Ein paar Gedanken zur Missbrauchskrise und den „Sittlichkeitsprozessen“ der 1930er

Vor nicht allzu langer Zeit hat der emeritierte Papst einen Text zu den Gründen der Missbrauchskrise veröffentlicht, in dem er auch auf die Sexuelle Revolution der 60er-80er und – was wenig beachtet wurde – die Tatsache hingewiesen hat, dass in derselben Zeit im Kirchenrecht eine falsche Milde Einzug hielt. Von den üblichen Seiten wurde Benedikt dafür bereits zur Genüge kritisiert; die Frage ist jetzt: Hatte er Recht?

Natürlich denkt keiner der älteren Generationen gern daran zurück, dass in den angeblich so glorreichen 60ern-80ern Pädophilie bis zu einem gewissen Grad destigmatisiert wurde; das wurde sie aber; und in gewissen Kreisen sehr stark. Die Idee, dass Kinder Sexualität genießen könnten und man „einvernehmlichen“ Sex zwischen Erwachsenen und Kindern nicht „kriminalisieren“ sollte, verbreitete sich weithin und auch die, die nicht völlig darauf hereinfielen, wurden von ihr beeinflusst. Gerade im nicht ganz so extremen Bereich bei Jugendlichen wurde vieles enttabuisiert; sie würden sowieso Sex haben, also sollte man das auch erleichtern und für Aufklärung und Verhütung sorgen, und außerdem das Schutzalter heruntersetzen, wenn man es nicht gleich ganz abschaffen wollte.

Pädophile sind sehr gut darin, sich selbst einzureden, dass ihre Opfer es auch wollen; dass sie selbst nicht anders können; dass sie nur etwas ausleben wollen, das man nun mal ausleben muss, um natürlich und glücklich leben zu können; dass die Gesellschaft sie nicht versteht und sie über diesen dummen, spießigen Regeln stehen – und diese Lügen wurden auch in anderen, nicht ganz so schlimmen Kontexten von der Sexuellen Revolution propagiert: wenn z. B. ein einzelner Partner dich langweilt, hast du doch das Recht, dir weitere zu suchen, du musst schließlich glücklich werden. Natürlich hatten es Pädophile in diesem Kontext noch leichter, ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen, und andere entwickelten größere Hemmungen, gegen Pädophile einzuschreiten und sie anzuzeigen.

Übrigens sollte man auch heute nicht so tun, als wären das nur schlimme, aber kurzfristige „Wirren“ gewesen, und man sei darüber hinweg, Kinder sexualisieren zu wollen. Seit neuestem gibt es Kinder, die sich für homosexuell oder transgender halten und von ihren Eltern als „Drag Kids“ in Bars vorgeführt werden, was von LGBTQ-was-weiß-ich-Gruppen groß gefeiert wird – so, wie in den 80ern bei den Grünen die Schwulen zusammen mit den Päderasten eine AG bildeten.

Eine andere schlimme Entwicklung, die in den 60er-80ern zeitgleich damit ablief, hatte vielleicht noch gravierendere Folgen, was den Missbrauch angeht: Die Verbreitung der Ansicht, Verbrecher wären auch nur Opfer, könnten nichts für ihre Straftaten, würden sich durch Therapie schnell ändern, und man sollte ihnen vor allem mit Mitleid und Verständnis begegnen – wodurch die Opfer egal wurden. Wenn die Psychologenzunft so etwas verbreitete, ließen sich auch Bischöfe leichter dazu verleiten, Priester, von denen ihnen vielleicht gemeldet wurde, dass sie Teenager oder Kinder begrapscht hatten, zu versetzen und ihnen Therapie verordnen zu wollen, als kirchenrechtlich gegen sie vorzugehen. Eine falsche Barmherzigkeit schlich sich offenbar auch unter Kirchenrechtlern ein; Benedikt schreibt etwa: „Dazu kam aber ein grundsätzliches Problem in der Auffassung des Strafrechts. Als ‚konziliar‘ galt nur noch der sogenannte Garantismus. Das heißt, es mußten vor allen Dingen die Rechte der Angeklagten garantiert werden und dies bis zu einem Punkt hin, der faktisch überhaupt eine Verurteilung ausschloß.“ Alles in allem scheint es kein Wunder zu sein, dass auch die Missbrauchsfälle in der Kirche in den 60ern-80ern ihren Höhepunkt erreichten, und so schlimme Fälle wie dieser hier vorkamen.

 

Manche wenden dagegen ein, die Dunkelziffer sei in den Zeiten vor den 60ern höher gewesen: man habe damals zu wenig über Sex und sexuelle Gewalt geredet und außerdem seien Priester zu sehr Respektspersonen gewesen, als dass man ihren Opfern Glauben geschenkt hätte.

Aber da lohnt sich vielleicht ein Blick auf einen älteren Missbrauchsskandal: Die sog. „Sittlichkeitsprozesse“ gegen katholische Laienbrüder und Priester in den Jahren 1936/37. Den Nazis war die katholische Kirche bekanntermaßen ein Dorn im Auge, und in dieser Zeit versuchte man sich an Propaganda gegen die Kirche anlässlich sexueller Vergehen von Geistlichen, v. a. in Klöstern – freilich ging es hier in vielen Fällen nicht um Pädophilie, sondern um damals noch strafbare Homosexualität. Es wurden Sonderkommandos eingerichtet, die mit großem Eifer nach sexuellen Vergehen in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen (Schulen, Behindertenheimen usw.) suchten, und Goebbels persönlich wetterte in einer reichsweit übertragenen Rede gegen die angeblich sexuell so verdorbene Kirche.

Es wurden damals insgesamt etwa 2500 Verfahren gegen Priester und v. a. Laienbrüder (einige auch schon aus ihren Orden ausgetretene oder entlassene) angestrengt, von denen allerdings die meisten wieder eingestellt werden mussten, weil man doch nicht unbegrenzt Beweise fabrizieren konnte; die übrigen endeten mit (offenbar tatsächlich juristisch gerechtfertigten) Verurteilungen von insgesamt 64 Welt- oder Ordenspriestern und 170 Laienbrüdern (davon etwa 60 ehemalige) – teilweise wegen des Missbrauchs von Kindern oder behinderten Erwachenen, teilweise wegen homosexueller Handlungen unter Ordensbrüdern; so einige Urteile betrafen auch die Verführung von jungen Novizen. Vor allem summierten sich Vergehen in einzelnen Laienkongregationen, besonders bei den Waldbreitbacher Franziskanerbrüdern, die geistig behinderte Männer betreuten. Die verurteilten Priester (im Unterschied zu den Laienbrüdern, bei denen ich keine prozentualen Angaben gefunden habe) machten etwa 0,23% aller deutschen Priester aus – und noch mal, das schließt Fälle von einvernehmlichen homosexuellen Handlungen unter erwachsenen Männern ein.

Das Interessante daran ist auch: Die Bischöfe damals waren interessiert daran, bei der Aufklärung mitzuwirken; sie versuchten nicht zu vertuschen. Die Täter wurden in aller Regel auch kirchenrechtlich verurteilt, viele waren bereits aus ihren Orden entlassen; aus der Waldbreitbacher Gemeinschaft wurden dann auch noch 31 Brüder entlassen und 1937 wurde die Gemeinschaft von Rom auf Initiative des Bischofs von Trier hin aufgelöst. In dieser Zeit sieht man nicht das Denken mancher Bischöfe bei späteren Skandalen – lieber alles vertuschen, um den Ruf der Kirche nicht zu beschädigen -, sondern das Bewusstsein, dass es das Beste ist, wenn alles herauskommt, und dass die Verbrechen bestraft werden müssen. Natürlich wehrte man sich gegen die Propaganda der Nazis, die die Kirche als „Sexualsumpf“ betitelten und anhand dieser Fälle von Missbrauch und Homosexualität gegen unabhängige kirchliche Schulen usw. ins Feld zogen; die Vergehen einzelner dürften nicht gegen die Kirche als Ganze benutzt werden; und man verurteilte auch willkürliche Übergriffe der Gestapo, usw. Aber das war ja auch begründet.

Ich kann mir schon vorstellen (auch wenn ich mich damit zu wenig auskenne), dass „früher“ Opfer von Missbrauch es manchmal schwerer hatten, weil das Problembewusstsein in der Gesellschaft bzgl. Kindesmissbrauch nicht so sehr da war, oder man Anklagen von Kindern gegenüber respektierten Autoritäten nicht ernst genug nahm. Aber speziell in diesen Jahren wurde von der Gestapo intensiv nach solchen Geschichten gefahndet und Klosterschüler und Heimbewohner auch mit unlauteren Mitteln unter Druck gesetzt, damit sie Kleriker belasteten. Für diese Zeit wird man keine sehr hohe Dunkelziffer annehmen können. Und sexuelle Verbrechen an Kindern, Jugendlichen und Behinderten wurden damals auch immer als solche gesehen, ihre Schwere nicht infrage gestellt wie in den 60ern-80ern. Und hier scheint dann im Endeffekt doch die Anzahl an Tätern unter den Priestern relativ gering gewesen zu sein.

Es ist natürlich wichtig, daran zu denken, dass Kindesmissbrauch immer und überall passieren kann; den wird es bis zum Jüngsten Tag in allen Institutionen geben, gerade auch durch sympathische Leute, denen man das nie zugetraut hätte, und da heißt es, Schutzmechanismen und Strafen haben. Das ist nie ein endgültig gelöstes Problem. Aber: Ich denke, Benedikt hatte schon seine Gründe, darauf hinzuweisen, dass der Missbrauch zu manchen Zeiten schlimmer war als zu anderen.

 

[Update: Interessant dazu auch dieser Artikel in der Süddeutschen, in dem es über Missbrauchsfälle in der Kirche heißt:

„Wenn man die Akten aus den 1950er- und 1960er-Jahren durchblättert, fällt auf, dass damals mehr Opfer bereit waren zu reden, Jugendliche traten als Zeugen auf, Kirchenleute wurden zu Haftstrafen verurteilt. Später ließ die Anzeigebereitschaft nach, von den 1970er-Jahren an drang kaum mehr etwas nach außen, es sei ‚offenbar so ein Deckel draufgegangen‘, sagt Ines Karl.“

Es wäre sehr interessant, hier mehr über die Hintergründe zu erfahren.]

Zu Franziskus und McCarrick

Ich habe weder die Zeit noch die Lust, viel über die neuen Enthüllungen zu schreiben. Trotzdem ein paar Gedanken, weil es vielleicht notwendig ist.

Erstmal die groben Fakten:

Der ehemalige Nuntius für die USA, Erzbischof Carlo Maria Vigano, behauptet, Papst Benedikt habe Kardinal McCarrick (der damals schon aus Altersgründen nicht mehr Erzbischof war), 2008 oder 2009 gewisse Sanktionen auferlegt, nachdem er von McCarricks Missbrauch von Seminaristen erfahren hatte (der Missbrauch von Jugendlichen war offenbar noch nicht bekannt); McCarrick habe ein zurückgezogenes Leben in Gebet und Buße führen sollen und z. B. nicht mehr reisen oder öffentlich die Messe feiern dürfen. Papst Franziskus habe gleich zu Beginn seines Pontifikats davon erfahren und die Sanktionen trotzdem aufgehoben und McCarrick zu einem seiner engen Berater gemacht. Auch einige US-Bischöfe – wie Kardinal Wuerl – hätten von alldem gewusst und McCarrick unterstützt.

Papst Franziskus weigert sich, sich dazu irgendwie zu äußern.

Ein ehemaliger Berater der Nuntiatur bestätigt einige Anschuldigungen.

Ein paar wenige Bischöfe verlangen Antworten und Ermittlungen, Franziskus‘ größte Fans – Austen Ivereigh, Father James Martin SJ usw. – demonstrieren in der Zwischenzeit auf Twitter, dass so ein kleiner Skandal sie in ihrer Papsttreue nicht anficht.

Tja. So langsam hat man den Eindruck, dass der Papst nicht nur ein neuer Honorius I., sondern auch ein neuer Alexander VI. ist – alles in allem ein manipulativer, korrupter Mensch, der sich gerne als Heiliger feiern lässt, diejenigen kaltstellt, die ihm nicht genehm sind, und hintenrum alles Mögliche vertuscht.

Ein paar Dinge, die man im Hinterkopf behalten sollte.

  • Gott wird alle Verantwortlichen früher oder später zur Rechenschaft ziehen, und das könnte für einige nicht schön werden – nach dem, was wir bis jetzt wissen oder annehmen können, zumindest.
  • Es ist gut, wenn der ganze Dreck endlich ans Licht kommt. Es muss verhindert werden, dass es so weitergeht.
  • Die Anschuldigungen sind zwar noch nicht genau bewiesen, fügen sich aber passgenau in das Bild ein, das Franziskus in den letzten Jahren abgegeben hat. Er hat schon zu Beginn seines Pontifikats Missbrauchstäter begnadigt; da konnte man ihm noch gut gemeinte, wenn auch falsch verstandene Barmherzigkeit unterstellen; als er die Anschuldigungen gegen den chilenischen Bischof Juan Barros als Verleumdungen abgetan hat, wurde das schon schwieriger. Und nun also McCarrick.
  • Man muss Vigano nicht mögen, man muss ihm nicht mal glauben, dass er gute Motive hat, um die Anschuldigungen, die er vorbringt, für glaubwürdig zu halten.
  • Ja, Papst Franziskus ist immer noch Papst. Auch wenn es nicht so einfach ist, sich wieder an schlechte Päpste zu gewöhnen – bzw. an einen gleich so extrem schlechten.
  • Wir hatten schon andere manipulative, korrupte Päpste und die Kirche hat es überlebt, weil Gott seine Kirche nicht von Päpsten kaputt machen lässt.
  • Der Papst kann nicht gerichtet werden – aber er könnte zurücktreten. Oder umkehren, Buße tun und in Zukunft Korruption und Vertuschung nicht nur selber bleiben lassen, sondern sie überall bekämpfen. Haha, just kidding. Wahrscheinlich wird er probieren, das Ganze auszusitzen. Mal sehen, wie lange das noch klappt.

Die Anschuldigungen sind sehr detailliert und betreffen zahlreiche Männer aus Franziskus‘ innerem Kreis. Heute tue ich mal etwas, das ich noch nie getan habe: Ich empfehle meinen Lesern, einer Empfehlung von Papst Franziskus zu folgen: Lest das alles selber. Hier gibt es die elf Seiten in englischer Übersetzung. UPDATE: Hier die deutsche Übersetzung.

(John Martin, Die Zerstörung von Sodom und Gomorrha, 1852; Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Zu guter letzt eine der vielen Bibelstellen, die sich einige unserer Kirchenmänner um ihrer eigenen Seele willen zu Herzen nehmen sollten:

„Meine Hand wird gegen die Propheten sein, die nichtige Visionen haben und falsche Orakel verkünden. Sie gehören nicht in die Gemeinschaft meines Volkes und sollen nicht im Verzeichnis des Hauses Israel verzeichnet sein; sie werden nicht in das Land Israel kommen. Dann werdet ihr erkennen, dass ich GOTT, der Herr, bin.
 Gerade deshalb, weil sie mein Volk in die Irre führen und Heil verkünden, wo es kein Heil gibt, weil das Volk eine Mauer aufrichtet und jene sie mit Tünche bestreichen,
 deshalb sag denen, die sie mit Tünche bestreichen: Sie wird einstürzen. Es kommt ein Wolkenbruch und ihr, ihr Hagelsteine, sollt herabfallen und ein Sturmwind bricht los
 und siehe, schon stürzt die Mauer ein. Wird man dann nicht zu euch sagen: Wo ist jetzt die Tünche, die ihr aufgetragen habt?
 Darum – so spricht GOTT, der Herr: Ich lasse in meinem Zorn einen Sturmwind losbrechen, in meinem Groll wird ein Wolkenbruch kommen, in meinem Zorn ein verheerender Hagelschlag.
 Ich reiße die Mauer ein, die ihr mit Tünche bestrichen habt, ich lasse sie zu Boden stürzen und ihr Fundament wird bloßgelegt. Und wenn sie einstürzt, werdet ihr darin umkommen. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin.
 Ich vollende meinen Zorn an der Mauer und an denen, die sie mit Tünche bestrichen haben, und ich sage euch: Die Mauer ist weg und weg sind die, die sie bestrichen haben,
 die Propheten Israels, die über Jerusalem prophezeien und ihm eine Heilsvision schauen, obwohl es kein Heil gibt – Spruch GOTTES, des Herrn.“
(Ezechiel 13,9-16)

Die Wahrheit wird euch frei machen

Ich habe schon einmal (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/27/das-so-ziemlich-nervigste-klischee-ueber-frauen-das-es-gibt/) erwähnt, dass ich die Ehrlichkeit für eine der wichtigsten Tugenden halte, die es gibt, und das möchte ich noch mal wiederholen. Treue zur Wahrheit, und zwar zur ganzen Wahrheit und zu nichts als der Wahrheit, ist etwas, ohne das man eigentlich nicht leben kann.

Angelogen zu werden kann für den, der belogen wird, tatsächlich eine Art von Gefängnis bedeuten, eine Unfreiheit; es schließt ihn von der Welt ab, wie sie wirklich ist. Man ist nicht mehr in der Lage, die Realität zu sehen, wie sie da draußen eigentlich besteht, und sich dann zu entscheiden, wie man angemessen auf sie reagieren will. Stattdessen ist man demjenigen ausgeliefert, der einen getäuscht hat. Es macht einen hilflos; vielleicht reagieren die Leute deshalb oft so wütend, wenn sie herausfinden, dass sie angelogen worden sind. Man muss sich im Alltag die ganze Zeit über auf Informationen verlassen, die man nur aus zweiter Hand bekommen und nicht selber durch eigene Beobachtungen in jedem Detail verifizieren kann. (Schon mal versucht, die Existenz von Ulaanbaatar nachzuweisen, ohne selber in die Mongolei zu fliegen, oder die Beschaffenheit von Chlorophyll oder Kohlenmonoxid, ohne sich ein eigenes Labor zuzulegen?) Und wenn die nicht stimmen, wird es natürlich schwierig. Lügen und Halbwahrheiten und Täuschungen verdrehen die Welt; sie erschaffen etwas, das nicht da ist – nicht in dem guten Sinne, wie Märchen, Romane oder Filme etwas erschaffen, das nicht da ist und von dem man weiß, das es nicht da ist, oder in dem Sinne, wie Gott die Welt erschaffen hat, die vorher nicht da war; sie erschaffen eine Illusion von etwas, das schon auf andere Weise da ist, als sie es vorspiegeln, eine Illusion, auf die sich Leute verlassen, und von der sie dann verraten werden.

Wenn man Menschen anlügt, degradiert man sie; man traut ihnen entweder nicht zu, mit einer Situation, wie sie in Wirklichkeit ist, fertigwerden und eigene sinnvolle Entscheidungen treffen zu können, oder man benutzt sie einfach, weil es gerade bequem ist. Wenn man jemanden anlügt, weil man meint, er würde sich nur unnötig über etwas aufregen, oder wütend auf einen werden, weil man irgendetwas Falsches getan hat, dann heißt das, man geht von vornherein davon aus, dass er falsch reagieren wird, und nimmt ihm damit die Möglichkeit, vielleicht doch besonnen oder verständnisvoll reagieren zu können – na ja, oder man will einfach mit seinem eigenen falschen Handeln davonkommen. Entweder man misstraut ihm, oder man verachtet ihn. Und wenn er merkt oder ahnt, dass er angelogen wird, wird er auch anfangen, zu misstrauen. Lügen in wichtigen Dingen zerstören Beziehungen wie wenig anderes. Gerade wenn man mehrmals feststellen muss, dass auf die Worte und Versprechungen des anderen kein Verlass ist, ist die ganze Basis weg. Denn woher weiß man dann, dass es in Zukunft tatsächlich anders werden wird, wie der andere es schon wieder beteuert?

Ich finde, dass einer der grässlichsten häufig vorkommenden Sätze in typischen amerikanischen Filmen dieser ist: „Wir/ich wollte(n) dich nicht beunruhigen.“ [Na ja, vielleicht abgesehen von „Ich will kein Mitleid / keine Almosen.“ Ich habe ja so eine Theorie, dass die meisten Amerikaner, auch die meisten der sich „Christen“ nennenden Amerikaner, in Wirklichkeit Anhänger der Ketzerei des Amerikanismus sind, die hauptsächlich aus Hochmut („Ich will kein Mitleid“), sozialdarwinistischen Ideen („Gott hilft denen, die sich selber helfen“), Idealen von weltlichem Erfolgsstreben („prosperity gospel“), Selbsthilfetipps zum positiven Denken („Du kannst alles schaffen, wenn du es nur wirklich willst!!!“) und Auserwähltheitsfantasien („God’s own country“) zu bestehen scheint. Ich vermute manchmal, dass antike Bischöfe und mittelalterliche Mönche, die endlos über Demut, Milde, Barmherzigkeit, Mitleid, Almosengeben, den Wert der freiwilligen Armut, das Übel des Wuchers oder die Vergänglichkeit des Reichtums predigten, das, was manche Amerikaner für „Christentum“ halten, kaum wiedererkennen würden. Wobei, anders betrachtet, was will man erwarten bei einem Volk, in dem man sich über „interrassische Ehen“ (nicht mein Begriff, die reden wirklich von „interracial marriages“) wundert und allgemeine Krankenversicherung und Arbeitslosengeld für „Sozialismus“ hält…*] Dieser scheußliche Satz, mit dem die Figuren ihre eigene Unfähigkeit, mit der Wahrheit offen umzugehen, kaschieren wollen, kommt immer dann, wenn Eltern ihrem krebskranken Kind verheimlicht haben, dass es wahrscheinlich bald sterben wird, oder ein Ehemann seiner Frau, dass er seinen Job verloren hat, oder etwas in der Art. Man will den anderen (angeblich) vor der bösen Realität schützen, und nimmt ihm dadurch jede Möglichkeit, sich selbst dieser Realität anzupassen, selbst zu entscheiden, wie er mit ihr am besten umgehen sollte – also, sich zum Beispiel auf seinen Tod vorzubereiten, indem er Dinge in Ordnung bringt, die er verbockt hat, oder Dinge fertigstellt, die er noch fertig haben will. Man entscheidet stattdessen an seiner Stelle, was besser für ihn ist; man betrügt ihn, und tut auch noch so, als täte man ihm damit irgendeine Art von Gefallen, auch wenn die Wahrheit, die er irgendwann herausfinden muss, am Ende dann noch schlimmer für ihn sein wird (z. B. weil er dann nur noch sehr wenig Zeit bis zu seinem Tod haben wird). Das ist ebenso bescheuert wie – oder fast noch bescheuerter als – die amerikanische Lüge von wegen „live your dream“ (also nicht: „lebe in der Realität und mach was aus den Möglichkeiten, die du hast“, sondern „tu einfach mal so, als ob dein Traum, was für einer das auch immer sei, Realität ist, dann wird er das schon werden“; jedenfalls erlangt der Satz diese Bedeutung in der Praxis; zum Beispiel bei nahezu jedem Teilnehmer von Veranstaltungen wie American Idol (die US-Variante von DSDS); die leben nun wirklich in einer Traumwelt).

Das Verschweigen der Wahrheit, wenn jemand ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, ist eine Sünde. Claudia Sperlich schreibt hier über einen Fall, in dem das zutreffen würde (https://katholischlogisch.wordpress.com/2017/03/06/tote-kinder/) : „Im irischen Tuam gab es von 1925 bis 1961 ein von Nonnen betriebenes Heim für ledige Mütter. 2014 wurden dort Knochen von Kleinkindern entdeckt, die nicht auf dem Friedhof beerdigt, sondern auf dem Gelände des Heimes verscharrt wurden. Das Ausmaß kommt jetzt ans Tageslicht; es wird aber bereits seit Jahren untersucht.“ Die Kindersterblichkeit muss dort wohl ungewöhnlich hoch gewesen sein, wahrscheinlich wegen einem Mangel an Pflege und Zuwendung, und die Kinder wurden dann nicht einmal ordentlich beerdigt, sondern bloß schnell irgendwo verscharrt – auch das noch zu viel Arbeit für die Nonnen, das Beerdigen? Frau Sperlich schreibt weiter: „Was mich besonders entsetzt, ist das Fehlen jeglicher Stellungnahme der Sisters of Bon Secours. Ich habe den Schwestern in Galway (zu Tuam gehörte) eine Anfrage gemailt, warum auf ihrer Homepage an keiner Stelle, auch nicht unter der Übersicht „History“, mit einem Wort darauf eingegangen wird. Denn auch wenn keine der Verantwortlichen mehr am Leben ist und die Schwestern heute gute und segensreiche Arbeit tun, darf dieser sehr dunkle Fleck nicht vergessen werden.“

Ich kann intellektuell nachvollziehen, wie diese Schwestern denken mögen: Man muss ja nicht unnötig darüber reden; das gibt nur ein schlechtes Bild; wir müssen unsere Institution schützen; Menschen könnten einen schlechten Eindruck von der Kirche bekommen, wenn sie davon hören würden, und würden sich vielleicht von ihr abwenden, was wir ja nicht wollen können; wir lügen ja nicht, wir verschweigen nur etwas.

Ich kann mir vorstellen, dass bei den Missbrauchsskandalen manchmal Ähnliches gedacht worden ist. Ja, es gab und gibt Kirchenleute, die sich um Aufklärung bemühten oder bemühen – Joseph Ratzinger hat schon als Präfekt der Glaubenskongregation und dann später als Papst einiges geleistet und eine Null-Toleranz-Politik durchgesetzt, und auch Bischof Voderholzer von Regensburg soll sich im Moment ehrlich um die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen bemühen (jedenfalls habe ich das in einer Tageszeitung in einem Interview mit einem Missbrauchsopfer gelesen; der Interviewte hatte ansonsten nicht viel Gutes über seine Erfahrungen mit der Kirche und den Leuten bei den Domspatzen zu sagen). Aber es gab ganz offensichtlich auch andere Bischöfe oder Bistums- oder Kurienmitarbeiter, die anders dachten. Lieber keinen großen Wirbel, lieber keinen Skandal verursachen… Womit sie im Übrigen am Ende ein wesentlich schlechteres Bild von der Kirche vermittelten, als es bei einem offenen Umgang mit alldem je möglich gewesen wäre. Es handelt sich bei einem solchen Verhalten um eine unglaubliche Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern. Ich weiß nicht, ob ein so motiviertes Verhalten auch der Grund dafür war, dass Marie Collins vor kurzem die vatikanische Kinderschutzkommission verlassen hat (http://www.kath.net/news/58702; hier ist recht vage die Rede davon, dass sie „Frustration über mangelnde Kooperationsbereitschaft vatikanischer Behörden“ als Grund genannt habe).

Aber so ein Verhalten ist kaum auf die Kirche beschränkt. Kölner Silvesternacht, irgendwer? Was da geschehen war, kam erst nach mehreren Tagen heraus, als es sich nicht mehr unter Verschluss halten ließ. In meiner Tageszeitung erschien der erste Bericht nach meiner Erinnerung am 5. oder 6. oder 7. Januar irgendwo hinten auf der „Panorama“-Seite, und am nächsten Tag waren wütende Leserbriefe darüber und ausführliche Berichte auf der ersten und der dritten Seite zu lesen, und keiner der Redakteure ließ auch nur eine Silbe der Reue über den vorherigen Umgang mit diesen Informationen verlauten. Kein Wunder, dass Umfragen zufolge so wenige Leute der Presse trauen – manche Informationen sind für Journalisten einer gewissen Couleur einfach zu „brisant“ – oder könnten „missbraucht“ werden – die Leute könnten sie in den falschen Hals kriegen – kurz, gewisse Journalisten denken so, wie vielleicht Bischöfe oder Generalvikare oder Personalchefs einer Diözese gedacht haben, die die Kirche davor schützen wollten, dass die ganze Welt uns für eine „Kinderfickersekte“ hält. (Wobei die Presse sich inzwischen ein wenig am Riemen gerissen zu haben scheint, zumindest, was die örtliche Tageszeitung in meiner Region angeht.)

Diese Ängste sind real und nicht völlig unbegründet. Es gibt Nazis in Deutschland – so richtige Nazis ebenso wie weniger bedrohliche und gefährliche Stammtisch-Ausländerfeinde – ; ebenso wie es Leute gibt, die alle Priester für Kinderschänder halten. (Ich habe vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt des Skandals, mal einen jungen Kaplan sagen hören, manchmal weiß er gar nicht mehr, ob er den kleinen Kindern, die bei der Kommunionausteilung mit ihren Eltern nach vorn kommen, überhaupt noch ein Kreuz auf die Stirn machen darf, und eine Bekannte hat mir einmal erzählt, ihr nominell evangelischer Verlobter hätte wegen der Missbrauchsskandale sogar Bedenken, spätere Kinder katholisch taufen oder Ministranten werden zu lassen. Bei so weit verbreiteten Vorurteilen helfen alle Infos über die geringe statistische Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet in der Pfarrgemeinde Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, verglichen etwa mit Sportvereinen oder Familien, manchmal nichts.) Und natürlich profitieren wirkliche Rassisten, die Menschen einer gewissen Herkunft schon für eine Art Untermenschen halten, von Berichten über kriminelle Ausländer, besonders, wenn sich herausstellt, dass es sich vielleicht nicht um bedauerliche, überhaupt in keinster Weise repräsentative Einzelfälle handeln könnte, sondern dass z. B. bei Köln auch die frauenverachtende Kultur, aus der die Täter kamen, eine Rolle gespielt haben könnte, oder dass Schlägereien und auch Messerstechereien in Asylbewerberheimen gar nicht mal so arg selten vorkommen, oder dass etwa in Schweden durch die liberale Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre inzwischen so einige No-Go-Areas geschaffen worden sind, oder dass, wie jetzt berichtet wurde, ein Dritter aller Straftäter in Deutschland keinen deutschen Pass hat.

Aber am meisten nützt es Nazis (oder Kirchengegnern, for that matter), wenn die „Lügenpresse“ (oder die Halbwahrheitenpresse, wie man es manchmal formulieren sollte – oder aber eben auch die Bistumsverwaltung) gewisse Dinge unter den Tisch kehrt. Das nützt ihnen sehr viel mehr. Und wenn Probleme verschwiegen werden, dann werden sie vor allem nicht angegangen werden, dann werden sie natürlich noch schlimmer werden, und es wird mehr Opfer geben, denen keiner zuhört, weil es sie nicht geben darf. Und wenn es dann entsprechend viele Opfer gibt, so viele, dass sie sich nicht mehr ignorieren lassen, wird man das entsprechende Chaos ernten. Das gilt für alle Probleme. Man darf das Schlimme nicht verschweigen, weil es „uns“ schaden könnte. Am meisten schadet am Ende immer Unwahrhaftigkeit, aber selbst wenn die Wahrheit einmal schaden sollte: Das ist egal. Man muss sie trotzdem sagen. Sie schadet vielleicht, aber sie macht auf jeden Fall frei.

Anbei: Ich finde Halbwahrheiten und Verdrehungen übrigens oft noch schlimmer als Lügen; ihnen ist schwieriger beizukommen. Da muss man erst einmal ganz genau schauen, wie eine Statistik zustande kam; wie diese Fakten sich ins größere Bild einordnen; wie ein Zitat im Kontext lautete; wie relevant oder wie gesichert eine Behauptung überhaupt ist – kurz, es macht einen im Allgemeinen hilfloser als gegenüber ganz einfach demonstrierbar falschen Behauptungen.

(Wobei richtige „Fakenews“ (man darf wirklich auch einfach „Lügen“ dazu sagen) natürlich auch großes Unheil anrichten können – man denke allein an die „Protokolle der Weisen vom Zion“ als das bekannteste Beispiel aus der Geschichte. (Es gab solche Fälschungen im Lauf der Geschichte übrigens, wie auf allen Seiten, auch auf der antikatholischen Seite; am bekanntesten sind vielleicht die Monita Secreta aus dem 17. Jahrhundert (https://en.wikipedia.org/wiki/Monita_Secreta) – angebliche Instruktionen des Jesuitengenerals an seinen Orden zur Machtgewinnung, eine Art von Protokollen einer jesuitischen Weltverschwörung, könnte man sagen. (Heute sind die Jesuiten als Verschwörer natürlich zu langweilig geworden, da muss jetzt eher das Opus Dei übernehmen.) Außerdem gab es z. B. die 1836 in Kanada und den USA veröffentlichten „Maria Monk Stories“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Maria_Monk), mit dem eigentlichen Titel „Awful Disclosures of Maria Monk, or, The Hidden Secrets of a Nun’s Life in a Convent Exposed“ („Schreckliche Enthüllungen der Maria Monk, oder Die verborgenen Geheimnisse des Lebens einer Nonne im Kloster enthüllt“); oder etwa die Geschichte vom Popish Plot („Papistenverschwörung“, https://de.wikipedia.org/wiki/Papisten-Verschw%C3%B6rung), die zwischen 1678 und 1681 in England sogar für Hinrichtungen Unschuldiger sorgte, ehe sie als erfunden erwiesen wurde.))

Vielleicht noch kurz allgemein zur moraltheologischen (und „kasuistischen“, wenn man so will) Seite der Sache: Die grundsätzliche Begründung der katholischen Moraltheologie, wieso Lügen schlecht ist, ist ja ganz einfach: Die Sprache ist dazu da, Wahres über die Wirklichkeit mitzuteilen, und wenn man sie verwendet, um die Wirklichkeit zu verdrehen, pervertiert man sie. Es ist nicht grundsätzlich eine Sünde, einer eindeutigen Antwort auszuweichen, und erst recht nicht grundsätzlich eine Sünde, zu schweigen; nur eben dann, wenn jemand anderer bzw. die Öffentlichkeit ein Recht hat, etwas zu erfahren. Es ist in anderen Fällen sogar gut und notwendig, Geheimnisse zu wahren oder Negatives, das man über andere weiß, nicht öffentlich auszubreiten. (Ich rede jetzt nicht mehr von Verbrechen.) Das Beichtgeheimnis gilt sogar völlig absolut, ohne Ausnahmen (ja, auch bei Verbrechen; wobei ein Beichtvater, dem ein Verbrechen gebeichtet wird, natürlich schauen wird, dass der Pönitent klar den Willen zeigt, keine weiteren Verbrechen zu begehen, und ihn vielleicht auch dazu bringen kann, sich der Polizei zu stellen; aber auch in solchen Fällen ist das Beichtgeheimnis absolut heilig). Es kann Fälle geben, in denen man ein Geheimnis bewahren muss.

Als klassisches Beispiel wird in der Moralphilosophie auch immer der konstruierte Fall vorgebracht, dass man Juden im Keller versteckt und die Gestapo vor der Tür steht. Unter den Moraltheologen wurde/wird sehr kontrovers diskutiert, ob man in solchen Fällen dann auch direkt lügen, oder die Gestapo bloß durch zweideutige Rede täuschen dürfte o. Ä. Hierzu, finde ich, hat der Philosoph Robert Spaemann in diesem Essay (http://www.kath-info.de/verantwortungsethik.html) über Gesinnungs- und Verantwortungsethik (eine Unterscheidung, die er grundsätzlich ablehnt), wo er an einer Stelle über Handlungen schreibt, die immer in sich schlecht sind, eine gute Antwort gegeben:

„Dem entspricht, daß in der klassischen philosophischen und theologischen Tradition die absichtliche und die direkte Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen, die absichtliche Täuschung des Vertrauens durch unwahre Rede und die Herauslösung der Sexualität aus ihrem integralen humanen Kontext jeder weiteren Güterabwägung entzogen und für jederzeit unverantwortlich erklärt wurde. Lediglich mit Bezug auf die Lüge gab es unter den theologischen Moralisten gewisse Meinungsverschiedenheiten, die mit einem ungenügenden Begriff von Sprache zusammenhingen. Es gehört nämlich zur menschlichen Rede nicht nur ein Sprecher und dessen Wort, sondern auch ein Adressat und dessen Weise, das Wort aufzufassen. Das Erzählen von Märchen ist keine Lüge. Zum Vollsinn einer wahrheitsbezogenen Rede gehört, daß sie vom Adressaten als eine solche aufgefaßt wird. Der Kriegsgegner, der polizeiliche Fahnder, der fragt, ob ich einen Menschen versteckt habe, befindet sich zum Sprecher gar nicht in jenem sittlichen Verhältnis des Vertrauens, das eine wahrhaftige Rede erforderlich macht. Bekanntlich kann man ja jemanden, der ohnehin davon ausgeht, daß ich lüge, gerade dadurch in die Irre führen, daß man ihm die Wahrheit sagt. Wo aber ein solches Vertrauensverhältnis existiert, wo der Fragende – zum Beispiel der Patient oder der Ehepartner oder der Freund – zu der Erwartung berechtigt ist, daß ihm vom Arzt, vom Ehepartner oder vom Freund die Wahrheit gesagt wird, da verstößt es in der Tat gegen die Menschenwürde, aus irgendeiner noch so menschenfreundlichen Erwägung heraus die Unwahrheit zu sagen, sich selbst als Person hinter seiner Rede zum Verschwinden zu bringen und den anderen zum bloßen Objekt – und sei es auch der Fürsorge – zu degradieren, während er glaubt, Partner in einem Kommunikationsverhältnis zu sein. Die Lüge, so sagt Kant, ist in erster Linie eine Verletzung der Verantwortung gegen sich selbst, weil sie die konstitutive Identität von Innen und Außen zerstört, die das sittliche Selbstverhältnis ausmacht.“

 

* Ehe man mich darauf hinweist: Ja, ich weiß, dass auch in Amerika „nicht alle so sind“. Ich hege als gute Katholikin keine undifferenzierte Abneigung gegen alle Angehörigen einer bestimmten Nation oder Kultur, und bin durchaus bereit, zu glauben, dass es auch in dieser bestimmten Nation und Kultur, für die ich nicht allzu viel übrig habe, vernünftige Menschen und sogar einige gute Christen gibt. (Deshalb verlinke ich ja auch am Rand dieses Blogs zu einigen amerikanischen Blogs, die tatsächlich vernünftige, christliche Ansichten vertreten.) Und nein, ich halte mich nicht für persönlich besser als ketzerische Amerikanisten.

 

PS: Die Überschrift ist ein Zitat von unserem Herrn (Johannes 8,32).

PPS: Und nein, ich will mit diesem Artikel nicht sagen, dass jede kleine Unwahrheit eine Todsünde ist. Lügen sind zwar so gut wie immer schon ihrer Wurzel nach schlecht, aber sie sind gleichzeitig auch meistens in nicht gravierendem Sinne schlecht (wenn es sich nicht gerade um einen Meineid vor Gericht oder etwas anderes Schwerwiegendes handelt). Unwahrheiten sind leider sehr häufig, und manchmal nicht leicht zu vermeiden, und es gibt manchmal auch Grauzonen (bei Leuten, zu denen eben kein Vertrauensverhältnis besteht, zum Beispiel), wo es nicht in absolut jedem Einzelfall falsch sein muss, die Unwahrheit zu sagen, und auch zweideutige oder ausweichende Antworten können in einzelnen Fällen erlaubt sein. Jedenfalls sind Lügen und Täuschungen oft zwar schon Sünden, aber bloß lässliche Sünden.