Aus dem Denzinger: Der Anti-Modernisten-Eid

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

 Alle Teile hier.

 

Der folgende vom hl. Pius X. eingeführte Eid musste zwischen 1910 und 1967 von allen Pfarrern, Theologiestudenten vor Erhalt der akademischen Grade, Ordensoberen usw. abgelegt werden:

 

„Ich, N.N., umfasse fest und nehme samt und sonders an, was vom irrtumslosen Lehramt der Kirche definiert, behauptet und erklärt wurde, vor allem diejenigen Lehrkapitel, die den Irrtümern dieser Zeit unmittelbar widerstreiten.

Und zwar erstens: Ich bekenne, daß Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der Vernunft ‚durch das, was gemacht ist’ [Röm 1,20], das heißt, durch die sichtbaren Werke der Schöpfung, als Ursache vermittels der Wirkungen sicher erkannt und sogar auch bewiesen werden kann.

Zweitens: Die äußeren Beweise der Offenbarung, das heißt, die göttlichen Taten, und zwar in erster Linie die Wunder und Weissagungen lasse ich gelten und anerkenne ich als ganz sichere Zeichen für den göttlichen Ursprung der christlichen Religion, und ich halte fest, daß ebendiese dem Verständnis aller Generationen und Menschen, auch dieser Zeit, bestens angemessen sind.

Drittens: Ebenso glaube ich mit festem Glauben, daß die Kirche, die Hüterin und Lehrerin des geoffenbarten Wortes, durch den wahren und geschichtlichen Christus selbst, als er bei uns lebte, unmittelbar und direkt eingesetzt und daß sie auf Petrus, den Fürsten der apostolischen Hierarchie, und seine Nachfolger in Ewigkeit erbaut [wurde].

Viertens: Ich nehme aufrichtig an, daß die Glaubenslehre von den Aposteln durch die rechtgläubigen Väter in demselben Sinn und in immer derselben Bedeutung bis auf uns überliefert [wurde]; und deshalb verwerfe ich völlig die häretische Erdichtung von einer Entwicklung der Glaubenslehren, die von einem Sinn in einen anderen übergehen, der von dem verschieden ist, den die Kirche früher festhielt; und ebenso verurteile ich jeglichen Irrtum, durch den an die Stelle der göttlichen Hinterlassenschaft, die der Braut Christi überantwortet ist und von ihr treu gehütet werden soll, eine philosophische Erfindung oder eine Schöpfung des menschlichen Bewusstseins setzt, das durch das Bemühen der Menschen allmählich ausgeformt wurde und künftighin in unbegrenztem Fortschritt zu vervollkommnen ist.

Fünftens: Ich halte ganz sicher fest und bekenne aufrichtig, daß der Glaube kein blindes Gefühl der Religion ist, das unter dem Drang des Herzens und der Neigung eines sittlich geformten Willens aus den Winkeln des Unterbewußtseins hervorbricht, sondern die wahre Zustimmung des Verstandes zu der von außen aufgrund des Hörens empfangenen Wahrheit, durch die wir nämlich wegen der Autorität des höchst wahrhaftigen Gottes glauben, daß wahr ist, was vom persönlichen Gott, unserem Schöpfer und Herrn, gesagt, bezeugt und geoffenbart wurde.

Ich unterwerfe mich auch mit der gehörigen Ehrfurcht und schließe mich aus ganzem Herzen allen Verurteilungen, Erklärungen und Vorschriften an, die in der Enzyklika ‚Pascendi’ und im Dekret ‚Lamentabili’ enthalten sind, vor allem in bezug auf die sogenannte Dogmengeschichte.

Ebenso verwerfe ich den Irrtum derer, die behaupten, der von der Kirche vorgelegte Glaube könne der Geschichte widerstreiten, und die katholischen Glaubenslehren könnten in dem Sinne, in dem sie jetzt verstanden werden, nicht mit den wahren Ursprüngen der christlichen Religion vereinbart werden.

Ich verurteile und verwerfe auch die Auffassung derer, die sagen, der gebildetere christliche Mensch spiele eine doppelte Rolle , zum einen die des Gläubigen , zum anderen die des Historikers, so als ob es dem Historiker erlaubt wäre, das festzuhalten, was dem Glauben des Gläubigen widerspricht, oder Prämissen aufzustellen, aus denen folgt, daß die Glaubenslehren entweder falsch oder zweifelhaft sind, sofern diese nur  nicht direkt geleugnet werden.

Ich verwerfe ebenso diejenige Methode , die heilige Schrift zu beurteilen und auszulegen, die sich unter Hintanstellung der Überlieferung der Kirche, der Analogie des Glaubens und der Normen des Apostolischen Stuhles den Erdichtungen der Rationalisten anschließt und – nicht weniger frech als leichtfertig – die Textkritik als einzige und höchste Regel anerkennt.

Außerdem verwerfe ich die Auffassung jener, die behaupten, ein Lehrer, der eine theologische historische Disziplin lehrt oder über diese Dinge schreibt, müsse zunächst die vorgefaßte Meinung vom übernatürlichen Ursprung der katholischen Überlieferung oder von der von Gott verheißenen Hilfe zur fortdauernden Bewahrung einer jeden geoffenbarten Wahrheit ablegen; danach müsse er die Schriften der einzelnen Väter unter Ausschluß jedweder heiligen Autorität allein nach Prinzipien der Wissenschaft und mit derselben Freiheit des Urteils auslegen, mit der alle weltlichen Urkunden erforscht zu werden pflegen.

Ganz allgemein schließlich erkläre ich mich als dem Irrtum völlig fernstehend, in dem die Modernisten behaupten, der heiligen Überlieferung wohne nichts Göttliches inne, oder, was weit schlimmer [ist], dies in pantheistischem Sinne gelten lassen, so dass nichts mehr übrig bleibt als die bloße und einfache Tatsache, die mit den allgemeinen Tatsachen der Geschichte gleichzustellen ist, dass nämlich Menschen durch ihren Fleiß, ihre Geschicklichkeit und ihren Geist die von Christus und seinen Aposteln angefangene Lehre durch die nachfolgenden Generationen hindurch fortgesetzt haben.

Daher halte ich unerschütterlich fest und werde bis zum letzten Lebenshauch den Glauben der Väter von der sicheren Gnadengabe der Wahrheit festhalten, die in ‚der Nachfolge des Bischofsamtes seit den Aposteln’* ist, war und immer sein wird; nicht damit das festgehalten werde, was gemäß der jeweiligen Kultur einer jeden Zeit besser und geeigneter scheinen könnte, sondern damit die von Anfang an durch die Apostel verkündete unbedingte und unveränderliche Wahrheit ‚niemals anders geglaubt, niemals anders’ verstanden werde**.

Ich gelobe, daß ich dies alles treu, unversehrt und aufrichtig beachten und unverletzlich bewahren werde, indem ich bei keiner Gelegenheit, weder in der Lehre noch in irgendeiner mündlichen oder schriftlichen Form, davon abweiche. So gelobe ich, so schwöre ich, so [wahr] mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien Gottes.“

(Pius X., Motu Proprio „Sacrorum antistitum“, 1910; in: DH 3537–3550)

 

* Vgl. Irenäus von Lyon, Adversus haereses IV 40, n. 2 (hrsg. vonW. W. Harvey [Cambridge 1857] 2,236 / = IV 26, n. 2: SouChr 100/II, 718 / PG 7,1053C).

** Vgl. Tertullian, De praescriptione haereticorum 28 (R. F. Refoulé: CpChL 1 [1954] 209 / CSEL 70,34 / PL 2,47).

Über schwierige Bibelstellen, Teil 6: Das Fortschreiten der Offenbarung – Wie wir das Alte Testament lesen sollen

So, jetzt komme ich langsam zu einer der zentralen Fragen, wenn es um die schwierigen Bibelstellen geht, nämlich zur Frage nach dem Verständnis des Alten Testaments und seinem Verhältnis zum Neuen.

Ich glaube, das eigentliche Problem hier ist: Uns ist kaum jemals bewusst, wie nahe Gott uns heutzutage eigentlich ist.

Man stellt sich heutzutage gerne mal vor, dass damals, in biblischen Zeiten, Gott sich den Juden ganz offensichtlich zeigte – allerorten gab es Zeichen und Wunder, Propheten und Visionen, Straßen durchs Meer, vom Himmel fallendes Feuer oder auch Feuerzungen, Engel erschienen, himmlische Stimmen waren zu hören, Propheten wurden von einem feurigen Wagen und einem Wirbelsturm in den Himmel entrückt, Lahme gingen, Blinde sahen und Tote kehrten aus dem Grab zurück –, während heute dagegen nur noch ein paar tausende Jahre alte Berichte von alldem übrig seien, und wir daraus jetzt in diesem von Gott verlassenen Tal der Tränen irgendwie rekonstruieren müssten, was uns etwa die fünf Bücher Mose sagen sollen oder „was Jesus gewollt hätte“.

Und an diesem grundfalschen Bild ist allein die Ketzerei schuldig, deren 500. Geburtstag wir heuer beweinen müssen. Okay, vielleicht nicht ganz allein, aber jedenfalls zum allergrößten Teil.

Der Protestantismus geht davon aus, dass Jesus predigte, gekreuzigt wurde, auferstand und in den Himmel auffuhr, seine Apostel dann nach Pfingsten unter Befähigung des Heiligen Geistes eine ideale Urgemeinde aufbauten und die Bücher des Neuen Testaments verfassten, und dann – tja, dann müssen Jesus und der Heilige Geist die Menschheit irgendwie sich selbst überlassen haben. Nach und nach wurde diese ideale Welt der Urgemeinde unterwandert und zerstört durch die unbiblischen Hinzufügungen des beginnenden Katholizismus – Papsttum, Heiligenverehrung, „Werkgerechtigkeit“ und so weiter –, bis schließlich und endlich doch ein paar heldenhafte Erneuerer das Urchristentum wieder herstellten. Aber das war auch nur Menschenwerk; an sich gibt es keinen Grund, wieso das wahre Christentum nicht wieder verloren gehen sollte.

Der Katholizismus vertritt etwas vollkommen anderes. Wir glauben an einen Gott, der uns treu ist, der an seinem Bund mit uns festhält, gestern, heute und in Ewigkeit. Jason Stellman hat hier einen sehr guten Kommentar dazu: http://www.creedcodecult.com/protestantism-and-christianity/. Ich zitiere:

For us, magic is everywhere, and miracles happen all the time, especially on our altars. We live in a sacramental economy where spiritual blessings are communicated through physical things, where grace is not destroying nature but elevating it (kind of like how Christ’s divine nature did not destroy his human nature, but elevated it), where man is being divinized, and where the entire cosmos has been infused with a supernatural homesickness and longing to be liberated, along with the children of God, from its bondage to decay. We live in an age of eschatological overlap in which the Incarnation actually happened and the old world really is passing away. […] One of my former seminary profs has likened medieval Catholic Europe to the world of Harry Potter, suggesting that one of the triumphs of the Reformation was ridding the ecclesial landscape of all that blasted magical and supernatural hocus pocus. I think that is a very apt, and very sad, description of the Protestant view of the visible church and of the Christian life in general. […] In a word, it’s as if the genie is locked in the bottle, the wardrobe is bolted shut and can provide no otherworldly passage, and all those miraculous displays of divine power and love are safely quarantined to a time long past when God would indulge the superstitious desires of pre-Enlightenment peasants until the printing press would finally be invented.

 (Für uns ist Magie überall, und Wunder passieren die ganze Zeit, vor allem auf unseren Altären. Wir leben in einer sakramentalen Welt, wo geistiger Segen durch körperliche Dinge mitgeteilt wird, wo die Gnade die Natur nicht zerstört, sondern erhebt (ungefähr so, wie Christi göttliche Natur seine menschliche Natur nicht zerstörte, sondern erhob), wo der Mensch vergöttlicht wird, und wo dem ganze Kosmos ein übernatürliches Heimweh und ein Verlangen danach, zusammen mit den Kindern Gottes von seiner Gebundenheit durch den Verfall befreit zu werden, eingeflößt wurde. Wir leben in einem Zeitalter der eschatologischen Überlappung, in der die Fleischwerdung tatsächlich geschehen ist und die alte Welt wirklich vergeht. […] Einer meiner früheren Professoren im Seminar hat das mittelalterliche katholische Europa einmal mit der Welt von Harry Potter verglichen, und nahegelegt, dass es einer der Triumphe der Reformation gewesen sei, die kirchliche Landschaft von all dem verdammten magischen und übernatürlichen Hokuspokus zu reinigen. Ich denke, das ist eine sehr treffende, und sehr traurige, Beschreibung der protestantischen Sicht der sichtbaren Kirche und des christlichen Lebens im Allgemeinen. […] Mit einem Wort, es ist, wie wenn der Geist zurück in die Flasche gesperrt wird, der Wandschrank verriegelt wird und keinen Weg mehr in eine andere Welt bieten kann, und alle diese übernatürlichen Offenbarungen von göttlicher Kraft und Liebe sicher unter Quarantäne in eine längst vergangene Zeit verbannt werden, als Gott dem abergläubischen Verlangen von vor-aufklärerischen Bauern nachgab, bis endlich die Druckerpresse erfunden wurde.)

(Beim Lesen dieses Textes ist mir dieser Gedanke gekommen: Man könnte Atheisten von heute vielleicht mit den über das Land Narnia herrschenden Telmarern in „Prinz Kaspian von Narnia“ (Band 4 der „Chroniken von Narnia“) vergleichen, die auf einmal feststellen, dass es tatsächlich zu ihrer Zeit noch übrig gebliebene „Alt-Narnianen“ (sprechende Tiere, Zwerge, Zentauren usw.) gibt, die versteckt in den Wäldern leben, und Christen von heute oft genug mit diesen Alt-Narnianen, die sich selber uneins sind, was sie von den alten Erzählungen über Aslan und die Kinder aus einer anderen Welt (unserer Welt) halten sollen – schließlich ist das alles schon tausend Jahre her und niemand weiß nichts Genaues drüber -, bis die Kinder aus der anderen Welt und schließlich auch Aslan auf einmal wieder leibhaftig vor der Tür stehen, ins Geschehen eingreifen und ihnen zu Hilfe kommen.)

Wer hat Gott je gesehen? Na ja, ich habe ihn schon öfters gesehen, eigentlich jeden Sonntag seit ein paar Jahren, außer ich war mal krank, und ein großer Teil der Weltbevölkerung wohl auch, sicherlich die 1,2 Milliarden Katholiken, und dann noch einige aus dem Rest der Menschheit, die, auch wenn sie nicht katholisch sind, schon mal an einer katholischen Messe teilgenommen haben. Okay, nicht in seiner eigentlichen Gestalt, aber dennoch. Jesus Christus befindet sich im Moment in der Gestalt von einigen Brotstücken ein paar Straßen von mir entfernt in einer hässlichen Betonkirche aus den 60ern in einem freistehenden Tabernakel mit Marmorsockel. Und dann als nächstes zwei Kilometer weiter in einer schönen Barockkirche in einem mit Silber geschmückten Tabernakel, der in einen Hochaltar eingebaut ist. Und dann noch in sämtlichen anderen katholischen Kirchen auf dieser Welt – ach ja, und in den orthodoxen natürlich auch, die haben ja gültige Sakramente. Er befindet sich dort ebenso, wie er sich vor zweitausend Jahren in Jerusalem oder Nazareth befand. Wenn ich in einem Beichtstuhl knie und der Priester sagt „…so spreche ich dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen“, dann vergibt Gott mir meine Sünden. Wir haben einen Stellvertreter Christi auf Erden, der in Rom lebt, und dem wir bei seiner Generalaudienz zujubeln oder den wir in seiner Amtsführung kritisieren können. In Lourdes geschehen Wunder, in Guadeloupe geschehen Wunder, in Fatima geschehen Wunder; die für Heiligsprechungen zuständige Behörde im Vatikan hat ständig Wunder zu überprüfen, um zu beurteilen, ob anhängige Selig- und Heiligsprechungsprozesse vorangehen können. Wir haben unverweste Leichname Heiliger, unerklärliche Bilder wie das Marienbild von Guadeloupe oder das Abbild auf dem Turiner Grabtuch, weinende Statuen, und Privatoffenbarungen; aber nicht nur das; alles in dieser Welt, nicht nur wundersame Ereignisse, auch jede Kleinigkeit in der Natur verweist auf ihren Schöpfer. Jörg Lauster hat seiner vor ein paar Jahren erschienen „Kulturgeschichte des Christentums“ (Untertitel) den Titel „Die Verzauberung der Welt“ gegeben. Diesen Ausdruck finde ich sehr passend. Wir Christen glauben an einen treuen Gott, der einen bleibenden Bund mit uns geschlossen hat; als mich im Alter von zwei Monaten der Herr Stadtpfarrer mit Wasser übergossen und dazu die Taufformel gesprochen hat, wurde ich hineingenommen in diesen Bund, eingegliedert in den mystischen Leib Christi. Gott wirkt greifbar unter uns, heutzutage ebenso wie zu anderen Zeiten.

(Das alles ist irgendwie schon, wenn man es sich so überlegt… na ja, mehr, als man irgendwie begreifen kann.)

Wieso erwähne ich das alles: Weil wir ein korrektes Verständnis der Heils- und Offenbarungsgeschichte brauchen, um die Bibel richtig beurteilen zu können. Wir befinden uns heute an einer recht fortgeschrittenen Stelle der kontinuierlich voranschreitenden Heilsgeschichte. Wir können heute sehr viel mehr über Gott wissen, als Abraham wusste. Dank der Klärungen einiger wichtiger Fragen auf den Konzilien der letzten zwei Jahrtausende können wir sogar ein besseres Verständnis von Gott haben als Petrus oder Paulus. (Nebenbei: Intellektuelles Wissen ist nicht dasselbe wie Heiligkeit.) Gott ist uns heute noch immer nahe, entgegen dem, was manche glauben.

Die Kehrseite dieser Aussage ist natürlich, dass Er den Juden im Alten Testament eben gerade nicht nicht automatisch näher war als später Papst Leo X. oder Erasmus von Rotterdam oder Papst Johannes Paul II. oder Kardinal Reinhard Marx oder Schwester Anna Theresa aus der Klosterschule der Franziskanerinnen. Die Welt des Alten Testaments war nicht verzauberter als die heutige; im Gegenteil, sie war zunächst einmal eher noch gottferner. Als Gott begann, sich Abraham zu offenbaren, da hatte sich die Welt schon lange von Ihm entfernt, und die Menschen verehrten verschiedene Gottheiten, von denen sie sich vorstellten, dass sie irgendwie mit ihren Städten verbunden wären, dass man sie besänftigen oder sich ihre Gunst verdienen müsse, dass sie miteinander konkurrierten und hauptsächlich mächtiger und langlebiger als Menschen seien, aber sonst nicht viel anders als sie.

Gott begann also damals, sich den Menschen zu offenbaren. Das begann im Kleinen, und geschah nur nach und nach. Es bedurfte einer langen Vorbereitungszeit, bis es schließlich zum Höhepunkt der Offenbarung kam: Der Menschwerdung Gottes und Seiner Erlösungstat am Kreuz. Die eigentliche Offenbarung war nicht lange nach dieser Tat hauptsächlich abgeschlossen, mit dem Tod des letzten Apostels. Aber die Kirche, die Jesus Christus als Gottesvolk des Neuen Bundes aus Juden und Heiden begründet hatte, bestand weiter und bewahrt diese Offenbarung und gliedert neue Menschen in diesen Bund ein. Genuin neue Erkenntnisse kamen nicht mehr hinzu; das geschah nur bis etwa 100 n. Chr. Aber weiter entwickelt hat sich manches noch – man könnte sagen, die Pflanze war endlich gepflanzt, nachdem der Boden bereitet worden war, musste aber noch weiterhin wachsen, so dass einige Dinge (Dreifaltigkeit, Transsubstantiation, Anzahl der Sakramente, etc.) erst nach und nach genau definiert wurden.

Okay. Das heißt also, im Lauf des AT und vom AT zum NT kamen wirkliche neue Erkenntnisse hinzu, und das konnte auch ein bisschen dauern. Das heißt nicht, dass die vorigen Erkenntnisse falsch waren – aber sie waren oft noch unvollständig.

Ein einfaches Beispiel:

  • Im Alten Testament wurde den Israeliten zuerst das Gebot offenbart, nur den einen Gott, Jahwe, zu verehren. Man spricht hier von Monolatrie (altgriechisch „latreia“ = Anbetung, Gottesdienst). Einzelnen Bibelstellen kann man entnehmen, dass die Israeliten wohl in den frühen Stadien ihrer Geschichte implizit noch annahmen, dass es neben diesem einen Gott, den sie verehrten, noch andere Götter geben mochte – Götter anderer Völker, die man als Jude nicht verehren darf.
  • Schließlich kam dann aber die ausdrückliche Erkenntnis, dass tatsächlich nur dieser eine Gott existiert (Monotheismus); dass andere Götter nicht nur verboten, sondern nicht-existent sind. Das sieht man vor allem bei den Propheten: „Wer misst das Meer mit der hohlen Hand? Wer kann mit der ausgespannten Hand den Himmel vermessen? Wer misst den Staub der Erde mit einem Scheffel? Wer wiegt die Berge mit einer Waage und mit Gewichten die Hügel? Wer bestimmt den Geist des Herrn? Wer kann sein Berater sein und ihn unterrichten? Wen fragt er um Rat und wer vermittelt ihm Einsicht? Wer kann ihn über die Pfade des Rechts belehren? Wer lehrt ihn das Wissen und zeigt ihm den Weg der Erkenntnis? Seht, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer, sie gelten so viel wie ein Stäubchen auf der Waage. Ganze Inseln wiegen nicht mehr als ein Sandkorn. Der Libanon reicht nicht aus für das Brennholz, sein Wild genügt nicht für die Opfer. Alle Völker sind vor Gott wie ein Nichts, für ihn sind sie wertlos und nichtig. Mit wem wollt ihr Gott vergleichen und welches Bild an seine Stelle setzen? Der Handwerker gießt ein Götterbild, der Goldschmied überzieht es mit Gold und fertigt silberne Ketten dazu. Wer arm ist, wählt für ein Weihegeschenk ein Holz, das nicht fault; er sucht einen fähigen Meister, der ihm das Götterbild aufstellt, sodass es nicht wackelt. Wisst ihr es nicht, hört ihr es nicht, war es euch nicht von Anfang an bekannt? Habt ihr es nicht immer wieder erfahren seit der Grundlegung der Erde? Er ist es, der über dem Erdenrund thront; wie Heuschrecken sind ihre Bewohner.“ (Jesaja 40,12-22) „Hört das Wort, das der Herr zu euch spricht, ihr vom Haus Israel. So spricht der Herr: Gewöhnt euch nicht an den Weg der Völker, erschreckt nicht vor den Zeichen des Himmels, wenn auch die Völker vor ihnen erschrecken. Denn die Gebräuche der Völker sind leerer Wahn. Ihre Götzen sind nur Holz, das man im Wald schlägt, ein Werk aus der Hand des Schnitzers, mit dem Messer verfertigt. Er verziert es mit Silber und Gold, mit Nagel und Hammer macht er es fest, sodass es nicht wackelt. Sie sind wie Vogelscheuchen im Gurkenfeld. Sie können nicht reden; man muss sie tragen, weil sie nicht gehen können. Fürchtet euch nicht vor ihnen; denn sie können weder Schaden zufügen noch Gutes bewirken. Niemand, Herr, ist wie du: Groß bist du und groß an Kraft ist dein Name. Wer sollte dich nicht fürchten, du König der Völker? Ja, das steht dir zu. Denn unter allen Weisen der Völker und in jedem ihrer Reiche ist keiner wie du. Sie alle sind töricht und dumm. Was die nichtigen Götzen zu bieten haben – Holz ist es. Sie sind gehämmertes Silber aus Tarschisch und Gold aus Ofir, Arbeit des Schnitzers und Goldschmieds; violetter und roter Purpur ist ihr Gewand; sie alle sind nur das Werk kunstfertiger Männer. Der Herr aber ist in Wahrheit Gott, lebendiger Gott und ewiger König. Vor seinem Zorn erbebt die Erde, die Völker halten seinen Groll nicht aus. Von jenen dagegen sollt ihr sagen: Die Götter, die weder Himmel noch Erde erschufen, sie sollen verschwinden von der Erde und unter dem Himmel.“ (Jeremia 10,1-11)
  • Im NT dann kam die Erkenntnis, dass dieser eine Gott dreifaltig ist, sprich, es wird zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist differenziert (auch wenn in der Bibel noch nicht ganz genau definiert ist, in welchem Verhältnis genau die drei göttlichen Personen zueinander stehen).

Eins ist hier wichtig: Ein Zuwachs an Wissen bedeutet nicht, dass das frühere Wissen falsch wird. Nirgendwo in den älteren Texten heißt es ausdrücklich „Es gibt noch andere Götter, aber die dürfen wir nicht verehren“, sondern es heißt „Wir dürfen keine anderen Götter verehren“. Bald kommt dann die zusätzliche Erkenntnis hinzu „…und zwar weil es die gar nicht gibt“. Nirgendwo heißt es im AT: „Gott ist nicht drei in einem.“ Es heißt im AT: „Gott ist einer“ – und im NT kommt dann die zusätzliche Erkenntnis hinzu „…aber gleichzeitig auch noch drei“. Sicher hätten die Autoren des AT, wenn man sie gefragt hätte, verneint, dass Gott aus drei Personen bestehe; aber das hat man sie nicht gefragt und das haben sie nicht in ihre Texte geschrieben.

Es gibt ziemlich viele solcher zusätzlichen Erkenntnisse. Zum Beispiel:

  • Die Feindesliebe
  • Die Erkenntnis, dass Leid nicht notwendigerweise eine Strafe Gottes ist, sondern dass auch Unschuldige leiden können
  • Die Erkenntnis, dass es ein Leben nach dem Tod bei Gott gibt, nicht nur eine dunkle Unterwelt

Das alles sind übrigens Erkenntnisse, die nicht erst im NT als etwas völlig Neues auftauchen. Im Buch der Sprichwörter heißt es „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken“ (Sprichwörter 25,21), das ganze Buch Ijob handelt von einem „leidenden Gerechten“, und im Buch der Makkabäer sagt einer der sieben Brüder, die gemeinsam das Martyrium erleiden: „Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind“ (2 Makkabäer 7,9). Dennoch waren diese Themen zur Zeit Jesu noch irgendwie umstritten. Jesus sagt jetzt zum Thema Feindesliebe: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (Matthäus 5,43-47)* Und zum Thema Leid heißt es im Johannesevangelium: „Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ (Johannes 9,1-3; Jesus heilt dann den Blinden) Und zum Thema Leben nach dem Tod steht bei Matthäus: „Am selben Tag kamen zu Jesus einige von den Sadduzäern, die behaupten, es gebe keine Auferstehung. Sie fragten ihn: Meister, Mose hat gesagt: Wenn ein Mann stirbt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder dessen Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Bei uns lebten einmal sieben Brüder. Der erste heiratete und starb, und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder, ebenso der zweite und der dritte und so weiter bis zum siebten. Als letzte von allen starb die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Jesus antwortete ihnen: Ihr irrt euch; ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes. Denn nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel. Habt ihr im übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten mit den Worten gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs ? Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden. Als das Volk das hörte, war es über seine Lehre bestürzt.“ (Matthäus 22,23-33)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/ba/Brooklyn_Museum_-_Jesus_Teaches_in_the_Synagogues_%28J%C3%A9sus_enseigne_dans_les_synagogues%29_-_James_Tissot.jpg

(James Tissot, Jesus teaches in the Synagogue, Wikimedia Commons)

Manche Erkenntnisse kommen erst nach und nach; an manchen Stellen des AT stehen im Hintergrund noch kulturell bedingte Annahmen der Autoren – wie auch in der Schöpfungsgeschichte noch das Bild eines Himmels„gewölbes“ im Hintergrund steht (s. Teil 4: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/) -, die an späterer Stelle der Offenbarungsgeschichte dann aufgegeben werden. Peter van Briel von der Karl-Leisner-Jugend beschreibt das in dieser empfehlenswerten Katechese (http://www.k-l-j.de/055_altes_testament_gottesbild.htm), die ich am Anfang dieser Reihe schon einmal verlinkt habe (sie ist wirklich empfehlenswert, aber in einigen Dingen meiner Meinung nach auch etwas zu ungenau, daher schreibe ich noch meine ausführliche Reihe hier und begnüge mich nicht einfach damit, dorthin weiterzuverweisen), folgendermaßen:

 

Und in diesem Gedankengang (Früher war Gott präsenter – Früher müsste also alles besser gewesen sein – Das war es aber nicht, im Gegenteil! – Also ist Gott kein guter Gott – Gottseidank hält er sich heutzutage zurück!) liegt ein Fehler – bereits im ersten Satz. In den biblischen Zeiten war Gott keineswegs aktiver im Weltgeschehen und Seine Rede eben nicht klarer zu vernehmen. Im Gegenteil.

 Sorry. Tatsächlich dürfte die umgekehrte Aussage zutreffender sein: Bei den geschichtlichen Ereignissen im Alten Testament handelt es sich um die ersten Versuche, sich auf Gott einzulassen.

 „The First Contact“ mit Gott ist wie der erste Funkkontakt in den Anfängen der Radiozeit: Auch wenn Gott damals wie heute seine Sendungen in bester Qualität ausstrahlt – sogar in Stereo, Dolby und 3D – nutzt das alles nichts, wenn die Empfänger zunächst nur der einfachsten Technik, mit instabiler Frequenz und wackeliger Stromversorgung entsprachen. Mittlerweile verfügt das Volk Gottes über modernste Technik (allesamt von Gott geschenkt) – im Lehramt der Kirche, einem ganzen Volk von Propheten und Heiligen, in jedem Getauften und Gefirmten, dem allgemeinen Priestertum.

 Aber abgesehen vom heute besseren Empfang unterscheidet sich die Zeit im Alten Bunde nicht sonderlich von unserer Gegenwart. Immerhin bezeichnet sich die katholische Kirche gelegentlich als „Volk Gottes“ – als Fortsetzung des erwählten Volkes Israel, als „neues Israel“. […]

 Haben wir nun aus der Bibel ein Märchen- oder Bilderbuch gemacht?

 Nein. Denn wer einmal die richtige Frequenz gefunden hat, erkennt, dass Gott schon von Anfang an Richtiges gesendet hat, der Mensch aber damals nur unscharf verstanden hat. Was in der Bibel steht, sind aber ausschließlich die Funksprüche, denen tatsächlich und sicher das Wort Gottes zugrunde liegt, wenn auch mit Rauschen überlagert. […]

 Es gibt einen Unterschied zwischen „schlechtem Empfang“ und rosa Rauschen. Die Bibel ist verrauscht – okay. Aber der göttliche Sinn ist erkennbar – für den, der nicht (so wie z.B. Dawkins) lieber Störsingnale katalogisiert, anstatt den Sinn zu suchen.

 

Oft wird dann, wenn man diese Stellen mit anderen Stellen im AT oder im NT vergleicht, klar, wie man sie verstehen soll und wie nicht. Weitere Beispiele und verschiedene Möglichkeiten zu ihrer Auslegung in den folgenden Teilen.

Regel Nummer 13: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch mit Rauschen überlagert.

 

* In der Bibel steht nicht in diesem Wortlaut, man „soll seinen Feind hassen“. Es wurde nur (wenn ich mich recht erinnere) von den Schriftgelehrten zur Zeit Jesu eher so dargestellt: Das Gebot der Nächstenliebe ist verpflichtend, die Feindesliebe höchstens ein freiwilliges Werk der Übergebühr; seinen Feind darf man auch hassen.

Philosophie und Offenbarung, Teil 2

Jetzt habe ich den ersten Teil (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/09/25/philosophie-und-offenbarung-teil-1/) schon vor Wochen gepostet und liefere erst jetzt den zweiten nach – aber besser spät als nie, denke ich mir.

Im ersten Teil ging es um das Allgemeine zum Thema philosophische Gotteserkenntnis und Gotteserkenntnis durch Offenbarung und die wichtigsten philosophischen Argumente für Gott wurden kurz angerissen; jetzt also speziell zu den Argumenten für die christliche/katholische Offenbarung.

Mir ist in letzter Zeit ein bestimmter Fehler in der typischen atheistischen Argumentation gegen die christliche Offenbarung aufgefallen. Da wird nämlich gelegentlich gefragt: Wieso hätte Gott sich so und so offenbaren sollen und nicht deutlicher? Wieso hätte er zu irgendwelchen „rückständigen Nomaden“ am Arsch der Welt reden sollen? Wieso damals und nicht heutzutage, wo es viel bessere Möglichkeiten zur Verbreitung der Botschaft gäbe? Usw.

Nun kann man sicher interessante Spekulationen darüber aufstellen, was die Antworten auf diese Fragen wären, aber für unser Thema sind sie eigentlich vollkommen falsch gestellt. Denn die Frage ist doch gar nicht, wieso, sondern ob Gott das gemacht hat. Argumentiert man mit „Wieso hätte Hannibal mit Elefanten über die Alpen laufen sollen, das wäre doch total umständlich gewesen“ dafür, dass Hannibal niemals mit Elefanten die Alpen überquert habe, oder damit, dass wohl kaum ein Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU den Untergang des Kommunismus eingeläutet haben könne, dafür, dass es Gorbatschows „Glasnost & Perestroika“-Programm nie gegeben habe? Eben.

Man muss an die Frage anders herangehen: Man sieht sich einfach die Quellen an und fragt nach ihrer Glaubwürdigkeit – was nicht gleichbedeutend ist mit der Wahrscheinlichkeit der Ereignisse, die sie beschreiben, denn es ist in der Weltgeschichte viel Unwahrscheinliches geschehen. Wie viele Quellen haben wir für Hannibals Alpenüberquerung? Aus welcher Zeit stammen sie? Von wem stammen sie? Haben wir andere Quellen des Autors, von denen wir wissen können, dass sie Unwahres berichten, oder umgekehrt, dass sie zuverlässig sind? Werden die Quellen durch andere Quellen bestätigt? Oder stehen andere Quellen ihnen entgegen? Wenn ja, wie könnte sich das erklären lassen? Und so weiter. Und so muss man es eben auch mit Lehren, die von sich behaupten, göttliche Offenbarung zu sein, machen. Offenbarung – zumindest die christliche Offenbarung – ist bekanntlich ein grundlegend historischer Vorgang; sie hängt davon ab, dass zu dem und dem Zeitpunkt das und das wirklich geschehen ist. „Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten…“ Die nächsten Fragen sind also: Woher wissen wir von der christlichen Offenbarung? Durch die Kirche und durch ihre Heiligen Schriften. Woher stammen diese Schriften? Wie alt sind sie? Kann das stimmen, was darin steht?

Hier sollte man übrigens auf einen weiteren logischen Fehlschluss aufpassen. Oftmals wird nämlich, wenn in einem historischen Text von einem Wunder berichtet wird – z. B. von der Auferstehung – sofort darauf geschlossen, dass das dann ja gar nicht historisch sein könne. Die Ansicht, dass Wunder gar nicht passieren könnten, bringt man aber von außen als philosophisches Vorurteil an diesen Text heran. Und dieses Vorurteil ist durchaus zu hinterfragen. Denn wenn man (auch nur hypothetisch) davon ausgeht, dass es einen allmächtigen Gott außerhalb der Welt gibt, der diese geschaffen hat, sollte man auch davon ausgehen können, dass er abseits der von ihm eingerichteten normalen Naturgesetze zumindest theoretisch in das Weltgeschehen eingreifen kann – so, wie Eltern auf das Taschengeldkonto ihrer Kinder zugreifen können. Und das wird er vielleicht auch tatsächlich einmal tun, um den Leuten zu zeigen, dass es auch wirklich er ist, der sich ihnen da zeigt.

Einer der wichtigsten Punkte in der Frage nach der Wahrheit des Christentums ist natürlich die Auferstehung Jesu. Keiner, der auch nur die geringste Ahnung von Geschichte hat, leugnet, dass Jesus von Nazareth gelebt hat und unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, dafür bräuchten wir nicht einmal die christlichen Quellen, sondern Tacitus und Flavius Josephus würden schon genügen, aber die Frage ist ja: War er wirklich Gott? Wurde er sozusagen von Gott bestätigt dadurch, dass er während seines Lebens Wunder wirken konnte und vor allem dadurch, dass er nach seinem Tod auferstanden ist? Ist dieser Bericht glaubhaft?

Kurz gesagt: Ja, ist er.

Zunächst einmal muss man auch hier den Fallstrick eines Fehlschlusses beachten, der darin besteht, biblische/christliche Quellen von vorn herein nicht als Beweismittel für in der Bibel erzählte Vorgänge anzunehmen, da sie ja irgendwie parteiisch oder so wären. Das ist Unsinn. Auf diese Weise könnte ich alle Quellen der gesamten Geschichte aus der Geschichtsschreibung hinauswerfen. Jede Quelle ist parteiisch; kein Geschichtsschreiber war je neutral. Man sage mir, wie viele unparteiische Quellen es über Julian Apostata, Napoleon Bonaparte oder Adolf Hitler gibt – ich nehme mal an, gar keine. Ich nehme alle vorhandenen Quellen, sehe mir ihre Berichte an und frage mich, wieso der Schreiber wohl für diese Seite und der Schreiber wohl für jene Seite Partei ergriffen hat, welcher Schreiber eher die Wahrheit berichtet oder welcher Schreiber vielleicht welchen Teil der Wahrheit berichtet. Wenn ich etwas über Sokrates wissen will, sehe ich mir Platons und Xenophons Sokrates-Dialoge ebenso an wie Aristophanes satirische Komödie „Die Wolken“. (Das ist übrigens ein ganz interessantes Beispiel, denn: „Die Wolken“ ist die einzige Quelle über Sokrates, die noch zu seinen Lebzeiten verfasst wurde, und trotzdem scheinen die meisten Historiker ziemlich deutlich der Meinung zu sein, dass sie bei Platon mehr vom historischen Sokrates finden als bei Aristophanes. (In dieser Hinsicht gibt es jetzt zwar keine Parallele zur Frage nach der Auferstehung, ich will nur deutlich machen, dass man sich bei Quelleninterpretation immer in vielerlei Hinsicht vor voreiligen Schlüssen hüten muss.))

Die Texte des Neuen Testaments stammen aus dem 1. Jahrhundert; als die ältesten unter ihnen werden in der Forschung meistens die Paulusbriefe aus den 50ern und frühen 60ern angenommen, aber auch die späte Datierung der Evangelien in die 70er, 80er und 90er wird in letzter Zeit immer wieder hinterfragt. (Wobei natürlich auch das immer noch eine relativ nahe Zeit wäre – wenn ein Evangelist in den 80ern über Geschehnisse aus dem Jahr 30 berichtet, wäre das nicht anders, als wenn heute jemand über die 68er-Bewegung oder das Zweite Vatikanum oder die Zeit des Wirtschaftswunders spricht. Die Forschungskontroversen lasse ich hier jetzt also mal aus, weil sie für das Thema eigentlich nicht so bedeutend sind.) Diese Texte sind, nebenbei bemerkt, wahnsinnig gut überliefert, was die Handschriften angeht. Von den allermeisten antiken Quellen haben wir bloß Abschriften aus dem Mittelalter; beim Neuen Testament dagegen sehr viele aus der Antike. Die älteste komplette Handschrift (Codex Sinaiticus) stammt von ca. 350 n. Chr., der früheste erhaltene Papyrusfetzen des Johannesevangeliums (P52) von ca. 100-125 n. Chr. (Eine fast komplette Ausgabe des Johannesevangeliums, P66, stammt ebenfalls noch aus dem 2. Jahrhunderts; zahlreiche weitere Einzeltexte aus diesen ersten Jahrhunderten kommen hinzu.) Für antike Quellen ist das wahnsinnig gut; die Bibel ist der am besten belegte Text der antiken Literatur überhaupt; und diese antiken Papyri und Codices stimmen mit unseren heutigen Texten überein.

Natürlich – siehe das Beispiel mit Sokrates – ist die Tatsache, dass eine Quelle erwiesenermaßen aus der Zeit stammt, von der sie berichtet, noch kein Beleg für ihre Richtigkeit; diese Fakten zur Überlieferung müssen zwar klargestellt werden angesichts von noch immer herumgeisternden Bibelverschwörungtheorien (die Bibel sei von Konstantin oder sonst wem nach seinem Belieben zusammengestellt / geändert worden o. Ä.); aber sie reichen natürlich noch nicht aus.  Aber: Wenn nun im Jahr 55 n. Chr., d. h. 25 Jahre nach der Kreuzigung, ein ehemaliger ultrajüdischer Christenverfolger Folgendes schreibt, dann muss man sich doch fragen, wie er dazu gekommen ist: „Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als Letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der ‚Missgeburt’. Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben.“ [„Kephas“, nebenbei, ist aramäisch für gr. „Petros“, lt. „Petrus“, dt. „der Fels“, also der Beiname des Simon Petrus.] Wie gesagt: Paulus, früher Saulus, war jemand, der diesem neuen Messias erst einmal nicht nur skeptisch, sondern ganz klar feindlich gegenüberstand. Er muss einen Grund gehabt haben, ihm dann auf einmal nachzufolgen; er muss tatsächlich etwas erlebt haben. Und wenn er seiner Gemeinde in Korinth von fünfhundert weiteren Zeugen für die Auferstehung berichtet, von denen die meisten noch am Leben sind und also befragt werden können, dann fragt sich doch, ob man da so einfach eine Massenhalluzination annehmen kann.

Ähnliches wie für Paulus gilt für die ursprünglichen elf Apostel (Judas hatte sich dann ja erhängt) und die übrigen Jünger: Ihr Meister war hingerichtet worden, er war tot, sie hatten ihn in ein Grab gelegt. Sie waren eine zerschlagene, mutlose Gemeinschaft, deren Ankerpunkt weggenommen worden war. Dann begannen sie auf einmal voller Überzeugung und Eifer von seiner Auferstehung zu verkünden. Nun gibt es drei Möglichkeiten: Entweder haben sie alle zusammen sich auf einmal eingebildet, er sei auferstanden, oder sie haben es erfunden, oder er ist wirklich auferstanden. Die Möglichkeit der Erfindung ist so lächerlich, dass es sich eigentlich nicht wirklich lohnt, weiter auf sie einzugehen. Denn: Was hatten sie davon? Erst einmal wurden sie verhaftet und ausgepeitscht (Apg 5,17-42), dann wurde einer von ihnen, der Diakon Stephanus, gesteinigt (Apg 7,54-60), das war der Ausgangspunkt für eine noch schlimmere Verfolgung (Apg 8,1-3); kurz gesagt: Flucht, Gefängnis und Tod waren Dinge, die man in den ersten Zeiten vom christlichen Bekenntnis hatte. „Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe“, schreibt Paulus, „dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder.“ (2 Kor 11,24-26) Nicht nur der Hohe Rat, sondern bald auch die Römer wurden auf diese neue Sekte da aufmerksam, und bereits in den 60ern hatte man die erste richtige Christenverfolgung unter Nero. Sorry, aber: wer lässt sich für etwas foltern und hinrichten, das er selber erfunden hat? Denn das hätten Petrus und die übrigen Apostel laut dieser Theorie getan. (Und laut Überlieferung wurde Petrus immerhin kopfüber gekreuzigt, was jetzt auch nicht sooo wahnsinnig angenehm ist.) Wenn man dazu mal Tacitus liest: „Doch nicht durch menschliche Hilfe, noch durch des Kaisers Spendungen oder durch Sühnungen der Götter ließ sich das Gerücht bannen, dass man glaubte, es sei die Feuersbrunst befohlen worden. Um daher dieses Gerede zu vernichten, gab Nero denen, welche wegen ihrer Schandtaten verhasst waren und welche das Volk Christen [wörtlich: Chrestianer] nannte, die Schuld und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. Derjenige, von welchem dieser Name ausgegangen war, Christus [Chrestus], war unter des Tiberius Regierung vom Procurator Pontius Pilatus hingerichtet worden; und der für den Augenblick unterdrückte verderbliche Aberglaube brach wieder aus, nicht nur in Judäa, dem Vaterlande dieses Unwesens, sondern auch in der Hauptstadt, wo von allen Seiten alle nur denkbaren Gräuel und Abscheulichkeiten zusammenströmen und Anhang finden. Die erste Zeit also wurden solche ergriffen, welche sich dazu bekannten, und dann auf deren Anzeige eine ungeheure Menge nicht sowohl der Brandstiftung als des allgemeinen Menschenhasses überwiesen. Und bei ihrem Tode ward auch noch Spott mit ihnen getrieben, dass sie mit Häuten wilder Tiere bedeckt durch Zerfleischung durch Hunde oder an Kreuze geheftet oder im Feuerkleid ihren Tod fanden, und wenn sich der Tag geneigt hatte, zur nächtlichen Erleuchtung verbrannt wurden. Seinen Park hatte Nero zu diesem Schauspiel geöffnet und gab ein Circusspiel, wobei er sich im Aufzug eines Wagenlenkers oder auf dem Wagen stehend sich unter das Volk mischte. Daher wurde, wenn auch für noch so Schuldige, welche die härtesten Strafen verdient hatten, Mitleid rege, als würden sie nicht dem allgemeinen Besten, sondern der Mordlust eines Einzigen geopfert.“ Das klingt jetzt alles nicht so toll. Und auch in den nächsten 250 Jahren noch hatte man Glück, wenn man als Christ halbwegs unbehelligt durchs Leben kam, ohne Gewalt oder Flucht oder Verhaftung erleben zu müssen; Vorteile hatte man vom Christsein gleich null. (Zum Märtyrer wurde man nicht zwangsläufig, weil die Verfolgung nur mal hier und da ausbrach, aber sicher war man eigentlich nie.) Natürlich könnte man nun annehmen, dass die Apostel und übrigen Anhänger Jesu (davon gab es ja wesentlich mehr als zwölf) einfach unterirdisch dumm gewesen wären oder sehr verkappte Selbstmordabsichten gehabt hätten, aber wirklichen Erklärungswert hat diese These eher nicht so, finde ich. Und auch die These der Massenhalluzination ist, na ja, nicht sehr schlüssig. Welche Parallelen gäbe es denn für so etwas?

Es gibt natürlich noch weitere Argumente. Zum Beispiel, wenn man sich diesen Mann, von dem das alles ausgeht, diesen Jesus von Nazareth selbst, ansieht. Es gibt dieses Argument, das man klassischerweise mit den Worten „Aut Deus aut homo malus“ zusammenfasst: Jesus muss entweder Gott oder ein schlechter Mensch (oder ein Verrückter) gewesen sein, denn er behauptete, Gott zu sein, was kein guter Mensch tut. Er war aber, nach allem, was wir in den Evangelien über ihn lesen, kein schlechter Mensch und kein Verrückter, also bleibt nur die Möglichkeit: Er hat ganz einfach die Wahrheit gesagt und war Gott. Ich will mal wieder C. S. Lewis zitieren:

„Unter diesen Juden taucht plötzlich ein Mensch auf, der redet, als wäre er Gott. Er behauptet, Sünden vergeben zu können. Er sagt, er sei von Ewigkeit an gewesen. Er sagt, er werde am Ende der Zeiten kommen, um die Welt zu richten. Überlegen wir einmal, was das heißt: Unter Pantheisten, etwa den Indern, könnte jeder sagen, er sei ein Teil Gottes oder er sei eins mit Gott; das wäre nichts Besonderes. Aber da dieser Mann Jude war, konnte er einen solchen Gott nicht meinen. In seiner Sprache bedeutete Gott jenes Wesen außerhalb der Welt, das die Welt erschaffen hat und mit nichts anderem zu vergleichen ist. Haben wir begriffen, was das heißt, dann wird klar: Was dieser Mann sagte, war schlechthin das Schockierendste, was je über menschliche Lippen gekommen ist.

Dabei entgeht uns oft ein gewisser Aspekt seiner Behauptung. Wir haben ihn schon so oft gehört, dass wir gar nicht mehr wissen, was damit eigentlich gesagt wird. Ich meine den Anspruch, Sünden zu vergeben. Diese Behauptung ist wirklich so ungeheuerlich, dass sie komisch wirken muss, solange sie nicht von Gott selbst kommt. Wir alle wissen, wie ein Mensch ihm angetanes Unrecht vergibt. Jemand tritt mir auf den Fuß, und ich verzeihe ihm; jemand stiehlt mir mein Geld, und ich vergebe ihm. Was aber würden wir von einem Menschen halten, der – selber unberaubt und unbehelligt – verkündet, er vergebe allen, die anderen Leuten auf die Füße treten und anderer Leute Geld stehlen? Eselsdumme Albernheit wäre noch die zarteste Umschreibung für ein derartiges Verhalten.

Und doch hat Jesus eben dies getan. Er sagte den Menschen, ihre Sünden seien ihnen vergeben, ohne erst alle die anderen zu fragen, denen sie mit ihren Sünden Unrecht getan hatten. Er verhielt sich einfach so, als sei er der am meisten Betroffene, als sei er derjenige, demgegenüber man sich am meisten vergangen habe. Das ist jedoch nur dann verständlich, wenn er wirklich der Gott ist, dessen Gesetze gebrochen und dessen Liebe durch jede Sünde verletzt wird. Im Mund jedes anderen, der nicht Gott ist, würden diese Worte doch wohl ein Maß von Einfältigkeit und Einbildung zum Ausdruck bringen, das in der Geschichte seinesgleichen suchen müsste.

Dennoch (und das ist ebenso eigenartig wie bedeutsam) gewinnen nicht einmal seine Feinde, wenn sie die Evangelien lesen, den Eindruck von Einfältigkeit und Einbildung. Viel weniger noch die vorurteilsfreien Leser. […]

Ich möchte damit jedermann vor dem wirklich dummen Einwand bewahren, er sei zwar bereit, Jesus als großen Morallehrer anzuerkennen, nicht aber seinen Anspruch, Gott zu sein. Denn gerade das können wir nicht sagen. Ein Mensch, der solche Dinge sagen würde, wie Jesus sie gesagt hat, wäre kein großer Morallehrer. Er wäre entweder ein Irrer – oder der Satan in Person. Wir müssen uns deshalb entscheiden: Entweder war – und ist – dieser Mensch Gottes Sohn, oder er war ein Narr oder Schlimmeres. Wir können ihn als Geisteskranken einsperren, wir können ihn verachten oder als Dämon töten. Oder wir können ihm zu Füßen fallen und ihn Herr und Gott nennen. Aber wir können ihn nicht mit gönnerhafter Herablassung als einen großen Lehrer der Menschheit bezeichnen. Das war nie seine Absicht; diese Möglichkeit hat er uns nicht offengelassen.“

Ich habe mal einen Theologen sagen hören, es sei eigentlich kein Wunder, dass man Jesus hingerichtet habe, erstaunlich sei es eher, dass man ihn nicht schon früher hingerichtet habe. Ich finde, das trifft es ganz gut. „Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes? Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört. Was ist eure Meinung? Sie antworteten: Er ist schuldig und muss sterben.“ (Mt 26,63-67) Und doch – obwohl er solche Dinge sagte, die ihn in den Augen mancher zum frevelhaftesten aller Gotteslästerer machten – folgten ihm andere voller Überzeugung, Hoffnung, Vertrauen und Liebe. „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ sagte Petrus. „Du hast Worte ewigen Lebens.“ (Joh 6,68) Und, später, zum Auferstandenen: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebe.“ (Joh 21,17) „Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“, sagte der Aussätzige (Mt 8,2). „Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund“, sagte selbst der römische Hauptmann von Kafarnaum, der Jesus um die Heilung seines Dieners bat. „Auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.“ (Mt 8,8-9) Ich glaube, dass es einen Grund für diese Berichte der Evangelisten geben muss. Wieso erzählten sie von solchen Dingen? Wieso glaubten sie so unbeugsam an die Macht und Liebe Jesu? Die logischste Erklärung ist, dass sie Wahres berichten.

Es gibt in der ganzen Geschichte der Menschheit keinen Menschen, der Jesus von Nazareth gleicht. Wer die Bergpredigt oder ähnliche seiner Worte liest, wird ihn gern als einen großen Weisheitslehrer bezeichnen; aber er ist nicht wie Sokrates oder Konfuzius, die wirklich Weisheitslehrer, und einfach nur Weisheitslehrer, waren. Sie lehrten Moral und Philosophie; und sie sagten dabei viele gute Dinge und waren sich dennoch bewusst, dass sie nur Menschen waren, die nach dem richtigen Weg suchten. Er dagegen sprach von der Erlösung durch seinen Tod; er sprach: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) Es ist lächerlich, ihn mit anderen Religionsgründern auf eine Stufe stellen zu wollen; keiner von denen behauptete jemals, was er behauptete. Viele Menschen sagten im Lauf der Geschichte, sie seien von Gott gesandt; aber wie viele behaupteten, Gott zu sein? Gegen Mohammed lässt sich viel sagen; er hat sich ziemlich viele Frauen genommen, darunter eine Neunjährige, und viel Zeit damit verbracht, Kriege zu führen, und duldete nicht, wenn irgendjemand seine göttliche Sendung hinterfragte. Aber auch er hat niemals die Anmaßung besessen, sich selbst mit Gott gleichzusetzen. Selbst die römischen Kaiser nannten sich nur „divus“, „vergöttlicht“; sie setzten sich nicht mit dem Schöpfer der Welt gleich. Jesus von Nazareth dagegen, dessen gewalttätigste Tat wohl war, dass er die Händler aus dem Tempel trieb, und gegen den kaum jemals der Vorwurf laut wird, er sei ein schlechter Mensch gewesen, hat sich mit Gott gleichgesetzt.

Man wird Christ, indem man Christus kennenlernt und ihm folgt; nicht, indem man eine Lehre annimmt. Und der Christus aus den Evangelien… wer würde diesem Mann nicht folgen wollen? Man kann nicht Christ sein, wenn man Christus nicht kennt, wenn man nicht weiß, wie er war, was er tat, was er litt. Darum würde ich jeden, der das Christentum ablehnt, erst einmal fragen, ob er die Evangelien gelesen hat.

Ein weiteres Argument: Die christliche Offenbarung schließt zunächst einmal die jüdische im Alten Testament mit ein; und die Einzigartigkeit der Juden im Alten Orient (ach was, die Einzigartigkeit der Juden zu allen Zeiten) ist etwas, was leicht ins Auge fällt. Sie lässt sich nicht so einfach erklären. Das auserwählte Volk ist das einzige Volk der Welt, das einen derartig klaren Monotheismus entwickelte, aber den einen Gott nicht nur als fernen obersten Gott über irgendwelchen der Menschenwelt näher stehenden Göttern und Geistern verehrte, sondern wirklich auch als den ihnen nahen, persönlichen Gott ihres Volkes, der es auserwählt hatte und beschützte, der zu Abraham, Isaak und Jakob gesprochen und die Israeliten unter Mose aus Ägypten herausgeführt hatte. Ein Gott, der nicht ist wie die Götter der anderen Völker, sondern der gut ist, dem es unmöglich ist, schlecht zu sein. Die Einzigkeit des auserwählten Volkes (auch in der Hinsicht, dass es, anders als Moabiter, Ammoniter oder Jebusiter trotz seiner ständigen Bedrohung und Unterdrückung einfach noch nach über 3000 Jahren existiert) ist eine Tatsache. Und sie lässt sich am besten damit erklären, dass es wirklich von Gott auserwählt wurde, dass er es führte und sich ihm zeigte.

Und in dieser Einzigkeit ist ihm die Kirche Gottes, das aus Juden und Heiden zusammengesetzte neue Israel, ähnlich: die einzige Institution der Geschichte, die 2000 Jahre überlebt hat, Verfolgungen und Vereinnahmungen gleichermaßen, und sich in ihrem Kern dabei nicht gewandelt hat. Sie hat die römischen Kaiser ebenso überlebt wie die französische Schreckensherrschaft, den Arianismus ebenso wie den Protestantismus oder den Kommunismus. Ich habe mal für ein Seminar über die Propaganda der französischen Revolutionsregierung gegen das Christentum recherchiert. Es ist schon ganz interessant, wenn man liest, dass es 1793 oder ’94 Leute gab, die die katholische Kirche für größtenteils erledigt hielten und ihr vielleicht noch ein paar Jahre gaben, und Pius VI. spaßeshalber „Pius den Letzten“ nannten. (Inzwischen haben wir übrigens zwölf Piusse auf dem Papstthron gehabt.) Es ist schon ganz witzig, wenn man in einer Zeit, in der es weltweit 1,2 Milliarden Katholiken gibt und mindestens 1,6 Millionen davon zu einem Treffen mit dem Papst nach Krakau pilgern, so etwas liest. Es ist ebenso witzig, wenn Leute heutzutage dann auf einmal ganz verwundert feststellen, dass Religion ja seltsamerweise immer noch nicht ausgestorben ist, nicht mal diese katholische Kirche da. Die katholische Kirche wird nicht untergehen. Das hat Christus, ihr Oberhaupt, ihr fest zugesagt. „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,18-19) Inzwischen hat Simon Petrus, das erste stellvertretende Oberhaupt der katholischen Kirche, immerhin 265 Nachfolger gehabt, die diese Schlüsselgewalt ausübten und ausüben.

Es gibt noch vieles, was man anführen könnte. Zum Beispiel die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen durch Christus. Schon mal Psalm 22 oder Jesaja 53 gelesen? (Nebenbei: Vom Buch Jesaja haben wir eine vollständige Handschrift von ca. 200 v. Chr. aus Qumran.) „Sie durchbohren mir Hände und Füße. Man kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und weiden sich an mir. Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.“ (Ps 22,17-19) „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab.“ (Jes 53,5-10) „Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“ (Sach 12,10)

Erwähnenswert wäre auch die interessante Tatsache, dass es in der katholischen Kirche recht häufig Wunder gibt (vor allem Heilungswunder), die von unabhängigen Ärzten nachgeprüft werden und für die keine wissenschaftliche Erklärung gefunden werden kann – für jede Selig- und Heiligsprechung sind sie beispielsweise nötig. In welcher anderen Religion ist das der Fall? Man könnte auch auf das Sonnenwunder von Fatima 1917, das Grabtuch von Turin, das Marienbild von Guadeloupe, die Heilungen in Lourdes, auf unverweste Leichname Heiliger oder Hostienwunder wie in Lanciano, Liegnitz (2013) und Buenos Aires (1996) hinweisen. Jede einzelne dieser Sachen könnte einem erst einmal einfach komisch und unerklärlich vorkommen, aber irgendwie wird sich das ja wohl erklären lassen… – aber ihre Summe ist doch irgendwie seltsam, oder? Vor allem angesichts der Tatsache, dass alle genannten Vorkommnisse von wissenschaftlicher Seite aus untersucht sind und bisher nicht zufriedenstellend erklärt werden konnten. (Natürlich gibt es auch Fälle, wo angebliche Wunder sich als keine Wunder herausstellten. Die sind sogar zahlreicher. Aber genau deshalb ist der Kirche da ja eine genaue Prüfung so wichtig.)

Man könnte auch auf die innere Logik der katholischen Lehre hinweisen. Hier gibt es keine inneren Widersprüche; auch nichts, was der grundlegenden menschlichen Erfahrung widerspricht. Ein beliebiges Beispiel: Erbsünde. Die katholische Ansicht (der Mensch hat einen freien Willen und kann zwischen Gut und Böse wählen, aber er neigt zum Bösen und kein Mensch wird immer nur das Gute wählen) entspricht ganz genau der alltäglichen Erfahrung. Determinismus oder Calvinismus, die dem Menschen den freien Willen absprechen, widersprechen ihr dagegen ebenso wie die Philosophie Rousseaus oder der Pelagianismus, die den Menschen beide für grundsätzlich gut und bloß ein bisschen erziehungsbedürftig erklärten.

Ich habe alle diese Argumente hier nun eher angerissen; natürlich müsste man sie genauer erläutern. Ich wollte eben einfach einen Überblick über ein paar der wichtigsten Gründe bieten, die katholische Offenbarung für eine wirkliche Offenbarung Gottes zu halten.

Philosophie und Offenbarung, Teil 1

Ein Unterschied, der beim Thema „Glaube ich an Gott oder nicht?“ gemacht werden sollte und oft nicht gemacht wird, ist der zwischen philosophischer Gotteserkenntnis und Gotteserkenntnis durch Offenbarung.

Menschen können durch Nachdenken zu dem Schluss kommen, dass es einen Gott gibt (oder dass es wahrscheinlich einen Gott gibt). Allerdings führt das noch nicht unbedingt zu der Erkenntnis, wie genau dieser Gott ist, was er so macht, was er mich angeht, und was er so von meinem Leben hält. Wenn dieser Gott existiert, hat er aber auch die Möglichkeit, sich selbst auf spezielle Weise den Menschen zu zeigen, nicht nur durch das, was er allgemein erkenntlich in seiner Schöpfung von sich gezeigt hat und das die Menschen möglicherweise durch ihre von ihm gegebene Vernunft erkennen können, sondern auch auf andere Weise, wie es ihm gerade einfällt. Er könnte mit rosa Farbe einzelne Lehren und Gebote in den Himmel schreiben, oder Feuer und Schwefel regnen lassen, oder er könnte auch selber die menschliche Natur annehmen, in einer kleinen Höhle bei Bethlehem geboren werden, in einer menschlichen Familie aufwachsen, lehren, Wunder wirken, wegen Gotteslästerung brutal hingerichtet werden und dann wieder auferstehen. Laut dem Christentum wählte er Letzteres. Es gibt keinen Widerspruch zwischen beidem; Gott kann sich nicht widersprechen, also auch nicht Philosophie (wenn sie korrekt ist und nicht auf Denkfehlern beruht) und Offenbarung. Im Gegenteil: Die Offenbarung kann auf der Philosophie aufbauen.

Um es mit den schönen Worten des Thomas von Aquin zu sagen:

 

„Zuerst muß folglich gesagt werden, dass ‚Gott IST’, und dass das andere Derartige, was durch die natürliche Vernunft von Gott bekannt sein kann […]  nicht Glaubensartikel, sondern Vorüberlegungen zu den Artikeln darstellt;  so nämlich setzt der Glaube die natürliche Erkenntnis voraus, wie die Gnade die Natur und wie die Vollendung das Vollendbare voraussetzt.“ (Quelle: http://12koerbe.de/pan/st1qu2.htm )

 

Philosophische Argumente für die Existenz Gottes (d. h. eines absoluten Seins ohne Anfang und Ende, eines ursprunglosen Wesens, das seinerseits für die Entstehung der Welt verantwortlich ist) sind beispielsweise die „fünf Wege“ des Thomas, die er in der Summa theologiae ausführt. Thomas geht z. B. davon aus, dass es in der Welt Bewegung (ein Begriff für Veränderung im Allgemeinen) gibt, aber keine Veränderung ohne Ursache denkbar ist. Diese Ursachenkette kann man immer weiter zurückverfolgen. Irgendwann muss es jedoch eine erste Ursache geben, denn sonst könnte die ganze Kette überhaupt nicht existieren, „wie der Stock nichts bewegt, es sei denn dadurch, dass er von der Hand bewegt wird“. Von nichts kommt nichts: Das entspricht unserer ganzen Erfahrung. Also muss es einen ersten „unbewegten Beweger“ geben – „und das begreifen alle als ‚Gott’“. Ein weiterer Weg geht davon aus, dass es in der Welt Zielgerichtetheit gibt, also dass Dinge zu einem Zweck da zu sein scheinen. Dasselbe hört man von Ökologen recht häufig; in der Natur hat alles seinen Platz und seinen Sinn. Ohne Bienen würde zum Beispiel ziemlich wenig funktionieren. Solche Zielgerichtetheit und Ordnung setzt jedoch jemanden voraus, der das ganze System geordnet hat – wiederum einen Gott.

Noch ein anderer der fünf Wege beruht auf dem Argument der Stufungen: In der Welt gibt es verschiedene Abstufungen von Vollkommenheit, von Gutheit (das ist zwar falsches Deutsch, aber das deutsche Wort Güte passt hier einfach nicht). Wir beurteilen diese Abstufungen; also muss es einen Maßstab geben, nach dem wir urteilen, eine oberste Gutheit, eine Kraft oder ein Wesen, die oder das das Gute verkörpert, der Ursprung des Guten ist, „und das nennen wir Gott“. C. S. Lewis führt in „Mere Christianity“ ein sehr ähnliches Argument genauer aus: Alle Menschen fühlen in sich den Anspruch ihres Gewissens, das ihnen sagt, was sie tun sollen. Das ist oft sehr verschieden von dem, was sie tun wollen, aber die Stimme, die ihnen sagt, was richtig und was falsch ist, verlangt trotzdem Gehorsam. Jeder Mensch erkennt implizit an, dass es Gut und Böse, dass es einen Maßstab des Richtigen gibt – spätestens dann, wenn er selbst ungerecht behandelt wird, wird er Gerechtigkeit verlangen. Wir können gar nicht anders, als in Begriffen von richtig und falsch, von moralisch und unmoralisch, von gut und schlecht zu denken; das ist uns angeboren, und das tun unbewusst selbst die, die eine andere Philosophie vertreten.

Ein weiteres Argument für eine Existenz von irgendetwas Übernatürlichem läge ebenfalls im Wesen des Menschen: Er ist so offensichtlich darauf ausgerichtet, an etwas außer- und oberhalb dieser Welt zu glauben, dass die Atheisten, global betrachtet, auch heute ziemlich deutlich in der Minderheit sind. Der Mensch hat ein Verlangen nach etwas, das über diese Welt hinaus geht, nach dem Übernatürlichen. So ein Verlangen wäre aber sehr seltsam, wenn es die Erfüllung des Verlangens einfach nicht gäbe. Wir haben Hunger – Essen existiert. Wir haben Durst – Flüssigkeiten existieren. Wir frieren – Wärme existiert. Wir haben ein Bedürfnis nach Kommunikation und Austausch – andere Menschen existieren. Wir haben in der Regel kein Bedürfnis, für das es keinen Grund gibt; so sagt es uns die Erfahrung. Das einzige Verlangen, das nicht gestillt werden können soll, soll das nach Gott sein? (Wieder danke an Lewis für diese Einsicht!)

Ich denke, wir können anhand der oben beschriebenen Gedankengänge davon ausgehen, dass es zumindest recht vernünftig ist, anzunehmen, dass ein Gott existiert. (Gegenbeweise wurden übrigens noch nie erbracht.) Sokrates und Platon vertraten einen philosophischen Monotheismus, dasselbe gilt für die meisten Philosophen der sogenannten Aufklärung. (Ich mag den Begriff eigentlich nicht, weil er nicht zutrifft, aber dazu eigens.) Man kann Gottes Existenz für erwiesen, wahrscheinlich oder möglich halten, unabhängig davon, ob man glaubt, dass er sich irgendwann noch speziell offenbart hat. Allerdings sollte man nicht – wie die französischen Aufklärer das taten – generell davon ausgehen, dass er sich grundsätzlich nicht offenbart; denn das wäre ziemlich dämlich, es hieße nämlich, einem Wesen, das man selbst nicht im geringsten erfassen kann, vorschreiben zu wollen, was es zu tun hat und was nicht.*

Nun gibt es ganz verschiedene angebliche Offenbarungen im Lauf der Geschichte; Jesus, Mohammed und Joseph Smith (der Gründer der Mormonen) behaupteten alle, von Gott gesandt zu sein, und da waren sie noch lange nicht die einzigen. Nun kann man daran einfach herangehen wie an jeden Bericht von irgendetwas: Mit der Frage „Stimmt das?“.

Da kann man Verschiedenes betrachten. Erst einmal sollte man sich anschauen, was sie selber denn gesagt haben und welchen Eindruck das macht. Ich hatte zum Beispiel bereits das Buch Mormon in der Hand, und ich muss sagen mein Eindruck war: Billiger Versuch eines Bibelabklatsches (jeder zweite Satz lautete „Und es begab sich“), und Mischmasch aus kruden Geschichten, die historisch so was von unbeweisbar oder bereits widerlegt sind (Jesus ist nach seiner Auferstehung den Indianern erschienen, die zum Teil aus den verlorenen Stämmen Israels bestanden, allerdings haben die sich dann irgendwann untereinander bekämpft und ausgerottet, und so ist der Glaube dort verloren gegangen… also bitte!). Hinzu kommen bei den Mormonen moralische… ähm… Fragwürdigkeiten wie die Einführung der Polygamie (inzwischen zwar längst wieder aufgegeben, aber trotzdem kann man sich fragen, was das sollte). Weiters könnte man prüfen, ob eine Lehre in sich logisch ist oder ob Widersprüche bestehen, oder ob Prophezeiungen gemacht und erfüllt oder nicht erfüllt wurden (wie bei den Zeugen Jehovas; Wiederkunft Christi 1914). Man kann sich generell fragen, wie nachprüfbar das ist, wodurch ein selbsternannter Prophet zu belegen weiß, dass er von Gott ernannt ist. „Ich hatte eine Erscheinung, also glaubt mir, was ich sage!“ ist nicht ausreichend. (Ja, hier meine ich u. a. Mohammed.)

Zum Thema, wie der Katholizismus bei einer solchen Prüfung abschneidet, im zweiten Teil…

 

 

* Natürlich gehen auch die Christen davon aus, dass Gott bestimmte Dinge grundsätzlich nicht tun kann, nämlich Böses tun, weil das Böse ein Mangel ist, und Gott vollkommen ist, und das ein Widerspruch in sich wäre, und Gott sich nicht widersprechen kann. (Zu dem Thema mehr in einem anderen Beitrag.) Aber eine Offenbarung an die Menschen kann nun kaum böse genannt werden.