Glauben, meinen, wissen und nicht-interessiert-sein

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich auf Facebook ein Meme irgendeiner atheistischen Gruppe gesehen; ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut des Spruchs darauf, aber die Aussage jedenfalls war irgendetwas in der Art, dass es eine Ansicht kein bisschen wahrer oder wahrscheinlicher mache, dass man dran „glaube“. Dazu dachte ich mir hinterher: „Hm, ist ja schön, wenn ihr ein fideistisches Glaubensverständnis attackiert, aber könntet ihr bitte so nett sein, dabei zu erwähnen, dass das nicht das Glaubensverständnis aller gottesgläubigen Menschen ist, da z. B. die katholische Kirche ein solches Glaubensverständnis ausdrücklich ablehnt?“

Jeder informierte Katholik sollte der Aussage dieses Memes ohne Probleme zustimmen können.

Man könnte nun sagen, ehe man Memes auf Facebook verbreitet, sollte man sich erst einmal informieren. Aber das Missverständnis, dem diese Atheisten-Gruppe aufgesessen ist, ist ja weit verbreitet, und zugegebenermaßen ist das nicht nur die Schuld von Atheisten, die sich nicht ordentlich über das informieren, was sie angreifen, sondern auch die von Christen, die ihren eigenen Glauben oft nicht mehr wirklich kennen und vermitteln können, und selten klarmachen, was der Unterschied zwischen „glauben“ und „meinen“ ist, und dass „glauben“ im christlichen Sinne eben nicht ein „nicht-wissen“ bedeutet.

Ich bin hier schon einmal darauf eingegangen, wiederhole es aber gerne noch einmal:

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

Diese Thesen musste der des Fideismus verdächtigte Theologe Louis-Eugène-Marie Bautain im Jahr 1840 auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben, damit sein Werk nicht kirchlich verurteilt wurde.

Louis Eugène Marie Bautain

(Louis-Eugène-Marie Bautain, Wikimedia Commons)

Die Kirche beschäftigte sich zu dieser Zeit dann auch noch weiter mit solchen in manchen traditionalistischen Kreisen verbreiteten fideistischen Thesen. 1844 musste Bautain wieder eine Erklärung unterschreiben, und 1855 erließ die Indexkongregation ein Dekret gegen die Ansichten eines anderen Theologen namens Augustin Bonnetty. Dessen Text lautet:

  1. Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit, eine Gegensätzlichkeit zwischen ihnen angetroffen werden; denn beide stammen von ein und derselben unveränderlichen Quelle der Wahrheit, dem unendlich guten und großen Gott, und leisten sich so wechselseitig Hilfe.
  2. Schlussfolgerndes Denken kann die Existenz Gottes, die Geistigkeit der Seele und die Freiheit des Menschen mit Gewissheit beweisen. Der Glaube ist später als die Offenbarung und kann daher nicht in angemessener Weise zum Beweis der Existenz Gottes gegenüber dem Atheisten oder zum Beweis der Geistigkeit der vernunftbegabten Seele und der Freiheit gegenüber dem Anhänger des Naturalismus und Fatalismus angeführt werden.
  3. Der Gebrauch der Vernunft geht dem Glauben voran und führt den Menschen mit Hilfe der Offenbarung und der Gnade zu ihm hin.
  4. Die Methode, derer sich der heilige Thomas, der heilige Bonaventura und andere Scholastiker nach ihnen bedienten, führt nicht zum Rationalismus und war nicht der Grund dafür, dass bei den heutigen Schulen die Philosophie zum Naturalismus und Pantheismus neigt. Daher darf man jenen Lehrern und Magistern nicht zum Vorwurf machen, dass sie diese Methode – zumal mit Zustimmung oder wenigstens stillschweigender [Duldung] der Kirche – benutzten.

Das ist das Glaubensverständnis der katholischen Kirche. Alles klar? An Gott zu glauben, obwohl man nicht genau weiß, ob es ihn überhaupt gibt, oder gar wider die Vernunft an Gott zu glauben – das wäre Fideismus, ein von der Kirche verurteiltes Glaubensverständnis.

„Glaube“ (fides) meint „Vertrauen“, „Treuebindung“ – nicht „meinen“. Ehe man an den dreifaltigen Gott „glauben“ (d. h. auf Ihn vertrauen, sich an Ihn binden, Ihm alle Einzelheiten glauben, die Er von sich offenbart hat) kann, sollte man durch Vernunftgründe davon überzeugt sein, dass Er überhaupt existiert und sich grundsätzlich in Jesus Christus offenbart hat.

Sicher ist das in der Praxis nicht immer der Fall – wenn man z. B. katholisch aufgezogen wird, wird man erst einmal seinen Eltern einfach abnehmen, dass es den lieben Gott gibt und idealerweise durch Gebet, Empfang der Sakramente etc. eine Beziehung zu Ihm aufbauen, lernen, sich auf Ihn zu verlassen, und später dann erst Argumente für diese Überzeugung kennenlernen; aber das ist ja bei allem, was man als Kind lernt, der Fall; erst einmal wird man seinen Eltern auch ohne Beweise abnehmen, dass die Erde rund ist, man von zu viel Süßigkeiten Bauchweh kriegt, man die Katze nicht am Schwanz ziehen sollte und es in Afrika Löwen und Giraffen gibt. Aber das alles sind Überzeugungen, für die es durchaus logische Begründungen und Beweise gibt, und an die man auch als Kind aus einem recht vernünftigen Grund heraus glaubt (aus der Erfahrung, dass das, was die Eltern sagen, vertrauenswürdig ist). Dasselbe gilt für die Überzeugung von der Existenz Gottes.

Man muss hier auch sehen, dass der Glaube nicht nur etwas ist, das wir tun, sondern etwas, das Gott in uns eingießt, zu dem Gott uns verhilft. Das können auch Kinder haben, oder anderweitig ungebildete Leute, auch wenn sie noch nicht alle theoretischen Begründungen kennen. Aber diesen Glauben kann man nicht als Begründung gegenüber anderen dafür hernehmen, dass sie auch glauben sollen.

Dass die Bedeutung des Wortes „glauben“ oft nicht recht vermittelt bzw. verstanden wird, ist mir z. B. auch bei dem Projekt „Valerie und der Priester“ schon öfter aufgefallen, das ich in den letzten Monaten regelmäßig verfolgt habe. Dabei begleitet eine eher kirchenferne junge Journalistin ein Jahr lang einen Priester und berichtet dann auf einem Blog und über die sozialen Medien darüber. Sehr oft, wenn auch nicht immer, bewegt sich das, was Valerie hier über den Glauben von Kaplan Franziskus von Boeselager und auch den anderer Menschen, die sie in der katholischen Welt so trifft, schreibt (oder auch, was diese selbst direkt von sich sagen), eher auf der Ebene von „Beten hilft mir, die christliche Nächstenliebe ist mir wichtig, die Kirche ist Heimat für mich, der Glaube gibt mir Halt“ – was ja alles wahr ist, aber auch etwas Wichtiges, Grundsätzliches ausklammert.

Der Glaube ist nicht nur eine Lebenshilfe. Bevor er das sein kann, muss er erst einmal wahr sein. (Wobei natürlich auch Erfahrungsargumente („Ich habe im Gebet Gottes Nähe erfahren“) als Gründe für den Glauben nicht völlig ausgeklammert werden sollten, das sage ich gar nicht. Aber es braucht auch die äußeren, intellektuellen Argumente. Erfahrung allein reicht nicht.) Ich habe manchmal das Gefühl, Valerie betrachtet das Ganze eher so mit einem distanzierten „Aha, interessant, dass es Leute gibt, denen diese Idee von Gott so viel bedeutet und hilft“; aber hat sie sich dabei schon einmal die Frage gestellt: „Könnte es denn sein, dass es wahr ist, woran diese Leute glauben?“?

Ich weiß es nicht. Sie wird auch wahrscheinlich bei diesem Projekt nicht sämtliche ihrer innersten Gedanken ausschütten (täte ich auch nicht); aber manchmal habe ich den Eindruck, sie sieht den Katholizismus als etwas so Exotisches und ihre eigene Weltanschauung (die ich unter die Kategorie „individualistischer Säkularismus“ einordnen würde, und die man noch konkreter als links-feministisch beschreiben könnte) als so selbstverständlich, dass ihr der Gedanke gar nicht kommt, dass der Katholizismus etwas sein könnte, das wahr sein und eine Bedeutung auch für sie haben könnte, anstatt etwas, das man von außen studiert, wie ein überzeugter Christ einen antiken babylonischen Kult studieren würde. Dabei habe ich aber eben gerade nicht den Eindruck, dass sie schon längst aus bestimmten, durchdachten Gründen von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt ist (dann wäre eine solche Distanz zu der Welt, über die sie berichtet, völlig logisch), sondern eher den, dass Gott für sie etwas ist, das einfach keine Rolle spielt.

Das ist allgemein, habe ich so das Gefühl, viel häufiger der Grund, wieso Menschen nicht an Gott glauben, als überzeugter Atheismus. Sie sind an dem Thema nicht interessiert.

Und Desinteresse an der Wahrheit ist, finde ich, nun wirklich ein Gegensatz sowohl zum Wissen als auch zum Glauben als auch zum bloßen Meinen. Das ist eine Kategorie, mit der man sich ganz außerhalb der Frage nach der Wahrheit stellt.

(Beide oben zitierten Texte finden sich im „Denzinger“, dem von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann herausgegebenen „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009.)

Wie man zum Glauben kommt

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

Diese sechs Thesen stammen aus dem Jahr 1840. Sie wurden von dem Theologen Louis-Eugène-Marie Bautain…

…auf den Druck seines Bischofs hin unterschrieben.

(Sie finden sich übrigens im Denzinger, dem „Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, das seinen Spitznamen von seinem ersten Herausgeber hat.)

Ja, richtig gelesen: Diese Thesen sind im Jahr 1840 offizielle kirchliche Lehre, die von Theologen mit abweichenden Meinungen anerkannt werden muss, wenn sie nicht die Amtsenthebung oder die Verurteilung ihrer Werke riskieren wollen.

Also, Lehre der Kirche ist: Man kann mit der Vernunft beweisen, dass ein Gott, ein Schöpfer der Welt existiert. Dann kann man, wenn man die historische Überlieferung ansieht, beweisen, dass 1) die Offenbarung an die Juden wirklich von diesem Gott ausgegangen ist, 2) dass Christus Wunder gewirkt hat und auferstanden ist und sich damit als Sohn Gottes erwiesen hat. Somit kann man mit schlussfolgerndem Denken dazu kommen, die christliche Religion als wahr zu erkennen. So.

[Kleines Update: Hier Beispiele für philosophische Gottesbeweise, und hier etwas zur historischen Offenbarung.]

Das Wort „Glaube“ meint nicht, dass man durch Nichts-Genau-Wissen zur Anerkennung der christlichen Religion kommt. Der Glaube ist eine Tugend, die man braucht, nachdem man die christliche Religion grundsätzlich anerkannt hat. C. S. Lewis schreibt in „Mere Christianity“ (dt. Titel: „Pardon, ich bin Christ“):

Zunächst einmal bedeutet „glauben“ einfach, die Lehren des Christentums für wahr zu halten und sie anzunehmen. Was ich aber früher nicht begreifen konnte, war, dass die Christen diese Art von Glauben als eine Tugend betrachten. Was, so fragte ich mich, soll daran eine Tugend sein? Inwiefern ist es moralisch oder unmoralisch, eine Reihe von Behauptungen anzunehmen oder nicht? Es liegt doch auf der Hand, dass jeder halbwegs gesunde Mensch Aussagen oder Behauptungen nicht deshalb annimmt oder ablehnt, weil er dazu gerade Lust hat oder nicht, sondern weil ihm ihre Begründung gut oder schlecht erscheint. Irrt er sich, so bedeutet das nicht, dass er ein schlechter Mensch, sondern lediglich, dass er nicht allzu klug ist. Erkennt er aber, dass eine Begründung schlecht ist, und zwingt er sich wider besseres Wissen, dennoch zu glauben, so ist er schlichtweg dumm.

 Nun, ich bin auch heute noch dieser Meinung. Was ich aber damals nicht erkannte – und was auch heute viele Menschen nicht erkennen –, war folgendes: Ich ging davon aus, der menschliche Geist werde ganz von der Vernunft beherrscht; wenn er einmal von einer Sache überzeugt sei, so bleibe er auch dabei, so lange, bis sich ein zwingender Grund zeigt, die Überzeugung zu überprüfen. Aber das ist nicht richtig. Zum Beispiel kann mein Verstand durch fundierte Beweise völlig überzeugt sein, dass ich unter einer Narkose nicht ersticke und dass ein guter Chirurg erst dann mit der Operation beginnt, wenn ich wirklich bewusstlos bin. Das ändert aber nichts daran, dass in mir eine kindische, panische Angst aufsteigt, sobald ich auf dem Operationstisch liege und mir die scheußliche Maske übers Gesicht gestülpt wird. Ich meine dann, ich würde ersticken, und schlottere vor Angst, der Arzt könnte vielleicht doch mit seinem Messer ansetzen, ehe ich völlig betäubt bin. Mit anderen Worten: Ich verliere meinen Glauben, dass die Narkose wirkt. Es ist aber nicht der Verstand, der den Glauben von mir nimmt (im Gegenteil, mein Glaube beruht ja auf dem Verstand); es sind meine Phantasie und meine Gefühle. Vernunft und Glaube kämpfen gegen Gefühle und Phantasie. […]

 Das gleiche gilt nun für den christlichen Glauben. Ich verlange von niemandem, sich für das Christentum zu entscheiden, wenn für seinen Verstand alle Beweise dagegen sprechen. Der Punkt, an dem der Glaube einsetzt, liegt ohnehin an anderer Stelle. Doch nehmen wir einmal an, ein Mensch erkennt eines Tages, dass alle Beweise für die Richtigkeit des Christentums sprechen. Ich kann voraussagen, was während der nächsten Wochen in ihm vorgehen wird. Er erhält eine schlechte Nachricht, oder er hat Sorgen, oder er lebt mit Menschen zusammen, die nicht glauben, und plötzlich erheben sich seine Gefühle und starten eine Art Überraschungsangriff auf seinen Glauben. Oder es kommt ein Moment, wo er eine Frau begehrt, wo er lügen möchte, wo er von sich eingenommen ist oder die Möglichkeit sieht, auf irgendeine nicht ganz saubere Art zu Geld zu kommen: Augenblicke, in denen es angenehmer wäre, wenn der christliche Glaube nicht wahr wäre. Und wieder führen seine Wünsche und Begierden einen Blitzangriff.

 Ich rede dabei nicht von solchen Augenblicken, wo echte neue Gründe das Christentum in Frage zu stellen scheinen. Mit solchen Zweifeln muss man sich auseinandersetzen. […]

 Glaube, so wie ich das Wort hier gebrauche, ist die Fähigkeit, allen Gefühlsschwankungen zum Trotz an Überzeugungen festzuhalten, die man einmal als richtig erkannt hat. Stimmungen wechseln, ganz gleich, was unser Verstand auch meint. Das weiß ich aus Erfahrung. Auch heute noch kann es geschehen, dass mir das ganze Christentum höchst unwahrscheinlich vorkommt, während ich früher, als Atheist, das Christentum von Zeit zu Zeit unerhört überzeugend fand. Dieser Aufstand der Stimmungen gegen unser wahres Selbst wird auf jeden Fall kommen. Darum ist der Glaube eine so wichtige Tugend. Wem es nicht gelingt, seine Emotionen an ihren Platz zu verweisen, der kann kein richtiger Christ, ja nicht einmal ein richtiger Atheist sein; er bleibt ein hin- und hergerissenes Geschöpf, dessen Glaube vom Wetter oder von der Verdauung abhängig ist. Deshalb muss man sich in der Tugend des Glaubens üben.

 Der erste Schritt ist also die Erkenntnis, dass unsere Stimmungen wechseln. Der nächste ist der Vorsatz, sich, wenn man den christlichen Glauben angenommen hat, jeden Tag längere Zeit mit seinen Glaubenssätzen zu beschäftigen. Darum sind tägliches Gebet, tägliches Lesen von christlichen Schriften und der Besuch des Gottesdienstes von so großer Bedeutung. Wir müssen ständig daran erinnert werden, was wir glauben. Weder diese noch irgendeine andere Überzeugung wird automatisch in uns lebendig bleiben. Sie muss genährt werden. Wenn wir hundert Menschen fragten, weshalb sie ihren Glauben an das Christentum verloren haben, so würden wir sicher feststellen, dass echte Argumente bei den wenigsten eine Rolle gespielt haben. Die meisten Menschen lassen sich einfach treiben.

Der Glaube ist das Vertrauen auf den Gott, dessen Existenz man erkennt hat; er beinhaltet insbesondere das Überzeugtsein von all den Lehren, die Gott offenbart hat, und die man nicht im einzelnen selber nachprüfen kann (z. B. die Dreifaltigkeit), weil man eben auf die Wahrhaftigkeit Gottes vertrauen kann, und weiß, dass die Offenbarung dieser Lehren wirklich von Ihm kommt. Er schließt das kleinliche Misstrauen aus und das Es-Selber-Besser-Wissen-Wollen-Als-Gott. Er beruht zunächst einmal auf der Vernunft; man sieht die historische Stimmigkeit und die innere Logik der katholischen Lehre und glaubt deshalb. Aber er wird auch zu einem persönlichen Vertrauen auf eine Person, je mehr man sich darauf einlässt, das, was man erkannt hat, in die Praxis umzusetzen, das heißt, zu dieser Person zu beten, in der Bibel von Seinen Taten zu lesen, Ihm im Nächsten zu begegnen oder Ihn bei der Kommunion zu essen. (Das klingt jetzt komisch, ist aber so.) Dann denkt man vielleicht auch gar nicht mehr so viel an Gottesbeweise – wenn man jemanden getroffen oder zumindest einmal von weitem gesehen hat, muss man nicht mehr nach Argumenten für seine Existenz suchen.

Sicher kann es auch bei gläubigen Menschen zu Zweifeln kommen – solchen Zweifeln, mit denen man sich nach Lewis rational auseinandersetzen muss. Wobei man hier unterscheiden muss: Eine Schwierigkeit ist nicht gleich ein Zweifel. Eine Schwierigkeit heißt: „Ich sehe nicht genau, wie das zusammenpasst, aber Gott war bis jetzt verlässlich und die Gründe für seine Verlässlichkeit bestehen immer noch, also suche ich mal nach Lösungen, und vertraue in der Zwischenzeit darauf, dass es welche gibt.“ Ein Zweifel – bei jemandem, der schon wirklich zum Glauben gefunden hat – wäre tiefer und falscher, eher: „Ich sehe nicht, wie das zusammenpasst, und deswegen gebe ich sofort den Glauben an die Verlässlichkeit Gottes auf.“

Gott ist nun einfach nicht direkt sichtbar, Er ist vielleicht mehr wie ein Brieffreund; man kann die Leute, die einem erklären wollen, es gäbe diesen Freund gar nicht und ein Betrüger antworte auf die Briefe, um einen zu täuschen, nicht restlos von der Wahrheit überzeugen, wenn sie sie nicht hören wollen, und muss sich vielleicht auch selbst immer wieder zum Vertrauen auf das einmal Erkannte aufraffen. Glaube ist auch: „Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1) Aber vielleicht wird einem doch irgendwann die Gnade zuteil, nicht nur theoretisch von diesem Gott zu wissen, sondern ihn wirklich zu erfahren, ihn zu sehen, wie der Hebräerbrief es ausdrückt. Dazu braucht es natürlich auch die Bereitschaft, auf Seine Stimme zu hören.