Opfer und Täter, und Sozialpädagogen und Christen

Ein Grund, aus dem Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Schulpsychologen und diese ganze Zunft oft so unerträglich sind, ist ihr Verhalten gegenüber Opfern und Tätern. Nehmen wir mal Mobbing: Auf den Täter wird eingegangen; es wird nach seinem Hintergrund gefragt; es kann doch nicht sein, dass er so etwas einfach so tut, vielleicht hat er ein zu geringes Selbstwertgefühl und muss aufgewertet werden. Er hat sich wütend und ohnmächtig gefühlt und wollte sich abreagieren. Man darf im Umgang mit Mobbing nicht einfach so einseitig Schuld zuweisen. Man muss davon ausgehen, dass die Täter doch eigentlich gar nicht gemein sein wollten und sie anregen, wieder nett zu sein. Sie sollen nicht dadurch frustriert werden, dass man sie noch bestraft. Man muss sie in die Lösung miteinbeziehen (ob das Opfer jemals wieder etwas von ihnen hören will oder lieber nicht, ist gleichgültig).

Da ist ein gewisses Blindstellen dabei. Man will sich nicht eingestehen, dass es das Böse gibt und dass es gegen manche Menschen vorerst nur hilft, sie zu bestrafen und damit unschädlich zu machen oder abzuschrecken. Ich habe oft den Verdacht, dass die, die so mit Mobbing umgehen, ignorieren wollen, dass es sie auch treffen könnte, ohne dass sie mit freundlichem Eingehen auf die Täter etwas daran ändern könnten, dass Opfer manchmal wirklich mehr oder weniger hilflos ausgeliefert und Täter manchmal wirklich bösartig sind.

Manche Menschen sind Psychopathen oder Narzissten, die kein zu geringes Selbstwertgefühl haben, sondern ein zu großes, die sich als den Mittelpunkt der Welt sehen, denen andere schlicht und einfach egal sind bzw. für die andere nur dazu da sind, ihrem Willen zu dienen. Manchen Menschen macht es Spaß, andere zu quälen, in mehr oder weniger großem Maße. Und diese Menschen lachen über Sozialpädagogen und Schulpsychologen, vor allem, wenn sie dadurch bestärkt werden, dass sie keine wirklichen Konsequenzen erleben.

Und manche Menschen neigen erst auch nur ein bisschen zu Narzissmus und Grausamkeit und werden darin bestärkt, weil ihnen keiner sagt, dass sie extremes Leid zugefügt und Schuld auf sich geladen haben und jetzt die Konsequenzen spüren müssen.

Bei alldem wird natürlich das Leid des Opfers kleingeredet. Dem Opfer wird dann manchmal auch gesagt: „Lass dich davon nicht angreifen, du solltest darüber stehen“ – sehr einfach, wenn jemand einen demütigt und quält. Dem Opfer wird gesagt, es soll sich mit dem Täter wieder vertragen, unabhängig davon, ob der um Verzeihung gebeten und gezeigt hat, dass er kapiert hat, wie viel er dem Opfer angetan hat, oder nicht. Das Opfer soll lernen, diese Situation zu bewältigen, sich nicht als Opfer sehen – sehr leicht gesagt, wenn man nun mal zum Opfer gemacht wird. Aber dabei soll es auf keinen Fall zurückschlagen, Notwehr ist selber wieder böse, denn damit „stellt man sich ja auf eine Stufe mit dem Täter!“. Es soll sich besser integrieren und Freundschaften schließen, um kein Außenseiter mehr zu sein, dann wird schon alles gut. Es soll Verständnis für die schwierige Situation des Täters zeigen. Hier muss man „aus Kreisläufen aussteigen“, statt über Schuld und Strafe zu reden. Obwohl sich so langsam die Ansicht verbreitet, dass „victim blaming“ schlecht ist, lädt man die Verantwortung dafür, dass die Situation sich bessern soll, doch öfter wieder beim Opfer ab. Nicht immer, ich weiß; aber diese Tendenzen gibt es immer wieder.

(Damit will ich nicht sagen, dass Opfer nichts tun können oder sollen, um sich selbst zu schützen, und um sich auch in neuen Situationen nicht als verletzliche Person zu zeigen, die eine leichte Zielscheibe für Psychopathen abgibt. Aber wenn Eltern oder Lehrer davon verständigt werden, sollten auch erst mal sie darauf schauen, das Opfer zu beschützen, vielleicht auch Unbeteiligte dazu anhalten, für das Opfer einzustehen, und natürlich den Täter zu bestrafen, und vielleicht ihn oder, wenn man ihm nicht genug nachweisen kann, das Opfer aus dieser Umgebung herauszuschaffen, damit es wieder ein bisschen aufatmen und Kraft aufbauen kann.)*

Soweit mal mein Rant über Sozialpädagogen. Aber wenn wir ehrlich sind: Eine ähnliche Versuchung gibt es nicht nur für säkularistische Möchtegernpsychologen, sondern auch für überenthusiastische Christen, die zu wenig nachdenken.

Im Christentum ist die Bekehrung der Sünder aus guten Gründen ein ziemlich wichtiges Thema; Gott liebt jeden und gibt ihm bis zum Tod immer wieder neue Chancen. Aber wenn man es isoliert sieht, führt das zu schlimmen Fehlern. Da ist dann z. B. bei manchen Leuten die Vorstellung da, dass man verpflichtet ist, sich von grausamen oder manipulativen Familienmitgliedern quälen zu lassen, anstatt denen Grenzen zu setzen oder komplett den Kontakt zu ihnen abzubrechen; indem man alles hinnimmt und dabei lächelt, wird man sie irgendwann schon bekehren. Man soll seine Feinde lieben, die andere Wange hinhalten. Manchmal fürchtet man sich auch davor, das nicht in dieser Weise zu schaffen und hält sich für einen schlechten Christen. (Unter uns Katholiken wird das auch manchmal auf das Verhältnis zur Kirchenhierarchie übertragen: Auch wenn ein Papst oder Ortsbischof dem Glauben schadet, dürfe man kein Wort gegen ihn sagen und müsse sich quasi in Unterwürfigkeit gegenseitig übertreffen. Das stimmt auch nicht.)

Dieses falsche Verständnis von Nächstenliebe und Vergebung ist eine Versuchung für alle Christen, aber ich denke, der Protestantismus begünstigt sie ein bisschen. Viele Protestanten haben die Einstellung, alle Sünden wäre gleich schlimm, also könnte man nicht sagen, dass einer, der seine Frau vergewaltigt und würgt, ein schlimmerer Sünder wäre als andere, die schon mal Ausreden erfunden oder geprahlt haben oder unzuverlässig waren. Das ist absurd, aber das reden sich manche ein. Und außerdem sehen einige klassisch-reformatorische Protestanten es so, dass es sowieso an sich unmöglich wäre, Gottes Gebote zu halten, also könnte der eigentlich nichts dafür, er hätte nur noch nicht von Gott die besondere Gnade bekommen, das zu lassen.

Aber Gott erwartet tatsächlich nicht von einem, dass man sich kaputt quälen lässt. „Die andere Wange hinhalten“ kann manchmal eine sehr gute Idee sein, um jemanden zu entwaffnen und zum Nachdenken zu bringen, besonders auch dann, wenn man gar keine Möglichkeit hätte, sich sonst wirksam zur Wehr zu setzen (z. B. in einer Situation der Christenverfolgung, in der jede Gegenwehr nur zu noch größerer Verfolgung führen würde), aber das heißt nicht, dass das immer in Frage kommt. Jesus spricht besonders davon, dass man einem, der unverschämte Forderungen stellt, erst mal mehr gibt, als er eigentlich verdient („Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm!“ Mt 5,41), dass man ihm gütig entgegenkommt und er dadurch seine Aggressivität verliert und nochmal nachdenkt. Dazu passt auch, was der von Jesus berufene Apostel Paulus über dessen Lehre zur Feindesliebe schreibt: „Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,20f.) Hier geht es auch darum, den in Not geratenen Feind nicht zu ignorieren, obwohl er einen ignoriert hätte – und damit glühende Kohlen auf sein Haupt zu sammeln. Und direkt im Vers davor schreibt Paulus zur Erklärung noch: „Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes; denn es steht geschrieben: Mein ist die Vergeltung, ich werde vergelten, spricht der Herr.“ (Röm 12,19) Dieses Entgegenkommen kann eben auch dann eine gute Idee sein, wenn man nicht genau sagen kann, ob oder wie sehr derjenige schuldig geworden ist; man überlässt das Urteil Gott.

Die andere Wange hinhalten kommt u. a. dann nicht in Frage, wenn einer zeigt, dass es ein Wunder bräuchte, ihn zu bekehren (oder dass auch ein Wunder nicht reichen würde); und auch dann nicht, wenn es nicht nur um einen selber geht, sondern man noch andere vor dem Täter beschützen muss (z. B. wenn in einer Familie der Vater die Mutter und die Kinder misshandelt, hat sie gerade die Verpflichtung, ihn zu verlassen und, wenn möglich, anzuzeigen, damit ihre Kinder vor ihm sicher sind).

Aber auch, wenn es nur um einen selber geht und es eine gewisse Chance der Bekehrung für den Täter gibt, darf man sich gegen Ungerechtigkeit mit allen verhältnismäßigen Mitteln zur Wehr setzen, und natürlich erst recht vor dem Täter und der Situation fliehen. Jesus hat übrigens auch, als ihn der Knecht des Hohenpriesters geschlagen hat, eine herausfordernde Antwort gegeben.

Man muss Leuten auch Grenzen zeigen, ihnen zeigen, dass sie für Quälerei und Grausamkeit geächtet werden, während man ihnen freilich noch den Weg der Bekehrung offen lässt – dann kommen manche vielleicht sogar noch eher dazu, sich zu schämen und sich irgendwann einzugestehen, dass sie bereuen müssen.

Feindesliebe ist eine gute Sache. Aber wenn man sie im Bemühen, ganz besonders heilig dastehen zu wollen, auf eine falsche Weise versteht und die Opfer vernachlässigt, verurteilt Gott das. Manche Leute wollen sich nicht „gesundlieben“ lassen. Es ist auch leichter, zu Opfern zu sagen, sie sollen das nun mal aushalten, als ihnen wirklich zu helfen, soweit es eben geht, oder wenigstens bei ihnen zu sein, während man nichts ändern kann.

Die Feindesliebe bedeutet vor allem, dass man verzeiht (sprich: bereit ist, nicht mehr im Zustand der Feindschaft zu leben); dass man sich für den anderen wünscht, dass er sich bekehrt, irgendwann in den Himmel kommt und die Hölle vermeidet; und auch, dass man ihm z. B. hilft, wenn er in Not ist, niemand sonst ihm helfen kann, und man verpflichtet ist, ihm zu helfen (z. B. wenn man der einzige Anwesende ist, wenn ein persönlicher Gegner einen Unfall hat und sich verletzt).

Die Feindesliebe bedeutet nicht automatisch den Verzicht auf etwas, das einem geschuldet ist, oder den Verzicht auf eine zeitliche Strafe für den Täter.

Wer das für unchristlich hält, sehe sich mal einige der Psalmen an. Viele der Psalmen sind in einer Situation tiefer Hilflosigkeit geschrieben worden, in der der Psalmist gequält oder ausgestoßen ist, seine Feinde über ihn lachen und er nur noch darauf hoffen kann, dass Gott dafür sorgen wird, dass ihm irgendwann Gerechtigkeit widerfährt.

„Denn der Arme ist nicht auf ewig vergessen, der Elenden Hoffnung ist nicht für immer verloren.“ (Ps 9,19)

„Warum darf der Frevler Gott verachten und in seinem Herzen sagen: Du ahndest nicht? Du, ja du, hast Mühsal und Kummer gesehen! Schau hin und nimm es in deine Hand! Dir überlässt es der Schwache, der Waise bist du ein Helfer geworden. Zerbrich den Arm des Frevlers und des Bösen, ahnde seinen Frevel, sodass man von ihm nichts mehr findet.“ (Ps 10,13-15)

„Gib mich nicht meinen gierigen Gegnern preis; denn falsche Zeugen standen gegen mich auf und wüten! Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden. Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!“ (Ps 27,12-14)

„Wie ein flüchtiger Schatten schwinde ich dahin, wie eine Heuschrecke schüttelt man mich ab. Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Fleisch nimmt ab und wird mager. Ja, ich wurde ihnen zum Spott, sie schütteln den Kopf, wenn sie mich sehen. Hilf mir, HERR, mein Gott, in deiner Huld errette mich! Sie sollen erkennen, dass dies deine Hand vollbracht hat, dass du, HERR, es getan hast. Mögen sie fluchen – du wirst segnen. Sie haben sich erhoben, aber sie werden zuschanden, doch dein Knecht wird sich freuen.“ (Ps 109,23-28)

Strafe bedeutet die Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Wer etwas Unrechtes getan hat, hat die gerechte Ordnung gestört, deren Gleichgewicht wieder hergestellt werden muss. Wer seinem Willen ohne Rücksicht auf andere gefolgt ist, verdient es, dass ihm etwas gegen seinen Willen geschieht. Eine verhältnismäßige Strafe ist dadurch, dass sie verdient ist, gerechtfertigt.

(Abschreckung anderer und Besserung des Täters sind legitime Nebenzwecke, aber eben nicht mehr als Nebenzwecke – und zwar auch gerade um des Täters willen. Wenn Abschreckung der Hauptzweck wäre, könnte man auch jemanden bestrafen, der unschuldig ist, aber allgemein für schuldig gehalten wird, weil hier der Abschreckungszweck erreicht wird. Wenn die Besserung des Täters der Hauptzweck wäre, könnte man einen Kleinkriminellen für ein geringes Vergehen unbegrenzt lang im Gefängnis festhalten, bis man ihn dazu gebracht hat, ein besserer Mensch zu werden. Die Voraussetzung dafür, dass man bei der Ausgestaltung der Strafe Nebenzwecke wie Abschreckung und Besserung anzielen darf, ist, dass der Täter die Strafe bereits verdient, einfach als Sühne seiner Tat.)

Der hl. Thomas lehrt, dass es gut und tugendhaft ist, zu strafen, wenn der Richter hier nicht an sich darauf abzielt, dass dem Täter etwas Übles widerfährt, sondern darauf, dass durch ein ihm zugefügtes verhältnismäßiges Übel die Gerechtigkeit aufrecht erhalten wird (und der Täter gebessert wird, andere abgeschreckt werden, Gott geehrt wird, o. Ä.); die „Rache“ in diesem Sinn zählt er als Untertugend der Gerechtigkeit. (Siehe Summa Theologiae II/II, 108; hier eine übersichtliche englische Übersetzung und hier eine weniger übersichtliche ältere deutsche Übersetzung.)

Manchmal ist es gut, über die Gerechtigkeit hinauszugehen, barmherzig zu sein, und die Strafe zu verringern oder auf sie zu verzichten. Und Aussöhnung mit dem Täter ist auch gut – aber die Voraussetzung dafür ist, dass der Täter bereut, und Versöhnung muss nicht bedeuten, dass man von da an befreundet ist; ein Ende der Feindschaft genügt für gewöhnlich. Und auch wenn man sich mit dem Täter versöhnt, kann man immer noch wollen, dass er seine gerechte Strafe auf sich nimmt, und er selber kann das auch als gerecht empfinden und sie akzeptieren – so was ist ein Anzeichen dafür, dass er wirklich eingesehen hat, was er getan hat.

Es ist gut, dass es die Hölle gibt (denn wenn das nicht gut wäre, würde Gott ihre Existenz nicht zulassen). Es gibt Menschen, die sich bis zuletzt davor verschließen, einzusehen, was sie anderen angetan haben. Und diese Menschen sollen nicht zuletzt lachen.

* Als generelle Tipps für Mobbingopfer, nach dem, was ich so bisher gehört habe: Alles dokumentieren, damit es nachweisbar ist; den Autoritäten solange auf die Nerven gehen, bis sie sich damit befassen; sich Verbündete suchen, die etwas gelten; sich nichts gefallen lassen, sondern sich so gut wehren, wie es nur geht, egal was die Sozialpädagogenzunft davon hält (im Rahmen des Möglichen und der Gesetze, sonst ist man der, der den Ärger bekommt), denn auch, wenn man dabei keinen Erfolg hat, kann es in der Regel nur schlimmer werden, wenn man sich gar nicht wehrt; laut sein, auf sich aufmerksam machen („du hast mich geschlagen“ / „er hat mich geschlagen“); sich nicht manipulieren lassen, sich nicht einreden lassen, man bilde sich alles ein; und sich, wenn möglich, der Situation entziehen; das ist keine Schande, sondern nötiger Selbstschutz.

Säkularisten und die Nächstenliebe

Bei Säkularisten und der Nächstenliebe ist es ganz einfach:

Erst erzählen sie dir ausführlich, dass Christen keine Ahnung von der Nächstenliebe haben, die sie proklamieren, dass sie sie mit rigiden Regeln korrumpiert haben und sich eigentlich gar nicht um ihren Nächsten kümmern (z. B. weil sie es Leuten verbieten wollen, sich von einem scheiden zu lassen, mit dem sie sich auseinandergelebt haben und nicht mehr glücklich sind).

Wenn sie damit fertig sind, erzählen sie dir, dass man nicht immer an andere denken soll (z. B. in dem Sinne, dass man sich ja wohl von einem scheiden lassen darf, auch wenn der sich dann verraten und verlassen fühlt und die Kinder unglücklich sind*), weil der Zweck des Lebens ist, auf sein eigenes Glück zu schauen, weil man ja nur einmal lebt, und jeder sich selbst der Nächste ist.

Und ja, in ein und derselben Unterhaltung.

* Und bitte keine Kommentare zu „Was wenn er dich schlägt oder betrügt“. Jeder weiß, dass die katholische Kirche in solchen Fällen eine Trennung natürlich erlaubt (aber keine Wiederheirat, weil das Eheband bleibt). Den Leuten, die so argumentieren, geht es nicht um diese Extremfälle, sondern um Ablenkung und Ausreden, weil sie Scheidungen auch in Normalfällen wollen.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9a: Verführung und Ärgernis

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Zu den Sünden gegen die Nächstenliebe zählt es an vorderster Front, dem Nächsten Anlass zu einem Schaden an seiner Seele, also einer Schuld, zu sein, bzw. daran mitzuwirken. Hier unterscheidet man: Verführung, Ärgernis, Mitwirkung; in diesem Artikel zunächst zu den ersten beiden Punkten.

1) „Verführung“ klingt zuerst nach Verführung zu Sünden gegen die Keuschheit; das ist natürlich mitgemeint, aber nicht als einziges. Auch Verführung z. B. dazu, bei einem Diebstahl mitzumachen oder sich so zu betrinken, dass man nicht mehr richtig denken kann, ist Verführung. Hier ist das direkte Anstiften, Überreden, Raten, Befehlen gemeint.

Heribert Jone schreibt dazu:

„Die wichtigsten äußeren Sünden gegen die Nächstenliebe sind: die Verführung, das Ärgernis und die Mitwirkung.

I. Die Verführung. 1. Jemanden auf direkte und ausdrückliche Weise zur Sünde zu führen ist eine Sünde, deren Schwere von derjenigen der Sünde abhängt, zu der man verführt. Es ist eine Sünde gegen diejenige Tugend, deren Verletzung man bewirkt, und außerdem gegen die Nächstenliebe.

Wenn Sünden nach ihrer Natur einen Mittäter voraussetzen, z. B. die Unzucht, ist es nicht notwendig, in der Beichte speziell die Verführung zu bekennen.

[Anmerkung von mir: Hier ist offensichtlich der Fall gemeint, dass beide mehr oder weniger gleich schuld waren und man sich gegenseitig dazu gebracht hat, eine Sünde zu begehen; wenn es nur einer war, der den anderen, der gezögert hat und eigentlich nicht wollte, überredet oder bedrängt hat, hätten wir eine andere Situation.]

2. An jemanden eine Forderung zu stellen, die er ohne Sünde erfüllen kann, aber die er wahrscheinlich nicht ohne Sünde erfüllen wird, ist aus einem ernsten Motiv erlaubt.

Es kann dementsprechend erlaubt sein, einen Wucherer zu bitten, einem Geld zu leihen; gleichermaßen kann man von einem Meineidigen einen Eid verlangen. Wenn man sich allerdings ohne Schwierigkeit an eine andere Person wenden kann, die einem denselben Dienst leisten wird, ohne zu sündigen, ist man gehalten, das zu tun.

Aber es ist nie erlaubt, von jemandem etwas zu erbitten, das er nicht ohne Sünde erfüllen kann, z. B. von einem Beamten zu verlangen, auf seinem Posten zu fehlen.

3. Jemandem eine weniger schwere Sünde anzuraten als die, die er begehen will, ist generell erlaubt, wenn man diese Person nicht anders davon abhalten kann, eine schwere Sünde zu begehen.

Das ist sicher erlaubt, wenn die mindere Sünde in der anderen schon eingeschlossen wäre. Dementsprechend kann man jemandem, der entschieden ist, eine Person zu bestehlen und zu töten, raten, sich mit dem Diebstahl zu begnügen. Einige Autoren sagen sogar, dass man jemandem zu einer minderen Sünde raten kann, an die er nicht gedacht hatte, z. B.: ihm raten, jemanden zu bestehlen, anstatt ihn zu töten. – Was den Schaden angeht, der einer bestimmten Person verursacht wird, an die der Übeltäter nicht gedacht hat, s. Nr. 351.“ (Précis de theologie morale catholique, Nr. 144, von mir rückübersetzt ins Deutsche.)

(In Nr. 351 schreibt er:

„Es besteht auch keine Pflicht zur Wiedergutmachung, wenn man jemandem geraten hat, einen geringeren Schaden zu verursachen, als den, den er ursprünglich im Visier hatte, wenigstens, wenn man ihm nicht geraten hat, diesen Schaden einer bestimmten Person zuzufügen, die er sonst nicht geschädigt hätte.“

D. h. in diesem Fall bestünde eine solche Pflicht.)

2) „Ärgernis“ (ein etwas altmodisches Wort) hat nichts mit „ärgern“ zu tun. Das lateinische Wort dafür ist „scandalum“, „Stolperstein“. Hier geht es nicht um eine direkte Verführung, sondern darum, einen Anlass zur Sünde bereitzustellen, über den Schwächere „stolpern“ und fallen können. (Man sagt, dass der, der zur Sünde verleitet, „Ärgernis gibt“ und der, der sich verleiten lässt, „Ärgernis nimmt“. Stattdessen kann man auch „Anstoß geben/nehmen“ sagen; dieser Ausdruck hat aber im täglichen Sprachgebrauch auch nicht mehr ganz seine ursprüngliche Bedeutung, weshalb es praktischer ist, den Fachbegriff „Ärgernis“ zu nehmen.) Ärgernis zu geben ist auch eine Sünde, wenn tatsächlich niemand Ärgernis nimmt (weil z. B. unvorhergesehenerweise niemand die Sache bemerkt, oder die, die sie bemerken, zu tugendhaft sind, um sich davon beeinflussen zu lassen).

Zu den Ärgernissen gehört z. B. ganz besonders das schlechte Vorbild. Die Verpflichtung, Ärgernisse zu vermeiden, wiegt schwerer für jemanden, der eine größere Vorbildfunktion hat. „Wenn Schwester Apollonia oder Pfarrer Müller das auch so macht, kann es wohl doch nicht falsch sein?“

(In der Beichte muss man Ärgernis durch schlechtes Beispiel nur eigens bekennen, wenn das schlechte Vorbild besonders gefährlich war; denn die allgemeine Gefährlichkeit ist mit der Sünde selber automatisch schon gebeichtet.)

Auch etwas, das nicht tatsächlich falsch ist, aber für andere den offensichtlichen Anschein des Falschen haben muss, kann ein schlechtes Beispiel und damit ein Ärgernis sein. Z. B.: ein überzeugt katholisches Brautpaar zieht schon ein paar Monate vor der Hochzeit zusammen, weil es finanziell für sie praktischer ist, aber ohne die Absicht, schon miteinander zu schlafen; nach außen sieht es natürlich so aus, als würden sie ganz normal im Konkubinat leben, was ein schlechtes Vorbild für ihr Umfeld ist. (In diesem Beispiel wäre die Handlung auch falsch, weil sie es den beiden offensichtlich wesentlich schwerer machen könnte, ihre Vorsätze bis zur Hochzeit einzuhalten, aber Gelegenheiten zur Sünde sind wieder ein Thema für sich, um das es im übernächsten Artikel gehen soll.)

Jone schreibt darüber:

„II. Das Ärgernis.

Während die Verführung die Sünde des Nächsten verursacht, ist das Ärgernis für ihn nur eine Gelegenheit zur Sünde, auch wenn der, der Ärgernis gibt, oft die direkte Intention hat, den Nächsten fallen zu sehen.

1. Durch unangebrachte Worte oder Handlungen für jemanden eine Gelegenheit des Falls zu sein (Ärgernis im eigentlichen Sinn), stellt eine schwere oder lässliche Sünde dar, je nachdem ob die Sünde, zu der man die Gelegenheit bereitstellt, selbst schwer oder lässlich ist.

Wenn man, indem man so handelt, auf die Sünde des Nächsten abzielt, sündigt man nicht nur gegen die Nächstenliebe, sondern auch gegen die Tugend, die zu verletzen man dem Nächsten Gelegenheit gibt.

Es ist nicht nötig, dass die Sünde des Nächsten dann begangen wird, es genügt, dass die Handlung für ihn dafür die Gelegenheit sein kann. Es ist daher eine schwere Sünde, in Schaufenstern oder an öffentlichen Orten obszöne Objekte auszustellen. Aber es besteht kein Ärgernis, wenn die Zeugen so tugendhaft oder so lasterhaft sind, dass die Handlung auf sie keinerlei Einfluss ausübt. – Es besteht nur eine lässliche Sünde, wenn die Person, die Ärgernis nimmt, eher aus ihren eigenen schlechten Dispositionen heraus sündigt als aufgrund der unbedeutenden Gelegenheit, die sie dazu bewegt, zu sündigen; deshalb ist es nur eine leichte Verfehlung, wenn Kinder durch einen unbedeutenden Ungehorsam für ihre Eltern Anlass zu schweren Gotteslästerungen sind, oder auch, wenn ein junges Mädchen durch ein wenig Koketterie oder Mangel an Zurückhaltung in ihrem Aufputz für junge Leute Anlass zu Sünden gegen die heilige Tugend ist.

2. Man ist nicht verpflichtet, eine an sich erlaubte Handlung zu unterlassen, die nicht den Anschein des Bösen hat, wenn ihre Unterlassung für einen größere Unannehmlichkeiten bedeuten würde.

[…]

Aber es wäre eine leichte Unannehmlichkeit, z. B. Bescheid zu sagen, wenn man am Freitag Fleisch isst, dass man einen Dispens hat [das wurde geschrieben, als für Katholiken, solange sie keinen Dispens (Sondergenehmigung) hatten, noch das Kirchengebot galt, jeden Freitag auf Fleisch zu verzichten, während man den Fleischverzicht heute durch ein Ersatzopfer ersetzen darf]; gleichermaßen müsste man die Handlung verschieben oder sie im stillen vollziehen, wenn sich das leicht tun lässt.

3. Man kann die Einhaltung positiver Vorschriften [damit sind generell alle Vorschriften die ein Tun befehlen, im Unterschied zu negativen Vorschriften, die ein Unterlassen befehlen, gemeint; es scheint, nach den Beispielen, die er aufzählt, dass Jone an dieser Stelle vor allem an positive menschliche, z. B. kirchliche oder staatliche Vorschriften, weniger an göttliche, denkt] unterlassen, um Ärgernis zu vermeiden, aber ist für gewöhnlich nicht dazu verpflichtet.

[…] Gleichermaßen kann ein Pfarrer die Sonntagsmesse feiern, auch wenn er das Fasten [vor der Kommunion] nicht eingehalten hat, unter der Bedingung, dass er das Ärgernis anderweitig nicht vermeiden kann. – Wenn ein sozialistisches Syndikat mit einer roten Fahne an einem kirchlichen Begräbnis teilnehmen will, muss der Priester sich bemühen, sowie es angemessen ist, diese Bekundung zu verhindern; wenn er dabei keinen Erfolg hat, kann er allerdings zum Begräbnis schreiten. Aber wenn man eine rote Fahne auf den Sarg gelegt hat und der Priester es nicht schafft, sie entfernen zu lassen, muss er dann, um des Gemeininteresses willen, das kirchliche Begräbnis verweigern, auch wenn nach dem Can. § 3 [vermutlich ein Druckfehler: die Kanonnummer vor dem Paragraphenzeichen fehlt] der Verstorbene an sich ein Recht darauf hätte.

4. Man darf nie eine in sich schlechte Handlung begehen, um Ärgernis zu vermeiden.

Es ist dementsprechend verboten, seinen Glauben zu verleugnen, um anderen nicht die Gelegenheit zu geben, darüber zu spotten; es ist gleichermaßen verboten, zu lügen, um andere vor einem Zornausbruch zu bewahren.

5. Eine Gelegenheit zur Sünde zu schaffen ist erlaubt, wenn man ein entsprechend ernstes Motiv hat, und die durchgeführte Handlung gut oder zumindest indifferent ist.

Dementsprechend dürfen Eltern und Hausherren Geld offen liegen lassen, als Beweis, um sich der Rechtschaffenheit ihrer Kinder oder Angestellten zu versichern.

6. Die Pflicht, das Ärgernis wiedergutzumachen, ruht auf all denen, die es gegeben haben.

Normalerweise geschieht diese Wiedergutmachung auf ausreichende Weise durch den Empfang der Sakramente und das gute Beispiel. In bestimmten Ausnahmefällen kann auch eine öffentliche Erklärung nötig sein.“ (Nr. 145f.)

Das mit dem Empfang der Sakramente klingt für heutige Ohren wohl erst einmal komisch; zu Jones Zeiten war es eben so, dass, wenn jemand zur Kommunion ging, die anderen in der Pfarrei es sahen und davon ausgingen, dass er bei der Beichte gewesen war und sich von seinen Sünden erst einmal wieder abgekehrt hatte. Für heute gilt also: Das gute Beispiel, in bestimmten Fällen eine Erklärung, dass man xyz falsch gemacht und ein schlechtes Beispiel gegeben hat o. Ä.

Fr. Austin Fagothey schreibt zu diesem Thema (Hervorhebung von mir):

„Ärgernis wird indirekt gegeben, wenn die Sünde der anderen Person weder als Ziel noch als Mittel zum Ziel gewollt ist, aber eine vorhergesehene Konsequenz von etwas anderem ist, das ich tue. Indirektes Ärgernis kann erlaubt sein, wenn die vier Bedingungen des Prinzips der Handlung mit Doppelwirkung erfüllt sind: Die Handlung, die ich vollziehe, darf nicht in sich schlecht sein, auch wenn ich weiß, dass sie eine Versuchung für einen anderen darstellen wird, die gute Wirkung, die ich suche, darf nicht durch die Sünde des anderen erreicht werden, ich darf die Sünde des anderen nicht wollen, sondern nur zulassen, und es muss einen proportionalen Grund geben, um sie zuzulassen. Das Leben wäre ziemlich unerträglich, wenn wir verpflichtet wären, alle Handlungen zu vermeiden, die anderen vielleicht Ärgernis geben könnten.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason, S. 337)

Außer dem normalen Ärgernisnehmen gibt es das „Ärgernis der Einfältigen/Schwachen“ („scandalum pusillorum“) und das „pharisäische Ärgernisnehmen“. Von beidem findet man Beispiele in der Bibel.

Das pharisäische Ärgernisnehmen sieht man in den Evangelien: Die Pharisäer nahmen Anstoß daran, dass Jesus am Sabbat heilte, oder dass Er es mit den Reinheitsvorschriften nicht genau nahm. Sie nahmen böswillig Anstoß daran und hielten Ihn für einen Gesetzesübertreter, indem sie Sein Handeln auf die schlechtestmögliche Weise deuteten, ohne sich zu fragen, wieso Er so handelte, und ob es nicht vielleicht doch gut war, jemanden zu heilen, auch am Sabbat. Auf dieses Ärgernis hat Jesus keine Rücksicht genommen; man kann auch nicht immer darauf achten, wie Böswillige die eigenen Handlungen deuten werden; man tut meistens gut daran, weiter so zu handeln und der Allgemeinheit zu demonstrieren, dass dieses Handeln eben gut ist.

Paulus erwähnt das „Ärgernis der Einfältigen“ beim Thema Götzenopferfleisch: Einige Christen nahmen Anstoß daran, wenn andere auf dem Markt Fleisch kauften, das aus heidnischen Opfern stammte. Paulus selbst hält es nicht für falsch, solches Fleisch zu essen, aber er will nicht, dass andere denken, er würde etwas Falsches tun, und verleitet werden, auch mitzuessen, auch wenn sie (trotz aller Erklärungen, die er vielleicht abgeben könnte) immer noch kein gutes Gefühl dabei haben und es eigentlich nicht für richtig halten. Daher isst er kein solches Fleisch und weist auch die Empfänger seines Briefes an, so zu handeln:

„Achtet vielmehr darauf, dem Bruder keinen Anstoß zu geben und ihn nicht zu Fall zu bringen! Ich weiß und bin im Herrn Jesus fest davon überzeugt, dass nichts unrein ist in sich selbst; unrein ist es nur für den, der es als unrein betrachtet. Denn wenn wegen einer Speise, die du isst, dein Bruder verwirrt und betrübt wird, dann handelst du nicht mehr der Liebe gemäß. Richte durch deine Speise nicht die zugrunde, für die Christus gestorben ist! […] Reiß nicht wegen einer Speise das Werk Gottes nieder! Alle Dinge sind rein; schlecht ist es jedoch, wenn ein Mensch durch sein Essen Anstoß erregt. Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken oder sonst etwas zu tun, wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt.“ (Röm 14,13-15.20-21)

Über das Ärgernis der Einfältigen schreibt Fagothey:

„Ärgernis, das nicht aus Böswilligkeit genommen wird, sondern wegen Schwäche, Unwissenheit, Unschuld oder Jugend, ist von ganz anderer Art [als das pharisäische Ärgernis]. Die Nächstenliebe verpflichtet uns, ansonsten harmlose Worte und Handlungen zu vermeiden, die eine Quelle der moralischen Gefahr für die Unschuldigen oder die Schwachen sein können. Die Menschen sollten umsichtiger in ihrem Verhalten vor Kindern sein, sollten diejenigen, die Schwierigkeiten haben, ihr Temperament zu beherrschen, nicht über ihre Kräfte hinaus provozieren, sollten eingefleischten oder bekehrten Trinkern keinen Alkohol anbieten, sollten nicht öffentlich Zustände des Lasters diskutieren, die im Privaten von denen diskutiert werden müssen, die verantwortlich dafür sind, den Missbrauch abzustellen. Aber gelegentlich können solche Situationen nicht vermieden werden, und hier kommt das Prinzip der Handlungen mit Doppelwirkung ins Spiel. Es besteht keine Verpflichtung bei schweren Unannehmlichkeiten für einen selbst oder die Allgemeinheit, zu verhindern, dass die Schwachen oder Unschuldigen Anstoß nehmen, auch wenn alle vernünftigen Vorkehrungen getroffen werden sollten. Es wäre absurd, alle Theater, Kneipen und Vergnügungsstätten zu schließen, die in einer generell respektablen Weise geführt werden, einfach nur, weil manche Menschen mit ungewöhnlichen Schwächen in ihnen Gelegenheiten zur Sünde finden. Wenn die Jungen, Unschuldigen oder Vorurteilsbehafteten unvermeidbarerweise der Versuchung ausgesetzt sind, ist vorsorgliche Unterweisung für gewöhnlich die beste Abhilfe.“ (Right and Reason, S. 337f.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 8: Selbst-, Nächsten-, Feindesliebe und Vergebung: einige Grundsätze

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Bis jetzt ging es in dieser Reihe um das direkte Verhältnis zu Gott (wobei teilweise auch die Kirche eine Mittlerrolle spielt); also das, was die erste Tafel der 10 Gebote anbelangt. Auf der zweiten Tafel des Dekalogs (4.-10. Gebot) geht es um das Verhältnis zu Gottes Geschöpfen.

Jesus fasst das gesamte Sittengesetz bekanntlich so zusammen:

„Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,35-40)

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit ist nicht gemeint: Du sollst deinen Nächsten genauso behandeln, wie du dich selbst behandelst (man kann sich auch selbst mit Hass oder Verachtung behandeln), sondern: Du sollst sowohl deinem Nächsten als auch dir selbst Gutes wollen, du sollst deinem Nächsten Gutes wollen, wie du natürlicherweise dir selbst Gutes willst. Ich habe hier schon mal einiges dazu gesagt, was diese Liebe, die eben nicht gefühlsmäßige Sympathie sein muss, sondern ein grundsätzliches Wollen des Guten für den anderen, eine grundsätzliche Bejahung seiner Existenz, bedeutet – auf Latein würde man sagen: caritas, nicht amor.

Eigentlich fallen alle Gebote – Du sollst nicht morden, Du sollst nicht stehlen, usw. – unter die Liebe (Caritas), aber in diesem Artikel kommen jetzt eher Überlegungen zu praktischen Konsequenzen, die generell zur Liebe gehören (und dabei z. T. über die bloße Gerechtigkeit, die einen großen Teilbereich der Liebe umfasst, hinausgehen, und unter den Teilbereich Barmherzigkeit fallen) und schwer unter genau einem der 10 Gebote eingeordnet werden können.

Fr. Austin Fagothey SJ schreibt in der 1959 erschienenen zweiten Ausgabe seines Moraltheologiehandbuchs über die Liebe: „Sie schließt Milde, Güte, Wohlwollen, Freundlichkeit, Nachbarschaftlichkeit, Rücksichtnahme und Selbstlosigkeit ein, hat aber eine umfassenderen Reichweite als all diese. Die Gerechtigkeit und die Liebe werden einander oft gegenübergesetzt, aber sie entspringen aus derselben Wurzel. Die Gerechtigkeit ist die Liebe, die auf die absoluten Ansprüche der grundlegenden menschlichen Gleichheit beschränkt ist; die Liebe ist die Gerechtigkeit, die zur vollen Bandbreite der Würde der menschlichen Person ausgedehnt ist. […] Die Liebe erlegt Pflichten auf, die ebenso ernst und wichtig wie die nach der Gerechtigkeit sein können, aber von anderer Art. Da Rechte und Pflichten einander entsprechen, verleiht die Liebe sozusagen Rechte oder Ansprüche, aber sie sind von nicht erzwingbarer oder nicht juridischer Art. Verletzungen der Liebe sind moralische Verfehlungen oder Sünden, aber keine rechtlichen Verfehlungen oder Verbrechen. Sie enthalten keine Verletzung im technischen Sinn und verlangen keine Entschädigung oder Strafe in diesem Leben.“*

Die Fragen, um die es hier gehen soll, sind v. a.:

  • Was bedeutet Selbstliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Was bedeuten Vergebung und Feindesliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Wann ist man aufgrund der Nächstenliebe verpflichtet, jemandem zu helfen / wann ist es eine schwere oder eine lässliche Sünde, das nicht zu tun?

Dann werden auch noch zwei Beispiele für leibliche und geistliche Werke der Nächstenliebe angesprochen, nämlich das Spenden (Almosengeben nach der früheren Terminologie), und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna).

Geistliche Sünden gegen die Nächstenliebe wären es auch, irgendjemandem Anlass zu einer Sünde zu geben (z. B. durch „Ärgernis“, der alte Fachbegriff dafür, jemanden durch ein schlechtes Beispiel dazu zu bringen, eine Sünde für gut zu halten), ihn zu einer Sünde zu verführen, dabei mitzuwirken etc.; aber darum soll es später in einem gesonderten Artikel zur Mitschuld an fremden Sünden gehen. Es kann ja eine ernstzunehmende Schuld sein, wirklich an der Schädigung oder sogar dem Tod der Seele eines anderen mitzuwirken, auch wenn derjenige selber immer noch schuld an seiner Sünde und letztlich selbst verantwortlich ist, und manche entfernten, indirekten Mitwirkungen nicht vermieden werden können.

Die Liebe jedenfalls heißt also grundsätzlich: jemandem Gutes wollen. Und dieses Wollen muss irgendwie, sofern man dazu fähig ist, auch in gewisse Taten umgesetzt werden.

Es gibt ja im Neuen Testament den Satz Wer also das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt (Jak 4,17), der einer dieser Sätze ist, die für viele Skrupel sorgen können. Nun ist es natürlich so, dass man immer noch mehr und noch mehr Gutes tun könnte, oder dass man statt eines Guten etwas noch Besseres hätte tun können, usw. usf., was niemand tut; dementsprechend müsste jeder die ganze Zeit über sündigen. Das ist hier natürlich nicht gemeint. Es geht um dasjenige Gute, zu dem man an sich durch die Liebe verpflichtet ist. Wenn man dazu auch fähig ist, es aber nicht tut, sündigt man.

Es gibt ein gewisses Mindestmaß an positivem Interesse für Gott, den Nächsten und einen selbst, das da sein muss, damit die Liebe in einem sein kann. Ein Verstoß dagegen durch Hass (schaden wollen um des Schadens willen) auf der einen, oder Desinteresse auf der anderen Seite, verstößt erst lässlich und dann, wenn es ein wichtiger Verstoß ist, schwerwiegend gegen die Liebe.

Etwas, das z. B. immer gegen die Nächsten- bzw. Feindesliebe verstößt, ist, jemandem die ewige Verdammnis, also die ewige Entfernung von Gott, zu wünschen. Was nicht immer dagegen verstößt, ist, jemandem eine zeitliche Strafe (z. B. irdisches Gefängnis oder auch das Fegefeuer) zu wünschen (sofern er das verdient hat, natürlich). Es verstößt ganz und gar nicht gegen die Pflicht zur Feindesliebe und Vergebung, einen Verbrecher anzuzeigen; im Gegenteil, das ist oft gut und kann zur Wiedergutmachung des Schadens, zum Schutz anderer vor ihm usw. führen. Auch Gefühle der Abneigung verstoßen an sich nicht gegen die Nächstenliebe. Was aber gegen sie verstößt ist: Abneigung in sich heranzüchten, sich in seine Wut auf jemanden hineinsteigern, jemanden über das hinaus, was er verdient, bestraft sehen wollen, nicht zur Verzeihung bereit sein. Fr. Fagothey schreibt wiederum:

„Das Laster, das der Liebe direkt entgegensteht, ist der Hass. Er ist kein vorübergehender Anfall von Zorn, wie stark auch immer, noch ist er die bloße Abneigung gegen eine Person. Manche Leute machen uns natürlicherweise kirre und wir können uns nicht helfen, von ihnen abgestoßen zu sein; dieses Gefühl ist unfreiwillig und wir sind nicht dafür verantwortlich. Es ist nichts Falsches dabei, solche Personen zu meiden, solange wir ihnen nicht das Gefühl geben, verachtet zu werden. Hass bedeutet, dass wir mit willentlicher Bosheit andere verletzen oder ihnen Übel wünschen oder uns über ein Übel freuen, das sie befallen hat. […]

Ist der Hass so böse, dass wir nicht einmal unsere Feinde hassen dürfen? Das natürliche Sittengesetz steigt nicht zu solcher Höhe auf, dass es uns verpflichtet, unsere Feinde in dem Sinn zu lieben, dass wir ihnen positiv gute Taten erweisen müssten, aber es verbietet uns tatsächlich, sie zu hassen. […] Daher ist die fortwährende Verweigerung der Vergebung falsch. Die emotionalen Schwierigkeiten, die im Prozess der Vergebung überwunden werden müssen, können unüberwindlich scheinen, aber dies ist keine Frage der Emotionen, sondern des Willens.

Wenn jemand, der uns verletzt hat, damit ein Verbrechen begangen hat, haben wir gemäß der Gerechtigkeit das Recht, ihn den öffentlichen Autoritäten zur Strafe zu überantworten, und wir können sogar die Pflicht dazu haben, wenn er sonst seine Verbrecherkarriere gegen das Gemeinwohl fortsetzen würde. Die Sicherung der Gerechtigkeit ist etwas ganz anderes als persönlicher Hass und privates Suchen nach Rache. Wir haben auch das Recht, aber nicht die Pflicht, Wiedergutmachung für uns selbst zu fordern, denn das steht uns gemäß der Gerechtigkeit zu, aber wir haben nicht das Recht, ihm für immer die Vergebung zu verweigern, die ihm gemäß der Liebe zusteht.“**

Vergebung ist also eine Sache des Willens, und man kann jemandem vergeben, auch wenn man es noch nicht schafft, alle Gefühle des Hasses gegen ihn loszuwerden. Diese Vergebung ist immer verpflichtend; wir beten zu Gott: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

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(Die Bergpredigt Jesu, Mosaik an der Fassade der Altenburger Brüderkirche. Gemeinfrei.)

Außerdem ist bei der Nächstenliebe – wie immer – zu bedenken: Wenn es um positive Pflichten (=Pflichten, etwas zu tun (im Unterschied zu Pflichten, etwas zu unterlassen)) geht, greifen sie immer nur, wenn ihre Erfüllung physisch und moralisch möglich ist. („Moralisch unmöglich“ heißt so etwas wie „praktisch unzumutbar“. Z. B. kann für jemanden, der an einer Depression leidet, etwas, das physisch für ihn möglich wäre, trotzdem unzumutbar sein.) Je schwerer es wäre, sie zu erfüllen, desto weniger binden sie, und desto weniger schwer sind Verstöße dagegen. Wenn jemand seine Pflichten ganz leicht hätte erfüllen können, ist ein Verstoß natürlich schwerer als bei jemandem, dem es einiges zugemutet hätte. Außerdem gibt es Pflichten, die weniger dringend sind, und solche, die dringender sind; z. B. kann man leichter davon entschuldigt werden, an einem Tag, an dem man krank ist, in der Arbeit zu erscheinen, als davon, sein Neugeborenes mit Nahrung zu versorgen; solange man nicht gerade im Koma liegt o. Ä., muss man letzteres immer tun; bei ersterem genügt eine Erkältung mit Fieber, um davon entschuldigt zu sein.

Es gibt auch eine Art Ordnung in der Liebe. Ebenfalls in der Bibel, in den Paulusbriefen, heißt es: Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen! (Gal 6,10) und Wenn aber jemand für seine Angehörigen, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger. (1 Tim 5,8).

Den einem persönlich nahestehenden Menschen ist man zuerst verpflichtet; der Familie, dann den Freunden, entfernteren Verwandten, Nachbarn, tatsächlich auch den Mitkatholiken („Glaubensgenossen“) und dem eigenen Land etwas mehr als der gesamten Menschheit. Was nicht heißt, dass man keine Pflichten gegenüber jedem Angehörigen der gesamten Menschheit hätte (wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, kann auch ein ganz Fremder, der in Not ist, zum Nächsten werden, dem man helfen muss), aber gegenüber den Näherstehenden hat man mehr Pflichten.

Noch ein fundamental wichtiger Punkt: Die Liebe rechtfertigt es nie, für den Nächsten eine Sünde zu begehen. Freilich sind manche Dinge, die es für gewöhnlich sind, in Notsituationen keine Sünden (z. B. für seine hungrigen Kinder Essen zu stehlen; jemanden zu verletzen oder zu töten, der einen Mord oder eine Vergewaltigung begehen will, um ihn unschädlich zu machen), aber andere Dinge sind nie erlaubt (z. B. sich zu prostituieren, um für seine hungrigen Kinder Essen zu haben; zu lügen, um jemandes Geheimnisse zu schützen); dementsprechend darf auch niemanden ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, weil er diese Dinge nicht zu tun bereit ist; man ist nie dafür verantwortlich, was passiert, wenn man etwas Schlechtes nicht tut, auch nicht dafür, was andere, die einen erpressen wollen, dann tun.

Gott trägt die Gesamtverantwortung für die Welt und wir sind nur dafür verantwortlich, unseren uns zugewiesenen Teil zu tun. Wenn wir dann das Gute tun und das Böse lassen, wird Er es insgesamt zum Guten führen; und am Ende wird es auch dem anderen, dem man helfen will, nichts geholfen haben, dass man für ihn gesündigt hat. Man weiß nie, was gewesen wäre, wenn man es nicht getan hätte; man kennt Gottes Gründe hinter dem zugewiesenen Schicksal nicht. Die Gottesliebe und das Vertrauen auf Gott verlangen es, Gott zu gehorchen.

Ich würde jetzt wieder einmal einige Passagen aus Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“ von 1930 (wie immer rückübersetzt aus der französischen Übersetzung von 1935) zu allen diesen Themen zitieren.*** Wie immer zu beachten: Er redet hier meistens nicht davon, was das Beste, Idealste wäre, sondern davon, was unter Sünde verpflichtend ist.

Zur Selbstliebe schreibt er:

I. Die Notwendigkeit der Selbstliebe resultiert aus dem Gebot selbst: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ (Mt 22,39)

Außerdem resultiert die Notwendigkeit der Selbstliebe aus der Tatsache, dass, wer Gott liebt, natürlicherweise auch alles liebt, was Gott liebt, alles, was Gott angehört, und alles, was die göttlichen Vollkommenheiten widerspiegelt.

II. Man praktiziert die Selbstliebe, indem man zusieht, sich die übernatürlichen Güter zu verschaffen, die geistlichen Güter, danach die Güter, die zum Erhalt unseres zeitlichen Lebens notwendig sind, und sogar die äußerlichen Güter.

Dabei ist es nicht nötig, immer aus dem Motiv der theologischen [übernatürlichen] Caritas zu handeln, weil die natürliche Tugend der Selbstliebe auch ihren moralischen Wert hat.

III. Die Sünden gegen die Selbstliebe werden begangen durch den Egoismus und durch den Selbsthass.

Man sündigt durch Egoismus, wenn man z. B. sein eigenes Wohl der Ehre Gottes oder dem Gemeinwohl vorzieht; durch Selbsthass, wenn man nicht auf vernünftige Weise für seinen Körper oder seine Seele sorgt. Genau genommen ist jede Sünde auch eine Sünde gegen die Selbstliebe, aber weil sich das von selbst versteht, ist es nicht nötig, sich dessen [in der Beichte] im Speziellen anzuklagen.“

Wenn Jone sagt, dass der Egoismus gegen die Selbstliebe verstößt, was erst einmal seltsam klingt (man würde vielleicht meinen, dass er nur gegen die Nächstenliebe verstöße), dann meint er, dass die Selbstliebe hier ungeordnet und übermäßig wird, was eben gegen die richtige, gesunde Selbstliebe verstößt.

Es geht bei der Selbstliebe um die vernünftige Sorge für den eigenen Körper und die eigene Seele. Nicht jede kleine Vernachlässigung z. B. der eigenen Gesundheit durch ungesundes Essen ist schon eine Sünde gegen die Selbstliebe; sein Leben oder schwere Gesundheitsschäden grundlos zu riskieren ist aber definitiv eine; aber dazu dann ausführlicher beim 5. Gebot, wo es um Leben, Sicherheit, Gesundheit geht. Natürlich ist es erlaubt und sogar gut, um Gottes und des Nächsten willen manche persönlichen Schaden in kauf zu nehmen; manche Dinge darf man aber auch sich selbst nicht antun, um anderen zu nutzen (eindeutigstes Beispiel: man darf nicht Selbstmord begehen, weil man sich für eine Last für seine Angehörigen hält). So viel Liebe ist man sich schuldig. Was zu tun in sich schlecht ist, darf man auch sich selbst nicht antun.

Es verstößt auch gegen die Selbstliebe, der eigenen Seele zu schaden, indem man sich z. B. grundlos der näheren Gefahr der schweren Sünde (also Situationen, in denen man damit rechnen muss, dass man wohl eine schwere Sünde begehen wird) aussetzt; aber dazu auch in einem eigenen Beitrag zu Gelegenheiten zur Sünde.

Zur Nächsten- und zur Feindesliebe sagt Jone folgendes:

I. Die Pflicht der Liebe zum Nächsten.

1. Generell ist man verpflichtet, um Gottes willen alle Geschöpfe zu lieben, die an der ewigen Seligkeit teilhaben können.

[…]

Die moralische Tugend der Nächstenliebe ist auch gut; sie besteht darin, den Nächsten zu lieben, weil er etwas Schätzenswertes an sich hat.

2. Im Speziellen erstreckt sich die Pflicht der Nächstenliebe auch auf die Feinde.

a) Die Verzeihung ist infolgedessen eine Pflicht, auch wenn der Feind sie nicht erbittet.

Feindseligkeit, Hass, Wunsch nach Rache, Verwünschen sind schwere Sünden, wenn es sich um bedeutende Angelegenheiten handelt. – Man darf mit diesen Sünden weder die natürliche Antipathie verwechseln noch die Unzufriedenheit oder die Abneigung, die von einem bösartigen oder verletzenden Vorgehen oder auch den Dispositionen des Nächsten verursacht wird. – Verwünschungen sind keine schweren Sünden, wenn man (z. B. infolge von Empörung) bei ihnen keine ausreichende Überlegtheit aufbringt, oder wenn man nicht im Ernst spricht, oder wenn es sich nur um ein geringes Übel handelt [das man dem anderen wünscht]. Im Interesse des Nächsten selbst oder eines entsprechend großen Gutes kann man dem Nächsten ein Übel und sogar den Tod wünschen, z. B.: auf dass ein leichtfertiger junger Mann sich nicht vom Bösen fortreißen lässt, das ihn seine ewige Seligkeit aufs Spiel setzen lassen würde, oder auch, auf dass ein Familienvater nicht sein ganzes Geld für den Alkohol verschwendet.

Der Beleidiger ist gehalten, denjenigen um Verzeihung zu bitten, den er verletzt hat. Wenn zwei Personen einander gegenseitig verletzt haben, liegt die Pflicht, zuerst um Verzeihung zu bitten, bei dem, der zuerst oder eine schwerere Verletzung zugefügt hat. Aber das Beste ist, wenn beide diesen Schritt machen. – Es ist nicht nötig, dass die Bitte um Verzeihung auf explizite Weise geschieht. Oft wird sie sich genausogut durch eine besondere Geste der Sympathie kundtun, durch das Entbieten eines Grußes etc…

Der Beleidigte ist gehalten, sich zu bemühen, die Versöhnung herbeizuführen, wenn sein Gegner andernfalls in der schweren Sünde bleibt oder Ärgernis daraus entstehen muss.

b) Es braucht auch eine äußere Manifestation des Verzeihens, die dadurch geschieht, dass man die üblichen Zeichen der Freundlichkeit entgegenbringt.

[…] Wenn der andere nicht auf diese allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit eingeht, z. B. nicht auf den Gruß antwortet, ist man nicht mehr verpflichtet, sie ihm als erster entgegenzubringen.

α) Es ist eine schwere Sünde, die allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit zu verweigern, wenn das aus Hass geschieht oder der, dem man diese Zeichen verweigert, davon bedrückt ist, oder auch, wenn daraus ein schweres Ärgernis entsteht.

Sich vom Weg des Gegners fernzuhalten, um nicht unnötig in Zorn zu geraten, ist keine Sünde, wenn daraus kein Ärgernis oder Kümmernis für den Nächsten entsteht. Wenn zwei Nachbarn, zwei Brüder oder zwei Schwestern wegen einer leichten Unstimmigkeit eine gewisse Zeit nicht miteinander reden oder einander nicht grüßen, besteht keine schwere Sünde.

β) Das Verweigern der allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit kann erlaubt sein, wenn es ein ausreichendes Motiv gibt und kein Ärgernis entsteht.

Solche Motive sind: die Besserung oder gerechte Bestrafung des Beleidigers, ferner der Wunsch, zu zeigen, wie sehr sein schlechtes Verhalten einen verletzt hat.

c) Man ist nicht verpflichtet, auf die Genugtuung und die Wiedergutmachung des Schadens zu verzichten.

Dementsprechend kann man eine gerichtliche Klage einreichen, auch wenn der Beleidiger um Verzeihung gebeten hat, aber man darf es nicht aus Hass tun. – Dementsprechend muss man auf die Genugtuung verzichten, wenn der Schaden unbedeutend ist, wenn, um ihn wiedergutzumachen, der Beleidiger einen schweren und unverhältnismäßigen Schaden leiden müsste.

d) Besondere Zeichen der Zuneigung werden von der Feindesliebe nicht verlangt, selbst wenn man sie zuvor gegenseitig ausgetauscht hat. – In Ausnahmefällen kann man aber aus anderen Gründen dazu gehalten sein.

Das geschieht, wenn die Verweigerung dieser Zeichen der Zuneigung Ärgernis entstehen lassen würde, oder wenn, indem man sie austauscht, man den anderen dazu führt, seine Einstellung zu ändern. Man ist allerdings nicht verpflichtet, dafür ein großes Opfer zu bringen.

II. Die Ordnung, der wir in der Liebe zum Nächsten folgen müssen, wird bestimmt durch die Not des Nächsten und unser Verhältnis zu ihm.

1. Die Not des Nächsten kann geistlich oder zeitlich sein, beide können sein: extrem, schwerwiegend oder leicht.

Jemand befindet sich in extremer Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen gar nicht oder nur sehr schwer dem ewigen oder zeitlichen Tod entrinnen kann. Es ist fast dasselbe bei jemandem, der an dem Punkt ist, in eine extreme Gefahr zu geraten, oder der, ohne die Hilfe des anderen, einem schweren und lang andauernden Übel nicht entkommen kann, z. B.: einer harten Gefangenschaft, dem Verlust seiner Güter, seiner Stellung. [Hier spricht Jone natürlich aus Sicht einer Zeit, in der letzteres noch gravierendere Folgen hatte als heute; heute ist Arbeitslosigkeit vermutlich eher schwerwiegend als extrem.]

Jemand befindet sich in schwerwiegender Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen nur schwer der ewigen Verdammnis entgehen kann; wenn er schwerwiegende zeitliche Probleme erlebt, die aber nicht lange andauern oder nicht exzessiv schwerwiegend sind.

Jemand ist in leichter Not, wenn er von einem wenig wichtigen Übel bedroht ist oder von einem schwerwiegenden Übel, dem er aber leicht entkommen kann.

a) In extremer geistlicher Not muss man dem Nächsten selbst bei Gefahr des eigenen Lebens zu Hilfe kommen.

Man ist allerdings nur in den folgenden Fällen verpflichtet, sein Leben aufs Spiel zu setzen: wenn man die sichere Hoffnung hat, den nächsten mit diesem Beistand zu retten, wenn es niemand anderen gibt, der helfen kann und will, und zuletzt, wenn man, indem man ihm zu Hilfe kommt, nicht mehrere andere Personen der ewigen Verdammnis aussetzt. – Das ist der Grund, aus dem man in der Praxis eine Mutter nicht verpflichten kann, sich einer Kaiserschnittoperation zu unterziehen, um die gültige Taufe des Kindes sicherzustellen [gemeint ist: wenn das Kind eine Geburt auf natürlichem Wege nicht überleben würde; damals waren Kaiserschnitte noch viel gefährlicher als heute], und zwar aus den folgenden Gründen: es ist wahrscheinlich, dass die Taufe im Mutterschoß gültig ist, es ist nicht sicher, dass das Kind lebendig zur Welt käme, noch, dass es gerettet würde, wenn es im Erwachsenenalter stürbe. – Eine Todsünde oder auch nur eine lässliche Sünde zu begehen, um jemanden zu retten, ist nie erlaubt, da das Wohlgefallen Gottes über allem stehen muss.

b) In extremer zeitlicher Not ist man verpflichtet, dem Nächsten zu helfen, selbst zum Preis eines großen persönlichen Nachteils, aber nicht unter Lebensgefahr, wenigstens, wenn man dazu durch seine Stellung verpflichtet ist oder das Gemeinwohl die Rettung derer, die in Gefahr sind, erfordert.

[…] Es ist erlaubt und verdienstvoll, aus einem übernatürlichen Motiv heraus sein Leben aufs Spiel zu setzen, um das des Nächsten zu retten.

c) In schwerwiegender geistlicher oder zeitlicher Not muss man helfen, soweit man es ohne große Beschwerlichkeiten tun kann; man ist nur dann verpflichtet, es trotz großer Beschwerlichkeiten zu tun, wenn man wegen seiner Standespflichten, durch die Gerechtigkeit oder durch die familiäre Liebe dazu gehalten ist.

Das ist der Grund, aus dem z. B. ein Pfarrer verpflichtet ist, auch zum Preis großer Beschwerlichkeiten, seinen Pfarrkindern die Hilfe seines Dienstes zukommen zu lassen, wenn diese es sonst schwer hätten, ihr Heil zu erwirken.

d) Bei gewöhnlichem geistlichen oder zeitlichen Bedarf ist man nicht verpflichtet, jedem unserer Mitmenschen im Einzelnen zu Hilfe zu kommen.

Man darf allerdings nicht in der Einstellung sein, niemals jemandem in diesem Fall zu Hilfe zu kommen; man muss im Gegenteil oft anderen helfen, wenn man es ohne größere Schwierigkeiten kann. Man darf sogar, im geistlichen oder zeitlichen Interesse des Nächsten, große geistliche Güter aufgeben, die nicht notwendig sind, um die ewige Seligkeit zu erlangen, z. B.: seinen Eintritt ins Kloster aufschieben, auf den Verdienst aller seiner guten Werke zugunsten der Seelen im Fegefeuer verzichten, sich der entfernten Gefahr der Sünde aussetzen.

2. Unsere Beziehungen zum Nächsten verpflichten uns, bei gleicher Not, zuerst denen zu helfen, die uns am nächsten stehen.

[…] Die Ordnung, der zu folgen ist, ist dementsprechend die folgende: Der Ehemann oder die Ehefrau, die Kinder, der Vater und die Mutter, die Brüder und Schwestern, die anderen Vorfahren [Großeltern etc.], die Freunde etc… In extremer Not muss man den Vater und die Mutter allen anderen vorziehen, da wir ihnen unsere Existenz verdanken.“

Wenn er hier die Ehepartner vor den Kindern nennt, klingt das vielleicht kontraintuitiv macht aber letztlich Sinn; Ehepartner bleiben z. B. eng aneinander gebunden, wenn ihre erwachsenen Kinder schon ausgezogen sind. Ein großer Unterschied in der Nähe besteht hier aber freilich nicht; beides ist die engste Familie.

Dann schreibt Jone noch etwas über zwei Werke der Nächstenliebe; das Almosengeben, worunter er offensichtlich mehr Hilfe fasst, die beim zeitlichen Leben hilft als nur die normalen Geldspenden, also z. B. auch den kostenlosen Beistand eines Arztes oder Anwalts für jemanden in Not, und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna), mit der gemeint ist, jemand anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er etwas Falsches tut oder getan hat (also z. B. so etwas wie „Mit dem, was du gesagt hast, hast du sie wirklich verletzt“, oder „Du hättest dieses Gerücht über ihn nicht verbreiten dürfen“). Zu den geistlichen Werken der Barmherzigkeit gehört es ja, „die Unwissenden zu lehren“, „die Zweifelnden zu beraten“ und „die Sünder zurechtzuweisen“; die correctio fraterna kann jemandes Seele nützen und auch anderen zeigen, was das Richtige und das Falsche ist, die ihn sonst nachahmen könnten; freilich sollte man es mit ihr auch nicht übertreiben (und, wie Jone schreibt, sollten gerade Skrupulanten sich lieber nicht mit ihr befassen).

Beim Almosen erwähnt Jone hier ab und zu den Begriff „standesgemäßes Leben“; das klingt heute seltsam, hat aber seinen Sinn; man könnte sagen, es umfasst das, was in der Wirtschaftslehre als „Kulturbedürfnisse“ im Unterschied zu „Existenzbedürfnissen“ und „Luxusbedürfnissen“ bezeichnet wird. Hier ist ein Leben gemeint, bei dem man in der Gesellschaft, zu der man gehört, in seiner jeweiligen Position dazugehören und bequem leben kann. Was genau dazu zählt, ändert sich auch; z. B. ist es heute in Deutschland normal, sich Kühlschrank und Waschmaschine leisten zu können und die wenigsten schaffen es, ohne zurechtzukommen, also würde die Kühlschrankreparatur eindeutig unter das „standesgemäße Leben“ fallen. Das „standesgemäße Leben“ ändert sich auch wirklich mit dem „Stand“; z. B. wird von der Queen nun mal einfach etwas anderes erwartet als von ihren Putzfrauen; und diese Unterschiede sind okay so, jedenfalls sicherlich, solange alle genug haben.

Auch zum Thema Almosen zu beachten ist, dass heutzutage in vielen Staaten schon größere Teile der Steuergelder sozialen Zwecken zugutekommen, für die früher Spenden nötig  waren.

Jone schreibt also, wobei er zunächst vor allem von Situationen spricht, in denen man den Hilfe benötigenden Nächsten persönlich kennt:

„Unter den verschiedenen Werken der Nächstenliebe betrachten wir hier vor allem: das Almosen und die brüderliche Zurechtweisung.

I. Das Almosen. 1. In extremer Not ist man verpflichtet, unter schwerer Sünde, dem Nächsten zu helfen, selbst unter Opferung der Güter, die nötig sind, um ein standesgemäßes Leben zu führen.

Wir sind nicht verpflichtet, das zu opfern, was für unseren Unterhalt und den der Personen, für die wir verantwortlich sind, nötig ist.

a) Es ist nicht nötig, eine größere Hilfe zu gewähren, als die Linderung der Not verlangt. […]

b) Was man nicht verpflichtet wäre, zu tun, um sein eigenes Leben zu retten, ist man nicht verpflichtet, zu tun, um das des anderen zu retten.

[…]

2. In schwerwiegender Not ist man verpflichtet, dem Armen so weit zu helfen, wie man es kann, ohne das aufzugeben, was notwendig ist, um ein standesgemäßes Leben zu führen. Diese Pflicht ist für gewöhnlich eine schwerwiegende Pflicht.

Im Fall dass ein Armer in dieser Not leicht anderswo Hilfe finden könnte, wäre man nicht unter der schwerwiegenden Verpflichtung, ihm persönlich zu Hilfe zu kommen. […] Wer keinen Überfluss besitzt, aber trotzdem behaglich lebt, sündigt lässlich, wenn er nicht einmal ein kleines Opfer akzeptieren will, um einem Armen in schwerwiegender Not zu helfen.

3. Bei gewöhnlicher Not muss man, auf generelle Weise, den Armen aus seinem Überfluss helfen, und das, nach der Meinung der meisten Autoren, nur unter lässlicher Sünde.

[…] Wer jedes Jahr 2% aus seinem Überfluss dafür aufwendet, erfüllt seine Pflicht, in Bezug auf diese Armen. Es sind auch die der lässlichen Sünde schuldig, die nur das Genügende besitzen und nie etwas für die Armen tun.

Bemerkung: Da in unseren Tagen oft eine große Not herrscht, ob in unserer unmittelbaren Umgebung oder in fremden Ländern, und es durch die modernen Organisationen leicht ist, diesen Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen, ist man gehalten, jedes Jahr mehr als 2% aus seinem Überfluss den Armen zu geben. Es ist allerdings nicht nötig, alles abzugeben, was man entbehren kann, wenn ganze Regionen, z. B. in China oder Indien, sich in extremer Bedürftigkeit befinden. Selbst wenn eine Person allein ihr ganzes Vermögen gäbe, wäre eine solche allgemeine Not nicht behoben; aber wenn jedermann seine Pflicht erfüllen würde, wäre es normalerweise relativ einfach, ihr abzuhelfen. Aber man muss ausdrücklich bemerken, dass man hier nur die äußerste Grenze der Sünde anzeigt. Ein wahrer Christ wird sicherlich ein größeres Almosen geben, selbst im Fall der gewöhnlichen Bedürftigkeit.“

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(Fyodor Bronnikov, Das Gleichnis von Lazarus und dem Reichen. Gemeinfrei.)

„II. Die brüderliche Zurechtweisung. 1. Es gibt die schwerwiegende Pflicht, den Nächsten von der Sünde abzuziehen oder ihn aus der nächsten Gefahr zur Sünde zu entfernen, wenn alle folgenden Vorbedingungen erfüllt sind.

a) Der Nächste befindet sich in einer wirklichen geistlichen Not.

Diese Not existiert, wenn die Sünde oder der Wille zur Sünde nicht angezweifelt werden kann; sodann, wenn der Nächste sich ohne die brüderliche Zurechtweisung nicht bessern wird; zuletzt, wenn niemand anderes, zumindest niemand Kompetentes, diese Zurechtweisung unternimmt.

Wenn Sünden, die aus unüberwindlicher Unwissenheit begangen werden, keinen Schaden verursachen, gibt es keine Pflicht der Nächstenliebe, jemanden z. B. auf eine Abstinenz- oder Fastenvorschrift aufmerksam zu machen. Im Gegensatz dazu, wenn eine selbst nur materielle Sünde Schaden verursacht, entweder für den Sünder selbst (Sünden gegen das sechste Gebot), für einen Dritten (z. B.: Unterlassung eines Schadensersatzes, Ärgernis), verpflichtet uns die Nächstenliebe, darauf hinzuweisen, selbst wenn der Sünder sich in unüberwindlicher Unwissenheit befindet. – Selbst in den Fällen, in denen man nicht durch die Pflicht zur Nächstenliebe gehalten ist, darauf hinzuweisen, kann man, unter lässlicher Sünde, verpflichtet sein, in Anbetracht der Ehre Gottes darauf hinzuweisen (z. B.: um eine Gotteslästerung zu vermeiden). Im übrigen sind viele Leute aufgrund ihrer Verantwortung oder durch die familiäre Liebe verpflichtet, andere anzuleiten.

b) Die geistliche Not ist groß.

Die Not existiert immer, wenn es sich um eine Todsünde handelt. Im Ausnahmefall kann ein Oberer die schwerwiegende Pflicht haben, gegen die [nicht schwer sündigen] Verfehlungen seiner Untergebenen einzuschreiten, z. B. wenn diese Verfehlungen die Ordensdisziplin gefährden.

c) Man hat die fundierte Hoffnung, den Nächsten sich bessern zu sehen.

Dementsprechend existiert diese Pflicht für gewöhnlich nicht gegenüber Unbekannten. Skrupulanten tun gut, sich nicht um die brüderliche Zurechtweisung zu kümmern, da sie absolut keine Kompetenz dafür haben. Man kann die brüderliche Zurechtweisung aufschieben, wenn die Chance besteht, dass sie später effektiver sein wird.

Wenn es keine Hoffnung auf Besserung gibt, muss man die brüderliche Zurechtweisung nur üben, wenn ihre Unterlassung Ärgernis verursachen würde.

d) Die Zurechtweisung lässt sich ohne schweren persönlichen Schaden bewerkstelligen.

Wer aus einem Übermaß an Schüchternheit die Zurechtweisung unterlässt, begeht für gewöhnlich keine schwere Sünde. – Die Bischöfe, die Pfarrer, etc…. kraft ihres Amtes, die Eltern kraft der familiären Pflichten, sind gehalten, die Zurechtweisung selbst unter großem persönlichen Nachteil zu üben. – Desgleichen können Privatpersonen verpflichtet sein, auf die Zurechtweisung zurückzugreifen, wenn ihre Unterlassung dem Gemeinwohl schaden würde, z. B. wenn ein korrumpierter Schüler eine ganze Anstalt verderben könnte, oder ein Priester, der sich zum Versucher macht, den Gläubigen einen großen Schaden verursacht.

2. Die Weise, auf die die brüderliche Zurechtweisung geschehen soll. Sie kann durch Worte geschehen, einen Blick, oft auch dadurch, das Gespräch anderswohin zu lenken oder jemandem seine Mitwirkung zu verweigern.

3. Die bei der Zurechtweisung zu folgende Ordnung ist die folgende: Zuallererst zeigt man seine Meinung dem Einzelnen, dann tut man es vor ein oder zwei anderen Personen; wenn dieses zweite Mittel auch scheitert, informiert man die Oberen.

Eine sofortige Anzeige ist erlaubt, wenn die Sünde öffentlich ist, oder an dem Punkt, es zu werden, wenn das Gemeinwohl oder das Wohl eines Dritten eine sofortige Anzeige erfordert, wenn es einen großen Schaden verursachen würde, jemanden direkt zur Ordnung zu rufen, wenn ein privater Hinweis wenig Erfolgschancen hätte. […]“

Jone bezieht sich hier natürlich auf Jesu Anweisung in Mt 18,15-17: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“

Das Anzeigen beim Oberen betrifft z. B. Fälle, wo ein Pfarrer sich fragwürdig verhält und die Pfarreimitglieder sich an den Bischof wenden könnten, damit er Abhilfe schafft.

Vielleicht ist es zur Ergänzung noch interessant, wie Fagothey über die gegenseitige Hilfe schreibt, auch wenn es im Endeffekt praktisch auf dasselbe hinausläuft wie bei Jone:

„Die Nächstenliebe verpflichtet uns, dem Nächsten in Not zu Hilfe zu kommen. Wie bindend diese Verpflichtung ist, hängt von drei Faktoren ab:

(1) Wie groß seine Not ist

(2) Wie viel Schwierigkeiten es uns kosten wird

(3) Wie nützlich unsere Hilfe sein wird

Da wir unseren Nächsten wie uns selbst, aber nicht mehr als uns selbst, lieben müssen, sind wir nie verpflichtet, obwohl es uns erlaubt ist, eine gleichwertige Mühsal auf uns zu nehmen wie die, von der wir ihn befreien wollen. Uns für andere aufzuopfern ist heroisch und bewundernswert, kann aber kaum als Pflicht auferlegt werden, da wir selbst Rechte haben und die andere Person auch Pflichten uns gegenüber hat. Und es wäre unvernünftig, wenn wir zu sinnlosen Gesten gegenüber denen verpflichtet wären, die jenseits unserer Hilfsmöglichkeiten sind.

Sich zu weigern, einem Menschen in extremer Not zu helfen, selbst bei ernsthaften Beschwerlichkeiten für uns, ist unmenschlich und unentschuldbar. Wenn er nicht in extremer, aber in wirklich schwerer Not ist, nimmt die Verpflichtung proportional ab, ist aber immer noch schwerwiegend. Je geringer die Not, desto geringer die Verpflichtung, aber sie verschwindet nicht, solange wir ohne unangemessene Schwierigkeiten helfen können. Aber den gewöhnlichen Nöten der Menschheit im Allgemeinen abzuhelfen, da sie ein Teil des Lebens sind und zu zahlreich für die Ressourcen irgendeines einzelnen, kann unter normalen Umständen nicht die Pflicht von Privatpersonen sein. Diejenigen, die für das Gemeinwohl verantwortlich sind, müssen Maßnahmen konzipieren, um ihnen abzuhelfen; das ist eine Pflicht der Gerechtigkeit, aber es sollte über die Verpflichtungen der bloßen Gerechtigkeit hinausgehen.

Die Reichen haben eine Pflicht, die Armen zu unterstützen. Diese Verpflichtung ruht eher auf den Reichen als Klasse als auf einem einzelnen Reichen, außer er wäre der einzige in der Gemeinschaft, der der Situation entgegentreten könnte. Die Unterstützung der Armen kann auf verschiedene Weise geschehen. Wenn die Regierung alles davon effizient und ausreichend erledigt, etwas, das wahrscheinlich niemals in der Geschichte geschehen ist, würden die Reichen ihre Pflicht tun, indem sie ihre Steuern zahlen. Wenn die Regierung nichts davon tut, was zumeist in früheren Zeitaltern der Fall war, sind die Wohlhabenden verpflichtet, es aus eigener Initiative zu tun, und weder Gleichgültigkeit noch Faulheit noch Habsucht können sie entschuldigen. Wenn es von privaten Einrichtungen mit öffentlicher Unterstützung, die aber hauptsächlich von freiwilligen Spenden abhängen, getan wird, ist der Reiche verpflichtet, je nach dem Maß seines Überflusses dazu beizutragen. Es kann eine Kombination all dieser Mittel geben, aber, welche auch immer sie seien, die Unterstützung der Bedürftigen ist keine bloße Empfehlung, sondern eine strenge Verpflichtung durch das natürliche Sittengesetz. Diese Bemerkungen betreffen die Pflichten Einzelner. Später werden wir über die Pflicht der Gesellschaft sprechen, ungerechten wirtschaftlichen Bedingungen abzuhelfen.

Die Hilfe, die wir unserem Nächsten geben können, ist verschiedener Art, sie geht vom Sagen eines ermutigenden Wortes zur Rettung seines Lebens, aber der größte Dienst, den wir ihm tun können, ist, ihm zu helfen, sein höchstes Ziel zu erreichen. […] Es gibt viele Weisen, auf dem wir ihm aktive geistliche Hilfe geben können, aber eine, die immer in unserer Macht steht, ganz gleich, was unsere Ressourcen oder unsere Stellung im Leben sein mag, ist das Beispiel unserer eigenen guten moralischen Leben.“****

Vielleicht lohnt es sich, hier am Ende noch einmal alle jeweils sieben leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit aufzuzählen, also diverse Weisen, auf denen sich die Nächstenliebe besonders betätigen kann.

Leiblich:

  • Hungernde speisen
  • Dürstenden zu trinken geben
  • Nackte bekleiden
  • Fremde aufnehmen
  • Kranke besuchen
  • Gefangene besuchen
  • Tote begraben

Geistlich:

  • Unwissende lehren.
  • Zweifelnden recht raten.
  • Trauernde trösten.
  • Sünder zurechtweisen.
  • Beleidigern gerne verzeihen.
  • Lästige geduldig ertragen.
  • für Lebende und Tote beten.

Und das war es für heute wieder.

* Austin Fagothey SJ: Right and Reason. Ethics in theory and practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, Charlotte, North Carolina 2000 (Nachdruck der 2. Ausgabe von 1959), S. 332. Eigene Übersetzung.

** Ebd., S. 333f.

*** Die folgenden Zitate sind aus: Heribert Jone, Précis de théologie morale catholique. Adapté aux règles du nouveau Code de droit canon et aux prescriptions du Code civil, 5. Aufl., Mulhouse 1935, S. 77-81. Eigene Übersetzung.

**** Fagothey, Right and Reason, S. 335f.

Was ist eigentlich Liebe?

Was ist eigentlich Liebe? Ach ja. Ein Begriff über den viel geredet wird, und der für allen möglichen Unsinn herhalten muss – und ein Begriff, der, richtig definiert, unheimlich wichtig ist.

Die Liebe ist die Grundlage des Christentums – und zwar zuallererst die Liebe, die Gott zu uns hat und aus der heraus Er Mensch geworden ist. Die macht uns dann erst fähig, Gott zurück zu lieben, und andere Menschen zu lieben wie uns selbst. Man müsste eigentlich viel mehr über Gottes Liebe zu uns schreiben (und dann auch über die Liebe, die wir Gott schulden), aber das versuche ich ein anderes Mal; heute will ich mich erst einmal auf die zwischenmenschliche Liebe konzentrieren. Im Evangelium heißt es: „Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn [Jesus] versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,35-40)

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ – Joh 15,13. (Buchillustration, 12. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Das Wort „Liebe“ wird manchmal verwendet für die Zuneigung zum Vertrauten, die Bindung zu den Menschen und Dingen, zu denen man gehört – der Familie, dem Zuhause; es wird auch verwendet für das Angezogensein von Menschen und Dingen, die man bewundert oder mag – da sind wir im Bereich von Freundschaft, romantischer Liebe, der Freude über neu entdeckte Dinge. Manchmal vermischen sich diese beiden Arten Liebe – z. B. bei der Liebe zum Ehepartner, der Familie ist und den man sich mal ausgesucht hat, weil er einem gefallen hat. Beide Arten von Liebe sind gut, und wichtig, aber sie sind noch nicht Liebe im Vollsinn und sie kommen nicht ohne diese Liebe im Vollsinn aus.

Liebe im Vollsinn, Liebe im Sinne des lateinischen „caritas“ oder des griechischen  „agape“, im Sinne dessen, was man oft als „christliche Nächstenliebe“ bezeichnet, bedeutet ganz einfach ein Bejahen der Existenz des anderen, ein grundsätzliches Wohlwollen ihm gegenüber. Diese Liebe sagt: Ich will, dass du bist. Du bist keine Platzverschwendung, du sollst sein. Sie bedeutet: Dem anderen Gutes wollen. Diese Liebe schuldet jeder Mensch jedem Menschen, anders als die beiden oben genannten Arten von Liebe – man kann und muss nicht jeden sympathisch finden oder mit jedem befreundet sein, aber man muss jeden lieben. Ja, ausnahmslos jeden. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (Mt 5,43-47)

Aber keine Angst. Die Feindesliebe ist gar nicht so schwer, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Diese Liebe verträgt sich z. B. schon mit dem Wunsch, jemanden, der ein Verbrechen begangen hat, dafür (im rechten Maß!) bestraft sehen zu wollen. Womit sie sich nie verträgt, ist: Jemanden auf ewig in die Hölle zu wünschen; ihm für etwas, das er bereut, nicht vergeben zu wollen; ihm etwas Ungerechtes, Unverdientes zu wünschen oder anzutun.

Die Feindesliebe zu, sagen wir, (um nicht immer völkermordende Diktatoren als Beispiele herzunehmen, mit denen die meisten von uns wenig zu tun haben werden) einem Verbrecher, der einen auf der Straße brutal niedergeschlagen und ausgeraubt hat, kann sehr wohl so aussehen, dass man wünscht, dass er gefasst wird, dass er ein paar Jahre ins Gefängnis kommt, damit die Gerechtigkeit wiederhergestellt ist und er etwas draus lernt, dass er bereut und sich bessert und dass er am Ende zusammen mit einem in den Himmel kommt. Die Feindesliebe zu einem Partner, der einen immer wieder misshandelt hat, dann immer wieder beteuert hat, es käme nicht mehr vor, nur um einen dann doch wieder zu tyrannisieren und zuzuschlagen, kann sehr wohl so aussehen, dass man sich trennt, seinen Entschuldigungen nicht mehr traut und jeden Kontakt abbricht, um sich zu schützen; und dass man wünscht, dass er bereut und sich bessert und dass er am Ende zusammen mit einem in den Himmel kommt. (Auf Gerechtigkeit zu bestehen ist vielleicht sogar für den anderen in solchen Situationen am besten, weil er dann, wenn seine Opfer sein Handeln nicht mehr hinnehmen, sich wirklich gezwungen sehen könnte, sich zu ändern, was seiner Seele guttäte. Aber selbst, wenn das nicht der Fall wäre: Die Feindesliebe verbietet es nicht, eine gewisse Gerechtigkeit zu wollen oder sich selbst vor jemandem zu schützen. Die Liebe zu sich selbst verträgt sich ja auch damit – und zwar sehr gut damit – dass man, wenn man ein Unrecht begangen hat, eine gerechte Strafe dafür auf sich nimmt.) Man denke hier auch an Stephanus und Paulus, die jetzt beide als Heilige gemeinsam bei Gott sind, obwohl der eine dabei geholfen hat, den anderen zu ermorden. Im Diesseits ist noch keiner so verhärtet, dass er unwiderruflich verloren wäre und jede Hoffnung für ihn sinnlos wäre. (Wir können wohl davon ausgehen, dass der Tod für jemanden dann kommt, wenn Gott sieht, dass eine weitere Bewährungszeit nichts Grundsätzliches mehr für ihn ändern würde.)

Der Liebe entgegengesetzt ist nicht nur der Hass, sondern auch Verachtung oder völlige Gleichgültigkeit. Liebe ist etwas Positives, nicht nur ein bloßes in-Ruhe-Lassen (auch wenn sie das manchmal auch bedeutet – doch, ja), sie erfordert manchmal Anstrengung und Kraft. Sie bedeutet: über sich hinausschauen, andere wahrnehmen und achten, sehen, wer sie sind, was sie bewegt, was sie brauchen, sich selber auch mal klein machen und ihnen den Vortritt lassen, sie bedeutet Interesse an anderen und Verantwortung für sie, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit, Dankbarkeit.

Liebe richtet auf, statt zu zerstören. Sie ist nicht damit beschäftigt, zu dekonstruieren und zu verreißen – manchmal muss sie das in Bezug auf falsche Illusionen etc. zwar tun, aber das ist nicht das, was ihr eigentlich liegt.

Die Faustregel „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12) ist meistens ziemlich hilfreich, wenn man sich darüber klar werden will, was die Liebe zu anderen erfordert; außer natürlich wenn, was ja auch vorkommen kann, jemand einen destruktiven, verächtlichen Hass gegenüber sich selber hegt und auch sich selber nichts Gutes tun würde. Solcher Selbsthass ist ebenfalls der Liebe entgegengesetzt; man soll jedem Menschen mit diesem grundsätzlichen Wohlwollen begegnen, anderen und auch sich selbst.

Liebe ist nichts Widervernünftiges (und Vernunft nichts Liebloses!). Im Johannesevangelium heißt es „und das Wort war Gott“ – das hier gebrauchte griechische Wort für „Wort“, „logos“, heißt auch „Vernunft,“ – und im 1. Johannesbrief „Gott ist die Liebe“: Gott ist Vernunft und Liebe zugleich. Es entspricht der Vernunft, die Geschöpfe, die Gott gut geschaffen hat (wenn sie auch später gefallen und teilweise verdorben sind), zu lieben. Liebe bedeutet, einen anderen so zu sehen, wie Gott ihn gewollt hat; sehen, dass er etwas wert ist, dass er Gutes  an sich hat, dass er, wenn er schon kein guter Mensch ist, zumindest gut sein könnte.

Liebe will den anderen als guten Menschen sehen. Sie freut sich auch über seine sonstigen Errungenschaften oder Eigenschaften, Erfolg oder Klugheit oder von ihm geschaffene Dinge, aber vor allem will sie ihn als guten Menschen sehen. Liebe kann sich nicht daran freuen, wenn ein geliebter Mensch (zum Beispiel) glücklich dabei ist, luxuriös zu leben, indem er alte Leute mit Enkeltrickbetrug ausnimmt.

Es gibt bekanntlich die alte Formel „die Sünde hassen, den Sünder lieben“, die vom hl. Augustinus stammt. Das ist keine praktisch eh nicht durchführbare Haarspalterei, sondern die Grundlage, um überhaupt lieben zu können. Man liebt das Schlechte am anderen nicht – man liebt ihn trotz des Schlechten, und man will, auch um seinetwillen, dass das Schlechte an ihm verschwindet. Eben genau dieselbe Einstellung, die man auch sich selbst gegenüber normalerweise hegt bzw. hegen sollte.

C. S. Lewis schreibt dazu: „Lange kam mir das wie Haarspalterei vor. Wie können wir die Handlungen eines Menschen hassen, nicht aber den Menschen selbst? Jahre später erst ging mir auf, dass es einen Menschen gab, den ich schon immer auf diese Weise behandelt hatte: nämlich mich selbst. So sehr ich meine Feigheit, meine Eitelkeit oder meine Habgier auch verabscheute, ich hörte nicht auf, mich selbst zu lieben. Da hatte es nie Probleme gegeben. Mehr noch, ich verabscheute diese Dinge, gerade weil ich den Mann liebte. Eben weil ich mich liebte, tat es mir weh, immer wieder mitansehen zu müssen, zu welchen Taten ich fähig war. Das Christentum verlangt von uns aber nicht, den Abscheu über Grausamkeit oder Verrat zu unterdrücken oder auch nur im mindesten abzuschwächen. Wir sollen und dürfen beides hassen. Wir brauchen kein einziges Wort zurückzunehmen.“ (Aus: „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“), Teil III, Kapitel 7.)

Auch der hl. Thomas von Aquin schreibt: „Ich antworte, gemäß ihrer Natur, nach der sie die Seligkeit genießen können, seien die Sünder zu lieben; denn die gemeinschaftliche Grundlage der heiligen Liebe ist die ewige Seligkeit; — gemäß der Schuld aber, die ein Hindernis bildet für die Seligkeit, seien sie aus dem gleichen Grunde zu hassen; selbst wenn es Vater, Mutter etc. wäre, wie Luk. 14. geschrieben steht. Daß sie also Sünder sind, müssen wir in ihnen hassen; daß sie Menschen sind, in heiliger Liebe lieben.“ (Summa Theologiae, II/II 25,6)

Liebe ist keine bloße Emotion – und man kann sehr wohl jemanden lieben, indem man ihm praktisch Liebe zeigt, auch wenn man nicht viele nette Gefühle für ihn hegt. Gerade dann ist es wertvoll, jemandem Gutes zu tun, wenn man ihn nicht sympathisch finden kann. Wobei positive Emotionen natürlich oft hilfreich sind, wenn man zu jemanden gut sein will.

Sie ist auch nichts Gesetzloses oder Widergesetzliches – im Gegenteil, sie ist die Grundlage des göttlichen Gesetzes, nicht ein Vorwand zu dessen Umgehung. „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Joh 14,15). Sie bedeutet Harmonie und Ordnung, Treue und Verlässlichkeit und das Einhalten von Versprechen. Ja, dazu gehört an prominenter Stelle das Eheversprechen. („Die Gefühle sind irgendwie weg“ ist kein ausreichender Grund für eine Trennung. Man hat sich Liebe und Treue versprochen, in guten wie in schlechten Tagen, und das kann man immer noch halten. Erst recht nicht ist „Liebe“ ein ausreichender Grund, um seinen Partner mit jemand Neuem zu betrügen. (Diese Art „Liebe“ beruht meistens sowieso nicht auf mehr als Hormonen und Einbildung.))

Liebe ist nicht parteiisch und nicht blind. Liebe leugnet die Fehler eines geliebten Menschen nicht einfach und ignoriert sie auch nicht, wenn sie entsprechend groß sind.

Damit ist sie meistens genau das, was sogenannte „Liebesromane“ nicht unter „Liebe“ verstehen. Ein Beispiel aus einem der klassischen Schundromane, Band 2 der Twilight-Reihe (ich bitte alle christlichen Leser, mich nicht für meine Jugendsünden zu verurteilen!); an einer Stelle denkt sich die Hauptfigur in Bezug auf ihren Guter-Vampir-(derzeit-Ex)-Freund, dass sie ihn selbst dann geliebt hätte, wenn er ein Mörder gewesen wäre: „Aber wenn es so gewesen wäre? Wenn er sich, während ich ihn kannte, genauso verhalten hätte wie jeder andere Vampir? Wenn Menschen im Wald verschwunden wären, genau wie jetzt? Hätte ich mich dann  von ihm ferngehalten? Ich schüttelte traurig den Kopf. Liebe ist irrational, dachte ich wieder. Je mehr man jemanden liebte, desto unlogischer wurde alles.“ Nö. Genau das ist nicht Liebe. Sondern eine ziemlich abstoßende Blindheit.

Serien und Filme und Romane arbeiten ja auch gerne mit dramatischen Gewissensdilemmata, mit Situationen, in denen die Hauptfigur, erpresst durch einen Verbrecher, irgendeinem Fremden etwas antun soll, damit der Verbrecher einem geliebten Familienmitglied, das er entführt hat, nichts antut, oder etwas in der Art. Das Resultat ist dann meistens, dass derjenige das tut, weil, aus Liebe kann er halt nicht anders, oder so. Aber, doch, er könnte. Und die speziell dem Familienmitglied geschuldete Liebe berechtigt ihn nicht dazu, dem Fremden etwas anzutun. Dem schuldet er nämlich auch eine gewisse Liebe. Sicher ist man zuerst für die „Nächsten“, für die einem am nächsten Stehenden, verantwortlich, aber das heißt nicht, dass andere nicht zählen.

Liebe bedeutet Gerechtigkeit und Barmherzigkeit – beides. Sie bedeutet nicht einfach die Vernachlässigung der Gerechtigkeit im Namen der Barmherzigkeit – das wäre dann meistens Ungerechtigkeit. (Ein etwas banales Beispiel, das man oft in einem Kindergarten sehen kann: Kind 1 hat Kind 2 sein Spielzeug weggenommen und die erschöpfte Erzieherin fordert Kind 2 auf, doch einfach lieb zu sein und das Spielzeug Kind 1 zu überlassen; das wird Kind 2 vermutlich nicht besonders freundlich gegenüber Kind 1 stimmen und ihm nur das Gefühl geben, „Liebe“ sei ein Vorwand, um andere zu überreden, Ungerechtigkeit hinzunehmen; und auch Kind 1 wird nicht lernen, was Teilen und Liebe bedeutet.) Sie bedeutet aber auch nicht einfach nur harte Gerechtigkeit; immer wieder ist auch die Zeit da, einfach ungeschuldetermaßen barmherzig und vergebend zu sein und über das hinauszugehen, was jemand verdient. (Barmherzigkeit ist per definitionem unverdient.) Vor allem muss, bevor es Barmherzigkeit geben kann, ein Unrecht als solches anerkannt werden – wenn jemand ein Unrecht mir gegenüber zugibt, ist es an der Zeit, sich mit ihm zu auszusöhnen, aber solange er sich weigert, das zu sehen, würde immer etwas zwischen einem stehen und man könnte nur Waffenstillstände miteinander schließen statt wirklichen Frieden.

In christlichen Kreisen, besonders in amerikanischen christlichen Kreisen, ist in den letzten Jahren ja gerne davon gesprochen worden, dass Liebe nicht nur nett und duldsam ist, sondern auch „tough love“ bedeuten kann, also auch streng sein kann und harte Tatsachen nicht unter den Teppich kehren wird. Das stimmt auch. Aber Liebe wird sich trotzdem oft durch Güte, Milde, Geduld, Freundlichkeit äußern; und „tough love“ sollte nicht als Entschuldigung herhalten, um sich ekelhaft aufzuführen. Auch, wenn sie manchmal nötig sein sollte.

So weit mal einige Überlegungen. Aber am besten hat natürlich immer noch der hl. Paulus ausgedrückt, was Liebe ist:

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts. Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13)

Die Sache mit der Nächstenliebe und den Kirchenfürsten

Pfarrer Rainer Maria Schießler aus München zählt wohl, wenn auch nicht gerade zu den katholischen Promis, dann doch zu den bekannteren Kirchenmännern Deutschlands. Regelmäßig im BR zu sehen, bekannt für seinen Nebenjob als Kellner auf der Wiesn, seine „Viecherlgottesdienste“ und seine Fahrzeugsegnungen; einer, von dem man eben ab und zu in der Regionalzeitung liest. So einer erreicht die Menschen, könnte man sagen. Wenn man ihn allerdings einmal reden hört, fragt man sich, mit welcher Botschaft genau er sie eigentlich erreichen will.

Vor einigen Wochen bekam ich von einer Freundin die Einladung zu einer Lesung mit Pfarrer Schießler. Ich hatte Zeit, es war eine gute Gelegenheit, sich mal wieder zu treffen – bin also gern hingegangen. Über den Referenten des Abends hatte ich mich nicht wirklich intensiv informiert. Er machte mir auf dem Plakat keinen wirklich ansprechenden Eindruck, aber na und. Ich ging ja nicht wegen ihm hin, und vielleicht würde es doch ganz nett werden.

Während Hochwürden Schießler (wie er sich selbst wohl nicht titulieren würde) zu Beginn der Veranstaltung noch seine Bücher signierte, die zahlreichen Anwesenden hauptsächlich mittleren Alters sich ihre Plätze im Saal suchten, und meine Freundin sich mit Bekannten unterhielt, blätterte ich ein wenig in seinem Werk mit dem dezidiert bayerischen Titel „Himmel, Herrgott, Sakrament“. Mein erster Eindruck war: Worum geht es hier eigentlich? Das Buch schien nichts weiter zu sein als eine Ansammlung von ungeordneten autobiographischen Anekdoten und Meinungsäußerungen zu einzelnen Themen, alles wenig aussagekräftig, sehr durcheinander und vor allem: eher eine Selbstdarstellung des Autors als eine Darstellung eines bestimmten Themas.

Der insgesamt leicht über zweieinhalbstündige Vortrag begann dann passenderweise nicht gleich mit einer Lesung, sondern ebenfalls mit Anekdoten über Schießlers Erlebnisse beim Bayerischen Fernsehen, beim Oktoberfest, und Ähnlichem. Man muss ihm eins lassen: Reden kann er, und seine Erzählungen sind witzig. Zum Kabarettisten hätte er durchaus das Zeug. In der kurzen Lesung aus seinem Buch ging es dann passenderweise um ein Kindheitserlebnis, als der aufgeregte Rainer sich bei seinem allerersten Mal Ministrantendienst übergeben musste. Witzig geschrieben, eine süße Geschichte, man muss es sagen. Die Geschichte, wie der Verlag mit dem Buchprojekt auf ihn zugekommen sei, war dagegen von ostentativ zur Schau gestellter Demut geprägt: Dass so ein Dorfpfarrer wie er jetzt ein Buch schreiben solle, usw. (München ist zwar nicht direkt ein Dorf, aber gut. Stadtpfarrer sind schließlich nicht automatisch wichtiger als Dorfpfarrer.) Sicher: Das Buch ist offenbar auch von der Seite des Verlags als eine Vorstellung der Person Schießlers und seiner Ansichten und Projekte gedacht. Offenbar wird bei den Lesern vorausgesetzt, dass sie bereits ein wenig darüber wissen, wer er ist. Trotzdem blieb da der Eindruck, dass der Herr Pfarrer es doch ganz gut leiden kann, im Mittelpunkt zu stehen.

Einige konkrete Themen hat er doch angesprochen, und dabei auch einige gute Dinge gesagt. Diese Themen kann man wohl unter dem Untertitel seines Buches zusammenfassen: „Auftreten statt austreten“. Katholiken sollten ihre Kirche lieben und deshalb manches in ihr zu ändern versuchen. An sich ein gutes Prinzip (ecclesia semper reformanda!), und auch in eher „konservativen“ Kreisen ist ja das Kritisieren von bestimmten deutschen Bischöfen, kirchensteuerfinanzierten Einrichtungen und gewissen Gremien (*hüstl* ZDK *hüstl*) bekanntermaßen an der Tagesordnung. Wie sehen also Pfarrer Schießlers Vorstellungen von einer besseren, lebendigeren Kirche aus?

Es waren hilfreiche praktische Einsichten für den persönlichen Alltag dabei, was etwa die Angst vor dem Leben angeht. Außerdem gab es pastorale Tipps; sein Bericht von seiner Israelfahrt mit seinen Firmlingen war recht spannend, und kann durchaus als Vorbild für Firmpastoral dienen: Sakramente muss man spüren, sei einer seiner Grundsätze. Sicher gebe es auch eine objektive Wirksamkeit des Sakraments, aber trotzdem sei eine intensive, ansprechende Vorbereitung nötig. Gut und richtig, in keiner Weise häresieverdächtig, wenn man auch darüber streiten kann, ab wann der Eventcharakter überbewertet wird. Wobei eine Fahrt ins Heilige Land sicher so ziemlich die beste Firmvorbereitung ist, die man sich denken kann, wenn sie entsprechend begleitet wird (und die Eltern beim Bezahlen mitmachen).

An manchen Stellen wurde es etwas unlogisch, wenn er zum Beispiel wie selbstverständlich davon ausging, dass die „heutigen Menschen“ von den mittelalterlichen irgendwie grundsätzlich verschieden seien; ein nicht sehr durchdachter, aber verbreiteter Trugschluss. Lassen wir’s mal durchgehen.

Aber dann schlägt Hochwürden wieder ganz andere Töne an.

Es sind die üblichen Themen. Wiederverheiratete Geschiedene. Homosexuelle. Letzteren erteilt er natürlich eine Segnung. Die würden ja nicht einmal eine richtige Hochzeit verlangen, sondern bloß eine Segnung wünschen. Und überhaupt habe er vor allen denen großen Respekt, die gerade nicht kirchlich heirateten, weil sie sich dem Ideal nicht gewachsen fühlten. Und manche, die unverheiratet zusammenlebten, gingen ja sehr viel besser und rücksichtsvoller mit ihrem Partner um als manche kirchlich Verheirateten. (Man fragt sich unwillkürlich, was es dann überhaupt noch wert ist, wenn man sich anstrengt, dem Ideal gerecht zu werden.) Und man komme ihm hier nicht mit diesem Spruch „Liebe den Sünder, hasse die Sünde!“ Nächstenliebe! Toleranz!

An dieser Stelle wurde natürlich Papst Franziskus gelobt, der ja, trotz der ergebnislosen Synode, mit seinen Bemerkungen („Wer bin ich, zu urteilen?“, Die meisten Ehen seien ungültig, etc.) Türen geöffnet habe, die sich jetzt nicht mehr schließen ließen. Man kann sich hier denken, dass es gut ist, dass die Kirche kein solches Konzept des Lehramts vertritt, nach dem jede Äußerung eines Papstes für alle weiteren Zeiten von höchster Bedeutung wäre; andernfalls wäre Papst Liberius’ Nachgiebigkeit gegenüber dem Arianismus wohl von recht fataler Auswirkung.

Das Lästern über Papst Benedikt XVI. durfte natürlich auch nicht fehlen: der in seinen „barocken“ Gewändern.

Insgesamt zeichnete sich in Schießlers Äußerungen ein Bild von den höheren Funktionsträgern in der Kirche ab, das von klarem Antiklerikalismus geprägt ist. Er brüstete sich damit, dass er kein höheres kirchliches Amt anstrebe (er strebt ja auch nur Ämter im Bayerischen Rundfunk an), mit einer Meinungsverschiedenheit mit einem „Prälaten“ (man beachte hier immer die Wahl der Begriffe! „Generalvikar“, oder „Weihbischof“, oder was auch immer dieser Prälat genau war, hätte einen anderen Klang) und zog über Vorschläge her, die Zelebrationsrichtung „mit dem Rücken zum Volk“ wieder einzuführen. Er habe jetzt endlich in seiner Kirche einen Volksaltar installiert, und es sei wohl in Ordnung, fünfzig Jahre nach dem Konzil das Konzil umzusetzen. Argumente für oder gegen die eine oder die andere Richtung, oder Kardinal Sarahs Gründe für einen solchen Vorschlag, oder auch nur Zitate aus tatsächlichen Konzilsdokumenten wurden nicht erwähnt.

Dieser Antiklerikalismus hat eine klare Wirkung: Schießler setzt sich als der heldenhafte Rebell gegen die Kirchenfürsten in Szene und erntet dafür öffentlichen Beifall. Mit den „anderen“ braucht es keinen Austausch von Argumenten; das verschwommene, aber unverrückbar verankerte Bild von überheblichen reichen alten Herren in prunkvollen lila Seidengewändern auf einem weltentrückten Elfenbeinturm ist Argument genug.

Ich kann hier nur sagen: Zu diesem Priester möchte ich nicht zur Beichte gehen. Mit ihm möchte ich nicht über meinen Glauben, meine Probleme oder irgendetwas sprechen, über das man sonst speziell mit Priestern spricht. Ich möchte mir nicht einmal seine Predigten anhören. Weil ich das Gefühl habe, dass ich – auch wenn ich kein „Prälat“, sondern bloß eine gewöhnliche Katholikin mit eher „konservativen“ Ansichten bin – für ihn als passendes Zielobjekt von „Nächstenliebe“ letztendlich ausscheiden würde. Schießler liebt nicht den Sünder und hasst dabei die Sünde, wie es seine Gegner proklamieren. Er hasst Sünde und Sünder, er definiert sie nur anders. Sünder sind für ihn nicht wiederverheiratete Geschiedene, sondern Katholiken, die bei bestimmten Themen nicht einer Meinung mit ihm sind; das sind Pharisäer; die sind die wahren Sünder; und auf die muss man auch nicht zugehen und sie suchen wie das verlorene Schaf. Die sollen gefälligst bereuen und in Sack und Asche Buße tun und froh sein, wenn man sie dann gnädigst wieder aufnimmt.

Ich will alle diese Themen hier nicht lang und breit diskutieren; einzelne, wie die Zelebrationsrichtung oder das Firmalter (in diesem Zusammenhang kritisierte er die Einführung eines jüngeren Firmalters durch „junge konservative Bischöfe“), sind nicht einmal häresieverdächtig und Katholiken können hier durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Ich selber beispielsweise bin doch auch eher für ein höheres Firmalter, würde aber dafür die Zelebrationsrichtung ad orientem für sinnvoll halten. Aber das Entscheidende ist dies: Pfarrer Schießler lässt gar nicht den Gedanken daran aufkommen, dass die „Prälaten“, die „jungen, konservativen Bischöfe“ oder was für Gegner er sonst noch haben mag, aus anderen Gründen als klerikaler Arroganz anderer Meinung sind als er, ob es nun um die Unauflöslichkeit der Ehe oder die alte Messe geht. Ich bin bereit, Herrn Schießler zu glauben, dass er seine Konzepte ernsthaft für barmherziger und menschenfreundlicher hält, auch wenn seine Argumentationsweise nicht gerade intellektuell redlich ist. Ist er bereit, mir dasselbe zu glauben?

Letzten Endes jedoch bleibt vor allem ein Eindruck: Dass auch die Kritik an den „Prälaten“ nicht der Kern von Hochwürden Schießlers Botschaft ist. Sondern die Selbstdarstellung. In jedem Thema, das er ansprach, war deutlich die Aussage zu hören: Seht her, so toll mache ich das.

Während ich später noch im Foyer des Veranstaltungshauses gewartet habe, ergab sich übrigens noch ein kurzes Gespräch zwischen mir und Pfarrer Schießlers Photograf, bei dem ich zum Ausdruck brachte, dass ich den Vortrag nicht besonders ansprechend gefunden hatte. Was mir denn nicht gefallen habe, erkundigte er sich. Auf die Schnelle konnte ich es nicht gut in Worte fassen, aber ich sagte ihm, dass Pfarrer Schießler auf mich den Eindruck gemacht habe, seine Meinung stehe für ihn über allem. So sei er nicht, versicherte der nette junge Photograf mir.

Ich weiß nicht, wie Pfarrer Schießler privat ist. Sicher neigen viele Menschen, die im Fernsehen, wenn auch nur im öffentlich-rechtlichen, auftreten, zwangsläufig zu Selbstdarstellung und Polemik, wenn sie öffentlich sprechen; die Versuchung zur Selbstdarstellung kommt mit der Bekanntheit Hand in Hand.

Aber was ich sagen kann, ist, dass Vorträge wie dieser sicher nicht zu einem Geist der Nächstenliebe, der Toleranz und der gepflegten Debatten beitragen. Bei den sog. konservativen/strenggläubigen/wie-auch-immer-man-sie-betiteln-mag Katholiken, die sich mit den bösen Prälaten solidarisieren, hinterlassen sie jedenfalls das Gefühl, dass sie von vornherein als die Bösen abgestempelt werden sollen. Weil es ja gar keinen anderen Grund geben kann, gegen eine Wiederheirat nach einer Scheidung zu sein, als mangelnde Nächstenliebe.