Darf man noch „Unwissende belehren“?

Ich habe eine Prüfung in Pastoraltheologie anstehen. Ist nicht mein Lieblingsfach in der Theologie. (Das wären Kirchenrecht und Kirchengeschichte.)

Das Belehren der Unwissenden gehört ja bekanntlich zu den sieben geistlichen Werken der Barmherzigkeit.* Im Skript zu der Pastoraltheologie-Vorlesung fällt mir immer wieder auf, wie schief speziell dieses Werk unter Pastoraltheologen angesehen zu sein scheint. Wenn verschiedene Konzepte einflussreicher Pastoraltheologen erklärt werden, wird dabei immer wieder mal betont, dass Seelsorger nach diesem oder jenem Konzept „begleiten“ sollten, nicht „betreuen“ oder „bevormunden“, dass es gegenseitige Kommunikation und „wechselseitiges Lernen“ zwischen Seelsorger und Beseelsorgtem (meine Wortwahl, da mir gerade kein besseres Wort einfällt) geben müsste; die Seelsorger seien „ihrem Gegenüber nicht überlegen“. Es solle nicht um „Missionserfolge“ oder „Manipulation von Menschen“ gehen. „Seelsorgerlicher Paternalismus: Der Seelsorger weiß, was für den anderen gut und richtig ist.“ Das darf nicht sein. Mein Highlight: Auch in der Diakonie soll man Notleidende nicht „zum Objekt von Bevormundung und Hilfe machen“. Keine Hilfe für Notleidende, Leute, das degradiert sie zum Objekt!

Was ist denn, wenn der Seelsorger es zufällig einfach mal besser weiß als sein Gegenüber? Wenn er dem einfach dringend benötigte Hilfe – leibliche oder geistliche Hilfe; die Adresse des örtlichen Obdachlosenheims, eine Erklärung der thomistischen Gottesbeweise, die Absolution in der Beichte, oder was auch immer – geben kann? Wenn ein Mediziner weiß, dass die Lebensgewohnheiten seines Patienten dessen Vorerkrankungen verschlimmern, wird er es dem einfach mitteilen, oder wird er zuerst einen langen Dialog mit ihm führen und dabei dessen in der Apotheken-Umschau angelesene medizinische Einsichten als vollkommen gleichberechtigt anerkennen?

Ich hatte auch mal keine Ahnung vom katholischen Glauben, und ich komme mir verarscht vor, wenn Theologen, die diesen wunderbaren, faszinierenden Glauben in seinen Einzelheiten kennen, meinen, es wäre ein großes Zeichen von Demut, so tun, als hätten sie den Leuten nichts anzubieten. Wenn Menschen mit Fragen zum Pfarrer kommen, wollen sie doch Antworten und klare Ratschläge von ihm hören – nicht nur ein „Was denken Sie denn?“. Wozu ist er denn ausgebildet?

Ich sage damit nicht, dass es in der Seelsorge nicht wichtig wäre, sich die Perspektiven der „Beseelsorgten“ anzuhören und sie zu respektieren. Auch der Arzt muss seinem Patienten genau zuhören, damit keine Fehldiagnose herauskommt. Er muss es sich auch anhören, wenn der Patient erzählt, dass er von einem anderen Arzt andere Ratschläge bekommen hat, und muss dem Patienten dann begründen, wieso er seine eigene Meinung für die richtige hält – oder ihn vielleicht noch zu einem Experten weiterweisen, der mehr Ahnung vom Fach hat und bei dem der Patient sich sicherer kann, den passenden Rat zu erhalten. Er sollte auch Respekt dafür haben, wenn der Patient der „Schulmedizin“ gegenüber generell misstrauisch ist – und ihm dann mit klaren Argumenten erklären, wieso dieses Misstrauen nicht begründet ist und er sich selbst schadet, wenn er sich nicht operieren oder impfen lassen will. Natürlich gibt es Leute, die meinen, alle anderen über ihre Ansichten belehren zu müssen, und dabei respektlos und nervig sind. Aber Priester, Theologen oder Pastoralreferenten sind von der Kirche – und im Endeffekt vom Herrn – dazu beauftragt, die Frohe Botschaft zu verkünden, wie Mathelehrer vom Staat beauftragt sind, Mathe zu lehren. Das sollen sie auch machen dürfen, ohne dass man ihnen deswegen Vorwürfe macht, dass sie die religiös Unwissenden herabsetzen – und seien wir mal realistisch, wie viel religiöses Wissen hat denn der Durchschnittsmensch? Natürlich ist es auch wichtig, die Beseelsorgten zur Eigenverantwortung zu führen – aber bevor man selbst rechnen kann, muss der Lehrer einem beigebracht haben, zu rechnen.

Mit solchen Formulierungen wie den oben zitierten wird zudem unterschwellig suggeriert, „Missionserfolge“ würden auf „manipulativem“ Weg erreicht werden – oder wären früher so erreicht worden. Wenn man sagen würde „Mission bedeutet einladende Verkündigung, nicht Manipulation“ wäre es ja schön und gut; aber bitte keine solchen impliziten Verleumdungen früherer Missionare. Wenn Leute zum Begriff „Mission“ falsche negative Assoziationen haben, sollte man doch versuchen, den Begriff wieder positiv zu besetzen, anstatt die Assoziationen einfach zu übernehmen.

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(Katechismusunterricht bei den Salesianern Don Boscos in Indien, 1939; Quelle: Wikimedia Commons)

Man könnte direkt den Eindruck bekommen, es wäre etwas Schlimmes, wenn man sich mal helfen lassen muss oder keine Ahnung von einer Sache hat. Dabei müssen wir uns alle von Gott helfen lassen, und das, was wir wissen, ist, aufs Ganze gesehen, immer noch wenig, auch wenn wir die Summa Theologiae auswendig aufsagen könnten. (Was mich dran erinnert, dass ich die auch noch mal lesen wollte.) Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft scheinen allgemein nicht so gut angesehen zu sein, wie sie sein sollten, habe ich oft den Eindruck. Aber das sind gute Eigenschaften; sie bedeuten eben nicht automatisch Bevormundung oder ein Sich-selbst-über-andere-Erheben. Wieso sollte man sie so aufnehmen? Weil man nicht damit klarkommt, nicht allwissend oder vollkommen autark zu sein, sondern mal andere Menschen zu brauchen – so wie man selber anderen Menschen wieder in anderer Hinsicht helfen kann?

Lasst die Priester doch einfach ihren Job machen.

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(Chinesische Seminaristen in einer Niederlassung der Jesuiten, 1900; Quelle: Wikimedia Commons)

 

* Die anderen sechs: Zweifelnden recht raten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern gerne verzeihen, Lästige geduldig ertragen, für Lebende und Tote beten.

Kommen die Heiden in die Hölle, wenn wir sie nicht missionieren? Pius IX. vs. Leo Bigger vs. Rolf Krüger

„Uns und Euch ist bekannt, daß diejenigen, die an unüberwindlicher Unkenntnis in bezug auf unsere heiligste Religion leiden und die, indem sie das natürliche Gesetz und seine Gebote, die von Gott in die Herzen aller eingemeißelt wurden, gewissenhaft beachten und bereit sind, Gott zu gehorchen, ein sittlich gutes und rechtes Leben führen, durch das Wirken der Kraft des göttlichen Lichtes und der göttlichen Gnade das ewige Leben erlangen können, da Gott, der die Gesinnungen, Herzen, Gedanken und Eigenschaften aller völlig durchschaut, erforscht und erkennt, in seiner höchsten Güte und Milde keineswegs duldet, daß irgendjemand mit ewigen Qualen bestraft werde, der nicht die Strafwürdigkeit einer willentlichen Schuld besitzt.“

(Pius IX., „Quanto conficiamur moerore“, 1863)

 

Gestern bin ich mal wieder auf einen der vielen verschnupften Kommentare vonseiten der liberalen Christen zur MEHR und zum dort vorgestellten Mission Manifest gestoßen; dieser hier stammt von Rolf Krüger (https://www.aufnkaffee.net/2018/01/der-elefant-im-christlichen-raum/). Und er wirft tatsächlich interessante Grundsatzfragen zum Thema Mission auf.

Gleich mal vorweg meine Einstellung zur MEHR und zum Mission Manifest: Ich konnte aus privaten Gründen nicht nach Augsburg fahren, hätte mir die Veranstaltung aber gerne mal angesehen, hab’s geschmacklich nicht soo arg mit Charismatik und Lobpreis, fand Johannes Hartl bei einem Vortrag, bei dem ich ihn schon live erlebt habe, inhaltlich ziemlich gut, und finde es toll, wie das Gebetshaus und die MEHR das ins Zentrum stellen, was zählt. Jesus. Nähe zu Jesus durchs Gebet. Weitergabe des Glaubens an Jesus. Ja, genau, und das heißt Mission – am Mission Manifest kann man sicher an ein paar Details herumkritteln (wollen die wirklich behaupten, dass die Chancen der Mission nie und nirgends größer waren?), aber die Grundrichtung ist doch selbstverständlich für jeden Christen. Natürlich geben wir die frohe Botschaft weiter, die wir empfangen haben. Wenn unsere Vorgängergenerationen das nicht getan hätten, würden wir heute noch Thor oder Jupiter anbeten – und da ist mir Jesus doch lieber.

Rolf Krüger sieht das anders. Ihm geht es um die Verbreitung der Ideen von Liebe, Versöhnung und Überwindung von Gewalt an sich: „Ziel von Mission ist dann nicht ein Religionswechsel, sondern ein Gesinnungswechsel.“ Natürlich ist das Blödsinn – der zudem verkennt, dass Religion und Gesinnung nicht einfach voneinander getrennt werden können (welche Gesinnung schreibt z. B. der Hinduismus gegenüber den unteren Kasten vor?) – , aber Krügers Gründe hören sich in diesem Artikel nicht ganz so blödsinnig an. Er reagiert konkret auf die Erlösungslehre des freikirchlichen Pastors Leo Bigger, der auch auf der MEHR aufgetreten ist (und der übrigens wegen seiner prosperity-gospel-Predigten auch unter Freikirchlern kritisiert wird). Diese Erlösungslehre ist im evangelikalen Bereich ziemlich häufig anzutreffen; Krüger beschreibt Biggers Rede nach der Vorstellung des Mission Manifest folgendermaßen:

„Ziel und Sinn von Mission sei es, die Menschen vor der Hölle zu warnen, der ewigen Strafe Gottes für alle Unbekehrten. Biggers erster ‚eigener Bekehrter‘, so erzählt er stolz, kniete schluchzend auf dem Boden des für ihn unerwartet menschenleeren Band-Proberaums, in der verzweifelten Überzeugung, alle anderen seien entrückt worden und er selbst würde jetzt im ewigen Feuer landen.

Das hatte ihm Bigger nämlich kurz zuvor erzählt und hinzugefügt: ‚Hoffentlich hast du dann noch die Gelegenheit, dich zu Jesus zu bekehren!‘ Also fiel der sich zurückgelassen Geglaubte auf die Knie und bekehrte sich. So fanden ihn Bigger und die anderen Bandmitglieder dann auch, als sie vom Kaffeetrinken zurück kamen.

Eine lustige Geschichte, wenn sie nicht so traurig wäre. Denn sie zeigt: Für einen Teil der Christen ist sogar Angst ein probates Mittel für die Mission. Oder Winkelzüge wie zum Beispiel, mit jemandem nur deshalb freundschaftlichen Kontakt aufzubauen, um irgendwann Gespräche über den Glauben zu führen. […]

Es gibt die geretteten Jesus-Nachfolger, die nach dem Tod in den Himmel zu Gott kommen, und die Verlorenen anderen Menschen, deren Seelen ewig gequält oder ausgelöscht werden. Und deshalb ist es überlebenswichtig für jeden Menschen, von Jesus zu hören und bewusst Christ zu werden.

Mission ist also die Verbreitung der Informationen über Jesus mit dem Ziel, möglichst viele Menschen vor der ewigen Verdammnis zu retten.

Für viele evangelikale Christen funktioniert die Erlösung folgendermaßen: Christus bietet sie an und der Einzelne muss mit dem Glauben auf dieses Angebot antworten (sola fide – Werke zählen nicht!). Dazu muss er an einem bestimmten Punkt seines Lebens die persönliche Entscheidung treffen, sein Leben von nun an Jesus zu übergeben. Das geht am besten mit einem Gebet, das bestimmte Dinge enthalten muss: Ich erkenne an, dass ich ein Sünder bin, dass ich mich nicht selbst retten kann, und dass Jesus gestorben ist, um mich zu retten, und ich lade Ihn ein, „in mein Herz zu kommen“. Oder so ähnlich. Vor allem im amerikanischen Raum finden sich zahlreiche vorformulierte Versionen des „Sinner’s Prayer“. Von da an ist man erlöst und diese Erlösung kann nicht mehr verloren gehen. (Wenn man später doch vom Glauben abfallen sollte, war man nie wirklich erlöst und hat das Gebet damals eben nicht ernst gemeint.) Um die Zugehörigkeit zu Jesus öffentlich zu bezeugen, kann man sich dann noch taufen lassen, aber die Taufe ist nur noch ein zusätzliches Zeichen, das nichts bewirkt. (Eine Säuglingstaufe ist sinnlos.) Alle, die in ihrem Leben keine solche Bekehrung erfahren haben, gehen verloren, denn nur durch Jesus kommt man zu Gott.

Was die „Entrückung“ (englisch „rapture“) angeht, von der der Artikel spricht: Das ist eine relativ neue theologische Idee im evangelikalen Raum, die sich ab dem 19. Jahrhundert ausgebreitet hat; sie gehört zum sog. Dispensationalismus. Knapp gesagt besagt diese Lehre, dass, bevor Christus am Jüngsten Tag wiederkehren wird, eine siebenjährige Zeit der Plagen kommen wird (Dispensationalisten haben detaillierte Zeittafeln erstellt, auf denen steht, wann der Antichrist auftreten wird, wer wann gegen wen Krieg führen wird, welche Verfolgungen und Naturkatastrophen wann kommen werden, und manchmal beobachten sie auch, ob der Antichrist schon dabei sein könnte, sich die Weltherrschaft zu erarbeiten – Obama stand für diesen Posten einmal hoch im Kurs), dass aber vor oder während (da ist man sich nicht ganz einig) der Zeit der Plagen die Christen noch in den Himmel entrückt werden werden, damit ihnen das Schlimmste erspart bleibt. Der Rest der Welt kann sich dann immerhin während der Plagenzeit noch bekehren. Die meisten Dispensationalisten erwarten die Entrückung in naher Zukunft, und aus dieser Idee heraus sind auch Romane wie die „Left Behind“-Reihe entstanden, nach der dann auch Filme gedreht wurden, an denen u. a. Kirk Cameron mitgewirkt hat:

Besonders gut sind die alle nicht.

Jedenfalls, die Einstellung „Schau, dass du dich schnell bekehrst, bevor noch die Entrückung geschieht oder du von einem Bus überrollt wirst“ scheint im evangelikalen Raum relativ präsent zu sein.

Im Katholizismus ist es etwas komplizierter; auch da ist man der Meinung, dass man es nicht aus Desinteresse und moralischer Faulheit aufschieben sollte, über sein Leben und die Wahrheit nachzudenken; auch wenn das „Bekehre dich, ehe es zu spät ist“-Motiv in katholischen Predigten heute eher selten auftaucht, ist es doch ein traditionell katholisches Motiv. Aber: Für uns Katholiken ist das mit der Erlösung komplizierter.

Gott will allen Menschen die Vergebung ihrer Sünden schenken, und die Erlösung geschieht durch die Taufe, die Er als Mittel dafür eingesetzt hat, uns Seine Gnade zu vermitteln. Auch kleine Kinder können schon in den Gottesbund aufgenommen werden; ab dem Alter von sieben Jahren ist eine eigene Entscheidung für die Taufe notwendig; und dazu gehört Reue über die vergangenen Sünden. Man kann das Heil durch schwere Sünden wieder verlieren, was dann Reue und Bekenntnis (Beichte) nötig macht. In diesem Sinne nehmen Taufe und Beichte in der katholischen Kirche einen ähnlichen Stellenwert ein wie bei den Evangelikalen das Sündergebet. Aber: Jemand, der bei seinem Tod nicht getauft oder nach einer Todsünde nicht mehr zur Beichte gekommen ist, kommt eben nicht automatisch in die Hölle. Schon in der Antike gab es das Konzept der „Begierdetaufe“: Von Katechumenen, die sich auf ihre Taufe vorbereitet hatten, aber vorher gestorben waren, nahm man  an, dass Gott ihren Wunsch zur Taufe genauso werten würde wie eine durchgeführte Taufe. „Der Wille zählt fürs Werk.“ Das Gleiche gilt für jemanden, der sagen wir mal, auf dem Weg zur Beichte überfahren wird. Dieses Konzept lässt sich erweitern auf diejenigen Menschen, denen einfach nicht bewusst ist, dass die katholische Taufe zum Heil notwendig ist. Mit anderen Worten: Gott will das Heil aller Menschen und lässt niemanden ohne persönliche schwere Schuld verlorengehen; es kann schwere Schuld sein, wenn einem Wahrheit und Moral egal sind, aber wenn jemand nach der Wahrheit sucht und dabei auf die falsche Fährte gerät, wird der gerechte Gott es ihm selbstverständlich nicht anrechnen. Pius IX. sprach hier von „unüberwindlicher Unwissenheit“, Karl Rahner später von „anonymen Christen“. Manche Leute befinden sich im Zustand dieser Unwissenheit, weil sie gar keine Ahnung vom Christentum haben, andere, weil man ihnen Vorurteile über die Kirche glaubhaft nahegebracht hat, andere vielleicht aus wieder anderen Gründen; im Endeffekt kennt nur Gott das Herz eines jeden Menschen.

Das bedeutet, dass Katholiken nicht ganz so sehr auf Bekehrungen drängen müssen wie Evangelikale, da wir auf Gottes Güte vertrauen dürfen – mit anderen Worten, dass man Menschen z. B. Zeit lassen kann, sich vom katholischen Glauben zu überzeugen. Wieso sollte man Leute drängen, eine Religion anzunehmen, bevor sie sie geprüft haben? Daher auch die von der Kirche vorgeschriebene Vorbereitungszeit vor Erwachsenentaufen. Es bedeutet auch, dass man als Katholik keine solche Dringlichkeit fühlen muss, den Nachbarn auf Gedeih und Verderb zu bekehren, weil der ja ohne eine persönliche Entscheidung für Jesus sicher in der Hölle landen würde; den Katholiken wird kein falsches schlechtes Gewissen wegen ihres mangelnden Einflusses auf andere eingeredet. Es bedeutet, dass Menschen, die sich für das Christentum interessieren, keine Angst vor Gott gemacht wird, damit sie ja jetzt sofort Christ werden – die Geschichte von oben ist wirklich nicht sehr schön, und ich weiß nicht, ob so eine Bekehrung zu einer gesunden Gottesbeziehung führt. Es bedeutet auch, dass interessierte Nichtchristen nicht abgestoßen werden von einem solchen auf Panikmache bauenden Glauben. Das mag ich so am Katholizismus: Es wird nicht geduldet, dass Gottes Gerechtigkeit, Güte und Gnade geschmälert werden.

Hier zeigt sich eben ein Problem bei der Ökumene mit den glaubenseifrigen Freikirchlern: Okay, sie ist nicht immer so anstrengend wie die nervigen offiziellen Termine mit den EKD-lern, aber es gibt doch, na ja, gewisse Differenzen, die einen größeren Unterschied ausmachen, als man auf den ersten Blick meinen würde. Und zwar nicht erst, wo es um Freikirchler geht, die der Meinung sind, dass Katholiken keine Christen sind und der Vatikan die Hure Babylon ist. Ketzer sind se halt alle noch, und wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu nachlässig gegenüber ihren Ketzereien werden.

Aber das alles kann man kaum als Argument gegen Mission hindrehen. Mission bedeutet eben ein Mitteilen der guten Nachricht, der befreienden Wahrheit über den einzigen Gott. Was kann dagegen sprechen, diese Botschaft an möglichst viele Menschen weiterzugeben? „Gott wird jemanden nicht dafür bestrafen, dass die Mission ihn nicht erreicht hat“ ist keine Begründung dafür, die Mission sein zu lassen, genausowenig wie „Du wirst nicht bestraft werden, wenn du wegen einer Krankheit nicht in die Schule kommen konntest“ ein Argument dafür ist, das Schwänzen zu ermutigen und die Anwesenheit nicht mehr zu kontrollieren. (Über den Sinn und Unsinn verschiedener Missionsmethoden kann man sich dann unterhalten…)

Rolf Krüger macht hier eine blödsinnige Dichotomie auf zwischen den Christen, die Mission wollen, weil die Leute sonst alle in die Hölle kommen, und denen, die lieber den respektvollen interreligiösen Dialog pflegen, ohne dabei den Versuch zu unternehmen, jemanden von der Wahrheit ihrer Religion zu überzeugen. Er stellt es so dar, als ob es ersteren um die Rettung des Menschen vor göttlicher Strafe ginge und letzteren um die Rettung des Menschen vor sich selbst (durch die Verbreitung der Idee von Liebe und Vergebung, der „Idee, für die Jesus steht“) – als ob die Hölle nicht gerade das wäre, was der Mensch sich selbst einbrockt und woraus Gott ihn retten will. Dass der Mensch vor sich selbst gerettet werden muss, da sind sich alle einig – Uneinigkeit besteht nur da, wo es drum geht, ob ein Religionswechsel [wenn man um die Wahrheit jener Religion weiß] dafür notwendig ist. Rolf Krüger betrachtet den christlichen Glauben nur als nette, nicht wirklich notwendige Zugabe zu dem eigentlich Wichtigen, und das ist einfach nicht so – erstens mal kann die Wahrheit nie unwichtig sein, zweitens fällt ohne sie die Idee von Liebe und Versöhnung irgendwann auseinander (z. B. wenn Menschen nicht bewusst ist, dass ihre Verbrechen ihnen von Gott vergeben werden können).

 

Die allumfassende Kirche, Nachtrag zu Teil 3: Ein kleiner Gastbeitrag zum Thema Religion & Kultur von Kardinal Ratzinger

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

Ich möchte in diesem Nachtrag zu meinem letzten Artikel einige Gedanken unseres emeritierten Papstes Benedikt (damals noch Kardinal Ratzinger) zum Thema Glaube und Kultur zitieren. Er beschäftigt sich hier mit der Frage, wie Glaube und Kultur zusammenhängen, mit dem Begriff der Inkulturation, dem Thema, wie der Glaube eine eigene Kultur bildet und neue Kulturen aufnimmt, usw.:

„In allen bekannten geschichtlichen Kulturen ist Religion wesentliches Element der Kultur, ja, ihre bestimmende Mitte; sie ist es, die das Wertgefüge und damit das innere Ordnungssystem der Kulturen bestimmt. Wenn es aber so steht, erscheint Inkulturation des christlichen Glaubens in andere Kulturen nur um so schwieriger. Denn es ist nicht zu sehen, wie die mit der Religion verflochtene, in ihr webende und lebende Kultur sozusagen in eine andere Religion transplantiert werden könne, ohne dass beide dabei zugrunde gehen. Nimmt man aus einer Kultur die ihr eigene, sie zeugende Religion heraus, so beraubt man sie ihres Herzens; pflanzt man ihr ein neues Herz – das christliche – ein, so scheint es unausweichlich, dass der ihm nicht zugeordnete Organismus das fremde Organ abstößt. Ein positiver Ausgang scheint schwer vorstellbar. Sinnvoll kann sie eigentlich nur sein, wenn der christliche Glaube und die jeweilige andere Religion samt der aus ihr lebenden Kultur nicht in einem Verhältnis der schlechthinnigen Andersheit zueinander stehen, sondern eine innere Offenheit aufeinander hin in ihnen liegt, oder anders gesagt: wenn die Tendenz, aufeinander zuzugehen und sich zu vereinigen ohnedies in ihrem Wesen begründet ist. Inkulturation setzt also die potentielle Universalität jeder Kultur voraus. Sie setzt voraus, dass in allen das gleiche menschliche Wesen am Werk ist und dass in diesem eine gemeinsame Wahrheit des Menschseins lebt, die auf Vereinigung abzielt. […] Denn dasjenige an einer Kultur, was solche Öffnung und solchen Austausch ausschließt, ist zugleich das Unzulängliche an ihr, weil Ausschließung des anderen dem Menschen wesenswidrig ist. Die Höhe einer Kultur zeigt sich in ihrer Offenheit, in ihrer Fähigkeit, zu geben und zu empfangen, in ihrer Kraft, sich zu entwickeln, sich reinigen zu lassen und dadurch wahrheitsgemäßer, menschengemäßer zu werden.

 […]

 Als erstes müssen wir feststellen: Der Glaube selbst ist Kultur. Es gibt ihn nicht nackt, als bloße Religion. Einfach indem er dem Menschen sagt, wer er ist und wie er das Menschsein anfangen soll, schafft Glaube Kultur, ist er Kultur. […] Das bedeutet dann auch, dass er ein eigenes Subjekt ist: eine Lebens- und Kulturgemeinschaft, die wir „Volk Gottes“ nennen. […] Von den klassischen Kultursubjekten, die stammlich, völkisch oder sonst wie durch die Grenzen eines gemeinsamen Lebensbereiches definiert sind, weicht das Subjekt Volk Gottes dadurch ab, dass es in verschiedenen Kultursubjekten besteht, die ihrerseits dabei nicht aufhören, auch für den einzelnen Christen erstes und unmittelbares Subjekt seiner Kultur zu sein. Auch als Christ bleibt man Franzose oder Deutscher, Amerikaner oder Inder usw. In der vorchristlichen Welt, auch in den Hochkulturen Indiens, Chinas, Japans gilt die Identität und Untrennbarkeit des Kultursubjekts. Doppelte Zugehörigkeit ist im allgemeinen unmöglich, wobei freilich der Buddhismus eine Ausnahme bildet, der sich mit anderen Kultursubjekten sozusagen als deren innere Dimension verbinden kann. Aber in aller Konsequenz tritt die Doppelung erst im Christlichen auf, so dass der Mensch nun in zwei Kultursubjekten lebt: in seinem historischen und in dem neuen des Glaubens, die sich in ihm begegnen und durchdringen. Dieses Miteinander wird nie eine ganz fertige Synthese sein; es schließt die Notwendigkeit fortwährender Versöhnungs- und Reinigungsarbeit ein. Immer wieder muss die Überschreitung ins Ganze, ins Universale eingeübt werden, das nicht empirisches Volk, sondern eben Volk Gottes und daher der Raum aller Menschen ist. Immer wieder muss umgekehrt dieses Gemeinsame ins Eigene hereingeholt und am konkreten Ort der Geschichte gelebt oder auch gelitten werden.

 Aus dem Gesagten folgt etwas sehr Wichtiges. Man könnte meinen, dass die Kultur jeweils Sache des einzelnen Geschichtssubjektes (Deutschland, Frankreich, Amerika usw.) sei, während der Glaube erst auf der Suche nach kulturellem Ausdruck wäre. Die einzelnen Kulturen würden ihm sozusagen erst seinen kulturellen Körper zuteilen. […] Solches Denken ist im Grunde manichäisch: Es erniedrigt die Kultur zu bloßem, austauschbarem Körper; es verflüchtigt den Glauben in bloßen und letztlich wirklichkeitslosen Geist. Freilich ist eine solche Auffassung typisch für die nachaufklärerische Geisteshaltung. Kultur wird ins bloß Formale, Religion ins Ausdruckslose des bloßen Gefühls oder des reinen Gedankens verwiesen. […] Wenn Kultur mehr ist als bloße Form oder bloße Ästhetik, wenn sie vielmehr Ordnung von Werten in einer geschichtlichen Lebensgestalt ist und von der Frage nach dem Göttlichen gar nicht absehen kann, dann ist nicht daran vorbeizukommen, dass Kirche für den Gläubigen ein eigenes Kultursubjekt ist. […]

 Wenn es so steht, dann kann es in der Begegnung zwischen dem Glauben und seiner Kultur mit einer ihm bisher fremden Religion nicht darum gehen, diese Zweiheit der Kultursubjekte nach der einen oder nach der anderen Seite hin aufzulösen. Sowohl die Preisgabe des eigenen kulturellen Erbes zugunsten eines Christentums ohne konkrete menschliche Färbung wie das Verschwinden der eigenen kulturellen Physiognomie des Glaubens in der neuen Kultur wäre verfehlt. Gerade die Spannung ist fruchtbar, erneuert den Glauben und heilt die Kultur. […]

 Das alles trifft dann zu, wenn Jesus von Nazareth wirklich der menschgewordene Sinn der Geschichte, der Logos, das Sichzeigen der Wahrheit selber ist. Dann ist klar, dass diese Wahrheit der offene Raum ist, in dem alle zueinander finden können und nichts seinen eigenen Wert und seine eigene Würde verliert. An dieser Stelle setzt heute Kritik ein. Für die konkreten Glaubensaussagen einer Religion den Anspruch der Wahrheit zu erheben, erscheint heute nicht nur als Anmaßung, sondern als Zeichen mangelnder Aufklärung. Hans Kelsen hat den Geist unserer Epche ausgedrückt, wenn er den großen sittlichen und religiösen Problemen der Menschheit gegenüber für die Gestaltung der staatlichen Gemeinschaft die Pilatusfrage ‚Was ist Wahrheit?’ als einzig angemessene Haltung darstellt. Die Wahrheit ist durch den Mehrheitsentscheid ersetzt, so sagt er, eben weil es Wahrheit als gemeinsam verbindlich zugängliche Größe für den Menschen nicht geben könne. So wird die Vielheit der Kulturen zum Nachweis der Relativität aller. Kultur wird der Wahrheit entgegengestellt. […]

 Das Relativismusdogma wirkt aber auch noch in eine andere Richtung: Der in der Mission konkret vollzogene christliche Universalismus ist nicht mehr pflichtgemäße Weitergabe eines Gutes, das für alle bestimmt ist, der Wahrheit und der Liebe nämlich; die Mission wird unter dieser Voraussetzung zur blanken Anmaßung einer sich überlegen dünkenden Kultur, die schändlicherweise eine Vielzahl religiöser Kulturen zertreten und so den Völkern ihr Bestes, ihr Eigenes genommen hätte. […]

 Zumindest müsste man bei solchen Forderungen [nach der Wiederherstellung vorchristlicher religiöser Kulturen] sorgsam auf die einzelnen Religionen hinsehen, ob denn ihre Wiederherstellung wünschenswert sei. Wenn wir zum Beispiel daran denken, dass bei der Weihe des letzten Umbaus des Haupttempels der Azteken im Jahre 1487 ‚nach den geringsten Schätzungen in vier Tagen 20.000 Menschen auf den Altären Tenochtitlans’ (der Hauptstadt der Azteken im Hochtal von Mexiko) als Menschenopfer für den Sonnengott verbluteten, so wird es schwerfallen, die Wiederherstellung dieser Religion zu fordern. Solche Opferung geschah, weil die Sonne vom Blut menschlicher Herzen lebte und nur durch Menschenopfer der Untergang der Welt aufgehalten werden konnte. […] Dies ist gewiss ein extremes Beispiel, aber es zeigt immerhin, dass man nicht ohne weiteres in allen Religionen Wege Gottes zu den Menschen und des Menschen zu Gott sehen kann.

 Wir müssen aber die Frage grundsätzlicher anfassen. Kann man die Religionen überhaupt einfach so stehen lassen, sozusagen bei ihnen die Geschichte anhalten? Offenkundig ist, dass man nicht Menschen zu einer Art von religions- und kulturgeschichtlichem Naturschutzpark erklären kann, in den die Neuzeit nicht eindringen dürfte. Solche Versuche sind nicht nur unwürdig und im letzten menschenverachtend, sie sind auch völlig unrealistisch.

 […]

 An dieser Stelle liegen die großen Aufgaben des gegenwärtigen geschichtlichen Augenblicks. Zweifellos muss christliche Mission die Religionen in einer viel tieferen Weise verstehen und aufnehmen als bisher geschehen, aber umgekehrt bedürfen die Religionen, um in ihrem Besten weiterzuleben, der Anerkennung ihres eigenen adventlichen Charakters, der sie nach vorne, auf Christus verweist. […] Die Gemeinsamkeiten des Christentums mit den alten Kulturen der Menschheit sind größer als die Gemeinsamkeiten mit der relativistisch-rationalistischen Welt, die sich aus den tragenden Grunderkenntnissen der Menschheit gelöst hat und so den Menschen in ein Sinnvakuum verweist, das tödlich zu werden droht, wenn ihm nicht rechtzeitig Antwort wird. Denn quer durch die Kulturen geht das Wissen um die Verwiesenheit auf Gott und auf das Ewige; das Wissen um Sünde, Buße und Vergebung; das Wissen um Gottesgemeinschaft und ewiges Leben und schließlich das Wissen um die sittlichen Grundordnungen, wie sie im Dekalog Gestalt gefunden haben. Nicht der Relativismus wird bestätigt, sondern die Einheit des Menschseins und sein gemeinsames Angerührtsein von einer Wahrheit, die größer ist als wir.“