Über schwierige Heilige: Von Inquisitoren, Kreuzfahrern, Krieger(inne)n

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier; hier ein Teil zu anderen schwierigen Heiligen.)

Zu den problematischeren Heiligen, die man oft erst einmal lieber nicht als Auhängeschilder der Kirche benutzt, gehören auch einige, die manche heute als brutale religiöse Fanatiker sehen würden. Wir haben da etwa Heilige, die das Amt eines Inquisitors oder sogar Großinquisitors bekleideten – Kardinal Robert Bellarmin und Papst Pius V. vor seiner Papstwahl etwa.

Jetzt zucken vielleicht manche zusammen: Heilige Großinquisitoren. Oh.

 

Deswegen ist vielleicht ein genauerer Blick auf das Leben solcher Heiliger angebracht. Erst einmal Pius V. (1504-1572, Papst ab 1566):

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(Pius V., Porträt von El Greco. Gemeinfrei.)

Dieser Heilige, der den Taufnamen Antonio Michele Ghislieri trug und als Bauernsohn in einem kleinen italienischen Dorf geboren wurde, wegen seiner Begabung in den Dominikanerorden eintreten konnte, dann Theologe, Inquisitor, Bischof, Großinquisitor Kardinal und Papst wurde, war gleichzeitig in mancher Hinsicht als sehr gütig, und in anderer als sehr streng bekannt – auf jeden Fall aber als persönlich sehr fromm und demütig; praktisch das exakte Gegenbild zum Klischeebild des opulenten, korrupten und es mit den kirchlichen Regeln nicht so genau nehmenden Renaissancepapstes.

Er verbrachte viel Zeit im Gebet, fastete streng, schaffte immer noch ein großes Arbeitspensum, als er schon schwer krebskrank war, ging als Papst barfuß in den Prozessionen in Rom mit, besuchte Kranke, gab viele Almosen, ließ während einer Hungersnot 1566 große Mengen Lebensmittel importieren und in Rom verteilen, umarmte Leprakranke und wusch Armen die Füße, lebte als Papst ohne Luxus und verkleinerte den römischen Hofstaat deutlich. Ein protestantischer Engländer, der gerade in Rom war, soll sich angeblich bekehrt haben, als er den Papst die Füße eines Bettlers küssen sah. Er verbesserte Wasserversorgung und Abwassersystem in Rom, gründete zwei Krankenhäuser und ein Leihhaus, bei dem Arme günstige Kredite erhalten konnten, und ließ die Wälder um Rom herum abholzen, die bisher Räubern Unterschlupf geboten hatten.

Er setzte die Reformen des kurz vor seiner Amtszeit zu Ende gegangenen Konzils von Trient durch, sorgte dafür, dass die Bischöfe ihre Residenzpflicht in ihren Diözesen einhielten, und verbot den Ablasshandel bei Strafe der Exkommunikation. Er war ein unbestechlicher Feind des kirchlichen Nepotismus; er stellte sich, als noch Pius IV. Papst war, diesem entgegen, als er den erst dreizehnjährigen Ferdinand de Medici zum Kardinal machen wollte, und ließ als Papst einen anderen jungen Kardinal (Innocenzo Ciocchi del Monte), der seinen Kardinalshut angeblich als Geliebter von Papst Julius III. erhalten haben sollte, und sich inzwischen sexueller Übergriffe auf Frauen, Gewalttätigkeiten und sogar Morden schuldig gemacht hatte, gefangensetzen und verbannen. Er reformierte Priesterseminare und Klöster und setzte in den klausurierten Klöstern die Klausur streng durch.

Er ernannte den hl. Thomas von Aquin zum Kirchenlehrer und ließ dessen Werke neu herausgeben. Von ihm stammen der Römische Katechismus, das Brevier und das Missale, die jahrhundertelang in mehr oder weniger gleicher Form in der Kirche im Gebrauch waren. [An dieser Stelle eine kurze Anmerkung zu einer Sedisvakantistentheorie: Es gibt Leute, die meinen, mit der Einführung des Novus Ordo sei quasi eine neue schismatische Kirche gegründet worden, weil Paul VI. hier gegen Quo Primum verstoßen habe, wo Pius V. Änderungen am Ritus für die Zukunft verbietet. Tatsächlich bezieht sich ein solches Verbot (wie sich auch aus Quo Primum selbst ergibt) selbstverständlich nur auf Kleriker unterhalb des Papstes; was in der Kirche nicht prinzipiell unveränderlich ist, und was ein Papst verändert hat, kann der nächste wieder verändern. Und auch zwischen Pius V. und Paul VI. gab es zahlreiche kleine Änderungen am Ritus, die sich nur graduell, nicht prinzipiell von der Liturgiereform Pauls VI. unterscheiden.]

Er erreichte mit viel Mühe und trotz der Nichtbeteiligung des Kaisers und des französischen Königs die Gründung der Heiligen Liga zur Verteidigung Europas gegen das Osmanische Reich, das die christlichen Länder am Mittelmeer immer aggressiver angriff, und rief vor der Seeschlacht von Lepanto die Christenheit zum Rosenkranzgebet auf, und als die Heilige Liga unter Don Juan de Austrias Kommando die Osmanen hier noch einmal zurückschlagen konnte, führte er zum Dank das Fest Unserer Lieben Frau vom Siege (von seinem Nachfolger in Rosenkranzfest umbenannt) ein. (Den Sieg sah er übrigens in einer Vision, noch bevor jemand in Rom davon Bericht erstatten konnte.) Er half der schon lange unter osmanischen Angriffen leidenden Insel Malta beim Aufbau der Hauptstadt Valletta, indem er Geld und einen Architekten zum Aufbau der Verteidigungsanlagen schickte.

Er exkommunizierte die protestantische Königin Elisabeth I. von England, die die Katholiken in England verfolgen ließ, und erklärte sie für abgesetzt und ihre Untertanen von ihren Verpflichtungen ihr gegenüber entbunden (was allerdings eher dafür sorgte, dass die englischen Katholiken es von da an noch schwerer hatten), unterstützte den französischen König in den Bürgerkriegen mit den Hugenotten, und er war auch im Kirchenstaat unduldsam gegen Häretiker. Das Übergreifen des Protestantismus auf Italien zu verhindern war eins seiner wichtigsten Anliegen – und ja, er ließ auch ein paar Häretiker hinrichten.

Die Juden wurden zwar nicht so sehr bekämpft wie die Häretiker, hatten aber trotzdem wieder mit verschärften Repressionen zu leben (z.B. Verbot, Grundbesitz zu haben, Erlaubnis nur einer Synagoge, Vertreibung aus manchen Gebieten des Kirchenstaates). Einige wanderten aus dem Kirchenstaat aus, wohin manche von ihnen übrigens erst unter dem leichtlebigen Renaissancepapst Alexander VI. gekommen waren, der ihnen Zuflucht gewährt hatte, als sie im erzkatholischen Spanien nicht mehr willkommen gewesen waren.

Verbrecher – wozu er z. B. auch Gotteslästerer und Ehebrecher zählte – ließ Pius V. hart bestrafen; für Ehebruch wollte er zuerst sogar die Todesstrafe einführen (wovon man ihn dann doch abbringen konnte). Er ließ Prostituierte in einige abgelegene Gassen verbannen, verbot verheirateten Männern den Wirtshausbesuch (!), verbot Pferderennen auf dem Petersplatz und Stierkämpfe generell (nicht nur im Kirchenstaat, sondern in der Weltkirche). Er sorgte für Ordnung in den Finanzen des Vatikans und schickte den bisherigen Schatzmeister lebenslang auf die Galeere.

Seine Härte war schon damals nicht bei allen beliebt; angeblich soll er nach seiner Papstwahl gesagt haben: „Ich hoffe, so zu regieren, dass die Trauer bei meinem Tode größer sein wird, als die bei meiner Wahl.“ Tatsächlich war sie es am Ende; so unbeliebt einige der Reformen des Papstes gewesen waren, schließlich liebten ihn die Römer trotz allem.

 

Zum zweiten heiligen Chef der Römischen Inquisition: Dem hl. Robert Bellarmin (1542-1621).

(Robert Bellarmin. Gemeinfrei.)

Bellarmin, ein gebildeter adliger italienischer Jesuit, der in den Spanischen Niederlanden studiert hatte, war im Vergleich zu Pius V. weniger radikal, war vorsichtiger und humaner im Urteil, versöhnlich und bescheiden. Er ist nicht nur als großer Heiliger, sondern auch als wichtiger katholischer Theologe der Gegenreformation bekannt. Seine Verteidigungsschriften gegen die Protestanten, mit deren Theologie er sich bestens auskannte, waren in protestantischen Ländern verboten. Witzigerweise gingen seine Ansichten über das Papsttum (konkret: über die indirekte weltliche Macht des Papstes) einem Papst nicht weit genug, weshalb es kurz so aussah, als würde das erste Buch seiner „Kontroversen“ auf den Index kommen (das war vor seiner eigenen Zeit als Inquisitor). Er war auch ein geistlicher Vater für den hl. Aloisius von Gonzaga.

Und er wurde dann eben doch irgendwann mit dem Inquisitorenamt betraut; er war verantwortlich für die Hinrichtung des abgefallen Priesters und wandernden exzentrischen wie egozentrischen Philosophen Giardano Bruno, der schon alle möglichen katholischen und protestantischen Länder hatte verlassen müssen, und der übrigens nicht für wissenschaftliche Theorien, sondern für seine pantheistischen und okkulten Lehren und die Leugnung von katholischen Dogmen wie der Dreifaltigkeit und der Transsubstantiation verurteilt wurde.

Außerdem war Bellarmin verantwortlich für die erste, noch ausgesprochen freundliche Auseinandersetzung mit Galileo Galilei (vor der zweiten starb er), dem er mitteilte, er solle das kopernikanische System nur als Hypothese, nicht als Tatsache vertreten, solange es noch nicht bewiesen sei. Bellarmin war selbst ebenfalls gebildet in der Astronomie; und obwohl er das kopernikanische System nicht direkt ablehnte, wollte er es nicht als bewiesen vertreten sehen, solange es das nicht war, weil es für Unruhe unter den Gläubigen sorgte. (Hauptsächlich aufgrund von zwei Bibelstellen: Jos 10,12f., wo Josua die Sonne still stehen lässt – nicht die Erde – und Ps 19,6f.: „Sie [die Sonne] tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.“ Auch die Reformatoren, wie Luther, Calvin und Melanchthon hatten das kopernikanische System scharf als unbiblisch abgelehnt, und auf katholischer Seite wollte man auch nicht als unbiblischer dastehen als die Protestanten. Bellarmin schrieb über die Auslegung dieser Stellen in einem Brief: „Drittens sage ich, wenn es wirklich einen Beweis dafür [für das kopernikanische System] gäbe, dann müssten wir bei der Auslegung von Stellen der Heiligen Schrift, die das Gegenteil zu lehren scheinen, die größte Umsicht walten lassen und lieber sagen, wir verständen sie nicht, als eine Anschauung für falsch erklären, die als wahr bewiesen wurde. Ich bin indessen der Meinung, es gebe keine solchen Beweise, da mir keiner vorgelegt wurde.“*)

Aber was auch immer sonst über diese Männer zu sagen ist: Es bleibt dabei, sie ließen Häretiker hinrichten (und noch mehr zu Kirchenbußen, kurzen Gefängnisstrafen oder Hausarrest verurteilen); zwar nicht arg viele (die Römische Inquisition, für die beide tätig waren, ließ zwischen 1542 und 1761, also im Lauf von 200 Jahren, genau 97 Häretiker hinrichten); zwar nach fairen Prozessen (die Vorstellung vieler heutiger Menschen beim Begriff „Inquisition“ stammt aus frühneuzeitlicher englischer Propaganda und ist lächerlich falsch); aber sie ließen Häretiker hinrichten.

Und diese beiden waren nicht die einzigen heilig- oder seliggesprochenen Inquisitoren: wir haben z. B. mehrere Inquistoren-Märtyrer: den hl. Petrus von Verona, der von Katharern ermordet wurde, den hl. Petrus von Castelnau, der ebenfalls von Katharern ermordet wurde, was der Auslöser für den Kreuzzug gegen diese Katharer war, oder den sel. Antonio Pavoni und den sel. Pietro Cambiani da Ruffia, die von Waldensern ermordet wurden. Dann wären da noch ein paar weitere Heilige oder Selige, die zeitweilig das Amt eines Inquisitors innehatten und dabei nicht zu Märtyrern wurden – der sel. Folquet de Marselha, der hl. Giacomo della Marca, David von Augsburg (nicht förmlich kanonisiert, aber vom Volk verehrt), der sel. Aimone Taparelli, der sel. Guido Maramaldi, der hl. Toribio Alfonso de Mogrovejo.

Und auch sonst waren Heilige, wenn nicht an der weltlichen Strafverfolgung von Häresie beteiligt, doch zumindest öfter dafür. Der berühmteste Kirchenlehrer, der hl. Thomas von Aquin, argumentiert, wenn man schon Falschmünzer mit dem Tod bestrafe, dann doch erst recht die Verfälscher des christlichen Glaubens. Über die Zweckmäßigkeit der Hinrichtung von Häretikern gibt es unter den Heiligen der Kirche zwar keine völlige Überstimmung; als der römische Staat in der Spätantike die erste Häretikerhinrichtung der Geschichte durchführte, waren Papst und Bischöfe (inklusive des hl. Martin von Tours – ja, der mit dem Mantel) entsetzt; aber auch damals waren schon Verbannungen von Anstiftern der Ketzerei gelegentlich üblich; und so einige Heilige und Kirchenlehrer aus den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte lehnten es ganz und gar nicht ab, wenn christliche Staaten Sektenführer oder -anhänger, die die Kirche als Häretiker beurteilte, auch auf die ein oder andere weltliche Weise bestraften oder zumindest die Ausbreitung der Häresie oder die öffentliche Religionsausübung der Häretiker be- oder verhinderten.

Was sollen wir nun dazu sagen?

Nun, zunächst, dass Irrtümer ganz und gar nicht unschädlich sind, sondern sich (auch, wenn es sich um scheinbar kleine Irrtümer handelt) katastrophal auswirken können (und auch immer neue und oft noch schädlichere Irrtümer generieren, wie man an der nichtkatholischen Welt der letzten 500 Jahre gesehen hat), und dann, dass viele dieser Sektenführer damals nicht nur geistlichen, sondern ganz weltlichen Schaden anrichteten. Pius V. sah, wie der Protestantismus z. B. in den deutschen Gebieten zu Bürgerkriegen führte, und auch das zu verhindern war eins seiner Motive (wenn auch, vermute ich, nicht das wichtigste – das wird wohl eher gewesen sein, dass die Ketzer die Gläubigen irreführten und die Kirche spalteten). Das Ziel von Ketzerverfolgung war nicht die Unterdrückung mutiger freier Menschen, sondern Schutz der leicht beeinflussbaren Gläubigen vor Sekten, die in einer Welt, in der der Grundkonsens der Gesellschaft der katholische Glaube war, die ganze Gesellschaft auseinanderrissen. Häretiker waren für die Menschen damals das, was man heute „Verfassungsfeinde“ oder „Extremisten“ nennen würde. Als im Mittelalter Inquisitionsgerichte gegründet wurden, war übrigens auch ein Ziel, die Verfolgung der Häresie in geregelte Bahnen zu lenken und nicht dem Mob zu überlassen.

Die heutige Welt hat auch ein romantisiertes Bild der Ketzer; wenn sie heute plötzlich auftauchen würden, würden sie vermutlich auch nicht besonders gefallen (auch solche wie Luther, dessen negative Seiten ja zum Glück in den letzten Jahren etwas bekannter geworden sind). Die „Vollkommenen“ der Katharer praktizierten Selbstmord durch Verhungern, die Wiedertäufer waren eine brutale Weltuntergangssekte, von den Puritanern will ich gar nicht anfangen.

Und dann war es auch so, dass überall da, wo die Ketzer an die Macht kamen, bald Katholiken verfolgt wurden und vor allem ihre Klöster aufgelöst und die Ausübung ihres Glaubens behindert wurde – so nach der Reformation in England, wo jeder Priester, den die Behörden zu fassen bekamen, gehängt, ausgeweidet und gevierteilt wurde, oder Schweden, wo 1617 die Todesstrafe für Katholiken generell eingeführt wurde.

Waren die verschiedenen Inquisitionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit brutal? Nun, für ihre Zeit waren sie ziemlich human. Man wollte die Ketzer eher bekehren als bestrafen, Reue hatte Wirkung. Die Gefängnisse waren meist sehr human – besonders bei der Römischen Inquisition -, Haftstrafen relativ kurz. Die Folter verwendeten die verschiedenen Inquisitionen zum Teil gar nicht, zum Teil (ab 1252) sehr spärlich und vorsichtig und unter festgelegten Bedingungen – und wenn, dann wegen der schädlichen mittelalterlichen Rechtsgewohnheit, dass niemand ohne Geständnis nur aufgrund von Indizien verurteilt werden durfte, weshalb man ein Geständnis erzwingen wollte, wenn man relativ sicher war, dass der Angeklagte schuldig war. Hinrichtungen kamen bei „verstockten“, besonders bei rückfälligen, Ketzern natürlich vor, aber nur ein kleiner Bruchteil der Prozesse endete damit (bei der hochmittelalterlichen Inquisition gegen die Katharer in Südfrankreich etwa bei 5% der Prozesse, bei der Spanischen Inquisition der frühen Neuzeit 1,8%); und Verbrennung bedeutete oft (wenn auch nicht immer) Strangulierung und dann Verbrennung der Leiche. (Natürlich ist z. B. das lebendige Verbrennen nicht zu rechtfertigen, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, genausowenig wie die Folter zur Befragung – was übrigens auch das Kirchenrecht vor 1252 so sah.) Hinrichtungen für Häresie waren im Allgemeinen deutlich seltener als Hinrichtungen z. B. für Mord oder Raub. Die Römische Inquisition richtete, wie gesagt, in den Jahrhunderten ihres Bestehens insgesamt 97 Menschen hin, die Spanische nach den höchsten Schätzungen 5000.

(Eine Dokumentation vom BBC für alle Interessierten.)

Mit den unglaublichen Verbrechen, die aufgrund neuzeitlicher Ideologien begangen wurden, die die Kirche als ketzerisch und falsch verurteilte, wofür sie aber niemanden mehr „dem weltlichen Arm übergeben“ konnte – den Verbrechen der Kommunisten und Nationalsozialisten beispielsweise – ist die sporadische mittelalterliche und frühneuzeitliche Strafverfolgung von Häresie jedenfalls gar nicht zu vergleichen. Schon bei einer der ersten von modernen antichristlichen Ideologen errichteten totalitären Diktatur, der „Schreckensherrschaft“ der französischen Revolutionäre 1793/94, wurden in einem Jahr 300 Mal so viele Menschen umgebracht wie die Römische Inquisition in 200 Jahren schaffte (auf ganz Frankreich bezogen, aber die Opfer der furchtbaren Massaker in der Vendée nicht eingerechnet). Aber für Freiheit und Demokratie muss man vermutlich andere Opfer bringen.

Man kann die Strafverfolgung von Häresie ablehnen, wenn man will; aber man sollte wissen, was man ablehnt – und man sollte verstehen, wieso einige unserer Heiligen Häretiker hinrichten ließen. Diese Heiligen sind vielleicht unbequem; man kann auch der Meinung sein, dass sie nicht immer alles richtig gemacht haben; aber sie waren wirkliche Heilige. Aber zum Thema Inquisition vielleicht ein andermal genauer; ein bisschen habe ich über das Thema hier schon geschrieben. Ich hoffe, ich habe hier wenigstens zeigen können, dass diese Heiligen mehr und anderes waren als stereotype Großinquisitoren, wie man sie sich nach gewissen Romanautoren aus dem 19. Jahrhundert vorstellt.

 

Dann haben wir auch heilige Kreuzzugsprediger und Kreuzfahrer – den hl. Bernhard von Clairvaux, der im Auftrag des Papstes zum 2. Kreuzzug aufrief, oder den hl. Ludwig IX. von Frankreich, der selbst auf einen Kreuzzug ging. Auch Urban II., der im Jahr 1095 zum 1. Kreuzzug aufrief, wird immerhin als Seliger verehrt

Auch unbekanntere Heilige und Selige waren an den Kreuzzügen beteiligt – wie der hl. Petrus Thomas und der sel. Jean von Montmirail, oder ein paar nie förmlich kanonisierte, aber lokal vom Volk verehrte Männer wie Arnold von Hiltensweiler, Walter von Bierbeek, Ludwig IV. von Thüringen (der Ehemann der hl. Elisabeth), Gobert von Aspremont, und ein paar Kreuzfahrer, die in muslimischer Gefangenschat zu Märtyrern wurden, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollten, wie Nicasius von Jerusalem, Matthäus von Beauvais und Thiemo von Salzburg.

Wir haben auch Heilige, die an der Reconquista in Spanien beteiligt waren; dazu gehört z. B. der hl. Fernando III. von Kastilien.

(Der hl. Ludwig IX. stirbt auf dem Kreuzzug vor den Mauern von Tunis. Gemeinfrei.)

Die Kreuzzüge im Ganzen waren eine stark von der Kirche unterstützte Bewegung; Päpste riefen zu Kreuzzügen auf, es gab Ablässe für Kreuzfahrer [hier die obligatorische Erinnerung, dass Ablässe keine Vergebung der Sünden bedeuten, sondern erst nach der Vergebung der Sünden durch die Beichte ins Spiel kommen; platt gesagt: sie können nicht aus der endgültigen Hölle retten, sondern nur das zeitlich begrenzte Fegefeuer verkürzen; genauere Erklärungen hier], es wurden Ritterorden gegründet, z. B. der Malteserorden, der Templerorden oder der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Und dementsprechend waren viele sehr fromme Menschen an den Kreuzzügen beteiligt.

(Ein bisschen Kreuzzugsstimung mit Walther von der Vogelweide.)

Wir haben auch ansonsten ein paar Heilige, die in Kriegen kämpften, z. B. Jeanne d’Arc – gegen die komischerweise kaum einer etwas einzuwenden hat, weil sie den Frauenbonus hat. Es gilt eben ganz einfach: Kriegführen ist nichts generell Schlechtes. Es gibt nach der katholischen Theologie gerechte Kriege (Kriege, die einen gerechten Grund haben und mit gerechten Mitteln geführt werden); z. B. zählte zu den Kriegen mit gerechten Grund ganz sicher die Verteidigung Frankreichs gegen die Engländer im Hundertjährigen Krieg, da schließlich Heilige und Engel Jeanne d’Arc zum Kampf in diesem Krieg aufriefen, oder auch die Verteidigung Augsburg gegen die Angriffe der Ungarn durch den hl. Bischof Ulrich von Augsburg. Ein weiteres Beispiel für einen militärisch aktiven Heiligen wäre z. B. auch der hl. José Sanchez del Rio (1913-1928), ein vierzehnjähriger Junge, der beim Cristero-Aufstand gegen die die Kirche verfolgende mexikanische Regierung Bannerträger war. Er wurde zwar nicht wegen seines Einsatzes in diesem Aufstand, sondern wegen seines Martyriums heiliggesprochen: Als Regierungstruppen ihn gefangennahmen, wollten sie ihn dazu bringen, Christus zu verleugnen, und folterten und töteten ihn, weil er sich weigerte. Aber dieser Einsatz war eindeutig kein Hindernis für seine Heiligsprechung. Manche Selige/Heilige hatten auch keine andere Wahl, als Krieg zu führen – z. B. kam der sel. Kaiser Karl I. auf den österreichischen Thron, als der 1. Weltkrieg schon zwei Jahre im Gange war, und versuchte vergeblich, diesen Krieg schnell zu beenden.

Michael_Echter_Ungarnschlacht_Detail Bildergebnis für jeanne d'arc Saint José Luis Sánchez del Río: Hero for Christ the King

(Der hl. Ulrich von Augsburg bei der Lechfeldschlacht neben Otto dem Großen; die hl. Jeanne d’Arc; der hl. José Sanchez del Rio; der sel. Karl I. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu den Kreuzzügen: Man kann sehr gut argumentieren, dass es sich hier um gerechte Kriege handelte, insbesondere z. B. beim 1. Kreuzzug, zu dem der sel. Urban II. aufrief, weil die muslimischen Seldschuken (die Vorfahren der Türken) im Osten das christliche Byzantinische Reich brutal überfielen und schon nahe bei Konstantinopel standen, und Kaiser Alexios Komnenos die Christen im Westen dringend um Hilfe bat. Die Seldschuken überfielen auch Pilger nach Jerusalem; und zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten Muslime schon die Grabeskirche zerstört.

Die Hauptmotivation der meisten Kreuzfahrer war es, das Heilige Land, v. a. Jerusalem, in christliche Hand zu bekommen, die heiligen Stätten, wo Jesus selbst gelebt hatte, gestorben und auferstanden war, zu schützen, Zugang dazu zu haben, sie nicht wieder den Muslimen in die Hände fallen zu lassen, und Pilger und Christen in diesen Ländern überhaupt zu schützen.

Man muss hier sehen, dass zwischen der Christenheit und der muslimischen Umma damals schon jahrhundertelang ein quasi permanenter Kriegszustand herrschte, zwar unterbrochen von Waffenstillständen (und leider auch mal von taktischen Bündnissen eines christlichen Fürsten mit einem muslimischen gegen einen christlichen Rivalen, oder eines muslimischen Fürsten mit einem christlichen gegen einen muslimischen Rivalen), aber im Ganzen war es ein permanenter Kriegszustand – und die Aggression ging von den Muslimen aus, und sie waren auch die, die aufs Ganze gesehen viel für sich gewannen.

Sicher; aus Spanien, Sizilien und großen Teilen Osteuropas, die sie zu verschiedenen Zeiten an sich rissen, konnten die muslimischen Eroberer nach einem jahrhundertelangen Abwehrkampf wieder vertrieben werden; aber ganz Nordafrika, Kleinasien, Syrien, die einmal völlig christlich gewesen waren, gingen verloren. Die Seldschuken, später Osmanen und Türken genannt, drangen immer weiter vor, versuchten immer wieder, an Konstantinopel heranzukommen (das vor ihnen erstmals die Araber schon in den Jahren 674-678 belagert hatten), bis es ihnen 1453 gelang, standen später – 1529 und 1683 – zweimal vor Wien. Vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert überfielen muslimische Piraten Europas Küsten und verschleppten insgesamt eine Million Menschen als Sklaven; einer der Ritterorden, die in der Kreuzzugszeit gegründet wurden, war der Mercedarierorden, der es sich zur Aufgabe machte, solche christlichen Sklaven aus muslimischer Gefangenschaft freizukaufen. Natürlich gab es keinen permanenten Frieden. Mohammeds Religion war eine Religion, in der es permanenten Frieden mit Ungläubigen einfach nicht geben durfte und die Ausbreitung des muslimischen Herrschaftsgebietes als religiöse Pflicht galt. Auch auf muslimischer Seite wurden die Kreuzzüge damals auch nur als ein weiteres Glied in der ständigen Kette von Kriegen mit Christen gesehen.

Es gibt ja die Ansicht, die Kreuzzüge seien einfach Eroberungskriege, unnötige Angriffe auf schon lange muslimisches Gebiet gewesen. Zur Zeit der Kreuzzüge war der muslimisch beherrschte Nahe Osten allerdings noch zu einem großen Teil christlich; sogar heute sind ja in einem Land dort, dem Libanon, noch knapp 40% der Bevölkerung Christen. In der Türkei waren noch 1914 ganze 20% der Bevölkerung Christen; heute sind es weit unter 1%, Genozid sei dank. Durch ständige Drangsalierungen, abgenötigte Bekehrungen, die Flucht von Christen, Pogrome, Völkermorde, die osmanische „Knabenlese“ (das offizielle Stehlen christlicher Kinder, aus denen Sklavensoldaten des Sultans wurden), usw. schrumpfte die Zahl der unterdrückten Christen in diesen Ländern immer weiter zusammen, aber damals waren sie noch zahlreich und die muslimische Herrscherschicht im Vergleich zu heute klein.

Die Kreuzfahrerstaaten bildeten auch eine Art Puffer; sie hielten die Muslime im Osten beschäftigt und hinderten sie, weiter nach Europa vorzudringen. Man stelle sich vor, was passiert wäre, wenn der sel. Urban II. auf Kaiser Alexios‘ Bitte nicht reagiert hätte und die Seldschuken schon um 1100 Konstantinopel erobert hätten.

(In dem Zusammenhang sollte man allerdings vielleicht erwähnen, dass es auch im Mittelalter von manchen Kirchenrechtlern/Theologen Kritik an einzelnen Aspekten der Kreuzzüge oder in Einzelfällen auch grundsätzliche Kreuzzugskritik gab; ein Beispiel für einen Kreuzzugskritiker wäre Radulfus Niger. Das kirchenrechtliche Prinzip war in dieser ganzen Zeit jedenfalls: Wenn Ungläubige Christen angreifen oder verfolgen, kann man Krieg führen, wenn sie Frieden halten, soll man mit ihnen in Frieden leben. Bei vielen theologisch ungebildeten Laien, die auf einen Kreuzzug gingen, spielte wohl der Gedanke an die heiligen Stätten eine größere Rolle als der der Verteidigung der Christenheit – daher interessierten sich wohl auch mehr Männer für die Kreuzzüge im Heiligen Land als z. B. für die Reconquista in Spanien.)

Die Kreuzzüge waren jedenfalls wohl kaum schwerer zu rechtfertigen als z. B. der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Erst recht lässt sich natürlich die Abwehr der Muslime in Spanien und die Rückeroberung der muslimisch beherrschten spanischen Gebiete, die Reconquista, rechtfertigen.

Manche wollen den hl. Franziskus, der 1219 auf den Kreuzzug von Damiette mitkam und ins Lager des Sultans al-Malik al-Kamil ging, um diesen zum Christentum zu bekehren und so Frieden zu schaffen, als Gegenbild zu diesen Kriegern aufbauen. Aber Franziskus‘ friedliche Lösung war erstens nicht ergebnisloser „interreligiöser Dialog“, sondern Bekehrung; er soll dem Sultan sogar eine Feuerprobe angeboten haben, um zu erweisen, welcher Glaube der wahre war: „Solltest du aber Bedenken tragen, für den Glauben an Christus das Gesetz des Mohammed zu verlassen, dann laß ein großes Feuer anzünden; dann werde ich mit deinen Priestern ins Feuer hineingehen“, sagte er laut einem Bericht über diese Begegnung. Und zweitens funktionierte seine Lösung damals leider nicht.

(Giotto di Bondones Darstellung von Franziskus vor dem Sultan.)

Die Kreuzzüge waren übrigens keine Methode, schnelle Beute zu machen oder jüngere Söhne bequem zu versorgen. Es kostete im Gegenteil einiges an Geld und an Mühe, in ein so weit entferntes Land auf einen Kreuzzug zu gehen, sehr viele Kreuzfahrer kamen dabei um, und viele Anführer von Kreuzzügen waren reiche Herrscher über große Gebiete, die aus religiösem Idealismus (oder Fanatismus, wenn man es denn so sehen will) Kreuzzugsgelübde leisteten, um mit dem Kriegsdienst Buße für ihre Sünden zu tun. Am Ende ging das Heilige Land – das die Kreuzfahrer doch über längere Zeit gehalten hatten – deswegen verloren, weil Europa kriegsmüde war und keine Männer und kein Geld mehr dorthin schicken wollte.

Sie bedeuteten übrigens auch keine religiöse Verfolgung der Muslime. In den Kreuzfahrerstaaten lebten Muslime unbehelligt. (Nicht einmal die friedliche Bekehrung der Muslime stand besonders im Vordergrund, auch wenn es hier ein paar wenige größtenteils gescheiterte Versuche gab.)

Sicher gab es einiges an Gewalt und auch einiges an unnötiger Gewalt; es waren eben Kriege. Aber das heißt nicht, dass kein guter Christ irgendetwas mit diesen Kriegen zu tun gehabt haben dürfte.

Eine andere Sache ist noch wichtig: Die Judenpogrome, zu denen es, als zu Kreuzzügen aufgerufen wurde, in manchen europäischen Städten durch fanatisierte Bürger kam, wurden von den oben genannten Heiligen und Seligen verurteilt. Der begeisterte Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux trat auch gegen die antijüdische Hetze eines Mönchs namens Radulf auf, und auch Päpste und Bischöfe schützten die Juden in dieser Zeit übrigens vor willkürlicher Gewalt.

(Hl. Bernhard von Clairvaux.)

 

Inquisitoren, Kreuzfahrer – haben wir dann vielleicht auch noch heilige Hexenverfolger? Nicht dass ich wüsste. Der Hexenwahn war sowieso eine Sache, die nicht von der Kirche ausging, und hauptsächlich eine Angelegenheit des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation im 16. und 17. Jahrhundert, von dem andere Zeiten und Gebiete eher verschont blieben.

Beim nächsten Beitrag dann zu noch jemanden, den Säkularisten einen religiösen Fanatiker nennen könnten; dem sel. Pius IX.

 

** Zitiert in: Hans Conrad Zander, Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition, S. 133f., München 2007.

Wieso die Volkskirche das Ideal sein muss

In den letzten Jahren wird ja viel über das Verschwinden der Volkskirche geredet – und nicht alle, die darüber reden, trauern ihr hinterher. Sollten sie aber. Eine kleinere Kirche ist nicht immer eine bessere Kirche, auch wenn insbesondere manche Befürworter der „Benedikt-Option“ das zu meinen scheinen.

Es ist eine Binsenweisheit, dass unser Ziel als Christen prinzipiell die Bekehrung aller Menschen ist, was automatisch zu einer Volkskirche führen würde, wenn wir Erfolg hätten; um diese Binsenweisheit geht es mir hier aber nicht. Eine Gesellschaft, in der es normal ist, katholisch getauft zu werden; in der erwartet wird, dass man sonntags zur Kirche geht; und in der idealerweise der Glaube an alle kirchlichen Dogmen zum gesellschaftlichen Grundkonsens gehört, hat eine ganze Menge praktischer Vorteile gegenüber einer, in der die Christen eine Minderheit sind, zu der nur der gehört, der dazugehören will. Dass wir das nicht so sehen, hängt hauptsächlich mit einer falschen Idealisierung der antiken Minderheiten-Kirche und falschen Gruselgeschichten über die mittelalterliche Volkskirche zusammen. Die mittelalterliche Gesellschaft hatte gegenüber der antiken tatsächlich große Vorzüge. Hier ein paar davon:

1) Eine Volkskirche bringt allein schon mehr innerweltliche Gerechtigkeit. Nachdem die römischen Kaiser christlich wurden und ein paar Jahrzehnte später das Christentum zur Staatsreligion machten, wurde in ihrem Reich irgendwann auch die Kindesaussetzung strafbar, die Gladiatorenkämpfe wurden abgeschafft und ganz langsam verschwand die Sklaverei bzw. wandelte sich zur weniger schlimmen Leibeigenschaft. Eine Volkskirche hat Einfluss auf die Gesellschaft. Ihre Stimme hat Gewicht. Es gibt sehr viele Menschen in der Geschichte, die dankbar für den Einfluss der Kirche sein konnten. (Wer jetzt einen Kommentar zum Thema „Kreuzzüge-Hexenverfolgung-Inquisition“ schreiben möchte, den bitte ich, sich über die Kreuzzüge, die Hexenverfolgung und die Inquisition zu informieren und dann wiederzukommen. Danke. Wenn dann noch jemand behaupten möchte, lieber in der finsteren Antike leben zu wollen als im christlichen Mittelalter, dann führe ich gerne eine Diskussion mit ihm.)

2) Eine Volkskirche sorgt dafür, dass mehr Menschen überhaupt über das Bescheid wissen, was die Kirche lehrt. Wenn die Kirche nur als eine komische Sekte unter vielen gilt, werden viele nie verlässliche Informationen über das Evangelium hören. Eine Volkskirche sorgt dafür, dass alle Leute zumindest ein wenig theologisches Grundwissen haben, oder zumindest wissen, wen sie fragen oder wo sie nachschauen können, wenn sie Fragen zum Glauben haben. Ein einzelner Priester, der sich seine eigenen theologischen Meinungen bildet und Stuss erzählt, kann in dieser Situation die Leute auch nicht so einfach von diesem Stuss überzeugen, weil diese Leute auch noch andere Priester kennen, von denen sie was ganz anderes gehört haben.

3) Eine Volkskirche verhindert, dass wir uns für eine religiöse Elite halten. Ich meine, jeder überzeugte Katholik, der genug Zeit mit anderen überzeugten Katholiken verbracht hat, weiß, dass es unter denen locker ebenso viele nervige, begriffsstutzige, rechthaberische und unsympathische Leute gibt wie in der Restbevölkerung. Aber gerade wenn z. B. ein Konvertit frisch zur Kirche kommt, wird er da, wo er die Wahrheit gefunden hat, vielleicht auch erwarten, eine Art „heiligen Rest“ zu finden – lauter heiligmäßige oder zumindest auf dem Weg zur Heiligkeit befindliche Leute. Sorry, aber dass jemand durch diese und jene Fügungen des Lebens von der richtigen Weltanschauung überzeugt ist, garantiert eben noch nicht, dass derjenige ein guter Mensch ist. Das muss man irgendwann erkennen. In einer Volkskirche kommt diese Illusion gar nicht erst auf. Da ist es kein Verdienst, katholisch zu sein; so wenig, wie es in unserer Gesellschaft ein Verdienst ist, an die Menschenrechte zu glauben. Ja, toll, das weiß eh jeder.

Leute, die keine Ahnung von der frühen Kirche haben, denken ja gerne, dass die frühe Kirche ein solcher heiliger Rest gewesen wäre: alles Christen aus Überzeugung, standhaft gegenüber der heidnischer Verfolgung, ein Leben wahrer Nächstenliebe führend. Stimmt leider nicht. Da braucht man nur ins Neue Testament zu schauen, um zu merken, dass das Bild schief ist. Man sollte mal einen Blick drauf werfen, was Paulus alles allein an die Kirche in Korinth schreibt:

„Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?“ (1 Kor 1,11-13)

„Allgemein hört man von Unzucht unter euch, und zwar von Unzucht, wie sie nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass nämlich einer mit der Frau seines Vaters lebt. Und da macht ihr euch noch wichtig, statt traurig zu werden und den aus eurer Mitte zu stoßen, der so etwas getan hat.“ (1 Kor 5,1f.)

„Stattdessen zieht ein Bruder den andern vor Gericht, und zwar vor Ungläubige.“ (1 Kor 6,6)

„Wenn ich schon Anweisungen gebe: Das kann ich nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. Zunächst höre ich, dass es Spaltungen unter euch gibt, wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt; zum Teil glaube ich das auch. Denn es muss Parteiungen geben unter euch, damit die Bewährten unter euch offenkundig werden. Wenn ihr euch versammelt, ist das kein Essen des Herrenmahls; denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und dann hungert der eine, während der andere betrunken ist. Könnt ihr denn nicht zu Hause essen und trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes? Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben? Was soll ich dazu sagen? Soll ich euch etwa loben? In diesem Fall kann ich euch nicht loben.“ (1 Kor 11,17-22)

„Denn ich fürchte, dass ich euch bei meinem Kommen nicht so finde, wie ich euch zu finden wünsche, und dass ihr mich so findet, wie ihr mich nicht zu finden wünscht. Ich fürchte, dass es zu Streit, Eifersucht, Zornesausbrüchen, Ehrgeiz, Verleumdungen, übler Nachrede, Überheblichkeit, allgemeiner Verwirrung kommt; dass mein Gott, wenn ich wiederkomme, mich noch einmal vor euch demütigt; dass ich Grund haben werde, traurig zu sein über viele, die schon früher Sünder waren und sich trotz ihrer Unreinheit, Unzucht und Ausschweifung noch nicht zur Umkehr entschlossen haben.“ (2 Kor 12,20f.)

Und diese Gemeinde war nicht die einzige, mit der es Probleme gab; an die Thessalonicher schreibt der Apostel:

„Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Diesen gebieten wir und wir ermahnen sie in Jesus Christus, dem Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr eigenes Brot zu essen.“ (2 Thess 3,11f.)

Auch die Botschaften an die sieben Gemeinden in Kapitel 2 und 3 der Offenbarung des Johannes sind aufschlussreich; da erfahren wir zum Beispiel von den „Nikolaiten“, die die Gemeinden spalten.

Oh, und in der Apostelgeschichte haben wir auch ein paar unschöne Geschichten wie die von Simon Magus, oder Hananias und Sapphira:

„Ein Mann namens Simon hatte schon länger in der Stadt Zauberei getrieben und das Volk von Samarien in Staunen versetzt; er gab sich als etwas Großes aus. Alle achteten auf ihn, Klein und Groß, und sie sagten: Dieser ist die Kraft Gottes, die man die Große nennt. Sie achteten aber deshalb auf ihn, weil er sie lange Zeit durch Zaubereien in Staunen versetzt hatte. Als sie jedoch dem Philippus Glauben schenkten, der das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündete, ließen sie sich taufen, Männer und Frauen. Auch Simon wurde gläubig, ließ sich taufen und schloss sich dem Philippus an; und als er die großen Zeichen und Machttaten sah, geriet er außer sich vor Staunen. Als die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, schickten sie Petrus und Johannes dorthin. Diese zogen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen. Denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen; sie waren nur getauft auf den Namen Jesu, des Herrn. Dann legten sie ihnen die Hände auf und sie empfingen den Heiligen Geist. Als Simon sah, dass durch die Handauflegung der Apostel der Geist verliehen wird, brachte er ihnen Geld und sagte: Gebt auch mir diese Vollmacht, damit jeder, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfängt! Petrus aber sagte zu ihm: Dein Silber fahre mit dir ins Verderben, wenn du meinst, die Gabe Gottes lasse sich für Geld kaufen. Du hast weder einen Anteil daran noch ein Recht darauf, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. Wende dich von deiner Bosheit ab und bitte den Herrn, dass dir das Ansinnen deines Herzens vergeben werde! Denn ich sehe dich voll bitterer Galle und in Unrecht verstrickt. Da antwortete Simon: Betet ihr für mich zum Herrn, damit mich nichts von dem trifft, was ihr gesagt habt!“ (Apg 8,9-24)

„Ein Mann namens Hananias aber und seine Frau Saphira verkauften zusammen ein Grundstück und mit Einverständnis seiner Frau behielt er etwas von dem Erlös für sich. Er brachte nur einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen. Da sagte Petrus: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst und von dem Erlös des Grundstücks etwas für dich behältst? Hätte es nicht dein Eigentum bleiben können und konntest du nicht auch nach dem Verkauf frei über den Erlös verfügen? Warum hast du in deinem Herzen beschlossen, so etwas zu tun? Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott. Als Hananias diese Worte hörte, stürzte er zu Boden und starb. Und über alle, die es hörten, kam große Furcht. Die jungen Männer standen auf, hüllten ihn ein, trugen ihn hinaus und begruben ihn. Nach etwa drei Stunden kam seine Frau herein, ohne zu wissen, was geschehen war. Petrus fragte sie: Sag mir, habt ihr das Grundstück für so viel verkauft? Sie antwortete: Ja, für so viel. Da sagte Petrus zu ihr: Warum seid ihr übereingekommen, den Geist des Herrn auf die Probe zu stellen? Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, stehen vor der Tür; auch dich wird man hinaustragen. Im selben Augenblick brach sie vor seinen Füßen zusammen und starb. Die jungen Männer kamen herein, fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie neben ihrem Mann. Da kam große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, die davon hörten.“ (Apg 5,1-11)

Versuchte Simonie (Kauf/Verkauf geistlicher Dinge; wurde tatsächlich nach Simon Magus benannt); Prahlerei mit der eigenen vorgetäuschten Spendenbereitschaft; Unmoral; Irrlehren; Streit; Spaltungen – das alles ist von Anfang an da. Und so geht es in der frühen Kirche auch weiter. Christen, die in Zeiten der Verfolgung den Glauben verleugnen und andere Christen an die Behörden liefern. Priester und Bischöfe, die sich mit einem Teil der Gemeinden abspalten, weil sie finden, dass Witwen und Witwer nicht mehr heiraten dürften, oder dass man den Abtrünnigen, die nach einem vorläufigen Ende der Verfolgung wieder dahergelaufen kommen und sagen, dass es ihnen leid tut, abgefallen zu sein, nicht vergeben sollte. Charismatiker, die behaupten, Visionen vom Heiligen Geist zu erhalten und sich als Propheten aufspielen. Haben wir alles lange, lange vor Konstantin. Kleine Sekten ziehen auch im Besonderen rechthaberische, aufgeblasene Leute an; das kann vermutlich jeder bestätigen, der schon mal bei den Piusbrüdern war, oder sich online mit Tradis darüber gestritten hat, ob Frauen Hosen tragen dürfen.

4) Eine Volkskirche macht es einfacher, Fehlverhalten und Verbrechen des Klerus zu ahnden. Das klingt jetzt womöglich erst mal seltsam, aber ich bin fest überzeugt, dass es so ist. Sehen wir uns die Missbrauchsskandale an. Eine Reaktion, vor allem bei den ersten Missbrauchsskandalen, um 2002 in den USA, um 2010 hierzulande, war es bekanntlich, bei Laien wie bei Bischöfen, erst mal alles herunterzuspielen, weil man der Überzeugung war, dass die kirchenfeindliche Presse das aufbauschen musste, um ihre kirchenfeindliche Agenda voranzubringen. Dass die Presse wirklich kirchenfeindlich ist und eine kirchenfeindliche Agenda hat, stimmt natürlich leider; und in einer von Grund auf katholischen Gesellschaft fiele dieser Grund, reale Skandale in der Institution nicht nach außen dringen lassen zu wollen, eben weg. Da wären wir nicht in der Defensive und würden uns dazu gedrängt sehen, Statistiken herauszusuchen, um unseren Onkeln und Kollegen zu beweisen, dass der Zölibat nicht zum Missbrauch führt. In einer katholischen Gesellschaft, in der es so allgemein anerkannt wäre, dass der katholische Glaube wahr und die Kirche von Gott eingesetzt ist, wie es in unserer Gesellschaft allgemein anerkannt ist, dass Bildung und Medizin gut sind, hätte man so wenige Probleme damit, sich einzugestehen, dass Priester Verbrecher sein können, wie man bei uns damit hat, sich einzugestehen, dass Lehrer und Ärzte Verbrecher sein können. Natürlich können sie das. Das sagt nichts über Religion, Bildung oder Medizin aus. Im Mittelalter hatte man kein Problem damit, sich einzugestehen, dass etliche Kleriker mittelmäßig und manche schlecht sind. Eine eh schon misstrauisch beäugte Sekte schließt oft genug die Reihen und verteidigt ihre Anführer bis zum bitteren Ende.

LEnfer (Musée des Beaux-Arts de Lyon) (5462511863).jpg

(Höllendarstellung mit einem Bischof und zwei Mönchen, Biberach 1520. Quelle: Wikimedia Commons.)

5) Eine Volkskirche macht es den Leuten ganz einfach leichter, Christ zu sein – das Richtige zu glauben und das Richtige zu tun. Es gibt keinen gesellschaftlichen Druck, dem man sich entgegenstellen muss, wenn man – zum Beispiel – bis zur Ehe keinen Sex haben oder regelmäßig zur Beichte gehen will. Es gibt erst recht nicht die Angst, dass man zum Märtyrer werden könnte, wenn man Christ wird. Ja, vielleicht waren die antiken Christen ja im Durchschnitt mutiger als die antiken Nichtchristen. Und wieso? Weil ein von Natur aus eher feiger Heide, der von dieser Religion hörte, die sich irgendwie faszinierend anhörte, aber zu der zu gehören andererseits zur Hinrichtung führen konnte, wenn man Pech hatte,  dann vielleicht lieber gar nicht weiter nachforschte, was es mit ihr auf sich hatte und ob sie wahr war. Und wir sollen feige Menschen nicht verachten, sondern ihnen in den Himmel helfen. Wieso sollte man das Tun des Guten nicht so einfach machen wie möglich?

6) In einer Volkskirche ist es normal, jedes Jahr vor Ostern zur Beichte zu gehen, und zu jedem Sterbenden einen Priester zu rufen, der ihn zur Reue und Beichte ermuntern und ihm die Krankensalbung erteilen kann. Wir wollen die Leute im Himmel haben, nicht wahr? Genug gesagt.

Ja, ich weiß, wir werden so schnell keine Volkskirche mehr bekommen. Aber das ist Anlass zur Trauer, nicht zur Erleichterung.

Die Päpstin, Teil 8: Historischer Hintergrund und Fazit

Am Ende des Buches finden sich ein kurzer Text mit der Überschrift „Anmerkungen der Verfasserin: Gab es Päpstin Johanna?“ und ein paar Seiten mit FAQ von Lesern und Anregungen für Lesekreise. Dieser Anhang ist so herrlich blöd, dass ich ihn meinen Lesern nicht ganz vorenthalten wollte. In dem Nachwort bringt die Autorin es eigentlich schon so gut fertig, sich selbst zu widersprechen, dass man gar nicht mehr unbedingt eigens nach Informationen suchen muss, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass Johanna nicht existiert hat (dazu trotzdem unten noch etwas mehr). So schreibt sie zum Beispiel:

„Die katholische Kirche führt derzeit zwei grundsätzliche Argumente ins Feld, die angeblich gegen Johannas Papstamt sprechen: zum einen das Fehlen jeglicher Erwähnung Johannas in zeitgenössischen Dokumenten, zum anderen der angebliche Mangel an ausreichendem zeitlichem Spielraum, um Johannas Pontifikat zwischen dem Ende der Amtszeit ihres Vorgängers, Papst Leo IV., und dem Beginn der Amtszeit ihres Nachfolgers, Papst Benedikt III., ‚unterzubringen’.

Diese Argumente sind jedoch alles andere als schlüssig. Es kann kaum verwundern, daß Johannas Name in keinem zeitgenössischen Dokument erscheint, wenn man bedenkt, wieviel Zeit der Kirche zur Verfügung stand – und wieviel Energie sie darauf verwendet hat – jeden Hinweis auf Päpstin Johanna zu verwischen.“ (S. 556)

Okay, die böse Kirche hat also alles vertuscht, gut. Und woher wissen wir dann von Johanna? Na, von der bösen Kirche, woher sonst. Zwei Seiten später heißt es:

„Heute wird Johanna von der katholischen Kirche als ‚Erfindung’  protestantischer Reformer betrachtet, die darauf bedacht gewesen seien, die papistische Korruption zu enthüllen. Doch Johannas Geschichte wurde bereits Jahrhunderte vor Martin Luthers Geburt niedergeschrieben. Außerdem waren die meisten Chronisten Johannas Katholiken, die hohe Ämter in der kirchlichen Hierarchie innehatten. Johannas Geschichte wurde sogar in einigen ‚offiziellen’ Geschichtswerken über die Päpste aufgeführt. (…)

Ein weiteres stichhaltiges historisches Beweisstück wurde in den Akten des ausführlich dokumentierten Prozesses gefunden, der 1413 wegen Ketzerei gegen Johannes Hus geführt wurde. Hus wurde verurteilt, weil er die häretische Lehre gepredigt hatte, der Papst sei nicht unfehlbar. Zu seiner Verteidigung führte Hus eine Vielzahl von Beispielen an, da Päpste gesündigt oder Verbrechen gegen die Kirche begangen hatten. Jede dieser Klagen wurde von Hus’ Richtern – allesamt Kirchenmänner – in allen Einzelheiten beleuchtet, als unrichtig zurückgewiesen und als ketzerisch abgestempelt. Nur eine der Aussagen Hus’ wurde akzeptiert: ‚Päpste sind viele Male der Sünde und dem Irrtum anheimgefallen, so zum Beispiel, als Johanna zum Papst gewählt wurde, obwohl sie eine Frau war.’ Kein einziger der 28 Kardinäle, 4 Patriarchen, 30 Metropoliten, 206 Bischöfe und 440 Theologen hat Hus dieser Aussage wegen der Lüge oder Blasphemie beschuldigt.“ (S. 559)

Und was sagt uns das? Dass die Kirche nie einen Grund hatte, eine Päpstin Johanna vertuschen zu wollen.

Es ist ganz einfach: Wenn es jemals eine Päpstin gegeben hätte, hätten wir eben einen Gegenpapst mehr in der Liste der Gegenpäpste. Dann gäbe es eben neben den ca. 40 falschen Anwärtern auf den Papstthron, die es im Lauf der Geschichte gegeben hat, noch eine falsche Anwärterin. Ihre Weihe wäre ungültig gewesen, und der Stuhl Petri wäre während ihres Pontifikats vakant gewesen. Das ist etwas, das theoretisch durchaus vorkommen kann. Im Spätmittelalter glaubte man an die Legende, weil es keinen theologischen Grund gab, nicht an sie zu glauben; allerdings gibt es gute historische Gründe, es nicht zu tun, die wir heute besser kennen als die Leute im Spätmittelalter.

(Die Niederkunft der Päpstin in einem Holzschnitt von Jakob Kallenberg, Illustration zu einer Ausgabe von Boccaccios „De claris mulieribus“ (Über berühmte Frauen), 1353. Hinter der Säule steht der lachende Teufel.)

Dazu unten mehr; erst noch zu ein paar amüsanten oder interessanten Stellen im Nachwort. Um ihre Behauptungen zu untermauern, schreibt Donna W. Cross auch:

„Die Geschichte bietet viele weitere Beispiele einer derartigen vorsätzlichen Aktenfälschung. Die Bourbonisten datierten gar die Regierungszeit Ludwigs XVIII. schlicht und einfach vom Todestag seines Bruders an und ‚übersprangen’ dabei keinen Geringeren als Napoleon Bonaparte, der sich nun wahrhaftig nicht aus sämtlichen historischen Quellen entfernen ließ; dafür gibt es viel zu viele Chroniken, Tagebücher, Briefe und Dokumente anderer Art.“ (S. 560)

Das ist eine dieser Stellen, an denen ich keine Ahnung habe, ob die Autorin einfach lügt oder ob sie wirklich so doof ist, wie sie tut. Kein „Bourbonist“ wäre je auf die Idee gekommen, die Existenz von Napoleon Bonaparte leugnen zu wollen.  Die Monarchisten dieser Zeit erkannten die Absetzung Ludwigs XVI. einfach nicht an; sie datierten also seine Regierungszeit nicht bis zu seiner Absetzung, sondern bis zu seinem Tod durch die Guillotine kurze Zeit später, und danach war ihrer Meinung nach sein kleiner Sohn, der ein Gefangener der Revolutionsregierung war und sehr jung starb, ohne je regiert zu haben, der rechtmäßige König Frankreichs, Ludwig XVII. Danach kam dann dessen Onkel, Ludwig XVIII., der Bruder Ludwigs XVI., auch wenn der erst zwanzig Jahre später tatsächlich an die Macht kam. Hier ging es um Legitimitätsansprüche, nicht um Geschichtsfälschung.

Außerdem heißt es:

„Insofern sind die schriftlichen Hinterlassenschaften von Johannas Zeitgenossen mit Vorsicht zu genießen. Dies gilt insbesondere für die römischen Prälaten, die ein starkes persönliches Interesse daran hatten, die Wahrheit zu unterdrücken. Bei den seltenen Gelegenheiten, da ein Pontifikat für ungültig erklärt wurde – wie es bei Johanna der Fall gewesen wäre, hätte man ihre weibliche Identität entdeckt –, wurden sämtliche bereits getroffenen Anordnungen, Erlasse und Entscheidungen des betreffenden Papstes automatisch null und nichtig. Sämtlichen Kardinälen, Bischöfen, Diakonen und Priestern, die von diesem Papst die Weihe empfangen hatten, wurden ihre Titel und Ämter aberkannt. Insofern kann es nicht verwundern, daß in den Dokumenten und Akten, die von diesen Männern geführt bzw. kopiert wurden, sich nirgends eine Erwähnung Johannas findet.“

Mrs. Cross versteht wirklich nicht, wie irgendetwas funktioniert. Als ob ein Kardinal direkt im Jahr 855 (oder so), wenn bekannt geworden war, dass der Papst, der ihn ernannt hatte, eine Frau gewesen war, seine Absetzung hätte verhindern können, indem er diese Frau nicht in einer späteren Chronik erwähnte.

Die Autorin schreibt auch etwas dazu, worauf ihre Arnalda-Geschichte beruht:

„Doch ein uraltes Exemplar des Liber Pontificalis, in dem auch Johannas Pontifikat verzeichnet ist, existiert noch heute. Der Eintrag über Johanna stammt offensichtlich aus späterer Zeit und wurde unbeholfen in den Hauptteil des Textes eingefügt. Aber dies bedeutet keineswegs, dass der Bericht falsch ist; ein späterer Geschichtsschreiber, der von der Richtigkeit der Aussagen politisch weniger suspekter Chronisten überzeugt gewesen sein mag, fühlte sich möglicherweise moralisch verpflichtet, die ‚offizielle’ Akte zu korrigieren. Der protestantische Historiker Blondel, der den Text im Jahre 1647 untersuchte, gelangte zu dem Schluß, daß die Einfügung über Johanna im 14. Jahrhundert vorgenommen wurde; dabei stützte er seine Meinung jedoch ausschließlich auf die Unterschiede in Stil und Handschrift – bestenfalls subjektive Einschätzungen.“ (S. 557)

Die Paläographen werden erfreut sein über diese Einschätzung ihrer Wissenschaft als „bestenfalls subjektiv“. Ehrlich: Wer Paläographie für „bestenfalls subjektiv“ hält, soll erst mal einen Brief seines Urgroßvaters mit seinem letzten Einkaufszettel vergleichen.

Zum neunten Jahrhundert im Allgemeinen schreibt die Autorin:

„Das Leben in diesen unruhigen Zeiten war für die Frauen besonders schwer. Es war ein misogynistisches Zeitalter, das unter anderem von den frauenfeindlichen Schmähschriften solcher Kirchenväter wie Sankt Paul oder Tertullian geprägt wurde:

Und weißt du nicht, daß du die Eva bist? … Du bist das Tor des Teufels, die Schlange im Baum, die erste Abtrünnige vom göttlichen Gesetz; du bist die, welche jenen verführte, dem der Teufel sich nicht zu nähern wagte … des Todes wegen, den du verdient hast, mußte selbst der Sohn Gottes sterben.“ (S. 565)

Nix gegen den Apostel Paulus hier! Und Tertullian, den sie da zitiert, ist eh ein Ketzer.

„Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden Frauen als minderes und unterlegenes Geschlecht betrachtet – und entsprechend behandelt – ; ein Geschlecht, dem gesetzliche Rechte ebensowenig wie ein Recht auf Eigentum zustanden. Von Rechts wegen durften Männer ihre Frauen schlagen. Vergewaltigungen wurden als eine harmlosere Form des Diebstahls betrachtet. Frauen wurden von einer schulischen Ausbildung ferngehalten; denn eine gelehrte Frau wurde nicht nur als widernatürlich, sondern auch als gefährlich betrachtet.“ (S. 565f.)

Zur Bildung hab ich mich hier schon mehrfach geäußert, und es ist einfach Blödsinn, dass Frauen keine gesetzlichen Rechte gehabt hätten und kein Eigentum hätten besitzen können.

In den FAQ steht auch noch einiger Quatsch. Da kommt etwa Folgendes:

F: Sind Sie katholisch?

Nein. Seltsamerweise hat sich das wider Erwarten als Vorteil herausgestellt. Wäre ich katholisch, wäre ich in der Tradition, mit den Ritualen und der Theologie der heutigen Kirche aufgewachsen, dann wäre ich mit sehr vielen sehr falschen Vorstellungen an den christlichen Glauben des neunten Jahrhunderts herangegangen. Ich habe in meinem Roman zu zeigen versucht, in wie vielen Aspekten sich die religiöse Praxis von vor tausend Jahren von unserer heutigen unterscheidet. Wenn wir eines aus historischen Studien lernen können, dann das: Die Ketzerei von gestern ist oft die Wahrheit von heute – und umgekehrt.“ (S. 568)

Also, ich bin katholisch, und mir würde es nicht einfallen, Hochzeitsmessen und Bischofskonferenzen ins 9. Jahrhundert zu verlegen. Und tatsächlich weiß ich nicht, was genau Donna W. Cross mit der Ketzerei meint. Weder bei der Abendmahlslehre noch bei der Prädestinationslehre noch bei der Dreifaltigkeitslehre vertritt die Kirche heute etwas anderes als im 9. Jahrhundert; und was kommt sonst an theologischen Fragen in diesem Buch vor? Oder kann sie einfach unveränderliche Lehre und veränderliche Bräuche nicht unterscheiden? Bräuche wie z. B. die Anzahl der Festtage oder die Sprache der Liturgie haben mit Ketzerei (bei der es um die Lehre geht) nichts zu tun. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, sie wäre katholisch.

F: Wie hat der Vatikan auf das Buch reagiert?

Überhaupt nicht. Und das hatte ich auch nicht anders erwartet. Heutzutage treibt ja jede öffentliche Kontroverse die Verkaufszahlen in die Höhe. Hätte der Vatikan sich gegen meinen Roman ausgesprochen, dann wäre das Buch wahrscheinlich gleich am nächsten Tag auf der Bestsellerliste der New York Times aufgetaucht.

Wenn man eine Geschichte für alle Zeiten begraben will, schweigt man sie am besten tot – wie das ja auch Johannas tausend Jahre alte Geschichte beweist.“ (Ebd.)

Und nicht mal das Opus Dei hat einen Albino-Auftragsmörder zu ihr geschickt? Unsere Kirche wird aber nachlässig. – Irgendwie enttäuscht wirkt sie allerdings schon, dass der Vatikan keine kostenlose Werbung für ihr Buch gemacht hat.

F: Warum sind so viele brutale Szenen in dem Roman – zum Beispiel die Vergewaltigung Gislas während des Normannenüberfalls auf Dorstadt?

Die Frage unterstellt, daß ich im Interesse sensationslüsternen Erzählens die Brutalität im Leben des neunten Jahrhunderts übertrieben hätte. Die Wahrheit ist, daß ich diese im Gegenteil im Interesse meiner Leser eher gemildert habe; das Leben im neunten Jahrhundert war wesentlich brutaler und ungerechter als irgendetwas, das ich in meinem Roman geschildert habe.“ (S. 569)

Ach, jetzt komm. „Wesentlich brutaler als irgendetwas im Roman“? Echt jetzt?

Am Ende des Anhangs stehen noch Fragen als Anregungen für Lesekreise, „auf die nicht einmal ich eine Antwort habe, die aber stets lebhafte und produktive Diskussionen nach sich ziehen“ – hier ein paar ausgewählte Beispiele:

„4. Johanna hat aus Liebe zu Gerold viel aufgegeben. Kennen Sie Frauen, die aus Liebe zu einem Mann Gelegenheiten aufgegeben haben, ihren Verstand, ihr Herz und ihren Geist vollständig zu nutzen? Aus Liebe zu einem Kind? Sind Opfer dieser Art gerechtfertigt?“

Tatsächlich hat Johanna aus Liebe zu Gerold nichts aufgegeben. Ich will hier nicht sagen, dass sie das hätte tun sollen – sie hätte zunächst mal ihr Ordensgelübde halten sollen – aber Tatsache ist, sie hat nichts aufgegeben. Sie wollte erst mit ihm fortgehen, als sie schwanger war und ihr nichts anderes mehr übrig blieb. Und was soll es heißen, aus Liebe eine Gelegenheit aufzugeben, sein Herz zu nutzen? Sein Herz nutzen – was kann das anderes heißen, als lieben? Auch die letzte Frage macht keinen Sinn. Es macht Sinn, zu fragen, ob das Opfern eigener Interessen aus Liebe in dieser oder jener Situation unbedingt notwendig bzw. moralisch gefordert ist, aber es macht keinen Sinn, anzudeuten, das Opfern eigener Interessen aus Liebe könnte ungerechtfertigt (also direkt moralisch falsch) sein.

„8. Warum hat man wohl in der mittelalterlichen Gesellschaft so fest daran geglaubt, daß sich Bildung negativ auf die Gebärfähigkeit einer Frau auswirken könnte? Welchen Zweck hat man wohl mit einer solchen Behauptung verfolgt?“

Ja, Mrs. Cross, welchen?

Und hier die beste:

„9. Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede sehen Sie zwischen Päpstin Johanna und Johanna von Orleans? Warum wurde die eine Johanna aus den Geschichtsbüchern getilgt und die andere zu einer Heiligen gemacht?“

Äh – die eine gab es wirklich, die andere nicht? (Abgesehen davon, dass Jeanne d’Arc niemanden über ihr Geschlecht täuschte, sondern einfach nur zum Kampf passende Kleidung trug, oh, ja, und dass sie nach Gottes Willen handelte.)

(Die heilige Jeanne d’Arc in einer Miniatur aus dem 15. Jahrhundert.)

Jetzt also: Was steckt hinter dieser Legende? Wie kam sie auf?

Die ersten Erwähnungen einer Päpstin Johanna finden sich im 13. Jahrhundert, wobei sich die Geschichten teilweise erheblich widersprechen: Der Dominikanermönch Jean de Mailly berichtet von einer Frau, die um 1100 als Mann verkleidet erst Notar an der Kurie, dann Kardinal, dann Papst wurde; sie soll entlarvt worden sein, als sie bei einem Ausritt einen Sohn zur Welt brachte. Das Volk von Rom habe sie dann am Schwanz ihres Pferdes rund um die Stadt schleifen lassen und dann gesteinigt. Donna W. Cross orientiert sich dagegen offensichtlich an der Version aus der Chronik des päpstlichen Kaplans Martin von Troppau, der von einem Joannes Anglicus (Johannes der Engländer) aus Mainz berichtet, der nach Leo IV. auf den Papstthron gekommen und in Wahrheit eine Frau gewesen sei. Diese sei mit ihrem Geliebten als junge Frau nach Athen gegangen und hätte sich dort große Gelehrsamkeit erworben und sei dann nach Rom gekommen, sei aber, nachdem sie zum Papst gewählt worden war, schwanger geworden, und habe ihr Kind geboren, als sie auf dem Weg von Sankt Peter zum Lateran gewesen sei; bei der Geburt sei sie gestorben. Ein Manuskript von Martin von Troppaus Chronik enthält allerdings eine leicht veränderte Version: Die Päpstin habe überlebt, sei aus ihrem Amt entfernt worden, und habe Buße getan; ihr Sohn sei später Bischof von Ostia geworden.

Mit dem Beginn der modernen Geschichtswissenschaft wurde die Geschichte als Legende erkannt – hauptsächlich natürlich wegen des völligen Fehlens zeitgenössischer Quellen. Dazu kommt die Widersprüchlichkeit der Quellen (z. B., was die Zeit angeht, zu der die Päpstin gelebt haben soll) und die Tatsache, dass z. B. auch der byzantinische Patriarch Photios I. (ca. 820-891), ein Gegner des Papsttums, in seinen Schriften Benedikt III. als den direkten Nachfolger Leos IV. darstellt und keine Päpstin erwähnt. Und es gab eben keinen Anlass, die ganze Geschichte zu unterdrücken. Die Erzählung von der Päpstin war im Spätmittelalter eine beliebte Skandalgeschichte unter den Römern, ebenso wie die Erzählungen von anderen Ausschweifungen und Intrigen am päpstlichen Hof, von denen es ja tatsächlich genug gab, vor allem im 9. und 10. Jahrhundert und dann wieder in der Renaissance. Es gab keine theologischen Probleme damit – da war eben eine intrigante falsche „Päpstin“, die durch ihre eigene Unkeuschheit entlarvt worden war.

Die Legende wurde durch ein paar „Indizien“ gestützt, die vielleicht dazu beigetragen haben, dass sie überhaupt erst entstanden ist. Jean de Mailly berichtet zum Beispiel, dass ein Gedenkstein mit der Aufschrift „Petre, pater patrum, papisse prodito partum“ (Petrus, Vater der Väter, offenbare die Kindsgeburt der Päpstin) an der Stelle errichtet worden sei, an der die Päpstin ihr Kind geboren habe. Der berühmte Historiker Ignaz von Döllinger, der 1863 ein Buch über „Papstfabeln“ veröffentlichte, sah eine Erklärung dafür in einer antiken Frauenstatue, die in der Nähe des Kolusseums entdeckt wurde, und auf der die Abkürzung PPP steht – eine Abkürzung für die Widmungsformel „proprie pecunia posuit“ („stellte die notwendigen Mittel zur Verfügung“) – und der Name des Spenders, der offenbar mit „Pap.“ begann (Papirius?) und zu dem auch der Titel „Pater Patrum“ gehörte, ein Priestertitel im Mithraskult. Tatsächlich wurden an der Stelle, an der laut Martin von Troppau die Päpstin gestorben sein soll, Überreste eines Mithrasheiligtums entdeckt. Zu einer solchen Inschrift dachte man sich vielleicht im Mittelalter eine neue Deutung aus. Dazu kam, dass die Straße, an der Johannas Niederkunft stattgefunden haben sollte, nach einer reichen Familie, den Papes, vicus Papessa genannt wurde. Manche Historiker denken auch, dass die Legende auf mächtige Frauen im Umfeld des päpstlichen Hofes zurückgehen könnte – etwa eine Marozia, die Anfang des 10. Jahrhunderts zwei Söhne auf den Papstthron brachte, von denen übrigens einer von Papst Sergius III. (nicht der Sergius aus dem Buch) stammte. Jo, an realen Skandalen ist zu der Zeit kein Mangel.

Wie auch immer die Legende entstanden ist: Es gibt schlichtweg keine Hinweise darauf, dass sie auf etwas anderem als der Fantasie der Römer des 13. Jahrhunderts beruhen könnte.

 

Mein Fazit zu dem Roman:

Er ist erstens schlecht geschrieben und zweitens furchtbar überdreht. Die Charaktere sind oft reine Klischeebilder: Johannas Vater ist schlichtweg böse, fanatisch und hasst Frauen, Odo oder Rabanus Maurus ebenso. Johanna ist schlichtweg gut, Gerold auch. Johanna zeigt keine einzige Eigenschaft, die aus der Sicht der Autorin negativ zu bewerten wäre. Aus meiner Sicht sieht es etwas anders aus; Johanna bricht ihr Ordensgelübde und unternimmt einen (wenn auch immerhin hinterher bereuten) Versuch, ihr Kind zu töten. Auch Gerold ist eigentlich nicht wirklich perfekt; er macht sich an eine Zwölfjährige heran und betrügt seine Frau. Die Autorin stört das allerdings nicht; Gerold ist für sie eine Idealversion eines Mannes: Er ist der Liebhaber, der jahrelang an einer alten Liebe festhält, und der Ritter, der in der Not stets zu Hilfe eilt, aber gleichzeitig respektiert er Johannas Unabhängigkeit, achtet ihre Klugheit und steht ihren Zielen nie im Weg.

Zu der allgemeinen Schwarz-Weiß-Malerei kommt die häufige Gleichsetzung von „gut“ mit „klug“: Die Eigenschaft, die Johanna von der Autorin am positivsten ausgelegt wird, ist ihre Wissbegier und Bildungsbeflissenheit. Man sieht es auch bei einem Vergleich von Johannas zwei Brüdern: Matthias ist freundlich und klug, Johannes selbstsüchtig, gemein und dumm. Im Kloster Fulda ist Bruder Thomas gleichzeitig ein überfrommer Heuchler und dumm, und deshalb neidisch auf Johannas Klugheit. Gut – wir haben auch mal eine Figur, die klug und böse zugleich ist: Anastasius. Aber das war’s auch schon. Johannas fanatische, fromme, frauenfeindliche Gegner sind ansonsten alle von ihren Argumenten und vom logischen Denken an sich überfordert und wollen sich nur an alten Formeln festklammern.

Erzähltechnisch ist das Buch schlecht gemacht. Es gibt zum Beispiel keinen klaren Antagonisten; die Bösen wechseln ständig, und zudem sind sie nicht besonders interessant. Das gilt auch für Anastasius. Er und Johanna kommen einander immer nur aus der Ferne in die Quere, weil sich ihre Ziele widersprechen; da ist kein Konflikt auf einer persönlichen Ebene da, der das Ganze interessanter machen würde.

Der penetrante Feminismus nervt unsäglich. Ehrlich, wenn man sich mal richtig antifeministisch fühlen will, muss man nur lange genug in diesem scheußlichen Buch lesen. Da kommt man direkt in die Stimmung, Spitzendeckchen mit „FÜR GOTT UND STAAT UND PATRIARCHAT“ zu besticken. Und das mit Blümchen zu verzieren. Sorry. Es nervt einfach.

Dazu kommt das Klischeebild vom finsteren Mittelalter. Die wirklichen Möglichkeiten, die Frauen damals hatten, kommen einfach nicht vor – Stichwort Nonnenklöster. Nonnen scheinen fast inexistent. Dadurch, dass man eine Lüge wiederholt, wird sie nicht wahrer; und es ist eine Lüge, dass man es damals als widernatürlich betrachtet hätte, wenn Frauen lesen und schreiben lernten und in der Bibel lasen, statt möglichst viele Kinder zu bekommen. Das sah man im Gegenteil als lobenswert an. Liebe Leute: Es gab Nonnenklöster und Klosterschulen. Es gab Nonnenklöster und Klosterschulen. Es gab Nonnenklöster und Klosterschulen.

In manchen Bewertungen auf Amazon wird kritisiert, Johanna sei eine Frau des 20./21. Jahrhunderts, die man ins Mittelalter zurückversetzt habe, keine authentische mittelalterliche Frau; ich sehe das anders: Sie ist auch keine authentische Frau des 20./21. Jahrhunderts. Sie ist eine Art Idealbild mancher Feministinnen des 20./21. Jahrhunderts: Wissbegierig und hochbegabt, uninteressiert an Kleidung, Kochen, Handarbeiten, Ehe, Kindern und anderem Frauenkram, aber trotzdem leidenschaftlich und sexuell selbstbestimmt, und noch dazu hochmoralisch und empathisch, ganz anders als diese fiesen Männer, gegen die sie sich mutig und unbeirrt durchsetzt. Solche Bücher lassen Frauen sich sagen, was wir doch alle inzwischen für tolle Wesen sind, nachdem wir das finstere Mittelalter überwunden haben – zum wirklichen Selberdenken regen sie freilich nicht an, genauso wenig, wie Johannas Liebe zur klassischen Bildung irgendeine Leserin dazu anregen wird, Homer oder Hippokrates aufzuschlagen.

Ach ja, diese Vergötzung der angeblich so tollen Antike. Was für ein Scheiß. Nicht, dass es da nicht sehr Lesenswertes gäbe. Aber es gäbe auch so einiges, was Donna W. Cross gar nicht gefallen würde – und so einiges, was niemandem gefallen sollte.

Ich bilde mir nicht ein, in der Hinsicht selber sehr gebildet zu sein; das bin ich nicht; ich kenne keine einzige Zeile Homer, zum Beispiel. Aber ich habe das Kleine Graecum und habe zumindest ein wenig Platon und ein wenig Xenophon gelesen, und auch Auszüge aus anderen antiken Werken. In der Antike gab es Bücher zur professionellen Traumdeutung, es gab die widersprüchlichsten, seltsamsten Philosophien und Sekten, es gab große Brutalität und völliges Unverständnis dafür, was denn an Päderastie oder Sklaverei schlimm sein sollte; und ja, es gab Frauenfeindlichkeit, große Frauenfeindlichkeit. Aristoteles war schon frauenfeindlich.

Und, Hand aufs Herz, wer bewahrt denn das Wissen um die altgriechische Sprache und Literatur heute am ehesten? In den Griechischkursen, die ich an der Uni besucht habe, war unter dreißig oder vierzig Studenten genau einer, der nicht Theologie studiert hat. Wenn man heute in Deutschland jemanden trifft, der Altgriechisch lesen kann, ist es sehr wahrscheinlich, dass derjenige Religionslehrer oder anderweitig für die Kirche tätig ist und es gebraucht hat, um das Neue Testament im Original lesen zu können. Die säkulare Elite von heute schaut auf praktisches, möglichst modernes Wissen; die religiöse Elite von gestern hat auch altes, philosophisches Wissen ohne direkten praktischen Nutzen noch in Ehren gehalten. An welcher Schule wird heute noch Griechisch unterrichtet? Selbst Latein ist am Aussterben.

Die historischen Patzer in diesem Buch sind teilweise wirklich schlimm. Natürlich ist die Geschichte an sich unhistorisch; aber es geht mir auch um die Details. Hochzeitsmessen. „Bischofskonferenzen“. Gehörnte Wikingerhelme. Hexenprozesse. Es nervt. Aber am schlimmsten sind natürlich nicht die aus Fahrlässigkeit entstandenen Fehler, sondern die absichtliche Propaganda – etwa die offenen Lügen der Autorin über den Inhalt der Bibel.

Da ist ein letzter Kritikpunkt, bei dem ich nicht recht weiß, wie ich ihn formulieren soll. Ich versuche es mal so: In diesem Buch fehlt etwas, konkret, da fehlt eine zentrale Figur, die eigentlich vorkommen müsste – Jesus, der Herr. Oh, Sein Name wird ab und zu erwähnt, so abstrakt, am Rande, es ist klar, dass es da jemanden gibt, der so heißt. Aber Johanna beschäftigt sich nie mit Ihm als Person, wie Er ihr in den Evangelien begegnet, mit denen sie ja bei ihren Studien und Gottesdiensten ständig konfrontiert ist. Sie stellt sich im Lauf des Buches verschiedene theologische Fragen – ohne intensiv nach Antworten zu suchen, aber immerhin – , aber sie fragt nie nach Ihm, wer Er war, wer Er ist, was Er von ihren Handlungen hält… Man sieht hier eben doch die Auswirkungen, die es hat, wenn eine anscheinend einem vagen esoterisch-modernistischen Glauben anhängende Autorin ein Buch schreibt, das in einer komplett katholischen Welt spielt. Im katholischen Glauben geht es um einen persönlichen Gott, der uns begegnet, der bestimmte Dinge gesagt und getan hat, nicht nur um die vage Verehrung von irgendwas da oben. Es hätte sich ja gerade besonders angeboten, manchen Szenen in den Evangelien näher anzusehen, wenn es um das Thema Frauen & Kirche geht, z. B. die Maria-und-Marta-Geschichte oder das Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen.

Ach ja, das Fehlen einer zweiten Person ist auch auffällig – Maria. Nirgends Marienverehrung. Leute, das geht so nicht. Man kann keinen Roman über das Mittelalter schreiben, der noch dazu zum großen Teil unter Klerikern spielt, ohne Marienverehrung. Selbst, wenn wir erst im 9. Jahrhundert sind. Das geht einfach nicht.

Fazit: Eins der schlimmsten Bücher, die ich bisher gelesen habe, und definitiv das Schlimmste, das ich bisher hier rezensiert habe.

Die Päpstin, Teil 7: Mit Kind und Karriere ist das so eine Sache

Papst Leo IV. wird also krank. Er leidet unter seltsamen Symptomen (Kopfschmerzen, Zittern, brennende Schmerzen in Händen und Füßen, Magenprobleme), denen Johanna nicht abhelfen kann. Zur selben Zeit erhält Anastasius, der am Hof von Kaiser Lothar in Aachen gelebt und sich beim Kaiser und dessen Familienangehörigen und Höflingen beliebt gemacht hat, einen Brief von seinem Vater Arsenius, dass die Zeit für ihn reif sei, nach Rom zurückzukehren.

Johanna versucht alles, um Leo zu helfen und als sie ihm eine Woche lang alle feste Nahrung verbietet und ihm nur Heiltränke gibt, bessert sich sein Zustand. Doch eines Morgens hat er wieder furchtbare Schmerzen, und Johanna entdeckt einen Teller mit den Resten einer Fleischpastete neben seinem Bett. Leos Kammerdiener sagt, er hätte sie Leo gebracht, da der Haushofmeister Waldipert ihm gesagt hätte, dass sie es so angeordnet hätte; Johanna kommt ein schrecklicher Verdacht und sie schickt nach Gerold, damit er Waldipert verhaften lässt; doch der ist verschwunden und schließlich findet man seine Leiche im Tiber. Arsenius hat bei seinem Giftanschlag auf den Papst keine Mitwisser übrig gelassen. Leo stirbt.

Arsenius ist ein wenig sauer, dass Waldipert dem Papst das Gift nicht über einen noch längeren Zeitraum in kleineren Dosen verabreicht hat, sodass die Papstwahl schon stattfinden soll, ehe Anastasius in Rom ankommen kann. Aber er arbeitet schon daran, Anastasius’ Exkommunikation aufheben zu lassen und hofft, dass er ihn dennoch zum Papst machen kann. Gerold, der von Arsenius’ Bemühungen erfahren hat, schlägt Johanna jetzt, wo ein Pontifikat Anastasius’ droht, wieder vor, aus Rom zu fliehen und zu heiraten und sie stimmt zu. Doch am Tag der Wahl sind sie noch in Rom. Johanna betet an diesem Tag in einer kleinen Kirche in Rom, und hier findet sich eine interessante Stelle:

„Beim großen Feuer bis auf die Grundmauern niedergebrannt, war auch die Sankt Michael (sic) mit Baumaterial wiedererrichtet worden, das man aus antiken römischen Tempeln und Monumenten herangeschafft hatte. Als Johanna nun vor dem Hochaltar kniete, bemerkte sie, daß der marmorne Sockel das Symbol der Magna Mater trug, der uralten Erdgöttin, die in grauer Vorzeit von heidnischen Stämmen verehrt worden war. Unter dem primitiven Symbol war die lateinische Inschrift eingemeißelt: ‚Der Weihrauch, der auf diesem Marmor brennt, soll dir, Göttin, ein Opfer sein.’ Als der gewaltige Marmorblock hierher geschafft worden war, hatte offenbar niemand das Symbol deuten oder die alte Inschrift lesen können. Aber das war nicht weiter verwunderlich; viele römische Priester waren des Lesens und Schreibens nicht mächtig. Auch in diesem Fall hatten sie die uralte Inschrift nicht entziffern können, geschweige denn, ihre Bedeutung verstanden.

Der eigentümliche Kontrast zwischen dem christlichen Altar und seinem heidnischen Sockel erschien Johanna wie ein vollkommenes Abbild ihrer selbst: Obwohl christlicher Priester, träumte sie noch immer von den heidnischen Göttern ihrer Mutter; in den Augen der Welt ein Mann, mußte sie ihr Frausein und ihre weiblichen Gefühle vor eben dieser Welt verbergen; auf der Suche nach dem wahren Glauben, wurde sie hin und her gerissen zwischen dem Verlangen, Gott zu schauen und der Angst, er könne nicht existieren.“ (S. 481)

Davon, dass Johanna aktiv auf der Suche nach dem wahren Glauben wäre, habe ich noch nicht viel bemerkt. Auch der Rest dieser beiden Absätze macht nicht viel Sinn. Das Lesen war eine Fähigkeit, die jeder Priester beherrschen musste, allein schon, um die Messe lesen zu können; und selbst wenn einer nicht besonders gut Latein konnte – das damals in Rom gesprochene frühe Italienisch war immer noch relativ eng mit dem klassischen Latein verwandt. Dass Johanna die erste ist, die die Inschrift bemerkt und lesen kann, ist demnach unwahrscheinlich. Andererseits fragt man sich, woher sie das Symbol der Göttin kennt und zuordnen kann. (Die Magna Mater, auch unter dem Namen Kybele bekannt, war übrigens eine ursprünglich kleinasiatische Gottheit, deren Kult vor allem in der Kaiserzeit, als sich auch andere Mysterienkulte im Reich verbreiteten, in Rom an Beliebtheit gewann.) Und dass Johanna fürchtet, Gott könnte gar nicht existieren, passt schlecht zu ihrer Zeit. Wenn etwas für die Menschen des Mittelalters völlig selbstverständlich war, dann die Existenz Gottes und einer jenseitigen Welt. Auch in der Antike gab es praktisch niemanden, der der Ansicht war, die sichtbare Welt wäre alles, was es gäbe und sie wäre einfach aus dem Nichts entstanden oder schon immer da gewesen, ohne dass Götter hinter ihr stünden. Das hätte man als absurd betrachtet; die jenseitige Welt war für die Menschen damals die realere Welt, die wirkliche Welt, von der die sichtbare Welt ein schwaches Abbild war. Es wird auch nie ganz klar, was Johanna an den sächsischen Göttern ihrer Mutter fasziniert oder anzieht, und ob sie es für möglich hält, dass Wotan tatsächlich existiert.

Trotzdem ist dieser Abschnitt recht aufschlussreich, indem er demonstriert, dass der Glaube an weibliche Priester und der Glaube an „weiblich“ gedachte Gottheiten irgendwie immer zusammenhängen; Johanna, die sich als Priesterin sieht, hätte eigentlich lieber eine „Magna Mater“ als den christlichen Gott. Auch bei der heutigen Bewegung für weibliche Priester in der katholischen Kirche taucht ja beinahe zwangsläufig immer wieder die Vorstellung von Gott als eine Art Muttergottheit auf. Das ist natürlich eine Vorstellung, die überhaupt nicht ins Christentum passt; der Glaube an Muttergottheiten hat immer etwas Pantheistisches (die Erde, die das Leben gebiert), während das Bild des Vatergottes besser zum außerhalb der Welt stehenden Schöpfer passt, an den wir Christen glauben. (Im Protestantismus, wo die Kleriker bloß Prediger und Gemeindevorsteher sind, mag das anders sein, aber im Katholizismus, ebenso wie in heidnischen Kulten, stehen Priester eben tatsächlich in gewisser Weise stellvertretend für Gott bzw. einen Gott / eine Göttin und repräsentieren ihn oder sie vor den Gläubigen.)

(Römische Darstellung der Kybele, um 50 n. Chr.)

Johanna bittet Gott, ihr den rechten Weg zu zeigen, erhält aber keine Antwort und fühlt sich ratlos; und plötzlich wird ihr Gebet unterbrochen. Zahlreiche Würdenträger kommen herein und sagen ihr, sie sei zum Papst gewählt worden. Unter den Klerikern werden auch „Akoluthen“ erwähnt; eigentlich müsste es „Akolythen“ heißen, aber das kann auch ein Fehler des Übersetzers sein. (Es handelt sich dabei um einen der niederen Weihegrade vor der Diakonatsweihe.) Arsenius hat zwar versucht, Stimmen für Anastasius’ Wahl zu kaufen, aber das Volk war begeistert, als der Vorschlag aufkam, Johannes Anglicus zu wählen, und somit ist sie nun Papst. Anastasius, der noch bei Perugia ist, als er von der Wahl erfährt, ist wütend und verzweifelt. Er muss ins Frankenreich zurückkehren.

Im nächsten Kapitel findet die Bischofsweihe und Krönung statt. Johanna hat ein wenig Angst, dass Gott sie bestrafen wird, wenn sie zum Papst gekrönt wird; doch nichts geschieht bei der Zeremonie. Als sie hinterher von den jubelnden Menschen vor der Peterskirche (fand damals eigentlich die Papstkrönung in St. Peter oder im Lateran statt?) begrüßt wird, ist sie glücklich: „Gott hatte tatsächlich erlaubt, daß dies alles geschah, also konnte es nicht gegen seinen Willen verstoßen. Alle Zweifel und Ängste Johannas verflogen und wichen einer wunderschönen und strahlenden Gewißheit: Dies ist meine Bestimmung, und dies sind dir mir von Gott anvertrauten Menschen.“ (S. 487) Ich dachte, Johanna soll klug sein und sich mit Theologie auskennen? Ich würde ihr gerne etwas über den direkt hervorbringenden und den bloß zulassenden Willen Gottes erklären. Wie kann denn ein denkender Mensch glauben, alles, was die Menschen tun und woran Gott sie nicht durch einen Blitz vom Himmel hindert, entspräche seinem Willen, weil Er es ja zulässt?

Das Buch fährt fort:

„Sie wurde geheiligt durch die Liebe, die sie für diese Menschen empfand, denen sie an jedem Tag ihres Lebens im Namen Gottes dienen würde.

Und vielleicht würde der Allmächtige ihr am Ende vergeben.“ (Ebd.)

Hier zeigt sich eine typische moderne Verwirrung: Man kann nicht mehr unterscheiden zwischen „etwas gutheißen“, „jemandem etwas nachsehen“ und „jemandem etwas vergeben“. Vergebung kann es nur für Dinge geben, die wirklich falsch gewesen und die bereut worden sind; wenn Johanna überzeugt ist, dass sie das Richtige tut, und nicht vorhat, damit aufzuhören, ist es Unsinn, auf Gottes Vergebung zu hoffen. Sie kann höchstens hoffen, dass Gott auf ihrer Seite steht oder Nachsicht mit ihr haben wird, falls sie sich irrt.

Auch Gerold beobachtet die Zeremonie:

„Nur Gerold, der Johanna so gut kannte, konnte erahnen, was jetzt in ihr vorgehen mochte: Eine wahrhaftige Segnung des Geistes, die ungleich bedeutsamer, inniger und tiefer war als die vorausgegangene förmliche Zeremonie.“ (Ebd.)

Nun, da die Zeremonie ungültig war, mag das in diesem Fall stimmen; bei einer normalen Weihe ist natürlich das objektive Wirken Gottes durch das sakramentale Geschehen wichtiger als die Gefühle, die einer dabei hat.

„In diesen Augenblicken sprach Gott aus ihr.“ (Ebd.)

Aha.

„Gerold sah, wie Johanna den Jubel der Menge entgegennahm, und sein Herz wurde von der schmerzlichen Einsicht erfüllt, daß er diese Frau für immer verloren hatte – und daß er sie zugleich mehr liebte als je zuvor.“ (Ebd.)

Keine Angst, tatsächlich ist die Liebesgeschichte natürlich nicht zu Ende.

Nachdem Johanna Papst geworden ist, sieht sie sich erst einmal ihre Stadt an, geht dabei auch in das dreckige, von Krankheiten geplagte Armenviertel auf dem Marsfeld, und beschließt hinterher, ein Aquädukt wieder aufbauen zu lassen, damit die Armen dort nicht das verschmutzte Tiberwasser schöpfen müssen. Natürlich muss die Autorin hier wieder auf dem Frühmittelalter herumhacken, als könnten die Leute da was dafür, dass das Errichten von Bauwerken in den vorangegangenen Jahrhunderten im Chaos der Völkerwanderungszeit eher vernachlässigt worden war:

„Das Aquädukt wiederaufzubauen, wäre eine gewaltige Aufgabe, ein vielleicht sogar unmögliches Unterfangen, legte man die spärlichen architektonischen Kenntnisse der Zeit zugrunde. Die Bücher, die das gesammelte Wissen der antiken Baumeister enthielten, die derart komplizierte Konstruktionen wie das Aquädukt geschaffen hatten, waren schon Jahrhunderte zuvor verlorengegangen oder vernichtet worden; man hatte die pergamentenen Seiten mit den unersetzlichen Bauplänen sauber geschabt, um christliche Predigten und Geschichten aus dem Leben der Heiligen und Märtyrer darauf zu schreiben.“ (S. 490f.)

Dennoch wird das Projekt unter Gerolds Aufsicht in Angriff genommen, auch wenn einige Männer der Kurie finden, man sollte lieber mehr Kirchen wiederaufbauen. Tatsächlich wurden in dieser Zeit von den Päpsten sowohl einzelne Aquädukte als auch Kirchen wieder instand gesetzt. (Das erste neue Aquädukt wurde in Italien übrigens erst wieder im Hochmittelalter gebaut.)

Johanna ist derweil genervt von ihren liturgischen Pflichten:

„Nominell eine der höchsten Machtstellungen auf Erden, war dieses Amt in Wahrheit mit umfassenden priesterlichen Aufgaben verbunden. (…) Alles in allem gab es mehr als einhunderfünfundsiebzig christliche Festtage, an denen zeitraubende, bis ins kleinste festgelegte Feierlichkeiten stattfanden.

Aus diesem Grund blieb Johanna nur sehr wenig Zeit, tatsächlich zu regieren oder sich um Dinge zu kümmern, die ihr wirklich am Herzen lagen: das Los der Armen wie auch die Ausbildung des Klerus zu verbessern.“ (S. 491f.)

Wie schrecklich zeitraubend doch die Anbetung Gottes ist. Nachdem Johanna in einem Benediktinerkloster gelebt hat, wo sieben Mal am Tag gebetet wird, wundert es mich, dass sie die päpstlichen liturgischen Pflichten so schlimm findet.

Als nächstes findet eine „Bischofskonferenz“ statt. Wirklich, da steht „Bischofskonferenz“. Der Autorin (oder dem Übersetzer) hat offenbar niemand gesagt, dass wir zu dieser Zeit Bischofssynoden oder -konzilien hatten und die Bischofskonferenzen (nationale Vereinigungen der Bischöfe) erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil existieren.

Auf dieser Konferenz bzw. Synode tritt Johanna für die Kommunionspendung mit Intinctio ein, die sie damals in Fulda eingeführt hat und die sich inzwischen im Frankenreich weit verbreitet hat, und die anderen Bischöfe sind alle dagegen, weil das gegen die Tradition sei, und können Johannas Argumenten natürlich nichts anderes entgegensetzen.

„‚Sollen wir eine Idee nur deshalb ablehnen, weil sie neu ist?’ fragte Johanna.

‚Wir sollten uns in allen Dingen von der Weisheit der Alten leiten lassen’, erwiderte Pothos gewichtig. ‚Und wir können uns nur einer einzigen Wahrheit sicher sein – nämlich jener, die uns in der Vergangenheit gewährt worden ist.’

‚Alles, was alt ist, war irgendwann neu’, entgegnete Johanna, ‚und stets geht das Neue dem Alten voraus. Ist es da nicht dumm und widersinnig, auf der einen Seite alles zu verdammen, was zuerst kommt, und auf der anderen Seite alles in den Himmel zu heben, was aus zuerst Gekommenem entstanden ist?’

Pothos furchte die Brauen, als er diesen Darlegungen zu folgen versuchte. Wie die meisten seiner Amtskollegen hatte er keine Übung in gelehrten Disputen und Rededuellen; er fühlte sich nur wohl in seiner Haut, wenn er Autoritäten zitieren konnte.“ (S. 493)

Meine Güte, als ob Johannas Aussagen so „gelehrt“ gewesen wären; der zweite Satz ist auch nur eine längere Version von „Alles, was alt ist, war irgendwann neu“. Tatsächlich war die Dialektik den Theologen damals eben nicht fremd; hat die Autorin z. B. noch nie von Johannes Scotus Eriugena gehört? Johanna setzt sich jedenfalls durch; die Intinctio darf im Frankenreich beibehalten werden.

(Johannes Scotus Eriugena in einer Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert. Ich liebe seinen Gesichtsausdruck.)

Als nächstes reden die Bischöfe über Gottschalk von Orbais, der damals das Kloster Fulda verlassen hat und inzwischen Priester und Theologe geworden ist, und der von Rabanus Maurus, nun Erzbischof von Mainz, wegen Ketzerei in den Kerker geworfen wurde. Johanna fragt nach, welche Ketzerei Gottschalk vorgeworfen wird:

„‚Erstens’, entgegnete Wulfram, ‚behauptet der Mönch Gottschalk, daß Gott alle Menschen entweder zur Errettung oder zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt. Zweitens behauptet er, daß Christus nicht für alle Menschen am Kreuz gestorben ist, sondern nur für die zur Errettung Erwählten. Und drittens sagt dieser Ketzer, daß Menschen, die für die Verdammnis bestimmt sind, auch durch gute Werke nicht bewirken können, zu den Erwählten zu gehören.’“ (S. 494f.)

Da Gottschalk ja ein Sympathieträger bleiben soll, weil Rabanus Maurus der Böse war, geht es folgendermaßen weiter:

Das hört sich allerdings sehr nach Gottschalk an, ging es Johanna durch den Kopf. Ein überzeugter Pessimist wie er, ständig unglücklich und von Seelenqualen gepeinigt, mußte sich von Natur aus zu einer solchen Theorie hingezogen fühlen, die einen Teil der Menschen als von vornherein zum Untergang verurteilt deklarierte – wobei Gottschalk sich höchstwahrscheinlich selbst dazu zählte.“

Ich kenne mich mit Gottschalk von Orbais zugegebenermaßen nicht besonders gut aus; aber im Allgemeinen waren die Leute, die eine solche Prädestinationslehre in der Kirche einführen wollten, immer ziemlich überzeugt von ihrer eigenen Erwählung – Calvin oder die Jansenisten zum Beispiel. Es geht folgendermaßen weiter:

„Andererseits waren diese Gedanken ganz und gar nicht neu und erst recht nicht ketzerisch: Der heilige Augustinus hatte in seinen beiden großen Werken, Über den Gottesstaat und Über die Liebe zu Gott, ganz ähnliche Ansichten vertreten: ‚Alle Gnade’, hatte er geschrieben, ‚ist unverdiente Gnade.’“ (S. 495)

(Augustinus in einer Darstellung in der Lateranbasilika, 6. Jahrhundert)

Und wieder zeigt sich, dass die Autorin bei den theologischen Fragen einfach nicht ganz durchsteigt. Selbstverständlich ist alle Gnade unverdiente Gnade, das bestreitet kein Christ (außer den zu Augustinus’ Zeiten verurteilten Pelagianern, die meinten, der Mensch könne sich durch eigene moralische Anstrengung den Himmel verdienen); aber das heißt nicht, dass Gott nicht allen Menschen diese unverdiente Gnade anbietet und alle Menschen durch ihren freien Willen die Möglichkeit haben, sie entweder anzunehmen oder zurückzuweisen.

Aber ja, es stimmt, dass Augustinus in seinen späteren Werken auch ziemlich nahe an die Lehre von der doppelten Prädestination herankam. Da ich sehr wenig Augustinus gelesen habe (ich habe vor, das nachzuholen), weiß ich nicht genau, wie nahe, und äußere mich dazu mal lieber nicht; aber jedenfalls zählt für die Frage, was kirchliche Lehre ist, nicht die Meinung eines einzelnen Kirchenvaters, selbst wenn es Augustinus ist, sondern vielmehr die Beschlüsse von Konzilien, Synoden und Päpsten, und bei der Verurteilung des Pelagianismus wurde die Lehre von der doppelten Prädestination eben nicht angenommen. Im Buch geht es folgendermaßen weiter:

„Nirgotius, der Bischof von Anagni, erhob sich, um das Wort zu ergreifen. ‚Dies ist ein verwerflicher und sündhafter Abfall vom Glauben’, sagte er. ‚Denn es ist wohlbekannt, daß Gottes Wille die Auserwählten vorherbestimmt, nicht aber die Verdammten.’

Diese Argumentation ließ arg zu wünschen übrig; denn wenn Gott für den einen Teil der Menschen irgend etwas vorherbestimmte, galt dies zwangsläufig auch für den anderen Teil.“ (Ebd.)

Okay, hier kann man der Autorin mal irgendwo zustimmen. Eine ähnliche Kritik würde ich als Anhängerin des Molinismus auch an den Augustinismus richten. Übrigens liebe ich den Namen „Nirgotius“.

„Doch Johanna wies den Bischof nicht darauf hin, denn Gottschalks Lehren bereiteten ihr in der Tat einigen Kummer. Es war gefährlich, die Menschen zu lehren, daß ein Teil von ihnen der Verdammnis anheimfiel, mochten sie noch so viele gute Taten vollbringen und ein noch so frommes Leben führen. Denn falls dies zutraf – warum sollte sich dann überhaupt noch jemand die Mühe machen, sich nach den Geboten zu richten oder gute Werke zu tun, da Gott die Würfel ja bereits geworfen hatte?“ (Ebd.)

Schlimmer noch, was für ein Gottesbild bekämen wir dann? Die Lehre von der doppelten Prädestination stellt Gottes Liebe zu allen Seinen Geschöpfen radikal infrage.

Die „Bischofskonferenz“ verurteilt am Ende Gottschalks Lehren, tadelt aber auch Rabanus’ hartes Vorgehen gegen ihn. Tatsächlich war es so, dass Rabanus Maurus und Hinkmar von Reims auf einer fränkischen Synode die Verurteilung des historischen Gottschalks wegen Ketzerei erreichten und er in Klosterhaft kam.

Im nächsten Abschnitt bekommen wir dann wieder eine der besonderen Perlen des Romans:

„Die Sympathie, die Johanna auf der Synode erworben hatte, hielt nicht lange vor. Schon im nächsten Monat wurde die gesamte christliche Welt bis in die Grundfesten erschüttert, als Johanna die Absicht verkündete, eine Schule für Frauen zu gründen.“ (S. 496)

Man versuche mal, diesen Satz laut vorzulesen, ohne zu lachen. Wie die christliche Welt wohl erst erschüttert werden würde, wenn Johanna beschließen würde, sich beim Frühstück Butter aufs Brot zu schmieren? Der Untergang des Abendlandes droht, nein, er ist schon da!

Ich wiederhole es jetzt zum hunderttausendsten Mal: Es gab im 9. Jahrhundert Nonnenklöster und Klosterschulen. Und es gab auch außerhalb der Klöster gelehrte Frauen.

(Gründungsurkunde der Fraumünsterabtei in Zürich, 853 von Ludwig dem Deutschen gestiftet)

Die päpstlichen Beamten sind gegen Johannas Plan, da es Allgemeinwissen sei, dass das Lernen bei Frauen die Fruchtbarkeit beeinträchtige. „Je mehr ein Mädchen lernt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß es als Frau jemals Kinder bekommen wird“, behauptet einer von ihnen (ebd.). Und natürlich waren Frauen im 9. Jahrhundert nur zum Gebären da; niemand pries damals das ehelose, jungfräuliche Leben um Christi willen. Niemand! Hier gibt es nichts zu sehen!

(Die heilige Kassia, eine byzantinische Äbtissin und Komponistin, um 810 – um 865)

Johanna setzt sich durch. Gerold sagt später zu ihr, sie sollte die Leute nicht so verärgern; sie könne es sich nicht leisten, sich Feinde zu machen: „Aber du mußt den Menschen Zeit lassen. Die Welt kann nicht an einem einzigen Tag neu erschaffen werden.“ (S. 497) Johanna bemüht sich daraufhin tatsächlich, diplomatischer zu sein, aber ihren Plan mit der Schule verwirklicht sie.

(Hrotsvit von Gandersheim (um 935 – nach 973) überreicht Kaiser Otto dem Großen ihr Buch „Gesta Ottonis“, im Hintergrund Hrotsvits Äbtissin Gerberga, Holzschnitt von Albrecht Dürer, 1501)

Einige Zeit später gibt es in Rom eine Überschwemmung; der Tiber tritt über die Ufer und überflutet das Marsfeld, wodurch viele Menschen dort in den alten, noch aus der Antike stammenden Mietskasernen eingeschlossen sind. Johanna lässt kurzerhand die päpstliche Miliz zusammenrufen, requiriert so viele Boote und wie möglich und steigt selbst zusammen mit Gerold in eines, um auf das Marsfeld hinauszurudern und Menschen zu retten. Die Männer der Kurie versuchen natürlich, ihr auszureden, wegen ein paar zerlumpter Bettler ihr Leben aufs Spiel zu setzen, aber sie bleibt stur. Es könnte sein, dass die Autorin hier eine Geschichte über Papst Nikolaus I. (Papst von 858 bis 867) entfremdet, dessen tatkräftige Hilfe für das Volk von Rom nach einer Flutkatastrophe im Liber Pontificalis gerühmt wird.

(Einige Jahrhunderte später: Papst Pius XII. geht nach einem Bombenangriff in Rom zu den Menschen in das zerbombte Viertel,  Bildquelle hier.)

Zuerst klappt alles, doch als Gerold und Johanna noch ein letztes Mal zurückfahren, um einen kleinen Jungen aus einem Haus zu retten, kommt eine neue Flutwelle, die durch den Einsturz eines Teils der Aurelianischen Mauer unter dem Druck der Wassermassen ausgelöst wurde, und diese Flutwelle schleudert die beiden in eins der oberen Stockwerke eines Hauses. (Der kleine Junge stirbt.)

Gerold hat sich am Kopf verletzt und viel Wasser geschluckt und ist zunächst ohnmächtig. Johanna leistet ihm Erste Hilfe und kommt dann auf die Idee, dass sie ihn aufwärmen müsste, weil sie da irgendetwas bei Hippokrates gelesen hat, und weil sie kein Feuer entfachen kann, greift sie auf das Prinzip Körperwärme zurück, zieht ihn und sich aus und kuschelt sich an ihn. Wie manche Autoren sich doch anstrengen, ihre Figuren in passende Situationen für Sex zu bringen. Gerold wacht irgendwann auf und dann passiert, was zu erwarten war. Auch am nächsten Morgen bekommen wir noch mal ein bisschen Romantik: „Sie waren Zwillingsseelen, für immer und untrennbar verbunden; zwei Hälften eines vollkommenen Ganzen, das ohne den anderen nie mehr vollständig sein würde.“ (S. 508) Usw. usf.

Schließlich hört der Regen draußen auf und die beiden sprechen über ihre Zukunft, da sie realisieren, dass man bald nach ihnen suchen wird. Gerold schlägt Johanna vor, sich einfach verborgen zu halten, wenn Boote kommen, und später, wenn das Wasser abgelaufen ist, die Stadt zu verlassen. Niemand würde nach ihnen suchen, da man glauben würde, sie wären ertrunken. Doch Johanna lehnt das ab; sie sieht sich in der Verantwortung für die Leute von Rom.

„‚Ich verstehe’, sagte Gerold. ‚Und ich werde dich nicht mehr bedrängen. Aber eines sollst du wissen. Und ich werde es nur einmal sagen, hier und jetzt, und dann nie mehr wieder. Du bist mein wahres Leben auf Erden, und ich bin dein wahrer Gatte. Egal, was geschieht, egal, welches Schicksal uns erwartet – nichts und niemand kann je etwas daran ändern.’“ (S. 510f.)

Was für ein Blödsinn. Wir sind hier im 9. Jahrhundert, nicht im 19.; niemand vertrat damals die Ansicht, dass eine auf einer Art „Seelenverwandtschaft“ beruhende Liebe mit einer Ehe gleichzusetzen wäre.

Sie werden schließlich gefunden und gerettet und die kurze Zeit der Zweisamkeit ist vorbei.

Es geht mit Johannas Taten als Papst weiter. Sie tut Gutes und macht sich beim Volk beliebt und bei den Mächtigen, die finden, dass sie die Würde ihres Amtes nicht achtet, unbeliebt. „Zudem glaubte Papst Johannes an die Kraft der Logik und die Stichhaltigkeit von Beobachtungen; der hohe Klerus dagegen glaubte allein an die Kraft heiliger Reliquien und göttlicher Wunder. Der Papst war vorausschauend und fortschrittlich, die Würdenträger konservativ und durch Gewohnheit an Traditionen gebunden.“ (S. 512) Noch holzhammerartiger ging es nicht mehr, nehme ich an.

Johanna besetzt auch wichtige Posten mit fähigen Männern, auch wenn diese Ausländer sind, was die mächtigen römischen Familien verärgert. Arsenius versucht natürlich, sich die Situation zunutze zu machen und die Männer der Kurie noch mehr gegen den Papst einzunehmen. Anastasius schmachtet derweil im Exil im Frankenreich; er ist zwar am kaiserlichen Hof beliebt und beeindruckt die Leute, wenn er z. B. im Abendmahlsstreit argumentiert, Brot und Wein würden bloß sinnbildlich zu Leib und Blut Christi; aber er sehnt sich doch danach, dieses barbarische Land endlich verlassen und wieder nach Rom gehen zu können. (Im Abendmahlsstreit des 9. Jahrhunderts war man sich zwar einig darüber, dass Christus in Brot und Wein gegenwärtig ist, aber eine Frage war unter Theologen wie Paschasius Radbertus und Ratramnus umstritten: Ist der eucharistische Leib nun wirklich mit dem historischen Leib Jesu identisch oder ist er es nicht?) Von seinem Vater erhält Anastasius Berichte aus Rom: Papst Johannes kümmere sich zu wenig darum, den Diebstahl von Reliquien zu verhindern – „Er sagte, die Menschen wären sinnvoller damit beschäftigt, sich um die Lebenden statt um die Toten zu kümmern“ –, verschwende Geld für Schulen und Hospitäler und Armenhäuser und wende kein bisschen für die Kirchen der Stadt auf. (Ich finde ja übrigens, wer die Toten nicht achtet, achtet am Ende auch die Lebenden nicht mehr. Nicht ohne Grund ist es eins der sieben Werke der Barmherzigkeit, Tote zu begraben. Natürlich alles eine Frage des Maßes.) „Falls – nein, verbesserte Anastasius sich selbst – sobald er Papst wurde, würde sich vieles ändern. Er würde Rom wieder zu alter Größe führen. Unter seiner segensreichen Schirmherrschaft würden die Kirchen der Stadt in neuem Glanz erstrahlen, großartiger und prächtiger als die schönsten Paläste von Byzanz. Das – Anastasius wußte es genau – war die Mission, mit der Gott ihn auf Erden betraut hatte.“ (S. 522f.) Anastasius sieht einen göttlichen Auftrag für sich? Das ist interessant. Bisher ist es eher so dargestellt worden, als wäre er von rein weltlichem Ehrgeiz motiviert.

Kehren wir nach Rom zurück. Zwei oder drei Monate nach dem Hochwasser beschließt Gerold, die Stadt zu verlassen und wieder nach Benevento zu gehen, damit seine und Johannas Liebe zueinander nicht entdeckt wird. Johanna will es ihm ausreden. In diesem Augenblick wird ihr schwindelig, und er verspricht ihr, später noch einmal mit ihr darüber zu sprechen, und zumindest in Rom zu bleiben, bis sie sich wieder gesund fühlt.

Als Johanna in der Stille ihres Schlafzimmers darüber nachdenkt, dass sie sich eigentlich seit mehreren Wochen nicht besonders gut fühlt, wird ihr klar, dass auch ihre Monatsblutung seit längerem ausgeblieben ist. Sie ist schwanger.

Sie gerät in Panik und denkt nicht daran, dass sie aus Rom fliehen könnte, sondern stellt sich nur vor, was wäre, wenn ihre Schwangerschaft entdeckt würde. In ihrer Panik bereitet sie aus den Arzneien, die sie bei sich hat, rasch ein Abtreibungsmittel zu.

„In diesem Augenblick kamen ihr ungewollt die Worte des Hippokrates in den Sinn. Die Kunst der Medizin bedeutet Verantwortung und Vertrauen. Als Arzt mußt du all dein Wissen stets darauf verwenden, den Kranken zu helfen, so gut dein Können und dein Urteil es erlauben – aber niemals, unter keinen Umständen, darfst du einem Menschen Leid zufügen.“ (S. 524f.)

(Tatsächlich enthält ja der berühmte Hippokratische Eid im Original auch die Zeile: „Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben.“)

„Entschlossen schob Johanna diesen Gedanken zur Seite. Ihr Leben lang war ihr weiblicher Körper eine Quelle des Kummers und des Schmerzes für sie gewesen – Behinderung und Hindernis bei allem, was sie tun oder sein wollte. Sie würde nicht zulassen, daß dieser Frauenkörper sie nun auch noch das Leben kostete.

Johanna setzte das Fläschchen an die Lippen und trank.

Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen.

Die Worte brannten in ihrem Inneren und versengten ihr das Herz. Mit einem Schluchzer schleuderte sie das leere Fläschchen zu Boden. Es rollte davon, und die letzten Tropfen der Arznei hinterließen ein unregelmäßiges Muster auf den Holzdielen.“ (S. 525)

Doch das Mittel funktioniert nicht. Johanna bekommt zwar eine Zeitlang heftige Schmerzen, aber als diese vorbei sind, ist das Kind in ihrem Leib immer noch da.

Als Johanna sich dann später Gerold anvertraut – jedoch ohne ihm etwas von dem Abtreibungsversuch zu sagen; „nicht einmal von Gerold konnte sie in dieser Hinsicht Verständnis erwarten“ (S. 526) – will er sofort mit ihr aus der Stadt fliehen. Johanna jedoch will aus irgendeinem Grund noch bis nach dem Osterfest warten; so lange könne sie ihre Schwangerschaft noch verbergen. Gerold meint zwar, sie wäre vor Angst nicht ganz bei Sinnen, stimmt aber zu, bis Ostern zu warten.

Doch am Osterfest kommt ein Bote mit der Nachricht, dass Kaiser Lothar sich der Stadt nähere, und Anastasius, dessen Exkommunikation der Kaiser nicht anerkenne, bei ihm sei. Johanna schiebt ihren Aufbruch weiter auf.

„‚Es ist nur eine Frage von wenigen Tagen’, sagte sie in versöhnlichem Tonfall. ‚Wir wissen zwar nicht, was Lothar vorhat, aber wir können davon ausgehen, daß er die Stadt verläßt, wenn er sein Ziel erreicht hat. Und sobald er verschwunden ist, werde ich mit dir aus Rom fortgehen.’

Für einen Augenblick überdachte Gerold ihren Vorschlag. ‚Und du versprichst mir, es dann nicht noch einmal aufzuschieben, weil irgend etwas dazwischen gekommen ist?’

‚Ich verspreche es’, sagte Johanna.“ (S. 530)

Als der Kaiser sich nähert, lässt Johanna Gerold ihm entgegenreiten, um ihn zu begrüßen; aber als der Kaiser dann in die Stadt kommt (wieder wird er vor St. Peter, nicht im Lateran begrüßt), Anastasius im Kardinalsgewand an seiner Seite, hat er Gerold fesseln lassen und informiert Johanna, dass er ihn des Verrats anklagen wolle.

„Zum erstenmal meldete Anastasius sich zu Wort. ‚Der Verrat war nicht gegen den Thron des Papstes gerichtet, Heiligkeit, sondern gegen den des Kaisers. Gerold steht unter dem Verdacht, sich gegen Rom verschworen zu haben – mit dem Ziel die Stadt wieder unter griechische Herrschaft zu bringen.“ (S. 530f.)

Anastasius, Arsenius und Lothar haben einen römischen Adligen namens Daniel, der sauer ist, weil sein Sohn bei der Vergabe eines Bischofsstuhls übergangen wurde, dazu gebracht, die falsche Anklage gegen Gerold zu erheben. Johanna durchschaut die Absicht dahinter: „Sie selbst, als Papst, konnte nicht vor Gericht gestellt werden, wohl aber Gerold – und falls man ihn für schuldig befand, war sie mit betroffen, und ihr Thron geriet ins Wanken.“ (S. 531)

Der Prozess findet also statt, wobei Johanna und Lothar den Vorsitz führen. Daniel behauptet, er hätte ein Gespräch zwischen Gerold und Papst Johannes gehört, bei dem sie über ein Bündnis mit den Griechen gegen den Kaiser gesprochen hätten. Johanna, die zwar selbst nicht angeklagt werden kann, aber Gerold helfen will, schwört auf die Evangelien, dass dieses Gespräch nicht stattgefunden habe; dann jedoch beruft sich Anastasius auf die coniuratio, nach der „Schuld oder Unschuld eines Beklagten durch eine Probe bewiesen werden konnte, bei der es darauf ankam, welche der gegnerischen Parteien die größere Anzahl von sacramentales oder ‚Eideshelfern’ auf ihrer Seite  hatte, um die jeweilige Aussage zu untermauern“ (S. 534), und die kaiserliche Seite bringt mehr Eideshelfer zusammen als die päpstliche. Gerold verlangt daraufhin jedoch noch ein Gottesurteil. Johanna, die verhindern will, dass er sich einer solchen lebensgefährlichen Probe unterzieht, stellt dem Ankläger zuerst noch Fragen zu seiner Aussage und verwickelt ihn dabei in offensichtliche Widersprüche, sodass es allen deutlich wird, dass er Gerold fälschlich bezichtigt hat. Sie entzieht Daniel seine Titel und sein Vermögen und verbannt ihn aus Rom. Die Autorin stellt es bei diesem Prozess so dar, als ob es etwas völlig Neues, Unerhörtes wäre, nicht sofort zu Gottesurteilen und dergleichen zu schreiten, sondern erst Zeugenaussagen genauer anzusehen; außerdem wird ganz selbstverständlich das fränkische statt das römische Recht (das so etwas wie Eideshelfer nicht kannte) angewandt – in Rom.

Anastasius jedenfalls ist trotz dieses Rückschlags entschlossen, sich endlich den Papstthron zu erobern. Sein nächster Plan ist, seine Anhänger ganz einfach den päpstlichen Palast stürmen zu lassen, während der Papst eine Prozession durch die Stadt anführt; es wird auch geplant, wie Gerold ausgeschaltet werden soll, damit die päpstliche Miliz die Pläne nicht durchkreuzen kann. Mir kommt dieser Plan irgendwe stümperhaft vor. Wäre es nicht besser, einen Papst heimlich zu ermorden – wie Leo – und nach seinem Tod irgendwie den Anschein einer legitimen Wahl herzustellen, statt einfach nur zu versuchen, die Kontrolle über einen Palast in Rom zu bekommen? Ein Papst muss als Papst anerkannt werden.

Der Tag der Prozession kommt, und Johanna fühlt sich nicht ganz wohl, während sie durch die Straßen reitet: „offenbar war der Sattel nicht richtig aufgeschnallt, denn ihr tat schon jetzt der Rücken weh; der dumpfe, pochende Schmerz kam und verschwand in regelmäßigen Abständen.“ (S. 544) An alle Leserinnen, die Erfahrung damit haben: Sind Wehen tatsächlich dumpf und pochend?

Während der Prozession kommt eine Frau zu Johanna her und bittet sie um Vergebung für das, was sie ihr angetan habe; Johanna erkennt die stark gealterte Frau schließlich als die Kurtisane Marioza, die Benedikt einst dabei geholfen hat, sie in den Kerker zu bringen. Mariozas Gesicht ist inzwischen von Messernarben entstellt, „Die Abschiedsgeschenke eines eifersüchtigen Liebhabers“, wie sie Johanna sagt, als die danach fragt. Marioza sieht ihr Schicksal als göttliche Strafe für das, was sie Johanna angetan hat; Johanna vergibt ihr und segnet sie.

Als die Prozession noch ein Stück weiter gezogen ist, verursachen einige steinewerfende Männer einen kleinen Aufruhr; einer der Steine trifft auch Johannas Pferd. Gerold, der Johanna begleitet, reitet ihnen hinterher, als sie sich in eine Seitengasse zurückziehen; doch es ist eine Falle, und sie zerren ihn von seinem Pferd und stoßen ihm einen Dolch in den Rücken; die anderen Männer der päpstlichen Garde kommen ihm erst zu spät zu Hilfe. Johanna steigt von ihrem Pferd und rennt zu Gerold, und er stirbt in ihren Armen. Und dann spürt sie einen schrecklichen Schmerz:

„Als Johanna sich erhob, durchfuhr sie ein so schrecklicher Schmerz, daß sie sich krümmte, zu Boden fiel und keuchend nach Atem rang. Ihr Körper wand sich in schrecklichen Krämpfen, gegen die sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. (…)

Das Kind, durchfuhr es sie. Es kommt.“ (S. 548f.)

Die Menschen sind aufgebracht, meinen, der Papst sei vom Teufel besessen, ein Priester kommt rasch nach vorne geeilt und besprenkelt Johanna mit Weihwasser, doch da wird auch schon ihr Kind geboren:

„Johanna schrie, als mit einer letzten schrecklichen Schmerzwoge der Druck in ihrem Innern wich und ein gewaltiger Blutschwall aus ihrem Leib schoß.

Abrupt verstummte Aurianos’ monotone Stimme, und fassungsloses Schweigen breitete sich aus.

Unter dem Saum der weiten weißen Roben Johannas, die nun mit ihrem Blut getränkt waren, war der winzige bläuliche Körper einer Frühgeburt zu sehen.“ (S. 549)

Eine Geburt geht doch nicht so schnell?! Mir kamen die medizinischen Details ja schon öfter komisch vor, aber das hier?

In der Menge entsteht wieder ein Aufruhr, aber Johanna bekommt davon nicht mehr viel mit: „Johanna hörte dies alles wie aus weiter Ferne. Als sie auf der Straße lag, in ihrem eigenen Blut, überkam sie plötzlich ein unfaßbares, erhabenes Gefühl inneren Friedens. Die Straße, die Menschen, die farbenprächtigen Banner der Prozession erstrahlten in wundervoll leuchtenden Farben vor ihrem geistigen Auge, wie die Fäden eines riesigen Wandteppichs, dessen Muster sie allein zu erkennen vermochte.

Noch einmal wuchs ihr gewaltiger Geist heran, bis er die Leere in ihrem Innern füllte. Sie wurde in ein wundervolles, strahlendes Licht gebadet. Glaube und Zweifel, Wille und Verlangen, Herz und Verstand – endlich, am Ende ihres Weges, erkannte Johanna, daß dies alles eins war und daß dieses Eine Gott war.

Das Leuchten wurde heller. Lächelnd ging sie darauf zu, während die Lichter und Laute der irdischen Welt schwächer und schwächer wurden und schließlich erloschen, wie der Mond, wenn die Morgenröte kommt.“ (S. 549f.)

Und damit ist die Geschichte mehr oder weniger zu Ende. Johanna stirbt also kurzerhand, und die Autorin hat Gelegenheit, noch ein bisschen Esoterikblabla unterzubringen. Was genau soll mit dem Satz „Noch einmal wuchs ihr gewaltiger Geist heran, bis er die Leere in ihrem Innern füllte“ denn gemeint sein? Aus sich selber heraus kann kein Mensch die Leere in seinem Innern füllen; wenn, dann kann das Gott.

Es kommt dann noch ein Epilog, der zunächst bei Anastasius spielt, der fünfundachtzig Jahre alt geworden ist und nie sein Ziel erreicht hat, Papst zu werden. Er hat zwar nach Johannas Tod und der Entdeckung ihrer Identität den Papstthron für sich beansprucht, aber etliche Römer waren gegen ihn und der Kaiser hat ihn schließlich fallen gelassen; so wurde ein anderer gewählt und Anastasius in ein Kloster verbannt. Er hat sich später wieder zum päpstlichen Bibliothekar hochgearbeitet und ist nun für sein Werk, den Liber Pontificalis, weithin berühmt. „Der Liber Pontificalis war Anastasius’ Gewähr für die Unsterblichkeit und sein Nachlaß an die irdische Welt. Vor allem aber war dieses Werk Anastasius’ letzte Rache an seinem verhaßten Rivalen – an jenem Menschen, der ihm im Jahre 853 den Ruhm verwehrt hatte, für den das Schicksal, da war er gewiß, ihn bestimmt hatte. Anastasius hatte Päpstin Johanna aus dem offiziellen Papstregister gestrichen; im Liber Pontificalis wurde nicht einmal ihr Name erwähnt.“ (S. 553) Tatsächlich war es so, dass der historische Anastasius, der im Jahr 853 von Papst Leo IV. exkommuniziert worden war, nach dessen Tod im Jahr 855 den Papstthron für sich beanspruchen wollte, obwohl Benedikt III. gewählt worden war, und damit keinen Erfolg hatte. Er wurde später tatsächlich noch päpstlicher Bibliothekar (er ist heute unter dem Namen „Anastasius Bibliothecarius“ bekannt) und arbeitete am Liber Pontificalis weiter (nicht das ganze Buch, sondern nur einzelne Teile stammen von Anastasius, andere sind älter).

Die Perspektive wechselt dann nach Paris zu einem Erzbischof Arnaldo, der an seiner eigenen Abschrift des Liber Pontificalis arbeitet; er hat diese Arbeit selbst anstelle seiner Schreiber übernommen, um Anastasius’ Werk zu korrigieren: „Zwischen den Abschnitten, in denen das Leben der Päpste Leo und Benedikt beschrieben wurde, gab es nun einen neuen Eintrag über Päpstin Johanna – einen Abschnitt, in dem Johannas Leben und ihre Amtszeit wieder an die ihnen zustehenden Plätze in der Geschichte gerückt wurden.“ (S. 554) Denn: Arnaldo ist in Wirklichkeit Arnalda, Arns und Bonas kleine Tochter, der Johanna viele Jahre zuvor ihren Anhänger mit dem Katharinenbildnis geschenkt hat.

Wie viele andere von uns mag es wohl geben? fragte Arnalda sich nicht zum erstenmal. Wie viele andere Frauen hatten den kühnen Sprung getan und ihre weibliche Identität abgelegt? Wie viele Frauen hatten ein Leben aufgegeben, das mit Kindern und einer Familie hätte erfüllt und ausgefüllt sein können, um statt dessen Ziele anzustreben, die sie als Frau und auf andere Weise niemals hätten erreichen können? Wer konnte das sagen? Es mochte gut sein, daß Arnalda in einem Kloster oder einem Dom, ohne es zu wissen, einer Geschlechtsgenossin begegnet war, die sich in geheimer und bislang unaufgedeckter Schwesternschaft als Mann ausgab und einen ebenso beschwerlichen Weg gehen mußte wie Johanna und Arnalda. (…)

Eines Tages würde jemand diese Unterlagen finden und Johannas Geschichte erzählen.

Die Schuld ist beglichen, dachte Arnalda. Ruhe in Frieden, Päpstin Johanna.“ (S. 554)

Und damit ist dieser Roman endlich zu Ende. Im nächsten Post dann noch ein bisschen was zum Nachwort der Autorin und der ursprünglichen spätmittelalterlichen Legende von der Päpstin, und ein allgemeines Fazit, und dann haben wir’s.

Die Päpstin, Teil 4: Johannes Anglicus vs. Rabanus Maurus

(Dieser Artikel ist gar nicht so lang, wie er aussieht. Es sind bloß sehr viele Bilder dabei.)

Noch mal zur Erinnerung: Wir hatten den Normannenüberfall in Dorstadt; Johanna hat sich verkleidet nach Fulda aufgemacht; Gerold hat seine Familie verloren und glaubt, dass auch Johanna von den Normannen verschleppt wurde.

Im nächsten Kapitel wechselt der Schauplatz zum später so genannten „Lügenfeld“ bei Colmar im Jahr 833. Hier wird wieder aus Anastasius’ Sicht erzählt – wir erinnern uns: der adelige junge Römer, der in der ersten Leseetappe bereits kurz vorkam und der inzwischen neunzehn Jahre alt ist. Er hat seit dem Mord an seinem Onkel neun Jahre vorher gelernt, skrupellos und ehrgeizig nur auf seinen Vorteil zu sehen und bekleidet inzwischen ein Amt bei Papst Gregor IV., der nach Colmar gekommen ist, weil Kaiser Ludwig ihn gebeten hat, im Krieg zwischen ihm und seinen Söhnen zu vermitteln. Den Papst stellt die Autorin überraschenderweise als sehr frommen Mann dar, der von politischen Winkelzügen nichts versteht – ganz anders als Anastasius, der bereits im Vorfeld auf Anweisung seines Vaters Arsenius ganz andere geheime Verhandlungen geführt hat:

„Falls alles wie geplant verlief, würde der Kaiser morgen bei Sonnenaufgang feststellen, daß seine Truppen während der Nacht desertiert waren und ihn allein zurückgelassen hatten, verteidigungslos den Heeren seiner Söhne ausgeliefert. Alles war bereits abgesprochen, und auch die Bezahlung war schon erfolgt. Egal, was Gregor an diesem Tag sagen oder tun mochte – es spielte nicht mehr die geringste Rolle.

Doch war es wichtig, daß die päpstlichen Vermittlungsgespräche zunächst einmal geführt wurden, so, als wäre nichts geschehen. Die Verhandlungen mit Gregor würden das Mißtrauen des Kaisers weitgehend zerstreuen und seine Aufmerksamkeit genau zu dem Zeitpunkt ablenken, wenn alles darauf ankam.“ (S. 241)

Dem demütigen, tiefgläubigen und auf Frieden hoffenden Papst, den er ins Zelt des Kaisers begleitet, bringt Anastasius nur Verachtung und Unverständnis entgegen. Man ahnt schon: Er wird noch einmal der Gegenspieler der späteren Päpstin werden. Denn sein Lebensziel ist klar: „eines Tages selbst der Papst zu sein.“ (S. 241)

(Der historische Hintergrund stimmt so grob: Kaiser Ludwig der Fromme hatte sich mit seinen drei älteren Söhnen Lothar (König von Italien), Pippin (König von Aquitanien) und Ludwig dem Deutschen (König der Ostfranken) zerstritten, weil er auch seinem Sohn Karl (dem späteren Karl dem Kahlen), der aus seiner zweiten Ehe stammte und 833 erst zehn Jahre alt war, Herrschaftsgebiete überlassen wollte. Auf dem Lügenfeld konnten die Söhne die kaiserlichen Verbündeten auf ihre Seite ziehen und als Ludwig dann ohne Heer dastand, musste er nachgeben. Der Papst war auch da, im Heerlager des Kaisers, um mit den Söhnen zu verhandeln.)

In den nächsten Kapiteln befinden wir uns dann im Kloster in Fulda, wo „Bruder Johannes Anglicus“ seit einigen Jahren lebt. Johanna hat sich als ihr toter Bruder ausgegeben und hat ihren Beinamen erhalten, weil ihr Vater aus England stammt. In Fulda scheint sie in gewissem Maße ihre Bestimmung gefunden zu haben: Sie kann die Werke in der umfangreichen Klosterbibliothek studieren und wird wegen ihrer Klugheit geachtet. Das Kloster besitzt auch ein paar griechische Handschriften, darunter auch medizinische Schriften des Hippokrates, und da Johanna die einzige dort ist, die Griechisch kann, übersetzt sie diese ins Lateinische. Dieses Szenario hat etwas Unglaubwürdiges. Griechisch ist wirklich keine leichte Sprache – ich spreche aus Erfahrung – und Johanna hat in ihrem (übrigens nicht sehr lange währenden) Unterricht bei Aeskulapius nur griechische Dichtung zu lesen bekommen, noch dazu aus einer früheren Epoche als der des Hippokrates. Wie will sie medizinische Fachbegriffe in jüngeren griechischen Schriften verstehen? Sie kann schließlich kein Wörterbuch konsultieren. Wegen ihres Interesses an der Medizin wird Johanna außerdem zum Lehrling des Arztes des Klosters, Bruder Benjamin, und verbringt viele Stunden im Heilkräutergarten und im Spital.

Natürlich ist Johannas Leben nicht ganz sorgenfrei. Sie muss immer daran denken, ihr Geschlecht zu verbergen, auch wenn das mit den weiten Mönchskutten, in denen die Mönche auch schlafen, nicht allzu schwer ist: „Denn hätte man ihre wahre Identität aufgedeckt, hätte dies mit Sicherheit ihren Tod bedeutet.“ (S. 248) Kann ich mir jetzt nicht unbedingt vorstellen. Eher, dass man sie in Schimpf und Schande aus dem Kloster geworfen hätte oder so. Aber die Autorin braucht es eben dramatisch.

Funfact: Wir haben übrigens tatsächlich eine Heilige, die heilige Eugenia von Rom, die der Legende nach – die Legende ist freilich anachronistisch; im frühen 3. Jahrhundert, als sie gelebt haben soll, gab es noch keine Klöster – als Mann verkleidet in ein Mönchskloster eingetreten sein soll und eine Zeitlang dort gelebt haben und sogar zum Abt gewählt worden sein soll. Und ich bin mir fast sicher, irgendwann einmal noch von einer anderen, byzantinischen Heiligen etwa aus dem 8.-10. Jahrhundert gelesen zu haben, die ebenfalls als Mann verkleidet in ein Mönchskloster ging, in ihrem Fall, um bei ihrem Vater zu bleiben, der nach dem Tod seiner Frau dort Mönch wurde. Ihr Vater starb, sie blieb weiterhin im Kloster, wurde dort Pförtner oder etwas Ähnliches und stand im Ruf der Heiligkeit. Aber dann beschuldigte eine junge Frau, die unehelich schwanger geworden war und den wahren Vater des Kindes nicht angeben wollte, sie, sie geschwängert zu haben. Die Heilige sah das als schicksalhafte Strafe für ihre Verstellung an, gab ihre Verkleidung aber nicht auf, sondern leistete unter ihrer falschen Identität lange Jahre Kirchenbuße für ihr angebliches Vergehen. Erst bei ihrem Tod entdeckte man dann, dass sie eine Frau und somit unschuldig war. Mir fällt ihr Name beim besten Willen nicht mehr ein und vielleicht ist es auch bloß eine Variante der Eugenia-Legende, an die ich mich erinnere; aber erwähnen wollte ich diese Heilige auch noch. Jedenfalls scheint man es beiden Heiligen (vor allem Eugenia) nicht allzu sehr angekreidet zu haben, dass sie sich verkleidet hatten.

Die Angst, enttarnt zu werden, hat Johanna auch davon abgehalten, mit Gerold Kontakt aufzunehmen. („So sehr durfte sie niemandem vertrauen, daß sie ihn eine Nachricht an Gerold überbringen ließ.“ (S. 248)) Das, und die Angst, dass Richild die Wahrheit gesagt haben könnte und Gerold sie gar nicht liebt. Hier haben wir eben mal wieder eins dieser typischen konstruierten Missverständnisse, die in Liebesromanen Liebende voneinander getrennt halten und die sich sofort auflösen würden, wenn einer der beiden sich überwinden könnte, den Mund aufzumachen oder einen Brief zu schicken oder sich nach dem anderen zu erkundigen o. Ä. Ehrlich, wo soll das Risiko dabei liegen, einen versiegelten Brief an Gerold zu schicken?

Doch es sind anscheinend nicht nur diese Zweifel und Ängste, die Johanna daran hindern. Sie erinnert sich auch daran, wie sie nur wenige Monate nach ihrem Eintritt ins Kloster beobachtet hat, wie eine adelige Dame, die auf der Durchreise war, daran gehindert wurde, in der Klosterkirche eine Kerze für ihr vor kurzem totgeborenes Kind anzuzünden, da sie so kurz nach der Geburt noch unrein sei. (Tatsächlich gab es früher den Brauch der Segnung von Müttern nach einer festgelegten Anzahl von Tagen nach der Geburt, der dann so interpretiert wurde, dass sie vor dieser „Aussegnung“ unrein wären und die Kirche nicht betreten dürften. Ob das im 9. Jahrhundert schon so war, weiß ich nicht; ich finde das Buch, in dem ich darüber gelesen habe, gerade nicht; laut Wikipedia kam der Brauch erst im 11./12. Jahrhundert aus dem Osten in den Westen.) Diese Dame wurde, da sie sehr gelehrt war, bei dieser Gelegenheit zusätzlich vom Sakristan des Klosters zurechtgewiesen: „Was wider die natürliche Ordnung ist, verstößt gegen den Willen Gottes. Legt Schreibfeder und Pergament nieder und nehmt stattdessen Nadel und Zwirn, wie es einer Frau ansteht, und bereut euren Hochmut. Dann nimmt Gott vielleicht die Last von Euch, die er Euch aufgebürdet hat [sie hat noch kein lebendes Kind geboren].“ (S. 252) Auch die Novizen, die zusammen mit Johanna die Szene beobachteten, hatten schon über die Dame gelästert:

„‚Wer ist diese Frau?’ fragte Johanna fasziniert.

‚Judith, die Gattin von Baron Waifar’, antwortete Bruder Rudolph, der die Aufsicht über die Novizen führte. ‚Eine gelehrte Frau. Man sagt, daß sie Latein in Wort und Schrift so gut beherrscht wie ein Mann.’

Deus nos salva.’ Ängstlich bekreuzigte sich Bruder Gailo. ‚Ist sie eine Hexe?’

‚Ganz und gar nicht. Sie steht in dem Ruf tiefer Frömmigkeit. Sie hat sogar einen Kommentar zum Leben der Esther geschrieben.’

‚Was für eine Scheußlichkeit’, sagte Bruder Thomas, einer der anderen Novizen. Thomas – ein unscheinbarer junger Mann mit rundem, pausbäckigem Gesicht, Kinngrübchen und schwerlidrigen Augen – nutzte jede Gelegenheit, seine überlegene Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit hervorzuheben. ‚Ein schwerer Verstoß gegen die natürliche Ordnung. Was kann eine Frau von solchen Dingen schon wissen, wo sie doch von niederen Instinkten geleitet wird? Gewiß wird Gott sie für ihre Überheblichkeit bestrafen.’

‚Das hat er schon’, erwiderte Bruder Rudolph, ‚denn der Baron braucht einen Erben, doch seine Frau ist unfruchtbar. Erst letzten Monat hatte sie wieder eine Totgeburt.’“ (S. 249f.)

Seufz. Lügen werden nicht dadurch richtiger, dass man sie öfter wiederholt. Auch nicht, wenn es sich um antimittelalterliche Klischees handelt.

(Seite aus dem Liber Manualis, einem Buch, das von der fränkischen Herzogin Dhuoda von Septimanien zwischen 841 und 843 als Lehrbuch für ihre Söhne geschrieben wurde. Übrigens halte ich es für wahrscheinlich, dass Donna W. Cross Dhuoda kennt; immerhin musste sie passende historische Namen für ihre Figuren recherchieren, was man gerne anhand bekannter Persönlichkeiten einer bestimmten Zeit tut, und die jüngere von Gerolds Töchtern heißt Dhuoda.)

Jedenfalls ist dieser Vorfall ein weiterer Grund für Johanna gewesen, ihre Verkleidung beizubehalten: „Nach diesem Vorfall unternahm Johanna den entschlossenen Versuch, jeden Gedanken an Gerold aus ihrem Inneren zu verdrängen. Sie hatte erkannt, daß sie niemals glücklich sein würde, falls sie ihr Leben in der eingeengten Welt der Frauen führen mußte. Außerdem, so wurde ihr klar, war ihr Verhältnis zu Gerold nicht so beschaffen, wie sie geglaubt hatte. Damals, auf Villaris, war sie ein unerfahrenes, naives Kind gewesen, und ihre Liebe eine romantische Schwärmerei, aus Einsamkeit und Verlangen geboren.“ (S. 252f.) Ich find’s ja schön, dass sie es gemerkt hat. Die Autorin sieht das anders: „Wieder und wieder redete Johanna sich dies alles ein – so lange, bis sie es glaubte.“ (S. 253) Soll hier etwa impliziert werden, dass es nicht wahr ist?

File:14th-century unknown painters - The Annunciation - WGA23721.jpg

(Die Verkündigung, von einem unbekannten deutschen Maler, ca. 1330. Ich dachte mir, ich sammle in diesem Teil mal ein paar der mittelalterlichen Darstellungen, die Maria bei der Verkündigung mit einem Buch zeigen, in dem sie gerade gelesen hat, bevor der Engel Gabriel gekommen ist – so von wegen mittelalterlicher Einstellung zur Frauenbildung. Alle Bilder sind von Wikimedia Commons.)

Allerdings hat das Klosterleben auch seine unschönen Seiten für Johanna. Die Benediktinerregel ist streng und der Abt (eine reale historische Person: der heilige Rabanus Maurus) kann Johanna nicht leiden. Man merkt bald, dass er ihr neuer Gegenspieler wird, nachdem ihr Vater und Odo weggefallen sind.

Datei:Leonardo da Vinci - Annunciazione - Google Art Project.jpg

(Von Leonardo da Vinci, ca. 1472.)

Zunächst aber kommt ein Konflikt zwischen dem Abt und einem anderen Mönch namens Gottschalk vor, den es tatsächlich gegeben hat. Im Buch sieht die Darstellung folgendermaßen aus:

Datei:Doberan Münster - Kreuzaltar Marienseite 1 Verkündigung Maria.jpg

(Altar in Bad Doberan, ca. 1370.)

Gottschalk, ein junger Adliger, der als Kind als oblatus ins Kloster gegeben wurde, will es verlassen; Abt Rabanus Maurus ist dagegen, weil er das Versprechen der Eltern, die ihre Kinder Gott geweiht haben, für bindend für diese hält. Also lässt er Gottschalk bei der Versammlung im Kapitelsaal auspeitschen, wobei eine Rippe gebrochen wird und die Knochen durch die Haut nach außen dringen; durch diese Wunde verliert Gottschalk auch viel Blut. Als er ins Spital gebracht wird, kann Johanna ihm mithilfe der Lehren des Hippokrates gerade noch das Leben retten.

File:Diptych reverse - Annunciation - Suermondt-Ludwig Museum.jpg

(Von Albrecht Bouts, um 1500.)

Während er bewusstlos ist, taucht der auch fanatische Rabanus am Krankenbett auf:

„Plötzlich erklang eine herrische Stimme hinter ihnen. ‚Setz deine Hoffnungen nicht auf Kräuter und Tränke.‘

Johanna drehte sich um und sah den Abt, gefolgt von einer Gruppe von Brüdern. Sie stellte den Becher ab und erhob sich.

‚Gott der Herr gibt den Menschen das Leben, und er allein schenkt ihnen Gesundheit. Nur Gebete können den Sünder genesen lassen.‘ Abt Rabanus Maurus gab den Brüdern ein Zeichen, und schweigend nahmen sie um das Bett herum Aufstellung.“ (S. 264

Johanna betet mit, dankt aber eher dem Hippokrates.

File:'The Annunciation' by Jan Provost, Dickinson Gallery.jpg

(Jan Provost, um 1500. )

Als Gottschalk wieder bei Bewusstsein ist, schlägt Johanna ihm vor, sich mit einer Bittschrift an eine Synode in Mainz zu wenden. „‚Es wäre nicht das erste Mal, daß die Entscheidung eines Abtes zurückgenommen wird‘, widersprach Johanna. ‚Sogar Erzbischöfe haben sich schon beugen müssen. Es kommt hinzu, daß du ein gewichtiges Argument vorbringen kannst: Du wurdest als kleiner Junge ins Kloster gegeben, lange, bevor du ein verständiges Alter erreicht hattest. Ich habe in der Bibliothek nachgelesen und bei Geronimus mehrere Abschnitte entdeckt, die ein solches Argument stützen würden.'“ (S. 266) Bei der Mönchsregel Basilius des Großen gäb’s übrigens auch was: „Wer aber [wenn er erwachsen geworden ist] nicht jungfräulich leben möchte, weil er sich nicht ganz um die Sache des Herrn kümmern kann, soll vor diesen Zeugen entlassen werden. Wer jedoch das Gelöbnis ablegen will, soll es nach langer Prüfung und Überlegung tun, wozu ihm mehrere Tage hindurch Gelegenheit gegeben werden muß. Denn es soll nicht der Eindruck entstehen, er sei von uns geraubt worden.“ Sorry, ich hab mal eine Hausarbeit über die Waisenversorgung und den Brauch der oblatio in Klöstern des Oströmischen Reiches geschrieben und muss mein Wissen ja irgendwie mal anbringen.

Mit Geronimus wird wohl der Kirchenvater Hieronymus gemeint sein; ich schätzte, dass der Übersetzer nicht genau wusste, wie er das englische „Jerome“ übersetzen sollte. Hört sich ja auch nicht unbedingt wie „Hieronymus“ an.

Johannas Plan hat Erfolg und Gottschalk darf das Kloster verlassen; er geht zunächst zu einer verheirateten Schwester nach Speyer, ohne klaren Plan, was danach aus ihm werden soll. Johanna blickt ihm bei seinem Abschied nach und fragt sich, was aus ihm werden wird: „Doch irgendwie machte er den Eindruck eines Mannes, dem es bestimmt war, stets das zu begehren, was er nicht bekommen konnte, und der immer den steinigsten Weg für sich wählte.“ (S. 268)

File:Jan provost, annunciazione, da osp. civili di genova, 01.JPG

(Noch einmal Jan Provost.)

Ich muss sagen, ich war erstaunt, als ich das Ganze nachgeschaut habe und festgestellt habe, dass Rabanus Maurus tatsächlich der Ansicht war, dass oblati sich immer an das Versprechen ihrer Eltern halten müssten, und dass die Geschichte mit Gottschalk auf Fakten beruht. (Rabanus schrieb nach der Auseinandersetzung um Gottschalk sogar eine Abhandlung darüber: Das Liber de oblatione puerorum.) Offenbar war die Frage, wie verbindlich die oblatio ist und ob sie erst durch die eigene Profess im Erwachsenenalter gültig wird, zu dieser Zeit tatsächlich stark umstritten; eine Regionalsynode, das 4. Konzil von Toledo, hatte im Jahr 633 das Versprechen der Eltern für bindend erklärt: „Monachum aut paterna deuotio, aut propria professio facit“ (den Mönch macht entweder die väterliche Weihe oder das eigene Gelübde). Andere Entscheidungen widersprachen dem jedoch; ab dem 12. Jahrhundert verlor die oblatio dann an Bedeutung und es wurde klar, dass die eigene Profess, jedenfalls theoretisch, das Entscheidende ist. (In der Benediktsregel selbst bleibt es unklar, welche Verbindlichkeit das Versprechen der Eltern hat.)

Und tatsächlich stimmt es, dass Gottschalk von Orbais, ein oblatus in Fulda, der seine Profess nicht ablegen, das Kloster verlassen und sein Erbe, das das Kloster erhalten hatte, zurückhaben wollte, an die Synode von Mainz von 829 appellierte und Recht bekam. Es ist nicht ganz klar, was dann geschah; vielleicht wurde Gottschalk auch nur gestattet, das Kloster zu wechseln; vielleicht lebte er einige Zeit als Laie und überlegte es sich dann wieder anders; später tritt er in den Quellen jedenfalls wieder als Mönch in Erscheinung. Er wurde dann auch zum Priester geweiht, verfasste einige Schriften und ging auf Missionsreisen, und er hatte noch einen weiteren (theologischen) Konflikt mit Rabanus, der später im Buch auch noch erwähnt wird, und in dem die Sympathie wohl weniger auf seiner Seite liegt… Aber dazu dann an der passenden Stelle.

The Annunciation (c. 1430-34) - Álvaro Pires de Évora.png

(Von Álvaro Pires de Évora, ca. 1430-1434.)

Nach der Geschichte mit Gottschalk kommt eine Zeremonie im Klosterhof vor, bei der ein paar Leprakranke, die ins Leprosarium kommen sollen, öffentlich von der Gesellschaft ausgesondert werden und ihnen der Kontakt zu Gesunden verboten wird. Johanna entdeckt dabei, dass eine der Kranken, eine Frau namens Madalgis, gar kein Lepra, sondern eine andere Hautkrankheit hat, und überredet den Abt, dass sie sie noch genauer prüfen darf. (Der Bischof, der durchgesetzt hat, dass Gottschalk gehen darf, ist noch da und beobachtet den Abt, der sich daher nicht traut, Johanna einfach für ihre Auflehnung bestrafen zu lassen. Denn natürlich kann Rabanus Maurus Johanna nicht leiden und hat auch kein Mitleid für Madalgis. Natürlich.)

Da Madalgis wegen der möglichen Ansteckungsgefahr nicht ins Spital soll, begleiten Bruder Benjamin und Johanna sie zu ihrem Haus; sie ist Witwe, hat vier Kinder und lebt in ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Nachdem Johanna sie baden und ihr Haus von Ungeziefer säubern lässt, bessert sich ihre Gesundheit.

File:Annunciazione, Apollonio di Giovanni, Museo della Collegiata, Castiglione Olona.jpg

(Von Apollonio di Giovanni, ca. 1440.)

Johanna erfährt hier auch von Madalgis‘ Vergangenheit:

„Trotz ihres abgerissenen Äußeren war Madalgis keine colona, sondern eine freie Frau, deren Ehemann Freibauer auf einem großen mansus gewesen war, der zwölf Hektar Ackerland umfaßt hatte. Nach seinem Tod hatte Madalgis versucht, ihre Familie durchzubringen, indem sie das Land ganz allein bewirtschaftete, doch dieses heldenhafte Unterfangen wurde von ihrem Nachbarn, dem Grundherren Rathold, abrupt beendet, denn Rathold hatte es auf die Hufe abgesehen, die fruchtbaren Boden besaß und gute Gewinne abwarf. So hatte Rathold dem Abt Rabanus von Madalgis‘ Bemühungen berichtet, worauf der Abt ihr unter Androhung der Exkommunikation untersagte, jemals wieder mit Pflug oder Hacke den Acker zu bearbeiten. ‚Eine Frau handelt unchristlich, wenn sie die Arbeit eines Mannes tut‘, hatte er zu Madalgis gesagt.

Angesichts des drohenden Hundertods war Madalgis gezwungen gewesen, Haus und Hufe für einen Bruchteil ihres wirklichen Wertes an den Grundherren Rathold zu verkaufen; als Kaufpreis erhielt sie nur ein paar solidi, eine winzige Hütte sowie ein kleines Stück Wiese für ihre Kühe in einem Weiler unweit ihres einstigen mansus.“ (S. 274)

Wie denkt man sich so etwas nur aus? Glaubt Donna W. Cross ernsthaft, es wäre im Mittelalter nicht ständig vorgekommen, dass Frauen verwitweten und typische Männeraufgaben übernehmen mussten, bis sie einen neuen Mann fanden? Glaubt sie, damals hätte irgendjemand überwacht, ob die Bauern ihre Aufgaben auch genau nach Geschlechterrollen aufteilten? Nein, sie glaubt es nicht, sie erfindet es. (Und ja, nach der Gottschalk-Geschichte habe ich mich wirklich bemüht, hier herauszufinden, ob diese Geschichte auf irgendwelchen realen Fakten beruhen könnte. Kann sie offenbar nicht.)

Datei:Embroidered bookbinding 13th century Annunciation.jpg

(Stickerei auf einem Buchumschlag aus dem 13. Jahrhundert, vermutlich von Anne de Felbrigge, einer Nonne, der das Buch (ein Psalter) gehörte, selbst angefertigt.)

An dieser Stelle der Handlung, als Johanna eine Nachbarin von Madalgis sieht, die sich während deren Abwesenheit um die Kinder gekümmert hat, bringt die Autorin auch ein paar Betrachtungen zum Thema Kinderkriegen unter: „Die Frauen brachten ihr erstes Kind nicht selten mit dreizehn, vierzehn Jahren zur Welt, um dann in einem Zustand beinahe permanenter Schwangerschaft zu verbleiben und mit steter Regelmäßigkeit ein Kind nach dem anderen in eine triste Welt zu setzen. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, daß eine Frau im Laufe ihres Lebens zwanzigmal und öfter schwanger war, wenngleich einige dieser Schwangerschaften aufgrund von Fehl- und Frühgeburten keine neun Monate währten. Wenn eine Frau in die Wechseljahre kam – falls ihr ein so langes Leben beschieden war; denn jede Geburt war für Mutter und Kind mit einem hohen Risiko verbunden – waren ihr Körper und ihr Geist erschöpft und ausgelaugt.“ (S. 275)

Hier nur ein kurzer Kommentar zum Alter von Frauen bei der Eheschließung: Aus dem frühen Mittelalter hat man keine Daten, aus denen man irgendwelche Durchschnittswerte ermitteln könnte – Taufen, Hochzeiten etc. wurden noch nicht in Kirchenbüchern eingetragen -, aber es muss nicht sein, dass das durchschnittliche Heiratsalter besonders niedrig lag. In der frühen Neuzeit, aus der man Daten hat, heirateten die Frauen auf dem Land (je nach wirtschaftlicher Lage) im Durchschnitt mit Anfang bis Mitte zwanzig, die Männer mit Mitte bis Ende zwanzig. Ob man heiraten konnte, hing zumindest zu dieser Zeit eben davon ab, ob man einen eigenen Hausstand gründen konnte, was nicht immer einfach war. Mit der Situation bei der Familiengründung im Frühmittelalter kenne ich mich zugegebenermaßen nicht besonders gut aus, und, wie gesagt, die Quellenlage ist hier deutlich schlechter. Das Mindestheiratsalter war für Mädchen zwölf Jahre, für Jungen vierzehn; aber das sagt über das durchschnittliche Alter eben noch nichts aus. Bei uns wird ja auch nicht häufig mit achtzehn oder neunzehn geheiratet.

File:MCC-42054 Veelluik met het martelaarschap van de H. Theodosia (57).jpg

(Anonyme Darstellung aus den Niederlanden, 1545. Okay, streng genommen nicht mehr Mittelalter.)

Was später noch wichtig wird: Johanna bringt Magaldis‘ zwölfjährigem Sohn Arn das Rechnen bei und schlägt ihm vor, auf die Klosterschule zu gehen (dazu müsste er nicht Mönch werden), wenn sie es einrichten kann.

Nachdem Madalgis geheilt ist, wird Johannes Anglicus in der ganzen Gegend als Wundertäter gepriesen. Als einer der beiden Priester des Klosters stirbt (die übrigen Mönche sind Laienbrüder), wollen alle Johannes Anglicus als seinen Nachfolger sehen. Rabanus Maurus ist davon nicht begeistert: „Der Abt gab Bruder Thomas den Vorzug, der zwar nicht die überragenden Geistesgaben des Johannes Anglicus besaß, wie jedermann wußte, der aber sehr viel berechenbarer war – eine Eigenschaft, die Rabanus schätzte.“ (S. 281) (Natürlich sind die Bösen auch dumm und der religiöse Fanatiker will nur loyale Jasager.) Allerdings fürchtet Rabanus nach der Geschichte mit Gottschalk auch schon darum, welchen Ruf seine Amtsführung beim Bischof und beim König genießt – also wählt er den hochbegabten und geschätzten Johannes Anglicus als Priester für das Kloster aus.

Datei:Meister von Seitenstetten - Maria Verkündigung.JPG

(Vom Meister von Seitenstetten, um 1490.)

Diese Szene ist übrigens ziemlich seltsam. Der Abt verkündet seine Entscheidung bei der Versammlung im Kapitelsaal, und dann heißt es: „Johanna errötete vor Aufregung. Ich bin Priesterin! Sie konnte es kaum fassen, von nun an die heiligen Sakramente erteilen zu dürfen.“ (S. 281) Sie denkt daran zurück, dass dies der Traum ihres Vaters für Matthias und Johannes war, und sie ihn nun erfüllt. Der Gedanke „Ich bin Priesterin“ macht natürlich überhaupt keinen Sinn, denn es hat noch keine Weihe stattgefunden (mal ganz abgesehen davon, dass die ungültig wäre). Die Priesterweihe kommt dann auch nicht mehr vor.

Hier wird auch kurz aus Bruder Thomas‘ Sicht erzählt. Wir haben ihn ja schon als entschiedenen Frauenfeind kennengelernt; jetzt zeigt er sich auch noch als ehrgeizig, dumm und neidisch – also so, wie praktisch alle Gegner Johannas: „Doch was Thomas an geistiger Kraft fehlte, machte er durch Verbissenheit und das Bemühen wett, die äußeren Formen des Glaubens zu perfektionieren. Jedesmal, wenn Thomas seine Mahlzeiten beendete, achtete er sorgfältig darauf, sein Messer und die Gabel  als Tribut an das heilige Kreuz Christi senkrecht auf den Tisch zu legen. Und niemals trank er seinen Wein auf einen Zug, wie die anderen, sondern nippte bedächtig daran, nahm immer nur ehrfurchtsvoll drei kleine Schlucke hintereinander, als fromme Veranschaulichung des Wunders der Heiligen Dreifaltigkeit. Johannes Anglicus gab sich niemals auch nur die geringste Mühe, was solche demutsvollen Handlungen betraf.“ (S. 282) Bruder Thomas wünscht seinen Rivalen in die Hölle, scheinbar ohne alle Gewissensbisse.

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(Von Jean Poyer, ca. 1500.)

In der nächsten Szene wird Johanna ein Besucher angekündigt – ihr Vater. Sie folgt dem Mönch, der sie zu ihrem Vater führt, weil ihr keine Ausrede einfällt, es nicht zu tun; verbirgt ihr Gesicht dabei aber nach Möglichkeit unter ihrer Mönchskapuze, und führt ihren Vater, als sie allein sind, rasch in die dunkle Kapelle. Tatsächlich hält er sie zunächst weiterhin  für Johannes. Kurz fragt er nach Johannas angeblichem Tod bei dem Normannenangriff:

„‚Ist deine Schwester gestorben, ohne daß sie… geschändet wurde?‘

Johanna hatte plötzlich das Bild Gislas vor Augen, wie sie vor Schmerz und Angst schrie, während die Normannen ihr einer nach dem anderen Gewalt antaten.

‚Sie ist unberührt gestorben.‘

Deo Gratias.‘ Der Dorfpriester bekreuzigte sich. ‚Dann war es Gottes Wille. Johanna war ein starrköpfiges und unnatürliches Kind. Nie hätte sie ihren Frieden mit der Welt gemacht. Es ist besser so.'“ (S. 288)

Als Johanna sich dann nach ihrer Mutter erkundigt, erfährt sie, dass Gudrun tot ist:

„‚Sie ist vor einem Monat gestorben‘, fuhr der Dorfpriester fort, ‚ohne sich mit Christus ausgesöhnt und die Beichte abgelegt zu haben. Nein, zu ihren heidnischen Götzen hat sie gebetet! Als die Hebamme mir sagte, dass mein Weib sterben müsse, habe ich alles getan, was ich konnte, aber sie wollte das heilige Sterbesakrament nicht empfangen. Ich habe ihr die Hostie in den Mund geschoben, aber deine Mutter hat mich damit angespuckt.‘

‚Die Hebamme war bei ihr? Du willst damit doch nicht etwa sagen…‘ Ihre Mutter war gut fünfzig Jahre und längst über das gebärfähige Alter hinaus. Nach Johanna hatte sie kein Kind mehr bekommen.

‚Man hat mir nicht einmal erlaubt, sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Nicht mit dem ungetauften Kind in ihrem Leib.‘ Er fing an zu weinen; tiefe, erstickte Schluchzer schüttelten seinen ganzen Körper.

Hat er sie doch geliebt? fragte sich Johanna. Ihr Vater hatte eine seltsame Art gehabt, seine Liebe zu zeigen – mit seinen wilden Zornesausbrüchen, seiner Grausamkeit und seiner Begierde, dieser selbstsüchtigen Begierde, die Gudrun letztendlich das Leben gekostet hatte.

Die Schluchzer des Dorfpriesters verstummten allmählich, und er begann das Totengebet zu sprechen. Diesmal fiel Johanna nicht ein. Leise, kaum zu vernehmen, sprach sie den heiligen Eid und rief den geheiligten Namen Thors des Donnerers an, genau so, wie ihre Mutter es sie vor langer Zeit gelehrt hatte.“ (S. 289f.)

Ich muss sagen, ich komme noch immer nicht so ganz dabei mit, woran Johanna nun überhaupt glaubt. Okay, sie selber vermutlich auch nicht.

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(Altar von Schloss Tirol, um 1370.)

Ihr Vater gibt im weiteren Verlauf des Gesprächs zu, dass er seine Stellung als Pfarrer in Ingelheim verloren hat, weil der Zölibat inzwischen strenger durchgesetzt wird, und bittet Johanna, bei Abt Rabanus ein gutes Wort für ihn einzulegen – vielleicht könnte man ihn bei der Sachsenmission gebrauchen? Johanna ist angewidert und unwillig, ihm zu helfen. Doch als ihr Vater sie dann festhält und sie sich losreißt, rutscht ihr die Kapuze vom Kopf, und er erkennt sie.

Wütend beschimpft er sie und will zum Abt gehen, um ihre Identität zu verraten, doch ehe er das tun kann – wird er von einem Schlaganfall getroffen. Noch in den wenigen Augenblicken, die ihm bleiben versucht er Johanna zu verraten:

„Mit lodernder Wut starrte er sie an, und mit einer letzten, explosiven Kraftanstrengung spie er ein einziges Wort hervor. ‚Mulier!‘

Weib!

Wild warf er den Kopf von einer Seite zur anderen; dann ging plötzlich ein Ruck durch seinen Körper; er lag regungslos da, und seine leeren Augen starrten ins Nichts.“ (S. 293)

Die anderen Mönche, die herbeigeeilt sind, um zu helfen, haben sein letztes Wort jedoch nicht verstanden und Johanna erzählt ihnen, er hätte die Jungfrau Maria angerufen. Sie ist sicher.

(„Mulier“ müsste man übrigens eigentlich mit „Frau“ übersetzen. Es hat nicht die negative Konnotation, die „Weib“ im Deutschen angenommen hat, sondern ist ein ganz neutraler Begriff.)

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(Von Bartolo di Fredi, ca. 1383.)

Na ja, ich schätze, jeder Schriftsteller macht sich irgendwann einmal des Gebrauchs des Deus ex machina schuldig. Man hat seine Figuren in eine ausweglose Situation hineinmanövriert, und es fällt einem keine stimmige Weise ein, sie wieder herauszuholen. Also lässt man kurzerhand einen Antagonisten aus heiterem Himmel an einem Schlaganfall sterben, oder ein reicher Onkel aus Amerika, der vorher nie erwähnt wurde, taucht auf und löst alle Probleme. Das haben schon bessere Schriftsteller so gemacht. Ein besonders tolles Stilmittel ist es trotzdem nicht.

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(Von Sebastiano Mainardi, 1482.)

Im nächsten Kapitel bekommen wir eine kurze Szene bei Gerold. Wir schreiben inzwischen das Jahr 841, und Ludwig der Fromme ist tot und das Reich ist zwischen Lothar, der den Kaisertitel trägt (den er wohl schon als Mitregent seines Vaters im Jahr 823 erhalten hat) und seinen Brüdern Karl und Ludwig aufgeteilt worden (Pippin ist inzwischen tot). Es gab weitere Konflikte, und Karl und Ludwig kämpfen nun gegen Lothar. Gerold hat sich Lothar angeschlossen, auch wenn er ihn für keinen guten Herrscher hält:

„Die Teilung, durch die das Land im vergangenen Jahr zerstückelt worden war, hatte einen schrecklichen Tribut gefordert: Die Normannen hatten sich die Schwäche des Frankenreiches zunutze gemacht, die durch den inneren Zwist und den Bruderstreit noch verstärkt worden war; ihre Raubzüge an der fränkischen Küste wurden immer häufiger und gewalttätiger und hatten furchtbare Zerstörungen zur Folge. Falls Lothar hier, in Fontenoy, einen entscheidenden Sieg davontrug, hatten seine Brüder keine andere Wahl, als sich ihm zu unterwerfen und ihn zu unterstützen. Und ein Frankenreich, das von einem Despoten regiert wurde, war immer noch besser als gar kein Frankenreich; denn die Herrscher wechselten, das Reich aber blieb.“ (S. 295f.) Diese Einstellung kommt mir wenig zeittypisch vor. Im Frühmittelalter dachte man doch eher im Sinne von Gefolgschaftstreue zu einem Herrscher als im Sinne von Landestreue zu einem abstrakten Reich… wobei die Besorgnis wegen der Normannen natürlich Sinn macht.

Wir erleben jedenfalls die Schlacht von Fontenoy, die Lothar durch falsche Taktik verliert. Gerold wird verletzt, überlebt aber.

File:Jacopo di cione (attr.), annunciazione del 1371, da quella dell'annuzniata, 02.JPG

(Fresko in San Marco in Florenz, Jacopo di Cione zugeschrieben, 1371.)

Dann sind wir wieder in Fulda bei Johanna. In der Gegend bricht eine Hungersnot aus und dann kommt die Lungenpest. Auch Bruder Benjamin erkrankt und Johanna erteilt ihm vor seinem Tod noch die letzte Ölung und reicht ihm die Kommunion.

In dieser Krisenzeit sind Johannas seelsorgerliche Dienste auch sonst stark gefordert: Sie muss häufig Beichten abnehmen und zu ihren täglichen Messen erscheinen ungewöhnlich viele Gläubige und drängen sich zur Kommunion. Als Johanna einmal die Kommunion austeilt, kommt sie auf die Idee, statt Hostien und Wein nacheinander herumzureichen und jeden aus dem gleichen Kelch trinken zu lassen, die Hostien in den Wein einzutunken und sie so zu spenden, um die Ansteckungsgefahr bei dieser Gelegenheit zu verringern. Sie führt auch sorgfältig Buch über alle neuen Ansteckungen mit der Krankheit.

Als Abt Rabanus, der längere Zeit abwesend war, von seiner Reise zurückkehrt, wirft er ihr vor, am Messkanon herumzupfuschen und wischt alle ihre Bedenken und Studien beiseite: „Solche Beobachtungen sind nutzlos, denn sie entspringen nicht dem Glauben, sondern den Sinnen des menschlichen Körpers – und denen darf man nicht trauen. Sie sind Werkzeuge des Bösen, mit denen der Teufel die Menschen von Gott fort und in Trugbilder lockt, die der Verstand uns vorgaukelt.“ (S. 314) Johanna versucht, ihm klarzumachen, dass laut Augustinus der Verstand ein Geschenk Gottes sei, aber es nützt nichts: „Abt Rabanus blickte sie düster an. Sein Verstand war zwar scharf, doch abgestumpft durch Dogmen und Doktrinen, phantasielos und unbeweglich. Deshalb haßte er logische Dispute dieser Art. Er zog es vor, sich auf dem sicheren Boden der Autorität zu bewegen.“ (S. 315)

Scharf, doch abgestumpft? Die Autorin sollte ihren Verstand mal darauf verwenden, Ordnung in ihre Metaphern zu bringen! Na, vielleicht sollte man schon dankbar dafür sein, dass sie gemerkt hat, dass sie einem der größten Gelehrten dieser Epoche nicht einfach unterstellen kann, ein totaler Idiot gewesen zu sein, auch wenn dann bei ihrer Beschreibung nichts Kohärentes mehr herauskommt. Eins meiner Bücher zitiert Rabanus übrigens mit der Aussage, die Dialektik (d. h. die Logik) sei „die höchste aller Disziplinen, die das Lehren und Lernen lehrt“*. Hm.

Jedenfalls verbietet Rabanus die Kommunionspendung mit Intinctio und entbindet Johanna von ihren priesterlichen Aufgaben.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e5/Bayeux_Cath%C3%A9drale_Notre-Dame_Transept_du_sud_Peinture_murale_2016_08_22.jpg

(Hier kann man es nicht genau erkennen, aber wenn man auf diesen Link geht, das Bild anklickt und das linke untere Bild heranzoomt, sieht man es genauer. Die Darstellung ist aus dem 13. Jahrhundert und findet sich in der Kathedrale von Bayeux.)

Ich habe auch dazu mal weiter in meinen Büchern geschaut und habe tatsächlich noch einen Abschnitt zur Liturgie in der Karolingerzeit gefunden. Da liest sich die Sache irgendwie anders: „Für die Kommunion kommt seit dem 9. Jh. die weiße Gestalt des ungesäuerten Brotes in Gebrauch. Die Kommunion empfing man unter beiden Gestalten, wobei wohl das Brot meist in den Kelch getaucht wurde. Doch verlor diese Form an Bedeutung, da die Gläubigen trotz Ermahnungen von Kaiser und Bischöfen nur selten zur Kommunion gingen. Nicht ganz unschuldig an diesem Zustand waren vermutlich die Warnungen an die Laien, sich vor den Gefahren einer schlechten Kommunionvorbereitung zu hüten, sollten doch die heiligen Gestalten in Furcht verehrt werden. Da die Bischöfe unter diesen Voraussetzungen den sonntäglichen Kommunionempfang nicht durchsetzen konnten, verlangten sie von den Gläubigen, mindestens dreimal jährlich, an Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die Kommunion zu empfangen.“**

File:Barna Da Siena - The Annunciation - WGA01280.jpg

(Von Barna da Siena, ca. 1340)

Nur wenig später beginnt Johanna, sich ebenfalls fiebrig und schwindlig zu fühlen und einer der Brüder bringt sie ins Spital. Doch als ihr klar wird, dass er ihre Kleidung ausziehen wird, um sie mit feuchten Tüchern zu behandeln, flieht sie in einem unbeobachteten Moment aus dem Spital und aus dem Kloster. Sie geht zum nahen Fluss und legt sich in ein Fischerboot, das sie kurzerhand losmacht. So treibt sie also fiebernd den Fluss hinunter, bis das Boot irgendwann wieder ans Ufer stößt und sie von Fremden gefunden wird.

File:Mariotto Di Nardo - Annunciation - WGA14088.jpg

(Von Mariotto di Nardo, 1395.)

Und hier mache ich jetzt mal wieder einen Punkt.

 

* Jean-Marie Mayeur u. a. (Hrsg.): Die Geschichte des Christentums. Religion – Politik – Kultur. Bd. 4: Bischöfe, Mönche und Kaiser (642-1054), Freiburg i. Br. 1994, S. 754. Das Zitat stammt ursprünglich aus Rabanus‘ Schrift De Institutione clericorum.

** Ebd., S. 770.

 

Die Päpstin, Teil 2: Johanna leidet an Amnesie und Donna W. Cross kann nicht rechnen

Die erste Leseetappe von „Die Päpstin“ war ja schon nicht besonders vergnüglich. Aber die zweite war so schlimm, dass ich manchmal vor Fremdscham gar nicht mehr weiter wusste. Wie bringt ein Mensch es nur fertig, so einen Text zu produzieren? Da sind ja Bücher mit Titeln wie „Die Leidenschaft des Highlanders“ oder „Eine Liebe in Cornwall“ besser.*

Eine Ankündigung: Heute werde ich im Buch nicht so viel weiterkommen, weil ich paar Szenen im Detail ansehen will – dieser Teil gibt einfach so viel Stoff her.

Wir erinnern uns: Aeskulapius ist fort, und die hochbegabte Johanna hat wieder keine Möglichkeit, ihren Studien nachzugehen, und ist verdammt dazu, mit ihrer Mutter den Haushalt zu verrichten. Aber nun stellt sich heraus, dass Aeskulapius offenbar, bevor er das Frankenreich verlassen hat, beim Bischof von Dorstadt ein gutes Wort für sie eingelegt hat; dieser schickt Männer, die sie an seine Domschule holen sollen. (Dorstadt ist ein kleiner Ort in Niedersachsen bei Braunschweig, urkundlich erstmals 1110, also knapp dreihundert Jahre nach Johannas Leben, erwähnt, und besaß ab 1189 ein Frauenkloster, aber, soweit ich herausfinden konnte, nie einen Bischof.) Nur einer der Abgesandten kommt direkt nach Ingelheim – die anderen warten fünfzehn Meilen entfernt, aus welchem Grund auch immer, vielleicht mussten sie noch auf einem Umweg etwas erledigen – und Johannas Vater macht diesem Abgesandten weis, in dem Schreiben mit seinen Anweisungen müsse ein Fehler stecken, es könne nur „Johannes“, nicht „Johanna“, heißen, und schickt somit Johannas älteren Bruder mit ihm Der Abgesandte ist zunächst skeptisch, aber als Johannas Mutter, die ihre Tochter bei sich behalten will, bestätigt, dass nur Johannes gemeint sein könnte, glaubt er es. Die verzweifelte Johanna spricht ihn auf Latein an, um ihm zu zeigen, dass sie gemeint ist, aber er versteht es nicht und glaubt, sie spräche Sächsisch, und dann hindert ihr Vater sie daran, weiter mit ihm zu sprechen.

Der Abgesandte reitet also mit Johannes fort. An dieser Stelle wird zum ersten Mal aus Johannes’ Sicht erzählt; bisher ist er meistens als weinerlich, dumm, selbstsüchtig und nachtragend erschienen, und jetzt, wo man seine Gedanken erfährt, wird auch kein viel besseres Bild von ihm vermittelt. Er will nicht an die Domschule, sondern träumt insgeheim davon, Krieger zu werden und Heiden abzuschlachten, wie der alte Sattler Ulfert, der ihm von seiner Teilnahme an den Sachsenkriegen erzählt hat. Seltsamerweise neidet er gleichzeitig Johanna ihre enge Beziehung zu ihrer sächsisch-heidnischen Mutter und die Geheimnisse, die die beiden teilen: „Mit ihm, Johannes, hatte die Mutter nie Sächsisch gesprochen. Warum nicht? fragte er sich wohl zum tausendsten Mal voller Bitterkeit. Glaubt sie, ich würde es Vater erzählen? Das würde ich niemals tun – für nichts auf der Welt, egal, was er mit mir anstellt; nicht einmal, wenn er mich schlagen würde.“ (S. 99) Na ja, ein paar innere Widersprüche gehören vielleicht zu einer runden Figur. Nicht, dass ich Johannes als eine solche Figur bezeichnen könnte… aber er ist immerhin gelungener als seine eindimensional gute, kluge, mutige Schwester.

Bevor die beiden den Treffpunkt mit den Kameraden des Abgesandten erreichen, werden sie von einem Wegelagerer angegriffen und der Abgesandte wird getötet, was sehr schön zeigt, wieso Aeskulapius’ ständiges freiwilliges unbegleitetes Pendeln von Mainz nach Ingelheim so unhistorisch war. Johannes kann den Räuber mit einem Hirschhornmesser, das er von seinem Vater gestohlen hat, abwehren. In der Nacht läuft Johanna dann heimlich von zu Hause fort und dem Abgesandten hinterher und trifft ihren Bruder neben der Leiche auf dem Weg. Sie gehen zusammen weiter zu der übrigen Gesandtschaft, die sie dann beide mit nach Dorstadt nimmt.

Als sie Dorstadt schließlich erreichen, werden sie neu eingekleidet – wobei, damit man es sich auch sicher merkt, wenn man die bisherigen Erwähnungen dieser Tatsache vergessen hat, noch einmal erzählt wird, dass Johanna trotz ihrer schönen blonden Zöpfe ein eher jungenhaftes Gesicht hat – und dann zu dem fetten Bischof Fulgentius geführt, der gerade ein rauschendes Fest feiert und dabei seine Geliebte neben sich sitzen hat. Und wieder ein antikatholisches Klischee abgehakt! Eine kurze Kritik kann ich mir hier nicht verkneifen: Der Bischof wird mit „Eminenz“ angeredet, was die Anrede für einen Kardinal ist, während man zu einem einfachen Bischof „Exzellenz“ sagt. Nun ist es laut Wikipedia so, dass die Anrede „Eminenz“ im Frühmittelalter auch noch für Bischöfe üblich war und „Exzellenz“ erst später aufkam; angesichts der anderen historischen Patzer, die im Rest des Buches noch auftauchen, halte ich es allerdings für möglich, dass die Autorin sich einfach keine genauen Gedanken um die Anreden gemacht und irgendeine Klerikeranrede genommen hat, die ihr gerade passend erschienen ist.

Obwohl er nicht gerade ein asketischer Heiliger ist, ist der Bischof jedenfalls recht freundlich und gutmütig eingestellt – im Gegensatz zum gestrengen „schmalgesichtigen“ (S. 113) Schulmeister Odo, der ebenfalls an der Tafel sitzt und klar zu verstehen gibt, dass er es für sinnlos hält, ein Mädchen an der Domschule aufzunehmen: „Ihre [der Frauen] natürlichen Körpersäfte sind kalt und feucht“, erklärt er dem Bischof, „und von daher für eine nennenswerte Hirntätigkeit ungeeignet, zumal die brauchbaren Teile des weiblichen Hirns ohnehin winzig klein sind. Frauen sind nicht imstande, höhere Begriffe oder gar gedankliche Konzepte spiritueller und moralischer Natur zu begreifen.“ (S. 113f.)

Himmel, Odo ist ein schlimmeres wandelndes Klischee antimittelalterlicher Propaganda als Johannas Vater. Um es klar zu sagen: Ja, im Mittelalter war man der Ansicht, dass Frauen ein geringeres Maß an Verstand besäßen als Männer. Diese Ansicht hatte man übrigens direkt von Heiden wie Aristoteles übernommen (in der Bibel stehen Stellen zur Unterordnung von Ehefrauen und dergleichen, aber keine einzige zum Verstand des weiblichen Geschlechts; und wenn von „Körpersäften“ die Rede ist, kann man eigentlich schon von vornherein davon ausgehen, dass sich jemand auf Aristoteles, Hippokrates o. Ä. bezieht). Aber man glaubte keineswegs, dass es widernatürlich wäre, wenn Frauen den Verstand, den sie hatten, einsetzten. Es gab in Antike und Mittelalter gelehrte Frauen, vor allem geweihte Jungfrauen und Nonnen. Und natürlich gab es unzählige Frauen, die als Heilige verehrt wurden – die Odo in den Mund gelegten Worte, Frauen könnten keine Konzepte spiritueller oder moralischer Natur begreifen, sind also doppelt irreführend.

Fulgentius fordert Odo heraus, Johannas Wissen abzuprüfen und Odo stellt ihr theologische Fragen. Ihre Antworten sind im Großen und Ganzen nicht direkt falsch und wirken auf den ersten Blick eindrucksvoll. Die Autorin wirft hier schön mit theologischen Fachbegriffen um sich. Wenn man sie näher anschaut, merkt man aber, dass Donna W. Cross sich vielleicht doch nicht ganz so gründlich in antike und frühmittelalterliche Theologie eingelesen hat. Hier ein Beispiel; Johanna ist nach dem Begriff Quincunque vult gefragt worden. (Wer nicht an der Trinitätstheologie interessiert ist, darf die nächsten paar Absätze überspringen.)

„Vorsichtig erwiderte sie: ‚Das ist der Lehrsatz, der besagt, daß die drei Personen der Dreifaltigkeit kosubstantiell sind. Die Zweinaturenlehre. Daß Jesus Christus so vollkommen göttlich ist, wie er vollkommen menschlich gewesen ist.’“ (S. 115) Im Quincunque vult, besser bekannt als Athanasianum oder Athanasisches Glaubensbekenntnis, stehen tatsächlich beide Lehren, die über die göttliche Dreifaltigkeit (Vater, Sohn, Heiliger Geist) und die über die Zwei-Naturen-Lehre (die nur den menschgewordenen Sohn betrifft); hier lässt die Autorin es allerdings ein wenig so klingen, als wäre nur von einer Lehre die Rede.

Als Johanna dann begründen soll, wieso die Zwei-Naturen-Lehre richtig und der Adoptianismus (die Ansicht, Jesus wäre nur ein Mensch gewesen und nur in dem Sinne „Sohn Gottes“ geworden, dass Gott ihn am Beginn seines öffentlichen Auftretens sozusagen adoptiert hätte, was nicht grundsätzlich verschieden etwa von der Beauftragung eines Propheten gewesen wäre) falsch ist, kommt sie mit dem filioque an – umgekehrt würde eher ein Schuh draus, die Zwei-Naturen-Lehre als Begründung für das filioque. „‚Wenn Jesus Christus durch einen Akt der Gnade der Sohn Gottes wäre und nicht von Natur aus, müßte er sich dem Vater unterwerfen. Doch so zu denken ist Ketzerei und eine Schändlichkeit’ – Johanna zitierte genau aus dem Gedächtnis – , ‚weil der Heilige Geist nicht nur dem Vater entspringt, sondern auch dem Sohne; es gibt nur einen Sohn, und dieser ist kein angenommener Sohn, ‚in utraque natura proprium eum et non adoptivum filium dei confitemur’.’“ (S. 115) Johannas Begründung geht von der falschen Richtung an die Sache heran: Wenn wir zunächst davon ausgehen, dass der Sohn dem Vater wesensgleich (also auch Gott) ist, und dann auch noch davon ausgehen, dass der Heilige Geist, der ja auch noch zur Dreifaltigkeit gehört, aus dem Vater hervorgeht, dann können wir folgern, dass der Heilige Geist, auch aus dem Sohn (filioque, lt. „und dem Sohn“) hervorgeht. Nicht umgekehrt. So war auch die historische Lehrentwicklung: Erst einmal stellte man klar, dass Jesus kein bloßer Mensch war (und auch nicht bloß Gott, der wie bei einer Vision in Gestalt eines Menschen erschienen wäre), sondern wirklich Gott, der wirklich die menschliche Natur angenommen hatte. Danach klärte man die feineren Fragen zum Hervorgehen des Heiligen Geistes. Die Sache mit dem filioque war zu Johannas Zeiten noch umstritten und noch nicht dogmatisch geklärt; die Zwei-Naturen-Lehre war es schon längst.

Auf die Frage zur Begründung der Zwei-Naturen-Lehre muss man andere Antworten finden; verweisen könnte man auf bestimmte Bibelstellen, etwa Selbstaussagen Jesu oder einige Stellen bei Paulus; oder auch auf die Frage, ob denn ein bloßer Mensch für unsere Sünden sühnen könnte. Es gäbe sicher noch einiges mehr, was man sagen könnte, was mir gerade nicht einfällt.

Auch die Art, wie Johanna den Adoptianismus beschreibt („Wobei die Göttlichkeit Christi wiederum dadurch entstanden sein soll, daß er von seinem Vater adoptiert wurde“) ist etwas irreführend. Die Adoptianer betrachteten Christus eben nicht als göttlich, Seinen Status als „Sohn Gottes“ betrachteten sie als durch eine Art Adoption entstanden, wobei dieser Status Ihn aber nicht wirklich göttlich machte. Selbst die irgendwo zwischen Adoptianismus und Katholizismus stehenden Arianer, die Christus ebenfalls Gott unterordneten, ihn aber nicht als bloßen Menschen sahen, sondern als ein vor aller Zeit von Gott geschaffenes oberstes Wesen der jenseitigen Welt, das dann Mensch geworden war (und die dafür auch nicht den Begriff „Adoption“ verwendeten) betrachteten Christus nur als gottähnlich.

(UPDATE: Ich habe hier einen Fehler gemacht. Ich habe mich auf den antiken Adoptianismus bezogen; tatsächlich gab es aber, wie ich inzwischen festgestellt habe, im späten 8. Jahrhundert spanische Theologen, die ebenfalls den Begriff „Adoption“ verwendeten, aber eine andere Lehre vertraten als die antiken Adoptianer. Diese Adoptianer erkannten an, dass Jesus Gott und Mensch war, waren aber der Ansicht, dass er seiner göttlichen Natur nach „filius proprius“ (natürlicher/wesenhafter Sohn) und seiner menschlichen Natur nach „filius adoptivus“ (angenommer Sohn / Adoptivsohn) von Gott dem Vater sei. Die fränkischen Bischöfe verurteilten diese Lehre auf der Synode von Frankfurt von 794, auf der auch zwei päpstliche Gesandte anwesend waren, da sie fanden, dass hier die eine Person Jesu zu sehr getrennt würde. In dem Synodalbrief an die spanischen Bischöfe finden sich folgende Zeilen:

„Es verblieb aber die Person des Sohnes in der heiligen Dreifaltigkeit; zu dieser Person kam die menschliche Natur hinzu, so daß eine Person ist, Gott und Mensch, nicht gotterfüllter Mensch und vermenschlichter Gott, sondern Gott Mensch und Mensch Gott: wegen der Einheit der Person ein Sohn Gottes und derselbe Sohn des Menschen, vollkommener Gott, vollkommener Mensch.“

(Das Zitat stammt aus dem „Denzinger“ (dem von Heinrich Denzinger herausgegebenen „Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“) – der sich übrigens hier auf Google Books findet, für die, die es selbst nachlesen möchten. Da findet sich auch Johannas lateinisches Zitat, das aus dem Glaubensbekenntnis der Synode von Friaul stammt, die sich zwei oder drei Jahre später demselben Thema widmete. Dort heißt es auch: „Und die menschliche und zeitliche Geburt stand jener göttlichen und zeitlosen Geburt nicht entgegen, sondern in der einen Person Christi Jesu (ist) der wahre Gottes- und der wahre Menschensohn; es ist nicht ein anderer Menschensohn, ein anderer Gottessohn, sondern ein und derselbe ist Gottes- und Menschensohn, in beiden Naturen, nämlich der göttlichen und der menschlichen, wahrer Gott und wahrer Mensch; (er ist) nicht scheinbarer Sohn Gottes, sondern wahrer, nicht adoptierter, sondern eigener, weil er niemals wegen des Menschen, den er angenommen hat, dem Vater fremd war. (…) Und deshalb bekennen wir ihn in beiden Naturen als eigentlichen und nicht als Adoptivsohn Gottes, weil ein und derselbe nach der Annahme des Menschen unvermischbar und untrennbar Gottes- und Menschensohn ist.“)

Mit dem filioque hat das natürlich immer noch nichts zu tun, und Johannas Beschreibung des Adoptianismus ist somit erst recht grundfalsch – für die Adoptianer des 8./9. Jahrhundert bezog sich die Adoption ja nur auf die Menschheit, nicht die Gottheit Jesu; sie hätten nie gesagt, die Göttlichkeit Jesu wäre durch Adoption entstanden. UPDATE ENDE.)

Die Dreifaltigkeitslehre, die Zwei-Naturen-Lehre, und die ihnen entgegengesetzten antiken Häresien sind natürlich eine ziemlich vertrackte und nicht ganz einfach zu erklärende Sache. Was ich damit im Rahmen dieser Rezension nur sagen will: Die Autorin hat sich offenbar eher oberflächliches Wissen angelesen, bei dem sie nicht ganz durchgestiegen ist, und hat einfach gehofft, dass es nicht auffällt und Johanna als unglaublich wissend herüberkommt (welcher ihrer Leser kennt denn auch das Athanasianum oder den Adoptianismus?). So ist das in der Schule oder der Uni ja auch oft. Da verbindet man halt Fachbegriffe, die man auswendig gelernt hat, zu Sätzen, die für den Lehrer oder Dozenten eigentlich schon Sinn ergeben müssten (oder?).

Wie auch immer, weiter im Text. Odo gibt sich überzeugt, Johanna hätte hier nur etwas auswendig gelernt und würde es nachplappern (was, ähem, ja tatsächlich nicht unplausibel ist, bezogen auf die Autorin, die Johanna ihre Worte in den Mund legt).

„‚Aber diese Fähigkeit zur Nachahmung darf nicht mit der wahren Vernunft verwechselt werden, die ihrem ganzen Wesen nach eine rein männliche Eigenschaft ist. Denn, wie allgemein bekannt’, Odos Stimme wurde fester und bekam einen autoritären, herrischen Beiklang, denn nun bewegte er sich auf vertrautem Boden, ‚ist die niedere Stellung der Frau gegenüber dem Manne angeboren.’

‚Warum?’ Johanna kam das Wort über die Lippen, noch ehe ihr bewußt geworden war, überhaupt etwas gesagt zu haben.

Odos schmallippiger Mund verzog sich zu einem häßlichen Lächeln. Er sah aus wie der Fuchs, der das Kaninchen in die Enge getrieben hat. ‚Deine Unwissenheit, Kind, offenbart sich schon in dieser Frage. Denn der heilige Paulus selbst hat es als unumstößliche Wahrheit befunden, daß Frauen dem Manne unterlegen sind, was den körperlichen Entwurf, die Rangfolge und die Willenskraft anbelangt.’

‚Was den körperlichen Entwurf, die Rangfolge und die Willenskraft anbelangt?’ wiederholte Johanna.

‚Jaaa.’ Odo sprach langsam und betont, als würde er zu einem geistig zurückgebliebenen Kind reden. ‚Was den körperlichen Entwurf angeht, weil Gott den Adam zuerst schuf und die Eva später; was die Rangfolge betrifft, weil die Eva erschaffen wurde, um dem Adam als Gesellin und Gespielin zu dienen, und was die Willenskraft anbelangt, weil die Eva der Verführung durch den Teufel nicht widerstehen konnte und von dem Apfel aß.’“ (S. 116)

Johanna ist wagemutig und macht sich daran, allen drei Behauptungen ihre eigenen Argumente entgegenzusetzen:

„‚Wie kann’, sagte sie schließlich, ‚die Frau dem Mann im körperlichen Entwurf unterlegen sein? Denn weil Gott sie als zweite schuf, hat er sie aus Adams Rippe gemacht, wohingegen Adam aus feuchtem Lehm geknetet wurde.’“ (S. 116)

„‚Und was die Rangfolge angeht’, die Worte sprudelten aus Johanna hervor, während ihr der Kopf vor Gedanken schwirrte, als sie die logische Kette ihrer Argumentation zusammenfügte, ‚sollte die Frau dem Mann vorgezogen werden, weil Eva innerhalb des Paradieses erschaffen wurde, Adam aber außerhalb.’“ (S. 117)

„Johanna fand ihre Argumentationskette zu interessant, als daß sie groß darüber nachgedacht hätte, ob es besser gewesen wäre, den Mund zu halten. ‚Und was die Willenskraft betrifft, sollte die Frau als dem Mann überlegen betrachtet werden’ – das war ein starkes Stück; aber nun gab es kein Zurück mehr –, ‚denn Eva aß aus Liebe zum Wissen und zum Lernen von dem Apfel, während Adam nur davon aß, weil Eva ihn gefragt hat, ob er ein Stück haben will.’“ (S. 117)

Ach ja, kennen wir ja von sarkastischen Feministenwebsites. – Ich will nur zum letzten Punkt kurz etwas sagen: Der geht so völlig an der Bibelstelle vorbei, dass man meinen könnte, Johanna hätte sie nie gelesen. Es ging weder Adam noch Eva um ein nobles Streben nach Wissen, sondern die Schlange (d. h. der Teufel) verführte sie dazu, sein zu wollen „wie Gott“. Es ging nicht um einen allgemeinen „Baum der Erkenntnis“, sondern um den „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, d. h. um den Wunsch, selbst festzulegen, was gut und was böse ist (oder eine andere Auslegung: sie wollten auch das Böse praktisch austesten, nicht nur das Gute, weil sie meinten, Gott enthielte ihnen etwas vor, wenn Er ihnen das Böse verbat).

Im Saal herrscht nach Johannas Rede entsetztes Schweigen, aber Bischof Fulgentius bricht es mit seinem Lachen. Er scheint das Ganze für eine Art großartigen Witz zu halten. Er nimmt Johanna auf die Domschule auf, und ihren Bruder mit ihr, ohne ihn irgendwie zu prüfen. Odo ist freilich immer noch zornig und Johanna denkt wieder an etwas, das Aeskulapius ihr bei ihrem Gespräch über Hexenprozesse gesagt hat: „Manche Gedanken sind gefährlich.“ (S. 117)

Dann kommt die Frage auf, wo Johanna untergebracht werden soll; Johannes soll bei den anderen Jungen in der Schule wohnen, aber sie als Mädchen? Da bietet ein freundlicher rothaariger Ritter namens Gerold, der ebenfalls an der Tafel sitzt, an, sie bei sich aufzunehmen; sie könnte seinen Töchtern Gesellschaft leisten. Gerold ist ein junger Markgraf, der ein paar Kilometer außerhalb von Dorstadt auf einem großen Gut namens Villaris lebt. Auf dem Weg dorthin erklärt er Johanna etwas über den Bischof: „Er hat Amt und Würden von seinem Onkel geerbt, seinem Vorgänger auf dem Bischofsstuhl. Fulgentius hat nie die Priesterweihe empfangen, und er versucht auch gar nicht erst, sich den Anschein von Tugendhaftigkeit zu geben, wie du gewiß bemerkt hast. Aber du wirst schon noch erkennen, daß er ein tüchtiger Mann in seinem Amt ist und ein guter Mann dazu. Er bewundert die Gelehrsamkeit, wenngleich er selbst kein Gelehrter ist.“ (S. 121f.) Der hier getätigten Aussage, Fulgentius habe nie die Priesterweihe empfangen, steht allerdings die Tatsache entgegen, dass er in den kommenden Kapiteln mehrmals die Messe liest; die Autorin kann sich wirklich nichts merken, was sie geschrieben hat. Soweit ich weiß, kamen solche Fälle, in denen ein Adeliger sich den Titel und das Einkommen eines Bischofspostens sicherte, aber nicht Bischof wurde (oder zumindest nicht gleich Bischof wurde), auch eher in der Frühen Neuzeit als im Frühmittelalter vor.

Gerold nimmt die inzwischen zwölf Jahre alte Johanna also in seinem Haus auf, bei seiner kalten, unsympathischen Gattin Richild, mit der er seit langem nicht mehr in einem Bett schläft, und seinen beiden netten Töchtern Gisla und Dhuoda, die ein Jahr älter bzw. drei oder vier Jahre jünger als Johanna sind. Gerolds Alter wird übrigens ca. ein Jahr später, als Johanna dreizehn und Gisla vierzehn ist, mit siebenundzwanzig angegeben. Das heißt, er müsste dreizehn Jahre alt gewesen sein, als Gisla geboren wurde, und zwölf, als er sie gezeugt hat. Entweder kann die Autorin nicht rechnen oder sie hat keine Ahnung von Biologie; beide Alternativen sind wenig schmeichelhaft. Als Johanna Gerold kennenlernt, schätzt sie ihn sogar erst auf fünfundzwanzig.

Zu Gerold und der ziemlich kranken Geschichte, die sich zwischen ihm und Johanna entwickelt, dann im nächsten Teil; jetzt erst einmal dazu, wie es Johanna an der Domschule ergeht.

Kurz gesagt so, wie es zu erwarten war: Sie genießt das Lernen, die anderen Jungen ärgern sie, ihr Bruder macht dabei mit, und Odo hat es auf sie abgesehen und lässt sie für angeblich zu unrunde Buchstaben 1 Timotheus 2,11-14 fünfundzwanzigmal abschreiben: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen und danach Eva. Und nicht Adam ließ sich verführen, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“ (S. 128) Noch eine Bibelstelle abgehakt, bald sind wir wohl durch. Johanna erträgt alles standhaft, was auch sonst.

An der Schule lernen die Jungen übrigens auch den Schwertkampf, was keinen rechten Sinn macht. An Domschulen wurden Jungen dafür ausgebildet, Kleriker zu werden, und Kleriker hatten nicht mit der Waffe zu kämpfen; wer wollte, dass sein Sohn Ritter wurde, ließ ihn Page und dann Knappe an einem fremden Hof werden. (Und wer wollte, dass seine Tochter eine gute Bildung erhielt, schickte sie in ein Nonnenkloster oder holte ihr einen Hauslehrer; Domschulen waren keine Orte der allgemeinen kostenlosen Talentförderung.)

Gerold wird weiterhin als sehr freundlich dargestellt, und einmal beschützt er Johanna vor ihren Mitschülern. Ein anderes Mal unterhält er sich mit ihr über ihre Studien, und diese Szene möchte ich näher anschauen, da sie das Absurdeste ist, was die Autorin bisher geschrieben hat.

Johanna erzählt ihm von einem Vorfall an der Domschule. In der Gegend wurde eine trächtige weiße Wölfin gesichtet, die im Winter zuvor Reisende angegriffen und ein kleines Kind getötet hat; nun soll eine Jagd auf sie stattfinden. Odo jedoch sei gegen diese Jagd, weil ein weißer Wolf ein heiliges Tier, eine „lebendige Manifestation der Auferstehung Christi“ (S. 135) sei. Diese Darstellung ist gar nicht mal abwegig; im Mittelalter betrachtete man so manche seltenen Tiere, auch etwa weiße Hirsche, als wundersame Wesen und Zeichen für Christus und dichtete ihnen alle möglichen fantastischen Verhaltensweisen an:

„Johanna fuhr fort: ‚Die Jungen eines weißen Wolfes werden tot geboren, hat Odo gesagt. Der Vater muß die Kleinen binnen dreier Tage zum Leben erwecken, indem er sie ableckt. Es ist ein so seltenes und heiliges Wunder, sagte Odo, daß kein Mensch es je gesehen hat.’

‚Und was hast du dazu gesagt?’ fragte Gerold. Er kannte Johanna inzwischen gut genug, um zu wissen, wann sie sich zu Wort gemeldet hatte und wann nicht.

‚Ich habe ihn gefragt, wie man von diesem Wunder wissen kann, wenn es noch nie jemand gesehen hat.’

Gerold lachte laut auf. ‚Ich gehe jede Wette ein, daß unserem braven Schulmeister diese Frage ganz und gar nicht gefallen hat.’

‚Stimmt. Sie ist nicht statthaft hat er gesagt. Und unlogisch noch dazu. Denn obwohl kein Mensch die Auferstehung Christi mit eigenen Augen gesehen hat, zweifelt niemand daran, daß sie stattgefunden hat.’

Gerold legte Johanna die Hand auf die Schulter. ‚Mach dir nichts daraus, Kind.’

Für kurze Zeit trat Stille ein, so, als würde Johanna abwägen, ob sie noch irgend etwas sagen sollte oder nicht. Schließlich schaute sie Gerold forschend an, und auf ihrem jungen Gesicht lag ein Ausdruck von tiefem Ernst. ‚Wie können wir uns denn sicher sein, daß die Auferstehung sich tatsächlich ereignet hat? Wo doch niemand sie beobachtet hat?’“ (S. 135f.)

Doch. Doch, das steht da wirklich. Ich meine, man könnte es eventuell noch so hinbiegen, dass der weitere Text Sinn macht. Wenn es so weitergehen würde, dass Gerold, besorgt um Johannas extremen Gedächtnisverlust und ihren verwirrten Geisteszustand, sie sofort ins nächste Spital bringt oder so.

Der erste Text, den Johanna in ihrem Leben zusammen mit ihrem Bruder Matthias gelesen hat, ist das Johannesevangelium, und inzwischen sollte sie die Bibel – das Neue Testament ganz sicher – in- und auswendig kennen. Sie kennt die Texte von den Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus – wie Maria von Magdala ans leere Grab kam und Ihn dann im Garten traf, wie Er kurz darauf in die Mitte seiner ängstlichen und verwirrten Jünger trat, wie Thomas, der nicht dabei war, ihnen nicht glaubte und sagte, er würde erst glauben, wenn er Jesus selbst sehen und seine Wunden berühren könnte, wie Jesus dann wiederkam und Thomas seine Wunden berühren konnte… Johanna muss die Geschichte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus kennen, die Begegnung am See von Genezareth, wo Jesus Petrus aufträgt: „Weide meine Schafe!“, und die Stelle in 1 Korinther 15, wo Paulus von diesen Begegnungen schreibt und erwähnt, dass Jesus einmal sogar „mehr als fünfhundert Brüdern zugleich“ erschienen sei. Johanna weiß von etlichen Zeugen, die berichteten, dass ein Toter, der ins Grab gelegt worden war, wieder lebendig vor ihnen stand; aber offenbar haben wir keine Möglichkeit, daraus zu schließen, dass eine Auferstehung stattgefunden hat. What the fuck.

Hier halte ich Donna W. Cross kein Unwissen zugute: Dafür hat sie sich genug oberflächliches Bibelwissen angelesen. Sie lügt. Und das Problem ist: Sie wird mit ihren an sich sehr leicht zu durchschauenden Lügen, die einzig und allein dazu dienen, Christen als leichtgläubige Idioten und ihre Religion als widervernünftig darzustellen, bei vielen ihrer Leser durchkommen. Viele ihrer Leser haben nichts, was annähernd an die Bildung heranreicht, die Johanna besitzen soll, und haben wohl nie eine Bibel aufgeschlagen. Viele ihrer Leser sind in Bezug auf die Bibel und die Kirche so ahnungslos, dass sie ihr jedes Wort über den christlichen Glauben abnehmen werden, das in ihrem Buch steht. Es ist eine Schande, wie sie mit ihrer Propaganda auf das Unwissen der Leute zählen kann.

Die Szene geht damit weiter, dass Gerold Johanna erklärt, dass man manche Fragen eben nicht stellen dürfe. Hier wird auch seine religiöse Einstellung näher beschrieben: „Wie die meisten Adeligen in diesem nördlichen Teil des Kaiserreiches – Männer, die während der Regierungszeit des alten Kaisers Karl, der an bestimmten überkommenen Bräuchen festgehalten hatte, zu erwachsenen Männern geworden waren – war Gerold nur im weitesten Sinne ein Christ. Er besuchte die Messe, gab Almosen und achtete auf die Einhaltung der Sonntage, der kirchlichen Feste und der christlichen Gebräuche. Er befolgte jene Lehren der Kirchendoktrin, die ihm bei der Ausübung seiner herrschaftlichen Rechte und Pflichten nicht ins Gehege kamen; die übrigen aber beachtete er gar nicht erst.“ (S. 136) Nennt man so jemanden nicht Heuchler?

Johanna wird dann aus Gerolds Sicht folgendermaßen beschrieben: „Johannas große graugrüne Augen, die so viel tiefer und klüger blicken konnten als die anderer Kinder, waren forschend auf ihn gerichtet. Die Augen einer Heidin, ging es Gerold durch den Kopf. Augen, die dieses Mädchen weder vor Gott noch vor irgendeinem Menschen niederschlagen würde.“ (S. 137) Was wieder mal zeigt, dass Donna W. Cross keine Ahnung vom Heidentum hat: Den Heiden war die Tugend der pietas, der Ehrfurcht vor den Göttern, sehr wichtig; ebenso wie die Achtung vor Ahnen und Familienoberhäuptern. Sie waren keine Atheisten. Und inwiefern soll Ehrfurchtslosigkeit vor dem vollkommen guten und allwissenden Schöpfer denn etwas Positives sein? Vor dem, der mir meine ganze Existenz gegeben hat und mich besser kennt als ich mich selbst – wie könnte ich vor dem nicht die Augen niederschlagen?

Jedenfalls warnt Gerold Johanna davor, dass, wenn sie mit solchen Fragen weitermache, diese sie sogar ihr Leben kosten könnten. Er erzählt ihr von einer Gruppe langobardischer Sabellianer, die ein paar Jahre zuvor als Reisende in die Gegend kamen und die die Leute beschuldigten, einen Hagelschauer herbeigehext zu haben. „‚Fulgentius hat versucht, die Leute zu verteidigen. Doch sie wurden verhört, und man befand ihre Gedanken als ketzerisch. Gedanken, Johanna’, er schaute sie mit ruhigem Blick an, ‚die nicht allzuweit von der Frage entfernt sind, die du heute Odo gestellt hast.“ (S. 139) Zum Hexenglauben habe ich mich schon im vorigen Teil geäußert, und die Todesstrafe für Ketzerei wurde erst im Hochmittelalter eingeführt; in der Realität hätte es einem Bischof also gelingen sollen, einen solchen Gewaltausbruch zu verhindern. Und was man auch gegen die Sabellianer sagen kann, sie wären sicher nicht auf die Idee gekommen, wie Odo und Johanna zu behaupten, es gäbe keine Zeugen für die Auferstehung. Sabellius – hier als „Sabellus“ bezeichnet – vertrat schlichtweg eine Form des Modalismus; nach dieser Lehre besteht Gott nicht wirklich aus drei verschiedenen Personen, sondern Vater, Sohn und Heiliger sind nur drei Erscheinungsformen von Gott. Ja, ja, ich weiß, reale Ketzereien klingen wesentlich langweiliger, als man es beim Wort „Ketzerei“ erwartet.

That’s modalism, Patrick!

Am Ende sagt Gerold zu ihr, sie würden sich später am Abend noch über die Frage nach der Auferstehung unterhalten; aber tatsächlich kommt dieses Gespräch nicht mehr vor. Hat eigentlich niemand das Manuskript probegelesen?

Am Ende noch zu einem weiteren Punkt: In einem der oben zitierten Absätze wird ja hervorgehoben, wie erwachsen und ernst Johanna sei, wie anders als andere Kinder. Das ist nicht die erste solche Stelle. Und sie ist so typisch: Roman- und Drehbuchautoren scheinen ständig zu meinen, aus ganz normalen, durchschnittlichen Menschen, die von sich aus weder überdurchschnittliche Talente noch überdurchschnittliche Tugenden haben und auch nicht von der Gesellschaft als Außenseiter abgestempelt werden, könne man keine Helden machen. (Ein ganz wunderbares Buch, in dem das anders ist, wäre übrigens der historische Roman „Come Rack! Come Rope!“ von Robert Hugh Benson. Sehr empfehlenswert.)

Es wird auch immer wieder herausgestellt, wie anders als andere Mädchen Johanna ist. Schon die Mädchen in Ingelheim konnten nichts mit ihr anfangen, und auch die in Dorstadt gehen ihr aus dem Weg. „Sie betrachteten Johanna mit Argwohn, beteiligten sie nicht an ihren Spielen und erzählten ihr nicht den neuesten Klatsch und Tratsch.“ (S. 143) So frauenfreundlich, wie die Autorin meint, ist ihr Buch eigentlich gar nicht: Die meisten Frauen und Mädchen in der von ihr konstruierten Welt interessieren sich nur für Klatsch und Tratsch und schöne Kleider und Ehemänner, was natürlich alles unter dem Niveau der hochbegabten, außergewöhnlichen Johanna ist. Gerolds Tochter Gisla zum Beispiel wird an späteren Stellen als albern, einfältig und oberflächlich bezeichnet, weil sie jedes Mal kichert, wenn von dem Mann die Rede ist, dem sie versprochen ist, und weil sie unbedingt über ihr Hochzeitskleid reden will. Leute! Das Mädel ist vierzehn! Vierzehnjährige dürfen sich für Kleider begeistern (auch wenn das im Idealfall noch nicht die Hochzeitskleider sein sollten). Ich meine, ich war auch mal die Streberin ohne viel Modegespür (und habe mir auch bisschen was aufs Anderssein eingebildet), aber irgendwann will man dann doch auch mal zumindest ein bisschen hübsch aussehen, und daran ist nichts Schlimmes; im Gegenteil, es ist harmlos und normal. Natürlich gibt es oberflächliche Menschen, die sich fast nur für eigentlich unwichtige Dinge interessieren, und auf die ein- oder andere Weise sind wohl viele Menschen ab und an oberflächlich; trotzdem generalisiert die Autorin hier sehr.

Die anderen Mädchen in Donna W. Cross‘ Welt stellen, anders als Johanna, auch keine tiefergehenden Fragen, begehren nicht auf, und sind zufrieden mit ihrem Leben. „Die anderen Mädchen im Dorf [Ingelheim] interessierten sich nicht für solche Dinge. Sie waren es zufrieden, die Zeit durchzuhalten, die eine heilige Messe dauerte, ohne daß sie einziges Wort verstanden. Sie akzeptierten, was ihnen gesagt wurde, und schauten nicht nach vorn. Sie träumten von einem guten Ehemann – womit sie einen Mann meinten, der sie freundlich behandelte und sie nicht prügelte – , und einem kleinen Stück Ackerland; sie spürten kein inneres Verlangen, das sie über die sichere und vertraute Welt des Dorfes hinausführte. Sie waren für Johanna so unerklärlich, wie Johanna es für sie war.“ (S. 50f.) Nein: Es ist einfach falsch, zu behaupten, die meisten Menschen würden sich nie für religiöse Fragen interessieren; gerade für diese Zeit ist es falsch. Die Mädchen von Ingelheim waren mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bereits vom Tod eines Geschwisterkindes oder Elternteils betroffen, da macht man sich sehr wohl Gedanken darüber, was die Messe, die für die Toten gelesen wird, eigentlich bedeutet. Und jeder Mensch interessiert sich irgendwann einmal für andere Dinge als das Alltägliche; auch dann, wenn er oder sie die allgemein akzeptierten Antworten auf seine Fragen einfach hinnimmt. Und was hat Johanna gegen ein ruhiges Leben, die vertraute Heimat und ein kleines Stück Ackerland? Zudem sollte klar sein: Für die meisten Bauernmädchen dieser Zeit war es auch nicht besonders realistisch, über ihre nähere Umgebung hinauszukommen. Das nennt sich Armut und ist nicht moralisch verwerflich. Ein moralisch guter Mensch kann man auch in einem kleinen Dorf sein, ohne je darüber hinauszuschauen; und eine große Gelehrte zu werden, ist keine moralische Verpflichtung.

Johanna ist hier jedenfalls keine Repräsentantin ihres Geschlechts, die zeigt, dass auch Frauen denken und lernen können, sondern ein extrem seltener Ausnahmefall, eine Art Laune der Natur – wie gesagt, doch keine ganz so feministische Aussage wie beabsichtigt.

Ihre Glaubwürdigkeit als feministische Ikone muss, wie sollte es anders sein, dann auch noch dadurch herausgestellt werden, dass sie ungeschickt bei Nadelarbeiten ist. Hier folgt die Autorin nur den Konventionen des Genres; immerhin haben geschätzte 90% aller historischen Frauenromane eine Protagonistin, die nicht sticken kann. Dabei ist Sticken das einfachste von der Welt. Man zieht eine Nadel durch ein Stück Stoff und zählt dabei die Löcher ab – komplizierter wird’s nicht. Da ist ja noch Stricken schwieriger. „Mehr als einmal hatte Richild sich wegen Johannas Unbeholfenheit mit der Nagel bei ihrem Mann beklagt; Gerold selbst hatte die verzweifelten Bemühungen des Mädchens beobachtet, ihre widerspenstigen Finger zum Gehorsam zu zwingen, und er hatte die kläglichen Ergebnisse ihrer Bemühungen gesehen.“ (S. 137) Was soll dieser Unsinn? Einige Zeit vorher hat Aeskulapius Johanna noch dafür gelobt, dass ihre Buchstaben kleiner und ordentlicher sind als die ihres Bruders; hat sie also geschickte Finger oder nicht? Sticken ist sehr viel einfacher als Schönschrift.

Damit jedenfalls wäre ich am Ende der heutigen Leseetappe – beim nächsten Mal dann zu Johannas Verliebtheit in Gerold, die sich bereits zeigt…

 

* Spontan ausgedachte Titel, aber vermutlich gibt es sie wirklich irgendwo.

Von Gottesstaaten (und anderen Staaten)

Zwischen 413 und 426 n. Chr. schrieb der hl. Augustinus sein berühmtes Werk „Vom Gottesstaat“ (De civitate Dei), in dem er den „Gottesstaat“, d. h. das Reich Gottes, das sich in den Christen verwirklicht, vom irdischen Staat – d. h. zu seiner Zeit dem römischen Kaiserreich – abgrenzte. Das ist nicht unbedingt der Sinn, in dem der Begriff „Gottesstaat“ heute verwendet wird. Unter einem Gottesstaat verstehen die Leute heute eher einen irdischen Staat, der die Gebote einer Religion zu seinen Gesetzen gemacht hat. Augustinus dagegen grenzte die civitas Dei (Gesellschaft Gottes, Staat Gottes) klar von der civitas terrena (irdischer Staat) ab.

Er hatte auch seine Gründe dafür: Viele seiner Zeitgenossen gingen davon aus, dass, wenn das Reich als Ganzes die richtigen Götter (oder den richtigen Gott) verehren würde, es von denen vor Unglück geschützt werden würde, also von einer sehr engen Verbindung zwischen Religion und Staat. Nun hatte man die alten Götter aufgegeben, die Kaiser waren christlich geworden – und gleichzeitig fielen Germanenstämme wie die Ost- und Westgoten, die Vandalen und die Franken ins Reich ein. Viele Heiden waren also der Ansicht, dass der Religionswechsel nicht funktioniert hatte; der Christengott konnte offenbar nichts für einen tun. 410 eroberten und plünderten die Westgoten unter Alarich Rom, und auf dieses schlimme Ereignis nimmt Augustinus in seinem Werk Bezug, und wenn er da so von Verschleppungen, Vergewaltigungen, Toten, die nicht begraben werden konnten, Hunger und Kannibalismus schreibt, dann merkt man, es war wirklich keine schöne Zeit.* (Augustinus selbst sollte dann übrigens in seiner nordafrikanischen Bischofsstadt Hippo Regius während der Belagerung durch die Vandalen unter Geiserich im Jahr 430 sterben.)

In diesem Werk bestand Augustinus jedenfalls darauf, dass das Römische Reich, auch wenn es christliche Kaiser hatte, nicht identisch war mit dem Gottesreich. Der Bestand des christlichen Glaubens ist nicht abhängig vom Wohlergehen eines irdischen Reiches, das zwar an sich einen Zweck in der von Gott gewollten Ordnung erfüllen kann, indem es für Ordnung und Gerechtigkeit unter den Menschen sorgt usw., das Gottesreich aber auch behindern kann. Diese Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Bereich beruht schon auf der Bibel („So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“, Matthäus 22,21) und wirkte das ganze Mittelalter hindurch weiter.

So, das war jetzt eine längere Einleitung zu einem Begriff, dessen Bedeutung meistens nicht ganz klar ist, wenn er verwendet wird: „Gottesstaat“. Der Iran wird gern als Gottesstaat bezeichnet, oder Saudi-Arabien. Manche Leute sehen den Gottesstaat auch schon verwirklicht, wenn in Deutschland Geschäfte am Sonntag geschlossen haben und an stillen Feiertagen nicht getanzt werden darf. Hierzulande gilt aber grundsätzlich eine Trennung von Staat und Kirche, die noch über eine Trennung im Sinne des Augustinus hinausgeht, auch wenn sie keine Laizität à la Frankreich (die eine Verdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum beabsichtigt) ist. Was ist jetzt also ein „Gottesstaat“?

Hier mal ein paar Beispiele, um die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften, die man im heutigen Westen vermutlich alle mehr oder weniger als Gottesstaaten bezeichnen würde, deutlich zu machen:

  • Mohammeds Herrschaft und das Kalifat: Hier war der weltliche Herrscher gleichzeitig auch das geistliche Oberhaupt der (ganzen) Gemeinschaft der Muslime. Mohammed verkündete konkrete weltliche Gesetze, z. B. zum Erbrecht, die direkt auf göttlicher Offenbarung beruhen sollten – seine Nachfolger, die Kalifen, behielten diese bei – und führte seine Feldzüge im Namen seines Gottes – was die Kalifen ebenfalls taten.
  • Der heutige Iran: Die Regierung der Islamischen Republik Iran versteht sich nach der Verfassung von 1979 als Vertreterregierung des entrückten 12. Imam Mahdi, dessen Wiederkehr von den Zwölferschiiten erwartet wird. Das Staatsoberhaupt ist der „Führer“ (Rhabar), der von Theologen ausgewählt wird (zuerst war es Ajatollah Chomeini, jetzt ist es Ajatollah Chamenei). Regierungschef ist ein gewählter Präsident, der sich aber an die Prinzipien des schiitischen Islam halten muss, was vom Wächterrat überwacht wird.
  • Das heutige Saudi-Arabien: Die Kleriker sind nicht so direkt in die Regierung eingebunden wie im Iran, Saudi-Arabien hat allerdings den Islam (in der sunnitischen, speziell der wahabitischen Form) als Staatsreligion und die Könige, die als absolute Herrscher regieren, verstehen sich auch als Hüter der heiligen Stätten in Mekka und Medina.
  • Das mittelalterliche Europa: Die mittelalterlichen Staaten hatten ganz verschiedene Staatsformen (Venedig z. B. war eine Republik, viele andere Staaten waren Erbmonarchien oder -aristokratien); diesen Staaten gemeinsam war, dass einerseits der katholische Glaube öffentlich als wahr anerkannt, also praktisch Staatreligion war (was er in Malta übrigens interessanterweise immer noch ist), dass die Autorität des Papstes etwas galt (auch wenn man sich nicht einigen konnte, wie viel genau), dass weltlicher und geistlicher Bereich aber trotzdem irgendwo getrennt waren – Päpste, Bischöfe, Pfarrer, Äbte und Äbtissinnen waren nicht dasselbe und hatten nicht dieselben Aufgaben wie Kaiser, Könige, Grafen und Bürgermeister, und das Kirchenrecht war, anders als im Islam, nicht identisch mit dem weltlichen Recht.
  • Der Kirchenstaat oder die Fürstbistümer des Heiligen Römischen Reiches: Hier besaß ein Geistlicher zusätzlich zu seiner geistlichen Macht über ein umfassenderes Gebiet auch noch weltliche Macht über ein kleineres Gebiet. Die weltlichen Gesetze waren folglich eher stärker religiös geprägt als in benachbarten Staaten, leiteten sich aber auch nicht direkt oder ausschließlich aus religiösen Quellen ab und der geistliche und der weltliche Bereich wurden unterschieden. (Mir bekannte Unterschiede zwischen den deutschen Fürstbistümern und weltlichen Fürstentümern in der Frühen Neuzeit wären z. B., dass es in den Fürstbistümern oft deutlich mehr Feiertage gab, oder dass die Bischöfe, wenn das Reich einen Krieg führen musste, eher Geld an den Kaiser schickten, um Söldner anzuwerben, als selbst mit in den Krieg zu ziehen.)
  • Das Täuferreich von Münster: Eine spannende Geschichte aus der Reformationszeit: In Münster setzten sich die radikalen Propheten der Wiedertäufer-Sekte an die Macht, verkündeten, dass Christus zu Ostern 1534 wiederkehren sollte, benannten die Stadt in Neu-Jerusalem um, zerstörten Heiligenbilder, die sie für Götzen hielten, vertrieben Katholiken und Lutheraner, und führten die Polygamie ein. Sie wurden schließlich vom Fürstbischof militärisch geschlagen, nachdem die Stadt von innen heraus verraten worden war, und die Propheten wurden gefoltert und hingerichtet. Ähnlich wie bei Mohammed erlangten hier religiöse Propheten auch weltliche Macht – wenn auch für deutlich kürzere Zeit.
  • England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I.: Heinrich VIII. erklärte sich, als der Papst ihm nicht die Scheidung erlauben wollte, selbst zum Oberhaupt der Kirche von England, und seitdem stand die anglikanische Kirche unter der Autorität des Staates. Sicher hatten auch Synoden und Bischöfe noch etwas zu sagen, v. a. der Erzbischof von Canterbury, aber es handelte sich doch um eine dem Staat untergeordnete Kirche. Kardinal John Fisher, der einzige der englischen Bischöfe dieser Zeit, der nicht den Eid auf Heinrich als Kirchenoberhaupt leisten wollte, wurde hingerichtet, ebenso aus demselben Grund Heinrichs ehemaliger Lordkanzler Thomas Morus. Wer nicht zu dieser Kirche gehörte, musste u. U. mit Sanktionen rechnen (z. B. mussten Katholiken unter Heinrichs Tochter Elisabeth I. Geldstrafen zahlen, wenn sie nicht in die anglikanischen Gottesdienste kamen), konnte seinen Glauben evtl. nicht frei ausüben (z. B. war es unter Elisabeth verboten, die Messe zu feiern, und katholische Priester wurden hingerichtet), und hatte keinen Zugang zu bestimmten Staatsämtern (das galt bis ins 19. Jahrhundert). Das alles wurde mit der Zeit immer lockerer gehandhabt, auch wenn die anglikanische Kirche offiziell noch immer Staatskirche in England ist.

Der Unterschied zwischen Mohammeds Arabien oder dem Täuferreich von Münster auf der einen Seite und sagen wir mal, dem Heiligen Römischen Reich oder Frankreich oder England im Mittelalter auf der anderen Seite wäre, dass Mohammed (bleiben wir mal bei ihm als Beispiel; sein Herrschaftssystem hat immerhin länger überlebt) nicht einen geistlichen und einen weltlichen Bereich unterschied, sondern seine prophetischen Offenbarungen auf beide bezog: Sein Gott gab direkte Anweisungen zum Gerichtswesen, zur Verteilung von Kriegsbeute, zum Familienrecht. Nun war es im Mittelalter nicht so, dass geistliche und weltliche Angelegenheiten ganz voneinander abgeschnitten gewesen wären; im Gegenteil, es gab gegenseitige Zusammenarbeit und Überschneidungen (z. B. beim Eherecht) und auch die staatlichen Gesetze, von denen man viele auch aus römischem oder germanischem Recht übernommen hatte, richteten sich im Idealfall irgendwo nach übergeordneten moralischen Prinzipien, die die Kirche verkündete. (Im Idealfall. In der Praxis musste die Kirche z. B. noch 1374 Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel wie etwa „Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte“** verurteilen, und auch für die Abschaffung der aus dem Heidentum übernommenen Gottesurteile musste sie immer wieder eintreten.) Man ging davon aus, dass Christus, König über die ganze Welt, sowohl der Kirche, mit dem Papst als Oberhaupt, die geistliche Macht, als auch den weltlichen Fürsten, mit dem Kaiser als ihrem höchsten Vertreter, die weltliche Macht verliehen hatte; kurz: weltliche und geistliche Ordnung standen beide auf dem Boden des Christentums. Auch wenn sich der Kaiser dann und wann mit dem Papst zoffte.

Der Gang nach Canossa in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhunderts, als man in Deutschland den Papst nicht leiden konnte und den Kaiser als trotzig und ungebeugt darstellten wollte. (Eduard Schwoiser, „Heinrich vor Canossa“) Hier noch eine mittelalterliche Darstellung, in der Kaiser Heinrich IV. Markgräfin Mathilde von Tuszien und seinen Taufpaten Abt Hugo von Cluny um Vermittlung bei Papst Gregor VII. bittet:

(Quelle für beide  Bilder: Wikimedia Commons.)

Ehrlich gesagt, ich würde den Begriff „Gottesstaat“ am liebsten aufgeben. Er ist zu unscharf und wird zu vielseitig verwendet. Ich möchte verschiedene Herrschaftsformen unterscheiden:

  1. Religiöse Führer als weltliche Herrscher; alle weltlichen Gesetze direkt aus göttlicher Offenbarung abgeleitet (Kalifat, Täuferreich von Münster, heutiger Iran)
  2. Religiöse Führer üben auch weltliche Herrschaft aus, bei gleichzeitiger Unterscheidung der geistlichen und weltlichen Bereiche (Kirchenstaat, Fürstbistümer)
  3. Religiöser Integralismus bei personeller Trennung von weltlichem und geistlichem Bereich (Großteil Westeuropas im Mittelalter)
  4. Religiöser Staat; Religion aber unter der Fuchtel des Staates (England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I., Russland unter den Zaren)
  5. Zusammenleben von mehreren religiösen Gruppen auf nicht-religiöser Grundlage; Trennung von Staat und Religion; religiöse Toleranz (heutiges Deutschland)
  6. Staatliche Ablehnung der Religion und Zurückdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum, „Laizität“ (heutiges Frankreich, Türkei unter Atatürk)
  7. Staatlich verordneter Atheismus, Verfolgung der Religion (frühere Sowjetunion, China unter Mao, Nordkorea, sämtliche sonstigen kommunistischen Diktaturen der Geschichte)

Nr. 1 gab es in der Christenheit zunächst überhaupt nicht, später war sie eine Randerscheinung bei einigen extremen Gruppen im Gefolge der Reformation, die sich direkt von Gott inspiriert fühlten (z. B. könnte man außer den Täuferpropheten evtl. noch Oliver Cromwell hier einordnen). Nr. 2 ist im christlichen Bereich eine bekannte, aber alles in allem nicht allzu häufige Erscheinung, die mancherorts aus den historischen Gegebenheiten im Chaos des Frühmittelalters entstand. Nr. 3 war der katholische Standard bis ca. 1500, in manchen Gebieten bis ca. 1800 oder noch etwas länger. Diese Form habe ich „Integralismus“ getauft. Mit „Integralismus“ ist laut den Definitionen, die man so im Internet findet, generell gemeint, dass alle gesellschaftlichen Bereiche (integral) im religiösen Sinne geordnet werden sollen. Hier gäbe es natürlich noch verschiedene Abstufungen; katholischen Integralismus im strengen Sinne würde ich als die Ansicht definieren, die dem Papst indirekte oder direkte weltliche Macht zugesteht, also z. B. die Macht, weltliche Herrscher abzusetzen (die Frage, ob der Papst solche Macht hat, war im Mittelalter immer umstritten und hat damals dann und wann zu Konflikten geführt); katholischen Integralismus im weiteren Sinn als die Ansicht, dass der Papst und die Bischöfe an sich zwar nur geistliche Macht haben, dass sie nicht über, sondern neben weltlichen Herrschern, stehen, dass aber beide, geistliche und weltliche Herrscher, von Christus eingesetzt sind, Ihn als ihren Herrn anerkennen und nicht gegen Seine Gebote handeln sollten. Ein Staat sollte nach dieser Ansicht im Idealfall die katholische Religion als Staatsreligion anerkennen. [Im Internet scheint es keine ganz eindeutige Definition des Begriffes „Integralismus“ zu geben, daher habe ich ihn jetzt mal einfach so definiert, wie es mir passend erschien.] Das wäre, wie gesagt, die mittelalterliche (und in den katholischen Staaten auch noch frühneuzeitliche) Ordnung.

Mit der Reformation traten dann gewisse Probleme auf: Einige Fürsten wiesen den Glauben und die Autorität der Kirche und des Papstes zurück und gründeten sich ihre eigenen Landeskirchen, in denen sie oberste Kirchenherren waren. Das sieht man in Sachsen oder Preußen ebenso wie in England. Ähnliches hatte es vorher schon im Oströmischen Reich und in Russland gegeben, wo man die Autorität des Papstes ebenfalls nicht mochte und die Kirche lieber dem Kaiser bzw. Zar unterordnete (dafür gibt es den schönen Begriff „Cäsaropapismus“). Hier wären wir bei Nr. 4. Im Zuge der Reformation entstanden aber auch die Religionskriege zwischen den protestantischen und den katholischen Fürsten, und als man davon dann genug hatte, fragte man sich, ob denn die Religion das alles wert gewesen war, ob an diesen ganzen Streitfragen überhaupt so viel war, und ob es nicht einfach reichte, überhaupt an Gott zu glauben und ein guter Mensch zu sein (oder einfach nur ein guter Mensch zu sein). Hier wären wir im 18. Jahrhundert bei den Intellektuellen, die sich in nicht allzu großer Demut „Aufklärer“ tauften, angelangt. Sie waren für größere religiöse Toleranz gegenüber der jeweils in der Minderheit befindlichen Konfession und auch gegenüber den Juden, die immer einen Außenseiterstatus eingenommen hatten und als Außenseiter geduldet worden waren, aber nie wirklich zur Gesellschaft gehört hatten.

Dann musste man im Gefolge der sog. Aufklärung natürlich andere Prinzipien finden, auf die sich eine Gesellschaft einigen und auf denen sich ein Staat aufbauen konnte. Da wurden sehr unterschiedliche Wege gefunden. Bei uns nennen sich die herrschenden Prinzipien „freiheitlich-demokratische Grundordnung“, womit man Dinge wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit etc. meint; in den kommunistischen Staaten war es Marx‘ Lehre; in faschistischen Staaten der Wille des Führers. Hier wären wir bei Nr. 5, 6 und 7.

Auch für alle post-religiösen Staaten stellte und stellt sich dann übrigens die Frage, wie tolerant man gegenüber Ketzereien (womit ich Abweichungen von den staatstragenden Prinzipien meine, also etwa Anarchismus, Monarchismus, islamischer Extremismus, Reichsbürgertum) sein wollte. Es gab eben immer noch Leute, die sich den tragenden Prinzipien nicht anschließen wollten, auch wenn man die nicht mehr aus einer Religion nahm. Auch diese Frage wurde ganz unterschiedlich beantwortet; manche Staaten sind bzw. waren strenger gegenüber „Verfassungsfeinden“ als andere. Die französische Revolutionsregierung schickte einen schnell mal auf die Guillotine, bei Stalin kam man ins Gulag, in der BRD hat man, wenn es schlimm wird, eine Geldstrafe wegen Volksverhetzung zu befürchten.

Klar wird hier: Alle sieben Arten von Staaten sind auf irgendeiner Weltanschauung aufgebaut, die zumindest ein größerer Teil der Bevölkerung teilen muss, wenn die Gesellschaft funktionieren soll. Die Weltanschauung kann der Islam sein, der Konfuzianismus (altes China), der Protestantismus, der Katholizismus, der Liberalismus, der Kommunismus, der Faschismus, oder sonst irgendetwas. Aber eine gewisse Basis ist praktisch immer da; der Staat kann nicht ganz „weltanschaulich neutral“ sein. (Was soll z. B. der deutsche Staat gegenüber Leuten sagen, die von Menschenwürde nichts wissen wollen?) Es gibt dabei auch gewisse Unterschiede bei dieser gemeinsamen Basis: Es kann eine universal anwendbare Weltanschauung sein (Katholizismus, Kommunismus, Liberalismus), die man mit anderen Staaten teilt, oder eine rein nationale Religion, die direkt von der Regierung beeinflusst wird (Anglikanismus, verschiedene Formen des Nationalismus).

Hier stellt sich dann natürlich die Frage, auf welche Basis sich die Menschen in einem Land einigen können, und auf welche sie sich im Idealfall einigen sollten. Sucht man einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Will man so nah wie möglich an die Wahrheit herankommen? Und was ist die Wahrheit? Die Wahrheitsfrage lässt sich am Ende nicht umgehen: Auf die Menschenwürde zum Beispiel kann sich eine Verfassung nur stützen, wenn diese wirklich existiert (was sie tut).

Worauf ich hinaus will: Statt den Begriff „Gottesstaat“ bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten hinauszuposaunen, sollte man sich vielleicht genauer ansehen, um was für eine Art Staat (Nr. 1, 2, 3 oder 4?)es sich handelt – und dann natürlich auch, um welchen Gott. Der Aztekenkönig war ebenso wie der Papst im Kirchenstaat weltlicher und religiöser Herrscher zugleich, aber in Rom wurden doch weniger Menschen geopfert als in Tenochtitlan…

 

* Augustinus beruhigt seine Leser z. B. dahingehend, dass es für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten keine Unterschied machen wird, wenn ein Toter nicht begraben werden konnte und von Tieren gefressen wurde, oder er schreibt an einer anderen Stelle, dass Vergewaltigungsopfer, da sie keine Schuld an dem tragen, was ihnen passiert ist, sich nicht umbringen sollen, um die Schande der Vergewaltigung loszuwerden, auch wenn solche Selbtmorde menschlich verständlich seien. Die Bischöfe damals hatten schon andere pastorale Probleme als unsere heute.

** Gregor XI., Bulle „Salvator humani generis“ an den Erzbischof von Riga und seine Suffraganen, in: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. v. Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009, Nr. 1113, S. 521.

Aus dem Denzinger: Gregor IX. (1227-1241) über Taufen mit Bier

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

 

Diesmal etwas Kurioses: Im Jahr 1241 schrieb Papst Gregor IX. einem norwegischen Bischof:

 

„Da es, wie wir aus Deinem Bericht erfahren haben, manchmal vorkommt, daß Kinder Deines Landes in Ermangelung von Wasser in Bier getauft werden, antworten wir Dir mit dem vorliegenden [Schreiben]: da man nach der Lehre des Evangeliums aus Wasser und Heiligem Geist wiedergeboren werden muß [vgl. Joh 3,5], dürfen nicht für ordnungsgemäß getauft erachtet werden, die in Bier getauft werden.“

(Gregor IX., Brief „Cum sicut ex“ an Erzbischof Sigurd von Trondheim, 1241; in: DH 829)

 

„In Ermangelung von Wasser“ klingt bezogen auf Norwegen zwar seltsam, aber vielleicht hatten einzelne Leute damals bei ihrer Taufe gerade kein frisches, sauberes Wasser da, wie sie es am liebsten hätten verwenden wollen? Oder vielleicht hielt man eine Zeremonie mit Bier auch für feierlicher?

Jedenfalls zeigt der Brief, dass die Kirche die Form des Sakraments, wie es Jesus eingesetzt hatte, ernst nahm; da die Bibel ausdrücklich vorschreibt, mit Wasser zu taufen, kann niemand gültig mit Bier getauft werden. Das gilt übrigens auch für andere Sakramente: Bei der Eucharistie müssen Wein und Weizenbrot verwendet werden, da Jesus Wein und Weizenbrot verwendet hat, weshalb es z. B. auch nicht möglich ist, für Zöliakiekranke glutenfreie Hostien aus Buchweizen oder Reismehl zu nehmen (sondern höchstens glutenreduzierte aus Weizen), sodass sie stattdessen nur das Blut Christi empfangen können.

Aus dem Denzinger: Mittelalterliche Päpste über Zwang bei der Annahme des Glaubens

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Heute einige Dokumente zur Toleranz gegenüber Andersgläubigen, v. a. Juden, vom Jahr 602 bis ins Jahr 1199:

 

„Wer in aufrichtiger Absicht Außenstehende zur christlichen Religion, zum rechten Glauben führen möchte, muß sich mit einnehmenden, nicht mit harten Worten darum bemühen, daß nicht die, deren Geist die Angabe einer klaren Begründung hätte herbeirufen können, Feindseligkeit weit fort treibt. Denn alle, die anders handeln und sie unter diesem Deckmantel von der gewohnten Pflege ihres Ritus abbringen wollen, von denen wird deutlich, dass sie mehr ihre eigenen Sachen als die Gottes betreiben. Es haben sich nämlich Juden, die in Neapel wohnen, bei Uns beklagt und behauptet, daß einige sich unvernünftigerweise darum bemühten, sie an bestimmten Feiern ihrer Feste zu hindern und es ihnen ja nicht zu erlauben, die Feiern ihrer Festlichkeiten so zu begehen, wie es ihnen bis jetzt und ihren Vorfahren vor langen Zeiten erlaubt war, sie zu beachten oder zu begehen. Wenn es sich aber in Wahrheit so verhält, so scheinen sie ihre Mühe auf etwas Überflüssiges zu verwenden. Denn was bringt es für einen Nutzen, wenn es, auch wenn man es ihnen entgegen langdauernder Gewohnheit verbietet, ihnen für den Glauben und die Bekehrung nichts nützt? Oder warum setzen wir für die Juden Regeln fest, wie sie ihre Feierlichkeiten begehen sollen, wenn wir sie dadurch nicht gewinnen können?

Man muß also bewirken, daß sie vielmehr, durch Milde und Vernunft herbeigerufen, uns folgen, nicht fliehen wollen, damit wir sie, indem wir ihnen aus ihren Schriften beweisen, was wir sagen, mit Gottes Hilfe zum Schoß der Mutter Kirche bekehren können. Deshalb soll Deine Brüderlichkeit sie mit Ermahnungen, soweit sie es mit Gottes Hilfe vermag, zur Bekehrung anfeuern und nicht noch einmal zulassen, daß sie wegen ihrer Feierlichkeiten beunruhigt werden; vielmehr sollen sie die uneingeschränkte Erlaubnis haben, alle ihre Feierlichkeiten und Feste so zu beachten und zu feiern, wie sie es bisher … hielten.“

(Gregor I. (der Große), Brief „Qui sincera“ an Bischof Paschasius von Neapel, 602, in: DH 480)

 

„Kap. 41. In bezug auf diejenigen aber, die sich weigern, das Gut des Christentums anzunehmen, … können Wir Euch nichts anderes schreiben, als daß Ihr sie zum rechten Glauben mehr durch Ermahnungen, Ermunterungen und Belehrung als durch Gewalt überzeugen sollt, daß sie eitel denken. …

Ferner darf ihnen, damit sie glauben, keinesfalls Gewalt angetan werden. Denn alles, was nicht aus eigener Absicht kommt, kann nicht gut sein [angeführt wird Ps 54,8; 119,108; 28,7]; Gott gebietet nämlich, daß freiwilliger Gehorsam, und nur von Freiwilligen geleistet werde: Denn hätte er Gewalt anwenden wollen, hätte seiner Allmacht keiner widerstehen können.“

(Nikolaus I., Brief „Ad consulta vestra“ an die Bulgaren, 13.11.866; in: DH 647)

 

„Auch wenn Wir nicht daran zweifeln, daß aus dem Eifer der Frömmigkeit hervorgeht, dass Euer Hochwohlgeboren anordnet, die Juden zum Kult der Christenheit hinzuführen, hielten Wir es dennoch, weil Du dies in ungebührlichem Eifer zu betreiben scheinst, für notwendig, Dir zur Ermahnung Unseren Brief zu senden. Unser Herr Jesus Christus hat nämlich, wie man liest, keinen gewaltsam zu seinem Dienst gezwungen, sondern durch demütige Ermahnung – wobei einem jeden die Freiheit der eigenen Entscheidung vorbehalten blieb – alle, die er zum ewigen Leben vorherbestimmte, nicht durch Richten, sondern durch Vergießen seines eigenen Blutes vom Irrtum zurückgerufen.…

Desgleichen untersagt der selige Gregor in einem seiner Briefe, daß ebendieses Volk mit Gewalt zum Glauben gezerrt werde.“

(Alexander II., Brief „Licet ex“ an Fürst Landulf von Benevent,1065; in: DH 698)

 

„Zwar ist die Treulosigkeit der Juden vielfach zu verwerfen; weil jedoch durch sie unser Glaube wahrhaft bestätigt wird, dürfen sie von den Gläubigen nicht schwer unterdrückt werden … Wie es also den Juden nicht erlaubt sein darf, sich in ihren Synagogen über das hinaus, was gesetzlich erlaubt ist, etwas herauszunehmen, so dürfen sie in dem, was ihnen zugestanden ist, keinen Schaden erleiden.

Wenn sie also auch lieber in ihrer Verhärtung verharren wollen als die Weissagungen der Propheten und die Geheimnisse des Gesetzes erkennen und zur Kenntnis des christlichen Glaubens gelangen, so treten Wir, da sie dennoch die Hilfe Unserer Verteidigung erbitten, aufgrund der Sanftmut der christlichen Frömmigkeit in die Fußstapfen Unserer Vorgänger seligen Angedenkens, der Römischen Bischöfe Calixtus [II.], Eugen [III.], Alexander [III.], Clemens [III.] und Cölestin [III.], schenken ihrem Gesuch Gehör und gewähren ihnen den Schild Unseres Schutzes.

Wir ordnen nämlich an, daß kein Christ sie mit Gewalt nötige, widerstrebend oder gegen ihren Willen zur Taufe zu kommen; wenn aber einer von ihnen freiwillig um des Glaubens willen seine Zuflucht zu den Christen nimmt, so soll er, nachdem sein Wille eröffnet worden ist, ohne jede Schmähung Christ werden. Denn man glaubt nicht, daß [jener] den wahren Glauben der Christenheit hat, von dem man weiß, daß er nicht aus eigenem Willen, sondern widerwillig zur Taufe der Christen kommt. Auch soll sich kein Christ unterstehen, ohne ein landesherrliches Urteil ihre Personen leichtfertig zu verletzen oder ihre Sachen gewaltsam fortzuschaffen oder die guten Bräuche zu verändern, die sie bisher in der Gegend, in der sie wohnen, hatten. Außerdem soll sie keiner in irgendeiner Hinsicht bei der Feier ihrer Feste mit Knüppeln oder Steinen stören, und keiner soll von ihnen ungeschuldete Dienste einzufordern oder zu erpressen versuchen außer jenen, die sie selbst in der Vergangenheit zu tun pflegten. Zudem bestimmen Wir, um der Schlechtigkeit und Habgier böser Menschen zu begegnen, daß keiner es wage, einen Judenfriedhof zu schänden oder herabzusetzen oder, um zu Geld zu kommen, schon beerdigte Leiber auszugraben.

… [Es werden diejenigen exkommuniziert, die dieses Dekret verletzen.] Wir wollen aber, daß lediglich diejenigen durch die Deckung dieses Schutzes gesichert werden, die sich nicht unterstehen, irgendwelche Ränke zum Umsturz des christlichen Glaubens zu schmieden.“

(Innozenz III., Konstitution „Licet perfidia Iudaeorum“, 1199; in: DH 772-773. Zum Hintergrund gibt der Denzinger noch an: „Die Konstitution ist gleichsam die ‚Magna Charta’ der Toleranz gegen die Juden. Vorausgegangen waren allerdings die im Text erwähnten Päpste und das 3. Konzil im Lateran (1179), wo es im Kap. 26 heißt: Die Juden sollen von den Christen ‚allein aus Menschlichkeit unterstützt werden’ (‚pro sola humanitate foveri’: COeD3 2246 / MaC 22,321D; vgl. auch den – nicht eigentlich zum Laterankonzil gehörenden – Anhang, Kap. 1: MaC 22,355E–356C; JR 13973). Wiederholt und bestätigt wurde die Konstitution von Honorius III. (7. Nov. 1217: PoR 5616), Gregor IX. (3. Mai 1235: PoR 9893), Innozenz IV. (22. Okt. 1246 und 5. Juli 1247: PoR 12315 12596) und anderen.)

 

Freilich muss man hier beachten, dass es immer um Ungetaufte (v. a. um Juden, beim Brief Nikolaus’ I. an die Bulgaren vielleicht auch noch um Heiden) geht, die man in der mittelalterlichen Gesellschaft als Außenseiter duldete; bei Häretikern innerhalb der Kirche war man weniger zur Toleranz bereit, da man sie als Verräter sah, die die Ordnung der Christenheit zerstören und andere Christen zum Abfall vom rechten Glauben bringen und sie damit in die Hölle führen würden. (Gegenüber Verrätern im Innern sind die meisten Gesellschaften intoleranter als gegenüber Außenseitern und Feinden. Wobei einem natürlich auch bewusst sein sollte, dass moderne Gruselvorstellungen von Inquisitionsgerichten auch nicht unbedingt der historischen Realität entsprechen.)

Auch der hl. Thomas von Aquin (1225-1274), der so ziemlich bedeutendste Theologe des Mittelalters, erläutert in der Summa Theologiae sowohl, wieso Christen kein Recht hätten, jüdische Kinder gegen den Willen ihrer Eltern zu taufen (III 68,10; https://dhspriory.org/thomas/summa/TP/TP068.html#TPQ68A10THEP1), als auch, wieso Ketzer mit dem Tod bestraft werden sollten, wenn sie sich nach Ermahnungen durch die Kirche nicht bekehren lassen wollten (II/II 11,3; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS011.html#SSQ11A3THEP1; er argumentiert hier: wenn schon Geldfälscher zum Tod verurteilt würden, um wie viel mehr müssten dann die Verfälscher des Glaubens verurteilt werden, die nicht dem irdischen, sondern dem ewigen Leben Schaden zufügen?). Er macht die Unterscheidung zwischen Heiden und Juden auf der einen Seite und Häretikern und Apostaten auf der anderen sehr deutlich:

„Ich antworte, dass unter den Ungläubigen solche sind, die den Glauben nie angenommen haben, wie die Heiden und die Juden. Und diese sind auf keine Weise zum Glauben zu zwingen, so dass sie glauben möchten, denn der Glaube ist eine Sache des Willens. Dennoch sind sie von den Gläubigen zu zwingen, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden ist, dass sie den Glauben nicht behindern durch ihre Gotteslästerungen oder durch ihre bösen Überredungskünste oder auch durch offene Verfolgungen. Und deswegen führen die Gläubigen Christi oft Krieg gegen die Ungläubigen, in der Tat nicht, um sie zu zwingen, zu glauben (denn auch wenn sie diese besiegt und gefangen genommen hätten, sollten sie es immer noch deren Freiheit überlassen, ob sie glauben wollen), sondern damit jene gezwungen wären, den Glauben Christi nicht zu behindern.

Wahrhaftig etwas anderes sind Ungläubige, die irgendwann einmal den Glauben angenommen und ihn bekannt haben, wie die Häretiker oder Apostaten aller Art. Und diese sind auch körperlich zu zwingen, dass sie erfüllen, was sie versprochen haben, und festhalten, was sie einmal angenommen haben.“ (Summa Theologiae II/II 10,8; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS010.html#SSQ10A8THEP1)

Thomas vergleicht die Annahme des Glaubens mit dem Ablegen eines Versprechens; wer ein Versprechen ablegt und es dann bricht, sündigt mehr, als wenn er es nie abgelegt hätte. (Summa Theologiae II/II 10,6; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS010.html#SSQ10A6THEP1)

(Das mit den Kriegen bezieht sich wohl hauptsächlich auf Kriege gegen Muslime, wie etwa die Kreuzzüge oder die Reconquista in Spanien. Mit den „offene[n] Verfolgungen“ können historische Verfolgungen durch Juden im 1. Jahrhundert bzw. Heiden in der gesamten Antike und dem Frühmittelalter (erst durch die Römer, später in vereinzelten Fällen durch germanische Völker und Wikinger) gemeint sein, oder auch zeitgenössische Verfolgungen durch Muslime, wie Überfälle auf christliche Pilger auf dem Weg nach Jerusalem, oder auch einfach muslimische Angriffe auf christliche Länder wie das Byzantinische Reich.)

 

 

Aus dem Denzinger: Mittelalterliche Päpste über Gottesurteile

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Heute gleich mal drei Zitate aus mittelalterlichen Papstbriefen (zwischen 887/888 und 1212) zum Thema Gottesurteile:

 

„Du hast angefragt wegen der kleinen Kinder, die, in einem Bett mit den Eltern schlafend, tot aufgefunden werden, ob die Eltern sich mit Hilfe des glühenden Eisens oder des siedenden Wassers oder irgendeiner anderen Prüfung reinwaschen sollen, sie nicht erdrückt zu haben. Die Eltern sind nämlich zu ermahnen und zu beschwören, daß sie so zarte [Kinder] nicht zu sich in ein Bett legen, damit sie nicht, wenn irgendeine Unvorsichtigkeit unterläuft, erstickt oder erdrückt und sie selbst deshalb des Mordes für schuldig befunden werden. Denn dass mit Hilfe der Prüfung des glühenden Eisens oder des siedenden Wassers von irgend jemand ein Geständnis herausgefoltert wird, billigen die heiligen Kanones nicht; und was durch die Lehre der heiligen Väter nicht festgelegt wurde, soll man sich nicht durch eine abergläubische Erfindung herausnehmen.

Durch freiwilliges Bekenntnis oder den Nachweis von Zeugen bekanntgewordene Vergehen wurden nämlich – da man die Furcht Gottes vor Augen hatte – unserer Leitung zur Aburteilung anvertraut; Verborgenes aber und Unbekanntes ist dem Urteil dessen zu überlassen, ‚der allein die Herzen der Menschenkinder kennt’ [vgl. 1 Kön 8,39].

Diejenigen aber, denen nachgewiesen wird oder die bekennen, daß sie eines solchen Vergehens schuldig [sind], die soll Deine Herrschaft bestrafen; denn wenn ein Mörder ist, wer eine Leibesfrucht im Schoße durch Abtreibung vernichtet hat, um wieviel mehr wird sich [jener] nicht entschuldigen können, ein Mörder zu sein, der ein kleines Kind von wenigstens einem Tag getötet hat?“

(Stephan V. (VI.), Brief „Consoluisti de infantibus“ an Erzbischof Ludbert von Mainz, zwischen 887 und 888; in: DH 670)

 

„Über die Angelegenheit Deines Priesters Guillandus [Gisandus], der der Tötung seines Bischofs, Deines Vorgängers, verdächtigt wurde, haben Wir öffentlich beraten. … Wenn zuverlässige Ankläger fehlen, dann soll der Priester auf Geheiß der Gerechtigkeit ohne jede Auseinandersetzung alles, was er deswegen zu Unrecht verloren hat, sowohl das Priesteramt als auch die vollständigen Pfründen [wieder] erhalten; Deinem Gutdünken überlassen Wir es jedoch, daß ebendieser zuvor zwei ihm verbundenen Priestern, wenn ein Ankläger ausgeblieben ist, von sich aus eine Rechtfertigung liefert.

Schließlich wollen Wir, daß Du das volkstümliche und durch keine kanonische Strafbestimmung gestützte Gesetz, nämlich die Berührung kochenden bzw. eiskalten Wassers und glühenden Eisens oder irgendeiner Erfindung des Volkes (denn dies sind gänzlich Erdichtungen, wobei Mißgunst am Werk ist) weder selbst anwendest noch in irgendeiner Weise forderst, ja, Wir verbieten es sogar kraft apostolischer Autorität nachdrücklichst.“

(Alexander II., Brief „Super causas“ an Bischof Rainald von Como, 1063; in: DH 695)

 

„Wenn auch bei weltlichen Richtern volkstümliche Urteilsfindungen vollzogen werden, wie die des kaltenWassers, des glühenden Eisens oder des Zweikampfs, so läßt die Kirche dennoch derartige Urteilsfindungen nicht zu; denn es steht im göttlichen Gesetz geschrieben: ‚Du wirst den Herrn, Deinen Gott, nicht versuchen’ [Dtn 6,16; Mt 4,7].“

(Innozenz III., Brief „Licet apud“ an Bischof Heinrich von Straßburg, 1212; in: DH 799)

 

Heute herrscht manchmal die Vorstellung, Gottesurteile wären von der Kirche eingeführt und angeordnet worden – tatsächlich handelt es sich bei ihnen um bei heidnischen Völkern, vor allem den germanischen Völkern, schon bestehende Bräuche, die nach der Christianisierung teilweise noch übernommen und von den Päpsten dann verurteilt wurden.