Christliche Kultur am Sonntag: „Heimkehr – die letzten Tage im Leben der Mönche“ (Gastbeitrag)

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Nicolas Diat: „Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche“

Heute ein Gastbeitrag, ausnahmsweise auf Wunsch der Verfasserin einmal nicht zu einem Roman oder Film, sondern zu einer Art Reportage über ein meistens sehr verdrängtes Thema, das Sterben; und speziell das Sterben im Kloster. Der Autor, Nicolas Diat, wird einigen Lesern wahrscheinlich schon als der Journalist bekannt sein, der die Interviewbücher mit Kardinal Robert Sarah gemacht hat. Ich übergebe das Wort an Angela Römelt, Dipl. Theol.:

 

Nicolas Diat, Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche. Kißlegg 2019.

Der Tod ist ein Meister aus China.

Heimlich, still und leise hat er sich über drei Monate in die Schlagzeilen, den Alltag, die Gedanken und Gefühle der Menschen zurück geschlichen. Von seiner Sommerresidenz auf Netflix aus hat er nahezu im Handstreich zurückerobert, was ihm über fast siebzig Jahre genommen worden war; die Realität der Menschen des Westens.

Der mittelalterliche „Gevatter“ Tod war ein Familienmitglied.Er saß am Tisch, hatte die Hand an der Wiege und konnte jederzeit ungebeten eintreten. Man beschloss den Tag mit der Gebetsbitte, nicht unversehens – und unversehen- im Schlaf zu sterben. Man entwickelte eine Ars Moriendi, eine Kunst des Sterbens aus der täglichen Erfahrung heraus, dass dieses eine Thema das Thema aller war. Sterben würde jeder, und es war nicht egal, wie.

Der neuzeitliche Tod ist jener übel beleumundete Vetter, der vor Jahren nach Papua-Neuguinea ausgewandert ist und von dem niemand mehr gerne spricht. Wenn er im Land ist, trifft er sich mit Verwandten auf neutralem Terrain. Im Krankenhaus oder im Hospiz. Er ist kein Teil unseres Lebens mehr und dabei hat er unsere Handynummern, von jedem.

Die „Corona-Krise“ führt uns vor Augen, was bisher mehr oder weniger ein Spiel war: Sterben tun immer nur andere. Im Film. Im Videospiel. In Kabul.

Die Alten. Die Vorerkrankten. Die anderen.

Unsere neuzeitliche Ars Moriendi erschöpft sich darin, um das Thema einen Kranz aus Zahlen zu bauen, und zwar so, dass wir nicht darin sind. Weil wir weder alt noch vorerkrankt noch in Kabul sind.

Es ist schwierig, von der deutschen katholischen Kirche einen Beitrag zu einer Ars Moriendi Edition 2020 zu erhalten. Am ehesten und verstörendsten gelingt es noch dem umstrittenen Hildesheimer Bischof Wilmer, wenn er sagt „der Allmächtige schlechthin ist derTod“, damit freilich etwas, das allein aus dem Nichtsein heraus definiert wird – Tod ist nicht-Leben, aber aus sich selbst heraus nichts – eine Macht zusprechend, die nur verständlich scheint, wenn Leben lediglich als irdische, organische Existenz verstanden wird.

Nicolas Diat, geb. 1975, ist ein Meister aus Frankreich. Ein Meister der poetischen Prosa, der behutsamen Annäherung an ein Thema, der dialogischen Gestaltung eines Buches. Wikipedia nennt ihn einen „Essayisten“. In seinem Buch „Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche“, erschienen im fe-medien Verlag 2019 (das französische Original unter dem Titel „Un Temps pour Mourir“, 2018) unternimmt er in der Tat einen Versuch. In mehreren unterschiedlichen Klöstern versucht er zu verstehen, wie Mönche sterben. Herausgekommen ist dabei eine Ars Moriendi nicht so sehr für die Gegenwart als mitten ins Gesicht der Gegenwart. In your face, Freund Hein!

Diat hat für sein Buch im Laufe des Jahres 2017 acht verschiedene Klöster besucht. Alles Männerorden. Darunter bekannte Namen wie Solemnes, Citeaux und die Große Kartause und unbekanntere wie die Abtei Lagrasse der Regularkanoniker der Gottesmutter. Er hat sich von Äbten und Patres und Brüdern, die mit der Pflege der Kranken beauftragt waren, erzählen lassen, oft in stundenlangen sehr intensiven Gesprächen. Diese Erzählungen handelten nie vom Tod, immer nur vom Sterbenden. Der Tod, wie gesagt, ist nichts. Nicht mehr lebendig, nicht mehr atmend, nicht mehr unter uns. Der sterbende Mönch ist alles das in höchstem Maße. Diat schildert zu Beginn jedes Kapitels, das jeweils einem Kloster gewidmet ist, seine Ankunft dort, in etwa die Lage, die es umgebende Natur, seine Geschichte, und der Leser schleicht sich sozusagen hinter ihm rasch durch die zufallende Pforte und begegnet im nächsten Augenblick höchst lebendigen Menschen. Diats Buch ist auch und vielleicht sogar noch mehr, ein Buch über das Leben, das Leben im Kloster.

Denn das Sterben der Mönche ist anders als das der „Menschen in der Welt“, und das liegt in erster Linie daran, dass ihr Leben anders ist. Es hat ein anderes Gravitationszentrum.

Der Mönch begegnet, je nach Orden mehr oder weniger intensiv, seinem eigenen Sterben schon sehr bald nach seinem Eintritt. (Vor Jahren nahm ich an einer Führung durch ein Benediktinerkloster teil, und der uns begleitende, junge und rüstige Mönch, betrat mit uns den Friedhof und sagte:“Ich weiß schon ziemlich genau, wo ich mal liegen werde.“) Der Tod ist im Leben der Mönche stets präsent, aber nicht als der „Allmächtige“, von dem Bischof Wilmer spricht, sondern als Durchgang zum Ewigen Leben.

Oh, ja, Mönche fürchten den Tod. Manche sehr, manche wenig, manche wie jeder von uns, aber wer – wie in mindestens einer Besprechung des Buches, die ich gelesen habe betont – Schilderungen erwartet, wie Mönche angesichts des eigenen Sterbens zweifeln und verzweifeln an dem Glauben, dem sie ihr ganzes Leben „geopfert“ haben, wird sanft enttäuscht. Es scheint nicht einmal Diats Absicht gewesen zu sein, den Leser zu enttäuschen. Er beschreibt den Tod eines jungen Mannes an Multipler Sklerose, den erschütternden Fall eines Selbstmords, den völlig unerwarteten Tod eines Novizen, und immer wieder erwecken seine Schilderungen den Eindruck, dass er das Grässliche, Schockierende, allmächtig Zerstörende des Todes selbst hinter dem nächsten Satz erwartete – und es kommt nicht. Die All-Macht des Lebens, des irdischen und des ewigen, ist so übermächtig, dass der Tod geradezu verschwindet. Die Beschreibung des tatsächlichen, realen Leidens, die durchaus ihren Platz hat in diesem Buch, Schmerzen, Behinderungen, Ängste, wird gehalten von zwei Aspekten, die wie Säulen in jedem Kapitel auftauchen: dem Glauben und der Gemeinschaft. Und beides ist viel weniger romantisch als man denken möchte.

Die Gemeinschaft. Keiner der sterbenden Mönche ist alleine. Auch der Selbstmörder, der es im Augenblick seines Todes war, liegt auf dem Friedhof seines Klosters begraben und die Erschütterung, die sein Tod für den ganzen Konvent bedeutet, ist in jeder Zeile spürbar. Jede Geschichte, jedes Schicksal wird in Gesprächen und Begegnungen erzählt mit den Menschen, die daran Teil hatten und noch immer Teil haben. Diat spricht mit Äbten, die ihre Verantwortung für jeden Mitbruder geradezu körperlich zu spüren scheinen, die den Schwerkranken bitten, mit dem Heimgang zu warten, bis sie von einer Reise zurück kommen. Er begegnet Krankenpflegern, die erzählen, wie sie sich selbst verändert haben in der jahrelangen Pflege eines Mitbruders, und immer wieder dem Problem, dass der Schwerstkranke und Sterbende von der modernen Medizin aus der Gemeinschaft hinaus genommen wird. „Sobald wir den Notarzt oder den Krankenwagen rufen, verlieren wir die Kontrolle über den Kranken,“ sagt der Abt der Benediktinerabtei En-Calcat. (S.48) und kritisiert das moderne Gesundheitssystem als unmenschlich. „Wenn wir die Lebenden immer wieder wie Automaten reparieren, werden wir wie Elektroschrott enden.“ (S.61)

In der klösterlichen Gemeinschaft hat der Sterbende seinen Platz. Er ist keine Nummer, er ist ein Bruder.

Die zweite Säule ist die Liturgie. Im weitesten Sinne. Nicht nur schildert Diat Totenmessen von solcher Schönheit, dass man als Leser auf der Stelle sterben möchte, wenn man denn vorher Mönch werden könnte, auch schon vor dem Tod des Mönches wird klar, dass jedes Kloster auf seine Weise zwei Gebäude darstellt: das äußere der mehr oder weniger alten Mauern, und das innere der Regel und der Liturgie, ebenfalls mehr oder weniger alt, aber meistens mehr. Ohne die Regel und die Liturgie gäbe es keine Gemeinschaft, die den sterbenden Mönch trägt, und ohne den einzelnen Mönch, jeden einzelnen, auch den Sterbenden, gäbe es keine Regel und Liturgie mehr. Aus diesem Ineinanderwirken des irdischen, „normalen“ Lebens – die Glocke läutet zur Vesper, klapp das Buch zu, leg den Hammer weg,nimm dein Brevier und geh in die Kapelle – und des ewigen – „ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus“ (Koh 12,5) entsteht beim Lesen des Buches etwas wie ein großer, stiller Klang, ein Herzschlag des Ewigen durch alle Widerlichkeiten des Sterbens hindurch, das sehr, sehr tröstlich wirkt.

Nicolas Diat hat den Versuch einer Ars Moriendi für eine erschütterte Zeit vorgelegt, von der er 2017 kaum ahnen konnte, wie nötig 2020 sie haben würde. Für alle Nichtmönche, die das Buch zur Hand nehmen, bleibt natürlich die frustrierende Frage, was von dieser Art zu leben und zu sterben sich überhaupt übertragen lässt in ein „weltliches Leben“.

Da mögen für verschiedene Leser verschiedene Aspekte wichtig werden, die deutlichste Präsenz dürften aber die oben genannten Säulen des mönchischen Lebens und Sterbens haben: die Gemeinschaft und die Regel und die Liturgie. Die Sterbenden nicht alleine zu lassen, ihnen einen Platz zu geben, den sie als Sterbende einnehmen dürfen, ist eine Herausforderung ganz eigener und unerwarteter Brisanz in Tagen, in denen weder Priester noch Angehörige zu an CoVid-19 Sterbenden gelassen werden. Man kann sich aber fragen, was die Äbte, Krankenpatres und Mitbrüder der Klöster, die Nicolas Diat besucht hat, getan hätten in solch einer Situation. Sie hätten ihre Schmerz über die Trennung nicht geleugnet noch verborgen. Sie hätten den Namen des Sterbenden ausgesprochen und für ihn gebetet. In der Gemeinschaft. Und ihm so einen Platz gegeben. Mindestens das.

Eine Regel und eine Liturgie, das lehrt dieses Buch auf unaufdringliche Weise, sollte jeder Mensch sich zulegen. Es kann die der Kirche sein, es können sehr persönliche Formulierungen und Rituale sein, die sich im Laufe eines Lebens entwickeln. Aber eine Regel und eine Liturgie, möglichst unabhängig von Strom und WLAN, sollte das Leben brauchen, um das kurze Nichts des Todes auf dem Weg zum Ewigen Lebens durchschreiten zu können.

Nicolas Diat hat ein wunderbares, tröstendes und ermutigendes Buch geschrieben, das möglicherweise Sterben hilft, ganz sicher aber leben.

Die Päpstin, Teil 4: Johannes Anglicus vs. Rabanus Maurus

(Dieser Artikel ist gar nicht so lang, wie er aussieht. Es sind bloß sehr viele Bilder dabei.)

Noch mal zur Erinnerung: Wir hatten den Normannenüberfall in Dorstadt; Johanna hat sich verkleidet nach Fulda aufgemacht; Gerold hat seine Familie verloren und glaubt, dass auch Johanna von den Normannen verschleppt wurde.

Im nächsten Kapitel wechselt der Schauplatz zum später so genannten „Lügenfeld“ bei Colmar im Jahr 833. Hier wird wieder aus Anastasius’ Sicht erzählt – wir erinnern uns: der adelige junge Römer, der in der ersten Leseetappe bereits kurz vorkam und der inzwischen neunzehn Jahre alt ist. Er hat seit dem Mord an seinem Onkel neun Jahre vorher gelernt, skrupellos und ehrgeizig nur auf seinen Vorteil zu sehen und bekleidet inzwischen ein Amt bei Papst Gregor IV., der nach Colmar gekommen ist, weil Kaiser Ludwig ihn gebeten hat, im Krieg zwischen ihm und seinen Söhnen zu vermitteln. Den Papst stellt die Autorin überraschenderweise als sehr frommen Mann dar, der von politischen Winkelzügen nichts versteht – ganz anders als Anastasius, der bereits im Vorfeld auf Anweisung seines Vaters Arsenius ganz andere geheime Verhandlungen geführt hat:

„Falls alles wie geplant verlief, würde der Kaiser morgen bei Sonnenaufgang feststellen, daß seine Truppen während der Nacht desertiert waren und ihn allein zurückgelassen hatten, verteidigungslos den Heeren seiner Söhne ausgeliefert. Alles war bereits abgesprochen, und auch die Bezahlung war schon erfolgt. Egal, was Gregor an diesem Tag sagen oder tun mochte – es spielte nicht mehr die geringste Rolle.

Doch war es wichtig, daß die päpstlichen Vermittlungsgespräche zunächst einmal geführt wurden, so, als wäre nichts geschehen. Die Verhandlungen mit Gregor würden das Mißtrauen des Kaisers weitgehend zerstreuen und seine Aufmerksamkeit genau zu dem Zeitpunkt ablenken, wenn alles darauf ankam.“ (S. 241)

Dem demütigen, tiefgläubigen und auf Frieden hoffenden Papst, den er ins Zelt des Kaisers begleitet, bringt Anastasius nur Verachtung und Unverständnis entgegen. Man ahnt schon: Er wird noch einmal der Gegenspieler der späteren Päpstin werden. Denn sein Lebensziel ist klar: „eines Tages selbst der Papst zu sein.“ (S. 241)

(Der historische Hintergrund stimmt so grob: Kaiser Ludwig der Fromme hatte sich mit seinen drei älteren Söhnen Lothar (König von Italien), Pippin (König von Aquitanien) und Ludwig dem Deutschen (König der Ostfranken) zerstritten, weil er auch seinem Sohn Karl (dem späteren Karl dem Kahlen), der aus seiner zweiten Ehe stammte und 833 erst zehn Jahre alt war, Herrschaftsgebiete überlassen wollte. Auf dem Lügenfeld konnten die Söhne die kaiserlichen Verbündeten auf ihre Seite ziehen und als Ludwig dann ohne Heer dastand, musste er nachgeben. Der Papst war auch da, im Heerlager des Kaisers, um mit den Söhnen zu verhandeln.)

In den nächsten Kapiteln befinden wir uns dann im Kloster in Fulda, wo „Bruder Johannes Anglicus“ seit einigen Jahren lebt. Johanna hat sich als ihr toter Bruder ausgegeben und hat ihren Beinamen erhalten, weil ihr Vater aus England stammt. In Fulda scheint sie in gewissem Maße ihre Bestimmung gefunden zu haben: Sie kann die Werke in der umfangreichen Klosterbibliothek studieren und wird wegen ihrer Klugheit geachtet. Das Kloster besitzt auch ein paar griechische Handschriften, darunter auch medizinische Schriften des Hippokrates, und da Johanna die einzige dort ist, die Griechisch kann, übersetzt sie diese ins Lateinische. Dieses Szenario hat etwas Unglaubwürdiges. Griechisch ist wirklich keine leichte Sprache – ich spreche aus Erfahrung – und Johanna hat in ihrem (übrigens nicht sehr lange währenden) Unterricht bei Aeskulapius nur griechische Dichtung zu lesen bekommen, noch dazu aus einer früheren Epoche als der des Hippokrates. Wie will sie medizinische Fachbegriffe in jüngeren griechischen Schriften verstehen? Sie kann schließlich kein Wörterbuch konsultieren. Wegen ihres Interesses an der Medizin wird Johanna außerdem zum Lehrling des Arztes des Klosters, Bruder Benjamin, und verbringt viele Stunden im Heilkräutergarten und im Spital.

Natürlich ist Johannas Leben nicht ganz sorgenfrei. Sie muss immer daran denken, ihr Geschlecht zu verbergen, auch wenn das mit den weiten Mönchskutten, in denen die Mönche auch schlafen, nicht allzu schwer ist: „Denn hätte man ihre wahre Identität aufgedeckt, hätte dies mit Sicherheit ihren Tod bedeutet.“ (S. 248) Kann ich mir jetzt nicht unbedingt vorstellen. Eher, dass man sie in Schimpf und Schande aus dem Kloster geworfen hätte oder so. Aber die Autorin braucht es eben dramatisch.

Funfact: Wir haben übrigens tatsächlich eine Heilige, die heilige Eugenia von Rom, die der Legende nach – die Legende ist freilich anachronistisch; im frühen 3. Jahrhundert, als sie gelebt haben soll, gab es noch keine Klöster – als Mann verkleidet in ein Mönchskloster eingetreten sein soll und eine Zeitlang dort gelebt haben und sogar zum Abt gewählt worden sein soll. Und ich bin mir fast sicher, irgendwann einmal noch von einer anderen, byzantinischen Heiligen etwa aus dem 8.-10. Jahrhundert gelesen zu haben, die ebenfalls als Mann verkleidet in ein Mönchskloster ging, in ihrem Fall, um bei ihrem Vater zu bleiben, der nach dem Tod seiner Frau dort Mönch wurde. Ihr Vater starb, sie blieb weiterhin im Kloster, wurde dort Pförtner oder etwas Ähnliches und stand im Ruf der Heiligkeit. Aber dann beschuldigte eine junge Frau, die unehelich schwanger geworden war und den wahren Vater des Kindes nicht angeben wollte, sie, sie geschwängert zu haben. Die Heilige sah das als schicksalhafte Strafe für ihre Verstellung an, gab ihre Verkleidung aber nicht auf, sondern leistete unter ihrer falschen Identität lange Jahre Kirchenbuße für ihr angebliches Vergehen. Erst bei ihrem Tod entdeckte man dann, dass sie eine Frau und somit unschuldig war. Mir fällt ihr Name beim besten Willen nicht mehr ein und vielleicht ist es auch bloß eine Variante der Eugenia-Legende, an die ich mich erinnere; aber erwähnen wollte ich diese Heilige auch noch. Jedenfalls scheint man es beiden Heiligen (vor allem Eugenia) nicht allzu sehr angekreidet zu haben, dass sie sich verkleidet hatten.

Die Angst, enttarnt zu werden, hat Johanna auch davon abgehalten, mit Gerold Kontakt aufzunehmen. („So sehr durfte sie niemandem vertrauen, daß sie ihn eine Nachricht an Gerold überbringen ließ.“ (S. 248)) Das, und die Angst, dass Richild die Wahrheit gesagt haben könnte und Gerold sie gar nicht liebt. Hier haben wir eben mal wieder eins dieser typischen konstruierten Missverständnisse, die in Liebesromanen Liebende voneinander getrennt halten und die sich sofort auflösen würden, wenn einer der beiden sich überwinden könnte, den Mund aufzumachen oder einen Brief zu schicken oder sich nach dem anderen zu erkundigen o. Ä. Ehrlich, wo soll das Risiko dabei liegen, einen versiegelten Brief an Gerold zu schicken?

Doch es sind anscheinend nicht nur diese Zweifel und Ängste, die Johanna daran hindern. Sie erinnert sich auch daran, wie sie nur wenige Monate nach ihrem Eintritt ins Kloster beobachtet hat, wie eine adelige Dame, die auf der Durchreise war, daran gehindert wurde, in der Klosterkirche eine Kerze für ihr vor kurzem totgeborenes Kind anzuzünden, da sie so kurz nach der Geburt noch unrein sei. (Tatsächlich gab es früher den Brauch der Segnung von Müttern nach einer festgelegten Anzahl von Tagen nach der Geburt, der dann so interpretiert wurde, dass sie vor dieser „Aussegnung“ unrein wären und die Kirche nicht betreten dürften. Ob das im 9. Jahrhundert schon so war, weiß ich nicht; ich finde das Buch, in dem ich darüber gelesen habe, gerade nicht; laut Wikipedia kam der Brauch erst im 11./12. Jahrhundert aus dem Osten in den Westen.) Diese Dame wurde, da sie sehr gelehrt war, bei dieser Gelegenheit zusätzlich vom Sakristan des Klosters zurechtgewiesen: „Was wider die natürliche Ordnung ist, verstößt gegen den Willen Gottes. Legt Schreibfeder und Pergament nieder und nehmt stattdessen Nadel und Zwirn, wie es einer Frau ansteht, und bereut euren Hochmut. Dann nimmt Gott vielleicht die Last von Euch, die er Euch aufgebürdet hat [sie hat noch kein lebendes Kind geboren].“ (S. 252) Auch die Novizen, die zusammen mit Johanna die Szene beobachteten, hatten schon über die Dame gelästert:

„‚Wer ist diese Frau?’ fragte Johanna fasziniert.

‚Judith, die Gattin von Baron Waifar’, antwortete Bruder Rudolph, der die Aufsicht über die Novizen führte. ‚Eine gelehrte Frau. Man sagt, daß sie Latein in Wort und Schrift so gut beherrscht wie ein Mann.’

Deus nos salva.’ Ängstlich bekreuzigte sich Bruder Gailo. ‚Ist sie eine Hexe?’

‚Ganz und gar nicht. Sie steht in dem Ruf tiefer Frömmigkeit. Sie hat sogar einen Kommentar zum Leben der Esther geschrieben.’

‚Was für eine Scheußlichkeit’, sagte Bruder Thomas, einer der anderen Novizen. Thomas – ein unscheinbarer junger Mann mit rundem, pausbäckigem Gesicht, Kinngrübchen und schwerlidrigen Augen – nutzte jede Gelegenheit, seine überlegene Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit hervorzuheben. ‚Ein schwerer Verstoß gegen die natürliche Ordnung. Was kann eine Frau von solchen Dingen schon wissen, wo sie doch von niederen Instinkten geleitet wird? Gewiß wird Gott sie für ihre Überheblichkeit bestrafen.’

‚Das hat er schon’, erwiderte Bruder Rudolph, ‚denn der Baron braucht einen Erben, doch seine Frau ist unfruchtbar. Erst letzten Monat hatte sie wieder eine Totgeburt.’“ (S. 249f.)

Seufz. Lügen werden nicht dadurch richtiger, dass man sie öfter wiederholt. Auch nicht, wenn es sich um antimittelalterliche Klischees handelt.

(Seite aus dem Liber Manualis, einem Buch, das von der fränkischen Herzogin Dhuoda von Septimanien zwischen 841 und 843 als Lehrbuch für ihre Söhne geschrieben wurde. Übrigens halte ich es für wahrscheinlich, dass Donna W. Cross Dhuoda kennt; immerhin musste sie passende historische Namen für ihre Figuren recherchieren, was man gerne anhand bekannter Persönlichkeiten einer bestimmten Zeit tut, und die jüngere von Gerolds Töchtern heißt Dhuoda.)

Jedenfalls ist dieser Vorfall ein weiterer Grund für Johanna gewesen, ihre Verkleidung beizubehalten: „Nach diesem Vorfall unternahm Johanna den entschlossenen Versuch, jeden Gedanken an Gerold aus ihrem Inneren zu verdrängen. Sie hatte erkannt, daß sie niemals glücklich sein würde, falls sie ihr Leben in der eingeengten Welt der Frauen führen mußte. Außerdem, so wurde ihr klar, war ihr Verhältnis zu Gerold nicht so beschaffen, wie sie geglaubt hatte. Damals, auf Villaris, war sie ein unerfahrenes, naives Kind gewesen, und ihre Liebe eine romantische Schwärmerei, aus Einsamkeit und Verlangen geboren.“ (S. 252f.) Ich find’s ja schön, dass sie es gemerkt hat. Die Autorin sieht das anders: „Wieder und wieder redete Johanna sich dies alles ein – so lange, bis sie es glaubte.“ (S. 253) Soll hier etwa impliziert werden, dass es nicht wahr ist?

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(Die Verkündigung, von einem unbekannten deutschen Maler, ca. 1330. Ich dachte mir, ich sammle in diesem Teil mal ein paar der mittelalterlichen Darstellungen, die Maria bei der Verkündigung mit einem Buch zeigen, in dem sie gerade gelesen hat, bevor der Engel Gabriel gekommen ist – so von wegen mittelalterlicher Einstellung zur Frauenbildung. Alle Bilder sind von Wikimedia Commons.)

Allerdings hat das Klosterleben auch seine unschönen Seiten für Johanna. Die Benediktinerregel ist streng und der Abt (eine reale historische Person: der heilige Rabanus Maurus) kann Johanna nicht leiden. Man merkt bald, dass er ihr neuer Gegenspieler wird, nachdem ihr Vater und Odo weggefallen sind.

Datei:Leonardo da Vinci - Annunciazione - Google Art Project.jpg

(Von Leonardo da Vinci, ca. 1472.)

Zunächst aber kommt ein Konflikt zwischen dem Abt und einem anderen Mönch namens Gottschalk vor, den es tatsächlich gegeben hat. Im Buch sieht die Darstellung folgendermaßen aus:

Datei:Doberan Münster - Kreuzaltar Marienseite 1 Verkündigung Maria.jpg

(Altar in Bad Doberan, ca. 1370.)

Gottschalk, ein junger Adliger, der als Kind als oblatus ins Kloster gegeben wurde, will es verlassen; Abt Rabanus Maurus ist dagegen, weil er das Versprechen der Eltern, die ihre Kinder Gott geweiht haben, für bindend für diese hält. Also lässt er Gottschalk bei der Versammlung im Kapitelsaal auspeitschen, wobei eine Rippe gebrochen wird und die Knochen durch die Haut nach außen dringen; durch diese Wunde verliert Gottschalk auch viel Blut. Als er ins Spital gebracht wird, kann Johanna ihm mithilfe der Lehren des Hippokrates gerade noch das Leben retten.

File:Diptych reverse - Annunciation - Suermondt-Ludwig Museum.jpg

(Von Albrecht Bouts, um 1500.)

Während er bewusstlos ist, taucht der auch fanatische Rabanus am Krankenbett auf:

„Plötzlich erklang eine herrische Stimme hinter ihnen. ‚Setz deine Hoffnungen nicht auf Kräuter und Tränke.‘

Johanna drehte sich um und sah den Abt, gefolgt von einer Gruppe von Brüdern. Sie stellte den Becher ab und erhob sich.

‚Gott der Herr gibt den Menschen das Leben, und er allein schenkt ihnen Gesundheit. Nur Gebete können den Sünder genesen lassen.‘ Abt Rabanus Maurus gab den Brüdern ein Zeichen, und schweigend nahmen sie um das Bett herum Aufstellung.“ (S. 264

Johanna betet mit, dankt aber eher dem Hippokrates.

File:'The Annunciation' by Jan Provost, Dickinson Gallery.jpg

(Jan Provost, um 1500. )

Als Gottschalk wieder bei Bewusstsein ist, schlägt Johanna ihm vor, sich mit einer Bittschrift an eine Synode in Mainz zu wenden. „‚Es wäre nicht das erste Mal, daß die Entscheidung eines Abtes zurückgenommen wird‘, widersprach Johanna. ‚Sogar Erzbischöfe haben sich schon beugen müssen. Es kommt hinzu, daß du ein gewichtiges Argument vorbringen kannst: Du wurdest als kleiner Junge ins Kloster gegeben, lange, bevor du ein verständiges Alter erreicht hattest. Ich habe in der Bibliothek nachgelesen und bei Geronimus mehrere Abschnitte entdeckt, die ein solches Argument stützen würden.'“ (S. 266) Bei der Mönchsregel Basilius des Großen gäb’s übrigens auch was: „Wer aber [wenn er erwachsen geworden ist] nicht jungfräulich leben möchte, weil er sich nicht ganz um die Sache des Herrn kümmern kann, soll vor diesen Zeugen entlassen werden. Wer jedoch das Gelöbnis ablegen will, soll es nach langer Prüfung und Überlegung tun, wozu ihm mehrere Tage hindurch Gelegenheit gegeben werden muß. Denn es soll nicht der Eindruck entstehen, er sei von uns geraubt worden.“ Sorry, ich hab mal eine Hausarbeit über die Waisenversorgung und den Brauch der oblatio in Klöstern des Oströmischen Reiches geschrieben und muss mein Wissen ja irgendwie mal anbringen.

Mit Geronimus wird wohl der Kirchenvater Hieronymus gemeint sein; ich schätzte, dass der Übersetzer nicht genau wusste, wie er das englische „Jerome“ übersetzen sollte. Hört sich ja auch nicht unbedingt wie „Hieronymus“ an.

Johannas Plan hat Erfolg und Gottschalk darf das Kloster verlassen; er geht zunächst zu einer verheirateten Schwester nach Speyer, ohne klaren Plan, was danach aus ihm werden soll. Johanna blickt ihm bei seinem Abschied nach und fragt sich, was aus ihm werden wird: „Doch irgendwie machte er den Eindruck eines Mannes, dem es bestimmt war, stets das zu begehren, was er nicht bekommen konnte, und der immer den steinigsten Weg für sich wählte.“ (S. 268)

File:Jan provost, annunciazione, da osp. civili di genova, 01.JPG

(Noch einmal Jan Provost.)

Ich muss sagen, ich war erstaunt, als ich das Ganze nachgeschaut habe und festgestellt habe, dass Rabanus Maurus tatsächlich der Ansicht war, dass oblati sich immer an das Versprechen ihrer Eltern halten müssten, und dass die Geschichte mit Gottschalk auf Fakten beruht. (Rabanus schrieb nach der Auseinandersetzung um Gottschalk sogar eine Abhandlung darüber: Das Liber de oblatione puerorum.) Offenbar war die Frage, wie verbindlich die oblatio ist und ob sie erst durch die eigene Profess im Erwachsenenalter gültig wird, zu dieser Zeit tatsächlich stark umstritten; eine Regionalsynode, das 4. Konzil von Toledo, hatte im Jahr 633 das Versprechen der Eltern für bindend erklärt: „Monachum aut paterna deuotio, aut propria professio facit“ (den Mönch macht entweder die väterliche Weihe oder das eigene Gelübde). Andere Entscheidungen widersprachen dem jedoch; ab dem 12. Jahrhundert verlor die oblatio dann an Bedeutung und es wurde klar, dass die eigene Profess, jedenfalls theoretisch, das Entscheidende ist. (In der Benediktsregel selbst bleibt es unklar, welche Verbindlichkeit das Versprechen der Eltern hat.)

Und tatsächlich stimmt es, dass Gottschalk von Orbais, ein oblatus in Fulda, der seine Profess nicht ablegen, das Kloster verlassen und sein Erbe, das das Kloster erhalten hatte, zurückhaben wollte, an die Synode von Mainz von 829 appellierte und Recht bekam. Es ist nicht ganz klar, was dann geschah; vielleicht wurde Gottschalk auch nur gestattet, das Kloster zu wechseln; vielleicht lebte er einige Zeit als Laie und überlegte es sich dann wieder anders; später tritt er in den Quellen jedenfalls wieder als Mönch in Erscheinung. Er wurde dann auch zum Priester geweiht, verfasste einige Schriften und ging auf Missionsreisen, und er hatte noch einen weiteren (theologischen) Konflikt mit Rabanus, der später im Buch auch noch erwähnt wird, und in dem die Sympathie wohl weniger auf seiner Seite liegt… Aber dazu dann an der passenden Stelle.

The Annunciation (c. 1430-34) - Álvaro Pires de Évora.png

(Von Álvaro Pires de Évora, ca. 1430-1434.)

Nach der Geschichte mit Gottschalk kommt eine Zeremonie im Klosterhof vor, bei der ein paar Leprakranke, die ins Leprosarium kommen sollen, öffentlich von der Gesellschaft ausgesondert werden und ihnen der Kontakt zu Gesunden verboten wird. Johanna entdeckt dabei, dass eine der Kranken, eine Frau namens Madalgis, gar kein Lepra, sondern eine andere Hautkrankheit hat, und überredet den Abt, dass sie sie noch genauer prüfen darf. (Der Bischof, der durchgesetzt hat, dass Gottschalk gehen darf, ist noch da und beobachtet den Abt, der sich daher nicht traut, Johanna einfach für ihre Auflehnung bestrafen zu lassen. Denn natürlich kann Rabanus Maurus Johanna nicht leiden und hat auch kein Mitleid für Madalgis. Natürlich.)

Da Madalgis wegen der möglichen Ansteckungsgefahr nicht ins Spital soll, begleiten Bruder Benjamin und Johanna sie zu ihrem Haus; sie ist Witwe, hat vier Kinder und lebt in ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Nachdem Johanna sie baden und ihr Haus von Ungeziefer säubern lässt, bessert sich ihre Gesundheit.

File:Annunciazione, Apollonio di Giovanni, Museo della Collegiata, Castiglione Olona.jpg

(Von Apollonio di Giovanni, ca. 1440.)

Johanna erfährt hier auch von Madalgis‘ Vergangenheit:

„Trotz ihres abgerissenen Äußeren war Madalgis keine colona, sondern eine freie Frau, deren Ehemann Freibauer auf einem großen mansus gewesen war, der zwölf Hektar Ackerland umfaßt hatte. Nach seinem Tod hatte Madalgis versucht, ihre Familie durchzubringen, indem sie das Land ganz allein bewirtschaftete, doch dieses heldenhafte Unterfangen wurde von ihrem Nachbarn, dem Grundherren Rathold, abrupt beendet, denn Rathold hatte es auf die Hufe abgesehen, die fruchtbaren Boden besaß und gute Gewinne abwarf. So hatte Rathold dem Abt Rabanus von Madalgis‘ Bemühungen berichtet, worauf der Abt ihr unter Androhung der Exkommunikation untersagte, jemals wieder mit Pflug oder Hacke den Acker zu bearbeiten. ‚Eine Frau handelt unchristlich, wenn sie die Arbeit eines Mannes tut‘, hatte er zu Madalgis gesagt.

Angesichts des drohenden Hundertods war Madalgis gezwungen gewesen, Haus und Hufe für einen Bruchteil ihres wirklichen Wertes an den Grundherren Rathold zu verkaufen; als Kaufpreis erhielt sie nur ein paar solidi, eine winzige Hütte sowie ein kleines Stück Wiese für ihre Kühe in einem Weiler unweit ihres einstigen mansus.“ (S. 274)

Wie denkt man sich so etwas nur aus? Glaubt Donna W. Cross ernsthaft, es wäre im Mittelalter nicht ständig vorgekommen, dass Frauen verwitweten und typische Männeraufgaben übernehmen mussten, bis sie einen neuen Mann fanden? Glaubt sie, damals hätte irgendjemand überwacht, ob die Bauern ihre Aufgaben auch genau nach Geschlechterrollen aufteilten? Nein, sie glaubt es nicht, sie erfindet es. (Und ja, nach der Gottschalk-Geschichte habe ich mich wirklich bemüht, hier herauszufinden, ob diese Geschichte auf irgendwelchen realen Fakten beruhen könnte. Kann sie offenbar nicht.)

Datei:Embroidered bookbinding 13th century Annunciation.jpg

(Stickerei auf einem Buchumschlag aus dem 13. Jahrhundert, vermutlich von Anne de Felbrigge, einer Nonne, der das Buch (ein Psalter) gehörte, selbst angefertigt.)

An dieser Stelle der Handlung, als Johanna eine Nachbarin von Madalgis sieht, die sich während deren Abwesenheit um die Kinder gekümmert hat, bringt die Autorin auch ein paar Betrachtungen zum Thema Kinderkriegen unter: „Die Frauen brachten ihr erstes Kind nicht selten mit dreizehn, vierzehn Jahren zur Welt, um dann in einem Zustand beinahe permanenter Schwangerschaft zu verbleiben und mit steter Regelmäßigkeit ein Kind nach dem anderen in eine triste Welt zu setzen. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, daß eine Frau im Laufe ihres Lebens zwanzigmal und öfter schwanger war, wenngleich einige dieser Schwangerschaften aufgrund von Fehl- und Frühgeburten keine neun Monate währten. Wenn eine Frau in die Wechseljahre kam – falls ihr ein so langes Leben beschieden war; denn jede Geburt war für Mutter und Kind mit einem hohen Risiko verbunden – waren ihr Körper und ihr Geist erschöpft und ausgelaugt.“ (S. 275)

Hier nur ein kurzer Kommentar zum Alter von Frauen bei der Eheschließung: Aus dem frühen Mittelalter hat man keine Daten, aus denen man irgendwelche Durchschnittswerte ermitteln könnte – Taufen, Hochzeiten etc. wurden noch nicht in Kirchenbüchern eingetragen -, aber es muss nicht sein, dass das durchschnittliche Heiratsalter besonders niedrig lag. In der frühen Neuzeit, aus der man Daten hat, heirateten die Frauen auf dem Land (je nach wirtschaftlicher Lage) im Durchschnitt mit Anfang bis Mitte zwanzig, die Männer mit Mitte bis Ende zwanzig. Ob man heiraten konnte, hing zumindest zu dieser Zeit eben davon ab, ob man einen eigenen Hausstand gründen konnte, was nicht immer einfach war. Mit der Situation bei der Familiengründung im Frühmittelalter kenne ich mich zugegebenermaßen nicht besonders gut aus, und, wie gesagt, die Quellenlage ist hier deutlich schlechter. Das Mindestheiratsalter war für Mädchen zwölf Jahre, für Jungen vierzehn; aber das sagt über das durchschnittliche Alter eben noch nichts aus. Bei uns wird ja auch nicht häufig mit achtzehn oder neunzehn geheiratet.

File:MCC-42054 Veelluik met het martelaarschap van de H. Theodosia (57).jpg

(Anonyme Darstellung aus den Niederlanden, 1545. Okay, streng genommen nicht mehr Mittelalter.)

Was später noch wichtig wird: Johanna bringt Magaldis‘ zwölfjährigem Sohn Arn das Rechnen bei und schlägt ihm vor, auf die Klosterschule zu gehen (dazu müsste er nicht Mönch werden), wenn sie es einrichten kann.

Nachdem Madalgis geheilt ist, wird Johannes Anglicus in der ganzen Gegend als Wundertäter gepriesen. Als einer der beiden Priester des Klosters stirbt (die übrigen Mönche sind Laienbrüder), wollen alle Johannes Anglicus als seinen Nachfolger sehen. Rabanus Maurus ist davon nicht begeistert: „Der Abt gab Bruder Thomas den Vorzug, der zwar nicht die überragenden Geistesgaben des Johannes Anglicus besaß, wie jedermann wußte, der aber sehr viel berechenbarer war – eine Eigenschaft, die Rabanus schätzte.“ (S. 281) (Natürlich sind die Bösen auch dumm und der religiöse Fanatiker will nur loyale Jasager.) Allerdings fürchtet Rabanus nach der Geschichte mit Gottschalk auch schon darum, welchen Ruf seine Amtsführung beim Bischof und beim König genießt – also wählt er den hochbegabten und geschätzten Johannes Anglicus als Priester für das Kloster aus.

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(Vom Meister von Seitenstetten, um 1490.)

Diese Szene ist übrigens ziemlich seltsam. Der Abt verkündet seine Entscheidung bei der Versammlung im Kapitelsaal, und dann heißt es: „Johanna errötete vor Aufregung. Ich bin Priesterin! Sie konnte es kaum fassen, von nun an die heiligen Sakramente erteilen zu dürfen.“ (S. 281) Sie denkt daran zurück, dass dies der Traum ihres Vaters für Matthias und Johannes war, und sie ihn nun erfüllt. Der Gedanke „Ich bin Priesterin“ macht natürlich überhaupt keinen Sinn, denn es hat noch keine Weihe stattgefunden (mal ganz abgesehen davon, dass die ungültig wäre). Die Priesterweihe kommt dann auch nicht mehr vor.

Hier wird auch kurz aus Bruder Thomas‘ Sicht erzählt. Wir haben ihn ja schon als entschiedenen Frauenfeind kennengelernt; jetzt zeigt er sich auch noch als ehrgeizig, dumm und neidisch – also so, wie praktisch alle Gegner Johannas: „Doch was Thomas an geistiger Kraft fehlte, machte er durch Verbissenheit und das Bemühen wett, die äußeren Formen des Glaubens zu perfektionieren. Jedesmal, wenn Thomas seine Mahlzeiten beendete, achtete er sorgfältig darauf, sein Messer und die Gabel  als Tribut an das heilige Kreuz Christi senkrecht auf den Tisch zu legen. Und niemals trank er seinen Wein auf einen Zug, wie die anderen, sondern nippte bedächtig daran, nahm immer nur ehrfurchtsvoll drei kleine Schlucke hintereinander, als fromme Veranschaulichung des Wunders der Heiligen Dreifaltigkeit. Johannes Anglicus gab sich niemals auch nur die geringste Mühe, was solche demutsvollen Handlungen betraf.“ (S. 282) Bruder Thomas wünscht seinen Rivalen in die Hölle, scheinbar ohne alle Gewissensbisse.

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(Von Jean Poyer, ca. 1500.)

In der nächsten Szene wird Johanna ein Besucher angekündigt – ihr Vater. Sie folgt dem Mönch, der sie zu ihrem Vater führt, weil ihr keine Ausrede einfällt, es nicht zu tun; verbirgt ihr Gesicht dabei aber nach Möglichkeit unter ihrer Mönchskapuze, und führt ihren Vater, als sie allein sind, rasch in die dunkle Kapelle. Tatsächlich hält er sie zunächst weiterhin  für Johannes. Kurz fragt er nach Johannas angeblichem Tod bei dem Normannenangriff:

„‚Ist deine Schwester gestorben, ohne daß sie… geschändet wurde?‘

Johanna hatte plötzlich das Bild Gislas vor Augen, wie sie vor Schmerz und Angst schrie, während die Normannen ihr einer nach dem anderen Gewalt antaten.

‚Sie ist unberührt gestorben.‘

Deo Gratias.‘ Der Dorfpriester bekreuzigte sich. ‚Dann war es Gottes Wille. Johanna war ein starrköpfiges und unnatürliches Kind. Nie hätte sie ihren Frieden mit der Welt gemacht. Es ist besser so.'“ (S. 288)

Als Johanna sich dann nach ihrer Mutter erkundigt, erfährt sie, dass Gudrun tot ist:

„‚Sie ist vor einem Monat gestorben‘, fuhr der Dorfpriester fort, ‚ohne sich mit Christus ausgesöhnt und die Beichte abgelegt zu haben. Nein, zu ihren heidnischen Götzen hat sie gebetet! Als die Hebamme mir sagte, dass mein Weib sterben müsse, habe ich alles getan, was ich konnte, aber sie wollte das heilige Sterbesakrament nicht empfangen. Ich habe ihr die Hostie in den Mund geschoben, aber deine Mutter hat mich damit angespuckt.‘

‚Die Hebamme war bei ihr? Du willst damit doch nicht etwa sagen…‘ Ihre Mutter war gut fünfzig Jahre und längst über das gebärfähige Alter hinaus. Nach Johanna hatte sie kein Kind mehr bekommen.

‚Man hat mir nicht einmal erlaubt, sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Nicht mit dem ungetauften Kind in ihrem Leib.‘ Er fing an zu weinen; tiefe, erstickte Schluchzer schüttelten seinen ganzen Körper.

Hat er sie doch geliebt? fragte sich Johanna. Ihr Vater hatte eine seltsame Art gehabt, seine Liebe zu zeigen – mit seinen wilden Zornesausbrüchen, seiner Grausamkeit und seiner Begierde, dieser selbstsüchtigen Begierde, die Gudrun letztendlich das Leben gekostet hatte.

Die Schluchzer des Dorfpriesters verstummten allmählich, und er begann das Totengebet zu sprechen. Diesmal fiel Johanna nicht ein. Leise, kaum zu vernehmen, sprach sie den heiligen Eid und rief den geheiligten Namen Thors des Donnerers an, genau so, wie ihre Mutter es sie vor langer Zeit gelehrt hatte.“ (S. 289f.)

Ich muss sagen, ich komme noch immer nicht so ganz dabei mit, woran Johanna nun überhaupt glaubt. Okay, sie selber vermutlich auch nicht.

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(Altar von Schloss Tirol, um 1370.)

Ihr Vater gibt im weiteren Verlauf des Gesprächs zu, dass er seine Stellung als Pfarrer in Ingelheim verloren hat, weil der Zölibat inzwischen strenger durchgesetzt wird, und bittet Johanna, bei Abt Rabanus ein gutes Wort für ihn einzulegen – vielleicht könnte man ihn bei der Sachsenmission gebrauchen? Johanna ist angewidert und unwillig, ihm zu helfen. Doch als ihr Vater sie dann festhält und sie sich losreißt, rutscht ihr die Kapuze vom Kopf, und er erkennt sie.

Wütend beschimpft er sie und will zum Abt gehen, um ihre Identität zu verraten, doch ehe er das tun kann – wird er von einem Schlaganfall getroffen. Noch in den wenigen Augenblicken, die ihm bleiben versucht er Johanna zu verraten:

„Mit lodernder Wut starrte er sie an, und mit einer letzten, explosiven Kraftanstrengung spie er ein einziges Wort hervor. ‚Mulier!‘

Weib!

Wild warf er den Kopf von einer Seite zur anderen; dann ging plötzlich ein Ruck durch seinen Körper; er lag regungslos da, und seine leeren Augen starrten ins Nichts.“ (S. 293)

Die anderen Mönche, die herbeigeeilt sind, um zu helfen, haben sein letztes Wort jedoch nicht verstanden und Johanna erzählt ihnen, er hätte die Jungfrau Maria angerufen. Sie ist sicher.

(„Mulier“ müsste man übrigens eigentlich mit „Frau“ übersetzen. Es hat nicht die negative Konnotation, die „Weib“ im Deutschen angenommen hat, sondern ist ein ganz neutraler Begriff.)

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(Von Bartolo di Fredi, ca. 1383.)

Na ja, ich schätze, jeder Schriftsteller macht sich irgendwann einmal des Gebrauchs des Deus ex machina schuldig. Man hat seine Figuren in eine ausweglose Situation hineinmanövriert, und es fällt einem keine stimmige Weise ein, sie wieder herauszuholen. Also lässt man kurzerhand einen Antagonisten aus heiterem Himmel an einem Schlaganfall sterben, oder ein reicher Onkel aus Amerika, der vorher nie erwähnt wurde, taucht auf und löst alle Probleme. Das haben schon bessere Schriftsteller so gemacht. Ein besonders tolles Stilmittel ist es trotzdem nicht.

File:Sebastiano mainardi 01.jpg  File:Sebastiano mainardi 02.jpg

(Von Sebastiano Mainardi, 1482.)

Im nächsten Kapitel bekommen wir eine kurze Szene bei Gerold. Wir schreiben inzwischen das Jahr 841, und Ludwig der Fromme ist tot und das Reich ist zwischen Lothar, der den Kaisertitel trägt (den er wohl schon als Mitregent seines Vaters im Jahr 823 erhalten hat) und seinen Brüdern Karl und Ludwig aufgeteilt worden (Pippin ist inzwischen tot). Es gab weitere Konflikte, und Karl und Ludwig kämpfen nun gegen Lothar. Gerold hat sich Lothar angeschlossen, auch wenn er ihn für keinen guten Herrscher hält:

„Die Teilung, durch die das Land im vergangenen Jahr zerstückelt worden war, hatte einen schrecklichen Tribut gefordert: Die Normannen hatten sich die Schwäche des Frankenreiches zunutze gemacht, die durch den inneren Zwist und den Bruderstreit noch verstärkt worden war; ihre Raubzüge an der fränkischen Küste wurden immer häufiger und gewalttätiger und hatten furchtbare Zerstörungen zur Folge. Falls Lothar hier, in Fontenoy, einen entscheidenden Sieg davontrug, hatten seine Brüder keine andere Wahl, als sich ihm zu unterwerfen und ihn zu unterstützen. Und ein Frankenreich, das von einem Despoten regiert wurde, war immer noch besser als gar kein Frankenreich; denn die Herrscher wechselten, das Reich aber blieb.“ (S. 295f.) Diese Einstellung kommt mir wenig zeittypisch vor. Im Frühmittelalter dachte man doch eher im Sinne von Gefolgschaftstreue zu einem Herrscher als im Sinne von Landestreue zu einem abstrakten Reich… wobei die Besorgnis wegen der Normannen natürlich Sinn macht.

Wir erleben jedenfalls die Schlacht von Fontenoy, die Lothar durch falsche Taktik verliert. Gerold wird verletzt, überlebt aber.

File:Jacopo di cione (attr.), annunciazione del 1371, da quella dell'annuzniata, 02.JPG

(Fresko in San Marco in Florenz, Jacopo di Cione zugeschrieben, 1371.)

Dann sind wir wieder in Fulda bei Johanna. In der Gegend bricht eine Hungersnot aus und dann kommt die Lungenpest. Auch Bruder Benjamin erkrankt und Johanna erteilt ihm vor seinem Tod noch die letzte Ölung und reicht ihm die Kommunion.

In dieser Krisenzeit sind Johannas seelsorgerliche Dienste auch sonst stark gefordert: Sie muss häufig Beichten abnehmen und zu ihren täglichen Messen erscheinen ungewöhnlich viele Gläubige und drängen sich zur Kommunion. Als Johanna einmal die Kommunion austeilt, kommt sie auf die Idee, statt Hostien und Wein nacheinander herumzureichen und jeden aus dem gleichen Kelch trinken zu lassen, die Hostien in den Wein einzutunken und sie so zu spenden, um die Ansteckungsgefahr bei dieser Gelegenheit zu verringern. Sie führt auch sorgfältig Buch über alle neuen Ansteckungen mit der Krankheit.

Als Abt Rabanus, der längere Zeit abwesend war, von seiner Reise zurückkehrt, wirft er ihr vor, am Messkanon herumzupfuschen und wischt alle ihre Bedenken und Studien beiseite: „Solche Beobachtungen sind nutzlos, denn sie entspringen nicht dem Glauben, sondern den Sinnen des menschlichen Körpers – und denen darf man nicht trauen. Sie sind Werkzeuge des Bösen, mit denen der Teufel die Menschen von Gott fort und in Trugbilder lockt, die der Verstand uns vorgaukelt.“ (S. 314) Johanna versucht, ihm klarzumachen, dass laut Augustinus der Verstand ein Geschenk Gottes sei, aber es nützt nichts: „Abt Rabanus blickte sie düster an. Sein Verstand war zwar scharf, doch abgestumpft durch Dogmen und Doktrinen, phantasielos und unbeweglich. Deshalb haßte er logische Dispute dieser Art. Er zog es vor, sich auf dem sicheren Boden der Autorität zu bewegen.“ (S. 315)

Scharf, doch abgestumpft? Die Autorin sollte ihren Verstand mal darauf verwenden, Ordnung in ihre Metaphern zu bringen! Na, vielleicht sollte man schon dankbar dafür sein, dass sie gemerkt hat, dass sie einem der größten Gelehrten dieser Epoche nicht einfach unterstellen kann, ein totaler Idiot gewesen zu sein, auch wenn dann bei ihrer Beschreibung nichts Kohärentes mehr herauskommt. Eins meiner Bücher zitiert Rabanus übrigens mit der Aussage, die Dialektik (d. h. die Logik) sei „die höchste aller Disziplinen, die das Lehren und Lernen lehrt“*. Hm.

Jedenfalls verbietet Rabanus die Kommunionspendung mit Intinctio und entbindet Johanna von ihren priesterlichen Aufgaben.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e5/Bayeux_Cath%C3%A9drale_Notre-Dame_Transept_du_sud_Peinture_murale_2016_08_22.jpg

(Hier kann man es nicht genau erkennen, aber wenn man auf diesen Link geht, das Bild anklickt und das linke untere Bild heranzoomt, sieht man es genauer. Die Darstellung ist aus dem 13. Jahrhundert und findet sich in der Kathedrale von Bayeux.)

Ich habe auch dazu mal weiter in meinen Büchern geschaut und habe tatsächlich noch einen Abschnitt zur Liturgie in der Karolingerzeit gefunden. Da liest sich die Sache irgendwie anders: „Für die Kommunion kommt seit dem 9. Jh. die weiße Gestalt des ungesäuerten Brotes in Gebrauch. Die Kommunion empfing man unter beiden Gestalten, wobei wohl das Brot meist in den Kelch getaucht wurde. Doch verlor diese Form an Bedeutung, da die Gläubigen trotz Ermahnungen von Kaiser und Bischöfen nur selten zur Kommunion gingen. Nicht ganz unschuldig an diesem Zustand waren vermutlich die Warnungen an die Laien, sich vor den Gefahren einer schlechten Kommunionvorbereitung zu hüten, sollten doch die heiligen Gestalten in Furcht verehrt werden. Da die Bischöfe unter diesen Voraussetzungen den sonntäglichen Kommunionempfang nicht durchsetzen konnten, verlangten sie von den Gläubigen, mindestens dreimal jährlich, an Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die Kommunion zu empfangen.“**

File:Barna Da Siena - The Annunciation - WGA01280.jpg

(Von Barna da Siena, ca. 1340)

Nur wenig später beginnt Johanna, sich ebenfalls fiebrig und schwindlig zu fühlen und einer der Brüder bringt sie ins Spital. Doch als ihr klar wird, dass er ihre Kleidung ausziehen wird, um sie mit feuchten Tüchern zu behandeln, flieht sie in einem unbeobachteten Moment aus dem Spital und aus dem Kloster. Sie geht zum nahen Fluss und legt sich in ein Fischerboot, das sie kurzerhand losmacht. So treibt sie also fiebernd den Fluss hinunter, bis das Boot irgendwann wieder ans Ufer stößt und sie von Fremden gefunden wird.

File:Mariotto Di Nardo - Annunciation - WGA14088.jpg

(Von Mariotto di Nardo, 1395.)

Und hier mache ich jetzt mal wieder einen Punkt.

 

* Jean-Marie Mayeur u. a. (Hrsg.): Die Geschichte des Christentums. Religion – Politik – Kultur. Bd. 4: Bischöfe, Mönche und Kaiser (642-1054), Freiburg i. Br. 1994, S. 754. Das Zitat stammt ursprünglich aus Rabanus‘ Schrift De Institutione clericorum.

** Ebd., S. 770.