Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2b: Rahab

So, jetzt weiter mit Francine Rivers‘ Roman um Rahab.

Die erste Szene des nächsten Kapitel beginnt bei Rahab in Jericho, die Vorräte für eine längere Belagerung anlegt und ihrem Vater und ihren Brüdern weiterhin predigt, nicht auf den König zu setzen, sondern auf Gott. Dann wechselt der Schauplatz und wir sind bei Salmon im Lager der Israeliten. Das Manna, das Gott regnen lässt, wird allmählich weniger, und Salmon denkt gleichzeitig mit Vorfreude an das Gelobte Land und mit Wehmut an sein bisheriges Leben in der Wüste:

„O Gott, lass uns treu bleiben!, betete er. Lass uns nicht wieder so unmündig wie quengelnde Kinder werden! Lass die Siege, die du uns schenken wirst, uns nicht zu Kopfe steigen. Die Sünden unserer Väter sind uns stets bewusst. Wenn sie nur ein für alle Mal ausgelöscht werden könnten, sodass wir so vor dir stehen können wie eins Adam und Eva, als du sie erschaffen hast…“ (S. 174f.)

Salmon ist halt der ideale Protochrist.

Nun brechen die Israeliten das Lager bei Schittim ab und ziehen zum Jordan. Dort weicht der Fluss vor der Bundeslade zurück und sie ziehen hinüber und richten zum Andenken zwei Steinmale mit Steinen aus dem Fluss auf.

Von Jericho aus sieht man die Israeliten den Fluss durchqueren; auch Rahab sieht es aus ihrem Fenster. „Angst, Begeisterung und Ehrfurcht durchfluteten sie. Sie lachte und weinte gleichzeitig, ihr Herz hämmerte, und sie lehnte sich so weit aus dem Fenster, dass sie fast hinausfiel. Ein Wunder. Sie sah ein Wunder!“ (S 178) Die Menschen, die wie Rahabs Familie vor den Stadtmauern Jerichos wohnen, kommen jetzt entsetzt zur Stadt gelaufen, und am Tor entsteht Gedränge und Panik, Rahab sieht, wie ihre Mutter sich verzweifelt abmüht, einige Bündel mitzuschleppen, und ist wütend, dass sie sie nicht einfach fallenlässt. Aber schließlich findet sich doch ihre gesamte Familie in ihrem Haus ein. Rahabs Vater ist entsetzt: „‚So etwas hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht vorstellen können.‘ Er ballte die Fäuste, sein ganzer Körper steif vor Angst. ‚Noch nie habe ich solch einen furchtbaren Gott gesehen!'“ (S. 181) Rahab beruhigt ihn wieder.

Doch noch geht es nicht mit der Eroberung los. Im Lager der Israeliten werden erst noch alle Männer und Jungen beschnitten, die während der Zeit in der Wüste geboren sind. (Vgl. Jos 5,4-6: „Josua nahm die Beschneidung vor, weil das ganze Volk, das aus Ägypten ausgezogen war, das heißt die Männer, alle Krieger, nach ihrem Auszug aus Ägypten auf dem Weg durch die Wüste gestorben waren. Als das Volk auszog, waren alle beschnitten. Alle aber, die nach dem Auszug aus Ägypten unterwegs in der Wüste geboren wurden, hatte man nicht beschnitten. Denn vierzig Jahre lang wanderten die Israeliten durch die Wüste.“) Und dann wird noch das Passahfest gefeiert; Salmon feiert mit seinen Geschwistern. Sein Bruder Aminadab erzählt den Kindern die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und daraus ergibt sich ein Streit über Rahab:

„‚Ganz Ägypten wurde schwer geschlagen, weil das Herz des Pharaos verhärtet war‘, erklärte Aminadab. ‚Er hatte weder Erbarmen mit Israel noch mit seinem eigenen Volk.‘

‚Einige von ihnen sind mit uns gezogen‘, warf Naschon ein.

Aminadabs Augen blitzten. ‚Ja, aber die meisten starben in der Wüste, weil sie ihre Götzen nicht aufgeben konnten.‘ Er sah Salmon an. ‚Sie führen unser Volk in die Irre.‘

‚Salmon errötete heftig. Alle im Raum hatten von Rahab gehört. ‚Unser eigenes Herz ist es, das uns in die Irre führt‘ sagte er leise. ‚Gott sagt: ‚Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.‘

‚Ich kenne das Gesetz‘, sagte Aminadab.

‚Rahab kennt nicht den Buchstaben des Gesetzes, aber sie gehorcht ihm dennoch, weil ihr Herz Gott erkannt hat.‘

Amindadab ließ sich nicht besänftigen. ‚Es ist nicht gut, wenn wir Fremde unter uns haben. Sie bringen ihre falschen Götter mit und verursachen Unruhe!‘

‚Das stimmt‘, sagte Salmon. ‚Aber wenn sie ihre falschen Götter ablegen und den Herrn lieben, sind sie keine Fremden mehr.‘

Aminadabs Augen blitzten wieder. ‚Und wie willst du wissen, ob sie es ehrlich meint? Wie kannst du einer Frau glauben, die sich anderen Göttern hingegeben hat – ganz zu schweigen von anderen Männern?‘

‚Wer?‘ meldete sich ein Kind, doch niemand reagierte.

‚So wie unsere Väter und Mütter sich dem Goldenen Kalb hingegeben haben?‘ Salmon hatte jetzt Mühe, seinen Zorn zu zügeln. ‚Du vergisst ja schnell unsere eigene Schwäche und siehst nur die der anderen, die nicht den Segen der Gegenwart Gottes gehabt haben!'“ (S. 191f.)

Blitzende Augen. Das ist so eine dieser Phrasen aus dem Standartrepertoire von Romanautoren, die ich gerne verschwinden lassen würde. Wie soll ’n das aussehen, Augen sind keine Blitzgeräte.

Aminadab behauptet, Rahab am Leben zu lassen wäre eine Gefahr für sie, während Salmon weiter darauf besteht, dass Gott Rahab retten wolle und auch die Israeliten Seiner Gnade und Auserwählung nicht würdig gewesen seien. Der Herr hat uns errettet. Der Herr hat uns zu seinem Volk gemacht. Unsere Erlösung gründet nicht darauf, wer wir sind, sondern darauf, wer er ist.“ (S. 193) Mrs. Rivers sollte wirklich lieber Predigten als Romane schreiben, die Rhetorik passt schon mal. (Ehrlich, für eine Sonntagspredigt in der Kirche wäre das kein schlechter Anfang.)

In der Zwischenzeit bei Rahab. Rahab zerstört eine tönerne Götterfigur, die ihre Schwester Hagri mit in ihr Haus gebracht hat und predigt ihr wütend, dass diese keine Macht habe.

„‚Wenn dieses Ding Macht hätte, hätte es sich dann von mir aus dem Fenster werfen lassen? Benutze doch mal deinen Kopf, Hagri. Glaubst du im Ernst, so ein Götze kann uns etwas antun? Das ist eine Tonfigur, sonst nichts. Es gibt nur einen Gott, und er ist der Gott des Himmels und der Erde. Der Gott, der vor ein paar Tagen den Jordan zurückgedrängt hat! Hast du das so schnell vergessen? Wirf dich vor ihm nieder!‘

Ihre Eltern und Geschwister standen da und starrten sie mit offenem Mund an. Sie war so wütend, dass sie zitterte, aber sie merkte, dass sie mit Schreien nichts erreichen würde.

 Sie zwang sich, ruhiger zu sprechen. ‚Unsere einzige Hoffnung ist der Gott der Hebräer. Wir müssen uns von allem trennen, was ihn beleidigt. Habt ihr noch andere Götzenfiguren dabei?‘ Sie sahen sie stumm an, und sie platzte fast. ‚Kommt, zeigt mir alles! Zeigt mir, was für Scheußlichkeiten ihr noch mit in mein Haus gebracht habt!‘

Sie begannen zögernd, ihre Sachen hervorzuholen. Waheb, Hagris Mann, legte einen mit Ton gefüllten Totenschädel, in dessen Augenhöhlen Muschelschalen lagen, auf den Tisch. ‚Mein Vater‘, erklärte er. ‚Er war ein weiser Mann.‘

‚Weise und tot.‘

‚Unsere Ahnen geben uns Hilfe und Rat!‘

‚Wozu? Damit wir so werden wie sie? Glaubst du, dieser Totenschädel voll Dreck kann dir sagen, wie du dem kommenden Gericht entfliehen kannst? Wirf ihn weg!‘

‚Das ist mein Vater!‘

‚Dein Vater ist tot, Waheb. Warum habt ihr seinen Kopf nicht mit ihm begraben?'“ (S. 184f.)

Rahab droht schließlich sogar, Waheb und seine Familie hinauszuwerfen, wenn sie den Schädel nicht zerstören, und weist noch einmal auf das echte göttliche Wunder am Jordan hin, das sie gesehen haben. Schließlich gibt Waheb nach, und Rahabs Vater bringt dann auch noch seine Frau dazu, den Götzenschrein und die Ahnenschädel, die sie mitgebracht hat – das war in den schweren Bündeln – auszupacken.

„Rahab schauderte. Sie erinnerte sich noch gut daran, welche Angst die Totenschädel ihrer Ahnen mit ihren leeren Augen ihr als Kind eingejagt hatten. Sie hatten einen Ehrenplatz in der Hütte ihres Vaters gehabt – gruselige Erinnerungen an vergangene Generationen.

‚Können wir nicht wenigstens den Schrein behalten?‘ fragte ihre Mutter.

‚Warum?‘, sagte Rahab.

‚Er ist kostbar. Dies ist Elfenbein, und diese Steine hier…'“ (S. 187)

Äh, was? Ich dachte, das soll eine arme Bauernfamilie sein. Rahab jedenfalls schert sich nicht um das Elfenbein, das ihre Familie unlogischerweise besitzt:

„‚Er würde uns nur an die Götzen erinnern, die darin gewesen sind.‘

Ihr Vater warf den Schrein aus dem Fenster hinaus. Er prallte auf, und die steinerne Statue in ihm rollte heraus und den Wall hinunter. Als Nächstes warf ihr Vater die Schädel hinunter. Einer nach dem anderen krachten sie auf die Steine.“ (Ebd.)

Während Rahabs Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Kostbarkeiten ja sehr lobenswert ist und Nekromantie jetzt auch nicht gerade toll ist, ist das hier trotzdem schlicht und ergreifend Leichenschändung. Wieso die Schädel nicht im Hinterhof begraben, oder so? Wahebs Instinkt, seinen toten Vater ehren zu wollen, indem er die Leiche ehrt, ist eben gerade nicht falsch, sondern sehr richtig; erst dann, wenn man Leichenteile als Glücksbringer verwendet oder Totengeister zur Zukunftsweissagung heraufbeschwören will (wie das etwa Saul in 1 Sam 28 tut), wird es falsch. Mrs. Rivers, die als Christin schon die Hoffnung auf die Auferstehung des Leibes kennen sollte, sollte das eigentlich sehr genau wissen, und selbst in alttestamentlichen Zeiten, als man diese Hoffnung noch nicht hatte, wusste man, dass ein Körper nicht einfach nur eine wertlose äußere Hülle für die Seele war (wie einige spätere griechische Philosophen glaubten), sondern wirklich zu einem Menschen gehörte und Achtung verdiente.

Aber gut. Protestanten haben ja ein seltsames Verhältnis zu den Toten. Sie halten es ja auch jetzt noch für Nekromantie, Seelen im Himmel um ihre Fürsprache bei Gott zu bitten, und das nach dem Abstieg Christi ins Totenreich und der Befreiung der Seelen aus demselben.

(Christliche Eschatologie ist ein bisschen komplizierter als „nach dem Tod ist die Seele im Himmel“, ja.)

Auch Rahab spürt, wie Salmon, eine Sehnsucht nach Reinigung von Schuld: „Was hatte sie nicht alles für unsichtbare Götzen und Talismane gehabt  ihr Streben nach Geld und Sicherheit; ihre Fähigkeit, innerlich aus ihrem Körper herauszutreten, während unzählige Männer ihn benutzten; ihre Bereitschaft, einem König zu dienen, der sein Volk als seinen persönlichen Besitz betrachtete. Oh, wenn sie nur noch einmal von vorn anfangen, ein neues Geschöpf werden könnte! Wenn sie nur gereinigt werden könnte von all dem Schmutz, sodass sie in Dankbarkeit und ohne Scham vor diesem Gott niederfallen konnte!“ (Ebd.)

Sie und ihre Familie hören die Geräusche des Festes aus dem Lager der Israeliten, und während der Angriff noch auf sich warten lässt, werden Rahabs Angehörige nervös. Ob die Israeliten überhaupt angreifen werden, nachdem sie die Mauern gesehen haben? Oder sollten sie vielleicht doch versuchen, aus der Stadt zu fliehen, bevor der Angriff kommt? Rahabs Mutter regt sich darüber auf, dass Rahab ständig über Gott redet. Alle sind eben nervös und hocken zu eng aufeinander. Spannenderes passiert bei ihnen dann auch nicht mehr. Tatsächlich hätte man in die Geschichte – deren Ende die Leserinnen ja eh schon kennen – an dieser Stelle noch ein bisschen zusätzliche Spannung bringen können, z. B. indem ein Mann der Stadtwache entdeckt, dass Rahabs Familie Götterstatuen zerstört hat und sie für diesen gefährlichen Frevel beim König anzeigt; oder der König Rahabs männliche Angehörige auf die Stadtmauern holen will, damit sie bei der Verteidigung Jerichos helfen; oder der König Rahab das Angebot schickt, während der Belagerung in seinen Palast zu kommen, damit sie dort sicherer ist; oder oder oder… Aber gut, das wäre vielleicht auch etwas viel dichterische Freiheit.

Wir bekommen noch eine kurze Szene, die auf folgender Bibelstelle beruht: „Als Josua bei Jericho war und die Augen erhob, schaute er und siehe: Ein Mann stand vor ihm, mit einem gezückten Schwert in der Hand. Josua ging auf ihn zu und fragte ihn: Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden? Er antwortete: Nein, ich bin der Anführer des Heeres des HERRN. Ich bin soeben gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, um ihm zu huldigen, und fragte ihn: Was befiehlt mein Herr seinem Knecht? Der Anführer des Heeres des HERRN antwortete Josua: Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort, wo du stehst, ist heilig. Und Josua tat es.“ (Jos 5,13-15)

Rahab sieht beim ersten Morgenlicht aus dem Fenster und sieht einen alten Mann – Josua -, der seltsamerweise „[i]n Bogenschützenreichweite von der Stadtmauer“ steht, und dann, als sie ein zweites Mal hinsieht, einen jüngeren Mann, einen Soldaten, bei ihm. Sie beobachtet, wie Josua niederfällt und seine Schuhe auszieht. Nachdem sie kurz vom Fenster weggegangen ist, um ihren Bruder Mizraim zu holen, ist der jüngere Mann wieder fort, als sie zurückkehrt, und der alte kehrt ins israelitische Lager zurück. Sie ahnt, dass es nun losgehen wird mit der Eroberung.

Im nächsten Kapitel ist es dann tatsächlich allmählich so weit. Die Israeliten ziehen, wie ihnen geboten wurde, schweigend und die sieben Widderhörner blasend mit der Bundeslade um Jericho. Rahab hat schon davon gehört, was die Bundeslade ist, und erklärt es ihrer Familie – und auch, dass man Gott nicht beherrschen könnte, indem man die Bundeslade erbeuten würde, weil Gott sich nicht darin einsperren ließe. Wie schon mal gesagt: Wenn die Leute sich öfter so akkurates theologisches Wissen durch Hörensagen erwerben würden, wäre es wirklich schön. Zum Erstaunen der Bewohner Jerichos ziehen die Israeliten wieder ab, nachdem sie die Stadt umrundet haben.

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(James Tissot, The Seven Trumpets of Jericho, Gemeinfrei.)

„‚Sie gehen wieder! Sie gehen wieder!‘, kamen die Schreie von der Mauer, als die israelitische Armee zurück in die Ebene marschierte. Die Soldaten Jerichos riefen und lachten und johlten.

Rahab zuckte zusammen, als sie die Spottrufe hörte, mit denen sie die fortmarschierende Armee und ihren Gott bedachten. Wussten diese Männer nicht, dass sie ihre Eroberer verspotteten? Sie hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Wie sie sich schämte über ihr Volk, über seinen Hochmut, über seine Verachtung vor dem allmächtigen Gott. Wenn sie nur ein bisschen Verstand gehabt hätten, sie hätten Boten mit Geschenken zu den Israeliten geschickt! Der König selbst wäre hinausgegangen, um dem Gott Israels seine Aufwartungen [sic] zu machen! Das Volk hätte die Tore Jerichos geöffnet und den Herrn des Himmels und der Welt willkommen geheißen. Doch stattdessen hatten diese stolzen, dummen Menschen die Stadt verriegelt und verrammelt und zu einem Grab gemacht.“ (S. 200)

Nun ja. Ich will jetzt wirklich nicht die Jerichoaner zu den Guten erklären – für die Gründe siehe den ersten Teil dieser Rezension – aber aus ihrer Sicht ist es doch nicht unlogisch, dass sie noch hoffen, dass ihre Götter doch noch etwas gegen diesen israelitischen Gott ausrichten werden, auch wenn der gerade erst den Jordan aufgehalten hat, und dass sie sich nicht einfach ihren Feinden ergeben wollen. Sie sind, wie gesagt, nicht die Guten der Geschichte, aber sie handeln auch nicht uneingeschränkt frei. (An dieser Stelle nochmal ein allgemeiner Aufruf zu einem Ave Maria für Jerichos Tote.)

Rahabs Familie meint zuerst wie alle anderen, die Israeliten würden nun endgültig abziehen, doch Rahab wankt nicht in ihrer Überzeugung, dass sie zurückkehren würden.

Und natürlich kehren sie an den nächsten Tagen zurück und marschieren wieder und wieder um die Stadt. Hier bekommen wir wieder Salmons Perspektive, der mitmarschiert, zu Rahabs Fenster hinaufsieht und sehnsüchtig und besorgt an sie denkt, während die Soldaten Jerichos die israelitische Armee verspotten. Und dann kommt am siebten Tag ein anderer Marschbefehl als zuvor:

„Heute also würde der Kampf beginnen. Heute würde er sich einen Weg in die Stadt bahnen, Rahab finden und sie und die Ihren in Sicherheit bringen, bevor das Gericht über sie kam.

Denn heute würde Jericho fallen!“ (S. 205)

Diesmal ziehen die Israeliten nicht nur ein, sondern sieben Mal um die Stadt. Rahab ist aufgeregt, als sie merkt, dass sie nicht nach einer Runde wieder abziehen, und fordert ihre Familie auf, sich festlich anzuziehen. „Sollten wir unsere Befreier mit staubigen Gesichtern und schmutzigen Kleidern begrüßen? […] Heute ist der Tag unserer Erlösung!“ (S. 206) Echt jetzt. Dass an diesem Tag all ihre Nachbarn der Tod erwartet, scheint Rahab inzwischen nicht mehr zu kümmern.

Es geht mir hier nicht um Schuld oder Verbrechen. Das ist – siehe Teil a – ein komplizierteres Thema. Aber sie scheint all das nicht einmal als etwas Tragisches, Betrauernswertes zu sehen. Ich nehme es den Russen, die im 2. Weltkrieg meinen Großonkel getötet haben, auch nicht übel, was sie getan haben – sie haben einen gerechten Verteidigungskrieg geführt –, aber trotzdem kann ich es schlimm finden.

Die Reaktion von Rahabs Familie? Stöhnen und genervte Hinweise darauf, dass sie das auch schon die vorigen Tage gesagt habe. Auch hier keine Trauer.

Wir sind wieder draußen bei den Israeliten. Josua befiehlt, nach der siebten Runde ein Kampfgeschrei zu erheben, die Stadt zu stürmen und als Opfer für den Herrn völlig zu zerstören, nur die metallenen Geräte in den Schatz des Herrn zu bringen und die Dirne Rahab zu verschonen. Die Mauern stürzen ein, wie wir alle wissen, nachdem sie das Kriegsgeschrei erhoben haben, und die Israeliten erstürmen die Stadt.

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(James Tissot, The Taking of Jericho, Gemeinfrei.)

Rahab verliert auch jetzt, wo ihr  halbes Haus einstürzt, nicht den Mut. „‚Stellt euch alle hinter mich, schnell!‘, schrie sie über den Lärm hinweg. ‚Habt keine Angst, steht fest!'“ (S. 208)

Josua schickt Salmon und Ephraim zu  Rahabs Haus:

„Er sprang über die Trümmer, das Schwert in der Hand, und machte einen gegnerischen Soldaten nieder, der versuchte, der entfesselten Gottesarmee zu entkommen. […] Er trat durch die Öffnung in der Mauer. Ja, da stand sie und hinter ihr über ein Dutzend weiterer Menschen. Ihre Arme waren ausgestreckt, als wolle sie ihre Familie beschirmen. Ihr schönes Gesicht war blass, aber ihre Augen leuchteten.“ (S. 208f.)

Salmon und Ephraim bringen alle schnell aus der Stadt, wobei wir einen flüchtigen Eindruck von dem Chaos bekommen, das dort herrscht. („Gegenüber auf der Straße brannte ein Haus. Die Leichen von Rahabs Nachbarn lagen in der Tür. Aus dem Stadtzentrum kamen Schreie.“ (S. 209)) Jericho geht in Flammen auf, während Rahabs Familie zu einem Platz außerhalb des israelitischen Lagers gebracht wird.

„Rahab saß zitternd da, die Knie an die Brust gezogen. Erschöpfung, Erleichterung über ihre Rettung und eine abgrundtiefe Traurigkeit stritten in ihr. All diese Menschen – tot, weil sie ihr Vertrauen auf von Menschen errichtete Mauern gesetzt hatten und nicht auf den lebendigen Gott, der die Steine geschaffen hatte. Die Geschichten über Israel hatten sie doch genauso gehört wie sie. Warum hatten sie nur nicht glauben wollen? […]

Rahab ließ ihren Kopf auf die Knie sinken. Sie wollte nicht, dass Salmon oder Ephraim ihre Tränen sahen. Womöglich würden sie sie falsch verstehen und denken, dass sie über die gefallene Stadt trauerte oder nicht dankbar war, dass sie ihren Eid gehalten hatten. Ihr Herz war voll Dankbarkeit gegenüber Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde, der diese Menschen an ihr Versprechen gebunden hatte. Sie und alle ihre Lieben waren am Leben und in Sicherheit.

Aber sie hatte auf mehr gehofft. Oh, auf so viel mehr.“ (S. 210f.)

Ihre Familie ist froh um ihre Rettung und ihr Vater dankt Rahab für ihre Weisheit, aber:

„Keiner ihrer Angehörigen würde ihren Schmerz verstehen. Selbst jetzt, nach allem, was sie gehört und gesehen hatten, teilten sie nicht ihren Glauben und die Sehnsucht ihres Herzens nach Gott. […]

Ihre Schultern bebten; sie schlug die Hände vor den Mund, um ihr Schluchzen zu unterdrücken.

‚Weinst du um die Gefallenen, Rahab?‘

‚Nein‘, sagte sie rau.

Sie weinte, weil ihr Traum, dem wahren Gott nachzufolgen, dabei war, zu Staub zu zerfallen. Sie hatten sie nicht mitgenommen in das Lager Israels.“ (S. 212)

Am nächsten Tag kommen aus dem Lager der Israeliten Josua, Salmon und Ephraim zu ihnen. Hier stellt sich heraus, dass Rahabs Vater Abjasaf Josua schon einmal gesehen hat – vor vierzig Jahre, als der in Moses‘ Auftrag das Land erkundet hat.

„‚Du und ich, wir sind uns vor vielen Jahren hier in diesem Palmenhain begegnet‘, sagte Rahabs Vater. ‚Ich wusste, dass du wiederkommen würdest.‘

‚Ich erinnere mich an dich, Abjasaf.'“ (S. 213)

Mehr erfährt man seltsamerweise nicht über diese Begegnung; man würde glauben, dass die Autorin noch die Gelegenheit nutzen möchte, mehr aus der Figur von Rahabs Vater oder der von Josua zu machen, aber das tut sie nicht.

(Ich habe keine Bibelstelle gefunden, auf der diese Geschichte beruhen könnte. In Numeri 13 steht nichts dergleichen.)

Josua garantiert für ihr Leben und fragt, wohin sie gehen wollen; Abjasaf sagt, wenn sie es sich aussuchen könnten, würden sie gern in ihr altes Haus außerhalb der zerstörten Stadt zurückkehren.

In der Bibel heißt es hier bloß: „Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, und holten Rahab, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Brüder und alles, was ihr gehörte; sie führten ihre ganze Verwandtschaft heraus und wiesen ihnen einen Platz außerhalb des Lagers Israels an. Die Stadt aber und alles, was darin war, brannte man nieder; nur das Silber und Gold und die Geräte aus Bronze und Eisen brachte man in den Schatz im Haus des HERRN. Die Dirne Rahab und die Familie ihres Vaters und alles, was ihr gehörte, ließ Josua am Leben. So wohnt ihre Familie bis heute mitten in Israel; denn Rahab hatte die Boten versteckt, die Josua ausgesandt hatte, um Jericho auskundschaften zu lassen.“ (Jos 6,23-25)

Aber weil Rahab ja mit Salmon zusammenkommen muss, lässt Mrs. Rivers sie jetzt noch Josua darum bitten, ins Volk Israel aufgenommen zu werden. Josua sagt zunächst nur „Wenn Rahab hierbleiben will, so darf sie das tun“ (S. 215), nimmt sie aber nicht ins Lager mit.

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(Illustration von 1891, die Rahab, ihre Familie, Josua und die israelitischen Krieger nach der Eroberung Jerichos zeigt. Gemeinfrei.)

Rahab streitet sich noch mit ihrer Familie, bevor diese abzieht; ihr Vater sagt, der Gott, der Jericho zerstört habe, sei nicht der ihrige, und gerade einem so mächtigen Gott gehe man lieber aus dem Weg. Hier wird es interessant. Mrs. Rivers hat sich ja bisher kaum mit der Tatsache aufgehalten, dass „dieser Gott ist ein wirklicher, mächtiger Gott, mit dem wir rechnen müssen“ für die Leute damals nicht automatisch hieß „dieser Gott ist ein guter Gott, dem wir nahe sein wollen“. Aber auch hier scheint sie keine wirkliche Antwort darauf zu haben. Rahab führt nichts in Bezug auf Gottes Güte und Gerechtigkeit an – spricht nicht über seine gerechten Gebote und Gesetze, seine Liebe zu den Armen und Versklavten (gerade die Bücher Exodus und Deuteronomium gäben da ja einiges an Stoff her) -, sondern fragt nur:

„‚Und wie willst du das machen, Vater? Wo kannst du dich vor ihm verstecken?‘

Er sah einen Augenblick unsicher aus, dann sagte er. ‚Wir werden still für uns unter den Palmen wohnen, wie Josua es uns erlaubt hat. Wir werden uns abseits halten und die Israeliten nicht stören. Auf diese Weise werden wir Frieden haben mit dem Volk Israel und mit seinem Gott.“ (S. 216f.)

Abjasaf tut mir irgendwie leid.

Während ihre Familie abzieht, lässt Josua Rahab noch einige Tage vor dem Lager warten. Als sie vier Tage lang treu dort ausharrt, darf Salmon schließlich zu ihr gehen. Er wechselt nur wenige Worte mit ihr – wobei sie ihre Entschlossenheit deutlich macht, bei den Israeliten zu bleiben -, bevor er ihr seinen  Heiratsantrag macht. Sie ist zuerst ganz verdattert: Was, dieser junge Mann will ausgerechnet eine Hure heiraten? Sie lehnt zunächst ab und sagt ihm, in ein paar Tagen werde er froh darüber sein. Aber er lässt nicht locker:

„Als ich dich das erste Mal in der Mauer von Jericho sah, sah ich nur eine Hure. Aber als ich in dein Haus kam und du mit uns geredet hast, da sah ich, was du wirklich bist – eine Frau voller Weisheit, eine Frau, die des Ruhmes würdig ist. […] Von dem Augenblick an, in dem du deinen Glauben an Gott erklärt hast, habe ich dich geliebt.“ (S. 219)

Rosamunde Pilcher auf Evangelikal. – Salmon wird sogar zum Propheten:

„Von dir werden Propheten kommen… wer weiß, vielleicht sogar der Messias.“ (S. 219f.)

Rahab ist überwältigt:„Sie schluckte, sprachlos vor der Güte Gottes. Erst hatte er ihr das Leben gerettet, und jetzt schenkte er ihr einen Mann Gottes als Ehemann. Einen Ehemann! Das hätte sie sich nie träumen lassen.“ (S. 220) Und so endet das Buch. „Salmon hob ihr Bündel auf, nahm ihre Hand und führte sie nach Hause.“ (S. 221)

Was die Botschaften des Buches angeht, so ist außer einer etwas verworrenen Vorstellung davon, was Gottvertrauen eigentlich bedeutet (wieviel Vorausplanung und Eigeninitiative ist jetzt noch gleich Sünde?) nicht viel Schlimmes dabei. Na gut: Die wirklich schlimm stereotype Liebe auf den ersten Blick. Die zwei sehen gewisse Anzeichen dafür, dass die jeweils andere Person gläubig ist, finden sie attraktiv, und mehr müssen sie nicht voneinander wissen. Es ist mir wirklich schleierhaft, wieso die Autorin sich die zwei nicht nach der Eroberung Jerichos erst mal richtig kennenlernen gelassen hat.

Im nächsten Teil zu Ruth.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 1: Die Problemstellung

Immer wieder tauchen sie auf – in Diskussionen mit Atheisten (im Internet oder in der Welt da draußen), im Religionsunterricht, im Theologiestudium – und manchmal bereiten sie einem selber Kopfschmerzen: die „schwierigen“ Bibelstellen. Ob jetzt Achtjährige, denen man von Mose erzählt hat, wissen wollen, wieso denn Gott auch die ganzen erstgeborenen Kinder der Ägypter umgebracht hat, wo doch nur der Pharao so stur war; oder Atheisten ihre Ablehnung des Christentums damit begründen, der Gott der Bibel erlaube die Sklaverei und befehle Steinigungen und Völkermorde; oder man bei der abendlichen Bibellektüre nichtsahnend auf so erbauliche Stellen wie etwa Exodus 32,26-29 stößt:

„Mose trat in das Lagertor und sagte: Wer für den HERRN ist, her zu mir! Da sammelten sich alle Leviten um ihn. Er sagte zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nachbarn. Die Leviten taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann. Dann sagte Mose: Füllt heute eure Hände für den HERRN! Denn jeder ist gegen seinen Sohn und seinen Bruder vorgegangen, damit Segen auf euch komme.“

Ähm, ja, hm. (Während Mose vierzig Tage auf dem Berg gewesen war, um mit Gott zu sprechen, hatten die Israeliten sich das goldene Kalb gegossen und es angebetet. Als er wieder heruntergekommen war, war er so wütend geworden, dass er erst einmal die Tafeln mit den zehn Geboten zerschmettert, das Kalb zerstört und seinen Bruder Aaron, der es hergestellt hatte, zur Rede gestellt hatte. Dann passierte das eben Geschilderte, was in der durchschnittlichen Kinderbibel eher ausgelassen wird.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ef/Tissot_Moses_Destroys_the_Tables_of_the_Ten_Commandments.jpg

(James Tissot, Moses destroys the Tables of the Ten Commandments. Gemeinfrei.)

Ich denke, die Frage nach den schwierigen Bibelstellen ist eine Frage, die man ernst nehmen sollte, denn sie ist eine wirkliche ernste Frage für manche Menschen, und kein so lächerliches Argument wie manche Argumente von einer gewissen Sorte von Internet-Religionskritikern („Die Religion ist für die Gewalt in der Welt verantwortlich“) es sind. Nein, es handelt sich um eine wirkliche, ehrliche Schwierigkeit. Und leider wird die katholische Antwort darauf viel zu selten deutlich vermittelt.

Ich neige sicher nicht dazu, diese Schwierigkeit kleinzureden, ich hatte sie nämlich selber mal. Hier will ich jetzt ein bisschen von meiner eigenen Entwicklung reden. Ich bin ja in einer katholischen, aber nicht besonders streng katholischen, Familie aufgewachsen. Man war an Weihnachten und Ostern, und vielleicht noch im Advent oder an Erntedank, mal im Gottesdienst, hatte zu den Feiertagen eine Krippe im Wohnzimmer stehen, und wenn meine Eltern uns als Kinder ins Bett gebracht haben, haben sie auch mit uns gebetet. Ich habe den Religionsunterricht besucht und war auch bei der Erstkommunion- und Firmvorbereitung in der Pfarrei; das alles war wahrscheinlich so schlecht wie allgemein üblich; viel Wissen über den Glauben wurde nicht vermittelt, geschweige denn über die Gründe, zu glauben.

Im Alter von ungefähr acht oder neun Jahren habe ich eine Zeitlang immer wieder relativ enthusiastisch in der Kinderbibel gelesen, die bei uns daheim stand; aber schon damals hat es mir ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet, dass es doch zum Beispiel bei der Eroberung Jerusalems durch König David doch auch recht gewaltsam zugegangen sein muss. Den Gedanken habe ich dann nicht mehr viel weiter verfolgt und der Enthusiasmus ist dann irgendwann nach meiner Erstkommunion von selber wieder abgeebbt. So im Alter von ungefähr zehn Jahren begann dann allerdings gewissermaßen meine „religionskritische Phase“, in der ich mich z. B. gefragt habe, wie Glaube und Wissenschaft zusammengehen. (Ich habe nicht in einem kreationistischen Umfeld gelebt, aber auch in keinem sehr theologisch gebildeten.) Ich war nie in meinem Leben Atheistin, es war damals eher so ein unentschlossenes, rebellisch aufgelegtes „Die Katholische Kirche ist doof“-Ding. Mit zwölf Jahren, immer noch in einer solchen Einstellung, habe ich dann wieder einmal begonnen, in der Bibel zu lesen, und zwar der richtigen Bibel, nicht der – wenn wir ehrlich sind – viele Geschichten ziemlich verharmlosenden Kinderbibel. Und da bin ich auf die ersten Kapitel des Buches Josua gestoßen, genauer gesagt, auf die Erzählung von der Eroberung Jerichos, und fand sie, kurz gesagt, grau-en-voll. „Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel.“ (Jos 6,21, zitiert nach der alten Einheitsübersetzung, die ich damals hatte.) Wie konnte das der Wille Gottes sein, ein solches Massaker? Wie konnte so etwas in der Bibel stehen! Ich sah auch irgendwo einen Widerspruch zum Neuen Testament, und ich fand das auf jeden Fall alles ganz scheußlich.

Damals dachte ich mir schon gerne Geschichten aus und machte die ersten Versuche darin, sie niederzuschreiben, und ich konzipierte dann aus meiner Empörung heraus sogar eine Geschichte, die die biblische Erzählung, na ja, sagen wir mal, aus einer etwas anderen Perspektive heraus in den Blick nahm. (Mose, der nur eine geringe Rolle spielte und während des wichtigsten Teils der Handlung schon längst tot war, kam mit der Rolle des geistesgestörten, aber wenigstens ehrlichen, religiösen Fanatikers davon (wenn ich die oben erwähnte Schilderung über das, was nach der Sache mit dem goldenen Kalb passierte, damals auch bereits gelesen gehabt hätte, wäre es für ihn vielleicht nicht so glimpflich ausgegangen), während Josua sozusagen zum Erzschurken mutierte: einem grausamen Machtmenschen, der sogar Mose ermordet hatte, um seinen Platz einzunehmen, und mit erfundenen Geschichten über den Gott Jahwe für seine Legitimation unter den Israeliten sorgte. Rahab, die Prostituierte aus Jericho, die in der Bibel den israelitischen Spionen hilft und daher bei dem Massaker zusammen mit ihrer Familie netterweise am Leben gelassen wird, wird zu einer geschickten Opportunistin, die einfach auf ihr Überleben – und, zur Ehrenrettung meiner Figur muss man das sagen, auch auf das ihrer Familie – bedacht ist. Meine Hauptfiguren waren allerdings völlig erfundene Gestalten: zum einen eine Cousine Rahabs, die eben dank dieser überlebt, dann noch ein paar Bewohner Jerichos, die in dem Massaker durch sehr viel Glück und Zufall davonkommen und im Folgenden mehr oder weniger auf der Flucht oder im Untergrund leben, wo die Israeliten ja jetzt die Gegend beherrschen, darunter ein junger Mann, der dann eine tragisch endende heimliche Liebesbeziehung zu einem jüdischen Mädchen beginnt. (Hey, ich war zwölf.) Die Geschichte kam über ein paar wenige skizzierte Szenen nicht hinaus; eine davon war die, in der Rahabs Cousine zusammen mit ihrer ganzen Verwandtschaft in Rahabs Haus sitzt und dem Schlachten draußen in den Straßen lauscht.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/59/Tissot_The_Harlot_of_Jericho_and_the_Two_Spies.jpg

(James Tissot, The harlot of Jericho and the two spies. Gemeinfrei.)

Ein Grund, warum aus der Geschichte nichts mehr wurde, war wohl, dass mir nach und nach auffiel, dass ich nicht allzu viel Ahnung vom Alten Orient hatte und man ein bisschen rudimentäre Ahnung über eine Zeit haben muss, wenn man über sie schreiben will. Dazu kam auch ein bisschen die Schwierigkeit, dass die Eroberung Jerichos laut der Bibel auf einem Wunder beruhte und meiner Handlung nach aber zwangsläufig nicht darauf beruhen konnte (s. Josua, der falsche Prophet und Oberschurke), und vor allem die ganze Exodusgeschichte bereitete mir Schwierigkeiten. Denn die Anwesenheit der Israeliten in der Gegend von Jericho beruhte ja laut der biblischen Schilderung, auf der ich meine – nennen wir mal es freundlich – Abwandlung aufbaute, gerade darauf, dass Gott selbst sie „unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken“ (Deuteronomium 4,34) aus der Sklaverei in Ägypten geführt hatte. Ich fragte mich, wie das damals eigentlich tatsächlich wohl gewesen war, recherchierte ein bisschen im Internet zu den Ausgrabungen in Jericho, kam zu keinem wirklichen Ergebnis. Irgendwann flaute mein Interesse an dem Thema einfach wieder ab.

Eins sollte ich aus dieser meiner bibelkritischen Zeit wohl noch erwähnen: Ich hatte ab der Jericho-Geschichte die feste Überzeugung gefasst, dass das Alte Testament böse sein müsse, und blätterte dann, zur Recherche und aus Neugier, noch durch die fünf Bücher Mose, besonders die darin enthaltenen Gesetzestexte. Meine Gedanken dabei lassen sich in etwa so wiedergeben: Ja, gut, ein Gesetz über Schutzgeländer an Dachterrassen hat schon irgendwo seinen Sinn, aber irgendwie ist es auch komisch, solche kleinkarierten Details unter einem angeblich göttlichen Gesetz stehen zu haben… da! Wieso um alles in der Welt verbietet dieses dämliche Buch jetzt Kleidung aus Mischgewebe? Okay, das Gesetz da klingt ganz sinnvoll… okay, das da auch… die alttestamentlichen Israeliten kannten schon das Konzept der Feindesliebe und das Verbot der Sippenhaft? Die Stelle hier klingt irgendwie richtig schön… aber hier! Schon wieder Steinigung! Das Alte Testament ist grausam und barbarisch! Kurz: im Rückblick kann ich sagen, dass ich eine Art von confirmation bias in action erlebte. Ich konzentrierte mich auf das, was ich ablehnen konnte.

Drei Jahre später (ungefähr 2011) bin ich dann zur Erzkatholikin mutiert; ich stieß auf einige Quellen zur katholischen Glaubenslehre, beschloss, mich mal etwas schlauer zu machen, was die Kirche denn eigentlich überhaupt lehrt, besorgte mir den neu erschienenen Youcat, und informierte mich noch anderswo. Schließlich kam ich zum Schluss, dass Jesus von Nazareth tatsächlich der Sohn Gottes sein musste; die Berichte über Seine Auferstehung waren historisch glaubwürdig, sie ließen sich nicht anders als durch Seine tatsächliche Auferstehung erklären, und die bestätigte wiederum Seine Göttlichkeit, deren Glaubwürdigkeit für mich überhaupt von allen Seiten her zunahm. Auch die Ansicht, Er habe die katholische Kirche ins Leben gerufen und der Unterstützung des Heiligen Geistes versichert, stellte sich als sinnvoll, logisch und durch die Geschichte bestätigt heraus.

Ich kam, kurz gesagt, zu der Überzeugung, dass die katholische Kirche tatsächlich den wahren Glauben verkündete, und dass dann auch alle Bibelstellen irgendwie erklärbar sein müssten. Aber wie genau diese schwierigen Bibelstellen sich mit meinem Glauben harmonisieren ließen, das war für mich noch eine Zeit lang ein ungelöstes – aber auch eher untergeordnetes – Problem. Ich suchte immer mal wieder, wenn ich daran dachte, nach konkreten Antworten und war oft erstaunt, wie wenig ich dazu fand. Nach und nach stieß ich aber durch Zufall auf einige Dinge: etwa einen Essay von C. S. Lewis über die Psalmen, deren Rachsucht und Selbstgerechtigkeit mir, seit ich angefangen hatte, sie gelegentlich zu lesen und zu beten, immer wieder unangenehm aufgefallen war, eine schöne Katechese bei der Karl-Leisner-Jugend zum Gottesbild des Alten Testaments, vereinzelte Bemerkungen bei verschiedenen Schriftstellern oder auf verschiedenen Internetseiten und schließlich auch ein Buch, das dieses Thema ganz systematisch anging, „Hard Sayings. A Catholic Approach to Answering Bible Difficulties“ von Trent Horn (das ich nur empfehlen kann); kurz gesagt, ich stellte fest, dass es da sehr wohl Antworten gibt, und weil diese viel zu wenig kommuniziert werden, möchte ich das Thema hier jetzt auch systematisch angehen. Ich werde mich dabei auch in vielem an Horn orientieren.

Man kann die Schwierigkeiten mit der Bibel in drei Gruppen einteilen:

  • Naturwissenschaftliche Schwierigkeiten
  • Historische Schwierigkeiten
  • Moralische/philosophische Schwierigkeiten

In die erste Kategorie gehört die Schöpfungsgeschichte, und vielleicht kann man auch das ganze Thema Wunder noch hier einordnen. Die zweite Kategorie betrifft einfach die Frage „Ist das denn alles überhaupt so passiert?“ (Zum Beispiel haben die Ausgrabungen in Jericho die oben erwähnte Erzählung des Buches Josua eher nicht bestätigt.) Diese beiden Kategorien sind relativ einfach abzuhandeln, deshalb will ich mich in dieser Reihe hauptsächlich auf die dritte Kategorie konzentrieren, aber ohne die ersten zwei ganz zu ignorieren. Mit moralischen und philosophischen Schwierigkeiten meine ich solche Schwierigkeiten, wie ich sie oben geschildert habe. Befiehlt ein guter Gott den Israeliten die Ausrottung der Kanaaniter? Tötet ein guter Gott einfach die ägyptischen Erstgeborenen? Wieso wird Gott als ein „eifersüchtiger Gott“ oder als ein Gott, der seine Meinung ändert und den sogar etwas „reut“, beschrieben? Das sind die eigentlich wichtigen Fragen hier, die man beantworten muss.

Es gibt ein paar Standardantworten, die Christen oft geben, wenn sie auf die schwierigen Bibelstellen angesprochen werden, und die oft (nicht immer) an sich richtig sind. (Dinge, die an sich richtig sind – das ist so eine Kategorie für sich.) Dazu zählen:

  • Das darf man nicht wörtlich nehmen!
  • Das muss man im Kontext lesen! (Gegebenenfalls in den Varianten: im Kontext des Abschnitts / im historischen Kontext)
  • Gelegentlich auch: Das steht im Alten Testament!

Hier muss man aufpassen. Gut aufpassen. Diese Sätze sind zwar oft ein guter Ansatzpunkt, aber es gibt da auch einige Dinge zu beachten.

Erstens sollten sie nicht zu einer raschen Ausrede werden, sondern auch genauer begründet werden.

Zweitens sollte man damit nicht einfach versuchen, etwas auf eine Art und Weise wegzuerklären, mit der man auch jede andere Bibelstelle wegerklären könnte. Das merken Diskussionspartner nämlich.

Drittens: „Das ist nicht wörtlich gemeint“ stimmt zwar gelegentlich, aber das heißt auch nicht einfach, dass es überhaupt nicht gemeint ist; „ es ist nicht wörtlich gemeint“ heißt nicht „das kann man ignorieren“. Wenn etwa Christus in seinen Gleichnissen die Hölle als einen Ort mit „Heulen und Zähneknirschen“ und in Begriffen wie Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer beschreibt, dann kann man durchaus davon ausgehen, dass das nicht im materiellen Sinne gemeint ist (wie gesagt: es sind Gleichnisse), aber die Aussage dieser Gleichnisse, dass die Hölle existiert und kein besonders schöner Ort ist, die bleibt trotzdem da stehen. Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer sind auch im übertragenen Sinne nicht so toll. C. S. Lewis hat einmal diesen Vergleich gebraucht: Wenn man sagt, „Mein Herz ist gebrochen“ meint man das nicht wörtlich im anatomischen Sinn, aber man will damit auch nicht sagen „Ich fühle mich sehr heiter“. (Ich kann das genaue Zitat gerade nicht finden.)

Ein anderer Fehler, der mit diesem Satz gemacht werden kann: Man sollte nicht einfach bei jeder unliebsamen Stelle gleich mit „Das ist doch gar nicht wörtlich gemeint!“ herausplatzen. Es gibt nämlich einerseits sehr schöne Stellen, die nicht wörtlich gemeint sind (z. B. gibt es gute Gründe, das Buch Jona als Lehrerzählung anstatt als historische Schilderung zu betrachten; und die Barmherzigkeit Gottes, die uns hier vor Augen geführt wird, ist wirklich sehr schön – zumindest solange man dem Konzept der Feindesliebe nicht derart ablehnend wie Jona selbst gegenübersteht –, aber die Geschichte ist trotzdem (wahrscheinlich) nicht historisch, sondern bildlich), und andererseits aber Stellen, die einem eher sauer aufstoßen können, die aber vonseiten der Verfasser sehr wohl vollkommen wörtlich und historisch gemeint sind. Ein Beispiel wäre diese Stelle im 1. Buch der Makkabäer, das eindeutig ein historisches Buch wie etwa die Evangelien ist: „Als Mattatias das sah, packte ihn der Eifer; seine Nieren erzitterten und er ließ seinem gerechten Zorn freien Lauf: Er sprang vor und erstach den Abtrünnigen über dem Altar. Zusammen mit ihm erschlug er auch den königlichen Beamten, der sie zum Opfer zwingen wollte, und riss den Altar nieder; der Eifer für das Gesetz hatte ihn gepackt und er tat, was einst Pinhas mit Simri, dem Sohn des Salu, gemacht hatte.“ (1 Makkabäer 2,24-26) (Zu dieser Stelle und ähnlichen in einem späteren Beitrag in dieser Reihe ausführlich.)

Viertens: Kontext. Gute Idee. Ja. Aber dann muss man auch sagen, welcher Kontext, was der bedeutet, und was die fragliche Stelle in diesem Kontext dann trotzdem noch bedeutet, denn sie steht ja trotzdem noch da.

Fünftens: Ja, das Alte Testament ist so eine Sache. Wenn einem das Fortschreiten der göttlichen Offenbarung vom Alten zum Neuen Bund klar ist, sieht man tatsächlich so einiges in der Bibel klarer. Aber: Das heißt auch nicht, dass das AT einfach irrelevant geworden wäre. Es ist immer noch Heilige Schrift.

Wie immer braucht es hier zwei Dinge: Ehrlichkeit und genaue Unterscheidung. So wie in der Scholastik.

In den nächsten Beiträgen zu dieser Reihe will ich erst einmal auf das katholische Schriftverständnis und das Thema „Irrtumslosigkeit der Schrift“ eingehen, dann auf die (sehr, sehr, sehr wichtige) Unterscheidung „Was in der Bibel steht“ vs. „Was die Bibel lehrt“, dann auf den Alten und den Neuen Bund und die Konsequenzen aus dieser Unterscheidung für die Bibelinterpretation, und dann nach und nach auf verschiedene konkrete Beispiele vor allem aus dem Alten Testament zur Anwendung der Prinzipien – die Tora, die Landnahme, ähnlich brutale Geschichten, usw. Zuletzt kommt dann noch alles „Sonstige“: Die Frage nach der Vereinbarkeit der Bibel mit Naturwissenschaft und historischer Forschung, die Frage nach bestimmten einzelnen Stellen, auch einigen im Neuen Testament (das Lästern des Heiligen Geistes, „Das Weib schweige in der Kirche“, und lauter solche Dinge), bei denen es in vielen Fällen bloß darauf ankommt, einfach zu wissen, was mit bestimmten Begriffen und Redewendungen im Original gemeint ist. Das alles wird wahrscheinlich so einige Beiträge abgeben, und hiermit spreche ich eine offizielle Einladung an alle meine Leser aus: Wenn es eine bestimmte Bibelstelle gibt, die ihr schon immer total komisch und unverständlich fandet, dann hiermit eine herzliche Einladung, mich darauf hinzuweisen, und ich werde mich bemühen, etwas zu ihrer Interpretation zu finden und im Lauf der Reihe darauf einzugehen.

Zuletzt eine Frage für den nächsten Beitrag: Wer hat eigentlich behauptet, dass die Heiligen Schriften völlig klar, offen und verständlich für jedermann sein müssten?