Von Abtreibung und Sklaverei

Mir ist in letzter Zeit immer mehr aufgefallen, wie ähnlich die heutige Debatte ums Thema Abtreibung (wenn denn mal eine Debatte zugelassen wird) tatsächlich der Debatte ums Thema Sklaverei ähnelt – d. h. der Debatte um dieses Thema im 18. und 19. Jahrhundert, vor allem in den USA, wo damals die Sklaverei in den Südstaaten erlaubt und in den Nordstaaten verboten war.

 

Es gäbe da zunächst mehrere noch relativ oberflächliche, äußerliche Gemeinsamkeiten:

1) Es handelt sich um ein Unrecht, das von unzähligen Privatleuten begangen wird; niemand wird dazu gezwungen, sich daran zu beteiligen, und der Staat befiehlt es nicht, sondern erlaubt es nur.

  • „Du bist gegen die Sklaverei? Du musst keine Sklaven halten; wenn du welche gekauft, geerbt oder geschenkt bekommen hast, kannst du sie freilassen.“
  • „Du bist gegen Abtreibung? Du musst ja nicht abtreiben.“

2) Die Kirchen sind gespalten in ihrer Position zu dieser Praxis:

  • Es gab einige protestantische Gruppen, die sehr klar gegen die Sklaverei kämpften (besonders die Quäker und Methodisten), viele, die es für ein gutes Werk hielten, Sklaven freizulassen, aber Sklavenhalter nicht direkt verurteilten, und manche, die die Sklaverei klar befürworteten. Die Southern Baptists spalteten sich 1845 von den Northern Baptists ab, weil sie die Sklaverei für absolut rechtmäßig hielten und weil sie, anders als bisher, auch Sklavenhalter zum Predigerdienst zulassen wollten. Einige Katholiken, darunter auch einige Kleriker, in den US-amerikanischen Südstaaten versuchten sich damit herauszureden, dass die wiederholten päpstlichen Verurteilungen nur den Sklavenhandel, nicht das Sklavenhalten an sich betreffen würden. Es gab bibelbasierte Argumente für die Sklaverei, etwa dieses: Im Buch Genesis verflucht Noah die Nachkommen seines Sohnes Ham und unter den Nachkommen Hams werden afrikanische Völker genannt, also sind die Schwarzen verflucht und müssen den Weißen dienen. (Ernsthaft, das war ein oft gebrauchtes Argument damals.) Andere Prediger argumentierten mit der Bibel gegen die Sklaverei.
  • Das katholische Lehramt und die meisten evangelikalen Kirchen sind klar gegen Abtreibung, aber liberale protestantische Kirchen sind entweder nur sehr gemäßigte Abtreibungsgegner (sehen Abtreibung also ethisch als falsch, meinen aber, sie sollte rechtlich erlaubt sein, oder sehen sie als notwendiges Übel) oder sogar ausdrücklich pro-choice. Pro-Choicer und moderate Abtreibungsgegner gibt es auch unter dissidenten Katholiken; in Deutschland etwa bei Donum Vitae (einer Schwangerenberatungsorganisation, die Scheine ausstellt, die zur Abtreibung berechtigen), in den USA bei Catholics for choice. Auch bei christlichen Abtreibungsbefürwortern werden biblische Argumente eingeführt: Etwa, dass eine aus Fahrlässigkeit verursachte Verletzung einer Frau, die zu einer Fehlgeburt führt, nach dem Gesetz des Mose geringer bestraft werde als Mord an Geborenen. (Ernsthaft.)

(Karikatur auf einem Briefumschlag aus den Nordstaaten aus der Bürgerkriegszeit. Ein Kleriker aus den Südstaaten wird bei seiner Bibelauslegung vom Teufel inspiriert.)

3) Es gibt viele gemäßigte Gegner der Praxis, die ungern mit den radikalen Gegnern in einen Topf geworfen werden wollen und sich für Kompromisslösungen aussprechen, die meistens im Endeffekt auf die Beibehaltung des status quo hinauslaufen. Sie sehen das Unrecht als eine Art notwendiges Übel. Außerdem legen sie Wert darauf, nicht als zu fokussiert auf dieses eine Thema herüberzukommen; andere Fragen sind wichtiger.

  • „Die Sklaverei sollte nicht auf weitere neu erschlossene und gegründete Staaten im Westen ausgeweitet werden. Vielleicht könnte sie auch nach und nach abgeschafft werden. Wenn die Schwarzen erst einmal wirklich zivilisiert sind. Aber wir können sie auf keinen Fall jetzt einfach so abschaffen, das gäbe wirtschaftliches Chaos, Gewalt und Aufruhr. Und reden wir lieber über wichtigere Themen, wie Wirtschaft und Immigration.“
  • „Spätabtreibungen sind jetzt nicht so gut, und eine verpflichtende Beratung vor einer Abtreibung und ein Werbeverbot sollten wir vielleicht auch haben. Wir haben hier doch einen mühsam ausgehandelten Kompromiss erreicht, den wir nicht schon wieder in Frage stellen sollten. Aber man kann Abtreibungen nun mal nicht ganz verbieten. Und reden wir lieber über wichtigere Themen, wie Wirtschaft und Immigration.“

4) Die Bewegung gegen diese Praxis legt Wert auf friedliche Mittel; sehr vereinzelt gibt es unter ihnen gewaltbereite Personen, auf die die Gegenseite sofort anspringt und die sie als typisch darstellen will.

  • Bestes Beispiel bei den Abolitionisten ist John Brown. Wenn ich mir den Wikipedia-Artikel so durchlese, der und seine Leute waren ja schon brutaler als selbst die radikalisiertesten Abtreibungsgegner (und deutlich beliebter bei den Abolitionisten als jene bei Lebensrechtlern).
  • Bei den Lebensrechtlern hätten wir Leute in den USA, die auf Abtreibungsärzte geschossen haben (in den letzten Jahrzehnten gab es dort laut Wikipedia insgesamt 11 Todesopfer).

5) In dieser Bewegung gibt es ein paar bekehrte ehemalige Täter, die eine wichtige Rolle spielen:

  • John Newton (1725-1807) war ein englischer Sklavenhändler, der seinen Beruf aufgab, Pastor wurde und sich in England für das Verbot des Sklavenhandels einsetzte. Er verfasst übrigens das Lied „Amazing Grace“.
  • Bernard Nathanson (1926-2011) war Arzt und einer der Mitbegründer der National Abortion Rights Action League (NARAL), die in den USA für die Legalisierung der Abtreibung eintrat; nachdem die Legalisierung erreicht war, leitete er eine der größten Abtreibungskliniken der USA. Ihm kamen schließlich doch ethische Zweifel; nachdem er eine Abtreibung auf Ultraschall aufgenommen hatte, lehnte er Abtreibungen endgültig ab. Er gab diese Ultraschallaufnahmen in einem Film mit dem Titel „The silent scream“ (Der stumme Schrei) heraus und wurde zum Lebensrechtler; dabei sprach er auch sehr offen über die Taktiken, die NARAL im Kampf für die Legalisierung der Abtreibung verwendet hatte (etwa gefälschte Statistiken über die Zahl illegaler Abtreibungen und der Frauen, die dabei starben). Später konvertierte er zur katholischen Kirche. Norma McCorvey (1947-2017), wegen der (unter dem Pseudonym Jane Roe) im Prozess Roe v. Wade vor dem Obersten Gerichtshof der USA Abtreibung 1973 für legal erklärt wurde, wurde später ebenfalls Lebensrechtlerin und katholisch. Abby Johnson (geb. 1980) leitete eine Abtreibungsklinik der Organisation Planned Parenthood; auch für sie führte eine Ultraschallaufnahme einer Abtreibung zur Bekehrung. Sie ist jetzt ebenfalls Lebensrechtlerin und hat eine Organisation gegründet, die Angestellten in der Abtreibungsindustrie beim Austieg helfen soll, And Then There Were None. Auch sie wurde katholisch.

 

 

6) Aber auch ehemalige Opfer kämpfen gegen diese Praxis:

  • Olaudah Equiano alias Gustavo Vassa (1745-1797) war ein Opfer des transatlantischen Sklavenhandels; er konnte sich freikaufen, zog nach England, veröffentlichte dort seine Autobiographie und trat zusammen mit Leuten wie John Newton, William Wilberforce und Granville Sharp für die Abschaffung der Sklaverei im Britischen Empire ein. Frederick Douglass (1817/18-1895) war Sklave in den Südstaaten der USA, entkam in den Norden, und wurde einer der bekanntesten Aktivisten der dortigen Abolitionismusbewegung; auch er veröffentlichte eine Autobiographie. Harriet Tubman (ca. 1820-1913) floh ebenfalls aus den Südstaaten, kehrte zurück, um anderen Sklaven bei der Flucht zu helfen, und arbeitete im Bürgerkrieg als Kundschafterin für die Unionsarmee.

Datei:Frederick Douglass um 1850.jpg

  • Beim Kampf für das Lebensrecht von Ungeborenen sind Überlebende von Spätabtreibungen dabei: In den USA gäbe es Gianna Jessen, auf deren Leben der Film und das Buch „October Baby“ basieren, oder Melissa Ohden, die das „Abortion Survivors Network“ (Netzwerk für Überlebende von Abtreibung) gegründet hat. In Deutschland engagieren sich Pflegefamilie und Unterstützer von Tim, auch bekannt als das „Oldenburger Baby“, der 1997 eine Spätabtreibung wegen einer Downsyndromdiagnose schwer verletzt überlebte und im Januar 2019 starb, für den Lebensschutz.

Gianna Jessen at the Alliance Defense Fund.jpg

(Gianna Jessen bei einem Vortrag.)

 

Aber die Gemeinsamkeiten, auf die es eigentlich ankommt, gibt es bei den Argumenten, die für diese Praxis angeführt werden. Am Ende läuft alles auf zwei hinaus:

1) Diese Menschen mögen zwar biologisch gesehen Individuen der Spezies Mensch sein, aber sie sind weniger weit entwickelt als andere Menschen, und daher weniger wert und sollten nicht dieselben Rechte haben.

  • Bei Schwarzen wurde das sowohl wissenschaftlich als auch kulturell begründet: Sie seien nun mal als Rasse nicht für die Freiheit geeignet, zu wenig intelligent und zu wenig eigenverantwortlich. Sie hätten kleinere Gehirne, hätten eine andere evolutionäre Entwicklung durchgemacht als die weiße Rasse. Sie hätten bis vor wenigen Generationen noch wie Wilde im Dschungel gelebt und auch die zivilisatorische Entwicklung des weißen Mannes nicht mitgemacht. Das ließe sich nicht einfach so aufholen.
  • Bei Ungeborenen läuft es meistens entweder auf das „Zellklumpen“- oder auf das Hilflosigkeitsargument hinaus. „Embryonen/Föten sind noch keine voll entwickelten Menschen. Sie sind nicht selbst überlebensfähig.“

File:Human fetus 10 weeks - therapeutic abortion.jpg

(Ein Mensch am ersten Tag seines Lebens, in der 8. Woche, und in der 19. Woche. Bildquellen: Wikimedia Commons sowie hier.)

2) Die Rechte anderer Menschen über diese Menschen zählen mehr:

  • Das Argument bei Sklavereibefürwortern war ein zweifaches: Erstens war man der Meinung, dass die einzelnen Sklavenbesitzer, die ihr Eigentum gesetzmäßig erworben hatten, nicht einfach enteignet werden könnten. Zweitens war man nicht einfach „pro-slavery“, sondern für „states‘ rights“, d. h. für die Rechte der einzelnen Bundesstaaten, zu entscheiden, ob sie die Sklaverei erlauben wollten oder nicht. Wahlfreiheit.
  • Auch bei Abtreibungsbefürwortern geht es um die Wahlfreiheit, diesmal die der Mutter des Kindes: Sie sind „pro-choice“. Es ist das Recht der Mutter, zu entscheiden, was sie mit ihrem Körper tut (bzw. dann mit dem Kind in ihrem Körper).

(Karikatur aus den Südstaaten. Die Zentralregierung unter Abraham Lincoln steigt aus der Asche der Rechte der einzelnen Staaten, der Verfassung, der Wirtschaft, der freien Presse usw. auf. Bildquelle hier.)

Aber weil diese Argumente ihre offensichtlichen Schwächen haben, werden sie oft noch durch folgende unterstützt:

3) Diese Praxis sei nun einmal nötig:

  • „Ohne Sklaverei kommt die Wirtschaft in den Südstaaten nicht aus.“
  • „Wenn Frauen sexuell selbstbestimmt sein sollen, und dann selbst entscheiden sollen, ob sie Mutter sein wollen oder ob sie z. B. ihr Studium zuerst beenden wollen, muss Abtreibung möglich sein.“

4) Diese Praxis sei auch für die Opfer das Beste (wobei die Opfer selbst natürlich nicht gefragt werden, ob sie das auch so sehen):

  • „Wir können besser für die Schwarzen sorgen als sie selbst; sie sind für diese Verantwortung, die die Freiheit mit sich bringt, einfach nicht geeignet. Überhaupt, sie waren immer zufrieden, solange ihr Abolitionisten sie nicht gegen uns aufgehetzt habt.“ Um einen gewissen Eindruck zu dieser Einstellung zu vermitteln, hier einmal eine Stelle aus der Südstaatenpropagandaschmonzette „Vom Winde verweht“. Hier befinden wir uns in der Zeit nach dem Bürgerkrieg, als der Süden vom Norden besetzt ist und die Sklaven schon freigelassen sind: „Die früheren Sklaven waren jetzt die Herren, und mit Hilfe der Sieger standen die Niedrigsten und Unwissendsten obenan. Die Besseren von ihnen, die die Freilassung verschmähten, hatten ebenso schwer zu leiden wie ihre weißen Herren. […] Mit Hilfe der gewissenlosen Abenteurer, die in der Freilassungsbehörde saßen, und unterstützt durch den Haß der Nordstaaten, der in seinem Fanatismus fast etwas Religiöses hatte, fanden sich die früheren Ackerknechte plötzlich im Besitz der Macht. Sie benahmen sich dabei so, wie es von Köpfen niedrigsten Verstandes zu erwarten war. Gleich Affen und kleinen Kindern, die man auf Kostbarkeiten losläßt, von deren Wert sie keinen Begriff hatten, kamen sie außer Rand und Band, sei es aus viehischer Zerstörungswut, sei es einfach aus Unwissenheit. […] Geblendet von solchen Märchen, erblickten sie in der neuen Freiheit ein unaufhörliches Fest, ein tägliches Gelage, einen Karneval der Faulheit, der Dieberei und der Frechheit. Vom Lande strömten sie in Scharen in die Stadt, und in den ländlichen Bezirken lag die Feldarbeit danieder. […] In den schmutzigen Hütten, in denen sie zusammengepfercht hausten, brachen Blattern, Typhus und Tuberkulose aus. In früheren Zeiten waren sie gewohnt gewesen, in Krankheitsfällen von ihrer Herrin gepflegt zu werden; jetzt wußten sie sich nicht zu helfen. Früher hatten sie die Fürsorge für ihre Alten und Kleinen ihren Besitzern überlassen, jetzt fühlten sie sich für ihre Hilfsbedürftigen nicht verantwortlich. Die Freilassungsbehörde aber steckte viel zu tief in der Politik, um einzuspringen, wo früher die Plantagenbesitzer für sie gesorgt hatten.“ (S. 573f.)*
  • „Sollte ein Kind etwa ungeliebt und ungewollt auf die Welt kommen? Es wird doch nur leiden. Oder denken wir an behinderte Kinder – sie leiden doch nur. Dieses Leid kann man mit Abtreibungen verhindern.“

5) Gesetze gegen diese Praxis würden den Zustand nicht besser machen bzw. würden nicht wirklich etwas ändern:

  • „Auch wenn man die Sklaverei abschaffen würde, wäre das Leben der Schwarzen nicht besser, im Gegenteil, sie hätten dann niemanden mehr, der für sie sorgt, wenn sie alt und krank sind. Außerdem können sie mit der Freiheit nicht umgehen.“
  • „Wenn man Abtreibungen verbietet, gehen die Frauen eben zu Engelmacherinnen ohne medizinische Ausbildung. Man kann Abtreibungen mit Verboten nicht verhindern; man sorgt damit nur dafür, dass Frauen sterben.“

6) Zu schlechter letzt wird „argumentiert“ mit der angeblichen oder tatsächlichen Heuchelei, Ahnungslosigkeit und mangelnden Empathie der Gegner der Praxis. Weil man die Praxis selbst nicht mehr verteidigen kann, wird auf Whataboutism ausgewichen:

  • „Ach, ihr sorgt euch angeblich so um die Negersklaven bei uns im Süden, aber was ist mit der Lohnsklaverei im Norden? Gegen die will die republikanische Partei überhaupt nichts unternehmen. Tatsächlich geht es unseren Sklaven wesentlich besser als den Arbeitern in den Fabriken von New York oder Chicago, die jederzeit auf die Straße gesetzt werden können und unter furchtbaren Arbeitsbedingungen leiden. Und überhaupt: Ihr tut, als würdet ihr euch wahnsinnig um die Schwarzen sorgen, aber würdet ihr denn für sie sorgen, wenn plötzlich die Sklaverei abgeschafft wäre? In Wahrheit seht ihr auch nur auf sie herab; bei uns werden sie in ihrer Rolle als Diener geachtet und gut behandelt. Ihr wollt euch bloß besonders moralisch vorkommen.“ Als Beispiel hierzu nochmal eine Stelle aus „Vom Winde verweht“. Hier hat die unsympathische Hauptfigur Scarlett O’Hara widerwillig mit den Frauen der Yankee-Offiziere zu tun, die Atlanta besetzen: „Für diese Frauen der Yankees war ‚Onkel Toms Hütte‘ eine Offenbarung, die nur der Bibel nachstand, und sie wollten wissen, wieviel Bluthunde jeder Südstaatler zum Aufspüren seiner entlaufenen Sklaven hielte. Sie wollten Scarlett nicht glauben, als sie ihnen erzählte, daß sie in ihrem Leben nur einen einzigen Bluthund gesehen habe, und das sei ein sanfter, kleiner Hund und keinesfalls eine riesige und wilde Dogge gewesen. Dann wollten sie über das fürchterliche glühende Eisen Auskunft haben, mit dem die Pflanzer die Gesichter ihrer Sklaven brandmarkten, über die Knuten, mit denen sie sie zu Tode peitschten, und außerdem bezeugten sie nach Scarletts Gefühl ein geradezu widerwärtiges Interesse an den sexuellen Verhältnissen der Sklaven. Besonders zuwider war ihr dies angesichts der ungeheuren Zunahme an Mulattenkindern in Atlanta, seitdem die Yankees sich in der Stadt niedergelassen hatten.“ (S. 588) Nachdem eine der Frauen ihr gesagt hat, sie könnte keinem schwarzen Kindermädchen trauen; erklärt hat, sie hätte eigentlich auch kein Interesse an der Freiheit der Schwarzen gehabt; und Scarletts schwarzen Kutscher beleidigt hat, denkt Scarlett sich: „Sie wissen nicht, daß Neger behutsam behandelt werden wollen wie Kinder, geleitet, gelobt, gestreichelt, ausgescholten. Sie verstehen nichts von den Negern und von den Beziehungen zwischen ihnen und uns. Und doch haben sie den Krieg geführt, um sie zu befreien, und nachdem sie sie befreit haben, wollen sie nichts mit ihnen zu tun haben, höchstens, um die Südstaatler mit ihnen zu terrorisieren. Sie mögen sie nicht, sie trauen ihnen nicht, sie begreifen sie nicht, und doch erheben sie ständig ein Geschrei, wir im Süden verständen nicht, sie zu behandeln.“ (S. 591f.)
  • „Die selbsternannten ‚Lebensschützer‘ sorgen sich angeblich wahnsinnig um Föten, aber wenn ihnen Kinder tatsächlich wichtig wären, würden sie etwas gegen Kinderarmut unternehmen. Sobald die Kinder geboren sind, interessiert ihr euch nicht mehr für sie. Adoptiert doch Kinder, wenn ihr etwas für Kinder tun wollt. Ihr habt sowieso keine Ahnung davon, welche Umstände eine Frau zu einem Schwangerschaftsabbruch bewegen. Keine Frau macht sich diese Entscheidung leicht!“

Man will den Gegnern der Praxis nicht einmal fehlgeleiteten Idealismus unterstellen; es müssen vage definierte finstere Absichten und blinder Hass (auf die Lebensweise in den Südstaaten bzw. auf Frauen) sein. (Südstaatler bzw. Frauen, die auch dagegen sind, werden tunlichst ignoriert oder zu Verrätern erklärt.)

(Marsch für das Leben in Berlin. Bildquelle hier.)

Hier wird eins klar: Wenn die Argumente Nr. 1 und 2 fallen, sind die Argumente Nr. 3, 4, 5 und vor allem 6 hinfällig und können diese Praxis nicht mehr rechtfertigen.

 

Noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Die Befreiung muss hauptsächlich von den Unterdrückern, Profiteuren der Unterdrückung und Unbeteiligten kommen, nicht von den Opfern. Im Lauf der Weltgeschichte hatten Sklavenrevolten selten Erfolg (Ausnahme: Haiti); der Weg zur Abschaffung der Sklaverei ging letztlich vor allem über das schlechte Gewissen Freier. Bei Ungeborenen ist es natürlich noch krasser: Hier haben die Opfer einfach keine Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen.

 

Ein Ausblick: Was verhalf der Anti-Sklaverei-Bewegung letzten Endes zum Erfolg? Zum Beispiel die Hartnäckigkeit einiger Abolitionisten. William Wilberforce brachte zwischen 1789 und 1807 fast jedes Jahr eine Gesetzesvorlage im britischen Parlament zum Verbot des Sklavenhandels im Britischen Empire ein, bis er endlich Erfolg hatte – einen solchen Einsatz würde man sich einmal bei den Christdemokraten für das Leben wünschen. In einigen Ländern funktionierte tatsächlich eine stufenweise Abschaffung. Im Britischen Empire folgte dem Verbot des Sklavenhandels 1807 das völlige Verbot der Sklaverei 1823; in Brasilien wurde 1850 der Import von Sklaven verboten, 1871 wurden mit dem „Gesetz des freien Bauches“ die von Sklavinnen geborenen Kinder für frei erklärt, 1888 die Sklaverei ganz abgeschafft. In vielen europäischen Ländern (Großbritannien, Frankreich, etc.) bestanden schon vorher Gesetze, die die Sklaverei im Mutterland verboten und nur in den Kolonien erlaubten.

In den USA sah es etwas anders aus. Während auch in den Südstaaten im 18. Jahrhundert viele noch der Ansicht gewesen waren, die Sklaverei könne irgendwann in der Zukunft abgeschafft werden, radikalisierten sich die Ansichten der Weißen dort im 19. Jahrhundert drastisch – was vielleicht eine Reaktion auf die erstarkende Anti-Sklaverei-Bewegung im Norden war, die besonders nach Erscheinen des Romans „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe (1852) an Fahrt aufnahm. Ein Beispiel dieser Radikalisierung bietet der Senator und ehemalige Vizepräsident John C. Calhoun, der schon 1837 in einer Rede verkündete, die Sklaverei sei nicht nur ein geringeres Übel:

„Ich halte daran fest, dass, im gegenwärtigen Zustand der Zivilisation, da zwei Rassen unterschiedlichen Ursprungs, unterschieden durch Hautfarbe, und andere körperliche, sowie auch intellektuelle, Unterschiede, zusammengebracht worden sind, die Beziehung, die jetzt zwischen beiden in den sklavenhaltenden Staaten existiert, anstatt eines Übels ein Gut ist – ein positives Gut. […] Ich kann wahrhaftig sagen, dass in wenigen Ländern so viel dem Arbeiter zugeteilt wird, und ihm so wenig abverlangt wird, oder wo ihm mehr gütige Zuwendung in Krankheit oder den Schwächen des Alters zuteil wird. Vergleichen Sie seine Situation mit den Bewohnern der Armenhäuser in den zivilisierteren Teilen Europas – sehen Sie sich den kranken, und den alten und schwachen Sklaven, auf der einen Seite, an, in der Mitte von Familie und Freunden, unter der gütigen beaufsichtigenden Sorge seines Herrn und seiner Herrin, und vergleichen Sie das mit dem einsamen und elenden Zustand des Armen im Armenhaus.“ (Übersetzung von mir.)

Letztlich wurden die Südstaatler dann bekanntlich zu so fanatischen Sklavereibefürwortern, dass sie sich von den USA abspalteten, um die Einschränkung ihrer „Rechte“ zu verhindern, und die „Konföderierten Staaten“ gründeten. Noch klarer sagte es der Vizepräsident dieser Konföderation 1861, kurz nach ihrer Gründung:

„Unsere neue Regierung ist auf genau gegensätzlichen Ideen gegründet; ihr Fundament ist gelegt, ihr Eckstein ruht auf der großen Wahrheit, dass der Neger dem weißen Mann nicht ebenbürtig ist; dass Sklaverei, Unterordnung unter die überlegene Rasse, sein natürlicher und normaler Zustand ist. Diese unsere neue Regierung ist die erste in der Geschichte der Welt, die auf dieser großen physischen, philosophischen und moralischen Wahrheit beruht. Diese Wahrheit brauchte lange in der Geschichte ihrer Entwicklung, wie alle anderen Wahrheiten in den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft.“ (Übersetzung von mir.)

Rassenbasierte Sklaverei als Kulminationspunkt des Fortschritts!

Weil im Norden auch die moderaten Sklavereigegner sowie diejenigen, die die Sklaverei nie interessiert hatte, die Union zusammenhalten wollten, war nun der Anlass zum Bürgerkrieg da; irgendwann während des Krieges wurden dann vom Norden auch noch die Sklaven für frei erklärt, während man schon mal dabei war. Ein brutaler und, wie soll man sagen, nicht unbedingt idealer Ausgang.

Auch heute sind ja die Abtreibungsbefürworter dabei, sich zu radikalisieren – in Deutschland treten etwa die Jusos für ein Recht auf Abtreibung in allen neun Monaten der Schwangerschaft ein; in den USA heißt es nicht mehr, Abtreibung solle „safe, legal and rare“ sein, sondern „Shout your abortion!“. Aus einer tragischen Entscheidung, die der Gesetzgeber erlauben soll, weil sie sich sowieso nicht verhindern lässt, wird eine befreiende Entscheidung einer emanzipierten Frau, die nicht hinterfragt werden darf und auf die sie stolz sein soll. Wer weiß, vielleicht überspannen die „Pro-Choicer“ den Bogen mehr und mehr, und mehr gemäßigte Abtreibungsgegner und bisher dem Theme gegenüber gleichgültige Menschen wachen auf, wie damals die Menschen in den Nordstaaten allmählich aufgewacht sind. Und vielleicht kann es dann ja (friedliche) Veränderungen geben.

 

Zuletzt: Wie ging es dann nach dem Ende der Sklaverei weiter?

Wie von den Sklavereibefürwortern vorausgesagt worden war, die Situation der Schwarzen war nicht von jetzt auf gleich super. Sie bekamen kein Land o. Ä. und waren oft von extremer Armut betroffen. Und sobald die Südstaaten die nördlichen Besatzungstruppen wieder los waren, führten sie die Rassentrennung ein, bemühten sich, die Schwarzen am Wählen zu hindern, dazu kamen Lynchmorde durch den Ku-Klux-Klan. Die Bürgerrechtsbewegung kam erst ein Jahrhundert später, und auch nach dem Ende der Rassentrennung in den 1960ern war nicht jeder Rassismus weg.

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(Wahlplakat der Demokraten, 1876. Bildquelle hier.)

Die weißen Südstaatler trauerten ihrem „lost cause“ noch lange nach und verherrlichten den Süden vor dem Bürgerkrieg, wozu sie auch technisch sehr gute Werke wie etwa den Stummfilm „Die Geburt einer Nation“ (1915) oder „Vom Winde verweht“ (1936 als Buch erschienen, 1939 verfilmt) produzierten. Die Deutungshoheit der Sklavereibefürworter war noch nicht gebrochen, als die Sklaverei gesetzlich abgeschafft wurde. Das hat verständliche Gründe: Es handelt sich um ein Unrecht, an dem unzählige Personen beteiligt waren, ohne dass etwa ein Diktator sie dazu gezwungen hätte, das in der Öffentlichkeit stattfand, anstatt versteckt zu werden wie manche Kriegsverbrechen, das demokratisch legitimiert war, dem die Mehrheit der Bevölkerung zustimmte. Sich einzugestehen, dass es ein Unrecht gewesen war, hätte für einen Südstaatler bedeutet, das ganze eigene Leben und das der Angehörigen und Freunde in Frage zu stellen.

Aber die ehemaligen Sklaven waren kein Eigentum mehr und konnten nicht mehr nach Belieben eines anderen von ihrer Familie wegverkauft werden. Sie hatten ein Recht auf Freiheit. Besser als vorher, oder etwa nicht? Wer weiß, vielleicht werden ebenso einmal die Ungeborenen wieder ein Recht auf Leben haben.

 

 

* Ich zitiere aus der Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach, erschienen im C. A. Koch’s Verlag.

Nein, es ist nicht „okay, egal was du machst“: Über Abtreibung

Ich bin heute durch Zufall auf einen Erfahrungsbericht zu einem Thema gestoßen, über das im Allgemeinen wenig geredet wird – ja, Abtreibung: http://www.jetzt.de/kleiner-drei/gedanken-vor-dem-schwangerschaftsabbruch . Geschrieben von einer jungen Frau, 27 Jahre alt, die, es wird nicht gesagt, vor wie langer Zeit genau, ihr ungeplantes Kind abgetrieben hat, wohl in der 5.-6. Schwangerschaftswoche (sie schreibt, dass sie die Abtreibung drei Wochen nach einem Schwangerschaftstest, der „2.-3. Woche“ angab, vornehmen ließ).

[Gleich mal von vornherein Karten auf den Tisch für alle neuen Leser hier: Ja, ich gehöre zu diesen gestörten dogmatischen radikal religiösen Abtreibungsgegnerinnen, die Abtreibung für die immer ungerechtfertigte Tötung eines unschuldigen Menschen halten. Wenn Sie von diesem Thema selber betroffen sein sollten: Nein ich verurteile hier niemanden. Ich kenne Ihre Gründe nicht, und urteile nicht über den Seelenzustand von irgendjemandem. Ich sage, es ist falsch – und damit, dass man sagt, dass irgendetwas Falsches falsch ist, hat man noch keinen moralischen Blumentopf gewonnen. Man wird auch nicht dadurch ein besserer Mensch, dass man Diebstahl, Lügen oder Völkermord als falsch deklariert. Die Tatsachen bleiben dennoch, dass durch Diebstahl, Lügen und Völkermord Schaden angerichtet und anderen Menschen Unrecht angetan wird. Und durch Abtreibung. Wenn Sie das anders sehen – nun, dann werden Sie sich doch von einer religiösen Fundamentalistin keine Schuldgefühle einreden lassen, wenn sie diesen Text lesen, oder? Und wenn Sie das nicht anders sehen und selber schon Schuldgefühle haben: Es gibt keinen Grund, zu verzweifeln. Es gibt im Leben aller Menschen vieles, was man wider besseres Wissen getan hat und bereuen muss. Es gibt Heilung für Schuld.]

Das Erschreckende an ihrem Bericht ist, wie wenig erschreckend die geschilderte Situation dem Leser erscheint. Es geht hier nicht um die in theoretischen Diskussionen gerne mal herangezogene vergewaltigte Elfjährige, auch nicht um eine Frau, deren Leben durch eine Schwangerschaft gefährdet ist, nicht um eine Achtzehnjährige ohne Schulabschluss, deren Freund droht, mit ihr Schluss zu machen, wenn sie „es nicht wegmachen lässt“ und deren Eltern sie zu derselben Entscheidung drängen. Die Autorin war nicht psychisch krank, erwartete kein schwerstbehindertes Kind mit einer Lebenserwartung von sechs Monaten. Die Gründe waren… na ja: „Der Klassiker: prekäre Arbeitsverhältnisse, nicht abgeschlossenes Studium, kein fester Job in Sicht, Angst vor schwieriger Wohnungssuche, Fernbeziehung, Selbstfindungsstruggle, unklare Einstellung zum Konzept Familie, der ganze Generation-Y-Shit halt.“

Das alles sind Probleme, die man angehen kann, und die (abgesehen von der unklaren Einstellung) gelegentlich auch mal junge Paare haben, die gewollt Kinder bekommen. Es gibt Möglichkeiten, ein Studium mit Kind fortzusetzen, man kann auch ein paar Monate oder ein, zwei oder mehr Jahre aussetzen und sich dann einen Job suchen, prekäre Arbeitsverhältnisse hat praktisch jeder in den ersten Jahren nach dem Studium, ob mit oder ohne Kind, und finanziell ist das mit Unterstützung des Staates in Deutschland durchaus zu überbrücken. An einer Fernbeziehung lässt sich im Lauf von neun Monaten in der Regel auch etwas ändern; auch bei schwieriger Wohnungssuche muss man hierzulande keine Obdachlosigkeit fürchten. Die Autorin steht nicht alleine da. Es würde irgendwie gehen, wie sie selbst, und wie auch ihr Umfeld – inklusive des Vaters ihres Kindes – ihr mitteilt: „Erst als mir mein komplettes Umfeld, also Freundinnen, mein Freund und meine Familie versichern, dass es bestimmt – irgendwie – ginge, wenn ich es wollte, stelle ich fest: Ich will es nicht. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht irgendwie. Ein bisschen fühlt es sich an, wie eine Liebesabfuhr zu bekommen. Es erinnert an ein ‚Ich liebe dich, aber ich kann das gerade nicht‘. Obwohl ich diejenige mit der Abfuhr sein würde, denn ich würde mich ja dagegen entscheiden. Das traurige daran ist, dass es auch eine Entscheidung des Nichtkönnens ist. ‚Ich kann das gerade nicht‘.“

Sie schreibt weiter: „Das Gute aber ist die Erkenntnis, dass ich es eben in der Hand habe. Dass ich den Zeitpunkt bestimmen kann. Dass es ein anderer werden kann – oder auch nie. Aber dass ein Nein jetzt kein Nein für immer ist. Ich muss mich keinem Schicksal ergeben, nein, ich kann mein Leben für den Moment gestalten, ohne es entwerfen zu müssen. […] Wir müssen noch ein paar Dinge machen, bevor wir Eltern werden. Unter anderem herausfinden, ob wir Eltern sein wollen. […] Mir dämmert, dass trotz aller Liebe, aller Unterstützung, allen ‚Es ist okay’s, ich mit der endgültigen Entscheidung allein bin. My body, my choice. Juhu! Und: Oh Gott! Beantworte ich die Frage nach dem ‚Kann ich es wirklich wegmachen?‘ mit ‚Nein‘, dann trage ich die Verantwortung für drei Lebensläufe. Beantworte ich sie mit ‚Ja‘, dann ist es, wie es ist. […] Man muss das Thema nicht über das Individuelle hinaus emotional aufladen und man darf aus der eigenen Betroffenheit keine Moral für andere ableiten. Aber man soll damit umgehen können, wie man möchte. Die Entscheidung für einen Abbruch kann ganz leichtfallen, das ist in Ordnung. Sie kann aber auch schwerfallen und das ist ebenso okay. Das heißt nicht, dass ein Abbruch falsch ist. Das soll jede schwangere Person für sich klären können.“

Es gibt durchaus Dinge, bei denen eine solche Herangehensweise angemessen sein wird. Die Frage, ob man Abi machen will oder ob einem der Hauptschulabschluss reicht; ob man jemals heiraten will oder nicht; ob man diesen oder jenen Beruf ergreifen will; ob man sein Übergewicht unbedingt loswerden will oder ob einem ein paar Pfunde zu viel völlig egal sind. Da kann man nicht verallgemeinern und jeder sollte danach entscheiden, womit er sich wohlfühlt. Aber es gibt auf der Welt leider nun mal auch andere Entscheidungen, bei denen es eindeutig nicht hilft, zu sagen: „Das soll jeder für sich selbst klären“, oder: „Egal was du tust, es ist okay“. Manche Entscheidungen sind nicht ebenso gut wie andere; manche Entscheidungen sind objektiv gesehen falsch; manche Entscheidungen haben schwerwiegende Konsequenzen – für einen selber, und für andere Menschen. Manche Dinge gehen nicht nur einen selbst was an.

Newsflash, Leute: Die Welt ist ungerecht, und manchmal scheiße. Man kann sein „Schicksal“ nicht frei wählen, man hat sein Leben nicht immer „in der Hand“, und man kann nicht für alles „den Zeitpunkt bestimmen“, den man gern hätte. Ich hätte es auch gerne so, aber so ist es nicht. Wenn man sein Leben auf Teufel komm raus genau so einrichten will, wie man es jetzt im Moment haben will, übergeht man im Zweifelsfall das Leben anderer Menschen, insbesondere solcher, die hilflos und einem völlig ausgeliefert sind.

(Im Übrigen: Bin ich eigentlich die einzige, die den Eindruck hat, dass der Satz „Ich unterstütze dich, egal wofür du dich entscheidest“ im Allgemeinen oft bloß eine billige Ausrede ist, um keinen richtigen Rat geben zu müssen?)

Die Autorin schreibt auch über ihre Internetrecherchen vor ihrer Entscheidung (die nicht von Anfang an feststand; sie war offensichtlich sehr hin- und hergerissen) und über andere Wahrnehmungen in dieser Zeit: „Das Internet ist die Hölle. Zum Thema Abtreibungserfahrungen finde ich fast ausschließlich Horrorgeschichten von Abtreibungsgegnern und -gegnerinnen, moralisch-durchtränkte Märchen, Dogmamantren und antiwissenschaftliche Lügen. Zum Thema Babys nur Glückseligkeit und ‚Wird schon und alles!‘, supidupi, ‚Sinn des Lebens‘, ‚Wunder‘. […] Während der Schwangerschaft bin ich oft im Kino. Es ist eine Unternehmung ohne unmittelbare Kommunikation, es ist Alleinsein ohne Einsamkeit. Es ist eine Möglichkeit, nachzudenken, aber dank Ablenkung ohne ständiges Kopfrodeo. Dort: Werbung. Strahlende Kinder, als Symbol. Die Gleichung: Kind = Glück. Die absolute Lebensfreude ist ein Kind. Das Ultimo an Schönheit ist Kinderlachen. Meine Mutter sagt: ‚Ein Kind kann ein Leuchtturm im Leben sein‘. Ich denke über meine Momente absoluter Lebensfreude nach, über meine Leuchttürme. Es sind Konzerte, bei denen ich mit einem Bier in der Menge stehe, es sind Songs auf meinem Kopfhörer im Bett, es ist Sex mit dem besten Menschen der Welt, es ist das Gröhlen von Trashpop nachts um fünf in irgendeiner WG, es ist das stundenlange Sitzen im Fernbus und Freuen auf Neues. Es ist nie ein Kind. Es war nie die Vorstellung von einem Kind. Ich sehe auf der Straße Menschen mit Babys. Ich versuche, mir ihr Glück abzugucken. Ich verstehe es. Ich verstehe sie. Aber ich bin nicht sie. Ihr Leben ist ein anderes.“

Oh, sie hat hier in manchen Dingen recht. Kinder sind nicht einfach das größte Glück im Leben, das einem passieren kann. Sind sie nicht. (Musik und Partys und Reisen sind das zwar auch nicht zwangsläufig für immer, aber darum geht es hier nicht.) Sie bedeuten absolut nicht die pure Glückseligkeit, und es ist nicht immer einfach, sie sein ganzes weiteres Leben lang am Hals zu haben. Ich bin noch selber nah genug an dem Alter dran und habe ein ausreichendes Gedächtnis und außerdem auch noch genügend Geschwister (drei, wenn es jemanden interessiert), um das aus eigener Erfahrung zu wissen. Eltern, inklusive meine Eltern, haben es mit Kindern nicht immer einfach. Erst einmal muss man vollgeschissene Windeln wechseln, und das oft genug nachts um halb drei, dann muss man sie ständig im Blick haben und hat keine freie Minute, während sie in Windeseile vom Wohnzimmer ins Bad krabbeln, und es fällt einem erst auf, wie viele Kanten in Kniehöhe es eigentlich in der Wohnung gibt, dann kommt ihre Trotzphase und sie beginnen, wie am Spieß zu brüllen, wenn man im Supermarkt an der Kasse steht und EINFACH NUR NOCH NACH HAUSE WILL. Später wird es auch nicht immer einfacher; sie entwickeln ADHS oder sind gemein zu ihren Mitschülern, sie haben Lernschwierigkeiten, schreien einen an, wenn sie den Fernseher ausschalten sollen, wollen nicht mit ihren Geschwistern teilen und waschen sich nicht die Hände vor dem Essen, egal wie oft man es ihnen sagt. Dann werden sie mit 17 magersüchtig oder depressiv oder entwickeln eine Nahrungsmittelunverträglichkeit und man muss mit ihnen von Arzt zu Arzt tingeln, bis man endlich herausfindet, was los ist; oder vielleicht werden sie auch so komisch religiös, fiebern enthusiastisch dem nächsten Weltjugendtag oder der Ministrantenwallfahrt nach Rom entgegen, kleben sich Jesus-Bilder in ihr Zimmer und schlafen auch nach drei Monaten Beziehung nicht mit ihrem Freund. Sie brechen bei der Weihnachtsfeier mit der Verwandtschaft Diskussionen über verschiedene Formen des Feminismus oder das Reformationsjubiläum vom Zaun. Sie gehen zur Uni und haben keinen rechten Plan für ihr Leben und stellen sich vor, dass man ihnen ihr Leben finanziert, bis sie sich mit Ende 20 irgendwann mal entscheiden, dass der Studiengang doch nicht das Richtige für sie war. Sie beteiligen sich bei der Antifa oder wählen die AfD. Sie bringen Partner mit heim, die man einfach nur grässlich findet und reagieren zickig bis zum Geht-nicht-mehr, wenn man sie darauf anspricht, ob der denn wirklich der Richtige für sie ist; dann werden sie selber ungeplant schwanger und kommen heulend bei einem an und in Zukunft muss man dem Enkelkind die vollgeschissenen Windeln wechseln…

Wenn ich mal von mir selber als potentieller Mutter ausgehe: Ich könnte mir im Moment absolut nicht vorstellen, ein Kind zu haben. Ich bin jetzt zwar schon Anfang zwanzig und habe eine tolle Familie, die mich sicherlich unterstützen würde, aber ich habe auch eine chronische körperliche Krankheit, die mich derzeit schlaucht, und dazu geht es mir auch psychisch gesehen, na ja, nicht so ganz optimal. Ich wäre mit einem Kind entsetzlich überfordert – mit Vorsorgeterminen, an die gedacht werden muss, mit zu wenig Schlaf, mit dem Einkaufen von altersgerechtem Spielzeug und dem Zubereiten von drei gesunden Mahlzeiten am Tag, mit der Fahrt zum Fußballtraining und der Tatsache, dass sie unbedingt, unbedingt noch ein neues Faschingskostüm brauchen, und zwar jetzt noch, bevor der ALDI zumacht, weil Lisa hat sie für morgen zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen und da sollen alle verkleidet kommen, weil Fasching ist, und nein, das konnten sie nicht früher sagen, weil sie haben die Einladung gerade erst gekriegt, und außerdem hast du versprochen, dass ich noch ein neues Kostüme kriege, die alten passen alle nicht mehr und außerdem sind sie scheiße!!! Es heißt ja, man wächst an seinen Aufgaben, aber ohne die großzügige Unterstützung liebender Großeltern ginge bei mir, falls ich durch irgendeine Fügung des Schicksals von jetzt auf gleich schwanger wäre, sicherlich überhaupt nichts. Wahrscheinlich würde ich kaum eine Schwangerschaft ohne fünf oder sechs Nervenzusammenbrüche überstehen.

Aber, ob ihr’s glaubt oder nicht: Kinder sind Personen. Sie sind nicht das Glück auf Erden, weil sie Personen sind – Personen mit ihren schlechten Seiten und ihrer Selbstsucht und ihren Bedürfnissen und ihren Ausscheidungen und ihrem Hunger und ihren Krankheiten und ihrem Kummer oder Zorn wegen ihres Übergewichts oder dem Mobbing auf dem Schulhof.

Sie sind Personen, und deshalb haben sie Rechte.

Die Autorin erwähnt im Lauf des Textes (s. o.) „antiwissenschaftliche Lügen“ (aus dem Kontext: von Abtreibungsgegnern und -gegnerinnen) im Internet und nennt das, was sie ambulant von einer freundlichen, verständnisvollen Ärztin entfernen hat lassen, ein paar Mal einen „Zellklumpen“. Nun, ich weiß ja nicht, welches Biologiebuch zu ihrer Zeit im Aufklärungsunterricht verwendet wurde; aber ich bin natürlich gern bereit, eventuelle Wissenslücken aufzufüllen: In der 5. bis 6. Woche sieht ein Baby eher aus wie eine Kaulquappe als wie ein „Klumpen“; man sieht sein Rückenmark und seine sich entwickelnden Augen; Organe wie Nieren, Leber, Darm bilden sich; in der 6. Woche beginnt das Herz zu schlagen; man sieht die Ansätze von Armen und Beinen. (Für genauere Infos und Bilder siehe zum Beispiel hier eine Seite für werdende Mütter – mir nicht bekannt, dass sie irgendeinen Bezug zur Lebensrechtsbewegung hätte: https://www.babycenter.de/05-wochen-schwanger , https://www.babycenter.de/06-wochen-schwanger ) Mit zwölf Wochen – der Grenze für straffreie (nicht legale) Abtreibungen nach der Beratungsregelung – sieht ein Embryo wie ein ganz normaler kleiner Mensch mit übergroßem Kopf und mickrigen Gliedmaßen aus. Aber ja, er ist auch davor – auch, wenn sein Herz noch nicht schlägt, auch, wenn er in Woche 1 oder 2 noch wie ein „Klumpen“ aussieht, kurz gesagt ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle – ein einmaliges menschliches Wesen mit einer einmaligen DNA, das sich nur noch weiter entwickeln muss – so, wie sich auch geborene Babys noch weiterentwickeln und erst noch Zähne bekommen und sprechen und laufen lernen müssen. Man sage mir, wo hier in diesem Absatz eine Lüge liegt.

Im Endeffekt ist jeder Mensch ein großer Klumpen aus Zellen in einem bestimmten Entwicklungsstadium, so wie jeder Text aus schwarzen Zeichen auf weißem Grund besteht (oder im Fall von panikgetriebenen Internetseiten über den nahenden Weltuntergang wegen eines Maya-Kalenders oder sonst was: aus neongelben Zeichen auf schwarzem Grund); aber er ist gleichzeitig auch noch mehr. Man kann nun natürlich Lebensrecht über „Personsein“ definieren und „Personsein“ über Denkfähigkeit und Bewusstsein; dann haben aber logischerweise folglich auch Babys weniger Rechte als Dreijährige, und Dreijährige weniger Rechte als Erwachsene, man bräuchte also eine Art gestuftes Lebensrecht – so wie beispielsweise im Alten Rom, wo es legal war, Neugeborene auszusetzen, wenn man sie nicht haben wollte. Es gibt Leute, die das tatsächlich so definieren – Peter Singer ist das bekannteste Beispiel – ; ich als Christin tue es nicht. Man kann auch definieren, dass jemand, der auf einen anderen angewiesen oder mit dessen Körper verbunden ist, ohne dessen Zustimmung kein Recht auf Leben hat und getötet werden darf; damit stellt sich zwar evtl. das Problem, wer von zwei siamesischen Zwillingen jetzt der mit dem Lebensrecht ist, oder, wenn man diesen Spezialfall mal beseite lässt, wie groß eine Abhängigkeit sein muss, ehe das Lebensrecht verloren geht (wiederum: normale Neugeborene, die ohne Eltern nicht überleben können? Schwerstbehinderte oder Komapatienten, die gepflegt werden müssen?). Aber diese Schwierigkeiten überlasse ich mal den Abtreibungsbefürwortern. Ich gehöre ja zu den fundamentalistischen unaufgeklärten im Mittelalter zurückgebliebenen Dogmatikern, die eine Menschenwürde für jeden Menschen, unabhängig von Entwicklungsstand oder Abhängigkeit von anderen Menschen, annehmen.

In der Lebensschutzbewegung wird tatsächlich sehr viel davon geredet, dass Abtreibung auch den Frauen schadet, dass das Leben mit einem Kind schön ist, dass viele Frauen eine Abtreibung bereuen, dass sie sich oft nur unter Druck und in Notsituationen dafür entscheiden, weshalb die Väter ihre Partnerinnen unterstützen müssten und man Notsituationen abhelfen müsste, anstatt das Kind loszuwerden. Das stimmt an sich, und sollte beachtet werden. Aber es gibt eben auch die andere Seite, von der dieser Artikel zeugt: Dass eine Abtreibung medizinisch ohne jede Komplikation verlaufen und psychisch eine Erleichterung sein kann; dass das Leben mit Kindern nicht immer besonders schön ist und dass manche Frauen es überhaupt nicht bereuen, ihr Kind abgetrieben zu haben, auch wenn sie in keiner sozialen oder medizinischen oder psychologischen Notsituation waren, sondern es nur gerade irgendwie ungelegen kam und sie noch nicht gleich ihr ungebundenes Leben aufgeben wollten. Das gibt es auch.

Aber das macht es eben nicht besser; ganz im Gegenteil. Eine Abtreibung ist immer die Tötung eines kleinen Kindes; manchmal geschieht sie aus subjektiv nachvollziehbaren, schrecklichen Gründen, und manchmal aus – na ja, nicht so schrecklichen Gründen. Eine Abtreibung in einem solchen Fall – weil es eigentlich ungelegen kommt, weil man lieber noch ein paar Jahre warten würde, weil man jetzt auf die Schnelle seinen Lebensplan umstellen müsste – ist einfach eine Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, eine Weigerung, ein Kind anzunehmen, das schon da ist. Wenn man schwanger ist, kann man ganz einfach nicht mehr sagen „Ich bin erst in ein paar Jahren wirklich bereit für ein Kind“. Das Kind ist da. Wenn man schwanger ist, ist man schon Mutter; dann ist es zu spät, zu überlegen, ob man es werden will. Und man wird bis in alle Zukunft entweder die Mutter eines lebenden oder die Mutter eines toten Kindes sein.

Ja, man sollte planen, wann man Kinder bekommen will, aber das sollte man vorher überlegen; wenn man Sex hat, geht man immer das, wenn auch noch so geringe, Risiko ein, dass ein Kind dabei raus kommt – egal, welche Verhütungsmethode(n) man verwendet. Wenn man dieses Risiko unter keinen Umständen eingehen kann, sollte man dementsprechend handeln. Das ist vielleicht scheiße, aber das ist die Realität. Ich habe das System der Fortpflanzung der Säugetiere nicht erfunden, da muss man sich anderswo beschweren.

Der Autorin dieses Textes kann man vielleicht nicht allein den Vorwurf für die Traumwelt machen, in der sie lebt. Viele Menschen leben darin, und Menschen meiner und ihrer Generation sind irgendwie schon darin aufgewachsen. Es wird ja überall von „Selbstverwirklichung“ geredet und davon, dass man, wenn man logisch gesehen verantwortungslos handelt, doch „nur das Beste für alle“ tue; dass man sich kein schlechtes Gewissen machen solle; dass gut sei, wofür auch immer man sich entscheide; dass nur religiöse Fanatiker wie die Verfasserin dieser Zeilen etwas anderes denken könnten und aufgeklärte Menschen sich von denen keine Schuldgefühle einreden lassen sollten. So wie die Autorin des Artikels redet – ruhig, locker, neutral, tolerant, mit sich selbst im Reinen -, kann man nur reden, wenn man die Tatsache leugnet oder ignoriert, dass die eigenen Handlungen ein anderes Wesen mit eigenen Rechten getroffen haben, das gelebt hat und eine eigene Zukunft gehabt hätte. (Nicht dass es jetzt außerhalb dieser Welt keine Zukunft mehr hätte; ich gehe mal davon aus, dass es sich jetzt wohl in der ewigen Herrlichkeit befinden wird und vielleicht gerade mit seinem vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt verstorbenen Urgroßonkel oder mit dem heiligen Thomas von Aquin oder dem heiligen Moses dem Äthiopier oder der heiligen Afra von Augsburg Bekanntschaft schließt. Aber darum geht es hier nicht.)

Das Leben ist nun mal manchmal scheiße, und manchmal schwierig, und manchmal ungerecht. Manchmal ist es auch gewöhnlich und spießig und langweilig. Man kann sich nicht immer selbst verwirklichen, und man hasst sein Leben manchmal, und manchmal muss man einfach das Richtige tun. Oft wird es dann schon irgendwie, manchmal wird es besser als gedacht, manchmal kann man noch das „Beste aus beiden Welten“ haben, und manchmal geht das nicht und nichts scheint mehr zu funktionieren. So funktioniert das Leben eben leider. Es ist kein Selbstbedienungsladen, sondern eher „wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt“.

Eins noch: In dem ganzen Text wurde übrigens kein einziges Mal die Möglichkeit erwähnt, das Kind auszutragen und zur Adoption freizugeben. Ich weiß nicht, ob die Autorin nicht an diese Möglichkeit gedacht hat, ob sie auch in der Schwangerschaftskonfliktberatung vielleicht gar nicht erwähnt wurde, oder ob sie sie bewusst verworfen hat, weil sie z. B. fürchtete, es wäre vielleicht „zu schmerzhaft“ für sie, ein Kind erst auszutragen und es dann abzugeben. (Was aus Sicht des Kindes wiederum wohl anders aussähe.)

 

PS: Ein kurzer Gedanke noch: Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Welt sich vielleicht auch deshalb so schwer tut, anzuerkennen, dass es vielleicht doch falsche Entscheidungen und reale Schuld geben könnte, weil sie nicht glaubt, dass es einen wirklichen Ausweg aus realer, großer Schuld geben kann… Aber den gibt es.

PPS: Falls eine Leserin dieser Zeilen sich selbst in der Situation befinden sollte, ungewollt schwanger zu sein und nicht weiter zu wissen, z. B. hier auf dieser Seite gibt es Informationen und Beratung – E-Mail, kostenlose Hotline, Forum, etc. – zu allen Fragen und so zeitintensiv wie nötig: https://www.profemina.org/ Auch bei der Caritas gibt es natürlich ebenso Beratung, s. hier: https://www.caritas.de/glossare/schwangerschaftsberatung ; hier zur Onlineberatung: https://www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/schwangerschaftsberatung/schwangerschaft-onlineberatung Ich möchte an dieser Stelle ein bisschen Mut machen: Ich kenne ein paar Mädchen (flüchtig), die im späten Teenageralter ungewollt schwanger geworden sind und deren Kinder inzwischen so zwischen einem und drei Jahren alt sind. Es ist hinzukriegen. Ja, manches muss zurückstehen; ja, das Leben ändert sich radikal, wenn ein Kind da ist. Aber es ist normalerweise nicht der absolute Horror und nicht das Ende des Lebens. Man wird Probleme haben und man wird wahrscheinlich nicht alles perfekt machen und manchmal wird man wahrscheinlich unzufrieden sein. Das ist in jedem Menschenleben der Fall; auch ohne Kinder ist selten alles perfekt und genau so, wie man es haben möchte. Ja, vielleicht muss man manches aufgeben, aus Verantwortung gegenüber dem Kind, was man sonst hätte machen können. Eine meiner Bekannten war eine Zeitlang bei ihrem Kind daheim und macht jetzt mit ihrer Ausbildung weiter, eine andere holt etwas unmotiviert ihren Hauptschulabschluss nach, weil sie schon vor ihrer Schwangerschaft die Schule abgebrochen hatte, eine andere ist noch bei dem Kind zu Hause, während ihr Mann arbeiten geht – sie hat ihren Freund geheiratet und es ist offenbar eine gute Beziehung; andere dagegen sind aus Gründen nicht mehr mit den Väter ihrer Kinder zusammen. Sie alle kriegen es hin, sich um ihre Kinder zu kümmern. Bevor man beim Gedanken an eine Schwangerschaft in totale Panik ausbricht: Erst einmal tief durchatmen. Sich etwas Zeit nehmen, um sich zu informieren und einfach mal ruhig nachdenken. Überlegen, wen man um Unterstützung bitten könnte und was für konkrete Probleme oder Aufgaben auf einen zukommen würden (wenn man Angst hat, steigert man sich manchmal zu sehr in Vorstellungen von scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten hinein; ich tue das jedenfalls). Sich vielleicht vorstellen, wie es sein könnte, in etwa fünf oder zehn oder fünfzehn Jahren, mit dem Kind, was man für es fühlen und wie man mit ihm leben würde. Ich weiß nicht, ob das hilft, aber vielleicht könnte es helfen.