Aus dem Denzinger: Der Anti-Modernisten-Eid

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

 Alle Teile hier.

 

Der folgende vom hl. Pius X. eingeführte Eid musste zwischen 1910 und 1967 von allen Pfarrern, Theologiestudenten vor Erhalt der akademischen Grade, Ordensoberen usw. abgelegt werden:

 

„Ich, N.N., umfasse fest und nehme samt und sonders an, was vom irrtumslosen Lehramt der Kirche definiert, behauptet und erklärt wurde, vor allem diejenigen Lehrkapitel, die den Irrtümern dieser Zeit unmittelbar widerstreiten.

Und zwar erstens: Ich bekenne, daß Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der Vernunft ‚durch das, was gemacht ist’ [Röm 1,20], das heißt, durch die sichtbaren Werke der Schöpfung, als Ursache vermittels der Wirkungen sicher erkannt und sogar auch bewiesen werden kann.

Zweitens: Die äußeren Beweise der Offenbarung, das heißt, die göttlichen Taten, und zwar in erster Linie die Wunder und Weissagungen lasse ich gelten und anerkenne ich als ganz sichere Zeichen für den göttlichen Ursprung der christlichen Religion, und ich halte fest, daß ebendiese dem Verständnis aller Generationen und Menschen, auch dieser Zeit, bestens angemessen sind.

Drittens: Ebenso glaube ich mit festem Glauben, daß die Kirche, die Hüterin und Lehrerin des geoffenbarten Wortes, durch den wahren und geschichtlichen Christus selbst, als er bei uns lebte, unmittelbar und direkt eingesetzt und daß sie auf Petrus, den Fürsten der apostolischen Hierarchie, und seine Nachfolger in Ewigkeit erbaut [wurde].

Viertens: Ich nehme aufrichtig an, daß die Glaubenslehre von den Aposteln durch die rechtgläubigen Väter in demselben Sinn und in immer derselben Bedeutung bis auf uns überliefert [wurde]; und deshalb verwerfe ich völlig die häretische Erdichtung von einer Entwicklung der Glaubenslehren, die von einem Sinn in einen anderen übergehen, der von dem verschieden ist, den die Kirche früher festhielt; und ebenso verurteile ich jeglichen Irrtum, durch den an die Stelle der göttlichen Hinterlassenschaft, die der Braut Christi überantwortet ist und von ihr treu gehütet werden soll, eine philosophische Erfindung oder eine Schöpfung des menschlichen Bewusstseins setzt, das durch das Bemühen der Menschen allmählich ausgeformt wurde und künftighin in unbegrenztem Fortschritt zu vervollkommnen ist.

Fünftens: Ich halte ganz sicher fest und bekenne aufrichtig, daß der Glaube kein blindes Gefühl der Religion ist, das unter dem Drang des Herzens und der Neigung eines sittlich geformten Willens aus den Winkeln des Unterbewußtseins hervorbricht, sondern die wahre Zustimmung des Verstandes zu der von außen aufgrund des Hörens empfangenen Wahrheit, durch die wir nämlich wegen der Autorität des höchst wahrhaftigen Gottes glauben, daß wahr ist, was vom persönlichen Gott, unserem Schöpfer und Herrn, gesagt, bezeugt und geoffenbart wurde.

Ich unterwerfe mich auch mit der gehörigen Ehrfurcht und schließe mich aus ganzem Herzen allen Verurteilungen, Erklärungen und Vorschriften an, die in der Enzyklika ‚Pascendi’ und im Dekret ‚Lamentabili’ enthalten sind, vor allem in bezug auf die sogenannte Dogmengeschichte.

Ebenso verwerfe ich den Irrtum derer, die behaupten, der von der Kirche vorgelegte Glaube könne der Geschichte widerstreiten, und die katholischen Glaubenslehren könnten in dem Sinne, in dem sie jetzt verstanden werden, nicht mit den wahren Ursprüngen der christlichen Religion vereinbart werden.

Ich verurteile und verwerfe auch die Auffassung derer, die sagen, der gebildetere christliche Mensch spiele eine doppelte Rolle , zum einen die des Gläubigen , zum anderen die des Historikers, so als ob es dem Historiker erlaubt wäre, das festzuhalten, was dem Glauben des Gläubigen widerspricht, oder Prämissen aufzustellen, aus denen folgt, daß die Glaubenslehren entweder falsch oder zweifelhaft sind, sofern diese nur  nicht direkt geleugnet werden.

Ich verwerfe ebenso diejenige Methode , die heilige Schrift zu beurteilen und auszulegen, die sich unter Hintanstellung der Überlieferung der Kirche, der Analogie des Glaubens und der Normen des Apostolischen Stuhles den Erdichtungen der Rationalisten anschließt und – nicht weniger frech als leichtfertig – die Textkritik als einzige und höchste Regel anerkennt.

Außerdem verwerfe ich die Auffassung jener, die behaupten, ein Lehrer, der eine theologische historische Disziplin lehrt oder über diese Dinge schreibt, müsse zunächst die vorgefaßte Meinung vom übernatürlichen Ursprung der katholischen Überlieferung oder von der von Gott verheißenen Hilfe zur fortdauernden Bewahrung einer jeden geoffenbarten Wahrheit ablegen; danach müsse er die Schriften der einzelnen Väter unter Ausschluß jedweder heiligen Autorität allein nach Prinzipien der Wissenschaft und mit derselben Freiheit des Urteils auslegen, mit der alle weltlichen Urkunden erforscht zu werden pflegen.

Ganz allgemein schließlich erkläre ich mich als dem Irrtum völlig fernstehend, in dem die Modernisten behaupten, der heiligen Überlieferung wohne nichts Göttliches inne, oder, was weit schlimmer [ist], dies in pantheistischem Sinne gelten lassen, so dass nichts mehr übrig bleibt als die bloße und einfache Tatsache, die mit den allgemeinen Tatsachen der Geschichte gleichzustellen ist, dass nämlich Menschen durch ihren Fleiß, ihre Geschicklichkeit und ihren Geist die von Christus und seinen Aposteln angefangene Lehre durch die nachfolgenden Generationen hindurch fortgesetzt haben.

Daher halte ich unerschütterlich fest und werde bis zum letzten Lebenshauch den Glauben der Väter von der sicheren Gnadengabe der Wahrheit festhalten, die in ‚der Nachfolge des Bischofsamtes seit den Aposteln’* ist, war und immer sein wird; nicht damit das festgehalten werde, was gemäß der jeweiligen Kultur einer jeden Zeit besser und geeigneter scheinen könnte, sondern damit die von Anfang an durch die Apostel verkündete unbedingte und unveränderliche Wahrheit ‚niemals anders geglaubt, niemals anders’ verstanden werde**.

Ich gelobe, daß ich dies alles treu, unversehrt und aufrichtig beachten und unverletzlich bewahren werde, indem ich bei keiner Gelegenheit, weder in der Lehre noch in irgendeiner mündlichen oder schriftlichen Form, davon abweiche. So gelobe ich, so schwöre ich, so [wahr] mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien Gottes.“

(Pius X., Motu Proprio „Sacrorum antistitum“, 1910; in: DH 3537–3550)

 

* Vgl. Irenäus von Lyon, Adversus haereses IV 40, n. 2 (hrsg. vonW. W. Harvey [Cambridge 1857] 2,236 / = IV 26, n. 2: SouChr 100/II, 718 / PG 7,1053C).

** Vgl. Tertullian, De praescriptione haereticorum 28 (R. F. Refoulé: CpChL 1 [1954] 209 / CSEL 70,34 / PL 2,47).

Vaterunser auf Feministisch

Ich schätze, ich muss nicht viel dazu sagen, was ich davon halte, wenn die Worte unseres Herrn willkürlich abgeändert werden, weil irgendwer meint, es besser zu wissen als der Gottmensch Jesus Christus. Wer eine Idee zu  einem Gebet hat, die er ganz toll findet, soll ein neues Gebet schreiben, nicht am Vaterunser herumdoktern. Aber wenn solche Texte umgedichtet werden, ist es schon ganz interessant, welche Stellen dabei umformuliert oder ausgelassen werden.

Eine anglikanische („episcopalian“: der amerikanische Zweig der Anglikaner) Kirche in San Francisco hat am 25. April eine „Beyoncé-Messe“ abgehalten, d. h. eine Messe begleitet von Liedern von Beyoncé, da man die dort offenbar sehr inspirierend fand. Der verlinkte Artikel zeigt auch ein Foto von den Zetteln, die dabei an die ca. 900 Besucher ausgeteilt wurden, und auf diesen Zetteln ist das Vaterunser in zwei Versionen abgedruckt, wobei darüber noch der Hinweis steht, dass man es „in den unten stehenden Worten, oder in den Worten Ihres Herzens“ mitbeten könnte. Die Version auf der rechten Seite ist die traditionelle englische Übersetzung des Bibeltextes („Traditional English Lord’s Prayer“), die linke eine, na ja, etwas freiere Umdichtung unter dem Titel „Womanist Lord’s Prayer“:

 

„Our Mother,

who is in heavan and within us,

We call upon your names.

Your wisdom come.

Your will be done,

In all the spaces in which You dwell.

Give us each day

sustenance and perseverance.

Remind us of our limits as

we give grace to the limits of others.

Seperate us from the temptation of empire,

But deliver us into community.

For you are the dwelling place within us

the empowerment around us

and the celebretation among us

now and for ever.

Amen.“

 

(Unsere Muter,

die im Himmel und in uns ist,

wir rufen deine Namen an.

Deine Weisheit komme.

Dein Wille geschehe,

An all den Orten, an denen du wohnst.

Gib uns jeden Tag

Lebensunterhalt und Ausdauer.

Erinnere uns an unsere Grenzen so wie

wir Rücksicht auf die Grenzen anderer nehmen.

Scheide uns von der Versuchung der Herrschaft,

Und führe uns stattdessen in die Erlösung zur Gemeinschaft.

Denn du bist die Wohnung in uns

die Emanzipation um uns herum

und die Feier unter uns

jetzt und in alle Ewigkeit.

Amen.)

 

Die feministische Umdichtung eines nun mal leider so eindeutig ein männliches Gottesbild vermittelnden Gebets wie des Vaterunsers zu einem Mutterunser ist ja nun leider nichts Neues. Aber die restlichen Umdichtungen sind schon interessant.

Vor allem fällt auf: Das Böse darf nicht wirklich vorkommen. Es wird keine Schuld vergeben, sondern es wird nur anerkannt, dass Menschen „Grenzen“ haben: Eine völlig blödsinnige Formulierung. Rücksicht auf die Grenzen anderer nehmen heißt z. B., dass ich es nachsehe, wenn meine vergessliche Großmutter ständig Schlüssel und Geldbeutel vergisst, und mich im Voraus darauf einstelle, damit ich darauf achten kann. Schuld vergeben bedeutet dagegen, dass ich es vergebe, dass meine leicht beleidigte Großmutter nach einer geringfügigen Meinungsverschiedenheit wochenlang nicht mit mir geredet hat. Schwächen und Sünden sind nicht einfach ein- und dasselbe. Als nächstes wird die Versuchung, in die man nicht geraten will, eingeschränkt auf eine ganz bestimmte Art der Versuchung, nämlich die zur Herrschsucht; als wäre das die einzige Form des Bösen, die es gäbe. (Auch Gleichgültigkeit, Vernachlässigung, unterlassene Hilfeleistung o. Ä. können Sünden sein, um nur ein paar offensichtliche Beispiele zu nennen, die mit Herrschen nichts zu tun haben.) Aber das passt eben zum feministischen Konzept: Die einzige bewusst wahrgenommene Form des Bösen ist die Unterdrückung, also ist die „Emanzipation“ („empowerment“) und die gleichberechtigte „Gemeinschaft“ die einzige bewusst wahrgenommene Form des Guten. (Sicher ist das eine wichtige Form des Guten, aber eben nicht die einzige.)

Dazu kommt noch die grässlich formulierte Bitte um „Lebensunterhalt und Ausdauer“, die das wunderbar konkrete „unser täglich Brot gib uns heute“ ersetzt, und dann so völlig blödsinnige Sätze wie „du bist die Wohnung in uns“ (wenn schon, dann bitte „du wohnst in uns“, aber – du „bist“ die Wohnung in uns?).

An letzterer Stelle und auch weiter oben fällt auch auf: Das „Reich“ (in der traditionellen englischen Übersetzung „kingdom“) Gottes darf nicht vorkommen; auch nicht „Macht“ („power“) und „Herrlichkeit“ („glory“). Wäre ja alles zu, äh, herrschaftlich. Auch ein guter Herrscher wie Gott bzw. die hier angebetete Muttergöttin darf nicht herrschen, sondern bloß seine/ihre „Weisheit“ spenden und in den Leuten Wohnung nehmen (oder so ähnlich). Aber ich glaube, es ist nicht nur diese Abneigung gegenüber allem, was an Macht oder Herrschaft erinnert: Nein, solche Leute glauben auch nicht, dass Jesus jemals wirklich am Ende der Zeiten zurückkehren wird und wirklich endgültig Gottes Reich aufgerichtet werden wird; also können sie auch schlecht um die Ankunft dieses Reiches beten. Es muss reichen, wenn ein bisschen göttliche Weisheit aus den höheren Sphären zu uns in den Alltag hinabsickert.

Auch die Diversität muss natürlich kurz vorkommen: Die Göttin hat nicht nur einen Namen, sondern viele („wir rufen deine Namen an“). Sie ist vielseitig, da ist für alle was dabei.

Insgesamt ist das Gebet vor allem eins: langweilig und harmlos. Das langweilige, harmlose Thesenpapier netter engagierter Pfarrer*innen und Lai*innen, die beim Kirchenkaffee und beim Vortragsabend im Pfarrheim von Machtstrukturen und ihrer Bekämpfung durch Gendersternchen reden, und keine Ahnung haben von wirklicher Schuld, wirklichem Bösen, oder der wirklichen Herrlichkeit des Reiches des wirklichen Gottes, und die es verachten, um das täglich Brot zu bitten, wenn man stattdessen „Lebensunterhalt“ sagen kann.

Über blinde Flecke und säkulare Dogmen

Gelegentlich hat man auch von seinen katholischen Glaubensgenossen mal genug. Nicht von allen vielleicht; aber wenn man in seinen Facebookgruppen irgendwann zu viele Aufrufe, zur Rettung des Abendlandes täglich den Rosenkranz zu beten, und kitschige Heiligenbilder, unter denen jeweils drei bis fünf Leute mit „Amen!!!“ und ❤ ❤ ❤ kommentiert haben,  kriegt, nervt es schließlich. Dazu kommen dann immer wieder reflexhaft-antifeministische Wortmeldungen, das ewig gleiche Gemecker über EKD, DBK und das deutsche Kirchensteuersystem (was haben da alle dagegen?? Also gegen Letzteres), mir persönlich etwas zu große ökumenische Nähe zu gewissen Freikirchen, die grausige Worship-Songs singen, pausenlos davon reden, sich in Jesus zu verlieben und manchmal dazu neigen, Katholiken nicht für Christen zu halten, oder auch diese unerträgliche Franziskus-Fanbegeisterung, die aus mir unbekannten Gründen immer noch anhält. Kurz gesagt: Manchmal fühlt man sich aus den verschiedensten Gründen, als bräuchte man ein bisschen Abstand.

Die eigenen Leute nerven manchmal; aber dann, so habe ich gemerkt, muss man nur lange genug beim ideologischen Gegner herumhängen, um zu merken, wieso man trotz pseudo-inspirierender Sprüche, trotz Glaubensgeschwistern, die die falsche Partei wählen, oder trotz in neongrün leuchtender Herz-Jesu-Bilder katholisch ist.

Ich habe in letzter Zeit öfter amerikanische Blogs gelesen, die das evangelikale / konservative / fundamentalistische Christentum von einem atheistischen oder liberal-christlichen Standpunkt aus kritisieren und die allgemein feministische und „linke“ (für amerikanische Verhältnisse) Meinungen vertreten. (Weder „links“ noch „feministisch“ widersprechen natürlich an sich schon dem katholischen Glauben – es kommt darauf an, wie man beides definiert.) Und da liest man oft Interessantes; auch mal Interessantes über Fehlentwicklungen in bestimmten Gemeinden / Kirchen, die wir in unserer am besten vermeiden sollten. Der beliebte Blog „Love, Joy, Feminism“ (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/ ) wäre ein gutes Beispiel: Bloggerin Libby Anne ist in einer evangelikalen Familie mit einem Dutzend Kindern aufgewachsen, in der man an das Patriarchat glaubte und in der die Kinder zuhause unterrichtet und körperlich gezüchtigt wurden, wenn sie nicht sofort und ohne Widerspruch gehorchten. Inzwischen ist sie Atheistin (dem Christentum gegenüber aber nicht grundsätzlich feindselig eingestellt) und erzieht ihre eigenen Kinder auf andere Weise. Sie schreibt sowohl über ihre eigenen Erfahrungen als auch über allgemeine Entwicklungen im amerikanischen Christentum und der amerikanischen Politik; am interessantesten finde ich persönlich ihre detaillierten Besprechungen von Büchern wie „Created to be his helpmeet“ von Debi Pearl (wage es nicht, deinem Mann nicht zu gehorchen, solange er von dir nicht gerade verlangt, ihm bei einem Bankraub zu helfen), „To train up a child“ von Michael Pearl (gute Christen müssen fünf Monate alte Babys mit Gummischläuchen schlagen, um ihnen Gehorsam beizubringen), oder „A voice in the wind“ von Francine Rivers (ein historischer Liebesroman, der im alten Rom spielt, mehr oder weniger „Twilight“ für christliche Teenager). Andere Beispiele wären Samantha Fields Blog (http://samanthapfield.com/ ) – Field ist eine sehr liberale Christin, die ebenfalls aus konservativeren Kreisen kommt – oder das Gemeinschafts-Blogprojekt „No longer quivering“ (http://www.patheos.com/blogs/nolongerquivering/ ), das vor allem das randständige, extrem konservative Quiverfull Movement kritisiert.

Wie gesagt: Ich habe auf solchen Blogs manche interessante Sachen gelesen. Besonders zum Thema „geistlicher Missbrauch“, also dem Missbrauch von religiöser Autorität, um Anhängern zum Beispiel Angst davor zu machen, einem Pastor oder einem Familienmitglied nicht zu gehorchen, um sie dazu zu bringen, Probleme in der Gemeinde unter den Teppich zu kehren, o. Ä., wird hier immer wieder Interessantes geschrieben (es gibt übrigens auf der interreligiösen Plattform Patheos auch einige katholische Blogger, die das Thema öfter mal ansprechen, vor allem Mary Pezzulo: http://www.patheos.com/blogs/steelmagnificat/ ). Oder auch die Auswüchse dessen, was in den USA als „purity culture“ bezeichnet wird – wozu gehören kann, Mädchen, die vor der Ehe Sex gehabt haben, mit angebissenen Schokoriegeln zu vergleichen, oder nicht nur sexuelle „Reinheit“ (wozu für manche Christen kein Körperkontakt vor der Hochzeit gehört… kein Kommentar), sondern auch emotionale Reinheit zu verlangen, weshalb man bitteschön darauf aufpassen soll, mit jemandem, mit dem man noch nicht verheiratet ist, eine zu tiefe emotionale Verbindung aufzubauen, schließlich wäre es schrecklich, wenn man einen Teil seines Herzens an jemanden weggegeben hätte, den man am Ende nicht heiratet. Während das noch irgendwie lachhaft wirkt, ist es schlimm, zu lesen, wie zum Beispiel die Beratungsstelle ihrer christlichen Universität reagierte, als Samantha Field versuchte, darüber zu sprechen, dass ihr Ex-Verlobter sie vergewaltigt hatte (https://www.xojane.com/issues/samantha-field-pensacola-christian-college-rape-stalking ) – welchen Anteil sie denn an der Sünde gehabt hätte? Und außerdem sollte sie ihrem Ex vergeben, sonst würde sie „bitter“ werden und ihre Beziehung zu Gott schädigen. Ähm… ja.

Ich habe auch Interessantes über feministische Theorien im Allgemeinen oder politische Debatten in den USA um Waffengesetze, Naturschutz oder Krankenversicherung erfahren. Konservative, die Republikanische Partei wählende Christen tendieren dort ja oft dazu, alle staatlichen Vorschriften und Einschränkungen für Tyrannei zu halten, während Liberale für mehr Regulierung und Sozialstaat sind. Und hier ist die liberale Position aus unserer europäischen Sicht ja oft die einzig vernünftige – wie kann man nur dagegen sein, eine allgemeine Krankenversicherung oder bezahlten Mutterschaftsurlaub einzuführen oder zu kontrollieren, ob jemand ein Krimineller ist, bevor man dem eine Waffe verkauft? Dann gibt es zum Beispiel auch Artikel, die kreationistische Behauptungen widerlegen; auch spannend. Der Kreationismus ist ja eine dieser theologischen Ideen, die ich besonders hasse, weil sie unseren Glauben bescheuert aussehen lassen und im Grunde genommen Fideismus propagieren.

Aber dann dauert es auch wieder nicht lange, bis man sich fragt: Wie kann das sein? Eben noch redet ihr von Respekt vor allen Menschen und Mitgefühl mit den an den Rand Gedrängten und jetzt… das?

Geschenkt, dass einige als „non-religious“ deklarierte Blogs sich hauptsächlich damit beschäftigen, Dinge aus der christlichen Welt herauszusuchen, über die sie sich aufregen können, statt eine eigene Botschaft zu verkünden, und sich dabei auch nicht immer Mühe geben, zu verstehen, was dieser und jener Christ eigentlich gemeint hat. Geschenkt, dass das wohlige Gefühl, besser zu sein als diese heuchlerischen, legalistischen Fundamentalisten, sich in den Kommentarspalten gelegentlich deutlich zeigt. Geschenkt, dass manchmal so getan wird, als wären alle, die anderer Meinung sind, entweder böse oder Idioten. Das alles ist alles andere als ideal (es kann leicht in die Wurzelsünde Hochmut übergehen), aber Zorn über das Böse ist ja an sich nicht von Grund auf schlecht. Auch geschenkt, dass Mrs. Field zum Beispiel sehr kreativ in ihrer Bibelinterpretation werden kann (Orpah, die unwichtige, nicht wirklich schlechte, vor allem aber an ihre eigenen Interessen denkende Nebenfigur aus dem Buch Ruth soll eine Heldin sein? Bitte? (http://samanthapfield.com/2017/09/25/finding-new-meaning-in-familiar-characters/ )).

Seltsamer wird es zum Beispiel, wenn Leute sich nicht sicher zu sein scheinen, was sie als Feministinnen von (freiwilliger) Prostitution, (freiwilliger) Produktion von Pornographie, dem Konsum von Pornographie, Sadomasochismus oder offenen Beziehungen halten sollen. Das Prinzip der „consenting adults“ wird in der liberalen Sexualethik ständig betont; ein Lehrer, der sich an eine Fünfzehnjährige heranmacht, oder ein Mann, der seiner Freundin Druck macht, Sexpraktiken auszuprobieren, die sie nicht ausprobieren möchte – solche Leute sind klar die Bösen. Aber wenn eine Frau sich ganz frei und emanzipiert für „Sexarbeit“ entscheiden möchte, kann das dann falsch sein? Facepalm. (Genau diese Einstellung hat Deutschland durch die Legalisierung der Prostitution übrigens zum Paradies für Menschenhändler gemacht, just saying. Ich sage ja nicht, dass es nie freiwillige Prostitution gibt, aber seien wir mal realistisch.) Dass es Dinge gibt, die in sich erniedrigend sind, die man einfach nicht mit sich machen lassen sollte, diese Vorstellung erscheint gar nicht auf dem Radar. Dass „consent“ eine unabdingbare Mindestvoraussetzung, aber kein allein ausreichendes Kriterium ist: Das kommt diesen Leuten nicht in den Sinn. Ein meiner Meinung nach ziemlich ironisches Beispiel bietet Libby Anne von „Love, Joy, Feminism“ hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2013/10/ctbhhm-dont-talk-to-me-about-pain.html ), wo sie die Vorstellung einer Debi Pearl (einer Vertreterin des Christian Patriarchy Movement), dass Frauen ihren Ehemännern grundsätzlich und immer, wenn die es wollten, Sex zu liefern hätten, kritisiert – und dann sagt, dass, wenn zwei Partner unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse hätten, sie zuallererst miteinander kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen sollten, dass aber, wenn das nicht helfe „einige Optionen eine offene Ehe oder sogar Scheidung einschließen“. Aha. Heißt das jetzt, etwas auf die Spitze getrieben, dein Mann darf dich zwar nicht vergewaltigen, aber dafür betrügen oder verlassen?

Aber das schlimmste Beispiel ist natürlich eins, das nicht in den Bereich des sechsten, sondern des fünften Gebotes fällt: Abtreibung. Ich kann nicht verstehen – und habe nie verstanden, auch nicht, als ich noch nicht besonders religiös war – wie man der Meinung sein kann, eine Abtreibung könnte in Ordnung oder sogar etwas Gutes sein. [Note: Ich will mit alldem, was ich jetzt sagen werde, nicht leugnen oder ignorieren, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine Belastung, in manchen Fällen eine sehr schwere Belastung, sein kann. Auch ein geborenes Kind kann eine schwere, für manche Menschen eine sehr schwere Belastung sein – und es ist nicht recht, es zu töten. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen, die Abtreibungen hinter sich haben, manchmal sicher dachten, sie tun für alle das Beste. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen es sich für gewöhnlich nicht leicht machen, wenn sie sich für eine Abtreibung entscheiden. Das alles ist wahr. Und natürlich kann es immer Heilung und Vergebung geben. Aber das macht die Sache an sich nicht besser. Für Frauen in schwierigen Situationen gibt es andere, bessere Hilfe als Abtreibungen – zum Beispiel hier: https://www.profemina.org/ ]

Abtreibung: Man reißt einen kleinen Menschen mit Metallinstrumenten oder Saugluft auseinander oder gibt ihm eine Giftspritze ins Herz; wie kann das, egal aus welchem Grund, etwas Gutes oder auch nur ein notwendiges Übel sein, das man um des größeren Wohls – oder des Wohls größerer Menschen – willen in Kauf nehmen müsste? Wir wissen, dass es ein kleiner Mensch ist; wir wissen, dass ein Embryo nach der Befruchtung sich nur noch weiterentwickeln muss, ebenso, wie er sich nach der Geburt noch weiterentwickeln muss; wenn ein Embryo in der zehnten Woche weniger wert ist als ein Neugeborenes, muss logischerweise auch ein Neugeborenes weniger wert sein als ein Dreijähriger und ein Dreijähriger weniger als ein Achtzehnjähriger. Wir treiben manche Menschen (vor allem behinderte Menschen) inzwischen im selben Lebensstadium ab, in dem wir andere Menschen in Brutkästen am Leben erhalten. Das sind biologische Tatsachen. Noch sind natürlich wenige Abtreibungsbefürworter so konsequent, diese Tatsachen anzuerkennen, aber das werden sie wahrscheinlich noch irgendwann tun (Peter Singer zum Beispiel ist einer, der es bereits tut); wir sind mit der allmählichen Legalisierung der Euthanasie auf dem besten Weg dazu, die letzten Reste des Lebensrechts auch noch für geborene Menschen auszuhöhlen. Man kann Abtreibung natürlich auch mit dem Argument verteidigen, dass das Baby sich nicht einfach im Körper der Mutter einnisten dürfte, wenn sie das nicht wollte, weil es schließlich ihrer sei – wobei sie ja in den allermeisten Fällen nicht ganz unschuldig daran ist, dass es da gelandet ist; wer Sex hat muss immer mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft rechnen – ; damit würde man natürlich ganz elegant auch ein Argument dafür liefern, dass einer von zwei siamesischen Zwillingen den anderen umbringen darf. Wer hat das Recht, Platz in meinem Körper für sich zu beanspruchen? Wenn einer das wagt, bringe ich ihn um. Genau dieses Argument bringt beispielsweise Libby Anne hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2012/12/the-anti-abortion-movement-erasing-women-edition.html ): Die Lebensrechtsbewegung lösche in ihrer Propaganda die Frauen und deren Rechte aus und spreche nur über die Rechte von Zygoten, Embryonen, Föten. Nicht völlig falsch, würde ich sagen, denn darum geht es: die Zygoten, Embryonen, Föten sind die, die getötet werden sollen; sollte man also nicht über sie sprechen? Libby Anne ihrerseits erwähnt in ihrem Artikel kein einziges Mal die Rechte der Zygoten, Embryonen, Föten als irgendwie relevanten Faktor. (Sie erwähnt allerdings, dass die Lebensrechtsbewegung die Frauen doch nicht ganz ignoriere – aber wenn die Frauen von Lebensrechtlern als „hilflose ausgebeutete Opfer“ dargestellt würden, ist ihr das offensichtlich auch nicht recht. Es geht ja nicht an, dass eine Frau, die verzweifelt genug ist, ihr Kind töten zu lassen, (auch) ein Opfer sein könnte.)

Die meisten Argumente für ein Recht auf Abtreibung, die man heutzutage liest, versuchen natürlich, neben dem Fokus auf „körperlicher Selbstbestimmung“, auch, irgendwie eine Minderwertigkeit des ungeborenen Kindes zu konstruieren, weil es für die meisten Leute einfach nicht machbar wäre, klar zu sagen „Ja, eine Mutter darf ihr Kind töten lassen, solange es noch in ihrem Bauch ist, wenn sie das will“, wenn sie das Kind als gleichwertige Person anerkennen müssten. Es ist das klassische „Nicht alle Wesen, die biologisch Menschen sind, sind Personen„-Argument: Menschen im frühesten Lebensstadium – in dem sie übrigens nicht abgetrieben werden, da die Schwangerschaft in diesem Stadium noch nicht erkannt ist – sehen wie kleine Klümpchen aus und man kann sie zum Teil erst unter dem Mikroskop erkennen, und deshalb scheinen manche Leute geneigt zu sein, sie als „Nicht-Personen“ abzustempeln; aber ob ein Mensch ein Mensch ist, hängt nicht davon ab, ob er so aussieht, wie ich mir einen Menschen vorstelle (und auch nicht davon, ob er sich jemals so weit entwickeln wird, dass er so aussehen wird). Es gab Zeiten (frühe Neuzeit – 20. Jahrhundert), da stellten manche Leute sich vor, dass ein vollwertiger Mensch, eine menschliche Person, eine weiße Hautfarbe zu haben hatte. Wie muss eine „Person“ aussehen? Was sind denn „Personen“? Sind Neugeborene, Demente, geistig Behinderte „Personen“? Bei dem Nicht-Personen-Argument wird zwangsläufig auch oft mit Verdrehungen gearbeitet und vom Thema abgelenkt. Man nehme zum Beispiel das altbekannte Gedankenspiel: „Wenn du aus einem brennenden Gebäude eine Petrischale mit mehreren Zygoten oder ein neugeborenes Baby retten könntest, würdest du doch sicher das neugeborene Baby nehmen, oder???? Also sind Zygoten keine lebenswerten Personen.“ Ähm, hm, weiß nicht, wen ich retten würde. Bin ich als Elternteil o. Ä. für das Baby oder die Zygoten verantwortlich? Würde das Baby unter Schmerzen sterben? Wie viele Zygoten sind es? Würden die Zygoten später einer Frau eingesetzt oder wahrscheinlich sowieso für die medizinische Forschung getötet werden? Hätte ich in so einer Situation überhaupt die Ruhe, vernünftig zu durchdenken, wen ich rette? Aber, am wichtigsten: In einer Situation, in der es darum geht, die eine oder die andere(n) Person(en) vor dem Tod zu retten, gibt es nur zwei richtige Möglichkeiten; in einer Situation, in der es dagegen darum ginge, die eine oder die andere(n) Person(en) aktiv zu töten [Notwehr und Nothilfe ausgenommen] gäbe es nur zwei falsche Möglichkeiten. Wenn ich ein neugeborenes Kind und eine alte Frau mit derselben potenziell tödlichen Krankheit vor mir habe, aber nur Medizin genug für einen von ihnen, wen rette ich dann? Egal, wie ich antworte: Die Antwort impliziert nicht, dass dann logischerweise auch Infantizid oder Euthanasie an Alten gerechtfertigt wäre, weil ich entweder das Kind oder die alte Frau sterben lassen würde. So kann man eine Debatte verunklaren und vom eigentlichen Thema – gibt es ein unveräußerliches Lebensrecht für alle Menschen oder nicht? – ablenken.

Ein anderer blinder Fleck bei solchen Leuten ist beispielsweise auch der Islam. Man ist anti-rassistisch und diese Religion wird irgendwie mit Ausländern in Verbindung gebracht, die eine dunklere Hautfarbe haben und aus eher ärmeren Ländern stammen (obwohl – Saudi-Arabien?). Außerdem ist man gegen die Konservativen, die sich vor dem Islam ängstigen, und der Feind meines Feindes ist mein Freund: Also muss der Islam zumindest an sich harmlos sein, oder jedenfalls „auch nicht schlimmer“ als das Christentum. Muslime sind die Unterdrückten und wir stehen auf der Seite der Unterdrückten. Die lange Geschichte islamischer Reiche als mächtige, versklavende, kolonialisierende Imperien (genau das, was man eigentlich so ausdrücklich verabscheut), die Sklavenjagden im Sudan, die Harems, die Judenpogrome (oder der heutige islamische Antisemitismus), das alles ist wieder nicht auf dem Schirm.

Ähnliches gilt für den Kommunismus. Man leugnet Stalins Verbrechen nicht unbedingt, aber irgendwie… sympathisiert man ein bisschen mit dieser Bewegung, unterschwellig zumindest. Feind-meines-Feindes. Waren die Kommunisten nicht wenigstens auf der Seite der Armen? Ja, genauso, wie der IS auf der Seite Gottes ist.

Und so häufen sich die Ungereimtheiten und die Widersprüche und man fragt sich: Wo habt ihr eigentlich eure Weltanschauung her? Auf welchen Prinzipien beruht sie? Wie begründet ihr die?

Ich habe den Verdacht, dass liberale Christen und Atheisten / Agnostiker / säkulare Menschen nicht deshalb für ein Recht auf Abtreibung – oder für legale Prostitution, oder für eine Akzeptanz von Polyamorie – sind, weil sie sich selbst davon überzeugt haben; sondern weil sie ein Glaubenssystem (vielleicht zu Recht? Je nachdem, welcher Kirche oder Religion sie angehört haben) abgelehnt und dafür ein anderes angenommen haben – mit all seinen unerklärlichen Dogmen. Und da diese Dogmen ganz relativistisch nicht durch Traditionen oder heilige Schriften begründet, sondern durch die gegenwärtige öffentliche Meinung bestimmt sind, können sie sich leider auch jederzeit ändern und machen nicht unbedingt in sich Sinn. Die „Person“-Definition der säkularen öffentlichen Meinung zum Beispiel ist nicht durchdacht; entweder sind alle Mitglieder der biologischen Spezies Mensch Personen, oder wir haben außer Ungeborenen noch weitere Ausnahmen. Trotzdem reagiert man empört auf jeden, der das eine oder das andere behauptet.

Die liberalen Christen und Atheisten aus meinen Beispielen sind nicht böswillig; sie sind sogar idealistisch. Sie sind auch nicht dumm. Aber sie haben so offensichtliche blinde Flecke, deren Existenz ich einfach nicht begreife. Es gibt ein paar Punkte unter meinen Überzeugungen, bei denen ich es verstehen könnte, wenn ein nichtgläubiger Mensch sie nicht einfach so nachvollziehen könnte – ein absolut geltendes Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung, zum Beispiel. Aber wie kann ein normaler Mensch bei Dingen wie Pornographie, Ehebruch, Abtreibung nicht instinktiv mit Abscheu reagieren? Hier werden doch natürliche Reaktionen durch die Richtinstanz über das Dogma – die öffentliche Meinung oder die Meinung der vorrangigen Intellektuellen der eigenen Seite – abgewürgt. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Also gebt mir ruhig die zeternden Rosenkranzbeter, die von Fatima und dem Erzengel Michael reden, oder die Charismatiker mit ihren in die Luft gestreckten Händen und ihren Gitarren, oder die Tradis, die über weibliche Ministranten die Nase rümpfen. Lasst uns über die EKD meckern, so viel wir wollen! Das hat im Grunde schon seine Berechtigung. Ich nehme gerne die Unvollkommenheiten in der Umsetzung des katholischen Glaubens bei den Menschen, die wie ich katholisch sind, in Kauf, wenn ich dafür nur den katholischen Glauben habe.

Der katholische Glaube macht Sinn. Er ist ein logisches System, in dem sich alles zusammenfügt. Ich weiß, was ich denke, und ich weiß, wie es sich begründet. Ich weiß, wieso ich alle Menschen für wertvolle Personen halte – weil sie alle von Gott geliebt und mit einer unsterblichen Seele ausgestattet sind. Das ist mein Dogma, für das ich wiederum Gründe habe. Atheisten wissen letztlich nicht, wieso sie an eine Menschenwürde für alle (oder fast alle) Menschen glauben, wenn sie es tun; es handelt sich um einen Glauben, der auf Sand gebaut ist.

Häresien kurz erklärt: Der Modernismus

Die zentrale Lehre des Modernismus ist, dass der heute lebende Mensch extrem viel dümmer als seine Vorfahren sei. Diese Lehre wird für gewöhnlich hinter der jedoch nur scheinbar von Modernisten vertretenen Lehre versteckt, dass der heute lebende Mensch extrem viel klüger als seine Vorfahren sei.

Lieblingssätze des Modernisten sind z. B: „Das kann man doch heute nicht mehr vermitteln!“, oder: „Wie soll man das denn Menschen des 19./20./21. Jahrhunderts vermitteln?“ (Bei dem nicht Vermittelbaren handelt es sich für gewöhnlich um äußerst einfach zu verstehende Lehren wie etwa die Gottesbeweise des heiligen Thomas oder die Lehre von Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn.)