Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9c: Gelegenheiten zur Sünde

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Während Verführung, Ärgernis und Mitwirkung an den Sünden anderer Sünden gegen die Nächstenliebe sind, kann es eine Sünde gegen die Selbstliebe sein, sich selbst Gelegenheiten zur Sünde auszusetzen.

Natürlich lassen sich nicht alle Gelegenheiten zur Sünde vermeiden, solange man auf der Welt lebt; einige allerdings schon. Man unterscheidet vor allem die nächste und die entfernte Gelegenheit zur Sünde; dann die notwendige und die nicht notwendige Gelegenheit zur Sünde.

Die nächste Gelegenheit zur Sünde ist eine, in der man vernünftigerweise damit rechnen kann, dass man sündigen wird oder in der es zumindest relativ wahrscheinlich ist; wenn man z. B. in acht von zehn Fällen, in denen man sich Alkohol gekauft hat, sich nicht mäßigen konnte und sich total betrunken hat, ist der Kauf von Alkohol eine nächste Gelegenheit. Eine entfernte Gelegenheit ist eine, in der man in etwas größerer Versuchung als sonst ist, aber ihr noch relativ leicht widerstehen kann. Wenn man sich ein paar Mal in seinem Leben betrunken hat und sich manchmal dazu verleiten lassen möchte, mehr zu trinken als gut ist, wenn man mit seinen Freunden weggeht, sich aber relativ leicht beherrschen und davon zurückhalten kann, ist es eine entfernte Gelegenheit.

Notwendig ist eine Gelegenheit, wenn man sich ihr aus einem verhältnismäßigen Grund aussetzt. (Wenn man sich ihr aus einem geringfügigeren, nicht verhältnismäßigen Grund aussetzt, zählt sie im strengen Sinn als nicht notwendig, noch mehr, wie wenn man sich ihr völlig ohne Grund oder aus einem schlechten Grund aussetzt.)

Zwei Beispiele: Wenn ein frisch zum Katholizismus bekehrtes, bisher unverheiratet zusammenlebendes Paar, das erst in zwei Monaten heiraten kann, sich entscheidet, bis zur Hochzeit noch weiterhin zusammenzuleben, weil sie ein gemeinsames Kind haben, das sie beide braucht, und weil es außerdem praktisch kaum machbar wäre, dass sich einer in der Zwischenzeit eine andere Unterkunft sucht, obwohl sie dabei immer wieder in Versuchungen gegen die Keuschheit geraten, ist das eine notwendige Gelegenheit zur Sünde; wenn das Paar kein Kind hätte, sich auch noch gar nicht sicher wäre, ob sie überhaupt irgendwann heiraten wollten, und einer leicht in absehbarer Zeit eine andere Wohnung finden könnte, wäre es eine nicht notwendige Gelegenheit zur Sünde.

Erstmal ein paar Grundprinzipien:

  1. Sich einer a) nicht notwendigen b) nächsten Gelegenheit zur c) schweren Sünde auszusetzen, ist selbst eine schwere Sünde.
  2. Wenn man sich einer notwendigen nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde aussetzt, muss man etwas dafür tun, um sie zu einer entfernteren Gelegenheit zu machen (bestimmte Vorkehrungen treffen, die es einem schwerer machen, in die Sünde zu fallen oder es leichter machen, ihr zu widerstehen; zu Gott um Seine Hilfe beten). Da die Gelegenheit notwendig ist, wird Gott einem auch Seine Hilfe gewähren, aber man muss auch das Seine tun, also praktische Vorkehrungen treffen.
  3. Je entfernter eine Gelegenheit zur schweren Sünde, desto leichter lässt es sich rechtfertigen, dieses Risiko einzugehen. Je größer die Gefahr zur Sünde, und je größer die Sünde, desto bedeutender muss der Grund sein, das Risiko einzugehen. Es kann in manchen Fällen auch eine lässliche Sünde sein, wenn man sich einer noch relativ nahen, aber nicht mehr ganz nahen Gelegenheit nicht ganz grundlos, aber aus einem gerade so nicht mehr verhältnismäßigen Grund aussetzt.
  4. Bei wirklich entfernten Gelegenheiten zur schweren Sünde, denen man also leicht widerstehen kann und bei denen man weiß, dass das Risiko nicht groß ist, gibt es keine Pflicht, sie unter Sünde zu meiden, oder jedenfalls ist es höchstens eine lässliche Sünde bzw. lässt sich mit einem relativ geringfügigen Grund rechtfertigen.
  5. Auf Gelegenheiten zu lässlichen Sünden muss man im Allgemeinen nicht besonders achten, weil sie ziemlich zahlreich sind und es sehr umständlich wäre, wenn man sie alle vermeiden wollte; vielleicht wird es Situationen geben, in denen man eine Gelegenheit für bestimmte häufige lässliche Sünden meiden/entfernen sollte. Aber sie nicht zu meiden geht jedenfalls nicht über lässliche Sünde hinaus.

Oft gibt es Grenzfälle zwischen der entfernten und der nächsten Gelegenheit; dazu weiter unten mehr.

Heribert Jone schreibt über die Plichten des Beichtvaters gegenüber Gelegenheitssündern:

„I. Begriff der Gelegenheit. Unter Gelegenheit versteht man einen äußeren Umstand, der jemand zur Sünde anlockt und es leicht macht, sie zu begehen.

Hier kommt nicht die entferntere, sondern nur die nächste Gelegenheit in Betracht, d. h. jene Gelegenheit, in der jemand immer oder fast immer sündigt, so daß es auch für die Zukunft moralisch sicher oder sehr wahrscheinlich ist, daß jemand sündigt, wenn er in diese Gelegenheit kommt. Dabei ist es gleich, ob nun die Menschen im allgemeinen fallen (absolute Gelegenheit) oder nur ein bestimmter wegen seiner besonderen Anlagen (relative Gelegenheit). – Die entferntere Gelegenheit kommt hier nicht in Betracht, weil man sich ihr aus einem vernünftigen Grunde aussetzen darf. [Anmerkung: Mit einem „vernünftigen Grund“ ist in der Moraltheologie nicht dasselbe gemeint wie mit einem „schwerwiegenden Grund“; ein vernünftiger Grund ist relativ leicht gefunden.]

Die nächste Gelegenheit kann sein eine freiwillige oder eine notwendige. Erstere kann man leicht meiden. Die Meidung der letzteren ist physisch oder moralisch unmöglich wegen des mit der Meidung verbundenen großen Schadens für Leben, Gesundheit oder guten Namen. Notwendige nächste Gelegenheit zur Sünde ist z. B. eine Bekanntschaft, bei der Aussicht auf baldige Heirat vorhanden ist.

2. Absolution von solchen, die sich in der nächsten Gelegenheit zur Sünde befinden.

a) Wer die nächste freiwillige Gelegenheit zur Sünde nicht meiden will, kann nicht losgesprochen werden.

Dies gilt auch, wenn er die Gelegenheit durch Gebet usw. zu einer entfernteren machen will. [Anmerkung: Ein Grund wird sein, dass man nicht unbedingt mit Gottes großer Hilfe rechnen können wird, wenn man eine nicht notwendige Gelegenheit nicht aufgeben will.]

Wer aufrichtig verspricht, diese Gelegenheit sofort zu meiden, kann auch sofort absolviert werden. – Wer schon öfters dieses Versprechen gebrochen hat, dessen Disposition ist zweifelhaft. Er kann deshalb gewöhnlich nicht absolviert werden, bevor er die Gelegenheit tatsächlich aufgegeben hat (vgl. Nr. 605). […]

b) Wer die nächste notwendige Gelegenheit zur schweren Sünde nicht entfernt, aber durch Anwendung geeigneter Mittel zu einer entfernteren machen will, kann absolviert werden.

Derartige Mittel können entweder die geistigen Kräfte stärken (Gebet, Sakramente, Erwägung der ewigen Wahrheiten) oder die Macht der Gelegenheit mindern (Bewachung der Augen; Vermeidung eines vertrauten Verkehrs mit der Person; es meiden, mit dieser Person allein zusammen zu sein).

Wer trotz der angewandten Mittel immer wieder fällt, kann nicht gezwungen werden, um jeden Preis die Gelegenheit aufzugeben, er muß aber nachdrücklich zur eifrigeren Anwendung der Gegenmittel aufgefordert werden. – Wenn ihn aber diese Gelegenheit in die nächste Gefahr der ewigen Verdammnis brächte, müßte er sie sogar um den Preis seines Lebens aufgeben. Nicht absolviert werden kann derjenige, der die entsprechenden Mittel nicht anwenden will, um eine solche Gelegenheit zu einer entfernteren zu machen.

Anmerkung: Zwischen der entfernteren und nächsten Gelegenheit gibt es verschiedene Zwischenstufen. Je größer die Gefahr zu sündigen ist, um so wichtigere Gründe werden erfordert, damit man diese Gelegenheit nicht aufzugeben braucht.

Wer ohne hinreichenden Grund eine Gelegenheit nicht meidet, die eigentlich keine entferntere mehr ist, aber auch noch keine nächste, begeht wenigstens eine lässliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie auf das Leben angewandt, 17. Aufl., Paderborn 1961.)

Hier wären wir wieder bei den Grenzfällen. Vielleicht weiß man, dass man bei dieser Gelegenheit eine 2-prozentige oder 5-prozentige Chance hat, eine Sünde zu begehen, und sich leicht zurückhalten kann – gut, das ist entfernt. Aber wie ist es bei einer 30-prozentigen, oder 40-prozentigen, oder 50-prozentigen Chance, bei einer Gelegenheit, bei der man weiß, dass man es mit Anstrengung schon schaffen kann, ihr zu widerstehen, es aber auch schon öfter nicht geschafft hat? Was ist diese Gelegenheit dann und was für eine Art Sünde wäre es, sie nicht zu meiden? Wie Jone schon schreibt, ist es zumindest eine lässliche Sünde, kann aber öfter auch eine schwere sein; es kommt auch darauf an, aus welchem Grund man es tut.

Zu dieser Frage möchte ich John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ zitieren, die einige ausführlichere hilfreiche Überlegungen bieten:

„Es ist ein allgemein anerkanntes Prinzip, dass jedes Gesetz implizit die Verpflichtung enthält, die gewöhnlichen Mittel anzuwenden, um es zu erfüllen; und ein solches Mittel ist die Vermeidung von Dingen, die eine nicht zu rechtfertigende Gefahr schaffen, das Gesetz zu brechen. […]

Und es gibt wahrscheinlich kein besseres Beispiel für die Notwendigkeit der Kasuistik, wie auch für ihre Schwierigkeiten, als die Versuche angesehener Theologen, Prinzipien und praktische Regeln in Bezug auf Gelegenheiten zur Sünde aufzustellen.

Darüber hinaus ist das Problem der Gelegenheiten zur Sünde eine exzellente Illustration der Aussage des Heiligen Vaters, dass es Situationen geben kann, auf die keine absolut bindenden Gebote direkt anwendbar sind, und in denen daher besondere Notwendigkeit für die Tugend der Klugheit besteht. Das bedeutet natürlich nicht, dass es irgendein moralisches Problem gibt, das unabhängig von einem allgemeinen Prinzip gelöst wird. Es bedeutet einfach, dass es für die Anwendung mancher Prinzipien einer ungewöhnlich sorgfältigen Prüfung aller konkreten Umstände bedarf. Die Klugheit führt diese Prüfung durch und zieht die Schlussfolgerung, nicht durch das mysteriöse ‚lumen internum‘ [inneres Licht] der Situationsethiker, sondern indem man ein vernünftiges Prinzip auf die Situation anwendet.

Drittens, wie wir mehr als einmal in unseren frühen Kapiteln erwähnt haben, gibt es unter katholischen Theologen viele legitime Kontroversen – Kontroversen, die der Heilige Stuhl erlaubt und die nur der Heilige Stuhl autoritativ lösen kann. Der Streit unter Moraltheologen, der die Natur einer nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde betrifft, ist eine solche Kontroverse, und eine sehr wichtige.

Zuletzt […] möchten wir daran erinnern, was wir in Kapitel 6 über die unbesonnene Veröffentlichung der Meinungen einzelner Moralisten gesagt haben, als ob diese Meinungen die autoritative Lehre der Kirche wären. Unglücklicherweise ist das in unserem Land innerhalb etwa des letzten Jahrzehnts nur zu häufig passiert, mit dem Ergebnis, dass die Gläubigen hochgradig verwirrt wurden über gewisse wichtige moralische Probleme des täglichen Lebens. Einige dieser praktischen Probleme betreffen Pflichten in Bezug auf Gelegenheiten zur Sünde. […]

DIE GENERELLE KONTROVERSE

Punkte, in denen Übereinstimmung herrscht

Bevor wir versuchen, die generelle Kontroverse betreffs der nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde zu skizzieren, möchten wir kurz die Punkte erwähnen, bei denen sich die Moralisten einig sind. Zunächst ist nach allen Autoren eine Gelegenheit zur Sünde ein äußerer Umstand, der einen Impuls oder eine Verlockung zur Sünde enthält mit einer daraus folgenden Wahrscheinlichkeit oder Gefahr zu sündigen, und diese Wahrscheinlichkeit oder Gefahr wäre nicht da, oder wäre bedeutend niedriger, wenn der äußere Umstand vermieden würde. Der Zweck dieser Definition ist es, zwischen einer Gefahr der Sünde zu unterscheiden, die vor allem aus dem äußeren Umstand resultiert, und einer Gefahr, die vor allem wegen einer persönlichen Schwäche existiert. Wenn daher ein Junge nur dann in unreinen Gedanken schwelgt, wenn er eine gewisse Art von Zeitschrift liest, besteht die Annahme, dass das Lesen für ihn eine Gelegenheit zur Sünde darstellt.  Andererseits, wenn er zu fast jeder Zeit und unter fast allen Umständen unreine Gedanken unterhält, ist die vernünftige Schlussfolgerung, dass die Quelle des Problems in ihm liegt; er ist kein occasionarius im technischen Sinn. Außerdem sollte ein Umstand, der bewusst gewählt wird als Mittel, um eine Sünde zu begehen, nicht mit einer Gelegenheit im strengen Sinn verwechselt werden. Eine solche Entscheidung ist eine direkte Entscheidung zur Sünde, nicht die Wahl einer Gelegenheit zur Sünde. Eine Gelegenheit wird nicht zum Zweck gewählt, eine Sünde zu begehen. Es wird davon ausgegangen, dass sie aus einem anderen Grund gewählt wird und dann eine Verleitung zur Sünde wird. Wenn daher ein Mann, nachdem er sich in den Kopf gesetzt hat, zu sündigen, die Person oder den Ort aufsucht, die es ihm ermöglichen wird, ist diese Person oder dieser Ort nicht die ‚Gelegenheit‘ zu seiner Sünde. Ein Beichtvater, der verlangen würde, dass ein solcher Pönitent ‚verspricht, die Gelegenheit zur Sünde zu meiden‘ würde harmlosen, aber ungeeigneten Rat geben. Er würde das wirkliche Problem des Pönitenten nicht erkennen und dabei scheitern, es zu lösen.

Und obwohl sie sich uneinig dabei sind, die Unterscheidung zu erklären, sprechen alle Autoren von entfernten und nächsten Gelegenheiten. Außerdem, wenn sie von der nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde sprechen, unterscheiden sie generell zwischen der allgemeinen oder absoluten und der persönlichen oder relativen Gelegenheit. Letzteres bezieht sich auf eine Gelegenheit, die erfahrungsgemäß eine nächste Gelegenheit für dieses Individuum ist, zum Beispiel nach seiner persönlicher Erfahrung; ersteres bezieht sich auf eine Gelegenheit, die mutmaßlich für die Menschen im Allgemeinen eine nächste Gelegenheit ist, oder für alle normalen Mitglieder einer bestimmten Gruppe, z. B. Jugendliche. […]

Ein anderer Punkt, über den es keinen theoretischen Streit gibt (obwohl praktische Fälle vielleicht schwierige Probleme bieten können und unterschiedliche Meinungen zulassen) ist die Unterscheidung zwischen freiwilligen und notwendigen Gelegenheiten zur Sünde. Eine Gelegenheit wird freiwillig genannt, wenn sie mit Leichtigkeit oder wenigstens mit relativ geringen Schwierigkeiten vermieden werden kann; während sie notwendig ist, wenn ihre Vermeidung entweder physisch oder moralisch unmöglich ist. [Mit „moralisch unmöglich“ ist hier „praktisch kaum möglich“ gemeint, während physische Unmöglichkeit absolute Unmöglichkeit ist. Jemandem, der bewusstlos ist, ist es „physisch unmöglich“, aufzustehen, jemandem, dem der Arzt gesagt hat, er muss liegen bleiben, oder der unter Schwindel leidet, ist es „moralisch unmöglich“, aufzustehen.] Und soweit es die Theorie betrifft, besteht Übereinstimmung, dass eine Person berechtigterweise in einer notwendigen Gelegenheit bleiben oder sie nicht vermeiden kann, selbst zur Todsünde. Dieser letzte Punkt ist selbst von notwendigen Gelegenheiten wahr, die je nach den unterschiedlichen Definitionen, nächste Gelegenheiten zur Todsünde sind. Die übliche Bedingung ist natürlich, dass angemessene Mittel angewandt werden, um die nächste Gelegenheit zur entfernten zu machen.

Zuletzt gibt es keinen Streit unter den Theologen darüber, dass bei einer Gelegenheit zur schweren Sünde, die freiwillig und wirklich nahe ist, eine schwerwiegende Pflicht besteht, sie zu entfernen oder zu meiden. […]

Selbst die strengsten Autoren sind generell gewillt, die Frage der Gelegenheiten zur lässlichen Sünde beiseitezulassen – und das aus zwei Gründen: erstens, die Einstellung eines Pönitenten in Bezug auf solche Gelegenheiten hätte selten, wenn überhaupt jemals, irgendeinen Einfluss auf die Gültigkeit der Absolution [Fußnote: Es scheint theoretisch möglich, dass ein Widerwille, die nächste Gelegenheit zur lässlichen Sünde aufzugeben, sich auf die Gültigkeit der Absolution auswirken könnte, z. B. wenn diese lässliche Sünde die einzige Materie der Beichte darstellen würde, sodass nicht anderes selbst allgemein gefasst enthalten wäre.]; und zweitens sind Gelegenheiten zur lässlichen Sünde so zahlreich, dass es unmöglich wäre, sie alle zu vermeiden, und in vielen bestimmten Fällen wäre es unmöglich, zu bestimmen, ob die Gelegenheit notwendig oder freiwillig war. Aus ähnlichen Gründen messen einige Autoren der Pflicht, wirklich entfernte Gelegenheiten zur Todsünde zu meiden, wenig Gewicht bei; und viele leugnen explizit, dass es irgendeine Verpflichtung gibt, solche Gelegenheiten zu meiden.

Die Kontroverse

Es mag ein paar Meinungsverschiedenheiten über den einen oder anderen der vorigen Punkte geben, aber sie wären so gering, dass sie zu einem bloßen Streit um Worte werden würden. Aber, trotz der Tatsache, dass die Frage manchmal durch unterschiedliche Terminologien verkompliziert wird, gibt es ganz klar mehr als einen Streit um Worte in der Kontroverse über die Definition (und daher die wirkliche Bedeutung) einer nächsten Gelegenheit zur Todsünde im Unterschied zu einer entfernten Gelegenheit. Diese Kontroverse wird in den folgenden Beispielen von A. Regan CSSR genau aufgezeigt:

‚Ein Mann geht in ein Hotel und trinkt unter Umständen, die es ihm unmöglich machen, definitiv zu versichern, dass er nicht ernsthaft betrunken werden wird. Vielleicht war er unter denselben Umständen in der Vergangenheit häufig betrunken oder vielleicht wird der Einfluss, den der Alkohol auf ihn hat, schnell so groß, dass ernsthafter Missbrauch definitiv wahrscheinlich ist. Dennoch kann niemand definitiv sagen, dass er bei diesem oder jenem Anlass  betrunken werden wird, denn wir können annehmen, dass die Chancen in beide Richtungen ungefähr gleich sind. Nach dem hl. Alphons macht sich ein solcher Mann jedes Mal der Todsünde schuldig – wenigstens objektiv -, wenn er sich freiwillig in diese gefährlichen Umstände begibt. Unverheiratete Paare treffen sich an Orten oder zu Zeiten oder unter anderen Umständen, die sie wahrscheinlich zur Todsünde führen werden: sie wissen das, weil sie vielleicht in der Vergangenheit gefallen sind, oder vielleicht müssen sie sich ehrlich eingestehen, dass ihr Sinn der Schamhaftigkeit so sehr zusammenbricht, dass es ein ernsthaftes Risiko eines Falls bedeuten würde, die Versuchung sogar nur noch ein Mal zu suchen. Ein solches Risiko sogar nur einmal einzugehen ist in den Augen des heiligen Kirchenlehrers eine Todsünde, obwohl es auch wahrscheinlich sein mag, dass sie nicht fallen, denn der springende Punkt ist, dass, solange ein Fall wahrscheinlich bleibt, kein Raum für ein Klugheitsurteil besteht, dass die Sünde tatsächlich vermieden werden wird.‘

Was die von Pater Regan gewählten Beispiele angeht, sollte erwähnt werden, dass diese dem Beichtvater oft als Gewohnheiten präsentiert werden, sich in Gelegenheiten zu begeben, in denen man oft tödlich sündigt. Das ist nicht der Punkt der Kontroverse. Fast alle Autoren, so scheint es, würden zustimmen, dass man die schwerwiegende Pflicht hat, die Gewohnheit aufzugeben, sich häufig in eine freiwillige Gelegenheit zu begeben, in der man oft tödlich sündigt, weil das gewohnheitsmäßige Aufsuchen dieser Gelegenheit eine praktische Sicherheit einschließt, dass Sünde stattfinden wird. Offensichtlich ist das nicht der Punkt, den Pater Regan betont. Seine These betrifft die Pflicht, eine einzelne Handlung zu meiden. Zudem ist sie nicht auf die Beispiele im Text beschränkt. Es ist eine generelle These, die sich auf jede Todsünde bezieht, ob innerlich oder äußerlich, ob allein oder mit anderen begangen. Die These ist, dass, was alle diese Sünden angeht, eine Gelegenheit eine nächste ist, wenn die Gefahr zu sündigen wirklich wahrscheinlich ist, obwohl es genauso wahrscheinlich ist, dass trotz der Gelegenheit die Sünde vermieden werden wird. Und da dieser Grad der Gefahr eine nächste Gelegenheit darstellt, wird (objektiv) jedes Mal eine Todsünde begangen, wenn man sich dieser Gefahr ohne einen verhältnismäßigen Grund aussetzt.

Pater Regans Text enthält auch das Hauptargument, das zur Verteidigung dieser These gebraucht wird: nämlich, dass ein Mensch, der sich ohne genügenden Grund dieser wahrscheinlichen Gefahr der Todsünde aussetzt, sich einer schwerwiegenden Verfehlung gegen die Klugheit schuldig macht. Die Argumentation hinter dieser Aussage ist, dass aktuale Gnade nötig ist, um erfolgreich einer ernsthaften Versuchung zu widerstehen und dass einer, der nicht tut, was er kann, um diese Gnade zu erhalten, sie nicht bekommen wird. Nebenargumente, die vorgebracht wurden, sind die folgenden: Ein solcher Mensch handelt im Zustand des praktischen Zweifels; er stellt Gott auf die Probe; er verletzt das Gebot der Liebe zu sich selbst in derselben Weise (tatsächlich in stärkerer Weise) wie derjenige, der sich oder andere ohne guten Grund der wahrscheinlichen Gefahr der ernsthaften körperlichen Verletzung aussetzt.

Pater Regans These ist natürlich nicht neu; noch sind es die Argumente, die vorgebracht werden, um sie zu stützen. Im Lauf vieler Jahre haben zahlreiche Theologen diese Argumente sorgfältig abgewogen. Sehr viele waren beeindruckt genug, um sich der These anzuschließen; viele andere sind nicht überzeugt worden. Aus diesem oder jenem Grund glauben diese letzteren Theologen nicht, dass die strengere Ansicht bewiesen werden kann; oder wenigstens glauben sie nicht, dass sie universell bewiesen werden kann, sodass ein Beichtvater das Recht hätte, die Absolution zu verweigern, sobald er festgestellt hat, dass ein Pönitent sich freiwillig (d. h. ohne verhältnismäßigen Grund) einer Gelegenheit aussetzt, die die wahrscheinliche Gefahr irgendeiner schweren Sünde beinhaltet.

Die Position derer, die eine mildere Ansicht haben, wird im Licht der folgenden Überlegungen besser verstanden werden.

Zunächst einmal behandeln wir hier nicht die Frage, ob es eine Sünde ist, sich in eine wahrscheinliche Gefahr der Todsünde ohne verhältnismäßigen Grund zu begeben. Alle stimmen überein, dass das sündhaft ist. Die Frage ist: Wie sündhaft? Ist es notwendigerweise schwer sündhaft?

Eine Pflicht unter Todsünde muss bewiesen werden, und die Beweislast liegt bei denen, die die Verpflichtung behaupten. Nach denen, die die mildere Meinung vertreten, beweisen alle von Pater Regan und anderen vorgebrachten Argumente lediglich, dass irgendeine Verpflichtung besteht, in jedem Fall die wahrscheinliche Gefahr der Todsünde zu meiden; sie beweisen nicht, dass die Verpflichtung immer eine schwere ist.

Wenn wir eine Skala der Gefahren zur schweren Sünde, wie sie in verschiedenen Gelegenheiten enthalten sind, aufstellen wollten, würden die Gefahren von sicher, zu moralisch sicher, zu sehr wahrscheinlich, zu wahrscheinlicher [als das Gegenteil], zu gleich wahrscheinlich, zu wahrscheinlich, zu weniger wahrscheinlich, zu geringfügig wahrscheinlich, zu kaum wahrscheinlich, zu möglich, zu kaum möglich, zu unmöglich reichen. Mit anderen Worten sind die Grade der Gefahr unendlich zahlreich. Mit der allmählich nachlassenden Wahrscheinlichkeit der Sünde kommt eine allmählich nachlassende Schuld, bis schließlich ein Punkt erreicht ist, wo alle übereinstimmen würden, dass überhaupt keine tödliche Schuld mehr besteht, sondern nur lässliche Schuld.

Da nun das stärkste und schlagendste Argument dafür, an irgendeinem bestimmten Punkt Todsünde zu behaupten, ein Appell an die Tugend der Klugheit ist, wie kann es gezeigt werden, dass Ter Haar und andere das richtige Verständnis davon haben, was die Klugheit sub gravi verlangt, wenn sie die Linie bei „weniger wahrscheinlich“ oder „gleich wahrscheinlich“ ziehen, und wer kann sagen, dass Vermeersch falsch liegt, wenn er sie bei „wahrscheinlicher“ zieht, oder dass Gericot falsch liegt, wenn er sie, wie es De Lugo und andere große Theologen getan haben, bei „sehr wahrscheinlich“ oder „moralisch sicher“ zieht? […]

Im Grunde nehmen manche Theologen daher nur diese negative Position ein: Schwere Schuld ist nicht in allen Fällen bewiesen, wenn eine wahrscheinliche Gefahr freiwillig eingegangen wird. […]

Zweitens muss man die Schweregrade bei Todsünden in Betracht ziehen. Es wird offensichtlich unklüger sein, sich der wahrscheinlichen Gefahr auszusetzen, eine sehr große Todsünde zu begehen, als eine geringere Todsünde. Todsünden lassen auch unzählig viele Schweregrade zu, von einer einzigen innerlichen Gedankensünde, zu einer äußerlichen Sünde, zu einer Sünde, die eine oder mehrere andere Personen betrifft, zu Sünden, die die Güter oder Körper oder Seelen anderer schädigen, zu Sünden, die das Gemeinwohl der Gemeinschaft oder der Nation oder der Kirche Christi selbst schädigen. Da die Klugheit das Kriterium ist, wird es einer viel größeren Notwendigkeit bedürfen, um es zu rechtfertigen, sich in die Gelegenheit zu einer dieser größeren Sünden zu begeben. […]

Drittens kann der folgende Grund vorgebracht werden, um die Allgemeingültigkeit der strengeren Sicht in Zweifel zu ziehen. In einem Fall, in dem der Pönitent keinen verhältnismäßigen Grund hat (d. h. keinen wirklich adäquaten rechtfertigenden Grund), sich in die Gelegenheit zu begeben, wird die Gelegenheit eine freie oder freiwillige genannt. Und doch mag er einen Grund haben, sich in sie zu begeben. Er würde sich in eine freiwillige Gelegenheit und in die Gefahr zur Todsünde ohne verhältnismäßigen Grund begeben, aber nicht ohne jeden Grund. In einem solchen Fall, obwohl er sündhaft und unklug handeln würde, würde seine Unklugheit vielleicht hinter schwerer Schuld zurückbleiben. […]

Die Unterscheidung zwischen freiwilligen und notwendigen Gelegenheiten ist terminologisch klar und vollständig. Aber wenn der Begriff der Notwendigkeit untersucht wird, finden wir, dass dieser auch, wie die Wahrscheinlichkeit, unzählige Grade zulässt, die von bloßer Vorliebe (die überhaupt nicht Notwendigkeit genannt werden kann), zu leichter moralischer Notwendigkeit, zu wirklicher moralischer Notwendigkeit, zu schwerer moralischer Notwedigkeit, zu sehr schwerer moralischer Notwendigkeit, zu praktisch physischer Notwendigkeit, zu absoluter physischer Notwendigkeit reichen. Da es nicht völlig klar ist, an welchem Punkt entlang dieser Linie eine Gelegenheit aufhört, freiwillig zu sein, und in manchen Fällen als notwendig betrachtet werden kann, können vernünftige Zweifel vorgebracht werden bezüglich der schweren Schuld einer Person, die sich in diesen Grenzfällen in eine Gelegenheit zur Sünde begibt. […]

Viertens gibt es praktische Überlegungen, die manche Theologen zögern lassen, die strengere Sicht zu akzeptieren. Diese Sicht führt leicht zu eine unvorhersagbaren Vervielfältigung nächster Gelegenheiten zur Todsünde im täglichen Leben, und endet manchmal dabei, sich selbst zu besiegen. ‚Die Menschen werden in keiner Weise aus dem Morast der Sünde gezogen, sondern nur noch tiefer, da umso mehr in Verzweiflung, hineingestürzt.‘ Michael Fabregas SJ meint, dass das Argument, dass der Mensch tun muss, was er kann, um die Sünde zu meiden, leicht so weit geführt werden kann, dass es sogar eine leichte oder weniger wahrscheinliche Gefahr einschließen würde.“ (John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ, Contemporary Moral Theology. Volume I: Questions in Fundamental Moral Theology, Westminster, Maryland 1958, S. 141-154.)

Klugheitsregeln für Gewissenszweifel: Update

Mir ist aufgefallen, dass der erste Teil meiner „Moraltheologie und Kasuistik“-Reihe (zur Frage, wie man bei Gewissenszweifeln zu einem Urteil findet) in einigen Dingen wohl noch unklar und unvollständig war und Fragen offen gelassen haben dürfte; daher habe ich ihn mal geupdatet. (Die Updates stehen unter dem bisherigen Text.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9b: Mitwirkung an fremden Sünden

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Zu den Sünden gegen die Nächstenliebe zählt es an vorderster Front, dem Nächsten Anlass zu einem Schaden an seiner Seele, also einer Schuld, zu sein, bzw. daran mitzuwirken. Hier unterscheidet man: Verführung, Ärgernis, Mitwirkung; im letzten Artikel ging es um die ersten beiden, hier zum dritten Punkt.

 

Mit der Mitwirkung ist die Mitwirkung an der Sünde eines anderen gemeint, die derjenige unabhängig von dem, was man selbst tut, schon begehen will, die also grundsätzlich aus dessen bösen Willen hervorgeht und deren Schuld er sowieso auf dem Gewissen hätte (auch, wenn er sie unter manchen Umständen nicht ausführen könnte, wenn man sich nicht beteiligen würde, oder man ihn durch seine Mitwirkung bestärkt, hätte er sie jedenfalls schon geplant), an deren Vorbereitung oder Ausführung man aber nicht unbeteiligt ist.

Ein Unterschied besteht zwischen formeller und materieller Mitwirkung.

„1. Als formal wird die Mithilfe (zur Sünde) bezeichnet, wenn der Helfer an der bösen Handlung nicht nur tatsächl. teilnimmt, sondern sie auch billigt. Durch diese innere Einstellung wird er im Sinn der begangenen Sünde schuldig. Außerdem versagt er in der Nächstenliebe, da er seinen Mitmenschen nicht, wie er sollte, vom sittl. Unwert abzieht, sondern ihn darin noch bestärkt.

2. Bloß material wird die Mithilfe (zur Sünde) genannt, wenn der Helfer mit der Sünde nicht einverstanden ist, sondern zur Mithilfe (zur Sünde) durch einen anderen Grund bewogen wird.“ (Karl Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Die Tat an sich ist allerdings trotzdem dieselbe; ein anderer Unterschied, der für die moraltheologische Beurteilung wichtiger wird, besteht daher zwischen direkter/unmittelbarer und indirekter/mittelbarer Mitwirkung.

Die direkte Mitwirkung wäre die Mitwirkung an einer schlechten Tat selbst, also z. B. die Mitwirkung an einem gemeinschaftlich begangenen Raub, die Mitwirkung eines Assistenzarztes bei einer Abtreibung oder Sterilisation. Die direkte Mitwirkung ist immer verboten.

Indirekte/mittelbare Mitwirkung besteht, wenn die Handlung, die man selbst vollzieht, an sich gut oder zumindest neutral ist, aber von jemand anderem in den Dienst einer schlechten Sache gestellt wird. Z. B.: die Mitwirkung eines Arztes bei der Nachsorge nach einer Abtreibung, die Mitwirkung eines Angestellten in der Buchhaltung bei der Auszahlung ungerechter Löhne oder dem Eintreiben von Wucherpreisen, die Arbeit einer Putzfrau in einem Stripclub, das Bereitstellen des Blumenschmucks für eine Schwulenhochzeit, das Kaufen von Kleidung, die unter schlechten Arbeitsbedingungen und zu Hungerlöhnen hergestellt worden ist, die Arbeit eines Taxifahrers, der jemanden zu einem Bordell fährt, das Vermieten eines Saals an eine antikatholische Sekte für ihre Treffen. Ich habe hier bewusst Beispiele genannt, die unter manchen Umständen (nicht unter allen) gerechtfertigt sein können. Die indirekte/mittelbare Mitwirkung kann auch noch näher oder entfernter sein; hier gibt es logischerweise unzählige Grade der Entfernung.

Eine indirekte formale Mitwirkung (bei der man zwar nur indirekt mitwirkt, aber die Sünde auch billigt), wäre auch verboten, aber eine indirekte materielle Mitwirkung (bei der man die Sünde nicht billigt, aber aus anderen Gründen indirekt mitwirkt) kann erlaubt sein.

An sich ist es gut, Mitwirkung an fremden Sünden zu vermeiden; aber in einer Welt, in der so extrem viele Sünden passieren, ist das nicht immer möglich, manchmal nicht praktikabel, und des öfteren nicht zumutbar/verpflichtend.

(Wie absurd es wäre, wenn keine noch so entfernte und ungewollte Mitwirkung am Bösen je erlaubt wäre, illustriert Jimmy Akin hier mit einem schönen Beispiel: „Nach der skrupulösen ‚beteilige dich nie, wenn Böses entstehen könnte‘-Meinung könnte selbst das Retten eines ertrinkenden Mannes verboten sein, da der Mann sicherlich später dann noch irgendwelche Sünden begehen wird. Aber Gott erwartet von uns, ihn zu retten, wenn wir können. Indem wir uns aus der menschlichen Gesellschaft zurückziehen würden, um Mitwirkung am Bösen zu vermeiden, würden wir angenommene Tatsünden mit tatsächlichen Unterlassungssünden vertauschen.“)

Kommen wir von solchen absurden Beispielen wieder zu etwas näheren Mitwirkungen. Kriterien, die bei der Mitwirkung in Betracht zu ziehen sind, sind insbesondere:

  • Wie schwerwiegend ist die Sünde? (Dazu: Ist sie, auch wenn sie materiell schwerwiegend ist, vielleicht formell nicht schwerwiegend, weil derjenige sich gar nicht bewusst ist, dass er falsch handelt, handelt er also ohne zurechenbare Schuld?)
  • Wie nahe ist die eigene Handlung an der Sünde?
  • Wie sicher sieht man voraus, dass die Sünde wirklich begangen wird, wenn man an der Vorbereitung mitwirkt? Besteht nur ein gewisses Risiko oder ist es schon sicher?
  • Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Sünde verhindert werden kann, wenn man seine Mitwirkung verweigert? (Ob die Sache so oder so passieren würde, ist bei der Abwägung zwar mit in Betracht zu ziehen, gibt aber nicht immer den Ausschlag; ein einfaches Beispiel: Wenn eine Chemiefirma 1942 gesagt hätte „wenn ich kein Zyklon B nach Auschwitz-Birkenau liefere, macht es jemand anders“, würde man das auch nicht unbedingt als Entschuldigungsgrund sehen.)
  • Hat man (z. B. als Polizist, Beamter, Vater oder Mutter…) eine besondere Verpflichtung, sie zu verhindern?
  • Und vor allem: Welche Schäden sind zu erwarten, wenn man seine Beteiligung verweigert, oder welche guten Dinge ergeben sich durch die Mitwirkung – d. h. wie ernst ist der Grund, aus dem man mitwirken würde?

Es ist hier letztlich immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Das Leben muss noch irgendwie lebbar sein; Gott verlangt von uns, „auf menschliche Weise“ ein rechtes Leben zu führen.

(Wenn man nicht oder nur schwer vorhersehen kann, dass eine gute oder neutrale Handlung jemand anderem für etwas Schlechtes nutzen wird, taucht die Frage nach Sünde gar nicht auf, auch wenn er dieses Schlechte dann tut. Wenn jemand auf dem Flohmarkt einen alten Gürtel verkauft, kann er nicht voraussehen, dass der Käufer damit seine Frau verprügeln wird. Entscheidend für die moralische Beurteilung ist nicht das letztendliche Gesamtresultat, sondern die eigene Handlung.)

Die Mitwirkung ist – je nach ihrer Entfernung von der Tat, nach dem Grund für die Mitwirkung etc. – für gewöhnlich weniger schwer als die Sünde selbst. Wenn jemand ohne ausreichenden Grund (aber vielleicht nicht ganz ohne Grund, sondern aus einem Grund, der eben nicht genügt) entfernt an einer Todsünde mitwirkt, kann das daher mal auch einfach eine lässliche Sünde sein.

Der hl. Alphons von Liguori schreibt über den Grund, aus dem materielle Mitwirkung erlaubt ist:

„Der Grund ist, dass, wenn du eine indifferente Handlung ohne böse Absicht ausführst, wenn ein anderer sie missbrauchen will, um seine Sünde auszuführen, du nicht verpflichtet bist, das zu verhindern außer durch die Nächstenliebe [d. h. nicht durch ein strenges Gebot der Gerechtigkeit, sondern nur durch die darüber hinausgehende Liebe]; und da die Nächstenliebe bei großen Beschwerlichkeiten nicht verpflichtet, sündigst du nicht, wenn du deine Mitwirkung aus einem gerechten Grund leistest; denn dann entsteht die Sünde eines anderen nicht aus deiner Mitwirkung, sondern aus der Bosheit dessen, der deine Handlung missbraucht. (Alphons von Liguori, Moral Theology. Volume I. Books I-III. On Conscience, Law, Sin and the Theological Virtues, übers. v. Ryan Grant, Mediatrix Press, Post Falls, 2017, S. 595. Übersetzung der englischen Übersetzung ins Deutsche von mir.)

 

Heribert Jone schreibt über die Mitwirkung:

„III. Die Mitwirkung. 1. Die formelle Mitwirkung, d. h. jene, mit der man sich an einer verwerflichen Handlung äußerlich beteiligt und gleichzeitig die schlechte Intention des anderen teilt, ist immer verboten.

2. Eine unmittelbare materielle Mitwirkung, d. h. die Mitwirkung an der verwerflichen Handlung selbst, aber ohne Teilhabe an der schlechten Intention, ist gleichermaßen verboten. Es besteht nur eine Ausnahme, wenn es sich um einen Schaden handelt, der Vermögensgüter betrifft, und das nur in bestimmten Fällen.“ (Précis de theologie morale catholique, Nr. 147, aus der französischen Übersetzung rückübersetzt ins Deutsche von mir.)

Hier kommt ein Verweis auf Nr. 354 im Buch, wo er schreibt:

„Man darf sich nur direkt an einer Handlung beteiligen, die dem Nächsten an seinen Gütern schadet, wenn man unter dem Einfluss einer schweren Furcht handelt, und man den Schaden wiedergutmachen kann und will, oder auch, wenn der Schaden selbst ohne diese Beteiligung verursacht worden wäre, oder auch, wenn er nur von geringer Bedeutung ist. Wenn keine dieser Bedingungen zutrifft, könnte man nur direkt an einer Handlung dieser Art teilnehmen, um für sich selbst einen unvergleichlich größeren Schaden zu vermeiden, z. B. den Verlust des Lebens.“

Hier geht es also darum, wenn z. B. eine Angestellte in einem Laden von einem Räuber mit einer Waffe bedroht wird und ihn deshalb zu einem Safe führt, den Safe öffnet und das Geld herausgibt. Damit schadet sie zwar dem Inhaber an seinem Besitz, aber in diesem Fall ist das keine Sünde, weil sie um einen „unvergleichlich größeren Schaden“, nämlich den Verlust ihres Lebens, fürchten muss, und sie hat daher auch keine Pflicht zur Wiedergutmachung. (Der Inhaber würde das wohl auch kaum von ihr erwarten und lieber selbst auf seine Besitztümer verzichten.) Ein anderer Fall könnte z. B. sein, wenn man von jemandem aus seinem Umfeld bedroht und erpresst wird, um bei einem Diebstahl mitzumachen, und man unter „dem Einfluss einer schweren Furcht“ mitmacht, den Schaden aber wiedergutmachen will.

Dass das erlaubt ist, liegt einfach daran, dass das Eigentumsrecht kein absolutes Recht ist, und vor höherrangigen Rechten (z. B. dem Lebensrecht) Platz machen muss; bekanntlich darf auch ein Verhungernder Essen stehlen. Man dürfte aber nicht, wenn man von einem Verbrecher bedroht wird, z. B. direkt an einer Entführung, Vergewaltigung, Folterung oder Ermordung mitwirken.

„3. Eine mittelbare materielle Mitwirkung, d. h. die Mitwirkung an einer Handlung, die nur die Vorbereitung einer verwerflichen Handlung ist [also eben eine Handlung, die von dem anderen nur in den Dienst seiner schlechten Sache gestellt wird, aber nicht direkt dazugehört, wie oben gesagt], ist gleichermaßen normalerweise verboten. Sie kann aber erlaubt sein, wenn die Handlung, an der man sich beteiligt, gut oder wenigstens indifferent ist und es einen angemessen schwerwiegenden Grund gibt.

Der Grund muss entsprechend schwerwiegender sein, wenn die Sünde des Nächsten schwerwiegender ist, wenn die Handlung direkter an der Sünde mitwirkt, wenn die Sünde ohne die Mitwirkung sicherer verhütet werden könnte, wenn man strenger verpflichtet ist, diese Sünde zu verhindern.“ (Nr. 147)

 

Er bringt dann eine ganze Reihe an Beispielen für die Mitwirkung; ich will einige zitieren, um den Lesern einen Eindruck zu vermitteln, wie er Einzelfälle beurteilt hätte, und auch zum Vergleich Meinungen anderer Theologen (z. B. zu Mitwirkung bei der Arbeitsstelle, zu Mitwirkung in der Politik generell, zu Mitwirkung in einer Diktatur oder in einem Zustand der Gefangenschaft speziell, zur Mitwirkung von Juristen bei Scheidungen oder Standesbeamten bei Zivilehen, zur Mitwirkung an kirchenfeindlichen Schriften oder bei häretischen Sekten…). Weiter unten bringe ich noch eigene Beispiele, die damals vielleicht nicht so oft vorkamen oder die bei diesen Theologen einfach nicht erwähnt worden sind (z. B. zur Mitwirkung bei Abtreibungen, Verhütung oder Schwulenhochzeiten, oder zur Investition in bestimmte Firmen).

Zum Verständnis der folgenden Texte: ein „gerechter und vernünftiger Grund“ heißt in Kasuistik und Kirchenrecht „nicht ganz ohne Grund und nicht aus einem ungerechten/unvernünftigen Grund“, ein „gerechter und vernünftiger Grund“ ist aber leicht gefunden; ein „ernster/schwerwiegender Grund“ muss ein gewisses Gewicht haben, ist aber nichts Abwegiges; ein „sehr schwerwiegender Grund“ ist schon etwas Außergewöhnliches. „Sehr schwerwiegend“ heißt aber nicht automatisch „selten“; man kann in einem Land oder einer Zeit leben, in dem/der generell außergewöhnliche Verhältnisse herrschen, sodass in diesem Land oder dieser Zeit relativ oft „sehr schwerwiegende Gründe“ für diese oder jene Sache auftreten. Es kommt letztlich einfach auf die objektive Schwere des Grundes an.

Klar ist immer: Wenn eine Mitwirkung sich nicht rechtfertigen lässt, und man sich ihr auch nicht unauffällig entziehen kann, muss man sich klar weigern und erklären, dass man die besagte Sache nicht tun wird. Andere haben die Pflicht, darauf Rücksicht zu nehmen, wenn jemand etwas mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann; und wenn sie merken, dass man sich nicht auf die Sache einlässt, stellen sie sich glücklicherweise in einigen Fällen auch irgendwann darauf ein. Manchmal tun sie das freilich nicht, und man muss die Konsequenzen tragen. Man sollte auch sehen, dass man, wenn man z. B. als Unternehmer in seinem Unternehmen strikt bestimmte Mitwirkungen am Bösen meidet, damit auch eine katholische Oase schaffen kann, die es katholischen Mitarbeitern leichter macht, und eine Vorbildfunktion für andere Katholiken hat. Je mehr Menschen sich einer Mitwirkung am Bösen entziehen, desto leichter wird es für andere, sie nachzuahmen.

Auch zu bedenken: Es ist praktisch gesehen öfter, wenn auch nicht immer, effektiver und macht mehr Eindruck, eine Mitwirkung ganz zu verweigern, als darauf zu hoffen, dass man, indem man sich beteiligt, einige Auswüchse verhindern und die Sache weniger schlimm machen kann, als sie sonst gewesen wäre. Auch wenn es einen rechtfertigenden Grund für die Mitwirkung gibt, an der Schwere der Sache selbst kann man oft nichts ändern.

Noch etwas Allgemeines zu den folgenden Fällen: Im Zweifelsfall über die Erlaubtheit einer Sache macht es Sinn, 1) die Klugheitsregeln für Zweifelsfälle zu kennen (kurz zusammengefasst: im Normalfall darf man etwas tun, wenn es wahrscheinlich erlaubt ist; Ausnahmen gibt es, wenn sehr wichtige Dinge auf dem Spiel stehen), 2) einen (verlässlichen!) Priester zu fragen.

 

Jetzt also erst einmal Beispiele von Jone und anderen älteren Moraltheologen:

 

Jone schreibt über Geldspenden:

Geldspenden für den Bau und Unterhalt nichtkatholischer Schulen und Waisenhäuser.

Wenn das Ziel dieser Einrichtungen in erster Linie Unterricht und Wohltätigkeit ist, kann man sie in gemischtreligiösen Ländern mit Geld unterstützen, unter der Bedingung, dass kein Ärgernis entsteht und diese Einrichtungen nicht dafür benutzt werden, den Abfall der Katholiken herbeizuführen.

Beiträge für sozialistische oder radikale Syndikate.

Wenn diese Syndikate zum Ziel haben, Armen, Kranken etc. … zu helfen, kann ein Beitrag aus einem proportionalen Motiv erlaubt sein. Aber wenn diese Syndikate zum Ziel haben, die Kirche zu bekämpfen, Sozialisten oder Radikale wählen zu lassen oder andere vergleichbare Ziele, wäre der Beitrag verboten.“ (Nr. 149)

Das Gesagte dürfte heute für entsprechende Hilfsorganisationen genauso gelten.

 

Ein großes Thema ist natürlich die Mitwirkung im Beruf. Austin Fagothey SJ schreibt allgemein über Angestellte:

„Angestellte, weil sie ihre Dienste einer Firma zur Verfügung stellen, deren Programm sie nicht bestimmen, sind besonders der Gefahr der materiellen Mitwirkung ausgesetzt. Man darf keine Anstellung bei einer Firma behalten, die kontinuierlich und gewohnheitsmäßig ein moralisch verwerfliches Geschäft betreibt. Wenn sie das nur gelegentlich tut, müssen sich Angestellte nicht beunruhigen, solange ihre materielle Mitwirkung entfernt bleibt; aber wenn sie merken, dass nahe materielle Mitwirkung von ihnen relativ häufig verlangt wird, müssen sie einen schwerwiegenden Grund haben, bei ihrer Arbeitsstelle zu bleiben, und müssen in der Zwischenzeit eine ernsthafte Anstrengung unternehmen, andere Arbeit zu finden.“ (Right and Reason, S. 340)

Im Allgemeinen darf man wohl sagen, dass man, wenn man zu der Ansicht kommt, dass man eine Arbeit nicht behalten kann, weil man zu oft relativ nahe materielle Mitwirkung leisten müsste, man während der Kündigungsfrist seine Arbeit noch normal leisten kann, da man mit diversen Konsequenzen zu rechnen hätte, wenn man das nicht tun würde.

Jone schreibt detaillierter:

„Mitwirkung Untergebener an den Sünden ihrer Vorgesetzten.

Dienstboten können, sogar nur aufgrund ihres Dienstverhältnisses, ihren Dienstherren an einem verbotenen Tag auf deren Verlangen hin Fleisch zubereiten, und ihnen Wein reichen, auch wenn sie wissen, dass sie sich betrinken werden. – Gleichermaßen kann ein Dienstbote seinem Dienstherren schlechte Bücher oder schlechte Zeitungen kaufen oder ihm solche liefern, die schon gekauft sind. – Aus einem proportional schwerwiegenden Grund kann ein Dienstbote im Auftrag seines Dienstherrn einer Person, mit der der Dienstherr schuldhafte Beziehungen unterhält, Briefe oder Geschenke überbringen. Er kann ihn zu dem Haus dieser Person fahren oder dieser Person die Tür öffnen. Aber er hat nie das Recht, diese Person direkt zur Sünde auffordern. Er kann sie allerdings aus einem ernsthaften Grund bitten, zu seinem Dienstherrn zu kommen, auch wenn er weiß, dass sie eine Sünde mit diesem begehen wird. Aber eine solche Einladung wäre nie erlaubt, wenn sie die erste Versuchung darstellen würde. – Büroangestellte können auf Verlangen ihrer Vorgesetzten Rechnungen abtippen, die andere schädigen müssen, und sie können selbst, aus sehr ernsthaften Gründen, auf Verlangen dieser Vorgesetzten, diese Rechnungen selbst aufsetzen. – Droschkenkutscher und Mietfahrer können ihre Dienste selbst denen leisten, die sich zu verrufenen Häusern fahren lassen wollen, da, zum einen Teil, sie das Übel nicht verhindern können, und, zum anderen Teil, ihre Weigerung ihnen einen schwerwiegenden Schaden bereiten würde.

Mitwirkung von Handwerkern und Geschäftsleuten

Schneiderinnen können, aus einem vernünftigen Grund und auf Verlangen, wenig anständige Kleider herstellen, von denen das Tragen allerdings keine Todsünde darstellt. Was Kleidung angeht, bei der es unmöglich ist, sie ohne schwere Sünde zu tragen, können sie sie nur aus einem sehr ernsthaften Grund herstellen. Aber wenn man solche Kleider macht, nicht um einen Auftrag auszuführen, sondern um Kunden anzulocken, sündigt man durch Ärgernis. – Geschäftsleute haben das Recht, Dinge zu verkaufen, die missbraucht werden können, deren Missbrauch sie aber nur in genereller Weise voraussehen, z. B.: Spielkarten, Waffen, Schminke, Schmuck. Wenn man sich aber sicher ist, dass der Käufer sie missbrauchen würde, braucht es einen ernsthaften Grund, um verkaufen zu dürfen; das Entgehen des Gewinns allein genügt nicht. Gastwirte dürfen einer Person, die sich wahrscheinlich betrinken wird, oder einer schon betrunkenen Person keine alkoholischen Getränke ausschenken. Wenn es keinen Dispens gibt, ist es ihnen nicht erlaubt, ihren Gästen an einem verbotenen Tag unaufgefordert Fleisch anzubieten; wenn man sich sicher ist, dass ein bestimmter Gast keinen Dispens hat, darf man ihm nur Fleisch servieren, um einen schwerwiegenden Schaden zu vermeiden. – Man darf gleichermaßen den Gästen keine Zeitungen bereitstellen, die kontinuierlich den Glauben und die guten Sitten angreifen, selbst im Fall, dass viele Kunden den Betrieb boykottieren würden, wenn man sie ihnen nicht gibt. Man muss sich im übrigen in Erinnerung rufen, dass diese Zeitungen unter die Vorschriften des Index fallen (Can. 1384, § 2 und Can. 1999 Nr. 3). Wenn diese Zeitungen nur von Zeit zu Zeit den Glauben und die Sitten angreifen, kann man sie den Gästen auf spezielle Anfrage aushändigen, wenn die Weigerung, sie ihnen zu geben, einen schweren Schaden verursachen würde. Nur im Fall, dass man aus Erfahrung weiß, dass fast alle Gäste diese Zeitungen verlangen und den Betrieb boykottieren werden, wenn man sie ihnen nicht zur Verfügung stellt, kann man es tun, aber man muss ihnen dann auch gute Zeitungen zur Verfügung stellen.“ (Nr. 152f.)

Der hl. Alphons schreibt über Angestellte von Wucherern:

„Einer, der Wucher nur dadurch fördert, dass er Geld zählt, Rechnungen schreibt oder ein Pfand gibt, kann nur durch Gründe des Dienstverhältnisses von Sünde entschuldigt werden“ (Alphons von Liguori, Moral Theology, S. 606.)

Man sollte, was das Ausschenken von Alkohol angeht, anmerken, dass es in Deutschland nach dem Gaststättengesetz sogar verboten ist, „in Ausübung eines Gewerbes alkoholische Getränke an erkennbar Betrunkene zu verabreichen“ (§ 20 Nr. 2 GastG). (Das Verbot trifft hier freilich den eigentlich verantwortlichen Wirt, nicht die Kellnerin.) Hier ist das Gesetz also auch mal auf der Seite der Moral.

Was das Servieren von Fleisch angeht, ist das (außer an zwei Tagen im Jahr) nicht mehr aktuell, selbst wenn ein Wirt Gäste hat, von denen er weiß, dass sie auch katholisch sind, weil es Katholiken nach dem neueren Kirchenrecht freigestellt ist, ob sie an einem Freitag auf Fleisch verzichten oder ein Ersatzopfer bringen wollen; nur eins davon ist verpflichtend. Und der Wirt kann seine Gäste schlecht fragen, ob sie auch ein Ersatzopfer bringen, wenn sie sich jetzt das Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat bestellen.

 

Ein großes Thema waren für die Moraltheologen der alten Zeiten immer Medien, die den Glauben angreifen; damals legte die Kirche noch mehr Wert auf dieses Thema und setzte ja auch Bücher auf den Index (die durfte ein Katholik dann nur mit Genehmigung lesen, z. B. wenn er einen Zeitungsartikel zur Widerlegung schreiben wollte, oder sich als Theologiestudent mit den gegnerischen Ansichten beschäftigen musste, und ein katholischer Buchhändler durfte sie nur an jemanden mit Genehmigung verkaufen). Der Index ist heute abgeschafft, also nicht mehr kirchenrechtlich verbindlich (das heißt nicht, dass diese Bücher besser geworden sind, aber wenn man wissen will, was der Gegner sagt, muss man nicht mehr bei der Kirche anfragen, ob man es lesen darf), und über dieses Thema redet man nicht mehr oft; trotzdem ist es ja immer noch so, dass vor allem beeinflussbare und leichtgläubige Menschen sich durch antikatholische Propaganda ziemlich schädigen lassen können, und man es daher nicht ganz außer Acht lassen sollte (und auch selbst solche Bücher lieber vermeiden sollte, wenn man weiß, dass man nicht unterscheiden kann, wo sie die Wahrheit sagen und wo sie sie verzerren oder lügen).

Jone schreibt also:

„Mitwirkung betreffs irreligiösen und unmoralischen Büchern, Zeitschriften und Zeitungen

Es ist nie erlaubt, solche Zeitungen etc. zu drucken, herauszubringen oder zu redigieren. Die Handlung der Schriftsetzer und Korrektoren der Druckerei wird als direkte Mitwirkung angesehen und kann nur aus einem sehr schwerwiegenden Motiv erlaubt sein, z. B. wenn man keine andere Möglichkeit hat, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. – Die Vorbereitung und Bereitlegung des Papiers, die Vorbereitung der Druckerschwärze, die Bedienung der Maschinen sind Handlungen, die für einige Zeit erlaubt sind, wenn man einen mittelmäßig ernsten Grund hat. – Der Verkauf von Druckerschwärze, Papier, Maschinen etc. an solche Druckereien ist nur eine sehr entfernte Mitwirkung und der bloße Wunsch nach Gewinn kann sie rechtfertigen. – Einen guten Artikel einer schlechten Zeitung zu schicken, begünstigt diese Zeitung, so geringfügig das auch ist, und kann daher nur aus einem gerechten und vernünftigen Grund erlaubt sein, der vom Bischof als solcher anerkannt ist (Can. 1386, § 2). Wenn sich die Sache nicht aufschieben lässt, kann man von der Erlaubnis ausgehen. [Nach dem heutigen Kirchenrecht muss man hier bekanntlich nicht mehr beim Bistum anfragen.] Aber als Mitarbeiter regelmäßig gute Artikel zu einer schlechten Zeitung beizutragen heißt, sie auf wichtige Weise zu unterstützen, und das kann nur aus einem extrem ernsten Grund erlaubt sein, z. B.: die Tatsache, dass man sich nicht anderweitig den notwendigen Lebensunterhalt für sich und die seinen verschaffen könnte. – Anzeigen in einer schlechten Zeitung aufzugeben bedeutet an sich generell keine wichtige Unterstützung und kann dementsprechend aus einem ernsthaften Motiv erlaubt sein. Aber häufige Anzeigen eines einzelnen Geschäftsmanns oder einer Gruppe von Geschäftsleuten sind eine bedeutende Unterstützung und können nur aus deutlich ernsthafteren Gründen erlaubt sein. – Um Schriften gegen den Glauben zu verkaufen, bedarf es einer speziellen Erlaubnis des Heiligen Stuhls und außerdem darf man sie nur an Personen verkaufen, von denen man vernünftigerweise annehmen kann, dass sie die Erlaubnis haben (Can. 1404, cf. Nr. 400). Im Zweifelsfall muss man annehmen, dass der Käufer die Erlaubnis hat (Nemo malus nisi probetur [=Niemand darf als Übeltäter angesehen werden, wenn es nicht bewiesen ist]). Man darf sie an andere verkaufen, wenn, wenn man sich weigern würde, man einen besonders schweren Schaden leiden würde, z. B. wenn man gezwungen wäre, sein ganzes Geschäft aufzugeben. Was Schriften angeht, die ex professo unmoralisch sind, ist es nicht erlaubt, sie zu verkaufen (Can. 1404). – Die Verteilung schlechter Zeitungen muss als eine sehr nahe Mitwirkung angesehen werden, und kann daher nur erlaubt sein, um schweren Schaden zu vermeiden. – Das Abonnement einer schlechten Zeitung kann nur aus einem sehr wichtigen Grund erlaubt sein, z. B.: ein großer Nutzen für sein Geschäft; aber es wäre nicht erlaubt, diese Zeitung allein deshalb zu beziehen, um zu wissen, was die Gegenseite sagt. Von Zeit zu Zeit eine solche Zeitung zu kaufen ist nur eine sehr entfernte Mitwirkung und kann an sich aus einem geringfügigen Grund erlaubt sein, unter der Bedingung, dass es nicht für Ärgernis sorgt. Aber für die Lektüre solcher Zeitungen muss man auch die kirchlichen Regeln des Index berücksichtigen (cf. Nr. 379, 400 ff.)“ (Nr. 150)

Jone würde also nicht erlauben, z. B. langfristig für den Spiegel oder den Playboy zu arbeiten, oder diese Zeitungen mit einem langfristigen Abonnement zu unterstützen.

Fagothey schreibt zum selben Thema:

„Zum Beispiel begeht ein Mann, der ein unmoralisches Buch schreibt, eine in sich schlechte Handlung; die Verleger, die ein solches Buch annehmen und edieren, sind formell Mitwirkende; Schriftsetzer, Korrekturleser und andere, die den eigentlichen Text vorbereiten, sind nah materiell Mitwirkende; diejenigen, die bloß die Druckerpressen betreiben, die Bücher binden und sie zur Auslieferung vorbereiten, sind entfernt materiell Mitwirkende. Die Chefs von Buchhandelsfirmen, die solche Bücher verkaufen, sind formell Mitwirkende, Angestellte, die sie verkaufen, sind nah materiell Mitwirkende, Sekretäre, die die sie betreffende Geschäfstkorrespondenz erledigen, sind entfernt materiell Mitwirkende. Je näher die Mitwirkung, desto wichtiger muss der proportionale Grund sein, der nötig ist, um die materielle Mitwirkung erlaubt zu machen.“ (Right and Reason, S. 339)

Bernhard Häring schreibt über schlechte Bücher:

„Von der Buchdruckerei und ihren Angestellten (nicht vom Verlag!) kann man wohl im allgemeinen sagen, daß ihre Mitwirkung nur materiell ist, da es nicht zu ihrer Tätigkeit als solcher gehört, sich den Inhalt auf seinen Sinn und seine Qualität anzuschauen. Der Besitzer und die Leiter einer Buchdruckerei wären aber nicht von schwerer Sünde entschuldigt, wenn sie ihre Arbeit in den Dienst schlechten Schrifttums stellen würden. Wegen des einen oder andern schlechten Abschnittes wären sie jedoch nicht verpflichtet, den Druck zurückzuweisen, wenn sie ihn doch nicht verhindern könnten. Die Angestellten mit rein technischen Verrichtungen können sich gar nicht vergewissern, ob alles, woran sie arbeiten, sittlich in Ordnung ist.“ (Das Gesetz Christi, S. 926.)

Man sollte hier vielleicht anmerken, dass heute die wenigsten Buchhandlungen Wert darauf legen, ihr Geschäft auf eine aus katholischer Sicht moralisch einwandfreie Weise zu führen, und man z. B. als Verkäuferin im Buchhandel kaum noch Arbeit finden würde, wenn man jede Beteiligung daran verweigern würde, z. B. Bücher für Kunden zu bestellen, in denen esoterische oder atheistische Ideen verbreitet werden, und sich daher an das halten, was Jone z. B. weiter oben über das Recht des Dienstboten gesagt hat, seinem Dienstherrn eine schlechte Zeitung zu kaufen. Freilich sollte man einem Kunden nicht von sich aus schlechte Bücher empfehlen, aber sie ihm auf Nachfrage verkaufen darf man wohl.

Wesentlich schwieriger wäre es bei Lektoren, die für einen eher schlechten Verlag arbeiten, bei dem sich ziemlich nahe Mitwirkung an schädlichen Inhalten kaum vermeiden lässt, bei dem in einem großen Teil der Veröffentlichungen irgendetwas Esoterisches, Modernistisches, Kirchenfeindliches oder Unmoralisches steht. Nicht erlaubt wäre es z. B. auch, ein Jobangebot als Hilfskraft bei einem pseudo-katholischen Theologen anzunehmen, dem man bei der Vorbereitung voraussichtlich häretischer Vorlesungen oder Veröffentlichungen helfen soll, (auch nicht, weil man hofft, ein paar häretischen Auswüchsen entgegenwirken zu können (was übrigens eine sehr sehr dumme Hoffnung ist)).

 

Weiter zum nächsten Thema, über das Jone schreibt:

„Mitwirkung an unangebrachten Darbietungen und Tänzen

Wer Darbietungen liefert oder Tänze von schwerwiegend sündhafter Art aufführt, wer sie organisiert, wer sie durch sein Geld ermöglicht oder dazu einlädt, an ihnen teilzunehmen, sündigt schwer; wenn es sich nur um leicht unanständige Darbietungen oder Tänze handelt, ist die Sünde nur lässlich. – Die Musiker, die einen unangebrachten Tanz begleiten, sündigen schwer, wenigstens wenn sie nicht durch einen sehr schwerwiegenden Grund entschuldigt sind. – Polizisten und Soldaten, die verpflichtet sind, anwesend zu sein, um für Ordnung zu sorgen, begehen keine Sünde. – Diejenigen, die das Theater oder den Tanzsaal instand halten, wirken nur auf eine sehr entfernte Weise mit, und daher kann ein wenig wichtiger Grund sie entschuldigen. – Für die Vermietung der Räumlichkeiten muss es einen sehr wichtigen Grund geben, wenn der Tanz oder die Darbietung ohne diese Vermietung nicht stattfinden könnte. Aber wenn die Organisatoren andere Räumlichkeiten finden könnten, genügt ein weniger wichtiger Grund zur Entschuldigung.“ (Nr. 151)

 

Über die Mitwirkung von Juristen schreibt Jone:

„Mitwirkung des Richters an der Ausführung eines schlechten Gesetzes durch ein Urteil in Konformität mit dem Gesetz

Dinge, die in sich schlecht sind, dürfen nie kraft eines Richterspruchs vorgeschrieben werden. Z. B.: Ein Richter kann jemandem nicht gebieten, einem Götzen zu opfern oder mit einer Person zusammenzuleben, die vor Gott nicht seine Frau ist. Zum Thema der Mitwirkung eines Beamten an der Schließung einer ungültigen Ehe, s. Nr. 660, an einer Scheidung, s. Nr. 766.

Was Strafen angeht, die auf Verstöße gegen ein ungerechtes Gesetz gesetzt sind, kann der Richter sie verhängen, wenn es sich um leichte Strafen handelt, und es wenig Hoffnung gibt, dass der vereinte Widerstand guter Kräfte dafür sorgen könnte, dass das Gesetz außer Gebrauch gesetzt wird. In einem solchen Fall kann der Verurteilte nicht vernünftigerweise unzufrieden sein; diese Erwägungen haben einen besonderen Wert, wenn das Gemeinwohl verlangt, dass ein guter Richter im Amt bleibt. Aber der Richter darf jemanden in einem solchen Fall niemals eines Gutes berauben, auf das er nicht [von sich selbst aus] verzichten dürfte, z. B. des Lebens. […]

Generell muss man dasselbe bei Geschworenen sagen wie bei Richtern.“ (Nr. 154)

In Nr. 660, auf die oben verwiesen wurde, schreibt er: „Ein Katholik kann ohne spezielle Erlaubnis als Staatsbeamter an einer Zivilehe mitwirken, wenn die [katholischen] Verlobten der zivilen Formalität direkt die kirchliche Eheschließung folgen lassen werden. – Es braucht einen wichtigen Grund, um an einer Zivilehe mitzuwirken, wenn es sicher ist, dass die kirchliche Eheschließung nicht folgen wird. Wenn ein Ehehindernis, von dem nicht dispensiert werden kann [d. h., eins, das sich aus dem göttlichen Recht, nicht aus dem kirchlichen Recht ergibt, von dem die Kirche einen also nicht entbinden könnte], sich der Eheschließung entgegenstellt (z. B.: das [frühere] Eheband), erlauben gewisse Autoren die Mitwirkung, aber nur aufgrund eines extrem schwerwiegenden Motivs.“

Aus heutiger Sicht könnte man anmerken, dass Standesbeamte vermutlich oft gar nichts über die Pläne der Paare für kirchliche Eheschließungen usw. wissen, und die Assistenz daher im Allgemeinen für erlaubt halten.

Es stellt sich die Frage, ob man die Sache ganz als bloß zivilrechtliche Angelegenheit betrachten sollte; dann würde sich die Frage nach der Mitwirkung an etwas Falschem (dem Versuch einer ungültigen Eheschließung) nicht stellen. Dagegen muss man aber einwenden: Die meisten Leute, die standesamtlich heiraten, wollen damit eine wirkliche Ehe schließen, nicht nur eine zivile Formalität erledigen, und Nichtkatholiken können auf dem Standesamt eine objektiv vor Gott gültige Ehe schließen (Katholiken können erst in einer kirchlichen Zeremonie gültig heiraten, auch wenn sie die standesamtliche Prozedur vorher erledigen müssen; sie dürfen diese nicht als die eigentliche Eheschließung betrachten).

Unter die von Jone oben erwähnten Ehen, die nicht gültig sein können, und bei denen man nur aufgrund eines extrem schwerwiegenden Motivs assistieren könnte, würden wohl auch homosexuelle „Ehen“ zählen.

Allgemein empfiehlt es sich wohl nicht, als Katholik Standesbeamter zu werden.

In Nr. 766 schreibt er: „Ein katholischer Richter, der aufgrund seines Amtes verpflichtet ist, ein Verlangen nach einer Scheidung zu akzeptieren, kann, nach der wahrscheinlichen Meinung der Autoren, am Scheidungsurteil mitwirken, da man die Auflösung der Zivilehe wie ihre Schließung als eine einfache zivile Formalität sehen kann. Der Richter muss allerdings, soweit möglich, jegliches Ärgernis vermeiden, und beim vorgeschriebenen Schlichtungsversuch den Eheleuten die Gesetze der katholischen Kirche in Erinnerung rufen. Manchmal allerdings hat der Heilige Stuhl aufgrund des besonderen Ärgernisses strengere Verordnungen getroffen. Ein katholischer Anwalt muss die Verteidigung einer Scheidungssache verweigern. Aber wenn er aufgrund des Armenrechts dieser Sache amtlich zugeteilt wird, sind auf ihn dieselben Regeln wie auf den Richter anzuwenden.“

Der hl. Johannes Paul II. hat in jüngerer Vergangenheit über die Mitwirkung ziviler Richter und Anwälte an Scheidungssachen gesagt:

„Anderseits sollen diejenigen, die im Bereich des Zivilrechts tätig sind, es vermeiden, persönlich miteinbezogen zu werden, insofern dies eine Mitwirkung an der Scheidung impliziert. Für die Richter kann das sehr schwierig sein, weil die Rechtsordnungen keine Verweigerung aus Gewissensgründen anerkennen, die sie vom Urteilen befreien. Aus schwerwiegenden und angemessenen Gründen können sie deshalb entsprechend den traditionellen Prinzipien der materiellen Mitwirkung am Bösen handeln. Aber auch sie müssen wirksame Mittel finden, um die ehelichen Verbindungen zu begünstigen, vor allem durch einen klug geführten Versöhnungsversuch. 

Die Anwälte als freiberuflich Tätige müssen es stets ablehnen, ihren Beruf auszuüben für eine der Gerechtigkeit entgegengesetzte Zielsetzung, wie dies die Scheidung ist; sie können sich an einer Handlung nur dann beteiligen, wenn diese entsprechend der Absicht des Klienten nicht auf den Bruch des Ehebundes ausgerichtet ist, sondern auf andere legitime Effekte, die nur mittels eines solchen gerichtlichen Weges in einer bestimmten Rechtsordnung zu erreichen sind (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2383). Auf diese Weise dienen die Anwälte wirklich den Rechten der Menschen durch ihre Hilfe und durch die Aussöhnung der Personen, die eine Ehekrise durchleben, und sie vermeiden es, reine Techniker im Dienst jedes beliebigen Interesses zu werden.“

D. h. ein Anwalt könnte an einer Scheidungssache mitwirken, wenn z. B. eine Frau, die ihren Mann verlassen hat, weil er sie geschlagen hat, mit der Scheidung eine anständige Besitzaufteilung erreichen und Unterhaltsansprüche durchsetzen will, aber nicht, um eine wahre Auflösung der Ehe zu erreichen, die bekanntlich nicht möglich ist.

 

Über die Mitwirkung von Wählern bei politischen Wahlen schreibt Jone:

„Die Wahlenthaltung scheint zumindest eine lässliche Sünde zu sein wenn der gute Kandidat einen schlechten Konkurrenten hat; man kann eine schwere Sünde begehen, wenn man durch seine Enthaltung verantwortlich ist, dass ein schlechter Kandidat gewählt wird. [Hier geht es wohl um sehr knappe Wahlen oder Wahlen in kleinen Gemeinschaften; für gewöhnlich fallen einzelne Stimmen ja kaum ins Gewicht.]

Man darf seine Stimme einem schlechten Kandidaten geben, insofern das nötig ist, um die Wahl eines schlechteren zu verhindern, aber eine angemessene Erklärung muss den Grund für diese Handlungsweise erklären. [Hier ist gemeint: Wenn man öffentlich darüber redet, oder die Wahl nicht geheim ist, muss man dazu sagen, wieso man einen Kandidaten trotz seiner Schlechtigkeit gewählt hat.] Ausnahmsweise könnte man einmal seine Stimme einem schlechten Kandidaten geben, um einen sehr schweren persönlichen Schaden zu vermeiden. [Hier geht es wohl um Wahlen in einer Diktatur; man denke an die DDR.]“ (Nr. 204)

Über die Mitwirkung eines Parlamentsabgeordneten bei der Verabschiedung eines schlechten Gesetzes sagt er:

„Die Mitwirkung an einem schlechten Gesetz ist eine Sünde.

Eine Ausnahme wird nur zugestanden, wenn die Abgeordneten mit dieser Mitwirkung ein größeres Übel verhindern […]; in diesem Fall müssen sie öffentlich ihren Standpunkt klarmachen.“ (Nr. 203)

Wenn also z. B. nur zwei Gesetzesentwürfe zur Auswahl stehen, einer, der Abtreibung generell innerhalb einer bestimmten Frist erlauben soll, und einer, der sie nur in Ausnahmefällen, z. B. bei behinderten Kindern, erlauben soll, dürften Abgeordnete für den weniger schlimmen stimmen, müssten aber deutlich machen (sofern sie im Parlament zu Wort kommen jedenfalls), dass sie auch gegen das Töten behinderter Kinder sind und ihnen der weniger schlechte Entwurf nicht genug ist.

Über Parteien schreibt Häring:

„Die Wahl eines Abgeordneten oder einer Partei, die offensichtlich unsittliche oder widerchristliche Grundsätze vertritt, bedeutet an sich Billigung und Unterstützung dieser Grundsätze und ist darum formelle Mitwirkung. Die Grundsätze der kommunistischen Partei sind so sehr gegen die christliche Sitte und Lehre, dass das Heilige Offizium [das Heilige Offizium war das, was heute die Glaubenskongregation ist] die Wahl der kommunistischen Partei oder ihre Unterstützung durch Halten und Verbreiten des Parteischrifttums als schwere Sünde bezeichnen mußte, die solange vom Sakramentenempfang ausschließt, bis man sich von dieser Unterstützung des Bösen lossagt. Dies gilt auch für die, die beteuern, daß sie sich von den sittlichen und weltanschaulichen Irrtümern des Kommunismus freihalten; denn nicht erst das innere Stehen zur Häresie, sondern schon die Unterstützung ist schwer sündhaft, weil sie Mitwirkung zu einer großen Sünde ist.

Auch die Wahl freimaurerischer und sozialistischer Parteien, die zum Beispiel grundsätzlich die katholische Schule bekämpfen und dem ungeborenen Leben jeden Schutz versagen wollen, ist Unterstützung der bösen Sache und schwer sündhaft.

Wenn jedoch der Wähler nur die Möglichkeit zur Wahl von Parteien hat, von denen jede schwer unsittliche oder glaubenswidrige Programmpunkte vertritt, so muß er sich je nach Lage entweder der Stimme enthalten, falls er nicht fürchten muß, daß daraus noch größere Übel erwachsen, oder er muß seine Stimme der Partei geben, die der Sache des Glaubens und der guten Sitten alles in allem noch am günstigsten oder doch weniger feindlich gesinnt ist. […]

Wer sich als Abgeordneter einer Partei wählen läßt, in der er unter Fraktionszwang glaubensfeindliche oder sittenwidrige Gesetzesvorlagen unterstützen muß, kann nicht von formeller Mitwirkung und schwerer Sünde entschuldigt werden. Wenn jedoch der Abgeordnete frei ist, so daß er innerhalb der Partei und im Parlament gegen jeden schlechten Programmpunkt Stellung nehmen kann, ist von einer formellen Mitwirkung nicht die Rede, und ein Christ könnte sich für die Partei wählen lassen, falls er aufs Ganze gesehen dadurch kein Ärgernis gibt, der bösen Sache keine Vorspanndienste leistet, sondern im Gegenteil den Einfluß des Bösen zurückdrängt.“ (Das Gesetz Christi, S. 926f.)

Hier noch einige Anmerkungen von mir:

Man sollte bei der Wahlentscheidung beachten, was eine Partei sagt und will, aber auch, was sie voraussichtlich wirklich tun wird; man muss sie nicht wegen eines wohlklingenden Wahlprogramms wählen, wenn man weiß, dass sie es nicht umsetzen wird.

Wenn es mehrere mehr oder weniger schlimme größere Parteien gibt und nur unter den chancenlosen Kleinstparteien eine, deren Programm sehr gut mit katholischen Prinzipien übereinstimmt, ist man nicht verpflichtet, diese Kleinstpartei zu wählen, man darf sich auch unter den größeren Parteien diejenige wählen, von der man denkt, dass sie vergleichsweise am meisten Gutes und am wenigsten Schlimmes tun wird.

Bei vielen taktischen Entscheidungen können Katholiken legitimerweise unterschiedlicher Ansicht sein – wählt man z. B. lieber eine Partei, die nur Chancen auf einen Platz in der Opposition hat, damit der Regierung Druck gemacht wird, oder zieht man nur die Parteien in Betracht, die auch wirklich an die Regierung kommen könnten, um eine noch schlimmere Regierung zu verhindern, oder drückt man seinen Protest gegen die großen Parteien durch die Wahl einer Splitterpartei aus?

Beim Thema Wahl kommt oft die Frage nach dem Lebensrecht der Ungeborenen auf, ob diejenigen eine Sünde bzw. Todsünde begehen, die Parteien wählen, die für Abtreibung sind. Das Thema Abtreibung ist ein sehr wichtiges Thema und sollte in der heutigen Situation i. d. R. das erste sein, an das man bei der Wahl denkt; immerhin geht es hier um Leben und Tod für sehr viele Menschen. Wenn aber alle oder manche Parteien sich bei diesem Thema nur in Nuancen unterscheiden und keine von ihnen wirkliche Pläne hat, in positiver oder negativer Hinsicht etwas am Abtreibungsrecht zu ändern, sodass die Wahlentscheidung keinen oder kaum einen Einfluss auf die Zahl der Todesopfer hätte, kann es an sich vorkommen, dass andere schwerwiegende Themen ausschlaggebender sind. Um ein sehr einfaches, offensichtliches Beispiel zu nehmen: man hat eine Kommunalwahl in einer kleinen Gemeinde, der Gemeinderat wird am bundes- und landesweiten Abtreibungsrecht nichts ändern können, und es ist auch unwahrscheinlich, dass es irgendwelche lokalen Aktionen geben wird (z. B. ein Verbot für Lebensrechtler, vor einer Abtreibungspraxis zu beten, weil es gar keine solche Praxis in der Gemeinde gibt). In dieser Situation könnte jemand z. B. für den Kandidaten der SPD statt den der CSU stimmen, auch wenn die SPD als Partei völlig gegen das Lebensrecht der Ungeborenen ist, sagen wir, weil bekannt ist, dass der CSU-Kandidat ein unzurechnungsfähiger Choleriker ist, der schon zwei Mal im Gefängnis war, einmal wegen Korruption und einmal wegen sexueller Belästigung, während der SPD-Kandidat ein gemäßigter normaler Mensch ohne viele nachteilige Pläne für die Gemeinde ist. (Das war ein theoretisches Beispiel; in der Praxis wird es meiner persönlichen Meinung nach sehr sehr wenige Gründe geben, aus denen man für die SPD stimmen kann. Aber das ist meine persönliche Meinung.)

Man sollte hier m. E. in der Praxis eher vorsichtig sein, bei anderen wegen einer Wahlentscheidung Todsünden anzunehmen, solange jemand eine Partei nicht wegen, sondern trotz ihrer Position zum Thema Abtreibung wählt. Wenn jemand das nicht ohne Grund, aber aus einem nicht ganz genügenden Grund tut, muss das keine Todsünde, sondern kann auch eine lässliche Sünde sein.

Freilich sind die Parteien, die für Abtreibung sind, der Sache des Glaubens gegenüber oft in sehr vielen Punkten feindlich eingestellt; und es kann natürlich (s. o.) eine Todsünde sein, sie zu wählen, auch wenn man sie in allen diesen Punkten nicht gut findet. Die subjektive Schuldfähigkeit beim Einzelnen, der das vielleicht nicht ganz erkennt, wäre ein anderer Punkt; aber eine solche Wahlentscheidung kann Todsünde sein.

 

Außerdem schreibt Häring über ein Thema, an das Katholiken heute kaum noch denken, nämlich die Beteiligung an gottesdienstlichen Handlungen von Häretikern wie z. B. Protestanten:

„Einem andersgläubigen Kranken auf Wunsch seinen Pfarrer herbeirufen oder das Zimmer zu seinem Empfang schön herrichten, ist in unseren Verhältnissen gewöhnlich nicht als Mitwirkung zu einer Sünde anzusehen, zumal man im Allgemeinen bei den im Irrtum Geborenen Gutgläubigkeit annehmen darf und der Beistand des nichtkatholischen Religionsdieners in der Regel im wesentlichen darin besteht, daß er den Kranken zu lebendigem Glauben an Gottes Vorsehung und Barmherzigkeit und zu Akten der Reue und Liebe anleitet.

Außerdem handelt es sich hier gewöhnlich überhaupt nicht um die selbstverständlich verbotene Aufforderung zu einem häretischen Kulte, sondern um die schlichte Weitergabe des Verlangens des Kranken nach dem Besuch seines Pastors. Es muß aber bei allem Erweis der Liebe das Verhalten des Katholiken immer so sein, daß er nicht den Schein der Billigung oder Unterstützung häretischer Lehren oder Riten gibt.

Wenn Katholiken bei öffentlichen Sammlungen einen Beitrag zum Bau von Gotteshäusern für (aus dem Osten vertriebene) Protestanten geben, aus der Überzeugung, es sei besser, diese beten gemeinsam, als daß sie dem Indifferentismus und Unglauben zum Opfer fallen, so ist dagegen wohl nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß Ärgernis vermieden und der Ausbreitung des Protestantismus kein Vorschub geleistet wird. Aus dem gleichen Motiv und unter den gleichen Voraussetzungen stellten Ortsoberhirten den Protestanten Kirchen oder kirchliche Räume für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Der Vorgang beruht auf Gegenseitigkeit und ist Ausdruck der Liebe.“ (Das Gesetz Christi, S. 928)

Jone, der noch einige Zeit vor dem 2. Weltkrieg schrieb und nicht mit Heimatvertriebenen zu tun hatte, urteilte hier noch ein klein wenig strenger; zumindest was das Holen des häretischen Pfarrers ins Krankenhaus angeht, muss ich hier aber ausnahmsweise eher Häring als Jone beipflichten:

Mitwirkung an Kulthandlungen der Nichtkatholiken

Ein Dienstbote kann seine Herrschaft zum protestantischen Gotteshaus begleiten, wenn das nicht als eine Anerkennung der Häresie gesehen wird. Allerdings hat er nicht das Recht, am Gebet und am Gesang teilzunehmen, weil das eine Beteiligung am Gottesdienst im eigentlichen Sinn wäre. – Nonnen in einem Hospital dürfen nicht von sich aus einen Geistlichen des nichtkatholischen Glaubens zu einem Sterbenden rufen, aber aus einem sehr ernsten Motiv (z. B.: das öffentliche Wohl) dürfen sie ihn wissen lassen, dass ein Kranker seinen Besuch wünscht [d. h. sie dürfen ihn nur rufen, wenn der Kranke selbst das will, nicht von sich aus, nur weil sie wissen, dass er z. B. ein Protestant ist]; es scheint sogar, dass es ihnen erlaubt sein dürfte, einen kleinen Tisch herzurichten, den der Geistliche für Kulthandlungen benutzen wird. – […] – Tische, Bänke, Teppiche, Leuchter etc. … für den Gottesdienst der Nichtkatholiken zu verkaufen ist erlaubt, wenn man, indem man auf diesen Verkauf verzichten würde, des entsprechenden Gewinns verlustig gehen würde. [Aus heutiger Sicht kann man anmerken, dass auch das Vermeiden einer Klage wegen Diskriminierung mit Sicherheit ein ausreichender Grund wäre.] – Um Kunstobjekte zu verkaufen, die für nichtkatholische Gotteshäuser bestimmt sind, bedarf es eines ernsteren Motivs, da diese Objekte dazu dienen, die Erhabenheit des Gottesdienstes herauszustellen, und jemanden dazu geneigt machen können, in die Sekte einzutreten oder in ihr zu bleiben. – Geld für den Bau eines protestantischen Gotteshauses zu spenden kann nach einer Erklärung der Pönitentiarie nur erlaubt sein, wenn man dadurch erreicht, dass eine Kirche, die [auch] von den Katholiken benutzt wird, aufhört, eine Simultankirche zu sein. Aber Abgeordnete können im Interesse des religiösen Friedens für Kredite für den Bau protestantischer Kirchen stimmen. Gleichermaßen können Privatpersonen im Interesse des öffentlichen Friedens zwischen den Konfessionen Wohltätigkeitsbasare besuchen, zu Konzerten gehen, an Lotterien teilnehmen, deren Ziel der Bau protestantischer Gotteshäuser ist, wenn die Protestanten zuvor dasselbe für die Katholiken getan haben. Die Glocken für den Gottesdienst der Nichtkatholiken zu läuten wird von mehreren Autoren als eine einfache Anzeige der Gottesdienstzeit eingeschätzt und kann dementsprechend aus einem proportional schwerwiegenden Motiv erlaubt sein. Man muss das Gleiche über die Anzeige eines nichtkatholischen Gottesdienstes in einer Zeitung sagen.“ (Nr. 148)

Damals fanden ja im Allgemeinen noch keine ökumenischen Gottesdienste statt; dazu kann man sagen, dass die Teilnahme (inklusive Gebet, Gesang, Lektorendienste…) heute im Allgemeinen erlaubt ist, weil es sich hier nicht um einen häretischen Gottesdienst, sondern um einen „konzentrieren wir uns vorübergehend auf das Minimum, bei dem wir uns einig sind“-Gottesdienst handelt, und dieses Minimum (zumindest bei manchen ökumenischen Gottesdiensten; auf alle trifft das freilich nicht zu) nicht häretisch ist. Genauso, wie man mit protestantischen Familienmitgliedern zusammen ein Tischgebet sprechen darf, darf man auch beim Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Marsches für das Leben nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich teilnehmen.

(Eine andere Frage ist, ob man die Bewegung zum Ökumenismus hin für generell gut oder schlecht hält, und vielleicht meint (wofür es gute Gründe gibt), dass hier sehr oft die Gefahr besteht, dass die Unterschiede zwischen den Konfessionen verwischt werden. Aber auch wenn man sich generell von ökumenischen Gottesdiensten fernhält (was ich tun würde), kann es vorkommen, dass man eben z. B. mal in die Situation kommt, mit Protestanten zusammen ein Tischgebet sprechen zu sollen.)

Der hl. Alphons von Liguori schreibt über die Mitwirkung an nichtchristlichen Kulten:

„Auch jene sind entschuldigt, die aus gerechtem Grund einem Juden oder Ungläubigen ein Lamm verkaufen, das für ein Opfer benutzt werden wird. Gleichermaßen jene, die jüdische Synagogen oder die Kirchen von Häretikern mit der Erlaubnis der Obrigkeit bauen oder wieder herrichten, insbesondere wenn es ebenso ohne (?) andere [vermutlich ein Tippfehler in der englischen Übersetzung; „mit anderen“ würde besser passen] getan werden würde.“ (Alphons von Liguori, Moral Theology, S. 602.)

 

Außerdem schreibt er über ein Thema, das seinerzeit im 18. Jahrhundert noch aktuell war, nämlich über Christen, die als Kriegsgefangene oder von muslimischen Sklavenjägern Verschleppte auf türkische Galeeren geraten waren (es ist übrigens zumindest möglich, dass er diese Frage nicht nur akademisch diskutierte, sondern auch in der Beichte Katholiken getroffen hatte, die aus einer solchen Gefangenschaft wieder entkommen waren und sich mit Gewissensbissen plagten, wie sie dabei hätten handeln sollen):

„Christliche Gefangene auf den Galeeren der Türken oder Häretiker rudern, aus schwerer Furcht, erlaubterweise gegen Katholiken, oder tragen die Ausrüstung und Waffen der Muslime, die für den Krieg notwendig sind, bauen Belagerungsmaschinen, etc. So sagen Lessius, Sanchez, Suarez, Laymann […] gegen Toledo, und andere, die lehren, dass sie schwer sündigen. Nichtsdestotrotz, wenn sich an diesem Ort die Gelegenheit ergäbe, dass sie eine christliche Flotte retten oder ihr den Sieg verleihen könnten, indem sie dies verweigern würden, sind sie nur gehalten, das Gut ihres Lebens vorzuziehen. [Das heißt, sie sind nicht verpflichtet, ihre Dienste zu verweigern; wenn sie das tun wollen, wäre das ein freiwilliges Opfer.]“

Außerdem schreibt er über den Fall, wenn ein Usurpator ein Gebiet erobert oder sich an die Macht putscht, und den Fall, wenn Katholiken in protestantischen Gebieten leben:

„Die Bewohner einer Stadt oder Provinz, die ein Tyrann besetzt, bleiben erlaubtermaßen unter bösen Besatzern und helfen ihnen erlaubtermaßen, wenn sie durch Befehl gezwungen werden, ihnen beim Wachestehen zu helfen, beim Graben von Gräben, und Bezahlung, und durch die angenommene Einwilligung des legitimen Herrschers […].

Katholische Seeleute und Fuhrmänner in Holland liefern, selbst ohne schwere Furcht, unter der Voraussetzung, dass es ohne eine böse Absicht geschieht, erlaubtermaßen dem [Kriegs-]Lager der Häretiker Vorräte, wenn andere vorhanden sind, die das tun würden, wenn sie aufhören würden, da, wenn sie das nicht tun würden, sie von jedem Geschäft ausgeschlossen wären als Leute, die das Gemeinwohl hassen.“ (Alphons von Liguori, Moral Theology, S. 602f.)

Noch mal zur Klarstellung: Hier geht es nicht um die Frage, was das Beste wäre, sondern ob jemand sündigt, der dies und jenes tut.

 

Jetzt noch einige weitere Beispiele; teilweise habe ich die Einschätzungen dazu aus anderen Quellen zusammengesammelt, teilweise sind es aber auch eigene Einschätzungen; daher gilt natürlich: Im Zweifelsfall, wenn man selbst betroffen ist, lieber einen verlässlichen Beichtvater fragen, wie man handeln soll; ich bin eine Laiin mit Laienkenntnissen und habe hier eigentlich gar keine Autorität. Aber jetzt die Beispiele:

 

Steuern, Beiträge, Gebühren, Mitgliedsbeiträge etc. zu zahlen, deren Verwendung man nicht kontrollieren kann und die sowohl für Gutes als auch für Schlechtes gebraucht werden (z. B. Rundfunkbeitrag), ist in aller Regel erlaubt, besonders, da man es kaum vermeiden kann. Auch Jesus hat das Zahlen von Steuern an den römischen Kaiser gutgeheißen, der nun wirklich nicht nur gute Dinge tat.

 

Von Firmen zu kaufen, die für schlechte Dinge spenden oder ein paar schlechte Geschäftspraktiken haben, ist für gewöhnlich erlaubt; die Mitwirkung ist nur sehr entfernt. Freilich kann es trotzdem im Einzelfall eine gute Idee sein, sie zu boykottieren, wenn z. B. gerade eine größere Boykottaktion stattfindet, aber man sollte nicht zu viel Zeit und Energie darauf verschwenden, sich mit solchen Dingen zu beunruhigen.

Bewusst in eine Firma zu investieren, die viel Böses tut, ist falsch; in einen Fonds zu investieren, bei dem es viel Mühe kosten würde oder kaum möglich wäre, die Betätigungen der einzelnen Firmen nachzuprüfen, ist erlaubt.

 

Mitwirkung an Abtreibungen:

  • Die direkte Mitwirkung ist immer verboten. Als Krankenschwester z. B. nur die Instrumente zu reichen, dürfte einen extrem schwerwiegenden Grund erfordern, der kaum jemals vorkommen dürfte – sagen wir, eine Krankenschwester lebt in einer Diktatur, die Abtreibungen fördert, um Überbevölkerung zu vermeiden oder unliebsame Bevölkerungsschichten loszuwerden, und wenn medizinisches Personal sich weigert, daran mitzuwirken, landet es samt der Familie im KZ. (Als Arzt die Tötung wirklich selbst durchzuführen wäre freilich auch in diesem Fall nicht erlaubt.)
  • In einem normalen Krankenhaus zu arbeiten, das neben vielen anderen Dingen ab und zu auch Abtreibungen durchführt, ist erlaubt. Es ist aus einem vernünftigen Grund (z. B. jemand muss man den Job machen, man braucht eine Arbeit und ist hierfür geeignet, und dergleichen) auch erlaubt, dort in der Verwaltung neben vielem anderen auch bei der Abrechnung der Abtreibungen bei der Krankenkasse mitzuwirken, oder in der IT zu arbeiten und auch die Computer der Gynäkologen instandzuhalten, die gelegentlich Abtreibungen durchführen.
  • Es ist aus einem vernünftigen Grund (z. B.: kein anderer Arzt ist gerade verfügbar und die Frau muss versorgt werden, da die Abtreibung schon geschehen ist) erlaubt, in einem Einzelfall die Nachsorge nach einer Abtreibung zu machen.
  • Schwangerschaftskonfliktberatung zu machen und einen Schein auszustellen, der zu einer Abtreibung berechtigt, ist (wie der Heilige Stuhl klargestellt hat) verboten; das ist im Grunde eine Tötungslizenz. Bei einer Organisation, die nur Schwangerschaftskonfliktberatungen macht, als Verwaltungskraft zu arbeiten, dürfte einen sehr schwerwiegenden Grund erfordern, als Hausmeister oder Putzfrau auch einen schwerwiegenden oder sogar auch einen sehr schwerwiegenden; auch wenn diese Organisation vielleicht im Einzelfall auch mal etwas Gutes tut, indem sie Frauen, die wirkliche Beratung wollen statt nur eine Tötungslizenz, Beratung bietet, und manche sogar von der Abtreibung abhalten könnte, ist es doch ihr Hauptgeschäft, Abtreibungen zu ermöglichen.
  • In einer Organisation, z. B. einem staatlichen Gesundheitsamt, die neben anderen legitimen/notwendigen Dingen auch Schwangerschaftskonfliktberatung mit Scheinausstellung macht, zu arbeiten, ohne an der Beratung mitzuwirken, ist aus einem vernünftigen Grund (der ist in diesem Fall bald gefunden; die übrige Arbeit eines Gesundheitsamtes muss erledigt werden) erlaubt. Fraglich wäre es, ob es für Angestellte in solchen Stellen erlaubt wäre, z. B. im Einzelfall die Terminvereinbarung für Schwangerschaftskonfliktberatungen zu machen; einerseits ist die Mitwirkung entfernter, da die Frau sich noch unsicher sein könnte und sich nach der Beratung auch gegen eine Abtreibung entscheiden könnte; andererseits wäre sie noch einen weiteren Schritt davon entfernt, einen Tötungsschein zu erhalten, wenn man sagen würde „gerade kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, rufen Sie später noch mal an, wenn meine Kollegin da ist, die über unsere Termine Bescheid weiß“.
  • Das Verbot der Mitarbeit gilt natürlich umso mehr für medizinische Fachangestellte, Pfleger, Verwaltungskräfte, Hausmeister etc. in Kliniken oder Praxen, die nur Abtreibungen durchführen oder bei denen Abtreibungen zumindest einen großen Teil ihrer Arbeit ausmachen. (In Deutschland gibt es wenige solche Einrichtungen, aber in den USA wäre das beispielsweise Planned Parenthood.)
  • Als Angestellte bei einem Frauenarzt zu arbeiten, der in seiner Praxis neben den üblichen Behandlungen auch ab und zu Abtreibungen durchführt, dürfte sich auch extrem schwer rechtfertigen lassen – besonders, da es in den letzten Jahren zumindest in Deutschland immer mehr Frauenärzte gibt, die nicht dazu bereit sind, und es den Zugang zur Abtreibung erschweren kann, je weniger Personal Ärzte finden, wenn sie es noch tun.

 

Mitwirkung bei Verhütung und Sterilisation: Hier sollte man beachten, dass, während die meisten Leute bei Abtreibungen noch irgendwie sehen, dass sie doch nicht in Ordnung sind, viele gar nicht mehr verstehen, was bitte an Verhütung oder Sterilisation falsch sein soll, also subjektiv keine Sünde begehen dürften. Es wäre also eine geringere Sünde gegen die Nächstenliebe, bei so etwas mitzuwirken. (Natürlich ist beides auch an sich weniger schwerwiegend als Mord.) Materiell ist das alles aber für sich genommen schwere Sünde. Man kann sagen:

  • Die direkte Assistenz bei einer Sterilisation ist immer falsch, der regelmäßigen entfernteren Mitwirkung (z. B. als Anästhesist, oder als Pfleger, der das OP-Besteck herrichtet oder reicht) sollte man sich in aller Regel verweigern, die Nachsorge im Einzelfall ist aus einem vernünftigen Grund erlaubt.
  • Das Einsetzen der Spirale, das Verschreiben der Pille ist für einen katholischen Arzt nicht erlaubt. (Außer, die Pille wird aus gesundheitlichen Gründen statt zur Verhütung verschrieben, sprich, sie würde auch verschrieben werden, wenn die Patientin keinen Sex hätte.) Angestellte bei einem Frauenarzt, der das tut, dürften allerdings meiner Einschätzung nach solche Rezepte ausdrucken, der Patientin überreichen usw., solange sie einen guten Grund haben, diese Arbeitsstelle zu behalten; besser wäre es freilich, baldmöglichst eine Stelle bei einer anderen Sorte Arzt zu suchen, da ein normaler Gynäkologe letztlich doch viel damit zu tun hat, Verhütung zu verschreiben.
  • Die Arbeit in einem Supermarkt, wo auch Kondome verkauft werden, ist erlaubt. (Der Verkäufer zieht sie nur übers Band und nimmt das Geld, und das ist nur ein sehr kleiner Teil dessen, was der Supermarkt verkauft; die generelle Versorgung der Bevölkerung am Laufen zu halten ist ein proportionaler Grund für diese Mitwirkung.) Ein katholischer Inhaber dürfte so etwas aber nicht in sein Sortiment aufnehmen.
  • Eine sehr schwierige Frage ist, ob es erlaubt ist, als Apotheker die Pille auszugeben. Man könnte dafür plädieren, es für erlaubt zu halten, erstens, da Apotheker in einigen Ländern vielleicht sogar ihr ganzes Geschäft aufgeben müssten, wenn sie es nicht tun, aber zweitens vor allem, da die Pille kein Mittel ist, das ausschließlich zu einem falschen Zweck verwendet werden kann und der Apotheker nicht weiß, ob die einzelne Kundin die Pille zur Verhütung oder zur Behandlung eines gesundheitlichen Problems nimmt, was gar nicht so furchtbar selten passiert; die Gefahr ist hier freilich größer als z. B. bei einem Weinhändler, der weiß, dass manche Kunden sein Produkt maßvoll verwenden werden und andere nicht. Und wenn es um Mittel geht, die möglicherweise eine frühabtreibende Wirkung haben können (Apotheker werden wissen, auf welche Mittel im einzelnen das zutrifft; neuerdings soll es ja sogar bei der Pille danach Präparate geben, die keine frühabtreibende (nidationshemmende) Wirkung haben), kann ihr Verkauf kaum gerechtfertigt werden, auch wenn die Kundin das Präparat dann bei einer anderen Apotheke holen wird. Was die Herausgabe einer Pille danach ohne frühabtreibende Wirkung angeht, wäre ihre Herausgabe in einem seltenen Einzelfall sogar ganz gerechtfertigt, nämlich bei Vergewaltigungsopfern; generell ist sie aber noch mal problematischer als die Pille, da sie nur zur Verhütung und nie für normale Krankheiten verwendet wird. (Ähnliches gilt für Kondome.) (In Berlin hat übrigens ein katholischer Apotheker, der sich aus Gewissensgründen geweigert hat, die Pille danach zu verkaufen, und in Kondompackungen Zettel mit Notizen über eine positive Haltung zu Kindern hinzugepackt hat, vom Berliner Verwaltungsgericht Recht bekommen; allerdings hatte er auch im Lauf der Jahre mit vielen Anfeindungen und Farbbeutelanschlägen zu kämpfen, und hat seine Apotheke mittlerweile geschlossen. Freilich ist es nicht überall so schlimm wie in Berlin.) Wenn man als Angestellte in einer Apotheke arbeitet, sollte man sich auf sein Gewissen berufen und sich weigern, beim Verkauf möglicherweise frühabtreibender Mittel (und evtl. reiner Verhütungsmittel, wie Kondome; in einer Apotheke geht es eben auch mehr um Beratung und es ist nicht nur ein reines Produkt-Scannen-und-Geld-Nehmen wie in Supermärkten) mitzuwirken (und sich, wenn möglich, so etwas im Vorfeld im Arbeitsvertrag bestätigen lassen); auch wenn man dann die Kundin jedes Mal an die Kollegin verweist und die Kollegin die Kundin berät und die Pille danach heraussucht, hat man wenigstens selbst nicht mitgewirkt. Fraglich ist, ob es, wenn man mit ziemlichen Anfeindungen oder fristloser Kündigung zu rechnen hätte, da es sowieso nicht verhindert werden kann, evtl. als gerade noch erlaubte materielle Mitwirkung durchgehen könnte, als Angestellte frühabtreibende Mittel auszugeben, solange, bis man eine andere Stelle gefunden hat (sagen wir, in einem Labor oder einer Pharmafirma, die keine solchen Mittel herstellt, bei einer Krankenkasse o. Ä.), eine Umschulung machen kann, o. Ä. Ich tendiere zu einem Nein – es sind eben letztlich doch Mittel, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den billigend in Kauf genommenen Tod eines Menschen verursachen können, und „wenn ich es nicht mache, macht es jemand anders“ darf nicht immer den Ausschlag geben, damit könnte man die bösesten Dinge rechtfertigen – bin mir aber nicht sicher, und, nochmals, in einem solchen Fall: Besser einen guten Priester fragen als sich auf Einschätzungen von Hobbytheologen verlassen, die kein Recht haben, anderen Bürde aufzuerlegen, und sich andererseits auch in zu laxer Richtung irren können. Generell kann man wohl sagen, dass es als Katholik mittlerweile nicht mehr ratsam ist, überhaupt den Apothekerberuf zu lernen.

 

Beihilfe zum Selbstmord: Jemandem, der Selbstmord begehen will, Gift o. Ä. bereitzustellen, ist nicht erlaubt.

Die schwierigere Frage ist, wie es sich mit der Tötung durch Unterlassen verhält. Die katholische Kirche hat klargestellt, dass man zwar auf außergewöhnliche Mittel zur Erhaltung des Lebens aus eigener Entscheidung verzichten darf (z. B. eine schmerzhafte Operation oder eine Medikation, die große Risiken und geringe Erfolgsaussichten hat), dass aber jedem Kranken die normale Pflege geschuldet ist, wozu auch die Versorgung mit Nahrung und Wasser (auch durch Schläuche, wenn nötig) gehört, ebenso die normale Beatmung. Luft, Essen und Trinken sind keine Medikamente, sondern Grundbedürfnisse; das ist Pflege, keine Behandlung. (Nur, wenn jemand keine Nahrung mehr aufnehmen kann, oder nur noch mit großen Schwierigkeiten, sieht die Sache anders aus.)

Dass man selbst in seiner Patientenverfügung also nicht verfügen darf, „die Maschinen abzustellen“, damit man verdurstet, ist klar; auch, dass man als Arzt Patienten und Angehörigen nicht zu solchen Maßnahmen raten darf. Fraglich ist es, wie sich Pfleger und Ärzte verhalten sollen, wenn jemand bereits verfügt hat, dass er die Pflege, die ihm zusteht und auf die er eigentlich nicht verzichten dürfte, nicht mehr will. Ich würde sagen, dass sie sich eindeutig weigern müssten, z. B. derjenige zu sein, der die Magensonde entfernt. Auch, da das sowieso keine Erfolgsaussichten hätte, wären sie aber nicht verpflichtet, zu versuchen, den Patienten doch noch irgendwie weiterhin zu ernähren, nachdem andere sie entfernt haben.

 

Mitwirkung an „Hochzeiten“ von Homosexuellen oder bereits Geschiedenen: Die Vermietung eines Saals für die Feier, die Dekoration, das Catering, das Machen der Fotos etc. ist erlaubt, wenn man einen schwerwiegenden Grund hat, z. B. dass man wegen Diskriminierung verklagt werden könnte, im Internet bloßgestellt und boykottiert werden könnte, evtl. auch von der Antifa angegriffen werden könnte, o. Ä., was ja leider manchmal zu befürchten ist. Wenn jemand trotzdem nicht mitwirken will, ist das selbstverständlich erlaubt, mutig, sehr lobenswert und kann „ein Zeichen setzen“, wie man das seit neuestem so nennt, aber wer mitwirkt, muss es nicht beichten.

 

Was ist damit, solche Hochzeiten als Gast zu besuchen, z. B. weil man seinen schwulen Bruder, der seinen Partner „heiratet“, nicht vor den Kopf stoßen und die Beziehung zu ihm nicht belasten will? Hier einige Regeln für Hochzeitsbesuche im Allgemeinen; zunächst: Alle voraussichtlich gültigen Hochzeiten kann man sowieso besuchen; bei möglicherweise oder sicher ungültigen muss man abwägen. Im Detail heißt das:

Normale Hochzeiten von Nichtkatholiken sind i. d. R. gültig, die kann man also besuchen. Die Kirche hat nie behauptet, dass nur katholische Hochzeiten gültig wären; wenn zwei Leute, die nie katholisch waren, auf dem Standesamt oder vor einem andersgläubigen Geistlichen heiraten, heiraten sie gültig, wenn sich keine Ehehindernisse göttlichen Rechts entgegenstellen (Ehehindernisse göttlichen Rechts, also Dinge, die eine gültige Ehe unmöglich machen, sind z. B.: einer war schon mal gültig verheiratet, oder einer wird zu der Ehe gezwungen.) Im Zweifelsfall wird von der Gültigkeit ausgegangen (das ist auch bei Verfahren vor Kirchengerichten so); man muss hier auch nicht nachforschen, wenn man sich nicht damit auskennt, was eine Ehe gültig oder ungültig machen kann.

Jemand, der jemals zur katholischen Kirche gehört hat, kann allerdings normalerweise nur in der katholischen Kirche gültig heiraten, auch wenn er jemanden heiratet, der nicht katholisch ist; selten gibt es aber Dispens von der Formpflicht und es kann ihm z. B. erlaubt sein, in einer evangelischen Zeremonie zu heiraten. (Oft finden Zeremonien mit Geistlichen beider Konfessionen statt.) Wenn man weiß, dass die katholische Cousine, die einen Protestanten heiratet, nach der standesamtlichen Zeremonie nur eine Zeremonie vor einem protestantischen Pfarrer ohne katholischen Priester folgen lassen wird, kann man, denke ich, hingehen, erstens, weil es theoretisch möglich wäre, dass sie Dispens von der Formpflicht hat, auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, zweitens, weil das eine Sache ist, die kaum mehr jemand beachtet und wo man den Leuten nicht den Eindruck gibt, einem wären, obwohl man ja so katholisch ist, die kirchlichen Eheregeln egal, wenn man die Hochzeit besucht.

Bei „Hochzeiten“, die gar nicht gültig sein können und die den Zustand einer schweren Sünde verfestigen, und wo die Ablehnung der katholischen Kirche gegenüber solchen „Hochzeiten“ allgemein bekannt und ein großer Stachel im Fleisch der Gesellschaft ist, d. h. vor allem „Hochzeiten“ von bereits Geschiedenen oder homosexuellen Paaren, sollte man in den meisten Fällen ohne sehr guten Grund nicht teilnehmen.

Die Teilnahme als Gast, besonders, da erwartet wird, zu gratulieren, Geschenke zu machen etc., wird gewöhnlich als Gutheißen verstanden; noch mehr gilt das für eine aktivere Teilnahme (z. B. als Brautjungfer, Trauzeuge, oder wenn man eine Rede hält oder eine Showeinlage macht…). Das gilt vor allem auch für die Teilnahme von Leuten, die die Kirche repräsentieren: Wenn ein Priester oder Diakon zur „Hochzeit“ seiner lesbischen Nichte erscheint und ihr gratuliert, wird es als Signal gesehen: Schau an, der ist doch nicht so schlimm wie seine homophobe Kirche im Allgemeinen ist, er hat nichts gegen ihre Liebe.

Wenn einen jemand, dem man nicht nahe steht (z. B. ein Arbeitskollege) zu so einer Hochzeit einlädt, genügt es, wahrheitsgemäß zu sagen „tut mir leid, ich kann nicht kommen“, ohne Gründe anzugeben und sich damit weitere Scherereien einzuhandeln und das Verhältnis zu verschlechtern; er wird sich sowieso nur insoweit darum kümmern, ob man kommt oder nicht, als er wissen will, wie viele Sitzplätze er einplanen muss. Wenn ein Familienmitglied, das sich wünscht, dass man kommt, einen einlädt, kann man dasselbe sagen, und sollte auf Nachfrage dann möglichst sensibel, freundlich und kurz die Gründe auseinandersetzen; aber das eigene Verhalten sollte der Familie eigentlich schon gezeigt haben, dass man ein fundamentalistischer Erzkatholik ist und damit diese Beziehung, ob mit Hochzeit oder nicht, nicht gutheißen wird. Wenn man noch einen anderen Grund hat, um nicht zu kommen (z. B.: die Hochzeit findet weit weg statt und man kann sich die Reise schwer leisten), kann man erst einmal auch nur diesen Grund angeben und die anderen sich ihren Teil denken lassen. Lügen darf man freilich nicht.

 

Soweit die Beispiele; ich hoffe, das hat für die Leser die Prinzipien einigermaßen klar machen und vielleicht bei ein paar Fragen helfen können.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9a: Verführung und Ärgernis

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Zu den Sünden gegen die Nächstenliebe zählt es an vorderster Front, dem Nächsten Anlass zu einem Schaden an seiner Seele, also einer Schuld, zu sein, bzw. daran mitzuwirken. Hier unterscheidet man: Verführung, Ärgernis, Mitwirkung; in diesem Artikel zunächst zu den ersten beiden Punkten.

 

1) „Verführung“ klingt zuerst nach Verführung zu Sünden gegen die Keuschheit; das ist natürlich mitgemeint, aber nicht als einziges. Auch Verführung z. B. dazu, bei einem Diebstahl mitzumachen oder sich so zu betrinken, dass man nicht mehr richtig denken kann, ist Verführung. Hier ist das direkte Anstiften, Überreden, Raten, Befehlen gemeint.

Heribert Jone schreibt dazu:

„Die wichtigsten äußeren Sünden gegen die Nächstenliebe sind: die Verführung, das Ärgernis und die Mitwirkung.

I. Die Verführung. 1. Jemanden auf direkte und ausdrückliche Weise zur Sünde zu führen ist eine Sünde, deren Schwere von derjenigen der Sünde abhängt, zu der man verführt. Es ist eine Sünde gegen diejenige Tugend, deren Verletzung man bewirkt, und außerdem gegen die Nächstenliebe.

Wenn Sünden nach ihrer Natur einen Mittäter voraussetzen, z. B. die Unzucht, ist es nicht notwendig, in der Beichte speziell die Verführung zu bekennen.

[Anmerkung von mir: Hier ist offensichtlich der Fall gemeint, dass beide mehr oder weniger gleich schuld waren und man sich gegenseitig dazu gebracht hat, eine Sünde zu begehen; wenn es nur einer war, der den anderen, der gezögert hat und eigentlich nicht wollte, überredet oder bedrängt hat, hätten wir eine andere Situation.]

2. An jemanden eine Forderung zu stellen, die er ohne Sünde erfüllen kann, aber die er wahrscheinlich nicht ohne Sünde erfüllen wird, ist aus einem ernsten Motiv erlaubt.

Es kann dementsprechend erlaubt sein, einen Wucherer zu bitten, einem Geld zu leihen; gleichermaßen kann man von einem Meineidigen einen Eid verlangen. Wenn man sich allerdings ohne Schwierigkeit an eine andere Person wenden kann, die einem denselben Dienst leisten wird, ohne zu sündigen, ist man gehalten, das zu tun.

Aber es ist nie erlaubt, von jemandem etwas zu erbitten, das er nicht ohne Sünde erfüllen kann, z. B. von einem Beamten zu verlangen, auf seinem Posten zu fehlen.

3. Jemandem eine weniger schwere Sünde anzuraten als die, die er begehen will, ist generell erlaubt, wenn man diese Person nicht anders davon abhalten kann, eine schwere Sünde zu begehen.

Das ist sicher erlaubt, wenn die mindere Sünde in der anderen schon eingeschlossen wäre. Dementsprechend kann man jemandem, der entschieden ist, eine Person zu bestehlen und zu töten, raten, sich mit dem Diebstahl zu begnügen. Einige Autoren sagen sogar, dass man jemandem zu einer minderen Sünde raten kann, an die er nicht gedacht hatte, z. B.: ihm raten, jemanden zu bestehlen, anstatt ihn zu töten. – Was den Schaden angeht, der einer bestimmten Person verursacht wird, an die der Übeltäter nicht gedacht hat, s. Nr. 351.“ (Précis de theologie morale catholique, Nr. 144, von mir rückübersetzt ins Deutsche.)

(In Nr. 351 schreibt er:

„Es besteht auch keine Pflicht zur Wiedergutmachung, wenn man jemandem geraten hat, einen geringeren Schaden zu verursachen, als den, den er ursprünglich im Visier hatte, wenigstens, wenn man ihm nicht geraten hat, diesen Schaden einer bestimmten Person zuzufügen, die er sonst nicht geschädigt hätte.“

D. h. in diesem Fall bestünde eine solche Pflicht.)

 

2) „Ärgernis“ (ein etwas altmodisches Wort) hat nichts mit „ärgern“ zu tun. Das lateinische Wort dafür ist „scandalum“, „Stolperstein“. Hier geht es nicht um eine direkte Verführung, sondern darum, einen Anlass zur Sünde bereitzustellen, über den Schwächere „stolpern“ und fallen können. (Man sagt, dass der, der zur Sünde verleitet, „Ärgernis gibt“ und der, der sich verleiten lässt, „Ärgernis nimmt“. Stattdessen kann man auch „Anstoß geben/nehmen“ sagen; dieser Ausdruck hat aber im täglichen Sprachgebrauch auch nicht mehr ganz seine ursprüngliche Bedeutung, weshalb es praktischer ist, den Fachbegriff „Ärgernis“ zu nehmen.) Ärgernis zu geben ist auch eine Sünde, wenn tatsächlich niemand Ärgernis nimmt (weil z. B. unvorhergesehenerweise niemand die Sache bemerkt, oder die, die sie bemerken, zu tugendhaft sind, um sich davon beeinflussen zu lassen).

Zu den Ärgernissen gehört z. B. ganz besonders das schlechte Vorbild. Die Verpflichtung, Ärgernisse zu vermeiden, wiegt schwerer für jemanden, der eine größere Vorbildfunktion hat. „Wenn Schwester Apollonia oder Pfarrer Müller das auch so macht, kann es wohl doch nicht falsch sein?“

(Für die Beichte gilt: „In der Beichte ist das Ärgernis des schlechten Beispiels nur eigens zu bekennen, wenn es eine besondere Gefährlichkeit zeigte; denn die allgemeine Gefährlichkeit ist mit der Sünde als solcher schon gebeichtet.“ (Bernhard Häring, Das Gesetz Christi, S. 904.))

Auch etwas, das nicht tatsächlich falsch ist, aber für andere den offensichtlichen Anschein des Falschen haben muss, kann ein schlechtes Beispiel und damit ein Ärgernis sein. Z. B.: ein überzeugt katholisches Brautpaar zieht schon ein paar Monate vor der Hochzeit zusammen, weil es finanziell für sie praktischer ist, aber ohne die Absicht, schon miteinander zu schlafen; nach außen sieht es natürlich so aus, als würden sie ganz normal im Konkubinat leben, was ein schlechtes Vorbild für ihr Umfeld ist. (In diesem Beispiel wäre die Handlung auch falsch, weil sie es den beiden offensichtlich wesentlich schwerer machen könnte, ihre Vorsätze bis zur Hochzeit einzuhalten, aber Gelegenheiten zur Sünde sind wieder ein Thema für sich, um das es im übernächsten Artikel gehen soll.)

Jone schreibt darüber:

„II. Das Ärgernis.

Während die Verführung die Sünde des Nächsten verursacht, ist das Ärgernis für ihn nur eine Gelegenheit zur Sünde, auch wenn der, der Ärgernis gibt, oft die direkte Intention hat, den Nächsten fallen zu sehen.

1. Durch unangebrachte Worte oder Handlungen für jemanden eine Gelegenheit des Falls zu sein (Ärgernis im eigentlichen Sinn), stellt eine schwere oder lässliche Sünde dar, je nachdem ob die Sünde, zu der man die Gelegenheit bereitstellt, selbst schwer oder lässlich ist.

Wenn man, indem man so handelt, auf die Sünde des Nächsten abzielt, sündigt man nicht nur gegen die Nächstenliebe, sondern auch gegen die Tugend, die zu verletzen man dem Nächsten Gelegenheit gibt.

Es ist nicht nötig, dass die Sünde des Nächsten dann begangen wird, es genügt, dass die Handlung für ihn dafür die Gelegenheit sein kann. Es ist daher eine schwere Sünde, in Schaufenstern oder an öffentlichen Orten obszöne Objekte auszustellen. Aber es besteht kein Ärgernis, wenn die Zeugen so tugendhaft oder so lasterhaft sind, dass die Handlung auf sie keinerlei Einfluss ausübt. – Es besteht nur eine lässliche Sünde, wenn die Person, die Ärgernis nimmt, eher aus ihren eigenen schlechten Dispositionen heraus sündigt als aufgrund der unbedeutenden Gelegenheit, die sie dazu bewegt, zu sündigen; deshalb ist es nur eine leichte Verfehlung, wenn Kinder durch einen unbedeutenden Ungehorsam für ihre Eltern Anlass zu schweren Gotteslästerungen sind, oder auch, wenn ein junges Mädchen durch ein wenig Koketterie oder Mangel an Zurückhaltung in ihrem Aufputz für junge Leute Anlass zu Sünden gegen die heilige Tugend ist.

2. Man ist nicht verpflichtet, eine an sich erlaubte Handlung zu unterlassen, die nicht den Anschein des Bösen hat, wenn ihre Unterlassung für einen größere Unannehmlichkeiten bedeuten würde.

[…]

Aber es wäre eine leichte Unannehmlichkeit, z. B. Bescheid zu sagen, wenn man am Freitag Fleisch isst, dass man einen Dispens hat [das wurde geschrieben, als für Katholiken, solange sie keinen Dispens (Sondergenehmigung) hatten, noch das Kirchengebot galt, jeden Freitag auf Fleisch zu verzichten, während man den Fleischverzicht heute durch ein Ersatzopfer ersetzen darf]; gleichermaßen müsste man die Handlung verschieben oder sie im stillen vollziehen, wenn sich das leicht tun lässt.

3. Man kann die Einhaltung positiver Vorschriften [damit sind generell alle Vorschriften die ein Tun befehlen, im Unterschied zu negativen Vorschriften, die ein Unterlassen befehlen, gemeint; es scheint, nach den Beispielen, die er aufzählt, dass Jone an dieser Stelle vor allem an positive menschliche, z. B. kirchliche oder staatliche Vorschriften, weniger an göttliche, denkt] unterlassen, um Ärgernis zu vermeiden, aber ist für gewöhnlich nicht dazu verpflichtet.

[…] Gleichermaßen kann ein Pfarrer die Sonntagsmesse feiern, auch wenn er das Fasten [vor der Kommunion] nicht eingehalten hat, unter der Bedingung, dass er das Ärgernis anderweitig nicht vermeiden kann. – Wenn ein sozialistisches Syndikat mit einer roten Fahne an einem kirchlichen Begräbnis teilnehmen will, muss der Priester sich bemühen, sowie es angemessen ist, diese Bekundung zu verhindern; wenn er dabei keinen Erfolg hat, kann er allerdings zum Begräbnis schreiten. Aber wenn man eine rote Fahne auf den Sarg gelegt hat und der Priester es nicht schafft, sie entfernen zu lassen, muss er dann, um des Gemeininteresses willen, das kirchliche Begräbnis verweigern, auch wenn nach dem Can. § 3 [vermutlich ein Druckfehler: die Kanonnummer vor dem Paragraphenzeichen fehlt] der Verstorbene an sich ein Recht darauf hätte.

4. Man darf nie eine in sich schlechte Handlung begehen, um Ärgernis zu vermeiden.

Es ist dementsprechend verboten, seinen Glauben zu verleugnen, um anderen nicht die Gelegenheit zu geben, darüber zu spotten; es ist gleichermaßen verboten, zu lügen, um andere vor einem Zornausbruch zu bewahren.

5. Eine Gelegenheit zur Sünde zu schaffen ist erlaubt, wenn man ein entsprechend ernstes Motiv hat, und die durchgeführte Handlung gut oder zumindest indifferent ist.

Dementsprechend dürfen Eltern und Hausherren Geld offen liegen lassen, als Beweis, um sich der Rechtschaffenheit ihrer Kinder oder Angestellten zu versichern.

6. Die Pflicht, das Ärgernis wiedergutzumachen, ruht auf all denen, die es gegeben haben.

Normalerweise geschieht diese Wiedergutmachung auf ausreichende Weise durch den Empfang der Sakramente und das gute Beispiel. In bestimmten Ausnahmefällen kann auch eine öffentliche Erklärung nötig sein.“ (Nr. 145f.)

Das mit dem Empfang der Sakramente klingt für heutige Ohren wohl erst einmal komisch; zu Jones Zeiten war es eben so, dass, wenn jemand zur Kommunion ging, die anderen in der Pfarrei es sahen und davon ausgingen, dass er bei der Beichte gewesen war und sich von seinen Sünden erst einmal wieder abgekehrt hatte. Für heute gilt also: Das gute Beispiel, in bestimmten Fällen eine Erklärung, dass man xyz falsch gemacht und ein schlechtes Beispiel gegeben hat o. Ä.

Fr. Austin Fagothey schreibt zu diesem Thema (Hervorhebung von mir):

„Ärgernis wird indirekt gegeben, wenn die Sünde der anderen Person weder als Ziel noch als Mittel zum Ziel gewollt ist, aber eine vorhergesehene Konsequenz von etwas anderem ist, das ich tue. Indirektes Ärgernis kann erlaubt sein, wenn die vier Bedingungen des Prinzips der Handlung mit Doppelwirkung erfüllt sind: Die Handlung, die ich vollziehe, darf nicht in sich schlecht sein, auch wenn ich weiß, dass sie eine Versuchung für einen anderen darstellen wird, die gute Wirkung, die ich suche, darf nicht durch die Sünde des anderen erreicht werden, ich darf die Sünde des anderen nicht wollen, sondern nur zulassen, und es muss einen proportionalen Grund geben, um sie zuzulassen. Das Leben wäre ziemlich unerträglich, wenn wir verpflichtet wären, alle Handlungen zu vermeiden, die anderen vielleicht Ärgernis geben könnten.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason, S. 337)

Außer dem normalen Ärgernisnehmen gibt es das „Ärgernis der Einfältigen/Schwachen“ („scandalum pusillorum“) und das „pharisäische Ärgernisnehmen“. Von beidem findet man Beispiele in der Bibel.

Das pharisäische Ärgernisnehmen sieht man in den Evangelien: Die Pharisäer nahmen Anstoß daran, dass Jesus am Sabbat heilte, oder dass Er es mit den Reinheitsvorschriften nicht genau nahm. Sie nahmen böswillig Anstoß daran und hielten Ihn für einen Gesetzesübertreter, indem sie Sein Handeln auf die schlechtestmögliche Weise deuteten, ohne sich zu fragen, wieso Er so handelte, und ob es nicht vielleicht doch gut war, jemanden zu heilen, auch am Sabbat. Auf dieses Ärgernis hat Jesus keine Rücksicht genommen; man kann auch nicht immer darauf achten, wie Böswillige die eigenen Handlungen deuten werden; man tut meistens gut daran, weiter so zu handeln und der Allgemeinheit zu demonstrieren, dass dieses Handeln eben gut ist.

Paulus erwähnt das „Ärgernis der Einfältigen“ beim Thema Götzenopferfleisch: Einige Christen nahmen Anstoß daran, wenn andere auf dem Markt Fleisch kauften, das aus heidnischen Opfern stammte. Paulus selbst hält es nicht für falsch, solches Fleisch zu essen, aber er will nicht, dass andere denken, er würde etwas Falsches tun, und verleitet werden, auch mitzuessen, auch wenn sie (trotz aller Erklärungen, die er vielleicht abgeben könnte) immer noch kein gutes Gefühl dabei haben und es eigentlich nicht für richtig halten. Daher isst er kein solches Fleisch und weist auch die Empfänger seines Briefes an, so zu handeln:

„Achtet vielmehr darauf, dem Bruder keinen Anstoß zu geben und ihn nicht zu Fall zu bringen! Ich weiß und bin im Herrn Jesus fest davon überzeugt, dass nichts unrein ist in sich selbst; unrein ist es nur für den, der es als unrein betrachtet. Denn wenn wegen einer Speise, die du isst, dein Bruder verwirrt und betrübt wird, dann handelst du nicht mehr der Liebe gemäß. Richte durch deine Speise nicht die zugrunde, für die Christus gestorben ist! […] Reiß nicht wegen einer Speise das Werk Gottes nieder! Alle Dinge sind rein; schlecht ist es jedoch, wenn ein Mensch durch sein Essen Anstoß erregt. Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken oder sonst etwas zu tun, wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt.“ (Röm 14,13-15.20-21)

Über das Ärgernis der Einfältigen schreibt Fagothey:

„Ärgernis, das nicht aus Böswilligkeit genommen wird, sondern wegen Schwäche, Unwissenheit, Unschuld oder Jugend, ist von ganz anderer Art [als das pharisäische Ärgernis]. Die Nächstenliebe verpflichtet uns, ansonsten harmlose Worte und Handlungen zu vermeiden, die eine Quelle der moralischen Gefahr für die Unschuldigen oder die Schwachen sein können. Die Menschen sollten umsichtiger in ihrem Verhalten vor Kindern sein, sollten diejenigen, die Schwierigkeiten haben, ihr Temperament zu beherrschen, nicht über ihre Kräfte hinaus provozieren, sollten eingefleischten oder bekehrten Trinkern keinen Alkohol anbieten, sollten nicht öffentlich Zustände des Lasters diskutieren, die im Privaten von denen diskutiert werden müssen, die verantwortlich dafür sind, den Missbrauch abzustellen. Aber gelegentlich können solche Situationen nicht vermieden werden, und hier kommt das Prinzip der Handlungen mit Doppelwirkung ins Spiel. Es besteht keine Verpflichtung bei schweren Unannehmlichkeiten für einen selbst oder die Allgemeinheit, zu verhindern, dass die Schwachen oder Unschuldigen Anstoß nehmen, auch wenn alle vernünftigen Vorkehrungen getroffen werden sollten. Es wäre absurd, alle Theater, Kneipen und Vergnügungsstätten zu schließen, die in einer generell respektablen Weise geführt werden, einfach nur, weil manche Menschen mit ungewöhnlichen Schwächen in ihnen Gelegenheiten zur Sünde finden. Wenn die Jungen, Unschuldigen oder Vorurteilsbehafteten unvermeidbarerweise der Versuchung ausgesetzt sind, ist vorsorgliche Unterweisung für gewöhnlich die beste Abhilfe.“ (Right and Reason, S. 337f.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 8: Selbst-, Nächsten-, Feindesliebe und Vergebung: einige Grundsätze

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Bis jetzt ging es in dieser Reihe um das direkte Verhältnis zu Gott (wobei teilweise auch die Kirche eine Mittlerrolle spielt); also das, was die erste Tafel der 10 Gebote anbelangt. Auf der zweiten Tafel des Dekalogs (4.-10. Gebot) geht es um das Verhältnis zu Gottes Geschöpfen.

Jesus fasst das gesamte Sittengesetz bekanntlich so zusammen:

„Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,35-40)

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit ist nicht gemeint: Du sollst deinen Nächsten genauso behandeln, wie du dich selbst behandelst (man kann sich auch selbst mit Hass oder Verachtung behandeln), sondern: Du sollst sowohl deinem Nächsten als auch dir selbst Gutes wollen, du sollst deinem Nächsten Gutes wollen, wie du natürlicherweise dir selbst Gutes willst. Ich habe hier schon mal einiges dazu gesagt, was diese Liebe, die eben nicht gefühlsmäßige Sympathie sein muss, sondern ein grundsätzliches Wollen des Guten für den anderen, eine grundsätzliche Bejahung seiner Existenz, bedeutet – auf Latein würde man sagen: caritas, nicht amor.

Eigentlich fallen alle Gebote – Du sollst nicht morden, Du sollst nicht stehlen, usw. – unter die Liebe (Caritas), aber in diesem Artikel kommen jetzt eher Überlegungen zu praktischen Konsequenzen, die generell zur Liebe gehören (und dabei z. T. über die bloße Gerechtigkeit, die einen großen Teilbereich der Liebe umfasst, hinausgehen, und unter den Teilbereich Barmherzigkeit fallen) und schwer unter genau einem der 10 Gebote eingeordnet werden können.

Fr. Austin Fagothey SJ schreibt in der 1959 erschienenen zweiten Ausgabe seines Moraltheologiehandbuchs über die Liebe: „Sie schließt Milde, Güte, Wohlwollen, Freundlichkeit, Nachbarschaftlichkeit, Rücksichtnahme und Selbstlosigkeit ein, hat aber eine umfassenderen Reichweite als all diese. Die Gerechtigkeit und die Liebe werden einander oft gegenübergesetzt, aber sie entspringen aus derselben Wurzel. Die Gerechtigkeit ist die Liebe, die auf die absoluten Ansprüche der grundlegenden menschlichen Gleichheit beschränkt ist; die Liebe ist die Gerechtigkeit, die zur vollen Bandbreite der Würde der menschlichen Person ausgedehnt ist. […] Die Liebe erlegt Pflichten auf, die ebenso ernst und wichtig wie die nach der Gerechtigkeit sein können, aber von anderer Art. Da Rechte und Pflichten einander entsprechen, verleiht die Liebe sozusagen Rechte oder Ansprüche, aber sie sind von nicht erzwingbarer oder nicht juridischer Art. Verletzungen der Liebe sind moralische Verfehlungen oder Sünden, aber keine rechtlichen Verfehlungen oder Verbrechen. Sie enthalten keine Verletzung im technischen Sinn und verlangen keine Entschädigung oder Strafe in diesem Leben.“*

Die Fragen, um die es hier gehen soll, sind v. a.:

  • Was bedeutet Selbstliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Was bedeuten Vergebung und Feindesliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Wann ist man aufgrund der Nächstenliebe verpflichtet, jemandem zu helfen / wann ist es eine schwere oder eine lässliche Sünde, das nicht zu tun?

Dann werden auch noch zwei Beispiele für leibliche und geistliche Werke der Nächstenliebe angesprochen, nämlich das Spenden (Almosengeben nach der früheren Terminologie), und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna).

Geistliche Sünden gegen die Nächstenliebe wären es auch, irgendjemandem Anlass zu einer Sünde zu geben (z. B. durch „Ärgernis“, der alte Fachbegriff dafür, jemanden durch ein schlechtes Beispiel dazu zu bringen, eine Sünde für gut zu halten), ihn zu einer Sünde zu verführen, dabei mitzuwirken etc.; aber darum soll es später in einem gesonderten Artikel zur Mitschuld an fremden Sünden gehen. Es kann ja eine ernstzunehmende Schuld sein, wirklich an der Schädigung oder sogar dem Tod der Seele eines anderen mitzuwirken, auch wenn derjenige selber immer noch schuld an seiner Sünde und letztlich selbst verantwortlich ist, und manche entfernten, indirekten Mitwirkungen nicht vermieden werden können.

 

Die Liebe jedenfalls heißt also grundsätzlich: jemandem Gutes wollen. Und dieses Wollen muss irgendwie, sofern man dazu fähig ist, auch in gewisse Taten umgesetzt werden.

Es gibt ja im Neuen Testament den Satz Wer also das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt (Jak 4,17), der einer dieser Sätze ist, die für viele Skrupel sorgen können. Nun ist es natürlich so, dass man immer noch mehr und noch mehr Gutes tun könnte, oder dass man statt eines Guten etwas noch Besseres hätte tun können, usw. usf., was niemand tut; dementsprechend müsste jeder die ganze Zeit über sündigen. Das ist hier natürlich nicht gemeint. Es geht um dasjenige Gute, zu dem man an sich durch die Liebe verpflichtet ist. Wenn man dazu auch fähig ist, es aber nicht tut, sündigt man.

Es gibt ein gewisses Mindestmaß an positivem Interesse für Gott, den Nächsten und einen selbst, das da sein muss, damit die Liebe in einem sein kann. Ein Verstoß dagegen durch Hass (schaden wollen um des Schadens willen) auf der einen, oder Desinteresse auf der anderen Seite, verstößt erst lässlich und dann, wenn es ein wichtiger Verstoß ist, schwerwiegend gegen die Liebe.

Etwas, das z. B. immer gegen die Nächsten- bzw. Feindesliebe verstößt, ist, jemandem die ewige Verdammnis, also die ewige Entfernung von Gott, zu wünschen. Was nicht immer dagegen verstößt, ist, jemandem eine zeitliche Strafe (z. B. irdisches Gefängnis oder auch das Fegefeuer) zu wünschen (sofern er das verdient hat, natürlich). Es verstößt ganz und gar nicht gegen die Pflicht zur Feindesliebe und Vergebung, einen Verbrecher anzuzeigen; im Gegenteil, das ist oft gut und kann zur Wiedergutmachung des Schadens, zum Schutz anderer vor ihm usw. führen. Auch Gefühle der Abneigung verstoßen an sich nicht gegen die Nächstenliebe. Was aber gegen sie verstößt ist: Abneigung in sich heranzüchten, sich in seine Wut auf jemanden hineinsteigern, jemanden über das hinaus, was er verdient, bestraft sehen wollen, nicht zur Verzeihung bereit sein. Fr. Fagothey schreibt wiederum:

„Das Laster, das der Liebe direkt entgegensteht, ist der Hass. Er ist kein vorübergehender Anfall von Zorn, wie stark auch immer, noch ist er die bloße Abneigung gegen eine Person. Manche Leute machen uns natürlicherweise kirre und wir können uns nicht helfen, von ihnen abgestoßen zu sein; dieses Gefühl ist unfreiwillig und wir sind nicht dafür verantwortlich. Es ist nichts Falsches dabei, solche Personen zu meiden, solange wir ihnen nicht das Gefühl geben, verachtet zu werden. Hass bedeutet, dass wir mit willentlicher Bosheit andere verletzen oder ihnen Übel wünschen oder uns über ein Übel freuen, das sie befallen hat. […]

Ist der Hass so böse, dass wir nicht einmal unsere Feinde hassen dürfen? Das natürliche Sittengesetz steigt nicht zu solcher Höhe auf, dass es uns verpflichtet, unsere Feinde in dem Sinn zu lieben, dass wir ihnen positiv gute Taten erweisen müssten, aber es verbietet uns tatsächlich, sie zu hassen. […] Daher ist die fortwährende Verweigerung der Vergebung falsch. Die emotionalen Schwierigkeiten, die im Prozess der Vergebung überwunden werden müssen, können unüberwindlich scheinen, aber dies ist keine Frage der Emotionen, sondern des Willens.

Wenn jemand, der uns verletzt hat, damit ein Verbrechen begangen hat, haben wir gemäß der Gerechtigkeit das Recht, ihn den öffentlichen Autoritäten zur Strafe zu überantworten, und wir können sogar die Pflicht dazu haben, wenn er sonst seine Verbrecherkarriere gegen das Gemeinwohl fortsetzen würde. Die Sicherung der Gerechtigkeit ist etwas ganz anderes als persönlicher Hass und privates Suchen nach Rache. Wir haben auch das Recht, aber nicht die Pflicht, Wiedergutmachung für uns selbst zu fordern, denn das steht uns gemäß der Gerechtigkeit zu, aber wir haben nicht das Recht, ihm für immer die Vergebung zu verweigern, die ihm gemäß der Liebe zusteht.“**

Vergebung ist also eine Sache des Willens, und man kann jemandem vergeben, auch wenn man es noch nicht schafft, alle Gefühle des Hasses gegen ihn loszuwerden. Diese Vergebung ist immer verpflichtend; wir beten zu Gott: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Altenburg Brüderkirche Fassade Mosaik Begrgpredigt.jpg

(Die Bergpredigt Jesu, Mosaik an der Fassade der Altenburger Brüderkirche. Gemeinfrei.)

Außerdem ist bei der Nächstenliebe – wie immer – zu bedenken: Wenn es um positive Pflichten (=Pflichten, etwas zu tun (im Unterschied zu Pflichten, etwas zu unterlassen)) geht, greifen sie immer nur, wenn ihre Erfüllung physisch und moralisch möglich ist. („Moralisch unmöglich“ heißt so etwas wie „praktisch unzumutbar“. Z. B. kann für jemanden, der an einer Depression leidet, etwas, das physisch für ihn möglich wäre, trotzdem unzumutbar sein.) Je schwerer es wäre, sie zu erfüllen, desto weniger binden sie, und desto weniger schwer sind Verstöße dagegen. Wenn jemand seine Pflichten ganz leicht hätte erfüllen können, ist ein Verstoß natürlich schwerer als bei jemandem, dem es einiges zugemutet hätte. Außerdem gibt es Pflichten, die weniger dringend sind, und solche, die dringender sind; z. B. kann man leichter davon entschuldigt werden, an einem Tag, an dem man krank ist, in der Arbeit zu erscheinen, als davon, sein Neugeborenes mit Nahrung zu versorgen; solange man nicht gerade im Koma liegt o. Ä., muss man letzteres immer tun; bei ersterem genügt eine Erkältung, um davon entschuldigt zu sein.

Es gibt auch eine Art Ordnung in der Liebe. Ebenfalls in der Bibel, in den Paulusbriefen, heißt es: Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen! (Gal 6,10) und Wenn aber jemand für seine Angehörigen, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger. (1 Tim 5,8).

Den einem persönlich nahestehenden Menschen ist man zuerst verpflichtet; der Familie, dann den Freunden, entfernteren Verwandten, Nachbarn, tatsächlich auch den Mitkatholiken („Glaubensgenossen“) und dem eigenen Land etwas mehr als der gesamten Menschheit. Was nicht heißt, dass man keine Pflichten gegenüber jedem Angehörigen der gesamten Menschheit hätte (wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, kann auch ein ganz Fremder, der in Not ist, zum Nächsten werden, dem man helfen muss), aber gegenüber den Näherstehenden hat man mehr Pflichten.

Noch ein fundamental wichtiger Punkt: Die Liebe rechtfertigt es nie, für den Nächsten eine Sünde zu begehen. Freilich sind manche Dinge, die es für gewöhnlich sind, in Notsituationen keine Sünden (z. B. für seine hungrigen Kinder Essen zu stehlen; jemanden zu verletzen oder zu töten, der einen Mord oder eine Vergewaltigung begehen will, um ihn unschädlich zu machen), aber andere Dinge sind nie erlaubt (z. B. sich zu prostituieren, um für seine hungrigen Kinder Essen zu haben; zu lügen, um jemandes Geheimnisse zu schützen); dementsprechend darf auch niemanden ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, weil er diese Dinge nicht zu tun bereit ist; man ist nie dafür verantwortlich, was passiert, wenn man etwas Schlechtes nicht tut, auch nicht dafür, was andere, die einen erpressen wollen, dann tun.

Gott trägt die Gesamtverantwortung für die Welt und wir sind nur dafür verantwortlich, unseren uns zugewiesenen Teil zu tun. Wenn wir dann das Gute tun und das Böse lassen, wird Er es insgesamt zum Guten führen; und am Ende wird es auch dem anderen, dem man helfen will, nichts geholfen haben, dass man für ihn gesündigt hat. Man weiß nie, was gewesen wäre, wenn man es nicht getan hätte; man kennt Gottes Gründe hinter dem zugewiesenen Schicksal nicht. Die Gottesliebe und das Vertrauen auf Gott verlangen es, Gott zu gehorchen.

 

Ich würde jetzt wieder einmal einige Passagen aus Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“ von 1930 (wie immer rückübersetzt aus der französischen Übersetzung von 1935) zu allen diesen Themen zitieren.*** Wie immer zu beachten: Er redet hier meistens nicht davon, was das Beste, Idealste wäre, sondern davon, was unter Sünde verpflichtend ist.

Zur Selbstliebe schreibt er:

I. Die Notwendigkeit der Selbstliebe resultiert aus dem Gebot selbst: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ (Mt 22,39)

Außerdem resultiert die Notwendigkeit der Selbstliebe aus der Tatsache, dass, wer Gott liebt, natürlicherweise auch alles liebt, was Gott liebt, alles, was Gott angehört, und alles, was die göttlichen Vollkommenheiten widerspiegelt.

II. Man praktiziert die Selbstliebe, indem man zusieht, sich die übernatürlichen Güter zu verschaffen, die geistlichen Güter, danach die Güter, die zum Erhalt unseres zeitlichen Lebens notwendig sind, und sogar die äußerlichen Güter.

Dabei ist es nicht nötig, immer aus dem Motiv der theologischen [übernatürlichen] Caritas zu handeln, weil die natürliche Tugend der Selbstliebe auch ihren moralischen Wert hat.

III. Die Sünden gegen die Selbstliebe werden begangen durch den Egoismus und durch den Selbsthass.

Man sündigt durch Egoismus, wenn man z. B. sein eigenes Wohl der Ehre Gottes oder dem Gemeinwohl vorzieht; durch Selbsthass, wenn man nicht auf vernünftige Weise für seinen Körper oder seine Seele sorgt. Genau genommen ist jede Sünde auch eine Sünde gegen die Selbstliebe, aber weil sich das von selbst versteht, ist es nicht nötig, sich dessen [in der Beichte] im Speziellen anzuklagen.“

Wenn Jone sagt, dass der Egoismus gegen die Selbstliebe verstößt, was erst einmal seltsam klingt (man würde vielleicht meinen, dass er nur gegen die Nächstenliebe verstöße), dann meint er, dass die Selbstliebe hier ungeordnet und übermäßig wird, was eben gegen die richtige, gesunde Selbstliebe verstößt.

Es geht bei der Selbstliebe um die vernünftige Sorge für den eigenen Körper und die eigene Seele. Nicht jede kleine Vernachlässigung z. B. der eigenen Gesundheit durch ungesundes Essen ist schon eine Sünde gegen die Selbstliebe; sein Leben oder schwere Gesundheitsschäden grundlos zu riskieren ist aber definitiv eine; aber dazu dann ausführlicher beim 5. Gebot, wo es um Leben, Sicherheit, Gesundheit geht. Natürlich ist es erlaubt und sogar gut, um Gottes und des Nächsten willen manche persönlichen Schaden in kauf zu nehmen; manche Dinge darf man aber auch sich selbst nicht antun, um anderen zu nutzen (eindeutigstes Beispiel: man darf nicht Selbstmord begehen, weil man sich für eine Last für seine Angehörigen hält). So viel Liebe ist man sich schuldig. Was zu tun in sich schlecht ist, darf man auch sich selbst nicht antun.

Es verstößt auch gegen die Selbstliebe, der eigenen Seele zu schaden, indem man sich z. B. grundlos der näheren Gefahr der schweren Sünde (also Situationen, in denen man damit rechnen muss, dass man wohl eine schwere Sünde begehen wird) aussetzt; aber dazu auch in einem eigenen Beitrag zu Gelegenheiten zur Sünde.

Zur Nächsten- und zur Feindesliebe sagt Jone folgendes:

I. Die Pflicht der Liebe zum Nächsten.

1. Generell ist man verpflichtet, um Gottes willen alle Geschöpfe zu lieben, die an der ewigen Seligkeit teilhaben können.

[…]

Die moralische Tugend der Nächstenliebe ist auch gut; sie besteht darin, den Nächsten zu lieben, weil er etwas Schätzenswertes an sich hat.

2. Im Speziellen erstreckt sich die Pflicht der Nächstenliebe auch auf die Feinde.

a) Die Verzeihung ist infolgedessen eine Pflicht, auch wenn der Feind sie nicht erbittet.

Feindseligkeit, Hass, Wunsch nach Rache, Verwünschen sind schwere Sünden, wenn es sich um bedeutende Angelegenheiten handelt. – Man darf mit diesen Sünden weder die natürliche Antipathie verwechseln noch die Unzufriedenheit oder die Abneigung, die von einem bösartigen oder verletzenden Vorgehen oder auch den Dispositionen des Nächsten verursacht wird. – Verwünschungen sind keine schweren Sünden, wenn man (z. B. infolge von Empörung) bei ihnen keine ausreichende Überlegtheit aufbringt, oder wenn man nicht im Ernst spricht, oder wenn es sich nur um ein geringes Übel handelt [das man dem anderen wünscht]. Im Interesse des Nächsten selbst oder eines entsprechend großen Gutes kann man dem Nächsten ein Übel und sogar den Tod wünschen, z. B.: auf dass ein leichtfertiger junger Mann sich nicht vom Bösen fortreißen lässt, das ihn seine ewige Seligkeit aufs Spiel setzen lassen würde, oder auch, auf dass ein Familienvater nicht sein ganzes Geld für den Alkohol verschwendet.

Der Beleidiger ist gehalten, denjenigen um Verzeihung zu bitten, den er verletzt hat. Wenn zwei Personen einander gegenseitig verletzt haben, liegt die Pflicht, zuerst um Verzeihung zu bitten, bei dem, der zuerst oder eine schwerere Verletzung zugefügt hat. Aber das Beste ist, wenn beide diesen Schritt machen. – Es ist nicht nötig, dass die Bitte um Verzeihung auf explizite Weise geschieht. Oft wird sie sich genausogut durch eine besondere Geste der Sympathie kundtun, durch das Entbieten eines Grußes etc…

Der Beleidigte ist gehalten, sich zu bemühen, die Versöhnung herbeizuführen, wenn sein Gegner andernfalls in der schweren Sünde bleibt oder Ärgernis daraus entstehen muss.

b) Es braucht auch eine äußere Manifestation des Verzeihens, die dadurch geschieht, dass man die üblichen Zeichen der Freundlichkeit entgegenbringt.

[…] Wenn der andere nicht auf diese allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit eingeht, z. B. nicht auf den Gruß antwortet, ist man nicht mehr verpflichtet, sie ihm als erster entgegenzubringen.

α) Es ist eine schwere Sünde, die allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit zu verweigern, wenn das aus Hass geschieht oder der, dem man diese Zeichen verweigert, davon bedrückt ist, oder auch, wenn daraus ein schweres Ärgernis entsteht.

Sich vom Weg des Gegners fernzuhalten, um nicht unnötig in Zorn zu geraten, ist keine Sünde, wenn daraus kein Ärgernis oder Kümmernis für den Nächsten entsteht. Wenn zwei Nachbarn, zwei Brüder oder zwei Schwestern wegen einer leichten Unstimmigkeit eine gewisse Zeit nicht miteinander reden oder einander nicht grüßen, besteht keine schwere Sünde.

β) Das Verweigern der allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit kann erlaubt sein, wenn es ein ausreichendes Motiv gibt und kein Ärgernis entsteht.

Solche Motive sind: die Besserung oder gerechte Bestrafung des Beleidigers, ferner der Wunsch, zu zeigen, wie sehr sein schlechtes Verhalten einen verletzt hat.

c) Man ist nicht verpflichtet, auf die Genugtuung und die Wiedergutmachung des Schadens zu verzichten.

Dementsprechend kann man eine gerichtliche Klage einreichen, auch wenn der Beleidiger um Verzeihung gebeten hat, aber man darf es nicht aus Hass tun. – Dementsprechend muss man auf die Genugtuung verzichten, wenn der Schaden unbedeutend ist, wenn, um ihn wiedergutzumachen, der Beleidiger einen schweren und unverhältnismäßigen Schaden leiden müsste.

d) Besondere Zeichen der Zuneigung werden von der Feindesliebe nicht verlangt, selbst wenn man sie zuvor gegenseitig ausgetauscht hat. – In Ausnahmefällen kann man aber aus anderen Gründen dazu gehalten sein.

Das geschieht, wenn die Verweigerung dieser Zeichen der Zuneigung Ärgernis entstehen lassen würde, oder wenn, indem man sie austauscht, man den anderen dazu führt, seine Einstellung zu ändern. Man ist allerdings nicht verpflichtet, dafür ein großes Opfer zu bringen.

II. Die Ordnung, der wir in der Liebe zum Nächsten folgen müssen, wird bestimmt durch die Not des Nächsten und unser Verhältnis zu ihm.

1. Die Not des Nächsten kann geistlich oder zeitlich sein, beide können sein: extrem, schwerwiegend oder leicht.

Jemand befindet sich in extremer Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen gar nicht oder nur sehr schwer dem ewigen oder zeitlichen Tod entrinnen kann. Es ist fast dasselbe bei jemandem, der an dem Punkt ist, in eine extreme Gefahr zu geraten, oder der, ohne die Hilfe des anderen, einem schweren und lang andauernden Übel nicht entkommen kann, z. B.: einer harten Gefangenschaft, dem Verlust seiner Güter, seiner Stellung. [Hier spricht Jone natürlich aus Sicht einer Zeit, in der letzteres noch sehr viel gravierendere Folgen hatte als heute; heute ist Arbeitslosigkeit sicher kein extremes Übel mehr.]

Jemand befindet sich in schwerwiegender Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen nur schwer der ewigen Verdammnis entgehen kann; wenn er schwerwiegende zeitliche Probleme erlebt, die aber nicht lange andauern oder nicht exzessiv schwerwiegend sind.

Jemand ist in leichter Not, wenn er von einem wenig wichtigen Übel bedroht ist oder von einem schwerwiegenden Übel, dem er aber leicht entkommen kann.

a) In extremer geistlicher Not muss man dem Nächsten selbst bei Gefahr des eigenen Lebens zu Hilfe kommen.

Man ist allerdings nur in den folgenden Fällen verpflichtet, sein Leben aufs Spiel zu setzen: wenn man die sichere Hoffnung hat, den nächsten mit diesem Beistand zu retten, wenn es niemand anderen gibt, der helfen kann und will, und zuletzt, wenn man, indem man ihm zu Hilfe kommt, nicht mehrere andere Personen der ewigen Verdammnis aussetzt. – Das ist der Grund, aus dem man in der Praxis eine Mutter nicht verpflichten kann, sich einer Kaiserschnittoperation zu unterziehen, um die gültige Taufe des Kindes sicherzustellen [gemeint ist: wenn das Kind eine Geburt auf natürlichem Wege nicht überleben würde; damals waren Kaiserschnitte noch viel gefährlicher als heute], und zwar aus den folgenden Gründen: es ist wahrscheinlich, dass die Taufe im Mutterschoß gültig ist, es ist nicht sicher, dass das Kind lebendig zur Welt käme, noch, dass es gerettet würde, wenn es im Erwachsenenalter stürbe. – Eine Todsünde oder auch nur eine lässliche Sünde zu begehen, um jemanden zu retten, ist nie erlaubt, da das Wohlgefallen Gottes über allem stehen muss.

b) In extremer zeitlicher Not ist man verpflichtet, dem Nächsten zu helfen, selbst zum Preis eines großen persönlichen Nachteils, aber nicht unter Lebensgefahr, wenigstens, wenn man dazu durch seine Stellung verpflichtet ist oder das Gemeinwohl die Rettung derer, die in Gefahr sind, erfordert.

[…] Es ist erlaubt und verdienstvoll, aus einem übernatürlichen Motiv heraus sein Leben aufs Spiel zu setzen, um das des Nächsten zu retten.

c) In schwerwiegender geistlicher oder zeitlicher Not muss man helfen, soweit man es ohne große Beschwerlichkeiten tun kann; man ist nur dann verpflichtet, es trotz großer Beschwerlichkeiten zu tun, wenn man wegen seiner Standespflichten, durch die Gerechtigkeit oder durch die familiäre Liebe dazu gehalten ist.

Das ist der Grund, aus dem z. B. ein Pfarrer verpflichtet ist, auch zum Preis großer Beschwerlichkeiten, seinen Pfarrkindern die Hilfe seines Dienstes zukommen zu lassen, wenn diese es sonst schwer hätten, ihr Heil zu erwirken.

d) Bei gewöhnlichem geistlichen oder zeitlichen Bedarf ist man nicht verpflichtet, jedem unserer Mitmenschen im Einzelnen zu Hilfe zu kommen.

Man darf allerdings nicht in der Einstellung sein, niemals jemandem in diesem Fall zu Hilfe zu kommen; man muss im Gegenteil oft anderen helfen, wenn man es ohne größere Schwierigkeiten kann. Man darf sogar, im geistlichen oder zeitlichen Interesse des Nächsten, große geistliche Güter aufgeben, die nicht notwendig sind, um die ewige Seligkeit zu erlangen, z. B.: seinen Eintritt ins Kloster aufschieben, auf den Verdienst aller seiner guten Werke zugunsten der Seelen im Fegefeuer verzichten, sich der entfernten Gefahr der Sünde aussetzen.

2. Unsere Beziehungen zum Nächsten verpflichten uns, bei gleicher Not, zuerst denen zu helfen, die uns am nächsten stehen.

[…] Die Ordnung, der zu folgen ist, ist dementsprechend die folgende: Der Ehemann oder die Ehefrau, die Kinder, der Vater und die Mutter, die Brüder und Schwestern, die anderen Vorfahren [Großeltern etc.], die Freunde etc… In extremer Not muss man den Vater und die Mutter allen anderen vorziehen, da wir ihnen unsere Existenz verdanken.“

Wenn er hier die Ehepartner vor den Kindern nennt, klingt das vielleicht kontraintuitiv macht aber letztlich Sinn; Ehepartner bleiben z. B. eng aneinander gebunden, wenn ihre erwachsenen Kinder schon ausgezogen sind. Ein großer Unterschied in der Nähe besteht hier aber freilich nicht; beides ist die engste Familie.

Dann schreibt Jone noch etwas über zwei Werke der Nächstenliebe; das Almosengeben, worunter er offensichtlich mehr Hilfe fasst, die beim zeitlichen Leben hilft als nur die normalen Geldspenden, also z. B. auch den kostenlosen Beistand eines Arztes oder Anwalts für jemanden in Not, und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna), mit der gemeint ist, jemand anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er etwas Falsches tut oder getan hat (also z. B. so etwas wie „Mit dem, was du gesagt hast, hast du sie wirklich verletzt“, oder „Du hättest dieses Gerücht über ihn nicht verbreiten dürfen“). Zu den geistlichen Werken der Barmherzigkeit gehört es ja, „die Unwissenden zu lehren“, „die Zweifelnden zu beraten“ und „die Sünder zurechtzuweisen“; die correctio fraterna kann jemandes Seele nützen und auch anderen zeigen, was das Richtige und das Falsche ist, die ihn sonst nachahmen könnten; freilich sollte man es mit ihr auch nicht übertreiben (und, wie Jone schreibt, sollten gerade Skrupulanten sich lieber nicht mit ihr befassen).

Beim Almosen erwähnt Jone hier ab und zu den Begriff „standesgemäßes Leben“; das klingt heute seltsam, hat aber seinen Sinn; man könnte sagen, es umfasst das, was in der Wirtschaftslehre als „Kulturbedürfnisse“ im Unterschied zu „Existenzbedürfnissen“ und „Luxusbedürfnissen“ bezeichnet wird. Hier ist ein Leben gemeint, bei dem man in der Gesellschaft, zu der man gehört, in seiner jeweiligen Position dazugehören und bequem leben kann. Was genau dazu zählt, ändert sich auch; z. B. ist es heute in Deutschland normal, sich Kühlschrank und Waschmaschine leisten zu können und die wenigsten schaffen es, ohne zurechtzukommen, also würde die Kühlschrankreparatur eindeutig unter das „standesgemäße Leben“ fallen. Das „standesgemäße Leben“ ändert sich auch wirklich mit dem „Stand“; z. B. wird von der Queen nun mal einfach etwas anderes erwartet als von ihren Putzfrauen; und diese Unterschiede sind okay so, jedenfalls sicherlich, solange alle genug haben.

Auch zum Thema Almosen zu beachten ist, dass heutzutage in vielen Staaten schon größere Teile der Steuergelder sozialen Zwecken zugutekommen, für die früher Spenden nötig  waren.

Jone schreibt also, wobei er zunächst vor allem von Situationen spricht, in denen man den Hilfe benötigenden Nächsten persönlich kennt:

„Unter den verschiedenen Werken der Nächstenliebe betrachten wir hier vor allem: das Almosen und die brüderliche Zurechtweisung.

 

I. Das Almosen. 1. In extremer Not ist man verpflichtet, unter schwerer Sünde, dem Nächsten zu helfen, selbst unter Opferung der Güter, die nötig sind, um ein standesgemäßes Leben zu führen.

Wir sind nicht verpflichtet, das zu opfern, was für unseren Unterhalt und den der Personen, für die wir verantwortlich sind, nötig ist.

a) Es ist nicht nötig, eine größere Hilfe zu gewähren, als die Linderung der Not verlangt. […]

b) Was man nicht verpflichtet wäre, zu tun, um sein eigenes Leben zu retten, ist man nicht verpflichtet, zu tun, um das des anderen zu retten.

[…]

2. In schwerwiegender Not ist man verpflichtet, dem Armen so weit zu helfen, wie man es kann, ohne das aufzugeben, was notwendig ist, um ein standesgemäßes Leben zu führen. Diese Pflicht ist für gewöhnlich eine schwerwiegende Pflicht.

Im Fall dass ein Armer in dieser Not leicht anderswo Hilfe finden könnte, wäre man nicht unter der schwerwiegenden Verpflichtung, ihm persönlich zu Hilfe zu kommen. […] Wer keinen Überfluss besitzt, aber trotzdem behaglich lebt, sündigt lässlich, wenn er nicht einmal ein kleines Opfer akzeptieren will, um einem Armen in schwerwiegender Not zu helfen.

3. Bei gewöhnlicher Not muss man, auf generelle Weise, den Armen aus seinem Überfluss helfen, und das, nach der Meinung der meisten Autoren, nur unter lässlicher Sünde.

[…] Wer jedes Jahr 2% aus seinem Überfluss dafür aufwendet, erfüllt seine Pflicht, in Bezug auf diese Armen. Es sind auch die der lässlichen Sünde schuldig, die nur das Genügende besitzen und nie etwas für die Armen tun.

Bemerkung: Da in unseren Tagen oft eine große Not herrscht, ob in unserer unmittelbaren Umgebung oder in fremden Ländern, und es durch die modernen Organisationen leicht ist, diesen Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen, ist man gehalten, jedes Jahr mehr als 2% aus seinem Überfluss den Armen zu geben. Es ist allerdings nicht nötig, alles abzugeben, was man entbehren kann, wenn ganze Regionen, z. B. in China oder Indien, sich in extremer Bedürftigkeit befinden. Selbst wenn eine Person allein ihr ganzes Vermögen gäbe, wäre eine solche allgemeine Not nicht behoben; aber wenn jedermann seine Pflicht erfüllen würde, wäre es normalerweise relativ einfach, ihr abzuhelfen. Aber man muss ausdrücklich bemerken, dass man hier nur die äußerste Grenze der Sünde anzeigt. Ein wahrer Christ wird sicherlich ein größeres Almosen geben, selbst im Fall der gewöhnlichen Bedürftigkeit.“

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(Fyodor Bronnikov, Das Gleichnis von Lazarus und dem Reichen. Gemeinfrei.)

„II. Die brüderliche Zurechtweisung. 1. Es gibt die schwerwiegende Pflicht, den Nächsten von der Sünde abzuziehen oder ihn aus der nächsten Gefahr zur Sünde zu entfernen, wenn alle folgenden Vorbedingungen erfüllt sind.

a) Der Nächste befindet sich in einer wirklichen geistlichen Not.

Diese Not existiert, wenn die Sünde oder der Wille zur Sünde nicht angezweifelt werden kann; sodann, wenn der Nächste sich ohne die brüderliche Zurechtweisung nicht bessern wird; zuletzt, wenn niemand anderes, zumindest niemand Kompetentes, diese Zurechtweisung unternimmt.

Wenn Sünden, die aus unüberwindlicher Unwissenheit begangen werden, keinen Schaden verursachen, gibt es keine Pflicht der Nächstenliebe, jemanden z. B. auf eine Abstinenz- oder Fastenvorschrift aufmerksam zu machen. Im Gegensatz dazu, wenn eine selbst nur materielle Sünde Schaden verursacht, entweder für den Sünder selbst (Sünden gegen das sechste Gebot), für einen Dritten (z. B.: Unterlassung eines Schadensersatzes, Ärgernis), verpflichtet uns die Nächstenliebe, darauf hinzuweisen, selbst wenn der Sünder sich in unüberwindlicher Unwissenheit befindet. – Selbst in den Fällen, in denen man nicht durch die Pflicht zur Nächstenliebe gehalten ist, darauf hinzuweisen, kann man, unter lässlicher Sünde, verpflichtet sein, in Anbetracht der Ehre Gottes darauf hinzuweisen (z. B.: um eine Gotteslästerung zu vermeiden). Im übrigen sind viele Leute aufgrund ihrer Verantwortung oder durch die familiäre Liebe verpflichtet, andere anzuleiten.

b) Die geistliche Not ist groß.

Die Not existiert immer, wenn es sich um eine Todsünde handelt. Im Ausnahmefall kann ein Oberer die schwerwiegende Pflicht haben, gegen die [nicht schwer sündigen] Verfehlungen seiner Untergebenen einzuschreiten, z. B. wenn diese Verfehlungen die Ordensdisziplin gefährden.

c) Man hat die fundierte Hoffnung, den Nächsten sich bessern zu sehen.

Dementsprechend existiert diese Pflicht für gewöhnlich nicht gegenüber Unbekannten. Skrupulanten tun gut, sich nicht um die brüderliche Zurechtweisung zu kümmern, da sie absolut keine Kompetenz dafür haben. Man kann die brüderliche Zurechtweisung aufschieben, wenn die Chance besteht, dass sie später effektiver sein wird.

Wenn es keine Hoffnung auf Besserung gibt, muss man die brüderliche Zurechtweisung nur üben, wenn ihre Unterlassung Ärgernis verursachen würde.

d) Die Zurechtweisung lässt sich ohne schweren persönlichen Schaden bewerkstelligen.

Wer aus einem Übermaß an Schüchternheit die Zurechtweisung unterlässt, begeht für gewöhnlich keine schwere Sünde. – Die Bischöfe, die Pfarrer, etc…. kraft ihres Amtes, die Eltern kraft der familiären Pflichten, sind gehalten, die Zurechtweisung selbst unter großem persönlichen Nachteil zu üben. – Desgleichen können Privatpersonen verpflichtet sein, auf die Zurechtweisung zurückzugreifen, wenn ihre Unterlassung dem Gemeinwohl schaden würde, z. B. wenn ein korrumpierter Schüler eine ganze Anstalt verderben könnte, oder ein Priester, der sich zum Versucher macht, den Gläubigen einen großen Schaden verursacht.

2. Die Weise, auf die die brüderliche Zurechtweisung geschehen soll. Sie kann durch Worte geschehen, einen Blick, oft auch dadurch, das Gespräch anderswohin zu lenken oder jemandem seine Mitwirkung zu verweigern.

3. Die bei der Zurechtweisung zu folgende Ordnung ist die folgende: Zuallererst zeigt man seine Meinung dem Einzelnen, dann tut man es vor ein oder zwei anderen Personen; wenn dieses zweite Mittel auch scheitert, informiert man die Oberen.

Eine sofortige Anzeige ist erlaubt, wenn die Sünde öffentlich ist, oder an dem Punkt, es zu werden, wenn das Gemeinwohl oder das Wohl eines Dritten eine sofortige Anzeige erfordert, wenn es einen großen Schaden verursachen würde, jemanden direkt zur Ordnung zu rufen, wenn ein privater Hinweis wenig Erfolgschancen hätte. […]“

Jone bezieht sich hier natürlich auf Jesu Anweisung in Mt 18,15-17: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“

Das Anzeigen beim Oberen betrifft z. B. Fälle, wo ein Pfarrer sich fragwürdig verhält und die Pfarreimitglieder sich an den Bischof wenden könnten, damit er Abhilfe schafft.

Vielleicht ist es zur Ergänzung noch interessant, wie Fagothey über die gegenseitige Hilfe schreibt, auch wenn es im Endeffekt praktisch auf dasselbe hinausläuft wie bei Jone:

„Die Nächstenliebe verpflichtet uns, dem Nächsten in Not zu Hilfe zu kommen. Wie bindend diese Verpflichtung ist, hängt von drei Faktoren ab:

(1) Wie groß seine Not ist

(2) Wie viel Schwierigkeiten es uns kosten wird

(3) Wie nützlich unsere Hilfe sein wird

Da wir unseren Nächsten wie uns selbst, aber nicht mehr als uns selbst, lieben müssen, sind wir nie verpflichtet, obwohl es uns erlaubt ist, eine gleichwertige Mühsal auf uns zu nehmen wie die, von der wir ihn befreien wollen. Uns für andere aufzuopfern ist heroisch und bewundernswert, kann aber kaum als Pflicht auferlegt werden, da wir selbst Rechte haben und die andere Person auch Pflichten uns gegenüber hat. Und es wäre unvernünftig, wenn wir zu sinnlosen Gesten gegenüber denen verpflichtet wären, die jenseits unserer Hilfsmöglichkeiten sind.

Sich zu weigern, einem Menschen in extremer Not zu helfen, selbst bei ernsthaften Beschwerlichkeiten für uns, ist unmenschlich und unentschuldbar. Wenn er nicht in extremer, aber in wirklich schwerer Not ist, nimmt die Verpflichtung proportional ab, ist aber immer noch schwerwiegend. Je geringer die Not, desto geringer die Verpflichtung, aber sie verschwindet nicht, solange wir ohne unangemessene Schwierigkeiten helfen können. Aber den gewöhnlichen Nöten der Menschheit im Allgemeinen abzuhelfen, da sie ein Teil des Lebens sind und zu zahlreich für die Ressourcen irgendeines einzelnen, kann unter normalen Umständen nicht die Pflicht von Privatpersonen sein. Diejenigen, die für das Gemeinwohl verantwortlich sind, müssen Maßnahmen konzipieren, um ihnen abzuhelfen; das ist eine Pflicht der Gerechtigkeit, aber es sollte über die Verpflichtungen der bloßen Gerechtigkeit hinausgehen.

Die Reichen haben eine Pflicht, die Armen zu unterstützen. Diese Verpflichtung ruht eher auf den Reichen als Klasse als auf einem einzelnen Reichen, außer er wäre der einzige in der Gemeinschaft, der der Situation entgegentreten könnte. Die Unterstützung der Armen kann auf verschiedene Weise geschehen. Wenn die Regierung alles davon effizient und ausreichend erledigt, etwas, das wahrscheinlich niemals in der Geschichte geschehen ist, würden die Reichen ihre Pflicht tun, indem sie ihre Steuern zahlen. Wenn die Regierung nichts davon tut, was zumeist in früheren Zeitaltern der Fall war, sind die Wohlhabenden verpflichtet, es aus eigener Initiative zu tun, und weder Gleichgültigkeit noch Faulheit noch Habsucht können sie entschuldigen. Wenn es von privaten Einrichtungen mit öffentlicher Unterstützung, die aber hauptsächlich von freiwilligen Spenden abhängen, getan wird, ist der Reiche verpflichtet, je nach dem Maß seines Überflusses dazu beizutragen. Es kann eine Kombination all dieser Mittel geben, aber, welche auch immer sie seien, die Unterstützung der Bedürftigen ist keine bloße Empfehlung, sondern eine strenge Verpflichtung durch das natürliche Sittengesetz. Diese Bemerkungen betreffen die Pflichten Einzelner. Später werden wir über die Pflicht der Gesellschaft sprechen, ungerechten wirtschaftlichen Bedingungen abzuhelfen.

Die Hilfe, die wir unserem Nächsten geben können, ist verschiedener Art, sie geht vom Sagen eines ermutigenden Wortes zur Rettung seines Lebens, aber der größte Dienst, den wir ihm tun können, ist, ihm zu helfen, sein höchstes Ziel zu erreichen. […] Es gibt viele Weisen, auf dem wir ihm aktive geistliche Hilfe geben können, aber eine, die immer in unserer Macht steht, ganz gleich, was unsere Ressourcen oder unsere Stellung im Leben sein mag, ist das Beisiel unserer eigenen guten moralischen Leben.“****

Vielleicht lohnt es sich, hier am Ende noch einmal alle jeweils sieben leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit aufzuzählen, also diverse Weisen, auf denen sich die Nächstenliebe besonders betätigen kann.

Leiblich:

  • Hungernde speisen
  • Dürstenden zu trinken geben
  • Nackte bekleiden
  • Fremde aufnehmen
  • Kranke besuchen
  • Gefangene besuchen
  • Tote begraben

Geistlich:

  • Unwissende lehren.
  • Zweifelnden recht raten.
  • Trauernde trösten.
  • Sünder zurechtweisen.
  • Beleidigern gerne verzeihen.
  • Lästige geduldig ertragen.
  • für Lebende und Tote beten.

Und das war es für heute wieder.

 

* Austin Fagothey SJ: Right and Reason. Ethics in theory and practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, Charlotte, North Carolina 2000 (Nachdruck der 2. Ausgabe von 1959), S. 332. Eigene Übersetzung.

** Ebd., S. 333f.

*** Die folgenden Zitate sind aus: Heribert Jone, Précis de théologie morale catholique. Adapté aux règles du nouveau Code de droit canon et aux prescriptions du Code civil, 5. Aufl., Mulhouse 1935, S. 77-81. Eigene Übersetzung.

**** Fagothey, Right and Reason, S. 335f.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 7b: Sakramente und Kirchengebote – alles rund um die Kommunion

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Heute zum nächsten Kirchengebot, der Osterkommunion, sowie zur eucharistischen Nüchternheit, zum Umgang mit den eucharistischen Gestalten u. Ä. (Für die Grundsätze bzgl. der kirchlichen Gebote siehe Teil 7a.)

Die Eucharistiefeier, bei der das Kreuzesopfer Jesu von neuem gegenwärtig und wirksam wird, ist der Höhepunkt und die Quelle des christlichen Lebens; die Kommunion ist die innigste Vereinigung mit Jesus und schenkt einem viele Gnaden. Die eucharistischen Gestalten, also Brot und Wein, die noch ihre äußere Gestalt behalten haben, also fürs Auge, für den Tastsinn, für eine chemische Analyse wie Brot und Wein wirken, sind tatsächlich nicht mehr Brot und Wein, sondern Jesus (Transsubstantiation – die Substanz wird verwandelt, während die Akzidentien bleiben).

Man muss nicht in jeder Messe, an der man teilnimmt, kommunizieren; auch der betende Mitvollzug des eucharistischen Opfers ist schon einiges; dennoch ist die Kommunion etwas sehr Wichtiges.

„Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6,48-58)

Marienstern kommunion.jpg

(Kommunionausteilung, Buchmalerei aus einem mittelalterlichen Graduale, Kloster St. Marienstern. Gemeinfrei.)

 

Das dritte der fünf Kirchengebote ist daher:

Ab der Erstkommunion muss man mindestens einmal im Jahr, und zwar i. d. R. in der Osterzeit, kommunizieren; außerdem in Todesgefahr.

Im Katechismus heißt es im Absatz über die Kirchengebote:

„Das dritte Gebot (‚Du sollst wenigstens zur österlichen Zeit sowie in Todesgefahr die heilige Kommunion empfangen‘) gewährleistet ein Mindestmaß für den Empfang des Leibes und Blutes des Herrn. Dabei wird auf die Verbindung mit den Festen der Osterzeit, dem Ursprung und Zentrum der christlichen Liturgie, Wert gelegt [Vgl. CIC, can. 920; CCEO, cann. 708; 881,3].“

Im CIC, also dem Codex des Kanonischen Rechtes, wird das genauer ausgeführt:

 „Can. 920 — § 1. Jeder Gläubige ist, nachdem er zur heiligsten Eucharistie geführt worden ist, verpflichtet, wenigstens einmal im Jahr die heilige Kommunion zu empfangen.

2. Dieses Gebot muß in der österlichen Zeit erfüllt werden, wenn ihm nicht aus gerechtem Grund zu einer anderen Zeit innerhalb des Jahres Genüge getan wird.“

Ein „gerechter Grund“ ist leichter zu finden als etwa ein „schwerwiegender Grund“ oder gar ein „sehr schwerwiegender Grund“; das heißt in der Kirchenrechtssprache eigentlich: „nicht einfach so ohne jeden Grund, aber es muss kein drastischer Ausnahmefall sein“. Also: An sich in der Osterzeit, aber wenn es da begründetermaßen nicht klappt, eben zu einem zu anderen Zeitpunkt.

(Ein gerechter Grund könnte vielleicht so etwas sein wie „Ich müsste vorher noch beichten und der Priester, bei dem ich regelmäßig beichte, kommt erst kurz nach der Osterzeit aus der Reha zurück“ oder „ich wollte gegen Ende der Osterzeit kommunizieren und war ausgerechnet dann krank“.)

Mit der österlichen Zeit ist nicht nur die Osterwoche, sondern die Zeit zwischen Aschermittwoch und Pfingstsonntag gemeint, also eine relativ lange Zeit.

Die jährliche Kommunion ohne jeden Grund zu unterlassen ist eine schwere Sünde.

Man darf, ja, man soll sogar natürlich öfter kommunizieren; seit dem hl. Pius X. wird sogar die tägliche Kommunion empfohlen; etwa wöchentlich oder nicht viel seltener könnte das Normalmaß sein. In der kirchlichen Instruktion Redemptionis Sacramentum von 2004 heißt es: „Es ist sicherlich am besten, wenn alle, die an der Feier der heiligen Messe teilnehmen und die notwendigen Bedingungen erfüllen, die heilige Kommunion empfangen.“ (RS 83)

Allerdings ist es keine Sünde, nur einmal jährlich zu kommunizieren (ob z. B. deshalb, weil sich jemand unwürdig fühlt, oder weil er an Glutenintoleranz leidet und zu schüchtern ist, um den Pfarrer zu bitten, unter der Gestalt des Weins kommunizieren zu dürfen, oder aus sonst einem Grund). Empfehlenswert ist es aber eben auch nicht. Man braucht die Stärkung durch die hl. Kommunion nun mal; wer im Stand der Gnade ist, tut gut daran, in jeder Messe, die er besucht, auch zur Kommunion zu gehen, oder sich als Kranker ab und zu die Krankenkommunion bringen zu lassen, wenn das angeboten wird. (Wenn jemand nicht die Möglichkeit zur Kommunion hat, z. B. weil er in einem Land lebt, wo es fast keine Priester gibt, oder wenn er krank ist und die Angehörigen den Priester nicht rufen, oder der nicht kommen kann, begeht er natürlich überhaupt keine Sünde.)

In Todesgefahr (also z. B. für Schwerkranke oder jemanden, der vor einer gefährlichen Operation steht) gilt:

„Can. 921 — § 1. Gläubige, die sich, gleich aus welchem Grund, in Todesgefahr befinden, sind mit der heiligen Kommunion als Wegzehrung zu stärken.

§ 2. Auch wenn sie am selben Tag durch die heilige Kommunion gestärkt worden sind, ist es trotzdem sehr ratsam, daß jene, die in Lebensgefahr geraten sind, nochmals kommunizieren.

§ 3. Bei andauernder Todesgefahr wird empfohlen, daß die heilige Kommunion mehrmals, an verschiedenen Tagen, gespendet wird.

Can. 922 — Die heilige Wegzehrung für Kranke darf nicht allzu lange aufgeschoben werden; wer mit der Seelsorge betraut ist, hat sorgfältig darauf zu achten, daß die Kranken damit gestärkt werden, solange sie noch voll bei Bewußtsein sind.“

 

Zur Gelegenheit des Kommunionemfangs sagt der CIC:

„Can. 918 — Es wird mit Nachdruck empfohlen, daß die Gläubigen in der Feier der Eucharistie selbst die heilige Kommunion empfangen; wenn sie jedoch aus gerechtem Grund darum bitten, ist sie ihnen außerhalb der Messe zu spenden; dabei sind die liturgischen Riten zu beachten.“

Hier geht es natürlich vor allem um die Krankenkommunion, z. B. für Menschen in Krankenhäusern und Altenheimen.

Und:

„Can. 923 — Die Gläubigen können in jedwedem katholischen Ritus am eucharistischen Opfer teilnehmen und die heilige Kommunion empfangen, unbeschadet der Vorschrift des can. 844.“

Damit ist gemeint, dass man in jeder der 23 katholischen Rituskirchen, also nicht nur der lateinischen Kirche, sondern auch einer der unierten Ostkirchen (aber nicht der vom Papst getrennten Ostkirchen) die Eucharistie empfangen kann.

 

Wer nicht im Stand der Gnade ist (also noch nicht gebeichtete schwere Sünden auf dem Gewissen hat), darf im Normalfall erst dann kommunizieren, wenn er vorher gebeichtet hat. Ich zitiere noch einmal den vorigen Artikel zur Beichte:

„Wenn man sich schwerer Sünden schuldig gemacht hat, muss man, wie gesagt, vor dem Kommunionempfang beichten.

„Can. 916 — Wer sich einer schweren Sünde bewußt ist, darf ohne vorherige sakramentale Beichte die Messe nicht feiern und nicht den Leib des Herrn empfangen, außer es liegt ein schwerwiegender Grund vor und es besteht keine Gelegenheit zur Beichte; in diesem Fall muß er sich der Verpflichtung bewußt sein, einen Akt der vollkommenen Reue zu erwecken, der den Vorsatz miteinschließt, sobald wie möglich zu beichten.“

D. h. etwa, ein Priester, der die Messe feiern muss, aber vorher nicht zur Beichte gehen kann, darf die Messe feiern und kommunizieren, muss aber vorher vollkommene Reue erwecken und hinterher dann möglichst bald beichten, also z. B. wenn er dann zwei Tage später Gelegenheit hat, zur Beichtgelegenheit in der Nachbarpfarrei zu gehen oder dort einen Termin auszumachen.

Was genau heißt „sobald wie möglich“? Jone sagt dazu, dass es innerhalb von drei Tagen sein muss, sofern das ohne größere Schwierigkeiten (wie z. B. langer Anfahrtsweg zur nächsten Beichtgelegenheit) möglich ist.

Aber wie gesagt, das gilt nur, wenn man aus schwerwiegendem Grund schon kommuniziert hat.

(Ein schwerwiegender Grund für Laien könnte z. B. sein, wenn jemand, der zur katholischen Kirche konvertiert, aber schon gültig getauft ist (z. B. in der evangelischen Kirche), zu dessen Konversion also eine Beichte, nicht die Taufe, gehört, zum ersten Mal zur Beichte geht, wobei dann wenige Tage später der Gottesdienst für seine Aufnahme in die Kirche und seine Erstkommunion angesetzt ist, und zwischendrin eine schwere Sünde begeht, aber vor dem Gottesdienst keine Gelegenheit mehr zu einer weiteren Beichte hat. In diesem Fall darf er bei seiner Erstkommunion auch zur Kommunion gehen.)“

Wem allerdings nach seiner letzten Beichte eingefallen ist, dass er eine schwere Sünde zu erwähnen vergessen hat, der ist im Stand der Gnade und darf zur Kommunion gehen; er muss die vergessene Sünde erst bei der nächsten regelmäßigen Beichte noch erwähnen.

Eine Kommunion, wenn man sicher weiß, dass man im Stand der Todsünde ist (und das Gebot bzgl. des Kommunionempfangs im Stand der Todsünde kennt), ist sakrilegisch. (Wenn man zweifelt, ob man im Stand der Gnade ist, darf man die Kommunion empfangen.)

Zu alldem hat der Apostel Paulus geschrieben:

„Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt. Deswegen sind unter euch viele schwach und krank und nicht wenige sind schon entschlafen. Gingen wir mit uns selbst ins Gericht, dann würden wir nicht gerichtet. Doch wenn wir jetzt vom Herrn gerichtet werden, dann ist es eine Zurechtweisung, damit wir nicht zusammen mit der Welt verdammt werden.“ (1 Kor 11,27-32)

Redemptionis Sacramentum stellt klar:

„80. Die Eucharistie soll den Gläubigen gereicht werden auch «als Gegenmittel, durch das wir von der täglichen Schuld befreit und vor Todsünden bewahrt werden»,[160] wie in verschiedenen Teilen der Messe hervorgehoben wird. Der an den Anfang der Messe gesetzte Bußakt hat zum Ziel, alle darauf vorzubereiten, die heiligen Mysterien in rechter Weise zu feiern;[161] er hat jedoch «nicht die Wirkung des Bußsakramentes»[162] und kann nicht als Ersatz für das Bußsakrament im Hinblick auf die Vergebung schwerer Sünden betrachtet werden.

Eine sakrilegische Kommunion erfüllt das Gebot der Osterkommunion nicht.

Wenn jemand im Augenblick der Kommunion abgelenkt ist oder mit einem nicht-idealen, leicht schuldbaren Motiv kommunziert (wie etwa: um nicht aufzufallen), ist das laut Jone eine lässliche Sünde, solange die Kommunion nur nicht wegen einer nicht-gebeichteten schwerern Sünde sakrilegisch ist.

 

Bei der Kommunion ist außerdem die eucharistische Nüchternheit einzuhalten. Im CIC heißt es:

 „Can. 919 — § 1. Wer die heiligste Eucharistie empfangen will, hat sich innerhalb eines Zeitraumes von wenigstens einer Stunde vor der heiligen Kommunion aller Speisen und Getränke mit alleiniger Ausnahme von Wasser und Arznei zu enthalten.

2. Ein Priester, der am selben Tag zweimal oder dreimal die heiligste Eucharistie feiert, darf vor der zweiten oder dritten Zelebration etwas zu sich nehmen, auch wenn nicht ein Zeitraum von einer Stunde dazwischenliegt.

3. Ältere Leute oder wer an irgendeiner Krankheit leidet sowie deren Pflegepersonen dürfen die heiligste Eucharistie empfangen, auch wenn sie innerhalb der vorangehenden Stunde etwas genossen haben.

Der Zeitraum sollte relativ leicht einzuhalten sein; bei sehr langsam zelebrierenden Priestern kann man sogar bis kurz vor Messbeginn noch etwas essen (es geht um eine Stunde vor dem Kommunionempfang, nicht vor Messbeginn).

Da früher eine längere Zeit der Nüchternheit vorgeschrieben war, hier die Erinnerung: Auch wenn man eine Messe im alten Ritus besucht, gelten die Nüchternheitsbestimmungen des neuen Codex des Kanonischen Rechtes. Kirchenrecht und Liturgie sind zwei verschiedene Sachen.

Die eucharistische Nüchternheit dient dazu, Respekt vor dem Herrn zu zeigen, den man empfangen wird.

Um davon befreit zu sein, genügt es, „irgendeine Krankheit“ zu haben; es muss nicht wegen der Krankheit absolut unerlässlich notwendig sein, zu dieser Zeit etwas zu essen. Kranke (und Alte und Pflegende) sollen hier quasi nicht noch weiter belastet werden.

Man bricht die eucharistische Nüchternheit, wenn man wirklich etwas Verdauliches absichtlich von außen in den Mund aufnimmt und dann schluckt – nicht, wenn man etwas schluckt, das einem noch zwischen den Zähnen gesteckt hat, oder sich mit Mundwasser den Mund ausspült und das wieder ausspuckt, oder etwas Flüssigkeit oder Staub in die Nase bekommt, oder eine Schneeflocke verschluckt. Hustenbonbons dürften als Medikamente zählen (außer jemand hat keinen Husten und kaut sie nur als Süßigkeit).

Notwendigkeit (z. B. die, die Messe zu feiern/fortzusetzen, wenn einem zerstreuten Priester verspätet einfällt, dass er vergessen hat, dass er nichts hätte essen dürfen; oder die, die Gefahr einer Profanierung des Sakraments zu vermeiden, z. B. wenn man im Fall eines Bombenangriffs auf die Stadt die Hostien in der Kirche schnell konsumiert) entschuldigt von der eucharistischen Nüchternheit.

 

Weitere Punkte zum Umgang mit der Eucharistie:

Unter Skrupulanten ist es ziemlich verbreitet, sich wegen winzigen Hostienkrümeln o. Ä. Sorgen zu machen – was wenn einer in meiner Hand zurückgeblieben ist, oder zwischen meinen Zähnen steckengeblieben und dann beim Zähneputzen herausgespült und im Abfluss gelandet ist, oder wenn dem Priester vielleicht ein Krümel heruntergefallen sein könnte, da eben sah etwas am Rand meines Blickfeldes so aus, als hätte da etwas sein können, sollte ich vielleicht nach der Messe an dieser Stelle den Boden kontrollieren? Oder oder oder. Aber auch gesunde Nichtskrupulanten können sich hier Sorgen machen und Fragen haben – etwa, wie man reagieren sollte, wenn, wie das vor einigen Jahren passiert ist, jemand eine angeblich konsekrierte Hostie auf Ebay anbietet?

Daher hier zwei Grundsätze:

1) Es kann Jesus nicht  mehr wehtun, was auch immer mit der Hostie oder dem Wein passiert. Dass wir die eucharistischen Gestalten ehrfürchtig behandeln müssen, gilt eher um unseret- als um Seinetwillen; weil es angebracht ist, vor Gott Ehrfurcht zu haben, nicht, weil wir Ihm sonst schaden könnten. Auch Gotteslästerung schadet ja nicht Gott, sondern unseren Seelen; sie ist trotzdem falsch, so wie es falsch ist, sich heimlich privat beleidigend über jemanden zu äußern, der nie davon erfahren und keinen Nachteil davon haben wird.

Wenn man also ohne weiteren Anlass fürchtet, dass der alte Priester, weil ihm die Hände öfter etwas zittern, möglicherweise Krümel fallen gelassen haben könnte, muss man nicht nach jeder Messe dableiben und dann den Boden nach möglichen Hostienkrümeln absuchen; erstens wäre das uferlos, zweitens kann man dabei evtl. Staub und Dreck nicht so leicht davon unterscheiden, und Dreck muss man sich wirklich nicht in den Mund stecken (ich spreche aus Erfahrung), und drittens ist das eben nicht nötig, um Jesus die erforderliche Ehrfurcht zu erweisen. Die erfordert vor allem, dass wir Ihn nicht ehrfurchtslos behandeln, wenn wir selber Ihn in die Hand oder den Mund bekommen. Wenn man allerdings mitbekommen würde, wie z. B. jemand sich eine Hostie in die Tasche steckt (das soll etwa bei ahnungslosen Leuten, die sich zu einer Hochzeits- oder Weihnachtsmesse in die  Kirche verirrt haben und automatisch mit vor zur Kommunion gegangen sind und dann aus irgendeinem Grund keine Lust gehabt haben, die Hostie normal zu konsumieren, schon vorgekommen sein), und sich sicher wäre, da richtig gesehen zu haben, wäre es absolut angebracht, denjenigen anzusprechen und von ihm zu verlangen, den Herrn herauszugeben. Aber man muss definitv nicht sämtliche Leute beim Kommunionempfang beobachten, um zu kontrollieren, dass so etwas nicht passiert, dafür ist man einfach nicht zuständig (wenn man dazu neigt, sich wegen so etwas Sorgen zu machen, sollte man vielleicht sogar bewusst gar nicht hinsehen; das lenkt einen nur von der eigenen Kommunion ab); genausowenig, wie man kontrollieren sollte, ob irgendwelche weißen Punkte auf dem Kirchenboden möglicherweise Hostienkrümel (oder aber Dreck, Staub, Papier, was auch immer) sein könnten. Der hl. Alphons von Liguori soll einmal zu einem in dieser Hinsicht skrupulösen jungen Priester gesagt haben, er solle gewöhnliche und vernünftige Sorgfalt dafür aufwenden, die heiligen Gefäße bei der Messe zu reinigen, und den Rest den Engeln überlassen. Jesus ist ja nicht verlassen, wenn ein Mensch Ihn schuldlos übersieht.

Zudem bzgl. Hostienkrümeln zu bedenken: Die im westlichen Ritus verwendeten Hostien krümeln normalerweise nicht, weil sie ungesäuert sind (in östlichen Riten, die gesäuertes Brot verwenden, wäre mehr Sorgfalt nötig).

Was angeblich konsekrierte Hostien bei Ebay angeht, gilt, dass man die nicht retten muss, weil es auch ein Betrug mit unkonsekrierten Backoblaten sein könnte und man solche Erpresseraktionen nicht ermutigen muss, und dem Herrn kann dabei ja nichts geschehen. (Man dürfte sie natürlich kaufen (und dann einem Priester bringen).)

2) Jesus ist solange präsent, wie die äußeren Gestalten von Brot und Wein präsent sind. Wenn also eine Hostie am Rand angeschimmelt ist, ist Er noch da, wenn da nur noch Schimmel und kein Brot mehr ist, dann nicht mehr. Es gibt spezielle kirchliche Regeln, wie man mit angeschimmelten Hostien, oder schon gewandeltem  Wein, in den eine Fliege gefallen ist, oder einem Altartuch, über das ein Priester den Wein verschüttet hat, oder einer Hostie, die ein Kranker wieder hervorgewürgt hat u. Ä. umzugehen hat; hier sind aber generell Priester zuständig. Prinzipiell muss man das nicht mehr irgendwie konsumieren, sondern es geht darum, das Ganze möglichst ehrfurchtsvoll – tut mir leid, mir fällt kein besseres Wort ein – zu entsorgen; zum Beispiel die angeschimmelte Hostie in Wasser aufzulösen (sobald die Gestalt des Brotes dann nicht mehr da ist, ist Jesus eben nicht mehr da) und das Wasser an einem speziellen Ort in der Sakristei, dem sog. Sacrarium, einem Loch, das in die Erde führt, wegzugießen.

Es gibt dafür also Regeln, aber es muss auch praktikabel sein; und Gott verlangt menschliche, keine übermenschliche Sorgfalt.

Die eucharistischen Gestalten bleiben auch im Magen bzw. im Mund, wenn da noch Krümel zwischen den Zähnen steckenbleiben, nicht ewig präsent; 10-15 Minuten nach der Kommunion kann man wieder essen, die Zähne putzen, den Mund ausspülen usw., ohne sich Sorgen wegen Entehrung der eucharistischen Gestalten machen zu müssen.

Über die Gefäße und Altartücher heißt es in Redeptionis sacramentum:

„119. Nach der Kommunionausteilung kehrt der Priester zum Altar zurück, reinigt am Altar oder am Kredenztisch über dem Kelch die Patene oder die Hostienschale, reinigt dann den Kelch gemäß den Vorschriften des Meßbuches und trocknet ihn mit dem Kelchtüchlein. Wenn ein Diakon anwesend ist, kehrt er mit dem Priester zum Altar zurück und reinigt die Gefäße. Es ist aber erlaubt, daß der Priester oder der Diakon die zu reinigenden Gefäße, vor allem wenn es viele sind, auf dem Altar oder dem Kredenztisch, angemessen bedeckt, auf einem Korporale stehen läßt und sofort nach der Messe, nachdem das Volk entlassen wurde, reinigt. Auch der rechtmäßig beauftragte Akolyth hilft dem Priester oder dem Diakon beim Reinigen und Zusammenstellen der sakralen Gefäße am Altar oder am Kredenztisch. Wenn kein Diakon anwesend ist, bringt der rechtmäßig beauftragte Akolyth die sakralen Gefäße zum Kredenztisch, wo er sie auf gewohnte Weise reinigt, trocknet und zusammenstellt.[209]

120. Die Hirten sollen dafür Sorge tragen, daß die Altartücher, besonders jene, auf die die heiligen Gestalten gelegt werden, immer sauber bleiben und gemäß überliefertem Brauch häufig gewaschen werden. Es ist zu begrüßen, daß das Wasser der ersten Reinigung, die mit der Hand vorzunehmen ist, in das Sacrarium der Kirche oder an einen geziemenden Ort auf die Erde gegossen wird. Danach kann auf gewohnte Weise eine weitere Säuberung vorgenommen werden.“

Dann zum Thema bewusste Hostienschändung. Der CIC sagt:

„Can. 1367 — Wer die eucharistischen Gestalten wegwirft oder in sakrilegischer Absicht entwendet oder zurückbehält, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu; ein Kleriker kann außerdem mit einer weiteren Strafe belegt werden, die Entlassung aus dem Klerikerstand nicht ausgenommen.“

„Tatstrafe“ bedeutet, dass die Exkommunikation automatisch eintritt, nicht erst verhängt werden muss (sondern höchstens festgestellt). „Dem Apostolischen Stuhl vorbehalten“ heißt, dass, wenn jemand eine solche Tat beichtet, der Beichtvater erst an den Vatikan schreiben müsste, damit derjenige losgesprochen werden kann. Dieses Gesetz richtet sich z. B. gegen Satanisten, die die Eucharistie entehren.

Wer z. B. nach einer Messe meinte, irgendein winziger weißer Punkt an seiner Hose könnte möglicherweise von der Hostie kommen, weil er Handkommunion gemacht und seine Hände später daran abgestreift hat, aber möglicherweise auch nur ein Staubkorn sein, und ihn dann nicht weiter beachtet hat, der hat sich definitiv keine Exkommunikation zugezogen. Selbst z. B. ein Priester, der aus Unachtsamkeit gegen den Kelch gestoßen ist und das Blut Christi über dem Altartuch verschüttet hat, hat das nicht. Letzteres ist zwar wohl meistens eine Sünde, aber dann eine der Unachtsamkeit, nicht des bewussten Sakrilegs.

Redemptionis Sacramentum sagt zur Auslegung dieses Canons (Hervorhebung von mir):

„Jedwede Handlung, durch welche die heiligen Gestalten mutwillig und schwerwiegend entehrt werden, muß diesem Fall zugerechnet werden. Wenn daher jemand gegen die genannten Normen handelt, indem er zum Beispiel die heiligen Gestalten in das Sacrarium oder an einen unwürdigen Ort oder auf den Boden wirft, zieht er sich die festgesetzten Strafen zu.[195] Darüber hinaus sollen alle daran denken, daß nach Abschluß der Spendung der heiligen Kommunion innerhalb der Meßfeier die Vorschriften des Römischen Meßbuches zu befolgen sind; was eventuell vom Blut Christi noch übrig ist, muß vom Priester oder, gemäß den Normen, von einem anderen Diener sofort gänzlich konsumiert werden; die konsekrierten Hostien, die übriggeblieben sind, müssen entweder am Altar vom Priester konsumiert oder an den für die Aufbewahrung der Eucharistie bestimmten Ort gebracht werden.[196]“ (Redemptionis Sacramentum 107)

 

Sowohl in jeder Hostie (sogar in jedem noch als Brot erkennbaren Hostienkrümel) als auch in jedem Schluck (sogar in jedem Tropfen) Wein ist Jesus nach der Wandlung voll und ganz gegenwärtig (das ist kirchliches Dogma), weshalb es genügt, die Kommunion unter einer Gestalt zu empfangen. Manchmal, z. B. am Gründonnerstag, ist mancherorts zwar die Kommunion unter beiderlei Gestalt auch für die Laien üblich, aber sonst ist das nicht üblich und auch nicht nötig – einerseits aus praktischen Gründen, andererseits, um das Dogma einzuschärfen, damit die Leute nicht meinen, sie würden mit der Hostie nur den halben Jesus bekommen. Sicher ist es von zentraler Bedeutung, dass Brot und Wein verwendet werden; das stellt auch Jesu Tod dar, bei dem Sein Leib und Sein Blut getrennt wurden. Aber dafür genügt es, dass beides gewandelt wird und der Priester unter beiderlei Gestalt kommuniziert.

Noch einmal der CIC:

„Can. 925 — Die heilige Kommunion ist allein unter der Gestalt des Brotes zu reichen oder, nach Maßgabe der liturgischen Gesetze, unter beiderlei Gestalt, jedoch im Notfall auch allein unter der Gestalt des Weines.

[…]

Can. 927 — Auch im äußersten Notfall ist es streng verboten, die eine Gestalt ohne die andere oder auch beide Gestalten außerhalb der Feier der Eucharistie zu konsekrieren.

Und noch einmal Redemptionis Sacramentum:

„100. Um den Gläubigen die Fülle der Zeichenhaftigkeit im eucharistischen Gastmahl klarer bewußt zu machen, werden in den Fällen, die in den liturgischen Büchern erwähnt sind, auch die christgläubigen Laien zur Kommunion unter beiden Gestalten zugelassen, wobei eine entsprechende Katechese über die dogmatischen Grundsätze, die vom Ökumenischen Konzil von Trient festgelegt wurden, vorausgehen und beständig weitergeführt werden muß.[186]

101. Damit den christgläubigen Laien die heilige Kommunion unter beiden Gestalten gespendet werden kann, sind die Umstände entsprechend zu berücksichtigen, über die in erster Linie die Diözesanbischöfe zu urteilen haben. Diese Art der Kommunionspendung ist gänzlich auszuschließen, wenn auch nur die geringste Gefahr der Profanierung der heiligen Gestalten besteht.[187] Für eine eingehendere Regelung haben die Bischofskonferenzen Normen zu erlassen, die vom Apostolischen Stuhl durch die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung rekognosziert werden müssen, vor allem im Hinblick auf «die Art, den Gläubigen die heilige Kommunion unter beiden Gestalten auszuteilen, sowie die Ausweitung dieser Befugnis».[188]

102. Der Kelch soll den christgläubigen Laien nicht gereicht werden, wo die Zahl der Kommunikanten so groß ist,[189] daß es schwierig wird, die für die Eucharistie notwendige Menge an Wein abzuschätzen und die Gefahr besteht, daß «am Ende der Feier eine Menge des Blutes Christi übrigbleibt, die über das rechte Maß hinausgeht, das konsumiert werden kann»;[190] ebenso nicht, wo der Zugang zum Kelch nur schwer geregelt werden kann oder wo eine entsprechende Menge an Wein erforderlich wird, deren sichere Herkunft und Qualität nur schwer festgestellt werden kann, oder wo keine angemessene Zahl an geistlichen Amtsträgern oder außerordentlichen Spendern der heiligen Kommunion mit geeigneter Ausbildung vorhanden ist, oder wo ein beträchtlicher Teil des Volkes aus verschiedenen Gründen beharrlich nicht zum Kelch hinzutreten will, so daß das Zeichen der Einheit in gewisser Weise verloren geht.

103. Die Normen des Römischen Meßbuches kennen die Regelung, daß in den Fällen, in denen die Kommunion unter beiden Gestalten ausgeteilt wird, «das Blut Christi direkt aus dem Kelch oder durch Eintauchen der Hostie oder mit einem Röhrchen oder mit einem Löffel getrunken werden kann».[191] Was die Kommunionspendung für die christgläubigen Laien betrifft, können die Bischöfe die Kommunion mit einem Röhrchen oder einem Löffel ausschließen, wo dies nicht örtlicher Brauch ist, wobei aber immer die Möglichkeit der Kommunionspendung durch Eintauchen der Hostie bestehen bleibt. Wenn diese Form zur Anwendung kommt, sollen allerdings Hostien verwendet werden, die nicht zu dünn und nicht zu klein sind, und der Kommunikant darf das Sakrament vom Priester nur mit dem Mund empfangen.[192]

104. Es ist dem Kommunikanten nicht erlaubt, selbst die Hostie in den Kelch einzutauchen oder die eingetauchte Hostie mit der Hand zu empfangen. Die Hostie, die eingetaucht wird, muß aus gültiger Materie bereitet und konsekriert sein; streng verboten ist die Verwendung von nicht konsekriertem Brot oder anderer Materie.

105. Wenn ein einziger Kelch zur Spendung der Kommunion unter beiden Gestalten an konzelebrierende Priester oder Christgläubige nicht ausreicht, steht dem nichts entgegen, daß der zelebrierende Priester mehrere Kelche verwendet.[193] Es ist nämlich daran zu erinnern, daß alle Priester, die die heilige Messe zelebrieren, zur Kommunion unter beiden Gestalten verpflichtet sind. Der Zeichenhaftigkeit wegen ist es zu begrüßen, daß ein größerer Kelch zusammen mit anderen kleineren Kelchen verwendet wird.

106. Es ist jedoch gänzlich zu vermeiden, daß das Blut Christi nach der Wandlung aus einem Gefäß in ein anderes gegossen wird, damit nichts passiert, was diesem so großen Mysterium unangemessen ist. Um das Blut des Herrn aufzunehmen, dürfen niemals Flaschen, Krüge oder andere Gefäße verwendet werden, die den festgesetzten Normen nicht voll entsprechen.“

 

In Redemptionis Sacramentum heißt es über den genaueren Ablauf der Kommunionspendung, über außerordentliche Spender, Mund- und Handkommunion usw.:

„88. Die Gläubigen sollen die sakramentale eucharistische Kommunion gewöhnlich während der Messe und zu dem im Ritus der Feier vorgeschriebenen Zeitpunkt empfangen, also direkt nach der Kommunion des zelebrierenden Priesters.[172] Es obliegt dem zelebrierenden Priester, eventuell unter Mithilfe anderer Priester oder Diakone, die Kommunion auszuteilen; er darf die Messe nicht fortsetzen, bevor die Kommunion der Gläubigen beendet ist. Nur dort, wo eine Notlage es erfordert, können außerordentliche Spender dem zelebrierenden Priester nach Maßgabe des Rechts helfen.[173]

89. Damit «die Kommunion auch dem Zeichen nach klarer als Teilnahme am Opfer erscheint, das gefeiert wird»,[174] ist es wünschenswert, daß die Gläubigen sie in Hostien empfangen, die in derselben Messe konsekriert wurden.[175]

90. «Die Gläubigen empfangen die Kommunion kniend oder stehend, wie es die Bischofskonferenz festgelegt hat», deren Beschluß vom Apostolischen Stuhl rekognosziert werden muß. «Wenn sie stehend kommunizieren, wird empfohlen, daß sie vor dem Empfang des Sakramentes eine angemessene Ehrerbietung erweisen, die von denselben Normen festzulegen ist».[176]

91. Bezüglich der Austeilung der heiligen Kommunion ist daran zu erinnern, daß «die geistlichen Amtsträger […] die Sakramente denen nicht verweigern» dürfen, «die zu gelegener Zeit darum bitten, in rechter Weise disponiert und rechtlich an ihrem Empfang nicht gehindert sind».[177] Jeder getaufte Katholik, der rechtlich nicht gehindert ist, muß deshalb zur heiligen Kommunion zugelassen werden. Es ist also nicht gestattet, einem Christgläubigen die heilige Kommunion beispielsweise nur deshalb zu verweigern, weil er die Eucharistie kniend oder stehend empfangen möchte.

92. Obwohl jeder Gläubige immer das Recht hat, nach seiner Wahl die heilige Kommunion mit dem Mund zu empfangen,[178] soll in den Gebieten, wo es die Bischofskonferenz erlaubt und der Apostolische Stuhl rekognosziert hat, auch demjenigen die heilige Hostie ausgeteilt werden, der das Sakrament mit der Hand empfangen möchte. Man soll aber sorgfältig darauf achten, daß der Kommunikant die Hostie sofort vor dem Spender konsumiert, damit niemand mit den eucharistischen Gestalten in der Hand weggeht. Wenn eine Gefahr der Profanierung besteht, darf die heilige Kommunion den Gläubigen nicht auf die Hand gegeben werden.[179]

93. Es ist notwendig, die kleine Patene für die Kommunion der Gläubigen beizuhalten, um die Gefahr zu vermeiden, daß die heilige Hostie oder einzelne Fragmente auf den Boden fallen.[180]

94. Es ist den Gläubigen nicht gestattet, die heilige Hostie oder den heiligen Kelch «selbst zu nehmen und noch weniger von Hand zu Hand unter sich weiterzugeben».[181] Außerdem ist in diesem Zusammenhang der Mißbrauch zu beseitigen, daß die Brautleute bei der Trauungsmesse sich gegenseitig die heilige Kommunion spenden.

95. Ein christgläubiger Laie, der «die heiligste Eucharistie schon empfangen hat, darf sie am selben Tag nur innerhalb einer Feier der Eucharistie, an der er teilnimmt, ein zweites Mal empfangen, unbeschadet der Vorschrift des can. 921 § 2».[182]

96. Zu verwerfen ist der Brauch, daß entgegen den Vorschriften der liturgischen Bücher während oder vor der Meßfeier nicht konsekrierte Hostien oder andere eßbare oder nicht eßbare Dinge nach Art der Kommunion ausgeteilt werden. Dieser Brauch entspricht nicht der Tradition des römischen Ritus und bringt die Gefahr mit sich, bei den Christgläubigen Verwirrung zu stiften bezüglich der Lehre der Kirche über die Eucharistie. Wenn an einigen Orten aufgrund einer Konzession die besondere Gewohnheit besteht, Brot zu segnen und nach der Messe auszuteilen, soll dieser Brauch durch eine gute Katechese sorgfältig erklärt werden. Es dürfen aber keine anderen ähnlichen Praktiken eingeführt und für den genannten Brauch auf keinen Fall nicht konsekrierte Hostien verwendet werden.“

Es sind also prinzipiell meistens alle Kombinationen aus stehend/kniend und Mundkommunion/Handkommunion erlaubt. Die kniende Mundkommunion wäre eigentlich die Standartvariante, aber es ist keine Sünde, wenn jemand die seit der Liturgiereform ebenfalls an den meisten Orten per Indult erlaubte stehende Handkommunion vorzieht – ob nun deshalb, weil er es nicht mag, wenn andere an seinen Mund fassen, weil er zu schüchtern ist, um mit knieender Mundkommunion auffallen zu wollen, weil er es einfach so gewohnt ist… Die Handkommunion ist erlaubt und drückt keine Verunehrung aus. (Wobei hier deutlich wird, dass die Handkommunion ein bisschen problematischer werden könnte als das Stehen (das ja immer erlaubt war für die, die nicht knien können, und das keine zusätzliche Gefahr der Entehrung des Sakraments mit sich bringt, während das bei der Handkommunion zumindest ein bisschen der Fall ist). Und freilich ist die Einstellung mancher Leute falsch, die meinen, die knieende Mundkommunion wäre quasi zu ehrfürchtig.)

Zu den Kommunionspendern, also den Personen, die die Kommunion austeilen, heißt es in Redemptionis Sacramentum außerdem, dass an sich Bischof, Priester und Diakon ordentliche Spender sind und der Akolyth (eine Beauftragung, die für gewöhnlich Priesteramtskandidaten im Lauf ihrer Seminarzeit erhalten) kraft Amt außerordentlicher Spender ist, und weitere außerordentliche Spender (die gewöhnlichen Kommunionhelfer, die man kennt) beauftragt werden können, wenn eine Notsituation es für einen begrenzten Zeitraum (ad tempus) (oder in Ausnahmefällen für eine einzelne Messe/Krankenkommunion (ad actum)) erfordert; solche Kommunionhelfer werden nicht auf unbegrenzte Zeit beauftragt und dürften eigentlich auch nicht in jeder Pfarrei beauftragt werden, nur damit die Kommunionausteilung zwei Minuten kürzer dauert oder um Laien irgendwie im Altarraum zu beteiligen; das ist, auch wenn es ständig vorkommt, an sich zumindest ein leichter liturgischer Missbrauch. Wenn die Austeilung aber sehr lang dauern würde, weil die Gemeinde groß ist, oder ein Priester schon gebrechlich ist und sich deshalb möglichst bald wieder hinsetzen muss, oder auch für die Krankenkommunion, wenn ein Priester es zeitlich nicht schafft, zu allen Kranken selbst zu gehen, wäre es etwas anderes; für solche Situationen wären außerordentliche Spender ja gedacht. Sie sind eben wirklich nur Notfallassistenz für den eigentlichen Spender, den Priester.

(Es ist keine Sünde, von einem unnötigerweise eingeteilten außerordentlichen Spender die Kommunion zu empfangen; aber man sollte sich selbst wohl eher nicht unnötigerweise dazu einteilen lassen, wenn man es vermeiden kann, auch wenn das wohl keine schwere Sünde wäre.)

„154. «Zelebrant, der in persona Christi das Sakrament der Eucharistie zu vollziehen vermag, ist», wie schon erwähnt, «nur der gültig geweihte Priester».[254] Daher kommt die Bezeichnung «Diener der Eucharistie» im eigentlichen Sinn nur dem Priester zu. Aufgrund der heiligen Weihe sind Bischof, Priester und Diakon die ordentlichen Spender der heiligen Kommunion,[255] denen es deshalb zukommt, bei der Feier der heiligen Messe den christgläubigen Laien die Kommunion auszuteilen. So soll ihr Dienstamt in der Kirche richtig und voll zum Ausdruck gebracht werden und das sakramentale Zeichen seine Erfüllung finden.

155. Über die ordentlichen Amtsträger hinaus gibt es den rechtmäßig beauftragten Akolythen, der kraft seiner Beauftragung außerordentlicher Spender der heiligen Kommunion auch außerhalb der Meßfeier ist. Wenn es ferner echte Notsituationen erfordern, kann nach Maßgabe des Rechts[256] vom Diözesanbischof auch ein anderer christgläubiger Laie ad actum oder ad tempus als außerordentlicher Spender beauftragt werden; dazu ist die für diesen Fall vorgesehene Segensformel anzuwenden. Dieser Akt der Beauftragung hat aber nicht notwendig eine liturgische Gestalt, und wenn er eine solche hat, darf er in keiner Weise der heiligen Weihe angeglichen werden. Nur in besonderen, unvorhergesehenen Fällen kann eine Erlaubnis ad actum vom Priester gewährt werden, der der Eucharistiefeier vorsteht.[257]

156. Diese Aufgabe ist streng im Sinn ihrer Bezeichnung zu verstehen, es geht also um außerordentliche Spender der heiligen Kommunion, nicht aber um «besondere Spender der heiligen Kommunion» oder um «außerordentliche Diener der Eucharistie» oder um «besondere Diener der Eucharistie»; durch solche Bezeichnungen wird ihre Bedeutung in ungebührlicher und falscher Weise ausgeweitet.

157. Wenn gewöhnlich eine Anzahl geistlicher Amtsträger anwesend ist, die auch für die Austeilung der heiligen Kommunion ausreicht, können keine außerordentlichen Spender der heiligen Kommunion beauftragt werden. In Situationen dieser Art dürfen jene, die zu einem solchen Dienst beauftragt worden sind, ihn nicht ausüben. Zu verwerfen ist das Verhalten jener Priester, die an der Zelebration teilnehmen, sich aber nicht an der Kommunionausteilung beteiligen und diese Aufgabe den Laien überlassen.[258]

158. Der außerordentliche Spender der heiligen Kommunion darf die Kommunion nur dann austeilen, wenn Priester oder Diakon fehlen, wenn der Priester durch Krankheit, wegen fortgeschrittenen Alters oder aus einem anderen ernsten Grund verhindert ist, oder wenn die Gläubigen, die zur Kommunion hinzutreten, so zahlreich sind, daß sich die Meßfeier allzusehr in die Länge ziehen würde.[259] Dies muß aber so verstanden werden, daß eine gemäß den örtlichen Gewohnheiten und Bräuchen kurze Verlängerung ein völlig unzureichender Grund ist.

159. Einem außerordentlichen Spender der heiligen Kommunion ist es niemals erlaubt, jemand anderen zur Spendung der Eucharistie zu beauftragen, wie zum Beispiel einen Elternteil, den Ehepartner oder das Kind eines Kranken, der kommunizieren möchte.

160. Der Diözesanbischof soll die Praxis der letzten Jahre in dieser Sache von neuem überdenken und gegebenenfalls korrigieren oder genauer festlegen. Wo aus einer echten Notlage heraus viele solche außerordentliche Spender beauftragt werden, hat der Diözesanbischof besondere Normen zu erlassen, mit denen er unter Berücksichtigung der Tradition der Kirche über die Ausübung dieser Aufgabe nach Maßgabe des Rechts Anordnungen trifft.“

Dem liegen diese Vorschriften des CIC zugrunde:

„Can. 910* — § 1. Ordentlicher Spender der heiligen Kommunion ist der Bischof, der Priester und der Diakon.

§ 2. Außerordentlicher Spender der heiligen Kommunion ist der Akolyth wie auch ein anderer Gläubiger, der nach Maßgabe des can.230, § 3 dazu beauftragt ist.

Can. 911 — § 1. Die Pflicht und das Recht, die heiligste Eucharistie als Wegzehrung zu den Kranken zu bringen; haben der Pfarrer, die Pfarrvikare, die Kapläne und der Obere einer Gemeinschaft in klerikalen Ordensinstituten oder Gesellschaften des apostolischen Lebens für alle, die sich im Haus aufhalten.

§ 2. Im Notfall oder mit der wenigstens vermuteten Erlaubnis des Pfarrers, des Kaplans oder des Oberen, die nachher davon in Kenntnis zu setzen sind, ist dazu jeder Priester oder andere Spender der heiligen Kommunion verpflichtet.“

 

Zur gültigen bzw. zur erlaubten Materie für die Eucharistie heißt es in Redemptionis Sacramentum:

„48. Das Brot, das für die Feier des hochheiligen eucharistischen Opfers verwendet wird, muß ungesäuert, aus reinem Weizenmehl bereitet und noch frisch sein, so daß keine Gefahr der Verderbnis besteht.[123] Daraus folgt, daß Brot, das aus einer anderen Substanz, wenn auch aus Getreide, bereitet ist, oder Brot, dem eine vom Weizen verschiedene Materie in so großer Menge beigemischt ist, daß es gemäß dem allgemeinen Empfinden nicht mehr als Weizenbrot bezeichnet werden kann, keine gültige Materie für den Vollzug des eucharistischen Opfers und Sakramentes darstellt.[124] Es ist ein schwerer Mißbrauch, bei der Zubereitung des für die Eucharistie bestimmten Brotes andere Substanzen, wie zum Beispiel Früchte, Zucker oder Honig, beizufügen. […]

50. Der Wein, der für die Feier des hochheiligen eucharistischen Opfers verwendet wird, muß naturrein, aus Weintrauben gewonnen und echt sein, er darf nicht verdorben und nicht mit anderen Substanzen vermischt sein.[127] Bei der Meßfeier muß ihm ein wenig Wasser beigemischt werden. Es ist sorgfältig darauf zu achten, daß der für die Eucharistie bestimmte Wein in einwandfreiem Zustand aufbewahrt und nicht zu Essig wird.[128] Es ist streng verboten, Wein zu benützen, über dessen Echtheit und Herkunft Zweifel bestehen: Denn bezüglich der notwendigen Bedingungen für die Gültigkeit der Sakramente fordert die Kirche Gewißheit. Es darf kein Vorwand zugunsten anderer Getränke jedweder Art zugelassen werden, die keine gültige Materie darstellen.“

Es ist also nicht möglich, für an Zöliakie leidende Personen komplett glutenfreie Hostien zu nehmen (glutenreduzierte sind allerdings möglich) oder aus Rücksicht auf Alkoholiker Traubensaft statt Wein zu nehmen; diese Materie würde einfach nicht Leib und Blut Christi werden. Dementsprechend betroffene Personen könnten also unter der Gestalt, die sie nicht vertragen, einfach nicht kommunizieren, aber dann eben unter der anderen.

Nicht mehr ganz frisches Brot, oder Brot mit geringfügigen Zusätzen, wäre aber immerhin noch gültige, wenn auch unerlaubte Materie.

Der CIC sagt ebenfalls:

„Can. 924 — § 1. Das hochheilige eucharistische Opfer muß mit Brot und Wein, dem ein wenig Wasser beizumischen ist, dargebracht werden.

§ 2. Das Brot muß aus reinem Weizenmehl bereitet und noch frisch sein, so daß keine Gefahr der Verderbnis besteht.

§ 3. Der Wein muß naturrein und aus Weintrauben gewonnen sein und darf nicht verdorben sein.

[…]

Can. 926 — Bei der Feier der Eucharistie hat der Priester gemäß der alten Überlieferung der lateinischen Kirche ungesäuertes Brot zu verwenden, wo immer er das Opfer darbringt.

 

Normalerweise dürfen nur Katholiken, die nicht mit Exkommunikation oder Interdikt belegt und im Stand der Gnade sind, nur von katholischen Spendern die Eucharistie empfangen.

Exkommunizierten (z. B. Abtreibungsärzten, die sich durch ihren Beruf die Tatstrafe der Exkommunikation zuziehen), Interdizierten, Katholiken, die beharrlich die katholische Lehre leugnen oder in einer anderen schweren offenkundigen Sünde hartnäckig verharren (z. B. Wiederverheiratet-Geschiedenen, in einer homosexuellen Partnerschaft Lebenden o. Ä.) darf (bzw. muss sogar) ein Spender, der sie kennt und von diesem Hindernis weiß, die Kommunion verweigern. Aus dem CIC:

„Can. 915 — Zur heiligen Kommunion dürfen nicht zugelassen werden Exkommunizierte und Interdizierte nach Verhängung oder Feststellung der Strafe Sowie andere, die hartnäckig in einer offenkundigen schweren Sünde verharren.“

Die schwere Sünde muss „offenkundig“, also bekannt, äußerlich wahrnehmbar sein, und derjenige muss „hartnäckig“ darin verharren, also die Sünde nicht nur einzelne Male begangen und dann bereut haben, sondern dabei bleiben. (Hier genauere Unterscheidungen und Erklärungen zu diesen Bedingungen.)

Wenn ein Priester allerdings in der Beichte die Absolution verweigern musste und der Pönitent dann trotzdem zur Kommunion vor geht, darf der Priester sie nicht verweigern (um das Beichtgeheimnis zu wahren).

Auch Nichtkatholiken muss ein Priester im Regelfall die Kommunion verweigern, und Katholiken dürfen nicht einfach in einem nichtkatholischen Gottesdienst zur Kommunion gehen. Allerdings gibt es hier für Einzelfälle Ausnahmeregelungen.

Im CIC heißt es:

„Can. 844 — § 1. Katholische Spender spenden die Sakramente erlaubt nur katholischen Gläubigen; ebenso empfangen diese die Sakramente erlaubt nur von katholischen Spendern; zu beachten sind aber die Bestimmungen der §§ 2, 3 und 4 dieses Canons sowie des can. 861, § 2.

§ 2. Sooft eine Notwendigkeit es erfordert oder ein wirklicher geistlicher Nutzen dazu rät und sofern die Gefahr des Irrtums oder des Indifferentismus vermieden wird, ist es Gläubigen, denen es physisch oder moralisch unmöglich ist, einen katholischen Spender aufzusuchen, erlaubt, die Sakramente der Buße, der Eucharistie und der Krankensalbung von nichtkatholischen Spendern zu empfangen, in deren Kirche die genannten Sakramente gültig gespendet werden.

§ 3. Katholische Spender spenden erlaubt die Sakramente der Buße, der Eucharistie und der Krankensalbung Angehörigen orientalischer Kirchen, die nicht die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche haben, wenn diese von sich aus darum bitten und in rechter Weise disponiert sind; dasselbe gilt für Angehörige anderer Kirchen, die nach dem Urteil des Apostolischen Stuhles hinsichtlich der Sakramente in der gleichen Lage sind wie die genannten orientalischen Kirchen.

§ 4. Wenn Todesgefahr besteht oder wenn nach dem Urteil des Diözesanbischofs bzw. der Bischofskonferenz eine andere schwere Notlage dazu drängt, spenden katholische Spender diese Sakramente erlaubt auch den übrigen nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehenden Christen, die einen Spender der eigenen Gemeinschaft nicht aufsuchen können und von sich aus darum bitten, sofern sie bezüglich dieser Sakramente den katholischen Glauben bekunden und in rechter Weise disponiert sind.“

D. h. ein Katholik, der keinen katholischen Priester erreichen kann, darf z. B. bei einem russisch-orthodoxen, armenischen oder koptischen Priester die Eucharistie empfangen (wie auch die Beichte und die Krankensalbung); allerdings nie bei einem protestantischen oder anglikanischen Pastor, der ja keine gültige Weihe hat.

Ein katholischer Priester darf z. B. einem russisch-orthodoxen, armenischen oder koptischen Gläubigen, der ihn von sich aus darum bittet und ansonsten die normalen Bedingungen für den Sakramentenempfang erfüllt, die Kommunion spenden (und die Absolution und die Krankensalbung). Bei Personen aus Gemeinschaften, die keine gültig geweihten Priester und gültigen Sakramente mehr haben (also vorrangig die Protestanten) ist das dagegen nur möglich, wenn der Protestant zumindest in Bezug auf das einzelne Sakrament den katholischen Glauben teilt und in Todesgefahr oder einer anderen „schweren Notlage“ ist. (Wenn ein Lutheraner mit seiner katholischen Frau zur Kirche geht und sich ausgeschlossen vorkommt, wenn er nicht auch zum „katholischen Abendmahl“ gehen darf, ist definitiv keine schwere Notlage gegeben, und für gewöhnlich ja auch nicht der erforderliche Glaube.) Einem Ungetauften darf er nie diese Sakramente spenden.

Dieses Kirchengesetz ist übrigens nichts ganz Neues; auch der CIC von 1917 enthielt für Notfälle Bestimmungen zur Sakramentenspendung an Christen aus anderen Konfessionen, die guten Glaubens ihrer schismatischen Konfession anhängen. Hier kommt eben der Grundsatz „salus animarum suprema lex“ (das Heil der Seelen ist das oberste Gesetz) ins Spiel.

Allerdings ist es nie erlaubt, dass ein katholischer und ein orthodoxer Priester, oder gar ein katholischer Priester und ein protestantischer Pastor, gemeinsam Eucharistie feiern.

In der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, die der hl. Papst Johannes Paul II. 2003 veröffentlicht hat, heißt es über die Möglichkeit, jemandem die Kommunion zu verweigern, und über die nie erlaubte Konzelebration mit nichtkatholischen Klerikern:

„Es ist offensichtlich, daß das Urteil über den Gnadenstand nur dem Betroffenen zukommt, denn es handelt sich um ein Urteil des Gewissens. Aber in den Fällen, in denen ein äußeres Verhalten in schwerwiegender, offenkundiger und beständiger Weise der moralischen Norm widerspricht, kommt die Kirche nicht umhin, sich in ihrer pastoralen Sorge um die rechte Ordnung der Gemeinschaft und aus Achtung vor dem Sakrament in Pflicht nehmen zu lassen. […]

Die Eucharistie ist die höchste sakramentale Darstellung der Gemeinschaft in der Kirche. Deshalb ist es notwendig, daß sie im Kontext der Unversehrtheit auch der äußeren Bande der Gemeinschaft gefeiert wird. Weil sie in besonderer Weise »die Vollendung des geistlichen Lebens und das Ziel aller Sakramente«78 ist, müssen die Bande der Gemeinschaft in den Sakramenten wirklich bestehen, besonders in der Taufe und in der Priesterweihe. Es ist nicht möglich, einer Person die Kommunion zu reichen, die nicht getauft ist oder die unverkürzte Glaubenswahrheit über das eucharistische Mysterium zurückweist. Christus ist die Wahrheit und legt Zeugnis ab für die Wahrheit (vgl. Joh 14,6; 18,37); das Sakrament seines Leibes und seines Blutes erlaubt keine Heuchelei. […]

Die kirchliche Gemeinschaft der eucharistischen Versammlung ist Gemeinschaft mit dem eigenen Bischof und mit dem Papst. Der Bischof ist in der Tat das sichtbare Prinzip und das Fundament der Einheit in seiner Teilkirche.80 Es wäre daher ein großer Widerspruch, wenn das Sakrament der Einheit der Kirche schlechthin nicht in Gemeinschaft mit dem Bischof gefeiert würde. Der heilige Ignatius von Antiochien schrieb: »Jene Eucharistie wird als sicher erachtet, die unter dem Bischof oder dem, den er damit beauftragt hat, gefeiert wird«.81 Weil »der Bischof von Rom als Nachfolger Petri das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen«82 ist, bildet die Gemeinschaft mit ihm in gleicher Weise eine innere Notwendigkeit für die Feier des eucharistischen Opfers. […]

44. Weil die Einheit der Kirche, welche die Eucharistie durch das Opfer und den Empfang des Leibes und Blutes des Herrn verwirklicht, unter dem unabdingbaren Anspruch der vollen Gemeinschaft durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und des kirchlichen Leitungsamtes steht, ist es nicht möglich, die eucharistische Liturgie gemeinsam zu feiern, bevor diese Bande in ihrer Unversehrtheit nicht wiederhergestellt sind. […]

45. Wenn die volle Gemeinschaft fehlt, ist die Konzelebration in keinem Fall statthaft. Dies gilt nicht für die Spendung der Eucharistie unter besonderen Umständen und an einzelne Personen, die zu Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften gehören, die nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. In diesem Fall geht es nämlich darum, einem schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis einzelner Gläubiger im Hinblick auf das ewige Heil entgegenzukommen, nicht aber um die Praxis einer Interkommunion, die nicht möglich ist, solange die sichtbaren Bande der kirchlichen Gemeinschaft nicht vollständig geknüpft sind. […]

Es ist notwendig, diese Bedingungen genau zu befolgen. Sie sind unumgänglich, auch wenn es sich um begrenzte Einzelfälle handelt. Die Ablehnung einer oder mehrerer Glaubenswahrheiten über diese Sakramente, etwa die Leugnung der Wahrheit bezüglich der Notwendigkeit des Weihepriestertums zur gültigen Spendung dieser Sakramente, hat zur Folge, daß der Bittsteller nicht für ihren rechtmäßigen Empfang disponiert ist. Und umgekehrt kann ein katholischer Gläubiger nicht die Kommunion in einer Gemeinschaft empfangen, der das gültige Sakrament der Weihe fehlt.98″ (EE 37-46)

Zur Krankenkommunion heißt es in Redemptionis Sacramentum:

„132. Niemand darf die heiligste Eucharistie entgegen der Rechtsnorm nach Hause oder an einen anderen Ort mitnehmen. Außerdem muß man sich vor Augen halten, daß das Entwenden oder Zurückbehalten zu sakrilegischem Zweck oder das Wegwerfen der konsekrierten Gestalten zu den graviora delicta gehören; es ist der Kongregation für die Glaubenslehre vorbehalten, davon loszusprechen.[225]

133. Ein Priester oder ein Diakon oder ein außerordentlicher Spender, der bei Abwesenheit oder Verhinderung des ordentlichen Amtsträgers die heiligste Eucharistie zu einem Kranken für die Kommunionspendung bringt, soll von dem Ort, an dem das Sakrament aufbewahrt wird, auf möglichst direktem Weg zur Wohnung des Kranken gehen und von allen profanen Aufgaben absehen, damit jede Gefahr der Profanierung vermieden und dem Leib Christi die größtmögliche Ehrfurcht erwiesen wird. Außerdem ist immer der Ritus der Krankenkommunion zu befolgen, wie er im Römischen Rituale vorgeschrieben wird.[226]“

 

Zur Erstkommunion sagt der CIC:

„Can. 913 — § 1. Damit die heiligste Eucharistie Kindern gespendet werden darf, ist erforderlich, daß sie eine hinreichende Kenntnis und eine sorgfältige Vorbereitung erhalten haben, so daß sie das Geheimnis Christi gemäß ihrer Fassungskraft begreifen und den Leib des Herrn gläubig und andächtig zu empfangen in der Lage sind.

§ 2. Kindern jedoch, die sich in Todesgefahr befinden, darf die heiligste Eucharistie gespendet werden, wenn sie den Leib Christi von gewöhnlicher Speise unterscheiden und die Kommunion ehrfürchtig empfangen können.

Can. 914 — Pflicht vor allem der Eltern und derer, die an Stelle der Eltern stehen, sowie des Pfarrers ist es, dafür zu sorgen, daß die Kinder, die zum Vernunftgebrauch gelangt sind, gehörig vorbereitet werden und möglichst bald, nach vorheriger sakramentaler Beichte, mit dieser göttlichen Speise gestärkt werden. der Pfarrer hat auch darüber zu wachen, daß nicht Kinder zur heiligen Kommunion hinzutreten, die den Vernunftgebrauch noch nicht erlangt haben oder die nach seinem Urteil nicht ausreichend darauf vorbereitet sind.“

Nur Kinder aus östlichen Rituskirchen dürfen unter 7 Jahren, d. h. wenn sie noch nicht den Vernunftgebrauch besitzen, schon die Kommunion empfangen; lateinischen Kindern ist das vor ihrer Erstkommunion, die nach Erreichen des Vernunftgebrauchs stattzufinden hat, nicht erlaubt.

In Redemptoris Sacramantum heißt es:

„87. Der Erstkommunion der Kinder muß immer eine sakramentale Beichte und Lossprechung vorausgehen.[169] Außerdem soll die Erstkommunion immer von einem Priester gereicht werden, und zwar nie außerhalb der Meßfeier. Von Ausnahmefällen abgesehen, ist es wenig passend, die Erstkommunion bei der Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag zu spenden. Man soll vielmehr einen anderen Tag wählen, wie etwa den 2. – 6. Sonntag in der Osterzeit oder das Hochfest des Leibes und Blutes Christi oder einen Sonntag im Jahreskreis, denn der Sonntag wird mit Recht als Tag der Eucharistie betrachtet.[170] Zum Empfang der heiligen Eucharistie sollen keine Kinder hinzutreten, «die den Vernunftgebrauch noch nicht erlangt haben» oder nach dem Urteil des Pfarrers «nicht ausreichend darauf vorbereitet sind».[171] Wenn es aber vorkommt, daß ein Kind in einer Ausnahmesituation bezüglich seines Alters für den Empfang des Sakramentes als reif erachtet wird, soll ihm die Erstkommunion nicht verwehrt werden, wenn es nur hinreichend vorbereitet ist.“

 

 

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 7a: Sakramente und Kirchengebote – Grundsätzliches & alles rund um die Beichte

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Im letzten Teil, der das 3.  Gebot betrifft, habe ich schon eins der Kirchengebote erwähnt, nämlich die Sonntagspflicht; in diesem Teil und den beiden nächsten soll es um die übrigen gehen. Die Kirchengebote helfen, dabei, die Gottesliebe, die die ersten drei der 10. Gebote vorschreiben, zu leben. (Nach den Kirchengeboten geht es mit den übrigen sieben Geboten und der Nächstenliebe weiter.)

 

Ein paar Grundsätze zu Kirchengeboten:

(Hier wiederhole ich noch einmal ein paar Dinge aus dem letzten Teil.)

Es gibt fünf hauptsächliche Kirchengebote, die der Katechismus hier darstellt. Dabei heißt es: „Der verpflichtende Charakter dieser von den Hirten der Kirche erlassenen positiven Gesetze will den Gläubigen das unerläßliche Minimum an Gebetsgeist und an sittlichem Streben, im Wachstum der Liebe zu Gott und zum Nächsten sichern.“ Diese fünf Gebote, die die Kirche entsprechend wichtig nimmt, verpflichten unter schwerer Sünde.

Als Katholik hat man erkannt, dass Jesus, Gottes Sohn, die Kirche eingesetzt und ihr Autorität über und Verantwortung für uns verliehen hat. Die Hirten der Kirche, d. h. die Bischöfe, sind in direkter Linie die Nachfolger der Apostel und können uns als solche Befehle erteilen. Natürlich können sie nicht alles Mögliche befehlen – vor allem dürfen sie nichts Unzumutbares und nichts moralisch Falsches befehlen. Aber grundsätzlich sind wir Laien ihnen Gehorsam und Respekt schuldig. Und, wie der Katechismus sagt: Dass z. B. der Messbesuch, die Beichte oder das Fasten hin und wieder verpflichtend sind, hilft einem, das Minimum an Pflege der Gottesbeziehung nicht zu vernachlässigen. Wenn man zur Messe gehen muss, hat man keine andere Wahl, als es zu überwinden, dass man sich dabei komisch vorkommt oder lieber ausschlafen würde, und kann dann von der Nähe zu Gott dort profitieren.

(Zu dieser Begründung ließe sich noch mehr sagen, aber hier ist nicht die passende Gelegenheit; hier soll es vor allem darum gehen, was diese Gebote praktisch im Einzelnen bedeuten.)

Die Kirchengebote gelten nur für Katholiken, d. h. für jeden, der irgendwann einmal katholisch getauft oder nach der Taufe in die katholische Kirche aufgenommen wurde; i. d. R. gelten sie ab 7 Jahren, da man davon ausgeht, dass Kinder ab  diesem Alter  den Vernunftgebrauch besitzen (außer, wenn das Gegenteil feststeht, z. B. bei einer geistigen Behinderung). S. dazu im CIC:

„Can. 11 — Durch rein kirchliche Gesetze werden diejenigen verpflichtet, die in der katholischen Kirche getauft oder in diese aufgenommen worden sind, hinreichenden Vernunftgebrauch besitzen und, falls nicht ausdrücklich etwas anderes im Recht vorgesehen ist, das siebente Lebensjahr vollendet haben.“

Ein Kirchenaustritt vor dem Staat ändert nichts an dieser Verpflichtung; er ist einfach eine schwere Sünde, da er ein öffentlich erklärter Abfall von der katholischen Kirche und von den Bischöfen verboten ist. (Er wäre auch dann eine objektiv schwere Sünde, wenn man nur austreten würde, um die Kirchensteuer zu sparen, und auch dann, wenn man die Kirchensteuer nicht zahlen will, da man meint, die Bischöfe würden sie falsch verwenden, und stattdessen dieselbe Summe an eine katholische Organisation seiner Wahl spenden will. Dazu mehr in Teil 7c.) Ein Kirchenaustritt macht eine Wiederversöhnung mit der Kirche nötig, aber er macht einen eigentlich nicht zum Nichtkatholiken. Semel catholicus, semper catholicus; einmal katholisch, immer katholisch.

Die Kirchengebote gelten für vom Prinzip her noch nicht für Nichtkatholiken, die sich darauf vorbereiten, katholisch zu werden.

Bei Kirchengeboten werden im Kirchenrecht manchmal Gründe genannt, die von einer Verpflichtung entbinden. Dabei ist zu beachten: Ein „gerechter Grund“ ist relativ einfach zu finden („nur mit gerechtem Grund“ heißt so viel wie „nicht ohne Grund“), ein „schwerwiegender Grund“ gelegentlich und ein „sehr schwerwiegender Grund“ nur selten.

 

Es gibt, wie gesagt, 5 hauptsächliche Kirchengebote für Laien (Priester haben noch mehr Vorschriften zu befolgen, die Laien gar nicht betreffen). Heute zum zweiten Kirchengebot, das die Beichte betrifft. Der CIC definiert dieses Sakrament folgendermaßen:

„Can. 959 — Im Sakrament der Buße erlangen die Gläubigen, die ihre Sünden bereuen und mit dem Vorsatz zur Besserung dem rechtmäßigen Spender bekennen, durch die von diesem erteilte Absolution von Gott die Verzeihung ihrer Sünden, die sie nach der Taufe begangen haben; zugleich werden sie mit der Kirche versöhnt, die sie durch ihr Sündigen verletzt haben.“

Und:

„Can. 960 — Das persönliche und vollständige Bekenntnis und die Absolution bilden den einzigen ordentlichen Weg, auf dem ein Gläubiger, der sich einer schweren Sünde bewußt ist, mit Gott und der Kirche versöhnt wird; allein physische oder moralische Unmöglichkeit entschuldigt von einem solchen Bekenntnis; in diesem Fall kann die Versöhnung auch auf andere Weisen erlangt werden.“

Erst einmal: Wieso ist die Beichte überhaupt nötig? Reicht es nicht, dass jemand Gott liebt und ihm die Sünde leid tut; heißt es nicht in der Bibel, dass die Liebe Sünden zudeckt? Nun; der hl. Thomas schreibt dazu:

„Fällt jemand in Sünden, so ist die erste Voraussetzung die Reue oder Buße, damit Liebe, Barmherzigkeit, Glaube ihn von der Sünde lösen. Die Liebe nämlich verlangt, daß man das Gegenteil vom geliebten Gegenstande haßt und über die diesem zugefügte Beleidigung Schmerz empfindet. Der Glaube fordert, daß der Sünder danach verlangt, durch die Kraft des Leidens Christi, welche in den Sakramenten wirkt, gerechtfertigt zu werden von seinen Sünden. Die Barmherzigkeit legt auf, daß der Mensch seinem eigenen Sündenelende durch die Reue oder Buße abhelfe; denn ‚elend macht die Menschen die Sünde‘, heißt es Prov. 14.; und: ‚Erbarme dich deiner Seele und gefalle Gott‘ (Ekkli. 30.).“ (Summa Theologiae III,84,5)

Die Liebe zu Gott ist es, die es fordert, seine Sünden zu bekennen und Buße zu tun, und sich dabei, auf welche Weise man das tut, nach Gottes (und Seiner Kirche) Anordnungen zu richten. Jesus hat die Beichte mit klaren Worten eingesetzt: „Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. (Joh 20,19-23) Auch der Apostel Jakobus schreibt dementsprechend: „Darum bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet!“ (Jak 5,16) Und der Apostel Johannes: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht.“ (1 Joh 1,9)

 

Nun also das Kirchengebot:

Gebeichtet werden müssen schwere Sünden (nach Art und Zahl) wenigstens einmal im Jahr (und bevor man wieder die hl. Kommunion empfängt).

Dazu  heißt es im Katechismus: „Das zweite Gebot (‚Du sollst deine Sünden jährlich wenigstens einmal beichten‘) sichert die Vorbereitung auf die Eucharistie durch den Empfang des Sakramentes der Versöhnung, das die in der Taufe erfolgte Umkehr und Vergebung weiterführt [Vgl. CIC, can. 989; CCEO, can. 719]“

Und im CIC wird das Ganze genauer ausgeführt:

 „Can. 988 — § 1. Der Gläubige ist verpflichtet, alle nach der Taufe begangenen schweren Sünden, deren er sich nach einer sorgfältigen Gewissenserforschung bewußt ist, nach Art und Zahl zu bekennen, sofern sie noch nicht durch die Schlüsselgewalt der Kirche direkt nachgelassen sind und er sich ihrer noch nicht in einem persönlichen Bekenntnis angeklagt hat.

2. Den Gläubigen wird empfohlen, auch ihre läßlichen Sünden zu bekennen.

 Can. 989 — Jeder Gläubige ist nach Erreichen des Unterscheidungsalters verpflichtet, seine schweren Sünden wenigstens einmal im Jahr aufrichtig zu bekennen.“

Jetzt dazu, was dieses Kirchengebot im Einzelnen bedeutet:

In der Taufe werden alle Sünden vergeben, die Beichte ist nur dafür da, wenn jemand nach der Taufe, nachdem er also schon ein Kind Gottes und der Kirche geworden ist, wieder sündigt; vorherige Sünden müssen also nicht gebeichtet werden.

Zur Beichte gehören 1) die Reue (die den guten Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, einschließt, sich aber nicht darin erschöpft; ihm geht der Schmerz über die Sünde, die bewusste Verabscheuung der Sünde voraus), 2) das Bekenntnis, das die Reue nach außen trägt, und 3) die Buße/Genugtuung, die eine gewisse Wiedergutmachung (gemäß der eigenen Fähigkeit) ist.

Man muss nur die schweren Sünden beichten; wenn man keine schweren Sünden begangen hat, muss man prinzipiell gar nicht beichten gehen. (Empfehlenswert ist es trotzdem.)

Verpflichtend ist die Beichte der schweren Sünden, die man auf dem Gewissen hat, einmal im Jahr. Ja, wirklich nur einmal im Jahr. Freilich ist es sehr empfehlenswert, schwere Sünden nicht ewig mit sich herumzuschleppen, vor allem, da man solange nicht zur Kommunion gehen kann, aber man ist nicht verpflichtet, sie gleich zu beichten, geschweige denn, in den nächsten zwei Tagen irgendwo einen Priester abzupassen, der einem die Beichte abnehmen kann. (Empfehlenswert ist es, nach einer schweren Sünde zur nächsten, oft wöchentlich stattfindenden Beichtgelegenheit in der Pfarrei zu gehen oder, wenn die Pfarrei so etwas nicht anbieten sollte, bald einen Termin mit einem Priester auszumachen. Auch die regelmäßige Beichte ungefähr einmal im Monat, auch wenn man sich keiner schweren Sünden schuldig gemacht hat, ist sehr zu empfehlen. Aber das ist nicht verpflichtend.)

Freilich sollte man, wenn man denn in den Himmel kommen will, nach einer schweren Sünde vollkommene Reue erwecken – die wird, zusammen mit dem Vorsatz, die Sünde noch zu beichten, solange genügen; wenn man durch einen unglücklichen Zufall vorher stirbt, gilt das auch. (Ach ja: Man hat manchmal das vage Gefühl, sich nach einer schweren Sünde nicht sofort zu Gott zurückwagen, sondern noch ein wenig abwarten zu sollen; das ist eine Falle des Teufels. Gott will einen sofort zurück, also Reue gleich nach der Sünde erwecken.)

Vollkommene Reue (Liebesreue, lat. contritio) meint eine Reue, die aus der Liebe zu Gott und dem Wissen, ihn mit einer schlechten Tat beleidigt zu haben, hervorgeht (nicht eine, die dabei so vollkommen ist, dass es nicht mehr besser geht). Unvollkommene Reue (Furchtreue, lat. attritio) geht aus Furcht vor Gottes strafender Gerechtigkeit hervor, aus dem Wissen, dass Er das Gute belohnt und das Böse straft und man wirklich Böses getan hat. („Wenn es die Hölle nicht gäbe, würde ich natürlich wieder sündigen“ genügt allerdings nicht.) Die Furchtreue ist schon mal ein Anfang, auf jeden Fall keine Sünde und genügt in der Beichte für die Vergebung der Sünden. (Wieso genügt in der Beichte etwas, das sonst nicht genügt? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht, weil Gott es uns anrechnen will, wenn wir uns immerhin überwinden müssen, die Sünden laut zu bekennen, oder einfach, weil Er sich nun mal entschieden hat, die Sakramente in der Gemeinschaft der Kirche zu Seinen Gnadenmitteln zu machen?) Liebesreue kann aber auch zusammen mit einer gewissen Restfurcht vor der Hölle existieren, letztere wird einem vielleicht immer bleiben. Liebesreue ist eine Sache des Willens, nicht des Gefühls; man muss keine starken Gefühle haben, um wirklich zu bereuen, man muss es nur ehrlich meinen und sich ehrlich Besserung vornehmen. (Siehe zu diesem Thema auch Teil 2.) Auch in der Beichte nicht genügen würde die sog. eitle Reue / Strohreue, die nur darin besteht, sich wegen einer Sünde vor den Menschen zu schämen, weil sie dem  eigenen Ansehen schadet.

Dabei, einen Akt der Liebesreue zu setzen, kann dieses Gebet aus dem Anhang zum Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche behilflich sein: „Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“

Auch Gebete wie die vor und nach der Gewissenserforschung in diesem hier herunterzuladenden Beichtspiegel aufgeführten können helfen.

Zur vollkommenen Reue gehört, wie gesagt, der Vorsatz, die Sünden zu beichten; aber das muss kein Vorsatz sein, sie sobald wie möglich zu beichten; prinzipiell genügt die nächste kirchenrechtlich vorgeschriebene Beichte.

Üblich ist die Beichte, wenn jemand nur jährlich beichtet, in jeder Fastenzeit vor Ostern (da die Kommunion in der Osterzeit verplichtend ist, s. den nächsten Artikel); aber wenn jemand z. B. schon vor der Fastenzeit gebeichtet und seitdem keine schweren Sünden mehr begangen hat, genügt auch das.

Man muss alle schweren Sünden nach Art und Zahl bekennen, was als „materielle Vollständigkeit“ der Beichte bezeichnet wird. Der hl. Thomas sagt zu dem Grund dazu:

„Ich antworte, dass der Arzt, der Medizin für den Körper verschreibt, nicht nur die Krankheit kennen sollte, für die er verschreibt, sondern auch den allgemeinen Zustand des Kranken, da eine Krankheit durch eine zusätzliche verschlimmert wird, und eine Medizin, die zu einer Krankheit passen würde, mit Bezug auf eine andere schädlich wäre. Dasselbe kann mit Bezug auf Sünden gesagt werden..“ (Summa Theologiae, Suppl. 9,2, übersetzt aus der englischen Übersetzung)

Eine schwere Sünde ist eine wissentlich und willentlich in einer wichtigen Sache begangene Sünde; nur diese Sünden zu beichten ist, wie gesagt, verpflichtend. Lässliche Sünden muss man nicht beichten, auch wenn es sehr hilfreich sein kann, zumindest die wichtigsten unter ihnen zu erwähnen; zweifelhaft schwere müssen prinzipiell nicht gebeichtet werden (egal, ob jemand zweifelt, ob er etwas getan hat; ob etwas, das er getan hat, eine schwere Sünde war; oder ob er zweifelt, ob er etwas, das er getan hat und das eine schwere Sünde war, schon einmal gebeichtet hat); hier helfen aber vielleicht auch die Regeln zur Abwägung in Zweifelsfällen. Zweifelhaft schwere Sünden zu beichten ist grundsätzlich sehr zu empfehlen. Katholiken, die wissen, dass sie zur Laxheit neigen, sollten sie eher beichten, Skrupulanten sollten das u. U. eher unterlassen oder  sich jedenfalls nicht dazu gedrängt sehen, weil sie bei fast allen Sünden zweifeln und nur ganz eindeutig schwere bekennen müssen, um die Skrupulosität loszuwerden. Man kann den Beichtvater auch fragen, ob eine Sünde schwer war, dann weiß man es für die Zukunft. (Wir kommen ja alle meistens mit immer denselben Sünden wieder in den Beichtstuhl.)

Gedacht ist die Beichte für Sünden, nicht für bloße Unvollkommenheiten: „Für das Zustandekommen des Bußsakraments reicht das Bekenntnis bloßer Unvollkommenheiten (unbewußter Übertretungen sittlicher Gebote oder Nichtbeachtung nicht verpflichtender Räte) nicht hin (materia non sufficiens). Sie dürfen jedoch in der Beichte gesagt werden, da ihre Kenntnis dem Beichtvater ein bessere Seelenführung ermöglicht.“ (Karl Hörmann, Lexikon der christlichen Moral, Stichwort „Bußsakrament“)

Schon einmal gebeichtete Sünden dürfen nochmals gebeichtet werden, wenn jemand das will, aber verpflichtend ist das nie. Skrupulanten ist von der Wiederholungsbeichte abzuraten.

Man muss die Sünden nach ihrer Art beichten – und zwar so, wie man sich ihrer zur Zeit des Begehens der Sünden bewusst war – man muss sog. „artverändernde Umstände“ angeben. Das heißt eigentlich nur, dass man klar sagen muss, was für eine Kategorie Sünde es war. Sagen wir, jemand sagt „Ich habe mit einer Person geschlafen, mit der ich nicht verheiratet bin“, verschweigt dabei aber den „artverändernden Umstand“, dass diese andere Person ihrerseits verheiratet ist; dann lässt er den Priester glauben, es habe sich um einfache Unkeuschheit gehandelt, während es in Wirklichkeit um Ehebruch geht. Oder sagen wir, jemand sagt „Ich habe eine Lüge erzählt“, während er in Wahrheit einen Meineid vor Gericht abgelegt hat, der einen Unschuldigen belastet hat. Das geht nicht. Man muss nicht ins Detail gehen – „Ich habe einmal mit meinem Freund geschlafen“ genügt dem Priester; der muss nicht wissen, dass man ja eigentlich geplant hatte, da stark zu bleiben, aber dann war man am letzten Samstagabend alleine bei ihm zu Hause und hat sich überreden lassen, weil usw. – aber man muss sagen, was für eine Sünde es eigentlich war.

Man muss die schweren Sünden nach ihrer Zahl angeben. Das muss nicht  zwangsläufig die genaue Zahl sein – vielleicht weiß man die nicht mehr. Aber eine ungefähre Angabe muss da sein. Es macht eben einen Unterschied, ob man eine Sünde etwa 100-150 Mal im Lauf der letzten drei Jahre, ungefähr fünf oder sechs Mal, oder nur ein einziges Mal begangen hat. (Wenn man länger in einer Art Zustand der Sünde gelebt hat, also wenn man z. B. in den letzten vier Jahren nur an Weihnachten und Ostern in der Kirche war, kann man auch sagen, dass man in den letzten vier Jahren nur an Weihnachten und Ostern in der Kirche war, und muss sich nicht ausrechnen, an wie vielen Sonntagen und gebotenen Feiertagen exakt man die Messe versäumt hat; aber der Umfang der Sünde muss jedenfalls für den Beichtvater klar werden.)

Besonders, wenn es um Art und Zahl der Sünden geht, muss man daher auch dem Priester antworten, wenn er nachfragt (was er vielleicht tut, weil man sich etwas vage angehört hat, oder weil er nicht weiß, ob man Bescheid weiß, dass man diese oder jene artverändernden Umstände, die vielleicht noch da sein könnten, noch angeben müsste; oder auch, weil er wissen will, ob man bereit ist, Schaden wiedergutzumachen und sicherstellen will, dass man bereut; oder einfach, weil er einem mit seinem Rat helfen will, eine Sünde in Zukunft zu meiden…). Wenn er nach Mitschuldigen fragt, muss man ihm nicht antworten.

Can. 979 — Der Priester hat, sofern Fragen zu stellen sind, mit Klugheit und Behutsamkeit vorzugehen, dabei sind Verfassung und Alter des Pönitenten zu berücksichtigen, nach dem Namen eines Mitschuldigen darf er nicht fragen.

Es ist eine schwere Sünde, bei einer wichtigen Sache zu lügen, nach der man legitimerweise gefragt wird; in diesem Fall wäre die Beichte genauso ungültig, wie wenn man Art oder Zahl der Sünden in dem Wissen, dass man sie beichten muss, von vornherein verschwiegen hat.  Auch wenn man eine schwere Sünde absichtlich ganz verschwiegen hat, wäre die Beichte natürlich ungültig. Die gebeichteten Sünden sind in so einem Fall also nicht vergeben, und man hat eine neue schwere Sünde begangen. Das wäre eine sakrilegische Beichte. Wenn man bei einem schwerhörigen Priester beichtet, speziell aus dem Grund, dass man hofft, dass er eine schwere Sünde nicht verstehen wird, gilt dasselbe.

Wichtig für Skrupulanten: Das gilt nur bei einer bewussten Täuschung betreffs Art und Zahl der schweren Sünden! Es war keine ungültige Beichte, wenn man sich hinterher denkt, dass man eine Zahl vielleicht zu niedrig  geschätzt hat, oder irgendeinen Nebenumstand oder eine Folge nicht erzählt hat, von denen man nicht eindeutig wusste, dass sie zur Bestimmung der Art der Sünde gehören, oder sich aus Aufregung verhaspelt hat und sich hinterher denkt, dass der Priester einen dann vielleicht nicht verstanden haben könnte und man sich nochmal hätte wiederholen müssen, o. Ä.

Wenn man eine schwere Sünde unabsichtlich vergessen hat, war die Beichte gültig, die Sünden sind vergeben (auch die vergessene), und man darf zur Kommunion gehen, aber man muss die vergessene Sünde in der nächsten Beichte (also spätestens in einem Jahr; man muss dann nicht so schnell wie möglich wieder beichten) dann noch erwähnen.

In der Beichte geht es eben darum, einfach klar auszusprechen, was man getan hat, ohne es entweder zu verharmlosen oder zu dramatisieren – das hilft auch, sich den Zustand der eigenen Seele  klar vor Augen zu führen.

Ach ja: „Das Bußsakrament kann nur auf Grund einer Selbstanklage, die der Sünder vor dem bevollmächtigten Priester zum Zweck der Lossprechung macht, zustandekommen. Wenn er seine Sünden dem Priester zu einem anderen Zweck erzählt, könnte ein solcher Bericht nachher durch einen entsprechenden Zusatz zur sakramentalen Beichte gemacht werden.“  (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Eine Beichte ist auch sakrilegisch und ungültig, wenn man gar keine Reue oder keinen Vorsatz hat, eine Sünde in Zukunft bleiben zu lassen. Sicher kann es mal sein, dass man sich zu 98% sicher ist, dass man einer Versuchung in absehbarer Zukunft wieder auf den Leim gehen wird, aber solange man zum Zeitpunkt der Beichte den Vorsatz hat, sie zu meiden, genügt das. Wenn man nur beichtet, weil man eben vor der kirchlichen Trauung noch mal beichten soll und dabei irgendetwas aufzählt, was einem gerade einfällt, und das man morgen wieder zu tun beabsichtigt, ist das etwas ganz anderes – das ist eine ungültige, sakrilegische Beichte.

Can. 987 — Damit ein Gläubiger die heilbringende Hilfe des Bußsakraments empfängt, muß er so disponiert sein, daß er sich unter Reue über seine begangenen Sünden und mit dem Vorsatz zur Besserung Gott zuwendet.“

Die Reue muss sich zumindest auf die Gesamtheit der noch nicht in früheren Beichten bekannten schweren Sünden beziehen (wobei einem nicht jede einzeln in dem Moment, wo man sich bemüht, die Reue zu erwecken, explizit vor Augen  stehen muss). Der Vorsatz zur Besserung muss ernsthaft sein und einschließen, dass man angerichteten Schaden wiedergutmacht, die wirklich notwendigen Mittel anwendet, um schwere Sünden in Zukunft zu meiden, und die nächste Gelegenheit zur schweren Sünde (das meint Gelegenheiten, bei denen man realistischerweise davon ausgehen muss, dass man wieder sündigen wird; eine entferntere Gelegenheit ist hier nicht gemeint) meidet (soweit es einem möglich ist und wenn es nicht unvermeidbar notwendig ist, eine solche Gelegenheit zu riskieren). Wenn jemand es nicht schafft, alle lässlichen Sünden wirklich zu bereuen, sich nicht eingestehen will, dass etwas Lässliches eine Sünde war, o. Ä., tut das der bloßen Gültigkeit der Beichte keinen Abbruch. Die lässlichen Sünden stören zwar die Beziehung zu Gott, trennen aber nicht von ihm,  und solange nur die schweren weg sind, die wirklich von ihm trennten, genügt das erst einmal. Für die Beichte muss man erst einmal nur die schweren überhaupt beachten. Aber natürlich ist es auch gut, auf die lässlichen zu schauen und sich hier um Besserung zu bemühen.

Die Gültigkeit der Beichte hängt nicht davon ab, ob man hinterher ein Gefühl von Ruhe und Frieden hat oder nicht.

Von der Pflicht zur materiellen Vollständigkeit der Beichte, also der vollständigen Aufzählung aller schweren Sünden nach Art und Zahl, entschuldigt (was nur in seltenen Notfällen gegeben ist) physische oder moralische Unmöglichkeit; wenn diese Unmöglichkeit nicht mehr besteht, muss man das Bekenntnis  bei der nächsten Beichte nachholen.

Physische Unmöglichkeit kann z. B. sein: Jemand ist sehr krank / steht kurz vor einer OP / liegt im Sterben und es ist nicht mehr genug Zeit, alle Sünden zu beichten oder er ist nicht mehr fähig, zu sprechen, sodass der  Priester ihm gleich die Lossprechung gibt, nachdem er seine Reue irgendwie deutlich gemacht hat (wenn er dazu noch fähig ist, sonst eben auch so).

Moralische (praktische) Unmöglichkeit ist gegeben, wenn das Bekenntnis mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden ist, die nicht an der Beichte selbst hängen. Und: „Moralische Unmöglichkeit berechtigt zum Auslassen nur der Sünden, die nicht ohne diesen Nachteil gebeichtet werden können, und zwar dann, wenn ein triftiger Grund zur Beichte drängt und der Beichtende nicht einen anderen Beichtvater finden kann, dem er die Sünden ohne Nachteil bekennen kann.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral) Eine übergroße Scham vor der Beichte o. Ä. entschuldigt also nicht; aber zum Beispiel eine Gefahr der Verletzung des Beichtgeheimnisses /  der Rufschädigung (wenn man also z. B. beim Beichten merkt, dass noch jemand mithören kann und man daran nichts ändern kann, muss man nicht mehr weiter alle Sünden vollständig aufzählen). Auch Gefahr von Ärgernis oder neuer Sünde entschuldigt; bei 6.-Gebot-Sünden darf man nach Ansicht einiger Theologen zu große Genauigkeit vermeiden, um sich nicht wieder alles vor Augen zu rufen und wieder in unkeusche Gedanken zu geraten (wobei eine Aufzählung nach Art und Zahl normalerweise machbar sein sollte). Ein anderer Fall: „Für den Priester ist die Vollständigkeit seiner eigenen Beichte nicht notwendig, ja sogar verboten, wenn er sie nur unter Angabe von Dingen leisten könnte, die er unter Beichtgeheimnis halten muß.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral) Großer geistlicher oder zeitlicher Schaden gilt auch; ein Beichtvater kann z. B. schwer leidende Skrupulanten von der Pflicht zur materiellen Vollständigkeit entbinden, wenn die Gewissenserforschung für sie psychisch sehr schädlich ist und sie sich endlos damit quälen. Adolphe Tanquerey schreibt dazu: „In gewissen Fällen hochgradiger Skrupulosität befehle man den Beichtkindern, sich mit dieser allgemeinen Anklage zu begnügen: ‚Ich klage mich aller seit meiner letzten Beichte begangenen Sünden und aller jener meines vergangenen Lebens an.'“

Für eine materiell vollständige Beichte muss man gewöhnliche Mittel zur Gewissenserforschung anwenden; eine außerordentliche Anstrengung ist nicht verpflichtend. Ein ordentliches Mittel wäre z. B. der Gebrauch irgendeines gut katholischen Beichtspiegels. Wenn man aus schwerwiegend schuldbarer Nachlässigkeit eine schwere Sünde nicht erwähnt hat – also eine, die einem, wenn man kurz überlegt hätte, sofort eingefallen wäre, wobei man z. B. vor der Beichte sein Gewissen gar nicht oder fast gar nicht erforscht hat und sich gedacht hat, es würde einem schon auf  die Schnelle das Wichtigste einfallen, sobald man im Beichtstuhl ist – war  die Beichte ungültig. Wenn man aus leichter Nachlässigkeit schwere Sünden vergessen hat, also z. B. kurz über den Beichtspiegel drüber gegangen ist und dabei nicht allzu intensiv sein Gedächtnis durchforscht hat, war sie gültig. Wenn jemand sich schon praktisch sicher  ist, keine Todsünden seit der letzten Beichte begangen zu haben, ist er streng genommmen gar nicht zu einer ausführlichen Gewissenserforschung verplichtet. „Die Sorgfalt bei der Gewissenserforschung muß nicht die überhaupt menschenmögliche sein (man könnte immer noch genauer fragen), wohl aber jene, die kluge Menschen auch sonst in wichtigen Dingen aufzuwenden pflegen. Sie richtet sich nach dem Bildungsgrad, der seelischen Verfassung und dem Gesundheitszustand des Beichtenden, nach den Gefahren und Versuchungen, denen er ausgesetzt ist, nach der Zeit seit seiner letzten Beichte.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Streng genommen ist niemand verpflichtet, eine Liste seiner Sünden  aufzuschreiben,  auch wenn er weiß, dass er, wenn er es nicht tut, welche vergessen wird (wegen der Gefahr, dass er eventuell den Zettel verlieren und andere ihn finden könnten => Beichtgeheimnis). Natürlich kann ein Beichtzettel sehr hilfreich sein, wenn man ihn benutzen will.

Tanquerey gibt speziell Skrupulanten zur Beichtvorbereitung diesen Rat: „Die hl. Beichte wird ihnen oft zu noch größerer Qual. Es ist demnach von Wichtigkeit, sie ihnen leicht zu machen. Man [gemeint ist der Beichtvater] erkläre ihnen deshalb: ‚1) Sie sind nur zur Anklage der sicher begangenen Todsünden verpflichtet. 2) Von den lässlichen Sünden nennen Sie nur jene, die Ihnen nach fünf Minuten langer Erforschung einfallen werden. 3) Auf die Reue verwenden Sie sieben Minuten. Während dieser Zeit bitten Sie Gott darum und erwecken dieselbe im Herzen, und Sie werden sie haben.‘ Sie wenden dagegen ein: ‚Aber ich fühle sie doch nicht!‘ – Antwort: ‚Das ist nicht nötig. Die Reue ist ein Akt des Willens, gehört somit nicht dem Gefühlsleben an.'“

Nach der Beichte muss man die aufgetragene Buße verrichten, die sowohl eine gewisse Wiedergutmachung für die Vergangenheit als auch ein Heilmittel für die Zukunft sein soll.

„Can. 981 — Je nach Art und Zahl der Sünden hat der Beichtvater unter Berücksichtigung der Verfassung des Pönitenten heilsame und angemessene Bußen aufzuerlegen; der Pönitent ist verpflichtet, diese persönlich zu verrichten.“

Die Buße soll sich nach der Schuld, aber auch der Fähigeit des Pönitenten, und danach, wozu er schon bereit ist, richten.

Heribert Jone schreibt über das Verrichten der Buße (rückübersetzt aus der französischen Übersetzung seiner „Katholischen Moraltheologie“):

„Es ist eine schwere Sünde, eine schwerwiegende Buße, die sub gravi [unter schwerer Sünde verpflichtend] für schwere Sünden auferlegt wurde, nicht zu erfüllen; wenn der Pönitent diese schlechte Absicht schon vor der Absolution hatte, ist die Beichte ungültig. – Es ist eine lässliche Sünde, eine leichte Buße, die für schwere oder lässliche Sünden auferlegt wurde, nicht zu erfüllen. – Wenn die Buße nicht vollständig oder nicht genau so, wie sie auferlegt wurde, erfüllt wird, begeht man nur dann eine schwere Sünde, wenn man etwas Wichtiges auslässt. Dementsprechend begeht jener, der als Buße einen Rosenkranz auf Knien zu beten hatte, nur eine lässliche Sünde, wenn er ihn im Stehen betet, oder auch, wenn er willentlich einige Aves übergeht. – Man begeht keine Sünde, wenn man eine Buße nicht erfüllt, die nicht mehr der aktuellen Praxis entspricht oder die ungerechtermaßen hart ist. In diesem Fall ist es das Beste, diese Buße in der folgenden Beichte von einem Beichtvater abändern zu lassen. [Mit der aktuellen Praxis ist gemeint, dass die Bußpraxis früher härter war; heute muss man z. B. für eine schwere Sünde nicht mehr fünf Jahre Kirchenbuße verrichten oder eine Wallfahrt ins Heilige Land machen, wie das vor 1000 Jahren noch vorkommen konnte.]   

Wenn er (ob schuldhaft oder nicht) vergessen hat, welche Buße man ihm auferlegt hat, ist der Pönitent an sich zu nichts verpflichtet. Man muss ihm allerdings raten, zurückzukommen und seinen Beichtvater aufzusuchen, um ihn zu fragen, welche Buße er ihm auferlegt hat. Wenn man glaubt, dass der Beichtvater sich nicht mehr daran erinnern wird, kann man in der nächsten Beichte seinen allgemeinen Seelenzustand irgendeinem Beichtvater enthüllen und von ihm eine neue Buße erbitten.“

Wenn die Buße in etwas besteht, das man auch sonst schon macht (z. B. wenn einem aufgetragen wird, den Rosenkranz beten, und man ihn sowieso wöchentlich betet), kann man sie bei dieser Gelegenheit erfüllen, wo man dasselbe sowieso getan hätte. Das gilt  aber nicht, wenn es um kirchlich vorgeschriebene Dinge geht; wenn der Beichtvater einem den Besuch einer Messe aufträgt, genügt  nicht die nächste verplichtende Sonntagsmesse, sondern man muss zu einer zusätzlichen gehen.

Ablenkung bei einem Bußgebet ist nur lässliche Sünde.

Solange der Beichtvater keinen Zeitpunkt für die Buße festgelegt hat, ist kein bestimmter Zeitpunkt verpflichtend und man kann sie, ohne damit eine Sünde zu begehen, auch etwas länger aufschieben; außer wenn man ernsthaft Gefahr läuft, sie zu vergessen, sie nicht mehr erfüllen zu können, oder dass sich ihr Wert bedeutend verringert.

Man kann seine Buße nicht durch etwas anderes ersetzen, auch nicht durch etwas  Besseres (man soll sich hier schließlich danach richten, was der Beichtvater für das Heilsamste hält); aber man kann einen Beichtvater bitten,  sie einen ersetzen zu lassen.

Hörmann schreibt über die Buße (nicht nur im Kontext der Beichte, sondern ganz allgemein): „Der Mensch kann zwar von sich aus das Unrecht, das er durch die Sünde gegen Gott begeht, nicht sühnen und gutmachen. Einzig Christus konnte dafür Sühne leisten und durch Zuwendung seiner Verdienste Schuld und ewige Strafe tilgen. In der Kraft der Gnade kann der Mensch aber durch Sühnewerke eine tiefere Teilhabe am sündenüberwindenden Leiden Christi suchen. Das ist der Sinn der Bußwerke des Christen, der frei gewählten und der bei der Spendung des Bußsakraments auferlegten“ (Lexikon der christlichen Moral)

Wenn man sich schwerer Sünden schuldig gemacht hat, muss man, wie gesagt, vor dem Kommunionempfang beichten.

„Can. 916 — Wer sich einer schweren Sünde bewußt ist, darf ohne vorherige sakramentale Beichte die Messe nicht feiern und nicht den Leib des Herrn empfangen, außer es liegt ein schwerwiegender Grund vor und es besteht keine Gelegenheit zur Beichte; in diesem Fall muß er sich der Verpflichtung bewußt sein, einen Akt der vollkommenen Reue zu erwecken, der den Vorsatz miteinschließt, sobald wie möglich zu beichten.“

D. h. etwa, ein Priester, der die Messe feiern muss, aber vorher nicht zur Beichte gehen kann, darf die Messe feiern und kommunizieren, muss aber vorher vollkommene Reue erwecken und hinterher dann möglichst bald beichten, also z. B. wenn er dann zwei Tage später Gelegenheit hat, zur Beichtgelegenheit in der Nachbarpfarrei zu gehen oder dort einen Termin auszumachen.

Was genau heißt „sobald wie möglich“? Jone sagt dazu, dass es innerhalb von drei Tagen sein muss, sofern das ohne größere Schwierigkeiten (wie z. B. langer Anfahrtsweg zur nächsten Beichtgelegenheit) möglich ist.

Aber wie gesagt, das gilt nur, wenn man aus schwerwiegendem Grund schon kommuniziert hat.

(Ein schwerwiegender Grund für Laien könnte z. B. sein, wenn jemand, der zur katholischen Kirche konvertiert, aber schon gültig getauft ist (z. B. in der evangelischen Kirche), zu dessen Konversion also eine Beichte, nicht die Taufe, gehört, zum ersten Mal zur Beichte geht, wobei dann wenige Tage später der Gottesdienst für seine Aufnahme in die Kirche und seine Erstkommunion angesetzt ist, und zwischendrin eine schwere Sünde begeht, aber vor dem Gottesdienst keine Gelegenheit mehr zu einer weiteren Beichte hat. In diesem Fall darf er bei seiner Erstkommunion auch zur Kommunion gehen.)

Wenn man eine Generalabsolution empfangen hat (also wenn z. B. eine Gruppe Menschen bei einer Flutkatastrophe oder einem Schiffsuntergang in Todesgefahr war und ein anwesender Priester die Generalabsolution erteilt hat, weil keine Zeit für einzelne Bekenntnisse war) gilt dieselbe Regel, wie wenn man Sünden vergessen hat zu beichten; die Vergebung ist da, aber das Bekenntnis muss bei Gelegenheit nachgeholt werden. Im CIC heißt es über die Generalabsolution:

„Can. 961 — § 1. Mehreren Pönitenten gleichzeitig kann ohne vorangegangenes persönliches Bekenntnis die Absolution in allgemeiner Weise nur erteilt werden:

1° wenn Todesgefahr besteht und für den oder die Priester die Zeit, die Bekenntnisse der einzelnen Pönitenten zu hören, nicht ausreicht;

2° wenn eine schwere Notlage besteht, das heißt, wenn unter Berücksichtigung der Zahl der Pönitenten nicht genügend Beichtväter vorhanden sind, um die Bekenntnisse der einzelnen innerhalb einer angemessenen Zeit ordnungsgemäß zu hören, so daß die Pönitenten ohne eigene Schuld gezwungen wären, die sakramentale Gnade oder die heilige Kommunion längere Zeit zu entbehren; als ausreichend begründete Notlage gilt aber nicht, wenn allein aufgrund eines großen Andrangs von Pönitenten, wie er bei einem großen Fest oder einer Wallfahrt vorkommen kann, nicht genügend Beichtväter zur Verfügung stehen können.

§ 2. Das Urteil darüber, ob die gemäß § 1, n. 2 erforderlichen Voraussetzungen gegeben sind, steht dem Diözesanbischof zu; dieser kann unter Berücksichtigung der Kriterien, die mit den übrigen Mitgliedern der Bischofskonferenz abgestimmt sind, feststellen, wann solche Notfälle gegeben sind.

Can. 962 — § 1. Damit ein Gläubiger die sakramentale Absolution, die gleichzeitig mehreren erteilt wird, gültig empfängt, ist nicht nur erforderlich, daß er recht disponiert ist; er muß sich vielmehr gleichzeitig auch vornehmen, seine schweren Sünden, die er gegenwärtig nicht auf diese Weise bekennen kann, zu gebotener Zeit einzeln zu beichten.

§ 2. Die Gläubigen sind, soweit möglich auch beim Empfang der Generalabsolution, über die Erfordernisse gemäß § 1 zu belehren; der Generalabsolution ist, selbst bei Todesgefahr, wenn die Zeit dafür ausreicht, die Aufforderung voranzuschicken, daß sich jeder bemüht, einen Akt der Reue zu erwekken.

Can. 963 — Unbeschadet der Verpflichtung nach can. 989 hat der, dem durch Generalabsolution schwere Sünden vergeben werden, bei nächstmöglicher Gelegenheit, sofern nicht ein gerechter Grund dem entgegensteht, ein persönliches Bekenntnis abzulegen, bevor er eine weitere Generalabsolution empfängt.“

Man kann sich den Beichtvater prinzipiell frei wählen; aber wenn man sonst ohne Beichte sterben oder lange im Stand der Todsünde bleiben müsste, muss man bei dem beichten, der gerade da ist.

Als Ort der Beichte ist normalerweise der  Beichtstuhl gedacht, aber aus einem gerechten Grund (wie „der Pönitent  fühlt sich wohler dabei“ oder „es ist gerade kein Beichtstuhl da“) geht es auch außerhalb. Für die Gültigkeit der Beichte spielt der Ort keine Rolle.

Der Priester ist bei der Beichte an das Beichtgeheimnis gebunden; dessen Bruch ist aus keinem denkbaren Grund erlaubt und wäre eine sehr schwere Sünde. Der hl. Thomas sagt dazu:

„Ich antworte, dass jene Dinge, die in den Sakramenten äußerlich getan werden, die bezeichnen, die innerlich geschehen: womit die Beichte, bei der ein Mensch sich einem Priester unterwirft, ein Zeichen der inneren Hingabe ist, mit der er sich Gott unterwirft. Nun verbirgt Gott die Sünden derer, die sich Ihm durch die Buße unterwerfen; weshalb das auch im Sakrament der Buße dargestellt sein sollte, und dementsprechend verlangt das Sakrament, dass das Bekenntnis verborgen bleibt, und wer ein Bekenntnis bekanntmacht, sündigt durch die Verletzung des Sakraments. Außerdem gibt es andere Vorteile bei dieser Geheimhaltung, da hierdurch die Menschen mehr zur Beichte hingezogen werden, und ihre Sünden mit größerer Einfachheit bekennen. (Summa Theologiae, Suppl. 11,1, übersetzt aus der englischen Übersetzung) Außerdem sagt er, dass „das, was man durch die Beichte weiß, ist, als ob man es nicht wisse, da ein Mensch es nicht als Mensch weiß, sondern so, wie Gott es weiß“.

Das Beichtgeheimnis gilt wirklich in allen Fällen; der Beichtvater darf z. B. bei einem selbstmordgefährdeten Pönitenten niemandem von dieser Gefahr erzählen, er darf einen Mörder nicht der Polizei ausliefern. Auch ein indirekter Bruch (d. h. Worte oder Handlungen, aus denen andere auf den Inhalt einer Beichte schließen können) ist Sünde (die in einzelnen Fällen, wenn es sehr indirekt und unbeabsichtigt passiert ist, nur lässlich sein kann, sonst aber auch schwer ist). Auch vor Gericht darf ein Priester deswegen nichts über etwas sagen, von dem er nur aus der Beichte weiß, und darf, wenn er als Zeuge befragt wird, sagen „Dazu kann ich nichts sagen“ oder sogar „Dazu weiß ich nichts“ (mit dem mentalen Vorbehalt „…was ich sagen dürfte“).

Can. 983 — § 1. Das Beichtgeheimnis ist unverletzlich, dem Beichtvater ist es daher streng verboten, den Pönitenten durch Worte oder auf irgendeine andere Weise und aus irgendeinem Grund irgendwie zu verraten.

2. Zur Wahrung des Geheimnisses sind auch, falls beteiligt, der Dolmetscher und alle anderen verpflichtet, die auf irgendeine Weise aus der Beichte zur Kenntnis von Sünden gelangt sind.

Und:

„Can. 1388 — § 1. Ein Beichtvater, der das Beichtgeheimnis direkt verletzt, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu; verletzt er es aber nur indirekt, so soll er je nach Schwere der Straftat bestraft werden.

§ 2. Dolmetscher und andere in can.983, § 2 genannte Personen, die das Geheimnis verletzen, sollen mit einer gerechten Strafe belegt werden, die Exkommunikation nicht ausgenommen.“

Das alles gilt auch bei einer nur begonnenen und dann abgebrochenen Beichte, bei einer sakrilegischen Beichte, oder einer mit verweigerter Absolution (aber nicht, wenn einer  bloß in den Beichtstuhl gekommen ist, um sich über den Priester lustigzumachen und gar nicht wirklich beichtet, und auch nicht bei einem normalen seelsorgerlichen Gespräch, wobei das natürlich im Normalfall auch vertraulich ist). Ein Beichtvater muss also z. B. einem Pönitenten, dem er die Absolution verweigern musste, und der danach gleich in der Messe zur Kommunion nach vorn kommt, die Kommunion spenden, um nicht zu enthüllen, dass ihm die Absolution verweigert wurde (für die unwürdige Kommunion ist allein der Pönitent verantwortlich). Das Beichtgeheimnis gilt weiterhin nach dem Tod des Pönitenten.

Der Priester darf nicht einmal den Pönitenten selber hinterher wieder auf etwas ansprechen, das er in der Beichte erfahren hat, wenn der das nicht ausdrücklich und aus freiem Willen erlaubt. Mit dessen Erlaubnis darf er Wissen aus der Beichte aber sogar weitergeben (z. B. wäre es denkbar, dass ein Pönitent einen Priester bittet, an seiner Stelle mit jemandem zu reden, von dem er gestohlen hat, und das Gestohlene zurückzugeben).

(Der Pönitent selbst ist gar nicht an das Beichtgeheimnis gebunden.)

Das alles gilt für Wissen, das einer nur aus der Beichte hat; wenn er auch aus einer anderen Quelle von einer Sünde weiß (z. B. den Pönitenten bei seinem Diebstahl zuvor schon beobachtet hat), gilt das Beichtgeheimnis dafür streng genommen nicht (wobei hier auch normale Erwägungen bzgl. Diskretion ins Spiel kommen); allerdings darf er nie preisgeben, dass er die Sünde auch noch gebeichtet bekommen hat, sondern muss so handeln, als wüsste er nur auf die andere Weise davon.

Nicht nur das Weitergeben des Wissens aus der Beichte ohne ausdrückliche Erlaubnis des Pönitenten ist verboten, auch der Gebrauch desselben ist strengen Regeln unterworfen:

Can. 984 — § 1. Ein Gebrauch des aus der Beichte gewonnenen Wissens, der für den Pönitenten belastend wäre, ist dem Beichtvater streng verboten, auch wenn jede Gefahr, daß etwas bekannt werden könnte, ausgeschlossen ist.

(Ein bloßer Gebrauch ohne jede Weitergabe des Wissens, der dem Pönitenten angenehm wäre, ist erlaubt; z. B. darf der Beichtvater aufgrund von Wissen aus der Beichte in Zukunft freundlicher zu ihm sein oder besonders für ihn beten; wobei man hier natürlich auch vorsichtig sein sollte, damit nicht irgendwie noch indirekt das Beichtgeheimnis verletzt wird.)

Außerdem:

§ 2. Wer eine leitende Stellung einnimmt, darf die Kenntnis von Sünden, die er zu irgendeiner Zeit aus der Entgegennahme einer Beichte erlangte, auf keine Weise bei der äußeren Leitung gebrauchen.

Außerdem gibt es noch eine Regelung für Klöster und Priesterseminare:

Can. 985 — Der Novizenmeister und sein Gehilfe sowie der Rektor eines Seminars oder einer anderen Erziehungseinrichtung dürfen sakramentale Beichten ihrer Alumnen, die sich im selben Haus aufhalten, nur hören, wenn die Alumnen in Einzelfällen von sich aus darum bitten.

Damit soll verhindert werden, dass etwa der Rektor eines Priesterseminars zu viel persönliches Wissen über die Seminaristen bekommt, für die er verantwortlich ist und über die er Autorität ausübt, und in Versuchung gerät, gegen Can. 984 § 2 zu verstoßen. Die Beichte ist etwas Intimes, Persönliches; hier lädt man seine Sünden gegenüber Jesus ab; das ist nichts, worauf einen eine Autoritätsperson später wieder ansprechen oder wonach sie einen bewerten darf. (Das gilt ausnahmlos, egal bei welcher Sünde.)

Wenn ein Priester, der oft Beichten hört, vage erählt, dass man in der Beichte öfter mal Sündenkategorie X zu hören bekommt, ist das kein Bruch des Beichtgeheimnisses; hier kann schließlich unmöglich auf individuelle Beichten geschlossen werden.

Eine Beichte mithilfe eines Dolmetschers oder Gebärdendolmetschers ist möglich, oder anstatt eines Gebärdendolmetschers für Stumme auch eine Beichte über das Aufschreiben der Sünden. Allerdings ist niemand verpflichtet, einen Dolmetscher heranzuziehen oder in so einem Fall seine Sünden aufzuschreiben (wegen der größeren Gefahr des Bruchs des Beichtgeheimisses); wenn er keinen Priester findet, der seine Sprache/Gebärdensprache versteht, darf er die Beichte aufschieben. Diese Lösungen sind auch nur für Ausnahmefälle gedacht. Im CIC  heißt es:

„Can. 990 — Niemand darf daran gehindert werden, mit Hilfe eines Dolmetschers zu beichten; dabei sind aber Mißbräuche und Ärgernisse zu vermeiden und die Vorschrift des can. 983, § 2 zu beachten.“

Hörmann meint: „Fremdsprachige, die keinen Beichtvater finden können, der sie versteht, brauchen in Todesgefahr, bei der jährl. Beichte und bei sonstigen ihnen notwendig scheinenden Beichten nur durch Zeichen zu bekennen, daß sie Sünder sind.“ (Lexikon der christlichen Moral)

Eine Beichte aus der Ferne – über Telefon oder Internet – ist nicht möglich. Man muss am selben Ort wie der Beichtvater sein und ihm sein Bekenntnis ablegen. (Wobei manche Theologen spekuliert haben, ob eine Beichte übers Telefon im Notfall, wenn z. B. der Priester nicht rechtzeitig zu einem Sterbenden gelangen kann, möglicherweise gültig sein könnte, aber das ist wohl eher nicht der Fall; erlaubt ist das jedenfalls nicht.)

Für eine gültige Absolution ist auf der Seite des Beichtvaters Folgendes nötig: Er muss gültig geweiht sein, von der Kirche die Beichtvollmacht haben, die Intention haben, einen loszusprechen, und etwa die richtigen Worte verwenden.

Es genügt nicht, einfach nur gültig geweiht zu sein, er muss auch die ausdrückliche Beichtvollmacht von der Kirche erhalten haben (nähere Erklärungen hier). Wenn ein katholischer Priester, der nicht mit Kirchenstrafen belegt ist, irgendwo anbietet, Beichte zu hören, wird man davon ausgehen können, dass er diese Befugnis hat. Seit dem Jahr der Barmherzigkeit haben sie auch die Piusbrüder (ob ihre Beichten vorher gültig waren, ist eine schwierige Frage); schismatische Priester (orthodoxe Priester, Sedisvakantisten usw.) haben sie nicht.

(Wenn Priester die Beichtvollmacht nicht haben,  greift in manchen Fällen das Prinzip „supplet ecclesia“ – die Kirche ersetzt die im Einzelfall fehlende Vollmacht. Das gilt z. B., wenn ein frisch für einen Posten ernannter Priester meint, seine Beichtvollmacht gelte schon ab dem 1.8., aber wegen irgendeines Missverständnisses gilt sie erst ab dem 1.9. Wenn er also im August guten Glaubens Beichten hört, sind die gültig. Das gilt z. B. nicht, wenn einem Priester die Beichtvollmacht bekanntermaßen entzogen wurde und er und der Pönitent das wissen.

Can. 144 — § 1. Bei einem tatsächlich vorliegenden oder rechtlich anzunehmenden allgemeinen Irrtum und ebenfalls bei einem positiven und begründeten Rechts- oder Tatsachenzweifel ersetzt die Kirche für den äußeren wie für den inneren Bereich fehlende ausführende Leitungsgewalt.

§ 2. Dieselbe Norm wird auf die in cann. 882, 883, 966 und 1111, § 1 genannten Befugnisse angewandt.)

Eine Ausnahme gibt es, wenn nämlich jemand in Todesgefahr (also todkrank, tödlich verwundet, Soldat in einem Kriegsgebiet o. Ä.) ist:

Can. 976 — Jeder Priester absolviert, auch wenn er die Befugnis zur Entgegennahme von Beichten nicht besitzt, jegliche Pönitenten, die sich in Todesgefahr befinden, gültig und erlaubt von jedweden Beugestrafen und Sünden, auch wenn ein Priester mit entsprechender Befugnis zugegen ist.

Das gilt also für jeden gültig geweihten Priester (also auch z. B. für koptische oder  orthodoxe Priester, oder für laisierte katholische Priester; allerdings natürlich nicht für evangelische oder anglikanische Pfarrer, und auch nicht für Frauen in schismatischen Gruppierungen, die sich als „Priesterinnen“ bezeichnen, da die nicht gültig geweiht sind).

Die Intention ist praktisch immer gegeben. Der Priester muss nur die Intention haben, „das zu tun, was die Kirche tut, wenn sie losspricht“ – er muss nicht an das richtige Konzept davon glauben, was die Kirche hier tut oder was genau überhaupt die Kirche ist. Wenn ein Priester seinen Glauben innerlich aufgegeben hat, und nur auf seinem Posten bleibt, weil er nicht arbeitslos werden will, und meint, in der Beichte passiere real überhaupt nichts, hat er normalerweise trotzdem die Intention, das zu tun, was die Kirche tut, wenn sie losspricht, wenn er im Beichtstuhl sitzt und die Lossprechung erteilt – was seiner Meinung nach nichts ist, aber darauf kommt es nicht an. Dass die Intention gegeben sein muss, heißt eigentlich nur, dass die Lossprechungsformel nicht von selber magisch wirkt.

Bei den richtigen Worten wird es kniffliger. Die Formel an sich lautet (ohne das  einleitende Gebet, das der Priester auch sprechen sollte): „So spreche ich dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“  (Ego te absolvo a peccatis tuis in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti.) Es gibt ja ab und zu – glücklicherweise selten – Priester, die da kreativ werden. „Also darf ich Ihnen jetzt versichern, dass Gott mit Barmherzigkeit auf alles schaut, was Sie belastet“ oder „Also darf ich dich jetzt lossprechen von deinen Sünden“ oder „Gott vergibt Ihnen Ihre Sünden“ wäre etwa keine gültige Absolution. Was vorhanden sein muss:

  • Sicher muss „ich spreche dich/Sie/euch los“ (ego te absolvo) vorhanden sein – nicht „so darf ich dich nun lossprechen“ oder „ich kann dich lossprechen“ oder „fühlen Sie sich jetzt frei von allem Schlechten“ oder „Jesus spricht dich los“. „Ich löse dich/Sie/euch“ oder „ich spreche dich/Sie/euch frei“ wäre gültig, weil man „absolvo“ ebenso damit übersetzen kann; die Bedeutung ist die gleiche. Er muss jedenfalls sagen, dass er selbst, dem diese Aufgabe von Gott und der Kirche übertragen ist, losspricht.
  • Möglicherweise muss „von deinen/Ihren/euren Sünden“ (a peccatis tuis) – nicht „von Ihren Schwächen und Fehlern“ oder „von dem, was Sie hier vor Gott gebracht haben“ oder „von allem, was nicht so gut gelaufen ist“ – zur Gültigkeit auch vorhanden sein.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (in Nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti)  ist für die bloße Gültigkeit nicht nötig.

Wenn ein liberal eingestellter – oder vielleicht ein alter und sehr vergesslicher – Priester eine ungültige Formel verwendet, ist es am besten, ihn höflich zu fragen, ob er das bitte noch einmal in den vorgegebenen Worten sagen könnte, das sei einem wichtig (oder so). Wenn man dafür nicht schlagfertig genug war oder er sich einfach geweigert hat? Dann bleibt einem nichts anderes übrig als Liebesreue und beizeiten eine andere Beichte bei einem anderen  Priester. Der Priester wird sich vor Gott verantworten müssen, und am besten sollte man seinen Vorgesetzten (Pfarrer, Bischof, Generalvikar, Ordensoberer…) informieren, weil er nicht das Recht hat, auf diese Weise willkürlich mit Gläubigen umzuspringen.

Was ist, wenn einem einfällt, dass eine Beichte vor Jahren ungültig gewesen ist oder gewesen sein könnte? Keine Panik. Die Sünden sind spätestens bei der darauffolgenden gültigen Beichte automatisch mitvergeben worden – das zählt wie vergessene Sünden. Wenn man noch im Einzelnen weiß, was sie waren, und sich sicher ist, dass die Beichte ungültig war, muss man sie in der nächsten Beichte noch einmal bekennen. Ansonsten darf man es lassen. „Wer einmal ungültig gebeichtet, dies aber vergessen und später guten Glaubens andere Beichten abgelegt hat, muß nach Entdeckung des Sachverhalts nur die bei der ungültigen Beichte bekannten Sünden ausdrückl. der Schlüsselgewalt der Kirche unterwerfen. […] Wenn die Wiederholungsbeichte beim selben Beichtvater abgelegt wird wie die ungültige und sich der Beichtvater an das frühere Bekenntnis erinnert, genügt der Hinweis auf dieses mit den etwa notwendigen Ergänzungen. Jedenfalls muß ein formal vollständiges Bekenntnis abgelegt werden.“ (Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Bitte keine Panik wegen möglicherweise ungültiger Beichten. Gott lässt uns ja nicht fallen, weil wir an einen idiotischen Beichtvater geraten.

Priester sind verplichtet, den Gläubigen die Beichte zu ermöglichen:

„Can. 986 — § 1. Jeder, dem von Amts wegen die Seelsorge aufgetragen ist, ist zur Vorsorge dafür verpflichtet, daß die Beichten der ihm anvertrauten Gläubigen gehört werden, die in vernünftiger Weise darum bitten; des weiteren, daß ihnen an festgesetzten Tagen und Stunden, die ihnen genehm sind, Gelegenheit geboten wird, zu einer persönlichen Beichte zu kommen.

§ 2. In einer dringenden Notlage ist jeder Beichtvater verpflichtet, die Beichten von Gläubigen entgegenzunehmen, und in Todesgefahr jeder Priester.“

Wenn ein Priester gerade keine Zeit hat und es nicht dringend ist, ist er nicht streng verpflichtet, die Beichte eines Gläubigen zu hören; aber es ist auf jeden Fall wichtig, dass er dafür sorgt, dass jeder mal Gelegenheit zur Beichte hat.

Darf ein Priester die Absolution verweigern? So einfach nicht. Aber das kann dann erlaubt oder sogar nötig sein, wenn für ihn klar ist, dass der Pönitent nicht bereut, oder er deutliche Zweifel an der Reue hat.

„Can. 980 — Wenn der Beichtvater keinen Zweifel an der Disposition des Pönitenten hat und dieser um die Absolution bittet, darf diese weder verweigert noch aufgeschoben werden.“

Darf der Priester z. B. von einem Bankräuber oder Mörder verlangen, sich der Polizei zu stellen, bevor er ihn losspricht? Prinzipiell nicht. Er kann ihm sagen, wenn er wirklich bereut, soll er das tun, und ihm dementsprechend zureden, aber zur Bedingung für die Lossprechung machen kann er es nicht einfach.

Es gibt einzelne Sünden, von denen ein normaler Priester (außer, wenn der Pönitent in Todesgefahr ist) nicht lossprechen kann, sondern nur ein Bischof oder sogar nur der Heilige Stuhl; wenn ein Pönitent so etwas beichten würde, würde der Priester also einen Brief an die zuständige Stelle schreiben. Zu diesen Sünden, die dem Heiligen Stuhl  vorbehalten sind, gehören Hostienschändung oder ein körperlicher Angriff auf den Papst – also nichts, wovon der Durchschnittskatholik betroffen sein wird. Die Vornahme einer Abtreibung wird mit der automatisch durch die Tat eintretenden Exkommunikation bestraft, aber davon darf in diesem Fall in den meisten Ländern jeder Beichtvater lossprechen.

Außerdem gibt es einen Sonderfall:

„Can. 977 — Die Absolution des Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs ist ungültig, außer in Todesgefahr.“

Das 6. Gebot betrifft Unkeuschheitssünden; d. h. etwa, ein Priester kann eine Frau, mit der er eine Affäre gehabt hat, nicht lossprechen  (außer sie liegt im Sterben); dafür muss sie bei jemand anderem beichten.

Vielleicht sollte man im Zusammenhang mit der Beichte auch noch einen weiteren Sonderfall, das Verbrechen der sollicitatio in confessione, erwähnen:

„Can. 1387 — Ein Priester, der bei der Spendung des Bußsakramentes oder bei Gelegenheit oder unter dem Vorwand der Beichte einen Pönitenten zu einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs zu verführen versucht, soll, je nach Schwere der Straftat, mit Suspension, mit Verboten, mit Entzug von Rechten und, in schwereren Fällen, mit der Entlassung aus dem Klerikerstand bestraft werden.“

Früher machte es das Kirchenrecht sogar zu einer strengen Verpflichtung für den Pönitenten, einen solchen Beichtvater innerhalb eines Monats beim Bischof oder beim Heiligen Stuhl anzuzeigen, wenn irgend möglich; diese Verplichtung ist inzwischen weggefallen, vermutlich, weil man Opfer nicht zusätzlich dadurch unter Druck setzen wollte; aber natürlich ist es immer noch wichtig, dass ein Priester, der zu so etwas fähig ist, angezeigt wird.

Weil das ein ziemlich schwerwiegendes Verbrechen ist, gelten allerdings auch strenge Gesetze für verleumderische Anklagen:

„Can. 1390 — § 1. Wer einen Beichtvater wegen der in can. 1387 genannten Straftat fälschlich bei einem kirchlichen Oberen anzeigt, zieht sich die Tatstrafe des Interdiktes zu, und, wenn es sich um einen Kleriker handelt, auch die Suspension.“

„Can. 982 — Wer bekennt, fälschlich einen unschuldigen Beichtvater bei der kirchlichen Autorität des Vergehens der im Zusammenhang mit der Beichte geschehenen Verführung zu einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs bezichtigt zu haben, darf erst absolviert werden, wenn er vorher in aller Form die falsche Anzeige zurückgezogen hat und bereit ist, angerichteten Schaden wiedergutzumachen.“

Und das war es soweit; man könnte noch mehr über die Pflichten von Beichtvätern bei diesem Sakrament sagen, aber dieser Artikel war ja hauptsächlich zur Info für Laien gedacht. Beim nächsten Mal zu ein paar Dingen bzgl. der hl. Kommunion.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 6: Das 3. Gebot

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Im 3. Gebot geht es darum, den Tag des Herrn heilig zu halten.

In der Bibel heißt es: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der HERR den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt.“ (Ex 20,8-11)

Und in der zweiten Formulierung der Zehn Gebote: Halte den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der HERR, dein Gott, geboten hat! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der HERR, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der HERR, dein Gott, geboten, den Sabbat zu begehen.“ (Dtn 5,12-15)

 

Im Unterschied zu den anderen unter den 10 Geboten gehört dieses Gebot nicht ganz zum Naturrecht, sondern teilweise zum positiven göttlichen oder nur zum kirchlichen Recht; d. h. man muss sich daran halten, weil Gott es so eingesetzt und die Kirche es in diesem Sinne näher geregelt hat, es ist nicht von selbst einsichtig. (Gott hätte auch bestimmen können, dass man jeden fünften Tag heiligen sollte, oder die zwei Tage nach jedem Neumond, wenn Er gewollt hätte.) Für die, die es kennen, ist natürlich das positive göttliche Recht ebenso verbindlich wie das Naturrecht, und Katholiken müssen prinzipiell auch dem kirchlichen Recht gehorchen; aber jemand, der noch nie vom christlichen Gott gehört hat, könnte in seinem Gewissen kein Gebot finden, diesen bestimmten Tag zu heiligen, auch wenn er da ein Gebot finden könnte, sich und anderen irgendwelche regelmäßigen Zeiten zu gönnen, um von der Arbeit auszuruhen und (auch gemeinschaftlich) Gott zu ehren und Ihm zu danken.

Im Alten Bund war der Sabbat, also der Samstag geheiligt; im Neuen Bund wurde von Beginn an der Tag danach zum „Tag des Herrn“, da es der Tag der Auferstehung des Herrn war. Am Sabbat feierte man symbolisch den Abschluss der Erschaffung der Welt, am Sonntag feiert man den Abschluss der Neuschaffung, der Erlösung; der Neue Bund bietet eine Art Überhöhung des Alten. Der Moraltheologe Karl Hörmann schreibt dazu:

„Für das AT war die Sabbatruhe passendes Sinnbild für die Vollendung der Schöpfung (vgl. Ex 20,11) und für die Befreiung Israels aus Ägypten (Dtn 5,15) und regte dazu an, Gott dafür dankbar zu verehren. Den Christen stellt noch mehr der Sonntag die Wohltaten der Erlösung und der Neuschöpfung vor Augen, da an ihm Christus von den Toten erstand, die Sündenvergebungsgewalt verlieh und den Hl. Geist sandte (vgl. Leo d. Gr., Ep. 9, PL 56,626; Thomas von A., SonntagTh. 2,2 q.103 a.3 ad 4; 2. Vat. Konz., SC 102 106). Der Sonntag, der Tag des auferstandenen Herrn, der unseren Blick auch auf den wiederkommenden Herrn lenkt, eignet sich vorzügl. als Tag des im christl. Gmeinschaftsgottesdienst gegenwärtig werdenden Herrn. Wer, wie manche Sekten, am Sabbat festhalten will und die Berechtigung der Sonntagsfeier bestreitet, wäre vor aller weiteren Erörterung zu fragen, was er von Christus hält.“

 

Zur Ausgestaltung des 3. Gebots wurden Mose im Alten Bund genauere Anweisungen übermittelt; im Neuen Bund hat Gott der von Ihm eingesetzten Kirche die genauere Ausgestaltung überlassen. Im CIC – Achtung: manches im Folgenden gilt vielleicht nur für lateinische Katholiken; ostkirchliche unierte Katholiken haben teilweise eigene Regeln – heißt es:

„Can. 1247 — Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen zur Teilnahme an der Meßfeier verpflichtet; sie haben sich darüber hinaus jener Werke und Tätigkeiten zu enthalten, die den Gottesdienst, die dem Sonntag eigene Freude oder die Geist und Körper geschuldete Erholung hindern.“

Die Sonntagsheiligung betrifft also zwei Dinge: Die sog. Sonntagspflicht zur Teilnahme an einer Messfeier (sie ist das Zentrale am Sonntagsgebot, weil der Tag des Herrn auch in einer gewissen Weise ausdrücklich dem Herrn gewidmet sein soll) und die Sonntagsruhe.

 

Erst einmal zur Messe.

Im Katechismus heißt es in der Kategorie „Kirchengebote“, wo es um die fünf zentralen kirchlichen Gebote, die als Minimum für die Gläubigen festgelegt sind, geht, entsprechend:

2042 Das erste Gebot („Du sollst an Sonn- und Feiertagen der heiligen Messe andächtig beiwohnen“) verlangt von den Gläubigen, an der Eucharistie teilzunehmen, zu der sich die christliche Gemeinschaft am Gedenktag der Auferstehung des Herrn versammelt [Vgl. CIC, cann. 1246-1248; CCEO, can. 881,1.2.4]. […]

2043 Das vierte Gebot („Du sollst die gebotenen Feiertage halten“) vervollständigt das Sonntagsgebot durch die Teilnahme an den liturgischen Hauptfesten, welche die Mysterien des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen ehren [Vgl. CIC, can. 1246; CCEO, cann. 881,1,4; 880,3].

(Der CCEO, auf den hier verwiesen wird, ist das Gesetzbuch für die unierten Kirchen.)

Und im CIC heißt es des weiteren:

Can. 1248 — § 1. Dem Gebot zur Teilnahme an der Meßfeier genügt, wer an einer Messe teilnimmt, wo immer sie in katholischem Ritus am Feiertag selbst oder am Vorabend gefeiert wird.

2. Wenn wegen Fehlens eines geistlichen Amtsträgers oder aus einem anderen schwerwiegenden Grund die Teilnahme an einer Eucharistiefeier unmöglich ist, wird sehr empfohlen, daß die Gläubigen an einem Wortgottesdienst teilnehmen, wenn ein solcher in der Pfarrkirche oder an einem anderen heiligen Ort gemäß den Vorschriften des Diözesanbischofs gefeiert wird, oder daß sie sich eine entsprechende Zeit lang dem persönlichen Gebet oder dem Gebet in der Familie oder gegebenenfalls in Familienkreisen widmen.

Das Ganze einzeln aufgedröselt:

1) Etwas Grundsätzliches: Dieses Kirchengebot verpflichtet Katholiken, die den Vernunftgebrauch besitzen, wobei man davon ausgeht, dass Kinder ihn (wenn nicht das Gegenteil deutlich ist, z. B. bei einer geistigen Behinderung) ab 7 Jahren haben. Kleinere Kinder müssen also rein theoretisch noch nicht in die Messe mitgenommen werden; aber es ist natürlich sehr gut für sie. Eine Kinderbetreuung für Kleinkinder parallel zur Messe ist also erlaubt (wenn auch vermutlich eher nicht sinnvoll, einerseits wegen der Kinder selbst, und andererseits, weil die Betreuer dabei ihre Sonntagspflicht wahrscheinlich verletzen, wenn sie nicht noch in eine weitere Mese gehen); aber Siebenjährige müssen an der Messe selbst teilnehmen dürfen.

Es gilt, wie alle bloßen Kirchengebote, nur für Katholiken, d. h. für jeden, der irgendwann einmal katholisch getauft oder nach der Taufe in die katholische Kirche aufgenommen wurde. S. dazu:

„Can. 11 — Durch rein kirchliche Gesetze werden diejenigen verpflichtet, die in der katholischen Kirche getauft oder in diese aufgenommen worden sind, hinreichenden Vernunftgebrauch besitzen und, falls nicht ausdrücklich etwas anderes im Recht vorgesehen ist, das siebente Lebensjahr vollendet haben.“

(Ein Kirchenaustritt vor dem Staat ändert nichts daran; er ist einfach eine schwere Sünde, da er ein öffentlich erklärter Abfall von der katholischen Kirche und von den Bischöfen verboten ist. (Er wäre auch dann eine objektiv schwere Sünde, wenn man nur austreten würde, um die Kirchensteuer zu sparen, und auch dann, wenn man die Kirchensteuer nicht zahlen will, da man meint, die Bischöfe würden sie falsch verwenden, und stattdessen dieselbe Summe an eine katholische Organisation seiner Wahl spenden will. Dazu mehr in einem kommenden Artikel.) Ein Kirchenaustritt macht eine Wiederversöhnung mit der Kirche nötig, aber er macht einen eigentlich nicht zum Nichtkatholiken. Semel catholicus, semper catholicus; einmal katholisch, immer katholisch.)

Nichtkatholiken, die im Begriff sind, zum Katholizismus zu konvertieren, verpflichtet die Sonntagspflicht noch nicht, auch wenn sie sich an die Sonntagsruhe halten und den Sonntag irgendwie ein wenig Gott widmen sollten; ein rein kirchliches Gesetz ist das 3. Gebot eben nicht. (Sie dürfen natürlich schon an der Messe teilnehmen, wenn auch ohne Empfang der Kommunion.) Wer noch nicht weiß, was er vom Christentum halten soll und erst einmal nachforscht, ist durch das 3. Gebot noch nicht moralisch gebunden.

2) Man muss eine hl. Messe besuchen; man muss in dieser Messe nicht immer die Kommunion empfangen. (Zur Kommunion s. einen kommenden Artikel.)

Eine Fernsehmesse genügt nicht, man muss körperlich anwesend sein. Fernsehmessen u. Ä. sind eine Hilfe für Leute, die aus guten Gründen (z. B. Krankheit) vom Messbesuch entschuldigt sind, aber trotzdem (und das ist dann freiwillig, aber empfohlen) noch eine gewisse Art von Ersatz haben möchten.

Eine Feldmesse bei einer großen Veranstaltung, wo man den Zelebranten nicht oder nur über Bildschirm sehen / hören kann, gilt allerdings; hier bilden die Gottesdienstbesucher eine Masse und sind gemeinsam an einem Ort versammelt, das ist etwas anderes als eine Fernsehmesse.

Zur Teilnahme gehört generell auch die innerliche Teilnahme. Aber gewöhnliche Ablenkungen und zerstreute Gedanken aus einer gewissen Nachlässigkeit heraus sind höchstens lässliche Sünden. Die hat jeder, die menschliche Konzentrationsfähigkeit ist endlich, und es wäre uferlos, wenn jemand postulieren würde, jeder, der nicht voll konzentriert war, hätte eine schwere Sünde begangen. Etwas anderes ist es, wenn man sich bewusst und gewollt während eines wichtigen Teils der Messe ablenkt, indem man z. B. vom Gloria bis zum Agnus Dei unter der Bank Handyspiele spielt (wenn man z. B. bei den Begrüßungsworten oder während der Predigt kurz aufs Handy schaut, wäre das auch lässliche Sünde).

Wenn man ohne eigene Schuld (z. B. wegen einem quengeligen Kleinkind oder weil einem vom Weihrauch übel geworden ist) während der Messe häufig abgelenkt war oder zwischendurch längere Zeit vor die Tür gehen musste, macht das nichts, in dem Fall ist die Sonntagspflicht erfüllt. Man muss keine zweite Messe mehr besuchen, wenn man es könnte. Man ist hingegangen, war anwesend, und kann sich auch dann, wenn man vor der Kirche draußen steht und wartet, dass das Baby aufhört zu schreien, innerlich mit der Gemeinde drinnen vereinigen, die mit dem Priester das Messopfer darbringt. (Zudem weiß man nicht, ob das Baby bei einer zweiten Messe ruhiger  wäre.)

Wer auf der Empore die Orgel spielt und deshalb abgelenkt ist, oder als Küster ab und zu in der Sakristei ist, oder während  der Messe beichtet, erfüllt auch seine Sonntagspflicht.

3) Man muss eine hl. Messe besuchen. Ein Wortgottesdienst erfüllt diese Pflicht nicht, auch keine Vesper oder Andacht.

Was ist, wenn man eine Messe besuchen will, und es stellt sich heraus, dass nur ein Diakon da ist, der einen Wortgottesdienst mit Kommunionausteilung leitet? Ein Wortgottesdienst, auch einer mit Kommunionausteilung, erfüllt die Sonntagspflicht auch so nicht. Bei jeder Messe geschieht mit der Wandlung noch einmal etwas Eigenes, eine neuerliche Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Christi. (Sonst könnte ein Priester im Grunde genommen einmal einen Haufen Hostien konsekrieren und die dann in den nächsten Wochen oder Monaten nach und nach in Wortgottesdiensten austeilen und müsste nicht jeden Tag wieder neu die Messe lesen – banal ausgedrückt. Den Unterschied zwischen Messe und Wortgottesdienst macht nicht nur die Kommunionspendung, auch wenn einer mit Kommunionspendung besser ist als einer ohne, wenn man nur die Wahl zwischen diesen beiden Alternativen hat.)

Die Frage wäre dann, ob man in diesem Fall noch schauen muss, ob man später noch die Nachbarpfarrei für eine wirkliche  Messe erreichen kann; ich würde sagen, das muss man tun.

Dasselbe gilt wahrscheinlich, wenn eine Messe, die man besucht hat, sicher ungültig war. Zur Gültigkeit ist nicht sehr viel erforderlich; aber vier Bedingungen müssen erfüllt sein:

  • gültig geweihter Priester
  • der Priester muss die Intention haben „das zu tun, was die Kirche tut“, wenn sie die Messe feiert. (Er muss nicht an das richtige Konzept davon glauben, was die Kirche hier tut oder was genau überhaupt die Kirche ist. Wenn ein Priester glaubt, die Eucharistie sei nur ein Symbol, hat er normalerweise trotzdem die Intention, das zu tun, was die Kirche tut, wenn sie Eucharistie feiert – was seiner Meinung nach nur ein Symbol ist, aber darauf kommt es nicht an. Dass die Intention gegeben sein muss, heißt vor allem, dass die Worte nicht von selber magisch wirken.)
  • die verwendete Materie; es müssen Brot aus Weizen und Wein aus Trauben sein. (Völlig glutenfreie Hostien können nicht gültig gewandelt werden; glutenarme schon. Wer gar kein Gluten verträgt, muss den Priester bitten, unter der Gestalt des Weines kommunizieren zu dürfen. Auch Traubensaft ohne Alkohol kann nicht gültig gewandelt werden. (Ein Alkoholiker, der gar kein Gluten verträgt, hat leider keine andere Wahl, als nur geistlich zu kommunizieren.))
  • die Wandlungsworte müssen halbwegs korrekt sein. Die Worte „Das ist mein Leib“ (für die Konsekration des Brotes) und „Das ist … mein Blut“ (für die Konsekration des Weines) müssen vorhanden sein.

Wenn wegen Priestermangels öfter keine Messe in der eigenen Pfarrei stattfindet, muss man sich in der Umgebung umsehen. Ein guter Richtwert könnte sein: Man sollte für den Weg zur Sonntagsmesse bereit sein, denselben Aufwand auf sich zu nehmen wie für den Weg zur Arbeit. Wenn die nächste Sonntagsmesse weiter weg ist, als man, wenn man keine andere Arbeitsstelle finden würde, zu einer Arbeitsstelle pendeln würde, ist es nicht mehr verpflichtend. Eine halb oder dreiviertelstündige Auto- oder Bahnfahrt sollte also i. d. R. zumutbar sein, eine anderthalb- oder zweistündige dagegen eher nicht mehr. Das sollte im deutschsprachigen Raum kein großes Problem sein. Natürlich macht es auch einen Unterschied, ob jemand ganz gesund oder schon eher gebrechlich ist (eine 75-jährige schafft nicht dasselbe wie ein 30-jähriger); ob man ein eigenes Auto oder wenigstens guten Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln hat; usw.

4) Dann ist  noch die Frage, was ist, wenn man zu spät gekommen ist. Zunächst mal ist das (wenn der Grund eigene Schuld/Fahrlässigkeit war) eine lässliche Sünde. Die Sonntagspflicht bezieht sich auf die Mitfeier einer ganzen Messe, aber wenn man immerhin gekommen ist, und nur wegen seiner Trödelei den Anfang verpasst hat, ist das nur minderschwer, und man muss auch keine weitere Messe besuchen. Wenn man allerdings so spät gekommen ist, dass man nicht einmal mehr die Gabenbereitung mitbekommen hat, gilt das auf jeden Fall nicht mehr für die Erfüllung der Sonntagspflicht (andere Theologen sagen: ab dem Evangelium). Den zentralen Teil der Messe muss man mitbekommen.

Wenn man ohne eigene Schuld zu spät gekommen ist (z. B. weil auf der Straße ein Unfall war und man nicht vorwärts gekommen ist, oder wenn man nicht rechtzeitig aufgewacht ist, weil der Wecker wegen Stromausfalls nicht geklingelt hat), ist das natürlich überhaupt keine Sünde. Aber wenn man aus solchen Gründen schuldlos die ganze Messe oder einen wichtigen Teil davon versäumt hat und noch eine weitere Messe besuchen könnte, muss man das vermutlich prinzipiell tun.

Wenn man ohne guten Grund ein paar Minuten früher gegangen ist (so wie manche Leute direkt nach der Kommunion gehen), ist das ebenfalls eine lässliche Sünde; wenn man aber noch früher geht – z. B. nach der Predigt oder vor der Konsekration -, eine schwere. Es ist auch eine Sünde, aus Ärger über liturgische Missbräuche oder eine häretische Predigt früher zu gehen (wenn man nicht plant, noch eine andere Messe zu besuchen). (Ausnahme: Wenn die Konsekration sicher ungültig war, kann man gleich gehen.)

Heribert Jone schreibt (rückübersetzt aus der französischen Übersetzung seines Buches):

„Man begeht eine lässliche Sünde, wenn man willentlich einen nicht wichtigen Teil der Messe verpasst, z. B.: den Beginn bis vor der Gabenbereitung, oder alles, was nach der Kommunion kommt, oder sowohl alles, was vor der Epistel kommt, als auch, was nach der Kommunion kommt.

Man begeht eine  schwere Sünde, wenn man willentlich einen wichtigen Teil verpasst, z. B.: wenn man sowohl alles, was vor dem Evangelium kommt, als auch alles, was nach der Kommunion kommt, versäumt, oder auch den ganzen Teil der Messe, der vom Beginn der Gabenbereitung eingeschlossen an geht, oder auch den ganzen Teil des Kanons, der der Elevation vorausgeht, oder den von der Wandlung bis zum Vaterunser, oder auch die Wandlung allein, aber wahrscheinlich nicht die Kommunion allein. – Wer einen wichtigen Teil verpasst hat, hat die Pflicht, diesen Teil bei einer anderen Messe am gleichen Tag nachzuholen.

[…] Wer vor der Elevation ankommt und nicht noch an einer anderen Messe teilnehmen kann, ist gehalten, bei dieser zu bleiben, da er auf diese Weise noch seine Sonntagspflicht erfüllen kann: aber wer unter den gleichen Bedingungen erst nach der Elevation ankommt, muss nicht bleiben.“

5) Man muss an jedem Sonntag im Jahr und zusätzlich an jedem gebotenen Feiertag eine hl. Messe besuchen. Nicht an jedem Hochfest, sondern an jedem gebotenen Feiertag.

Welche Feiertage außer den Sonntagen geboten sind, kann sich von Land zu Land und Diözese zu Diözese unterscheiden; im CIC heißt es für die Weltkirche:

„Can. 1246 — § 1. Der Sonntag, an dem das österliche Geheimnis gefeiert wird, ist aus apostolischer Tradition in der ganzen Kirche als der gebotene ursprüngliche Feiertag zu halten. Ebenso müssen gehalten werden die Tage der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, der Erscheinung des Herrn, der Himmelfahrt und des heiligsten Leibes und Blutes Christi, der heiligen Gottesmutter Maria, ihrer Unbefleckten Empfängnis und ihrer Aufnahme in den Himmel, des heiligen Joseph, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und schließlich Allerheiligen.

§ 2. Die Bischofskonferenz kann jedoch, nach vorheriger Genehmigung des Apostolischen Stuhles, einige der gebotenen Feiertage aufheben oder auf einen Sonntag verlegen.“

Wenn die nationale Bischofskonferenz also nichts anderes bestimmt hat, sind Weihnachten (der 25. Dezember), Heiligdreikönig (= Erscheinung des Herrn; 6. Januar), Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Hochfest der Gottesmutter Maria (1. Januar), Mariä Empfängnis (8. Dezember), Mariä Himmelfahrt (15. August), der Josefstag (19. März), Peter und Paul (29. Juni) und  Allerheiligen (1. November) gebotene Feiertage.

In Deutschland gelten einige dieser Feiertage (Mariä Empfängnis, Josefstag, Peter und Paul) nicht als geboten; dafür haben wir ein paar andere zusätzliche, nämlich den 2. Weihnachtsfeiertag, Ostermontag und Pfingstmontag. Manche Feiertage (Heiligdreikönig, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt) gelten in Deutschland nur in einzelnen Diözesen als geboten. Eine hilfreiche Liste gibt es z. B. hier; auch für andere Länder lassen sich diese Listen im Internet leicht finden.

(Wenn sich jemand wundert, wieso Ostern und Pfingsten nicht genannt wurden: diese Feste fallen sowieso auf einen Sonntag.)

Manche Diözesen, v. a. in Ländern, in denen katholische Feste kaum staatliche Feiertage sind, verlegen die Feier eines Festes gelegentlich auf den folgenden Sonntag; dann muss man nur an diesem Sonntag in die Messe gehen. (Das gilt allerdings nicht, wenn z. B. an Fronleichnam eine Pfarrei die große Prozession am Sonntag nachholt und am Fronleichnamsdonnerstag selbst nur eine Messe feiert; zu dieser Messe muss man gehen, wenn Fronleichnam in der entsprechenden Diözese gebotener Feiertag ist.)

Was ist, wenn man gerade auf Reisen in einer anderen Diözese ist, in der ein Feiertag geboten ist, der es in der Heimatdiözese nicht ist, oder einer nicht geboten, der es in der Heimatdiözese ist? Da gilt: Man muss nur in die Messe gehen, wenn der Feiertag sowohl in der Heimatdiözese, als auch in der, die man gerade besucht, geboten ist. Das macht auch Sinn: Wenn man anderswo Urlaub macht, weiß man oft nicht, welche Feiertage dort geboten sind, die es zuhause nicht sind; und für zuhause gebotene Feiertage, die es dort nicht sind, wird man vielleicht keine Messe finden.

[Hier kommt nämlich folgendes kirchliches Gesetz ins Spiel:

Can. 12 — § 1. Allgemeine Gesetze verpflichten überall alle, für die sie erlassen worden sind.

§ 2. Von allgemeinen Gesetzen aber, die in einem bestimmten Gebiet nicht gelten, sind alle ausgenommen, die sich tatsächlich in diesem Gebiet aufhalten.

§ 3. Gesetzen, die für ein besonderes Gebiet gegeben worden sind, unterliegen diejenigen, für die sie erlassen sind, sofern sie dort ihren Wohnsitz oder Nebenwohnsitz haben und sich zugleich dort tatsächlich aufhalten, unbeschadet der Vorschrift des can. 13.

Can. 13 — § 1. Partikulare Gesetze werden nicht als personale, sondern als territoriale Gesetze vermutet, wenn nicht etwas anderes feststeht.

§ 2. Fremde sind nicht gebunden:

1° an partikulare Gesetze ihres Gebietes, solange sie von diesem abwesend sind, es sei denn, daß entweder deren Übertretung im eigenen Gebiet Schaden hervorruft oder es sich um personale Gesetze handelt;

2° an Gesetze des Gebietes, in welchem sie sich aufhalten, mit Ausnahme der Gesetze, die für die öffentliche Ordnung sorgen oder Rechtsförmlichkeiten bestimmen oder die in dem Gebiet gelegene unbewegliche Sachen betreffen.

3. Wohnsitzlose werden verpflichtet sowohl durch allgemeine als auch durch partikulare Gesetze, die an dem Ort gelten, an dem sie sich aufhalten.

Ein allgemeines Gesetz ist z. B., dass der Josefstag ein weltkirchlicher Feiertag ist. In Deutschland ist er das allerdings durch partikulares Gesetz nicht. Wenn sich jetzt ein Deutscher in einem Land, in dem der Josefstag geboten ist, aufhält, ist er gemäß Can. 13 § 2 °2 an kirchliche Gesetze (ob allgemein oder partikular) dieses Landes generell nicht gebunden; also muss er den Josefstag nicht begehen.

Nun sagen wir, jemand kommt aus diesem anderen Land, wo der Josefstag durch allgemeines Gesetz geboten ist, und macht Urlaub in Deutschland, wo er durch partikulares Gesetz nicht geboten ist. Hier kommt Can. 12 § 2 ins Spiel: Er muss also auch nicht zur Messe gehen.

Dass Pfingstmontag in Deutschland geboten ist, ist ein partikulares Gesetz; wenn sich ein Deutscher also am Pfingsmontag in einem anderen Land aufhält, ist er gemäß Can. 13 § 2 °1 (und auch Can. 12 § 3) nicht an partikulare deutsche Gesetze gebunden, muss also in diesem Land keine Messe besuchen.

Sobald man dauerhaft zumindest mit Nebenwohnsitz in eine andere Diözese zieht, oder sich dort ohne Absicht, dauerhaft zu bleiben, drei Monate aufgehalten hat, ist man kein „Fremder“ im kirchenrechtlichen Sinn mehr, ist also an die Bestimmungen der neuen Diözese gebunden:

„Can. 102 — § 1. Der Wohnsitz wird erworben durch jenen Aufenthalt im Gebiet einer Pfarrei oder wenigstens einer Diözese, der entweder mit der Absicht verbunden ist, dort ständig zu bleiben, sofern kein Abwanderungsgrund eintritt, oder sich über einen Zeitraum von fünf vollen Jahren erstreckt hat.

§ 2. Der Nebenwohnsitz wird erworben durch jenen Aufenthalt im Gebiet einer Pfarrei oder wenigstens einer Diözese, der entweder mit der Absicht verbunden ist, dort wenigstens drei Monate zu bleiben, sofern kein Abwanderungsgrund eintritt, oder der sich tatsächlich auf drei Monate erstreckt hat.“]

6) Eine Vorabendmesse erfüllt die Sonntagspflicht ebenso. Vorabendmessen gelten in den meisten Diözesen ab 16 Uhr des Vortages. Man kann die Sonntagspflicht allerdings nicht verschieben, d. h. man kann z. B. nicht sagen „ich gehe lieber mittwochs in die Werktagsmesse, da ist weniger los“.

7) Die Sonntagspflicht wird durch eine Messe in jedem beliebigen katholischen Ritus erfüllt – d. h. man kann in die ordentliche Form des römischen Ritus („neue Messe“), in die außerordentliche Form des römischen Ritus („alte Messe“), in eine assyrisch-katholische, chaldäisch-katholische, äthiopisch-katholische, melkitisch-katholische, koptisch-katholische usw. Messe gehen. Das gilt nicht für Messen schismatischer, d. h. von Rom getrennter, Ostkirchen. Man kann aus Interesse oder ökumenischer Verbundenheit zusätzlich in eine koptische oder orthodoxe Messe hineinschauen; aber die Sonntagspflicht wird dort nicht erfüllt, sondern nur z. B. in einer koptisch-katholischen. Ersteres sind zwar gültige Messen, aber eben in von Rom getrennten Kirchen, sie genügen daher nicht. Die Teilnahme an der Messe drückt auch die Gemeinschaft mit den anderen Teilnehmern aus. Erst recht nicht genügen evangelische, anglikanische, baptistische usw. Gottesdienste, die gar keine Messen sind.

Was Messen bei der Piusbruderschaft angeht: Die Piusbruderschaft hat keinen kanonischen (kirchenrechtlichen) Status in der Kirche und daher gelten ihre Priester generell als suspendiert, d. h. sie dürften ihr Amt nicht ausüben, ihre Messen sind unerlaubt. Sie sind allerdings nicht ganz von der Kirche abgeschnitten (und der CIC verlangt übrigens nur die Teilnahme an einer Messe „wo immer sie in katholischem Ritus am Feiertag selbst oder am Vorabend gefeiert wird“, und sagt nichts von wegen „erlaubt gefeiert wird“, d. h. auch wenn ein Priester nicht die Erlaubnis hat, die Messe zu feiern, könnte es für einen Katholiken erlaubt sein, die Messe bei ihm zu hören). Die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei hat sich zur Frage nach der Erfüllung der Sonntagspflicht bei der Piusbruderschaft einmal geäußert: Streng genommen kann man seine Sonntagspflicht bei der Piusbruderschaft erfüllen, aber es wäre eine Sünde, wenn man vorrangig dorthin gehen würde, um sich von der vollen Gemeinschaft mit dem Papst loszusagen oder den Ungehorsam der Piusbruderschaft zu unterstützen; wenn jemand dorthin gehen würde, um einfach nur die Messe in der außerordentlichen Form zu hören [oder aus einem ähnlichen nicht verurteilenswerten Grund, z. B. weil das die nächste und am leichtesten zu erreichende Messe für ihn wäre, o. Ä.], wäre das keine Sünde. Da inzwischen die Petrusbruderschaft und ähnliche traditionelle katholische Gemeinschaften, die in voller Gemeinschaft mit Rom stehen, an vielen Orten präsent sind, müsste es für viele Leute, die eine Messe in der außerordentlichen Form besuchen wollen, allerdings möglich sein, eine solche Messe zu finden, was natürlich vorzuziehen wäre. Wenn jemand keine katholische alte Messe erreichen kann, muss er zu einer neuen gehen, auch, wenn er die neue Messe nicht mag. Eine Messe bei Sedisvakantisten genügt nicht.

In China ist die Angelegenheit mit der papst- und glaubenstreuen Untergrundkirche und der vom Staat erlaubten „Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung“ inzwischen etwas kompliziert; es ist jedenfalls nicht verpflichtend, zur Messe bei der in voller Gemeinschaft mit dem Papst stehenden Untergrundkirche zu gehen, weil das für einen persönlich gefährlich ist, und wer trotzdem zu einer Messe gehen will, kann auch zur staatstreuen Kirche gehen.

8) Was ist, wenn einmal ein gebotener Feiertag auf einen Samstag fällt, oder zwei gebotene Feiertage hintereinander stattfinden, wie der 1. und 2. Weihnachtsfeiertag? Dann muss man zwei Messen besuchen; mit einer Abendmesse am ersten Tag kann man nicht beide abdecken. Mögliche Szenarien wären in dem ersten genannten Fall: 1) Zwei Vorabendmessen (Freitagabend und Samstagabend) 2) Vorabendmesse für den Feiertag und normale Sonntagsmesse (Freitagabend und irgendwann am Sonntag) 3) Normale Feiertagsmesse und Vorabendmesse für den Sonntag (Samstagvormittag und Samstagabend) 4) Zwei normale Messen (irgendwann am Samstag und irgendwann am Sonntag).

9) Wenn man etwa bei Szenario 1 schon in eine Messe für den Feiertag gegangen wäre und dann am Samstagabend noch in eine Vorabendmesse für den Sonntag gehen wollte, dabei aber noch einmal in eine Messe mit den Feiertagslesungen statt den Sonntagslesungen geriete, würde das trotzdem für den Sonntag gelten, weil man die Messe für den Sonntag beabsichtigte und das Gebot nur den Besuch einer Messe, nicht den einer liturgisch passenden Messe vorschreibt.

Auch wenn man eine Messe in einem anderen katholischen Ritus besucht, kann es sein, dass die Feiertage unterschiedlich fallen, weil hier ein anderer Festkalender gilt, und es gilt: Auch eine liturgisch unpassende Messe erfüllt das Gebot, eine Messe zu besuchen. Auch wenn sie nicht ideal ist.

10) Zur Entschuldigung vom Messbesuch reicht ein mittelmäßig wichtiger Grund. Entschuldigt ist man in Fällen von drohendem persönlichem (körperlichem oder geistlichem) Schaden, unzumutbaren Belastungen durch den Messbesuch oder vorrangigen Pflichten der Nächstenliebe, also z. B. dann, wenn man krank ist, arbeiten muss, gezwungen ist, eine Reise zu machen; oder einen sehr weiten Weg zur Messe hätte; oder daheim ein krankes Kind pflegen muss. Wenn man das nur in einem seltenen Ausnahmefall macht, ist auch mal ein Ausflug, zu dem man sonst keine Gelegenheit mehr hätte, eine Entschuldigung (z. B. mit Familienmitgliedern, die nur selten zu Besuch sind). Zu persönlichem Schaden / unzumutbaren Belastungen zählt auch, wenn der Messbesuch für großen häuslichen Unfrieden sorgt, also wenn z. B. eine 18-Jährige, die frisch konvertiert ist und noch zu Hause wohnt, von ihren atheistischen oder protestantischen Eltern jedes Mal schlecht behandelt wird, wenn sie in die Kirche geht. Was Krankheiten angeht: Gerade wenn man eine ansteckende Krankheit hat, sollte man sogar lieber zu Hause bleiben; aber auch bei Krankheiten, bei denen man nicht ansteckend ist (z. B. Migräne oder Schwangerschaftsübelkeit), kann man natürlich zu Hause bleiben, wenn es einem entsprechend schlecht geht. Auch Genesende, die ihre Genesung nicht gefährden sollen, sind nicht zum Messbesuch verpflichtet. Eine vielleicht hilfreiche Faustregel ist: In einer Situation, in der ein normal gewissenhafter Mensch zur Arbeit, zur Schule, zum wöchentlichen Fußballtraining im Verein, zu einer fest vereinbarten Verabredung mit Freunden, die sich nicht verschieben lässt, gehen würde, kann man auch zur Kirche gehen; wenn man aber einen guten Grund hat, wegen dem man sich dort entschuldigen würde, darf man auch von der Kirche zu Hause bleiben.

Auch psychische Erkrankungen können ein Entschuldigungsgrund sein. Sagen wir, jemand hat ein Trauma, an das er immer wieder erinnert wird, wenn er eine Kirche betritt, oder er hat eine Angststörung, eine lähmende Depression, oder etwas Ähnliches. Nicht nur physische Unmöglichkeit, sondern auch sog. „moralische Unmöglichkeit“ (gemeint ist, dass etwas praktisch nicht zumutbar ist) kann von Verpflichtungen entschuldigen. Psychische Krankheiten sind ebenso real wie körperliche, und Gott verlangt nicht mehr als den normalen, humanen Aufwand und Einsatz von einem, um zur Sonntagsmesse zu kommen, wie bei anderen alltäglichen, regelmäßigen, einigermaßen wichtigen Pflichtterminen.

Wenn jemand hier mehr tun will, als streng genommen geboten ist, darf er das natürlich (außer, es geht um vorrangige Pflichten, unangenehme/gefährliche ansteckende Krankheiten, o. Ä.).

Was ist, wenn man im Urlaub ist? Dazu sagt der hl. Johannes Paul II. (Dies Domini, Nr. 49): „Überdies sollen die Bischöfe die Gläubigen daran erinnern, dass sie sich im Fall der Abwesenheit von ihrem festen Wohnsitz am Sonntag um die Teilnahme an der Messe an ihrem Aufenthaltsort kümmern müssen.“ Wenn der Sonntag gerade der Tag der An- oder Abreise ist und es eine lange, stressige Reise ist, und man keine Vorabendmesse besuchen konnte, sollte man normalerweise als entschuldigt gelten, aber wenn man, sagen wir, am Freitag anreist und dann eine Woche am selben Ort bleibt, muss man auch dort die Messe besuchen.

Darf man Reisen unternehmen, bei denen man weiß, dass man nicht die Gelegenheit haben wird, eine Messe zu erreichen, etwa eine Kreuzfahrt im Atlantik, oder eine Wandertour in der Mongolei? Ja, darf man – genauso, wie man auch einen Job annehmen darf, bei dem man voraussehen kann, dass man immer wieder sonntags Dienst haben und nicht in die Messe gehen können wird. Man sollte sich freilich nicht ohne Grund für längere Zeit am Stück der Gelegenheit berauben, die Messe zu besuchen, aber wenn man das mal tut, weil man auch einmal im Jahr Urlaub machen will und schon lange diese Wandertour machen wollte, oder wenn nun mal jemand im Kreiskrankenhaus arbeitet und dann auch alle paar Wochen am Sonntag bei der Arbeit sein muss, dann ist das in Ordnung.

Was ist, wenn man darauf angewiesen ist, dass andere einen in die Kirche fahren? Sagen wir, eine alte Frau kann nicht mehr Auto fahren, und weil es bei ihr auf dem Land keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, müsste sie ihre Tochter, die normalerweise nicht zur Kirche geht, bitten, sie zu fahren; oder eine 16-jährige in derselben Gegend ist darauf angewiesen, dass ihre kirchenfernen Eltern sie fahren. Nun: Prinzipiell ist nur das verpflichtend, was man selbst erfüllen kann. Ich würde aber sagen: Wenn man Angehörige hat, die einen auch mal gerne fahren und dann nicht verärgert sind, weil man ihre Pläne für den Samstagabend oder den Sonntag durcheinander gebracht hat, sollte man das doch zumindest ab und zu annehmen, weil es schon wichtig für einen persönlich ist, die Gottesbeziehung durch wenigstens halbwegs regelmäßige Teilnahme an der Messe zu pflegen. Faustregel: Wenn man die Mama am Samstagabend bitten würde, einen zur besten Freundin zu fahren, bei der man einen DVD-Abend machen will, und einen hinterher wieder abzuholen, kann man sie auch bitten, einen zur Vorabendmesse zu fahren und hinterher wieder abzuholen. Dasselbe beim Organisieren von Fahrgemeinschaften mit Leuten, die zur selben Veranstaltung gehen: Man sollte bereit sein, denselben moderaten Aufwand zu betreiben, um zur Messe zu kommen, den man betreiben würde, um zu einer Veranstaltung mit Freunden zu kommen. Man muss keine Fahrgemeinschaften mit Leuten bilden, die man nicht kennt / denen man nicht vertraut, und keine Angehörigen in Anspruch nehmen, die andere Verpflichtungen/Pläne haben.

Wenn man sich am Samstagabend betrinkt und dabei weiß, dass man es wegen seinem Kater voraussichtlich nicht zur Sonntagsmesse schaffen wird, ist das auch eine Sünde gegen die Sonntagspflicht. (Das Betrinken, das so weit geht, dass man nicht mehr des Vernunftgebrauchs mächtig ist, ist außerdem sowieso eine Sünde an sich.)

Wenn man die Messe nun aus einem Grund versäumt hat, bei dem man im Nachhinein sagen würde, „hm, vielleicht hätte ich es doch schaffen können/sollen“, kann das auch einmal einfach eine lässliche Sünde gewesen sein. Eine (objektiv) schwere ist es ganz klar bei offensichtlichen Gründen wie „keine Lust“ und „ich will eben ausschlafen“.

 

Dann zu dem anderen Teil des 3. Gebots: dem Thema Sonntagsruhe. Das dritte Gebot soll auch verhindern, dass Menschen zu Workaholics werden und keine Zeit mehr für Gott und die notwendige Ruhe haben. Der hl. Johannes Paul II. schreibt dazu: „Die Ruhe ist etwas Heiliges, sie ist für den Menschen die Voraussetzung, um sich dem manchmal allzu vereinnahmenden Kreislauf der irdischen Verpflichtungen zu entziehen und sich wieder bewusst zu machen, dass alles Gottes Werk ist.“ (Dies Domini 65)

Im Katechismus heißt es:

„2185 Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sollen die Gläubigen keine Arbeiten oder Tätigkeiten ausüben, die schuldige Gottesverehrung, die Freude am Tag des Herrn, das Verrichten von Werken der Barmherzigkeit und die angemessene Erholung von Geist und Körper verhindern [Vgl. CIC. can, 1247]. Familienpflichten oder wichtige soziale Aufgaben entschuldigen rechtmäßig davon, das Gebot der Sonntagsruhe einzuhalten. Die Gläubigen sollen aber darauf achten, daß berechtigte Entschuldigungen nicht zu Gewohnheiten führen, die für die Gottesverehrung, das Familienleben und die Gesundheit nachteilig sind. ‚Die Liebe zur Wahrheit drängt zu heiliger Muße; die Dringlichkeit der Liebe nimmt willig Arbeit auf sich‘ (Augustinus, civ. 19,19).

2186 […] Der Sonntag wird in der christlichen Frömmigkeitstradition für gewöhnlich guten Werken und demütigem Dienst an Kranken, Behinderten und alten Menschen gewidmet. Die Christen sollen den Sonntag auch dadurch heiligen, daß sie ihren Angehörigen und Freunden die Zeit und Aufmerksamkeit schenken, die sie ihnen an den übrigen Tagen der Woche zu wenig widmen können. Der Sonntag ist ein Tag der Besinnung, der Stille, der Bildung und des Betrachtens, die das Wachstum des christlichen inneren Lebens fördern.

2187 Die Heiligung der Sonn- und Feiertage erfordert eine gemeinsame Anstrengung. Ein Christ soll sich hüten, einen anderen ohne Not zu etwas zu verpflichten, das ihn daran hindern würde, den Tag des Herrn zu feiern. Auch wenn Veranstaltungen (z. B. sportlicher oder geselliger Art) und gesellschaftliche Notwendigkeiten (wie öffentliche Dienste) von Einzelnen Sonntagsarbeit verlangen, soll sich doch jeder genügend Freizeit nehmen. […] Trotz aller wirtschaftlichen Zwänge sollen die Behörden für eine der Ruhe und dem Gottesdienst vorbehaltene Zeit ihrer Bürger sorgen. Die Arbeitgeber haben eine entsprechende Verpflichtung gegenüber ihren Angestellten.

2188 Die Christen sollen darauf hinwirken, daß die Sonntage und kirchlichen Feiertage als gesetzliche Feiertage anerkannt werden, wobei sie die Religionsfreiheit und das Gemeinwohl aller zu achten haben. […] Falls die Gesetzgebung des Landes oder andere Gründe zur Sonntagsarbeit verpflichten, soll dieser Tag dennoch als der Tag unserer Erlösung gefeiert werden, der uns an der ‚festlichen Versammlung‘, an der ‚Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind‘, teilnehmen läßt (Hebr 12,22-23).“

Nach dem früheren Kirchenrecht waren ausdrücklich die sog. „knechtliche Arbeit“ (also körperliche Arbeiten, die zu materiellem Nutzen geschehen, wie Putzen, Nähen, Bauarbeiten, Schreinern usw.), der Handel (Kauf und Verkauf), und gerichtliche Handlungen als der Heiligkeit des Sonntags entgegenstehend verboten; der CIC von 1983 ist, wie oben zitiert, nicht mehr so klar, sondern nennt nur „jene[…] Werke und Tätigkeiten […], die den Gottesdienst, die dem Sonntag eigene Freude oder die Geist und Körper geschuldete Erholung hindern“. Was das genau heißt, dazu habe ich leider keine neueren kasuistischen Ausführungen gefunden.

Man kann dafür plädieren, darunter nicht nur die drei genannten Kategorien, sondern auch Erwerbsarbeit, die nicht in körperlicher Arbeit besteht, wie z. B. Buchhaltung, zu verstehen, da der CIC schließlich auch von der Erholung von „Geist und Körper“ redet. Intellektuelle und künstlerische Tätigkeiten galten traditionell als erlaubt; allerdings könnte man sagen, dass es auch hier zumindest besser ist, wenn z. B. Schüler oder Studenten, die nicht dringend für eine Prüfung lernen müssen und das Lernen, sofern es für sie etwas der Arbeit Vergleichbares, Anstrengendes ist, auch auf einen anderen Tag legen könnten, es verschieben, um sich erholen zu können. Gartenarbeit, Handarbeit oder Backen als Hobby zur Erholung oder Selbstverwirklichung ist wohl nicht zu beanstanden. (Man bezeichnet ja auch z. B. das Wandern nicht als Arbeit, auch wenn es körperlich anstrengt; und die drei Beispiele haben auch etwas „Künstlerisches“, nicht nur etwas Praktisches an sich.) Staubsaugen, Waschen, Rasenmähen, Unkrautjäten im Gemüsebeet, Streichen von Wänden u. Ä. (kurz gesagt, das, was Arbeit im eigentlichen Sinn ist) sollte man aber, wenn möglich, auf andere Tage legen. Sportveranstaltungen sind unbedenklich (nur sollten sie einen nicht von der Messe abhalten).

Entschuldigungsgründe, die Sonntagsarbeit erlaubt machen, können sein:

  • Der Dienst an Gott. Hier ist aber nur der direkte Gottesdienst gemeint (z. B. Küsterdienst, Herrichten der Blumenteppiche am Morgen von Fronleichnam, u. Ä.); das Rasenmähen auf dem Kirchengelände oder das Renovieren des Kirchengebäudes sollte man, wenn möglich, auf andere Tage legen.
  • Eigener Bedarf oder der des Nächsten. Hausarbeiten, die nicht oder nur schwer verschoben werden können, Arbeiten wie die des Arztes oder Altenpflegers, die jeden Tag gemacht werden müssen, Sonntagsarbeit von Leuten, die ohne den Lohn davon nicht auskommen, Sonntagsarbeit in Betrieben, die nur mit großem Schaden am Sonntag stillstehen können, Einholen der Ernte, wenn schlechtes Wetter droht, Hilfe beim Umzug eines Familienmitglieds, das sich entschieden hat, an diesem Tag umzuziehen, karitative Tätigkeiten… das alles ist erlaubt. Wenn jemand von seinem Chef zur Sonntagsarbeit verpflichtet wird, ist er entschuldigt; ein katholischer Chef darf aber, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, seine Angestellten nicht zur Arbeit verpflichten.
  • Rechtmäßige Gewohnheiten, Landesbrauch. Z. B. sind festliche Jahrmärkte am Sonntag in Ordnung, wo sie üblich sind, oder dass Restaurants sonntags geöffnet haben und Menschen dort essen gehen, was, auch wenn hierfür manche wieder arbeiten müssen, auch eine gewisse Festlichkeit ermöglicht. Wenn es in einem nichtchristlichen/säkularen Land generell üblich ist, am Sonntag zu arbeiten, ohne Rücksicht auf Gottesdienst usw., entschuldigt das zwar die dadurch zur Arbeit genötigten Christen, aber diese Gewohnheit gehört trotzdem eigentlich abgeschafft und der Sonntag gesetzlich geschützt.

(Vgl. hierzu auch Jesu Handlungen und Äußerungen bezüglich der Auslegung des Sabbatgebots, z. B. „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“ (Mk 2,27f.))

Ab einer Dauer von etwa zwei bis drei Stunden wurde unnötige Sonntagsarbeit klassischerweise als schwere Sünde gezählt. Kurze Einkäufe, die man auch hätte verschieben können, u. Ä. sind also nur lässliche Sünden. Auch wenn man das Sonntagsgebot etwas locker auslegt und längere Arbeiten erledigt, für die man schon einen Grund findet, aber einen, bei dem man sich hinterher denkt, dass er vielleicht doch nicht so stichhaltig war wie zuerst gedacht, kann das einfach eine lässliche Sünde gewesen sein. Aber, wie gesagt, unnötige Sonntagsarbeit kann auch schwere Sünde werden.

 

Am Sonntag zu fasten ist nicht verboten, aber nie verpflichtend und eigentlich nicht üblich, weil es ein festlicher Tag sein soll. (Mehr zum Fasten in einem anderen Artikel.)

 

 

 

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 5: Das 2. Gebot

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Das 2. Gebot richtet sich gegen die Verunehrung des Namens Gottes: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen.“ Der Name Gottes ist heilig, weil der, den er bezeichnet, heilig ist.

Bei diesem Gebot geht es um Meineide im Namen Gottes, den Bruch von Eiden, den Bruch von Gelübden, die man Gott gemacht hat, Blasphemie, den unehrfürchtigen Gebrauch des Gottesnamens, falsches Segnen und falsches Verfluchen.

 

Erst einmal zum Eid (in der Form von eidlichen Aussagen oder eidlichen Versprechungen):

Der Eid besteht darin, dass jemand Gott zum Zeugen der Wahrhaftigkeit einer Aussage oder der Ehrlichkeit und Einhaltung eines Versprechens macht („ich schwöre bei Gott, dass das wahr ist“, „so wahr mir Gott helfe“, „ich schwöre beim Himmel, dass ich das tun werde“). (Wenn jemand bei einem Heiligen oder auf die Bibel schwört, bezieht sich das indirekt auf Gott.) Der Name Gottes wird missbraucht, wenn jemand bei ihm etwas Gelogenes oder Zweifelhaftes beschwört (z. B. vor Gericht) und Ihn damit zum Zeugen für etwas Falsches machen will; oder bei Ihm etwas verspricht, das er nicht zu halten beabsichtigt; oder etwas, das er bei Ihm versprochen hat, nicht erfüllt. Meineid und Eidbruch sind an sich schwere Sünden.

Bei einer eidlichen Aussage ist auch eine Teilwahrheit, von der derjenige weiß, dass sie falsch ausgelegt werden wird (also eine Aussage mit „mentaler Reservation“, dazu mehr beim 8. Gebot), gegenüber Leuten ausgesprochen, die das Recht haben, die Wahrheit zu kennen, eine schwere Sünde. Gegenüber Leuten, die dieses Recht nicht haben, ist sie aus einem ernsten Motiv heraus erlaubt; wenn kein solches Motiv da ist, eine lässliche Sünde.

Den Eid zu gebrauchen, um Auskünfte zu beschwören, die zwar wahr sind, die man aber nicht weitergeben soll, wäre bei solchen Dingen wie geringfügigem Lästern, Angeberei o. Ä. lässliche Sünde, in schwerwiegenden Fällen, die auch so schwere Sünde wären (z. B. bei einem bedeutenden Geheimnis, das man kein Recht hat, weiterzugeben – natürlich gelten nicht alle Geheimnisse absolut, aber solche gibt es), wohl schwere Sünde.

Mit einem Eid zu versprechen, eine Sünde zu begehen, ist schwere Sünde, zumindest jedenfalls, wenn es sich bei der versprochenen Sache selbst um eine schwere Sünde handelt. Ein solcher Eid ist ungültig. Wenn man etwas unter Eid verspricht, sich aber später herausstellt, dass die Erfüllung in diesem Fall Schaden anrichten würde und eine Sünde wäre, verpflichtet der Eid natürlich auch nicht.

Der Versprechenseid verpflichtet unter schwerer oder lässlicher Sünde, je nachdem, ob es sich bei der versprochenen Sache um etwas Schwerwiegendes oder Unwichtiges handelt.

Manche christliche Gruppierungen wollen den Eid grundsätzlich verwerfen, weil Jesus in der Bergpredigt gesagt hat: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Mt 5,33-37)

Aber das ist kein grundsätzliches Verbot des Eides, sondern meint eher, dass man nicht nur bei einem Eid zur Wahrhaftigkeit verpflichtet ist, sondern immer. Jesus sagt nicht, Schwören ist böse, sondern es kommt vom Bösen, wenn man (oft) schwört und dann meint, nur wahrhaftig sein zu müssen, wenn man schwört; und Er hebt ja ganz grundsätzlich das Alte Testament nicht auf, wenn Er darüber hinausgeht. Auch der hl. Paulus benutzt den Eid in seinen Briefen: „Ich rufe aber Gott zum Zeugen an bei meinem Leben, dass ich nur, um euch zu schonen, nicht mehr nach Korinth gekommen bin.“ (2 Kor 1,23) „Was ich euch hier schreibe – siehe, bei Gott, ich lüge nicht.“ (Gal 1,20) Im Katechismus heißt es dazu:

„2154 In Anlehnung an den hl. Paulus [Vgl. 2 Kor 1,23; Gal 1,20.] hat die Überlieferung der Kirche das Wort Jesu so verstanden, daß es den Eid dann, wenn er sich auf eine schwerwiegende und gerechte Sache (z. B. vor Gericht) bezieht, nicht verbietet. ‚Ein Eid, das ist die Anrufung des göttlichen Namens als Zeugen für die Wahrheit, darf nur geleistet werden in Wahrheit, Überlegung und Gerechtigkeit‘ (CIC, can. 1199, § 1).

2155 Die Heiligkeit des Namens Gottes verlangt, daß man ihn nicht um belangloser Dinge willen benutzt. Man darf auch keinen Eid ablegen, wenn er aufgrund der Umstände als eine Billigung der Gewalt, die ihn ungerechterweise verlangt, verstanden werden könnte. Wenn der Eid von unrechtmäßigen staatlichen Autoritäten verlangt wird, darf er verweigert werden. Er muß verweigert werden, wenn er zu Zwecken verlangt wird, die der Menschenwürde oder der Gemeinschaft der Kirche widersprechen.“

Drei Kriterien gelten also für einen Eid: Wahrheit, Überlegung, Gerechtigkeit. Man soll auch einen guten Grund haben, um zu schwören, weil man den Namen Gottes nicht leichtfertig anrufen soll (Überlegung). Wenn jemand ohne guten Grund schwört – aber hier nichts Falsches oder Zweifelhaftes beschwört (Wahrheit) oder etwas Sündhaftes verspricht (Gerechtigkeit) – ist das aber nur lässliche Sünde.

Der hl. Thomas sagt zur Auslegung dieser Stelle aus der Bergpredigt:

„Ich antworte, es könne ein Ding an sich etwas Gutes sein, demjenigen aber zum Übel gereichen, der sich dessen nicht geziemendermaßen bedient. So ist es etwas Gutes, das heilige Abendmahl zu nehmen; wer aber es unwürdig nimmt, der ißt und trinkt sich das Gericht. (1. Kor. 11.) So verhält es sich hier. Der Eidschwur ist an und für sich erlaubt etwas Gutes. Denn 1. ist sein Ursprung gut, da die Menschen der Glaube an die unfehlbare Wahrheit Gottes dazu gebracht hat, den Eid einzuführen; — 2. ist sein Zweck gut; denn der Eidschwur soll den Menschen Recht verschaffen und jeden Streit beenden, nach Hebr. 6. Wer aber ohne Not und ohne gebührende Ursache des Eidschwures sich bedient, dem gereicht er zum Übel. Denn das zeigt, daß der betreffende wenig Achtung vor Gott hat, da er Ihn leichthin zum Zeugen nimmt, was er sich nicht vermesssen würde gegenüber einem anständigen Menschen. Es droht zudem einem solchem leichtsinnigen Schwören die Gefahr des Meineides; denn leicht fällt der Mensch im Sprechen: ‚Wer in seinen Worten nicht fehlt,‘ sagt Jakobus (3, 2.), ‚ist ein vollkommener Mann.‘ Deshalb heißt es Ekkli. 23.: ‚Dein Mund gewöhne sich nicht ans Schwören: denn viel wird darin gefehlt.'“ (Summa Theologiae II/II,89,2)

Und:

„Ich antworte; was nur gesucht wird, damit es einer gewissen Schwäche und einem Mangel abhelfe, kann nicht zu dem gezählt werden was an und für sich erstrebenswert ist, sondern nur als etwas Notwendiges wie die Medizin gesucht wird, um dem Kranken zu helfen. Der Eid wird gefordert, um der Schwäche des Menschen zu Hilfe zu kommen, deren der eine dem anderen nicht glaubt. Der Eid ist also nicht an sich erstrebenswert, sondern wie etwas für das menschliche Leben Notwendige und wer über die Grenzen des Notwendigen hinaus ihn gebraucht, mißbraucht denselben.“ (Summa Theologiae II/II,89,5)

Im Kodex des Kanonischen Rechtes (CIC) heißt es über eidliche Zeugenaussagen und Versprechen:

„Can. 1199 — § 1. Ein Eid, das ist die Anrufung des göttlichen Namens als Zeugen für die Wahrheit, darf nur geleistet werden in Wahrheit, Überlegung und Gerechtigkeit.

§ 2. Der Eid, den die Canones vorschreiben oder zulassen, kann durch einen Vertreter nicht gültig geleistet werden.

Can. 1200 — § 1. Wer freiwillig schwört, etwas tun zu wollen, ist aufgrund der besonderen Pflicht der Gottesverehrung gehalten zu erfüllen, was er durch den Eid bekräftigt hat.

§ 2. Ein aufgrund von arglistiger Täuschung, Zwang oder schwerer Furcht geleisteter Eid ist von Rechts wegen nichtig.

Can. 1201 — § 1. Der Versprechenseid folgt der Natur und den Bedingungen des Aktes, dem er beigefügt ist.

§ 2. Wenn der Eid einem Akt beigefügt wird, der unmittelbar zum Schaden anderer, zum Nachteil des öffentlichen Wohls oder des ewigen Heils führt, erfährt der Akt dadurch keine Bekräftigung.

Can. 1202 — Die durch Versprechenseid entstandene Verpflichtung entfällt:

1° wenn derjenige verzichtet, zu dessen Gunsten der Eid geleistet wurde;

2° wenn die beschworene Sache sich wesentlich ändert oder infolge veränderter Umstände entweder schlecht oder völlig indifferent wird oder schließlich einem höheren Gut entgegensteht;

3° wenn der Beweggrund oder die Bedingung, unter der der Eid etwa geleistet wurde, weggefallen bzw. nicht eingetreten ist;

4° durch Dispens oder Umwandlung nach Maßgabe des can. 1203.

Can. 1203 — Diejenigen, die ein Gelübde aufschieben, von ihm dispensieren oder es umwandeln können, haben diese Gewalt in gleicher Weise auch hinsichtlich des Versprechenseides; wenn aber die Dispens vom Eid anderen zum Nachteil gereicht und diese es ablehnen, auf die Einhaltung der Verbindlichkeit zu verzichten, kann allein der Apostolische Stuhl vom Eid dispensieren.

Can. 1204 — Der Eid ist eng auszulegen gemäß dem Recht und gemäß der Absicht des Schwörenden bzw., wenn dieser arglistig handelt, gemäß der Absicht dessen, dem der Eid geleistet wird.“

Zu Dispens und Umwandlung weiter unten bei dem, was für Gelübde gilt; „eng auszulegen“ heißt, dass man nur das tun muss, wozu der Eid eindeutig verpflichtet.

Hier behandelt der hl. Thomas außerdem ausführlich die Frage, ob man von jemand anderem einen Eid verlangen darf: Knapp gesagt ja, darf man, vor allem, wenn ein Amtsträger das anhand der Gesetze z. B. vor Gericht tut. Im privaten Kontext darf man von einem anderen einen Eid verlangen, auch wenn das nicht ideal ist, um sich sicherer zu sein, dass er die Wahrheit sagt; wenn man aber schon weiß, dass er falsch schwören wird, darf man ihn in diesem Fall nicht dazu treiben, einen Meineid zu leisten.

Ein fingierter Eid ist ungültig, aber für den, der ihn geleistet hat, kann es die Verpflichtung geben, den, den er damit getäuscht hat, zu entschädigen.

 

Dann geht es beim 2. Gebot, wie gesagt, um Gelübde. Während ein Eid gegenüber einem Menschen abgelegt werden und sich auf alles mögliche beziehen kann (Eid auf eine Verfassung, „ich schwöre dir bei Gott, dass ich dir bei xyz helfe“, usw. usf.), ist das Gelübde eine speziellere Form des Versprechens: ein Gott gemachtes Versprechen betreffs einer möglichen und guten Sache, die besser ist als ihr Gegenteil. Das Gelübde ist noch mehr als der Eid ein Akt der Gottesverehrung. Es gibt öffentliche, von vielen abgelegte, kirchlich regulierte Gelübde wie die Ordensgelübde, aber jemand kann sich auch durch ein privates Gelübde z. B. dazu verpflichten, eine bestimmte Wallfahrt zu machen.

Der hl. Thomas sagt über den Nutzen von Gelübden:

„Gott aber versprechen wir zu unserem eigenen Nutzen. Deshalb sagt Augustin I. c.: ‚In seiner Güte fordert Er das Ihm Gelobte, nicht weil Er dessen bedürfte; nichts wächst Ihm zu aus dem, was wir Ihm schulden. Aber die Ihm etwas schulden, die läßt Er wachsen in allem Guten. Was Ihm gegeben wird, das wird hinzugefügt zu dem, was Er uns entgilt.‘ Da wir also Gott etwas geloben zu eigenem Nutzen, damit nämlich unser Wille unverrückbar fest werde in dem, was zu thun heilsam ist; deshalb ist es nützlich, etwas zu geloben.“ (Summa Theologiae II/II,88,4)

Er sieht für den Nutzen von Gelübden drei hauptsächliche Gründe: 1) Das Gelübde ist ein Akt der Gottesverehrung; Fasten o. Ä. aufgrund eines Gelübdes ist verdienstvoller als ohne Gelübde, weil es Gott besonders geweiht wird. 2) Wer etwas gelobt, gibt Gott nicht nur dieses einzelne Werk an sich, sondern er nimmt sich selbst die Möglichkeit, sich in Zukunft wieder dagegen entscheiden; es ist also ein größeres Opfer. „So würde jemand seinem Freunde mehr geben, der ihm den ganzen Baum mitsamt den Früchten, als jener, der bloß die Früchte gäbe (Anselmus de Similitud. c. 84.).“ (Summa Theologiae II/II,88,6) 3) Das Gelübde hilft bei der Festigung des Willens im Guten.

Es gibt keine moralische Verpflichtung, irgendwelche Gelübde zu machen; aber gemachte sind bindend. „Es ist besser, wenn du nichts gelobst, als wenn du etwas gelobst und nicht erfüllst.“ (Kohelet 5,4)

Im CIC heißt es:

„Can. 1191 — § 1. Ein Gelübde, das ist ein Gott überlegt und frei gegebenes Versprechen, das sich auf ein mögliches und besseres Gut bezieht, muß kraft der Tugend der Gottesverehrung erfüllt werden.

§ 2. Wenn es nicht vom Recht verboten ist, sind alle fähig, Gelübde abzulegen, die den entsprechenden Vernunftgebrauch besitzen.

§ 3. Ein Gelübde, das aufgrund schwerer und unrechtmäßig eingeflößter Furcht oder aufgrund arglistiger Täuschung abgelegt wurde, ist von Rechts wegen nichtig.“

Und:

„Can. 1193 — Das Gelübde verpflichtet aufgrund seiner Natur nur denjenigen, der es ablegt.“

Zu einem Gelübde gehören, um es ausführlich zu erklären, also folgende Bedingungen:

  • Die Sache wird eindeutig gelobt, es handelt sich nicht um einen bloßen Vorsatz. War es ein ausdrückliches und festes, klares Versprechen, kein möglicherweise schwankendes Vornehmen, und vor allem: wollte man sich unter Sünde binden, z. B. auf diese Pilgerfahrt zu gehen?
  • Die Sache wird Gott versprochen (wer bei einem Heiligen o. Ä. gelobt, gelobt es normalerweise Gott quasi durch diesen Heiligen).
  • Derjenige ist sich bewusst, was er gelobt, also was das Wesen der Sache ist, die er gelobt; ein Beispiel: Jemand muss in etwa wissen, was die Ehe ist, bevor er Ehelosigkeit geloben kann. Auch wenn jemand sich über entscheidende Umstände irrt – z. B. einen bestimmten kurzen Pilgerweg gehen wollte, und dann merkt, dass der doppelt so weit ist, wie er dachte – muss er das Gelübde nicht erfüllen; das Gleiche gilt bei einem Irrtum über das entscheidende Motiv für das Gelübde, also wenn z. B. jemand ein Gelübde abgelegt hat für den Fall, dass ein Angehöriger wieder gesund wird, und dann herauskommt, dass der nur vorgetäuscht hat, krank zu sein. Alle einzelnen Nebenumstände einer Sache muss man aber nicht kennen, damit ein Gelübde gültig ist.
  • Derjenige ist mindestens desselben Vernunftgebrauchs fähig, der nötig ist, um eine schwere Sünde begehen zu können; Kinder, geistig Behinderte, durch Alkohol oder Drogen in ihrem Vernunftgebrauch Eingeschränkte, Personen im Halbschlaf etc. können grundsätzlich keine Gelübde ablegen.
  • Die Sache ist für einen persönlich möglich, ist etwas moralisch Gutes (niemand kann sich zu einer Sünde verpflichten; und etwas Indifferentes zu geloben macht keinen Sinn) und ist besser als ihr Gegenteil (z. B. ist es besser, ein regelmäßiges Almosen zu geben als es nicht zu geben; es ist es besser, ehelos zu bleiben als zu heiraten); wenn man schon ein Gelübde macht, soll es einen auch zu etwas Höherem führen. Eine Sache kann entweder an sich oder durch die Umstände besser sein als ihr Gegenteil; z. B. kann es durch die Umstände besser werden, bestimmte Situationen zu vermeiden, die einen persönlich negativ beeinflussen, auch wenn sie an sich indifferent sind. „Möglich“ heißt nicht nur „physisch möglich“, sondern auch „moralisch möglich“; dieser Fachbegriff meint so etwas wie „praktisch sinnvollerweise durchführbar“. Wenn z. B. jemand gelobt hat, zur Werktagsmesse zu gehen, aber Bauchschmerzen oder eine ansteckende Grippe hat, wäre es ihm zwar physisch vielleicht möglich, sich in die Kirche zu schleppen, aber es wäre nicht „moralisch möglich“, weil zu unverhältnismäßig anstrengend (und bei der Grippe evtl. schädlich für andere Kirchgänger).
  • Wenn man merkt, dass ein Teil des Gelübdes erfüllbar und ein anderer nicht erfüllbar ist, kommt es darauf an, ob man den Gegenstand sinnvollerweise „teilen“ kann; wenn ja, muss der erfüllbare Teil noch erfüllt werden – wenn z. B. jemand gelobt hat, jeden Dienstag und Donnerstag zur Werktagsmesse zu gehen, und dann an eine Arbeitsstelle versetzt wird, an der er jeden Dienstag zu der Uhrzeit arbeiten muss, zu der die Messe stattfindet, kann er den einen Teil nicht mehr erfüllen, aber den anderen schon noch; am Donnerstag muss er also noch zur Werktagsmesse gehen. Wenn der erfüllbare und der unerfüllbare Teil eine Einheit bilden, gilt das nicht – wenn z. B. jemand eine Wallfahrt nach Jerusalem machen wollte, aber kein Visum für Israel bekommt, muss er nicht bis zu den israelischen Landesgrenzen pilgern und dann umkehren, sondern kann die Wallfahrt ganz lassen. (Etwas weit hergeholte Beispiele, ich weiß.)
  • Wenn ein Gelübde mit einer bestimmten Bedingung abgelegt wird (z. B.: „ich gelobe, wenn ich gesund werde, diese Pilgerfahrt zu machen“), gilt es natürlich nur, wenn die Bedingung auch eintritt. Wer, weil er sein Gelübde bereut, bewusst verhindert, dass eine Bedingung eintritt, sündigt gegen sein Gelübde und muss diese Sünde bereuen und bekennen; aber wenn die Bedingung nicht da ist, muss er die Sache streng genommen trotzdem nicht mehr erfüllen.
  • Ein Gelübde ist ungültig, wenn es wegen ungerecht eingeflößter schwerer Furcht abgelegt wurde (gerechtfertigte Furcht ist dabei nicht gemeint; wenn jemand z. B. die in diesem Fall normale Angst hat, an seiner schweren Krankheit zu sterben, kann er ein gültiges Gelübde für den Fall seiner Heilung ablegen; aber wenn z. B. jemand einen bedroht („Wenn du nicht das Gelübde ablegst, tue ich dir das und das an“), kann das Gelübde nicht gültig sein).
  • Wenn jemand aus krankhafter Angst, aus irgendeiner psychischen Störung heraus meint, Gelübde ablegen zu müssen (was öfter bei Skrupulanten der Fall ist), ist das Gelübde nicht gültig. Hier Genaueres dazu, was Skrupulanten bei diesem Thema beachten müssen.
  • Mit einem Gelübde kann man nur sich selbst binden, nicht z. B. seine Kinder oder andere. (Aber wenn z. B. ein Ordensoberer gelobt, in seiner Ordensgemeinschaft etwas einzuführen, das einzuführen er die Autorität hat, müssen die anderen Ordensmitglieder natürlich wie immer gehorchen (wegen der allgemeinen Gehorsamsverpflichtung, nicht wegen dem Gelübde); auch, wenn jemand für sein Erbe bestimmte Bestimmungen gelobt, sind die, die das Erbe annehmen, dadurch gebunden; wenn jemand eine bestimmte Spende gelobt hat, aber stirbt, bevor er sie machen kann, müssen die Erben sie machen.)
  • Auch etwas sowieso schon moralisch Verpflichtendes kann gelobt werden; der Moraltheologe Karl Hörmann sagt dazu: „ein solches Gelübde hätte den Sinn, das gebotene Verhalten ausdrückl. in die Gottesverehrung einzubeziehen und die Bereitschaft zu ihr zu bestärken“. Hier würde die Verpflichtungskraft dieser verpflichtenden Sache noch mal verstärkt, und es wäre dann nicht nur eine sonstige Sünde, sondern auch ein Gelübdebruch, sie von da an zu unterlassen. Aber hauptsächlich geht es bei Gelübden sinnvollerweise um die sog. Werke der Übergebühr, die an sich nicht moralisch verpflichtend sind.

Es gibt verschiedene Arten von Gelübden:

„Can. 1192 — § 1. Ein Gelübde ist öffentlich, wenn es im Namen der Kirche von einem rechtmäßigen Oberen entgegengenommen wird, anderenfalls ist es privat.

§ 2. Feierlich ist ein Gelübde, wenn es als solches von der Kirche anerkannt worden ist, anderenfalls ist es einfach.

§ 3. Persönlich ist ein Gelübde, wenn eine Leistung des Gelobenden versprochen wird; es ist dinglich, wenn irgendeine Sachleistung versprochen wird; gemischt ist es, wenn es sowohl persönlicher wie dinglicher Art ist.“

Ein Gelübde verpflichtet unter schwerer oder lässlicher Sünde, je nach der Intention des Gelobenden oder nach der gelobten Sache.

Man kann sich nicht unter schwerer Sünde verpflichten, etwas Unbedeutendes zu erfüllen (z. B.: ein Ave Maria sprechen, 5 Euro spenden); bei einer wichtigen Sache kann man sich je nach Intention unter schwerer oder lässlicher Sünde dazu verpflichten. Wenn man dazu keine bestimmte Intention hatte, gilt, dass eine wichtige Sache unter schwerer Sünde verpflichtet. (Wichtige Sachen sind Sachen, die die Kirche auch mal vorschreibt – z. B. zur Messe / zur Kommunion gehen, zur Beichte gehen, fasten (und bei denen man eben gelobt, sie öfter als vorgeschrieben zu erfüllen), oder solche, die etwas Großes zur Verherrlichung Gottes beitragen (z. B. Gelübde der ehelosen Keuschheit, der Armut, des Gehorsams), oder für einen selbst oder andere von großer Nützlichkeit sind (z. B. große Spenden).)

Bei der Interpretation eines Gelübdes, bei dem man sich vorher nicht in allen Einzelheiten überlegt hatte, was genau man geloben wollte, kann man der mildesten Interpretation folgen; wenn z. B. jemand versprochen hat, drei Wochen lang zu fasten, kann er sich an den Tagen, an denen die kirchlichen Fastenregeln Fastende sonst vom Fasten entschuldigen (z. B. an Sonntagen) vom Fasten entschuldigt sehen.

Wenn man ein Gelübde, für das man keinen bestimmten Zeitpunkt festgesetzt hatte, längere Zeit hinausschiebt, ist das nur lässliche Sünde, außer, wenn die realistische Gefahr besteht, dass der Wert des Gelübdes später verringert ist, oder es nicht mehr erfüllbar ist, oder man es vergisst.

Wenn man ein Gelübde länger nicht erfüllt hat und es dann nicht mehr möglich ist, es zu erfüllen, hört die Verpflichtung auf und man muss es prinzipiell auch durch kein anderes Gelübde ersetzen; trotzdem war das eine Sünde, die bereut werden muss; und was man noch erfüllen kann, muss man erfüllen. Der hl. Thomas schreibt:

„Wird das Gelobte unmöglich, so muß der betreffende thun was er kann, damit er wenigstens seinen guten Willen zeige. Wer also in einen Orden einzutreten gelobt hat, muß sein Möglichstes thun, um aufgenommen zu werden. Und hat er sich an erster Stelle zu keinem bestimmten Orden verpflichten wollen, so muß er, wenn ihm der Eintritt in dem einen Kloster verweigert wird, suchen, in ein anderes aufgenommen zu werden. Hat er aber sein Gelübde nur auf einen bestimmten Orden gerichtet wegen des Wohlgefallens an der da herrschenden Lebensart; so ist er zu Weiterem nicht verpflichtet, falls er daselbst keine Aufnahme findet. Ist es jedoch seine eigene Schuld, daß der Eintritt in einen Orden ihm unmöglich geworden, so muß er noch dazu diese seine Schuld bereuen und büßen; gleichwie die Jungfrau, welche, nachdem sie Jungfräulichkeit gelobt, verletzt worden, nicht nur das, was ihr möglich ist, thun, d. h. beständige Enthaltsamkeit beobachten, sondern auch wegen dessen, was sie durch die Sünde verloren, Buße thun muß.“ (Summa Theologiae II/II,88,3)

Die Verpflichtung eines Gelübdes kann in folgenden Fällen aufhören:

„Can. 1194 — Ein Gelübde erlischt durch Ablauf der Zeit, die als Endpunkt der Verpflichtung festgesetzt wurde, durch wesentliche Veränderung des versprochenen Gegenstandes, durch Wegfall bzw. Nichteintritt der Bedingung, von der das Gelübde abhängt, oder seines Beweggrundes, durch Dispens und durch Umwandlung.

Can. 1195 — Wer die Gewalt über den Gegenstand des Gelübdes hat, kann die Erfüllung der Verpflichtung so lange aufschieben, wie die Erfüllung des Gelübdes ihm zum Nachteil gereicht.

Can. 1196 — Außer dem Papst können aus gerechtem Grund von privaten Gelübden dispensieren, unter der Voraussetzung, daß die Dispens nicht wohlerworbene Rechte Dritter verletzt:

1° der Ortsordinarius und der Pfarrer alle ihnen Untergebenen wie auch die Fremden;

2° der Obere eines Ordensinstituts bzw. einer Gesellschaft des apostolischen Lebens, wenn sie klerikale Verbände päpstlichen Rechts sind, die Mitglieder, die Novizen und die Personen, die Tag und Nacht in der Niederlassung des Instituts bzw. der Gesellschaft leben;

3° diejenigen, denen der Apostolische Stuhl oder der Ortsordinarius die Dispensvollmacht übertragen hat.

Can. 1197 — Die durch ein privates Gelübde versprochene Leistung kann vom Gelobenden selbst in ein besseres oder gleichwertiges Gut umgewandelt werden; in eine mindere Leistung aber von dem, der die Dispensvollmacht nach Maßgabe des can.1196 hat.

Can. 1198 — Die vor einer Ordensprofeß abgelegten Gelübde bleiben so lange in der Schwebe, wie der Gelobende in dem Ordensinstitut bleibt.“

(Der Ortsordinarius ist i. d. R. der Bischof; Can. 1198 meint, dass jemand, der in einen Orden eintritt, durch früher abgelegte Gelübde nicht mehr verpflichtet ist, solange er in dem Orden bleibt.)

Wenn man ein privates Gelübde gemacht hat, das sich als unüberlegt herausstellt, kann man also den Pfarrer (Achtung: nicht jeden Priester, nur einen Pfarrer) bitten, einen zu dispensieren, d. h. davon zu entbinden, oder es einen durch etwas Geringeres ersetzen zu lassen; oder man ersetzt es einfach selbst durch ein gleichwertiges oder besseres Werk; bei öffentlichen, feierlichen Gelübden – wie den Ewigen Gelübden in einem Orden – geht es natürlich nicht so leicht.

Für Dispens von einem Privatgelübde braucht es einen „gerechten Grund“; das ist in der Kirchenrechtssprache eine Stufe unter dem „schwerwiegenden Grund“ und noch eine unter dem „sehr schwerwiegenden Grund“. Ein gerechter Grund ist nicht arg schwer zu finden, aber man darf nicht einfach ohne Grund um Dispens bitten. (Natürlich kann man das Gelübde immer einfach so durch ein besseres ersetzen, wenn man das will, aber keinen Grund für Dispens findet.)

Der hl. Thomas sagt über Dispense, dass solche, die offensichtlich ohne jeden Grund gegeben werden, denjenigen nicht von der moralischen Verpflichtung seines Gelübdes entschuldigen; im Zweifelsfall kann die zuständige Autorität aber dispensieren:

„Also würde in Dingen, die offenbar vorliegen und keinen Zweifel zulassen, die Dispens des Oberen von der Schuld nicht freisprechen; z. B. wenn der Obere dispensieren wollte jemanden vom Gelübde in einen Orden zu treten, während keinerlei Grund für die Dispens vorliegt. Erscheint aber ein Grund, welcher die Sache zum mindesten zweifelhaft macht, so kann der untergebene mit dem Urteile des Oberen sich begnügen, der da dispensiert oder das Gelübde umwandelt. Er darf aber nicht mit seinem eigenen Urteile sich begnügen, denn er vertritt nicht die Macht Gottes; es müßte denn das, was er gelobte, offenbar unerlaubt und ein Befragen des Oberen unmöglich sein.“ (Summa Theologiae II/II,88,12)

Und über Gelübde bzgl. Fasten u. Ä., die sich z. B. als gesundheitsschädlich herausstellen:

„Leidet die Natur offenbar sehr unter solchen Gelübden, so ist der Mensch zu ihrer Beobachtung nicht verpflichtet; auch wenn es ihm nicht freisteht, den Oberen um seinen Rat oder Dispens zu fragen. Die Gelübde, welche auf unnütze Dinge sich beziehen, sind vielmehr zu verlachen wie zu beachten.“ (Summa Theologiae II/II,88,2)

Wenn ein berechtigter Zweifel besteht, ob ein einfaches, privates Gelübde gültig / noch bindend ist, besteht keine Verpflichtung.

 

Dann noch zu weiteren Verwendungen des Gottesnamens:

Das Beschwören, lat. adiuratio, also jemanden mit Anrufung Gottes dazu bewegen wollen, etwas zu tun („ich beschwöre dich bei Gott, hilf mir!“, „ich verlange von dir in Gottes Namen, dass du das lässt!“) ist erlaubt aus einem angemessenen Motiv und wenn es ernsthaft gemeint ist (unernstes oder unbegründetes Beschwören ist aber nur lässliche Sünde), und natürlich wenn die Sache, die man erreichen will, moralisch erlaubt ist; auf diese Weise etwas Falsches erreichen zu wollen, ist zumindest dann, wenn es sich um etwas schwer Sündhaftes handelt, schwere Sünde. (Moralisch zwingen kann man jemanden damit an sich natürlich auch nicht.)

Auch der Exorzismus ist eine Art Beschwören – dem Dämon wird bei Gott befohlen (hier handelt es sich um einen Befehl, nicht eine Bitte wie bei Menschen), die von ihm belästigte Person zu verlassen – ; er ist allerdings nur beauftragten Priestern erlaubt; vgl. dazu diese Vorschrift im CIC:

„Can. 1172 — § 1. Niemand kann rechtmäßig Exorzismen über Besessene aussprechen, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat.

§ 2. Diese Erlaubnis darf der Ortsordinarius nur einem Priester geben, der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet.“

 

Außerdem ist das 2. Gebot gerichtet  falsches Verfluchen („Gott strafe dich dafür, dass du mir bei dem Diebstahl in die Quere gekommen bist!“, „Ich hasse dich, Gott soll dich ewig verdammen!“). Fluchen, maledicere, „Schlechtes sagen, schlechtreden“ meint verdammen, Schlechtes wünschen, um Schlechtes beten. (Es kommt für die moralische Beurteilung nicht auf die Effektivität des Wunsches an (Gott erhört natürlich keine falschen Gebete), sondern auf den Wunsch an sich.)

Das falsche Verfluchen ist je nach der Schwere dessen, was es betrifft, und der Intention (überlegt oder unüberlegt etc.) schwere oder lässliche Sünde. (Ausdrücke wie „Soll dich doch der Teufel holen“ dürften oft nur lässliche Sünden sein, weil nicht ernst gemeint – wobei der Ausdruck an sich schon sehr falsch ist.)

Tatsächlich ist laut dem hl. Thomas aber nicht jedes „Verfluchen“ falsches Verfluchen. Er schreibt:

„Wenn jemand somit dem anderen Übles wünscht oder es befiehlt, insoweit dieses ein Übel, also sein Augenmerk auf das Übel selber als solches gerichtet ist, so ist in beiderlei Weise das Verwünschen oder Verfluchen unerlaubt; — und das nennt man im eigentlichen Sinne: Verfluchen. Wenn aber das Üble gewünscht wird unter dem Gesichtspunkte des Guten, so ist dies erlaubt; denn dann richtet sich die Hauptabsicht auf das Gute.

Nun kann man, wenn man Übles wünscht, sei es in befehlender oder wünschender Weise, dies unter dem Gesichtspunkte eines doppelten Gutes thun: 1. unter dem Gesichtspunkte des Gerechten; — und so verwünscht oder verflucht der Richter jenen, der eine gerechte Strafe tragen soll; oder die Kirche, insofern sie jemanden mit dem Anathem belegt; oder die Propheten, welche nach der Schrift, der Richtschnur des gerechten Willens Gottes gleichförmig, die Sünder verfluchen, obwohl dies auch als Vorhersagung aufgefaßt werden kann; — 2. unter dem Gesichtspunkte des Nützlichen, wie wenn man dem Sünder eine Krankheit oder Ähnliches wünscht, damit er besser werde oder wenigstens anderen zu schaden aufhöre.“ (Summa Theologiae II/II,76,1)

(Auch in einem anderen Abschnitt der Summa, wo er die Vergeltung, also das Zufügen eines Übels zur Strafe, an sich behandelt, erklärt Thomas sie dann – und nur dann – für gerechtfertigt, wenn sie auf etwas Gutes wie die Besserung des Sünders, die Verhinderung weiterer schlechter Taten durch ihn, die Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit oder die Ehre Gottes gerichtet ist.)

Solches laut Thomas gerechtfertigtes Verfluchen kann man vielleicht eher ein „Gebet um Gerechtigkeit“ nennen; tatsächlich enthalten schon die sog. Fluchpsalmen in der Bibel Bitten an Gott, einem gegen ungerechte Bedränger zu Hilfe zu kommen und sie zu bestrafen. Nun ist das eine etwas komplizierte Angelegenheit, diese Psalmen sind im Alten Testament und werden im Neuen Bund gerne auch geistlich ausgelegt (Feinde = Sünde & Teufel statt bestimmte Menschen), und zu ihrer Auslegung gibt es verschiedene Meinungen; was jedenfalls immer falsch ist, ist 1) jemandem die ewige Verdammnis wünschen, 2) jemandem Schaden um des Schadens willen wünschen.

 

Außerdem verbietet das 2. Gebot die Blasphemie (Gotteslästerung) und einen respektlosen Gebrauch des Namens Gottes.

Im Katechismus heißt es:

„2148 Gotteslästerung ist ein direkter Verstoß gegen das zweite Gebot. Sie besteht darin, daß man – innerlich oder äußerlich – gegen Gott Worte des Hasses, des Vorwurfs, der Herausforderung äußert, schlecht über Gott redet, es in Worten an Ehrfurcht vor ihm fehlen läßt und den Namen Gottes mißbraucht. Der hl. Jakobus tadelt jene, ‚die den hohen Namen [Jesu] lästern, der über euch ausgerufen worden ist‘ (Jak 2,7). Das Verbot der Gotteslästerung erstreckt sich auch auf Worte gegen die Kirche Christi, die Heiligen oder heilige Dinge. Gotteslästerlich ist es auch, den Namen Gottes zu mißbrauchen, um verbrecherische Handlungen zu decken, Völker zu versklaven, Menschen zu foltern oder zu töten. Der Mißbrauch des Namens Gottes zum Begehen eines Verbrechens führt zur Verabscheuung der Religion.

Gotteslästerung widerspricht der Ehrfurcht, die man Gott und seinem heiligen Namen schuldet. Sie ist in sich eine schwere Sünde [Vgl. CIC, can. 1369].

2149 Flüche, die den Namen Gottes ohne gotteslästerliche Absicht mißbrauchen, sind ein Mangel an Ehrfurcht vor dem Herrn. Das zweite Gebot untersagt auch den magischen Gebrauch des Namens Gottes.“

Die wirkliche Blasphemie meint, wie in Nr. 2148, deutlich wird, solche Ausdrücke wie „Ich hasse Gott“, „Gott ist ungerecht“, „Gott kann mir gestohlen bleiben“ (oder schlimmeres); auch eine Verächtlichmachung des Heiligen z. B. durch bestimmte Theaterstücke, Kunstwerke, Plakate u. Ä. ist Blasphemie. Ein Scherz mit irgendeinem Bezug auf heilige Dinge, bei dem es nicht darum geht, das Heilige verächtlich zu machen, ist keine Blasphemie („Wieso sind die Israeliten 40 Jahre durch die Wüste gewandert? Weil Männer nicht nach dem Weg fragen“). Bloße Gedanken mit blasphemischem Inhalt, denen man nicht mit dem Willen zustimmt, sondern die einem ungewollt in den Kopf kommen, sind noch keine Sünde. Die Gotteslästerung ist an sich schwere Sünde, aber laut Thomas können unüberlegt z. B. aus Schock geäußerte Blasphemien im Einzelfall nur lässliche Sünde sein (also wenn z. B. jemand bei einem Schicksalschlag im Schmerz ohne nachzudenken sagt „Wie kann Gott nur so ungerecht sein!“).

Der unehrfürchtige Gebrauch des Gottesnamens / heiliger Namen ohne gotteslästerliche Absicht (s. Nr. 2149) aus Überraschung oder gerechtem Zorn („Himmelherrgottnochmal!“)  ist nur lässliche Sünde; ein solcher Gebrauch aus ungerechtem Zorn o. Ä. („Sakrament nochmal, jetzt lass mich doch in Ruhe!“) wäre normalerweise im Einzelfall auch lässliche Sünde, wenn auch eine der schwereren unter den lässlichen. (Noch weniger ist es blasphemisch, den Namen des Teufels im Zorn zu gebrauchen („Teufel nochmal“).) „Jesus, Maria und Josef, was ist da passiert!“ oder „Oh mein Gott!“ dürfte eher eine Art „informelles Gebet“ sein und damit keine Sünde; allerdings gibt es Länder, wo das als unehrfürchtig gilt (z. B. halten viele US-amerkanische Christen „Oh my God!“ oder „Jesus!“ für unehrfürchtig), und dort wäre es wohl besser, diese Ausdrücke zu unterlassen, um nicht falsch verstanden zu werden.

Insgesamt ist die Frage, wann unehrfürchtiger Gebrauch des Gottesnamens lässliche oder schwere Sünde ist, leider ein bisschen umstritten unter den Moraltheologen; manche stellen auch die Frage auf, ob eine unbekämpfte Angewohnheit, solche Ausdrücke zu verwenden, irgendwann schwere Sünde wird. Aber man kann wohl schon sagen: Der einzelne unbedachte Gebrauch heiliger Namen aus Zorn, Überraschung und ähnlichen Motiven, bei dem man nicht gegen Gott wettern will, sie nicht verwendet, speziell weil man etwas Heiliges in den Dreck ziehen will, und mit ihnen keine Blasphemie ausdrückt, ist lässliche Sünde.

In Can. 1369, auf den der Katechismus verweist, heißt es:

„Wer in einer öffentlichen Aufführung oder Versammlung oder durch öffentliche schriftliche Verbreitung oder sonst unter Benutzung von sozialen Kommunikationsmitteln eine Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt, gegen die Religion oder die Kirche Beleidigungen ausspricht oder Haß und Verachtung hervorruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden.“

Den Namen Gottes vorschnell für eigene Ideen in Anspruch zu nehmen („Jesus würde bei der nächsten bayerischen Landtagswahl hundertprozentig nur die Freien Wähler wählen“) kann auch ein unehrfürchtiger Gebrauch des Namens Gottes sein; noch viel mehr gilt das für Dinge, von denen man durch die Offenbarung eindeutig weiß, dass sie Gott missfallen („Die Einführung des Frauenpriestertums wäre der Wille Gottes“); was natürlich nicht heißt, dass man sich nie auf Gott berufen darf. Abusus non tollit usum; der Missbrauch macht den Gebrauch nicht schlecht. „Ich denke, dass es Gott gefallen würde, wenn wir dieses gute Werk tun“ wäre selbstverständlich kein falscher Gebrauch des Gottesnamens.

Das 2. Gebot ist also nicht nur, wie oben erwähnt, gegen falsches Verfluchen, sondern auch gegen falsches Gutheißen im Namen Gottes und falsches Segnen gerichtet. Segnen, lat. benedicere heißt wörtlich „Gutes sagen, gutreden, Gutes wünschen, Gutes herabrufen“; und man darf nicht Gottes Segen auf etwas herabrufen, das Gott nicht gefällt. Ein Beispiel für falsches Segnen wäre, was in einzelnen Fällen in den USA schon vorgekommen ist, dass protestantische Pastoren Abtreibungskliniken segnen.

Ein solcher Gebrauch des Gottesnamens kann je nach Schwere der Angelegenheit schwere oder lässliche Sünde sein (bei dem Beispiel mit den Freien Wählern wohl eher lässliche, bei dem mit der Abtreibungsklinik schwere).

Es gibt in der Kirche öfter die Diskussion, ob man Paare, die in dauernder Sünde leben (z. B. wiederverheiratet-geschiedene oder homosexuelle Paare) segnen könnte, wobei manchmal das Argument „sie als Personen kann man ja segnen, auch ohne die Beziehung zu segnen“ kommt. Hier kommt es darauf an, ob das Argument denn wirklich gilt. Wenn eine wiederverheiratet-geschiedene Person sich bei einem Primizsegen oder Blasiussegen anstellt, bekommt sie  ganz eindeutig einfach den Segen als Person, alles in Ordnung; wenn sie den Pfarrer aber zu ihrem „Hochzeitstag“ einlädt und er dort sie und ihren Partner segnet, ist es wahrscheinlich, dass das von ihr oder anderen als Segen für ihre Beziehung verstanden wird, was nicht in Ordnung wäre. Oder wenn eine Pfarrei eine Messe mit angebotenem Segen speziell für Schwule und Lesben am Vorabend des Christopher-Street-Day veranstalten würde: Das würde von der Öffentlichkeit ziemlich sicher als implizites Gutheißen der Auslebung der homosexuellen Neigung empfunden werden und damit die Botschaft verkünden „Aha, endlich ändert sich die Kirche“ o. Ä. (Das wäre offensichtlich etwas völlig anderes als wenn ein Apostolat für enthaltsam lebende homosexuell empfindende Katholiken wie „Courage“ einen Gottesdienst veranstalten würde.)

 

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4d: Das 1. Gebot – was die Gottesverehrung praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen. Auf Glaube, Hoffnung und Gottesliebe bin ich in den letzten drei Teilen noch näher eingegangen; jetzt also zur rechten Gottesverehrung und dazu, was dagegen verstößt.

 

Es geht bei der Gottesverehrung nicht darum, dass Gott menschliche Verehrung nötig hätte, sondern einfach darum, dass sie angemessen ist, dass sie Ihm zusteht – wie es angemessen ist, das Grab eines Familienmitglieds zu pflegen, auch wenn das dem Toten nichts „bringt“. Der hl. Thomas von Aquin sieht die Gottesverehrung als eine Untertugend der Gerechtigkeit. Außerdem nützt die Gottesverehrung dem Menschen selbst, indem sie ihn auf Gott, sein höchstes Gut, in dem er sein Glück findet, ausrichtet; Hauptziel der Gottesverehrung ist aber die Verherrlichung Gottes, nicht der Nutzen des Meschen.

Sie ist keine rein geistige Sache, sondern muss sich auch in körperlichen Handlungen ausdrücken, weil der Mensch ein Wesen aus Körper und Seele ist. Thomas schreibt wiederum:

„Ich antworte, Gott erweisen wir Ehre; — nicht zwar um Seinetwillen, denn Er ist voll von Herrlichkeit; sondern unsertwegen, damit wir, indem wir Gott ehren, unseren Geist Ihm unterwerfen. Denn darin besteht die Vollendung unseres Geistes; wie ja jede Kreatur dadurch vollendet wird, daß sie dem Höheren unterthan ist. So wird der Körper vollendet dadurch, daß er von der Seele belebt wird; die Luft dadurch, daß die Sonne sie durchleuchtet. Der menschliche Geist aber bedarf, um mit Gott verbunden zu werden, der Anleitung durch das Sinnliche, da ‚das Unsichtbare Gottes erkannt wird vermittelst des Sichtbaren.‘ (Röm. 1.) Deshalb muß man körperliche Thätigkeiten in die Gottesverehrung aufnehmen, damit dadurch wie durch Zeichen der Menschengeist aufgeweckt werde, um mit Gott sich zu verbinden. Die inneren Akte also in der Gottesverehrung sind die maßgebenden; die äußeren notwendig, aber an zweiter Stelle.“ (Summa Theologiae II/II,81,7)

Daher ist z. B. das Knien vor Gott gut, aber wenn jemand nicht mehr knien kann, macht das nichts, weil die innerliche Hingabe das Eigentliche ist.

Gott allein gebührt die Anbetung, was bedeutet, Seine absolute Erhabenheit und unsere absolute Abhängigkeit von ihm anzuerkennen. Der Katechismus sagt dazu:

„Gott anbeten heißt, in Ehrfurcht und absoluter Unterwerfung die ‚Nichtigkeit des Geschöpfs‘ anzuerkennen, welches einzig Gott sein Dasein verdankt. Gott anbeten heißt, wie Maria im Magnificat ihn zu loben, ihn zu preisen und sich selbst zu demütigen, indem man dankbar anerkennt, daß er Großes getan hat und daß sein Name heilig ist [Vgl. Lk 1,46-49].

Die Anbetung des einzigen Gottes befreit den Menschen von der Selbstbezogenheit, von der Sklaverei der Sünde und der Vergötzung der Welt.“

Diese Anbetung ist der ganzen Person Jesus (nicht nur Seiner Gottheit, weil Seine Menschheit und Seine Gottheit in der hypostatischen Union untrennbar verbunden sind) und dementsprechend auch dem Allerheiligsten Sakrament – dem gewandelten Brot und Wein – geschuldet, weil es sich hier wirklich um Jesus handelt. Auf eine indirekte Weise betet man Gott an, indem man Dinge mit engem Bezug zu ihm, also z. B. bildliche Darstellungen Jesu, Kreuzesreliquien, die Orte des Lebens und Leidens Jesu usw., ehrt (nur ehrt, nicht selbst anbetet); eine vergleichbare Verehrung ist auch den Gott besonders nahen Personen, die seine Herrlichkeit spiegeln, also den Engeln und den Heiligen im Himmel, insbesondere der von Ihm über alle anderen Geschöpfe erhobenen Muttergottes geschuldet; und auch bei ihnen ehrt man mit ihnen zusammenhängende Gegenstände und ihre Leichname.

Bei der Anbetung Gottes spricht man von latria, bei der Heiligenverehrung von dulia, bei der besonderen Verehrung der Gottesmutter von hyperdulia.

Öffentliche Verehrung in der gesamten Weltkirche ist für die Heiligen erlaubt; öffentliche lokale Verehrung in ihrer Diözese für die Seligen; private Verehrung für alle Toten, von denen jemand meint, dass sie verehrungswürdig und im Himmel sind.

Gott kommt auch das Opfer zu, worüber der hl. Thomas sagt: „Das äußerliche Opfer nun ist ein Zeichen des innerlichen, kraft dessen die Seele sich selbst Gott aufopfert“ (Summa Theologiae II/II,85,2); und: „Das Gute in der Seele wird im inneren Opfer durch die Andacht, durch das Gebet und dergleichen innere Akte Gott dargebracht; und das ist das hauptsächlichste Opfer. Das Gute des Körpers wird dargebracht im Martyrium und im Fasten; die äußeren Güter direkt im Opfer [gemeint sind z. B. die Spenden an die Kirche bei der Gabenbereitung], mittelbar in Almosen, die wir um Gottes willen geben.“ (Summa Theologiae II/II 85,3) Und:

„Ich antworte, zum innerlichen Opfer seien alle verpflichtet; denn alle sollen einen andachtsvollen Geist Gott darbringen. Mit Rücksicht auf das äußerliche Opfer aber muß unterschieden werden. […] Dann aber 2. können die anderen Tugendwerke, die schon an sich etwas Gutes sind und Wert haben, zur Bezeigung der Ehrfurcht vor Gott benützt werden; und von solchen Tugendwerken sind manche geboten und manche nicht. […]

Die Priester opfern jene Opfer, die zum Kulte Gottes eigens und von vornherein bestimmt sind, für sich und für andere. Außerdem giebt es Opfer, die jeder für sich darzubringen hat.“ (Summa Theologia II/II,85,4)

Natürlich kann man in einem anderen Sinn auch sagen, dass man sich für andere Menschen „aufopfert“; aber hauptsächlich und zuallererst opfert man eben Gott durch Gebet, die Einhaltung der Fastenregeln usw., Priester durch die Darbringung des Messopfers, an dem die Laien auch teilnehmen, usw. Jedenfalls ist es angemessen, Gott, von dem man alles hat, quasi etwas „zurückzugeben“, auch wenn Gott einen bekanntlich nicht braucht, und das, was man Ihm zurückgibt, ob Zeit, Aufmerksamkeit, Bequemlichkeit, bestimmte Dinge etc., auch von Ihm ist, oder sogar Er selber ist (im Messopfer). Der Katechismus sagt:

„Das einzige vollkommene Opfer ist jenes, das Christus am Kreuz in völliger Hingabe an die Liebe des Vaters und zu unserem Heil dargebracht hat [Vgl. Hebr 9,13-14. ]

Indem wir uns mit seinem Opfer vereinen, können wir unser Leben zu einer Opfergabe an Gott machen.“

Das Gebet (also die Erhebung des Herzens zu Gott, die Anrufung Gottes, die Bitte an Gott um das, was man braucht) ist eine Pflicht der Gottesverehrung. Ab wann die Vernachlässigung des Gebets zur Sünde wird, ist unter den klassischen Moraltheologen umstritten; auch bei der Messe betet man schon, wenn man dabei teilnimmt; und ansonsten üblich sind meistens das Morgen-, das Abend- und das Tischgebet; aber wenn man dafür keine Zeit oder Gelegenheit hat, kann man sie auch durch Gebete zu anderen Zeiten ersetzen. Wenn man nicht zumindest täglich irgendwann mal ein wenig betet, dürfte das meistens eine lässliche Sünde sein; gar nicht zu beten an sich eine schwere. Der hl. Alfons rechnet es als sicher schwere Sünde, wenn man einen Monat lang nicht gebetet hat. Auch mit dem Gebet ehrt man Gott als den, auf den man angewiesen ist und von dem man Hilfe erwarten kann; und Jesus hat das Gebet klar befohlen; es ist auch deshalb befohlen, weil es nötig ist als Hilfe gegen Versuchungen. Auch und gerade dann, wenn das Gebet einem schwerfällt und man sich dazu durchringen muss, hat es großen Wert vor Gott. Ablenkung im Gebet ist eine lässliche Sünde.

Für Kleriker und einige Ordensleute, zu deren Ordensleben das Chorgebet gehört, ist das Brevier (Stundengebet) verpflichtend (außer natürlich bei Dispens, Krankheit, anderweitiger Verhinderung); s. dazu Can. 276 § 2 Nr. 3  und Can. 1173-1175.

Heilige, Engel und andere Menschen auf der Erde kann man um ihre Fürbitte bitten; das Gebet im engen Sinn richtet sich an Gott.

Wenn jemand Anbetung, Opfer, Gebet völlig unterlässt und sich nicht um Gott kümmert, wäre das demnach prinzipiell schwere Sünde. Das kann man als praktischen Atheismus bezeichnen. Theoretischer Atheismus, der die Existenz Gottes leugnet (in seinen verschiedenen Formen: atheistischer Humanismus, der meint, dass der Mensch sich selbst genügt, atheistischer Materialismus, der meint, dass das Materielle alles sei, usw.), Agnostizismus, der die Gottesfrage für nicht entscheidbar erklärt, und religiöser Indifferentismus, der sie für unwichtig und alle Formen der Gottesverehrung für gleich gut oder schlecht erklärt, sind ebenfalls Sünden gegen die Gott geschuldete Verehrung, jedenfalls dann, wenn sie nicht aus unverschuldeter Unwissenheit, sondern aus Undankbarkeit, Desinteresse, bewusster Blindheit, aus der Einstellung, dass Gott, selbst wenn es Ihn geben sollte, nicht wichtig wäre, o. Ä. kommen. Ab und zu findet man ja z. B. eher die Einstellung, dass jemand sich Agnostiker nennt, weil ihm das gerade gefällt und dieses Label keine Verpflichtung und Festlegung bedeutet; das wäre Sünde.

Zum Atheismus und Agnostizismus sagt der Katechismus:

„Oft basiert der Atheismus auf einer falschen Auffassung von der menschlichen Autonomie, die so weit geht, daß sie jegliche Abhängigkeit von Gott leugnet [Vgl. GS 20,1]. Es ist jedoch so, ‚daß die Anerkennung Gottes der Würde des Menschen keineswegs widerstreitet, da diese Würde in Gott selbst gründet und vollendet wird‘ (GS 21,3). Die Kirche weiß, ‚daß ihre Botschaft mit den verborgensten Wünschen des menschlichen Herzens übereinstimmt‘ (GS 21,7). […]

Im Agnostizismus kann zuweilen ein gewisses Suchen nach Gott liegen; er kann aber auch auf Gleichgültigkeit beruhen, auf einer Flucht vor der letzten Daseinsfrage und einer Trägheit des Gewissens.“

Undankbarkeit gegenüber Gott oder Überdruss gegenüber geistlichen Dingen (acedia) (denen man innerlich mit dem Willen zustimmt), sind je nach dem einzelnen Fall mehr oder weniger gravierende Sünden, und öfter mal das Motiv für äußere Sünden gegen die Gottesverehrung.

 

Jetzt zu weiteren möglichen Sünden gegen dieses Gebot, bei denen es nicht um ein Fehlen der Verehrung, sondern um eine falsche Verehrung geht, was der hl. Thomas unter dem Oberbegriff Aberglaube (superstitio) zusammenfasst. Es gibt verschiedene Arten davon.

Man kann den wahren Gott auf eine unangemessene oder falsche Weise verehren, z. B. indem man im Neuen Bund noch die Zeremonien des Alten Bundes pflegt; indem man Wunder oder falsche Privatoffenbarungen erfindet oder Reliquien fälscht; indem man neue Formen des Gottesdienstes einführt, die Irriges oder Unsinniges über Gott aussagen (z. B. Fürbitten für Dinge hält, die gegen Gottes Gebote verstoßen, Beziehungen segnet, die gegen Gottes Gebote verstoßen, wie Zweit“ehen“ nach Scheidungen); indem man Gottesdienst auf eine Weise feiert, die die Kirche nicht vorsieht; u. Ä. Dazu sagt der hl. Thomas: „Denn wie das ein Fälscher ist, der Aufträge von einem anderen ausrichtet, die ihm nicht anvertraut worden sind; so thut der Diener der Kirche etwas Falsches, der seitens der Kirche einen Kult Gott darbringt, welcher gegen den von der Kirchenautorität gebilligten Kult verstößt.“ (Summa Theologiae II/II,93,1)

Bei Geringfügigkeit und Mangel an bösem Willen & bewusstem Übertreten des Gebots wäre das oft nur lässliche Sünde – also wenn ein Priester z. B. in der Messe die Kinder einlädt, sich zum Vaterunser um den Altar aufzustellen, weil er das so gewohnt ist und meint, das würde ihnen die Messe näherbringen; falscher Kult kann aber in schwerwiegenderen Fällen auch schwere Sünde sein; ein mögliches Beispiel wäre, wenn ein Priester einen Gottesdienst für ein Paar feiern würde, das nicht gültig kirchlich heiraten kann, weil einer von ihnen schon mit jemand anderem gültig verheiratet ist.

Der Gottesdienst ist Gottesdienst der gesamten Kirche, den sie dem Herrn darbringt; der einzelne nimmt daran teil und findet sich in diese Gemeinschaft hinein, und muss und darf ihn sich nicht nach eigenem Geschmack neu erfinden (wobei gewisse Variationen ja sowieso schon erlaubt und vorgesehen sind); sonst wird der einzelne Mensch / die einzelne Pfarrei o. Ä. statt Gott in den Mittelpunkt gestellt; deshalb sind liturgische Missbräuche Sünde. Außerdem haben die Laien das Recht, in jedem katholischen Gottesdienst auf der Welt das vorzufinden, was allgemein vorgesehen ist; des weiteren ist es einfach eine Frage des kirchlichen Gehorsams.

Aberglaube, der in einer falschen Form der Verehrung des richtigen Gottes besteht, kann eine Art „Exzess“ in der Gottesverehrung sein; oder besser gesagt, nicht in der Gottesverehrung selbst, wo man nicht zu viel tun kann, sondern in bestimmten Dingen, die zur Gottesverehrung gehören, und die aus ihrem Zusammenhang gerissen und unnötig übertrieben werden:

„Was aber zur Unterwerfung von Leib und Seele unter Gott und zu seiner Ehre nicht gehört oder absieht von der Anordnung Gottes und der Kirche oder gegen den gemeinen Brauch (welcher nach Aug. ep. 36. Gesetzeskraft hat) ist; das Alles ist als überflüssig und abergläubisch zu betrachten, weil es nur in Äußerlichkeiten bestehend zum inneren Kulte Gottes nicht gehört. Deshalb wendet Augustin (de vera Relig. c. 3.) das Wort des Herrn: ‚Das Reich Gottes ist in euch‘ gegen die Abergläubischen an, die hauptsächlich auf Äußerliches achtgeben.“ (Summa Theologiae II/II,93,2)

Man kann auch etwas wie Gott verehren, das nicht Gott ist. Zunächst mal richtete sich das 1. Gebot, das Mose am Sinai von Gott kommuniziert wurde, vorrangig gegen den Götzendienst (Idolatrie), also dagegen, irgendeinem anderen angeblich oder tatsächlich existierenden Wesen oder Ding gottgleiche Ehren zukommen lassen: Keine Opfer dem Baal, dem Moloch und der Astarte. Heute sind zwar wenige Christen in Versuchung, dem Baal, dem Moloch und der Astarte zu opfern, aber natürlich hat dieses Gebot noch seine Bedeutung. Es gibt in einigen Ländern (z. B. Indien) und natürlich in neuheidnischen Kreisen sehr wohl noch die Verehrung anderer Götter und Geister; es gibt Pantheisten, die die Natur als göttlich verehren. Alles Idolatrie und nicht erlaubt: Nur einer ist der Urgrund allen Seins und verdient Anbetung, und Er steht außerhalb der Welt, ist allmächtig, allwissend, allgütig, der Schöpfer und der Richter. Die schlimmste Art der Idolatrie – und deutlich schlimmer als gutgläubiger Poly- oder Pantheismus, der mehr ein oft schuldloser Irrtum bei einem an sich guten religiösen Impuls sein dürfte – wäre der Satanismus.

Es ist auch materielle Idolatrie, nur die äußere Handlung zu vollziehen, die anderen zeigt, dass man etwas anbetet, auch wenn man innerlich nicht an diese anderen Götter glaubt, also z. B. wenn Christen in der Antike dem Kaiserbild Weihrauch opferten, um nicht als Christen verurteilt zu werden; dazu sagt Thomas: „Denn da der äußere Kult nur ein Zeichen ist des inneren, so ist es ebenso eine verderbliche Lüge, wenn jemand einen äußeren Kult erweist jenem, dem er denselben in seinem Innern verweigert; als wenn jemand mit Worten den wahren Glauben leugnet, den er im Innern festhält.“ (Summa Theologiae II/II,94,2) Formelle Idolatrie wäre die wirkliche Anbetung.

Die Idolatrie (sowohl materiell als auch formell) ist an sich eine schwere Sünde. Der hl. Thomas hält sie sogar für theoretisch, wenn auch nicht immer praktisch, die schwerste: „Wird die Sünde des Götzendienstes an sich betrachtet, so ist keine Sünde schwerer. Denn wie im irdischen Gemeinwesen am schwersten sich verfehlt, wer königliche Ehren einem anderen erweist wie dem wahren Könige, weil er dadurch die ganze staatliche Ordnung verkehrt; ist unter den Sünden, welche unmittelbar gegen Gott sich wenden, also unter den größten, die größte der Götzendienst, weil der Götzendiener sich einen anderen Gott macht und so den göttlichen Vorrang vermindert. Kommt freilich die Verfassung des Sünders in Betracht, insoweit wer aus Unkenntnis z. B. sündigt minder sündigt wie jener, der aus Bosheit, mit Vorwissen nämlich sündigt, so steht dem nichts entgegen, daß die Häretiker schwerer sündigen, die mit Vorwissen den Glauben verderben, wie die Götzendiener, die unwissend sündigen. Und so können auch andere Sünden größer sein, die mehr aus innerer Verachtung und Bosheit des Sünders hervorgehen.“ (Summa Theologiae II/II,94,3)

Von spirituellen Praktiken aus östlichen Religionen und esoterischen Sekten, die Pantheismus, Monismus o. Ä. voraussetzen, sollte man sich fernhalten. Manchmal taucht die Frage nach Yoga auf; hier ist es einfach so, dass es moralisch erlaubt ist, die körperlichen Übungen (z. B. gegen Rückenschmerzen) anzuwenden, wenn sie helfen, aber nicht die mit Yoga verbundene Spiritualität zu übernehmen.

Man bezeichnet es öfter als Quasi-Götzendienst, etwas anderes (z. B. Besitz, Selbstoptimierung, Ansehen, eine Nation, eine Partei…) praktisch an die Stelle Gottes zu setzen; das ist allerdings etwas, das prinzipiell irgendwo bei jeder Sünde geschieht; dabei wird immer etwas anderes Gott vorgezogen. Somit kann man sagen, dass jede Sünde im übertragenen Sinn etwas von Idolatrie hat, aber eben nur im übertragenen Sinn. Eine formelle Vergötterung z. B. der Natur, des Schicksals, der Ahnen, oder auch ein ausdrückliches, bewusstes Vorziehen der Parteidoktrin gegenüber der göttlichen Offenbarung wäre etwas anderes.

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(Anbetung des Goldenen Kalbes, Fuldaer Weltchronik. Gemeinfrei.)

Aberglaube im engen Sinn ist es, einem Ding oder Wesen Kräfte zuzuschreiben (oder sich selber anzumaßen), die es nach der Ordnung in Gottes Schöpfung nicht besitzt, wobei das Ziel normalerweise ist, sich besondere Macht oder Wissen über sein Schicksal zu verschaffen. Schutzamulette und Glücksbringer etwa sind Aberglaube und ihr Gebrauch verstößt gegen die Vernunft und gegen Gottes Ordnung.

Auch manche auf den ersten Blick katholischen wirkenden Praktiken können abergläuisch werden; es ist Aberglaube, einem bestimmten Gebet oder Heiligenbild o. Ä. unfehlbare Wirkung aus sich heraus zuzuschreiben – wenn ich diese Worte aufsage oder dieses Ding bei mir trage, kann ich gar nicht in die Hölle kommen, oder nicht krank werden, oder was auch immer, und weiter muss ich auch nichts tun. Hier meint man, Gott quasi mechanisch bezwingen zu können und vergisst, dass solche Sakramentalien die Kooperation des freien Willens und den festen Glauben brauchen. (Das trifft natürlich nicht Rituale, die Gott selbst befohlen hat und bei denen Er eine bestimmte Wirkung unter bestimmten Umständen eindeutig zugesagt hat; sprich die Sakramente; so wirkt z. B. die mit der richtigen Intention gesprochene Taufformel zusammen mit dem Taufwasser, oder die Konsekrationsformel, die ein gültig geweihter Priester mit der richtigen Intention über Brot und Wein spricht, tatsächlich immer, aber eben durch Gott.)

Solche Dinge (Talismane, Verwendung von Heiligenbildern wie Talismane, usw.) sind in der Praxis oft nur lässliche Sünden, z. B. bei Leuten, die in dieser Hinsicht einfach naiv und leichtgläubig sind und sich nicht wirklich bewusst sind, etwas Falsches zu tun; aber prinzipiell kann Aberglaube eine schwere Sünde sein; die Sünde liegt oft vor allem in der Irrationalität, und bei Aberglaube, der mit Gott nichts zu tun hat, in der Bindung an vage erahnte andere Mächte statt dem Vertrauen auf den persönlichen Gott, den man erkannt hat.

Abergläubisch ist es auch, vermeintlichen Omen Bedeutung zuzuschreiben, auf schlechte Vorzeichen oder Unglückstage zu achten (Freitag der 13. usw.), und Wahrsagerei zu betreiben (Astrologie, Handlesen, Bleigießen etc.), bei der man Macht haben will, die Zukunft zu wissen, die nur Gott kennt. Der Katechismus sagt: „Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.“ Bei der Wahrsagerei findet man manchmal auch einen gewissen Fatalismus, einen Glauben an eine Vorherbestimmung, die den freien Willen beiseiteschiebt.

Der hl. Thomas sortiert die Wahrsagerei in drei Kategorien: 1) Bloße Beobachtung von scheinbaren Omen (z. B. Astrologie); 2) das Tun von etwas, aus dem die Zukunft erkannt werden soll, also das Bewirken scheinbarer Omen (z. B. Bleigießen); 3) das ausdrückliche Anrufen von Geistern/Dämonen, die einem die Zukunft offenbaren sollen. Letzteres ist am schlimmsten, besonders, wenn man hier einen anderen Geist als Gott Verehrung/Opfer zukommen lässt.

Das, was man „Hexerei“ oder heute eher „Okkultismus“ nennt, gibt es bekanntlich auch heute noch; besonders z. B. in afrikanischen Ländern, aber nicht nur. Hierzu gehört es auch, wenn Spiritisten Gläserrücken veranstalten oder ein „Medium“ einen Geist durch sich weissagen lassen will. Dabei öffnet man sich leider immer irgendwo für die Welt der Dämonen, auch wenn man sagt, man will nur gute Geister oder Geister von Toten erreichen.

Es gibt nun mal gefallene, von Gott abgewandte Engel, die auch Gottes anderen Geschöpfen, den Menschen, feindlich gesonnen sind, und ja, sie können Zugang zu Menschen finden, die sich für sie öffnen; hierher können u. U. auch dämonische Belastung und im Extremfall Besessenheit kommen, weshalb die Kirche einzelne Priester als Exorzisten beauftragt, um über Betroffene Befreiungsgebete zu sprechen. Auch wenn in vielen Fällen Betrug, Autosuggestion u. Ä. als Erklärung genügen: Es gibt wirklich unerklärliche Phänomene bei Spiritismus/Okkultismus. Wenn hier Geister antworten, ist es natürlich schon deshalb falsch, diesen Geistern Glauben zu schenken, weil die Dämonen irgendwann und irgendwo mit Lügen kommen werden und einem höchstens vorläufig die Wahrheit sagen, um einen später zu täuschen; die Zukunft unfehlbar vorherwissen können sie außerdem nicht, sondern sie höchstens abschätzen, weil sie intelligenter als Menschen sind. Gute Engel und Verstorbene antworten natürlich nicht auf solche lächerlichen Herbeizitierungsversuche; wenn Gott ihnen erlaubt, einem zu erscheinen, kommen sie von selbst (den Einwand, dass Samuel Saul bei so etwas erschienen sei, beantwortet der hl. Thomas mit einem Verweis auf Augustinus hier).

Am schlimmsten sind Schadenszauber/Flüche, bei denen man bewusst Geister anruft, die schaden sollen. Das ist etwas, das z. B. in Afrika noch sehr häufig vorkommt; aber es gibt es sehr wohl auch im Westen; in den USA etwa haben sich selbst ernannte Hexen aus neopaganen Kreisen schon daran gemacht, unliebsame Politiker zu „verhexen“.

Kann Hexerei, bei der jemand Geister anruft und bei der die Dämonen tatsächlich antworten, wirken? Erlaubt Gott den Dämonen die Macht, einen Schadenszauber wirksam werden zu lassen? Gute Frage, die aber über das Thema dieses Artikels hinausgeht; jedenfalls können sie, falls das je der Fall sein sollte, durch das vertrauensvolle Gebet zu Gott unschädlich gemacht werden.

Wenn jemand Gott bitten würde, ihm ein die Zukunft betreffendes Zeichen zu senden, wäre das kein Aberglaube, schließlich unterwirft man sich hier Gott und es ist nur eine Bitte. Andere bewusst durch Wahrsagerei o. Ä. zu betrügen ist eine schwere Sünde; nicht nur wegen des Betrugs, sondern auch wegen der Verführung zum Aberglauben. Wenn man z. B. sein Horoskop liest, um sich darüber lustig zu machen, ist das keine Sünde; wenn man halbernst mit solchen Dingen umgeht und sie aus Neugier testen will, weil man sich innerlich denkt, dass vielleicht doch etwas dran sein könnte, ist das schon Sünde, wenn auch vielleicht nicht immer schwere. Wenn jemand wegen einer vagen abergläubischen Furcht etwas an sich Indifferentes meidet (z. B. einen Termin nicht auf einen Freitag den 13. legt), wäre das eher nur lässliche Sünde. Moralisch in Ordnung sein kann es, abergläubische Dinge, die von anderen betrieben werden, zu beobachten, um zu sehen, ob bewusster Betrug dahintersteckt oder es andere natürliche Erklärungen gibt; falsch und gefährlich wäre es allerdings, z. B. jemanden erst zu einer Séance anzustiften, weil man hier einem anderen Anlass zur Sünde wird, oder selbst eine durchzuführen, weil man damit experimentieren will.

Eine Frage bleibt hier noch: Was ist mit Götterbildern? In der Bibel heißt es beim 1. Gebot: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen.“ (Ex 20,2-5)

Das Gebot, kein Gottesbild zu machen, betraf natürlich vor allem die Anfertigung von Bildern anderer Götter; aber im Alten Bund war auch die Anfertigung von Bildern des wahren Gottes verboten, um den Israeliten beizubringen, dass Gott erstens völlig anders als alles Irdische und sich nicht in einem Bild einfangen lässt, und zweitens zu verhindern, dass sie die Bilder selbst anbeteten, da man in den damaligen heidnischen Kulten, von denen Israel umgeben war, Götterbilder selbst für göttlich hielt.

Dieses Gebot gilt im Neuen Bund nicht mehr, weil diese direkte Notwendigkeit weggefallen ist, aber hauptsächlich, weil Gott sich selbst in Jesus ein Angesicht gegeben hat. (Vgl. dazu die Aussagen des 2. Konzils von Nizäa.)

(Alle Bilder waren aber auch im Alten Bund nicht verboten: Gott selbst befiehlt z. B. die Anfertigung der Kerubim für die Bundeslade.)

 

Dann gibt es Sünden, die sich quasi direkt gegen Gott richten, statt etwas an Seine Stelle zu setzen oder Ihn auf falsche Weise zu verehren.

Eine solche Sünde wäre: Gott versuchen/herausfordern. Hier ist gemeint, eine Eigenschaft Gottes in Frage zu stellen, wie seine Allmacht oder vollkommene Güte. „Wenn Gott wirklich gut ist, soll Er es mir hiermit beweisen.“ Die Sünde liegt hier einfach darin, dass man etwas, auf das man vertrauen kann und muss, weil man es mit der Vernunft erkannt hat, preisgibt, wenn man irgendwie angefochten wird. An sich schwere Sünde. Vgl. dazu auch die Versuchung Jesu durch den Teufel und Seine Antwort: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ (Matthäus 4,7)

Eine implizite Herausforderung Gottes (die in einer wenig schwerwiegenden Angelegenheit nur lässliche Sünde sein kann) ist es, wenn man sich darauf verlässt, dass Gott für einen ein Wunder wirken wird (was schließlich niemand einfordern kann und niemandem versprochen wurde), oder sich ohne jeden Grund in große Gefahr für Seele oder Leben begibt und erwartet, dass Gott einem heraushelfen wird. (Wenn man so etwas nur z. B. als Mutprobe tut, ohne Gottes Hilfe zu erwarten, ist es zwar auch eine Sünde, aber eine gegen das 5., nicht gegen das 1. Gebot; gegen die Selbstliebe, nicht gegen Gott.)

Es ist etwas ganz anderes, sich mit gutem Grund in eine Gefahr zu begeben, und darauf zu vertrauen, dass Gott einem irgendwie helfen wird.

Der hl. Thomas unterscheidet außerdem: Wenn also jemand ein Zeichen von Gott erbittet, um Gottes Macht, Güte, Weisheit zu erproben, so heißt das: Gott versuchen; — fleht er um ein Zeichen, damit er belehrt werde, welches in einem besonderen Falle der Wille Gottes, sei; so ist dies keine Sünde.“

Und: „Wenn aber der versuchende Gottes Gewalt anderen zeigen will, ist das keine Sünde; denn es liegt dann für das Versuchen eine rechtmäßige Notwendigkeit vor oder ein frommer Nutzen und all jenes Andere, was, damit dies erlaubt sei, gegeben sein muß. So baten die Apostel den Herrn, daß im Namen Jesu Zeichen geschähen, nach Act. 4.; damit nämlich Christi unendliche Mächt offenbar werde.“ (Summa Theologiae II/II,97,2)

Eine weitere Sünde wären Sakrilegien, wobei etwas, das Gott geweiht ist, verunehrt wird. Sakrilegien können sich auf Personen, Orte und Sachen beziehen.

Bzgl. Personen: Hier geht es um Gott in besonderer Weise geweihte, für seinen Dienst ausgesonderte Personen, also geweihte Kleriker, und Menschen mit öffentlichen Gelübden, v. a. Ordensleute (Personen mit Privatgelübde zählen streng genommen nicht dazu). Sakrilegien in Bezug auf gottgeweihte Personen wären Unkeuschheitssünden von/mit/an ihnen (gewollte Gedankensünden eingeschlossen), physische Verletzung von ihnen (Tötung, Körperverletzung), und Entfremdung vom Gottesdienst – also wenn ein Staat Priester zum Militärdienst einziehen will o. Ä. Sonstige Verbrechen gegen sie, die sich nicht besonders gegen ihren Gott gewidmeten Charakter beziehen, wären keine Sakrilegien (z. B. begeht ein Taschendieb, der eine Nonne bestiehlt, nur einen Diebstahl, kein Sakrileg).

Bzgl. Orten: Hier sind Handlungen in Kirchen, Kapellen, Privatkapellen, Heiligtümern, auf Altären und Friedhöfen gemeint, die die Heiligkeit des Ortes verletzen, also schwere äußere Sünden (Blutvergießen, Unzucht…), profane Tätigkeiten, die die Heiligkeit des Ortes klar verletzen (also z. B. wenn man in einer Kirche einen Jahrmarkt veranstalten würde, vgl. dazu auch die Tempelreinigung durch Jesus), oder ein Einbruch in eine Kirche, oder solche Verbrechen von Kirchengegnern, die darauf zielen, einen heiligen Ort zu entweihen. In Can. 1211 heißt es über besonders schwere und öffentlich bekannte Sakrilegien:

„Heilige Orte werden geschändet durch dort geschehene, schwer verletzende, mit Ärgernis für die Gläubigen verbundene Handlungen, die nach dem Urteil des Ortsordinarius so schwer und der Heiligkeit des Ortes entgegen sind, daß es nicht mehr erlaubt ist, an ihnen Gottesdienst zu halten, bis die Schändung durch einen Bußritus nach Maßgabe der liturgischen Bücher behoben ist.“

Ein bloßer Mangel an Ehrfurcht, der noch nicht allzu schlimm wird, wäre eher lässliche Sünde; also solche Sachen wie: Beim Besuch einer Kirche als Tourist etwas essen oder trinken oder laut reden oder schlampig angezogen sein; beim Betreten der Kirche als Mann den Hut nicht abnehmen. Moralisch erlaubt wäre z. B., im Eingangsbereich einer Kathedrale einen Shop mit Rosenkränzen und Gebetbüchern betreiben, wenn dabei das eigentliche Geschehen in der Kirche nicht gestört wird; als Obdachloser in einer Kirche übernachten, wenn man keine andere Möglichkeit hat; oder religiöse Konzerte, Benefizkonzerte, religiöse Vorträge o. Ä. in Kirchen, die die Kirche erlaubt. Vgl. dazu:

„Can. 1210 — An einem heiligen Ort darf nur das zugelassen werden, was der Ausübung oder Förderung von Gottesdienst, Frömmigkeit und Gottesverehrung dient, und ist das verboten, was mit der Heiligkeit des Ortes unvereinbar ist. Der Ordinarius kann aber im Einzelfall einen anderen, der Heiligkeit des Ortes jedoch nicht entgegenstehenden Gebrauch gestatten.“

Bzgl. Sachen: Hier geht es um die Entehrung der Sakramente (s. ein Stück weiter unten) oder von gesegneten, für einen religiösen Zweck gedachten Gegenständen, wie z. B. Heiligenstatuen, Kruzifixen, liturgischen Geräten, die ausschließlich für den Gottesdienst gedacht sind, etc. In Can. 1171 heißt es „Heilige Sachen, die durch Weihung oder Segnung für den Gottesdienst bestimmt sind, sind ehrfürchtig zu behandeln und dürfen nicht zu profanem oder ihnen fremdem Gebrauch verwendet werden, selbst dann nicht, wenn sie Eigentum von Privatpersonen sind.“ So ein Sakrileg wäre z. B., eine Heiligenstatue mit spöttischen Slogans zu bekritzeln oder eine Patene als normalen Teller zu verwenden.

Nicht mehr brauchbare heilige Gegenstände (wie eine kaputte gesegnete Heiligenstatue oder einen kaputten gesegneten Rosenkranz, ein Skapulier, einen Palmboschen aus dem Vorjahr, etc.) würde man nicht einfach in den Müll werfen, sondern auf gesonderte respektvolle Weise entsorgen – z. B. durch Verbrennen oder Vergraben, oder dadurch, sie in möglichst kleine Teile zu brechen, bis sie nicht mehr erkennbar sind, und diese Teile wegzuwerfen. (So wird verhindert, dass sie in ihrer bestehenden Form unwürdig behandelt werden.) Ähnliches gilt auch für verdorbene konsekrierte Hostien, wobei es hier natürlich wesentlich schwerwiegender wäre, sie einfach wegzuwerfen. – Eine religiöse Zeitschrift oder einen Flyer, auf dem auch Abbildungen von Heiligen oder Heiligenbildern abgedruckt sind, ins Altpapier oder den Müll zu werfen, ist kein Sakrileg; hier handelt es sich sowieso nicht um zur Verehrung gedachte Bildnisse, sondern nur um Abdrucke zur Information oder Illustrierung; gesegnet sind sie auch nicht. Auch Andachtsbildchen sind nicht gesegnet und können wie normale Bilder behandelt werden, das gleiche gilt für Gebetbücher u. Ä.

Auch normale Dinge des Alltagsgebrauch, die gesegnet wurden, auf normale Weise zu verwenden, ist kein Sakrileg (z. B. die Eierschalen von in der Osternacht gesegneten Ostereiern wegzuwerfen – auch wenn es ein frommer Brauch ist, sie stattdessen zu verbrennen).

Außerdem begeht ein Sakrileg, wer Dinge, die zum Gottesdienst gedacht sind, unrechtmäßig in seinen Besitz bringt – also z. B. ein Dieb, der liturgische Gefäße stiehlt, oder eine Regierung, die Kirchen konfisziert.

Auch Worte der Hl. Schrift für schlechte Dinge (z. B. Hassparolen gegen Gott) zu missbrauchen ist ein Sakrileg.

Auch der Empfang oder die Spendung der Sakramente im Stand der Todsünde ist ein Sakrileg; wobei es, wenn ein Priester im Stand der Todsünde ist und z. B. die Messe feiern muss, bevor er beichten kann, genügt, wenn er vollkommene Reue erweckt und sich vornimmt, möglichst bald zu beichten; unter dringenden Umständen kann auch ein Laie in so einer Situation ein Sakrament empfangen, aber eben nur mit Reue. Wenn jemand im Stand der Todsünde und ohne Reue (also unwürdig) Sakramente wie z. B. das Sakrament der Firmung oder der Ehe empfangen hat, wurden sie gültig, aber unwirksam empfangen; d. h. derjenige ist zwar gefirmt oder verheiratet, aber die besondere Gnadenwirkung bleibt aus und lebt erst wieder auf, wenn er sich bekehrt.

Das schlimmstmögliche Sakrileg wäre natürlich eins bzgl. des Allerheiligsten Sakraments; auch eine Beichte ohne Reue wäre sehr schlimm; aber zu beidem in anderen Beiträgen eigens genauer.

Sakrilegien sind immer schlimmer, wenn sie mit der Absicht passieren, etwas Heiliges zu entweihen, nicht aus bloßer Gleichgültigkeit, oder aus bloßer Unachtsamkeit; außerdem kommt es natürlich darauf an, wogegen genau sich ein Sakrileg richtet. Es ist offensichtlich ein großer Unterschied, ob jemand einen kaputten gesegneten Rosenkranz wegwirft, weil er sich keine Gedanken darum gemacht hat, dass es dafür besondere Regeln geben könnte (keine oder höchstens lässliche Sünde), oder ob jemand aus Hass auf Gott eine Schwarze Messe mit einer konsekrierten Hostie feiert (sehr schwere Sünde).

Der hl. Thomas schreibt über die verschiedene Schwere von Sakrilegien an Sachen:

„Unter den übrigen heiligen Sachen stehen nun an der Spitze die Sakramente selber; und unter diesen ist das erste die heilige Eucharistie, welche Christum selber enthält. Der Gottesraub also, der sich gegen dieses Sakrament richtet, ist der schwerwiegendste von allen. Nach den Sakramenten kommen dann die heiligen Gefäße, die den Sakramenten dienen; die heiligen Bilder, die Reliquien der Heiligen, in denen die Personen dieser Heiligen selbst gleichsam geehrt oder verunehrt werden; — dann was zum Schmucke der Kirchen und der Diener des Kultus gehört; — und endlich für den Unterhalt der letzteren bestimmt ist, seien dies bewegliche oder unbewegliche Dinge.“ (Summa Theologiae II/II,99,3)

 

Eine weitere Sünde gegen das 1. Gebot (die allerdings heute zum Glück keine besonders große Rolle mehr spielt) wäre die Simonie (benannt nach Simon dem Magier aus Apostelgeschichte 8), also der Versuch, geistliche Dinge für zeitliche Dinge zu kaufen oder zu verkaufen.

Diese geistlichen Güter sind: Die Gnadengaben des Heiligen Geistes, die Sakramente, Sakramentalien, Gebete, die Ausübung der kirchlichen Jurisdiktion („wenn Sie mir nichts geben, bekommen Sie keinen Prozess vor dem Kirchengericht wegen Ihrer Ehenichtigkeitsklage“), Ablässe, Weihen, Segnungen, Aufnahme in einen Orden, ein kirchliches Amt.

Der hl. Thomas gibt die Gründe, aus denen Simonie Sünde ist, folgendermaßen an:

„Gegendstand des Kaufens oder Verkaufens aber zu sein, ist für eine geistige Sache ungehörig aus drei Gründen: 1. Nichts Geistiges kann in einem zeitlichen Preise seinen vollentsprechenden Wert finden; denn, wie Prov. 3. von der Weisheit gesagt wird, ist es kostbarer als alle Schätze; und Alles, wonach man trachtet, kann nicht mit ihm verglichen werden; weshalb Petrus zu Simon sagte (Act. 8.): ‚Sei dein Geld mit dir verflucht, weil du die Gabe Gottes einer Summe Geld gleichgeachtet hast.‘ 2. Der Kirchenvorsteher ist nicht Herr der geistigen Dinge, sondern nur deren Verwalter, nach 1. Kor. 4.: ‚So erachte uns der Mensch wie Diener Christi und wie Verwalter der Geheimnisse Gottes‘; also kann er nicht verkaufen, was er nicht besitzt. 3. Solcher Verkauf widerspricht dem Ursprünge der geistigen Güter; denn ‚umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebet‘, sagt der Herr. (Matth. 10.)

Wer also eine geistige Sache kauft oder verkauft, der sündigt durch Mangel an Ehrfurcht vor Gott; und somit sündigt er gegen die Tugend der Gottesverehrung.“ (Summa Theologiae II/II,100,1)

Wenn jemand einem anderen etwas Zeitliches gibt ohne direkt vereinbarten Handel, aber mit dem hauptsächlichen Ziel, ihn dazu zu bewegen, ihm im Gegenzug ein geistliches Gut zu geben, ist das auch Simonie. Wenn jemand so etwas nur unter anderem mit der Hoffnung tut, dass nebenbei etwas Geistliches herausspringen könnte, ist es keine Simonie.

Es ist keine Simonie, wenn es üblich ist, anlässlich z. B. einer Messe für verstorbene Verwandte oder der Taufe eines Kindes dem Pfarrer einen bestimmten Geldbetrag zu geben. Bei Stolgebühren usw. geht es darum, dass Priester irgendwie ihre Ausgaben decken und für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, weshalb es übliche Spenden anlässlich gewisser Gelegenheiten gibt, wobei jemandem, der nichts spenden kann, die Sakramente aber nicht verweigert werden. Das ist so wenig Simonie, wie Steuern, die für die Bezahlung von Beamten verwendet werden, Beamtenbestechung sind; hier geht es ja gerade darum, dass jeder den gleichen kleinen festgesetzten Beitrag gibt, und der Klerus dann nicht auf Bestechungsgelder aus sein muss. (Freilich ist es wichtig, hier den Anschein der Simonie zu vermeiden.)

Vgl. dazu im Katechismus: „Die zuständige Autorität setzt ‚Stolgebühren‘ fest, kraft des Grundsatzes, daß das christliche Volk für den Unterhalt der kirchlichen Amtsträger aufzukommen hat. ‚Denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Unterhalt‘ (Mt 10,10) [Vgl. Lk 10,7; 1 Kor 9,5-18; 1 Tim 5,17-18.].“

Und im CIC: „Can. 848 — Der Spender darf außer den von der zuständigen Autorität festgesetzten Stolgebühren für die Sakramentenspendung nichts fordern; er hat immer darauf bedacht zu sein, daß Bedürftige nicht wegen ihrer Armut der Hilfe der Sakramente beraubt werden.“

Materielle Dinge, die später der Gottesverehrung dienen sollen, wie kleine Heiligenstatuen, Rosenkränze usw., zu produzieren und zu verkaufen, ist natürlich auch keine Simonie.

Es ist Simonie, Reliquien zu verkaufen, aber nicht, sie zu kaufen, um zu verhindern, dass sie in falsche Hände geraten und unwürdig behandelt werden. Zum Umgang mit Reliquien s. im CIC:

„Can. 1190 — § 1. Es ist verboten, heilige Reliquien zu verkaufen.

§ 2. Bedeutende Reliquien und ebenso andere, die beim Volk große Verehrung erfahren, können ohne Erlaubnis des Apostolischen Stuhls auf keine Weise gültig veräußert oder für immer an einen anderen Ort übertragen werden.

§ 3. Die Vorschrift des § 2 gilt auch für Bilder, die in einer Kirche große Verehrung beim Volk erfahren.“

Simonistische Verträge/Vereinbarungen sind ungültig (Ausnahme: ein per Simonie ins Amt gewählter Papst wäre gültig zum Papst gewählt) und entsprechende erhaltene zeitliche Güter zurückzuerstatten; die Simonie ist an sich schwere Sünde.

 

Beim nächsten Mal weiter mit dem zweiten Gebot.