Alles Pharisäer, diese Traditionalisten

Die Unterstellung kommt recht oft, manchmal explizit, manchmal unterschwellig, und man hat sie auch schon von unserem lieben Heiligen Vater gehört: Diese Traditionalisten, das sind doch alles Pharisäer. Bilden sich was auf ihre Riten und ihre Gesetzestreue ein; Jesus hätte sie verurteilt. Vielleicht mag es noch einzelne tolerierbare geben, aber der Traditionalismus kann einen sicher nicht näher zu Jesus bringen und ist seinem Geist voll und ganz entgegengesetzt.

Ich habe manchmal einen ganz gegensätzlichen Eindruck. Oh, nicht dass alle Tradis immer perfekt wären (auch wenn ich in meiner neuen Tradi-Gemeinde immer noch einen praktisch ungetrübt positiven Eindruck habe, und im Internet einen eher positiven). Aber ich meine, dass im Großen und Ganzen die Tradis öfter diejenigen sind, die zu unterscheiden wissen, wann man den Regeln und Befehlen folgen muss, und wann nicht, weil der Geist des Gesetzes verletzt wird.

Man muss schauen, was Jesus den Pharisäern eigentlich vorgeworfen hat: Dass sie Gottes einfache, alte, schon beim Exodus offenbarte Gebote durch neue, nur menschengemachte Regeln und Detailvorschriften außer Kraft setzten, und sich mehr um die Gebote der Theologen, die jetzt gerade in Mode waren, als die Gebote Gottes kümmerten. Ein Beispiel: „Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten. Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter schmäht, soll mit dem Tod bestraft werden. Ihr aber lehrt: Wenn einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Korbán – das heißt: Weihgeschenk sei, was du von mir als Unterstützung erhalten solltest – , dann lasst ihr ihn nichts mehr für Vater oder Mutter tun. So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.“ (Mk 7,9-13) Pharisäer konnten also ihren Besitz für geweiht erklären, um ihre alten Eltern nicht mehr unterstützen zu müssen. Ein klarer Verstoß gegen Gottes Gesetz, das Jesus hier sehr fundamentalistisch ernst nimmt. (Anmerkung: Bei dem, was von Mose mit der Todesstrafe bedroht wurde, geht es um schwere Misshandlung der Eltern, nicht um eine kleine Beleidigung.)

Dann wären da Seine Heilungen am Sabbat; es lohnt sich, hier näher hinzusehen. Eine Begebenheit sah so aus: „Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge. Und siehe, da war eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Geist geplagt wurde; sie war ganz verkrümmt und konnte nicht mehr aufrecht gehen. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott. Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat! Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Frau aber, die eine Tochter Abrahams ist und die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen? Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte.“ (Lk 13,10-17)

Die Pharisäer waren also nicht generell dagegen, dass Jesus heilte; aber man könnte doch bitte einen Tag warten! Gehorcht doch einfach dem Gesetz, das ist doch wirklich kein übertriebenes Opfer, noch einen Tag zu warten, wenn man schon achtzehn Jahre lang krank ist! Das klingt erst einmal nicht völlig unlogisch. Aber darauf entgegnet Jesus: Nein, das ist nicht nötig, solche Lasten muss man nicht aufbürden. Eine Kranke soll nicht wegen eines falsch ausgelegten Gesetzesbuchstabens noch einen Tag länger leiden müssen.

Die Pharisäer erinnern mich hier an die Leute, die immer den Tradis (manchmal auch den Konservativen) vorhalten: Was stellt ihr euch denn so an, seid doch einfach gehorsam. Dann verbietet euch der Papst eben die alte Messe, also nehmt gefälligst mit der neuen vorlieb. Dann verbietet der Bischof eben während des Corona-Lockdowns, eure Kinder zu taufen, also wartet eben ab. Dass diese Gesetze keinen Sinn machen und gegen die gesamten überlieferten Grundsätze unserer Religion verstoßen, interessiert nicht; solange diejenigen befehlen, die jetzt etwas gelten, gelten nur deren Befehle. Hier kann man sich über die überheben, die sich zerrissen fühlen und zum Ungehorsam gezwungen sehen, und sich dabei wunderbar gerecht vorkommen. Man ist gut, man hält sich an die Gesetze.

Aber hier haben eben die Gesetze nicht recht. Um das Beispiel der Taufe zu nehmen: Als Taufen verboten waren, wären alle Eltern im Recht gewesen, die ihre Kinder selbst getauft hätten, und alle Priester, die trotzdem heimlich getauft hätten. Wegen des Gesetzesbuchstabens soll einem Kind nicht auch nur einen Tag die Gemeinschaft mit Gott vorenthalten werden. Manchmal hat man das Recht, gegen einen Befehl zu handeln, und manchmal sogar die Pflicht. Bei Pflichtenkollision geht das höhere Gesetz vor, und ungerechte Gesetze haben überhaupt keine Gesetzeskraft.

In den letzten fünfzig, sechzig Jahren waren es die Tradis, die gezwungen waren, nachzugrübeln, was eigentlich der Sinn von kirchlichen/päpstlichen/bischöflichen Geboten ist, und auch mal ungehorsam zu sein. Den einfachen Luxus, den Gesetzen unbeschwert folgen zu können, hatten wir da nicht mehr. In den letzten Jahren unter Franziskus (den ich, ohne Übertreibung, für den schlechtesten Papst aller Zeiten halte, das muss man leider so sagen) ist es immer mehr Katholiken so gegangen. Und da bekommt man dann sehr schnell von triumphierenden selbstgerechten Leuten vorgehalten, dass man eben der Autorität folgen müsse. Der Papst sagt das, die führenden Theologieprofessoren sagen das, was bildet man sich also ein. Es wird nicht darüber nachgedacht, was der Zweck dahinter ist, das gilt eben gerade als So-muss-man-das-machen, und wer es nicht so macht, wird gemieden – asoziales Fundamentalistengesindel.

Manchmal brüstet sich diese Art von Pharisäern sogar damit, sich brav an Gesetze zu halten, die (noch) gar keine Gesetze sind; das sieht man z. B. bei Leuten, die stolz darauf sind, dass sie alle Coronaauflagen übererfüllen, und die z. B. Ärzte verteidigen, die Ungeimpfte nicht behandeln wollen. Die könnten sich ja einfach impfen lassen, warum es einer nicht will, interessiert nicht (nicht mal, wenn es z. B. um Schwangere geht, die unbekannte Reaktionen bei ihrem Baby befürchten). Dass es keine Impfpflicht gibt, wird dabei leicht vergessen; auch, dass es sehr wohl eine Pflicht für Kassenärzte gibt, Kranke zu behandeln. Der perfekte Pharisäer interessiert sich nicht einmal mehr für den Gesetzesbuchstaben, auf den er vorher so gepocht hat, wenn er sich weiter für besser als andere halten kann (und meint, dass er das Gesetz bald auch noch auf seiner Seite haben wird).

Bei einer anderen Gelegenheit heißt es im Neuen Testament: „Von dort ging er weiter und kam in ihre Synagoge. Und siehe, dort saß ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Sie fragten ihn: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen? Sie suchten ihn nämlich anzuklagen. Er aber sprach zu ihnen: Wer von euch, der ein einziges Schaf hat, wird es nicht packen und herausziehen, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt? Wie viel mehr ist ein Mensch als ein Schaf? Darum ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun. Dann sagte er zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und die Hand wurde wiederhergestellt – gesund wie die andere. Die Pharisäer aber gingen hinaus und fassten den Beschluss, Jesus umzubringen.“ (Mt 12,9-14)

Im Judentum gab es tatsächlich zu dieser Zeit unterschiedliche Meinungen zu genau diesem Lehrbeispiel mit dem Schaf in der Grube. Manche hielten sogar das Herausholen des Schafs für falsch. Andere hielten es wegen ihrer Grundsätze für falsch, das Schaf mithilfe von Arbeitsgeräten herauszuholen, erlaubten aber, Kissen und Decken in die Grube zu werfen, damit es selbst herausklettern konnte – eine blödsinnige Verkomplizierung. Daran, dass manche sogar bei den einfachsten, deutlichsten Notwendigkeiten nicht sehen wollten, dass man nach dem Zweck eines Gebotes fragen muss, statt bloß dem Buchstaben (oder den Gewohnheitsregeln) zu folgen, sieht man, wie weit Pharisäertum gehen kann.

Und bei alldem war Jesus gar nicht zwangsläufig gegen Details des Gesetzes (solange sie nicht unter besonderen Umständen außer Kraft gesetzt waren, und solange sie als Bestandteil des Alten Bundes immer noch galten): „Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.“ (Lk 11,42)

Jesus war überhaupt nicht gegen das Gesetz, sondern korrigierte schlicht und einfach seine Auslegung. „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ (Mt 5,17)

Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund, sich als Tradi zu fühlen, als wäre Jesus wütend auf einen.

Aber hey, auch zu den Pharisäern kam Jesus ja, und manche kamen zu ihm, man denke an Nikodemus, der am Ende zusammen mit Josef von Arimathäa einen der wichtigsten Dienste an Jesus leistete, nämlich nach Seiner Kreuzigung Seinen Leichnam anständig balsamierte und bestattete. Ich will auch nicht behaupten, dass übertriebene Gesetzestreue immer vor allem aus Selbstgerechtigkeit kommt – manchmal hat man vielleicht nur die Dinge nicht ganz durchdacht, oder will sich an den vermeintlich sichersten Weg halten. Nur sieht dieser Weg nicht immer so aus, wie es scheint.

Aber Jesus war doch Jude!

„Aber Jesus war doch Jude!“ Diesen reflexhaft ausgesprochenen Satz kann man öfter mal hören, z. B. dann, wenn es um die Frage geht, wieso es irgendwann christlichen Antisemitismus geben konnte. Aber dabei wird nie ganz klar, was damit gemeint ist.

Ist gemeint: Jesus war Jude im Sinn der Volkszugehörigkeit/Nationalität? Das weiß eigentlich jeder – gut, es gab mal ein paar Nazis, die mit der Verschwörungstheorie um die Ecke kamen, Jesus wäre unehelich von einem römischen (arischen) Soldaten gezeugt worden und somit nur Halbjude, aber da wir nicht mehr im Jahr 1936 leben, kann man die wohl vernachlässigen.

Ist gemeint: Jesus war Jude im Sinn der Religionszugehörigkeit? Und wenn ja: Im Sinn der damaligen oder der heutigen? „Jesus war Jude“ in dem Sinn, dass Er ziemlich genau dasselbe geglaubt hätte wie heutige Juden, kann man nun mal nicht ganz sagen.

Dass Jesus sich selbst für den Messias hielt und beanspruchte, einen Neuen Bund aufzustellen, der den Alten Bund erfüllte, muss man auch anerkennen, wenn man selbst Jesus nicht für den Messias hält. Jesus gründete etwas Neues, und die Juden seiner Zeit spalteten sich dann auf in die, die Ihm und Seinen ersten Anhängern dabei folgten, und die, die Ihn für einen falschen Propheten und Gotteslästerer hielten. (Das ist übrigens viel logischer, als Jesus für einen netten Rabbi und weiter nichts zu halten; Jesus beanspruchte weit mehr, und entweder war Er wirklich Gottes Sohn oder ein schlimmer Gotteslästerer.)

Oft schwingt in dem Satz „Jesus war doch Jude“ unterschwellig die Idee mit: Er wollte doch bestimmt keine neue Religion gründen, war halt ein Rabbi innerhalb des Judentums, der dann von Seinen Anhängern so aufgebauscht wurde. Und diese Idee ist lächerlich falsch. In den Evangelien hat man keine vagen Erinnerungen an einen weisen Meister, sondern die klar hervortretende Persönlichkeit eines Mannes, der Seine Jünger zu einer Aufgabe beruft und aussendet, und der klare Ansprüche über Seine eigene Sendung aufstellt, die viel zu unglaublich wirken, als dass andere sie Ihm einfach zuschreiben würden (ja, Er beanspruchte, Gottes Sohn zu sein, Er sagte „Ehe Abraham wurde, bin ich“, und beanspruchte die Vollmacht, Sünden zu vergeben), und die Seine Gegner empören und zu Seiner Hinrichtung führen. Wieso, denken manche Leute, hätte man Ihn hinrichten sollen, wenn Er bloß ein gewöhnlicher Rabbi gewesen wäre, und man Ihn keiner Gotteslästerung für schuldig befunden hätte? Denn eine Bedrohung für die weltliche Macht stellte Er in keiner Weise dar; nach allem, was wir von Ihm wissen, kümmerte er sich nicht groß um Politik und forderte die Leute nur mal dazu auf, brav ihre Steuern zu zahlen („dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“). Auch jüdische Berichte über sein Leben, wie die einige Jahrhunderte nach seiner Lebenszeit entstandene „Toledot Jeshu“, stellen Ihn übrigens als Wundertäter (durch seltsame unlautere Mittel, wie z. B. die Kenntnis eines geheimen Gottesnamens, der Ihn Wunder tun lässt) und Messiasprätendenten dar.

Und auch wenn wir mal von alldem absehen, und uns nur die Religion ansehen, wie sie Jesu Familie und Seine späteren Anhänger praktizierten, bevor Er als Messias auftrat und starb und auferstand, muss man sagen, dass sie nicht einfach komplett identisch mit der heutigen jüdischen Religion ist; es gab seitdem auch eine Weiterentwicklung im Judentum.

Die damalige jüdische Religion war auf den Tempel und die Opferrituale dort zentriert; der Tempel wurde 70 n. Chr. zerstört und im Judentum haben seitdem notgedrungen die Synagoge und die „Wortgottesdienste“ der Rabbis die Opferzeremonien der Priester und Leviten ersetzt. Dann wäre da die Rolle des Talmuds, einer Sammlung von Aussagen und Diskussionen bekannter jüdischer Gelehrter, die in der Spätantike zusammengestellt wurde. Der Talmud wurde ganz entscheidend für die Auslegung des Alten Testaments im Judentum, zur Zeit Jesu existierte er noch gar nicht. (Und im Talmud finden sich übrigens auch ein paar sehr beleidigende Äußerungen über Jesus, da er zu dieser Zeit ja schon als der falsche Prophet par excellence galt. Auch im Achtzehnbittengebet, das religiöse Juden dreimal täglich beten, wurde um 100 n. Chr. eine Verwünschung der Christen („Nazarener“) eingefügt.) Natürlich entwickelten sich auch noch Äußerlichkeiten und Bräuche weiter, wie man das überall findet, aber auch die jüdische Theologie entwickelte sich im Lauf der Zeit, auch nach der Abfassung des Talmud noch. Man sieht z. B. bei spätantiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Theologen eine stärkere Betonung der jüdischen Auserwähltheit als noch im Alten Testament. Im Mittelalter entwickelte sich auch die Kabbala, die auch einen gewissen Einfluss hatte. Im Judentum gibt es heute auch Lehren über die Wiedergeburt, und das ist keine ganz randständige Idee. Die Jenseitsvorstellungen unterscheiden sich oft mehr von denen der Christen, als man das erwarten würde. (Wobei es im Judentum zu vielen Fragen ja auch große Uneinigkeit gibt.)

Kurz gesagt: Das heutige Judentum ist komplizierter als einfach nur „Altes Testament ohne Neues Testament“. Unabhängig davon, ob man diese theologische Entwicklung bejaht oder sie ablehnt, es gab sie nun mal. (Am ehesten vertritt die heute ziemlich winzige, früher etwas einflussreichere Gruppe der Karäer, die den Talmud ablehnen, eine Form des Judentums, die einfach Altes ohne Neues Testament ist.)

Die Aussage „Jesus war doch Jude!“ wird manchmal dazu gebraucht, zu vermitteln, wie absurd die historische Feindseligkeit von Christen gegenüber dem Judentum gewesen sei. So einfach ist es damit aber auch nicht geklärt; die Leute „früher“ wussten schon, dass sie sich um etwas Reales stritten (manchmal mit recht heftigen Mitteln und großer Feindseligkeit), nämlich darum, was dieser Jude Jesus bedeutete.

Die jüdisch-christlichen Beziehungen im Lauf der Geschichte sind nicht ganz einfach auf einen Nenner zu bringen, selbst wenn man nur Gruppendynamiken anschaut und Individuen ignoriert. Die beiden Gruppen waren sich schon bei ihrer Aufspaltung – als sich wohl viele Angehörige des jüdischen Volkes noch nicht mal ganz sicher waren, ob sie diesem Jesus oder den jüdischen Autoritäten folgen sollten – bald spinnefeind. Der jüdische Hohe Rat ließ die Apostel auspeitschen, Stephanus steinigen, später noch Jakobus töten; noch beim Bar-Kochba-Aufstand im 2. Jahrhundert gingen jüdische Eiferer gewaltsam gegen Christen vor. Die Christen wiederum waren erwartbarerweise nicht gut auf diejenigen Juden zu sprechen, die Jesus ablehnten, und bezeichneten die Zerstörung des jüdischen Tempels im Jahr 70 n. Chr. und die Zerstreuung der Juden als göttliche Strafe dafür.

Die Machtverhältnisse änderten sich langsam, nachdem die Juden mit den beiden verlorenen Aufständen gegen die Römer ihren Tempel und ihre Heimat verloren hatten. Nach diesen desaströsen Kriegen (135 n. Chr. war der zweite zu Ende) waren sie eine heimatlose zerstreute Minderheit im Römischen Reich (und den Ländern darum herum), aber immerhin noch eine zahlenmäßig große Minderheit, deren Religion offiziell toleriert war, während das Christentum noch verfolgt wurde. Das Christentum gewann allerdings immer mehr Anhänger (nicht nur Heiden, sondern auch immer noch so einige Juden) und wurde Anfang des 4. Jahrhunderts schließlich legalisiert und von den Kaisern bald favorisiert. In dieser Zeit, als beide Religionen jetzt legal waren, kann man durchaus noch solche Vorkommnisse beobachten wie zum Beispiel, dass Juden eine Kirche anzünden und als Rache dafür Christen eine Synagoge niederbrennen; man war sich eher feindselig gesonnen. (Vielleicht auch deshalb, weil das Christentum doch relativ viele Juden abspenstig machte: Zur Zeit Jesu gab es ca. 5-6 Millionen nicht-christliche Juden im Römischen Reich, ein paar Jahrhunderte später nur noch etwa eine Million.)

Das Christentum gewann immer mehr Anhänger und Einfluss, auch nachdem die kleinen Fürstentümer der Germanen im Westen das Römische Reich abgelöst hatten, und war schließlich die einzige Seite, die wirklich eine Verfolgerposition hätte einnehmen können. (Mit wenigen Ausnahmen; im Frühmittelalter hat man z. B. noch einen südarabischen Fürsten, der zum Judentum konvertiert war und Christen umbringen ließ.) Im Hoch- und Spätmittelalter hat man in Europa die Situation, dass die Juden eine eher kleine, abgegrenzt im Ghetto lebende Gemeinschaft sind, die gesetzlich toleriert, aber nicht gerade besonders beliebt ist und gegen die es auch mal spontane Pogrome durch die Stadtbevölkerung geben kann (was übrigens kirchlicher- und staatlicherseits verurteilt wurde). Die Abneigung war auch da immer noch gegenseitig; und z. B. die Anschuldigung, dass die Juden bei der maurischen Eroberung Spaniens, und bei der spanischen Rückeroberung, ab und zu den Mauren halfen, ist wohl nicht ohne Grundlage. Das ist nicht ganz unlogisch; sie sahen die Christen als besondere Gotteslästerer und hatten in deren Gesellschaft ja auch sonst nicht viel zu erwarten, standen immer am Rand. Die Grundlage der mittelalterlichen Gesellschaft war der katholische Glaube, und eine wirkliche Zugehörigkeit konnten auch tolerierte Andersgläubige, wie die Juden im Ghetto oder die Muslime in den Kreuzfahrerstaaten, nicht haben. (Eine „jüdisch-christliche“ Kultur gab es in Europa nie, sondern immer eine christliche Mehrheitskultur und eine jüdische Minderheitskultur, die einander nicht nur feind, sondern oft auch ganz fremd waren. Interessanterweise mögen manche Juden den in gewisser Weise vereinnahmenden Begriff der „jüdisch-christlichen Kultur“ gar nicht.)

Sowohl vorher in der Antike als auch noch im Mittelalter bestand die Auseinandersetzung übrigens nicht nur aus gewalttätigen Aktionen und politischen Intrigen, sondern auch aus intellektuellen Auseinandersetzungen. Ein mittelalterliches Beispiel wäre die Disputation von Paris am 12. Juni 1240. Nicholas Donin, ein Konvertit vom Judentum zum Christentum und Franziskanermönch, hatte erstmals den Talmud übersetzt und Vorwürfe über die darin enthaltenen Angriffe gegen Jesus und Maria (und ein paar andere Stellen) aufgestellt. Bei der Disputation diskutierte er mit vier Rabbis, die den Talmud verteidigten. (Das Ende der Geschichte war, dass zwei Jahre später jüdische Bücher wie der Talmud öffentlich verbrannt wurden. Die Kirche hatte bisher nicht viel über eigene Auslegungstraditionen der jüdischen Seite gewusst.) Auch über die Frage, welche Gründe für oder gegen Jesus als Messias sprachen, wurde natürlich immer mal wieder diskutiert. Die Juden meinten z. B., er habe nicht das endgültige, vollkommene Königreich Gottes aufgerichtet; die Christen antworteten darauf, dass im Alten Testament, wenn es um den Messias geht, sowohl vom leidenden Gottesknecht, der sein Leben hingibt (s. z. B. Jesaja 53) die Rede ist, als auch vom König, der in Herrlichkeit kommt, und dass der Messias deswegen zweimal kommen müsse, einmal leidend, später dann triumphierend, und verwiesen au durch Jesus erfüllte Prophezeiungen. Außerdem wiesen sie auf die Wunder Jesu hin; Juden erklärten diese Wunder zwar nicht für nichtexistent, aber für Hexerei und Teufelswerk und Jesus für einen Betrüger. Aus christlicher Sicht waren die Juden von Gott abgefallen, als er nicht mehr ihren weltlichen Vorstellungen entsprach, aus jüdischer Sicht waren die Christen einem Irrlehrer hinterhergelaufen und praktizierten Götzendienst.

[Vielleicht an dieser Stelle noch kurz eine Bemerkung zum Thema: „Wer ist schuld am Tod Jesu?“ Auch früher (z. B. im Römischen Katechismus aus dem 16. Jahrhundert) sagte die Kirche klipp und klar, dass im wichtigsten Sinn alle Menschen durch ihre Sünden verantwortlich für den Tod Jesu sind, Heiden wie Juden; und dass die Schuld der Christen u. U. größer sein kann, weil sie wissen, was das Richtige wäre und dass wegen ihrer Sünden Jesus ans Kreuz ging. Wenn man die Leute ansieht, die zusätzlich noch direkt an seiner Kreuzigung damals beteiligt waren, waren es Juden (nicht „die Juden“, aber eben einfach „Juden“), die Seinen Tod wollten und ihre Forderung bei Pilatus durchsetzten; der Römer Pilatus war ein feiger Mensch, der bereit war, einen erkennbar unschuldigen Menschen hinrichten zu lassen, um dem einflussreichen Hohen Rat entgegenzukommen; beides Schuld, und beides eine unterschiedliche Sorte Schuld. Jesus sagte über sie alle: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Ähnliches Unwissen wird man evtl. denen zuschreiben können, die auch später noch Jesu Kreuzigung für eine gerechte Strafe hielten, wie z. B. den Autoren des Talmuds.]

Diese Zeit bot bekanntlich noch andere Nachteile für die Juden. Oft durften sie keinen Grundbesitz haben, und auch nicht den Zünften beitreten (die religiöse Vereinigungen waren, die ihre eigenen Schutzpatrone hatten und für ihre verstorbenen Mitglieder Messen lesen ließen), und wurden in die paar anderen verbliebenen Berufe abgedrängt, wozu u. a. der des Geldverleihers gehörte (wenn auch nicht nur; ein Jude konnte z. B. auch Arzt werden). Dazu kam, dass die Kirche den Christen die Zinsnahme verbot und Juden von ihren jüdischen Brüdern keinen Zins verlangen durften; die pragmatische Lösung war oft, dass sich Christen von Juden Geld für Zinsen liehen, und oft nicht unbedingt geringe Zinsen. Die Rolle des Geldverleihers war keine schöne; man konnte damit reich werden, aber auch die Wut der Schuldner auf sich ziehen, die sich, nicht immer ohne Grund, ausgebeutet fühlten und vielleicht auch mal mit Gewalt reagierten. Abgesehen von den sporadischen Gewaltakten, die von Päpsten, Bischöfen, Kaisern verurteilt wurden, gab es auch immer wieder offizielle Ausweisungen der Juden aus verschiedenen Städten, Regionen oder ganzen Ländern, sodass sie sich irgendwie eine neue, vielleicht auch nur vorübergehende, Heimat suchen mussten.

Im späten 18., im 19., im frühen 20. Jahrhundert, als sich die westlichen Gesellschaften säkularisierten, blieb dieser Grund für Abneigung gegen Juden; sie wurden als sich bereichernde, privilegierte Elite gesehen, außerdem weiterhin als eine sich absondernde Parallelgesellschaft, die sich einfach nicht mit den Grundsätzen der Gesellschaft identifizierte und auf deren Loyalität man sich deswegen nie verlassen konnte. Manche Juden reagierten darauf damit, zu erklären, dass sie ebenso gute Deutsche oder Franzosen sein konnten wie jeder andere, auch mit einer anderen Religion, viele nahmen damit zusammenhängend eine liberale Einstellung an, wonach man religiöse Unterschiede nicht zu wichtig nehmen sollte, und befürworteten säkularere Politik (eine Tendenz, die viele Christen natürlich noch mehr ablehnten als das streng religiöse Judentum). Andere sagten, ja, die Juden seien eine eigenständige Nation, und deshalb sollten sie ihren eigenen Staat haben, damit diese Situation endlich geklärt wäre; der Zionismus entstand. Kurz gesagt: Man hatte auch hier noch einfach zwei Gruppen, die jetzt – nachdem die Ghettos verschwunden waren und Juden gleiche politische Rechte bekommen hatten – ein wenig enger zusammenlebten, zu wenig gemeinsame Grundsätze für ein Zusammenleben hatten, und an ein langes Gegnertum gewöhnt waren.

Der Nationalsozialismus (und Vorläuferideen) brachten dann eine recht neue Idee hinein, den auf Rasse basierenden Hass gegen die Juden. Nach dieser Ansicht waren sie praktisch determiniert dazu, Schaden anzurichten, und eine Konversion zum Christentum (oder wozu auch immer) machte keinen Unterschied. Das war weit entfernt von den religiösen Streitigkeiten; und obwohl man die Päpste dieser Zeit sicher nicht als die größten Zionisten bezeichnen kann, ließ Pius XII etliche Juden verstecken und vor der Deportation durch die Nazis retten. Nach dem Schock des Holocausts – vor allem ab den 1960ern, als sich der erste Schock gesetzt hatte – wollte man dann freundlicher zueinander sein und irgendwie Dialog und Zusammenarbeit haben, auch wenn vielleicht nicht so ganz klar war, wie.

Miteinander menschlich gut auskommen zu wollen, sich gegenseitig als normale Menschen statt als Feindbilder zu sehen, ist ja auch sehr lobenswert; aber wenn man dabei möglichst krampfhaft verschweigt, wobei man sich in den letzten zwei Jahrtausenden nicht einig war, ist auch niemandem geholfen. Wenn man denkt, man kann sich nur gegenseitig als Menschen sehen, wenn man alle Uneinigkeiten über wichtige Fragen beiseite schiebt, na ja, das ist eine komische Vorstellung.

Juden und Christen sind sich einfach nicht einig dabei, ob Jesus der Messias ist, und ehrliche Auseinandersetzungen darüber wären hilfreicher als Verschweigen. (Ich habe auch den Verdacht, dass oft die eine Seite die Argumente der jeweils anderen Seite gar nicht wirklich kennt, und manchmal nicht mal die der eigenen.) Die Juden und Christen früherer Zeiten waren auch nicht so blöd, dass sie sich wegen Nebensächlichkeiten die Köpfe eingeschlagen hätten. Nein, wer der Messias ist, was Gott von uns will, wozu Gott die nichtjüdischen Völker beruft, usw. usf., das alles sind wichtige Fragen (die man idealerweise ohne Köpfeeinschlagen klären kann). Und dass Jesus aus dem jüdischen Volk stammte, wussten sowohl Juden als auch Christen auch früher schon, da muss man nicht als Gotcha „Jesus war übrigens Jude!“ rufen. Die Christen warfen den Juden ja gerade vor, dass sie den Messias, der aus ihrem Volk kam und an erster Stelle zu ihrem Volk gesandt war, abgelehnt hatten (wobei es genau genommen ja so war, dass die große Mehrheit der Juden schon in der Antike Christen wurde und in der Kirche aufging, was später nur nicht mehr weiter auffiel), während die Juden Jesus als einen Verräter an der Religion seines Volkes sahen, als jemanden, der sich gegen den Willen Gottes selbst zum Messias ernannt hatte und Leichtgläubige dazu brachte, ihn anzubeten.

Einen ganz seltsamen Mittelweg hat neuerdings eine theologische Strömung im Christentum versucht zu finden, die behauptet, dass Gott sozusagen zwei Bünde mit der Menschheit am Laufen hat; für die Juden gelte der Alte Bund noch (mit Beschneidung und Mosaischem Gesetz usw.), sie müssten nicht unbedingt Jesus anerkennen oder sich taufen lassen – aber er sei trotzdem Gottes Sohn und zumindest für die Heiden gekommen. Damit würde man aber ja gerade sagen, dass der Messias gerade für die, die am längsten auf ihn gewartet hatten, nicht wirklich gekommen wäre; dabei ging Jesus selber zuerst zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, bevor Er Seine Jünger zu allen Völkern sandte. Wer „Judenmission“ ablehnt, will im Endeffekt den Messias den Heiden vorbehalten. Wenn Gott einen Neuen Bund aufstellt, macht es auch keinen Sinn, beim Alten bleiben zu wollen, als wüsste Gott nicht, was Er tut. Und was sagt man damit den vielen Judenchristen, die das Gesetz des Mose aufgegeben haben – allen voran mal den Aposteln? Hätten Sie zu Jesus sagen sollen: Ach, nein danke, wir haben schon den Alten Bund, dich brauchen wir jetzt nicht unbedingt? Und schließlich: In welche Situation bringt das die Juden, die Jesus nicht nur kaum kennen oder ihm gegenüber gleichgültig sind, sondern Ihn wirklich klar ablehnen? Auch die würden kaum sagen, ja, ja, der könne schon Messias sein, aber eben nur für die Heidenvölker. Sie sagen klipp und klar, Er sei nicht der Messias, für niemanden.

Kurz: Man kann hier keinen Kompromiss finden, mit dem alle zufrieden sind, ohne ihre Ansichten ändern zu müssen. Manche Uneinigkeiten müssen zwangsläufig bestehen bleiben. Zumindest so lange, bis alle endlich sehen, dass Jesus der Messias ist.

Nikolai Koshelev, Kopf Christi.

Aber hätte nicht Paulus das Christentum verfälschen können?

Wenn es darum geht, was man über Jesus wissen kann, ist ein Eindruck weit verbreitet: Dass man eigentlich kaum was wissen könnte. Jesus – eine schattenhafte Gestalt, die hinter Mythen und Propaganda verschwindet. Manche wollen ihn zu einem Weltuntergangsprediger, zu einem Moralphilosophen oder gar zu einem jüdisch-nationalistischen Zeloten (lol) machen.

Das ist eigentlich eine seltsame Sichtweise; denn über Jesus haben wir bessere Informationen als über die allermeisten antiken Personen. Wir haben vier frühe Biographien über Ihn (die Evangelien, deren Genre dem der antiken Vita entspricht, die von Herkunft, Taten, Tod und Nachleben großer Männer berichtete) und zahlreiche Briefe von mehreren Seiner Anhänger; dazu kommen Erwähnungen bei Leuten, die nicht Seine Anhänger waren, wie dem römischen Historiker Tacitus und dem jüdischen Historiker Flavius Josephus. Aus deren Berichten kann man freilich nicht viel mehr erfahren als dass Jesus in Judäa unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, dass Er die Gruppe der Christen begründete, dass Er ein großer Mann gewesen sein soll, der Wunder vollbracht haben sollte, und den die Christen für den Messias hielten.

Viele meinen dann, es wäre sinnlos, sich die Zeugnisse der Christen für genauere Informationen anzusehen; das wäre ja eh nicht glaubwürdig, weil es eben parteiisch sei. Das ist allein schon aus Historikersicht Unsinn; so etwas wie eine nicht parteiische Quelle gibt es nicht, das trifft auch auf Tacitus etc. zu.

Aber vor allem muss man sich ja fragen: Wieso wurden Matthäus, Lukas, Markus, Johannes, Paulus, Jakobus usw. zu Anhängern Jesu? Was brachte sie zu ihren Überzeugungen?

Da ist ein Mann, der eine neue Bewegung begründet, von Leuten, die sich für ihre Überzeugungen sogar umbringen lassen und die ihn extrem verehren; also kann Er offensichtlich nur ein unbedeutender Wanderprediger gewesen sein, über den sich nix Genaues nicht sagen lässt und in den nur alles hineinprojiziert wurde.

Bei den Leuten, die sich tatsächlich daran machen, zu belegen, wieso die biblischen Berichte über Jesus und/oder der Glaube der Kirche verfälscht sein sollen, gibt es ja so einige Theorien, und als Verfälscher besonders hoch im Kurs stehen eine sehr frühe und eine eher späte Gestalt im antiken Christentum: Der Apostel Paulus (gest. um 64) und Kaiser Konstantin (gest. 337). In beiden Fällen ist die Annahme nicht nur falsch, sondern völlig abwegig.

Heute zunächst mal nur zu Paulus.

Grabplatte mit Petrus und Paulus aus der Hippolyt-Katakombe in Rom, 4. Jh. Gemeinfrei.

Wie allgemein bekannt ist, war Paulus von Tarsus, auch unter dem Namen Saulus bekannt, ein strenggläubiger Jude, der Christen verfolgte, und sich dann nach einer Vision, in der Jesus ihn fragte „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“, bekehrte und taufen ließ. Er unternahm dann einige Missionsreisen im ganzen Mittelmeerraum, gründete zahlreiche Gemeinde, und wurde schließlich in Rom geköpft.

Die Behauptung ist nun z. B.: Die Vorstellung, dass Jesus für die Sünden der Menschen gestorben und dass Er nicht nur ein Mensch, sondern als Gottes Sohn eins mit Gott sei, stammt nicht von Jesus oder denen, die ihn kannten, sondern wurde erst von Paulus erdacht. Immer wieder werden auch von Christen, die an die Erlösung durch den Kreuzestod und an die Göttlichkeit Jesu glauben, andere unbeliebte Lehren als paulinische Erfindung gedeutet. Hier finden sich mehrere offensichtliche Probleme:

1. Wieso sollte Paulus sich das ausdenken? Wo ist sein Motiv? Woher kam so eine Idee?

Die Juden waren strenge Monotheisten. Kein Jude wäre einfach so auf die Idee gekommen, einen Prediger, auch einen offensichtlich heiligen Propheten, einfach so auf eine Stufe mit Gott zu stellen; dafür musste dieser Mensch schon ein sehr außergewöhnlicher gewesen sein und Anlass dazu gegeben haben. Paulus selbst hatte die Christen für diese mutmaßliche Blasphemie noch verfolgt.

2. Am wichtigsten: Wieso sollten die anderen Christen sich das gefallen lassen?

Paulus kam verspätet zum Christentum. Er war kein Jünger Jesu gewesen. Er schreibt selbst, dass er die Kirche verfolgt hatte, und war laut Lukas‘ Apostelgeschichte ein bekannter und ein eifriger Christenverfolger. Welche Gruppe lässt sich von einem frisch bekehrten Feind ihren ganzen Glauben umstülpen?

Als Paulus zum Christentum kam, war die Kreuzigung Jesu schon einige Jahre her, und Jesu Jünger – nicht nur die Zwölf, sondern hunderte und bald tausende – hatten Ihn weiterhin verehrt, nachdem das Grab leer gewesen und der Auferstandene ihnen erschienen war.

(Und wenn Jesus mächtig genug ist, um von den Toten aufzuerstehen, sollte Er auch mächtig genug sein, um Seine Kirche in der Wahrheit zu bewahren, aber das nur anbei.)

3. Wie wurden die anderen Gemeinden auf Linie gebracht?

Paulus reiste nicht überall hin; er kam nie nach Alexandria oder Karthago, beispielsweise. In Rom bestand eine Gemeinde, ehe er es überhaupt betrat.

4. Was ist mit den nicht-paulinischen Texten im NT?

Das Neue Testament besteht aus 27 Schriften, von denen höchstens 14 vom Apostel Paulus stammen. (Ob der Hebräerbrief von ihm stammt oder nicht, war immer schon umstritten, und einige Exegeten wollen mehrere der anderen Briefe nicht als echt paulinisch gelten lassen, aber diese Frage ist hier unerheblich.) Damit hätten wir also mindestens (!) 13 Schriften, die nicht von Paulus stammen, darunter alle Evangelien und die Apostelgeschichte. Nun kann man sagen, dass, wenn es korrekt ist, das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte einem Begleiter des Paulus, nämlich Lukas, zuzuschreiben, man diese beiden noch einklammern sollte; aber auch dann hätten wir noch das Markusevangelium (und Markus gilt als Begleiter des Apostels Petrus), das Matthäusevangelium, das Johannesevangelium, die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes, die beiden Petrusbriefe, den Jakobusbrief und den Judasbrief. Ich will mich hier gar nicht auf Streitigkeiten um die genaue Zuschreibung einlassen, und darüber, ob die Überlieferung bzgl. der Autoren verlässlich ist; klar ist jedenfalls, dass das alles keine paulinischen Schriften sind, und nicht aus dem Umfeld des Paulus stammen. Sie unterscheiden sich in der Schreibweise und im Fokus von seinen Briefen. Und gerade sie enthalten deutlich mehr über „den historischen Jesus“ als die Paulusbriefe. Die ersten Evangelien – Markus, Matthäus – wurden ohne Bezug zu Paulus geschrieben, und aller Wahrscheinlichkeit nach etwa zur selben Zeit wie seine Briefe, sind also nicht erst irgendwann später unter deren Einfluss entstanden.

(Lukas beendete seine Apostelgeschichte höchstwahrscheinlich Anfang der 60er, da er sie abrupt abbricht, als Paulus als Gefangener in Rom ist, und dessen Martyrium, immerhin ein sehr wichtiges Ereignis für die antike Christenheit, nicht mehr erwähnt; sein Evangelium schrieb er zuvor, also vielleicht um 60. Nach den klassischen Theorien war Matthäus das erste Evangelium, nach den neueren Theorien Markus; in jedem Fall war es nicht Lukas, der in seinem Vorwort auch die Schriften anderer über Jesu Leben erwähnt. Markus und Matthäus müssten also in die 50er oder vorher datieren.)

Ausgangspunkt einer These von der paulinischen Verfälschung müsste sein, dass man deutliche Unterschiede zwischen dem, was man von Jesus wissen oder vermuten kann, und dem, was man von Paulus wissen oder vermuten kann, feststellt. Vergleichen wir daher mal die Quellen, die wir von Paulus haben, d. h. die ihm zugeschriebenen Briefe, mit denen, in denen Aussagen Jesu wiedergegeben werden, d. h. den Evangelien (keine vollständige Auflistung!).

Hier eine kleine Tabelle.

ThemaJesusPaulus
Erlösung durch den Kreuzestod, AuferstehungJesus kündigt in den synoptischen Evangelien dreifach Sein Leiden, Seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung an (Mt 16,21-26; Mt 17,22f.; Mt 20,17-19; Lk 9,22f.; Lk 9,43-45; Lk 18,31-34; Mk 8,31-34; Mk 9,30-32; Mk 10,32-34).

An anderen Stellen macht Er auch den Zweck dieses Leidens deutlich (z. B. Mt 20,28: „Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“; Joh 3,14-17: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“)

Sein Leiden ist beabsichtigt: „Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.“ (Joh 10,17f.)

Er sagt, dass durch Sein Leiden die Schrift erfüllt wird, z. B. in Mt 26,53-56 und Lk 24,25-27.45-47.

Die Evangelisten widmen der Kreuzigung und Auferstehung alle mehrere Kapitel.
Paulus spricht sehr oft vom Kreuz, der Erlösung, der Auferstehung – z. B. in 1 Kor 1,18-2,16, 1 Kor 15, Röm 4,24f., Röm 5-6, 2 Kor 5,14-21, Gal 1,1-5, Eph 2, 1 Thess 1,10. Da gibt es so wunderschöne Stellen wie etwa Kol 2,13-15: „Ihr wart tot infolge eurer Sünden und euer Fleisch war unbeschnitten; Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben. Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat. Die Fürsten und Gewalten hat er entwaffnet und öffentlich zur Schau gestellt; durch Christus hat Gott über sie triumphiert.“ Oder 1 Thess 9f.: „Denn Gott hat uns nicht für das Gericht seines Zorns bestimmt, sondern dafür, dass wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, die Rettung erlangen. Er ist für uns gestorben, damit wir vereint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schlafen.“
Jesus als Sohn Gottes, selbst Gott, eins mit Gott dem Vater und dem Heiligen GeistJesus sagt:

Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ (Joh 8,58) Man beachte hier: Nicht „war ich“, sondern „bin ich“. Das ewige zeitlose Sein ist nicht nur das Wesen Gottes, sondern „Ich bin“ ist auch die Bedeutung des Gottesnamens Jahwe.

„Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30)

„Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand erkennt, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand erkennt, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Lk 10,22)

„Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.“ (Mt 28,18)

Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“(Johannes 16,28)

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. […] Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!“ (Joh 14,6-7.9-11)

Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war! […] Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. […] Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!“ (Johannes 17,5.10-11)

Er antwortet laut Matthäus auf die Frage des Hohenpriesters, ob er der Christus, der Sohn Gottes ist: „Du hast es gesagt“ (Mt 26,64) Bei Markus sagt er „Ich bin es“ (Mk 14,62), bei Lukas „Ihr sagt es – ich bin es“ (Lk 22,70).

Er beansprucht z. B. in Mk 2,2-12 und Mt 9,6 die Vollmacht, Sünden zu vergeben (bzw. dann später diese Macht an andere als Seine Stellvertreter, die Apostel, weiterzugeben (Joh 20,22f.)), also etwas, das Gott allein zukommt.

Für sich selbst beansprucht Er Sündenlosigkeit: „Wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen?“ (Joh 8,46)

Man nehme außerdem die Reaktionen der Menschen auf Ihn: „Und es geschah, als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ (Mt 7,28f.)

Thomas sagt nach Seiner Auferstehung zu Ihm: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28)

Bei der Verklärung Jesu (Mt 17,5; Mk 9,2-8; Lk 9,35) und bei Seiner Taufe (Mt 3,17; Mk 1,11; Lk 3,22) nennt Gott selbst Ihn Seinen geliebten/auserwählten Sohn.

Selbst ein Römer bezeugt das: „Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Mk 15,39)

Ebenso Johannes der Täufer: „Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.“ (Joh 1,34)

Der Johannesprolog (Joh 1,1-18) macht den Glauben an die Göttlichkeit Jesu sehr deutlich: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. […] Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,1.18)

Er ließ es bei vielen Gelegenheiten zu, dass man Ihn „Herr“ nannte, s. z. B. Mt 8,2f.
Paulus schreibt u. a. folgendes über Jesus:

„Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,6-11)

„Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Er ist vor aller Schöpfung und in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.“ (Kol 1,12-20)

„Dadurch sollen sie getröstet werden, verbunden in der Liebe, um die tiefe und reiche Einsicht zu erlangen und das Geheimnis Gottes zu erkennen, das Christus ist. In ihm sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen.“ (Kol 2,2f.)

„Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Durch ihn seid auch ihr davon erfüllt; denn er ist das Haupt aller Mächte und Gewalten.“ (Kol 2,9f.)

„Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit“ (1 Tim 2,5f.)
Gottes- und NächstenliebeJesus macht deutlich, dass alle Gebote aus dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe resultieren und die Liebe das Höchste ist in Mt 22,34-40; Mk 12,28-34; Joh 13,34f.; Joh 15,12-17 (vgl. auch die Goldene Regel in Mt 7,12).Paulus macht deutlich, dass alle Gebote aus dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe resultieren und die Liebe das Höchste ist in Röm 13,8-10, 1 Kor 13, Kol 3,14, 1 Thess 4,9f.
Ehescheidung und EhelosigkeitJesus verurteilt die Ehescheidung mit Wiederheirat und rät zur Ehelosigkeit für die, die es fassen können, in Mt 19. (Vgl. zu Jesus und der Ehescheidung auch noch Mk 10,1-12; Lk 16,18; Mt 5,31f.)Paulus verurteilt die Ehescheidung und rät zur Ehelosigkeit für die, die es fassen können, in 1 Kor 7.
Staat, SteuernJesus fordert zum Gehorsam gegenüber den staatlichen Autoritäten und insbesondere zum Zahlen der Steuern auf in Mt 22,15-22; Mk 12,13-17; Lk 20,20-26.Paulus fordert zum Gehorsam gegenüber den staatlichen Autoritäten und insbesondere zum Zahlen der Steuern auf in Röm 13,1-7.
SexualmoralJesus vertritt eine strenge Sexualmoral; auch schmutzige Gedanken beurteilt er als Sünde. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5,27f.)

Er lehnt nicht nur Ehebruch ab, sondern auch „Unzucht“ ganz allgemein; in einer Aufzählung der Sünden nennt Er beides getrennt: „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Lästerungen.“ (Mt 15,19) Vgl. auch die Parallelstelle in Mk 7,21f.: „Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft.“
Paulus sieht die Unzucht (außerehelichen Sex) als Sünde gegen den eigenen Körper, der ein Tempel Gottes sein soll. „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1 Kor 6,13-20)

Er zählt „Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung“ zu den Werken des Fleisches (Gal 5,19). Er sieht sie als schwere Sünden, die vom Himmel ausschließen: „Von Unzucht aber und Unreinheit jeder Art oder von Habgier soll bei euch, wie es sich für Heilige gehört, nicht einmal die Rede sein. Auch Sittenlosigkeit und albernes oder zweideutiges Geschwätz schicken sich nicht für euch, sondern vielmehr Dankbarkeit. Denn das sollt ihr wissen: Kein unzüchtiger, schamloser oder habgieriger Mensch – das heißt kein Götzendiener – erhält ein Erbteil im Reich Christi und Gottes.“ (Eph 5,3-5)

Er schreibt: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung – dass ihr die Unzucht meidet, dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ (1 Thess 4,3-5)
Wiederkunft ChristiJesus spricht vom Weltgericht und Seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten z. B. in Mt 24-25 (und in mehreren Gleichnissen in den vorangehenden Kapiteln); Mk 13; Lk 21; Lk 17,22-36; Mt 13,40-43; Lk 12,35-48.Paulus spricht von der Wiederkunft Christi z. B. in 1 Thess 4,13-5,9; 2 Thess 1,6-10; 2 Thess 2,1-12; 1 Tim 6,14-16; 2 Tim 4,1.
HölleJesus warnt vor der Hölle, dem Ort, an dem „Heulen und Zähneknirschen“ herrscht, z. B. in Mt 8,12; Mt 13,41-42.49-50; Mt 22,13; Mt 24,51; Mt 25,30; Mt 5,29f.; Mk 9,42-48; Lk 13,22-30; Lk 14,24. Er beschreibt die Hölle auch im Gleichnis von Lazarus und dem Reichen in Lk 16,19-31.Paulus warnt vor der Hölle z. B. in 2 Thess 1,5-10; Gal 5,21; Gal 6,8; Eph 5,5f.
KircheJesus gibt schon vor Seiner Kreuzigung und Auferstehung Seinen Jüngern Anweisungen für den Aufbau Seiner Kirche.

Zu Petrus sagt Er: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,18f.)

Zu allen 12 Aposteln sagt Er: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 18,15-18)

Zu den 72 Jüngern sagt Er: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.“ (Lk 10,16)

Nach Seiner Auferstehung gibt Er den 12 die Vollmacht zur Sündenvergebung an Seiner Stelle: „Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Joh 20,21-23)
Paulus nennt die Kirche „Säule und Fundament der Wahrheit“ (1 Tim 3,15).

Er spricht über die Einsetzung, Aufgaben und Eignung von Bischöfen und Diakonen z. B. in 1 Tim 3,1-13; 1 Tim 4,14; 1 Tim 5,17-22; 2 Tim 1,6; Tit 1,5-9.
Rechtfertigungslehre; Gnade, Glaube, WerkeJesus spricht von der Wichtigkeit des Glaubens z. B. in Joh 3,17f.: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.“ oder Mk 16,15f: „Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.“, oder auch in Mt 8,10 und Mt 9,22. In Joh 6,47 sagt Er: „Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben.“ Außerdem sagt Er: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ (Joh 11,25f.)

Er preist oft den Glauben derer, denen Er hilft (z. B. in Mk 5,34; Lk 7,9; Lk 17,19) und sagt zu Seinen Jüngern „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort! und er wird wegrücken.“ (Mt 17,20)

Er betont außerdem aber sehr oft, dass jeder nach seinen Werken gerichtet wird; z. B. in Mt 7,21-23: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten gewirkt? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Gesetzlosen!“

Oder auch Mt 16,27: „Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und dann wird er jedem nach seinen Taten vergelten.“

In Mt 19,17 sagt Er: „Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote!“

In Mt 25 wird das Heil als davon abhängig dargestellt, ob man etwas für „einen meiner geringsten Brüder getan“ (Mt 25,40) hat oder nicht.

Vgl. auch Lk 10,25-28: „Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!“

In Joh 5,29 sagt Jesus: „Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, werden zum Gericht auferstehen.“
Paulus spricht von der Notwendigkeit von Gottes Gnade und dem Glauben z. B. in Röm 3-6, Röm 10,8-13, Gal 2-3, Eph 2,8, Phil 3,9, Tit 3,5; 2 Tim 1,9f. („Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Taten, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde; jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart.“)

Über den allgemeinen Heilswillen Gottes sagt er: „er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4) und „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ (Tit 2,11).

(Über die Kraft des Glaubens meint er: „Alles vermag ich durch den, der mich stärkt.“ (Phil 4,13))

Über die Notwendigkeit, den Glauben zu bewahren, sagt er: „Jetzt aber hat er euch durch den Tod seines sterblichen Leibes versöhnt, um euch heilig, untadelig und schuldlos vor sich hintreten zu lassen. Doch müsst ihr im Glauben bleiben, fest und in ihm verwurzelt, und ihr dürft euch nicht von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt, abbringen lassen.“ (Kol 1,22f.)

Von den Werken und der Möglichkeit, das Heil durch schwere Sünden zu verlieren, spricht er z. B. in 1 Kor 10,12 („Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt.“), 2 Kor 5,10 („Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.“), Gal 6,8f. („Denn wer auf sein eigenes Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten. Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist.“), 2 Tim 2,11f. („Wenn wir nämlich mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben; wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen; wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen.“)

Er stellt den Weg des Christen mehrfach als Kampf oder Wettkampf dar, der gewonnen werden will, vgl. Eph 6,10-18, 1 Tim 6,12, 2 Tim 4,7f. oder auch Phil 3,11-14: „So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“

Das Zusammenwirken von Gottes Gnade und den eigenen Bemühungen fasst er so zusammen: „Wirkt mit Furcht und Zittern euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt zu seinem Wohlgefallen.“ (Phil 2,12f.)

Über die verlorenen Seelen sagt er: „denn sie haben sich der Liebe zur Wahrheit verschlossen, durch die sie gerettet werden sollten“ (2 Thess 2,10)
Mosaisches Gesetz: Speisegebote, Sabbat etc.Jesus erklärt sich zum Herrn über den Sabbat (Mt 12,8; Mk 2,28; Lk 6,5) und heilt am Sabbat (s. z. B. Mt 12,9-14; Mk 3,1-6; Lk 6,6-11; Lk 13,10-17; Lk 14,1-6; Joh 9). Er sagt über die Speisegebote: „Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“ (Mt 15,11) An der Parallelstelle in Mk heißt es: „Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage! Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes. Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Versteht ihr nicht, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein.“ (Mk 7,14-19)Paulus erklärt, dass das Mosaische Gesetz nicht mehr gilt, z. B. in Gal 4 oder ausführlich im Römerbrief.
EucharistieDie Einsetzung der Eucharistie wird berichtet in Mt 26,26-29; Mk 14,22-25 und Lk 22,14-20. Außerdem spricht Jesus über die Eucharistie in Joh 6. Ein Ausschnitt: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6,51-58)Paulus schreibt über die Eucharistie in 1 Kor 10,16f. („Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“) und 1 Kor 11,23-29 („Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt.“)
TaufeJesus trägt seinen Jüngern auf, zu taufen: Mt 28,19f.; Mk 16,16.

Schon vorher taufen Seine Jünger: „Darauf kam Jesus mit seinen Jüngern nach Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte.“ (Joh 3,22) „Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes – allerdings taufte nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger – ; daraufhin verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.“ (Joh 4,1-3)
Paulus schreibt über die Taufe folgendes:

„Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. Ihr wart tot infolge eurer Sünden und euer Fleisch war unbeschnitten; Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben.“ (Kol 2,12f.)

„Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln. Wenn wir nämlich mit der Gestalt seines Todes verbunden wurden, dann werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein.“ (Röm 6,3-5)

„Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.“ (1 Kor 12,13)

Er erwähnt sie auch in Tit 3,5 (hier nennt er sie das „Bad der Wiedergeburt“).
Auferstehung der TotenJesus erklärt in Mt 22,23-33, Mk 12,18-27 und Lk 20,27-40 den Sadduzäern, dass es eine Auferstehung der Toten geben und wie sie aussehen wird.Paulus macht in 1 Kor 15 deutlich, dass es eine Auferstehung der Toten geben wird; auch in Phil 3,20f. und 1 Thess 4,13-18 erwähnt er sie.
MartyriumJesus kündigt seinen Jüngern das Martyrium an, z. B. in Mt 10 (Mt 10,17-18.21-22.28-33: „Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis. […] Der Bruder wird den Bruder dem Tod ausliefern und der Vater das Kind und Kinder werden sich gegen die Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet. […] Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“)

Vgl. auch Mk 8,34-38; Mk 13,9-13; Lk 12,1-12; Lk 21,12-19; Joh 15,18-25.

Außerdem Joh 16,2f.: „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten. Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.“
Paulus wurde zum Märtyrer. Er erwähnt auch in seinen Briefen die gegenwärtige Gefahr und die bereits von ihm erduldeten Leiden. „Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.“ (Röm 8,36) „Sie sind Diener Christi – jetzt rede ich ganz unvernünftig – , ich noch mehr: Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die vierzig Hiebe weniger einen; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, viele durchwachte Nächte, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Nacktheit.“ (2 Kor 11,23-27) Vgl. auch 2 Kor 4,7-18 und 2 Kor 6,4-10.

Er schrieb einige seiner Briefe aus dem Gefängnis, s. z. B. Phil 1,13-14 „Denn im ganzen Prätorium und bei allen Übrigen ist offenbar geworden, dass ich meine Fesseln um Christi willen trage, und die meisten der Brüder sind durch meine Gefangenschaft zuversichtlich geworden im Glauben an den Herrn und wagen umso kühner, das Wort furchtlos zu sagen.“

Auch seine Gemeinden hatten es nicht immer leicht: „Denn, Brüder und Schwestern, ihr seid dem Beispiel der Gemeinden Gottes in Judäa gefolgt, die in Christus Jesus sind. Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von den Juden.“ (1 Thess 2,14) Vgl. auch 2 Thess 1,4.
Nicht-christliche JudenJesus trauert darum, dass viele Juden Ihn nicht anerkennen z. B. in Lk 13,34f.; Lk 19,41f. und Mt 23,37f.Paulus trauert darum, dass viele Juden Jesus nicht anerkennen in Röm 9-11.
FeindesliebeJesus fordert zur Feindesliebe auf in Mt 5,38-48 und Lk 6,27-35.Paulus fordert zur Feindesliebe auf in Röm 12,14-21 und 1 Thess 5,15.
Gebet, weltliche Sorgen, innerer FriedeJesus betont die Wichtigkeit des vertrauensvollen Gebets z. B. in Mt 7,7-11; Mk 11,24; Lk 11,5-13; Lk 18,1-8; Joh 15,7; und sagt Seinen Anhängern, dass sie sich keine Sorgen um Weltliches zu machen brauchen, z. B. in Mt 6,19-34 und Lk 12,22-34. (Vgl. auch Lk 10,41f.: Die Geschichte von Maria und Marta.) Er verheißt ihnen Seinen Frieden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ (Joh 14,27)Paulus betont die Wichtigkeit des vertrauensvollen Gebets und sagt den Christen, dass sie sich keine Sorgen um Weltliches zu machen brauchen, z. B. in Phil 4,6 und 1 Thess 5,17. Die Christen werden inneren Frieden finden: „Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,7) „Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen.“ (Kol 3,15)
Weltlich kluge Menschen und das EvangeliumJesus sagt „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.“ (Mt 11,25) Vgl. auch Lk 10,21.Paulus schreibt: „Seht doch auf eure Berufung, Brüder und Schwestern! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.“ (1 Kor 1,26-29)
Falsche Propheten bzw. FalschlehrerJesus warnt vor falschen Propheten und Irrlehrern z. B. in Mt 24,24f.; Mk 13,6.22.Paulus warnt vor falschen Propheten und Irrlehrern z. B. in Gal 1,6-9; Kol 2,8-23; 1 Tim 1,3-7; 1 Tim 4,1-5; 1 Tim 6,3-10; Tit 1,10-16; Tit 3,9-11.
ReichtumJesus ermuntert den reichen Jüngling, der mehr tun will als nur die allgemeinen Gebote zu erfüllen, seinen Reichtum an die Armen zu verteilen und sagt, dass es Reiche schwer haben werden, in den Himmel zu kommen (Mt 19,16-26; Mk 10,17-28; Lk 18,18-27).

Er sagt „Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt.“ (Lk 12,15) und erzählt ein Gleichnis über einen reichen Mann, der nur an seinen irdischen Besitz denkt, aber plötzlich sterben muss (Lk 12,16-21).

Er mahnt Seine Jünger: „Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst!“ (Lk 12,33)

Er sagt außerdem „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. […] Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen.“ (Lk 6,20.24).

Über den richtigen Umgang mit Geld sagt Er: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben? Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Lk 16,10-13)

Vgl. auch das Gleichnis von Lazarus und dem Reichen in Lk 16,19-31.

Dann wäre da die Geschichte mit dem korrupten Zöllner Zachäus, bei dem Er einkehrt und der sich dann bekehrt, und zwar nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet, aber viele Almosen gibt und Unrecht wiedergutmacht: „Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lk 19,8-10)
Paulus ermahnt Reiche dazu, freigiebig zu sein und ihren Reichtum zu teilen und sich nicht darauf zu verlassen, sondern auf Gott (1 Tim 6,17-19: „Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen! Sie sollen wohltätig sein, reich werden an guten Werken, freigebig sein und, was sie haben, mit anderen teilen. So sammeln sie sich einen Schatz als sichere Grundlage für die Zukunft, um das wahre Leben zu erlangen.“).

Er stellt die Habgier an mehreren Stellen als schwere Sünde dar und vergleicht sie auch mit Götzendienst, s. z. B. Eph 5,3.5: „Von Unzucht aber und Unreinheit jeder Art oder von Habgier soll bei euch, wie es sich für Heilige gehört, nicht einmal die Rede sein. […] Denn das sollt ihr wissen: Kein unzüchtiger, schamloser oder habgieriger Mensch – das heißt kein Götzendiener – erhält ein Erbteil im Reich Christi und Gottes.“
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Rekonstruktion des Gesichts Jesu nach dem Turiner Grabtuch. Gemeinfrei.

Manche sehen einen Unterschied bei der Rechtfertigungslehre. Wenn man z. B. die Aussagen „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten gewirkt? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Gesetzlosen!“ (Mt 7,21-23; man beachte: „ihr Gesetzlosen“) und „denn wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus – und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden. […] Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“ (Röm 10,9.13) einander gegenüberstellt, wirken sie erst einmal widersprüchlich.

Aber oben in der Tabelle wurde schon deutlich, dass Jesus und Paulus eben beide den Glauben und die Werke betonen. Sie sagen auch beide, dass die Erlösung etwas ist, das von Gott kommt, ohne die Sühne durch den Kreuzestod Jesu wäre nichts gegangen. Zuerst kommt die Gnade Gottes, die in den Menschen wirkt und sie ruft; dann sollen sie darauf antworten. Erstens, wenn sie von Jesus erfahren – also wirklich merken, wer und wie Er ist, nicht nur Seinen Namen irgendwann mal gehört haben -, mit dem Glauben an Ihn; wer Ihn dann bewusst ablehnt, lehnt Gott ab. Aber es gehören auch Werke dazu, der Mensch muss sich auch praktisch bewähren. Ohne Werke ist der Glaube tot.

Die zitierten Stellen meinen einfach folgendes: Wer glaubt, der wird gerettet werden, aber es muss ein wirklicher Glaube sein, aus dem auch Werke folgen; ein Pseudoglaube, ein toter Glaube, nützt nichts.

Es gibt sicher Einzelfragen, über die Jesus spricht und Paulus nicht; oder über die Paulus spricht und Jesus nicht (z. B. die Götzenopferfleischfrage, die irgendwann in den christlichen Gemeinden aufkam; vgl. Röm 14). Das sind aber eher konkrete, praktische Randfragen. Wenn Paulus über Spendensammlungen oder seine Reisepläne spricht: Was ist daran aufsehenerregend? In den Evangelien kommt manches vor, über das Paulus nicht ausführlich spricht, einfach weil die Evangelien auch Ereignisse berichten, nicht nur Jesu Lehre weitergeben: Da wären die vielen Stellen, an denen Heilungen, Totenerweckungen und Dämonenaustreibungen berichtet werden, die Taufe und Verklärung Jesu, die Tempelreinigung, die Hinrichtung von Johannes dem Täufer, die Segnung der Kinder usw. usf. Paulus wiederholt das alles in seinen Briefen nicht; dazu hat er auch keinen Anlass.

Manche Leute konstruieren andere Unterschiede, die nicht da sind. Z. B. ging Jesus während Seines irdischen Lebens nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 10,6), aber nach Seiner Auferstehung sandte Er Seine Jünger ausdrücklich zu allen Völkern, also den Heiden (s. z. B. Mt 28,19: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“, oder Mk 16,15: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“; vgl. auch Lk 24,47), um deren Missionierung sich Paulus so verdient machte. Das jesuanische Christentum war keine rein auf Juden begrenzte Religion und schloss sehr wohl auch die Heiden ein, genau wie das paulinische.

Ist Paulus irgendwie „politisch nützlicher“? Oben wurde demonstriert, dass Jesus und Paulus beide gleich gehorsam bzw. ungehorsam gegenüber dem Staat waren: Man gehorcht an sich und zahlt seine Steuern, erkennt die Autorität des Staates als legitim an, aber wenn der Staat etwas verlangt, das Sünde ist, ist man bereit, sich für seine Überzeugungen umbringen zu lassen.

Was ist mit dem Thema Sklaverei? Paulus erwähnt es an mehreren Stellen: Er zählt Sklavenhändler zu den Gottlosen (1 Tim 1,10), fand nichts daran, Sklavenbesitzer in die Kirche aufzunehmen, lehrte, dass Sklaven ihren Herren gehorchen und Herren ihre Sklaven gerecht behandeln sollen, da es vor Gott kein Ansehen der Person gebe (vgl. Eph 6,5-9), die Freilassung von Sklaven behandelt er als gutes Werk (Phlm), aber verlangt sie nicht kategorisch von jedem, der Christ werden will. Das entspricht ziemlich genau der Position, die die Kirche in ihrer Geschichte eingenommen hat: Die (gewaltsame) Versklavung von Menschen wird scharf verurteilt; der Sklavenhandel sehr stark kritisiert und man will ihn einschränken oder ganz abschaffen; die Sklaverei als bereits bestehender Zustand wird nicht als ideal gesehen und Sklaven werden als Menschen mit gewissen Grundrechten gesehen, die freilich in ihrer Arbeit nicht frei sind, aber eben z. B. nicht straflos getötet oder vergewaltigt werden dürfen und das Recht haben, eine Familie zu gründen; Sklavenbesitzer werden an sich nicht aus der Kirche ausgeschlossen, aber die Freilassung von Sklaven als gutes Werk gesehen; gewaltsame Sklavenaufstände begrüßt man definitiv nicht, aber sonstige Maßnahmen zur Abschaffung oder Linderung der Sklaverei absolut, wobei gerade einige frühe Theologen in der Antike die Sklaverei eher noch als eine nicht zu ändernde Folge des Sündenfalls sahen; im Hoch- und Spätmittelalter und der Neuzeit stellte sich die Kirche in der Praxis stärker dagegen als noch in Antike und Frühmittelalter. Und diese ganze Position (von dem abgesehen, dass manche sich anfangs keine generelle Abschaffung der Sklaverei vorstellen konnten) hat nun mal ihre guten Gründe. (Mehr zu Bibel und Kirche und der Sklaverei hier; außerdem ein (wahrscheinlich oberflächlicher und unvollständiger; es ist Wikipedia) Überblick über Maßnahmen gegen die Sklaverei im Lauf der Geschichte, die v. a. ab dem Mittelalter getroffen wurden, hier.)

Aber wir waren bei Paulus und Jesus: Und hier gibt es keinen Widerspruch, denn Jesus sagt schlicht gar nichts zum Thema Sklaverei. Er benutzt sie vielleicht mal bei einem Vergleich in seinen Gleichnissen, aber das ist keine Aussage über die Sklaverei. In seinen überlieferten Aussagen findet man weder eine Billigung noch eine Verurteilung. Er war kein Sklavenbesitzer wie Propheten aus anderen Religionen (z. B. Mohammed), und er rief zu keiner Sklavenrevolte auf.

Was ist mit dem Umgang mit Frauen? Paulus schreibt, dass Ehefrauen sich ihren Männern unterordnen sollen, s. Eph 5,21-33: „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Furcht Christi! Ihr Frauen euren Männern wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort! So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Indessen sollt auch ihr, jeder Einzelne, seine Frau lieben wie sich selbst, die Frau aber ehre ihren Mann.“ Vgl. dazu auch Kol 3,18f., Tit 2,3-5. In 1 Kor 11 sagt Paulus, dass der Mann das Haupt der Frau ist und in 1 Kor 14,33-35, dass die Frauen in der Versammlung, d. h. beim Gottesdienst, schweigen sollen. In 1 Tim 2,11-14 schreibt er: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“ (Zur Frage, wie diese Stellen zu verstehen sind, hier.)

Jesus hatte Frauen unter seinen Anhängern, die Er auch schätzte, von denen einige unter Seinem Kreuz standen oder später zu Seinem Grab gingen. Er wählte allerdings keine Frau in den Zwölferkreis. Über Gehorsam in der Ehe sagt er schlicht und einfach nichts. Das einzige, was über Jesu Verhalten zu Familienstrukturen generell gesagt wird, ist, dass Er als Kind Seinen Eltern gehorsam war (Lk 2,51).

Mit anderen Worten: Am ehesten kann man einen Widerspruch in der Rechtfertigungslehre deklarieren, aber auch dazu muss man einige Stellen ignorieren; Jesus und Paulus lassen sich auch hier gut vereinen. Eine gewisse Plausibilität hätte es auch noch, zu sagen „Aber Jesus hätte feministischer als Paulus sein können, was die Beteiligung der Frauen in den Gemeinden und ihre Stellung in der Ehe angeht“, aber das ist eben Spekulation; Jesus widerspricht Paulus‘ Sicht nirgends. Ansonsten kommt man nicht umhin, eine sehr deutliche Übereinstimmung zuzugeben.

Mit anderen Worten: Die ganze Theorie ist Wunschdenken.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 4: Die Dreifaltigkeitslehre

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Von den frühchristlichen Schriftstellern selbst werden oft herangezogen: Joh 1, Joh 14, Joh 16, als Hinweise aus dem AT Spr 8,22-31, Gen 1,26, Gen 19,24, Ps 45,7, Ps 33,6, Ps 110,1, in Bezug auf den hl. Geist Apg 2. Außerdem gäbe es z. B. Mt 28,19f.

Hier seien kurz ein paar wichtige Punkte der katholischen Dreifaltigkeitslehre zusammengefasst: Gott ist ein Wesen in drei Personen; alle bestehen von Ewigkeit her. Der Sohn ist gezeugt, nicht geschaffen, vom Vater; der Heilige Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor. Es handelt sich um ewige Abhängigkeiten, ewige Hervorgänge, wie ein Arm am Körper hängt, ohne dass der Körper jemals ohne den Arm existiert hat. Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott, der Heilige Geist ist Gott; es ist nur ein Gott. Die Personen sind real unterschieden, nicht nur verschiedene Bezeichnungen für den einen Gott; trotzdem ist nur ein Gott, nicht drei Götter; Gott ist in sich Gemeinschaft, und Er ist vollkommen einfach und ungeteilt. Alle Vergleiche, die man dafür heranziehen kann, sind immer unvollständig und irgendwo falsch.


(Schaubild. Gemeinfrei.)

In den Anfangszeiten der Kirche findet man das noch stärker, was man heute auch findet: Der Heilige Geist wird gerne mal etwas vernachlässigt (trotzdem finden sich auch ein paar Stellen über Ihn); die meisten hier gesammelten Stellen befassen sich deswegen nur mit dem Verhältnis von Gott Sohn zu Gott Vater. Viele gehen von Joh 1 aus, wo Jesus als das „Wort“ / die „Vernunft“ / die „Weisheit“ (griechisch Logos) des Vaters bezeichnet wird, und zitieren auch Hinweise aus dem AT, wie etwa Spr 8,22-31.

Die Dreifaltigkeitslehre, die v. a. auf den großen Konzilien des 4., 5., 6. Jahrhunderts ausformuliert und geklärt wurde, ist hier noch etwas verschwommener und weniger genau in Worte gefasst, aber implizit findet sich derselbe Glaube und manchmal findet man ihn auch in denselben Worten ausgedrückt. Eine gewisse Unklarheit besteht allerdings bei der Frage, ob Gott der Sohn genauso ewig wie der Vater ist oder nicht; hier finden sich beide Meinungen, manche Autoren scheinen sich dessen auch nicht ganz im klaren zu sein. Daher jetzt ein paar Stellen.

Athenagoras beschreibt Gott, den Sohn, und die Dreifaltigkeit folgendermaßen; er macht auch klar, dass der Sohn keinen Anfang in der Zeit hatte:

„Denn nach unserer Lehre existiert ein Gott und ein Sohn, sein Wort, und ein Heiliger Geist, die hinsichtlich der Macht ein einziges Wesen sind, der Vater, der Sohn, der Geist; denn der Sohn ist des Vaters Verstand, Wort, Weisheit und der Geist ist Ausfluß wie Licht von Feuer“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24)

„Daß wir also keine Atheisten sind, ist von mir hinlänglich dargetan. Denn jener eine ist unser Gott, der da ungeworden und ewig ist, unsichtbar, unwandelbar, unbegreiflich, unfaßbar, nur mit Verstand und Vernunft erkennbar, von Licht und Schönheit, von Geist und Kraft in unaussprechlich hohem Grade umgeben, von dem durch sein Wort das All geschaffen und geordnet ist und regiert wird. Indes kennen wir auch einen Sohn Gottes. Halte es ja niemand für lächerlich, daß Gott einen Sohn habe! Denn unsere Gedanken über Gott Vater und Sohn weichen gar sehr von den Mythen der Dichter ab, die die Götter nicht im mindesten besser sein lassen als die Menschen; der Sohn Gottes ist das Wort (Logos) des Vaters als vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft; denn nach ihm und durch ihn ist alles gemacht; Vater und Sohn sind eins. Da der Sohn im Vater und der Vater im Sohne ist durch die Einheit und Kraft des Geistes, so ist der Sohn Gottes der Gedanke (Nus) und das Wort (Logos) des Vaters. Sollte Euch aber bei Eurer überlegenen Einsicht die Frage belieben, was der Ausdruck Sohn bedeutet, so will ich Euch in Kürze folgendes antworten: Er ist dem Vater das Erst-Erzeugte, nicht als ob er geworden wäre; denn von jeher hatte Gott als ewiger Gedanke selbst das Wort in sich, da er nie ohne das Wort ist; sondern der Sohn ist hervorgegangen, um für alles Körperliche, das anfangs noch als qualitätslose Naturmasse ohne alles Leben existierte, wobei die dichteren Teile noch mit den leichteren vermischt waren, vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft zu sein. Hiermit stimmt auch der prophetische Geist überein: ‚Der Herr‘, sagt er, ‚hat mich erzeugt im Anfang seiner Wege für seine Werke‘1). Indes ist nach unserer Lehre auch der Heilige Geist, welcher sich in den Propheten wirksam erweist, ein Ausfluß Gottes, ausfließend und zurückkehrend wie ein Sonnenstrahl. Wer sollte sich da noch auskennen, wenn er Leute, die einen Gott Vater und einen Gott Sohn und einen Heiligen Geist bekennen und nachweisen, daß dieselben mächtig sind in der Einigung und verschieden in der Ordnung, als Atheisten verschreien hört?“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 10)

„Wir hingegen, die wir uns darüber klar geworden sind, daß das Erdenleben nur weniges und geringes wert ist, die wir uns einzig von der Erkenntnis des wahren Gottes und seines Wortes leiten lassen (nämlich von der Erkenntnis, welches die Einheit des Sohnes mit dem Vater, welches die Gemeinschaft des Vaters mit dem Sohne ist, was der Geist ist, was die Einigung solcher Größen und der Unterschied der Geeinigten ist, nämlich des Geistes, des Sohnes und des Vaters)“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 12)

Botticelli, Pala della Convertite.jpg
(Dreifaltigkeit, Botticelli. Gemeinfrei.)

Bei Irenäus finden sich einige sehr schöne und klare Stellen zum Verhältnis von Gott Sohn und Gott Vater:

„Wenn aber jemand uns fragen sollte: Wie ist also der Sohn vom Vater hervorgebracht? dann antworten wir ihm: Seine Emanation oder Geburt oder Aussprechung oder Eröffnung oder, wie immer man seine unaussprechliche Geburt nennen möge, weiß niemand, weder Markion, noch Valentinus, noch Saturninus, noch Basilides, noch die Engel oder Erzengel oder Fürsten und Herrschaften, sondern nur der Vater, der hervorbrachte, und der Sohn, der gezeugt wurde. Da also seine Geburt unaussprechlich ist, so übernehmen die, welche sich bemühen, seine Geburt und Hervorbringung zu beschreiben, sich selbst, indem sie versprechen, das Unaussprechliche auszusprechen.“ (Ireäus, Gegen die Häresien II,28,6)

Irenäus nennt den Sohn und den Geist Gottes „Wort“ und „Weisheit“, die zu Ihm selbst gehören, und sagt klar, dass der Sohn gleich ewig mit dem Vater ist:

Sondern nur einer ist Gott und Schöpfer, er, der über alle Hoheit und Macht und Herrschaft und Kraft erhaben ist; er ist der Vater, er der Gott, er der Schöpfer, der Urheber, der Bildner, der durch sich selbst, d. h. durch sein Wort und durch seine Weisheit, Himmel und Erde und Meere und alles, was in ihnen ist, gemacht hat. Er ist der Gerechte und Gute, der den Menschen gebildet hat, der das Paradies gepflanzt hat, der die Welt erschaffen und die Sintflut gesandt hat, der den Noe gerettet hat. Er ist der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, der Gott der Lebenden, den das Gesetz verkündet, die Propheten verheißen, Christus offenbart, die Apostel predigen, die Kirche bekennt. Er ist durch sein Wort, welches sein Sohn ist, der Vater unsers Herrn Jesus Christus, durch ihn offenbart und zeigt er sich allen, denen er sich offenbart, denn es erkennen ihn die, denen der Sohn es offenbart hat. Indem aber der Sohn gleich ewig mit dem Vater ist, offenbart er immer und von Anbeginn den Vater den Engeln und den Erzengeln und den Mächten und Kräften und allen, denen Gott es offenbaren will.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,30,9)

Weder der Herr, noch der Heilige Geist, noch die Apostel hätten den, der nicht Gott war, jemals Gott ohne Vorbehalt und Einschränkung genannt, wenn er nicht Gott in Wahrheit wäre, noch hätten sie ihrerseits jemand als Herrn bezeichnet außer dem allerhöchsten Gott Vater und seinem Sohn, der die Herrschaft über die ganze Schöpfung von seinem Vater empfing, wie geschrieben steht: ‚Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße‘1 . D. h. der Vater sprach mit dem Sohne und gab ihm zum Erbe die Heiden und unterwarf ihm alle seine Feinde. Da nun der Vater Herr ist und der Sohn in Wahrheit Herr, so bezeichnet der Heilige Geist mit Recht beide als Herren. Und wenn die Schrift wiederum bei der Zerstörung Sodomas sagt: ‚Und es regnete der Herr über Sodoma und Gomorrha Feuer und Schwefel von dem Herrn des Himmels‘2 , so bezeichnet sie hier ebenfalls den Sohn, der mit Abraham gesprochen hat und von dem Vater die Gewalt empfangen hatte, die Sodomiter wegen ihrer Gottlosigkeit zu bestrafen. Ähnlich heißt es: ‚Dein Thron, o Gott, steht in Ewigkeit. Ein Szepter der Gerechtigkeit ist das Szepter Deines Reiches. Du liebtest die Gerechtigkeit und haßtest das Unrecht, deshalb hat Dich, o Herr, Dein Gott gesalbt‘3 . Beide nämlich bezeichnete der Heilige Geist als Gott, den Sohn, der gesalbt wird, und den Vater, der salbt. […]

Kein anderer also, wie gesagt, heißt Gott oder wird Herr genannt als jener allerhöchste Gott und Herr, der auch zu Moses sprach: ‚Ich bin, der ich bin. Sage also den Söhnen Israels: Der, welcher ist, hat mich zu euch gesandt‘1 . Sein Sohn ist Jesus Christus, unser Herr, der die zu Söhnen Gottes macht, die an seinen Namen glauben. Und abermals spricht der Sohn zu Moses, wenn es heißt: ‚Ich bin herabgestiegen, dieses Volk zu erretten‘2 . Denn er ist es, der herabstieg und hinaufstieg, die Menschen zu erlösen. Durch den Sohn also, der im Vater ist und in sich den Vater hat, der da ist, hat sich Gott geoffenbart, indem der Vater für den Sohn Zeugnis ablegt und der Sohn den Vater verkündigt. In diesem Sinne spricht Isaias: ‚Und ich bin Zeuge, spricht Gott der Herr, und der Sohn, den ich erwählt habe, damit ihr erkennet und glaubet und einsehet, daß ich es bin‘3 .“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,6,1-2)

„Denn daß überhaupt keiner aus den Söhnen Adams schlechthin Gott genannt oder Herr geheißen wird, das haben wir aus den Schriften nachgewiesen. Alle aber, die nur ein wenig um die Wahrheit sich kümmern, können sehen, daß er allein von allen Menschen, die jemals gewesen sind, im eigentlichen Sinne als Gott und Herr und ewiger König und Eingeborener und fleischgewordenes Wort von allen Propheten und Aposteln und dem Geiste selber bekannt wird. Dies Zeugnis über ihn würden die Schriften nicht ausstellen, wenn er ähnlich wie alle ein bloßer Mensch gewesen wäre. Beide göttlichen Schriften bezeugen aber seine vor allem einzige glorreiche Geburt aus dem ewigen Vater und ebenso seine glorreiche Geburt aus der Jungfrau, und daß er als Mensch ohne Schönheit6 sein und leiden werde, daß er sitzen werde auf dem Füllen der Eselin7 , daß er mit Essig getränkt werden8 ;
und im Volke verspottet werden würde9 und in den Tod hinabsteigen, und daß er zugleich der heilige Herr und wunderbare Ratgeber10 und schön von Gestalt und der starke Geist sein werde, über den Wolken kommend als erster Richter des Weltalls11 , dies alles haben von ihm die Schriften verkündet.

Wie er nämlich Mensch war, um versucht zu werden, so war er auch das Wort, um verherrlicht zu werden. Das Wort ruhte, damit er versucht, verunehrt, gekreuzigt werden und sterben konnte; es tat sich aber mit dem Menschen zusammen, damit er siegen, ausharren, sich liebreich erweisen, auferstehen und in den Himmel auffahren konnte. Dieser Sohn Gottes also ist unser Herr und das Wort des Vaters und der Sohn des Menschen. Denn insofern er aus Maria, die von Menschen abstammte und daher selbst ein Mensch war, sein Dasein empfing, ist er der Sohn des Menschen geworden. Deswegen gab auch der Herr selbst uns das Zeichen in der Tiefe und in der Höhe oben1 , das der Mensch nicht verlangt hatte, weil er gar nicht hoffte, daß eine Jungfrau, die wirklich Jungfrau war, schwanger werden und einen Sohn gebären könne. Und dieser ihr Sohn war der ‚Gott mit uns‘, stieg herunter auf die Erde2 und suchte das verlorene Schaf3 , das doch sein eigenes Geschöpf war, und stieg hinauf in die Höhe, um seinem Vater den Menschen, den er gefunden hatte, anzubieten und zu empfehlen, und stand selber als erster von den Toten auf, damit, wie das Haupt, so auch der ganze übrige Leib des Menschen, der das Leben empfangen hatte, nach der für seinen Ungehorsam festgesetzten Zeit der Verdammnis auferstehe, durch die innigste Verbindung erstarkend und gekräftigt4 durch das Zutun Gottes, indem jedes Glied seinen eigenen und passenden Platz am Körper hat. Denn viele Wohnungen sind bei dem Vater5 , wie auch viele Glieder am Körper.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,19,2-3)

„Ihm hatte der Vater alles unterworfen, und von allen empfing er das Zeugnis, daß er wahrer Mensch und wahrer Gott ist, vom Vater, von dem Geiste, von den Engeln, von dem Schöpfer selbst, von den Menschen, von den abtrünnigen Geistern, von den Dämonen, von dem Feinde und zuletzt selbst von dem Tode. So wirkt der Sohn von Anfang bis zum Ende für den Vater, und ohne ihn kann niemand Gott erkennen. Die Kenntnis des Vaters ist der Sohn, und der Sohn wird erkannt im Vater und durch den Sohn offenbart. Deswegen sprach der Herr: ‚Niemand erkennt den Sohn als der Vater, noch den Vater als der Sohn und wem immer der Sohn es offenbart haben wird.‘ […] Denn von Anfang an steht der Sohn seinem Geschöpfe bei, offenbart den Vater allen, denen er will, und der Vater offenbart, wann er will, und wie er will, und deswegen ist in allem und bei allem ein Gott Vater, ein Wort der Sohn, und ein Geist und ein Heil für alle, die an ihn glauben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,7)

„In seiner Größe also können wir Gott nicht erkennen, denn unmöglich ist es, den Vater zu messen. In seiner Liebe aber, die uns durch das Wort zu Gott hinführt, werden wir, wenn wir ihm gehorchen, immer besser verstehen, daß Gott so groß ist und durch sich selbst alles beschlossen, erwählt und ausgeschmückt hat und alles umfängt. Somit auch diese Welt hienieden. […] Auch bedurfte Gott keiner solchen Hilfe, um das zu machen, was er bei sich beschlossen hatte, gleich als ob er selbst keine Hände hätte. Denn immer ist bei ihm das Wort und die Weisheit, der Sohn und der Geist, durch die und in denen er alles aus freiem Willen und Entschluß geschaffen hat. Zu ihnen spricht er auch: ‚Laßt uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis‘2 , indem er aus sich selbst die Substanz der Geschöpfe und ihre Idee und ihre schöne reale Gestalt hernahm.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,1)

„Hierher wurden von Gott im Hl. Geist die Propheten gesandt. Sie mahnten das Volk und wandten es zum allmächtigen Gott ihrer Väter zurück. In ihnen erstanden die Herolde der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, des Sohnes Gottes. Denn sie zeigten an, daß sein Leib aus dem Geschlechte Davids sprossen werde, damit er dem Fleische nach in langer Stammfolge ein Sohn Davids sei, welcher ein Sohn Abrahams gewesen war, dem Geiste nach aber der Sohn Gottes, der aus dem Vater hervorgegangen war, gezeugt vor der Schöpfung der ganzen Welt.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 30)

„Gott alles zu glauben ist Pflicht und geziemend. Denn Gott ist wahr in allem, auch darin, daß es einen Sohn Gottes gibt und daß derselbe nicht nur existierte, bevor er in der Welt erschien, sondern auch schon, bevor die Welt wurde.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 43)

Also ist Herr der Vater und Herr der Sohn, und Gott der Vater und Gott der Sohn; denn wer von Gott erzeugt ist, ist Gott. Und in dieser Weise wird nach Dasein und Kraft seines Wesens ein Gott erwiesen, nach dem Vorgange und der Vollführung unserer Erlösung aber Sohn und Vater. Denn da der Vater für alles Gewordene unsichtbar und unnahbar ist, so bedurfte es für diejenigen, welche [künftig] zu Gott gelangen sollten, der Hinführung zur Unterwerfung vor dem Vater durch den Sohn1 . Deutlich spricht in hellerem Glanze auch David so von Vater und Sohn: ‚Dein Thron, o Gott, ist und bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du liebst die Gerechtigkeit und hassest das Unrecht. Deshalb hat dich Gott gesalbt mit dem Öle der Freude mehr als deine Genossen‘2 . Denn weil der Sohn Gott ist, empfängt er vom Vater den Thron des ewigen Reiches und das Salböl mehr als seine Genossen. Das Öl der Salbung aber ist der Geist. Mit ihm ist er gesalbt. Seine Genossen aber sind die Propheten, die Gerechten, die Apostel und alle, welche teilnehmen an seinem Reiche, d. h. seine Jünger.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 47)

Über den Heiligen Geist schreibt Irenäus:

„Diesen Geist erbat David für das menschliche Geschlecht, indem er sprach: ‚Und mit Deinem Urgeiste befestige mich!‘1 Daß dieser nach der Himmelfahrt des Herrn auf die Jünger am Pfingstfeste herabgestiegen sei2 und allen Völkern den Eintritt zum Leben eröffnete und das Neue Testament erschloß, berichtet Lukas. Deshalb lobpriesen sie auch in dem Zusammenwehen aller Sprachen Gott, indem der Geist die auseinanderwohnenden Stämme zur Einheit zurückführte und die Erstlinge aller Völker dem Vater darbot. Deshalb versprach der Herr auch, den Tröster zu senden3 , der uns an Gott anpassen sollte. Wie nämlich aus dem trockenen Weizen ein Teig nicht werden kann ohne Feuchtigkeit, noch ein Brot, so konnten wir viele nicht eins werden in Christo Jesu ohne das Wasser, das vom Himmel kommt. Und wie die trockene Erde, wenn sie keine Feuchtigkeit empfängt, auch keine Frucht bringt, so würden auch wir, die wir von Haus aus trockenes Holz sind, niemals das Leben ohne den ‚Gnadenregen‘4 von oben als Frucht bringen. Denn unsere Leiber haben durch jenes Bad, das zur Unvergänglichkeit dient, die Einheit empfangen, unsere Seelen aber durch den Geist. Daher ist auch beides nötig, da beides hinführt zum Leben in Gott. Erbarmte sich doch der Herr über jenes ehrvergessene samaritanische Weib, das bei einem Manne nicht blieb, sondern mit vielen herumbuhlte, und zeigte und versprach ihr das lebendige Wasser, damit sie fürder nicht dürste und trachte nach Anfeuchtung mit dem Mühewasser, wenn sie in sich habe den Trank, der da quillt zum ewigen Leben5 . Dieses Geschenk, das der Herr von seinem Vater empfing, gab er auch denen, die an ihm Anteil haben, indem er auf die gesamte Erde den Heiligen Geist sandte.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,17,2)

„Und daß das Wort, d. h. der Sohn, immer bei dem Vater war, haben wir vielfach dargetan. Daß aber auch die Weisheit, d. h. der Geist, bei ihm vor aller Schöpfung war, sagt er durch Salomon: ‚Gott hat durch die Weisheit die Erde gegründet, den Himmel bereitet durch die Klugheit. Durch seinen Geist brachen die Abgründe hervor und die Wolken träufelten Tau‘1 .Und wiederum; ‚Der Herr schuf mich am Anfang seiner Wege zu seinen Werken, vor der Ewigkeit gründete er mich, im Anfang, bevor er die Erde machte, bevor er die Abgründe festlegte, und bevor die Wasserquellen hervorgingen und die Berge befestigt wurden, vor allen Hügeln erzeugte er mich‘2 . Und wiederum: ‚Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm, und als er die festen Quellen des Abgrundes machte, als er die starken Fundamente der Erde legte, war ich bei ihm helfend. Ich war es, mit dem er sich freute, täglich aber freute ich mich vor seinem Angesichte zu jeder Zeit, als er sich freute über die Vollendung des Erdkreises, und er ergötzte sich unter den Menschenkindern‘3 .“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,3)

Er schreibt über die Dreifaltigkeitslehre:

„Denn der Name Christus bedeutet den, der salbt, und der gesalbt worden ist, und die Salbung selbst, in der er gesalbt wurde. Es salbte aber der Vater, gesalbt wurde der Sohn in dem Geiste, der die Salbung ist, gemäß dem Worte des Isaias, der da spricht: ‚Der Geist des Herrn ist über mir, deswegen hat er mich gesalbt‘10 . Damit weist er hin auf den Vater, der salbt, den Sohn, der gesalbt wurde und den Geist, welcher die Salbung ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,3)

„Denn Gott vermag alles. Ehemals wurde er im Geiste prophetisch geschaut, dann durch den Sohn, wie es angenommenen Kindern zukommt, schließlich wird er gesehen werden im Himmelreiche als Vater. Denn der Geist bereitet den Menschen vor im Sohne Gottes, der Sohn führt ihn hin zum Vater, der Vater aber schenkt ihm Unverweslichkeit zum ewigen Leben, das jedem deswegen zuteil wird, weil er Gott schaut. Denn wie die, welche das Licht schauen, in dem Lichte sind und an seinem Glanze teilnehmen, so sind die, welche Gott schauen, in Gott und haben teil an seiner Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit aber macht sie lebendig, denn das Leben empfangen, die Gott schauen. Und auf diese Weise macht sich der Unfaßbare und Unbegreifbare und Unsichtbare sichtbar, begreifbar und faßbar für die Gläubigen, damit er lebendig macht, die ihn durch den Glauben fassen und schauen. Denn wie seine Größe unerforschbar ist, so ist seine Güte unaussprechbar, durch die er sich sehen läßt und Leben verleiht denen, die ihn sehen. Denn zu leben ohne das Leben ist unmöglich; die Subsistenz des Lebens aber kommt her von der Teilnahme an Gott. An Gott aber teilnehmen, heißt ihn schauen und seine Güter genießen. […]

Einige nämlich von ihnen [den Propheten] sahen den prophetischen Geist [=Heiligen Geist] und seine Wirkungen, die sich in die verschiedenen Charismen ergossen. Andere die Ankunft des Herrn und sein Walten von Anbeginn, durch welches er den Willen des Vaters im Himmel und auf Erden vollzog. Andere wieder die Herrlichkeit des Vaters, wie sie den Zeiten angepaßt war und den Menschen, die sie sahen und hörten und fortan hören sollten. So also offenbarte sich Gott. Denn in all diesem offenbart sich der Vater, indem der Geist wirkt, der Sohn dient, der Vater bestätigt, der Mensch aber zum Heile vollendet wird.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,5-6)

Der Vater nämlich, der die Schöpfung und sein Wort trägt, und das Wort, das vom Vater getragen wird, gibt den Geist allen, wie der Vater es will: dem einen, das nur erschaffen ist, daß es existiert, dem andern, das aus Gott geboren ist, daß es angenommen wird an Kindesstatt. So ergibt sich ein Gott Vater, der über alles und durch alles und in allem ist. Über allem nämlich ist der Vater, und er selbst ist das Haupt Christi; durch alles ist das Wort, und dies ist das Haupt der Kirche; in uns allen aber ist der Geist, und dieser ist ‚das lebendige Wasser‘1 , das der Herr ‚allen gibt, die an ihn recht glauben‘2 und ihn lieben und wissen, daß ‚ein Vater, der da ist über allem und durch alles und in uns allen‘3 . Hierfür zeugt auch Johannes, der Schüler des Herrn, der in seinem Evangelium also spricht: ‚Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dies war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist nichts gemacht worden‘4 . […] Denn der wahre Weltenschöpfer ist das Wort Gottes, d. h. unser Herr, der in den letzten Zeiten Mensch geworden ist. Obwohl er in der Welt ist, umfaßt er unsichtbarer Weise alles, was gemacht ist, und ist eng verbunden mit der gesamten Schöpfung, da das Wort Gottes alles leitet und ordnet, und deshalb kam er sichtbarer Weise und wurde Fleisch und hing am Holze, um alles in sich zu rekapitulieren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,18,2-3)

„Der Sachverhalt, der sich ergibt, ist also folgender: [Es ist] Ein Gott, der ungewordene Vater, unsichtbar, Schöpfer von allem; kein anderer Gott steht über ihm, noch ist ein anderer Gott unter ihm. Gott ist ein vernünftiges Wesen und hat deswegen das Gewordene durch das [Vernunft-] Wort erschaffen. Auch ist Gott Geist und hat somit alles durch den Geist geordnet, wie der Prophet sagt: ‚Durch das Wort des Herrn sind die Himmelsfesten geschaffen worden1 , und durch seinen Geist all ihre Kraft‘2 . Da also das Wort schafft d. h.3 die Körper wirkt und dem Hervorgegangenen Bestand verleiht, während der Geist die Kräfte in ihrer Verschiedenheit ordnet und gestaltet, so wird mit Recht4 das Wort der Sohn, Geist aber die Weisheit Gottes genannt. Auch der Apostel desselben, Paulus, sagt darüber passend: ‚Ein Gott, der als Vater über allen ist und der mit allen und in uns allen ist‘5 . Denn über allen ist er als Vater; mit allen ist er als Wort, da durch dasselbe alles vom Vater ins Werden trat, in uns allen jedoch ist er als Geist, der da ruft: ‚Abba, Vater‘6 und den Menschen zum Ebenbild Gottes gestaltet. Nun zeigt der Geist das Wort und deswegen verkündeten die Propheten den Sohn Gottes, während das Wort den Geist wehen macht, und deshalb ist er selbst der Sprecher der Propheten und führt den Menschen zum Vater zurück.

Und das ist die rechte Ordnung unseres Glaubens, die Grundlage des Gebäudes und die Sicherung des Weges: Gott der Vater, ungeworden, unendlich, unsichtbar, ein Gott Schöpfer des Alls. Das zunächst ist das erste Hauptstück unseres Glaubens. Das zweite Hauptstück sodann ist das Wort Gottes, der Sohn Gottes, Christus Jesus unser Herr, welcher den Propheten erschienen ist gemäß der Gestalt ihrer Weissagungen1 und nach den Bestimmungen der Vorsehung des Vaters, er, durch den alles geworden ist. Derselbe wurde auch am Ende der Zeiten Mensch unter den Menschen, um alles vollkommen zu vollenden; er wurde sichtbar und körperlich, um den Tod zu besiegen und das Leben zu zeigen2 und Gemeinschaft und Frieden zwischen Gott und den Menschen zu bewirken. Das dritte Hauptstück dann ist der Hl. Geist, durch den die Propheten weissagten, und die Väter die göttlichen Dinge lernten, die Gerechten vorangingen auf dem Weg der Gerechtigkeit, und der in der Fülle der Zeiten aufs neue über die Menschheit ausgegossen ward auf der ganzen Erde, die Menschen für Gott neu zu schaffen.

Deshalb wird bei unserer Wiedergeburt die Taufe durch diese drei Stücke vollzogen, indem der Vater uns zur Wiedergeburt begnadigt durch seinen Sohn im Hl. Geiste. Denn diejenigen, welche den Hl. Geist empfangen und in sich tragen, werden zum Worte, d. h. zum Sohne geführt. Der Sohn hinwieder führt sie zum Vater und der Vater macht sie der Unvergänglichkeit teilhaft. Also kann man ohne den Geist das Wort Gottes nicht sehen und ohne den Sohn kann niemand zum Vater kommen1 . Denn das Wissen des Vaters ist der Sohn. Das Wissen vom Sohne Gottes aber [erlangt man] durch den Hl. Geist; den Geist aber gibt nach dem Wohlgefallen des Vaters der Sohn als Spender an diejenigen, welche der Vater will und wie er es will.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 5-7)

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(Die Dreifaltigkeit in einer mittelalterlichen Buchmalerei. Gemeinfrei.)

Auch bei Justin dem Märtyrer finden sich mehrere Stellen über das Verhältnis von Gott Sohn zu Gott Vater. Manche Stellen könnten so verstanden werden, als hätte die Existenz des Sohnes (des Logos) irgendwann begonnen und es habe eine Zeit gegeben, in der Er noch nicht war; andererseits sagt Justin auch, dass der Logos bereits „vor aller Schöpfung in ihm [Gott Vater] war“.

„Es ist aber der Logos die erste Kraft nach Gott, dem Vater des All, und sein Sohn; auf welche Weise er Fleisch geworden und als Mensch geboren worden ist, werden wir im folgenden zeigen.“ (Justin, 1. Apologie 32)

„Der Vater des Alls hat, weil ungezeugt, keinen ihm beigelegten Namen. Denn wenn jemand einen Namen erhält, so ist der Namengeber älter als er. Vater, Gott, Schöpfer, Herr und Gebieter sind keine Namen, sondern nur Titel, die von seinen Wohltaten und Werken hergenommen sind1. Sein Sohn aber, der allein im eigentlichen Sinne sein Sohn heißt2, der Logos, der vor aller Schöpfung in ihm war und der gezeugt wurde, als er im Anfange alles durch ihn schuf und ordnete3, wird Christus genannt, weil er gesalbt wurde und Gott durch ihn alles ordnete, ein Name, der ebenfalls einen unerkennbaren Begriff umschließt, sowie auch die Bezeichnung ‚Gott‘ kein Name, sondern nur eine der Menschennatur angeborene Vorstellung eines unerklärbaren Wesens ist. ‚Jesus‘ aber hat Namen und Begriff eines Menschen und Erlösers. Denn, wie wir schon gesagt haben (I 23), er ist Mensch geworden, nach dem Willen Gottes des Vaters zur Welt gekommen für die gläubigen Menschen und zum Sturze der Dämonen, wie ihr noch jetzt aus dem ersehen könnt, was vor euren Augen geschieht. Haben doch viele von den Unsrigen, nämlich von den Christen, eine ganze Menge von Besessenen in der ganzen Welt und auch in eurer Hauptstadt, die von allen anderen Beschwörern, Zauberern und Kräutermischern nicht geheilt worden waren, durch Beschwörung im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, geheilt und heilen sie noch, indem sie die Dämonen, welche die Menschen festhalten, außer Kraft setzen und vertreiben4.“ (Justin, 2. Apologie 5)

Im Alten Testament habe der Sohn, nicht der Vater, zu Mose und den Propheten gesprochen:

„Die Juden lehren alle heute noch, der namenlose Gott habe zu Moses geredet. Darum hat der prophetische Geist durch den früher erwähnten Propheten Isaias scheltend, wie oben gesagt (c. 37), zu ihnen gesprochen: ‚Ein Ochs kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat mich nicht erkannt und mein Volk mich nicht begriffen‘1. Und auch Jesus Christus hat, als die Juden nicht erkannten, was Vater und was Sohn sei, gleichfalls scheltend zu ihnen gesagt: ‚Niemand kennt den Vater als der Sohn und niemand den Sohn als der Vater und wem der Sohn es geoffenbart hat‘2. Gottes Logos aber ist sein Sohn, wie wir früher gesagt haben (c. 21-23). Auch Engel [Bote] und Gesandter wird er genannt; denn er verkündet, was zu wissen nottut, und wird gesandt, um alles zu melden, was von Gott geoffenbart wird, wie denn unser Herr auch selbst sagte: ‚Wer mich hört, der hört den, der mich gesandt hat‘3. Und das wird auch aus den Schriften des Moses erhellen, in denen folgendes gesagt ist: ‚Es sprach zu Moses ein Engel Gottes in einer Feuerflamme aus dem Dornbusche und erklärte: Ich bin der Seiende, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, der Gott deiner Väter. Geh hinab nach Ägypten und führe mein Volk heraus‘4. Was folgt, könnt ihr, wenn ihr wollt, aus jenen Schriften erfahren; denn es ist nicht möglich, hier alles anzuführen, Aber diese Worte dienen zum Beweise, daß Jesus Christus Gottes Sohn und Gesandter ist, der zuerst Logos war und bald in Feuersgestalt, bald ohne körperliche Gestalt5, jetzt aber, nach Gottes Willen für das Menschengeschlecht Mensch geworden, alle die Leiden auf sich genommen hat, die ihm auf Anstiften der Dämonen die verblendeten Juden angetan haben. […] Die Juden glauben, immer habe der Vater des Alls mit Moses gesprochen, während doch der Sohn Gottes, der auch sein Bote und Gesandter heißt, mit ihm sprach; mit Recht wird ihnen daher sowohl durch den prophetischen Geist [so bezeichnet Justin den Hl. Geist] als auch durch Christus selbst der Vorwurf gemacht, daß sie weder den Vater noch den Sohn erkannt haben. Denn die den Sohn zum Vater machen, laden den Vorwurf auf sich, daß sie weder den Vater kennen noch wissen, daß der Vater des Alls einen Sohn hat, der als Gottes Logos und Erstgeborener auch Gott ist. Früher ist dieser in Feuersgestalt und auch unkörperlich dem Moses und den übrigen Propheten erschienen; jetzt aber in den Zeiten eurer Herrschaft ist er, wie wir früher gesagt haben (c. 46), nach des Vaters Willen zum Heile seiner Gläubigen durch eine Jungfrau Mensch geworden und hat Verachtung und Leiden auf sich genommen, um durch sein Sterben und Auferstehen den Tod zu besiegen.“ (Justin, 1. Apologie 63)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon geht Justin genauer auf das Thema ein. An einer Stelle argumentiert er, dass klar erwiesen ist, dass Jesus der Messias ist, und Er dann auch Gottes Sohn sein muss (da Er das selbst behauptet hat und als Messias kein Lügner oder im Irrtum sein kann):

„Tryphon entgegnete: ‚[…] Deine Behauptung, der genannte Christus sei als Gott von Ewigkeit, habe aber dann sich herbeigelassen, Mensch zu werden und geboren zu werden, und er sei nicht Mensch von Menschen, scheint mir nicht nur unfaßbar, sondern geradezu töricht zu sein.‘

Ich erwiderte daraufhin: ‚Ich weiß es, daß die Lehre widersinnig zu sein scheint, vor allem eurem Volke; denn nicht die Anordnungen Gottes, sondern, wie Gott selbst laut verkündet2, die Anordnungen eurer Lehrer habt ihr stets zu verstehen und zu beobachten gewünscht. Fürwahr, Tryphon‘, sagte ich, ‚es bleibt nunmehr dabei, daß Jesus der Christus Gottes ist3, wenn ich auch nicht beweisen könnte, daß er, der Sohn des Weltschöpfers, als Gott präexistierte, und daß er durch die Jungfrau geboren und Mensch geworden ist. Da der Beweis ganz und gar gegeben ist, daß Jesus der Christus Gottes ist, wer immer er auch sein mag, so darf doch, wenn ich nicht beweisen würde, daß er präexistierte, und daß er gemäß dem Willen des Vaters gleich uns als Mensch in leidender, fleischlicher Natur geboren werden wollte, nur in diesem Punkte mir ein Irrtum nachgesagt werden. Aber nicht recht ist es, zu leugnen, daß Jesus der Christus ist, wenn es auch scheinen möchte, daß er als Mensch von Menschen geboren wurde, und wenn auch dargetan würde, daß er zum Christus (erst) erwählt wurde. Es gibt nämlich, meine Freunde‘, sagte ich, ‚unter eurem Volke Leute, welche zwar zugeben, daß Jesus der Christus ist, aber behaupten, er sei ein Mensch von Menschen gewesen. Ihre Ansicht teile ich nicht. Auch dürften die wenigsten meiner Gesinnungsgenossen so behaupten; denn eben Christus hat uns befohlen, nicht menschlichen Lehren zu folgen, sondern der Predigt der seligen Propheten und der Lehre Christi selbst.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 48)

„Nun will ich versuchen, euch zu überzeugen von meiner Behauptung, es stehe unter dem Weltschöpfer noch ein anderer Gott und Herr, von ihm werde auch Erwähnung getan, und er werde Engel genannt, weil er den Menschen verkünde, was der Weltschöpfer, über dem kein anderer Gott steht, denselben verkünden will.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 56,4)

„‚Meine Freunde!‘ fuhr ich fort, ’noch ein anderes Zeugnis will ich euch aus der Schrift geben: Vor allen Geschöpfen als Anfang hat Gott aus sich eine vernünftige Kraft1 erzeugt, welche vom Heiligen Geiste auch Herrlichkeit des Herrn2, ein andermal Sohn3, dann Weisheit4, bald Engel, bald Gott, bald Herr und Logos5 genannt wird, und welche sich selbst als ersten Feldherrn6 bezeichnet, da sie in Gestalt eines Menschen Josua, dem Sohne des Nave, erschien. Alle Attribute kommen derselben nämlich zu, weil sie dem väterlichen Willen dient, und weil sie aus dem Vater durch das Wollen erzeugt worden ist.

Doch sehen wir denn nicht ähnliche Vorgänge auch bei uns? Wenn wir nämlich ein Wort (λόγος) aussprechen, erzeugen wir ein Wort, ohne damit etwas zu verlieren, ohne daß also die Vernunft (λόγος) in uns weniger wird. So sehen wir auch, daß ein Feuer, wenn an ihm ein anderes entsteht, nicht deshalb, weil an ihm etwas entzündet worden ist, verringert wird, daß es vielmehr ein und dasselbe bleibt; das an ihm entzündete Feuer erscheint jenem gleich, und doch hat es jenes nicht verringert, an dem es entzündet wurde7.

Zeuge soll mir sein das Wort der Weisheit, welches selbst Gott ist, vom Vater des Weltalls erzeugt, welches Logos, Weisheit, Kraft und Herrlichkeit des Erzeugers ist. Durch Salomo sprach er die Worte8 : ‚Wenn ich euch das verkündet habe, was täglich geschieht, will ich daran denken, von dem Ewigen zu erzählen. Der Herr erschuf9 mich als Anfang seiner Wege für seine Werke. Vor der Zeit, im Anbeginn, ehe er die Welt erschuf und die Abgründe erschuf, ehe die Wasserquellen hervorbrachen und die Berge aufgestellt wurden, hat er mich gesetzt; vor allen Hügeln erzeugt er mich. Gott hat gemacht das Land, die unbewohnten Gegenden und die bewohnten Höhen unter dem Himmel. Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm; als er seinen Thron über den Winden errichtete, als er die oberen Wolken festigte und die Quellen der Tiefe ausglich, als er die Festigkeit gab dem Fundament der Erde, war ich bei ihm, um zu ordnen. Ich war es, mit dem er sich freute. Täglich freute ich mich zu jeder Zeit vor ihm, da er sich freute über die Vollendung des Erdkreises und sich freute an den Menschenkindern. Nun, mein Sohn, höre jetzt auf mich! Selig der Mann, der auf mich hören wird, und der Mensch, der meine Wege einhalten wird, der täglich vor meinen Toren wacht und an den Pfosten meiner Eingänge acht hat; denn meine Ausgänge sind Ausgänge des Lebens. Bereitet ist ihm Wohlgefallen beim Herrn. Wer dagegen wider mich sündigt, verfehlt sich gegen seine Seele, und wer mich haßt, liebt den Tod.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 61)

„Daß die erwähnte Kraft, welche von dem prophetischen Worte – wie oft gezeigt worden ist – Gott und Engel genannt wird, nicht gleich dem Sonnenlichte nur dem Namen nach (für sich) besteht, sondern tatsächlich für sich existiert, habe ich im vorhergehenden3 kurz auseinandergesetzt, da ich erklärte, diese Kraft sei vom Vater durch dessen Macht und Willen erzeugt worden, nicht jedoch sei sie abgetrennt worden, so daß das Wesen des Vaters geteilt worden wäre gleich allem andern, das dann, wenn es geteilt und getrennt wird, nicht dasselbe ist wie vor der Trennung. Auch hatte ich das Beispiel angeführt; wenn wir auch sehen, daß die Feuer, welche an einem andern entzündet wurden, eigene Feuer sind, so wird doch jenes Feuer, an welchem viele entzündet werden können, keineswegs weniger, es bleibt im Gegenteil dasselbe.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 128,4)

Auch bei Theophilus von Antiochia gibt es einige interessante Stellen. Bei der Auslegung der Schöpfungsgeschichte erwähnt Theophilus den Begriff „Dreieinigkeit“:

„Auf dieselbe Weise sind auch die drei Tage, welche der Schöpfung der Lichter vorangingen, ein Sinnbild der Dreieinigkeit: Gottes, seines Wortes und seiner Weisheit. Das vierte Sinnbild ist das des Menschen1, der des Lichtes bedarf, so daß nun da sind: Gott, sein Wort, seine Weisheit, der Mensch. Deswegen wurden auch am vierten Tage die Lichtgestirne erschaffen.“ (Theophilus, An Autolykus II,15)

„Und zwar lehrten sie uns erstens in voller Übereinstimmung, daß Gott das Weltall aus dem Nichts erschaffen. Denn nichts existierte neben Gott, sondern er selbst war sein Raum, war sich selbst vollkommen genug und war da vor allen Zeiten. Er wollte aber den Menschen schaffen, um von ihm erkannt zu werden; für diesen also bereitete er die Welt zu. Denn der Gewordene ist vieler Dinge bedürftig, der Ewige aber ist bedürfnislos. Es zeugte also Gott mit seiner Weisheit sein Wort, das er in seinem eigenen Innern beschlossen trug1, indem er es vor allen Dingen aus sich hervortreten ließ. Dieses Wort nun gebrauchte er als Mittel aller seiner Schöpfungen und erschuf alles durch dasselbe2. Dies Wort heißt ‚der Anfang‘, weil es das Prinzip und der Herr aller Dinge ist, die durch dasselbe sind geschaffen worden. Dies Wort also, das da ist der Geist Gottes3, das Prinzip (aller Dinge), die Weisheit und Kraft des Allerhöchsten, war es, das auf die Propheten herabkam und durch sie die Offenbarungen über die Erschaffung der Welt und die übrigen Dinge redete. Denn die Propheten waren noch nicht, als die Welt entstand, aber die Weisheit Gottes, die in ihm ist, und das hl. Wort Gottes, das ewig bei ihm wohnt, waren schon4. Eben aus diesem Grunde spricht es auch durch den Propheten Salomon: ‚Als er den Himmel zubereitete, war ich bei ihm, und als er den Grund der Erde fest machte, war ich bei ihm und ordnete mit‘5.“ (Theophilus, An Autolykus II,10)

„Du wirst mir nun einwerfen: ‚Du behauptest, es gehe nicht an, daß Gott im Raume eingeschlossen (gedacht) werde; und wie kannst du jetzt sagen, daß er im Paradiese umherwandelte?‘ Höre, was ich erwidere! Gott, der Vater aller Wesen, ist unbegrenzbar und befindet sich in keinem Raum; denn ‚es gibt keine Stätte seiner Ruhe‘1. Sein Wort aber, durch welches er alles gemacht hat, das da ist seine Kraft und seine Weisheit, übernahm die Stelle des Vaters und Herrn aller Dinge, und dieses ist es, das an der Stelle Gottes im Paradiese erschien und mit Adam redete. Denn auch die Hl. Schrift belehrt uns, daß Adam sagte, er habedie Stimme gehört. Was ist aber die Stimme anderes als das Wort Gottes, welches auch sein Sohn ist? nicht auf die Weise, wie die Dichter und Mythographen die Söhne der Götter erzeugt werden lassen, durch fleischliche Vermischung, sondern so, wie die Wahrheit das Wort darstellt, als ewig im Herzen Gottes beschlossen2. Denn bevor irgend etwas erschaffen wurde, hatte er dieses zum Ratgeber, da es sein eigener Gedanke und seine Weisheit ist. Als aber Gott die Dinge alle, die er zu erschaffen beschlossen hatte, erschaffen wollte, da erzeugte er dieses Wort als ausgesprochenes, den Erstgeborenen jeglicher Kreatur, nicht, daß er dieses Wortes verlustig wurde, sondern so, daß er es zeugte und in Ewigkeit mit seinem Worte beisammenblieb. Darauf fußt auch die Lehre der hl. Schriften und der mit dem Geist Gottes erfüllten Männer, von denen einer, Johannes, sagt: ‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott‘3, womit er ausspricht, daß im Anfang nur Gott und das Wort in ihm da war. Hierauf sagt er: ‚Und Gott war das Wort; alles ist durch ihn gemacht‘. Das Wort ist also Gott und von Gott gezeugt. Und dies Wort schickt der Vater des Alls, wenn er will, nach irgendeinem Platze im Raum, und vom Vater geschickt erscheint es dort, wird gesehen und gehört und befindet sich so im Raume.“ (Theophilus, An Autolykus II,22)

Tatian schreibt folgendes; er schreibt dem Logos offenbar einen zeitlichen Anfang zu:

„Gott war im Anfang; der Anfang aber ist nach unserer Überlieferung die Kraft des Logos (des ‚Wortes‘)1. Der Herr aller Dinge, der zugleich die Hypostase (der Urgrund) des Alls ist2, war nämlich zu der Zeit, da es noch keine Schöpfung gab, allerdings allein: insofern aber jegliche Kraft alles Sichtbaren und Unsichtbaren bei ihm war, bestanden eben auch alle Dinge schon bei ihm vermöge der Kraft des Logos3. Erst durch einen Willensakt Gottes, dessen Wesen einfach ist, trat der Logos hervor, aber nicht zwecklos ging er von ihm aus und ward des Vaters erstgeborenes Werk4: wir wissen, daß er der Anfang der Welt ist. Seine Geburt erfolgte durch Teilung, nicht durch Abtrennung; denn was man abschneidet, ist von dem Ersten, zu dem es gehörte, für immer geschieden, das aber, was man teilt, wird nur wie in einer Hauswirtschaft da und dorthin gegeben, ohne denjenigen ärmer zu machen, von dem es genommen ist. Wie nämlich von einer Fackel viele Feuer entzündet werden, das Licht der ersten Fackel aber durch das Anzünden vieler anderer Fackeln nicht vermindert wird, so hat auch das Wort, indem es aus der Kraft des Vaters hervorging, seinen Erzeuger nicht des Wortes beraubt. Denn auch ich rede und ihr hört und doch wohl werde ich, der Redende, indem mein Wort zu euch übergeht, keineswegs des Wortes beraubt, sondern indem ich meine Stimme von mir gebe, ist es mein Vorsatz, die ungeordnete Materie in euch zu ordnen. Und wie der im Anfang gezeugte Logos seinerseits unsere Welt sich selber erzeugt hat, indem er die Materie bildete, so verbessere auch ich, der ich zur Nachahmung des Logos wiedergeboren und zur Aufnahme der Wahrheit geschaffen bin, die Unordnung der mitgeborenen Materie5. Denn nicht anfangslos ist die Materie wie Gott, noch hat sie etwa ihrer Anfangslosigkeit wegen gottgleiche Macht; sie ist vielmehr geschaffen worden und von keinem anderen geschaffen, als allein von dem Schöpfer aller Dinge.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 5)

Interessant zum Vergleich mit dem, was von vielen christlichen Autoren über Jesus, den Logos, geschrieben wird, ist die Vorstellung des jüdischen Philosophen Philo von Alexandria (gest. vermutlich zwischen 40 und 50 n. Chr.) vom „Logos“, einer Kraft oder einem Mittlerwesen Gottes.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3c: Biographische Einzelheiten und heute fehlende Quellen und Überlieferungen über Jesus

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich: Evangelien.

 

Die Christen des 2. Jahrhunderts waren Jesus offensichtlich näher als wir; daher ist es durchaus interessant zu wissen, auf welche Quellen sie sich beriefen oder welche Infos sie beiläufig erwähnen, die wir heute nicht mehr haben. Wer in diesem Artikel schädigende und sensationelle Enthüllungen erhofft, ist allerdings fehl am Platz.*

 

Justin der Märtyrer, der um 150 schreibt, erwähnt heute nicht mehr vorhandene Gerichtsakten des Pilatus; ob er sie selbst gesehen hatte oder nur wusste oder davon ausging, dass sie existierten, bleibt allerdings unklar:

„Daß das so geschehen ist [die Kreuzigung], könnt ihr aus den unter Pontius Pilatus angefertigten Akten ersehen.“ (Justin, 1. Apologie 35)

„Daß ferner unser Christus alle Krankheiten heilen und Tote erwecken werde, das entnehmet folgenden Worten: ‚Bei seinem Erscheinen wird springen der Lahme wie ein Hirsch und deutlich wird reden die Zunge des Stummen. Blinde werden sehen, Aussätzige rein werden, Tote auferstehen und umhergehen‘1. Daß er das wirklich getan hat, könnt ihr aus den unter Pontius Pilatus aufgenommenen Akten ersehen.“ (Justin, 1. Apologie 48)

(Christus vor Pilatus, Mihály von Munkácsy. Gemeinfrei.)

Ebenso erwähnt er Zensuslisten zur Volkszählung bei Jesu Geburt:

„Höret nun, wie Michäas, ein anderer Prophet, seinen Geburtsort vorhergesagt hat. Er sagte nämlich1: ‚Und du Bethlehem im Lande Juda bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird ein Führer hervorgehen, der mein Volk weiden wird.‘ Es ist das eine Ortschaft im jüdischen Lande, 35 Stadien von Jerusalem entfernt, in der Jesus Christus geboren wurde, wie ihr auch aus den Zensuslisten ersehen könnt, die unter Quirinius, eurem ersten Landpfleger in Judäa2 , angefertigt worden sind.“ (Justin, 1. Apologie 34)

 

Eusebius von Cäsarea, der um 300 in seiner Kirchengeschichte auch über die beiden teilweise abweichenden Stammbäume Jesu in den Evangelien schreibt, erwähnt einen Bericht von Julius Africanus aus dem 2. Jahrhundert, der sich für eine Erklärung dafür auf Verwandte Jesu und den Brauch der Schwagerehe berief:

„Da Matthäus1 und Lukas2 uns auf verschiedene Weise in ihren Evangelien das Geschlechtsregister Christi überliefert haben und da die meisten glauben, daß sich dieselben widersprechen und alle Gläubigen sich in Unkenntnis der Wahrheit abmühen, eine Erklärung der Stellen ausfindig zu machen, darum teilen wir einen hierüber auf uns gekommenen Bericht mit, welchen der etwas weiter oben von uns erwähnte Afrikanus bezüglich der Übereinstimmung der evangelischen Geschlechtsregister in einem Briefe an Aristides gegeben hat und worin er die Anschauungen der anderen als gezwungen und unrichtig dartut. Die Erklärung, welche er selbst übernommen hat, gibt er also wieder:3

‚Die Aufzählung der Namen in den Stammtafeln war in Israel entweder physisch oder gesetzlich; physisch war sie, wenn der leibliche Sohn folgte, gesetzlich, wenn ein Fremder an Kindes Statt angenommen wurde auf den Namen des ohne Kinder gestorbenen Bruders. Da nämlich die Hoffnung auf die Auferstehung noch nicht klar war, so suchte man einen Ersatz für die künftige, verheißene Auferstehung in der sterblichen Auferstehung,4 damit der Name des Hingeschiedenen nicht ausgetilgt würde. Da nun von den in unseren Geschlechtsregistern genannten Personen die einen als leibliche Kinder den Vätern folgten, während die anderen nach Männern benannt wurden, von denen sie nicht erzeugt worden waren, so sind die aufgezählten Männer zum Teil Väter der Natur nach, zum Teil Väter der Form nach. Weil nun die Evangelien im einen Falle die natürliche Zeugung berücksichtigten, im anderen Falle eine gesetzliche Gewohnheit, so irrt sich keines der beiden. Die von Salomon und die von Nathan abstammenden Geschlechter wurden durch die Neubelebungen5 der Kinderlosen bzw. die zweiten Ehen sowie durch die natürliche Zeugung6 so sehr miteinander verkettet, daß man mit Recht behaupten kann die gleichen Personen stammen zugleich von verschiedener Seite ab, nämlich von Vätern, die es dem Scheine nach sind, und von solchen, die es in Wirklichkeit sind. Die beiden Berichte sind also vollständig richtig; wenn auch unter verschiedenen Verschlingungen, führen sie doch wahrheitsgemäß zu Joseph.

Damit das Gesagte verständlich wird, will ich die Verkettungen der Familien erklären. Zählt man die Glieder von David über Salomon, dann ist das drittletzte Matthan; denn dieser erzeugte Jakob, den Vater Josephs. Zählt man aber wie Lukas von Davids Sohn Nathan ab, dann ist das drittletzte Melchi; denn Joseph war der Sohn des Heli, des Sohnes des Melchi.7 Mit Bezug auf Joseph müssen wir nun zeigen, inwiefern sowohl Jakob in der auf Salomon zurückführenden Linie wie Heli in der auf Nathan zurückgehenden Linie als Josephs Vater erklärt wird, inwiefern beide, nämlich Jakob und Heli, Brüder waren und inwiefern deren Väter, nämlich Matthan und Melchi, obwohl sie verschiedenen Geschlechtern angehören, als Großväter Josephs bezeichnet werden, Matthan und Melchi heirateten einer nach dem anderen dasselbe Weib, und ihre Söhne wurden Brüder als Kinder der gleichen Mutter; denn das Gesetz verbot einer Witwe nicht, sich wieder zu verheiraten, mochte sie geschieden leben oder mochte ihr Mann gestorben sein. Aus Estha — nach der Überlieferung sein Weib — erzeugte zuerst Matthan, der von Salomon abstammte, den Jakob; nach seinem Tode heiratete Melchi, der sein Geschlecht auf Nathan zurückführte, also wenn auch dem gleichen Stamme, so doch, wie gesagt, einem anderen Geschlechte angehörte, die Witwe und erhielt von ihr als Sohn den Heli. Wir können also verstehen, daß Jakob und Heli, die zwei verschiedenen Geschlechtern angehören, doch als Kinder der gleichen Mutter Brüder waren. Jakob nun nahm, da sein Bruder Heli kinderlos starb, dessen Weib zu sich und erzeugte aus ihr als drittes Glied den Joseph, welcher zwar der Natur nach ihm gehörte, weshalb das Schriftwort sagt: ‚Jakob erzeugte den Joseph’, dem Gesetze nach aber ein Sohn des Heli war; denn ihm hatte Jakob, sein Bruder, den Samen erweckt. Die Stammtafeln Josephs bleiben also zu Recht bestehen. Denn im einen Falle sagt der Evangelist Matthäus in seinem Berichte: ‚Jakob aber erzeugte den Joseph’, während im anderen Falle dagegen Lukas schreibt: ‚(Jesus) war, wie man glaubte’, — so fügt er bei — ‚der Sohn des Joseph, des Sohnes des Heli, des Sohnes des Melchi.’ Lukas hätte die gesetzliche Abstammung nicht klarer andeuten können; er bediente sich bei der Eigenart seiner Genealogie bis zum Schluß nicht des Ausdruckes ‚er erzeugte’, da er allmählich bis zu ‚Adam, den Sohn Gottes’ hinaufstieg.

Dieser Bericht ist keineswegs unbegründet und aus der Luft gegriffen. Die leiblichen Verwandten des Erlösers haben auch noch, sei es rühmend, sei es einfach erzählend, auf jeden Fall wahrheitsgemäß, folgendes überliefert. Nachdem idumäische Räuber die Stadt Askalon in Palästina überfallen und aus dem Götzentempel des Apollo, welcher an der Stadtmauer lag, den Antipater, den Sohn des Götzendieners Herodes, mit der übrigen Beute in Gefangenschaft geschleppt hatten, wurde Antipater infolge der Unfähigkeit des Priesters, für seinen Sohn Lösegeld zu zahlen, in den Sitten der Idumäer erzogen und befreundete sich später mit dem jüdischen Hohenpriester Hyrkanus. Als er zu Pompeius eine Gesandtschaft für Hyrkanus übernommen und diesem das von seinem Bruder Aristobul bedrängte Reich wieder frei gemacht hatte, ward ihm das Glück, Verwaltungsbeamter in Palästina zu werden. Nachfolger des Antipater wurde, nachdem dieser aus Neid wegen seines großen Glückes hinterlistig ermordet worden war, sein Sohn Herodes, welchem später von Antonius und Augustus durch Senatsbeschluß die königliche Gewalt zuerkannt wurde. Des Herodes Söhne waren Herodes und die anderen Tetrarchen. So weit stimmt der Bericht mit der griechischen Geschichte überein. Die bis zu jener Zeit in den Archiven aufbewahrten Aufzeichnungen der Geschlechter der Hebräer und derjenigen, welche auf Proselyten wie auf Achior, den Ammoniter,8 oder auf Ruth, die Moabiterin, zurückführten, sowie derjenigen welche sich mit solchen vermischt hatten, die gleichzeitig aus Ägypten eingewandert waren, ließ Herodes verbrennen,9 da das Geschlecht der Israeliten zu ihm keinerlei Beziehung hatte und ihn das Bewußtsein seiner niederen Herkunft ärgerte. Er glaubte nämlich als Edel-geborener zu erscheinen, wenn auch andere nicht die Möglichkeit hätten, aus den öffentlichen Urkunden nachzuweisen, daß sie von den Patriarchen oder Proselyten oder den sog. Fremdlingen (γειῶραι)10, den Mischlingen, abstammen.

Einige wenige jedoch konnten, weil sie sich entweder aus dem Gedächtnis oder durch Benützung von Abschriften Privatregister besorgt hatten, sich rühmen, die Erinnerung an ihre edle Abstammung gerettet zu haben. Zu diesen gehörten die Erwähnten, welche wegen ihrer Beziehung zu dem Geschlechte des Erlösers ‚Herrenverwandte’ (δεσπόσυνοι) genannt wurden und welche sich von den jüdischen Dörfern Nazareth und Kochaba11 aus über das übrige Land ausgebreitet und die vorliegende Ahnentafel teils nach dem Gedächtnis, teils aus ihren Familienbüchern so gut wie möglich erklärt hatten. Sei dem, wie ihm wolle, niemand dürfte eine verlässigere Erklärung finden können. Da man keine bessere und verlässigere Erklärung finden kann, wollen wir uns mit der erwähnten zufriedengeben, wenn sie auch nicht mit Beweisen belegt werden kann. Auf jeden Fall sagt das Evangelium die Wahrheit.‘

Am Ende des gleichen Briefes fügt Afrikanus noch bei: ‚Matthan, der Nachkomme des Salomon, erzeugte den Jakob. Nach dem Tode des Matthan erzeugte Melchi, der Nachkomme des Nathan, aus dem gleichen Weibe den Heli. Heli und Jakob waren also Brüder als Söhne der gleichen Mutter. Da Heli ohne Kinder starb, erweckte ihm Jakob einen Samen und erzeugte ihm den Joseph, welcher also der natürliche Sohn des Jakob und der gesetzliche Sohn des Heli ist. Joseph war somit der Sohn des einen wie des anderen.‘

Soweit geht der Bericht des Afrikanus.12 Da dies die Ahnenreihe des Joseph war, so ist sie selbstverständlich auch der Stamm, aus welchem zugleich Maria hervorgegangen war; denn nach dem Gesetze des Moses war es nicht gestattet, eine Ehe mit Fremdstämmigen einzugehen. Es war Gesetz, daß die Ehe nur mit Gliedern desselben Volkes und desselben Stammes geschlossen werden dürfe, damit nicht das Familienerbteil von einem Stamm auf den anderen übergehe.13 Soviel hierüber.“ (Eusebius, Kirchengeschichte I,7)

 

Über die Lebenszeit Jesu schreibt Irenäus von Lyon:

„Denn unser Herr wurde erst um das einundvierzigste Jahr der Regierung des Augustus geboren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,21,3)

Eusebius, der sich auch hier auf ältere Quellen (speziell den jüdischen Historiker Flavius Josephus aus dem 1. Jahrhundert) beruft, hat darüber das zu sagen:

„Es war das 42, Jahr der Regierung des Augustus und das 28. Jahr seit der Unterwerfung Ägyptens und dem Tode des Antonius und der Kleopatra, womit die Herrschaft der Ptolemäer in Ägypten ihr Ende gefunden hatte,1 da wurde unser Erlöser und Herr Jesus Christus unter Quirinius,2 dem Statthalter von Syrien, zur Zeit der damaligen ersten Volkszählung gemäß den Prophezeiungen zu Bethlehem in Judäa geboren. Über diese Volkszählung unter Quirinius berichtet auch Flavius Josephus, der berühmteste Schriftsteller der Hebräer, indem er zugleich die zu derselben Zeit entstandene Sekte der Galiläer erwähnt, von der unser Lukas in der Apostelgeschichte also erzählt: ‚Hierauf erhob sich Judas, der Galiläer, in den Tagen der Volkszählung und gewann das Volk für sich; auch er kam um, und alle, welche ihm gefolgt waren, zerstreuten sich.‘3 Damit stimmt der erwähnte Josephus im 18. Buche seiner ‚Altertümer‘ überein. Er berichtet wörtlich: ‚Der Senator Quirinius, ein Mann, der schon die übrigen Ämter bekleidet hatte, durch alle Stufen bis zur höchsten Würde emporgestiegen war und auch sonst großen Einfluß besaß, kam mit einigen Begleitern nach Syrien, vom Kaiser als Richter entsandt und mit der Aufgabe der Vermögensschätzung betraut.‘4 Bald darauf schreibt er: ‚Judas, der Gaulaniter, ein Mann aus der Stadt Gamala, reizte gemeinsam mit dem Pharisäer Saddok zum Aufstande auf; sie gaben aus, daß die Schätzung nichts anderes als die volle Knechtung bezwecke, und forderten das Volk auf, für die eigene Freiheit einzutreten.‘5 Über diesen Judas bemerkt Josephus im zweiten Buche seines ‚Jüdischen Krieges‘: ‚Damals reizte ein Galiläer, namens Judas, seine Landsleute zum Aufstande auf und schalt sie, daß sie sich die Steuern an die Römer gefallen ließen und außer Gott noch sterbliche Herrscher annähmen.‘6 Soweit Josephus.7 (Eusebius, Kirchengeschichte I,5)

Eusebius gibt damit das Jahr 2 v. Chr. als Geburtsjahr Jesu an. (Unsere Zeitrechnung wurde erst im sechsten Jahrhundert berechnet, und zwar ein bisschen fehlerhaft; von heutigen Historikern wird meistens allerdings angenommen, dass die Geburt Jesu sogar schon zwischen 4 und 7 v. Chr. lag.)

 

Irenäus erwähnt an einer Stelle seines Werkes auch eine etwas seltsame (und ziemlich sicher falsche) mündliche Überlieferung, für die er sich auf kleinasiatische Priester beruft, nämlich dass Jesus jahrelang gelehrt habe und erst mit fünfzig gekreuzigt worden sei:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. […] Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte. Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten. […]

Denn als er zur Taufe kam, hatte er die Dreißig noch nicht vollendet, so nämlich gibt Lukas seine Jahre an, indem er schreibt: ‚Jesus aber war ungefähr ins dreißigste Jahr gehend‘1 . Nach der Taufe hat er nur noch ein Jahr gepredigt und gelitten, nachdem er das dreißigste Jahr vollendet hatte? Damals war er erst ein Jüngling, der das Alter der Reife noch nicht erreicht hatte. Allgemein aber gilt das dreißigste Jahr erst als der Anfang der Reife, die sich bis in das vierzigste Jahr erstreckt. Vom vierzigsten bis zum fünfzigsten Jahr reicht das Alter der Vollendung, welches unser Herr hatte, als er lehrte. Das bezeugen das Evangelium und die Priester in Kleinasien, die es so von Johannes, dem Schüler des Herrn, empfangen haben. Dieser aber blieb mit ihnen zusammen bis zu den Zeiten Trajans. Manche aber von ihnen haben nicht nur Johannes, sondern auch andere Apostel gesehen und dieses ebenso von ihnen empfangen und sind dafür Zeugen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4-5)

Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass Jesus nur ein Jahr gepredigt habe; andere, bekanntere Traditionen geben diese Zeit aber als drei Jahre an, und sehr viel mehr passt nicht in den Zeitrahmen zwischen den Daten zur Geburt Jesu und der Zeit von Pontius Pilatus als Statthalter in Judäa. Man wird also auch für diesen Zeitraum schon ein bisschen Legendenbildung annehmen dürfen.

 

* Auf die im 2. und 3. Jahrhundert entstandenen Evangelien der gnostischen Sekten oder Ansichten von Gegnern des Christentums werde ich ein andermal in eigenen Artikeln eingehen, aber auch die sind nicht gerade das, was man sich heute unter ihnen vorstellt; und hier geht es nur darum, was das Mainstream-Christentum (oder mit anderen Worten, die katholische Kirche) von Jesus dachte und wusste.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier Teil 2.

Распятый Иисус Христос.jpg

(Viktor Vasnetsov, Gekreuzigter Christus. Gemeinfrei.)

 

So beschreiben also verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Im apokryphen, dem Apostel Barnabas zugeschriebenen (aber ziemlich sicher nicht authentischen, wenn auch wohl immerhin schon vor 130 n. Chr. entstandenen) Barnabasbrief heißt es:

Denn dazu hat es der Herr auf sich genommen, hinzugeben sein Fleisch zum Verderben, damit wir durch die Nachlassung der Sünden geheiligt werden in der Aussprengung seines Blutes. […]

Auch das noch (muss ich sagen), meine Brüder: wenn der Herr es auf sich nahm, für unsere Seele zu leiden, obwohl er der Herr der ganzen Welt ist, zu dem Gott bei der Grundlegung der Welt sprach: ‚Lasset uns den Menschen schaffen nach unserem Bild und Gleichnis‘3, wie nun hat er es auf sich genommen, von Menschenhand zu leiden? Verstehet! Die Propheten, welche von ihm die Gnade hatten, weissagten auf ihn hin; weil er aber im Fleische sich offenbaren musste, damit er den Tod entkräfte und die Auferstehung von den Toten zeige, nahm er (das Leiden) auf sich, damit er den Vätern die Verheißung einlöse und sich selbst das neue Volk bereite und auf Erden wandelnd nachweise, dass er die Auferstehung bewirken und dann richten werde. Überdies lehrte er Israel, und indem er solche Zeichen und Wunder tat, trat er als (Gottes) Herold auf, und gar sehr liebte er es (das Volk Israel). Als er aber seine eigenen Apostel, die sein Evangelium verkünden sollten, Leute, die über alles Sündenmaß ungerecht waren, auserwählt hatte, um zu zeigen, dass er nicht gekommen ist, die Gerechten, sondern die Sünder zu berufen4, da offenbarte es sich, dass er der Sohn Gottes ist. Wenn er nämlich nicht im Fleische erschienen wäre, wie wären die Menschen am Leben geblieben bei seinem Anblick, die es nicht aushalten können, in die Sonne zu sehen, seiner Hände Werk, das jetzt noch besteht, einmal aber nicht mehr sein wird, und in ihre Strahlen ihr Auge zu richten? (Barnabasbrief 5,1.5-10)

 

Im 2. Clemensbrief (der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern eine einige Jahrzehnte später, in der Mitte des 2. Jahrhunderts, entstandene Fälschung ist), heißt es:

Brüder, wir müssen von Jesus Christus so denken wie von Gott, wie von einem Richter über Lebende und Tote1; und wir dürfen nicht gering denken über unser Heil. Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.“ (2. Clemensbrief 1)

 

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift aus dem 2. Jahrhundert, die sich als Brief der zwölf Apostel ausgibt und einen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung berichtet, heißt es:

„Das wissen wir: unser Herr und Heiland Jesus Christus (ist) Gott, Sohn Gottes, der gesandt worden ist von Gott, dem Herrscher der ganzen Welt, dem Schaffer und Schöpfer dessen, was mit jedem Namen benannt wird, der über allen Herrschaften ist, (als) Herr der Herren und König der Könige, der Gewaltige der Gewaltigen, der Himmlische, der über Cherubim und Seraphim ist und zur Rechten des Thrones des Vaters sitzt, der durch sein Wort den Himmeln gebot und die Erde und, was auf ihr ist, erbaute und das Meer begrenzte, daß es nicht seine Grenze überschreite, und (machte, daß) Tiefen und Quellen sprudeln und auf der Erde fließen Tag und Nacht; der die Sonne, den Mond und die Sterne am Himmel gründete und der Licht und Finsternis schied, der der Hölle gebot und im Augenblick entbietet den Regen zur Winterszeit und Nebel, Reif und Hagel und die Tage (?) zu ihrer Zeit; der erschüttert und festigt; der den Menschen nach seiner Gestalt und seinem Bilde geschaffen hat; der durch die Patriarchen und Propheten in Bildern geredet hat und in Wahrheit durch den, den die Apostel verkündigt und die Jünger betastet haben. Und Gott, der Herr, der Sohn Gottes – wir glauben: das Wort, welches aus der heiligen Jungfrau Maria Fleisch wurde, wurde in ihrem Schoße getragen (verursacht) vom heiligen Geiste, und nicht durch Lust des Fleisches, sondern durch den Willen Gottes wurde es geboren und wurde in Bethlehem (in Windeln) gewickelt und offenbart und daß es großgezogen wurde und heranwuchs, indem wir es sahen. […]

Und dies offenbarte und zeigte uns unser Herr und Heiland und wir euch gleicherweise, damit ihr Genossen an der Gnade des Herrn und unseres Dienstes und an unserer Herrlichkeit seid, indem ihr auf das ewige Leben sinnt. Seid, ohne zu wanken, fest in der Erkenntnis und Erforschung unseres Herrn Jesu Christi, und er wird sich gnädig erweisen und retten immerdar und in alle niemals endende Ewigkeit.“ (Epistula Apostolorum 3(14) u. 6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 128f.)

Jesus sagt in dieser Schrift:

Und deshalb habe ich alle Barmherzigkeit vollendet: ohne gezeugt zu werden, bin ich von Menschen geboren (oder: gezeugt) und, ohne Fleisch zu haben, habe ich Fleisch angezogen und bin aufgewachsen, damit (ich) euch, die ihr im Fleisch gezeugt werdet, (wiedergebäre) und ihr in der Wiedergeburt die Auferstehung in eurem Fleisch erhaltet, einem Gewande, das nicht vergehen wird, mit allen, die hoffen und glauben an den, der mich gesandt hat; denn so hat mein Vater an euch Wohlgefallen gefunden, und denen, welchen ich will, gebe ich die Hoffnung des Reiches.‘ Darauf sprachen wir zu ihm: ‚Groß ist, wie du hoffen läßt und redest.‘ Er antwortete und sprach zu uns: ‚Glaubet (richtig müßte es heißen: Glaubt ihr), daß alles, was ich euch sage, geschehen wird!‘ Und wir antworteten ihm und sprachen zu ihm: ‚Ja, o Herr.'“ Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, daß ich alle Gewalt von meinem Vater empfangen habe, damit ich die in Finsternis Befindlichen ins Licht zurückführe und die in Vergänglichkeit Befindlichen in die Unvergänglichkeit und die im Irrtum Befindlichen in die Gerechtigkeit und die im Tode Befindlichen ins Leben und damit die in Gefangenschaft Befindlichen entfesselt werde, wie das, was von seiten der Menschen unmöglich ist, von seiten des Vaters möglich ist. Ich bin die Hoffnung der Hoffnungslosen, der Helfer derer, die keinen Helfer haben, der Schatz der Bedürftigen, der Arzt der Kranken, die Auferstehung der Toten.‘ (Epistula Apostolorum 21(32), in: ebd., S. 138 (äthiopische Fassung).)

 

In einem Bericht über das Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike (irgendwann zwischen 161 und 180) sagt Karpus vor Gericht folgendes:

„Karpus entgegnete: Ich bin ein Christ und verehre Christus, den Sohn Gottes, der in den letzten Zeiten zu unserm Heile gekommen ist und uns von dem Truge des Teufels befreit hat; diesen Götzenbildern da aber opfere ich nicht. Tu, was du willst; denn mir ist es unmöglich, Truggestalten der Dämonen zu opfern; sind doch die, welche diesen opfern, ihnen gleich. Wie nämlich die wahren Verehrer – nach der göttlichen Erzählung des Herrn die, welche Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten1 – der Herrlichkeit Gottes ähnlich werden und mit ihm unsterblich sind, teilhaftig des ewigen Lebens durch den Logos, so werden auch die, welche diesen2 dienen, ähnlich der Eitelkeit der Dämonen und gehen mit ihnen in der Hölle unter; sie teilen die gerechte Strafe mit demjenigen, der den Menschen, das auserwählte Geschöpf Gottes, hintergangen hat, ich meine mit dem Teufel, der in seiner Schlechtigkeit den Menschen beneidet hat. Darum wisse, Prokonsul, daß ich diesen nicht opfere. (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 1)

 

Dann gäbe es die Petrusakten (spätes 2. Jahrhundert), die Legenden über Petrus, v. a. sein Wirken in Rom und sein Martyrium, berichten. In den Petrusakten kommt zu Anfang noch eine Predigt des Paulus vor; dabei sagt er ganz deutlich: Jesus = Gott.

„Da gebot Paulus Schweigen und sagte: ‚Ihr Brüder, die ihr jetzt an Christus zu glauben begonnen habt, wenn ihr nicht in eurem früheren Wandel und in euren väterlichen Überlieferungen bleibt und euch enthaltet von allem Betrug und Jähzorn, von aller Grausamkeit und Ehebruch und Befleckung und von Hochmut und Eifersucht, Hoffart und Feindseligkeit, so wird euch Jesus, der lebendige Gott, nachlassen, was ihr in Unwissenheit getan habt. Deswegen, ihr Knechte Gottes, wappnet euch, ein jeder an seinem inwendigen Menschen, mit Frieden, Gleichmut, Milde, Glaube, Liebe, Erkenntnis, Weisheit, Bruderliebe, Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit, Güte, Gerechtigkeit! Dann werdet ihr in Ewigkeit den Erstgeborenen der gesamten Schöpfung zu eurem Führer haben und Tugend in Frieden mit unserem Herrn.‘ Als sie dieses aber von Paulus gehört hatten, baten sie ihn, er möge für sie beten. Paulus aber erhob seine Stimme und sprach: ‚Ewiger Gott, Gott der Himmel, Gott von unaussprechlicher Majestät, der du alles durch dein Wort befestigt hast, der du [die dem Menschen] angebundene Fessel [zerbrochen hast, der du das Licht] deiner Gnade aller Welt hast zuteil werden lassen, Vater deines heiligen Sohnes Jesu Christi, wir bitten dich miteinander durch deinen Sohn Jesus Christus, die Seelen zu stärken, die einst ungläubig waren, jetzt aber gläubig sind.“ (Petrusakten 1/2, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 192)

Als dann Petrus nach Rom kommt, hält er seine erste Predigt dort:

„Am ersten Tage der Woche aber kam die Menge zusammen, um den Petrus zu sehen. Daher begann Petrus mit sehr lauter Stimme zu reden: ‚Ihr hier versammelten Männer, die ihr auf Christus hofft, ihr, die ihr eine kleine Weile Versuchung erlitten habt, merket auf! Warum hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt oder warum hat er (ihn) durch die Jungfrau Maria hervorgebracht, wenn er nicht irgendeine Gnade und einen Heilsweg schaffen wollte? Denn er wollte beseitigen alles Ärgernis und alle Unwissenheit und alle Macht des Teufels, (seine) Anschläge und Kräfte unwirksam machen, durch welche er einst die Oberhand hatte, bevor unser Gott in der Welt als Licht erstrahlte. Weil sie (die Menschen) mit ihren vielen und mannigfaltigen Schwachheiten durch Unwissenheit in den Tod stürzten, hat der allmächtige Gott, von Mitleid bewegt, seinen Sohn in die Welt gesandt, wobei ich zugegen gewesen bin.“ (Petrusakten 3/7; in: ebd., S. 197)

Jesus unter uns:

„Daher wollen wir unsere Knie vor Christus beugen, der uns erhört, auch wenn wir nicht gerufen haben. Er ist es, der uns sieht, auch wenn er nicht mit diesen Augen gesehen wird; aber er ist unter uns. Wenn wir wollen, wird er nicht von uns weichen. Darum laßt uns unsere Seelen reinigen von jeder schändlichen Versuchung, dann wird Gott nicht von uns weichen; und wenn wir nur mit den Augen zuwinken, so ist er bei uns.“ (Petrusakten 6/18, in: ebd., S. 206)

Petrus sagt an späterer Stelle über die Schriften und über Jesus folgendes:

„Petrus aber ging in das Speisezimmer und sah, daß das Evangelium gelesen wurde. Er rollte es zusammen und sagte:

‚Ihr Männer, die ihr an Christus glaubt und hofft, ihr sollt erfahren, wie die heilige Schrift unseres Herrn verkündet werden muß. Was wir nach seiner Gnade, soweit wir es verstanden haben, niedergeschrieben haben, erscheint euch zwar bisher noch schwach; dennoch (haben wir es geschrieben) gemäß unseren Kräften, soweit es erträglich ist, es in menschliches Fleisch zu bringen. Wir müssen also zuerst Gottes Willen oder (seine) Güte kennenlernen, da ja einst der Betrug weit verbreitet war und viele Tausende von Menschen in das Verderben stürzten, und (darum) der Herr in seiner Barmherzigkeit veranlaßt war, sich in anderer Gestalt zu zeigen und im Bilde des Menschen zu erscheinen, bezüglich dessen weder die Juden noch wir in der Lage sind, würdig erleuchtet zu werden. Denn jeder von uns sah (ihn), wie er es zu fassen vermochte, je nachdem er es konnte.

Jetzt aber will ich euch erklären, was euch gerade vorgelesen worden ist. Unser Herr wollte mich seine Herrlichkeit auf heiligem Berge sehen lassen; als ich aber mit den Söhnen des Zebedäus den Glanz seines Lichtes sah, fiel ich wie tot nieder und schloß meine Augen und hörte seine Stimme so, wie ich es nicht beschreiben kann; ich glaubte, daß ich von seinem Glanz erblindet sei. Und als ich ein wenig aufatmete, sprach ich zu mir: ‚Vielleicht hat mein Herr mich hierher führen wollen, um mich des Augenlichts zu berauben‘. Und ich sagte: ‚Und wenn das dein Wille ist, Herr, dann widerspreche ich nicht‘. Und er gab mir die Hand und richtete mich auf. Und als ich aufstand, sah ich ihn wiederum so, wie ich ihn fassen konnte.

So also geliebteste Brüder, hat der barmherzige Gott unsere Schwachheiten getragen und unsere Sünden auf sich genommen, wie der Prophet sagt: ‚Er trägt unsere Sünden und für uns leidet er Schmerzen; wir aber glaubten, daß er in Schmerzen sei und von Wunden geplagt würde‘. Denn ‚er ist ja im Vater und der Vater in ihm‘; er selbst ist auch die Fülle aller Herrlichkeit, der uns alle seine Güte gezeigt hat. Er hat gegessen und getrunken unsertwegen, obwohl er weder hungrig noch durstig war, er hat ertragen und Beschimpfungen erduldet unsertwegen, er ist gestorben und auferstanden um unsertwillen. Er, der auch mich, als ich sündigte, verteidigt und gestärkt hat in seiner Größe, wird auch euch trösten, auf daß ihr ihn liebt, diesen Großen und ganz Kleinen, den Schönen und Häßlichen, Jüngling und Greis, in der Zeit erscheinend und (doch) in Ewigkeit gänzlich unsichtbar, den eine menschliche Hand nicht gehalten hat und der von seinen Dienern gehalten wird, den das Fleisch nicht gesehen hat und der jetzt gesehen wird, der kein Gehör gefunden hat, der aber jetzt bekannt und das gehörte Wort geworden ist; dem die Leiden fremd waren und der jetzt gleichsam wie wir gezüchtigt ist, er, der niemals gezüchtigt war, ist jetzt gezüchtigt; der vor der Welt ist und in der Zeit wahrgenommen wurde, aller Herrschaft großer Anfang und (doch) den Fürsten ausgeliefert; schön, aber unter uns niedrig und hässlich erschienen, aber voller Fürsorge: Diesen Jesus habt ihr, Brüder, die Tür, das Licht, den Weg, das Brot, das Wasser, das Lebendige, die Auferstehung, der Trost, die Perle, den Schatz, den Samen, die Sättigung, das Senfkorn, den Weinstock, den Pflug, die Gnade, den Glauben, das Wort. Dieser ist alles, und es ist kein anderer größer als er. Ihm sei Lob in alle Ewigkeit, Amen. (Petrusakten 7/20, in: ebd., S. 207f.)

Petrus sagt in den Petrusakten bei seiner eigenen Kreuzigung folgendes (teilweise ist diese Rede etwas rätselhaft, und evtl. von gnostischen Gedanken beeinflusst; an einer Stelle zitiert er einen Spruch, der so ähnlich im gnostischen Thomasevangelium vorkommt):

„Als er aber hinzukam und bei dem Kreuze stand, begann er zu sprechen: ‚O Name des Kreuzes, verborgenes Geheimnis; o unaussprechliche Gnade, die mit dem Namen des Kreuzes ausgesprochen ist; o Natur des Menschen, die von Gott nicht getrennt werden kann, o unsagbare und unzertrennbare Liebe, die von unreinen Lippen nicht bekannt werden kann; ich erfasse dich jetzt am Ende, da ich mich von hier löse. Ich will dich bekannt machen, wie du bist. Ich will das meiner Seele einst verschlossene und verborgene Geheimnis des Kreuzes nicht verschweigen. Das Kreuz sei euch, die ihr auf Christus hofft, nicht das, was sichtbar erscheint; denn etwas anderes als das Sichtbare ist dieses (Leiden) gemäß dem Leiden Christi. Und jetzt vor allem, da ihr, die ihr zu hören vermögt, (es hören) könnt von mir, der ich in der letzten Stunde und am Ende meines Lebens stehe, höret: von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern, von allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist. Verschließet diese eure Augen, verschließet diese eure Ohren, (haltet euch fern) von den Dingen, die sichtbar erscheinen! Und ihr werdet das, was Christus betrifft und das ganze Geheimnis eures Heils erkennen. Und dies sei euch, die ihr es hört, gesagt, als wäre es nicht gesagt. Die Stunde aber (ist da) für dich, Petrus, deinen Leib denen, die ihn nehmen wollen, hinzugeben. Nehmt ihr also hin, deren Beruf es ist. Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders! Und warum, das werde ich den Hörenden sagen.‘

Als sie ihn nun in der Art, wie er es gefordert hatte, aufgehängt hatten, begann er wieder zu reden: ‚Ihr Männer, die ihr zum Hören berufen seid, vernehmt, was ich gerade jetzt, während ich (am Kreuz) hänge, euch verkündigen werde! Erkennet das Geheimnis der ganzen Schöpfung und den Anfang aller Dinge, wie er war. Denn der erste Mensch, dessen Art ich in (meiner) Gestalt trage, mit dem Kopf nach unten gestürzt, zeigte eine Entstehungsart, die ehemals nicht so war; denn sie war tot, da sie keine Bewegung hatte. Als er nun herabgezogen wurde, er, der auch seinen Ursprung auf die Erde warf, hat er das Ganze der Anordnung festgestellt, aufgehängt nach Art der Berufung, bei der er das Rechte als Linkes und das Linke als Rechtes gezeigt hat, und hat alle Zeichen der Natur geändert, (nämlich) das Nichtschöne als schön zu betrachten und das wirklich Schlechte als Gutes. Darüber sagt der Herr im Geheimnis: ‚Wenn ihr nicht das Rechte macht wie das Linke und das Linke wie das Rechte und das Obere wie das Untere und das Hintere wie das Vordere, so werdet ihr das Reich (Gottes) nicht erkennen.‘ Dieses Verständnis nun habe ich zu euch gebracht, und die Art, in der ihr mich hängen seht, ist die Abbildung jenes Menschen, der zuerst zur Entstehung kam. Ihr nun, meine Geliebten, die ihr es jetzt hört und die ihr hören werdet, müßt ablassen von dem ersten Irrtum und wieder zurückkehren. Denn es sollte sich geziemen, an das Kreuz Christi zu kommen, der da ist einzig und allein das ausgebreitete Wort, von dem der Geist sagt: ‚Denn was ist Christus anders als das Wort, der Schall Gottes?‘ damit Wort sei dieses aufrechtstehende Holz, an dem ich gekreuzigt bin; der Schall aber ist der Querbalken, (nämlich) die Natur des Menschen; der Nagel aber, der an dem geraden Holz den Querbalken in der Mitte festhält, ist die Bekehrung und Buße des Menschen.

Da du mir nun dieses kundgetan und offenbart hast, o Wort des Lebens, wie von mir jetzt das Holz genannt worden ist, so danke ich dir, nicht mit diesen Lippen, die angenagelt sind, auch nicht mit der Zunge, durch die Wahrheit und Lüge hervorgeht, auch nicht mit diesem Worte, das von der Kunst irdischer Natur hervorgebracht wird, sondern mit jener Stimme danke ich dir, o König, die durch Schweigen vernommen wird, die nicht im Offenbaren gehört wird, die nicht durch die Organe des Körpers hervorgeht, die nicht in fleischliche Ohren eingeht, die nicht vom vergänglichen Wesen gehört wird, die nicht in der Welt ist und auf der Erde ertönt, auch nicht in Büchern geschrieben wird, auch nicht dem einen gehört, dem anderen nicht, sondern mit dieser (Stimme), Jesus Christus, danke ich dir: Mit dem Schweigen der Stimme, der der Geist in mir, der dich liebt und mit dir spricht und dich sieht, begegnet. Du bist nur dem Geist erkennbar. Du bist mir Vater, du mir Mutter, du mir Bruder, du Freund, du Diener, du Haushalter. Du (bist) das All, und das All (ist) in dir; und du (bist) das Sein, und es gibt nichts anderes, was ist, außer dir allein. Zu ihm fliehet nun auch ihr, Brüder, und lernt, dass ihr euer Wesen in ihm habt, und ihr werdet dann das erlangen, von dem er zu euch sagt: ‚Was weder ein Auge gesehen hat, noch ein Ohr gehört hat, noch in ein Menschenherz gekommen ist.‘ Wir bitten nun um das, was du uns zu geben versprochen hast, unbefleckter Jesus; wir loben dich, wir danken dir und bekennen dich, indem wir – noch schwache Menschen – dich preisen. Denn du allein bist Gott und kein anderer, dem der Ruhm sei jetzt und in alle Ewigkeiten Amen.'“ (Petrusakten 9/37(8)-39(10), in: ebd., S. 219f.)

 

In den christlichen Sibyllinen, prophetischen Schriften, in denen es vor allem um das Ende der Welt geht, heißt es über Christus:

„[Wenn das Mädchen den Logos des höchsten Gottes gebären,
Aber als eh’liches Weib dem Logos den Namen wird geben,
Dann wird im Osten ein Stern am hellerlichten Tage
Glanzvoll strahlend erscheinen erdwärts von himmlischer Höhe,
Kündend ein großes Zeichen den armen sterblichen Menschen.]
Ja, dann kommt zu den Menschen der Sohn des gewaltigen Gottes,
Irdischen Leibs, vom Fleische umhüllt und den Sterblichen ähnlich.
Vier Vokale er hat und zweimal den Konsonanten,
Und nun will ich dir auch die gesamte Zahl noch verkünden:
Einer sind acht vorhanden und Zehner noch ebensoviele;
Hunderter acht noch dazu verrät ungläubigen Menschen
Seines Namens Gestalt; doch du im gläubigen Herzen
Denke sofort an Christus, den Sohn des erhabenen Gottes.
Gottes Gebot erfüllet er selbst, nicht löst er die Satzung,
Bietet als Muster sich dar den Seinen und lehret sie alles.
Diesem nahen die Priester und bringen ihm reiche Geschenke:
Gold und Weihrauch und Myrrhen; denn so wird alles er fügen.
Wenn man dereinst seine Stimme vernimmt im Schweigen der Wüste,
Botschaft bringend den Menschen und alle eindringlich ermahnend,
Eben zu machen die Pfade und auszutilgen im Herzen
Bosheit jeglicher Art, im Bade des Heiles zu läutern
Ganz den sündigen Leib, auf daß sie, aufs neue geboren
Meiden die Sünde und nie des Rechtes Pfade verlassen, –
Dann ein Barbar, von der Tänzerin Kunst berückt und bezaubert,
Lohnet den Tanz mit des Rufenden Haupt, und ein plötzliches Wunder
Bietet den Menschen sich dar, wenn sicher und frei aus Ägypten
Kommt der köstliche Stein, an dem sich das Volk der Hebräer
Stößt mit strauchelndem Fuß, die heidnischen Völker dagegen
Sammeln sich freudig um ihn: des waltenden Gottes Gebote
Lernen sie kennen durch ihn und den Pfad im gemeinsamen Lichte.
[…]
Und dann heilt er die Kranken und bringt den Gequälten Erlösung,
Die an ihn glauben und froh den Namen des Höchsten bekennen.
Sehend macht er die Blinden, und hurtig laufen die Lahmen;
Taube verstehen genau, es reden der Sprache Beraubte;
Böse Dämonen vertreibt er, und Tote erweckt er zum Leben,
Wandelt zu Fuß übers Meer und in öder, verlassener Gegend
Macht er tausende satt mit fünf armseligen Broten
Und einem winzigen Fisch; die Reste des leckeren Mahles
Füllen zum Rande zwölf Körbe noch voll für die heilige Jungfrau.

[…]
Wenn seine Arme am Kreuz, weit offen, umspannen das Weltall,
Dornengekrönt sein Haupt, wenn nach dem Gesetze die Seite
Grausam geöffnet der Speer, dann wird durch volle drei Stunden
Mitten am Tage die Welt in schauriges Dunkel gehüllt sein.
Dann wird der Tempel, den Salomon schuf, ein mächtiges Wunder,
Zeigen dem Menschengeschlecht, wenn jener hinab in den Hades
Wandert, dem Volke der Toten die Auferstehung zu bringen.
Wenn er dereinst dreitägigem Schlafe des Grabes entronnen,
Wenn er ein Vorbild den Seinen gezeigt und alles gelehrt hat,
Fährt er auf Wolken empor in die Wohnung des himmlischen Vater;
Aber der Welt hinterläßt er des Evangeliums Satzung.
Und es erblüht aus heidnischem Stamm die neue Gemeinde;
Christi Geboten getreu ererbt sie den Namen des Meisters.
Aber auch dann leiten als kundige Führer des Lebens
Weise Berater das Volk anstatt der Propheten und Seher.“

(Christliche Sibyllinen I,323-386, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 502-504.)

An einer anderen Stelle heißt es:

„Singen will ich aus Herzensgrund von dem großen, berühmten
Sohn des Unsterblichen, dem seinen Thron gab der höchste Erzeuger
Vor der Geburt; denn im Fleisch, das ihm ward, trat er auf und
Ließ sich taufen im strömenden Wasser des Jordanflusses,
Der mit bläulichem Fuß seine Wogen wälzend dahinrollt:
Feurigem Glanze entsteigend er schaut Gottes lieblichen Geist, der
Kommt vom Himmel herab in der Taube weißem Gefieder.
Aufblühen wird eine reine Blüte, es springen die Quellen.
Zeigen wird er den Menschen die Wege und zeigen die Pfade
Himmelwärts und auch alle mit weisen Worten belehren,
Führt sie zum Recht und bekehrt die verstockten Herzes des Volkes,
Laut bekennend den ruhmreichen Stamm seines himmlischen Vaters,
Wandelt zu Fuß übers Meer und von Krankheit befreit er die Menschen.
Wecken wird er die Toten zum Leben, verscheuchen viel Schmerzen.
Aber aus einem Ranzen mit Brot er sättigt die Menschen,
Wenn Davids Haus seinen Schößling treibt. Aber in seiner Hand ruht
Alle Welt: die Erde sowohl wie das Meer und der Himmel.
Hinblitzen über die Erde wird er, wie ihn einstmals erscheinen
Sahen die zwei, aus den Seiten erzeugt voneinander.
Da wird die Erde sich freuen der Hoffnung aus dieses Knäblein.
[…]
O du gepriesenes Holz, auf dem ausgestreckt war der Herrgott,
Nicht mehr birgt dich die Erde, am Firmamente erscheinst du,
Wenn dein feuriges Auge, o Gott, wird erblitzen am Himmel.

(Christliche Sibyllinen VI,1-28; in: ebd., S. 509f.)

An einer weiteren Stelle:

Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.
Unsern Erlöser und Herrn, den Ewigen habe ich also

Zum Gedächtnis der Welt in Akrostichen besungen.
Er war bezeichnet, da Moses streckte die heiligen Arme
Siegend ob Amalek im Glauben, dem Volke zur Kenntnis,
Daß erwählt bei Gott dem Vater und immer geehrt sei
Davids Rute, sowie auch der Stein, den er einstens versprochen,
Dem man gläubig vertrauen soll, um ewiges Leben zu haben.
Denn nicht in Herrlichkeit, sondern als Mensch wird er kommen auf Erden,
Elend, entehrt, unansehnlich, den Elenden Hoffnung zu geben.
Er wird vergänglichem Fleische Gestalt und himmlischen Glauben
Den Ungläubigen geben und ausgestalten den Menschen,
Welchen im Anfang Gottes heilige Hände geschaffen,
Und den die Schlange betörte, daß nun er zum Schicksal des Todes
Kam und nach Wunsch die Erkenntnis gewann vom Guten und Bösen,
So daß er Gott verließ und huldigte sterblichem Wesen.
Ihn auch nahm als Berater im Anfang Gott der Allmächt’ge,
Sprechend die Worte: ‚So wollen wir beide zusammen, mein Kind, un
Sterblicher Menschen Geschlecht abbilden nach unserem Gleichnis!
Jetzt will ich mit den Händen, doch du alsdann mit dem Logos
Sorgen für unsere Gestalt und gemeinsam schaffen Erstehung!‘
Dieses Beschlusses gedenkend wird er jetzt kommen auf Erden,
Und mit Wasser taufend zugleich durch ältere Hände,
Alles bewirkend durchs Wort und heilend jegliche Krankheit.
Durch sein Wort wird er stillen die Winde und glätten die Meerflut,
Während sie tobt, sie mit Füßen des Friedens im Glauben betretend.
Mit fünf Broten zumal und einem einzigen Seefisch
Wird in der Wüste er sätt’gen fünftausend hungrige Menschen.
Und mit den übriggebliebenen Brocken allein wird er füllen
Zwölf gewaltige Körbe zur Hoffnung der schmachtenden Völker.
Und er wird rufen die Seelen der Sel’gen, die Elenden lieben,
Die zwar boshaft verspottet, doch Böses mit Gutem vergelten
Und trotz Schlägen und Peitschenhieben nach Armut sich sehnen.
Alles merken und alles erschauend und alles erhörend,
Wird er ins Herz tief blickend das Inn’re zur Prüfung enthüllen;
Denn er selber ist aller Gehör und Verstand und Gesichte.
Und das Wort, das die Welten erschuf und dem alles gehorsam,
Das sogar Tote erweckt und Heilung bringet den Siechen,
Kommt in der Bösen Gewalt, gottloser, ungläubiger Menschen.
Schläge versetzen dem Gott ruchlose, unheilige Hände,
Und aus ekelem Mund besudelt ihn giftiger Speichel.
Er aber bietet geduldig den blutigen Rücken der Geißel.
Trotz aller Schläge wird stille er schweigen, daß keiner erkenne,
Wer und wessen er sei und woher, um die Toten zu rufen.
Und von Dornen den Kranz wird er tragen; denn immerdar kommen
Wird aus den Dornen der Kranz der Heiligen, welche erwählt sind.
Auch schlägt man mit dem Rohr seine Seite nach ihrem Gesetze…
Doch wenn all dies dann sich erfüllt hat, was ich geredet,
Dann wird in ihm sich lösen jedes Gesetz, das von Anfang
Wegen des trotzigen Volkes durch menschliche Satzungen aufkam.
Doch er wird ausbreiten die Hände und messen das Weltall.
‚Und sie reichten ihm Galle zur Speise und Essig zum Trinken‘:
Solchen ungastlichen Tisch ihm werden die Gottlosen zeigen.
Und der Vorhang zerreißt im Tempel, und mitten am Tage
Wird drei Stunden hindurch ganz dunkle gewaltige Nacht sein.
Denn nicht mehr nach geheimem Gesetz noch im Tempel verborgen
Vor den Erscheinungen in dieser Welt den Gottesdienst zu halten
Wurde gezeigt, als der ewige Herrscher auf Erden herabstieg.
Und dann steigt er zur Hölle hinab, den Seelen der Frommen
Hoffnung zu künden, das Ende der Zeit und den jüngsten der Tage.
Wo ist dein Stachel, o Tod, wenn jeder drei Tage entschlafen?
Denn dann kehrt er zurück ans Licht aus dem Reiche des Hades
Auferstehung und Leben den Auserwählten zu bringen,
Tilgend im Wasser unsterblichen Quells ihrer früheren Bosheit
Schlacken und häßlichen Schmutz, auf daß sie aufs neue geboren
Nicht mehr frönen hinfort der Welt abscheulichen Bräuchen.
Seinen Erwählten zuerst erscheint der Erstandene wieder
Menschlichen Leibs, wie er ehemals war; doch Hände und Füße
Zeigen vier Male, von Nägeln gebohrt in die göttlichen Glieder:
Osten verstehe und Westen, an Mitternacht denke und Mittag;
das sind die Reiche der Erde, die Gottes erhabenen Sohn einst
Morden verblendeten Sinns, das Vorbild unseres Lebens.
Freu dich, Tochter Sion, du heil’ge, nach so vielen Leiden!
Selber dein König kommt auf zahmen Füllen geritten.
Siehe, gar sanftmütig kommt er, damit er das Sklavenjoch trage,
Das schwer tragbar auf unserm Nacken jetzt lieget und lastet,
Und uns löse die gottlose Satzung und drückende Fesseln.
Ihn erkenne als deinen Gott, der zugleich Gottes Sohn ist;
Diesen preise und trag‘ ihn in deinem Herzen und lieb‘ ihn
Aus deiner ganzen Seele und halt‘ seinen Namen in Ehren.
Alte Gesetze lasse beiseite und wasch‘ dich von Blutschuld!
Nicht durch deine Gesänge und deine Gebete wird er versöhnt, nicht
Achtet vergängliche Opfer der unvergängliche Herrscher,
Sondern stimm‘ aus verständigem Mund ein heiliges Lied an
Und erkenne sein Wesen, so wirst du dann schaun den Erzeuger.“ (Christliche Sibyllinen VIII,249-336; in: ebd. S. 519-521.)

Und:

„Selbsterzeugt und rein, beständig während und ewig
Er vermag auch den feurigen Hauch abzumerzen des Himmels (?),
Hemmet des Donners Szepter zugleich  mit dem schrecklichen Blitze
Und besänftigt das Rollen des furchtbar krachenden Donners,
Und die Erde erschütternd er hemmt das Tosen [des Meeres],
Mildert auch die feuerflammenden Geißeln der Blitze,
Und des Regens gewaltige Güsse, den Hagelschlag, den
Kalten, der Wolken Entladung, die tobenden Sturmesgewitter.
……………………………………………………………………………………………………….
Der schon vor jeglicher Schöpfung bei dir war als Sohn und Berater,
Er ist der Schöpfer der Menschen und er der Spender des Lebens.
Damals nahmst du als erster das Wort und redetest also:
‚Laß den Menschen uns machen, o Sohn, nach unserem Bilde,
Hauchen wir ihm in die Brust den lebenerhaltenden Odem;
Ist er auch sterblichen Leibs, so soll doch alles ihm dienen,
Und der aus Erde geformt, soll König und Herrscher der Welt sein.‘
Also sprachst du zum Logos, und alles geschah, wie du wolltest,
Deinem Geheiß gehorchten sofort die Weltelemente:
…………………………………………………………………………………………………………..
[…]
Alles erschuf er im Bunde mit dir nach deinem Ermessen.
Und in der Fülle der Zeit entsprang dem Schoße Marias
Gott in Kindergestalt als Licht, die Welt zu erleuchten.
Und der dem Himmel entstammt, verschmähte der Menschen Gestalt nicht.
Gabriel ward auf die Erde gesandt, vom Glanze umflossen;
Denn zu der Jungfrau sprach die Stimme des himmlischen Boten:
‚Nimm, Holdselige, Gott in deinen jungfräulichen Schoß auf.‘
Sprach’s und hauchte der Lieblichen ein die göttliche Gnade.
Sie aber faßte beim Hören Erstaunen zugleich und Verwirrung;
Zitternd stand sie vor ihm wie erstarrt, der Sprache nicht mächtig,
Klopfenden Herzens, erschreckt von der unvermuteten Botschaft.
Dann aber freute sie sich und Wärme durchströmte die Glieder;
Bräutlich lachte sie drauf, von Rot übergossen die Wange,
Höchlich entzückt, von lieblicher Scham die Sinne befangen.
Also faßte sie Mut; und das Wort, in Demut empfangen,
Wurde zu Fleisch mit der Zeit, und im Schoße der Mutter
Reift es heran zur Menschengestalt und wurde ein Knäblein
Durch einer Jungfrau Geburt: ein großes Wunder den Menschen,
Aber kein Wunder vor Gott und Gottes unsterblichem Sohne.
Kaum war geboren das Kind, so ward es mit Jubel empfangen,
Himmel und Erde frohlockten, es lachte vor Freude das Weltall,
Und ein prophetischer Stern erregte das Staunen der Weisen.
Bethlehem ward die Heimat des Logos durch göttliche Wahl.
Zahlreich wallte zur Krippe im Stall die Menge der Frommen,
Hirten der Rinder und Schafe und Hirten der meckernden Ziegen.“ (Christliche Sibyllinen VIII,429-479; in: ebd. S. 524f.)

 

In den Paulusakten, einer Schrift, die Ende des 2. Jahrhunderts, etwa um 190 entstanden sein müsste, und diverse Legenden über den heiligen Paulus und die heilige Thekla enthält (Thekla soll von Paulus bekehrt worden sein, ihre Familie gegen sich aufgebracht haben, weil sie sich als Jungfrau Gott weihte, zweimal durch ein göttliches Wunder vor dem Martyrium errettet worden sein und später noch viele Jahrzehnte als Einsiedlerin gelebt haben), heißt es:

„Und Paulus erhob seine Stimme und sprach: ‚Wenn ich heute verhört werde, was ich lehre, so höre, Prokonsul: Der lebendige Gott, der Gott der Rache, der eifrige Gott, der Gott, der kein Bedürfnis kennt, der hat, weil er das Heil der Menschen will, mich gesandt, daß ich sie der Vergänglichkeit und der Unreinigkeit entreiße und aller Lust und dem Tode, damit sie nicht mehr sündigen. Darum hat Gott seinen Sohn gesandt, den ich als die frohe Botschaft verkünde und lehre, daß in ihm die Menschen Hoffnung haben, er, der allein Mitleid hatte mit der verirrten Welt, damit die Menschen nicht mehr unter dem Gericht seien, sondern Glauben hätten und Gottesfurcht und Erkenntnis der Ehrbarkeit und Liebe zur Wahrheit. Wenn ich nun lehre, was mir von Gott offenbart ist, was tue ich dann für ein Unrecht, Prokonsul?‘ Als der Statthalter das gehört hatte, gab er Befehl, Paulus zu binden und in das Gefängnis abzuführen, bis er Muße finden werde, ihn gründlicher zu verhören.“ (Paulusakten in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 246)

Als Thekla (zum zweiten Mal) verurteilt worden ist und im Amphitheater den wilden Tieren vorgeworfen werden soll, wird sie bis zur geplanten Vollstreckung des Urteils von einer angesehenen Frau namens Tryphäna aufgenommen, die sie bittet, für ihre verstorbene Tochter zu beten. In ihrem Gebet bezeichnet Thekla Jesus als „Gott der Himmel, Sohn des Höchsten“:

„Und nach dem Umzug nahm Tryphäna sie wieder zu sich. Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!'“ (Ebd., S. 248)

Als sie dann den Tieren vorgeworfen wird, die ihr aber nichts tun, kommt diese Stelle:

„Und der Statthalter ließ Thekla mitten aus den Tieren heraus rufen und sprach zu ihr: ‚Wer bist du und was hat es mit dir auf sich, daß auch nicht eines von den Tieren dich anrührte?‘ Sie antwortete: ‚Ich bin eine Dienerin des lebendigen Gottes; was es aber mit mir auf sich hat: Ich habe an den geglaubt, an dem Gott Wohlgefallen hatte, an seinen Sohn. Um seinetwillen hat mich keines von den Tieren angerührt. Denn er allein ist das Ziel der Rettung und die Grundlage unsterblichen Lebens. Ist er doch für die, die vom Sturm geplagt sind, eine Zuflucht, für Bedrängte Erquickung, für Verzweifelte Schutz, mit einem Wort: wer nicht an ihn glaubt, wird nicht leben, sondern tot sein in Ewigkeit.“ (Ebd., S. 250)

Die Paulusakten enthalten auch einen apokryphen Briefwechsel der Korinther mit Paulus (einen Brief der Korinther an Paulus und einen, den er zurückschreibt; letzterer wird auch als 3. Korintherbrief bezeichnet). Die Korinther schreiben Paulus, weil doketistische/gnostische Irrlehrer in ihre Gemeinde gekommen sind, und Paulus schreibt in seiner Antwort gegen den Doketismus (der Verfasser der Paulusakten lehnt sich hier an den originalen 1. Korintherbrief an, insbesondere Kapitel 15):

„Ich habe euch ja im Anfang überliefert, was ich von den Aposteln vor mir empfangen habe, die allezeit mit dem Herrn Jesus Christus zusammengewesen waren, nämlich daß unser Herr Jesus Christus von Maria aus dem Samen Davids geboren ist, indem der heilige Geist aus dem Himmel vom Vater in sie herabgesandt war, damit er in die Welt käme und alles Fleisch durch sein eigenes Fleisch erlöse und damit er uns Fleischliche von den Toten auferwecke, wie er selbst sich als Urbild erwiesen hat. Und weil der Mensch von seinem Vater geschaffen ist, deswegen wurde er auch, als er verloren gegangen war, gesucht, auf daß er lebendig gemacht würde durch die Annahme zur Kindschaft. Denn der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, sandte zuerst die Propheten den Juden, daß sie ihren Sünden entrissen würden; er hatte nämlich beschlossen, das Haus Israel zu retten, deshalb sandte er einen Teil vom Geiste Christi in die Propheten, welche die irrtumslose Gottesverehrung verkündeten zu vielen Zeiten. Aber da der Fürst, der ungerecht war [d. h. der Teufel, Anmerkung von mir], selbst Gott sein wollte, legte er Hand an sie und tötete sie, und so fesselte er alles Fleisch der Menschen an die Begierden [an seinen Willen und die Vollendung der Welt trieb dem Gericht entgegen]. Aber Gott, der Allmächtige, der gerecht ist und sein eigenes Geschöpf nicht verstoßen wollte, sandte den [heiligen] Geist [durch Feuer] in Maria, die Galiläerin, die von ganzem Herzen glaubte, und sie empfing im Leibe den heiligen Geist, damit in die Welt Jesus einträte, damit der Böse, durch dasselbe Fleisch, durch das er sein Wesen trieb, besiegt, überführt wurde, daß er nicht Gott sei. Denn durch seinen eigenen Leib hat Jesus Christus alles Fleisch gerettet [und zum ewigen Leben geführt durch den Glauben], indem er den Tempel der Gerechtigkeit darstellte in seinem Leibe, durch den wir erlöst sind.(Ebd., S. 259)

An späterer Stelle sagt Paulus in den Paulusakten:

„Und jetzt, Brüder, steht eine große Versuchung bevor; wenn wir diese ertragen haben, werden wir den Zugang zum Herrn haben und werden als Zuflucht und Schild des Wohlgefallens empfangen Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, wenn ihr nun das Wort so empfanget, wie es ist. Einen Geist der Kraft hat Gott am Ende der Zeiten um unsertwillen ins Fleisch herabgesandt, das heißt in Maria die Galiläerin, gemäß dem prophetischen Worte, der als Leibesfrucht getragen und geboren wurde von ihr, bis sie entband und gebar [Jesus,] den Christus, unseren König, aus Bethlehem in Judäa, aufgezogen in Nazareth, hingehend aber nach Jerusalem und lehrend ganz Judäa: ‚Das Reich der Himmel (sc. Gottes) ist nahe herbeigekommen! Laßt ab von der Finsternis, ergreifet das Licht, die ihr im Dunkel des Todes dahinlebt. Ein Licht ist euch aufgegangen!‘ Und er tat große und wunderbare Dinge, sodaß er sich aus den Stämmen zwölf Männer erwählte, die er in Verständnis und Glauben mit sich hatte, Tote erweckend und Krankheiten heilend, Aussätzige reinigend und Blinde heilend, Krüppel gesund machend und Gelähmte gehend machend, Besessene reinigend …“ (Danach ist eine Lücke im Text.) (Ebd., S. 264)

Paulus erzählt von der Zeit seiner Bekehrung:

„In der Tat, es gibt kein Leben außer dem, das in Christus ist. Ich trat in eine große Kirche ein, bei dem seligen Judas, dem Bruder des Herrn, der mir von Anfang an die hohe Liebe des Glaubens gegeben hat. Ich führte meinen Wandel in der Gnade, bei dem seligen Propheten, und [beschäftigte mich] damit, Christus zu enthüllen, ihn, der vor [allen] Zeiten erzeugt ward.“ (Ebd., S. 269)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier der erste.

 

So beschreiben verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt um 95 n. Chr. in einem Brief an die Korinther:

„Wir wollen hinblicken auf das Blut Christi und erkennen, wie kostbar es auch Gott seinem Vater ist, weil es, wegen unseres Heiles vergossen, der ganzen Welt die Gnade der Reue gebracht hat. Lasset uns alle Geschlechter durchwandeln und erkennen, dass der Herr einem jeden Geschlechte Gelegenheit zur Buße gab, allen, die sich zu ihm bekehren wollten. Noe1 predigte Buße, und die auf ihn hörten, wurden gerettet. Jona2 kündigte den Niniviten ihren Untergang an; sie taten Buße für ihre Sünden, versöhnten durch Gebet ihren Gott und erlangten Rettung, obwohl sie nicht zum Volke Gottes gehörten.“ (1. Clemensbrief 7,4-7)

„Wer Liebe in Christus hat, der halte die Gebote Christi. Wer kann das Band der Liebe Gottes beschreiben? Wer ist imstande, seine erhabene Schönheit zu schildern? Die Höhe, zu der die Liebe emporführt, ist unbeschreiblich. Liebe verbindet uns mit Gott, ‚Liebe deckt eine Menge Sünden zu‘1, Liebe erträgt alles, Liebe ist in allem langmütig; nichts Gemeines gibt es in der Liebe, nichts Hoffärtiges; Liebe kennt keine Spaltung, Liebe lehnt sich nicht auf, Liebe tut alles in Eintracht; in der Liebe haben alle Auserwählten Gottes ihre Vollkommenheit erlangt, ohne Liebe ist Gott nichts wohlgefällig. In Liebe hat der Herr uns angenommen; wegen der Liebe, die er zu uns trug, hat unser Herr Jesus Christus sein Blut hingegeben für uns nach Gottes Willen, sein Fleisch für unser Fleisch, seine Seele für unsere Seelen.“ (1. Clemensbrief 49)

 

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. (oder wenig später) auf dem Weg zu seinem Prozess und Martyrium in Rom:

„Einer ist der Arzt, fleischlich sowohl als geistig, geboren und ungeboren, im Fleische wandelnd ein Gott, im Tode wahrhaftiges Leben, sowohl aus Maria als aus Gott, zuerst leidensfähig, dann leidensunfähig, Jesus Christus unser Herr.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 7,2)

„Ich habe aufgenommen in Gott deinen vielgeliebten Namen (= die Gemeinde Ephesus), den ihr erworben habt durch euer gerechtes Wesen gemäß eurem Glauben und eurer Liebe in Christus Jesus, unserem Erlöser; da ihr Nachahmer Gottes seid, habt ihr, im Blute Gottes zu neuem Leben gelangt, das Werk der Bruderliebe vollkommen ausgeübt.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 1,1)

„vielmehr wünsche ich euch gefestigt im Glauben an die Geburt, das Leiden und die Auferstehung, die geschah, als Pontius Pilatus Landpfleger war; wahrhaft und sicher vollbracht von Jesus Christus, unserer Hoffnung, um die keiner von euch gebracht werden möge.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 11)

„Ich preise den Gott Jesus Christus, der euch so weise gemacht hat; ich habe nämlich erkannt, dass ihr vollendet seid in unerschütterlichem Glauben, wie angenagelt mit Leib und Seele an das Kreuz des Herrn Jesus Christus, gefestigt in der Liebe im Blute Christi, vollkommen (im Glauben) an unseren Herrn, den wahrhaftigen Spross aus dem Geschlechte Davids dem Fleische nach1, den Sohn Gottes nach dem Willen und der Macht Gottes, wahrhaft geboren aus der Jungfrau und von Johannes getauft, auf dass jegliche Gerechtigkeit von ihm erfüllt würde2; wahrhaft unter Pontius Pilatus und dem Vierfürsten Herodes für uns im Fleische (ans Kreuz) genagelt, von dessen Frucht wir (stammen) von seinem gottgepriesenen Leiden, auf dass er für ewige Zeiten durch seine Auferstehung sein Banner erhebe3 für seine Heiligen und Getreuen, sei es unter den Juden oder unter den Heiden in dem einen Leibe seiner Kirche.

Dies alles hat er nämlich gelitten unseretwegen, damit wir gerettet werden; und zwar hat er wahrhaft gelitten, wie er sich auch wahrhaft auferweckt hat, nicht wie einige Ungläubige behaupten, er habe nur scheinbar gelitten, da sie selbst nur scheinbar leben; und gemäß ihren Anschauungen wird es ihnen ergehen, wenn sie körperlos und gespensterhaft sind (bei der Auferstehung).

Ich nämlich weiß und vertraue darauf, dass er auch nach der Auferstehung derselbe war im Fleische. Und als er zu Petrus und seinen Genossen kam, sprach er zu ihnen: ‚Fasset (mich) an, betastet mich und sehet, dass ich nicht ein körperloser Geist bin‘1. Und sogleich betasteten sie ihn und glaubten, da sie in Fühlung gekommen waren mit seinem Körper und seinem Geiste. Deshalb verachteten sie auch den Tod und zeigten sich stärker als der Tod. Nach der Auferstehung aß und trank er mit ihnen wie ein leibhaftiger Mensch, obwohl er dem Geiste nach vereinigt war mit dem Vater.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 1-3)

Ignatius wendet sich hier, wie gesagt, gegen die Doketisten, die meinten, dass Jesus nicht wirklich Fleisch angenommen und gelitten haben könne, sondern dass sein Leiden nur scheinbar gewesen sei, die also die Inkarnation quasi für unter der Würde Jesu hielten.

 

Bischof Polykarp von Smyrna, ein Schüler des Apostels Johannes, an den Ignatius auch einen seiner Briefe gerichtet hatte, schreibt kurz darauf in einem Brief an die Ortskirche in Philippi:

„Unablässig wollen wir festhalten an unserer Hoffnung und an dem Unterpfand unserer Gerechtigkeit, nämlich an Jesus Christus, der unsere Sünden an seinem eigenen Leibe ans Kreuz getragen, der keine Sünde getan1und in dessen Mund kein Betrug gefunden worden2; sondern unseretwegen hat er alles auf sich genommen, damit wir in ihm das Leben haben. So wollen wir also Nachahmer werden [seiner] Geduld, und wenn wir seines Namens wegen leiden, wollen wir ihn verherrlichen. Hierin hat er nämlich durch sich selbst ein Beispiel gegeben, und wir haben daran geglaubt.“ (Brief Polykarps an die Philipper 8)

 

Als ein nichtchristliches Zeugnis hätten wir das Spottkreuz vom Palatin (Rom), irgendwann aus dem 2. Jahrhundert. Hier hat jemand einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf in eine Wand geritzt (es ging das Gerücht um, dass die Christen einen Eselsgott anbeten würden), vor dem ein Mann in Gebetshaltung steht. Dabei steht: „Alexamenos betet [den/seinen] Gott an.“

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c2/Jesus_graffito.jpg

Bei den Heiden war also nicht nur das Gerücht mit dem Eselsgott ein Grund für Spott über die Christen, sondern auch ihr Glaube an einen gekreuzigten Gott.

 

Bei Bischof Irenäus von Lyon, der noch Polykarp gekannt hatte und dessen Werk ca. 180 entstanden ist, finden sich sehr viele schöne und aufschlussreiche Stellen. Er betont sehr, dass Jesus durch die Menschwerdung den Menschen in sich rekapituliert, den Menschen zu Gott herangezogen hat:

„Christus aber, unser Herr, ertrug mutvoll, ein eigentliches Leiden, durch welches er nicht nur nicht in Gefahr geriet, verloren zu gehen, sondern den verlorenen Menschen in seiner Kraft stärkte und zur Unvergänglichkeit wiederherstellte. […] Uns brachte Christus durch sein Leiden die Erlösung, indem er uns die Erkenntnis des Vaters schenkte. […] Unser Herr hat durch sein Leiden den Tod vernichtet, den Irrtum aufgehoben, die Vernichtung unschädlich gemacht und die Unwissenheit vertrieben, er hat das Leben geoffenbart und die Wahrheit gezeigt und Unvergänglichkeit geschenkt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,20,3)

„Aber darin irren sie von der Wahrheit ab, weil ihre Lehre den allein wahren Gott nicht kennt, weil sie nicht wissen, daß sein eingeborenes Wort, das immer dem menschlichen Geschlechte beisteht, vereint und eingesät in sein Geschöpf, nach dem Willen des Vaters Fleisch geworden ist, Jesus Christus, unser Herr ist, der für uns gelitten hat und unseretwegen auferstanden ist und wieder kommen wird in der Herrlichkeit des Vaters, um alles Fleisch aufzuerwecken und Rettung zu bringen and das Gesetz des gerechten Gerichtes allen zu zeigen, die ihm unterworfen sind. Es ist also ein Gott Vater, wie wir gezeigt haben, und ein Christus Jesus, unser Herr, der durch die ganze Heilsordnung hindurch ging und alles in sich selbst zusammenfaßte. Zu diesem ‚allen‘ gehört aber auch der Mensch, das Geschöpf Gottes; also faßte er auch den Menschen in sich zusammen, indem er, der Unsichtbare, sichtbar wurde, der Unbegreifbare begreifbar, der Leidensunfähige leidensfähig, das Wort Mensch. So faßte er in sich das All zusammen, damit er, wie das Wort in den überhimmlischen und geistigen Dingen Herrscher ist, ebenso in den sichtbaren und körperlichen Dingen herrsche, indem er auf sich die Herrschaft nahm und sich zum Haupte der Kirche einsetzte, und damit er alles an sich ziehe zu der passenden Zeit.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,16,6)

„Wir haben somit klar bewiesen, daß das Wort, welches im Anfang bei Gott war, und durch welches alles gemacht worden ist, und das immer bei dem menschlichen Geschlechte weilte, jetzt in den letzten Zeiten gemäß der vom Vater bestimmten Zeit mit seinem Geschöpfe sich vereinte und zum leidensfähigen. Menschen geworden ist. […] Vielmehr faßte er die lange Entwicklung der Menschen in sich zusammen, indem er durch die Inkarnation Mensch wurde, und gab uns in dieser Zusammenfassung das Heil, damit wir unser Sein nach, dem Bild und Gleichnis Gottes, das wir in Adam verloren hatten, in Christo Jesu wiedererlangen möchten.

Es war nämlich unmöglich, den einmal besiegten und durch seinen Ungehorsam gefallenen Menschen neu zu schaffen und den Siegespreis ihm zu verleihen, aber ebenso unmöglich konnte der in die Sünde gefallene Mensch das Heil erlangen. Deshalb bewirkte beides der Sohn, der das Wort Gottes war, indem er vom Vater herunterstieg, Fleisch annahm und bis zum Tode ging. So erwirkte er uns unsere Erlösung.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,1-2)

„So näherte und vereinte er, wie wir gesagt haben, den Menschen mit Gott. Wenn nämlich der Mensch nicht den Feind des Menschen besiegt hätte, so wäre nicht gerechterweise der Feind besiegt worden. Und wiederum hätte nicht Gott dem Menschen das Heil verliehen, so würden wir dessen nicht gewiß sein. Und wäre der Mensch nicht mit Gott verbunden worden, so hätte er keinen Anteil an der Unvergänglichkeit erlangen können. Es mußte nämlich der Mittler zwischen Gott und den Menschen kraft seines Verhältnisses zu beiden in Freundschaft und Eintracht beide zusammenführen und die Menschen Gott nahe bringen und die Menschen mit Gott bekannt machen.

Aus welchem Grunde könnten wir denn teilhaftig sein der Annahme an Kindesstatt, wenn wir nicht durch den Sohn diese verwandtschaftliche Beziehung zu ihm empfangen hätten; wenn nicht sein Wort, Fleisch geworden, sie uns mitgeteilt hätte? Deshalb machte er auch jede Altersstufe durch, um für alle die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen. […]

Wer also die Sünde vernichten und den Menschen von seiner Todesschuld erlösen wollte, der mußte das werden, was jener war, nämlich Mensch. Denn der Mensch war von der Sünde in die Knechtschaft geschleppt und wurde von dem Tode festgehalten. Daher mußte die Sünde von einem Menschen überwunden werden, damit der Mensch des Todes ledig würde. Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen, der zuerst von der jungen Erde gebildet war, die vielen Sünder wurden und das Leben verloren, so mußten auch durch den Gehorsam eines Menschen, der zuerst von einer Jungfrau geboren wurde, viele gerechtfertigt werden und ihr Heil erlangen.

So wurde also das Wort Gottes Mensch, wie auch Moses sagt: ‚Gott, wahrhaft sind seine Werke‘3 . Wäre er aber nicht Fleisch geworden, sondern nur als solches erschienen, so wäre sein Werk nicht wahr gewesen. Was er schien, das war er also auch: Gott faßte in sich das alte Menschengebilde zusammen, um die Sünde zu vernichten, den Tod niederzuwerfen und den Menschen lebendig zu machen. Deswegen sind auch ‚wahrhaft seine Werke‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,7)

„Von dem Abfall erlöste er uns rechtlich durch sein Blut; uns aber, den Erlösten, ward seine Güte zuteil, Denn wir gaben ihm nichts zuvor, noch begehrte er etwas von uns, als ob er es gebrauchte. Wir aber bedürfen der Gemeinschaft mit ihm und deswegen gab er sich gütig hin, um uns in den Schoß seines Vaters zu sammeln.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,2,1)

Er betont sehr die Realität der Fleischwerdung:

„Wenn aber nach einer andern Ordnung der Herr Fleisch geworden ist und er aus einer anderen Wesenheit Fleisch annahm, dann hat er den eigentlichen Menschen in sich nicht rekapituliert; ja, er kann nicht einmal Fleisch genannt werden. Denn Fleisch ist in Wahrheit nur das, was von der ersten Schöpfung aus Erde abstammt. Hätte er aus einer anderen Substanz den Stoff haben sollen, dann hätte der Vater von Anfang an dies Gebilde aus einer anderen Substanz müssen entstehen lassen. Nun aber ist das, was der gefallene Mensch war, das heilbringende Wort geworden, indem es durch sich selbst die Verbindung und Aufsuchung des Heiles herstellte. Der gefallene Mensch aber hatte Fleisch und Blut, denn aus dem Schlamm der Erde bildete Gott den Menschen, um dessentwillen der Herr auf die Erde überhaupt kommen mußte. Also hatte auch er Fleisch und Blut; indem er kein anderes als das ursprüngliche Geschöpf des Vaters rekapitulierte, suchte er das, was verloren war. Deswegen sagt auch der Apostel im Briefe an die Kolosser: ‚Da ihr einstmals entfremdet waret und feind seinem Ratschlusse in bösen Werken, seid ihr jetzt wiederversöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch seinen Tod, um euch heilig und keusch und ohne Tadel in seinem Angesichte darzustellen‘1 . In dem Fleische seines Leibes wiederversöhnt, heißt es, weil das gerechte Fleisch jenes Fleisch versöhnte, das in der Sünde niedergehalten wurde, und es in die Freundschaft mit Gott brachte.

Wenn nun jemand sagen wollte, daß das Fleisch des Herrn insofern von unserm Fleische verschieden war, als jenes nicht sündigte, noch irgend ein Arg in seiner Seele gefunden wurde, wir aber Sünder sind, so hat er recht gesprochen. Wollte er dem Herrn aber eine andere Substanz des Fleisches andichten, so würde das Wort von der Versöhnung nicht mehr bestehen. Denn wiederversöhnt war das, was einmal in Feindschaft war. Nahm aber der Herr sein Fleisch aus einer andern Substanz, dann ist das nicht mehr mit Gott versöhnt worden, was ihm durch den Ungehorsam feind geworden war. Weil nun aber zwischen ihm und uns eine Gemeinschaft besteht, versöhnte der Herr den Menschen mit Gott, indem er uns durch den Leib seines Fleisches versöhnte und durch sein Blut uns erlöste. So sagt der Apostel den Ephesern: ‚In ihm haben wir gehabt Erlösung durch sein Blut, Vergebung der Sünden‘1 . Und wiederum ebendenselben: ‚Die ihr einstmals ferne waret, seid nahe geworden in dem Blute Christi‘2 . Und wiederum: ‚Die Feindschaft hob er auf in seinem Fleische, das Gesetz der Gebote durch seine Lehren‘3 . Und so bezeugt der Apostel in seinem ganzen Briefe deutlich, daß wir durch das Fleisch unseres Herrn und durch sein Blut erlöst worden sind.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,14,2-3)

„Und deswegen brachte der Herr uns in den letzten Zeiten durch seine Menschwerdung in die Freundschaft mit ihm zurück, indem er ‚der Mittler zwischen Gott und den Menschen wurde‘1 . Für uns versöhnte er seinen Vater, gegen den wir gesündigt hatten, und machte unsern Ungehorsam durch seinen Gehorsam wieder gut; uns aber verlieh er, mit unserm Schöpfer zu verkehren und ihm zu gehorchen. Deshalb lehrte er uns in seinem Gebete zu sprechen: ‚Und erlaß uns unsere Schulden!‘2 Ist es doch unser Vater, dessen Schuldner wir geworden waren, indem wir sein Gebot übertraten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,1)

„Indem er ihm also die Sünden erließ, heilte er den Menschen und zeigte offenkundig, wer er war. Wenn nämlich nur Gott die Sünden vergeben kann und demnach der Herr sie vergab, wie er die Menschen heilte, dann ist es offenbar, daß er selbst das Wort Gottes war, das zum Menschensohne geworden war und von dem Vater die Macht der Sündenvergebung empfangen hatte, daß er Gott und Mensch war, damit er als Mensch mit uns Mitleid hätte und als Gott sich unser erbarme und uns die Schulden vergebe, welche wir Gott, unserm Schöpfer, schulden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,3)

Er schreibt über das Lebensalter Jesu:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. Denn nicht schien er ein anderer zu sein, als er war, wie es die möchten, die ihn als eine bloße Erscheinung auffassen, sondern was er war, das schien er auch. Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte.

Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4)

Über die Weisen aus dem Morgenland sagt er:

„Matthäus aber läßt die Magier, die aus dem Osten kamen, sprechen: ‚Wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten‘7 . Und von dem Stern in das Haus Jakobs zum Emmanuel geführt, haben sie durch die Darbringung ihrer Geschenke angezeigt, wer der war, den sie anbeteten: durch die Myrrhe, daß er es war, der für das sterbliche Geschlecht der Menschen sterben und begraben werden wollte; durch das Gold, daß er der König war, ‚dessen Reich kein Ende hat‘8 ; durch den Weihrauch, daß er ‚der in Judäa bekannt gewordene Gott‘9 ist, der sich denen offenbarte, die ihn suchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,9,2)

Sein Hauptwerk „Gegen die Häresien“ beendet Irenäus hiermit:

„Denn es ist ein Sohn, der den Willen des Vaters vollendete, und ein Menschengeschlecht, in welchem die Geheimnisse Gottes sich vollziehen, ‚den die Engel zu schauen begehren‘4 , und nicht vermögen sie die Weisheit Gottes ergründen, durch welche sein Geschöpf zur vollkommensten Einverleibung in seinen Sohn gelangt, so daß sein Sohn, das eingeborene Wort, hinabsteigt in das Geschöpf, d. h. in sein Gebilde, und von ihm aufgenommen wird. Und das Geschöpf hinwiederum nimmt auf das Wort und steigt zu Ihm empor, indem es über die Engel sich erhebt, und so wird es nach dem Bild und Gleichnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,36,3)

 

In seinem kleineren Werk „Erweis der apostolischen Verkündigung“ schreibt er:

„Und er erschien als Mensch in der Fülle der Zeit und faßte als Wort Gottes alles, Himmel und Erde, in sich zusammen. Er vereinigte den Menschen mit Gott und stellte zwischen Gott und dem Menschen die Gemeinschaft und Eintracht wieder her, während wir nicht imstande gewesen wären, in anderer Weise an der Unvergänglichkeit1 gesetzmäßigen Anteil zu gewinnen, wenn er nicht zu uns gekommen wäre. Denn würde die Unvergänglichkeit unsichtbar und unerkannt geblieben sein, so hätte sie uns kein Heil gebracht. So wurde sie sichtbar, damit wir in jeder Hinsicht Anteil an dem Geschenk der Unvergänglichkeit gewinnen. Der Ungehorsam des Stammvaters Adam hatte uns alle in die Bande des Todes verstrickt. Deshalb war es notwendig und recht, daß die Fesseln des Todes gebrochen wurden durch den Gehorsam dessen, der für uns Mensch ward. Weil der Tod über den Leib herrschte, so war es notwendig und recht, daß er durch den Leib unterworfen werde und so den Menschen aus seiner Sklaverei freigeben mußte. Das Wort wurde Fleisch, damit der Leib, wodurch die Sünde zur Herrschaft gelangt war, Besitz genommen und gewaltet hatte, durch ebendasselbe bezwungen, auch in uns ein anderer sei2 . Und deshalb nahm unser Herr denselben Leib, wie er in Adam war, an, damit er für die Väter kämpfe und durch Adam den besiege, der durch Adam uns getroffen hatte3 .“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 31)

„Die Übertretung, welche vermittelst des Baumes geschehen war, wurde auch getilgt durch den Baum des Gehorsams, an welchem in Unterwürfigkeit gegen Gott der Sohn des Menschen gekreuzigt wurde; da überwand er die Erkenntnis des Bösen und schaffte der Erkenntnis des Guten wieder Einlaß und befestigte sie. Böse ist es, Gott ungehorsam zu sein, wie es gut ist, Gott zu gehorchen. […] Durch den Gehorsam bis in den Tod am Kreuze tilgte er den alten, am Holz begangenen Ungehorsam. Er ist selbst das Wort des allmächtigen Gottes, welches in unsichtbarer Gegenwart uns alle zumal durchdringt, und deshalb umfaßt er alle Welt, ihre Breite und Länge, ihre Höhe und Tiefe; denn durch das Wort Gottes werden alle Dinge der Ordnung gemäß geleitet; und Gottes Sohn ist in ihnen gekreuzigt, indem er in der Form des Kreuzes allem aufgeprägt ist; war es doch recht und angemessen, daß er mit seinem eigenen Sichtbarwerden an allem Sichtbaren seine Kreuzesgemeinschaft mit allem auspräge; denn seine Wirkung sollte es an den sichtbaren Dingen und in sichtbarer Gestalt zeigen, daß er derjenige ist, welcher die Höhen, d. h. den Himmel, erhellt und hinabreicht in die Tiefen, an die Grundfesten der Erde, der die Flächen ausbreitet von Morgen bis Abend und von Norden und Süden die Weiten leitet und alles Zerstreute von überallher zusammenruft zur Erkenntnis des Vaters.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 34)

„Auf diese Weise hat er also unsere Erlösung als herrlicher Sieger vollendet, hat die Verheißungen an die Vorväter erfüllt und die alte Auflehnung getilgt und ausgeschaltet. Der Sohn Gottes wurde zum Sohne Davids, zum Sohne Abrahams; diese vollendend und in sich erneuernd und zusammenfassend, um uns in den Besitz des Lebens zu setzen, ist das Wort Gottes geheimnisvoll in der Jungfrau Fleisch geworden, den Tod zu vernichten und den Menschen mit dem Leben zu begaben. Wir lagen ja in den Banden der Sünde, die wir in Sünden geboren sind und unter der Herrschaft des Todes leben.

Gott der Vater war also voll Erbarmen. Er sandte das wunderwirkende Wort. Es kam uns zu erretten und hielt sich dazu an denselben Orten und Gegenden unter uns auf, wo wir das Leben bei unserm Verweilen verloren haben, und zerbrach die Bande der Gefangenschaft. Sein Licht leuchtete auf und zerstreute die Finsternis des Kerkers, heiligte unsere Geburt und besiegte den Tod, indem er die Fesseln löste, mit denen wir in Knechtschaft gehalten waren. Selbst zum Erstgeborenen der Toten geworden, zeigte er die Auferstehung und weckte in sich selbst den gefallenen Menschen zur Auferstehung, indem er ihn nach oben, zuhöchst in den Himmel zur Rechten des Vaters emporführte. So hatte es Gott durch den Propheten verheißen, als er sprach: ‚Ich werde wieder aufrichten das zerfallene Zelt Davids‘1 , d. h. den Leib, der von David stammt. Das hat in Wahrheit unser Herr Jesus Christus vollbracht, da er unsere Erlösung siegreich erkämpfte, um uns wahrhaft aufzuerwecken vom Tode zum Leben für den Vater. […]

Denn der erstgeborene Urausgang aus dem Gedanken des Vaters, das Wort, vollendete alles, die Welt regierend und sie ordnend. Er war der Erstgeborene der Jungfrau, gerecht, heilig als Mensch, gottergeben, gut, gottgefällig, in allem vollkommen, die Rettung aller vor der Hölle, welche ihm nachfolgten. Er war der Erstgeborene von den Toten and der Uraufgang des Lebens in Gott.

So also ist bei der abermaligen Berufung des Menschen durch Gott das Wort Gottes Führer für alle zur einträchtigen Gemeinschaft, weil es wahrhaft Mensch, wunderbarer Ratgeber und mächtiger Gott1 ist. So sollen wir durch diese Gemeinschaft teilnehmen an der Unvergänglichkeit. Er nun, der im Gesetz des Moses verkündigt worden und von den Propheten des höchsten und allmächtigen Gottes und des Sohnes des Vaters aller, er, von dem alles ist, der mit Moses geredet hat, er trat auf in Judäa, von Gott entsproßt durch den Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, welche aus dem Geschlechte Davids und Abrahams war, Jesus, der Gesalbte Gottes, mit dem Beweis, daß er der zuvor von den Propheten Verkündigte ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 37-40)

 

Justin der Märtyrer, ein Philosoph, der vom Platonismus zum Christentum konvertiert war, und in Rom im Jahr 165 hingerichtet wurde, schreibt in seiner Verteidigung („Apologia“) des Christentums (um 150):

„Wohl aber ist der in unserer Zeit gekreuzigte und gestorbene Jesus Christus wieder auferstanden, zum Himmel aufgefahren und König geworden, und über das, was in seinem Namen von den Aposteln unter allen Völkern gepredigt wurde, herrscht Freude bei denen, die der von ihm angekündigten Unvergänglichkeit entgegensehen.“ (Justin, 1. Apologie 42)

Er bezeichnet Jesus wie im Johannesprolog als den „Logos“ (das Wort, die Vernunft, der Ausspruch Gottes). Den Heiligen Geist bezeichnet er als den „prophetischen Geist“, und er sagt hier, dass die Christen Jesus sozusagen an zweiter Stelle und den heiligen Geist an dritter Stelle ehren. (Zur Dreifaltigkeitslehre, die damals ja noch nicht ganz ausformuliert war, in einem der nächsten Teile genauer.)

„Daß ihr aber mit euren Opfern kein Glück haben werdet, bezeugt der Logos, der königlichste und gerechteste Herrscher, den wir nächst Gott, seinem Erzeuger, kennen. […] Daß das alles so geschehen werde, hat, sage ich, unser Lehrer Jesus Christus, der Sohn und Gesandte Gottes, des Vaters und Herrn des Weltalls, vorhergesagt, nach dem wir den Namen Christen erhalten haben. Dadurch werden wir auch voll Zuversicht in Bezug auf alles, was er uns gelehrt hat, weil es sich herausstellt, daß tatsächlich alles eintrifft, was er als zukünftig vorausgesagt hat; denn das ist Gottes Werk, vor dem Geschehen vorherzusagen und dann es so geschehen zu lassen, wie es vorhergesagt worden ist3. […]

Daß wir nun nicht gottlos sind, da wir doch den Schöpfer dieses Alls verehren und, wie wir gelehrt worden sind, behaupten, daß er keiner Schlacht-, Trank- und Räucheropfer bedarf, und die wir ihn bei allem, was wir zu uns nehmen, durch Gebet und Danksagungswort, soviel wir können, lobpreisen, indem wir als die seiner allein würdige Ehrung nicht die kennen lernten, das von ihm zur Nahrung Geschaffene durch Feuer zu verzehren, sondern die, es uns und den Bedürftigen zugute kommen zu lassen, ihm aber zum Danke in Worten Huldigungen und Gesänge emporzusenden1 für unsere Erschaffung und für alle Mittel zu unserem Wohlsein, für die Mannigfaltigkeit der Arten und für den Wechsel der Jahreszeiten, und die wir Bitten empor senden, daß wir wieder in Unvergänglichkeit erstehen durch den Glauben an ihn – welcher Vernünftige wird das nicht einräumen? Und daß wir außerdem den, der unser Lehrer hierin gewesen und dazu geboren worden ist, Jesus Christus, der gekreuzigt wurde unter Pontius Pilatus, dem Landpfleger von Judäa zur Zeit des Kaisers Tiberius, den wir als den Sohn des wahrhaftigen Gottes erkannt haben, an die zweite Stelle setzen und daß wir den prophetischen Geist an dritter Stelle mit Fug und Recht ehren, das werden wir zeigen. Denn darin beschuldigt man uns der Torheit, indem man sagt, daß wir die zweite Stelle2 nach dem unwandelbaren und ewigen Gott, dem Weltschöpfer, einem gekreuzigten Menschen zuweisen. Das sagt man, weil man das darin eingeschlossene Geheimnis nicht kennt. Indem wir dieses erklären, bitten wir euch, recht dabei aufzumerken.“ (Justin, 1. Apologie 12-13)

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius1 geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft2 [griechisch „Logos“] lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit3 und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher4 ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

„Daß er aber auch, für uns Mensch geworden, Schmerzen und Schande ertragen wollte und wieder in Herrlichkeit erscheinen wird, darüber hört folgende Weissagungen: […] Nach seiner Kreuzigung fielen nämlich auch alle seine Vertrauten von ihm ab und verleugneten ihn3; später aber nach seiner Auferstehung, als er ihnen erschienen war und er sie in das Verständnis der Prophezeiungen, in denen das alles als zukünftig vorhergesagt war, eingeführt hatte, und als sie ihn in den Himmel hatten auffahren sehen, Glauben gewonnen, die ihnen dorther von ihm gesandte Kraft empfangen hatten und zu allen Nationen der Menschheit ausgezogen waren, da haben sie das gelehrt und sind Apostel genannt worden.“ (Justin, 1. Apologie 50)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„so sind auch wir durch die gar schweren Sünden, welche wir begangen haben, untergesunken, wurden aber von unserem Christus durch seinen Kreuzestod und durch die Reinigung mit Wasser erlöst und zu einem Hause des Gebetes und der Andacht gemacht23.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 86,6)

„Er ist ewig, wenn er auch kam, um durch die Jungfrau Maria geboren zu werden und Mensch zu sein; bei der Erneuerung von Himmel und Erde nämlich fängt der Vater bei ihm an7, und durch ihn will er die Neuschaffung bewerkstelligen. Er ist es, der in Jerusalem als ewiges Licht leuchten wird8. Er ist der König von Salem und der ewige Priester des Höchsten nach der Ordnung des Melchisedech9.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 113,4f.)

 

Bei sehr vielen Kirchenvätern findet sich die Ansicht, dass es Gott der Sohn ist, nicht Gott der Vater, der sich den Patriarchen offenbart hat; hier nur ein Beispiel bei Irenäus:

„Und wie der Sohn Gottes mit Abraham in eine Unterredung eintrat, sagt Moses wiederum: ‚Und es erschien ihm Gott bei der Terebinthe Mamres am Mittag; als er die Augen erhob und sah, siehe, da traten drei Männer vor ihn, und er neigte sich zur Erde und sprach: Herr, habe ich wirklich Gnade gefunden vor Dir‘1 . Und alles Weitere sprach er mit dem Herrn und der Herr mit ihm. Zwei von den dreien nun waren Engel, der eine aber war der Sohn Gottes, mit dem eben Abraham sprach und bei dem er Fürsprache einlegte für die Bewohner von Sodoma, daß sie nicht zugrunde gingen, wenn nur zehn Gerechte wenigstens sich fänden. Während diese miteinander redeten, gingen die Engel nach Sodoma, und Loth nahm sie auf. Hierauf sagt die Schrift: ‚Der Herr ließ über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen vom Herrn vom Himmel‘2 . Gemeint ist der Sohn, der mit Abraham redete. Als Herr empfing er die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter vom Herrn vom Himmel, von dem Vater, der über alles herrscht. Hiermit ward Abraham ein Prophet und sah das Zukünftige, welches geschehen sollte, in menschlicher Gestalt den Sohn Gottes, denn dieser sollte mit den Menschen reden, mit ihnen Nahrung genießen und hernach von dem Vater aus, der über alle herrscht, das Gericht über sie abhalten, wie er von ihm die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter erhalten hatte. […]

Und alle diese Gesichte deuten an, wie der Sohn Gottes mit den Menschen spricht und unter ihnen weilt. Denn nicht hat ehedem der Vater von allem, der von dieser Welt nicht gesehen wird, und der Schöpfer von allem, der da spricht: ‚Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße, wie wollt ihr mir ein Haus bauen, oder wo wäre der Ort meiner Ruhe‘2 , er, ‚der die Erde faßt mit seiner Faust und den Himmel ausspannt mit seiner Hand‘3 — nicht er hat, in kleinem Raum vorübergehend weilend, mit Abraham gesprochen, sondern das Wort Gottes, das immer mit der Menschheit war und das Zukünftige, welches kommen sollte, zum voraus enthüllte und die Menschen über Gott belehrte.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 44-45)

 

Von den frühen Christen wurde sehr viel Wert auf die Prophezeiungen über Jesus im Alten Testament gelegt. Justin der Märtyrer verteidigt Jesus gegen den heidnischen Vorwurf, er könne auch nur ein Zauberkünstler gewesen sein, folgendermaßen:

„Damit aber niemand uns entgegenhalte: ‚Was steht im Wege, daß nicht auch der, den wir Christus nennen, als Mensch von Menschen geboren, durch Zauberkunst die Wundertaten vollbracht hat, die wir ihm zuschreiben, und daß man deswegen geglaubt hat, er sei Gottes Sohn?‘ so wollen wir nunmehr den Beweis führen, wobei wir uns nicht auf die stützen, die es behaupten1, sondern auf die, welche von ihm vorhergesagt haben, ehe er geboren wurde, denen wir notwendigerweise glauben müssen, weil wir mit Augen die Prophezeiungen erfüllt oder sich erfüllen sehen2, eine Beweisführung, die, wie wir glauben, auch euch als die sicherste und richtigste erscheinen wird.“ (Justin, 1. Apologie 30)

Über die Jungfrauengeburt schreibt er:

„Und nun hört, wie Wort für Wort seine Geburt aus einer Jungfrau durch Isaias geweissagt worden ist. Es heißt nämlich: ‚Siehe, die Jungfrau wird im Schoße tragen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen nennen: Gott mit uns‘1. Was nämlich unglaublich war und bei den Menschen für unmöglich gehalten wurde, das hat Gott durch den prophetischen Geist als zukünftig eintretend vorhergesagt, damit es, wenn es geschähe, nicht angezweifelt, sondern geglaubt werde, eben weil es vorhergesagt war2.

Damit aber niemand aus Mißverständnis der genannten Weissagung uns vorwerfe, was wir den Dichtern vorwerfen, wenn sie erzählen, Zeus sei aus Liebeslust zu Weibern gekommen, so wollen wir die Worte zu erklären versuchen. Das ‚Siehe die Jungfrau wird im Schosse tragen‘ bedeutet, daß die Jungfrau ohne Beiwohnung empfangen werde; denn hatte irgendeiner ihr beigewohnt, dann war sie keine Jungfrau mehr; vielmehr kam die Kraft Gottes über die Jungfrau, beschattete sie und bewirkte, daß sie, obgleich sie Jungfrau war, schwanger wurde. Und der damals zu eben dieser Jungfrau gesandte Engel Gottes brachte ihr diese frohe Botschaft, indem er sprach: ‚Siehe, du wirst im Schoße vom Heiligen Geiste empfangen und einen Sohn gebären und er wird Sohn des Allerhöchsten genannt werden3, und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘4, wie die berichtet haben, welche alles auf unsern Erlöser Jesus Christus Bezügliche aufgezeichnet haben. Diesen haben wir Glauben geschenkt, weil auch der prophetische Geist durch den obengenannten Isaias verkündet hatte, daß er so werde geboren werden, wie wir oben angegeben haben. Daß man nun unter dem Geiste und der Kraft Gottes nichts anderes verstehen darf als den Logos, der Gottes Eingeborener ist, hat der vorhin genannte Prophet Moses angedeutet5. Und als dieser Geist auf die Jungfrau kam und sie überschattete, hat er nicht durch Beiwohnung, sondern durch seine Kraft bewirkt, daß sie schwanger wurde. Jesus aber, ein hebräischer Name, bedeutet im Griechischen Erlöser; darum sprach auch der Engel zur Jungfrau: ‚Du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘6.“ (Justin, 1. Apologie 33)

Über das Leiden Jesu sagt er in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon:

„Die Worte: ‚Wie Wasser ist hingegossen und zerdehnt ist all mein Gebein. Geworden ist mein Herz wie Wachs, zerfließend im Innern meines Leibes‘ waren eine Prophezeiung auf das, was Jesus in jener Nacht erfahren mußte, als man gegen ihn auf den Ölberg ausrückte, um ihn gefangenzunehmen. Denn in den Denkwürdigkeiten, deren Verfasser nach meiner Behauptung die Apostel Jesu und deren Nachfolger waren, steht geschrieben, daß Schweiß wie Blutstropfen zur Erde rann19, da er betete und sprach20 : ‚Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch vorüber‘ und da sein Herz und ebenso seine Gebeine offenbar bebten und sein Herz wie Wachs in seinem Innern zerfloß, auf daß wir erkennen, daß nach dem Willen des Vaters sein Sohn unsertwegen in der Tat21 solches erduldet hat, und wir nicht behaupten, er habe als Sohn Gottes kein Empfinden gehabt für das, was ihm geschah und begegnete.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 103,7f.)

Über die Werke Jesu sagt er:

„In der Wüste, in welcher es keine Gotteserkenntnis gab, im Lande der Heiden, quoll als Quelle lebendigen Wassers12 von Gott her unser Christus hervor, welcher auch in eurem Volke erschienen ist und die, welche von Geburt aus und dem Fleische nach blind, taub und lahm waren, heilte, indem er dem einen durch sein Wort die Möglichkeit zu springen gab, dem anderen durch dasselbe das Gehör, wieder einem anderen das Augenlicht verlieh. Aber auch Tote erweckte er zum Leben. Durch seine Werke führte er die Menschen seiner Zeit zu seiner Erkenntnis. Sie aber nahmen, obwohl sie diese Wunder sahen, in ihnen Trugbilder und Zauberei an; wagten sie es ja auch, Christus einen Zauberer13 und Volksverführer14 zu nennen. Er aber wirkte eben diese Wunder, um die, welche später an ihn glauben sollten, zu überzeugen, daß er dem, der von körperlichen Leiden heimgesucht ist, wenn er nur seine überlieferten Lehren beobachtet, bei seiner zweiten Ankunft Unsterblichkeit, Unvergänglichkeit und Leidensunfähigkeit verleihen, ihn zu einem Leben frei vom Gebrechen erwecken werde.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 69,6f.)

Die Freundschaft Christi

Der folgende Text ist ein kleiner Auszug aus Msgr. Robert Hugh Bensons „The Friendship of Christ“ (die Übersetzung ist von mir; hier findet sich der vollständige Text auf Englisch). Um der Lesbarkeit willen habe ich längere Absätze in kürzere aufgebrochen.

Für Leser, die Probleme mit Skrupulosität haben könnten, sei vorsichtshalber gesagt, dass es hier nicht um Fragen von schwerer Sünde geht; nicht darum, dass man zwangsläufig den Himmel verpassen würde, wenn man auf Erden die Freundschaft Christi noch nicht vollkommen kennt; sondern um ein größeres Geschenk, das Jesus einem schon  jetzt geben will, und eine größere Vollkommenheit.

Monsignor R. H. Benson in Oct. 1912, Aged 40.jpg

(Msgr. Robert Hugh Benson (1871-1914). Gemeinfrei.)

„Katholiken also neigen, mehr als jeder andere, dazu – gerade durch ihr Wissen um die Mysterien des Glauben, gerade durch ihr Erfassen von Jesus Christus als ihrem Gott, ihrem Hohepriester, ihrem Opfer, ihrem Propheten und König – , zu vergessen, dass es mehr Seine Freude ist, bei den Menschensöhnen zu sein als über die Seraphim zu herrschen, dass, während Seine Majestät Ihn auf dem Thron Seines Vaters hielt, Seine Liebe Ihn hinunter auf eine Pilgerreise brachte, auf dass Er Seine Diener in Seine Freunde verwandeln könnte.

Zum Beispiel klagen fromme Seelen oft über ihre Einsamkeit auf Erden. Sie beten, sie empfangen häufig die Sakramente, sie tun ihr Bestes, um die christlichen Gebote zu erfüllen; und, wenn alles getan ist, finden sie sich einsam wieder. Es könnte kaum einen offensichtlicheren Beweis ihres Scheiterns geben, zumindest eines der großen Motive der Inkarnation zu verstehen. Sie beten Christus als Gott an, sie zehren von Ihm in der Kommunion, machen sich rein in Seinem kostbaren Blut, erwarten den Zeitpunkt, wenn sie Ihn als ihren Richter sehen werden; aber von dieser intimen Kenntnis von und Gefährtenschaft mit Ihm, in der die göttliche Freundschaft besteht, haben sie wenig oder nichts erfahren.

Sie sehnen sich, sagen sie, nach einem, der nicht nur das Leid fortnehmen kann, sondern selbst mit ihnen leiden kann, einem, dem gegenüber sie in Stille die Gedanken ausdrücken können, die kein Wort hervorbringen kann; und sie scheinen nicht zu verstehen, dass das genau die Position ist, die Jesus Christus selbst zu erlangen sehnt, dass es das höchste Sehnen Seines Heiligen Herzens ist, dass Er eingelassen werde, nicht nur zum Thron des Herzens oder dem Gerichtshof des Gewissens, sondern in diese innere Kammer der Seele, wo ein Mensch am meisten er selbst ist, und daher ganz und gar allein.

Sieh, wie voll die Evangelien von diesem Sehnen Jesu Christi sind! Es gab tatsächlich glanzvolle Augenblicke, in denen der Gott in der Menschheit in Herrlichkeit aufflammte – Augenblicke, in denen selbst die Kleider, die Er trug, in Seiner Gottheit strahlend leuchteten: es gab Augenblicke der göttlichen Kraft, in denen blinde Augen sich durch das erschaffende dem geschaffenen Licht öffneten, in denen Ohren, die taub gegenüber irdischen Geräuschen waren, die göttliche Stimme hörten, in denen die Toten aus ihren Gräbern ausbrachen, um Ihn anzusehen, der am Anfang ihr Leben gegeben und es dann wiederhergestellt hatte. Und es gab erhabene und schreckliche Augenblicke, in denen Gott mit Gott beiseite ging in die Wildnis oder den Garten, in denen Gott durch die Lippen der verwüsteten Menschheit schrie: ‚Warum hast du mich verlassen?‘

Aber zum größten Teil ist es Seine Menschheit, von der die Evangelien uns erzählen; eine Menschheit, die nach Ihrer Art rief; eine Menschheit, die nicht nur versucht wurde, sondern auch, gleichsam, besonders war in allen Punkten, in denen wir es sind.

‚Nun liebte Jesus Martha, und ihre Schwester Maria, und Lazarus‘ (Johannes 11,5). ‚Jesus, der ihn ansah, liebte ihn‘ (Markus 10,21) – liebte ihn, scheint es, mit einer Empfindung, die unterschieden ist von der göttlichen Liebe, die alle Dinge liebt, die sie geschaffen hat; liebte ihn wegen des Ideals, das er im besonderen vielleicht noch erreichen mochte, mehr als nur für die Tatsache, dass er einfach existierte wie andere seiner Art – liebte ihn, wie ich meinen eigenen Freund liebe, und wie er mich liebt.

Es sind wahrscheinlich diese Augenblicke, mehr als alle anderen, die Jesus Christus die Zuneigung der Menschheit gewonnen haben – Augenblicke, in denen Er sich selbst als wahrhaft einer von uns zeigte. Es ist, als er ‚erhöht‘ ist – nicht in der Herrlichkeit der triumphierenden Gottheit, sondern in der Schande der geschlagenen Menschheit, da er uns an sich zieht.

Wir lesen von Seinen Machttaten und fühlen Ehrfurcht und Verehrung: aber wenn wir lesen, wie Er erschöpft am Brunnen saß, während Seine Freunde essen holen gingen; wie Er sich im Garten in gequältem Vorwurf an die wendet, von denen Er sich Trost erhofft hatte – ‚Was? Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?‘ (Matthäus 26,40) – wenn Er sich noch einmal umwendet und zum letzten Mal diesen heiligen Namen dem gegenüber benutzt, der ihn für immer verwirkt hatte – ‚Freund, wofür bist du gekommen?‘ (Matthäus 26,50) – sind wir uns dessen bewusst, was Ihm noch mehr bedeutet als all die Anbetung aller Engel in Herrlichkeit – Zärtlichkeit und Liebe und Mitleid – Gefühle, zu denen nur die Freundschaft ein Anrecht hat.

Oder wiederum: Jesus Christus spricht mehr als einmal in der Schrift zu uns, nicht nur in Hinweisen und Andeutungen, sondern in bewussten Aussagen, von Seinem Wunsch, unser Freund zu sein. Er zeichnet für uns ein kleines Bild des einsamen Hauses bei Einbruch der Nacht, von Ihm selbst, der dasteht und an der Tür klopft, und von dem vertrauten kleinen Mahl, das Er erwartet. ‚Und wenn irgendeiner öffnet – (irgendeiner!) – werde ich zu ihm eintreten und werde mit ihm Mahl halten und er mit mir‘ (Offenbarung 3,20).

Oder wiederum sagt er jenen, deren Herzen krank werden angesichts des Verlustes, der so rasch auf sie herabkommt: ‚Ich nenne euch jetzt nicht mehr Knechte; vielmehr habe ich euch Freunde genannt‘ (Johannes 15,15). Oder wiederum verspricht Er Seine bleibende Gegenwart, entgegen dem Anschein, denen, die Seine Wünsche kennengelernt haben. ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen‘ (Matthäus 18,20) ‚Seht, ich bin bei euch alle Tage‘ (Matthäus 28,20). Und ‚was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘ (Matthäus 25,40).

Wenn etwas in den Evangelien eindeutig ist, dann dies – dass Jesus Christus zuallererst unsere Freundschaft ersehnt. Es ist Seine Vorhaltung gegenüber der Welt, nicht dass der Retter zu den Verlorenen kam und dass die Verlorenen von Ihm wegliefen, um sich noch weiter zu verlieren, nicht dass der Schöpfer zum Geschöpf kam und das Geschöpf Ihn zurückwies; sondern dass der Freund ‚zu den Seinen kam, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf‘ (Johannes 1,11).

Nun ist das Bewusstsein der Freundschaft Jesu Christi gerade das Geheimnis der Heiligen. Gewöhnliche Menschen können gewöhnliche Leben leben, mit wenig oder keiner offenen Missachtung Gottes, aus hundert zweitrangigen Motiven. Wir halten die Gebote, damit wir ins Leben eintreten; wir vermeiden die Sünde, damit wir der Hölle entkommen; wir kämpfen gegen die Weltlichkeit an, damit wir die Achtung der Welt behalten. Aber kein Mensch kann drei Schritte auf dem Weg zur Vollkommenheit vorangehen, ohne dass Jesus Christus neben ihm geht.

Es ist dann dies, das den Weg des Heiligen unterscheidet – und das ihm auch das scheinbare Groteske gibt – (denn was ist in den Augen der fantasielosen Welt grotesker als die Ekstase des Liebenden?) […]

Aber es ist die wahnsinnig machende Freude der bewussten Gefährtenschaft Jesu Christi, die die Liebenden, und damit die Giganten der Geschichte geschaffen hat. […]

II. Nun muss man bedenken, dass, während diese Freunschaft zwischen Christus und der Seele von einem Blickpunkt aus vollkommen vergleichbar mit der Freunschaft zwischen zwei Menschen ist, sie von einem anderen Blickpunkt aus unvergleichlich ist. Sicherlich ist es eine Freundschaft zwischen Seiner Seele und unserer; aber diese Seine Seele ist vereint mit der Gottheit. Eine einzige individuelle Freundschaft mit Ihm erschöpft daher nicht Seine Fähigkeiten. Er ist Mensch, aber Er ist nicht nur Ein Mensch: Er ist Der Menschensohn statt Ein Menschensohn. Er ist das ewige Wort, durch das alle Dinge geschaffen wurden und im Dasein erhalten werden.

Er kommt daher auf unzähligen Wegen zu uns, auch wenn es dieselbe Gestalt ist, die sich auf jedem Weg nähert. Es ist nicht genug, Ihn nur innerlich zu kennen: Er muss erkannt werden (wenn Seine Beziehung zu uns die sein soll, die Er ersehnt) in all jenen Tätigkeiten und Erscheinungsformen, in denen Er sich zeigt.

Einer, der Ihn daher ausschließlich als innerlichen Gefährten und Führer kennt, wie nahe und lieb auch immer, aber Ihn nicht im Heiligsten Sakrament kennt –  einer, dessen Herz brennt, während Er mit Jesus auf dem Weg geht, aber dessen Augen mit Blindheit geschlagen sind, sodass er Ihn nicht beim Brechen des Brotes erkennt, kennt nur eine Vollkommenheit aus zehntausend. Und wiederum, er, der Ihn in der Kommunion Freund nennt, aber dessen Ergebenheit so eng und beschränkt ist, dass er Ihn nicht in jenem mystischen Leib erkennt, in dem Er auf Erden wohnt und spricht – einer, in der Tat, der ein dévot ist, ein Individualist, und der daher nicht diese gemeinschaftliche Gottesverehrung versteht, die gerade das Wesen des Katholizismus ist – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt, aber Ihn nicht in Seinem Stellvertreter, oder in Seinem Priester, oder in Seiner Mutter erkennt – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt – (der, im üblichen Sprachgebrauch, ein ‚bewundernswerter Katholik‘ ist) – aber der nicht das Recht des Sünders erkennt, in Seinem Namen um Gnade zu bitten, oder des Bettlers, um Almosen zu bitten: oder wiederum, der Ihn unter spektakulären Umständen erkennt, aber nicht unter armseligen – der dem ersten Bettler auf der Straße, der in Christi Namen bittet, verschwenderisch gibt, aber dem es nicht gelingt, ihn in dem uninteressanten Dummkopf zu finden – jene, in Kürze, die Christus in einem oder zwei oder drei oder mehr Aspekten erkennen, aber nicht in allen – (zumindest nicht in all denen, von denen Christus selbst ausdrücklich gesprochen hat) – können nie zu dieser Höhe der Vertrautheit und Erkenntnis dieses idealen Freundes aufsteigen, die Er selbst ersehnt, und von der Er erklärt hat, dass sie zu erreichen in unserer Kraft steht.“

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(Zeichnung von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

„Gott ist nicht nett“?

Wenn man in „konservativ“-christlichen Kreisen unterwegs ist, wird man gelegentlich mal die Aussage „Gott ist nicht nett“ zu hören bekommen (vielleicht in freikirchlichen Milieus etwas mehr, aber auch bei Katholiken). Ich muss sagen, manchmal geht sie mir ein bisschen auf die Nerven.

Ich verstehe, woher die Aussage kommt: Man will der Ansicht widersprechen, Gott sei harmlos, zahnlos, gleichgültig gegenüber dem Bösen; Gott ist aber heilig, unermesslich, allmächtig, der „ganz Andere“. Das ist völlig richtig. Solche Aussagen findet man z. B. bei Johannes Hartl vom Gebetshaus Augsburg (dessen Buch „Gott ungezähmt – Raus der spirituellen Komfortzone“ Kapitelüberschriften hat wie „Gott ist kein Kumpel, sondern der Richter“*). Die evangelikale Satireseite „The Babylon Bee“ hat sich vor einiger Zeit mal in einem Artikel mit dem Titel „7 Tipps, um erfolgreich Lobpreislieder zu schreiben“ ein wenig über neueres christliches Liedgut lustig gemacht, wo man diese Tendenz, wie ich finde, auch gut sieht:

„1) Jeder Aspekt von Gottes Wesen wird am besten entweder durch Wassermetaphern oder durch Feuermetaphern repräsentiert. Du willst über Gottes Liebe singen? Vergleich sie entweder mit einem katastrophale Hurrikan der Kategorie 5, oder aber einem rasenden Inferno, das eine ganze Stadt niederbrennt. Nichts anderes kommt einer akkuraten Repräsentation von Gottes Liebe nahe.“ (Übersetzung von mir.)

An der Satire ist etwas dran.

Wenn man Gott nur oder zu sehr als überwältigend, als fordernd/herausfordernd, mächtig und womöglich zerstörerisch darstellt, als den Richter der Welt, als den, der menschliche Pläne über den Haufen wirft, geht etwas verloren. Gott ist geduldig mit Seinen Geschöpfen. Gott ist sanft. Gott ist Friede. Gott ist gütig und liebevoll. Die Heilige Schrift spricht nicht ohne Grund von der „Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes“ (Tit 3,4). Das Übernatürliche zerstört das Natürliche nicht, sondern baut darauf auf.

 

Ich finde zu der ganzen Frage auch eine Stelle im 1. Buch der Könige, an der Elija Gott am Horeb begegnet, sehr interessant. Sie wird öfter mal zitiert, wenn es darum geht, dass Gott sanft und gütig ist:

„Der HERR antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den HERRN! Da zog der HERR vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der HERR war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“ (1 Kön 19,11f.)

Sturm, Erdbeben und Feuer gehen dem Herrn voraus: Doch Er selbst kommt ganz sanft. Aber wirklich interessant ist der ganze Kontext dazu. Der Text geht folgendermaßen weiter:

Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle. Da vernahm er eine Stimme, die ihm zurief: Was willst du hier, Elija? Er antwortete: Mit Leidenschaft bin ich für den HERRN, den Gott der Heerscharen, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben. Ich allein bin übrig geblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.“ (1 Kön 19,13f.)

Die Sache ist die: Im Kapitel direkt davor hat Elija die Propheten des falschen Gottes Baal zu einem Gottesurteil auf dem Karmel herausgefordert, und nachdem Gott mit ihm gewesen war und er gewonnen hatte, hatte er die 450 Baalspropheten töten lassen. Das hatte eine Vorgeschichte: Isebel, die Frau des Königs Ahabs von Israel, die Baal verehrte und zu deren Partei die falschen Propheten gehörten, hatte sämtliche anderen Propheten des wahren Gottes töten lassen und auch Elija war in Gefahr; und sie verfolgte Elija weiterhin. Zu Beginn von Kapitel 19 schickt sie ihm die Botschaft „Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich morgen um diese Zeit dein Leben nicht dem Leben eines jeden von ihnen [der Baalspropheten] gleichmache“ (1 Kön 19,2).

Probe auf dem Karmel.jpg

(Elija und die Baalspropheten, Hans Holbein der Jüngere. Gemeinfrei.)

Jedenfalls kann man sagen, dass Elija nicht nur friedlich war. Und was Gott – der Gott, der sich in dem sanften Säuseln, nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, kundgetan hat – jetzt zu ihm sagt, ist:

„Der HERR antwortete ihm: Geh deinen Weg durch die Wüste zurück und begib dich nach Damaskus! Bist du dort angekommen, salbe Hasaël zum König über Aram! Jehu, den Sohn Nimschis, sollst du zum König von Israel salben und Elischa, den Sohn Schafats aus Abel-Mehola, salbe zum Propheten an deiner Stelle. So wird es geschehen: Wer dem Schwert Hasaëls entrinnt, den wird Jehu töten. Und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den wird Elischa töten. Ich werde in Israel siebentausend übrig lassen, alle, deren Knie sich vor dem Baal nicht gebeugt und deren Mund ihn nicht geküsst hat.“ (1 Kön 19,15-18)

Weit davon entfernt, Elijas radikalen Eifer und seine, ja, Gewalt zu verurteilen, bestärkt Gott ihn und gibt ihm weitere Anweisungen für seinen Kampf gegen die Baals-Partei. Im weiteren Verlauf der Geschichte sendet Gott zum Beispiel auch noch mal Feuer über Soldaten des Königs Ahasja, die dieser nach Elija ausschickt (vgl. 2 Kön 1).

Gott kann streng sein. Gott kann strafen. Offensichtlich; das tut Er hier. Aber Gott ist auch sanft zu seinen Kindern, und tröstet sie, und erhebt sie, und stärkt sie – wie Er Elija bei vielen Gelegenheiten stärkt und tröstet. Das ist das, was Seinem eigentlichen Wesen entspricht. Wenn Gott Strafe und Gewalt gebraucht, dann hat er Gründe dafür – z. B., dass es um Tyrannen geht, die Seinen Propheten umbringen wollen. Wenn Gott Strafe und Gewalt gebraucht, dann um seiner geliebten Kinder willen.

Gott will einem eben gerade Trost bieten, wenn man seine Probleme mit der Welt hat – wenn man irgendwelches Leid erlebt. Das „Spirituelle“ ist quasi – um auf Herrn Hartls Buchtitel zurückzukommen – schon die „Komfortzone“, in die man flüchten kann.

Natürlich nicht nur; Gott kann einen auch mal zurechtweisen usw., wenn man sich z. B. in Bosheit oder Selbstsucht verirrt. Aber dieses Sich-bei-Gott-bergen ist wichtig; wenn die Beziehung zu Gott halbwegs in Ordnung ist und man ehrlich auf Ihn schaut, ist das doch das Eigentliche. Ein Grund, aus dem ich die alten süßlichen Herz-Jesu-Lieder lieber mag als manche neue Worshipsongs. Gott ist mit uns.

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(Rembrandt, Kopf Christi. Gemeinfrei.)

 

* Full disclosure: Ich kenne bisher nur die Leseprobe auf Amazon.

Wen nochmal in die Welt tragen?

Ich war dieses Jahr in einer Vorabendmesse zu Fronleichnam; keine Prozession, alles in einer Dreiviertelstunde vorbei, und die Kirche zu (mindestens) drei Vierteln leer. Ging leider nicht anders. Die Predigt war dabei ziemlich kurz, und der Priester führte vor allem einen Gedanken aus: Bei den Fronleichnamsprozessionen (die es nach dieser Messe ja nicht gab, aber Sie verstehen) tragen wir das Kostbarste, das wir haben, nach draußen, aber wir sollen Jesus nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern immer – durch unser Verhalten – nach draußen in die Welt tragen. Guter Gedanke; an sich nichts auszusetzen.

Aber ich glaube, es wäre schöner gewesen, wenn er davor noch mehr dazu gesagt hätte, wer das eigentlich ist, Jesus Christus, und in welcher Weise wir Seine Liebe zu uns an diesem Fest, Fronleichnam, feiern. Was es für ein Wunder ist, dass Er unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft gegenwärtig ist, dass Er sich essen lässt, sich mit einem vereinigt. Dass Er so vollkommen gegenwärtig ist wie damals in Nazareth oder Jerusalem – still, verborgen, aber da. Dass man Ihn hier anschauen, anbeten, lieben kann. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass alle Anwesenden das wissen – und auch wenn man es weiß, muss man es sich wieder bewusst machen.

Wenn man die sich hier zeigende Liebe erst mal begriffen hat, ist doch die natürliche Folge davon, sie nach draußen tragen zu wollen – aber dazu muss man sich die Zeit nehmen, sie zu begreifen. Ich habe das Gefühl, das ist ein gar nicht mal so seltenes Problem: es wird (unterschwellig) vermittelt, man soll die Liebe Gottes nach draußen tragen, und davor bitte keine Zeit im Gebet bei Gott verschwenden und diese Liebe selbst erleben. (Bei anderen Leuten stärker als bei diesem doch ziemlich sympathischen Priester.)

In diesem Zusammenhang musste ich auch wieder mal an das Buch „Die Benedikt-Option“ des orthodoxen Christen Rod Dreher denken, an dem es ja einige legitime Kritikpunkte gibt, das aber (auch von mir, als ich anfangs davon gehört und es noch nicht gelesen hatte) auch schon öfter mit unfairen Kritikpunkten angegriffen wurde. Einer dieser unfairen Kritikpunkte ist: Wieso den Fokus darauf legen, christliche Gruppen, eine christliche Wagenburg, eine christliche Parallelgesellschaft aufzubauen, wo Christen doch eigentlich nach draußen gewandt sein sollen? – Ja, und womit haben sie denn dann nach draußen zu gehen? Wohin sollen sie die von draußen einladen? Bevor man den Glauben weitergeben kann – und auch während man es tut –, muss man ihn doch erst einmal leben. Ich erinnere mich, dass der Übersetzer der „Benedikt-Option“, Dr. Tobias Klein, zu genau diesem Thema irgendetwas Kluges geschrieben hatte, das ich aber gerade nicht wiederfinde und deswegen nicht verlinken kann.

Ich habe das Gefühl, das ist typisch für einen gewissen Trend der letzten Jahrzehnte, vom durchschnittlichen Laien gleichzeitig zu wenig und zu viel zu verlangen. Jeder Laie soll auch missionarisch sein, immer die Liebe Gottes ausstrahlen, aber – ständig in die Kirche springen? Angelus, Rosenkranz oder Stundengebet beten? Zur Eucharistischen Anbetung gehen? Hm, muss das denn sein? Ist das nicht frömmlerische Zeitverschwendung? Ich merke das jedenfalls bei mir selber: Das Gefühl, beim Beten würde man wertvolle Zeit verschwenden und das dürfe man irgendwie nicht, steckt schon noch drin.

Also dann: Frohes Fronleichnamsfest! Tantum Ergo schmettern, Jesus anbeten, und feiern!

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(Adolf Friedrich Erdmann von Menzel, Fronleichnamsprozession in Hofgastein. Gemeinfrei.)