Wem gehört Jerusalem?

Ich habe in meinem letzten Artikel schon einen Beitrag auf feinschwarz.net zur Jerusalem-Frage (http://www.feinschwarz.net/jerusalem-heiligkeit-jenseits-von-machtbehauptung/) angesprochen, also will ich auf den hier jetzt noch genauer eingehen. Wie zu erwarten war, hält der Autor des Artikels, der Jesuit Christian M. Rutishauser, von Trumps Entscheidung, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, nicht viel.

Die Kritik an der Entscheidung der USA wird oft dadurch erleichtert, dass es Trump ist, der sie getroffen hat; Rutishauser hält das nicht für ein gutes Argument, auch wenn er sich etwas Trump-Kritik nicht verkneifen kann: „Da ist es einfacher, sich über einen Präsidenten wie Donald Trump zu empören, der offensichtlich aus innenpolitischen Machtinteressen Jerusalem zur Hauptstadt von Israel erklärt und damit weder den Israelinnen und Israelis noch den Palästinenser*innen einen Dienst erweist. Ob ihm die evangelikalen Wähler*innenstimmen und jene der ultra-orthodoxen, nationalreligiösen Juden und Jüdinnen helfen, wird man erst später sehen.“ Ich halte die Frage für ziemlich uninteressant, aus welchem Grund das blinde Huhn vielleicht doch mal ein Korn gefunden haben könnte; aber erweist er den Israelis denn wirklich keinen Dienst damit?

Rutishausers Hauptargument für seine Position gegen Jerusalem als israelische Hauptstadt ist: Diese Stadt ist heilig, und zwar für gleich drei Religionen. Das Heilige ist aber etwas, das Besitzdenken entzogen sein sollte:

Das Heilige stellt im Gegensatz zum Profanen denjenigen Bereich dar, der dem Menschen und seinem besitzergreifenden Handeln entzogen ist. Durch das Heilige wird dem Menschen eine Grenze gesetzt. Er kann sich nicht allem bemächtigen. […] Heilige Tage, wie sie unsere Gesellschaft gerade begeht, sollten dem menschlichen Eigennutz entzogen sein, so dass Raum für die Gesetzmäßigkeit Gottes und seiner Gerechtigkeit entsteht. So dürfte weder die «Heilige Nacht» von Weihnachten wirtschaftlich ausgebeutet, noch das «Fest der Heiligen Familie» für eine Familienideologie missbraucht werden. Doch über solche Profanierung und Grenzüberschreitung ärgert sich in unserer Gesellschaft kaum jemand. An die Maßlosigkeit westlicher Zivilisation und ihren Verlust des Heiligen haben sich die meisten gewöhnt. […] Nach dem jüdischen Religionsgesetz werden Dinge, die keine/n Besitzer*in haben, als hefker bezeichnet, Dinge aber, die nicht besessen werden können, weil sie für einen heiligen Dienst ausgesondert sind, als hekdesh. Alles würde dafür sprechen, Jerusalem jüdisch als hekdesh zu verstehen und die Stadt nicht politisch zu vereinnahmen! Die Heiligkeit Jerusalems steht im Dienst nicht nur des jüdischen Volkes, sondern auch der gesamten Menschheit.

Diese Aussage klingt zunächst einmal beeindruckend und sehr wahr – auch wenn Rutishausers Beispiele vielleicht nicht alle sinnvoll gewählt sind. (Was ist eine „Familienideologie“?) Aber Rutishauser hält hier zwei Dinge nicht auseinander. Dass eine heilige Sache oder ein heiliger Ort beliebigen menschlichen Zugriffen entzogen sein sollten, bedeutet z. B., dass ein Pfarrer nicht das Recht hat, in einer Kirche, die seiner Pfarrei gehört, einfach eine Tischtennisplatte im Altarraum aufzustellen, es bedeutet aber nicht, dass er sich nicht dagegen wehren sollte, wenn der Staat beschließen sollte, diese Kirche zu konfiszieren. (Das ist kein fiktives Beispiel; in Frankreich wurden im Jahr 1905 alle sakralen Gebäude im Land vom Staat beschlagnahmt; bis heute sind die vor diesem Datum erbauten Kirchen öffentliches Eigentum: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Trennung_von_Kirche_und_Staat_(Frankreich) Auch aus kommunistischen Staaten oder der heutigen Türkei gibt es zahlreiche Beispiele für Enteignungen von Kirchen.) Mit dem Heiligen kann man nicht einfach machen, was man will, nur, weil es einem „gehört“; aber das heißt nicht, dass heilige Dinge oder Orte keinen Besitzer nach dem weltlichen Recht haben sollten. Nur ist dieser Besitzer eben primär dafür verantwortlich, sie zu schützen und zu achten. (Das Prinzip, dass man mit seinem Besitz nicht alles machen darf, was man will, gilt übrigens auch für ganz profanem Besitz: Man darf auch auf seinem eigenen Grund und Boden kein Gift ins Grundwasser leiten, und man darf sogar an seinem eigenen Haus nicht ohne Genehmigung anbauen.) Und wenn jemand sich dafür einsetzt, dass etwas Heiliges nach dem weltlichen Recht in seinem Besitz bleibt (oder erst in seinen Besitz gelangt), dann kann man ihm nicht automatisch Besitzdenken und mangelnde Ehrfurcht vor dem Heiligen vorwerfen. Wenn Juden die heiligen Stätten in Jerusalem unter der Herrschaft des Staates Israel sehen wollen, dann doch wohl, um sie zu schützen und dafür zu sorgen, dass Juden dort den heiligen Gott anbeten können. Wenn man gerade diese Stadt zur Hauptstadt erhebt, zeigt das doch eher, wie wichtig sie einem, historisch und religiös gesehen, ist. Natürlich wird es komplizierter, sobald es um die heiligen Stätten anderer Religionen geht, die auch da sind; die muss man aber gerade nicht deshalb achten, weil man ihre Heiligkeit sieht, sondern weil man die Menschen achtet, die sie für heilig halten.

Rutishauser schreibt weiter:

Selbstverständlich ist der politische Zionismus mit dem Staat Israel ein konstitutiver Bestandteil des heutigen Judentums, den es nicht zu bestreiten gilt. Doch macht er nicht die ganze Wirklichkeit jüdischer Gegenwartsgeschichte aus.

Mit anderen Worten, politischer Zionismus ist blöd, auch wenn es ihn leider gibt.

Gerade Kulturzionist*innen wie Simon Dubnow oder Martin Buber haben Jerusalem zuerst als ein kulturelles und geistig-geistliches Zentrum des Judentums gesehen. Zion als Ausdruck einer Sprache und Literatur, einer Weltanschauung und Religion, einer nach jüdischen Werten geformten Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stand dem Kulturzionismus vor Augen. Er ist aus dem traditionellen rabbinischen Denken mit seinem Sinn für Menschlichkeit, Humanismus und Gerechtigkeit herausgewachsen. Er atmet den Geist der Sensibilität für die/den Andere/n. Es bleibt dem Judentum zu wünschen, dass es neben dem politischen Zionismus, der auf Landbesitz und politische Macht konzentriert ist, die kulturzionistische Dimension nicht verliert und die geistige Tradition der Diaspora nicht vergisst. Auch hier ist Erinnerung Anfang der Erlösung.

Dass das Judentum als Volk, Kultur und Religion wie keine andere Tradition ihren Mittelpunkt in Jerusalem hat, kann nicht bestritten werden. Den Christ*innen ruft Paulus im Römerbrief in Erinnerung, dass sie auf diese Tradition aufgepfropft sind wie wilde Sprösslinge auf einen Ölbaum. Was dies für das Judentum wiederum bedeutet, müsste erst noch bedacht werden. Aus der Heiligkeit Jerusalems religionspolitisch aber Souveränität abzuleiten, ist nur dann legitim, wenn sie sich am Ethos des Heiligkeitsgesetzes ausrichtet. Ansonsten schließen sich Heiligkeit und Souveränität gegenseitig aus, weil es in der Souveränität um Selbstbehauptung geht. Das Heiligkeitsgesetz der Tora definiert ja das Heilige gerade nicht mehr nur als Erfahrung des tremendum et faszinosum, sondern als ein Handeln, als Imitatio Dei: «Seid heilig in eurem Tun, denn ich bin der Heilige», klingt wie ein Refrain durch die rabbinische Ethik. Ohne diese ethische Rückbindung der Landverheissung wird die politische Frage nach der Souveränität zu einem Götzen bzw. Fetisch, wie in militanten Siedler*innenkreisen heute klar sichtbar ist.

Wieso wollen die politischen Zionisten denn „Landbesitz und politische Macht“? Wieso wurde der Staat Israel überhaupt gegründet? Um eine geschützte „Heimstatt“ für ein lange verfolgtes und immer noch bedrohtes Volk zu schaffen. Natürlich kann politischer Zionismus auch in eine falsche Richtung gehen. Aber es wirkt doch zynisch, wenn Rutishauser im Sinne der Gegenseitigkeit an dieser Stelle hinzufügt:

Selbstverständlich steht auch der Ruf «Tot den Juden!» aus muslimisch-arabischen Kreisen angesichts der Ankündigung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, jedem Ethos der Heiligkeit entgegen.

Die Zionisten missachten also das Ethos der Heiligkeit, wenn sie heilige Stätten besitzen wollen – aber natürlich missachten auch die Palästinenser dieses Ethos, wenn sie die Juden tot sehen wollen. Wie nett, dass Rutishauser anerkennt, dass Juden nicht umgebracht werden sollen. So etwas passiert, wenn man zwanghaft versucht, im Nahostkonflikt die Schuld gleichmäßig auf beide Seiten zu verteilen. Dieser Konflikt ist leider kein gutes Beispiel für den Spruch „Es gehören immer zwei dazu“. Palästinenser rufen „Tod den Juden“, Zionisten verlangen Jerusalem als „ungeteilte Hauptstadt Israels“. Es sind Palästinenserorganisationen, die keine Juden im Land sehen wollen und die immer wieder zu Gewalt aufrufen. Millionen von Palästinensern leben in Israel, gleichberechtigt und oft als israelische Staatsbürger; wie viele Juden leben in Gaza?

Und nebenbei, es müsste „Tod“ mit d heißen.

Rutishausers praktische Ideen für den Status der heiligen Stadt sehen folgendermaßen aus:

Umkämpft wie die Stadt ist, muss es aber für jeden vernünftigen Menschen eine Selbstverständlichkeit sein, dass sie Jüdinnen und Juden, Christ*innen und Muslim*innen offensteht. Die verschiedenen Gläubigen müssen dabei nicht nur ihre heiligen Stätten besuchen können. Auch ihre karitativen Einrichtungen, Spitäler, Schulen etc. müssen sich entfalten dürfen. Dass die Stadt drei Religionen und auch zwei Völkern, Palästinenser*innen, Israelinnen und Israelis Lebensraum zu geben hat, stellt eine Forderung dar, hinter die nicht zurückgetreten werden kann. Die Patriarchen und weitere christliche Führer der Stadt haben dies nochmals eindringlich unterstrichen.

Nach 1967 hat der Staat Israel begonnen, dazu Rahmenbedingungen zu schaffen. Doch angesichts der politisch angespannten Situation im Alltag und der verschiedenen ideologischen und theologischen Ansprüche ist die Stadt von einem friedlichen, gerechten und freien Zusammenleben ihrer Bewohner*innen immer noch entfernt. Aus der Perspektive der Menschenrechte wie auch aus der Perspektive des Ethos der Heiligkeit ist dies aber das entscheidende Kriterium. Eine Symbolpolitik muss dahinter zurücktreten. Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden. Jerusalem aber unter eine internationale Hoheit zu stellen, wie dies der Vatikan in der laufenden Debatte nochmals getan hat, bleibt eine Utopie. Der Vatikan weiß selbst darum. Es gibt keine internationale Instanz, die diesen Status von Jerusalem garantieren könnte. Wünschenswert wäre er, insofern man einer neutralen Instanz zutraut, den drei Religionsgemeinschaften und den beiden Völkern gerecht zu werden.

Als Ausdruck eines multireligiösen Ansatzes, der allen Beteiligten gerecht werden will, taugt er nicht. Er stellt nur den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, berücksichtigt die unterschiedlichen Verbindungen zu Jerusalem aber nicht. Gefragt wäre ein Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen. Dazu braucht es die Fähigkeit der Selbstbeschränkung.

Rutishauser ist es wichtig, dass alle drei Religionen, Judentum, Christentum und Islam, Zugang zu ihren heiligen Stätten haben und Gott in Jerusalem dienen können, und dass sowohl Israelis als auch Palästinenser dort leben können. Das ist ja auch wichtig. Aber wo wäre es denn jetzt nicht gegeben? Jeder Christ kann in die Grabeskirche gehen – und jeder Muslim in die Al-Aqsa-Moschee. Der Tempelberg steht unter der Verwaltung der muslimischen Waqf-Behörde, die sogar verbietet, dass Nicht-Muslime ihn betreten. Die israelische Polizei stellt nur dann Zugangsbeschränkungen zu diesem Ort auf, wenn es aus Sicherheitsgründen unumgänglich ist. Faktisch herrscht der Staat Israel über Jerusalem, beschränkt jedoch seine eigene Herrschaft schon, wenn es darum geht, andere Religionen zu achten.

Machen wir uns nichts vor: Es gibt in diesem Land durchaus jüdisch-nationalistische Fanatiker, aber es gibt sehr viel mehr Muslime, die keine Juden irgendwo in Jerusalem sehen wollen – oder am besten überhaupt im Heiligen Land. Rutishausers Aussage „Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden“ kann man daher nur zustimmen. Auch seine Beobachtung, dass es praktisch nicht möglich wäre, Jerusalem unter internationale Verwaltung zu stellen, ist ganz richtig – zumal die internationalen Verwalter auch nie einfach neutral sein könnten. (In der UNO etwa haben antiisraelische muslimische Mitgliedstaaten zurzeit großen Einfluss, dem die Europäer nichts entgegensetzen.) Sein „Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen“ klingt wesentlich sinnvoller, aber was genau ist damit gemeint? Eine Zwei-Staaten-Lösung mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt der Palästinenser und West-Jerusalem als Hauptstadt Israels? Aber was wäre mit dem Teil der Ost-Jerusalemer Altstadt, wo die heiligen Stätten beider Religionen liegen? Gemeinsame Verwaltung? Und wären die Palästinenserorganisationen mit einem solchen Miteinander als endgültiger Lösung einverstanden? Viele antisemitisch eingestellte Muslime – weltweit – leugnen immerhin, dass Jerusalem überhaupt ein heiliger Ort der Juden ist. Und wenn man sich z. B. mal die Website der „Diplomatische[n] Vertretung Palästinas in Deutschland“ ansieht, liest man schon auf der Startseite die Aussage: „Jerusalem ist eine arabische, christliche und islamische Stadt. Sie ist die ewige Hauptstadt des Staates Palästina.“ (http://palaestina.org/index.php?id=223) Danke für das Lippenbekenntnis zur christlichen Identität der Stadt, aber ihr habt noch eine Identität vergessen. Auf der Seite zum Friedensprozess und zur Bedeutung Jerusalems dafür liest man dann am Ende:

Im Einklang mit dem internationalen Recht und gemäß der Prinzipienerklärung von 1993 muss das gesamte Jerusalem (und nicht nur Ost-Jerusalem) Gegenstand der Endstatusverhandlungen sein. Im besetzten Ost-Jerusalem, und als integraler Teil der Westbank, kann Israel keinen legalen Anspruch auf diese Stadt haben. Somit sind alle Maßnahmen, die auf Veränderung des Charakters hinwirken, illegal.

Das palästinensische Volk wird keinen Staat ohne Ost-Jerusalem als Hauptstadt akzeptieren. Von besonderer Bedeutung sind hierbei die Altstadt und die umliegenden Bezirke. Sich der religiösen Bedeutung Ost-Jerusalems bewusst, wird die PLO die Freiheit der Religionen respektieren und den Zugang zu allen religiösen Stätten für alle Glaubensrichtungen garantieren.

(http://palaestina.org/index.php?id=70)

Während Ost-Jerusalem inklusive der Altstadt von Jordanien besetzt war (von 1948 bis 1967) gab es übrigens, entgegen dem Waffenstillstandsabkommen, keinen Zugang zur Klagemauer für Juden; der Wunsch, diesen Ort unter isrealischer Herrschaft zu behalten, ist also nicht unbedingt unlogisch.

Jerusalem ist nun mal seit 3000 Jahren ein heiliger Ort für das jüdische Volk; 1600 Jahre länger, als der Islam überhaupt existiert. Was würden die Muslime sagen, wenn eine neue Sekte plötzlich auch Mekka zu ihrer heiligen Stadt erklären würde? Die Sehnsucht, Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staates zu sehen, als Besitzdenken und politische Vereinnahmung zu bezeichnen, kommt mir kurzsichtig vor. Rutishauser hat einige bedenkenswerte Gedanken in seinem Artikel; trotzdem stört diese Tendenz, die Schuld für alle Unstimmigkeiten in Nahost vor allem auf israelischer Seite zu suchen, die man nicht nur hier beobachten kann.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 11: Über das auserwählte Volk; und: „Bereut“ Gott?

[Dieser Teil wurde noch einmal überarbeitet. Alle Teile hier.]

 

Die „Auserwählung“ des Volkes Israel ist etwas, das mich als Kind beim Lesen der Kinderbibel tatsächlich stark gestört hat. Eine Religion, die einem Volk vorbehalten ist? Ein Gott nur für ein Volk? Vielleicht können Menschen, die (mir ist seit jeher schleierhaft, welchen Grund sie dafür haben könnten) Missionierung anderer Völker für grässliche Aggression halten, und meinen, am besten sollte ein jeder seine Religion für sich behalten, meine Gefühle nicht ganz nachvollziehen; aber ja, es ist im Grunde rassistisch, zu glauben, die Wahrheit gehöre einem Volk und solle ihm vorbehalten bleiben, und der wahre Gott beschränke Seine Wohltaten, Seine Liebe und Seinen Bund auf dieses Volk und ignoriere dabei die anderen.

Gut also, dass dem nicht so ist.

Israel ist das auserwählte Volk, selbstverständlich. Und im Alten Bund spielte seine Auserwählung noch eine besonders große Rolle. Aber es ist eben gerade keine Auserwählung in dem Sinne, wie ich sie damals missverstanden habe, die die anderen Völker zu Ausgestoßenen und Verdammten machen würde – ganz im Gegenteil: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Genesis 12,3), sagt Gott zu Abraham, als Er ihn, den Stammvater Israels, beruft. Israel hat eine bestimmte Rolle in der Heilsgeschichte, aber es erfährt keine ungerechte Bevorzugung – angesichts der Tatsache, dass es unter seiner Auserwählung auch öfter mal zu leiden hat (Gott erzieht sein Volk manchmal streng), wäre das sowieso ein ziemlich offensichtlicher Trugschluss. Israel ist das auserwählte Volk nicht nur für sich selbst.

Bibelstellen, die einen bezüglich der Auserwählung Israels stören können, sind z. B. solche wie diese hier:

  • „Denn du bist ein Volk, das dem HERRN, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der HERR, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört.“ (Deuteronomium 7,6)
  • Sieh, dem HERRN, deinem Gott, gehören der Himmel, der Himmel über den Himmeln, die Erde und alles, was auf ihr lebt. Doch nur deine Väter hat der HERR ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebt. Und euch, ihre Nachkommen, hat er später unter allen Völkern ausgewählt, wie es sich heute zeigt.“ (Deuteronomium 10,14f.)
  • Es gibt Stellen wie diese im Buch Esra, die die kategorische Abgrenzung von fremden Völkern fordern: Der Priester Esra stand auf und sagte zu ihnen: Ihr habt einen Treubruch begangen; ihr habt fremde Frauen genommen und so die Schuld Israels noch größer gemacht. So legt nun vor dem HERRN, dem Gott eurer Väter, ein Bekenntnis ab und tut, was er wünscht: Trennt euch von der Bevölkerung des Landes, insbesondere von den fremden Frauen! […] Alle diese hatten fremde Frauen geheiratet; und darunter gab es Frauen, mit denen sie Kinder hatten.“ (Esra 10,10f.44)
  • Und mit den Ausrottungsbefehlen bei der Landnahme wollen wir mal gar nicht erst anfangen. (Siehe dazu Teil 13.)
  • Sogar der Apostel Paulus zitiert im Römerbrief eine Stelle aus dem Buch Maleachi; bei ihm heißt es dann „wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst.“ (Römer 9,13, zu Römer 9 im Ganzen siehe Teil 18); im Original bei Maleachi steht, in den Worten der Einheitsübersetzung: Ich liebe euch, spricht der HERR. Doch ihr sagt: Wodurch zeigt sich, dass du uns liebst? – Ist nicht Esau Jakobs Bruder? – Spruch des HERRN – und doch gewann ich Jakob lieb, Esau aber hasste ich.“ (Maleachi 1,2f.)

Interessanterweise zitiert der Apostel dann im weiteren Verlauf von Römer 9 noch eine ganz anders klingende alttestamentliche Stelle: „So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie gerufen werden: Söhne des lebendigen Gottes.“ (Römer 9,25f.)

Es dürfte also nichts schaden, sich eine Auswahl an weiteren Bibelstellen anzusehen, die demonstrieren, dass einem falschen Verständnis von Auserwählung auch im Alten Testament Grenzen gesetzt werden.

Zuerst einmal finden sich zuhauf positive Stellen über Proselyten, d. h. Heiden, die sich den Juden angeschlossen haben:

  • „Der Fremde, der sich dem HERRN angeschlossen hat, soll nicht sagen: Sicher wird er mich ausschließen aus seinem Volk. […] Und die Fremden, die sich dem HERRN anschließen, um ihm zu dienen und den Namen des HERRN zu lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen und die an meinem Bund festhalten, sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets. Ihre Brandopfer und Schlachtopfer werden Gefallen auf meinem Altar finden, denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.“ (Jesaja 56,3.6f.)
  • Das ganze Buch Ruth handelt von einer vorbildlichen Moabiterin, die sich dem Volk Israel anschließt. Ruth heiratet einen Juden, der wegen einer Hungersnot mit seiner Familie ins Gebiet von Moab gezogen ist, und als ihr Mann, ihr Schwager und ihr Schwiegervater sterben, begleitet sie ihre alte Schwiegermutter Noomi in deren Heimat Bethlehem zurück: Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren! Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Ruth 1,16f.) Später heiratet sie dann einen Verwandten ihres verstorbenen Mannes namens Boas und bekommt einen Sohn namens Obed, der dann der Großvater König Davids wird.
  • Außerdem findet sich das (wahrscheinlich nicht historische, sondern allegorische) Buch Jona, in dem tatsächlich die einzige Person, die sich (noch dazu mehrmals) dem Herrn widersetzt, der Prophet Jona selbst ist, während die heidnischen Seeleute Gott fürchten und die heidnischen Einwohner Ninives sich auf seine Bußpredigt hin sofort bekehren.
  • Weitere Beispiele von positiv dargestellten Angehörigen heidnischer Völker, die sich dem Glauben Israels angeschlossen haben oder von denen dies anzunehmen ist, wären etwa: der Aramäer Naaman, den der Prophet Elischa vom Aussatz heilt und der so erkennt „Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt außer in Israel“ (2 Könige 5,15), Moses Frau Zippora, eine Midianiterin, der Hetiter Urija, ein Krieger Davids, oder der Kuschiter (Kusch ist in etwa das heutige Äthiopien) Ebed-Melech, ein Höfling des Königs Zidkija, der den Propheten Jeremia aus der Zisterne rettet (Jeremia 38,7-13); usw.
  • Solche Stellen betreffen sogar unseren Herrn selber, der sowohl ein Angehöriger des auserwählten Volkes als auch ein Nachkomme von Heiden, die sich diesem Volk angeschlossen haben, ist. In Seinem Stammbaum in Matthäus 1,1-17 werden genau vier Frauen erwähnt: Tamar, die von ihrem Schwiegervater Juda die Zwillinge Perez und Serach bekam (Genesis 38), Rahab, die Prostituierte aus Jericho (Josua 2 und 6), die oben erwähnte Ruth, die Urgroßmutter Davids, und „die Frau des Urija“, also Batseba, die König David zur Frau nahm, nachdem er ihren Mann hatte ermorden lassen, und die später die Mutter Salomos wurde (2 Samuel 11-12). Alle diese Frauen waren keine Jüdinnen. (Bei Batseba kann man es zwar nicht sicher wissen, aber vermuten, da ihr erster Mann ein Hetiter war.)

Dann gibt es zweitens natürlich die vielen Prophezeiungen für den Neuen Bund, zu denen auch die oben von Paulus zitierte Hosea-Stelle gehört.

  • „Siehe, eine Nation, die du nicht kennst, wirst du rufen und eine Nation, die dich nicht kannte, eilt zu dir, um des HERRN, deines Gottes, des Heiligen Israels willen, weil er dich herrlich gemacht hat.“ (Jesaja 55,5)
  • Ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken und komme, um alle Nationen und Sprachen zu versammeln, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den Nationen: nach Tarschisch, Pul und Lud, die den Bogen spannen, nach Tubal und Jawan, zu den fernen Inseln, die noch keine Kunde von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Nationen verkünden. Sie werden alle eure Brüder aus allen Nationen als Opfergabe für den HERRN herbeibringen auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Kamelen, zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem, spricht der HERR, so wie die Söhne Israels ihre Opfergabe in reinen Gefäßen zum Haus des HERRN bringen. Und auch aus ihnen nehme ich einige zu levitischen Priestern, spricht der HERR.“ (Jesaja 66,18-21)
  • Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen Völker. Viele Nationen gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen vielen Völkern und mächtige Nationen zurechtweisen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht mehr das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.“ (Micha 4,1-3)
  • Und sogar: An jenem Tag wird es eine Straße von Ägypten nach Assur geben, sodass Assur nach Ägypten und Ägypten nach Assur kommt. Und Ägypten wird Assur dienen. An jenem Tag wird Israel neben Ägypten und Assur der Dritte sein, ein Segen inmitten der Erde. Denn der HERR der Heerscharen hat es gesegnet, indem er sprach: Gesegnet ist mein Volk, Ägypten, und das Werk meiner Hände, Assur, und mein Erbbesitz, Israel!“ (Jesaja 19,23-25) Schon außerordentlich versöhnliche Töne gegenüber Ägypten, dem „Sklavenhaus“, und Assur, dem brutalen Eroberer des Nordreichs Israel.

Viele Stellen bei den Propheten machen deutlich, dass der Gottesbund alle Nationen umfassen wird, irgendwann einmal, wenn der Messias erscheint – und dass der Gottesbund mit Israel auch nicht bedeutet, dass die anderen Völker einfach alleingelassen wurden. (Auserwählung und Erlösung im Jenseits sind übrigens ganz grundsätzlich zwei Paar Stiefel. Letzteres Thema taucht im AT sowieso noch kaum auf.)

Weshalb wurde überhaupt Israel auserwählt? Nicht unbedingt, weil es ein bedeutendes Volk gewesen wäre. „Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der HERR ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern.“ (Deuteronomium 7,7) Nicht einmal, weil es ein außergewöhnlich tugendhaftes Volk war. „Du sollst erkennen: Du bist ein hartnäckiges Volk.“ (Deuteronomium 9,6) Israel war ein in keiner Hinsicht besonderes Volk; es war ein kleines, unbedeutendes, gewöhnliches, oft unterdrücktes Volk unter unzähligen anderen Völkern. Der Herr erwählte nicht die Ägypter, oder die Babylonier, oder die Griechen, die mächtigen Völker der sogenannten Hochkulturen. Er erwählte kein Volk, das einen bestimmten Vorzug besaß. Er lebte ja auch nicht dreißig Jahre lang in Nazareth, weil Nazareth eine bedeutende Metropole war – es war ein unbekanntes Kaff im halbheidnischen Galiläa. So handelt Gott eben. Er sucht sich das Unbedeutende aus.

Gut, jetzt also noch zu den obigen Stellen im Detail. Die Stelle mit Esra und den heidnischen Frauen lässt sich tatsächlich sehr einfach erklären: Hier handelte es sich offensichtlich nicht um Frauen, die, wie Ruth, auch Jahwe als ihren Gott angenommen hatten, sondern um solche, die die Götter ihrer eigenen Völker verehrten, ihre Religion wahrscheinlich an ihre Kinder weitergaben, und deren israelitische Männer möglicherweise auch schon ihre Götter angenommen hatten. Mischehen wurden im Alten Testament sehr ungern gesehen, da sie zum Abfall von Gott verführen könnten, und das offenbar auch nicht selten taten (ein unrühmliches Beispiel ist niemand Geringerer als der große König Salomo). Dass Esra kompromisslos die Trennung für alle diese Eheleute anordnet, kann man, wenn man will, noch unter Regel Nummer 12 verbuchen. [Diese lautet, zur Erinnerung: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Manchmal werden in der Bibel auch einfach nur Geschichten erzählt, in denen nicht jeder perfekt handelt.] Aber mögliche Probleme bei gemischtreligiösen Ehen sollte man schon zur Kenntnis nehmen – es hat einen Grund, dass die Kirche auch heutzutage nicht besonders begeistert von ihnen ist, auch wenn sie sie auf Anfrage und bei Erfüllung gewisser (inzwischen nicht mehr besonders rigoroser) Bedingungen zulässt.

Wesentlich schlimmer klingen jedoch wieder Sätze wie „Doch nur deine Väter hat der HERR ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebtoder „Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“. Hier muss man ganz einfach etwas im Gedächtnis behalten, das ich schon in Teil 2 kurz angesprochen habe: In der Bibel spricht Gott zu Menschen; und das führt dazu, dass manchmal von Ihm in anthropomorpher Weise die Rede ist – besser als dieser Begriff gefällt mir jedoch eigentlich Trent Horns passenderer Ausdruck, dass in der Bibel oft eine „language of appearances“ (etwa: „Rhetorik des Erscheinens“) verwendet wird. Gott wird so beschrieben, wie Er aus menschlicher Sicht erscheint, nicht notwendigerweise haargenau philosophisch korrekt so, wie Er ist. Wenn man seine Untaten bereut, sein Verhalten ändert und zu Gott betet, und ein von Gottes Prophet angedrohtes Unheil dann doch nicht eintrifft, dann „reut“ Gott dieses angedrohte Unheil offenbar, sodass Er es nicht ausführt – so wird es jedenfalls in der Bibel ausgedrückt. Gott bereut? Gott ändert seine Meinung? Aus menschlicher Perspektive sieht es in solchen Fällen so aus, als ob Gott seine Meinung ändern würde, aber aus göttlicher Perspektive war ein Meinungswechsel selbstverständlich nie nötig, da Gott – der sich außerhalb der Zeit befindet– von vornherein wusste, dass die Israeliten in diesem Fall auf eine eindringliche Mahnung hin doch noch umkehren würden. Aber die Israeliten wussten das vorher nicht – und aus ihrer Perspektive innerhalb der Zeit hing es dann sehr wohl noch von ihrem Willen zur Umkehr ab, ob Gott es sich mit der angedrohten Strafe vielleicht noch einmal anders überlegen würde. Gott sah diese Entscheidung natürlich vorher; Gott braucht nicht zu „bereuen“. Und das wurde auch in biblischer Zeit schon durchaus grundsätzlich erkannt: „Gott ist kein Mensch, der lügt, kein Menschenkind, das etwas bereut. Spricht er etwas und tut es dann nicht, sagt er etwas und hält es dann nicht?“ (Numeri 23,19)

Thomas von Aquin kommentiert beispielsweise diese Stellen folgendermaßen (Summa Theologiae I,19,7):

[…] b) Ich antworte, Gottes Wille ist unbedingt unveränderlich. Aber dabei ist dies zu berücksichtigen, daß es etwas Anderes ist, den Willen ändern; und etwas anderes, die Veränderung in manchen Dingen wollen. Denn es kann jemand ganz gut, trotzdem sein Wille unbeweglich bleibt, wollen, daß nun dies geschehe und später das Gegenteil davon. […] Freilich müßte in diesem Falle vorausgesetzt werden, entweder daß von seilen der Kenntnis oder von seiten der Lage der Substanz eine Änderung eingetreten sei. Denn ist der Wille auf das Gute gerichtet, so kann derselbe in doppelter Weise anfangen, etwas von neuem zu wollen. Entweder so, daß etwas von neuem anfängt, für ihn ein Gut zu sein und sich so vorzustellen; und das ist nicht der Fall ohne Veränderung in der Verfassung des Willens selber, wie z. B.; wenn der Winter kommt, das Feuer von neuem als ein Gut erscheint, was es früher nicht war. […]

c) I. Die Reue, von Gott ausgesagt, ist figürlich zu nehmen nach unserer Art und Weise. Wenn uns nämlich etwas gereut, so zerstören wir, was wir gemacht haben; obgleich auch bei uns dies sein kann ohne Änderung des Willens, wenn z. B. ein Mensch jetzt etwas thun will, was er später zu zerstören beabsichtigt. Und so wird dies von Gott gethan weil Er den Menschen, welchen Er erschaffen, durch die Überschwemmung [die Sintflut; Thomas bezieht sich hier auf Genesis 6,6] zerstörte.

II. […] Deshalb sagt Gregor der Große (Moral. 16. c. 5.): „Gott verändert den Ausspruch, aber nicht den inneren Ratschluß.“ Was also Gott sagt: „Ich werde Buße thun;“ ist figürlich zu verstehen; denn die Menschen scheinen Reue zu haben, wenn sie nicht thun, was sie gedroht haben.

 III. Gott will die Veränderung; aber sein Wille ist nicht veränderlich. […]

Und ähnlich ist es eben mit anderen biblischen Ausdrücken. Gott hat keine Emotionen wie wir; aber trotzdem ist von Seinem „Zorn“ die Rede, wenn Er straft – oder eben von seiner Liebe und Seinem Hass, wenn er Jakob auserwählt und Esau nicht. Zum Verständnis speziell dieser Stelle ist vielleicht noch eine Stelle aus dem NT interessant, die in der Einheitsübersetzung leider – mal wieder – ungenau übersetzt ist: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,26) In der Lutherbibel zum Beispiel heißt es dagegen, deutlich näher am griechischen Text: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ Man kann sagen, dass die EÜ hier schon richtig interpretiert hat – aber im Originaltext steht das Verb „hassen“. Hier wird jedoch klar, dass mit „hassen“ und „lieben“ ganz einfach gemeint sein kann, das eine im Konfliktfall vorzuziehen (denn ja, wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, das gilt immer noch!) – oder eben, auf Jakob und Esau übertragen, den einen zu wählen und den anderen nicht. Das heißt nicht, dass Esau ein ewiglich von Gott verdammter grässlicher Sünder gewesen wäre; er kommt in den Genesis-Erzählungen sogar im Großen und Ganzen nicht wirklich schlechter weg als Jakob und versöhnt sich am Ende wieder mit seinem Bruder, der ihn früher einmal betrogen hat. Aber trotzdem wird Jakob als Stammvater des auserwählten Volkes erwählt – und über Gottes Gründe dafür kann man nur mutmaßen.

Für alle, die es immer noch nicht glauben wollen, noch ein letzter Bibelvers: „Seid ihr nicht wie die Kuschiten für mich, ihr Israeliten? – Spruch des HERRN. Habe ich Israel nicht heraufgeführt aus dem Land Ägypten und ebenso die Philister aus Kaftor und Aram aus Kir?“ (Amos 9,7)

Im Alten Testament wurde ein Bund zwischen Gott und einem bestimmten kleinen Volk geschlossen und dieses Volk wurde allmählich auf die Aufgabe vorbereitet, die es übernehmen sollte. Über viele Jahrhunderte hinweg entwickelte sich das kollektive Verständnis und Wissen von Gott im Volk Israel, und darauf baute dann der durch das Kommen des Messias begründete Neue Bund auf, in den die Heiden* hineingenommen wurden, als Juden wie Paulus sie missionieren gingen.

„das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22), hat unser Herr zu der Samariterin am Jakobsbrunnen gesagt; aber es ist nicht den Juden vorbehalten.

 

* Ich verwende das Wort „Heiden“ hier im ethnischen Sinne, wie es der Bedeutung des hebräischen Wortes goyim („die Heiden“ = „die Völker“) entspricht.