Wieso kein Frauenpriestertum?

Und sie können es nicht lassen: In den letzten fünfzig oder sechzig Jahren hatten wir offenbar noch nicht genug davon, also findet gerade wieder mal eine Protestaktion für Priesterinnen in der katholischen Kirche statt, die sich mit größerer Hybris als üblich „Maria 2.0“ nennt: Verbessern wir doch einfach mal die Gottesmutter. Darauf ließe sich knapp mit einem Zitat der realen Maria antworten: „Er [Gott] zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.“ Auch die Strategie ist blasphemischer als üblich: Man boykottiert Mariens Sohn und ruft zur schweren Sünde auf, nämlich dem Fernbleiben von der sonntäglichen Eucharistie und damit von Jesus. Damit zeigt man es dem bösen Klerus aber mal.

Man könnte jetzt darüber lästern, dass die Grüppchen, die sich diese Woche vor ein paar Kirchentüren im Lande versammelt haben und ihre Sonntagspflicht verletzen, hauptsächlich aus Frauen über 60 zu bestehen scheinen, aber man soll ja nicht schadenfroh sein. Und man muss zugeben, dass auch die meisten jüngeren Frauen in Deutschland, wenn man sie fragen würde, meinen würden, die Kirche sollte Priesterinnen zulassen; der Unterschied ist freilich, dass die sich nicht mehr für die Kirche und kircheninterne Streiks interessieren und auch nicht kommen würden, wenn die Kirche Priesterinnen zulassen würde – was zu einem nicht geringen Teil das Verdienst der älteren Damen (und Herren) sein könnte, die für Priesterinnen werben. Wenn etliche Katholikinnen selbst ihr Bestes dazu tun, die Kirche als völlig auf dem Holzweg darzustellen, muss man nicht damit rechnen, dass man ihr viele neue Anhängerinnen bringt.

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Aber: Wieso jetzt eigentlich keine Frauen als katholische Priesterinnen? Das Thema kommt ja immer wieder auf; und ich habe früher auch nicht verstanden, wieso eigentlich nicht. (Woran, wie gesagt, diese ältere Generation in der Kirche schuld war, die einem keinen Katholizismus beibringt.)

Die einfachste und prinzipiell ausreichende Antwort darauf ist, dass Jesus es nicht wollte. Er hat in den Kreis der Zwölf nur Männer berufen; nicht eine einzige Frau unter Zwölf, was Er gekonnt hätte (Er hielt sich nicht immer an gesellschaftliche Konventionen, und auch damals gab es in anderen Kulten Priesterinnen); auch die Apostel haben nirgendwo Frauen als ihre Nachfolger eingesetzt. Jesus ist Gott; was Gott tut, ist richtig; wir haben Gott zu folgen. Außerdem wurde von der Kirche bereits wiederholt festgestellt und bestätigt, dass die Lehre vom ausschließlich männlichen Priestertum unveränderlich und als „zum Glaubensgut gehörend“ zu betrachten ist, also von jedem Katholiken angenommen werden muss; und auf die von Jesus eingesetzte Kirche vertrauen wir.

So weit, so gut; aber alles, was Gott tut, muss auch einen Grund haben, muss aus irgendeinem Grund notwendig oder zumindest angemessen sein. Und da kann man weiter suchen.

Grundsätzlich gilt zunächst, dass Priester nach katholischer Vorstellung vom Priesteramt eben nicht nur eine Gemeinde organisieren und Predigten halten, sondern dass sie vor allem Christus, das Haupt der Kirche, in heiligen Riten (v. a. der Eucharistie) repräsentieren, in denen Er durch sie handelt. Es gab im Lauf der Geschichte viele Kulte mit Priesterinnen; aber das waren dann normalerweise Priesterinnen einer als weiblich gedachten Gottheit.

Aber wieso denn keine weiblich gedachte Gottheit?, könnte man einwenden. Gott steht über der menschlichen Geschlechterpolarität, Er ist weder männlich noch weiblich. Wieso Ihn also nicht auch „Sie“, „Göttin“, „Mutter“ nennen?

Aus einem einfachen Grund: Er hat sich in männlicher Form zu erkennen gegeben, uns angewiesen, Ihn „Vater“ (und nicht „Mutter“) zu nennen, und ist als Mann Mensch geworden – Priester handeln in persona Christi, in der Person Christi, eines Mannes. Gott wird in der Bibel an ein paar vereinzelten Stellen mit einer Mutter verglichen, aber nie so angesprochen. Das hat auch seine Gründe: Der Glaube an Muttergottheiten hat immer etwas Pantheistisches (man denkt an die Erde, die das Leben gebiert), während das Bild des Vatergottes besser zu einem außerhalb der Welt stehenden Schöpfer passt, an den Christen glauben. Es ist wichtig, in welchen Bildern und Begriffen man von Gott spricht.

Wenn das ausschließlich männliche Priestertum verteidigt wird, wird oft der Vergleich herangezogen, dass Männer auch nicht schwanger werden könnten, so wenig, wie Frauen Priester werden könnten, was auch keine Diskriminierung der Männer durch den Schöpfer von Mann und Frau sei. Dagegen könnte man einwenden, dass Männer zwar keine so zentrale Rolle beim Kinderkriegen spielen wie Frauen und keine so ursprüngliche, intime Bindung zu ihren Kindern haben wie sie, aber trotzdem eine ziemlich wichtige komplementäre Rolle: Zu jeder Mutter braucht es einen Vater. Gibt es eine ergänzende Rolle für Frauen zu den männlichen Priestern?

Es gibt tatsächlich eine: Die geweihte Jungfrau. „Die geweihte Jungfrau (virgo consecrata) ist vor allem Braut Christi (sponsa Christi). Dies ist der Kern des Weihegebetes. (…) Durch ihre Weihe wird die geweihte Jungfrau zu einem Zeichen, das auf die bräutliche und unzertrennliche Liebe der Kirche zu Christus hinweist.“ (Quelle hier.) Der Priester vertritt also Christus; die geweihte Jungfrau repräsentiert die Kirche, die Braut Christi. Geweihte Jungfrau können tatsächlich nur Frauen werden. (Auf eine gewisse Weise kann und soll natürlich jeder Christ beide Rollen verkörpern: In uns soll Christus gegenüber anderen lebendig werden und wir sagen andererseits auch alle als Glieder der Kirche zu Christus: „Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, / mein König und mein Bräutigam, / du hältst mein Herz gefangen. […] Er hat mich ganz sich angetraut, er ist nun mein, ich seine Braut; drum mich auch nichts betrübet.“)

Es ist natürlich für beide Geschlechter möglich, in einer Ordensgemeinschaft oder als Privatgelübde ein Gelübde der ehelosen Keuschheit (und evtl. die weiteren Gelübde der Armut und des Gehorsams) abzulegen; das ist aber unterschieden von der Jungfrauenweihe. Übrigens besteht ein weiterer Unterschied zwischen den Nonnen & Frauen mit Privatgelübden und den vom Bischof geweihten Jungfrauen darin, dass die geweihten Jungfrauen tatsächlich Jungfrauen sein müssen – also niemals freiwillig Sex gehabt haben oder (nach den neuen Statuten) zumindest „niemals eine Ehe eingegangen sind und auch nicht offenkundig ein dem jungfräulichen Stand widersprechendes Leben geführt haben“ (was auch immer genau das heißen soll) –  während auch Witwen oder reuige ehemals promiskuitive Frauen als Nonnen in einen Orden eintreten oder Privatgelübde ablegen können: Bei geweihten Jungfrauen steht ihre symbolische Bedeutung mehr im Vordergrund, sie repräsentieren die gesamte Kirche, von der Paulus schreibt „ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen“ (2 Korinther 11,2). „Die Lebensform der geweihten Jungfrau ist zu verstehen als Zeichen für die virgo ecclesia, die dem kommenden Herrn auf Erden betend und ihn bezeugend entgegenharrt und sich für ihren Bräutigam bewusst bereitet.“ (Quelle hier.)

(Barna da Siena, Mystische Hochzeit der hl. Katharina von Siena. Gemeinfrei.)

Witzigerweise gab es tatsächlich einmal jemanden, der es den geweihten Jungfrauen neidete, dass sie eine Position hatten, die Männern nicht offen stand: den etwas überheblichen und etwas frauenfeindlichen antiken Theologen (und gegen Ende seines Lebens zu den Montanisten übergegangenen Ketzer) Tertullian (gest. nach 220 n. Chr.), der folgendes über die in der Kirche besonders geehrten geweihten Jungfrauen schrieb (er argumentiert an dieser Stelle dafür, dass die geweihten Jungfrauen ebenso wie die anderen Frauen in der Kirche Kopftücher tragen sollen, um nicht ihre Position zur Schau zu stellen):

„Es ist schon hart genug, dass die Weibsleute, die doch in allem den Männern untergeordnet sind, ein ehrendes Kennzeichen ihrer Jungfrauschaft zur Schau tragen, um dessentwillen sie von den Brüdern hochgeachtet, geehrt und verherrlicht werden, während so viele jungfräuliche Männer, so viele freiwillig Verschnittene einhergehen, ohne dass ihr Vorzug bemerkbar wäre, indem sie nichts tragen, was sie auszeichnete. Sie sollten doch auch irgend welche Abzeichen für sich in Anspruch nehmen, entweder die Federbüsche der Garamanten, die Kopfbinden der Barbaren, die Cicaden der Athener, die Haarbüschel der Deutschen, die Tätowierungen der Bretonen, oder im Gegenteil, sie sollten sich mit verschleiertem Haupte in der Kirche verbergen. Wir sind überzeugt, dass der h. Geist den jungfräulichen Männern Zugeständnisse der Art viel eher hätte machen können, wenn er sie den Weibern gemacht hätte, da den Männern, abgesehen von dem höhern Ansehen ihres Geschlechtes, auch um der Enthaltsamkeit selbst willen höhere Ehre gebührt hätte. Je stärkere und brennendere Begierde dieses Geschlecht gegen die Weiber empfindet, desto schwieriger ist die Beherrschung des heftigeren Triebes, und desto mehr jeder Auszeichnung würdig, wenn die Schaustellung der Jungfräulichkeit überhaupt etwas würdiges ist. […] Wie wäre es also möglich, dass Gott nicht viel eher den Männern etwas derartiges als Auszeichnung zugebilligt haben sollte, schon weil sie ihm als sein Ebenbild näher stehen und weil sie sich mehr angestrengt haben. Wenn er aber dem Manne nichts zugebilligt hat, dann der Frau noch viel weniger.“ (Über die Verschleierung der Jungfrauen, 10. Kapitel)

Schön, könnte man einwenden, es gibt also eine entsprechende Position für Frauen. Aber geweihte Jungfrauen haben in der Kirche weniger Einfluss als Priester. Sie haben kein Amt, keinen bestimmten Beruf in der Kirche, arbeiten oft weiter in einem zivilen Beruf. Und auch Nonnen haben oft weniger Macht als Priester, zumindest aber weniger als Bischöfe.

Das Priesteramt beinhaltet schließlich auch nicht nur die Feier der Eucharistie in persona Christi; die Aufgabe des Klerus ist es, in persona Christi das Volk der Kirche 1) zu lehren, 2) zu leiten und 3) zu heiligen. An allen diesen Aufgaben haben Laien mehr am Rand und ausnahmsweise und dann, wenn der Klerus Aufgaben an sie delegiert, Anteil, nicht nur an Nr. 3). (Ihre eigenen Aufgaben haben sie in der Welt.)

Lehren: Offizielle Lehrentscheidungen treffen können nur die Bischöfe und v. a. der Papst, in der Messe predigen nur Bischöfe, Priester und Diakone, auch wenn Laien Religionslehrer, Theologieprofessoren oder Katecheten sein können.

Leiten: Eine Diözese wird immer vom Bischof geleitet, auch wenn er Laien als Mitarbeiter in der Verwaltung haben kann. Auch eine Pfarrei wird, außer bei extremem Priestermangel, von einem Priester geleitet.

Heiligen: Die Eucharistie feiern, die Beichte abnehmen, die Firmung spenden etc. können nur Kleriker; auch wenn Laien Nottaufen vornehmen (z. B. bei einem Todkranken), einen Wortgottesdienst leiten, beim Rosenkranz vorbeten können.

Wenn also die Priester nur aus den Männern ausgewählt werden, haben Frauen auch an Lehre & Leitung weniger Anteil. Und dass auch das Lehren & Leiten vom Klerus ausgeht, gehört zur Grundstruktur der Kirche.

Auf das Machtargument wird gerne – und völlig richtig – geantwortet, dass es in der Kirche nicht um Macht zu gehen habe, sondern ums Dienen. Wer Macht wolle, sei dafür nicht geeignet. Außerdem ist das Priesteramt nicht gedacht als vorteilhafte Stellung, sondern als aufopferungsvoller Dienst; Priestersein ist auch eine stressige und fordernde Aufgabe, und bringt vor allem viel Verantwortung mit sich. Vor dem Richterstuhl des Herrn werden Priester strenger beurteilt werden als Laien. So wie (um an einen Vergleich von oben zu erinnern) Mütter zwar eine engere Bindung zu ihren Kindern haben als Väter, haben sie es beim Kinderkriegen auch schwerer; dafür haben Priester, die in der Kirche mehr zu sagen haben, es auch schwerer als geweihte Jungfrauen.

Die Befürworter des Frauenpriestertums könnten auf dieses Argument hin sagen, dass es ihnen nicht um Macht, sondern um Gerechtigkeit ginge: Die Kirche sollte nicht einfach eine Gruppe vom Priesteramt ausschließen; sie sollte z. B. genauso wenig wie alle Frauen alle Rothaarigen vom Priesteramt ausschließen. Oder anders formuliert: Sie würden vermutlich sagen, dass der Wunsch nach einer anderen Verteilung von Macht (da Macht nun mal vorhanden ist und irgendjemand sie ausüben muss) nicht aus persönlicher Machtgier, sondern aus Gerechtigkeitssinn komme.

In dieser Argumentation liegt aber ein einfacher Denkfehler, der aus der neuzeitlichen Politik kommt: Die Vorstellung, dass Herrschaft, an der die Beherrschten nicht alle gleichen Anteil und gleiche Mitwirkungsmöglichkeiten hätten, grundsätzlich ungerecht und tyrannisch sein müsse. Wer so denkt, geht z. B. auch davon aus, dass die Erbmonarchie prinzipiell eine illegitime Regierungsform sei; was sie allerdings nach der Lehre der Kirche nicht ist (genauso wenig wie die Wahlmonarchie oder der Parlamentarismus u. Ä.).

Eine reine Demokratie ist auch in der Politik allein schon nirgends möglich. Auch da, wo Wahlen stattfinden, wird nur zwischen wenigen Kandidaten ausgewählt, von denen vielleicht alle sehr unbeliebt sind; die Ämterstruktur ist schon vorher festgelegt und wird nicht einfach verändert; nach der Wahl entscheiden die Gewählten in den nächsten Jahren allein und bieten vielleicht auch ihren Wählern böse Überraschungen; und selbst bei den seltenen Volksabstimmungen hat man nicht einfach „den Willen des Volkes“ vor sich, weil immer viele Wähler schlecht informiert sein werden, über welche konkreten Änderungen sie abstimmen, und vielleicht anders abstimmen würden, wenn sie informiert wären, und weil den Wählern auch nur wenige Möglichkeiten zur Auswahl gestellt werden. Es entscheidet auch niemand, in welchem Land mit welcher Verfassung er geboren wird. Kurz gesagt: „Alle Macht geht vom Volk aus“ ist eine Illusion.

Und sie ist eine Illusion, die man eigentlich nicht nötig hätte: Macht kann auch anständig ausgeübt werden, wenn jemand nicht den Rückhalt (einer Mehrheit) des Volkes hat oder nicht jeder die Möglichkeit hätte, ebenfalls auf seinen Posten zu gelangen. Auch in der Politik gibt es Menschen, die kein aktives und passives Wahlrecht haben (Kinder; geistig Behinderte; Demente; ansässige Ausländer) oder die keine reale Chance haben, selber auf einen mächtigen Posten zu kommen (schwer chronisch Kranke, Menschen ohne Schulabschluss, Analphabeten, Obdachlose). Der Demokratismus müsste davon ausgehen, dass alle diese Gruppen zwangsläufig unterdrückt werden müssen; das werden sie aber nicht.

Da heutzutage niemand mehr Vergleiche und Gleichsetzungen auseinander halten kann: Ich sage nicht „Frauen = Demente/Kinder“; ich mache an einem Vergleich deutlich, dass eine Gruppe nicht zwangsläufig unterdrückt sein muss, wenn sie nicht in Machtpositionen vertreten ist.

Es entspricht der Natur der Menschen, die zusammenleben, dass irgendjemand (bzw. mehrere) das Sagen haben muss; und um sicherzustellen, dass diese Macht nicht falsch verwendet wird, ist anderes entscheidend als ein allgemeines passives Wahlrecht. (Übrigens können Machthaber gerade dann, wenn sie meinen, sie hätten ihre Position nur durch ihre eigenen überlegenen Fähigkeiten erreicht, da angeblich alle anderen dieselben Chancen gehabt hätten, sie zu erreichen, sehr überheblich werden, was für ihre Untergebenen nicht angenehm ist. Das klingt vielleicht wie eine Abschweifung, aber es ist m. E. wichtig, es zu betonen: Die Kirche ist keine Meritokratie und der Bischof muss nicht der klügste Theologe oder der größte Heilige sein; dass es auch kluge Menschen und Heilige außerhalb des Klerus gibt, und man nicht so tut, als müssten alle klugen Theologen oder heiligmäßigen Christen Kleriker werden, bewahrt auch den Klerus vor Anmaßung.)

Die Kirche ist keine Demokratie; und damit ist sie keine Diktatur. Wenn Gott entschieden hätte, alle Rothaarigen vom Priesteramt auszuschließen, hätte er auch dazu das Recht gehabt. Die Kirche hat ihre Verfassung von Gott, der auch „monarchisch“ über die Welt regiert. Eine untergeordnete Position ist nichts Schlimmes, und zu gehorchen völlig in Ordnung. Darüber hat aber vor einiger Zeit Pater Edmund Waldstein OCist (hauptsächlich mit Bezug auf den politischen Bereich) besser geschrieben.

Mir ist schon klar, dass diese Argumentation von der Gegenseite vermutlich als propagandistische Rechtfertigung unterdrückerischer Machtstrukturen wahrgenommen werden wird (die bei einer Frau wie mir nur von internalisierter Misogynie (oder was auch immer) kommen kann). Aber dass das so wahrgenommen wird, liegt ja nur an der Propaganda des Liberalismus und Demokratismus, mit der die heutigen Machthaber einen zudröhnen (ich will nicht sagen, dass sie sie verwenden, um zu verschleiern, dass sie selbst Machthaber mit an sich „undemokratischer“ Legitimation sind, denn sie glauben ja i. d. R. wirklich, was sie sagen). Man sollte sich mal ernsthaft fragen: Würde eine Welt funktionieren, in der (in der Praxis, nicht in der Theorie!) von niemandem erwartet werden würde, sich Autoritäten zu unterwerfen, deren Vorhandensein und deren Regeln er nicht vorher zugestimmt hat? Natürlich würde sie das nicht. Hier sieht man schon einen Grundfehler des Liberalismus und Demokratismus.

Und sich zu beschweren, dass man nicht Priesterin werden kann ist eben letztlich genauso sinnlos wie die Beschwerde, dass man nicht englische Königin werden kann.

Vielleicht gäbe es noch weitere Angemessenheitsgründe für diese Lehre der Kirche; das hier waren nur ein paar Stichpunkte, die man nennen könnte, um auf die Vorwürfe der Gegner zu antworten.

Was ist meine Berufung?

Berufungen. Ach ja. Es wird bei uns in der Kirche gerne um welche gebetet, und viel über sie geredet, aber was das eigentlich ist – eine Berufung -, das wird auch gerne missverstanden. Und das kann dann für einigen unnötigen Stress sorgen. Bin ich zum Ordensleben oder Priestertum berufen? Oder will Gott mich vielleicht doch lieber in der Ehe sehen? Soll ich das Studium machen, oder die Ausbildung hier? Was, wenn ich den falschen Weg einschlage? Woran erkennt man eine Berufung? Es gibt vielleicht junge Männer, die sich fragen, ob sie Priester werden können, auch wenn sie nicht diese anscheinend manchmal erwartete innerliche Gewissheit verspüren, dass Gott sie beruft; oder junge Frauen, die sowohl den Gedanken daran, verheiratet und Mutter von drei, vier, fünf Kindern zu sein, als auch die Vorstellung, als Franziskanerin in einem Kloster zu leben, attraktiv finden und nicht wissen, wo Gott sie jetzt eigentlich haben will. Hinter manchen unnötigen Sorgen steckt auch der Gedankengang: Gott hat genau einen bestimmten Weg für mein Leben vorgesehen und wenn ich diesen Weg nicht finde, sündige ich und verpasse außerdem den ganzen Sinn und Zweck meines Daseins.

(Ewige Profess in einem Benediktinerinnenkloster, 2006, Quelle: Bischöfliche Pressestelle Hildesheim.)

Hauptsächlich und klassischerweise geht es bei der Frage nach einer „Berufung“ um die Wahl zwischen der Ehe und einem gottgeweihtem Leben gemäß den evangelischen Räten (Ratschlägen aus dem Evangelium, mit einer gewissen häretischen Konfession hat das nichts zu tun), also Armut, eheloser Keuschheit und Gehorsam. Dazu hat der hl. Paulus eigentlich alles Entscheidende schon im 1. Korintherbrief gesagt:

„Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser.“ (1 Kor 7,7-9.25-38)

Zu dieser Stelle habe ich hier schon mal etwas geschrieben; ich zitiere der Einfachheit halber mal mich selber:

„Dann ist es wichtig, zu sehen, dass Paulus hier keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will, à la ‚Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…‘. Nein, wenn er sagt, ‚Heiratest du aber, so sündigst du nicht‘ oder ‚Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut‘ oder ‚Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat‘, dann meint er das auch. Was nicht Sünde ist, darf man machen; hier lässt Gott uns jede Freiheit, und er nimmt es uns nicht übel, wenn wir uns für das an sich ‚Minderwertigere‘ entscheiden. Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht ’schlecht‘, wie wir das Wort oft verwenden, sondern ‚wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem‘. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.“

Diese Lehre hat übrigens sogar den Rang eines Dogmas; beim Konzil von Trient heißt es: „Wer sagt, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden: der sei mit dem Anathema belegt.“ Ja, das heißt, wenn jemand dir sagt, dass Ehe und Jungfräulichkeit genau gleich viel wert sind, ist er streng genommen zumindest ein materieller Häretiker.*

Also, zwei Sachen werden hier ganz deutlich: 1) Eine der beiden Berufungen ist objektiv höherwertig. Das nur auf Gott ausgerichtete Leben ist etwas ganz Besonderes, das es in der Kirche auf jeden Fall braucht – übrigens auch, um der Welt klarzumachen, dass unsere Hoffnung nicht in dieser Welt liegt, sondern bei Gott. 2) Es ist keine Sünde, nicht das Höherwertige zu wählen. Ich glaube, es ist nötig, es immer und immer wieder zu sagen: Das Bessere ist nicht der Feind des Guten. Und Gott liebt einen nicht weniger, wenn man das weniger Gute wählt.

Interessant ist auch: Paulus sagt zwar: „Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ Aber dann sagt er doch allgemein: Wer nicht heiratet, handelt besser; nur, wenn das zu schwierig für ihn ist, dann soll er halt heiraten und muss sich deswegen kein schlechtes Gewissen machen. Mit den Gnadengaben scheint er eher die Fähigkeit als die gefühlsmäßig empfundene persönliche Beauftragung zu einem Leben allein zu meinen. (Nur mal so: bei einem Verzicht auf die Ehe geht es ja nicht nur um einen Verzicht auf Sex, das zwar auch, aber auch um einen Verzicht auf Partnerschaft, auf Kinder, usw. Das muss man auch aushalten können.)

Auch zwei Stellen in den Evangelien sind hier wichtig. Als Jesus klargestellt hat, dass Ehescheidung nicht geht, geht es so weiter: „Da sagten seine Jünger zu ihm: Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19,10-12) Manchen ist es also gegeben, auf die Ehe zu verzichten – und wenn einer sich dafür geeignet sieht, ist es auch gut, wenn er es tut.

Dann kommt die Geschichte von dem reichen Jüngling: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.“ (Mt 19,16-22) Als der reiche junge Mann fragt, was er tun muss, nennt Jesus ihm einfach die allgemeinen Gebote; als er noch mehr tun will, lädt Jesus ihn ein, auch auf seinen Besitz zu verzichten.

Der hl. Thomas nennt das Leben nach den evangelischen Räten den „Stand der Vollkommenheit“. Wir verwenden das Wort „vollkommen“ ja eigentlich mit zwei Bedeutungen: 1) „makellos“, d. h. ohne Fehler oder Verunreinigungen, 2) am höchsten, das Bestmögliche. Nach Vollkommenheit im ersten Sinne soll jeder Christ streben (d. h. jeder soll keine Sünden begehen – klar wird man sie nicht alle vermeiden können, aber man muss es sich als Ziel setzen und versuchen), Vollkommenheit im zweiten Sinne ist etwas Freiwilliges für die, die sie auf sich nehmen wollen, dafür geeignet und nicht durch irgendwelche äußeren Umstände daran gehindert sind. Und zu dieser zweiten Vollkommenheit gehören die evangelischen Räte. (Hier noch mehr zum Thema Gutsein & Vollkommenheit.) „Da jedoch die Vorschrift des Gesetzes in verschiedener Weise erfüllt werden kann, so ist deshalb noch nicht jemand ein Gesetzesübertreter, wenn er nicht auf die beste Weise es erfüllt; vielmehr genügt es, wenn er irgendwie dies thut.“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3, Antwort auf den zweiten Einwand.)

Laut Thomas ist das Leben nach den Räten ein besonders gut geeignetes Mittel, um zur Heiligkeit zu gelangen – aber eben kein Endzweck in sich selbst. Der Endzweck ist die Gottes- und Nächstenliebe. „In untergeordneter Weise und wie in einem Werkzeuge aber besteht die Vollkommenheit in den Räten, welche alle, aber anders wie die Gebote, zur heiligen Liebe in Beziehung stehen. Denn die Gebote entfernen Alles, was zur Liebe selbst im Gegensatze steht, womit die Liebe also nicht bestehen kann; die Räte aber entfernen Hindernisse für die thatsächliche Äußerung oder Bethätigung der Liebe, welche jedoch zur Liebe selber nicht im Gegensatze stehen, wie z. B. die Ehe, die Beschäftigung mit Weltlichem. Deshalb sagt Augustin (Enchir. 121.): ‚Was auch immer geboten ist, wie z. B.: du sollst nicht ehebrechen; oder was auch immer geraten ist, wie z. B.: Gut ist es für den Menschen, ein Weib nicht zu berühren; — dies Alles geschieht dann recht, wenn es bezogen wird auf Gott und um Gottes willen auf den Nächsten.‘ Und in den collat. Patr. (1, 7.) heißt es: ‚Fasten, Nachtwachen, Betrachten der Schrift, Entblößung und Verzicht auf allen Besitz bilden nicht die Vollkommenheit, sondern sind deren Werkzeuge; denn nicht dies Alles ist der Zweck, sondern vermittelst dessen gelangt man zum Zwecke, … auf diesen Stufen steigen wir zur heiligen Liebe empor.'“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3)

Thomas schreibt interessanterweise auch, dass es nicht nötig sei, sich um einen Ordenseintritt ewig Gedanken zu machen: „Ich antworte, in großen Zweifeln bedürfe man langer Beratung mit vielen Zweifeln. In zuverlässig gewissen Dingen bedarf es keiner Beratung. (3 Ethic. 3.) Nun kann rücksichtlich des Eintritts in den Ordensstand dreierlei berücksichtigt werden: 1. Der Eintritt selber; da liegt an und für sich ein besseres Gut vor, und wer daran zweifelt, der fehlt gegen Christum selber, welcher diesen Rat gegeben. Deshalb sagt Augustin (de verb. Dom. serm. 7. c. 2.): ‚Die aufgehende Sonne, d. i. Christus, ruft dich und du willst auf den Untergang achten d. i. auf einen sterblichen, des Irrtums fähigen Menschen!‘ 2. Der Eintritt mit Rücksicht auf die Kräfte des eintretenden; da aber vertrauen die eintretenden nicht auf ihre Kräfte, sondern auf den Beistand Gottes, nach Is. 40.: ‚Die auf den Herrn hoffen, wechseln ihre Stärke, sie werden Flügel annehmen wie die Adler; fliegen werden sie und nicht schwach werden.‘ Besteht jedoch nach dieser Seite hin ein besonderes Hindernis, wie körperliche Schwäche, Schuldenlast etc.; darüber muß man Rats pflegen mit verständigen Personen, die nicht gegen den Eintritt sind und selben hindern wollen, nach Ekkli. 37, 12. Ein langes Beraten ist jedoch auch da nicht nötig; wie Hieronymus sagt (ad Paulinum): ‚Eile, ich bitte dich, haue vielmehr das Seil durch, welches das Schifflein am Ufer festhält, anstatt es zu lösen.‘ 3. Der bestimmte Orden, in den man eintreten will und die Art und Weise des Eintretens; darüber kann man ebenfalls Rats pflegen mit denen, die nicht hindern wollen.“ (Summa Theologiae II/II 189,10)

Die Ehe, ein normales Leben in der Welt mit einer Familie, ist eher der Standard – das, was man eben normalerweise so macht, sobald man einen netten Partner findet. Dazu braucht es eigentlich keine besondere „Berufung“. Aber dann gibt es eben den allgemeinen Ratschlag an alle Christen: Es ist auch gut, auf Ehe, Besitz und Unabhängigkeit zu verzichten, das macht es einfacher, heilig zu werden. Das ist kein total seltener Ruf an nur ganz vereinzelte herausgehobene Christen, sondern ein allgemeiner, mit Gottes Gnade auch erfüllbarer Rat. (Wer durch äußere Umstände statt durch die eigene Wahl arm oder ehelos ist, muss das ja auch aushalten können.)

Das Gefühl, sowohl gerne heiraten als auch gerne im Kloster leben zu wollen, ist übrigens normal. Der Wunsch zur Ehe ist ganz natürlich, und der Verzicht auf die Aussicht darauf tut fast jedem weh. Okay, es gibt sicher den ein oder anderen asexuellen introvertierten Einzelgänger oder so. Aber für gewöhnlich ist ein Verzicht eben ein Verzicht. Die Frage stellt sich dann: Kann und will ich diesen Verzicht auf mich nehmen?

Für eine Berufung entscheidet man sich übrigens auch nicht allein: Bei der Ehe muss natürlich der andere Partner ja sagen, und beim Priestertum eben der Bischof, beim Ordensleben der Abt oder die Äbtissin. Das macht auch Sinn: Andere sehen vielleicht Umstände, die eine Berufung behindern. Das können Dinge sein, für die man nichts kann, aber auch bestimmte eigene Sünden. Vielleicht ist jemand nicht intelligent genug oder gesundheitlich zu angeschlagen, um Priester zu werden, und deshalb muss der Bischof ihm leider nein sagen; oder jemand ist zu rechthaberisch und eingebildet, um sich in eine Ordensgemeinschaft einzufügen, und deshalb muss der Abt ihn wegschicken.

Und was, wenn man keinen der beiden klassischen Wege gehen kann – also z. B. weder von einem Orden genommen wird noch einen Partner findet? Na ja, das ist eben einfach eins dieser Kreuze, die einem manchmal im Leben begegnen. Die hl. Anna Schäffer wollte Missionsschwester werden, hatte aber mit 18 Jahren, als sie als Dienstmädchen arbeitete, um sich ihre Mitgift für ein Kloster zu verdienen, einen so schweren Unfall, dass sie für die restlichen 24 Jahre ihres Lebens bettlägerig wurde. Ja, sie wurde trotzdem eine Heilige.

(Die hl. Anna Schäffer, um 1920, Quelle: Wikimedia Commons.)

Aber beim Thema Berufung geht es ja oft nicht nur um Ehe vs. Jungfräulichkeit. Dann gibt es auch noch Fragen wie: Will Gott, dass ich genau diese Person heirate? In diesen Orden hier eintrete? Diesen Beruf lerne? In diese Stadt ziehe? Bei dieser kirchlichen Bewegung mitmache? Und auch da findet sich oft diese Denkweise: Ich muss irgendwie ganz genau herausfinden, was Gott in jedem einzelnen Punkt von mir will.

Ich kenne das übrigens. Ich habe mich z. B. vor ein paar Jahren mit der Vorstellung herumgequält, Gott könnte von mir verlangen, Religionslehrerin (oder irgendetwas Ähnliches) zu werden. Ist ja ein wichtiger Job, wo lehramtstreue Leute benötigt würden. Nun wollte (und will) ich auf keinen Fall Lehrerin werden – ich käme mit dem Stress nicht klar und könnte keine Klasse unter Kontrolle halten, auch wenn ich noch so viel Ahnung von der Materie hätte und gute Vorträge über die Auferstehung Jesu halten könnte. Ein Priester hat mir damals mit dem Hinweis geholfen, dass Gott von uns nicht etwas verlangt, für das wir nicht wirklich geeignet sind und das uns überfordern würde.

Wir haben auch hier oft die Vorstellung: Gott hat nur genau einen bestimmten Weg für uns vorgesehen, und den dürfen wir nicht verpassen. Woher kommt diese Vorstellung? Wieso sollte es nicht so sein, dass Gott uns verschiedene gute Möglichkeiten vorlegt, und uns dann auch die Freiheit lässt, zwischen diesen zu wählen? In der Welt gibt es so unendlich viele Wege. Wir Tradi-Katholiken schauen ja gerne – zu Recht – etwas auf diese Vorstellung hinunter, es gäbe den einen Seelenverwandten, den man finden müsste, um glücklich zu werden; nö, auf der großen weiten Welt gäbe es sicher einige Menschen, die gut genug zu einem bestimmten Menschen passen würden, um eine glückliche Partnerschaft hinzukriegen. Dann seien wir doch mal konsequent und dehnen wir das Prinzip auf das Feld der Berufung allgemein aus.

Natürlich gibt es Wege, für die man eher geeignet oder weniger geeignet wäre. Es wird wohl Möglichkeiten geben, von denen es Gott lieber wäre, dass wir sie wählen würden. Vielleicht gibt es ein Feld, wo dringend Leute gebraucht werden und wo Er uns am liebsten haben möchte. Und da können wir erstmal unseren von Ihm gegebenen Verstand anwenden und schauen: Was sind meine Neigungen? (Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen, und einen Job, den man absolut hasst, macht man oft auch nicht gut.) Was sind meine Talente? (Logisch.) Bei welchem Weg gäbe es vielleicht praktische Hindernisse? (Was nicht praktikabel ist, kann in der Theorie noch so toll ausschauen.) Was denken andere, wofür ich geeignet wäre? (Andere sehen einen manchmal klarer als man sich selbst.) Vielleicht gibt Gott einem wirklich auch mal einen Wink, ein Zeichen, eine Eingebung. Ein anderes Hilfsmittel, um zu einer Entscheidung zu finden, wäre auch, sich vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf eine lange Ehe und Kinder und Enkelkinder zurück; sich dann vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf ein langes Leben im Kloster zurück; und dann zu schauen, welche Vorstellung einem eigentlich besser gefallen hat. Eine absolute Sicherheit, das gefunden zu haben, was Gottes idealer Wille für uns ist, wird es dann aber nicht geben – man kann sich dem nur annähern. Aber die braucht es auch nicht. Gott verlangt gar nicht, dass wir uns endlos unentschlossen herumquälen und auf ein Zeichen warten, sondern dass wir uns, nach einem vernünftigen Maß an Nachdenken und Prüfen, für irgendeinen sinnvollen Weg entscheiden.

Und selbst, wenn wir mal etwas gewählt haben, das wir lieber nicht hätten wählen sollen – weil wir persönlich dafür gar nicht geeignet waren, oder weil es vielleicht tatsächlich etwas objektiv Sündhaftes war -, kann Gott die Situation immer wieder noch zum Guten wenden – nur eben auf andere Weise, als es sonst passiert wäre. Case in point: Der Sündenfall. Wenn die ersten Menschen nicht von Gott abgefallen wären, wäre uns vieles erspart geblieben, aber auch so hat Gott uns nicht verlassen. Schon gewusst, dass Adam und Eva als Heilige verehrt werden, also jetzt im Himmel sind?

File:Harrowing of hell Christ leads Adam by the hand. On scroll in border, the motto 'Entre tenir Dieu le viuelle' (f. 125).jpg

(Christus steigt in die Hölle hinab und befreit Adam, Eva und die anderen Gerechten des Alten Bundes, Buchmalerei, um 1500. Quelle: Wikimedia Commons.)

Wir werden nie wissen, was gewesen wäre. Und das ist auch nicht so wichtig. Man muss sich auch nicht endlos mit Entscheidungen herumquälen. Wieso nicht einfach etwas ausprobieren? Mit jemandem ausgehen, den man sympathisch findet, eine Beziehung eingehen. Oder sich über die unterschiedlichen Orden informieren, bei einem Infotag vorbeischauen, Postulantin werden. Das ist besser, als ewig in sich hineinzuhorchen, auf eine göttliche Stimme zu warten und nie eine Entscheidung zu fällen. Bis man eine endgültige Entscheidung treffen muss, hat man noch Zeit, und wenn sich einem bis dahin ernsthafte Hindernisse in den Weg stellen sollten, kann man sehen, dass es vielleicht doch keine gute Idee war. Und wenn das nicht der Fall ist, und man diesen Weg immer noch einschlagen will: Na dann, wieso nicht?

Wenn man sich dann allerdings einmal endgültig festgelegt hat (also ab der Eheschießung, der Diakonatsweihe, den Ewigen Gelübden), muss man auch dabei bleiben. Gelübde sind einzuhalten, das ist einfach eine Frage der allgemeinen Moral – da hilft auch kein „vielleicht war das doch nicht Gottes Wille für mich“ mehr. Gott wird dann die nötige Gnade geben, dem eingeschlagenen Weg zu folgen.**

 

* Vermutlich kein formeller, d. h. kein „richtiger“ Häretiker, weil auch viele Leute, die lehramtstreu sein wollen, diese Ansicht aus Unwissenheit vertreten und sie ändern würden, wenn sie von dem Dogma wüssten.

** Freilich ist bei der Ehe eine Trennung möglich, wenn der andere Partner einen z. B. verlässt, betrügt, misshandelt o. Ä. – allerdings (wenn es um eine sakramentale & vollzogene Ehe geht) keine Auflösung der Ehe, die eine erneute Heirat möglich machen würde. Und auch das ist eben ein der Sünde geschuldeter Ausnahmefall. Bei den Ewigen Gelübden oder dem einfachen Zölibatsversprechen, das ein Weltpriester ablegt, kann die Kirche einen unter bestimmten Umständen ausnahmsweise davon entbinden (sie sind kein Sakrament wie die Ehe), aber das ist auch kein sehr empfehlenswerter Weg, und, wieder, eine Ausnahme. Ein ganz anderer Fall wären von vornherein ungültige Ehe- oder Ordensgelübde, die für nichtig erklärt werden können (also z. B. solche, die unter Zwang abgelegt worden waren).

Nichts Neues von Margot

Beim evangelischen Nachrichtenportal idea erfährt man, passend zur Saison, welche Gedanken Margot Käßmann sich gerade so über die Weihnachtsgeschichte macht: „Käßmann äußerte sich in der ‚Bild am Sonntag‘ auf die Frage, ob man seiner Tochter erzählen solle, dass Maria eine Jungfrau war. Wie sie schreibt, will der Evangelist Matthäus deutlich machen, dass schon die Propheten auf Jesus hingewiesen haben. Deshalb zitiere er Jesaja, der weissagte, eine junge Frau würde schwanger werden und den Retter Israels zur Welt bringen. Käßmann: ‚Das hebräische Wort dafür lautet ‚almah‘, junge Frau. Im Griechischen wird sie zu ‚parthenos‘, ein Wort, bei dem sexuelle Jungfräulichkeit mitschwingt.‘ Matthäus erzähle ‚deshalb‘, Maria sei schwanger geworden vom Heiligen Geist: ‚So wollte er zeigen, dass Jesus eben ganz besonders war.'“ (https://www.idea.de/glaube/detail/kaessmann-ueber-jungfrauengeburt-maria-war-eine-junge-frau-103645.html) Frau Käßmanns Sorge gilt der möglichen Bewertung der Sexualität als etwas, das „etwas mit Unreinheit zu tun“ hätte, die durch die Geschichte von der Jungfrauengeburt rüberkommen könnte. Klar, ich meine, seitdem Jesus die Brote auf wundersame Weise vermehrt hat, haben wir Christen schließlich auch unsere Vorbehalte dagegen, das Brot ganz normal beim Bäcker zu kaufen oder gar selber zu backen. Brot backen, statt es vermehrt zu bekommen, das ist so unrein, die Hände werden so voll Mehl, und die ganze Küche ist auch voll davon, wenn man nicht aufpasst, und wenn man häufig zähe Teigreste aus der Schüssel spült, kann das irgendwann auch noch den Abfluss des Spülbeckens verstopfen… (Kein Scherz, das geht.) Vor solchen falschen Ideen müssen natürlich vor allem die Töchter geschützt werden. Also, das Brotbacken toll finden müssen sie nicht unbedingt, aber…

Ach, Mensch, Margot. Klar, Matthäus kannte keine Geschichte von Josefs Zweifeln an Marias Treue und seinen anschließenden Offenbarungen im Traum, der Evangelist hat bloß aus einer „schlecht“ übersetzten Prophezeiung in der Septuaginta eine Geschichte spinnen müssen, um zeigen zu können, dass die alttestamentlichen Prophezeiungen auf seinen Messiaskandidaten passten. Also – wieso genau vertrauen wir Matthäus ansonsten noch gleich, laut dem Evangelium nach Margot? (Und Lukas hat natürlich nie geschrieben, also reden wir über den gar nicht erst.)

Und wenn wir schon die Übersetzung der griechischen Septuaginta – die zumindest uns Katholiken auch als Heilige Schrift gilt; mehrere Bücher des (katholischen) AT sind nur in dieser griechischen Version überliefert – verwerfen müssen, dann sollten wir uns das hebräische „almah“ doch zumindest noch mal genauer anschauen. Ja, ich weiß, das hier ist schon oft genug klargestellt worden, aber Käßmanns falsche Behauptung wird ja auch immer wieder wiederholt. Also: „Almah“ bedeutet sowohl „Jungfrau“ als auch „junge Frau“ und zwar – obacht! – weil beides in der Vorstellungswelt der damaligen Menschen zusammenhing. Eine junge, unverheiratete Frau hatte Jungfrau zu sein. Das Gegenteil dazu war die erwachsene, verheiratete Frau, nicht die ältere Jungfrau oder die junge Nicht-mehr-Jungfrau. „Almah“ wurde etwa so verwendet wie das deutsche „Jungfer“ oder das englische „maiden“. Als Beispiel für diesen immer irgendwo zweideutigen Sprachgebrauch kann man sich mal diesen Abschnitt aus dem Drama „Die Kindermörderin“ von 1776 anschauen, wo Evchen nach der Geburt ihres unehelichen Kindes mit der Frau spricht, bei der sie anonym untergekommen ist:

Fr. Marthan. Behüt und bewahre! da käm sie ja ins Tollhaus! – weiß sie was, Jungfer –

Evchen. Spricht sie mit mir, Frau Marthan?

Fr. Marthan. Mit wem sonst? – Soll ich sie etwa nit Jungfer heißen? Kurios! – gehn so viele vornehme und geringe in der Stadt herum, die schon drey, vier so Puppelchen in der Kost haben, thäten einem die Augen auskratzen, oder gar einen Jurienprozeß an Hals hängen, wenn man sie nit hinten und vornen Jungfern hieß!

Eine als „Jungfer“ betitelte junge Frau musste nicht immer auch im sexuellen Sinn Jungfrau sein, aber es wurde eigentlich schon im Begriff impliziert. Ähnlich bei „almah“. Es hat vorrangig die Bedeutung „junge Frau“, aber eben auch die Nebenbedeutung „Jungfrau“. Daraus folgt zunächst mal, dass man „almah“ an sich mit „Jungfrau“ oder mit „junge Frau“ übersetzen kann, wie’s beliebt, auch an anderen Stellen wird das Wort mit „Jungfrau“ übersetzt; wenn man sich im Zweifelsfall dann allerdings an der Septuaginta orientieren würde, die immerhin auch schon ein gutes Stück vor Christi Geburt (3. Jhd. v. Chr.) datiert, bliebe „Jungfrau“; und wenn man dann noch den Kontext beachten würde, um auf die richtige Weise der Übersetzung zu kommen, könnte man sich fragen, was Jesaja hier eigentlich sagen wollte. Achtung, er macht eine Prophezeiung über den Messias! Große Neuigkeiten! Wir erfahren ein Erkennungsmerkmal des Messias! Der Herr wird ein bedeutsames Zeichen geben! Der Messias wird von – jetzt kommt’s – einer jungen Frau geboren werden! Seine Mutter wird keine Vierzigjährige sein! Äh, ja.

Und noch etwas. Selbst, wenn die Jesaja-Stelle eindeutig „junge Frau“ lauten würde, wie würde Frau Käßmann dann den Gedankenschritt machen zu „Maria war also keine Jungfrau, weil sie eine junge Frau war“? Ja, ich weiß, sie macht ihn, weil sie alle Schilderungen der Evangelisten nur für Erfindungen zum Promoten ihres Messias hält, die anhand diverser prophetischer AT-Stellen zusammengesponnen wurden, und nicht wirklich glaubt, dass Jesus eben tatsächlich „ganz besonders“ war, zumindest nicht „ganz besonders“ im Sinne von „Gottes Sohn“… Na ja. Wir haben ja auch in der katholischen Kirche den ein oder anderen Bischof, den man nicht mögen muss, aber die Lutherischen können einem manchmal schon leid tun.

Na ja. Es ist Advent. In diesem Sinne, freuen wir uns darauf, zu hören: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“

Über schwierige Bibelstellen, Teil 17: 1 Korinther 7 – von den ehelichen Pflichten und dem Vorrang der Jungfräulichkeit

[Dieser Artikel wurde nach der Veröffentlichung noch einmal überarbeitet. Kommentare können sich auf die ursprüngliche Version beziehen.]

 

Und wieder zur Erinnerung: „Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber.

 

Im 1. Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus:

„Nun zu dem aber, was ihr geschrieben habt: Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt. 

Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot. Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! 

Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser. (1 Korinther 7,1-9.25-38)

 

Hier gibt es zwei Aussagen, die den heutigen Leser stören könnten:

  • Die Ehe ist nur ein Zugeständnis für die, die nicht enthaltsam leben können und ist minderwertig gegenüber der Jungfräulichkeit?
  • Das mit den, wie man so sagte, „ehelichen Pflichten“ – Sex als „Pflicht“?

 

Zum ersten Thema: Es ist wichtig, genau zu lesen, was Paulus schreibt.

Zunächst einmal spricht in einigen seiner Briefe – der 2. Korintherbrief ist das beste Beispiel – sehr persönlich zu seinen Gemeinden; auch hier spricht er wieder darüber, was seine persönliche Idealvorstellung wäre, was er aber nicht zu einem allgemeinen Gebot erklären kann (und auch gar nicht dazu erklären will) : „Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ 

Dann ist es wichtig, zu sehen, dass er keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will à la „Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…“. Nein, wenn er sagt, „Heiratest du aber, so sündigst du nicht“ oder „Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut“ oder „Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat“, dann meint er es. Was nicht Sünde ist, darf man tun; hier lässt Gott einem jede Freiheit, und nimmt es nicht übel, wenn man sich für das an sich „Minderwertigere“ entscheidet.

Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht „schlecht“, wie das Wort heute oft verwendet wird, sondern „wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem“. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.

Und was ist mit den Versen Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.“? Heißt das, man kann als Verheirateter nicht so gut dem Herrn dienen wie als Unverheirateter?

Man kann als Verheirateter sehr gut dem Herrn dienen, manchmal wohl auch besser als mancher Unverheiratete; vor allem natürlich indirekt, indem man sich um die einem anvertrauten Menschen und seine anderen weltlichen Aufgaben kümmert. Aber ja, das gottgeweihte Leben ist an sich ein direkterer Dienst; und man hat ohne Familie allein schon mehr Zeit für Gebet, karitative Aufgaben etc. (Allerdings ist das gottgeweihte Leben auch die Berufung, die zu allen Zeiten weniger Christen betraf als die typischen Laienberufungen. So, wie es mehr Hausärzte als Neurochirurgen braucht, braucht es in der Kirche auch mehr Laien.)

Und Paulus spricht auch die ganzen Alltagssorgen an, die mit einer Familie kommen, und den Wunsch, dem Partner zu gefallen, was alles (z. B. auch bei Menschen mit nichtchristlichen Partnern) vielleicht dazu führen kann, dass jemand den Glauben vernachlässigt. Der Apostel meint hier schlicht und einfach, dass es mit weniger weltlichen Sorgen einfacher ist, sich auf Gott zu konzentrieren – was auch Jesus im Gleichnis vom Sämann in gewisser Weise anspricht: „In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken es und es bleibt ohne Frucht.“ (Matthäus 13,22). Das ist eine Erkenntnis, die nicht dazu führen muss, dass jeder Christ sich sämtliche weltlichen Sorgen sparen soll – das wäre weder möglich noch sinnvoll –, sondern dazu, dass die, die aufgrund ihrer Lebensumstände viele weltliche Sorgen haben, besonders darauf achten sollten, Gott im Alltag nicht zu vergessen.

Sowohl die Ehe als auch das gottgeweihte Leben haben ihre eigenen Schwierigkeiten, aber sie haben eben beide auch ihre ganz praktischen Vorteile; in der Ehe ist es leichter, sich an das sechste Gebot zu halten, wie Paulus hier erwähnt, im gottgeweihten Leben ist es leichter, sich auf Gott zu konzentrieren. (Das gilt wohl vor allem, seitdem wir Klostergemeinschaften mit festem Tagesablauf aus Gebet und Arbeit haben.)

 

Dann zum zweiten Thema: Die ehelichen Pflichten. Nun könnte man es hier einfach komisch finden, ehelichen Sex im Sinne gegenseitiger Pflichten regeln zu wollen; man könnte in der Kritik aber auch noch weitergehen und sagen (was manche Kritiker des Christentums tun), dass, wenn man ein solches Konzept annehmen würde, man Vergewaltigung in der Ehe nicht mehr wirklich verurteilen könnte. Wenn die Frau ihre Pflicht gegenüber dem Mann erfüllen muss, na…

Dieser Kritik liegt allerdings eine grundsätzlich falsche Vorstellung von dem Begriff „Pflicht“ zugrunde. Wenn jemand eine Pflicht mir gegenüber hat, dann heißt das eben nicht, dass ich ihn automatisch dazu zwingen darf, sie zu erfüllen. Im Kirchenrecht (in Canon 1151 des Codex des Kanonischen Rechts) heißt es zum Beispiel auch: „Die Ehegatten haben die Pflicht und das Recht, das eheliche Zusammenleben zu wahren“; aber das bedeutet nicht, dass eine Frau, deren Mann sie verlassen will, das Recht hat, ihn in der Wohnung einzusperren. Er tut in diesem Beispiel vielleicht etwas Falsches (wobei er auch zulässige Gründe haben kann); aber das heißt nicht, dass sie mit Gewalt und Zwang reagieren darf. Im Bereich der Sexualität, der Menschen noch persönlicher betrifft und wo Gewalt, Zwang und Manipulation noch mehr verletzen, gilt das umso mehr.

Dann sollte man beachten, dass der katholischen Moraltheologie nach grundsätzlich keine positive Pflicht vollkommen ausnahmslos gilt. Positive Pflichten (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, im Unterschied zu Geboten wie „Du sollst nicht morden“, die eine Unterlassung befehlen) müssen für den jeweiligen Menschen erst einmal erfüllbar sein; und auch dann, wenn sie theoretisch erfüllbar sind, kann es der Situation angemessene Entschuldigungsgründe geben. Wenn man z. B. beim oben erwähnten Canon bleibt, heißt der zweite Teil des Satzes: „…außer ein rechtmäßiger Grund entschuldigt sie davon“. (Mögliche rechtmäßige Gründe für eine Trennung vom Ehepartner werden dann in den nächsten Canones aufgeführt (Ehebruch, oder „Wenn einer der Gatten eine schwere Gefahr für Seele oder Leib des anderen Gatten oder der Kinder herbeiführt oder auf andere Weise das gemeinschaftliche Leben unerträglich macht“).) Genauso kann es auch einige legitime Gründe geben, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen. Die Forderung oder sogar die Bitte, der andere solle diese Pflichten erfüllen, kann sogar selbst Sünde, im Extremfall sogar schwere Sünde sein.*

Übrigens war es in der Antike tatsächlich nicht so, dass mit der Vorstellung von den ehelichen Pflichten hauptsächlich die Frauen auf Linie gebracht werden sollten – eher war die Vorstellung verbreiteter, Frauen bräuchten Sex und die Männer müssten ihnen gegenüber die Pflicht erfüllen (einerseits wegen der biologischen Triebe, aber andererseits auch, weil sie ein Recht auf Kinder hätten, die sie im Alter versorgen konnten). Daher zum Beispiel die alttestamentliche Regelung „Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie [eine erste Frau, die ursprünglich als Sklavin gekauft wurde] in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen“ (Exodus 21,10). Die Vorstellung drehte sich eher in der Neuzeit, wo die Ansicht populärer wurde, dass hauptsächlich die Männer von den Frauen die Erfüllung der ehelichen Pflichten bräuchten. Paulus hält offensichtlich beide Ansichten für zu einseitig; jedenfalls ist der Text hier geprägt von Gegenseitigkeit: „Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.“

Die schlimmsten Einwände wären damit abgehakt. Aber trotzdem bleibt noch das Argument: Was soll diese Vorstellung überhaupt? Wieso Pflicht? Sollte es hier nicht um Liebe gehen?

Die Art, wie Paulus sich ausdrückt, ist natürlich heute sehr ungewohnt. Man könnte die Aussage des Apostels aber auch ganz einfach verstehen als „bestraf deinen Partner nicht ohne Grund mit Liebesentzug“. Ihm geht es hier auch um so etwas wie normale Beziehungspflege und Rücksichtnahme (er redet ja auch von Dingen wie „gegenseitige[m] Einverständnis“) – und natürlich sorgt er sich um die „Gefahr der Unzucht“. Und dann spielt da natürlich die Vorstellung hinein, dass man in der Ehe, wo man „ein Fleisch“ ist, in gewissem Sinne nicht mehr „sich selbst gehört“ – diese Vorstellung von „Ich bin jetzt dein“ ins Praktische übersetzt. Das gilt auch für andere Situationen: Wenn man verheiratet ist, lebt man eben nicht nur für sich selbst, sondern wenn der Partner z. B. Probleme hat, unterstützt man ihn, wenn er Erfolg hat, freut man sich mit ihm, etc. Man nimmt an ihm Anteil und geht auf seine Gefühle ein.

Und dann sollte man die grundsätzliche Vorstellung loswerden, dass Liebe und Pflicht miteinander unvereinbar wären. Wir sollen Gott lieben: Trotzdem redet man beim Besuch der Messe von der „Sonntagspflicht“. Natürlich geht man idealerweise nicht nur deshalb zur Sonntagsmesse, weil es Pflicht ist; aber manchmal, wenn man sich am Sonntagmorgen eher nach Ausschlafen fühlt, bietet der Gedanke an die von der Kirche festgeschriebene Sonntagspflicht die restliche benötigte Motivation. Und wenn man dann da ist, ist die Messe jedes Mal – na ja, einfach die Messe, wunderschön. Auch in einer Beziehung geht es nicht immer ohne Pflichten – ganz allgemein gesprochen. Natürlich liebt man sich, aber manchmal tut man etwas für den Partner auch eher deshalb, weil es so ausgemacht war und man in einer Beziehung eben etwas füreinander tut, als weil man sich gerade so liebevoll fühlt. Und oft bringt gerade das dann wieder stärkere Liebe hervor.

Pater Martin Ramm FSSP erklärt bezüglich der katholischen Liturgie: „Durch die äußeren Formen werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“; und das gilt nicht nur für die Liturgie, sondern für das ganze Leben. Auch andere Gesten der Dankbarkeit, Freundschaft, familiären oder ehelichen Liebe drücken die innere Disposition aus, helfen aber oft auch, sie zu bewirken, sie zu verstärken oder sie zu erneuern. Wenn man jemandem dankt, jemandem ein Geschenk macht, jemandem freundliche Gesten entgegenbringt, wird man merken, dass man denjenigen mit der Zeit mehr mag oder liebt als vorher. Wenn ein Mann aus Pflichtgefühl heraus seiner Frau Rosen zum Hochzeitstag kauft und sie ihm aus Pflichtgefühl an diesem Tag sein Lieblingsessen kocht**, macht das beiden ihre Liebe wieder neu bewusst. Wenn die Frau zu ihm im Vorhinein sagen würde „du sollst mir nur ein Geschenk machen, wenn du es auch wirklich willst, nicht, weil du dich verpflichtet fühlst!“ ist das, na ja, meistens nicht übermäßig hilfreich. Er fühlt sich vermutlich indirekt unter Druck gesetzt, und wenn er unsensibel ist und sich gerade nicht besonders liebevoll fühlt und es unterlässt, wird sie sich vermutlich ziemlich beleidigt fühlen. Klarheit bei den gegenseitigen Ansprüchen ist meistens besser – und etwas „nur“ aus Pflichtgefühl zu tun, ohne aktuell viele Emotionen aufzubringen, ist auch nichts Anrüchiges.

Langer Rede, kurzer Sinn: Pflicht und Pflichtgefühl sind nichts Schlechtes; und sie können die innere Liebe bewahren und stärken helfen. Die Annahme, dass Liebe und Pflicht Gegensätze wären, ist schlicht falsch.

 

* Ein Handbuch der katholischen Moraltheologie von 1930 beispielsweise gibt als mögliche Entschuldigungsgründe dafür, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen, an: Der andere Partner hat Ehebruch begangen; der Mann vernachlässigt schuldhaft seine Pflicht, für den Lebensunterhalt der Familie (und damit auch möglicher neu entstehender Kinder) zu sorgen; der andere Partner ermangelt gerade des Vernunftgebrauchs (Trunkenheit, ernsthafte psychische Krankheit); oder stellt völlig unmäßig häufige Forderungen; oder es besteht eine schwere Gefahr für Gesundheit oder Leben (z. B. wenn die Frau krank ist und sich schonen muss, oder vor relativ kurzer Zeit erst geboren hat, oder wenn der andere Partner eine ansteckende Geschlechtskrankheit hat, die übertragen werden könnte); oder man tut es im Interesse des Seelenheils des anderen (womit v. a. gemeint ist, dass man weiß, dass derjenige künstliche Verhütungsmethoden verwendet). Dasselbe Buch urteilt, schon die Forderung oder Bitte an den anderen Partner, die „ehelichen Pflichten“ zu erfüllen, sei schwere Sünde bei direkter Lebensgefahr oder sehr kurz nach einer Geburt; und bei entfernter Lebensgefahr oder Gesundheitsschädigung bräuchte es einen guten Grund, damit sie keine Sünde sei. (Vgl.: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.)

** Heteronormativität und Romantisierung der Vergangenheit auf immer.