Moraltheologie und Kasuistik, Teil 1: Entscheidungsfindung bei Unsicherheiten – über Tutiorismus, Probabilismus und Laxismus

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Bevor ich zu den Einzelfragen komme, erst einmal zu den Prinzipien. Heute zu einer sehr grundsätzlichen Frage: Das Ergebnis, wenn man mit allgemeinen moralischen Prinzipien an einen konkreten Fall herangeht, kann sein: „Es ist klar: Du musst das und das tun / darfst das und das nicht tun.“ Oder: „Es ist klar: Du kannst frei zwischen den und den Möglichkeiten wählen.“ Aber es kann auch mal  sein: „Das ist ein Grenzfall; es ist nicht ganz klar, was deine Pflicht ist, am wahrscheinlichsten ist es so, aber andere würden vielleicht sagen, es wäre so, wahrscheinlich wäre auch noch diese dritte Möglichkeit erlaubt, diese vierte hier wohl eher nicht.“ Diese Fälle sind immer die schwierigsten. Und hier kommen die sog. Klugheitsregeln und die sog. Moralsysteme ins Spiel.

Grundsätzlich gilt in der Moraltheologie die Regel „ein zweifelhaftes Gesetz bindet nicht“ (lex dubia non obligat). Aber was heißt das jetzt für die Praxis? Wann ist ein Gesetz zweifelhaft? Sagen wir, mir geht es nicht so gut und ich bin mir nicht sicher, ob die Sonntagspflicht (das Gebot, sonntags eine Messe zu besuchen) für mich noch gilt oder ich auch zuhause bleiben kann. Wonach entscheide ich?

Im 17. und 18. Jahrhundert war das ein ziemlicher Streitpunkt unter den Theologen. Sie entwickelten dabei die folgenden sog. Moralsysteme:

Der Tutiorismus (von „tutior“, lateinisch für „sicherer“) wäre die Ansicht, man müsste immer die strengste, die sicherste, die beste aller Möglichkeiten wählen. Die Tutioristen erkannten das Prinzip lex dubia non obligat eigentlich gar nicht erst an. Du bist dir nicht völlig sicher, ob du krank genug bist, um von der Messe daheim zu bleiben? Dann geh zur Messe. Du weißt nicht hundertprozentig, ob du bei deinem Job vielleicht in Gewissenskonflikte gerätst? Dann kündige. Man muss das Gebot immer befolgen, auch wenn sehr starke Gründe gegen seine Geltung in einem bestimmten Fall sprechen. Diese Ansicht billigt die Kirche nicht. Das macht ja auch Sinn: Sie ist letztlich nicht lebbar. Bei jeder noch so kleinen Unsicherheit gäbe es keinen Spielraum mehr. Und so würden auch viele falsche Entscheidungen getroffen werden – weil manche Leute sich z. B. auch bei Krankheiten, bei denen sie wirklich im Bett bleiben sollten, nicht völlig sicher wären, ob sie es nicht doch in die Kirche schaffen könnten. Einer vernünftigen Abwägung kann man nicht entgehen, indem man immer nach der einen Seite steuert. So landet man nur im Graben. Als die Jansenisten verurteilt wurden, wurde in einem Dekret von 1690 u. a. der Satz „Es ist nicht erlaubt, einer [wahrscheinlichen] Meinung oder unter wahrscheinlichen der wahrscheinlichsten zu folgen“ verurteilt.

Dann gäbe es den Probabilismus, von „probabilis“, „wahrscheinlich“. Wenn wahrscheinliche Gründe gegen die Geltung eines Gebots in meinem Fall sprechen, ist es nicht bindend. Neben dem reinen Probabilismus gibt es noch ein paar Unterformen. Da ist der Probabiliorismus (probabilior = wahrscheinlicher), nach dem die Gründe, die gegen die Geltung sprechen, zumindest wahrscheinlicher sein müssen als die Gründe dafür. Dann der Äquiprobabilismus, nach dem die Gründe dagegen zumindest genauso groß sein müssen wie die Gründe dafür. Nach dem Kompensationssystem kann es auch einmal sein, dass gute Gründe gegen die Verpflichtung sprechen, die aber weniger gewichtig sind als die, die dafür sprechen, und dass man trotzdem nicht verpflichtet ist, weil gewichtige praktische Gründe dagegen sprechen, d. h. es sehr schwer durchführbar ist. (Extremes Beispiel: Ich bin mir nicht sicher, ob ich xyz nach dem göttlichen Gesetz tun muss, es gibt ganz gute Gründe dagegen, aber noch bessere Gründe dafür – aber wenn ich es tue, steckt mich der ungerechte Staat, in dem ich lebe, für zwanzig Jahre ins Arbeitslager. Ergo: nach dem Kompensationssystem nicht verpflichtend.) Die probabilistischen Moralsysteme werden von der Kirche gebilligt.

Der Laxismus wäre die Ansicht, man dürfte frei zwischen allen Möglichkeiten wählen, die nicht ganz und gar absolut sicher verboten sind. Für als laxistisch bezeichnete Theologen war ein Gesetz schon dann zweifelhaft, wenn nur sehr schwache Gründe gegen seine Geltung sprachen – mit anderen Worten, für sie hätte man auch mit einem leichten Schnupfen von der Kirche daheim bleiben können. Wie die etwas abfällige Bezeichnung schon nahelegt, ist das eine Ansicht, die die Kirche nicht so ganz billigt; verschiedene laxistische Sätze wurden von Rom als „zumindest ärgerniserregend und in der Praxis verderblich“ verurteilt.

Bei Skrupulanten (also Leuten mit einer religiösen Zwangsstörung) im Speziellen ist es allerdings etwas komplizierter: Weil die dazu neigen, alles stundenlang hin und her zu wälzen und immer auf Nummer sicher gehen wollen und Angst haben, sich bei einem zweifelhaften Gebot nicht als gebunden zu betrachten, auch wenn die Gründe dafür eigentlich wahrscheinlich wären, weil man sich bei der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit ja irren könnte, was ja vielleicht davon kommen könnte, dass man unterbewusst Gott nicht gehorchen will, usw. usf., dürfen die sich in der Praxis nach einem eher laxistischen Prinzip verhalten. Wenn man dazu neigt, immer in die eine Richtung zu steuern, muss man jetzt erst einmal mehr in die andere Richtung steuern, um das zu korrigieren. Weil Skrupulanten die Geltung eines Gebots in ihrem Einzelfall oft erst dann anzweifeln, wenn es wirklich wahrscheinliche Gründe dagegen gibt, und weil es für sie sowieso erst einmal wichtig ist, ihre ungesunde Angst abzulegen, sollen sie sich erst dann gebunden sehen, wenn sie sich wirklich sicher sind.

Soweit zu den Prinzipien. Und nicht vergessen: Wenn man sich in der Beurteilung eines konkreten Falls mal geirrt hat, dann ist das nicht so schlimm. Gott rechnet einem nichts an, was man im guten Glauben, es wäre erlaubt, getan hat. In diesem Sinne stimmt es, dass Gott kein Erbsenzähler ist – Er sieht mehr auf die Absicht als auf die Tat.

 

Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 2: Wieso Skrupulosität nicht gut ist

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/

 

Im gegenwärtigen Katholizismus gibt es eine gewisse Tendenz, zu betonen, dass Gott nicht einfach nur „nett“ ist, nicht bloß ein harmloser Opa in den Wolken, dass das Christentum mehr ist als „moralistic therapeutic deism“. Diese Aussagen sind nicht falsch. Aber Skrupulanten verzerren sie dahingehend, dass die Vorstellungen von Gottes bedingungsloser Liebe und einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus beiseite gedrängt werden. Man macht es sich nicht so einfach wie die liberalen Wohlfühl-Katholiken mit ihren Gitarren und ihrer „Gradualität“. Man übergeht die harten, anspruchsvollen Aussagen seiner Religion nicht einfach, sagt man sich. Man will es sich auf keinen Fall zu leicht machen.

Aber auf diese Weise gerät man in Gefahr, das Eigentlich des Christentums zu verlieren. Man sieht Gottes Ansprüche, aber nicht die gewichtigere Tatsache der Erlösung, die zuerst kommen muss.

Man muss hier die Gefahr beachten, etwas für „traditionellen Katholizismus“ zu halten, das in Wahrheit nicht der Tradition entspricht. Derartige Rigidität entspricht ihr in keiner Weise. Im 17. und 18. Jahrhundert, als verschiedene „Moralsysteme“ debattiert wurden, wurden vonseiten des Lehramts sowohl gewisse Ansichten der „Laxisten“ als auch der rigoristischen Jansenisten abgelehnt. Beispielsweise wurde der jansenistische Satz „Es ist nicht erlaubt, einer [wahrscheinlichen] Meinung oder unter wahrscheinlichen der wahrscheinlichsten zu folgen“ im Jahr 1690 vom Heiligen Offizium verurteilt. (Das heißt: Es ist erlaubt, einer wahrscheinlichen Meinung zu einem moralischen Gebot zu folgen, auch wenn das nicht die strengstmögliche Meinung ist.)

Man sehe sich alte Kirchenlieder an: „Dich will ich lieben, o mein Leben, als meinen allerbesten Freund…“ , „mein König und mein Bräutigam, du hältst mein Herz gefangen…“, „Von Gott kommt mir ein Freudenschein / wenn du mich mit den Augen dein / gar freundlich tust anblicken. / Herr Jesus, du mein trautes Gut, / dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut / mich innerlich erquicken…“, und so weiter und so fort. – „Jesus liebt dich“ ist eben nicht die einfache Teddybären-Theologie von 80er-Charismatikern, sondern die christliche Lehre zweier Jahrtausende. (Auch wenn man sich über den Stil streiten kann, in dem sie verkündigt werden sollte.)

Alle Theologen vergangener Jahrhunderte betrachteten ein skrupulöses Gewissen als eine Krankheit, ein Hindernis, eine Versuchung. Skrupulosität ist ein Problem, das auch einige Heilige erlebt und zu dem sie Ratschläge erteilt haben; Ignatius von Loyola (1491-1556) und Alfons von Liguori (1696-1787) sind die bekanntesten Beispiele. Ignatius erlebte eine Phase schlimmer Skrupel, die schließlich sogar zu Selbstmordgedanken führten, die er aber dann besiegte. Während dieser Zeit erschien es ihm sogar als eine Sünde, auf zwei Strohhalme zu treten, die zufällig in der Form eines Kreuzes auf der Erde lagen. Später schrieb er in seinen Anleitungen zur Unterscheidung der Geister:

Nachdem ich auf jenes Kreuz getreten bin und unterdessen irgend etwas anderes gedacht oder gesagt oder getan habe, kommt mir von außen her der Gedanke, ich hätte gesündigt. Anderseits scheint es mir, ich hätte nicht gesündigt, und doch fühle ich mich dabei verwirrt, sofern ich nämlich zweifle und zugleich auch nicht zweifle. Dies nun ist ein eigentlicher Skrupel und eine Versuchung, die der Feind setzt. […]

 Der Feind achtet sehr darauf, ob eine Seele grob oder fein ist. Und ist sie fein, so besorgt er, sie je mehr ins Äußerste zu verfeinern, um sie je mehr zu verwirren und zugrunde zu richten. Wenn er zum Beispiel sieht, dass eine Seele keine tödlichen oder lässlichen Sünden in sich einlässt, noch irgend einen Schein überlegter Sünde, dann besorgt der Feind, wenn er nicht zuwege bringt, sie in etwas fallen zu lassen, was Sünde scheint, sie [wenigstens] eine Sünde sich einbilden zu lassen, dort, wo keine ist; wie etwa bei einen Wort oder einem geringsten Gedanken. Ist die Seele grob, so besorgt der Feind, sie je mehr zu vergröbern […].

 Die Seele, die im geistlichen Leben voranzukommen wünscht, muss immerdar in der dem Feind entgegen gesetzten Weise verfahren. Das heißt: versucht der Feind die Seele zu vergröbern, so besorge die Seele, sich zu verfeinern. Sucht der Feind sie entsprechend bis ins Äußerste zu verfeinern, so besorge sie, sich in der Mitte zu festigen, um in allem ruhig zu werden. […]

 Wenn eine solche Seele den guten Willen hat, etwas zu reden oder zu tun, was im Bereich der Kirche, im Bereich der Meinung unserer Obern liegt und zur Ehre Gottes Unseres Herrn gereicht, und es kommt ein Gedanke oder eine Versuchung von außen, jene Sache nicht zu sagen oder zu tun, Scheingründe vorstellend wie eiteln Ruhm oder irgend etwas anderes usf., dann soll sie ihren Verstand zu Gott ihrem Schöpfer und Herrn erheben, und wenn sie sieht, dass es Sein schuldiger Dienst ist oder wenigstens nicht dagegen verstößt, dann soll sie geradenwegs jener Versuchung entgegenhandeln, und ihr wie Bernhard antworten: ‚Weder fing ich deinetwegen an, noch höre ich deinetwegen auf.’“

Der Kirchenlehrer, Ordensgründer und Bischof Alfons von Liguori hatte sogar sein ganzes Leben lang mit schlimmen Skrupeln zu kämpfen. Aber auch er bemühte sich, sie zu besiegen. Er wandte sich in seinen Schriften gegen den moralischen Rigorismus der Jansenisten und predigte Gottesliebe und hoffnungsvolles Gebet. Niemand in der ganzen Kirchengeschichte – ich wiederhole, niemand – hat diesen Zustand jemals für wünschenswert gehalten.

Skrupulosität gibt es nicht nur unter traditionellen Katholiken, sondern unter Menschen aller Weltanschauungen (dazu in den folgenden Beiträgen mehr), und den meisten Lesern ist sie sicher fremd. Es geht mir hier nur darum, spezielle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, die gerade lehramtstreue, zu Skrupeln neigende Katholiken in dieser Frage vielleicht haben.