Moraltheologie und Kasuistik, Teil 8: Selbst-, Nächsten-, Feindesliebe und Vergebung: einige Grundsätze

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Bis jetzt ging es in dieser Reihe um das direkte Verhältnis zu Gott (wobei teilweise auch die Kirche eine Mittlerrolle spielt); also das, was die erste Tafel der 10 Gebote anbelangt. Auf der zweiten Tafel des Dekalogs (4.-10. Gebot) geht es um das Verhältnis zu Gottes Geschöpfen.

Jesus fasst das gesamte Sittengesetz bekanntlich so zusammen:

„Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,35-40)

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit ist nicht gemeint: Du sollst deinen Nächsten genauso behandeln, wie du dich selbst behandelst (man kann sich auch selbst mit Hass oder Verachtung behandeln), sondern: Du sollst sowohl deinem Nächsten als auch dir selbst Gutes wollen, du sollst deinem Nächsten Gutes wollen, wie du natürlicherweise dir selbst Gutes willst. Ich habe hier schon mal einiges dazu gesagt, was diese Liebe, die eben nicht gefühlsmäßige Sympathie sein muss, sondern ein grundsätzliches Wollen des Guten für den anderen, eine grundsätzliche Bejahung seiner Existenz, bedeutet – auf Latein würde man sagen: caritas, nicht amor.

Eigentlich fallen alle Gebote – Du sollst nicht morden, Du sollst nicht stehlen, usw. – unter die Liebe (Caritas), aber in diesem Artikel kommen jetzt eher Überlegungen zu praktischen Konsequenzen, die generell zur Liebe gehören (und dabei z. T. über die bloße Gerechtigkeit, die einen großen Teilbereich der Liebe umfasst, hinausgehen, und unter den Teilbereich Barmherzigkeit fallen) und schwer unter genau einem der 10 Gebote eingeordnet werden können.

Fr. Austin Fagothey SJ schreibt in der 1959 erschienenen zweiten Ausgabe seines Moraltheologiehandbuchs über die Liebe: „Sie schließt Milde, Güte, Wohlwollen, Freundlichkeit, Nachbarschaftlichkeit, Rücksichtnahme und Selbstlosigkeit ein, hat aber eine umfassenderen Reichweite als all diese. Die Gerechtigkeit und die Liebe werden einander oft gegenübergesetzt, aber sie entspringen aus derselben Wurzel. Die Gerechtigkeit ist die Liebe, die auf die absoluten Ansprüche der grundlegenden menschlichen Gleichheit beschränkt ist; die Liebe ist die Gerechtigkeit, die zur vollen Bandbreite der Würde der menschlichen Person ausgedehnt ist. […] Die Liebe erlegt Pflichten auf, die ebenso ernst und wichtig wie die nach der Gerechtigkeit sein können, aber von anderer Art. Da Rechte und Pflichten einander entsprechen, verleiht die Liebe sozusagen Rechte oder Ansprüche, aber sie sind von nicht erzwingbarer oder nicht juridischer Art. Verletzungen der Liebe sind moralische Verfehlungen oder Sünden, aber keine rechtlichen Verfehlungen oder Verbrechen. Sie enthalten keine Verletzung im technischen Sinn und verlangen keine Entschädigung oder Strafe in diesem Leben.“*

Die Fragen, um die es hier gehen soll, sind v. a.:

  • Was bedeutet Selbstliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Was bedeuten Vergebung und Feindesliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Wann ist man aufgrund der Nächstenliebe verpflichtet, jemandem zu helfen / wann ist es eine schwere oder eine lässliche Sünde, das nicht zu tun?

Dann werden auch noch zwei Beispiele für leibliche und geistliche Werke der Nächstenliebe angesprochen, nämlich das Spenden (Almosengeben nach der früheren Terminologie), und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna).

Geistliche Sünden gegen die Nächstenliebe wären es auch, irgendjemandem Anlass zu einer Sünde zu geben (z. B. durch „Ärgernis“, der alte Fachbegriff dafür, jemanden durch ein schlechtes Beispiel dazu zu bringen, eine Sünde für gut zu halten), ihn zu einer Sünde zu verführen, dabei mitzuwirken etc.; aber darum soll es später in einem gesonderten Artikel zur Mitschuld an fremden Sünden gehen. Es kann ja eine ernstzunehmende Schuld sein, wirklich an der Schädigung oder sogar dem Tod der Seele eines anderen mitzuwirken, auch wenn derjenige selber immer noch schuld an seiner Sünde und letztlich selbst verantwortlich ist, und manche entfernten, indirekten Mitwirkungen nicht vermieden werden können.

 

Die Liebe jedenfalls heißt also grundsätzlich: jemandem Gutes wollen. Und dieses Wollen muss irgendwie, sofern man dazu fähig ist, auch in gewisse Taten umgesetzt werden.

Es gibt ja im Neuen Testament den Satz Wer also das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt (Jak 4,17), der einer dieser Sätze ist, die für viele Skrupel sorgen können. Nun ist es natürlich so, dass man immer noch mehr und noch mehr Gutes tun könnte, oder dass man statt eines Guten etwas noch Besseres hätte tun können, usw. usf., was niemand tut; dementsprechend müsste jeder die ganze Zeit über sündigen. Das ist hier natürlich nicht gemeint. Es geht um dasjenige Gute, zu dem man an sich durch die Liebe verpflichtet ist. Wenn man dazu auch fähig ist, es aber nicht tut, sündigt man.

Es gibt ein gewisses Mindestmaß an positivem Interesse für Gott, den Nächsten und einen selbst, das da sein muss, damit die Liebe in einem sein kann. Ein Verstoß dagegen durch Hass (schaden wollen um des Schadens willen) auf der einen, oder Desinteresse auf der anderen Seite, verstößt erst lässlich und dann, wenn es ein wichtiger Verstoß ist, schwerwiegend gegen die Liebe.

Etwas, das z. B. immer gegen die Nächsten- bzw. Feindesliebe verstößt, ist, jemandem die ewige Verdammnis, also die ewige Entfernung von Gott, zu wünschen. Was nicht immer dagegen verstößt, ist, jemandem eine zeitliche Strafe (z. B. irdisches Gefängnis oder auch das Fegefeuer) zu wünschen (sofern er das verdient hat, natürlich). Es verstößt ganz und gar nicht gegen die Pflicht zur Feindesliebe und Vergebung, einen Verbrecher anzuzeigen; im Gegenteil, das ist oft gut und kann zur Wiedergutmachung des Schadens, zum Schutz anderer vor ihm usw. führen. Auch Gefühle der Abneigung verstoßen an sich nicht gegen die Nächstenliebe. Was aber gegen sie verstößt ist: Abneigung in sich heranzüchten, sich in seine Wut auf jemanden hineinsteigern, jemanden über das hinaus, was er verdient, bestraft sehen wollen, nicht zur Verzeihung bereit sein. Fr. Fagothey schreibt wiederum:

„Das Laster, das der Liebe direkt entgegensteht, ist der Hass. Er ist kein vorübergehender Anfall von Zorn, wie stark auch immer, noch ist er die bloße Abneigung gegen eine Person. Manche Leute machen uns natürlicherweise kirre und wir können uns nicht helfen, von ihnen abgestoßen zu sein; dieses Gefühl ist unfreiwillig und wir sind nicht dafür verantwortlich. Es ist nichts Falsches dabei, solche Personen zu meiden, solange wir ihnen nicht das Gefühl geben, verachtet zu werden. Hass bedeutet, dass wir mit willentlicher Bosheit andere verletzen oder ihnen Übel wünschen oder uns über ein Übel freuen, das sie befallen hat. […]

Ist der Hass so böse, dass wir nicht einmal unsere Feinde hassen dürfen? Das natürliche Sittengesetz steigt nicht zu solcher Höhe auf, dass es uns verpflichtet, unsere Feinde in dem Sinn zu lieben, dass wir ihnen positiv gute Taten erweisen müssten, aber es verbietet uns tatsächlich, sie zu hassen. […] Daher ist die fortwährende Verweigerung der Vergebung falsch. Die emotionalen Schwierigkeiten, die im Prozess der Vergebung überwunden werden müssen, können unüberwindlich scheinen, aber dies ist keine Frage der Emotionen, sondern des Willens.

Wenn jemand, der uns verletzt hat, damit ein Verbrechen begangen hat, haben wir gemäß der Gerechtigkeit das Recht, ihn den öffentlichen Autoritäten zur Strafe zu überantworten, und wir können sogar die Pflicht dazu haben, wenn er sonst seine Verbrecherkarriere gegen das Gemeinwohl fortsetzen würde. Die Sicherung der Gerechtigkeit ist etwas ganz anderes als persönlicher Hass und privates Suchen nach Rache. Wir haben auch das Recht, aber nicht die Pflicht, Wiedergutmachung für uns selbst zu fordern, denn das steht uns gemäß der Gerechtigkeit zu, aber wir haben nicht das Recht, ihm für immer die Vergebung zu verweigern, die ihm gemäß der Liebe zusteht.“**

Vergebung ist also eine Sache des Willens, und man kann jemandem vergeben, auch wenn man es noch nicht schafft, alle Gefühle des Hasses gegen ihn loszuwerden. Diese Vergebung ist immer verpflichtend; wir beten zu Gott: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

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(Die Bergpredigt Jesu, Mosaik an der Fassade der Altenburger Brüderkirche. Gemeinfrei.)

Außerdem ist bei der Nächstenliebe – wie immer – zu bedenken: Wenn es um positive Pflichten (=Pflichten, etwas zu tun (im Unterschied zu Pflichten, etwas zu unterlassen)) geht, greifen sie immer nur, wenn ihre Erfüllung physisch und moralisch möglich ist. („Moralisch unmöglich“ heißt so etwas wie „praktisch unzumutbar“. Z. B. kann für jemanden, der an einer Depression leidet, etwas, das physisch für ihn möglich wäre, trotzdem unzumutbar sein.) Je schwerer es wäre, sie zu erfüllen, desto weniger binden sie, und desto weniger schwer sind Verstöße dagegen. Wenn jemand seine Pflichten ganz leicht hätte erfüllen können, ist ein Verstoß natürlich schwerer als bei jemandem, dem es einiges zugemutet hätte. Außerdem gibt es Pflichten, die weniger dringend sind, und solche, die dringender sind; z. B. kann man leichter davon entschuldigt werden, an einem Tag, an dem man krank ist, in der Arbeit zu erscheinen, als davon, sein Neugeborenes mit Nahrung zu versorgen; solange man nicht gerade im Koma liegt o. Ä., muss man letzteres immer tun; bei ersterem genügt eine Erkältung, um davon entschuldigt zu sein.

Es gibt auch eine Art Ordnung in der Liebe. Ebenfalls in der Bibel, in den Paulusbriefen, heißt es: Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen! (Gal 6,10) und Wenn aber jemand für seine Angehörigen, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger. (1 Tim 5,8).

Den einem persönlich nahestehenden Menschen ist man zuerst verpflichtet; der Familie, dann den Freunden, entfernteren Verwandten, Nachbarn, tatsächlich auch den Mitkatholiken („Glaubensgenossen“) und dem eigenen Land etwas mehr als der gesamten Menschheit. Was nicht heißt, dass man keine Pflichten gegenüber jedem Angehörigen der gesamten Menschheit hätte (wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, kann auch ein ganz Fremder, der in Not ist, zum Nächsten werden, dem man helfen muss), aber gegenüber den Näherstehenden hat man mehr Pflichten.

Noch ein fundamental wichtiger Punkt: Die Liebe rechtfertigt es nie, für den Nächsten eine Sünde zu begehen. Freilich sind manche Dinge, die es für gewöhnlich sind, in Notsituationen keine Sünden (z. B. für seine hungrigen Kinder Essen zu stehlen; jemanden zu verletzen oder zu töten, der einen Mord oder eine Vergewaltigung begehen will, um ihn unschädlich zu machen), aber andere Dinge sind nie erlaubt (z. B. sich zu prostituieren, um für seine hungrigen Kinder Essen zu haben; zu lügen, um jemandes Geheimnisse zu schützen); dementsprechend darf auch niemanden ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, weil er diese Dinge nicht zu tun bereit ist; man ist nie dafür verantwortlich, was passiert, wenn man etwas Schlechtes nicht tut, auch nicht dafür, was andere, die einen erpressen wollen, dann tun.

Gott trägt die Gesamtverantwortung für die Welt und wir sind nur dafür verantwortlich, unseren uns zugewiesenen Teil zu tun. Wenn wir dann das Gute tun und das Böse lassen, wird Er es insgesamt zum Guten führen; und am Ende wird es auch dem anderen, dem man helfen will, nichts geholfen haben, dass man für ihn gesündigt hat. Man weiß nie, was gewesen wäre, wenn man es nicht getan hätte; man kennt Gottes Gründe hinter dem zugewiesenen Schicksal nicht. Die Gottesliebe und das Vertrauen auf Gott verlangen es, Gott zu gehorchen.

 

Ich würde jetzt wieder einmal einige Passagen aus Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“ von 1930 (wie immer rückübersetzt aus der französischen Übersetzung von 1935) zu allen diesen Themen zitieren.*** Wie immer zu beachten: Er redet hier meistens nicht davon, was das Beste, Idealste wäre, sondern davon, was unter Sünde verpflichtend ist.

Zur Selbstliebe schreibt er:

I. Die Notwendigkeit der Selbstliebe resultiert aus dem Gebot selbst: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ (Mt 22,39)

Außerdem resultiert die Notwendigkeit der Selbstliebe aus der Tatsache, dass, wer Gott liebt, natürlicherweise auch alles liebt, was Gott liebt, alles, was Gott angehört, und alles, was die göttlichen Vollkommenheiten widerspiegelt.

II. Man praktiziert die Selbstliebe, indem man zusieht, sich die übernatürlichen Güter zu verschaffen, die geistlichen Güter, danach die Güter, die zum Erhalt unseres zeitlichen Lebens notwendig sind, und sogar die äußerlichen Güter.

Dabei ist es nicht nötig, immer aus dem Motiv der theologischen [übernatürlichen] Caritas zu handeln, weil die natürliche Tugend der Selbstliebe auch ihren moralischen Wert hat.

III. Die Sünden gegen die Selbstliebe werden begangen durch den Egoismus und durch den Selbsthass.

Man sündigt durch Egoismus, wenn man z. B. sein eigenes Wohl der Ehre Gottes oder dem Gemeinwohl vorzieht; durch Selbsthass, wenn man nicht auf vernünftige Weise für seinen Körper oder seine Seele sorgt. Genau genommen ist jede Sünde auch eine Sünde gegen die Selbstliebe, aber weil sich das von selbst versteht, ist es nicht nötig, sich dessen [in der Beichte] im Speziellen anzuklagen.“

Wenn Jone sagt, dass der Egoismus gegen die Selbstliebe verstößt, was erst einmal seltsam klingt (man würde vielleicht meinen, dass er nur gegen die Nächstenliebe verstöße), dann meint er, dass die Selbstliebe hier ungeordnet und übermäßig wird, was eben gegen die richtige, gesunde Selbstliebe verstößt.

Es geht bei der Selbstliebe um die vernünftige Sorge für den eigenen Körper und die eigene Seele. Nicht jede kleine Vernachlässigung z. B. der eigenen Gesundheit durch ungesundes Essen ist schon eine Sünde gegen die Selbstliebe; sein Leben oder schwere Gesundheitsschäden grundlos zu riskieren ist aber definitiv eine; aber dazu dann ausführlicher beim 5. Gebot, wo es um Leben, Sicherheit, Gesundheit geht. Natürlich ist es erlaubt und sogar gut, um Gottes und des Nächsten willen manche persönlichen Schaden in kauf zu nehmen; manche Dinge darf man aber auch sich selbst nicht antun, um anderen zu nutzen (eindeutigstes Beispiel: man darf nicht Selbstmord begehen, weil man sich für eine Last für seine Angehörigen hält). So viel Liebe ist man sich schuldig. Was zu tun in sich schlecht ist, darf man auch sich selbst nicht antun.

Es verstößt auch gegen die Selbstliebe, der eigenen Seele zu schaden, indem man sich z. B. grundlos der näheren Gefahr der schweren Sünde (also Situationen, in denen man damit rechnen muss, dass man wohl eine schwere Sünde begehen wird) aussetzt; aber dazu auch in einem eigenen Beitrag zu Gelegenheiten zur Sünde.

Zur Nächsten- und zur Feindesliebe sagt Jone folgendes:

I. Die Pflicht der Liebe zum Nächsten.

1. Generell ist man verpflichtet, um Gottes willen alle Geschöpfe zu lieben, die an der ewigen Seligkeit teilhaben können.

[…]

Die moralische Tugend der Nächstenliebe ist auch gut; sie besteht darin, den Nächsten zu lieben, weil er etwas Schätzenswertes an sich hat.

2. Im Speziellen erstreckt sich die Pflicht der Nächstenliebe auch auf die Feinde.

a) Die Verzeihung ist infolgedessen eine Pflicht, auch wenn der Feind sie nicht erbittet.

Feindseligkeit, Hass, Wunsch nach Rache, Verwünschen sind schwere Sünden, wenn es sich um bedeutende Angelegenheiten handelt. – Man darf mit diesen Sünden weder die natürliche Antipathie verwechseln noch die Unzufriedenheit oder die Abneigung, die von einem bösartigen oder verletzenden Vorgehen oder auch den Dispositionen des Nächsten verursacht wird. – Verwünschungen sind keine schweren Sünden, wenn man (z. B. infolge von Empörung) bei ihnen keine ausreichende Überlegtheit aufbringt, oder wenn man nicht im Ernst spricht, oder wenn es sich nur um ein geringes Übel handelt [das man dem anderen wünscht]. Im Interesse des Nächsten selbst oder eines entsprechend großen Gutes kann man dem Nächsten ein Übel und sogar den Tod wünschen, z. B.: auf dass ein leichtfertiger junger Mann sich nicht vom Bösen fortreißen lässt, das ihn seine ewige Seligkeit aufs Spiel setzen lassen würde, oder auch, auf dass ein Familienvater nicht sein ganzes Geld für den Alkohol verschwendet.

Der Beleidiger ist gehalten, denjenigen um Verzeihung zu bitten, den er verletzt hat. Wenn zwei Personen einander gegenseitig verletzt haben, liegt die Pflicht, zuerst um Verzeihung zu bitten, bei dem, der zuerst oder eine schwerere Verletzung zugefügt hat. Aber das Beste ist, wenn beide diesen Schritt machen. – Es ist nicht nötig, dass die Bitte um Verzeihung auf explizite Weise geschieht. Oft wird sie sich genausogut durch eine besondere Geste der Sympathie kundtun, durch das Entbieten eines Grußes etc…

Der Beleidigte ist gehalten, sich zu bemühen, die Versöhnung herbeizuführen, wenn sein Gegner andernfalls in der schweren Sünde bleibt oder Ärgernis daraus entstehen muss.

b) Es braucht auch eine äußere Manifestation des Verzeihens, die dadurch geschieht, dass man die üblichen Zeichen der Freundlichkeit entgegenbringt.

[…] Wenn der andere nicht auf diese allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit eingeht, z. B. nicht auf den Gruß antwortet, ist man nicht mehr verpflichtet, sie ihm als erster entgegenzubringen.

α) Es ist eine schwere Sünde, die allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit zu verweigern, wenn das aus Hass geschieht oder der, dem man diese Zeichen verweigert, davon bedrückt ist, oder auch, wenn daraus ein schweres Ärgernis entsteht.

Sich vom Weg des Gegners fernzuhalten, um nicht unnötig in Zorn zu geraten, ist keine Sünde, wenn daraus kein Ärgernis oder Kümmernis für den Nächsten entsteht. Wenn zwei Nachbarn, zwei Brüder oder zwei Schwestern wegen einer leichten Unstimmigkeit eine gewisse Zeit nicht miteinander reden oder einander nicht grüßen, besteht keine schwere Sünde.

β) Das Verweigern der allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit kann erlaubt sein, wenn es ein ausreichendes Motiv gibt und kein Ärgernis entsteht.

Solche Motive sind: die Besserung oder gerechte Bestrafung des Beleidigers, ferner der Wunsch, zu zeigen, wie sehr sein schlechtes Verhalten einen verletzt hat.

c) Man ist nicht verpflichtet, auf die Genugtuung und die Wiedergutmachung des Schadens zu verzichten.

Dementsprechend kann man eine gerichtliche Klage einreichen, auch wenn der Beleidiger um Verzeihung gebeten hat, aber man darf es nicht aus Hass tun. – Dementsprechend muss man auf die Genugtuung verzichten, wenn der Schaden unbedeutend ist, wenn, um ihn wiedergutzumachen, der Beleidiger einen schweren und unverhältnismäßigen Schaden leiden müsste.

d) Besondere Zeichen der Zuneigung werden von der Feindesliebe nicht verlangt, selbst wenn man sie zuvor gegenseitig ausgetauscht hat. – In Ausnahmefällen kann man aber aus anderen Gründen dazu gehalten sein.

Das geschieht, wenn die Verweigerung dieser Zeichen der Zuneigung Ärgernis entstehen lassen würde, oder wenn, indem man sie austauscht, man den anderen dazu führt, seine Einstellung zu ändern. Man ist allerdings nicht verpflichtet, dafür ein großes Opfer zu bringen.

II. Die Ordnung, der wir in der Liebe zum Nächsten folgen müssen, wird bestimmt durch die Not des Nächsten und unser Verhältnis zu ihm.

1. Die Not des Nächsten kann geistlich oder zeitlich sein, beide können sein: extrem, schwerwiegend oder leicht.

Jemand befindet sich in extremer Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen gar nicht oder nur sehr schwer dem ewigen oder zeitlichen Tod entrinnen kann. Es ist fast dasselbe bei jemandem, der an dem Punkt ist, in eine extreme Gefahr zu geraten, oder der, ohne die Hilfe des anderen, einem schweren und lang andauernden Übel nicht entkommen kann, z. B.: einer harten Gefangenschaft, dem Verlust seiner Güter, seiner Stellung. [Hier spricht Jone natürlich aus Sicht einer Zeit, in der letzteres noch sehr viel gravierendere Folgen hatte als heute; heute ist Arbeitslosigkeit sicher kein extremes Übel mehr.]

Jemand befindet sich in schwerwiegender Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen nur schwer der ewigen Verdammnis entgehen kann; wenn er schwerwiegende zeitliche Probleme erlebt, die aber nicht lange andauern oder nicht exzessiv schwerwiegend sind.

Jemand ist in leichter Not, wenn er von einem wenig wichtigen Übel bedroht ist oder von einem schwerwiegenden Übel, dem er aber leicht entkommen kann.

a) In extremer geistlicher Not muss man dem Nächsten selbst bei Gefahr des eigenen Lebens zu Hilfe kommen.

Man ist allerdings nur in den folgenden Fällen verpflichtet, sein Leben aufs Spiel zu setzen: wenn man die sichere Hoffnung hat, den nächsten mit diesem Beistand zu retten, wenn es niemand anderen gibt, der helfen kann und will, und zuletzt, wenn man, indem man ihm zu Hilfe kommt, nicht mehrere andere Personen der ewigen Verdammnis aussetzt. – Das ist der Grund, aus dem man in der Praxis eine Mutter nicht verpflichten kann, sich einer Kaiserschnittoperation zu unterziehen, um die gültige Taufe des Kindes sicherzustellen [gemeint ist: wenn das Kind eine Geburt auf natürlichem Wege nicht überleben würde; damals waren Kaiserschnitte noch viel gefährlicher als heute], und zwar aus den folgenden Gründen: es ist wahrscheinlich, dass die Taufe im Mutterschoß gültig ist, es ist nicht sicher, dass das Kind lebendig zur Welt käme, noch, dass es gerettet würde, wenn es im Erwachsenenalter stürbe. – Eine Todsünde oder auch nur eine lässliche Sünde zu begehen, um jemanden zu retten, ist nie erlaubt, da das Wohlgefallen Gottes über allem stehen muss.

b) In extremer zeitlicher Not ist man verpflichtet, dem Nächsten zu helfen, selbst zum Preis eines großen persönlichen Nachteils, aber nicht unter Lebensgefahr, wenigstens, wenn man dazu durch seine Stellung verpflichtet ist oder das Gemeinwohl die Rettung derer, die in Gefahr sind, erfordert.

[…] Es ist erlaubt und verdienstvoll, aus einem übernatürlichen Motiv heraus sein Leben aufs Spiel zu setzen, um das des Nächsten zu retten.

c) In schwerwiegender geistlicher oder zeitlicher Not muss man helfen, soweit man es ohne große Beschwerlichkeiten tun kann; man ist nur dann verpflichtet, es trotz großer Beschwerlichkeiten zu tun, wenn man wegen seiner Standespflichten, durch die Gerechtigkeit oder durch die familiäre Liebe dazu gehalten ist.

Das ist der Grund, aus dem z. B. ein Pfarrer verpflichtet ist, auch zum Preis großer Beschwerlichkeiten, seinen Pfarrkindern die Hilfe seines Dienstes zukommen zu lassen, wenn diese es sonst schwer hätten, ihr Heil zu erwirken.

d) Bei gewöhnlichem geistlichen oder zeitlichen Bedarf ist man nicht verpflichtet, jedem unserer Mitmenschen im Einzelnen zu Hilfe zu kommen.

Man darf allerdings nicht in der Einstellung sein, niemals jemandem in diesem Fall zu Hilfe zu kommen; man muss im Gegenteil oft anderen helfen, wenn man es ohne größere Schwierigkeiten kann. Man darf sogar, im geistlichen oder zeitlichen Interesse des Nächsten, große geistliche Güter aufgeben, die nicht notwendig sind, um die ewige Seligkeit zu erlangen, z. B.: seinen Eintritt ins Kloster aufschieben, auf den Verdienst aller seiner guten Werke zugunsten der Seelen im Fegefeuer verzichten, sich der entfernten Gefahr der Sünde aussetzen.

2. Unsere Beziehungen zum Nächsten verpflichten uns, bei gleicher Not, zuerst denen zu helfen, die uns am nächsten stehen.

[…] Die Ordnung, der zu folgen ist, ist dementsprechend die folgende: Der Ehemann oder die Ehefrau, die Kinder, der Vater und die Mutter, die Brüder und Schwestern, die anderen Vorfahren [Großeltern etc.], die Freunde etc… In extremer Not muss man den Vater und die Mutter allen anderen vorziehen, da wir ihnen unsere Existenz verdanken.“

Wenn er hier die Ehepartner vor den Kindern nennt, klingt das vielleicht kontraintuitiv macht aber letztlich Sinn; Ehepartner bleiben z. B. eng aneinander gebunden, wenn ihre erwachsenen Kinder schon ausgezogen sind. Ein großer Unterschied in der Nähe besteht hier aber freilich nicht; beides ist die engste Familie.

Dann schreibt Jone noch etwas über zwei Werke der Nächstenliebe; das Almosengeben, worunter er offensichtlich mehr Hilfe fasst, die beim zeitlichen Leben hilft als nur die normalen Geldspenden, also z. B. auch den kostenlosen Beistand eines Arztes oder Anwalts für jemanden in Not, und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna), mit der gemeint ist, jemand anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er etwas Falsches tut oder getan hat (also z. B. so etwas wie „Mit dem, was du gesagt hast, hast du sie wirklich verletzt“, oder „Du hättest dieses Gerücht über ihn nicht verbreiten dürfen“). Zu den geistlichen Werken der Barmherzigkeit gehört es ja, „die Unwissenden zu lehren“, „die Zweifelnden zu beraten“ und „die Sünder zurechtzuweisen“; die correctio fraterna kann jemandes Seele nützen und auch anderen zeigen, was das Richtige und das Falsche ist, die ihn sonst nachahmen könnten; freilich sollte man es mit ihr auch nicht übertreiben (und, wie Jone schreibt, sollten gerade Skrupulanten sich lieber nicht mit ihr befassen).

Beim Almosen erwähnt Jone hier ab und zu den Begriff „standesgemäßes Leben“; das klingt heute seltsam, hat aber seinen Sinn; man könnte sagen, es umfasst das, was in der Wirtschaftslehre als „Kulturbedürfnisse“ im Unterschied zu „Existenzbedürfnissen“ und „Luxusbedürfnissen“ bezeichnet wird. Hier ist ein Leben gemeint, bei dem man in der Gesellschaft, zu der man gehört, in seiner jeweiligen Position dazugehören und bequem leben kann. Was genau dazu zählt, ändert sich auch; z. B. ist es heute in Deutschland normal, sich Kühlschrank und Waschmaschine leisten zu können und die wenigsten schaffen es, ohne zurechtzukommen, also würde die Kühlschrankreparatur eindeutig unter das „standesgemäße Leben“ fallen. Das „standesgemäße Leben“ ändert sich auch wirklich mit dem „Stand“; z. B. wird von der Queen nun mal einfach etwas anderes erwartet als von ihren Putzfrauen; und diese Unterschiede sind okay so, jedenfalls sicherlich, solange alle genug haben.

Auch zum Thema Almosen zu beachten ist, dass heutzutage in vielen Staaten schon größere Teile der Steuergelder sozialen Zwecken zugutekommen, für die früher Spenden nötig  waren.

Jone schreibt also, wobei er zunächst vor allem von Situationen spricht, in denen man den Hilfe benötigenden Nächsten persönlich kennt:

„Unter den verschiedenen Werken der Nächstenliebe betrachten wir hier vor allem: das Almosen und die brüderliche Zurechtweisung.

 

I. Das Almosen. 1. In extremer Not ist man verpflichtet, unter schwerer Sünde, dem Nächsten zu helfen, selbst unter Opferung der Güter, die nötig sind, um ein standesgemäßes Leben zu führen.

Wir sind nicht verpflichtet, das zu opfern, was für unseren Unterhalt und den der Personen, für die wir verantwortlich sind, nötig ist.

a) Es ist nicht nötig, eine größere Hilfe zu gewähren, als die Linderung der Not verlangt. […]

b) Was man nicht verpflichtet wäre, zu tun, um sein eigenes Leben zu retten, ist man nicht verpflichtet, zu tun, um das des anderen zu retten.

[…]

2. In schwerwiegender Not ist man verpflichtet, dem Armen so weit zu helfen, wie man es kann, ohne das aufzugeben, was notwendig ist, um ein standesgemäßes Leben zu führen. Diese Pflicht ist für gewöhnlich eine schwerwiegende Pflicht.

Im Fall dass ein Armer in dieser Not leicht anderswo Hilfe finden könnte, wäre man nicht unter der schwerwiegenden Verpflichtung, ihm persönlich zu Hilfe zu kommen. […] Wer keinen Überfluss besitzt, aber trotzdem behaglich lebt, sündigt lässlich, wenn er nicht einmal ein kleines Opfer akzeptieren will, um einem Armen in schwerwiegender Not zu helfen.

3. Bei gewöhnlicher Not muss man, auf generelle Weise, den Armen aus seinem Überfluss helfen, und das, nach der Meinung der meisten Autoren, nur unter lässlicher Sünde.

[…] Wer jedes Jahr 2% aus seinem Überfluss dafür aufwendet, erfüllt seine Pflicht, in Bezug auf diese Armen. Es sind auch die der lässlichen Sünde schuldig, die nur das Genügende besitzen und nie etwas für die Armen tun.

Bemerkung: Da in unseren Tagen oft eine große Not herrscht, ob in unserer unmittelbaren Umgebung oder in fremden Ländern, und es durch die modernen Organisationen leicht ist, diesen Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen, ist man gehalten, jedes Jahr mehr als 2% aus seinem Überfluss den Armen zu geben. Es ist allerdings nicht nötig, alles abzugeben, was man entbehren kann, wenn ganze Regionen, z. B. in China oder Indien, sich in extremer Bedürftigkeit befinden. Selbst wenn eine Person allein ihr ganzes Vermögen gäbe, wäre eine solche allgemeine Not nicht behoben; aber wenn jedermann seine Pflicht erfüllen würde, wäre es normalerweise relativ einfach, ihr abzuhelfen. Aber man muss ausdrücklich bemerken, dass man hier nur die äußerste Grenze der Sünde anzeigt. Ein wahrer Christ wird sicherlich ein größeres Almosen geben, selbst im Fall der gewöhnlichen Bedürftigkeit.“

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(Fyodor Bronnikov, Das Gleichnis von Lazarus und dem Reichen. Gemeinfrei.)

„II. Die brüderliche Zurechtweisung. 1. Es gibt die schwerwiegende Pflicht, den Nächsten von der Sünde abzuziehen oder ihn aus der nächsten Gefahr zur Sünde zu entfernen, wenn alle folgenden Vorbedingungen erfüllt sind.

a) Der Nächste befindet sich in einer wirklichen geistlichen Not.

Diese Not existiert, wenn die Sünde oder der Wille zur Sünde nicht angezweifelt werden kann; sodann, wenn der Nächste sich ohne die brüderliche Zurechtweisung nicht bessern wird; zuletzt, wenn niemand anderes, zumindest niemand Kompetentes, diese Zurechtweisung unternimmt.

Wenn Sünden, die aus unüberwindlicher Unwissenheit begangen werden, keinen Schaden verursachen, gibt es keine Pflicht der Nächstenliebe, jemanden z. B. auf eine Abstinenz- oder Fastenvorschrift aufmerksam zu machen. Im Gegensatz dazu, wenn eine selbst nur materielle Sünde Schaden verursacht, entweder für den Sünder selbst (Sünden gegen das sechste Gebot), für einen Dritten (z. B.: Unterlassung eines Schadensersatzes, Ärgernis), verpflichtet uns die Nächstenliebe, darauf hinzuweisen, selbst wenn der Sünder sich in unüberwindlicher Unwissenheit befindet. – Selbst in den Fällen, in denen man nicht durch die Pflicht zur Nächstenliebe gehalten ist, darauf hinzuweisen, kann man, unter lässlicher Sünde, verpflichtet sein, in Anbetracht der Ehre Gottes darauf hinzuweisen (z. B.: um eine Gotteslästerung zu vermeiden). Im übrigen sind viele Leute aufgrund ihrer Verantwortung oder durch die familiäre Liebe verpflichtet, andere anzuleiten.

b) Die geistliche Not ist groß.

Die Not existiert immer, wenn es sich um eine Todsünde handelt. Im Ausnahmefall kann ein Oberer die schwerwiegende Pflicht haben, gegen die [nicht schwer sündigen] Verfehlungen seiner Untergebenen einzuschreiten, z. B. wenn diese Verfehlungen die Ordensdisziplin gefährden.

c) Man hat die fundierte Hoffnung, den Nächsten sich bessern zu sehen.

Dementsprechend existiert diese Pflicht für gewöhnlich nicht gegenüber Unbekannten. Skrupulanten tun gut, sich nicht um die brüderliche Zurechtweisung zu kümmern, da sie absolut keine Kompetenz dafür haben. Man kann die brüderliche Zurechtweisung aufschieben, wenn die Chance besteht, dass sie später effektiver sein wird.

Wenn es keine Hoffnung auf Besserung gibt, muss man die brüderliche Zurechtweisung nur üben, wenn ihre Unterlassung Ärgernis verursachen würde.

d) Die Zurechtweisung lässt sich ohne schweren persönlichen Schaden bewerkstelligen.

Wer aus einem Übermaß an Schüchternheit die Zurechtweisung unterlässt, begeht für gewöhnlich keine schwere Sünde. – Die Bischöfe, die Pfarrer, etc…. kraft ihres Amtes, die Eltern kraft der familiären Pflichten, sind gehalten, die Zurechtweisung selbst unter großem persönlichen Nachteil zu üben. – Desgleichen können Privatpersonen verpflichtet sein, auf die Zurechtweisung zurückzugreifen, wenn ihre Unterlassung dem Gemeinwohl schaden würde, z. B. wenn ein korrumpierter Schüler eine ganze Anstalt verderben könnte, oder ein Priester, der sich zum Versucher macht, den Gläubigen einen großen Schaden verursacht.

2. Die Weise, auf die die brüderliche Zurechtweisung geschehen soll. Sie kann durch Worte geschehen, einen Blick, oft auch dadurch, das Gespräch anderswohin zu lenken oder jemandem seine Mitwirkung zu verweigern.

3. Die bei der Zurechtweisung zu folgende Ordnung ist die folgende: Zuallererst zeigt man seine Meinung dem Einzelnen, dann tut man es vor ein oder zwei anderen Personen; wenn dieses zweite Mittel auch scheitert, informiert man die Oberen.

Eine sofortige Anzeige ist erlaubt, wenn die Sünde öffentlich ist, oder an dem Punkt, es zu werden, wenn das Gemeinwohl oder das Wohl eines Dritten eine sofortige Anzeige erfordert, wenn es einen großen Schaden verursachen würde, jemanden direkt zur Ordnung zu rufen, wenn ein privater Hinweis wenig Erfolgschancen hätte. […]“

Jone bezieht sich hier natürlich auf Jesu Anweisung in Mt 18,15-17: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“

Das Anzeigen beim Oberen betrifft z. B. Fälle, wo ein Pfarrer sich fragwürdig verhält und die Pfarreimitglieder sich an den Bischof wenden könnten, damit er Abhilfe schafft.

Vielleicht ist es zur Ergänzung noch interessant, wie Fagothey über die gegenseitige Hilfe schreibt, auch wenn es im Endeffekt praktisch auf dasselbe hinausläuft wie bei Jone:

„Die Nächstenliebe verpflichtet uns, dem Nächsten in Not zu Hilfe zu kommen. Wie bindend diese Verpflichtung ist, hängt von drei Faktoren ab:

(1) Wie groß seine Not ist

(2) Wie viel Schwierigkeiten es uns kosten wird

(3) Wie nützlich unsere Hilfe sein wird

Da wir unseren Nächsten wie uns selbst, aber nicht mehr als uns selbst, lieben müssen, sind wir nie verpflichtet, obwohl es uns erlaubt ist, eine gleichwertige Mühsal auf uns zu nehmen wie die, von der wir ihn befreien wollen. Uns für andere aufzuopfern ist heroisch und bewundernswert, kann aber kaum als Pflicht auferlegt werden, da wir selbst Rechte haben und die andere Person auch Pflichten uns gegenüber hat. Und es wäre unvernünftig, wenn wir zu sinnlosen Gesten gegenüber denen verpflichtet wären, die jenseits unserer Hilfsmöglichkeiten sind.

Sich zu weigern, einem Menschen in extremer Not zu helfen, selbst bei ernsthaften Beschwerlichkeiten für uns, ist unmenschlich und unentschuldbar. Wenn er nicht in extremer, aber in wirklich schwerer Not ist, nimmt die Verpflichtung proportional ab, ist aber immer noch schwerwiegend. Je geringer die Not, desto geringer die Verpflichtung, aber sie verschwindet nicht, solange wir ohne unangemessene Schwierigkeiten helfen können. Aber den gewöhnlichen Nöten der Menschheit im Allgemeinen abzuhelfen, da sie ein Teil des Lebens sind und zu zahlreich für die Ressourcen irgendeines einzelnen, kann unter normalen Umständen nicht die Pflicht von Privatpersonen sein. Diejenigen, die für das Gemeinwohl verantwortlich sind, müssen Maßnahmen konzipieren, um ihnen abzuhelfen; das ist eine Pflicht der Gerechtigkeit, aber es sollte über die Verpflichtungen der bloßen Gerechtigkeit hinausgehen.

Die Reichen haben eine Pflicht, die Armen zu unterstützen. Diese Verpflichtung ruht eher auf den Reichen als Klasse als auf einem einzelnen Reichen, außer er wäre der einzige in der Gemeinschaft, der der Situation entgegentreten könnte. Die Unterstützung der Armen kann auf verschiedene Weise geschehen. Wenn die Regierung alles davon effizient und ausreichend erledigt, etwas, das wahrscheinlich niemals in der Geschichte geschehen ist, würden die Reichen ihre Pflicht tun, indem sie ihre Steuern zahlen. Wenn die Regierung nichts davon tut, was zumeist in früheren Zeitaltern der Fall war, sind die Wohlhabenden verpflichtet, es aus eigener Initiative zu tun, und weder Gleichgültigkeit noch Faulheit noch Habsucht können sie entschuldigen. Wenn es von privaten Einrichtungen mit öffentlicher Unterstützung, die aber hauptsächlich von freiwilligen Spenden abhängen, getan wird, ist der Reiche verpflichtet, je nach dem Maß seines Überflusses dazu beizutragen. Es kann eine Kombination all dieser Mittel geben, aber, welche auch immer sie seien, die Unterstützung der Bedürftigen ist keine bloße Empfehlung, sondern eine strenge Verpflichtung durch das natürliche Sittengesetz. Diese Bemerkungen betreffen die Pflichten Einzelner. Später werden wir über die Pflicht der Gesellschaft sprechen, ungerechten wirtschaftlichen Bedingungen abzuhelfen.

Die Hilfe, die wir unserem Nächsten geben können, ist verschiedener Art, sie geht vom Sagen eines ermutigenden Wortes zur Rettung seines Lebens, aber der größte Dienst, den wir ihm tun können, ist, ihm zu helfen, sein höchstes Ziel zu erreichen. […] Es gibt viele Weisen, auf dem wir ihm aktive geistliche Hilfe geben können, aber eine, die immer in unserer Macht steht, ganz gleich, was unsere Ressourcen oder unsere Stellung im Leben sein mag, ist das Beisiel unserer eigenen guten moralischen Leben.“****

Vielleicht lohnt es sich, hier am Ende noch einmal alle jeweils sieben leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit aufzuzählen, also diverse Weisen, auf denen sich die Nächstenliebe besonders betätigen kann.

Leiblich:

  • Hungernde speisen
  • Dürstenden zu trinken geben
  • Nackte bekleiden
  • Fremde aufnehmen
  • Kranke besuchen
  • Gefangene besuchen
  • Tote begraben

Geistlich:

  • Unwissende lehren.
  • Zweifelnden recht raten.
  • Trauernde trösten.
  • Sünder zurechtweisen.
  • Beleidigern gerne verzeihen.
  • Lästige geduldig ertragen.
  • für Lebende und Tote beten.

Und das war es für heute wieder.

 

* Austin Fagothey SJ: Right and Reason. Ethics in theory and practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, Charlotte, North Carolina 2000 (Nachdruck der 2. Ausgabe von 1959), S. 332. Eigene Übersetzung.

** Ebd., S. 333f.

*** Die folgenden Zitate sind aus: Heribert Jone, Précis de théologie morale catholique. Adapté aux règles du nouveau Code de droit canon et aux prescriptions du Code civil, 5. Aufl., Mulhouse 1935, S. 77-81. Eigene Übersetzung.

**** Fagothey, Right and Reason, S. 335f.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 7c: Sakramente und Kirchengebote – Fasten und Unterstützung der Kirche

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Heute der letzte Teil zu den Kirchengeboten. (Für die Grundsätze bzgl. der kirchlichen Gebote siehe Teil 7a.)

 

Neben der Sonntagspflicht, den gebotenen Feiertagen, der jährlichen Beichte und der Osterkommunion haben wir noch dieses Kirchengebot:

Die Fasten- und Abstinenzbestimmungen der Kirche sind einzuhalten.

Hier muss man erst einmal zwischen diesen beiden Dingen unterscheiden:

Fasten heißt: Nur einmalige Sättigung am Tag; d. h. eine volle Mahlzeit am Tag ist erlaubt und dazu zwei kleine Stärkungen zu den beiden anderen Essenszeiten, die zusammen nicht größer sind als die eine volle Mahlzeit. (Ein Beispiel dafür: Ein Müsliriegel am Morgen, ein Teller Fischstäbchen mit Kartoffeln am Mittag, eine Semmel am Abend.) Weitere Zwischenmahlzeiten sind nicht erlaubt, aber Getränke schon, auch wenn sie einen geringen Nährwert haben (wie z. B. bei Apfelschorle); Getränke, die eigentlich Flüssignahrung sind, wie Milch, Smoothies etc. gehen allerdings nicht. (Alkoholisches ist erlaubt.)

Abstinenz heißt: Verzicht auf Fleisch und Fleischprodukte. Produkte, die nur entfernt aus tierischen Stoffen hergestellt wurden, aber nicht mehr eigentlich als Fleisch bezeichnet werden können und keinen Fleischgeschmack haben, also etwa tierische Gelatine enthalten oder in tierischem Fett frittiert wurden, gehören aber nicht dazu. Verboten ist das Fleisch von Säugetieren und Vögeln (sog. warmblütige Tiere); Fisch gehört bekanntlich nicht dazu, sondern gilt gerade als Fastenspeise; und Amphibien wie Frösche, Reptilien wie Schildkröten, oder Schnecken, Muscheln, Krustentiere gelten auch nicht als Fleisch im Sinn der Fastenbestimmungen. (Im Lauf der Kirchengeschichte gab es an manchen Orten ein paar weitere Ausnahmen für einzelne Tierarten, wie z. B. Biber und Otter – es ging hier weniger um biologische Klassifizierungen als einfach darum, bestimmte Dinge zum Verzicht festzulegen.)

Im Katechismus heißt es im Absatz über die Kirchengebote zum Sinn und Zweck der Fasten- und Abstinenzbestimmungen:

„Das fünfte Gebot (‚Du sollst die gebotenen Fasttage halten‘) sichert die Zeiten der Entsagung und Buße, die uns auf die liturgischen Feste vorbereiten; sie tragen dazu bei, daß wir uns die Herrschaft über unsere Triebe und die Freiheit des Herzens erringen [Vgl. CIC, cann. 1249-1251; CCEO, can. 882].“

Es geht also darum, frei zu werden von bestimmten hinderlichen Anhänglichkeiten (auch solchen, die nicht unbedingt Sünde sind), sich bestimmte feste Zeiten zu nehmen, um sich wieder mehr auf Gott zu konzentrieren, sich klarzumachen, dass Er das Wichtigste ist, und natürlich auch, Buße für eigene Sünden zu tun (und vielleicht stellvertretende Sühne zu leisten für fremde); Bußzeiten sind Zeiten der Wiedergutmachung für Schlechtes, und des Opferns für Gott. Die Zeiten des Fastens bereiten auf die Zeiten des Feierns vor.

Der CIC enthält die genaueren Fastenbestimmungen (und Begründungen dafür):

Can. 1249 — Alle Gläubigen sind, jeder auf seine Weise, aufgrund göttlichen Gesetzes gehalten, Buße zu tun; damit sich aber alle durch eine bestimmte gemeinsame Beachtung der Buße miteinander verbinden, werden Bußtage vorgeschrieben, an welchen die Gläubigen sich in besonderer Weise dem Gebet widmen, Werke der Frömmigkeit und der Caritas verrichten, sich selbst verleugnen, indem sie die ihnen eigenen Pflichten getreuer erfüllen und nach Maßgabe der folgenden Canones besonders Fasten und Abstinenz halten.

Can. 1250 — Bußtage und Bußzeiten für die ganze Kirche sind alle Freitage des ganzen Jahres und die österliche Bußzeit.

Can. 1251 — Abstinenz von Fleischspeisen oder von einer anderen Speise entsprechend den Vorschriften der Bischofskonferenz ist zu halten an allen Freitagen des Jahres, wenn nicht auf einen Freitag ein Hochfest fällt: Abstinenz aber und Fasten ist zu halten an Aschermittwoch und Karfreitag.

Can. 1252 — Das Abstinenzgebot verpflichtet alle, die das vierzehnte Lebensjahr vollendet haben; das Fastengebot verpflichtet alle Volljährigen [d. h. ab 18] bis zum Beginn des sechzigsten Lebensjahres. Die Seelsorger und die Eltern sollen aber dafür sorgen, daß auch diejenigen, die wegen ihres jugendlichen Alters zu Fasten und Abstinenz nicht verpflichtet sind, zu einem echten Verständnis der Buße geführt werden.

Can. 1253 — Die Bischofskonferenz kann die Beobachtung von Fasten und Abstinenz näher bestimmen und andere Bußformen, besonders Werke der Caritas und Frömmigkeitsübungen, ganz oder teilweise an Stelle von Fasten und Abstinenz festlegen.

Abstinenz von Fleischspeisen ist also weltkirchlich vorgeschrieben für alle Freitage des Jahres (da am Freitag Jesu Tod gedacht wird) und Aschermittwoch und Karfreitag für alle Katholiken ab 14 Jahren; in Deutschland haben es die Bischöfe aber gemäß Can. 1253 erlaubt, den Fleischverzicht am Freitag durch ein Ersatzopfer (Einschränkung beim Konsum anderer Dinge, Spenden, sonstige Hilfe für den Nächsten, Sprechen eines Gebets o. Ä.) zu ersetzen. Irgendetwas davon muss aber sein. (Es sei denn, am Freitag ist ein Hochfest – was übrigens zu unterscheiden ist vom gebotenen Feiertag; es gibt auch Hochfeste, die keine gebotenen Feiertage sind. Hochfest schlägt Freitag, und Festtage sind keine Fasttage.)

Am Aschermittwoch und Karfreitag müssen Katholiken zwischen dem 18. und dem 60. Geburtstag zusätzlich zur Abstinenz auch fasten. Früher waren mehr Fasttage vorgeschrieben (ganze Fastenzeit, Quatembertage usw.); heute sind es wirklich nur noch diese zwei; jedenfalls für Katholiken des westlichen lateinischen Ritus, in den verschiedenen östlichen Rituskirchen mögen jeweils andere Regeln gelten.

(Interessanterweise galt übrigens das Fastengebot früher erst ab 21, das Abstinenzgebot aber schon ab 7 Jahren. Was sich nicht alles sonst noch ändert.)

Auch für Tradis, die oft oder immer die alte Messe besuchen, gelten die neuen Fastenbestimmungen (Liturgie und Kirchrecht sind zwei verschiedene Sachen); aber wer mehr tun will als vorgeschrieben (z. B. an den Quatembertagen fasten oder zumindest kein Fleisch essen oder auf etwas anderes verzichten), darf natürlich mehr tun (sündigt aber nicht, wenn er selbstgesteckte Vorsätze dann nicht schafft).

Es gibt natürlich auch Ausnahmen bei diesen Bestimmungen zu Fasten und/oder Abstinenz, nämlich kurz gesagt dann, wenn es notwendig ist:

– bei Krankheit: Fasten und Abstinenz soll nicht der Gesundheit schaden; chronisch Kranke, akut Kranke und gerade erst Genesende sollen also lieber auf ihre Gesundheit schauen als zu fasten. Unter „Krankheit“ können auch Essstörungen fallen, in die jemand nicht durchs Fasten zurückfallen will, und andere psychische Störungen (wenn jemand z. B. eine zwanghafte Angst davor entwickelt, die Fastenbestimmungen nicht genau genug zu halten).

– während Schwangerschaft und Stillzeit, wo es wichtig ist, genug zu essen und alle Nährstoffe zu bekommen.

– wenn man sonst seinen Standespflichten (also v. a. beruflichen und familiären Pflichten) nicht nachkommen kann – z. B. wenn man am Aschermittwoch gerade eine Prüfung schreibt und sich hungrig nicht konzentrieren kann, oder wenn man schwer körperlich arbeiten muss. Den normalen aushaltbaren Hunger muss man aber aushalten – vor allem, da wir nur noch zwei vereinzelte Tage für das wirkliche Fasten haben, keine sechs Wochen am Stück mehr.

– am „fremden Tisch“, also wenn man z. B. bei Freunden zu Gast ist, als Austauschschüler in einer fremden Familie lebt, oder auch in einer Werkskantine, wo man sich nicht aussuchen kann, was es gibt (und vielleicht das einzige vegetarische Essen nicht verträgt o. Ä.).

– auf Reisen, zumindest bei anstrengenden Reisen oder wenn man nicht viel Auswahl bei dem Essen hat, das man sich auf der Reise besorgen kann.

Heribert Jone z. B. zählt in seiner „Katholischen Moraltheologie“ (Zitate wie immer rückübersetzt aus der französischen Übersetzung) folgende Personen auf, die nach seinem Urteil als entschuldigt vom Fasten (unterschieden von der Abstinenz) gelten – hier hat er freilich auch noch die alten, längeren Fastenzeiten im Blick, die zu seiner Zeit galten:

„Kranke, Genesende, schwache Personen, sehr nervenschwache [= psychisch kranke] Personen, jene, denen das Fasten starke Kopfschmerzen bereitet oder die es am Schlafen hindert, schwangere und stillende Frauen, wahrscheinlich auch Frauen, die ihre Regel haben, Arme, die nicht genug für eine volle Mahlzeit auf einmal haben [hier sind wohl v. a. Bettler gemeint], Leute, die schwere Arbeiten zu tun haben, z. B.: Landwirte, Schmiede, Steinmetze, vorausgesetzt, dass sie tatsächlich den größeren Teil des Tages über arbeiten (sie sind allerdings auch entschuldigt, wenn sie ein oder zwei Tage von der Arbeit ausruhen), Professoren, Lehrer, Studenten, Prediger, Beichtväter, Ärzte, Richter etc… wenn das Fasten sie daran hindert, ihren Standespflichten gebührend nachzugehen, jene, die eine ermüdende Reise zu Fuß oder mit dem Auto machen […].“

Zu den von der Abstinenz Entschuldigten zählt er u. a.:

„Kranke, Genesende, schwangere Frauen, wenn Fleischspeisen notwendig für sie sind (einige Autoren erlauben Frauen in diesem Zustand sogar, einige Happen Fleisch zu essen, wenn sie nur eine starke Lust darauf verspüren; stillende Frauen brauchen auch oft Fleisch), Arbeiter, die außerordentlich schwere Arbeiten auszuführen haben, vor allem, wenn die Arbeiten ihren Hunger erhöhen, z. B. jene, die im Walzwerk, in den Minen arbeiten; Arme, die sich nicht genug andere Nahrung beschaffen können; verheiratete Frauen, Kinder, Dienstboten, wenn der Hausherr keine anderen als Fleischspeisen erlaubt (aber die Dienstboten müssen sich eine andere Stellung suchen; wenn sie allerdings bei einer anderen Stellung größeren moralischen Gefahren ausgesetzt wären, können sie jene behalten, die sie haben).“

Außerdem bemerkt er:

„Wenn man aus Zerstreutheit an einem Tag der Abstinenz Fleischspeisen zubereiten hat lassen, hat man nicht das Recht, sie zu essen, wenn man sich leicht andere Speisen beschaffen kann und die Fleischspeisen ohne große Umstände für einen anderen Tag aufgehoben werden können. Wenn es sich aber um eine kleine Menge Fleisch handelt, die nicht als Materie für eine schwere Sünde genügen würde, erlaubt es der Umstand der Zerstreutheit, dieses Fleisch zu essen, ohne eine lässliche Sünde zu begehen. – Wenn der Hausherr von der Abstinenz entschuldigt (oder dispensiert) ist, sind dadurch nicht sämtliche anderen Familienmitglieder berechtigt, Fleisch zu essen, aber oft wird es moralisch unmöglich sein, zwei verschiedene Gerichte zuzubereiten, also die ganze Familie von der Abstinenz entschuldigt sein.“

Hier spricht er freilich auch wieder aus Sicht einer anderen Zeit, in der man mit Essen sparsamer umgehen musste und selten zweierlei Gerichte kochen konnte.

An sich binden die Fasten- und Abstinenzbestimmungen wie die übrigen Kirchengebote unter schwerer Sünde; aber wenn jemand sie ganz geringfügig übergeht (z. B. an einem Fastentag zusätzlich zu den erlaubten Mahlzeiten einmal noch ein Stück Traubenzucker in den Mund steckt, oder an einem Abstinenztag eine kleine Scheibe Wurst probiert; oder auch, wenn jemand sich aus einer gewissen Nachlässigkeit dabei verschätzt, ob er einen ausreichenden Entschuldigungsgrund hat, um Fasten/Abstinenz zu lassen) ist die Sünde bloß lässlich. (Wenn jemand aber z. B. an einem Fastentag die Fastenbestimmungen mehrfach geringfügig übergeht, um zusammengenommen so viel essen zu können wie sonst, macht das nicht mehrere lässliche Sünden, sondern eine auf Raten begangene schwere.)

Jedenfalls gilt grundsätzlich auch für die normalen Freitage: Wenn jemand kein Freitagsopfer bringt (ob Abstinenz oder etwas anderes) ist das eine schwere Sünde. Leider haben viele Katholiken den Eindruck, die Freitagsabstinenz gäbe es gar nicht mehr, nur noch das Fasten und die Abstinenz an Aschermittwoch und Karfreitag, was natürlich ihre Schuldfähigkeit verringert oder aufhebt, aber nichts Gutes über den Stand der Katechese und diese bischöfliche Regelung an sich sagt. Der Gedanke dahinter war ja ursprünglich, den Leuten Gelegenheit zu geben, freier und kreativer Opfer zu bringen, aber so ganz geklappt hat das wohl nicht.

Wenn jemand z. B. am Freitag Fleisch isst und sonst kein Opfer bringt, weil er nicht daran gedacht hat, dass Freitag ist, ist das natürlich keine Sünde.

Die Fastenzeit vor Ostern ist wie die anderen Bußzeiten dazu da, sich mehr auf Gott zu konzentrieren, auf Verzicht, Sühne, Buße für begangene Sünden, Gebet, Werke der Nächstenliebe. Dazu gibt es aber nicht ganz so klare kirchliche Bestimmungen, die unter schwerer Sünde verpflichten würden; das steht eher im Ermessen des Einzelnen. Man kann, was den Verzicht angeht, wenn man will, z. B. fasten, Abstinenz halten, auf bestimmte andere Dinge verzichten… In einem Text zu den „Weisungen zur Bußpraxis“, den man beim Bistum Augsburg herunterladen kann, heißt es beispielsweise: „Alljährlich bereitet sich die Kirche in einer vierzigtägigen Bußzeit auf die österliche Feier des Todes und der Auferstehung des Herrn vor. In dieser Zeit suchen wir Christen uns und unseren Lebensstil so zu ändern, dass durch Besinnung und Gebet, Verzicht, Versöhnung und Nächstenliebe Christus wieder mehr Raum in unserem Leben gewinnt. Jeder Christ soll je nach seiner wirtschaftlichen Lage ein für ihn spürbares Geldopfer für die Hungernden und Notleidenden in der Welt geben.“

Auch in der Fastenzeit wird an Sonntagen und Hochfesten nicht gefastet.

 

Dann gibt es noch ein weiteres Kirchengebot, wenn es auch streng genommen in der Aufzählung im Katechismus nicht zu den 5 Kirchengeboten gehört, die sich mit der Heiligung von Festzeiten, der Buße und Ähnlichem befassen. Dieses Gebot ist:

Man muss die Kirche finanziell nach seinen Möglichkeiten unterstützen.

Der Katechismus sagt dazu:

„Die Gläubigen sind auch verpflichtet, ihren Möglichkeiten entsprechend zu den materiellen Bedürfnissen der Kirche beizutragen [Vgl. CIC, can. 222].“

Im entsprechenden Kanon des CIC heißt es:

„Can. 222 — § 1. Die Gläubigen sind verpflichtet, für die Erfordernisse der Kirche Beiträge zu leisten, damit ihr die Mittel zur Verfügung stehen, die für den Gottesdienst, die Werke des Apostolats und der Caritas sowie für einen angemessenen Unterhalt der in ihrem Dienst Stehenden notwendig sind.

§ 2. Sie sind auch verpflichtet, die soziale Gerechtigkeit zu fördern und, des Gebotes des Herrn eingedenk, aus ihren eigenen Einkünften die Armen zu unterstützen.“

Auch das ist an sich eine Verpflichtung unter schwerer Sünde (auch wenn hier natürlich lässliche Sünden möglich sind, wenn jemand nur ein bisschen geizig ist); jeder, der zur Kirche gehört, muss auch materiell etwas zu ihr beitragen, sofern er kann. (Wer kein eigenes Einkommen/Vermögen hat, oder gerade genug zum Leben, ist prinzipiell nicht dazu verpflichtet.)

In Deutschland ist diese Pflicht mit der Zahlung der Kirchensteuer, die sich ja nach dem Level des jeweiligen Einkommens (8 bzw. 9% der Einkommenssteuer – was sich auf nicht sehr viel Geld beläuft, wenn man es durchrechnet) richtet – und vielleicht kleinen Spenden bei der Kollekte in der Messe, und den üblichen Stolgebühren bei manchen kirchlichen Feiern – prinzipiell erfüllt. Darauf verlässt sich die Kirche für die Deckung der nötigen Ausgaben (Gehälter für Priester, Pfarramtssekretäre, Pastoralreferenten, Strom, Heizung, Renovierungskosten für Kirchen und Pfarrhäuser, usw. usf.).

Die Kirchensteuer nicht zu zahlen dürfte eine schwere Sünde des Ungehorsams sein – ja, auch wenn man denselben Betrag an kirchliche Einrichtungen seiner Wahl spendet. Die zuständigen Bischöfe haben das Recht, zu verlangen, wie genau man die Kirche unterstützen soll; wenn sie das Geld falsch verwenden, darf man ihnen die Zahlung genauso wenig verweigern, wie man dem deutschen Staat Steuern hinterziehen darf, weil er die falsch ausgibt. Steuerzahlungen darf man nicht einem Staat, der auch Schlechtes damit tut, sondern nur einem grundsätzlich unrechtmäßigen Staat verweigern; ähnlich ist es mit der Kirche, und da die, als von Gott eingesetzte Institution, gar nicht grundsätzlich unrechtmäßig werden kann, darf man ihr die Zahlungen nicht verweigern. (Das ist übrigens gut biblisch: Sowohl Jesus als auch Paulus forderten dazu auf, dem römischen Staat Steuern zu zahlen, obwohl beide von ebendiesem Staat hingerichtet werden sollten.)

(Offiziell vor dem Staat aus der Kirche auszutreten, was man tun muss, um die Kirchensteuer nicht zahlen zu müssen, ist natürlich noch schlimmer als der bloße Ungehorsam; das ist objektiv eine Glaubensverleugnung, ein schismatischer Akt, selbst wenn das nicht die eigene Intention dabei ist.)

Was ist, wenn man nicht in einem Land mit festgelegter Kirchensteuer lebt? Hier wird man eben einfach ein wenig mehr spenden müssen (und hier werden vielleicht auch die Stolgebühren u. Ä., mit dem sich die Kirche einen Teil ihres Unterhalts verschafft, ein wenig höher sein).

Ich werde mich in einem späteren Teil allgemein mit der Frage des Almosengebens befassen; für die Unterstützung der Kirche und das Spenden überhaupt gilt jedenfalls: Wie viel man geben muss, hängt davon ab, was man verdient, was man für seine Familie braucht, was man schon durch verpflichtende Steuern und Abgaben zu guten Zwecken und kirchlichen Einrichtungen beiträgt (das ist ja je nach Land nicht mal so wenig), was die Kirche bzw. sonstige Bedürftige benötigen, und welche Richtlinien die Bischöfe des jeweiligen Landes aufgestellt haben. Das, was man früher „standesgemäßer Unterhalt“ nannte – worunter neben Essen, Kleidung etc. auch so etwas wie Miete / Raten fürs Haus, Wasser, Strom, Familienauto, Versicherungen, das ein oder andere Freizeitvergnügen, mal ein Urlaub usw. fallen würden – darf man sich selber jedenfalls leisten; die Frage der schweren Sünde kommt hier jedenfalls nicht auf (wenn es nicht gerade um extreme Notsituationen geht, denen niemand sonst außer einem selbst abhelfen kann).

Aber man muss zur Kirche etwas beitragen, damit, wie gesagt, z. B. Priester ihren Lebensunterhalt haben, Kirchen instand gehalten werden können, usw. Für die Frage, wie viel der einzelne geben muss, ist es vor allem interessant, ob die Kirche ihr Auskommen hätte, wenn alle einen solchen Anteil ihres (überschüssigen) Einkommens, wie man ihn gibt (nicht eine solche Geldsumme, sondern einen solchen prozentualen Anteil), geben würden; wenn ja, passt es. (Der hl. Alphons war bzgl. des Almosengebens generell übrigens der Ansicht, wer – im Normalfall, außerhalb extremer Notsituationen, denen sonst keiner abhelfen kann – zumindest 2% seines Überflusses gebe, begehe zumindest keine schwere Sünde; das kann man vielleicht auch auf diesen Bereich übertragen.)

Mehr zu tun als unbedingt nötig ist natürlich immer nicht schlecht.

Es gibt ab und zu Katholiken, die von einigen Freikirchlern die Ansicht übernommen haben, jeder Christ müsse genau den zehnten Teil seines Einkommens spenden. Das entspricht nicht der Lehre der Kirche; das Gebot des Zehnten stammt aus dem alttestamentlichen Zeremonialgesetz, das im Neuen Bund an sich aufgehoben ist – auch wenn der Wert vielleicht interessant ist und es im Mittelalter durch kirchliche Gesetze den Kirchenzehnten gab. Die Kirche kann jedenfalls festlegen, was genau sie hier verlangt, und den Zehnten verlangt sie heutzutage nicht.

(Zu den Prinzipien bzgl. der Unterstützung der Kirche und der historischen Entwicklung ihrer Einkommensarten ist vielleicht auch dieser Text aus der Catholic Encyclopedia interessant, und zum Almosengeben und den genaueren Verpflichtungen dabei dieser hier.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 7a: Sakramente und Kirchengebote – Grundsätzliches & alles rund um die Beichte

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Im letzten Teil, der das 3.  Gebot betrifft, habe ich schon eins der Kirchengebote erwähnt, nämlich die Sonntagspflicht; in diesem Teil und den beiden nächsten soll es um die übrigen gehen. Die Kirchengebote helfen, dabei, die Gottesliebe, die die ersten drei der 10. Gebote vorschreiben, zu leben. (Nach den Kirchengeboten geht es mit den übrigen sieben Geboten und der Nächstenliebe weiter.)

 

Ein paar Grundsätze zu Kirchengeboten:

(Hier wiederhole ich noch einmal ein paar Dinge aus dem letzten Teil.)

Es gibt fünf hauptsächliche Kirchengebote, die der Katechismus hier darstellt. Dabei heißt es: „Der verpflichtende Charakter dieser von den Hirten der Kirche erlassenen positiven Gesetze will den Gläubigen das unerläßliche Minimum an Gebetsgeist und an sittlichem Streben, im Wachstum der Liebe zu Gott und zum Nächsten sichern.“ Diese fünf Gebote, die die Kirche entsprechend wichtig nimmt, verpflichten unter schwerer Sünde.

Als Katholik hat man erkannt, dass Jesus, Gottes Sohn, die Kirche eingesetzt und ihr Autorität über und Verantwortung für uns verliehen hat. Die Hirten der Kirche, d. h. die Bischöfe, sind in direkter Linie die Nachfolger der Apostel und können uns als solche Befehle erteilen. Natürlich können sie nicht alles Mögliche befehlen – vor allem dürfen sie nichts Unzumutbares und nichts moralisch Falsches befehlen. Aber grundsätzlich sind wir Laien ihnen Gehorsam und Respekt schuldig. Und, wie der Katechismus sagt: Dass z. B. der Messbesuch, die Beichte oder das Fasten hin und wieder verpflichtend sind, hilft einem, das Minimum an Pflege der Gottesbeziehung nicht zu vernachlässigen. Wenn man zur Messe gehen muss, hat man keine andere Wahl, als es zu überwinden, dass man sich dabei komisch vorkommt oder lieber ausschlafen würde, und kann dann von der Nähe zu Gott dort profitieren.

(Zu dieser Begründung ließe sich noch mehr sagen, aber hier ist nicht die passende Gelegenheit; hier soll es vor allem darum gehen, was diese Gebote praktisch im Einzelnen bedeuten.)

Die Kirchengebote gelten nur für Katholiken, d. h. für jeden, der irgendwann einmal katholisch getauft oder nach der Taufe in die katholische Kirche aufgenommen wurde; i. d. R. gelten sie ab 7 Jahren, da man davon ausgeht, dass Kinder ab  diesem Alter  den Vernunftgebrauch besitzen (außer, wenn das Gegenteil feststeht, z. B. bei einer geistigen Behinderung). S. dazu im CIC:

„Can. 11 — Durch rein kirchliche Gesetze werden diejenigen verpflichtet, die in der katholischen Kirche getauft oder in diese aufgenommen worden sind, hinreichenden Vernunftgebrauch besitzen und, falls nicht ausdrücklich etwas anderes im Recht vorgesehen ist, das siebente Lebensjahr vollendet haben.“

Ein Kirchenaustritt vor dem Staat ändert nichts an dieser Verpflichtung; er ist einfach eine schwere Sünde, da er ein öffentlich erklärter Abfall von der katholischen Kirche und von den Bischöfen verboten ist. (Er wäre auch dann eine objektiv schwere Sünde, wenn man nur austreten würde, um die Kirchensteuer zu sparen, und auch dann, wenn man die Kirchensteuer nicht zahlen will, da man meint, die Bischöfe würden sie falsch verwenden, und stattdessen dieselbe Summe an eine katholische Organisation seiner Wahl spenden will. Dazu mehr in Teil 7c.) Ein Kirchenaustritt macht eine Wiederversöhnung mit der Kirche nötig, aber er macht einen eigentlich nicht zum Nichtkatholiken. Semel catholicus, semper catholicus; einmal katholisch, immer katholisch.

Die Kirchengebote gelten für vom Prinzip her noch nicht für Nichtkatholiken, die sich darauf vorbereiten, katholisch zu werden.

Bei Kirchengeboten werden im Kirchenrecht manchmal Gründe genannt, die von einer Verpflichtung entbinden. Dabei ist zu beachten: Ein „gerechter Grund“ ist relativ einfach zu finden („nur mit gerechtem Grund“ heißt so viel wie „nicht ohne Grund“), ein „schwerwiegender Grund“ gelegentlich und ein „sehr schwerwiegender Grund“ nur selten.

 

Es gibt, wie gesagt, 5 hauptsächliche Kirchengebote für Laien (Priester haben noch mehr Vorschriften zu befolgen, die Laien gar nicht betreffen). Heute zum zweiten Kirchengebot, das die Beichte betrifft. Der CIC definiert dieses Sakrament folgendermaßen:

„Can. 959 — Im Sakrament der Buße erlangen die Gläubigen, die ihre Sünden bereuen und mit dem Vorsatz zur Besserung dem rechtmäßigen Spender bekennen, durch die von diesem erteilte Absolution von Gott die Verzeihung ihrer Sünden, die sie nach der Taufe begangen haben; zugleich werden sie mit der Kirche versöhnt, die sie durch ihr Sündigen verletzt haben.“

Und:

„Can. 960 — Das persönliche und vollständige Bekenntnis und die Absolution bilden den einzigen ordentlichen Weg, auf dem ein Gläubiger, der sich einer schweren Sünde bewußt ist, mit Gott und der Kirche versöhnt wird; allein physische oder moralische Unmöglichkeit entschuldigt von einem solchen Bekenntnis; in diesem Fall kann die Versöhnung auch auf andere Weisen erlangt werden.“

Erst einmal: Wieso ist die Beichte überhaupt nötig? Reicht es nicht, dass jemand Gott liebt und ihm die Sünde leid tut; heißt es nicht in der Bibel, dass die Liebe Sünden zudeckt? Nun; der hl. Thomas schreibt dazu:

„Fällt jemand in Sünden, so ist die erste Voraussetzung die Reue oder Buße, damit Liebe, Barmherzigkeit, Glaube ihn von der Sünde lösen. Die Liebe nämlich verlangt, daß man das Gegenteil vom geliebten Gegenstande haßt und über die diesem zugefügte Beleidigung Schmerz empfindet. Der Glaube fordert, daß der Sünder danach verlangt, durch die Kraft des Leidens Christi, welche in den Sakramenten wirkt, gerechtfertigt zu werden von seinen Sünden. Die Barmherzigkeit legt auf, daß der Mensch seinem eigenen Sündenelende durch die Reue oder Buße abhelfe; denn ‚elend macht die Menschen die Sünde‘, heißt es Prov. 14.; und: ‚Erbarme dich deiner Seele und gefalle Gott‘ (Ekkli. 30.).“ (Summa Theologiae III,84,5)

Die Liebe zu Gott ist es, die es fordert, seine Sünden zu bekennen und Buße zu tun, und sich dabei, auf welche Weise man das tut, nach Gottes (und Seiner Kirche) Anordnungen zu richten. Jesus hat die Beichte mit klaren Worten eingesetzt: „Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. (Joh 20,19-23) Auch der Apostel Jakobus schreibt dementsprechend: „Darum bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet!“ (Jak 5,16) Und der Apostel Johannes: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht.“ (1 Joh 1,9)

 

Nun also das Kirchengebot:

Gebeichtet werden müssen schwere Sünden (nach Art und Zahl) wenigstens einmal im Jahr (und bevor man wieder die hl. Kommunion empfängt).

Dazu  heißt es im Katechismus: „Das zweite Gebot (‚Du sollst deine Sünden jährlich wenigstens einmal beichten‘) sichert die Vorbereitung auf die Eucharistie durch den Empfang des Sakramentes der Versöhnung, das die in der Taufe erfolgte Umkehr und Vergebung weiterführt [Vgl. CIC, can. 989; CCEO, can. 719]“

Und im CIC wird das Ganze genauer ausgeführt:

 „Can. 988 — § 1. Der Gläubige ist verpflichtet, alle nach der Taufe begangenen schweren Sünden, deren er sich nach einer sorgfältigen Gewissenserforschung bewußt ist, nach Art und Zahl zu bekennen, sofern sie noch nicht durch die Schlüsselgewalt der Kirche direkt nachgelassen sind und er sich ihrer noch nicht in einem persönlichen Bekenntnis angeklagt hat.

2. Den Gläubigen wird empfohlen, auch ihre läßlichen Sünden zu bekennen.

 Can. 989 — Jeder Gläubige ist nach Erreichen des Unterscheidungsalters verpflichtet, seine schweren Sünden wenigstens einmal im Jahr aufrichtig zu bekennen.“

Jetzt dazu, was dieses Kirchengebot im Einzelnen bedeutet:

In der Taufe werden alle Sünden vergeben, die Beichte ist nur dafür da, wenn jemand nach der Taufe, nachdem er also schon ein Kind Gottes und der Kirche geworden ist, wieder sündigt; vorherige Sünden müssen also nicht gebeichtet werden.

Zur Beichte gehören 1) die Reue (die den guten Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, einschließt, sich aber nicht darin erschöpft; ihm geht der Schmerz über die Sünde, die bewusste Verabscheuung der Sünde voraus), 2) das Bekenntnis, das die Reue nach außen trägt, und 3) die Buße/Genugtuung, die eine gewisse Wiedergutmachung (gemäß der eigenen Fähigkeit) ist.

Man muss nur die schweren Sünden beichten; wenn man keine schweren Sünden begangen hat, muss man prinzipiell gar nicht beichten gehen. (Empfehlenswert ist es trotzdem.)

Verpflichtend ist die Beichte der schweren Sünden, die man auf dem Gewissen hat, einmal im Jahr. Ja, wirklich nur einmal im Jahr. Freilich ist es sehr empfehlenswert, schwere Sünden nicht ewig mit sich herumzuschleppen, vor allem, da man solange nicht zur Kommunion gehen kann, aber man ist nicht verpflichtet, sie gleich zu beichten, geschweige denn, in den nächsten zwei Tagen irgendwo einen Priester abzupassen, der einem die Beichte abnehmen kann. (Empfehlenswert ist es, nach einer schweren Sünde zur nächsten, oft wöchentlich stattfindenden Beichtgelegenheit in der Pfarrei zu gehen oder, wenn die Pfarrei so etwas nicht anbieten sollte, bald einen Termin mit einem Priester auszumachen. Auch die regelmäßige Beichte ungefähr einmal im Monat, auch wenn man sich keiner schweren Sünden schuldig gemacht hat, ist sehr zu empfehlen. Aber das ist nicht verpflichtend.)

Freilich sollte man, wenn man denn in den Himmel kommen will, nach einer schweren Sünde vollkommene Reue erwecken – die wird, zusammen mit dem Vorsatz, die Sünde noch zu beichten, solange genügen; wenn man durch einen unglücklichen Zufall vorher stirbt, gilt das auch. (Ach ja: Man hat manchmal das vage Gefühl, sich nach einer schweren Sünde nicht sofort zu Gott zurückwagen, sondern noch ein wenig abwarten zu sollen; das ist eine Falle des Teufels. Gott will einen sofort zurück, also Reue gleich nach der Sünde erwecken.)

Vollkommene Reue (Liebesreue, lat. contritio) meint eine Reue, die aus der Liebe zu Gott und dem Wissen, ihn mit einer schlechten Tat beleidigt zu haben, hervorgeht (nicht eine, die dabei so vollkommen ist, dass es nicht mehr besser geht). Unvollkommene Reue (Furchtreue, lat. attritio) geht aus Furcht vor Gottes strafender Gerechtigkeit hervor, aus dem Wissen, dass Er das Gute belohnt und das Böse straft und man wirklich Böses getan hat. („Wenn es die Hölle nicht gäbe, würde ich natürlich wieder sündigen“ genügt allerdings nicht.) Die Furchtreue ist schon mal ein Anfang, auf jeden Fall keine Sünde und genügt in der Beichte für die Vergebung der Sünden. (Wieso genügt in der Beichte etwas, das sonst nicht genügt? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht, weil Gott es uns anrechnen will, wenn wir uns immerhin überwinden müssen, die Sünden laut zu bekennen, oder einfach, weil Er sich nun mal entschieden hat, die Sakramente in der Gemeinschaft der Kirche zu Seinen Gnadenmitteln zu machen?) Liebesreue kann aber auch zusammen mit einer gewissen Restfurcht vor der Hölle existieren, letztere wird einem vielleicht immer bleiben. Liebesreue ist eine Sache des Willens, nicht des Gefühls; man muss keine starken Gefühle haben, um wirklich zu bereuen, man muss es nur ehrlich meinen und sich ehrlich Besserung vornehmen. (Siehe zu diesem Thema auch Teil 2.) Auch in der Beichte nicht genügen würde die sog. eitle Reue / Strohreue, die nur darin besteht, sich wegen einer Sünde vor den Menschen zu schämen, weil sie dem  eigenen Ansehen schadet.

Dabei, einen Akt der Liebesreue zu setzen, kann dieses Gebet aus dem Anhang zum Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche behilflich sein: „Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“

Auch Gebete wie die vor und nach der Gewissenserforschung in diesem hier herunterzuladenden Beichtspiegel aufgeführten können helfen.

Zur vollkommenen Reue gehört, wie gesagt, der Vorsatz, die Sünden zu beichten; aber das muss kein Vorsatz sein, sie sobald wie möglich zu beichten; prinzipiell genügt die nächste kirchenrechtlich vorgeschriebene Beichte.

Üblich ist die Beichte, wenn jemand nur jährlich beichtet, in jeder Fastenzeit vor Ostern (da die Kommunion in der Osterzeit verplichtend ist, s. den nächsten Artikel); aber wenn jemand z. B. schon vor der Fastenzeit gebeichtet und seitdem keine schweren Sünden mehr begangen hat, genügt auch das.

Man muss alle schweren Sünden nach Art und Zahl bekennen, was als „materielle Vollständigkeit“ der Beichte bezeichnet wird. Der hl. Thomas sagt zu dem Grund dazu:

„Ich antworte, dass der Arzt, der Medizin für den Körper verschreibt, nicht nur die Krankheit kennen sollte, für die er verschreibt, sondern auch den allgemeinen Zustand des Kranken, da eine Krankheit durch eine zusätzliche verschlimmert wird, und eine Medizin, die zu einer Krankheit passen würde, mit Bezug auf eine andere schädlich wäre. Dasselbe kann mit Bezug auf Sünden gesagt werden..“ (Summa Theologiae, Suppl. 9,2, übersetzt aus der englischen Übersetzung)

Eine schwere Sünde ist eine wissentlich und willentlich in einer wichtigen Sache begangene Sünde; nur diese Sünden zu beichten ist, wie gesagt, verpflichtend. Lässliche Sünden muss man nicht beichten, auch wenn es sehr hilfreich sein kann, zumindest die wichtigsten unter ihnen zu erwähnen; zweifelhaft schwere müssen prinzipiell nicht gebeichtet werden (egal, ob jemand zweifelt, ob er etwas getan hat; ob etwas, das er getan hat, eine schwere Sünde war; oder ob er zweifelt, ob er etwas, das er getan hat und das eine schwere Sünde war, schon einmal gebeichtet hat); hier helfen aber vielleicht auch die Regeln zur Abwägung in Zweifelsfällen. Zweifelhaft schwere Sünden zu beichten ist grundsätzlich sehr zu empfehlen. Katholiken, die wissen, dass sie zur Laxheit neigen, sollten sie eher beichten, Skrupulanten sollten das u. U. eher unterlassen oder  sich jedenfalls nicht dazu gedrängt sehen, weil sie bei fast allen Sünden zweifeln und nur ganz eindeutig schwere bekennen müssen, um die Skrupulosität loszuwerden. Man kann den Beichtvater auch fragen, ob eine Sünde schwer war, dann weiß man es für die Zukunft. (Wir kommen ja alle meistens mit immer denselben Sünden wieder in den Beichtstuhl.)

Gedacht ist die Beichte für Sünden, nicht für bloße Unvollkommenheiten: „Für das Zustandekommen des Bußsakraments reicht das Bekenntnis bloßer Unvollkommenheiten (unbewußter Übertretungen sittlicher Gebote oder Nichtbeachtung nicht verpflichtender Räte) nicht hin (materia non sufficiens). Sie dürfen jedoch in der Beichte gesagt werden, da ihre Kenntnis dem Beichtvater ein bessere Seelenführung ermöglicht.“ (Karl Hörmann, Lexikon der christlichen Moral, Stichwort „Bußsakrament“)

Schon einmal gebeichtete Sünden dürfen nochmals gebeichtet werden, wenn jemand das will, aber verpflichtend ist das nie. Skrupulanten ist von der Wiederholungsbeichte abzuraten.

Man muss die Sünden nach ihrer Art beichten – und zwar so, wie man sich ihrer zur Zeit des Begehens der Sünden bewusst war – man muss sog. „artverändernde Umstände“ angeben. Das heißt eigentlich nur, dass man klar sagen muss, was für eine Kategorie Sünde es war. Sagen wir, jemand sagt „Ich habe mit einer Person geschlafen, mit der ich nicht verheiratet bin“, verschweigt dabei aber den „artverändernden Umstand“, dass diese andere Person ihrerseits verheiratet ist; dann lässt er den Priester glauben, es habe sich um einfache Unkeuschheit gehandelt, während es in Wirklichkeit um Ehebruch geht. Oder sagen wir, jemand sagt „Ich habe eine Lüge erzählt“, während er in Wahrheit einen Meineid vor Gericht abgelegt hat, der einen Unschuldigen belastet hat. Das geht nicht. Man muss nicht ins Detail gehen – „Ich habe einmal mit meinem Freund geschlafen“ genügt dem Priester; der muss nicht wissen, dass man ja eigentlich geplant hatte, da stark zu bleiben, aber dann war man am letzten Samstagabend alleine bei ihm zu Hause und hat sich überreden lassen, weil usw. – aber man muss sagen, was für eine Sünde es eigentlich war.

Man muss die schweren Sünden nach ihrer Zahl angeben. Das muss nicht  zwangsläufig die genaue Zahl sein – vielleicht weiß man die nicht mehr. Aber eine ungefähre Angabe muss da sein. Es macht eben einen Unterschied, ob man eine Sünde etwa 100-150 Mal im Lauf der letzten drei Jahre, ungefähr fünf oder sechs Mal, oder nur ein einziges Mal begangen hat. (Wenn man länger in einer Art Zustand der Sünde gelebt hat, also wenn man z. B. in den letzten vier Jahren nur an Weihnachten und Ostern in der Kirche war, kann man auch sagen, dass man in den letzten vier Jahren nur an Weihnachten und Ostern in der Kirche war, und muss sich nicht ausrechnen, an wie vielen Sonntagen und gebotenen Feiertagen exakt man die Messe versäumt hat; aber der Umfang der Sünde muss jedenfalls für den Beichtvater klar werden.)

Besonders, wenn es um Art und Zahl der Sünden geht, muss man daher auch dem Priester antworten, wenn er nachfragt (was er vielleicht tut, weil man sich etwas vage angehört hat, oder weil er nicht weiß, ob man Bescheid weiß, dass man diese oder jene artverändernden Umstände, die vielleicht noch da sein könnten, noch angeben müsste; oder auch, weil er wissen will, ob man bereit ist, Schaden wiedergutzumachen und sicherstellen will, dass man bereut; oder einfach, weil er einem mit seinem Rat helfen will, eine Sünde in Zukunft zu meiden…). Wenn er nach Mitschuldigen fragt, muss man ihm nicht antworten.

Can. 979 — Der Priester hat, sofern Fragen zu stellen sind, mit Klugheit und Behutsamkeit vorzugehen, dabei sind Verfassung und Alter des Pönitenten zu berücksichtigen, nach dem Namen eines Mitschuldigen darf er nicht fragen.

Es ist eine schwere Sünde, bei einer wichtigen Sache zu lügen, nach der man legitimerweise gefragt wird; in diesem Fall wäre die Beichte genauso ungültig, wie wenn man Art oder Zahl der Sünden in dem Wissen, dass man sie beichten muss, von vornherein verschwiegen hat.  Auch wenn man eine schwere Sünde absichtlich ganz verschwiegen hat, wäre die Beichte natürlich ungültig. Die gebeichteten Sünden sind in so einem Fall also nicht vergeben, und man hat eine neue schwere Sünde begangen. Das wäre eine sakrilegische Beichte. Wenn man bei einem schwerhörigen Priester beichtet, speziell aus dem Grund, dass man hofft, dass er eine schwere Sünde nicht verstehen wird, gilt dasselbe.

Wichtig für Skrupulanten: Das gilt nur bei einer bewussten Täuschung betreffs Art und Zahl der schweren Sünden! Es war keine ungültige Beichte, wenn man sich hinterher denkt, dass man eine Zahl vielleicht zu niedrig  geschätzt hat, oder irgendeinen Nebenumstand oder eine Folge nicht erzählt hat, von denen man nicht eindeutig wusste, dass sie zur Bestimmung der Art der Sünde gehören, oder sich aus Aufregung verhaspelt hat und sich hinterher denkt, dass der Priester einen dann vielleicht nicht verstanden haben könnte und man sich nochmal hätte wiederholen müssen, o. Ä.

Wenn man eine schwere Sünde unabsichtlich vergessen hat, war die Beichte gültig, die Sünden sind vergeben (auch die vergessene), und man darf zur Kommunion gehen, aber man muss die vergessene Sünde in der nächsten Beichte (also spätestens in einem Jahr; man muss dann nicht so schnell wie möglich wieder beichten) dann noch erwähnen.

In der Beichte geht es eben darum, einfach klar auszusprechen, was man getan hat, ohne es entweder zu verharmlosen oder zu dramatisieren – das hilft auch, sich den Zustand der eigenen Seele  klar vor Augen zu führen.

Ach ja: „Das Bußsakrament kann nur auf Grund einer Selbstanklage, die der Sünder vor dem bevollmächtigten Priester zum Zweck der Lossprechung macht, zustandekommen. Wenn er seine Sünden dem Priester zu einem anderen Zweck erzählt, könnte ein solcher Bericht nachher durch einen entsprechenden Zusatz zur sakramentalen Beichte gemacht werden.“  (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Eine Beichte ist auch sakrilegisch und ungültig, wenn man gar keine Reue oder keinen Vorsatz hat, eine Sünde in Zukunft bleiben zu lassen. Sicher kann es mal sein, dass man sich zu 98% sicher ist, dass man einer Versuchung in absehbarer Zukunft wieder auf den Leim gehen wird, aber solange man zum Zeitpunkt der Beichte den Vorsatz hat, sie zu meiden, genügt das. Wenn man nur beichtet, weil man eben vor der kirchlichen Trauung noch mal beichten soll und dabei irgendetwas aufzählt, was einem gerade einfällt, und das man morgen wieder zu tun beabsichtigt, ist das etwas ganz anderes – das ist eine ungültige, sakrilegische Beichte.

Can. 987 — Damit ein Gläubiger die heilbringende Hilfe des Bußsakraments empfängt, muß er so disponiert sein, daß er sich unter Reue über seine begangenen Sünden und mit dem Vorsatz zur Besserung Gott zuwendet.“

Die Reue muss sich zumindest auf die Gesamtheit der noch nicht in früheren Beichten bekannten schweren Sünden beziehen (wobei einem nicht jede einzeln in dem Moment, wo man sich bemüht, die Reue zu erwecken, explizit vor Augen  stehen muss). Der Vorsatz zur Besserung muss ernsthaft sein und einschließen, dass man angerichteten Schaden wiedergutmacht, die wirklich notwendigen Mittel anwendet, um schwere Sünden in Zukunft zu meiden, und die nächste Gelegenheit zur schweren Sünde (das meint Gelegenheiten, bei denen man realistischerweise davon ausgehen muss, dass man wieder sündigen wird; eine entferntere Gelegenheit ist hier nicht gemeint) meidet (soweit es einem möglich ist und wenn es nicht unvermeidbar notwendig ist, eine solche Gelegenheit zu riskieren). Wenn jemand es nicht schafft, alle lässlichen Sünden wirklich zu bereuen, sich nicht eingestehen will, dass etwas Lässliches eine Sünde war, o. Ä., tut das der bloßen Gültigkeit der Beichte keinen Abbruch. Die lässlichen Sünden stören zwar die Beziehung zu Gott, trennen aber nicht von ihm,  und solange nur die schweren weg sind, die wirklich von ihm trennten, genügt das erst einmal. Für die Beichte muss man erst einmal nur die schweren überhaupt beachten. Aber natürlich ist es auch gut, auf die lässlichen zu schauen und sich hier um Besserung zu bemühen.

Die Gültigkeit der Beichte hängt nicht davon ab, ob man hinterher ein Gefühl von Ruhe und Frieden hat oder nicht.

Von der Pflicht zur materiellen Vollständigkeit der Beichte, also der vollständigen Aufzählung aller schweren Sünden nach Art und Zahl, entschuldigt (was nur in seltenen Notfällen gegeben ist) physische oder moralische Unmöglichkeit; wenn diese Unmöglichkeit nicht mehr besteht, muss man das Bekenntnis  bei der nächsten Beichte nachholen.

Physische Unmöglichkeit kann z. B. sein: Jemand ist sehr krank / steht kurz vor einer OP / liegt im Sterben und es ist nicht mehr genug Zeit, alle Sünden zu beichten oder er ist nicht mehr fähig, zu sprechen, sodass der  Priester ihm gleich die Lossprechung gibt, nachdem er seine Reue irgendwie deutlich gemacht hat (wenn er dazu noch fähig ist, sonst eben auch so).

Moralische (praktische) Unmöglichkeit ist gegeben, wenn das Bekenntnis mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden ist, die nicht an der Beichte selbst hängen. Und: „Moralische Unmöglichkeit berechtigt zum Auslassen nur der Sünden, die nicht ohne diesen Nachteil gebeichtet werden können, und zwar dann, wenn ein triftiger Grund zur Beichte drängt und der Beichtende nicht einen anderen Beichtvater finden kann, dem er die Sünden ohne Nachteil bekennen kann.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral) Eine übergroße Scham vor der Beichte o. Ä. entschuldigt also nicht; aber zum Beispiel eine Gefahr der Verletzung des Beichtgeheimnisses /  der Rufschädigung (wenn man also z. B. beim Beichten merkt, dass noch jemand mithören kann und man daran nichts ändern kann, muss man nicht mehr weiter alle Sünden vollständig aufzählen). Auch Gefahr von Ärgernis oder neuer Sünde entschuldigt; bei 6.-Gebot-Sünden darf man nach Ansicht einiger Theologen zu große Genauigkeit vermeiden, um sich nicht wieder alles vor Augen zu rufen und wieder in unkeusche Gedanken zu geraten (wobei eine Aufzählung nach Art und Zahl normalerweise machbar sein sollte). Ein anderer Fall: „Für den Priester ist die Vollständigkeit seiner eigenen Beichte nicht notwendig, ja sogar verboten, wenn er sie nur unter Angabe von Dingen leisten könnte, die er unter Beichtgeheimnis halten muß.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral) Großer geistlicher oder zeitlicher Schaden gilt auch; ein Beichtvater kann z. B. schwer leidende Skrupulanten von der Pflicht zur materiellen Vollständigkeit entbinden, wenn die Gewissenserforschung für sie psychisch sehr schädlich ist und sie sich endlos damit quälen. Adolphe Tanquerey schreibt dazu: „In gewissen Fällen hochgradiger Skrupulosität befehle man den Beichtkindern, sich mit dieser allgemeinen Anklage zu begnügen: ‚Ich klage mich aller seit meiner letzten Beichte begangenen Sünden und aller jener meines vergangenen Lebens an.'“

Für eine materiell vollständige Beichte muss man gewöhnliche Mittel zur Gewissenserforschung anwenden; eine außerordentliche Anstrengung ist nicht verpflichtend. Ein ordentliches Mittel wäre z. B. der Gebrauch irgendeines gut katholischen Beichtspiegels. Wenn man aus schwerwiegend schuldbarer Nachlässigkeit eine schwere Sünde nicht erwähnt hat – also eine, die einem, wenn man kurz überlegt hätte, sofort eingefallen wäre, wobei man z. B. vor der Beichte sein Gewissen gar nicht oder fast gar nicht erforscht hat und sich gedacht hat, es würde einem schon auf  die Schnelle das Wichtigste einfallen, sobald man im Beichtstuhl ist – war  die Beichte ungültig. Wenn man aus leichter Nachlässigkeit schwere Sünden vergessen hat, also z. B. kurz über den Beichtspiegel drüber gegangen ist und dabei nicht allzu intensiv sein Gedächtnis durchforscht hat, war sie gültig. Wenn jemand sich schon praktisch sicher  ist, keine Todsünden seit der letzten Beichte begangen zu haben, ist er streng genommmen gar nicht zu einer ausführlichen Gewissenserforschung verplichtet. „Die Sorgfalt bei der Gewissenserforschung muß nicht die überhaupt menschenmögliche sein (man könnte immer noch genauer fragen), wohl aber jene, die kluge Menschen auch sonst in wichtigen Dingen aufzuwenden pflegen. Sie richtet sich nach dem Bildungsgrad, der seelischen Verfassung und dem Gesundheitszustand des Beichtenden, nach den Gefahren und Versuchungen, denen er ausgesetzt ist, nach der Zeit seit seiner letzten Beichte.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Streng genommen ist niemand verpflichtet, eine Liste seiner Sünden  aufzuschreiben,  auch wenn er weiß, dass er, wenn er es nicht tut, welche vergessen wird (wegen der Gefahr, dass er eventuell den Zettel verlieren und andere ihn finden könnten => Beichtgeheimnis). Natürlich kann ein Beichtzettel sehr hilfreich sein, wenn man ihn benutzen will.

Tanquerey gibt speziell Skrupulanten zur Beichtvorbereitung diesen Rat: „Die hl. Beichte wird ihnen oft zu noch größerer Qual. Es ist demnach von Wichtigkeit, sie ihnen leicht zu machen. Man [gemeint ist der Beichtvater] erkläre ihnen deshalb: ‚1) Sie sind nur zur Anklage der sicher begangenen Todsünden verpflichtet. 2) Von den lässlichen Sünden nennen Sie nur jene, die Ihnen nach fünf Minuten langer Erforschung einfallen werden. 3) Auf die Reue verwenden Sie sieben Minuten. Während dieser Zeit bitten Sie Gott darum und erwecken dieselbe im Herzen, und Sie werden sie haben.‘ Sie wenden dagegen ein: ‚Aber ich fühle sie doch nicht!‘ – Antwort: ‚Das ist nicht nötig. Die Reue ist ein Akt des Willens, gehört somit nicht dem Gefühlsleben an.'“

Nach der Beichte muss man die aufgetragene Buße verrichten, die sowohl eine gewisse Wiedergutmachung für die Vergangenheit als auch ein Heilmittel für die Zukunft sein soll.

„Can. 981 — Je nach Art und Zahl der Sünden hat der Beichtvater unter Berücksichtigung der Verfassung des Pönitenten heilsame und angemessene Bußen aufzuerlegen; der Pönitent ist verpflichtet, diese persönlich zu verrichten.“

Die Buße soll sich nach der Schuld, aber auch der Fähigeit des Pönitenten, und danach, wozu er schon bereit ist, richten.

Heribert Jone schreibt über das Verrichten der Buße (rückübersetzt aus der französischen Übersetzung seiner „Katholischen Moraltheologie“):

„Es ist eine schwere Sünde, eine schwerwiegende Buße, die sub gravi [unter schwerer Sünde verpflichtend] für schwere Sünden auferlegt wurde, nicht zu erfüllen; wenn der Pönitent diese schlechte Absicht schon vor der Absolution hatte, ist die Beichte ungültig. – Es ist eine lässliche Sünde, eine leichte Buße, die für schwere oder lässliche Sünden auferlegt wurde, nicht zu erfüllen. – Wenn die Buße nicht vollständig oder nicht genau so, wie sie auferlegt wurde, erfüllt wird, begeht man nur dann eine schwere Sünde, wenn man etwas Wichtiges auslässt. Dementsprechend begeht jener, der als Buße einen Rosenkranz auf Knien zu beten hatte, nur eine lässliche Sünde, wenn er ihn im Stehen betet, oder auch, wenn er willentlich einige Aves übergeht. – Man begeht keine Sünde, wenn man eine Buße nicht erfüllt, die nicht mehr der aktuellen Praxis entspricht oder die ungerechtermaßen hart ist. In diesem Fall ist es das Beste, diese Buße in der folgenden Beichte von einem Beichtvater abändern zu lassen. [Mit der aktuellen Praxis ist gemeint, dass die Bußpraxis früher härter war; heute muss man z. B. für eine schwere Sünde nicht mehr fünf Jahre Kirchenbuße verrichten oder eine Wallfahrt ins Heilige Land machen, wie das vor 1000 Jahren noch vorkommen konnte.]   

Wenn er (ob schuldhaft oder nicht) vergessen hat, welche Buße man ihm auferlegt hat, ist der Pönitent an sich zu nichts verpflichtet. Man muss ihm allerdings raten, zurückzukommen und seinen Beichtvater aufzusuchen, um ihn zu fragen, welche Buße er ihm auferlegt hat. Wenn man glaubt, dass der Beichtvater sich nicht mehr daran erinnern wird, kann man in der nächsten Beichte seinen allgemeinen Seelenzustand irgendeinem Beichtvater enthüllen und von ihm eine neue Buße erbitten.“

Wenn die Buße in etwas besteht, das man auch sonst schon macht (z. B. wenn einem aufgetragen wird, den Rosenkranz beten, und man ihn sowieso wöchentlich betet), kann man sie bei dieser Gelegenheit erfüllen, wo man dasselbe sowieso getan hätte. Das gilt  aber nicht, wenn es um kirchlich vorgeschriebene Dinge geht; wenn der Beichtvater einem den Besuch einer Messe aufträgt, genügt  nicht die nächste verplichtende Sonntagsmesse, sondern man muss zu einer zusätzlichen gehen.

Ablenkung bei einem Bußgebet ist nur lässliche Sünde.

Solange der Beichtvater keinen Zeitpunkt für die Buße festgelegt hat, ist kein bestimmter Zeitpunkt verpflichtend und man kann sie, ohne damit eine Sünde zu begehen, auch etwas länger aufschieben; außer wenn man ernsthaft Gefahr läuft, sie zu vergessen, sie nicht mehr erfüllen zu können, oder dass sich ihr Wert bedeutend verringert.

Man kann seine Buße nicht durch etwas anderes ersetzen, auch nicht durch etwas  Besseres (man soll sich hier schließlich danach richten, was der Beichtvater für das Heilsamste hält); aber man kann einen Beichtvater bitten,  sie einen ersetzen zu lassen.

Hörmann schreibt über die Buße (nicht nur im Kontext der Beichte, sondern ganz allgemein): „Der Mensch kann zwar von sich aus das Unrecht, das er durch die Sünde gegen Gott begeht, nicht sühnen und gutmachen. Einzig Christus konnte dafür Sühne leisten und durch Zuwendung seiner Verdienste Schuld und ewige Strafe tilgen. In der Kraft der Gnade kann der Mensch aber durch Sühnewerke eine tiefere Teilhabe am sündenüberwindenden Leiden Christi suchen. Das ist der Sinn der Bußwerke des Christen, der frei gewählten und der bei der Spendung des Bußsakraments auferlegten“ (Lexikon der christlichen Moral)

Wenn man sich schwerer Sünden schuldig gemacht hat, muss man, wie gesagt, vor dem Kommunionempfang beichten.

„Can. 916 — Wer sich einer schweren Sünde bewußt ist, darf ohne vorherige sakramentale Beichte die Messe nicht feiern und nicht den Leib des Herrn empfangen, außer es liegt ein schwerwiegender Grund vor und es besteht keine Gelegenheit zur Beichte; in diesem Fall muß er sich der Verpflichtung bewußt sein, einen Akt der vollkommenen Reue zu erwecken, der den Vorsatz miteinschließt, sobald wie möglich zu beichten.“

D. h. etwa, ein Priester, der die Messe feiern muss, aber vorher nicht zur Beichte gehen kann, darf die Messe feiern und kommunizieren, muss aber vorher vollkommene Reue erwecken und hinterher dann möglichst bald beichten, also z. B. wenn er dann zwei Tage später Gelegenheit hat, zur Beichtgelegenheit in der Nachbarpfarrei zu gehen oder dort einen Termin auszumachen.

Was genau heißt „sobald wie möglich“? Jone sagt dazu, dass es innerhalb von drei Tagen sein muss, sofern das ohne größere Schwierigkeiten (wie z. B. langer Anfahrtsweg zur nächsten Beichtgelegenheit) möglich ist.

Aber wie gesagt, das gilt nur, wenn man aus schwerwiegendem Grund schon kommuniziert hat.

(Ein schwerwiegender Grund für Laien könnte z. B. sein, wenn jemand, der zur katholischen Kirche konvertiert, aber schon gültig getauft ist (z. B. in der evangelischen Kirche), zu dessen Konversion also eine Beichte, nicht die Taufe, gehört, zum ersten Mal zur Beichte geht, wobei dann wenige Tage später der Gottesdienst für seine Aufnahme in die Kirche und seine Erstkommunion angesetzt ist, und zwischendrin eine schwere Sünde begeht, aber vor dem Gottesdienst keine Gelegenheit mehr zu einer weiteren Beichte hat. In diesem Fall darf er bei seiner Erstkommunion auch zur Kommunion gehen.)

Wenn man eine Generalabsolution empfangen hat (also wenn z. B. eine Gruppe Menschen bei einer Flutkatastrophe oder einem Schiffsuntergang in Todesgefahr war und ein anwesender Priester die Generalabsolution erteilt hat, weil keine Zeit für einzelne Bekenntnisse war) gilt dieselbe Regel, wie wenn man Sünden vergessen hat zu beichten; die Vergebung ist da, aber das Bekenntnis muss bei Gelegenheit nachgeholt werden. Im CIC heißt es über die Generalabsolution:

„Can. 961 — § 1. Mehreren Pönitenten gleichzeitig kann ohne vorangegangenes persönliches Bekenntnis die Absolution in allgemeiner Weise nur erteilt werden:

1° wenn Todesgefahr besteht und für den oder die Priester die Zeit, die Bekenntnisse der einzelnen Pönitenten zu hören, nicht ausreicht;

2° wenn eine schwere Notlage besteht, das heißt, wenn unter Berücksichtigung der Zahl der Pönitenten nicht genügend Beichtväter vorhanden sind, um die Bekenntnisse der einzelnen innerhalb einer angemessenen Zeit ordnungsgemäß zu hören, so daß die Pönitenten ohne eigene Schuld gezwungen wären, die sakramentale Gnade oder die heilige Kommunion längere Zeit zu entbehren; als ausreichend begründete Notlage gilt aber nicht, wenn allein aufgrund eines großen Andrangs von Pönitenten, wie er bei einem großen Fest oder einer Wallfahrt vorkommen kann, nicht genügend Beichtväter zur Verfügung stehen können.

§ 2. Das Urteil darüber, ob die gemäß § 1, n. 2 erforderlichen Voraussetzungen gegeben sind, steht dem Diözesanbischof zu; dieser kann unter Berücksichtigung der Kriterien, die mit den übrigen Mitgliedern der Bischofskonferenz abgestimmt sind, feststellen, wann solche Notfälle gegeben sind.

Can. 962 — § 1. Damit ein Gläubiger die sakramentale Absolution, die gleichzeitig mehreren erteilt wird, gültig empfängt, ist nicht nur erforderlich, daß er recht disponiert ist; er muß sich vielmehr gleichzeitig auch vornehmen, seine schweren Sünden, die er gegenwärtig nicht auf diese Weise bekennen kann, zu gebotener Zeit einzeln zu beichten.

§ 2. Die Gläubigen sind, soweit möglich auch beim Empfang der Generalabsolution, über die Erfordernisse gemäß § 1 zu belehren; der Generalabsolution ist, selbst bei Todesgefahr, wenn die Zeit dafür ausreicht, die Aufforderung voranzuschicken, daß sich jeder bemüht, einen Akt der Reue zu erwekken.

Can. 963 — Unbeschadet der Verpflichtung nach can. 989 hat der, dem durch Generalabsolution schwere Sünden vergeben werden, bei nächstmöglicher Gelegenheit, sofern nicht ein gerechter Grund dem entgegensteht, ein persönliches Bekenntnis abzulegen, bevor er eine weitere Generalabsolution empfängt.“

Man kann sich den Beichtvater prinzipiell frei wählen; aber wenn man sonst ohne Beichte sterben oder lange im Stand der Todsünde bleiben müsste, muss man bei dem beichten, der gerade da ist.

Als Ort der Beichte ist normalerweise der  Beichtstuhl gedacht, aber aus einem gerechten Grund (wie „der Pönitent  fühlt sich wohler dabei“ oder „es ist gerade kein Beichtstuhl da“) geht es auch außerhalb. Für die Gültigkeit der Beichte spielt der Ort keine Rolle.

Der Priester ist bei der Beichte an das Beichtgeheimnis gebunden; dessen Bruch ist aus keinem denkbaren Grund erlaubt und wäre eine sehr schwere Sünde. Der hl. Thomas sagt dazu:

„Ich antworte, dass jene Dinge, die in den Sakramenten äußerlich getan werden, die bezeichnen, die innerlich geschehen: womit die Beichte, bei der ein Mensch sich einem Priester unterwirft, ein Zeichen der inneren Hingabe ist, mit der er sich Gott unterwirft. Nun verbirgt Gott die Sünden derer, die sich Ihm durch die Buße unterwerfen; weshalb das auch im Sakrament der Buße dargestellt sein sollte, und dementsprechend verlangt das Sakrament, dass das Bekenntnis verborgen bleibt, und wer ein Bekenntnis bekanntmacht, sündigt durch die Verletzung des Sakraments. Außerdem gibt es andere Vorteile bei dieser Geheimhaltung, da hierdurch die Menschen mehr zur Beichte hingezogen werden, und ihre Sünden mit größerer Einfachheit bekennen. (Summa Theologiae, Suppl. 11,1, übersetzt aus der englischen Übersetzung) Außerdem sagt er, dass „das, was man durch die Beichte weiß, ist, als ob man es nicht wisse, da ein Mensch es nicht als Mensch weiß, sondern so, wie Gott es weiß“.

Das Beichtgeheimnis gilt wirklich in allen Fällen; der Beichtvater darf z. B. bei einem selbstmordgefährdeten Pönitenten niemandem von dieser Gefahr erzählen, er darf einen Mörder nicht der Polizei ausliefern. Auch ein indirekter Bruch (d. h. Worte oder Handlungen, aus denen andere auf den Inhalt einer Beichte schließen können) ist Sünde (die in einzelnen Fällen, wenn es sehr indirekt und unbeabsichtigt passiert ist, nur lässlich sein kann, sonst aber auch schwer ist). Auch vor Gericht darf ein Priester deswegen nichts über etwas sagen, von dem er nur aus der Beichte weiß, und darf, wenn er als Zeuge befragt wird, sagen „Dazu kann ich nichts sagen“ oder sogar „Dazu weiß ich nichts“ (mit dem mentalen Vorbehalt „…was ich sagen dürfte“).

Can. 983 — § 1. Das Beichtgeheimnis ist unverletzlich, dem Beichtvater ist es daher streng verboten, den Pönitenten durch Worte oder auf irgendeine andere Weise und aus irgendeinem Grund irgendwie zu verraten.

2. Zur Wahrung des Geheimnisses sind auch, falls beteiligt, der Dolmetscher und alle anderen verpflichtet, die auf irgendeine Weise aus der Beichte zur Kenntnis von Sünden gelangt sind.

Und:

„Can. 1388 — § 1. Ein Beichtvater, der das Beichtgeheimnis direkt verletzt, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu; verletzt er es aber nur indirekt, so soll er je nach Schwere der Straftat bestraft werden.

§ 2. Dolmetscher und andere in can.983, § 2 genannte Personen, die das Geheimnis verletzen, sollen mit einer gerechten Strafe belegt werden, die Exkommunikation nicht ausgenommen.“

Das alles gilt auch bei einer nur begonnenen und dann abgebrochenen Beichte, bei einer sakrilegischen Beichte, oder einer mit verweigerter Absolution (aber nicht, wenn einer  bloß in den Beichtstuhl gekommen ist, um sich über den Priester lustigzumachen und gar nicht wirklich beichtet, und auch nicht bei einem normalen seelsorgerlichen Gespräch, wobei das natürlich im Normalfall auch vertraulich ist). Ein Beichtvater muss also z. B. einem Pönitenten, dem er die Absolution verweigern musste, und der danach gleich in der Messe zur Kommunion nach vorn kommt, die Kommunion spenden, um nicht zu enthüllen, dass ihm die Absolution verweigert wurde (für die unwürdige Kommunion ist allein der Pönitent verantwortlich). Das Beichtgeheimnis gilt weiterhin nach dem Tod des Pönitenten.

Der Priester darf nicht einmal den Pönitenten selber hinterher wieder auf etwas ansprechen, das er in der Beichte erfahren hat, wenn der das nicht ausdrücklich und aus freiem Willen erlaubt. Mit dessen Erlaubnis darf er Wissen aus der Beichte aber sogar weitergeben (z. B. wäre es denkbar, dass ein Pönitent einen Priester bittet, an seiner Stelle mit jemandem zu reden, von dem er gestohlen hat, und das Gestohlene zurückzugeben).

(Der Pönitent selbst ist gar nicht an das Beichtgeheimnis gebunden.)

Das alles gilt für Wissen, das einer nur aus der Beichte hat; wenn er auch aus einer anderen Quelle von einer Sünde weiß (z. B. den Pönitenten bei seinem Diebstahl zuvor schon beobachtet hat), gilt das Beichtgeheimnis dafür streng genommen nicht (wobei hier auch normale Erwägungen bzgl. Diskretion ins Spiel kommen); allerdings darf er nie preisgeben, dass er die Sünde auch noch gebeichtet bekommen hat, sondern muss so handeln, als wüsste er nur auf die andere Weise davon.

Nicht nur das Weitergeben des Wissens aus der Beichte ohne ausdrückliche Erlaubnis des Pönitenten ist verboten, auch der Gebrauch desselben ist strengen Regeln unterworfen:

Can. 984 — § 1. Ein Gebrauch des aus der Beichte gewonnenen Wissens, der für den Pönitenten belastend wäre, ist dem Beichtvater streng verboten, auch wenn jede Gefahr, daß etwas bekannt werden könnte, ausgeschlossen ist.

(Ein bloßer Gebrauch ohne jede Weitergabe des Wissens, der dem Pönitenten angenehm wäre, ist erlaubt; z. B. darf der Beichtvater aufgrund von Wissen aus der Beichte in Zukunft freundlicher zu ihm sein oder besonders für ihn beten; wobei man hier natürlich auch vorsichtig sein sollte, damit nicht irgendwie noch indirekt das Beichtgeheimnis verletzt wird.)

Außerdem:

§ 2. Wer eine leitende Stellung einnimmt, darf die Kenntnis von Sünden, die er zu irgendeiner Zeit aus der Entgegennahme einer Beichte erlangte, auf keine Weise bei der äußeren Leitung gebrauchen.

Außerdem gibt es noch eine Regelung für Klöster und Priesterseminare:

Can. 985 — Der Novizenmeister und sein Gehilfe sowie der Rektor eines Seminars oder einer anderen Erziehungseinrichtung dürfen sakramentale Beichten ihrer Alumnen, die sich im selben Haus aufhalten, nur hören, wenn die Alumnen in Einzelfällen von sich aus darum bitten.

Damit soll verhindert werden, dass etwa der Rektor eines Priesterseminars zu viel persönliches Wissen über die Seminaristen bekommt, für die er verantwortlich ist und über die er Autorität ausübt, und in Versuchung gerät, gegen Can. 984 § 2 zu verstoßen. Die Beichte ist etwas Intimes, Persönliches; hier lädt man seine Sünden gegenüber Jesus ab; das ist nichts, worauf einen eine Autoritätsperson später wieder ansprechen oder wonach sie einen bewerten darf. (Das gilt ausnahmlos, egal bei welcher Sünde.)

Wenn ein Priester, der oft Beichten hört, vage erählt, dass man in der Beichte öfter mal Sündenkategorie X zu hören bekommt, ist das kein Bruch des Beichtgeheimnisses; hier kann schließlich unmöglich auf individuelle Beichten geschlossen werden.

Eine Beichte mithilfe eines Dolmetschers oder Gebärdendolmetschers ist möglich, oder anstatt eines Gebärdendolmetschers für Stumme auch eine Beichte über das Aufschreiben der Sünden. Allerdings ist niemand verpflichtet, einen Dolmetscher heranzuziehen oder in so einem Fall seine Sünden aufzuschreiben (wegen der größeren Gefahr des Bruchs des Beichtgeheimisses); wenn er keinen Priester findet, der seine Sprache/Gebärdensprache versteht, darf er die Beichte aufschieben. Diese Lösungen sind auch nur für Ausnahmefälle gedacht. Im CIC  heißt es:

„Can. 990 — Niemand darf daran gehindert werden, mit Hilfe eines Dolmetschers zu beichten; dabei sind aber Mißbräuche und Ärgernisse zu vermeiden und die Vorschrift des can. 983, § 2 zu beachten.“

Hörmann meint: „Fremdsprachige, die keinen Beichtvater finden können, der sie versteht, brauchen in Todesgefahr, bei der jährl. Beichte und bei sonstigen ihnen notwendig scheinenden Beichten nur durch Zeichen zu bekennen, daß sie Sünder sind.“ (Lexikon der christlichen Moral)

Eine Beichte aus der Ferne – über Telefon oder Internet – ist nicht möglich. Man muss am selben Ort wie der Beichtvater sein und ihm sein Bekenntnis ablegen. (Wobei manche Theologen spekuliert haben, ob eine Beichte übers Telefon im Notfall, wenn z. B. der Priester nicht rechtzeitig zu einem Sterbenden gelangen kann, möglicherweise gültig sein könnte, aber das ist wohl eher nicht der Fall; erlaubt ist das jedenfalls nicht.)

Für eine gültige Absolution ist auf der Seite des Beichtvaters Folgendes nötig: Er muss gültig geweiht sein, von der Kirche die Beichtvollmacht haben, die Intention haben, einen loszusprechen, und etwa die richtigen Worte verwenden.

Es genügt nicht, einfach nur gültig geweiht zu sein, er muss auch die ausdrückliche Beichtvollmacht von der Kirche erhalten haben (nähere Erklärungen hier). Wenn ein katholischer Priester, der nicht mit Kirchenstrafen belegt ist, irgendwo anbietet, Beichte zu hören, wird man davon ausgehen können, dass er diese Befugnis hat. Seit dem Jahr der Barmherzigkeit haben sie auch die Piusbrüder (ob ihre Beichten vorher gültig waren, ist eine schwierige Frage); schismatische Priester (orthodoxe Priester, Sedisvakantisten usw.) haben sie nicht.

(Wenn Priester die Beichtvollmacht nicht haben,  greift in manchen Fällen das Prinzip „supplet ecclesia“ – die Kirche ersetzt die im Einzelfall fehlende Vollmacht. Das gilt z. B., wenn ein frisch für einen Posten ernannter Priester meint, seine Beichtvollmacht gelte schon ab dem 1.8., aber wegen irgendeines Missverständnisses gilt sie erst ab dem 1.9. Wenn er also im August guten Glaubens Beichten hört, sind die gültig. Das gilt z. B. nicht, wenn einem Priester die Beichtvollmacht bekanntermaßen entzogen wurde und er und der Pönitent das wissen.

Can. 144 — § 1. Bei einem tatsächlich vorliegenden oder rechtlich anzunehmenden allgemeinen Irrtum und ebenfalls bei einem positiven und begründeten Rechts- oder Tatsachenzweifel ersetzt die Kirche für den äußeren wie für den inneren Bereich fehlende ausführende Leitungsgewalt.

§ 2. Dieselbe Norm wird auf die in cann. 882, 883, 966 und 1111, § 1 genannten Befugnisse angewandt.)

Eine Ausnahme gibt es, wenn nämlich jemand in Todesgefahr (also todkrank, tödlich verwundet, Soldat in einem Kriegsgebiet o. Ä.) ist:

Can. 976 — Jeder Priester absolviert, auch wenn er die Befugnis zur Entgegennahme von Beichten nicht besitzt, jegliche Pönitenten, die sich in Todesgefahr befinden, gültig und erlaubt von jedweden Beugestrafen und Sünden, auch wenn ein Priester mit entsprechender Befugnis zugegen ist.

Das gilt also für jeden gültig geweihten Priester (also auch z. B. für koptische oder  orthodoxe Priester, oder für laisierte katholische Priester; allerdings natürlich nicht für evangelische oder anglikanische Pfarrer, und auch nicht für Frauen in schismatischen Gruppierungen, die sich als „Priesterinnen“ bezeichnen, da die nicht gültig geweiht sind).

Die Intention ist praktisch immer gegeben. Der Priester muss nur die Intention haben, „das zu tun, was die Kirche tut, wenn sie losspricht“ – er muss nicht an das richtige Konzept davon glauben, was die Kirche hier tut oder was genau überhaupt die Kirche ist. Wenn ein Priester seinen Glauben innerlich aufgegeben hat, und nur auf seinem Posten bleibt, weil er nicht arbeitslos werden will, und meint, in der Beichte passiere real überhaupt nichts, hat er normalerweise trotzdem die Intention, das zu tun, was die Kirche tut, wenn sie losspricht, wenn er im Beichtstuhl sitzt und die Lossprechung erteilt – was seiner Meinung nach nichts ist, aber darauf kommt es nicht an. Dass die Intention gegeben sein muss, heißt eigentlich nur, dass die Lossprechungsformel nicht von selber magisch wirkt.

Bei den richtigen Worten wird es kniffliger. Die Formel an sich lautet (ohne das  einleitende Gebet, das der Priester auch sprechen sollte): „So spreche ich dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“  (Ego te absolvo a peccatis tuis in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti.) Es gibt ja ab und zu – glücklicherweise selten – Priester, die da kreativ werden. „Also darf ich Ihnen jetzt versichern, dass Gott mit Barmherzigkeit auf alles schaut, was Sie belastet“ oder „Also darf ich dich jetzt lossprechen von deinen Sünden“ oder „Gott vergibt Ihnen Ihre Sünden“ wäre etwa keine gültige Absolution. Was vorhanden sein muss:

  • Sicher muss „ich spreche dich/Sie/euch los“ (ego te absolvo) vorhanden sein – nicht „so darf ich dich nun lossprechen“ oder „ich kann dich lossprechen“ oder „fühlen Sie sich jetzt frei von allem Schlechten“ oder „Jesus spricht dich los“. „Ich löse dich/Sie/euch“ oder „ich spreche dich/Sie/euch frei“ wäre gültig, weil man „absolvo“ ebenso damit übersetzen kann; die Bedeutung ist die gleiche. Er muss jedenfalls sagen, dass er selbst, dem diese Aufgabe von Gott und der Kirche übertragen ist, losspricht.
  • Möglicherweise muss „von deinen/Ihren/euren Sünden“ (a peccatis tuis) – nicht „von Ihren Schwächen und Fehlern“ oder „von dem, was Sie hier vor Gott gebracht haben“ oder „von allem, was nicht so gut gelaufen ist“ – zur Gültigkeit auch vorhanden sein.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (in Nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti)  ist für die bloße Gültigkeit nicht nötig.

Wenn ein liberal eingestellter – oder vielleicht ein alter und sehr vergesslicher – Priester eine ungültige Formel verwendet, ist es am besten, ihn höflich zu fragen, ob er das bitte noch einmal in den vorgegebenen Worten sagen könnte, das sei einem wichtig (oder so). Wenn man dafür nicht schlagfertig genug war oder er sich einfach geweigert hat? Dann bleibt einem nichts anderes übrig als Liebesreue und beizeiten eine andere Beichte bei einem anderen  Priester. Der Priester wird sich vor Gott verantworten müssen, und am besten sollte man seinen Vorgesetzten (Pfarrer, Bischof, Generalvikar, Ordensoberer…) informieren, weil er nicht das Recht hat, auf diese Weise willkürlich mit Gläubigen umzuspringen.

Was ist, wenn einem einfällt, dass eine Beichte vor Jahren ungültig gewesen ist oder gewesen sein könnte? Keine Panik. Die Sünden sind spätestens bei der darauffolgenden gültigen Beichte automatisch mitvergeben worden – das zählt wie vergessene Sünden. Wenn man noch im Einzelnen weiß, was sie waren, und sich sicher ist, dass die Beichte ungültig war, muss man sie in der nächsten Beichte noch einmal bekennen. Ansonsten darf man es lassen. „Wer einmal ungültig gebeichtet, dies aber vergessen und später guten Glaubens andere Beichten abgelegt hat, muß nach Entdeckung des Sachverhalts nur die bei der ungültigen Beichte bekannten Sünden ausdrückl. der Schlüsselgewalt der Kirche unterwerfen. […] Wenn die Wiederholungsbeichte beim selben Beichtvater abgelegt wird wie die ungültige und sich der Beichtvater an das frühere Bekenntnis erinnert, genügt der Hinweis auf dieses mit den etwa notwendigen Ergänzungen. Jedenfalls muß ein formal vollständiges Bekenntnis abgelegt werden.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Bitte keine Panik wegen möglicherweise ungültiger Beichten. Gott lässt uns ja nicht fallen, weil wir an einen idiotischen Beichtvater geraten.

Priester sind verplichtet, den Gläubigen die Beichte zu ermöglichen:

„Can. 986 — § 1. Jeder, dem von Amts wegen die Seelsorge aufgetragen ist, ist zur Vorsorge dafür verpflichtet, daß die Beichten der ihm anvertrauten Gläubigen gehört werden, die in vernünftiger Weise darum bitten; des weiteren, daß ihnen an festgesetzten Tagen und Stunden, die ihnen genehm sind, Gelegenheit geboten wird, zu einer persönlichen Beichte zu kommen.

§ 2. In einer dringenden Notlage ist jeder Beichtvater verpflichtet, die Beichten von Gläubigen entgegenzunehmen, und in Todesgefahr jeder Priester.“

Wenn ein Priester gerade keine Zeit hat und es nicht dringend ist, ist er nicht streng verpflichtet, die Beichte eines Gläubigen zu hören; aber es ist auf jeden Fall wichtig, dass er dafür sorgt, dass jeder mal Gelegenheit zur Beichte hat.

Darf ein Priester die Absolution verweigern? So einfach nicht. Aber das kann dann erlaubt oder sogar nötig sein, wenn für ihn klar ist, dass der Pönitent nicht bereut, oder er deutliche Zweifel an der Reue hat.

„Can. 980 — Wenn der Beichtvater keinen Zweifel an der Disposition des Pönitenten hat und dieser um die Absolution bittet, darf diese weder verweigert noch aufgeschoben werden.“

Darf der Priester z. B. von einem Bankräuber oder Mörder verlangen, sich der Polizei zu stellen, bevor er ihn losspricht? Prinzipiell nicht. Er kann ihm sagen, wenn er wirklich bereut, soll er das tun, und ihm dementsprechend zureden, aber zur Bedingung für die Lossprechung machen kann er es nicht einfach.

Es gibt einzelne Sünden, von denen ein normaler Priester (außer, wenn der Pönitent in Todesgefahr ist) nicht lossprechen kann, sondern nur ein Bischof oder sogar nur der Heilige Stuhl; wenn ein Pönitent so etwas beichten würde, würde der Priester also einen Brief an die zuständige Stelle schreiben. Zu diesen Sünden, die dem Heiligen Stuhl  vorbehalten sind, gehören Hostienschändung oder ein körperlicher Angriff auf den Papst – also nichts, wovon der Durchschnittskatholik betroffen sein wird. Die Vornahme einer Abtreibung wird mit der automatisch durch die Tat eintretenden Exkommunikation bestraft, aber davon darf in diesem Fall in den meisten Ländern jeder Beichtvater lossprechen.

Außerdem gibt es einen Sonderfall:

„Can. 977 — Die Absolution des Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs ist ungültig, außer in Todesgefahr.“

Das 6. Gebot betrifft Unkeuschheitssünden; d. h. etwa, ein Priester kann eine Frau, mit der er eine Affäre gehabt hat, nicht lossprechen  (außer sie liegt im Sterben); dafür muss sie bei jemand anderem beichten.

Vielleicht sollte man im Zusammenhang mit der Beichte auch noch einen weiteren Sonderfall, das Verbrechen der sollicitatio in confessione, erwähnen:

„Can. 1387 — Ein Priester, der bei der Spendung des Bußsakramentes oder bei Gelegenheit oder unter dem Vorwand der Beichte einen Pönitenten zu einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs zu verführen versucht, soll, je nach Schwere der Straftat, mit Suspension, mit Verboten, mit Entzug von Rechten und, in schwereren Fällen, mit der Entlassung aus dem Klerikerstand bestraft werden.“

Früher machte es das Kirchenrecht sogar zu einer strengen Verpflichtung für den Pönitenten, einen solchen Beichtvater innerhalb eines Monats beim Bischof oder beim Heiligen Stuhl anzuzeigen, wenn irgend möglich; diese Verplichtung ist inzwischen weggefallen, vermutlich, weil man Opfer nicht zusätzlich dadurch unter Druck setzen wollte; aber natürlich ist es immer noch wichtig, dass ein Priester, der zu so etwas fähig ist, angezeigt wird.

Weil das ein ziemlich schwerwiegendes Verbrechen ist, gelten allerdings auch strenge Gesetze für verleumderische Anklagen:

„Can. 1390 — § 1. Wer einen Beichtvater wegen der in can. 1387 genannten Straftat fälschlich bei einem kirchlichen Oberen anzeigt, zieht sich die Tatstrafe des Interdiktes zu, und, wenn es sich um einen Kleriker handelt, auch die Suspension.“

„Can. 982 — Wer bekennt, fälschlich einen unschuldigen Beichtvater bei der kirchlichen Autorität des Vergehens der im Zusammenhang mit der Beichte geschehenen Verführung zu einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs bezichtigt zu haben, darf erst absolviert werden, wenn er vorher in aller Form die falsche Anzeige zurückgezogen hat und bereit ist, angerichteten Schaden wiedergutzumachen.“

Und das war es soweit; man könnte noch mehr über die Pflichten von Beichtvätern bei diesem Sakrament sagen, aber dieser Artikel war ja hauptsächlich zur Info für Laien gedacht. Beim nächsten Mal zu ein paar Dingen bzgl. der hl. Kommunion.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 6: Das 3. Gebot

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Im 3. Gebot geht es darum, den Tag des Herrn heilig zu halten.

In der Bibel heißt es: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der HERR den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt.“ (Ex 20,8-11)

Und in der zweiten Formulierung der Zehn Gebote: Halte den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der HERR, dein Gott, geboten hat! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der HERR, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der HERR, dein Gott, geboten, den Sabbat zu begehen.“ (Dtn 5,12-15)

 

Im Unterschied zu den anderen unter den 10 Geboten gehört dieses Gebot nicht ganz zum Naturrecht, sondern teilweise zum positiven göttlichen oder nur zum kirchlichen Recht; d. h. man muss sich daran halten, weil Gott es so eingesetzt und die Kirche es in diesem Sinne näher geregelt hat, es ist nicht von selbst einsichtig. (Gott hätte auch bestimmen können, dass man jeden fünften Tag heiligen sollte, oder die zwei Tage nach jedem Neumond, wenn Er gewollt hätte.) Für die, die es kennen, ist natürlich das positive göttliche Recht ebenso verbindlich wie das Naturrecht, und Katholiken müssen prinzipiell auch dem kirchlichen Recht gehorchen; aber jemand, der noch nie vom christlichen Gott gehört hat, könnte in seinem Gewissen kein Gebot finden, diesen bestimmten Tag zu heiligen, auch wenn er da ein Gebot finden könnte, sich und anderen irgendwelche regelmäßigen Zeiten zu gönnen, um von der Arbeit auszuruhen und (auch gemeinschaftlich) Gott zu ehren und Ihm zu danken.

Im Alten Bund war der Sabbat, also der Samstag geheiligt; im Neuen Bund wurde von Beginn an der Tag danach zum „Tag des Herrn“, da es der Tag der Auferstehung des Herrn war. Am Sabbat feierte man symbolisch den Abschluss der Erschaffung der Welt, am Sonntag feiert man den Abschluss der Neuschaffung, der Erlösung; der Neue Bund bietet eine Art Überhöhung des Alten. Der Moraltheologe Karl Hörmann schreibt dazu:

„Für das AT war die Sabbatruhe passendes Sinnbild für die Vollendung der Schöpfung (vgl. Ex 20,11) und für die Befreiung Israels aus Ägypten (Dtn 5,15) und regte dazu an, Gott dafür dankbar zu verehren. Den Christen stellt noch mehr der Sonntag die Wohltaten der Erlösung und der Neuschöpfung vor Augen, da an ihm Christus von den Toten erstand, die Sündenvergebungsgewalt verlieh und den Hl. Geist sandte (vgl. Leo d. Gr., Ep. 9, PL 56,626; Thomas von A., SonntagTh. 2,2 q.103 a.3 ad 4; 2. Vat. Konz., SC 102 106). Der Sonntag, der Tag des auferstandenen Herrn, der unseren Blick auch auf den wiederkommenden Herrn lenkt, eignet sich vorzügl. als Tag des im christl. Gmeinschaftsgottesdienst gegenwärtig werdenden Herrn. Wer, wie manche Sekten, am Sabbat festhalten will und die Berechtigung der Sonntagsfeier bestreitet, wäre vor aller weiteren Erörterung zu fragen, was er von Christus hält.“

 

Zur Ausgestaltung des 3. Gebots wurden Mose im Alten Bund genauere Anweisungen übermittelt; im Neuen Bund hat Gott der von Ihm eingesetzten Kirche die genauere Ausgestaltung überlassen. Im CIC – Achtung: manches im Folgenden gilt vielleicht nur für lateinische Katholiken; ostkirchliche unierte Katholiken haben teilweise eigene Regeln – heißt es:

„Can. 1247 — Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen zur Teilnahme an der Meßfeier verpflichtet; sie haben sich darüber hinaus jener Werke und Tätigkeiten zu enthalten, die den Gottesdienst, die dem Sonntag eigene Freude oder die Geist und Körper geschuldete Erholung hindern.“

Die Sonntagsheiligung betrifft also zwei Dinge: Die sog. Sonntagspflicht zur Teilnahme an einer Messfeier (sie ist das Zentrale am Sonntagsgebot, weil der Tag des Herrn auch in einer gewissen Weise ausdrücklich dem Herrn gewidmet sein soll) und die Sonntagsruhe.

 

Erst einmal zur Messe.

Im Katechismus heißt es in der Kategorie „Kirchengebote“, wo es um die fünf zentralen kirchlichen Gebote, die als Minimum für die Gläubigen festgelegt sind, geht, entsprechend:

2042 Das erste Gebot („Du sollst an Sonn- und Feiertagen der heiligen Messe andächtig beiwohnen“) verlangt von den Gläubigen, an der Eucharistie teilzunehmen, zu der sich die christliche Gemeinschaft am Gedenktag der Auferstehung des Herrn versammelt [Vgl. CIC, cann. 1246-1248; CCEO, can. 881,1.2.4]. […]

2043 Das vierte Gebot („Du sollst die gebotenen Feiertage halten“) vervollständigt das Sonntagsgebot durch die Teilnahme an den liturgischen Hauptfesten, welche die Mysterien des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen ehren [Vgl. CIC, can. 1246; CCEO, cann. 881,1,4; 880,3].

(Der CCEO, auf den hier verwiesen wird, ist das Gesetzbuch für die unierten Kirchen.)

Und im CIC heißt es des weiteren:

Can. 1248 — § 1. Dem Gebot zur Teilnahme an der Meßfeier genügt, wer an einer Messe teilnimmt, wo immer sie in katholischem Ritus am Feiertag selbst oder am Vorabend gefeiert wird.

2. Wenn wegen Fehlens eines geistlichen Amtsträgers oder aus einem anderen schwerwiegenden Grund die Teilnahme an einer Eucharistiefeier unmöglich ist, wird sehr empfohlen, daß die Gläubigen an einem Wortgottesdienst teilnehmen, wenn ein solcher in der Pfarrkirche oder an einem anderen heiligen Ort gemäß den Vorschriften des Diözesanbischofs gefeiert wird, oder daß sie sich eine entsprechende Zeit lang dem persönlichen Gebet oder dem Gebet in der Familie oder gegebenenfalls in Familienkreisen widmen.

Das Ganze einzeln aufgedröselt:

1) Etwas Grundsätzliches: Dieses Kirchengebot verpflichtet Katholiken, die den Vernunftgebrauch besitzen, wobei man davon ausgeht, dass Kinder ihn (wenn nicht das Gegenteil deutlich ist, z. B. bei einer geistigen Behinderung) ab 7 Jahren haben. Kleinere Kinder müssen also rein theoretisch noch nicht in die Messe mitgenommen werden; aber es ist natürlich sehr gut für sie. Eine Kinderbetreuung für Kleinkinder parallel zur Messe ist also erlaubt (wenn auch vermutlich eher nicht sinnvoll, einerseits wegen der Kinder selbst, und andererseits, weil die Betreuer dabei ihre Sonntagspflicht wahrscheinlich verletzen, wenn sie nicht noch in eine weitere Mese gehen); aber Siebenjährige müssen an der Messe selbst teilnehmen dürfen.

Es gilt, wie alle bloßen Kirchengebote, nur für Katholiken, d. h. für jeden, der irgendwann einmal katholisch getauft oder nach der Taufe in die katholische Kirche aufgenommen wurde. S. dazu:

„Can. 11 — Durch rein kirchliche Gesetze werden diejenigen verpflichtet, die in der katholischen Kirche getauft oder in diese aufgenommen worden sind, hinreichenden Vernunftgebrauch besitzen und, falls nicht ausdrücklich etwas anderes im Recht vorgesehen ist, das siebente Lebensjahr vollendet haben.“

(Ein Kirchenaustritt vor dem Staat ändert nichts daran; er ist einfach eine schwere Sünde, da er ein öffentlich erklärter Abfall von der katholischen Kirche und von den Bischöfen verboten ist. (Er wäre auch dann eine objektiv schwere Sünde, wenn man nur austreten würde, um die Kirchensteuer zu sparen, und auch dann, wenn man die Kirchensteuer nicht zahlen will, da man meint, die Bischöfe würden sie falsch verwenden, und stattdessen dieselbe Summe an eine katholische Organisation seiner Wahl spenden will. Dazu mehr in einem kommenden Artikel.) Ein Kirchenaustritt macht eine Wiederversöhnung mit der Kirche nötig, aber er macht einen eigentlich nicht zum Nichtkatholiken. Semel catholicus, semper catholicus; einmal katholisch, immer katholisch.)

Nichtkatholiken, die im Begriff sind, zum Katholizismus zu konvertieren, verpflichtet die Sonntagspflicht noch nicht, auch wenn sie sich an die Sonntagsruhe halten und den Sonntag irgendwie ein wenig Gott widmen sollten; ein rein kirchliches Gesetz ist das 3. Gebot eben nicht. (Sie dürfen natürlich schon an der Messe teilnehmen, wenn auch ohne Empfang der Kommunion.) Wer noch nicht weiß, was er vom Christentum halten soll und erst einmal nachforscht, ist durch das 3. Gebot noch nicht moralisch gebunden.

2) Man muss eine hl. Messe besuchen; man muss in dieser Messe nicht immer die Kommunion empfangen. (Zur Kommunion s. einen kommenden Artikel.)

Eine Fernsehmesse genügt nicht, man muss körperlich anwesend sein. Fernsehmessen u. Ä. sind eine Hilfe für Leute, die aus guten Gründen (z. B. Krankheit) vom Messbesuch entschuldigt sind, aber trotzdem (und das ist dann freiwillig, aber empfohlen) noch eine gewisse Art von Ersatz haben möchten.

Eine Feldmesse bei einer großen Veranstaltung, wo man den Zelebranten nicht oder nur über Bildschirm sehen / hören kann, gilt allerdings; hier bilden die Gottesdienstbesucher eine Masse und sind gemeinsam an einem Ort versammelt, das ist etwas anderes als eine Fernsehmesse.

Zur Teilnahme gehört generell auch die innerliche Teilnahme. Aber gewöhnliche Ablenkungen und zerstreute Gedanken aus einer gewissen Nachlässigkeit heraus sind höchstens lässliche Sünden. Die hat jeder, die menschliche Konzentrationsfähigkeit ist endlich, und es wäre uferlos, wenn jemand postulieren würde, jeder, der nicht voll konzentriert war, hätte eine schwere Sünde begangen. Etwas anderes ist es, wenn man sich bewusst und gewollt während eines wichtigen Teils der Messe ablenkt, indem man z. B. vom Gloria bis zum Agnus Dei unter der Bank Handyspiele spielt (wenn man z. B. bei den Begrüßungsworten oder während der Predigt kurz aufs Handy schaut, wäre das auch lässliche Sünde).

Wenn man ohne eigene Schuld (z. B. wegen einem quengeligen Kleinkind oder weil einem vom Weihrauch übel geworden ist) während der Messe häufig abgelenkt war oder zwischendurch längere Zeit vor die Tür gehen musste, macht das nichts, in dem Fall ist die Sonntagspflicht erfüllt. Man muss keine zweite Messe mehr besuchen, wenn man es könnte. Man ist hingegangen, war anwesend, und kann sich auch dann, wenn man vor der Kirche draußen steht und wartet, dass das Baby aufhört zu schreien, innerlich mit der Gemeinde drinnen vereinigen, die mit dem Priester das Messopfer darbringt. (Zudem weiß man nicht, ob das Baby bei einer zweiten Messe ruhiger  wäre.)

Wer auf der Empore die Orgel spielt und deshalb abgelenkt ist, oder als Küster ab und zu in der Sakristei ist, oder während  der Messe beichtet, erfüllt auch seine Sonntagspflicht.

3) Man muss eine hl. Messe besuchen. Ein Wortgottesdienst erfüllt diese Pflicht nicht, auch keine Vesper oder Andacht.

Was ist, wenn man eine Messe besuchen will, und es stellt sich heraus, dass nur ein Diakon da ist, der einen Wortgottesdienst mit Kommunionausteilung leitet? Ein Wortgottesdienst, auch einer mit Kommunionausteilung, erfüllt die Sonntagspflicht auch so nicht. Bei jeder Messe geschieht mit der Wandlung noch einmal etwas Eigenes, eine neuerliche Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Christi. (Sonst könnte ein Priester im Grunde genommen einmal einen Haufen Hostien konsekrieren und die dann in den nächsten Wochen oder Monaten nach und nach in Wortgottesdiensten austeilen und müsste nicht jeden Tag wieder neu die Messe lesen – banal ausgedrückt. Den Unterschied zwischen Messe und Wortgottesdienst macht nicht nur die Kommunionspendung, auch wenn einer mit Kommunionspendung besser ist als einer ohne, wenn man nur die Wahl zwischen diesen beiden Alternativen hat.)

Die Frage wäre dann, ob man in diesem Fall noch schauen muss, ob man später noch die Nachbarpfarrei für eine wirkliche  Messe erreichen kann; ich würde sagen, das muss man tun.

Dasselbe gilt wahrscheinlich, wenn eine Messe, die man besucht hat, sicher ungültig war. Zur Gültigkeit ist nicht sehr viel erforderlich; aber vier Bedingungen müssen erfüllt sein:

  • gültig geweihter Priester
  • der Priester muss die Intention haben „das zu tun, was die Kirche tut“, wenn sie die Messe feiert. (Er muss nicht an das richtige Konzept davon glauben, was die Kirche hier tut oder was genau überhaupt die Kirche ist. Wenn ein Priester glaubt, die Eucharistie sei nur ein Symbol, hat er normalerweise trotzdem die Intention, das zu tun, was die Kirche tut, wenn sie Eucharistie feiert – was seiner Meinung nach nur ein Symbol ist, aber darauf kommt es nicht an. Dass die Intention gegeben sein muss, heißt vor allem, dass die Worte nicht von selber magisch wirken.)
  • die verwendete Materie; es müssen Brot aus Weizen und Wein aus Trauben sein. (Völlig glutenfreie Hostien können nicht gültig gewandelt werden; glutenarme schon. Wer gar kein Gluten verträgt, muss den Priester bitten, unter der Gestalt des Weines kommunizieren zu dürfen. Auch Traubensaft ohne Alkohol kann nicht gültig gewandelt werden. (Ein Alkoholiker, der gar kein Gluten verträgt, hat leider keine andere Wahl, als nur geistlich zu kommunizieren.))
  • die Wandlungsworte müssen halbwegs korrekt sein. Die Worte „Das ist mein Leib“ (für die Konsekration des Brotes) und „Das ist … mein Blut“ (für die Konsekration des Weines) müssen vorhanden sein.

Wenn wegen Priestermangels öfter keine Messe in der eigenen Pfarrei stattfindet, muss man sich in der Umgebung umsehen. Ein guter Richtwert könnte sein: Man sollte für den Weg zur Sonntagsmesse bereit sein, denselben Aufwand auf sich zu nehmen wie für den Weg zur Arbeit. Wenn die nächste Sonntagsmesse weiter weg ist, als man, wenn man keine andere Arbeitsstelle finden würde, zu einer Arbeitsstelle pendeln würde, ist es nicht mehr verpflichtend. Eine halb oder dreiviertelstündige Auto- oder Bahnfahrt sollte also i. d. R. zumutbar sein, eine anderthalb- oder zweistündige dagegen eher nicht mehr. Das sollte im deutschsprachigen Raum kein großes Problem sein. Natürlich macht es auch einen Unterschied, ob jemand ganz gesund oder schon eher gebrechlich ist (eine 75-jährige schafft nicht dasselbe wie ein 30-jähriger); ob man ein eigenes Auto oder wenigstens guten Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln hat; usw.

4) Dann ist  noch die Frage, was ist, wenn man zu spät gekommen ist. Zunächst mal ist das (wenn der Grund eigene Schuld/Fahrlässigkeit war) eine lässliche Sünde. Die Sonntagspflicht bezieht sich auf die Mitfeier einer ganzen Messe, aber wenn man immerhin gekommen ist, und nur wegen seiner Trödelei den Anfang verpasst hat, ist das nur minderschwer, und man muss auch keine weitere Messe besuchen. Wenn man allerdings so spät gekommen ist, dass man nicht einmal mehr die Gabenbereitung mitbekommen hat, gilt das auf jeden Fall nicht mehr für die Erfüllung der Sonntagspflicht (andere Theologen sagen: ab dem Evangelium). Den zentralen Teil der Messe muss man mitbekommen.

Wenn man ohne eigene Schuld zu spät gekommen ist (z. B. weil auf der Straße ein Unfall war und man nicht vorwärts gekommen ist, oder wenn man nicht rechtzeitig aufgewacht ist, weil der Wecker wegen Stromausfalls nicht geklingelt hat), ist das natürlich überhaupt keine Sünde. Aber wenn man aus solchen Gründen schuldlos die ganze Messe oder einen wichtigen Teil davon versäumt hat und noch eine weitere Messe besuchen könnte, muss man das vermutlich prinzipiell tun.

Wenn man ohne guten Grund ein paar Minuten früher gegangen ist (so wie manche Leute direkt nach der Kommunion gehen), ist das ebenfalls eine lässliche Sünde; wenn man aber noch früher geht – z. B. nach der Predigt oder vor der Konsekration -, eine schwere. Es ist auch eine Sünde, aus Ärger über liturgische Missbräuche oder eine häretische Predigt früher zu gehen (wenn man nicht plant, noch eine andere Messe zu besuchen). (Ausnahme: Wenn die Konsekration sicher ungültig war, kann man gleich gehen.)

Heribert Jone schreibt (rückübersetzt aus der französischen Übersetzung seines Buches):

„Man begeht eine lässliche Sünde, wenn man willentlich einen nicht wichtigen Teil der Messe verpasst, z. B.: den Beginn bis vor der Gabenbereitung, oder alles, was nach der Kommunion kommt, oder sowohl alles, was vor der Epistel kommt, als auch, was nach der Kommunion kommt.

Man begeht eine  schwere Sünde, wenn man willentlich einen wichtigen Teil verpasst, z. B.: wenn man sowohl alles, was vor dem Evangelium kommt, als auch alles, was nach der Kommunion kommt, versäumt, oder auch den ganzen Teil der Messe, der vom Beginn der Gabenbereitung eingeschlossen an geht, oder auch den ganzen Teil des Kanons, der der Elevation vorausgeht, oder den von der Wandlung bis zum Vaterunser, oder auch die Wandlung allein, aber wahrscheinlich nicht die Kommunion allein. – Wer einen wichtigen Teil verpasst hat, hat die Pflicht, diesen Teil bei einer anderen Messe am gleichen Tag nachzuholen.

[…] Wer vor der Elevation ankommt und nicht noch an einer anderen Messe teilnehmen kann, ist gehalten, bei dieser zu bleiben, da er auf diese Weise noch seine Sonntagspflicht erfüllen kann: aber wer unter den gleichen Bedingungen erst nach der Elevation ankommt, muss nicht bleiben.“

5) Man muss an jedem Sonntag im Jahr und zusätzlich an jedem gebotenen Feiertag eine hl. Messe besuchen. Nicht an jedem Hochfest, sondern an jedem gebotenen Feiertag.

Welche Feiertage außer den Sonntagen geboten sind, kann sich von Land zu Land und Diözese zu Diözese unterscheiden; im CIC heißt es für die Weltkirche:

„Can. 1246 — § 1. Der Sonntag, an dem das österliche Geheimnis gefeiert wird, ist aus apostolischer Tradition in der ganzen Kirche als der gebotene ursprüngliche Feiertag zu halten. Ebenso müssen gehalten werden die Tage der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, der Erscheinung des Herrn, der Himmelfahrt und des heiligsten Leibes und Blutes Christi, der heiligen Gottesmutter Maria, ihrer Unbefleckten Empfängnis und ihrer Aufnahme in den Himmel, des heiligen Joseph, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und schließlich Allerheiligen.

§ 2. Die Bischofskonferenz kann jedoch, nach vorheriger Genehmigung des Apostolischen Stuhles, einige der gebotenen Feiertage aufheben oder auf einen Sonntag verlegen.“

Wenn die nationale Bischofskonferenz also nichts anderes bestimmt hat, sind Weihnachten (der 25. Dezember), Heiligdreikönig (= Erscheinung des Herrn; 6. Januar), Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Hochfest der Gottesmutter Maria (1. Januar), Mariä Empfängnis (8. Dezember), Mariä Himmelfahrt (15. August), der Josefstag (19. März), Peter und Paul (29. Juni) und  Allerheiligen (1. November) gebotene Feiertage.

In Deutschland gelten einige dieser Feiertage (Mariä Empfängnis, Josefstag, Peter und Paul) nicht als geboten; dafür haben wir ein paar andere zusätzliche, nämlich den 2. Weihnachtsfeiertag, Ostermontag und Pfingstmontag. Manche Feiertage (Heiligdreikönig, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt) gelten in Deutschland nur in einzelnen Diözesen als geboten. Eine hilfreiche Liste gibt es z. B. hier; auch für andere Länder lassen sich diese Listen im Internet leicht finden.

(Wenn sich jemand wundert, wieso Ostern und Pfingsten nicht genannt wurden: diese Feste fallen sowieso auf einen Sonntag.)

Manche Diözesen, v. a. in Ländern, in denen katholische Feste kaum staatliche Feiertage sind, verlegen die Feier eines Festes gelegentlich auf den folgenden Sonntag; dann muss man nur an diesem Sonntag in die Messe gehen. (Das gilt allerdings nicht, wenn z. B. an Fronleichnam eine Pfarrei die große Prozession am Sonntag nachholt und am Fronleichnamsdonnerstag selbst nur eine Messe feiert; zu dieser Messe muss man gehen, wenn Fronleichnam in der entsprechenden Diözese gebotener Feiertag ist.)

Was ist, wenn man gerade auf Reisen in einer anderen Diözese ist, in der ein Feiertag geboten ist, der es in der Heimatdiözese nicht ist, oder einer nicht geboten, der es in der Heimatdiözese ist? Da gilt: Man muss nur in die Messe gehen, wenn der Feiertag sowohl in der Heimatdiözese, als auch in der, die man gerade besucht, geboten ist. Das macht auch Sinn: Wenn man anderswo Urlaub macht, weiß man oft nicht, welche Feiertage dort geboten sind, die es zuhause nicht sind; und für zuhause gebotene Feiertage, die es dort nicht sind, wird man vielleicht keine Messe finden.

[Hier kommt nämlich folgendes kirchliches Gesetz ins Spiel:

Can. 12 — § 1. Allgemeine Gesetze verpflichten überall alle, für die sie erlassen worden sind.

§ 2. Von allgemeinen Gesetzen aber, die in einem bestimmten Gebiet nicht gelten, sind alle ausgenommen, die sich tatsächlich in diesem Gebiet aufhalten.

§ 3. Gesetzen, die für ein besonderes Gebiet gegeben worden sind, unterliegen diejenigen, für die sie erlassen sind, sofern sie dort ihren Wohnsitz oder Nebenwohnsitz haben und sich zugleich dort tatsächlich aufhalten, unbeschadet der Vorschrift des can. 13.

Can. 13 — § 1. Partikulare Gesetze werden nicht als personale, sondern als territoriale Gesetze vermutet, wenn nicht etwas anderes feststeht.

§ 2. Fremde sind nicht gebunden:

1° an partikulare Gesetze ihres Gebietes, solange sie von diesem abwesend sind, es sei denn, daß entweder deren Übertretung im eigenen Gebiet Schaden hervorruft oder es sich um personale Gesetze handelt;

2° an Gesetze des Gebietes, in welchem sie sich aufhalten, mit Ausnahme der Gesetze, die für die öffentliche Ordnung sorgen oder Rechtsförmlichkeiten bestimmen oder die in dem Gebiet gelegene unbewegliche Sachen betreffen.

3. Wohnsitzlose werden verpflichtet sowohl durch allgemeine als auch durch partikulare Gesetze, die an dem Ort gelten, an dem sie sich aufhalten.

Ein allgemeines Gesetz ist z. B., dass der Josefstag ein weltkirchlicher Feiertag ist. In Deutschland ist er das allerdings durch partikulares Gesetz nicht. Wenn sich jetzt ein Deutscher in einem Land, in dem der Josefstag geboten ist, aufhält, ist er gemäß Can. 13 § 2 °2 an kirchliche Gesetze (ob allgemein oder partikular) dieses Landes generell nicht gebunden; also muss er den Josefstag nicht begehen.

Nun sagen wir, jemand kommt aus diesem anderen Land, wo der Josefstag durch allgemeines Gesetz geboten ist, und macht Urlaub in Deutschland, wo er durch partikulares Gesetz nicht geboten ist. Hier kommt Can. 12 § 2 ins Spiel: Er muss also auch nicht zur Messe gehen.

Dass Pfingstmontag in Deutschland geboten ist, ist ein partikulares Gesetz; wenn sich ein Deutscher also am Pfingsmontag in einem anderen Land aufhält, ist er gemäß Can. 13 § 2 °1 (und auch Can. 12 § 3) nicht an partikulare deutsche Gesetze gebunden, muss also in diesem Land keine Messe besuchen.

Sobald man dauerhaft zumindest mit Nebenwohnsitz in eine andere Diözese zieht, oder sich dort ohne Absicht, dauerhaft zu bleiben, drei Monate aufgehalten hat, ist man kein „Fremder“ im kirchenrechtlichen Sinn mehr, ist also an die Bestimmungen der neuen Diözese gebunden:

„Can. 102 — § 1. Der Wohnsitz wird erworben durch jenen Aufenthalt im Gebiet einer Pfarrei oder wenigstens einer Diözese, der entweder mit der Absicht verbunden ist, dort ständig zu bleiben, sofern kein Abwanderungsgrund eintritt, oder sich über einen Zeitraum von fünf vollen Jahren erstreckt hat.

§ 2. Der Nebenwohnsitz wird erworben durch jenen Aufenthalt im Gebiet einer Pfarrei oder wenigstens einer Diözese, der entweder mit der Absicht verbunden ist, dort wenigstens drei Monate zu bleiben, sofern kein Abwanderungsgrund eintritt, oder der sich tatsächlich auf drei Monate erstreckt hat.“]

6) Eine Vorabendmesse erfüllt die Sonntagspflicht ebenso. Vorabendmessen gelten in den meisten Diözesen ab 16 Uhr des Vortages. Man kann die Sonntagspflicht allerdings nicht verschieben, d. h. man kann z. B. nicht sagen „ich gehe lieber mittwochs in die Werktagsmesse, da ist weniger los“.

7) Die Sonntagspflicht wird durch eine Messe in jedem beliebigen katholischen Ritus erfüllt – d. h. man kann in die ordentliche Form des römischen Ritus („neue Messe“), in die außerordentliche Form des römischen Ritus („alte Messe“), in eine assyrisch-katholische, chaldäisch-katholische, äthiopisch-katholische, melkitisch-katholische, koptisch-katholische usw. Messe gehen. Das gilt nicht für Messen schismatischer, d. h. von Rom getrennter, Ostkirchen. Man kann aus Interesse oder ökumenischer Verbundenheit zusätzlich in eine koptische oder orthodoxe Messe hineinschauen; aber die Sonntagspflicht wird dort nicht erfüllt, sondern nur z. B. in einer koptisch-katholischen. Ersteres sind zwar gültige Messen, aber eben in von Rom getrennten Kirchen, sie genügen daher nicht. Die Teilnahme an der Messe drückt auch die Gemeinschaft mit den anderen Teilnehmern aus. Erst recht nicht genügen evangelische, anglikanische, baptistische usw. Gottesdienste, die gar keine Messen sind.

Was Messen bei der Piusbruderschaft angeht: Die Piusbruderschaft hat keinen kanonischen (kirchenrechtlichen) Status in der Kirche und daher gelten ihre Priester generell als suspendiert, d. h. sie dürften ihr Amt nicht ausüben, ihre Messen sind unerlaubt. Sie sind allerdings nicht ganz von der Kirche abgeschnitten (und der CIC verlangt übrigens nur die Teilnahme an einer Messe „wo immer sie in katholischem Ritus am Feiertag selbst oder am Vorabend gefeiert wird“, und sagt nichts von wegen „erlaubt gefeiert wird“, d. h. auch wenn ein Priester nicht die Erlaubnis hat, die Messe zu feiern, könnte es für einen Katholiken erlaubt sein, die Messe bei ihm zu hören). Die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei hat sich zur Frage nach der Erfüllung der Sonntagspflicht bei der Piusbruderschaft einmal geäußert: Streng genommen kann man seine Sonntagspflicht bei der Piusbruderschaft erfüllen, aber es wäre eine Sünde, wenn man vorrangig dorthin gehen würde, um sich von der vollen Gemeinschaft mit dem Papst loszusagen oder den Ungehorsam der Piusbruderschaft zu unterstützen; wenn jemand dorthin gehen würde, um einfach nur die Messe in der außerordentlichen Form zu hören [oder aus einem ähnlichen nicht verurteilenswerten Grund, z. B. weil das die nächste und am leichtesten zu erreichende Messe für ihn wäre, o. Ä.], wäre das keine Sünde. Da inzwischen die Petrusbruderschaft und ähnliche traditionelle katholische Gemeinschaften, die in voller Gemeinschaft mit Rom stehen, an vielen Orten präsent sind, müsste es für viele Leute, die eine Messe in der außerordentlichen Form besuchen wollen, allerdings möglich sein, eine solche Messe zu finden, was natürlich vorzuziehen wäre. Wenn jemand keine katholische alte Messe erreichen kann, muss er zu einer neuen gehen, auch, wenn er die neue Messe nicht mag. Eine Messe bei Sedisvakantisten genügt nicht.

In China ist die Angelegenheit mit der papst- und glaubenstreuen Untergrundkirche und der vom Staat erlaubten „Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung“ inzwischen etwas kompliziert; es ist jedenfalls nicht verpflichtend, zur Messe bei der in voller Gemeinschaft mit dem Papst stehenden Untergrundkirche zu gehen, weil das für einen persönlich gefährlich ist, und wer trotzdem zu einer Messe gehen will, kann auch zur staatstreuen Kirche gehen.

8) Was ist, wenn einmal ein gebotener Feiertag auf einen Samstag fällt, oder zwei gebotene Feiertage hintereinander stattfinden, wie der 1. und 2. Weihnachtsfeiertag? Dann muss man zwei Messen besuchen; mit einer Abendmesse am ersten Tag kann man nicht beide abdecken. Mögliche Szenarien wären in dem ersten genannten Fall: 1) Zwei Vorabendmessen (Freitagabend und Samstagabend) 2) Vorabendmesse für den Feiertag und normale Sonntagsmesse (Freitagabend und irgendwann am Sonntag) 3) Normale Feiertagsmesse und Vorabendmesse für den Sonntag (Samstagvormittag und Samstagabend) 4) Zwei normale Messen (irgendwann am Samstag und irgendwann am Sonntag).

9) Wenn man etwa bei Szenario 1 schon in eine Messe für den Feiertag gegangen wäre und dann am Samstagabend noch in eine Vorabendmesse für den Sonntag gehen wollte, dabei aber noch einmal in eine Messe mit den Feiertagslesungen statt den Sonntagslesungen geriete, würde das trotzdem für den Sonntag gelten, weil man die Messe für den Sonntag beabsichtigte und das Gebot nur den Besuch einer Messe, nicht den einer liturgisch passenden Messe vorschreibt.

Auch wenn man eine Messe in einem anderen katholischen Ritus besucht, kann es sein, dass die Feiertage unterschiedlich fallen, weil hier ein anderer Festkalender gilt, und es gilt: Auch eine liturgisch unpassende Messe erfüllt das Gebot, eine Messe zu besuchen. Auch wenn sie nicht ideal ist.

10) Zur Entschuldigung vom Messbesuch reicht ein mittelmäßig wichtiger Grund. Entschuldigt ist man in Fällen von drohendem persönlichem (körperlichem oder geistlichem) Schaden, unzumutbaren Belastungen durch den Messbesuch oder vorrangigen Pflichten der Nächstenliebe, also z. B. dann, wenn man krank ist, arbeiten muss, gezwungen ist, eine Reise zu machen; oder einen sehr weiten Weg zur Messe hätte; oder daheim ein krankes Kind pflegen muss. Wenn man das nur in einem seltenen Ausnahmefall macht, ist auch mal ein Ausflug, zu dem man sonst keine Gelegenheit mehr hätte, eine Entschuldigung (z. B. mit Familienmitgliedern, die nur selten zu Besuch sind). Zu persönlichem Schaden / unzumutbaren Belastungen zählt auch, wenn der Messbesuch für großen häuslichen Unfrieden sorgt, also wenn z. B. eine 18-Jährige, die frisch konvertiert ist und noch zu Hause wohnt, von ihren atheistischen oder protestantischen Eltern jedes Mal schlecht behandelt wird, wenn sie in die Kirche geht. Was Krankheiten angeht: Gerade wenn man eine ansteckende Krankheit hat, sollte man sogar lieber zu Hause bleiben; aber auch bei Krankheiten, bei denen man nicht ansteckend ist (z. B. Migräne oder Schwangerschaftsübelkeit), kann man natürlich zu Hause bleiben, wenn es einem entsprechend schlecht geht. Auch Genesende, die ihre Genesung nicht gefährden sollen, sind nicht zum Messbesuch verpflichtet. Eine vielleicht hilfreiche Faustregel ist: In einer Situation, in der ein normal gewissenhafter Mensch zur Arbeit, zur Schule, zum wöchentlichen Fußballtraining im Verein, zu einer fest vereinbarten Verabredung mit Freunden, die sich nicht verschieben lässt, gehen würde, kann man auch zur Kirche gehen; wenn man aber einen guten Grund hat, wegen dem man sich dort entschuldigen würde, darf man auch von der Kirche zu Hause bleiben.

Auch psychische Erkrankungen können ein Entschuldigungsgrund sein. Sagen wir, jemand hat ein Trauma, an das er immer wieder erinnert wird, wenn er eine Kirche betritt, oder er hat eine Angststörung, eine lähmende Depression, oder etwas Ähnliches. Nicht nur physische Unmöglichkeit, sondern auch sog. „moralische Unmöglichkeit“ (gemeint ist, dass etwas praktisch nicht zumutbar ist) kann von Verpflichtungen entschuldigen. Psychische Krankheiten sind ebenso real wie körperliche, und Gott verlangt nicht mehr als den normalen, humanen Aufwand und Einsatz von einem, um zur Sonntagsmesse zu kommen, wie bei anderen alltäglichen, regelmäßigen, einigermaßen wichtigen Pflichtterminen.

Wenn jemand hier mehr tun will, als streng genommen geboten ist, darf er das natürlich (außer, es geht um vorrangige Pflichten, unangenehme/gefährliche ansteckende Krankheiten, o. Ä.).

Was ist, wenn man im Urlaub ist? Dazu sagt der hl. Johannes Paul II. (Dies Domini, Nr. 49): „Überdies sollen die Bischöfe die Gläubigen daran erinnern, dass sie sich im Fall der Abwesenheit von ihrem festen Wohnsitz am Sonntag um die Teilnahme an der Messe an ihrem Aufenthaltsort kümmern müssen.“ Wenn der Sonntag gerade der Tag der An- oder Abreise ist und es eine lange, stressige Reise ist, und man keine Vorabendmesse besuchen konnte, sollte man normalerweise als entschuldigt gelten, aber wenn man, sagen wir, am Freitag anreist und dann eine Woche am selben Ort bleibt, muss man auch dort die Messe besuchen.

Darf man Reisen unternehmen, bei denen man weiß, dass man nicht die Gelegenheit haben wird, eine Messe zu erreichen, etwa eine Kreuzfahrt im Atlantik, oder eine Wandertour in der Mongolei? Ja, darf man – genauso, wie man auch einen Job annehmen darf, bei dem man voraussehen kann, dass man immer wieder sonntags Dienst haben und nicht in die Messe gehen können wird. Man sollte sich freilich nicht ohne Grund für längere Zeit am Stück der Gelegenheit berauben, die Messe zu besuchen, aber wenn man das mal tut, weil man auch einmal im Jahr Urlaub machen will und schon lange diese Wandertour machen wollte, oder wenn nun mal jemand im Kreiskrankenhaus arbeitet und dann auch alle paar Wochen am Sonntag bei der Arbeit sein muss, dann ist das in Ordnung.

Was ist, wenn man darauf angewiesen ist, dass andere einen in die Kirche fahren? Sagen wir, eine alte Frau kann nicht mehr Auto fahren, und weil es bei ihr auf dem Land keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, müsste sie ihre Tochter, die normalerweise nicht zur Kirche geht, bitten, sie zu fahren; oder eine 16-jährige in derselben Gegend ist darauf angewiesen, dass ihre kirchenfernen Eltern sie fahren. Nun: Prinzipiell ist nur das verpflichtend, was man selbst erfüllen kann. Ich würde aber sagen: Wenn man Angehörige hat, die einen auch mal gerne fahren und dann nicht verärgert sind, weil man ihre Pläne für den Samstagabend oder den Sonntag durcheinander gebracht hat, sollte man das doch zumindest ab und zu annehmen, weil es schon wichtig für einen persönlich ist, die Gottesbeziehung durch wenigstens halbwegs regelmäßige Teilnahme an der Messe zu pflegen. Faustregel: Wenn man die Mama am Samstagabend bitten würde, einen zur besten Freundin zu fahren, bei der man einen DVD-Abend machen will, und einen hinterher wieder abzuholen, kann man sie auch bitten, einen zur Vorabendmesse zu fahren und hinterher wieder abzuholen. Dasselbe beim Organisieren von Fahrgemeinschaften mit Leuten, die zur selben Veranstaltung gehen: Man sollte bereit sein, denselben moderaten Aufwand zu betreiben, um zur Messe zu kommen, den man betreiben würde, um zu einer Veranstaltung mit Freunden zu kommen. Man muss keine Fahrgemeinschaften mit Leuten bilden, die man nicht kennt / denen man nicht vertraut, und keine Angehörigen in Anspruch nehmen, die andere Verpflichtungen/Pläne haben.

Wenn man sich am Samstagabend betrinkt und dabei weiß, dass man es wegen seinem Kater voraussichtlich nicht zur Sonntagsmesse schaffen wird, ist das auch eine Sünde gegen die Sonntagspflicht. (Das Betrinken, das so weit geht, dass man nicht mehr des Vernunftgebrauchs mächtig ist, ist außerdem sowieso eine Sünde an sich.)

Wenn man die Messe nun aus einem Grund versäumt hat, bei dem man im Nachhinein sagen würde, „hm, vielleicht hätte ich es doch schaffen können/sollen“, kann das auch einmal einfach eine lässliche Sünde gewesen sein. Eine (objektiv) schwere ist es ganz klar bei offensichtlichen Gründen wie „keine Lust“ und „ich will eben ausschlafen“.

 

Dann zu dem anderen Teil des 3. Gebots: dem Thema Sonntagsruhe. Das dritte Gebot soll auch verhindern, dass Menschen zu Workaholics werden und keine Zeit mehr für Gott und die notwendige Ruhe haben. Der hl. Johannes Paul II. schreibt dazu: „Die Ruhe ist etwas Heiliges, sie ist für den Menschen die Voraussetzung, um sich dem manchmal allzu vereinnahmenden Kreislauf der irdischen Verpflichtungen zu entziehen und sich wieder bewusst zu machen, dass alles Gottes Werk ist.“ (Dies Domini 65)

Im Katechismus heißt es:

„2185 Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sollen die Gläubigen keine Arbeiten oder Tätigkeiten ausüben, die schuldige Gottesverehrung, die Freude am Tag des Herrn, das Verrichten von Werken der Barmherzigkeit und die angemessene Erholung von Geist und Körper verhindern [Vgl. CIC. can, 1247]. Familienpflichten oder wichtige soziale Aufgaben entschuldigen rechtmäßig davon, das Gebot der Sonntagsruhe einzuhalten. Die Gläubigen sollen aber darauf achten, daß berechtigte Entschuldigungen nicht zu Gewohnheiten führen, die für die Gottesverehrung, das Familienleben und die Gesundheit nachteilig sind. ‚Die Liebe zur Wahrheit drängt zu heiliger Muße; die Dringlichkeit der Liebe nimmt willig Arbeit auf sich‘ (Augustinus, civ. 19,19).

2186 […] Der Sonntag wird in der christlichen Frömmigkeitstradition für gewöhnlich guten Werken und demütigem Dienst an Kranken, Behinderten und alten Menschen gewidmet. Die Christen sollen den Sonntag auch dadurch heiligen, daß sie ihren Angehörigen und Freunden die Zeit und Aufmerksamkeit schenken, die sie ihnen an den übrigen Tagen der Woche zu wenig widmen können. Der Sonntag ist ein Tag der Besinnung, der Stille, der Bildung und des Betrachtens, die das Wachstum des christlichen inneren Lebens fördern.

2187 Die Heiligung der Sonn- und Feiertage erfordert eine gemeinsame Anstrengung. Ein Christ soll sich hüten, einen anderen ohne Not zu etwas zu verpflichten, das ihn daran hindern würde, den Tag des Herrn zu feiern. Auch wenn Veranstaltungen (z. B. sportlicher oder geselliger Art) und gesellschaftliche Notwendigkeiten (wie öffentliche Dienste) von Einzelnen Sonntagsarbeit verlangen, soll sich doch jeder genügend Freizeit nehmen. […] Trotz aller wirtschaftlichen Zwänge sollen die Behörden für eine der Ruhe und dem Gottesdienst vorbehaltene Zeit ihrer Bürger sorgen. Die Arbeitgeber haben eine entsprechende Verpflichtung gegenüber ihren Angestellten.

2188 Die Christen sollen darauf hinwirken, daß die Sonntage und kirchlichen Feiertage als gesetzliche Feiertage anerkannt werden, wobei sie die Religionsfreiheit und das Gemeinwohl aller zu achten haben. […] Falls die Gesetzgebung des Landes oder andere Gründe zur Sonntagsarbeit verpflichten, soll dieser Tag dennoch als der Tag unserer Erlösung gefeiert werden, der uns an der ‚festlichen Versammlung‘, an der ‚Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind‘, teilnehmen läßt (Hebr 12,22-23).“

Nach dem früheren Kirchenrecht waren ausdrücklich die sog. „knechtliche Arbeit“ (also körperliche Arbeiten, die zu materiellem Nutzen geschehen, wie Putzen, Nähen, Bauarbeiten, Schreinern usw.), der Handel (Kauf und Verkauf), und gerichtliche Handlungen als der Heiligkeit des Sonntags entgegenstehend verboten; der CIC von 1983 ist, wie oben zitiert, nicht mehr so klar, sondern nennt nur „jene[…] Werke und Tätigkeiten […], die den Gottesdienst, die dem Sonntag eigene Freude oder die Geist und Körper geschuldete Erholung hindern“. Was das genau heißt, dazu habe ich leider keine neueren kasuistischen Ausführungen gefunden.

Man kann dafür plädieren, darunter nicht nur die drei genannten Kategorien, sondern auch Erwerbsarbeit, die nicht in körperlicher Arbeit besteht, wie z. B. Buchhaltung, zu verstehen, da der CIC schließlich auch von der Erholung von „Geist und Körper“ redet. Intellektuelle und künstlerische Tätigkeiten galten traditionell als erlaubt; allerdings könnte man sagen, dass es auch hier zumindest besser ist, wenn z. B. Schüler oder Studenten, die nicht dringend für eine Prüfung lernen müssen und das Lernen, sofern es für sie etwas der Arbeit Vergleichbares, Anstrengendes ist, auch auf einen anderen Tag legen könnten, es verschieben, um sich erholen zu können. Gartenarbeit, Handarbeit oder Backen als Hobby zur Erholung oder Selbstverwirklichung ist wohl nicht zu beanstanden. (Man bezeichnet ja auch z. B. das Wandern nicht als Arbeit, auch wenn es körperlich anstrengt; und die drei Beispiele haben auch etwas „Künstlerisches“, nicht nur etwas Praktisches an sich.) Staubsaugen, Waschen, Rasenmähen, Unkrautjäten im Gemüsebeet, Streichen von Wänden u. Ä. (kurz gesagt, das, was Arbeit im eigentlichen Sinn ist) sollte man aber, wenn möglich, auf andere Tage legen. Sportveranstaltungen sind unbedenklich (nur sollten sie einen nicht von der Messe abhalten).

Entschuldigungsgründe, die Sonntagsarbeit erlaubt machen, können sein:

  • Der Dienst an Gott. Hier ist aber nur der direkte Gottesdienst gemeint (z. B. Küsterdienst, Herrichten der Blumenteppiche am Morgen von Fronleichnam, u. Ä.); das Rasenmähen auf dem Kirchengelände oder das Renovieren des Kirchengebäudes sollte man, wenn möglich, auf andere Tage legen.
  • Eigener Bedarf oder der des Nächsten. Hausarbeiten, die nicht oder nur schwer verschoben werden können, Arbeiten wie die des Arztes oder Altenpflegers, die jeden Tag gemacht werden müssen, Sonntagsarbeit von Leuten, die ohne den Lohn davon nicht auskommen, Sonntagsarbeit in Betrieben, die nur mit großem Schaden am Sonntag stillstehen können, Einholen der Ernte, wenn schlechtes Wetter droht, Hilfe beim Umzug eines Familienmitglieds, das sich entschieden hat, an diesem Tag umzuziehen, karitative Tätigkeiten… das alles ist erlaubt. Wenn jemand von seinem Chef zur Sonntagsarbeit verpflichtet wird, ist er entschuldigt; ein katholischer Chef darf aber, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, seine Angestellten nicht zur Arbeit verpflichten.
  • Rechtmäßige Gewohnheiten, Landesbrauch. Z. B. sind festliche Jahrmärkte am Sonntag in Ordnung, wo sie üblich sind, oder dass Restaurants sonntags geöffnet haben und Menschen dort essen gehen, was, auch wenn hierfür manche wieder arbeiten müssen, auch eine gewisse Festlichkeit ermöglicht. Wenn es in einem nichtchristlichen/säkularen Land generell üblich ist, am Sonntag zu arbeiten, ohne Rücksicht auf Gottesdienst usw., entschuldigt das zwar die dadurch zur Arbeit genötigten Christen, aber diese Gewohnheit gehört trotzdem eigentlich abgeschafft und der Sonntag gesetzlich geschützt.

(Vgl. hierzu auch Jesu Handlungen und Äußerungen bezüglich der Auslegung des Sabbatgebots, z. B. „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“ (Mk 2,27f.))

Ab einer Dauer von etwa zwei bis drei Stunden wurde unnötige Sonntagsarbeit klassischerweise als schwere Sünde gezählt. Kurze Einkäufe, die man auch hätte verschieben können, u. Ä. sind also nur lässliche Sünden. Auch wenn man das Sonntagsgebot etwas locker auslegt und längere Arbeiten erledigt, für die man schon einen Grund findet, aber einen, bei dem man sich hinterher denkt, dass er vielleicht doch nicht so stichhaltig war wie zuerst gedacht, kann das einfach eine lässliche Sünde gewesen sein. Aber, wie gesagt, unnötige Sonntagsarbeit kann auch schwere Sünde werden.

 

Am Sonntag zu fasten ist nicht verboten, aber nie verpflichtend und eigentlich nicht üblich, weil es ein festlicher Tag sein soll. (Mehr zum Fasten in einem anderen Artikel.)

 

 

 

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 5: Das 2. Gebot

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Das 2. Gebot richtet sich gegen die Verunehrung des Namens Gottes: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen.“ Der Name Gottes ist heilig, weil der, den er bezeichnet, heilig ist.

Bei diesem Gebot geht es um Meineide im Namen Gottes, den Bruch von Eiden, den Bruch von Gelübden, die man Gott gemacht hat, Blasphemie, den unehrfürchtigen Gebrauch des Gottesnamens, falsches Segnen und falsches Verfluchen.

 

Erst einmal zum Eid (in der Form von eidlichen Aussagen oder eidlichen Versprechungen):

Der Eid besteht darin, dass jemand Gott zum Zeugen der Wahrhaftigkeit einer Aussage oder der Ehrlichkeit und Einhaltung eines Versprechens macht („ich schwöre bei Gott, dass das wahr ist“, „so wahr mir Gott helfe“, „ich schwöre beim Himmel, dass ich das tun werde“). (Wenn jemand bei einem Heiligen oder auf die Bibel schwört, bezieht sich das indirekt auf Gott.) Der Name Gottes wird missbraucht, wenn jemand bei ihm etwas Gelogenes oder Zweifelhaftes beschwört (z. B. vor Gericht) und Ihn damit zum Zeugen für etwas Falsches machen will; oder bei Ihm etwas verspricht, das er nicht zu halten beabsichtigt; oder etwas, das er bei Ihm versprochen hat, nicht erfüllt. Meineid und Eidbruch sind an sich schwere Sünden.

Bei einer eidlichen Aussage ist auch eine Teilwahrheit, von der derjenige weiß, dass sie falsch ausgelegt werden wird (also eine Aussage mit „mentaler Reservation“, dazu mehr beim 8. Gebot), gegenüber Leuten ausgesprochen, die das Recht haben, die Wahrheit zu kennen, eine schwere Sünde. Gegenüber Leuten, die dieses Recht nicht haben, ist sie aus einem ernsten Motiv heraus erlaubt; wenn kein solches Motiv da ist, eine lässliche Sünde.

Den Eid zu gebrauchen, um Auskünfte zu beschwören, die zwar wahr sind, die man aber nicht weitergeben soll, wäre bei solchen Dingen wie geringfügigem Lästern, Angeberei o. Ä. lässliche Sünde, in schwerwiegenden Fällen, die auch so schwere Sünde wären (z. B. bei einem bedeutenden Geheimnis, das man kein Recht hat, weiterzugeben – natürlich gelten nicht alle Geheimnisse absolut, aber solche gibt es), wohl schwere Sünde.

Mit einem Eid zu versprechen, eine Sünde zu begehen, ist schwere Sünde, zumindest jedenfalls, wenn es sich bei der versprochenen Sache selbst um eine schwere Sünde handelt. Ein solcher Eid ist ungültig. Wenn man etwas unter Eid verspricht, sich aber später herausstellt, dass die Erfüllung in diesem Fall Schaden anrichten würde und eine Sünde wäre, verpflichtet der Eid natürlich auch nicht.

Der Versprechenseid verpflichtet unter schwerer oder lässlicher Sünde, je nachdem, ob es sich bei der versprochenen Sache um etwas Schwerwiegendes oder Unwichtiges handelt.

Manche christliche Gruppierungen wollen den Eid grundsätzlich verwerfen, weil Jesus in der Bergpredigt gesagt hat: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Mt 5,33-37)

Aber das ist kein grundsätzliches Verbot des Eides, sondern meint eher, dass man nicht nur bei einem Eid zur Wahrhaftigkeit verpflichtet ist, sondern immer. Jesus sagt nicht, Schwören ist böse, sondern es kommt vom Bösen, wenn man (oft) schwört und dann meint, nur wahrhaftig sein zu müssen, wenn man schwört; und Er hebt ja ganz grundsätzlich das Alte Testament nicht auf, wenn Er darüber hinausgeht. Auch der hl. Paulus benutzt den Eid in seinen Briefen: „Ich rufe aber Gott zum Zeugen an bei meinem Leben, dass ich nur, um euch zu schonen, nicht mehr nach Korinth gekommen bin.“ (2 Kor 1,23) „Was ich euch hier schreibe – siehe, bei Gott, ich lüge nicht.“ (Gal 1,20) Im Katechismus heißt es dazu:

„2154 In Anlehnung an den hl. Paulus [Vgl. 2 Kor 1,23; Gal 1,20.] hat die Überlieferung der Kirche das Wort Jesu so verstanden, daß es den Eid dann, wenn er sich auf eine schwerwiegende und gerechte Sache (z. B. vor Gericht) bezieht, nicht verbietet. ‚Ein Eid, das ist die Anrufung des göttlichen Namens als Zeugen für die Wahrheit, darf nur geleistet werden in Wahrheit, Überlegung und Gerechtigkeit‘ (CIC, can. 1199, § 1).

2155 Die Heiligkeit des Namens Gottes verlangt, daß man ihn nicht um belangloser Dinge willen benutzt. Man darf auch keinen Eid ablegen, wenn er aufgrund der Umstände als eine Billigung der Gewalt, die ihn ungerechterweise verlangt, verstanden werden könnte. Wenn der Eid von unrechtmäßigen staatlichen Autoritäten verlangt wird, darf er verweigert werden. Er muß verweigert werden, wenn er zu Zwecken verlangt wird, die der Menschenwürde oder der Gemeinschaft der Kirche widersprechen.“

Drei Kriterien gelten also für einen Eid: Wahrheit, Überlegung, Gerechtigkeit. Man soll auch einen guten Grund haben, um zu schwören, weil man den Namen Gottes nicht leichtfertig anrufen soll (Überlegung). Wenn jemand ohne guten Grund schwört – aber hier nichts Falsches oder Zweifelhaftes beschwört (Wahrheit) oder etwas Sündhaftes verspricht (Gerechtigkeit) – ist das aber nur lässliche Sünde.

Der hl. Thomas sagt zur Auslegung dieser Stelle aus der Bergpredigt:

„Ich antworte, es könne ein Ding an sich etwas Gutes sein, demjenigen aber zum Übel gereichen, der sich dessen nicht geziemendermaßen bedient. So ist es etwas Gutes, das heilige Abendmahl zu nehmen; wer aber es unwürdig nimmt, der ißt und trinkt sich das Gericht. (1. Kor. 11.) So verhält es sich hier. Der Eidschwur ist an und für sich erlaubt etwas Gutes. Denn 1. ist sein Ursprung gut, da die Menschen der Glaube an die unfehlbare Wahrheit Gottes dazu gebracht hat, den Eid einzuführen; — 2. ist sein Zweck gut; denn der Eidschwur soll den Menschen Recht verschaffen und jeden Streit beenden, nach Hebr. 6. Wer aber ohne Not und ohne gebührende Ursache des Eidschwures sich bedient, dem gereicht er zum Übel. Denn das zeigt, daß der betreffende wenig Achtung vor Gott hat, da er Ihn leichthin zum Zeugen nimmt, was er sich nicht vermesssen würde gegenüber einem anständigen Menschen. Es droht zudem einem solchem leichtsinnigen Schwören die Gefahr des Meineides; denn leicht fällt der Mensch im Sprechen: ‚Wer in seinen Worten nicht fehlt,‘ sagt Jakobus (3, 2.), ‚ist ein vollkommener Mann.‘ Deshalb heißt es Ekkli. 23.: ‚Dein Mund gewöhne sich nicht ans Schwören: denn viel wird darin gefehlt.'“ (Summa Theologiae II/II,89,2)

Und:

„Ich antworte; was nur gesucht wird, damit es einer gewissen Schwäche und einem Mangel abhelfe, kann nicht zu dem gezählt werden was an und für sich erstrebenswert ist, sondern nur als etwas Notwendiges wie die Medizin gesucht wird, um dem Kranken zu helfen. Der Eid wird gefordert, um der Schwäche des Menschen zu Hilfe zu kommen, deren der eine dem anderen nicht glaubt. Der Eid ist also nicht an sich erstrebenswert, sondern wie etwas für das menschliche Leben Notwendige und wer über die Grenzen des Notwendigen hinaus ihn gebraucht, mißbraucht denselben.“ (Summa Theologiae II/II,89,5)

Im Kodex des Kanonischen Rechtes (CIC) heißt es über eidliche Zeugenaussagen und Versprechen:

„Can. 1199 — § 1. Ein Eid, das ist die Anrufung des göttlichen Namens als Zeugen für die Wahrheit, darf nur geleistet werden in Wahrheit, Überlegung und Gerechtigkeit.

§ 2. Der Eid, den die Canones vorschreiben oder zulassen, kann durch einen Vertreter nicht gültig geleistet werden.

Can. 1200 — § 1. Wer freiwillig schwört, etwas tun zu wollen, ist aufgrund der besonderen Pflicht der Gottesverehrung gehalten zu erfüllen, was er durch den Eid bekräftigt hat.

§ 2. Ein aufgrund von arglistiger Täuschung, Zwang oder schwerer Furcht geleisteter Eid ist von Rechts wegen nichtig.

Can. 1201 — § 1. Der Versprechenseid folgt der Natur und den Bedingungen des Aktes, dem er beigefügt ist.

§ 2. Wenn der Eid einem Akt beigefügt wird, der unmittelbar zum Schaden anderer, zum Nachteil des öffentlichen Wohls oder des ewigen Heils führt, erfährt der Akt dadurch keine Bekräftigung.

Can. 1202 — Die durch Versprechenseid entstandene Verpflichtung entfällt:

1° wenn derjenige verzichtet, zu dessen Gunsten der Eid geleistet wurde;

2° wenn die beschworene Sache sich wesentlich ändert oder infolge veränderter Umstände entweder schlecht oder völlig indifferent wird oder schließlich einem höheren Gut entgegensteht;

3° wenn der Beweggrund oder die Bedingung, unter der der Eid etwa geleistet wurde, weggefallen bzw. nicht eingetreten ist;

4° durch Dispens oder Umwandlung nach Maßgabe des can. 1203.

Can. 1203 — Diejenigen, die ein Gelübde aufschieben, von ihm dispensieren oder es umwandeln können, haben diese Gewalt in gleicher Weise auch hinsichtlich des Versprechenseides; wenn aber die Dispens vom Eid anderen zum Nachteil gereicht und diese es ablehnen, auf die Einhaltung der Verbindlichkeit zu verzichten, kann allein der Apostolische Stuhl vom Eid dispensieren.

Can. 1204 — Der Eid ist eng auszulegen gemäß dem Recht und gemäß der Absicht des Schwörenden bzw., wenn dieser arglistig handelt, gemäß der Absicht dessen, dem der Eid geleistet wird.“

Zu Dispens und Umwandlung weiter unten bei dem, was für Gelübde gilt; „eng auszulegen“ heißt, dass man nur das tun muss, wozu der Eid eindeutig verpflichtet.

Hier behandelt der hl. Thomas außerdem ausführlich die Frage, ob man von jemand anderem einen Eid verlangen darf: Knapp gesagt ja, darf man, vor allem, wenn ein Amtsträger das anhand der Gesetze z. B. vor Gericht tut. Im privaten Kontext darf man von einem anderen einen Eid verlangen, auch wenn das nicht ideal ist, um sich sicherer zu sein, dass er die Wahrheit sagt; wenn man aber schon weiß, dass er falsch schwören wird, darf man ihn in diesem Fall nicht dazu treiben, einen Meineid zu leisten.

Ein fingierter Eid ist ungültig, aber für den, der ihn geleistet hat, kann es die Verpflichtung geben, den, den er damit getäuscht hat, zu entschädigen.

 

Dann geht es beim 2. Gebot, wie gesagt, um Gelübde. Während ein Eid gegenüber einem Menschen abgelegt werden und sich auf alles mögliche beziehen kann (Eid auf eine Verfassung, „ich schwöre dir bei Gott, dass ich dir bei xyz helfe“, usw. usf.), ist das Gelübde eine speziellere Form des Versprechens: ein Gott gemachtes Versprechen betreffs einer möglichen und guten Sache, die besser ist als ihr Gegenteil. Das Gelübde ist noch mehr als der Eid ein Akt der Gottesverehrung. Es gibt öffentliche, von vielen abgelegte, kirchlich regulierte Gelübde wie die Ordensgelübde, aber jemand kann sich auch durch ein privates Gelübde z. B. dazu verpflichten, eine bestimmte Wallfahrt zu machen.

Der hl. Thomas sagt über den Nutzen von Gelübden:

„Gott aber versprechen wir zu unserem eigenen Nutzen. Deshalb sagt Augustin I. c.: ‚In seiner Güte fordert Er das Ihm Gelobte, nicht weil Er dessen bedürfte; nichts wächst Ihm zu aus dem, was wir Ihm schulden. Aber die Ihm etwas schulden, die läßt Er wachsen in allem Guten. Was Ihm gegeben wird, das wird hinzugefügt zu dem, was Er uns entgilt.‘ Da wir also Gott etwas geloben zu eigenem Nutzen, damit nämlich unser Wille unverrückbar fest werde in dem, was zu thun heilsam ist; deshalb ist es nützlich, etwas zu geloben.“ (Summa Theologiae II/II,88,4)

Er sieht für den Nutzen von Gelübden drei hauptsächliche Gründe: 1) Das Gelübde ist ein Akt der Gottesverehrung; Fasten o. Ä. aufgrund eines Gelübdes ist verdienstvoller als ohne Gelübde, weil es Gott besonders geweiht wird. 2) Wer etwas gelobt, gibt Gott nicht nur dieses einzelne Werk an sich, sondern er nimmt sich selbst die Möglichkeit, sich in Zukunft wieder dagegen entscheiden; es ist also ein größeres Opfer. „So würde jemand seinem Freunde mehr geben, der ihm den ganzen Baum mitsamt den Früchten, als jener, der bloß die Früchte gäbe (Anselmus de Similitud. c. 84.).“ (Summa Theologiae II/II,88,6) 3) Das Gelübde hilft bei der Festigung des Willens im Guten.

Es gibt keine moralische Verpflichtung, irgendwelche Gelübde zu machen; aber gemachte sind bindend. „Es ist besser, wenn du nichts gelobst, als wenn du etwas gelobst und nicht erfüllst.“ (Kohelet 5,4)

Im CIC heißt es:

„Can. 1191 — § 1. Ein Gelübde, das ist ein Gott überlegt und frei gegebenes Versprechen, das sich auf ein mögliches und besseres Gut bezieht, muß kraft der Tugend der Gottesverehrung erfüllt werden.

§ 2. Wenn es nicht vom Recht verboten ist, sind alle fähig, Gelübde abzulegen, die den entsprechenden Vernunftgebrauch besitzen.

§ 3. Ein Gelübde, das aufgrund schwerer und unrechtmäßig eingeflößter Furcht oder aufgrund arglistiger Täuschung abgelegt wurde, ist von Rechts wegen nichtig.“

Und:

„Can. 1193 — Das Gelübde verpflichtet aufgrund seiner Natur nur denjenigen, der es ablegt.“

Zu einem Gelübde gehören, um es ausführlich zu erklären, also folgende Bedingungen:

  • Die Sache wird eindeutig gelobt, es handelt sich nicht um einen bloßen Vorsatz. War es ein ausdrückliches und festes, klares Versprechen, kein möglicherweise schwankendes Vornehmen, und vor allem: wollte man sich unter Sünde binden, z. B. auf diese Pilgerfahrt zu gehen?
  • Die Sache wird Gott versprochen (wer bei einem Heiligen o. Ä. gelobt, gelobt es normalerweise Gott quasi durch diesen Heiligen).
  • Derjenige ist sich bewusst, was er gelobt, also was das Wesen der Sache ist, die er gelobt; ein Beispiel: Jemand muss in etwa wissen, was die Ehe ist, bevor er Ehelosigkeit geloben kann. Auch wenn jemand sich über entscheidende Umstände irrt – z. B. einen bestimmten kurzen Pilgerweg gehen wollte, und dann merkt, dass der doppelt so weit ist, wie er dachte – muss er das Gelübde nicht erfüllen; das Gleiche gilt bei einem Irrtum über das entscheidende Motiv für das Gelübde, also wenn z. B. jemand ein Gelübde abgelegt hat für den Fall, dass ein Angehöriger wieder gesund wird, und dann herauskommt, dass der nur vorgetäuscht hat, krank zu sein. Alle einzelnen Nebenumstände einer Sache muss man aber nicht kennen, damit ein Gelübde gültig ist.
  • Derjenige ist mindestens desselben Vernunftgebrauchs fähig, der nötig ist, um eine schwere Sünde begehen zu können; Kinder, geistig Behinderte, durch Alkohol oder Drogen in ihrem Vernunftgebrauch Eingeschränkte, Personen im Halbschlaf etc. können grundsätzlich keine Gelübde ablegen.
  • Die Sache ist für einen persönlich möglich, ist etwas moralisch Gutes (niemand kann sich zu einer Sünde verpflichten; und etwas Indifferentes zu geloben macht keinen Sinn) und ist besser als ihr Gegenteil (z. B. ist es besser, ein regelmäßiges Almosen zu geben als es nicht zu geben; es ist es besser, ehelos zu bleiben als zu heiraten); wenn man schon ein Gelübde macht, soll es einen auch zu etwas Höherem führen. Eine Sache kann entweder an sich oder durch die Umstände besser sein als ihr Gegenteil; z. B. kann es durch die Umstände besser werden, bestimmte Situationen zu vermeiden, die einen persönlich negativ beeinflussen, auch wenn sie an sich indifferent sind. „Möglich“ heißt nicht nur „physisch möglich“, sondern auch „moralisch möglich“; dieser Fachbegriff meint so etwas wie „praktisch sinnvollerweise durchführbar“. Wenn z. B. jemand gelobt hat, zur Werktagsmesse zu gehen, aber Bauchschmerzen oder eine ansteckende Grippe hat, wäre es ihm zwar physisch vielleicht möglich, sich in die Kirche zu schleppen, aber es wäre nicht „moralisch möglich“, weil zu unverhältnismäßig anstrengend (und bei der Grippe evtl. schädlich für andere Kirchgänger).
  • Wenn man merkt, dass ein Teil des Gelübdes erfüllbar und ein anderer nicht erfüllbar ist, kommt es darauf an, ob man den Gegenstand sinnvollerweise „teilen“ kann; wenn ja, muss der erfüllbare Teil noch erfüllt werden – wenn z. B. jemand gelobt hat, jeden Dienstag und Donnerstag zur Werktagsmesse zu gehen, und dann an eine Arbeitsstelle versetzt wird, an der er jeden Dienstag zu der Uhrzeit arbeiten muss, zu der die Messe stattfindet, kann er den einen Teil nicht mehr erfüllen, aber den anderen schon noch; am Donnerstag muss er also noch zur Werktagsmesse gehen. Wenn der erfüllbare und der unerfüllbare Teil eine Einheit bilden, gilt das nicht – wenn z. B. jemand eine Wallfahrt nach Jerusalem machen wollte, aber kein Visum für Israel bekommt, muss er nicht bis zu den israelischen Landesgrenzen pilgern und dann umkehren, sondern kann die Wallfahrt ganz lassen. (Etwas weit hergeholte Beispiele, ich weiß.)
  • Wenn ein Gelübde mit einer bestimmten Bedingung abgelegt wird (z. B.: „ich gelobe, wenn ich gesund werde, diese Pilgerfahrt zu machen“), gilt es natürlich nur, wenn die Bedingung auch eintritt. Wer, weil er sein Gelübde bereut, bewusst verhindert, dass eine Bedingung eintritt, sündigt gegen sein Gelübde und muss diese Sünde bereuen und bekennen; aber wenn die Bedingung nicht da ist, muss er die Sache streng genommen trotzdem nicht mehr erfüllen.
  • Ein Gelübde ist ungültig, wenn es wegen ungerecht eingeflößter schwerer Furcht abgelegt wurde (gerechtfertigte Furcht ist dabei nicht gemeint; wenn jemand z. B. die in diesem Fall normale Angst hat, an seiner schweren Krankheit zu sterben, kann er ein gültiges Gelübde für den Fall seiner Heilung ablegen; aber wenn z. B. jemand einen bedroht („Wenn du nicht das Gelübde ablegst, tue ich dir das und das an“), kann das Gelübde nicht gültig sein).
  • Wenn jemand aus krankhafter Angst, aus irgendeiner psychischen Störung heraus meint, Gelübde ablegen zu müssen (was öfter bei Skrupulanten der Fall ist), ist das Gelübde nicht gültig. Hier Genaueres dazu, was Skrupulanten bei diesem Thema beachten müssen.
  • Mit einem Gelübde kann man nur sich selbst binden, nicht z. B. seine Kinder oder andere. (Aber wenn z. B. ein Ordensoberer gelobt, in seiner Ordensgemeinschaft etwas einzuführen, das einzuführen er die Autorität hat, müssen die anderen Ordensmitglieder natürlich wie immer gehorchen (wegen der allgemeinen Gehorsamsverpflichtung, nicht wegen dem Gelübde); auch, wenn jemand für sein Erbe bestimmte Bestimmungen gelobt, sind die, die das Erbe annehmen, dadurch gebunden; wenn jemand eine bestimmte Spende gelobt hat, aber stirbt, bevor er sie machen kann, müssen die Erben sie machen.)
  • Auch etwas sowieso schon moralisch Verpflichtendes kann gelobt werden; der Moraltheologe Karl Hörmann sagt dazu: „ein solches Gelübde hätte den Sinn, das gebotene Verhalten ausdrückl. in die Gottesverehrung einzubeziehen und die Bereitschaft zu ihr zu bestärken“. Hier würde die Verpflichtungskraft dieser verpflichtenden Sache noch mal verstärkt, und es wäre dann nicht nur eine sonstige Sünde, sondern auch ein Gelübdebruch, sie von da an zu unterlassen. Aber hauptsächlich geht es bei Gelübden sinnvollerweise um die sog. Werke der Übergebühr, die an sich nicht moralisch verpflichtend sind.

Es gibt verschiedene Arten von Gelübden:

„Can. 1192 — § 1. Ein Gelübde ist öffentlich, wenn es im Namen der Kirche von einem rechtmäßigen Oberen entgegengenommen wird, anderenfalls ist es privat.

§ 2. Feierlich ist ein Gelübde, wenn es als solches von der Kirche anerkannt worden ist, anderenfalls ist es einfach.

§ 3. Persönlich ist ein Gelübde, wenn eine Leistung des Gelobenden versprochen wird; es ist dinglich, wenn irgendeine Sachleistung versprochen wird; gemischt ist es, wenn es sowohl persönlicher wie dinglicher Art ist.“

Ein Gelübde verpflichtet unter schwerer oder lässlicher Sünde, je nach der Intention des Gelobenden oder nach der gelobten Sache.

Man kann sich nicht unter schwerer Sünde verpflichten, etwas Unbedeutendes zu erfüllen (z. B.: ein Ave Maria sprechen, 5 Euro spenden); bei einer wichtigen Sache kann man sich je nach Intention unter schwerer oder lässlicher Sünde dazu verpflichten. Wenn man dazu keine bestimmte Intention hatte, gilt, dass eine wichtige Sache unter schwerer Sünde verpflichtet. (Wichtige Sachen sind Sachen, die die Kirche auch mal vorschreibt – z. B. zur Messe / zur Kommunion gehen, zur Beichte gehen, fasten (und bei denen man eben gelobt, sie öfter als vorgeschrieben zu erfüllen), oder solche, die etwas Großes zur Verherrlichung Gottes beitragen (z. B. Gelübde der ehelosen Keuschheit, der Armut, des Gehorsams), oder für einen selbst oder andere von großer Nützlichkeit sind (z. B. große Spenden).)

Bei der Interpretation eines Gelübdes, bei dem man sich vorher nicht in allen Einzelheiten überlegt hatte, was genau man geloben wollte, kann man der mildesten Interpretation folgen; wenn z. B. jemand versprochen hat, drei Wochen lang zu fasten, kann er sich an den Tagen, an denen die kirchlichen Fastenregeln Fastende sonst vom Fasten entschuldigen (z. B. an Sonntagen) vom Fasten entschuldigt sehen.

Wenn man ein Gelübde, für das man keinen bestimmten Zeitpunkt festgesetzt hatte, längere Zeit hinausschiebt, ist das nur lässliche Sünde, außer, wenn die realistische Gefahr besteht, dass der Wert des Gelübdes später verringert ist, oder es nicht mehr erfüllbar ist, oder man es vergisst.

Wenn man ein Gelübde länger nicht erfüllt hat und es dann nicht mehr möglich ist, es zu erfüllen, hört die Verpflichtung auf und man muss es prinzipiell auch durch kein anderes Gelübde ersetzen; trotzdem war das eine Sünde, die bereut werden muss; und was man noch erfüllen kann, muss man erfüllen. Der hl. Thomas schreibt:

„Wird das Gelobte unmöglich, so muß der betreffende thun was er kann, damit er wenigstens seinen guten Willen zeige. Wer also in einen Orden einzutreten gelobt hat, muß sein Möglichstes thun, um aufgenommen zu werden. Und hat er sich an erster Stelle zu keinem bestimmten Orden verpflichten wollen, so muß er, wenn ihm der Eintritt in dem einen Kloster verweigert wird, suchen, in ein anderes aufgenommen zu werden. Hat er aber sein Gelübde nur auf einen bestimmten Orden gerichtet wegen des Wohlgefallens an der da herrschenden Lebensart; so ist er zu Weiterem nicht verpflichtet, falls er daselbst keine Aufnahme findet. Ist es jedoch seine eigene Schuld, daß der Eintritt in einen Orden ihm unmöglich geworden, so muß er noch dazu diese seine Schuld bereuen und büßen; gleichwie die Jungfrau, welche, nachdem sie Jungfräulichkeit gelobt, verletzt worden, nicht nur das, was ihr möglich ist, thun, d. h. beständige Enthaltsamkeit beobachten, sondern auch wegen dessen, was sie durch die Sünde verloren, Buße thun muß.“ (Summa Theologiae II/II,88,3)

Die Verpflichtung eines Gelübdes kann in folgenden Fällen aufhören:

„Can. 1194 — Ein Gelübde erlischt durch Ablauf der Zeit, die als Endpunkt der Verpflichtung festgesetzt wurde, durch wesentliche Veränderung des versprochenen Gegenstandes, durch Wegfall bzw. Nichteintritt der Bedingung, von der das Gelübde abhängt, oder seines Beweggrundes, durch Dispens und durch Umwandlung.

Can. 1195 — Wer die Gewalt über den Gegenstand des Gelübdes hat, kann die Erfüllung der Verpflichtung so lange aufschieben, wie die Erfüllung des Gelübdes ihm zum Nachteil gereicht.

Can. 1196 — Außer dem Papst können aus gerechtem Grund von privaten Gelübden dispensieren, unter der Voraussetzung, daß die Dispens nicht wohlerworbene Rechte Dritter verletzt:

1° der Ortsordinarius und der Pfarrer alle ihnen Untergebenen wie auch die Fremden;

2° der Obere eines Ordensinstituts bzw. einer Gesellschaft des apostolischen Lebens, wenn sie klerikale Verbände päpstlichen Rechts sind, die Mitglieder, die Novizen und die Personen, die Tag und Nacht in der Niederlassung des Instituts bzw. der Gesellschaft leben;

3° diejenigen, denen der Apostolische Stuhl oder der Ortsordinarius die Dispensvollmacht übertragen hat.

Can. 1197 — Die durch ein privates Gelübde versprochene Leistung kann vom Gelobenden selbst in ein besseres oder gleichwertiges Gut umgewandelt werden; in eine mindere Leistung aber von dem, der die Dispensvollmacht nach Maßgabe des can.1196 hat.

Can. 1198 — Die vor einer Ordensprofeß abgelegten Gelübde bleiben so lange in der Schwebe, wie der Gelobende in dem Ordensinstitut bleibt.“

(Der Ortsordinarius ist i. d. R. der Bischof; Can. 1198 meint, dass jemand, der in einen Orden eintritt, durch früher abgelegte Gelübde nicht mehr verpflichtet ist, solange er in dem Orden bleibt.)

Wenn man ein privates Gelübde gemacht hat, das sich als unüberlegt herausstellt, kann man also den Pfarrer (Achtung: nicht jeden Priester, nur einen Pfarrer) bitten, einen zu dispensieren, d. h. davon zu entbinden, oder es einen durch etwas Geringeres ersetzen zu lassen; oder man ersetzt es einfach selbst durch ein gleichwertiges oder besseres Werk; bei öffentlichen, feierlichen Gelübden – wie den Ewigen Gelübden in einem Orden – geht es natürlich nicht so leicht.

Für Dispens von einem Privatgelübde braucht es einen „gerechten Grund“; das ist in der Kirchenrechtssprache eine Stufe unter dem „schwerwiegenden Grund“ und noch eine unter dem „sehr schwerwiegenden Grund“. Ein gerechter Grund ist nicht arg schwer zu finden, aber man darf nicht einfach ohne Grund um Dispens bitten. (Natürlich kann man das Gelübde immer einfach so durch ein besseres ersetzen, wenn man das will, aber keinen Grund für Dispens findet.)

Der hl. Thomas sagt über Dispense, dass solche, die offensichtlich ohne jeden Grund gegeben werden, denjenigen nicht von der moralischen Verpflichtung seines Gelübdes entschuldigen; im Zweifelsfall kann die zuständige Autorität aber dispensieren:

„Also würde in Dingen, die offenbar vorliegen und keinen Zweifel zulassen, die Dispens des Oberen von der Schuld nicht freisprechen; z. B. wenn der Obere dispensieren wollte jemanden vom Gelübde in einen Orden zu treten, während keinerlei Grund für die Dispens vorliegt. Erscheint aber ein Grund, welcher die Sache zum mindesten zweifelhaft macht, so kann der untergebene mit dem Urteile des Oberen sich begnügen, der da dispensiert oder das Gelübde umwandelt. Er darf aber nicht mit seinem eigenen Urteile sich begnügen, denn er vertritt nicht die Macht Gottes; es müßte denn das, was er gelobte, offenbar unerlaubt und ein Befragen des Oberen unmöglich sein.“ (Summa Theologiae II/II,88,12)

Und über Gelübde bzgl. Fasten u. Ä., die sich z. B. als gesundheitsschädlich herausstellen:

„Leidet die Natur offenbar sehr unter solchen Gelübden, so ist der Mensch zu ihrer Beobachtung nicht verpflichtet; auch wenn es ihm nicht freisteht, den Oberen um seinen Rat oder Dispens zu fragen. Die Gelübde, welche auf unnütze Dinge sich beziehen, sind vielmehr zu verlachen wie zu beachten.“ (Summa Theologiae II/II,88,2)

Wenn ein berechtigter Zweifel besteht, ob ein einfaches, privates Gelübde gültig / noch bindend ist, besteht keine Verpflichtung.

 

Dann noch zu weiteren Verwendungen des Gottesnamens:

Das Beschwören, lat. adiuratio, also jemanden mit Anrufung Gottes dazu bewegen wollen, etwas zu tun („ich beschwöre dich bei Gott, hilf mir!“, „ich verlange von dir in Gottes Namen, dass du das lässt!“) ist erlaubt aus einem angemessenen Motiv und wenn es ernsthaft gemeint ist (unernstes oder unbegründetes Beschwören ist aber nur lässliche Sünde), und natürlich wenn die Sache, die man erreichen will, moralisch erlaubt ist; auf diese Weise etwas Falsches erreichen zu wollen, ist zumindest dann, wenn es sich um etwas schwer Sündhaftes handelt, schwere Sünde. (Moralisch zwingen kann man jemanden damit an sich natürlich auch nicht.)

Auch der Exorzismus ist eine Art Beschwören – dem Dämon wird bei Gott befohlen (hier handelt es sich um einen Befehl, nicht eine Bitte wie bei Menschen), die von ihm belästigte Person zu verlassen – ; er ist allerdings nur beauftragten Priestern erlaubt; vgl. dazu diese Vorschrift im CIC:

„Can. 1172 — § 1. Niemand kann rechtmäßig Exorzismen über Besessene aussprechen, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat.

§ 2. Diese Erlaubnis darf der Ortsordinarius nur einem Priester geben, der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet.“

 

Außerdem ist das 2. Gebot gerichtet  falsches Verfluchen („Gott strafe dich dafür, dass du mir bei dem Diebstahl in die Quere gekommen bist!“, „Ich hasse dich, Gott soll dich ewig verdammen!“). Fluchen, maledicere, „Schlechtes sagen, schlechtreden“ meint verdammen, Schlechtes wünschen, um Schlechtes beten. (Es kommt für die moralische Beurteilung nicht auf die Effektivität des Wunsches an (Gott erhört natürlich keine falschen Gebete), sondern auf den Wunsch an sich.)

Das falsche Verfluchen ist je nach der Schwere dessen, was es betrifft, und der Intention (überlegt oder unüberlegt etc.) schwere oder lässliche Sünde. (Ausdrücke wie „Soll dich doch der Teufel holen“ dürften oft nur lässliche Sünden sein, weil nicht ernst gemeint – wobei der Ausdruck an sich schon sehr falsch ist.)

Tatsächlich ist laut dem hl. Thomas aber nicht jedes „Verfluchen“ falsches Verfluchen. Er schreibt:

„Wenn jemand somit dem anderen Übles wünscht oder es befiehlt, insoweit dieses ein Übel, also sein Augenmerk auf das Übel selber als solches gerichtet ist, so ist in beiderlei Weise das Verwünschen oder Verfluchen unerlaubt; — und das nennt man im eigentlichen Sinne: Verfluchen. Wenn aber das Üble gewünscht wird unter dem Gesichtspunkte des Guten, so ist dies erlaubt; denn dann richtet sich die Hauptabsicht auf das Gute.

Nun kann man, wenn man Übles wünscht, sei es in befehlender oder wünschender Weise, dies unter dem Gesichtspunkte eines doppelten Gutes thun: 1. unter dem Gesichtspunkte des Gerechten; — und so verwünscht oder verflucht der Richter jenen, der eine gerechte Strafe tragen soll; oder die Kirche, insofern sie jemanden mit dem Anathem belegt; oder die Propheten, welche nach der Schrift, der Richtschnur des gerechten Willens Gottes gleichförmig, die Sünder verfluchen, obwohl dies auch als Vorhersagung aufgefaßt werden kann; — 2. unter dem Gesichtspunkte des Nützlichen, wie wenn man dem Sünder eine Krankheit oder Ähnliches wünscht, damit er besser werde oder wenigstens anderen zu schaden aufhöre.“ (Summa Theologiae II/II,76,1)

(Auch in einem anderen Abschnitt der Summa, wo er die Vergeltung, also das Zufügen eines Übels zur Strafe, an sich behandelt, erklärt Thomas sie dann – und nur dann – für gerechtfertigt, wenn sie auf etwas Gutes wie die Besserung des Sünders, die Verhinderung weiterer schlechter Taten durch ihn, die Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit oder die Ehre Gottes gerichtet ist.)

Solches laut Thomas gerechtfertigtes Verfluchen kann man vielleicht eher ein „Gebet um Gerechtigkeit“ nennen; tatsächlich enthalten schon die sog. Fluchpsalmen in der Bibel Bitten an Gott, einem gegen ungerechte Bedränger zu Hilfe zu kommen und sie zu bestrafen. Nun ist das eine etwas komplizierte Angelegenheit, diese Psalmen sind im Alten Testament und werden im Neuen Bund gerne auch geistlich ausgelegt (Feinde = Sünde & Teufel statt bestimmte Menschen), und zu ihrer Auslegung gibt es verschiedene Meinungen; was jedenfalls immer falsch ist, ist 1) jemandem die ewige Verdammnis wünschen, 2) jemandem Schaden um des Schadens willen wünschen.

 

Außerdem verbietet das 2. Gebot die Blasphemie (Gotteslästerung) und einen respektlosen Gebrauch des Namens Gottes.

Im Katechismus heißt es:

„2148 Gotteslästerung ist ein direkter Verstoß gegen das zweite Gebot. Sie besteht darin, daß man – innerlich oder äußerlich – gegen Gott Worte des Hasses, des Vorwurfs, der Herausforderung äußert, schlecht über Gott redet, es in Worten an Ehrfurcht vor ihm fehlen läßt und den Namen Gottes mißbraucht. Der hl. Jakobus tadelt jene, ‚die den hohen Namen [Jesu] lästern, der über euch ausgerufen worden ist‘ (Jak 2,7). Das Verbot der Gotteslästerung erstreckt sich auch auf Worte gegen die Kirche Christi, die Heiligen oder heilige Dinge. Gotteslästerlich ist es auch, den Namen Gottes zu mißbrauchen, um verbrecherische Handlungen zu decken, Völker zu versklaven, Menschen zu foltern oder zu töten. Der Mißbrauch des Namens Gottes zum Begehen eines Verbrechens führt zur Verabscheuung der Religion.

Gotteslästerung widerspricht der Ehrfurcht, die man Gott und seinem heiligen Namen schuldet. Sie ist in sich eine schwere Sünde [Vgl. CIC, can. 1369].

2149 Flüche, die den Namen Gottes ohne gotteslästerliche Absicht mißbrauchen, sind ein Mangel an Ehrfurcht vor dem Herrn. Das zweite Gebot untersagt auch den magischen Gebrauch des Namens Gottes.“

Die wirkliche Blasphemie meint, wie in Nr. 2148, deutlich wird, solche Ausdrücke wie „Ich hasse Gott“, „Gott ist ungerecht“, „Gott kann mir gestohlen bleiben“ (oder schlimmeres); auch eine Verächtlichmachung des Heiligen z. B. durch bestimmte Theaterstücke, Kunstwerke, Plakate u. Ä. ist Blasphemie. Ein Scherz mit irgendeinem Bezug auf heilige Dinge, bei dem es nicht darum geht, das Heilige verächtlich zu machen, ist keine Blasphemie („Wieso sind die Israeliten 40 Jahre durch die Wüste gewandert? Weil Männer nicht nach dem Weg fragen“). Bloße Gedanken mit blasphemischem Inhalt, denen man nicht mit dem Willen zustimmt, sondern die einem ungewollt in den Kopf kommen, sind noch keine Sünde. Die Gotteslästerung ist an sich schwere Sünde, aber laut Thomas können unüberlegt z. B. aus Schock geäußerte Blasphemien im Einzelfall nur lässliche Sünde sein (also wenn z. B. jemand bei einem Schicksalschlag im Schmerz ohne nachzudenken sagt „Wie kann Gott nur so ungerecht sein!“).

Der unehrfürchtige Gebrauch des Gottesnamens / heiliger Namen ohne gotteslästerliche Absicht (s. Nr. 2149) aus Überraschung oder gerechtem Zorn („Himmelherrgottnochmal!“)  ist nur lässliche Sünde; ein solcher Gebrauch aus ungerechtem Zorn o. Ä. („Sakrament nochmal, jetzt lass mich doch in Ruhe!“) wäre normalerweise im Einzelfall auch lässliche Sünde, wenn auch eine der schwereren unter den lässlichen. (Noch weniger ist es blasphemisch, den Namen des Teufels im Zorn zu gebrauchen („Teufel nochmal“).) „Jesus, Maria und Josef, was ist da passiert!“ oder „Oh mein Gott!“ dürfte eher eine Art „informelles Gebet“ sein und damit keine Sünde; allerdings gibt es Länder, wo das als unehrfürchtig gilt (z. B. halten viele US-amerkanische Christen „Oh my God!“ oder „Jesus!“ für unehrfürchtig), und dort wäre es wohl besser, diese Ausdrücke zu unterlassen, um nicht falsch verstanden zu werden.

Insgesamt ist die Frage, wann unehrfürchtiger Gebrauch des Gottesnamens lässliche oder schwere Sünde ist, leider ein bisschen umstritten unter den Moraltheologen; manche stellen auch die Frage auf, ob eine unbekämpfte Angewohnheit, solche Ausdrücke zu verwenden, irgendwann schwere Sünde wird. Aber man kann wohl schon sagen: Der einzelne unbedachte Gebrauch heiliger Namen aus Zorn, Überraschung und ähnlichen Motiven, bei dem man nicht gegen Gott wettern will, sie nicht verwendet, speziell weil man etwas Heiliges in den Dreck ziehen will, und mit ihnen keine Blasphemie ausdrückt, ist lässliche Sünde.

In Can. 1369, auf den der Katechismus verweist, heißt es:

„Wer in einer öffentlichen Aufführung oder Versammlung oder durch öffentliche schriftliche Verbreitung oder sonst unter Benutzung von sozialen Kommunikationsmitteln eine Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt, gegen die Religion oder die Kirche Beleidigungen ausspricht oder Haß und Verachtung hervorruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden.“

Den Namen Gottes vorschnell für eigene Ideen in Anspruch zu nehmen („Jesus würde bei der nächsten bayerischen Landtagswahl hundertprozentig nur die Freien Wähler wählen“) kann auch ein unehrfürchtiger Gebrauch des Namens Gottes sein; noch viel mehr gilt das für Dinge, von denen man durch die Offenbarung eindeutig weiß, dass sie Gott missfallen („Die Einführung des Frauenpriestertums wäre der Wille Gottes“); was natürlich nicht heißt, dass man sich nie auf Gott berufen darf. Abusus non tollit usum; der Missbrauch macht den Gebrauch nicht schlecht. „Ich denke, dass es Gott gefallen würde, wenn wir dieses gute Werk tun“ wäre selbstverständlich kein falscher Gebrauch des Gottesnamens.

Das 2. Gebot ist also nicht nur, wie oben erwähnt, gegen falsches Verfluchen, sondern auch gegen falsches Gutheißen im Namen Gottes und falsches Segnen gerichtet. Segnen, lat. benedicere heißt wörtlich „Gutes sagen, gutreden, Gutes wünschen, Gutes herabrufen“; und man darf nicht Gottes Segen auf etwas herabrufen, das Gott nicht gefällt. Ein Beispiel für falsches Segnen wäre, was in einzelnen Fällen in den USA schon vorgekommen ist, dass protestantische Pastoren Abtreibungskliniken segnen.

Ein solcher Gebrauch des Gottesnamens kann je nach Schwere der Angelegenheit schwere oder lässliche Sünde sein (bei dem Beispiel mit den Freien Wählern wohl eher lässliche, bei dem mit der Abtreibungsklinik schwere).

Es gibt in der Kirche öfter die Diskussion, ob man Paare, die in dauernder Sünde leben (z. B. wiederverheiratet-geschiedene oder homosexuelle Paare) segnen könnte, wobei manchmal das Argument „sie als Personen kann man ja segnen, auch ohne die Beziehung zu segnen“ kommt. Hier kommt es darauf an, ob das Argument denn wirklich gilt. Wenn eine wiederverheiratet-geschiedene Person sich bei einem Primizsegen oder Blasiussegen anstellt, bekommt sie  ganz eindeutig einfach den Segen als Person, alles in Ordnung; wenn sie den Pfarrer aber zu ihrem „Hochzeitstag“ einlädt und er dort sie und ihren Partner segnet, ist es wahrscheinlich, dass das von ihr oder anderen als Segen für ihre Beziehung verstanden wird, was nicht in Ordnung wäre. Oder wenn eine Pfarrei eine Messe mit angebotenem Segen speziell für Schwule und Lesben am Vorabend des Christopher-Street-Day veranstalten würde: Das würde von der Öffentlichkeit ziemlich sicher als implizites Gutheißen der Auslebung der homosexuellen Neigung empfunden werden und damit die Botschaft verkünden „Aha, endlich ändert sich die Kirche“ o. Ä. (Das wäre offensichtlich etwas völlig anderes als wenn ein Apostolat für enthaltsam lebende homosexuell empfindende Katholiken wie „Courage“ einen Gottesdienst veranstalten würde.)

 

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4c: Das 1. Gebot – was die Tugend der Gottesliebe praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

In Teil 4a habe ich mehr zum Glauben gesagt, in Teil 4b zur Hoffnung; jetzt etwas mehr zur göttlichen Tugend der (Gottes-)Liebe.

(Noch einmal zur Erinnerung: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.)

Die Liebe (lateinisch caritas, griechisch agape; nicht zu verwechseln mit eros oder anderen Formen der Liebe) ist wie der Glaube und die Hoffnung eine übernatürliche, von Gott „eingegossene“ Tugend; also keine, die mit den rein natürlichen menschlichen Kräften  zu erreichen ist; mithilfe von Gottes Gnade selbstverständlich trotzdem für jeden möglich. Zu ihr gehören die Gottesliebe, die Nächstenliebe und die Selbstliebe, gemäß den Worten Jesu: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22,37-39)

Hier nur näher zu dem, was die Gottesliebe konkret meint; die Nächsten- und die Selbstliebe kommen im 4.-10. Gebot ins Spiel und sind für diese Gebote die Grundlage wie die Gottesliebe für das 1.-3.

 

Was bedeutet „Gottesliebe“ überhaupt? Ich bin hier schon einmal ausführlich darauf eingegangen, dass die Nächsten- und Selbstliebe eine grundsätzliche Bejahung, ein grundsätzliches Wohlwollen, ein Sehen des Wertes eines Menschen bedeuten. Gott kann man nun zwar im Grunde genommen nichts Gutes tun (Er braucht einen nicht), sehr wohl aber kann man Ihn als das höchste Gut, als den einzigen im echten Sinne Guten und aller Liebe und Anbetung Werten anerkennen, sich vornehmen, Ihm den höchsten Platz im Leben einzuräumen (also Ihm zu gehorchen, wenn es zum Konfliktfall kommt), Ihm gefallen wollen, wünschen, Ihn zu sehen und mit Ihm eins zu werden. Der hl. Thomas sagt schon, dass jede Liebe – ob menschliche Freundschaft oder andere Formen der Liebe – eine Art Vereinigung mit dem Geliebten beinhaltet.

Auch Nächsten- und Selbstliebe folgen eigentlich gleich direkt aus der Gottesliebe, da der, der Gott liebt, auch alles lieben muss, was Gott geschaffen hat, liebt und zu lieben befiehlt.

So, wie man ab und zu einen „Akt des Glaubens“ oder einen „Akt der Hoffnung“ setzen muss, so auch einen „Akt der Liebe“; also die Entscheidung zur Gottesliebe treffen. (Ein bewusster Akt der Liebe kann z. B. so aussehen: „Herr und Gott, ich liebe dich über alles und meinen Nächsten um deinetwillen. Denn du bist das höchste, unendliche und vollkommenste Gut, das aller Liebe würdig ist. In dieser Liebe will ich leben und sterben. Amen.“(Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)) Aber ebenso wie beim Glauben und der Hoffnung setzt der Christ im Normalfall automatisch immer wieder zumindest implizit Akte der Gottesliebe (z. B. beim Gebet). Ein (zumindest impliziter) Akt der Gottesliebe gehört auch zur Liebesreue, die nötig ist, um Gottes Vergebung für schwere Sünden zu erlangen, wenn man (noch) nicht zur Beichte kommt; außerdem braucht es die Gottesliebe besonders dann, wenn man ohne sie eine Versuchung nicht überwinden kann.

 

Sünden gegen die Gottesliebe sind (naheliegendermaßen) das Fehlen der Gottesliebe (also nie oder extrem selten die Gottesliebe erwecken) und der Hass gegen Gott: Was sich z. B. darin äußert, dass man Gott hasst, weil Er etwas verbietet, das man gern tut (oder tun würde); wenn man damit prahlt, etwas getan zu haben, das Gott verbietet; sich wünscht, es würde Ihn nicht geben oder Er wäre nicht gerecht oder allwissend; sich wirklich gegen seine Vorsehung auflehnt; wenn man Ihm gerne schaden würde (wenn das möglich wäre); Seine Ehre angreifen möchte z. B. durch Verfolgung der Kirche oder Blasphemie (Verfolgung der Kirche oder Blasphemie müssen nicht aus Hass auf Gott geschehen, es können auch Dummheit, Gruppenzwang u. Ä. Auslöser sein; sie können es aber); oder Ähnliches.

Wenn ein wirklicher, willentlicher Hass auf Gott da ist, v. a. ein konstanter, sich in Worten und Taten äußernder, ist das offensichtlich eine schwere Sünde; aber es kann wohl auch mal z. B. ein flüchtiges Spielen mit einer Abneigung gegen Gott da sein, die nicht die wirkliche Entscheidung zum Gotteshass beinhaltet, ein gewisses leichtes Hadern mit Gottes Vorsehung, eine Art Zorn auf Gott aus Angst oder Traurigkeit in einer schlimmen Situation, bei der man nicht wirklich Gott hasst oder wirklich an Ihm zweifelt, aber trotzdem Zorn fühlt und ihm ein wenig nachgibt, weil es gerade gut zu tun scheint; was dann lässliche Sünden wären. (Gefühle sind generell noch keine Sünde, sondern Versuchung; wenn die Zulassung des Willens da ist, ist etwas Sünde. Solche Gefühle als Gefühle anerkennen, und sie vor Gott zu bringen, wobei man sich bewusst macht, dass Gott im Endeffekt alles besser weiß und Antworten haben wird, ist genau das Richtige und keine Sünde; mit solchen Gefühlen flirten und sie nicht wirklich vor Gott bringen, ihnen aber auch nicht ganz nachgeben, wohl eher eine lässliche.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4b: Das 1. Gebot – was die Tugend der Hoffnung praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

In Teil 4a habe ich mehr zum Glauben gesagt; jetzt etwas mehr zur göttlichen Tugend der Hoffnung.

(Noch einmal zur Erinnerung: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.)

 

Definieren kann man die Hoffnung folgendermaßen: „Die Hoffnung ist eine übernatürliche, eingegossene Tugend, durch die wir die ewige Seligkeit und die zu ihrer Erlangung notwendigen Mittel von der Allmacht, Güte und Treue Gottes vertrauensvoll erwarten.“* Sie beruht darauf, dass Gott in Seiner Offenbarung Seinen allgemeinen Heilswillen deutlich gemacht hat, dass er ein bestimmtes Versprechen gegeben hat; Gott ist vertrauenswürdig und gut, also ist es das einzig Richtige, auf Ihn zu bauen. Gott wird nie jemanden ohne die hinreichende Gnade lassen, um zu Ihm zu kommen – egal, was derjenige getan hat.

Wie der Glaube es von Zeit zu Zeit erfordert, „Ake des Glaubens zu setzen“, erfordert die Hoffnung es, „Akte der Hoffnung“ zu setzen, also sich für die Hoffnung zu entscheiden. Nötig ist das jedenfalls: Wenn man das Leben bei Gott als Ziel des Lebens erkennt hat; „ebenso wenn man gesündigt hat durch Verzweiflung; wenn man eine Versuchung anders nicht überwinden kann; wenn man ein Gebot erfüllen muß, das einen Akt der Hoffnung zur Voraussetzung hat“**; außerdem öfter mal im Leben.

Ebenso wie beim Glauben tut man das in der Regel schon automatisch und sollte sich deswegen kein Kopfzerbrechen machen.***

Sünden gegen die Hoffnung gibt es dreierlei:

1) Völlige Gleichgültigkeit gegenüber Gott; kein Verlangen danach, Gott zu schauen. Das wäre gegeben, wenn jemand irgendetwas Niedrigeres Gott vorziehen würde, also z. B. lieber ewig auf der Erde leben oder ausgelöscht werden wollen würde als in den Himmel zu kommen. Die Schuld liegt hier darin, dass jemand nicht wirklich darauf vertraut, dass Gott ihm etwas Besseres geben will, in mangelndem Vertrauen, mangelnder Ehrfurcht, mangelnder Dankbarkeit. – Wenn jemand nur so daherredet, ohne es ernst zu meinen, wäre das nur eine lässliche Sünde. Wenn jemand sich nur aus Angst, in die Hölle kommen zu können, denkt, lieber ewig auf der Erde leben zu wollen, fällt das nicht in diese Kategorie, sondern eher unter Nr. 2).

2) Verzweiflung: Diese Sünde besteht darin, dass jemand alle Hoffnung aufgibt, die ewige Seligkeit oder die Mittel dazu erlangen zu können. Sünde ist das deshalb, weil man dem guten Gott abspricht, dass Er gut zu einem sein und Seine Versprechen halten will. Wenn jemand sagt „meine Sünden sind so schwer, dass Gott sie nicht vergeben kann“, ist das nichts anderes als eine schwere Beleidigung Gottes. Gott kann und will alles gut machen, wenn nur der Mensch auch mitmacht, gibt dem Menschen ausreichende Gnade, um mitmachen zu können,und verlangt von ihm nichts, was über seine Kräfte geht.

Es ist wichtig, die Verzweiflung von Dingen zu unterscheiden, die ihr ähnlich sehen. Bloße Angst, Zustände der Apathie, und auch das Gefühl der Verzweiflung sind noch keine Sünde der Verzweiflung, jedenfalls keine schwere, solange die wirkliche Zustimmung des Willens fehlt. Auch wenn jemand, der z. B. versucht, eine bestimmte Gewohnheitssünde aufzugeben, mutlos ist und an seiner eigenen Mitwirkung zweifelt, ist das auch noch nicht gleich dasselbe wie die völlige Verzweiflung. „Verzweiflung“ mit rein irdischen Bezügen (wenn jemand sich z. B. keine Hoffnung mehr macht, jemals von jemand anderem geliebt zu werden, oder es ihm gesundheitlich so schlecht geht, dass er die Hoffnung auf Heilung aufgibt und sich den Tod wünscht) ist das nicht die Sünde der Verzweiflung, weil man hier nicht die Wahrhaftigkeit von Zusagen Gottes leugnet, weil Gott keine derartigen Versprechen über irdische Dinge gemacht hat; Optimismus ist etwas anderes als die Tugend der Hoffnung und nicht von Gott geboten. Diese Art der Verzweiflung ist zwar nicht immer gut, und wenn jemand sich z. B. den Tod wünscht, ist das manchmal eine Sünde gegen eine andere Tugend (meistens nur eine lässliche), aber keine Sünde gegen die göttliche Tugend der Hoffnung. Manchmal ist sie auch gar keine Sünde, wenn die Motive keine Sünden sind und man sich dabei immer noch Gottes Vorsehung unterwirft (z. B. wenn ein schwer, unheilbar Kranker sich den Tod wünscht, aber keine Selbstmordpläne hegt).

Auch wenn die Zustimmung des Willens da ist, kann die Schuldfähigkeit bei der Verzweiflung gemindert sein; aber an sich ist die Verzweiflung eine schwere Sünde. (Ein Fall geminderter Schuldfähigkeit wäre wohl z. B. bei jemandem wie dem englischen Dichter William Cowper vorhanden, der sich von seiner calvinistischen Theologie einreden ließ, er wäre verworfen, und außerdem unter schweren Depressionen litt.)

3) Vermessenheit (Präsumption). Vermessenheit meint die Einstellung, man hätte das Heil schon sicher. Man kann zwei Arten unterscheiden: Einerseits zu hohes Vertrauen auf die eigenen Kräfte, zu meinen, man bräuchte die Hilfe von Gottes Gnade auf dem Weg zu Ihm nicht; andererseits ein pervertiertes Vertrauen auf Gott; die Einstellung, Gott würde einem sicher das Heil geben, egal, ob man seine Schuld bereut oder was man noch weiterhin tut. Wenn sich also jemand denken würde „ach, ich kann weiterhin meine Frau betrügen, ich bin Gottes Liebling und komme damit davon, Er sieht es mir schon nach“, wäre das Vermessenheit. Der hl. Thomas bewertet übrigens die zweite Art von Vermessenheit als die schwerere: „Die Sünde gegen Gott selbst unmittelbar ist schwerer wie die übrigen. Also ist das freventliche Vornehmen, das ungeregelterweise auf Gottes Kraft sich stützt, schwerer wie jenes, das sich auf die eigene Kraft stützt. Denn sich stützen auf die göttliche Kraft, um zu erreichen das, was Gott nicht zukömmlich ist, heißt die göttliche Kraft vermindern. Schwerer aber sündigt jener, der die göttliche Kraft mindert als jener, der die eigene überhebt.“ (Summa Theologiae II/II,21,1) Sowohl die von vielen Protestanten vertretene Rechtfertigungslehre (sola gratia, „once saved, always saved“) als auch der antike Pelagianismus enthalten also streng genommen Sünden der Vermessenheit. (Auch wenn das vielen Protestanten nicht bewusst sein mag und daher keine subjektive Schuld besteht.)

Zur Vermessenheit zitiere ich einfach noch einmal Heribert Jone, der es ganz prägnant ausgedrückt hat, was sie ausmacht – und was sie nicht ausmacht:

Vermessenheit ist vorhanden, wenn man entweder beim Streben nach der ewigen Glückseligkeit zu sehr auf die eigenen Kraft vertraut oder Dinge von Gott hofft, die er nach seinen Eigenschaften nicht geben kann oder nach der von ihm fest gesetzten Ordnung nicht geben will.

Durch Vermessenheit sündigt daher, wer hofft, den Himmel durch eigene Kraft erlangen zu können oder einzig auf die Verdienste Christi hin ohne gute Werke; ebenso wer hofft, Gott werde ihm helfen bei Ausführung eines Verbrechens usw., endlich wer sündigt aus dem Grunde, weil Gott barmherzig ist.

Keine Vermessenheit ist es, zu sündigen mit der Hoffnung auf Verzeihung, weil in einem solchen Falle die Ursache der Sünde die menschliche Schwäche ist, nicht aber die Hoffnung auf Verzeihung. Selbst in dem Falle, in welchem jemand nicht so leicht sündigen würde, wenn die Hoffnung auf Verzeihung ihm nicht vorschweben würde, ist dieser Umstand nicht Ursache, sondern nur Gelegenheit zur Sünde. – Ebenso ist es keine Vermessenheit, wenn man dieselbe Sünde öfters begeht, weil es gerade so leicht ist, sich über viele wie über eine einzige Sünde anzuklagen, oder wenn man die Buße verschiebt in der Hoffnung, später auch noch beichten zu können. Wohl aber kann man dabei sündigen gegen die christliche Selbstliebe.“****

Der hl. Thomas schreibt in ähnlicher Weise zur Vermessenheit (Hervorhebung von mir):

„Denn wie es falsch ist, daß Gott den Reuigen nicht verzeiht; so ist es desgleichen falsch, daß er den Sündern, die sich nicht bessern wollen, verzeiht und daß er denen, die nichts Gutes tun, die Seligkeit gibt.

Also ist das freventliche Vornehmen [die Vermessenheit] Sünde; aber nicht eine so große wie die Verzweiflung. Denn Gott entspricht es mehr zu verzeihen und sich zu erbarmen, wie zu strafen; da Jenes Gottes Wesen an sich zukommt, Dieses aber auf Grund unserer Sünden. […]

II. Nicht daß jemand zu viel von Gott hofft, ist die Sünde des freventlichen Vornehmens; sondern daß er das hofft, was sich für Gott zu geben nicht geziemt. Das ist aber eigentlich weniger hoffen; denn das heißt die göttliche Kraft vermindern.

III. Sündigen mit dem Vorsatze, in der Sünde zu bleiben gestützt auf die Hoffnung der Verzeihung heißt ‚freventliches Vornehmen‘. Sündigen aber mit dem Vorsatze, von der Sünde sich später zu enthalten, sie zu bereuen und so Verzeihung zu erhalten, vermindert das Sündhafte; denn dies macht offenbar, daß der Wille wenig gefestigt ist in der Sünde.“ (Summa Theologiae II/II 21,2)

(Gut ist natürlich auch letzeres nicht; und man weiß ja nicht, ob man noch die Gelegenheit zum Bereuen haben wird. Aber es ist dann nicht die eigenständige Sünde der Vermessenheit.)

 

Diese Gleichgültigkeit, Verzweiflung und Vermessenheit sind nicht nur Sünden und bringen Schuld mit sich, sondern können auch Anlass zu Sünden werden und Gefahren mit sich bringen – sie senken die Hemmschwelle ab, andere Sünden zu begehen. Wenn jemand meint, der Himmel sei egal, er käme sowieso in den Himmel oder er käme sowieso nicht in den Himmel, wird er leichter andere Dinge tun, die gegen Gottes Gebote verstoßen.

Hier würden viele jetzt vermutlich den (von Luther geprägten) Einwand vorbringen: Aber ist es nicht schlecht, wenn das Gute nur aus Hoffnung auf Lohn oder Furcht vor Strafe getan wird? Wäre es nicht besser, ganz ohne selbstsüchtige „Hintergedanken“ Gottes Geboten zu gehorchen?

Die Antwort ist ganz einfach: Es geht hier nicht darum, etwas nur aus Hoffnung bzw. Furcht zu tun, sondern  Hoffnung und Furcht können hilfreiche motivierende Faktoren dafür sein, etwas zu tun, von dem einem bewusst ist, dass es das Richtige ist. Und moralisch verurteilenswert sind diese Motivationen gerade nicht, weil es völlig in Ordnung – und sogar gut ist – für sich selbst (wie für alle anderen) etwas Gutes zu wünschen (auch wenn es noch bessere Motivationen gibt). Und diese Art von Hoffnung und Furcht beruhen schließlich, wie gesagt, auch darauf, dass man weiß, dass Lohn und Strafe, die Gott austeilt, gerecht und verdient sind (der Lohn ist natürlich immer mehr, als jemand verdienen kann, aber die Leser verstehen schon, was ich meine), und darauf, dass man seinen ausdrücklichen Zusagen vertraut.

Im nächsten Teil zur Gottesliebe und den Sünden gegen sie.

 

* Aus: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.

** Ebd.

*** Wenn man es ausdrücklich tun will, kann ein Gebet wie das folgende helfen: „Herr und Gott, ich hoffe, dass ich durch deine Gnade die Vergebung aller Sünden und nach diesem Leben die ewige Seligkeit erlange. Denn du hast das versprochen, der du unendlich mächtig, treu, gütig und barmherzig bist. In dieser Hoffnung will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)

**** Aus: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4a: Das 1. Gebot – was die Tugend des Glaubens praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Anmerkung: Ab diesem Teil beginne ich mit der kleinteiligen Kasuistik. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich generell auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Adolphe Tanquerey (1854-1932) und Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im 3. Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

Eins ist beim 1. Gebot (ebenso wie beim 2. und 3.) zu beachten: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.

 

Erst einmal zur göttlichen Tugend des Glaubens. Sie erfordert manchmal das, was in der Moraltheologie als „Akt des Glaubens“ bezeichnet wird: Damit, einen „Akt des Glaubens zu setzen“ ist einfach gemeint, die Willensentscheidung für den Glauben zu treffen, sich bewusstzumachen, sich zu sagen: Gott, ich glaube an dich, du bist vertrauenswürdig; ich glaube dir das und das, was du offenbart hast.* Das ist immer mal wieder im Leben als Katholik nötig, weil der Glaube die Basis des Lebens und Handelns ist; oft tut man es schon automatisch einschlussweise (z. B. wenn man das Glaubensbekenntnis in der Sonntagsmesse spricht, oder überhaupt, wenn man zu Gott betet). Insbesondere ist es nötig, diese bewusste Zustimmung zu Gottes Offenbarung zu erwecken: Wenn man als Ungetaufter erstmals zum Glauben kommt; wenn man als Getaufter allmählich alt genug wird, bewusste Entscheidungen zu treffen (die Kirche setzt dieses Alter etwa bei sieben Jahren an; der Glaube an sich wird einem schon bei der Taufe vom Hl. Geist „eingegossen“, aber auch wenn man das Glück hat, getauft zu sein, muss man später auch dazu ja sagen); wenn einem eine Glaubenslehre, die man vorher nicht kannte, bewusst wird und man sie annehmen muss; wenn man wieder zum Glauben zurückkommt, nachdem man eine Glaubenslehre geleugnet hat (Sünde der Häresie oder Apostasie, s. u.). Wie gesagt: Das tut man in der Regel schon automatisch.

Zum Glauben gehört es außerdem:

1) Den Glauben zu kennen. Es ist keine Pflicht für jeden Katholiken, ein gebildeter Theologe zu werden; es geht hier darum, grob zu wissen, was das eigentlich ist, woran man glaubt; was der Inhalt von Gottes Offenbarung, die man annimmt, ist. Die zentralsten Glaubensinhalte sind: Die Tatsache, dass es einen Gott gibt, der das Gute belohnt und das Böse bestraft; die Dreifaltigkeit; die Menschwerdung in Jesus. (Ein Erwachsener, der diese Glaubensinhalte nicht kennt, kann z. B. auf keinen Fall getauft werden.) Außerdem gibt es für den Katholiken die schwerwiegende Pflicht, sich einigermaßen zu informieren über (auch wenn es keine schwere Sünde ist, sie nicht perfekt auswendig zu kennen): das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, die Zehn Gebote, die fünf Kirchengebote, die Sakramente (zumindest Taufe, Beichte, Eucharistie, die zu empfangen manchmal vorgeschrieben ist; die anderen, wenn es daran geht, sie zu empfangen). Soweit das absolute Mindestmaß. Außerdem besteht die Pflicht, sich näher über den Glauben zu informieren, wenn man in der Gefahr ist, den Glauben zu verlieren.

2) Den Glauben zu bekennen. Das Bekenntnis des Glaubens ist prinzipiell dann verpflichtend, wenn das Schweigen oder eine ausweichende Antwort als Ableugnen des Glaubens verstanden werden würde; wenn man also z. B. vor einem Gericht gefragt werden würde, ob man katholisch ist, muss man eine klare Antwort geben. Die Verleugnung des Glaubens (durch Worte, Gesten, Handlungen, was auch immer, die einer Leugnung des Glaubens oder auch dem Bekenntnis eines falschen Glaubens gleichkommen würden) ist an sich eine schwere Sünde und niemals erlaubt – wirklich niemals. (Dem verdanken wir unsere ganzen heiligen Märtyrer.) Auch eine indirekte Verleugnung des Glaubens, durch Dinge, die nicht in sich selbst eine Ableugnung des Glaubens bedeuten würden, aber aufgrund der Umstände wie eine solche wahrgenommen werden, ist nie erlaubt.

Außerdem ist das Bekenntnis des Glaubens dann nötig, wenn die Ehre Gottes oder das Heil des Nächsten es dringend erforderlich machen. Ein Beispiel für eine Situation, in der es darum ging, durch das offene Bekenntnis des Glaubens ein „Ärgernis“ (s. dazu Teil 2) für den Nächsten zu vermeiden, bietet eine Geschichte aus dem 2. Buch der Makkabäer, das die religiöse Verfolgung der Israeliten durch die Griechen schildert, die sie zu Opfermahlzeiten mit Schweinefleisch zwingen wollten:

„Unter den angesehensten Schriftgelehrten war Eleasar, ein Mann von schon hohem Alter und sehr edlen Gesichtszügen. Man sperrte ihm den Mund auf und wollte ihn zwingen, Schweinefleisch zu essen. Er aber zog den ehrenvollen Tod einem Leben voll Schande vor, ging freiwillig auf die Folterbank zu und spuckte das Fleisch wieder aus, wie es jemand tun musste, der sich standhaft wehrte zu essen, was man nicht essen darf, auch nicht aus Liebe zum Leben. Die Leute, die mit dem gesetzwidrigen Opfermahl beauftragt waren und den Mann von früher her kannten, nahmen ihn heimlich beiseite und redeten ihm zu, er solle sich doch Fleisch holen lassen, das er essen dürfe, und es selbst zubereiten. Dann solle er tun, als ob er von dem Opferfleisch esse, wie es der König befohlen habe. Wenn er es so mache, entgehe er dem Tod; weil sie alte Freunde seien, würden sie ihn menschlich behandeln. Er aber fasste einen edlen Entschluss, wie es sich gehörte für einen Mann, der so alt und wegen seines Alters angesehen war, in lange bewährter Würde ergraut, der von Jugend an aufs Vorbildlichste gelebt und – was noch wichtiger ist – den heiligen, von Gott gegebenen Gesetzen gehorcht hatte. So erklärte er ohne Umschweife, man solle ihn ruhig zur Unterwelt schicken. Wer so alt ist wie ich, soll sich nicht verstellen. Viele junge Leute könnten sonst glauben, Eleasar sei mit seinen neunzig Jahren noch zu der fremden Lebensart übergegangen. Wenn ich jetzt heuchelte, um eine geringe, kurze Zeit länger zu leben, leitete ich sie irre, brächte meinem Alter aber Schimpf und Schande. Vielleicht könnte ich mich für den Augenblick einer Strafe von Menschen entziehen; doch nie, weder lebendig noch tot, werde ich den Händen des Allherrschers entfliehen. Darum will ich jetzt wie ein Mann sterben und mich so meines Alters würdig zeigen. Der Jugend aber hinterlasse ich ein edles Beispiel, wie man mutig und in edler Haltung für die ehrwürdigen und heiligen Gesetze eines guten Todes stirbt. Nach diesen Worten ging er geradewegs zur Folterbank.“ (2 Makk 6,18-28)

Eleasar ging es also darum, andere nicht dazu zu verleiten die Gebote der Tora zu verletzen, indem er ihnen den Eindruck gab, sich nicht dazu bekannt zu haben. (Übrigens ging es für ihn folgendermaßen weiter: „Da schlug die Freundlichkeit, die ihm seine Begleiter eben noch erwiesen hatten, in Feindschaft um; denn was er gesagt hatte, hielten sie für Wahnsinn. Als er unter Schlägen in den Tod ging, sagte er stöhnend: Der Herr weiß in seiner heiligen Erkenntnis, dass ich dem Tod hätte entrinnen können. Mein Körper leidet Qualen unter den Schlägen, meine Seele aber erträgt sie mit Freuden, weil ich ihn fürchte. Auf solche Weise starb er; durch seinen Tod hinterließ er nicht nur der Jugend, sondern den meisten aus dem Volk ein Beispiel für edle Gesinnung und ein Denkmal der Tugend.“ (2 Makk 6,29-31))

In so einer Situation hätten, wenn sie gemeint hätten, dass selbst ein Eleasar nicht am Glauben festhält, viele sich dazu verleiten lassen können, auch vom Glauben abzufallen; so etwas ist mit einer dringenden Gefahr für das Heil des Nächsten gemeint.

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(Gustave Doré, Das Martyrium des Schriftgelehrten Eleasar. Gemeinfrei.)

Hier in Europa werden die meisten Katholiken nicht in Gefahr sein, für ihren Glauben ermordet zu werden (wobei es auch da Ausnahmen geben kann, z. B. bei ex-muslimischen Konvertiten); Situationen, in denen sich die Frage stellt, ob/wie man zum Glauben stehen sollte, werden eher so aussehen wie: Man sitzt mit anderen zusammen, die nicht besonders kirchenfreundlich sind und mit denen man es sich eigentlich nicht verderben will; sie fangen an, sich darüber zu unterhalten, wie schlimm und mittelalterlich die katholische Kirche sei, da sie „immer noch“ keine Frauen weihe oder homosexuelle Paare traue, und überhaupt wisse man ja nicht mal, ob Jesus jemals gelebt habe. Sagt man etwas dazu oder schweigt man? Ganz so schwarz-weiß ist es hier nicht. Grundsätzlich ist es so, dass es erlaubt sein kann, nichts dazu zu sagen, wenn das Schweigen nicht als Zustimmung gewertet würde und wenn es z. B. kontraproduktiv wäre, etwas zu sagen (z. B. weil man sich selbst mit einer bestimmten Glaubensfrage nicht gut genug auskennt, um die Kirche zu verteidigen, oder  weil man schon oft darüber geredet hat und weiß, dass diese anderen einem nicht zuhören wollen und eher noch abweisender reagieren würden, wenn man etwas sagen würde). In solchen Situationen kann man abwägen, was das Praktischste und Zielführendste ist; wenn aber z. B. einer, der dabei ist, und bisher noch katholisch ist, dabei wäre, sich von einem anderen vom Glauben abbringen zu lassen, müsste man schon etwas sagen. Und natürlich ist es oft das Bessere, auch wenn es nicht streng geboten sein sollte, den Glauben zu verteidigen. Völliges Schweigen wäre in vielen solchen Situationen (schätze ich einmal) eine lässliche Sünde.

Wenn man nach einzelnen Lehren der Kirche gefragt wird, kann aus einem guten Grund Schweigen oder ausweichendes Antworten erlaubt sein, wenn das nicht so verstanden werden würde, als würde man den Glauben verleugnen oder sich des Glaubens schämen; man muss nicht in jeder Situation ganz genau erklären, was eine Lehre bedeutet, wenn das z. B. jemanden dazu bringen würde, die Kirche noch weniger zu mögen. Besser ist allerdings oft Klarheit. Wenn man in solchen Situationen zu halbherzig dabei ist, zum Glauben zu stehen, wären wir vermutlich auch wieder im Bereich der lässlichen Sünde.

Zu verbergen, dass man katholisch ist, solange man nicht direkt danach gefragt wird, oder zu verbergen, was genau man als Katholik glaubt, ist erlaubt, wenn man einen drängenden Grund dafür hat – also z. B. in Zeiten der Verfolgung. In so einem Fall wäre es auch erlaubt, Dinge zu tun, die nicht in sich schlecht sind, wie etwa, an einem Fastentag Fleisch zu essen, um nicht preiszugeben, dass man katholisch ist. Die Teilnahme an andersreligiösen Riten und ähnlichem wäre natürlich nicht erlaubt. Die Flucht aus Ländern, in denen Christen verfolgt werden, ist grundsätzlich auch erlaubt, außer für die Hirten der Kirche, wenn sie dringend von den Gläubigen dort benötigt werden. Wenn man neu konvertiert ist, muss man sich für gewöhnlich irgendwann als Katholik „outen“; wobei es schon erlaubt ist, einen passenden Zeitpunkt abzuwarten, um so eine Nachricht z. B. einer ungläubigen Familie beizubringen (wenn man z. B. fürchten müsste, von der Familie ermordet oder vom Staat ins Gefängnis gesteckt zu werden, gilt natürlich das Gesagte über das Verbergen des Glaubens).

Außerdem schreibt die Kirche manchmal ein ausdrückliches Bekenntnis des Glaubens vor; grundsätzlich natürlich bei Erwachsenentaufe/Konversion/Rekonziliation; ansonsten z. B. bevor jemand von ihr einen Lehrauftrag an einer Theologischen Fakultät erhält.

3) Die Pflicht, den Glauben zu verbreiten betrifft vor allem die kirchliche Hierarchie. Man könnte die Frage stellen, ob es nicht auch für Laien eine Sünde wäre, nie irgendetwas, weder durch Gebet noch Spenden noch aktive Mitarbeit, für die Verbreitung des Glaubens beizutragen; aber vorrangig ist das nur eine Pflicht für die Kirchenhierarchie. (Eltern haben natürlich die Pflicht, ihre Kinder zum Glauben zu führen, und auch Paten haben eine gewisse Pflicht, zur religiösen Erziehung ihrer Patenkinder etwas beizutragen. Aber dazu im Detail in einem späteren Teil.)

Weitere Sünden gegen den Glauben wären:

1) Unglaube: So bezeichnet man das Fehlen des Glaubens bei einem Ungetauften. Der Unglaube ist in dem Maß eine Sünde, wie jemand persönlich dafür verantwortlich ist; schon der hl. Thomas unterscheidet zwischen einer bloßen Abwesenheit des Glaubens, bei denen, die ihn nicht kennen, und einer bewussten Ablehnung bei denen, die ihn kennen würden; nur letztere ist Sünde. Für meine überzeugt katholischen Leser könnte ich es bei dieser kurzen Erklärung belassen, aber unter denen fragen sich vermutlich auch viele: Wie „schuldfähig“ sind eigentlich meine ungläubigen Familienmitglieder/Freunde/Mitschüler/Arbeitskollegen/Nachbarn? Fallen die in die Kategorie der in „unüberwindlicher Unwissenheit“ befindlichen Ungläubigen? Daher noch eine kurze Erklärung, wann es eigentlich eine persönlich zurechenbare Sünde ist, den wahren Gott nicht zu kennen, und wann nicht: Wenn jemand in einer anderen Religion, sagen wir mal, dem Islam, aufwächst, und ihm keine besonderen Zweifel daran kommen, hat er auch an sich nicht die schwere Gewissensverpflichtung, weiter danach zu suchen, was die Wahrheit ist. Jemand, der Zweifel an seinem falschen Glauben hat, aber aus Nachlässigkeit nicht weiter nach der Wahrheit forscht, sündigt schwer oder lässlich, je nachdem, wie stark die Zweifel sind und wie groß die Nachlässigkeit ist. Jemand, der wirklich ausreichend über den katholischen Glauben und über die Gründe dafür Bescheid weiß, hat die schwere Gewissensverpflichtung, ihn anzunehmen; wer entschlossen ist, nicht katholisch zu werden, selbst wenn der Katholizismus wahr sein sollte, z. B. weil er dann irgendetwas aufgeben oder sich mit seiner Familie überwerfen müsste, sündigt schwer. (Wann das allerdings der Fall ist, kann ein Außenstehender natürlich schwer beurteilen; wer nicht katholisch ist, hat sicher oft noch alle möglichen persönlichen Zweifel und Gründe, an seinem alten Glauben zu hängen, die ihm größer vorkommen als jemandem, der schon katholisch ist.) „Unüberwindliche Unwissenheit“ bedeutet jedenfalls nicht, dass jeder, für den es nicht völlig hundertprozentig unmöglich gewesen wäre, irgendetwas vom Glauben zu erfahren, verdammt ist.

2) Apostasie: So nennt man es, wenn ein Getaufter vom christlichen Glauben abfällt, also wenn z. B. ein Katholik Atheist oder Buddhist wird. Die Apostasie ist an sich eine schwerere Sünde als der einfache Unglaube (Der hl. Thomas vergleicht das damit, dass es eine schwerere Sünde ist, ein gegebenes Versprechen zu brechen, als es nie gegeben zu haben), aber auch hier können natürlich wieder mildernde Umstände ins Spiel kommen – wenn jemand z. B. als Kind einmal getauft wurde, dann aber nie gelernt hat, wieso man eigentlich katholisch sein sollte.

3) Häresie: So nennt man es, wenn ein Christ zwar noch Christ bleibt, also an den dreifaltigen Gott und die Menschwerdung glaubt, aber eine oder mehrere andere Glaubenslehren, die von der Kirche unfehlbar definiert sind, leugnet oder hartnäckig in Zweifel zieht. Mit „hartnäckig“ ist hier so etwas wie „unbelehrbar“ gemeint – wenn jemand nicht ganz versteht, ob/wieso die Kirche etwas lehrt und vielleicht auch kurz daran zweifelt, dann aber ihre Erklärungen dazu akzeptiert, ist er kein Häretiker. Der sel. John Henry Newman hat zudem einmal die Unterscheidung zwischen „Schwierigkeiten“ und „Zweifeln“ getroffen: „Zehntausend Schwierigkeiten machen noch keinen Zweifel.“ („Ten thousand difficulties do not make one doubt.“) Ein Vergleich: Auch ein Wissenschaftler kann alle möglichen Fragen haben und Schwierigkeiten sehen, wenn er z. B. den Aufbau eines Atoms untersucht, aber er wird deshalb nie daran zweifeln, ob Naturgesetze existieren, nach denen das alles funktioniert; sonst könnte er kein Wissenschaftler mehr sein. Auch ein Katholik darf Fragen dazu haben, wieso die Kirchenlehre so ist, wie sie ist, und sie herumwälzen und nach verschiedenen Antworten suchen (das macht sogar Sinn; man soll den Glauben mit dem Verstand durchdringen), aber deshalb muss er noch lange nicht daran zweifeln, ob die Kirche mit ihrer Lehre Recht hat.

Wenn jemand dazu gekommen ist, zu glauben, dass Jesus von Nazareth von Gott gesandt war und die Kirche gegründet hat, und ihr die Garantie gegeben hat, dass sie nicht in Irrtum verfallen kann, ist die Pflicht da, auch alles anzunehmen, was sie als Glaubenslehre vorlegt. Es ist falsch, sich aus Gottes Offenbarung nur die Teile herauspicken zu wollen, die einem angenehm sind, und andere zu verwerfen; genau das ist Häresie (von gr. hairein = wählen, auswählen); hierin liegt der Grund, warum Häresie Sünde ist. Die meisten Häretiker, die die Kirche im Lauf ihrer Geschichte als solche verurteilt hat, waren katholische Theologen, die irgendwann begannen, etwas anderes zu lehren, als die Kirche lehrt; ein Beispiel wäre Martin Luther. Wer schon in einer häretischen Religionsgemeinschaft aufwächst (also z. B. als Lutheraner), begeht erst einmal nicht die Sünde der Häresie, weil ihm die Autorität der katholischen Kirche gar nicht bewusst ist (und er es sogar für falsch hält, sich einer Kirche zu unterwerfen, erst recht dieser römischen). Die eigentliche Häresie, die der abweichenden Theologen, selbsternannten Propheten und Sektengründer, ging vermutlich oft vor allem aus dem Hochmut hervor, daraus, sich für das einsame, von Gott begnadete Genie halten zu wollen – oder einfach dem Wunsch, sich die Lehre so zurechtzulegen, dass man irgendetwas tun durfte, das die Kirche bisher untersagt hatte (z. B. bei Huldrych Zwingli: die Geliebte heiraten; bei Heinrich VIII. von England: die Ehefrau loswerden und die Geliebte heiraten). (Einige Sektengründer hatten auch sehr praktische weltliche Vorteile von ihrer neuen Position, etwa die Landesherren zur Zeit der Reformation, die in ihren Gebieten den protestantischen Glauben einführten, sich zu Herren über die Kirche machten und den Besitz der Klöster einzogen.)

Man muss unterscheiden zwischen „formeller“ und „materieller“ Häresie (erst die formelle Häresie ist Sünde; und zwar an sich prinzipiell schwere Sünde). Wenn ein Katholik sich mit der Lehre der Kirche nicht genau auskennt und etwas glaubt, von dem er meint, es stimme mit der katholischen Lehre überein, obwohl es in Wirklichkeit einmal von einem Konzil verurteilt worden ist, ist er materieller Häretiker (ebenso wie z. B. der als Protestant aufgewachsene Protestant), aber nicht formeller; formeller Häretiker wird er erst, wenn er weiß, dass die Kirche das verurteilt hat (und zwar wirklich definitiv verurteilt hat; nicht alle Verlautbarungen des Lehramts haben die Form eines Dogmas; und manche betreffen auch nur die kirchliche Disziplin statt die Lehre), und immer noch daran festhalten will, weil er sich damit bewusst außerhalb der Kirche stellt.

Wenn jemand eine Lehre leugnet, die von der Kirche schon ziemlich klar verurteilt wurde, aber noch nicht mit völliger dogmatischer Sicherheit, ist er kein Häretiker, sündigt aber gegen den praktischen Gehorsam, den man der Kirche schuldet. Manchmal hat die Kirche im Lauf ihrer Geschichte Lehren auch nicht definitiv verurteilt, sondern zu Theologen eher gesagt, sie sollten vorläufig aufhören, das und das in dieser und jener Form zu verkünden, weil es in einer konkreten Situation falsch verstanden werden könnte; hier geht es ebenfalls einfach um Gehorsam.

Es kann eine mehr oder weniger schwere Sünde sein, wenn jemand aus schuldbarer Nachlässigkeit über eine wichtige Lehre der Kirche nicht Bescheid weiß, aber es ist nicht die Sünde der Häresie.

4) Auch die Gefährdung des eigenen Glaubens ist eine Sünde (die lässlich oder schwer sein kann, je nachdem, wie akut es wird). Wenn sich jemand z. B. oft mit evangelikalen Freunden in einer Freikirche trifft, und merkt, dass er durch sie so langsam vom katholischen Glauben abkommt, weil sie sich besser mit ihrer Theologie auskennen als er sich mit der katholischen und er ihrem Einfluss wenig entgegensetzen kann, muss er etwas dagegen tun: entweder, weniger Kontakt zu diesen Freunden haben, oder, sich gründlicher über den eigenen Glauben informieren, sich mehr damit beschäftigen, und auch mehr Kontakt zu Katholiken haben; oder das alles zusammen. Man wird nun einmal von Menschen und Ansichten beeinflusst, mit denen man oft zu tun hat; das passiert automatisch, auch ohne dass man es bewusst will. „Aus den Augen, aus dem Sinn“; was man sich nicht immer wieder vor Augen führt, kommt einem irgendwann weniger real vor. Daher sollte man auch hier aufpassen, welchen Einflüssen man sich aussetzt. Natürlich kann man Kontakte zu Nichtkatholiken nicht immer einfach sein lassen (das geht allein praktisch heutzutage nicht und wäre oft auch nicht sinnvoll); das Wichtigere ist, die Kontakte zu Katholiken und das Kennenlernen des katholischen Glaubens nicht zu vernachlässigen. Man sollte auch vorsichtig mit nichtkatholischen Büchern usw. sein; es ist nichts dagegen einzuwenden, ab und zu auch Bücher von z. B. guten orthodoxen oder protestantischen Theologen zu lesen, aber das sollte eher eine Ergänzung der eigenen Lektüre sein und man sollte genug über den eigenen Glauben Bescheid wissen, um zu merken, wo sich bei ihnen Denkfehler, Missverständnisse und Irrlehren finden. Wenn jemand merken würde, dass er sich allmählich ganz vom Glauben wegziehen lässt und dem gar nichts entgegensetzt, wäre das jedenfalls eine schwere Sünde.

5) Auch eine Art „Exzess“ im Glauben wäre möglich, nämlich eine übertriebene Leichtgläubigkeit gegenüber Dingen, die nicht zur Offenbarung gehören und nicht auf eine Stufe mit ihr gestellt werden dürfen, wie Privatoffenbarungen, eigenen „Eingebungen“, die man für vom Hl. Geist inspiriert hält usw. Aber das wird wohl nicht so schlimm, solange man sich noch dem Urteil der Kirche unterwirft, also es akzeptiert, wenn die Kirche eine Privatoffenbarung für nicht authentisch erklärt, oder nicht an einer mutmaßlichen Eingebung festhält, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen würde.

 

Zusammenfassung: Man muss an Gott glauben; den Glauben kennen und bekennen; und ihn unverfälscht bewahren.

Beim nächsten Mal genauer zur Hoffnung und den Sünden gegen sie.

 

* Dabei kann auch ein Gebet wie dieses helfen: „Herr und Gott, ich glaube fest und bekenne alles und jedes, was die heilige katholische Kirche zu glauben lehrt. Denn du, o Gott, hast das alles geoffenbart, der du die ewige Wahrheit und Weisheit bist, die weder täuschen noch getäuscht werden kann. In diesem Glauben will ich leben und sterben. Amen.“ (Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 3: Die göttlichen Tugenden und die Kardinaltugenden

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Bevor ich ab dem nächsten Teil endlich zu den Zehn Geboten und den Einzelpflichten, die sie begründen, und den ganzen möglichen Einzelsünden gegen sie komme, noch ein Artikel mehr zu den Grundlagen der christlichen Ethik: Dem Begriff der Tugenden, und den grundlegenden Tugenden, die das gesamte moralische Handeln prägen müssen.

Eine Tugend ist grundsätzlich eine durch Gottes Gnade (und durch Einübung) erworbene Fähigkeit, gut zu handeln; ein „Habitus“, wie man auf Latein sagt, was sich mit „Gewohnheit“ nur unzureichend übersetzen lässt. Wer z. B. die Tugend der Gerechtigkeit besitzt, handelt generell gerecht, ohne sich erst dazu zu zwingen zu müssen; ist geübt darin, gerecht zu handeln; es fällt ihm leicht.

Die Tugenden haben ihren Sitz vor allem im Willen; wer z. B. unmäßige Furcht, Neid, ungerechten Zorn o. Ä. spürt, aber diese Emotionen, die ungewollt in ihm hochkommen, mit dem Willen bekämpft, verhält sich sehr tugendhaft.  Was im Willen ist, muss sich natürlich – sofern möglich und angebracht – auch in Worten und Taten verwirklichen (sonst wäre es gar nicht wirklich im Willen, sondern nur in der Phantasie), aber zunächst mal muss es im Willen vorhanden sein; und wenn es nicht verwirklicht werden kann, dann genügt das auch.

 

Basierend auf 1 Kor 13,13 kennt die katholische Theologie zum einen das Konzept der drei göttlichen/theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Göttlich deshalb, weil sie sich auf Gott beziehen, nicht nur auf Zwischenmenschliches, und weil es keine rein natürlichen Tugenden sind (wie z. B. Gerechtigkeit oder Mut); hier muss Gott selbst in der Seele des Menschen wirken (natürlich muss Gott dem Menschen auch bei den natürlichen Tugenden helfen, da ja seit dem Sündenfall auch die natürlichen Kräfte des Menschen angegriffen sind; aber das ist etwas anderes). Die drei göttlichen Tugenden sind die wichtigsten und grundlegendsten Tugenden.

Faith, Hope and Love, as portrayed by Mary Lizzie Macomber (1861–1916)

(Allegorische Darstellung von Glaube (links), Hoffnung (rechts) und Liebe (mittig), Mary Lizzie Macomber. Gemeinfrei.)

1) Zuerst zur ersten dieser Tugenden, zum Glauben. Natürlich stellt sich für viele erst einmal die Frage: Wieso ist der Glaube überhaupt eine Tugend? Was ist die moralische Leistung daran, an Gott zu glauben? Und was verurteilenswert daran, nicht an Gott zu glauben? Handelt es sich nicht einfach um eine Meinung, die zu haben oder nicht zu haben moralisch neutral ist?

Na ja, zuerst einmal sind Meinungen eben nicht moralisch neutral. Jeder Mensch hat die Verpflichtung, nach der Wahrheit zu suchen, und sich nicht von Vorurteilen und egoistischen Wünschen, sondern von Vernunft und Gewissen leiten zu lassen, wenn er seine Meinungen formt. Ein offensichtliches Beispiel: Wenn jemand die Meinung vertreten würde „Schwarze Menschen sind weniger wert als weiße“ würde kaum einer diese Meinung als moralisch neutral betrachten. Das heißt nicht, dass nicht einmal ein gutwilliger Mensch ohne persönliche Schuld oder nur mit sehr geringer Schuld zu unwahren und verurteilenswerten Meinungen kommen kann – z. B. weil er durch ständige Propaganda beeinflusst wurde und die Gegenargumente nicht kennt -, aber es heißt, dass es eben sehr wohl Sünden des Intellekts gibt. Sich an der Wahrheit auszurichten ist eine Tugend.

Der Glaube besteht nun außerdem nicht nur darin, sich auf die abstrakte Wahrheit einzulassen, sondern auch darin, Gott persönlich zu glauben, sich auf Gott einzulassen: Den Gott, der allmächtig, allweise und vollkommen gut ist; der einen erschaffen hat und weiter im Dasein erhält; dem man verdankt, dass man überhaupt ist und nicht ins Nichts zurückfällt; der einen anspricht. Natürlich ist die Haltung gegenüber diesem Gott moralisch relevant. Wenn man erkannt hat, dass dieser Gott ist, kann man Ihm gegenüber nicht mehr gleichgültig sein.

Der Glaube hat seinen Sitz laut dem hl. Thomas von Aquin sowohl im Intellekt als auch im Willen, die beide zusammenwirken, wenn der Intellekt auf das Wahre und der Wille auf das Gute ausgerichtet ist. Thomas sagt zu der Frage, ob der Glaube eine Tugend ist:

„Denn da Glauben ein Akt der Vernunft [des Intellekts] ist, welche infolge der Bestimmung vom Willen aus zustimmt, so muß, damit dieser Akt gut sei, zuerst die Vernunft unfehlbar auf ihren Gegenstand sich richten, auf das Wahre; und der Wille muß sodann unfehlbar Beziehung haben zum letzten Endzwecke [d. h. dem guten Gott], dessentwegen er dem Wahren zustimmt. Beim geformten Glaubensakte nun ist dies Beides der Fall: die Vernunft geht immer auf das Wahre, denn dem Glauben kann sich nie Falsches beimischen; und der Wille geht kraft der Liebe immer auf den Endzweck. Also ist der geformte Glaube eine Tugend.“ (Summa Theologiae II/II 4,5)

Paulus definiert den Glauben in dem schwer zu übersetzenden Vers Hebr 11,1 als „elpizomenon hypostasis, pragmaton elenchos ou blepomenon“ – etwa: „Wesen/Wirklichkeit/Grundlage/Gewissheit des Erhofften / Feststehen in dem Erhofften, das Überzeugtsein von Dingen, die nicht gesehen werden“. Die Einheitsübersetzung (Ausgabe von 2016) übersetzt mit „Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht“ die Lutherbibel (Ausgabe von 2017) mit „feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“; die lateinische Vulgata hat „sperandarum substantia rerum, argumentum non apparentium“. Wie auch immer man das nun genau übersetzt, es geht jedenfalls darum, Gott etwas abzunehmen, das man so nicht direkt vor Augen hat, und in dieser Überzeugung fest zu stehen. Achtung: Das sollte einen nicht zu einer fideistischen Glaubensvorstellung führen im Sinne von „glaub einfach gegen jede Vernunft und ohne Beweise“. Eine solche Vorstellung von „Glaube“ ist von der Kirche sogar seit langem verurteilt worden. Es gibt Gründe, zu glauben; es gibt Beweise dafür, dass es wirklich Gott ist, der sich in Jesus, und vorher auf andere Weise in den Propheten Israels, offenbart hat. Aber die Dinge, die Er uns offenbart – z. B., dass es ein Gericht nach dem Tod und ein ewiges Leben geben wird; dass Er selbst dreifaltig ist; usw. -, die hat man eben nicht direkt vor Augen, sondern muss sie von Gott auf Treu und Glauben annehmen.

Natürlich ist das bei vielen Dingen so; ich habe auch Oklahoma oder Pluto noch nie mit eigenen Augen gesehen und bin auf andere angewiesen, um von der Existenz dieser Orte zu wissen. Aber ob Oklahoma oder Pluto existieren, kann mir auch relativ egal sein; Gott dagegen geht mich etwas an; und die Menschen, durch die ich von Oklahoma und Pluto weiß, können unwillentlich oder willentlich falsche Informationen darüber weitergeben; Gott ist dagegen vollkommen verlässlich. Glaube heißt eben: Auch dann daran festhalten, dass es Endgericht und Himmel geben wird, dass Gott alles zum Guten führen wird, wenn man gerade furchtbares Unrecht erleidet oder schwer krank ist. Glaube heißt: Auch dann an einem Gebot Gottes festzuhalten, wenn es bequem wäre, es zu brechen, oder an einer von Gott geoffenbarten Wahrheit, wenn es bequem wäre, sie vor anderen zu verleugnen. Die antiken Märtyrer, die hingerichtet wurden, weil sie daran festgehalten hatten, dass es die römischen Götter nicht gab, und ihnen nicht geopfert hatten, hatten diesen Glauben in höchstem Maße. Glaube heißt, auf Gottes Offenbarung vertrauen, weil Er vertrauenswürdig ist.

Man kann drei Arten von Glauben unterscheiden:

  • credere Deum (esse) (glauben, dass Gott ist)
  • credere Deo (Gott glauben – d. h. Gott das glauben, was Er offenbart hat)
  • credere in Deum (an Gott glauben – hier geht es um Vertrauen, Liebe, Zugehörigkeit zu Gott)

Der Glaube beinhaltet sowohl ein persönliches Vertrauen in Gott (credere in Deum) als dann auch logischerweise die Zustimmung zu den von Ihm offenbarten Lehren (credere Deo). Beim Glauben geht es um ein „ganz oder gar nicht“: Man kann dann nicht mehr auswählen, was man sich von Gott sagen lassen will und was nicht; man kann nicht mehr einen Aspekt der Offenbarung ignorieren oder Gott aus einem Teil des Lebens heraushalten; das ist wirklich ein Fall, in dem nichts anderes als bedingungslose „Unterwerfung“ nötig ist. (Die ist letztlich übrigens meistens nicht so schwer, wie das jetzt vielleicht klingt.) Die Tugend des Glaubens liegt vor allem im credere in Deum – dass es Gott gibt, glaubt sogar der Teufel.

Der Glaube kann lebendig oder tot sein – lebendig ist er, wenn der Katholik, der ihn hat, im Stand der Gnade ist, also ohne unbereute Todsünden lebt. Auch ein toter Glaube ist zwar gewissermaßen noch ein Glaube; aber kein wirksamer Glaube mehr. (Vgl. dazu Jak 2,14-26, wo die Bibel sehr deutlich macht, dass nur ein Glaube, der sich im Handeln zeigt, ein lebendiger, zum Heil führender Glaube ist.)

2) Bei der göttlichen Tugend der Hoffnung geht es um die Hoffnung auf das, was Gott uns als Ziel unseres Lebens geben will, nämlich das ewige Glück, die Vereinigung mit Ihm im Himmel. Thomas schreibt:

„Das Gute also, was wir im eigentlichen Sinne und in erster Linie von Gott erwarten, ist Gott selber; nämlich das unendliche Gut, was der Kraft des göttlichen Beistandes entspricht. Dieses Gut wird nun durch die ewige Seligkeit besessen. Denn nichts Geringeres kann von Gott erhofft werden, wie Er selbst; da nicht geringer ist seine Güte, kraft deren Er der Kreatur Gutes mitteilt, wie Er selbst oder wie sein Wesen. Der eigens entsprechende, leitende Gegenstand der Hoffnung also ist die ewige Seligkeit.“ (Summa Theologiae II/II 17,2)

Was an der Hoffnung verdienstlich sein soll, erschließt sich vielleicht am besten, wenn man zwei mögliche Sünden gegen sie betrachtet: die Verzweiflung auf der einen Seite und die Vermessenheit (Präsumption) auf der anderen. Verzweiflung heißt, die Hoffnung darauf aufzugeben, dass man jemals im Himmel sein wird. Die Verzweiflung zweifelt an Gott, zweifelt daran, dass Er einen wirklich liebt, einem wirklich verzeihen will, einem wirklich die Möglichkeit gibt, in den Himmel zu kommen; sie ist damit eigentlich eine ziemliche Beleidigung Gottes. (NB: Ein Gefühl der Verzweiflung ohne Zustimmung des Willens ist noch keine Sünde – wie überall. Und wie überall gibt es Dinge, die den freien Willen einschränken und damit die Schuldhaftigkeit der Verzweiflung verringern können (z. B. eine Depression). Aber an sich ist die Verzweiflung tatsächlich Sünde.) Vermessenheit meint in diesem Zusammenhang eine Art ungeordnete, falsche Hoffnung bzw. eine Hoffnung, die keine Hoffnung mehr ist (Hoffnung richtet sich auf etwas noch nicht Erreichtes), sondern sich als Gewissheit ausgibt; hier geht es darum, zu meinen, man würde sowieso in den Himmel kommen, ganz egal, was man noch tut, d. h. auch, wenn man Gottes Bedingungen für Seine Zusage des Himmels (vergangene Sünden bereuen und nun die Gebote halten) in den Wind schlägt. Die Vermessenheit erwartet von Gott etwas, das Er nie versprochen hat zu geben, bzw. nicht geben kann, weil es im Widerspruch zu Seinem Wesen stehen würde; sie ist die typisch protestantische „Heilsgewissheit“ im Sinn von Luthers berühmtem „Sündige tapfer, aber noch tapferer glaube!“.

Wer die Hoffnung hat, beschreitet den Mittelweg zwischen Verzweiflung und Vermessenheit: D. h., er hält daran fest, dass er mit Gottes treuer Hilfe in den Himmel kommen kann, wenn er selber auch treu bleibt, und richtet sich zuversichtlich auf dieses Ziel aus.

3) Die Liebe ist die höchste Tugend und die Grundlage aller Gebote. Über sie habe ich (zumindest in Bezug auf die Nächstenliebe und die Feindesliebe, weniger in Bezug auf die Gottesliebe) hier schon einiges geschrieben; statt in diesem Artikel noch einmal alles zu wiederholen, verweise ich einfach darauf. Lieben heißt grundsätzlich: jemandem Gutes wollen. Die Liebe bedeutet eine grundsätzliche Bejahung und Anerkennung eines Wesens in seinem Wert und Wesen.

Die Liebe zu Gott beinhaltet demnach auch die Anbetung; Liebe und Anbetung sind die einzige angemessene Reaktion auf die Erkenntnis, dass Gott ist und wie Gott ist. Und sie beinhaltet – wie jede gegenseitige Liebe – auch die Kommunikation, die Gemeinschaft mit Gott. Deshalb nennt Thomas die Gottesliebe eine Freundschaft mit Gott. Zur Gottesliebe gehört also auch das Gebet.

Die Gottesliebe führt aber auch wieder direkt zur Nächstenliebe. Weil Gott auch alle anderen Menschen als in ihrem Kern gute Wesen geschaffen hat und sie liebt, muss man auch alle anderen Menschen lieben; vor allem wünscht die Liebe dem anderen, dass er das Ziel seines Lebens erreicht (und hilft ihm gegebenenfalls dabei): zu Gott zu kommen. Gott haben wir in diesem Leben auch nicht so direkt vor Augen wie andere Menschen; und Er hat uns gesagt: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben.“ (1 Joh 4,20f.) Und: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Besonders kommt die Liebe ins Spiel, wenn es um die Vergebung und die Feindesliebe geht; dazu, was genau die Vergebung und die Feindesliebe praktisch beinhalten, kommt aber später noch einmal ein eigener Beitrag.

Zu den einzelnen Sünden gegen Glaube, Hoffnung und Gottesliebe ausführlich im nächsten Teil.

 

Neben den drei göttlichen Tugenden gibt es außerdem noch die vier Kardinaltugenden (von lat. „cardo“: Türangel, Dreh- und Angelpunkt): Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung. Diese vier sind natürliche, nicht übernatürliche, Tugenden; und diese Kategorisierung hat ihren Ursprung nicht in der Bibel, sondern in der griechischen Philosophie.

(Allegorische Darstellung von (von links nach rechts) Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung am Grabmal von Papst Clemens II. im Bamberger Dom. Gemeinfrei.)

1) Die Gerechtigkeit ist eine sehr zentrale Tugend. Sie bedeutet: gewillt sein, jedem anderen sein Recht zukommen zu lassen, das, was ihm zusteht. Was genau dieses „jedem das Seine“ in der Praxis heißt, ist manchmal etwas kompliziert zu beantworten, da Bedürfnisse, Verdienste, Schuld usw. unterschiedlich sind; außerdem schuldet ein Mensch einem anderen auch mehr oder weniger bzw. Unterschiedliches, je nachdem, in welchem Verhältnis er zu ihm steht (z. B. Eltern-Kind-Beziehung, Ehe, Arzt-Patient-Verhältnis, Arbeitsverhältnis…). Eltern schulden ihrem eigenen Kind mehr als dem Nachbarskind; und ein Arzt schuldet seinen Angestellten andere Dinge als seinen Patienten. Natürlich gibt es in allen diesen Fragen recht klare Prinzipien, die man auf die einzelnen Fälle anwenden kann; dazu komme ich allerdings in mehreren anderen Beiträgen, weil das hier zu langwierig würde. Die Gerechtigkeit existiert in vielen Spielarten; z. B. gibt es die strafende Gerechtigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit.

Die Barmherzigkeit kann über die Gerechtigkeit noch hinausgehen und jemandem mehr geben, als er verdient, aber sie macht die Gerechtigkeit nicht obsolet; und die Gerechtigkeit ist in jedem Fall das Minimum, das erfüllt werden muss. Es braucht ein Zusammenwirken von beiden.

2) Tapferkeit/Stärke (lat. fortitudo) meint die Fähigkeit, sich nicht durch Furcht oder Schwierigkeiten davon abhalten zu lassen, das Richtige zu tun. Thomas schreibt:

„Ich antworte, vermittelst der Stärke ziehe sich der Mensch vom Guten nicht zurück aus Furcht vor einem körperlichen Übel. Es muß aber das der Vernunft entsprechende Gute trotz alles entgegenstehenden Übels deshalb festgehalten werden, weil kein körperliches Gut gleichkommt dem Gute der Vernunft. Also wird Seelenstärke jene Tugend genannt, welche den Willen im vernunftgemäßen Guten festhält gegen die größten Übel.“ (Summa Theologiae II/II 123,4)

3) Klugheit meint das Finden der rechten Mittel, um das Gute zu erreichen. Der Klugheit obliegt es, zu urteilen, wie genau man ein bestimmtes Ziel (z. B. eine gerechte Verteilung von bestimmten Gütern) am besten erreichen kann. Mit Klugheit ist hier Vernunft, gesunder Menschenverstand, Besonnenheit gemeint; nicht ein hoher IQ. Die Klugheit als Tugend zu bezeichnen klingt für moderne Ohren ähnlich ungewohnt, wie den Glauben so zu nennen. Aber hier geht es tatsächlich um Kategorien der Ethik: Zur Klugheit gehört es z. B., Vorsicht und Zurückhaltung bei vorschnellen Urteilen walten zu lassen; alle Seiten zu hören; zu wissen, wann man lieber jemanden um Rat fragen muss, der sich besser auskennt als man selbst; aber auch nicht leichtgläubig und zu sehr beeinflussbar zu sein; sich von der Vernunft leiten zu lassen statt von Emotionen; Intuitionen aber auch nicht einfach zu ignorieren… Laut Thomas gehören drei Dinge zur Klugheit: Ratsuchen, Urteilen und die praktische Anwendung des Urteils. Nachlässigkeit, Gedankenlosigkeit oder inkonsistentes Urteilen wären Sünden gegen die Klugheit.

4) Mäßigung meint, sich nicht durch ein Übermaß eines bestimmten Gutes davon abhalten zu lassen, das gesamte Gute im Blick zu behalten. Hier geht es um das Finden des rechten Maßes (in manchen Fällen und bei manchen Leuten kann das ein sehr großes, in anderen Fällen und bei anderen Leuten ein sehr geringes sein; oft ist es aber ein mittleres) z. B. bei Essen, Alkohol, Arbeit, Freizeit, Gesellschaft, Zurückgezogenheit usw., damit das Leben funktioniert. Alle Dinge unterhalb von Gott sind nur dann gut, wenn sie in der rechten Ordnung und im rechten Maß gebraucht werden. Untertugenden der Mäßigung wären z. B. die Keuschheit oder die Bescheidenheit.

 

Die Mäßigung und die Klugheit verlangen übrigens auch, das richtige Verhältnis zwischen verschiedenen wichtigen, einander ergänzenden Tugenden zu suchen und hier keine Seite zu vernachlässigen; was aber gerade nicht Lauheit ist. Zur Illustration eine kleine Grafik (Bildquelle hier; ich habe kein besseres Bild gefunden):

 

R-Spitz.png

Man denke sich jeweils die Grundlinie der beiden Dreiecke als die Linie, die zwischen zwei einander ergänzenden Tugenden, sagen wir, Gerechtigkeit (jeweils Eckpunkt links unten) und Barmherzigkeit (jeweils Eckpunkt rechts unten) verläuft. In der Mitte dieser Linie befindet sich die goldene Mitte; aber von dort aus kann man noch weiter (rechtes Dreieck) oder nicht so weit (linkes Dreieck) nach oben gehen und dort die Spitze des Dreiecks festmachen. Wenn jedes der beiden Dreiecke für eine Person steht, ist keine der beiden unausgewogen und sieht nur auf Gerechtigkeit oder nur auf Barmherzigkeit (bei beiden Dreiecken steht die Spitze über der Mitte der Grundlinie), aber die linke Person interessiert sich für beides wenig, während die rechte Person sowohl stark darauf sieht, dass anderen Leuten Gerechtigkeit widerfährt, als auch darauf, ihnen gegenüber auch barmherzig zu sein; je nach dem, was in der Situation nötig ist. Die Tugend der Mäßigung ist notwendig dafür, dass das Dreieck nicht verschoben wird und man keine der beiden Komplementärtugenden (= Tugenden, die einander ergänzen) vernachlässigkeit. Die Person kann aber immer weiter in der Tugend wachsen (die Spitze des Dreiecks immer weiter nach oben verschieben) und immer mehr auf beide Tugenden schauen, ohne dabei auf die eine oder andere Seite zu kippen.

Die Tugenden können überhaupt alle nur gemeinsam existieren; wenn z. B. jemand gerecht sein möchte, aber keine Tapferkeit besitzt, wird er davor zurückschrecken, Gerechtigkeit zu üben, wo er sich damit unbeliebt machen würde; wenn jemand ein unmäßiges Verlangen nach Geld hat, wird er in Gelddingen nicht gerecht sein können.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 2: Grundbegriffe und Unterscheidungen

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Heute zu einigen Grundsätzen und Grundbegriffen, die in allen möglichen Situationen wichtig werden. Diesen Teil hätte ich vielleicht als ersten veröffentlichen sollen. Bald wird es konkret, aber das Allgemeine sollte vorher der Vollständigkeit halber auch geklärt werden.

Achtung: Das alles hier ist im Blick auf Nichtskrupulanten, d. h. Menschem mit durchschnittlichem bis laxem Gewissen geschrieben worden. Für Skrupulanten gelten z. B. in Hinblick auf die Beurteilung zweifelhaft schwerer Sünden eigene Regeln. (Siehe etwa hier, hier und hier.)

Die katholische Ethik ist eine Ethik des Naturrechts. Der Begriff „Naturrecht“ hat für viele heute einen ungewohnten Klang und lässt manche sogar an Sozialdarwinismus und ähnlichen Unfug denken. Beim Naturrecht geht es aber nicht darum, zu beobachten, was denn so in der Wildnis passiert und das dann nachzuahmen. Nein: Es geht darum, mit der Vernunft zu schauen, worauf ein Ding seinem Wesen (seiner Natur) nach ausgerichtet ist. Beispiel: Die Sprache ist auf die Weitergabe von Wahrheit ausgerichtet – Lügen pervertiert diesen Zweck, also ist es sozusagen „widernatürlich“, im Sinne von „gegen die göttliche Ordnung, gegen die innere Natur, den Naturzweck der Sprache“, und damit eine Sünde. Wir glauben, dass Gott sich Gedanken über den Aufbau Seiner Welt gemacht hat und halten uns an Seinen Bauplan. Gegen das Naturrecht kann genau genommen selbst Gott nicht verstoßen, weil es in Seinem eigenen Wesen begründet ist – Er könnte zum Beispiel nicht lügen oder Seine Versprechen brechen. Es wäre nicht nur falsch, sondern unmöglich für Ihn, so etwas zu tun.* (Allerdings darf und kann Gott tatsächlich auch dem Naturrecht gemäß ein paar andere Dinge tun, als Menschen dürfen. So ist Gott Herr über Leben und Tod und kann uns das Leben nehmen, ohne dass Er dadurch etwas Böses täte, während wir nicht einfach so töten dürfen. Das könnte man entfernt damit vergleichen, dass in einer menschlichen Gesellschaft der Staat Gewalt anwenden darf, die der einzelne Bürger nicht anwenden darf, was im Endeffekt zum Schutz des einzelnen Bürgers dient, oder damit, dass Eltern für ihr Kind einer Operation zustimmen dürfen, für die die Einwilligung des Kindes allein nicht genügt. Klar: Gott ist allwissend und vollkommen gut, wir nicht.)

Das Naturrecht wird auf Latein ius divinum naturale genannt, natürliches göttliches Recht. Neben dem natürlichen göttlichen Recht gibt es noch das positive (gesetzte) göttliche Recht (ius divinum positivum), d. h. die von Gott in Seiner Offenbarung gestifteten Satzungen, die Er theoretisch auch anders hätte gestalten können. Dazu gehören z. B. das Gebot, den siebten Tag zu heiligen, oder „im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen, usw. Die Bestimmungen des Naturrechts können theoretisch alle Menschen mit Gewissen und Vernunft einsehen, das positive göttliche Recht kommt erst durch Gottes ausdrückliche Anordnung. Es verpflichtet aber prinzipiell genauso aufgrund der Autorität unseres Schöpfers über uns. Dann gibt es noch das bloß kirchliche Recht (ius mere ecclesiasticum), das von der Kirche festgesetzte Recht über den Bereich, für den Gott ihr Autorität verliehen hat. Dazu gehören z. B. die Fastenbestimmungen. Außerdem gibt es noch anderweitiges positives menschliches Recht – das staatliche Recht, oder die Weisungen rechtmäßiger Vorgesetzter. Das menschliche Recht (dazu zählt auch das kirchliche) ist insofern bindend, sofern es dem göttlichen Recht nicht widerspricht, praktisch zumutbar ist und die Autoritäten rechtmäßige Autoritäten in Gottes Ordnung (Kirche, Staat, Eltern gg. minderjährigen Kindern, usw.) sind.

Verstöße gegen alle diese Formen von Recht können je nach Schweregrad entweder schwere oder lässliche Sünden sein. Weder ist ein Verstoß gegen das Naturrecht automatisch schwer, noch einer gegen das kirchliche Recht automatisch lässlich.

Aus dem Konzept des Naturrechts folgt, dass es gewisse Handlungen gibt, die absolut immer falsch sind und unter keinen Umständen ausnahmsweise gerechtfertigt werden können, weil sie gegen die Natur der Dinge sind – die sog. in sich schlechten Handlungen. Diese Handlungen können auch durch keinen noch so guten Zweck richtig werden und ziehen meistens sowieso ziemlich schlechte Folgen nach sich. Andere Handlungen wiederum sind nur aufgrund der konkreten Umstände schlecht.

Wichtig: In sich schlechte Handlungen sind nicht automatisch schlimmer als durch die Umstände schlechte Handlungen. Der Begriff bezeichnet eine bestimmte Art von Sünde, nicht den Grad ihrer Schwere. (Ein Beispiel: Lügen ist immer schlecht, das bloße Vorenthalten einer Wahrheit nicht – man ist ja nicht verpflichtet, jedem immer alles Mögliche zu erzählen, was ihn vielleicht gar nicht betrifft. Aber das Vorenthalten einer wichtigen Wahrheit, die zu wissen jemand ein Anrecht hat, kann sehr wohl schlimm sein. Eine kleine Verlegenheitslüge („Wieso kommst du schon wieder zehn Minuten zu spät?“ – „Äh – der Verkehr draußen…“) wäre offensichtlich weniger schlimm, als wenn z. B. Eltern und Arzt einem Kind das Wissen vorenthalten, dass seine Krankheit so schwer ist, dass es bald daran sterben wird.)

Auch sind nicht alle in sich schlechten Handlungen gleich schwerwiegend; es sind noch nicht einmal alle in sich schlechten Handlungen schwere Sünden – das klassische Beispiel wäre wieder die Verlegenheitslüge in unwichtiger Sache, die zwar ihrer Natur nach falsch, aber wegen ihrer Geringfügigkeit nur eine lässliche Sünde wäre.

Jetzt also noch zu diesen zwei Begriffen: schwere Sünde (=Todsünde) und lässliche Sünde. Eine Sünde ist schwer, wenn in einer wichtigenSache mit Wissenund Willen begangen (so der alte Katechismusmerkspruch). Wenn man nicht wusste, dass etwas eine schwere Sünde ist, oder wenn man irgendeinen Irrtum begangen hat, der die Sache nicht als solche aussehen ließ, war es keine schwere Sünde. Wenn man unter Drohung, Nötigung, dem Einfluss einer Sucht oder psychischen Krankheit o. Ä. gehandelt hat, beeinträchtigt das ebenfalls die Schuldfähigkeit. Aber was ist nun eine wichtige Sache? Dazu komme ich in dieser Reihe ausführlich; prinzipiell kann man sagen, dass ausdrückliche Ge- und Verbote in der Bibel (Zehn Gebote!) wichtige Markierungspunkte sind; auch die Regeln von Staat und Kirche, die diese beiden Institutionen selber als grundlegend wichtig behandeln (d. h. kirchlicherseits etwa die fünf Kirchengebote oder das Beichtgeheimnis, staatlicherseits die meisten Strafgesetze – im Unterschied zu, sagen wir mal, Details einer diözesanen Datenschutzrechtlinie oder Bestimmungen zu bloßen Ordnungswidrigkeiten) verpflichten i. d. R. unter schwerer Sünde.

Die schwere Sünde schneidet von Gott ab, weil sie in einem die Tugend der caritas (Gottes- und Nächstenliebe) ganz zerstört (was auch heißen kann, eine mit dieser zwangsläufig zusammenhängende Tugend, etwa die der Gerechtigkeit, in einem ganz zerstört) – und damit eben die heiligmachende Gnade in einem zerstört. Schwere Sünden sind wie (für die Seele) tödliche Wunden; lässliche wie Kratzer und blaue Flecke und vielleicht auch mal ein ausgeschlagener Zahn oder ein gebrochener Arm – nicht schön, aber man geht davon nicht drauf.

Wenn man allerdings kleine Sünden bewusst, beabsichtigt serienmäßig begeht (z. B. als Dieb von Laden zu Laden zieht und immer nur Waren für ein paar Euro klaut, aber insgesamt damit doch einen großen Schaden anrichtet), können die damit auch zu einer schweren Sünde werden – so, wie man an vielen gleichzeitig zugefügten kleinen Schnitten verbluten kann. Hier handelt es sich nämlich eigentlich nicht um nacheinander begangene lässliche Sünden, sondern um eine schwere Sünde auf Raten. (Ein anderes Beispiel wäre etwa, wenn man einem Familienmitglied oder Arbeitskollegen oder Mitschüler durch ständige strategische kleine Boshaftigkeiten zusetzt, die für sich genommen nur übliche Reibereien im menschlichen Miteinander wären, aber zusammengenommen viel größeren Schaden anrichten.)

Wie erlangt man die heiligmachende Gnade wieder? Gott hat als Mittel dafür die Taufe und – wenn man schon getauft ist und dann wieder schwere Sünden begeht – die Beichte eingesetzt. Er wollte Seine Gnade durch äußere Zeichen vermitteln. Natürlich funktionieren die aber auch nicht einfach so – Reue und der Vorsatz zur Besserung müssen da sein. Ein bloßes Lippenbekenntnis reicht nicht.

Was ist, wenn man keinen Priester erreichen kann? Und was ist mit Menschen, die nichts vom katholischen Glauben wissen? Nun, das ist nicht so schwer. Gott hat zwar die Sakramente eingesetzt, und im Gehorsam Ihm gegenüber halten wir uns an sie, aber Er selbst ist ja nicht nur an sie gebunden, sondern kann Seine Gnade auch anderweitig austeilen, wo die Leute nicht zu ihnen gelangen.

Hier kommt der Begriff der „Liebesreue“ (lat. contritio) ins Spiel: Wenn man eine schwere Sünde begangen hat und dann einen „Akt der Reue setzt“ (hey, ich halte mich nur an die Fachbegriffe), also Reue erweckt, sich vornimmt, sie nicht mehr zu begehen, und (wenn man katholisch ist und um die Wichtigkeit der Beichte weiß) sich vornimmt, sie zu beichten, wenn man die Gelegenheit dazu hat, dann wirkt schon Gottes Gnade in einem. Die Liebesreue wird auch „vollkommene Reue“ genannt, aber eigentlich ist der Begriff der „Liebesreue“ passender; der Punkt bei dieser Reue ist nämlich nicht, dass sie so perfekt sein muss, wie es nur geht, sondern dass sie aus Liebe zu Gott hervorgeht. Eine Stufe drunter gäbe es nämlich die sog. „Furchtreue“ („unvollkommene Reue“, lat. attritio), die eher aus Furcht vor der Hölle hervorgeht. Die Furchtreue ist nicht schlecht – sie ist ein unvollkommener Anfang. In der Beichte selber genügt sie für die Vergebung der Sünden. (Wieso genügt in der Beichte etwas, das sonst nicht genügt? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht, weil Gott es uns anrechnen will, wenn wir uns immerhin überwinden müssen, die Sünden laut zu bekennen?) Liebesreue heißt, dass man es bereut, den liebenden Vater im Himmel mit einer schlechten Tat verletzt zu haben; Furchtreue fürchtet bloß die strafende Gerechtigkeit Gottes. (Sie meint allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun“, sondern eher „Ja, ich weiß irgendwo schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Motivation, zur Beichte zu gehen, ist gerade eher Angst vor der Hölle“.) Wichtig: Für echte Reue muss man nicht intensive Gefühle in sich heranzüchten. Gefühle sind sicher mal eine Hilfe, aber vor allem ist Reue eine Sache des Willens. Man muss sich einfach bewusst machen, dass etwas tatsächlich falsch war und den guten und gerechten Gott verletzt hat, und sich Besserung vornehmen – das ist Liebesreue. Ach ja, die Liebesreue kann übrigens auch zusammen mit einer gewissen Furcht vor der Hölle existieren. Man kann sowohl die „unvollkommene“ als auch die „vollkommene“ Motivation dafür, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, in sich haben. Wäre ja auch nicht sehr schön, wenn man keine Liebesreue erlangen könnte, solange man noch irgendeine Furcht vor der Hölle spürt.

Wenn man eine schwere Sünde auf dem Gewissen hat, darf man vor der nächsten Beichte nicht zur Kommunion gehen – bevor man sich wieder mit Jesus vereinigen kann, muss man sich richtig mit Ihm versöhnt haben, auch äußerlich im Sakrament der Beichte. (Nur in Ausnahmefällen genügt die bloße Liebesreue, um zu kommunizieren – aber dazu in einem anderen Teil.)

Was ist, wenn man eine Sache fälschlich für eine schwere Sünde hielt, als man sie beging, und erst später gehört hat, es sei nur eine lässliche Sünde? Es kommt darauf an. Prinzipiell bestimmen schon die eigenen Intentionen, wie gut oder schlecht das eigene Handeln war – man war bereit, etwas zu tun, das man für eine schwere Sünde hielt. Der Apostel Paulus befasst sich im Römerbrief mit einer solchen Frage: Eigentlich ist es keine Sünde, auf dem Markt Fleisch zu kaufen, das von in heidnischen Tempeln geopferten Tieren stammt; aber wenn jemand überzeugt ist, es sei Sünde und es trotzdem tut, dann sündigt er dabei. (Und deshalb sollen die anderen Christen darauf Rücksicht nehmen, welches Beispiel sie solchen Leuten geben, und nicht Götzenopferfleisch essen, wenn sie dadurch einem anderen den Anschein gäben, sie würden es mit dem Glauben nicht so genau nehmen.) Andererseits werden offensichtlich harmlose oder wenig schlimme Handlungen auch nicht so schnell so furchtbar schlecht, weil man sich darüber irrt, wie schlecht sie wären. Sagen wir, jemand glaubt aufgrund falscher religiöser Erziehung, jede noch so geringfügige Lüge, Alkoholkonsum in egal welcher Menge, und jeder Widerspruch gegenüber den Eltern / Streit mit ihnen sei schwere Sünde. Das ist offensichtlich falsch; die letzten beiden Dinge müssen nicht mal lässliche Sünden sein. Und das spürt man auch irgendwo. (Es gibt ja eine bestimmte Sorte Protestanten, die die Lehre vertreten, jede Sünde sei gleich schwer; das sagen sie sich sicher, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es wirklich innerlich glauben – und in der Praxis behandeln sie Mord und Ruhestörung auch nicht wie dasselbe.) Ein solcher Mensch würde nicht automatisch eine schwere Sünde begehen, weil ihm halt doch mal ein böses Wort gegenüber den Eltern herausrutscht. Gerade, wenn man ein hyperaktives (skrupulöses) Gewissen hat, das einem sagt, alles und jedes müsse bestimmt schwere Sünde sein, kann es gut sein, dass etwas, das man zu dem Zeitpunkt, als man es tat, für schwere Sünde hielt, doch keine war, auch subjektiv nicht.

Was, wenn man sich zu dem Zeitpunkt, zu dem man etwas getan hat, nicht sicher war, ob es schwere oder lässliche Sünde war? Nun, dann war man zumindest bereit, eine potentiell schwere Sünde zu begehen. Zweifelhaft schwere Sünden müssen vom Prinzip her nicht gebeichtet werden; hier gelten aber auch die Regeln für Zweifelsfälle aus Teil 1 dieser Reihe. Wenn man dabei immer noch zu keiner wahrscheinlichen Einschätzung kommt, sollte man am besten einfach beichten und in der Beichte nachfragen, was diese Tat allgemein ist.

Was, wenn einem tatsächlich erst hinterher eingefallen ist, etwas könnte schwere Sünde gewesen sein? Dann war es im Normalfall keine schwere Sünde – außer, man hätte es eigentlich klar sehen müssen und hat sich selber blind gestellt. Das ist manchmal schwierig zu bestimmen. Tut mir leid für die Vagheit an dieser Stelle. Vielleicht im späteren Verlauf der Reihe mehr zum Thema Gewissensbildung.

Wir kennen den Ausdruck der Sünden „in Gedanken, Worten und Werken“. Wann werden bloß gewünschte oder geplante oder angekündigte oder angedrohte Sünden zu Sünden?

Die feste Absicht, eine schwere Sünde zu begehen, ist selbst schwere Sünde. Der feste Wunsch, eine schwere Sünde zu begehen, von dessen Ausführung man nur (nicht auch, sondern nur) wegen dem Gedanken an die Konsequenzen (Rufschädigung, Gefängnis, was auch immer) zurückschreckt, und nicht, weil man weiß, dass besagte Sünde falsch ist, ist selbst schwere Sünde. Etwas schwieriger ist der Fall beim bewussten Schwelgen in Phantasien (im Unterschied zu ungewollten Gedanken, die einem halt so kommen) über schwere Sünden (z. B. Gewalt- oder Sexphantasien), die man aber nicht in die Tat umzusetzen beabsichtigt. Im Bereich des sechsten Gebots sind hier am ehesten schwere Sünden zu befürchten. Generell besteht aber schon noch ein Unterschied zur ausgeführten Tat. Aber dazu in einem anderen Artikel mehr.

Leere Drohungen („Geld her oder ich schieße!“, „Wenn du nicht vor Gericht für mich lügst, schmeiß ich dich raus!“) sind die eigenständige, je nach den Umständen schwere oder lässliche Sünde der Erpressung; Drohungen, die auch die tatsächliche feste Absicht beinhalten, eine schwere Sünde zu begehen sind selbst schwere Sünde (noch zusätzlich zur Erpressung) – wenn auch vielleicht nicht ganz so schwer wie die tatsächlich begangene Tat (es hätte ja sein können, dass man vor der Tat dann doch zurückgeschreckt wäre).

Zwei andere Dinge sind noch wichtig. Erstens: Was ist, wenn man zu fremden Sünden beiträgt oder an ihnen mitwirkt?

Zu fremden Sünden beitragen kann man natürlich entweder durch direkte Anstiftung/Verführung/Nötigung (was eine schwere Sünde ist, wenn zu schweren Sünden angestiftet/verführt/genötigt wird), oder aber, indem man „Ärgernis gibt“. Das hat nichts mit „jemand anderen ärgern“ zu tun – es heißt eher so etwas wie „einem anderen Anlass zur Sünde werden“, oft in der Form von „ein schlechtes Beispiel geben, wodurch andere zu einer Sünde verleitet werden“. Ein Beispiel: Anna, die aus einer katholischen Familie kommt, übernachtet immer mal wieder bei ihrem Freund; obwohl die zwei dabei tatsächlich nicht miteinander schlafen, gehen Annas jüngere Geschwister davon aus, dass sie es wohl täten (v. a., weil Anna nichts Gegenteiliges klarstellt); weil sie sich ihre ältere Schwester zum Vorbild nehmen und allgemein den Eindruck haben, dass die ja trotzdem noch eine gute Katholikin sei, nehmen sie selber das Thema Keuschheit jetzt weniger wichtig. Ein anderes Beispiel wäre die oben erwähnte Götzenopferfleischproblematik. Wenn man ohne rechtfertigenden Grund (so einen Grund kann es geben – sagen wir, Anna musste bei ihrem Freund übernachten, weil sie den letzten Bus zurück zu sich nach Hause verpasst hat, oder man kauft Götzenopferfleisch, weil es sonst nichts anderes mehr auf dem Markt gibt und man Essen braucht) andere zu der naheliegenden Annahme verleitet, man würde schwere Sünden begehen und die als kein moralisches Problem sehen, dann kann das eine lässliche oder schwere Sünde sein (je nachdem, wie sehr der andere einen z. B. als Vorbild nimmt). Man kann auch auf andere Weise zu Sünden verleiten – z. B. kann man jemanden dazu verleiten, einen zu hassen, indem man ihn schlecht behandelt. Auch diese Art der Provokation zu Sünden ist ernst zu nehmen – auch, wenn man die Reaktionen anderer auf das eigene Handeln nicht immer kontrollieren kann und manchmal auch Dinge tun muss, die andere missverstehen könnten o. Ä., sollte man die natürlicherweise, auch bei grundsätzlich wohlwollenden Menschen, erwartbaren Reaktionen anderer auf das eigene Handeln einkalkulieren, und, wenn es möglich ist, darauf Rücksicht zu nehmen.

Etwas anderes ist die Mitwirkung an einer Sünde, wobei man die materielle und die formelle Mitwirkung unterscheiden muss. Formelle Mitwirkung ist direkte Mitwirkung an einer schlechten Tat selber, wobei die eigene Tat einen unverzichtbaren Bestandteil der Handlung darstellt oder eine ausdrückliche Gutheißung dieser Tat bedeutet. Materielle Mitwirkung ist periphere Mitwirkung, die nicht zu der Handlung selber gehört; hier wird eine an sich gute oder moralisch neutrale Handlung durch einen anderen missbraucht und in den Dienst seiner Sünde gestellt. Formelle Mitwirkung wäre etwa die Hilfe eines Assistenzarztes bei einer Abtreibung; materielle Mitwirkung wäre die Versorgung einer Frau nach einer Abtreibung, oder das Putzen des Operationsraums vorher. Eigentlich wäre z. B. auch der klassische Fall des Blumenschmucks für eine Schwulenhochzeit nur materielle Mitwirkung (der Blumenschmuck ist nicht nötig für die Trauung und der Florist drückt damit nicht zwangsläufig seine Zustimmung zu ihr aus; einen Raum mit Blumen zu schmücken ist an sich moralisch indifferent). Ein anderes Beispiel für materielle Mitwirkung wäre die Arbeit einer Angestellten in einem Supermarkt, wo Kondome verkauft werden – dabei beteiligt man sich nicht direkt an der Tat der künstlichen Empfängnisverhütung -; die eines Taxifahrers, dessen Kunden sich auch ins Rotlichtviertel fahren lassen; oder die eines Winzers oder Weinhändlers, der weiß, dass seine Produkte sowohl von Leuten, die ein wenig mit ein paar Gläsern Wein feiern wollen, als auch von Alkoholikern, die sich zusaufen und ihre Gesundheit ruinieren, gekauft werden werden. Oder das klassische Beispiel: Der Kauf von Waren von einem Unternehmen, das seine Angestellten schlecht behandelt oder in andere unethische Dinge involviert ist.

Formelle Mitwirkung ist nie in Ordnung, materielle Mitwirkung lässt sich nicht immer vermeiden (man versuche mal, nur bei ethisch völlig sauberen Unternehmen einzukaufen) und kann in Ordnung sein, wenn es entsprechend gewichtige Gründe gibt, die sie nötig machen (z. B. als Florist nicht wegen Diskriminierung verklagt zu werden). Je entfernter die Mitwirkung, desto leichter ist sie zu rechtfertigen. Außerdem muss man sich fragen, ob man die schlechte Tat verhindern könnte, indem man die Mitwirkung verweigert; ob man eine besondere Verantwortung hat, sie zu verhindern; wie schwerwiegend sie in sich ist; ob es von anderen so betrachtet werden wird, als hätte man durch seine Mitwirkung seine Zustimmung zu der Tat gegeben.

Bloße Mitwirkung ist generell nicht so schwer wie die Sünde selbst; aber trotzdem dürfte die formelle Mitwirkung an einer schweren Sünde meistens schwere Sünde sein.

In diese Ecke gehören auch die Handlungen mit Doppelwirkung. Es geht hier um Handlungen, die eine gute und eine schlechte Wirkung erzielen, von denen erstere intendiert ist und letztere nicht. Man könnte auch „Handlung mit einer schlechten Nebenwirkung“ sagen. Auch in der Medizin gibt es ja Medikamente, die alle möglichen Nebenwirkungen haben. Wenn jetzt ein Arzt einem Patienten ein Antibiotikum gibt, mit der Intention, dessen Infektion zu heilen, dann ist das eine gute Handlung, auch wenn der Patient davon auch nicht intendierte Verdauungsstörungen bekommt; wenn man jemandem dagegen etwas geben würde, damit er Verdauungsstörungen bekommt, wäre das, nun, nicht gerade nett. (Ehrlich, absolut nicht nett. Take it from jemandem, der chronische Probleme mit so was hat.) Es ist offensichtlich, dass die intendierte Wirkung und die Nebenwirkung in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen – so, wie auch bei einem Medikament die Nebenwirkungen nicht mehr schaden sollten als das Medikament nützt. Beispiel für erlaubte Handlungen mit Doppelwirkungen wären etwa:

  • Eine schwangere Frau ist schwer krank und nimmt Medikamente, die ihrem ungeborenen Kind schaden können.
  • Eine Frau nimmt die Pille zur Behandlung einer Krankheit (z. B. Endometriose); die resultierende Unfruchtbarkeit ist eine unerwünschte Nebenwirkung.
  • Ein Staat setzt eine bestimmte Wirtschaftgesetzgebung (z. B. zu Steuern, Zöllen, Mindestlohn…) in Kraft, die Gruppe A sehr hilft und Gruppe B unbeabsichtigterweise etwas schadet.
  • In einem gerechten Krieg wird eine Waffenfabrik des Gegners bombardiert; dabei sterben, was nicht beabsichtigt war, auch Zivilisten, u. a. sogar Zwangsarbeiter, die Kriegsgefangene des Gegners waren und dort arbeiten mussten.
  • Extremes Beispiel: Eine Eileiterschwangerschaft: Ein Embryo hat sich im Eileiter der Mutter statt in ihrer Gebärmutter eingenistet; das natürliche Resultat, wenn man nichts tut, wäre, dass der Eileiter irgendwann reißen würde, wobei das Kind sicher sterben würde und die Mutter vielleicht. Ein Arzt entfernt den Eileiter oder das Kind aus dem Eileiter; das Kind stirbt dabei, weil es noch zu klein ist, um draußen zu überleben. Wenn schon künstliche Gebärmütter entwickelt wären, in die man das Kind setzen könnte, oder wenn es möglich wäre, das Kind aus dem Eileiter in die Gebärmutter der eigenen Mutter zu setzen, würde man aber eine dieser Optionen wählen; das Ziel ist nicht, das Kind zu töten, sondern die Mutter zu heilen; und das Kind hätte sowieso keine Überlebenschance (bei einer Eileiterschwangerschaft gar keine, bei einer Bauchhöhlenschwangerschaft immerhin eine sehr geringe).

Bei Handlungen mit Doppelwirkung muss man sich einfach immer fragen: Würde ich diese Handlung auch noch ausführen, wenn die schlechte Wirkung dank irgendwelcher neuer Umstände nicht auftreten würde? Wenn ja, kann die Handlung erlaubt sein. Wenn dagegen die schlechte Wirkung selber, wenn auch z. B. als Mittel zu einem anderen guten Zweck, gewollt ist, dann kann sie nicht erlaubt sein. Ein Beispiel: Der Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki war nicht moralisch erlaubt, weil die vielen zivilen Opfer keine unerwünschte Nebenwirkung waren, sondern direkt intendiert, wenn auch zu dem guten Zweck, Japan schnell zur Kapitulation zu bewegen und noch höhere Zahlen an Kriegstoten zu vermeiden.

Wenn ein Leser sich mit diesen quasi „gesinnungsethischen“ Konzepten (es gibt in sich schlechte Handlungen, der Zweck heiligt nicht die Mittel) noch schwer tut, empfehle ich diesen sehr lesenswerten Aufsatz von Robert Spaemann (RIP).

 

* Daraus ergäbe sich freilich die Frage: Ist Er dann noch allmächtig, wenn Er manches nicht tun kann? Ja, ist Er. Gott kann alles tun, außer das, was in sich unsinnig oder widernatürlich wäre, weil das Unsinnige und Widernatürliche eigentlich gar keine wirkliche Existenz in sich hat, sondern eine bloße Negation ist. Eine solche Negation ist nur uns nicht-göttlichen Geschöpfen (Engeln, Menschen) möglich. Gott ist das pure Sein, das pure Gute, die pure Vernunft, die pure Schönheit – wir sind ein Stück von Ihm entfernt.