Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12d: Das 6. & 9. Gebot – Fragen zur Ehe

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Anmerkung: Das hier sind wahrscheinlich die Teile aus dieser Reihe, bei denen am meisten kritische Kommentare von wegen komisch und kleinkariert kommen könnten. Aber das hier ist eben Kasuistik, und die ist dazu da, peinliche Einzelfragen zu beantworten, die die Leute nicht gerne groß diskutieren. Ich werde mich bemühen, es so trocken und klar wie möglich zu halten. Dumme Kommentare und Kommentare, die sich über andere lustig machen, werden gelöscht. Wenn Fragen länger diskutiert werden, liegt das eher daran, dass sie besonders umstritten sind, und nicht zwangsläufig daran, dass sie besonders wichtig sind.

In diesem Teil soll es um Einzelfragen zur Ehe gehen, sowohl um sexuelle Fragen als auch um andere. Manches, was hier diskutiert wird, ist vermutlich in der Ehe im Alltag nicht sehr oft relevant, aber es kann eben doch mal relevant werden. Am wichtigsten ist es natürlich, die konkrete Ehe gut und liebend zu leben.

Erst einmal ist die Frage: Was macht eine Ehe, wie kommt sie zustande? Die Antwort ist einfach: Durch den Ehekonsens, d. h. den übereinstimmenden Willen von Mann und Frau, eine Ehe zu schließen.

Zwangsehen und Scheinehen sind aus sich heraus ungültig. Nicht per se ungültig sind Vernunftehen, arrangierte Ehen oder Ehen aus nicht idealen Motiven, wie Geldgier oder Torschlusspanik. Wenn jemand sich von seinen Eltern einen Ehepartner vermitteln lässt und dieser Ehe zustimmt, ist die Ehe gültig; genauso ist es gültig, wenn eine Frau einen Mann nur deswegen heiratet, weil sie fürchtet, sonst keinen mehr zu finden. Freilich sind Liebesehen das Ideal.

Hier stellt sich die (wenn auch eher theoretische) Frage: Welche Motive für eine Ehe oder Herangehensweisen an eine Ehe könnten Sünde sein? Zunächst einmal wäre es eine Sünde gegen die Klugheit, z. B. jemanden zu heiraten, den man kaum kennt, oder von dem man weiß, dass er schwerwiegende Charakterfehler hat, oder von dem man sich körperlich abgestoßen fühlt, oder mit dem man es nicht länger in einem Raum aushält. In der Ehe hat man, egal, wie sie zustande gekommen ist, die Pflicht, dem anderen Liebe zu zeigen und mit ihm sein Leben zu teilen, und das würde man sich extrem erschweren, wenn man z. B. einen unsympathischen Millionär nur wegen seiner Millionen heiraten würde. Außerdem wäre es falsch, jemanden aus einem Motiv zu heiraten, das sich auf etwas Falsches richtet, z. B. wenn die Frau den Millionär auch u. a. deswegen heiratet, damit für seinen Sohn aus erster Ehe, den sie hasst, weniger vom Erbe übrig bleibt. Jemanden nur aus oberflächlichen Gründen zu heiraten, z. B. weil er attraktiv ist, wäre nicht an sich falsch (weil Attraktivität nichts Falsches ist), aber normalerweise auch wieder eine Sünde gegen die Klugheit, weil man dabei z. B. jemanden heiraten könnte, bei dem man bald feststellt, dass man nicht richtig zusammenpasst, und jemanden übersehen könnte, mit dem man gut zusammengepasst hätte. Vernunftehen, die es v. a. früher gab, wenn z. B. ein Witwer eine Witwe heiratete, damit sie einander mit ihren Kindern aus erster Ehe helfen konnten, sind nicht falsch, könnten manchmal auch wieder unklug sein, müssen es aber nicht sein. Auch der hl. Thomas More z. B. ging eine solche Vernunftehe ein.

Besser sind natürlich Ehen, die geschlossen werden, weil man einfach richtig zusammenpasst, am liebsten seine ganze Zeit miteinander verbringt, usw. Aber eine Beziehung muss nicht absolut ideal romantisch sein, manchmal muss man sich auch damit zufriedengeben, dass der andere auch seine Fehler hat, und die Verpflichtungen aus der Ehe gelten auch dann weiter, wenn man sich vielleicht irgendwann auseinandergelebt hat. Mit der Eheschließung gründet man eine neue Familie, und bindet sich aneinander. Man kann den anderen dann so wenig wieder zum Nicht-Ehepartner machen, wie man sein Kind zum Nicht-Verwandten machen kann. Man gehört dann einfach zusammen, und es stellt sich gar nicht mehr die Frage, ob man vielleicht so ideal zueinander passt oder auch jemand Besseren hätte finden können.

Wenn man ältere Bücher von Priestern zu diesem Thema liest, wird auch immer davor gewarnt, vorschnell und unüberlegt zu heiraten. Man sollte jemanden natürlich nicht fünf Jahre lang hinhalten; aber eine Verlobung nach zwei Monaten wäre normalerweise auch nicht sinnvoll. Papst Pius XI. schreibt in Casti Connubii über die Partnerwahl (Hervorhebung von mir):

„Zu der näheren Vorbereitung auf eine gute Ehe gehört sodann die Sorgfalt in der Wahl des Gatten; denn von ihr hängt es zum guten Teil ab, ob die künftige Ehe glücklich sein wird oder nicht, und zwar deshalb, weil der eine Gatte dem andern eine starke Hilfe, aber auch eine schwere Gefahr und ein Hindernis für die christliche Lebensführung in der Ehe sein kann. Wollen darum die Brautleute nicht ihr ganzes Leben unter den Folgen einer unüberlegten Wahl leiden, so mögen sie zuerst reiflich überlegen, bevor sie sich für jemanden entscheiden, mit dem sie nachher auf Lebenszeit zusammen sein müssen. Bei dieser Überlegung mögen sie vor allem auf Gott schauen und der wahren Religion Jesu Christi Rechnung tragen, sodann an sich selbst denken, an ihren Ehegatten, an die zukünftige Nachkommenschaft, sowie an die bürgerliche und menschliche Gesellschaft, deren Quelle die Ehe ist. Inbrünstig sollen sie zu Gott um Hilfe beten, daß sie ihre Wahl nach christlicher Klugheit treffen und sich nicht von dem blinden Drängen der Leidenschaft leiten lassen. Ihre Wahl soll auch nicht ausschließlich von der Sucht nach materiellem Gewinn oder anderen weniger edlen Beweggründen bestimmt werden, sondern von wahrer, echter Liebe und aufrichtiger Zuneigung zum künftigen Gatten. Sie mögen jene Ziele und Zwecke in der Ehe suchen, um derentwillen sie von Gott eingesetzt worden ist. Sie sollen es endlich nicht unterlassen, bei der Wahl des Lebensgefährten den Rat der Eltern einzuholen; sie sollen diesen Rat nicht gering anschlagen, um durch der Eltern reifes Urteil und Lebenserfahrung vor verhängnisvollem Fehlgriff bewahrt zu bleiben und sich beim Eintritt in die Ehe den Gottessegen des vierten Gebots zu sichern: ‚Ehre Vater und Mutter,‘ – was das erste Gebot mit einer Verheißung ist – ‚damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.'“

Ehen gegen den Willen der Eltern sind natürlich erlaubt; aber es ist eine Sache der Klugheit und Angemessenheit, sie um ihren Rat zu fragen, wenn man weiß, dass ihr Urteil generell vertrauenswürdig ist. „Vor der Heirat sollen die Kinder den Rat der Eltern einholen. Wenn sie aber selbst auf einen vernünftigen Rat nicht hören, begehen sie gewöhnlich nur eine läßliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 199, S. 162)

Hier noch kurz eine kurze Anmerkung: Katholiken fragen sich manchmal: Beruft Gott mich vielleicht zur Ehe mit genau dem-und-dem? Hier ist es wie bei anderen Berufungen: Gott kann einem auch einfach Freiheiten lassen, sich zwischen verschiedenen guten Möglichkeiten zu entscheiden; man ist nicht verpflichtet, jemanden zu heiraten, weil man meint, schicksalhafte Hinweise zu erkennen. Gott hat einem den Verstand gegeben und einem nicht das Rätselraten überlassen. Und die beste Entscheidung ist hier, jemanden zu heiraten, mit dem man das Zusammensein wirklich genießt und dem man blind vertrauen kann; man muss es ja auch voraussichtlich noch einige Jahrzehnte mit ihm aushalten.

Eine andere Frage: Wie sieht es damit aus, eine Beziehung mit einem Nichtkatholiken einzugehen? Papst Pius XI. schreibt in Casti Connubii:

„Schwer und oft nicht ohne Gefahr für ihr ewiges Heil fehlen hierin jene, die leichtsinnig eine Mischehe eingehen, von der die mütterliche Liebe und Vorsicht der Kirche ihre Kinder aus den gewichtigsten Gründen abhält. Das zeigt sich an der großen Zahl von Äußerungen, die in dem Kanon des kirchlichen Rechtsbuches zusammengefaßt sind, der bestimmt: ‚Aufs strengste verbietet die Kirche die Eingehung einer Ehe zwischen zwei Getauften, von denen der eine katholisch, der andere irrgläubig oder schismatisch ist. Falls bei einer solchen Ehe die Gefahr des Abfalls für den katholischen Eheteil und die Nachkommenschaft besteht, ist sie auch durch göttliches Gesetz verboten.‘ Wenn auch die Kirche zuweilen mit Rücksicht auf die Zeiten, Verhältnisse und Personen eine Dispens von diesen strengen Vorschriften nicht verweigert (unbeschadet jedoch des göttlichen Rechts, und unter möglichstem Ausschluß einer Gefahr des Abfalls durch Aufstellen geeigneter Sicherungen), so läßt sich doch nur schwer ein ernster Schaden des katholischen Teiles aus solcher Ehe vermeiden.

Nicht selten kommt es bei Mischehen dazu, daß sich die Kinder in beklagenswerter Weise von der Religion abwenden oder wenigstens, und zwar überraschend schnell, dem sogenannten religiösen Indifferentismus verfallen, der der Religionslosigkeit und völligen Gottentfremdung sehr nahesteht. Außerdem gestaltet sich in den Mischehen jene lebendige Harmonie der Seelen viel schwieriger, die das erwähnte große Geheimnis, die geheimnisvolle Verbindung der Kirche mit Christus nachahmt.

Nur zu leicht wird auch die Einheit und Einigkeit der Herzen versagen, die, wie sie Kennzeichen und Merkmal der Kirche Christi sind, so auch Kennzeichen, Zierde und Schmuck der christlichen Ehe sein sollen. Denn das Band, das die Herzen aneinander fügt, löst sich ganz oder lockert sich wenigstens, wenn in dem Letzten und Höchsten, was dem Menschen heilig ist, nämlich in den religiösen Wahrheiten und Anschauungen, sich Ungleichheit der Ansichten und Verschiedenheit der Bestrebungen geltend machen. Daraus entsteht die Gefahr, daß die Liebe zwischen den Gatten erkaltet, der häusliche Friede und das Familienglück erschüttert werden, die ja in erster Linie aus der Herzenseinheit hervorwachsen. Denn wie schon vor vielen Jahrhunderten das alte römische Recht gesagt hat, ‚ist die Ehe die Vereinigung von Mann und Frau, völlige Lebensgemeinschaft und Gemeinschaft göttlichen wie menschlichen Rechts.'“

Eine Mischehe ist nicht zwangsläufig eine Sünde; es kann sein, dass man in einer Gegend lebt, wo kaum andere Katholiken leben, und jemanden kennenlernt, der den katholischen Glauben respektiert (inklusive Vorschriften zu Themen wie Verhütung und Scheidung) und ohne weiteres zustimmt, die Kinder katholisch zu erziehen. Aber das wäre doch eher selten der Fall. Die Gefahren sind nun mal da:

  • Wenn der andere nicht religiös ist, kann man in Gefahr kommen, die Religion selber weniger ernst zu nehmen; man lässt sich nun mal stark beeinflussen von Leuten, die man liebt
  • Wenn die Kinder sehen, dass die Eltern in so etwas Wichtigem nicht einig sind, werden sie ganz automatisch eher denken, dass das doch nicht so wichtig ist; und auch der andere Ehepartner ist ganz automatisch ihr Vorbild, auch wenn er sich nicht bemüht, sie in seiner Religion zu erziehen
  • Wenn man vor irgendwelche neuen Entscheidungen gestellt wird, wird man sich nach den Prinzipien des Glaubens richten wollen, die der Ehepartner aber vielleicht nicht versteht und nicht anerkennt
  • Wenn der andere zu einer anderen Kirche gehört und Gott ihm wichtig ist, wird er natürlich auch wollen, dass die Kinder zu seiner Kirche gehören; aber wenn er zu keiner Kirche gehört und die Religion nicht ernst nimmt, ist das u. U. noch schlimmer

Es kann natürlich sein, dass man jemanden Tollen kennenlernt, der bisher nicht viel mit der Kirche zu tun hatte, aber offen dafür ist und sich vom Katholizismus überzeugen lässt. Wenn er aber nicht bis zur Verlobung wirklich bekehrt ist (und das möglichst schon eine gewisse Zeit lang, und ein bisschen gefestigt ist, also nicht bloß aus Gefälligkeit erst mal mit in die Kirche geht), sollte man auch nicht damit rechnen, dass er sich später noch ändert.

Also: Von einer solchen Ehe ist sehr abzuraten; und wenn man in die Gefahr kommt, sich gegen den Glauben beeinflussen zu lassen (z. B. auch, weil man weiß, dass der andere versuchen wird, einen vom Besuch der Messe abzuhalten o. Ä.), oder wenn der andere nicht zustimmt, die Kinder katholisch zu erziehen, ist sie sicher eine Sünde; wenn beide Gefahren nicht da sind, dürfte sie moralisch erlaubt sein, ist aber trotzdem nicht ideal – man lädt sich selbst einfach unnötige Schwierigkeiten auf, die man sich auch ersparen könnte. Dazu kommt, dass man, wenn man verliebt ist, sich leichter einredet, dass die Gefahren nicht da sind, obwohl sie es vielleicht sind. Das gilt auch, obwohl die Kirche mittlerweile laxer mit ihren Vorschriften geworden ist. (Früher mussten beide versprechen, die Kinder katholisch zu erziehen, heute muss der katholische Partner nur versprechen, „nach Kräften alles zu tun, daß alle seine Kinder in der katholischen Kirche getauft und erzogen werden“ und der nichtkatholische Partner ist von diesem Versprechen zu unterrichten (Can 1125 im CIC). Das ist natürlich eine sehr unpraktische Neuerung; denn so kann sich der katholische Partner nicht mehr darauf berufen, dass der nichtkatholische Partner der katholischen Erziehung der Kinder ausdrücklich zugestimmt hat, der nichtkatholische Partner muss sich nicht wirklich verpflichtet fühlen. Freilich könnte man dem Partner noch persönlich dieses Versprechen abnehmen.) Die einfachste Lösung ist es, sich gar nicht erst auf Dates mit Nichtkatholiken einzulassen; wenn man sich nicht so gut kennenlernt und gar nicht erst offen für etwas Zukünftiges ist, ist man auch weniger in Gefahr, sich zu verlieben. Soweit hierzu.

Der Ehekonsens muss sich natürlich darauf beziehen, eine Ehe zu schließen. Wenn jemand vorhat, eine Bindung einzugehen, die er wieder aufkündigen kann, sobald es ihm passt, und aus der auf keinen Fall Kinder entstehen dürfen sollen, und trotzdem den Vermählungsspruch aufsagt, schließt er keine Ehe. Gewisse Wesenseigenschaften der Ehe dürfen bei der Eheschließung zumindest nicht bewusst ausgeschlossen werden. (Wenn allerdings ein Protestant oder Moslem z. B. allgemein im Glauben ist, Ehen könnten aufgelöst werden, aber er selber bei seiner Eheschließung nicht ausdrücklich beabsichtigt, nur eine auflösbare Verbindung einzugehen, sondern einfach eine Ehe eingehen will, ist die Ehe gültig. Auch wenn jemand eigentlich die vage Absicht hat, für immer zusammen zu bleiben, es sich aber irgendwann später doch anders überlegt und sich scheiden lässt, war die Ehe gültig.) Diese Wesenseigenschaften sind: Einheit (im Unterschied zur Polygamie), Unauflöslichkeit (im Unterschied zu Scheidung und Wiederheirat), Offenheit für Kinder.

Damit jemand eine Ehe schließen kann, muss er zumindest eine gewisse Vorstellung, eine gewisse Kenntnis davon haben, was das ist.

„§ 1. Damit der Ehekonsens geleistet werden kann, ist erforderlich, daß die Eheschließenden zumindest nicht in Unkenntnis darüber sind, daß die Ehe eine zwischen einem Mann und einer Frau auf Dauer angelegte Gemeinschaft ist, darauf hingeordnet, durch geschlechtliches Zusammenwirken Nachkommenschaft zu zeugen.

§ 2. Diese Unkenntnis wird nach der Pubertät nicht vermutet.“ (Can. 1096 im CIC)

Man muss sich nicht besonders gut mit philosophischen oder rechtlichen Fragen zur Ehe auskennen, um eine Ehe eingehen zu können, aber muss eine grobe Vorstellung haben. Das gilt ja für alle Verträge; ein achtjähriges Kind, das sich von seinem Taschengeld eine Puppe kauft, kann einen gültigen Kaufvertrag schließen, auch ohne jemals ins BGB gesehen zu haben oder zu wissen, was beschränkte Geschäftsfähigkeit oder der Taschengeldparagraph ist; es muss nur eine ungefähr Ahnung haben, dass Kaufen Ware gegen Geld bedeutet. Wenn es meinen würde, in einem Geschäft könnte man alles mitnehmen, wenn man es nur zur Kasse bringt, hätte es dagegen nicht den Willen, einen Kaufvertrag einzugehen, wenn es die Puppe zur Kasse bringt.

Es gibt ein paar speziellere Gründe, die von der Kirche festgelegt sind und eine Ehe zwischen Katholiken ungültig machen können und von denen es teilweise Ausnahmegenehmigungen geben kann (Mindestalter, zu nahe Verwandtschaft, Religionsverschiedenheit usw.), aber dazu evtl. eigens noch. Katholiken sind verpflichtet, in der Kirche zu heiraten, sonst sind ihre Ehen ungültig; aber wenn Nichtkatholiken standesamtlich oder in einer sonstigen Zeremonie heiraten, heiraten sie gültig. Von Natur aus ungültig ist eine Ehe bei dauerhafter Impotenz, die der Eheschließung vorausgeht (nicht bei bloßer Unfruchtbarkeit, auch nicht bei nach der Eheschließung eintretender oder heilbarer Impotenz), wenn jemand sich in der Person irrt (z. B. auf einmal der böse Zwilling am Altar steht), wenn jemand keinen hinreichenden Vernunftgebrauch hat (z. B. psychisch schwer gestört ist, oder bei der Eheschließung betrunken ist), wenn jemand schon verheiratet ist, oder bei besonders naher Verwandtschaft (z. B. direkte Vorfahren/Nachkommen).

(Eine Frage würde sich hier noch stellen: Können Intersexuelle gültig heiraten? Grundsätzlich ja, wenn sie entsprechend ihrem Geschlecht – denn auch Intersexuelle haben Körper, die entweder darauf angelegt sind, Spermien, oder darauf angelegt sind, Eizellen zu produzieren, sprich, sie haben ein bestimmtes Geschlecht – die Ehe vollziehen können. Frauen mit Turnersyndrom oder Männer mit Klinefelter-Syndrom zum Beispiel könnten wohl im Normalfall heiraten. Aber für sehr spezielle Krankheitsbilder (z. B. Swyer-Syndrom, wo sich bei einem genetisch männlichen Embryo keine männlichen Organe bilden und der Körper dann eher weiblich gebildet wird) müsste man Experten fragen.)

Wenn jemand vermutet, dass seine Ehe ungültig ist, lässt sie sich gültig machen; man muss sich einfach bei der Kirche für eine Gültigmachung (eigentlich einfach eine neue Heirat unter jetzt den richtigen Voraussetzungen) melden. Das geht natürlich nur, wenn beide Partner das wollen und jetzt keine Wesenseigenschaft der Ehe mehr ausschließen und keine sonstigen Ungültigkeitsgründe mehr bestehen (oder die Kirche dafür Dispens – eine Ausnahmegenehmigung – erteilt; Dispens kann nur erteilt werden bei Gründen, die von der Kirche festgelegt sind, nicht bei Gründen, die die Ehe von Natur aus ungültig machen; z. B. kann die Kirche erlauben, dass einer seine Cousine heiratet, auch wenn das eigentlich nach dem Kirchenrecht verboten ist, aber nicht, dass einer seine Mutter heiratet). Wenn man diese möglicherweise ungültige Ehe jetzt nicht mehr will, kann man bei einem Kirchengericht die Gültigkeit überprüfen lassen, sodass sie ggf. annulliert wird. Im Zweifelsfall ist sie allerdings gültig; die Ungültigkeit muss bewiesen sein. Und wenn jemand sagt „wir haben zum Zeitpunkt der Hochzeit Kinder komplett ausgeschlossen“ und aus der Ehe sind mittlerweile vier Kinder entstanden, das erste zehn Monate nach der Hochzeit geboren, wird das Kirchengericht wohl kaum darauf eingehen.

Eine offizielle Bestätigung der Nichtigkeit ist nötig, damit man erlaubt jemand anderen heiraten darf. Wenn man sicher weiß, dass die Ehe nichtig ist, kann man theoretisch gültig eine neue Ehe schließen, auch bevor ein Kirchengericht das festgestellt hat, aber es ist eben unerlaubt. In manchen Fällen ist die Nichtigkeit offensichtlich (z. B. wenn es eine reine Scheinehe war, oder wenn ein Katholik nur standesamtlich geheiratet hat (die standesamtlichen Ehen von Nichtkatholiken sind aber gültig; aber Katholiken unterliegen der Formpflicht, die die Kirche festgelegt hat)); in vielen anderen Fällen aber nicht so offensichtlich (z. B. wenn einer psychische Probleme zum Zeitpunkt der Heirat hatte; psychische Probleme machen einen nicht automatisch komplett unfähig, einen Vertrag einzugehen, es kommt auf den Fall an). Aber in jedem Fall muss die Nichtigkeit zuerst bestätigt werden.

Auch die Ehen von Nichtchristen sind gültige Ehen. Wenn zwei Getaufte (auch zwei Evangelische) heiraten, ist das ein Sakrament; wenn zumindest ein Partner ungetauft ist, ist es eine bloße Naturehe. Naturehen sind auch gültig, aber nicht so völlig unauflöslich wie sakramentale Ehen. Dasselbe gilt für Ehen, die gültig geschlossen, aber nicht vollzogen worden sind; aus einem wichtigen Grund können sie aufgelöst werden. Die gültige, sakramentale und vollzogene Ehe wird aber nur durch den Tod aufgelöst. Dass die Ehe ein Sakrament ist, bedeutet, dass sie auch ein Gnadenmittel ist, eine zusätzliche Weise, durch die Christus den Eheleuten beisteht.

Die Ehe ist außerdem ein Band, das für gegenseitige Rechte und Pflichten zwischen den Eheleuten sorgt; daher jetzt zu Pflichten, Rechten und möglichen Sünden in der Ehe:

Der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

III. Die gegenseitigen Pflichten der Ehegatten

1. Gemeinsame Pflichten. Die Ehegatten müssen einander lieben, einander helfen, einander die eheliche Pflicht leisten, die eheliche Treue halten und miteinander zusammenleben.

Gegen den Willen des Ehegatten sich lange Zeit von ihm trennen, ist schwere Sünde, außer es liegt ein wichtiger Entschuldigungsgrund vor. Näheres vgl. Nr. 747. Über die Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft vgl. Nr. 764.

2. Die Pflichten des Mannes sind hauptsächlich: Leitung des Hauswesens und der Familie, Sorge für Nahrung, Kleidung und Wohnung.

Der Mann sündigt, wenn er nicht dafür sorgt, daß die Frau standesgemäß leben kann, oder wenn er ihr Arbeiten aufbürdet, die Frauen in ihrer Stellung nicht verrichten.

3. Die Pflichten der Gattin ergeben sich hauptsächlich aus ihrer Stellung als Gefährtin des Mannes: sie hat in Unterordnung unter den Mann das Hauswesen zu besorgen.

Sie sündigt, wenn sie ihre häuslichen Arbeiten nicht besorgt oder ohne den Willen des Mannes von den Familiengütern größere Ausgaben macht, als dies bei anderen Frauen in derselben Lage Gewohnheit ist. Vgl. auch Nr. 253. – Sie kann aber unabhängig vom Mann das Haus leiten, wenn der Mann sich darum nicht kümmert oder dazu unfähig ist.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 201, S. 163f.)

Gehen wir das alles mal nacheinander durch:

Zusammen zu bleiben, zusammen zu wohnen ist also an sich Pflicht für die Eheleute.

Gegenüber Geschieden-Wiederverheirateten wird von katholischer Seite öfter gesagt, dass das Problem ja nicht die Scheidung, sondern die Wiederheirat sei. Das ist halb richtig. Tatsache ist, dass es Gründe geben kann, aus denen eine Trennung und möglicherweise eine zivilrechtliche Scheidung gerechtfertigt ist. Diese Gründe können sein:

  • Der andere Partner hat einen betrogen.
  • Der andere Partner macht das Leben für einen und/oder die Kinder unerträglich, z. B. durch körperliche Misshandlungen, ständige Kontrolle, Manipulation, Bedrohung, oder sorgt für größeren Schaden für einen oder die Kinder, z. B. indem er die Kinder zu einer kriminellen Karriere anleitet. (Nicht nur Schläge, sondern auch Psychofolter und Ähnliches sind Grund genug. Wenn man sich nicht sicher ist, ob es „schlimm genug“ ist, am besten Leute von außerhalb zu Rate ziehen. Manchmal ist man manipuliert genug, dass man sich nicht mehr sicher ist, ob es wirklich so verkehrt läuft oder man sich alles nur einbildet. Umgekehrt können andere einem aber vielleicht auch sagen, wenn man ein Problem über alle Maßen aufbauscht. Mit kleineren Fehlern des Partners – z. B. die Frau gibt zu viel Geld aus, der Mann ist griesgrämig – muss man leben.)

Natürlich kann auch jemand, der vom anderen Partner einfach verlassen wird, nichts dafür; bei diesen Gründen ging es gerade darum, was es rechtfertigt, selber der zu sein, der sich trennt.

Gründe wie „wir haben uns auseinandergelebt“, „wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven“ oder „unsere Ehe ist zur Gewohnheit erstarrt“ sind keine ausreichenden Gründe, den Partner zu verlassen. Ein Ehepaar ist eine Familie; und so wie man sein minderjähriges Kind nur in einem wirklichen Notfall in eine Pflegefamilie oder Einrichtung geben würde, wäre auch hier eine Trennung nur in einem Notfall in Ordnung. Idealerweise wäre sie auch zeitlich begrenzt. Freilich: In vielen Fällen wird man bei einem, der z. B. fremdgeht, erwarten können, dass er es immer wieder tun wird, und man kann vom unschuldigen Partner nicht erwarten, dass er alle Beteuerungen für bare Münze nimmt. Prinzipiell wäre hier aber eine Versöhnung, eine wirkliche Änderung vorausgesetzt, gut.

Laut Jone hat man bei Ehebruch des anderen Partners grundsätzlich das Recht, auf unbegrenzte Zeit getrennt zu bleiben, und bei den anderen Gründen kommt es darauf an, ob der Grund weiter besteht (was man aber z. B. bei einem gewalttätigen Partner i. d. R. erwarten kann.)

Eine Trennung ist also unter diesen Umständen möglich. Scheidung ist eigentlich etwas, das nicht existiert – man kann eine gültige, vollzogene, sakramentale Ehe nicht wieder auflösen. Wenn man das mit einer Scheidung bezwecken würde, wäre sie falsch. Wenn man sie aber nur als zivilrechtliche Formalität behandeln würde, und sie aus irgendwelchen rechtlichen Gründen notwendig wäre (z. B. zur Aufteilung des Eigentums), wäre sie erlaubt. (Wenn sie unnötig wäre, nicht, weil man damit nur dem anderen Teil Gelegenheit zu einer Zweit“ehe“ gibt. Aber natürlich kann man nichts dafür, wenn der andere die Scheidung beantragt und der Richter, der an das Gesetz gebunden ist, die Ehe für geschieden erklärt.) Besser wäre aber eine Trennung ohne Scheidung, weil man damit auch nach außen hin eher zu erkennen gibt, dass man die Ehe weiterhin als gültig betrachtet.

Wenn man nach einer Trennung oder Scheidung wieder einen neuen Partner hat, ist das Ehebruch (ob man ihn schon „heiratet“ oder noch nicht), und zwar in jedem Fall; hier gibt es keine Ausnahmen.

Wenn man schon geschieden-wiederverheiratet ist, und dann erst gläubig wird, kann es sein, dass eine Trennung vom neuen Partner schwer machbar ist (z. B. weil man inzwischen gemeinsame Kinder hat). In diesem Fall müsste man zumindest „wie Bruder und Schwester“ zusammenleben, und anerkennen, dass man nicht verheiratet ist; das wäre ausreichend. (Man müsste es sich auch einigermaßen leicht machen, nicht in Sünden zu fallen, z. B. in getrennten Schlafzimmern schlafen, nicht in Unterwäsche durch die Wohnung laufen usw.) Es kann aber (wenn auch vielleicht nicht sehr oft) auch Fälle geben, in denen eine Trennung und vielleicht sogar eine Wiederversöhnung mit dem eigentlichen Partner möglich und sinnvoll wäre. Wie beim doppelten Lottchen.

Bei der Trennung/Scheidung ist auch immer zu beachten, wie sie den Kindern schaden kann (was sie außer bei solchen oben genannten Fällen, in denen es schlimmer für die Familie wäre, zusammenzubleiben, normalerweise sehr stark tun wird). Ich habe mal die bemerkenswerte Beobachtung gehört, dass die Stelle, an der Jesus die Kinder segnet, direkt nach der kommt, an der Er mit schärfsten Worten Ehescheidung und Wiederheirat verurteilt: Bevor Jesus die Kinder segnet, erteilt Er den Leuten, die ihre Familien auseinanderreißen und ihnen neue Partner ihrer Eltern vor die Nase setzen wollen, eine Absage. (Hier braucht man auch keine Sprüche wie „Aber wären liebende Stiefeltern nicht besser als schlechte Eltern“ zu bringen, denn sowohl Eltern als auch Stiefeltern können gut oder schlecht sein, und gute Eltern sind besser als gute Stiefeltern, und selbst schlechte Eltern sind besser als schlechte Stiefeltern. Kinder werden immer wollen, dass ihre Eltern auch untereinander eine Familie bilden.)

Wenn beide Partner sich einig sind, dass Scheidung gar nicht geht, ist das auch selbst ein Schutz für die Ehe; es ist weniger Druck da, sich dem Partner beweisen zu müssen, weniger Misstrauen, ob der Partner vielleicht genug von einem haben könnte, und mehr Motivation, an der Beziehung zu arbeiten und das Beste draus zu machen, weil man es nun mal miteinander aushalten muss.

Die Eheleute haben also generell die Pflicht, zusammenzuleben. Das schließt auch aus, dass z. B. ein Mann einfach gegen den Willen seiner Frau beschließt, mehrere Jahre als Gastarbeiter ins Ausland zu gehen, wohin die Familie nicht mitkommen könnte, weil er da mehr verdient – außer er hat einen sehr wichtigen Grund, z. B. dass er sonst überhaupt keinen Job findet und die Familie nicht versorgen kann. Für eine längere Trennung aus solchen Gründen müsste man normalerweise die Zustimmung des anderen Ehepartners haben, wobei der Mann, der als Familienoberhaupt die Gesamtverantwortung trägt, noch eher entscheiden kann, dass ein sehr wichtiger Grund vorliegt und er die Einwände seiner Frau nicht gelten lassen kann. (Das galt übrigens auch schon im Mittelalter: Wenn ein Mann sich freiwillig für einen Kreuzzug melden wollte, brauchte er die Zustimmung seiner Frau, aber nicht, wenn er verpflichtet wurde, sich an einem Krieg zu beteiligen.)

Hier stellt sich noch die Frage: Wie sähe es aus, wenn ein Mann und seine Frau sich z. B. gegenseitig total auf die Nerven gehen (schlimmere Probleme sind allerdings nicht da) und im gegenseitigen Einvernehmen beschließen, sich zu trennen, aber keine neuen Partner zu suchen? Wäre das erlaubt? Es wäre sicherlich eher zu rechtfertigen, als den anderen gegen seinen Willen zu verlassen; aber trotzdem wollte man eigentlich zusammengehören und die Ehe ist heilig. Ideal ist es nicht, aber es könnte wohl erlaubt sein. Jone schreibt dazu: „Mit gegenseitiger Übereinstimmung kann die eheliche Gemeinschaft aus einem vernünftigen Grunde aufgehoben werden. […] Ein solcher Grund ist gegenseitige unüberwindliche Abneigung. Ebenso kann aus höheren Beweggründen [hier wird z. B. gemeint sein: wenn einer ins Kloster gehen will, für einen wichtigen Auftrag ins Ausland gehen will…] die eheliche Gemeinschaft ganz oder teilweise, für immer oder für eine Zeitlang aufgehoben werden. Dabei muß man Rücksicht nehmen auf die Erziehung der Kinder sowie auf die Gefahr der Unenthaltsamkeit.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 764, S. 626f.) Eben sehr wichtig hier: Welche Auswirkung hat es auf die Kinder? Für sie ist ja die Ehe auch da.

Sie haben auch die Pflicht, einander zu lieben und einander zu helfen. Schwere Sünde dagegen wäre z. B., wenn ein Mann sich nicht um seine kranke Frau kümmert und ihr ständig Vorwürfe wegen ihrer Krankheit macht, oder wenn eine Frau ihren Mann bei jeder sich bietenden Gelegenheit heruntermacht und ihm ihre Verachtung zeigt; lässliche Sünden wären solche alltäglichen Sachen wie gelegentlicher Streit und Gemecker. Zur gegenseitigen Liebe gehört auch der gegenseitige Respekt, und es gehört dazu, einander zu helfen, Gott zu lieben und in den Himmel zu kommen, gemeinsam zu beten usw. Viel mehr muss hier eigentlich nicht gesagt werden, auch wenn das ein ziemlich essentieller Teil der Ehe ist; das ergibt sich in der Praxis.

Die eheliche Treue erklärt sich von selbst; auch „Ehebruch im Herzen“, wie Jesus es nennt, ist Sünde. Ich wiederhole noch mal, was ich im vorletzten Teil gesagt habe:

Ehebruch ist auch schlimmer als normale Unzucht, wie hier wohl nicht weiter ausgeführt werden muss; hier wird Vertrauen missbraucht und ein vor Gott geschlossener Bund gebrochen. (Auch unvollendete Sünden mit einem Verheirateten sind schwere Sünden und ehebrecherisch.) Wer als Verheirateter mit einer anderen verheirateten Person schläft, begeht einen doppelten Ehebruch (und muss das auch so in der Beichte angeben, weil es ein Verrat an zwei anderen Menschen ist).

Ehebruch ist auch dann Ehebruch, wenn der andere Ehepartner in  eine „offene  Ehe“ eingewilligt hat. So, wie ein Arbeiter nicht gültig einem Arbeitsvertrag zustimmen kann, der ihn extrem ungerechten Bedingungen unterwirft, kann auch niemand gültig zustimmen, dass sein Ehepartner ihn betrügt; dass der andere ihn zu dieser Zustimmung gebracht hat oder dass er das sogar von vornherein wollte oder auch die Ehe bricht, lässt ihm keine freie Bahn. Das zerstört eine Ehe ziemlich bald; letzten Endes lässt es niemanden kalt, dass der geliebte Partner jetzt andere hat, und die ganze Vertrautheit, die sich aus der Exklusivität ergibt, ist dahin.

Die Ehe ist etwas Heiliges, das die Eheleute sich nicht nach Belieben zusammenkonstruieren dürfen; besonders die sakramentale Ehe, d. h. die Ehe zwischen Getauften, die ein Abbild des Bundes Christi mit der Kirche ist.“

Der Heiligkeit der Ehe steht auch die (gewohnheits-)rechtlich anerkannte Polygamie entgegen, auch wenn sie nicht ganz so schlimm ist wie Wiederheirat nach Scheidung; sie ist eine Ungerechtigkeit gegenüber den (für gewöhnlich) Frauen, die ihren Mann teilen sollen, und auch gegenüber den Kindern, und sorgt für gestörte Familienverhältnisse – was sie übrigens auch schon im Alten Testament getan hat, z. B. bei Jakob und seinen beiden Frauen, oder Salomo und seinem Harem.

„Es kann keine Gleichheit zwischen Mann und Frau geben, wenn sie nur eine unter mehreren ist, und man muss sich nicht wundern, dass in polygamen Ländern die Stellung der Frau nicht weit über der einer Sklavin ist. Eifersucht unter den Frauen kann kaum vermieden werden, wenn jede um die Aufmerksamkeit des Mannes buhlt und jede Ehrgeiz für ihre eigenen Kinder hat. Fast übermenschlicher Einfallsreichtum wird vom Ehemann gefordert, damit er vollkommen gerecht zu den Frauen und Kindern sein kann, und diese Art von Gesellschaft scheint nur möglich, wenn die Stellung der Frau so degradiert ist, dass ihr Wille nicht zählt. All das hat Einfluss auf die Kinder, die in einer solchen Atmosphäre aufwachsen. […]

Die Ausrede für Polygynie [= ein Mann, mehrere Frauen], schnellere Vermehrung der menschlichen Rasse, ist nicht vorhanden bei der Polyandrie [= eine Frau, mehrere Männer], denn eine Frau kann nicht mehreren Männern mehr Kinder gebären als einem. Das Großziehen der Kinder, wie die Natur es beabsichtigt, wird unmöglich, da der Vater nicht mit Sicherheit festgestellt werden kann und so unfähig ist, die Funktion auszufüllen, die er dem Naturrecht nach hat. Auch das Kind, unfähig, seinen Vater zu kennen, kann sich nicht um Hilfe und Anleitung an ihn wenden. Die Kinder würden natürlicherweise darüber streiten, welcher Mann der Vater welches Kindes ist. Alle Väter würden vielleicht versuchen, diese Funktion für alle Kinder zu erfüllen, oder sie willkürlich aufteilen, aber das kann keine wirkliche elterliche Beziehung sein.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason. Ethics in Theory and Practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 369f.)

(Hier würde sich die Frage stellen, wieso dann Scheidung und Polygamie durch das Gesetz des Mose erlaubt waren. Diese Frage beantwortet Jesus ganz einfach: „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen? Damit wollten sie ihn versuchen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ (Mk 10,2-12) Das Mosaische Gesetz hat manches toleriert und kontrolliert, das schwer so schnell ganz abzuschaffen war. Unter den Theologen wurde manchmal diskutiert, ob Polygamie auch so schlimm wie Scheidung ist und genauso sehr gegen das Naturrecht verstößt, und ob sie manchmal keine Sünde sein könnte, wenn Gott sie gestattet, aber diese Diskussion ist hier nicht weiter relevant; im Neuen Bund ist auch die Polygamie in jedem Fall verboten.)

Dann gibt es auch noch das Konzept der „ehelichen Pflicht“ im Sinne von 1 Kor 7. „Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt.“ (1 Kor 7,3-5)

Das Konzept kann einem erst einmal sehr komisch vorkommen; Sex als eine Art Pflicht zu sehen, ist absolut nicht mehr üblich. Ich habe es hier schon einmal bei der Reihe zu den schwierigen Bibelstellen erwähnt. Ich zitiere einfach noch mal mich selber:

„Wenn der Partner weiß, dass man für seine Liebesbedürfnisse da ist (außer, wenn es einem z. B. gerade schlecht geht), und er oder sie nicht ewig verhandeln muss, dann lässt sich viel Frustration vermeiden, man fühlt sich stärker aneinander gebunden; und der oder die andere versucht dann auch nicht, einen zum Sex zu überreden, wenn es eben doch mal wirklich nicht passt, weil er oder sie weiß, dass man normalerweise für ihn da ist. Es geht ja hier auch nicht nur um Körperliches, sondern auch um emotionale Bedürfnisse.

(Freilich ist auch das Ziel, dass derjenige, der den größeren Sexualtrieb hat, nicht zum Ersatz in Sünden wie Selbstbefriedigung verfällt, legitim. Natürlich wäre das keine Entschuldigung für Selbstbefriedigung, aber viele Menschen sind nun mal gerade in diesem Bereich ziemlich anfällig, das Falsche zu tun.)

Und dann sollte man die grundsätzliche Vorstellung loswerden, dass Liebe und Pflicht miteinander unvereinbar wären. Wir sollen Gott lieben: Trotzdem redet man beim Besuch der Messe von der ‚Sonntagspflicht‘. Natürlich geht man idealerweise nicht nur deshalb zur Sonntagsmesse, weil es Pflicht ist; aber manchmal, wenn man sich am Sonntagmorgen eher nach Ausschlafen fühlt, bietet der Gedanke an die von der Kirche festgeschriebene Sonntagspflicht die restliche benötigte Motivation. Und wenn man dann da ist, ist die Messe jedes Mal – na ja, einfach die Messe, wunderschön. Auch in einer Beziehung geht es nicht immer ohne Pflichten – ganz allgemein gesprochen. Natürlich liebt man sich, aber manchmal tut man etwas für den Partner auch eher deshalb, weil es so ausgemacht war und man in einer Beziehung eben etwas füreinander tut, als weil man sich gerade so liebevoll fühlt. Und oft bringt gerade das dann wieder stärkere Liebe hervor.“

Man gehört in der Ehe eben wirklich nicht mehr nur sich selber; das ist eine ganz praktische Realität. Bei der Eheschließung überträgt man quasi dem anderen ein gewisses Recht auf den eigenen Körper; kein bedingungsloses Recht, aber doch ein Recht, sodass man selber auch dieses Recht keinem anderen mehr übertragen kann. Und dieses Recht bedeutet ein gewisses Recht, dass der andere einem Zärtlichkeit und Liebe zeigt, einem bei sexueller Erfüllung hilft, und mit einem zusammenwirkt, dass man Kinder bekommt; es wäre auch eine Sünde gegen den anderen, ihm Kinder zu verweigern, die für ihn vielleicht eine wichtige Erfüllung bedeuten und ihn später mal unterstützen.

Wenn also Sex in der Ehe eine Pflicht sein kann, ist dann Vergewaltigung innerhalb der Ehe keine Sünde mehr, weil sich jemand da nur sein Recht nimmt? Natürlich nicht.

Auch wenn jemand eine Pflicht einem gegenüber hat, ist es nicht automatisch erlaubt, diese Pflicht mit Gewalt durchzusetzen. Wenn jemand die Freundschaftspflicht hätte, einem beim Umzug zu helfen, da man sonst niemanden hat und er es einem versprochen hat, aber sich herausredet, dürfte man ihn trotzdem nicht entführen und mit Gewalt zur Arbeit antreiben. Ein anderes Bsp. bzgl. der Ehe macht das auch deutlich: Zu den Pflichten von Eheleuten gehört es (s. o.) ja auch, zusammenzuwohnen. Jetzt kann es sein, dass

  • eine Frau ihren Mann kurzfristig gerechtfertigterweise verlässt, weil sie sich für ein paar Wochen um ihre kranke Mutter kümmern muss, die sonst niemanden hat
  • eine Frau ihren Mann kurzfristig ungerechtfertigterweise verlässt, weil sie nach einem harmlosen Streit die Beleidigte spielen will und zwei Tage im Hotel verbringt
  • eine Frau ihren Mann langfristig gerechtfertigterweise verlässt, weil er sie betrügt oder schlägt oder ihr seine sexuellen Fetische aufzwingt oder ihre Kinder misshandelt
  • eine Frau ihren Mann langfristig ungerechtfertigterweise verlässt, weil sie mit ihrem Liebhaber durchbrennt.

In keinem dieser Fälle würde man es ok finden, dass der Mann die Frau auf dem Dachboden einsperrt, um sie daran zu hindern, wegzugehen. Genauso ist es bei den anderen „ehelichen Pflichten“. Wenn der eine sie – kurzfristig oder langfristig, gerechtfertigterweise oder ungerechtfertigterweise – nicht erfüllt, darf der andere ihn nicht mit Gewalt dazu zwingen.

Auch eine Stelle aus der Enzyklika Humanae Vitae, die ja eigentlich das Thema Empfängnisverhütung behandelt, macht das deutlich: „Man weist ja mit Recht darauf hin, daß ein dem Partner aufgenötigter Verkehr, der weder auf sein Befinden noch auf seine berechtigten Wünsche Rücksicht nimmt, kein wahrer Akt der Liebe ist, daß solche Handlungsweise vielmehr dem widerspricht, was mit Recht die sittliche Ordnung für das Verhältnis der beiden Gatten zueinander verlangt.“ Soll heißen: Vergewaltigung in der Ehe ist ähnlich widernatürlich, wie auch Empfängnisverhütung widernatürlich ist. (Wobei Papst Paul VI. ja nicht von richtigem Zwang spricht, sondern nur von „aufgenötigt“.) Sex ist für Liebesausdruck & Kindermachen da und darf weder direkt gezielt die Offenheit für Kinder ausschließen noch schwer gegen Liebe oder Gerechtigkeit verstoßen. Es ist an sich keine Sünde (wenn auch nicht ideal), wenn ein Ehepaar mal nur deswegen Sex hat, weil sie ihre biologischen Bedürfnisse haben – solange sie dabei eben nicht die Liebe durch Gewalt, Zwang, Nötigung ausschließen oder die Kinder durch künstliche Verhütungsmittel.

Einen Unterschied gibt es freilich zwischen ehelichen und unehelichen Beziehungen: Man muss nicht auf gleiche Weise für alles um Erlaubnis fragen. Wenn ein Mann seine Frau überraschend zu sich herzieht und küsst, wird keiner das schlimm finden; wenn er das beim ersten Date mit einem Mädchen tut, wäre es ein bisschen unverschämt; da fragt man zuerst „Darf ich dich küssen?“. In der Ehe wird quasi erst mal angenommen, dass der andere zustimmt, wenn er nicht das Gegenteil zu erkennen gibt, weil man schon zusammengehört.

Übrigens: Es wird ja immer mal wieder verbreitet, Vergewaltigung innerhalb der Ehe wäre in Deutschland erst seit 1997 strafbar. Das ist falsch. Vergewaltigung war rechtlich vorher als erzwungene Unzucht, nicht erzwungener Sex definiert, aber das hieß nicht, dass man Gewalt gegenüber der Ehefrau für total in Ordnung gehalten hätte. 1996 fiel so etwas einfach unter den Paragraphen zur Nötigung, ggf. auch der Körperverletzung. Die Gesetzesänderung war eher Symbolpolitik durch die politisch linke Seite (und genau diese Parteien haben auch wieder dafür gesorgt, dass Vergewaltiger mittlerweile mit Bewährung davonkommen, aber ich will mich hier nicht zu sehr über Winkelzüge in der Politik aufregen).

Wie gesagt gibt es auch Entschuldigungen von den „ehelichen Pflichten“; auch, wenn man merkt, dass es dem anderen eigentlich wichtig wäre, gibt es kurzfristige oder langfristige Entschuldigungsgründe. Es gibt manche Fälle, in denen es bloß keine Verpflichtung ist, einzuwilligen, und andere, in denen es eine schon eine Sünde ist, wenn der eine den anderen bittet. Keine Verpflichtung besteht z. B.:

  • wenn der andere Ehebruch begangen hat (und man sich (noch) nicht versöhnt hat; wenn das drei Jahre zurückliegt und man sich schon lange wieder versöhnt hat, ist es nicht schön, es wieder als Ausrede zu nehmen, um ihm die kalte Schulter zu zeigen).
  • wenn man schon aus einem anderen guten Grund (z. B. häusliche Gewalt, s. o.) von ihm getrennt lebt.
  • wenn der andere eine Geschlechtskrankheit hat (man kann hier selbst entscheiden, ob man u. U. das Risiko eingehen will, z. B. wenn es keine schwere Krankheit ist oder es gute Medikamente dagegen gibt; dieser Grund gilt übrigens auch, wenn der andere die Geschlechtskrankheit nicht durch Ehebruch, sondern auf andere Weise (verunreinigte Blutkonserve o. Ä.) bekommen hat)
  • wenn der andere die Sorge für die Familie vernachlässigt, so dass für ein evtl. entstehendes Kind wegen seiner Schuld nicht gut genug gesorgt wäre. „Vertrinkt der Mann seinen Verdienst und überläßt der Frau die Sorge für den Unterhalt, so braucht diese ihm die eheliche Pflicht nicht zu leisten. Muß aber die Familie ohne Schuld des Mannes in Armut leben, so ist dies kein Grund, die eheliche Pflicht zu verweigern; ebenso nicht der Umstand, daß bei größerer Kinderzahl die Familie sich noch mehr einschränken muß.“ (Jone, Nr. 755, S. 619f.)
  • wenn der andere keinen wirklichen Vernunftgebrauch hat (geistesgestört, betrunken)
  • wenn der andere ganz übermäßige Forderungen stellt (zweimal in der Woche ist aber nicht „ganz übermäßig“)
  • „bei großer Gefahr für Gesundheit oder Leben. Derartige Gründe können sein z. B. eine schwere ansteckende Krankheit, schwerer Herzfehler u. dgl. Keine Entschuldigung aber bilden die gewöhnlichen Beschwerden, die mit der Schwangerschaft, Geburt oder Ernährung des Kindes verbunden sind, z. B. große, aber kurze Schmerzen oder langdauerndes, aber nicht zu heftiges Kopfweh. Keine Entschuldigung ist die durch die Erfahrung bestätigte Furcht, daß die Frau, falls sie empfängt, das Kind nicht austragen, sondern einen Abortus [Fehlgeburt] oder eine Totgeburt haben werde.“ (Jone, Nr. 756, S. 620) Ein solcher Grund, sich zu verweigern, wäre also auch vorhanden, wenn eine Frau weiß, dass sie (z. B. nach mehreren Kaiserschnitten) ein Risiko hätte, eine neue Schwangerschaft nicht zu überleben, oder aus Erfahrung weiß, dass sie immer eine Wochenbettdepression bekommt und deswegen schon ernsthaft selbstmordgefährdet war, oder wenn eine Schwangerschaft die ganzen Monate über außergewöhnlich hart für sie ist. In dem Fall hätte sie das Recht, zumindest auf den Verkehr in den fruchtbaren Zeiten zu verzichten, oder, wenn die z. B. nicht genau feststellbar sind, ganz darauf zu verzichten.

Der Frau wird ein neues Kind natürlich immer mehr Probleme und Schwierigkeiten bereiten als dem Mann, aber nun ja, wie soll man es sagen, das ist leider der Fluch, für den wir uns bei Eva bedanken können, und einer gewissen Offenheit für Kinder – inklusive normale Schwangerschaftsübelkeit und normale Geburtsschmerzen – stimmt man nun mal zu, wenn man die Ehe eingeht. Das ist einfach so.

Es kann auch schon eine Sünde sein, den anderen darum zu bitten, z. B. eben auch der Gesundheit wegen. Eine Frau kann schon, weil sie sich selber unbedingt noch ein Kind wünscht, in eine außergewöhnlich beschwerliche oder gefährliche Schwangerschaft einwilligen, aber wenn sie z. B. im Augenblick irgendeine Krankheit hat, die Sex wirklich gefährlich für sie macht, wäre es unverantwortlich von der Seite ihres Mannes aus, dabei mitzumachen, wer auch immer die Sache initiiert. „Nach einer Geburt ist der eheliche Verkehr im allgemeinen unter schwerer Sünde verboten in den zwei ersten Wochen, unter läßlicher Sünde in den folgenden vier Wochen; erlaubt ist er zur Zeit, in der die Mutter das Kind noch stillt. – Bei Schwangerschaft ist der eheliche Verkehr erlaubt, ausgenommen, wenn die Gefahr eines Abortus [Fehlgeburt] besteht.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 750, S. 616)

Außerdem gilt: Bei Ungültigkeit der Ehe ist der eheliche Verkehr unter schwerer Sünde verboten, auch wenn nur ein Teil Kenntnis von der Ungültigkeit hat. – Bei ernstem Zweifel an der Gültigkeit der Ehe muß man sich durch Nachforschung Gewißheit zu verschaffen suchen. Während dieser Zeit darf man nicht um den ehelichen Verkehr bitten, muß aber auf Ersuchen des anderen Teiles, der keinen Zweifel hat, die eheliche Pflicht leisten. Kann der Zweifel nicht gelöst werden, so ist die Ehe als gültig zu betrachten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 751, S. 617) (Natürlich geht es hier nur um ernsthafte, vernünftige Zweifel; wenn jemand, der zu Ängstlichkeit und ständigen Zweifeln neigt, sich plötzlich fragt, ob er seinen Ehekonsens ernst genug gemeint hat, ist der Zweifel einfach zu missachten.)

Auf sämtliche komischen sexuellen Vorlieben muss man allerdings nicht eingehen; erst recht nicht auf irgendwelche perversen Fetische. Ein bisschen Rücksichtnahme auf normale Vorlieben (z. B. Länge des Vorspiels) sollte normal sein. Zu diversen Sexualpraktiken siehe den vorletzten Teil.

Allgemein zur „ehelichen Pflicht“ schreibt Jone noch:

„Zur Leistung der ehelichen Pflicht ist man an sich unter schwerer Sünde gehalten, wenn der andere Teil ernstlich darum bittet, besonders wenn er noch in Gefahr der Unenthaltsamkeit wäre oder doch bei Überwindung der Versuchung ein großes Opfer bringen müsste.

Die Bitte um Leistung der ehelichen Pflicht wird gewöhnlich von seiten des Mannes ausdrücklich gestellt werden, von seiten der Frau aber nur stillschweigend, z. B. durch Zärtlichkeiten. – Nur eine läßliche Sünde ist die Verweigerung der ehelichen Pflicht (vorausgesetzt, daß der andere Teil nicht in Gefahr kommt, schwer zu sündigen), wenn der andere Teil von seiner Forderung leicht absteht oder wenn die Leistung nur auf kurze Zeit verschoben wird, oder wenn bei häufigem Verkehr die Leistung nur selten, z. B. einmal im Monat verweigert wird. – In bona fide [im guten Glauben] aber soll man gewöhnlich ältere Frauen lassen oder Frauen mit vielen Kindern, wenn sie meinen, sie würden nur dann schwer sündigen, wenn sie dem Manne die eheliche Pflicht fast immer verweigern, oder derselbe in große Gefahr komme, schwer zu sündigen. – Im allgemeinen wird man wohl gewöhnlich die Frauen auf die Schwere ihrer Verpflichtung aufmerksam machen, die Männer aber zur Mäßigkeit anhalten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 754, S. 619)

Ein einfaches „heute bin ich so extrem müde, Schatz, wäre morgen auch ok?“ – „ja, klar“ ist natürlich kein Problem – man kann sich ja absprechen, wenn es gerade ungelegen kommt, sollte aber eben den anderen nicht ohne Grund vertrösten und abwimmeln.

John C. Ford und Gerald Kelly schreiben in einem Buch über die Ehe:

„Als eher allgemeine Prinzipien, die eheliche Intimitäten und ihre Relation zu Gerechtigkeit und Liebe ordnen, könnten wir aufstellen: 1) dass jeder verpflichtet ist, den vernünftigen und ernsthaften Bitten des anderen nachzukommen; und 2) dass jeder verpflichtet ist, Verhalten zu vermeiden, das dem anderen unnötige Schmerzen oder Widerwillen bereitet. […]

Daher, obwohl eine Ehefrau nicht vollkommen im Recht sein mag, wenn sie Verkehr oder Mitwirkung an vorbereitenden Intimitäten verweigert, weil sie ’nicht in der Stimmung‘ ist, wäre ein Ehemann auch kaum im Recht, wenn er einfach auf seinem Recht besteht ohne Rücksicht auf ihre Gefühle. […] Ein Ehemann, dessen Begierde so dominant ist, dass er sich weigern würde, sich Zeit zu nehmen und zu versuchen, seine Frau zu einer freudigen Einwilligung zu bringen, wäre hedonistisch; und die Frau, die sich weigern würde, sich überreden zu lassen, würde durch das gegenteilige Laster der Gefühllosigkeit sündigen.

Ein kurzes Wort zu unserem zweiten Prinzip: dass keiner dem anderen unnötige Schmerzen oder Widerwillen bereiten sollte. Es ist möglich, dass der Verkehr für eine kurze Zeit nach der Heirat schmerzhaft ist, vor allem für die Braut. Die voreheliche Konsultation mit einem guten Arzt kann das bis zu einem gewissen Ausmaß verhindern, wenn nicht ganz. Und wenn es nicht ganz verhindert werden kann, kann gegenseitige Rücksichtnahme es vermindern, bis die nötige Anpassung geschehen ist. Außerdem können zu Beginn der Ehe, und besonders bei denen, die sehr keusche Leben geführt haben, selbst gewöhnliche Intimitäten etwas Widerwillen verursachen. Auch hier sollten Pönitenten dahingehend beraten werden, dass gegenseitige Rücksichtnahme das Problem lösen wird und dazu beitragen wird, dass der Widerwille verschwindet. Aber manchmal brauchen sie einen Eheberater.

In Situationen wie diesen, unter der Voraussetzung der richtigen verständnisvollen Einstellung, wird weder Schmerz noch Widerwille unnötigerweise verursacht. Aber abgesehen von diesen gewöhnlichen Problemen ist es manchmal notwendig, verheiratete Personen daran zu erinnern, dass die Menschen sich sehr in ihrer Weise, Liebe auszudrücken, unterscheiden, und dass, was dem einen gefällt, vielleicht ekelerregend für einen anderen sein könnte; außerdem, dass Männer sich sehr von Frauen unterscheiden in ihren sexuellen Reaktionen und körperlichen Wünschen. Wegen der Verschiedenheit der Wünsche muss es einen beiderseitigen Kompromiss geben. Einer, der sich weigert, einen solchen Kompromiss einzugehen, und der dadurch, dass er eher physische Befriedigung als den Wunsch, wirkliche Zuneigung auszudrücken, sucht, auf Methoden des Liebesspiels besteht, die die vernünftigen Gefühle des anderen verletzen, wäre lieblos und würde die ehelichen Intimitäten entgegen ihrem Zweck, die gegenseitige Liebe zu fördern, benutzen. Es ist möglich, auf diese Weise schwer gegen die eheliche Liebe zu sündigen.“ (John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ, Contemporary Moral Theology. Volume II. Marriage Questions, Westminster, Maryland, 1964, S. 198-200. Meine Übersetzung.)

Hier sollte man noch NFP (Natürliche Familienplanung) erwähnen, also dass die Eheleute sich entscheiden, zeitweise nur in den unfruchtbaren Zeiten miteinander zu schlafen (die man ja heute mit diversen Messungen meistens ganz gut feststellen kann, wofür es Kurse für Frauen gibt). Das ist grundsätzlich erlaubt, denn hier nutzt man die unfruchtbaren Zeiten, die Gott selber geschaffen hat, und macht sich nicht selber unfruchtbar. Wichtig ist allerdings das gegenseitige Einverständnis, und dass es die Ehe nicht zu sehr belastet, also dass man es will und es kann. Es wäre z. B. falsch, wenn der Mann nach drei Kindern auf NFP besteht, obwohl die Frau unbedingt noch ein viertes Kind will. (Unter der Voraussetzung, dass keine speziellen Umstände vorliegen, wegen denen ein Kind gar nicht ginge, die sie aber einfach nicht anerkennen will. Aus einem wirklich gewichtigen Grund könnte man auch darauf bestehen, wenn der Partner es nicht will – s. u.) Oder ein anderes Beispiel: Er hat nach drei Kindern genug, aber wegen ihrem unregelmäßigen Zyklus müssten sie fast ganz auf Sex verzichten, was sie einfach nicht will, oder sie wissen, dass sie, wenn sie länger fast ganz enthaltsam leben, öfter Sünden wie Selbstbefriedigung begehen. Das wäre auch nicht in Ordnung. Natürlich kann man sich an Dinge gewöhnen, manche Dinge, die erst hart sind, werden später leichter und es kann auch die Liebe verstärken, wenn man zusammen auf etwas verzichtet; aber es sollte keine zu große Belastung sein und vor allem eben im gegenseitigen Einverständnis geschehen. Es kann ja auch sein, dass es einfach für Spannungen sorgt, wenn man sich ständig zurückhalten muss und nicht mehr so ungezwungen mit seiner Liebe umgehen kann wie vorher.

Außerdem braucht man normalerweise einen vernünftigen Grund; es muss kein extrem schwerwiegender Grund sein, aber doch ein vernünftiger Grund, z. B.:

  • mit noch mehr Kindern wäre man überfordert und hätte zu wenig Zeit für die einzelnen oder würde zu sehr unter Schlafmangel leiden
  • einer der Eheleute ist chronisch krank und könnte sich nicht gut kümmern
  • man hat gerade vor ein paar Monaten ein Kind bekommen, und die Frau soll sich vor dem nächsten erst einmal erholen (wobei in dem Fall praktischerweise schon das Stillen oft, wenn auch nicht immer, natürlicherweise für vorübergehende Unfruchtbarkeit sorgt)
  • die Frau hat nach ihren bisherigen Schwangerschaften immer an Wochenbettdepressionen gelitten
  • man hat zu wenig Geld, könnte sich z. B. keine Wohnung leisten, die groß genug ist
  • eins der bisherigen Kinder ist behindert und erfordert viel Aufmerksamkeit
  • die Frau hat einfach ziemlich Angst vor einer neuen Schwangerschaft
  • man hatte bisher lauter Fehlgeburten und hält es einfach nicht mehr aus, ständig Kinder zu verlieren

Es dürfte allerdings nur eine lässliche Sünde sein, NFP aus einem nicht ganz zureichenden Grund zu nutzen. Schwerwiegender wäre es schon, es dem anderen aufzuzwingen, oder es komplett ohne Grund zu praktizieren, oder aus einem unwichtigen Grund die ganze Ehe über zu praktizieren. Aber bei katholischen Paaren, die diese Dinge einigermaßen ernst nehmen, sollten schwere Sünden hier sehr selten vorkommen; normalerweise hätten sie wohl zumindest einen so halb zureichenden Grund, wenn sie NFP praktizieren. Und gerade dafür, die Kinder einfach in angemessenem Abstand statt direkt hintereinander zu bekommen, dürfte praktisch immer ein Grund vorhanden sein. (Auch wenn es natürlich jedem freisteht, die Kinder direkt hintereinander zu bekommen, wenn man einfach so viele Kinder wie möglich haben will, oder die Phase des Kinderkriegens schnell hinter sich bringen will, oder nicht will, dass zwischen den Kindern ein zu großer Altersunterschied ist, oder was auch immer.)

Je gravierender der Grund für NFP (z. B. schwere gesundheitliche Probleme), desto eher wäre es auch gerechtfertigt, Belastungen der Ehe zu riskieren, oder gegenüber dem unwilligen Partner darauf zu bestehen. Wenn es Gründe gibt, die „ehelichen Pflichten“ ganz zu verweigern, gibt es sie erst recht dafür, sie nur während der fruchtbaren Zeit zu verweigern.

Ford und Kelly schreiben über Belastungen der Ehe durch periodische Enthaltsamkeit:

„Leider ist in der gefallenen Natur der Sexualtrieb oft alles andere als vernünftig. Wenn angesichts starker Gründe dafür, Abstände zwischen den Kindern einzuhalten oder die Zahl der Kinder zu begrenzen, einer der Beteiligten die Einstellung annimmt: ‚Ich muss sexuelle Befriedigung haben und ich werde sie auf die eine oder andere Weise bekommen, ganz gleich, was die Gründe für zeitweilige Enthaltsamkeit sind‘, können seine oder ihre Sünden kaum dem vernünftigen Bestehen des anderen Beteiligten auf periodischer Enthaltsamkeit zugerechnet werden. Das wäre umso wahrer, wo auf eine Art spirituelle Erpressung zurückgegriffen wird: ‚Entweder gibst du mir jetzt Geschlechtsverkehr oder ich werde anderswohin gehen, und du wirst verantwortlich für meine Sünde sein.‘ In solchen Fällen, in denen kein ehrliches Bemühen stattfindet, die Selbstkontrolle auszuüben, die die Situation erfordert, ist die ‚Gelegenheit zur Sünde‘ eher die eigene Einstellung der Person als die Praxis der periodischen Enthaltsamkeit.“ (Ford und Kelly, Contemporary Moral Theology. Volume II. Marriage Questions, S. 444)

Natürlich ist gegenseitige Rücksichtnahme hier immer notwendig; wenn es dem anderen einfach schwerfällt, sollte man versuchen, es ihm leichter zu machen, ggf. auch, indem man auf „unvollständige“ Zärtlichkeiten verzichtet, die ihn nur frustriert darüber zurücklassen, dass jetzt nicht mehr möglich ist, o. Ä. – je nach den Umständen eben.

Eine Frage stellt sich hier: Kann es erlaubt sein, Kinder vollständig zu vermeiden, solange man nur NFP dafür nutzt? Mit einem entsprechenden Grund, ja. Gott hat Eheleuten den Auftrag gegeben: Seid fruchtbar und vermehrt euch; und wer verheiratet ist, sollte normalerweise zumindest einen gewissen Beitrag dazu leisten, dass mehr Menschen in die Welt gesetzt werden und die Menschheit fortbesteht. Aber wenn schon zu Beginn der Ehe ein schwerwiegender Grund vorhanden ist, keine Kinder zu bekommen, kann man natürlich warten, auch sehr lange, mit der Offenheit, dass man Kinder nicht mehr vermeidet, wenn sich die Umstände ändern, aber diese geänderten Umstände werden vielleicht nie eintreten. Man könnte an ein Paar denken, das heiratet, wenn die Frau schon schwer chronisch krank ist und es kaum eine Chance auf Besserung gibt. Man kann allerdings sagen, dass der Grund, Kinder ganz zu vermeiden, zumindest ein bisschen schwerwiegender sein sollte, als z. B. der Grund, kein drittes oder viertes Kind mehr zu bekommen. Papst Pius XII. hat in einer Rede vor Hebammen im Jahr 1951 ausdrücklich erwähnt, dass ein schwerwiegender Grund „sogar für die ganze Dauer der Ehe“ von der Verpflichtung, Kinder zu bekommen, entschuldigen kann (zitiert in: Ford und Kelly, Contemporary Moral Theology, Volume II: Marriage Questions, S. 400).

Eine andere Frage: Ist die Verpflichtung, Kinder zu bekommen, irgendwann einfach erfüllt, sodass man überhaupt nicht mehr verpflichtet wäre, noch ein Kind zu bekommen, auch ohne Grund? Ford & Kelly bejahen das, v. a. mit der Begründung, dass man ja durch das Kinderkriegen u. a. für das Fortbestehen der Familie, der Nation und der Menschheit sorgen soll, und es der mit einem leichten Bevölkerungsanstieg normalerweise am besten geht (dann ist die Zahl der Jungen größer als die Zahl der Alten, die sie versorgen müssen, die Bevölkerung wächst aber auch nicht so schnell, dass man kaum damit hinterher kommt, genug Wohnraum und Arbeitsplätze für die nachwachsenden Generation bereitzustellen). Demnach wäre bei der heutigen niedrigen Kindersterblichkeit nach 3-4 Kindern die Pflicht erfüllt, und alles übrige ein lobenswertes Werk der Übergebühr.

In neuerer Zeit – Fords und Kellys Buch ist aus den frühen 60ern – haben die kirchentreuen Moraltheologen immer eher den vernünftigen Grund betont; ich weiß nicht genau, wie viele hier heute welche Position einnehmen würden. Viele Theologen würden wohl eher sagen, dass man grundsätzlich so viele Kinder in die Welt setzen soll, so viele neue Seelen schaffen soll, wie Gott einem schenken will, außer es bestehen eben Gründe, neue Kinder zu vermeiden. Dazu würde auch passen, dass die Brautleute ja beim Trauritus gefragt werden, ob sie die Kinder annehmen wollen, die Gott ihnen schenken will, nicht, ob sie eine begrenzte Zahl annehmen wollen.

Vielleicht ist diese Frage aber auch eher akademisch; denn in der Praxis wird es zumindest nach den ersten vier Kindern oft vernünftige Gründe geben, aufzuhören (z. B. Mangel an genug Zeit und Energie für die einzelnen Kinder), auch wenn sie oft nicht schwerwiegend sein werden.

Bei der Kinderzahl ist freilich auch zu beachten, dass es normalerweise auch etwas Gutes für die anderen Kinder ist, wenn man ihnen ein Geschwisterchen schenkt; auch später als Erwachsene, wenn die Eltern vielleicht schon tot oder bettlägerig sind, werden sie wahrscheinlich froh sein, noch Familie zu haben. Dafür, nur ein oder zwei Kinder zu bekommen, sollte man schon einen guten Grund haben. (Und natürlich wird es immer wieder Paare geben, die solche guten Gründe haben.)

In diesem Zusammenhang stellt sich noch eine Frage, nämlich: Könnte es Umstände geben, in denen es sogar eine Sünde wäre, noch ein Kind in die Welt zu setzen?

Generell hat die Kirche das nie als Sünde behandelt – nach allem, was ich gelesen habe, zumindest. Außerdem ist es enorm wertvoll, einen neuen Menschen in die Welt zu setzen, der sonst nicht existiert hätte. Auch ein Leben in Armut zum Beispiel ist wertvoller als kein Leben, und jedes Kind wird irgendwann in der Ewigkeit weiterleben und könnte Gott schauen. Dagegen könnte man sagen, dass man sich nicht eine Verantwortung aufladen sollte, die man nicht tragen kann, dass die Klugheit auch eine Tugend ist, dass es bei allem das rechte Maß braucht, und dass ein nicht existierender Mensch auch keinen Nachteil davon hat, nicht zu existieren, was durchaus Sinn macht. Dennoch: Könnte man sagen, dass ein armes Ehepaar eine Sünde begeht, wenn sie noch ein fünfzehntes Kind bekommen? Früher hätte man das wohl kaum bejaht, weil sie sonst langfristig ganz darauf verzichten hätten müssen, ein normales Eheleben zu führen und miteinander zu schlafen; sähe es jetzt anders aus, zumindest bei Paaren, denen die periodische Enthaltsamkeit leicht fällt? Ich würde tendenziell sagen, dass es keine Sünde wäre, aber eine Diskussion hierzu im Kommentarbereich ist herzlich willkommen. („Volkswirtschaftliche“ Argumente sind hier übrigens u. U. von vornherein nicht stichhaltig; auch wenn man für ein Kind Sozialhilfe braucht, wird es später in der Regel der Gesellschaft nützen und dann die Renten derer zahlen, die vorher seine Sozialhilfe gezahlt haben.)

(Noch heikler wäre die Frage nach dem staatlichen Umgang mit „Überbevölkerung“. Nun ist es natürlich so, dass die Erde – v. a. spärlich besiedelte Gebiete wie Afrika – noch ziemlich viele Menschen beherbergen und auch ernähren könnte, aber es kann ja schon vorkommen, dass in einem Land die Bevölkerung schneller wächst als die Wirtschaft, und man deswegen zeitweise Probleme mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, Teuerung o. Ä. bekommen könnte. Wäre es da gerechtfertigt, dass der Staat z. B. Paare mit weniger als 5 Kindern bevorzugt behandelt, Paare mit mehr Kindern benachteiligt (z. B. steuerlich), um sie zu „motivieren“, sich durch NFP und Enthaltsamkeit mit bloß 3 oder 4 Kindern zu begnügen? Dass solche Praktiken wie bei der chinesischen Ein-Kind-Politik niemals legitim wären (und für China auch sehr kontraproduktiv waren), versteht sich von selbst, aber wie sähe es mit milderen Maßnahmen oder bloßer Werbung aus?)

Noch eine Frage: Sündigt einer, der mit dem Ehepartner schläft, im Wissen, dass der Partner gegen seinen Willen verhütet? Die Kurie hat früher manchmal auf solche Fragen geantwortet (wobei es damals vor allem um coitus interruptus ging und die Pille noch nicht erfunden war), was in etwa in die Richtung ging: An sich ist man durch die Liebe verpflichtet, den anderen davon abzubringen und nicht mitzumachen; aber aus einem einigermaßen ernsthaften Grund, z. B. wenn es sonst ziemlich großen häuslichen Unfrieden gibt oder die Frau fürchtet, dass der Mann sie sonst mit Prostituierten betrügt, darf man mitmachen, solange das, was man selber tut, nicht naturwidrig ist (materielle, nicht formelle Mitwirkung). Laut diesen Urteilen der Kurie dürfte eine Frau mit ihrem Mann schlafen (und auch dem entstehenden körperlichen Genuss innerlich zustimmen), wenn sie weiß, dass er coitus interruptus machen wird, weil sie hier nichts Falsches macht, nur er, aber dürfte auch dann nicht bei Analverkehr oder Geschlechtsverkehr mit Kondomen mitmachen, weil das hier schon von Anfang an etwas Falsches ist. (Wir reden natürlich von einigermaßen normalen Situationen und vom Mitwirken; wenn eine Frau sich z. B. nicht aktiv gegen Sex mit Kondom wehrt, sondern passiv bleibt, weil ihr Mann droht, sie umzubringen, das wäre auch verständlich.) Ähnliches könnte man wahrscheinlich an sich sagen, wenn die Frau gegen den Willen des Mannes die Pille nimmt – aber hier kommt die mögliche frühabtreibende Wirkung der Pille hinzu, sodass ich es nicht für erlaubt halten würde, dass der Mann dabei mitmacht. Auch wenn beim einzelnen Akt nur ein sehr geringes Risiko für die Zeugung und die folgende fahrlässige Tötung eines Kindes besteht, summiert sich bei häufigerem Sex das Risiko auf, dass es irgendwann passiert.

In solchen Fällen besteht jedenfalls auch definitiv keine „eheliche Pflicht“ – man darf auch einfach sagen „nein, solange du deine Einstellung nicht änderst, mach ich nicht mit“.

Meiner Einschätzung nach dürfte man vermutlich ganz normal mitmachen, wenn der andere sich endgültig (also so, dass es auch nicht mehr rückgängig gemacht werden kann) sterilisieren hat lassen; denn hier geht es um eine Sünde in der Vergangenheit, die derjenige einfach bereuen müsste, und nicht um die Teilnahme an einer gegenwärtigen Sünde, und man tut hier nichts Unnatürliches. (Zur Reue kann man ihm hoffentlich irgendwann verhelfen, aber man kann ihm auch klarmachen, dass man dagegen ist, dass er sich auf diese Weise gegen Kinder gewandt hat, wenn man trotzdem noch mit ihm schläft.)

Künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft sind immer unerlaubt, wie schon im vorletzten Teil genauer ausformuliert; auch sie trennen die Liebe von der Fortpflanzung. (Erlaubt wären bloß Praktiken, die den normalen Geschlechtsverkehr so erleichtern, dass leichter eine Empfängnis stattfinden kann, z. B. das Sperma nach dem Verkehr mit einer Spritze tiefer in die Vagina zu befördern.)

Der hl. Paulus erwähnt auch, dass es manchmal sinnvoll sein kann, eine begrenzte Zeit im gegenseitigen Einvernehmen auf Sex zu verzichten, um sich dem Gebet zu widmen. Das heißt nicht, dass man nicht beten kann, wenn man in der Nacht davor miteinander geschlafen hat. Aber so ein Verzicht ist wie Fasten; man verzichtet eine begrenzte Zeit auf etwas Gutes, um sich daran zu gewöhnen, dass man auch mal verzichten muss, und um etwas für Gott zu „opfern“. Das kann auch dabei helfen, sich gegenseitig zu zeigen, dass man sich nicht nur körperlich liebt. Es gibt aber keine Pflicht, z. B. in der Fastenzeit oder zu besonderen Festzeiten auf Sex zu verzichten.

Josephsehen (also Ehen, in denen man von vornherein übereinkommt, nicht miteinander zu schlafen) sind übrigens gültige Ehen; man übergibt einander hier auch die üblichen ehelichen Rechte, aber vereinbart, gewisse Rechte nicht zu nutzen. Maria und Joseph waren gültig verheiratet, haben einander geliebt und ihr Leben geteilt, waren einander besonders verpflichtet, aber haben ansonsten wie Bruder und Schwester gelebt. So etwas nachzuahmen ist an sich legitim (wir haben Heilige, die das getan haben), und auch ein Rechtfertigungsgrund, um keine Kinder zu haben, aber es ist nicht der Normalfall und soll auch gar nicht der Normalfall sein. Für die allermeisten Menschen wird ihre Berufung entweder normale Ehe oder Ehelosigkeit sein, keine „Mischung“.

Jetzt zur ehelichen Rollenverteilung. Wie genau man die anfallenden Aufgaben aufteilt, kann natürlich ganz unterschiedlich ausfallen je nach Kultur und je nach Familie. Es gibt keine göttliche Offenbarung dazu, wer den Abwasch und wer das Rasenmähen zu übernehmen hat. Grundsätzlich gilt aber, dass der Mann das Familienoberhaupt ist. Nur wenn er unfähig oder nicht willens ist, diese Verantwortung zu tragen, kann die Frau das übernehmen; das ist aber an sich so unschön, wie wenn minderjährige Kinder aufpassen müssen, dass ihre Eltern keinen Blödsinn anstellen (und nein, das soll keine Gleichsetzung von erwachsenen Ehefrauen mit Kindern sein, sondern schlicht und einfach ein Vergleich), oder wie wenn der 2. Vorsitzende im Verein die ganzen Pflichten des 1. Vorsitzenden übernehmen muss (was vielleicht der bessere Vergleich ist). Auch als Frau wird man keinen Mann mögen, der sich ständig herumkommandieren lässt und der nicht auch mal, wenn nötig, ein Machtwort sprechen kann. Das heißt nicht, dass man nicht im Normalfall einfach Dinge ausdiskutieren und dann gemeinsam entscheiden würde; aber irgendwer muss im Konfliktfall das letzte Wort und die Gesamtverantwortung haben. Und die Bibel ist hierzu sehr klar:

„Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Furcht Christi! Ihr Frauen euren Männern wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort! So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Indessen sollt auch ihr, jeder Einzelne, seine Frau lieben wie sich selbst, die Frau aber ehre ihren Mann.“ (Epheser 5,21-33) Die Beziehung zwischen Mann und Frau soll also so sein wie die zwischen Christus und der Kirche.

Wer das Familienoberhaupt ist, muss nicht zwangsläufig damit zusammenhängen, wer dafür verantwortlich ist, das Einkommen heranzuschaffen. Wenn der Mann z. B. arbeitsunfähig ist, kann die Frau Hauptverdienerin sein und er trotzdem das Familienoberhaupt. Ideal ist das aber tatsächlich nicht; die klassische Rollenverteilung, nach der die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmert und höchstens nebenbei ein bisschen arbeitet, und der Mann der Allein- oder Hauptverdiener ist, bietet sich einfach praktischerweise an. (Und übrigens sind laut Umfragen Paare damit sogar am glücklichsten.) Katholische Frauen werden öfter schwanger sein als säkulare mit ihren 1,5 Kindern und deswegen eine Zeitlang gar nicht arbeiten können; kleine Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit, und wenn das gut machbar ist, ist die Frau verpflichtet, sie zu stillen, weil das gesundheitlich besser für sie ist. Das kann der Mann schlecht übernehmen. Dazu kommt, dass Frauen es meistens mögen, ihr Zuhause schön herzurichten, während Männer es mögen, das Gefühl zu haben, ihre Familie materiell versorgen zu können. Auf jeden Fall ist es aber schlecht, Kinder schon früh und lange in Fremdbetreuung zu geben; irgendeiner von beiden sollte zumindest daheim sein, solange die Kinder noch klein sind, wenn es machbar ist.

Was genau bedeutet es, dass der Mann das Familienoberhaupt ist, welche Pflichten ergeben sich dadurch für die Eheleute?

Erst einmal für die Frau: Jone schreibt: „Sie ist auch verpflichtet, dem Manne zu gehorchen, hat aber auch das Recht auf Schutz und standesgemäßen Unterhalt.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 748, S. 614) Die Gehorsamspflicht ist natürlich nicht unbegrenzt. Prinzipiell darf man jemandem nicht gehorchen, wenn er eine Sünde befiehlt, und man muss ihm nicht gehorchen, wenn er etwas klar Schädliches oder Lächerliches oder Entwürdigendes befiehlt, mit seinem Befehl die Rechte von einem verletzt, oder über den Bereich hinausgeht, bzgl. dem er befehlen kann. Die Befehlsgewalt betrifft in diesem Fall die Angelegenheiten der Familie, das Zusammenleben, was ein ziemlich großer, aber nicht unbegrenzter Bereich ist; ich würde also schätzen, dass die Frau z. B. nicht gehorchen muss, wenn der Mann ihr befiehlt, einen anderen Beichtvater zu wählen (außer, sagen wir, die Ratschläge ihres sehr seltsamen Beichtvaters sorgen für familiären Unfrieden). Manchmal muss die Frau auch klar ihre Zustimmung verweigern, wenn ihr Mann völlig unrealistische, schädliche Pläne für die Familie hat. Der normale Zustand sollte sowieso so aussehen, dass man nach einer Entscheidung sucht, mit der alle leben können. Aber der Gehorsam ist eben trotzdem manchmal eine Pflicht; und am Ende, nachdem man alles ausdiskutiert und nach Kompromissen gesucht hat, muss man als Frau schon mal die Entscheidungen des Mannes einfach respektieren, und dabei auch ihn selber respektieren.

Der Mann ist verpflichtet, die Gesamtverantwortung zu tragen und die Familie zu schützen, also z. B. auch vorauszuplanen, ob man wegen drohender politischer Verfolgung das Land verlassen muss (um jetzt ein Extrembeispiel zu nehmen) oder dafür zu sorgen, dass man in einer einigermaßen sicheren Gegend wohnt oder zumindest das Haus vor Einbrechern schützt, dass man finanziell abgesichert ist, auch im Alter, und dergleichen. (Natürlich kann er auch manches an die Frau delegieren, wenn sie sich z. B. besser mit Finanzen auskennt.) Insgesamt hat die Familie jedenfalls ein Recht darauf, dass der Familienvater den Gesamtüberblick über ihre Versorgung und ihre Sicherheit behält.

Jone bringt noch ein paar Beispiele:

„Aus äußerst wichtigen Gründen (z. B. zum Wohle des Staates oder zur Besorgung wichtiger Familienangelegenheiten) aber darf der Mann auch gegen den Willen der Frau längere Zeit abwesend sein; auf Bitten der Frau aber muß er dieselbe mit sich nehmen, wenn es gut geschehen kann. Für kurze Zeit darf er auch ohne wichtigen Grund gegen den Willen der Frau abwesend sein. – Da der Mann das Haupt der Familie ist, kann sich die Frau gegen seinen Willen nicht entfernen, außer es würde ihr sonst ein großes Ungemach drohen. – […] Die Wahl des Wohnsitzes steht dem Manne zu, und die Frau muß ihm an denselben folgen. Eine Ausnahme besteht nur, wenn im Ehevertrag ein bestimmter Wohnsitz festgesetzt ist und eine Abweichung von dieser Abmachung nicht durch einen neuen, schwerwiegenden Grund nahegelegt wird; ferner wenn der Mann aus böswilliger Absicht den Wohnsitz ändern wollte; ebenso wenn die Frau ihm nicht folgen könnte ohne schweren leiblichen oder seelischen Schaden; endlich wenn der Mann wohnsitzlos überall umherzieht, außer die Frau hätte dies beim Eheabschluß bereits gewusst. – Die Frau kann eine Änderung des Wohnsitzes verlangen, wenn der gegenwärtige Wohnsitz ihr großen körperlichen oder seelischen Schaden brächte.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 747, S. 613f.)

C. S. Lewis schreibt zur Erklärung dieser Lehre:

„Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muß es überhaupt ein ‚Haupt‘ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muß der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, daß dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muß mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muß einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren läßt.‘ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, daß sie ja auch die Hosen anhat. Irgend etwas Unnatürliches muß an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen läßt.

Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, daß der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewußt als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muß letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, daß diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, daß er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Daß er immer beschwichtigen muß?“ (C. S. Lewis, Pardon, ich bin Christ, 9. Taschenbuchauflage, Basel 1977)

Papst Pius XI. schreibt darüber in Casti Connubii:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.‘

Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.“

Soweit hierzu. Wenn ich vergessen habe, etwas anzusprechen, bitte in den Kommentaren darauf aufmerksam machen.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12c: Das 6. & 9. Gebot – Sünden gegen die Schamhaftigkeit

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Anmerkung: Das hier sind wahrscheinlich die Teile aus dieser Reihe, bei denen am meisten kritische Kommentare von wegen komisch und kleinkariert kommen könnten. Aber das hier ist eben Kasuistik, und die ist dazu da, peinliche Einzelfragen zu beantworten, die die Leute nicht gerne groß diskutieren. Ich werde mich bemühen, es so trocken und klar wie möglich zu halten. Dumme Kommentare und Kommentare, die sich über andere lustig machen, werden gelöscht. Wenn Fragen länger diskutiert werden, liegt das eher daran, dass sie besonders umstritten sind, und nicht zwangsläufig daran, dass sie besonders wichtig sind.

Auch die Tugend der Schamhaftigkeit wird durch das 6. und 9. Gebot vorgeschrieben. Sie gehört ins Vorfeld der Keuschheit und verbietet ein zu offenes, Grenzen verletzendes Umgehen mit Sexualität; sie ist quasi ein Schutz für die Keuschheit. Dafür wird auch ab und zu das Wort „Sittsamkeit“ (im englischsprachigen Bereich „modesty“, was auch die Bedeutung „Bescheidenheit, Anständigkeit“ hat) verwendet, aber ich finde „Schamhaftigkeit“ passender.

Um Keuschheit und Schamhaftigkeit abzugrenzen: Wenn jemand sich gezielt sehr freizügig anzieht, um auf andere sexuell anziehend zu wirken, wären wir im Bereich der Unkeuschheit; wenn jemand sich aus Unachtsamkeit oder um die Eltern zu ärgern so anzieht, im Bereich der Unschamhaftigkeit. Wenn jemand Sexszenen in Liebesromanen liest, weil er dabei schmutzige Fantasien entwickelt, ist das Unkeuschheit; wenn er das tut, um nicht aus Versehen etwas von der Handlung zu verpassen, wobei er nicht auf die schmutzigen Fantasien abzielt, die vielleicht kommen oder vielleicht nicht, Unschamhaftigkeit. Wir haben hier auch eine Überschneidung mit dem Thema indirekte sexuelle Erregung, das ich im vorigen Teil behandelt habe.

Der Moraltheologie Heribert Jone definiert die Unschamhaftigkeit als „die freiwillige Beschäftigung mit Dingen, die leicht geschlechtliche Lust hervorrufen können“ (Jone, Katholische Moraltheologie, S. 181, Nr. 222). Es geht bei dieser Tugend einerseits natürlich darum, nicht unnötigerweise sexuelle Erregung zu riskieren, auf die man kein Recht hat, aber auch darum, dass manche Dinge, die mit Sexualität zu tun haben, einfach intim sind und intim bleiben sollen. (Z. B. sollte auch ein unattraktiver alter Mensch nicht nackt herumlaufen.) Es gehört freilich zur Keuschheit, sich nicht überrumpeln zu lassen, wenn man auf Unschamhaftigkeit stößt, und z. B. so unbefangen und normal wie möglich damit umzugehen, wenn Leute besonders unschamhaft angezogen sind o. Ä. (sprich, in diesem Fall nicht auf irgendwelche Körperteile hinzuschauen, schlechte Gedanken zu ignorieren und die Leute ansonsten normal zu behandeln).

Bei der Bestimmung der Sündhaftigkeit der Unschamhaftigkeit kommt es insbesondere auf vier Dinge an:

  • Wie groß ist das Risiko, dass X sexuelle Erregung mit sich bringt?
  • Wenn X ungewollte Erregung mit sich bringt, wie groß ist das Risiko, dass ich innerlich auch noch darin einwillige?
  • Beeinflusse ich durch X noch andere Leute, bringe ich sie z. B. dazu, ihr Schamgefühl zu verlieren; bin ich ein schlechtes Beispiel? (Thema „Ärgernis“)
  • Gibt es einen verhältnismäßigen Grund, X trotzdem zu tun/zuzulassen?

Die Schamhaftigkeit wirkt sich auf verschiedene Bereiche aus. (Sie ist freilich kulturabhängig; und ich will hier meine Einschätzungen oder die von bestimmten Moraltheologen nicht als unfehlbare Wahrheit vortragen. Was als sexuell anziehend empfunden wird, ist auch anerzogen. Und noch etwas: Es kommt darauf an, wie es die Mehrheit der normal empfindenden Leute sieht; ein Fuß-Fetischist könnte es auch unschamhaft finden, wenn Leute barfuß herumlaufen, aber seine Meinung zählt offensichtlich nicht.)

Die Schamhaftigkeit verbietet gewisse sexualisierende Tanzstile, wie z. B. offensichtlich Twerking (das außerdem ja ziemlich billig aussieht) oder Poledance. Hier gibt es auch einen Graubereich; schöne Bewegungen müssen nicht automatisch sexuell sein. Okay sind normalerweise die klassischen Paartänze, die gewöhnlichen europäischen Volkstänze, Square Dance und dergleichen. Kriterien: Wenn man beim Tanzen engen Körperkontakt sucht (auch bei an sich anständigen Tänzen – es gibt ja in Amerika den Spruch, man solle beim Tanzen zwischen sich noch Platz für den Heiligen Geist lassen), oder wenn die Bewegungen sexualisierend sind und das Publikum sie sexy finden soll, ist es falsch. Also jedenfalls kein Dirty Dancing (der Film ist übrigens ziemlich perverse Abtreibungspropaganda).

Unschamhaftigkeit kommt auch in den Medien vor; wenn z. B. Filme oder Romane Sexszenen enthalten. Hier dürfte meiner Meinung nach die einfachste Lösung sein, wenn man unerwarteterweise darüber stolpert: vorspulen oder überblättern. Wenn man einen Film mit anderen zusammen oder im Kino anschaut, könnte man zumindest wegschauen (oder kurz aufs Klo gehen). Intime Körperteile der Schauspieler gehen einen nichts an, auch wenn sie die einem präsentieren wollen. Man sollte an sich solche Medien vermeiden, aber manchmal kommt ja auch in ansonsten harmlosen Büchern/Filmen so etwas unerwarteterweise mal vor. Aber dann eben: vorspulen oder überblättern. Wenn man merkt, dass man das Überblättern doch nicht macht, sollte man solche Bücher ganz weglegen. Ich persönlich denke aber nicht, dass man Filme/Bücher, bei denen man es im vorhinein nicht genau weiß, ganz vermeiden muss, wenn man weiß, dass es einem leicht fällt, schlechte Szenen einfach zu ignorieren und wegzuschauen / vorzuspulen / sie zu überblättern. Menschen reagieren sicherlich auch unterschiedlich auf so etwas, den einen lassen Sexszenen im Fernsehen vielleicht komplett kalt; aber es ist trotzdem normalerweise unschamhaft, hinzuschauen, auch wenn man es nicht aus Unkeuschheit tut. Zur Handlung tragen die Szenen in den allermeisten Fällen sowieso nichts bei. Von offensichtlichen erotischen Romanen („Fifty Shades of Grey“ u. Ä.) oder Fortsetzungen von Romanen, bei denen es schon in Teil 1 ständig um Sex ging, etc. hat man sich freilich von vornherein fernzuhalten. Es gibt ja zum Glück auch gute christliche Bücher. Jone meint dazu:

„Schlechte Bücher lesen, auch wenn sie nicht ganz schlecht sind, ist gewöhnlich eine schwere Sünde, weil es großen Einfluß auf die Erregung der geschlechtlichen Lust hat. Zur Erwerbung der notwendigen Kenntnisse aber kann diese Lektüre erlaubt sein. Je größer aber die Gefahr der Einwilligung ist, um so schwerwiegender muß auch der Grund sein. – Sachen, die ein wenig unanständig sind, lesen ist an sich nur eine läßliche Sünde. Es kann aber zur Todsünde werden, wenn es aus böser Absicht geschieht, oder wenn man aus Erfahrung weiß, daß man in die Versuchung, die dabei entsteht, einwilligt. Besonders Jugendlichen ist die Lektüre von Liebesromanen, die nicht durchaus edel sind, abzuraten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 238, S. 193)

Wie sieht es mit Aktbildern von Künstlern aus? Schwieriges Thema. Normalerweise wird hier prinzipiell Kunst (ausgerichtet auf Darstellung schöner Formen des menschlichen Körpers) und Pornographie (ausgerichtet auf sexuelle Erregung) unterschieden; in der Theorie ist diese Unterscheidung klar und eindeutig, aber die Bereiche sind vielleicht in der Praxis nicht immer so klar abgetrennt, wie man es sich wünschen würde, und es kann deswegen etwas Gefährliches haben. (Gerade bei manchen Historienbildern der Klassizisten oder Orientalisten des 19. Jahrhunderts denkt man sich schon: Die haben doch nur nach Gründen gesucht, um Brüste zu malen.) Man kann sich fragen, ob auch Kunst immer alles zeigen muss, oder ob sie nicht eine gewisse Intimsphäre respektieren sollte. (Ich persönlich bin kein großer Fan von solcher Kunst und würde hier zu mehr Strenge tendieren, aber ich will meine Meinung nicht als Lehramt darstellen.) Andererseits haben auch Kirchenvertreter nackte Statuen und Bilder öfter akzeptiert oder zumindest toleriert. Nacktheit ist nicht immer sexuell; z. B. wären auch Fotos von nackten Kriegsopfern nicht sexuell. Auch – z. B. – eine mehr oder weniger nackte Darstellung von Adam und Eva im Paradies muss nicht sexuell sein. Gezielt erotische Haremsdarstellungen u. Ä. wären aber offensichtlich etwas anderes; so etwas sollte man sich nicht aufhängen.

Jone meint:

„Als Modelle Mädchen oder Frauen benützen, bei denen nur die Geschlechtsteile bedeckt sind, ist an sich nicht erlaubt. Sind aber junge Künstler gezwungen, zu ihrer Ausbildung entsprechende Kunstakademien zu besuchen, dann sündigen sie nicht, wenn sie derartige Modelle abzeichnen. Sie dürfen aber selbstverständlich in die geschlechtlichen Regungen nicht einwilligen und müssen daher versuchen, durch Gebet und Erneuerung des guten Vorsatzes die Gefahr zu einer entfernteren zu machen. – Haben solche Mädchen und Frauen kein anderes Mittel, um sich vor schwerer Not zu bewahren, so ist es ihnen auch erlaubt, Modell zu stehen, vorausgesetzt, daß sie die entsprechenden Vorsichtsmaßregeln anwenden. […] Nackte Bilder und Kunstwerke mit besonderer Aufmerksamkeit auf die Geschlechtsteile länger betrachten, kann leicht eine schwere Sünde werden, besonders wenn es sich um neuere Darstellungen handelt, die darauf angelegt sind, die Sinnlichkeit zu erregen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 237, S. 192)

Wie sieht es mit dem Reden über Sexualität aus? Auch ein schwieriges Thema; hier kommt es eben auch darauf an, was in der jeweiligen Kultur als angebracht gilt. Auch im christlichen Europa änderten sich die Manieren im Lauf der Geschichte; im 19. Jahrhundert war man viel zurückhaltender als im 16., zum Beispiel.

Es ist zunächst einmal lieblos, anderen Unbehagen zu bereiten, indem man über etwas auf besonders offene/provozierende Weise redet (z. B. wenn man vor Kindern oder zurückhaltenden Leuten redet). Besonderes Zurschaustellen der Sexualität ist generell nicht schön und kommt meistens aus unkeuschen Gründen, aber komplettes Verschweigen ist auch nicht hilfreich. Ein Mittelweg ist wahrscheinlich am gesündesten. Man kann über Dinge auf sachliche, respektvolle Weise reden, aber muss es nicht auf graphische Weise tun.

Kinder sollte man früh genug aufklären, vor allem wenn sie Fragen stellen – manche kommen ja auch schon mit zehn oder elf in die Pubertät -, aber nicht auf eine Weise, die Grenzen verletzt, sondern eben einfach so, dass sie wissen, wie Kinder entstehen, was sich in der Pubertät im Körper verändert, und auch, was sexueller Missbrauch ist und wie sie sich verhalten sollen, wenn Erwachsene sie missbrauchen wollen. Irgendwann müssen sie auch wissen, was Sünden wie sexuelles Fantasieren, Selbstbefriedigung und Pornokonsum sind, weil sie früher oder später damit konfrontiert werden können, und auch ohne Konfrontation mit Pornos o. Ä. selber Versuchungen erleben können. Über naturwidrige Sexualpraktiken können sie auch im späteren Verlauf der Pubertät noch aufgeklärt werden; keine Fünftklässlerin muss wissen, was Analsex ist.

Was ist mit Liedern und dergleichen? Darf man bewusst Lieder anhören oder bei Liedern mitsingen, in denen es vor allem um Sex geht oder Sünden positiv dargestellt werden? Hier muss man wahrscheinlich unterscheiden; bei englischen Liedern z. B. merken viele Leute ja gar nicht, was der Text ist – wobei es da schon manche mit recht widerlichen Texten gibt („WAP“ von Cardi B, „Blurred Lines“ von Robin Thicke und ähnlicher Schmutz). Mitsingen, wenn man es versteht, sollte man bei so etwas nicht, genauso wie man nicht bei „Einst ging ich am Strande der Donau entlang“ mitsingen sollte; vom DJ sollte man sich solche Lieder natürlich auch nicht wünschen. Wenn schlechte Lieder im Bierzelt gespielt werden, wo man eben gerade ist, kann man sie einfach ignorieren, würde ich sagen. Jone meint:

„Das freiwillige Anhören schlechter Reden oder Lieder ist schwere Sünde, wenn es einen großen Einfluß auf die Erregung der geschlechtlichen Lust hat, oder wenn der andere dadurch veranlaßt wird, schwer sündhafte Reden zu führen, oder wenn man daran Freude hat. – Nur eine läßliche Sünde ist es, wenn man derartige Sachen, die keinen großen Einfluß auf die Erregung der bösen Lust haben, aus Neugierde anhört oder aus Menschenfurcht dazu lächelt, vielleicht auch ein Wort dazu sagt oder lacht über die Art und Weise der Darstellung, nicht über den Inhalt. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß dadurch kein Ärgernis entsteht.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 238, S. 193)

Wenn man Radio hört, und ab und zu schlechte Lieder kommen, sollte es meiner Einschätzung nach kein Problem sein, das Radio laufen zu lassen, solange es nicht besonders schmutzige Lieder sind, bei denen man die Texte auch versteht (wie die Beispiele oben).

Dann wäre da die Frage nach Blicken und Berührungen, sowohl bzgl. des eigenen Körpers als auch anderer Menschen.

Sich selber beim Waschen usw. anzuschauen und zu berühren ist etwas ganz Normales, mit dem man einfach unbefangen umgehen kann, aber man sollte sich eben nicht in der Weise dabei aufhalten, dass man irgendwann in die Gefahr der Selbstbefriedigung kommt. Sich aus Neugier etwas dabei aufhalten wird z. B. von Jone als lässliche Sünde bewertet.

Bzgl. anderer Personen schreibt Jone, wobei er der einfacheren Einteilung halber bei den Körperteilen „unehrbare Teile“ (Geschlechtsteile und ihnen nahe Körperpartien), „weniger ehrbare Teile“ (Brust, Rücken, Arme, Schenkel) und „ehrbare Teile“ (Gesicht, Hände, Füße) unterscheidet:

„An anderen sind Berührungen schwere Sünden, wenn ohne Grund unehrbare Teile berührt werden (auch nur über den Kleidern), gleich ob es sich um Personen desselben oder des anderen Geschlechts handelt. Eine läßliche Sünde liegt nur dann vor, wenn diese Berührungen geschehen ohne böse Absicht und nur flüchtig und schnell aus Leichtsinn oder im Scherz. […]

Bei Personen desselben Geschlechts unehrbare Teile flüchtig aus Neugierde anschauen ist eine läßliche Sünde; es wird aber zu einer Todsünde, wenn es absichtlich und lange geschieht, besonders wenn damit eine gewisse Zuneigung verbunden ist. […] Weniger ehrbare Teile solcher Personen anschauen ist keine Sünde, außer es geschieht in sodomitischer Absicht. – Bei Personen des anderen Geschlechts unehrbare Teile anschauen ist Todsünde, ausgenommen wenn es fast unversehens und flüchtig oder kurz und von weitem geschieht, oder wenn es sich um ein kleines Kind handelt.“ (Nr. 235-237, S. 190-192)

Bei den sog. „weniger ehrbaren Teilen“ von Personen anderen Geschlechts, also z. B. Brust und Oberschenkeln, bewertet er das Berühren im Allgemeinen als Todsünde, das Anschauen nur dann, wenn man sich lange dabei aufhält. Jemandem auf die Brust zu starren ist ja auch nicht schön.

Dann wäre da der Kleidungsstil. Das ist ja auch ein schwieriges Thema, praktisch ein Minenfeld im christlichen Internet. Aber einfach auslassen kann man es in einem Kasuistikartikel ja leider nicht. Für schamhafte Kleidung gibt es verschiedene Argumente:

  • Anderen helfen, Gedankensünden gegens 6. Gebot zu vermeiden. Dieses Argument hört man oft, und es ist auch sinnvoll. Man muss es anderen nicht extra schwer machen, und gerade junge Männer und Jungs in der Pubertät sind nun mal eher visuell veranlagt. Natürlich ist a) jemand auch dann verantwortlich dafür, seine Gedanken zu beherrschen, wenn andere in seiner Gegenwart wie Schlampen angezogen sind, und b) werden sich schmutzige Gedanken nicht ganz durch allgemeinen Anstand vermeiden lassen; die kommen schon auch aus einem selber. Aber der Anstand macht es leichter. Das trifft besonders deswegen zu, weil Kleidungsstücke ja öfter mal von den Designern gemacht werden, um sexy zu sein, auch wenn eine sie vielleicht nur wegen des hübschen Musters anzieht.
  • Das, was der Name „Schamhaftigkeit“ aussagt: Intimes nicht zur Schau stellen. Sollte man öfter hören. Übrigens kann etwas auch eindeutig unschamhaft sein, das nicht dazu geeignet ist, andere zu unkeuschen Gedanken zu reizen: Wenn ältere Männer zu weite, verrutschende Hosen tragen, die ihr Hinterteil sehen lassen, wird das niemand anziehend finden, aber sehr wohl unschamhaft.
  • Zurückhaltung, eine Art Wettbewerb der Zurschaustellung vermeiden, und damit gerade unter Frauen ein besseres Klima schaffen. Auch bedenkenswert.
  • Sexualität nicht in den Vordergrund stellen, um sich einfach auf „geschwisterliche“ Weise begegnen zu können, ohne dass das ein Thema wird. Auch sinnvoll.

Im muslimischen Bereich hört man auch manchmal das Argument, dass schamhafte Kleidung Schutz vor sexuellen Übergriffen biete. (Manchmal kommt es auch bei Leuten, die nichts von Vorschriften zu sittsamer Kleidung halten und denen, die solche Vorschriften machen wollen, unterstellen, sie würden dieses Argument verwenden.) Dieses Argument ist eigentlich Quatsch, und man hört es bei Christen im Normalfall nicht. Wer Frauen belästigen will, lässt sich ja von Kleidung nicht abhalten; manche sind gerade davon angezogen, wenn eine besonders unschuldig wirkt. Und Statistiken zeigen, dass sexuelle Gewalt oft in solchen Ländern sehr verbreitet ist, in denen viele Frauen sehr züchtig angezogen sind (islamischen Ländern). Es kann sein, wenn man z. B. auf eine Veranstaltung geht, auf der viel geflirtet und belästigt wird und Leute miteinander zu One-Night-Stands weggehen, dass man mit besonders offenherziger Kleidung die Botschaft aussendet, besonders offen für Anmache zu sein, aber generell ist das hier nicht der Grund für schamhafte Kleidung.

Weil ich weiß, dass es nervt, immer nur „also irgendwie gibt es so etwas wie anständige und unanständige Kleidung schon, aber Genaueres wollen wir dazu jetzt auch nicht sagen, das ist ja auch in jeder Kultur anders“ zu hören, und weil das hier der Kasuistik-Artikel ist, ein paar Regeln:

1) Offensichtlich falsch ist die Art von Auftreten, für die man als Exhibitionist verhaftet werden kann, das, was als nackt oder fast nackt gilt – auch wenn man das nicht macht, um andere sexuell zu belästigen, sondern um ein Statement abzugeben, zu provozieren, was auch immer. FKK-Strände z. B. sollte man vermeiden. Auch wenn dort niemand andere belästigt o. Ä., ist das Abtrainieren des Schamgefühls falsch. Das Ausziehen beim Arzt oder in geschlechterspezifischen Gemeinschaftsumkleiden ist natürlich kein Problem.

Solche Sünden, also wenn jemand sich z. B. für irgendeine provozierende Kunstaktion öffentlich nackt präsentiert, dürften für gewöhnlich an sich schwere Sünden sein. (Das gilt natürlich nicht, wenn jemand sich z. B. im Bad ausgezogen hat und dann merkt, dass jemand reinschauen kann, weil er nicht darauf geachtet hat, den Vorhang zu schließen, und ähnliche Fälle. Keine bis allerhöchstens lässliche Sünde. Aber man sollte z. B. natürlich nicht halb nackt in der Wohnung herumlaufen, wenn auch der Stiefbruder oder der Cousin zu Hause ist.)

2) Dann gibt es natürlich den großen Bereich von normaler Kleidung, bei der die gewissenhafte Christin sich denkt „das hab ich schon so lang, und eigentlich gefällt mir die Farbe und das Muster so gut“, „heute ist es so heiß“, „ich hab gerade nichts anderes im Schrank, was mir gefällt“ und sich dann fragt, ob sie noch okay ist oder vielleicht doch ein bisschen zu freizügig. Deswegen ein paar Regeln, anhand derer man schauen kann, ob man etwas noch nimmt oder lieber nicht – wohl gemerkt, Faustregeln von mir in Bezug auf unsere Kultur. In anderen Kulturen kann wieder anderes gelten, auch wenn in keiner Kultur die Leute völlig nackt herumlaufen. Grundsätzliche Faustregel: Wenn etwas in einer Kultur von der Mehrheit der Leute als sexy – statt einfach als hübsch – empfunden wird, ist es unschamhaft. Nackte Arme oder Unterschenkel z. B. werden in unserer nicht so empfunden, aber Hotpants und tiefe Ausschnitte sehr wohl.

(Kleinkinder und bis zu einem gewissen Grad auch überhaupt Kinder vor der Pubertät brauchen sich bei diesen Regeln im strengen Sinne nicht angesprochen zu fühlen; aber es ist sinnvoll, sie auch schon an Regeln und ein gewisses Schamgefühl zu gewöhnen.)

Für Frauen/Mädchen:

  • Brustbereich bedeckt, auch beim Vorbeugen kein Brustansatz sichtbar. (Vielleicht bin ich hier etwas streng; aber man sollte definitiv auch beim Vorbeugen keine tiefen Einblicke gewähren.) Keine durchscheinenden Nippel. (Allerdings: Stillen in der Öffentlichkeit ist in Ordnung. Erstens ist es nicht sexualisierend, außerdem ist es notwendig; Kinder müssen schließlich essen. Man muss sich dabei ja nicht gezielt komplett oberkörperfrei präsentieren.)
  • Die „Rock/Hose bis zum Knie“-Regel ist m. E. sinnvoll; wobei man bei Hosen im Sommer vielleicht ein klein wenig weniger streng sein kann; Röcke (zumindest die meisten Röcke) rutschen beim Rennen, Bücken oder Hinsetzen leichter nach oben, was bei kurzen Hosen nicht passiert. Da wäre es also nicht schlimm, wenn eine kurze Hose 5 cm über dem Knie endet. Ich würde schätzen, dass z. B. auch Sporthosen eines Frauenfußballteams, die ein bisschen mehr als die Hälfte der Oberschenkel bedecken, auch wenn sie nicht ideal sind, noch als nicht sündhaft durchgehen, und man sie deswegen tragen kann, wenn man zu dem Team gehört (wobei, wem das unangenehm ist, natürlich auch eine Leggings drunter anziehen könnte). Hotpants und Miniröcke definitiv vermeiden.
  • Keine sichtbare Unterwäsche.
  • Kein durchsichtiger Stoff oder Schlitze an den Stellen, die bedeckt sein sollen.
  • Nichts, was arg eng anliegt, und z. B. an Brust, Hinterteil, Oberschenkeln arg körperbetont ist. Manche Frauen mit größerer Oberweite können Rundungen natürlich nicht so gut „verstecken“, das ist dann auch keine Sünde, aber jede kann Kleidung anziehen, die nicht darauf angelegt ist, Körperformen extra ganz besonders hervorzuheben. Wenn es besonders eng anliegt und spannt, ist es eher zu vermeiden. Auch Röcke, die an den Beinen ein gutes Stück enger anliegen als weiter oben und so die Hüften hervorheben, sind grenzwertig und eher zu meiden.
  • In diesem Zusammenhang: Leggings sind keine Hosen. Leggings nur, wenn drüber ein Rock, eine kurze Hose o. Ä. getragen wird. Strumpfhosen würde man auch nicht als Hosen tragen. Auch beim Sport kann man Jogginghosen oder andere Sporthosen anziehen statt Leggings, oder zumindest eine kurze Hose über der Leggings tragen. (Gut, wenn man Dehnübungen im eigenen Wohnzimmer macht, wo niemand einen sieht, ist das was anderes. Aber wenn niemand einen sieht, auch nicht durchs Fenster, kann man ja eh herumlaufen, wie man mag.) Skinny Jeans sind auch schwierig; wenn sie an Hintern und Oberschenkel eng sitzen, sollte man zumindest ein ganz besonders langes Oberteil darüber tragen (oder einfach eine andere Hose anziehen).
  • Schulterfrei, rückenfrei und bauchfrei würde ich als grenzwertig empfinden und eher vermeiden, auch wenn ich nicht jedes solche Outfit für sicher sündhaft erklären will. Es deutet einfach mehr Nacktheit an.
  • Was Bademode angeht: Das Problem bei Bikinis ist für gewöhnlich, dass sie nicht mal die Bereiche, die sie bedecken sollen, wirklich bedecken, weswegen man sie meines Erachtens vermeiden und eher einteilige Badeanzüge / Tankinis / Badekleider / Shorts + anständig bedeckendes Tankinioberteil o. Ä. nehmen sollte. Hier ist mehr sichtbares Bein in Ordnung, weil es so üblich ist und als normalerweise nicht sexualisierend wahrgenommen wird, aber Brustbereich, Hinterteil und Schambereich sollten vollständig bedeckt sein. Wenn noch die Oberschenkel ein bisschen bedeckt sind, schadet es nicht, aber das muss nicht sein. (Mit ein bisschen Googeln lässt sich übrigens ziemlich viel Auswahl an „sittsamerer“ Bademode finden, auch Hübsches, gerade bei Badekleidern, und auch für die, die etwas strengere Maßstäbe haben, vor allem, wenn man die englischsprachige Welt hinzunimmt und „modest swim wear / swim suits“ googelt. Da findet man auch leicht hübsche Badekleider, die bis zum Knie reichen.)
  • Manche Katholikinnen lehnen Hosen ab, weil die Männerkleidung seien. Das ist allerdings ein Argument, das man vor hundert Jahren hätte bringen können und das damals auch sinnvoll gewesen wäre; heute werden Frauenhosen aber schon lange nicht mehr als Cross-Dressing empfunden. (Anders als wenn z. B. eine Frau im Herrenanzug auftauchen würde.) Im Gegenteil: Es wäre praktisch schon Cross-Dressing, wenn Männer Frauenhosen anziehen würden. Wenn eine lieber Röcke trägt, weil sie sich gern feminin anziehen will, ist das selbstverständlich ihr gutes Recht; nur ist es keine Sünde, wenn andere Hosen tragen wollen.

Kurz zusammengefasst: Bedeckt in etwa von den Schultern bis zu den Knien (beim Baden kann man etwas laxer sein); keine tiefen Ausschnitte; nichts arg Körperbetonendes oder Durchsichtiges.

Das ist alles eigentlich gar nicht so schwer, und sicher nicht so furchtbar, dass man im Sommer damit den Hitzetod sterben müsste; eine knielange Hose und ein T-Shirt mit relativ hohem Ausschnitt sollten nicht so schlimm sein. Man kann sich mit diesen Regeln auch noch sehr hübsch anziehen; ich habe ja nicht viel Modegeschmack, aber die anderen Tradi-Mädchen aus meiner Bekanntschaft sind meistens sehr hübsch mit ihren Röcken oder Kleidern. Man muss auch nicht alle Kleidung, die man schon hat und die den Regeln auf den ersten Blick nicht entspricht, gleich wegwerfen; eine durchscheinende Bluse kann man einfach über ein weißes oder schwarzes Top anziehen; eine hübsch gemusterte Leggings unter eine knielange Jeanshose oder einen weißen Rock; usw.

Für Männer / Jungen gilt dementsprechend auch:

  • keine sichtbare Unterwäsche.
  • kein sichtbares Hinterteil, keine rutschenden Hosen; das ist wirklich unappetitlich.
  • Zumindest die Hälfte der Oberschenkel – oder besser: alles bis zum Knie – bedeckt (Ausnahme: beim Baden).
  • Keine besonders engen Badehosen, keine Leggings.
  • „Oben ohne“ nur wenn notwendig und üblich (z. B. beim Baden; bei Bauarbeiten in der heißen Sonne).

(Ja, meine Regeln für Frauen sind ausführlicher. Das liegt (sorry, isso) einfach daran, dass gewisse Kleidung bei Frauen eher als sexualisierend empfunden wird, während Männermode nicht so auf Sexyness ausgerichtet ist (welches Männerhemd hat einen tiefen Ausschnitt?), und ich zu ein paar Streitpunkten Genaueres erklären wollte, damit mir nicht im Kommentarbereich vorgeworfen wird, etwas zu sagen, das ich nicht sage. Außerdem bin ich nun mal eine Frau und mache mir da logischerweise mehr Gedanken und kenne die Probleme besser. Freilich sollten auch Männer es eben vermeiden, zu anziehend auf Frauen (oder auch auf homosexuell veranlagte Männer) zu wirken – es ist z. B. nicht angebracht, im Fitnessstudio das T-Shirt auszuziehen.)

Wer es einfach haben will, kann sich auch die Regeln für den Einlass in italienische Kirchen hernehmen (wobei man ja dazu tendiert, in Kirchen etwas strenger zu sein als anderswo):

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Es kann natürlich an sich auch schwere Sünden gegen die Schamhaftigkeit geben, aber bei solchen Sachen wie sichtbarem Brustansatz oder einem etwas zu engen oder ein wenig zu kurzen Rock dürften wir uns recht eindeutig im Bereich der lässlichen Sünde bewegen. Hier gilt auch bzgl. der Wirkung auf andere: „Nur eine leichte Sünde liegt vor, wenn der andere schwer sündigt mehr wegen seiner persönlichen Verdorbenheit als wegen einer unbedeutenden Gelegenheit, die er als Anlaß zum Sündigen nimmt. Deshalb liegt nur eine leichte Sünde des Ärgernisses [= jemand anderem Anlass zur Sünde werden] vor, wenn die Kinder durch leichten Ungehorsam den Eltern Anlaß zu schweren Flüchen geben, oder wenn Mädchen durch unbedeutende Eitelkeiten, wenig ehrbaren Schmuck oder wenig ehrbare Kleidung jungen Leuten Anlaß zu Sünden gegen die heilige Reinheit geben.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 145, S. 115)

Eins noch: Es ist definitiv nicht angebracht, aus heiterem Himmel zu einer in Tanktop und knappen Shorts hinzugehen und ihr zu sagen, sie solle sich schamhafter anziehen (beschämend, nicht zielführend, führt zu Streitereien); aber es ist auch nicht angebracht und ziemlich lieblos, sich implizit oder explizit über eine lustig zu machen, die sich ohne lange Röcke und langärmlige Blusen zu wenig angezogen vorkommt. (Ausnahme für ersteres: Eltern, Schulen etc. dürfen natürlich Regeln festlegen; unter Freundinnen kann man ausnahmsweise mal, wenn es angebracht ist, alle Beteiligten Christinnen sind, man miteinander vertraut ist und solche Sachen nicht übelnimmt, über das Thema reden. Bzgl. zweiterem: Von jemandem zu erwarten, sich etwas auszuziehen, ist in aller Regel einfach übergriffig, außer bei so offensichtlichen Sachen wie polizeilichen Durchsuchungen, oder wenn einen der Lehrer auffordert, die Mütze abzunehmen.)

3) Oft wird in diesem Zusammenhang noch das Thema formelle vs. informelle Kleidung (Abiverleihung, Kirche, Büro vs. Freizeit, zu Hause) angesprochen, aber das gehört eher in den Bereich „Höflichkeit“ und nicht in den Bereich „6. Gebot“, und ist auch nicht gerade das Wichtigste von der Welt. Passende Kleidung gehört sich irgendwo, aber wenn jemand z. B. keine besondere Sonntagskleidung besitzt / sich leisten kann, muss er sich deswegen beim Messbesuch keine Gedanken machen.

4) Außerdem wird das Thema Anstand, Bescheidenheit, Vermeidung von Angeberei hier oft erwähnt.

Der hl. Franz von Sales gibt das Ideal dazu folgendermaßen an: „Sei sauber! Nichts an dir soll schlampig und vernachlässigt sein. Unordentliche Kleidung bedeutet eine Missachtung der Leute, mit denen man umgeht. Hüte dich aber vor allem Gezierten und Eitlen, vor jedem auffallenden und unsinnigen Aufputz. Soviel du kannst, halte dich stets an Einfachheit und Bescheidenheit, den größten Schmuck der Schönen und die beste Entschuldigung der Hässlichen.“ (Philothea, 3. Teil, 25. Kapitel)

Das ist aber ein Ideal; hier geht es eher um lässliche Sünde und u. U. nicht mal darum; Schmuck, Makeup o. Ä. ist an sich keine Sünde, jedenfalls dann, wenn das Motiv einfach nur ein unschuldiger Wunsch ist, hübsch zu sein, anderen zu gefallen usw. Der kann natürlich unmäßig werden und man kann zu viel Wert auf dieses Thema legen und sich zu viel auf das eigene Aussehen einbilden; muss er aber nicht. Am Morgen (zum Beispiel) fünfzehn Minuten dafür aufzuwenden, sich eine hübsche Frisur zu machen, eine Halskette herauszusuchen und Makeup aufzulegen, ist in Ordnung. Verschönerung ist ein legitimer Zweck von Kleidung usw. Eitelkeit wäre es z. B., viel Geld für so was zu verschwenden, ständig an sein Aussehen und seine Wirkung auf andere zu denken. (Mehr dazu vielleicht beim Thema „7 Hauptsünden – Eitelkeit“, weil das eigentlich auch wieder keine 6.-Gebot-Sache ist.)

Könnte eine Katholikin als Model arbeiten? Im allgemeinen wohl nicht, weil sie bei Katalogfotos und Modenschauen in aller Regel sowohl schamhafte als auch unschamhafte Kleider präsentieren müsste, und weil die Auftraggeber sich mit aller Kraft bemühen, ihre Models auch noch geblümte Röcke und Sonnenhüte irgendwie sexualisierend präsentieren zu lassen. Womit ich nichts dagegen gesagt haben will, ausnahmsweise mal einen Modelauftrag für Wintermäntel anzunehmen oder in einer Müsliwerbung aufzutreten, oder ausschließlich für eine fundamentalistisch-christliche Modelinie zu arbeiten. Auch als Schauspieler müsste man sich von solchen Dingen wie dem Drehen von Sexszenen natürlich fernhalten. Nicht jede Darstellung von irgendetwas aus dem Bereich der Sexualität muss falsch sein; aber generell sind solche Sachen zu meiden. (Und hier ist noch gar nicht einberechnet, dass die Mode- und Filmbranche leider besonders anfällig für Korruption, sexuelle Belästigung und Erfolg durch Hochschlafen sind, wie gerade erst wieder gezeigt.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12b: Das 6. & 9. Gebot – Sünden gegen die Keuschheit

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Anmerkung: Das hier sind wahrscheinlich die Teile aus dieser Reihe, bei denen am meisten kritische Kommentare von wegen komisch und kleinkariert kommen könnten. Aber das hier ist eben Kasuistik, und die ist dazu da, peinliche Einzelfragen zu beantworten, die die Leute nicht gerne groß diskutieren. Ich werde mich bemühen, es so trocken und klar wie möglich zu halten. Dumme Kommentare und Kommentare, die sich über andere lustig machen, werden gelöscht. Wenn Fragen länger diskutiert werden, liegt das eher daran, dass sie besonders umstritten sind, und nicht zwangsläufig daran, dass sie besonders wichtig sind.

Im letzten Teil ging es um allgemeine Begründungen für die katholische Sexualmoral; jetzt also zu den verschiedenen Arten von Sünden im einzelnen. (Heute nur zu den Sünden gegen die Keuschheit, im nächsten Teil zu denen gegen die Schamhaftigkeit.) Die Unkeuschheit generell lässt sich definieren als „das ungeordnete Begehren oder den ungeordneten Genuß der geschlechtlichen (fleischlichen) Lust“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 180, Nr. 222) Wie schon gesagt fallen diese Sünden je nach Art der Ungeordnetheit unter drei Kategorien:

  1. Außerhalb der Ehe
  2. Gegen die natürliche Ordnung
  3. Verstoß gegen Liebe oder Gerechtigkeit (v. a. Anwendung von Zwang/Gewalt)

Erst einmal zur ersten Kategorie.

Einfache Unzucht:

Dass der eigentliche Sex vor der Ehe schwere Sünde ist, sollte nicht überraschen. Es hat seinen Grund, dass frühere Theologen und Päpste die gottgewollte Form von Sex schlicht als „ehelichen Akt“ oder „Vollzug der Ehe“ bezeichneten; das gehört zur normalen Funktion der Ehe und es außerhalb von ihr zu tun, ist schlicht fehl am Platz. Man verzeihe mir den etwas vulgären Vergleich, aber: Sex vor der Ehe ist wie Kommunion vor der Taufe. Man stelle sich vor, ein Katechumene würde argumentieren „in drei Monaten werde ich eh getauft, da kann ich auch jetzt schon den Leib des Herrn empfangen“. Man kann keinen Bund äußerlich vollziehen, der noch nicht geschlossen wurde. Vor der Eheschließung kann man immer noch einen Rückzieher machen; das schließt den körperlichen Ausdruck der hundertprozentigen Zusammengehörigkeit aus.

Ein biblischer Beleg dafür, dass nicht nur Ehebruch, und auch nicht nur Prostitution, sondern auch vorehelicher Sex in einer Beziehung (sogar mit der Verlobten) schlecht ist, findet sich übrigens in 1 Korinther 7. Hier schreibt Paulus, während er davon spricht, dass es besser ist, ehelos zu bleiben als zu heiraten: „Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser.“  (1 Kor 7,36-38) Also: Lieber ehelose Keuschheit als Ehe; aber Ehe ist auch gut und Unzucht geht gar nicht. (Im griechischen Originaltext steht hier „Jungfrau“, nicht „Verlobte“, die Einheitsübersetzung deutet in der Übersetzung also mal wieder direkt; die Deutung passt aber vom Kontext her. Hier übrigens genauer zu diesem Kapitel des 1. Korintherbriefs, für Leute, die noch Probleme damit haben, dass z. B. Ehelosigkeit besser sein soll als Ehe.)

Auch Jesus, nicht nur Sein Apostel, zählt ausdrücklich die Unzucht und nicht nur den Ehebruch unter die  schweren Sünden; er nennt in einer Auflistung von Sünden beides hintereinander: „Weiter sagte er: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.“ (Mk 7,20-23)

Dann ist da die alte Frage „Wie weit ist zu weit?“. Als Richtlinie dafür kann man sagen: Ist etwas einfach Ausdruck von Zuneigung (wie man sie auch gegenüber seinem Kleinkind oder guten Freunden ausdrücken könnte), oder etwas, das schon Vorspiel zum Sex sein könnte, etwas bei dem die Beteiligten es auf sexuelle Erregung anlegen oder bei dem sexuelle Erregung zumindest normalerweise folgt (auch wenn sie in diesem Fall nicht vorhaben, bis zum Sex zu gehen)?

Soll konkret heißen: kurze Umarmungen, kurze Küsse auf die Wange oder die geschlossenen Lippen, Händchenhalten sind erlaubt; Zungenküsse, Hände unter dem T-Shirt des anderen usw. usf. nicht. Petting natürlich erst recht nicht. (Unter Papst Alexander VII. wurde übrigens der Satz „Es ist eine wahrscheinliche Meinung, dass ein Kuss, der wegen des fleischlichen und sinnlichen Vergnügens gegeben wurde, das aus dem Kuss entsteht, ohne dass damit die Gefahr einer weitergehenden Einwilligung und Pollution gegeben wäre, nur eine lässliche Sünde sei“ als laxistisch verurteilt (Denzinger-Hünermann 2060), d. h. das wäre laut diesem Papst eine schwere Sünde. Berührungen und Küsse können auch unkeusch sein, bevor es zum eigentlichen Sex kommt – auch wenn hier natürlich schon noch ein großer Unterschied ist.) Das klingt erst einmal extrem streng, aber es ist so.

Jemand könnte dagegen argumentieren: Ist nicht nur der volle Ausdruck der Zusammengehörigkeit der Ehe vorbehalten, darf man nicht auf niedrigeren Stufen (Zusammensein, Verlobung) auch schon sexuelle Handlungen vollziehen, die nicht ganz dahin reichen? Nein, darf man nicht; ganz einfach, weil der (wie man das früher so ausdrückte) „Gebrauch der Geschlechtskraft“ etwas ist, was geachtet werden muss (Gründe: s. letzter Teil) und nicht einfach nur so halb stattfinden darf ohne Hinordnung auf die Ehe.

Das Prinzip ist: Jede direkt gewollte sexuelle Erregung außerhalb der gültigen Ehe ist von vornherein falsch. Das liegt freilich auch daran, dass, wenn man erst mal miteinander herummacht, es auch leicht ist, weiterzugehen; es ist – wie bei Drogen – nicht so einfach, sich hier zu sagen „so weit und nicht weiter“.

Dieses Prinzip ist eigentlich sehr einfach und konsequent; solange man noch unverheiratet ist, hält man sich von diesem ganzen Bereich einfach fern und spart sich alle Scherereien und Frustrationen, die möglicherweise entstehen könnten. Dieser Bereich ist einfach noch nicht für einen; es gibt genug andere Sachen, mit denen man sich beschäftigen kann.

Man unterscheidet hier, um die Fachbegriffe zu nehmen, zwischen „unvollendeten Sünden“ und „vollendeten Sünden“ gegen die Keuschheit. Ist ein Orgasmus/Samenerguss/Geschlechtsverkehr da, ist es eine vollendete Sünde; ist bloß eine anfängliche Erregung da, ist es unvollendet. Auch die unvollendeten Sünden sind eben Sünden, weil der biologische Zweck der sexuellen Erregung letztlich ist, einen zum Sex zu bewegen.

Jetzt würde sich noch die Frage stellen: Sind solche „unvollendeten“ Berührungen dann in der Ehe auch ein Problem, wenn sie nicht direkt Vorspiel zum Sex sind? Nein, sind sie natürlich nicht. Der Gesamtzusammenhang der Ehe ist ein ganz anderer. Auch in der Ehe wäre es aber falsch, Orgasmus/Samenerguss ohne wirklichen Geschlechtsverkehr anzustreben (z. B. durch gegenseitige Masturbation, Oralsex…), aber sonstige Berührungen, Küsse etc., die etwas erregend sind, sind natürlich kein Problem, auch wenn man nicht vorhat, gleich miteinander zu schlafen. Wenn ausnahmsweise z. B. mal ein Samenerguss bei Zärtlichkeiten außerhalb des Geschlechtsverkehrs eintritt, ist das kein Problem; man sollte aber nicht ständig was tun, von dem man weiß, dass es regelmäßig dazu führt.

Jone schreibt:

„Jede direkt gewollte geschlechtliche Lust ist außerhalb der Ehe immer eine schwere Sünde.

[…] Daß jede direkt gewollte geschlechtliche Lust immer eine schwere Sünde ist, ergibt sich auch aus der Tatsache, daß jede direkt gewollte geschlechtliche Lust jemanden in die nächste Gefahr bringt, noch viel schlimmere Dinge zu tun. […] Auch jene, bei denen der sexuelle Trieb abnorm hochgradig gesteigert ist (hyperaesthesia sexualis), können und müssen sich beherrschen. Geistesstörungen können allerdings die Verantwortlichkeit mindern oder ganz aufheben. Über den Einfluss der Leidenschaft vgl. Nr. 25.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 223, S. 181)

(In Nr. 25 schreibt er über die Leidenschaft:

„1. Begriff. Leidenschaft ist eine Regung des sinnlichen Begehrungsvermögens, die hervorgeht aus der Vorstellung eines Gutes oder eines Übels.

2. Einteilung. Die Leidenschaft kann sein:

a) antecedens [vorausgehend, im Voraus]: dieselbe eilt der Willensentscheidung voraus und lockt den Willen zur Zustimmung.

b) consequens [nachfolgend, im Nachhinein]; sie folgt auf die frei Willensentscheidung, indem sie entweder freiwillig zugelassen oder absichtlich angeregt wird.

Absichtlich angeregt wird die Leidenschaft, wenn man Regungen, die von selbst entstanden sind, bewußterweise noch nährt oder wenn man absichtlich Regungen der Leidenschaft in sich hervorruft, indem man z. B. unkeusche Bücher liest oder sich an erlittenes Unrecht erinnert.

3. Einfluß auf die Zurechenbarkeit.

a) Die antecedens vermindert die Zurechenbarkeit immer, hebt sie manchmal sogar ganz auf, je nachdem sie den Vernunftgebrauch nur behindert oder ganz aufhebt.

Auch bei Verminderung der Zurechenbarkeit ist oft noch eine schwere Sünde vorhanden. Gewöhnlich ist zudem die Leidenschaft noch indirekt gewollt, weil man entweder ohne hinreichenden Grund sich einer Gefahr aussetzt oder trotz klarer Erkenntnis der entsprechenden Pflicht seine leidenschaftliche Veranlagung nicht bekämpft. – In der Praxis wird es oft schwer sein, zu bestimmen, ob die Verminderung der Zurechnungsfähigkeit so groß ist, daß noch eine schwere Sünde vorliegt oder nicht. Man muß dann das Urteil Gott überlassen.

b) Die consequens vermindert die Zurechenbarkeit niemals, vermehrt sie aber gewöhnlich.

Eine Steigerung der Zurechenbarkeit tritt dadurch ein, daß der sinnliche Affekt absichtlich gesteigert und so das Gute oder Böse kräftiger und vielseitiger gewollt wird.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 23-25, S. 30f.))

Jetzt könnte jemand sagen: Aber würde es nicht der Beziehung schaden, wenn wir als Verlobte unsere Gefühle noch nicht ausdrücken können? Nein. „Für den jungen Mann soll ein Mädchen, das er wirklich liebt, wie eine kostbare Perle sein. Seine Liebe bringt er gerade dadurch zum Ausdruck, dass er sie nicht anrührt. So gibt er ihr die beste Gewähr, dass er gelernt hat, seine Leidenschaften zu beherrschen, um auch in der späteren Ehe treu zu sein.“ (Martin Ramm FSSP, Keuschheit. Hilfen zur Gewissensbildung im 6. Gebot, 3. Aufl., Thalwil 2019, S. 33.) Natürlich wird das nach der Ehe eine Umstellung sein; aber daran kann man sich ja langsam gewöhnen und langsam mit allem anfangen.

Die voreheliche Keuschheit bedeutet auch, sich für den zukünftigen Ehepartner aufzusparen, damit später beide sagen können, dass sie nichts mit anderen geteilt haben, was jetzt zu ihrer intimen Beziehung gehört. Natürlich kann man auch eine wunderbar glückliche Ehe haben, wenn man Sünden in der Vergangenheit hat; aber das hier fehlt dann eben.

Eine Frage stellt sich hier: Ist es in Ordnung, eine Beziehung einzugehen, wenn man weiß, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis man heiraten kann? Also wenn man z. B. erst 16 ist und noch zwei Jahre bis zum Abi hat? Manche Katholiken sehen es z. B. als sinnvoll, wenn die Eltern Dates vor dem Schulabschluss oder der Volljährigkeit verbieten. In der Vorkonzilszeit wird man einige Theologen finden, die finden, dass frühe exklusive Beziehungen vermieden werden sollten, und das besonders, wenn sie öfter für einen Anlass zu Sünden (Berührungen etc….) sind, weil man sich nicht recht beherrschen kann, die aber auch sagen, dass es unklug wäre, sich zu früh auf jemanden festzulegen, am Ende vielleicht doch zu heiraten, wenn man noch zu unreif ist etc. Ich selber tue mir schwer, hier ein Urteil abzugeben. Es könnte auch ein besonderes Wachstum und eine Reifung bedeuten, wenn man gemeinsam jahrelang wartet. Und es kann nun mal sein, dass man schon mit 18 oder 19 jemanden kennenlernt, mit dem man sehr gut zusammenpasst, auch wenn man erst gerade eben mit dem Studium begonnen hat. Ich würde das Thema also nicht so streng sehen; und wer sagt, dass etwas Sünde ist, muss es ja auch beweisen. (Aber wenn man in so einer Beziehung öfter Sünden begeht, sollte man sich zuerst einmal ernstlich bemühen, etwas daran zu ändern, und wenn einem das absolut nicht gelingt, was aber normalerweise ja nicht der Fall sein sollte, kann es sein, dass man in der Beziehung eine Pause machen müsste, bis man eher in der Lage ist, in absehbarer Zeit zu heiraten.)

Jedenfalls: Wenn man eine Beziehung führt, sollte man sich von speziellen Gelegenheiten zur Sünde fernhalten, es z. B. vermeiden, beieinander zu übernachten, oder im Schlafzimmer des anderen allein miteinander zu sein. Ausnahmen kann es natürlich geben, z. B. wenn man den anderen seiner Familie vorstellen will, ihn für ein paar Tage einlädt und er im Haus der Familie im Gästezimmer schläft. Aber man sollte generell Situationen vermeiden, wo man komplett allein ist und nicht von anderen überrascht werden könnte. Zweisamkeit und Vertrautheit lassen sich ja auch dadurch bilden, dass man mit dem anderen spazieren geht, oder im Garten sitzt, oder im Schlafzimmer, in das jederzeit die Eltern unangekündigt hereinkommen könnten.

Zwei Unterkategorien der Unzucht sind Konkubinat (uneheliches Zusammenleben) und Prostitution: Beides eigenständige Unterarten von Sünden, weil es einen Unterschied macht, ob ein langfristiges Verhältnis besteht, wo immer wieder Unkeuschheitssünden begangen werden, oder nicht, oder ob jemand die Unkeuschheit zu einem langfristigen Beruf gemacht hat, oder nicht. (Auch Stripper, Schauspieler in Pornofilmen oder Leute, die Nacktfotos und -videos von sich auf Onlyfans verkaufen, begehen der Prostitution ähnliche schwere Sünden.)

Freilich sollte man hier erwähnen: Bei den gewöhnlichen Nichtchristen, die es völlig gewohnt sind, Sex als etwas zu betrachten, das man nun mal hat, sobald man zusammen ist, dürfte bei Unzucht/Konkubinat die Zurechenbarkeit gemindert sein. Prostitution sehen allerdings auch sie noch als etwas irgendwie Schlechtes; hier wäre also im Normalfall schon noch Zurechenbarkeit da (wenn wir von einer ausgehen, die freiwillig als Escort oder Camgirl arbeitet, nicht von einer Zwangsprostituierten).

Eine besonders schlimme Sünde wäre der Inzest (Geschlechtsverkehr zwischen nahen Verwandten); nämlich eine Sünde gegen die Keuschheit und die Pietät, d. h. die familiäre Liebe; hier werden normale Familienbeziehungen, die stabile, nichtsexuelle Beziehungen sein sollen, zerstört. (In der Praxis ist Inzest natürlich in den allermeisten Fällen mit Zwang, Abhängigkeit und Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen verbunden; aber eine Sünde wäre auch der freiwillige Inzest zwischen zwei gleichaltrigen erwachsenen Geschwistern.) Inzest ist streng definiert für Katholiken als Sex mit Verwandten, mit denen die Kirche die Ehe verbietet, also mit leiblichen direkten Vorfahren/Nachkommen, Geschwistern, Onkeln, Tanten, Cousins, Cousinen, und auch mit Adoptiveltern und Adoptivgeschwistern – wobei man, wenn man eine anständige Ehe anstrebt, beim Cousin eine Ausnahmegenehmigung von der Kirche bekommen kann und normalerweise wohl bekommen wird, anders als beim Bruder. Naturrechtlich sind Cousinenehen an sich nicht unerlaubt, aber nicht ideal. Wenn ein Muslim seine Cousine heiratet, ist die Ehe also gültig, weil sie nicht dem Kirchenrecht unterliegen, sondern nur dem Naturrecht. Ödipus‘ Ehe mit seiner Mutter dagegen war von Natur aus ungültig.

Schlimmer als andere Sünden wären auch Unkeuschheitssünden bei Leuten, die durch ein Ordensgelübde oder Zölibatsversprechen gebunden sind. Ein Priester und seine Geliebte begehen hier nicht nur eine Sünde gegen die Keuschheit, sondern auch ein Sakrileg. (Ein doppeltes Sakrileg wäre es, wenn zwei gottgeweihte Personen miteinander eine Sünde begehen; das muss auch so in der Beichte bei der Art der Sünde angegeben werden.) Deshalb muss, wer z. B. als Priester irgendeine Sechstes-Gebot-Sünde (nicht nur Unzucht, auch harmlosere Sünden) beichtet, auch angeben, dass er Priester ist. (Wobei er das eigentlich bei der Beichte ja grundsätzlich tun muss.) Auch wenn ein Laie z. B. davon fantasiert, mit einer Nonne zu schlafen, in die er sich verliebt hat, begeht er ein Sakrileg.

Ein Sakrileg kann nicht nur bzgl. einer besonders für Gott bestimmten Person, sondern auch bzgl. eines heiligen Ortes oder einer heiligen Sache begangen werden. Auch diese werden durch unkeusche Handlungen verunehrt – also wenn z. B. irgendwelche atheistischen pseudo-originellen Performancekünstler sexuelle Handlungen in einer Kirche simulieren. Wenn es sich um „schwer verletzende, mit Ärgernis für die Gläubigen verbundene Handlungen“ (Can. 1211 im CIC) handelt (wie in diesem Beispiel wohl), muss erst ein Bußritus stattfinden, bevor die Kirche wieder benutzt werden darf. „mit Ärgernis für die Gläubigen verbunden“ meint auch eine nach außen hin bekannte Handlung. Nicht jede sexuelle Sünde ist allerdings so schwer; wenn ein Tourist in einer Kirche einer Frau an den Hintern fasst, wäre das zwar sexuelle Belästigung und Sakrileg, aber kein ausreichend schlimmes Sakrileg; wenn ein Touristenpärchen in einer leeren Kirche herummacht, wäre das Unkeuschheit und Sakrileg, aber kein ausreichend schlimmes Sakrileg für einen Bußritus. Wenn jemand in einer Kirche unkeusche Gedanken hat, z. B. sich wünscht, irgendwelche Sünden zu begehen, wenn er wieder daheim ist, wäre das kein Sakrileg, sondern einfach eine normale Sünde gegen die Keuschheit. Auch sexuelle Handlungen, die nicht Sünde sind, wären in einer Kirche natürlich falsch; auch ein Ehepaar darf sich nicht in der Kirchenbank vergnügen. Nicht nur Sünden, auch profane Handlungen, sind in der Kirche falsch; man veranstaltet da ja auch kein Picknick (na ja, es sei denn, man hat sich in irgendeiner Notsituation in die Kirche zurückgezogen, kann nicht raus und muss etwas essen). Heilige Orte sind vom Bischof geweihte Orte für Gottesdienst und Totenbestattung, nicht der private Herrgottswinkel daheim oder der Platz vor einem Wegkreuz im Wald.

Ein anderes, kirchenrechtlich noch einmal eigens behandeltes schweres Verbrechen ist die „Sollicitatio“, also wenn ein Beichtvater anlässlich der Beichte einen Pönitenten zu einer Sünde gegen das 6. Gebot bewegen will: „Ein Priester, der bei der Spendung des Bußsakramentes oder bei Gelegenheit oder unter dem Vorwand der Beichte einen Pönitenten zu einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs zu verführen versucht, soll, je nach Schwere der Straftat, mit Suspension, mit Verboten, mit Entzug von Rechten und, in schwereren Fällen, mit der Entlassung aus dem Klerikerstand bestraft werden.“ (Can. 1387 im CIC) Früher gab es kirchenrechtlich sogar eine Pflicht für das Opfer, so etwas anzuzeigen; das ist heute nicht mehr so. Vielleicht wollte man mit der Änderung einen gewissen Druck von Opfern nehmen (wobei sie bei schwerwiegenden Gründen auch früher von der Anzeigepflicht entschuldigt waren), aber ich weiß nicht, ob das im Endeffekt eine so sinnvolle Änderung war. Solche Täter muss man ja fassen. Weil es ein so schlimmes Verbrechen ist, heißt es in Bezug auf die Verleumdung wegen eines solchen Verbrechens: „Wer bekennt, fälschlich einen unschuldigen Beichtvater bei der kirchlichen Autorität des Vergehens der im Zusammenhang mit der Beichte geschehenen Verführung zu einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs bezichtigt zu haben, darf erst absolviert werden, wenn er vorher in aller Form die falsche Anzeige zurückgezogen hat und bereit ist, angerichteten Schaden wiedergutzumachen.“ (Can. 982 im CIC) Früher stand hierauf sogar die Exkommunikation.

Ehebruch ist auch schlimmer als normale Unzucht, wie hier wohl nicht weiter ausgeführt werden muss; hier wird Vertrauen missbraucht und ein vor Gott geschlossener Bund gebrochen. (Auch unvollendete Sünden mit einem Verheirateten sind schwere Sünden und ehebrecherisch.) Wer als Verheirateter mit einer anderen verheirateten Person schläft, begeht einen doppelten Ehebruch (und muss das auch so in der Beichte angeben, weil es ein Verrat an zwei anderen Menschen ist).

Ehebruch ist auch dann Ehebruch, wenn der andere Ehepartner in  eine „offene  Ehe“ eingewilligt hat. So, wie ein Arbeiter nicht gültig einem Arbeitsvertrag zustimmen kann, der ihn extrem ungerechten Bedingungen unterwirft, kann auch niemand gültig zustimmen, dass sein Ehepartner ihn betrügt; dass der andere ihn zu dieser Zustimmung gebracht hat oder dass er das sogar von vornherein wollte oder auch die Ehe bricht, lässt ihm keine freie Bahn. Das zerstört eine Ehe ziemlich bald; letzten Endes lässt es niemanden kalt, dass der geliebte Partner jetzt andere hat, und die ganze Vertrautheit, die sich aus der Exklusivität ergibt, ist dahin.

Die Ehe ist etwas Heiliges, das die Eheleute sich nicht nach Belieben zusammenkonstruieren dürfen; besonders die sakramentale Ehe, d. h. die Ehe zwischen Getauften, die ein Abbild des Bundes Christi mit der Kirche ist.

Der hl. Thomas von Aquin nennt als Gründe, die den Ehebruch verschlimmern, bei einem Mann, dass er eigentlich das Familienoberhaupt ist und das Vorbild sein sollte, und bei einer Frau, dass sie durch den Ehebruch schwanger werden könnte. Das würde ja immer für zusätzliche Probleme sorgen – der Ehemann wäre sicher (und das verständlicherweise) nicht begeistert davon, das Kind eines anderen aufziehen zu sollen, und die Beziehung zwischen ihm und dem Kind wäre möglicherweise angespannt. Und wenn man das Kind zur Adoption freigibt, was eine manchmal sicher sinnvolle Alternative wäre, kommt es von seiner Mutter weg, an die es sich im Lauf der Schwangerschaft gewöhnt hat, und muss sich an neue Eltern gewöhnen.

Wenn Verlobte fremdgehen, ist das nicht nur Unzucht, sondern auch eine Sünde gegen die Verlöbnistreue – wenn auch natürlich nicht so schlimm wie Ehebruch. (Wenn man erst zusammen, aber noch nicht verlobt ist, ist das auch eine Sünde gegen den anderen, weil er, wenn er überlegt, ob er einen heiraten soll, eine solche Untreue natürlich in Betracht ziehen würde.) Was allerdings an sich natürlich keine Sünde ist, ist, wenn man verlobt ist, sich in jemand anderen verliebt, und die Verlobung löst. (Auch wenn es keine schöne Situation ist.)

Über die Themen Ehescheidung und Polygamie in einem eigenen Beitrag zur Ehe.

Dann gibt es die Sünden, die jemand allein begehen kann.

Unkeusche Gedanken: Bei den Gedanken muss man unterscheiden zwischen 1) schlechten Gedanken, die jemandem einfach kommen und die er wieder vertreibt oder einfach ignoriert (keine oder nur lässliche Sünde), 2) legitimem Nachdenken über irgendetwas Sexuelles (offensichtliche Beispiele: im Biologieunterricht, in der Moraltheologievorlesung, in einer Gerichtsverhandlung wegen sexueller Belästigung…; auch keine Sünde), und 3) dem gewollten Fantasieren, das man mit dem Fachbegriff delectatio morosa bezeichnet. Letzteres ist schwere Sünde, wie sich aus Jesu Worten in der Bergpredigt ergibt. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt.“ (Mt 5,27-30)

Was wäre mit der Beschäftigung mit sexuellen Dingen aus Neugier? Hier bewegen wir uns in einem Graubereich. Wenn jemand z. B. Sexszenen liest, weil er wissen will, wie genau das aussieht, aber weiß, dass er so etwas immer erregend findet, wäre das schwere Sünde. Wenn es bloß eine zu große Neugier ohne große Gefahr von Erregung wäre, wäre es lässliche Sünde, aber eben auch Sünde. Man muss sich nicht mit allem beschäftigen. Sich ein gewisses biologisches Wissen anzulesen, sich zu informieren, was spezielle Begriffe bedeuten, ist aber natürlich in Ordnung. Zeitungsberichte, die z. B. jemandes sexuelle Eskapaden detailliert beschreiben, sind ein schwieriges Thema. Bloße Sensationsgier wäre vermutlich lässlich. Es kann aber auch sein, dass man die Leute zumindest in etwa informieren muss, wie schlimm etwas war – wenn ein Kardinal eine Schwulenorgie veranstaltet hat, sollte man wissen, dass er eine Schwulenorgie veranstaltet hat, nicht nur „einen Zölibatsverstoß begangen“. Details sind freilich definitiv nicht notwendig.

Generell gibt es ja verschiedene Handlungen, die ungewollt sexuelle Erregung oder sogar auch mal Pollution verursachen können, die man aber nicht tut, um sich sexuelle Erregung zu verschaffen. Sagen wir, ein Krankenpfleger kümmert sich um eine junge Frau, die er sehr attraktiv findet, oder jemand kratzt sich wegen einem starken Jucken im Genitalbereich. Das ist grundsätzlich erlaubt (Handlung mit Doppelwirkung), wenn man eben, wie in den Beispielen, einen vernünftigen Grund hat. Jone schreibt:

„Die indirekt gewollte geschlechtliche Lust ist eine schwere, läßliche oder überhaupt keine Sünde, je nachdem die Handlung ihrer Natur nach einen großen, geringen oder keinen Einfluß auf die Erregung der geschlechtlichen Lust hat.

Indirekt gewollt ist die Fleischeslust, wenn man eine Handlung vornimmt, aus der sie voraussichtlich entsteht, die Lust selbst aber weder jetzt noch nach ihrer Entstehung will.

Ihrer Natur nach haben manche Handlungen einen größeren oder geringeren Einfluß auf die Erregung geschlechtlicher Lust, je nachdem sie in normalen Menschen fast immer oder selten oder niemals geschlechtliche Lust hervorrufen. […]

Der Grund für die Vornahme einer solchen Handlung muß um so wichtiger sein, je größeren Einfluß die Handlung ihrer Natur nach auf die Entstehung der geschlechtlichen Lust hat. Entschuldigt sind Ärzte, Chirurgen, Heilgehilfen, Krankenpfleger usw., selbst wenn Pollution eintreten sollte.

Handlungen, die ihrer Natur nach dazu angetan sind, starke Erregungen hervorzurufen, sind schwer sündhaft [Anmerkung: ohne rechtfertigenden Grund], selbst wenn einmal zufällig eine solche Erregung nicht eingetreten ist. Nur wenn jemand aus Erfahrung sicher wüßte, daß er dadurch nicht stark erregt werde, läge keine schwere Sünde vor.

Was seiner Natur nach keine starke Erregung hervorruft, ist keine schwere Sünde, selbst nicht bei jenem, der weiß, daß infolge seiner persönlichen Veranlagung starke Erregungen eintreten. [Anmerkung: Der Grund dürfte sein, dass der ja sonst alle möglichen normalen Handlungen meiden müsste.] Vorausgesetzt ist aber dabei, daß nicht die nächste Gefahr der Einwilligung vorhanden ist. Wenn aber ein solcher ohne Grund eine derartige Handlung vornimmt, dann wird dies gewöhnlich in böser Absicht geschehen und daher schwer sündhaft sein, auch wenn der Betreffende darüber sich selbst zu täuschen sucht.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie Nr. 223, S. 181f.)

In solchen Fällen sind solche Gefühle / körperlichen Reaktionen eben meistens einfach zu ignorieren oder man lenkt sich ab. Jone schreibt außerdem:

1. um leichte und bald vorübergehende Regungen kümmert man sich am besten für gewöhnlich überhaupt nicht.

Durch Beschäftigung mit denselben wird nämlich oft die Phantasie erregt und die Regung verstärkt.

2. bei heftigen Erregungen ist gewöhnlich irgendein positiver Widerstand nötig.

Manchmal genügt schon ein innerer Akt des Mißfallens. Gewöhnlich wird man aber auch verpflichtet sein, den Vorsatz zu erneuern, keine Sünde zu begehen, oder einen Akt der Gottesliebe zu erwecken, oder zu versuchen, seine Gedanken auf etwas anderes zu richten, oder durch äußere Beschäftigung oder Unterhaltung Ablenkung zu suchen usw. Dauert die Versuchung lange an, so besteht selbstverständlich keine Pflicht, jeden Augenblick entgegengesetzte positive Akte zu setzen, obwohl die Erneuerung des Mißfallens von Zeit zu Zeit anzuraten ist. – Ausnahmsweise braucht man auch heftigen Versuchungen keinen positiven Widerstand entgegenzusetzen, wenn man aus Erfahrung weiß, daß dadurch die Versuchung nur verstärkt wird.

3. ist eine freiwillige, überflüssige Handlung die Ursache der Erregung, so muß dadurch Widerstand geleistet werden, daß man von der Handlung abläßt.

Unterlassung dieses Widerstandes ist schwer sündhaft, wenn die betreffende Handlung ihrer Natur nach einen großen Einfluß auf Erregung der fleischlichen Lust hat. Nur eine läßliche Sünde liegt vor, wenn der Einfluß nur gering ist. Hält man sich aber längere Zeit freiwillig bei derartigen Dingen auf, dann wird regelmäßig die große Gefahr der Einwilligung und damit auch eine schwere Sünde gegeben sein.“ (Nr. 233, S. 188f.)

Außer den reinen Fantasien (delectatio morosa) wären auch sexuelle Wünsche/Pläne/Begierden, die man nur nicht ausführen kann, Sünden (ebenso wie Absichten, sonstige Sünden zu begehen, ja Sünde sind), ebenso wie die Freude an vergangenen Sünden. (Wenn man sich aber z. B. freut, dass man ein Kind hat, das unehelich entstanden ist, ist das freilich völlig unproblematisch, weil man sich ja über das Kind freut und nicht über seine Entstehungsweise.)

Zur Unterscheidung von delectatio morosa und Begierden: Das eine ist eine bloße Fantasie von Sex an sich („das geistige Wohlgefallen an einem sündhaften Objekt, das durch die Einbildungskraft als gegenwärtig vorgestellt wird, ohne daß die Begierde nach ihm verlangt“, Jone, Nr. 106, S. 78), das andere der Wunsch, z. B. mit Sarah Müller zu schlafen, auch wenn sie leider verheiratet ist („das Verlangen, eine böse Tat zu vollbringen“, Jone, Nr. 108, S: 80).

Jone schreibt:

„Delectatio morosa ist dieselbe Sünde wie die Handlung, die man sich in Gedanken vorstellt und an der man Wohlgefallen hat. […]

Unkeusche Begierden sind immer Sünden von derselben Größe und Art wie das, was man zu tun begehrt. […]

Auch eine rein natürliche Pollution, welche also von selbst, gegen den Willen eintritt (im Traum oder im wachen Zustand) und die daher nicht sündhaft ist, darf man nicht wünschen wegen der geschlechtlichen Lust, die damit verbunden ist, wohl aber aus einem ehrbaren Grunde, z. B. um so Ruhe vor Versuchungen zu bekommen. Nicht erlaubt aber ist es, im wachen Zustande etwas zu tun in der Absicht, daß dann im Schlafe Pollution eintritt.

Anmerkung

Bei der delectatio morosa abstrahiert der Verstand meistens von den näheren Umständen der Person (z. B. ob ledig oder verheiratet). Deshalb brauchen in der Beichte diese Umstände nicht angegeben zu werden. Anders wäre es, wenn jemand gerade daran Wohlgefallen hätte, daß die Person z. B. verheiratet oder verwandt ist. – Die Begierde bezeiht sich dagegen auch auf die näheren Umstände der Person. Deshalb ist es eine spezifisch verschiedene Sünde, je nachdem jemand eine Ledige oder Verheiratete unkeusch begehrt.

Da aber die Leute gewöhnlich nicht so genau unterscheiden, darf man nicht vergessen, daß die Sünden nur so gebeichtet werden müssen, wie sie bei der Tat erkannt werden. Auch abgesehen davon könnten eingehende Frage oft böse ausgelegt werden, so daß in solchen Fällen eine Entschuldigung von der Integrität [Vollständigkeit der Beichte] vorliegt (vgl. Nr. 567). – Beichten daher die Leute unkeusche Gedanken, so soll man fragen, ob sie daran freiwillig sündhaftes Wohlgefallen gehabt haben. Bejahen die Leute diese Frage, dann kann man je nach den Umständen sich auch erkundigen, ob sie auch Unkeusches begehrt haben; wird auch dieses bejaht, dann kann man vielleicht auch die spezifische Bosheit festzustellen suchen durch die Frage, ob z. B. die Person ledig oder verheiratet sei.“ (Nr. 242, S. 195f.)

Fantasien über den eigenen Ehepartner sind natürlich nicht sündhaft, solange es keine perversen Fantasien sind, und solange man mit dem Fantasieren nicht so weit geht, dass es zur Selbstbefriedigung kommt. Sich zu wünschen, mit dem zukünftigen Ehepartner nach der Ehe zu schlafen, ist keine Sünde, weil man ja nichts Sündhaftes will, aber davon jetzt schon zu fantasieren, schon. (Wie sieht das bei Witwen/Witwern aus? Nun, deren Ehe ist Vergangenheit, also sind auch da solche Träumereien nicht mehr angebracht. Man kann natürlich daran denken, dass man sich geliebt hat, aber nicht in detailreichen Fantasien schwelgen; das wäre auch wohl nicht hilfreich bei der Trauerbewältigung.)

Selbstbefriedigung ist eine schwerere Sünde als die unvollendeten Sünden des Fantasierens oder des Genießens von leichter Erregung, und ist auch bei Verheirateten eine Sünde. Pornokonsum ist eine zusätzliche Sünde, die in der Beichte eigens angegeben werden muss. (Und zwar auch die verschlimmernden Umstände, z. B. dass es Inzest- oder Gewaltpornographie war. Genauer muss man natürlich nicht werden. Regel: Was eine eigenständige Art von Sünde wäre, wenn man es tun würde, muss auch angegeben werden, wenn man es bloß plant oder Pornos davon schaut.) Wenn jemand davon abhängig geworden ist, kann allerdings – wie bei anderen Drogen – die Schuldhaftigkeit bei der einzelnen Handlung stark vermindert sein; es besteht allerdings eine schwerwiegende Pflicht, die Sucht insgesamt zu bekämpfen. (Wofür es auch Hilfen gibt, z. B. Apps, die Pornoseiten blockieren, oder einem Freund Bescheid geben, wenn man Pornoseiten aufgerufen hat usw.) Die einzige Rechtfertigung, Pornos anzuschauen, wäre, wenn z. B. ein Polizist kinderpornographische Videos sichten muss, um die Täter dranzukriegen. Bei alldem ist es auch gut, dran zu denken: Es macht im Endeffekt nicht glücklich. Am Ende fühlt man sich unglücklicher als vorher und ekelt sich vor sich selber.

(Was übrigens die Behauptung angeht, Selbstbefriedigung bei Männern beuge Prostatakrebs vor: Diese Behauptung beruht auf einer einzigen Studie, die nie repliziert wurde, und die außerdem Ejakulation, nicht Masturbation, behandelt, und nicht auf Korrelation vs. Kausalität kontrolliert hat.)

Man könnte noch fragen: Wie sieht es aus mit Masturbation, deren Ziel es ist, an Sperma zu gelangen, das man einem Mediziner geben kann, damit er z. B. feststellt, ob der Mann unfruchtbar ist? Auch das wäre nicht erlaubt, denn der Zweck heiligt nicht die Mittel; die Alternative wäre, dass der Mann und seine Frau beim Sex ein durchlöchertes Kondom nehmen, das etwas Sperma durchlässt und etwas Sperma zurückbehält. Masturbation ist auch dann naturwidrig und menschenunwürdig, wenn sie ein gutes Ziel hat.

Nächtliche Pollution und unkeusche Träume sind offensichtlich keine Sünden, Geschehnisse im Halbschlaf normalerweise lässliche Sünden. (Wenn man aufwacht, darf man nicht mit dem Willen darin einwilligen, sondern sollte es eben einfach über sich ergehen lassen.)

Jetzt zur 2. Kategorie, den sog. Handlungen „contra naturam“, d. h. gegen die Natur. Sexuelle Handlungen können auf verschiedene Weise gegen die Natur sein; indem diejenigen Personen dem natürlichen Zweck des Kinderkriegens entgegen handeln, oder indem sie mit ihren Sexualorganen sonst irgendetwas Naturwidriges anstellen. Hier muss man natürlich erst einmal definieren, welche sexuelle Handlung natürlich ist. Kurz gesagt: Zum natürlichen Geschlechtsverkehr gehört zumindest partielle Penetration der Vagina und Ejakulation in der Vagina. Ejakulation außerhalb ist falsch, ansonsten sind sämtliche den Geschlechtsverkehr begleitende Zärtlichkeiten eigentlich unproblematisch (siehe dazu unten genauer).

Thema Empfängnisverhütung:

Es ist eine der Lieblingslügen von Kirchengegnern, dass die Kirche Sex nur als Mittel zur Kinderzeugung zulasse. Das könnte man jetzt mit Zitaten von Heiligen, Päpsten und Theologen (ja, auch lange vor dem letzten Konzil) widerlegen; man kann auch knapp darauf verweisen, dass jemand, der bleibend impotent ist, also nicht fähig ist, die Ehe zu vollziehen, laut Kirchenrecht nicht gültig heiraten kann, aber jemand, der nur unfruchtbar ist, schon (und dieses Kirchengesetz gilt praktisch schon immer).

Nichtsdestotrotz: Kinder sind ein Zweck der Ehe, und ein sehr guter und wichtiger, und sogar der vorrangige. Wieso der vorrangige? Nun ja: Sie sind der Zweck, für den überhaupt diese spezielle Beziehung notwendig ist. Liebe und Treue kann es in vielen Verhältnissen geben; das gab es auch zwischen David und seinem Freund Jonathan, oder Ruth und ihrer Schwiegermutter Noomi. Aber für den Zweck, Kinder in die Welt zu setzen und großzuziehen, muss ein spezieller, exklusiver Bund her. Der Zweck der Ehe beschränkt sich nicht nur auf die Ehepartner, sondern geht über sie hinaus; aus ihrer Liebe heraus soll noch etwas anderes geschaffen werden. Die Ehe ist eine Liebesbeziehung, die darauf ausgerichtet ist, fruchtbar zu sein, auch wenn das aus irgendeinem Grund in manchen Ehen nicht realisiert werden kann (und vielleicht können diese Ehen dann zumindest in anderer Weise fruchtbar sein, z. B. indem man Pflegekindern ein Zuhause bietet).

Kinder sind also der erste Ehezweck; Liebe und Treue und die Gemeinschaft des ganzen Lebens der zweite. (Der dritte dann „remedium concupiscentiae“, s. den letzten Teil.) Auch wenn der erste Zweck wegen Unfruchtbarkeit in einzelnen Fällen nicht erfüllt werden kann, ist das ein Defekt, der an der grundsätzlichen Hinordnung der Ehe auf Kinder nichts ändert. Ehen ohne Kinder sind richtige Ehen, wie ein Mensch mit nur einem Bein ein richtiger Mensch ist; sie leiden aber eben an einem Defekt, den man hinnehmen muss als etwas, das Gott einem nun mal aus guten Gründen (die nur Er kennt) auferlegt.

Papst Pius XI. schreibt in der Enzyklika Casti Connubii (1930):

„Welch eine Wohltat Gottes und welch ein Ehesegen das Kind ist, erhellt aus der Würde und dem hohen Ziel des Menschen. Der Mensch überragt ja schon durch seine bloße Vernunft die ganze übrige sichtbare Schöpfung. Hierzu kommt noch, daß Gott die Menschen werden läßt, nicht nur damit sie da sind und die Erde erfüllen, sondern noch viel mehr, damit sie Verehrer des wahren Gottes seien, ihn erkennen und lieben und sich dereinst im Himmel seines beseligenden Besitzes ewig erfreuen. Dieses Endziel überragt infolge der wunderbaren Erhebung des Menschen durch Gott in die Ordnung der Übernatur alles, was ein Auge gesehen, ein Ohr gehört hat und in eines Menschen Herz gedrungen ist. Daraus erhellt also ohne weiteres, welch ein Geschenk der Güte Gottes, welch ausgezeichnete Frucht der Ehe das Kind ist, das sein Dasein der Allmacht Gottes und der Mitwirkung der Ehegatten verdankt.“

Nun könnte jemand sagen: Kinderkriegen ist schön und gut, aber wieso sollen wir nicht mal Kondome benutzen, damit unsere geplanten acht Kinder nicht direkt nacheinander kommen? Das liegt wieder am katholischen Konzept des Naturrechts: Direkt gegen den inneren Zweck einer Sache zu handeln ist falsch. Man muss eine Sache nicht immer nutzen, und man kann auch Nebenzwecke anstreben, die mit ihr verbunden sind, aber man darf ihren Zweck nicht direkt zerstören. Z. B. sind Augen zum Sehen da; man darf sie schließen (muss sie nicht nutzen), darf sie aber sich nicht ausstechen. Essen ist zum Erhalt des Körpers da; man darf zwar essen, weil es einem einfach gerade schmeckt, oder aus Geselligkeit (Nebenzwecke anstreben), aber man darf nicht (wie das zumindest laut einer urbanen Legende die dekadenten Spätrömer taten) sich absichtlich wieder erbrechen, sodass der Körper nicht genährt wird, damit man noch mehr auserlesene Speisen auf seiner Party ausprobieren kann. Der Zweck von Sex in der Ehe ist nun Kinderkriegen, Liebe und remedium concupiscentiae. Demnach darf man einfach miteinander schlafen, weil man die gegenseitige Liebe ausdrücken will, aber darf nicht Kinder direkt ausschließen. Gott hat dafür gesorgt, dass Sex etwas Fruchtbares ist, zumindest manchmal, und das darf man nicht zerstören. Wer das genauer begründet haben will: Siehe hier.

Der hl. Papst Paul VI. schreibt in der Enzyklika Humanae Vitae (1968) über die Lehre zur Empfängnisverhütung (Hervorhebung von mir):

„Diese vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung -, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen. Seiner innersten Struktur nach befähigt der eheliche Akt, indem er den Gatten und die Gattin aufs engste miteinander vereint, zugleich zur Zeugung neuen Lebens, entsprechend den Gesetzen, die in die Natur des Mannes und der Frau eingeschrieben sind. […]

Man weist ja mit Recht darauf hin, daß ein dem Partner aufgenötigter Verkehr, der weder auf sein Befinden noch auf seine berechtigten Wünsche Rücksicht nimmt, kein wahrer Akt der Liebe ist, daß solche Handlungsweise vielmehr dem widerspricht, was mit Recht die sittliche Ordnung für das Verhältnis der beiden Gatten zueinander verlangt. Ebenso muß man dann auch, wenn man darüber nachdenkt, zugeben: Ein Akt gegenseitiger Liebe widerspricht dem göttlichen Plan, nach dem die Ehe entworfen ist, und dem Willen des ersten Urhebers menschlichen Lebens, wenn er der vom Schöpfergott in ihn nach besonderen Gesetzen hineingelegten Eignung, zur Weckung neuen Lebens beizutragen, abträglich ist. Wenn jemand daher einerseits Gottes Gabe genießt und anderseits – wenn auch nur teilweise – Sinn und Ziel dieser Gabe ausschließt, handelt er somit im Widerspruch zur Natur des Mannes und der Frau und deren inniger Verbundenheit; er stellt sich damit gegen Gottes Plan und heiligen Willen.“

Soll heißen: Kondome, Pille, Spirale, coitus interruptus, usw. – das alles ist schwere Sünde; die endgültige Sterilisation natürlich erst recht.

Eine notwendige OP, die unerwünschterweise auch einen sterilisierenden Effekt hat, z. B. die Entfernung einer von Krebs befallenen Gebärmutter, ist natürlich unproblematisch. Das ist aber etwas anderes, als sich direkt sterilisieren zu lassen, weil man z. B. gesundheitliche Probleme bei einer neuen Schwangerschaft vermeiden will. Hier kommt wieder das Prinzip der Handlungen mit Doppelwirkungen ins Spiel. Es ist etwas anderes, ob man eine gegenwärtige Krankheit mit einem Mittel behandelt, das unerwünschterweise Unfruchtbarkeit mit sich bringt, oder ob man unfruchtbar sein will, zu dem Zweck, zukünftige gesundheitliche Probleme zu meiden. Hier ist die Unfruchtbarkeit keine Nebenwirkung, sondern ein Mittel zum Zweck.

Eine Frage in diesem Zusammenhang ist folgende: Wenn eine Frau schon mehrere Kaiserschnitte hatte, ist ihre Gebärmutter oft so beschädigt, dass sie bei einer nächsten Schwangerschaft reißen könnte, was den möglichen Tod des Kindes und in seltenen Fällen ihren eigenen Tod bedeuten könnte. Die Gefahr, dass die Gebärmutter reißt, ist jedoch nicht an sich da, sondern eben nur, wenn die Frau wieder schwanger wird. Wäre es eine legitime Operation, die Gebärmutter zu entfernen, wie man sonst ein krankes Organ entfernt, das bereits krank ist, und in Zukunft Probleme machen könnte? Diese Frage war früher unter Theologen noch umstritten; die Glaubenskongregation hat allerdings 1993 darauf geantwortet, dass es nicht erlaubt ist, weil das Ziel eben doch die Verhinderung einer Schwangerschaft und nicht die Heilung eines jetzt schon kranken Körpers ist. In diesem Fall müssten die Frau und ihr Mann es also durch andere legitime Methoden (s. u.) vermeiden, dass sie wieder schwanger wird.

Wenn jemand etwas davon benutzt hat, muss er in der Beichte angeben, ob es sich um Sterilisation oder vorübergehende Verhütung gehandelt hat, und ob es ein hormonelles Verhütungsmittel war, das möglicherweise eine frühabtreibende Nebenwirkung hat (was unters 5. Gebot fällt, nicht unters 6.; deshalb ist es auch für Frauen, die regelmäßig Geschlechtsverkehr haben, nicht ohne weiteres in Ordnung, die Pille aus gesundheitlichen Gründen zu nehmen. Aber siehe dazu den verlinkten Teil zum 5. Gebot.). Wenn man es bereut, sollte man eine Sterilisation – soweit möglich und medizinisch nicht zu risikoreich – auch rückgängig machen lassen (wobei das leider nicht immer gelingt). Wenn das nicht möglich oder zu risikoreich ist, darf man aber auch so weiterhin normal mit seinem Ehepartner schlafen.

Katholiken können natürlich in manchen Situationen aus einem vernünftigen Grund (siehe dazu genauer den übernächsten Teil zur Ehe) urteilen, dass es besser wäre, jetzt gerade kein weiteres Kind zu bekommen. In den Fällen bleibt entweder Enthaltsamkeit oder – leichter zu bewerkstelligen – periodische Enthaltsamkeit in den fruchtbaren Zeiten der Frau. (Die lassen sich heutzutage mithilfe verschiedener Messungen leichter bestimmen als früher, als man aufs Tagezählen angewiesen war. Das Ganze nennt sich NFP, Natürliche Familienplanung, oder NER, Natürliche Empfängnisregelung.) Hier hat Gott selbst gewisse unfruchtbare Zeiten in die Natur der Frau gelegt, und es ist uns schließlich erlaubt, die zu wissen. Dieses Wissen kann man entweder dazu verwenden, möglichst schnell schwanger zu werden, oder eine Schwangerschaft erst mal zu vermeiden. Hier hindert man aber nicht durch einen eigenen Eingriff einen der Zwecke, die Gott in die Handlung gelegt hat.

(Eine eher akademische, bisher nicht von der Kirche gelöste Frage wäre hier: Angenommen, es gäbe Medikamente, die dafür sorgen könnten, dass eine Frau einen perfekten 28-Tage-Zyklus bekommt, wäre es in Ordnung, diesen Normalzustand herbeizuführen, auch wenn sie damit seltener fruchtbar wäre als vorher? Wahrscheinlich ja, denn das ist eben der gesunde Normalzustand.)

Das Gegenstück zur Empfängnisverhütung, die künstliche Befruchtung, ist in allen Fällen verboten, egal ob mit dem Samen des Ehemannes oder mit dem eines Samenspenders. Gott hat es so gewollt, dass Kinder durch eine persönliche Handlung der Eheleute gezeugt werden und nicht im Labor. Hinzu kommt, dass ja in der Praxis oft mehr Embryonen als nötig „hergestellt“ und die überzähligen dann zerstört, sprich getötet, werden. Und Kinder zu ermorden, um ein Kind zu bekommen, ist dann doch nicht schön.

Dasselbe gilt für Leihmutterschaft. Hier wird das Austragen des Kindes auf eine fremde Person, die meistens in Geldnot ist, ausgelagert, und ihr wird das Kind, das sich an sie gewöhnt hat, dann nach der Geburt postwendend weggenommen. Das Beschwerliche an der Kinderzeugung wird in die Dritte Welt ausgelagert, und das Auftraggeberpaar macht seine sexuellen Handlungen dann wieder künstlich unfruchtbar. Eine solche Aufspaltung von Elternschaft ist ebenso naturwidrig wie die Befruchtung einer Frau mit fremdem Sperma. Für die Frau wird es auch immer ein unangenehmes Gefühl sein, zu wissen, dass eine andere Frau ihr Kind ausgetragen hat, ebenso wie für den Mann, dass seine Frau mit dem Sperma eines anderen Mannes befruchtet wurde.

Wie sieht es jetzt mit gewissen Sexualpraktiken in heterosexueller Konstellation, in einer normalen Ehe, aus? Das ergibt sich daraus, was der natürliche Geschlechtsverkehr ist (s. o. – Penetration und Ejakulation in der Vagina). Kurz gesagt:

  • Analsex verboten
  • Oralsex verboten
  • Orale Zärtlichkeiten als Vorspiel erlaubt (aber man kann sie nicht von seinem Partner verlangen, wenn der nicht will, und darf keine wahrscheinliche vorzeitige Ejakulation außerhalb der Vagina riskieren)
  • Zärtlichkeiten vorher oder hinterher ohne Probleme erlaubt (auch z. B. damit die Frau nach dem Orgasmus des Mannes noch einen Orgasmus hat)
  • Ungewollter vorzeitiger Samenerguss, z. B. weil man den Sex zu Anfang der Ehe noch ungewohnt ist, ist nicht schlimm (da ungewollt)
  • „amplexus reservatus“ (Penetration ohne Samenerguss oder Orgasmus) ist an sich keine ideale Form der „unvollendeten“ Zärtlichkeiten, aber dürfte an sich keine Sünde, zumindest keine Todsünde sein. Außerdem dürfte er selten in der Praxis vorkommen.
  • Sadomasochismus (Würgen, Schläge etc.) verboten

Auch beim Sex muss die menschliche Würde gewahrt werden.

Wenn es einem Paar schwer fällt, den normalen Geschlechtsverkehr zu haben, z. B. weil der Mann Erektionsstörungen hat oder die Frau an Vaginismus (unkontrollierter Verkrampfung der Vagina) leidet, können sie natürlich den normalen Geschlechtsverkehr probieren, auch wiederholt, auch wenn sie wissen, dass es vielleicht nicht klappt. Wenn einer aber im Lauf der Ehe komplett impotent wird, sollte man damit aufhören und es bei den unvollendeten Zärtlichkeiten belassen. (Wer schon vor der Ehe unheilbar impotent ist, kann keine gültige Ehe schließen.) „Nach mehreren Autoren bleibt der eheliche Verkehr auch erlaubt, wenn die Eheleute nach Abschluß der Ehe impotent geworden sind, vorausgesetzt, daß noch eine penetratio vaginae [Penetration der Vagina] möglich ist, z. B. wenn dem Manne die Hoden weggenommen sind oder wenn an ihm Vasektomie vorgenommen wurde.“ (Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 749, S. 615)

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht auch interessant, wie Beichtväter früher damit umgingen, wenn die Leute Verhütung oder sonstige unnatürliche Praktiken beichteten. Die Theologen Ford und Kelly geben eine Anleitung für Beichtväter, wenn verlegene Pönitenten recht vage irgendwelche Sünden des Ehemissbrauchs beichten:

„Pönitenten beichten Ehemissbräuche oft sehr vage, aus Unwissenheit oder Verlegenheit. Um ihnen zu helfen, eine gute Beichte abzulegen, muss der Beichtvater sich zunächst im Voraus gut mit den weiter verbreiteten Praktiken auskennen, auf die sie sich vielleicht beziehen, so dass er sie mit einem Minimum an Fragen erkennen kann; zweitens braucht er ein klares, würdiges, nicht-technisches Vokabular, mit dem er von diesen Dingen sprichen kann. […] Drittens muss er mit ein paar klaren, unbedenklichen Fragen gewappnet sein, um dem Pönitenten zu helfen, sich verständlich zu machen.

Wenn die Integrität der Beichte alles ist, was auf dem Spiel steht, ist es besser, zu schweigen, wenn der Beichtvater zweifelt, ob er eine Frage stellen soll und wie er sie stellen soll. Er kann hinterher nachschlagen oder sich erkundigen und für eine andere Gelegenheit bereit sein. Es ist besser, die materielle Integrität beiseitezulassen, als es zu riskieren, das Sakrament der Beichte in Verruf zu bringen. Die Absolution wird gültig sein, auch wenn der Pönitent sich nicht klar ausgedrückt hat. [Anmerkung: da der Pönitent nur nicht genau wusste, wie genau er sich ausdrücken soll usw., hat er eben nicht bewusst eine Sünde ausgelassen, daher gültige Absolution.]

Aber wenn er sich nicht klar ausgedrückt hat, ist es unmöglich, moralische Unterweisung oder Ratschläge für die Zukunft zu geben. Dafür ist es essentiell, zu wissen, was los ist. Daher, wenn eine Person vage irgendeinen Ehemissbrauch oder möglichen Missbrauch beichtet, mag man die folgende Weise der Befragung, oder eine ähnliche Weise, nützlich finden.

Der Beichtvater kann zuerst fragen: ‚Meinen Sie, dass Sie verhütet haben?‘ Wenn die Antwort negativ ausfällt, kann er als nächstes fragen: ‚Denken Sie, dass Sie sich einer schweren Sünde schuldig gemacht haben?‘ Wenn der Pönitent nicht dabei zögert, zu erklären, dass eine schwere Sünde stattgefunden hat, wäre es normalerweise nicht notwendig, weiter nach der Natur des Missbrauchs zu fragen. Es würde genügen, die Anzahl zu erfahren. Der Beichtvater muss für die Integrität der Beichte nicht genau wissen, welche Art schwerer Missbrauch der ehelichen Beziehung stattgefunden hat. Obwohl sie nicht alle von derselben moralischen Art sein mögen, ist es zumindest unklug und unnötig für ihn, zu versuchen, herauszufinden, was genau passiert ist.

Aber wenn der Pönitent zweifelt, ob eine schwere Sünde passiert ist, und ein geplagtes Gewissen zu haben scheint, das Instruktion für die Zukunft braucht, ist eine weitere Frage angebracht, denn wenn der Beichtvater nicht weiß, was passiert, kann er keinen Rat geben. Er könnte zum Beispiel sagen: ‚Bitte sagen Sie mir, was Sie beunruhigt. Zögern Sie nicht, einfach zu sagen, was es ist, und ich werde Ihnen helfen. Haben Sie keine Angst etc.‘ Das mag für die nötige Information sorgen, anhand derer er entscheiden kann, ob es sich um schwere Sünde, lässliche Sünde oder keine Sünde handelt; und welchen Rat er für die Zukunft geben soll.

Wenn der Pönitent zu schüchtern oder beschämt ist, um zu sagen, was genau passiert ist, wäre es sehr unklug für den Beichtvater, ihm Möglichkeiten vorzuschlagen. Wenn er nicht mit dem wirklichen Problem herausrückt, ist wahrscheinlich das Beste, was der Beichtvater tun kann, eine kurze allgemeine Belehrung über die Rechte und Pflichten bezüglich ehelicher Intimitäten zu geben. […] Das folgende ist ein Beispiel.

‚Sexueller Verkehr zwischen verheirateten Personen ist ein Teil des Sakraments der Ehe und ist von Gott gesegnet, wenn er anständig vollzogen wird. Außerdem sind alle Handlungen, die zum natürlichen Verkehr hinführen, erlaubt. Sie sind die normale und nötige Vorbereitung dafür. Das heißt, dass alle jene Handlungen und Berührungen und so weiter, die falsch und unschamhaft wären, wenn Sie nicht verheiratet wären, jetzt ein Teil Ihres Ehelebens sind, solange sie auf den Verkehr vorbereiten. Auch wenn Sie diese Intimitäten mit Ihrem Partner zu Zeiten genießen, in denen Sie nicht vorhaben, Geschlechtsverkehr zu haben, sind sie keine Sünde. Sie können ein legitimer Ausdruck der Liebe sein, solange Sie die Gefühle des jeweils anderen achten, und solange Sie Ihre Leidenschaft nicht außerhalb des Geschlechtsverkehrs befriedigen. Sich sexuell erregt zu fühlen ist nicht falsch. Aber es wäre ernsthaft falsch, so weit zu gehen, dass Sie bei sich selbst oder Ihrem Partner einen Orgasmus außerhalb des ehelichen Akts verursachen. Orgasmus meint, Ihren Emotionen vollständig freien Lauf zu lassen, Ihre Leidenschaft zu befriedigen. Das ist nur beim Geschlechtsverkehr selbst erlaubt. Gibt es jetzt irgendeine bestimmte Frage, die Sie mir stellen wollen?‘

Wenn eine solche Instruktion das Problem des Pönitenten nicht zum Vorschein bringt, kann der Beichtvater aufgeben und ihn Gott überlassen. Er hat seinen Teil getan. Man sieht, dass die einzigen vorgeschlagenen Fragen diese sind: 1) ‚Meinen Sie, dass Sie verhütetet haben?‘ 2) ‚Denken Sie, dass Sie eine schwere Sünde begangen haben?‘ 3) ‚Bitte sagen Sie mir, was Sie beunruhigt‘ etc. und nach einer kurzen Instruktion, 4) ‚Gibt es eine bestimmte Frage, die Sie mir stellen wollen?‘ Alle diese Fragen sind in Begriffen ausgedrückt, die niemanden vor den Kopf stoßen können.“ (John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ, Contemporary Moral Theology. Volume II. Marriage Questions, Westminster, Maryland, 1964, S. 232-234. Meine Übersetzung.)

Thema Homosexualität:

Eins vorab: Die kirchliche Lehre besagt nicht, dass die homosexuelle Neigung Sünde sei; die ist eine Versuchung, unter der manche Menschen eben leiden; Sünde ist, was willentlich getan wird, also das Ausleben der Neigung. Es gibt genug enthaltsam lebende homosexuell veranlagte Katholiken. (Falls solche Katholiken sog. „Konversionstherapien“ in Anspruch nehmen wollen: Unter der Voraussetzung, dass so etwas möglich und hilfreich für jemanden wäre, wäre es absolut erlaubt und gut; verpflichtend ist es allerdings nicht; und leider ist ja inzwischen jede Forschung dazu, ob man Homosexuellen, die unter ihrer Neigung leiden, mit Therapien helfen könnte, vollkommen tabu. Es gibt allerdings Hinweise, dass Therapieansätze bei manchen besser funktionieren als bei anderen, je nach Stärke und Festigkeit der Neigung, und dass sie manchen schon sehr gut helfen können, und laut einer neuen Studie ist diese Behandlung auch dann, wenn sie erfolglos bleibt, jedenfalls nicht schädlich. Grundsätzlich wäre das gut, weil man hier jemandem, der sonst einsam leben müsste, doch zu einer glücklichen Partnerschaft verhelfen könnte, und wahrscheinlich auch zu einer gesünderen Psyche.)

Die Ehe nun ist ein Bund zwischen Mann und Frau, sie bedeutet eine Öffnung auf das andere Geschlecht hin, das einen ergänzt. Bei homosexuellen Paaren ist das nicht gegeben. Und natürlich ist ein wichtiger Zweck, aus dem sie überhaupt existiert, die Zeugung von Kindern. Hier geht es um sexuelle Akte, bei denen grundsätzlich keine Kinder gezeugt werden können, was etwas anderes ist, als wenn wegen einer Krankheit / dem Alter eines Partners zufällig im Einzelfall bei einer an sich fruchtbaren Handlung keine Kinder herauskommen können. Hier wird Sex quasi in sein Gegenteil verkehrt.

Eine Homo-Ehe ist deswegen nichts, was es nicht geben darf, sondern etwas, das es einfach nicht gibt, und Homosexualität ist eigentlich nur eine schlechte (und manchmal sehr unhygienische und schmerzhafte) Nachahmung des Geschlechtsakts mit nicht dafür geeigneten Körperteilen. Das ist etwas Naturwidriges, eine Verdrehung; und das, egal, aus welchem Grund jemand homosexuelle Handlungen vollzieht – ob aus einer starken Neigung dazu, oder aus dem Wunsch, etwas zu tun, das irgendwie tabu ist, oder aus sexueller Neugier, oder (wie bei Homosexualität in Gefängnissen, auf hoher See o. Ä.) wegen Mangel an andersgeschlechtlichen Partnern.

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(Dieses Bild, gepostet von einer niederländischen Fluggesellschaft mit dem bemerkenswerten Kommentar „It doesn’t matter who you click with“, gedacht als pro-LGTBQ-Werbung, zeigt eigentlich schön die Probleme mit homosexuellen Handlungen: Es passt einfach nicht zusammen.)

Die Bibel verurteilt Homosexualität übrigens in ziemlich klaren Worten, und das nicht nur, wie einige meinen, im Alten Testament. Der Apostel Paulus schreibt: „Sie vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge, sie beteten das Geschöpf an und verehrten es anstelle des Schöpfers – gepriesen ist er in Ewigkeit. Amen. Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer treiben mit Männern Unzucht und erhalten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.“ (Römer 1,25-27)

Eine Frage stellt sich hier noch: Wäre es in Ordnung, als homosexuell veranlagter Katholik eine romantische Beziehung mit jemandem zu haben, der in derselben Lage ist, aber dabei auf den Sex zu verzichten? Ich würde sagen, eindeutig nein. Eine Freundschaft mit jemandem, zu dem man nicht sexuell hingezogen ist oder der zumindest so eine Attraktion nicht erwidert, wäre etwas anderes; aber eine Beziehung, in der ständig diese Frustration und dieser Reiz da ist, ist einfach sehr gefährlich. Irgendwann kommt man dann dahin, sich einzureden, dass Gott ungerecht ist und man ja wohl etwas genießen darf, und verfällt doch in Sünden. Davon habe ich den katholischen Kreisen der sozialen Medien schon selber Fälle gesehen. Auch für heterosexuelle Paare wäre eine romantische Beziehung, aus der nie eine Ehe werden kann (z. B. weil einer der beiden schon verheiratet ist), falsch und gefährlich.

Eine andere Frage: Darf man, wenn man eine homosexuelle Veranlagung hat, aber auch eine gewisse Neigung für das andere Geschlecht, heiraten (d. h. jemanden vom anderen Geschlecht heiraten)? Grundsätzlich ja; aber man muss vor der Eheschließung ehrlich mit dem Freund/Verlobten sein und ihm das alles erklären, sonst wäre das eine arglistige Täuschung. Wenn man überhaupt keine Neigung für das andere Geschlecht hat, wäre eine Ehe wohl normalerweise unklug.

In diesem Zusammenhang ist eben auch wichtig: Homosexualität ist etwas wirklich Schlechtes, und nicht etwas, das Gott einfach verboten hat, und auch die Neigung dazu ist schlecht, wenn sie auch keine persönliche Schuld beinhaltet (so wie eine Neigung zu extremem Zorn und Gewalttätigkeit oder eine krankhafte Essstörung schlecht ist, aber keine persönliche Schuld beinhaltet). Diese Neigung hängt oft damit zusammen, dass jemand Probleme hat, sich mit seinem Geschlecht zu identifizieren, überdurchschnittlich viele Homosexuelle wurden als Kinder/Jugendliche missbraucht und solche Beziehungen werden in der Praxis ungesund, weil die gegenseitige Ergänzung (männlich-weiblich) fehlt. Schwule haben normalerweise extrem viele Partner und führen, wenn sie längere Beziehungen führen, offene Beziehungen, und unter Lesben gibt es überdurchschnittlich viel häusliche Gewalt. Vor allem schwule Sexualpraktiken führen außerdem regelmäßig zur leichteren Übertragung von Geschlechtskrankheiten und sonstigen gravierenden gesundheitlichen Problemen. Es ist auch normal, sich vor solchen Sexualpraktiken zu ekeln.

Auch die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare ist falsch; einerseits, weil ein Kind Vater und Mutter, ein männliches und ein weibliches Vorbild, haben sollte, aber auch, weil es nicht in einer ungesunden, naturwidrigen Beziehung aufwachsen soll. Die Adoption durch Alleinstehende wäre nicht ideal, aber doch in Ordnung, wenn man sonst niemanden findet (auch wenn man heutzutage immer sonst jemanden findet); bei homosexuellen Paaren sieht es anders aus. Katholische Adoptionsvermittlungsstellen dürften deshalb kein Kind an ein homosexuelles Paar vermitteln.

Dann wäre da noch das Thema Transsexualität. Das könnte man auch im Bereich 8. Gebot – Du sollst nicht lügen – einordnen, aber ich handle es hier ab, wo man es eher erwarten wird.

Kurz und knapp: Es ist eine Sünde, so zu tun, als gehörte man zu einem anderen Geschlecht (außer, sagen wir, man verkleidet sich kurzfristig, um vor politischer Verfolgung zu fliehen, oder einfach für eine Faschingsfeier o. Ä.), es ist nochmal eine Sünde, andere zwingen zu wollen, bei dieser Verstellung mitzumachen, und es ist nochmal eine Sünde, seinen Körper zu verstümmeln, um mehr wie das gewünschte Geschlecht auszusehen.

Menschen sind hundertprozentig zweigeschlechtliche Wesen; sogar Intersexuelle sind normalerweise ganz klar Mann oder Frau, nur mit wenig / seltsam entwickelten Geschlechtsmerkmalen, und es gibt keinen einzigen Menschen auf der Welt, dessen Körper gleichzeitig Spermien und Eizellen produziert. Wessen Körper grundsätzlich darauf angelegt ist, Spermien zu produzieren, ist ein Mann, wessen Körper grundsätzlich darauf angelegt ist, Eizellen zu produzieren, ist eine Frau (und bis auf wenige Ausnahmefälle ist das sehr leicht nach außen hin zu erkennen). Gott hat diese biologische Realität gemacht, und Geschlechtsdysphorie ist eine Störung, wie wenn jemand, der erwachsen ist, noch ein Baby sein möchte und sich so aufführt.

Geschlechtsdysphorie ist eine Störung; an sich noch keine Sünde. Jemand kann erst einmal nichts dafür, wenn er/sie nicht mit seinem Geschlecht klarkommt. Hier bräuchte es auch Hilfe, um zu einer gesunden Identität finden zu können und sein Geschlecht anzunehmen (was es leider heutzutage kaum gibt). Aber dieser Störung nachzugeben ist eine Sünde.

Dazu kommt, dass Transsexualität in der Praxis mit zwei großen Übeln einhergeht:

  • In vielen neueren Fällen werden unsichere Jugendliche oder sogar schon kleine Kinder verleitet, zu glauben, sie wären transgender (sog. Rapid Onset Gender Dysphoria), und an ihnen werden medizinische Experimente veranstaltet, bevor sie irgendwann merken, dass das alles sinnlos und zerstörerisch war, und sich doch wieder mit ihrem eigentlichen Geschlecht identifizieren, aber jetzt verstümmelt und unfruchtbar sind.
  • Bei vielen älteren Fällen, bei Menschen mit tiefer Geschlechtsdysphorie, hängt das Ganze oft mit sexuellen Fetischen zusammen. Von Transfrauen (sprich Männern) ist die eine Hälfte Homosexuelle, die sich sehr unwohl mit dem Mannsein fühlen, und die andere Hälfte Autogynophile, d. h. Männer, die von der Vorstellung von sich als Frau sexuell erregt werden, und für die der Geschlechtswechsel – oder auch einfach nur das Anziehen von weiblicher Unterwäsche – ein Fetisch ist. Viele solche Männer sind an sich heterosexuell, haben auch weibliche Partnerinnen, von denen sie dann verlangen, bei ihrem Fetisch mitzuspielen. Da gibt es leider schlimme Geschichten.

Dazu kommt noch, dass durch den leichten Geschlechts“wechsel“ männliche Straftäter – inklusive Sexualstraftäter – es sehr einfach haben, in Frauengefängnisse verlegt zu werden, oder auf Frauentoiletten zu gehen, generell sich in geschützte Räume für Frauen einzuschleichen. Es gab schon Fälle von Vergewaltigungen in solchen Situationen. Und nein, hier wird nicht behauptet, dass jede „Transfrau“ ein Vergewaltiger ist; aber denen, die es sind (oder auch Vergewaltigern, die nur so tun, als ob sie „trans“ sind), wird es so leichter gemacht, Verbrechen zu begehen.

Es fragt sich hier noch: Wie am besten als Außenstehender mit Transsexualität umgehen? Zunächst einmal ist klar, dass es keine Verpflichtung gibt, so zu tun, als wäre eine Wahnvorstellung oder ein Fetisch real. Man muss nicht dabei mitmachen. Aber darf man mitmachen? Vor allem, wenn man sonst Konsequenzen zu befürchten hätte, z. B. weil ein rachsüchtiger Transsexueller sich bei der Personalabteilung beschweren würde, man hätte ihn „misgendert“, d. h. ihn korrekterweise als „er“ oder „sie“ bezeichnet? Ich bin mir hier nicht sicher. Den neuen Namen darf man wahrscheinlich benutzen – denn hier benutzt man einfach den Namen, unter dem derjenige allgemein bekannt ist, damit die anderen wissen, von wem man spricht, so wie man auch bei evangelischen Bischöfen von Bischöfen spricht, ohne ihre Weihe als gültig anzuerkennen -, aber ich würde sagen, dass es nicht in Ordnung ist, die falschen Pronomen zu benutzen, sprich, von einer „Transfrau“ als „sie“ zu sprechen, denn der Punkt ist ja, dass man sich damit unterwirft und zumindest nach außen hin zu erkennen gibt, dass man denjenigen als Frau anerkennt, was er nicht ist, was eine Sünde gegen das 8. Gebot wäre. Das ist ja auch das, was erreicht werden soll, wenn man „Misgendering“ quasi kriminalisiert. Ich bin mir hier allerdings nicht sicher, und will keine Verpflichtung für andere behaupten, wenn ich mir nicht sicher bin. Vielleicht hat ein Leser noch etwas anzumerken.

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Besonders schlimm (und ekelhaft) wäre dann die Bestialität (Zoophilie), d. h. Sex mit Tieren – etwas, worüber interessanterweise inzwischen schon Jugendsender mitsamt anonymen Interviews mit Tätern berichten, und was man sich nur noch wegen „Tierschutz“-Aspekten zu kritisieren traut. Der Tierschutz spielt hier eine Rolle, aber eine sehr untergeordnete; wenn es dem Tier gefällt, wäre es immer noch praktisch genauso schlimm. Das Schlimme ist die extreme Herabwürdigung des beteiligten Menschen und die pure Widernatürlichkeit. Ähnlich schlimm wäre Nekrophilie (Sex mit Leichen). Eheliche Liebe ist Liebe zwischen zwei vollständigen Menschen, mit der Seele vereinigten Körpern, nicht die Schändung eines Körpers, dessen Seele ihn verlassen hat.

Dann zur dritten Kategorie, Sünden gegen Gerechtigkeit und Liebe, d. h. vor allem Sünden gegen die sexuelle Selbstbestimmung und Gewalt in sexuellen Dingen:

Zur Definition der Vergewaltigung Jone:

„Stuprum (Schändung, Notzucht, Vergewaltigung) ist die vollendete Sünde mit einer Frau ohne deren Zustimmung.

Außer der schweren Sünde der Unkeuschheit enthält die Schändung auch noch eine schwere Sünde gegen die Gerechtigkeit. […]

Schändung liegt vor bei Anwendung physischer oder moralischer Gewalt (schwere Furcht, auch metus reverentialis [ehrfürchtige Furcht], List, Betrug), ebenso bei Sünden mit einer Frau, die den Vernunftgebrauch nicht hat (z. B. eine Irrsinnige oder Betrunkene).“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 226, S. 184)

Das alles sollte soweit unumstritten sein, und viel mehr wäre dazu wohl nicht zu sagen. (Außer, dass es natürlich auch eine sehr schwere Sünde ist, wenn ein Mann vergewaltigt wird.) Vergewaltigung ist gerade deswegen besonders schlimm, eine besondere Perversion und Erniedrigung, weil Sex an sich mit Liebe zu tun haben soll – wie wenn man jemanden zwingt, einen zu umarmen, damit man ihm leichter ein Messer in den Rücken rammen kann.

Wenn man alte Moraltheologiebücher liest, wird man bei diesem Thema ab und zu auf die Fragestellung stoßen, inwiefern sich eine Frau gegen einen Vergewaltiger zur Wehr setzen muss. Das liegt nicht daran, dass die Autoren victim blaming betreiben würden. Sie hätten sicher auch die Frage diskutiert, wie sehr sich ein kranker Mensch, den seine Angehörigen euthanasieren wollen, zur Wehr setzen müsste, wenn sie in den heutigen Niederlanden gelebt hätten, oder wie sehr das jemand tun muss, den seine Angehörigen zu einem heidnischen Opfer zerren wollen, wenn sie im Alten Rom gelebt hätten. Hier ist vollkommen klar, wer der eigentlich Schuldige ist. Und in den Beichtstühlen tauchen wahrscheinlich eher die frommen Katholiken auf, die von jemand anderem gezwungen wurden / werden sollten, sich an irgendetwas Falschem zu beteiligen, und sich jetzt fragen, ob sie das nicht hätten verhindern können, und weniger die, die sie dazu gezwungen haben. Außerdem rechneten sie u. a. eben auch (s. Jones Definition oben) mit den nicht ganz so eindeutigen Fällen von „date rape“, wo die Frau den Mann eigentlich auch mag, und zögert, ihn abzuwehren, wenn er sie gegen ihren Willen drängt, weiterzugehen, oder wo er sie eher einschüchtert als wirklich Gewalt anwendet, oder Fällen, in denen ein Mann eine Frau erpressen will, beim Sex mitzumachen, z. B. indem ein Chef seiner Angestellten droht, sie zu entlassen, statt offene Gewalt anzuwenden.

Und was wurde im Endeffekt zu dieser Frage gesagt? Nun, der generelle Konsens schien zu sein, dass eine Frau sich an sich wehren soll, ihm zeigen soll, dass sie es nicht will, und z. B. nicht wegen einer Erpressung aktiv beim Sex mitmachen darf (wie man auch nicht aktiv bei einem Götzenopfer mitmachen darf, weil man erpresst wird), aber sich nicht wehren oder schreien muss, wenn sie befürchten muss, dass er noch gewalttätiger wird und sie umbringt, was in einigen Fällen wohl leider der Fall ist – wenn wir mal davon absehen, dass viele wie gelähmt sind. (Ich persönlich würde allerdings schon aus rein praktischen Gründen schätzen, dass es, wenn man kann, immer besser wäre, sich zu wehren; umbringen könnte er einen auch, wenn er mit der Vergewaltigung fertig ist, und manchmal bringt es ja doch was; außerdem ist es ein Indiz vor Gericht, wenn man es z. B. geschafft hat, ihm das Gesicht zu zerkratzen. Und das Trauma wird vielleicht sonst noch schlimmer.)

Eine Frage wäre noch: Wenn man vergewaltigt wurde, ist es dann in Ordnung, die Pille danach zu nehmen? An sich wäre es das, wenn sie nur dafür sorgen würde, den Eisprung zu verzögern; das Problem ist aber, dass sie auch ein schon entstandenes Kind an der Einnistung in der Gebärmutter hindern könnte. Empfängnisverhütung wäre nach einer Vergewaltigung völlig problemlos, aber nicht fahrlässige Tötung, dazu lässt sich nichts anderes sagen. Was allerdings problemlos wäre, wäre, wenn Frauen, die in Gegenden leben (z. B. Südafrika, DR Kongo, Indien), wo es ein hohes Risiko gibt, vergewaltigt zu werden, sich vorsichtshalber sog. „Kondome für Frauen“ einführen, sowohl, um eine Schwangerschaft als auch um eine Übertragung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern, und die eben beim Sex mit ihrem Ehemann herausnehmen. Eine Vergewaltigung ist eben kein normaler, legitimer Geschlechtsverkehr, der offen für Kinder sein soll, sondern ein Akt der Gewalt.

Sexuelle Belästigung (Berührungen, Kommentare, Verschicken von Penisbildern etc.) ist auch schwere Sünde, zumindest normalerweise. Normale, nicht sexuelle Komplimente, die etwas aufdringlich sind, fallen allerdings nicht darunter. (Aufdringlichkeit ist generell nur lässliche Sünde.) Viel gibt es dazu wohl nicht mehr zu sagen.

(Frauen)Raub existiert in Europa zum Glück nicht mehr, aber in Ländern wie Ägypten oder Pakistan kommt es schon manchmal vor, dass christliche Mädchen von Muslimen entführt werden. Unter Frauenraub versteht man Entführung/Gewaltanwendung mit dem Ziel, jemanden zu Unzucht oder Zwangs“ehe“ zu bringen. Auch sonstige Zwangsverheiratung, ist, wie nicht anders zu erwarten, Sünde. Zwangsehen sind von Natur aus ungültig.

Zu Kindesmissbrauch wäre noch zu sagen dass sich hier natürlich auch die schuldig machen, die etwas wissen oder ahnen und nichts tun (z. B. die Mutter, die ahnt, dass ihr neuer Freund ihre Kinder missbraucht; übrigens ist die Gefahr für sexuellen Missbrauch besonders groß, wenn Kinder mit nicht verwandten Erwachsenen, also z. B. einem Stiefvater, zusammenleben; selbst für Eltern, die pädophil veranlagt sind, ist die Hemmschwelle bei ihren eigenen Kindern größer). Zur Verhinderung von Kindesmissbrauch muss man sich natürlich auch an die Regeln dazu halten, z. B. bei Betreuern von Jugendfreizeiten ein polizeiliches Führungszeugnis zu verlangen etc. (auch wenn ich hiermit nicht sagen will, dass jeder, der das vergisst, gleich eine extrem schlimme Sünde begeht). Eine Sünde begeht auch, wer als Richter Missbrauchstäter sehr leicht davonkommen lässt, sodass sie schnell wieder Kinder missbrauchen können, oder erst recht, wer als Vorgesetzter Missbrauchstäter nur versetzt, statt sie anzuzeigen. Der Missbrauch von Kindern vor der Pubertät ist ein besonders extremes Verbrechen, der Missbrauch von Jugendlichen ein weniger extremes, aber immer noch schlimmes; ähnlich wie man Mord und Totschlag unterscheidet.

Bei Pädophilie und Hebephilie gilt an sich auch wieder: Nicht die Neigung, sondern die Tat bringt Schuld mit sich; freilich gehört zu den Taten auch schon so etwas wie gewolltes sexuelles Fantasieren über Kinder. Gott liebt alle Menschen, das ist nun einmal so, auch die, die die abstoßendsten Dinge an sich haben. Ein Pädophiler kann auch in den Himmel kommen und soll nicht sich selbst hassen, aber seine Neigung schon, denn sie ist, wenn auch keine persönliche Schuld, doch eine extreme Perversion, wie eine Neigung zu Mord und Kannibalismus es wäre, und sie entstellt ihn auf eine Weise, die nicht sein sollte. Vor allem trägt jeder mit dieser Neigung die Verantwortung dafür, dass sie sicher nicht zu Taten an Kindern werden kann. Dabei können ein Beichtvater, ein Therapeut, und insbesondere auch libidosenkende Medikamente (chemische Kastration) helfen. (Allerdings würde ich hier davor warnen, Leuten, die schon zu Sexualstraftätern geworden sind, zu glauben, dass sie sich gebessert haben, weil sie „eine Therapie machen“. Mit einem Therapeuten kann man nett reden und sich hinterher denken, leck mich doch am Arsch. Und tatsächlich sind z. B. bei einer Studie des Projekts „Kein Täter werden“ zwei Drittel der Pädophilen, die vor der Therapie Kinderpornographie konsumiert oder Kinder missbraucht hatten, wieder rückfällig geworden. Erst recht wäre es eine Sünde, sich in „Selbsthilfegruppen“ zu begeben, die von den teilnehmenden Pädophilen dann nur genutzt werden, um sich auszutauschen und sich gegenseitig zu bemitleiden und zu bestärken.)

Da viele Pädophile nicht realisieren, wie extrem sie Kindern schaden und welche extremen Traumata sie zufügen, sondern ernsthaft glauben, sie würden sich kleine Geliebte suchen, denen der Sex gefällt, haben sie auch die Verantwortung, sich so gut wie irgend möglich klarzumachen, wie es Opfern wirklich damit geht, indem sie solchen Opfern zuhören. Alles andere ist ein gewolltes Blindstellen. (Hier beispielsweise wäre ein hilfreicher Text.)

Es gibt heutzutage auch gewisse Aktivisten (wenn auch noch relativ vereinzelt), die behaupten, helfen zu wollen, dass weniger Pädophile zu Tätern werden, und deshalb sagen, dass Pädophilie als Neigung normalisiert werden sollte und man Pädophilen Weisen bieten sollte, ihren Trieb auszuleben, ohne dass reale Kinder zu Schaden kommen, z. B. durch Kinderpornos als Animationsfilme, oder kindlich gestaltete Sexpuppen. Dieser Vorschlag ist an sich schon krank, und vor allem ist das für diese Aktivisten ganz offensichtlich nur die Vorstufe dafür, auch Missbrauch von realen Kindern zu normalisieren. Aber selbst wenn er es nicht wäre, würde er in der Praxis zu mehr Verbrechen führen; denn wer seinem Trieb durch Pornos oder Sexpuppen nachgibt, wird sich daran gewöhnen und es als sein Recht sehen, ihn auszuleben, und sich bald nicht mehr nur mit solchen virtuellen Weisen begnügen wollen. Und egal, wozu das führt: Die Bosheit und Widernatürlichkeit der Tat wäre sowieso gegeben.

Das Beichtgeheimnis gilt auch dann, wenn jemand beichtet, z. B. Kinderpornographie konsumiert zu haben oder Kinder angestarrt zu haben, aber ein Priester müsste denjenigen dazu bringen, sich die Gelegenheiten zu Sünden so weit wie möglich zu verbauen. Wenn jemand nicht bereit ist, unnötige nächste Gelegenheiten zur schweren Sünde abzuwenden, darf ihm die Absolution nicht gegeben werden. Dass das Beichtgeheimnis auch dann gilt, hilft übrigens auch dabei, dass jemand so etwas überhaupt beichtet und dann eben dazu gebracht werden kann, z. B. nicht von Kinderpornographiekonsum noch zu eigenen Taten an Kindern fortzuschreiten; wenn es nicht gelten würde, würde so jemand gar nicht erst zur Beichte kommen. Hier gilt Ähnliches wie bei der Schweigepflicht von Therapeuten, auch wenn die weniger absolut ist.

Wozu man noch kurz etwas sagen muss, ist einvernehmliche Gewalt beim Sex im Kontext von diversen Fetischen (Würgen, Schläge etc.). Auch das ist eine Sünde, und zwar sowohl der Sadismus (Lust daran, Grausamkeiten zu verüben) als auch der Masochismus (Lust daran, Grausamkeiten zu erleiden). Der Grund ist, dass eine solche Schädigung ohne sinnvollen Grund immer etwas Schlechtes ist, auch wenn einer ihr zustimmt, und dass jemand gar nicht zustimmen kann, dass andere ihm Böses antun. Geordnet und gut geht es zu, wenn es jedem so gut wie sinnvollerweise möglich geht und jeder das bekommt, was ihm zusteht, nicht wenn jeder bekommt, was er (aus einem (selbst)zerstörerischen Impuls heraus) will. Das alles ist auch psychisch langfristig extrem ungesund. Auch beim Sex muss eben die Menschenwürde gewahrt werden.

Um das Wichtigste zusammenzufassen:

Wenn man unverheiratet ist, hält man sich von diesem Bereich einfach fern, sucht nicht nach sexueller Erregung, vermeidet Dinge, die mit hoher Wahrscheinlichkeit meistens dazu führen, wenn sinnvollerweise möglich, und wenn doch Gedanken/Gefühle/körperliche Reaktionen aufkommen, ignoriert man sie oder lenkt sich ab.

Wenn man verheiratet ist, ist mit dem Ehepartner alles im Rahmen der natürlichen Ordnung erlaubt. Aber: Orgasmus/Samenerguss nur im Kontext von wirklichem Sex suchen, nicht außerhalb. Sex ist für Liebe und Kinderkriegen da; beide sind wichtig.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12a: Das 6. & 9. Gebot – Allgemeine Prinzipien

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

[Hier noch eine kleine Korrektur zum vorletzten Teil bzgl. Verhältnismäßigkeit: Ein verhältnismäßiger Grund dafür, eine Handlung zu setzen, bei der man einen Schaden in Kauf nimmt, dürfte wahrscheinlich auch vorhanden sein, wenn die Risiken auf beiden Seiten (nichts tun bringt ungewollten Schaden für A / etwas tun bringt ungewollten Schaden für B) gleich hoch sind, nicht nur, wenn sie auf der Nichts-Tun-Seite überwiegen.]

Unter dem 6. Gebot – „Du sollst nicht die Ehe brechen“ – und dem 9. Gebot – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau“ – fasst man mehr oder weniger alles, was Ehe & Sexualität angeht, zusammen. Die Tugend der Keuschheit bedeutet, knapp gesagt, die vernünftige, gottgewollte Ordnung in sexuellen Dingen einzuhalten. In diesem Artikel soll es erst einmal um Begründungen dafür gehen, wieso die Keuschheit gut und notwendig ist, und was genau sie bedeutet.

Zuerst ein paar Begriffsabgrenzungen: Keuschheit =/= Jungfräulichkeit =/= Zölibat. Jungfräulichkeit ist der Zustand des „Nie-Sex-gehabt-habens“ (Anmerkung: eine Vergewaltigung verletzt die formelle Jungfräulichkeit nicht, nur die materielle), Zölibat ist das Leben ohne Ehe und Sex für Gott. Wer zölibatär lebt, muss nicht zwangsläufig jungfräulich sein, er kann auch Sünden in der Vergangenheit haben oder verwitwet sein; wer jungfräulich ist, muss nicht zwangsläufig im gottgeweihten Zölibat leben, er kann einfach noch niemanden zum Heiraten gefunden haben; wer verheiratet ist und ganz normal mit seinem Ehepartner schläft, lebt keusch, aber weder jungfräulich noch zölibatär. Jungfräulichkeit und Zölibat sind gute Dinge, aber keine Verpflichtungen für jeden; im Unterschied zur Keuschheit.

Für Keuschheit hat man früher auch oft den Begriff Reinheit verwendet, was mir früher komisch vorkam, aber jetzt nicht mehr komisch vorkommt. Hier ist nicht mal gemeint, dass Sex an sich unrein sei, sondern einfach die sexuelle Unordnung. Und man ist nun mal freier, gelöster und „reiner“, wenn man sich nicht von seiner Sexualität kontrollieren lässt und fähig ist, sich auf alle möglichen anderen Dinge zu konzentrieren, und nicht gleich schmutzige Gedanken bei allem und jedem hat.

Zur Keuschheit kommt auch noch die Schamhaftigkeit hinzu, die quasi zum Schutz der Keuschheit dient. Zur Schamhaftigkeit gehört es, intime Dinge nicht überall auszubreiten.

Halten wir bzgl. der Keuschheit am Anfang erstmal als Faustregel fest: So ziemlich alles außerhalb der Ehe ist schwere Sünde, und innerhalb manches. Wir sind ja katholisch hier. (Bzgl. der Schamhaftigkeit ist es nicht so schlimm; da gibt es auch viele lässliche Sünden.)

Es ist so ziemlich Konsens unter den klassischen Moraltheologen, dass es im 6.-Gebot-Bereich keine „materielle Geringfügigkeit“ gibt, dass es also (wenn Wissen & Wille auch voll da sind) keine lässlichen Sünden gibt, sondern nur schwere. Lässliche Sünden in diesem Bereich wären also dann da, wenn jemand etwas mit eingeschränktem Wissen um die Schwere (was oft bei den gewöhnlichen Nichtchristen der Fall ist) oder eingeschränkter Willenszustimmung (z. B. unter Alkoholeinfluss, im Halbschlaf, unter Drohungen/Druck von anderen, oder bei bestimmten spontanen Gedankensünden, wo der Wille nicht voll da ist (dazu später mehr)), tut.

Das heißt nicht, dass alle diese schweren Sünden gleich schwer wären – Petting mit der Verlobten ist offensichtlich deutlich weniger schwer, als die Ehefrau serienmäßig zu betrügen, und dafür käme man bei fehlender Reue auch in unterschiedliche Höllenkreise. Aber beides eben schwere Sünde.

Das klingt jetzt hart, und die Vorstellung war für mich auch ungewohnt. Aber es hat seine Gründe, dass Sex besondere moralische Bedeutung besitzt. Das ergibt sich daraus, was Sex in seiner eigentlichen Form ist.

Die katholische Ethik ist, wie in Teil 2 schon gesagt, eine Ethik des Naturrechts – gemeint ist nicht „Natur“ im Sinne von „Wildnis“, sondern „Natur“ im Sinne von „Wesen, innerer Zweck der Dinge“. Auch Tiere können im philosophischen Sinn „Widernatürliches“ tun, das ihrem eigenen inneren Zweck zuwiderläuft (wenn z. B. ein Muttertier die eigenen Jungen tötet), weil auch der Rest der Schöpfung nicht unberührt vom Bösen ist; auch wenn sie  dafür natürlich keine Schuld tragen können, weil sie nicht bewusst und willentlich handeln. Der Mensch dagegen kann sich bewusst entscheiden, im Einklang mit seiner Natur oder gegen seine Natur zu handeln.

Sex ist an sich eine intime Vereinigung eines Mannes und einer Frau, bei der möglicherweise Kinder entstehen können (und auch oft entstehen, selbst wenn Leute das verhindern wollen). Natürlich stellen die Menschen noch anderes mit ihren Geschlechtsorganen an, aber das ist das, was ihr biologischer Zweck in ihrer gesunden Form, ihre eigentliche Funktion ist (wie der Mund zum Reden und Essen da ist, oder das Atmen für die Versorgung mit Sauerstoff) und für die Erhaltung der menschlichen Art sorgt, das, was man Kindern erklärt, wenn sie wissen wollen, wo die Babys herkommen. Daraus folgen jetzt verschiedene  Dinge:

  • Da kann, wie gesagt, ein Kind entstehen; und Kinder brauchen eine Familie, Vater und Mutter, die sich lieben und zusammenleben. Wenn das nicht da ist, fehlt immer etwas, sogar wenn es fehlt, ohne dass jemand Schuld hat (z. B. wenn ein Elternteil stirbt, als Gastarbeiter ins Ausland gehen muss…); wobei es natürlich schlimmer für das Kind ist, wenn Eltern nicht zusammenleben, weil sie sich zerstritten haben. Und Kinder brauchen diese Familie nicht nur kurzfristig; sie sind lange völlig abhängig von Erwachsenen. Wer sich also noch nicht sicher ist, ob er mit der und der eine Familie haben will, sollte mit ihr auch keinen Sex haben und riskieren, ein Kind zu zeugen, das ohne Vater aufwachsen muss (oder vielleicht sogar abgetrieben werden wird, weil es gerade nicht hinpasst). Und gerade weil hier ein Menschenwesen entstehen kann, eine neue unsterbliche Seele, sollte man das Ganze doch mit einiger Ehrfurcht behandeln.
  • Das Ganze drückt Vereinigung und Hingabe aus. Die kann ihrem Wesen nach nur exklusiv und unauflöslich sein. Außerdem haben hier Brutalität, Nötigung und Zwang keinen Platz.
  • Es ist eine Ergänzung von Mann und Frau, die aufeinander hingeordnet sind (nicht nur, aber auch in körperlicher Hinsicht; Körper und Seele gehören zusammen und machen beide den ganzen Menschen als Mann oder Frau): homosexuelle Handlungen beispielsweise sind eigentlich nur eine schlechte Nachahmung von Sex, ein Missbrauch der Geschlechtsorgane; vergleichbar der Masturbation, wo jemand aus etwas, das als Ausdruck gegenseitiger Liebe, als Geschenk an jemand anderen, gedacht ist, eine egoistische, in sich verschlossene Handlung macht.

Sex im eigentlichen Sinn ist also Ausdruck von treuer Liebe, aus der neues menschliches Leben entstehen kann.

Das ist er eigentlich; aber in der Praxis ist der Sexualtrieb eben nicht nur Liebesbedürftigkeit, sondern seit dem Sündenfall auch ein starker biologischer Trieb, der einen dazu führen kann, einiges Blödsinniges oder Schlechtes zu tun. Das ist auch bei anderen biologischen Trieben der Fall; aber die geraten oft nicht ganz so leicht außer Kontrolle. C. S. Lewis beschreibt es passend:

„Der biologische Zweck der Sexualität ist die Erhaltung der Art, wie der biologische Zweck des Essens die Erhaltung des Körpers ist. Wenn wir nun essen, wann immer uns die Lust ankommt und soviel wir wollen, werden sicher die meisten von uns zuviel essen, aber doch nicht ganz unmäßig. Ein Mann ißt vielleicht für zwei, aber nicht für zehn. Sein Appetit übersteigt ein wenig das biologisch Notwendige, geht aber nicht ins Maßlose. Würde dagegen ein gesunder junger Mensch seiner sexuellen Begierde nachgeben, sooft ihn die Lust ankommt, und dabei jedesmal ein Kind in die Welt setzen, so könnte er in zehn Jahren leicht ein kleines Dorf bevölkern. Dieser Appetit steht in einem lächerlichen und widersinnigen Verhältnis zu seinem biologischen Zweck.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Mit Striptease-Vorstellungen, also damit, daß sich ein Mädchen auf der Bühne auszieht, kann man eine Menge Publikum anlocken. Nehmen wir aber einmal an, wir kämen in ein Land, wo man ein Theater damit füllen könnte, daß jemand eine zugedeckte Platte auf die Bühne trägt und dann langsam den Deckel abnimmt, so daß jedermann – kurz bevor das Licht ausgeht – sehen kann, daß ein Hammelkotelett oder ein Stück Speck auf der Platte liegt. Würden wir nicht annehmen, daß in diesem Land mit dem Appetit der Leute etwas nicht in Ordnung ist? Und würde nicht jemand aus einer anderen Welt von uns annehmen müssen, daß es um unseren Geschlechtstrieb nicht sehr viel anders bestellt ist?

Ein Kritiker wandte ein, wenn in einem Land solche Striptease-Vorstellungen mit Hammelkoteletts üblich wären, so würde er daraus schließen, daß die Leute dort am Verhungern sind. Er wollte damit natürlich sagen, daß solche Dinge wie Striptease-Darbietungen nicht von sexueller Verdorbenheit, sondern von sexuellem Ausgehungertsein herrühren. In gewissem Sinne stimme ich ihm zu. Wenn wir in einem Land ‚Hammelkotelett-Entkleidungsszenen‘ vorfinden, so könnte eine der möglichen Erklärungen natürlich eine Hungersnot sein. Der nächste Schritt wäre dann allerdings, die Ernährungslage jenes Landes zu untersuchen. Sollte sich dabei herausstellen, daß sie gut ist, so würde die Hungersnot als Begründung ausscheiden, und wir müßten nach einer anderen Erklärung suchen.

Das gleiche gilt für die Stripteaseszenen auf unseren Bühnen: Bevor wir annehmen, daß sie durch eine sexuelle Hungersnot bedingt sind, müßten wir nachweisen, daß die geschlechtliche Enthaltsamkeit heute wirklich größer ist als zu Zeiten, in denen man vom Striptease nichts wußte. Dieser Beweis läßt sich nicht erbringen. Verhütungsmittel haben die Befriedigung geschlechtlichen Verlangens innerhalb der Ehe viel billiger und außerhalb viel sicherer werden lassen als je zuvor, und die öffentliche Meinung zeigt gegenüber außerehelichen Verbindungen und sogar sexuellen Verirrungen mehr Nachsicht, als es seit heidnischer Zeit jemals der Fall war.

Außerdem ist die These von der Hungersnot nur eine von mehreren möglichen Erklärungen. Jeder weiß, daß die sexuelle Begierde, wie jede andere Begierde auch, mit ihrer Befriedigung zunimmt. Der Hungrige träumt von gedeckten Tischen, aber ein Vielfraß tut dasselbe. Die Satten wie die Hungrigen erfreuen sich am Gaumenkitzel.

Ein weiteres Beispiel: Wir werden nur wenige Menschen finden, die etwas verzehren möchten, was nicht eßbar ist, oder die Nahrungsmittel nicht zum Essen benutzen wollen. Verirrungen der Eßlust sind selten, Verirrungen des Geschlechtstriebs dagegen sehr häufig. Sie sind furchtbar und sehr schwer zu heilen. […]

Uns wird gesagt, die Sexualität sei in Unordnung geraten, weil sie vertuscht und verheimlicht wurde. Aber in den letzten zwanzig Jahren wird sie nicht mehr totgeschwiegen. Man hat Tag und Nacht über sie geredet, und doch ist sie immer noch in Unordnung. Wäre Heimlichtuerei die Quelle allen Übels, so hätten die unzähligen Diskussionen über diese Fragen Abhilfe schaffen müssen. Aber das ist nicht geschehen.

Ich glaube, es ist genau umgekehrt. Ich glaube, die Menschen haben den Sex ursprünglich deswegen totgeschwiegen, weil er in solche Unordnung geraten war.“ (C. S. Lewis, Pardon, ich bin Christ, 9. Aufl., Basel 1977, S. 92-94. (Original: Mere Christianity, erschienen 1955))

Insofern ist das also auch ein Trieb, bei dem man besonders gut aufpassen muss.

Edward Feser schreibt zu diesem Thema auch sehr passend (meine Übersetzung):

„Es gibt mindestens drei Gesichtspunkte, unter denen Sex eine spezielle moralische Bedeutung hat, und das eindeutig:

1. Sex ist das Mittel, mit dem neue Menschen gemacht werden. Nun hat es offensichtlich moralische Bedeutung, wie wir Menschen behandeln, besonders in Angelegenheiten von Leben und Tod. […] Außerdem leugnet niemand, dass wir spezielle moralische Pflichten gegenüber unseren engsten Verwandten und vor allem Kindern haben. Aber die neuen Menschen, die wir durch Sex in die Welt setzen, sind natürlich gerade unsere Kinder. Daher ist Sex tatsächlich moralisch sehr bedeutsam. […]

2. Sex ist die Weise, auf die wir als Männer und Frauen vervollständigt werden. Es ist unnötig zu erwähnen, dass die sexuellen Organe einer Person die eines anderen Menschen des anderen Geschlechts erfordern, wenn sie ihre biologische Funktion erfüllen sollen. […] Aber es ist mehr als bloße Klempnerei oder Biologie. Die meisten Menschen werden sich zumindest für einen bedeutenden Teil ihres Lebens frustriert und unerfüllt fühlen, wenn sie unfähig sind, die Art romantische Beziehung mit einer anderen Person zu haben, die Sex als natürliche Begleiterscheinung hat. […]

Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt Menschen, die auf solche Beziehungen verzichten, weil sie zu einem höheren Stand der Art berufen sind, die vom Priestertum oder Ordensleben verkörpert wird. Gerade weil dieses Gut ein höheres Gut ist, kann die so berufene Person die Frustration überwinden, die ansonsten einen solchen Verzicht begleiten würde. Es gibt auch manche Menschen, denen signifikante sexuelle oder romantische Wünsche von Anfang an fehlen. Aber im typischen Fall werden Menschen durch das Fehlen einer sexuellen Beziehung mit einem anderen Menschen frustriert sein.

Nun denken natürlich wir traditionellen Naturrechtler, dass eine solche Beziehung nur im Kontext der Ehe existieren sollte, und auch […] dass das natürliche Ziel, auf das die menschliche Sexualpsychologie ausgerichtet ist, ein Mensch des anderen Geschlechts ist statt nur ‚eine Person‘ im Abstrakten. Aber noch einmal, vorerst müssen Sie nicht alldem zustimmen. Das Buch Genesis beschreibt unsere sexuelle Unvollständigkeit in klar heterosexuellen Begriffen. Der Mythos des Aristophanes in Platos Symposium beschreibt sie bekanntermaßen auf sehr viel freiere Weise. Aber beide bezeugen das Alter der Vorstellung, dass ein Mensch einen anderen Menschen auf sexuelle Weise für seine vollständige Erfüllung braucht. Befürworter der ‚gleichgeschlechtlichen Ehe‘ bezeugen dieses Bedürfnis ebenso, insofern sie die ‚gleichgeschlechtliche Ehe‘ im Namen von romantischer Liebe und persönlicher Erfüllung verteidigen.

Das Scheitern an romantischen Beziehungen kann nicht nur an sich frustrierend sein, sondern das Selbstwertgefühl einer Person beeinträchtigen, wie das auch jeder Hinweis kann, dass einem einfach die Fähigkeit fehlt, einen Geliebten anzuziehen oder zufriedenzustellen. Daher wird es als besonders gemein und demütigend empfunden, die romantischen Gefühle oder sexuellen Avancen einer Person lächerlich zu machen, oder seine oder ihre sexuelle Performance oder Attraktivität für das andere Geschlecht zu verspotten. Die Präsenz eines sexuellen Aspekts bei anderen Schäden und Unglücksfällen macht sie auch viel härter zu ertragen. Ehebruch wird als viel tieferer Verrat empfunden als irgendein bloßer Vertragsbruch. Vergewaltigung und Kindesmissbrauch sind viel grausamer und psychologisch schädlicher als ein nicht-sexueller Angriff. Die öffentliche Aufdeckung von privaten sexuellen Eskapaden wird als viel demütigender gesehen als die Aufdeckung von finanziellen Vergehen oder anderen Verbrechen. […]

3. Sex ist der Bereich des menschlichen Lebens, in dem die tierische Seite unserer Natur am stärksten gegen die rationale Seite unserer Natur kämpft. Sexuelle Lust ist die intensivste Lust. Die Gründe dafür haben mit den Erwägungen, die bei den ersten beiden Punkten aufgebracht wurden, zu tun. Sex ist notwendig für die Entstehung neuer Menschen, aber neue Menschen zu machen legt uns enorme Kosten und Verantwortlichkeiten auf, die zu übernehmen wir sehr widerwillig sind. Die Natur hat Sex so extrem angenehm gemacht, dass die Leute ihn trotzdem haben werden, trotz seiner Neigung dazu, neue Menschen zu machen, für die sie Verantwortung übernehmen müssen. Sex ist auch die Handlung, die auf die körperlich und emotional intimste oder innigste Weise jene romantischen Beziehungen vollendet, in denen wir unserem Gefühl der Unvollständigkeit abzuhelfen suchen. Das fügt eine weitere, psychologisch bedeutsame Ebene des Genusses zu der Handlung hinzu, die das, was bloß auf einem rohen animalischen Level schon immens angenehm ist, noch einmal stark steigert.

Es ist daher nicht überraschend, dass die Befriedigung, die diese Art der Lust uns verspricht, uns dazu führen kann, jede Art zutiefst irrationaler Dinge zu tun. Für ein paar Momente sexueller Lust werden viele Menschen eine Schädigung ihres Rufs und das Auseinanderbrechen von Ehen und Familien, ihrer eigenen wie der anderer, riskieren. Sexuelle oder romantische Leidenschaft kann Menschen daran hindern, zu sehen, dass eine bestimmte Person einfach kein passender Ehepartner oder jemand, mit dem man Kinder haben sollte, ist. Romantische und sexuelle Eifersucht kann Leute dazu versuchen, das Objekt ihrer Zuneigung auszuspionieren und zu stalken, oder sogar dazu, einen Mord zu begehen. Die Suche nach romantischer und sexueller Lust kann einen zwanghaften Charakter annehmen. Daher werden Leute promiskuitiv, oder süchtig nach Pornographie, oder geneigt zu exzessivem romantischen Fantasieren und ver- und entlieben sich ständig. Und natürlich gibt es verschiedene weniger schwerwiegende Weisen, auf die romantische Liebe oder der Wunsch nach Sex uns dazu führen kann, auf Weisen zu handeln, die wir sonst als offensichtlich töricht sehen würden (schlecht geplante Versuche, jemanden zu beeindrucken, von dem man angezogen ist, plumpe sexuelle Avancen etc.). […]

Tatsächlich bieten Leute, die angesichts all der offensichtlichen Beweise sagen, dass Sex ‚keine große Sache‘ ist, nur ein weiteres Beispiel für die Irrationalität, zu der wir in sexuellen Angelegenheiten neigen. Denn diese Art von Bemerkung ist natürlich typischerweise ein Versuch, sexuelle Verhaltensweisen zu rationalisieren oder zu entschuldigen, die weitgehend als moralisch fragwürdig betrachtet werden, aber auf die der, der das sagt, sich trotzdem einlassen möchte.“

Auf rein biologischer Ebene sorgt Sex übrigens dafür, dass das „Bindungshormon“ Oxytocin ausgeschüttet wird. Das ist noch ein Grund, mit dem Sex erst mal zu warten: Wenn man Sex mit jemandem hat, bei dem man später feststellt, dass man nicht zusammenpasst, fühlt man sich trotzdem aneinander gebunden und tut sich schwer damit, diese Bindung wieder auseinanderzureißen.

Um zusammenzufassen: Sex macht Kinder, drückt Vereinigung und Liebe aus und lässt Leute sich aneinander gebunden fühlen, der Sexualtrieb ist aber auch ein starker biologischer Trieb, der relativ leicht entarten kann. Das alles passt damit zusammen, wofür die Ehe nach traditioneller katholischer Vorstellung von Gott eingesetzt wurde (sog. Ehezwecke):

  • Sie ist dafür da, Kinder zu machen, aber nicht nur das, sondern sie auch großzuziehen, auf die Welt vorzubereiten, in Kontakt mit Gott zu bringen. Es hat mehrere Gründe, dass das gut und notwendig ist. Erstens einmal ist jedes Lebewesen, besonders jedes menschliche Wesen, schlicht und einfach an sich sehr wertvoll; und Menschen werden ewig leben, im Idealfall bei Gott. Zweitens ist auch die „Erhaltung der Art“ einfach gut und notwendig – die Menschheit soll weiterbestehen, die erreichten Werke sollen erhalten und weitergeführt werden, die Jüngeren sollen sich um die Älteren kümmern. Das ist keine rein pragmatische oder biologische Sache. Auch für die Eltern ist es eine Art Erfüllung, wenn sie ihren Kindern etwas weitergeben, wenn ihr Erbe in ihren Kindern weiterlebt.
  • Sie ist dafür da, dass Mann und Frau einander lieben, helfen und ergänzen.
  • Sie ist da als „remedium concupiscentiae“, „Heilmittel für die Begierlichkeit“, d. h. sie soll einen Trieb, der an sich nicht schlimm ist, aber auch viel Schaden anrichten könnte, in geordnete Bahnen lenken, wie man eine Pflanze anbindet und stutzt, damit sie gerade und schön wächst. Das ist ein legitimer Zweck. Wir sind nun mal nicht perfekt, und unsere Neigungen und Wünsche auch nicht. Diesen Zweck kann man auch in „optimistischerer“ Weise als „sexuelle Erfüllung“ deuten, aber ich belasse es mal bei dem klassischen Begriff.

Heilige Zélie & Louis Martin | PureWomanhood
(Die Heiligen Zélie und Louis Martin; sie sind gute Patrone für Ehepaare.)

Grundsätzlich kann man dann sagen, es gibt drei verschiedene Komponenten, die eine sexuelle Handlung moralisch falsch werden lassen: 1) außerhalb der gültigen Ehe 2) nicht im Rahmen der natürlichen Ordnung, 3) Verstöße gegen Gerechtigkeit und Liebe (wie etwa: keine Zustimmung der (dazu fähigen!) anderen Person, Anwendung von Gewalt). Unter diese Kriterien fallen z. B.:

  1. Jeder Geschlechtsverkehr vor der Ehe (darunter fallen Konkubinat, also eheähnliches Zusammenleben, und Prostitution), unkeusche Berührungen, Ehebruch (auch Sex mit einem neuen Partner nach einer zivilrechtlichen Scheidung vom eigentlichen Partner, ob man mit dem neuen Partner in Zivilehe zusammenlebt oder nicht, ist Ehebruch; und auch offene Ehen sind Ehebruch), Polygamie, unkeusche Blicke, Lektüre, Phantasien, Pornographiekonsum, Voyeurismus, Inzest, Gruppensex.
  2. Masturbation, künstliche Empfängnisverhütung, coitus interruptus, [Anmerkung: NFP (Natürliche Familienplanung, auch periodische Enthaltsamkeit oder Natürliche Empfängnisregelung genannt), ist nicht naturwidrig], Sexualpraktiken mit nicht dafür gedachten Körperöffnungen, homosexuelle Handlungen, Bestialität (Sex mit Tieren).
  3. Brutale/erniedrigende Sexualpraktiken (Sadismus und Masochismus), sexuelle Belästigung, Vergewaltigung,  Zwangsverheiratung, Frauenraub, Kindesmissbrauch.

(Freilich gibt es Grenzfälle; Kindesmissbrauch z. B. kann man unter 1) (mit Kindern ist keine gültige Ehe möglich), 2) (Sex mit jemandem, der nicht mal voll entwickelt ist, ist offensichtlich naturwidrig) oder unter 3) (Kinder können Sex nicht zustimmen, und oft wird hier Gewalt angewandt) verbuchen. In der Praxis gibt es außerdem oft Fälle, wo Handlungen aus mehreren Kategorien zusammenkommen (z. B. voreheliche Unzucht gekoppelt mit Gebrauch von Kondomen und Sadomasopraktiken). Ein interessanter Fall sind auch künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft, die ich oben in der Liste noch nicht aufgeführt habe; beide trennen die Fortpflanzung von der Liebe und dem Sex und sind deswegen sowohl naturwidrig (2) als auch ein Verstoß gegen die Liebe (3).

Manches fällt eigentlich auch schon unter die Überschrift „Gewalt“ beim 5. Gebot, aber so, wie man gewaltsamen Raub nochmal unterm 7. Gebot bei Eigentumsdelikten behandelt, behandelt man auch Gewalt im sexuellen Kontext  normalerweise nochmal gesondert unter dem 6. Gebot.)

Das Thema „außerhalb der natürlichen Ordnung“ ist besonders gewöhnungsbedürftig aus säkularer Sicht. Aber aus katholischer Sicht geht man eben davon aus, dass Gott, der uns geschaffen hat, uns so geschaffen hat, dass jeder Antrieb, jedes Organ, jede natürliche menschliche Institution ihren Zweck hat, den man an ihrem Wesen sehen kann, und dass wir im Einklang mit diesem Zweck handeln müssen, wenn wir nicht auf Dauer einigen Schaden anrichten wollen. U. a. hat er eben dafür gesorgt, dass Sex für Liebe und Kinder da ist, und deshalb ist es naturwidrig, einen der beiden Zwecke direkt auszuschließen, wenn man Sex genießen will. (Naturwidriges ist allein wegen der Naturwidrigkeit schon falsch, aber es richtet immer auch irgendwann Schaden an.)

Dann zum Thema „außerhalb der Ehe“: Manche würden vielleicht sagen, gut, One-Night-Stands seien nicht schön, aber in langfristigen Beziehungen könnte man doch wohl miteinander schlafen. Das ist allerdings nicht konsequent; denn auch langfristige Beziehungen sind ganz bewusst Beziehungen, in denen man gewohnheitsmäßig zusammen ist, aber sich nicht gebunden hat. Und damit Liebe gefestigt werden kann, muss auch eine wirkliche Bindung dazukommen. Ehen sind auch rein statistisch, selbst bei den jetzigen Scheidungsraten, stabiler als eheähnliche Lebensgemeinschaften und bieten eine bessere Basis für Kinder. Kinder, die bei ihren verheirateten Eltern aufwachsen, haben im Durchschnitt weniger schulische Schwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten, psychische Probleme usw., als Kinder, die bei nur einem Elternteil oder bei ihren nicht verheirateten Eltern aufwachsen. (Hier einige Links zu Studien.)

Die katholische Sexualethik geht, entgegen der modernen Welt, davon aus,

  • dass Sex kein Grundrecht und keine unbedingte Notwendigkeit ist. Das entschuldigt eigentlich sowieso Sexualstraftäter (die Armen bräuchten ja irgendwoher Sex und könnten nicht anders). Es ist sehr gut möglich, ohne Sex glücklich und gesund zu leben, und es ist auch nicht verpflichtend, jede sexuelle Phantasie auszuleben. Niemand hat ein Recht auf Sex und jeder kann ohne auskommen. (Das ist auch Gewöhnungssache: Wer seinen Trieben ständig nachgibt, kommt nicht mehr so leicht davon los und braucht immer mehr, wer das Umgekehrte tut, dem geht es umgekehrt.) Die Ehe ist ein wichtiger Teil des normalen Lebens für die meisten (und das nicht nur wegen dem Sex); aber im Notfall muss es auch ohne gehen, und Gott wird dabei helfen. Die Welt geht davon aus, dass der Sextrieb wie ein Kochtopf wäre, der irgendwann überkocht; das ist Blödsinn. Er ist eher wie eine Pflanze, die man festbindet, damit sie nicht auf falsche Weise wuchert, und die dann schön gerade wächst (Ehe = remedium concupiscentiae), oder wie der Appetit auf irgendein besonderes Essen; wenn man lange genug darauf verzichtet hat (= nicht verheiratet ist und keusch lebt), vermisst man es gar nicht mehr. Das ist Sex bei Mäßigung oder Verzicht; aber wenn man sich nicht mäßigt und nicht verzichtet, ist er eher wie eine Droge, von der man immer mehr braucht.
  • dass der Körper ein „Tempel des Heiligen Geistes“ ist. Wie der hl. Paulus sagt: „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1 Kor 6,13-20) Man kann Körper und Seele auch nicht einfach trennen; was der Körper tut, hat Auswirkungen auf die Seele. „Es war ja nur Sex und hat nichts bedeutet“ ist völliger Blödsinn, auf einer Stufe mit „Ich habe ihm zwar ein Messer in den Rücken gerammt, aber es war nicht feindselig gemeint“.
  • dass Kinderkriegen etwas Normales, Natürliches und Gutes ist, nichts Absonderliches oder Minderwertiges oder etwas, für das man sich erst rechtfertigen muss (aus Klimaschutzgründen oder warum auch immer). Jede neue Seele ist unendlich viel wert. Niemand muss heiraten und Kinder bekommen; und Verheiratete müssen nicht die höchstmögliche Anzahl an Kindern bekommen; aber jedes Kind, das sie bekommen, ist wertvoll.

Die moderne Argumentation „es schadet doch niemandem, was Erwachsene im gegenseitigen Einverständnis tun“ ist erstens von vornherein nicht stichhaltig (Schaden und Nutzen sind nicht die einzigen Kriterien der Moral) und zweitens sowieso falsch. Unkeuschheit schadet am Ende sehr wohl, wie alles, was der Natur des Menschen widerspricht.

  • Die Normalisierung von Unzucht schadet den Kindern, die hier – trotz aller Verhütungsmittel – gezeugt werden und dann, weil ungeplant, abgetrieben werden, oder, wenn wenigstens das nicht passiert, oft mit nur einem Elternteil aufwachsen; denen, die sich auf diese Weise mit Geschlechtskrankheiten anstecken (man stelle sich mal vor, was mit Geschlechtskrankheiten wäre, wenn niemand gegen die katholische Sexualmoral verstieße – eben); denen, die keusch leben wollen, und auf die durch Partner oder Gesellschaft Druck ausgeübt wird, sich „normal“ zu verhalten, und und und.
  • Die Normalisierung von Pornographie schadet den Konsumenten selbst; die Wirkung auf das Gehirn ist wie die einer Droge. Sie schadet Frauen, auf die Druck ausgeübt wird, den Pornographiekonsum ihres Partners zu tolerieren oder sogar Sachen aus (gewalt)pornographischen Videos selber nachzuspielen. Außerdem schadet die Normalisierung von Pornographie und Prostitution (beides letztlich zwei Varianten derselben Sache) natürlich den in diesen Branchen Beschäftigten langfristig extrem, selbst, wenn sie sich ursprünglich freiwillig darauf eingelassen haben, was oft nicht der Fall ist. Zwangsprostitution und Menschenhandel sind eine furchtbare Realität, die viele nicht gern zur Kenntnis nehmen.
  • Die Normalisierung von offenen Beziehungen, Polyamorie und Ehescheidung schadet denen, die in einer Ehe/Beziehung sind und deren Partner plötzlich entscheidet, dass sie (allein) nicht mehr genügen – die Gesellschaft schlägt sich auf dessen Seite, man müsse ihn schließlich ausleben lassen, was er will usw. Außerdem schadet das alles den Kindern in solchen Beziehungen natürlich auch wieder am meisten.
  • Die Normalisierung von Empfängnisverhütung sorgt dafür, dass Staaten wie China sich ermächtigt sehen, den Menschen das Kinderkriegen zu verbieten, und dafür, dass in sehr vielen Staaten (inklusive China inzwischen) nicht genug junge Menschen mehr da sind, um die Alten zu versorgen.

Man könnte zu alldem noch mehr sagen (in den nächsten Artikeln kommt auch noch ein bisschen), aber wer noch tiefere Begründungen für die Keuschheit an sich haben will, kann woanders nachsehen, z. B. bei dieser Zusammenstellung einiger guter Texte von Edward Feser oder in dem kleinen Heftchen „Keuschheit“ von Pater Martin Ramm FSSP, das man sich von der Petrusbruderschaft kostenlos / gegen Spende zuschicken lassen kann. Grundsätzlich wissen Katholiken ja: Wenn es die Kirche lehrt, kann man sich allein deshalb schon darauf verlassen. Gott will es so, was Gott will, ist eh gut, weil Er nur das Gute wollen kann.

Zu den Einzelsünden gegen die Keuschheit und die Schamhaftigkeit und ihrer Bewertung sowie zu einigen Fragen bzgl. der Ehe dann in den nächsten drei Teilen.

PS: Falls sich jemand fragt, wieso ich hier nicht auf die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. eingehe: Ich teile die Meinung eines Freundes, der sie mal mit einem „Liebesroman, geschrieben von einem Zölibatären“ verglichen hat. Man kann die Dinge auch zu sehr romantisieren. Außerdem sehe ich einfach keinen Grund, vom lange bewährten praktischen Jargon der „Vorkonzilszeit“ abzuweichen.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 11a: Das 5. Gebot – Pflichten gegen das eigene Leben

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Beim 5. Gebot – „Du sollst nicht morden“ – geht es um die Pflichten gegen das menschliche Leben und die körperliche Unversehrtheit; es verbietet nicht nur Mord und Totschlag, sondern auch Verstümmelung, Körperverletzung, Entehrung von Toten etc., und im Endeffekt auch Hass und unmäßigen Zorn. (Die Mäßigung generell kann man auch unter diesem Gebot fassen, wenn man will.) Man kann in diesem Zusammenhang auch die Frage nach dem Leben von Tieren und dem Umgang mit der Umwelt stellen.

Der Grundsatz ist: Gott ist der Herr über das menschliche Leben. In drei Ausnahmefällen „delegiert“ er sein Recht darüber an Menschen, nämlich:

  • im Fall von Notwehr/Nothilfe an jeden, der den Angreifer abwehrt, insoweit das Töten notwendig ist
  • im Fall der Todesstrafe an den Staat
  • im Fall des gerechten Krieges an den sich im Recht befindenden Staat / dessen einzelne Soldaten

Das Recht auf Leben ist ein Recht, das verwirkt werden kann, aber eben nur durch eigene schwerwiegend falsche Handlungen, wenn man z. B. einen anderen mit einer tödlichen Waffe angreift. Aber grundsätzlich hat Gott jedem Menschen seine Lebenszeit zugewiesen, in der er sich bewähren soll, und weder man selbst noch andere haben sie zu beenden. Leben, Gesundheit und körperliche Unversehrtheit haben einen grundlegenden, aber instrumentalen Wert; man braucht sie, um irgendetwas anderes zu tun. Dass Gott das Recht hat, das Leben zu beenden heißt nicht einfach nur „es gehört Ihm, und was man nur verliehen hat, darf man wieder wegnehmen“, sondern eher: Das Leben ist sowieso nur etwas Vorläufiges, die eigentliche Bestimmung kommt in der Ewigkeit, und Gott weiß, wann es am besten ist, die Bewährungszeit zu beenden und den Menschen in sein eigentliches Schicksal aufzunehmen.

Das heißt nicht, dass der Tod nichts Schlechtes mehr ist. Er bedeutet das Auseinanderreißen von Leib und Seele und das ist etwas, das es eigentlich ohne den Sündenfall nicht hätte geben sollen. Trotzdem erkennt die Seele eben nach dem Tod Gott wirklich und geht an ihren eigentlichen Bestimmungsort (Himmel – evtl. mit Umweg über das Fegefeuer – oder Hölle), und am Jüngsten Tag wird der Tod völlig wiedergutgemacht werden, indem auch die Körper auferstehen und sich mit den Seelen wiedervereinen, sodass die Menschen wieder vollständige Menschen sind.

Da Gott dem Menschen das Leben gegeben hat – oder besser gesagt: konstant „gibt“ -, ist man auch verpflichtet, in vernünftigem Maß auf seine Gesundheit zu schauen und sich nicht absichtlich z. B. zu Tode zu saufen oder unnötige Todesrisiken einzugehen.

Daher jetzt genauer zu Pflichten gegen das eigene Leben; und in den nächsten zwei Artikeln zu Pflichten gegen fremdes Leben und dem Umgang mit Tieren und Umwelt.

Auch gegenüber dem eigenen Leben, hat man, wie gesagt, Pflichten. Der Selbstmord ist an sich schwere Sünde, aber man wird in Betracht ziehen müssen, dass Selbstmörder für gewöhnlich schwer psychisch krank sind und nicht ausreichend Kontrolle über ihre Handlungen haben, und eher Hilfe, Medikamente und treue Freunde als Ermahnungen brauchen. (Übrigens wurde dem hl. Pfarrer von Ars einmal offenbart, dass ein Selbstmörder vor dem Todeseintritt noch bereut hatte und nun zeitlich begrenzt im Fegefeuer war, nicht in der Hölle; ähnliches wird man in anderen Fällen erhoffen können. Früher war es kirchenrechtlich verboten, Selbstmörder auf kirchlichen Friedhöfen zu beerdigen, aber der hl. Alphons von Liguori schreibt über dieses Verbot: „Die Canones der Kirche verbieten das. Nichtsdestotrotz sind sie nicht in Bezug auf jene zu verstehen, die dies aus Raserei, Wahnsinn, oder unter extremer Traurigkeit leidend oder von Wahnvorstellungen gestört tun, oder von jemandem, der sicher vor seinem Tod daran gelitten hat. Und wenn es sicher wäre, dass ein Mensch sich selbst getötet hat, und unsicher, ob er das aus freier Entscheidung getan hat, ist ihm in der Praxis das heilige Begräbnis zu verwehren, da aufgrund der äußerlichen Tat angenommen wird, er habe frei gehandelt, außer das Gegenteil kann aus den Umständen geschlossen werden.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, Band II, aus dem Lateinischen übersetzt von Ryan Grant, Post Falls 2017, S. 404. Meine Übersetzung aus dem Englischen.))

Trotzdem ist Selbstmord an sich falsch; und in manchen Fällen sind die Leute sehr wohl schuldig – z. B. wenn man ruhig plant, dass man Euthanasie in Anspruch nehmen will, wenn man nicht mehr selbstständig und gesund genug ist, weil man auf keinen Fall von anderen abhängig sein will, oder wenn man sich (was in manchen Kulturen üblich war) umbringt, um einen Ehrverlust zu vermeiden. Freilich: Die subjektive Schuld kann auch dann gemindert sein, weil viele Leute die Vorstellung internalisiert haben, dass man über sein eigenes Leben entscheiden darf und nicht auf der Erde ist, um einen Zweck zu erfüllen. Trotzdem ist es an sich falsch, wie eine Desertation falsch ist, oder wie es falsch ist, ein anvertrautes Gut zu zerstören; oft wird man damit auch der eigenen Familie Leid zufügen.

Der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

„I. Direkte Tötung seiner selbst ist schwere Sünde, wenn es auf eigene Autorität hin geschieht.

Es ist auch verboten, in der Absicht sich zu töten, einen Akt vorzunehmen, aus dem per accidens [als Nebenwirkung möglicherweise] der Tod folgt, z. B. stark rauchen, trinken usw., um sich das Leben abzukürzen. – […] Ein vom Staate rechtmäßig gefälltes Todesurteil im Auftrage des Staates an sich selbst vollziehen, ist wahrscheinlich erlaubt. [Hier dürfte an solche Fälle gedacht sein, wie sie z. B. in der Antike vorkamen, wenn Todesurteile dadurch vollzogen wurden, dass der Verurteilte Gift trinken musste.]

II. Indirekt sich töten ist an sich verboten, kann aber aus einem entsprechend schwerwiegenden Grunde erlaubt sein.

Indirekt tötet jemand sich selbst, wenn er den Tod zwar durchaus nicht beabsichtigt, aber mit Wissen und Willen eine Handlung vornimmt, aus der nicht nur die beabsichtigte gute Wirkung, sondern auch der Tod folgt. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß die gute Wirkung aus der Handlung wenigstens gleich unmittelbar folgen kann wie der Tod.

Es ist daher erlaubt, sich von einem hohen Punkte herabzustürzen, um dem Feuertode zu entgehen, besonders wenn noch irgendeine Hoffnung besteht, mit dem Leben davonzukommen. Ähnlich darf eine Frau handeln, um sich aus den Händen eines Wüstlings zu retten, der sie ergreifen und vergewaltigen will. – Ebenso ist es im Kriege erlaubt, ein Festungswerk oder ein Schiff in die Luft zu sprengen, um dem Feinde zu schaden, auch wenn man voraussieht, daß man dabei selbst den Tod findet.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl., Paderborn 1961, S. 168f., Nr. 207)

Es wäre dementsprechend auch erlaubt, sich vor eine Kugel zu werfen, damit sie nicht einen Freund trifft, etc. Bei diesen Dingen geht es aber um Erlaubtes; verpflichtend ist all das nicht, es ist nur eben kein verbotener Selbstmord. Verbotener Selbstmord wäre es aber tatsächlich, sich z. B. im Kriegsfall selbst umzubringen, um nicht den feindlichen Truppen in die Hände zu fallen und möglicherweise gefoltert oder vergewaltigt zu werden; hier ist das, was man beabsichtigt, ja der Tod; er ist nicht nur eine Nebenwirkung, die man gern vermieden hätte. Hier würde man Gott vorgreifen, der immer noch etwas mit einem vorhaben kann und einen evtl. auch aus der Situation retten könnte. Selbstmordattentate sind genauso falsch, auch wenn wir den Fall eines gerechten Krieges annehmen. (Samson aus dem Alten Testament wäre wohl ein Sonderfall, da wir annehmen können, dass er mit göttlicher Autorisation handelte, da Gott für ihn ein Wunder wirkte.)

„III. Sich einer Lebensgefahr aussetzen ist nur aus einem hinreichenden Grunde gestattet.

Der Grund muß um so wichtiger sein, je näher die Lebensgefahr ist. Sich ohne hinreichenden Grund einer entfernteren Lebensgefahr aussetzen ist nur läßliche Sünde. – Erlaubt ist die Pflege der Pestkranken auch auf die Gefahr hin, dabei den Tod zu finden. Dachdecker usw. dürfen sich den Gefahren aussetzen, die mit der Ausübung ihres Berufes verbunden sind. Gefangene dürfen eine lebensgefährliche Flucht wagen, um der Hinrichtung oder lebenslänglicher Kerkerhaft zu entgehen. – Verboten ist die Vornahme gefährlicher seiltänzerischer Kunststücke nur aus Gewinnsucht. Infolge persönlicher Geschicklichkeit kann aber die Gefahr zu einer entfernteren gemacht worden sein, so daß wenigstens keine schwere Sünde vorliegt. – Hierher gehören auch unsinnige Wetten, große Mengen von Speisen oder Getränken zu sich zu nehmen.

IV. Verkürzung der Lebenszeit auch um mehrere Jahre oder Schädigung der Gesundheit durch Übernahme einer bestimmten Lebensweise oder bestimmter Arbeiten ist aus einem entsprechenden Grunde erlaubt.

Deshalb ist die Arbeit gestattet an Hochöfen, in Bergwerken, in Glasschleifereien, in gewissen chemischen Fabriken usw. Ebenso ist es erlaubt, vernünftige Bußübungen auf sich zu nehmen. – Wer durch ungeordneten Genuß von Speise und Trank sein Leben voraussichtlich etwas verkürzt, begeht dadurch eine läßliche Sünde. Bedeutende Abkürzung des Lebens und Ruinierung der Gesundheit, z. B. durch ungeordneten Gebrauch von Morphium oder Kokain, ist aber schwere Sünde (vgl. auch Nr. 110).“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 169f., Nr. 208)

Hier noch allgemein zu Drogen, Alkohol und dergleichen: Zunächst einmal sind alle Substanzen, mit denen man sich den Verstand wegsäuft oder -kifft deswegen schlecht: Weil man sich selbst eben der Vernunft beraubt, die gerade das ist, was Menschen auszeichnet, und weil es unter der menschlichen Würde und verantwortungslos ist, sich in einen unkontrollierten Zustand, in dem man vielleicht Dinge tut, die man sonst nie getan hätte, zu versetzen. Hier ist das Ausmaß der Droge wichtig; Alkohol ist deshalb erst nach einer gewissen Menge schlecht, Cannabis schneller. Sich wirklich zu betrinken ist deswegen sogar schwere Sünde. (Ganz unabhängig davon, wie schädlich das langfristig ist.) Es ist aber keine Sünde, z. B. ein normales Grillfest mit etwas Bier zu veranstalten oder auf seiner Hochzeit Alkohol servieren zu lassen, auch auf die Gefahr hin, dass ein Gast sich richtig betrinken wird, denn hier sind die Gäste schlicht und einfach selbst verantwortlich und die meisten werden gemäßigt trinken; es wäre möglicherweise eine, eine Party mit viel Alkohol zu veranstalten, wo erwartet wird, dass sich einige stark betrinken, und insbesondere wäre es eine, den Gästen selber immer noch mehr auszuschenken, auch wenn sie schon halb betrunken sind, z. B. weil man es lustig findet, einen betrunken zu machen.

Die Mäßigung ist generell eine wichtige Tugend; daher ist z. B. auch unmäßiges Essen eine Sünde (in aller Regel eine lässliche).

Es ist keine Sünde, sich ein Narkosemittel geben zu lassen, oder ein Schmerzmittel zu nehmen, das einen benebelt, etc.; hier gibt es einen rechtfertigenden Grund dafür. Das gilt auch für Schmerzmittel, die richtige Drogen sind, z. B. Morphium oder Cannabis, wenn keine anderen Mittel helfen.

Noch einmal Jone:

„Unmäßigkeit ist das ungeordnete Verlangen nach Speise und Trank.

a) Unmäßigkeit im Essen ist an sich nur eine lässliche Sünde ex genere suo [ihrer Art nach].

Dies gilt an sich auch, wenn jemand ißt bis zum Erbrechen. Aus anderen Gründen (z. B. Schädigung der Gesundheit, Ärgernis [schlechtes Vorbild]) aber kann jemand schwer sündigen (vgl. auch Nr. 208).

b) Unmäßigkeit im Trinken, die unmittelbar den Verlust des Vernunftgebrauchs bewirkt, ist eine schwerere Sünde als Unmäßigkeit im Essen.

α) Trunkenheit bis zum teilweisen Verlust des Vernunftgebrauches ist nur eine lässliche Sünde.

Sie kann aber eine schwere Sünde werden wegen Ärgernis, Schaden für die Gesundheit oder die Familie usw.

β) Trunkenheit bis zum völligen Verlust des Vernunftgebrauches ist eine schwere Sünde, wenn sie ohne hinreichenden Grund verursacht wird.

Völliger Verlust des Vernunftgebrauches ist anzunehmen, wenn man Gut und Bös nicht mehr unterscheiden kann, oder sich nachher nicht mehr an das erinnert, was man in der Trunkenheit getan oder gesagt hat, oder wenn man etwas tut, das man im nüchternen Zustande niemals getan hätte.

Ein hinreichender Grund, sich vorübergehend des Vernunftgebrauches zu berauben, ist z. B. die Heilung von Cholera oder die Errettung von einer Vergiftung. Kein hinreichender Grund ist die Vertreibung einer melancholischen Stimmung.

Einen anderen völlig betrunken zu machen, ist ebenfalls schwer sündhaft. Doch gibt es auch hier Entschuldigungsgründe, z. B. wenn man den anderen dadurch an einer schweren Sünde hindern könnte. Noch eher ist es erlaubt, dem anderen Gelegenheit zu geben, sich zu betrinken, z. B. bei einem Feste.

c) Da Morphium, Opium, Chloroform usw. ebenfalls vorübergehend den Vernunftgebrauch nehmen können, so gilt von diesen narkotischen Mitteln dasselbe, was von berauschenden Getränken gilt.

α) In kleineren Mengen und nur vorübergehend narkotische Mittel zu gebrauchen, ist eine läßliche Sünde, wenn es ohne hinreichenden Grund geschieht. Es ist aber erlaubt, wenn ein hinreichender Grund vorliegt (z. B. Beruhigung der Nerven, Vertreibung von Schlaflosigkeit).

Ein derartiger Gebrauch wird aber schwer sündhaft, wenn daraus eine Sucht nach narkotischen Mitteln entsteht, die noch schwerer heilbar ist als Trunksucht und der Gesundheit noch mehr schadet.

β) In großen Mengen narkotische Mittel zu nehmen, so daß man den Vernunftgebrauch verliert, ist an sich eine schwere Sünde. Aus einem entsprechenden Grunde aber ist es erlaubt.

Ein solcher Grund ist vorhanden bei Operationen, damit der Kranke die damit verbundenen großen Schmerzen nicht fühlt, oder damit er bei der Operation sich ruhig verhält. Auf ähnliche Weise darf man auch bei schmerzlichen Krankheiten dem Leidenden durch Anwendung solcher Mittel Linderung verschaffen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 82f., Nr. 110)

Außerdem kommt hier aber eben die langfristige Gesundheitsschädigung ins Spiel; deswegen sind die harten Drogen generell noch mal schwere Sünde (außer eben, jemand leidet unter chronischen Schmerzen, die er ohne Morphium nicht mehr aushält). Ab und zu geringe Mengen Alkohol zu trinken ist unter diesem Gesichtspunkt keine Sünde. Ab und zu eine Zigarette zu rauchen, ist keine Sünde; mehrere am Tag zu rauchen vermutlich eine lässliche.

Als drittes wären die staatlichen Gesetze bzgl. Drogen einzuhalten.

Dann noch zum Riskieren des eigenen Lebens: Extremsportler können hier in den Bereich der Sünde, auch der schweren Sünde, gelangen (z. B. wenn jemand ungesichert an einer gefährlichen Felswand klettert, weil er den Nervenkitzel sucht); aber generell ist das Betreiben von Sportarten, bei denen immer mal wieder Unfälle und Verletzungen passieren, keine Sünde. Man kann nicht alle Gefahren meiden, und sportliche Leistung und Spaß sind gut. Eine leicht erhöhte Risikobereitschaft kann einfach lässliche Sünde sein.

Solche Dinge wie Russian Roulette sind ganz offensichtlich Todsünde. Mutproben sind lässliche oder schwere Sünde, je nachdem wie gefährlich sie sind.

Vorsicht im Straßenverkehr ist durch das 5. Gebot auch geboten; hier betrifft die Gefahr ja meistens sowohl einen selbst als auch andere. Auch hier wieder: Leichte Unvorsichtigkeit lässliche Sünde, schwere Unvorsichtigkeit schwere Sünde. Wer als alter Mensch merkt, dass er nicht mehr sicher fahren kann, hat auch die Pflicht, nicht mehr zu fahren.

Priester sind generell auch unter Lebensgefahr (z. B. bei einer Seuche) verpflichtet, den ihnen Anvertrauten die Sakramente der Taufe und der Beichte zu spenden; andere Sakramente dürfte man freilich aufschieben, und bei der Spendung des Sakraments wären Vorsichtsmaßnahmen wie Schutzkleidung angemessen.

Was die „vernünftigen Bußübungen“ angeht, von denen Jone erwähnt, dass sie gesundheitsschädlich sein könnten: Es gibt ja die Geschichten von Heiligen, die z. B. extrem viel gefastet oder die Nacht über gebetet und kaum geschlafen haben. Als normaler Christ sollte man damit sehr vorsichtig sein und sich nicht gleich zu viel zutrauen; das kann auch geistlich gefährlich werden und entweder zu Hochmut oder Entmutigung führen. Solche Dinge wie gelegentliches Fasten, Knien auf hartem Boden, einmal in der Woche ohne Kopfkissen schlafen, o. Ä. sind leichte, normale Bußübungen, die man sicherlich machen darf. Für mittelschwere Bußübungen (die Jone evtl. meint) sollte man sich aber lieber mit dem Beichtvater absprechen. Es ist gut, ein paar Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen, um sich mit dem Leiden Jesu zu vereinen und sich daran zu gewöhnen, auf etwas zu verzichten; das ist quasi wie Training beim Sport. Das darf nicht selbstzerstörerisch werden, und wer sich z. B. schon aus Selbsthass ritzt, sollte so etwas lieber langsam angehen. Aber hier ist jedenfalls generell ein rechtfertigender Grund vorhanden.

Austin Fagothey schreibt über das Riskieren des Lebens:

„Es gibt ein gewöhnliches, entferntes und mögliches Risiko dabei, Auto zu fahren oder Flugzeug zu fliegen, aber man darf es zum bloßen Vergnügen tun. Auf rutschigen Straßen zu fahren oder bei schlechtem Wetter zu fliegen ist viel gefährlicher und erfordert einen besseren Grund. Die Verhältnisse können so schlecht werden, dass kein Fahren oder Fliegen mehr erlaubt ist, außer vielleicht um ein Leben zu retten, und dann müssen wir sehen, wie gefährdet dieses Leben ist.

Um jemand anderen vor dem sicheren Tod zu retten dürfen wir uns dem sicheren Tod aussetzen. Eine solche Handlung ist normalerweise erlaubt, aber wird nur unter besonderen Bedingungen verpflichtend. Diejenigen, die, entweder von Natur aus oder durch Vertrag, Verantwortung für das Leben anderer tragen, können und müssen manchmal größere Risiken auf sich nehmen, um ihre Anvertrauten zu schützen. Ehemänner werden sich für ihre Frauen opfern und Eltern für ihre Kinder, dem Antrieb der Natur folgend, dass die Starken die Schwachen beschützen sollten. Soldaten, Seeleute, Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, Krankenschwestern und andere mit ähnlichem Beruf sind durch Vertrag, ausdrücklich oder implizit, auch bei der ärgsten Gefahr an ihre Verpflichtungen gebunden.

Je mehr eine Handlung oder ein Beruf der Gesellschaft nützt, desto gefährlicher darf er sein, ohne die Verhältnismäßigkeit zu verlieren. […] Gefährliche Arbeit mit Radium kann gerechtfertigt sein in der Hoffnung, Krebs zu heilen, aber nicht, um leuchtende Zifferblätter zu zeichnen. Akrobaten […] ist es nur moralisch erlaubt, ihren Beruf auszuüben, weil ihr Geschick die Gefahren zu entfernten macht.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 299)

Jone schreibt weiter:

„V. Selbstverstümmelung ist nur gestattet zur Rettung des Lebens.

Selbstverstümmelung ist gewöhnlich eine schwere Sünde. Entfernung eines unbedeutenden Teiles, der zudem keine wichtigen Lebensfunktionen hat (z. B. Ohrläppchen) ist nur eine läßliche Sünde. – […] Vasektomie, Entfernung der Gebärmutter und der Ovarien [Eierstöcke] ist schwer sündhaft, wenn es geschieht zur Verhinderung der Nachkommenschaft. – Bei Krebs, Blutvergiftung und dergl. aber ist die Amputation eines Gliedes erlaubt.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 170, Nr. 209)

Hier stellt sich noch die Frage: Was ist mit Schönheitsoperationen? Wenn es darum geht, z. B. einen Defekt wie eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zu behandeln, der eigentlich krankhaft ist, deutlich stört und dafür sorgen kann, dass jemand ausgegrenzt wird, ist ein geringes Risiko durch eine OP sicher vertretbar; dasselbe dürfte für die Behandlung von extremem Übergewicht (das ja auch gesundheitlich gefährlich ist) durch eine Magenverkleinerung gelten, wenn die Risiken entsprechend abgewogen worden sind. Wenn es um die Korrektur eines normal und gesund geformten Körpers geht, z. B. durch eine Nasen-OP, ist die Entscheidung schwieriger. An sich ist besseres Aussehen kein verbotenes Ziel, aber eine Operation bringt auch immer Risiken mit sich. Meiner Einschätzung nach dürfte das Risiko in den meisten Fällen nicht groß genug sein, dass es schwere Sünde wird, aber ganz unbedenklich wirkt es auch nicht. Vielleicht normalerweise lässlich, aber erlaubt, wenn jemand psychisch besonders unter seinem Aussehen leidet.

Die Sterilisation ist, wie oben gesagt, eine Verstümmelung, da sie eine zentrale Fähigkeit des Menschen abschaltet; Kinder zu haben ist etwas Wichtiges. Sie darf auch nicht vom Staat gegenüber Unschuldigen befohlen werden, um z. B. zu verhindern, dass Behinderte sich fortpflanzen, oder dass Überbevölkerung entsteht. Hier ergäbe sich nur noch die Frage: Wäre sie als Strafe für Sexualstraftäter erlaubt, die hier selbst ein Recht verwirkt haben? Prinzipiell wäre hier die bloße Sterilisation schlicht und einfach ungeeignet, weil sie den Sexualtrieb nicht ausschaltet; die chemische oder physische Kastration wäre dagegen möglich und theoretisch erlaubt (natürlich bei schweren Verbrechen wie Vergewaltigung und Kindesmissbrauch – nicht bei Catcalling oder ungefragtem Versenden von Penisbildern), wenn ein Staat sich dafür entscheidet. In manchen Staaten ist es schon nötig, wenn ein solcher Sexualstraftäter Bewährung will, dass er chemische Kastration, d. h. stark libidosenkende Medikamente, akzeptiert. In einzelnen Ländern, z. B. Polen und Moldawien, ist die chemische Kastration auch als Strafe möglich.

Sogenannte „geschlechtsangleichende Operationen“ bei Transpersonen, also wenn z. B. einer Frau die Brüste entfernt werden, oder einem Mann die Geschlechtsteile entfernt werden und eine künstliche Wunde zwischen den Beinen geschaffen wird, sind immer verbotene Verstümmelungen.

Ohrlochstechen, Tattoos, Piercings usw. sind keine Sünde.

Jone schreibt weiter:

„VI. Sich den Tod wünschen ist in Unterordnung unter Gottes Willen aus einem entsprechenden Grunde erlaubt.

Ein solcher Grund ist das Verlangen nach der Anschauung Gottes oder die Bewahrung vor einem überaus großen irdischen Unglück oder Leid (z. B. eine überaus schmerzliche und langdauernde Krankheit). – Wegen der gewöhnlichen Beschwerden des Lebens im Ernste sich den Tod wünschen ist schwere Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 170, Nr. 209)

Das ist eigentlich recht tröstlich: Wenn das Leben schwer erträglich wird, darf man nicht Gott vorgreifen und sich selber töten, aber man darf Ihm sehr wohl sein Leid klagen und Ihn bitten, einen bald zu holen.

Über die Sorge für das eigene Leben schreibt er:

„VII. Zur Erhaltung des Lebens und der Gesundheit muß man auch die ordentlichen Mittel anwenden.

Zu den ordentlichen Mitteln gehört vor allem entsprechende Nahrung. Deshalb ist Hungerstreik eine schwere Sünde, wenn jemand dabei wirklich die Absicht hat, eher zu verhungern als auf die Erreichung seines Zieles zu verzichten. Zu den ordentlichen Mitteln gehören ferner: entsprechende Kleidung, Wohnung, körperliche Erholung; ebenso Anwendung entsprechender Arzneien und Heilmittel, vorausgesetzt, daß sie für den Kranken nicht zu teuer sind; ferner Heranziehung eines Arztes. Dabei ist immer vorausgesetzt, daß es sich nicht um eine leichtere Krankheit handelt, die auch von selbst heilt, und daß begründete Hoffnung vorhanden ist, daß der Arzt oder die Arznei helfen kann.

Außerordentliche Mittel zur Erhaltung des Lebens anwenden ist für gewöhnlich nicht Pflicht. Deshalb müssen auch sehr reiche Leute nicht entlegene Länder oder Bäder aufsuchen, noch die berühmtesten Ärzte kommen lassen, auch dann nicht, wenn sie sonst sterben müßten. Ebenso ist an sich niemand verpflichtet, sich einer schwierigen chirurgischen Operation zu unterziehen. – Eine Ausnahme findet nur statt, wenn jemand seiner Familie oder dem Staate sehr notwendig ist, und der Erfolg moralisch gewiß ist. Nur in einem solchen Falle scheint der Vater oder der Obere jemandem auch befehlen zu können, sich der Operation zu unterziehen.“ (Heribert Jone, Katholisch Moraltheologie, Nr. 210, S. 170f.)

Man kann sich eben auch selbst töten, indem man etwas Bestimmtes nicht mehr tut, z. B. nicht mehr isst, und das ist ebenso falsch wie der direktere Selbstmord. Aber gefährliche/beschwerliche außergewöhnliche Mittel sind eine Sache der Freiwilligkeit.

Das alles heißt auch, dass man einem alten Menschen nicht mehr sämtliche Behandlungsmöglichkeiten zumuten muss (z. B. Operationen), aber die Ernährung (auch über Schläuche) und die Luftzufuhr abzubrechen, wäre schwere Sünde, denn Atemluft, Flüssigkeit und Nahrung sind normale Pflege, keine außerordentlichen Behandlungen. Das darf man also auch nicht für sich in einer Patientenverfügung festlegen. (Eine Ausnahme besteht, wenn der Körper gar keine Nahrung mehr aufnehmen kann; dann darf man die sinnlos gewordene künstliche Ernährung abbrechen.)

(Katholisches medizinisches Personal darf sich nicht daran beteiligen, so jemanden durch Nahrungsentzug etc. zu töten, aber muss nicht versuchen, es zu verhindern, was sowieso in aller Regel vergeblich wäre.)

Aktive Sterbehilfe und Beihilfe zum Selbstmord sind beide schwere Sünden, ebenso wie Euthanasie ohne die Zustimmung des Kranken. Es ist allerdings keine Sünde, Menschen, die voraussichtlich bald sterben werden, starke Schmerzmittel zu geben, die ihren Tod möglicherweise ungewollt beschleunigen könnten (unter der Voraussetzung, dass man sie ihnen gibt, um die Schmerzen zu lindern, und nicht, weil man hofft, den Tod zu beschleunigen).

Aber es ist nicht ganz so einfach, wenn der Kranke komplett betäubt werden soll, damit er gar nichts mehr von seinem Tod mitbekommt:

„Im Interesse eines schmerzlosen Todes […] den Kranken durch derartige Mittel zu betäuben, ist im allgemeinen unerlaubt.

Erlaubt ist aber ein solches Verfahren bei einem Kranken, der auf den Tod gut vorbereitet ist, wenn Gefahr besteht, daß er sonst noch in Sünden fällt. Manche Autoren halten ein solches Verfahren auch noch für erlaubt, wenn dadurch ungewöhnlich große Schmerzen gelindert werden sollen, und man mit Grund die Zustimmung des Sterbenden voraussetzen kann. – Nach allgemeiner Ansicht aber ist es nicht erlaubt, wenn dadurch nur die gewöhnlichen Beängstigungen behoben werden sollen, die mit dem Todeskampf verbunden sind. Verlangt der Kranke im guten Glauben danach, und ist keine Hoffnung, daß er sich belehren läßt, so soll man ihm seinen guten Glauben nicht nehmen.

Unerlaubt aber ist ein solches Verfahren immer, wenn der Kranke auf den Tod nicht vorbereitet ist und Hoffnung besteht, er werde sich noch vorbereiten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 83f., Nr. 110)

Mit dem Tod ist eben nicht alles aus und die noch möglichst bewusste Vorbereitung darauf ist wichtig, deswegen sollte man einem Kranken nicht die Möglichkeit dieser Vorbereitung nehmen.

Die Frage nach dem Hirntod und der Organspende kommt hier auch noch auf. Hirntote können ja noch atmen, schwitzen, etc., aber haben keine Chance mehr, sich wieder zu erholen, und im Normalfall werden sie in kurzer Zeit völlig tot sein. (Wobei es manchmal Fehldiagnosen gab und mutmaßlich Hirntote wieder aufgewacht sind.) Ich halte es jedoch für sehr klar, dass Hirntote sich eben erst im Sterbeprozess befinden und noch nicht tot sind (auch wenn sie bald tot sein werden), dass die Seele (die anima, die den Körper belebt, „animiert“), ihn noch nicht verlassen hat, auch wenn ein Organ (das Gehirn) schon abgeschaltet hat.

Generell darf man erst dann Organe entnehmen, wenn jemand sicher tot ist, nicht wenn er sich erst im Sterbeprozess befindet. (Organspende ist ja nur bei Hirntoten möglich, deren restlicher Körper noch nicht abgeschaltet hat, und weil die meisten Menschen zuerst herztot und dann erst hirntot sind, statt umgekehrt, gibt es einen solchen Mangel an Spenderorganen.) Wer also nicht völlig davon überzeugt ist, dass der Hirntod der Tod ist (und das sind oft auch die Befürworter der Organspende nicht, und auch das medizinische Personal fühlt sich oft sehr unwohl bei Organentnahmen), darf sich nicht als Organspender zur Verfügung stellen, als Arzt keinem Hirntoten Organe entnehmen, und selbst als Kranker keine Organe von Hirntoten annehmen. Wenn jemand hirntot ist, muss man allerdings nicht mehr sämtliche irgendwie möglichen intensivmedizinischen Maßnahmen ergreifen, um diesen Zustand noch zu erhalten und den endgültigen Tod hinauszuzögern.

Bei einer schwangeren Hirntoten muss man das allerdings; es gab Fälle, in denen ein Körper noch ein paar Monate am Leben erhalten werden konnte, so dass ein gesundes Baby geboren wurde. Hier gibt es eine Verpflichtung, das Leben des Babys zu erhalten.

Wenn der Hirntod sicher der Tod wäre, wäre Organspende ein Akt der Nächstenliebe, aber keine Pflicht; denn es gibt kein Anrecht auf den Körper eines anderen, auch nicht auf den toten Körper; die Integrität des Leichnams und der respektvolle Umgang mit ihm ist auch ein Wert. (Vor allem, da auch die Körper am Jüngsten Tag in veränderter Weise auferstehen und sich mit den Seelen wieder vereinen werden. Ein Spenderorgan wird dann übrigens zum ursprünglichen Körper gehören.)

Die Organspende bei Lebenden von nicht lebenswichtigen Organen (z. B. Niere) ist ein Akt der Nächstenliebe, aber auch nie eine Pflicht, auch dann nicht, wenn es z. B. um eine Spende für ein Familienmitglied geht; denn ein anderer hat kein Recht darauf, dass man seinen Körper gewissermaßen verstümmelt und sich einer Operation unterzieht, ohne dass es die eigene Gesundheit erfordert.

Blutspende und Knochenmarkspende sind ebenfalls Akte der Nächstenliebe, und ebenfalls keine Pflicht.

Essstörungen (Magersucht, Bulimie) wären an sich Sünde, aber hier ist der freie Wille oft ja nicht oder nur eingeschränkt vorhanden. Dasselbe gilt, wenn jemand sich ritzt.

Es gibt keine allgemeine Pflicht, z. B. immer nur gesund zu essen und dreimal die Woche Sport zu machen, auch wenn das sicher schön und gut ist und einem selber sehr gut tun kann; und man kann es mit der Sorge um die eigene Gesundheit auch übertreiben (z. B. Hypochonder).

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 10b: Das 4. Gebot – Bürger und Staat

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Nur zur Klarstellung: Das hier ist alles die grundsätzliche Theorie, um die Anwendung in der derzeitigen politischen Situation soll es überhaupt nicht gehen. Darüber schreibe ich schon bei anderen Gelegenheiten.

Unter dem 4. Gebot – „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – hat man im erweiterten Sinn auch die Pflichten in größeren Gesellschaften, v. a. dem Staat, zusammengefasst. In diesem Gebot geht es eigentlich darum, was es bedeutet, als Gemeinschaftswesen zu leben. Hier in Teil 10a habe ich schon darüber geschrieben, wieso Familie und Staat natürliche Gesellschaften sind, in denen es Autoritäten braucht, und worauf diese Gesellschaften ausgerichtet sind.

Der Staat ist, ebenso wie die Kirche und anders als die Familie, eine vollkommene/vollständige Gesellschaft – das heißt nicht fehlerlos, sondern ist ein Fachbegriff für eine souveräne Gesellschaft, die in sich alles hat, was sie zur Erreichung ihres Zwecks braucht (anders als die einzelne Familie, die selbst nicht für alles sorgen kann, was sie zu einem guten menschlichen Leben braucht, und daher ein Teil des Staates ist). Der Staat ist eine natürliche Gesellschaft, d. h. es ist natürlich und notwendig für Menschen, sich in Staaten zu organisieren. Er ist keine übernatürliche Gesellschaft wie die Kirche. Das heißt aber nicht, dass er Gott ganz ausklammern und sich nur für materielle Zweckmäßigkeit interessieren könnte. Die höchste natürliche Fähigkeit des Menschen ist die Vernunft, der höchste natürliche Zweck des menschlichen Lebens die natürliche Erkenntnis des Schöpfers, die Kontemplation seiner Herrlichkeit. Und auch Staaten – die ja nur Gemeinschaften von Menschen sind – haben wie die einzelnen Menschen die Pflicht, erstens durch die Vernunft Gott zu suchen und zweitens dann auch eine eventuelle Selbstoffenbarung Gottes anzuerkennen – was ja eigentlich nur heißt, dass der Staat sich in seinen Handlungen nach der Wirklichkeit richten soll und nicht nach irgendeiner falschen Idee, denn Ansichten über Gott und die Welt haben sehr reale Auswirkungen, nicht nur in der Ewigkeit, sondern auch irdisch. (Erlaubt man assistierten Suizid? Leihmutterschaft? Abtreibung? Etc.)

Ein Staat der noch nichts von dieser Offenbarung gehört hat, hätte also die Pflicht, sich nach der natürlichen Erkenntnis von Gott und dem Guten zu richten (wozu auch gehören würde, diejenigen monotheistischen Religionen zu fördern, die sich nicht gegen das Gute richten); ein Staat, der schon davon gehört hat, hätte die Pflicht, diese Offenbarung anzuerkennen und mit der von Gott eingerichteten übernatürlichen Gemeinschaft (also der katholischen Kirche) zusammenzuarbeiten und sie zu fördern, was in früheren Zeiten dadurch getan wurde, dass die katholische Religion Staatsreligion wurde und ihr solche Dinge wie die Zuständigkeit für das Eherecht der im Staat lebenden Katholiken überlassen wurden, die Staatsoberhäupter den Staat unter den Schutz Gottes gestellt haben und bei ihren Handlungen (zumindest theoretisch) darauf geschaut haben, was an natürlichen Mitteln den Menschen am besten hilft, ihr übernatürliches Ziel, d. h. ihr Seelenheil, zu erreichen. Der Staat ist für die natürlichen Dinge verantwortlich, und sollte sie mit Blick auf die übernatürlichen regeln. Und auch wenn man andere Religionsgemeinschaften natürlich tolerieren kann: Eigentlich sollte jeder Staat ein katholischer Staat sein. (Das kann radikal klingen, ist aber so banal, wie wenn z. B. Feministen wollen, dass jeder Staat sich nach feministischen Grundsätzen richtet.)

(Gott hat es konkret so einrichten wollen, dass zeitliche und geistliche Herrschaft getrennt sind; das hat auch Vorteile, weil im gefallenen Zustand der Menschheit einer Person zu viel Macht nicht guttut. Das heißt aber nicht, dass es zwangsläufig so hätte sein müssen und eine Gemeinschaft, die gleichzeitig Staat und Kirche wäre, in sich ungerecht gewesen wäre. Aber so hat es Gott nicht einrichten wollen, und auch Fürstbistümer o. Ä., in denen eine Person die zwei unterschiedlichen Gewalten in sich vereint, sollten eher Ausnahmefälle bleiben. Auf jeden Fall müssen aber auch die, die für die natürlichen Dinge wie Krankenversorgung, Infrastruktur oder öffentliche Sicherheit und Ordnung zuständig sind, dabei daran denken, nichts zu tun, was dem übernatürlichen Ziel der Menschen schadet.)

Eine Gemeinschaft ist ausgerichtet auf ein Gemeinwohl, ein Gemeingut (bonum communae), an dem alle teilhaben können, ohne dass es dadurch verringert wird. Das extrinsische Gemeingut ist der außerhalb der Gemeinschaft liegende Endzweck, das, wofür man in Gemeinschaft lebt, und das ist hier nicht nur das Überleben (das zwar auch), für das man zusammenarbeitet, sondern das gute menschliche Leben (im Endeffekt das Wahre, Gute, Schöne und damit Gott, in dem auch das Glück jedes einzelnen besteht). (Bei einem „Verein zur Erhaltung der Eichenallee“ wäre das extrinsische Gemeingut die Erhaltung der Eichenallee.) Das intrinsische Gemeingut einer Gemeinschaft ist der Frieden, die Freundschaft, die Gerechtigkeit, die Ordnung unter ihren Gliedern.

Das richtig verstandene Gemeinwohl steht daher nicht dem Privatwohl entgegen, denn das Gemeinwohl ist wirklich das, von dem alle am Ende am meisten haben, auch wenn einzelne Opfer gebracht werden müssen. Der Staat ist für die Menschen da, nicht der Mensch für den Staat; aber der Mensch ist eben als Gemeinschaftswesen auf dieses Gemeinwohl ausgerichtet; es ist etwas Gutes für jeden einzelnen, Teil einer guten Gemeinschaft zu sein, und das auch, wenn er in einer Extremsituation am Ende sogar sein Leben für diese Gemeinschaft opfern muss (z. B. in einem Verteidigungskrieg). Man dürfte nicht die unveräußerlichen/unbedingten Rechte eines einzelnen Menschen opfern, um einer größeren Zahl anderer Menschen zu nützen; damit würde man etwas Falsches tun, was übrigens somit auch wieder dem Wohl aller schaden würde; aber einige Rechte sind nicht bedingungslos und müssen manchmal dem Gemeinwohl untergeordnet werden. Freilich muss das in gerecht aufgeteilter Weise geschehen.

(Gemeinsam genutzte materielle Güter wie z. B. Straßen, Schulen, Parks sind übrigens kein Gemeingut im strengen Sinn, sondern eher geteilte Privatgüter.)

Generell steht die Kirche über dem Staat, weil das Übernatürliche über dem Natürlichen steht, wie die Seele über dem Körper steht. Das heißt allerdings nicht, dass der Staat nicht mehr eigenständig wäre und nicht mehr in seinem Zuständigkeitsbereich selbst entscheiden könnte (er sollte freilich, wie gesagt, dabei die übernatürlichen Ziele der natürlichen Dinge beachten). Päpste und Bischöfe haben keine spezielle Kompetenz von Gott in politischen Sachfragen erhalten. Die Kirche hat allerdings z. B. das Recht, katholische Politiker zu exkommunizieren, die für ein gravierend falsches Gesetz stimmen (z. B. eins das Abtreibungen erlaubt) – weil sie dieses Recht ja gegenüber allen Katholiken hat. Von den großen Theologen im Lauf der Kirchengeschichte wurde aber auch generell gesagt, dass der Papst innerhalb der Christenheit, d. h. bei offiziell ihrer Verfassung nach christlichen Staaten, in Notfällen das Recht hat, tyrannische Staatsoberhäupter abzusetzen oder schwerwiegend ungerechte Gesetze für null und nichtig zu erklären – aber diese Frage ist gerade nicht besonders relevant, da die Christenheit leider schlicht nicht mehr existiert. Auch innerhalb der Christenheit dürfte ein Papst nicht die Tagespolitik diktieren und nicht in minder schweren Fällen eingreifen.

Ähnliches wie für Staat und Kirche gilt für Staat und Familie oder Kirche und Familie; auch die Familie als natürliche Gesellschaft hat ihre Rechte gegenüber Staat und Kirche (z. B. darf man ihr nicht ohne Grund die Kinder wegnehmen oder die genaue Art der Erziehung diktieren). Auch Individuen haben noch ihre Rechte gegenüber all diesen Gemeinschaften. Die verschiedenen Einheiten innerhalb der Menschheit heben sich gegenseitig nicht auf.

Nichtkatholische Staaten sind nicht ideal, aber verlieren deswegen nicht ihre Legitimität, ebenso wie nichtkatholische Familien, die ja auch das Recht haben, ihre Kinder zu erziehen usw. Katholiken können auch in nichtkatholischen Staaten, bei denen es nicht abzusehen ist, dass man bald die Mehrheit ihrer Bürger bekehren kann, an der Staatsgewalt Anteil haben und dem Gemeinwohl dienen. Ein Eid auf eine Verfassung ist in dem Fall natürlich ebenso erlaubt – hier verpflichtet man sich ja einfach zur Achtung dieser Verfassung (was gut ist) und erklärt nicht, dass man sie für die uneingeschränkt beste Verfassung aller Zeiten hält. (Soweit man nicht von Staaten ausgeht, die grundfalsche Verfassungen haben, die man auch nicht als geringeres Übel o. Ä. akzeptieren könnte, oder die von einem verlangen, sich zu einer falschen Weltanschauung zu bekennen. Wenn es z. B. im alten Rom Teil der Verantwortung eines Regierungsbeamten war, heidnische Opfer darzubringen, konnte ein Christ zumindest dieses spezielle Amt nicht guten Gewissens ausüben.)

Es gibt kein natürliches Recht darauf, nur von Staatsoberhäuptern regiert zu werden, die man sich selbst ausgesucht hat. Genau genommen ließe sich das in der Praxis gar nicht durchsetzen; und Gott verlangt nichts, was man unmöglich erfüllen kann, sodass man quasi notwendig sündigen müsste. (Selbst in einer Demokratie, in der alle Amtsinhaber direkt gewählt werden, muss sich die Minderheit der Mehrheit beugen, statt dass jeder das von ihm gewünschte Staatsoberhaupt bekommt, und die Kandidaten hat man sich auch nicht ausgesucht, außerdem handeln sie nach der Wahl oft genug gegen den Willen des Volkes.) Dass es einen Staat gibt, kommt vom göttlichen Gesetz, von der Art und Weise, wie Gott die Welt eingerichtet hat, nicht von den Menschen selbst, als ob sie ganz ohne Staat hätten leben können, und mehrere Arten von Verfassungen sind gut, solange sie dem Gemeinwohl dienen.

Wenn man in der Menschheitsgeschichte weit zurückgeht, kann man sagen, dass Staaten aus Zusammenschlüssen von Familien/Sippen entstanden sein müssen, die bestimmt haben, welche „Verfassung“ für sie und ihre Nachkommen gelten soll, aber in diesem Zustand, in dem man sich erst zusammenschließen muss, sind wir nicht mehr. Theologen wie Bellarmin und Suarez haben es etwa so formuliert: An sich sind Menschen frei und keiner darf über einen anderen regieren (auch nicht die Mehrheit über eine Minderheit); Gott hat aber diese Macht zu regieren den Menschen gegeben, weil sie in einer Gemeinschat leben sollten, und die Menschen, die sich erstmals zu einer solchen Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, haben diese Macht auf einen bestimmten Inhaber übertragen, sich eine bestimmte Form der Verfassung gegeben. Der Zusammenschluss an sich war naturnotwendig, die genaue Weise nicht. (Es gibt auch noch die andere Theorie, dass nicht nur durch die ausdrückliche oder stillschweigende Übereinstimmung der ersten Menschen, die sich zusammenschlossen, sondern auch dadurch, dass jemand fähig war, die Macht gut auszuüben, und sie praktisch immer mehr innehatte (z. B. der Anführer eines Klans), Gott ihm auch die Autorität dazu übertragen haben könnte, ohne den Umweg über die Zustimmung der großen Masse.)

Wichtig ist, dass das Staatsoberhaupt (und die Inhaber anderer Ämter) auf geregelte Weise bestimmt wird; verschiedene Formen von Monarchie (Herrschaft eines einzelnen), Aristokratie (Herrschaft einer Gruppe) und Demokratie (Herrschaft des Volkes) sind legitim, genauso wie Mischformen. Tatsächlich wurde traditionell eine Mischform als am geeignetsten gesehen, wobei der Monarch sowohl ein Erb- als auch ein Wahlmonarch sein kann, die Aristokratie sowohl ein Erbadel als auch eine auf andere Weise bestimmte Elite. (Siehe Teil 10a für genauere Erklärungen.) Von jeder dieser möglichen Formen gibt es auch eine pervertierte Form, die nicht legitim wäre und in der nur auf das Privatwohl statt auf das Gemeinwohl geschaut würde; das wären die Tyrannei, die Oligarchie und die Herrschaft des Mobs.

Usurpatoren, d. h. einzelne oder Gruppen, die entgegen der geregelten Ordnung widerrechtlich die Macht übernehmen (durch Putsch, Wahlfälschung, Königsmord o. Ä.), erlangen dadurch nicht das Recht zur Herrschaft, und solange es möglich ist, darf man sie bekämpfen.

„Derjenige, dem die Macht geraubt wurde, verliert dadurch nicht seine Autorität, d. h. sein Recht zu regieren. Er kann sie verlieren, indem er öffentlich darauf verzichtet, ausdrücklich oder implizit, denn da er sie unter der Bedingung hat, für das Wohl seiner Untergebenen zu regieren, hat er sie aus freiem Willen und hat daher die Möglichkeit zum Rücktritt. Wenn er seine Autorität nicht in dieser Weise aufgibt, darf er versuchen, dem Usurpator die Macht wieder zu entreißen, solange das Übel eines solchen Konflikts aufgewogen wird von dem Guten, das durch den Erfolg erreicht werden kann, was von der Überlegenheit seiner Prinzipien über die des Usurpators, und der Zahl, Stärke und Macht der Untergegebenen, die ihn willkommen heißen würden, abhängt. Wenn er allerdings sieht, dass das Übel des Konflikts das Gute überwiegen würde, und das, aller Wahrscheinlichkeit nach, ob der Versuch jetzt unternommen würde oder später von denen, die seine legitimen Nachfolger gewesen wären, zum Beispiel weil der überwiegende Teil des Volkes den Usurpator willig akzeptiert hat, dann sollte er seinen Anspruch aufgeben, denn wenn er weiterhin beabsichtigen würde, seine Macht wiederzugewinnen, hätte er nicht mehr das allgemeine Wohl des Volkes im Sinne, und würde daher selbst ein Tyrann werden. Wenn er sieht, dass das Gute des Konflikts wahrscheinlich irgendwann in der Zukunft das Übel aufwiegen wird, so wenn das Volk sich dem Usurpator nur widerwillig fügt, kann er seinen Anspruch aufrechterhalten und auf seinen Moment der Rückkehr warten. Die katholischen Familien Spaniens zum Beispiel, davon können wir ausgehen, akzeptierten die Usurpatoren nicht, als sie von den Mauren überrannt wurden; daher die Rechtmäßigkeit der Reconquista. Wenn er seinen Anspruch zurückzukehren nicht deutlich macht, wenn er das tun kann, kann man davon ausgehen, dass er auf sein Amt verzichtet hat.

Wenn nach einer Usurpation der rechtmäßige Herrscher auf sein Amt verzichtet hat, oder wenn es aufhört, wahrscheinlich zu sein, dass das Gute des Konflikts das Übel aufwiegen würde, besitzt der Usurpator nicht allein aufgrund dieser Tatsache das Recht, zu regieren, denn das würde aus Diebstahl einen Anspruch auf Eigentum machen. Eher hört die zeitliche Gesellschaft jetzt streng genommen auf, zu existieren, da sie ihr Oberhaupt verloren hat. Die Haushaltsoberhäupter, oder wenn sie nicht protestieren, wenn sie könnten, eine in ihrem Namen sprechende Körperschaft, kann daher diese Gesellschaft neu gründen, indem sie ihre Autorität verwenden, eine neue Verfassung zu etablieren. […]

Zuletzt, während der Usurpator de facto die Macht hat, obwohl er nicht das Recht besitzt, zu regieren, und die Leute vielleicht weder das Recht noch die Pflicht haben, seine Autorität anzuerkennen, können sie nichtsdestotrotz die Pflicht haben, individuellen Gesetzen oder Geboten, die er erlässt, zu gehorchen, zum Beispiel einem Gebot, wie man sich im Fall irgendeiner Naturkatastrophe zu verhalten hat, wo jemand die Führung übernehmen muss, und niemand außer ihm in der direkten Position ist, das zu tun.“ (Thomas Crean und Alan Fimister, Integralism. A manual of political philosophy, editiones scholasticae 2020, S. 99f. Meine Übersetzung.)

(Auch hier, wenn, wie im Urzustand der Menschheit, kein legitimes Staatsoberhaupt existiert, stellt sich die Frage, ob nur durch die ausdrückliche oder stillschweigende Übereinkunft des Volkes oder auch aufgrund der Umstände ein neuer Herrscher bestimmt werden kann, den man dann als von Gott bestätigt sehen kann.)

Im äußersten Notfall, wenn ein Staatsoberhaupt immer wieder zeigt, dass es nicht gewillt ist, für das Gemeinwohl zu handeln, wäre es erlaubt, auch dieses früher legitime, jetzt illegitime Staatsoberhaupt abzusetzen und die Staatsverfassung zu ändern (ähnlich wie es erlaubt wäre, im äußersten Notfall Kinder aus ihrer Familie zu holen und zu Pflegeeltern zu geben, oder als Kind selbst wegzulaufen und sich bei Verwandten zu verstecken), was am besten durch die nächstrangige nichttyrannische Institution in der Gesellschaft geschehen sollte. Voraussetzung ist allerdings wieder, dass ein solcher Putsch nicht voraussichtlich zu noch größeren Übeln führen wird, was im Lauf der Geschichte häufig der Fall war. Ein Beispiel für einen legitimen Putschversuch wäre z. B. der der Gruppe um Stauffenberg, ein Beispiel für einen offensichtlich illegitimen die Französische Revolution (genauer: die Gründung der Ersten Republik 1792 und der Königsmord 1793). Generell: Putsche und Bürgerkriege sind große Übel und bringen viele Risiken mit sich, die wirklich nur in Extremsituationen in Kauf genommen werden können.

In solchen Fällen ist auch eine Intervention von außen durch einen anderen Staat erlaubt.

Wenn man unter einer Diktatur lebt, gibt es aber keine generelle moralische Pflicht zum aktiven Widerstand, bewaffnet oder nicht. Sich durchzuwursteln, ohne sich selber direkt am Bösen zu beteiligen, ist moralisch in Ordnung, auch wenn Widerstand heldenhafter wäre, und manchmal das einzig Sinnvolle.

Gewaltsame Rebellionen, illegale Verschwörungen und humanitäre Interventionen sind also wirklich nur im Notfall, und wenn sie nicht für noch schlimmere Verhältnisse sorgen, erlaubt. Eine Änderung der Staatsverfassung mit Zustimmung der Autorität wäre wieder etwas anderes, also wenn z. B. die Regierung zustimmt, über eine neue Verfassung oder die Abspaltung oder weitgehende Autonomie eines Landesteils abstimmen zu lassen. Solche Änderungen anzustreben, sofern sie an sich vernünftig und gut sind, dürfte m. E. nicht verwerflich sein, solange man damit nicht auch totalen Unfrieden im Land stiftet.

Gegenüber ungerechten Rebellionen, Putschversuchen, Terrorismus hat ein Staat natürlich das Recht und die Pflicht, sie zu bekämpfen und so schnell wie möglich die Ordnung wiederherzustellen. Das ist auch dann der Fall, wenn kleinere oder gelegentliche Machtmissbräuche den Terrorismus oder Putschversuch provoziert haben; denn so etwas kommt überall vor, und der öffentliche Friede und die Sicherheit all der anderen nicht-terroristischen Bürger gehen vor.

Die ganze Menschheit hat unter sich eine gewisse Einheit (gleiche Natur, gleiche Abstammung von Adam) und ein gemeinsames Ziel (Gott). Gegenüber anderen Staaten hat ein Staat die Pflicht, das Völkerrecht zu beachten (sowohl das gewohnheitsrechtliche Völkerrecht als auch die konkreten Verträge). Außerdem haben reiche Staaten gegenüber armen Staaten vergleichbare Pflichten wie reiche Personen gegenüber armen Personen, d. h. sie müssen nicht gerade zwangsläufig die Hälfte ihres Besitzes abgeben, aber sehr wohl in gewissem Maß helfen. Flüchtlingen in schwerer Not (Lebensgefahr, persönliche Verfolgung) beispielsweise muss man helfen; ein allgemeines Recht auf Migration gibt es allerdings nicht, da ein Staat hier auch darauf sehen muss, was dem Wohl seiner Bürger dient oder schadet, und Migranten haben Pflichten gegenüber dem sie aufnehmenden Staat.

Krieg zu führen ist erlaubt, wenn einem Unrecht mit friedlichen, diplomatischen Mitteln nicht abgeholfen werden kann und folgende Bedingungen erfüllt sind: rechte Absicht (also z. B. nur einen Angriff abzuwehren oder ihm zuvorzukommen, nicht aber, das andere Volk dann auch noch auszurotten oder ihm seinen Besitz zu rauben), Kriegserklärung durch die legitime Autorität, gerechter Grund (z. B. ein Angriff des anderen Staates) und gerechte Kriegsführung (keine gezielten Angriffe auf Zivilisten, keine Misshandlung von Kriegsgefangenen o. Ä.). Ein Krieg ist auch dann erlaubt, wenn man nicht viel Aussicht auf Erfolg hat, wenn es darum geht, ein extrem schwerwiegendes Unrecht abzuwehren oder zumindest abzuschwächen.

Der Staat hat das Recht, Gesetze zu erlassen, die dann unter Sünde verpflichten, d. h. es wäre eine Sünde, ihm (in gerechten Dingen) nicht zu gehorchen. Moraltheologen unterschieden manchmal zwischen Gesetzen, bei denen der Gesetzgeber im Gewissen verpflichten will, damit man das Gewünschte auch wirklich tut, und bloßen Pönalgesetzen, bei denen er nur zur Übernahme der Strafe verpflichten will. Um den Unterschied ein bisschen näherzubringen: Wenn der Gesetzgeber sagt, man soll Diebstahl unterlassen, will er einen wirklich im Gewissen verpflichten, Diebstahl zu unterlassen; ein Dieb, der später seine Strafe akzeptiert, hat das Gesetz nicht erfüllt. Wenn der Gesetzgeber sagt, dass eine Firma soundsoviel Prozent Schwerbehinderte einstellen oder stattdessen eine Ausgleichsabgabe zahlen soll, erfüllt die Firma das Gesetz durch Zahlung der Ausgleichsabgabe. In diesem Fall macht es der Staat wirklich selber ganz deutlich, dass er bloß ein Pönalgesetz einführt, in anderen Fällen kann man unter Umständen davon ausgehen. (Z. B. wenn kaum einer es für wirklich schlimm hält, das Gesetz zu übertreten, und der Staat es eher nutzt, um mit den Geldbußen seine Finanzen aufzubessern, wie z. B. wahrscheinlich bei unerlaubtem Parken. (Wobei es auch hier darauf ankommt: Wenn man durch das Parken unerlaubt eine Feuerwehrzufahrt blockiert, kann man davon ausgehen, dass derjenige, der das Verbotsschild aufgestellt hat, das sehr wohl wirklich verbieten wollte.))

Auch wer z. B. als Parlamentarier Immunität genießt, ist im Gewissen verpflichtet, sich an die Gesetze zu halten.

„Das Gesetz ist eine vernunftgemäße, dauernde Norm des freien Handelns, die vom Obern eines öffentlichen Gemeinwesens zum Zwecke des Allgemeinwohls erlassen und genügend bekanntgemacht wurde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 40, Nr. 43.) Der Zweck der Gesetze ist es letztendlich, die Menschen gut zu machen; das Gesetz ist auch ein Lehrer und formt Einstellungen und Gewohnheiten.

Es gibt das Naturrecht, das von Gott in die Natur der Dinge gelegt wurde; das Naturrecht verpflichtet absolut. (Z. B. ist es gegen das Naturrecht, zu lügen, da der natürliche Zwecke der Sprache die Verständigung, die Weitergabe der Wahrheit unter Menschen ist.) Für Naturrecht sagt man auch natürliches Sittengesetz oder Moral. Dann gibt es das positive (=gesetzte, von lat. ponere) göttliche Gesetz, das Gott so erlassen hat, aber auch anders hätte erlassen können (z. B. das Gebot, den siebten Tag zu heiligen, oder für die Eucharistie Weizenbrot und Wein zu verwenden). Dann gibt es positive menschliche Gesetze, erlassen von Kirche oder Staat.

Gesetze befehlen, verbieten, erlauben oder bestrafen. Der Zweck von Strafen ist es, die gestörte gerechte Ordnung wiederherzustellen, dem Täter quasi etwas gegen seinen Willen zuzufügen, weil er seinen Willen auf Kosten anderer ausgelebt hat. Nebenzwecke sind der Schutz der Gesellschaft vor weiteren Verbrechen, die Besserung des Täters, die Wiedergutmachung (z. B. durch Schadensersatzzahlungen) und die Abschreckung anderer. (Das sind legitime Nebenzwecke, aber dürfen nur Nebenzwecke bleiben; denn wenn man die Wiederherstellung der Gerechtigkeit als Hauptzweck ganz abschaffen würde und nur noch auf Abschreckung und Besserung schauen würde, könnte das zu so einigen Ungerechtigkeiten führen. Nicht nur in dem Sinn, dass man manche Verbrecher, die eine schwere Strafe verdient hätten, nur kurz zum Psychologen schicken könnte, sondern auch in dem Sinn, dass man Kleinkriminelle ewig einsperren könnte, bis der zuständige Psychologe sie für ausreichend gebessert hält, oder dass man jemanden auf härtere Weise als verdient bestrafen könnte, um andere abzuschrecken. Man darf nur dann und höchstens in dem Maß strafen, wie jemand es verdient hat, und dann ist Strafe auch etwas Gutes, und sollte in etwa dem entsprechen, was derjenige eben durch die Tat verdient hat.) Ein Staat hat grundsätzlich auch das Recht, schwere Verbrechen (Mord, Landesverrat, Vergewaltigung o. Ä.) mit der Todesstrafe zu ahnden, wenn er das für zweckmäßig erachtet. „Denn nicht ohne Grund trägt sie [die staatliche Gewalt] das Schwert.“ (Röm 13,4) Gen 9,6 begründet die Todesstrafe für Mörder sogar mit der Menschenwürde der Opfer.

Verbrechen gegen das Naturrecht (z. B. Mord) dürfte man auch rückwirkend bestrafen, da es immer gilt, auch wenn die positiven Gesetze diesen Mord zuerst erlaubt haben (Bsp.: Bestrafung von Ärzten, die in der Nazizeit Kranke und Behinderte getötet haben), aber Verbrechen gegen positive menschliche Gesetze dürfen nicht rückwirkend bestraft werden; diese Gesetze gelten erst ab Promulgation, d. h. wenn die Menschen sie auch kennen können. Es kann freilich auch unzweckmäßig sein, naturrechtliche Verbrechen rückwirkend zu bestrafen, z. B. wenn es sehr viele Täter gibt, die Täter nicht mehr genau ermittelt werden können, oder viele Täter unter Zwang oder Gehirnwäsche gehandelt haben, aber das hängt vom Einzelfall ab.

Ein Staat sollte dem Naturrecht zusätzlichen Schutz durch positive Gesetze geben, wobei er nicht alles bestrafen muss, was das Naturrecht verbietet; z. B. wenn es Kleinigkeiten sind, die mit Gewalt durchzusetzen unverhältnismäßig und aufwendig wäre. (Z. B. könnte ein Staat schwerlich Notlügen mit Bußgeldern belegen.) Außerdem müssen die positiven Gesetze auf dem Naturrecht basieren, indem sie sich innerhalb des naturrechtlich erlaubten Rahmens bewegen und/oder die allgemeinen Vorschriften des Naturrechts auf den konkreten Fall anwenden. Ein Staat kann allerdings Übel, die er schlecht verhindern kann, zulassen, um größere Übel zu vermeiden.

Es gibt Fälle, in denen man Gesetzen nicht gehorchen darf, und Fälle, in denen man ihnen nicht gehorchen muss. (Genau genommen sind ungerechte Gesetze gar keine Gesetze, sondern nur Scheingesetze. Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz.) Nur naturrechtliche Vorschriften, die die Unterlassung einer bestimmten Handlung (z. B. direkte Tötung eines unschuldigen Menschen, Ehebruch o. Ä.) ausnahmslos zur Pflicht machen, gelten immer und können auch immer erfüllt werden, während naturrechtliche Vorschriften, die eine bestimmte Handlung zur Pflicht machen, nicht immer erfüllt werden können. Staatliche Gesetze gelten generell nicht ausnahmslos.

Man darf nicht gehorchen, wenn ein staatliches Gesetz eine Sünde befiehlt.

Man muss nicht gehorchen, wenn:

  • es physisch unmöglich ist, das Gesetz zu erfüllen (z. B. man zu einem Gerichtstermin erscheinen müsste, aber im Krankenhaus liegt)
  • es moralisch unmöglich ist, d. h. eine unverhältnismäßig große Anstrengung erfordert. Was unverhältnismäßig ist, hängt natürlich davon ab, wie wichtig das Gesetz ist, von weniger wichtigen Gesetzen ist man leichter entschuldigt. Außerdem: Das Allgemeinwohl kann in besonderen Fällen manchen extreme Anstrengungen abverlangen (z. B. Soldaten in einem Krieg), und auch ein freiwillig gewählter Stand, z. B. Missionar, kann besondere heroische Verpflichtungen auferlegen.

Bei Pflichtenkollision geht die höhere Pflicht vor, die andere muss zurücktreten und verliert ihre verpflichtende Kraft. „Kann jemand bei Pflichtenkollision trotz aller angewandten Mühe nicht erkennen, welche Pflicht die wichtigere ist, so sündigt er nicht, für welchen Teil er sich auch immer entscheiden mag“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 53, Nr. 70)

Das Gesetz verpflichtet auch nicht, wenn man davon ausgehen kann, dass der Gesetzgeber es nicht für einen bestimmten Einzelfall gedacht haben kann. Z. B. wird ein Gesetzgeber nicht wollen, dass man eine rote Fußgängerampel achtet, wenn kein Auto in Sicht ist, aber auf der anderen Straßenseite jemand zusammengebrochen ist, und man schnell hinüberrennen muss, um ihm zu helfen. Diese Auslegung der Absicht des Gesetzgebers nennt sich Epikie. (Wobei man die Auslegung durch den Gesetzgeber selbst zurate ziehen muss, wenn das leicht geschehen kann; vielleicht hat er ja schon ausdrücklich geklärt, ob es in einem solchen Fall gilt oder nicht. In dem Fall mit der Ampel wäre die Sachlage allerdings offensichtlich.)

Wenn das Gesetz seinen Zweck verliert, gilt folgendes:

„Seinen Zweck kann ein Gesetz verlieren für die Gesamtheit oder nur für Einzelpersonen; ferner so, daß seine Beobachtung nur nutzlos oder auch schädlich wird.

1. Wird für die Allgemeinheit ein Gesetz auch nur nutzlos, so hört es damit auf.

Einem solchen Gesetze fehlt ein wesentliches Merkmal: es dient nicht mehr dem Allgemeinwohl (vgl. Nr. 43).

2. Wird für eine Einzelperson das Gesetz schädlich, so hört seine Verpflichtung für den Betreffenden auf, wenn die Beobachtung für ihn moralisch unmöglich wird, oder wenn man Epikie anwenden kann. […]

3. Wird für eine Einzelperson die Beobachtung eines Gesetzes nutzlos, so bleibt diese Person nach der weitaus allgemeinen Ansicht zur Beobachtung des Gesetzes verpflichtet.

Im entgegengesetzten Falle würde nämlich das Allgemeinwohl leiden, weil viele sich einbildeten, das Gesetz sei für sie nutzlos. – Nur wenn in einem Einzelfall die Nutzlosigkeit evident und kein Ärgernis zu befürchten ist, dürfte man der milderen Ansicht folgen. Aber auch diese letztere Ausnahme ist unstatthaft bei Gesetzen, die erlassen wurden, um einer allgemeinen Gefahr vorzubeugen“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 58, Nr. 78)

(Man darf also nicht, sagen wir, eine gefährliche Schlange halten, wenn das Gesetz das verbietet, weil man sich denkt, in diesem Fall wäre das Gesetz überflüssig, weil man sich gut genug mit Schlangen auskennt und schon aufpasst.)

Man ist nicht verpflichtet, alle Gesetze zu kennen, aber muss sich auf gewöhnliche Weise informieren, wenn man etwas tun will, wobei man weiß, dass irgendwelche Vorschriften gelten (z. B. ein Unternehmen gründen will).

Gewohnheitsrecht kann auch Gesetzeskraft haben, wenn es in einem Bereich keine ausdrücklich geregelten Gesetze gibt.

Der hl. Thomas von Aquin schreibt über gerechte und ungerechte Gesetze:

„Ich antworte, die menschlichen Gesetze seien entweder gerecht oder ungerecht. Im ersten Falle haben sie vom ewigen Gesetze her die Kraft, im Gewissen zu verpflichten, nach Prov. 8.: ‚Durch mich herrschen die Könige und entscheiden Rechtes die Gründer der Gesetze.‘ Gerecht aber sind die Gesetze 1. vom Zwecke aus, wenn sie auf das Gemeinbeste sich richten; — 2. vom Urheber her, wenn sie von dem ausgehen, der rechtmäßige Gewalt hat und die Grenzen seiner Gewalt nicht überschreitet; — 3. von ihrer inneren Form aus, wenn sie nach rechtmäßigem, gleichem Verhältnisse den Unterthanen Lasten auflegen für das allgemeine Beste. Denn da jeder Mensch ein Glied der Menge ist und sonach das, was er ist und hat, dem Ganzen schuldet, so werden ihm, wenn das richtige Verhältnis zu den anderen eingehalten erscheint, mit Recht Lasten aufgelegt zu Gunsten des Ganzen; duldet ja auch die Natur, daß ein Glied Nachteil erleidet, damit das Ganze heil sei. Ungerecht sind die Gesetze also: 1. vom Zwecke aus, wenn jemand, nicht für das gemeine Beste, sondern zur Befriedigung seiner Geld- oder Ruhmgier Gesetze macht; — 2. vom Urheber aus; wenn jemand über seine Gewalt hinaus Gesetze aufstellt; — 3. von der Form aus, wenn in der Verteilung der Lasten nicht das gebührende Verhältnis gewahrt wird. Dergleichen sind mehr Gewaltthaten wie Gesetze; denn, sagt Augustin, ‚es ist kein Gesetz jenes, das nicht gerecht ist.‘ Solche Gesetze also verpflichten nicht im Gewissen außer etwa, damit man Ärgernis vermeide oder Verwirrung; weshalb ja der Mensch auch bisweilen sein Recht aufgeben muß, nach Matth. 5.: ‚Wer dir das Kleid genommen hat, gieb ihm auch den Mantel.‘ Sind aber die Gesetze ungerecht, weil sie dem göttlichen Gute entgegengesetzt sind und gegen Gottes ausdrückliches Gebot befehlen, so darf man sie nicht beobachten, sondern ‚man muß Gott mehr gehorchen wie den Menschen.‘ (Act. 4.)“ (Summa Theologiae II/I,96,4)

Ein Staat hat das Recht, Steuern zu erheben (was ja auch Jesus und Paulus bestätigt haben), in dem Maße, wie er sie für die Erfüllung seiner Aufgaben benötigt. Es ist allerdings eine Sünde (von unterschiedlicher Schwere) vonseiten der Staatsbeamten, Steuergelder zu verschwenden, und vonseiten der Gesetzgeber, unnötig hohe Steuern zu erheben oder die Steuerlast ungerecht zu verteilen. (Bei einer ungerecht hohen Steuerlast wäre es theoretisch keine Sünde, wenn jemand seine Steuern insoweit zahlt, als sie gerecht sind, und den Rest hinterzieht. Besonders klug wäre das allerdings normalerweise sicher nicht, insbesondere wegen des Schadens für sein Leben, seinen Ruf, seine Familie, wenn seine Steuerhinterziehung herauskäme.)

Die katholische Soziallehre kennt das „Subsidiaritätsprinzip“, d. h. größere Institutionen sollten untergeordneten Institutionen das überlassen, was sie selbst schaffen können, und nur bei größeren Aufgaben helfend eingreifen. (Z. B. ist es sinnvoll, wenn der Staat den Gemeinden das Einrichten von Kindergärten überlässt, aber selber Autobahnen baut.) Föderalistische Staaten wie Deutschland entsprechen diesem Prinzip besser als zentralistische wie Frankreich. Das Subsidiaritätsprinzip gilt auch in der Wirtschaft; der Staat sollte den einzelnen und den privaten Zusammenschlüssen (Firmen, Genossenschaften, Innungen…) nicht alle Entscheidungen abnehmen und alles diktieren, sondern Raum für Eigenständigkeit lassen, aber eben auch helfen, wenn es nötig ist.

Das Subsidiaritätsprinzip wird ergänzt durch das Solidaritätsprinzip, d. h. dass der einzelne der Gemeinschaft und die Gemeinschaft dem einzelnen verpflichtet ist. Beispielsweise entspricht die Einrichtung einer Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung (oder anderer Systeme, die Ähnliches leisten) dem Solidaritätsprinzip.

Noch kurz ein bisschen genauer zur Wirtschaft (wobei das eher ins 7. Gebot gehört): Die Güter der Erde wurden an sich der ganzen Menschheit von Gott gegeben, um für ihre Bedürfnisse zu sorgen, aber es entspricht der menschlichen Natur, dass es konkret aufgeteiltes Privateigentum gibt, sodass jeder für seines verantwortlich ist und auch etwas von seiner eigenen Arbeit damit hat; der Sozialismus ist widernatürlich und schädlich. Eigentum verpflichtet. Es ist generell besser, wenn das Eigentum an den Produktionsmitteln auf viele kleinere Besitzer aufgeteilt ist, und wenn z. B. größere Betriebe genossenschaftlich von den Beschäftigten selber geführt werden. Wer andere einstellt, ist verpflichtet, ihnen im Austausch für ihre Arbeit einen Lohn zu zahlen, der für ihr Leben und das ihrer Familie reicht; denn der Zweck der Arbeit ist es, den Lebensunterhalt für die Familie zu beschaffen, so dass sie in der jeweiligen Gesellschaft einigermaßen anständig leben kann. Der Staat hat das Recht, die Verwendung des Eigentums durch Gesetze zu regeln, z. B. Preis- und Zinswucher zu unterbinden, einen Mindestlohn festzulegen, Steuern zu verlangen etc. Politiker müssen sich, so weit möglich, nach solchen Grundsätzen der katholischen Soziallehre richten. Wirtschaftssysteme, die immerhin von dieser Lehre inspiriert waren/sind, waren/sind Korporatismus, Distributismus und soziale Marktwirtschaft.

So weit mal einige allgemeine Prinzipien. Generell haben sowohl die Teilhaber an der Staatsgewalt als auch die Untergebenen der Staatsgewalt die Pflichten, in ihrer jeweiligen Situation das Gemeinwohl zu respektieren, d. h. nicht gegen das Gemeinwohl zu handeln, ihre Pflichten gegenüber der Gemeinschaft zu erfüllen.

Heribert Jone schreibt über die genauen Pflichten der Amtsinhaber eines Staates:

Zweites Kapitel

Die Pflichten im Staate

I. Die Obrigkeit hat die Pflicht, in erster Linie für das allgemeine Wohl zu sorgen.

Sie muß deshalb nach Kräften alle Übel vom Staate fernhalten und sein Wohl fördern, Religion und Sittlichkeit beschützen, für gerechte Verteilung der Rechte und Pflichten sorgen, die Gesetze ohne persönliche Rücksichten durchführen, die öffentlichen Ämter nur geeigneten Personen geben und ungeeignete aus denselben entfernen.

II. Die Abgeordneten müssen ähnlich wie die Obrigkeit in positiver Weise das Allgemeinwohl fördern, besonders in den Punkten, in denen sie es ihren Wählern ausdrücklich versprochen haben.

1. Annahme der Wahl ist verboten, wenn jemand nicht die nötigen Fähigkeiten hat. Sie ist aber Pflicht, wenn jemand die entsprechenden Fähigkeiten hat und sonst keine geeignete Person zu finden ist, außer man hätte triftige Entschuldigungsgründe.

2. Teilnahme an den Beratungen und Beschlußfassungen ist Pflicht.

Besonders gilt dies von der Teilnahme an den Sitzungen, von denen das Zustandekommen eines guten Gesetzes oder die Verhütung eines schlechten abhängt.

3. Mitwirkung zu einem schlechten Gesetz ist Sünde.

Eine Ausnahme ist nur dann zulässig, wenn die Abgeordneten durch ihre Mitwirkung noch Schlimmeres verhüten können (vgl. Nr. 144, 147); sie müssen dann aber ihren Standpunkt öffentlich darlegen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 165, Nr. 203)

Der konkrete Teilhaber an der Staatsgewalt – Abgeordnete, Richter, Minister, Kanzler, Verwaltungsbeamte, Polizisten etc. – hat vor allem die Pflicht, die Pflichten seines jeweiligen Amtes gewissenhaft zu erfüllen und sich natürlich auch die nötigen Kenntnisse zu erwerben; das zu vernachlässigen ist je nach Fall lässliche oder schwere Sünde. Was die Mitwirkung an der Ausführung schlechter Gesetze o. Ä. angeht, siehe Teil 9b.

Korruption und Bestechlichkeit sind Sünden, deren Schwere davon abhängt, was auf dem Spiel steht. Ein Richter, der sich bestechen lässt, um einen Unschuldigen für zehn Jahre ins Gefängnis zu stecken, begeht offensichtlich eine schwerere Sünde als ein Polizist, der jemanden laufen lässt, der außerorts auf einer geraden übersichtlichen Strecke 25 km/h zu schnell gefahren ist, weil der sein Nachbar ist und sie sich gut verstehen. Insgesamt unterminiert Korruption allerdings das ganze Funktionieren des Staates und das Vertrauen in ihn und in andere Bürger (wer seinen Nachbarn verklagt, würde den von vornherein auch noch verdächtigen, den Richter zu bestechen etc.), was die Schwere der Sünde verstärkt.

Jone schreibt dann über die Staatsbürger:

III. Die Untertanen haben folgende Pflichten:

1. Liebe gegen das Vaterland, dem wir den Schutz und die weitere Ausbildung unserer von den Vorfahren überkommenen gemeinsamen guten Anlagen verdanken.

Diese Liebe zum Vaterland muß uns besonders veranlassen, sein Wohl zu fördern und in Eintracht mit unseren Mitbürgern zu leben. – Besonders muß man sich davor hüten, zum Vorteil eines Standes oder einer Interessengruppe das Allgemeinwohl zu schädigen.

2. Achtung vor der Obrigkeit.

Innerliche Verachtung der Obrigkeit als solcher, d. h. der obrigkeitlichen Gewalt (formelle Verachtung), ist schwere Sünde. Innere Verachtung gegenüber der Privatperson, welche die obrigkeitliche Gewalt innehat, ist insofern sündhaft, als Verachtung anderer Privatpersonen sündhaft ist. Schmähung des Inhabers der obrigkeitlichen Gewalt ist schwer sündhaft, unter anderem besonders, wenn sie öffentlich ist oder leicht öffentlich werden kann; ferner wenn sie ihm in seiner Gegenwart zugefügt wird. [Dazu unten mehr, Anmerkung von mir.]

3. Wahl von guten Abgeordneten

Wahlenthaltung ohne Grund scheint wenigstens eine läßliche Sünde zu sein, wenn der gute Kandidat einen schlechten Gegenkandidaten hat. Eine schwere Sünde kann es sein, wenn man durch Wahlenthaltung Ursache ist, daß ein schlechter Kandidat gewählt wird. [Anmerkung von mir: Das könnte ja z. B. in kleinen Wahlkreisen oder bei lokalen Wahlen ausnahmsweise der Fall sein, oder wenn ein Gremium, z. B. der Gemeinderat, jemanden wählt.]

Einem schlechten Kandidaten darf man nur dann seine Stimme geben, wenn dies notwendig ist, um die Wahl eines schlimmeren Kandidaten zu verhindern; durch eine entsprechende Erklärung aber soll der Grund dieser Handlungsweise angegeben werden. Ausnahmsweise dürfte man auch einmal einem unwürdigen Kandidaten seine Stimme geben, um einem ungewöhnlich großen persönlichen Nachteil zu entgehen. [Anmerkung von mir: Hier ist vielleicht an Länder gedacht, die keine geheimen Wahlen haben und wo man Schwierigkeiten bekommen kann, je nachdem, wie man wählt.]

4. Treue gegen die rechtmäßige Autorität und Gehorsam gegen die Gesetze im allgemeinen.

Die heimliche Flucht eines Gefangenen ist aber kein positiver Widerstand gegen die Staatsgewalt und daher an sich nicht verboten.

Unsittlichen Gesetzen eines gottlosen Staates darf man nicht gehorchen; ihrer Ausführung darf man passiven Widerstand entgegensetzen. – Offene Gewalt darf man in einem solchen Falle auch mit Gewalt abwenden, vorausgesetzt, daß man begründete Hoffnung auf Erfolg hat und das Gemeinwohl durch den Widerstand nicht noch größeren Schaden leidet als durch die Gewalttätigkeit der Regierenden. Nach einigen Autoren ist in höchster Not des Volkes und nach Erschöpfung aller gesetzlichen Mittel auch Absetzung des Herrschers und Änderung der Staatsverfassung erlaubt.

5. Gehorsam gegen die Steuergesetze im besonderen. […]

IV. Die Soldaten, die sich freiwillig anwerben lassen, sind durch die ausgleichende Gerechtigkeit verpflichtet, ihren Dienstvertrag zu erfüllen und ihren Dienst zu leisten.

Im Falle eines Krieges verpflichten die Gesetze, welche allgemeine Wehrpflicht vorschreiben, im Gewissen, sogar in jenen Staaten, in welchen der Gesetzgeber die übernatürliche Sanktion seiner sämtlichen Gesetze ausschließen möchte. (Vgl. n. 57).“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 165-168, Nr. 204-206.)

Bzgl. dem, was Jone zur Schmähung von Staatsoberhäuptern sagt: Eine Regierung zu kritisieren ist natürlich erlaubt, manchmal (manchmal auch oft) auch notwendig. („Minister X ist ungeeignet für sein Amt, weil er seine Meinung beinahe täglich ändert.“) Aber das Amt an sich ist eben doch achtenswert. Dass es überhaupt legitimerweise einen Staat gibt, muss man respektieren; die jeweilige Person, die ein Amt innehat, verdient an sich Respekt, da sie eine wichtige Aufgabe ausfüllt und die staatliche Macht repräsentiert. Wenn sie diesen Respekt durch ihre eigene Schuld verwirkt und ihre Aufgabe nicht mehr erfüllt, verdient sie evtl. weniger Respekt je nach Situation, aber ein gewisses grundsätzliches Maß an Respekt sollte wohl trotzdem da sein (ähnlich wie gegenüber einem schlechten Priester). Es gibt ja den alten Spruch: „Man grüßt die Uniform, nicht den Träger.“ Der Respekt ist vor allem dann wichtig, wenn man direkt mit dem Amtsinhaber zu tun hat, der ja eben auch die Staatsgewalt repräsentiert; dem Staatsoberhaupt bei einer öffentlichen Veranstaltung ins Gesicht zu spucken wäre daher ein Stück weit schlimmer, als das bei einem privaten Feind zu tun. (Wobei auch das nicht schön ist.)

Der Moraltheologe Augustin Lehmkuhl bringt ein paar Beispiele (von mir und einem Freund aus dem Lateinischen übersetzt):

„Blasius, vom Wein erhitzt, wettert in der Kneipe vor seinen Freunden gegen Minister und Könige: Regierung und Herrscher seien nun abzuschaffen, Steuern ihnen zu verweigern, und sie verdienten es wohl, dass die Zahlung gegenüber den Bürgern zu verhöhnen sei, ferner, in der Öffentlichkeit bei der Ankunft des Königs sollten sich alle von Zeichen der Freude enthalten, im Gegenteil sollte man das Bild des Fürsten zu Hause verhöhnen und dem Diener befehlen, dass er ein solches öffentlich ausgestelltes Bild heimlich mit Dreck beschmiert.

Fragen:

1) Was sind die Verpflichtungen gegenüber Fürsten und der Verwaltung?

2) Auf welche Weise hat Blasius gesündigt?

Lösung

Zu Frage 1)

1. Die Untergebenen sind gegenüber jenen, die die öffentliche Gewalt innehaben, zur Unterordnung und zum Respekt verpflichtet.

2. Aufgrund der Unterordnung ist ihnen die Rebellion verboten, sie sind verpflichtet, sich an die gerechten Gesetze zu halten und die gerechten Steuern, die verlangt werden, zu entrichten; aufgrund der Ehrfurcht sind sie gehalten, den höheren und niederen Obrigkeiten Ehre zu erweisen, innerliche Verachtung und äußerliche Beschimpfung/Schmähung/Misshandlung sind ihnen verboten. Wie es die heilige Schrift darlegt im Brief an die Römer 13,1-7.

3. Sündhaft ist immer die Verachtung der Staatsgewalt [selbst]; die Verachtung der Person [des Amtsinhabers] ist sündhaft, wenn und insofern sie auch ohne gerechten Grund geschieht.

Zu Frage 2)

1. Wenn man die objektive Gegebenheit betrachtet, enthalten Blasius‘ Worte schwere Sünden gegen die Pflicht zur Unterordnung, da sie nach Rebellion riechen und durch das Aufstacheln zur Verweigerung der Steuern zur schweren Sünde anstiften. Subjektiv kann er von der Todsünde entschuldigt sein, wenn er weder von Herzen gesprochen hat noch mit der Gefahr, dass die anderen zu solchem Verhalten überredet werden, sondern nur aus einer gewissen eitlen Prahlerei.

2. Wenn sich Blasius von allen Ehrenbezeigungen enthalten hat, müsste man betrachten, aus welchem Grund er so gehandelt hat. Wenn er aus Verachtung der Autorität so handelt, sündigt er schwer. Wenn er wirklich einen gerechten Grund gehabt hat, was z. B. sein könnte, um seine Trauer und Empörung zu zeigen, wenn dem Volk oder der Religion etwas Schlechtes und Ungerechtes durch den Fürst angetan worden wäre, sündigt er nicht, im Gegenteil, es könnte eine Pflicht, so zu handeln, bestehen, damit nicht Freudenzeichen als Gutheißen der ungerechten Gesetze und der Unterdrückung der katholischen Angelegenheiten verstanden worden wären.

3. Das öffentlich ausgestellte Bild des Fürsten zu entehren ist sicher schwerwiegende Verachtung, weil der Fürst in seinem Bildnis angegriffen wird, und deswegen an sich schwere Sünde. Hier ist nicht der Ort, danach zu forschen, ob von außen ein Grund hinzukommen könnte, aus dem subjektiv keine schwere Sünde begangen wird.

Etwas Ähnliches zuhause oder privat, nicht vor anderen, zu tun, kann Todsünde sein aufgrund der innerlichen Verachtung, wenn jene tödlich sündhaft ist; wegen der [äußerlichen] Schmähung besteht keine schwere Sünde, denn diese Schmähung, damit sie existiert, muss entweder im Herzen der Person sich offenbaren, oder die Sache muss bekannt werden, oder man muss aus der Natur der Sache vorhersehen können, dass sie bekannt wird.

4. Den staatlichen Bediensteten, die im Namen des Fürsten den Staat regieren, gebührt freilich nicht dieselbe Ehrerbietung wie dem Fürsten; daher können ihre öffentlichen Taten frei diskutiert und sie für die entstandenen Dinge getadelt werden. Nichtsdestoweniger gebührt ihnen Ehre für ihren Dienst und gewiss muss man sich davor hüten, nicht durch zügellose Rede und auf zersetzende Weise die gemeinsame Liebe oder Gerechtigkeit zu beschädigen oder die Legitimität der staatlichen Grundordnung selbst zu erschüttern. Die Nächstenliebe, die ein jeder schuldet, kann auch verpflichten, dass man sich auf diese Weise vor offensichtlich unnützer Schmähung in der Regel hütet.“

Eine gewisse Rolle spielt vielleicht auch das, was man klassischerweise „Landesbrauch“ oder „Gewohnheit“ nennen kann. Z. B. wird eine normale Karikatur über einen Politiker heutzutage nicht als schwerwiegende Beschimpfung verstanden. Die Frage wäre eher noch, wie es sich verhält, wenn z. B. jemand auf Facebook oder in einem Leserbrief über „dieses Arschloch, den Ministerpräsidenten“ schimpft, angenommen, dass der jeweilige Ministerpräsident wirklich einiges Schlechte zu verantworten hat und persönlich auch nicht den Eindruck von Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit macht. Ich würde schon davon ausgehen, dass es zumindest eine lässliche Sünde wäre; man kann ein hartes Urteil auch ohne solche Beschimpfungen abgeben. Die innerliche Verachtung wäre hier keine Sünde, aber äußerlich sollte man wohl ein Mindestmaß an Respekt wahren.

Generell: Die Beschimpfung ist dann eine schwere Sünde, wenn man die Ehre eines anderen ungerechterweise in schwerwiegender Weise angreift, also z. B. jemanden als Nazi oder Verbrecher beschimpft, weil man eine persönliche Abneigung aus banalen Gründen gegen ihn hat. Eine leichte Beschimpfung („Wieso bist du jetzt so zickig??“) ist nur lässliche Sünde, auch wenn sie ungerecht ist und die angesprochene Person sich nicht wirklich zickig verhalten hat. (Unbekannte Sünden vor anderen bekannt zu machen, ohne dass es nötig ist, ist auch falsch, aber bei Politikern reden wir in der Regel eher von bereits öffentlichen Sünden, oder Sünden, die zu erfahren die Öffentlichkeit ein Recht hat.)

Schwere – lässliche – keine Sünde: Beispiele

Ich arbeite ja immer noch an meiner ausführlichen Artikelreihe zur Moraltheologie, die den Lesern dabei helfen soll, zu unterscheiden, was Sünde ist und was nicht, was schwere und was lässliche, und wieso überhaupt die jeweiligen Prinzipien gelten. Aber weil es immer relativ lang dauert, bis ich wieder den nächsten Artikel fertig habe, dachte ich, ich mache zwischendurch mal einen kleinen Überblicksartikel, der nichts weiter tun soll, als anhand von Beispielen (kein Anspruch auf Vollständigkeit) ein Gefühl dafür zu vermitteln, was (nach Ansicht der Kirche oder zumindest der Mehrheit der früheren rechtgläubigen Moraltheologen) schwere Sünden sind, was lässliche, und was keine Sünden. [Hier geht es nur darum, ob es sich um schwere Materie handelt; im Einzelfall kann trotz schwerer Materie eine lässliche Sünde vorhanden sein, weil jemand wegen Unwissenheit, Zwang, Sucht o. Ä. so handelt, d. h. weil Wissen oder Wille nicht voll da ist.]

Wer genauere Fragen zu einzelnen Sünden hat (z. B. im Bereich des 6. und 7. Gebots), kann auch gerne in diesem hier zu herunterladenden Buch schauen.

Mose und die 10 Gebote, Jusepe de Ribera.

1. Gebot: Keine anderen Götter haben; allgemeiner: Glaube, Hoffnung, Gottesliebe, und rechte Gottesverehrung

Schwere Sünden:

  • Atheismus, Agnostizismus, religiöser Indifferentismus, totales Desinteresse an Gott
  • Apostasie (Glaubensabfall)
  • Häresie (Ketzerei = Leugnung einer Glaubenswahrheit, aber nicht des ganzen Glaubens)
  • Schisma (Kirchenspaltung)
  • Glaubensverleugnung
  • Starke Gefährdung des eigenen Glaubens
  • Willentliche Zweifel am Glauben, nachdem man ihn angenommen hat und um die Grundsätze, wegen denen er glaubhaft ist, und Gottes Verlässlichkeit weiß (Schwierigkeiten mit Glaubenslehren haben, die man erst noch klären muss, aber ohne deswegen zu zweifeln, dass es dafür am Ende eine Lösung geben wird, ist keine Sünde)
  • Verzweiflung (jede Hoffnung auf den Himmel aufgeben)
  • Vermessenheit (Präsumption; sich einbilden, auf jeden Fall ohne weiteres in den Himmel zu kommen)
  • Willentlicher Hass auf Gott
  • Idolatrie (Götzendienst, z. B. Poly- und Pantheismus, Satanismus)
  • Schwerere Formen von Aberglaube, z. B. Geisterbeschwörung
  • Nie beten oder sehr lange nicht beten (z. B. einen Monat lang)
  • Schwerere liturgische Missbräuche (z. B. ungültige Absolutionsformel verwenden)
  • Schwere Sakrilegien (Sakrilegien sind Verbrechen gegen heilige Personen, Orte oder Sachen, schwere Sakrilegien z. B. die Kommunion im Stand der Todsünde empfangen, in der Beichte wissentlich und willentlich eine sicher schwere Sünde verschweigen, eine Reliquie aus einer Kirche stehlen)
  • Gott ernsthaft auf die Probe stellen wollen
  • Simonie

Lässliche Sünden:

  • Mangel an Vertrauen in Gott, leichte Undankbarkeit, leichter Überdruss und Unaufmerksamkeit beim Gebet
  • Leichte Formen von Aberglaube aus Naivität/Dummheit (z. B. Glücksbringer ernst nehmen), abergläubische Dinge halbernst nehmen
  • Leichte liturgische Missbräuche
  • Vernachlässigung des Gebets (nicht täglich zumindest ein bisschen beten)
  • Leichte Sakrilegien (z. B. schlechtes Benehmen in der Kirche, wie Essen, Trinken, lautes Reden)
  • Nachlässigkeit dabei, sich über Glaubenswahrheiten zu informieren, sodass man nicht so gut erklären kann, was man glaubt
  • Eine gewisse Leichtgläubigkeit gegenüber noch nicht anerkannten Privatoffenbarungen

Keine Sünden:

  • Heiligenbildchen (solche, die nicht gesegnet sind) wegwerfen, die man nicht mehr gebrauchen kann
  • Nicht jeden Tag den Rosenkranz beten
  • Sein Horoskop lesen, um sich darüber lustig zu machen
  • Als Journalist oder Wissenschaftler bei den Machenschaften von Geisterbeschwörern anwesend sein, um zu entdecken, was dahintersteckt
  • In Zeiten der Verfolgung verstecken, dass man Christ ist (aber ohne es zu verleugnen, wenn man wirklich dazu aufgefordert werden sollte)

2. Gebot: Den Namen Gottes in Ehren halten

Schwere Sünden:

  • Meineid (eine eidliche Aussage machen, die falsch ist, oder ein eidliches Versprechen ablegen, das man nicht halten will) und Eidbruch (Bruch eines eidlichen Versprechens)
  • Bruch eines unter schwerer Sünde abgelegten Gelübdes (z. B. Ordensgelübde)
  • Blasphemie (Gotteslästerung)

Lässliche Sünden:

  • Bruch eines unter lässlicher Sünde abgelegten Gelübdes oder eines Gelübdes in unwichtiger Sache
  • Unehrfürchtiger Gebrauch heiliger Namen
  • Unüberlegte Blasphemie aus starken Gefühlsbewegungen heraus (z. B. bei einem Schicksalsschlag unbewusst rufen „Wie kann Gott nur so grausam sein!“)
  • Unüberlegtes (aber nicht falsches!) Schwören aus einem nichtigen Anlass

Keine Sünden:

  • Dinge nicht einhalten, die man nicht gelobt, sondern sich bloß vergenommen hat
  • Ein Gelübde brechen, das man im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit abgelegt hat
  • Um Dispens von einem unüberlegten, schwer machbaren Gelübde bitten
  • Ein eidliches Versprechen, mit dem man sich dazu verpflichten wollte, eine Sünde zu begehen, nicht einhalten

3. Gebot: Den Tag des Herrn heiligen

Schwere Sünde:

  • Ohne guten Grund an Sonntagen und gebotenen Feiertagen nicht zur Messe gehen (z. B. weil man ausschlafen will)
  • Ohne sinnvollen Grund am Sonntag mehrere Stunden lang arbeiten (mit einer schweren Sünde wird grob ab 2-3 Stunden gerechnet)
  • Aus Nachlässigkeit die Hälfte der Messe versäumen

Lässliche Sünde:

  • Aus Nachlässigkeit fünf Minuten zu spät zur Messe kommen
  • Fünf Minuten vor Schluss die Messe verlassen
  • Eine gewisse Unaufmerksamkeit und Ablenkung bei der Messe
  • Kürzere Arbeiten am Sonntag erledigen, die man auch verschieben könnte

Keine Sünde:

  • Von der Messe zu Hause bleiben, weil die Fahrt dorthin mehr als eine Stunde dauern würde; oder weil man krank ist (z. B. Grippe, Bauchschmerzen, Migräne genügt); oder weil die Straßenverhältnisse extrem schlecht sind; oder weil dringende familiäre Pflichten dazwischen kommen; oder weil man niemanden hat, der einen fahren könnte)
  • Notwendige Arbeiten am Sonntag erledigen (z. B. Kochen, Küche aufräumen)
  • Einen Job annehmen, bei dem man regelmäßig sonntags arbeiten muss (z. B. Krankenschwester, Verkäufer an der Tankstelle)
  • Einen Teil der Messe versäumen, weil man mit einem unruhigen Kind vor die Tür gehen musste
  • Aus Protest wegen schwerer liturgischer Missbräuche die Messe verlassen

4. Gebot: Vater und Mutter ehren; allgemeiner: Pflichten in Familie und Staat ggü. Autoritäten und Untergebenen

Schwere Sünden:

  • Als Kind: In schwerwiegender Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam gegenüber den Eltern verstoßen (z. B. die Eltern schlagen; ihnen starken Hass zeigen; Ungehorsam bei einem wirklichen Befehl in wichtigen Dingen, solange man noch minderjährig ist; die alten Eltern in schwerer Not vernachlässigen; nie für die Eltern beten)
  • Als Eltern: In schwerwiegender Weise die Pflicht zu Liebe, Fürsorge und guter Erziehung verletzen (z. B. ein Kind gewohnheitsmäßig deutlich vorziehen; nie mit den Kindern zum Arzt gehen; ein ernsthaftes Risiko einer Fehlgeburt ohne guten Grund eingehen; sich nicht dafür interessieren, dass das Kind gemobbt wird; es den Kindern einfach durchgehen lassen, dass sie andere Kinder mobben; sie so sehr verwöhnen, dass sie sich für den Mittelpunkt der Welt halten; sich überhaupt nicht darum kümmern, dass sie über Gott Bescheid wissen, Antworten für ihre religiösen Fragen bekommen und die Sakramente empfangen)
  • Als Staatsbürger: Ungehorsam gegenüber gerechten Gesetzen in wichtigen Dingen; Steuerhinterziehung in größerem Ausmaß; illegales Agitieren gegen die Staatsgewalt ohne extremen Grund; Hass auf das Vaterland
  • Als Teilhaber an der Staatsgewalt: In schwerwiegender Weise gegen das Gemeinwohl handeln (z. B. als Abgeordneter für ein schlechtes Gesetz stimmen, um sich in der Partei nicht unbeliebt zu machen; als Richter bestechlich sein und Schuldige laufenlassen; sich überhaupt keine Mühe geben, seinen Job zu machen, z. B. indem man als Abgeordneter im Parlament entweder ständig fehlt oder nicht aufpasst)

Lässliche Sünden:

  • Als Kind: In leichter Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam gegenüber den Eltern verstoßen (z. B. geringfügige Beleidigungen; unnötige Streitereien; Ungehorsam in wenig wichtigen Dingen)
  • Als Eltern: In leichter Weise gegen die Pflicht zu Liebe, Fürsorge und guter Erziehung verstoßen (z. B. ein bisschen ungeduldig mit den Kindern sein; sie ein bisschen verwöhnen oder ein bisschen inkonsequent mit ihnen sein)
  • Als Staatsbürger: Ungehorsam gegenüber gerechten Gesetzen in wenig wichtigen Dingen, Wahlenthaltung aus Desinteresse am Staat, ohne dass man dadurch schuld ist, dass eine schlechte Regierung ins Amt kommt
  • Als Teilhaber an der Staatsgewalt: In leichter Weise gegen das Gemeinwohl handeln (z. B. leichte Nachlässigkeit bei der Wahrnehmung der Pflichten als Abgeordneter)

Keine Sünden:

  • Als Kind: Seinen Eltern nicht gehorchen, wenn man schon erwachsen ist; anderer Meinung sein als die Eltern; versehentlicher Ungehorsam aus Vergesslichkeit
  • Als Eltern: Nicht immer für alle Kinder gleichermaßen da sein können, weil z. B. ein kleineres Kind einen dringender braucht; zwischendurch auch mal ungesundes Essen auf den Tisch bringen; nicht die absolut besten Fördermöglichkeiten für das Kind suchen; nicht extra umziehen, um dem Kind die bestmögliche Schule zu bieten
  • Als Staatsbürger: Passiver Widerstand gegenüber ungerechten Gesetzen; aktiver Widerstand in Extremfällen, wenn dieser Widerstand nicht noch mehr Schaden anrichtet; Wahl einer schlechten Partei, um eine noch schlimmere zu verhindern
  • Als Teilhaber an der Staatsgewalt: Einem schlechten Gesetz zustimmen, um ein noch schlimmeres zu verhindern

5. Gebot: Nicht morden; allgemeiner: Leben, körperliche Unversehrtheit und Gesundheit von sich und anderen achten, nicht hassen und verletzen

Schwere Sünden:

  • Direkte Tötung eines unschuldigen Menschen (Mord, Totschlag, Abtreibung, Euthanasie…)
  • Indirekte Tötung eines unschuldigen Menschen (d. h. etwas tun, bei dem sein Tod nicht gewollt ist, aber in Kauf genommen wird) ohne schwerwiegenden Rechtfertigungsgrund
  • Verstümmelung ohne medizinische Notwendigkeit
  • Duell
  • Große Unvorsichtigkeit im Straßenverkehr, z. B. illegales Autorennen
  • Selbstmord
  • Bedeutende Schädigung der eigenen Gesundheit ohne vernünftigen Grund (z. B. durch harte Drogen)
  • Sich so sehr betrinken oder mit Drogen zudröhnen, dass man den Vernunftgebrauch nicht mehr hat
  • Selbstverstümmelung ohne medizinische Notwendigkeit
  • Hungerstreik, Selbstverbrennung aus Protest
  • Riskieren des eigenen Lebens ohne guten Grund (z. B. bei Russian Roulette oder extremen Mutproben)

Lässliche Sünden:

  • Leichte Nachlässigkeit bei verhältnismäßigen Vorsichtsmaßnahmen gegen die Verbreitung von Krankheiten
  • Leichte Unvorsichtigkeit im Straßenverkehr
  • Leichtere Schädigung der eigenen Gesundheit ohne vernünftigen Grund (z. B. zu viel essen, häufiger Zigaretten rauchen)
  • Einem Tier unnötige leichte Schmerzen zufügen

Keine Sünden:

  • Töten oder Verletzen im Fall von Notwehr oder Nothilfe gegen einen gegenwärtigen Angriff auf bedeutende Rechtsgüter (d. h. gegen einen Angreifer, der einen töten, vergewaltigen, verletzen, foltern oder etwas Wertvolles rauben will; generell darf man dabei den Angreifer nur so sehr schädigen, wie es zur Verteidigung notwendig ist, aber im Akutfall wird es nicht immer so leicht sein, darauf abzuzielen, den Angreifer z. B. nur zu verletzen statt zu töten, und man muss nicht extrem darauf achten, jemandem nur ins Bein zu schießen, wenn man in der Zwischenzeit schon von ihm umgebracht werden könnte)
  • Beteiligung an einem sicher gerechten Krieg oder an einem zweifelhaft gerechten Krieg, wenn man durch Wehrpflicht o. Ä. dazu verpflichtet wird
  • Verhängung oder Ausführung der Todesstrafe aus einem gravierenden Grund
  • Herausholen eines Embryos im Fall einer Eileiterschwangerschaft, ohne ihn direkt zu zerstückeln o. Ä., z. B. durch Entfernung des ganzen Eileiters (da man hier seinen Tod nicht will, sondern nur in Kauf nimmt, und sonst Mutter und Kind beide sterben müssten)
  • Im Fall einer tödlichen Krankheit als Schwangere ein Medikament nehmen, das dem Kind schaden oder es töten könnte; bei einer nicht direkt lebensgefährlichen Krankheit ein Medikament nehmen, das nur selten eine Fehlgeburt verursacht
  • Andere Fälle von indirekter Tötung aus gravierenden Gründen, z. B. Bombenangriff auf eine Munitionsfabrik in einem gerechten Krieg, wobei man nicht ausschließen kann, dass auch Unschuldige sterben werden
  • Sich aus einem gewichtigen Grund (z. B. sehr belastende Krankheit) den Tod wünschen, sich dabei aber Gottes Vorsehung unterwerfen
  • Sein Leben riskieren, um einen anderen zu retten
  • Übernahme einer gesundheitsschädlichen Arbeit, die an sich legitim ist und gemacht werden sollte
  • Unverhältnismäßige Vorsichtsmaßnahmen bzgl. der Verbreitung von Krankheiten nicht einhalten
  • Tierversuche in der medizinischen Forschung

6. & 9. Gebot: Nicht die Ehe brechen, nicht nach der Frau eines anderen verlangen; allgemeiner: Keuschheit und Schamhaftigkeit

Hier wird eigentlich alles im Bereich der Unkeuschheit (sexuelle Erregung oder Befriedigung suchen außerhalb der Ehe oder der natürlichen Ordnung) unter die schwere Sünde gezählt, auch wenn es innerhalb des Bereichs der schweren Sünde noch viele Abstufungen gibt, während es bei der Unschamhaftigkeit (zu offenes Zurschaustellen und Umgehen mit Sexualität/Nacktheit) auf den Grad ankommt, darauf, ob sie leicht für sexuelle Erregung sorgt oder nicht, dafür, ob sie schwer oder lässlich ist. (Es gibt verschiedene Gründe, warum die Moraltheologen hier so streng waren; u. a. wohl deshalb, weil Unkeuschheitssünden doch diejenigen Sünden sind, die Menschen gerne stark verstricken und zu weiteren Sünden führen, die sie stark prägen und bei denen viel auf dem Spiel steht; die Kraft, mit der neue Menschen gemacht werden, ist nun mal einfach etwas Bedeutsames. Mehr zu diesem Thema z. B. hier und hier. Außerdem kommt man an der Aussage Jesu in der Bergpredigt über Ehebruch im Herzen auch nicht einfach vorbei.)

Schwere Sünden:

  • Gewollt unkeusche Fantasien und Gefühle erwecken, darin schwelgen (delectatio morosa)
  • Zärtlichkeiten, die auf sexuelle Erregung abzielen (Herummachen, Hände unter dem T-Shirt des anderen, Zungenküsse, Petting…)
  • Unzucht (Sex außerhalb der Ehe)
  • Ehebruch
  • Masturbation
  • Inzest
  • Homosexuelle Handlungen
  • Widernatürliche oder perverse Praktiken auch in heterosexueller Konstellation (z. B. Penetration & Samenerguss in unnatürliche Körperöffnung (Analsex, Oralsex – orale Zärtlichkeiten als bloßes Vorspiel dürften wohl an sich keine Sünde sein) oder Sadismus)
  • Künstliche Verhütungsmittel (Pille, Kondome, Spirale, coitus interruptus…)
  • Sterilisation
  • Voyeurismus
  • Konsum oder Herstellung von Pornographie
  • Schwere Unschamhaftigkeit, z. B. sich halbnackt präsentieren, sodass Brüste und Hintern raushängen, oder vor anderen sehr explizit über sexuelle Praktiken reden, oder Romane mit expliziten Sexszenen lesen, ohne die zumindest zu überblättern
  • Vergewaltigung, Missbrauch von Kindern oder Unzurechnungsfähigen (nicht nur sehr schwere Sünde gegen die Keuschheit, sondern auch sehr schwere Sünde gegen die Gerechtigkeit)

Lässliche Sünden:

  • Leichte Sünden der Unschamhaftigkeit (z. B. bei Kleidung (T-Shirt, das ein wenig eng ist o. Ä.) oder Gesprächen, die noch keinen großen Einfluss darauf haben, sexuelle Gefühle zu erregen)
  • Sich aus zu großer Neugier mit sexuellen Dingen beschäftigen, ohne ein großes Risiko von sexueller Erregung
  • Unkeuschheitssünden ohne vollen Willen oder Bewusstsein (z. B. im Halbschlaf, oder aus einer Sucht heraus – wobei es wohl auch eine schwere Sünde wäre, gar nicht zu versuchen, die Sucht zu bekämpfen, aber bei der Einzelsünde wäre die Schuld gemildert)

Keine Sünden:

  • Gedanken, Gefühle oder körperliche Reaktionen, die man nicht kontrollieren kann und die man einfach ignoriert (oder von denen man sich irgendwie ablenkt, wenn sie stark belastend werden)
  • Nächtliche Pollution
  • Unkeusche Träume
  • Kurze Küsse und Umarmungen vor der Ehe
  • Sich aus medizinischen Gründen Gebärmutter, Eierstöcke o. Ä. entfernen lassen
  • Aus einem vernünftigen Grund NFP (Natürliche Familienplanung) verwenden, um die Kinderzahl zu begrenzen
  • Sich sachlich über Sexualität informieren, z. B. weil man eine medizinische oder moraltheologische Frage klären will
  • Sich vor dem Arzt ausziehen

7. & 10. Gebot: Nicht stehlen; nicht nach dem Gut eines anderen verlangen; allgemeiner: der richtige Umgang mit Eigentum

Schwere Sünden:

  • Diebstahl von größeren Summen (z. B. 200 €) oder serienmäßige kleine Diebstähle
  • Schwere Sachbeschädigung
  • Schwerer Betrug
  • Eindeutig weniger zahlen als den gerechten Familienlohn (d. h. den Lohn, mit dem ein Vollzeitangestellter als Alleinverdiener eine mittelgroße Familie ernähren kann)
  • Wucher (stark überhöhte Preise oder Zinsen)
  • Einen Vertrag nicht einhalten, indem man sehr schlechte Ware oder Arbeit liefert

Lässliche Sünden:

  • Diebstahl von geringen Summen (z. B. 5€) oder Diebstähle unter mildernden Umständen (z. B. etwas von Familienmitgliedern „ausleihen“, ohne zu fragen, oder am Arbeitsplatz Stifte und Kopierpapier mitgehen lassen…)
  • Geliehenes verspätet zurückgeben
  • Mit öffentlichem Eigentum nicht sorgfältig umgehen (z. B. Büchereibücher fahrlässig beschädigen)
  • Ein bisschen Faulheit bei der Arbeit

Keine Sünden:

  • Mundraub (Essen oder andere lebenswichtige Dinge stehlen, weil man weder durch Arbeit noch Betteln etwas bekommen kann)
  • Etwas heimlich an sich nehmen, das einem rechtmäßig sicher gehört, das einem aber vorenthalten wurde und man nicht auf andere Weise bekommen kann

Beim 7. Gebot sei angemerkt, dass für Schaden am Eigentum grundsätzlich eine Wiedergutmachung gegenüber dem Geschädigten moralisch verpflichtend ist; wenn es praktisch nicht gut möglich ist, sie zu leisten, muss man stattdessen den jeweiligen Betrag den Armen spenden.

8. Gebot: Kein falsches Zeugnis ablegen; allgemeiner: Wahrheit, Ehre, Treue, rechter Umgang mit Worten

Schwere Sünden:

  • Lüge, die jemand anderem stark schadet
  • Jemandem eine wichtige Information vorenthalten, die zu erfahren er ein Recht hat
  • Schwere Ehrabschneidung (durch Offenbaren wirklicher Sünden, die zu offenbaren weder notwendig für das Privatwohl noch für das Allgemeinwohl ist)
  • Schwere Verleumdung (durch Verbreiten falscher Behauptungen)
  • „Ohrenbläserei“ bei wichtigen Dingen (d. h. negative Informationen weitertragen („der da hat dich beleidigt“), um Streit zu stiften)
  • Wichtige Geheimnisse ohne guten Grund verraten
  • Schwerwiegende Beschimpfung (=ungerechterweise die Ehre eines anderen angreifen)
  • Völlig grundlos über andere hart urteilen (sog. freventliches Urteil)

Lässliche Sünden:

  • Notlüge, Scherzlüge
  • Jemandem eine unwichtige Information vorenthalten, die zu erfahren er ein Recht hat
  • Ein bisschen Lästern über Kleinigkeiten, ohne dass dabei jemandes Ruf stark geschädigt werden kann
  • Verrat eines unwichtigen Geheimnisses
  • Leichte Beschimpfung
  • Unzureichend begründeten Argwohn hegen

Keine Sünden:

  • Die sog. Mentalrestriktion (nicht die ganze Wahrheit sagen), wenn man einen hinreichenden Grund hat und der andere kein Recht hat, die Wahrheit zu erfahren (z. B. wenn ein Priester über Dinge befragt wird, die er nur aus der Beichte weiß, und dazu sagt „Ich weiß nichts“, mit dem gedanklichen Zusatz „…das ich sagen könnte“)
  • Jemandem, der kein Recht hat, eine Information zu bekommen, diese Information vorenthalten
  • Etwas Schlechtes über jemand anderen öffentlich machen, um jemand anderen vor Schaden zu bewahren, oder wenn derjenige sich um ein Amt bewirbt, für das er unwürdig ist; oder etwas Schlechtes über jemand anderem einem Freund erzählen, um sich bei ihm Rat zu holen…
  • Verrat eines Geheimnisses aus gutem Grund (z. B. um andere vor Schaden zu bewahren)
  • Im Umgang mit anderen vorsichtig sein, weil man nie genau wissen kann, was wirklich in jemandem steckt; hier liegt kein unbegründeter Argwohn oder freventliches Urteil vor, auch nicht, wenn man z. B. speziell bei einer bestimmten Gruppe von Menschen besonders vorsichtig ist; hier wird ja kein Urteil über einen einzelnen gefällt

Kirchengebote – in der Osterzeit die Kommunion empfangen, 1x im Jahr die schweren Sünden beichten, die Fast- und Abstinenztage einhalten, die Kirche finanziell unterstützen

Schwere Sünden:

  • In der Osterzeit nicht die Kommunion empfangen, obwohl es machbar wäre
  • Die schweren Sünden nicht mindestens einmal im Jahr beichten
  • Ohne Entschuldigung am Freitag weder Abstinenz (Fleischverzicht) halten noch ein Ersatzopfer bringen
  • Ohne Entschuldigung die Fasttage (Aschermittwoch und Karfreitag) nicht einhalten
  • Die Kirche überhaupt nicht materiell unterstüzen, obwohl man nicht arm ist

Lässliche Sünden:

  • An Fasttagen zwar Verzicht üben, aber ein klein wenig mehr essen, als man dürfte
  • Sich aus einem zwar nicht ganz frivolen, aber nicht ganz ausreichenden Grund für vom Fasten entschuldigt halten

Keine Sünden:

  • Nicht fasten, weil man schwanger oder krank ist
  • Das Freitagsfasten aus Zerstreutheit vergessen
  • Nicht beichten, weil man nur lässliche Sünden zu beichten hat
  • Nicht öfter als einmal im Jahr beichten und die Kommunion empfangen

Dazu, was gilt, wenn jemand sich in eine größere Versuchung, eine größere Gefahr, eine bestimmte Sünde zu begehen, begibt, und was gilt, wenn jemand an der Sünde eines anderen mitwirkt, wann das alles Sünde ist und wenn ja, wie schwer, habe ich auch schon mal etwas geschrieben. Kurz gesagt: Es kommt auf die Größe der Gefahr bzw. der Mitwirkung und den verhältnismäßigen Grund dazu an.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 10a: Das 4. Gebot – Eltern und Kinder

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Im 4. Gebot – „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – geht es um die Familie; obwohl hier nach dem Wortsinn nur die Pflichten der Kinder gegenüber den Eltern erwähnt werden, hat man darunter auch die Pflichten der Eltern gegenüber ihren Kindern miteinbegriffen, und im erweiterten Sinn auch die Pflichten in größeren Gesellschaften, v. a. dem Staat. In diesem Gebot geht es eigentlich darum, was es bedeutet, als Gemeinschaftswesen zu leben.

Daher hier erst mal ein paar allgemeinere Begründungen:

Nach der katholischen Naturrechtslehre ist es für Menschen natürlich, in Gesellschaft zu leben; Menschen sind auf Kontakt mit anderen ausgerichtet, kommen allein meistens nicht zurecht und werden schon in einer Gemeinschaft geboren (der Familie), die sie sich nicht selber ausgesucht haben und in die sie sich eingliedern müssen. Ohne eine Gemeinschaft können Menschen ihre typisch menschlichen Fähigkeiten (rationales Denken, Sprache, etc.) nicht ausbilden.

Der Moraltheologe Austin Fagothey definiert eine Gesellschaft als „eine bleibende Vereinigung einer Anzahl von Personen, die moralisch verpflichtet sind, unter einer Autorität für ein Gemeinwohl zusammenzuarbeiten“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason. Ethics in theory and practice, 2. Ausg., St. Louis 1959, S. 356). Das Gemeinwohl ist nicht nur die Zusammenfassung des Privatwohls der einzelnen Mitglieder (z. B. dass jeder einzelne von ihnen jeweils genug Nahrung und Besitz hat), sondern etwas, das sie alle gemeinsam genießen können und das nicht dadurch verringert wird, dass man es mit anderen teilt. Güter wie Freundschaft, Ordnung oder Wissen werden nicht dadurch verringert, dass andere auch an ihnen teilhaben, sondern eher vergrößert. Das höchste „Gemeingut“ in gewisser Weise, dem alle Menschen zustreben, ist Gott, die Summe alles Guten.

Die Kirche unterscheidet natürliche Gesellschaften, übernatürliche Gesellschaften und künstliche Gesellschaften. Natürliche Gesellschaften sind Gesellschaften, bei denen es von Gott gewollt ist, dass es sie gibt, und die Menschen nicht komplett beliebig umformen können, und die zunächst einmal auf rein natürliche Ziele ausgerichtet sind (ein friedliches Leben in Gemeinschaft, Ordnung, Gerechtigkeit… und als höchstes Ziel die natürliche Erkenntnis Gottes). Das sind zwei Gesellschaften: Familie und Staat. Die einzige übernatürliche Gesellschaft ist die Kirche; sie ist auf noch direktere Weise von Gott eingesetzt worden und auf ein übernatürliches Ziel ausgerichtet, nämlich auf die Anschauung Gottes, darauf, ihre Mitglieder in den Himmel zu führen, und hat die direkte Offenbarung von Gott zur Hilfe, nicht nur die natürlichen Kräfte der Vernunft. Dann gibt es noch quasi „künstliche“ Gesellschaften; das sind alle anderen Gesellschaften. Künstlich ist hier nicht abwertend gemeint; es sagt einfach nur, dass sie von Menschen begründet wurden und abänderbar sind. Dazu gehören z. B. Gewerkschaften und Vereine.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den künstlichen Gesellschaften auf der einen Seite und den natürlichen und übernatürlichen Gesellschaften auf der anderen Seite ist, woher die Autorität in ihnen kommt. Bei Staat, Familie und Kirche ist diese Autorität direkt von Gott gewollt und man kann sich nicht aussuchen, ob man überhaupt eine Autorität haben will oder nicht. Das heißt nicht, dass der Inhaber der Autorität direkt von Gott ausgewählt wird. Um den Unterschied deutlich zu machen: Wenn jemand ein Kind zeugt, wird er dadurch zum Vater und hat eine gewisse Autorität und Fürsorgepflicht in Bezug auf das Kind, und Gott stützt und bejaht diese konkrete Autorität und Verantwortung dieses konkreten Vaters, unabhängig davon, ob es eine gute Idee für ihn war, Kinder zu bekommen, oder ob er als Vater auch Fehler macht (diese Fehler unterstützt Gott nicht, aber sie machen ihn nicht zum Nicht-Vater). Und genauso sieht es aus, wenn jemand Staatsoberhaupt oder Regierungsmitglied wird: Damit bekommt er eine objektive Autorität und Verantwortung, für die ihn Gott wiederum zur Verantwortung ziehen wird und die Gott auch stützt. Er hat damit einen Anspruch auf Gehorsam vonseiten der Staatsbürger, die irgendwer anders nicht hat. (Jedenfalls solange er keine Gesetze einführen will, die gegen Gerechtigkeit und Allgemeinwohl verstoßen: „Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz“. Gegen solche Gesetze ist zumindest passiver Widerstand erlaubt, und im alleräußersten Notfall, wenn eine Regierung sich völlig gegen das Gemeinwohl wendet und nur noch willkürlich und tyrannisch ist, während sie ihre eigentlichen Aufgaben vernachlässigt, wäre auch die Absetzung einer Regierung und die Einführung einer neuen Staatsverfassung erlaubt – genauso, wie man, wenn es entsprechend schlimm wird, Kinder aus ihrer Familie nehmen und die Vormundschaft jemand anderem übertragen darf, weil die Eltern durch die Verletzung ihrer Pflichten ihre Rechte verspielt haben.)

Wie Familien ihre Angelegenheiten unterschiedlich regeln können, können das auch Staaten. Ob es eine Monarchie oder eine Republik ist, oder ein parlamentarisches oder präsidiales System, ist nicht so wichtig. Ein Staatsoberhaupt kann durch Erbfolge bestimmt werden, durch ein Gremium oder eine Gruppe gewählt werden, durch das Volk gewählt werden, oder sonstwie bestimmt werden. Aber in jedem Fall ist dann seine Autorität von Gott gewollt und gestützt, genau wie die Autorität der Eltern von Gott gewollt und gestützt ist, egal auf welche Weise sie Eltern geworden sind und wie genau sie ihre Familie leiten.

Bei einer künstlichen Gesellschaft dagegen bekommt die Autorität ihre Berechtigung durch die Mitglieder: z. B. dadurch, dass sie denjenigen wählen, oder sich damit einverstanden erklären, dass er durch Losentscheid bestimmt wird, oder einen Arbeitsvertrag mit ihm unterschreiben.

Jetzt also zu den Pflichten in der Familie.

Es geht bei den Pflichten speziell gegenüber den Eltern nicht nur um Respekt und Gehorsam in der Kindheit – das natürlich auch – sondern auch um Respekt und Fürsorge für die Eltern, wenn man erwachsen ist und sie alt sind. Die richtige Haltung gegenüber den Eltern wird als die Tugend der pietas (Pietät) bezeichnet, was meint, die Eltern besonders zu ehren, da man von ihnen herkommt, und Dankbarkeit für ihre Mühen usw. einschließt. Die Eltern wiederum haben vor allem Pflichten in Bezug darauf, ihre Kinder zu lieben, für sie zu sorgen, sie auf ihr Leben vorzubereiten, und vor allem, ihnen den Glauben zu vermitteln; sie haben sie ja als abhängige, schwache Wesen in die Welt gebracht. In der Familie gibt es natürlich auch Pflichten zwischen Ehemann und Ehefrau; aber auf dieses Thema, und anderes, was die Ehe angeht, will ich in einem anderen Artikel eingehen.

Heribert Jone schreibt über die Familie:

Viertes Gebot

Das vierte Gebot bestimmt ausdrücklich die Pflichten, welche die Kinder gegen die Eltern haben. Damit verwandt sind die Pflichten gegen alle jene, die an der elterlichen Autorität irgendwie Anteil haben, sowie die Pflichten, welche Eltern und Vorgesetzte gegen ihre Untergebenen haben, also alle Pflichten in der Familie und im Staate.

Erstes Kapitel

Die Pflichten in der Familie

I. Die Pflichten der Kinder gegen die Eltern. Aus Pietät schulden die Kinder den Eltern:

1. Ehrfurcht, und zwar sowohl in der inneren Gesinnung als auch im äußeren Betragen.

Eine Verletzung der Ehrfurcht findet statt durch innere Verachtung, beleidigende Reden, geringschätzige Haltung, Schlagen. Auch eine unbedeutende aber ernsthafte Mißhandlung kann schwere Sünde sein. [Gemeint ist hier: Eine Misshandlung, die den Eltern nicht stark körperlich schadet – z. B. leichtes Schlagen, Stoßen o. Ä. -, das aber schwere Verachtung verkörpert, was sehr leicht einzusehen ist.] Gegen die Ehrfurcht sündigt man auch, wenn man sich seiner Eltern schämt, sie verleugnet wegen ihres niedrigen Standes, wegen ihrer ärmlichen Kleidung und dergl. – Nicht gegen die Ehrfurcht aber ist es, wenn jemand seine Eltern, welche den Verstand verloren haben (z. B. wegen Irrsinn, Alter, Trunkenheit) in guter Absicht mit Gewalt, aber ohne innere Verachtung an etwas hindert. Dasselbe gilt, wenn jemand aus einem gerechten Grund (z. B. Verbrechen der Eltern) die Eltern nicht bei sich haben will, vorausgesetzt, daß er ihnen die nötige Unterstützung zukommen läßt.

2. Liebe in der Gesinnung und in der Tat.

Sünden gegen die schuldige Liebe sind: Unwille, Haß, Verwünschung, üble Nachreden, kränkende Worte und Handlungen, Verursachung von Kummer, Unterlassung des Gebetes sowie der Unterstützung bei seelischer und leiblicher Not. – Befinden sich die Eltern in schwerer Not, so dürfen die Kinder nicht ins Kloster gehen, wenn sie ihnen durch das Verbleiben in der Welt helfen können (vgl. auch Nr. 255). – Eine Pflicht, nach dem Tode der Eltern ihre Schulden zu bezahlen, besteht nicht, wenn man von den Eltern nichts geerbt hat, selbst dann nicht, wenn die Schulden für die Erziehung der Kinder gemacht wurden (vgl. auch Nr. 321).

3. Gehorsam in allen erlaubten Dingen [gemeint ist mit „erlaubten Dingen“: Dinge, die keine Sünde sind], die sich auf ihre Erziehung, sowie auf die häusliche Ordnung beziehen.

Ungehorsam ist eine schwere Sünde, wenn es sich um etwas Wichtiges handelt und die Eltern ein wirkliches Gebot geben. – In Erziehungsfragen dauert die Pflicht des Gehorsams bis zur Großjährigkeit. – Minderjährigen ist es daher nicht erlaubt, gegen den Willen der Eltern eine bestimmte Arbeit zu übernehmen oder in Dienst zu gehen. In der Berufswahl aber sind sie frei. [Gemeint dürfte sein: Auch wenn man einen bestimmten Ausbildungsvertrag bei einem bestimmten Arbeitgeber nicht gegen den Willen der Eltern unterzeichnen darf, darf man sich selbst aussuchen, dass man Bäcker werden will und nicht Schreiner, wenn die Eltern wollen, dass man Schreiner wird.] – Auch Großjährige müssen, solange sie im Elternhause wohnen, gehorchen in Dingen, die sich auf die häusliche Ordnung beziehen, z. B. abends zeitig nach Hause kommen. – Vor der Heirat sollen die Kinder den Rat ihrer Eltern einholen. Wenn sie aber selbst auf einen vernünftigen Rat nicht hören, begehen sie gewöhnlich nur eine lässliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 199)

Als schwere Sünden hätten wir also Dinge, die in schwerwiegender Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam verstoßen, z. B.:

  • Ungehorsam bei einem wirklichen Befehl in wichtigen Dingen
  • Jede Form von körperlicher Misshandlung
  • Zeigen von deutlichem Hass oder Verachtung, z. B. den Eltern wünschen, dass sie tot umfallen, oder sich gezielt mit etwas über sie lustig machen, bei dem man weiß, dass es sie schwer verletzt
  • Vernachlässigung bei schwerer seelischer oder materieller Not (Vernachlässigung in schwerer seelischer Not wäre z. B., den sterbenden katholischen Eltern keinen Priester zu rufen)
  • ihnen schwere Sorgen bereiten, z. B. weil man sie komplett aus seinem Leben ausschließt, nachdem sie irgendeine Lebensentscheidung von einem nicht gutgeheißen haben
  • nie für sie beten

Als lässliche Sünden hätten wir Dinge, die in leichterer Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam verstoßen, z. B.:

  • unnötige Streitereien mit den Eltern im „normalen“ Rahmen, nicht ernst gemeinte Beleidigungen im Affekt, wenig schwerwiegende Beleidigungen
  • rein innerliche Verachtung (wobei es möglich ist, dass die in besonders schwerwiegenden Fällen schwerwiegend wird)
  • missmutiger Gehorsam
  • Ungehorsam in wenig wichtigen Dingen
  • Handlungen, von denen man weiß, dass die Eltern sie nicht so gut finden, die sie aber nicht wirklich verbieten wollten (wenn diese Handlungen nicht schon von sich aus Sünde sind)
  • ein paar Tage nicht für die Eltern beten, weil man wegen einem Streit mit ihnen beleidigt ist
  • den Eltern leichte Sorgen bereiten, weil man in schulischen Dingen etwas zu nachlässig ist
  • eine gewisse Nachlässigkeit oder Unsensibilität gegenüber den Eltern

Keine Sünden sind z. B.:

  • eine andere Meinung haben als seine Eltern, mit ihnen friedlich darüber diskutieren (wobei man als Minderjähriger ihre praktischen Entscheidungen am Ende akzeptieren muss)
  • über eine ungerechte Entscheidung der Eltern innerlich wütend sein
  • sich als Erwachsene nicht von seiner alten Mutter in allen Einzelheiten vorschreiben lassen, wie man den Haushalt erledigt
  • seinen Eltern nicht alle persönlichsten Gefühle erzählen wollen
  • nicht viel Kontakt zu seinen alten Eltern haben, die einen nur kritisieren und heruntermachen und immer eins ihrer anderen Kinder vorgezogen haben
  • jemanden zu heiraten, den die Eltern aus ungerechtfertigten Gründen nicht mögen
  • versehentlicher „Ungehorsam“ aus Vergesslichkeit

Zur Unterscheidung von schwerwiegenden und noch lässlichen Beleidigungen schreibt der hl. Alfons von Liguori: „Daher sagt Roncaglia richtigerweise, dass in der Praxis jener nicht von Todsünde entschuldigt ist, der seine Mutter ‚verrückt‘, eine ‚Trinkerin‘, eine ‚Schlampe‘, eine ‚Hexe‘ oder eine ‚Diebin‘ nennt, und ähnliche Dinge. Aber einer, der nur sagt, sie sei ‚alt‘, ‚dumm‘ oder ‚ahnungslos‘ und ähnliche Dinge, kann, denke ich, nicht absolut wegen einer Todsünde verurteilt werden, es sei denn, die Eltern würden durch diese Worte schwer verletzt. Außerdem würde der Sohn schwer sündigen, der seinen Eltern ständig eine schlechte Gesinnung zeigt, oder auf bittere Weise mit ihnen spricht, um ihnen zu zeigen, dass er sie hasst.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis – Moral Theology, Bd. 2, Buch IV, ins Englische übersetzt von Ryan Grant, Mediatrix Press 2017, S. 362 (Übersetzung ins Deutsche von mir).) D. h. im Endeffekt, es kommt darauf an, ob Beleidigungen (auch je nach Kultur) als schwer verletzend verstanden werden, wirklich starke Abneigung kommunizieren, oder eben nicht; und auch, ob man eine konstante verletzende Haltung zeigt, oder einem nur ab und zu in einem Streit eine Beleidigung herausrutscht. (Es geht hier darum, ob etwas objektiv eine schwere Verletzung ausdrückt; es gibt ja auch Leute, die auch dann schwer beleidigt sind, wenn ein anderer nur ganz leichte Kritik angedeutet hat.) Außerdem sagt der hl. Alfons, dass Verwünschungen, mit denen man nicht ernstlich Böses wünscht, lässliche Sünde, und solche, mit denen man Böses wünscht, schwere Sünde sind.

Zum Ungehorsam sagt er: „Ein Sohn sündigt schwer gegen den Gehorsam: a) wenn er in einer wichtigen Angelegenheit ungehorsam ist in Bezug auf jene Dinge, die die Ordnung des Hauses, die guten Sitten oder das Seelenheil betreffen […]

Daher ist ein Sohn gehalten, seinen Eltern zu gehorchen in den Dingen, die gerade erörtert wurden, und er sündigt schwer durch eine eigene Art von Sünde, die in der Beichte erwähnt werden muss, wenn die Angelegenheit wichtig war und die Eltern auf eine ernsthafte Weise ein ausdrückliches Gebot gegeben haben. Es ist anders, wenn die Eltern sie nur gewarnt haben, wie die Autoren sagen […] Cardinal de Lugo, de poenit. d. 16 n. 226 und Bonacina eod. tit. part. 6 n. 3, mit Navarre und Rodriguez, fügen hinzu, dass der Sohn diese spezielle Sünde begeht, wenn die Eltern etwas befehlen, bei dem sie beabsichtigen, ihn zum Gehorsam zu verpflichten. Oder vielmehr sagen die Autoren, dass der Sohn dann sündigt, wenn er dieses Gebot für gewöhnlich übertritt; es ist anders, wenn es gelegentlich einmal aus Nachlässigkeit geschieht […].

Anbei müssen wir hier darauf hinweisen, dass die Söhne nicht in den Dingen gehorchen müssen, die die Wahl eines Standes betreffen. Daher sündigen Eltern schwer, wenn sie ihre Söhne, selbst indirekt, gegen ihren Willen zwingen, einen Stand zu wählen, ob Ordensleben, Klerikerstand oder Ehe, oder auf der anderen Seite, wenn sie sie ungerechterweise, selbst ohne Gewalt oder Täuschung, ohne gerechten Grund von Ordensleben, Klerikerstand oder Ehe fortzwingen, da Eltern besonders verpflichtet sind, das geistliche Wohl ihrer Söhne im Auge zu haben […] Daher darf ein Sohn, wenn er denkt, dass er von Gott zu Ordensleben oder Klerikerstand berufen ist und weiß, dass seine Eltern ihn ungerechterweise daran hindern werden, die Sache verheimlichen und den göttlichen Willen ausführen.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis, S. 365-367)

Dominikus Prümmer meint über den Gehorsam: „Es ist schwierig, zu bestimmen, was schwerwiegende Materie bei Verstößen gegen den geschuldeten Gehorsam ausmacht. Wenn allerdings der Akt des Ungehorsams den Eltern oder dem Kind bedeutenden Schaden verursacht, ist die Sünde sicher schwer.“ (Dominikus Prümmer, Handbook of Moral Theology, aus dem Lateinischen ins Englische übersetzt von Gerald W. Shelton, Mercier Press 1956, S. 212 (Übersetzung ins Deutsche von mir).)

Es wurde gesagt, dass Ungehorsam dann Sünde ist (lässlich oder schwer), wenn die Eltern ihren minderjährigen Kinder etwas bezüglich der Erziehung oder der häuslichen Ordnung befehlen, das keine Sünde ist. Eltern haben also eine ziemlich weite, aber keine unbegrenzte Befehlsgewalt: Sie können einen z. B. nicht zwingen, ihnen alles zu erzählen, das man vorhin seinem Beichtvater erzählt hat. Generell ist es außerdem so, dass – wie bei jeder Autorität – Befehle, die völlig nutzlos, schädlich, entwürdigend sind, nicht im Gewissen verpflichten; freilich wird man in vielen Fällen sagen müssen, dass die Eltern wahrscheinlich besser wissen, was schädlich und was nicht schädlich ist und das Kind vielleicht gar nicht verstehen kann, wieso es etwas scheinbar Nutzloses jetzt tun soll. Aber natürlich gibt es auch Fälle, wo etwas ganz klar schädlich ist (z. B. wo ein Kind durch den Rat sämtlicher anderer Vertrauenspersonen, sagen wir, des Priesters und zweier erwachsener Geschwister und der Tante, wissen kann, dass etwas ziemlich sicher schlecht ist). Sagen wir, eine 17jährige nimmt seit Jahren Medikamente gegen eine chronische Krankheit, die ihr sehr helfen, und plötzlich ist ihre Mutter der Meinung, sie solle sie absetzen, weil alle „Chemie“ schlecht wäre. In dem Fall wäre die Tochter im Recht, wenn sie die Medikamente heimlich weiter nehmen würde. Auch bei physischer oder moralischer Unmöglichkeit verpflichten Gebote nicht. (Moralische Unmöglichkeit bedeutet in etwa: Die Beobachtung eines Gebots erfordert völlig unverhältnismäßige Mühe, kann jemandem nicht zugemutet werden.) Die Eltern haben ihre Autorität dafür, für das Wohl des Kindes zu sorgen, und wenn sie sie entgegen diesem Zweck verwenden, verlieren sie den Anspruch auf Gehorsam.

Es wurde gesagt, dass die Kinder in der Standeswahl frei sind; aber solange sie noch minderjährig sind, dürfen die Eltern ihnen tatsächlich manches verbieten, was auf die Standeswahl vorbereitet (z. B. sich weiter mit einem Freund zu treffen, den sie für einen schlechten Einfluss halten; in dem Fall muss man auch davon ausgehen, dass die Eltern mehr Weitblick haben); auch ihren minderjährigen Kindern dürfen sie aber natürlich keine Standeswahl aufzwingen oder sie endgültig von einer abhalten. (Da fällt mir übrigens eine schöne Geschichte über den jungen J. R. R. Tolkien ein: Als er noch minderjährig war, traf er sich öfter mit einem Mädchen, das etwas älter als er und außerdem Protestantin war; sein Vormund verbat ihm schließlich den Kontakt mit ihr. Tolkien gehorchte. An seinem 21. Geburtstag (damals war man mit 21 volljährig) schrieb er ihr wieder, sie trafen sich, ein Jahr später konvertierte Edith zum Katholizismus, zwei weitere Jahre später heirateten sie und hatten eine sehr lange, glückliche Ehe.)

Bei der Versorgung der alten Eltern ergeben sich manche Fragen: Was ist z. B., wenn die Kinder die Eltern nicht bei sich zu Hause haben wollen, weil sie aus weniger wichtigen Gründen keine Lust darauf haben, aber ihnen einen Heimplatz bezahlen? Da hier die Gefahr von Vereinsamung und Vernachlässigung nicht gerade abwegig ist, würde ich das nicht als einfach so in Ordnung sehen, aber weiß nicht, ob man es schon als schwere Sünde bezeichnen kann; freilich müssten die Kinder ihre Eltern zumindest öfter besuchen, auch, um einigermaßen sicherzustellen, dass das Pflegepersonal anständig mit ihnen umgeht, aber auch dann wäre es zumindest aus meiner subjektiven Sicht noch problematisch. Seine Eltern in ein Heim zu geben, weil sie ständige Pflege brauchen, die man selbst nicht leisten kann, oder weil ihnen selber das sogar lieber ist, ist offensichtlich keine Sünde (wobei es auch da eine Sünde wäre, sie nie zu besuchen, wenn man es kann); es ist auch keine Sünde, wenn man aus gerechtfertigten Gründen nicht mit ihnen zusammenleben will (z. B. bei Eltern, die einen immer schlecht und geringschätzig behandelt haben).

Für katholische Kinder mit nichtkatholischen oder nur kulturkatholischen Eltern könnte sich auch die Frage ergeben: Vernachlässige ich meine Eltern in seelischer Not, wenn ich nicht genug Mühe aufwende, sie vom Glauben zu überzeugen? Ich denke, das Wichtigste hier ist, sie ins tägliche Gebet einzuschließen, und offen dafür zu sein, mit ihnen über Gott zu reden, wenn sie offen dafür sind – durchaus auch mal von sich aus, sie z. B. in die Kirche einzuladen, aber man muss nicht ständig Diskussionen vom Zaun brechen, wenn man merkt, dass sie nicht bereit dafür sind und schlecht reagieren. (Dasselbe gilt bei anderen Familienmitgliedern.)

Franz von Defregger, Tischgebet. Gemeinfrei.

Dann zu den Pflichten der Eltern. Jone schreibt:

II. Die Pflichten der Eltern gegen die Kinder.

1. Liebe.

Die Liebe ist die Grundpflicht, welche die Eltern gegen die Kinder haben. Aus ihr ergeben sich alle anderen Pflichten.

2. Sorge für Leben, Gesundheit und Fortkommen.

Vor der Geburt muß alles vermieden werden, was der Leibesfrucht schädlich ist. Nach der Geburt soll die Mutter selbst ihr Kind stillen. Durch Nichterfüllung dieser Pflicht wird dem Kinde gewöhnlich ein großer Schaden zugefügt; trifft diese Voraussetzung zu, dann sündigt die Mutter schwer, wenn sie sich ihrer Pflicht entzieht, trotzdem sie durch keinen entsprechend schwerwiegenden Grund entschuldigt ist. – Hierher gehört auch die Sorge für Nahrung, Kleidung und Wohnung, sowie die Pflicht, durch Arbeit und Sparsamkeit womöglich eine materielle Sicherung für die Zukunft der Kinder zu schaffen. – Für den Unterhalt der unehelichen Kinder müssen an sich Vater und Mutter in gleicher Weise aufkommen. In den meisten Staaten aber ist durch das Gesetz in erster Linie dem Vater die Pflicht auferlegt, für das uneheliche Kind zu sorgen. Nach erfolgtem Richterspruch ist der Vater auch im Gewissen dazu verpflichtet. Näheres vgl. Nr. 357.

3. Erziehung der Kinder

Die Eltern haben ein naturhaftes, unverletzliches Recht und die Pflicht zur guten Erziehung ihrer Kinder. Kraft dieser Pflicht müssen die Eltern ihre Kinder standesgemäß ausbilden lassen, sie frühzeitig an Arbeit und Selbsttätigkeit gewöhnen, besonders aber für ihr sittliches [=moralisches] und ewiges Wohl sorgen. Besonders aus letzterer Pflicht entspringt auch die Pflicht eines guten Beispiels, der Zurechtweisung und der Wachsamkeit. Im Interesse einer katholischen Erziehung ist auch der Besuch katholischer Schulen Pflicht. Nach can. 1347 [im alten Codex des Kanonischen Rechts] dürfen katholische Kinder keine akatholischen, neutralen oder Simultanschulen besuchen. Nur der Ortsordinarius [=Bischof] kann entscheiden, unter welchen Umständen und Vorsichtsmaßnahmen der Besuch derartiger Schulen geduldet werden kann.

Anmerkung. Dadurch, daß die Eltern den Lehrern und Erziehern einen Teil ihrer Autorität übertragen, entstehen zwischen letzteren und den Kindern in manchen Punkten ähnliche Pflichten wie zwischen Eltern und Kindern.

Die Kinder schulden den Lehrern daher Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam in Dingen, die sich auf das Studium und die guten Sitten beziehen. – Die Lehrer haben die Gerechtigkeits- und Liebespflicht, den Kindern die entsprechenden Kenntnisse und eine gute Erziehung zu vermitteln.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 200)

Der hl. Alfons schreibt u. a.:

„Eine Mutter ist gehalten (aber unter lässlicher Sünde) ihr Kind mit ihrer eigenen Milch zu stillen, außer sie hat eine gerechte Entschuldigung. […] Aber dann ist sie unter schwerer Sünde gehalten, eine gute Amme zu suchen. […] Der Vater ist gehalten, für den Lebensunterhalt seiner Kinder zu sorgen, nicht nur der ehelichen, sondern auch der unehelichen (wo wir sehen, dass das bürgerliche Gesetz vom kirchlichen korrigiert wird, nach Cum haberet), das heißt, für Essen, Trinken, Kleidung und anständige Kenntnisse, je nach ihrem Stand. […] Zuletzt ist er gehalten, eine Mitgift für seine Tochter bereitzustellen.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis, S. 368f.) Außerdem sagt er, dass die Eltern nur aufgrund eines besonderen Grundes ihre Kinder aus dem Haus werfen (und ihnen dann aber ihren Unterhalt für ein Leben außerhalb bereitstellen) dürften.

Zur Erziehung sagt er: „Eltern sind durch eine schwerwiegende Verpflichtung gehalten, ihre Kinder persönlich oder durch andere in Angelegenheiten zu belehren, die zum Heil notwendig sind. Daher sündigen sie schwer: a) Wenn sie nicht zusehen, dass ihre Kinder moralisches Verhalten lernen, die christliche Lehre oder die Grundlagen des Glaubens lernen, die Gesellschaft schlechter Kinder vermeiden, die Gebote Gottes und der Kirche beachten, die Sakramente empfangen und Sünden vermeiden (Azor, Filliuci, Bonacina, l. c.); b) Wenn sie sie nicht von Gelegenheiten zur Sünde abkehren oder ihnen erlauben, Zeit an verdächtigen Orten oder Häusern zu verbringen (Trullenchus, t. 1 d. 3 n. 4); c) Wenn ihre Kinder durch ihren Rat oder ihr schlechtes Beispiel verdorben werden; d) Wenn sie zügellose Kinder nicht ermahnen und züchtigen, aber maßvoll.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis, S. 371)

Die rein irdischen Pflichten sind relativ offensichtlich und werden ja auch von den meisten Eltern erfüllt: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Sorge dafür, dass das Kind einen anständigen selbstständigen Platz in der Gesellschaft finden kann, wenn es erwachsen ist (was z. B. heißt, dass die Eltern darauf schauen sollen, dass die Kinder in der Schule einigermaßen mitarbeiten, sich Gedanken um einen Ausbildungsplatz machen, usw.; und früher z. B. bei Töchtern auch hieß, ihnen eine Mitgift bereitzustellen, wie der hl. Alfons erwähnt). Am schwierigsten ist wahrscheinlich zu bestimmen, wie es mit den Sünden bei der Sorge für ungeborene Kinder oder Säuglinge aussieht, weil die relativ leicht zu gefährden sind – z. B. wenn eine Mutter in der Schwangerschaft öfter gegen den Rat des Arztes schwere Sachen hebt oder das Kind mit der Flasche füttert, statt es zu stillen. Ich bin keine Ärztin oder Hebamme oder Mutter und kann nicht bestimmen, wie gut heute Milch aus der Flasche ist, aber da generell bei mit der Flasche gefütterten Kindern manche Krankheiten häufiger sind, wäre es wohl schon zumindest eine lässliche Sünde, ein Kind nicht zu stillen, wenn es vernünftigerweise machbar ist. Bei ungeborenen Kindern kann man sagen, dass alles, was das reale Risiko einer Fehlgeburt mit sich bringt, nur aus ernsthaftem Grund getan werden dürfte. Natürlich kann man nicht alle Risiken vermeiden und auch bei einer vorsichtigen Mutter kann es eine Fehlgeburt geben.

Das Gebot der Liebe verlangt natürlich mehr als nur die rein materielle Versorgung, sondern auch Interesse, Zuwendung. „Die Liebe, die sie zu zeigen verpflichtet sind, muss sowohl affektiv [gefühlsmäßig] als auch effektiv [in Taten] sein, sodass Eltern nicht nur allen Hass und Übelwollen vermeiden müssen, sondern ihren Kindern auch Gutes wollen müssen, sie gut behandeln und ihnen in Not helfen müssen.“ (Prümmer, Handbook of Moral Theology, S. 213)

Als schwere Sünden könnte man sich z. B. folgendes vorstellen, was die Liebe schwer beeinträchtigt:

  • Vernachlässigung (z. B. Unterernährung, mit dem Kind fast nie zum Arzt gehen, wenn es krank ist)
  • Gewohnheitsmäßiges Hintansetzen und verbales Piesacken eines Kindes und Vorziehen eines anderen
  • Rauchen und Trinken in der Schwangerschaft

Leichte Sünden wären so etwas wie:

  • Gelegentliche Ungeduld mit den Kindern
  • Meistens Fertigessen auf den Tisch bringen
  • Mal nicht viel Aufmerksamkeit für ihre Fragen über die Hausaufgaben aufbringen, weil man gerade Zeug auf Instagram lesen will

Die Eltern müssen dann (was schwieriger ist), was Glaube und Moral angeht, darauf schauen, dass ihre Kinder wissen, was und wieso sie glauben sollen, sie zu anständigem Verhalten anhalten, dafür sorgen, dass sie getauft und gefirmt werden, mit zur Messe kommen, auch mal zur Beichte gehen, sie von schlechten Freunden fernhalten, ihnen ein gutes Beispiel geben (z. B. gemeinsam mit der Familie beten, Verzeihung üben, ehrlich sein…): sprich, ihren Kindern eine gute Chance auf den Himmel mitgeben. Einfach zu sagen, dass ein Kind später selber herausfinden soll, was es glauben will und was gut für es ist, wäre eine extreme Vernachlässigung; wie wenn man Kindern keine Liebe zeigt, damit sie sich später selbst für Liebe entscheiden, oder ihnen keine Sprache beibringt, weil sie selber wissen müssten, welche Sprache sie lernen wollen. Eltern sind natürlich nicht allmächtig; und es kann immer auch mal passieren, dass Kinder vom Glauben abfallen, obwohl sie alle Gründe dafür kennen und gute Vorbilder hatten, weil sie sich z. B. anpassen wollen. Aber Eltern haben hier eine wichtige Pflicht und können viel bewirken.

Auch hier ist es natürlich eine Frage des Grades, was schwere und was lässliche Sünden sind, und die Abgrenzung wird manchmal nicht so einfach sein. Eine schwere Sünde könnte es z. B. vermutlich sein, sich gar nicht dafür zu interessieren, wo die Kinder ihre Zeit verbringen; oder sich zu denken, dass sie schon im Religionsunterricht das Wichtigste über den Glauben lernen werden und man selber sich da heraushalten kann; oder ihnen einfach durchgehen zu lassen, dass sie andere Kinder mobben und irgendwann kriminell werden; oder sie nicht taufen zu lassen. (Die Taufe sollte so bald wie möglich nach der Geburt stattfinden. „Nach vielen Autoren ist es eine Todsünde, wenn die Taufe ohne Grund über einen Monat verschoben wird, oder mit Grund über zwei Monate.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologe, Nr. 476))

Man müsste auch hinzufügen, dass die Eltern eine ganz besondere Pflicht in Bezug darauf haben, den Internetgebrauch ihrer Kinder zu regeln, da inzwischen Kinder im Durchschnitt mit elf oder zwölf Jahren auf Pornographie stoßen und v. a. Jungen sehr schnell davon abhängig werden, und es ja auch sonstige Gefahren gibt, wie Grooming durch Pädophile. (Es braucht natürlich Internetfilter, auch wenn die nicht perfekt sind. Außerdem könnte man ihnen z. B. keine internetfähigen Handys kaufen und ihnen nur erlauben, an einem Computer, der fest im Wohnzimmer steht, ins Internet zu gehen, wobei nur die Eltern das Passwort kennen und sie ihn nicht einschalten können, wenn sie allein zu Hause sind (als Beispiel). Aber natürlich muss man auch früh genug mit den Kindern über solche Dinge reden, sie über Gefahren aufklären und eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufbauen, sollte aber auch nicht unterschätzen, wie neugierig, naiv und leicht beeinflussbar auch gut aufgeklärte Kinder sein können.) In dem Fall bringt es nichts, zu sagen, hier soll man nicht paranoid sein; in manchen Situationen ist die Welt eben verdreht genug geworden, dass man ein bisschen paranoid sein muss. Und es ist besser, dass ein Junge sich mit 13 beschwert, dass er kein Smartphone bekommt, als dass er mit 19 dagegen kämpfen muss, eine langjährige Pornosucht loszuwerden.

Mit der katholischen Erziehung und Bildung ist es heute natürlich generell ziemlich schwierig; früher konnte man bei der örtlichen katholischen Schule einfach darauf vertrauen, dass im Grunde schon nichts Falsches unterrichtet werden würde, und die Kirche bestand auch gegenüber den Regierungen darauf, dass katholische Schulen für katholische Kinder zur Verfügung stehen müssten. Heute ist die Situation eher so, dass man darauf vertrauen kann, dass die durchschnittliche Schule dem Kind schaden wird, und man wenige Alternativen hat.

Daher ein paar persönliche Überlegungen, die im Grunde nichts mit Moraltheologie zu tun haben, aber vielleicht ein paar Leuten helfen könnten, die schon mal hier sind:

Wenn man keine gute Schule in der Nähe zur Verfügung hat, kann man das natürlich durch andere katholische Gruppen ausgleichen, in denen die Kinder mit anderen katholischen Kindern und Jugendlichen zusammenkommen – z. B. die KPE (Katholische Pfadfinderschaft Europas; mit der FSSP (Petrusbruderschaft) verbunden), die Christkönigsjugend (auch mit der FSSP verbunden) oder die KJB (Katholische Jugendbewegung; von der FSSPX (Piusbruderschaft)*). (Eine Möglichkeit, Kindern wenigstens theoretisches Glaubenswissen zu vermitteln, wäre der Fernkatechismus der Ordensschwestern der FSSPX.) Wenn man weniger tradimäßig unterwegs ist, wäre die Jugend2000 mit ihren Prayerfestivals etc. gut. Auch nicht rein kirchliche Gruppen, in denen man sich für etwas engagieren kann, wie die Jugend für das Leben, gäbe es noch. Natürlich kommen gute Gruppen in einzelnen Pfarreien hinzu; aber dass man sich auf die Ministrantengruppen in der Durchschnittspfarrei nicht verlassen kann, versteht sich von selbst. Dass das Kind nicht nur von seinen Eltern, von denen es sich irgendwann abgrenzen wird, das Richtige theoretisch lernt, sondern auch von Gleichaltrigen praktisch unterstützt wird, ist schon wichtig.

Aber wenn man wirklich für eine katholische Bildung sorgen will und dafür zu „radikaleren“ Schritten bereit ist, gäbe es z. B. folgende Möglichkeiten:

1. Kindergärten und Schulen der FSSPX (Piusbruderschaft). Für Eltern mit geringem Einkommen kann das Schulgeld erlassen werden. Man kann in die Nähe einer der Schulen ziehen und/oder die Kinder ab der 5. Klasse in eins der Internate geben, wenn man nicht in der Nähe der Schule wohnen kann (alle Zweige außer Förderschule im deutschsprachigen Raum vorhanden; hier ein Schaubild). Ich habe von einer Familie aus dem Saarland schon von sehr guten Erfahrungen mit diesen Schulen gehört; auch die pädagogischen Konzepte (nach dem hl. Don Bosco und Maria Montessori) wirken überzeugend.

2. In ein Land ziehen, in dem Homeschooling erlaubt ist, wie Österreich, die Schweiz (je nach Kanton), Liechtenstein (mit Einschränkungen), oder auch andere mit deutschsprachiger Minderheit wie Luxemburg, Frankreich (Elsass-Lothringen), Italien (Südtirol). Für manche könnten auch englischsprachige Länder eine Alternative sein.

Homeschooling ist tatsächlich in fast allen Ländern außerhalb von Deutschland erlaubt, sorgt im Durchschnitt für überdurchschnittliche Lernergebnisse, man kann auf die Eigenheiten der Kinder eingehen, das Lerntempo anpassen und Begabungen fördern; und das Kind geht nicht in einer Klasse unter und hat auch weniger Stress. Und die Sozialisation? Ja, sperrt man seine Kinder denn ein? Homeschool-Kinder kommen meistens schneller mit dem Stoff durch und haben mehr Zeit für Vereine, Freunde und Hobbies. Außerdem haben sie meistens Geschwister, mit denen sie sich beim Homeschooling mehr beschäftigen werden. Homeschoolfamilien vernetzen sich auch untereinander. Damit entgeht man auch all den Problemen, die es in Schulen mit Mobbing geben kann; Kinder können doch sehr grausam sein.

Ggf. kann man zwischen diesen beiden Varianten wechseln, wenn z. B. ein Kind sich im Internat nicht wohl fühlt oder ein anderes statt Homeschooling mehr Kontakt zu anderen Kindern will.

Vielleicht wären an manchen Orten evangelikale Privatschulen, die auch Kinder anderer Konfessionen aufnehmen, das geringere Übel gegenüber staatlichen Schulen, aber auch hier muss man natürlich vorsichtig sein, dass die Kinder nicht von der ganzen evangelikalen Atmosphäre geprägt werden, und man keine Glaubensstatements unterschreiben muss, die man nicht teilt.

Wären Dinge wie Homeschooling oder Internate nicht eher radikale Schritte? Die Sache ist eben die, dass a) jeder sich eher seiner Peergroup anpasst als seinen Eltern (das ist vollkommen normal) und b) man auch durch den Unterricht in der Schule sehr geprägt werden kann. Jedes Kind bildet sich irgendwann seine eigenen Urteile und plappert nicht mehr einfach seine Eltern nach, aber dabei wird es natürlich auch von anderen sehr beeinflusst, zum Guten oder zum Schlechten. Und das ganze normale schulische Umfeld ist nicht nur nichtchristlich, sondern positiv christentumsfeindlich, auch normale katholische Privatschulen sind da nicht so sehr anders. Es ist nicht leicht, an etwas festzuhalten, dem ständig entgegengewirkt wird und für das es kein Verständnis gibt; und ein einzelnes verlorenes Kind an einer Schule wird an der Atmosphäre dort nichts ändern. Erst recht wird es nicht im Glauben gestärkt.

Manche Katholiken versuchen sich diese Situation schönzureden, indem sie dann sagen, dass die katholischen Kinder an den normalen Schulen ja „Sauerteig sein“ könnten. Sorry, nein. Es ist nicht die Aufgabe eines 11-jährigen Kindes, seine Mitschüler, geschweige denn seine Lehrer, zu bekehren, funktionieren tut das in aller Regel sowieso nicht. Es soll ruhig eine unbeschwerte Kindheit haben dürfen, erst einmal selbst stabil in den Glauben hineinwachsen und die Gründe dafür kennenlernen, Freunde finden können, die seinen Glauben teilen, und nicht ständig in die Defensive geraten. Wenn mehrere gläubige Kinder an einer Schule sind und Gruppen bilden – wie das ja oft genug bei den Moslems der Fall ist – ist es schon einfacher, aber das löst auch nicht alle Probleme.

Ein anderes, besseres Argument ist, dass die Kinder so gleich besser lernen, sich in einer säkularen Umgebung zu behaupten; dass sie hier quasi geimpft werden und mit der Unterstützung der Eltern gleich lernen, den Säkularismus zu durchschauen. Das stimmt manchmal, aber manchmal auch nicht; manchmal ist das Kind zu schwach oder die Umgebung zu stark. Bei einer Impfung werden erregerähnliche Stoffe verabreicht, die die allermeisten nicht wirklich krank machen können; das hier hat eher etwas von der Strategie „lassen wir das Kind gleich Masern und Keuchhusten durchmachen, dann ist es später immun“. Das Umfeld kann sehr stark krank machen. Auch im Homeschooling etc. kann man Kinder darüber informieren, was Säkularisten denken – und sie werden auch so oder so oft mit denen zusammenkommen. Aber sie sind nicht jeden Tag den großen Teil des Tages in einem solchen Umfeld verloren, wo sie wissen, dass man sie eigentlich nicht so will, wie sie und ihre Familie sind.

Probleme machen in den normalen Schulen ja auch der Religionsunterricht, in dem man sich manchmal eher mit Grausen von dem abwendet, was da als Religion präsentiert wird, und die Lehrer manchmal ziemlich genau durchblicken lassen, dass sie selber nicht wirklich dran glauben, und die mittlerweile sehr übergriffige Frühsexualisierung schon in der Grundschule. Daran lässt sich kurzfristig nichts ändern; und man ist zuallererst für seine konkreten eigenen Kinder verantwortlich, nicht für die Schule im Ort.

Es ist auch oft besser, schon vorhandene gute Strukturen zu fördern, als sich als Einzelkämpfer in schlechten Strukturen aufzureiben; und je mehr Schüler z. B. die FSSPX-Schulen bekommen, desto mehr Schulen an mehr Orten wird die FSSPX aufbauen können; je mehr Eltern Homeschooling verlangen, desto mehr muss die Politik eventuell ihre Unterdrückungsmaßnahmen dagegen zurückfahren.

Aber das waren jetzt alles, wie gesagt, persönliche Überlegungen, keine Moraltheologie. Seine Kinder in ein Internat zu geben oder umzuziehen kann ja schon schwieriger sein; und eine katholische Gruppe außerhalb der Schule kann zusammen mit einer guten Familie schon viel ausrichten, sodass die Kinder ausreichend gestärkt werden.

Soweit mal dazu. Im nächsten Teil dann zu den Pflichten im Verhältnis Bürger-Staat und dann im übernächsten weiter mit dem 5. Gebot.

* Die Piusbruderschaft hat keinen anständigen kirchenrechtlichen Status (mehr), aber auch der Vatikan hat inzwischen ausdrücklich erlaubt, zu ihnen zur Messe zu gehen, zu beichten und zu heiraten, kurz gesagt, ihre Seelsorge in Anspruch zu nehmen. Sie sind definitiv gut katholisch, keine Schismatiker, und dazu, ob ihre praktische Herangehensweise gegenüber Rom richtig ist oder immer richtig war oder zum Teil richtig ist, können Katholiken im Grund sehr unterschiedlicher Ansicht sein. Hier mehr zu dem Thema; ich möchte auch noch mal was dazu schreiben; aber das gehört eigentlich nicht hierher. (Update: Ich habe hier etwas dazu geschrieben.)

Heilsegoismus vs. moralischer Kollektivismus

In den Vorstellungen vieler Leute von Gut und Böse kann man einen gewissen Kollektivismus feststellen: Gut und Böse wird weniger an den eigenen Taten, als an den Einstellungen zum System festgemacht, und Gut und Böse als Kategorien werden von Einzelmenschen auf das System verschoben.

In der Moraltheologie kann man das gut beobachten: Das alte Fach der Kasuistik, das darauf schaute, Lösungen für die Gewissenskonflikte einzelner zu präsentieren, wird verdrängt durch die Sozialethik. Man hält es für quasi skandalös, wenn jemand wissen will, ob Bauchweh ausreicht, um einen von der Sonntagspflicht zu entschuldigen (das tut es) oder ob man am Sonntag staubsaugen darf (wenn es einigermaßen machbar ist, es zu verschieben, eher nicht). Die Sozialethik gab es freilich auch früher schon, gerade ab dem späten 19. Jahrhundert, während gleichzeitig viel Kasuistik betrieben wurde; erst heute will man die beiden als Feinde sehen.

Dieser Kollektivismus äußert sich auf optimistische und pessimistische Weise: Einerseits ist das System an allem Bösen schuld, also hat man selbst keine Verantwortung für seine schlechten Taten; andererseits ist das System völlig böse, also hat man keine Möglichkeit, als guter Mensch zu leben, solange man sich nicht völlig vom System abkapselt, was man wiederum nicht kann, also ist man notwendigerweise ein schlechter Mensch. (Das äußert sich auch in dem, was man anderen vorwirft, die irgendwelche ungewöhnlichen Ideale haben. „Du bist Kommunist, hast aber ein Smartphone aus einem kapitalistischen System“ – äh, ja, weil ein Kommunist ja ganz leicht kommunistische Alternativmöglichkeiten finden kann, mit anderen zu kommunizieren und sich zu vernetzen etc. Das soll keine Verteidigung der verabscheuenswerten kommunistischen Ketzerei sein.) Das ist natürlich lähmend; dann denkt man sich auch, man kann es ja eh gleich vergessen, gut sein zu wollen.

Darum reden Leute auch ständig davon, „ein Zeichen zu setzen für/gegen X“, statt etwas dafür oder dagegen zu tun. (Je nachdem, was X ist, ist es ja leider besser, wenn sie nur leere Zeichen setzen, aber das nur anbei.)

Darum nimmt man es auch Pius XII. übel, dass er nicht öffentlich den Holocaust angeprangert, sondern im Stillen tausende Juden im Vatikan, in Castelgandolfo und in römischen Klöstern verstecken hat lassen, ohne einen Gegenschlag der Nazis zu provozieren. (Die Nazis hatten übrigens dennoch ernsthafte Pläne, den Papst entführen zu lassen; er war nicht gerade mächtig gegen sie.)

Darum gelten vor allem die Leute als böse, die – sagen wir – internationale Spekulationsgeschäfte mit Lebensmitteln machen (die ich hier definitiv nicht verteidigen will) oder die die falsche Partei wählen, und weniger die, die ihre Kinder vernachlässigen oder ihre Frau betrügen.

Darum ist es so auffällig, wie Mainstream-Autoren ihre Figuren in historischen Romanen darstellen: Dass die gut sind, äußert sich weniger darin, dass sie Gutes tun, und mehr darin, dass sie demokratische oder feministische Ideen äußern, in einer Zeit, als noch keiner oder zumindest wenige Leute diese Ideen vertreten.

Darum gilt es auch als „Heilsegoismus“, sich um das Heil seiner Seele zu sorgen – was ungefähr so logisch ist, wie es als „Nahrungsegoismus“ und „Schlafegoismus“ zu bezeichnen, wenn jemand regelmäßig genug essen und schlafen will, um nicht zu sterben, oder es „Medizinegoismus“ zu nennen, wenn Diabetiker sich bei Bedarf Insulin spritzen.

Es ist gut und nötig, für das eigene Seelenheil zu sorgen, erstens weil man selber auch ein wertvolles Geschöpf Gottes ist, das Gott bei sich haben will, aber zweitens auch, weil man anderen niemals besser helfen kann, wenn man sich in Sünden stürzt. Sünden stören das Gleichgewicht im Universum und haben immer Nachwirkungen, die einem nicht bewusst sind. So, wie Gott die Welt geordnet hat, ist es einfach eine Tatsache, dass es am Ende immer für alle besser ausgehen wird, wenn man eine Sünde, mit der man denkt, anderen helfen zu können, nicht begeht. Sünden machen einen selber auch zu einem schlechteren Menschen, der anderen dementsprechend weniger helfen kann. Wer sich zu Tode hungert, hat nicht mehr die Kraft, anderen Essen zu bringen.

Es ist kein Egoismus, wenn man z. B. viel Zeit im Gebet verbringt. Das Gebet nützt erstens direkt etwas; zweitens stärkt es einen, um das Gute zu tun; drittens ist es an sich extrem wertvoll, Zeit mit Gott zu verbringen. Würde man es Leuten verbieten wollen, Zeit mit Freunden oder Familie zu verbringen, weil man in der Zeit auch ein Ehrenamt ausüben könnte?

(In diesem Sinne möchte ich auch noch etwas anderes anmerken: Manchmal wird vielleicht auch in christlichen Kreisen zu schnell der unterschwellige Erwartungsdruck aufgebaut, dass Neubekehrte Zeugnis geben und christliche Freude ausstrahlen und damit wieder andere bekehren sollen, wenn sie erst mal selber Zeit brauchen, um Heilung durch Christus zu finden und bei allem durchzusteigen und Frieden im Gebet zu erleben. Manchmal müsste es vielleicht etwas „heilsegoistischer“ zugehen, als das derzeit der Fall ist. Manchmal muss man erst vor der eigenen Tür kehren und seine eigenen Probleme angehen.)

Bildquelle hier.

Ich will hier Systeme gar nicht kleinreden; Systeme können immens helfen oder schaden, und zwar weltlich wie seelisch. Manche äußere Systeme helfen Leuten dabei, gut zu sein, andere treiben sie zum Bösen hin. Und Systemänderungen können sehr, sehr wichtig sein. Aber letztlich sind es immer noch die einzelnen konkreten Menschen, die am Ende im Himmel oder in der Hölle sein werden, und nicht die Systeme, und diese einzelnen konkreten Menschen können oft wenig an dem System ändern, in dem sie nun mal leben, aber viel Gutes oder Böses in ihrer unmittelbaren Umgebung schaffen.

Ironisch ist es, dass Leute, die in mancher Hinsicht so einen Kollektivismus verinnerlicht haben, dann wieder sagen „Man lebt nur einmal, genieß dein Leben, denk an dich“. Was veganes Essen und Fitness angeht, soll man sich um sich selber kümmern, was Reisen angeht, muss man sein Leben ausnutzen. Daran sieht man aber, dass man diesen Kollektivismus, was Lebenssinn und Moral und so weiter angeht, eben nicht durchhält. Man merkt trotzdem, dass man auch vor seiner eigenen Tür kehren, sich selber verbessern soll oder will. Und weil dann der Fokus auf die Nächstenliebe (konkreten Nächsten Gutes wollen, nicht einen fernen Systemwechsel gut finden) fehlt, wird das eben auch übertrieben und es wird wirklich egoistisch.

Selbstverwirklichungsegoistisch statt heilsegoistisch eben.

Download: Heribert Jone, „Katholische Moraltheologie“

Ich habe ja schon einige Texte zum Thema „Moraltheologie & Kasuistik“ veröffentlicht und dabei auch öfter den bekannten Moraltheologen Heribert Jone zitiert, dessen Handbuch zur Moraltheologie erstmals 1930 veröffentlicht wurde. Er ist ganz besonders hilfreich, wenn man Antworten auf Detailfragen und Gewissensdilemmata sucht.

Ich habe das Buch (17. Auflage, 1961) letztens eingescannt und wollte es jetzt hier als Download zur Verfügung stellen. Ich habe es nicht auf einmal gescannt, daher hier jetzt sieben PDFs.

Achtung: Die Nummern im Inhaltsverzeichnis beziehen sich auf die Nummern der Abschnitte, nicht die Seitenzahlen.