht unschädlich sind, sondern sich (auch, wenn es sich um scheinbar kleine Irrtümer handelt) katastrophal auswirken können (und auch immer neue und oft noch schädlichere Irrtümer generieren, wie man an der nichtkatholischen Welt der letzten 500 Jahre gesehen hat), und dann, dass viele dieser Sektenführer damals nicht nur geistlichen, sondern ganz weltlichen Schaden anrichteten. Pius V. sah, wie der Protestantismus z. B. in den deutschen Gebieten zu Bürgerkriegen führte, und auch das zu verhindern war eins seiner Motive (wenn auch, vermute ich, nicht das wichtigste – das wird wohl eher gewesen sein, dass die Ketzer die Gläubigen irreführten und die Kirche spalteten). Das Ziel von Ketzerverfolgung war nicht die Unterdrückung mutiger freier Menschen, sondern Schutz der leicht beeinflussbaren Gläubigen vor Sekten, die in einer Welt, in der der Grundkonsens der Gesellschaft der katholische Glaube war, die ganze Gesellschaft auseinanderrissen. Häretiker waren für die Menschen damals das, was man heute „Verfassungsfeinde“ oder „Extremisten“ nennen würde. Als im Mittelalter Inquisitionsgerichte gegründet wurden, war übrigens auch ein Ziel, die Verfolgung der Häresie in geregelte Bahnen zu lenken und nicht dem Mob zu überlassen.

Die heutige Welt hat auch ein romantisiertes Bild der Ketzer; wenn sie heute plötzlich auftauchen würden, würden sie vermutlich auch nicht besonders gefallen (auch solche wie Luther, dessen negative Seiten ja zum Glück in den letzten Jahren etwas bekannter geworden sind). Die „Vollkommenen“ der Katharer praktizierten Selbstmord durch Verhungern, die Wiedertäufer waren eine brutale Weltuntergangssekte, von den Puritanern will ich gar nicht anfangen.

Und dann war es auch so, dass überall da, wo die Ketzer an die Macht kamen, bald Katholiken verfolgt wurden und vor allem ihre Klöster aufgelöst und die Ausübung ihres Glaubens behindert wurde – so nach der Reformation in England, wo jeder Priester, den die Behörden zu fassen bekamen, gehängt, ausgeweidet und gevierteilt wurde, oder Schweden, wo 1617 die Todesstrafe für Katholiken generell eingeführt wurde.

Waren die verschiedenen Inquisitionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit brutal? Nun, für ihre Zeit waren sie ziemlich human. Man wollte die Ketzer eher bekehren als bestrafen, Reue hatte Wirkung. Die Gefängnisse waren meist sehr human – besonders bei der Römischen Inquisition -, Haftstrafen relativ kurz. Die Folter verwendeten die verschiedenen Inquisitionen zum Teil gar nicht, zum Teil (ab 1252) sehr spärlich und vorsichtig und unter festgelegten Bedingungen – und wenn, dann wegen der schädlichen mittelalterlichen Rechtsgewohnheit, dass niemand ohne Geständnis nur aufgrund von Indizien verurteilt werden durfte, weshalb man ein Geständnis erzwingen wollte, wenn man relativ sicher war, dass der Angeklagte schuldig war. Hinrichtungen kamen bei „verstockten“, besonders bei rückfälligen, Ketzern natürlich vor, aber nur ein kleiner Bruchteil der Prozesse endete damit (bei der hochmittelalterlichen Inquisition gegen die Katharer in Südfrankreich etwa bei 5% der Prozesse, bei der Spanischen Inquisition der frühen Neuzeit 1,8%); und Verbrennung bedeutete oft (wenn auch nicht immer) Strangulierung und dann Verbrennung der Leiche. (Natürlich ist z. B. das lebendige Verbrennen nicht zu rechtfertigen, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, genausowenig wie die Folter zur Befragung – was übrigens auch das Kirchenrecht vor 1252 so sah.) Hinrichtungen für Häresie waren im Allgemeinen deutlich seltener als Hinrichtungen z. B. für Mord oder Raub. Die Römische Inquisition richtete, wie gesagt, in den Jahrhunderten ihres Bestehens insgesamt 97 Menschen hin, die Spanische nach den höchsten Schätzungen 5000.

(Eine Dokumentation vom BBC für alle Interessierten.)

Mit den unglaublichen Verbrechen, die aufgrund neuzeitlicher Ideologien begangen wurden, die die Kirche als ketzerisch und falsch verurteilte, wofür sie aber niemanden mehr „dem weltlichen Arm übergeben“ konnte – den Verbrechen der Kommunisten und Nationalsozialisten beispielsweise – ist die sporadische mittelalterliche und frühneuzeitliche Strafverfolgung von Häresie jedenfalls gar nicht zu vergleichen. Schon bei einer der ersten von modernen antichristlichen Ideologen errichteten totalitären Diktatur, der „Schreckensherrschaft“ der französischen Revolutionäre 1793/94, wurden in einem Jahr 300 Mal so viele Menschen umgebracht wie die Römische Inquisition in 200 Jahren schaffte (auf ganz Frankreich bezogen, aber die Opfer der furchtbaren Massaker in der Vendée nicht eingerechnet). Aber für Freiheit und Demokratie muss man vermutlich andere Opfer bringen.

Man kann die Strafverfolgung von Häresie ablehnen, wenn man will; aber man sollte wissen, was man ablehnt – und man sollte verstehen, wieso einige unserer Heiligen Häretiker hinrichten ließen. Diese Heiligen sind vielleicht unbequem; man kann auch der Meinung sein, dass sie nicht immer alles richtig gemacht haben; aber sie waren wirkliche Heilige. Aber zum Thema Inquisition vielleicht ein andermal genauer; ein bisschen habe ich über das Thema hier schon geschrieben. Ich hoffe, ich habe hier wenigstens zeigen können, dass diese Heiligen mehr und anderes waren als stereotype Großinquisitoren, wie man sie sich nach gewissen Romanautoren aus dem 19. Jahrhundert vorstellt.

 

Dann haben wir auch heilige Kreuzzugsprediger und Kreuzfahrer – den hl. Bernhard von Clairvaux, der im Auftrag des Papstes zum 2. Kreuzzug aufrief, oder den hl. Ludwig IX. von Frankreich, der selbst auf einen Kreuzzug ging. Auch Urban II., der im Jahr 1095 zum 1. Kreuzzug aufrief, wird immerhin als Seliger verehrt

Auch unbekanntere Heilige und Selige waren an den Kreuzzügen beteiligt – wie der hl. Petrus Thomas und der sel. Jean von Montmirail, oder ein paar nie förmlich kanonisierte, aber lokal vom Volk verehrte Männer wie Arnold von Hiltensweiler, Walter von Bierbeek, Ludwig IV. von Thüringen (der Ehemann der hl. Elisabeth), Gobert von Aspremont, und ein paar Kreuzfahrer, die in muslimischer Gefangenschat zu Märtyrern wurden, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollten, wie Nicasius von Jerusalem, Matthäus von Beauvais und Thiemo von Salzburg.

Wir haben auch Heilige, die an der Reconquista in Spanien beteiligt waren; dazu gehört z. B. der hl. Fernando III. von Kastilien.

(Der hl. Ludwig IX. stirbt auf dem Kreuzzug vor den Mauern von Tunis. Gemeinfrei.)

Die Kreuzzüge im Ganzen waren eine stark von der Kirche unterstützte Bewegung; Päpste riefen zu Kreuzzügen auf, es gab Ablässe für Kreuzfahrer [hier die obligatorische Erinnerung, dass Ablässe keine Vergebung der Sünden bedeuten, sondern erst nach der Vergebung der Sünden durch die Beichte ins Spiel kommen; platt gesagt: sie können nicht aus der endgültigen Hölle retten, sondern nur das zeitlich begrenzte Fegefeuer verkürzen; genauere Erklärungen hier], es wurden Ritterorden gegründet, z. B. der Malteserorden, der Templerorden oder der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Und dementsprechend waren viele sehr fromme Menschen an den Kreuzzügen beteiligt.

(Ein bisschen Kreuzzugsstimung mit Walther von der Vogelweide.)

Wir haben auch ansonsten ein paar Heilige, die in Kriegen kämpften, z. B. Jeanne d’Arc – gegen die komischerweise kaum einer etwas einzuwenden hat, weil sie den Frauenbonus hat. Es gilt eben ganz einfach: Kriegführen ist nichts generell Schlechtes. Es gibt nach der katholischen Theologie gerechte Kriege (Kriege, die einen gerechten Grund haben und mit gerechten Mitteln geführt werden); z. B. zählte zu den Kriegen mit gerechten Grund ganz sicher die Verteidigung Frankreichs gegen die Engländer im Hundertjährigen Krieg, da schließlich Heilige und Engel Jeanne d’Arc zum Kampf in diesem Krieg aufriefen, oder auch die Verteidigung Augsburg gegen die Angriffe der Ungarn durch den hl. Bischof Ulrich von Augsburg. Ein weiteres Beispiel für einen militärisch aktiven Heiligen wäre z. B. auch der hl. José Sanchez del Rio (1913-1928), ein vierzehnjähriger Junge, der beim Cristero-Aufstand gegen die die Kirche verfolgende mexikanische Regierung Bannerträger war. Er wurde zwar nicht wegen seines Einsatzes in diesem Aufstand, sondern wegen seines Martyriums heiliggesprochen: Als Regierungstruppen ihn gefangennahmen, wollten sie ihn dazu bringen, Christus zu verleugnen, und folterten und töteten ihn, weil er sich weigerte. Aber dieser Einsatz war eindeutig kein Hindernis für seine Heiligsprechung. Manche Selige/Heilige hatten auch keine andere Wahl, als Krieg zu führen – z. B. kam der sel. Kaiser Karl I. auf den österreichischen Thron, als der 1. Weltkrieg schon zwei Jahre im Gange war, und versuchte vergeblich, diesen Krieg schnell zu beenden.

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(Der hl. Ulrich von Augsburg bei der Lechfeldschlacht neben Otto dem Großen; die hl. Jeanne d’Arc; der hl. José Sanchez del Rio; der sel. Karl I. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu den Kreuzzügen: Man kann sehr gut argumentieren, dass es sich hier um gerechte Kriege handelte, insbesondere z. B. beim 1. Kreuzzug, zu dem der sel. Urban II. aufrief, weil die muslimischen Seldschuken (die Vorfahren der Türken) im Osten das christliche Byzantinische Reich brutal überfielen und schon nahe bei Konstantinopel standen, und Kaiser Alexios Komnenos die Christen im Westen dringend um Hilfe bat. Die Seldschuken überfielen auch Pilger nach Jerusalem; und zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten Muslime schon die Grabeskirche zerstört.

Die Hauptmotivation der meisten Kreuzfahrer war es, das Heilige Land, v. a. Jerusalem, in christliche Hand zu bekommen, die heiligen Stätten, wo Jesus selbst gelebt hatte, gestorben und auferstanden war, zu schützen, Zugang dazu zu haben, sie nicht wieder den Muslimen in die Hände fallen zu lassen, und Pilger und Christen in diesen Ländern überhaupt zu schützen.

Man muss hier sehen, dass zwischen der Christenheit und der muslimischen Umma damals schon jahrhundertelang ein quasi permanenter Kriegszustand herrschte, zwar unterbrochen von Waffenstillständen (und leider auch mal von taktischen Bündnissen eines christlichen Fürsten mit einem muslimischen gegen einen christlichen Rivalen, oder eines muslimischen Fürsten mit einem christlichen gegen einen muslimischen Rivalen), aber im Ganzen war es ein permanenter Kriegszustand – und die Aggression ging von den Muslimen aus, und sie waren auch die, die aufs Ganze gesehen viel für sich gewannen.

Sicher; aus Spanien, Sizilien und großen Teilen Osteuropas, die sie zu verschiedenen Zeiten an sich rissen, konnten die muslimischen Eroberer nach einem jahrhundertelangen Abwehrkampf wieder vertrieben werden; aber ganz Nordafrika, Kleinasien, Syrien, die einmal völlig christlich gewesen waren, gingen verloren. Die Seldschuken, später Osmanen und Türken genannt, drangen immer weiter vor, versuchten immer wieder, an Konstantinopel heranzukommen (das vor ihnen erstmals die Araber schon in den Jahren 674-678 belagert hatten), bis es ihnen 1453 gelang, standen später – 1529 und 1683 – zweimal vor Wien. Vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert überfielen muslimische Piraten Europas Küsten und verschleppten insgesamt eine Million Menschen als Sklaven; einer der Ritterorden, die in der Kreuzzugszeit gegründet wurden, war der Mercedarierorden, der es sich zur Aufgabe machte, solche christlichen Sklaven aus muslimischer Gefangenschaft freizukaufen. Natürlich gab es keinen permanenten Frieden. Mohammeds Religion war eine Religion, in der es permanenten Frieden mit Ungläubigen einfach nicht geben durfte und die Ausbreitung des muslimischen Herrschaftsgebietes als religiöse Pflicht galt. Auch auf muslimischer Seite wurden die Kreuzzüge damals auch nur als ein weiteres Glied in der ständigen Kette von Kriegen mit Christen gesehen.

Es gibt ja die Ansicht, die Kreuzzüge seien einfach Eroberungskriege, unnötige Angriffe auf schon lange muslimisches Gebiet gewesen. Zur Zeit der Kreuzzüge war der muslimisch beherrschte Nahe Osten allerdings noch zu einem großen Teil christlich; sogar heute sind ja in einem Land dort, dem Libanon, noch knapp 40% der Bevölkerung Christen. In der Türkei waren noch 1914 ganze 20% der Bevölkerung Christen; heute sind es weit unter 1%, Genozid sei dank. Durch ständige Drangsalierungen, abgenötigte Bekehrungen, die Flucht von Christen, Pogrome, Völkermorde, die osmanische „Knabenlese“ (das offizielle Stehlen christlicher Kinder, aus denen Sklavensoldaten des Sultans wurden), usw. schrumpfte die Zahl der unterdrückten Christen in diesen Ländern immer weiter zusammen, aber damals waren sie noch zahlreich und die muslimische Herrscherschicht im Vergleich zu heute klein.

Die Kreuzfahrerstaaten bildeten auch eine Art Puffer; sie hielten die Muslime im Osten beschäftigt und hinderten sie, weiter nach Europa vorzudringen. Man stelle sich vor, was passiert wäre, wenn der sel. Urban II. auf Kaiser Alexios‘ Bitte nicht reagiert hätte und die Seldschuken schon um 1100 Konstantinopel erobert hätten.

(In dem Zusammenhang sollte man allerdings vielleicht erwähnen, dass es auch im Mittelalter von manchen Kirchenrechtlern/Theologen Kritik an einzelnen Aspekten der Kreuzzüge oder in Einzelfällen auch grundsätzliche Kreuzzugskritik gab; ein Beispiel für einen Kreuzzugskritiker wäre Radulfus Niger. Das kirchenrechtliche Prinzip war in dieser ganzen Zeit jedenfalls: Wenn Ungläubige Christen angreifen oder verfolgen, kann man Krieg führen, wenn sie Frieden halten, soll man mit ihnen in Frieden leben. Bei vielen theologisch ungebildeten Laien, die auf einen Kreuzzug gingen, spielte wohl der Gedanke an die heiligen Stätten eine größere Rolle als der der Verteidigung der Christenheit – daher interessierten sich wohl auch mehr Männer für die Kreuzzüge im Heiligen Land als z. B. für die Reconquista in Spanien.)

Die Kreuzzüge waren jedenfalls wohl kaum schwerer zu rechtfertigen als z. B. der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Erst recht lässt sich natürlich die Abwehr der Muslime in Spanien und die Rückeroberung der muslimisch beherrschten spanischen Gebiete, die Reconquista, rechtfertigen.

Manche wollen den hl. Franziskus, der 1219 auf den Kreuzzug von Damiette mitkam und ins Lager des Sultans al-Malik al-Kamil ging, um diesen zum Christentum zu bekehren und so Frieden zu schaffen, als Gegenbild zu diesen Kriegern aufbauen. Aber Franziskus‘ friedliche Lösung war erstens nicht ergebnisloser „interreligiöser Dialog“, sondern Bekehrung; er soll dem Sultan sogar eine Feuerprobe angeboten haben, um zu erweisen, welcher Glaube der wahre war: „Solltest du aber Bedenken tragen, für den Glauben an Christus das Gesetz des Mohammed zu verlassen, dann laß ein großes Feuer anzünden; dann werde ich mit deinen Priestern ins Feuer hineingehen“, sagte er laut einem Bericht über diese Begegnung. Und zweitens funktionierte seine Lösung damals leider nicht.

(Giotto di Bondones Darstellung von Franziskus vor dem Sultan.)

Die Kreuzzüge waren übrigens keine Methode, schnelle Beute zu machen oder jüngere Söhne bequem zu versorgen. Es kostete im Gegenteil einiges an Geld und an Mühe, in ein so weit entferntes Land auf einen Kreuzzug zu gehen, sehr viele Kreuzfahrer kamen dabei um, und viele Anführer von Kreuzzügen waren reiche Herrscher über große Gebiete, die aus religiösem Idealismus (oder Fanatismus, wenn man es denn so sehen will) Kreuzzugsgelübde leisteten, um mit dem Kriegsdienst Buße für ihre Sünden zu tun. Am Ende ging das Heilige Land – das die Kreuzfahrer doch über längere Zeit gehalten hatten – deswegen verloren, weil Europa kriegsmüde war und keine Männer und kein Geld mehr dorthin schicken wollte.

Sie bedeuteten übrigens auch keine religiöse Verfolgung der Muslime. In den Kreuzfahrerstaaten lebten Muslime unbehelligt. (Nicht einmal die friedliche Bekehrung der Muslime stand besonders im Vordergrund, auch wenn es hier ein paar wenige größtenteils gescheiterte Versuche gab.)

Sicher gab es einiges an Gewalt und auch einiges an unnötiger Gewalt; es waren eben Kriege. Aber das heißt nicht, dass kein guter Christ irgendetwas mit diesen Kriegen zu tun gehabt haben dürfte.

Eine andere Sache ist noch wichtig: Die Judenpogrome, zu denen es, als zu Kreuzzügen aufgerufen wurde, in manchen europäischen Städten durch fanatisierte Bürger kam, wurden von den oben genannten Heiligen und Seligen verurteilt. Der begeisterte Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux trat auch gegen die antijüdische Hetze eines Mönchs namens Radulf auf, und auch Päpste und Bischöfe schützten die Juden in dieser Zeit übrigens vor willkürlicher Gewalt.

(Hl. Bernhard von Clairvaux.)

 

Inquisitoren, Kreuzfahrer – haben wir dann vielleicht auch noch heilige Hexenverfolger? Nicht dass ich wüsste. Der Hexenwahn war sowieso eine Sache, die nicht von der Kirche ausging, und hauptsächlich eine Angelegenheit des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation im 16. und 17. Jahrhundert, von dem andere Zeiten und Gebiete eher verschont blieben.

Beim nächsten Beitrag dann zu noch jemanden, den Säkularisten einen religiösen Fanatiker nennen könnten; dem sel. Pius IX.

 

** Zitiert in: Hans Conrad Zander, Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition, S. 133f., München 2007.

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Über schwierige Heilige: Die „Märtyrerinnen der Reinheit“

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier.)

Zu denjenigen „problematischen“ Seligen/Heiligen, bei denen sich Leute weniger an ihnen selbst als vielmehr an ihrer Verehrung stören, zählen die sog. Märtyrerinnen der Reinheit: Nicht nur Maria Goretti (1890-1902), die noch von Pius XII. 1947 selig- und 1950 heiliggesprochen wurde, sondern auch Antonia Mesina (1919-1935), Pierina Morosini (1931-1957) und Karolina Kózka (1898-1914), die alle drei 1987 seliggesprochen wurden, Teresa Bracco (1924-1944), die 1998 seliggesprochen wurde, Albertina Berkenbrock (1919-1931) und Lindalva Justo de Oliveira (1953-1993), die 2007 seliggesprochen wurden, und Anna Kolesarova (1928-1944), die erst 2018 seliggesprochen wurde.

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(Von links nach rechts und oben nach unten: Die hl. Maria Goretti, die sel. Antonia Mesina, die sel. Pierina Morosini, die sel. Karolina Kózka, die sel. Teresa Bracco, die sel. Albertina Berkenbrock, die sel. Lindalva Justo de Oliveira, die sel. Anna Kolesarova.)

Hier handelt es sich um fromme katholische Mädchen und Frauen, die von einem Mann ermordet wurden, nachdem sie sich geweigert hatten, mit ihm zu schlafen, beziehungsweise dabei ermordet wurden, wie sie sich wehrten, als er sie zu vergewaltigen versuchte; mit dem kirchlichen Fachbegriff: gestorben „in defensum castitatis“ („bei der Verteidigung der Keuschheit“).

Maria Goretti z. B. wurde von einem älteren Jungen namens Alessandro Serenelli, dessen Familie im selben Haus wohnte wie ihre Familie und der ihr schon länger nachgestellt hatte, ermordet, weil sie ihm nicht nachgeben wollte; als er sie attackierte, rief sie: „Das ist Sünde, Alessandro, du kommst in die Hölle!“ Sie, die bekannteste dieser Märtyrerinnen, ist auch dafür bekannt, dass sie ihrem Mörder vergab, bevor sie im Krankenhaus an den Stichwunden starb, die er ihr zugefügt hatte. Er zeigte sich bei dem Prozess gegen ihn völlig uneinsichtig und wurde zu dreißig Jahren Zuchthaus verurteilt; nach sechs Jahren erschien ihm Maria im Traum und er bekehrte sich und wurde nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Laienbruder in einem Kapuzinerkloster, bat Marias Mutter um Vergebung, und legte Zeugnis in Marias Seligsprechungsprozess ab. Zu ihrer Heiligsprechung im Jahr 1950 kam eine halbe Million Menschen. Anna Kolesarova war ein slowakisches Mädchen, dessen Dorf gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee besetzt wurde; sie versteckte sich mit ihrer Familie im Keller ihres Hauses, wo sie aber von einem sowjetischen Soldaten gefunden wurden, der von Anna verlangte, mit ihm zu schlafen, und sie bedrohte, und sie, als sie sich weigerte, erschoss. Teresa Bracco hatte ein ähnliches Schicksal; ihr Mörder war ein deutscher Soldat.

Obwohl sich diese Märtyrerinnen im 20. Jahrhundert häufen, haben wir übrigens auch schon ältere ähnliche Fälle. Da wäre die hl. Solange von Bourges aus dem 9. Jahrhundert, deren Geschichte ganz ähnlich ist wie die der modernen Märtyrerinnen der Reinheit, nur mit ein paar mehr wundersamen Extras. Außerdem haben wir in der Antike diverse geweihte Jungfrauen, die sich weigerten, zu heiraten, als ihre heidnischen Eltern es von ihnen verlangten, und deshalb als Christinnen von ihren Eltern oder den Männern, die sie heiraten wollten, vor Gericht gebracht und hingerichtet wurden; z. B. die hl. Agnes oder die hl. Lucia. Bei manchen haben wir auch Berichte von Männern, die diesen Jungfrauen geholfen haben – z. B. hat der hl. Didymus der hl. Theodora geholfen, zu fliehen, als sie als Christin dazu verurteilt werden sollte, ein Leben als Prostituierte zu führen (so etwas kam in der Antike als Strafe durchaus vor, wie nicht nur Heiligengeschichten, sondern z. B. auch Tertullian und Laktanz belegen), indem er mit ihr die Kleider tauschte, und wurde dafür selbst getötet, als es entdeckt wurde (auch Theodora wurde dann später noch getötet). Dann wäre da die hl. Dymphna aus dem 7. Jahrhundert, die zusammen mit einem Priester vor ihrem heidnischen Vater floh, der sie nach dem Tod ihrer Mutter heiraten wollte (!), und dann doch von ihm entdeckt und getötet wurde. Sie ist übrigens auch Patronin der Geisteskranken.

Von feministischer Seite (auch manchmal von rechtgläubigen katholischen Feministinnen) kommt hier die Kritik, die Selig- und Heiligsprechungen der „Märtyrerinnen der Reinheit“ wären frauenfeindlich und würden Mädchen und Frauen vermitteln, dass es besser sei, tot als vergewaltigt zu sein; dass vergewaltigte Frauen nichts mehr wert wären; deshalb sollte man ihre Verehrung nicht fördern.

Daher erst einmal zum Thema „frauenfeindlich“: Wir haben auch männliche Heilige, die man als Märtyrer der Reinheit bezeichnen könnte, z. B. Pelagius von Cordoba (911/12-925/26) – ein Junge, den der Emir von Cordoba in Stücke hacken ließ, weil er weder auf dessen sexuelle Avancen eingehen noch zum Islam konvertieren wollte. Gut, für seine Verehrung würden manche uns statt der Frauenfeindlichkeit vermutlich Homophobie und Islamophobie vorwerfen (auch wenn es ja nicht unsere Schuld ist, dass der Emir von Cordoba ein Mörder und Päderast war). Aber den Patriarchen Joseph aus dem Alten Testament könnte man immerhin einen Bekenner der Reinheit nennen (er wurde nur ins Gefängnis geworfen, nicht getötet, weil er sich geweigert hatte, mit der Frau seines ägyptischen Herrn zu schlafen, und sie ihn dafür fälschlich der versuchten Vergewaltigung bezichtigt hatte; daher nur Bekenner, nicht Märtyrer; vgl. Gen 39,7-20).

Simone Cantarini - Joseph and Potiphar's Wife.jpg

(Simone Cantarini, Joseph und Potiphars Frau. Gemeinfrei.)

Auch die Märtyrer von Uganda (der hl. Karl Lwanga & Gefährten) zogen den Zorn von König Mwanga II. von Bugunda zumindest unter anderem deshalb auf sich, weil sie, die als Pagen an seinem Hof dienten, ihm nicht sexuell zu Willen sein wollten, da sie Christen geworden waren.

Jedenfalls: Wir haben auch heilige Männer und Jungen, die für die Weigerung, etwas Unkeusches zu tun oder zuzulassen, einiges auf sich nahmen (und überhaupt haben wir ja auch sonst viele männliche Heilige, die für ihre Keuschheit verehrt werden, z. B. den hl. Aloisius Gonzaga oder den hl. Joseph, den Bräutigam Mariens). Dass wir in dieser Kategorie mehr Frauen haben, liegt, nun ja, offensichtlich einfach daran, dass es leichter für Männer ist, Frauen zu Märtyrerinnen der Reinheit zu machen als umgekehrt, und Homosexualität statistisch seltener ist, nicht daran, dass die Kirche hier einen Unterschied zwischen Frauen und Männern machen würde.

Dann zum Thema „nach einer Vergewaltigung nichts mehr wert“: Wir haben auch Märtyrerinnen, die tatsächlich vergewaltigt worden sind, z. B. die drei Rot-Kreuz-Krankenschwestern Pilar Gullón Yturriaga, Octavia Iglesias Blanco und Olga Pérez-Monteserín Núñez, die von den Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg vergewaltigt und erschossen wurden, als sie sich weigerten, den Glauben zu verleugnen (ihr Seligsprechungsprozess läuft zurzeit, ihr Martyrium wurde bereits anerkannt, sie tragen daher im Moment den Titel „ehrwürdige Dienerin Gottes“).

Und auch bei den „Märtyrerinnen der Reinheit“ gilt ja: Wenn ihre Weigerung am Ende nichts genützt hätte und sie vergewaltigt worden wären, hätte das ihrer Heiligkeit nicht den geringsten Abbruch getan. Schon der hl. Augustinus musste gegen die heidnische römische Ansicht kämpfen, dass Vergewaltigungsopfer irgendwie unrein geworden wären und sich eigentlich gleich umbringen sollten. (Vgl. Kapitel 16-28 im 1. Buch von De civitate Dei, wo Augustinus den Frauen, die bei der Eroberung Roms im Jahr 410 vergewaltigt worden waren, aufs deutlichste zusichert, dass nur ihre Vergewaltiger ein Verbrechen begangen haben: „Denn nicht dadurch ist der Leib heilig, daß seine Glieder unversehrt sind, noch auch dadurch, daß sie keiner Berührung ausgesetzt werden; können sie ja doch auch durch allerlei Zufälle verwundet werden und Gewalt leiden…“) Nie hat die Kirche Vergewaltigungsopfer für unrein gehalten.

Es gibt vom Prinzip her keinen Grund, wieso die Ehrung der hl. Maria Goretti et. al. Frauen und Mädchen, denen es nicht gelungen ist, sich gegen einen Vergewaltiger zu wehren, ein schlechtes Gefühl vermitteln muss. Die Kirche zeigt sich hier ja gerade auf der Seite der Opfer, die sie ehrt, und verurteilt die Täter, die versucht haben, sie zu vergewaltigen. (Die hl. Maria Goretti ist übrigens auch die Patronin der Vergewaltigungsopfer.)

Trotzdem verstehe ich es, wenn manche befürchten, dass ihre Verehrung manchmal eine gewisse Art von „victim blaming“ vermitteln könnte – gerade Vergewaltigungsopfern, die z. B. in Schockstarre waren oder sich nicht getraut haben, sich körperlich zu wehren oder zu schreien, weil sie z. B. wie Maria mit einem Messer bedroht wurden. „Ich habe mich nicht so sehr gewehrt, wie ich es hätte können – ich war nicht wie Maria Goretti.“ Deswegen ist es wirklich nötig, aufzupassen, wie genau man über diese Märtyrerinnen redet.

Und es ist eben wieder mal nötig, daran zu erinnern, dass nicht jeder Heroismus moralisch verpflichtend ist. Auch sonst sagt man ja nicht, dass man hilflosere Opfer verurteilt, wenn man von jemandem erzählt, der sich auf eine besonders mutige oder kluge Weise gegen irgendein Verbrechen wehren konnte. Manche Heilige waren besonders mutig – was nicht heißt, dass jedes andere Verhalten eine Sünde gewesen wäre. (Es sagen übrigens auch ältere Moraltheologielehrbücher – aus genau der Zeit, in der Maria Goretti selig- und heiliggesprochen und sehr viel stärker verehrt wurde, als das heute der Fall ist -, dass es keine Sünde sei, wenn eine Frau, die z. B. mit dem Tod bedroht werde, eine Vergewaltigung passiv über sich ergehen lasse, um nicht getötet zu werden; falls das für manche im Zweifel gewesen sein sollte.)

Ein Vergleich: Wenn ein Land einem Soldaten einen Orden für außergewöhnliche Tapferkeit verleiht, ist das keine Verurteilung und kein victim-blaming eines Soldaten, der es nur geschafft hat, sich von den Feinden gefangennehmen zu lassen, ohne einen einzigen gegnerischen Soldaten zu verwunden.

Und man sollte eben wirklich nicht in den umgekehrten Fehler verfallen: Quasi diesen Heiligen und Seligen einen Vorwurf aus ihrem Verhalten machen. „Sie hätten gefälligst vernünftig sein und sich nicht umbringen lassen sollen.“ Es kommt mir so vor, als  würden manche Katholiken, von denen Anti-Maria-Goretti-Äußerungen kommen, so oder so ähnlich denken.

Und aktiv irgendetwas Unkeusches zu tun ist eben wirklich immer falsch, auch auf Drohungen hin. Nicht, dass nicht die Schuldfähigkeit sehr stark vermindert oder aufgehoben sein kann, wenn jemand etwas unter Drohungen tut (das ist gerade das Paradebeispiel aus dem Katechismus für verminderte/aufgehobene Schuldfähigkeit), und nicht, dass das dann nicht mehr trotzdem ein entsetzliches Verbrechen an diesem Menschen wäre; das wäre es auch gewesen, wenn z. B. der hl. Pelagius von Cordoba bei dem mitgemacht hätte, was der Emir von Cordoba von ihm wollte.  Nochmal: Auch so etwas beurteilte die Moraltheologie immer als Vergewaltigung, ein sehr schweres Verbrechen, auch dann, wenn noch keine so schweren Drohungen eingesetzt werden oder so schwere Furcht eingeflößt wird wie in diesen Fällen. Aber in diesen Fällen ist es trotzdem das Richtige, sich zu weigern.

Ein Vergleich: Die Christen, die das islamische Glaubensbekenntnis gesprochen haben, als der IS sie mit dem Tod bedroht hat, können einem sehr leid tun; aber das Richtige haben die getan, die es nicht gesprochen haben und umgebracht oder versklavt wurden. Eine Christin wie Leah Sharibu, die mit ihren Mitschülerinnen in Nigeria von Boko Haram entführt wurde, und sich weigerte, zum Islam zu konvertieren, und deshalb anders als ihre muslimischen Mitschülerinnen nicht freigelassen wurde, hat das Richtige getan.

Vielleicht könnte man auch einen entfernten Vergleich ziehen mit den Männern und Jungen, die im 2. Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen wurden und von denen viele im Krieg fielen, verwundet wurden oder in sibirischen Kriegsgefangenenlagern litten; auch sie hatten es nicht leicht, und viele meinten, keine andere Wahl zu haben, als ihrer Einberufung zu folgen, oder versuchten allerhöchstens, sie irgendwie auf legale Weise zu umgehen und kämpften doch, wenn das nicht klappte; trotzdem verehren wir nicht sie, sondern z. B. den sel. Franz Jägerstätter (1907-1943), der sich lieber hinrichten ließ als für Hitler zu kämpfen.

Plakat Jaegerstaetter.JPG

(Sel. Franz Jägerstätter, Plakat zur Seligsprechung. Gemeinfrei.)

Der hl. Papst Johannes Paul II. sagte im Jahr 2002 über Maria Goretti: „Die Haltung dieser jungen Heiligen zeigt ein tiefes und edles Wissen um die eigene Würde wie auch die der anderen, was sich in den Entscheidungen des täglichen Lebens widerspiegelte und ihnen volle menschliche Sinnhaftigkeit verlieh.“ Dass die Kirche die Märtyrerinnen der Reinheit als verehrungswürdige Vorbilder herausstellt, zeigt eben auch, dass die Keuschheit etwas Wertvolles ist, und diese Vorbilder sollen ermutigen, sich nicht von anderen Menschen in sexueller (oder anderer) Hinsicht erpressen zu lassen. Der Leib ist ein Tempel Gottes und damit heilig, und darf nicht ungestraft missbraucht werden. (Johannes Paul II. führt dieses Thema übrigens hier noch weiter aus.) Ihre Fürsprache kann einem auch dabei helfen, sich klar zu weigern, bei irgendetwas Unkeuschem mitzumachen, zu dem jemand einen überreden will – auch wenn man nichts Schlimmeres als eine langwierige Diskussion und eine(n) genervte(n) Freund(in) zu befürchten hat, dem/der man erklären muss, dass es mehr als Küsse vor der Ehe nicht geben wird. Für ein Martyrium der Reinheit light gibt es manchmal genug Gelegenheiten.

Im übrigen ist es wichtig, daran zu erinnern, dass diese Märtyrerinnen nicht nur wegen der Umstände ihres Todes selig- oder heiliggesprochen wurden. Ihr ganzes Leben wurde beim Prozess betrachtet und ist verehrungswürdig; und z. B. bei Maria Goretti ist besonders ihre Vergebung für ihren Mörder bewundernswert.

(Statue der hl. Maria Goretti in St. Martin in Visé (Belgien). Quelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Norbert Schnitzler.)

Über schwierige Heilige

Die Heiligen sind toll. Und manche Heilige sind quasi universell beliebt – Mutter Teresa, Maximilian Kolbe oder Damian de Veuster zum Beispiel. Sich anstelle eines anderen von den Nazis umbringen lassen oder Leprakranke pflegen, bis man selber an Lepra stirbt; das passt – alles wunderbar. Aber wenn man anfängt, sich näher mit den Heiligen der Kirche zu beschäftigen, kann man früher oder später auch auf den einen oder anderen stoßen, der einem sauer aufstößt, oder bei dem man sich fragt: Ist das wirklich vorbildhaft? Soll ich den verehren? Soll ich das, was der gemacht hat, gar nachahmen?

Grundsätzlich gelten hier ein paar Dinge:

 

1) Man muß die Heiligen bewundern, aber braucht sie nicht immer in allem nachzuahmen.“ („Sancti admirandi sed non imitandi sunt semper in omnibus.“)

Das gilt auch bei an sich guten Dingen. Zunächst einmal ist nicht alles ist für jeden geeignet, manches hat Nebenwirkungen oder seine Nützlichkeit hängt vom jeweiligen Stand in der Welt (Laie mit Familie, Ordensangehöriger, Mensch mit Regierungsverantwortung, etc. pp.) ab. Aber auch bei dem, was für jeden nützlich und gut wäre, muss man nicht alles nachahmen, sondern es steht einem oft frei. Es gibt „Werke der Übergebühr“, die nicht verpflichtend sind. Man kann versuchen, gut zu sein, und gleichzeitig jemanden dafür bewundern, dass er besser ist, als man selbst es ist/anstrebt, ohne dessen überragende Heiligkeit als Vorwurf an sich zu verstehen.

Beides gilt bei Heiligen, die extreme Bußen auf sich nahmen (Eremitenleben, extremes Fasten, Schlafentzug, Schlafen auf der Erde…). Solche Dinge sind einerseits nicht verpflichtend, und zweitens sowieso ohne Rücksprache mit einem geistlichen Begleiter nie empfehlenswert, weil sie auch geistlich ihre Nebenwirkungen haben können (Möglichkeit des Stolzes auf der einen Seite, wenn man sie gut schafft, der Mutlosigkeit auf der anderen, wenn man sie nicht gut schafft, etc. pp.), und generell haben die Kirchenlehrer dabei immer zur Vorsicht und Mäßigung geraten. Trotzdem können sie ihren Wert haben.

Nicht jeder Heroismus ist verpflichtend; gerade dann kann er aber sehr bewundernswert sein – das gilt z. B. auch bei Heiligen, die alles hinter sich ließen, um in einem fernen Land unter großen Gefahren zu missionieren (wie der hl. Bonifatius bei den Deutschen), oder auch bei heiligen Frauen, die eine Krebsbehandlung verschoben, um ihr ungeborenes Kind nicht zu gefährden, und dadurch ihr Kind retteten, aber selbst starben, wie die hl. Gianna Beretta Molla (1922-1962) oder die ehrwürdige Dienerin Gottes Chiara Corbella Petrillo (1984-2012). [Eine direkte Abtreibung wäre natürlich auch in diesem Fall nicht erlaubt; hier geht es um Handlungen, die man auch vornehmen würde, wenn das ungeborene Kind nicht da wäre, die ihm aber, ohne dass das gewollt ist, schaden oder es töten könnten (Prinzip der Handlungen mit Doppelwirkung).]

Die hl. Gianna Beretta Molla

(Die hl. Gianna Beretta Molla. Bildquelle: Wikimedia Commons. Eingestellt von Nutzer José Luiz Bernardes Ribeiro.)

Es ist schon ein Problem, wenn man meint, ein Heiliger stelle mit seiner überragenden Heiligkeit einen Vorwurf an einen selber dar, wenn er eigentlich nur ein Vorbild und ein Helfer sein will, es ihm ein bisschen nachzutun. Die Heiligen verachten einen nicht, weil sie besser sind als man selber; gerade weil sie besser sind, ist jede Art von Verachtung ihnen fremd.

Und man kann wirklich lernen, es auszuhalten, dass es nun mal sehr viel bessere Christen gab und gibt.

 

2) Auch Heilige haben Fehler gemacht und Sünden begangen; sie wären die ersten, das zuzugeben. Heiligsprechungen stellen fest, dass jemand im Himmel ist, worauf man sich jedenfalls verlassen kann, und sie stellen ihn insgesamt als Vorbild heraus; was nicht heißt, dass er immer alles richtig gemacht hat. Eigentlich ist es auch ganz tröstlich, dass auch Heilige nicht perfekt waren. Wir haben nicht nur Heilige/Selige/ehrwürdige Diener Gottes, die sich nach einem sehr sündhaften Leben bekehrt haben – wie der Christenverfolger Paulus oder der Mörder Jacques Fesch -, sondern auch grundsätzlich schon bekehrte Heilige/Selige/ehrwürdige Diener Gottes, die dann noch Fehler und Sünden begangen haben.

Die Heiligen waren auch sehr unterschiedlich; zum selben Thema hatten manche sehr verschiedene Ansichten und Ratschläge. Wenige Katholiken werden den hl. Papst Pius V. und den hl. Papst Paul VI. gleichermaßen verehren. Ein paar Beispiele für Ansichten des großen Heiligen Pater Pio, die wohl eher nicht richtig waren, gäbe es z. B. hier unter Fußnote viii – und die betreffen nicht nur Rocklängen.

Öfter einmal kann man auch auf Heilige stoßen, die gegenüber Menschen, die sie schlecht behandelt haben, sehr gefügig und, wie soll man sagen, feindesliebend waren, und alles ertragen und aufgeopfert haben – etwa die hl. Elisabeth von Thüringen oder die hl. Monika. Hier gilt manchmal tatsächlich, dass sie vielleicht in dieser Hinsicht mehr Mitleid als Bewunderung verdienen. Die Verwechslung von Milde und Feindesliebe mit der Duldung von Unrecht kann ja  leicht vorkommen, trotz aller Klärungen durch die Kirchenlehrer und Theologen, und es ist nicht nur nicht jeder Heroismus verpflichtend, es ist auch nicht jeder Heroismus weise oder anzuraten – oder zumindest nicht immer.

Der hl. Augustinus schreibt beispielsweise über seine Mutter, die hl. Monika, und deren Verhältnis zu seinem Vater:

„Ebenso ertrug sie seine eheliche Untreue, so daß sie niemals deswegen mit ihrem Manne in Streit geriet; hoffte sie doch für ihn zu deiner [Gottes] Barmherzigkeit, daß er, wenn er erst an dich glaubte, auch keusch werden würde. Abgesehen hiervon, war er sonst sehr gutmütig, nur hin und wieder jähzornig. Aber sie wußte, daß man einem jähzornigen Manne nicht sich widersetzen durfte, nicht durch Worte, geschweige denn durch Handlungen. Doch wenn er sich ausgetobt und beruhigt hatte, dann ergriff sie wohl eine günstige Gelegenheit und gab ihm Rechenschaft über ihr Verhalten, wenn er sich zu unüberlegter Handlungsweise hatte hinreißen lassen. Wenn endlich viele Frauen, trotzdem sie sanftere Männer hatten, doch Spuren von Schlägen im entstellten Gesichte aufwiesen und im Gespräche mit den Freundinnen ihren Männern Schuld gaben, so gab sie Schuld ihrer Zunge und erinnerte sie, gleichsam scherzend, doch mit ernsten Worten: Seit dem Augenblicke der Vorlesung des Ehekontraktes hätten sie darauf achten müssen, daß sie gewissermaßen Dienerinnen geworden seien; eingedenk ihres Standes hätten sie also nicht gegen ihre Herren übermütig werden sollen. Da nun jene wußten, was sie für einen leidenschaftlichen Mann hatte, und mit Staunen sich erinnerten, daß man noch nie gehört oder auf andere Weise erfahren habe, daß Patricius seine Gattin geschlagen habe oder daß sie auch nur einen Tag sich in häuslichem Streite entfremdet hätten, da fragten sie wohl vertraulich nach der Ursache hiervon; dann belehrte sie Monika über die Art und Weise, die ich oben erwähnt habe. Die ihrem Beispiele folgten und die Probe machten, dankten ihr; die nicht folgten, blieben auch weiterhin schlechter Behandlung unterworfen.

Untreue und solche schlechte Behandlung einfach ertragen? Sind das nicht die klassischen von der Kirche anerkannten Trennungsgründe? Schließlich ist so etwas eine ziemlich schlimme Ungerechtigkeit, und „einfach nichts sagen“ hier als vorbildlich herauszustellen, ist vielleicht nicht immer sinnvoll. Und dann die Beschreibung von Ehefrauen als „Dienerinnen“.

Hier muss man aber auch sehen, dass die hl. Monika in einer noch kaum christlich geprägten Gesellschaft lebte, und schließlich auch einen heidnischen Ehemann hatte, der sich erst kurz vor seinem Tod taufen ließ. In dieser Gesellschaft war eine so schlechte Behandlung von Ehefrauen viel verbreiteter, und es waren nicht nur Psychopathen, die ihre Frauen schlugen und wie Dienerinnen behandelten, denen man auch keine Treue schuldete, sondern viele Männer (und auch die Frauen) waren dazu erzogen worden, das als normal zu sehen. Damals war es vielleicht wirklich erfolgversprechender, dem mit Ertragen beizukommen, als es heute bei einem prügelnden Mann wäre (zumal die hl. Monika nicht viele andere Möglichkeiten hatte). Und wir haben auch vorbildliche katholische Frauen, die eine solche Ehe tatsächlich nicht einfach ertrugen, sondern sich trennten, wie z. B. die ehrwürdige Dienerin Gottes Rose Hawthorne (1851-1926) oder Catherine Doherty (1896-1985; Seligsprechungsprozess vorbereitet).

(Die hl. Monika mit ihrem Sohn Augustinus. Gemeinfrei.)

Aber nicht nur in dieser Hinsicht gibt es Heilige, bei denen man sich leicht denkt: Das ist doch nicht mehr überragend heilig, das ist doch in dieser oder jener Hinsicht so übertrieben, dass es einfach falsch ist. Ein viel kritisierter Heiliger ist z. B. der hl. Nikolaus von der Flüe, der zum Eremiten wurde, obwohl er bereits eine Frau und zehn Kinder hatte.

(Der hl. Nikolaus von der Flüe. Gemeinfrei.)

Ist es nicht furchtbar, seine Familie zu verlassen? Ist die Ehe nicht ein heiliges Sakrament? Sagen nicht so große Heilige wie Franz von Sales, dass man seinem Stand und seinen Pflichten gefälligst treu sein sollte? („Auf keinen Fall kann ich es gutheißen, wenn Leute, die schon in einem Stand und Beruf leben, beständig nach einem anderen Leben verlangen, als ihren Pflichten entspricht, oder nach Andachtsübungen, die mit ihrem Beruf nicht vereinbar sind. Das verwirrt nur ihr Herz und hindert sie an der Erfüllung ihrer Pflichten. Wenn ich mich nach der Einsamkeit der Kartäuser sehne, verliere ich damit nur meine Zeit. Statt dieses Wunsches soll ich den hegen, meine augenblicklichen Pflichten gut zu erfüllen.“ (Einführung in das fromme Leben, 3. Teil, 37. Kapitel))

Nun, generell ist so etwas nicht sehr ratsam. Aber beim hl. Bruder Klaus ist erst einmal zu beachten: Er ließ seine Familie nicht unversorgt zurück, und seine Frau gab ihr Einverständnis, dass er ging. So etwas war grundsätzlich nur mit Einverständnis des Ehepartners möglich, wie ein Mann im Mittelalter auch nur mit Einverständnis seiner Frau auf einen Kreuzzug gehen durfte. Generell ist die Familie auch nicht immer das Höchste; auch z. B. im Zweiten Weltkrieg mussten viele Soldaten ihre Familien verlassen, um ihr Land gegen die Nazis zu verteidigen. Und vielleicht berief Gott in diesem Ausnahmefall den hl. Bruder Klaus wirklich von seiner Familie weg – vielleicht auch, um zu zeigen, dass die Familie nicht immer das Höchste ist.

Vielleicht greift hier aber auch hier das Prinzip, dass Heilige eben – aus den besten Motiven – Fehler begehen können; und trotzdem ihr weiteres Leben hindurch Gott auf großartige Weise dienen können. Ich kann z. B. auch den papa emeritus für einen lebenden Heiligen halten und es trotzdem für möglich halten, dass Benedikts Rücktritt vom Papstamt ein Fehler gewesen sein könnte (auch wenn es natürlich nicht meine Aufgabe ist, das zu beurteilen).

Der hl. Franz von Sales schreibt über die Fehler von Heiligen:

„Der hl. Augustinus sagt ganz richtig, dass Anfänger im Frömmigkeitsstreben leicht gewisse Fehler begehen, die wohl tadelnswert sind, wenn wir sie nach strengen Maßstäben der Vollkommenheit messen; sie sind aber auch lobenswert als gute Vorzeichen eines künftigen Seelenadels, den sie sogar vorbereiten. So ist eine niedrige und grobe Angst, die in der eben erst von der Sünde aufgestandenen Seele Skrupel hervorruft, für den Anfang nur zu begrüßen als sicheres Vorzeichen künftiger Gewissenszartheit. Dieselbe Angst wäre aber an Fortgeschrittenen zu tadeln; in ihrem Herzen soll die Liebe herrschen, die nach und nach diese Art knechtischer Furcht verdrängt.

Der hl. Bernhard war am Anfang ganz streng und hart gegen jene, die sich seiner Leitung unterstellten. Gleich beim Eintritt erklärte er ihnen, sie müssten ihren Leib draußen lassen und dürften zu ihm nur mit ihrer Seele kommen. Wenn er ihre Beichte hörte, verurteilte er mit unerhörter Strenge alle, auch die kleinsten Fehler und drängte seine Beichtkinder mit solchem Ungestüm zur Vollkommenheit, dass er damit gerade das Gegenteil erreichte; denn sie verloren Atem und Mut, weil er sie auf einem so steil ansteigenden Weg mit solcher Heftigkeit antrieb. Sieh, es war brennender Eifer für die vollkommene Reinheit, die diesen großen Heiligen zu solcher Handlungsweise veranlasste, und dieser Eifer war eine große Tugend; trotzdem war er tadelnswert. Deshalb wies Gott selbst in einer Erscheinung ihn zurecht und goss den Geist der Milde und Güte in seine Seele; nun änderte er sich vollständig, warf sich selbst seine Strenge vor und wurde gegen jedermann so gütig und so entgegenkommend, dass er allen alles ward, um sie alle zu gewinnen.

Der hl. Hieronymus erzählt von seiner geliebten geistlichen Tochter Paula, sie sei in der Übung von Kasteiungen nicht nur übereifrig, sondern auch so eigensinnig gewesen, dass sie den gegenteiligen Weisungen ihres Bischofs, des hl. Epiphanius, nicht gehorchen wollte. Außerdem habe sie sich von der Trauer über den Tod ihrer Angehörigen so hinreißen lassen, dass sie jedes Mal in Lebensgefahr schwebte. Er fügte hinzu: ‚Man wird mir vorwerfen, dass ich mit meinen Worten die Heilige tadle, statt sie zu loben. Ich rufe Jesus, dem sie gedient und dem ich dienen will, zum Zeugen an, dass ich weder nach der einen noch nach der anderen Seite die Unwahrheit sage, sondern nur ganz schlicht von ihr als Christ über eine Christin berichte; das heißt, ich schreibe ihre Geschichte, nicht eine Lobrede; ihre Fehler wären bei anderen Menschen Tugenden.‘ […]

Denken wir also gut von solchen, die fromm leben wollen, auch wenn wir Fehler an ihnen sehen; auch die Heiligen hatten Fehler.“ (Einführung in das fromme Leben, 3. Teil, 2. Kapitel)

 

3) Man kann auch der Ansicht sein, dass ein Heiliger für eine bestimmte Sache nicht verehrt werden sollte – nicht nur Heilige, sondern auch die Verehrung, die sie erhalten, ist nicht über jede Kritik erhaben. Manchmal haben spätere Generationen auch ein verzerrtes Bild von Heiligen und vereinnahmen sie für irgendeinen Zweck. Beim hl. Franz von Assisi ist das öfter der Fall; auch die hl. Hildegard von Bingen oder die hl. Katharina von Siena werden ja gerne mal zu Schutzheiligen des Feminismus erklärt.

Man sollte sich auch angewöhnen, mit der Hagiographie ein bisschen kritisch umzugehen – hagiographische Texte neigen dazu, Heilige zu idealisieren, zu verniedlichen, und den Idealvorstellungen der eigenen Zeit anzupassen, indem sperrige Details ausgeblendet oder nur vage angedeutet werden. Manche moderne Texte über Heilige lassen auch Wundergeschichten weg, die den Verfassern zu over the top vorkommen.

 

4) Dann muss man Heilige (klingt ausgelutscht, ist aber so) im Kontext ihrer Zeit verstehen – aber umgekehrt sollte man dann auch den Kontext seiner eigenen Zeit kritisch betrachten. Lehnt man etwas an ihnen nur ab, weil es einem ungewohnt vorkommt?

In einem anderen Kontext war einerseits manches wirklich angebracht, das es inzwischen nicht mehr wäre; und andererseits neigten die Leute zu anderen Zeiten leichter dazu, gewisse Fehler zu machen, die heute nicht mehr so häufig sind, wofür dann Verständnis (weil man selber schließlich auch zeittypische Fehler macht), wenn auch keine völlig Entschuldigung angebracht wäre; und in wieder anderen Dingen waren sie einfach besser als die meisten Christen heute, und da sollte man eher seine eigenen Urteile zurückstellen und von ihnen lernen.

 

5) Wenn die Kirche etwas ständig als vorbildlich herausstellt und Leute ständig dafür heiligspricht (also nicht nur in fünf oder zehn Fällen, sondern zu hunderten und tausenden), sollte man es in jedem Fall als einen vorbildlichen Weg des Christseins akzeptieren. Kontemplatives Leben, Martyrium, Mission, so etwas sind etwa Dinge, die bei den Heiligen ständig auftauchen.

 

6) Die Verehrung für Heilige geht oft vom Kirchenvolk aus, das dann an den Vatikan appelliert, denjenigen oder diejenige zu kanonisieren; Heiligsprechungen sind meistens weniger eine Initiative der Kirchenhierarchie als eine Anerkennung der Verehrung, die jemand schon durch die Laien genießt. Wenn man die Verehrung einer bestimmten Person nicht gutheißt, muss man sich also meistens eher beim Kirchenvolk beschweren.

 

7) Es gibt auch manche Menschen, die nie offiziell heiliggesprochen wurden, deren (evtl. lokal begrenzte) Verehrung zumindest als Selige die Kirche aber duldet – dazu gehören ein paar Herrscher, die viel für die Kirche getan haben, wie Karl der Große (dessen Verehrung als Seliger seit 1176 geduldet, aber nicht anerkannt ist), oder Kaiser Konstantin (der nur in der Ostkirche wirklich als Heiliger gilt, und im Westen selten verehrt wird). Hier gibt es keine höchstoffizielle Bestätigung, dass sie im Himmel sind, und sie waren wohl nicht die allervorbildlichsten Christen, aber man muss auch nicht gerade annehmen, dass sie in der Hölle sind, und es gibt Gründe, aus denen manche sie verehren wollen.

Aber, wie gesagt, sie werden nicht offiziell von der Kirche als Vorbilder herausgestellt.

Kaiser Konstantin und Kaiserin Helena - Germanisches Nationalmuseum - anagoria.jpg

(Östliche Ikone, die Konstantin und seine Mutter, die hl. Helena, zeigt. Gemeinfrei.)

Entfernt vergleichbar damit sind ein paar mittelalterliche Fälle von kleinen Kindern, die ermordet worden waren, und deren Tod man angeblichen Ritualmorden durch Juden zuschrieb – etwa William von Norwich, Simon von Trient oder „Little Saint Hugh of Lincoln“ – , und die, wenn auch ohne förmliche Heiligsprechung, bald vom Volk in ihrer Gegend verehrt wurden. (Ob in solchen Fällen letztlich Juden als Mörder verurteilt wurden, oder es Freisprüche oder Begnadigungen gab, oder die Morde nicht weiter verfolgt wurden, war sehr unterschiedlich.) Hier gab es (soweit ich es gefunden habe) keine offiziellen Heiligsprechungen; nachdem ich ein bisschen gesucht habe, habe ich eine einzige Seligsprechung bei Andreas Oxner, einem 1462 ermordeten dreijährigen Jungen, gefunden, der von Papst Benedikt XIV 1752 seliggesprochen wurde, der ihn dann aber doch nicht heiligsprach. Die Verehrung dieser Kinder wurde von der Kirche eher toleriert als gefördert. (Die Russisch-Orthodoxe Kirche sprach ein solches Kind 1820 heilig.)

Im übrigen handelt es sich hier um getaufte Kinder, die zum Teil noch vor, zum Teil nicht lange nach dem Erreichen des Alters des Vernunftgebrauchs starben. Wenn davor, sind sie zu hundert Prozent sicher im Himmel; wenn danach, ist es immerhin wahrscheinlich; hier bestand damals jedenfalls keine besondere Gefahr, jemanden zu verehren, der nicht im Himmel war.

Ihre Verehrung im Zuge einer antisemitischen Verschwörungstheorie muss man deshalb selbstverständlich nicht rechtfertigen oder gutheißen.

(Angeblicher Ritualmord an Simon von Trient, Darstellung in der Schedelschen Weltchronik. Gemeinfrei.)

 

Eigentlich wollte ich hier noch mehr über ein paar spezielle „problematischere“ Heilige schreiben; aber weil das zu lang geworden wäre, habe ich es auf ein paar kommende Artikel aufgeteilt. Wir haben schon einige Heilige und Selige, die man gegenüber den nicht so kirchennahen Verwandten lieber nicht erwähnt (oder bei denen man zumindest lieber nicht ausführlichst auf alle Details ihres Lebens eingeht).

Die halten sich wohl für besonders fromm!

(Eine vielleicht notwendige Ergänzung zu Posts wie diesem, diesem und diesem.)

Ein heutzutage beliebter Vorwurf gegenüber gläubigen Menschen ist der der Überheblichkeit: Sie würden sich für besonders großartige Menschen und Gottes Lieblinge halten, ihre Frömmigkeit zur Schau stellen und so weiter und so fort. Oft trifft dieser Vorwurf Gläubige, die eigentlich nur das Minimum dessen tun, was von ihrer Religion gefordert wird (also bei Christen z. B.: sonntags in die Kirche gehen, keinen Sex vor der Ehe haben; oder bei Muslimen: im Ramadan fasten, Kopftuch tragen), und das nicht mal an die große Glocke hängen. Aber das wird eben trotzdem gelegentlich als Überheblichkeit und als Vorwurf an andere empfunden: Weil der Christ tatsächlich glaubt, dass alle sonntags in die Kirche gehen sollten, macht er uns Kirchenfernen einen Vorwurf, beleidigt uns, stellt uns als Sünder hin. Weil die Muslima tatsächlich glaubt, dass alle Frauen Kopftuch tragen sollten, erklärt sie uns westliche Frauen alle zu Schlampen. Nun könnte  man sich denken, wer sich seiner Sache sicher ist, dass der Kirchgang nicht notwendig oder das Kopftuch kein verpflichtendes Kleidungsstück für eine anständige Frau sei, könnte da drüber stehen und es aushalten. Aber anscheinend wird schon die bloße Religionsausübung (nicht erst wirkliche Überheblichkeit, die es natürlich auch gibt) von vielen trotzdem als  Vorwurf an Religionslose/Andersreligiöse empfunden.

(Dass „Frömmigkeit“ auch nicht mehr unbedingt als etwas an sich Positives gesehen wird, kommt natürlich noch hinzu: Wieso bildet die sich überhaupt was drauf ein, in der Kirche zu sitzen? Das ist doch sinnlos, sie sollte lieber was Vernünftiges tun. (Dass sie, wenn sie nicht in der Kirche sitzen würde, vermutlich stattdessen in dieser Zeit eher ausschlafen würde, als, sagen wir, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, wird gerne übersehen.))

Manchmal wird der Vorwurf, besonders fromm sein zu wollen, aber auch nur an die tatsächlich besonders eifrigen Gläubigen gerichtet: Was muss die jeden Tag in die Werktagsmesse springen und jeden Samstag zum Rosenkranz? Bildet die sich ein, sie wäre eine bessere Christin als wir, die wir bloß am Sonntag auftauchen?

Das ist sozusagen das Gegenstück zur „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle, die ich hier beklagt habe: Der, der mehr tun will als die anderen, wird als der Feind gesehen, der sich über die anderen Christen erheben will, auch wenn er selbst nie angedeutet hat, dass er sich als den tollsten Christen ever sieht oder dass alle das tun müssen, was er tut.

Mein Bekannter und Stammleser Nepomuk hat vor längerer Zeit einmal einen Artikel über die Heiligen geschrieben, aus dem ich, weil genau dieses Problem darin so schön ausgedrückt wird, einen längeren Abschnitt zitieren möchte:

Ist daraus nun zu folgern, wie z. B. Joseph Roth es übrigens tutiv, daß die Kirche dadurch, daß sie die paar Perfekten kanonisiere, implizit die Sündhaftigkeit der Restmenschen gestatte? Oder sollen wir sagen, ja die anderen seien halt im verborgenen heilig gewesen, hätten aber deshalb nicht weniger gelitten, sich nicht weniger aufgeopfert etc.? Zumal es diese Art Heilige ja auch tatsächlich geben wird: aber auch das sind doch, mal ehrlich, nur ein paar. Das Leben hat seine schönen Seiten, und wir, die wir keine Ordensgelübde abgelegt haben, die wir ‚wenn wir ehrlich sein wollen, gern einen Fuß in beiden Welten haben wollen; deren Ehrgeiz ist, zu bestehen, nicht zu glänzen‘v, wollten uns ehrlich gesagt nicht vom Glanz, der Gelassenheit, der Ruhe und der Anstrengung eines Ordenslebens gerade die Anstrengung herauszusuchen.

Die erfreuliche Nachricht: das fordert die Kirche tatsächlich nicht.

Die Moral, wie sie uns die Kirche lehrt, fordert ’nichts weiter‘ als nicht zu sündigen. ‚Du kennst doch die Gebote.‘ (Mk 10,19) Die Kirche hilft dabeivi – der Patron ihrer Moraltheologen war bezeichnenderweise nicht Staatsanwalt, sondern Strafverteidiger gewesen, eben der erwähnte hl. Alfons – immer bemüht, genau darzulegen, was zu tun ist und was nicht.vii (Auf einige typische Einwände hierzu soll im nächsten Artikel eingegangen werden.)

Und das Vorbild der Heiligen? Der modernen Welt, die nicht gelassen, aber dafür perfektionistisch ist (deshalb schimpft sie auch alleweil auf den Perfektionismus) mag der Gedanke fremd sein; aber in den Katholiken hat sich der gesunde menschliche Instinkt bewahrt. Wer gut ist, der verehre als Helden einen, der besser ist. Bezeichnenderweise können wir das auch heute noch überall da nachvollziehen, wo wir nicht auf den Gedanken kommen, uns Vorwürfe zu machen. So bei den dilettierenden Freizeitmusikern: Gerade die hören doch mit besonderer Freude und Gewinn die Titel der herausragenden Interpreten. So bei den Fußballspielern der Dorfvereine in der A-Klasse. Gerade die schauen doch mit noch mehr Begeisterung als der Rest der Bevölkerung das Finale der Champions-Leauge im Fernsehen an.viii

So ist es auch bei den Heiligen (also den Christen). Gerade die können von den Heiligen (im landläufigen Sinn) gar nicht genug bekommen. Die Büßer von einem, der ganz übermenschliche Bußwerke geleistet hat wie der hl. Pedro von Alcantara. Die Gastwirte, die mit ihrer Gastfreundschaft Geld verdienen, von einem hl. Julianus, der beim Bewirten auf den Verdienst verzichtet hat. Die Mönche, die den Psalter jede Woche beten, von einem hl. Patrick, der ihn jeden Tag betete. Und so weiter – nur drei Beispiele von vielen, die man aufzählen könnte.“

(Es lohnt sich, den Artikel im Ganzen zu lesen; und hier wird er noch fortgesetzt.)

Der Punkt ist: Wenn uns bewusst ist, dass das Gute gut ist, und das Bessere besser, und das Bessere kein Feind des Guten, dann löst sich das ganze Problem auf. Wenn einer mehr tun will als andere und besonders eifrig ist, ist das gut; es ist lobenswert; solche Leute braucht es. Auch im weltlichen Leben braucht es die anstrengenden Berufe wie Chirurgen und Soldaten. Aber dass manche Leute Chirurgen und Soldaten werden, ist eben kein Vorwurf an diejenigen, die sich den leichten Job des Steuerbeamten oder der Bürokauffrau suchen. Wenn einer, der gesund ist und arbeiten könnte, gar nicht arbeiten wollte, dann könnte man ihm daraus einen Vorwurf machen. Das Gleiche gilt auch für die Gemeinschaften innerhalb der Kirche, wie etwa die neuen geistlichen Bewegungen: Wenn einer sich darin engagieren will und viel Zeit und Einsatz dafür aufwendet, ist das gut – solange er nicht glaubt, allein so könne man ein richtiger Christ sein und die anderen Christen, die nicht so engagiert sind, seien gar keine richtigen Christen wie er. Und man sollte jemandem eben auch nicht vorwerfen, allein deshalb, weil er mehr tut als andere, verachte oder verurteile er sie und halte sie für keine richtigen Christen. Vielleicht ist er wirklich ein besserer Christ als sie; vielleicht auch nicht; jedenfalls können sie trotzdem gute Christen sein.

Auch im Himmel wird es übrigens noch die besonders großartigen Heiligen geben, die besondere Ehre erhalten (wie die allerseligste Gottesmutter, oder etwas darunter vielleicht solche wie den heiligen Franziskus), und die, die, na, eben ein bisschen drunter stehen. Dante beschreibt in der Göttlichen Komödie den Himmel als einen Ort aus mehreren konzentrischen Sphären, in denen die verschiedenen Heiligen leben (so wie auch seine Hölle aus verschiedenen Kreisen für verschieden schwere Sünden aufgebaut ist). Aber es braucht weder Neid auf die einen noch Verachtung der anderen, weil sie alle in übergroßer Seligkeit leben und Gottes Herrlichkeit schauen.

Die Paradoxa des Katholizismus: Heiligkeit und Sünde

Heute mal wieder ein Gastbeitrag: Ein Ausschnitt aus Robert Hugh Bensons (1871-1914) Predigtreihe „Paradoxes of Catholicism“, veröffentlicht 1913 (online hier zu finden: http://www.gutenberg.org/cache/epub/16309/pg16309-images.html):

 

III. Sanctity and Sin

 

(III. Heiligkeit und Sünde)

 

[…]

 

A very different pair of charges […] concern the standards of goodness preached by the Church and her own alleged incapacity to live up to them. These may be briefly summed up by saying that one-half the world considers the Church too holy for human life, and the other half, not holy enough. We may name these critics, respectively, the Pagan and the Puritan.

 

(Ein ganz anderes Paar von Vorwürfen betrifft die Standards des Guten, die von der Kirche gepredigt werden, und ihre eigene angebliche Unfähigkeit, sie zu leben. Diese können kurz gesagt damit zusammengefasst werden, dass die eine Hälfte der Welt die Kirche für zu heilig für das menschliche Leben hält, und die andere Hälfte für nicht heilig genug. Wir können diese Kritiker jeweils den Heiden und den Puritaner nennen.)

 

I. It is the Pagan who charges her with excessive Holiness.

 “You Catholics,” he tells us, “are far too hard on sin and not nearly indulgent enough towards poor human nature. […] Or, to go further, consider the impossible ideals which you hold up with regard to matrimony. These ideals have a certain beauty of their own to persons who can embrace them; they may perhaps be, to use a Catholic phrase, Counsels of Perfection; but it is merely ludicrous to insist upon them as rules of conduct for all mankind. Human Nature is human nature. […] If you were less holy and more natural, less idealistic and more practical, you would be of a greater service to the world which you desire to help. Religion should be a sturdy, virile growth; not the delicate hot-house blossom which you make it.”

The second charge comes from the Puritan. “Catholicism is not holy enough to be the Church of Jesus Christ; for see how terribly easy she is to those who outrage and crucify Him afresh! Perhaps it may not be true after all, as we used to think, that the Catholic priest actually gives leave to his penitents to commit sin; but the extraordinary ease with which absolution is given comes very nearly to the same thing. So far from this Church having elevated the human race, she has actually lowered its standards by her attitude towards those of her children who disobey God’s Laws. […] The Catholic Church, then, is not holy enough to be the Church of Jesus Christ.”

 

(I. Es ist der Heide, der ihr exzessive Heiligkeit vorwirft.

„Ihr Katholiken“, sagt er zu uns, „seid viel zu hart zur Sünde und bei weitem nicht nachsichtig genug gegen die arme menschliche Natur. […] Oder, um weiterzuschauen, seht die unmöglichen Ideale an, die ihr in Bezug auf die Ehe hochhaltet. Diese Ideale haben vielleicht eine gewisse eigene Schönheit für Personen, die sie annehmen können; sie mögen vielleicht, um einen katholischen Ausdruck zu benutzen, Räte zur Vollkommenheit sein; aber es ist einfach lächerlich, auf ihnen als Verhaltensregeln für die ganze Menschheit zu bestehen. Die menschliche Natur ist die menschliche Natur. […] Wenn ihr weniger heilig und natürlicher wärt, weniger idealistisch und praktischer, dann wärt ihr der Welt, der ihr zu helfen wünscht, von größerem Nutzen. Die Religion sollte ein robustes, mannhaftes Gewächs sein; nicht die empfindliche Treibhaus-Blüte, zu der ihr sie macht.“

Der zweite Vorwurf kommt vom Puritaner. „Der Katholizismus ist nicht heilig genug, um die Kirche Jesu Christi zu sein; denn seht nur, wie scheußlich einfach er es denen macht, die Ihn empören und von neuem kreuzigen! Vielleicht mag es letztlich nicht wahr sein, wie wir früher dachten, dass der katholische Priester seinen Pönitenten tatsächlich die Erlaubnis erteilt, Sünden zu begehen [klassischer Bestandteil der englisch-protestantischen antikatholischen Propaganda des 16. und 17. Jahrhunderts]; aber die außerordentliche Leichtigkeit, mit der die Absolution erteilt wird, läuft beinahe auf dasselbe hinaus. Weit davon entfernt, dass diese Kirche die menschliche Rasse erhoben hätte, hat sie tatsächlich ihre Standards gesenkt mit ihrem Verhalten gegenüber denen ihrer Kinder, die Gottes Gesetzen ungehorsam werden. […] Die katholische Kirche ist daher nicht heilig genug, die Kirche Jesus Christi zu sein.“)

 

II. When we turn to the Gospels we find that these two charges are, as a matter of fact, precisely among those which were brought against our Divine Lord.

 First, undoubtedly, He was hated for His Holiness. Who can doubt that the terrific standard of morality which He preached – the Catholic preaching of which also is one of the charges of the Pagan – was a principal cause of His rejection. For it was He, after all, who first proclaimed that the laws of God bind not only action but thought; it was He who first pronounced that man to be a murderer and an adulterer who in his heart willed these sins; it was He who summed up the standard of Christianity as a standard of perfection, Be you perfect, as your Father in Heaven is perfect; who bade men aspire to be as good as God!

 It was His Holiness, then, that first drew on Him the hostility of the world—that radiant white-hot sanctity in which His Sacred Humanity went clothed. Which of you convinceth me of sin?… Let him that is without sin amongst you cast the first stone at her! These were words that pierced the smooth formalism of the Scribe and the Pharisee and awoke an undying hatred. It was this, surely, that led up irresistibly to the final rejection of Him at the bar of Pilate and the choice of Barabbas in His place. “Not this man! not this piece of stainless Perfection! Not this Sanctity that reveals all hearts, but Barabbas, that comfortable sinner so like ourselves! This robber in whose company we feel at ease! This murderer whose life, at any rate, is in no reproachful contrast to our own!” Jesus Christ was found too holy for the world.

 But He was found, too, not holy enough. And it is this explicit charge that is brought against Him again and again. It was dreadful to those keepers of the Law that this Preacher of Righteousness should sit with publicans and sinners; that this Prophet should allow such a woman as Magdalen to touch Him. If this man were indeed a Prophet, He could not bear the contact of sinners; if He were indeed zealous for God’s Kingdom, He could not suffer the presence of so many who were its enemies. Yet He sits there at Zacchaeus‘ table, silent and smiling, instead of crying on the roof to fall in; He calls Matthew from the tax-office instead of blasting him and it together; He handles the leper whom God’s own Law pronounces unclean.

 

(II. Wenn wir uns den Evangelien zuwenden, sehen wir, dass diese beiden Vorwürfe tatsächlich genau unter denen sind, die gegen unseren göttlichen Herrn vorgebracht wurden.

 Zuerst, unzweifelhaft, wurde Er für Seine Heiligkeit gehasst. Wer kann daran zweifeln, dass der erschreckende Standard der Moral, den er predigte – die katholische Predigt wessen auch einer der Vorwürfe des Heiden ist – ein Hauptgrund für Seine Zurückweisung war. Denn es war schließlich Er, der zuerst verkündete, dass die Gesetze Gottes nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken binden; es war Er, der zuerst den Mann einen Mörder und Ehebrecher nannte, der diese Sünden in seinem Herzen wünschte; es war Er, der den Standard des Christentums als einen Standard der Vollkommenheit zusammenfasste, Seid ihr vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist; der die Menschen aufforderte, danach zu streben, so gut zu sein wie Gott!

 Es war also Seine Heiligkeit, die als erstes die Feindschaft der Welt auf sich zog – diese strahlende, weiß-glühende Heiligkeit, in die Seine Heilige Menschheit gekleidet war. Wer von euch kann mich einer Sünde überführen! … Lasst den, der unter euch ohne Sünde ist, den ersten Stein auf sie werfen! Das waren Worte, die in den angenehmen Formalismus des Schriftgelehrten und des Pharisäers stachen und einen unsterblichen Hass weckten. Es war dies, sicherlich, das unaufhaltsam zu Seiner schließlichen Zurückweisung vor dem Gericht des Pilatus und der Wahl des Barabbas an Seiner Stelle führte. ‚Nicht dieser Mann! Nicht dieses Beispiel makelloser Vollkommenheit! Nicht diese Heiligkeit, die alle Herzen aufdeckt, sondern Barabbas, diesen bequemen Sünder, der so sehr ist, wie wir selbst! Diesen Räuber, in dessen Gesellschaft wir uns ruhig fühlen!’ Jesus Christus wurde als zu heilig für die Welt befunden.

 Aber Er wurde auch für nicht heilig genug befunden. Und es ist dieser ausdrückliche Vorwurf, der wieder und wieder gegen Ihn vorgebracht wird. Es war fürchterlich für diese Befolger des Gesetzes, dass dieser Prediger der Gerechtigkeit bei Zöllnern und Sündern sitzen sollte; dass dieser Prophet einer solchen Frau wie Magdalena erlauben sollte, ihn zu berühren. Wenn dieser Mann tatsächlich ein Prophet wäre, könnte Er den Kontakt von Sündern nicht ertragen; wenn Er tatsächlich von Eifer für Gottes Königreich verzehrt wäre, könnte er die Gegenwart von so vielen, die seine Feinde waren, nicht aushalten. Und doch sitzt Er da an Zachäus’ Tafel, still und lächelnd, anstatt dass Er dem Dach ruft, dass es in sich zusammenstürze; Er ruft Matthäus aus dem Zöllnerbüro, anstatt es und ihn zusammen zu vernichten; Er berührt den Aussätzigen, den Gottes eigenes Gesetz als unrein bezeichnet.)

 

III. These, then, are the charges brought against the disciples of Christ, as against the Master, and it is undeniable that there is truth in them both. […]

 (1) First the Catholic Church is Divine. She dwells, that is to say, in heavenly places; she looks always upon the Face of God; she holds enshrined in her heart the Sacred Humanity of Jesus Christ and the stainless perfection of that Immaculate Mother from whom that Humanity was drawn. How is it conceivable, then, that she should be content with any standard short of perfection? […]

 (2) But she is also human, dwelling herself in the midst of humanity, placed here in the world for the express object of gathering into herself and of sanctifying by her graces that very world which has fallen from God. These outcasts and these sinners are the very material on which she has to work; these waste products of human life, these marred types and specimens of humanity have no hope at all except in her.

 For, first, she desires if she can—and she has often been able—actually to raise these, first to sanctity and then to her own altars; it is for her and her only to raise the poor from the dunghill and to set them with the princes. She sets before the Magdalen and the thief, then, nothing less but her own standard of perfection.

 Yet though in one sense she is satisfied with nothing lower than this, in another sense she is satisfied with almost infinitely nothing. If she can but bring the sinner within the very edge of grace; if she can but draw from the dying murderer one cry of contrition; if she can but turn his eyes with one look of love to the crucifix, her labours are a thousand times repaid; for, if she has not brought him to the head of sanctity, she has at least brought him to its foot and set him there beneath that ladder of the supernatural which reaches from hell to heaven.

 For she alone has this power. She alone is so utterly confident in the presence of the sinner because she alone has the secret of his cure. There in her confessional is the Blood of Christ that can make his soul clean again, and in her Tabernacle the Body of Christ that will be his food of eternal life. She alone dares be his friend because she alone can be his Saviour. If, then, her saints are one sign of her identity, no less are her sinners another.

 For not only is she the Majesty of God dwelling on earth, she is also His Love; and therefore its limitations, and they only, are hers. That Sun of mercy that shines and that Rain of charity that streams, on just and unjust alike, are the very Sun and Rain that give her life. If I go up to Heaven she is there, enthroned in Christ, on the Right Hand of God; if I go down to Hell she is there also, drawing back souls from the brink from which she alone can rescue them. For she is that very ladder which Jacob saw so long ago, that staircase planted here in the blood and the slime of earth, rising there into the stainless Light of the Lamb. Holiness and unholiness are both alike hers and she is ashamed of neither—the holiness of her own Divinity which is Christ’s and the unholiness of those outcast members of her Humanity to whom she ministers.

 By her power, then, which again is Christ’s, the Magdalen becomes the Penitent; the thief the first of the redeemed; and Peter, the yielding sand of humanity, the Rock on which Herself is built.

 

(III. Das sind also die Vorwürfe, die gegen die Jünger Christi, wie gegen den Meister, vorgebracht werden, und unbestreitbar ist Wahrheit in ihnen beiden. […]

 (1) Erstens ist die katholische Kirche göttlich. Sie wohnt sozusagen in himmlischen Gefilden; sie sieht stets das Antlitz Gottes; sie hält in ihrem Herzen die Heilige Menschheit Jesu Christi und die makellose Vollkommenheit der Unbefleckten Mutter, aus der diese Menschheit kam. Wie ist es dann vorstellbar, dass sie mit irgendeinem Standard unterhalb der Vollkommenheit zufrieden sein sollte? […]

(2) Aber sie ist auch menschlich, sie nimmt ihren Wohnsitz in der Mitte der Menschheit, sie ist hier in die Welt gesetzt mit dem ausdrücklichen Ziel, genau diese Welt, die von Gott abgefallen ist, in sich aufzusammeln und durch ihre Gnaden zu heiligen. Diese Ausgestoßenen und diese Sünder sind gerade das Material mit dem sie arbeiten muss; diese unbrauchbaren Produkte des menschlichen Lebens, diese ruinierten Individuen und Exemplare der Menschheit, die überhaupt keine Hoffnung haben außer in ihr.

 Denn erstens ersehnt sie, wenn sie kann – und sie war oft dazu fähig – diese tatsächlich zu erheben, zuerst zur Heiligkeit und dann zu ihren eigenen Altären; es ist an ihr und nur an ihr, die Armen vom Misthaufen zu erheben und zu den Fürsten zu setzen. Sie setzt vor die Magdalena und den Schächer daher nichts Geringeres als ihren eigenen Standard der Vollkommenheit.

Aber obwohl sie in einem Sinn mit nichts Geringerem als diesem zufrieden ist, ist sie in einem anderen Sinn mit fast gar nichts zufriedengestellt. Wenn sie den Sünder nur an den Rand der Gnade bringen kann; wenn sie dem sterbenden Mörder nur einen Schrei der Reue entziehen kann; wenn sie seine Augen nur mit einem Blick der Liebe zum Kruzifix wenden kann, dann sind ihre Mühen tausendfach bezahlt; denn wenn sie ihn auch nicht zum Gipfel der Heiligkeit gebracht hat, dann hat sie ihn wenigstens zu ihrem Fuß gebracht und dort unter jene Leiter des Übernatürlichen gesetzt, die von der Hölle in den Himmel reicht.

Denn sie allein hat diese Macht. Sie allein ist so vollkommen souverän in der Gegenwart des Sünders, weil sie allein das Geheimnis seiner Heilung besitzt. Dort in ihrem Beichtstuhl ist das Blut Christi, das seine Seele wieder rein machen kann, und in ihrem Tabernakel der Leib Christi, der seine Nahrung für das ewige Leben sein wird. Sie allein wagt es, seine Freundin zu sein, weil sie allein seine Retterin sein kann. Wenn daher ihre Heiligen ein Zeichen ihrer Identität sind, dann sind ihre Sünder um nichts weniger ein anderes.

Denn sie ist nicht nur die Majestät Gottes, die auf der Erde wohnt, sie ist auch Seine Liebe; und daher sind deren Grenzen, und nur sie, auch ihre. Diese Sonne der Barmherzigkeit, die scheint, und dieser Regen der Liebe, der strömt, auf die Gerechten wie auf die Ungerechten, sind dieselbe Sonne und derselbe Regen, die ihr Leben geben. Wenn ich in den Himmel steige, ist sie dort, thronend in Christus zur rechten Hand Gottes; wenn ich in die Hölle hinabsteige, ist sie ebenfalls dort, Seelen zurückziehend von der Klippe, von der sie allein sie retten kann. Denn sie ist genau diese Leiter, die Jakob vor so langer Zeit sah, diese Treppe, die hier im Blut und Schleim der Erde gepflanzt ist und dort in das makellose Licht des Lammes reicht. Heiligkeit und Unheiligkeit gehören beide zu ihr und sie schämt sich keiner – die Heiligkeit ihrer eigenen Göttlichkeit, die Christi ist, und die Unheiligkeit dieser ausgestoßenen Glieder der Menschheit, denen sie dient.

 Durch ihre Macht daher, die wieder die Christi ist, wird die Magdalena die Büßerin; der Schächer der erste der Erlösten; und Petrus, der nachgiebige Sand der Menschheit, der Fels, auf dem sie gebaut ist.)

Ein paar Fundstücke zu Politik, Heiligkeit und den kleinen oder doch nicht so kleinen Problemen des Lebens

Heute mal wieder ein paar Fundstücke aus der großen weiten Welt des Internets:

Bei Cicero kommt Hannah Arendts Analyse von Elementen und Ursprüngen des Totalitarismus ausführlich zu Wort (http://cicero.de/salon/Lektionen-von-Hannah-Arendtzu-Trump-die-massen-fluechten-in-die-fiktion):

„Vom Mob hat die totalitäre Propaganda gelernt, dass sie in das Zentrum der Agitation immer das stellen muss, was die öffentliche Meinung und die Propaganda der Parteien jeweils mit Schweigen übergehen. Denn im Unterschied zu der erst später entwickelten totalen Massenherrschaft, die an Existenz von Wahrheit überhaupt nicht glaubt, glaubt der Mob in aufrichtiger Beschränktheit, dass wahr sei, was immer die Heuchelei der guten Gesellschaft oder der offiziellen Kundgebungen der Regierungen verleugnen oder mit Korruption zudecken. […] An diesen wunden Punkten ziehen die Lügen der totalitären Propaganda jenes Minimum an Wahrheit und realer Erfahrung, dessen sie bedürfen, um die Brücke zu schlagen zu können von der Realität in die totale Fiktion. Wo immer sie reale Bedingungen treffen, deren Existenz verborgen gehalten wird, gewinnen sie den Anschein einer überlegenen Realitätsnähe. Skandale in der besseren Gesellschaft, politische Korruption, überhaupt das gesamte Gebiet des Revolverjournalismus liefert totalitärer Propaganda eine Waffe, deren Bedeutung weit über den Sensationswert solcher Dinge hinausgeht. Bekanntlich wurde die Fabel von einer jüdischen Weltverschwörung zur wirksamsten Fiktion der Nazipropaganda vor der Machtergreifung. Es war nur natürlich, dass die antisemitische Stimmung desto mehr anstieg, je beharrlicher alle der Republik ergebenen Parteien eine Diskussion der Judenfrage vermieden. Dass diese als ’nicht salonfähig‘ galt, war für den Mob der schlüssigste Beweis dafür, dass die Juden die wahren Repräsentanten der herrschenden Gewalten sind und machte die Behandlung der Judenfrage als solche zum Symbol für den Kampf gegen die ‚Heuchelei‘ und die ‚Verlogenheit‘ des Systems. […]“

Und bei First Things schreibt George Weigel, nachdem er zuerst auf Probleme der EU, der wirtschaftlichen und politischen Weltordnung und der politischen Eliten im Allgemeinen eingegangen ist (https://www.firstthings.com/web-exclusives/2017/02/a-modest-defense-of-the-liberal-world-order):

„Könnte es also nicht der Fall sein, dass die ‚liberale Weltordnung‘ repariert anstatt demontiert zu werden bräuchte, wie manche ‚Populisten‘ heute vorschlagen? Sicherlich wollen diese Demonteure keine Rückkehr zu der ruiniere-deinen-Nächsten wirtschaftlichen Autarkie und dem kurzsichtigen Nationalismus vorschlagen, die die Große Wirtschaftskrise verstärkten und dabei halfen, den Zweiten Weltkrieg hervorzubringen. Was die Seite der Sicherheit in der Gleichung angeht, zeigt nicht der katastrophale Zustand des Mittleren Osten, nach acht Jahren eines von Amerika angeführten Rückzugs der westlichen Macht aus der Region, was passiert, wenn die, die einer ‚liberalen Weltordnung‘ verpflichtet sind, sich in den brisantesten Regionen der Geschichte aus der Geschichte zurückziehen? Angesichts von Wladimir Putins offensichtlicher Entschlossenheit, das Verdikt der Geschichte im Kalten Krieg umzukehren, könnte in Europa die Ordnung über die nächsten zehn Jahre ohne eine robuste NATO aufrechterhalten bleiben? Was die Fehler der liberalen Demokratie selbst angeht, die Lektion, die gelernt werden muss, ist sicherlich nicht, dass ein effizientes autoritäres Regierungssystem eine Nation besser regiert; die Lektion ist, dass das demokratische Projekt keine Maschine ist, die von selbst laufen kann. […] Eher hängt die Demokratie von einer moralisch-kulturellen Grundlage ab […]. Wenn also das demokratische Projekt nicht entweder in Chaos oder einer Diktatur des Relativismus zerfallen soll, muss ein großes Werk der moralischen und kulturellen Erneuerung im ganzen Westen unternommen werden. […] Bis jetzt ist der neue Populismus, ob in Europa oder Amerika, sehr viel besser darin, zu identifizieren, was kaputt ist, als zu definieren, wie es zu reparieren ist.“

(Meine politische Einstellung lässt sich übrigens im Großen und Ganzen zusammenfassen mit dem berühmten Churchill-Zitat „democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time“ (die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, abgesehen von all diesen anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind) und Heinrich Hoffmann von Fallerslebens „Gott erhalte den Tyrannen, / Den Tyrannen Dionys!“.)

 

Soweit mal zur Politik; dann noch zwei sehr schöne Fundstücke zu ganz anderen Themen bei Aleteia:

Ein Artikel über Leonie Martin, die Schwester der hl. Thérèse Martin von Lisieux, deren Seligsprechung im Gange ist. Leonie hatte es nicht immer einfach; sie litt vielleicht an Autismus, galt als schwieriges Kind und hatte es auch als Erwachsene nicht leicht dabei, einen Orden zu finden, der sie aufnahm. http://aleteia.org/2017/01/26/leonie-martin-st-thereses-difficult-sister-continues-on-the-road-to-canonization/ Irgendwie ein schönes Vorbild; vor allem für alle, die selber an irgendeiner Art von psychischer Krankheit o. Ä. leiden.

Dann hier ein Artikel, der ausspricht, was manchmal dringend ausgesprochen werden muss: „Nur weil andere es schlimmer haben, heißt das nicht, dass dein Leiden nicht zählt.“ http://aleteia.org/2017/02/15/dont-minimize-your-tiny-crosses-and-small-annoyances-god-doesnt/ „Kellers Zitat ist großartig dafür, uns zu erinnern, dass wir es manchmal tatsächlich genießen, aus den Mücken unserer kleinen Probleme Elefanten zu machen. […] Aber zu erwarten, dass es genug sein sollte, sich das Leid anderer Leute in Erinnerung zu rufen, um das eigene irgendwie verschwinden zu lassen? So funktioniert das nicht. Was dieses Denkmuster tatsächlich tut, ist, dir zu sagen, dass deine eigenen Leiden nicht zählen. Dass das Leid nicht real ist. […] Es impft einem die heimtückische Gewohnheit ein, sich selbst mit anderen Leuten zu vergleichen, so dass man, anstatt den Schmerz anzuerkennen, und ihn zu Jesus zu tragen, am Ende sagt ‚Das zählt nicht, weil so-und-so es schlimmer hat‘, und sich dann schlecht fühlt, weil man deswegen so unglücklich ist. […] Gott begegnet jedem von uns so persönlich. Er rationiert seine Liebe zu uns nicht danach, wie weit oben wir auf der Leidensskala stehen.“